Mnemosyne Ammianus after Julian - Prof. Dr. Sigrid Mratschek, Alte

Mnemosyne Bib1iotheca Classica Batava Ammianus after Julian Thc Rcign ofValentinian and Valens
in Books 26-31 of thc Res Gestae
Monographs on Greek and Roman Language and Literature Ediled by
J. den Boeft, J W
EdilfJrial Board
Drijvcrs,
D. den Henl:,rst and II.C. Teitler
IJH dc.Jong
H. Pinkster
P.H. Schrijvers
H.S. Versncl
VOLUME 289
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1
6- 8 ." .
BRI LL
LEIDEN' BOSTON
2007
CONTENTS Acknowledgements ............................... ,...... , ... "" """ vii
Abbreviations ,., .... ".. """""""""""."" ... ",,,,,,,.,,,,,, ix
lntroduction ....... , ....... , , , . , ... , .
I
BlSTORY AND HISTORJOGRAPHY
Vom 'I~unaTni von 365 zum Mimas-()rakel: Amnlianus
Marcellinus als Zeithistoriker und die spätgriechische Tradition, , , .
Bruno Blec!on,mn
Der Reflex der Selbstdarstellung der valentinianischen Dynastie
bei Ammianus Marcellinus und den Kirchenhistorikern .,.,...
Hartmut I ~ppin
7
33
Anunianus on Valcntinian. Same Observations
Hans Teiller
53
Valentinian and the Bishops: Ammianus 30.9,5 in Context ,.
DlIIJid Hunt
71
Thc Chronology ofVa1ens' Dealings with Persia and Armenia,
364 378 CE ,," _"" .. "" .... "." ... "" """ .. ".................. 95
I.mski
TSSN, 0169-89;)8
ISBN; 978900+ 102129
Ammianus on the Revolt of Firmus ..... ,...... ".................. . 129 ]an Willem Drijven
11
Koninklijke ßrill NV, Leiden, Thc Netht:rlands.
Koninklijke Brill NV incorporates the imprint3 BrilI) Hotel Publishing,
IDC Publishers, Martinus NijholTPublishcrs and VSp.
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LlTERARY COMPOSTTION
Literary ASl'ects of Arnmianus' Second Digression on Rome ... ,.. , 159
Daniet den Hengst
La traversee du Danube par les Goths: La subversion d'un
modele heroique (Ammien Marcellin 31.1).", ,............ , .. ,.,
Stephane Ratti
'<"
ISI
VI
CONTEN1'S
Greek anel Roman Parallel Hislory in Ammianus .................. 20 I Giuseppe /cecchiui
Thc Sphragis and Clo,ure of the Rgr Gestae ............. . . . .. ..... . 219
GMin Kel{v
1lI
CRISIS OF EMPIRE
EI ne quid cotumi lerribiLisfobulae relinq"erent intemptatum ... (Amm.
Mare. 28.6.29). Die Göttin der Gerechtigkeit und der comes
Romanus ................... ........ .......
................. 245
Sig1id lvlratsclwk
Crossing the Frontiers: Imperial Power in the Last Baok of
Ammianus .....................................................
Christoplwr Kel(y
Non consolandi gratia, sed probrose monendi (Re< Gestm; 28.
Hazards of (Moral) Historiagraphy ................. .
Jan den Boif/
. 271
The
293
Contributors .' .................................... . ................. 313 Index Nominl1m .
.. ........... 31:; .......... .. ........... 323 Index Rerum. ....
AGKNOWLEDGEMENfS
This book is the result of an international conferenee held at thc
Netherlands Institute f(Jr Advanced Study (NIAS) [rom 2-5 June 200.')'
Our thanks go to the participants, most of whom contributed to this
volumc. Thc NIAS providcd an ideal environment and wonderful hos­
pitality for fruilful and Jivdy discussions. We are gratcful to the National
Research School in Classics OIKOS and lo the Netherlands Organisa­
tion for Scientific Research (NWO) for thdr financial support. Thanks
are also due to Mr.Jan Vonk for lhe final editing orthi, volume.
November 2006
JdB,JWD, DdH, HCT
ET NE QUlD COTURNI TERRlBILlS FABUlAE RELINQJJEREJVT INFEMPTATUM", (AMM, MARe, 28,6.29)'. DIE GÖTTIN DER
GERECHTIGKEIT UND DER COMES ROMANUS
SIGRID MR."TSCHEK
Abstract: Ammianus' staging of thc Lepris Magna affair givcs an other­
wise provincial i&mc a universal dimension) as weH il':i the atmo.:;phcre of
a tragerly. In the c.onflict belween the milftister eq1J.itum Thr:odosjllS anel the:
comes /!fiuae Romanus, Iustitia fa.iled in her duty to watr.h OVCf Rome.
Howcver, Alllmianus rallies to her Hag) and) just as in a rhearfl"J raiseB
thc curtain on thc political stage in order to unmask the drde of Theo­
dosius' anonymous cnemies, His historkai construction, which contrüsLs
thc Inyrh 01' 1he emperor Julian with that of the immortal and victorious
general Thcodosius; is intended to help forge a OöV (~ommon idcntity
after thc catastrophe of Adrianople. It also provides an insight into the
mutual influencr of poli6cs anclliterature-· with the rf"sult that Ammia­
nus shcds his le.gendary repulation as the jlone1y historian',
J. Einleitung; Theater und Theatralik bei Ammian
1acitus schildert die qualvollen Vorbereitungen zu einer öffentlichen
Rezitation. Wie bei einer Theatervorstcllung kamen nicht nur persön­
liche Freunde, sondern ein gräßeres geladenes Publikum: ,(Ein Autor)
fühlt sich selbst gezwungen, zu bitten und zu werben, damit sich nur
Leute finden, die ihm zuzuhören geruhen. Und auch das nicht ohne
Kosten; denn er mic:tet ein Haus l läßt einen Hörsaal einrichten, Sitz­
bänke entleihen und Programme verteilen," Ammian, der offenbar als
Fremder aus Anliochia aus Rom ausgewiesen worden war~ steHte sich
Zenlrak Aus~agc, jn der skh Ammians GeschichrskonzcptioJ1;> bestehend aus
Wirkung (cofumlts f!flT/bilis) und dramatischem Handlungsgdlccht Ifobulae))
verdichtet. Zur ßegrifHichkcit in der antiken Dramenthcorie und zu den methodisch
exaklen Übl'fsetzvngsvariantcu slet1\' 5, zGo 1: mit Anm. 80 und 82. Mein Dank gilt
Altay Co~kun (Trier) für dic spontane Zu;,;cndung $('incfJ- noch onpubliziertcn Artikds
mtd meillen Kollegen fur die:" vidfultigen Anregungell) die ich vom NIAS In Wassenaar
mitgenomlnen hal)e.
LJ:ag\~('h('l'
I Tac. !}ial. 9.3. Siehe Joc:dyn P. SmalI, 14'cn- lfibl.e!5 qf the lvli1lJ. Cognilive SludlCS
Mel/lo!)' aJtd rjtera~'jI in Cla.rsiral Ant<qw.{)' (London/Ncw York 1997:1) 40.
vi
"4 b
dieser Herausforderung. Er fesselte sein Publikum mir. der Theatralik
spannender Momentaufnahmen) als er 391 die ersten Partien las) die
auf Kaiser Julian, den Helden einer glanzvollen Vergangenheit, zuge­
schnitten wareIL
Ammian erzählt keine Geschichte, er inszeniert Geschichte. Als Ket­
te blutbefleckter Taten (hit textus <r"'lntus gestiJrum)" läßt er seine eigene
Zeitgeschichte auf der Buhne des pulitisehcn Geschehens Revue pas­
das
sieren. Bewußt gibt der Historiker in den letzten Büchern
annalistische Gliederungsprinzip zugunsten einer drarnalischeren
matischen Erzählweise und einer Anordnung nach Schauplätzen auf:'
Dem Stil des Sublimen entsprechend konzentriert er sich auf die Höhe­
punkte der Ereignisse (negotiarum ceLfiludines) und vernachlässigt unbe­
deutende Personen (squalidae personae). I Dann fallt der Vorhang~-nicht
weil die Tragödie IlUS ist, sondern weil der Autor als letzter Zeuge einer
untergehenden Welt an dem Schnittpunkt zweier Epochen steht: Ein­
von einer Serie wechselvoller Katastrophen (voiubilium casuu,"
mit dem beklagenswerten 'rod Julians (exitu 1U/,lu050);' hat die
alte Welt mit der Schlacht von Adrianopel, in der Kaiser Valens und
zwei Drittel der Feldarmee des Ostens untergingen, ihr furchtbares
Ende gefunden. Die neUe
bricht mit einem
an, der auf jeden Tiefpunkt römischer Geschichte folgt und stets von
duces amplissimi wie den beiden Theodosii amgeht." Nur vor dem Hin­
tergrund einer solchen, auf Kommunikation mit einem Publikum aus
Zeitzeugen angelegten, psychagogischen Inszenierung ist Geschichte
bei Amrnian zu verstehen,'
~)
CO'TURNI TERRIBIUS 1':WUlAE
SIGRID MRATSC:HEK
MARe. 28,6.29)
247
IJ. Ammians ,Schweigen'
Der Beifall des Publikums veranlaßte Ammian, seine Geschichte bis
zur Cegenwart fortzusetzen, versicherte sein Mitbürger Libanios) der
um 3ßn selbst eine prominente Persönlichkeit in der Gesellschaft von
Antiochia war.!l Aber Ammians eigentliches Motiv ist weniger vorder­
gründ(g; es hängt mit dem Erlöschen der valentinianischen Dynastie
und der neuen Machtkonstellation unter Theodosius zusammen, in eier
auch die letzte Partie seiner Res Gestae entsumd. Der narrative Fokus
wandelt sich in dem Moment, als der pmtector domes/ieus, der vor Julians
Ibd aktiv in die Historie verwickelt war; in Antiochia durch Momente
passiven Miterlebens zum Sympathisanten der Opfer
der valentinianischen Dynastie wird.
Eines der späten Opfer-es bleibt unklar, ob noch von Valentinian
oder schon von Gratian-~'war Theodosius' Vater, der gleichnamige
magister equitum. Der junge Theodosius eliente in dessen Stab, bevor
er 373/4 sein erstes selbständiges Kommando als dux Moesiae erhielt.
Seine Karriere war abrupt zu Ende, als sein Vater im Winter 375/6
des Hochverrats verd:1chtigt, verhaftet und ohne formale Anklage und
Prozeß in Carthago hingerichtet wurde." Aber die Ereignisse sind, wie
Hartmut Leppin mit Recht festgestellt hat, schwer zu rekonstruieren. 10
Als Theodosius der Ältere 376 ermordet wurde, war niemand bereit,
elie Umstande seines Todes zu verraten, und als sein Sohn drei Jahre
nach dem Purpur griff, 1Nllrdcn sie vertuscht. Hleronymus, der
nach dem Ereignis schreiht, behauptet, daß andere
Persönlichkeiten' im gleichen Jahr wie Theodosius
getötet wurden." Zwei Manuskripte von H ieronvmus' Chronik enthalten
'.28,!.'2 mit der Stilflb'1lf der E'iaUagc.
:1 23,j.l5.
26.1.1, 3t.5.10 und '28.1<15, Siche Guy Sabbah 1 14 mi/hode d'Ammicn A:J(1I(;f!lliil.
Redlerdu:s "ur to (f)mlruciior. du di.\{OOH Ilislorique dmu le:, Res Gcc;tae (Pari~ 197H) '25~26
und Glcl1n W Most, ,After thc Sub1ime. Stations in du: Careel' of an Emotion" ]'Jl
dle Definition des Theatralochen bel AngelQs Chaniuli~,
Thf~~Hti' Stl'lmnu Puh,!c Life in the J kllenistk \Vorid', Patl(H'
3- T.5, 11-14, bcs,
st!d post tl'!flidar rei RIJT!!rmae dades 11t!11MlIJaS
F. Malthews, The Rnmal<
'989) 47Q" lind .lohn F: Matthews, Jthltm Ali~ü}aa(,.iej and ImJmial Court AD
(Oxford 197:"; fl'pr. 1990) 382""386; anders Timothy D. Barncs, Amml/mus
a/ld t!u &jmsenlflliol"l if HistoHW{ Reality (Ithaca/Londoll 1998) ,84. BC;J.ch!e Thcodosius
den Älteren, flmplil'Sl:rnus dur/ar (29.5.45), seinen Sohn, magister militum 378.
7 Ron F Newoüld) ,Nonverhal Communieation in Taeitus allel Ammianus', AIII:SOI
21 (J990) 18g-I:JD; Sabbrlh) La melhode, Kap. XV ,L'histoflcn CI son publie', 507-.539
b
I Q;
ampbs.rimo.f JujJtraii, Si~hc JOl'111
tlllel Fra.nk Wittchow, Etemp{mifches ErzäMen hei Ammiant.u .Marcellinus (München!
2001) 27"~29.
11 Lib. Ep. lo(j3.~: .oD ({.IayE'V'ta~ hta~vd}b\lto~ ~eQo~ Ih:cQov dmw.A.o;)vto;;. Amm.
Mar<:. 26.1.1. John F. Manhews, ,Thc Ori,gin of Ammianus" CQ 44 (199'1:l 25'1-269
revidiert Fornaras These und erhärtet die Identität Ammians mit Marccllinus, dem
Korrespondent.cn des Libanios.
'1 R. Makolrn Errington, ,The Accession ()f Tbeodosius 1\ Rho 76 (199b) 438--453,
und 446 gegen Alcxander Demandt, ,Der 'Tod des älteren Thcndnsius', Historia
59B-G26, bes. fi05~-607 und andere.
\!) Hartrnut Leppin, Fhem10JiuJ der (fr0ße. Auf dem I#g 1'.u einem c.hriJtI:!·chen Imperium
(Dartnst.cl, 20(3) 32; Jütm E Matthews, ,Symmachus and thc maguler mitilum Theo­
'128, 124 (repr_ in: Idcm, Potitfcat Lift. (md Cu/rure in ihe Mle
TheodosiuJ. Th.e Empire at
Stephen William~J Gerard
(London '994) 23-24.
Cll1fJlI. (I, 376 (GCS 47, 248 Cl: ThrodfUÜts, Thl'.fJdosii postea impemttms pal€,; el
248
SIGRIO MRA'l SCHEK
OOTURNI TERRIBILIS FABUlAE (AMM. MARe. 18.6.29)
eine Glosse) die nicht zu Hieronyrnus' ursprünglichem Text gchört
aber glaubwürdig zu sein scheint:
1
Thcodosius, der Vater des späteren Kaisers Theüdosius~ berühmt durch
seine Sieg"e in vielen Kriegen auf der ganzen Weh, starb in Africa dun.:h
eineJ(ü;tio aus denjenigen, die bald darauf selbst getötel wurden, darunter
der ehemalige Präfekt Maximinus und alle übriven.
Der ältere Theodosius hatte Maximmus' Schwager in Britannien hin­
richten
als er einen Aufstand plante,' aber bis auf diese eine
Ausnahme blieben seine Feinde anonym.
Ammian schweigt über Theodosius' 1bd, signalisiert aber in ande­
rem Kontext 1 daß eine Auslassung den LeRer ebenso täuschen kann wie
eine Fiktion." Sein Schweigen ist herühmt und hat lange seine Inter­
preten verwirrt. Er selbst hat sein Publikum darauf hingewiesen, daß
der ,kluge Leser\ auch das in Betracht ziehen soll, was verschwiegen
wird) und ihm die Lücken in seinem Bericht über dir crimina und cU1ui
{iamm prauitas verzeihen soll, die entstanden, um übertriebene Anschul­
digungen zu vermeiden." Aber wer könnten die anonymen Feinde des
Theodosius gewesen sein und um welche Schuldzuweisungen handelte
es sich? Solche Einzelheiten sind prädestiniert, Neugier zu wecken.
funmian versteht sich als unpopulären Verkünder einer Tragödie,
vergleichbar dem Untergang von Milet für die Athener. Er wählt das
249
Pathos (tumor tr~gicu.,) des Dichters Phrynichos für seine protreptische
Historiographie, um seine Zuhörer durch die Erzeugung
Emo­
tionen zu warnen und) im Sinne der aristotelischen Katharsisichre, zu
neuen Einsichten zu bewegen: Bei Kaiser Theodosius dürfte er damit
Ir, Liest man Ammians Zeitgeschich te wie den letz­
ten Akt einer Tragödie, entbijllcn sich nach und nach nicht nur die
Mechanismen valentinianischer Politik, sondern auch bisher nicht auf­
geklarte Hintergründe für den plötzlichen Tod des alteren Theodo­
sius. Die Aktivitäten der Hintermänner entfalten sich wie die fibulae
im Stil einer Tragödie mit einem Höhepunkt nach der
rung, wenn der Vorhang getanen ist.! 1 Dahinter stannen Jener comes
Romanl1s, den Theodosius während seines Feldzuges in Africa hatte
verhalten lassen, und seine Freunde. Die Ursache sah der Historiker in
der undurchdringlichen Hierarchie und den weitreichenden N etzwer­
ken dieser hochgestellten Amtstrager. Komhiniert mit dem Zeugnis des
Hieronymus, hilft uns die dramatische Fantasie des Autors, die jiHÜ:O
der anonymen Feinde des älteren Theodosius zu rekonstruieren. Ihre
Zusarnrnensetzung war den Zeitgenossen ~~~"anders als Hieronymus) der
seit 372 im Osten weilte,'" und dem modernen Leser-bekannt.
III. Die Feinde des älteren
und da Justitia
ptu.nmi 1I0biliUTll occüi. OrOiL ilHl, 7<33.7: comes TheodosiuJ, Theodosi, qu:' /lOst imperio praifw!
!Jalet.. , irutimuLante cl ohl'eperlle invidia iussus il1lerfici.
l~ Chmn, Min. I.GJ1, vergL Die Chronik des Hierollyrnus,
cd, Helm p. XVIlI: Theo
do:;iuJ, Theodosii postefl imperalol'ls jJ(1/4fI,. mui!owm per O1imn bcllonml uiämiis Iwbilis, ür
factioll/} f:owm jJ!flimitw, 1ui e! rllsi mo.t co.esi sun!; iUn; ll4aximmus ex praderto fl uteri.
Errington, ,The Aecession of Thcodosius 1\ 446 und Demandt, ,Der Tod des ält{;t~n
Theodoslus", 559-56u.
n 213.3_4 (ns pernid.o.!us."el !lovas in 'Tlicodosiwn); 18.3.6 (lctalis poena). Zos. 4.. 12.'2 (E Pa­
schoud, :(psime.. Hisl.oire NOUiJf!b. :U2'
IV) [Paris '979J 3)4~355) n. nn) nennt ibn
staU Va.lcminus (PLRE 1, Valentinus 5) zutreffend Valentianus J Barbara Saylor Rodgers,
,Membaudes and Maximus in Gaul') Hisloria 30 (198!) 82-[05, 83 irnümlich Valentius.
H 2g.I.I5= EI quiafaliere non minus videtw; qui gesla pmetm't seiel/S, quam iLle, qui numqut/In
Iaclajingit. Zu Amrniam Auslassungen und Einflüsrerlln.geo Fran<;ois Pascho1Jd, ,Valen­
linien travesti, OU: Dr la mallgrlite d'Ammien', in: J. den BoeEl) D. den Hengsl und
H.C. Tciller (eds.), Cogllit.iu geslorurn. Tlle Hislarwgmphic Art Q/AmmimllH /J;frm,:ellimtj (An15­
tcrdarn 1992) 67-84, 83 B1·
t1 Amaldo D. Monligliano, ,The Lnuf'ly Hisrorian Ammianus'. ASNP, s(~r. In, IV/4
1393-- "107; jetzt in: leiern, Sesla Conbibttlo al/a starUt deg/i studi dauid f rlel mal/du
Bel. I, Storia c letteralw'a 149 (Rom !98ohgHB)
siehl sogar das
Motto des g-anzcn 'Werkes in 29-3, I: fJuislfuix igitur (;onsiderat"
celera, qU(l.Q fU(CIlcrimwa 1.11 IiW/IU
Im; wmum
:IW
anders E.A. Thompsol1, Thr'
,C<
(Carnhri.dgt~ 1947; n:[1l". Groningen (969) 93-95·
Ereignisse sind bestens recherchiert.'" Was fehlt, ist
die Frage, warum Ammian sie so und nicht anders inszeniert hat.
Programmatisch schreibt er ruh mit seiner historischen Konzeption in
den politischen Diskurs über ,den Nutzen der Gerechtigkeit' ein, der
Zu Theodoslus' Reaktion siehe EpiL
16 2f:L1+
E
multwJ:/quc dWgens nd tlOscmda T1IaWJ"Uw _
.fuperba c)"'udeiia libertatiquc l~fe.'la lcgeral ut Cf"tmam Mar:iWlt .'jyllamque algue unitJersos aominaJl­
'iurn) praecipue tennen pnfidos et ingmlo.f. Die Klimax
uuwerms dominanlium verleiht dem
Katalog republikanischer exempla von Cinna bis
zeü!ose Gültigkeit -tur alle Epo­
chen und aUe
Herrscher, auch in der Kaiser'Zcir.
:[8,0.29,
,mtc:_r V. Zur Bühnenmetapher uno Ammians Mimesis Ramsay
~1acMullen, ,Some pictun:s in Ammianus M:ucellinus', 'fhe Art Bulletin 4 6 (lg64) 4~15~
45), beg. 1-.1):1.; Guy Sahbafl, ,Amm1anu5 Marce.llinus" in: Gabriek Mara<;co (ed,)) Creek
ana Roman }{i.sL()rWgrap!~y in Laie Antiquity (Leiden/ßoston '20(3) 4~.,-134, bes. 80 -Br; vergl.
Cbaniotis, ,'l'heaulcality beyond the Theatre" '220 zur wachsenden Popularitäf der
Theatralik. III J.N.D. Kelly, Jerome. His Lift. MtitillgJ and COtll:r(werst'es (London 19 B.H. Warmingwn, )Thc Career of Romanus) Comes Africae', 5S--64 AJcxander Dem:mdt) .Die Tripolitanischcn Vv'irren unter Valentinian
12:
c
;
SIGRID MRATSCHEK
2JO
OOTUNNI TERRIBIUS j'YiBUIAE (AMM. MARG.
auch die Christen in einern anderen, mehr philosophischen Kontext
bewegle. Anklänge wecken Erinnerungen an die berühmte Passage aus
Sallusts Catilina (10.1): ,Sobald aber der Staat sich durch Leistung und
Gerechtigkeit vergrößert hatte ... begann das Schicksal zu wüten und
alles durcheinanderzubringen. So wuchs zuerst das Verlangen nach
dann nach Macht. ''" Ciceros Disputation (Rep. 3.24-28), die die
oder wider die Gerechtigkeit' bei der imperialen Politik des
römischen Staates aufwarf; soHte nach der Eroberung Roms 4lO eine
Neuauflage erfahren durch Augustinus; aber wer sagt, daß nicht schon
vorher außenpolitische Niederlagen wie Adrianopel ähnliche Assozia­
tiOllen heraufbeschwören konnten?"
Iustitia die Personifikation des rnenschhchen, m
konkretisierten Rechts, der Augustus eine Statue geweiht und kulti­
sche Ehren erwiesen hat, spielte auch unter den Herrschertugcnden
des Theodosius und in Amrnians Geschichlskonzeption als excelltntissima
virtumm omnium eine zentrale Rolle." Ihre Züge nimmt, wie Paschoucl
gezeigt hat, bei Ammian dieprol!identia an." Die Göttin, im Mythos eine
'1{lehler der Zeit, schützt das Imperium Romanum in dem Maße, als es
das respektiert, was gerecht ist. Sie tritt bei Ammian immer dann als
1
lirm
Linda-Marie Günther, ,Die "Leptis-MagnaeA.fTh.re" bei Arnmia­
> Kl~'o 79 (I997) 444-'458; AlLay Co*kun, ,Der G'ome.\' Rormt'"
Theodosius und die drei letzten Ahe der ,)Lepcis~Magna~Affaire"
293--308; Claude Lf:pdley, Les ciMs dc {';!fiiquc mllU/inf
:1'>"4.b2; Matthews, Thr Rrmum
Einfluß Sallusl'5 siehe Matthews, Th Roman
19,21: lJis/Julatu1' eule ocm1me atQut fartiJsune tn cisdem 1/JSt'5 de re
G.D.
11
tibrif adWr'itJs iUJtitwffI pm
n Zur iustitia Kaiserjulians ~o.B.I1, des Theodosius C1L 9-333, Ihre Hochsch::ltzung
hat in der römischen Historiographie keine Parallele: 31 mal erwahnt in 17 Büchern
Ammians, siehe Fran.;;uis Paschoud, Justice ci providence chez Ammien Marcellin',
Hesttasi.r. Studi dl: tarda antichild rtUerh' a SallJotore CaÜ!e((inC, Studi Tardoantichi I (1986)
I39~t61, I59; Axd Hrandl, Mora[üche Werk in. den. Res gcstat des Ammiam..tJ Jvlaretllin.us
(Göttingen 1999) 274-293, 421. Nicht nur ,an daborote literary gesture' (Matthews, T/1e
Roman Empire 427), vt:rgl. die zahlreichen Referenzen aufjuristische Verfahren beiJohn
j
E Matthews) jAmmianu~ on Roman Law and Lawyt!r~', in: J. den Boeft, n den Hengst
und H,C. Teitler (cds.)) CO,€mt.io Geslorum. 'l1le HiflO11.ographic Art cf Ammiant/J A1aredfinus
(Amsterdam J991) 47-57, bes. 47-48. Zur Iv.stitia Augusta siehe Fost. Pra!ff/.. zum S. Jan. 13
n.Chr, eIL P, p. 2:{1 (s~um l1L'ililiae Augu{llae dedir,atum Plancn) el Silio (os.); Cl!, 6.2250
Iustitiae in Rom); 94133 (Statue in AefJulculi); 9.5890 (Weihinsc.hrift in Ancona),
ßuecheJcr1 CLE S07 (All ar mit }femc)!., und den lifJto in Capua). Sieht'. Paschoud-B.,
,1uslitia dca" TLI. VII 2.1 (1956--1970) 7f5 und Kurt Laltc ,1ustitia" in: Hf!; 10.'2 ([919)
j
et providencc chez: Arnmien MarceUin', 160,
28.6.29)
25'
dea cx machina auf, wenn sich Katastrophen im hLstorischen Verlauf
anbahnen: Ihre 'lachter Adrastia, die )Unentrinnbare\ oder Nemesis
ist im Unterschied zu ihr als regina causarum, arbiira rerurn ae disceptatrix
die Personifikation der aktiv wirkenden göttlichen Kraft des Rechts, die
das Weltall regiert und das Schicksal der Menschen knkt." Wer sich
gegen sie vergeht, wird von den Geistern der 'Ihten (manes) oder Rache­
göttinnen (dirae, Furia,) heimgesucht. Theatralische Erbauung und aus­
gleichende Gerechtigkeit werden ebenso von der Gottheit wie von den
irdischen Mächten erwartet. Es liegt nahe, daß Iustitia und Adrastia,
die jenen den Tod bringen, die für den Tod anderer verantwortlich
sind, in dem Machtkampf zwischen dem Feldherrn Theodosius und
seinen KDntrahenten eine entscheidende Funktion zukommt.
die Geschichte nachJulian hat AIIlInian ein Netz geworfen, das
~,eSIalt der beobachtenden und rächenden Göttin der Gerechtigkeit
Provinzen mit Rom und dem Kaiserhaus ver­
bindet. Entsprechend könnte Taeitus' Motto aus den Historien (1.3.2) als
Leitmotiv auch vor Ammians letzten Büchern stehen: ,Niemals wurde
durch schrecklichere Unglück,falle des römischen Volkes oder gerech­
tere Zeichen bestätigt, daß sich die Götter nicht um unsere Sicher­
heit (securilalem nos/rarn), wohl aber um unsere Bestrafung (ulironern) küm­
mern! Der Gotenkrieg Ammians wird in den Res Gestae ebenso als ultio
cleum fllr menschliches [Iehlverhalten gedeutet wie der Bürgerkrieg des
Jahres 69 in den Historien. Dieses Fehlverhalten offenbart sich lange
vor Adrianopel, als eine Katastrophe die andere ablöst.
Den Auftakt bildet ßellona, die Rom, die ewige Stadt, in Brand setzt
und bei den Magieprozessen in Kleinasicn geradezu von Iustitia mobi­
lisiert wird n , Noch bevor der Bericht einsetzt, stellt Ammian tljr den
prudens, der zwischen den Zeilen liest, die poetische Gerechtigkeit her,
1[,26. Adrastia-Nemesis verkörpert Auf den doppe engen /.usammenhang zwischen ihr
,Ammien Marce!!in et Ja Justice immanente (I,
Claude FredolilUe (eds.») De Tertullien aux Mw:,t
Bd" 1 (Paris 1992) 26H 279; Fritz Graf, ,Adrastf'ia" in: Der .Neue f'avty 1 (199b) 12g-­
130; F-d.schoud, Jlt."iticc ct providence chex Ammien Marcdlin\
Exemplarisches Erz.ähien l 192 ff
25 28, r, 1: saem'(ms per u:rbem aeternam U1lfbat cuurJa Relbma cx
minimir ud d.ades
ex(ilo lucluosasj ?g,2.:W: namque catJorum ultimae diflU! perpetuum rlUmert (i.e. !uJlilrilJlI) rahone
querellarum iustissimn commoventes Bellorult accenderr1n1jaa:s. Siehe Petra Riedl, Faktoren dM his~
torischcn Prozesses. Eine ilefgleichen.de Untersuchu.rlg ,::;u Tacitus und Ammimms Mam:llinlls (Tubin~
gen 2002) 365.
25 2
als er Flavius Maximinus einfuhrt: Eine Metapher charakterisiert den
Hauplverantwortlichen f[jr Theodosius' "Iod als eine in den Tiefen der
Erde umherkriechende Schlange, die nur auf die passende Gelegenheit
warte t, tödliches Unheil heraufzubeschwören." Maximinus, wie Valen­
tinian und Valens ein Pannonier, hatte sich als praijectuJ annonae und
Vikar der Stadt unbeliebt gemacht, als er 369-371 in Rom eine Prozeß­
welle gegen Senatoren und andere Prominente in Gang setzte) deren
Dauer und Ausmaß von den Augenzeugen dramatisiert werden. ~j
Beide, Ammianus und Symmachus, schildern die Atmosphäre der
Stadt als buchstäbliches Terrorre!{ime: Die soziale Ordnung war er­
schüttert. Einern Bühneneffekt vergleichbar ließ Ammian die ,Trom­
peten innerstaatlicher Katastrophen' ertönen und nahm die Reaktion
der staoträmischen Massen vorweg: Sie erstarrten vor Entsetzen zum
Tableau vivaIlt angesichts der schrecklichen Vorgänge." Ein Gerichts­
stillstand (iustitium) und nicht eine gerichtliche Untersuchung (iudicium)
stand zu befürchtcn. 1!1 In einenl solchen Ausnahmezustand, einer Peri·
ode der Staatstraucr,.1tl wurde die T'ätigke:it der Gerichte ausgesetzt, so
daß nur der unumschränkte Befehlllnd Gehorsam galten. Die Göttin
der Gerechtigkeit, die das Goldene Zeitalter regiert und angesichts von
Mord und T(ltSchlag die Flucht ergreift, hat Rom verlassen.'" Ein Echo
erklingt in Pacatus' Panegyricus auf Theodosius, der das gleiche BiJd des
iustitium von der Schreckensherrschaft des Usurpators Magnus Maxi­
mus eluwjrfLn
'iG :zl:3.!.T pOflwno, r(Uild tnmquam Ju.btm'aneus ser/JertJ per Itumihota reptando nrHldwn l/uuoreJ
.fimerum exr::itare paleral UlusaJ.
'l} Aus Sopianae (28.J.5), Zur Datierung und zur Kl1Jft 7wischt:n Historizität und
Darstellung siehe AItay CO,1kun, ,Die AnucrJaufuahn des Pannonie[s Maximinu!.i und
die Chronologif' der Römis('hcn Prozesse unter Kaiser Valentinian L (Amm. zn,r)'j
AlIE '7 (2003} 5-(6) bes. 12-16.
'tli 28, l.I4: lamque fiJUVi dadum rrmcrejJanlibuJ tntf!Tflarum rerum a,!:focita!e /iJ11;ct<tilmJ cunt/:is.
Zu sokhcn Bewegungen der Massen in der Spätantlke siehe MacMllllen, ,Some pictu­
res in Ammianus Marcellinus') 445, 454>
:<8.r.tS,
',n So 19.1.10.
19
Bei Dichtern, z. R Germ. lO4 = Arat. 105 (auren ... regeret t:l1.m sW1cula .. , iustitia); Ov.
Fast. 2,249 (lustiliam .fo.d:nus rnort(llc .fogerat); Verg. G- 2.474 (iu5üti4 excede1l.s !mis); Petr.
1:t4·!!53 (terram relirtquit crine sOlula iuJrilid), vcrgt. Paschoud, ,Iustltia dea', 715. Claudian
(ln Ruf 1.3(}:;-364, Throd. lI~I2'O) identifiziert sie mit Vilga Artrl1eo) die a!ii letzte die
Erde verlieB, \-..ergL Alan Cameron, L'!audian, Poeby and Propagandn al (he Coltrl of l!oncrrlus
(Oxfol'd T970) 4(}1--462.
32 Part. lnt. 2.24,2: iüud iuslrale iustiHwrt. Siehc C.KV Nixon) Rarbanj Saylor Rodgers,
In Pmise qfthe {.ater Rormill Emperors. The Panegyru:i Latim (Berkeley/Los Angelcs/Oxford
1994) 479> Anm. 84; Sigrid Mn'lt!>chek, Der Briifwtchu/ des Poul1'1l1JS 'iOn }/ola. !l.orr.munikation
:ll
COTURN! TERRlBILIS FABUL.<lE (AMM. MARe.
SIGRm MRATSGHEK
28.6.29)
253
Wie auf der Bühne folgt ein Szenenwechsel. In der Ferne kündigten
die Rachegöttinnen neues Unheil an" und lenken die Aufinerksamkeit
mit einer Reihe neuer Schauplätze In Syrien, Kleinasien und Africa
auf die l'rovinzialpolitik der Kaiser. Gleich bei ihrem ersten Auftritt
präsentiert Ammian schlaglidllartig den inlmanenten Gegensatz zwi­
schen den späteren Kontrahenten im Kontrast der Charaktere: Theo­
dosius dem Älteren eilte sein Kriegsruhm voraus und weckte !{länzcndc
Erwartungen.'"' Er wurde durch Vergleiche mit den Helden der Repu­
blik als neuer Furius Camillus und Papirius Cursor zum Sie!{er und
Retter Roms in Britannien stilisiert." Für den 364 zum come.r AjiicflE
befürderten Romanu, stand Sallusts Catilina Pate.&i Der Oberkomman­
dierende aUer Truppen der Diözese Africa war vorausschauend und
geschickt in Täuschungsmanövern, aber cin Musterexemplar an Träg­
heit und Habgier, Wegen Theodosius führten die britannischen Provin­
zen :Freudentänze auf, während Romanus durch seine Jf1fJvitia morum so
verhaßt wal; daß die Göttin der Gerechtigkeit die Leiden der Africa
Tripolitana beweinte. 3!
Erinnerung verklärt, verformt und veror:1ngt.:m ROInanus übertraf
angeblic~ die Barbaren im Verwüsten der Provinz-unter dieses Motto
stellte Ammian die tripolitanische Affare.'" Der Keim zum Konflikt 7.wi­
sehen Romanus und den Kurialen von Lepcis Magna lag in einem
Hilfegesuch der Stadt, die von Raubzügen der Auslorianer, libyscher
Wüstennomaden mit dem Namen Lai\Uatan, heimgesucht wurde,ru Als
UNd Jo.tiale ll.onlakte (Jlil~chen christli.chen Int.clb:Atueltnl, Hypomnemata 134 (GöttingcIl 2(lO~)
36-89.
hrnum Jimilia tienlibuJ f·uriis,
',1 2B.2.1I (über Syrien); At IJTOcut
lvfariits jditlSsüne rognitus...j}raeeullu fidut:!a
'·1 27,3.3: Tbcodosius cl!'!r Ältere
'15 21::Lg.g,
11; In der Charaktcrzcichmmg, nicht im Wortlaut. VergL !17.9.1 mit Sal. COI, ,;.
:17 'l'heodosius' Popuhuiläl (lewo/' omnium) erstreckte sich auf aUe sozialen Schichten,
siche 28.3.9; vergl. die Pani:t.ipalkonslruktion lrifludiant.esque relinquem prom.llät1J". Q8.6.1
(uber Romanus): ... 1Iipoleos 4fricallac !rf"()1!incioc .. ,flCrtlmnas, quas, ut arbitlVl; Iustitia fjuoqU(
ipsa defie.IIit..
.:lb joluulnes Fried, Der Sc/zider di:r E1·i1Jnrrung, Grundldge. einer historisdtm lvlemorik. (Mün­
chen :.':0(4) bes. 1°5: jErinnerung ist St~(S Cegenwart, nie Vergangenhelt. Sie ist Schöp­
Konstrukt. '
27.9, I" 2: s(lfviJ.ia moru:m multis" ,exoSllS hat pmet:t./Jut! mUJa quod !iuJJU(fI'1! hOJti'.f in !XUlfl./ldis
pmvim;iiJjestuwha!. Er besaß KoUegen wie den Pmkonsul RUStiCLL'i lulianu&, der ,so gierig
nach Menschenblul war wie ein w.ildes Tier' (Z7,6.r).
10 Ammian (28.6.1) kombinicl't Bild und Re.alität des ßral1dcl1: Q!.tae Il.1lde i1lflm· exarSl!1t
jiammafwn, UXbH apertet absolutuJ. 28.f>-3 über Stachao (su.ppli.cio ßammarum); 4 über die
Umgebung VÖH Lepcis (if!(:r-J1S" sUflei!edili mulla); 5 tiber den auiwallenden Zorn der
254
SIGRID MRATSCHEK
COTURNI TERRIBIl,IS FABUIAE
Gegenleistung verlangte der comes Africae Verpflegung für seine Armee
und 4000 Kamele. Das sind umgerechnet JOO Kamelkarawanen nnd
600 Tonnen Proviant, und er zog ab, als seine Forderung nicht crflill!
wurde. 11 Dahinter verbargen sich jahrelang vernachlä'isigtc Versäum­
nisse der j}()JJeSJ()l'es~ die ihrer Pflicht zur Entrichtung der (Jl1JWna Ihr
die Kastelle am limes Tripoli/anus nicht nachkamen, und nicht, wie uns
Ammian glauben macht, die Passivität des Befehlshabers. Ein Gesetz
vom Mai 365 an den Vikar von Alnca spielt auf das betrügerische
verständnis der Stenereintreiber, der /abularii, an U Eine Beschwerde des
conciliu:m 1iipoli/anum beim Kaiser scheiterte 365/6 an dem undurchNetz des Romanus, dessen Kontakte bis in die Führungs­
spitze reichten. Rellligius,
qfficinrum, war nicht nur sein Ver~
wandter (affinis), sondern auch sein Verbündeter (rapinarum particeps)."
Nachdem die Petition des Romanus, die Angelegenheit an den Vikar
und ihn selbst zurückzuverweisen, keine Aussicht auf Erfolg mehr hatte,
wurde die Unt~rsuchung immer wieder vertagt 1 ,wie man gewöhnlich
hochgestellte Amtsträger zugunsten der Inanspruchnahme der noch
Mächtigeren hinters Licht führt'."
Während die Gesandtsehaf1:en zwischen Carthago und dem Kaiser­
hof hin- und herreisten, machten die Berber einen Raubzug nach dem
anderen. Es gelang Romanus, sein Militärkommando über die Provinz
Tripolitana, das 366 kurzfristig dem proeses Ruricius übertragen worden
war, zurückzuerhalten;!.'! und den kaiserlichen Sonderkommissar Pal­
ladius, der die Vorgänge in Lepcis Magna aufklären sollte, zu instru­
mentalisieren.+'; Obwohl er unter der Führung der Kurialen Erechthius
Mattingly, TnPoliulnw (Lonrlon
MARe. '2ö,o.'2QJ
255
Lind Aristomenes eine Inspektionsreise durch die venvüstete Provinz
machte,'!] krun Palladius in seiner relalio an den Kai!)er zu dern Ergebnis~
daß die Beschwerden gegen den comes AJricae unberechtigt seien." Als
einzige Erklärung bot sich wie Ammian zutreffend folgert---eine Kol­
laboration (concordia) zwischen Romanu, und dem kaiserlichen Beam­
ten an. Der tribunus und na/anus ließ sich, kaum daß er Afi'ica betre­
ten hatte, mit dem Donativ bestechen, das für die in Afrka stationier­
tcn Soldaten bestimmt war:'" Sein Gcidtransporr hatte nur die Funk­
tion gehabt, Romanus' Freunde ais ebenso korrupt darzustellen wie ihn
selbst. 5() Oder, um es in AJIunians Worten zu sagen: Die Ungerechtig­
keit war in Africa allgegenwärtig:'!'
Die Klimax scheint 369/70 im Strafgericht Kaiser Valentinians er­
reicht, wodurch das vom Unglück verfolgte Tripolis endgültig zum
Schweigen gebracht wurde." Den Kurialen Erechthius und Aristome­
nes sollte als Delatoren die lunge abgeschnitten werden, der pmeses
Ruricius büßte seine ,zu große FrcimütigkciC rnit dern Tode,'i3 und
überlebende Mitglieder der Ddegationen wurden entweder dem viea­
riuI 4fiicae Crescens zur Hinrichtung überstellt" oder von den Solda­
ten des comes in wütenden Sprechchören an die Verweigerung ihrer
anrwna erinnert und beinahe edvncht.;'K, Doch letzt rrreifi die Göttin der
i1
provinciac cincrihuJ visis. Die
der libyschen Stämme sind
nur eint' Vorschau auf die Revolt<: des Firrous,
Cacsarc<.t, mcendiiY eru.l'ta, in
dnen Haufen fucne verwandelt wird (29 ..).18).
lH 28.6.'2(): qUd gratin jlagltifJt1.lm arbitw conscitntia CIIm Romano Jeinde PaUlldius c01'lamJebat
relMrniJque ad ((Jrnüaiwn arfe me/ldacirmwi wipia Hlienlü:ianumfefllkral l1ipo/itams,frustm quni
eOlmllfJnOTaRI.
.9 '215,6.17: rmmerorwn p1incipiiJ !Jer ijtMdam se.crelontm mandaverat COIU'C/:OS, ut ri (sc, PaÜadio)
I.amqrmm l)(Jl~lh' er palatii summatibuJ pro~i:rrw slIjJendii, qwd !mluürral, jm/estam/! maximam
Berechnung deO) Proviants
j)flrll'm. er r8: Palladius als cO/l.ftslim" .ditatlls. Wer der ,chief supporter of Romanus'
war" naeb Wannington, ,The Carf.'C':r of" Romanus' , 59 Palladius, Bl'lch Co~kutl, ,Der
:28I-282, Mattingty, TrijM/i­
GmuJ' R()I'narlus', 304. Rcmigius"---ist flicht festzustellen.
177 und Gimther, ,Leptis~Magna-Affare', 453-'4-56,
:,(1 Günther, ,Leptis-Magna-Affäre', 41.9. RümallUlS kam den Lcpcitancrn durch Eilboten zuvor, Remigius stellte dem Kai­
'11 Beachte den Ablativus absolutus eO 'UsqUti illiquiflJu gmssanlti (28.6.21). ser die Sache anders dar; siehe '28 6,8,
,I:' 2B,6.2Y extenllS dome.rtit:isque dadibus vexala comuutl T'ipoiis. Zur aa:rbiJ.ns Va:lentinian<; '28.6.9: ro trum:, quo solent inter po!iorum occupationes kuli pousta1es excelsae. Die Allite­
28.b.2'.l ulln '.l9<P~,
ration legt den Gcnetivu5 subicctivus nahe, der pmiores mit poteJ'laie.r kontrastiert. Eine
S:J 2B.G.2'1-2:f quod zn reiatione eius rrerba qutltidam, ul oüum est, immof.h"ca legelumlttf. at
AJlernative wäre, pOliorum als Neutrum wo potwra und Gf:nr:tivm. nbiectivus au[zufasserl
Rttricius (f/tidem apud Sitifim caesus. Die Berichte des Ruricius an den Kal..".t':I; eines VIf
wie z. B. Seyfarth: ,inmitten ihrt:r Beschäftigung mit wichtigeren Angelegenheilen'.
peifcr;tt.rsimus, über Romanus, einen tir Jptdahilil, blieben unbeachtet; siehe Mauingly,
ü 2ß,O.IO--IL Ammian erklärt nicht, wie Romanus das gelang, siehe Demandt, ,Tri­
'll'ljMtilflnul,
politani!;che Wjn,-~n', 34Jl; rerller Maltingly, Tripolitania, Jf$2.
~ Zu Jovtnm als au.clor und seinen drei ,Komplizen' Caelestinus, Concordiu5 und
J,6 H.C. Teitler, .Notanl arld Exr.:tiptoreJ'. An Inquiry inlo Rabs alld Stgnijü:ance qf Shorthand
Ludus, vermutlich Kurialen, die ihn unterstützten, siehe 28.6.22.
Wri!.en· in the Imperial and F.r:desia.ltical ßureaucmry qf
Roma!/ Empzre (Amslerdam 1985)
;,;, ..,U h "". Flacaallus ...acdtmUJhonibus nalimt1U lllilitu.1tI. irntItiltMUt: (:um cOfwiciis paetle C011:[vsJ 55 s. v. Paliadius.
JUS es'L
tm
25 6
COTUl":NI TERRIHIUS FAßUI.AB
SlG1UD MRATilGHEK
Gerechtigkeit, von den Verwünschungen der Getöteten auf den Plan
gerufen, ein: vigilauit fustitiar acultl.< sempil""nus ultimaeque legatolUm et praesl~
dis dime,56
IV Die Rache der lustitia
Die Gerechtigkeit, die als arbiter el Dir/de:< perpetuus "rum, ewiger Zeuge
und Richter, über alle Dinge wacht," verlangt eine Bestrafung der
Täter.. zunächst des Romanu. und seiner Freunde in der Diözese Afri­
ca: Als der ältere Theodosius im Sommer 373 die politische Bühne der
Provinz betrat, um die Usurpation des Maurenfürsten Firmus nieder­
zuwerlen, eskalierte der in den Charakteren angelegte Konflikt zwi­
schen dem comes !!fricae und dem m"!listilf militum,"" Im Kampf gegen
Firmus kontrastiert Ammian Theodosius' Sieghaftigkeit mit dem Ver­
lust der Feldzeichen durch Romanus, Der ductfJr exercituum ille magnificus
erhielt sie zusammen mit der goldenen Krone des getötetenflamen der
Provinz nach seinem Sieg über die Rebellen zurüek.'? Theodosius hielt
Romanus, dessen Garnisonen seit zehnJahren in den Städten des Che­
liÜales stationiert waren und sich von dem Land ernährten, fur mit­
schuldig am Ausbruch der Revolte~60 sei es durch eine zu hohe Steuer­
schätzun,g oder durch Romanus' Anklage des Firmus wegen Mordes.cl
Romanus wurde zur überwachung der Feldwachen und Grenzposten
abkommandiert und) als cr sich in die Mauretania Caesariensis abset~
zen wollte J mit seinem gesamten Stab und seinem m'carius Vincen.tius als
w
257
'leilhabcr ,ciner Ungcsetzlichkeit und Räubereien (i:nciuiliJatis" ,particeps
clfurlorum) verhafteL"
Von da an wird der Verlauf der historischen Handlung immer wie­
der von einer dramatischen Serie emotionaler Tode:1szenen aus dem
Freundeskreis des Romanus unterbrochen. ZWcl seiner Anhänger erlit­
ten schwere Strafen: Theodosius ließ Castor und Martinianus, rapina
IUmfia,l?iliolUmque Romarli parlicipes, {öltern und lebendigen Leibes in Siti­
fis verbrennen.(\J Als ersten von Ronlanm~l Kontaktrrli:innern bei Hole
ereilte Rcmigius sein SchicksaL Er war schon 37' wegen Begünstigung
als magülll1 oJliciorum von Leo, dem Notar und Gehilfen des Maxirninus,
abgelöst worden,'" In der trügerischen Sicherheit von dessen Heimatgut
bei Mainz05 inszeniert Ammian nur zwei Jahre später theatralisch wir­
kungsvoll Remigius' >öd als eine Demtmstration der ewigen Macht der
Göttin der Gerechtigkeit, die die ruhelos umherirrenden Totengeister
der Gesandten von Tripolis nicht vergaß: Die Iustitia ,kommt zuweilen
spät, ist aber ein gewissenhafter Richter (scrupuloJus quaesitor) gerechter
und unrechter Taten','" Remigius erhängte sich, während der Präto­
rianerpräfekt Maximinus bei seinen Errnittlungen dessen ehemaligen
domeshlus Caesarius einem Verhör auf der Folter unterzog," Er hatte die
Berichterstattung bei Hofe manipuliert, indern er dem Kaiser Roma­
nus' überzogene rela/iones oder Anklagen vortrug und Gegendarstellun­
gen unterdrückte,Ga Die Furcht vor falschen Anklagen (farmido ... calum
ti1 29.5.7: Sitijim p10perans Romanum cUm domest:ü,is w.,rtndimdwn proledoribus commiui man·
JaUlt. Siehe PLRE TI Vincentius 4,
6'\
5& 28.6.25 spiell mit der Ambiguität von dtrae als todbringende Fluchformeln und
ihrer PersoJlifikation als Rachegöuinnen. Ammian zider! eine alte Redewendung des
Sophokle$ und Menandcrl siehe August OUo, Die SprichwJrler und sprithwärtlidlt;rl Redens­
arten der Römer (l,cipzig 1890; repr. Hildcsheim ]988) 180.
507 2g.2.20 (über die Magieprozcsse ~n Antiochia).
ja :l8.6.Ai,
:l! 28,6.26 (Theodosius); 29.5.16 (militaria
cl (oronam sacerdolfJ!tm). Der ,Prlcster
kranz' gehörtt vermutlich dem getöteH~n Priester Rusticianu.5 (28.6,10),
6(J '7.9.5.5: Rom.anum ...parum super his" (jlii1tJ verehar.u;; increpitum.
61 29.5.';:: e quihus Zammac comiti nOmVle Roma'fl() acceptll.S latenter afial:re Firmo ßeremptus
dixcordias excitavil e! betM_ Dagegen der adViXalus jüri Zosimos (.p6.1); Ouo.f..f.vnvtav~
.. _ßUQ'lnO:loo;; .qv tat; unumlOEm t(llV d.mpoQUrv t1qKJÖQOtEQOV €mXEl!UOVO; }tUt U1l.tQ 'to
mJ'V11fte~ "tuirtu b eto1(QCll'tÜ,lV; 4- 16.3: tiJ . . 'PwlluVOÜ nf.COVE;Io:V; Cod. Theod. 11.LIO (annona);
GIL <h975 (neue kaiserliche Kornspei:cher in Rnsiceade); übertrieben ~7.9,j-2 und
{Anm_ 39;.
MAlte, 2[\,6,2,))
29.5.5°,
6+ 28.6.30 j 30.2.10: Re!nigz'w~ quem papulami provi!tcias rett>.J.limw wmiti jaulsJe RorrumQ,
postquaw uo in eius !.()(;um magister esse coefJil OjfiCt'OfU.Jn) a mlmerihus ret publicae iam qmisuns;
Manfre:d Clauss) Der magister 'ifliciorum in der Spiitantike (4.~6. ]nJtrhunderij, Vestigia :)~
(München .g80) los-rG6 (Leu), 186-13'1 (Remigius),
(j~, 3°,2,10-11: Remigius ... negoliiJ se fflralibus dedit prope Mogrmliacum in (!enila.libus loeis.
guem sihi moraiUem. fecurWs.
(A> 3°.'2,9: legatorum. Tripoleos maneJ muttos etiam turn el crrantes sempiternus rindiwfJit luslitiae
a!iquoliens serZl.\~ sed scruPUlnSU5 quaesil.or geswrum recte vel seeus er) modo.
30,:':,::.1< amrcientia ma.[orum urgen;,c Vid Tat.ionemjormtd.ine suJJI:f(.lJtle calumniaru'!1l. mnodalo
,;:utlure laquei n!X'ihus interiit. 30.2.[!: quae R1!llIigius egeril !Jet quantam acceptrit, Ilt RomflJli
lunare! aeÜJS il!jimdos, pet quaestio71errl crUimiam il1f1tavgahflt (Maximifi.1I.S (,aesan·um). Dabei läßt
Ammian !lt'!"in Publikum bewußt im Unklaren, ob Caesarius, anleluu... domes/.icus, pos/ea
nolmius priw:ipis (30.'2.11), als Notar gefoltert wurde---- so die communis Opillio nach
'1'eitler; Nolarii and e;.,:ceplores, !:.:o $, v. Caesarius I-oder nach dem gt:wünschten Ergebnis
der Befragung auffaUend schnell befl:irdert wurde. Zu vergleichbaren formu1i;::rungcn
(2RLl2, 28.:.1.5) siehe Co:;kun, ,Der Gomes Romanus\ 302-303, AHm, 40,
UiI 29.,),2: JU1.TJllbatur opera dt'tigens t'n palatin Romani 'luidem l'elalumeJ mulla cl asptI'Q cOTI{!Pcnte.,
in fi'nrtUf1I libenfer slJsc,pi rlJCitariqru pn:ncijJI' zn taTUm jaoorem concll1entibuJ multi:.; ca Vitro, qu.ae
8
SIGRfD MHATSCHEK
COTWIl\11F.RRIBIUS FABUIAE (MIM. MARe. 215.'),29)
niarurn) läßt auf ein Majestätsverbrechen schließenY' Remigius' Schwa­
ger Romanus stand nicht unmittelbar im Visier des Maximinus----oder
er konnte sich mit ihm und Leo arrangieren,
Ein C1lmen taesae maiestatis war auch die Ursache des zweiten Macht­
wechsels am Hofe Valentinians, Palladius' Schicksal spiegelt das des
Remigius wider. Er kam der Kapitalstrale durch Erhängen zuvor, wäh­
rend seine Bewacher in der Kirche zu Weihnachten 374 oder zu Ostern
375 ein christliches Fest der heude feierten,'· Die Wahrheit kam-nach
der überzeugenden neuen Chronologie von Co~kun schon im Herbst
373 und nicht erst 376-an den Tag, als Theodosius bei der Unter­
suchung
beweglichen Vermögens im Archiv des comes Romanus
einen kompromittierenden Brief des Meterius entdeckte, in dem Pal­
ladius gestand, den Kaiser belogen zu haben,ll Ammian zitiert diese
Passage aus dem Brief; der im ,hahjahr 374 an den Kaiserhof gesandt
wurde und die Festnahme ins Rollen brachte,
Andere wurden mit der politischen Krise 37.';16 unter Gratian in
Verbindung gebracht, die nach dem 'lbd seines Vaters einsetzte, Die
Eliminierung des einflußreichen Prlltorianerpräfekten Maximenus und
seiner Anhanger unmittelbar nach Thcodosius' Ermordung-er wurde
nach dem 16, April
abgesetzt und auf die Anklage einer Senatsge­
sandtschail hingerichtet---<markierte das Ende des langen Machtkamp­
der mit dem General Theodosius bdreundet wal;
die personelle Säuberung und charakterisierte die
im traditionellen Jargon des Senats als Kriminelle und Tyran­
nen,72 Ammian verzichtete darauf, ihn zu imitieren. Er selbst begnügte
sich mit einer Prophezeiung, die programmatisch verkündete, Maximi-
nus werde zu höchster Macht emporsteigen, jedoch durch das Schwert
des Henkers sterben." Eine knappe Referenz auf die Wachsamkeit der
der Erschla!lenen konslatierle, daB dem verhaß­
und FL Simplicius, dem Vikar von Rom, gleichfalls der
abgeschlagen wurde, während der Gallier Doryphorianus, dessen
der Folter slarb?' Der Historiker versäumte es nicht,
den Hauptverantwortlichen für Theodosius' Ermordung als Erzböse­
wicht in den Res Gestae darzustellen, der auf der Suche nach unentdeck­
ten Geheimnissen in allen Winkeln wie eine furchtbare Seuche umging,
Ab Motiv unterstellte er ihm---wie im Fall de" Theodosius--,<Ias Ver­
langen, mit allen Mitteln Schaden zuzufügen.)['
Die Rache der Iustiliar bei Ammian lraf die hochgestellten Feinde
des älteren Theodosius, die an seinem Sturz beteiligt waren und zur
gleichen Zeit oder wenig spllter starben als er, Es handelte sich um
denselben Personenkreis, der bei Hieronymus anonym blieb, weil es
die zeitliche Distanz noch nicht gestattete oder weil er ihre Namen
definitiv nicht kannte, Ammian entlarvte die Tlauptverantwortlichen,
indem er Namen und Details aus ihrem Leben preisgab, Hintergründe
und Kontakte aufrollte, und vor allem auf die An ihrer Bestrafung
einging, Theodosius der Jüngere hatte-wie Errington überzeugend
gezeigt hat "-~darauf verzichten müssen, weil sie schon tot waren, bevor
er 379 Kaiser wurde,16 Ammians Allegorie der Iustitia ist ein Rellex
auf die ausg-Ieichende göttliche Gerechtigkeit ihres frühen Todes in
IIicronymus' Chronik und in der Glosse.
Der Tod Kaiser Valentinians und von Romanus ' Verbündeten am
Kaiserhof scheint eine Wende zum Besseren einwleiten, 17 P,rst jetzt,
als unter Gratian iIn Mai 376 ein Revisionsverfahren eingeleitet wurde}
enthüllt Ammian, daß ein Teil des grausamen Strafg<ericht3 in Affiea
gar nicht vollzogen worden war: Einer der Gesandten war in Rom
eines natürlichen 'Iodes gestorben, und die Kurialen aus Lepcis, denen
25
Firmus., ,docebat., ,am:pta diutius occulüui Remigio lUlle qfficiorum magiJ'!fo, aifim fl.1lZU:Oque
&mani,
;:;Cl Nicht die :r'o~ter des pa{atll1us Cacsarius, wit: Co~klln, ,Der ComJls Rmllanus', 302,
Anm. ,P) und 304 annimmt. Privilegien fur Höhergestellle, z. ß. Senatoren, sind erst
wieder 376 unter Gratian bezeugt (Cod. TheQd. 9.1.13).
JU Nach '.28.G.27 1m Bewußtsein seiner Untaten: cogllans, quas crimllllJ.T1'I coxe/il moles, m
slalwne., -inrwdalo gulJure ÜUjUf!l' nexibus inleriit, Von seinem Diensteid enthunden, hatte er
~j('h im Privatleben 'Zurückgezogen.
71 28.6,26: "Saluflll le PattaJius jlroüäir;ius, qui non aliam ob CmLfanl dicit se esse pmi.tCfllln,
lIisi quad UI causa Tripolilanorum apud aures Jarms menlr.'tus est." 2B.G:.<'7 (Konflszierung von
Metcrius' Brief an Romanus): his l:lttrrtJ ad comitlilum miJsis elleclis Va[{!I~lm:1ani uttsu k/eteli!L\
l'aptu,\'. Zur Chronologie Co~kun, ,Der Comes Romanus\ 301"';{O2 im Gegel1satz zu
CQlItrtl
SLl'fanh und anderen,
'1:1 God, Theod. 9.19.4 vom J6.4- 376 (an Maximinus); Symm. Or. 4.10-12; Ep.
(von :176): N:Il)x ille MaximinuJ ob re,r secundas, iru:ubalor iudiciorumy diffit;ilh decidmdis
talibU:i pTomptu,)' meUndl\~ poeM capitali exü:ia olncforum ltltl'imasque e4iamL Siehe Mal'thcws,
j
K&sletll Aris!,oC1'ilcies,
,Symmachus and tbe
Errington, ,Thc Accession ofTheodosius r,
1'\ Q8.r.7: ad 'lJsque sublimta rtgimenta..
"~ilwcum
7'1 QB.L.57. VergL Pl..RE I, Doryphorianus. Zu
Ämterluufbahn des Pannoniers Maximlnus'
7, 3Ö.IUf:
praijecius praetod() Maximinui
&f!v:;wrn)
dirae '
111
Errington,
"
(i.c. Patlcdius).
259
militum TheodosillS',
stehe
Co~kun,
,Die
at raken!
Accession or Theodosills [" 44 {i
.jifcmwiQris uuHcio biene ((jff!p&rw
17istium ev1tflwre (w'om um
260
SIGRID MRATSCHEK
die Zungen ab,geschnitten werden sollten, sagten vor dem Prokonsul
und dem Vikar von Africa, Decimius Hesperius und Nicomachus FIa­
vianus, aus,nl Amrnians Lob über ihr ausgewogenes Urteil) verbunden
mit einem Höchstmaß an Gerechtigkeit und Autorität (aequitas aue/o,;­
tate mixta iustissirna), fand in den Inschriften der Gemeinde von Lepcio
ein Echo: Beide wurden als Patrone der Stadt mit Statuen öffentlich
geehrt, der Vikar von dem lidelis cl in.acens ordo, der Prokonsul sogar
ausdrücklich für seine i.stilia gegenüber den Delegationen der Tripoli­
taner,t
C
)
V Nacl"pul
His dahin waren
politischen Konflikte zwischen Römern und Pro­
vinzialen persönlich und nicht global, stets siegten am Ende die Ge­
rechtigkeit, Ordnung und Vergeltung. Die über Rom wachende Iustitia
war ihre Festung gegen das Chaos, und an!';esichts der blutigen Nie­
derlage von Adrianopel brauchten sie diese Gewißheit dringend. Umso
mehr mußte es das Weltbild der Leser erschüttern, als auf das schein­
bare Ende des Dramas (rnemorandus finis) eine erneute Peripetie und,
ausgelöst von Furcht lind Mitleid, der heilsame Schock einer Katharsis
folgte.fJ{) Obwohl der Betrug durch das Geständnis von Romanus' Ver­
trautem Caecilius aufgedeckt und durch eine wahrheitsgemäße re/atw
an den Kaiser offiziell bestätigt wurde, verlief das Revisionsverfahren
2R6.2R ex.riluerunt Eredtthiu.r elAtil-tomeneJ e laftbris; 28.6.24 (Flaccianus), Nach Altay
,Die Karriere des Vidus Nicomacbus FlavJanus. Mit Exkursen :tu den prae­
praetofio Italiae, Africae et IIlyrici 388-395', A!lumarum 92 (2004) 4G7~491, 469 Gtl
des.)en Vikariat bereits ins Frü~jahr 376; zu ihm als Quelle Ammrans siehe Lepelley, Les
ales de l'~ftiq'l1e romo.ine fI, 354, 359"~36o.
7~1 28Ji.'lB. iRT 475 (Flavianus} und lKF 52b (Hesperius); iustiliae quam. causae Tripo{;i,·
tonae del(e),{!ai.ae., .cxkibuil. Siehe MaHhews, Tlte Roman Empire, 386-387; Lepellcy, Les cllis
de 1'~/rique romame II, 358~3Go; Warmingeon, ,Thc Career 01' Romanus' l 64; Brandt,
7fl
Moralische Werle, 299.
HO 28.6.25-3 0 • Ammian hat um der Einheit der Handlung willen, die sich aus dra­
nliltischen Einzclepisoden (fobular) zusammensetzt, das Ende vorweggenommen. SChOH
die anüken Dram~ntheorie kennt den Plot als ein Entwicklung und inneren Zusam­
menhang des Dramas bestimmendes Prinzip; vergl. Klaus Petcr Mül1el~ ,Dramentheo­
I'ie', in Mel?;ierJ Lexikon der Literalur- und Ku.fiJJ.riJu:orie (Stuttgart, 3. Autl. 2004) 122, und
Heinz Antor, ,Plot', ibidt!lIl 529- Zur tragischen Katharsis bei Ari~toteJe8 und zum wei­
ten Speklrum des Begrifls sieh<,: zltlet~t die Schlußdiskussion der 'I'agung }(a!)wrsiifuJ/l.?:.ep­
tümen {Berl.in, 17.-19.6.2005) von Bemd Seidensticker und. Mutin Vöh1er ti:':dsJ. ltatftar,)I:,
vor Arütvtel<'f. Zum ku.lturellen. Hinlc'!gruud ries 7ragödimsakllY (Berlin 2007, im
r:OTURNl TtiRRIBII1S FAßUIAe (AMM. MARe.
28.6.29)
26r
auch diesmal im Sande," Die provinziale Lepcis-Magna-Affare nahm
universalhistorische Dimensionen an, als Ammian (28.6.29) erklärte:
Et ne quid coturni tenibilis labulae reiinqu.erent intemptatum, Me quoque post
accessit aulaeum--,damit die dramatischen Episoden (fabulat)
nichts vom Stil einer furchterregenden Tragödie (coturnus terribilis) ver­
missen ließen, kam, nachdem der Vorhang bereits gefallen war, noch
ein Nachspiel hinzu. '02
In dem Nachspiel feierte Romanus ein uberraschendes Comeback.
Kein Wort von einer Absetzung des comes Aftuae 373 nach seiner Ver­
haftung in der Firmusaffare Seine Kollaboration mit Palladius blieb
'
ebenso ungeahndet wie diejenige mit Remigius. Co§kun hat mit Recht
einen Freispruch vennuLel:, da Theodosius weder gegen ihn noch des­
sen Stellvertreter Vincentius ausreichend belastendes Beweismat.erial
fand." Dazu würde gut passen, daß Vincentius wenig später in den
Kämpfen mit Firmus auf der Seite des Theodosius auftauchte."' Und
Romanus' Ablösung als <ame.> Afticae durch seinen Nachfolger Flavius
Victorianus ist nicht 1 wie bisher angenommen, 373, sondern erst nach
!H 28.6.28: hau: adll Jtcuta esl relalw geslorum pandef1s plt1Jissimam fidem, ad quam nihtl
!'(JjHmsUltI est. Cl: rufondafiaus.
Il2 urribilis steht im Brennpunkt zwischen coturnz und fabuiae und ist mehrdFtltlg­
eine br:1.-vul1te Ambiguitat Ammians? Die attraktivste Losung aufgrund der lectio
tiJior und Semantik ist, jabu/ae mit Marie (Bude), Rolfe (Locb) und Caltauiano (Milan
IgH9) als Subjekt auFLUfalisen und coturrzt' J.erribilis als Genetivus partitivus auf ne quid
'tU bezl{'hen. Möglich wiUe aur:h ein Nominativ flhulae mit dem Genetivus C)l1alitatis
COMlIi tenibilir, oder Viansinos (.Milano 2001-200Z) umgek(:hr~er Vorschlag ,i cül.urni
deUa terriflcante tragedia'. Nach TLL VLT (!9f2-19(26, 33 s.v.fobula ver1:'ltcht er c(}lumi
als Nomina riv Plural mit lerribilirfabul.m! als Genetivtlttribut 1m Singular; aberj.lbula wlrd
hier ansteUe von rO[UTnUJ ullzutreffend mit ,Tragödie' wiedergegeben; vergL TLL IV
(!9oG-1009) 1088 s. v. cothurnuJ ad Lac, Die übersetzungen von Seyfarth und HarniI­
ton sind ungenau. Ähnliche Vergleiche mit der Tragödie, stets mit Adjektivattribut,
in 20,1.'2 über Lupidnus (dc traglcO, .. coturno stu;pentem), '27.] U? oher Pro bus (Je coturno
..lragico----JOcco) IIno
über Dadehensnehmer (soCCOJ---colurnal,oJ). Das Herabhlssen
des Vorhangs, das nur
Ammian (z8,(j.'2g, f6,6'3) bezeugt ist, enthüllt die Hühnc
und weist wie in luv, 6.671: daraufhin, daß der Vorhang wr:ggeraunn: und das Thea­
ter geschlossen wird. Siehe P, de .longe, Philologu:al and HistoriLai Commentary on AmmiamLS
Mau:eUinus XVI (Groningen 1972) 66 und Lachmann~ TLL V.I (1909~I934}
deprmo. Dtlgegen vermuten W Seyf.'lrth, Ammianus .t\1arcetlinus. Römische Geschichte
~tadt 1983- '986) Sd, I) :.193, Anm. fil} Marie-Arme Marie, Ammien Marcellin.
"[,rn, V, Li"" XXVhYXVIIl (Pacis '984) 30'. Anm. 407 und TLL II (1900-'906) '46,
s. v. au/atuln im Fallen statt im Hochziehen des Vorhangs {z. B. Cie,. Catt 651 Gv. Met.
nach der Vorste:.llung eine !\nderung der Theaterpraxis in der Spätantlke,
Co~kun, ,Der Comes Romanus:" 30l.
fl+ 29.5. 19: p7'ovin(Uu ralores tribunusquf Vmcenlius e tatibulis... egrasi fandem intrepidi ad
durenl ocius pert'merunt. Zur Identifikation siehe schon Warmingron, ,The Carf!er of
Romanlls', 60,
2b2
C:07'URNJ 1'ERRJ1JILfS l'ABUlAE (AMM. MARe.
SIGRII) MRATSCHEK
dem Revisiorlöverfahren zwischen 375 und 378 inschriftlich bezeugLU)
Dagegen sah sich Ammian gezwuugen, Theodosius' Vorgehen gegen
Romanus und dessen Freunde gleich zweimal zu rechtfertigen: durch
Briefe, in denen Firmu, Romanus als die personifizierte Ungerechtig­
keit (iniquitas) bezeichnete, und durch die Weisungen des Kaisers (valen­
tinioni iUSJu)Y" Glaubte Ammian wirklich an die ewige Macht der lusti­
tia? Oder lag vielmehr die Tragik darin, daß sie gerade in der Roma­
wirksam war?
Das Nach;piel entlarvt die 1ragik der Jabulae, Die Theaterillusion
emes gerechten Revisionsverfahrens wird wgunsten der historischen
Realität aU('l'elöst. Die Anagnorisis spielt sich gleichsam als Metadrarna
mit Verspätung an einem anderen Schauplatz, in Gallien und Italien,
nachdem der Vorhang bereits abmontiert und die ,offizielle' Auf­
führung beendet ist, Ammian läßt sein Publikum
Blick hinter
die Kulissen der politischen Bühne werfen,
das Herablassen des
Vorhangs enthüllt hat. Dort erscheinen Romanus, der straflos davon­
kommt, und eine Göttin der Gerechtigkeil, die nicht--~~wie J Amat
ll1eint· das ganze Imperium RODlanurn durchwaltet 1 sondern ange­
sichts der Schlechtigkeit des Romanus und der undurchdringlichen
Netzwerke seiner Hintermänner kapituliert und so die wiederholten
Auftritte der vielzitierten Iustitia Lügen straft.
Im Sornmer 376 reiste Romanus von Caecilius begleitet, an den
Kaiserhof nach Trier und im Spätherbst zum Verhör nach Mailand,
um die Untersuchungsrichter wegen Parteinahme zugunsten der Pro­
vinzen zu verklagenO) Er logierte bei Merobaudes, der als magister !Jedi·
tum der Vorgesetzte des comes Afrieae war, Sein einflußreicher Gastge­
war auch derjenige, der mit dem PrätorianerprMekten FL Clau­
dius Antonius} einem angeheirateten Verwandten und Anh~nger des
['heodosius, 377 den Vorsitz des Prozesses in Mailand führte: S8 Ihm war
es zu verdanken, daß Romanus' Petition, neue Zeugen aus Tripolita­
j
:28.6.29)
26 3
nien vorwladen,
wurde und daß er bei der Einstellung
des Verfahrens im Jahre
vom Vorwurf der Verleumdung Ireigcsl'ro­
ehen wurde, Die
wurden freigelassen und kehrten nach Afr;"a
zurück."!> FL Vivius Benedictus, der auf Inschriften von LepeL' und Sab­
ratha als vind.. liherlatis und vir totius", iustitiae geehrt wurde, dürfte seine
Landsleute in dem AppellatiotlSverfahren verteidigt haben und erhielt
noch im selbenJahr den Posten eines praeses von Tripolitanicn"m
Der }fluur des Merobaudes, den Co§kun und Saylor Rodgers bestrei­
ten, kam nicht in dem offensichtlich fairen Prozeß, sondern lediglich
im S trafinaß zum Tragen,'" Romanus wurde nicht, wie es das Edikt de
delatnribus von 365 vorsah, wegen calumnia mit dem Tode bestraft und
mußte noch nicht einmal die Prozcßkosten tragen. 92 Dahinter kann nur
ein politisches Motiv stehen: Beide dürften an der Intrige, die im Win­
ter 375/6 zum Sturz des älteren Theodosius führte, beteiligt gewesen
sein, Zwar berichtet keine Quelle über Kontakte zwischen dem comes
und dem Heermeister Merobaudcs vor 376,'" aber er lind Theo­
dosius der Ältere) der die Kornzufuhr nach Rom sperren konflte~ waren
zur Zeit von Valentinians 'Iod die mächtigsten Männer des Kaiserrei­
ches, Nach dem Prinzip cui bOlUlliegt es auf der Hand, daß die Kaiser­
macher, Merobaudes und seine pannOIlischen Freunde um Equitius,
vom Tod des Theodosius profitierten, seit sie mit der Proklamation
des vierjährigen Valentinian 11. am 22, November 375 in Aquincum
nach der höchsten Macht im Staat gegriffen hatten'" Sie waren es
des Antonius die Thes{' von Co~kun, ,Der Cames Rornanus', 306, vergl. Matthew1>,
Weslr.m Amlocracie", 94 zu seiner Verwandtschaft,
8f1 28.6,3°,
'lO Zu dem praeses 378, 1"1. VivillS B~I1edinus, Patron VOll Lepcis und Sabratha, siehe
IK1' IO~ (vif totws inlegritafis, model"Olionü, iflstilwe, pTOUlsHm1s,frdei, blmignitatistfi}1i~-t'l.idims ar
belif/irertluu) und IRr 571 (irmoamtiumflLUto1; mndex libe-rtalis). LcpdJcy, Lu citis de fAfiique
romailJt: II 36o~~61 und Co.~kun) ,Der Comes Romanus', 30G überz~ugt:nd gegen War­
mington, ,The Carce:r of Romanus' , 64­
'll 28,6.29: isqu.e (sc. Romanus) Merobaudüfavore susceptus. Ullzutn:lfend Saylor Rodgers,
,Me:Tobaudes and Maximus in Gaul', 86 und Co~kun, vt:r,gJ. die Widersprüche zwi~
sehen ,Der Comes Romanm', 306--307 und 308.
'J'l GQd Theod tQ,lO.W, Zu einer möglichen Verschärfung :no siehe DcmandL, ;Tri~
politimisdlC Wirren", .)5~-3S3, zur Kostencrstattung Max Kast:r, Das riJrniJchf Zi(!i'pro~
2, erw, und ncunearb. Auflage von Karl Hadcl, HdAW 3.4 (München 1996)
j
~, eIL 8,10937 ~ 2°566; IJ?T 570
AE
Siehe PIJ?.E I, Victorianus z;
Lepelley, us cili,! de l'AJrique rcmraine Il, 360; CO~Kun,
Comes Romanu.<;', 300, Anm.
31 (mit dem Irrtum oder der Korrektur
PLRE I, FastI, Il17 fhr 373
postulierte Anonymus 66 ist überflüssig:
B6 '-'9,5.8 (Aussage des Firmus); ~f!.6.'.l.7 (Vcrh:i1ftung'cn),
H7 :28.6.29. Co~kun, ,Der OJme:l' Romanw:', 305~~306 vermutft eine Trennung von
(;umilotu.s und Ort des Verhörs; vergl. dap.;t>gen Klaus M. Girardcl, ,Die Erhebung Kaiser
Vll.lelltinians 11. Politische Umsti:ll'),dr: und Folgen (375/76)') Chifon 34 (2004) H}g--f44,
bcs, q.'2~I44.
[Jß ZU flavius Merobaud(~~, magister pediiwn seit 375 (3°.5,13), in Maüand 8iehe Saylor
Rodgers, ,Mt'wbaudes and Maximlls in Gaul', 89~90; zum Antritt d~r j,raijeelu.'nl lia//nl'
Errinzton, ,The Acu~ssion ofThetKlOsius I" 445; Co~kun,
Anm·57·
Clm)tt, Mit.. 1.242; Zos. __
, 440- 441; Mauhews, i4tfsiern AristoClUCleS,
Comes Romanus\
,The Accession or
vereinfacht bd Wiiliams,
261
conmNl TERRIBIUS l</lBIflAE (AMM.
SIGRID MRATSCHEK
Auch andere Indizien sprechen dafür, daß Romanus mit seinen gu­
ten :Beziehungen zu zwei Vikaren von Africa, Dracontius und Crescens)
und in Mauretania Caesariensis, sowie Freunden am Kaiserhof zu
cetm gehörte, aus denen sich die Clique !Jaäio) der Feinde des Theodo­
sius um den Prätorianr:fpräfekten Fl Maximinus konstituierte.'16 U mgc­
kehrt verfllgte Simplicius, Maximinus' juristischer Berater aus Emona,
über direkte Kontakte nach Africa und war kurL vor Thcodosius' Tod
Statthalter von Nunlldia.(17 Ammlan geht noch weiter: Wie Catilina
soll dn Rornanus schon in einer schola scutarzorum rnit einem Tribu­
nen namens Vincentius einen Staatsstreich geplant haben, ebenfalls
ohne seine Strafe, das Exil, je anzutreten.'" Selbst wenn die homony­
nlen Männer nicht mit unserem Rorrlanus und seinem vicatius identisch
sind, wurden dadurch Zweifel an ihren politischen Zielen und mutmaß­
lichen Gönnern geweckt. Die Pannonier Equitius und Valcntinian und
der Franke Merobaudes stiegen wie sie über eine derartige sclwla zum
Kaiser oder zu Kai:;ern1achern auf.9;l Zu diesen alten
paßt der Je tz te Akt der Tragödie Ammians: Während Romanus von
dem einflußreichen magister miliJ.um Merobaudes beschützt und
sprachen wurde, wurde der siegreiehe Feldherr Theodosius, wir wissen
nicht unter welchem Vorwand, Anfang 370 in Carthago enthauptet.
PrJ(':ll, Theod(Jstus, ~3-24; undjct2t Girardct, ,Die Erhebung Kaiser Valenlinians 11',127­
über Tht:mlsllos' Mission am Hofe Gnuiam.
Oros, hisl. 7.33-7: mslimulanle cl ohrepenle invidirz; Ambr. Obit. Theod. 53: i!'lsidiobantur
ews saiu.ti, gui palrem eius triumph.aiorerrt oCtldlffan.t,
BG Zur (~rtlPPC um Romanus gehörten auch Vinccntlus, sein Stellvertl'etcr, sein
consiliarius CacciJianus (2K6.21) 28-29), Casror, MartinianuiS (29,5,50), Mcterius, ein
Klicm (28.6.2f:)--27}, doml'.Jiici (28.6,11, 29'5,8), Offiziere und quidam semlOrum conseil
{z8.6,l71· Siehe Dernandt, .TripollDU1ischc Wirren\ 355
91 [Vi 55:J5 = eIL B.8324; vergI. PLRE I, Simplici", .
\it! QZ. r 1.2: Roma71us qum et::am et VtncenLius ,Scutaricrum sduilQe Jnim.ne secunda.eqw: tribum
C01wicti quaeda.m sWs IJiribus altiom acti Juni in exsilillrn, Siehe Warmingtons Iden­
tilikatioll, tThe Career of Romanus',
Der Autor gibt keinen anderslautenden
Woods, ,Ammianus imd süme 7ribuni &hotarum Palatinarum c, A D 353'~
26g--z9I, 276 -'i77, identifiziert ihn zusätzlich mit einem Romanus
3,J2--r3, glaubt aber an den Vollzug der Strafe.
'y.\ Tn'!:nmi .rcholal1 S{.'U!:arinrll17l primac; Romanus r;, AD. ~~59-:162 utld Eqtlitim 3G3­
364; .secun.da.e: Vincentius 360--362 und Valentinian 363'~364; armaturarum: Mcrobaurlcs
362--364_ Siehe Woods, ,Arnmianus and some Tribun.i', 288-289, Tabelle '29J nuch
der überzeugenden Hypothese Warmingtons, ,The Carr.cr of Romanus', 63; andcl's
Co~kun, ,Der Comes Romanus' , 299-300, Anm, 29.
265
VI. Conciusio: Die politische &tsclwfl des Kaisers
auch, deren inuidia der ältere Theodosills ern:gtc und die das Leben des
jüngeren Theodosius bedrohten, wie die christlichen Autoren mutmaß­
ten,!);)
MARe. 28.6.29)
Ziehen wir Bilanz: Was bleibt, ist wie in jeder antiken Tragödie ein
ungelöster Konflikt mit der sittlichen Weltordnung in AllegDrie der lus­
titia. Ungeachtet der Tatsache, daß Indizien fur Strafbestände wie Ver­
leumdung (calumnia), Falschaussage (foLsum), Venmtreuung öffentlicher
Gelder (pecu/atus) und Korruption (repe/undae) in den von:ingenomme­
nen Bericht An1mians eingestreut waren,100 folgt weder eine Rehabilita­
tion der Lepcitancr noch eine Bestrahmg des Rornanus. Beseitigt wurde
statt dessen ~~~"so lautet die unausgesprochene, tragische Konse-quenz­
sein Gegenspieler Theodosius, der die Mißstiinde aufdeckte und dem
die falschen Anschuldigungen seiner .\>einde zum Verhangnis wurden.
Ammian, der ein Drama mit dem :llteren Theodosius als
Helden inszenierte, war taktvoll genug, nicht dessen Tod, sondern des­
Unterliegen vor dem Ausweglosen !Jatam) wiederzugeben. Der Ver­
mit zwei Generälen Neros und Trajans enthüllt hin ter dem
offi:nsichtlichen Glanz der Panegyrik fhr Theodosius die Schattenseiten
seiner überragenden militärischen F'ihigkeiten (29.5-4): ,Seine Leistun­
gen übcflltrahlten zu jener Zeit alle übrigen, und so war er ein Feld­
herr, den man nur mit einem der alten Helden wie Domitius Cor­
bulo und Lusius vergleichen kann'."1 Das gebildete Publikum verstand
die Anspielung auf das spätere Schicksal cles magister cquitum. Sein Tod
efllcheint, in Analogie zu dem seiner Vorgänger, als eine Episode im
Machlkampf am Kaiserhof Gratians nach dem Tode Valentinians.
Doch das tertium comparationis gibt nicht nur Aufschluß über den
äußeren Anlaß, wie Warmington gezeigt hal. l ", Es wirft auch Licht auf
mögliche Motive flir Theodosius' rasche Exekution und seine Haltung:
Beide, DOlllitius Corbulo und der Reiterluhrer Lusius Quictus, gerieten
in Verdacht, an einer Verschwörung beteiligt gewesen zu sein, und fie­
len wie Theodosius diesem Verdacht zum Opfer. Nero zitierte Domitius
Corbulo auf seiner Griechenlandtour zu sich; der General erhielt den
Beleh1 t.u sterben und gehorchte. I" Die versteckten Anspielungen deu­
J''reundlicher Hinweis von DeticfLiebs (Freihul'g i. Br,),
Unzutl'effend als reines Herrscherlob intcrpl'ctlcl't vonJohannes Sll"uub, Vom Herr­
schcti&.ol in der Spätantilr.e (Stuugart 1!J3g; repr. 1961) :.1:.10, Anm, 1'22, auch keine ,unfrei­
willig pancgyl'ische Vel'klf!rung'y so AJexander Dcmandt, Zeitkrr:lik. und GexchUk6'bild im
Werk Ammian.r (Bonn :l965) 92'·
IW Wamüngton, ,The Carecl' ofRomanus', 64, Anm.
lUJ D.G 63.17,2 und 5-6. Siehe Ronald Syme, 'Tadtus, 2 ßde. (Uxtord 195t); re:pr.
11)0
101
Bd.
Q,
266
COTURNJ TERRJBJLJS FABUIAE
SlGRlD MRATSCHEK
ten darauf
daß der Held der letzten BUcher WIe
von dem
Kaiser fallen gelassen wurde, fur den er die gTöl5ten J:.rtulge errungen
hatte, und daß cr gefallt starb."» Sie lassen aher den Verdacht
hen, daß auch er nicht ohne Makel war. Denn Lus;us Qu;etus, einer
der vier Armeekommandeure Trajans, die zu Beginn der Regierung
Hadrians wegen eines mutmaßlichen Att.entats auf den Herrscher
tet wurden, war als Führer einer maurischen Reiterala für seine Grau­
samkeit berüchti!!!. 1(" Die Brutalität des
über die Mauren (.fUP­
von Ammian mit den Erfordernissen der
recIlugKcn enL"chuldigt werden, und 'I'heodosius' t.,oyalität wurde in
Frage gestelll. Hl6 Waren dies die ,übertriebenen Anschuldigungen' (cri·
denen Alnnlian tnlg-egentreten
als er über den Tod des
älteren Theodosius lieber schwieg?'"
Die Interaktion zwischen historischen Rahmenbedingungen und
Darstellung führte zur Stiftung einer gemeinsamen Identität innerhalb
der Oberschicht. Der entscheidende Impuls ging von dem Herrscher
selbst aus. Kaiser Thcodosius konnte nicht mehr gegen die Mörder sei­
nes Vaters vorgehen, da sie bereits tot waren, aber er rehahilitierte ihn
nach seinem Regienmgsantritt. Rciterstandbilder aus velrgc,l­
deter Bronze wurden Thcodosius dem Älteren scit 384 in verschiede­
nen Provinzen dediziert, vorn Senat der Stadt Rom, von der Provinz
und Calabriell, in Stobi, der Hauptstadt von Macedonia II,
und in Antiochia.'oo In Ephesos wurde seine Statue als Ersatz für Maxi-
mian in die Kaisergalerie der ersten Tetrarchen eingereiht und eine
Stele mit einem Distichon als Zeugnis seiner militärischen Erfolge auf­
gestellt. "" Dahinter standen ein großange1egler Propagandafeldzug des
jüngeren Thcodosius gegen seinen Rivalen Magnus MaxiInus und ein
neues, alle Gesellschaftsschichten durchdringendes Programm bewuß­
ten Erinnerns an die großen Eroberungen Roms, in dem der AJrica
nu.J und Britannicus dux nach dem Tode Gratians mit Musterkaisern wie
Trajan, Mark Aure! und Diocletian (oder Constantin und Constantius
11.), inter prisca WJmina, auf eine Stufe gestellt wurde." O Nach seinem Sieg
bei Aquileia und seinem triumphalen Einzug in Rom am 13· Juni 389
wurde der jüngere Theodosius im Senat von dem Redner Pacatus als
lebender Golt gefeiert; sein Vater wurde in stadtrömischen Ehrenin­
schriften postum vergöttlicht, obwohl der Titel für tote Kaiser, christli­
che eingeschlossen, reserviert war: Thermantia wurde als Frau des divus
'Jh,odosius und Stilicho, der Mann seiner Enkelin Serena, als progener diai
Theodosü bezeichneL l1l
Hl~1 lvl:!.,ph 2,306 .:. . : AE IgGl, 184; AE 1967, 479 in der Vorhalle des HadriaIl5tern~
pels, darin ein Fries mit hemlliie:rtern Kaiservater, AE 1966, 435 vor den Scholaslikia­
Thermen: EÖÖQxbl<;) f~(h)"OLO, ofloqJQOOUYTjf;) UQETUroV I ~Q1:U; EYW oul!.;) 9EtJOOOlwi
TۀE{tw,
IIH Vcrg'l. riie Rt:ilerst3lucn auf Müm..cn bei Philip V. HiU, The MonumtnlS d
J
AUr'I."ml
RQme rH Gnn Ijpes (London 19B9) 66-7l; Reiterstatuen Trajans nach dem
des EquUJ Domttiani bei Paul ZankeT, ,nas Trajansforum in Rom', A.A 1970, ·199 -544:
50S-SIO.: zu Mark Aurel (verwechselt mit Constantin)
Die geüilltc Haltung bezeugt auch Orm. hist. 7,331 post gloriosatll. saeculi mtmn de
vitae aelemitn.te secUruJ per(;Ujsori iugutum ultra pmebuil. Theodosius' Sturz fiel möglichcr~
weise noeh unter Valentinian, seln Tod unt<~I- Grarian,
lOS D.C. 69,1.5. HA }f 7,1-2 und ~).8. Siehe Anthony R. Birley~ Hadrian. The Restless
Emperor (London/New Vork 1997; rcpr. '998) 87-88.
ws 2<:J.54B {aus dem Mund des Firmus)j 29,5.2:1 (Urteil der obtrectatores maNuol!),
29.5-43 (ul aequilas jxJscehal)) siehe Dr~jvcrs. ,Firmus'j S, (;,4, Nach Symm, Ep. 10,2.2 von
395/6 clwies sich sejn Regiment ab bittere Merlizln (remediltm und mediriua) fur Africa
mit dem Ziel,ftriata manu curatümem iuuflre pmcceptü,
W Siehe oben Anm. 15. Nicht notwendig Hochverrat, wir. Thompson, Tlte flisioricof
Yl-mk, 107 und vorsjd1tiger Leppin, TlleodosiuJ) 3~ vermuten.
l08 Spätestens 384/5, siebe Syrrurt. Ret. 9+ Namfamiliae ulJ.rlrae et Jllrp'l..S auctormn, Afril;a­
m~m qunndam et ßriuullnicum (5it.~ duccm :datuiJ equestnhu.r intel'priJ'ca rlOmma ()onsecravit, 111>
780 ",. CIL 9.333 (Canusium): Irlcry/.e Ul!nel'orltiae memot'ioe viro Flouio TheodoJio, gml{.()jL domut(
..principis Theadosi perpetui AUg(UStl) ... sfalUam equesl/'elrl subauratam Apu.H et C(llabn',. ,posuer,
unI; Rudolf Egger, ,Der Erste Theodosius', Byzantion .1 (r9~91 :~o) 9-:~'} > 78
RICM 273,
Tafel 61 (Stobi). Die Statue in Antioehia wurde bei del- Revolte 3i1y he~chädigt (Lib. Or.
20.10) '22.8). Grundlegend Dornenico Verrt; ,Le slatUe del stnato di Roma jn ono\'C: dl
Flavio Teodosio e l'equilibrio dei poteri lmperjali in eta trodosi:ma\ Athlfl'weum Ij7 (1979)
381-4°3.
w-!
26 7
[A'lM. MARe. 28.6.29)
JaS
Elsner.
Clrrisf:iaJ' 7i·iumj#l. "1 he Att q[ Uu Roman r'Jltpire AD 100'-45° (Oxford
.)0 und zu Constantius 11, Anm. {I5. TheIn. Or, 16.202d-:W5; [9_ 22 gb-C
propagieren eine fiktive Abstammung von Tr<~an. Zur Propaganda _
lind Eugenius in dr,r offiziellen Publizistik siehe Mral.SChek, Der BrieJWeduet
von Nor.a rr9 1:.10, 224 22G, in der Münzprägung Hans R. Baldos, ,Theodosius der
Große und die Revolte des Magnus Maximus--das
j
das
[ThermantiaJe {fal1cLissimae} ar:
camitis utnus [qu.e militiae mag.
;:; eIL 6.173° {über StJh­
7leodoJii, comili dir:i Theodo­
!Oll -lu",. dazu Cameron, Claudian, 57
sii _
TheodosluS', 28 RICM
gegen Mommsen. Vermutlich
Drenovo): f~Mßwv eE]oö6fOlOV
Talel 61 stark
Elogiuw
umstrittenen. Besuch des Kaisers Cfznm. ft,fi1l. 1.245; in Pan...
und ArtCll1is und Herwles: deum dedit Hispa­
In Pmiu oI t!ze l.ater Roman EmperorJ,
Wdli.ams. FrieH, Tlzeodo.fius, 65­
::::0
268
SJGRID MRATSCHEK
War Ammianus wirklich der ,Ionely historian', den Momigliano in
ihm sah?'I' Die politische Botschaft ist eindeutig: Der Heermeister
Theodosius, einer der duces amplissimi, die Rom immer wieder aus der
Krise herausführten, wird zum Identifikationsmodell für die Nach­
welt '" Die zeitgenössischen Literaten versuchten, das doppelle Pro­
gramm von Leistnng ("ir/us) und göttlicher Überlegenheit in ihren Wer­
ken umzusetzen, Pacatus in seinem Panegyncus auf den Kaiser, Claudian
in seinen Gedichten und Ammian in der letzten Partif' der Res Gestae. ll1
Er berichtete von dem prunkvollen J<.quus Traiani, von
tius H. so begeistert war, daß er das Denkmal Hir sich naChahmen
lassen wollte.'" Wie in der Ehreninschrift aus Canusium stilisierte er
Theodoslus zum dux inc?Jtus 1 eine Qualität, wie sie seiner Ansicht nach
sonst nur Scipio Aemilianlls, dem Eroberer von Carthago und Numan­
tia, oder Epaminondas, dem Sieger von Mantincia und Leitbild Kai,er
Julian" zukam'" Die Parallelen sind augenfallig: Der eine erhielt den
Ehrennamen Afticanus minor, als er Africa 146 v,Chr, zur römischen Pro­
vinz machte, während der andere im Augenblick seines Sieges starb.
Die furchterregende Tragik (terribilis colurnus) der Geschichten {labn"
eines immer wieder strallrei ausgehenden Romlillus ließ Ammian
hinter den Kulissen verschwinden, In der kollektiven Erinnerung künf~
tiger Generationen soUte als memmandus finis nicht das kurze, ungerechte
Nachspiel, sondern der sorl,,.faltig konstruierte Kontrast
dem
Bild eines siegreichen N~ldherrn und dem schrecklichen exitns seiner
Kontrahenten haften bleiben: Statt TheodosillS' Tod rüekte Ammian
seine Vision von der Clique der Feinde, bestehend aus Maximmus
und den Hintermännern des Romanus, die ihn planten und dafür
mit ihrem eigenen Leben büßten, kaleidoskopartig in den Fokus.'1)
JJ? MomigHano1 ,The Lonely Historian AmmianllS', 150-152, hes. r,l)T' ,intdleetnally
isolated'.
m 29.5.45 (siehe oben Anm. 6) und Leppin, Thtodosius, 29-30.
H4 Pan. Lai, 2.5.hij,: Thcodosius> vtrluieJ und Eroberungen; 2.8,3: Theodo;.;ius der
Altere al~ palet drumuj'; Cbmd. IV Gons. Hon. 190, vergl. Bins Index 456 s, V. dÜ)/iJ". Zu
Valer und Sohn siehe Claud. Bdl. Gild. 215 "2t6: dlW dilJonJ.fIl proceres.. I TlteadoJ'ttj Gms.
StiL 2.421-422; exuiJat utcrque / Theodosius ditrique tu.L Auch Ammians Stil spiegelt Il<lch
jacque-s Footaine, ,Le sryje cl' Alnmien Marcellin et l'csthetique thcodosienne', in: J. den
>en, n den Hengst und H,C. Teitle!- (eds.), CogJlilio gcstomm. The HistorWglfJ.phic, Art of
Almmanus MarrelMus {Amstcrdam 199'2) 27-37, 36 die ,f:sthttiQUC thcodoslf'.nne~ widcr.
JI'\ 16.1O,J5.
1(,
Theodosius 1'C10, I.lux nominis mein«; 93.5.20 (Scipio Aemilianus) und
(Epaminondas). Siehe Barncs> Ammianus lvfarcellinus, 182. Part, LaL 2.5+ Theoclos
Altere als Numa1ittnus_
117 Zum Durchbruch der Struktur!!eschichte hinter der hdlenistischen puiAilia siehe
COWRl'{I TERRlBILIS FABULAE
26 9
MARe, 2ö,0.29)
Offenbar bestand sein Plan darin, dem Mythos des verehrten Kai­
sersJulian (Buch 14-25) in einem zweiten Anlauf dcn des rehabilitierten
und lebendigen Generals Theodosius gegeniiberLllsteJIen--als strahlen­
den, unsterblichen Sieger und Gegenbild zu seinen KDnkurrcntcll um
die Kaisermacht.'1ß Claudian hat die Apotheose poetisch ausgestaltet,
indem er den Heermeisl:cr wie in Scipins Traum als himmlischen Boten
von Jupiter durch die sieben Planetensphären an den Hof von Mai­
land sandle, um HOllorius 'lU prophezeien, daß es das Schicksal des
thcodosianischcn Hauses sci, das Haus von Gildo und Firmus in Africa
auszulöschen. t I<)
Nur im Konflikt zwischen Theodosius und Romanus hat die be­
schützend über allem schwebende Iustitia versagt. Ihre Partei ergreift
der Schriftsteller, ein zutiefst skeptischer Ammian, wenn er das Ge­
schichtsbild zurechtrückt, um durch seine Schwarzweißmalerei mit der
Glorifizierung des älteren Theodosius einerseits, der Verurteilung des
Romanus und seiner 1Tintermänner andererseits, die Namen) Aktivitä­
ten und die Todesart der Feinde des Kaisers aufzudecken.''" Der T1is­
toriker schlüpft in die Rolle der göttlichen Rieh terin Adrastia, die dem
Schicksal als ultri"facinorum impiorum bonorumque prae:miatrix gebietet, und
erfilllt deren zweifache Aufgabe: ,mit dem unauflöslichen Seil der Not­
wendigkeit den Hochmut der Sterblichen zu f"sseln ... die Bewegungen
von Aufstieg und Niedergang zu lenken ... und die Guten von tief unten
zu einem glücklichen Leben emporLuheben' (14,11.25-26). Merobau­
des' 'Iod ließ Ammian unerwähnt. Er wurde fünf Jahre, nachdem die
Res Gesla, endeten, von Magnus Maximus zum Selbstmord gezwun­
gen und elllging einer schnellen Bestrafung, weil er nicht direkt betei-
Fontaine, ,Le style cl' Ammicn Marcellin', 34-'35; und Sabhah, ,Ammianus Marcellinus' ~
81·~82,
110
Der Rebell Firrnus springt bei sernem Anblick beemdruckt vom
_
.j'WnarulJl cl lcrrihiti Ilullu ThMdGsi praesfH:cius (29.5.15} Siehe Paschoud, ,Valentinien tra­
vesti', 72 zu vergleichharen Herrs.cherportrats. Nicht unbedingt ,adulation\ so Momitr­
liano) ,Thc Lonely Historian" 150.
IlfJ Claud, Bell. Gt'ld. 2l5-?JT ferTIl duo diuG'fUm proceres, maiorque minorque I Theodosii,
pacem taluri gent/biLl' iban[, I qui lavis arcanos manitus mandalaque je1TCJlt; 341: hf}(, generi fatal.e
iuo.
Cie. Rep. 6.J6·-29. Claudian unterdrückt Gildos pl'Irrörnillche Rollt:, vergL
Camerou, ClaUtfian, 107-1°9.
120 SabLahs (La m8}wde, 449-45$ ,Ammianus Marcellinus', 82) >corrcetifa ia ~chtrna­
tisation' im Epilog kann mit Hinweis auf die Charakteristiken des älteren Theodosius
lind des Romanus auf die gesamte letz(t: Partie der Res Gestae ausgedehnl werden. Es
muß de~wel!en unter Theodosius kein völlig verfillschtes Bild seines Vaters cntstanden
sein, wie Dcmanrlt, Zeitkritik, '50"-'5' annimmt.
ce
270
SIGRID MRATSCHF:K
ligt war oder weil der jüngere Theodosim ihm nicht gewachsen war.""
Ammian hat somit ein Geschichtswerk verf"ßt, das der Gerechtigkeit
zuletzt doch noch zum Sieg verhalf und die Wahrheit gerade durch sei­
nen oft kritisierten, polemischen Stil der Tragödie (maiores ... stiws) publik
Solche Autoren braucht Rom, lautet der Appell seines lite­
rarischen Testamentes .m Ende der Res Gestae, wenn Gesdüchtsschrei­
bung nach der Niederlage von Adrianopel eine fbrtsc(zung und eine
Zukunfi. haben 5011. 12:1
CROSSLNG THE FRONTIERS: IMPERIAL POWER IN THE LAST BOOKS 01" AMMIA1''1US' CHRISTOPHER KELLY
Abstract: 'I'his paper explorcs some of the differences iu compositionaJ
strategje~ and the disposition of subject maUeT which mark off hooks
26-:31 from the rest ofAmmianus' history. lts {ocus is the magie anc.l trca·
son trials in Romc ('28.1) and Antioch (29.1-2). These accounrs havc long
been recognised to be amhiguous, di~ointed, highi;' seleetive, chrono­
V;;tguc and dlfficult to fellow. Ir i5 argunl here that the.')e are
deliberate devices. Ammianus' text artfhUy rnirrors thr. evcnts which h
narrates. In the account or these trials the reader expcrienccs something
cf thc: opprcssJvc uncertainty, the destructive l1nprcdictability, and
j
emd whimsic<lliry of auh:)(:rar:y
H /.sto~y [mitten undet auLricfary aboul auior:ulCY Iwnds rtaders (l role in Ilte
Juspü'ion: tJUf)! should be too sophLltuated lo du:!..'.;e a Mut, too akr! [0 oe COlztent
rJ~y rlill'ralion; and rea4Y tojump tu conctusi01LI, tojollow the Gllt/wt hevond what r:an
be docwnen!ed. lInd not to trust the nanator too fm:'1
After the dNltJI ifJulion.•
Li! Pan. Lai, 2.20.4: quorum ali.eJ' (Merohaudes) pes! ampliuimos magistratur (Il !mrpura.r COIl­
sut(lres...(lila ,(se abdic(l.fe r:ompulslLi I'si. Eher 3B;, {t:O.l, Il) al$ 388 {cos. III) nac"h der These
von Barncs; siehe Nixon) Sayl()r~Ror1ger.'I:\ In PmiJe ofthc Later Roman Emj){';ron, 485-486,
Anm. 93~94; vergL aber SayIOl"~Rodgcrsj ,Merobaudes and Maximus in Gaul\ ~H-97,
11:1 31 l~i9: opus ven"I{!{em Proftsslon Ilumquam, uf urbiirm; seims sdeulw aurus com.IlIlpere lJd
melldacw.. VergL das Proömium zu Buch J 5: U!GIi11lqUf: pctui iXritalelll scrutari" ,rfxidu(J quae
seGulurus apaia lextw, pro virium cnj!iu limalius ahJolvemus. Typi;;;ch [ur die antike His{orio~
ist duc Spannung zwischen rhetorischer Gestaltllng und W~lhrh(:itsan:spruch
(z. n. Sabbab, La methode, I~.j' 2:1; Wittchow, Exemplarisches Erzählen, 22~4)i unter ande­
rem Ammians l:Iinweis in 16.1.3 auf Pane:gyrik als Vehikel der Zeitge.~<=hi(;ht{' (Matt­
hcws, ,Thf' Origin of Ammianw(, 265-267 und KeJly's contribution in this volume),
im Gegcnsat:c zur Abw~st;nhdt dr.$ Sublimen in unserer Oegenwarc Siehe MOSl ,Artel
the Sublime', 120.
123 31 . 16.. 9: scrioalll reliquf.l polurm aetale cl dO(f'llnüjkJlentcJ. quos id, S1," lihueriJ, ~re.l:,.umJ Im)"
WdfTf lirlgUflS ad f1UIitm:J mOrleo stil4JJ. Der Au~druck graades (mawm) columi (Ho!', Ars 80 und
Claud. Theod. ::F5J ist eine Metonymie rur maiores stÜOJ, den feierlichen tragischen oder
heroischen Stil. Sielte auch 28.1+ (um coturrlalius .flilus p,vl;edertt Lurimosu~" Rd'trenzm
auf den tumor bl1gl(U.,\ (28.1.4), C(JIJll7tUS t.erribilü (28.6:29; vr;rg1. TLL 1V [1906-1909J IOBB),
Vergleiche mit der 'fragödie (Anm, 82) und die zwiespaltige lnudalt'va ...maferia (16.1.3) ill
den Portritls seiner Helden schcim;n uber die Panegyrik (so Matthews und KeHv in
AHm" 17''::) himll1S auf eine tragiSChe GeschichtskoIlzcption Arnmians hinzudeuten .
j
tlu~
Roman Empire 'was a diJIerent
1. }<i1ilure
Empire
Julian is wounded. The stray thrust of a Persian cavalryman's spear has
pierced his unprotected ehest. The confused heat of battle gives way
to the stillness of a lingering death-bed scene. Like the great suicidal
philosophers of old, Julian is in 110 hurry to die: not at least unti! he has
1 'Ini" papel" prof1ted greatly ÜUI'l:) tb~ generous cornrnents or aU tIlose at Ihe
'Arnmtallus aner Julian' workshop in JunI: 2005; 1 should particularly like to menrion
Gavin KeHYI Jan Willem DrUvers, and KarJa PoUmann. \Varm thanks an~ duc to the
Ammianus 'Gang of Four' Gan den Born,Jau "Villern Drüvers, Daan den Hengst, and
Hans Teiller) jor ensuring that our firne al Wassenaar was marked by thc most elegant
combinauon of intd!eetual rigour and amicabk
2 John Ht':odrrilon t 'Tacit1ls: the world in piecf:o;') in: Idem. Fightingfor RomE: Pnets and
HijtOlY tI/ld eil/i( J.tQr (Cambridge 1998) 257-300; at 260 H. 13
mothy D. Barncs, Ammiunus MOfr:etii71us (J:tld tItc Repreulllatinn. flf 1fistoriral Reali.l)'
Ilthaca/London (990) IBJ.