Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen /
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Beschreibungen & Instruktionen
Nach den narrativen Texten widmen wir uns weiteren Klassen von Texten, insbesondere den
folgenden:
 Beschreibende Texte
Wir verstehen beschreibende Texte hier im Gegensatz zu erzählenden Texten als
Darstellungen von statischen Objekten wie Bildern, Gegenständen, Räumen, Wegen usw.
 Instruierende Texte
Dies sind Texte, die den Adressaten zu bestimmten Handlungen auffordern;
Alltagsbeispiele sind Gebrauchsanleitungen, Spielanleitungen und Kochrezepte.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Grundproblem der Beschreibung
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Grundproblem der Beschreibung
Eine Beschreibung im hier verstandenen Sinn beschreibt etwas inhärent Statisches. Damit ergibt
sich das Problem: Wie kann man dies im nicht-statischen Medium der Sprache darstellen?
Zur Erinnerung:
 In erzählenden Texten wurde die zeitliche Struktur desjenigen, was erzählt wurde, in der
zeitlichen Struktur der Erzählung erhalten (die G-Implikatur der Erzählung).
E1
E2
S1
E3
S3
S2
 In beschreibenden Texten müssen wir andere Wege der Linearisierung finden:
S1
S2
S3
(1) Da ist ein rotes Sechseck. Es enthält einen grünen Doppelkreis. Dieser hat
einen schwarzen Stern in der Mitte.
Dieses Grundproblem lösen Beschreibungen unterschiedlichen Typs auf verschiedene Weise.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Grundproblem der Beschreibung
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Lösung des Grundproblems der Beschreibung
Eine Lösung des Grundproblems der Beschreibung ist, dass man die Beschreibung in eine Kette
von aufeinanderfolgenden Ereignissen auflöst.
G. E. Lessing, Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766) betrachtet die
komplementären Fähigkeiten der sprachlichen und der bildnerischen Darstellung:
 Malerei: Geeignet für die Darstellung statischer Objekte, ungeeignet für Ereignisse.
“Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen einzigen Augenblick
der Handlung nutzen und muß daher den prägnantesten wählen, aus welchem das Vorhergehende und das Folgende am begreiflichsten wird.”
 Poesie (Sprache): Geeignet für die Darstellung von Ereignissen, ungeeignet für Objekte.
“Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen nur eine einzige
Eigenschaft der Körper nutzen und muß daher diejenige wählen, welche das sinnlichste Bild
des Körpers von der Seite erweckt, von welcher sie ihn braucht. Hieraus fließt die Regel von
der Einheit der malerischen Beiwörter und der Sparsamkeit in den Schilderungen körperlicher
Gegenstände.”
Lessing argumentiert, dass Homer Beschreibungen in Handlungen auflöst, etwa wenn die
Kleidung Agamemnons beschrieben wird:
(2)
— — — — Und zog das weiche Gewand an,
Sauber und neugewirkt, und warf den Mantel darüber,
Unter die glänzenden Füße auch band er sich stattliche Sohlen;
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln,
Nahm auch den Königsstab, den ererbten, von ewiger Dauer.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Grundproblem der Beschreibung
Beispiele von erzählenden Bildwerken: Laokoon-Gruppe; Bild von Norman Rockwell
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Wegauskünfte
Wegauskünfte
Eine Klasse von Beschreibungen, für die es ein klares Linearisierungsprinzip gibt:
Wegbeschreibungen in Wegauskünften.
vgl. W. Klein (1979), “Wegauskünfte”, LiLi 33.
Empirisches Projekt: Passanten werden nach dem Weg zu einem hervorstechenden Ort gefragt
(Frankfurt am Main: Alte Oper oder Goethehaus.)
Relativ starke soziale Verpflichtung, auf Fragen für Wegauskünfte Antwort zu geben (auch wenn
manche Passanten den Weg kaum gekannt haben).
Bestandteile einer Wegauskunft:
 Einleitung; Kontaktaufnahme; enthält typischerweise eine Rückfrage oder Versicherung.
F: Können Sie mir sagen, wo das alter Opernhaus ist?
A: Wie?
F: Das alte Opernhaus.
 Die Wegbeschreibung selbst.
 Abschluß; der Frager ist verpflichtet, das Gespräch zu beenden,
z.B. durch Paraphrase der Wegbeschreibung zur Kontrolle des Verständnisses und Dank.
F
A
dann kommen Sie genau hin
F
A
nochmal
danke, danke
ja
vielleicht 300 Meter, 400 Meter
mhm, is gutt
Fragen Sie
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Wegauskünfte
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Die Wegbeschreibung
Die Wegbeschreibung selbst hat die Aufgabe, den Weg von dem gegenwärtigen Ort (dem Ort der
Sprechsituation) zu dem Zielort auf eine für den Adressaten angemessene und nachvollziehbare
Weise zu beschreiben.
Es sind viele Möglichkeiten einer Wegbeschreibung denkbar. Wegbeschreibungen werden aber im
allgemeinen als Handlungsansweisungen formuliert: Wie gelangt man vom Sprecherort zum
Zielort? Dies gibt dann unmittelbar eine Linearisierungsstrategie vor:
 Um den Weg von A nach B zu beschreiben, beschreibe die Bewegungsereignisse, die
stattfinden, wenn jemand sich von A nach B bewegt, in der Reihenfolge der Ereignisse.
Wir machen uns also hier das Linearisierungsprinzip von erzählenden Texten zunutze.
Klein unterscheidet zwei Aufgaben, die der Sprecher vor der Versprachlichung zu lösen hat:
 Primärplan: Erstellung einer kognitiven Karte des Gebiets, mit Ausgangsort, Zielort, markanten
Stellen, Wegstücken.
 Sekundärplan: Auswahl aus den Komponenten des Primärplans, um die Wegbeschreibung
adressatenorientiert sprachlich umzusetzen.
In der sprachlichen Umsetzung kann man ferner unterscheiden:
 Deskriptive Teile, die eigentliche Wegbeschreibung
 Kommentierende Teile
 Interaktive Teile, mit denen geprüft wird, ob der andere das Gesagte versteht,
oder mit dem der Grad des gemeinsamen Vorwissens geprüft wird:
(3) a. Wissen Sie denn, wo die Paulskirche ist?
b. Sehen Sie dieses Schild Bill-Binding da oben?
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Wegauskünfte
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Der deskriptive Teil der Wegbeschreibung
folgt einer Reihe von Regeln; eine haben wir bereits kennengelernt:
 Linearisiere die Wegbeschreibung nach den Teilereignissen, die jemand durchlebt, der diesen
Weg nimmt.
Weitere Regeln:
 Nimm bei deiktischen Ausdrücken die Perspektive desjenigen ein, der den Weg geht:
Jetzt gehen Sie vor, bis ganz vorn hin, bis Sie an den Kaufhof stoßen, dann gehen Sie links
rein, die Bibergasse.
 Beschreibungen von Objekten, die als Fixpunkte (Wegweiser) dienen:
da ist vorne an der Ecke eine Herrenboutique, da gehen Sie dran vorbei
 Beschreibungen von Objekten im Verhältnis zu einem Fixpunkt:
da gehn Sie bis zur nächsten Ampel.
 Verständlichkeit
A1: also durch die Freßgass A2: also, ehe, also das ist für Sie kein Begriff Große Bockenheimer
Straße heißt die.
Beispiel einer Wegauskunft:
(4) Am beste is, Sie gehen jetzt auf die anner Seit; un hinner der Kirch überqueren Sie die Straß,
ja? Da gehen Se de Kaiserstraß e Stück erunter, bis Se an die nächst Ampel komme; da geht
Se links erein un dann sin Se gleich dort; da links, gell, da links erein, e Stück, un da geht
links e Straß ab un rechts; de rechte Straß, das is deer Große Hirschgrabe; da kommt
gleich’s Goethehaus.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Wohnraumbeschreibungen
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Wohnraumbeschreibungen
Bei Beschreibungen von Wohnräumen gibt es nicht das einfache Prinzip, die Beschreibung in eine
natürliche Sequenz von Handlungen aufzulösen, wie bei der Wegbeschreibung.
Wie gehen Sprecher dabei vor? V. Ullmer-Ehrich (1979), “Wohnraumbeschreibungen”, LiLi 33.
Versuchspersonen wurden gebeten, ihren Wohnraum zu beschreiben.
Wie bei der Wegbeschreibung muss eine Auswahl getroffen werden, und dann muss ein
Serialisierungsprinzip gefunden werden. Es gibt zwei Möglichkeiten:
 Modellrekonstruktion
Wenn, man man käme jetzt auch hier rein (setzt Stuhl so um, dass er die Tür im Rücken hat)
(...) dann is da das Bett in der Ecke, da is auch n Fenster, n altes Fenster, noch so unterteilt, in
der Ecke ist der Schreibtisch, musst ich leider im Augenblick ein bischen dá hinstellen, weil da
jetzt ne Wasserleitung verlegt worden ist, die im Raum is, die so von der Wand absteht, der
Schreibtisch nich mehr ans Fenster passte, und eh hier links is sozusagen der Sitz, ne
Sitzecke, wo noch sone alte Couch steht, n paar Stühle drumrum (...)
 Rekonstruktion aus der Perspektive eines imaginären Betrachters (Blickwanderung)
Aao, das Zimmer zu Hause, das auch, wenn man s auch nicht schlauchförmig, aber auch
ziemlich rechteckig, eh an der Tür is auch an einer Schmalseite, wenn man reinkommt rechts
davon is auch das Bett, dann steht da so son Blechregal, wie man dat so im Keller hat für die
Einmachgläser (...) ja hmm denn is da son ganz kleines Bücherschränkchen, und damit wär die
eine Wand abgedeckt, die rechte lange Wand, dann kommt das Fenster, an der linken Wand is
ne Couch und davor n Tisch, n einfacher Tisch, da les ich, schreib ich, ess ich, ja und dann
nebgen der Couch is son kleines Öfchen, und das wars schon.
Die letztere Rekonstruktion erlaubt deiktische Ausdrücke mit Bezug auf die Perspektive.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Wohnraumbeschreibungen
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Strukturierungsmöglichkeiten bei der imaginären Blickbewegung
Fast jede Beschreibung beginnt mit der Tür, durch die man in das Zimmer kommt.
Es gibt dann zwei Möglichkeiten:
 Parallelstrukturierung: Mehr als eine Sichtachse wird verfolgt, Hinweis auf parallele Strukturen.
Man kommt also rein
dann ist rechts der Schrank
links is die Küche und daran anschließend praktisch die Duschzelle.
und durch diesen engen Gang, der da noch bleibt (...)
man kommt also, man guckt auf das Fenster, wenn man reichkommt
und rechts stehen die Regale, das ist auch eine ganze Wand,
die sind immer jeweils gegenläufig angebracht.
 Sequenzstrukturierung
Wenn man zur Türe herinkommt,
dann ist also auf der rechten Seite bis zum Fenster
geradeaus in die Regalwand
unter der Regalwand steht in der Nähe des Fensters
mein einer Schreibtisch
dann n Stückchen weiter noch unterm Fenster hab ich
n privaten Sessel reingebaut
der sich ausgezeichnet eignet, wenn man nur zu lesen hat, dass da Licht schön von hinten
scheint,
und neben dem Sessel bis in die Ecke steht dann der zweite Tisch (...)
Die imaginäre Blickbewegung richtet sich dabei an den Wänden entlang. Gegenstände, die nicht
an den Wänden stehen, werden oft nicht erwähnt.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Lexikonartikel
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Lexikonartikel
Das Lexikon ist eine Textsorte, die sich auf beschreibende Texte spezialisiert, wobei diese auch
erzählende Texte beinhalten kann, z.B. bei Eintragungen zu geschichtlichen Themen.
 Lexikon: Sammlungen von Beschreibungen,
Wörterbücher, Übersetzungswörterbücher, Sachwörterbücher, oft spezialisiert
 Enzyklopädie: Allgemeine Sammlungen von Beschreibungen,
große Bedeutung seit dem 17. Jahrhundert
Organisation des Inhalts:
 Makrostruktur:
Einteilung in sog. Lemmata,
typischerweise alphabetisch geordnet
 Mikrostruktur:
Aufbau der Lemmata selbst,
hängt vom Lexikontyp ab.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Lexikonartikel
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Aufbau eines modernen Lexikonartikels: Brockhaus in 15 Bänden
Zahnrad, am Umfang gleichmäßig mit Zähnen besetztes
Maschinenelement (z. B. Radscheibe) aus Stahl, Gusseisen, anderen
Metallen oder Kunststoff, das im Zusammenspiel mit anderen Zahnrädern
Drehmomente und -bewegungen durch die nacheinander eingreifenden
Zähne zwangläufig in einem bestimmten Übersetzungsverhältnis von einer
Welle auf eine andere überträgt. Stirnräder übertragen die Bewegung
zwischen parallelen, Kegelräder zwischen beliebig zueinander geneigten,
Schraubenräder und Schneckenräder zwischen sich kreuzenden
Wellen. Die Zähne können gerade, schräg oder pfeilförmig, bei Kegelrädern
auch bogenförmig ausgeführt sein. Die Begrenzungskurve der Zahnflanken
ist meist eine Evolvente (Evolute; Evolventenverzahnung), in Sonderfällen
auch eine Zykloide (Zykloidenverzahnung). Zahnräder werden spanlos
(durch Gießen, Pressen) oder spanend auf Verzahnungsmaschinen durch
Fräsen, Schleifen, Hobeln hergestellt.
Definition
Unterarten
Spielarten
Herstellung
Abbildung
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Lexikonartikel
Aus Meyer’s Konversationslexikon, 4. Auflage, von 1885
Der Artikel ist wesentlich detaillierter
und geht auf viele technische Details
ein, was der insgesamt größeren
relativen Bedeutung der Technologie
in jener Zeit entspricht.
Im Vergleich zu heutigen
Lexikoneinträgen hat er eher den
Charakter eines Lehrbuchtextes.
Hier nur der Anfang des Lemmas:
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Lexikonartikel
Lehrbuchcharakter des Eintrags
in der Fortsetzung
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Lexikonartikel
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Patent- & Gebrauchsmusterschriften
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Patent- & Gebrauchsmusterschriften
Zweck des Patents:
 Beschreibung des Schutzanspruchs für eine Erfindung (Erfinder), das nicht bereits zum Stand
der Technik gehört und eine gewisse Erfindungshöhe aufweist.
 Dadurch: Offenlegung des Inhalts der Erfindung (Öffentlichkeit)
Vgl. zu Patentschriften: M. Schamlu (1985), Patentschriften – Patentwesen. Eine
argumentationstheoretische Analyse.
Die Reihenfolge und Punkte der Beschreibung sind konventionell festgelegt:
1. Patentanspruch a. Gattung, Einordnung der Erfindung
b. Anspruch, für den Schutz beansprucht wird
2. Beschreibung
a. Gattung
b. Fakultative Einleitung
c. Stand der Technik
d. Kritik des Stands der Technik
e. Aufgabe der Erfindung
f. Lösung der Aufgabe der Erfindung
g. Vorteile der Erfindung
h. Ausführungsbeispiel
typischerweise mit Zeichnungen
und Beschreibung der Zeichnungen
Gebrauchsmuster:
Ähnlich wie Patente, bei Gebrauchsmuster wird allerdings kein Anspruch an die Erfindungshöhe
gestellt.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Patent- & Gebrauchsmusterschriften
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Beispiel Patentanspruch
Patentanspruch
Gattung
Anspruch
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Patent- & Gebrauchsmusterschriften
Beispiel einer besonders einfachen Gebrauchsmusterschrift, erteilt 2003:
Schutzanspruch:
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Patent- & Gebrauchsmusterschriften
Begründung:
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Patent- & Gebrauchsmusterschriften
Ausführungsbeispiel
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
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Gebrauchsanleitungen
Gebrauchsanleitungen und Bedienungsanleitungen sind Hinweise an den Benutzer, wie Geräte
usw. sicher zu verwenden sind.
Gebrauchsanleitungen enthalten beschreibende und instruierende Elemente. Wenn die
Instruktionen Handlungsfolgen beschreiben, wird die G-Implikaturen von Erzählungen verwendet.
Wandel der Bedeutung der Gebrauchsansweisung
Mit zunehmender Technisierung sind Gebrauchsanweisungen immer bedeutender geworden.
Heute müssen sie nach Gesetz Produkten mitgegeben werden
und sind Teil des Haftungsanspruchs.
Sie unterliegen Normvorschriften: DIN / EN 62079 regelt Gliederung, Inhalt und Darstellung.
Gute Gebrauchsanleitungen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Produktvermarktung
geworden und Teil des Bereichs Human factors (Bedienungsfreundlichkeit).
Autoren von Gebrauchsanweisungen:
 früher: die technischen Entwickler selbst;
 heute: spezialisierte technische Redakteure, um den gestiegenen Anforderungen an rechtlichen
Vorschriften und an Verständlichkeit für Kunden (und nicht nur Fachleuten) zu genügen;
ca. 70,000 hauptamtliche technische Redakteure in Deutschland,
nach H. Schmalen, in Ehlich (1994): ca. 70% aus techn. Bereich, 10% aus Sprachwiss.
es gibt Spezialfirmen und einen Berufsverband (tekom)
Literatur u.a. K. Ehlich u.a., 1994, Instruktion durch Text und Diskurs; C. Schwender (Hg.), (1999),
Zur Geschichte der Gebrauchsanleitung
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
Beispiel einer frühere Gebrauchsanleitung:
Karl Freiherr von Drais
beschreibt die Draisine
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Nachdem man sich auf die Maschine ohngefähr so
gesetzt hat, wie es die anliegende Figur zeigt, lege man
mit etwas vorgerichtetem Körper die Arme, mit weit voneinander entfernten Ellenbogen, fest auf das Balancirbrett
auf, und suche sich dadurch mit der Maschine im Gleichgewicht zu erhalten, indem man immer da sanft hinunterdrückt, wo das Brettchen anfangen will, in die Höhe zu
steigen. Mit den Händen halte man die sehr leicht in Bewegung zu setzende Leitstange, um den Gang nach
Gefallen zu dirigieren, doch so, daß das Rad wo möglich
auf einer festen Linie der Straße gehe. Dieses muß aber
für gewöhnlich fast blos mit den Händen geschehen, da
die Vorderarme in der Nähe der Ellenbogen fest aufgelegt
bleiben müssen, und man sich mit diesen für das Balanciren, so wie mit den Händen für das Leiten, ein sicheres
Gefühl und Achtsamkeit angewöhnen muß. Alsdann versuche man, mittels leichtem Aufsetzen der Füße, große
aber anfangs langsame Schritte in paralleler Richtung mit
den Rädern, und halte dabei die Absätze nicht einwärts,
daß man nicht mit denselben unter das hintere Rad
komme (...)
Bei dieser Gelegenheit grüße ich meine Freunde herzlich,
und reiche Jedermann freundlich die Hand, der unpartheiisch sich bestrebt, die Wahrheit zu untersuchen und das
Gute zu befördern.
Mannheim, im Jahr 1817.
Karl Freiherr von Drais, Großh. Bad. Forstmeister,
Mitglied gelehrter Gesellschaften.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
Gereimte Gebrauchsanleitung für’s Telefonieren, 1883
“Fernsprechregeln oder der Angeschlossene, wie er sein soll.” Berliner Fremdenblatt.
Zum Hören stellst Du Dich davor
Und hältst dabei Dein rechtes Ohr
Vor jene Oeffnung an die Wand,
Dieweil Du mit der linken Hand
Das lose Instrument erfaßt
Und links ans Ohr geführet hast.
Beim Sprechen bleibet, wie zuvor
Das lose Instrument am Ohr;
Gesprochen wird durch jenes Loch,
Das am Gehäuse gähnt; jedoch
Darf man das süße Lippenpaar
Nicht gegen drücken ganz und gar:
Man läßt dazwischen klüglich frei
An Centimetern fünf bis drei.
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
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Moderne Gebrauchsanleitung:
z.B. die Gebrauchsanleitung einer Waschmaschine,
Miele WS 5243, siehe Gebrauchsanleitung Miele.pdf
 Ein 38-seitiges Dokument (nur für die deutsche Fassung)
 Detailliertes Inhaltsverzeichnis
 Warn- und Sicherheitshinweise, auch zur rechtlichen Absicherung
 Verwendung von Abbildungen zur Illustration,
wobei sich idealisierende Zeichnungen gegenüber Fotografien durchgesetzt haben;
oft haben Abbildungen ein deutliches Übergewicht, da bei ihnen (im allgemeinen) keine
Übersetzungen notwendig sind.
 Schmale Textspalten erhöhen Lesbarkeit, führen aber zu häufigen Worttrennungen
 Auffallendes Textelement: Listen
Vgl. TÜV-Leitfaden Erfolgreich kommunizieren: Verständlich schreiben (Becker e.a. 1992):
Schlägt Vereinfachung von Satzklammerkonstruktionen vor
Für niedrige Stückzahlen bietet der Roboter beim Entgraten mit einem von ihm
geführten Werkzeug durch seine Flexibilität beim Teilewechseln, der ausreichenden
Genauigkeit der Bahn sowie den relativ niedrigen Anschaffungskosten Vorteile gegenüber
Sonder- oder NC-Maschinen
=> Gegenüber Sonder- oder NC-Maschinen bietet der Roboter für niedrige Stückzahlen
folgende Vorteile beim Entgraten mit einem von ihm geführten Werkzeug:
– Flexibilität beim Teilewechseln
– ausreichende Genauigkeit der Bahn
– relativ niedrige Anschaffungskosten
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
Beschreibung
Instruktionen für
Normalverlauf
Instruktionen für
Störfälle
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
Sicherheitshinweise und Warnungen, hier nur zum Teil wiedergegeben
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
Unterstützung
der Instruktionen
mit Bildern
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
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Probleme von Gebrauchsanleitungen
 Unterschiedliche Zwecke (Sicherheitshinweise, Anleitungen für den Normalfall,
Problembehandlung für Spezialfälle) beeinträchtigen Verständlichkeit,
besonders problematisch bei Packungsbeilage (Beipackzetteln) für Medikamente
(jeder fünfte nimmt nach Lesen des Beipackzettels das Medikament nicht mehr ein).
 Zwar versucht man, die Bedienung einfach zu gestalten, aber durch vielfältige Sonderfunktionen (Beispiel: Digitalkameras) entsteht unvermeidlich eine hohe Komplexität,
was wiederum die Verständlichkeit von Gebrauchsanleitungen beeinträchtigt.
 Gebrauchsanleitungen sind eingebettet in praktische Bedürfnisse, die sich im Umgang mit
einem Gerät ändern; dadurch entstehen Konflikte zwischen Textkohärenz und dem inneren
Zusammenhang der praktischen Bedürfnisse.
 Verschiedene Perspektiven: Konstruktion des Geräts vs. Bedienung des Geräts; für Nutzer ist
allein die Bedienungsperspektive relevant.
 Konflikt zwischen Verwendung von Fachterminologie und Verständlichkeit für Laien.
 Unklarer Bezug, vor allem bei wechselnden Bezeichnungen, z.B. Maschine, Gerät, Vorrichtung
z.B. Tauchen Sie das Grundgerät nie ins Wasser [Gemeint: Basis der Espressomaschine]
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
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Probleme von Gebrauchsanleitungen
Ehlich (1994), “Verweisungen und Kohärenz”:
 Leser von Gebrauchsanleitungen sind unsystematisch: Sie ziehen die Anleitung oft nur dann
zu rate, wenn sie nicht ohne sie zurecht kommen. Die Lektüre ist ein notwendiges Übel.
 Leser von Gebrauchsanleitungen sind ungeduldig, sie wollen ein konkretes Problem lösen
(Wie wasche ich den Wollpullover? Wie schreibe ich ein “ß” im HTML-Code?) und wollen
nicht durch irrelevanten Text aufgehalten werden.
Daher sind Textstrukturierungsmittel bei Gebrauchsanleitungen besonders wichtig (Inhaltsverzeichnis, Index, Gliederungselemente auf der Seite selbst), ferner ein systematischer Umgang
mit Beschreibungen und deiktischen Ausdrücken.
Sie sollten aber möglichst nicht stark hierarchisiert sein, da hierarchische Gliederung eher ein
Mittel für textuelle Kohärenz darstellt.
Der Text sollte aufgabenzentriert sein: Was muss man tun, um bestimmte Aufgaben zu lösen?
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Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
Entwicklung von Gebrauchsanleitungen
Nickl (1999), “Gebrauchsanleitungen der 50er und 60er – alte Hüte?”, in Schwender (hrsg.).
Wir wissen zwar, daß gerade bei Damen die üblichen ‚Gebrauchsanweisungen’ nicht
beliebt sind. Hand aufs Herz! Haben Sie die Gebrauchsanweisung zu Ihrer Nähmaschine
oder zu Ihrem Küchenherd gelesen? Nein? Na also! (Wenn wir Ihnen einen Rat geben
dürfen: Holen Sie das Versäumte nach, es lohnt sich.) [BOSCH, Mein Kühlschrank, 1956]
Tendenzen in einer Untersuchung von Haushalts- und Rundfunkgeräten von 1950 bis 1995:
 Gesamtzahl der Bilder pro Satz bleibt etwa gleich, sinkt eher (ca. 1 Bild pro 7 Sätze)
 Verhältnis zwischen motivierenden und darstellend-interpretativen Bildern steigt stark an,
50er Jahre: ca. 4% darstellend-interpretative Bilder, heute: ca. 50%
 Trend zu schematischen Bildern, Grafiken, auch bei darstellenden-interpretativen Bildern.
 Trend zu weniger typographischen Elementen, kleinere Varianz zwischen Texten
(die Varianz innerhalb eines Textes bleibt weitgehend gleich)
fett
kursiv
gesperrt
unterstrichen
KAPITÄLCHEN Schriftart
Schriftgröße
50er 28
20
2
0
14
12
14
60er 29
3
5
2
8
0
21
70er 30
2
1
0
9
0
10
80er 30
6
0
3
7
0
11
90er 30
2
0
10
8
1
11
 Textstrukturierungsmittel: Trend weg von Marginalien, Trend hin zu Seitenüberschriften,
möglicherweise erleichtert durch Computer.
Krifka: Texte / Beschreibungen & Instruktionen / Gebrauchsanleitungen
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 Bezug auf Adressat und Autor
Sendereinbezug
Adressateneinbezug
Unbestimmte Formen
1.SG
1.PL.Exkl
1.Pl.Inkl
2. Pron. 2. Anredeform
man
3. Pers.
50er
62
66
32
954
12
208
10
60er
0
135
3
1038
5
79
3
70er
0
71
0
647
9
24
5
80er
0
70
2
1075
1
8
1
90er
12
137
0
1492
0
3
11
Insgesamt größere Variabilität in den 50er Jahren; Textsorte hat sich noch nicht so gut etabliert.
Heute: Anredeformen auf mittlerem Distanzgrad: Direkte Adressatennennung, Pronomen Sie
 Passivsätze (Vermeidung des Adressatenbezugs): Sinken von 43% auf 26%, also noch immer
sehr hoch im Vergleich zu 7% in Alltagstexten im Allgemeinen.
 Fachwort (möglicherweise beim Laien unbekannt): Anteil sinkt von 0,43 pro Satz auf 0,27.
 Nominalstil: Bleibt hoch, ca. 150 Nominalisierungen pro 100 Sätze
Entwicklung der Gebrauchsanleitungen der 50er Jahre
Gebrauchsanleitungen wurden nötig v.a. durch elektrische Geräte; es gab hierfür noch keine etablierte Textsorte. Es wurden Anleihen gemacht an die Textsorten der Fachaufsätze, der Lehrbücher, vor allem aber an alltäglichen Textsorten wie Kochrezepte und mündlichen Anleitungen.
Besonders hervorzuheben sind die Versuche, den Leser / Nutzer zu motivieren.