Kieser Memorialmonstranzen Dissertation

Kieser Memorialmonstranzen Dissertation
Clemens Kieser
DIE MEMORIALMONSTRANZEN VON
INGOLSTADT UND KLOSTERNEUBURG
Studien zur Ikonologie
der barocken Goldschmiedekunst
Teil I: Text
Teil II: Abbildungen
Kieser: Memorialmonstranzen
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Kieser, Clemens:
Die Memorialmonstranzen von Ingolstadt und Klosterneuburg:
Studien zur Ikonologie der barocken Goldschmiedekunst /
Clemens Kieser. – Tübingen: Genista Verlag 1998
Zugl.: Braunschweig, Univ., Diss., 1997
ISBN 3-930171-19-8
2
3
Kieser: Memorialmonstranzen
Dank
Mein Dank gilt an erster Stelle Herrn Prof. Dr. Carsten-Peter Warncke,
Universität Göttingen, dessen Vorlesungen, Seminare, Exkursionen
und eigene Forschungsarbeiten mich mit der frühneuzeitlichen Goldschmiedekunst vertraut werden ließen. Das Entstehen der vorliegenden Arbeit wurde durch seine immer hilfsbereite und verbindliche
Betreuung maßgeblich gefördert. Danken möchte ich auch Herrn Prof.
Dr. Johannes Zahlten, Hochschule der Bildenden Künste Braunschweig, der die Arbeit in Zweitkorrektur beurteilte.
Wichtige archivalische Hinweise verdanke ich Herrn Dr. Siegfried
Hofmann vom Stadtarchiv Ingolstadt. Herrn Prof. Drr. Floridus Röhrig
vom Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg bin ich für seine Beratung und die Überlassung hervorragender Abbildungsmaterialien zu
höchstem Dank verpflichtet. Für die zahlreichen Hinweise und die stetige, immer wertvolle Diskussion der Arbeit möchte ich insbesondere
meiner Frau Dr. Isolde Dautel danken.
Der vorliegende Text lag 1997 dem Fachbereich für Philosophie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina in Braunschweig als Dissertation vor; für den Druck
wurde sie in wenigen Punkten überarbeitet. Die vorliegende Internetveröffentlichung 2006 folgt nicht der Paginierung der Buchveröffentlichung.
Kieser: Memorialmonstranzen
Inhaltsverzeichnis
EINFÜHRUNG...................................................................................7
FORSCHUNGSLAGE ZUR LEPANTO-MONSTRANZ ....................................12
FORSCHUNGSLAGE ZUR SCHLEIERMONSTRANZ .....................................16
GEGENSTANDSBESCHREIBUNGEN ...........................................21
DIE LEPANTO-MONSTRANZ .................................................................21
Traggestell....................................................................................21
Schaufläche..................................................................................22
Kreuzchen .................................................................................22
Schaugefäß ...............................................................................23
Schlachtdarstellung ...................................................................24
Engelsfiguren ............................................................................31
Muttergottes ..............................................................................31
Erzengel Michael.......................................................................32
DIE SCHLEIERMONSTRANZ...................................................................33
Traggestell....................................................................................33
Schaufläche..................................................................................35
Schaugefäß ...............................................................................35
Muttergottes, Agnesschleier und Putten ...................................36
Heiliggeisttaube.........................................................................37
Gottvater....................................................................................37
DIE AUFTRÄGE UND IHRE AUSFÜHRUNG .................................39
DIE AUFTRAGGEBER IN INGOLSTADT UND KLOSTERNEUBURG .................39
DIE AUFTRÄGE AN DIE GOLDSCHMIEDE ZECKEL UND KÄNISCHBAUR........46
ZÜNFTISCHE ORDNUNG UND HOFBEFREITES HANDWERK .......................60
DIE DARGESTELLTEN LEGENDEN .............................................69
LEPANTO - SYMBOLKRAFT EINES TRIUMPHES .......................................69
DIE SCHLEIERLEGENDE ALS „IKONOLOGISCHE SAGE“ ............................82
4
Kieser: Memorialmonstranzen
DIE MEMORIALMONSTRANZEN IM SPIEGEL
AUSGEÜBTER FRÖMMIGKEIT .....................................................89
INGOLSTADT ......................................................................................91
KLOSTERNEUBURG .............................................................................96
Das 600jährige Gründungsjubiläum ...........................................103
Pietas Austriaca: Leopoldsfest und Staatswallfahrt ...................106
Das Leopoldsfest unter Karl VI................................................107
Staatskult.................................................................................111
Die dynastische Symbolik der Schleiermonstranz ..................116
DIE LEGENDEN IN BAROCKER HOMILETIK ............................................119
Seeschlacht und Türkengefahr ..................................................119
Leopoldspredigten......................................................................120
DAS PRINZIP DER SUBSTITUTION ......................................................125
DIE BILDLICHE ALLEGORESE ..................................................139
DAS HOLZ DES KREUZES ..................................................................139
Lepanto und das Schiff der Kirche .............................................139
Der Klosterneuburger Hollunderbaum........................................148
DAS SANCTISSIMUM ALS TEIL DER GNADENBRINGENDEN TRINITÄT .......155
Überwindung des Halbmondes vor Lepanto ..............................155
Der „miles christianus“.............................................................160
Die Trinität als österreichische Heilsverheißung ........................162
DIE MARIENERSCHEINUNGEN ............................................................168
EDELSTEINSCHMUCK ........................................................................170
Lepanto-Monstranz ....................................................................170
Schleiermonstranz......................................................................174
EXKURS: DIE SCHLEIERMONSTRANZ ALS SYMBOL HÖFISCHEN LEBENS 180
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Kieser: Memorialmonstranzen
ZUSAMMENFASSUNG ................................................................187
DIE LEPANTO-MONSTRANZ ...............................................................187
DIE SCHLEIERMONSTRANZ ................................................................193
SCHLUSSBEMERKUNG.......................................................................195
ANHANG: QUELLEN ZUM BESATZ DER
SCHLEIERMONSTRANZ..............................................................199
LITERATURVERZEICHNIS ..........................................................202
ABBILDUNGEN ............................................................................214
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Kieser: Memorialmonstranzen
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Einführung
Diese Studie befaßt sich mit zwei hervorragenden Werken der katholischen Goldschmiedekunst des Barockzeitalters, die aufgrund ihrer inhaltlichen und formalen Einzigartigkeit unter den eucharistischen
Monstranzen von hohem kunstwissenschaftlichen Interesse sind: 1708
lieferte der Augsburger Goldschmied Johann Zeckel die sogenannte
Lepanto-Monstranz an die Bürgerkongregation Maria vom Siege in Ingolstadt. Wenige Jahre später, 1714, wurde die Schleiermonstranz für
das Augustiner-Chorherrenstift in Klosterneuburg durch Johann Känischbaur aus Wien fertiggestellt. Beide Kunstwerke sind den Sonnenmonstranzen zuzuordnen, einer formalen Weiterentwicklung der
aus Italien bekannten Scheibenmonstranz. Sonnenmonstranzen treten
im deutschen Sprachraum seit dem 1. Viertel des 17. Jahrhunderts auf
und setzten sich bis zur Jahrhundertwende weitgehend durch.1 Die
flachen Schauseiten beider Memorialmonstranzen werden von jeweils
einem goldenen Strahlenkranz hinterfangen. Bis zur Säkularisation
verfügte die Ingolstädter Monstranz noch über eine kniende Schaftfigur in Form eines Türken, die sehr wahrscheinlich eingeschmolzen
wurde. Ihrer Dekoration nach gehört die Schleiermonstranz in Klosterneuburg zu den Baummonstranzen2, denn hier werden Schaft und
Schaufläche durch einen blühenden Holunderbaum gebildet. Darüber
hinaus kann sie den „Bildhauermonstranzen“3 zugerechnet werden, da
Matthias Steinl ein Modell angefertigt hatte. Der verlorene Fuß der Ingolstädter Lepanto-Monstranz wurde ebenfalls nach einem Bildhauermodell gearbeitet. Die hier zu behandelnden Kunstwerke stehen
damit beide in engem Zusammenhang mit figürlich und szenisch gestaltetem Kirchengerät, das um 1700 vor allem in Augsburg, München
und Wien gefertigt wurde.4
1
Noppenberger, Die eucharistische Monstranz des Barockzeitalters, S. 19-24. Die früheste Sonnenmonstranz befindet sich in der Münchener Residenz. Ihr läßt sicht eine Zeichnung Hans
Krumpers (1570-1634) in der Graphischen Sammlung München (32079) zuordnen. Die Datierung
erfolgte aufgrund des Todesjahres von Krumper.
2
Noppenberger, S. 40-42
3
Der Begriff stammt von G. Woeckel und E. Herzog, Ignaz Günthers Frühwerk, S. 303-313. Hier
werden eine ganze Reihe von Bildhauermonstranzen genannt, die von namhaften Bildhauern
entworfen wurden.
4
Zit. Heppe, Figürlich und szenisch gestaltetes Altargerät der Barockzeit, S. 17
Kieser: Memorialmonstranzen
8
Noppenberger hat die beiden Monstranzen als „ikonologische Sonderfälle“ erkannt und für sie die Bezeichnung „Memorialmonstranzen“ definiert:
„Memorialmonstranzen sollen [...] jene eucharistischen Schaugefäße genannt werden, welche in ihrer Ikonologie auf die Eucharistie gar keinen Bezug nehmen, sondern ein Ereignis aus der Lokal — oder Kirchengeschichte
in Erinnerung bringen möchten. In ihrem Aufbau und in ihrer Dekoration unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den übrigen Barockmonstranzen.
Was ihre technische Ausführung betrifft, sind sie wahre Prachtstücke der
hochstehenden Goldschmiedekunst. Weil ihr bildlicher Inhalt aber mit dem
Zwecke der Monstranz gar nichts mehr zu tun hat, werden sie in der Literatur scharf kritisiert.“5
In seiner Kritik stützt sich Noppenberger auf Braun6 und Weingartner7,
die beide auf die Diskrepanz von bildlicher Darstellung und liturgischer
Funktion der Monstranzen hinweisen. Bisher ist in der Kunstgeschichte der Versuch unterblieben, diese Diskrepanz erklärend aufzulösen,
weshalb in den beiden Memorialmonstranzen bis heute wenig mehr
als spektakuläre Kuriositäten gesehen werden, denn ihre kunsthandwerklich virtuose Kleinteiligkeit rückt sie in eine trügerische Nachbarschaft zu Werken der profanen Goldschmiedekunst. Die liturgische
Funktion der beiden Zeigegeräte gerät dabei ebenso außer acht, wie
der theologische Sinn der dargestellten Szenen.
Um eine Grundlage für die ikonographische Betrachtung zu gewinnen,
müssen die Monstranzen detailliert beschrieben werden, denn die außerordentliche Komplexität der Objekte macht dieses Vorgehen unumgänglich. Auch möchte sich diese Darstellung nicht dem Vorwurf
aussetzen, sie behandle die Meisterwerke Zeckels und Känischbaurs
als bloße anthropologische Symptome8. Es soll hier nach den Zugangsbedingungen der Kunstwerke gefragt werden, ohne sie zur Illustration geschichtlicher Verhältnisse zu degradieren. Da aber gerade
der handwerklich gefertigte Gegenstand den Gehalt vermittelt, sind
Gehalt und Bild nicht gänzlich voneinander zu trennen.9 Diese ikonologisch orientierte Studie will die künstlerische Form nicht vernachlässigen, sie geht aber von dem Grundsatz aus, daß sich die ausführenden Künstler nach der Funktion des Gegenstandes und den Vorgaben
der Auftraggeber richten mußten. Im Sinne Warburgs sollen deshalb
auch Materialien aus kunstfremden Bereichen herangezogen wer5
Zit. Noppenberger, S. 62
Braun, Das christliche Altargerät, S. 383
7
Weingartner, Das kirchliche Kunstgewerbe der Neuzeit, S. 228
8
Vgl. Weidlé, Bildsemantik, S. 8 f., n. Warncke, Sprechende Bilder, S. 13
9
Warncke, Sprechende Bilder, S.14
6
Kieser: Memorialmonstranzen
9
den.10 Das berühmte, von Panofsky vorgelegte Modell des Verstehens
künstlerischer Gegenstände in drei Bedeutungsschichten, dem Phänomen-, Bedeutungs- und Dokumentsinn, kann wegen seiner z. T.
unhistorischen, vom lokalen Kontext oftmals losgelösten Ausrichtung
keine durchgängige Anwendung finden.11 Die „Wiener Schule“, vor allem vertreten durch Sedlmayr und Mrazek, die in der barocken Kunst
der Gegenreformation „tiefsinnige“ Schichtensysteme ausmachte, bietet speziell für die beiden hier zu untersuchenden, zeitlich dicht beieinander liegenden Gegenstände eine weit tragfähigere, weil historisch
angemessenere Grundlage.12 Bätschmann hat in seiner Hermeneutik
auf die grundsätzliche mediale Divergenz von Sprache und Bild hingewiesen und ein Schema der Bildauslegung erarbeitet, das wohl einige Anregungen geben kann, aber ebenfalls von einem unhistorischen Bildbegriff ausgeht.13 Insbesondere im Hinblick auf die Memorialmonstranzen, die komplizierte Verknüpfungen von Bild und Gerätschaft vorstellen, ist diese Hermeneutik jedoch nicht ausreichend,
schon aus dem Grunde, da zur Entstehungszeit der Objekte ohnehin
von einer Analogie von Wort und Bild ausgegangen wurde. Nur eine
„medienhistorische Methode“ (Warncke) kann hier zu einer befriedigenden Analyse der Kunstwerke führen.14 Es muß deshalb unternommen werden, die Monstranzen exemplarisch auch in ihrer medialen
Geschichtlichkeit zu verstehen. An die beiden außergewöhnlichen
Kunstwerke sollen Fragen gerichtet werden, die von den erwähnten
Methoden nicht explizit vorgesehen wurden. Unter dem Eindruck von
Foucault und Derrida werden die Kunstwerke in ihrer Geschichtlichkeit
gesehen, um sie in der Diskursanalyse mit verschiedenen kulturellen
Bereichen und Zusammenhängen vergleichbar zu machen.15 Beschrieben werden soll die Intertextualität der Monstranzen mit jener
Kultur, die sie hervorgebracht hat. Dabei sind einige wichtige Fragen16
zu klären: Es wird zunächst festzustellen sein, welchen Handlungs10
Wuttke, Warburgs Methode – Wuttke, Warburg, Schriften, bes. S. 601-638 – Gombrich, Aby Warburg – Kultermann, Geschichte der Kunstgeschichte, S. 201-205 – Zusammenfassend Warncke,
Sprechende Bilder, S. 11 ff.
11
Panofsky, Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung, S. 85-97 – Panofsky, Einleitung,
S. 30-54 – Panofsky, Einführung, S. 7-67–Baur, Kunsthistorik, S. 93-96–Zu den Grundlagen des
Symbolbegriffs s. v. a. Warncke, Sprechende Bilder, S. 11 f. (Anm. 9)
12
Sedlmayr, Zu einer strengen Kunstwissenschaft – Sedlmayr, Kunstwerk und Kunstgeschichte –
Mrazek, Ikonologie der barocken Deckenmalerei – S. a. Baur, Kunsthistorik, S. 90-93 u. 97 f. und
die auf Sedlmayr aufbauende Studie: Matsche, Die Kunst im Dienst der Staatsidee.
13
Bätschmann, Einführung in die kunstgeschichtliche Hermeneutik, S. 156-165
14
Warncke, Sprechende Bilder, S. 14, zit. S. 15
15
Foucault, Archäologie des Wissens, S. 182 ff. – Kaes, New Historicism, S. 253
16
Geenblatt, Kultur, S. 50 – Vgl. auch White, Foucaults Diskurs, S. 132-174
Kieser: Memorialmonstranzen
10
modellen bzw. Verhaltensweisen das Werk Geltung verschafft. Die Erklärung, warum die Memorialmonstranzen von den Zeitgenossen als
bedeutend empfunden wurden, soll von den Ansichten moderner Betrachter erläuternd abgesetzt werden. Auf die uns im Kunstwerk heute
verborgenen gesellschaftlichen Gegebenheiten, auf die es beruht, ist
hinzuweisen, auch um herauszufinden, ob es sich in seiner Aussage
direkt oder indirekt gegen eine ideologisch mißliebige Gruppe oder
Person richtet. Schließlich muß untersucht werden, mit welchen allgemeineren sozialen Strukturen der Zeit die beschriebenen Akte des
Lobens oder Tadelns in Beziehung stehen. Unter Zuhilfenahme von
ganz unterschiedlichen Vergleichsmaterialien — möglichst aus dem
lokalen Bereich — soll dann versucht werden, die Memorialmonstranzen nicht nur als Bilder, sondern auch als Gegenstände in ihrem liturgischen Kontext zu verstehen. Nicht zu vergessen ist die ökonomische
Bedeutung dieser Kunstwerke, denn beide waren in ihrem jeweiligen
Umfeld sehr teure Anschaffungen. Der materielle und künstlerische
Aufwand, der hier betrieben wurde, wie auch die Übereinkünfte der
Auftraggeber und der Künstler können selbst über die Bedeutung der
Werke Auskunft geben.17 Die Beschäftigung mit der ortsgebundenen
Ikonologie dieser Objekte ist deshalb für die Erforschung der barocken
Goldschmiedekunst von einigem Interesse. Den Gegenstandsbeschreibungen der Monstranzen folgt die Darstellung der jeweiligen
Auftragsgeschichte und ihrer Bedingungen, um anschließend eine Erklärung der überaus bedeutungsbeladenen Schlacht- und Stiftungsszenen zu versuchen. Hierbei wird zunächst von der konkreten Funktion jeder vas sacra im lokalen Kontext der Liturgie auszugehen sein.
Im weiteren Verlauf sollen deshalb nicht ausschließlich kunsthistorische Materialien befragt werden. Ebenso werden historische, theologische und literarische Texte heranzuziehen sein, um der geistesgeschichtlichen Bedeutung der außergewöhnlichen Monstranzen gerecht
werden zu können. Den Beschreibungen der beiden Goldschmiedearbeiten sei ein kritischer Forschungsbericht vorangestellt.
Das Tridentinum brachte der katholischen Glaubenslehre insgesamt
eine größere theologische Systematisierung und eine tiefere Begriffsschärfe, wodurch komplexere Bildprogramme mit einer Überlagerung
mehrerer Sinnschichten erst ermöglicht wurden. Die Theologen konnten in der Barockzeit erstmals auf die gesamte Väterliteratur zurückgreifen, die nun, auch durch Fortschritte in der Drucktechnik, erstmals
17
Vgl. Baxandall, Die Wirklichkeit der Bilder, S. 9-40 („Geschäftliche Vereinbarungen“)
Kieser: Memorialmonstranzen
11
in leichter erreichbarer Form vorlagen. Eine positive, den Quellen verpflichtete Theologie wahrte die humanistische Kontinuität, führte aber
auch die geistigen Strömungen des Mittelalters weiter. Neuerungen
verbargen sich häufig im verbalen Rückgriff auf die vertrauten Begriffe
scholastischer Autoritäten. Die süddeutschen Theologen brachen im
späten 17. Jahrhundert die Dominanz der Gelehrten aus den romanischen Ländern, ihre Schriften wurden bald in der gesamten katholischen Welt als anerkannt. Diese theologische Autorität manifestierte
sich auch in den kirchlichen Aufträgen der Zeit, speziell in den wichtigsten liturgischen Geräten, an Kelch und Monstranz, in denen die
göttlichen Geheimnisse Bild wurden. Der Kelch als Verkörperung Mariens stellte gleichzeitig das Bild des Grabes Christi vor. Noch heute
werden Kelch und Patene als „das neue Grab Christi“ bezeichnet. Die
Austauschbarkeit dieser Bilder von Kelch, hl. Grab und Maria wurde in
der Barockzeit neu belebt.18 Auch die Monstranz wurde als Domus Aurea gesehen, als eine Wohnstätte Christi. Die berühmte Prager LoretoMonstranz ist als Gegenstand ein Bild der Madonna selbst, in der
Christus in der Brotgestalt lebt.19 Diese grundsätzliche Symbolik der
Altargeräte wird bei den Memorialmonstranzen noch durch die auf ihnen dargestellten profangeschichtlichen Ereignisse überlagert, wodurch letztere im Licht der Heilsgeschichte einen Sinnzuwachs erhalten.20 Die auf der Monstranz dargestellten Historien sind Vorbilder des
christlichen Lebensvollzuges, da sie durch den heilsgeschichtlichen
Symbolgehalt der liturgischen Geräte interpretiert werden. Nach Karl
Rahner liegt der Unterschied zwischen Profan- und Heilsgeschichte
darin, daß die Profangeschichte selbst keine sichere Interpretation auf
Heil und Unheil gestattet, während die Heilsgeschichte eine solche
Deutung zuläßt: „Die Heilsgeschichte deutet die Weltgeschichte als
antagonistische und verhüllte.“21 Lepantoschlacht und Schleierfund
werden auf den Memorialmonstranzen heilsgeschichtlich als moralisch-didaktischer Appell vorgeführt. Die Erinnerungsinhalte der Monstranzen waren für die Menschen um 1700 nicht nur retrospektiver,
sondern auch prospektiver Natur. Man erinnerte sich nicht nur an das
Geschehene, sondern gleichzeitig auch an das Versprochene.22 Die
Beschäftigung mit der Ingolstädter Lepanto-Monstranz, darauf sei ab18
Schulten, Kelch und Monstranz, S. 29
Ebd., S. 32
20
Vgl. Wolfhart Pannenberg: Weltgeschichte und Heilsgeschichte. In: Geschichte – Ereignis und
Erzählung, Konstanz 1973, S. 307-323 – Rahner, Weltgeschichte und Heilsgeschichte, S. 118 ff.
21
Zit. Rahner, Weltgeschichte und Heilsgeschichte, S. 129
22
Belting, Bild und Kult, S. 20 f.
19
Kieser: Memorialmonstranzen
12
schließend hingewiesen, bildete im Rahmen einer Magisterarbeit23 den
Anlaß dieser Dissertation. Bereits im Zuge jener ersten Studie zeigte
sich, daß nur eine Untersuchung beider Memorialmonstranzen in einer
gemeinsamen Abhandlung geeignet sein kann, die Stücke wirklich
zum Sprechen zu bringen.
Forschungslage zur Lepanto-Monstranz
Die Monstranz der Bürgerkongregation Maria vom Siege zu Ingolstadt
gehört zweifelsohne zu den prominentesten Stücken der barocken
Goldschmiedekunst. Die im Jahre 1708 von dem Augsburger Goldschmied Johannes Zeckel fertiggestellte Prunkmonstranz genießt diesen Ruhm nicht ohne Berechtigung, denn sie ist, was ihre Thematik,
ihre künstlerische Formgebung und den hierbei gezeigten materiellen
Aufwand angeht, ein völlig singulärer Gegenstand. Jeder Kunstinteressierte, der sich auch nur entfernt mit barocker Goldschmiedekunst
befaßt, wird bald auf die hier zu behandelnde Lepantomonstranz aufmerksam werden, denn sie wird in der Kunstliteratur sehr häufig genannt. 24 Wie zu zeigen sein wird, hat die Bekanntheit des Kunstwerkes paradoxerweise eine gründliche kunsthistorische Darstellung verhindert, denn die Monstranz wird in der einschlägigen Literatur fast
durchweg als kunsthandwerkliche Kuriosität gehandelt und hat auch in
23
Clemens Kieser: Seeschlacht mit Realpräsenz. Die Lepanto-Monstranz des Augsburger Goldschmiedes Johann Zeckel für die Bürgerkongregation Maria vom Siege in Ingolstadt. (Magisterarbeit an der Universität Tübingen, 1993) Die Lepanto-Monstranz wurde in der Folge in zwei Abhandlungen genauer untersucht, die nun die Grundlage der diesen Gegenstand betreffenden
Passagen in dieser Dissertation bilden. (Vgl. Fußn. 24)
24
Die Monstranz wird erwähnt bei Thieme/Becker, Allg. Lexikon der bildenden Künstler, Bd.36, S.
424, hier eine Zusammenfassung der älteren Literatur. – Veit/Lenhart, Kirche und Volksfrömmigkeit
im Zeitalter des Barock, S. 60 – Müller, Ingolstadt, S. 36, Abb. S. 33 – V. H. Elbern: Art. „Geräte, Liturgische I“. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. VIII, S. 401 – Schindler, Große Bayerische
Kunstgeschichte Bd. 2, S. 342, Abb. S. 227 – Karlinger, Bayerische Kunstgeschichte, Bd. 1, S. 102,
181 – Schnell/Keysselitz, Bayr. Frömmigkeit, Nr. T 300 (m.Abb.) – Honour, Goldsmiths & Silversmiths, S. 133–137, Abb. S. 137 – Bazin, Paläste des Glaubens, Bd. 2, S. 16 f. (m. Abb.) – Hernmarck, Kunst der europäischen Gold– und Silberschmiede, S. 298 – Seling, Kunst der Augsburger
Goldschmiede, Bd. I S. 97 f. u. S. 266, Bd. II Abb. 308, Bd .III S .272 – Appuhn, Schatzkammern in
Deutschland, Österreich und der Schweiz, S. 110 f. (Abb. S. 111) – Honour/Fleming, Lexikon Antiquitäten und Kunsthandwerk, S. 682 – Heppe, Figürlich und szenisch gestaltetes Altargerät der Barockzeit, S. 25 (m. Abb.) – Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 149 f. – Döbele, Die Künstler und die Seeschlacht von Lepanto, S. 75 – Pechstein, Zur deutschen Goldschmiedekunst, In:
ders.(Hrsg.), Deutsche Goldschmiedekunst, S.11–55, Abb. 67 u. 68 – M. Müller, Art. „Monstranz“,
In: Marienlexikon, Bd. 4, S. 503 f. (m. Abb.) – Ausst. Kat. München 1991 „Jesuiten in Bayern“, S.
156 f. (Abb. S. 149) — C. Kieser, Seeschlacht mit Realpräsenz, Ikonologische Studien zur Ingolstädter Lepanto-Monstranz, S. 115-132 — C. Kieser, „Künstliche Arbeit und schönste Gedankhen“.
Bild, Kult und Rhetorik: Die Lepanto-Monstranz in ihrem zeitgenössischen Kontext, S. 43-107
Kieser: Memorialmonstranzen
13
der Wissenschaft noch kein weitergehendes Interesse erfahren. In der
Kunstliteratur wird sie zwar häufig und gerne erwähnt, jedoch fast
durchweg in allzu knapper und dabei inhaltlich oft nicht korrekter Weise. Hier seien deshalb nur die wichtigsten Erkenntnisetappen chronologisch vorgestellt: Im Jahre 1895 bewunderte man die Monstranz, die
„mit überladener Pracht, aber mit unendlichem technischen Können
den Sieg über die Türken bei Lepanto“25 darstelle. Eine erste wissenschaftlich wertende Äußerung zur Lepantomonstranz findet sich in
Georg Wilkes26 Dissertation zur kirchlichen Goldschmiedekunst in
Augsburg aus dem Jahre 1907:
„Ein merkwürdiges Monstrum ist die Ingolstädter Monstranz des Johann
Zeckel mit der Darstellung der Seeschlacht bei Lepanto. Der Vater des geschmacklosen Gedankens, das Rankenwerk mit seinem maßvoll verteilten
Figurenschmuck durch das Getümmel einer Seeschlacht zu ersetzen, dürfte wohl kaum der Augsburger Meister sein. Wir haben es vielmehr offenbar
mit einem wunderlichen Einfall des Bestellers zu tun, den der Meister so
gut als möglich auszuführen suchte, wobei es ihm jedenfalls sehr gut gelang, den Gegenstand durch geschickte Komposition zu ornamentaler Wirkung zu zwingen, so dass das Stück wenigstens aus der Ferne den Hauptzweck erfüllt, zu dem es eigentlich da ist.“27
Wilke spricht hier die schon eingangs genannten Topoi der ästhetischen Kritik an. Der Forscher gibt sich nicht die Mühe, nach der inneren Motivation der Darstellung zu fragen. Daß der Künstler auf die
Wünsche des Auftraggebers Rücksicht nehmen mußte, erscheint als
bloßer Gemeinplatz. Heute ist bekannt, daß der Auftrag von den Jesuiten initiiert wurde und daß dem Meister, wenn überhaupt, nur ein
geringerer Anteil bei der Bildinvention zukommt. Davon wird später
noch zu handeln sein.
In seinem bis heute maßgeblichen Werk gesteht der Jesuit Joseph
Braun zu, daß man Monstranzen wie die der Bürgerkongregation zwar
als „hervorragende Meisterwerke der Goldschmiedekunst bewundern“
könne, als Monstranz seien diese aber, „wenn auch gut gemeint, eine
Verirrung“28. In der getriebenen Darstellung auf der Schauseite der
Monstranz erkennt Braun jedoch eine „Allegorie auf den Seesieg von
Lepanto“29, deren gedanklicher Inhalt von ihm leider nicht weiter erläutert wird. Carl Max Haas äußert sich 1949 in ähnlicher Weise wie
Braun, wenn er festlegt, daß man die Monstranz „nicht vom künstleri25
Zit. Bezold/Riehl, Kunstdenkmale des Kgr. Bayern, 1. Theil, S. 22
Wilke, Goldschmiedekunst Augsburgs, Diss. München 1907
27
Zit. a.a.O, S.29
28
Zit. Braun, Altargerät, S.383
29
Zit. ebd., S. 393
26
Kieser: Memorialmonstranzen
14
schen, sondern nur vom kunstgewerblichen Standpunkt aus“ betrachten darf. „Künstlerisch gesehen wäre sie trotz vieler Einzelheiten ein
stilistisches Konglomerat, während sie kunstgewerblich betrachtet
Staunen und Hochachtung abnötigt.“30 Ernst Gall31 verwendet das Adjektiv „prachtvoll“, während Heinz Leitermann32 die Monstranz Zeckel
in ihrer Gesamtkomposition im modernen Sinne als „surrealistisch“
empfindet. Und Ulla Stöver spricht 1955 sogar „von einer imponierenden Grenzüberschreitung“.33
In seiner sehr verdienstvollen Dissertation hält Franz-Xaver Noppenberger schließlich zugute, daß man „trotz aller liturgischen Einwendungen“ Monstranzen vom Ingolstädter Typus „als Prachtwerke unter
den Monstranzen des Barock nicht vermissen“ möchte. Noppenberger
stellt erstmals fest, daß es sich hier zwar der Form nach um eine typische Sonnenmonstranz handelt, er bezeichnet jedoch die Ikonologie
der Darstellung als „einzigartig“34. Im Jahre 1960 wurde die LepantoMonstranz auf der Münchener Ausstellung „Eucharistia“ gezeigt. Im
zur Ausstellung erschienenen Katalog wurde hier fälschlicherweise die
Studentenkongregation der Universität Ingolstadt als Auftraggeber angegeben.35 Richtig ist vielmehr, daß es sich um einen Auftrag der Bürgerkongregation handelte.
Die vom Umfang her ausführlichste Darstellung zur Lepantomonstranz
stammt von einem Laien, dem damaligen Mesner der Ingolstädter
Bürgerkongregation, der diese 1962 anläßlich des 350jährigen Gründungsjubiläums seiner Kongregation verfaßte.36 In der unwissenschaftlichen Arbeit werden häufig historische Fakten mit mündlichen
Überlieferungen vermengt.
Im Jahre 1968 war die Monstranz auf der großen Austellung „Augsburger Barock“ in Augsburg zu sehen. Hannelore Müller äußerte hier
die vage Vermutung, daß der Riß des „barocken Ungetüms“ von dem
Augsburger Maler Johann Rieger stamme.37 Im Jahre 1972 wurde das
30
Zit. Haas, Asamkirche Maria de Victoria, S.21
Gall, Dehio – Handbuch Oberbayern, S.312
32
Leitermann, Deutsche Goldschmiedekunst, S. 89
33
Zit. Stöver, Goldschmiedekunst in Augsburg, S.365
34
Zitate aus Noppenberger, Monstranzen, S.63
35
Kat. München 1960: Eucharistia. Deutsche eucharistische Kunst. Offizielle Ausstellung zum eucharistischen Weltkongreß München 1960; Kat. No. 231, Abb. Tf. 61
36
Bauer, Prunkmonstranz der Bürgerkongregation, 1962 – Hier wird von einer Auftragserteilung im
Jahre 1678 gesprochen, was bei einer Lieferung 1708 einer Arbeitszeit von 30 Jahren entspricht.
Zeckel wurde aber erst um 1691 Meister. Die legendäre Arbeitszeit wird gerne unkritisch übernommen, z.B. von Lohmeier, Maria de Victoria in Ingolstadt, S.46 – Vgl. H. Seling: Die Kunst der Augsburger Goldschmiede 1529–1868. 3 Bde. 1980; Bd. III, S.271
37
Zit. Müller, Goldschmiedekunst 1620 – 1720, S.379, s. a. Kat. Nr. 558
31
Kieser: Memorialmonstranzen
15
Prunkstück erneut in München gezeigt. Der Titel der Ausstellung lautete diesmal „Bayern — Kunst und Kultur“.38 In seinem Aufsatz „Ingolstadt in der Kunstgeschichte Bayerns“ bringt Norbert Lieb erstmals
den Gedanken ins Spiel, daß es „wichtig ist, zu sehen und zu bedenken, wie alle bildhafte, strahlende Fülle gleich dem Barocktheater der
Jesuiten einen welt-heilsgeschichtlichen Zentralsinn innehält“.39 Weiter
ausgeführt wurde dieser interessante Gedanke von ihm jedoch nicht.
Der Ingolstädter Historiker Siegfried Hofmann legte 1976 der Öffentlichkeit erstmals die im Ingolstädter Stadtarchiv erhaltenen Quellenmaterialien vor. Darunter befindet sich als wichtigste erhaltene Urkunde
die von Zeckel 1708 ausgestellte Rechnung. Diese Archivalien wurden
vom Autor der vorliegenden Studie im Hinblick auf eine erweiterte,
erstmals ikonologisch verfahrende Deutung der Monstranz eingehend
untersucht. 40
38
Kat. München 1972: Bayern. Kunst und Kultur. S.432 f. (Kat. Nr. 1188); Abb. Tf. 30
Zit. Lieb, Ingolstadt in der Kunstgeschichte Bayerns, S.442, Abb. Nr. 21 u. 22
40
Hofmann, Maria de Victoria – Nachruf auf die einstige Kirche der Kongregation Maria vom Sieg,
S.81–137, dort v. a. S.114–122 (künftig als Hofmann, Nachruf I) – Eine Zusammenfassung dieses
Aufsatzes findet sich in Hofmann/Treffer, Cosmas Damian Asam, S.127 – 130, Abb. SS.12, 127,
128, 160 – Verwertet auch in Kat. Ingolstadt 1988, Goldschmiedearbeiten in und aus Ingolstadt;
darin auch: Hofmann, Werke der Goldschmiedekunst in und aus Ingolstadt, S.78–81, Kat. Nr. 45,
Abb. S.79 u. 122
C. Kieser: „Künstliche Arbeit und schönste Gedankhen“. Bild, Kult und Rhetorik: Die LepantoMonstranz in ihrem zeitgenössischen Kontext. In: Sammelblatt des historischen Vereins Ingolstadt,
104 (1995), S. 43-107 – C. Kieser: Seeschlacht mit Realpräsenz. Ikonologische Studien zur Ingolstädter Lepanto-Monstranz, 1708. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums (1996), S.
115-132. Auf beide Veröffentlichungen erfolgen im laufenden Text keine Einzelverweise mehr, da
sie Grundlage für die nachfolgenden Passagen zur Lepanto-Monstranz sind.
39
Kieser: Memorialmonstranzen
16
Forschungslage zur Schleiermonstranz
Wie die Lepanto–Monstranz in Ingolstadt ist die Schleiermonstranz
im Stift Klosterneuburg ein Hauptwerk der sakralen Goldschmiedekunst, das, seiner Bedeutung entsprechend, in der Kunstliteratur ebenfalls sehr häufig erwähnt und abgebildet wird.41 Dennoch ist eine
umfassende Darstellung bisher noch nicht unternommen worden. Die
wichtigsten Ergebnisse der Forschung seien deshalb zunächst in
chronologischer Weise vorgestellt.
In kunsthistorischem Zusammenhang wurde die Schleiermonstranz
1882 von Ubald Kostersitz erstmals kurz beschrieben.42 In einem Buch
über Schatzkammer und Kunstsammlungen im Stift Klosterneuburg
(1889) erfolgte eine genauere Beschreibung des Kunstwerks, auch
werden hier der Goldschmied Känischbauer und Matthias Steinl als
ausführende Künstler benannt, dies gilt auch für die weiter beteiligten
Handwerker.43 Die Gründung der Schatzkammer, in der die Schleiermonstranz noch heute aufbewahrt wird, ist auf das Jahr 1677 datiert.44
Ebenfalls 1889 publizierte der damalige Stiftsschatzmeister Ivo Sebald
eine Abhandlung, in der er sich nun ausschließlich mit der Schleiermonstranz befaßte. Nicht nur der Vertrag Johann Känischbaurs mit
dem damaligen Propst Ernst Perger wurde hier erstmals abgedruckt,
sondern auch die Quittungen der an den Goldschmied getätigten Zahlungen45, sowie ein Brief Känischbaurs an Perger, der die rapide angewachsenen Kosten der Monstranz rechtfertigt.46 Schließlich finden
sich hier noch zwei Gutachten abgedruckt, die die Rechtmäßigkeit
41
Kleinere Erwähnungen: Riesenhuber, Die kirchliche Barockkunst in Österreich (1898), S. 178 u.
S. 449 f. – ernik, Das Stift Klosterneuburg (1914), S. 47 (m. Abb.) – Rosenberg, Der Goldschmiede Merkzeichen (1922), Bd. 4, Nr. 7942 – Ginhart, Wiener Kunstgeschichte (1948), S. 144
u. S. 177 – Ludwig, Klosterneuburg, Kulturgeschichte eines österreichischen Stiftes (1951), S. 42
– Grimschitz/Feuchtmüller/Mrazek, Barock in Österreich (1960), S. 86 (Abb. XXII) – JägerSunstenau, 600 Jahre Wiener Gold- und Silberschmiede (1967), S. 36 – Mrazek, Schatzkammern und Sammlungen von Werken der Wiener Goldschmiedekunst, S. 48 (Abb. S. 50) –
Feuchtmüller, Kunst in Österreich (1973), S. 125 (Abb. 24) – Wacha, Das Nachleben Leopolds III.
(1976), S. 622 – Hernmarck, Die Kunst der europäischen Gold– und Silberschmiede (1978), S.
892 – Appuhn, Schatzkammern in Deutschland, Österreich und der Schweiz (1984), S. 124 –
Röhrig, Stift Klosterneuburg und seine Kunstschätze, S. 66 (Abb. S. 63)
42
Kostersitz, Das Chorherrnstift Klosterneuburg, S. 78
43
Boeheim/Ilg/Sebald, Schatzkammer Klosterneuburg, S. 27-30
44
Die Schatzkammer befand sich ursprünglich in der heute abgebrochen Kapelle St. Leopold im
Kapitelhaus. 1837 wurden die Exponate aus der baufälligen Kapelle entfernt. 1842 bezog man
die heutigen Räumlichkeiten. 1883 erfolgte eine Katalogisierung, 1885 die Aussonderung der seit
1802 enthaltenen naturhistorischen Gegenstände. Vgl. Boeheim/Ilg/Sebald, Schatzkammer Klosterneuburg, S. 3-7
45
Sebald, Zur Geschichte der grossen Monstranze, S. 45
46
Ebd., S. 49
Kieser: Memorialmonstranzen
17
dieser Kostensteigerungen zu beurteilen hatten.47 Über die von Känischbaur verarbeiteten Edelsteine und Perlen gibt eine detaillierte Liste Auskunft.48 Die Monstranz ist also durch Quellen außergewöhnlich
gut dokumentiert. Im Jahre 1773 erscheint sie erstmals in einem Inventar.49
Karl Drexler beschäftigte sich in seiner Arbeit von 1894 kursorisch
mit der Entstehungsgeschichte der Monstranz. Er stellte fest, daß die
Lunula aus den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts stammt.50 Diese
Ansicht wird von ihm auch in dem 1897 mit Camillo List herausgegebenen Werk vertreten, das sich ausschließlich den Goldschmiedearbeiten im Klosterneuburger Chorherrenstift widmet.51 Hier wird die
Restauration der Schleiermonstranz erwähnt, die der Propst Ubald
Kostersitz 1883 durch die Firma Brix und Anders in Wien ausführen
ließ.52 In einem Aufsatz über die Wiener Goldschmiedekunst zitiert List
aus dem bereits veröffentlichten Kontrakt zwischen Propst Perger und
Känischbaur.53 Im Jahre 1909 ist die Schleiermonstranz — erstmals in
ihrer Geschichte im Ausland und auf einer Ausstellung — in Düsseldorf zu sehen.54
In einer Studie über Matthias Steinl beschäftigte sich Wolfgang
Pauker 1912 auch mit der Schleiermonstranz, deren Entstehung er
unter Würdigung der vorliegenden Quellen schildert. Er kann zwar die
Anfertigung einer Zeichnung Steinls für die Monstranz belegen, nicht
aber deren Bezahlung.55
Moriz Dreger schreibt 1915 in einem Aufsatz über das Verhältnis
Känischbaurs zur barocken Plastik in Österreich. Er berichtet in diesem nicht nur über die Goldschmiedewerke des Künstlers, an denen
sehr häufig auch Bildhauer beteiligt waren, sondern würdigt nun erstmals seinen Einfallsreichtum bei der Erfindung neuartiger Bildideen.
Außerdem stellt Dreger hier die bisher ausführlichste Sammlung biographischer Daten Känischbaurs zur Verfügung.56 Josef Weingartner
47
Ebd., S. 50
Ebd., S. 55 f. (Abgedruckt im Anhang dieser Arbeit)
49
Ignaz Ambros Lorenz: Verzeichniss deren sich vorfindenden Sachen in der Schatzkammer, Kirche und Sakristey des Stiftes zu Klosterneuburg, 1773 (Ms. im Stiftsarchiv, Neue Rapulatur, S.
19, Beschreibung S. 12 ff.) – Außerdem Ignaz Weigl: Merkwürdigkeiten in der Kirche und Schatzkammer des Stiftes Klosterneuburg, 1790
50
Drexler, Das Stift Klosterneuburg, S. 158 f. (m. Abb.)
51
Drexler/List, Goldschmiedearbeiten in dem regulierten Chorherrenstifte bei Wien, S. 12 (Abb. Tf.
28 b)
52
Ebd.
53
List, Geschichte der Wiener Goldschmiedekunst, S. 159
54
Dreger, Die Ausstellung für christliche Kunst in Düsseldorf, S. 446 f.
55
Pauker, Der Bildhauer und Ingenieur Matthias Steinl, S. 321-325
56
Dreger, Zu Kanischbauer und der Barockplastik in Österreich, S. 521-543 (Abb. S. 525)
48
Kieser: Memorialmonstranzen
18
beschreibt 1926 die Schleiermonstranz in seinem Kompendium und
vergleicht sie dabei mit Joseph Mosers Reliquienmonstranz des hl.
Koloman (1752), die er irrtümlich für eine eucharistische Monstranz
hält. Darauf hat Noppenberger später hingewiesen.57 Weingartner wirft
jedoch beiden Gegenständen vor, „daß ihr inhaltliches Programm mit
ihrem eigentlichen Zweck und tieferen Sinn in keiner organischen Beziehung steht.“58 Auch Joseph Braun folgt ihm darin, denn er hält in
seinem Buch von 1932 die mit aufwendigem Figurenschmuck versehene Prunkmonstranz für „ornamental“ und für den liturgischen
Gebrauch nicht schicklich.59 Man habe es mit einer „bizarren Monstranz“ zu tun, die „eine Anspielung auf die Legende der Gründung des
Klosters“ beinhalte.60 Diese Wertung ist mit der persönlichen Vorliebe
des Autors für die Goldschmiedekunst des Mittelalters zu begründen,
die dem geistesgeschichtlichen Klima der Zeit verpflichtet ist. Es ist
zudem fragwürdig, von einer Anspielung zu sprechen, da hier doch
ganz deutlich die Gründungslegende Klosterneuburgs verbildlicht ist,
die den gläubigen Zeitgenossen klar im Bewußtsein war. Noppenberger hat sich in seiner ansonsten hellsichtigen Dissertation dem Urteil
Brauns über die Schleiermonstranz angeschlossen, weil „ihr bildlicher
Inhalt aber mit dem Zwecke einer Monstranz gar nichts mehr zu tun
hat.“61 Wie schon bei der Lepanto–Monstranz macht er „liturgische
Einwendungen“.62 Es wird deshalb eine Aufgabe der ikonologischen
Untersuchung der Schleiermonstranz sein, zu prüfen, ob die Prunkmonstranz den liturgischen Bedürfnissen tatsächlich nicht angemessen war, oder ob sie nicht vielmehr gerade diese spezifischen Bedürfnisse des Stiftes befriedigte. Die Schleiermonstranz ist, wie zu zeigen
sein wird, in ihrer Form- und Sinngebung von einer höchst beeindruckenden Kohärenz. Eine Diskussion um ein vermeintlich akzidentielles
Dekor erweist sich als höchst problematisch, wollte man den Kunstgegenstand dabei selbst nicht in Frage stellen. Jene Fundamentalkritik
an der Schleiermonstranz hat, wie Barbara Wild betont, ihre Wurzeln
im Bereich der Wiener Goldschmiedeforschung, denn hier „wurde die
kunsthistorische Betrachtung der Goldschmiedearbeiten noch stark
von gotischen und Renaissance–Stücken gefangen genommen, während die barocken Kunstwerke dem damaligen Geschmack nicht zu
57
Weingartner, Das kirchliche Kunstgewerbe der Neuzeit, S. 228 – Noppenberger, Die eucharistische Monstranz des Barockzeitalters, S. 63
58
Zit. Weingartner, a.a.O., S. 228 ff.
59
Braun, Christliches Altargerät, S. 383
60
Zit. ebd.
61
Noppenberger, Die eucharistische Monstranz des Barockzeitalters, S. 62
62
A.a.O., S. 64
Kieser: Memorialmonstranzen
19
entsprechen schienen.“63 Wild weist hier auf die positive Rolle Eduard
Leischigs hin, der sich schon zu Anfang des Jahrhunderts um die
Würdigung der sakralen Goldschmiedekunst des Barockzeitalters verdient gemacht hat.64
Der von Heinrich Klapsia 1943 veröffentlichte Katalog der Klosterneuburger Goldschmiedearbeiten bietet erstmals eine gute Beschreibung des Gegenstandes, der vom Autor als „Monstranz–Phantasie“65
bezeichnet wird. Etwa gleichzeitig mit Noppenberger (1958) beschreibt
und wertet Hermann Fillitz die Klosterneuburger Prunkmonstranz
erstmals nach stilkritischen Gesichtspunkten:
„Die breite Erzählung der Legende ist in ausführlichster Weise auf der
Monstranz dargestellt. Genrehafte Züge sind reichlich in die Szene
einbezogen. Steinles Monstranz knüpft viel stärker an die Arbeiten des 17.
Jahrhunderts an als die Monstranz Fischers. Ihr fehlt die kühne Verbindung
des plastischen Sockels mit dem lichterfüllten Schaugefäß. Malerische
Zartheit eignet diesem Werk, das in dem Laub der Baumkrone die Effekte
des kostbaren Materials in vielfältigen Farbabstimmungen wiederspiegelt.“66
Wenn die stilistischen Bemerkungen von Fillitz auch zutreffend sind,
so ist doch die Bezeichnung „genrehaft“67, wie in dieser Studie zu zeigen sein wird, für die Schleiermonstranz in keiner Weise tragfähig.
Der Augustinerchorherr Floridus Röhrig lobt 1961 die „unerhört freie
Gestaltung“ der Monstranz, die trotz ihrer Größe fast zierlich wirke und
ein „Unikum der Goldschmiedekunst“ sei. Der Entwurf Steinls ist für
ihn eine „phantasievolle Idee“, die auch „mehrfach nachgeahmt“ wurde
.68 Läßt man das ästhetische Lob einmal außer Acht, so darf bezweifelt werden, daß der Entwurf wirklich eine autonome Leistung Matthias
Steinls ist, oder ob er nicht vielmehr in einer engen Zusammenarbeit
mit dem Goldschmied und dem Auftraggeber entwickelt wurde.
Das Fehlen eines Kompendiums der Wiener Goldschmiedekunst
wurde erstmals 1907 von Eduard Leischig bemängelt. Diese Klage ist
bis in die jüngste Zeit ein Topos der Kunstliteratur geblieben.69 Fillitz
63
Zit. Wild, Der Goldschmied Joseph Moser, S. 8 – Zu dieser Problematik auch Wagner, Liturgische
Geräte und geistliche Insignien, S. 148
64
Leischig, Zur Geschichte der Wiener Gold– und Silberschmiedekunst, S. 345 ff. – Ders., Ausstellung alter Gold– und Silberschmiedearbeiten, Bd. 1, S. 317
65
Zit. Klapsia, Katalog der Kunstsammlungen im Stifte Klosterneuburg (V. Goldschmiedearbeiten),
S. 32
66
Zit. Fillitz, Meisterwerke der Wiener Goldschmiedekunst, S. 14
67
Dazu Fillitz (1960): „Genrehafte Züge sind in reichstem Maße in die Szene eingegangen.“ Vgl.
Fillitz, Das kirchliche Kunstgewerbe der Barockzeit, S. 265
68
Zit. Röhrig, Goldschmiedearbeiten im Stift Klosterneuburg, S. 5 (mit Abb.)
69
Vgl. Leischig, Zur Geschichte der Wiener Gold– und Silberschmiedekunst, S. 345 ff. – Wild, Der
Goldschmied Joseph Moser, S. 7 – Wagner, Liturgische Geräte und geistliche Insignien, S. 159
Kieser: Memorialmonstranzen
20
begründet das Desiderat mit der im Vergleich zu Augsburg und München wenig konstanten Entwicklung der Wiener Goldschmiedekunst,
die erst nach den Türkenkriegen ein eigenes Gesicht zu entwickeln
begonnen habe.70
Die große Ausstellung „Leopold III. — Landesfürst und Staatssymbol“
im Jahre 1985 präsentierte die Schleiermonstranz einem breiten Publikum. Der Katalog unternimmt über die bekannten Fakten hinaus keine weiteren Deutungsversuche, er kann jedoch als hervorragendes
Fundament einer kontextbezogenen Bedeutungsforschung dienen, da
er in kulturwissenschaftlicher Hinsicht einen Großteil jener Realien
vereint, die für eine ikonologische Erklärung der Monstranz Quellencharakter haben.71 Floridus Röhrig hat die Bedeutung der Realien für
das Verständnis der Klosterneuburger Monstranz im historischen Kontext an verschiedenen Stellen verdeutlicht.72 In ihrer großen Studie
über Matthias Steinl sah Leonore Pühringer–Zwanowetz die Schleiermonstranz bereits 1966 als „Mittelpunkt des ikonologischen Programms zu Ehren des hl. Leopold und des Hauses Österreich, wie es
die Scheinarchitekturen der Ehrenpforten und des Hochaltarprospekts
während der Dauer des Festes vorführen.“73
Die mannigfache Bezogenheit der beiden hier vorgestellten Memorialmonstranzen auf die bürgerliche und klösterliche Sach- und Festkultur ihrer Zeit begründet das zentrale Interesse dieser Studie, die zeigen will, daß es sich bei den hier vorgestellten Meisterwerken der
Goldschmiedekunst auch um sakrale Geräte handelt, deren bewußt
gesteigerte Bedeutungvielfalt aus spezifisch lokalem Kontext sehr genau erklärlich ist und sie deshalb in keiner Weise als bloßes „Kuriosum“74 erscheinen läßt.
70
Fillitz, Meisterwerke der Wiener Goldschmiedekunst, S. 12
Ausst. Kat. Klosterneuburg 1985 „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 554, Abb. 79 u. 80, Abb. S. 390
72
Röhrig, St. Leopolds Jagdhunde, S. 184 ff. – Ders., Echte und falsche Babenberger–
Überlieferungen in Klosterneuburg, S. 214 ff. – Ders., Haben die Babenberger die Fronleichnamsprozession eingeführt?, S. 195
73
Pühringer–Zwanowetz, Mathias Steinl, S. 101 ff. (Abb. 229)
74
Heppe, Figürlich und szenisch gestaltetes Altargerät der Barockzeit, S. 24
71
Kieser: Memorialmonstranzen
21
Gegenstandsbeschreibungen
Die Lepanto-Monstranz
Die Ingolstädter Monstranz (Abb. 1) ist eine barocke Strahlenmonstranz mit einer hochovalen, mandorlaähnlichen Schaufläche von 73 cm
Höhe und 57 cm Breite. Auf das Traggestell entfallen 40 cm. Die Gesamthöhe beträgt also 123 cm, bei einem Gewicht von etwa 18 kg.75
Traggestell
Das von Zeckel gelieferte Traggestell der Monstranz ist nicht mehr erhalten, es fiel der Säkularisation zum Opfer. Es handelte sich hier um
die Figur eines knienden Türken, die aus Gold gegossen und mit Perlen besetzt war. Diese die Mandorla tragende Figur wurde höchstwahrscheinlich eingeschmolzen. Die Bürgerkongregation mußte während der Säkularisation fast ihren gesamten wertvollen Kirchenschatz
abliefern. Das Traggestell wurde im Januar 1800 entfernt. Auf der im
Ingolstädter Stadtarchiv erhaltenen Verlustliste findet sich eine Gewichtseintragung, die auf den verlorenen Gegenstand schließen läßt.76
Für den Fuß wurden damals 278 fl. 6 kr. bezahlt. Der Betrag floß der
Stadt Ingolstadt zu.77
Die Monstranz erhielt nun zunächst ein provisorisches Gestell, das
erst 1892 durch das heutige ersetzt wurde. Der Bildhauer Stärk in
Nürnberg fertigte den Entwurf, die Firma Brehms in Trier besorgte den
vergoldeten Silberguß.
Der breitovale Fuß mißt an seiner Basis 40 cm in der Breite und ist
fast ebenso hoch. An den äußeren Enden der Fußplatte sind rundkonvexe, blankpolierte Ausbuchtungen zu sehen, auf denen sich gravierte
Inschriften befinden. Sie bilanzieren das Ergebnis der Seeschlacht.
Rechts des Schaftes steht zu lesen: „Türkenniederlage anno 1571
7.Oktober und Türken tott 30000.“ Und links: „Christen erlöset 3486
und Schiffe erobert 190 Stucke“.
75
Bauer, Prunkmonstranz, S.22
Hier findet sich die Gewichtsangabe „6 lb. 30 L. 1 Qu.“. (Das sind nach heutigem Maß etwa 3,3 –
3,5 kg.) – Vgl. Hofmann, Maria de Victoria – Nachruf auf die einstige Kirche der Kongregation Maria
vom Sieg, Teil II, S.201; (künftig als Hofmann, Nachruf II)
77
Hofmann, Nachruf II, S.202
76
Kieser: Memorialmonstranzen
22
Zwei aufschwingene Rocailleformen leiten beiderseits zum Schaft über, der mit Akanthusblättern verziert ist. Der Nodus ist von einer an
Perlen erinnernden Kugelleiste umgeben. Über dem Nodus sind im
Rankenwerk zwei Engelsköpfchen zu entdecken, sie sind parallel zur
Mandorla ausgerichtet. Den Übergang zur Mandorla bildet ein mit
Blattformen versehener Knauf. Der Künstler war hier sicherlich bemüht, Rokokoformen nachzuempfinden, insgesamt aber bildet das
Traggestell ein stilistisches Konglomerat. Die Rocaillen erscheinen
neben klassizistischem Rankenwerk, und auch historisch passen die
Rocailleschwünge nicht zur Schaufläche: Sie treten in Süddeutschland
erst in den Jahren um 1730 auf.78 Hugh Honour hat das neue Traggestell als „rather ugly“79 bezeichnet.
Schaufläche
Die Mandorla wird von einem Strahlenkranz aus vergoldetem Messing
hinterfangen. Die Strahlen sind gewellt, von unterschiedlicher Länge
und zu einzelnen Bündeln zusammengefaßt. Vor die Sonnenscheibe
ist der Dekorationsschleier gelegt. Hier dominiert ein weißer Silberton,
der sich vom Goldglanz der Strahlen abhebt (Abb. 2).
Kreuzchen
Gekrönt wird die Schaufläche der Monstranz nicht von einem Kreuzchen oder einem Kruzifixus, wie es bei Barockmonstranzen üblich ist,
sondern von einer eigenwilligen, kreuzförmig getrieben, sonnenähnlichen Treibarbeit (Abb. 3). An einen blankpolierten, konvexen Mittelkreis fügen sich in rechtwinkliger Ausrichtung vier c-förmige Voluten,
die sich entgegen dem Uhrzeigersinn eindrehen. Sie werden von
Strahlen gerahmt.
Möglich ist, daß es sich hier um die Darstellung einer Kreuzblume
handelt.80 Auch ist an eine ornamentale Sonnendarstellung zu denken.
Der Vergleich mit einer Swastika ist in der Barockzeit eher problematisch, auch ist die Swastika als Sonnensymbol nicht zwingend nach78
Angerer, Das Ornament in der deutschen Goldschmiedekunst, S.68
Zit. Honour, Gold– & Silversmiths, S.135
80
Vgl. Braun, Altargerät, S.370, Abb. 246; n. Noppenberger, Monstranz, S.37
79
Kieser: Memorialmonstranzen
23
gewiesen.81 Im Rahmen der Lichtmetaphorik der Strahlenmonstranz
drängt sich eine Sonnendarstellung jedoch geradezu auf.82
Schaugefäß
Die von getriebenen Silberwolken umrahmte Schauöffnung tritt als
vorderste Schicht aus dem Dekorationsschleier heraus. Aus den Wolken blicken 30 Puttenköpfe hervor (Abb. 5). Während einige Putti
Blitzbündel schleudern, ist von manchen nur der Kopf zu sehen. Die
Wolkenumrahmung erinnert entfernt an eine Herzform.83 Dieser Eindruck wird dadurch erzeugt, daß im Scheitel des hochovalen Sanctissimums (12 x 12,5 cm) das umgebende Wolkenband etwas nach unten gezogen ist und so an einen Herzzwickel denken läßt. Die Wolkenrahmung wird von 36 dünnen Goldstrahlenbündeln durchdrungen,
welche die Majestät des Allerheiligsten dadurch betonen, indem sie
das Strahlenmotiv des großen Sonnenkranzes wiederholen. Auf jedem
zweiten, dem jeweils breiteren, weiter aus dem Wolkenkranz herausschießenden Strahlenbündel, ist eine Brosche angebracht. Es lassen
sich 18 Broschen zählen, die in ihrer Form zwischen zwei Typen alternieren (Abb. 4). Beim ersten Typus handelt es sich um einen Rubin,
der vierständig von schwarzen Granaten umgeben ist. Die Steine sind
auf einer ausgesägten Kupferscheibe gefaßt, deren Oberfläche mit
schwarzer und weißer Farbe emailliert ist. Der zweite Broschentyp ist
etwas aufwendiger gestaltet, er trägt im Zentrum zwei nebeneinander
sitzende Rubine, die ebenfalls von vier Granatsteinen umgeben sind.
Durch die beiden Rubine wird diese Brosche breiter als die erste. Auf
der Trägerplatte sind stilisierte Lilien zu erkennen, die in weißer und
schwarzer Emailfarbe aufgemalt sind. Von jedem der beiden Broschentypen sind neun auf dem inneren Strahlenkranz angebracht, sie
zeigen gescheift-florale Formen.
Die Lunula (Abb. 5) ist von der Rückseite des leicht hochovalen
Schaugefäßes zugänglich, sie war ursprünglich in einer Kapsel zwischen zwei Bergkristallscheiben84 befestigt und kann herausgenommen werden. Der sichelfömige Halbmond wird von einem Sockel aus
Platin getragen, auf dem zwei getriebene Engelsköpfchen erscheinen
81
Lurker, Botschaft der Symbole, S.115 f
Haag: Sonne. In: LCI, Bd. 4, Sp. 175 – 178
83
Die Herzform des Schaugefäßes ist bei barocken Monstranzen sehr häufig. Vgl. Braun, Altargerät,
S.390
84
Der vordere Bergkristall ist durch Glas ersetzt worden.
82
Kieser: Memorialmonstranzen
24
(Abb. 6). Die goldene Sichel ist sparsam mit silbergeschnittenen Blattformen belegt. Am Scheitel des Mondes befindet sich ein großer roter
Turmalin, zu beiden Seiten umgeben von je zwei violetten Saphiren
und zwei japanischen schwarzen Perlen. Unterhalb der oberen Enden
der Mondsichel sitzt jeweils ein Smaragd.85 An der Unterseite der Lunula finden sich zu beiden Seiten des Scheitels drei angelötete Silberringe von etwa zwei Millimeter Durchmesser.
Schlachtdarstellung
Der Dekorationschleier wird durch eine Silberverschraubung getragen,
die die Einzelteile mit der großen Sonnenscheibe verbindet. Die Aufnahme von der äußersten rechten Seite läßt diese Konstruktion deutlich werden (Abb. 7a). Der Gesamtaufbau gliedert sich in vier übereinander liegende Ebenen, die kulissenartig von unten nach oben zurückgestaffelt sind. Diese Tektonik ist gut zu beobachten, wenn man
von der Seite in die Schaufläche hineinblickt (Abb. 7b). Die vorderste
Schicht bilden die Trophäen am unteren Ende der Mandorla. Ein wenig dahinter ist das Geschehen um das sinkende türkische Schiff zu
beobachten, das entgegen der ersten Schicht silbern erscheint. Der
Rumpf des christlichen Schiffes ist als dritte Ebene wiederum golden,
also vom Türkenschiff deutlich abgesetzt. Die vier Mastbäume, Takelage und Wolkenreliefs bilden zusammen die vierte Ebene, die wieder
in Silber belassen ist.
Es ist augenfällig, daß die zurückstaffelnde Bauart des Dekorschleiers
geeignet ist, eine kulissenhafte Tiefe zu erzeugen, ein Moment, das
auf barocken Strahlenmonstranzen höchst unüblich ist, zeichnen sich
doch jene durch die Darstellung flach erscheinender, symbolischornamentaler Bildgegenstände aus. Jede der hier genannten Ebenen
dieses gebauten Bildes soll nun in der genannten Reihenfolge beschrieben werden.
Den unteren Abschluß der Mandorla bildet eine Ansammlung türkischer Trophäen (Abb. 8). In deren Mitte, genau über dem Schaftansatz, ist der obere Brustteil eines Harnischs mit verschlossenem Visier
zu sehen. Auf dem Helm steckt ein Federbusch, die Brust des Harnisches ziert ein nach unten zeigender Halbmond an einer Kette. Zu
beiden Seiten der Rüstung ragen Lanzen- oder Fahnenenden heraus,
die am oberen Ende entweder einen Halbmond tragen oder spitz zulaufen. An den jeweils äußersten Stangen sind an einer Öse beweg85
Bauer, Prunkmonstranz, S.22
Kieser: Memorialmonstranzen
25
lich herabhängende, silberne Roßschweife angebracht. Sie sind Signa
der in der Schlacht besiegten Janitscharen, der türkischen Elitetruppen. Das Tuch der beiden äußeren Fahnen ist faltig hinter dem Harnisch gerefft, nur zwei mit einer Troddel versehene Tuchenden flattern
hervor, wie vom Wind herausgezerrt. Auf den punzierten Bannern erscheinen Längsstreifen (links) und arabeske Formen (rechts). Das
Trophäenrelief ist auf solche Art gefächert, daß es sehr genau den unteren Abschluß der Mandorla bildet.
Das Thema der zweiten Ebene ist zur Hauptsache das in der Mitte
geborstene, untergehende Türkenschiff (Abb. 8 und 9). Das Geschehen erscheint ganz in silberner Treibarbeit, jedoch sind alle Figuren
oder Kanonen Silbergüsse, die nachträglich in das Relief eingesetzt
wurden. In den sich kräuselnden Wellen vor dem Schiff sind links die
winzigen Köpfe der über Bord gegangenen Türken zu sehen. Der Kopf
eines türkischen Feldherren wurde nachträglich in die Meereswogen
eingesetzt. Er ist wenige Zentimeter neben dem Visier der Trophäensammlung sichtbar. Hinter den Fahnen der Trophäen versteckt, befindet sich ein getriebenes Boot, das mit türkischen Soldaten besetzt ist.
Ein wenig links des Achterkastells befindet sich ein ausgesetztes Beiboot, das zu beiden Seiten des Steuerruders mit Halbmonden verziert
ist. In diesem Boot sind drei gegossene Silberfigürchen zu sehen.
Ganz links steht ein bärtiger Orientale mit einem federverzierten Turban, der in Richtung des Betrachters blickt. Es soll sich hier angeblich
um den Sultan Kara Mustafa handeln.86 Rechts von ihm steht eine
glattrasierte Soldatenfigur, die einen Brustharnisch trägt und in der
rechten Hand eine Fahne hält. Über diesem, genau auf dem Heck des
Rettungsbootes, ist eine Rückenfigur mit Turban und kurzem Rock zu
sehen. Sie hält in der rechten Hand eine Lanze und scheint sich mit
der linken vom sinkenden Mutterschiff abzustoßen.
Auf der dem Betrachter zugewandten Backbordseite des havarierenden Schiffes sind drei Kanonenmündungen aufgelötet, von denen sich
zwei hinter dem Vorderkastell, die dritte nahe des Steuerruders befinden. Das Achterkastell ragt hoch auf, es ist an der Heckseite flach.
Seitlich sind im Obergeschoß vier Fenster mit Dreiecksgiebeln graviert, im Untergeschoß erscheinen vier querovale Okuli mit Fensterkreuzen. Die Heckseite ist ornamental verziert und von wulstigen Rankenrahmungen umgeben. Auf dem Achterdeck selbst erscheinen drei
mit Halbmonden verzierte Kugellampen. Hinter ihnen flattert eine Fahne mit scharfer Spitze.
86
Bauer, Prunkmonstranz, S.21
Kieser: Memorialmonstranzen
26
Auf dem Vorderkastell, das an den drei Fensterchen hinter dem Bug
zu erkennen ist, stehen drei weitere Figürchen, deren mittlere Ali Pascha, den in der Schlacht umgekommenden Oberbefehlshaber der
türkischen Flotte darstellen soll.87 Links und rechts von ihm stehen
Soldaten in Rüstung, der rechte hält eine Flagge in der Hand. An der
Reling vor dem Achterkastell stehen zwei Soldatenfigürchen mit Lanzen in den Händen. Im geborstenen Mittschiffsbereich stehen zwei
weitere Figuren knapp oberhalb der Wasseroberfläche und blicken
über die Reling. Links wieder ein Soldat mit einer Flagge in der Hand,
rechts ein bärtiger Mann mit Turban, der wohl ebenfalls einen türkischen Würdenträger darstellen soll.
Aus dem rechten Teil des Schiffes ragen vier parallele Riemen heraus,
auch rechts hinter dem Achterkastell stehen zwei hervor. Es ist deutlich, daß es sich hier um eine Galeere handeln muß, das Schiff der
Christen ist demgegenüber als reines Segelschiff erkennbar. Vor dem
Bug und auf dem Hauptdeck des Schiffes sind kugelartig getriebene
und rauh punzierte Wölkchen zu sehen, die auf einen Brand hindeuten
sollen. Auch hinter dem Heck schlägt Rauch hervor. Der vordere der
drei Masten ist geborsten, der abgebrochene Mastkorb liegt herabgesunken auf dem Vorderdeck. Auch der mittlere Mast ist auf halber Höhe abgeknickt, nur einige Taue ragen noch empor. Das am Baum flatternde Segel ist nach vorne gefallen und vierfach durchlöchert. Wohl
aus dem Grunde, um die genau dahinter liegenden Kanonen des
christlichen Schiffes besser sehen zu können. Der achtern stehende
Mast ist noch aufrecht, auch der Querbaum mit Segel hängt noch oben. Auf dem Baum sitzt ein Matrose mit Hut, der mit der rechten
Hand ein ebenfalls schon durchschossenes Segel refft. Er wird von
einem Putto bedroht, der sich im Takelwerk zwischen den beiden vorderen Masten versteckt hält, und mit Pfeil und Bogen auf den arbeitenden Seemann zielt. Sehr plastisch wird hier das himmlische Eingreifen in das Schlachtgeschehen geschildert.
Der vergoldete Rumpf des Christenschiffes kontrastiert nicht nur durch
den Farbeffekt mit dem Geschehen auf türkischer Seite, auch ist es
wesentlich größer und vergleichsweise unlädiert (Abb. 10 und 11).
Übermacht demonstriert schon die Kanonenüberlegenheit des Christenschiffes: Hier ragen 18 Mündungen aus den aufgeklappten Luken.
Die Seitenplanken des Schiffes sind mit Nachdruck formuliert, während die des Feindes eher flach wirken. Auch ist der Prunk des christlichen Achterkastells nicht zu übersehen (Abb. 12 und 13). Hier fällt
87
A.a.O., S. 22
Kieser: Memorialmonstranzen
27
der Blick auf einen Balkon, der von einer Reling mit Vasenfüllung umlaufen wird. Den Balkon rahmen zwei runde Erker, die auf ihren geschindelten Hauben geschweifte, im Wind flatternde Stander tragen.
Vor drei Arkadenfenstern stehend, blicken vom Balkon drei Halbfigürchen herab, von denen das mittlere bärtig ist und einen Pelzhut trägt.
Nach Bauer handelt es sich hier um die Figur des spanischen Königs
Philipp II..88 Diese Zuweisung ist, zieht man die Bildtradition von Lepantodarstellungen heran, durchaus möglich, aber nicht zu belegen.
Flankiert wird diese Figur von zwei Soldaten, von denen der linke eine
Fahne in der rechten Hand hält.
Über dem mittleren Arkadenfenster sitzt in einer ovalen Kartusche die
Emailmalerei des Wappens Pius’ V., die an der Tiara, den beiden gekreuzten Schlüsseln und an den diagonalen gelb-roten Streifen zu erkennen ist. Zu beiden Seiten des Wappenschildes sind kleine getriebene Rosetten zu erkennen. Auf dem Feld unterhalb des Kastellgiebels — es ist durch wulstige Treib- und Ziselierarbeit gerahmt — sitzt
eine weitere Plakette, auf der in feinstem Maleremail eine weißbärtige,
nimbusumstrahlte Figur mit einem Kruzifixus erscheint. Ein greiser
Mann blickt dem Betrachter entgegen und hat die linke Hand dabei
zum Segen erhoben. Auf dem durch Voluten gerahmten Giebelsegment ist die relativ groß wirkende venezianische Flagge mit dem getriebenen Markuslöwen befestigt (Abb. 14).
Auf dem hornförmig herabgebogenen Vorschiff (Abb. 11) stehen nun
drei weitere Halbfiguren, deren mittlere wieder die prominenteste zu
sein scheint, denn sie ist als einzige bärtig und weist mit der rechten
Hand vorwärts. Ihr zur Seite stehen zwei behelmte Soldaten: der linke
hält eine Fahne, der rechte eine Lanze in der Hand. Bauer will sie an
ihren Kopfbedeckungen als Angehörige der 1000 bayerischtirolerischen Fußsoldaten erkennen, die Herzog Albrecht V. zur Unterstützung gesandt hatte.89 Eine nicht zu belegende Behauptung.
Rechts neben dieser Figurengruppe hängt ein Silberanker die Bordwand hinab. Er wird nicht durch eine Kette an der Ankeröse gehalten,
sondern ist links hinter der am Vorschiff ansetzenden Wantenleiter
eingekeilt. Seine relative Mächtigkeit und sein farblicher Kontrast zum
goldenen Schiffsrumpf lassen den Anker deutlich hervortreten. Das
unter dem Rumpf des Christenschiffes silbern sich kräuselnde Meer ist
aus dem gleichen Silberblech gearbeitet, ebenso wie das türkische
88
Bauer, Prunkmonstranz, S.19
Bauer, Prunkmonstranz, S.19 ff.
89
Kieser: Memorialmonstranzen
28
Boot, das rechts des Achterkastells zu sehen ist. Es ist mit zehn Figürchen vollbesetzt.
Die Takelage des Christenschiffes nimmt die oberen zwei Drittel der
Mandorla ein, sie setzt unterhalb des Schaugefäßes an und zieht sich
in ihrer höchsten Ausdehnung bis knapp unter das bekrönende Sonnenrad. In dem von drei Hauptmasten gegliederten Segelwerk wimmelt es von Figuren, es wird durch die himmlischen Heerscharen bevölkert und von flach gehaltenen Wolkenbändern hinterfangen. Die
Szene bleibt jedoch insofern transparent, indem die gewellten Strahlen
der den Hintergrund bildenden Goldsonne durch den Silberschleier
hindurch erkennbar bleiben. Die vom Silberglanz dominierte Takelage
setzt sich deutlich vom vergoldeten Schiffskörper ab.
Hinter dem Anker beginnt der diagonal nach links ragende Vorbaum,
auf dessen Ende ein Mastkorb sitzt, der wiederum einen kleinen, von
einer Flagge gezierten, senkrecht aufragenden Masten trägt, an dem
sich ein kleineres Silbersegel mit einem Durchschußloch bläht (Abb.
15 und 16). Unterhalb des Mastkorbes ist ein etwas mächtigeres Vorsegel auszumachen, das gleich drei Kugeldurchgänge aufzuweisen
hat. In beiden Vorsegeln findet man die Punze einer Zirbelnuß, das
Beschauzeichen der Augsburger Goldschmiedezunft, sowie das Meisterzeichen „IZ“ des Johann Zeckel eingeschlagen (Abb. 16). Zwischen
dem Hauptdeck des Christenschiffes und dem Schaugefäß schweben
vier fliegende und blitzeschleudernde Silberputti. Sie sind auf Spiralen
befestigt und tragen die Schildwappen der an der Schlacht beteiligten
Mächte auf eingefaßten Emailplaketten bei sich (Abb. 2). Von links
nach rechts sind der Markuslöwe Venedigs, das Rot-weiß-rot des
habsburgischen Kaisers, das gespaltene Wappen der habsburgischen
Niederlande und die fünf Kugeln (Quinas) aus dem Wappen Portugals
zu erkennen. Kaiserliche Truppen aber waren an der Seeschlacht
nicht beteiligt. Hier ging es wohl um eine Reverenz an die Leistungen
Wiens bei der Verteidigung Europas gegen die Türken. An diesem Detail wird schon deutlich, daß es sich bei dieser Lepantodarstellung
nicht um eine wirklichkeitsgetreue Schlachtschilderung gehen kann,
dazu waren die historischen Fakten zu bekannt und allgemein zugänglich, wohl eher ist hier der Kampf gegen die Türken insgesamt gemeint. Durch das Wappen der habsburgischen Niederlande wird wohl
Don Juan d'Austria selbst genannt, da er dort seit 1576 Statthalter Philipps II. war. Der Spanische König wird seltsamerweise durch die Quinas repräsentiert, die nur ein Element des Wappens Portugals war,
das aber erst 1580 zu Spanien kam. Möglicherweise sind hier die
Kieser: Memorialmonstranzen
29
nunmehr fünf Königreiche90 Philipps auf der spanischen Halbinsel
symbolisiert.
Der Hauptmast wird durch das strahlen- und wolkenumkränzte
Schaugefäß unterbrochen bzw. überdeckt. Aus dem Scheitel des
Schaugefäßes erwächst der Hauptmast von neuem und verbreitert
sich zu dem mächtigsten der mit Figuren besetzten Mastkörbe (Abb.
2). Hier ist eine fünfköpfige Gruppe zu beobachten (Abb. 17): In der
Mitte steht ein reich uniformierter, mit einer federverzierten Mütze bekleideter, bärtiger Mann von etwa 1,5 cm Höhe. Er hat die Hände in
die Hüften gestützt und blickt streng in die Richtung des Betrachters.
Aufgrund seiner hervorgehobenen Plazierung soll es sich um Don Juan d'Austria handeln, den kommandierenden Admiral der Schlacht.
Rechts hinter ihm befindet sich ein ebenfalls bärtiger Mann mit einer
runden Mütze, der ein Wams mit Puffärmeln trägt. Er hat sich Don Juan zugewandt und belehrt diesen mit dem erhobenden rechten Zeigefinger. Den linken Arm hat auch er in die Hüfte gestützt. Bauer will in
dieser Figur den Genueser Andrea Doria erkennen.91 Rechts hinter
dem vermeintlichen Andrea steht ein behelmter, bartloser Soldat im
Kettenhemd, der mit der rechten erhobenen Hand wohl einmal eine
Lanze hielt, mit der linken aber eine Fahne hält. Zur Linken Don Juans
sind noch zwei weitere Figuren zu sehen, von denen die erste mit der
flachen Mütze ebenfalls eine Lanze trägt. Die Figur am äußersten
Rand ist hinter den Takelageblöcken der am Mastkorb ansetzenden
Wantenleitern verborgen. Auf den beiden Leitern ist auf unterschiedlicher Höhe jeweils ein kletterndes Figürchen zu sehen. Beide steigen,
dem Betrachter den Rücken zugewandt, der Mastspitze entgegen
(Abb. 19). Die Wantenleitern laufen empor zur Figur des hl. Geistes in
Gestalt einer Taube mit ausgebreiteten Flügeln. Die Taube ist von einem Wolkennimbus umgeben, in dem winzige Puttenköpfe zu entdecken sind, die mit geblähten Backen Wind ausblasen. Die Taube
selbst ist auf einer vergoldeten Feder beweglich gelagert. Auf der
Spitze des Hauptmastes flattert eine Fahne, die ein graviertes Malteser- oder Johanniterkreuz trägt. Das kleine Topsegel wird vom Wolkennimbus verdeckt, während das weiter unten befestigte Hauptsegel
fast völlig sichtbar bleibt.
Der hintere Großmast läuft knapp rechts am Schaugefäß vorbei. Wenig unterhalb des Mastkorbes ragt diagonal nach rechts oben der
Baum des Hauptsegels mit gerefftem Segel heraus (Abb. 19). Hier,
90
Das sind: Kastilien, Leon, Aragon, Granada und Portugal.
Bauer, Prunkmonstranz, S.15
91
Kieser: Memorialmonstranzen
30
fast auf der Höhe des Mastkorbes, klammert sich ein dem Betrachter
zugewandter Matrose fest. Er hat den rechten Fuß über den Baum gelegt und blickt, die rechte Hand an den flachen Hut gelegt, wie zum
Gruß bereit aus dem Schlachtgeschehen heraus.92
Im rechten Mastkorb stehend ist eine Dreiergruppe zu sehen (Abb.
20). In der Mitte wieder ein bärtiger Mann mit Mütze, der die rechte
Hand ebenfalls wie zum Gruß erhoben hat. In seiner vorgestreckten
rechten Faust ist ein rundes Loch auszumachen. Hier könnte ein Zepter seinen Platz gehabt haben, der die Figur als Phillip II. von Spanien
auswies, die mündliche Überlieferung hat sich jedoch auf den Dogen
von Venedig festgelegt.93 Rechts und links der besagten Figur, stehen
zwei Soldaten, die eine Fahne in ihrer rechten Hand halten. Auch an
diesem Mastbaum ist die Figur eines Matrosen zu sehen, die die Wantenleiter erklimmt. Top- und Bramsegel blähen sich unversehrt, der
Mast wird von einer Flagge bekrönt.
Der vordere Hauptmast des Christenschiffes läuft links am Schaugefäß vorbei. Das an ihm befestigte Hauptsegel trägt die Spuren dreier
Kanonentreffer. Vom Oberdeck des Schiffes führen drei Wantenleitern
zum Mastkorb hinauf, sie werden im oberen Teil von der Wolken- und
Strahlenumrahmung des Schaugefäßes überdeckt. Der Mastkorb sitzt
etwas höher als der des rechten Masten (Abb. 2). Nur der Korb des
Don Juan befindet sich noch höher. Im linken Mastkorb ist wiederum
eine Gruppe von drei Figürchen zu entdecken (Abb. 21). Deutlich im
Mittelpunkt steht hier ein bärtiger Mann mit flachem Hut, der mit der
rechten Hand herabgrüßt. Rechts von ihm sieht man einen Soldaten in
Rüstung, der in der erhobenen rechten Hand ein Schwert hält, er wird
von Wantenblöcken leicht verdeckt. Die linke Figur ist ein ähnlicher
Soldat mit einer Flagge in der rechten Hand. Auf halber Höhe der
Wantenleiter ist wiederum ein Matrose zur Mastspitze unterwegs. Das
prall geblähte Bramsegel hat ein Kanonenloch aufzuweisen. Das Topsegel unter der Flagge ist unberührt.
An den Spitzen der Hauptmasten und an den Enden der Querbäume
sind lange, im Wind wehende Silberstander angebracht. Sie durchziehen flatternd und mäandrierend die gesamte Takelage. Zum Teil sind
sie in die Wolken mit eingearbeitet, zum Teil an den Segeln anhängig
oder auch beweglich befestigt. Von jenen Silberbändern, die auch
gravierte Inschriften aufweisen, soll später noch gesondert die Rede
92
Bauer will hier ein Porträt Zeckels erkennen, was nicht zu beweisen ist, da von Zeckel kein Bildnis
existiert. Vielleicht sichert der Seemann seine Mütze in genrehafter Art auch nur gegen den Wind.
Vgl. Bauer, Prunkmonstranz, S.15
93
Vgl. Bauer, Prunkmonstranz, S.15; Die Dogenmütze ist nicht zu erkennen.
Kieser: Memorialmonstranzen
31
sein. Dem dichten Gewebe der Takelageebene sind einzelne, verhältnismäßig große Figuren vorgelagert, so der Erzengel Michael, die
Muttergottes und die Taube des heiligen Geistes. Diese Figuren sind
durch ihre Größe und ihre Vergoldung auffällig hervorgehoben. Zusätzlich werden sie durch lange Silberfedern aus dem Tagelagegewirr
so nach vorne gehoben, daß sie auf der gleichen Ebene erscheinen
wie die Umrahmung des Schaugefäßes.
Engelsfiguren
Der Takelage sind ebenfalls 18 Engelchen vorgelagert, von denen vier
Blitze schleudern und Wappenschilde tragen, neun nur Blitze schleudern und fünf Pfeile abschießen. Alle Engelsfigürchen sind sehr regelmäßig über Takelwerk und Wolken verteilt. Sie sitzen auf etwa 3
cm langen Spiralfedern, die mit Muffen an Segeln und Wolken angebracht sind. Würde man die Monstranz bewegen, so gerieten alle Putti
in eine zitternde Bewegung, ebenso wie der Erzengel die Muttergottes
und der heilige Geist in Taubengestalt.
Muttergottes
Zur Rechten des Schaugefäßes thront, genau auf gleicher Höhe der
Lunula, eine Marienfigur auf einer kugelförmig formulierten Wolkenbank (Abb. 23). Die Figur ist etwa 9 cm hoch und sitzt mit angewinkelten Beinen, ihre Knie weisen nach links. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger ihrer rechten Hand weist Maria auf den Ort des Sanctissimums hin. In ihrer Linken hält sie ein langes Zepter, mit dem sie auf
das Schlachtengeschehen deutet. Die Spitze des Zepters scheint genau auf die Emailplakette am Achterkastell des Christenschiffes zu
zeigen, auf der Pius V. abgebildet ist (Abb. 14).
Zu Füßen der Marienfigur erkennt man drei jener Broschen wieder, die
auch das Allerheiligste umkränzen. Eine Brosche mit zwei Rubinen im
Zentrum wird hier von zwei einfacheren eingerahmt. Das golden bekrönte, ein wenig nach rechts geneigte Haupt der Muttergottes wird
von zehn kleinen Sternen umfangen, die auf einem aus zwei gedrehten Silberdrähten gefertigten Kranz sitzen. Außerdem wird die Figur
von zwölf geflammten und gezackten Strahlenbündeln hinterfangen,
von denen jedes einzelne einen gefaßten runden Rubin trägt. Das
hochovale Gesicht der Muttergottes zeigt auffallend weiche Züge.
Nicht melancholisch, eher mit mildem Ernst scheint Maria den Betrachter anzublicken. Auf ihrer Brust ist ein Brillant zu sehen, der in ei-
Kieser: Memorialmonstranzen
32
ner kastenförmigen Fassung sitzt. Den Gürtel des Kleides bilden vier
queroval eingefaßte Rubine. Die punzierte und vergoldete Oberfläche
des Kleides hebt sich deutlich von der makellosen Glätte der polierten
Silberoberfläche an Gesicht und Händen ab. Ebenfalls vergoldet sind
Haar und Zepter.
Erzengel Michael
Zur Linken des Schaugefäßes ist die Figur des Erzengels Michael zu
sehen. Sie ist etwas höher positioniert, so daß sich der Kopf etwa auf
gleicher Höhe mit der oberen Rahmung des Schaugefäßes befindet
(Abb. 2). Michael kniet auf einer kleinen Wolke, auf der ebenfalls drei
der schon bekannten Broschen angebracht sind. Doch im Gegensatz
zur Muttergottes flankieren hier zwei breitere Broschen eine schlichtere (Abb. 23).
Mit seinem linken Arm hat Michael einen Lorbeerkranz auf Gesichtshöhe angehoben, um die weiter entfernt thronende Muttergottes zu
krönen. Auf einem am Kranz angehängten Silberstreifen steht „Victrici“
(Der Siegreichen) eingraviert. Über der rechten Schulterbeuge Michaels lehnt ein langer Kreuzstab. Mit der rechten Hand hält der Engel einen goldumrahmten Schild, der vor ihm auf einer Wolke steht. Auf der
blankpolierten Kartusche ist die lateinische Übersetzung des hebräischen Namens Michael zu lesen: „Quis ut Deus“ (Wer ist wie Gott?).
Um die Stirn trägt Michael eine Kopfbinde mit einem eingesteckten
Kreuz. Sein Haupt ist von einem goldenen Heiligenschein umgeben.
Auf dem Brustpanzer des kriegerischen Engels prangt, wie auch bei
der Muttergottes, ein kastenförmig gefaßter Brillant. Unter der Fassung des Steines ragen die Enden eines Malteserkreuzes hervor.
Die Flügel des Erzengels treten deutlich heraus, das Gefieder ist markant ziseliert und wirkt dadurch sehr kräftig. Das jugendliche Gesicht
Michaels hat weiche, fast mädchenhafte Züge. Wie schon bei der Marienfigur zu beobachten war, wird auch hier das silberpolierte Inkarnat
von Gesicht, Oberarmen und Händen deutlich von den vergoldeten,
unruhiger gehaltenen Teilen der Kleidung abgesetzt.
Die Schleiermonstranz
Kieser: Memorialmonstranzen
33
Die Klosterneuburger Schleiermonstranz (Abb. 24) ist eine barocke
Strahlenmonstranz mit einem baumstammförmigen Schaft und einer
hochovalen Schaufläche. Sie ist 83 cm hoch, der Fuß hat eine Breite
von 29 cm. Zugehörig ist ein 1720 für die Monstranz angefertigtes Futteral.94 Im Jahre 1883 wurde der Gegenstand im Auftrag des Propstes
Ubald Kostersitz von der Firma Brix und Anders in Wien restauriert.95
Traggestell
Auf der Unterseite des Traggestells befindet sich eine nach der Restaurierung angebrachte Gravur:
„ERNESTUS PRAEPOSITUS FABRICARI FECIT
ANNO 1714.
VBALDUS PRAEPOSITVS RESTAVRARI CVRAVIT 1883
AB AVRIFABRO BRIX ET ANDERS VIENNAE.“
Beigefügt findet sich der Name des k. k. Konservators Albert Camesina Ritter von Sanvittore. Die Restauration belief sich im Jahre 1883
auf die stattliche Summe von 571 österreichischen Gulden.96 Die Fußplatte des Traggestells (Abb. 25) hat die Form eines querovalen Vierpaßes mit einem einfach gestuften und konvex profilierten Rand, der
an der Vorderseite drei Repunzierungen trägt. Zweimal findet sich hier
der kleinere Freistempel für ältere Silberarbeiten, der im Jahre
1809/10 in ganz Österreich-Ungarn geschlagen wurde.97 Dazwischen
eine Repunze, welche hauptsächlich in den Jahren 1806/07 Anwendung fand, sie ist auf der abgewandten Seite des Fußrandes noch
einmal zu sehen (Abb. 26).98 Über dem Rand folgen erneut zwei Stufen, sie führen zu der nur leicht ansteigenden Oberseite der Fußplatte
hin, die in getriebener und gehämmerter Arbeit einen unebenen und
mit Wurzeln durchdrungenen Waldboden vorstellt. Die Grenze zwischen dem Vierpaß und dem Waldboden wird durch eine ganze Reihe
von in Silber gefaßten Edelsteine überspielt, die sowohl auf dem profilierten Rand als auch auf dem unregelmäßigen Waldboden plaziert
94
Die Verzierungen des „tabernakelartigen“ Kastens wurden von Franz Premer, die Vergoldungen
von Franz Pizenhofer angefertigt, beide stammten aus Wien. Vgl. Pühringer-Zwanowetz, Matthias Steinl, S. 246
95
Kat. Klosterneuburg 1889, Schatzkammer, S. 30 – Die Monstranz wurde dem Kloster am 29.
November 1883 zurückgegeben.
96
Kat. Klosterneuburg 1889, Schatzkammer , S. 30
97
Rosenberg, Der Goldschmiede Merkzeichen, Bd. IV, Nr. 7886
98
A.a.O., Nr. 7879
Kieser: Memorialmonstranzen
34
sind, sein Besatz ist achsensymmetrisch gestaltet, wobei die Spiegelungsachse durch die beiden umrahmten Emailmedaillons gebildet
wird, die vorne und hinten jeweils unterhalb des Baumschaftes angebracht sind. Die genaue Verortung, sowie Art und Bedeutung der auf
der Monstranz verwendeten Edelsteine und Perlen wird in dieser Studie noch ausführlicher behandelt.
Auf dem vorderen Emailmedaillon ist der Kirchenvater Augustinus im
Gewande eines Bischofs dargestellt (Abb. 25). Er hält in der rechten
Hand eine Schreibfeder über aufgeschlagenem Buch mit den sichtbaren Buchstaben „Serm de Temp“. Das weißbärtige, von einem Nimbus
hinterfangene Haupt ist der lichten Erscheinung des Heiliggeisttaube
zugewandt. Auf der Rückseite des Fußes befindet sich ein weiteres
Emailmedaillon (Abb. 26) mit dem Allianzwappen von Klosterneuburg
und dem auftraggebenden Propst Ernst Perger unter einem mitratragenden Engelsköpfchen. Das Medaillon trägt die Umschrift: „ANNO A
FVNDATIONE SAECVL SEXTO MDCCXIV“. Beide Medaillons werden
von silbernem Blattwerk mit gefaßten Smaragden und Brillanten umrahmt.
Links des Schaftes springen zwei einander entgegenstehende Windhunde empor. Die vergoldeten Tierfiguren stehen auf den Hinterbeinen und scheinen zur Schaufläche der Monstranz hinaufzubellen. Der
nach vorne springende Hund hat das linke Vorderbein über das Rücken des anderen Hundes gestreckt. Beide Figuren tragen Halsbänder
mit eingefaßtem Steinbesatz.
Rechts des Schaftes kniet der hl. Leopold, er hat den Blick des bärtigen Hauptes emporgerichtet und die Hände zum Gebet auf Schulterhöhe zusammengeführt (Abb. 26). Sein linkes Knie ruht auf einer buckeligen Erhöhung der Fußplatte, der rechte Fuß ist daneben aufgesetzt (Abb. 27). Am Gürtel des Markgrafen hängt links ein tiefhängendes Schwert, rechts an einem Schulterriemen ist ein kleines Jagdhorn
befestigt. Der knielange Rock, dessen Ärmel in die Armbeuge gerutscht sind, trägt verzierende Gravuren und kleinere Edelsteine. Auch
der Schwertriemen, die Strumpfbänder und der Gürtel tragen linearen
Edelsteinbesatz. Zwischen dem Markgrafen und dem Baumschaft liegt
eine Krone, die mit eingefaßen Granaten gefüllt ist, so daß sich ein
kugelförmiger Eindruck ergibt. Die vier edelsteinverzierten Bügel laufen unter einer weißen Perle zusammen, über der ein winziges Kreuzchen angebracht ist.
Von der Bodenplatte wächst aus vereinfachten Wurzeln ein unregelmäßig geformter Baumstamm empor, auf dessen Oberfläche noch die
Hammerspuren des Goldschmiedes sichtbar sind. Durch diese Tech-
Kieser: Memorialmonstranzen
35
nik ergibt sich ein mattierender Effekt, der den Eindruck von Baumrinde zu evozieren sucht. Im oberen Drittel zeigt der Baumstamm eine
knotige Verdickung, die von einer aufwendigen, aus Rollwerk bestehenden Ajourarbeit mit zahlreichen Edelsteinen ummantelt wird. Die
hier verwendeten Edelsteine reichen von vielen kleinen Brillanten über
Smaragde, Granate und Rubine bis hin zum großen, achteckig facettierten Saphir, auf der Rückseite findet sich ein annähernd herzförmiger roter Stein (Abb. 28). Oberhalb des Nodus gabelt sich der Baumstamm in zwei starke Äste, die jedoch in entgegengesetzter Richtung
wachsen, so daß sie sich bereits nach wenigen Zentimetern kreuzen
(Abb. 24). Über dieser Stelle hängt eine bewegliche Brosche mit vier
kreuzförmig angeordneten Perlen, die in einer rollwerkförmigen Silberfassung sitzen.
Schaufläche
Die Mandorla der Monstranz wird von einem goldenen Strahlenkranz
hinterfangen. Die 46 gewellten Strahlen sind von unterschiedlicher
Länge und vorne unregelmäßig gezackt eingeschnitten (Abb. 24).
Durch die vergoldeten Holunderäste wird sichtbar, daß sich die Strahlen nicht gegenseitig berühren, sondern unmittelbar vom Sanctissimum ausgehen, was durch die Ansicht der Monstranz von ihrer Rückseite Bestätigung findet (Abb. 28). Der Strahlenkranz wird jedoch dadurch rhythmisiert, das auf zwei kürzere Strahlen jeweils ein längerer
und breiterer Strahl folgt. Nur beim Schaft sind drei kürzere Strahlen
nebeneinander angeordnet.
Schaugefäß
Das hochovale Sanctissimum wird von einer geschliffenen Kristallscheibe verschlossen und kettenartig mit gefaßten Rubinen und Smaragden umrahmt, an den Scheitelpunkten oben und unten sitzt jeweils
ein großer Saphir (Abb. 29). Die Edelsteine befinden sich in einer
Rollwerkfassung, die auch mit kleinen Brillanten besetzt ist. Ihrer Form
nach erinnert die Umrahmung des Sanctissimums an eine aufwendig
gestaltete Halskette. Die Lunula ist mit einer Reihe von sieben Smaragden geschückt, die von zahlreichen Brillanten umgeben sind. Der
Halbmond ruht auf einem geschnittenen Granat mit der Darstellung
Kieser: Memorialmonstranzen
36
der Anbetung der Könige. Er stammt jedoch nicht von der Hand Känischbaurs, sie wurde um 1770 von Propst Gottfried Rollemann (17661772) angeschafft und hinzugefügt.99 Der geschnittene Stein weist auf
den Tag der Heiligsprechung des Markgrafen Leopold hin, die am
Dreikönigstag 1485 durch Papst Innozenz VIII. verkündet wurde.100
Um das hochovale Sanctissimum laufen die beiden Äste herum, aus
denen seitlich mehrere Zweige hervorwachsen. Doch oberhalb des
Sanctissimums überkreuzen sich die beiden Astenden hinter der Glorie des hl. Geistes. Links und rechts unterhalb Gottvaters treten die
beiden mit einer Holunderdolde und Blättern versehenen Äste hervor.
An den vielen kleineren Ästen rund um das Allerheiligste sind zahlreiche vergoldete Silberblätter zu sehen, dazwischen einige Holunderdolden darstellende Büschel aus kleinen Perlen, die zumeist im äußeren Bereich des Geästes hängen.
Muttergottes, Agnesschleier und Putten
Links unterhalb des Sanctissimums sieht man die Muttergottes auf einer Wolke knien (Abb. 30). Sie hat das Haupt nach unten geneigt und
blickt zum hl. Leopold hinab, der auf dem Fuß der Monstranz betet.
Die flache rechte Hand liegt auf der Brust, die erhobene linke Hand ist
zum Segensgestus erhoben und ragt über den Rand des Sanctissimus, wodurch sie besonders gut zu sehen ist. Maria spendet jedoch
nicht nur den Segen an den Heiligen, sondern weist durch diese Geste
gleichzeitig auf den liturgischen Platz der Hostie hin. Das unverschleierte Haupt Mariens wird von einem Nimbus aus brillantbesetzten Sternen hinterfangen. Ihr Kleid ist an den Ärmelbünden und am Gürtel mit
kleinen Smaragden verziert. Der Mantel hängt über die linke Schulter
und zieht sich unter dem rechten Ellbogen hinab, wo er vor dem
Schoß einmal verdreht ist. Die Kleidung Mariens ist in ihrem Faltenwurf insgesamt sehr plastisch formuliert, ohne jedoch die Körperlichkeit der Figur zu negieren. So zeichnen sich die knieenden Oberschenkel unter dem Kleid deutlich ab.
Durch die Äste der Baumkrone windet sich der silberne Agnesschleier,
dessen Enden — sie befinden sich etwa auf der Höhe des unteren
Sanctissimums — mit in Filigran gefaßten Perlen gesäumt sind. Der
dramatisch ins Geäst drapierte Silberschleier wird links und rechts oberhalb des Sanctissimums von jeweils einer vergoldeten Puttenfigur
99
Kat. Klosterneuburg 1889, Schatzkammer, S. 30
Kat. Klosterneuburg 1985, Hl. Leopold, S. 392 f.
100
Kieser: Memorialmonstranzen
37
gehalten. Der linke Putto hält in horizontal schwebender Stellung den
Schleier mit beiden Armen umklammert, er spreizt dabei die Flügel
und richtet den Blick auf die Lunula. Der rechte vergoldete Putto hat
seinem Gegenüber den Rücken zugewandt und hält wie dieser den
Schleier mit beiden Armen fest, wobei er in aufrechter Haltung rechts
über die Schulter zur Lunula hinabblickt. Unter jedem der beiden Putten ist an einer Öse jeweils ein kreuzförmiger Perlenanhänger beweglich aufgehängt. Auf beiden Anhängern wird ein zentraler Rubin von
vier großen Perlen umgeben. Beide gleichen dem am Gabelungspunkt
des Baumes befestigten Anhänger.101
Heiliggeisttaube
Über dem Sanctissimum ist vor einer Strahlenglorie die Taube des hl.
Geistes zu sehen. Sie hat die silbernen Flügel weit ausgebreitet, ihr
umfaßter Körper wird durch eine große Monstreperle gebildet (Abb.
31). Die Taube ist an einer Öse am oberen Rand einer querovalen und
flachgeschliffenen Almandinscheibe befestigt, der als kontrastierender
Hintergrund dient, so daß die Figur auf der Monstranz deutlich sichtbar
wird. Rund um die Umrahmung des querovalen Almandins setzen 32
vergoldete Strahlen an, die der Länge nach mit gefaßten Rubinen verziert sind. Eine Reihe dieser Strahlen ist von vorne gespalten, so daß
sie sich verzweigen. In den Zwischenräumen der rubinverzierten
Strahlen sind 32 kürzere und geflammte Strahlen aus schmucklos
vergoldetem Silberdraht angelötet.
Gottvater
Über dem Nimbus des hl. Geistes thront die vergoldete Figur Gottvaters auf einer Wolke (Abb. 31). Die rubinbesetzten Strahlen des Nimbus ragen etwas über den unteren Rand der Wolke. Die quergelagert
sitzende Figur Gottvaters ist mit nach links abgestreckten, leicht gespreizten Beinen auf der Wolke plaziert. Mit dem rechten Ellbogen
stützt sie sich auf einen übergroßen Reichsapfel, der aus einem kugelförmig facettierten Saphir mit edelsteinbesetzter Silberumfassung gebildet ist. In der rechten Hand hält Gottvater ein langes, senkrecht auf101
Sehr wahrscheinlich sind alle drei Anhänger älter als die Monstranz. – Vgl. Kat. Klosterneuburg
1943, Goldschmiedearbeiten, S. 32
Kieser: Memorialmonstranzen
38
ragendes Szepter, das mit Perlen und Brillanten verziert ist. Die linke
Hand wird mit leicht angewinkelten Fingern horizontal zur Seite hin
ausgestreckt, so daß sich der Eindruck einer anatomischen Überlängung ergibt. Mit der nach unten geöffneten Hand erteilt Gottvater den
Segen, sein langbärtiges Haupt mit den feinen Gesichtszügen ist dabei nach rechts unten zu Maria geneigt, es wird von einem flammenden Dreieck mit Edelsteinen in Kastenfassungen hinterfangen. Hinter
dem Rücken der Figur bauscht sich in dramatischem, sehr plastischem Faltenwurf ein wie durch einen Windstoß hochgewirbeltes
Stück des Umhanges auf. Der Stoff fließt dann über den rechten Oberarm auf den Schoß Gottvaters und kommt auf der Wolke zu liegen.
Der Halsausschnitt des Rockes ist weit und rund ausgeschnitten.
Rechts unten auf den kugelig formulierten Wolken ist ein unbekleideter
Fuß zu sehen.
Kieser: Memorialmonstranzen
39
Die Aufträge und ihre Ausführung
Die Auftraggeber in Ingolstadt und Klosterneuburg
Es ist nicht bekannt, zu welchem Zeitpunkt der Auftrag für die Lepanto-Monstanz an Johann Zeckel erteilt wurde. Unterlagen, die geeignet
wären, den Auftragsvorgang zu dokumentieren, sind bisher nicht aufgefunden worden. Bevor jedoch die Umstände des Auftrages und der
Lieferung der Monstranz dargelegt werden, muß der Blick auf den Auftraggeber selbst fallen: Die Ingolstädter Bürgerkongregation Maria
vom Sieg. Die Lepanto-Monstranz ist heute in der Schatzkammer der
Ingolstädter Asamkirche Maria de Victoria ausgestellt. Die Kirche jedoch ist jünger als die Goldschmiedearbeit von 1708, sie wurde erst
1732-1736 errichtet. Nachdem die Ingolstädter Universität 1800 nach
Landshut zog, verlor das bisherige Oratorium der Akademischen Kongregation Maria vom Sieg seine Bestimmung und wurde 1803 der
Stadt Ingolstadt übereignet. Im Jahre 1804 siedelte dann die Bürgerkongregation in den ehemaligen Saal der Akademischen Kongregation
über, der seit diesem Umzug auch „Viktoriensaal“ genannt wird. Die
vormalige Kirche der Bürgerkongregation, die sich fast unmittelbar
nördlich des Münsters befand, wurde aufgelöst, von ihr sind heute nur
noch Mauerreste erhalten.102 Die Monstranz befindet sich bis heute im
Besitz der Kongregation. Es ist wichtig festzuhalten, daß es sich bei
der Lepanto-Monstranz um einen Auftrag der Bürgerlichen und nicht
der Akademischen Marianischen Kongregation handelte. Beide hatten
aber die Maria vom Siege als gemeinsame Patronin. Die 1612/13 gegründete Bürgerkongregation konnte jedoch auch Ingolstädter Bürger
aufnehmen, die keine Akademiker waren.
Das Oratorium der Bürgerkongregation wurde am 4. Juli 1619 geweiht, für dieses Gebäude wurde auch später die Monstranz angefertigt. Zwei Kupferstiche103 aus der Zeit des großen Krieges vermitteln
einen Eindruck vom Inneren und Äußeren der Bürgerkirche (Abb. 32
und 33). Bei diesem Oratorium handelt es sich, darauf hat Bernhard
Rupprecht hingewiesen, um den ersten freistehenden Kongregationssaal in der Oberdeutschen Provinz.104 Die Kirche war nicht geostet
102
Hofmann, Nachruf I, S.81
Abb. 26: Kupferstich, 15 x 9,7 cm (Plattengröße), Stadtarchiv Ingolstadt, Graphische Sammlung, II
103. Abb. 27: Kupferstich, 10,4 x 6,4 cm (Plattengröße), Stadtarchiv Ingolstadt Graphische Sammlung, II 304.
104
Rupprecht, Akzente im Bau– und Kunstwesen Ingolstadts von der Ankunft der Jesuiten, S. 221
103
Kieser: Memorialmonstranzen
40
und trat mit der Fassade direkt an die Straße heran. Der bayerische
Herzog Maximilian spendete 1617 den Betrag von 500 Gulden zur Errichtung des Gebäudes. Nicht umsonst wurde sein Wappen an der
Fassade angebracht, das gleichzeitig auch das Ruhmesschild der
Kongregation war.105
Im Inneren befanden sich wohl drei Altäre: Außer dem Hauptaltar mit
dem Bild der Maria vom Siege, wie er in der Abbildung zu sehen ist,
sollen noch zwei Seitenaltäre mit Bildern der Geburt Christi und des
Kreuztodes existiert haben. Über dem Hauptaltar befand sich wahrscheinlich das Monogramm Mariens, seitliche Inschriften wiesen erst
später auf die Errettung Ingolstadts aus Belagerung und Verrat (1632
und 1633) im Dreißigjährigen Krieg hin. Die hölzerne Decke des Oratoriums war flach kassettiert. Wie auf dem Kupferstich zu erkennen ist,
befanden sich im Presbyterium zwei viersitzige Chorgestühle (Abb.
33).106 Auf der ersten Abbildung (Abb. 32) ist links im Hintergrund die
Hohe Schule zu sehen, das Hauptgebäude der damaligen Universität.
Über der Kongregationskirche prangt der Lorbeerkranz der Maria vom
Siege, der mit den Inschriften urbis tutela und civium patrona versehen
ist. Auch auf der Monstranz hält der Erzengel Michael der Muttergottes
im Krönungsgestus einen Lorbeerkranz entgegen (Abb. 23).
Durch die Ereignisse des Jahres 1632 — Gustav Adolph war nach
kurzer Belagerung der Stadt wieder abgezogen — wurde Maria vom
Sieg zur Retterin der Stadt erklärt.107 Der Schwedenkönig galt als Personifikation des protestantischen Irrglaubens, und so gab die Kongregation eine eigene Gedenkmünze heraus, die unter ihren Mitgliedern,
den Sodalen, verteilt wurde. Sie weist Maria de Victoria als Patrona
der Stadt und ihrer Bürger aus108 (Abb. 34 a/b). Später dankte man der
Siegesmadonna auch den Tod des Schwedenkönigs, außerdem wurden in den folgenden Jahren die Schlachtenerfolge der katholischen
Liga stets im Oratorium der Bürgerkongregation gefeiert.
105
Hofmann, Nachruf I, S. 86
Zit. Wildmann, Geschichte der Bruderschaftskirche Maria vom Sieg und der hiesigen Bürger–
Congregation, Ingolstadt 1897, S.8 f. – n. Hofmann, Nachruf I, S. 96
107
In Franciscus Langs Schrift „Bojonarchus sive principes Bavariae sub Nomine Boionarchi Religionis Defensores“ von 1689 ist ein Emblem enthalten, das die erfolglose Belagerung Ingolstadts
durch Gustav Adolph thematisiert: „Irrita Ingolstadiensis obsidio“. Ingolstadt als heldenhafte Jungfrau widersteht dem Werben des Freiers Adolph. Ingolstadt wird als „Angelopolis“ (Engelstadt)
bezeichnet. Vgl. Bauer, Das Bild als Argument, S. 100 f.
108
Vorderansicht: Maria vom Sieg mit gekröntem Haupt, eine Palme in der Linken, das Kind in der
Rechten, das mit der Kreuzlanze den Drachen unter ihen Füßen durchbohrt, zwischen der Jahreszahl „16“ und „33“. Legende: „SANCTA MARIA DE VICTORIA INGOLSTAD[T]“. Rückseite: Stadtansicht Ingolstadt, darüber ein Band mit der Jahreszahl „1633“. Legende: „VRBIS TVTELA CIVIVM
PATRONA“. Durchmesser: 2,4 cm. Stadtmuseum Ingolstadt, Münzkabinett.
106
Kieser: Memorialmonstranzen
41
Der 1632 in Ingolstadt verstorbene General Tilly hatte seine Siege ebenfalls der Maria vom Siege zugeschrieben.109 Seit dem glorreichen
Sieg am Weißen Berge 1620 wandelte sich die Türkensiegerin Maria
de Victoria zur Siegerin und Beschützerin der katholischen Lande. Anlässlich dieses Sieges wurden zahlreiche Kirchen errichtet, die Maria
vom Siege genannt wurden.110 Tillys Neffe, Graf Werner von Tilly, der
damals Ingolstädter Statthalter war, schenkte der Bürgerkongregation
am Todestag seines Onkels das rote Kornett des Generals. Zusammen mit dieser Standarte hängte man im Oratorium auch die Fahnen
von Magdeburg und andere Kriegsfahnen auf, wie ein Inventar
zeigt.111 Es ist deshalb naheliegend, daß das Motiv der Türkentrophäen, das ja gleichfalls Flaggen zeigt, auf der Lepanto-Monstranz wieder
aufgegriffen wurde. Die Ausstattung der Kirche wurde somit in das
Schlachtgeschehen der Monstranz einbezogen, wodurch sich ein sehr
gesteigerter Effekt ergeben mußte.
Es ist also wichtig festzuhalten, daß dem Patronat Maria de Victoria
zur Zeit der Auftragserteilung an Johann Zeckel bereits eine mehrfache Bedeutung zugewachsen war. Sie war nicht mehr nur die Türkensiegerin von 1571, die der katholischen Kirche einen symbolischen
Triumph beschert hatte, sondern sie war auch die persönliche Beschützerin der Stadt Ingolstadt und ihrer Bürger im Dreißigjährigen
Krieg geworden, während dessen Dauer sie Pest, Hunger und Besatzung durch die Schweden abwandte. Später kam die Victoria außerdem Prinz Eugen von Savoyen und dem „Blauen Kurfürsten“, Max II.
Emanuel von Bayern, zu Hilfe, die 1683 die Türken vor Wien gemeinsam schlagen konnten. Am 6. September 1688 sollte der Bayernfürst
— dank der himmlischen Fürsprecherin — als Eroberer von Belgrad
erneut über die Türken triumphieren. Als die französischen Besatzer
1796 die Ingolstädter „Frauenkirche entheiligen“ wollen, werden sie
durch die Siegesmadonna davon abgehalten, die „am Firmamente als
Beschüzterin gesehen worden sein“112 soll. 1834 bricht die Cholera in
allen bayerischen Städten aus, nur Ingolstadt bleibt durch die Protektion seiner Patronin verschont.113
Behält man alle diese historischen und religiösen Aspekte im Auge,
hier seien nur die wichtigsten genannt, so wird deutlich, daß der
Monstranz zum Zeitpunkt ihrer Lieferung bereits eine enorme ge109
Hofmann, Nachruf I, S. 92
Coreth, Pietas Austriaca, S. 46 – Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 148 f.
111
Hofmann, Nachruf I, S. 95
112
Zit. Wildmann, Geschichte der Bruderschaftskirche, S. 77
113
Ebd.
110
Kieser: Memorialmonstranzen
42
schichtliche Symbolkraft zukommen mußte. Das galt nicht nur für den
städtischen Bereich der Bürger, sondern auch im gesamtkatholischen
Rahmen. Der Kampf gegen die Türken nach der Reformation setzte
sich in den konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Liga und
Union auf anderer Ebene fort. Maria wurde zum Zeichen des Sieges
gegenüber allen Feinden des Altglaubens.114 Seit 1590 forderten die
bald überall läutenden „Türkenglocken“ die Gläubigen täglich zur Mittagszeit zum Fürbittgebet auf. Schon dadurch blieb die Türkengefahr
stets im Bewußtsein der Menschen. Dieses Läuten hat sich bis heute
als sogenanntes Angelusläuten erhalten.115 Der Monstranz als Kultgegenstand mußte deshalb im volksfromm-naiven Sinne eine Verehrung
zuteil werden, die sie zu einem Objekt von nachgerade apotropäischer
Kräften erhob.
In der Bürgerkongregation Maria vom Siege dominierte natürlich die
Ingolstädter Bürgerschaft, die ihre Belange auch selbst verwaltete.
Trotzdem war der Einfluß der Jesuiten in der Kongregation allgegenwärtig, sie hatten in spiritueller und auch administrativer Hinsicht stets
das letzte Wort, obwohl sie lediglich den Präses stellten, der den gewählten Vorstand in geistlichen Fragen beraten sollte. Diese Machtstellung darf nicht verwundern, waren doch die weit verbreiteten Marianischen Kongregationen stets jesuitische Einrichtungen. 1563 war
in Rom bereits eine Marianische Kongregation gegründet worden, der
durch den Sieg bei Lepanto 1571, den man der Fürbitte der Muttergottes zuschrieb, das Motiv der Maria vom Siege zugewiesen worden
war. Die Marianischen Kongregationen waren von Anfang an ein jesuitisches Instrument und befanden sich stets unter der Kontrolle des Ordens. Erklärtes Ziel war es, der Jugend, parallel zur Lehre an den
Gymnasien und Universitäten, auch über diese Institutionen einen
gleichermaßen verinnerlichten wie auch extrovertierten Frömmigkeitsstil nahezubringen.116 Der General der Gesellschaft Jesu hatte auch
die oberste Leitung der Marianischen Kongregationen inne, und in Ingolstadt war die jesuitische Aufsicht in den Statuten der Kongregationen festgeschrieben.117 Von den Sodalen der Bürgerkongregation forderten die Jesuiten mehr als von anderen Gläubigen der Stadt. Sie
sollten laut Satzung „jedes Jahr zum wenigsten sechsmal beichten
114
Guth, Geschichtlicher Abriß der marianischen Wallfahrtsbewegungen, S. 786
Veit/Lenhart, Kirche und Volksfrömmigkeit, S. 64 – Schreiber, Das Türkenmotiv und das deutsche
Volkstum, S. 31 f.
116
Vgl. Hubensteiner, Vom Geist des Barock, S. 72 ff.
117
Vgl. Paulussen: Marianische Kongregation. In: LThK, Bd. 7, Sp. 50 f. – Braun, Liturgisches Handlexikon, S. 175
115
Kieser: Memorialmonstranzen
43
und das hochheylige Sacrament des Altars empfangen“.118 Unverkennbar lag der disziplinierende Schwerpunkt also auf Beichte und
eucharistischer Frömmigkeit. Die Sodalen kommunizierten wohl mindestens alle 14 Tage. Das ist sehr häufig, wenn man bedenkt, daß
noch im 16. Jahrhundert die Annahme verbreitet war, für den Laien sei
mehr als der einmalige Eucharistieempfang im Jahr nicht statthaft.119
Für die Jesuiten muß es allerdings überraschend gewesen sein, daß
sich die Bruderschaft einer solch unerwarteten Beliebtheit erfreute. So
konnte Ignaz Dominikus Schmidt im 18.Jahrhundert schreiben:
„Vnd ist es gleichsam ein Burger und Sodalis seyn allhier ein Ding, als wan in
dieser vösten Stadt keiner Burger seyn könte, er wäre dan in der Bruderschafft Mariae de Victoria.“120
In der Tat hatte die Bürgerkongregation 1649 bereits etwa 1000 Mitglieder, eine Stärke, die nur zeitweilig von der Münchener Kongregation übertroffen wurde.121 Eine derartige Popularität mußte der jesuitischen Intention, erzieherisch eine strenggläubige und tätige Elite auch
in der Bürgerschaft heranzubilden, allerdings gründlich entgegenlaufen.122 Der enorme Zulauf der Bürgerkongregation führte zu einer Verarmung der nahen Pfarrkirche. Schon 1648 heißt es in einer Klage der
Liebfrauenpfarrei, daß man
„aus Armut der notwendigen Ornamente und Paramente entbehrt, das Oratorium hingegen nicht allein Überfluß an solchen Dingen hat, sondern auch so
reich wird, daß es viel Geld nicht zu notwendigen Ausgaben verwenden
kann.“123
Es ist aufschlußreich, daß hier auch die „zu häufige Aussetzung des
Allerheiligsten im Oratorium“124 kritisiert wird, denn daraus läßt sich
schließen, daß der Monstranz als liturgisches Gerät in der Bürgerkongregation große Wichtigkeit zukam, wurde doch die Hostie in der Lunula zur Anbetung ausgesetzt. Wichtig ist hier vor allem, daß die jesuitischen Geistlichen bei der Auftragsvergabe an die Künstler maßgeb118
Statuten, Stadtarchiv Ingolstadt, A V /74g, n. Hofmann, Nachruf I, S. 84 – Alle Siglen beziehen sich,
wenn nicht anders gekennzeichnet, auf das Ingolstädter Archiv.
119
Veit/Lehnhart, Kirche und Volksfrömmigkeit, S. 110
120
Bayerische Staatsbibliothek München, Handschriftenabteilung Cgm. 2004, f. 91 r. – Zit. n. Hofmann, Nachruf I, S. 85
121
Krammer, Bildungswesen und Gegenreformation, S. 182
122
Bosl, Stellung und Funktion der Jesuiten, S. 165; Die Bürgerkongregation hatte bereits 1649 mehr
als 1200 Mitglieder. Vgl. Kratz, Aus alten Zeiten, S .80 – Miller, Die Marianischen Kongregationen
im 16. und 17. Jahrhundert, S. 85: P. Coster beschreibt die erzieherischen Intentionen der Jesuiten
in seinem „Libellus Sodalitatis“ (Köln 1610).
123
Bayerische Staatsbibliothek München, Clm. 26 479. n. Duhr, Bd.2/2, S. 95 f.
124
Ebd.
Kieser: Memorialmonstranzen
44
lich mitredeten, so daß die Sodalität oftmals über diese Bevormundung klagte.
Als Auftraggeber der Schleiermonstranz trat im Wesentlichen der
Klosterneuburger Propst Ernst Perger auf. Perger studierte an der
Wiener Universität Theologie und promovierte sich 1694 in einer Disputation über das Thema „De Deo uno et trino“ zum Bakkalaureus, im
folgenden Jahr erfolgte die Doktordisputation über einige Textstellen
aus Thomas von Aquins „Summa Theologica“ mit sehr großem Erfolg.
Am 6. Mai 1696 fand die Promotion zum Doktor der Theologie statt,
allerdings nahm man Perger erst 1698 in die Theologische Fakultät
auf. Bis zum Erreichen der Doktorwürde in der Theologie war in Wien
ein Studium von mindestens elfjähriger Dauer nötig. Für ein Jahr, vom
6. Dezember 1709 bis zum 6. Dezember 1710, wurde der Chorherr
Perger sogar zum Dekan gewählt. Mit dem Doktordiplom erlangte der
Geistliche einen sozialen Status, der ihn mit Adelspersonen gleichstellte.125 Außerdem muß in Betracht gezogen werden, daß Pergers
Doktorpromotion im heutigen Sinne einer Habilitation entsprach. Als
Dekan der Wiener Universität hatte sich Perger sogar ein Anrecht auf
den erblichen Adel verdient. Diese Gepflogenheit exitierte im Reich
ausschließlich an der Wiener Universität und wurde dort 1752 untersagt.126 Auf der Schleiermonstranz befindet sich das Wappen Pergers
auf der hinteren Seite des Fußes. Bereits im Jahr 1710 bekleidete der
Klosterneuburger Chorherr und Propst Dr. Ernst Perger das Amt des
Rektors der Wiener Universität. Nach dem Propst Dr. Thomas Rueff
(1608 Rektor) war er der zweite Klosterneuburger Geistliche, der dieses Amt innehatte.127 Perger verfügte nicht nur über großen Einfluß an
der Universität, er stand auch an den kaiserlichen Höfen von Karl VI.
und Maria Theresia in hohem Ansehen. Von den Landständen wurde
er zum Reitherrn ernannt, dann zum Verordneten des Prälatenstandes
und wurde schließlich Mitglied im immerwährenden Ausschuß.128 Die
sehr hohe wirtschaftliche Macht des Propstes Perger zeigt sich auch
darin, daß Klosterneuburg zu Anfang des 18. Jahrhunderts über 1469
Grundholden hatte und damit nur knapp hinter Stift Lilienfeld (1492)
lag. Die monetäre Stabilisierung nach den Edikten von 1692/93 bescherte dem Stift Wohlstand.129 Erst die josephinische Epoche sollte
125
Jordak, Die Universität Wien, S. 59
Domandl, Kulturgeschichte Österreichs, S. 304
127
Wintermayr, Beziehungen des Stiftes Klosterneuburg zur Wiener Universität, S.204 f.
128
Fischer, Merkwürdige Schicksale, Bd. 1, S. 316
129
Bérenger, Die Geschichte des Habsburgerreiches, S. 387
126
Kieser: Memorialmonstranzen
45
eine leichte Schwächung der politischen und ökonomischen Macht
Klosterneuburgs bringen.130
Als Auftraggeber architektonischer Projekte war Perger — seit 1706
Propst — von großer Zurückhaltung: Die noch von seinem Vorgänger
bei Jakob Prandtauer bestellten Pläne zum Umbau des Stiftes ließ er
unverwirklicht. Erst ab 1723 setzt seine Bautätigkeit mit der barocken
Umgestaltung der Stiftskirche ein. Nach Plänen Matthias Steinls entstehen Kaiseroratorium, Chorgestühl und Hochaltar. Dem 1727 verstorbenen Steinl folgte der Architekt Donato Felice d´Allio nach, er übernahm die Bauleitung und gestaltete das Presbyterium neu. Die Barockisierung der Stiftskirche war 1730 beendet und das frühere Refektorium (heute Augustinus-Saal) barock umgebildet.131 Im gleichen Jahr
machte d´Allio mehrere Entwürfe für den Neubau der gesamten Klosteranlage. Am 15. Juni 1730 wurde der Grundstein gelegt, aber anläßlich seines Aufenthaltes zum Leopoldsfest am 15. November verlangte
Kaiser Karl VI. neue Pläne mit noch größerer Prachtentfaltung. Der alte Gedanke von der Klosterresidenz war weiter existent und seit der
legendären Gründung unter Markgraf Leopold III. nie in Vergessenheit
geraten. Der bei Fertigstellung der Schleiermonstranz amtierende Kaiser Karl VI. hatte vor seiner Krönung für kurze Zeit Spanien regiert und
wollte sicherlich dem großen Vorbild des Escorial nacheifern. Der ambitionierte Plan d´Allios wurde von Perger und seinem Konvent nur widerstrebend gebilligt, da er das Kloster in den finanziellen Ruin getrieben hätte. Nach vielfältigen Planänderungen wurde der Ausbau 1741
unter Maria Theresia schließlich eingestellt.132 Trotz seiner anfänglichen Zögerlichkeit in Baufragen muß doch die Behauptung bezweifelt
werden, Ernst Perger sei in seinem Charakter ein „schlichter, strenger
Ordensmann“133 gewesen. Gegen diese Behauptung spricht jedoch,
daß Ernst Perger aus seinem Privatbesitz einen nicht unbeträchtlichen
Teil des Edelsteinbesatzes beisteuerte. Er stiftete einen wertvollen Diamantring und finanzierte einen großen Teil des weiteren Preziosenschmuckes. Nach dem „Verzeichniss der auf die grossen Monstranze
verwendeten Perlen und Steine“ stiftete Perger Rubine, Granate und
Perlen, deren genaue Anzahl nicht genannt wird. Der Propst bezahlte
jedoch für alle der verarbeiteten Saphire, sie werden mit einem Ge130
Ludwig, Hervorragende Pröbste Klosterneuburgs in ihrer Beziehung zum politischen Zeitgeschehen, S. 246
131
Röhrig, Klosterneuburg, S. 74 f.
132
A.a.O., S. 76
133
Zit. a.a.O., S. 74
Kieser: Memorialmonstranzen
46
genwert von insgesamt 2320 Gulden aufgelistet.134 Die Steine wurden
von dem kaiserlichen „Sigill-, Stein- und Münzeisenschneider“ Johann
Michael Hoffmann geliefert. Die starke finanzielle Beteiligung des
Propstes und die genaue Überwachung des Künstlers dokumentiert
auch die hohe innere Anteilnahme des Auftraggebers, der sich laut
Kontrakt in dem Emailwappen am Fuße der Monstranz verewigt sehen
wollte, die eine Gabe zum 600jährigen Bestehen des Stiftes war. Der
Auftrag zur Schleiermonstranz bezeugt das ausgeprägte Selbstbewußtsein der Klosterneuburger Chorherren und ihres Propstes sowohl
in geistlich-politischer, als auch in künstlerischer Hinsicht: Sie bestellten einen liturgischen Gegenstand von höchst innovativer und ambitionierter Formgebung, der durch seine aufwendige Ausstattung bestach. Küchelbecker notierte deshalb 1730:
„Im Stifte befindet sich eine sehr kostbare und in Form eines Baums
gearbeitete und mit vielen Edelgesteinen besetzte Monstranz, so über 30000
fl kostet. Es soll solche die Hollunder-Staude, woran der Schleier gehangen,
bedeuten und kniet unten auf demselben Piedestal der Heilige Leopold nebst
zwei Windhunden.“135
Angesichts der für die Zeitgenossen enormen Kosten des Objektes
kann die Behauptung nicht aufrecht erhalten werden, daß in der kirchlichen Goldschmiedekunst der Barockzeit nur der optische Effekt der
verarbeiteten Materialien maßgeblich gewesen sei.136 Die Schleiermonstranz bezeugt im Gegenteil gerade die Wichtigkeit authentischen
Silbers, von Edelsteinen und Halbedelsteinen. Das Material ist hier der
Formgebung des Gegenstandes gegenüber gleichberechtigt, es unterstreicht ausdrücklich Aussage und Anspruch des Kunstwerks.
Die Aufträge an die Goldschmiede Zeckel und Känischbaur
Mit anfallenden Goldschmiedearbeiten betraute die Bürgerkongregation in Ingolstadt anfänglich ausschließlich einheimische Meister. Erstmals ist aber 1640, dann wieder im Jahre 1643, von einem nicht näher
bezeichneten Goldschmied aus Augsburg die Rede. Wahrscheinlich
begannen die jesuitischen Praesides, so vermutet Hofmann, bei der
Vergabe von Goldschmiedeaufträgen verstärkt nach Augsburg zu ten134
Vgl. das „Verzeichniss der auf die grosse Monstranze verwendeten Perlen und Steine“ im Anhang dieser Arbeit.
135
Zit. Küchelbecker, Allerneuste Nachricht vom Römisch=Kayserl. Hofe, Kap. XII, S. 826, n. Pauker, Der Bildhauer und Ingenieur Matthias Steinl, S. 324
136
Fillitz, Das kirchliche Kunstgewerbe der Barockzeit, S. 264
Kieser: Memorialmonstranzen
47
dieren.137 Trotzdem bildeten solche Bestellungen zunächst eher die
Ausnahme, bis man Johann Zeckel gleich eine ganze Reihe von Aufträgen erteilte, die sich allerdings über einen längeren Zeitraum erstreckten. Die Lepanto-Monstranz ist nur eine der von Zeckel gelieferten Arbeiten. Bereits im März 1698 vollendete der Augsburger Goldschmied zwei kostbare Silberbildnisse von Maria und Joseph, die mit
1023 fl. 27 kr. kräftig zu Buche schlugen.138 Im selben Jahr schreibt
der damalige Präses der Kongregation, P. Guilielmus Mayr:
„Den 16. April hab ich dem Goldschmid Zäggl 116 fl. 15 kr. nachher Augspurg
geschikhet, vnd hiemit die ganze restierende Schuld wegen den 2 silbernen
Bilder völlig abgezahlt.“139
Hofmann folgert aus diesem Eintrag, daß die Auftragsvergabe an Zeckel auf das Betreiben des Jesuiten zustande kam.140 Die Bezahlung
bereitete aber selbst der sehr wohlhabenden Kongregation Schwierigkeiten, die Kosten überstiegen sogar die der Lepanto-Monstranz. Im
Jahre 1708 kamen zwei weitere Werke Zeckels in Ingolstadt an.
Diesmal handelte es ich um die Silberbildnisse von Joachim und Anna. Wieder war ein Jesuit für die Erteilung des Auftrages verantwortlich, er hatte auch die Verhandlungen mit Augsburg übernommen. Am
30. Januar 1707 berichtet er dem Marianischen Rat:
„Darauf hab ich ihnen mit sonders Gefallen den Brieff P. Simonis Mayr zu
Augspurg wegen der silbernen Bilder vorgelesen. Wie auch ein Formular für
jene, so zu disen Bilderen ohne Zins leichen wurden, das ihnen auch gefallen.“141
Daraus läßt sich entnehmen, das der Jesuit Simon Mayr, ein Mitglied
des Augsburger Kollegs, für die Bürgerkongregation die Rolle eines
Kunstagenten übernommen hatte. Auch beim Auftrag für die beiden
ersten Silberbildnisse hatte der Jesuitenpater eine vermittelnde Rolle
gespielt. Dies zeigt das Protokoll einer Bruderschaftssitzung vom 24.
Juni 1707:
„Endtlich soll P. Simoni Mayr wegen der vilfältigen Bemühung bey den 4 silbernen Bildern ein Dankhschreiben ausgefolgt werden und darinnen versprochen, man wolle ihne wie ein P. Praesidem nach seinem Todt besüngen.“142
137
Hofmann, Nachruf I, S. 109
a.a.O, Rechnung R 50, 1698, S. 7
139
Zit. R 50, 1697, letztes Blatt – Zit. n. Hofmann, Nachruf I, S .115
140
Hofmann, Nachruf I, S. 115
141
A.a.O., Diarium, S. 137
142
A.a.O., Diarium, S. 290
138
Kieser: Memorialmonstranzen
48
Johann Zeckel arbeitete bei der Anfertigung aller vier Silberbildnisse
nach Holzvorlagen, die am 8. Juli 1707 der Kongregation geliefert
wurden: „Heut seynd die geschnitzlete Bilder der Heiligen Maria, Joseph, Joachim und Anna von Augspurg auf dem Wasser angekommen.“143 Am Tag darauf bekamen die Sodalen die neuen Silberbildnisse der Heiligen Joachim und Anna erstmals zu Gesicht.144 Bei allen
vier Goldschmiedearbeiten muß es sich um Reliefs gehandelt haben,
schreibt doch P. Simon Mayr im Herbst 1706 an die Bürgerkongregation, daß er sich „eyffrigist anerbit, die zwey silberne Tafflen SS. Joachim und Anna auch verfertigen zu lassen“.145 Die beiden neuen Goldschmiedearbeiten waren mit 1113 fl. 4 h.146 ebenfalls teurer als die
Monstranz. Alle vier Silbertafeln sind jedoch verloren gegangen.
Am Beispiel der Silberbildnisse wird deutlich, wie reibungslos die
Kommunikation zwischen dem Präses der Bürgerkongregation und
dem Jesuitenpater Simon Mayr in Augsburg vonstatten ging. Von einem prägenden Einfluß der Jesuiten auf Invention und Ausführung der
Monstranz ist deshalb grundsätzlich auszugehen: Simon Mayr (16501721) war sechzehn Jahre lang (1691-1707) Präses der Marianischen
Kongregation in Augsburg. Schon vorher hatte er in der Bürgerkongregation in München das gleiche Amt bekleidet, wo er bei der Errichtung des Versammlungssaales beteiligt war.147 Briefverhandlungen
oder Protokolle eventuell mündlicher Absprachen zur Ausführung der
Monstranz sind im Diarium der Bürgerkongregation nicht enthalten.
Diese Fragen wurden wohl eher in privater Korrespondenz oder mündlicher Absprache zwischen den Ingolstädter und Augsburger Jesuiten
diskutiert. Aus dem Diarium geht jedenfalls hervor, daß der Augsburger Jesuit Mayr nicht nur die vier Holzvorlagen schnitzen ließ, sondern
auch die Anfertigung der Silberbilder persönlich überwachte.148 Die
Jesuiten hatten sich gegen Bürger in der Kongregation durchgesetzt,
die lieber einem Ingolstädter Goldschmied den Auftrag erteilt hätten,
denn sie hatten die zünftischen Regeln zu respektieren.149 Die Jesuiten schätzten die Fähigkeiten der Augsburger Goldschmiede wohl mit
143
A.a.O., Diarium, S. 291
Ebd.
145
A.a.O., S. 117, Diarium, S. 262
146
A.a.O., R 50, 1707, S. 31–32
147
Braun, Geschichte des Kollegiums der Jesuiten in Augsburg, S. 189 – Simon Mayr publizierte v. a.
anti–lutheranische Schriften. Vgl. de Backer, Bibliothèque des Ecrivains de la Compagnie de Jésus,
Bd. V, S. 529 f.
148
A.a.O., Diarium, S. 271
149
Hofmann, Nachruf I, S. 118 f.
144
Kieser: Memorialmonstranzen
49
einigem Recht höher ein und setzten sich gegenüber der Sodalität
durch.
Der Auftrag des Klosterneuburger Propstes an Johann Känischbaur
wurde 1712 von den Chorherren an den Goldschmied erteilt, der sich
bei der Ausführung an einen Entwurf Matthias Steinls halten mußte.
Ein von Känischbauer 1695 gefertigter Kelch, der vermutlich das Meisterstück des Goldschmiedes war, wurde bereits nach Entwürfen Johann Fischer von Erlachs gearbeitet, der das Talent des jungen
Handwerkers erkannte. Dafür spricht auch, daß er bereits 1696 von
Fischer den Auftrag für zwei Engel am Mariazeller Hochaltar bekam,
den der Bildhauer und Architekt entworfen hatte.150 Känischbaur
zeichnete sich in der Folgezeit durch einige hervorragende Arbeiten
aus, von denen hier nur die berühmte Prager Loretomonstranz genannt sei, für die, wie Tietze vermutete, erneut Johann Bernhard Fischer von Erlach als Inventor tätig gewesen sei, was aus der Inschrift
„durch Mathiam Stegner und Johann Khünischbauern und gemacht in
Wienn 1699“151 jedoch nicht hervorgeht. Auf der Monstranz sind insgesamt 6222 Diamanten verarbeitet worden.152 Sicher hatten die
Klosterneuburger Auftraggeber dieses Werk vor Augen, welches die
hohe Kunstfertigkeit des Goldschmiedes in der Verarbeitung von Edelsteinen so eindrücklich dokumentierte. Für das während der napoleonischen Kriege eingeschmolzene „Goldene Kindl“ von 1717 lieferte
der Bildhauer Lorenzo Mattielli den Entwurf, eine Weihgabe Karls VI.
für Mariazell, zu Ehren seines jung verstorbenen Sohnes Leopold.153
Von Mattielli stammen auch die Modelle für Gottvater und ein Kruzifix
(1720/22), beides befindet sich noch in Mariazell. Für das in der Wiener Schatzkammer ausgestellte Pazificale Känischbaurs von 1726 lieferte, wie von Dreger vermutet, wohl erneut Johann Fischer von Erlach
den Entwurf.154
Der Auftrag des Klosterneuburger Propstes an den Wiener Goldschmied Johann Känischbaur kann glücklicherweise durch einen im
Stiftsarchiv von Klosterneuburg erhaltenen Kontrakt dokumentiert
werden:
150
Wonisch, Ein Kelch J. Kanischbauers nach Entwurf des älteren Fischer von Erlach?, S. 143 ff.
Tietze, Kanischbauer, ThB Bd. 19, S. 421 – Fillitz, Meisterwerke der Wiener Goldschmiedekunst,
S. 13 – Ders., Kunstgewerbe von 1680 bis zum Ende des Rokoko, S. 284 (Abb. 203 und 204),
eine Beschreibung auf S. 334
152
Wagner, Liturgische Geräte und geistliche Insignien, S. 150 f.
153
Dreger, Zu Kanischbaur und der Barockplastik in Österreich, S. 531
154
A.a.O., S. 536 – Tietze hält den Gegenstand dagegen stilistisch für dem Künstler „J. B. Fischer
v. Erlach nahe stehend“. (ThB, Bd. 19, S. 421).
151
Kieser: Memorialmonstranzen
50
„
Heündt Dato den 9. August An 1710. Ist zwischen dem Hochwürdig,
Wohl Edl Gebohren, vnnd Hochgelehrten Herrn Herrn Ernesto, deß Würdig
Vnßer Lieben frauen Gotteshauß, und fürstl Stj. Leopoldi Stiffts zu Closter
Neüburg Propsten, der Heyl. Schrifft Doctor, vnd der Röm. kayl. Maytt. Rath &
an ainem, Dann Herrn Johann Könischbaur kayl. Cammergoltschmidt anderen
Thails, volgenter Contract beschlossen worden.
Erstlichen verspricht Gedachter Herr Johann Könischbaur jedes Markh
13 Letiges Silber pr 18 fl., so vermög selbst aig gegebenen Anschlag höchst pr
12 Markh zur Vorhabenten Monstranzen nöthig, dem ihme durch herr Matthias
Staindl vorgegebenden Riß vnnd Modell nach höchste zu Endte December
dises Jahrs gemachter Zu liffern.
Andertens auch daß Modell in ain vnd ander Nachzumachen, alle Stain
ohne Außnamb zu Versezen, jm feuer züm zu Vergolten, sambt dennen Vier
kleinen am fueß angezaichendte Bläthel mit Schmelz werckh, Worunter aines
obgedacht Sr. hochwürd. vnnd Gnade zur Linkhen, zur Rechten aber deß
Closters Wappen Zumachen.
Hingegen aber Verspricht Ihro Hochwürden vnd gnaten (: tit :) Ihme
Herrn Johann Könischbaur obgedachter Massen Vor iedes Markh 13 Lediges
Silber 18 fl. Dann Vor alle vnd iede sonst erforderliche Arbeith in Parr, Gelt
Sibenhundert vnd fünffzig Gulden, sage 750 fl. Zu Geben. Alles Getreülich vnd
ohne Gefährte. Zu Wahrer Vhrkhundt dessen Seint zway gleichlaudtente
Original Contract aufgericht, vnnd Zu beeden theillen Vndterschribener vnnd
Gefördigter angehändigt worden. Actum Wienn die Anno vt supra.
[Siegel] Ernestus Propst zu Closterneüburg
[Siegel] Johann Känischbaur Kayß Camergoltschmidt“155
Der Goldschmied hatte sich vertraglich nach einem Entwurf und einem
Modell Matthias Steinls zu richten. Die Edelsteine wurden Känischbaur
von Perger und dem Stift zur Verfügung gestellt, denn er verpflichtet
sich „alle Stain ohne Außnamb zu Versezen“. Der Silberpreis ist genau
festgelegt, wie auch der Arbeitslohn. Ausdrücklich formuliert wird die
Forderung nach einem emaillierten Wappen Pergers und des Klosters
links und rechts auf dem Monstranzfuß, unklar bleibt der Inhalt der
beiden anderen geforderten Medaillons. Am Ende des Kontraktes stehen die Quittungen des Goldschmiedes, die den stark angestiegenen
Silberbedarf des Goldschmiedes bei der Ausführung des Projektes
dokumentieren:
„den 14 appril 1712 Empfang fünff markh dreyzöhn lödich Silber zu
obbemelter arbeyt.
Joh. Känißb.
155
Stiftsarchiv Klosterneuburg, Text abgedruckt bei Sebald, Zur Geschichte der grossen Monstranze, S. 45 f. und Drexler/List, Goldschmiedearbeiten in dem regulierten Chorherrenstifte bei Wien,
S. 12
Kieser: Memorialmonstranzen
51
den 7. 7bris Empfangen fünff markh gleiches halts.
den 9. 9bis pr. abschlag auff obige arbeyt Empfangen in Paren gelt Zwey
hundtert gulden Sage 200 fl.
J. K.
den 25 8bris Empfange auß Handt Herrn hoffmaister In Paren gelt hundert
Gulden sage 100 fl.
J. K.
den 7 9bris 714 in Paren gelt Empfangen Zwey hundert neunzig gulden, Sage
290 fl. 18 kr. 2 [Pfennig]
J. K.
den 13 Appril 1715 Empfang in Paren Zweyhundtert Gulden Sage 200 fl.
J. K.
1716 den 16. Jener Aber mallen pr abschlag Empfang Zwey hundtert gulden
200 fl.
J. K.
den 18 deto fuffzig gulden
J. K.
daß Ihro Hochwürdten vndt H Michael hoffmann meine Ihme Schuldig
geweßter
hundtert . ochzöhen gulden krz. Vierzig fünff Von meinem Conto for
betzohlt,
bescheine hiemit Sage: 118 fl 45 krz
den 4. Febry 1716.
J. K.
den 13 Merzen Empfange den Völlig Rest mit fl Siben kr. dreysig acht.
Mithin bin ich wegen deß accordierten, alß Extra bey getragen Quanti in
gelt
alß hergegeben Silbers Völlig Contentiert wordten.
Das also ein theil gegen dem Andern hierin fahls nichts mehr zu fordern wird
mit Beeder seits Vnterschrifft bekräfftiget.
geschechen Wienn den 13. Marzy 716
Ernestus
Propst zu Closterneüburg manupropria
Johann Känischbaur
Kayl. Cammergoltschmit vndt Schazkammer adiunct“156
Aus den obenstehenden Einträgen ist leicht zu ersehen, daß der Kostenrahmen des Kontraktes weit überschritten wurde. Statt der ursprünglich vereinbarten 750 Gulden erhielt Känischbaur in den Jahren
1710 bis 1716 schließlich insgesamt 1166 fl. 11 kr. 2 Pf. Arbeitslohn.
Die Kostensteigerung scheint in dieser Hinsicht wenig dramatisch,
doch löste der steigende Materialbedarf des Goldschmiedes im Stift
wohl einig Besorgnis aus, denn in einem Brief an den Propst Ernst
Perger nimmt Känischbaur zu einigen Vorhaltungen Stellung:
156
Stiftsarchiv Klosterneuburg, Text abgedruckt bei Sebald, Zur Geschichte der grossen Monstranze, S. 46
Kieser: Memorialmonstranzen
52
„Habe Schriftlich weillen Mündlich aus Wehemuth nicht genugsamb
erklären khann volgendte Considerationes beweglich vorzutragen nicht
vnterlassen könne, das
Erstens: Euer Gd. erwegen wollen wie der Contract auf disse
Monstranzen an dem Macherlohn nur Von 12 Markh schwere meldet, anjezo
aber wie es der wohlstandt undt die Nothwendige aufführung dises werkhs
Erfordert hat, betragt es sich auf 23 . Markh 4 . loth, also Vmb : 11 : Markh 4.
loth und fast die helffte mehrers als in anfang gedacht worden sich
erstrekhet, wie Könen Euer Gd. dan dise billiche anforderung widersprechen.
Andertens: so seyndt an dissen werkh anfänglich wie das Model oder
Riss zeigt nur Von 3. biß 400. Verfaßten Steinern gedacht wordten, Anjezo
aber Vber die zahl deren 1500 Perlen noch in 1500 Stukh deren Verfasten
gross und Kleinen Steinern angewachßen : Vnd hette doch dises grosse undt
mühesambe werkh gar nicht zu vill an der Verzüehrung. Nur könen Euer gd.
Einen weldtfrembden doch Verständig goldtarbeiter fragen, was unkosten
dise Verfassung so ich mehrerentheills selbst mit paaren geldt habe
außzahlen müssen Erfordert, neben dissen seyndt Ein und andere werkh
darauf in der Verbesserung 2 . und mehrmahl überfast worden, mithin hat
dises grosse Verweitterte werkh, auch die Spessen an der Verguldtung
nachmahlig so hoch Vergrösseret, geschweige der Villen darzu Verbrauchten
Saphier, Rubin, granath, Vnd Smaragd folie : auch daß das silber bey denen
Verfasten Steinern Ein Nambhafftes besser als Augsburger Prob. Dise Vnnd
Vill andere mehrere Vmbständte werdten Euer gd. gnädigst belieben zu
erwegen ; Vndt Mir meinen getreülich verdiengen arbeithslohn so sich wie
billich ad alterum tantum erstreckht durch dero hohe Vernufft also
Proportionirt, daß ich darbey nicht in grossen schaden gezogen, Euer
Hochwürden und gd. aber dero Stadt Kündiges guttes lob auch mir nicht
Vergessen noch entziehen werdten.
Zur gdig gewehrung dessen mich gehorsamblich Enpfhl
Euer Hochwürd u: gd
gehorsamer diener
Johann Känischbaur.“157
Das Schreiben des Goldschmiedes ist geeignet, mehrere Umstände
des Auftrages zu beleuchten. Wie aus dem Kontrakt hervorgeht, waren Entwurf und Modell Steinls bei Vertragsabschluß noch nicht fertiggestellt, der Preis für die Anfertigung jedoch bereits festgelegt. Nach
Känischbaurs Angaben war die nach dem Modell anzufertigende
Monstranz nunmehr fast doppelt so schwer und wesentlich reicher zu
verzieren, als von den Vertragspartnern urspünglich angenommen.
Folglich hat Perger bei der Billigung von Steinls Entwurf die handwerklichen wie auch materiellen Mehrkosten der Anfertigung nicht einkalkuliert. Der Propst ließ sich durch Steinls Riß und Modell auf ein Projekt
157
A.a.O., S. 49
Kieser: Memorialmonstranzen
53
ein, dessen Dimension erst während des Arbeitsprozesses in Känischbaurs Werkstatt deutlich wurde. Aus dem Schreiben des Goldschmieds ist deutlich auch existentielle Sorge herauszuhören, ohne
weitere Zahlungen des Stiftes, die wohl aufgrund der Kostenüberschreitung unterblieben waren, weder für Materialien noch für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen zu können.
Das Stift ließ den Materialbedarf des Goldschmiedes durch zwei Gutachter prüfen. Der damalige Stiftskämmerer Ambros Schmid, zwei
weitere Chorherren und der Klosterneuburger Goldschmied Johann
Ernest Kess hatten sich von der Richtigkeit der Erklärungen Känischbaurs zu überzeugen. Der Bericht von Ambros Schmid und Johann
Ernest Kess an den Propst ist erhalten:
„Gnädig Hochgebiettender Herr Herr . daß ich Heundte noch Vormittag dero
gnädigen befehl nicht Vollziehen könne, habe Vorläuffig durch Ihro Gnadte
Cammerdienern berichtet. Nuhn haben wir 3 in beysein H. Kess, weil doch
kein andreß mitl zu findten gewessen, auch wieder dero gnädigen befehl die
schrauffen (:Gott lob:) ohne alle auch mündeste Verlötzung
heraußgenommen, gestrichen und befundten 13 lötiges Silber; Auch sonstn
Von keiner eisen daß geringste darinnen nicht gesehen . auch glückseelig
wieder auffgestekt. Hr. Kanischbaur hatt Vorgestern mit sich hinunter Ein
rose, Von fueß oder bestehendt in einen blaichen saphyr, 3 smaragdl und ein
diamantl, so aber auch denen Steinern schon zu gezehlt. Wie auch die
Zerbrochene stralle umb den heiligen Geist in der biern ? aber gehet ab Ein
kleineß smaragdl so er zu ersetzen neulich Versprochen. Laut bescheinung
H. Kess ist die von mir neulich übersendte Specification in allen Stucken
auch nach der heundige abzöhlung richtig befunden wordten, daß aber die
Summa diamanten Corrigiert, haben wir selber nachmittag bey bösseren
liecht auch gefundten. Wormit dann Euer Hochwürdtn undt Gnadten Zu dero
morgigen geburtßtag unterthänigst gratulire um selben nach noch so Viel
Verflossenen Jahren in aller glückseeligkeit zu repetiren. Übrigenß zu dero
beharrliche Hohen Gnadte mich gehorsambst Empfehlend Euer
Hochwürdten undt Gnadten Vnterthänig gehorsambster geistlicher diener
Ambrosius Schmid
auß dem Cammerambt
in eil den 5 Xbr 1715
Ich Endts vnterschiebener Beckenne Hiemit das dise gegen Werdiche
abzehlung (:deren Diamanter:) Wie nicht Weniger der Rubine Item Wie auch
der Saphiere, Wie auch shmarachte, Wie auch der Granate, Wie nicht
Weniger deren stainern insgesambt zu getroffen habe. Beckenne Hierüber
nach dieser abzehlung mit billich undt nicht Weniger oder mehres sondeern
sein Richtig glaubens habe.
Item die perlin Welche da nach der Zahl sich befundte, also Glaublich sich
befunden ut Specification.
Kieser: Memorialmonstranzen
54
Mehrmahl die schrauben in dem fundament, ist für diesesmahl in ZWeyffel
gestandt, ob es eysen od. silber sey : ist für silber audentisch gefundten
Worden.
actum Closterneuburg den 5 Xbr 715.
Joannes Ernestus Kess
158
kays. Hoff bef. Goldtschmit“
Die Kommission konnte das Misstrauen gegenüber Känischbaur
schließlich zerstreuen. Die Monstranz wurde in der Werkstatt auseinandergeschraubt, wobei man sich davon überzeugte, daß kein Eisen
verwendet worden war. Man kontrollierte dabei die Qualität des Silbers
wohl mittels eines Probestichs. Diese Prüfung wurde bei zünftischen
Goldschmieden durch den Vorgeher in der Beschau vorgenommen.
Johann Känischbaur war als Hofgoldschmied jedoch zunftbefreit und
damit von der Beschau ausgenommen. Die Kommission zählte gewissenhaft alle Edelsteine ab und konnte lediglich das Fehlen eines kleinen Smaragden feststellen. Ohnehin wurde über die in der Monstranz
verarbeiteten Steine sehr genau Buch geführt, die genaue Liste ist im
Stiftsarchiv erhalten und findet sich im Anhang dieser Studie. Es mag
letztlich trotzdem verwundern, daß Känischbaur angesichts der von
Matthias Steinl angefertigten Vorlagen den Auftraggeber nicht sofort
auf die zu erwartende dramatische Kostensteigerung hingewiesen hat,
die für ihn ersichtlich gewesen sein muß. Es ist jedoch möglich, daß
Känischbaur die Auftragsvergrößerung in der Hoffnung auf einen wesentlich höheren Lohn stillschweigend akzeptierte, um die Chorherren
erst dann von der Explosion der Kosten in Kenntnis zu setzen, wenn
die weit fortgeschrittene Arbeit die Neugestaltung nicht mehr erlaubte.
Eine solche Taktik Känischbaurs mag zwar schließlich aufgegangen
sein, doch führte sie zu Verstimmungen im Stift, denn man mißtraute
dem steigenden Silberbedarf und fürchtete die persönliche Bereicherung des Goldschmiedes.
Auch in Ingolstadt kam es im Zusammenhang mit der Auftragserfüllung zu Schwierigkeiten, wie in Klosterneuburg handelte es sich dabei
um finanzielle Probleme: Johann Zeckel brachte die Monstranz am 9.
Juni 1708 auf dem Wasserweg nach Ingolstadt. Dort dort wohnte er
bis zum 13. Juni beim Präfekten der Kongregation. Am 10. Juni bekamen die Marianischen Ratsherren die Monstranz erstmals zu sehen,
„[...] denen sie ausser der Schwöre böstens gefallen“159 hat. „Insbesonderheit“, so notiert der Jesuit weiter, „hat sie in dem Collegio we158
A.a.O., S. 50
Zit. P. Ignatius Lieb, Diarium, S. 308 – n. Hofmann, Nachruf I, S. 120
159
Kieser: Memorialmonstranzen
55
gen der künstlichen Arbeit und schönsten Gedankhen den unsrigen im
Collegio gefallen.“160 Es ist also sehr deutlich herauszuhören, daß die
Monstranz im Jesuitenkolleg großen Anklang fand, während man sie
in der Bruderschaft eher eine Kleinigkeit zu schwer fand. Wenn die
Diskrepanzen zwischen den Jesuiten und den Sodalen der Bürgerkongregation hier nicht gravierend hervortreten, so findet sich im September 1714 im Diarium eine deutlichere Bemerkung:
„Wohl aber ist wahr, daß er die Bruderschaft durch die verhandenen vnnöthige grosse Monstranzen, so er wider der ganzen Congregation, als welche
sich nur bis 15 lb. eingelassen, vf 25 lb. zu Augsburg angefrimbt, in einen
namhafften Schuldenlast ad 500 fl. gestekhet, woran selbe lange Jahr würdet abzuführen haben. Ernstlich verwunderet sich P. Praeses, das H. Praefect wahr zu seyn schreiben lasset, was schon vor disem geschehen, also
dahero nit geheret. Will er von vergangenen Sachen reden, so wird er P.
Praesidem nit stum fünden, mit was für seiner vnd anderen Ehr, wird sich
von selbst zeigen. Lasse er dan andere probiren, ob die Monstranz unnöthig
gross seye, ob P. Praeses die Monstranz wider der ganzen Congregation
Willen angefrimbt, ob sich die Congregation nur bis auf 15 lb. eingelassen,
ob sie P. Praeses zu Augsburg 25 lb. angefrimbt.“161
Die Bürgerkongregation fühlte sich also von den Jesuiten hintergangen, die ihnen, wie sie meinten, eine viel zu teuere Monstranz aufgenötigt hatten. Hier wird der Groll spürbar, den die Sodalen gewöhnlich
gegen die jesuitische Bevormundung hegten, behielten doch die
Geistlichen bei wichtigen Entscheidungen stets das letzte Wort. Die
Monstranz scheint jedoch nur letzter Anstoß zum Streit gewesen zu
sein, hatte doch die Bezahlung der Silberreliefs weniger Schwierigkeiten bereitet.162 Bereits 1706 war deutlich geworden, daß die Jesuiten
bei der Vergabe von Goldschmiedearbeiten eher nach Augsburg tendierten, wo sie höhere Qualität erwarten konnten, während der Präfekt
der Kongregation den Ingolstädter Handwerkern zugeneigt war.163 Die
Monstranz konnte im Jahre 1713 schließlich abbezahlt werden.164 Die
Querelen um diesen Gegenstand waren jedoch nur ein Glied in der
Kette fortgesetzter Unstimmigkeiten zwischen dem jesuitischen Präses und dem vom Präfekten geleiteten Marianischen Rat. Es bleibt
festzuhalten, daß die Jesuiten und die Sodalen die Monstranz offensichtlich von verschiedenen Standpunkten aus beurteilten. Die Geistli160
Zit. ebd.
Zit. Diarium, S. 486 – Hofmann, ebd., S. 121
162
Diarium, S. 268 f. – ebd., S. 123
163
Hofmann, ebd., S. 124
164
Im selben Jahr ließ die Kongregation einen Kelch bei Zeckel fertigen, für den zwei ältere Kelche in
Zahlung gegeben wurden. Dieser Kelch ist heute noch im Besitz der Kongregation und kann in der
Kirche Maria de Victoria besichtigt werden.
161
Kieser: Memorialmonstranzen
56
chen waren entzückt von den „schönsten Gedanken“, das heißt von
der Darstellungsweise der Seeschlacht, von der Originalität der Erfindung und ihrer handwerklichen Ausführung. Die Bürger, praktischer
denkend, fanden die Monstranz „unnöthig gross“ und sahen dabei auf
die Kosten. Wohl sehr zum Ärger des Präses, der sich mit der Devise
omnia ad maiorem dei gloriam alleingelassen fühlen mußte.
Die Sodalen haben die tiefere Bedeutung der Schlachtdarstellung auf
der Monstranz zunächst wohl nicht verstanden. Ohne theologisches
Spezialwissen konnten sie das auch kaum. Für sie war die Monstranz
in erster Linie ein Gerät, das zwar teuer scheinen, es aber nicht sein
sollte. Die Jesuiten befanden sich in Ingolstadt nicht nur in dauerndem
Gegensatz zu den Sodalen der Bürgerkongregation, auch im Universitätsleben der Stadt waren sie dem Lehrkörper oftmals ein Dorn im Auge. Die Jesuiten verstanden es zwar vorzüglich, die bürgerlichstädtische Gesellschaft in Ingolstadt zu prägen, sie gingen jedoch
nicht in der Gesellschaft der Universitätsstadt auf und blieben distanziert.165 Diese bewußte Distanz, aus der heraus aber trotzdem regiert
wurde, wurde von den marianischen Sodalen des zünftischen Ingolstadt als Tyrannei empfunden.
Die prächtige Monstranz wurde im Jahre 1708 durch den Goldschmied
Johann Zeckel persönlich in Ingolstadt angeliefert. Im Diarium der
Bürgerkongregation wird die Auftragserteilung mit keiner Silbe erwähnt, sie kann deshalb nicht datiert werden. Dies sei dadurch erklärlich, so Hofmann, daß der bereits ergangene Auftrag für die Monstranz
angesichts der Querelen um die Anfertigung der Silberbildnisse einfach nicht weiter thematisiert werden mußte166. Trotzdem bleibt das
Datum der Auftragserteilung und damit auch die Lieferzeit weiterhin im
Dunklen. Es ist aber auch möglich, daß der Auftrag schon einige Zeit
zurücklag, so daß er in der Diskussion nicht mehr erwähnt wurde. Die
Monstranz konnte frühestens 1691 bestellt worden sein, denn in diesem Jahr erhielt Zeckel das Meisterrecht. Das hartnäckige Gerücht
von einer dreißigjährigen Lieferzeit – es wird bis heute weiter tradiert –
kann deswegen als absurd bezeichnet werden. Wegen der Kompliziertheit des anzufertigenden Gegenstandes ist m. E. eine Lieferzeit
von bis zu 6 Jahren aber durchaus realistisch. In der erhaltenen Bruderschaftsrechnung von 1708 findet sich jedenfalls folgende Aufstellung:
165
Vgl. Bosl, Jesuiten in den Universitätsstädten, S. 173
A.a.O., S. 119
166
Kieser: Memorialmonstranzen
57
„Johann Zeckhl, Goldschmidt in Augspurg, wegen einer neuen Monstranzen,
zu welcher die alte daran gegeben vnnd abgewogen, auch zu Gelt angeschlagen wordten per 189 fl. 38 kr., an paarem Gelt aber theils yberschickht,
theils ihme selbsten zuhandten gestellt, nach Laut Scheins 761 fl. 28 kr..
Dem Mahler wegen des Riss absonderlich bezalt: 15 fl. – Von gedachter
Monstranzen von Augspurg herundter ze führen, bezalt: 1 fl. 15 kr. – Des
Goltschmidts seinen Gesellen Verehrung gegeben: 3 fl. 21 kr. Herrn P. Simoni Mayr S. Jesv wegen grosser vnnd vielfelltigen Bemüehungen mehrgedachter Monstranz, bis solche verferttiget wordten, an Verehrung yberschickht mit: 6 fl.“167
Und in einem später vorgenommen Nachtrag heißt es weiter:
„Wie in der ferttigen Rechnung fol. 41 zu sechen, seint zu Bezallung der
neuen Monstranzen 500 fl. aufgenommen wordten vnnd also für heur daran,
wie Beylag weiset, abgezalt wordten: 100 fl.“168
Insgesamt hatte sich die Bürgerkongregation bei der Anschaffung ihrer
Goldschmiedearbeiten übernommen, was aber nicht erstaunen mag,
wenn man bedenkt, daß gleichzeitig die beiden noch kostspieligeren
Silberreliefs zu bezahlen waren. Wie schon bei den früheren Aufträgen
an Zeckel, hatte P. Simon Mayr auch bei der Monstranz die Funktion
eines Vermittlers. Daß der Pater mit der Monstranz sehr beschäftigt
war, dokumentieren die ihm zugestanden sechs Gulden, ein für damalige Zeiten opulentes Taschengeld. Wie es bei der Anfertigung von
Monstranzen allgemein üblich war, wurde – auf der Bruderschaftsabrechnung wird das deutlich – der Entwurf von einem Maler angefertigt,
der mit 15 Gulden gut bezahlt war. Glücklicherweise ist die von Zeckel
ausgestellte Rechnung als Kopie erhalten.169 Sie bietet weitere Einsichten in die Anfertigungsweise der Monstranz:
„Anno 1708 den 5. Junii in Augspurg:
In die hochlöbliche burgerliche Bruderschafft in Ingolstatt bey Maria de Victoria ein zihr vergulte Monstranzen mit einem ganz vergulten kupfernen Schein
gemacht, wigt das Silber darbey 32 M. 15 Loth 1 q. 1 d.
Die M. per Silber, Golt vnd Macherlohn 26 fl., thut: 856 fl. 52 kr. Das Kupfer
wigt 13 M. 5 Loth, vor die M. Kupfer vnd Macherlohn sambt dem Golt 6 fl.,
thut 79 fl. 52 kr.
Mehr von das Eysen zu gulten vnd versilbern: [frei gelassen]
Des Goltarbeither seine Arbeith nach Laut des beygelegten Conto: 24 fl.
Mer vor die geschmelzte Arbeith bezalt: 8 fl.
Mer vor Türckhen am Fuß vnd am Stamm en bezalt dem Bildhauer: 10 fl.
Mer vor die zwey Gläser von Spiegl bezalt: 1 fl. 20 kr.
167
A.a.O., S. 119; R 50, 1708, S. 31
Ebd.; R 50, 1708, S. 31
169
A.a.O., S. 119 f.; A V/74, f. 1 r der Rechnung.
168
Kieser: Memorialmonstranzen
58
Mer vor die Schrift zu stechen bezalt: 1 fl.
Mer vor das geltisch Silber zu schneiden: 1 fl.
Mer vor ein Golt und Silber Prob bezahlt: 32 kr.
Mer vor das Kistl, Spaget vnd Papier: 1 fl. 30 kr.
Dienstwilligster
Johann Zeckhl,
Burger vnd Goldschmidt m. pr.
Heryberg getragen 991 fl. 4 kr.
Auf solche Arbeith hab ich empfangen an Gelt auf zweiy mal: 169 fl. 24 kr.
Mer empfangen eine alte Monstranzen, hat das weisse Silber gewogen 8 M.
1 Loth, helt mach Laut beyligenten Probzetl 11 Loth 2 q. 2 d., thut fein 5 M.
13 Loth 2 q. 3 d. Die M. per 18 fl. 44 kr., thut: 109 fl. 44 kr.
Das Vergulte hat gewogen 5 M. 15 Loth, helt fein nach Lauth des beyliegenten Probzetl 11 Loth 2 q. 2 d., Golt allein 3 d., macht an Golt 4 Ducaten 1 1/2
Viertl à 4 fl. 10 kr., thut: 18 fl. 13 d.
Bleibt noch fein Silber yber Abzug des Golts 4 M. 4 Loth 1 q. à 18 fl. 44 kr.,
thut: 79f. 54 kr
Summa: 377 fl. 15 kr.
Restiert mir noch: 613 fl.49 kr.
Obige Summa: 991 fl. 4 kr. Mer habe ich empfangen: 51 fl. Restiert mir noch:
562 fl. 49 kr.
Mer empfangen 300 fl. Restiert mir noch 224 fl. 11 kr. Ist mir von dieser
Summe abgezogen worden: 39 fl.“170
Diese Rechnung gibt minutiös über die Anfertigung und Metallwerterrechnung der Monstranz Aufschluß. Sie zeigt aber vor allem, daß außer der Goldschmiedewerkstatt noch weitere Künstler beteiligt waren.
Zeckel nahm als Unternehmer die Arbeitskraft weiterer Handwerker in
Anspruch. Er betraute einen Emailleur mit der „geschmelzte[n] Arbeith“, i.e. die Herstellung der Emailplaketten. Der verlorengegangene
Schaft und Fuß der Monstranz wurde nach dem Modell eines Bildhauers verfertigt. Durch Rechnung wird zudem verbürgt, daß es sich hierbei um die Figur eines Türken handelte. Für die Inschriften beschäftigte der Goldschmied einen Graveur, das Futteral wurde von einem
Kistler geliefert. Hier wird das arbeitsteilige Prinzip der Augsburger
Goldschmiedekunst sehr anschaulich, doch ist diese Arbeitsweise mit
der modernen Arbeitsteiligkeit nicht zu vergleichen. Die Auftragsverteilung des Goldschmiedes war nicht marktwirtschaftliches Kalkül, sondern eine von der zünftischen Handwerksordnung Augsburgs zwingend vorgeschriebene Regel. Als große Reichsstadt verfügte Augsburg durch seine hohe Handwerksdichte über eine Spezialisierung, die
in Deutschland kaum ihresgleichen fand.171 Zweifellos war Augsburg
170
A.a.O., S.120; A V/74, f. 1 v und f. 2 r der Rechnung.
Reininghaus, Gewerbe in der frühen Neuzeit, S. 10
171
Kieser: Memorialmonstranzen
59
während der ganzen Barockzeit der Hauptort zur Herstellung kirchlicher Goldschmiedearbeiten. Von einem Augsburger Monstranztypus
kann man nach Noppenbergers knapper Definition allerdings nur dahingehend sprechen, als daß sich diese Arbeiten durch eine außergewöhnliche „Harmonie der Verhältnisse“ und einen „feinen Geschmack
in der Dekoration“172 auszeichnen. Auch Seling bewundert die „unerschöpfliche Phantasie“ der Goldschmiede Augsburgs, „denen immer
neue Variationen zu diesem Thema eingefallen sind“173. Allerdings
wird es sich bei der Lepanto-Monstranz eher um eine Phantasie des
Auftraggebers bzw. des Künstlers gehandelt haben, die gemeinsam
den Entwurf erarbeiteten. Trotzdem darf die künstlerische Leistung
Zeckels, d.h. die Umsetzung der Vorlage in eine spezifische Goldschmiedearbeit, nicht unterschätzt werden.
172
Zit. Noppenberger, Monstranzen, S. 71
Zit. Seling, Bd. I, S. 151
173
Kieser: Memorialmonstranzen
60
Zünftische Ordnung und hofbefreites Handwerk
Die von Zeckel in der Rechnung aufgeführten 8 Gulden für Emailarbeiten sind möglicherweise an den Augsburger Emailleur Samuel Wolfgang ausbezahlt worden. Wolfgang hatte, wie aus einer Freiburger
Rechnung von 1710 hervorgeht, auf der ebenfalls für das Münster von
Johann Zeckel gefertigten Josephsfigur die wesentlich größeren Plaketten für den Schild angefertigt und dafür 85 Gulden erhalten.174 Möglicherweise stammen die sechs Plaketten auf der zwei Jahre früher
nach Ingolstadt gelieferten Lepanto-Monstranz ebenfalls von der Hand
Wolfgangs. Die Gesichtszüge der auf dem Josephsschild abgebildeten
Figuren sind von einer ähnlichen Weichheit im Ausdruck, wie sie auch
das Ingolstädter Papstemail aufweist. Die Farben sind beidesmal in
einem hellen Pastellton gehalten und so transparent getupft, daß die
weiße Grundierung durchscheint. Sie können damit von jenen kräftigbunten Medaillons unterschieden werden, wie sie in Augsburg sonst
zum Schmuck sakraler Gegenstände verwendet wurden.175 Die Verzierung sakraler und profaner Goldschmiedearbeiten mit Emaileinlagen war eine Augsburger Spezialität. Aufgrund des Mißverhältnisses
zwischen der Anzahl benötigter Emailarbeiten und den dafür nachgewiesenen Augsburger Meistern war es nötig, Emailarbeiten in großem
Stil einzuführen. Zeckel mußte als geprüfter Goldschmied ebenfalls
die Feuermalerei beherrschen, doch vergab er wohl lieber Aufträge an
Spezialisten, oder kaufte Emailsachen ein, die damals zu Hunderten
aus Genf geliefert wurden.176 Für die Ingolstädter Monstranz wurden
jedoch Medaillons verwendet, die ihrem Thema nach zu ausgefallen
sind, um aus den Beständen der Genfer Dutzendware zu stammen.
Alle Anzeichen weisen deshalb auf Samuel Wolfgang. Der Riß für die
Mandorla soll angeblich von dem Augsburger Maler Johannes Rieger
gefertigt worden sein, wie von Hannelore Müller vermutet.177 Zu beweisen ist diese Behauptung nicht. Der relativ hohe Herstellerlohn von
174
Gombert, Freiburger Münsterschatz, S.83 f., Abb. 12 u. 49 – Vgl. Thieme/Becker, Bd. 37, S.223 –
Seling III, Nr. 1872 – Hering–Mitgau, Silberplastik, Nr. 45
175
Für die Herstellung der Medaillons kommen außer Samuel Wolfgang in Frage: 1. Joh. Jacob I
Priester, †1726, (Seling III, 1835), scheidet aufgrund eines Stilvergleiches aus. (Vgl. Seling II, Abb.
1047–49). Fertigte auch vier Medaillons für eine Meßgarnitur Zeckels (Seling III, 1860 m) 2. Franz
Jos. Reischle, 1675–1727, (Seling III, 1960). Keine Werke nachgewiesen. 3.Barthol. Seutter, 1677–
1754), (Seling III, 2005). Keine Werke nachgewiesen, wohl hauptsächlich Porzellanmaler.
176
Vgl. Rathke–Köhl, Geschichte des Augsburger Goldschmiedegewerbes, S. 62
177
Müller, Goldschmiedekunst, S. 379
Kieser: Memorialmonstranzen
61
26 Gulden spricht allerdings dafür, daß es sich um einen aufwendigen
Entwurf eines etablierten Künstlers gehandelt haben muß.
Der Bildhauer, der das Holzmodell für den verschollenen Monstranzfuß lieferte, ist nicht bekannt. Die Figur eines knieenden Türken könnte jedoch etwa so ausgesehen haben, wie auf einem späteren Kupferstich der Brüder Joseph und Johann Klauber aus Augsburg, der um
1755 entstanden ist (Abb. 35). Johann Zeckel arbeitete „häufig und erfolgreich“178 mit Bildhauern zusammen. Als ein Silberplastik herstellender Goldschmied war er auf Holzmodelle dringend angewiesen,
denn die Herstellung einer Silberfigur gehörte nicht zu den zünftischen
Aufgaben eines Goldschmieds. Hernmarck vermutet, daß eine Anzahl
seiner Werke auf Ehrgott Bernhard Bendl (um 1660-1738) zurückgehen, wie z. B. die Figur des Heiligen Aquilius in Würzburger Marienkapelle.179 Bendl war zu Beginn des 18. Jahrhunderts für mehrere Augsburger Goldschmiede tätig. Nach Georg Petel kann er als der bedeutendste Augsburger Bildhauer gelten.180 Hertha Lünenschoß nannte in
ihrem Aufsatz weitere Beispiele für Bendls Zusammenarbeit mit Augsburger Goldschmieden.181 Die Muttergottes für die Marianische Männerkongregation in Solothurn wurde z.B. von Manlich nach einem
Entwurf des Bildhauers gefertigt.182 Die stilistische Einheitlichkeit der
Zeckelschen Silberplastiken spricht dafür, daß er kontinuierlich mit
dem gleichen Bildhauer, wohl Bendl, zusammenarbeitete. Die Statuen
von Johann Lutz, dem anderen zeitgenössischen Augsburger Silberplastiker neben Zeckel, lassen eine Abhängigkeit von Modellen verschiedener Herkunft erkennen.183 In Augsburg gab es nur einen engen
Kreis figurenherstellender Goldschmiede: Der wie Känischbaur in
Wien ausgebildete Zeckel heiratete in Augsburg eine Tochter des
Meisters Philipp Saller. Vorher war Zeckel Geselle Michael Maiers gewesen, der wiederum die Witwe Sallers geheiratet hatte. Wie HeringMitgau zeigen konnte, bildeten diese spezialisierten Goldschmiede innerhalb der Goldschmiedezunft gleichsam eine eigene Großfamilie,
denn sie waren alle miteinander verwandt, was aber den sozialen
Normen der mittelalterlich-städtischen Zunftgesellschaft durchaus entsprach. Die Augsburger Silberplastik blieb so ausschließlich eine Sa178
Zit. Hernmarck, Europäische Gold– und Silberschmiede, S. 331
Kat. Augsburg 1968, Augsburger Barock, Nr. 445
180
Hering–Mitgau, Barocke Silberplastik, S.57 – Schädler, Bayerische Barockplastik, S. 129; Bendl
erwarb 1687 das Meisterrecht in Augsburg.
181
Lünenschloß, Ehrgott Bernhard Bendl, S. 383 – Vgl. allg. Schindler, Bayerische Bildhauer, S. 4048
182
Felder, Die künstlerische Herkunft der Solothurner Kongregationsmadonna, S. 305
183
Hering-Mitgau, a.a.O., S. 46
179
Kieser: Memorialmonstranzen
62
che der katholischen Goldschmiede184, sie sind deshalb die Nutznießer der um 1700 einsetzenden Konjunktur derartiger Gegenstände.
Die gemeinsame Zunftangehörigkeit von Bildhauern und Goldschmieden in Augsburg bildete in jedem Fall eine gute Voraussetzung zur
produktiven Zusammenarbeit. Die auch für diese Stadt so typische,
zünftisch bedingte Kollaboration verschiedener Berufe wird durch die
erhaltene Ingolstädter Rechnung sehr gut dokumentiert.
Der Goldschmied Johann Känischbaur wurde 1668 in Angern (Niederösterreich) geboren und begann 1683 eine sechsjährige Lehrzeit bei
Hans Christof Muhrbeck in Wien. Er bestand 1696 die Meisterprüfung
der Wiener Goldschmiedezunft, deren Vorsteher er 1703 war. Am 7.
November 1712 wurde er zum Kaiserlichen Kammergoldschmied und
Schatzkammeradjukt ernannt. Känischbaur hatte jedoch bereits in den
1690er Jahren für den Wiener Hof gearbeitet.185 Der vorher zünftische
Goldschmied wurde durch diese Ernennung „hofbefreit“, d.h. er war
den Zwängen der Beschau und dem enggefaßten sozialen Rahmen
der Handwerker nicht weiter unterworfen. Die hofbefreiten Goldschmiede traten sogar in Konkurrenz zu den zünftischen Goldschmieden, denen eine Zusammenarbeit mit den Ersteren von der Zunftordnung sogar ausdrücklich untersagt wurde.186 Dieses Phänomen ist in
allen Residenzstädten des Reiches zu beobachten. Der Goldschmiedemeister Känischbaur stieg somit zum Hofkünstler auf und bekam
vom Kaiserhof einen Titel verliehen, der mit einem kleinen Jahresgehalt verbunden war. Er gehörte nun zur „Elitetruppe von verschiedenen Kunsthandwerkern, die am Hof des Kaisers Rudolf II. gegründet
worden war.“ 187 Daß Känischbaur die neue Rolle durch hervorragende
künstlerische Leistungen auch ausfüllen konnte, zeigt die Tatsache,
daß er 1722 in den persönlichen Adelsstand erhoben wurde und sich
fortan „von Hohenried“ nennen durfte.188 Die häufige Zusammenarbeit
Känischbaurs mit Bildhauern und Architekten zieht sich als roter Faden durch das Werk des Goldschmiedes. Ob die Initiative dazu im
Einzelfall stets von Känischbaur ausging ist nicht zu belegen, auch
wenn diese Vorgehensweise als für den Goldschmied charakteristisch
184
Vgl. Stammbaum der Werkstätten, Hering–Mitgau, a.a.O., S. 16
Dreger, Zu Kanischbaur und der Barockplastik in Österreich, S. 522
186
Die Arbeiten der hofbefreiten Goldschmiede konnten, mußten aber keine Punzen tragen. In den
kaiserlichen Sammlungen befinden sich hauptsächlich gepunzte Objekte. Vgl. Wild, Der Goldschmied Joseph Moser, S. 30 f.
187
Zit. Wild, Der Goldschmied Joseph Moser, S. 30 f.
188
Tietze, Kanischbauer, ThB, Bd. 19, S. 421
185
Kieser: Memorialmonstranzen
63
bezeichnet wird.189 Seine Arbeiten nach künstlerisch hochwertigen
Entwürfen sind für seinen Ruhm letzlich verantwortlich. Für die zünftischen Goldschmiede hatte die Anfertigung von Vorlagen durch andere
Künstler nichts Ehrenrühriges, denn die zünftische Handwerksordnung
schrieb solche Arbeitsteilungen teilweise sogar vor. Für Hofkünstler
existierten solche Auflagen nicht. Känischbaur behielt bei Hofe lediglich eine zünftische Gewohnheit bei. Die frühe Zusammenarbeit mit
Fischer von Erlach – schon vor der Meisterprüfung – spricht wohl zu
gleichen Teilen für das Qualitätsstreben und den Ehrgeiz des Goldschmiedes. Unbestritten ist, daß nur Känischbaur über jene handwerkliche Kongenialität verfügte, die die Umsetzung solch ambitionierter
Entwürfe erst ermöglichte und ihre Wirkung zur Geltung brachte.
Die Invention der Schleiermonstranz durch Matthias Steinl ist urkundlich gesichert. Nach dem Kontrakt vom 9. August 1710 sollte Känischbaur das Werk nach dem von Steinl gelieferten Riß und Modell ausführen. Der Eintrag im Klosterneuburger Kammerraitbuch von 1710
(fol. 86r) bestätigt, daß am 22. August „dem Pildhauer wegen des Modell zu der neuen Monstranzen“ 30 Gulden ausbezahlt wurden.190
Wenn Steinl hier nicht namentlich genannt wird, so wird es sich doch
um ihn, oder wenigsten einen Bildhauer gehandelt haben, der nach
seinem Riß arbeitete. Die rasche Lieferung in einer Frist von weniger
als 12 Tagen ist erstaunlich kurz, und man muß deshalb annehmen,
daß Steinl den mündlichen Auftrag schon geraume Zeit vor dem Kontraktabschluß Pergers mit Känischbaur erhielt. Wolfgang Pauker191 hat
den Entwurf zur Großen Monstranz von Herzogenburg ebenfalls Matthias Steinl zugeschrieben. Aus stilistischen Gründen kann diese Zuschreibung jedoch als widerlegt gelten.192 Ein weiterer Riß für Goldschmiede von der Hand Steinls ist urkundlich für sechs Silberleuchter
des Wiener Dorotheerstifts nachweisbar. Die von dem Goldschmied
Johann Augustin Stadler nach Steinls Entwürfen ausgeführten Leuchter sind nicht erhalten.193 Aus diesen nachweisbaren Arbeiten für
Goldschmiede kann kaum auf eine ausgesprochene Erfahrung Steinls
mit den spezifischen Problemen des Goldschmiedehandwerks geschlossen werden. Der Bildhauer und Architekt war zur Zeit der Auftragserteilung gerade in Klosterneuburg tätig und kam daher wohl eher
beiläufig zu dem Auftrag. Die Chorherren waren mit Entwurf und Mo189
Wonisch, a.a.O., S. 144
Stiftsarchiv Klosterneuburg, n. Pühringer-Zwanowetz, Matthias Steinl, S. 246 (Anm. 60)
191
Pauker, Der Bildhauer und Ingenieur Matthias Steinl, S. 294
192
Pühringer-Zwanowetz, Matthias Steinl, S. 247 (Anm. 61)
193
A.a.O., (Anm. 62) – Pauker, a.a.O., S. 294
190
Kieser: Memorialmonstranzen
64
dell einverstanden und übergaben beides dem Goldschmied. Der
Entwurf Matthias Steinls zur Schleiermonstranz ist nicht erhalten. Es
ist deshalb nötig, vom vollendeten Kunstwerk auszugehen und zu versuchen, über dessen Form Aufschlüsse über die Leistung des Künstlers zu gewinnen. Monstranzen in Baumform gab es als Darstellungen
des Weinstocks oder der Wurzel Jesse bereits vorher. Leonore Pühringer-Zwanowetz hat vermutet, daß Steinl die Baummonstranz im
Kloster Heinrichsau gekannt habe.194 Ihr Vergleich der Schleiermonstranz mit Steinls Ornamentstich einer Deckelkanne (um 1685), auf dem
der Verlorene Sohn als Schweinehirt dargestellt ist, beschränkt sich
auf den Hinweis der gemeinsamen Floralmotivik. Der Griff der Kanne
überkreuze sich auf ähnliche Weise, wie die beiden Hauptäste an der
Gabelung der Monstranz.195 Insgesamt ist davon auszugehen, daß der
kreative Spielraum Steinls nicht allzu groß gewesen sein dürfte. Der
Künstler hatte seinen Entwurf dem Propst und den Chorherren vorzulegen, bevor er das Modell anfertigte oder anfertigen ließ. Angesichts
des kostspieligen Auftrags ist anzunehmen, daß über die Gestaltung
der Monstranz im Stift intensiv diskutiert wurde, eventuell mußte der
Entwurf von Steinls sogar geändert werden. Die Absicht der Auftrages
war jedoch eindeutig: Zum 600jährigen Jubiläum des Stiftes im Jahre
1714 sollte die Gründungslegende des Klosters dargestellt werden. Zu
den aufwendig geplanten Feierlichkeiten hatte Steinl außerdem Entwürfe für drei ephemere Triumphpforten zu liefern, die im Gegensatz
zum Entwurf der Schleiermonstranz überdauert haben.196 Sie befinden
sich als Kupferstiche, zusammen mit einigen Emblemen in einer anläßlich der Feierlichkeiten herausgegebenen Festschrift, die schon im
Titel über die vorgenommenen Ausschmückungen Auskunft gibt (Abb.
36a-c).197 Auf den drei Ehrenpforten fanden sich Darstellungen fast aller Landesfürsten bis hin zu Karl VI. Zwei Tore waren dem Geschlecht
der Babenberger gewidmet. Eine der Pforten wurde während der Feierlichkeiten vor das Kirchenportal gesetzt; in der Mittelnische eine Figur des hl. Leopold, zu den Seiten fünf seiner Vorgänger. Auf der zweiten Pforte wird der Heilige von jeweils dreien seiner herzoglichen
194
Pühringer-Zwanowetz, a. a. O, S. 102
Ebd., vgl. Abb. 56
196
Pauker, Der Bildhauer und Ingenieur Matthias Steinl, S. 309
197
Johannes Keeß: Trifaria domus austriacae gloria, marchionum, ducum ac imperatorumarchiducum ordinatissima succesionis series, emblematicis in basilica picturis, nec non historico,
morali ac symbolico poemante honoribus divi Leopoldi, pii austriae marchionis inclytae canoniae
Claustroneoburgensis sancti fundatoris, sexto fundationis saeculo in jubilaeam festivitatem digesta ac illustrata. Viennae Austriae. Typis Andreae Hevinger, Universit. Typograph. 1714
195
Kieser: Memorialmonstranzen
65
Nachfolger flankiert.198 Die Pforten spiegeln die in der Renaissance
erneuerte Idee des „Trionfo“ wieder, die hier als feierlicher adventus
und Einzug des Landesherren gestaltet wurde.199 Diese Aufträge setzten die unmittelbare Vertrautheit Steinls mit der Genealogie und Ikonographie der Babenberger voraus.200. Unmittelbare Vorbilder Steinls
für den Entwurf der Monstranz sind in der Kunstsammlung von Klosterneuburg selbst zu finden. Aus dem dem berühmten Legendenzyklus
von Rueland Fruehauf d.J. aus dem Jahre 1507 sei das Bild der
Schleierauffindung näher betrachtet (Abb.37). Wie auf der Monstranz
sind auch hier zwei Windspiele zu sehen, die jedoch nicht zum Schleier, sondern zu ihrem vor dem blühenden Holunder knienden Herren
blicken. Im Gegensatz zur Monstranz kniet der Markgaf hier links des
Baumes. Die von Fruehauf über dem Baum dargestellte Marienerscheinung wurde von Steinl, nun ohne Christuskind, in die Äste des
Holunders verlegt. Im Kontrast zu Fruehaufs Tafel erscheint ein anderes Klosterneuburger Bild der Schleierfindung als naher Verwandter
des Steinlschen Entwurfs (Abb. 38). Das sich im Stiftsmuseum befindliche Gemälde ist das erste aus einem dreiteiligen Zyklus von der
Hand eines unbekannten österreichischen Malers, der es Ende des
17. Jahrhunderts gemalt haben mag.201 Dieser zum Zeitpunkt der Auftragserteilung der Monstranz noch junge Zyklus zeigt neben der
Schleierfindung auch die Grundsteinlegung der Stiftskirche sowie die
Einführung der Augustiner-Chorherren durch den Markgrafen Leopold
III.202 Wie auf der Schleiermonstranz kniet der hl. Leopold hier rechts
des Baumstammes, die Hände sind jedoch nicht zum Gebet zusam198
Vgl. Pühringer-Zwanowetz, Matthias Steinl, Kat. Nr. 52 (Abb. 192-195), S. 89 ff. – Matsche, Die
Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 185
199
Holenstein, Huldigung und Herrschaftszeremoniell, S. 25
200
Bereits im Mittelalter war die Darstellung Leopolds als älterer und bärtiger Mann verbreitet, sie
entsprach dem Volksglauben, die in dem Heilgen gemäß den überlieferten Legenden einen gütigen und gerechten Landesvater sah. Erst kurz vor Abschluß des Kanonisationsprozesses, wohl
im Jahre 1484, hatte Kaiser Friedrich III. seine Vorstellung von einem dynamischen Herrscher
eingeklagt, er wollte Leopold in ritterlicher Kleidung, bartlos und jugendlich gezeigt wissen. Vgl.
Strnad, Friedrich III. und die Translatio Leopoldi, S. 109 – Weitere Beispiele bei Wintermayr, Die
Bildliche Darstellung des hl. Leopold im Wandel der Zeiten, S. 46-63. Aber bereits auf dem 1510
fertiggestellten Grab des Kaisers ist der Heilige wieder in volkstümlicher Form dargestellt. Später
setzte sich jedoch diese Auffassung vollends durch: Angetan mit einem Fürstenmantel und mit
einer Zackenkrone auf dem Haupt hält der Babenberger in der Rechten meist ein Heerbanner
und in der Linken ein Kirchenmodell. Vgl. Tschochner, Art. „Leopold III. von Österreich“, Sp. 400
ff. Als würdevoller Herrscher mit langem weißem Haar und Bart, angetan mit Hermelin und Erzherzogshut, tritt der heilige Markgraf auch im berühmten vierteiligen Zyklus der Schleierlegende
auf, der von Rueland Fruehauf d.J. 1505 vollendet wurde (Abb. im Bildteil). Vgl. Rossacher, Rueland Fruehauf d. J., S. 12-16 (Abb. Tf. 46)
201
Ausst. Kat. Klosterneuburg 1985, „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 257
202
A.a.O., Kat. Nr. 258 u. 259
Kieser: Memorialmonstranzen
66
mengeführt, sondern weit ausgebreitet. Während der Heilige auf dem
Gemälde auf beide Knie gesunken ist, so stützt er sich auf der Monstranz nur auf das linke Knie, der rechte Fuß ist aufgestellt. Eine Marienerscheinung ist auf dem Bild nicht zu sehen. Im Typus des Markgrafen hat Steinl eine ganz eigenständige Synthese aus dem greisen
Markgrafen und einem jungen Ritter gefunden: Die Figur auf der
Monstranz zeigt einen körperlich jungen Adeligen mit Schwert, knielangem Rock und zurückgerutschten Ärmeln. Nur der mittellange, gepflegte Bart verleiht ihm ein reiferes Aussehen. Im Gegensatz zu
Fruehaufs Bild sind auch die unbedeckten Haare kurz geschitten. Auf
der Monstranz scheint neuartig, daß der Markgrafenhut neben Leopold III. auf dem Boden liegt. Auf dem Gemälde springt — erstmals in
der Bildtradition — links des Baumes ein Hund hoch, um die Auffindung des Schleiers durch die Hunde vor Augen zu führen. Steinl hat
aus diesem Motiv eine raffinierte Bewegungsstudie geformt (Abb. 25
u. 26): Beide Hunde befinden sich auf den Hinterbeinen und scheinen
den Schleier anzubellen, sie stehen parallel zueinander und greifen
sich gegenseitig mit den Vorderpfoten über den Rücken. Auf diese
Weise bilden sie durch die entstehende Drehbewegung eine Allansichtigkeit fordernde Kleinplastik. Weiter besticht der Entwurf des Baumes
durch die filigrane Leichtigkeit des Geästs und seiner zarten Belaubung. Die weit voneinander gesetzten, unregelmäßig geflammten
Strahlen wirken unaufdringlich und spielen in ihrer Gesamtform auf die
hochovale Form der barocken Strahlenmonstranz an. Der mit der linken Hand weit ausgreifende Gottvater bildet mit dem über den Kopf
flatternen Mantel die Spitze der Monstranz.203 Der reiche Edelsteinbesatz geht ebenfalls auf Steinls Entwurf zurück und war vom Auftraggeber gebilligt, denn die Kostensteigerung betraf, wie gezeigt wurde, allein den Silberverbrauch Känischbaurs. Die Monstranz zeigt ihrer
Form nach eine geschickte Verbindung einer Baummonstranz mit einer barocken Strahlenmonstranz, und diese Kombination bildet die Folie der Schleierlegende, die von einer Marienerscheinung begleitet
wird. Die Trinitätsdarstellung aus Gottvater, Taube des hl. Geistes und
Christus im Sanctissimum stammt hingegen aus dem gängigen Formenschatz eucharistischer Barockmonstranzen. Steinls Entwurf kann
trotzdem, respektive der vom Goldschmied eventuell vorgenommen
Veränderungen, im Rahmen des Auftrages und der Verknüpfung bildnerischer Konventionen als hochoriginell angesehen werden. Kä203
Pühringer-Zwanowetz hat auf die Ähnlichkeit dieses Mantels mit dem der Reiterstatuette Josephs I. von Steinl hingewiesen. Vgl. P.-Zw., Matthias Steinl, S. 101
Kieser: Memorialmonstranzen
67
nischbaur wurde 1712 zum kaiserlichen Kammergoldschmied ernannt.
Im gleichen Jahr erfolgte auch Steinls Aufstieg zum „kaiserlichen Hofbeinstecher“, der aber, wie auch Känischbaur, schon vorher für den
Hof gearbeitet hatte.204 Beide an der Monstranz beteiligten Künstler
gehörten nun zum Kreis der kaiserlichen Hofkünstler und damit zu den
besten und angesehensten Künstlern des Reiches. Durch die Nobilitierung wurden Steinl und Känischbaur aus den sozialen und beruflichen Zwängen der städtischen Handwerkszünfte herausgelöst, da der
Adel nicht dem Zunftzwang unterlag.205 Auch wenn die Ernennung
beider Künstler erst während des bestehenden Auftrages erfolgte, so
wurde die Schleiermonstranz dadurch aufgewertet und gewann eine
politische Bedeutung hinzu, die in diesem Maße vorher nicht intendiert
war: Das Stift Klosterneuburg stellte sich durch diesen Auftrag als
geistliches Zentrum selbstbewußt neben den Wiener Hof. Durch die
Schleiermonstranz führte man vor, daß man es sich leisten konnte,
sowohl finanziell, als auch politisch.
Die Schleiermonstranz ist aufgrund ihrer Auftraggeberschaft und der
ausführenden Künstler als ein Werk des „Kaiserstils“ zu bezeichnen.
Franz Matsche verwendet diesen Begriff anstelle desjenigen von Hans
Sedlmayr206, der vom „Reichsstil“ sprach. Sedlmayr hatte den Begriff
von Gustav Steinböhmer207 übernommen. Matsche kritisierte den „nationalistischen Beigeschmack“ des Begriffes:
„Die Werke des Kaiserstils sind nur einer begrenzten Auftraggeberschaft
und deren politischen Interessen zuzuordnen, nämlich dem Kaiserhof in
Wien und eventuell noch seinen Parteigängern im Reich, den Anhängern der
Kaiseridee, der „Kaiserpartei“ im Reich, die kleineren Fürsten und
Reichsstände, die auf Wien hin orientiert waren, weil sie im Kaiser die Quelle
und Stütze ihrer Macht und Privilegien sahen. Die Werke des Kaiserstils
wurden fast ausschließlich von den Künstlern des Wiener Hofes, vor allem
den beiden Fischer von Erlach, geschaffen. Dieser Umstand bedingt, daß der
Begriff Kaiserstil auch nicht generell auf die Wiener oder gar auf
österreichische Barockkunst in deren Gesamtheit zutrifft. Er ist auf Werke
begrenzt, deren Auftraggeber der Wiener Kaiserhof selber oder Institutionen
und Personen waren, die zu ihm gehörten oder mit ihm politisch verbunden
waren und diese Zugehörigkeit auch in diesem Bereich zum Ausdruck
bringen wünschten.“208
204
Pauker, a.a.O., S. 280 f.
Warnke, Hofkünstler, Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers, S. 206 f.
206
Sedlmayr, Die politische Bedeutung des deutschen Barock, S. 140-156
207
Gustav Steinböhmer: Politische Kulturlehre. Hamburg 1933
208
Zit. Matsche, Die Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 2
205
Kieser: Memorialmonstranzen
68
Im Sinne Matsches kann die Schleiermonstranz als Werk des „Kaiserstils“ gelten, denn Känischbaur und Steinl waren kaiserliche Hofkünstler, die für eine dem Kaiser nahestehende Institution, i.e. das Klosterneuburger Stift, tätig waren. Die form- und stilgeschichtliche Betrachtung der Monstranz muß daher zu Gunsten einer Untersuchung der
politischen Intentionen der Auftraggeberschaft zurücktreten, die bisher
kaum Beachtung gefunden haben. Der Kaiserstil ist „ein von Grund
auf ideologisch geprägter ikonographischer Stil“209: Die Künstler waren
keineswegs „selbstherrliche Schöpfer“ (Matsche), denn die politische
Thematik der Aufträge war stets genau festgelegt und wurde vom
Künstler nicht erst im Nachhinein erschaffen. Die Kunst der Wiener
Goldschmiede, die sich im hier untersuchten Fall mit der des Kaiserstils deckt, erlebte nach den Türkenkriegen eine vorher nicht gekannte
Blüte. Die politische Instabilität in Wien hatte eine kontinuierliche Entwicklung der Goldschmiedekunst verhindert, wie sie in Augsburg und
München möglich war. Eine originäre Wiener Stilentwicklung erfolgte
dann jedoch analog und auch innerhalb der Entstehung des Kaiserstils, eine Tatsache, die von Matsche unberücksichtigt blieb.
209
Zit. a.a.O., S. XI
Kieser: Memorialmonstranzen
69
Die dargestellten Legenden
Lepanto – Symbolkraft eines Triumphes
Von der politisch-religiösen Bedeutung des Patronats der Maria de
Victoria für die Stadt Ingolstadt wurde schon gesprochen. Nun soll auf
das Ereignis Lepanto selbst in einem weiteren, gesamtkatholischen
Zusammenhang eingegangen werden. Die komplexen Vorgänge um
diese Seeschlacht sollen hier jedoch nicht nacherzählt werden, es sei
hier auf ausführlichere Darstellungen verwiesen.210 Sieht man von
dem religiösen Mirakel Lepanto einmal ab, das durch die Mithilfe der
Victoria ermöglicht wurde, so wird eines deutlich: Das eigentliche
Wunder lag in der Tatsache, daß ausreichend viele katholische Alliierte ihre Privatfehden für eine Weile unterbrechen konnten, um sich der
türkisch-islamischen Seemacht entgegenzuwerfen. Besonders die
Kaufleute aus Genua und Venedig bekamen den Druck der Osmanen
zu spüren. Genua verlor 1566 die Insel Chios, Venedig büßte 1571
Zypern ein. Im Falle einer türkischen Kontrolle über das Mittelmeer
wäre der Ruin der beiden italienischen Handelsstaaten wohl nicht zu
vermeiden gewesen.211
Bereits 1523 hatten die Türken Rhodos von den Johannitern erobert.
Die vertriebenden Ritter siedelten 1530 auf Malta, wo sie 1565 von
180 türkischen Schiffen erneut angegriffen wurden. Mit nur 700 Rittern
und einigen tausend einheimischen Maltesern wurde dieser Angriff
abgewehrt. Diese erfolgreiche Verteidigung war ein Signal an die noch
zaudernde Christenheit. Zwar sollten die Türken die Niederlage 1571
mit der Eroberung Zyperns sühnen, doch hatte jener Sieg ermutigende
Wirkung auf den spanischen König Philipp II., der damals gezögert
hatte, den Maltesern Hilfe zu schicken.212 So ist es kein Zufall, daß
sich auf der Toppflagge am Hauptmast des Christenschiffes der
Monstranz ein eingraviertes Malteserkreuz befindet. Nicht nur waren
drei maltesische Schiffe an der Seeschlacht beteiligt, das Malteserkreuz kann auch als Erinnerung und Glückszeichen eines bereits erfolgreichen Kampfes gegen die Türken gesehen werden. Auch auf
dem Brustpanzer der Erzengels Michael ist ein solches Kreuz zu sehen. Das zeitlich weiter zurückweisende Zeichen findet auf der Monst210
F. Hartlaub: Don Juan d'Austria und die Seeschlacht bei Lepanto. Diss. Berlin 1940 – F. Braudel:
Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. 3 Bde. 1990
211
Paulson/Alvarez–Detrell, Lepanto. Fact, Fiction and Fantasy, S. 12 f.
212
Braunfels, Die Lehre von Lepanto, S. 198
Kieser: Memorialmonstranzen
70
ranz Verwendung, indem es als Bildargument für einen weiteren verdienten christlichen Triumph dient. Die Siegesmadonna, der Erzengel
Michael und seine himmlischen Heerscharen unterstützten die christlichen Streiter im Kampf gegen die Ungläubigen, sei es nun vor Malta,
bei Lepanto, oder in noch bevorstehenden Schlachten. Im Bild wird
dieser Verweis zur symbolischen Emphase des bildlich zu übermittelnden Heilsgeschehens.213
Die heilige Liga der alliierten christlichen Mächte konnte am 7. Oktober
1571 der türkischen Flotte eine vernichtende Niederlage beibringen.
Den Oberbefehl hatte ein jugendlicher Admiral inne, nicht etwa ein alter Stratege. Die rätselhaft-charismatische Gestalt des Don Juans
d'Austria, er war als natürlicher Sohn Karls V. ein Halbbruder des spanischen Königs, transportierte die Tugenden des jungen Helden. Seine Figur ist auf der Monstranz an hervorgehobener Stelle im mittleren
Mastkorb plaziert. Die 206 Schiffe der christlichen Flotte setzten sich
aus 108 venezianischen, 29 neapolitanischen, 14 genuesischen, 13
spanischen, 12 päpstlichen und 3 maltesischen Schiffen zusammen.
Auf den Schiffen sollen sich angeblich auch 3.000 deutsche Soldaten
befunden haben.214 Diese Streitmacht traf auf die leichte Überlegenheit von 220 bis 230 Schiffen der türkischen Flotte. Insgesamt standen
sich in der Seeschlacht etwa 80.000 Christen und 120.000 Türken gegenüber. Während der Feindseligkeiten starben 9.000 Christen und
30.000 Türken.215 Spanien trug die Hälfte der Kosten des Unternehmens, Venedig ein Drittel und der Papst ein Sechstel.
Doch sollte die glorreiche Allianz der Christen, die von Pius V. so mühevoll vereinigt worden war, schon bald wieder auseinanderfallen. Der
heilige Vater starb bereits im folgenden Jahr und Phillip II. fürchtete
einen erneuten Krieg gegen Frankreich.216 Die Türken erholten sich
schneller von dieser Niederlage, als man im Westen dachte. Mit erstaunlichem Eifer wurden neue Rüstungen ins Werk gesetzt, und
schon im Jahre 1572 war die Seemacht der Osmanen fast auf die alte
Höhe gebracht worden. Lepanto blieb jedoch in der Erinnerung der katholischen Länder Europas (außer Frankreich) ein mit vereinten Kräften durchgeführtes Unternehmen wenigstens des Dreibundes aus Va213
Vgl. ein Gemälde von Georg Wilhelm Graesner in der Pfarrkirche S. Maria Assunta in Santa Maria
im Calancatal (Graubünden). In der Lepantodarstellung von ca. 1649 wird die Überwältigung der
Türken durch die hochgebauten Galeassen der Ligaflotte vorgeführt. Hier sind außer den Bannern
Venedigs, Spaniens, des Papstes auch die der Malteserritter zu sehen. – Abb. in: DU, 255 (Mai
1962), S. 13
214
Braunfels, Die Lehre von Lepanto, S. 24 (ohne Quellenangabe)
215
Heffernan: Battle of Lepanto. In: New Catholic Encyclopedia, Bd. 8, S.665 f.
216
Vgl. Anm. Nr. 88
Kieser: Memorialmonstranzen
71
tikan, Venedig und Spanien. Politisch gesehen war es aber ein Traum,
dem bald niemand mehr nachzuhängen wagte. Zwar war die für den
Westen traumatische Unbesiegbarkeit der osmanischen Kriegsmacht
gewichen, die schon Jahrhunderte angedauert hatte, gewichen war
allerdings auch die Hoffnung auf eine große Vereinigung der christlichen Völker zur Niederringung des islamischen Glaubensfeindes.217
Das strategisch nutzlose Lepantoereignis blieb zwar politisch ohne
Wirkung — das östliche Mittelmeer wurde weiter von der osmanischen
Seemacht dominiert — dennoch war es der letzte große Triumph des
vom Papst angeführten heiligen Krieges gegen den Halbmond. Der
Kreuzzugsgedanke nahm hier noch ein letztes Mal Gestalt an.218 Im
Gegensatz zur der um diese Zeit sonst praktizierten Art der europäischen Kriegsführung dominierte in den Kriegen gegen die Türken stets
eine Ideologie der Vernichtung.219
Um die barocke Sichtweise der Lepantoschlacht besser verstehen zu
können, soll nun das Thema einmal von der Seite des Jesuitentheaters her beleuchtet werden. Dabei soll es nicht darum gehen, Begriffe
aus der Welt des Theaters auf die Bildende Kunst anzuwenden220,
sondern die heilsgeschichtliche Bedeutung Lepantos kann hierdurch
aus zeitgenössischer Sicht verstanden werden. Überall in den Ordensgymnasien der Societas Jesu wurde die Kunst der Rhetorik, der
wortgewandten Disputation, auf der Bühne erprobt. War das protestantische Schuldrama eine mit eher bescheidenen Mitteln arbeitende
Bühne des Glaubenskampfes, die den Pfeil des Wortes wetzte, so
suchte das Jesuitentheater ganz bewußt die szenische Impression,
die an alle Sinne des Menschen appellieren sollte. Die Vergegenwärtigung auf der Bühne sollte das bloße Kanzelwort überbieten. So wurden die Aufführungen von Jesuitendramen nicht nur für die Lehrer und
Schüler der Kollegien zum großen Spektakel, sondern gehörten bald
zu den eindrucksvollsten Festlichkeiten, die die Geistlichkeit, die
Stadt- und auch die Landbevölkerung in ihren Bann zogen. Für den
Jesuitenorden war das Theater eine „Weltpredigt für Menschen aller
Stände“221. Das Schultheater gehörte nicht zum strengen Rahmen des
217
Babinger, Die Schlacht von Lepanto, S.17–20
Es handelte sich nicht um einen Kreuzzug, sondern um einen reinen Machtkampf im Mittelmeer,
bei dem es um Vorherrschaft ging und nicht um Eroberung. Vgl. Braunfels, Die Lehre von Lepanto, S. 202
219
Duchhardt, Altes Reich und europäische Staatenwelt, S. 70 f.
220
Zu diesem Problem ausführlich Lipowicz, Das Theatralische als Beschreibungsformel der barocken
Kunst, S. 297–306
221
Zit. Bosl, Jesuiten in den Universitätsstädten, S. 174
218
Kieser: Memorialmonstranzen
72
Unterrichts, stellte aber eine wertvolle pädagogische Einrichtung dar.
Der Rhetorikprofessor des jeweiligen Kollegiums übernahm für gewöhnlich die Inszenierung der Theaterstücke. Er schuf entweder ein
neues Werk oder übte ein bereits erprobtes Stück ein.222 Das Theater
des Ingolstädter Kollegs war eines der bedeutensten in der Oberdeutschen Provinz. Über zweihundert Stücke wurden hier von 1558 bis
1773 aufgeführt. Die Aufführungen in den Ingolstädter Kongregationen
sind jedoch nicht mehr zu ermitteln.223
Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag der Schwerpunkt des Jesuitentheaters nicht mehr auf dem Leid des Lebens oder in der scholastischen Auseinandersetzung mit dem Unfaßbaren, sondern in der „positiven Stellung zum Leben in seiner sieghaften Gestaltung“224. Nicht
mehr der Held wird betont, sondern die Veranschaulichung einer allgemeinen religiös-sittlichen Wahrheit. Um die stets in lateinischer
Sprache gespielten Aufführungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, führten die Jesuiten bereits 1597 die Periochen ein.
Dies sind Theaterzettel, die eine deutsche Inhaltsangabe des Dramas
enthalten. Der Name der Autoren fehlt auf ihnen meistens.225 Laut
Szarota war die Perioche ein „Versuch, das Jesuitendrama zu demokratisieren“226, denn die Jesuiten suchten durch dieses Zugeständnis
eine breitere, des Lateinischen nicht mächtige Öffentlichkeit zu erreichen. Die Auflage dieser Periochen betrug pro Aufführung etwa 400
bis 500 Exemplare. Die Periochen sind heute die Hauptquellen zum
Jesuitentheater, da nur sehr wenige Originaltexte überliefert sind.227
Dabei muß aber berücksichtigt werden, daß im sinnlichen Barocktheater unter allen Eindrücken der Text die geringste Rolle spielte, so „daß
es nicht störte, wenn der Text unverständlich blieb.“228
Das Türkenthema ist im Jesuitentheater verhältnismäßig neu. Obwohl
es schon früher angeklungen war, entwickelte sich der Kampf gegen
die Türken erst von Ende der siebziger Jahre des 17.Jahrhunderts an
zu einem zentralen Thema. Dies ist leicht zu erklären, lebte doch das
Abendland damals unter der andauernden Gefahr türkischer Invasionen. Früher datieren noch zwei Theaterstücke über die Seeschlacht
222
Ettelt, Das Jesuitengymnasium in Ingolstadt, S. 112 – Schneider, Narrative Anleitungen zur Praxis
Pietatis, S. 65-82 (zur rhetorischen Ausbildung durch die Jesuiten
223
Haas, Jesuitentheater in Ingolstadt, S. 2
224
Zit. a.a.O., S. 65
225
Szarota, Jesuitendrama (Bd.I,1), S. 8 f.
226
Zit. a.a.O., S. 11
227
A.a.O., S. 11
228
Zit. R. Alewyn u. K. Sälzle, Das große Welttheater. Die Epoche der höfischen Feste in Dokument
und Deutung. 1959; nach Bauer, Barock, S. 220
Kieser: Memorialmonstranzen
73
bei Lepanto, die 1654 in Landsberg und 1659 in Eichstätt aufgeführt
wurden.229 Hier soll nun das Landsberger Drama von Michael Digiser230 in Beziehung zur Monstranz gebracht werden. Das Titelblatt der
Perioche ist im Abbildungsteil dieser Arbeit zu sehen (Abb. 39). In den
Jesuitendramen erscheint der Kampf gegen den Islam stets als ein
„heiliger Krieg“, d.h. als Glaubenskrieg, der zum letztendlichen Sieg
des Christentums führen soll. Die Schlachten gegen die Türken werden verherrlicht, stets siegen die miteinander solidarischen christlichen
Heere, die mit göttlicher Hilfe immer siegen. Die Jesuiten wollten ihren
Zuschauern den Gedanken des vita humana militia est unmißverständlich klarmachen, sie bedienten sich dabei aller nur bekannten
Theatermittel, die sie sehr geschickt einzusetzen wußten. Im Jesuitendrama existiert deswegen keine positive mohammedanische Figur.231
Das am 3. und 9. September 1654 in Landsberg aufgeführte Lepantodrama lautete mit vollem Titel:
„Maria Mulier Amicta Sole et Luna sub Pedibus Eius, &c. / Herrlicher Sieg
und Victori / so die Christen durch Fürbitt und Verstande / Mariae / wider ihren Erzfeind / Den Türcken / im Jahr 1571 zu Wasser erobert haben.“232
Dieses Stück wurde nicht in Ingolstadt aufgeführt, trotzdem kann es
als geistesgeschichtliche Illustration dienen, denn „die Jesuiten aller
Provinzen waren [...] weitgehend uniform im Denken und Handeln,
weil sie durch die gleiche theologische Bildung, ethische Grundhaltung
und menschlich-autoritäre Bindung zusammengehalten wurden“233.
Schon der Titel ist im Zusammenhang mit der Lepanto-Monstranz sehr
aufschlußreich. Hier tritt der Typus der „Apokalyptischen Frau“ als Protagonistin auf. Es handelt sich um die Vision aus der Offenbarung des
Johannes. Im Kapitel 12 sieht der Seher am Himmel ein großes Zeichen, das mit allen Attributen der Himmelskönigin ausgestattet ist: Sie
ist mit der Sonne bekleidet, unter ihren Füßen erscheint der Mond,
und über ihrem Haupt schimmert eine Krone aus zwölf Sternen. Unter
heftigen Wehen gebiert sie einen Knaben, der als künftiger Herrscher
mit einem eisernen Zepter gekennzeichnet ist. Ein mächtiger Drache
will ihn verschlingen, doch wird das Kind auf wunderbare Weise zu
Gott entrückt. Die Mutter erhält Flügel und flieht in die Wüste. Die Erde
229
A.a.O., S. 77 – Schreiber, Türkenmotiv, S. 45 f.
Vgl. Büse, Das Marienbild in der deutschen Barockdichtung, S. 143 f.; Digiser wird hier als Autor
genannt.
231
Szarota, Jesuitendrama (Bd. III,1), S. 17–19
232
Faksimile der Perioche bei Szarota, Jesuitendrama (Bd. I,1), S. 741–748
233
Zit. Bosl, Stellung und Funktion der Jesuiten, S. 173
230
Kieser: Memorialmonstranzen
74
hilft ihr vor der Wut des Drachens. Auch auf der Monstranz erscheint
die Muttergottes mit Krone und Zepter als Himmelskönigin. Sie ist von
einem vergoldeten Strahlenkranz hinterfangen, der mit gefaßten Rubinen verziert ist, dem „Sonnenmantel“. Schon die Kirchenväter sahen
das vom Drachen bedrohte Apokalyptische Weib als die Personifikation der verfolgten Kirche. Erst im 12. Jahrhundert wird sie nicht mehr
nur als Ecclesia, sondern auch als Muttergottes gesehen, die Christus
den Weltenherrscher geboren hat234:
„Diese Frau bedeutet die Kirche, die Sonne aber bedeutet Christus. Sonnenumkleidet also ist die Kirche, weil die Gläubigen, aus denen die Kirche besteht, in der Taufe Christus anziehn, so wie es der Apostel sagt.“235
Der Mond unter den Füßen der Madonna, stets ein Halbmond, ist oftmals Signum der feindlichen Türken.236 Auf einem Augsburger Kupferstich237 aus dem Jahre 1755 trägt eine Türkenfigur nicht nur die Büste
Pius' V., sondern auch eine nach unten gewendete Mondsichel (Abb.
35).
In der Perioche werden einige vom Autor verwendete Quellen aufgeführt. Er folgt teilweise Laurentius Surius, wie auch Girolamo Catena
(Papa Pio Quinto, Rom 1586). Aus diesen Werken sind die Namen der
Herrscher und Feldherren beider Seiten entnommen. Wichtig für die
Lepanto-Monstranz ist der dort beschriebene Verlauf der plötzlich eintretenden Windstille mit dem anschließenden, für die Christen günstigen Wechsel der Windrichtung. So half der Wind während der
Schlacht der christlichen Flotte, als er den Türken den Rauch in die
Augen blies und ihre Geschosse auf sie zurücklenkte. Auf dem die
Taube des hl. Geistes umgebenden Wolkenkranz sind blasende Engelsköpfchen sichtbar (Abb. 40). Sie stehen anschaulich für den von
göttlicher Hand gelenkten Wind. Szarota vermutet, daß die Idee vom
Sieg unter der Fürbitte und Mitwirkung der Muttergottes ohnehin aus
Jesuitenkreisen stammt.238 Der in der Perioche als historische Quelle
angegebene Horatius Torsellinus mit seinem 1599 erschienenen Buch
234
Schmidt, Vergessene Bildersprache, S. 224 f.
Pseudo–Ambrosius (Berengaud), In Apocal. Expositio (PL 17, 875 A) – Zit. n. Rahner, Maria und
die Kirche, S. 107 f.
236
Auch nach der Befreiung Wiens 1683 wurde die Mondsichel auf das türkische Feldzeichen bezogen. Im Presbyterium der Wallfahrtskirche Maria Elend in Kärnten befinden sich Ferdinand
Fromiller zugeschriebene Emblemmalereien. Auf einer erscheint Maria auf der Mondsichel über
Wien mit dem Lemma „Luna sub pedibus eius“. – Lesky, Barocke Embleme, S. 169
237
Kupferstich von Joseph und Johann Klauber, Augsburg, um 1755; Aus J. S. Klauber, Hae sunt
ergo feriae Domini sanctae, quas celebrare debetis temporibus suis, Augsburg um 1755; Vgl. Frank
u. Lechner: Pius V. In: LCI, Bd. 8, Sp. 214 – Abb. in: DU, 255 (Mai 1962), S.48
238
Szarota, Jesuitendrama (Bd. I,2), S. 1656 f.
235
Kieser: Memorialmonstranzen
75
„Historiae Lauretanae“ war jedenfalls Jesuit. Auch von anderen jesuitischen Autoren wird dieser Gedanke tradiert.239
In der Perioche werden die Bühnenvorgänge in der fünften Szene des
ersten Aktes wie folgt beschrieben: „Die barmherzige Jungfraw verspricht der Kirchen ihre Mütterliche hilf / und laßt darauf durch der Engelschaar underschidliche Waffen zurichten.“ Betrachtet man nun die
Monstanz, so handelt es sich hierbei um bogenschießende und blitzeschleudernde Putti. Vermutlich trat die Kirche in dieser Szene als
Personifikation auf. Wie schon oben erwähnt, dreht sich der Wind gerade im entscheidenden Augenblick (IV. Akt, 1. Szene): „Die Wind [...]
werden aber durch Mariam gestillt / und allein dem Zephyro zugelassen in wehrender Schlacht von Occident wider die Türcken zu blasen.“
Auf der Monstranz wird dies durch die blasenden Engelsköpfchen anschaulich, die die Taube des Heiligen Geistes umgeben (Abb. 40). In
der vierten Szene ist der Sieg dann endlich perfekt:
„Sie folgen bald unnd umbgeben der Jungkfrawen Haupt / mit den zwölff Zeichen des Himmels / als mit einem Sigkranz: der Monn aber als der Türcken
Figur muß gleichwol under den Füssen Mariae dienstbarlich erliegen.“
Hier tritt nochmals die siegreiche Immaculata auf. Auf der Monstranz
wird der Siegerin vom Erzengel Michael ein Lorbeerkranz überreicht.
Wie oben schon erwähnt, wird den Türken das Zeichen des apokalyptischen Mondes zugeteilt. Auf dem Wasser rechts des Achterkastells
des Christenschiffes wird auf der Monstranz ein flaches Boot sichtbar,
das mit türkischen Kriegern dicht besetzt ist. Die „Timor Turciens“240
läßt sie die Schlacht fliehen: „Die Forcht gibt die erste das Versen Gelt
/ unnd obwohl sie kein Blut sehen noch Puluer schmäcken möchte /
kommt sie doch wohl gerauffet heimb.“ (V,1) Papst Pius V. handelt als
dankbarer Kirchenfürst „unnd schaffet Mariae der großmächtigsten
Verfechterin der Christen ein ewigs Fest.“ (V,5) Während der Lepantoschlacht betete er den Rosenkranz, der die Muttergottes zum Einschreiten bewegte. Die Marienverehrung wird in den Jesuitendramen
oft in seiner unmittelbaren Heilswirkung dargestellt.241
Insgesamt geben die hier exemplarisch ausgewählten Szenen eine
anschauliche Beschreibung der Lepantoschlacht aus religiöser Perspektive. Die himmlischen Heerscharen werden nach einem Stoßgebet zur Muttergottes mobilisiert, der Wind dreht sich taktisch günstig,
239
Vgl. ebd.
Lateinisches Zit. aus ders. Perioche, Akt V, Szene 1
241
Vgl. i. e.: Maria auxiliatrix (1637), Petrus Damianus (1638), Tragoedie vom erbärmlichen Fall
(1623), Refugium (1682), Maria Refugium Peccatorum (1661), Triumphus Mariani amoris (1682),
Fructus constantis (1678); Vgl. Büse, a.a.O., S. 131
240
Kieser: Memorialmonstranzen
76
die Türken werden geschlagen und ergreifen die Flucht. Auch Papst
Pius V. kommt auf der Bühne ein entscheidender Anteil am Triumph
zu, er hat während der Schlacht zur Muttergottes gebetet und setzt
zum Dank für die Erhörung das Rosenkranzfest ein. Alle diese Topoi
werden auf der Monstranz anschaulich dargestellt. Auch im 18. Jahrhundert blieb Lepanto für das Jesuitentheater interessant. Im Jahre
1722 wurde das Drama um den Sieg gegen die Türken noch einmal
neu in Szene gesetzt.242 Die Marienverherrlichung wurde im Jesuitendrama häufig eingesetzt, um zur Sinngebung von Geschichte und
Zeitgeschehen beizutragen.243 Gleichzeitig diente es, wie gerade jenes
Drama zeigt, zur Feier und Sanktionierung des mit diesem Ereignis
verbundenen Marienfestes.
In der Barockzeit verfehlte man also nicht – losgelöst von aller Politik –
die große Seeschlacht als einen einmaligen Triumph der Kirche zu
feiern, als exemplarische Verteidigung des katholischen Christentums.244 Der eigentliche Sieger von Lepanto war aber der Dominikanerpapst Pius V. Er hatte gegen alle Widerstände die heilige Liga zusammengeschmiedet, durch ihn erhielt das Unternehmen nachgerade
die Züge eines heiligen Krieges. Er war es, der das Rosenkranzfest
am ersten Oktobersonntag mit einem Gedenkfest für den Sieg bei Lepanto verband. Pius V., der 1712 heiligesprochen wurde, hatte Maria
vom Siege im nachhinein zur schützenden Macht der kämpfenden
Armada erhoben.245 Am 7. Oktober wird bis heute das Fest der Allerseligsten Jungfrau Maria vom Rosenkranz zur Erinnerung an die Seeschlacht von Lepanto begangen. 1716 wurde das Fest von Papst
Clemens XI. verbindlich vorgeschrieben, es wird auch Maria vom Siege genannt.246
In einer Sammlung päpstlicher Impresen von Jacobus Typotius aus
dem Jahre 1601 finden sich zwei Doppelimpresen des Papstes Pius
242
„Pugna Navalis Christianorum Cum Turcis Prope Insulas Echinadas Comitta et Gloriosa Morum
Ope B.V.Victoria“. (comitta: comissa?, morum: meritorum?) 1722, von Bernhard Pauer. n. Valentin,
Le Théatre des Jésuites, Nr. 4301 – Lat. Manuskript Staatsbibliothek München, cod. lat. mon. 8540,
2. (14 Seiten).
243
Weitere Beispiele für die Verwendung des historisch–marianischen Triumphalmotivs im Jesuitendrama: Anmütiges Schauspiel (1685), Emericus Hungariae princeps (1707), Stephanus Rex Marianus (1715), Marianae Pietatis perenne Monumentum (1715), Tutela Palatinatus superioris (1717);
Vgl. Büse, Das Marienbild in der deutschen Barockdichtung, S.144
244
Beispiele bei Lipinsky: Lepanto. In: LCI, Bd. 3, Sp. 88–89
245
Schulz: Marienfeste. In: LThK, Bd. 7, Sp. 65–69
246
Doyé, Heilige und Selige der römisch–katholischen Kirche, Bd. 2, S. 769
Kieser: Memorialmonstranzen
77
V. (Abb. 41).247 Im Zusammenhang mit der Lepantoschlacht ist vor allem die Imprese mit der Umschrift FLVCTUS EIVS TV MITIGAS von
Interesse, denn sie zeigt ein dreimastiges Schiff mit gerefften Segeln,
das sowohl dem aufgewühlten Meer als auch dem Sturmwind widerstehen kann. Diese Imprese bezieht sich zweifelsohne auf den Sieg
über die Türken bei Lepanto, denn Pius V. konnte nicht nur die
Schlachtflotte zusammenbringen, auch deren Erfolg wurde der Legende nach durch seine Frömmigkeit bewirkt. Wie bereits aus dem Theaterstück herausgelesen werden konnte, war das Rosenkranzgebet für
das zum Sieg führende Drehen der Windrichtung wirksam. Mit der Imprese werden im weiteren Sinne auch die Verdienste des Papstes
zum Wohle des „Schiffes der Kirche“ allegorisiert. Auf die Symbolik
des Schiffes wird später noch genauer einzugehen sein.
Am Tag des Rosenkranzfestes erneuerten die Ingolstäder Sodalen
nach der Kommunion ihren Treueeid und legten ein unterschriebenes
Formular vor.248 Das Ereignis der Seeschlacht wurde durch diese Verehrung, die besonders durch die Madonnendarstellung auf der Monstranz verdeutlicht wird, gewissermaßen enthistorisiert, d.h. die geschichtliche Distanz wurde aufgehoben. Lepanto wurde zu einem immer gegenwärtigen Ereignis im katholischen Glaubenskosmos, genauso wie Schutz und Hilfe der Madonna als immerwährend angenommen werden. Der maritime Triumph kam dadurch einem fast biblischen Ereignis gleich. Hält man sich dieses gesteigerte Verständnis
der geschichtlichen Ereignisse vor Augen, so wird allein aus dieser
Perspektive die Darstellbarkeit des zunächst profanen Geschehens
auf dem sakralen Objekt verständlich.
Auf dem bereits gesehenen Kupferstich der Brüder Klauber aus Augsburg (ca. 1755) ist die Aufschrift S. Pius V.O.P. Author faederis catholici contra Turcas zu lesen (Abb. 35). Im Kranz der Gegenstände, die
die Büste des Papstes umrahmen, ist auch ein Rosenkranz zu sehen,
auf dessen Bedeutung für die Monstranz näher eingegangen werden
soll. Papst Pius V. war ein Dominikanermönch, und gerade der Dominikanerorden beanspruchte die Einführung des Rosenkranzes stets für
sich, denn der Legende nach lehrte die Muttergottes selbst den hl.
Dominikus das Rosenkranzgebet. Seit dem 15. Jahrhundert breiteten
sich von Köln Rosenkranzbruderschaften aus. Dem Rosenkranzbeten
wurden bald spektakuläre Erhörungen zugeschieben, so auch der
247
Jacobus Typotius: Symbola Divina & Humana Pontificum Imperatorum Regum. Accessit brevis,
& facilis Isagoge. Prag 1601, S. 34, Tf. 14 (Nr. XXVII und XXVIII), S. 35 (Erläuterungen)
248
Krammer, Bildungswesen und Gegenreformation, S. 187
Kieser: Memorialmonstranzen
78
Seesieg über die Türken bei Lepanto.249 Der Sieg Prinz Eugens bei
Peterwardein 1716 hatte eine gesteigerte Verbreitung des Rosenkranzfestes zur Folge.250 In die Lauretanische Litanei wurde 1576 die
Anrufung der Gottesmutter als „auxilium Christianorum“ eingefügt.251
Die Jesuiten beteten die Litanei täglich in der Gemeinschaft, sie endete mit der Anrufung: „Regina Societatis Jesu, ora pro nobis!“ In den Illustrationen der Litanei wurde bei der Anrufung „Helferin der Christen“
gerne auf die Türkenkriege Bezug genommen, insbesondere auf die
Seeschlacht von Lepanto.252 In einem Emblem in der Wallfahrts- und
Pfarrkirche von Unterhaslach zerbricht die Muttergottes als „Sigreicher
Adler“ den türkischen Halbmond.253
Auf einer Emailplakette am Achterkastell der Lepanto-Monstranz findet
sich als Emailmalerei das Wappen des Dominikanerpapstes. Es ist
daher naheliegend, das darüber angebrachte Emailbild als Bildnis Pius' V. anzunehmen. In feinmalerischer Darstellung sieht man einen
barhäuptigen und weißbärtigen Mann, der im Gebet den Betrachter
ansieht. Links im Hintergrund ist ein Kruzifix mit angezogenen Beinen
zu sehen, das an die Vergiftungslegende254 erinnert. Er trägt ein weißes Dominikanerhabit mit einer roten Mozzetta. Dies sind Attribute, die
zur üblichen Darstellung dieses Heiligen passen.255
Der Zusammenhang mit der Rosenkranzverehrung ist für die LepantoMonstranz von sehr großem Interesse. Wie beschrieben, sind auf dem
Strahlenkranz, der das Schaugefäß umgibt, achtzehn Broschen angebracht. Diese sich so formierende Kette kann wegen ihrer Rubine als
Rosenkette begriffen werden. Auf dem Rollwerk aller Rosetten sind in
Email stilisierte Lilien zu erkennen, die hier für die Keuschheit Mariens
stehen. Das Sanctissimum wird demgemäß wie von einem Rosenhag
umgeben. Die Rose steht für die Schamhaftigkeit und Sittsamkeit der
Muttergottes.256 Die Lauretanische Litanei nennt Maria eine Rosa
mystica, und im Hohen Lied heißt es zudem: Hortus conclusus soror
mea sponsa (HL 4, 12). Die Darstellung eines geschlossenen Gartens
symbolisierte stets die Jungfräulichkeit Mariens; in der jesuitischen
249
Schmidt, Vergessene Bildersprache, S. 249
Schreiber, Das Türkenmotiv und das deutsche Volkstum, S. 51
251
Bihlmeyer, Kirchengeschichte, Bd. 3, S. 146
252
Kemp, Angewandte Emblematik, S. 66
253
Kemp, a.a.O., S. 66 u. 223 – Die Fresken entstanden von 1707–1710, Künstler war vermutlich
Michael Niggl. Das Emblem trägt die Inschrift SIC FORTIA CONTERUNTUR.
254
Der Legende nach zog Christus am Kreuz die vorher vergifteten Füße vor dem päpstlichen Kuß
zurück, und rettete dadurch das Leben des Pontifex`.
255
Frank u. Lechner: Pius V. In: LCI, Bd. 8, Sp. 214
256
Schumacher–Wolfgarten: Rose. In: LCI, Sp. 563–568; Sp. 564
250
Kieser: Memorialmonstranzen
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Bildtheorie ist die Rose ein Bild des Adels und der Tugend.257 Im Kontext der Monstranz kann der die Hostie umrahmende Rosenkranz nur
für die unbefleckte Empfängnis des Gottessohnes stehen. Der vom
Rosenkranz eingeschlossene Raum bedeutet den Leib der Madonna.
Monstranzen, in denen das Allerheiligste sich im Schoß einer Marienfigur befindet, gibt es häufig.258 In der Lauretanischen Litanei ist die
Gottesmutter auch vas honorabile, „weil sie, wie Monstranz und Ciborium, den anbetungswürdigen Gott in ihrem Schosse trug.“259 Die Aussage ist jedoch immer die gleiche: „Jesus ist dem Fleische nach die
Frucht des Leibes Mariens.“260
Es will sich aber nicht recht darin fügen, daß die Muttergottes auf der
Lepanto-Monstranz außerhalb des Rosenkranzes noch figürlich dargestellt ist. Hier läßt sich aber auf ein Beispiel aus der christlichen
Kunst des Mittelalters zurückgreifen. Die steinerne Rosenmadonna
von ca. 1330, die sich im Bayrischen Nationalmuseum in München befindet, hält das Jesuskind in einem Busch von Rosen261:
„Der grüne, goldene Blüten tagende Rosenstrauch, der als einzigartige und
kostbarste Blüte das Jesuskind trägt, verkörpert in der mystischsymbolischen Gleichsetzung von virga (Wurzel) und virgo (Jungfrau) sowie
die Wurzel Jesse als auch die Jungfrau Maria.“262
Als von Rosen umgeben, wird das Kind als unbefleckt empfangen gekennzeichnet, gleich der von Rosen umgebenen Hostie im Zentrum
der Monstranz. Beim Rosenkranzbeten wird Maria ausdrücklich in ihrer wesentlichen Bezogenheit auf Christus gesehen. Der Rosenkranz
wird in der Theologie deshalb als „marianische Christusmeditation“
bezeichnet.263 In der Lauretanischen Litanei wird die Muttergottes
auch als Regina Sacratissimi Rosarii angerufen. Eine von Siegfried
Hofmann formulierte Empfindung ist in diesem Kontext nicht von der
Hand zu weisen: Das [...] Ostensorium ist beseitet von dem Bilde des
Erzengels Michael (links), der Maria [...] den Lorbeerkranz des Sieges
überreicht, formal eine Allusion auf klassische Bilder der Verkündigung
Mariens.“264 Auf barocken Monstranzen wurden sehr oft seitlich des
257
B. Bauer: Theorie und Praxis der jesuitischen Rhetorik. Ein Beitrag zur Bildungsgeschichte im Zeitalter der Glaubenskämpfe. Diss. (masch.) München 1980; S. 477–478 – n. Michels, Philosophie
und Herrscherlob, S. 200
258
Beispiele bei Noppenberger, Monstranz, S.49
259
Zit. Sauren, Lauretanische Litanei, S. 42; Nennt als Beleg Lk.1,35: Ideoque et quod nascetur ex te
Sanctum, vocabitur filius dei.
260
Zit. a.a.O., S. 49
261
Abb. in: LCI, Bd. 3, Sp. 565
262
Hilger, Muttergottes mit dem Rosenstrauch, S. 338 f. (mit Abb.)
263
Courth, Marianische Gebetsformen, S. 385
264
Zit. Hofmann, Cosmas Damian Asam, S. 129
Kieser: Memorialmonstranzen
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Hostienbehälters die Figuren Mariens und des Verkündigungsengels
angebracht. Hier liegt der Gedanke der Menschwerdung Christi
zugrunde.265 Das Fest des Rosenkranzes und der Maria vom Siege ist
eigentlich ein Fest des Grußes „Ave Maria“, wird doch an diesem Tag
„das Gedächtnis des heilsgeschichtlichen Augenblicks festgehalten, in
dem der Engel um das Ja der Jungfrau warb.“266
Das Sanctissimum ist dazu von einer leichten Herzform, womit das
Herz Jesu gemeint ist. In mehreren Visionen erschien Christus zwischen 1673 und 1675 der Nonne Maria Margarete Alacoque und zeigte ihr sein brennendes Herz. Die Jesuiten hatten jedoch schon vor
diesen legendären Visionen zur Verbreitung von Herz-Jesu-Schriften
beigetragen.267 Das Herz steht für die schenkende Liebe Christi, die
caritas. Auf der Monstranz verweist das Herz, die Hostie umfangend,
auf den Wein, der als Blut Christi während der eucharistischen Feier
empfangen wird.
Michael und Maria thronen auf jeweils drei Rosetten über dem
Schlachtgeschehen. Hier ist die Rose ein Himmelsmotiv, sie weist die
beiden Figuren als Bürger des himmlischen Jerusalem aus, das von
Gold und Edelsteinen funkelt. Auch Reliquienbehältnisse mußten nach
diesem Verständnis ein Abbild der Himmelsstadt sein.268 Der Erzengel
und die Muttergottes tragen beide einen Brillanten in einer Kastenfassung auf der Brust. Der härteste Edelstein steht für den unbezwingbaren Christus, denn „er richtet alle, wird selbst von niemandem gerichtet, und nur das Blut der Passion bezwingt ihn [...]“.269 Michael und
Maria tragen in Gestalt des Brillanten die Kraft Christi in sich, um erfolgreich für das christliche Heer zu streiten.
Abschließend ist anzumerken, daß die in der Monstranz verarbeiteten
Broschen keine Originalanfertigungen sind. Die Broschen, die hier als
schmückende Rosetten fungieren, stammen wahrscheinlich von einer
wertvollen Halskette, die von einer Ingolstädterin gestiftet wurde. Das
Rollwerkornament der Broschen läßt darauf schließen, daß es sich
hier um eine Halskette der „spanischen Mode“270 handelte. An einer
von Johann Zeckel 1700 nach Freiburg gelieferten Monstranz ist ein
ganz ähnlicher Fall zu beobachten. Auch hier finden sich rollwerkähnliche Glieder, die wahrscheinlich zu einem Armband einer Freiburgerin
265
Noppenberger, Monstranz, S. 50
Zit. Pascher, Das Liturgische Jahr, S. 630
267
Walzer: Herz Jesu. In: LCI, Bd. 2, Sp. 250–254, Sp. 250 – Jungmann, Symbolik der katholischen
Kirche, S. 41
268
Hering–Mitgau, Silberplastik, S. 17
269
Zit. Meier, Gemma Spiritalis, S .132
270
Steingräber, Alter Schmuck, S. 114
266
Kieser: Memorialmonstranzen
81
gehörten.271 Die Bürgerkongregation in Ingolstadt hatte, darin bildete
sie eine Ausnahme, schon 1628 bzw. 1633 auch Frauen als Mitglieder
zugelassen.272 Die weiblichen Mitglieder spendeten wohl auch
Schmuckstücke, wie aus dem Inventar273 der Kongregation aus dem
Jahre 1667 hervorgeht. Hier sind zahlreiche Armbänder, Ketten und
sogar eine Krone erwähnt. Die Verzierung von Monstranzen mit profanem Schmuck als Votivgaben war in der Goldschmiedekunst sehr gebräuchlich.274 Hofmann hat vermutet, daß einige in der Monstranz
verwendeten Edelsteine aus der 1633 im Inventar aufgeführten Krone
stammen, die den nicht unbeträchtlichen Wert von 500 fl. hatte.275
Die Schleierlegende als „ikonologische Sage“
Die Schleiermonstranz wurde für das 600. Jubiläum der Grundsteinlegung der Klosterneuburger Stiftskirche in Auftrag gegeben, das am 12.
Juni 1714 gefeiert werden sollte. Die Schleierfindung selbst datierte
man damals auf den 31. Mai 1114.276 Auf der Monstranz wurde mit der
Schleierlegende jenes Ereignis dargestellt, das für die Klostergründung maßgeblich war. Um die Bedeutung der Darstellung auf der
Monstranz für die Zeitgenossen ermessen zu können, soll zunächst
ein Blick auf das Verständnis der Legende geworfen werden: Die
Schleierlegende wurde erstmals 1371 festgehalten, die Handschrift
befindet sich in der Bibliothek des Chorherrenstiftes.277 Es ist interessant, daß in diesem Text zunächst nur von einem Strauch (frutex) zu
lesen ist, der später durch eine andere Hand zum Holunderbusch gemacht wurde (frutex sambuci). Daraus läßt sich schließen, daß der
Holunder schon damals zu einem wichtigen Bestandteil der Legende
geworden war:
„Leopold, Markgraf von Österreich seligen Angedenkens, regierte fromm,
gerecht und mit allen guten Eigenschaften eines tüchtigen Herrschers;
deshalb schenkte ihm der allmächtige Gott eine gleichgesinnte Ehefrau,
Agnes, die Schwester Kaiser Heinrich V. So, wie sie ein Fleisch geworden
271
Vgl. Gombert, Freiburger Münsterschatz, S.81–83, Abb. 11 und 46
Duhr, Bd.2/2, S. 88 f.
273
Ordinariatsarchiv Eichstätt B 73 a – n. Hofmann, Nachruf I, S.130–137
274
Vgl. Noppenberger, Monstranz, S. 44
275
Hofmann, Nachruf I, S. 100; Vgl. Zitat ebd., Inventar, S. 131: „Ein große, mit Perlein vnnd Edlstain,
auch golden Rosen versezte Cronen, darinnen 27 guette Ring.“
276
Weiskern, Topographie von Niederösterreich, Bd. 1, S. 317
277
Stiftsbibliothek Klosterneuburg, CCl 626, fol. 202v-206r, publiziert bei Ludwig, Kononisationsprozeß, S. 146 ff.
272
Kieser: Memorialmonstranzen
82
waren, suchten sie einmütig den Willen Gottes zu erfüllen: Sie beschlossen
zur Ehre Gottes und zu ihrem Seelenheil eine Kirche zu errichten und
auszustatten und wünschten sich, durch ein göttliches Zeichen den Ort
kennenzulernen, der Gott für die Errichtung der Kirche gefällig war: Da erhob
sich bei ruhigem und freundlichem Wetter ein starker Wind und entführte mit
einem heftigen Stoß den Schleier vom Haupte der Agnes in weite Ferne.
Neun Jahre vergingen – da fand der Markgraf auf der Jagd den damals
seiner Frau vom Haupt gerissenen Schleier vollständig auf einem Strauch
[nach einem späteren Zusatz: Hollerstrauch]. Das – so war er sicher – war
der durch ein göttliches Zeichen bestimmte Platz für die Kirchengründung
und er ließ ihn für einen Kirchenbau herrichten – hier steht heute die Kirche
von Klosterneuburg, in der Regularkanoniker den Gottesdienst versehen.“278
Die Legende wurde später um eine Marienerscheinung bereichert, die
auf der Schleiermonstranz im Geäst der Holunders dargestellt ist
(Abb. 24).
Die handschriftliche Umwandlung des Strauches in einen Holunder
zeigt, daß man mit der neutralen Bezeichnung des Gewächses nicht
zufrieden war. Es ist zu vermuten, daß die sich aufdrängende Assoziation mit dem brennenden Dornbusch vermieden werden wollte, da sie
theologisch nicht in das Konzept der lokalen Heiligenlegende paßte.
Für die Zeitgenossen des Jahres 1714, die die fertiggestellte Schleiermonstranz erstmals sahen, waren Überlegungen obsolet, die nach
dem historischen Wahrheitsgehalt der Darstellung fragten. Den Gläubigen galt die Schleierfindung als Ereignis von immergültiger Heilswahrheit, denn der Markgraf war in einem regulären Verfahren kanonisiert worden. Wie sehr die Legende in Klosterneuburg gegenwärtig
war, läßt sich daran erkennen, daß die ursprüngliche Handschrift 1728
wortgetreu kopiert wurde. Man rahmte die Abschrift ein und hängte sie
in der Leopoldskapelle auf.279
Die Schleierlegende stellt in poetischem Gewande die Kirchenstiftung
des Markgrafen Leopold III. dar. Der historische Wahrheitsgehalt der
Legende wird heute bestritten, denn die Burg auf dem Kahlenberg
wurde erst im 13. Jahrhundert errichtet, außerdem war die Fundstelle
damals bereits bebaut.280 Die historischen Überlegungen sind jedoch
müßig, zieht man in Betracht, daß es sich bei der Schleierlegende ohnehin um eine „Wandersage“281 handelt, die in zahlreichen Variationen
auftritt. Roczek stellt fest, daß die Sage wohl zusammen mit Agnes —
eine Tochter des Kaisers Heinrichs IV. — nach Klosterneuburg kam,
278
Zit. Übersetzung von Hilde Dienst, Agnes: Herzogin, Markgräfin, Landesmutter, S. 25
ernik, Das mittelalterliche Lebensbild des heiligen Leopold, S. 12
280
Röhrig, Leopold III., S. 79
281
Zit. Roczek, Der heilige Leopold in Dichtung und Legende, S. 28
279
Kieser: Memorialmonstranzen
83
da im Schwäbischen eine sehr ähnliche Sage überliefert ist. Nach ihr
verlor Agnes, die damals in erster Ehe mit dem Stauferherzog Friedrich verheiratet war, auf der Jagd nahe der Residenz Lorch ihren Ehering. Friedrich legte ein Gelübde ab, daß er am Ort der Wiederauffindung des Ringes eine Kirche stiften wolle. Bei einer späteren Jagd
fand man den wertvollen Ring am Geweih eines erlegten Hirschen.
Friedrich gründete an dieser Stelle die heutige Johanneskirche, die
später zum geistlichen Zentrum Schwäbisch Gmünds wurde.282
Um die Bedeutung der Schleierlegende für die Gläubigen des frühen
18. Jahrhunderts verstehen zu können, ist es nützlich, die genannten
Erzählungen zu vergleichen: In beiden Fällen wird ein Gegenstand der
Ehefrau verloren, der mit Hilfe von Tieren auf der Jagd wiedergefunden wird. Kirchen- oder Klosterstifter sind jeweils Angehörige des Adels, denn nur ihnen kam das Jagdrecht als Standesprivileg zu.283 Insgesamt weist die Schleierlegende deutliche Parallelen zur Hubertuslegende auf, die zahlreichen Gründungslegenden der mittelalterlichen
Klöster zu Grunde liegt. Die Hunde des Markgrafen symbolisieren die
Tugenden der Wachsamkeit und der Treue. Der Volksglauben sprach
von einer „Geistersichtigkeit“ der Hunde, womit ihr besonderer Spürsinn für übersinnliche Phänomene gemeint war. Nicht ohne Zufall bemerken deshalb die Hunde den Schleier im Holunderstrauch zuerst.284
Dem Ring der Agnes aus der Gmündener Ringsage kommt als Zeichen des ehelichen Treueversprechens eine hervorragende Bedeutung zu, wie auch dem für die weibliche Keuschheit stehende Schleier,
der auch andere mittelalterliche Sagen beschäftigt. Stets dient der
Schleier zur Auffindung des richtigen Bauplatzes der Votivbauten:
„Der Gräfin Beatrix, Gemahlin des Otto von Bodenlauben, nahm, als sie aus
dem Fenster ihrer Burg sah, ein Wirbelwind den Schleier 2 Stunden weit; wo
er hing, wurde das Cisterzienser-Nonnenkloster Frauenroth (Bad Kissingen,
Utfr.) gegründet 1231. [...]
Kaiserin Kunigund † 1039 ließ von ihrem Schloß zu Bamberg 3 weiße
Schleier fliegen, um die Plätze zu erfahren, wo sie 3 Kirchen bauen wollte.
Einer derselben flog (80 Tausendmeter weit) bis Burgerroth (Aub Utfr.) wo
dann die Kunigundis Kapelle gebaut wurde [...].“285
Ein wichtiger Teil der letzten Sage wird hier verschwiegen, denn die
Kaiserin Kunigunde war vorher durch ihren Gatten Heinrich II. der Un282
Röhrig, Leopold III:, S. 67 – n. Graf, Die Gmündener Ringsage, S. 129 ff. – Ders., Der Ring der
Herzogin, S. 84-134
283
Bazin, Paläste des Glaubens, S. 76
284
Jungbauer: Art. „Schleier“ In: HDA, Bd. 8, Sp. 487
285
Zit. Frank, Sagenforschung, S. 6
Kieser: Memorialmonstranzen
84
treue bezichtigt worden. Bevor sie die Schleier auswarf, betete sie auf
dem Hertsfeld bei Röttingen so ausdauernd und inbrünstig, daß die
Spuren ihrer Knie im Felsen zurückblieben.286 Eine der Schleierlegende ähnliche Sage schildert die Gründung des Klosters Göss bei Loeben.287 In der Gründungslegende von Frauenroth wird der Schleier sogar, wie auch in Klosterneuburg, ganz ausdrücklich als orientalisches
Gewebe bezeichnet.288 Auf diese Weise wurde der Schleierverlust zu
einer besonders schmerzlichen Erfahrung. Alle aufgeführten Schleierlegenden sind etwa in der gleichen Zeit entstanden wie jene aus Klosterneuburg.
Neben den Erzählungen über sächsische und fränkische Herrscher
und ihre Frauen gab es in Österreich schon vor den Kreuzzügen eine
Schleierlegende, auf die man in Peigarten bei Haugsdorf die Gründung der Radegundiskirche zurückführt: Der Gräfin Radegundis wurde
auf ihrem Schloß der Schleier weggeweht und erst Jahre später bei
einer Bärenjagd wiedergefunden.289 Die Schleierlegenden lassen sich
insgesamt durch die Bezeichnung „Denkmalerzählung“290 oder „Bauplatzlegende“291 charakterisieren. Lutz Röhrich hat weiter auch die Bezeichnung „ikonische Sage“292 vorgeschlagen, die insbesondere für
die Art und Weise zutreffend ist, in der die Schleierlegende auf der hier
behandelten Memorialmonstranz dargestellt wird. In der Religionswissenschaft wird von „ikonischen Mythen“ gesprochen, wenn ein Kunstwerk durch einen später entstandenen Mythos erklärt wird. An diese
Überlegungen anknüpfend, kann die Klosterneuburger Legende, wie
noch zu zeigen sein wird, als „ikonologische Sage“ bezeichnet werden.293 In dafür beispielhafter Weise erzählt eine alte schwäbische Legende von einem Holunderbusch, der am Wege nach Tübingen wuchs
und aus dem es oft sehr schön sang. In diesem Busch soll die Muttergottes mit dem Kind öfters erschienen sein. Hier wurde schließlich die
286
Kapff, Schwäbische Sagen, S. 40
Jontes, Das Leobener Jesuitentheater im 18. Jahrhundert. In: Der Leobener Strauß, 9 (1981), S.
33 – n. Petraschek-Heim, Der Agnes-Schleier in Klosterneuburg, S. 59
288
Schmidt, Volksglaube und Volksbrauch, S. 59
289
Ebd.
290
L. Röhrich: Art. „Denkmalerzählungen“ In: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 3 (1981), Sp. 421427 – vgl. ders.: Sage. Stuttgart 1971 (2. Auflage), S. 33 f. Hier ist auch von der „ätiologischen
Erzählung“ die Rede.
291
M.-V. Bümmel: Art. „Bauplatzlegende“, In: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 1 (1977), Sp. 14011404
292
Röhrich, a.a.O., Sp. 424
293
Ebd.
287
Kieser: Memorialmonstranzen
85
Gottesackerkapelle errichtet, links und rechts des Eingangs wurden
Holunderbüsche gepflanzt.294
Der weite Weg des Schleiers und seine wundersame Wiederauffindung bedeuten den Beweis der Keuschheit durch die Wiederherstellung der weiblichen Ehre, denn in Klosterneuburg mußten neun Jahre
vergehen, bis die Hunde Leopolds den Schleier seiner Frau fanden.
Die vergangene Zeit kann mit den neun Engelschören und der dreifachen Trinität gleichgesetzt werden.295 Die Fortführung des Schleiers
bedeutete einen tatsächlichen Verlust, der sich heute kaummehr
nachvollziehen läßt, denn Agnes war durch den Wind „entschleiert“
worden. Diese Entschleierung empfanden die Menschen auch im frühen 18. Jahrhundert noch als peinlichen Umstand mit ehrenrührigem
Beigeschmack, denn der Schleier war die Tracht der verheirateten
Frauen.296 Der Verlust des Schleiers mußte also einen Schatten auf
die Gültigkeit der mit Leopold eingegangenen Ehe werfen. Angesichts
der hohen Körperscham im ländlichen Bereich, das hat Duerr297 gegen
Elias298 glaubhaft zeigen können, wurde die Entblößung des weiblichen Hauptes, insbesondere einer Markgräfin, als Verletzung der Intimsphäre verstanden. Der Anteil der Herzogin an der Kirchengründung ist somit nicht nur in dem Verlust und der langen materiellen
Entbehrung des teueren Schleiers zu sehen, sondern er zeigt sich
gleichfalls in der von ihr erduldeten Entblößung. Alle diese Umstände
können die der Legene unterliegende soziale Brisanz der Schleierfindung bezeugen.
Es muß erwähnt werden, daß Frauen bei der Kommunion die Eucharistie nicht mit der bloßen Hand berühren durften, sondern nur mit einem feinen weißen Tuch, dem dominicale. Ohne dieses Tuch wurden
die Frauen von der Kommunion zurückgewiesen. Es war jedoch nicht
mit dem Schleier identisch, der von den Frauen während der Messe in
der Kirche getragen werden mußte. Der Kopfschleier durfte die Hostie
sogar ganz ausdrücklich nicht berühren. Geschah dies trotzdem, so
mußte das fragliche Stoffstück mit einer stets am Altar bereitliegenden
Schere abgeschnitten werden.299 Man kann annehmen, daß sich der
auf der Monstranz abgebildete Schleier für das damalige Empfinden in
prekärer Nähe zum Allerheiligsten befand. Lediglich die Heiligung des
294
Stallmann, Der Baum in der deutschen Volkssage, S. 112
Dienst, a.a.O., S. 25
296
Jungbauer: Art. „Schleier“ In: HDA, Bd. 7, Sp. 1209
297
Hans Peter Duerr: Nacktheit und Scham. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Frankfurt a. M.
1988
298
Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Basel 1939
299
Veit/Lenhart, Kirche und Volksfrömmigkeit, S. 112 f.
295
Kieser: Memorialmonstranzen
86
Agnesschleiers, der durch die Marienerscheinung auch zum Marienschleier geworden war, konnte solche zeitgenössische Deutungsansätze zerstreuen. Im Volksglauben konnte der Agnesschleier auch als
Windel des Christuskindes betrachtet werden, denn man glaubte, Maria habe diese an den Zweigen des Holunders getrocknet.300
Hilde Dienst hat die Fortführung des Schleiers durch den Wind als
Symbol für das „Ein-Fleisch-Werden“301 in einer fruchtbaren Ehe gedeutet. Eher schwingt in der Legende aber die erzwungene Tugend
einer neunjährigen Keuschheit des Ehepaares mit, die durch den gnadenvollen Rückerhalt des Schleiers und einem legendären, achtzehnköpfigen Kindersegen belohnt wurde. In der ersten Lebensbeschreibung Leopolds, der in Klosterneuburg geschriebenen Chronica Pii
Marchionis302 (um 1177) wird seine alttestamentarisch zu nennende
Fruchtbarkeit besonders hervorgehoben.303 In Volkssagen wurde der
Baum häufig auch als „Kinderbaum“ bezeichnet, der eine dem „Klapperstorch“ ähnliche erzählerische Funktion hatte.304 Nach Bauerreiß
stellt der Kinderbaum eine Abwandlung des paradiesischen Lebensbaumes dar, für den sich im Mittelalter einige Bildbeispiele finden.305
Im volkstümlichen Kinderbaum schwingt ebenfalls die Idee von der
jungfräulichen Geburt Christi mit, der auf der Schleiermonstranz in
Hostiengestalt in der Baumkrone des Holunders thront.
Röhrig hat vermutet, daß in Klosterneuburg „ganz bewußt die Erinnerungen an alle Stifter bis auf den hl. Leopold getilgt“ worden seien, „um
sich die späteren Landesfürsten als Nachkommen des scheinbar einzigen Gründers zu verpflichten.“306 Die Legende diente somit zur Untermauerung des klösterlichen Anspruches auf Reichsunmittelbarkeit,
die Möglichkeiten bot sich der bischöflichen Macht zu entziehen, um
nach der alten benediktinischen Forderung die Macht der Abteien wiederherstellen.307 Klosterneuburg war als Stift zwar dem Passauer Bi300
Marzell: Art. „Holunder“ In: HDA, Bd.4, Sp. 263
Dienst, a.a.O., S. 25
302
Dt. Übertragung bei Röhrig, Leopold III., S. 44, n. Monumenta Germaniae historica, Scriptores 9,
S. 610 ff.
303
Zit. Röhrig, Leopold III., S. 32 f.
304
Stallmann, Der Baum in der deutschen Volkssage, S. 153 f. – Vgl. allg. B. Kummer: Art. „Kinderherkunft“ In: HDA, Bd. 6
305
Bauerreiß, Arbor Vitae (VI. Der Kinderbaum), S. 129-132 – n. O. Lauffer: Kinderherkunft aus
Bäumen. In: Zeitschrift für Volkskunde, 44 (1936/37), S. 93-106
306
Zit. Röhrig, Klosterneuburg, S. 22
307
Buck, Gründungs-Legenden mittelalterlicher Klöster, S. 12 f..
301
Kieser: Memorialmonstranzen
87
schof unterstellt, es agierte aber innerhalb der Diözese oft so eigenmächtig wie ein kleineres Fürstbistum.308
Die bereits erwähnte, handschriftliche Umwandlung des ursprünglichen Strauches der Schleierlegende in einen Holunder läßt die hohe
Wertschätzung für dieses Gewächs deutlich werden. Der Holunder lieferte dem Menschen nach alter Überlieferung Heilstoffe und Früchte.
Die Ehrfurcht des Volkes vor dem Holunder war hoch, wie einem alten,
noch heute gebräuchlichen Bauernspruch zu entnehmen ist: „Vor dem
Holunder soll man den Hut ziehen.“309 Blicken wir nun auf die Schleiermonstranz, so ist zu sehen, daß der kniende Leopold vor dem blühenden Holunder in der Tat den Hut gezogen hat, denn neben ihm
liegt die Markgrafenkrone auf dem Boden (Abb. 27). Vor einer Monstranz, die das Allerheiligste barg, hatte der Gläubige ohnehin den Hut
abzunehmen. Bis in die Neuzeit hinein wagte man nicht, Äste vom Holunder abzuschneiden, ohne vorher niederzuknien und mit gefalteten
Händen folgende Andacht zu sprechen: „Frau Ellhorn [od. Frau Holder] gib mir was von deinem Holz, dann will ich dir von meinem auch
was geben, wenn es wächst im Wald.“310 Auf diese Weise kann die
Monstranz zunächst schon als mehrfache Aufforderung an den gläubigen Zeitgenossen zur Devotion gelten: vor der Eucharistie, dem
Schleierwunder, dem hl. Markgrafen und dem hochgeschätzten
Strauch, der damals „Baum des Heils“311 genannt wurde, da er vor allem Ungemach schützte. Zusätzlich erscheint auf der Monstranz noch
die Muttergottes. Nach einer bekannten Sage aus dem bayerischen
Odenwald soll über einem Holunderbaum vor der Gnadenkapelle zu
Schneeberg immer wieder das Muttergottesbild der Pfarrkirche erschienen sein.312
Die dargelegten Konnotationen der Schleierlegende zeigen deutlich
deren starke Verwurzelung in der Volkskultur des frühen 18. Jahrhunderts. Auch die Anfänge der Leopold-Verehrung tragen volkstümliche
Züge, denn erst zu Anfang des 14. Jahrhunderts bemühte sich die
herzogliche Familie erstmals um ihre gezielte Förderung.313 Bevor die
Legende, die, wie gezeigt wurde, im eigentlich eine Wandersage im
Gewand einer Heiligenlegende ist, im Jahre 1371 erstmals niederge308
Peters, Passau, Wien und Aquileia, S. 25 – Vor allem wurde versucht, Pfarren in die klösterliche
Exemption einzubeziehen, bei Neubesetzungen von Pfarrstellen wurde die Zustimmung des Bischofs häufig nicht eingeholt.
309
Marzell: Art. „Holunder“ In: HDA, Bd. 4, Sp. 262
310
Perger, Deutsche Pflanzensagen, S. 257, n. Grimm, Myth., S. 618
311
Ebd.
312
Marzell, a.a.O., Sp. 262
313
Röhrig, Leopold III., S. 135
Kieser: Memorialmonstranzen
88
schrieben wurde, hatte sie seit dem frühen zwölften Jahrhundert bereits eine lange mündliche Tradierung hinter sich.
Kieser: Memorialmonstranzen
Die Memorialmonstranzen im Spiegel ausgeübter Frömmigkeit
89
Kieser: Memorialmonstranzen
90
In der nachtridentinischen Zeit wurde die Monstranz zu einem Symbolgegenstand der katholischen Kirche schlechthin, denn das protestantische Lager hatte die Monstranz als Kirchengerät abgeschafft. Das
sogenannte Transsubstantationsdogma, welches eine Realpräsenz
des Leibes Christi in Gestalt der konsekrierten Hostie festschrieb,
wurde von den Lutheranern, Kalvinisten und Zwinglianern in unterschiedlicher Weise abgelehnt.314 In der Reaktion der Altkirche wurde
die Monstranz deshalb zum „Abzeichen der katholischen Kirche
schlechthin“.315 Zum Zwecke der propagandistischen Darstellung der
über alles triumphierenden Eucharistie war die barocke Sonnen- oder
Strahlenmonstranz besonders geeignet. Das Trienter Dekret zur Bilderverehrung vom 3. Dezember 1563 war eine Antwort auf zahlreiche
Bilderstürme und die ikonoklastischen Tendenzen der Reformationsbewegungen. Der bildenden Kunst wurde nun schriftlich eine wichtige
Rolle in der religiösen Unterweisung und im kirchlichen Kultus zugesprochen. Dieses Beharren auf kultischer Verehrung von Bildern und
ihrer Anbetung wird in bezug auf die Memorialmonstranzen besonders
deutlich. Eine Monstranz ist in erster Linie ein Gerät, daß zur Ausstellung und Beförderung des Allerheiligsten dient. Die Memorialmonstranzen können zwar ohne Zweifel als bedeutende Werk der
Sakralkunst gelten, doch sind sie zunächst als liturgische Geräte zu
sehen, die erst im Kontext des Gottesdienstes recht verständlich werden. Hans Sedlmayr hat darauf hingewiesen, daß erst die Kenntnis
der räumlichen Situation eines Bildes einen zuverlässigen Schlüssel
zu seiner Interpretation liefern kann. Ohne sie kann das abstrakte ikonographische Wissen nicht in eine konkrete ikonologische Erkenntnis
überführt werden.316 Die Deutung der Memorialmonstranzen soll deshalb streng von ihrer Funktion und Verwendung im Kult ausgehen. Da
eine Monstranz ein beweglicher Gegenstand ist, wird sie in verschiedenen Zusammenhängen zu betrachten sein. Beim ersten Anblick der
in der Tat einzigartigen Goldschmiedearbeiten mag der unvoreingenommene Betrachter einige Verwunderung empfinden. Sehr oft werden die Legendendarstellungen auf dem theologisch streng an die
Passion Christi gebundenen, sakrosankten Gegenstand kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Deshalb sei hier versucht, das zeitgenössisch-kultische Verständnis dieser Legenden wiederzugewinnen.
314
Goldammer, Kultsymbolik des Protestantismus, S. 67
Zit. Warncke, Sprechende Bilder, S. 280
316
Vgl. Sedlmayr, Kunst und Wahrheit, S. 27 f.
315
Kieser: Memorialmonstranzen
91
Eine eucharistische Monstranz, sie wird offiziell als ostensorium bezeichnet, ist ein Schaugefäß zur feierlichen Aussetzung (expositio)
und zum prozessionalen Herumtragen des „Gottessohnes in der unscheinbaren Brotgestalt“317 der Hostie. Im Laufe des 17. Jahrhunderts
nahmen die eucharistischen Prozessionen außerhalb der Fronleichnamszeit und die eucharistischen Feiern sehr stark zu. Die „Sehnsucht
nach der Schau“, so Noppenberger, „hat sich im Barock mit dem Triumphalen der Gegenreformation und mit dem Theatralischen der Zeitrichtung verbunden“318. Die Aussetzung hatte jedoch nicht grundsätzlich in der Monstranz zu erfolgen, sondern konnte auch durch Aufstellung unter einem kleinen Baldachin auf dem Altar erfolgen.319 Die Erhebung der Brotgestalt verlängerte sich somit über einen großen Teil
der Messe und war damit auch ein Protest gegen die Häresie der
Prostestanten.320 Am Sonntag erfolgte der Segen mitunter auch dadurch, daß der Priester mit der Monstranz das Kreuzzeichen bildete.321
Auch in der Sequenz „lauda sion“ gab es eine Segnung mit den Worten: „Ecce panis angelorum“.322 Die getrieben Engelsköpfchen in der
Silberumrahmung des Schaugefäßes der Lepanto-Monstranz nehmen
deshalb auf die Liturgie Bezug. Der Typus der barocken Sonnenmonstranz trat im süddeutschen Raum erstmalig im ersten Viertel des
17. Jahrhunderts auf.323 Insgesamt ließ die Einbettung der Hostie in
einen Strahlenkranz diese besser hervortreten als in der Turmmonstranz.324 Besonders im Umfeld des Jesuitenordens lag die Erfindung
des Strahlenkranzes in der Luft, betrachtet man nur das strahlenumgebene Christusmonogramm IHS, das gewissermaßen das Wappen
des Ordens bildete. Im größeren Zusammenhang der christlichen
Kunst betrachtet, stellt der Strahlenkranz keine Neuerung dar. Noppenberger hat nachgewiesen, daß Sonnenmonstranzen in Süddeutschland schon im frühen 17. Jahrhundert auftreten.325 Er stellte
auch einen Zusammenhang zur Lichtsymbolik dieses Typus` her,
317
Zit. Noppenberger, Monstranz, S .11
Zit. a.a.O., S. 16; Der Begriff der „Sehnsucht nach der Schau“ stammt aus dem Aufsatz von Mayer,
Liturgie und Barock, S. 141 – Auf der Pariser Synode (1196–1208) wurde die Vorschrift der Elevation während der Messe eingeführt, die „heilbringende Schau“ der Eucharistie. Vgl. Bihlmeyer, Kirchengeschichte, Bd. 2, S. 245
319
Braun, Liturgisches Handlexikon, S .33
320
Jungmann, Missarum Sollemnia, Bd. I, S. 161
321
Jungmann, Missarum Sollemnia, Bd. II, S. 560
322
Ebd.
323
A.a.O., S. 21
324
Weingartner, Das kirchliche Kunstgewerbe der Neuzeit, S. 241
325
Noppenberger, Monstranz, S. 24
318
Kieser: Memorialmonstranzen
92
denn das Licht wird vom Körper Christi, also der Hostie, abgestrahlt.326
In der Liturgie des zweiten Vespers findet sich öfters die Bezeichnung
sol justitiae für Christus. Auf die Entstehung der Sonnenmonstranz hat
wohl auch der Psalmvers 18,6 Einfluß genommen: In sole posuit tabernaculum suum. Im Psalmvers 103,2 heißt es: amictus lumine sicut
vestimento.327 Trotzdem darf die Lichtsymbolik hier nicht überstrapaziert werden, tritt doch in zeitgenössischen Inventaren der Begriff
„Sonnenmonstranz“ niemals auf.328 Als Analogie von Apollo, Sonne
und Christus leitet sich die Sonnensymbolik der Strahlenmonstranz
von der Vierten Ekloge aus Vergils Bukolika her und ist seither fest im
abendländischen Gedächtnis verankert. Die Prophezeiung an Augustus von der Geburt des Apoll wurde von Kaiser Konstantin 325 auf
dem Konzil von Nicäa auf den Gottessohn übertragen.329
Ingolstadt
In Gestalt der Lepanto-Monstranz wurde nicht nur die Eucharistie verehrt, sondern ganz ostentativ ein Bild angebetet, das auf den ersten
Blick ein durchaus profanes Ereignis darstellt: Die Seeschlacht bei Lepanto. Gleich wie die Protestanten waren die Türken in der Bilderfrage
Gegner der katholischen Welt, da durch sie Bilder entehrt wurden.330
In der Bannbulle Leos X. wurde unter anderem folgender Satz Martin
Luthers verurteilt: „Wider den Türken streiten ist eben so viel als Gott
widerstreben, der mit solcher Ruthen unser Sunde heimsucht.“331 In
der katholischen Predigt wird deshalb immer wieder gegen diese Einstellung angekämpft. So erschließt sich der politische Antiprotestantismus der Lepanto-Monstranz schon allein aus seiner Thematik.332
Luther hatte sich 1538 darüber hinaus auch gegen das „Schiff der Kirche“ als Symbol gewandt, da an Bord des Schiffes ausschließlich
Platz für Geistliche sei, während sich die Laien in den Wellen befän326
A.a.O., S. 65 ff. – Weitere Bibelstellen zur Lichtsymbolik Christi: Resplenduit facies eius sicut sol.
(Mt.17,2); Vestius eius albus et refulgens. (Lk.8,29)
327
A.a.O., S. 66
328
A.a.O.
329
Bauer, Barock, S. 25 f. Die Bukolika war von Eusebius ins Griechische übertragen worden.
330
Belting, Bild und Kult, S. 12
331
Zit. Luther, n. Gerstenberg, Geschichte des deutschen Türkenschauspiels, S. 43
332
Balthasar Knellinger zitiert z.B. 1686 in seiner Türkenpredigt Martin Luther: „Wider die Türken kriegen, ist so viel als wider Gott streiten, der durch die Türken unsere Sünden heimsucht.“ Zit. n. Brischar, Die deutschen Kanzelredner aus dem Jesuitenorden, S. 837 – Schriften Luthers zu diesem
Thema sind „Heerpredigt wider die Türken“ (1529), „Vom Krieg wider die Türken“ und „Vermahnung
wider die Türken“ (1541). – Vgl. Kaufmann, Die Türkei im Spiegel der deutschen Dichtung, S. 69
Kieser: Memorialmonstranzen
93
den. 333 Solche Darstellungen sind zwar nicht erhalten, doch wurde
das Schiff der Kirche von der Gegenreformation gerne verwendet, um
das Papsttum zu stützen334, wobei bald auch Laien ein Platz an Bord
des Schiffs der Kirche zugestanden wurde. Der Kampf gegen die Protestanten wurde zum Analogon des Türkenkampfes, und so kommt
der Schimpfname „Türke“ schon bei Karl V. häufig vor.335 Daß die Türken auch von päpstlicher Seite als Inkarnation der Häresie verstanden
wurden, zeigt die Bulle Gregors XIII. vom 11. September 1572, in der
gleichzeitig für die Schlacht bei Lepanto und den Sieg über die französischen Hugenotten gedankt wird. 336 Giorgio Vasari versah dann im
Auftrag Gregors — dieser Denkungsart folgend — die päpstliche Sala
Regia im Auftrag gleichermaßen mit Darstellungen der Bartholomäusnacht wie dem Thriumph der Seeschlacht bei Lepanto.337
Wie aus den Quellen herauszulesen ist, wurden Monstranzen in der
Bürgerkongregation häufig bei eucharistischen Andachten verwendet.
Das noch junge Vierzigstündige Gebet gelangte durch die Jesuiten
von Italien nach Deutschland, es diente der Erinnerung an die angenommene Grabesruhe Christi. 338 Während dieses Gebetes wurde das
Allerheiligste in der Monstranz auf dem Altar zur Anbetung ausgesetzt.
Eine verkürzte Form dieser Andacht bildete das Dreizehnstündige Gebet, wobei das Allerheiligste vom Abend bis zum Morgen in der Monstranz ausgesetzt wurde. Dieses Gebet hatte vornehmlich den Charakter einer Bitt- oder Dankesandacht.339 In der Bürgerkongregation betete man dabei zur Muttergottes, hier in der Gestalt der Maria vom Siege, um die Fürbitte bei ihrem Sohn, der in der gewandelten Hostie
leibhaftig anwesend war. Und in der Tat ist rechter Hand des Sanctissimums auf Monstranz eine Muttergottesfigur auszumachen, die mit
dem Zeigefinger auf die Lunula, den Platz der Hostie, verweist (Abb.
22).
Die spätmittelalterliche Form der Fronleichnamsprozession hatte in Ingolstadt noch überdauert. Nach einer Ordnung aus dem Jahre 1507
folgten der Monstranz verkleidete Handwerker, die in 33 lebenden Bil333
Vetter, sant peters schifflin, S. 27 (Kritische Gesamtausgabe, Tischreden, Bd. 4, Weimar 1916,
S. 110)
334
Chapeaurouge, Geschichte der christl. Symbole, S. 65
335
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 154 (vgl. auch Anm. 561)
336
Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. IX, S. 365
337
Röttgen, Zeitgeschichtliche Bildprogramme der katholischen Restauration unter Gregor XIII., S.
97
338
A.a.O., S. 314 f. – Augustinus weist auf Analogien in der hl. Schrift hin: Die vierzig Tage der Sintflut,
der Wanderung des Volkes Israel, des Fastens Jesu in der Wüste, wie die vierzig Tage der Auferstehung. Vgl. Weil, Devotion of the Forty Hours, S. 221
339
A.a.O., S.69 – Vgl. auch Artikel „Ewiges Gebet“, a.a.O., S. 84
Kieser: Memorialmonstranzen
94
dern Szenen aus dem Alten und Neuen Testament darstellten. Den
Anfang des langen Umzuges bildete der „Lintwurm Ritter sant Georg“340 der von den Weinschenken dargestellt wurde. Dann brachten
die Bäckergesellen die Auferstehung zur Aufführung. Die Donaufischer führten den Moses mit der ehernen Schlange auf, und sie mimten den Jonas mit Walfisch und die Sendung des hl. Geistes. Das Ende des Zuges bildete eine Darstellung des Jüngsten Gerichts. Jede
der Zünfte besaß seit dem Spätmittelalter Zunftstangen, die, wie später auch Fahnen, bei der Prozession mitgetragen wurden. Das historisch gewachsene Muster dieser sehr prunkvollen Prozessionen konnte auch durch den Einbruch der Reformation in Süddeutschland nicht
verwischt werden. Im Gegenteil, sie nahmen sogar einen starken Aufschwung und wurden ein wichtiges Element der Volksfrömmigkeit.341
Die Prozession mit ausgesetztem Allerheiligsten war sozusagen eine
ostentative räumliche Erweiterung der Messe aus der Kirche hinaus
ins Freie. Das Konzil von Trient wurde für die Fortführung der Fronleichnamsprozessionen richtungsweisend: Die Gegenreformatoren
schrieben vor,
„[...] daß einige Tage als heilige festgesetzt sind, an denen alle Christen
durch besondere und außergewöhnliche Kundgabe ihr dankbares und getreues Gefühl gegen den gemeinsamen Herrn und Erlöser für eine so unaussprechliche und wahrhaft göttliche Wohltat bezeugen, durch welche der
Sieg und der Triumph seines Todes dargestellt werden. Und gerade so mußte die Wahrheit und Siegerin über Lüge und Irrlehre den Triumph feiern, daß
ihre Widersacher im Anblicke so großer Herrlichkeit und bei so großer Freude der ganzen Kirche bloßgestellt entweder kraftlos und entmutigt verstummen oder von Scham ergriffen und verwirrt endlich zur Einsicht kommen.“342
Es wird deutlich, daß man sich von der Prozession nicht nur Danksagung erwartete, sondern auch Bekehrung von Neugläubigen. Für Ingolstadt ist ein solches missionarisches Element jedoch nicht überzubewerten, befand man sich hier doch in einem rein katholischen Gebiet. Trotzdem konnte der in Ingolstadt studierende spätere Kurfürst
Maximilian 1588 an seinen Vater schreiben, daß die Fronleichnamsprozession „sehr glücklich“ verlaufen sei. Auch viele Häretiker seien
aus dem nahen pfälzischen Gebiet gekommen, um sie sich anzuschauen,343 denn das benachbarte Neuburg war protestantisch. Die
Jesuiten spielten bei der Gestaltung und Instrumentalisierung solcher
340
Stadtarchiv Ingolstadt, V/2; Hofmann/Reissmüller, Ingolstadt an der Donau, S. 318–321
Bihlmeyer/Tüchle, Kirchengeschichte, Bd. II, S. 146
342
Zit. n. Gebhard, Fronleichnamsprozession, S. 31
343
Mitterwieser, Geschichte der Fronleichnamsprozession, S. 47
341
Kieser: Memorialmonstranzen
95
Prozessionen eine wesentliche Rolle. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts entwarfen und planten sie aufwendig ausgestattete Prozessionen, die formgebenden Charakter hatten und sich über Jahrhunderte halten konnten. Noch im Jahre 1560 berichtete Petrus Canisius,
daß in Augsburg nicht mehr als 20 Menschen der Fronleichnamsprozession beigewohnt hatten. Schon im Jahr darauf veranstalteten die
Jesuiten dort eine aufwendige Prozession zur Ergötzung der Katholiken und zum Erstaunen ihrer Gegner.344 In Ingolstadt konnte die Prozession nur als volkstümliches Spektakel wirken, das geeignet war,
die katholische Bevölkerung wieder zur ernsteren Frömmigkeit zu ermahnen. Durch den jesuitischen Einfluß traten nun vor allem die Bruderschaften massiv neben die älteren Zünfte.345
In Ingolstadt muß wohl mindestens bis zum Jahre 1759 regelmäßig
eine sehr prunkvolle Prozession stattgefunden haben, worüber ein
Buch im Ordinariatsarchiv Eichstätt nähere Auskunft gibt. Ein Jesuit
hatte demnach die Verantwortung für die detailierte Organisation und
Durchführung der Prozession. In einem Inventar346 der Bürgerkongregation aus dem Jahre 1667 finden sich einige Gegenstände, die auf
die Prozessionspraxis hinweisen. Eine „Trackh, zum Victori Bild gehörig“ läßt darauf schließen, daß ein Gemälde der siegreichen Muttergottes beim Umgang mitgeführt wurde. Die „Arma Christi für die Engl“ waren wohl als Attribute der als Engel verkleideten Jesuitenschüler vorgesehen, die gewöhnlich den Baldachin begleiteten, unter dem die
Monstranz getragen wurde. Türkische Säbel und Bögen werden ebenso genannt wie auch „Judenketten“. Es ist jedoch nicht ersichtlich, ob
diese Gegenstände zu einer Karfreitags- oder Fronleichnamsprozession gehörten. Fest steht, daß der Siegesjubel über die erfolgreiche
Abwehr der Türken ein fester Bestandteil der Prunkprozessionen
war.347 Auf der Karfreitagsprozession von 1677 wurde auf einem Triumphwagen mit mehrenen Figuren der Sieg der Kirche gezeigt.348 Einige Ingolstädter werden sich dabei wahrscheinlich als Türken verkleidet haben. Besonders nach errungenden Siegen über die Osmanen
weitete sich die Prozession zur machtvollen demonstratio catholica
aus. Vor allem bei der für das Lepantoereignis so wichtigen Rosenkranzprozession liebte man „selbst kriegerische Schlachtendarstellungen, bei denen an Pulver nicht gespart wurde.349
344
Ebd., S. 32
Gebhard, Fronleichnamsprozession, S. 32
346
Ordinariatsarchiv Eichstätt, B 73, n. Hofmann, Nachruf I, S.130–137
347
Posch u. Schauerte: Türkenkriege. In: LThK, Bd. 10, Sp. 409–411, Sp. 411
348
Haas, Jesuitentheater in Ingolstadt, S. 63
349
Veit/Lenhart, Kirche und Volksfrömmigkeit, S. 78
345
Kieser: Memorialmonstranzen
96
Am Karfreitag wurde die Monstranz über dem aufwendig gestalteten
hl. Grab zur Anbetung ausgestellt, das somit als „Liturgisches Grab“350
diente, da in ihm die Hostie deponiert wurde. Die mit einem Schleier
verhüllte Monstranz konnte aber auch in einem an Theaterkulissen erinnernden hl. Grab beigesetzt werden. Die Gläubigen pilgerten zu den
Kartagen mit ihren Familien heran, um es zu besuchen.351 Auch die
Bürgerkongregation Maria vom Sieg pflegte ein solches Grab zu errichten.352 Den Gläubigen war es jedoch nicht erlaubt, zur näheren Betrachtung an die Monstranz heranzutreten, die ohnehin verschleiert
war, dies war nur einem Priester gestattet.353 In der Osternacht wurde
die Monstranz enthüllt und feierlich zum Altar zurückgetragen, die Entfernung der Hostie aus dem Grab sollte die Auferstehung symbolisieren.354 Am Ostermontag fand am hl. Grab die Feier mit der Frauenszene statt. Die angegebenen Pechpfannen und Laternen sind wohl
zur Geißlerprozession gehörig, die in der Nacht zum Karfreitag abgehalten wurde. In Ingolstadt sind solche Umzüge für die Bürgerkongregation mindestens seit 1630 anzunehmen.355 In der Karfreitagsprozession wurden auch lebende Bilder dargestellt, die zum Teil auf Wagen gefahren wurden, eine Monstranz wurde dabei aber nicht mitgeführt.
Die Ingolstädter Monstranz hat das stattliche Gewicht von 18 Kilogramm, bei einer Höhe von 1,23 Meter. Es handelt sich also um ein
überdurchschnittlich großes Gerät, hatten doch nachmittelalterliche
Monstranzen in Deutschland in der Regel eine Höhe von nur 45-70 cm
aufzuweisen.356 Mit dem verlorenen Traggestell dürfte die Monstranz
wohl etwas niedriger gewesen sein. Es wurde von einer vollplastischen, wohl knieenden Türkenfigur gebildet, die, wie aus den Quellen
hervorgeht, aus reinem Gold gegossen war. Für den Geistlichen war
diese Figur wohl sehr unkomfortabel zu hantieren. Es ist deshalb
kaum anzunehmen, daß eine Fronleichnamsprozession ohne einen
speziellen Tragegurt durchzustehen war. Wie schon erwähnt, hätte
der verlorene Fuß mit dem knienden Türken etwa die Form der in Abb.
35 dargestellten Figur haben können. Im liturgischen Gebrauch trug
350
Zit. Schwarzweber, Das Heilige Grab in der deutschen Bildnerei des Mittelalters, S. 9
Braun, Liturgisches Handlexikon, S.108 – Lipowicz, Das Theatralische als Beschreibungsformel,
S.298
352
Hofmann, Nachruf I, S. 180 f – Nach einem Entwurf von 1667 war in den Jahren 1668/69 ein mit
aufwendigen Schreinerarbeiten verbundenes Heiliges Grab errichtet worden. Den Grabeschristus
hatte der Ingolstädter Bildhauer Georg Maurer gefertigt.
353
Jungmann: „Heiliges Grab“ In: LThK, Bd. 5, Sp. 122
354
Vgl. Dalmann, Das Grab Christi in Deutschland, S .14 ff.
355
Hofmann, Geißler und Kreuzzieher, S. 173
356
Braun, Altargerät, S. 396
351
Kieser: Memorialmonstranzen
97
der Geistliche die Montranz, indem er sie mit der rechten Hand unter
dem Nodus umfasste. Da die Ingolstädter Monstranz aber keinen
Knauf besaß, sondern eine Türkenfigur, mußte der Geistliche die Figur
am Hals umfassen. Der Priester trug also nicht nur die Eucharistie,
sondern leistete gleichzeitig durch die weithin sichtbare Strangulierung
der türkischen Schaftfigur eine symbolischen Beitrag zum Sieg katholischen Kirche über die Häresie. Durch diese Geste wurde die Seeschlacht von Lepanto auch während der Prozession ostentativ ins Gedächtnis der Gläubigen gerufen.
Klosterneuburg
Die Entstehungszeit der Schleiermonstranz fällt ebenfalls noch in die
Hochblüte der Liturgik, die von der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts bis
zur Mitte des 18. Jahrhunderts anhielt.357 Im Rahmen der lokalen Verhältnisse kommt der Schleiermonstranz dabei eine noch erheblich gesteigerte Bedeutung zu. Leo Schabes hat die Klosterneuburger Gebräuche anhand der vorhandenen Quellen sehr gut herausgearbeitet.358 Für die folgenden Ausführungen ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß sich der Leopoldsaltar bis 1832 noch in der Mitte des Kirchenschiffes befand, an dem täglich das Frühamt zelebriert wurde.359
Damit bildete er bei Fertigstellung der Schleiermonstranz die Längsachse mit dem Hochaltar und dem siebenarmigen Leuchter.
Am Karfreitag wurde die Monstranz morgens in feierlicher Prozession
zum hl. Grab getragen und darüber ausgestellt. Spätestens von 1780
an wurde das hl. Grab beim Leopoldaltar aufgestellt, wobei die Schleiermonstranz wohl Verwendung fand.360 In der Nacht zum Ostersonntag wurde das Allerheiligste aus dem Grab genommen und zum
Hochaltar gebracht, wo mit ihm der Segen gegeben wurde. Danach
sang man die Matutin und rezitierte die Laudes, während das Allerheiligste ausgestellt blieb.361 Es läßt sich für das frühe 18. Jahrhundert
zwar nicht belegen, ob die Schleiermonstranz tatsächlich in oder über
das hl. Grab gestellt wurde, da man aber das hl. Grab beim Leopoldsaltar aufstellte, kann man davon ausgehen, daß eine thematische
357
Mayer, Liturgie und Barock, S. 145 f. Der Autor spricht hier über die Betonung des Marien- und
Heiligenkults, der Andachtshäufung und die starke Bilder- und Reliquienverehrung der Zeit.
358
Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 7 f.
359
A.a.O., S. 30 f. – Der Altar wurde vor den Pfeiler gegenüber der Kanzel versetzt.
360
A.a.O., S. 140
361
A.a.O., S. 148 f.
Kieser: Memorialmonstranzen
98
Verbindung beabsichtigt war. Während des Vierzigstündigen Gebets
blieb die verschleierte Monstranz beim Grab Christi zum Bußgebet
ausgesetzt.362
Für die Bedeutung der Schleiermonstranz ist die Verhüllung durch einen Schleier von großem Interesse. Dieser Schleier steht in der Liturgie für das Grabtuch Christi, das hier nun in enge Verbindung zum
Agnesschleier rückt, der auf der Monstranz abgebildet ist. Es ist denkbar, daß man dem wiedergefundenen Agnesschleier im Rahmen der
österlichen Bußandacht die mystische Bedeutung des Grabtuches
Christi zudachte. Wie schon bei der Lepanto-Monstranz festgestellt
wurde, konnte die Monstranz als Gegenstand auch als Muttergottes
angesehen werden, die den realpräsenten Leib Christi als „Madonna
Platytera“363 in sich trägt. Auf die mystische Analogie von Marienschleier und Grabtuch wurde bereits hingewiesen. Besonders in Österreich erkannte man in Maria selbst den Lebensbaum. Alte dörfliche
Heiligtümer und Wallfahrsorte bezeugen die Tradition dieser Mariensymbolik, denn hier wurden oft Marienbilder an Baumstämmen angebracht.364 Die verschleierte Monstranz konnte also ein mystisches
Analogon binden, bei dem es nicht mehr um „reale Identitäten, sondern um bildhafte Entsprechungen“365 ging, deren Schau den Menschen in ein höheres Sein zu heben vermochte. Die verschleierte
Monstranz konnte der verschleierten Muttergottes entsprechen, die
wiederum für die trauernde Kirche stand. Die Tatsache, daß es sich
um die verhüllte Schleierlegende handelte, lokalisierte die österliche
auf die Grabeskirche des hl. Leopold. Die verschleierte Schleiermonstranz rief aber auch die von Paulus formulierte Forderung nach der
Verschleierung der Frauen beim Gottesdienst ins Gedächtnis. Der
Mann dagegen solle das Haupt unbedeckt tragen (1. Kor 2-16). Im
Andachtsbild der verschleierten Monstranz ist die Muttergottes als
verschleierte Kirche zu sehen. Der kniende Heilige auf dem Fuß der
Monstranz folgt dem Gesetz, er hat bei der Anbetung der Hostie, der
362
Im Stiftsmuseum ist noch der Leichnam Christi erhalten (Inv. Nr. P 13), wie auch eine Ölberggruppe (Inv. Nr. P 14), beides wohl 1498-99. Nach einer Quelle von 1517 existierten Figuren des
hl. Grabes, der Ölbergszene wie von der Auferstehung und Himmelfahrt. Vgl. Röhrig, Das kunstgeschichtliche Material aus den Klosterneuburger Rechnungsbüchern des 16. Jahrhunderts, S.
138 – In Wien fanden vor der Geburt eines Kindes des habsburgischen Hauses in der Kapuzinerkirche, der Grabeskirche der Familie, Betstunden des Hofes vor der Monstranz statt. Der Orden der Kapuziner initiierte auch das Vierzigstündige Gebet. – Coreth, Pietas Austriaca, S. 19
(Anm. 26) – Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 118
363
Weis, Die Madonna Platytera, S. 133
364
Schwelien, Der Baum in der Kunst, S. 226 – Als Beispiele werden genannt: Maria Dreilinden,
Maria Birnbaum, Maria Grün und Maria Rast.
365
Zit. Rombach, Die Welt des Barock, S. 19
Kieser: Memorialmonstranzen
99
Muttergottes und dem Schleierwunder den Erzherzogshut abgenommen, er liegt neben ihm. Aus diesem Blickwinkel bekommt das Schleierwunder noch eine weitere Bedeutung: Durch den Schleierfund ist es
für die Markgräfin Agnes wieder möglich, ihrem Schöpfer in der nach
dem Gelübde zu errichtenden Kirche ehrenvoll entgegenzutreten. Der
Schleierfund bedeutet in dieser Denkweise eine göttliche Aufforderung
zur Devotion.
Im 18. Jahrhundert zog am Dreifaltigkeitssonntag aus der Martinskirche in Klosterneuburg unter Glockengeläut eine Prozession in der
Stiftskirche ein, darunter auch die Klosterneuburger Ratsherren. Vor
dem ausgesetzten Allerheiligsten pontifizierte der Propst das Hochamt
vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Auf dem Leopoldsaltar wurde
dabei die Schädelreliquie des hl. Leopold ausgestellt. Nach dem
Hochamt verließ die Prozession die Kirche, abermals unter Glockengeläut.366 Es ist anzunehmen, daß zur Aussetzung ebenfalls die
Schleiermonstranz verwendet wurde. Die Ausstellung der Schädelreliquie vermittelte ausdrücklich einen Zusammenhang zur Schleierlegende, die durch die neun Jahre der Entbehrung mit der Trinität in
Verbindung gebracht wurde. Auf der Schleiermonstranz wird sehr
deutlich an das zentrale Dogma der Dreifaltigkeit erinnert: Die Hostie
in der Lunula verkörpert den leibhaftigen Christus, darüber befindet
sich in prächtigem Strahlenkranz die Taube des hl. Geistes. Gottvater
bekrönt als dramatische Sitzfigur die Monstranz (Abb. 31). Durch die
Realpräsenz Christi wurde während der Aussetzung auch die Trinität
sichtbar vergegenwärtigt:
„Im Bild der Dreifaltigkeit konnte jegliche Beziehung Gottes zum Menschen
und zur Menschheit geschaut werden, Schöpfung und Erlösung, die sich
immer wieder neu abspielen, wobei Geschichte und Schicksal des Reiches
und Volkes des irdischen Herrschers ein Stück Heilsgeschichte ist.“367
Auf dem Monstranzfuß kniet der Markgraf Leopold III. als irdischer
Herrscher vor der im Baum erscheinenden Dreifaltigkeit. Der Fürst, am
Festtag durch die Schädelreliquie in der Liturgie anwesend, war zwar
bereits ein Mitglied der Gemeinschaft der Heiligen, doch war er gleichzeitig der Urvater der Monarchia Austriaca, der in Verehrung der Trinität niedergesunken ist. Auch auf der berühmten Wiener Pestsäule
(1682-93) kniet vor der Dreifaltigkeit Kaiser Leopold I. als höchster
Fürbitter seines Volkes, der durch seinen festen Glauben den schwar366
Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 168
Zit. Coreth, Pietas Austriaca, S. 15
367
Kieser: Memorialmonstranzen
100
zen Tod besiegen konnte.368 Wie Wolfgang Braunfels formuliert,
glaubte man vom 16. bis zum 18. Jahrhundert „an die universale Bedeutung des Einzelschicksals“. Nur so sei es möglich gewesen, „die
Rechtfertigung und die Danksagung der Großen und Mächtigen vor
dem Thron der Heiligen Dreifaltigkeit darzustellen“.369 Die Vorstellung
vom Bann der Pest durch herrscherliche Frömmigkeit und Fürbitte war
auch in Klosterneuburg vorhanden. Noch 1713, ein Jahr vor dem
600jährigen Gründungsjubiläum des Stiftes und der Einweihung der
Schleiermonstranz, waren in Klosterneuburg mehrere Pestfälle aufgetreten. Die kaiserliche Wallfahrt mußte darum in diesem Jahr entfallen.
Wie den „zum Teil phantastischen Zuschreibungen“370 jener Realien,
die mit der Schleierlegende und ihren Protagonisten durch die Monstranz zwangsläufig in Verbindung gebracht wurden, so glaubte man in
Klosterneuburg auch, die Fronleichnamsprozession sei durch die Babenberger eingeführt worden. Dieser Glauben geht aus einem Schreiben des Stiftspfarrers von 1752 hervor, in dem er dem Erzbischöflichen Konsistorium in Wien über die Prozessionen und Bruderschaften
in seiner Pfarrei Auskunft zu geben hatte.371 Natürlich entspricht diese
Behauptung nicht der Wahrheit, denn die Fronleichnamsprozession
wurde 1264 durch Urban IV. eingeführt, doch für das Verständnis der
Schleiermonstranz zählt allein der Glaube, der das Fest nicht nur auf
die Babenberger zurückführte, sondern ganz konkret auf den hl. Leopold selbst: Pfarrer Philip Baumgartner notierte, „daß Man sagen darff,
allhier allein seye dise Fron-Leichnabs Andacht unaußgesetzter in die
600 Jahr nebst mittragung der heyl: Reliquien gehalten worden.“372
Insgesamt hielt anläßlich des Fronleichnamsfestes drei Prozessionen
abgehalten: Eine am eigentlichen Feiertag, eine am folgenden Sonntag und eine am Oktavtag des Festes. Baumgartner berichtet über den
Brauch, daß am Anfang der Prozession die beiden von Maximilian I.
gestifteten silbernen Statuen Leopolds und Agnes vorausgetragen
wurden. Dieser Kaiser habe auch gewollt, „daß man zum immerwährenden Dankh deren frommen Stifftern Bildnussen gleich vorauß tragen solle.“373 Der Geistliche verwechselte hier zwar Maximilian I. mit
368
A.a.O., S. 16 – Hier über den Prediger Abraham a Sancta Clara, der geltend macht, Leopold
habe seine Siege „meistens über die Knie abgebrochen, will sagen, mit den Knien, mit dem so
innbrünstigen Bethen hat er seine Feinde überwunden, daß so vielfaltige flectamus genua hat
ihme ein so herrliches Levate verursacht, daß alle seine Feinde wegen Wachstum seiner Reiche
und Länder ihm beneidet haben [...]“. (Huy und Pfuy, S. 33 f.)
369
Zit. Braunfels, Die Heilige Dreifaltigkeit, S. XXXIV
370
Zit. Röhrig, Haben die Babenberger die Fronleichnamsprozession eingeführt?, S. 195
371
Ebd.
372
Stiftsarchiv Klosterneuburg, K 2391, Nr. 9 – Zit. n. Röhrig, a.a.O., S. 204
373
Zit. a.a.O., S. 203
Kieser: Memorialmonstranzen
101
seinem Ur-Urenkel Maximilian III., doch zählt hier allein die Kultpraxis.374 In der Prozession wurden von den Geistlichen außerdem eine
ganze Reihe von Reliquien mitgetragen, unter denen sich auch eine
Leopoldsreliquie befand.375 Während der ganzen Festwoche, wurde
das Allerheiligste zu jeder Vesper und Mette, sowie zum Früh- und
Hochamt ausgesetzt. Aufgrund der festen Überzeugung, das Fronleichnamsfest sei wie das Kloster selbst vom hl. Leopold gestiftet worden, kann es als sicher gelten, daß während der gesamten Oktav bei
Prozessionen und Expositionen die Schleiermonstranz verwendet
wurde. In dieser Zeit wurde jeden Morgen um acht Uhr vor dem ausgesetzten Allerheiligsten mehrstimmig die Lauretanische Litanei gesungen. Man sang zu Beginn Pange lingua und am Ende Genitori und
erteilte jedesmal mit der Monstranz den Segen. Dieses Verfahren galt
sowohl für die Mette wie auch für das Früh- und Hochamt. Bei der
Vesper wurde der Segen sogar dreimal gegeben. Die Ereignisse am
Fronleichnamstag hat Leopold Schabes genau beschrieben:
„Am Festtage zelebrierte der Dechant um 7 Uhr früh mit vier Assistenten
das Frühamt de Beata, wozu er selbst das Allerheiligste vom Hochaltar zum
Leopolds-Altar herabtrug. Zwei Junioren mit Fackeln gingen voran. Während
des Frühamtes kam die Prozession aus der Martins-Kirche mit dem
Allerheiligsten, begeleitet von den Fahnen der Zünfte und den Ratsherren in
schwarzen Mänteln. Beim Michaels-Altar stieg man in den Kreuzgang hinab,
dann ging man durch denselben in die Krypta des hl. Leopold, wo das
Allerheiligste reponiert wurde.
Auf das Frühamt folgte die Non und dann das Hochamt. Am Schlusse der
Sequenz stimmte der Propst die letzten Verse „Ecce panis“, „In figuris“ und
„Bone pastor“ an, indem er das Allerheiligste vor sich hielt, und gab darauf
den Segen.
Auf das Hochamt folgte die Prozession. Voraus schritt der Konvent der
Franziskaner mit seinem Kreuz. Dann folgten die Zünfte mit ihren Fahnen,
dann die Sänger und die Chorherren in kostbaren Kaseln. Sie trugen kleine
Ostensorien mit Reliquien in den Händen. Hierauf gingen in Dalmatiken die
vier Assistenten, die große, silberne Ostensorien mit den großen PassionsReliquien (von der Dornenkrone, vom Rohrstab des Herrn usw.) in den
Händen trugen. Bei den einzelnen Stationen wurden die Ostensorien auf die
Altäre gestellt. Dann kam ein Junior mit dem Pedum und schließlich der
Propst mit dem Allerheiligsten. Zu beiden Seiten schritten die ältesten
Chorherren im Pluviale mit Rohrstäben in den Händen. Der Baldachin wurde
von den sechs Stiftsbeamten in schwarzen Mänteln getragen. Hinter dem
374
A.a.O., S. 199
In der Klosterneuburger Schatzkammer befinden sich 12 formgleiche Reliquiare mit Griffen an
der Rückseite. Vgl. Ausst. Kat. Klosterneuburg 1985 „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 571
375
Kieser: Memorialmonstranzen
102
Baldachin gingen die Ratsherren in schwarzen Mänteln mit Fackeln in den
Händen.“376
Anschließend werden die vier Stationen der Prozession in Klosterneuburg genannt. Es erscheint nicht weiter bemerkenswert, daß der
Propst Ernst Perger, der die Monstranz in Auftrag gegeben hatte, sie
während der Prozession nun auch selbst führte. Aber so wird erklärlich, daß der Fuß der Monstranz auf den beiden Emailplaketten vorne
den hl. Augustinus zeigt und hinten, dem tragenden Propst zugewandt, sein mit dem des Stiftes alliiertes Wappen. Aus diesen Emailplaketten läßt sich ein Programm herauslesen, daß die Schleiermonstranz über die liturgische Funktion hinaus zu einem politischen Symbol
macht. Durch das Tragen der Monstranz nahm der Propst an Fronleichnam seine pontifikalen Rechte wahr, gleichzeitig wurde aber auch
auf weltliche Rechte verwiesen. Als Oberhaupt des Klosters war er
demnach der verfassungsrechtliche Nachfolger und Repräsentant jener Augustiner-Chorherren, denen von Leopold III. das Stift als
Grundherrschaft übertragen worden war. Der Propst war Mitglied der
Prälatenkurie der Landstände und übte in Klosterneuburg territoriale
Rechte aus. In den Händen des Propstes erhielt die Szene auf der
Schleiermonstranz den Charakter einer Rechtslegende, durch deren
Instrumentalisierung brachte man den Anwesenden während die Prozession ostentativ die kirchlichen und weltlichen Rechte des Chrorherrenstiftes in Erinnerung.377 Die Schleiermonstranz symbolisierte im
Kultus die kirchlichen und weltlichen Privilegien des Klosterneuburger
Propstes. Dieser Anspruch auf Repräsentation zeigte sich im frühen
18. Jahrhundert vor allem am zweiten Sonntag nach Pfingsten, als
man die Fronleichnamsprozession mit gesteigertem Aufwand wiederholte. An diesem Tag wurde nach dem Frühamt das Allerheiligste in
die Monstranz eingesetzt, währenddessen die Prozessionen aus den
Gemeinden ankamen, die zum Klosterneuburger Territorium gehörten.378 Der „große Umgang“, der nach dem Hochamt begann, läßt sich
neben dem kirchlichen Anlaß auch als Huldigung der Bevölkerung an
die Klosterneuburger Herrschaft der Augustiner-Chorherren interpretieren. Auch wurde der von Ferdinand I. 1553 gestiftete, silberne Reliquienschrein des hl. Leopold in der großen Prozession mitgetragen.
An diesem Tag des „großen Umganges“ wurden auch alle weiteren
Gegenstände der Schatzkammer in der Prozession in vier Gruppen
376
Zit. Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 171 f.
Vgl. Kretzenbacher, Rechtslegenden abendländischer Volksüberlieferung, S. 16 f.
378
St. Martin in Klosterneuburg, Kierling, Höflein, Sievering, Heiligenstadt, Grinzing, Döbling, Nußdorf, Kahlenberg, Weidling und Kritzendorf.
377
Kieser: Memorialmonstranzen
103
mitgeführt.379 Nach den Zünften folgte als erste die Sebastiansbruderschaft mit einer Dreifaltigkeitsstatue, flankiert von silbernen Statuen
des hl. Sebastian und dem hl. Rochus:
„In der zweiten Gruppe trugen vier Junioren in roten Dalmatiken eine Bahre.
Auf derselben standen ein kleiner silberner Altaraufsatz mit der großen
Kreuz-Partikel und zu beiden Seiten das silberne Brustbild des hl. Leopold,
das Erzherzog Maximilian III. 1616 stiftete und das entsprechende Brustbild
der Markgräfin Agnes, das Propst Andeas Mosmüller im Jahre 1629
anfertigen ließ.380 [...]
Die dritte Gruppe bildeten vier Chorherren in weißen Dalmatiken mit einer
Bahre, auf der sich die Haupt-Reliquie des hl. Leopold, von einem
Strahlenkranz umgeben, und davor auf einem seidenen Kissen mit
Goldborten der Erzherzogshut von Österreich befanden, der im Jahre 1616
durch den Erzherzog Maximilian III. dem Stifte zur Aufbewahrung übergeben
worden war.
In der vierten Gruppe schritten acht Chorherren in weißen Dalmatiken; sie
trugen auf einer Bahre mit rotseidener, goldgestickter Decke das große
silberne Reliquiar381 oder die „Tumba“ des hl. Leopold [...].“382
Am Oktavtag wurde die Prozession in bescheidenerer Form nocheinmal wiederholt. Die letzte Station bildete dabei der Leopoldsaltar in der
Stiftskirche. Insgesamt sei festgestellt, daß man am Fronleichnamsfest
die Legitimation Klosterneuburgs durch das öffentliche Vorzeigen der
Reliquien Leopolds demonstrierte. Die Rolle des Stifterehepaares
wurde von den Silberbüsten deutlich dokumentiert. Die Schleiermonstranz war also genau auf diese spezifisch ortsgebundene Sekundärthematik der Prozession abgestimmt, denn der Großteil der mitgeführten Gegenstände diente der Vergegenwärtigung der Schleierlegende.
Die Klosterneuburger Fronleichnamsprozession bildete somit eine
Synthese aus einer theophorischen Prozession und einer Reliquienprozession, die ihre Wurzeln beide in der schon im Mittelalter vorhandenen Schausehnsucht hatten.383 Für die anwesenden Gläubigen besaß der Anblick der Hostie und der Reliquien zweifellos magische
Wirkkraft. In der betonten Anbindung der Klosterneuburger Fronleichnamsprozession an die Gründungsgeschichte des Ortes wurde die
Schleiermonstranz in ihrer zeitgenössischen Bedeutung zu einem
komplexen, politisch-religiösen Symbol, das in noch mittelalterlicher
Weise von der Klosterneuburger Sachkultur geprägt war.
379
Schabes, a.a.O., S. 173
Beide Brustbilder mußten 1810 an die kaiserliche Münze abgegeben werden.
381
Das Reliquiar ging ebenfalls 1810 an die kaiserliche Münze.
382
Zit. Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 174
383
Mayer, Die heilbringende Schau in Sitte und Kult, S. 246 f.
380
Kieser: Memorialmonstranzen
104
Das 600jährige Gründungsjubiläum
Ureigener Anlaß zur Schöpfung der Schleiermonstranz war die festlich
begangene Sechshundertjahrfeier zur Gründung des Stiftes Klosterneuburg. Da das Gründungsdatum nicht bekannt war — man
schwankte zwischen 12. Juni und 12. Juli — legte Propst Ernst Perger
das Kirchweihfest am 30. September als Jubiläumstag fest. Die aufwendigen Maßnahmen zu diesem Fest hat Maximilian Fischer beschrieben:
„In der Kirche wurde vor dem Hochaltare ein neuer Altar von Holz
aufgerichtet, und mit dem Bilde des heiligen Leopold verziert, zu heyden
Seiten die Tugenden des frommen Markgrafen sinnreich vorgestellt, auf dem
Platze ausserhalb der Kirche wurden drey Triumphpforten errichtet, deren
erste mit den Statuen der österreichischen Markgrafen, die zweyte mit den
Statuen Kaiser aus diesem erlauchten Hause verzieret waren. Der Propst
ließ dann für diese Feiyerlichkeit eine Monstranze von Silber verfertigen, die
vergoldet und mit Edelsteinen verziert die Begebenheit des
wiedergefundenen Schleyers darstellt, und noch heut zu Tage als eine
prachtvolle Arbeit Bewunderung verdient.
Am Vorabende des bestimmten Festtages erschienen die Chorherren zur
Vesper zum erstenmahl in schwarzer Kleidung, die ihren Ernestes bey dieser
Gelegenheit gab, da sie vorher weiß gekleidet gingen. Am Festtage selbst
wurde die Feyerlichkeit mit einer Prozession eröffnet, bey welcher die
Gebeine des heiligen Leopold mitgetragen wurden. Die Prozession führte
Ignaz von Lovika Bischof zu Sibenich und Propst zu Diez in Ungarn, welchen
sechs Prälaten begleiteten, und die durch die Hofmusik und das Abfeuern
der Pöller feyerlicher gemacht wurde. Nach vollendeter Prozession hielt der
Jesuit Thomas Winter die Ehrenrede, und der besagte Bischof das feyerliche
Hochamt. So wie Salomon die Einweihung des Tempels durch acht Tage
feierte, so begieng auch Propst Ernest dieses Fest durch acht Tage, und
täglich ward eine Ehrenrede gehalten, und ein Hochamt durch einen Herrn
Prälaten abgesungen. Die Prediger waren Engelbert Hirschstetter von Mölk,
Gottfried Holzer von Heiligenkreuz, Urban König von den Schotten, Adam
Oth von St. Andrea, Moriz Payer von Monte Serrato zu Wien, Benno Hupp
ein Franziskaner, und der Stiftsdechant Gilbert Wallner. Die herumliegenden
Pfarrgemeinden wurden abgeteilt, und täglich erschien eine andere in
feyerlicher Prozession, um dem Gottesdienste beyzuwohnen. Der Zulauf des
Volkes war ungemein zahlreich, und Propst Ernst hielt am achten Tage das
Hochamt, und beschloß diese Feyerlichkeit selbst.“384
384
Zit. Fischer, Merkwürdige Schicksale, Bd. 1, S. 317 f.
Kieser: Memorialmonstranzen
105
Die Ehrenpforten und der Hochaltar des Hofkünstlers Matthias Steinl
— die Tuschzeichnungen sind erhalten — betonten deutlich die leopoldinisch-babenbergische Tradition, in die sich Karl VI. eingeordnet
sehen wollte.385 Durch diese ephemeren Triumphpforten zog man an
diesen Tagen feierlich in die Stiftskirche ein und bestätigte durch dieses Akt auch die politisch-religiöse „Idee der Kontinuität und idellen
Verwandtschaft“386 der Habsburger mit dem heiligen Markgrafen. Die
ersten beiden Pforten zeigten jeweils den Heiligen im Zentrum, umgeben von seinen Vor- und Nachfahren. Der ebenfalls ephemere Hochaltar im Inneren der Kirche zeigte auf dem Altarblatt die Apotheose Leopolds III., der von zwei Putten begleitet wird, die jeweils ein Kirchenmodell und eine Fahne halten. Im Kirchenschiff waren zwölf gemalte
Tugendpersonifikationen des Heiligen angebracht, die noch als graphische Reproduktionen erhalten sind. Auf diese Weise wurde die
Stiftskirche zu einem Theatrum Sacrum, das, wie der Festbeschreibung zu entnehmen ist, als mystischer Tempel Salomons verstanden
werden sollte. Der Babenbergerfürst erschien so als salomonischer
Erbauer des Klosterneuburger Tempels der Weisheit. Das Festbuch
des Chorherren Johannes Keeß von 1714 ist mit nach Steinls Entwürfen gefertigten Kupferstichen versehen.387 Den Ehrenpforten ist hier
jeweils eine Inscriptio beigegeben. Die Triumphbögen der Babenberger würdigten den Heiligen als Orbis Romano-Austriaci in terris patronus, in coelis advocatus und als Pater patriae. Der dritte Bogen mit
dem Bild Karls VI., seinen kaiserlichen Vorgängern und den habsburgischen Erzherzogen alludierte auf den erhofften Thronerben des Kaiserpaares ex mira Leopoldi intercessione. Diese Pforte wurde von den
Festgästen zuerst gesehen. Wie aus dem Wiener Diarium hervorgeht,
nahm das kaiserliche Paar und der Hofstaat an den Feierlichkeiten
nicht teil.388 An den ephemeren Bauten lassen sich jedoch für die
Schleiermonstranz wichtige Erkenntnisse ablesen: Der kniende Leopold symbolisierte den erblichen Anspruch Habsburgs auf die römische Kaiserkrone, er war als „Vater des Vaterlandes“ der leibliche
Nachkomme des römischen Kaisers Augustus. Der hl. Leopold als sa385
Pühringer-Zwanowetz, Matthias Steinl, Kat. Nr. 62 (Abb. 192-195) u. S. 89 ff.
Zit. Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 186
387
Trifaria Domus Austriacae Gloria Marchionum, Ducum ac Imperatorum-Archiducum ordinatissima successionis series, emblematicis in basilica picturis, nec non historico, morali ac symbolico
poemate honoribus Divi Leopoldi Pii Austriae Marchionis inclytae canoniae Claustroneoburgensis
sancti fundatoris, sexto fundationis saeculo in jubileaeam festivitatem digesta ac illustrata, Viennae Austriae 1714 – Vgl. Ausst. Kat. Klosterneuburg „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 472
388
An dieser Stelle werden der erste und letzte Festtag geschildert (1165 vom 29. September bis 2.
Oktober, Num. 1167 vom 6. bis 9. Oktober). Die Festdekorationen werden hier nicht erwähnt. – n.
Pühringer-Zwanowetz, Matthias Steinl, Kat. Nr. 52
386
Kieser: Memorialmonstranzen
106
lomonischer Tempelbauer kniet auf dem Fuß der Schleiermonstranz
nieder und betet als führbittender Landespatron vor der den Himmel
symbolisierenden Monstranz (Trinität und Muttergottes sind sichtbar)
um gnädigen Nachwuchs für das Haus Habsburg. Im Jahr vor dem
Klosterjubiläum (1713) hatte Karl VI. die pragmatische Sanktion verabschiedet, die nun auch die weibliche Thronfolge gestattete. Hinzuzufügen bleibt, daß der Baum mit der Marienerscheinung ohnehin als
Fruchtbarkeitssymbol galt, darum konnte der Holunder in erweitertem
Sinn auch für den Sippschaftsbaum Habsburgs stehen.
Auf dem ephemeren Hochaltarentwurf Steinls wird der Heilige nicht
nur mit dem Kirchenmodell dargestellt, sondern auch mit einer Fahne,
die, so glaubte man damals, noch im Besitz des Stiftes war. Der legendären Fahne Leopolds wurde 1683 entscheidende Hilfe bei der
Verteidigung der Stadt gegen die Türken zugeschrieben. Diese
Kriegsfahne, die schon nach der ersten Türkenbelagerung (1529) dem
hl. Leopold geweiht worden war und als „Heiltum“ galt, wurde bei der
Rekrutierung der Soldaten je dreimal zu Ehren der Dreifaltigkeit, der
Muttergottes und des hl. Leopold geschwungen. Die Wehrunfähigen
wurden dreimal täglich durch die Fahne zum schließlich erhöhrten Erettungsgebet gerufen.389 Kaiser Leopold I. dankte persönlich seinem
Namenspatron, der gleichzeitig auch Landespatron war, für die Fürbitte beim Sieg über die Türken. Das Kaiserpaar reiste nach Ende der
Belagerung per Schiff auf der Donau nach Wien zurück und unterbrach seine Reise bei Klosterneuburg. Und obwohl die Gebeine des
Heiligen noch nicht zurückgebracht worden waren, hörten sie in der
stiftlichen Schatzkammer die Messe.390 In einer Leopoldspredigt von
1692 wurden Kaiser Leopold und sein Patron als miles christianus gefeiert:
„Leopoldus befahl dem Türckischen Mond in Oesterreich/ und er stunde
still. Non plus ultra. [...] Demnach Leopoldus mit dem Kriegs-Heer Leopoldi
[Leopolds I.] sich vergesellet/ den Angriff wider die Feind gethan/ und in
Herabsteigen von seiner Fürstlichen Residentz Gallen Berg den Feind
vertrieben/ verjagt/ vernicht/ auf daß alle Feind erkennen die Macht Leopoldi,
und erfahren sollen/ daß das Streiten wider GOtt und Leopoldum, nit leicht/
sondern gefährlich seye.“391
389
Röhrig, Die Türken vor Klosterneuburg, S. 34 – s. a. ders., Klosterneuburg, S. 69
Fischer, Merkwürdige Schicksale, Bd. 1, S. 312
391
Zit. n. Kastl, Das Schriftwort in Leopoldspredigten, S. 108 f. (Pfendtner, Emmerich OFMRef:
LEOPOLDUS MAGNUS. [...] In: Ders., DULIA AUSTRIACO-Viennensis. [...] Augsburg-Graz
1692, S. 655-666)
390
Kieser: Memorialmonstranzen
107
Die Hilfe gegen die Türken wurde in der Hauptsache der Muttergottes
zugeschrieben. Der Namenspatron des Kaisers hatte aber, wie man
glaubte, bei ihr um den Sieg gebeten. Hieraus wird erklärlich, daß der
Leopoldskult bald im Schatten des nach dem Türkenkrieg alles überstrahlenden Marienkults stand.392 Bei Türkengefahr wurden immer
wieder eucharistische Andachten vor ausgesetztem Allerheiligsten von
kaiserlicher oder bischöflicher Seite angeordnet. 1683 mußte die Hostie in Stifts- und Klosterkirchen mit Benediktion vor und nach dem täglichen Gottesdienst von 8 bis 10 Uhr oder zu einer anderen Zeit ausgesetzt werden.393 Aus diesem Blickwinkel wird deutlich, daß die
Schleiermonstranz, die gleichzeitig den hl. Leopold und den kaiserlichen Türkensieger feiert, in engem Bezug zur Türkengefahr steht. Es
ist deshalb anzunehmen, daß auch während der Türkenkriege von
1716-1718 und 1737-1739 Andachten vor der Schleiermonstranz stattfanden. Bis auf den heutigen Tag wird die Schleiermonstranz in jenen
1677/78 fertiggestellten Nußbaumschränken aufbewahrt, die von dem
Klosterneuburger Türkensieger Marzellin Orthner gefertigt sein sollen.
Der Kunsttischler hatte 1683 die glorreiche Verteidigung organisiert.394
Pietas Austriaca: Leopoldsfest und Staatswallfahrt
Die Pietas Austriaca war bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts ein
feststehender Begriff, der die spezifische Ausprägung der österreichischen Barockfrömmigkeit bezeichnete. Anna Coreth hat sie in ihrem
umfassenden Werk die Pietas Austriaca ausgezeichnet dargestellt.395
Franz Matsche beschäftigte sich, anknüpfend an diese Arbeit, mit den
unter Karl VI. entstandenen Kunstwerken „im Dienst der Staatsidee“,
die er dem sogenannten „Kaiserstil“ zuordnet. Er zeigt, auch durch
Hans Sedlmayrs396 Studien zur Wiener Karlskirche angeregt, daß
durch das Bescheidenheitsgebot (modestia) der Habsburger im Gegensatz zu Frankreich das öffentliche Ausstellen von Herrscherstatuen
392
Vgl. Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 168 ff. zum Thema „Marienkult und der Türkenkrieg“
393
Schachner, Barockes eucharistisches Leben in der Diözese Passau, S. 161 ff. – Klosterneuburg
gehörte bis 1729 zur Diözese Passau und wurde dann der von Karl VI. gegründeten Erzdiözese
Wien unterstellt. – vgl. Fischer, Merkwürdige Schicksale, S. 319 – Loidl, Geschichte des Erzbistums Wien, S. 126 f.
394
Ilg/Böheim, Die Schatzkammer und die Kunstsammlung, S. 1 – Röhrig, Die Türken vor Klosterneuburg, S. 32
395
Dazu maßgeblich Anna Coreth: Pietas Austriaca. Österreichische Frömmigkeit des Barock. (2.
erw. Auflage) Wien 1982, S. 13 f.
396
Die Schauseite der Karlskirche in Wien (1956) – Johann Bernhard Fischer von Erlach (1956)
Kieser: Memorialmonstranzen
108
vermieden wurde, denn keine Statue Karls VI. kam auf dessen Betreiben im öffentlichen Raum zur Aufstellung.397 Bereits Küchelbecker398
bemerkte 1730, daß die Karlskirche ein Denkmal kaiserlichen Frömmigkeit sei. Das Gebäude kommt dabei jedoch völlig ohne die bildliche
Darstellung des Herrschers aus. Wie sich zeigen wird, ist die Schleiermonstranz als Monument der Frömmigkeit des Habsburgerkaisers
zu verstehen, obwohl der Kaiser als Person nicht vorkommt. Wie bereits erwähnt, erfolgte der Auftrag für die Monstranz zwar von Klosterneuburg aus, er wurde aber von Künstlern ausgeführt, die bald schon
Hofkünstler wurden und denen das höfische Selbstverständnis daher
geläufig war. Die politisch-religiöse Vorstellung der Pietas Austriaca
muß deshalb in bezug zur „staatstragenden“ Leopoldsverehrung gesetzt werden, der mit Klosterneuburg auf das engste verknüpft war.
Der wichtigste Tag der staatlichen Devotion war für Klosterneuburg
das Leopoldfest, an dem der Kaiser bis auf wenige Ausnahmen anwesend war. Der jährlichen Besuch des Kaisers wurde als „Staatswallfahrt“ bezeichnet, die, um einen Eindruck der Bedeutung dieses Aktes
zu vermitteln, kurz geschildert werden soll. Anschließend werden die
Grundmerkmale des religiös-politischen Selbstverständnisses Habsburgs in ihrer Relevanz für die Bedeutung der Schleiermonstranz zu
erläutern sein.
Das Leopoldsfest unter Karl VI.
Im 17. und 18. Jahrhundert, als die schon für das 13. Jahrhundert
nachgewiesene Staats- und Dynastiemystik Habsburgs ihren Höhepunkt erreichte, wurde das Heiligenfest Leopolds besonders prunkvoll
gefeiert, als sich der kaiserliche Hof in Klosterneuburg aufzuhalten
pflegte. Eine Beschreibung des Aufenthalts Kaiser Karls VI. ist nicht
überliefert, daher soll der Ablauf des Tages nach einer Beschreibung
des Besuches Maria Theresias und ihres Gemahls rekonstruiert werden. Vor dem Fest wurde die Stiftskirche von Hoftapezierern mit roter
Seide und Damast reich ausgeschmückt, wobei diese die Fenster verdunkelten. Auf dem Tabernakel des Hochaltars plazierte man die Silberbüste des hl. Leopold, auf deren Kopf der Erzherzogshut saß. In
die Mitte des Chores wurde jener kleine Reisealtar aufgestellt, in dem
sich der Schleier der Markgräfin Agnes befand. Auf den im Zentrum
397
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 59
Küchelbecker, Allerneuste Nachricht, S. 145 f. – n. Matsche, a.a.O., S. 64
398
Kieser: Memorialmonstranzen
109
der Kirche stehenden Leopoldsaltar stellte man, durch zwei Stufen erhöht, das große Silberreliquiar des Heiligen, das von zwei Silberleuchtern flankiert wurde. Auf der unteren Stufe standen vier weitere Silberleuchter, dazwischen silberne Reliquienmonstranzen mit jeweils einem
Dorn aus der Krone Christi und einem Stück seines Rohrstabes. Davor, auf die Mensa des Altars, stellte man zur Ankunft und zum Abschied des kaiserlichen Paares die Schädelreliquie, die von sechs
Leuchtern gerahmt wurde.399
Am frühen Nachmittag des 14. November legte der Propst einen Ornat
an, der aus Kleiderstoffen des Heiligen und seiner Frau gefertigt war.
Mit einem silbernen Aspergill in der Hand ging er mit dem Konvent in
die Marienkapelle beim südlichen Tor, wo sich auch das kaiserliche
Gefolge versammelte. Als der Stallmeister das Nahen der kaiserlichen
Kutschen meldete, begann man alle Glocken zu läuten. Die Leibgarde
und der Magistrat der Stadt hatten Aufstellung genommen, Militär aus
der Wiener Garnison kampierte vor der Stiftskirche und bewachte die
dort ausgestellten Schätze. Propst und Konvent begrüßten das kaiserliche Paar in der Marienkapelle, danach erfolgte unter Orgelspiel der
feierliche Einzug in die Kirche. Nachdem der Kaiser und die Kaiserin
vor der Schädelreliquie auf dem Leopoldsaltar gebetet hatten, begaben sie sich in die Fürstenloge, dann begann die Vesper.400 Während
der Zeremonie, die über drei Stunden dauerte, wurden von der Hofkapelle Kompositionen Kaiser Leopolds I. gespielt. Zelebrant war in den
Jahren 1714/15 Abt Berthold Dietmayr von Melk, 1716, 1718 und 1719
zelebrierte Abt Karl Fetzer vom Wiener Schottenstift.401 Zu Ehren seines Namenspatrons hatte Karl VI. selbst das Offizium (Amt und Vesper) vertont.402 Nach der Vesper zog sich das Kaiserpaar in den Fürstentrakt zurück wo es speiste und die Nacht verbrachte.
Am 15. November, nachdem der Propst das Frühamt am Leopoldsaltar pontifiziert hatte, stiegen die Majestäten zur Krypta hinab, dort feierten sie mit ihrem Beichtvater die Messe am Grab des Heiligen in der
Leopoldkapelle. Nach dem Frühstück um 9 Uhr betrat das Kaiserpaar
die Stiftskirche und hörte von der Kanzel die Predigt, der ein Pontifikalamt folgte. Währenddessen wurden vor dem Reisealtärchen Leopolds drei Messen gelesen. Das Amt enthielt eine noch erhaltene „Sonata Sti. Leopoldi“ von Bertali für Pauken und Trompeten.403 Auch am
399
Schabes, Alte litrugische Gebräuche, S. 196 f.
Kovacs, Der heilige Leopold und die Staatsmystik der Habsburger, S. 79
401
Riedel, Kirchenmusik am Hofe Karls VI., S. 302
402
A.a.O., S. 56 f.
403
A.a.O., S. 210
400
Kieser: Memorialmonstranzen
110
Leopoldsaltar wurden bis um die Mittagszeit Messen gefeiert. Nach
dem Evangelium wurde dem Kaiserpaar in der Fürstenloge die Schädelreliquie zum Kuß gegeben. Der Propst zog dann das Pluviale des
hl. Leopold an, nahm die Schädelreliquie von der Evangelienseite des
Hochaltars und reichte sie dem Kaiserpaar wiederum zum Kuß. Anschließend durfte auch das kaiserliche Gefolge die Reliquie küssen,
danach wurde sie dem Volke beim Michaelsaltar zum Kusse gereicht.
Der Hofzeremoniär reichte anschließend das Pazifikalkreuz den Majestäten zum Kusse. Nach dem Hochamt wurden dem Kaiser und seiner Frau vom Propst Ernst Perger goldene Leopoldspfennige überreicht. Danach saßen die Geistlichen und der Wiener Hofstaat in mehreren Tafeln zu Tisch, für die Bewirtung sorgte der kaiserliche Hof.
Während des Essens wurden silberne Leopoldspfennige verteilt und
im Klosterhof als Armenspende unter das Volk geworfen, denn die
Pfennige wurden gültiges Zahlungsmittel.404 Um drei Uhr nachmittags
wurde eine kurze Vesper gesungen, danach betete das Kaiserpaar
erneut vor dem Reliquienschrein und der Schädelreliquie, bevor es
vom Propst zum Wagen geleitet wurde, um wieder nach Wien zurückzukehren.405
Nicht zu belegen ist, ob die Schleiermonstranz in der Liturgie des Leopoldsfestes tatsächlich benutzt wurde. Es ist jedoch erstaunlich, daß
der Gegenstand so überdeutlich an die rituellen Rahmenbedingungen
des geschilderten Festes erinnert. Alle für die Schleierlegende wesentlichen Gegenstände waren an diesem Tag in der Stiftskirche auf der
Achse des Mittelschiffs angeordnet: Die mit dem Erzherzogshut bekrönte Silberbüste auf dem Tabernakel, im Chor der Reisealtar mit
dem Agnesschleier, vor dem Chor der siebenarmige Leuchter mit dem
legendären Holunderholz, und schließlich auf dem Leopoldsaltar in der
Mitte des Schiffes der Reliquienschrein. Die Schädelreliquie befand
sich wechselweise auf dem Hochaltar oder auf dem Leopoldsaltar. Die
Schleierlegende wurde also bereits durch die am Festtag feierlich angeordneten Realien ins Gedächtnis gebracht. Daß die Aussetzung des
Allerheiligsten in der Schleiermonstranz während der Feierlichkeiten
stattfand, ist nicht bezeugt, sie erscheint aber höchst plausibel. Die zeremoniale Betonung der Schleierlegende während des Totengedenkens spiegelte sich in der Form der Schleiermonstranz.
404
Specht, Die Leopoldspfenninge, S. 112 f.
Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 198-202 – Vgl. auch Kovacs, Der heilige Leopold und
die Staatsmystik der Habsburger, S. 78-80
405
Kieser: Memorialmonstranzen
111
Staatskult
Das jedes Jahr am 15. November in Klosterneuburg gefeierte Leopoldsfest war traditionell ein „Spendtag“, an dem seit dem 12. Jahrhundert Nahrung, Geld und Kleidung an die Armen verteilt wurden.406
Der Wallfahrtsbetrieb war schon vor der Heiligsprechung Leopolds
sehr rege. In einem 1323 angelegten Verzeichnis ist von spektakulären Gebetserhöhungen am markgräflichen Grab die Rede. Die Wallfahrt wurde schon 1330 von der päpstlichen Kurie offiziell anerkannt,
man gewährte einen vierzigtägigen Ablaß.407 Seit seiner Kanonisation
am 6. Januar 1485 gehörte Leopold zu den Hausheiligen der Habsburger und sein Name wurde fortan immer wieder von der Habsburgern verwendet, auch um an das Erbe der Babenberger anzuknüpfen.
Es war aber vor allem Kaiser Leopold I., unter dessen Herrschaft der
hl. Leopold „als Patron und Ahnherr, als Typus des christlichen Fürsten und als Landesheiliger“408 zu voller Bedeutung kam. Im Anschluß
an den römischen Kaiser Augustus wurde der hl. Leopold vom
Klosterneuburger Propst Balthasar Polzmann409 bereits 1591 als „Pater Patriae“ bezeichnet, in der Widmung seines Buches an Rudolf II.
wird der Babenberger sogar zum „Archetypus“ der österreichischen
Katholiken.410 Am 19. Oktober 1663 erhob der junge Kaiser seinen
Namensheiligen zum Schutzpatron der österreichischen Erblande. Die
kaiserliche Familie begab sich nun jedes Jahr nach Klosterneuburg,
der Festtag war auch der Namenstag des Kaisers.411 Habsburg sah in
Leopold einen Heiligen der „Sipp-, Mag- und Schwägerschaft des
Hauses“.412 Bereits Kaiser Friedrich III. war überzeugt, ein Nachkomme des Markgrafen Lepold III. zu sein: nos, qui eiusdem Leopoldi
sanguine trahimus originem.413 Die Behauptung ist dynastisch gesehen unsinnig, aber für das Selbstverständnis des habsburgischen Kaisertums bezeichnend. Im 17. Jahrhundert schrieb der AugustinerChorherr Adam Scharrer ein Buch über die Babenberger, das seinen
406
Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 195
Röhrig, Leopold III., S. 131 f.
408
Zit. Coreth, Pietas Austriaca, S. 76
409
Compendium vitae, miraculorum Leopoldi, etc. Wien 1591
410
Kovacs, Rex perpetuus austriae?, S. 182
411
Wacha, Reliquien und Reliquiare des hl. Leopold, S. 21
412
Zit. Kugler, Erzherzog Maximilian III. und das Stift Klosterneuburg, S. 106
413
Vgl. Supplik Kaiser Friedrich III. vom 1. Feb. 1455 aus Wiener Neustadt an Papst Paul II. – n.
Strnad, Friedrich III. und die Translatio sancti Leopoldi, S. 133 – Vgl. Röhrig, Heiligsprechung, S.
227
407
Kieser: Memorialmonstranzen
112
Höhepunkt in der Verherrlichung des hl. Leopolds als Stiftsgründer
und Namenspatron des Kaisers findet.414
In einer 1698 am Leopoldfest von Bucellini gehaltenen Heiligenpredigt
wird die legitime Nachfolge der Babenberger für die Habsburger mit
dem Argument der tugendhaften Nachahmung des Heiligen begründet.415 Spätestens zu diesem Zeitpunkt muß der Tugendlegitimation
vor der dynastischen der Vorzug gegeben worden sein. Die zeitgenössische Vorstellung des Kaisers und dessen Selbstverständnis als
Staatsoberhaupt und Monarch ist hier von großer Wichtigkeit, denn
zwischen dem Staatswesen und der Person des Herrschers bestand
damals noch kein ideologischer Unterschied, wenngleich die Monarchie Habsburgs gegenüber dem französischen Absolutismus in viel
stärkerem Maße durch die Stände eingeengt war.416
Diese Auffassung galt auch noch für Karl VI., zu dessen Lebzeiten
(1685-1740) die seit 1714 fertiggestellte Schleiermonstranz Verwendung fand. Seine öffentlich gezeigte Leopoldsverehrung war gleichzeitig Affirmation eines Tugendkanons: Gottesfurcht, Gerechtigkeit und
Sanftmut sah man als habsburgische Haupttugenden an, denn sie
werden in dem von Ferdinand II. 1632 für seinen Sohn geschriebenen
Fürstenspiegel „Princeps in compendio“417 hervorgehoben, der wesentlich von den Werken des Justus Lipsius beeinflußt war. Virtus, liberalitas, pietas, iustitia, prudentia und constantia waren althergebrachte Fürstentugenden418, die auch im habsburgischen Fürstenspiegel vorkamen und, wohl unter Berufung auf den hl. Leopold, um die
wichtige clementia bereichert wurde.419 Franz Matsche hat das für die
Untersuchung der Schleiermonstranz relevante fürstliche Selbstverständnis Karls VI. ausführlich geschildert.420 Bereits Leopold I. empfahl
seinen Söhnen ausdrücklich die pietas, clementia und iustitia als wichtigste der Herrschertugenden. Die teilweise uralten Topoi des Herrscherideals gewannen durch ihre iterative mediale Reproduktion im
414
Coreth, Österreichische Geschichtsschreibung, S. 141
Kastl, Leopoldspredigten, S. 113
416
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 18
417
PRINCEPS IN COMPENDIO hoc est PUNCTA aliquot compendiosa, quae circa Gubernationem
Reipub. observanda videntur. Wien 1668 – Text veröffentlicht bei Redlich, Princeps in Compendio, S. 105-124 – Vgl. Hans Sturmberger, Der habsburgische „Princeps in Compendio“ und sein
Fürstenbild. In: Hugo Hantsch u. a. (Hrsgg.), Historica. Studien zum geschichtlichen Denken und
Forschen. Festschrift für Friedrich Engel-Jánosi, 1965, S. 91-116
418
Ehalt, Ausdrucksformen absolutistischer Herrschaft, S. 137
419
Vgl. Veronika Pokorny: Clementia Austriaca. Studien zur besonderen Bedeutung der Clementia
Principis für das Haus Habsburg. Diss. Wien 1973 (Masch.)
420
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, Kapitel „Das habsburgische Herrscherideal und sein
Tugendkanon“, S. 70 ff.
415
Kieser: Memorialmonstranzen
113
Laufe des 17. Jahrhunderts eine vorher nie gekannte Präsenz. Das
immergleiche „Pathos [...] der Wiederholung des längst Bekannten“
verlieh diesem Ideal „seine besondere Überzeugungskraft“ und machte den Anspruch auf den dynastischen Besitz der Herrscherwürde
deutlich.421 Tatsächlich war für die Habsburger das Kaisertum gewissermaßen zu ihrer erblichen Würde geworden, die man — so die Argumentation — der eigenen vorbildlichen Frömmigkeit zu verdanken
hatte. Vor allem Rudolf von Habsburg, dem ersten „Kaiser“ der Dynastie, kam noch im Barock große Bedeutung zu, denn durch die fleißige
imitatio pietatis seiner Frömmigkeit glaubte das Haus in den Besitz der
Kaiserwürde gelangt zu sein, wie es noch in der Biographie Karls VI.
tradiert wird:
„Den Grund zu dem Seegen diesen grossen Hauses hat die Frömmigkeit
geleget / welches Kayser Rudolph I. seinen Nachkommen angedeutet, als er
bey seiner Crönung , da das Scepter mangelte / und ihm die Fürsten den
Eyd der Treue ablegen solten / ein Crucifix von dem Altar nahm / und sagte,
dieses war ein Scepter / womit er regieren wolle.“422
Tradiert wurde jene Erzählung, in der Rudolf, als er einem Priester mit
dem Allerheiligsten begegnet sei, diesem aus Ehrfurcht vor der Eucharistie sein Pferd überlassen habe.423 Die demutsvolle Tat habe den
Gewinn der Königswürde gebracht und noch im Barock wurde Rudolf
deshalb als Begründer der habsburgischen Weltmacht gesehen. Es ist
bezeichnend, daß jene schicksalhafte Begegnung Rudolfs mit der Eucharistie auf das Jahr 1264 datiert wird, als durch Papst Urban IV. das
Fronleichnamsfest eingeführt wurde. Das auf Rudolf zurückgehende
Niederknien vor dem Allerheiligsten in Gegenwart des ganzen Hofstaates und auf der Straße galt deshalb noch im Barockzeitalter als
„beste habsburgische Haltung“.424 Auch auf der Schleiermonstranz
kniet der hl. Leopold in Anbetung vor der Eucharistie, die im liturgischen Gebrauch im Sanctissimum ist. Auf diese Weise wird der Gegenstand zum Symbol habsburgischer Staats- und Eucharistiefrömmigkeit. Die imitatio Rudolphi verschmilzt hier mit der imitatio Leopoldi
zur Einheit. In der Überlagerung der durch den hl. Leopold verkörperten Fürstentugenden und der Eucharistieverehrung zeigte sich die Legitimation des Kaisertums. Rudolf fungierte wie der heilige Markgraf
421
Vgl. Elias, Höfische Gesellschaft, S. 152 – zit. n. Ehalt, Ausdrucksformen absolutistischer Herrschaft, S. 141
422
Wunderwürdiges Leben [...] Caroli des Sechsten, 1721, S. 72 f. – zit. n. Matsche, Kunst im
Dienst der Staatsidee, S. 82
423
Coreth, Pietas Austriaca, S. 20
424
Zit. Ebd., S. 24
Kieser: Memorialmonstranzen
114
als Beispiel dafür, „daß moralisch richtiges Verhalten und Handeln einen weltlichen Nutzen — noch vor dem ewigen Lohn — bedingt.“425
Ohne daß auf der Monstranz etwas direkt an Karl VI. erinnert, so ist
der Bezug zu ihm doch herstellbar und intendiert. Die Schleiermonstranz weist auf politisch-religiösen Sinnebene ausdrücklich auf die Eucharistiefrömmigkeit als conditio sine qua non des habsburgischen
Kaisertums hin. Der Name Österreich selbst wurde synonym mit dem
Namen Habsburg gebraucht und in etymologischer Allegorese als
„Hoystreich — Hostiae Imperium“ ausgelegt.426
Der Rekurs auf den Babenberger Leopold III. macht die Intention deutlich, die Propst Ernst Perger und der Klosterneuburger Konvent mit
der Schleiermonstranz auch angesichts der höfischen Öffentlichkeit zu
verfolgen suchten: Daß Klosterneuburg bereits vor dem habsburgischen Königtum bestanden habe, und deshalb im Besitz der vornehmeren Rechte sei, denn Klosterneuburg wurde besonders nach seiner
Rekatholisierung von den Habsburgern zunehmend als eigener Besitz
betrachtet. Dies gilt vor allem für Karl VI., der — dies kann als Indiz
gelten — den Ausbau zur Klosterresidenz (1730 begonnen) betrieb,
gegen den sich der Konvent aus finanziellen Gründen vergeblich
wehrte, denn das Stift war landesfürstliches Kammergut. Röhrig sieht
in diesen Abhängigkeiten eine „letzte sichtbare Ausprägung des ottonischen Reichskirchensystems“.427
Der Satz per me regnes regnant (Spr 8,15) entstammt dem Fürstenspiegel „Princeps in compendio“, er kann als „Kernsatz des habsburgischen herrscherlichen Selbstverständnisses und Gottesgnadentums“428 (Matsche) gelten. Seit Ferdinand III. wurde dieser in der hl.
Schrift der Weisheit zugeschriebende Satz auf die Muttergottes bezogen.429 Die Reichskrone zeigt jedoch Christus als Weltenherrscher mit
den gleichen Worten, die auch in der Krönungsliturgie Anwendung
fanden.430 Daraus läßt sich schließen, daß sich die Habsburgerkaiser,
hier vor allem Karl VI., als von Christus eingesetzte Herrscher verstanden.431 Die Darstellung auf der Schleiermonstranz läßt sich somit
als Krönung des hl. Markgrafen Leopold durch den in der Eucharistie
anwesenden Christus begreifen. Der Heilige kniet betend nieder und
425
Zit. Kastl, Leopoldspredigten, S. 124
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 84 u. 116 – n. Coreth, Pietas Austriaca, S. 22 (Anm.
40)
427
Zit. Röhrig, Klosterneuburg, S. 76
428
A.a.O., S. 71
429
Coreth, Pietas Austriaca, S. 55
430
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 70 f. und S. 75 f.
431
A.a.O., S. 83
426
Kieser: Memorialmonstranzen
115
die Krone liegt rechts von ihm auf der Erde. Der Markgraf Leopold III.
scheint die Krönung durch Christus zu erwarten, denn die Aufsetzung
der Krone war ein rechtsgültiger Akt (Abb. 25).432
Der während des Leopoldsfestes auf dem Haupt der Silberbüste des
Heiligen sitzende Erzherzogshut leitete sich in der Perspektive habsburgischer Staatsmystik vom Markgrafenhut des Heiligen ab und war
Landeskrone des Erzherzogtums Österreich. Der Erzherzogshut wurde von 1620 bis 1835 verwendet, er durfte nur zur Erbhuldigung nach
Wien gebracht werden und war streng an Klosterneuburg gebunden.
Papst Paul V. belegte eine anderweitige Fortführung sogar mit dem
Kirchenbann.433 Auch Karl VI. war 1712 mit dem Hut zum Erzherzog
erhoben worden, das Ereignis wird in einem illustrierten Erbhuldigungsbericht geschildert.434 Vor der Übergabe des Hutes an das Stift
küßte Maximilian III. die Schädelreliquie des hl. Leopolds und krönte
sie anschließend mit dem Hut: „Die Übertragung der Heilkräfte der Reliquie auf die Krone war damit vollzogen“, und die geheiligte Krone
wiederum übertrug ihre Kräfte während der Regalienverleihung auf
den Herrscher.435 Das Zeremoniell war im Grunde genommen eine
symbolische Lehensnahme vom hl. Leopold, es war jenem um die
böhmische Wenzelskrone nachempfunden, die zur böhmischen Königskrönung im Wenzelsdom vom hl. Veit „ausgeliehen“ wurde.436 Der
Klosterneuburger Prälat, in unserem Falle Ernst Perger, führte als Bewahrer des Erzherzogshutes den Titel eines Diadematis austriacae
custos.437Während des Leopoldfestes wurde die Heiligkeit des Hutes
durch seinen Platz auf dem Haupt der auf dem Tabernakel stehenden
Silberbüste Leopolds sichtbar dokumentiert. Die Markgrafenmütze
wurde durch den Erzherzogshut ersetzt, auch dies ein Indiz für die
durch Habsburg nachdrücklich reklamierte Nachfolge der Babenberger. Auf dem Fuß der Schleiermonstranz ist nicht die Markgrafenmütze, sondern ganz ausdrücklich der Erzherzogshut dargestellt. Die bereits skizzierte Vorstellung der von Christus erwarteten Krönung findet
hier ihre augenscheinliche Bestätigung (vgl. Abb. 25 und 44).
Die Monstranz symbolisiert den Tugendspiegel des Hauses Habsburg:
Durch sein tugendhaftes Leben sollte „der Monarch, alles Menschliche
hinter sich lassend, dem Idealtypus des ewigen, immer gleichen Kö432
H. Fillitz: Art. „Krone“. In: HRG, Bd. 2, Sp. 1212-1217
Röhrig, Klosterneuburg, S. 67 f.
434
A.a.O., S. 125 (Anm. 229)
435
Kovacs, Rex perpetuus austriae?, S. 187 – Zur Diskussion der Funktion des Erherzoghutes siehe dort Anm. 80.
436
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 185
437
Kovacs, Rex perpetuus austriae?, S. 191
433
Kieser: Memorialmonstranzen
116
nigs“438 möglichst nahekommen. Der hl. Leopold verkörperte den rex
perpetuus austriae, der, durch eigene Tugendhaftigkeit legitimiert,
gleich dem „Phönix aus der Asche“ nach seinem Tode in neuem Glanze als der gleiche auferstand: Die Phönix-Sage betonte die amtliche
Identität mit seinem lebenden Nachfolger.439 Der natürliche und sichtbare Körper des Monarchen konnte sterben, der unsichtbare politische
Körper (das Amt) lebte unabhängig weiter.440 Das Amt des deutschen
Königs, mit dem die Kaiserwürde seit dem 16. Jahrhundert unmittelbar
verbunden war, kam — so glaubte man noch in der Barockzeit —
durch die Eucharistie selbst an König Rudolf I. und Habsburg.441 Die
Eucharistie spendete der ganzen Dynastie die Kraft zur Weltregierung.442
Die dynastische Symbolik der Schleiermonstranz
Für das Haus Habsburg war die Monstranz als liturgischer Gegenstand ein Symbol ihrer Hausmacht, denn der Sage nach soll die Eucharistie Rudolf von Habsburg zum deutschen Königtum verholfen haben.
Rudolf war in den Augen des barocken Österreichs der Begründer der
habsburgischen Weltmacht.443 Bezeichnenderweise wurde die fromme
Devotion Rudolfs, er war einem Priester mit dem Allerheiligsten begegnet und hatte ihm sein Pferd angeboten, auf das Jahr der Einführung des Fronleichnamsfestes datiert, bei dem die Monstranz in der
Liturgie die zentrale Rolle spielt. Parallel dazu hielt sich die Meinung,
daß die Babenberger in Klosterneuburg die Fronleichnamsprozession
einführt hätten. Habsburg sah sich auch deshalb in legitimer dynastischer Nachfolge der Babenberger. Franz Matsche hat gezeigt, daß
sich Karl VI. während der Prozession als typologischer Nachfolger Davids sah, der der Bundeslade vorausging, wie nun der Kaiser der Monstranz.444
Maximilian I. hatte sich, wie eine andere Sage weiß, bei der Jagd in
der Martinswand bei Innsbruck verirrt. Nachdem er vom Tale aus mit
438
Zit. Ehalt, Ausdrucksformen absolutistischer Herrschaft, S. 137
Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs, (v. a..Kap. 3 „Phoenix“), S. 389-404
440
A.a.O., S. 29
441
Coreth, Pietas Austriaca, S. 20, Anm. 37 – Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 84
442
Coreth, a.a.O., S. 18 f. – Matsche, S. 84
443
Coreth, Pietas Austriaca, S. 21
444
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 121 (bezieht sich auf das Bundesladendenkmal in
Györ, das 1729-31 von dem Hofbildhauer Antonio Corradini nach einem Entwurf J. Fischers von
Erlach ausgeführt wurde), S. 121 – Vgl. RDK, Bd. 6, Art. „Eucharistie“, Sp. 169 ff. (zur eucharistischen Bedeutung der Bundeslade).
439
Kieser: Memorialmonstranzen
117
der Monstranz gesegnet worden war, kam ein rettender Engel herbei.445 Dieses Hostienwunder schreibt der Eucharistie dynastiebewahrende Eigenschaft zu, denn Maximilian I. war zur Zeit der Sage der
letzte männliche Abkomme der Casa d´Austria; die Monstranz und die
Eucharistie verhinderten somit das Aussterben der Herrscherfamilie.
Auch der lange kinderlose Karl VI. hoffte durch vorbildliche Verehrung
der Eucharistie das Aussterben des Hauses zu verhindern. Die Eucharistie wurde in der Barockzeit als palladium der Habsburger gesehen,
da die Fürbitte vor dem „thaumaturgischen Brot des Himmels“ stets
Wunder gewirkt habe.446 In einer graphisch aufgebauten Huldigungsdichtung in der Form einer Monstranz erbat der florentinische Geistliche Sebastiano Canocchi männlichen Nachwuchs für Karl VI. Der
Leitvers des handschriftlichen Textes lautet: Sacramentum Eucharistiae Caesari da liberos, quibus Austria et orbis pacis munere gaudeat.447
Daß die Monstranz bei den Habsburgern auch eine politischmilitärische Funktion hatte, zeigt ein um 1630 als Flugblatt verwendeter Kupferstich. In einer Allegorie auf Kaiser Ferdinand II. wird dieser
nach Jeremias 17, Vers 7 und 8 als „Österreichischer bestendiger
griener Baum“ gefeiert, „so von villen Feinden wellen bestigen werden
aber zu schanden werden“:
„In der Mitte des Stamms ist in einem Lorbeerkranz das Portrait Ferdinand
II. zu sehen, in die Blätter des Baums sind seine Tugenden eingeschrieben.
Zwischen den zwei Kartuschen erscheint als Hauptsymbol eine Monstranz.
Aus den Zweigen des Baums stürzen die Feinde Ferdinands II. auf die Erde,
und auf den vier Ecken des Blattes ist der mit dem Sieg am Weißen Berg
1620 verbundene, ins Christliche abgewandelte Ausspruch C. Julius
Caesars, 'Veni, Vidi, deus vicit' angebracht.“448
Bezüglich der Schleiermonstranz ist diese Darstellung Österreichs besonders interessant, da man die Nation damals durch einen Baum allegorisiert sah, der, als Monstranz geformt, einen besonderen Schutz
genoß. In der Schleiermonstranz geht die Monstranz als politisch445
Coreth, Pietas Austriaca, S. 25
Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 117 – Coreth, Pietas Austriaca, S. 25 (Anm. 50):
Hem quanto miraculo testatum Eucharistiam augustissimum Palladium esse Austriae Domus,
quae toties prodigia patravit ingentia ad Taumaturgum Caeli Panem accurens in extremis rerum
articulis. Zit. Didaco da Lequile (Pseudonym für Diego Tafuri), De rebus Austriacis (auch unter
dem Titel: Piissima atque Augustissima Domus Austriaca una cum Borbonorum Prosapia), 3
Bde., Innsbruck 1655-1660, S. 194
447
Nach Coreth, Pietas Austriaca, S. 32 (Anm. 71), handschriftlich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Wien, Familienakten Kart. 110
448
Zit. Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 117 – Abb. in Ausst. Kat. Graz 1964, „Graz als
Residenz“, Nr. 14. Ein Exemplar befindet sich im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.
446
Kieser: Memorialmonstranzen
118
militärisches Zeichen Habsburgs mit dem Baum des Staates eine gedankliche Synthese ein. Die habsburgische Eucharistiefrömmigkeit beruhte insgesamt sehr stark auf einem religiösen Verständnis, das auf
Geben und Nehmen zwischen Gott und der Casa d´Austria beruhte.
Der öffentlich demonstrierte Kult, der im weiteren Sinn als do ut des
verstanden werden kann, sicherte den Fortbestand von Dynastie und
Macht.
Kieser: Memorialmonstranzen
119
Die Legenden in barocker Homiletik
Seeschlacht und Türkengefahr
Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein hielt die Türkengefahr das gesamte Abendland in Spannung, in der Literatur war der Türke der Barbar „par excellence“449, womit der Sieg bei Lepanto als stellvertretende
Vernichtung aller Barbarei gesehen wurde. In der katholischen Predigt
fanden diese Einflüsse einen starken Niederschlag. In den süddeutschen Predigten klingt das Türkenmotiv wesentlich stärker an, da man
sich hier räumlich bedrängter fühlte als im Westen und Norden des
Reiches.450 „Erzfeind“ und „grausamer Bluthund“ waren Titulaturen für
die Türken, die häufig von den Kanzeln zu hören waren. Die Predigten
gegen die Türken erfolgten nicht selten auf bischöfliches Geheiß.451
Kam aber die Nachricht von einer siegreich beendeten Schlacht, so
wurde aus dem bedrohlichen Türkenmotiv ein triumphales.452 Unter
den Türkensiegen der Christen fand die Seeschlacht bei Lepanto ein
besonders starkes Echo. Man scheute sich nicht, die Bedeutung der
Schlacht durch legendenfördernde Beigaben zu steigern. Die Zahl der
getöteten Türken wurde dabei ebenso erhöht wie die der befreiten
Christen. Nach angeblichen Berichten gefangener Türken hätten Engel mit bloßen Schwertern für die Christen gekämpft, und ein plötzlicher und heller Glanz der Sonne habe die Feinde wundersam geblendet.453 Auf der Mandorla der Monstranz sind die mitstreitenden himmlischen Heerscharen ebenso zu sehen wie die blendende Sonne des
großen Strahlenkranzes.
In der Barockpredigt galten die Türken von vornherein als Sünder und
Verworfende. Unter den Sündern, denen die Tür des Himmels stets
verschlossen bleibt standen sie an erster Stelle. In der Predigt tritt jenes triumphalistische Pathos hervor, das vom tridentinischen Aufbruch, vom Türkenkampf und dem epochalen Sieg bei Lepanto herrührt. Zum Teil ist es die „Heroine Ecclesia selbst, die mit Füßen die
449
Zit. Chevalier, La Barbarie Turque dans la Litterature et l`Iconographie de la Renaissance, S. 35
Intorp, Westfälische Barockpredigten, S. 81
451
Rauscher, Die Barockpredigten des Jesuitenpaters Wolfgang Rauscher, S. 103
452
Vgl. Türkenpredigten Wolfgang Rauschers (1641–1719) während der Belagerung und zur Befreiung Wiens 1683. In: Brischar, Die deutschen Kanzelredner des Jesuitenordens, Bd.2, S .292–318;
Vgl.dazu H.Rauscher, a.a.O, S. 102–105 – Auch Balthasar Knellinger (1635 – 1696), Türkenpredigten (1683/84), n. Schneyer, Geschichte der katholischen Predigt, S. 275
453
Intorp, a.a.O., S. 82
450
Kieser: Memorialmonstranzen
120
Irrlehrer in den Staub tritt“.454 Abraham a Sancta Clara, zeitweilig
Theologieprofessor an der Ingolstädter Universität, predigte im Zusammenhang mit den Türkenkriegen: „Wer Maria als Schutzfrau der
christlichen Waffen im Schilde führ und eyffrigst verehrt, der hat an der
Victori nicht zu zweifeln.“455 Der Prediger Franz Joseph von Rodt bezeichnete Maria als reine Rose, aus deren Honig der hl. Geist den
Leib des Gottessohnes bildete. Maria habe sich weiter ihren Feinden
gegenüber als stechende Rose erwiesen, wie wieder in jüngerer Vergangenheit die siegreiche Seeschlacht von Lepanto gezeigt habe.456
Noch am Ende des letzten Jahrhunderts konnte man in einem Predigerhandbuch lesen, daß für die Christen bei Lepanto
„ohne besonderen Beistand des Himmels [...] an einen Sieg nicht zu denken
war. Aber die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria, deren Schutz
sich die Flotte auf den väterlichen Rat des Papstes Pius V. empfohlen hatte,
befreite sich die Christenheit von der schrecklichen Gefahr, die ihr gedroht.“457
Leopoldspredigten
Schon bald nach der Kanonisation des Markgrafen Leopold III. entstanden Lobpredigten auf den Heiligen. Seit 1492 wurde am Leopoldfest (15. November) eine Predigt auf den Markrafen gehalten, zunächst aber in lateinischer Sprache vor der versammelten Wiener Universität in St. Stephan. Der Brauch der Leopoldspredigt hielt sich bis
weit in das 18. Jahrhundert, aber erst seit der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts sind die Texte überliefert.458 Die Leopoldspredigten des Barock haben durch die Arbeit von Maria Kastl459 eine genaue und ausführliche Darstellung erfahren. Für die Klosterneuburger Stiftsbibliothek sind sie von Werner Welzig460 erschlossen worden. Als homogener Textkorpus bieten diese Heiligenpredigten wertvolle Anhaltspunkte
zum Verständnis des Leopoldskultes im Rahmen der pietas austriaca.
454
Zit. Herzog, Geistliche Wohlredenheit, S. 92
Abraham a Sancta Clara: Geistlicher Kramerladen, Voller Apostolischer Wahren und Wahrheiten.
Das ist: Ein reicher Vorrath allerlei Predigten. Würzburg 1710; S. 28, Zit. n. Veit/Lenhart, Kirche und
Volksfrömmigkeit, S. 60
456
Knobloch, Prediger des Barock, S. 50; n. Franz Joseph von Rodt, Flores Campi, S. 845–858
457
Zit. Scherer, Bibliothek für Prediger, Bd. 6, S. 702
458
Strnad, Friedrich III. und die Translatio sancti Leopoldi, S. 116
459
Maria Kastl: Das Schriftwort in Leopoldspredigten des 17. und 18. Jahrhunderts. Untersuchungen zur Heiligenpredigt als lobende und beratschlagende Rede. Diss. Wien 1988
460
Werner Welzig: Lobrede. Katalog deutschprachiger Heiligenpredigten in Einzeldrucken aus den
Beständen der Stiftsbibliothek Klosterneuburg. Wien 1987
455
Kieser: Memorialmonstranzen
121
Die Lobreden besitzen nicht nur Quellenwert bezüglich der ideellen
Inhalte der Heiligenverehrung, auch deren Vermittlung durch rhetorische Stilmittel kann auf die Schleiermonstranz bezogen werden. Hierbei ist an Schachner anzuknüpfen, der die Funktion der Barockmonstranzen als „Interpretation des eucharistischen Brotes“461 beschrieben
hat.
Die Leopoldspredigten wurden vor dem exponierten Sakrament gehalten462; Predigt und Monstranz traten somit in ein dialogisches Verhältnis, auch wenn sich das geprochene Wort niemals direkt auf den konkreten Gegenstand bezog. Die Monstranz als „Bild“ erschien in diesem
Kontext dabei in einer sehr vielfältigen Beziehungshaftigkeit. Der
gespochene Text läßt sich in übertragenem Sinne als inscriptio und
subscriptio eines Emblems verstehen, dessen pictura von der Schleiermonstranz gebildet wird.463 Die in den Heiligenpredigten verwendeten Gedankenfiguren hat Welzig464 treffend als amplificatio beschrieben. Auf die Schleiermonstranz übertragen, zeigt sich, daß hier – rhetorisch gesehen – durch die häufende Überlagerung immer neuer Details aus allen Bereichen des barocken Wissens und durch die Zergliederung des Themas in seine Einzelteile (Diärese) größtmögliche
argumentative Breite geschöpft wurde.
Nach der Erhebung des Markgrafen zum Landespatron 1663 bestand
in den Kirchen des Erzherzogtums Österreich am Leopoldfest Predigtpflicht, doch erlangte die Leopoldsverehrung über das österreichische
Territorium hinaus kaum größere Verbreitung. Der Hauptort der Leopoldspredigt war naturgemäß Klosterneuburg selbst, denn zwischen
1661 und 1775 kam der Wiener Hof zur jährlichen Wallfahrt hierher.
Am Festtag hatte die Lobrede auf den hl. Leopold zentrale Bedeutung.
Unter Joseph I. und während der ersten Hälfte der Regierungszeit
Karls VI. waren die Prediger fast ausschließlich Jesuiten, die zum Teil
auch dem Hofstaat angehörten.465 In politischen Notzeiten erlebte die
Leopoldspredigt stets eine Blüte. Vor allem die noch ungesicherte
habsburgische Erbfolge unter Karl VI. fand einen Niederschlag, der für
die Schleiermonstranz von großem Interesse ist. Die Wirksamkeit des
Heiligen sah man jedoch nicht als auf den Adel beschränkt an, denn
Leopold sollte der Landespatron aller Österreicher sein. Die imitatio
461
Zit. Schachner, Barockes Eucharistisches Leben in der Diözese Passau, S. 128
Ebd.
463
Die Heiligenpredigten wurden z. T. selbst als emblematisch verfahrend charakterisiert. Diese
Frage wird durch die Emblemforschung weiter diskutiert. Zur Forschungsdiskussion s. Kastl, Leopoldspredigten, S. 11 (Anm. 30)
464
Welzig, Zur Amplifikation in der barocken Heiligenpredigt, S. 753-802
465
Kastl, Leopoldspredigten, S. 10 f.
462
Kieser: Memorialmonstranzen
122
pietatis des noblen Heiligen war für das nichtadelige Volk dennoch nur
eingeschränkt möglich, obwohl der Schwerpunkt der Predigten stets
auf den loci von Vaterlandsliebe und Frömmigkeit lag: Das eigentliche
Thema der Leopoldspredigt waren jedoch die fürstlichen Tugenden
des Herrschers. Aus diesem Grunde seien hier vor allem Leopoldspredigten herangezogen, die vor den Angehörigen des Herrscherhauses gehalten wurden, wie auch Landsmannschafts- und Bruderschaftspredigten mit vornehmlich patriotischem Hintergrund.466 Bei
der Textproduktion konnten sich die Prediger auf bereits vorhandene
Hagiographien stützen.467
In der noch unter Leopold I. gehaltenen Predigt des Erasmus Austriacus (1676) wird der Heilige als PROTOTYPON VERAE FELICITATIS
bezeichnet. Während zu Beginn der Rede noch der Babenbergerfürst
selbst gelobt wird, verschiebt sich zu ihrem Ende hin die Bedeutung
auf Österreich selbst:
„Die im Verlauf der Predigt von den Zuhörern geforderte imitatio des
Heiligen als Voraussetzung für die wahre Glückseligkeit wird am Ende als
vollzogen betrachtet – Leopold, Österreich und seine Herrscher
verschmelzen miteinander.“468
Diese Sichtweise gilt auch für die Schleiermonstranz, denn mit dem
abgebildeten Heiligen war der österreichische Herrscher und seine
Tugenden gemeint, hier also Kaiser Karl VI. Was in der Predigt entwickelt wurde, fand sich als dem Bildgeschehen der Schleiermonstranz
unterlagerte Bedeutung wieder. Die zum Leopoldfest vor dem Wiener
Hof gehaltenen Predigten verschmolzen im heutigen Sinn geistliche
und politische Themen. Stets werden Pest, Türkenbedrohung und
männliche Erbfolge in den Predigten angesprochen, eingebettet in das
Lob des Heiligen. Für diese Zeit war dies nicht ungewöhnlich, da Geschichte im katholischen Denken der Zeit auch als Heilsgeschichte
begriffen wurde.469 Bezüglich der Lepanto-Monstranz konnte bereits
ein ähnlicher Sachverhalt aufgezeigt werden. Die auf der Schleiermonstranz dagestellte Legende ist deshalb der legendären Erhöhrung
466
A.a.O., S. 15 (Hier eine Liste der Prediger mit den Jahresdaten des Vortrags)
Vgl. Balthasar Polzmann: COMPENDIVM VITAE, MIRACVLORVM S. LEOPOLDI. Klosterneuburg 1591 – Adam Scharrer: Oesterreichische Marg-Graffen [...] Wien 1670 – Beide basierend
auf die Ansprache des Francesco de Pavini: Rede auf den heiligen Leopold. Kritisch herausgegeben u. übersetzt von L. Bieler. Mit geschichtlichen Anmerkungen und Beiträgen von H. Maschek. Innsbruck und Wien 1936 – n. Kastl, Leopoldspredigten, S. 49
468
Kastl, Leopoldspredigten, S.15 (Anm. 44), dort Erasmus Austriacus OFMCap: PROTOTYPON
VERAE FELICITATIS DOMUS AUSTRIACAE. Vorbild der wahren Glückseligkeit Deß Allerdurchleuchtigsten Ost-Hauß/ Der Hochheilige Markgraff LEOPOLDUS. Wien 1676
469
Kastl, Leopoldspredigten, S. 85 – n. Voßkamp, Zeit- und Geschichtsauffassung, S. 10 ff.
467
Kieser: Memorialmonstranzen
123
vom wundersamen Sieg vor Lepanto als heilsgeschichtliche historia
gleichzusetzen..
Stets werden in den Predigten jene Fürstentugenden der virtus, liberalitas, humilitas, pietas und iustitia behandelt, die vom heiligen Leopold
als vorbildlich gelebt geschildert werden. Leopold wird mit den großen
alttestamentarischen Vätergestalten verglichen, denn Moses, Abraham und Jakob stehen für Frömmigkeit, Feigiebigkeit, Kriegsführung
im Dienste Gottes, Sanftmut und Liebe zum Volk. Salomon und David
verkörpern die Tugenden Gerechtigkeit, Sanftmut, Demut, Weisheit
und Gottesfurcht. 470 Hiob wurde bezeichnet als „Tugendspiegel des
edlen reichen Mannes, dem Gottesliebe Dienst am Nächsten“ 471 war.
Auf der Monstranz fand die Freigiebigkeit des Heiligen durch die zur
Klostergründung („sein heilige Freygiebigkeit steinerne Zeugen“472)
führende Legende ihre Würdigung. Möglicherweise erklären sich die
hohen Kosten der Monstranz auch aus dem Bemühen des Stiftes, mit
diesem Gegenstand zu demonstrieren, daß man die Tugend der Freigiebigkeit Leopolds pflegte und in Ehren zu halten gedachte. Die am
Heiligenfest an die Pilger ausgegebenen, eigens zu diesem Zweck
geprägten Leopoldsmünzen473 dienten als Almosen und Erinnerung an
die fürstliche Großzügigkeit.
Immer wieder wird der hl. Leopold in den Predigten als miles christianus vorgestellt. So wird er 1710 mit dem alttestamentarischen Gedeon
verglichen, das Schwert bildet dabei das Tertium:
„Gedeonem sihe ich bey nächtlicher Weile das Madianitische feindliche
Kriegs-Heer ausspehen : Eben zur jenen Zeit hörete er das Gespräch zweyer
Madianiten/ deren einer dem anderten sein seltsames Traum-Gesicht
erzehlet : Jch sahe, sprach einer/ ein Aschfarbes Gersten-Brod, das sich in
das Lager herab waltzte, alles zu Boden risse, und zerschluge: Non est hoc
aliud, widersetzte der andere/ nisi gladius Gedeonis: Das ist nichts anderes
als das Schwert Gedeonis. Nach Auslegung [...] der theuren nahmwerthisten
Schrifft-Stellern war gemeltes Brod ein Vorbott deß Sig-prangenden
Schwerds Gedeonis, beydes zugleich ein Fürbild deß Hochwürdigsten AltarsSacrament/ von dem Bernardus der hl. Claraevallenser-Abbt bezeuget: [...]
Dises Himmlische Engel-Brod ist ein Speiß der Starken zur Nahrung der
470
A.a.O., S. 52
Zit. P. Szczygiel: Art. „Job“. In: LThK, Bd. 5 (²1933), Sp. 452
472
Zit. Abraham a Sancta Clara OEDSA: ASTRIACUS AUSTRIACUS Himmelreichischer OesterreiCHer Der Hochheilige Maggraff LEOPOLDUS. Wien 1673; C4r – n. Kastl, Leopoldspredigten, S.
101
473
Vgl. dazu allg. Berthold ernik: Geschichte des Leopoldspfennigs. In: Unsere Heimat, N. F. 6
(1933) – Specht, Die Leopoldspfennige, S. 112 ff.
471
Kieser: Memorialmonstranzen
124
Seelen/ ein schirmende Brust-Wehr zur Beschützung/ ein Waffen-Zeug zu
streiten.“474
Das Allerheiligste ist in der Predigt gleichzeitig Schwert und Nahrung
Leopolds/Gedeons. Betrachtet man die Monstranz nun unter diesem
Blickwinkel, so scheint der bewaffnete Heilige kniend um das panis
angelorum zu bitten, um erfolgreich gegen die Häresie kämpfen zu
können. In der Unterstützung der Kirche rüstet sich Leopold als miles
christianus geistig für die aktive Kriegsführung, die Hostie ist dabei
sein Schild.475
Bucellini beschwor 1698 in einer Leopoldspredigt die durch den Heiligen garantierte Herrscherkontinuität der habsburgischen Dynastie:
„[...] die Römische Cron/ und Scepter wird von LEOPOLDO und seinen
Nachkömblingen nicht genommen werden/ weder der Hertzog von seinen
Lenden/ das ist/ Oesterreich wird allezeit mit Hochfürstlichen Printzen
gesegnet/ und mit einen erwünschten Succession erfreuet werden: warumb
aber alles dises? die gantze Ursach dieser deine Glückseligkeit O
LEOPOLDE ermesse ich auß disen/ weilen du bist catulus leonis, ein junger
Löw/ ich will sagen/ ein wahrhaffter Sohn/ und Nachfolger deß jenigen
großen H. dessen Nahmen herrühret von den großmüthigen Löwen/ und
genennet wird/ LEOPOLDUS PIUS, destwegen non aufferatur Sceptrum de
Austria.“476
Die immerwährende Herrschaft wird vorhergesagt und die Prophezeiung Jakobs für seinen Sohn Juda (Gn 49,8-10) wird zur österreichischen Verheißung. Aus dem non aufferetur sceptrum de Iuda wird ein
non aufferatur Sceptrum de Austria. Juda ist der catulus leonis (Gn
49,9), er wird etymologisch mit dem Kaiser Leopold und dem hl. Leopold gleichgesetzt. Wie der Stamm Juda kann auch die habsburgische
Dynastie nicht aussterben. Darüber hinaus war die Leopoldspredigt
auch Predigt für Österreich selbst, in der der Heilige als „Hertz in den
Hertzogthum Oesterreich“477 bezeichnet wird, das „in den Hochlöbl :
Ertz-Hauß von Oesterreich und seinen Hochfürstl. Nachkömlingen“478
weiterlebt. Darüber hinaus ist der hl. Leopold das „Hertz des Römi474
Zit. Karl Pfeiffersberg SJ: Evangelische Warheiten/ Das ist/ Zur Flucht der Sünd/ und Ubung
Christlicher Tugend anfrischende Predigen/ Vor Alle Feyrtäg des gantzen Jahrs eingerichtet.
Augsburg und Graz 1730, S. 454 f. – n. Kastl, Leopoldspredigten, S. 105 f.
475
Wang, Miles Christianus, S. 65 ff.
476
Thomas Bucellini OP: COR AUSTRIAE, Das ist/ Oesterreicherisches Hertz/ Oder schuldigste
Lob- und Ehren-Red/ An dem hochfeyrlichen Fest-Tag deß Glorwürdigen/ und Hoch-Heiligen
Schutz-Herrn/ und Lands-Patron LEOPOLDI. Wien 1698, S. 24 f. – n. Kastl, Leopoldspredigten,
S. 93
477
Zit. Bucellini, a.a.O., S. 12 – n. Kastl, Leopoldspredigten, S. 32
478
Zit. Ebd., S. 23 – n. Kastl, a.a.O., S. 34
Kieser: Memorialmonstranzen
125
schen Reichs“479, was als dauernder Anspruch auf die Kaiserkrone
gemeint ist. Jener bekannte Ausspruch Cuspinians diente dabei immer
wieder als Leitsatz: „Austria cor est, & Clypeus Sacri Romani Imperij“480. In heraldischem Sinne wird Leopold — in Anlehnung an das
Hohe Lied — als „weiß/ vnd roth/ weiß von der Vnschuld/ roth von der
Lieb“481 beschrieben. Die Marienerscheinung auf der Schleiermonstranz läßt sich ebenfalls patriotisch sehen, folgt man Bucellinis und Abrahams Lobpredigten.482 In etymologischer Schriftauslegung einer
Prophezeihung Habakuks (deus ab austro veniet Hab 3,3), bezieht
Abraham das Wort auster (Südwind) als austria auf die Muttergottes.483 Die im Geäst der Schleiermonstranz dargestellte Marienerscheinung läßt sich damit auch als Personifikation jenes Windes deuten, der den Schleier auf den Holunderbusch trieb.
Das Prinzip der Substitution
Wie bereits betont wurde, war die Organisation der Prozessionen im
barocken Ingolstadt eine rein jesuitische Angelegenheit. Wie auch im
Theater, in Krippen oder bei der Errichtung heiliger Gräber nutzten die
Jesuiten bewußt das Bedürfnis der Gläubigen nach Konkretisierung
und Veranschaulichung von Glaubensinhalten.484 Vergegenwärtigt
man sich das bunte szenische Spektakel einer Fronleichnamsprozession, so fügt sich das zunächst befremdliche Programm der LepantoMonstranz in einen weiteren universalen Zusammenhang ein. Den Anfang des Zuges bildete das Motiv der Sieghaftigkeit des Glaubens. Der
schlangentötende Georg ritt dem Zug voran. Darin steckt eine interessante Parallele: Ähnlich wie die christliche Flotte bei Lepanto den Sa479
Zit. Ebd. – n. Kastl, a.a.O., S. 34
J. Cuspinian: DE CAESARIBVS ATQUE IMPP. ROMANIS. Frankfurt/M. 1601, S. 342 – n. Kastl,
Leopoldspredigten, S. 33
481
Zit. Seraphin Abele OSB: Lob-Predig Von dem Heiligen LEOPOLDO Marggraffen in Oesterreich.
Wien 1678, S. A4r-v – n. Kastl, Leopoldspredigten, S. 38
482
Vgl. Bucellini, a.a.O., S. 26 und Abraham a Sancta Clara, a.a.O., S. D3r
483
Küchelbecker hat dieser Herleitung, die auf Lazius zurückgeht, später widersprochen: „Oesterreich wurde ehemahls die Orientalische Marck oder Provintz genennet ; Dahero Lazius [...] irret,
wenn er vorgiebt, Austria habe den Nahmen ab Austro bekommen, weil der Sud-Wind in diesem
Lande starck wehet. Denn gleichwie diejenigen Provinzien Teutschlands, so gegen Abend gelegen, Westerreich genennet wurden ; also nennete man diejenigen, so gegen Morgen sich erstrecketen Oesterreich, gleichsam als wolte man sagen Osten-Reich. Dahero wurden auch die dasigen Marck-Grafen die Orientalischen genennet.“ (Zit. Küchelbecker, Allerneuste Nachricht, S.
453) – n. Kastl, Leopoldspredigten, S. 94 f.
484
Batz, Frömmigkeit und religiöses Brauchtum, S. 225
480
Kieser: Memorialmonstranzen
126
tan in Gestalt der Türken besiegen konnte, so besiegt der Heilige Georg das Böse in der altüberlieferten Personifikation der Schlange. Die
Symbolik des Glaubenstriumphes485 über die Häresie dehnt sich hier
auf den Triumph der Kirche bzw. des eucharistischen Sakraments
aus. In der Bibel tritt im apokalyptischen Kampf des Erzengels Michael
mit dem Drachen (Off. 12, 13) das Motiv der Verkörperung des Bösen
durch die Schlange und ihrer Bekämpfung wieder auf. Die Drachenkampfsymbolik wurde seit der Spätantike gerne in der Herrscherdarstellung verwendet, und so wurde der Kaiser oft als miles christianus
verbildlicht, der gerüstet zu Pferd den bezwungenen Gegner in Menschen- oder Drachengestalt zu Füßen hat.486 Schon im Mittelalter war
Georg Patron, Helfer und ritterlich-tugendhaftes Vorbild für die Bekämpfung des „mohammedanischen Trach“.487 Unter dem Druck der
Türkengefahr und im Verein mit der zunehmenden ImmaculataVerehrung kam es in Bayern um 1480 zur Gründung eines Georgordens mit der Devise: „Virgini Immaculatae Bavaria Immaculata“.488 Im
Kontext der Marianischen Kongregation bedeutete die als Maria vom
Sieg verehrte Apokalyptische Frau
„die hehre Frau der Entscheidung, das große Zeichen des Kampfes zwischen
dem Wort und der Schlange, sie ist immer dann da, wenn es wieder um einen der Wendepunkte im Krieg Gottes geht.“489
Im linken Mastkorb der Lepanto-Monstranz befindet sich eine Figur mit
einem erhobenen Schwert; sie steht rechter Hand der Zentralfigur
(Abb. 21). Es ist möglich, daß es sich hier um einen der bayerischen
Georgsritter handelt. Die in der Mitte des Mastkorbes stehende Figur
wäre damit als Herzog Albrecht V. von Bayern anzusehen. In der illuminierten Gründungsurkunde des Ingolstädter Jesuitenkollegs von
1576 nämlich wird der Herzog mit einem Schwert in der rechten Hand
dargestellt490 (Abb. 42). Albrecht war an der Seeschlacht jedoch nicht
beteiligt. Deshalb handelt es sich hier wohl um ein Beispiel des für die
Jesuiten typischen Herrscherlobes, das im System der klassischen
Rhetorik dem genus demonstrativum gleichkommt. Auf der Monstranz
ist deutlich zu sehen, daß der Mastkorb des Bayern im Verhältnis zum
rechten Mastkorb leicht erhöht ist. Die Jesuiten hatten einigen Grund,
485
Holl: Triumphzug. In: LCI, Bd. 4, Sp. 359–360
Braunfels–Esche, Sankt Georg, S. 26
487
Kaster: Georg. In: LCI, Bd. 6, Sp. 373–390, Sp. 375
488
A.a.O., Sp. 385
489
Zit. Rahner, Bedeutung der Marianischen Kongregation, S. 246
490
Gründungsurkunde des Kollegs, München, 20.Dezember 1576, Pergament, 64 x 81 cm, Bayr.
Hauptstaatsarchiv, Jesuiten U 1576 XII 20. Neugründung des Jesuitenkollegs Ingolstadt durch Herzog Albrecht V. von Bayern. Abb. in: Kat. Jesuiten in Ingolstadt 1991, S. 48
486
Kieser: Memorialmonstranzen
127
dem Wittelsbacher dankbar zu sein, denn Albrecht V. war ein Freund
und Förderer ihres Ordens und ein kompromißloser Kämpfer gegen
den Neuglauben. Er brach den Widerstand des protestantischen Adels
und setzte die Alleingeltung der katholischen Kirche auf seinem Territorium durch. Strenge Visitationen und Volksmissionen sorgten für eine Rekatholisierung bereits protestantisch gewordener Gebiete. Von
allen Professoren der Ingolstädter Universität verlangte er das Tridentinische Glaubensbekenntnis. Nicht zuletzt förderte er das jesuitische
Schulwesen nach Kräften, so auch die Niederlassung der Jesuiten in
Ingolstadt.491 1571/72 wurden die Jesuiten sogar auf philosophische
und theologische Lehrstühle der Universität berufen.492 Die Jesuiten
dankten es dem Herrscher und stellten in ihren populären Theaterstücken den Förderer gerne als Kaiser Konstantin dar.493 Im Ingolstädter
Jesuitengymnasium hatten die Schüler zur moralischen Erziehung
Herrscherpersönlichkeiten darzustellen, die mit Ingolstadt in Beziehung standen.494 Natürlich ist das auf der Monstranz gemeinte Herrscherlob nicht auf Albrechts V. beschränkt, sondern es bezieht sich
auf das Geschlecht der Wittelsbacher im allgemeinen. Der Blaue Kurfürst hatte als Zeitgenosse in den damals noch nicht lang zurückliegenden Türkenkriegen eine glorreiche Rolle gespielt. Nicht nur die Jesuiten, auch die Bürgerkongregation selbst war den Bayernherzögen
verpflichtet, der spätere Kurfürst Maximilian war finanziell bei der Errichtung ihres Oratoriums beteiligt.495
Neuglaube, Häresie, Türken und sonstiges Ungemach sind in der
Gestalt der Schlange bzw. des Drachens gleichzeitig gemeint. In der
gängigen Darstellung der Maria vom Siege steht die Madonna auf der
Weltkugel und hält das Kind im Arm, das mit dem Kreuzstab die Paradiesesschlange tötet496 (Abb. 32). Sie leitet sich als Typus von der
Immaculata her. Die Siegesmadonna wurde vor allem Trägerfigur gegenreformatorischer Ideologie mit ihren kriegerischen Auseinandersetzungen.497 Nicht ohne Grund bestätigte der Lepantosieger Pius V.
bereits 1569 durch eine Bulle498 das Bild der gegen den Unglauben
491
Bihlmeyer, Kirchengeschichte, Bd. 3, S .161
Bosl, Jesuiten in den Universitätsstädten, S. 168
493
Szarota, Jesuitendrama (Bd. I, 1), S. 20
494
Konstanciak, Jesuitentheater in Ingolstadt, S. 251
495
Vgl. Kap. B. 3.1
496
Aufnahmeschein der Bürgerkongregation, 18.Jh., Kupferstich, von G.W.(?), Stadtarchiv Ingolstadt,
Graphische Sammlung, V 249
497
Lechner: Maria, Marienbild. In: LCI, Bd. 3, Sp.154 –210, Sp. 199 f.
498
Die Bulle spricht vom Ruhm der Jungfrau quae germine suo tortuosi serpentis caput contrivit, et
cunctas haereses sola interemit, ac benedictu fructu eius ventris mundum primi parentis lapsu dam492
Kieser: Memorialmonstranzen
128
kämpfenden Schlangentreterin: „Der Triumph über die Schlange des
Paradieses und über die Feinde der Kirche war in die gleiche heilsgeschichtliche Perspektive gerückt.“499 Durch das tertium der Schlange
oder des Drachen (i.e. die überwältigten Türken) korrespondiert die
Immaculatafigur mit der Drachenlegende des hl. Georg. Auf dem Aufnahmeschein der Kongregation ist auf den Schilden der beiden Engel
„Zerstörerin der Ketzerey“ und „Obsigerin der Türcken“ zu lesen, wobei unter ihren Füßen die Schlacht von Lepanto tobt. Im Schlachtszenario auf der Monstranz ist zwar eine Madonnengestalt dargestellt, jedoch nicht die der Maria vom Siege. Es ist lediglich eine Himmelskönigin mit Zepter und Krone zu sehen, die durch die goldenen Sterne um
ihr Haupt weiter als Immaculata ausgewiesen wird (Abb. 22). Die üblichen Attribute der Maria de Victoria, die Schlange und das tötende
Christuskind, fehlen hier. Da aber der dargestellte Seesieg der Fürbitte
der Victoria zugeschrieben wurde, soll hier über die fortgelassenen
Attribute der Marienfigur nachgedacht werden.
Das Christuskind muß notwendigerweise fehlen, denn beim Gebrauch
der Monstranz thront stets die Hostie in der Lunula, die den Gottessohn verkörpert.500 Durch den Zeigegestus der rechten Hand Mariens
wird aber eine deutliche Verbindung zum Allerheiligsten hergestellt.
Der Gottessohn dominiert wiederum in Gestalt des Brotes das
Schlachtgeschehen. Im linken Arm hält Maria ein Zepter, das mit seiner Spitze auf das Emailbild Petri am Achterkastell des Christenschiffes gerichtet ist. Durch die fürbittende Gestalt der Muttergottes teilt
sich die göttliche Kraft der Eucharistie der christlichen Flotte mit.
Durch diese starke Unterstützung gelingt ihr der Sieg über den Drachen. Trotzdem siegt Christus hier in gewissem Sinne selbst, aber eben durch die Mittlerschaft der Victoria. Seine göttliche Kraft teilt sich
durch die radii divinatis von ihm aus und über die Muttergottes dem
Christenschiff mit. Allerdings werden diese Strahlen hier nicht materialisiert, wie es in Malerei und Graphik der Zeit sonst üblich war, sie
werden vielmehr nur durch die Gestik der Marienfigur ausgedrückt.
Der Halbmond unter den Füßen traditioneller Immaculatafiguren wurde in der christlichen Kunst oft mit Gesichtern versehen und dementsprechend als besiegter Dämon, als Symbol der Alten Bundes, der
natum salavit. (J. Bollandus u. G. Henschenius, Acta Sanctorum (Ed.noviss.) Augusti I, Parisiis Romae 1867, S. 430); Zit. n. Guldan, Eva und Maria, S. 101
499
Zit. Guldan, Eva und Maria, S. 101
500
Vgl. auch die Abendmahlmonstranz in der Pfarrkirche Kraiburg/Inn. Augsburger Arbeit von Gregorius Vaith 1705, Höhe 94 cm. Abb.in: Kat. München 1960, Eucharistia, Tf. 64. Hier wird nach ähnlichem Prinzip die Gestalt Christi in der getriebenen Szene durch das Schaugefäß gebildet.
Kieser: Memorialmonstranzen
129
Synagoge, aber auch als Türke dargestellt.501 Eher selten treten Madonnenfiguren auf, die die Paradiesschlange mit den Füßen zertreten.
Maria kann hier aber durchaus als Besiegerin des Satans verstanden
werden. Die Antithese zwischen Eva (Urmutter des Bösen) und Maria
(neue Eva) klingt hier gleichfalls an.502 All diesen symbolischen Zügen
gemäß wurde die Apokalyptische Frau stets als das Volk Gottes gedeutet, das von Anfang an verfolgt, aber doch stets beschützt wurde.
Des weiteren wurde sie auch als Personifikation des Gottesvolkes im
Alten Bund begriffen, das sich durch die Geburt des Messias aufmachte, der Herrschaft des Drachens ein endgültiges Ende zu bereiten.503
Maria wird in der Gestalt der Siegesmadonna als Frau des Protoevangeliums dargestellt, denn in Genesis 3, 15 (Vulgata) heißt es:
„Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem
Samen und ihrem Samen; sie wird dir den Kopf zermalmen und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“
Die Maria vom Siege ist ein marianisches Triumphalmotiv, denn als
Schlangenbezwingerin vernichtet sie den Irrglauben.504 So verkörpert die Muttergottes in dieser Rolle gleichfalls die Ecclesia, sie
bleibt Siegerin über heidnische Ungeheuer, sie triumphiert als Sinnbild der Kirche mit Waffengewalt über den Teufel, die Türken und
Häretiker.505 Zum Rosenkranzfest sangen die Ingolstädter Sodalen
noch im späten 18.Jahrhundert:
„Den Türken hast du auf dem Meer / In Grund hinab versenket /
Die Ketzerey kam noch kaum her, So wurd sie auch vertrenket;“506
In Schlachtdarstellungen erscheint die Madonna stets lichtumstrahlt im
Himmel auf Wolken, eine Praxis, die auch in den Lepantodarstellungen Anwendung findet. In der traditionellen Marienverehrung war die
siegreiche Madonna auch als stella maris, Stern der Meere, geläufig.
Seeleuten war dieser Himmelkörper als Polarstern eine wichtige Navigationshilfe. Als Lenkerin der Entscheidungen der an der Seeschlacht
beteiligen Befehlshabern war sie gleichwohl „Generalissima“.507 Der
Hymnus „Ave stella maris“ ist seit dem 9. Jahrhundert bezeugt und
blieb von allen liturgischen Reformen unberührt. Er wurde zu den
501
Grzybkowski, Maria über der Frau im Monde, S. 302
Vgl. Grundlegend zu dieser Problematik: Guldan, Eva und Maria.
503
Knoch, Maria in der heiligen Schrift, S.15–92
504
Holl: Triumphalmotive. In: LCI, Bd. 4, Sp. 355
505
Greisenegger: Ecclesia. In: LCI, Bd. 1, Sp. 562–569; Sp. 567
506
Zit. Nindl, Mariae de Victoria oder der mächtigen und siegreichen Jungfrau, S. 88
507
Kemp, Angewandte Emblematik, S.64 f. – Stadler, Marienverehung im Laufe der Zeit, S .55
502
Kieser: Memorialmonstranzen
130
meisten Marienfesten gesungen.508 In der Lauretanischen Litanei wird
die Muttergottes auch als stella matutina bezeichnet. „Wie der Morgenstern der Sonne, so geht Maria Christo vorauf. [...] Der Morgenstern empfängt sein Licht von der Sonne, Maria ihre strahlende Heiligkeit von Christus.“509 Auch dieser Marientitel wird auf der Mandorla der
Monstranz vergegenwärtigt. Unter den Kirchensymbolen der „Symbolographia“ des Jacob Bosch erscheint ein Segelschiff, daß einem
Stern entgegenfährt. QVI ME NON ASPICIT ERRAT steht hier zu lesen510 (Abb. 33, oben rechts). Der Stern Mariens steht hier für die Kirche, deren Lehre unbedingt zu folgen ist. Auf der Monstranz fehlen jedoch die für eine Immaculata gebräuchlichen Attribute wie Schlange
und Mond, denn dieses Fehlen gewinnt hier eine konkrete Funktion.
Es wird an den Betrachter appelliert, das gerade sinkende Türkenschiff als Substitut der besiegten paradiesischen Schlange zu erkennen. In der Tat verkörpern Schlange oder Drache in der christlichen
Ikonographie häufig die Christenverfolger.511 Die Schlange wurde von
dem Jesuiten Petrus Canisius sogar als Heresia gedeutet.512 Der böse
Mond ist hier also nicht nur im heraldischen Sinne, d.h. als türkischer
Halbmond513, dem Untergang geweiht.
Als Kunstwerke sind die Memorialmonstranzen nur während des liturgischen Gebrauchs richtig zu verstehen. Das Legendendarstellungen
werden erst verständlich, wenn sich die konsekrierte Hostie in der Lunula befindet. So schreibt Dagobert Frey über die barocke Sonnenmonstranz:
„[...] hier ist also die konkrete Realität der Hostie mit der bildhaften Darstellung des Strahlenkranzes zu einer Einheit verknüpft [...] Gerade die sichtbare, reale Verbindung ist das Wesentliche. Das Bild weist nicht nur auf die
transzendentale Wesenheit hin, sondern stellt sie in ihrer wunderbaren Wirkung selbst dar.“514
Das auf den Memorialmonstranzen vorgetragene Heilsgeschehen ist
ohne den materialisierten Gottessohn unabgeschlossen. Erst die Hostie verleiht dem Gegenstand seinen vollen Sinn. Sehr häufig fehlt auf
508
Vgl. Analecta hymnica medii aevi, hrsg. v. G. M. Dreves u. C. Blume, Bde. 1–55, Leipzig 1886–
1922 (ND Frankfurt a. M. 1961), Bd. 51, S. 123
509
Zit. Sauren, Lauretanische Litanei, S. 45; Nennt hier als Schriftstellen: Quasi stella matunita in medio nebulae. (Sir.50,6) Qui ad justitiam erudiunt multos, fulgebunt sicut stellae in perpetuas aeternitates. (Dan.12,3)
510
Vgl. Boschius, Symbolographia, Class. I, Tab. IX, CLII
511
Lucchesi Palli: Drache. In: LCI, Bd. 1, Sp. 516–524, Sp. 517
512
Kaute: Häresie, Häretiker. In: LCI, Bd. 2, Sp. 216–221, Sp. 219
513
Siehe Kapitel 6.2.1
514
Zit. Frey, Kunstwissenschaftliche Grundfragen, S. 126
Kieser: Memorialmonstranzen
131
Barockmonstranzen bewußt die Figur Christi, denn gerade dadurch
wird die Gegenwart des Heilands im Altarsakrament betont. Auch der
Kruzifixus auf dem Kreuzchen fehlt fast immer. Dieses Fehlen der zur
Trinität gehörigen Figur Christi mag als Beleg dafür gelten, daß es sich
bei diesem Vorgehen um ein deutliches gegenreformatorisches Bekenntnis zur Realpräsenz Christi im Altarsakrament handelt.515
Auf der Schauseite der Ingolstädter Monstranz ist nur der hl. Geist in
Gestalt der Taube und Jesus Christus in der des Brotes anschaulich.
Die fehlende Gottvaterfigur wird durch den Wolkenkranz versinnbildlicht, der die Takelage des Christenschiffes umgibt. Die Wolken sind
ein Zeichen der Gegenwart Gottes, sie kommen in dieser Bedeutung
auf Monstranzen häufig vor, primär wohl in biblischer Anlehnung an
die Wolkensäule auf dem Wüstenzug.516 Von diesem Zentrum der
Hostie, gleichsam dem Mittelpunkt der Sonne, gehen die unsichtbaren
radii divinatis aus und werden über die Muttergottes weitervermittelt.
Sie ist die Vermittlerin zwischen Gläubigen und Gott. Schon im Hochmittelalter wurde Maria als mediatrix verehrt.517 Das Motto „durch Maria zu Jesus“ war seit Ignatius von Loyola selbstverständliches Bekenntnis der Jesuiten. Der mediatrix entsprachen auf Erden das kirchliche Lehrgebäude und ihre ebenfalls vermittelnden Heiligen518: „Christus als Bild Gottes stehen Maria und die Heiligen als nachgeordnete
Abbilder nahe, denn als Offenbarer Christi sind sie wiederum Bilder
seiner selbst.“519
Auch auf der Schleiermonstranz ist die Anordnung der Figuren durch
die radii divinatis verknüpft, in ihrem Zentrum steht die alles verknüpfende Hostie als Mittlerin zwischen Gott und Mensch. Das Gebet des
hl. Leopold wird wird von Maria an Christus weitergegeben, von hier
trägt es der hl. Geist zu dem über allem throndenden Gottvater. Wesentlich deutlicher tritt hier jedoch ein religiöse Verweisgeschehen
hervor, daß sich grundlegend von der Bildorganisation der LepantoMonstranz unterscheidet: Die Schleiermonstranz führte den zeitgenössischen Gläubigen ein Wunder vor Augen, dessen bedeutenste
Folge die Gründung des Klosterneuburger Stiftes war. Deshalb ist es
nach Röhrig „eine Eigenart des Leopold-Kultes, daß ihm von Anfang
515
Beispiele finden sich bei Noppenberger, Monstranz, S. 48
Noppenberger, Monstranz, S. 54 (nennt hier Beispiele) – Bibelworte zur Wolkengestalt Gottes:
Prae fulgore in conspectu eius nubes transierunt. (Ps. 17, 13) Ecce gloria domini apparuit in nube.
(2 Mos. 16, 10) Dominus dixit, ut habitaret in nebula. (3 Kön. 8, 12) Et videbunt filium hominis venientem in nubibus. (Mt. 29, 30)
517
Koepplin: Interzession. In: LCI, Bd. 2, Sp. 346 – 352; Sp. 346
518
Warncke, Sprechende Bilder, S. 293 (Anm. 600)
519
Zit. a.a.O., S. 20
516
Kieser: Memorialmonstranzen
132
an ein stark historisierender Zug innewohnt.“520 Die zweifelhafte historische Wahrheit ist, wie im vorigen Kapitel angesprochen, erst für neuzeitlich denkende Gelehrte von Interesse. Solchen Überlegungen zum
Trotz besaß die Legende für die gläubigen Menschen der damaligen
Zeit eine unbestrittene Präsenz und Wahrheit. Der große Schatz an im
Kloster aufbewahrten Realien, die auf Leopold und Agnes verwiesen,
bezeugte substantiell die mit dem Ort verbundene Heilswahrheit. Vor
allem die Reliquien des hl. Leopold sowie die Gegenstände aus dem
Besitz des markgräflichen Ehepaares lieferten zur Entstehungszeit der
Schleiermonstranz „sachliche“ Argumente einer sich in der Klostergründung bereits materialisierten Heilswahrheit. In dieser barocken
Glaubenswelt sind „die greifbaren Dinge und die Wirklichkeit des
christlichen Mysteriums“521 untrennbar verwachsen. Auf die Präsenz
der im Stift erhaltenen Realien wird auf der Schleiermonstranz bildlich
hingewiesen. Über die kultspezifische Relevanz dieser Realien soll
nun berichtet werden, wobei die nicht auf der Monstranz dargestellen
Realien unberücksichtigt bleiben sollen, da sie nicht direkt auf die
Schleierlegende verweisen. In diesem Falle geht es also nicht um bildliche Repräsentation, sondern, gerade durch die Umstände der geglaubten realen Präsenz der sakralen Gegenstände um Substitution,
die mit der Realpräsenz der Hostie gleichzusetzen ist. Floridus Röhrig
hat sich in einem Aufsatz ausführlich mit diesen Gegenständen beschäftigt.522
Die kniende Leopoldsfigur, die auf der Monstranz ein glattvergoldetes
Gewand trägt, erinnerte die Gläubigen daran, daß im Kloster Textilien
aufbewahrt wurden, die man damals für Überreste der Gewänder des
Heiligen und seiner Frau hielt. Einer modernen Untersuchung zufolge
entstanden sie um 1260 in Paris. Am Tag des Leopoldfestes empfing
der Propst den Landesherren in einem Ornat, der aus diesen Stoffen
gefertigt war.523 Der Propst trug während der an diesem Tage stattfindenen Prozession auch die Monstranz, der Ornat wies ihn dabei als
Statthalter des Kirchengründers aus. Der hl. Leopold war in Klosterneuburg durch seine Reliquien leiblich anwesend: Die Gebeine des
520
Zit. Röhrig, Leopold III., S. 142
Zit. Fillitz, Das kirchliche Kunstgewerbe der Barockzeit, S. 266
522
Z. B. die Bibel und das Psalterium des hl. Leopold. Man glaubte auch ein Schreibzeug, ein Salzfaß, einen Reisekelch, eine Reisealtar sowie ein Bett des Heiligen zu besitzen, die Gegenstände
sind alle erhalten. Vgl. Röhrig, Echte und falsche Babenberger-Überlieferungen, S. 235-245
523
Röhrig, Leopold III., S. 243 – Eine ausführliche Aufstellung der Krankheiten, gegen die die Reliquien des Heiligen wirksam sein sollten findet sich bei Balthasar Polzmann: Compendium Vitae,
Miraculosum S. Leopoldi [...], Klosterneuburg 1591, Kap. 2
521
Kieser: Memorialmonstranzen
133
Heiligen wurden 1506 feierlich erhoben.524 Doch schon lange vor der
Heiligsprechung existierte eine Verehrung, die dem Grab heilkräftige
Wirkung zubilligte. Kranke Körperteile und Krankentücher wurden auf
das Grab gelegt, Votivgaben dreimal herumgetragen und lahme Glieder mit Kerzenwachs vom Heiligengrab eingerieben.525 Im Zuge der
Ausbreitung des Heiligenkultes, der ab der Mitte des 16. Jahrhunderts
durch kaiserliche Förderung verstärkt einsetzte, wurden immer wieder
Reliquien Leopolds an andere Orte abgegeben.526 Die wichtigste aller
Reliquien jedoch, das Haupt des hl. Leopold, wird in Klosterneuburg
aufbewahrt (Abb. 43). Man hatte es 1553 von den übrigen Reliquien
getrennt, die fortan in einem Reliquienschrein aus Silber aufbewahrt
wurden. Zeitweise wurde sogar angenommen, daß die von Erzherzog
Maximilian III. gestiftete Silberbüste Leopolds die Schädelreliquie berge. Röhrig hat jedoch darauf hingewiesen, daß die Schädelreliquie
stets getrennt aufbewahrt wurde. In der eingeschmolzenen Büste befanden sich möglicherweise nur kleinere Knochen.527. Zu der Stiftung
der Büste von 1616 gehörte auch eine Krone, die als „österreichischer
Erzherzogshut“ bekannt ist (Abb.44). Sie ersetzte wohl einen älteren,
in einem Inventar von 1608 genannten Gegenstand.528 Bei der Übergabe im Jahre 1616 wurde der neue Erzherzogshut feierlich auf das
Haupt des hl. Markgrafen gesetzt. Aus der Quelle geht nicht hervor, ob
es sich dabei um die Schädelreliquie oder um die Silberbüste gehandelt hat. Es hat sich aber gezeigt, daß es sich um ein auf den Tag beschränktes Verfahren handelte, denn in den Schatzkammerinventaren
ist die Schädelreliquie (mit einem Erzherzogshut aus leichterem Material), sowie der Erzherzogshut von 1616 und die gleichalte Reliquienbüste mit einer eigenen Krone stets voneinander getrennt aufgeführt.
Es ist von Interesse, daß am Leopoldsfest der Erzherzogshut auf die
Büste gesetzt wurde, deren Krone man zu diesem Zweck wohl abnehmen mußte. Bei wichtigen Prozessionen wurde der Erzherzogshut
und die Schädelreliquie jeweils auf einem roten Samtkissen mitgetragen.529
Daß die Schleierlegende schon früher mit den Reliquien des Markgrafen in Verbindung gebracht wurde, belegt die getriebene Darstellung
der Schleierlegende auf der Rückseite eines Leopoldreliquiars von
1588 (Abb. 45b), das sich zur Entstehungszeit der Monstranz im so524
Strnad, Kaiser Friedrich III. und die Translatio sancti Leopoldi, S. 103-134
Schmidt, Volksglaube und Volksbrauch, S. 61
526
Wacha, Reliquien und Reliquiare des hl. Leopold, S. 9-25
527
Röhrig, Echte und falsche Babenberger-Überlieferungen, S. 238
528
Ebd.
529
Ebd. – Stiftsarchiv Klosterneuburg K 211, Nr. 110 Inventar 1667
525
Kieser: Memorialmonstranzen
134
genannten Königin-Kloster in Wien befand.530 In Silber getrieben sind
hier 16 Wunder des Heiligen dargestellt, wie sie aus den Mirakelbüchern bekannt sind. Insgesamt 13 Wunder zeigen das Grab des Heiligen als Ort des Geschehens, was auf den in Klosterneuburg sehr
ausgeprägten Grabeskult hindeutet. Hieronymus Pez hat das Grab in
der Barockzeit beschrieben:
„In der Mitte ungefähr, beim Eingang zu diesem Chor, wird das Grabmal
des heiligen Leopold beim Eintritt sogleich bemerkt, wobei sich zwei durch
Breite und Länge sehr auffallende Steine und auch ein dritter von rotem
Marmor sich befinden, wovon die beiden schon erwähnten durch die
Berührung der das Grabmal Besuchenden sich ausgehöhlt zeigen.“531
Um in den Genuß der Heilkraft des Grabes zu gelangen, suchte man
die Berührung. Im 18. Jahrhundert zeigten sich deshalb deutliche Abnutzungserscheinungen, so daß das Heiligengrab später abgesperrt
wurde. Leopold Schmidt hat den seit dem frühen 19. Jahrhundert am
Leopoldfest üblichen Brauch des „Faßrutschens“ über ein riesiges
Weinfaß deshalb als „Ersatzobjekt einer Brauchshandlung“532 bezeichnet. Für das Verständnis der Schleiermonstranz kann man weiter
festhalten, daß der betende Heilige zusammen mit dem Erzherzogshut
auf die materielle Präsenz dieses Gegenstandes von politischer Symbolik und der wichtigen Hauptreliquie Leopolds hinwies. Der siebenarmige Leuchter in Klosterneuburg (1. Hälfte 12. Jh., Abb.46) birgt das
Holz des legendären Holunderbaumes, an dieser Überzeugung bestanden zur Entstehungszeit der Monstranz für die Gläubigen keine
Zweifel. Der Leuchter befindet sich heute in der Leopoldskapelle, doch
vor den Chorstufen der Stiftskirche befindet sich ein eingelassener
Stein mit der Inschrift SAMBUCI, der den Aufstellungsort des Leuchters bis 1833 markiert.533 Durch seine Größe und seinen Standort fungierte der Leuchter als Gründungszeichen Klosterneuburgs. Auf einem
Tafelbild Fruehaufs d. J., das Bestandteil des bereits genannten Zyklus’ zur Gründungslegende ist, kann man die Annahme erkennen, die
Stiftskirche sei um den legendären Holunderbaum herum erbaut worden (Abb. 47). In der Gründungssage des Klosters Zwettl wird in ähnlicher Weise der Hochaltar an der Stelle eines kreuzförmig gewachsenen Eichenbaumes erbaut. Die Muttergottes war dem Abt von Heili530
Wacha, a.a.O., S. 14 – Saliger, Dom- und Diözesanmuseum Wien, Kat. Nr. 29 (mit Abbildungen
und älterer Literatur)
531
Zit. n. Schmidt, Volksglaube und Volksbrauch, S. 66 f.
532
Zit. a.a.O., S. 68
533
Röhrig, Echte und falsche Babenberger-Überlieferungen, S. 237 – Bloch, Der siebenarmige
Leuchter in Klosterneuburg, S. 164 – Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 26
Kieser: Memorialmonstranzen
135
genkreuz 1138 im Traum erschienen und gab ihm den Auftrag eine
grünende Eiche zu suchen um dort ein Kloster zu errichten.534 Einige
Kirchen im süddeutschen Raum sind nach ihren Gründungslegenden
ebenfalls um einen Baum herum errichtet, wie z. B. die Wallfahrtskirche auf dem Schöneberg bei Ellwangen. Dieses Vorgehen findet bei
den genannten Beispielen seine Begründung darin, daß die Kreuzeslegende an diesen Orten seit dem 12. Jahrhundert sehr stark rezipiert
wurde. Die heilsgeschichtliche Bedeutung der mit der Legende verbundenen Vorstellungen wurde bereits durch den hl. Augustinus zusammengefaßt: „An einem Baume sind wir zu Schaden gekommen, an
einem Baume sind wir erlöst: am Holz hat der Tod, am Holz hat das
Leben gehangen.“535 Indem man heilige Bäume in Kircheneubauten
integrierte und sie damit zu deren Ursprung erklärte, sollte modellhaft
die Ecclesia in ihrer Berufung auf Christus gezeigt werden, wie es von
Hugo von St. Viktor 1141 formuliert wurde, der — gleich den Klosterneuburger Stiftsgeistlichen — ebenfalls Augustiner-Chorherr war: „Er
steht in der Mitte seiner Kirche als der ewige Baum des Lebens, dessen Früchte den Starken Nahrung, und dessen Blätter den Schwachen Schatten geben.“536
Auch heute werden in Klosterneuburg noch einige Holzstücke aufbewahrt, die von dem legendären Holunderstrauch stammen sollen. Es
handelt sich tatsächlich um Holunderholz, das jedoch aus dem 17.
Jahrhundert stammt.537 Dieser Umstand erklärt sich dadurch, daß die
Pilger immer wieder, trotz der Ummantelung durch den Leuchter, Stücke des Holzes herausschabten.538 Ihnen galt der prachtvolle Leuchter
als „Reliquiar jenes Holunderbaumes“539 der Gründungslegende. Das
Holz mußte immer wieder ersetzt werden, denn die Volks- und Klostermedizin sprach dem Holunder auch breite gesundheitliche Wirksamkeit zu.540 Die medizinischen Eigenschaften des Holzes paarten
sich mit der spezifischen Wunderkraft des Baumes, die auf zeitweilige
Anwesenheit der Muttergottes im Baum zurückzuführen war.541 Der
siebenarmige Leuchter wurde für die Gläubigen durch sein Holz zur
534
Stallmann, Der Baum in der deutschen Volkssage, S. 100
Zit. n. Kampers, Mittelalterliche Sagen vom Paradiese und vom Holze des Kreuzes Christi, S. 89
536
Zit. n. Kampers, a.a.O., S. 29
537
Ausst. Kat. Klosterneuburg 1985, „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 152
538
(Anonym), Leopold der Heilige, Schutzpatron von Österreich, S. 138
539
Zit. Fillitz/Pippal, Schatzkunst, S. 120
540
Vgl. Fischer, Mittelalterliche Pflanzenkunde, S. 226: Sambucus nigra gegen Prellwunden und
Kopfweh, Gelb- und Wassersucht, die Rinde als Abführmittel, gegen Zahnweh und Fieber. – Marzell: Art. „Holunder“. In: HDA, Bd. 4, Sp. 269-275 – Zedler, Grosses Vollständiges UniversalLexikon, Bd. 13, Sp. 643-647
541
Stallmann, Der Baum in der deutschen Volkssage, S. 112
535
Kieser: Memorialmonstranzen
136
arbor bona, dem Bild der Muttergottes. Der hl. Bonaventura nennt die
Jungfrau Maria daher auch den Lebensbaum, als dessen Frucht
Christi gepriesen wird.542 Der Holunderbaum steht für die Muttergottes
und die Erlösung durch Christus. Er ist, wie auf der Monstranz zu sehen ist, prächtig erblüht und trägt die Hostie in seiner Mitte.
Der Schleier, der sich im Geäst des Holunderbaumes verfangen hat,
ist das einzige Zeichen auf der Monstranz, das auf die Stammmutter
der Babenberger verweist. Im frühen 18. Jahrhundert war man davon
überzeugt, daß sich der legendäre Schleier tatsächlich im Besitz des
Chorherrenstiftes befand. Aus einem Inventar von 1644 geht hervor,
daß der Schleier vorher in einer Silberbüste der Markgräfin aufbewahrt
wurde. Eine moderne Untersuchung datiert den im vorderen Orient
gewebten Stoff tatsächlich auf das frühe 12. Jahrhundert. Der Schleier
könnte sich deshalb tatsächlich im Besitz der Markgräfin Agnes befunden haben.543 Bis 1733 war der Schleier im Fuß eines Kreuzes eingeschlossen, er wurde später in die Mensa des sogenannten Reisealtars des hl. Leopolds eingefügt.544 Dieser Altar wurde zum Leopoldsfest im Chor der Stiftskirche aufgestellt, man las vor ihm zu diesem
Anlaß mehrere Messen.545 Es ist bezeichnend, daß der Agnesschleier
hier wie eine Reliquie behandelt wurde, denn in der Mensa eines Meßaltars hat sich stets eine authentische Reliquie zu befinden. Obwohl
der Schleier nur eine Berührungsreliquie des Babenbergerpaares war,
kam ihm als Requisit der Legende die Würde einer Reliquie zu. Dies
zeigt ein Eintrag im ältesten Reliquienverzeichnis Klosterneuburgs,
das nur in einer Abschrift erhalten ist: De vestimento sanctae Dei genetricis Marie cuius virtute patrocinio privilegiata et fundata est.546 Dieses „Gewand der heiligen Gottesmutter Maria“ könnte nach Röhrig
durchaus mit dem Agnesschleier identisch sein. Wie beispielsweise in
Chartres wurden Schleier sehr häufig auf die Jungfrau Maria zurückgeführt.547 Der auf der Monstranz sichtbare Schleier besaß kraft des
Schleierwunders eine Doppelnatur: Die Muttergottes gibt auf der
Schleiermonstranz durch ihre Erscheinung den Schleier zurück, der
durch diese Geste zum Marienschleier wird. In nüchterner historischer
Perspektive ist es jedoch eher anzunehmen, daß in Klosterneuburg
542
Kampers, a.a.O., S. 89
Petraschek-Heim, Der Agnes-Schleier in Klosterneuburg, S. 72 u. S. 75
544
Ausst. Kat. Klosterneuburg 1985, „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 151 (m. Abb.): Der Altar stammt nicht
aus dem Besitz des Heiligen sondern aus dem 14. Jh. Die heutige Fassung ist 1733 vorgenommen worden. – Röhrig, Echte und falsche Babenberger-Überlieferungen, S. 242 f.
545
Schabes, Alte liturgische Gebräuche, S. 197 ff.
546
Fischer, Merkwürdige Schicksale, Bd. 2, S. 502
547
Jungbauer: Art. „Schleier“. In: HDA, Bd. 7, Sp. 1212
543
Kieser: Memorialmonstranzen
137
bereits ein Marienschleier verehrt wurde, der dann später als Agnesschleier in die Gründungslegende integriert wurde.548
Es ist möglich, den Schleier auf der Montranz weitergehend zu deuten, denn nach einer Sage habe die Muttergottes die Windeln Christi
an einem Holunderbaum getrocknet.549 Die Windel wiederum ist ein
Hinweis auf den Lendenschurz der Passion. In der „Marienklage“ der
Kirche von Bordesholm spendet Maria ihren Schleier dem nackten
Sohn am Kreuz als Lendenschurz.550 Auf dem Bamberger Passionsaltar im Bayerischen Nationalmuseum trägt Christus ebenfalls einen
Schleier als Lendenschurz.551 Die körperliche Präsenz Christi in der
Eucharistie auf der Schleiermonstranz unterstreicht diese Deutung.
Wenden wir uns nun den beiden auf der Schleiermonstranz dargestellten Hunden zu, denn auch sie spielten in der Erinnerung an die Gründungslegende Klosterneuburgs ein wichtige Rolle.552 Als die Monstranz fertiggestellt wurde, hielt man in einem Zwinger neben dem
Stiftshospital tatsächlich Hunde für die kaiserliche Jagd bereit, sie
wurden von einem landesfürstlichen Rüdenknecht versorgt. Die Einrichtung des Zwingers geht auf eine Anordnung Kaiser Maximilians I.
aus dem Jahr 1569 zurück. Aber noch im frühen 18. Jahrhundert existierte die lebhafte Überzeugung, daß es sich bei den Tieren um direkte
Nachkommen jener Hunde handelte, die den Agnesschleier einst auf
der Jagd aufgespührt hatten. Zur Zeit Kaiser Karls VI. waren noch etwa acht bis zehn Hunde im Zwinger. Die Hundehaltung in Klosterneuburg war kein Einzelfall, denn auch in St. Florian, Melk, Göttweig und
Zwettl waren solche kaiserlichen Hundezwinger geführt worden. Sie
überdauerten noch bis in die Regierungszeit der Kaiserin Maria Theresia, und erst der aufgeklärte Absolutismus brachte einen Rückgang
des Jagdwesens und die Auflösung der Zwinger. Auf Geheiß der Kaiserin wurde der Klosterneuburger Zwinger 1769 aufgelassen, doch
das Gebäude blieb bis heute erhalten.
Wie in den oben geschilderten Realien des Holunderholzes, der Markgrafenkrone und Agnesschleiers, haben wir es auch hier mit einer
nachträglichen Bedeutungszuweisung aufgrund der Schleierlegende
zu tun. Daher handelt es sich bei der Schleiermonstranz eben nicht,
wie von Leopold Schmid behauptet wurde, um eine mittelalterliche
548
Röhrig, Leopold III., S. 41
Marzell: Art. „Holunder“. In: HDA, Bd. 4, Sp. 263
550
Horst Appuhn: Der Bordesholmer Altar und die anderen Werke von Hand Brüggemann. 1983, S.
28 – n. Petraschek-Heim, Der Agnes-Schleier in Klosterneuburg, S. 59
551
Inv. Nr. M. A. 2625 – n. Petraschek-Heim, Der Agnes-Schleier in Klosterneuburg, S. 59
552
Röhrig, St. Leopolds Jagdhunde, S. 184-192 – Die folgenden Angaben sind diesem Aufsatz entnommen.
549
Kieser: Memorialmonstranzen
138
„Legendenverbildlichung“553, sondern um ein Phänomen, bei dem sich
der bereits bestehende Kult im Nachhinein seine Beweisstücke beschaffte.554 Die „heiligen Hunde“ wurden beispielsweise erst nach der
überstandenen Türkenbelagerung Klosterneuburgs im Jahre 1683
sakrosankt:
„Der Stall im Spital, in deme die Jagt-Hunde zu Lands-Fürstlichen Diensten
von dem Closter erhalten werden, ob er schon mit Schinteln bedecket, und
auff dessen Boden zwey Schober Stroh gelegen, ungeacht alles umb und
umb abgebrannt, auch der nächtst daran stehende Nußbaum, welcher
gänzlich vom Feurer verzehret worden, seine brennende Aest und Nuß
häuffig auff selbigen fallen lassen, [ist] unversehrt stehen geblieben, auch die
Hunde denen in 9 Tägen weder Essen noch Trincken geraicht worden,
unverletzt gefunden worden, und seynd noch dato lebendig vorhanden.“555
In der Quelle spricht schon die trinitarisch-legendäre Zahl neun für das
Überleben der Hunde, denn nach der Legende blieb der Schleier neun
Jahre unauffindbar und – analog dazu – konnten die Hunde neun Tage lebend überstehen. Die Tiere wurden deshalb zum Symbol der
Türkenbelagerung Klosterneuburgs, die mit Hilfe der Trinität, des hl.
Leopolds und der Muttergottes überstanden werden konnte.556 Im
Volksglauben wurden den Hunden wunderbare Widerstandskräfte zugemessen, denn in ihnen lebte das Heilsgeschehen des Schleierwunders augenscheinlich weiter. Leopold Kretzenbacher hat darüber berichtet, daß die Haltung „heiliger Tiere“ in Kirchen und Klöstern kein
Einzelfall war und ist.557
553
Zit. Schmid, Volksglaube und Volksbrauch am Festtag des hl. Leopold, S. 55-68
Vgl. Fischer, Merkwürdige Schicksale des Stiftes und der Stadt Klosterneuburg, Bd. 1, S. 263 f.
555
Zit. Johann Martin Lerch, Warhaffter Bericht, was sich zeit-wehrend Türckischer Belägerung [...]
in Closterneuburg [...] Merckwürdiges zugetragen. Wien 1684. – zit n. Röhrig, St. Leopolds Jagdhunde, S. 184 – Faksimile im Ausst. Kat. Klosterneuburg 1983, „Klosterneuburg 1683, Türkensturm und Verteidigung“.
556
Röhrig, Die Türken vor Klosterneuburg, S. 35
557
Kretzenbacher, Tiere an heiliger Stätte, S. 233-252
554
Kieser: Memorialmonstranzen
139
Die bildliche Allegorese der Memorialmonstranzen
Das Holz des Kreuzes
Lepanto und das Schiff der Kirche
Dieser Abschnitt stützt sich vor allem auf die elementaren Studien Hugo Rahners zur Verwendung des Schiffes als Symbol der Kirche in
den Schriften der Kirchenväter. Auf den genauen Nachweis der Quellen aus der Patristik soll hier jedoch verzichtet werden, es seien allein
die für die Lepanto-Monstranz relevanten Ergebnisse Rahners referiert.558 Schon in der Antike waren Schiffsmetaphern in der Rhetorik
üblich; sie wurden von der christlichen Theologie und Predigt einfach
übernommen, um sie auf das „geliebte Schiff der Kirche“559 anzuwenden. In der Antike war schon vom Schiff des Staates, dem Schiff der
Seele und vom Schiff der Welt die Rede. Plutarch hatte Rom als Schiff
dargestellt, Aristoteles sprach bereits von der nautischen Disziplin als
Sinnbild der Staatstugenden.560 Die christliche Kirche wird von ihren
Kirchenvätern als großes Schiff gesehen, das sich auf der Fahrt zum
portus salutis befindet. Es ist aus dem Kreuzesholz gebaut, der Mast
mit der Segelstange bildet das Tropaion des Kreuzes, die antenna
crucis. Diese Symbolik wird durch die biblischen Bilder der Arche Noah und des Schiffes Petri untermauert.561 Im Schiff der Kirche wird
Christus zum Noah des neuen Geschlechts, des Neuen Bundes. Auch
auf der Monstranz hat das Schiff der Kirche die Eigenschaften einer
Arche562, es schützt die christlichen Streiter vor allem Ungemach,
denn außerhalb dieser Kirche kann das Heil nicht erlangt werden: extra ecclesiam nulla salus563. In der berühmten „Symbolographia“ des
Jacob Bosch aus dem Jahre 1703 findet sich unter den Kirchensymbolen ein Emblem, das über dem Bild der auf dem Meer treibenden
Arche die Inschrift NULLA SALUS EXTRA zeigt (Abb. 49, oben Mit558
Rahner, Symbole der Kirche. Zusammenfassend auch Weber: Schiff, (Schiff der Kirche). In: LCI,
Bd. 4, Sp. 61-67; v.a. Sp. 61-63 – Chapeaurouge, Geschichte der christl. Symbole, S. 64 f.
559
Zit. Rahner, S. 313
560
A.a.O., S. 321
561
A.a.O., S. 240
562
A.a.O., S. 506
563
Beumer: Extra Ecclesiam nulla salus. In: LThK, Bd. 3, Sp. 1320 f.; Hier heißt es: „Das Prinzip geht
auf die Arche Noes zurück.“
Kieser: Memorialmonstranzen
140
te).564 Die Kirche ist hier die Arche, ohne die es kein Überleben gibt.
Aus dem biblisch-bescheidenen Nachen des Fischers Petrus ist auf
der Monstranz ein mächtig dahinrauschendes Schiff geworden, das
aber ebenfalls eine rettende Arche ist.
Das Meer ist nach alter Überlieferung der Wohnort des Teufels, oder
aber ein Symbol für jene Menschenvölker, die noch unter der Gewalt
der bösen Macht stehen. 565 Auf der Monstranz sind hier offensichtlich
die Türken gemeint, denn sie werden ganz deutlich in den Abyssus,
die grundlose Tiefe der Unterwelt, zurückbefördert. Sie erleben einen
Schrecken, für den die Muttergottes verantwortlich ist, den sie wurde,
wie Picinello in seiner Mariensymbolik schreibt als „TERROR ABYSSI“
bezeichnet. Dort heißt es: Permitte, Auditores, ut in grandi hoc Principe, qui fuit terror Turcarum, significem Reginam Coeli, quae est terror
Daemonum.566
Das Schiff der Kirche segelt in der patristischen Vorstellung auf dem
Meer der Häresie dem Hafen der Ewigkeit entgegen. Ohne dieses
„böse Meer“ könnte das „glückhafte Schiff der Kirche“ auch kaum tiefere Bedeutung gewinnen, hausen dort doch Teufel und Dämonen.567
Diese Ausgeburten der Hölle werden auf der Lepanto-Monstranz mit
Hilfe der Maria de Victoria bekämpft. Die Bedrohung der Kirche kann
unter drei Aspekten zusammengefaßt werden, denn „es sind die Gefahren
des
HEIDENTUMS,
der
HÄRESIEN
und
der
VERSUCHUNGEN; immer aber letztlich ist es der Teufel, der die Fluten dieser drei Bedrohungen des Kirchenschiffs aufwühlt“568. Da die
Häresie aber nicht nur Ozean sein will, sondern auch Schiff, kann die
patristische Allegorese den Kampf der Häresie gegen das Kirchenschiff auch als Seeschlacht darstellen, als Ringen der Christen mit
dem satanischen Piraten.569
„Sie ist umstürmt, aber sie geht nicht unter“, so definierte Chrysologus
die Grundeigenschaft der Kirche. Das Schiff der Kirche läuft ob seiner
nautischen Ausgesetztheit stets Gefahr zu kentern, doch bleibt es der
einzige Ort des Heils.570 Zwischen Tod und Leben liegt nur das aus564
Vgl. Boschius, Symbolographia, Class. I, Tab. IX, CL – Das kompilatorische Werk war zur Benutzung konzipiert und diente oft als Hilfsmittel zum Entwurf von Emblemprogrammen in der bildenden
Kunst. Vgl. Kemp, Angewandte Emblematik, S. 142 – Jedoch wurden nur sehr selten Embleme direkt übernommen, es wurde oft kombiniert. Der Begriff der „Angewandten Emblematik“ ist deshalb
irreführend. Vgl. Warncke, Rezension „Angewandte Emblematik“ von C. Kemp, S. 310
565
Rahner, S. 288
566
Picinello, Symbola Virgineae, S. 515
567
Rahner, a.a.O., S. 295
568
Zit. a.a.O., S.297
569
A.a.O., S.301
570
A.a.O., S.304
Kieser: Memorialmonstranzen
141
gehöhlte Holz des Kreuzes, aus dem das Schiff gezimmert ist. Kein
„anderes Symbol könnte das ‚Zwischen‘ der menschlichen und übernatürlichen Existenz besser ausdrücken“571. Dieser Gedanke war auch
im frühen 18. Jahrhundert noch sehr lebendig, das beweist wiederum
ein Emblem aus der damals gerne benutzten „Symbolographia“ des
Jacob Bosch. Das gleiche Bild der Arche, es war vorher mit der Inschrift NVLLA SALVS EXTRA versehen, treibt nun unter den Worten
NON MERGITVR SED EXTOLLITVR über die Meere (Abb. 50, oben
rechts).572
In den Schiffskatalogen der Patristik wird die Schiffsallegorese ganz
sorgfältig ausgebaut. Gott ist der Besitzer des Schiffes, Christus sein
Steuermann, der Bischof der Untersteuermann und die Priester wirken
als Matrosen an Deck usw. Im Schiffkatalog des Hippolyt573 wird das
Schiff der Kirche auf dem Weg nach Osten — in die Richtung des Paradieses — angenommen. Wenn sich die Lepanto-Monstranz während
der Andacht auf der Altarmensa der Bürgerkongregationskirche befand, so steuerte das goldene Christenschiff wirklich nach Osten, da
der Altar im Süden des Kirchenraumes lag (vgl. Abb. 32 und 33). Nach
Hippolyt entsprechen die Taue der Liebe Christi und die Anker den
göttlichen Geboten. Beides ist auf der Monstranz ebenso zu beobachten wie die emporführenden Leitern, die für die Passion Christi stehen:
Die Liebe, wie sie sich vor allem im Opfertod des Erlösers manifestiert,
zieht die Gläubigen in den Himmel empor.574 Ganz augenscheinlich
wird dies an den Silberfigürchen, die in den Takelageleitern aufwärts
streben. Rahner verteidigt die Gleichung „Kirchenschiff = gekreuzigter
Christus“. Das ascendit in naviculam (Mt 8,23; 13,2; 15,39; Lk 8,22)
erinnert ihn an das „Hinaufsteigen“ zum Kreuz. Bei Markus 4,38 heißt
es weiter: et erat ipse in puppi super cervical dormiens. Christus wird
hier als der Herrscher des Alls gedeutet, der den Sturm der Welt durch
sein Entschlafen am Kreuz glättet.575 Abschließend sei hier Augustinus
zitiert, der die patristische Schiffsallegorese sehr griffig zusammenfaßt:
„Das Schreckliche aber ist das Meer, denn in ihm sind Reptilien ohne Zahl.
Ich schaue sie in diesem furchtbaren Meer wie Reptilien, die Menschen, die
noch nicht zum Glauben gekommen sind, sie wälzen sich noch in bitterem
und unfruchtbarem Wasser. Aber siehe, da sind auch Schiffe, die übers
571
Zit. a.a.O., S.341
Boschius, Symbolographia, Class. III, Tab. VIII, CXXIV
573
Rahner, Symbole der Kirche, S.306 ff
574
Vetter, Sankt peters schifflin, S.11 – Vgl. ebd. Abb. 13, „Das Schiff der Kirche“, Nordniederländischer Meister, um 1580; Haarlem, Bischoppelijk Museum
575
Rahner, Symbole der Kirche, S. 353
572
Kieser: Memorialmonstranzen
142
Meer fahren, siehe, in eben dem Meer, das so schrecklich ist, schwimmen
Schiffe und gehen nicht unter. Diese Schiffe sind die Kirchen, sie segeln dahin mitten im Wettersturm, in den Orkanen der Versuchung, durch die Wogen dieser Welt, mitten zwischen dem Getier klein und groß. Den ihr Steuermann ist Christus mit dem Holz seines Kreuzes. Er führt sie zur Heimaterde der Ruhe.“576
Nach Lukas 5,3 lehrte Jesus das Volk vom Schiff aus, er predigte zum
Land hin. Das kann auch für die Monstranz gelten, denn hier befindet
sich die Hostie als treibende Kraft und Ursache des Heils am mittlern
Mastbaum des Christenschiffes. Das Schiff Petri, von dem aus der
Herr die Menschen belehrt, steht in Sonderheit für den Primat der
Römischen Kirche. Auf der Monstranz prangt das Porträt des päpstlichen Steuermanns unübersehbar auf dem Heck des Christenschiffes.
Das Lepantoereignis wurde mit dem in Lk 5,3 geschilderten wunderbaren Fischfang durchaus in Verbindung gebracht (Abb. 51). Papst Pius
V. konnte als Begründer der Heiligen Liga und als Oberhaupt der katholischen Kirche als der wahre Sieger über die Ungläubigen angesehen werden. Der Gedanke lag also nicht fern, den Nachfolger auf dem
Stuhle Petri als erfolgreichen Fischer darzustellen. Gottvater gewährt
diesem Schiff der Kirche segnend seinen Beistand. Petrus sitzt als
Steuermann am Heck und hält die Seile des überdimensionalen Netzes fest, in dem die türkische Flotte gefangen ist. Nur wenige Feinde
können schwimmend entkommen. Hinter Petrus sind die drei theologischen Tugenden zu sehen: Spes, Fortitudo und Caritas. Phillip II., der
Doge und der Papst ziehen mit vereinten Kräften an den Seilen, der
spanische König und der Venezianer an je einem, der Papst an beiden. Johannes und Markus unterstützen als Patrone des Juan
d'Austria und Venedigs ihre Schützlinge. Die Seilenden des Netzes
sind um das Kreuz der Fides geschlungen, das von ihr selbst gehalten
wird.577 Christus lehrte die Völker von der navicula petri aus, es ist das
Boot des Mannes, auf dem die Ecclesia gebaut ist, nicht aber die Synagoge.578
Im Auftrage des Kardinals Stefaneschi malte Giotto 1298 seine berühmte Navicella. In einer Verteidigungsrede des damaligen Papstes
Bonifaz VIII. formulierte ein anderer Kardinal die hier gemeinte Botschaft des Bildes: „In der Kirche, die das Schiff Christi und Petri ist,
576
Augustinus, En. in Psalm 103, sermo 4,4. 5 (PL 37, 1380f.); zit. n. Rahner, S .360
Kupferstich Nicolo Nelli 1572, (Bibl. Nat. Paris, Estampes, Eb fol., p.28). Beigefügte Inschrift lautet:
„Mirate, anime pie, Con qual arte il Signor de l'uniuerso Insieme aduna il populo suo disperso E disperge le genti inique, e rie“. Abb. in: DU, 255 (Mai 1962), S .30
578
Rahner, Symbole der Kirche, S. 487
577
Kieser: Memorialmonstranzen
143
gibt es nur einen Lenker und ein Haupt, dessen Befehlen jedermann
zu gehorchen hat.“579
In der Entfaltung des Themas „Schiff der Kirche“ sind zwei Höhepunkte zu verzeichnen. Wie Ewald M. Vetter580 deutlich gemacht hat, lag
der erste in frühchristlicher Zeit, der zweite aber im 16. und 17. Jahrhundert. In erster Linie wird wohl der gegenreformatorische Anspruch
auf Rechtgläubigkeit ausschlaggebend gewesen sein. Die Gleichsetzung der Kirche mit dem Nachen Petri, den Jesus Christus bestieg,
um dem Volk zu predigen und um das Galiläische Meer zu überqueren, führte deutlich die Divinität des Lehramtes der Ecclesia und den
Primat des Papstes als Nachfolger des Apostels Petrus vor Augen.
Der Humanismus löste eine schrifttreue Beschäftigung auch mit der
Väterliteratur aus, und hier spielte, wie gezeigt, die „ekklesiologische
Nautik“ eine bedeutende Rolle.581 Auch die immer wichtiger werdende
Seefahrt übte einen starken Einfluß aus. Auf dem späteren Deckenfresko der Kirche Maria de Victoria in Ingolstadt stellte C. D. Asam
1734 einen Jesuitenmissionar in Amerika dar, der von einem Schiff
aus das Land betritt. Der Missionsgedanke im heutigen Sinne trat erst
mit der Gründung des Jesuitenordens im 16. Jahrhundert auf.582 In der
Bestätigungsbulle „Regimini Militantis Ecclesiae“ (1540) durch Papst
Paul III. wird dies grundlegend formuliert:
„Ob sie uns zu den Türken senden oder irgendwelchen anderen Ungläubigen, und sei es auch in den Gegenden die Indien heißen oder zu den Häretikern und Schismatikern oder zu irgendwelchen Gläubigen.“583
Auch auf der Lepanto-Monstranz klingt der jesuitische Gedanke an
Mission und Remissionierung an. Für die Geistlichen war es naheliegend, sich im Sinne der Verheißung Christi über die Aufgabe der Apostel als „Menschenfischer“ zu verstehen (Mt 4,19; Lk 5,10).584 Die
Jesuitenpatres um 1700 kämpften sogar regelrecht darum, im Missionsdienst eingesetzt zu werden. Duhr hat diesen Umstand als das
„Sehnen nach Übersee“ bezeichnet.585 Der Typus des Schiffes der
Kirche zeigt also insgesamt eine starke Beziehung zum Jesuitenor579
Kardinal von Porto in der Verteidigungsrede für Bonifaz VIII. (August 1302). Zit. n. Rahner, a.a.O.
S. 503
580
Vgl. Vetter, Die Kupferstiche zur Psalmodia eucaristica. Darin ausführlich „Das Schiff der Kirche“,
Kap. 4, S. 108 – 171
581
A.a.O., S. 170
582
Poeschke: Mission. In: LCI, Bd. 3, Sp. 271–273, Sp. 271
583
Formula Instituti Nr. 4; nach Konstantciak, Jesuitentheater in Ingolstadt, S. 251
584
Vetter, Sankt Peters schifflin, S. 8
585
Zit. Duhr, Bd. III, S. 333 ff – Vgl. auch B. Duhr: Deutsche Auslandssehnsucht im achtzehnten Jahrhundert. Aus der überseeischen Missionsarbeit deutscher Jesuiten. 1928
Kieser: Memorialmonstranzen
144
den, wurde doch dieser Orden gegründet, um ein Kentern der navis
ecclesiae zu verhindern. In den Darstellungen des Schiffes der Kirche,
so auch auf der Ingolstädter Monstranz, wird deshalb auch die bedingungslose Loyalität zur römischen Kirche und ihrem Oberhaupt dokumentiert.
Auch die Barockkanzel in Schiffsform folgte dem Prinzip der Substitution, wie für die Monstranz oben schon gezeigt wurde. Wie erwähnt
steht im Lukasevangelium geschrieben: ascendens in naviculum Petri
docebat turbas. In der Fronleichnamskirche in Krakau findet man eine
Kanzel, deren Korb einen Schiffsrumpf bildet, der Schalldeckel ist als
Takelage gestaltet. Bei Schiffskanzeln in Ober- und Niederöstereich
(Traunkirchen, Fischlham, Tautendorf) stehen in der Kanzel die sehr
naturalistischen Gestalten von Christus und Petri oder zweier Apostel.
Der Prediger muß hier selbst wie ein Jünger Christi wirken.586 Daß
diese Idee in Ingolstadt aufgegriffen wurde, beweist die Tatsache, daß
das Oratorium im Jahre 1756 ebenfalls eine Schiffskanzel erhielt, die
jedoch nicht mehr erhalten ist. Sie soll die Gestalt eines Kriegsschiffes
gehabt haben, ausgestattet mit Mastbaum, Strickleitern, Segeln und
Kanonen.587 Die berühmte Schiffskanzel in der Klosterkirche Irsee588
wurde bereits 1724/25 fertiggestellt. In der Takelage finden sich hier,
wie auch auf der Ingolstädter Monstranz der hl. Michael mit Engeln als
himmlischer Streiter. Erst durch die Gestalt des Priesters, dem Nachfolger Petris, wurde die Kanzel vervollständigt und so symbolisch zum
Leben erweckt.
Um den Gedanken der Substitution des Leibes Christi durch die Hostie weiter zu verfolgen, sei hier eine Lombardische Miniatur von 1480
herangezogen: „Petrus steuert das Schiff der Kirche“589 (Abb. 52). Getreu der patristischen Literatur wird der Mastbaum des guten Schiffes
dem Kreuz gleichgesetzt, welches das Schiff der Kirche durch das
Meer der Gefahren lenkt. Diese antenna crucis ist das Symbol der
Heilsgewißheit des Glaubens: Petrus steuert das mit Heiligen vollbesetzte Schiff. Diese ecclesia triumphans ist den Gläubigen am Ufer ein
Anlaß zur Freude, den hochbewaffneten Gegnern aber ein unerreichbares Ziel.
586
Frey, Kunstwissenschaftliche Grundbegriffe, S. 127 – Ausführlicher dazu auch Mittig, Süddeutsche
Schiffskanzeln. – Chapeaurouge, Geschichte der christl. Symbole, S. 65
587
Hofmann, Nachruf II, S. 189
588
Abb. in: DU, Mai 1962, S. 40
589
New York, John Pierpont Morgan Library, Ms. 799 fol. 234 v. – Vgl. Weber: Schiff (Das Schiff der
Kirche). In: LCI, Bd. 4, Sp. 61–67, Abb. Sp. 64 – Seit der Gedächtnismedallie Papst Nikolaus' V.
(nach 1455) erscheint der Papst auch auf Münzen als Steuermann der Ecclesia. Vgl. ebd., Sp. 65
Kieser: Memorialmonstranzen
145
Wie Vetter zeigen konnte, wurde das Thema der navicula petri im Mittelalter verhältnismäßig selten dargestellt. Erst seit der Mitte des 16.
Jahrhunderts tritt dieser Bildtyp häufiger auf. Dieses Phänomen ist als
Reaktion der Kirche auf die reformatorische Kritik an der Kirchenhierarchie verständlich. Besondere Bedeutung kam hier dem Papst als
Steuermann zu, er war der Nachfolger Petri, er beharrte gegenüber
den Protestanten auf seinem Primat.590Vergleicht man nun die Buchmalerei mit der Darstellung auf der Monstranz, so wird deutlich, daß
der gekreuzigte Christus hier durch die Hostie substituiert wird. Ein
höchst originelles Vorgehen, das auch von einer gewissen Logik kündet. Auf unserer Monstranz ist Petrus durch die Emailplakette an hervorgehobener Stelle am Achterschiff als Steuermann ausgewiesen:
Zwar ist hier Papst Pius V. dargestellt, doch der Papst war ja der
Nachfolger Petri. Allein durch die neue Instrumentierung dieses traditionellen Bildtypus`, d.h. durch seine bloße Applikation auf eine Monstranz, ergibt sich ein neuer ekklesiologischer Sinn, der die Einbettung
der Hostie in das Schlachtgeschehen erklärlich macht.
In der Neuzeit finden neue Faktoren in die Schiffsallegorese Eingang.
Im Kampf gegen den Protestantismus und die Türkengefahr wird die
ecclesia triumphans des Spätmittelalters zu einer waffenstarrenden
ecclesia militans. Der Nachen Petri wird gleichsam Kriegsschiff, das
der Papst gegen Irrlehrer, Türken und Heiden ansteuert. In einer Illustration Hans Mielichs591 zu den Bußpsalmen des Orlando di Lasso
(1565/70) ist das Christenschiff Petri in einer Allegorie den Heiligen
des Alten Bundes gegenübergestellt. Das Christenschiff wird von Tod
und Teufel bedroht gegen die es sich mit Waffengewalt erfolgreich
wehren kann.
Im Jahr nach der Seeschlacht erschien bei Huybrecht in Antwerpen
ein Kupferstich592, der Lepanto thematisierte. Das mit verschiedenen
Ordensgeistlichen vollbesetzte Kirchenschiff wird hier vom Papst, dem
spanischen König und dem Dogen im Kampf gegen die Türken unterstützt. In den beiden übereinander liegenden Mastkörben thront Christus über Maria (Abb. 53). Das Christenschiff wird hier von einem Nauis
falsi dogmatis, und einem Nauis haereticorum vergeblich attackiert.
Am Achterdeck des Christenschiffes auf der Monstranz flattert der
Markuslöwe, das Banner der venezianischen Republik (Abb. 14). Stellt
man in Rechnung, daß das Zusammentreffen der beiden Flaggschiffe
590
Weber, a.a.O., Sp. 65
Vetter, Sant peters schifflin, S. 17, Abb. 11
592
„Navis Ecclesiae militatis“, Antwerpener Kupferstich, Amsterdam Rijksprentenkabinett. Vgl. Vetter,
Schifflin, S. 20 – Abb. bei Weber, a.a.O., Sp. 66
591
Kieser: Memorialmonstranzen
146
stellvertretend für das der beiden Flotten steht, so müßte das Schiff
des Don Juan d'Austria, die „Real“, eine spanische Flagge zeigen. Das
Aufeinanderprallen der „Real“ mit Ali Paschas „Sultana“ ist historisch
verbürgt: Nach einer Kollision verhakten sich beide Schiffe ineinander
und es kam zu einem erbitterten Kampf.593 Die Tatsache, daß das
Schiff der Kirche auf der Monstranz weder eine spanische noch eine
päpstliche Flagge auf dem Achterdeck führt, ist vielleicht auf eine andere Erwägung zurückzuführen. Es sei hier an Bellinis berühmtes
Gemälde „Venedig – Barke des Glücks“ erinnert. Die Stadtrepublik
soll als Boot den Wohlstand des christlichen Abendlandes verkörpern,
denn Venedig war um 1700 noch immer für seinen außerordentlichen
Reichtum bekannt. Sieht man von der Bedeutung als Evangelistensymbol und Wappen einmal ab, so kann der Löwe auch als Sinnbild
der militia christi verstanden werden. Christus, der Löwe aus dem
Stamme Juda, überwindet den Teufel und übt das Richteramt Gottes
aus. Außerdem ist er Attribut der fortitudo. Die Eigenschaften des miles christianus sollten denen des Löwen gleichen; Stärke, Kühnheit
und die Verachtung weltlicher Dinge hatten gemeinsame Eigenschaften des Tieres wie des Christenmenschen zu sein.594
Eingehakt in die Wantenleiter am vorderen Ende des Christenschiffes
ist auf der Lepanto-Monstranz ein Kreuzanker zu sehen. Durch seine
Größe und Plazierung ist er zu deutlich formuliert, als daß ihm lediglich funktionale Bedeutung zukäme. Der Anker ist besonders im Barock ein Symbol der Spes, ein Sinnbild des Glaubens und der Hoffnung auf Rettung in der Auferstehung.595 Durch das Bild des im Mastbaum gekreuzigten Christus sollte bei den Sodalen die Einsicht erweckt werden, daß Christus seinen Kampf gegen den Satan nur am
Kreuz zum Siege geführt hat. Hier wird die Hingabe des Gläubigen an
den Gekreuzigten gefordert, „der nur mit angenagelten Händen den
Fürsten dieser Welt hinauswirft.“596
In einer bis 1820 gebeteten Venezianischen Litanei war noch die Anrufung der Muttergottes als Navis institutoris de longe portans panis
enthalten. Sie ist den Sprüchen Salomons entnommmen (Prov.
593
Paulson, Lepanto, S. 23 f.
Wang, Militia Christi, S. 222 f.; Hier wird auf Cesare Ripa, Iconologia (Rom 1603), S. 163, Bezug
genommen. Die „Fortezza d'animo, e di corpo“ solle einen Löwen auf dem Schild tragen. Auch Otto
van Veen, Emblemata sive Symbola (Brüssel 1624), Nr. 16, legt den Löwen so aus: Fortitudo bellica et potentia quam leo signat, tum secure incedit, cum imperium et pax sive benignitas, coalescunt
quod oliva et sceptro declarantur. – Vgl. Bloch: Löwe. In: LCI, Bd. 3, Sp. 112–119; Sp. 116 f.
595
Sauser: Anker. In: LCI, Bd. 1, Sp. 119 – Chapeaurouge, Geschichte der christl. Symbole, S. 118
596
Rahner, Bedeutung der Marianischen Kongregation, S. 215
594
Kieser: Memorialmonstranzen
147
31,14). Bereits für 1578 gilt durch ein in Ingolstadt gedrucktes Buch597
der Gebrauch dieser Anrufung als gesichert, denn sie war in einer Litanei genannt, die sich ausschließlich auf Bibelstellen stützte.598 Die
Anrufung findet sich auch in einer gleichartigen, 1601 von dem Jesuiten Pinellius in Venedig publizierten Litanei, in der die Muttergottes als
brotbringendes Schiff bezeichnet wird.599 Sie bringt also, wendet man
diese Anrufung auf die Monstranz an, das euchraristische Brot der
Christenheit, die sie als treue Mutter nährt. Das Schiff der Kirche meint
auch gleichzeitig die Muttergottes, denn sie war den Gläubigen der
Zeit selbst ein Bild der wahren Kirche.
Ein wohl venezianischer Stich600, der auf etwa 1500 zu datieren ist,
zeigt ein nach links fahrendes Schiff mit drei Masten, das — wie auf
der Monstranz — von zephyrgleichen Windsköpfen angeblasen wird.
Interessant ist jedoch die das Schiff umgebende Inschrift, denn hier
wird auf den besagten Spruch Salomons angespielt:
ECCLESIA . NAVIS . DE . LONGE . PORTANS . ETERNE . VITAE .
DIVITIAS . ET . SI . HERESVM . TEMPESTATE . TURBATVS . QVI . NON .
INGREDITVR . NON . SALVATVR . VIRTVTE . TAMEN . SPIRITVS .
SANCTI .
In diesem Zusammenhang wird die Muttergottes zum brotbringenden
und damit erlösenden Schiff der Kirche, das jeglichem Unglauben und
Sturm trotzen kann. Als Arche und Bundeslade zugleich ist es die „arca“ des neuen Bundes, über der Gott seinen Wohnsitz hat. Die Muttergottes als Ecclesia ist Hüterin des Altarsakraments.601
Auf einem Nürnberger Flugblatt (Abb. 54), es stammt wohl aus der
Zeit um 1630, wird das Thema „Schiff der Kirche“ im protestantischen
Kontext zum „Schiff der Passion“ umgewandelt. Hier steuert nun anstatt des Papstes die allegorische Figur des Glaubens das Schiff mit
der Lanze des Longinus. Den Mastbaum bildet wiederum das Kreuz,
unter dem die Figur der Hoffnung erscheint. Auch hier ist wieder der
Hoffnungsanker zu sehen, der auch auf der Lepanto-Monstranz hervorgehoben erscheint. Die Figur der Liebe steht mit ihren beiden Kindern im Vorderschiff. In der aufgewühlten Dünung sind einige Monst597
Thesaurus piarum et christianarum institutionum. In usum catholicae juventutis, paesertim vero
sodalitatis Deiparae Virginis emandatus nunc editus per Joannem Perellium. Ingolstadii 1578. Vgl.
Sauren, Lauretanische Litanei, S. 16
598
Sauren, Lauretanische Litanei, S. 16; Abgedruckt im Anhang Nr. 3, S. 56–58
599
Lucas Pinellius: Meditazioni sopra i Quindici Misteri del Rosario. Venezia 1601; Vgl. Sauren,
a.a.O., S. 26; Dort abgedruckt im Anhang Nr. 9, S. 67–69
600
Schreiber, Handbuch der Holz– und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts, Bd.IV, S. 52, Nr. 1871;
nach Vetter, Sant Peters Schifflin, S. 14
601
Noeklens, Visualisierte Eucharistietheologie, S. 104
Kieser: Memorialmonstranzen
148
ren und auch die Figur des Todes zu entdecken. Das „Schiff der Passion“ bewegt sich von einem wolkenumhangenen Fels zu einem sonnenbestrahlten Fels, aus dem fünf Ströme hervorquellen, die die fünf
Wunden Christi versinnbildlichen.602 Der Text von Johann Klai beschreibt die Allegorie. Das Schiff ist so kräftig konstruiert, daß es nicht
sinken kann:
„Der Mastbaum stehet steif vom Creützholtz aufgerichtet /
der aller Wetter Zorn verachtet vnd vernichtet /
Die Seyle springen nicht sie halten vest und hart
mit welchen Christus vest vnd hart gebunden ward.
Der Mastkorb ist die Kron von scharfen Dornen spitzen
In Christus Haubt gedruckt: darinnen kan man sitzen
Den Nordwind lachen auß [...]“
Abschließend ist festzuhalten, daß das Bild vom Schiff der Kirche fest
im Geist der frühen Neuzeit verankert war, so daß es auch konfessionelle Differenzen überstand. Nicht nur in den Bildungseliten, auch im
volkstümlichen Brauchtum blieb es noch bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Darüber gibt u.a. eine Satire des Geistlichen Anton von Bucher
(1746-1817) Auskunft: „Entwurf einer ländlichen Charfreytagsprozession samt einem gar lustigen und geistlichen Vorspiel zur Passionsaktion. Herausgegeben von einem Ordenspriester.“603 Buchner schuf
durch die verfremdende Übersteigerung gleichzeitig ein regelrechtes
Kompendium des Prozessionswesens. Er spricht darin von einem
„Schiff in einem Triumphwagen, in dem die katholische Kirche ruhig
fährt, weil der Heiland schläft“604.
Der Klosterneuburger Holunderbaum
Das anhand der Leopoldspredigten bereits gezeigte Verfahren der
Addition und Distribution in der rhetorischen Gedankenfigur der amplificatio läßt sich auf die Ikonographie der Schleiermonstranz übertragen. Mehrere traditionelle Themen der christlichen Bildtradition finden
in diesem Gegenstand ihre Verbildlichung. Gleich der rhetorischen
Verfahrensweise sind jene hier sowohl in häufender, als auch in zergliedernder Weise angeordnet. Die Schleiermonstranz gehört, darauf
hat Noppenberger hingewiesen, zu der Gruppe der eucharistischen
602
Vgl. Coupe, The German illustrated Broadsheet, Bd. I, S. 173, Abb. Bd. II, Nr. 98
A. v. Bucher: Bairische Sinnenlust. Nachw. v. R. Wittmann. 1980
604
Zit. Anton von Bucher`s sämtliche Werke, gesammelt und herausgegeben von Joseph Klessing,
VI, München 1822, S. 155 ff. – Zit. n. Vetter, Sankt peters schifflin, S. 32
603
Kieser: Memorialmonstranzen
149
Baummonstranzen, die jedoch mehrheitlich nach der Schleiermonstranz entstanden sind.605 Die ebenfalls seltenen Reliquiare in Baumgestalt606 folgen in der Formgebung diesen Monstranzen, was sich
sehr gut an der Koloman-Monstranz Joseph Mosers in Melk beobachten läßt, die ganz ausdrücklich auf die Schleiermonstranz Bezug
nimmt (Abb. 55). Im Gegensatz zu Noppenberger, der die Baummonstranzen lediglich als Verbildlichung des paradiesischen Lebensbaumes sieht, soll das auf Monstranzen thematisierte Wurzel-JesseThema hier ebenfalls Beachtung finden. 607 Die Behauptung Noppenbergers, daß „der Holunderbaum an der Monstranz von Klosterneuburg keine Beziehung zur Eucharistie“608 habe, verstellt den Blick auf
die erweiterte Bedeutung dieses Kunstwerks. Im Grunde ist diese Frage umgekehrt zu formulieren, denn es ist im wesentlichen gerade die
Eucharistie, welche durch ihre Einbettung in das Schleierwunder ein
vielschichtiges Beziehungs- und Bedeutungsgefüge evoziert.
In einem Wiener Emblembuch von 1692 findet sich das Leben des hl.
Leopold in fünfzehn Kupferstichen dargestellt, es huldigt gleichzeitig
dem Heiligen und dem Kaiser Leopold I.609 Auf der 7. Emblemtafel ist
die Auffindung des Schleiers dargestellt (Abb. 56).610 Das Emblembild
zeigt eine Jagdgruppe mit drei Hunden, die auf den links stehenden
Holunderbaum zurennen. Im Hintergrund ist die Stadt Wien zu sehen.
Die Inschrift VENIENT CUM TEMPORE FRUCTUS ist dabei höchst
anspielungsreich: Sie bezieht sich erstens auf die neun Jahre des
Wartens auf den Schleier, zweitens auf die Gründung des Klosters
und seinen sich einstellenden Wohlstand und drittens auf die später
erfolgte Heiligsprechung des Landespatrons. Wie bei den Leo605
Noppenberger, Die eucharistische Monstranz des Barockzeitalters, S. 40 ff. Hier werden weitere
Baummonstranzen genannt: Rathausen 1688 (Kunstdenkmäler der Schweiz, Bd. 18, S. 279,
Abb. 214) – Hitzing 1750 (Österreichische Kunsttopographie, Bd. 2, S. 67, Abb. S. 67) – Puch bei
Fürstenfeldbruck o. J. (Die Kunstdenkmäler von Bayern Bd. 1, S. 274) – Sigmaringen o. J.
(Braun, Das christliche Altargerät, Abb. 227) – Wolfegg o. J. (Kunstdenkmäler Württembergs,
Waldsee, S. 293, Tf. 74) – Kloster Seeon 1686: Rosenstock mit 15 Geheimnissen des Rosenkranzes, von Hans Jakob Wildt aus Augsburg (Seling, Kunst der Augsburger Goldschmiede, Bd.
3, Nr. 304) – St. Jaques sur Coudenberg 1756: Palmenstamm mit Ähren, Brüssler Meister (Heppe, Figürlich und szenisch gestaltetes Altargerät, S. 24) – Franziskanerkirche Wien 1771: sog.
„Liechtenstein-Monstranz“ von Joseph Ferdinand Wurschbauer, Brennender Dornbusch (Ausst.
Kat. Wien 1980 „Maria Theresia und ihre Zeit“, Kat. Nr. 65,03).
606
Vgl. Braun, Die Reliquiare des christliche Kultes, S. 501 f.
607
Noppenberger, a.a.O., S. 41
608
Zit. Ebd.
609
Stiftsbibliothek Klosterneuburg, F 5 I 150a – Ausst. Kat. Klosterneuburg 1985, „Hl. Leopold“, Kat.
Nr. 453 – Das Buch ist eine Promotionsgabe namentlich genannter bürgerlicher Studenten an
vier adelige Herren und ihren Philosophieprofessor. – Vgl. Lesky, Das Leben des hl. Leopold in
einem Emblembuch, S. 118
610
Lesky, a.a.O., S. 133 (m. Abb.)
Kieser: Memorialmonstranzen
150
poldspredigten bereits festgestellt, werden die heiligen Tugenden der
Geduld, Frömmigkeit und Beharrlichkeit auf den Kaiser übertragen.
Hier lagert sich zudem die Bedeutung der erst spät erfüllten Hoffnung
auf einen Thronfolger an; der Holunder ist somit Lebens- und Hoffungsbaum des Heiligen und der Casa d´Austria zugleich. Die Furcht
um die genealogische Nachfolge war im Hinblick auf Kaiser Karl VI.
von besonderer Brisanz, denn eine alte Prophetie weissagte ihm
durch einen Baum das Absterben seiner Dynastie:
„Schon vor Zeiten hat man in Verwunderung gezogen, daß das Römische
Reich im occident durch einen Augustum angefangen und sich wiederumben
durch einen Augustum geendigt habe; allermaßen auch daß
Constantinopolitanische im Orient von Constantino Magno aufgerichtet und
von Constantino, welchen Machomet yberwundten wider verloren worden.
Von dem Römischen Teutschen Reich ist wißent, daß solches durch
Karolum Magnum in großem Ansehen kommen, waß es für ein Endte nembe
solle, stehet bei dem Himmel. Merckwürdig mag anscheinen waß ich
einstens in einem getruckhten Teutschen sehr alten Büechel gelesen:
Nemblich, daß Kayßer Karolus V. einstmahls im Thyroll uf einer Jagd sich
alßo verrithen habe, daß Er alle seine Hofherren hinter sich und waiß nit wo
gelaßen. Derweillen Er sich aber zimblich abgemattet, bandte er sein Roß an
einen Baumb und ruehte schlaffent darunter, da Ihme dann getraumbet habn
solle, der Baumb dorre ab, und hange daran das Wappen Karoli VI.
imperatoris seines Nammens Nachfolgers under solches Wappen stelle sich
her daß Bayer. Wappen, und wird noch heuntigen Tages der Orth das
Karlthall benambset, woraus Auctor obgedachten Puechels prognosticieret,
Karolus VI. werde der Lezte vom Hauß Oesterreich Kayser sein alsdann die
Röm. Kron an das Hauß Bayern übersetzet werden solle, welche Regierung
fast glückselig sein wird, iedoch nit lang hinnach Sixtus VI. Babst und under
Ihme der Antechrist gebohren werden: ita finietur cursus mundi.“611
Der bayerischen Prophetie vom Untergang Habsburgs wurde auf der
Schleiermonstranz in bildlicher Weise widersprochen, denn hier ist der
Baum ein Lebensbaum und Versprechen des dynastischen Fortbestandes, denn der kniende Fürst erhält von der Muttergottes nicht nur
den Schleier, sondern auch ihren Sohn in Gestalt der Hostie, als Verheißung des eigenen Sohnes.
Die im Volksglauben verwurzelten Vorstellungen vom Holunderbaum
wurden bereits behandelt. Jenseits des legendären Holunderstrauches
und der primär verbildlichten historia mußte sich der zeitgenössische
Betrachter der Monstranz zunächst an den Baum des Lebens (Gen
2,9 u. 2,24) erinnert fühlen, der wie der Holunderbusch fruchttragend
dargestellt wurde. Der Baum der Erkenntnis war jedoch dürr und ein
611
Mundus Christiano Bavaro Politicus. o.P. Cod. germ. Monac. 3009. Zit. n. Kampers, Die Deutsche Kaiseridee in Prophetie und Sage, S. 149 f.
Kieser: Memorialmonstranzen
151
Sinnbild des Todes. In der Gegenüberstellung symbolisierten beide
das Alte und das Neue Testament.612 Sieht man den fruchtragenden
Holunder als Lebensbaum, so symbolisiert er die Überwindung des
alten Bundes, was durch die Anwesenheit Christi in der Eucharistie
unterstrichen wird. Der Holunderbaum als arbor fructifera ist somit Typus des Lebensbaumes im himmlischen Paradies (Offb 2,7; 22,1-2 u.
14), der jeden Monat neue Früchte trägt.613 In dieser Hinsicht kann der
Holunderbaum auch hier als Fruchtbarkeitssymbol verstanden werden, wie dies bereits für den politischen und den volksfrommen Bereich aufgezeigt wurde. Leopold der Heilige findet also nicht nur den
Schleier, sondern auch den Paradiesbaum, der am Anfang und Ende
der Zeiten im Paradies wächst. In der Offenbarung des Johannes befindet sich der Baum im himmlischen Jerusalem614; der Landespatron
wird durch die Anbetung des mystischen Baumes zum Bewohner des
Himmels. Auf diese Weise kann der Schleierfund als Verheißung der
später erfolgten Heiligsprechung gelten.
Füglister hat gezeigt, daß in der Verbildlichung der Antithese von Lebens- und Erkenntnisbaum ein direkter Zusammenhang zur Eucharistie hergestellt wurde. Auf einem süddeutschen Holzschnitt (um 1465,
Abb. 57)
„[...] werden Ecclesia und Synagoge unter den Armen des Lebenden
Kreuzes von zwei etwas tiefer stehenden Bäumchen flankiert, deren Früchte
die Form von Hostien und kleinen Äpfeln (oder Totenköpfchen?) haben.
Unter dem eucharistischen Baum hält eine gekrönte und nimbierte Frau ein
Kruzifix in ihrer erhobenen Hand.“615
Im Spiegel dieser Ikonographie des Hostien- und Totenkopf-Baumes
zeigt sich die Schleiermonstranz selbst als fruchtbarer Hostienbaum,
der den Sieg der Ecclesia über die todgeweihte Synagoge symbolisiert.
Der Lebensbaum wurde als alttestamentlicher Typus des Kreuzes
verstanden: Das lignum vitae war das lignum crucis. Der für die
Klosteneuburger Chorherren höchst bedeutsame hl. Augustinus setzte
den Lebensbaum gleich mit der „Frucht“ des Lebensbaumes, also mit
Christus selbst.616 Der Kirchenvater stellte den Sündenbaum der Erkenntnis dem erlösenden Holz des Kreuzes gegenüber: In arbore pe612
Vgl. L. Stauch: Art. „Baum“ In: RDK, Bd. 2, Sp. 69 f.
Bentkowska, Symbolics of the Tree, S. 92 – Lurker, Der Baum in Glauben und Kunst, S. 80 f.
614
Bauerreiß, Arbor Vitae, S. 3 f.
615
Zit. Füglister, Das Lebende Kreuz, S. 134 ff. und S. 40-42 (Abb. Tf. IX) – Vgl. J. Flemming: Art.
„Baum, Bäume“ In: LCI, Bd. 1, Sp. 265
616
Füglister, Das Lebende Kreuz, S. 4 – Vgl. Augustinus, De civitate dei, 13, 31
613
Kieser: Memorialmonstranzen
152
rivimus, in arbore redempti sumus und In ligno mors, in ligno vita pependit.617 Schon vor Augustinus hatte in Jerusalem die Verehrung des
vera crux begonnen, die in Bonaventuras Schrift „Lignum Vitae“ und
Umberto von Casalas Christusdarstellung „Arbor Vitae“ kulminierte.
Um das Schicksal des Holzes vom Paradies bis zu Golgatha bildete
sich ein reicher Legendenschatz618, und im 12. Jahrhundert tritt die
Kreuzeslegende bereits in sehr vielfältigen Versionen auf.619 Noch in
einer barocken Kreuzmeditation läßt sich der Gedanke vom Kreuz als
Lebensholz verfolgen: Auf einem Meditationsbild wird das Kruzifix als
grünender Lebensbaum gezeigt, das als Früchte christliche Tugenden
trägt, die durch Szenen aus dem Leben Jesu versinnbildlicht werden
(Abb. 58).620 Christus als „neuer Adam“ bringt das Holz des Paradiesbaumes erneut zum Blühen und tilgt damit die Schuld des „alten Adams“.621 Über dem mit gefaßten Edelsteinen reichverzierten Nodus
der Monstranz teilt sich der Stamm des Holunderbaumes in zwei sich
überkreuzende Äste. An dieser Stelle ist eine kreuzförmige Brosche
mit gefaßten Perlen befestigt. Diese sichtbare Kennzeichnung bestätigt, daß der Holunderbusch der Schleiermonstranz als Kreuz verstanden werden sollte, denn das sich in Y-Form gabelnde Holz läßt an mittelalterliche Baumkreuze dieses Aussehens denken, die noch in der
Barockzeit auftreten.622
Es läßt sich festhalten, daß in der Schleiermonstranz eine gedankliche
Verschmelzung des Kreuzes von Golgatha mit dem Baum des Lebens
stattfindet. In der Schleiermonstranz wird deshalb die gesamte biblische Weltgeschichte in einem Gegenstand zusammengefaßt: Der
Baum der Erkenntnis im Garten Eden steht für die Schöpfung und
gleichzeitig — als in der Mitte des himmlischen Jerusalems befindlich
— das Ende aller Zeiten. Im Zentrum der Geschichte steht die Kreuzigung Christi am Holz des Lebensbaumes, die durch die Schleiermonstranz versinnbildlicht ist. Weiter wurde dem Lebens- und Erkenntnisbaum im Sinne der Psychomachie die moralische Deutung
von Tugend- und Lasterbaum überlagert.623 Der unter dem Baum der
Tugend kniende hl. Leopold empfängt auf der Schleiermonstranz in
617
Lesky, Barocke Embleme, S. 167
Füglister, Das Lebende Kreuz, S. 5
619
Vgl. L. Stauch: Art. „Baum“ In: RDK, Bd. 2, Sp. 65 – H. W. van Os u. G. Jázai: Art. „Kreuzlegende“ In: LCI, Bd. 2, Sp. 642-648 – Cook, The Tree of Life, S. 122 f.
620
Rosenberg, Christliche Bildmeditation, S. 70-74
621
A.a.O., S. 51 – Vgl. H. W. van Os und G. Jázai: Art. „Kreuzallegorie“ In: LCI, Bd. 2, Sp. 599
622
Koch, Sonderformen des Heilandkreuzes, S. 8 f. – Lurker, Der Baum in Glauben und Kunst, S.
116 f., weitere Bildbeispiele siehe LCI, Bd. 2, Sp. 595-600
623
M. Evans: Art. „Tugend und Laster“. In: LCI, Bd. 4, Sp. 389 f. – W. Föhl: Art. „Baum“. In: RDK,
Bd. 2, Sp. 88
618
Kieser: Memorialmonstranzen
153
übertragenem Sinne vom Baum des Lebens die Gaben des hl. Geistes und die christlichen Tugenden, die durch das Opfer Christi in die
Welt gekommen sind. Jene Tugenden wurden verstanden als von den
Gaben des Geistes inspiriert.624 Im ersten Psalm wird der gerechte
Mann, der im Einklang mit den göttlichen Gesetzen lebt, mit einem
Baum am Wasser verglichen, „der seine Früchte bringt zur rechten
Zeit. Sein Laub wird niemals welk, und alles was er tut, gelingt ihm
wohl.“ (Ps 1,3)625 Dieser Gedanke wurde von den Zeitgenossen im
Hinblick auf die Schleiermonstranz durchaus erkannt, wie ein 1630 als
Flugblatt verbreiteter Kupferstich626 zeigen kann. Kaiser Friedrich II.
wird darauf in Anknüpfung an Jeremias 17,7-8 gefeiert als „Österreichischer bestendiger griener Baum, [...] so von villen Feinden wellen
bestigen werden aber zu schanden werden“. Auf dem Stamm ist das
lorbeerumkränzte Porträt des Herrschers angebracht, im Laub des
Baumes erscheinen die Namens seiner Tugenden. Oben im Bild
prangt eine Monstranz zwischen zwei Kartuschen, aus den Zweigen
fallen die Feinde herab. In den Ecken findet sich ein erweitertes Zitat
des C. Julius Caesar: Veni, Vidi, deus vicit. Das sich auf den Sieg am
Weißen Berg 1620 beziehende Blatt dokumentiert in der Allegorese
die Identität von Staat und Monarch, wie dies ebenso für den höchst
aufschlußreichen Titelkupfer einer Predigt des Abraham a Sancta Clara gilt, die er 1674 anläßlich der dritten Eheschließung Leopolds I. hielt
(Abb. 59).627 Der Lorbeerbaum wird hier durch das Wappenschild als
Baum Österreichs ausgewiesen, vor dem die hl. Magdalena als Patronin der Ehefrau Eleonore Magdalena von Pfalz-Neuburg niederkniet.
Von rechts nähert sich der österreichische Adler der Baumkrone mit
einem Schriftband im Schnabel: Faciet fructum usta [?] genus suum.
Tatsächlich wird in der Predigt um einen Thronfolger gebeten. Links
des Baumes erscheint der auferstandene Christus der Magdalena als
Gärtner mit einer Schaufel; er wird so als Garant des dynastischen
Fortbestandes Habsburgs gesehen. Rechts im Vordergrund steht der
hl. Leopold als Landes- und Namenspatron mit Kirchenmodell und
Flammenschwert. Links im Hintergrund versuchen Putten das Rad der
Fortuna festzuhalten, rechts wird der Tod durch eine Halsgeige gefesselt. Zwei Füllhörner mit Palmzweigen umrahmen das Bild. In den Ecken tragen vier Putten Kartuschen mit Emblemen. Für die Schleier624
M. Evans: „Tugenden“. In: LCI, Bd. 4, Sp. 364
Vgl. Hilger, Geheimnis des Baumes, S. 38 ff. – Lurker, Der Baum in Glauben und Kunst, S. 17
626
Ausst. Kat. Graz 1964, „Graz als Residenz“, Nr. 14, Exemplar im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. – n. Matsche, Kunst im Dienst der Staatsidee, S. 117, Anm. 369 und 369a
627
Abraham a Sancta Clara: Prophetischer Willkomb. Wien 1677 – Ausst. Kat. Klosterneuburg
1985, „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 449 (m. Abb.)
625
Kieser: Memorialmonstranzen
154
monstranz läßt sich eine fast analoge Inhaltlichkeit erkennen, die sich
nunmehr auf den später ebenfalls lange kinderlosen Karl VI. bezieht:
Hier kniet der hl. Leopold als Personifikation der österreichischen
Herrscher vor dem durch Christus gepflanzten fruchtbringenden „Lebensbaum“ des Staates und des Hauses Habsburg: Der Holunder auf
der Schleiermonstranz symbolisierte nicht nur den Baum des Lebens,
er stand auch für die Dynastie der sich auf die Babenberger berufenden Habsburger, die — im Rekurs auf den oben bereits genannten
Babenberger-Stammbaum — auf die Genealogie der Habsburger anspielte. Während des gesamten 16. und 17. Jahrhunderts, wie auch
noch im frühen 18. Jahrhundert waren Stammbäume außerordentlich
beliebt und verbreitet.628
Der Holunderstrauch wurde in Klosterneuburg mit der Wurzel Jesse in
eine enge Verbindung gebracht. Der berühmte siebenarmige Leuchter
(Abb. 46) enthielt, so glaubte man damals, das Holz des legendären
Gewächses. Peter Bloch629 hat gezeigt, daß der siebenarmige Leuchter auf die über der Wurzel Jesse ruhenden sieben Gaben des hl.
Geistes verweist (Jes 11,2).630 Daß die Schleierlegende mit den Reliquien des heiligen Markgrafen in Verbindung gebracht wurde, zeigt die
getriebene Darstellung der Schleierlegende auf der Rückseite eines
Leopoldreliquiars von 1588. (Abb. 45b). Es befand sich zur Entstehungszeit der Monstranz allerdings im sogenannten Königin-Kloster in
Wien.631 Die auf dem Reliquiar zu beobachtende Verbindung des Babenberger-Stammbaumes mit den Leopoldswundern schließt die Vorstellung von Leopold als Stammvater aller österreichischen Landesherren ein: Heiligenlegende und Wurzel Jesse sind hier auf sinnträchtige Weise überlagert. In Klosterneuburg war diese Idee bereits durch
den Babenbergerstammbaum nach der Familiengeschichte Ladislaus
Sunthayms (1491 gedruckt) eingeführt und stand dort jedermann vor
Augen, denn das Stift ließ 1489 bis 1492 das große Triptychon malen,
das im Kreuzgang neben dem Grab des Markgrafen aufgestellt wurde,
womit es Kultbild und Genealogie zugleich war.632 Auch für die Dynas628
W. Föhl, Art. „Baum“. In: RDK, Bd. 2, Sp. 85
Bloch, Der siebenarmige Leuchter, S. 166
630
Et egredietur virga de radice Jesse, et flos de radice ejus ascendet. Et requiescet super eum
spiritus Domini: spiritus sapientiae, et intellectus, spiritus consilii, et fortitudinis, spiritus scientiae,
et pietatis, et replebit eum spiritus timoris domini.
631
Wacha, Reliquien und Reliquiare, S. 14 – Saliger, Dom- und Diözesanmuseum Wien, Kat. Nr. 29
(mit Abbildungen und älterer Literatur).
632
Röhrig, Leopold III., S. 137 f. – Ausst. Kat. Klosterneuburg 1985, „Hl. Leopold“, Kat. Nr. 303 (m.
Abb.)
629
Kieser: Memorialmonstranzen
155
tie der Habsburger, die sich als rechtmäßige Nachfolger der Babenberger sahen, existierte seit etwa 1680 ein „Arboretum Austriacum“
von Schönleben, eine Genealogie mit über 300 gestochenen Wappen.633
Das Motiv des Jessebaums fand als Stammbaum Christi auch auf Barockmonstranzen häufig Verwendung.634 Jesse war der Vater Davids
und dadurch, wie Leopold für die österreichischen Herrscher, der
Stammvater der Könige.635 Das berühmteste Beispiel dafür war die
1806 eingeschmolzene Monstranz, die der Augsburger Goldschmied
Hans Jacob Bair 1610/11 für den Eichstätter Bischof Konrad von
Gemmingen für 60 000 fl. anfertigte. Sie hatte die Form eines Rankenbaumes, versehen mit den Halbfiguren der Vorfahren Christi, über
dem Sanctissimum die Muttergottes mit Kind, Gottvater und der hl.
Geist. An der Hauzenberger Monstranz (um 1670) von Georg Wilhelm
Fesenmayr liegt die Figur Jesses auf dem Monstranzfuß, der Stammbaum wächst aus dem Leib des Stammvaters heraus.636 In Klosterneuburg wird sicherlich die ähnlich aufgebaute Wiener Monstranz (vor
1674) im niederösterreichischen Pottenstein bekannt gewesen sein.637
Das Sanctissimum als Teil der gnadenbringenden Trinität
Überwindung des Halbmondes vor Lepanto
Einen wichtigen Ansatzpunkt zur Deutung der Lepanto-Monstranz liefern die schmalen Silberstreifen, die als überlange Stander die gesamte Takelage des Christenschiffes durchziehen. Auf diesen Silberstreifen sind an verschiedenden Stellen Worte eingraviert. Einmal heißt es
„Io, Victoria“, ein andermal gar nur „Victoria“. Interessanter ist da
schon ein Schriftbändchen über dem Erzengel Michael, auf dem „donec auferatur luna Ps.71,7“ zu lesen ist (Abb. 23). Die gleiche Aufschrift wird noch einmal auf einem anderen Silberstreifen sichtbar, der
kurz vor dem Bug des Christenschiffes herabflattert. Am obersten Segel des vorderen Hauptmasten finden sich die Worte „erubesce luna“.
633
Coreth, Österreichische Geschichtsschreibung, S. 34
Zahlreiche Beispiele bei Noppenberger, Die eucharistische Monstranz des Barockzeitalters, S.
58-61
635
eregietur virga de radice jesse (Jes 11,1) – W. Föhl, Art. „Baum“. In: RDK, Bd. 2, Sp. 87 f.
636
Heppe, Figürlich und szenisch gestaltetes Altargerät in der Barockzeit, S. 21 – Hier werden mehrere Wurzel-Jesse-Monstranzen beschrieben. – Feuchtmüller, Barock in Österreich, Bd. 2, S. 46
637
Ausst. Kat. München 1960, „Eucharistia“, Kat. Nr. 244
634
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156
Es handelt sich hierbei um Ausschnitte638 des Psalmverses 71,7, der
in voller Länge lautet: Orietur in diebus eius Iustitia, et abundantia pacis, donec aufferatur luna.639 Auf dem bereits bekannten Stich des
Papstes Pius V. ist dieser Psalmvers am unteren Rand in seiner vollen
Länge lesbar (Abb. 35). Luna ist hier im streng heraldischen Sinne auf
die Türken bezogen, denn der die Büste Pius' V. tragende, in Eisen
geschmiedete Türke trägt gleichfalls eine nach unten gekehrte Mondsichel. Auf der Monstranz ist mit dem Wort orietur die aufgehende
Sonne des Erlösers in der Hostiengestalt gemeint. Sie steigt immer
heller empor, während der Mond untergehen muß. Die Folie der barocken Sonnenmonstranz wird hier benutzt, um spielerisch auf den
symbolischen Gegensatz der beiden Gestirne hinzuweisen. Der
Psalmvers fungiert in erster Linie aber als Fürbittgebet der Christen in
Kriegsgefahr. Gleichzeitig wird die Wirkkraft des Gebetes, insbesondere des Rosenkranzgebetes, durch den siegreichen Schlachtausgang
eindrucksvoll unterstrichen. Als Lied ist der Psalm 71 ganz auf die Bekehrung der Heidenvölker ausgerichtet, huldigen doch diese hier dem
neugeborenen König durch ihre Herrscher.640 Beda Venerabilis verknüpft den Psalmvers 71,7 interessanterweise mit dem Bild der Apokalyptischen Frau:
„Ein Weib, von der Sonne umkleidet, aber den Mond zu den Füßen: das ist
die Kirche. Gegürtet ist sie mit dem Sonnenlicht Christi, und so tritt sie allen
Glanz des Irdischen mit den Füßen. Denn so spricht sie: in seinen Tagen
wird die Gerechtigkeit aufgehen und die Fülle des Friedens, bis daß der
Mond nicht mehr scheint (Ps 71,7). Das will bedeuten: so lange wird die Fülle des Friedens heranwachsen, bis daß die Kirche aufheben wird jegliche
Wandelbarkeit des Sterbenmüssens, dann, wenn einmal der letzte Feind besiegt ist, der Tod.“641
Die mulier amicta sole642 ist, und das ist verblüffend genug, auf der
Monstranz ganz anschaulich mit dem Sonnenlicht Christi gegürtet,
denn vier queroval gefaßte Turmaline bilden den Gürtel der Marienfigur. Der Turmalin, auch Karfunkel genannt, stand in der Lithologie des
Mittelalters stets für Jesus Christus.643 Durch diesen Umstand wird jene Beschreibung des Beda illustriert, die nicht nur das Bild der Madonna auf der Monstranz schildert, sondern auch auf eine marianische
638
Noppenberger will an dieser Stelle seltsamerweise den ganzen Psalmvers entziffert haben. Vgl.
ders., Monstranzen, S. 63
639
Übertragung des Heiligen Hieronymus, Vulgata (Psalterium Gallicanum)
640
Pascher, Das Liturgische Jahr, S. 413
641
Explanatio Apoc. II, 12 (PL 93, 165 D) – Zit. n. Rahner, Maria und die Kirche, S. 112
642
Vgl. Kap. 4.1
643
Meier, Gemma Spiritalis, S.104 f.; vgl. Kap. 6.3
Kieser: Memorialmonstranzen
157
Ekklesiologie hindeutet. Die Kirche kann den Tod, d.h. die Vergänglichkeit der Welt selbst, in Gestalt der Türken letztendlich besiegen,
denn nur die katholische Kirche gewährt dem Menschen die eschatologische Gewißheit des ewigen Lebens.
Seitlich des linken Mastkorbes, der wohl von Albrecht V. besetzt wird,
steht „Erubesce luna“ zu lesen. Es handelt sich hier sehr offensichtlich
um einen Schlachtruf gegen die türkische Flotte. Der Imperativ „erubesce“ kommt in der Vulgata nicht vor. Hier wird der Mond wiederum
schlicht als heraldisches Zeichen des Gegners verstanden. Die gerade
betrachtete Abbildung liefert aber einen Anhaltspunkt dafür, daß hier
auf einen Vers in der Offenbarung angespielt wird. Am oberen Rand
des Stiches steht zu lesen: Luna tota facta est sicut sanguis. Das sind
letzten Worte des zwölften Verses im sechsten Kapitel der Offenbarung.644 Wenn der Mond hier zu Blut wird, so handelt es sich bei dem
Aufruf „erubesce luna!“ um einen Schlachtruf gemäß der Prophezeiung des Johannes. Der blutrote Mond steht für die schwer verwundete
und im Todeskampf befindliche Streitmacht der Türken. Bezüge zur
Kirchensymbolik des Mondes sind deshalb nicht anzunehmen.645 Die
Allegorese von Blut und Mond bringt das Wunder von Lepanto in engen Zusammenhang mit dem Pfingstwunder:
„Am Himmel und auf der Erde lasse ich wunderbare Zeichen erscheinen:
man sieht Blut, Feuer und dichte Rauchwolken, die Sonne verfinstert sich,
und der Mond wird blutrot. So kündigt sich der große strahlende Tag des
Herrn an.“646 (Apg 2, 19-20)
Der hl. Geist entscheidet in der Schlachtdarstellung letztendlich als
ausführende Gewalt über den siegreichen Ausgang der Schlacht.
Die Tatsache, daß auf der Monstranz nur Bruchstücke von Bibelversen verwendet wurden, erinnert an ein aus der barocken Emblematik
bekanntes Verfahren: Hier wurden in der inscriptio gerne Satzteile
ausgelassen, die dann, durch die pictura ergänzt, die Aussage des
Emblems konstituierten. Der damals bibelfeste Betrachter wußte die
fehlenden Worte sowohl leicht zu ergänzen, als auch deren neuen
644
In der Vulgata: et vidi cum aperuisset sigillium sextum et terrae motus factus et magnus et sol factus est niger tamquam saccus cilicinus et luna tota facta est sicut sanguis. (Offb.6, 12)
645
Vgl. Rahner, Mysterium Lunae. In: Ders., Symbole der Kirche, S.91–173
646
Einheitsübers. In der lateinischen Übertragung des hl. Hieronymus: „et dabo prodigia in caelo
sursum / et signa in terra deorsum / sanguinem et ignem / et uaporem fumi // sol conuertetur in
tenebras / et luna in sanguinem / ante quam ueniat dies domini magnus et manifestus.“
Kieser: Memorialmonstranzen
158
Sinn im Bildkontext herzustellen. Die rhetorische Figur der Ellipse oder
detractio verlangte die sprachliche Redundanz der inscriptio.647
In der Takelage überhalb des linken Mastkorbes befindet sich die Gravur „Io ! Io !“ auf einem Silberbändchen. Dabei handelt es sich um den
Ausruf religiöser Verzückung und Dankbarkeit, der sich nach dem erhörten Rosenkranzgebet für Lepanto löste. Vermutlich wird hier ein an
den Psalm 117,16 (Vulgata) geknüpfter Siegesruf über die Türken alludiert, der v. a. im Zusammenhang mit den österreichischen Türkensiegen gebraucht wurde: Io victoria! Dextera Domini fecit virtutem.
Bei dem verloren gegangenen „Türckhen“, der einst den Schaft der
Ingolstädter Monstranz bildete, muß es sich um einen Vollguß oder
zumindest um einen stabilen Hohlguß aus Gold gehandelt haben. Solche an Karyatiden erinnernde Tragfiguren finden sich zwar häufig als
Schaft von Monstranzen, doch sind dies zumeist Engel oder Heilige.648
Im Gegensatz zur Turmmonstranz brachte die Sonnenmonstranz formale Probleme beim Übergang vom Schaft zum Strahlenkranz, die gerade durch die Einfügung von Karyatidenfiguren gelöst werden konnten.649 Für den Joseph Braun ist diese Praxis „nicht gerade Ausdruck
guten Geschmacks und feinen Empfindens für das, was sich ziemt,
wenn man heilige Figuren [...] zum Schaft von Monstranzen erniedrigte“650. Erniedrigung ist wohl das passende Wort dafür, was die einstige
Schaftfigur der Lepatomonstranz darstellen sollte. Die in der Rechnung aufgeführte Türkenfigur muß jedoch als absolute Ausnahmeerscheinung gelten. An keinem Werk der barocken Goldschmiedekunst
wird ein Eindringen der weltlichen Silberplastik in den sakralen Bereich
so greifbar wie hier. Bestenfalls ist an die häufigen Schaft- und Aufsatzfiguren in Verbindung mit Pokalen oder Kredenzen zu denken; erinnert sei hier nur an die Tragfigur des berühmten Merkelschen Tafelaufsatzes in Amsterdamer Rijksmuseum. Der unterjochte Türke diente
als drastisches Bild des geläuterten Glaubens und verdeutlichte die
Unterwerfung der Häresie, von deren Realität sich die Zeitgenossen
auch selbst überzeugen konnten. Der bayerische Kurfürst beschäftigte
seit 1686 türkische Zwangsarbeiter bei Kanalarbeiten in Schleißheim
und München, sowie in Manufakturen. Am Hofe und bei Adeligen waren sie als Bedienstete tätig, seit 1688 gab es sogar eine Zunft türki647
Vgl. Kemp, Angewandte Emblematik, S. 28; Zitiert hier Balthasar Kindermann: „Ein oder mehr Wörter außzulassen, und in der Obschrifft zuverbergen, ist sehr zierlich und schicklich.“ Aus: Kindermann, Der deutsche Poet, Wittenberg 1664
648
Beispiele bei Hering–Mitgau, Anm. 152 – vgl. Noppenberger, Monstranzen, S. 32 f.
649
Weinbrenner, Das kirchliche Kunstgewerbe der Neuzeit, S. 231 f.
650
Zit. Braun, Altargerät, S. 384
Kieser: Memorialmonstranzen
159
scher Sesselträger.651 Durch sein ikonologisches Programm wird das
Schleißheimer Schloß auch als Triumphmal des Türkensiegers Max
Emanuel ausgewiesen. In den Arkadenscheiteln des Treppenhauses
sind Türkenköpfe mit Trophäen zu sehen, im anschließenden Saal
und im Viktoriensaal werden die Siege des Kurfürsten durch die Gemälde von Beich und Amigoni gefeiert.652 Schleißheim, an dessen Bau
türkische Zwangsarbeiter mitwirkten, dokumentierte den politischen
Sieg über den Islam, der ebenfalls ein Hauptaspekt der LepantoMonstranz ist.
Im Gegensatz zur Kleinteiligkeit der Mandorla, deren Eindruck sich
aus der Distanz egalisiert, wurde dem etwas entfernt befindlichen
Gläubigen durch die relativ große Figur des Schaftes die Thematik der
Monstranz augenfällig mitgeteilt. Ein näheres Herantreten an die kleinteilige Schaufläche war für ein erstes Verständnis der Thematik also
garnicht nötig, es wurde aber herausgefordert. Die Türkenfigur kann
insgesamt, betrachtet man den Gegenstand einmal unter rhetorischen
Gesichtspunkten, als expositio des gesamten Objektes verstanden
werden. Näherte man sich der Monstranz, so mußte der Blick zuerst
auf das Traggestell fallen, noch bevor eine genauere Betrachtung der
Schaufläche erfolgen konnte. Man kann hier von einer Strategie des
„gelenkten Blickes“653 sprechen. Es geht darum, dem Betrachter die
Botschaft des Gegenstandes unmißverständlich klarzumachen. Denn
nachdem der Adressat die Figur erkannt hat, wird er sich der Monstranz nähern müssen, um genauere Informationen über das hier dargestellte Heilsgeschehen zu erhalten. Die Annäherung oder das Berühren der Monstranz war den Laien nur dann gestattet, wenn sich
keine konsekrierte Hostie im Sanctissimum befand, meist war aber
auch dies untersagt. Nur ein Priester durfte das Gerät in diesem Zustand anfassen oder tragen. Bei leerer Lunula war die Monstranz zwar
immer noch ein ehrwürdiger Gegenstand, der strenggenommen aber
nicht mehr heilig, d.h. die Sodalen der Kongregation konnten ihn in der
Sakristei bewundern. So ist es sehr wahrscheinlich, daß diese Prunkmonstranz eine ähnliche Funktion erfüllte, wie die Objekte barocker
Kunstkammern, die häufig Anlaß zu gelehrten Gespräche gaben. Dem
jesuitischen Präses der Marianischen Kongregation oblag es, mit den
Sodalen geistliche Übungen abzuhalten, geistliche Schauspiele (Meditationen) aufzuführen und fromme Schriften (Xenien) zu studieren.654
651
Ausst. Kat. München 1976, Barock und frühe Aufklärung, S. 82, Kat. Nr. 212
Kiby, Exotismen des Kurfürsten Max Emanuel, S. 184 f.
653
Vgl. Warncke, Sprechende Bilder, S. 295–323
654
Krammer, Bildungswesen und Gegenreformation, S. 190
652
Kieser: Memorialmonstranzen
160
Sicherlich war die Monstranz hierin ebenfalls Gegenstand und Auslöser theologischer Gespräche und Unterweisung. Die Jesuiten das barocke Schaustück als religiöses „Lehrmittel“ verwendet haben, denn
unter der Anleitung jesuitischer Geistlicher wurde auch über Embleme
meditiert, die Emblemsammlungen655 entstammten. Die Monstranz
diente bei Andachten in übertragenem Sinne als meditatives Emblem,
vor dem im Rahmen der Katechese Bildmeditionen durchgeführt wurden.656
Der „miles christianus“
Mit der schon erwähnten päpstlichen Bestätigungsbulle der Jesuiten
von 1540 wurde offiziell ein Orden gegründet, aus dem Geistliche hervorgingen, die einen „modernen Typus des aktiven und mobilen
Kämpfers“657 im Glauben verkörperten. Die Jesuiten verstanden sich
als Streiter Christi, deren Weg über die exercitia spiritualia zum Kampf
gegen die lutherische Ketzerei führte.658 Versteht man dabei die Seeschlacht bei Lepanto als einen letzten Kreuzzug, so kann die Verschmelzung von Kriegsdienst und Religion als weiterhin gültig angesehen werden, denn die militia christi führte das Schwert Dienste Gottes. Auch auf der Monstranz wird auf den Malteserorden verwiesen,
flattert sein Banner doch an der Spitze des Hauptmastes. Die mittelalterlichen Ritterorden repräsentierten die militia christi im besten Sinne.
Vom Mittelalter an wurde der Erzengel Michael659 – er erscheint ebenfalls auf der Monstranz – als erster Ritter der militia christi genannt.660
Er führt seit Luzifers Sturz die himmlischen Heerscharen an, ist der
Anführer der Menschen und der Engel. Als princeps militiae caelesis
führt Michael sowohl die Krieger wie die Geistlichen in den Kampf.661
Er ist „das Vorbild aller männlichen Tugenden, als Krieger und Ritter
ohne Furcht und Tadel, als Satansfeind und Drachenkämpfer“662. Der
655
Vorwiegend niederländische Emblemsammlungen und Andachtsbücher, die „Symbolographia“
(1701/2) des Jakob Bosch und das „Speculum“ (Köln 1650) des Jakob Masen.
656
Bauer, Bild als Argument, S.79-170 – Dies., Jesuitische „ars rhetorica“, S. 42
657
Zit. Bosl, Jesuiten in den Universitätsstädten, S. 164
658
Der Begriff der Militia Christi wurde von Protestanten und Katholiken gleichermaßen verwendet.
Beide Lager bezichtigten sich gerne gegenseitig der Gefolgschaft des Antichristen.
659
Schmidt, Vergessene Bildersprache, S. 149–157 – Red.: Michael, Erzengel. In: LCI, Bd. 3, Sp.
255– 265
660
Merzbacher: Militia Christi. In: LCI, Bd. 3, Sp. 267 f
661
Wang, Der „miles christianus“ im 16. und 17. Jahrhundert, S. 87
662
Zit. M. Rosenberg: Michael und der Drache. Urgestalten von Licht und Finsternis. 1956, S. 32; Zit.
nach Wang, a.a.O., S. 87
Kieser: Memorialmonstranzen
161
Kampf Michaels gegen den Drachen wird zur letzten, entscheidenden
Auseinandersetzung Gottes mit seinem Widersacher (Offb. 12, 7-9).
Michael ist der Träger aller Tugenden, er verkörpert die christliche Virtus. Der Holzschnitt der „Virtù“ aus Ripas „Iconologia“ zeigt in Haltung
und Attributen große Ähnlichkeiten mit dem Erzengel. Sogar die Sonne auf der Brust wurde durch einen Diamanten ersetzt (vgl. Abb. 60
und 23).
Die Türken wurden von der militia als Diener des Teufels angesehen,
die gegen das Evangelium stritten.663 Sowohl der Erzengel als auch
die Maria vom Siege konnten im Kampf gegen den osmanischen Drachen vorgestellt werden. Wie es in der sakralen Kunst der Neuzeit üblich war, erscheint Michael auf der Monstranz als Himmelsfürst in
Thronassistenz der Muttergottes; er fungiert so gleichzeitig als
Schutzengel der heiligen Liga. Einige der Silberengel der himmlischen
Heerscharen sind auf der Monstranz mit drei Blitzen in der rechten
Hand ausgestattet. Sie schleudern die drei Pfeile Gottes gegen die
Laster Luxuria, Avaritia und Superbia, die Verursacher von Pest, Teuerung und Krieg.664
Wie bereits erwähnt, hält eine Figur im linken Mastkorb des Christenschiffes auf der Monstranz ein Schwert in der Hand erhoben, das als
Attribut der christlichen Streiter gelten kann, die gegen die Feinde des
Altglaubens kämpfen. Da der Mastkorb wohl die Figur des Bayernherzogs Albrecht V. enthält, wird dieser in seiner Rolle als Kämpfer der
Kirche besonders hervorgehoben. Den kämpferischen Charakter der
Marianischen Kongregation hat Hugo Rahner aus den Exerzitien des
Heiligen Ignatius abgeleitet. Hier wurde die Einsicht in den heimlich
alle Weltgeschichte gestaltenden Kampf zwischen Christus und Satan
thematisiert. Stets liegen „Babylon“ und „Jerusalem“ miteinander im
Kampf.665
Insgesamt konnte die Kirche seit dem Augenblick, da Christus den
Kampf gegen den Antichristen begonnen hatte, stets als ecclesia militans verstanden werden. Dieser Gedanke hängt eng mit apokalyptischen Vorstellungen zusammen, denn die Kirche wird hier im Entscheidungskampf vergegenwärtigt. Die militia christi ist in der Bezeichnung ecclesia militans sehr wohl enthalten, identisch sind sie jedoch nicht.666
663
Wang, a.a.O., S. 120
Koepplin: Interzession, Mariä und Christi vor Gottvater. In: LCI, Bd. 2, Sp. 346–352, Sp. 351
665
Rahner, a.a.O., S. 177
666
Wang, a.a.O., S. 9
664
Kieser: Memorialmonstranzen
162
Die Trinität als österreichische Heilsverheißung
Nicht zuletzt findet auf der Schleiermonstranz der Triumph der Dreifaltigkeit eine aufwendige Darstellung. Die bei Gebrauch in der Sonnenglorie befindliche Hostie ist dabei fester Bestandteil der auf der Schaufläche präsentierten Trinität. Über der hochovalen Kristallscheibe
schwebt die Taube des hl. Geistes vor reichverzierter Glorie. Trinitätsdarstellungen sind auf barocken Monstranzen ein sehr häufiges Phänomen, fast immer fehlt dabei — wie auch auf der Schleiermonstranz
— die Figur Christi, die als zweite göttliche Person im Altarsakrament
ohnehin gegenwärtig ist.667 Trotzdem ist hier der übergeordnete ikonologische Aspekt der Einordnung der Dreifaltigkeit zu berücksichtigen,
denn nur er läßt die sehr „sinnvolle Ko- und Subordination“668 der Darstellung erkennen.
Wie durch die ephemeren Architekturen der Ehrenpforten und des
Hochaltarprospekts zum 600jährigen Gründungsjubiläum deutlich
wurde, stand die Dreifaltigkeit im Mittelpunkt des Bildprogrammes zu
Ehren des hl. Leopold und des Hauses Österreich (Abb. 36a-c).669
Trotzdem erscheint die Behauptung zweifelhaft, daß sich der Triumph
der Trinität auf der Monstranz aus dem Gründungswunder entfalte.670
Die bis zur Schleierfindung verstrichenen neun Jahre sind zwar in eine
Verbindung zur Trinität gebracht worden, doch scheint hier die direkte
Bezugnahme auf den hl. Markgrafen wesentlich wahrscheinlicher. Als
Pestpatron bat man den hl. Leopold in den Zeiten der Epidemien immer wieder um Hilfe. Im Jahr vor dem 600jährigen Gründungsjubiläum
und der Fertigstellung der Schleiermonstranz wurde Österreich 1713
erneut von der Seuche heimgesucht. In Klosterneuburg selbst gab es
nur wenige Opfer zu beklagen, was die dankbaren Bürger zur Aufstellung einer Dreifaltigkeitssäule auf dem Stadtplatz veranlaßte.671 Karl
VI. blieb Klosterneuburg im Pestjahr 1713 zwar fern, im Gegensatz zu
seinem Vater harrte er aber während der Epidemie in Wien aus und
kümmerte sich sogar persönlich um die Zurückschlagung der Seuche.
In den Augen des Volkes wohnte den Habsburger Monarchen eine
„thaumaturgische Kraft“ inne, die sie befähigte Ungemach vom Körper
des Staates abzuwenden, sowie auch wirkliche Krankheiten zu hei667
Noppenberger, Die eucharistische Monstranz des Barockzeitalters, S. 48
E. Guldan: Art. „Dreifaltigkeit (IV.)“. In: RDK, Bd. 3, Sp. 441
669
Pühringer-Zwanowetz, Matthias Steinl, S. 101 f.
670
Ebd.
671
Röhrig, Klosterneuburg, S. 72 – Zur Dreifaltigkeitsverehrung der Habsburger s. Matsche, Kunst
im Dienst der Staatsidee, S. 103 ff.
668
Kieser: Memorialmonstranzen
163
len.672 So wurde die fertiggestellte Monstranz, die, wie gezeigt wurde,
ohnehin eine starke Tendenz zur Apotheose Habsburgs offenbart,
auch zum Monument des ruhmreichen Bezwingers und Heilers der
Pest. Die Dreifaltigkeitsdarstellung auf der Monstranz spielt dabei
ganz deutlich auf die Wiener Votivsäule am Graben an, auf der die
Trinität auf dem Wolkenthron673 zu sehen ist. Gottvater mit der Weltkugel und Christus mit dem Siegeszeichen des Kreuzes, zwischen
beiden erscheint die Taube in der Glorie. Auf der Schleiermonstranz
findet sich dieser Bildgedanke wieder, wenngleich er hier in einer vertikalen Abwandlung auftritt. Der Wolkenthron ist unter der Figur des
Schöpfers noch zu sehen, Christus wird nun durch die Hostie substituiert und das Kreuz verkörpert der Baum selbst. Wie auf der Wiener
Pestsäule könnte die Trinität auch hier für die drei Reiche der Habsburger stehen, um deren Bestand die Figur des hl. Leopold auf der
Monstranz bittet.674 Der Habsburgerstaat wird damit, ganz im Sinne
der augustinischen civitas dei, als trinitarisch vorgestellt.675 Der hl.
Geist im Glorienschein hat den Platz zwischen Gottvater in Christus
behalten. Nicht nur gebildete zeitgenössische Betrachter mußten die
Bezugnahme auf die Wiener Votivsäule erkennen und die dadurch
implizierte Bedeutung verstehen.
Die endzeitliche Stimmung, die in den durch Türkenkriege und Pest
hervorgerufenen Krisenzeiten im 17. Jahrhundert in Österreich geherrscht hatte, wiederholte sich noch einmal zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Der Spanische Erbfolgekrieg und der Nordische Krieg drohten sich zu einem europäischen Großbrand zu verbinden, auch das
erneute Ausbrechen der Pest 1713 schürte das eschatologische Fieber in Österreich.676 Die Betrachtung der geschichtlichen Verläufe
stand im Zeichen der Erwartung des nahenden Weltendes, der Zukunftshorizont eines Großteils der Bevölkerung war gänzlich durch
diesen Endpunkt bestimmt. Der stets erneuerte Aufschub des Weltendes hatte die Wirkkraft jener religiösen Prophetien noch nicht nachhaltig erschüttert.677 Um 1700 war die augustinische Eschatologie von
den vier Weltmonarchien weiter vorherrschend. Bezüglich der Schleiermonstranz ist es deshalb interessant, den Blick auf den bedeutenden Mystiker und Philosophen Joachim von Fiore (1135-1202) zu rich672
Matsche, a.a.O., S. 101-103
H. Brunner: Art. „Dreifaltigkeitssäule“. In: RDK, Bd. 3, Sp. 453 f.
674
Feuchtmüller, Barock in Österreich, Bd. 2, S. 50
675
MacKenzie, The Trinity of Culture, S. 97 ff.
676
Lehmann, Das Zeitalter des Absolutismus, S. 133 f.
677
Kosellek, Vergangene Zukunft, S. 27
673
Kieser: Memorialmonstranzen
164
ten. Er stellt in einer seiner Visionen das archetypische Symbol des
Baumes als Verkörperung der Weltgeschichte dar: Joachim erschien
an Pfingsten der Erkenntsnisbaum aus der Johannesoffenbarung als
Sinnbild der Weltgeschichte. Die vorherrschende Geschichtsauffassung zu Joachims Lebzeiten richtete sich nach der Lehre des hl. Augustinus und war von statischer Natur. Der Kirchenvater lehrte, daß
das in der Offenbarung vorausgesagte tausendjährige Reich Christi
bis zum jüngsten Gericht durch Gesetz und Lehre der Kirche verkörpert werde.678 Die sechs Zeitalter des Augustinus waren analog zu den
sechs Schöpfungstagen, das siebte Weltzeitalter bestand aus einer
tausendjährigen Herrschaft irdischen Glücks. Das achte Weltalter ist
das der ewigen Ruhe, dieser achte Tag gleicht dem ersten. Augustinus hatte also ein zyklisches Geschichtsmodell.679 Joachim setzte dieser Vorstellung ein dynamisches Geschichtsbild entgegen: Durch die
Vision des Baumes kam er zu einer dreistufigen Einteilung nach den
Personen der Dreifaltigkeit. Die drei Zeitalter der Weltgeschichte sah
Joachim im Bild dreier aufeinanderstehender Bäume, deren Wurzeln
sich mit den Baumkronen überschnitten. Der untere Baum entsprang
aus Adam und erblühte in den Ästen der Söhne Jakobs. Der darauf
stehende Baum des Sohnes wurzelt in dem alttestamentarischen König Asarja von Juda und reicht bis in Joachims Gegenwart. Das Zeitalter des hl. Geistes wurzelt gleichfalls im hl. Benedikt von Nursia und
dem Propheten Elisa.680 Das Neuartige an Joachims Vision ist die Überschneidung der drei Zeitalter, denn jeder Sproß des jeweils neuen
Baumes entspringt aus seinem Vorgänger. Seine Nachfolger legten
den Beginn des letzten Zeitalters später auf 1260 fest. Die Idee fand in
den endzeitlichen Bußbewegungen des Mittelalters ihren Niederschlag, als man den Sturz des Papstes und den Beginn des Reich
Gottes auf Erden erwartete.681 Hinsichtlich der Schleiermonstranz sei
der Blick auf das allegorische Geschichtsbild Joachims gerichtet. Bei
allen Schwierigkeiten, die Joachim bei der genauen biblischgenealogischen Abgrenzung der drei Zeitalter hatte, so sieht er die
Bäume der Geschichte ebenso als symbolische Abfolge dreier Eccle678
Nach Augustinus ist das Ende der Weltzeit unbekannt und läßt sich nicht bestimmen. Vom Chiliasmus (Miliarismus) seiner Jugend grenzt er sich später ausdrücklich ab (Vgl. Civ. 20,30). Mit der
Geburt Christi beginnt das sechste Weltalter, auf das das „siebte“ der Ruhe und das „achte“ der
Ewigkeit folgen (Vgl. Civ. 22,30).
679
Sermones CCLIX 2 PL 38, 1197/98 – n. Flasch, Augustin, S. 376 f.
680
R. E. Lerner: Art. „Joachim von Fiore“. In: TRE, Bd. 17, S. 84-88 – J. Ratzinger: Art. „Joachim“.
In: LThK, Bd. 5, Sp. 975 f.
681
Vgl. Cook, The Tree of Life, S. 28-30 – Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen (VIII. Joachim), S. 158-172
Kieser: Memorialmonstranzen
165
siae. Dieses Bild hat etwa die gleiche Bedeutung wie das erste, es
symbolisiert durch biblische Frauenfiguren das mystische Entstehen
und Wachsen der christlichen Kirche.682 Die Schleiermonstranz bietet
im Zusammenhang mit Joachims Sichtweise der Kirchengeschichte
eine mystische Interpretation der Klosterneuburger Stiftung: Die Gründung steht hier zeichenhaft unter dem Schutz des hl. Geistes und Mariens, beide Repräsentanten des dritten Zeitalters. Das Chorherrenstift
wird somit als Verkörperung der in klösterlicher Gemeinschaft lebenden mystischen Ecclesia gedeutet. Die Klosterneuburger Stiftung kann
deshalb zur Wurzel des Baumes des hl. Geistes gerechnet werden,
der Ecclesia bona. Das auf der Schleiermonstranz vorgetragene
Heilsgeschehen erhält durch die Emailplaketten auf dem Fuß zusätzlich eine theologische Fundierung, denn hier ist auf der Vorderseite
der Kirchenvater Augustinus als Ordensgründer abgebildet, auf der
Rückseite des Fußes erscheinen auf einer weiteren Emailplakette die
Wappen des Klosterneuburger Stifts und des Propstes Ernst Perger.
Die betonte Trinitätsdarstellung auf der Monstranz und die Darstellung
Augustins stellt einen unmittelbaren Bezug zu einem der Hauptgedanken seiner Schriften her: Der Dreiheit der göttlichen Personen bei
gleichzeitiger vollkommener Einheit. Seit dem späten 15. Jahrhundert
wurde die Inspiration Augustins durch die Dreifaltigkeit immer wieder
im Rahmen unterschiedlich umfangreicher Bilderzyklen zum Leben
des hl. Augustinus thematisiert.683 Die Emailmalerei zeigt den Heiligen,
der — durch die Vision verzückt und inspiriert — mit der Feder in ein
offenes Buch die Worte „Serm de Temp“ geschrieben hat, die rechte
Seite ist noch leer (Abb. 25). Ein Antwerpener Kupferstich aus dem
Jahre 1624 zeigt eine ganz ähnliche Szene aus dem Leben des hl.
Augustinus (Abb. 61). Der 26teilige Zyklus mit dem Titel Iconographia
magni patris Aurelii Augustini wurde von Schelte a Bolswert entworfen
und gestochen.684 Augustinus wird auf der Plakette allerdings als Bischof und nicht, wie bei Bolswert, als Augustinereremit gezeigt. Die
berühmte Stichfolge fand weite Verbreitung und war den Klosterneuburger Chorherren sicherlich bekannt. Das ikonographische Vorbild
wurde auf der Monstranz eingesetzt, um die Wirkmacht der dargestellten Trinität theologisch zu fundieren und sie gleichzeitig auf die Institution seiner Vermittlung zu beziehen, namentlich auf die nach der von
682
Reeves, The Arbores of Joachim of Fiore, S. 133. Auf den Tfn. XV-XX Baumdarstellungen aus
Ms. Lat. 4861 (Vatikan) und Ms. 255A (Corpus Christi College in Oxford).
683
Jeanne u. Pierre Courcelles: Iconographie de Saint Augustin. 4 Bde. Paris 1965-1980 – E. Sauser: Art. „Augustinus von Hippo“ In: LCI, Bd. 5, S. 286 ff.
684
J. u. P. Courcelles, Iconographie de St. Augustin, Bd. 3, S. 45, v. a. Abb. Tf. XLV
Kieser: Memorialmonstranzen
166
Augustinus gegebenden Ordensregel lebenden Klosterneuburger
Chorherren und ihren Propst Ernst Perger, die durch die Wappen auf
der rückseitigen Emailplakette des Monstranzfußes zeichenhaft anwesend sind. Allerdings offenbart die Darstellung des Kirchenvaters zu
Füßen des legendären Holunderbaumes noch einen bedeutsamen
Hintersinn, denn sie spielt auf die Bekehrung des Augustinus in einem
Garten in Mailand an, das berühmte „Tolle, lege“, eine Szene, die die
Wurzel zur späteren Klostergründung durch Augustinus bildet. Zur Illustration sei hier erneut das betreffende Blatt aus dem Zyklus von
Bolswert herangezogen (Abb. 62). Auf der Schleiermonstranz wird also die Bekehrung des Ordensgründers mit der Schleierlegende in Beziehung gesetzt. Der hl. Leopold und der hl. Augustinus befanden sich
beide unter einem Baum, als sie ein Zeichen Gottes erhielten. Das
Mailänder Ereignis hatte die Gründung des Augustinerordens zur Folge, der Schleierfund führte hingegen zur Gründung des Klosterneuburger Chorherrenstiftes. Mit einigem Scharfsinn setzt die Vision des
heiligen Bischofs auf der Emailplakette die konkrete Klosterneuburger
Ordensgeschichte in den universalgeschichtlichen Bezugsrahmen der
Augustiner insgesamt. Auf diese Weise konnte, im Hinblick auf das
Gründungsjubiläum, auch einiger Glanz des Kirchenvaters auf den hl.
Leopold übergehen.
Das Augustinusmedaillon auf dem Monstranzfuß zeigt den hl. Augustinus jedoch nicht bei der Niederschrift eines seiner Hauptwerke, sondern — durch wenige Buchstaben abgekürzt — einiger Predigten, die
als Sermones de Tempore bekannt sind. Sie wurden erst im Jahre
1683 von den Benediktinern im französichen St. Maur unter diesem
Obertitel zusammengefaßt.685 Es handelt sich hier um Predigten die
der Kirchenvater anläßlich der hohen Kirchenfeste der Fleischwerdung
und Epiphanie des Gottessohnes, wie auch zum Oster- und Pfingstfest verfaßte.686 In diesen Texten wird auf das Erlösungswunder Christi in seiner Ganzheit rekurriert, wie es auch auf der Monstranz zum
Ausdruck kommen sollte.
Das Dogma der Einheit in der Dreiheit steht auf der Monstranz in augustinischem Sinne auch als Symbol der trinitarischen Civitas Dei, die
von der nicht-trinitarischen und heidnischen Civitas Terrena streng
abgegrenzt wird. Aber auch in der Civitas Dei ist laut Augustinus ein
Herrscher nötig, um die menschliche Bosheit einzudämmen, die durch
685
Sancti Aurelii Augustini Hipponensis episcopi opera 5 (Paris 1683) — Der Text entspricht Migne
Bd. 38 (1845), Sermo 184-277
686
Lawler, Thomas Comerford: St. Augustine. Sermons for Christus and Epiphany. Westminter and
London 1963 (2. Auflage), S. 6 ff.
Kieser: Memorialmonstranzen
167
den Sündenfall in die Welt kam.687 Die ausdrückliche Betonung der
Trinität auf der Schleiermonstranz hat aber auch biographische Gründe: So ist diese wohl auf den Wunsch des Propstes Ernst Perger zurückzuführen, denn er war 1694 an der Universität Wien nach einer
Disputation zum Thema „De Deo uno et trino“ zum Bakkalaureus promoviert worden. Die Kirche und insbesondere die klösterlichen Gemeinschaften wurden von Augustinus als Vollendung der Civitas Dei
gesehen. Der kniende Heilige als Sinnbild des Herrschers verkörpert
Frieden und Ordnung im Staat, er hat jedoch nur eine diesseitige Bedeutung für Frieden und Ordnung in der Kirche, bzw. des von ihr angestrebten Gottesreiches.688 Auf der Monstranz bezeugt der Monarch
deutlich seine Unterordnung gegenüber der in der Dreifaltigkeit sichtbar werdenden ewigen Kirche. In der dargestellten Visio des hl. Leopold erblickt dieser das himmlische Jerusalem in „utopischer“ Gestalt,
als trinitarischen Baum der Offenbarung. Im augustinischem Sinne ist
der Heilige ein Pilger auf dem Weg zur Vollendung der Schöpfung im
neuen Jerusalem.689 Die fürstliche Klostergründung wird im Rahmen
der Geschichte zum Bestandteil der Erfüllung des göttlichen Heilsplanes.690 Als Repräsentant der österreichischen Monarchie erhält der hl.
Leopold im Niederknien von Gott „das verborgene Manna“, das immer
wieder mit der Eucharistie in Verbindung gebracht wurde: „Wer den
Sieg erlangt, dem gebe ich das Recht, vom Baum des Lebens zu essen, der im Garten Gottes wächst.“ (Offb 2,7) Nach Daniélou besitzt
das Manna in der Liturgie durchaus eine eschatologische Sinngebung:
„Das Manna ist wie der Baum des Lebens Sinnbild der Teilhabe an
den göttlichen Heilsgütern der kommenden Weltzeit.“691 Auf der
Monstranz empfängt der hl. Leopold in übertragenem Sinne das göttliche Manna vom paradiesischen Baum, wodurch die österreichische
Monarchie für ewige Zeit garantiert wird.
Die Marienerscheinungen
Es ist äuffällig, daß beide Legendendarstellungen der Memorialmonstranzen Marienerscheinungen beinhalten. Auf der LepantoMonstranz wird der Kampf der Kirche gegen die Häresie im Bild des
687
Schindler: Art. „Augustin, Augustinismus I“ In: TRE, S. 682
Ebd.
689
Schrama, Augustinus, S. 40
690
Leff: Art. „Augustin, Augustinismus II“ In: TRE, S. 716
691
Daniélou, Liturgie und Bibel, S. 154
688
Kieser: Memorialmonstranzen
168
Apokalyptischen Weibes durch den zertretenen Drachen symbolisiert
(Offb. 12,1). Aus dieser Immaculatafigur ging die Maria vom Siege
hervor, sie ist nach Hugo Rahner das Idealbild der von den Jesuiten
gegründeten Marianischen Kongregation: „Unsere Liebe Frau, die der
Schlange den Kopf zertrat, die unter dem Kreuz stand und die der Inbegriff der Kirche ist.“692 Die Rolle der Maria vom Siege als Triumphmotiv wurde bereits im Rahmen der substitutiv verfahrende Verweischarakters der Memorialmonstranzen bereits ausführlich gewürdigt
(Kap. E. 4.). Im Bildgefüge nimmt die Figur der Muttergottes gestisch,
aber auch durch die nicht dargestellten Attribute einer herkömmlichen
Darstellund der Maria vom Siege, eine wichtige vermittelnde Funktion
als bildliche Klammer zwischen der Fürbitte des heiligen Papstes Pius
V. und dem Allheiligsten ein.
Die auf einer Wolke links unterhalb des Sanctissimums der Schleiermonstranz erscheinende Muttergottes blickt zu Leopold hinab und
verweist diesen mit der linken Hand auf das Allerheiligste (Abb. 30).
Diese Geste ist gleichzeitig Segensspendung an den knienden Heiligen. Die Muttergottes wird hier, wie schon auf der Ingolstädter Monstranz, ohne das Christuskind gezeigt, da der Gottessohn in der Brotgestalt bereits anwesend ist. Auf diese Weise übernimmt diese Figur auf
der Schleiermonstranz gleichfalls die zentrale Funktion der mediatrix.
Die Marienerscheinung stellt als Bildargument auf der Monstranz erst
die theologische Verknüpfung mit der Schleierlegende her. Ohne die
Muttergottes wäre die Darstellung der Gründungslegende auf der
Monstranz kaum möglich gewesen. Denn, wie bereits erwähnt, glaubte man damals, der siebenarmige Leuchter in Klosterneuburg enthalte
das legendäre Holunderholz. Für die Gläubigen wurde der Baum
durch sein Holz zur arbor bona, dem Bild der Muttergottes. Der Holunderbaum steht deshalb für die Muttergottes selbst, er ist, wie auf der
Monstranz zu sehen, prächtig erblüht. Im Sanctissimum erscheint
während des liturgischen Gebrauches die gewandelte Hostie als
Frucht des Baumes, die Gottvater aus der irdischen Maria hervorkommen ließ.693 Die Muttergottes ist hier virgo und virga zugleich und
bildet als matrix den Mutterstamm, aus dem Christus als Frucht hervorgeht. Die Vorstellung von Maria als Holunderbaum, „aus dem Je692
Zit. Rahner, Bedeutung der Marianischen Kongregation, S. 248 – Darstellungen von Tugenden
zertreten in der christlichen Kunst häufig das ihnen entgegengesetzte Laster mit den Füßen, eine
häufig geübte Bildpraxis. Vgl. Jungmann, Symbolik der katholischen Kirche, S . 41
693
Diese Idee veranschaulicht ein Fresko in der Klosterkirche in Indersdorf bei Passau. Der Baum
wächst hier durch Maria hindurch, er wurzelt in ihren Eltern. Aus ihrer rechten Schulter wächst
ein Kreuzesstamm hervor, an dem Christus zu sehen ist. Vgl. Lurker, Der Baum in Glauben und
Kunst, S. 153
Kieser: Memorialmonstranzen
169
sus als Frucht oder Schößling – 'es ist ein Reis entsprossen' – hervorkommt, ist zutiefst in der vegetativen Symbolik des Weiblichen verankert.“694 Der immergrüne Baum war ein Symbol der jungfräulichen Geburt und ein Symbol Habsburgs. Augustinus berichtet in „De civitate
Dei“ von solchen Bäumen, die auf der Insel Tylon in Indien wachsen.695 Albertus Magnus berichtet über Eichen, auf denen Trauben
gedeihen und von Bäumen, die Vögel hervorbringen.696 Die im Baum
des Lebens erscheinende Muttergottes ist hier der Antityp Evas, denn
durch die jungfräuliche Geburt des Erlösers sühnte sie die Verfehlung
der Urmutter der Menschheit. So steht Maria hier für die Überwindung
der menschlichen Konkupiszenz, der triebhaften Begehrlichkeit. In der
Augustinischen Begründung des Sündenfalldogmas gab es im Paradies zwar Fortplanzung, sie war jedoch nicht von triebhafter Natur,
sondern dem Willen untergeordnet.697 Im Sinne des Augustinus läßt
sich der Schleierverlust der Markgräfin Agnes als Sündenfall verstehen, der durch den von der hl. Jungfrau wiedergegebrachten Schleier
vergeben wird. Die achtzehnköpfige Kinderschar des Ehepaares wird
durch diese Denkungsart als ohne Sünde empfangen verstanden, da
sie in Abwesenheit von Leidenschaft gezeugt wurden. Der Holunderbaum auf der Schleiermonstranz war den Zeitgenossen somit Tugendsymbol einer von Sünde freien Fruchtbarkeit, die, bezogen auf
den Monarchen, der Wohlfahrt des Staates und der Dynastie diente.
Edelsteinschmuck
Lepanto-Monstranz
Der sinnbildlich am Mastbaum gekreuzigte Christus befindet sich beim
Gebrauch der Monstranz als Hostie in der mit Perlen und Edelsteinen
besetzten Lunula (Abb. 6), die ursprünglich von zwei Bergkristallscheiben eingeschlossen wurde.698 Nicht etwa Glas fand hier Verwen694
Zit. Lurker, a.a.O., S. 154
Si tile in virore semper manere valet, cur deum pudoris flore virgo non generaret? (Buch 21,
Kap. 7 – Migne, P. L. 41, Sp. 715) – n. W. Föhl: Art. „Baum“. In: RDK, Bd. 2, Sp. 71
696
Vitis si de illice iberna ortum habet, cur vitem veram virgo non generaret? (De vegetabilibus et
plantis, Buch 5, Tract. I, Kap. 7) – Carbas si de arbore yberna nasci claret, cur spiritus sancti opere virgo non generaret? (De animalibus et de naturis rerum, Buch 5) – n. W. Föhl: Art. „Baum“. In:
RDK, Bd. 2, Sp. 71
697
Vgl. Gross, Erbsündedogma, Bd. 1, S. 259-376 – Gross: Art. „Erbsünde“. In: LThK, Bd. 3, Sp.
965-972 – n. Warncke, Sprechende Bilder, S. 310 f.
698
Die vordere Bergkristallscheibe wurde durch Glas ersetzt.
695
Kieser: Memorialmonstranzen
170
dung, sondern der Dignität halber das wertvollere Mineral, das „kein
Schmutz der Sünde“699 trübt. Die völlige Durchsichtigkeit entspricht der
vollkommenen Erkenntnis Gottes. Weiter kann der Kristall die Taufgnade ebenso wie auch die Menschwerdung Christi versinnbildlichen.700 In frühmittelalterlichen Etymologien nach Art des Physiologus
und des Isidor von Sevilla wird der Symbolwert oft aus dem Namen
selbst erklärt. So wird der Kristall hier u.a. zum „Christus-Stein“.701 In
der Emblematik der Barockzeit wurde die Proprietät der Durchsichtigkeit gerne im Bild aufgegriffen. Gleich ob es sich um Glas oder Kristall
handelte, der das Material unversehrt durchdringende Lichtstrahl
stand stets für die unbefleckte Empfängnis, die castimonia der Gottesmutter.702 Das Sanctissimum wird somit als unberührter Leib charakterisiert. Bei Jakob Böhme (1575-1624) findet sich diese Vorstellung wieder:
„Maria ist Kristall, ihr Sohn ist himmlisch Licht,
Drum dringt er ganz durch sie und öffnet sie doch nicht.“703
Die hl. Juliana von Cornillon, die zusammen mit der hl. Eva von Lüttich
Stifterin das Fronleichnamsfest, sah in einer Vision die Kirche unter
dem Bild des Mondes. Durch die mangelnde Eucharistieverehrung war
der Mond verdunkelt. Erst unter dem Eindruck des Fronleichnamsfestes erhellte sich der Mond (die Kirche) wieder durch das Sonnenlicht
Christi. Diese Vorstellung hatte, wie Walter Schulten darlegt, formprägenden Charakter und wurde keineswegs nachträglich an die Lunula
herangetragen.704 Im Scheitel der Lunula thront ein Rubellit, ein durchsichtiger Turmalin. Rote Steine dieser Art wurden, wie schon erwähnt,
in der mittelalterlichen Literatur gerne als Karfunkel bezeichnet. In der
Bibel ist der Karfunkel der vierte der zwölf Steine auf dem Brustschild
des Hohepriesters (Ex 28, 17-22), die die Geburtsfolge der Söhne Jakobs versinnbildlichen (Ex 39, 10-15). Dort steht der Karfunkel für den
Stamm Juda. Nach Jakobs Segen sollte an Juda das Königtum des
jüdischen Volkes gehen. Der rote Stein weist aufgrund seiner
Farbproprietät hin auf die Passion des christus rex.705 Der in Gold ge699
Meier, Gemma Spiritalis, S. 237 – Auf die Angabe der Quellen sei hier verzichtet, es werden nur für
die Monstranz relevante Ergebnisse referiert.
700
Hahn u. Kaute: Artikel „Edelsteine“ In: LCI, Bd. 1, Sp. 579
701
Jüttner: Edelsteine. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 3, Sp. 1562
702
Im Kloster von Ottobeuren findet sich ein Emblem mit der Inschrift PERVADIT NON LAEDIT ITER;
Vgl. Kemp, Angewandte Emblematik, S. 71 (hier weitere Beispiele).
703
Zit. Böhme, Die Wundergeburt, III 242; n. Büse, Das Marienbild in der deutschen Barockdichtung,
S. 85
704
Schulten, Kelch und Monstranz, S. 32
705
Meier, a.a.O., S. 104 f.
Kieser: Memorialmonstranzen
171
faßte Karfunkel bedeutet caritas, das Metall die sapientia.706 Insgesamt genießt der Karfunkel den Vorrang vor allen anderen Edelsteinen, er verkörpert die Liebe als Tugend schlechthin und vereinigt die
Kräfte aller anderen Steine in sich. Auf der Lunula ist der rote Stein
wegen seines Platzes und seiner Größe der auffälligste.
Der Saphir rangiert in der Wertschätzung gleich nach dem Karfunkel.
Auf dem Halbmond wird der Karfunkel zu beiden Seiten von je zwei
eingefaßten Saphiren gerahmt.707 Ihr helles Blau steht für die irdische
Hoffnung auf den Himmel.708 Nach einer alten Tradition ist der Saphir
auch der Priesterstein; das Siegel Salomons war ein Sternensaphir
und Bischöfe trugen einen Saphirring, der als Vertreiber des Bösen
und Bewahrer der Tugenden dienen sollte.709 Als zweiter der zwölf
Steine der Himmelsstadt ist der Saphir Zeichen für den zweiten Artikel
des Credo, d.h. für den Gottessohn. Dieser ist der König der Könige
und damit der summus pontifex. An dieser Würde haben die Priester
der neuen Kirche Anteil, sie tragen den Ring mit einem Saphi statt mit
dem Hyazinth des Alten Bundes.710 Zudem weist die Zwei des Saphirs
auf das doppelte Gebot der Liebe hin.711 Zusammen können die vier
den roten Turmalin flankierenden Saphire für die vier Evangelien stehen, die sich auf die Lehre Christi berufen. Auch kann hier an die Kirchenväter gedacht werden, deren Schriften ein wichtiger Bestandteil
des katholischen Lehrgebäudes sind.
Nach den Saphiren folgt auf der Lunula je eine gefaßte schwarze japanische Perle. Hier wird an das Perlengleichnis aus Matthäus (Mt
13,45 f) erinnert712: „Abermals ist gleich das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle fand,
ging der hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte sie.“ Die Perle ist hier Sinnbild für ein durch Glauben und Kirche bestimmtes Leben.713
Sie wird zum Zeichen der unter Askese lebenden Gläubigen, sie steht
für die vollkommene continentia und virginitas Mariä und Christi.714
Von der Perle nahm man an, sie werde aus Himmelstau und Licht gezeugt und wachse in der Muschel heran. Wegen dieses immateriellen
706
A.a.O., S. 462
A.a.O., S .474 f.
708
A.a.O., S. 159
709
Hahn u. Kaute, a.a.O., Sp. 579
710
Meier, a.a.O., S. 361
711
A.a.O., S. 501
712
A.a.O., S .94 f.
713
A.a.O., S. 475
714
A.a.O., S. 473 – Lipinsky: Artikel „Perle“ In: LCI, Bd. 3, Sp. 393
707
Kieser: Memorialmonstranzen
172
Zeugungsaktes galt die Perle als Tugendsymbol Christi und des Himmelreiches, sie war Symbol der jungfräulichen Mutterschaft und wurde
in der Emblematik häufig dargestellt.715
An den äußeren Enden der Lunula sitzt je ein gefaßter Smaragd. Er
steht auf dem Brustschild des Hohepriesters für den Stamm Levi und
ist Zeichen für das Priestertum der Leviten.716 Im Gegensatz zur
himmlischen Lichtfarbe des Karfunkels steht der Smaragd (Prasinus)
für die Inkarnation des Wortes.717 Das Grün dieses Steines weist auf
die Unvergänglichkeit des Lebens, das Unverwelkbare: Glaube, Hoffnung, Christus, die Kontemplation, das ewige Leben.718 Auf dem
Brustschild des Hohepriesers Aaron steht der Stein für die Vier, und
damit auch für die Evangelien.719 Wenn die Smaragde ebenfalls auf
die Evangelien verweisen, dann ist es möglich, daß die vier Saphire
ein Zeichen für die Kardinaltugenden sind; die Bedeutung dieses Steines als Priesterstein bestätigt diese Annahme.
Im Mittelalter waren Smaragd und Saphir die wichtigsten der allegorischen Edelsteine, sie wurden gerne als „Thronsteine“ verwendet. In
diesem Zusammenhang galten sie als Symbole göttlicher und weltlicher Macht.720 Die Steine der Lunula sind von einem aus Silber geschnittenen und getriebenden Lorbeerkranz unterlegt, der auf der goldenen Lunula angebracht ist. Dieser reichverzierte Kranz kann als
Ruhmeslorbeer und Krone Mariens gelten. Alle sieben Edelsteine der
Lunula sind von sechseckigem Schliff. Dieser Form kam schon früh
eine besondere Wertschätzung zu. Bei den sechs Kanten eines Kristalls sah Berengaudus sich an die sechs Werke der Barmherzigkeit
erinnert (Mt 25,35 ff.). Auch die Vollendung der Welt in sechs Tagen
sah man in dieser Form verkörpert.721 An den Blattspitzen der Unterseite des silbernen Lorbeerkranzes sind sechs winzige Ringe angelötet. Es ist wahrscheinlich, daß es sich hier um mögliche Ösen für anzuhängende Schmuckstücke handelte. Zwei Risse von Monstranzen
Hans Jakob Läublins zeigen sechs an der Lunula befestigte, tropfenförmig gefaßte Perlen.722 Als Deutung bietet sich also ebenfalls der
Verweis auf die sechs Werke der Barmherzigkeit oder auf die Schöp715
Forstner, Welt der Symbole, S. 304–307; n. Warncke, Sprechende Bilder, S. 303; Vgl. Kemp, Angewandte Emblematik, S. 59 und S. 61
716
Meier, a.a.O., S. 114
717
A.a.O., S. 118
718
A.a.O., S. 153
719
A.a.O., S. 499
720
Elbern: Artikel „Edelsteine“. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 3, Sp. 1565
721
Meier, a.a.O., S. 275 ff.
722
Kat. Bruchsal 1981, Nr. C 13 u. C 14, mit Abbildungen.
Kieser: Memorialmonstranzen
173
fungstage an. Auch an eine eschatologische Auslegung dieser Ringe
ist zu denken, sprach doch das Mittelalter analog zu den Schöpfungstagen auch von sechs Weltaltern, von denen das letzte von Christus
bis zum Weltende dauern sollte.723 In diesem Zusammenhang sind die
Ringe ein Hinweis auf das stets drohende Weltende, das nur durch die
pietas der Gläubigen abgewendet werden konnte. Sieht man die Ringe jedoch in ekklesiologischen Zusammenhang, so könnten sich diese
auch auf die Hierarchie der katholischen Kirche beziehen. Nach alttestamentarischem Vorbild (Esdr. 7) ist es während der heiligen Messe
nur sechs Würdenträgern erlaubt, Verrichtungen vorzunehmen: dem
Bischof (Hohepriester), dem Priester (Priester), dem Diakon (Levite),
Subdiakon (Nathinaeus), Akolythe (Ianitor) und den Cantores (Psaltes).724
Insgesamt stellen die Steine der Lunula eine Allegorie auf das Priestertum der katholischen Kirche und seiner Tugenden dar. Durch die
symbolische Interaktion der Einzelsteine und Perlen ergibt sich eine
Argumentation, die die Legitimität der klerikalen Hierarchie aus der
Autorität der hl. Schrift und der Väterliteratur unterstreichen will. Die
Steine, die die Realpräsenz Christi stützen, erhalten im Sanctissimum
eine hervorgehobene Bedeutung. Die kirchliche Hierarchie „besetzt“
gleichsam die Krone Mariens, die durch die Lunula verkörpert wird und
verdeutlicht auf diese Weise den profanen und sakralen Anspruch der
Kirche zugleich. Maria als Trägerin der Hostie ist identisch mit der Kirche selbst.
Schleiermonstranz
Anläßlich der im Jahre 1883 vorgenommenen Restauration der
Schleiermonstranz wurden die vorhandenen Edelsteine und Perlen
gezählt.725 Ihr Gesamtwert wurde damals mit einem Betrag von 19.122
723
Lurker, Wörterbuch der biblischen Bilder und Symbole, S. 284 ff.
Innoc. III, De sancto alt. myst. 1,1 (Migne CCXVII, 775 A) – n. Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes, S. 74
725
523 Rubine (150 Karat), 15 große, 1380 kleine Perlen, 6 Amethyste, 32 Almandine, 19 Saphire
(110 Karat), 168 Smaragde (83 Karat), 599 Diamanten (66 Karat), 1 Türkis und 1 Saphirkugel. An
der 1766-1772 unter Probst Johann von Rolemann erneuerten Lunula: 7 Smaragde (24 Karat),
45 Brillanten (21 Karat) und gravierter Stein. Vgl. Pauker, Der Bildhauer und Ingenieur Matthias
Steinl, S. 324 – Gegenüber dem Verzeichnis von 1712-1715 gingen bis zu dieser Zählung einige
Steine verloren: Diamanten (18), Smaragde (10), Saphire (6). Nicht bestimmbar ist der Verlust bei
Rubinen, Perlen und Granaten, denn deren Anzahl erhöhte sich durch Spenden des Propstes
Ernst Perger. Im Verzeichnis werden die Amethyste und der Türkis nicht genannt. Durch die er724
Kieser: Memorialmonstranzen
174
Gulden beziffert. Der Edelstein- und Perlenschmuck der Schleiermonstranz wird jedoch bereits durch ein im Klosterneuburger Stiftsarchiv aufbewahrtes Verzeichnis gut dokumentiert, das aus der Herstellungszeit des Gegenstandes stammt (1712-1715). Die im Anhang dieser Arbeit abgedruckte Aufstellung nennt Diamanten, Smaragde, Rubine, Granate, Saphire und Perlen. Ebenfalls enthalten sind Angaben
über deren Stückzahl, Gewicht und Kaufpreis. Auch der Empfang der
ovalen Kristallscheibe des Sanctissimums, die stattliche 30 Gulden
kostete, findet sich hier quittiert. Schließlich ist zu erfahren, daß der
auftraggebende Propst aus seinem Privatbesitz einen reichbesetzten
Diamantring und zahlreiche Rubine, Granate und Perlen beisteuerte.
Es ist bemerkenswert, daß der Propst Ernst Perger auch die damals
kostbarsten Steine auf der Monstranz bezahlte, die Saphire. Das Verzeichnis macht sogar einzelne Angaben über den genauen Ort auf der
Monstranz, an der die Steine später angebracht werden sollten, was
vor allem für die Saphire gilt. Es kann insgesamt angenommen werden, daß der verlorengegangene Riß von Matthias Steinl detailliert Art
und Ort der zu befestigenden Edelsteine oder Perlen bestimmte, nach
denen sich das Verzeichnis richtet.726 Heinrich Klapsia spach bereits
von einer planvollen „Verteilung der von magischen Kräften beseelten
Edelsteine“727 auf der Monstranz, die von ihm jedoch nicht verfolgt
wurde.
Unter den Werken des hl. Augustinus findet sich bei Migne ein Apokalypsekommentar, der auf das 12. Jahrhundert datiert wird. Jener
Pseudo-Augustinus beschäftigt sich hier mit den 12 Edelsteinen des
himmlischen Jerusalem.728 Dieser Text, in der Barockzeit noch Augustinus selbst zuerkannt, beschäftigt sich ausschließlich mit Farbe und
Symbolik der biblischen Steine.729 Insgesamt kann man von einer
weitgehenden Vertrautheit der Klosterneuburger Chorherren mit der
Edelsteinallegorese ausgehen. Der Saphir als Bekrönung der Monstranz läßt den aufmerksamen Betrachter an einen „Plan“ bei der Verteilung der von magischen Kräften beseelten Edelsteine denken, ähnlich
wie an dem Herzogshut, wo ebenfalls — wie auf der Kaiserkrone Runeuerte Lunula können die Zahlen des Verzeichnisses nur noch als Richtwerte angesehen werden.
726
Vgl. die „Pretiosenmonstranz“ von Ferdinand Sigismund Amende in Salzburg (1697). Ein Kupferstich im Maßstab 1:1 machte die genaue Anzahl und Art der Edelsteine deutlich. – Wagner, Liturgische Geräte und geistliche Insignien, S. 151 f.
727
Zit. Klapsia, Katatalog der Kunstsammlungen im Stifte Klosterneuburg (V. Goldschmiedearbeiten, S. 32 ff.
728
Tractatus de duodecim lapidibus. In: PL 40, S. 1229-1230
729
Friess, Edelsteine im Mittelalter, S. 15 – Zum Edelsteinschmuck der himmlischen Stadt s. a.
Büchsel, Ecclesiae symbolorum cursus completus, S. 84-86
Kieser: Memorialmonstranzen
175
dolfs II. — der Saphir als Sinnbild der Weltenherrschaft zuhöchst ragt.
Beda Venerabilis erinnert an Ezechiel, der den Thron Gottes mit dem
Aussehen des Saphirs vergleicht.730 Die Lunula ist durch den Klosterneuburger Propst Johann von Rolemann (1766-1772) ersetzt worden.731 Aus zeitgenössischen Edelsteinverzeichnissen geht hervor,
daß die ursprüngliche Lunula von Rubinen besetzt war. Da der rote
Edelstein im zeitgenössischen Denken ein Sinnbild für die Passion
Christi war, wurden die Lunulae der Barockmonstranzen sehr häufig
mit Rubinen ausgestattet.732
Aus der Gesamtheit des Edelsteinbesatzes treten auf der Monstranz
die Saphire wegen ihrer Größe und ihrem Anbringungsort besonders
hervor. Bei dem unterhalb der Augustinusplakette sitzenden gefaßten
Saphir beginnend, bis hin zu seinem Gegenstück, das die Herrscherkugel Gottvaters bildet, liegen alle verwendeten Saphire auf der Vertikalachse der Monstranz. Auf dem Nodus tritt ein achteckig facettierter
Stein hervor, das Sanctissimum wird am oberen und unteren Scheitelpunkt ebenfalls von je einem Saphir geziert, beide als Cabochons geschliffen. Der hochovale Kristall des Sanctissimums betont zusätzlich
diese vertikale Achse.733 Insgesamt bilden die blauen Edelsteine eine
gedachte Linie, die von Augustinus zum Nodus führt, an dem die
Monstranz vom Priester gehalten wird. Von dort aus führt sie weiter
über das von Saphiren gerahmte Sanctissimum und den hl. Geist zu
Gottvater empor, wo die Achse am kugelförmig geschliffenen Saphir
des Reichsapfels ihr Ende findet. Der Saphir steht in der Symbolik der
Edelsteine allgemein für das Blau des Himmels, das ewige Leben und
die Göttlichkeit Christi.734 Die Achse markiert somit programmatisch
das religiöse Selbstverständnis der Klosterneuburger Ordensgeistlichen: Durch die Lehre und Regel des hl. Augustinus (als Emailbild auf
dem Fuß) führt durch die Vermittlung der in lebendiger Gegenwart wirkenden Chorherren der Weg zur hl. Dreifaltigkeit. Außerdem wurde
der Saphir als apotropäisches Mittel gegen die Kraft schädlicher Gefühle und böser Leidenschaften angesehen. Wie auch der Smaragd
sollte dieser gegen geschlechtliches Verlangen wirksam sein.735
730
Friess, a.a.O., S. 152 f.
Klapsia, Katalog der Kunstsammlungen im Stifte Klosterneuburg (V. Goldschmiedearbeiten), S.
32
732
Meier, Gemma Spiritalis, S. 150 – Wagner, Liturgische Geräte und geistliche Insignien, S. 151
733
Wie schon bei der Lepanto-Monstranz steht der Kristall auch hier für Christus selbst, er steht für
die Reinheit des Glaubens, den kein „Schmutz der Sünde“ trübt. Vgl. Meier, a.a.O., S. 237
734
Meier, S. 52
735
A.a.O., S. 429 ff.
731
Kieser: Memorialmonstranzen
176
Die Emailplakette mit dem hl. Augustinus ist von sechs gefaßten Smaragden umgeben. Als vierter Stein auf dem Brustschild des Hohepriesters steht der grüne Edelstein für den Stamm der Leviten und
damit als „gemma fidei“ für das Priestertum insgesamt.736 Die Keuschheit des mönchischen Lebens wird hier insofern thematisiert, da Augustinus auf dem Fuß der Monstranz in übertragenem Sinne in seiner
Meditation unter dem Feigenbaum dargestellt wird, die zu seiner Bekehrung führte. Der paulinische Aufruf zur Keuschheit (Röm. 13, 1314), den Augustinus dabei las, fordert tatsächlich zum rechten Maß in
Sexualität und Ernährung auf. Auch hier führt eine gedachte Linie zum
Nodus weiter, wo unter dem großen Saphir ein achteckig geschliffener
Smaragd eingefaßt ist. Dann endet die Linie jedoch bei den zwei großen und vier kleineren Smaragden, die das Sanctissimum umgeben.
Auf der später angefertigten Lunula sitzen fünf weitere Smaragde. Die
ursprüngliche Lunula wurde dem Verzeichnis nach von Rubinen geziert, die durch ihre Farbe auf die Passion Christi verwiesen. Der Edelsteinbesatz der Fußrückseite entspricht in achsensymmetrischer
Weise dem der Vorderseite, das Emailmedaillon mit dem Doppelwappen des Stiftes und des Propstes wird hier ebenfalls von Smaragden
umfangen (Abb. 26 u. 28). Hierdurch reklamierte der Stifter Perger die
geistliche Nachfolgerschaft Augustins, die noch durch den herzförmigen Stein auf der Rückseite des knotigen Baumnodus’ betont wird,
denn das Herz wurde besonders in gegenreformatorischer Zeit als Attribut des heiligen Kirchenvaters verstanden. Wenn der Propst Perger
die Monstranz während der Prozession trug, berührte er das Herz Augustins und wurde so zu seinem mystischen Diener. Dieser Umstand
muß als Ausdruck der persönlichen Frömmigkeit des Propstes verstanden werden, da die Gläubigen der von der Schauseite abgewandte Stein verborgen blieb.
Die Herzogskrone auf dem Fuß der Monstranz wird aus vier rundgeschliffenen Einzelgranaten gebildet, die so eingesetzt sind, daß sich
eine Kugelform ergibt. Am Rand des Fußes sind weitere Granate angebracht, auffällig ist ein großer Cabochon neben den emporspringenden Hunden. Auf dem Fuß dominiert insgesamt die Farbe Rot, ein
Eindruck, der durch die facettierten Rubine unterstützt wird. Der Granat, damals im Volksmund Karfunkel genannt, stand auf dem Brustschild des Hohepriesters für den Stamm Juda und damit auch für das
Königtum.737 Die auf der Monstranz nur hier verwendeten Granate
736
Meier, S. 114 – Friess, S. 175
Meier, S. 499
737
Kieser: Memorialmonstranzen
177
weisen deshalb auf das von Gott verliehene Königtum hin. Der Körper
des hl. Geistes, der von einer Barockperle gebildet wird, befindet sich
vor einem querovalen roten Granat (Almandin), der die farblicheVerbindung zum Fuß der Monstranz herstellt.
Die Rubine fanden auf dem Fuß, der Umrahmung des Sanctissimums
und auf der heute verlorenen Lunula Verwendung. Am herausragender Stelle finden sie sich auf der Strahlengloriole des hl. Geistes, wofür im Verzeichnis 36 Dutzend aufgeführt sind. Die Steine fungieren
hier als Zeichen der göttlichen Inspiration des hl. Leopold durch die
Taube des hl. Geistes, ein in der Ikonographie der Heiligen häufig zu
beobachtendes Phänomen738, das hier vor allem in der Verknüpfung
zur bereits thematisierten Inspiration des hl. Augustinus zu sehen ist.
Die blühenden Dolden des Holunderstrauches werden durch annähernd 1500 kleine Perlen dargestellt. Auch auf den drei beweglich
aufgehängten Broschen zu beiden Seiten des Allerheiligsten und vor
dem Gabelung des Baumes sind jeweils vier größere Perlen kreuzförmig angeordnet. Die Perlen verweisen auf die jungfräuliche Geburt
Christi, denn der Legende nach entstanden sie aus dem Tau allein.739
Im Perlengleichnis des Origines ist von einem reichen Kaufmann die
Rede, der sein ganzes Vermögen verkauft, um in den Besitz einer besonders schönen Perle zu gelangen.740 Im Fall der Schleiermonstranz
ist auffällig, daß sich die großen Perlen der drei Broschen auf eine
Gesamtzahl von 12 summieren. Seit Andreas von Caesarea standen
die 12 Perlen für die Apostel, die einzelne Perle jedoch für Jesus
Christus.741 Die auffälligste aller verwendeten Perlen bildet den Körper
der Heiliggeisttaube. Sie kann als bildliche Darstellung der erwähnten
Trinitätsdogmatik gelten, die die Einheit in der Dreiheit festlegt, denn
Christus ist hier im hl. Geist vorhanden. Im hochovalen Kristall ist wiederum Gottvater selbst enthalten, der als praemium supernae remunerationis die Gegenwart Gottes bezeugt.742 Die als Perlen anwesenden
Apostel legen aber im Zusammenhang mit der dominanten Gloriole
der Taube noch einen weiteren Bildgedanken nahe: die Ausgießung
des hl. Geistes am Pfingstfest. Dieser Bildtypus tritt in der christlichen
Ikonographie auch als „Trinitäts-Pfingstbild“ auf.743 Die Monstranz erinnerte damit an das Fronleichnamsfest, welches als Gründungstag
der Kirche galt. Insgesamt wird hier also auf die drei für das Kloster738
G. Jászai: Art. „Inspiration“. In: LCI, Bd. 2, Sp. 344 ff.
Meier, S. 323
740
A.a.O., S. 95
741
Friess, S. 144 f.
742
Büchsel, Ecclesiae symbolorum cursus completus, S. 84
743
St. Seeliger und Redaktion (LCI): Art. „Pfingsten“. In: LCI, Bd. 3, Sp. 422 f.
739
Kieser: Memorialmonstranzen
178
neuburger Stift so wichtigen Gründungen hingewiesen: die Kirchengründung durch die Ausgießung des hl. Geistes, die Ordensgründung
durch den hl. Augustinus und die Gründung Klosterneuburgs durch
den hl. Leopold selbst.
Aus der Spätantike wurde ein kaiserliches Reservatrecht auf die Verwendung bestimmter Edelsteine überliefert, das vor allem die fränkischen Herrscher pflegten. Seit Karl dem Großen finden sich diese reservaten Edelsteine auf kaiserlichen Auftragsarbeiten der Goldschmiedekunst. Es handelt sich hierbei um die Farb- bzw. Steinkombination blau–grün–weiß–rot (Saphir, Smaragd, Perle und Rubin).
Auch die Wiener Reichskrone steht mit ihrem Steinbesatz noch in enger Beziehung zum spätantik-frühbyzantinischen Kaisergesetz, obwohl sich hier nur sehr kleine Rubine finden.744 Die „Eiserne Krone“,
die Stephanskrone und der Reichsapfel tragen ebenfalls diese Steine.
Schon seit Konstantin kommt es zu einer Übertragung der „kaiserlichen Steine“ auf Christus. Da der Herrscher im Sinne Christi lebte und
regierte, kamen seine Reservate und Insignien auch Christus zu.745 So
versah man christliche Symbole wie Kelche, Kreuze und Evangeliendeckel mit den kaiserlichen Steinen, womit auf das Königtum Christi
hingewiesen wurde.746 Auf der Monstranz finden sich genau diese kaiserlich-christlichen Edelsteine eingesetzt, eine Tatsache, die die bereits herausgearbeitete religiös-politische Bedeutung des Gegenstandes unterstreichen kann. Die Glorie des hl. Geistes mit ihren rubinroten Strahlen und der perlenweißen Taubenfigur erinnert darüber hinaus an die österreichischen Landesfarben. In Bucellinis Leopoldspredigt von 1698 wird die Farballegorese des rotweißroten Bindenschildes sorgfältig ausgeführt: Blut und Wasser aus der Seitenwunde
Christi (Joh 19,34), die durch die Lanze des Longinus verursacht wurde, dienten als Beweis der besonderen Beziehung zwischen Christus
und Österreich. In seiner Auslegung der Schriftstelle Hl 5,10 (Dilectus
meus candidus et rubicundus), die traditionell auf die Unschuld und
Blutzeugenschaft der Märtyrer bezogen wird, geht der Prediger ausdrücklich auf die spezifisch österreichischen Herrschertugenden ein.
Bucellini verwendet sogar die Devise Leopolds I. (Consilio et In744
Hermann Fillitz: Die Edelsteinordnung auf der Reichskrone und ihre Beziehung zur Spätantike.
In: Österreichische Zeitschrift für Kunst- und Denkmalpflege, 10 (1952), S. 38-45 – n. Friess, S.
68
745
Andreas Alföldi: Insignien und Tracht der römischen Kaiser. In: Mitteilungen des archäologischen
Instituts, Römische Abteilung, 50 (1935), S. 13-172, S. 156 – Otto Treitinger: Die oströmische
Kaiser- und Reichsidee nach ihrer Gestaltung im höfischen Zeremoniell. Diss. Jena 1938, S. 28 –
n. Friess, S. 64
746
Friess, S. 65
Kieser: Memorialmonstranzen
179
dustria): „weiß Consilio in hochvernünfftigen Rath/ roth Industria in unermüdenten Fleiß und Geschicklichkeit“.747 Der Kaiser sei durch „Göttliche Weißheit“ (Bucellini) mit seinem Amt betraut worden.
Die sehr zahlreichen Diamanten wurden, wie beschrieben, auf der
ganzen Monstranz verarbeitet. In der Literatur wird dieser Edelstein
nur selten erwähnt, denn er fand in der Bibel keine Erwähnung. Der
Diamant steht hier, aufgrund seiner ungewöhnlichen Härte für die
christliche Tugend der fortitudo, die Unbezwingbarkeit des Christenmenschen durch irdische Kräfte.748 An allen Rollwerkfassungen, Beschlägen und Broschen wurden auf der Monstranz knapp 600 Diamanten gefaßt. In Filippo Picinellis „Mondo Simbolico“ wird dieser Edelstein besonders gerühmt, denn dieser sei weder durch Feuer noch
durch Hammerschläge zerstörbar und somit ein Sinnbild der Stärke
und Beständigkeit. Kaiser Leopold I. führte in seiner Devise in anschaulicher Parallele die „Fortezza und Constanza“. Im religiösen Bereich wurde der Diamant durch seine Eigenschaften zum Sinnbild der
Eucharistie schlechthin.749 Der Edelsteinallegorese des Barock galt
der Diamant ganz allgemein als Symbol der irdischen wie auch der
göttlichen Majestät.750
Exkurs: Die Schleiermonstranz als Symbol höfischen Lebens
Die Darstellung des zum Gebet niederknienden Markgrafen Leopold
seitlich des Holunderstammes auf dem Monstranzfuß greift auf den
Typus des Stifterbildes zurück, in dem der Auftraggeber des Kunstwerks vor einer sakralen Szene kniet und betet. Auch in protestantischen Kirchen wurden im 16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts häufig Epitaphien aufgestellt, auf denen der betende
Verstorbene kniete, obwohl die Lutheraner nicht an eine Seelenrettung
durch die Totenfürbitte glaubten.751 Die Darstellung des knieenden Be747
Thomas Bucellini OP: COR AUSTRIAE, Das ist/ Oesterreicherisches Hertz/ Oder schuldigste
Lob- und Ehren-Red/ An Dem hochfeyrlichen Fest-Tag deß Glorwürdigen/ und Hoch-Heiligen
Schutz-Herrn7 und Lands-Patron LEOPOLDI. Wien 1698 – Vgl. Kastl, Das Schriftwort in Leopoldspredigten, S. 96-98. Die Autorin bezieht sich hier auf Veronika Pokorny: Clementia Austriaca. Studien zur Bedeutung der clementia Principis für die Habsburger im 16. und 17. Jahrhundert. In: Mitteilungen des Instituts für österr. Geschichtsforschung 86 (1978), S. 317
748
Meier, Gemma Spiritalis, S. 271
749
Wagner, a.a.O., S. 150
750
A.a.O., S. 151
751
P. Schoenen: Art. „Epitaph“, In: RDK, Bd. 5, Sp. 884 ff. – Bruhns, Das Motiv der ewigen Anbetung, S. 255; Die beiden Figuren befinden sich an den Seitennischen der Grabkapelle der Familie
Kieser: Memorialmonstranzen
180
ters wurde, vor allem im Zusammenhang figuraler Grabmäler, als priant bezeichnet. Leo Bruhns hat hier die wenig beachteten Grabfiguren
Giuliano Finellis in der neapolitanischen Kirche S. Paolo Maggiore in
hervorgehoben, die beide in höfisch kniender Stellung auf eine Madonna orientiert sind (Abb.63a/b).752 Auf der Schleiermonstranz betet
der hl. Markgraf Leopold zur Muttergottes um Fürbitte bei Christus, der
in Gestalt der Hostie anwesend ist. Der betende Heilige kann die Hostie im Baum aber selbst nicht erblicken, eine Tatsache, die auf die berühmte Oratio des Thomas von Aquin während der Messe verweist:
Adoro te devote, latens Deitas.
Auf einem Altarblatt von Martin Gasser über dem Österreichischen
Grab in der Stiftskirche von Stams (Tirol) ist die Eucharistieverehrung
durch das Haus Österreich dargestellt.753 Das 1684 datierte Bild zeigt
einige Mitglieder des Hauses Habsburg unter puttenumschwärmter
Glorie, in der eine von Spruchbändern umgebene Monstranz erscheint
(Abb. 64): „LAVDETUR SANCTIS SIMVM SACRAMENTUM In quo est
salus, omnis Benedictio . Potesta et Imperium“. Unter der Monstranz
befindet sich ein Sockel mit einer knienden Figur und dem Chronogramm: EVCharistiae DeVota Veneratio AVstria est sVbLIMatio.
Wie hier deutlich formuliert wird, beruht die habsburgische Macht auf
der Verehrung der durch die Monstranz getragenen Eucharistie. Von
Ferdinand II., Ferdinand III. und Leopold I. ist überliefert, daß sie stundenlang vor der Monstranz knieten und beteten. Sie wurden deshalb
vom Wiener Hofprediger Abraham a Sancta Clara als Vorbilder bezeichnet.754 Das Knien des Monarchen vor der Eucharistie, die adoratio, wird auf der Schleiermonstranz in plastischer Weise als Proskynesis dargestellt.755 Es ist allerdings erstaunlich, daß der hl. Markgraf
nicht auf beiden Knien betet, wie es im Gottesdienst üblich war. Der
Markgraf kniet nicht, wie die Personen auf Gessners Altarblatt, in einfacher Devotion nieder, sondern er beugt das Knie vor einer ranghöheren Person. Auf dem berühmten Babenberger-Stammbaum im
Klosterneuburger Stiftsmuseum findet sich ein naheliegendes Beispiel.
In der Szene kniet der Babenberger Herzog Leopold V. (1177-1194)
vor Kaiser Heinrich VI. und erhält aufgrund seiner Tapferkeit im
Kreuzzug bei Akkon aus dessen Hand die rot-weiß-rote Fahne, die im
Ferrao, die 1640 gestiftet wurde. Vgl. Bruhns, S. 342 f. – `s Jacob, Idealism and Realism, S. 134
ff.
752
s`Jacob, Idealism and Realism, S. 137
753
Gert Amman: Stift Stams. Stams 1984, S. 29
754
Coreth, Pietas Austriaca, S. 27 – n. Veit/Lenhart, Kirche und Volksfrömmigkeit, S. 110
755
Vgl. Red. (LCI): Art. „Proskynesis“. In: LCI, Bd. 3, Sp. 462 ff.
Kieser: Memorialmonstranzen
181
Babenberger-Stammbaum erstmals auftaucht.756 Schon im Sachsenspiegel bedeutet die Übergabe der Fahne an den Knienden eine Belehnung.757 Die Verleihung des Bindenwappens durch den Kaiser ist
jedoch historisch nicht richtig, denn es stammt aus dem Wappen des
Grafen von Wildberg und wird erst von Friedrich II. übernommen.758
Auf der Monstranz findet deshalb nicht nur eine Krönung statt, sondern auch die Verleihung der Nationalfarben, die in der Form der weißen Taube in der rubinroten Glorie auf den Babenberger herabkommen.
Gegenüber von Krönung und Belehnung hatte der Kniefall auch rein
zeremoniale Bedeutung. Im höfisch-barocken Zeremoniell stand Kaiser Karl VI. bei der Begrüßung durch einen Kurfürsten die spanische
Reverenz zu. Im Gegensatz zur französischen Reverenz — eine halbe
Verbeugung — mußte bei der spanischen Reverenz mit gezogenem
Hut eine tiefe Verbeugung mit Kniebeuge erwiesen werden. Auf der
Schleiermonstranz wird demnach eine Synthese vorgeführt aus dem
devotionalen Niederknien während des Betens und der zeremoniellen
Reverenz gegenüber einem König und Kaiser. Die Figur Leopolds befindet sich gleichzeitig in Proskynesis und „höfischem“ Kniefall, sie
wendet sich in „ewiger Anbetung“759 über die Muttergottes zum Allerheiligsten hin und nimmt symbolisch am Meßopfer teil. Der „höfische
Kniefall“ wurde in der bildenden Kunst fast ausschließlich im profanen
Bereich dargestellt. Unter dem Einfluß manieristischer Malerei drang
dieses Motiv auch nördlich der Alpen in die Sepulkralkunst ein.760 Das
höfische Zeremoniell wurde hier auf den kirchlichen Bereich übertra756
Kocher, Zeichen und Symbole des Rechts, S. 43 (Abb. 49)
A. Fink: Art. „Knien“. In: HRG, Bd. 2, Sp. 901-965
758
Röhrig, Der Babenberger-Stammbaum, S. 82
759
Der aus der katholischen Liturgie stammende Begriff wurde von Leo Bruhns eingeführt. Vgl.
Bruhns, Das Motiv der ewigen Anbetung, S. 155 f. – M. Denzler: Art. „Ewige Anbetung“. In: RDK,
Bd. 6, Sp. 573 ff.
760
Erstmals 1561 durch den Entwurf Jacques Androuet Du Cerceaus eingeführt (Trois Livres
d´architecture, Paris 1561, 7. Beispiel). Von 1598 existiert ein Entwurf Wendel Dietterlins (Architectura und Außteilung, Symmetria und Proportion der fünf Seulen, Nürnberg 1598, Fol. 172). Der
Bildhauer Michelangelo Naccherio schuf 1590-1609 für die Kirche S. Maria Mater Domini im spanischen Neapel das Grabmal des Edelmannes Fabrizio Pignatelli, der höfisch auf einem Knie betet. Vgl. Bruhns, S. 293 – Schon 1508 war in Neapel das Grabmahl des Juan de Aragon entstanden, das den Verstorbenen „höfisch“ kniend zeigt. Es war für das Kloster Montserrat bei Barcelona bestimmt. Vgl. M. J. Redondo Cantera: El sepulcro en Espana en el siglo XVI., Tipologia e iconografia, Madrid 1987, Tf. 7d. – Das strenge Kniemotiv wurde später in eine Bewegungsmotiv
umgewandelt, wie das v. a. in einem Entwurf von Rubens und dem Grabmal des Quellinus zu
beobachten ist. Vgl. Bartsch-Molden, Artus Quellinus Grabmal Sparr (v. a. Kap. 3.3.1), S. 37-40
757
Kieser: Memorialmonstranzen
182
gen, wie von Joseph Kramp761 erstmals gezeigt werden konnte, denn
der hofhaltende eucharistische Christus sollte wie ein Fürst behandelt
werden. Der Markgraf auf dem Monstranzfuß hat seinen Hut abgelegt
und das Knie in der Andacht vor der ranghöheren Person gebeugt, die
er in der Eucharistie, also in Jesus Christus, sah und anerkannte. Diese Anerkennung bedeutet, wenn man in der knieenden Figur den
habsburgischen Monarchen verkörpert sieht, ein klaren politischen
Anspruch: Die Figur des Markgrafen erwartet betend die eigene Krönung durch Jesus Christus selbst, der prunkvolle Hut liegt dazu rechts
von ihm bereit. Das Schwert verweist auf das kaiserliche Reichsschwert, das seit der Mitte des 12. Jahrhunderts zu den Kaiserkrönungsordines gehörte und dabei dem Herrscher übergeben wurde.762
Die dargestellte Huldigung wurde im Krönungszeremoniell ausdrücklich nur gegenüber der höchsten Instanz der Eucharistie erwiesen. Der
niederkniende Markgraf bedeutet, wie gezeigt wurde, den habsburgischen Monarchen per se. Das Zeremoniell wird hier in der Schau als
göttliche Legitimation der Herrschers wirksam: Der Fürst schaut Gott,
weil er — nach Augustinus — seine Seele durch Einhaltung der christlichen Tugenden vorbereitet hat. Das Sehen Gottes, die visio dei, ist
für Augustinus weder ein körperliches Sehen noch eine „Vision“, sondern ein intellektueller Akt.763 Im Gegenstand der Schleiermonstranz
scheint deshalb schlaglichtartig die zeittypisch-unscharfe Trennung
von kirchlichem und höfischem Ritual auf, wie sie von Norbert Elias
festgestellt wurde.764 Der Fürst unterwirft sich anschaulich der Frömmigkeit und unterwirft damit gleichzeitig den Staat. Die soziale Disziplinierung erstreckt sich also in gleichem Maße auf den Fürsten, seinen
Hof und seine Untertanen.765 Auch der für die Klosterneuburger Chorherren so wichtige Augustinus hatte niemals eine Trennung von Kirche
und Staat im Sinne, denn der Kirchenvater brauchte den Staat als
„weltlichen Arm“ (Flasch) der sichtbaren Kirche, ohne das diese den
irdischen Staat politisch beherrschen sollte.766 Augustinus lehrt sogar,
daß der Befehl der Kaiser auch der Befehl Christi sei. Denn wenn sie
761
Joseph Kramp: Die eucharistische Huldigung in Gegenwart und Geschichte. In: Stimmen der
Zeit, 53 (1923), S. 161-176 – Ders.: Eucharistia. Von Ihrem Wesen und ihrem Kult. Freiburg i. Br.
1926 – vgl. auch Klauser, Kleine Abendlänische Liturgiegeschichte, S. 138 f.
762
Vgl. Hermann Fillitz: Die Insignien und Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches. Wien und
München 1954
763
Flasch, Augustin, S. 128 u. S. 134
764
Vgl. Elias, Die höfische Gesellschaft, S. 179
765
Breuer, Absolutistische Staatsreform und neue Frömmigkeitsformen, S. 25
766
Flasch, Augustin, S. 170 u. S. 391 f.
Kieser: Memorialmonstranzen
183
das Gute befehlen, befiehlt durch sie Christus.767 Aus der Schleiermonstranz wird unter diesen Voraussetzungen auch eine Darstellung
der absolutistischen Frömmigkeit zur Zeit Kaiser Karls VI., die in der
symbiotischen Beziehung von Kirche und Staat wurzelte.
Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts führt der zelebrierende Priester
während der Messe vor dem Allerheiligsten die liturgische Kniebeuge
aus.768 Die Figur des Markgrafen kann deshalb sowohl das Amt des
österreichischen Monarchen als auch des Priesters verkörpern. Der hl.
Leopold als Symbolfigur habsburgischen Machtwollens vereinigt nicht
nur die Eigenschaften von sakralem und profanem Amt, er steht darüber hinaus für die Einheit von Religion und Staat, die von der Person
des lebenden Monarchen verkörpert wird. Im Hinblick auf die protestantischen Argumente gegen den Bilderkult kann das Anklingen des
Stifterbildes auf der Schleiermonstranz als offene Kritik gelten, denn
die von den Protestanten allein anerkannte Rechtfertigung des Christen aus dem Glauben machte fromme Stiftungen theologisch überflüssig.769 Auf der Monstranz wird jedoch mit Nachdruck die Legitimiät von
Glauben (pietas austriaca) und Werken (Klosterstiftung) ausdrücklich
vertreten. Darüber hinaus wird im Gestus des Niederkniens des Monarchen vor dem Allerheiligsten auf der Schleiermonstranz auch eine
anti-protestantische Grundhaltung demonstriert. Nach der Reformation
kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen, da sich die Protestanten weigerten vor einer Monstranz den
Kniefall auszuführen, wenn sie während einer Prozession vorbeigetragen wurde. Besonders um 1700 in der Pfalz und noch in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bayern kam es deshalb zu schweren
Konflikten, die als „Kniebeugungsstreit“ in die Geschichte eingegangen sind.770
Die auf der Schleiermonstranz vorgeführte jagdliche Heiligenlegende
muß im Lichte des höfisch-zeremoniellen Lebens auch unter dem Aspekt der bildlichen Jagddarstellung gesehen werden. Auf die klösterliche Pflicht zur Haltung von Jagdhunden (Hundslege) wurde oben bereits hingewiesen (Vgl. Kap. 5.4). Seit dem Mittelalter war die Jagd
767
Epistulae CV 3, 11 PL 33, 400; 34, 2 Goldbacher 603, 3: quia cum bonum iubet, per illos non
iubet nisi Christus. – n. Flasch, Augustin, S. 171
768
Lankeit, Art. „Eucharistie“. In: RDK, Bd. 6, Sp. 157
769
Belting, Bild und Kult, S. 25
770
A. Fink: Art. „Kniebeugungsstreit“. In: HRG, Bd. 2, Sp. 898-901 – In den Jahren 1719-1721 kam
es in ganz Deutschland zum Religionsstreit über die 80. Frage des neu aufgelegten Heidelberger
Katechismus von 1563, die das Katholische Meßopfer mit der Transsubstantiation und Hostienverehrung verurteilte, insbesonder deren öffentliche Zeigung während Prozessionen in Monstranzen.
Kieser: Memorialmonstranzen
184
zentrales Thema des höfischen Lebens, sie war ein Privileg des
Hochadels und Jagdfrevel durch die einfache Bevölkerung wurde als
Wildererei streng bestraft. Daß die Jagd eine Form der symbolischen
Gewaltausübung durch den Adel war, spiegelt sich in der gesetzlich
festgelegten Jagdpflicht der Untertanen wieder.771
Auf der Schleiermonstranz wird nicht verdeutlicht, welche Tiere der
Babenbergerherzog gerade jagte, als er auf den Schleier im Holunderbusch aufmerksam wurde. Betrachtet man aber eines der Flügelbilder des durch Fruehauf d. J. geschaffenden Leopoldsaltar in Klosterneuburg, so findet man eine Eberjagd dargestellt (Abb. 65). Der
Künstler wurde hier sicherlich von flämischen Monatsbildern
beeinflußt, den dort entstand eine Vielzahl bildlicher Darstellungen von
Eberjagden.772 Es ist auch möglich, daß Fruehauf ein Fresko an der
Südwand der Klosterkirche in Kremsmünster kannte, auf dem eine
Eberjagd gezeigt wird, die durch Jagdtod zur Klostergründung geführt
hatte.773 Auf dem Babenberger-Stammbaum im Stiftsmuseum findet
sich ebenfalls noch die Darstellung einer Eberjagd, auf der Ernst der
Ältere (1012-1015, Herzog von Schwaben) durch einen Pfeil einer seiner Gefolgsleute tödlich verletzt wurde.774
Bei dieser Art von Jagd auf das Schwarzwild wurden auch im 18.
Jahrhundert noch Hunde verwendet, die das Tier bis zur Erschöpfung
hetzten, um sich dann in dessen Ohren zu verbeißen, bis es durch
den Jäger mit Schwert oder Saufeder gestochen wurde.775 Bei der riskanten Eberjagd schoß man auch im Barockzeitalter noch nicht mit
Feuerwaffen auf die Tiere. Und damit die Hunde durch die Wildschweine nicht getötet wurden, legte man ihnen stachelige Halsbänder
um.776 Auf der Monstranz ist zu beobachten, daß die Hunde tatsächlich Halsbänder tragen und der Markgraf ein Schwert mit sich führt.
Aus der Sicht der Klosterneuburger Bevölkerung war die herrschaftliche Sauhatz auch zur Entstehungszeit der Schleiermonstranz noch
ein Ereignis, das man mit gemischten Gefühlen sah. Sicherlich wurde
begrüßt, daß die Wildschweine dezimiert wurden, die das Saatgut fraßen und dadurch ganze Ernten vernichten konnten. Andererseits durften die Bauern nicht selbst gegen das Wild vorgehen, geschweige
denn die Äcker durch Zäune schützen, da dies den jagdlichen Durch771
Roosen, Ausgewählte Jagdordnungen, S. 65
L. Strauch: Art. „Eber“ In: RDK, Bd. 4, Sp. 671 – Vgl. Abbildungen bei Raymond Marle, Iconographie de l`Art Profane en Moyen Age, Bd. 1, Den Haag 1931
773
Wacha, Hund und Eber, Legenden um Klosterneuburg und Kremsmünster
774
Vgl. Röhrig, Der Babenberger-Stammbaum, S. 48-49 (m. Abb.)
775
Willers, Die Jagdwaffe im 18. Jahrhundert, S. 93
776
Zedler, Grosses Vollständiges Universal-Lexikon, Bd. 13, Sp. 1183
772
Kieser: Memorialmonstranzen
185
ritt des Adels behindert hätte.777 In religiöser Hinsicht war die Bedeutung des Wildschweines jedoch eindeutig negativer Natur. In der Bibel
gilt das Schwein als unrein und als vom Teufel besessene Kreatur.
Besonders interessant für die Schleiermonstranz ist hier der Psalmvers 80,14, der das Schwein als Zerstörer des Weinstockes benennt,
welcher ein Symbol Christi ist. In etymologisch abenteuerlicher Herleitung des Wortes aper von a feritate bezeichneten auch Isidor von Sevilla und Hugo von St. Viktor den Eber als Teufel.778 Die Jagdszene
auf der Monstranz verkörpert in dieser Hinsicht den Kampf von Tugend und Laster, d.h. des tugendhaften Heiligen gegen das Schwein
als Sinnbild der Welt und des Lasters, welches im Aberglauben der
Zeit als Teufels- und Hexentier galt.779 Eine frühe Darstellung der Eberjagd in der Goldschmiedekunst ist auf einem Fries des berühmten
Dreikönigschreins (um 1205) im Kölner Dom zu sehen. Wie schon auf
dem Jagdfries am Dom zu Königslutter versinnbildlicht die Eberjagd
hier auch den geistigen Kampf gegen das lasterhafte Böse.780 Der hl.
Leopold geht aus seiner jagdlichen Tugendprüfung — das Schwein
galt als Attribut der Unzucht781 — untadelig hervor und erhält als großzügigen Lohn durch den menschgewordenen Gottessohn den verlorenen Schleier seiner Ehefrau zurück. Auf diese für die Legende so
grundlegende Bedeutung hat bisher erst Georg Wacha aufmerksam
gemacht.782 Die göttliche Zuwendung an den Babenbergerherzog erfolgte jedoch nicht aufgrund seiner heldenhaften Jagd allein, sondern
vor allem wegen seiner ihm nachgesagten tugendhaften Frömmigkeit,
die sich auf der Monstranz durch den Gestus des Betens und die der
Figur gleichsam als Attribute der Fides beigegebenen Hunde offenbart.783
Die Legende erhält jedoch noch eine weitere Dimension, wenn man
sich vergegenwärtigt, daß die „Sauhatz“ eine Tätigkeit war, die in bildlichen Darstellungen der jahreszeitlich bedingten Monatsarbeiten immer wieder auftritt.784 Das früheste Beispiel eines Jahreszyklus` findet
sich in einer Buchmalerei aus Salzburg aus dem 9. Jahrhundert.785
Hier wird die Schweinejagd als eine für den Monat November typische
777
Spengler, Jagdgeschichte und Jagdausübung in landesherrlicher Zeit, S. 16
Isidor von Sevilla, Etym. 12,43, Migne PL 82, 428 – Hugo von St. Viktor, De bestiis et aliis rebus,
3,17, Migne PL 177, 89
779
Herold: Art. „Schwein“. In: HDA, Bd. 7, Sp. 1476
780
Appuhn, Die Jagd als Sinnbild, S. 8-14 (Abb. Tf. 16)
781
Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes, S. 242
782
Wacha, Hund und Eber, Legenden aus Klosterneuburg und Kremsmünster
783
Vgl. Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes, S. 240
784
O. Holl: Art. „Monate, Monatsbilder“. In: LCI, Bd. 3, Sp. 274-279
785
Codex Vindobonensis 387 fol. 90v (Österreichische Nationalbibliothek, Wien)
778
Kieser: Memorialmonstranzen
186
Arbeit gezeigt. Ein szenisch erweiterter Zyklus aus dem 11. Jahrhundert, stilististisch wohl von Reims abhängig, läßt die Sauhatz im September stattfinden.786 Festzustellen ist jedoch, daß die Schweinejagd
schon von altersher stets im Spätsommer und im Herbst stattfand,
womit die Darstellung auf der Monstranz einen zeitlichen Widerspruch
erzeugt: Wie konnte der Holunderbusch blühen, wenn die herzogliche
Jagd so spät im Jahr stattfand? Auf der Schleiermonstranz weisen die
Perlenbündel auf einen blühenden Holunder hin, so wie dieser auch
schon auf den Gemälden Rueland Fruehaufs d. J. gemalt wurde. Dieses „übernatürliche“ Erblühen des Baumes zum Jahresende ist zweifelsohne ein sinnfälliges Detail des Schleierwunders. Die figurale
Gruppierung auf der Monstranz läßt darauf schließen, daß der Holunderbusch durch die Anwesenheit der Trinität und der Muttergottes
neuerlich erblüht. Grundthema ist hier, wie schon für die Ingolstädter
Lepanto-Monstranz gezeigt werden konnte, der Sieg der Tugenden
über die Laster, in Anlehnung an die sehr verbreitete Psychomachia
des Prudentius. Der Eber trat als Attribut häufig in den bildlichen Personifikationen der Laster ira und luxuria auftritt.787
786
Ms. Cott. Julius A VI (British Museum, London) – Vgl. Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes, S.
270
787
L. Strauch: Art. „Eber“. In: RDK, Bd. 4, Sp. 673
Kieser: Memorialmonstranzen
187
Zusammenfassung
Die vorangegangene Deutung der beiden Memorialmonstranzen förderte eine erstaunliche Vielschichtigkeit zutage, die dadurch begründet ist, daß dem Sakrament der Eucharistie ein spiritueller Doppelcharakter aus religiösem Opfer und profanem Gastmahl innewohnt. Der
Kirchenlehrer Augustinus beschrieb in ähnlichem Zusammenhang den
Baum des Lebens gleichermaßen als lebenserhaltendes alimentum
und sacramentum zugleich.788 Auf den hier diskutierten Kunstwerken
verschmilzt diese Eigenschaft nun wiederum mit den Heiligenlegenden
des Papstes Pius V. und des Markgrafen Leopold III., die ebenfalls einen Doppelsinn aus profanem Ereignis und göttlichem Gnadenbeweis
mit sich führen. Diese auf den Monstranzen vorfindliche doppelte Dichotomie von Heilsgeschichte und Heiligenlegende kann deshalb jene
erweiterte Sinnfälligkeit der Monstranzen ermöglichen, die diese Studien dargelegt haben. Hier seien die an beiden Objekten gewonnenen
Erkenntnisse noch einmal abschließend zusammengefaßt.
Die Lepanto-Monstranz
Der an Zeckel vergebene Auftrag zur Herstellung einer Monstranz
erging auf das Betreiben der Ingolstädter Jesuiten, sie setzten sich
damit gegen die Sodalen der Bürgerkongregation Maria vom Sieg
durch. Die Anfertigung wurde in Augsburg von einem Jesuiten überwacht, der den Ingolstädtern auch zusätzlich als Kunstagent diente. In
Ausführung und Programm geht dieses außergewöhnliche Kultgerät
deshalb auf den theologisch–propagandistischen Willen der Ordensgeistlichen zurück. Johann Zeckel lieferte 1708 ein Kunstwerk, das als
prunkvolle Memorialmonstranz seinesgleichen nicht hat. Anhand der
erhaltenen Quellenmaterialien konnte Aufschluß darüber gewonnen
werden, mit welch hohem Aufwand diese komplizierte vas sacra hergestellt wurde. Außer Zeckels Goldschmiedewerkstatt wurde hier noch
weiteres Personal beansprucht: Jeweils ein Graveur, Bildhauer, Maler
und Emailleur trugen zum Entstehen der Monstranz bei.
Während die Jesuiten von dem neuen Kultgegenstand wegen der
darin versinnildlichten „schönsten Gedanken“ begeistert waren, hielten
sich die Mitglieder der Kongregation, wohl nicht nur aus finanziellen
788
De Genesi ad literam, VIII, 4. PL 34, S. 375 ff.
Kieser: Memorialmonstranzen
188
Gründen, mehr als bedeckt. Hier wurde die theologische Bildungsdiskrepanz zwischen den Geistlichen und den Bürgern deutlich. Wie gezeigt werden konnte, war dem durchschnittlich gebildeten Ingolstädter
Sodalen die Bedeutung der Seeschlacht von Lepanto mit dem Patronat der Maria vom Siege klar bewußt, wie wohl auch die ihr weiter zugesprochenen Siege der katholischen Fürsten. Auch für das Wohl der
Stadt Ingolstadt war die Siegesmadonna von einiger Wichtigkeit. Die
primäre Verständnisebene, die Versinnbildlichung des bei Lepanto und
seiner Symbolkraft, dürfte also kaum Schwierigkeiten bereitet haben.
Auch die erste Bedeutungsebene, das Schiff der Kirche im Kampf gegen die Häresie, dürfte klar verstanden worden sein. Eher esoterisch
war hingegen die Vorstellung vom im Mastbaum der Kirche gekreuzigten Christus, handelt es sich hierbei doch um eine uralte Schrift– und
Bildtradition, die über die Patristik bis in die Antike zurückreicht. Nur
sehr belesene Theologen konnten sich dieser Filiation bewußt sein.
Auch das bürgerliche Verständnis der Juwelenallegorese dürfte über
die bloße Erkenntnis der Lunula als reichverzierter Krone Mariens
kaum hinausgegangen sein, wenngleich der Sinn des rosenumkränzten Sanctissimums eher leicht zu erschließen war.
Wie die Jesuiten das Lepantoereignis heilsgeschichtlich verstanden
wissen wollten, konnte die Perioche eines Jesuitendramas zum Thema demonstrieren. Lepanto stellte für den Gläubigen ein Ereignis aus
einer nachgerade mythischen Zeit dar, das nicht als längst vergangen
angesehen wurde, sondern als stetiges Hier und Jetzt.789 Die Vergangenheit wurde nicht als andersartige Zeit begriffen, sondern als „zeitloses Exempel für vermeintlich immergültige Verhaltensnormen“790.
Die Jesuiten hielten die Geschichte als Lehrfach aus ihren in ganz Europa standardisierten Kollegs völlig fern. Die Historie von Lepanto war
ihnen daher lediglich Vehikel einer persuasiv vorgetragenen Heilsgeschichte aus gegenreformatorischer Perspektive. Es ist deshalb wenig
angebracht, das Geschehen auf der Lepanto–Monstranz zu stark auf
historische Faktentreue zu überprüfen.
Aus der betont funktionalen Betrachtungsweise der Lepanto–
Monstranz ergibt sich das außerordentlich elaborierte Bildkalkül der
Schlachtdarstellung. Nach dem Transsubstantiationsdogma ist Christus in der Hostie real und ungeteilt anwesend. Auf die Mandorla der
eucharistischen Sonnenmonstranz wurde ein traditioneller Bildtypus
appliziert, nämlich der des gekreuzigen Christus am Mastbaum der
789
Vgl. Cassirer, Versuch über den Menschen, S. 265
Zit. Kosellek, Vergangene Zukunft, n. Burkhardt, Frühe Neuzeit, S. 385
790
Kieser: Memorialmonstranzen
189
navicula petri. Durch diese Überlagerung wurde der Eucharistie eine
sieghafte Kraft über die Anders– und Ungläubigkeit zugemessen. Die
materialisierte Todesüberwindung Christi auf dem Christenschiff läßt
die Streiter der militia christi über die Häresie triumphieren. Die Glaubenshaltung des barocken Menschen war ohnehin die des Glaubenssoldaten, ihm war Christus Kriegsgeneral und himmlischer Feldobrist
zugleich.791 Die ohnehin schon gegenreformatorische Symbolfunktion
der Monstranz konnte auf diese Weise noch pointiert werden. Auch die
ausdrückliche Kennzeichnung des Papstes als Steuermann des Christenschiffes macht dies geltend: Gegenüber den Protestanten wird auf
den absoluten Primat des Papstes hingewiesen, Pius V. wird als
frommer Sieger dargestellt, der zwar sterblich ist, nicht jedoch sein
Pontifikat. Im Sinne Kantorowiczs ist er das Haupt des mystischen
Körpers der Kirche.792 In dieser politischen Perspektive ist die Lepanto-Monstranz deshalb wesentlich als Apotheose und Legitimation des
Papsttums zu verstehen. Der liturgische Gegenstand ist im engeren
Sinn aber als jesuitisches Denkmal des Reformpapstes Pius V. anzusehen, der den römischen Zentralismus wesentlich stärkte, indem er
die tridentinischen Beschlüsse durchsetzte und die Liturgie von „bodenständigen Anlagerungen“ (A. L. Mayer) befreite.793 Der Dominikaner auf Petri Stuhl verkörperte auch in den Augen des Volkes die reine, ungeheuchelte Frömmigkeit des katholischen Neubeginns. Man
meinte, so Leopold von Ranke, „einen so frommen Papst habe es
noch niemals gegeben; sie erzählten sich, sein bloßer Anblick habe
Protestanten bekehrt.“794
Da Christus in der Hostie anwesend ist, tritt er auf der Monstranz kein
zweites Mal auf. Die Muttergottes schwebt, wie es die Bildtradition
vorgibt, auf Wolken über der Schlacht. Sie ist im Bildgefüge die Mittlerin zwischen Christus und des die Christenheit vertretenden Papstes,
sie wird ohne die sonst für die Siegesmadonna übliche Schlange dargestellt. Die überwundenen Türken sind für den betrachtenden Gläubigen als besiegte Schlange zu denken, eine Vorstellung, die in den
Predigten der Feldkapläne in der Schlacht am Weißen Berg deutlich
zum Ausdruck kam.795 Der Schlüssel der Darstellung liegt in den attri791
Intorp, Barockpredigten, S. 30
Ein Ehrentitel des Papstes war caput corporis ecclesiae mysticae, seine wichtigste Funktion
Christus in terris zu vertreten. Vgl. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs, S. 110 u. S. 221
793
Mayer, Renaissance, Humanismus und Liturgie, S. 158 Nur das Victimae paschali (Ostern), Thomas von Aquins Lauda Sion (Fronleichnam), sowie das Dies Irae und Veni Sante Spiritus (Pfingsten) durften beibehalten werden. - Vgl. auch Franzen: Art. „Pius V.“, In: LThK, Bd. 8, Sp. 531 f.
794
Ranke, Geschichte der Päpste, S. 158
795
Coreth, Pietas Austriaca, S. 42
792
Kieser: Memorialmonstranzen
190
butiven Defiziten der Muttergottesfigur, wie auch aus ihrer verweisenden Gestik. Diese Bildmechanik wurde als substitutiv verfahrend gekennzeichnet, vom Betrachter wird bewußt eine Eigenleistung gefordert. Das gilt auch für den verkürzten Psalmvers, der erst in seiner zu
ergänzenden Form den Schlüssel zur Abstraktion der Bildbedeutung
lieferte: Christus als Sonne siegt über den Halbmond der türkischen
Häretiker.
Um den Bedeutungsgehalt der Monstranz auf unterschiedlichen
Sinnebenen klar gliedern zu können, bietet sich ein in jesuitischem
Kontext sehr illustrative Muster an: Das seit Thomas von Aquin unverändert gültige Prinzip der Textauslegung nach dem vierfachen Schriftsinn.796 In seiner emblemtheoretischen Abhandlung, dem Speculum,
verknüpft Jacob Masen797 die imagines figuratae der ars iconographia
oder iconomystica mit den imagines invisibilium der Theologen und
Naturforscher, sie sind ihm beide „über sich hinausweisende Realzeichen einer transzendentalen Wahrheit.“798 Durch diese erweiterte imago-Definition, kann die Bibelallegorese des vierfachen Schriftsinns
nach Masen auch auf die Bedeutungsforschung natürlicher Zeichen
übertragen werden.799 Dieser Grundsatz kann somit als adäquate Anleitung dienen, um, gemäßt der jesuitischen Intention moralischer Didaxe, einen „vierfachen Bildsinn“ herauszuarbeiten:
1. Im ersten Schriftsinn, dem sensus litteralis, legt das auf der
Mandorla vorgeführte Geschehen Zeugnis ab über die historia von
Lepanto, dem Ereignis mit allen seinen uns heute übernatürlich
erscheinenen Begleitphänomenen. Der Begriff historia stand damals
aber nicht unbedingt für das geschichtlich Korrekte, sondern „diente
als Bezeichnung auch für den wahren Sachverhalt schlechthin“800.
Lepanto war dem Gläubigen so wahr wie die heilige Schrift selbst.
2. Auf der allegorischen Ebene bezeichnet die Monstranz das
Fürbittgebet zur siegreichen Muttergottes und dessen gnadenvolle
Erhörung. Die Himmelskönigin dient dem Gläubigen als mediatrix, die
in direktem Kontakt zu Christus steht. Die Gläubigen konnten sich zur
Besatzung des Christenschiffes zählen, dem allein die göttliche Hilfe
796
Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes, S. 52 – Meier, Gemma Spiritalis, S. 50 – Warncke, Sprechende Bilder, S. 147
797
Jacob Masen SJ, Speculum imaginum veritatis occultae, exhibens symbolae, emblemata, hieroglyphica, aenigmata, omni tam materiae, quam formae veritatae, exemplis simul, ac praeceptis
illustratum [...] Editio tertia prioribus correctior. Köln 1681
798
Zit. Bauer, Jesuitische „ars rhetorica“, S. 476
799
Ebd. - Sedlmayr legt ebenfalls nach dem vierfachen Schriftsinn aus, jedoch ohne genauere theoretische Grundlegung. Vgl. Hans Sedlmayr, Jan Vermeer - Der Ruhm der Malkunst. (1951) In:
Ders., Kunst und Wahrheit, (2. erw. Auflage) Mittenwald 1978, S. 134-143
800
Zit. Warncke, Sprechende Bilder, S. 246
Kieser: Memorialmonstranzen
191
zuteil wird. Das navis petri wird weiter durch den im Mastbaum
gekreuzigten Christus legitimiert. Er erscheint in Gestalt der Hostie.
3. Schließlich wird im vierten Sinn, d.h. tropologisch–moralisch, auf
das Heil der einzelnen Seele Bezug genommen. Hier ist jeder
römische Katholik ein treuer Kämpfer für die Altkirche. Als miles
christianus zählt er zur Besatzung der triumphierenden Kirche. Ihm
wird im Kampfe die göttliche Gnade zuteil.
4. Im anagogisch–eschatologischen Sinn wird eine endgültige
Vernichtung der Häresie im Jüngsten Gericht in Aussicht gestellt. Das
ewige Leben kann nur an Bord des Schiffes der wahren Kirche erlangt
werden.
Insgesamt verwirklicht sich auf der Lepanto-Monstranz die „fundamentale Idee vom Trionfo, dem Übergang alles Irdischen in die höhere
Wirklichkeit“.801 Wie Inge Habig-Bappert konstatiert, ist die Verbildlichung mehrerer Sinnebenen für die eucharistische Allegorese kennzeichnend, die aber alle von der Triumphidee beherrscht werden:
„Immer bricht aus der Hostie ein Strahlen und Scheinen hervor, das
die Widersacher zu vernichten vermag.“802 Durch die Propagierung
des Türkenkampfes im Bilde des Schiffes der Kirche wird die LepantoMonstranz zur bildlichen Kontroverspredigt. Für die Kontroverspredigt
war das Jesuitenkolleg St. Salvator in Augsburg berühmt.803 Das Concetto der Lepanto-Monstranz stammt von dem Präses dieses Kollegs,
Pater Simon Mayr. Dichter und Hofleute, Juristen und v. a. Jesuiten
beschäftigten sich als gelehrte Spezialisten mit der Entwicklung solcher Konzepte.804 Für diese Konzepte war das „Aristotelische Fernrohr“ des Jesuiten Emanuele Tesauro grundlegend, bot dieser doch
hier eine an Aristoteles anknüpfende moderne Rhetoriktheorie, die
sich über die Homiletik und Poetik auch in der bildenden Kunst anwenden ließ. Zentrale Begriffe dieser Rhetorik waren Ingenium und
Argutezza, die geistreiche Erfindung und der scharfsinnige Witz.805
Über die theoretischen Grundlagen der jesuitischen „ars rhetorica“
sind wir durch die Forschungen Barbara Bauers gut informiert. Die Inventio von Concetti, hier die Bilderfindung der Lepanto-Monstranz, bestand aus der neuartigen und eleganten Verknüpfung und Anordnung
der loci (Fundstellen in Schrift und Ikonographie). Der Concetto der
Monstranz ist in dieser Hinsicht eine „argute Gedankenverbindung“ im
801
Bauer, Barock, S. 276
Habig-Bappert, Eucharistie im Spätbarock, S. 158
803
Rummel, Katholisches Leben in der Reichstadt Augsburg, S. 39 ff.
804
Bauer, Barock, S. 35 u. S. 183
805
Bauer, Barock, S. 186 und S. 189-195 (Hier v.a..:„Emanuele Tesauro: Die rhetorische Struktur
des barocken Bildes“)
802
Kieser: Memorialmonstranzen
192
Sinne Tesauros und Jacob Masens.806 Die anzustrebende Argutezza
bestätigten die Geistlichen des Ingolstädter Kollegs, die in der neuen
Monstranz „schönste Gedanken“ verwirklicht sahen. Das „rezeptionsästhetische Ziel der novitas und Überraschungskunst“807 war also —
zumindest für die Ordensgeistlichen — erreicht.
Das Schlachtszenario kann natürlich als Träger mannigfacher Deutungen herangezogen werden. Der wunderbare Fischzug des Petrus
bietet sich ebenso an wie eine Anspielung auf die Jesuitenmissionierung in Übersee. Das Schiff der Christen mag als neue Arche gelten,
mit einem Christus als neuem Noe. Auch ist an eine Überwindung der
Synagoge durch die Ecclesia zu denken. Insgesamt bietet die Darstellung eine hermeneutische Offenheit, die der antithetisch operierenden
christlichen Theologie entgegenkommt. Der Schlachtdarstellung liegt
jedoch ein Abschnitt aus den „Geistlichen Übungen“ des Ignatius von
Loyola zugrunde, in dem die beiden Banner des christlichen und des
teuflischen Heers vorgestellt wurden, womit „dem Exerzitanten die
Entscheidung für die Nachfolge Christi erleichtert werden sollte.“ Die
Allegorese von Tugend und Laster geht sicherlich, auch bezüglich der
reichen Andachtsgraphik der niederländischen Gegenreformation, auf
die Exercitia spiritualia zurück.808 In erweiterter Lesart wird die Lepantoschlacht zur Psychomachie, dem Kampf christlicher Tugenden (Michael als Virtus) gegen die Laster der Türken und Protestanten.809 Ein
Umstand, der auch dem theologisch wenig vorgebildeten Ingolstädter
des 18. Jahrhunderts deutlich vor Augen geführt wurde, denn der
Geistliche trug während der Prozession die Türkenfigur am Hals umfaßt und demonstierte durch diese Strangulierung den Sieg der katholischen Kirche über ihre Widersacher. Diese Profanität der Lepanto–
Monstranz fügte sich insgesamt sehr gut in den vereinsähnlichen Charakter der Kongregation, sie wurde durch die Stellung der Sodalität
zwischen Weltlichkeit und Sakralität geradezu herausgefordert. Die
Instrumentalität des Gegenstandes und seine ausladende Formgebung befinden sich in einem höchst spielerischen Übergang. Dieses
Widerspiel macht die Lepanto–Monstranz in ihrem zeitgenössischen
Kontext zu einem Gegenstand von höchster Beredsamkeit.
806
Bauer, Jesuitische „ars rhetorica“, S. 327
Zit., a. a. O., S. 328
808
Bauer, Bild als Argument, S. 138 f. - vgl. Knipping, Iconography of the Counter-Reformation, I, S.
70-78
809
Vgl. M. Evans, Tugenden und Laster, in: LCI, Bd. 4, Sp. 380-390
807
Kieser: Memorialmonstranzen
193
Die Schleiermonstranz
Der Auftrag an Johann Känischbaur ging, wie gezeigt werden konnte,
auf den Propst des Augustiner-Chorherrenstiftes zurück. Ernst Perger
stand nicht nur einem der reichsten Klöster Österreichs vor, er war
auch einer der mächtigsten Geistlichen des Landes. Als ehemaliger
Dekan der theologischen Fakultät an der Universität und ihr späterer
Rektor, stand er als Mann von ausgezeichneter Bildung nicht nur bei
Hofe in höchstem Ansehen. Aufgrund der Tatsache, daß auch die an
der Monstranz beteiligten Künstler Hofkünstler waren, konnte die
Schleiermonstranz dem „Kaiserstil“ (Matsche) zugeordnet werden. Es
ist davon auszugehen, daß Perger auf den Entwurf der Schleiermonstranz durch Matthias Steinl prägenden Einfluß nahm, der sowohl formaler, als auch inhaltlicher Natur war. Das Mißtrauen, das dem Goldschmied bei der Anfertigung des außergewöhnlich ambitionierten Gegenstandes entgegengebracht wurde, bestätigt die Vermutung, daß
man sich finanziell übernommen hatte. Der Propst steuerte aus seiner
Privatschatulle einen beträchtlichen Teil des Edelsteinbesatzes bei.
Der Auftrag zur Schleiermonstranz stand in einem übergreifenden Bedeutungszusammenhang mit den aufwendigen Feierlichkeiten zum
600jährigen Gründungsjubiläum des Stiftes im Jahre 1714, für die
Steinl ephemere Triumphpforten entwarf.
Die Klosterneuburger Schleierlegende steht in einer literarischen
Tradition, die weitaus älter ist als das Stift selbst. Der ikonologischen
Wandersage wohnte schon vor ihrer Darstellung auf der Monstranz
ein sittlich-religiöser und auch abergläubischer Sinn inne. Die Gesamtbedeutung der Monstranz für die Zeitgenossen erschließt sich
erst im Zusammenhang des Jubiläumsfestes sowie ihrer weiteren liturgischen Verwendung an Ostern, am Dreifaltigkeitssonntag und an
Fronleichnam.
In politischer Hinsicht sollte die Monstranz die Bedeutung Klosterneuburgs für das habsburgische Kaisertum demonstrieren, denn der
Nationalheilige Österreichs verkörperte die pietas austriaca, durch die
sich das Herrscherhaus nach allgemeinem Dafürhalten das ewige Anrecht auf die Kaiserwürde erworben hatte. Die jährlich stattfindende
Wallfahrt des Wiener Hofes nach Klosterneuburg hatte deshalb —
insbesondere unter Karl VI. — auch staatstragenden Charakter. Die
auf der Monstranz dargestellte Schleierlegende verwies in diesem
Festrahmen auf die zu diesem Anlaß ebenfalls ausgestellten Klosterneuburger Reliquien, Berührungsreliquien und Erinnerungsstücke des
Kieser: Memorialmonstranzen
194
hl. Leopold und seiner Ehefrau Agnes. Man glaubte sich nicht nur im
Besitz des Agnesschleiers und des legendären Holunderbaumes,
auch hielt man die im stiftlichen Zwinger gehaltenen Hunde für Nachkommen der beim Schleierfund anwesenden Tiere. Der auf der Monstranz knieende Heilige war als miles christianus ein Tugendbild der
Habsburger, das vor allem in den anläßlich des Leopoldsfestes gehaltenen Predigten immer wieder formuliert wurde.
Der „höfische Kniefall“ des heiligen Monarchen unter dem Holunderbaum der Monstranz demonstriert in vielschichtiger Weise die durch
das Wunder begründete Herrschaft Habsburgs, auch vor dem Hintergrund dynastischer Nachwuchssorgen. Der liturgische Gegenstand ist
zugleich auch ein Stifterbild des fürbittenden Fürsten, wie auch ein
Jagdstück, das die Erklärung für den gnadenhaften Schleierfund bietet: die Eberjagd bedeutet den tugendhaften Kampf gegen das Böse,
der mit erlösender Eucharistie und dem Schleierfund belohnt wird.
Hier durchdringen sich die für den modernen Betrachter streng getrennten Sphären von Kirche und Monarchie in einem Verhältnis der
gegenseitigen Abhängigkeit. Doch trägt der Gegenstand gleichfalls
den gesteigerten Machtanspruch des Klosterneuburger Propstes vor,
der sich durch ihn in allegorischer Weise auf die Ordensgründung
durch den hl. Augustinus selbst berief: Die unter dem Holunderbusch
stattfindende Szene steht in deutlicher Parallele zur legendären Vision
des hl. Augustinus, die der Ordensgründung vorausging. Der reiche
Edelsteinbesatz unterstreicht in eindrucksvoller Weise die Doppelfunktion der Monstranz als liturgisches Gerät und politisch-geistliches
Symbol.
Im Diskurs der christlichen Bildtradition mit den lokalen religiösen und
politischen Gegebenheiten läßt sich der Holunderbaum als arbor vitae
deuten, als Hoffnungszeichen des von Nachwuchssorgen geplagten
Kaiserhauses. In einem weiteren Schritt wird der Holunderbaum mit
der Hostie zum Baumkreuz und zum Hostienbaum, wodurch sich dieser auch zum symbolischen Stammbaum der österreichischen Herrschaft auswächst. Hier überlagern sich Heiligenlegende und Wurzel
Jesse: Die der Legende hinzugefügte Marienerscheinung versieht im
Bildgefüge der Monstranz die Funktion der mediatrix und der Verkörperung der unbefleckten Empfängnis. Die auffällige Herausstellung
der Dreifaltigkeit geht auf das theologische Kalkül des Propstes zurück, der dadurch deutlich auf die göttliche Einheit in der Dreiheit hinweisen wollte. Der Holunderbusch wird unter dem Zeichen der Trinität
zum Baum der Geschichte, der den Beginn des Zeitalters des hl. Geis-
Kieser: Memorialmonstranzen
195
tes verheißt. Vorfindlich ist hier eine symbolische Identitätenkette von
Baum, Christus, Maria und der Kirche des neuen Bundes.
Der habsburgische Antiprotestantismus wird auf der Schleiermonstranz in dreierlei Weise demonstriert, da hier gleichzeitig das von den
Reformern negierte Transsubstantationsdogma sowie die Heiligenund Bilderverehrung betont wird. Dabei manifestiert sich in augenfälliger Weise die „symbolische Gewalt“ Habsburgs gegen seine andersgläubigen Widersacher im Reich.810 Der absolutistische Fürst wird hier
zum Prototyp des frommen Menschen, er gibt sich der Frömmigkeit
hin und macht sich dadurch zum Herrscher über Stände und Volk.811
Diese religiöse Vorbildlichkeit der Habsburger wurde von den geistlichen Orden in die Bevölkerung hineingetragen.812 Die Leopoldswallfahrt diente auch der absolutistischen Disziplinierung des mitreisenden
Hofstaates.
Schlußbemerkung
Vergleicht man die Forschungsergebnisse zu den beiden Barockmonstranzen miteinander, so kann man — obwohl es sich hier in formaler Hinsicht um völlig eigenständige Schöpfungen handelt — doch
einige Analogien erkennen, denn in beiden Fällen wird den dargestellten Szenen von Lepantoschlacht und Schleierfund das Bild des in
Hostiengestalt erscheinenden Gekreuzigten überlagert.
In Ingolstadt erscheint der durch das Sanctissimum verkörperte Corpus im Mastbaum des Schiffes der Kirche, während er in Klosterneuburg die Gestalt des am Baum des Lebens gekreuzigten Heilands annimmt, vor dem der hl. Leopold kniet. Wie das Schiff der Kirche auf der
Lepanto-Monstranz, so besteht auch das Baumkreuz der Schleiermonstranz aus jenem Holz des arbor vitae, das zum Bau des Kreuzes
von Golgatha verwendet wurde: Die Erlösung durch das Kreuzesholz
ist gemeinsames Thema der Memorialmonstranzen. In beiden Fällen
sind auf den Monstranzen Heiligenlegenden von höchster politischer
Tragweite dargestellt: Der Sieg gegen die Türken bei Lepanto erfüllte
durch die Gebete Pius V. den Fortbestand des hl. römischen Reiches;
die Gründungslegende Klosterneuburgs symbolisierte die politisch810
Kapner, Auswirkungen der religiösen und künstlerischen Bemühungen der Barockzeit auf die
Volksfrömmigkeit in Wien, S. 223 - Der Autor bezieht sich hier auf Pierre Bourdieu: Theorie der
symbolischen Gewalt. Frankfurt a.M. 1972
811
Breuer, Absolutistische Staatsreform und neue Frömmigkeitsformen, S. 25
812
Coreth, Pietas Austriaca, S. 7
Kieser: Memorialmonstranzen
196
religiöse Begründung des habsburgischen Machtanspruchs. Dabei
sind beide Prunkmonstranzen anti-türkisch ausgerichtet; im Falle der
Schleiermonstranz jedoch in einer indirekten, durch die Trinität symbolisierten Weise. Beide Gegenstände führen die göttliche Legitimität
von Reich und Kirche vor Augen, indem sie die dargestellten Szenen
in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang stellen und sie mit einer
Marienerscheinung begleiten. Die Gottesmutter hat im Bildgefüge der
Monstranzen stets die heilsvermittelnde Funktion der mediatrix inne. In
Ingolstadt leitet sie das Gebet des hl. Pius V. an Jesus Christus weiter,
in Klosterneuburg gelobt ihr der hl. Leopold die Stiftung des Klosters.
Der salomonische Tempelbau des Heiligen legt hier den Grundstein für
den für die habsburgische Herrschaftskontinuität auf den Schultern der
Babenberger. Das jeweils zu beobachtende Eingreifen der Gottesmutter in das Heilsgeschehen macht die nahe Verwandtschaft der Pietas
Bavarica mit der Pietas Austriaca deutlich.813 Beide Male steht die
Muttergottes dem mit dem Schwert für die römisch-katholische Sache
streitenden miles christianus bei. Nicht außer Betracht geraten darf indessen — unberührt die zahlreichen, heute profan erscheinenden
Konnotationen der Darstellungen — daß die Monstranzen nicht in erster Linie humanistisch geprägter memoria historisch abgeschlossener
Vergangenheit verpflichtet waren. Vielmehr kommt durch sie der religiöse Geist der Anamnese zum Vorschein, der sich nach Augustinus
nicht an Vergangenes, sondern an Ewiges „erinnert“. Auch für Thomas
von Aquin hatte die Anamnese von Heilsereignissen eschatologischen
Charakter, wodurch diese sowohl zum signum rememorativum und
zum signum prognosticum der antizipierenden Erinnerung des künftigen Heils wurden.814
Auf beiden Memorialmonstranzen geht es im Grunde um eine Apotheose der für das deutsche römische Reich wichtigsten Ämter: Von
der jesuitisch geleiteten Bürgerkongregation in Ingolstadt wird gehorsam der ewige Primat des pontifex maximus propagiert, während in
Klosterneuburg die Gründung des Ordens durch Augustinus und die
Stiftung durch den hl. Leopold im Vordergrund steht, die das deutsche
Königtum Habsburgs langfristig vorbereitete. Die fest angenommene
Unvergänglichkeit der kirchlichen oder weltlichen Amtswürde bildet ein
ideelles Tertium der beiden Memorialmonstranzen: dignitas que non
813
Was Anna Coreth gezeigt hat, läßt sich ebenso für die eucharistische Frömmigkeit im bayerischen Kurstaat darstellen:. Vgl. Hubensteiner, Geist des Barock (1967).
814
A. Darlapp: Art. „Anamnese“. In: LThK, Bd. 1, Sp. 483-486 — Vgl. Augustinus an Nebridius, Ep.
VII, 1 u. 2, sowie Thomas von Aquin, Summa th., III q. 60 a. 3
Kieser: Memorialmonstranzen
197
morietur.815 Zwar ging Maximilian I. von Bayern mit seiner betonten
Eucharistie- und Marienverehrung beispielhaft voraus, die erst später
von den Habsburgern aufgenommen wurde, doch erwiesen sich die
Österreicher in ihrer Glaubenspraxis als weit weniger papsttreu, da
hier der Kaiser den Papst als sittlich-religiöse Instanz zu verdrängen
suchte. Wie gezeigt wurde, lag der Lepanto-Monstranz ein Concetto
der streng an den päpstlichen Gehorsam gebundenen Jesuiten
zugrunde, während sich die Klosterneuburger Augustiner-Chorherren
dem Wiener Kaiserhof auch räumlich wesentlich näher fühlten als dem
fernen Passauer Bischof oder gar dem Papst. Beide Monstranzen dokumentieren in ganz eigenständiger Weise den Anspruch von Kaiser
und Papst, im Machtbereich des anderen zu wirken. Wenn die Ingolstädter Monstranz in ihrer Grundaussage papalistisch argumentiert, so
nimmt die Klosterneuburger Prunkmonstranz einen staatsreligiösen,
patriotischen und dabei latent antipäpstlichen Standpunkt ein.
Seit dem hohen Mittelalter wurde in kirchlichen Inventaren der beweglichen Kunstwerke zwischen Ministerium und Ornamentum getrennt.816 Unter Ministerium faßte man dabei liturgische Geräte, die für
den Gottesdienst nötig waren, während Ornamentum all jene Gegenstände bezeichnete, die dem Schmuck der Kirche dienen sollten. Bei
den Memorialmonstranzen handelte es sich für die zeitgenössischen
Gläubigen deshalb in keiner Weise um eine Profanisierung liturgischen Geräts, denn hier begegneten sich die vormals zum Ornamentum zählenden Darstellungen der Heiligenlegenden mit dem zum Ministerium gehörenden Gegenstande der eucharistischen Monstranz.
Diese einzigartigen Kunstwerke der kirchlichen Goldschmiedekunst
des Barockzeitalters können nur im Zusammenhang des erneuerten,
ganzheitlichen Liturgiebegriffes der Zeit verstanden werden: Nachtridentinische Handbücher, die die Ausstattung der Kirchengebäude nun
detailliert vorschrieben, führten nur noch die Bezeichnung Ornatus
Ecclesiasticus, worunter man nun — unter dem Eindruck gegenreformatorischer Christozentrik — die bauliche Beschaffenheit des gesamten Gotteshauses mit allen darin befindlichen Gegenständen meinte,
gleich, ob es sich um den Kelch oder das Altarblatt der Kirche handelte.817 Die Memorialmonstranzen bilden in dieser Hinsicht höchst seltene Beispiele für eine hochbarocke Synästhesie von prachtvollem Kirchenschmuck und feierlicher Liturgie. Im Typus der barocken Sonnenmonstranz läßt sich weiter beobachten, daß das ursprüngliche
815
Vgl. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs, S. 401
Wagner, Liturgische Geräte und geistliche Insignien, S. 146
817
Vgl. Jakob Müller, Ornatus Ecclesiasticus (Regensburg 1591)
816
Kieser: Memorialmonstranzen
198
Kultgerät immer stärkere Merkmale der Eigenrepräsentation aufweist.
Anton L. stellte fest, daß „die ganze mittelalterliche Entwicklung von
der Bilderschau ausgeht und daß dann unter dem Einfluß der Eucharistieschau (Prozessionen, Expositionen, Legenden, Hostienwunder)
auch diese Bildschau gewachsen ist.“ In Gestalt der beiden Memorialmonstranzen erreichte diese Entwicklung einen vorher nicht gekannten Höhepunkt.
Schließlich bleibt darauf hinzuweisen, daß die beiden hier untersuchten Meisterwerke der barocken Goldschmiedekunst — trotz vieler
geistiger Übereinstimmungen — finanziell mit höchst unterschiedlichem Aufwand gefertigt wurden. Die wesentlich teurere Klosterneuburger Monstranz ist im Bereich der höfischen Goldschmiedekunst
anzusiedeln, wofür nicht nur ihre Herstellung durch die geadelten und
deshalb nicht zünftischen Wiener Hofkünstler Steinl und Känischbaur
spricht, sondern auch die enge geistlich-politische Bindung des Stiftes
an den Wiener Hof. Die kostengünstigere, jedoch für die Ingolstädter
Sodalen ebenfalls teure Lepanto-Monstranz wurde von Bürgern einer
Territoritorialstadt bezahlt und durch den noch an die Augsburger
Zunftordnung gebundenen bürgerlichen Goldschmied Johann Zeckel
ausgeführt. Während der jesuitische Concetto der Lepanto-Monstranz
universal-katholische Bedeutung beansprucht und in dieser nicht unbedingt an den Ort gebunden ist, so kann für die Schleiermonstranz
das Gegenteil gelten, denn sie ist ihrer Funktion und Form nach unmittelbar auf die höfisch-liturgischen Bedürfnisse des Klosterneuburger
Stiftes zugeschnitten: Für die Augustiner-Chorherren war noch jene
monastische stabilitas loci verbindlich, die der jüngere Jesuitenorden
nicht mehr befolgte.
199
Kieser: Memorialmonstranzen
Anhang: Quellen zum Besatz der Schleiermonstranz
„Verzeichniss der auf die grosse Monstranze verwendeten Perlen und Steine:
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8
1
1
1
3
8
1
3
16
1
8
1
2
16
—
1
16
1
3
8
1
2
3
2
—
1
8
1
3
8
—
zu
30 f.
70 f.
—
30 f.
46 f. 52 kr. 2 d
—
30 f.
101 f. 15 kr.
—
30 f.
37 f. 30 kr.
—
30 f.
56 f. 15 kr.
—
30 f.
54 f. 22 kr. 2 d
—
30 f.
4 f.
—
30 f.
—
30 f.
450 f.
—
30 f.
61 f. 52 kr. 2 d
—
40 f.
275 f.
—
—
—
—
—
30 f.
30 f.
30 f.
30 f.
30 f.
7 f. 30 kr.
45 f.
202 f. 30 kr.
15 f.
150 f.
—
30 f.
33 f. 45 kr.
—
30 f.
86 f. 15 kr.
—
30 f.
360 f.
16 f. 52 kr. 2 d
Kosten 2074 fr.
Ihro Hohwürden Vndt genandten haben darzue gegeben Vber obige noch Ein diamandt Ring wigt
der Capitel Stein 1
7
3
Car. ist werth 320 f. 23 dickstein 3 Car werth 101 f.
8
8
200
Kieser: Memorialmonstranzen
Schmarakhsteün
5 grosse Schmarakht wigen 17 Car.
9 detto Schmarkakh
—
—
3 grosse Schmarakh
—
13 Car.
10 duzet sage 120 discreter gresse
—
4 Schmarakh
—
37 Stuckh
—
Stuckh 178
wigen
kosten 102 f.
—
nichts
—
78 f.
7
Car.
8
7
8 Car.
8
1
8 Car.
4
—
158 f. 45 kr.
—
71 f.
—
24 f. 45 kr.
100 Carath,
Kosten 434 f. 30 kr.
52
Rübinsteüner
1 stukh zu der Luna pr
7 f.
36 Duzet od. 432 Stukh in den schein pr
1 stukh Rubinschnallen in die Luna pr 12 f.
2 Rubin zu den Pentant pr
Stuckh
436
72 f.
24 f.
Kosten 115 f.
Die Vbrigen Rubin hab Ihro hohwürdt. undt genad. darzue gegeben
Orientalische granatten
4 Stukh zu den herzog hütt pr
9 f.
7 Stukh oval geschnitten pr
10 f. 30 kr.
11 Stukh
Kosten 19 f. 30 kr.
Die Vbrigen haben Ihro hohwürd. und genadten darzue gegeben.
Perll
280 Stukh gleine Zahl Perll ad 3 kr.
—
1200 dto gleine Zahl Perll ad 3 kr.
—
130 gar kleine Zahl Perll ad 1½ kr.
—
1610 Stukh
1 Stukh zu den Corpus Sti Spiritus
4 Stukh zu dem Scepter v. herzog hütt
1615 Stukh
—
—
Kosten zusammen
14 fr.
60 fr.
3 f. 15 kr.
6 f.
3 f.
86 f. 12 kr.
Die Vbrigen haben Ihro hohwürden v. genad darzue gegeben
Sauier Stein
die haben Ihro hohwürden v. genadten sambtlichen darzue gegeben als
die Kugl des gott Vatters von Ein stukh Sauier pr.
300 f.
die 8 Ekhihte Sauier auf d. glopo des fuesses pr.
400 f.
der Sauier Vntter den schein al Capo des Ovals
200 f.
der Vnttere des ouals
150 f.
bißhero 1050 f.
4 Sauier an den globo des stambs
130 f.
auf des fuss
à la facie 5 Sauier Stuckh — — — — —
590 f.
à la doro 5 Sauier Stuck — — — — —
270 f.
auf den Mitten theil
— — — — —
280 f.
sage 2320 f.
silber goldt v. Macherlohn vollgt.“ 818
818
Stiftsarchiv Klosterneuburg, Text veröffentlicht von Sebald, Zur Geschichte der Grossen
Monstranze in Klosterneuburg, S. 55 f.
Kieser: Memorialmonstranzen
201
„Daß mier Endts Geförttigten Herr Johann Michäel Hoffmann Kayserlich Münz, vnd Eüsenschneider 35 fr. 30 kr. Vor aufgearbeithe, vnd geschliffene Stainer, dan Vor 3407 stückh Kleine
St. Leopoldi Pfennig so 20 Markh gewogen Jede à 9 fr. 15 Kr. so außmachet 185 fr. vnd also mit
bede Posten Zusamen Zwayhundert, vnd Zainzig Gulden . auf abschlag deß erkaufften Laubmerisch Hauß zu Grünzing bezahlt, habe hiemit Attestir wollen.
Geben Wienn den 15. December An. 1712.
(Siegel)
Ernestus
Probst zu Closterneüburg“819
„Mehr empfangen eine geschnitene oval Cristal blaten zur Monstranz pr dreyßig gulden den 22
Xbris 1712.
Ernestus
Probst zu Closterneüburg“820“
Interims-Quittung.
„Pr. sechs Hundert Guldten, welche auf genedtige Verordnung Ihro Hochwürdte vnd genadten
herrn herrn Ernest Probsten des hohlöbl. stüffts vnd Closter Neuburg an der Danau & wegen meiner (sowohl derer geliffertes goldt vndt silberne Leopoldus Pfennige, als auch zur Neue Monstranzen behendtigte diamante undt Jubell halber) habendten anfordterung Auf abschlag von Ihro hochwürdten herrn Patri Augustino Hoff-Maister alhiero Par . undt richtig Empfangen habe Bezeuge mit
disser Meiner ferttigung.
Datum Wienn den 1. Juny 1715.
pr 600 fr.
(Siegel)
Joh. Michael Hofmann
819
A.a.O., S. 56
Ebd.
820
Kieser: Memorialmonstranzen
202
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Abraham a Sancta Clara: Österreichisches DEO GRATIAS, Das ist: Ein Außführliche Beschreibung
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Warncke, Carsten–Peter: Rezension zu Cornelia Kemp, Angewandte Emblematik in süddeutschen
Barockkirchen, München 1981. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte, 45 (1982), S.302-314
Warncke, Carsten-Peter: Sprechende Bilder – sichtbare Worte. Das Bildverständnis der frühen
Neuzeit. Wolfenbütteler Forschungen Bd. 33) Wiesbaden 1987
Warnke, Martin: Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers. Köln 1985
Weber, U.: Artikel „Schiff, Schiff der Kirche“. In: LCI, Bd.4, Sp. 61-67
Weidlé, Wladimir: Vom Sichtbarwerden des Unsichtbaren. Bildsemantik. In: Wandlungen des Paradiesischen und Utopischen. Studien zum Bild eines Ideals. Berlin 1966, S.1-9
Weil, Mark S.: The Devotion of the Forty Hours. In: Journal of the Courtauld Institute, (37) 1974, S.
218-248
Weingartner, Joseph: Das kirchliche Kunstgewerbe der Neuzeit. Innsbruck 1926
Weis, Adolf und Elisabeth Weis: Die Madonna Platytera. Entwurf für ein Christentum als Bildoffenbarung anhand der Geschichte eines Madonnenthemas. Königstein i.T. 1985
Weiskern, Friedrich Wilhelm: Topographie von Niederösterreich. 2 Bde., Wien 1769
Welzig, Werner: Zur Amplifikation in der barocken Heiligenpredigt. In: W. Welzig und M. Kastl
(Hrsgg.), Lobrede. Katalog deutschsprachiger Heiligenpredigten in Einzeldrucken aus den Beständen der Stiftsbibliothek Klosterneuburg. (Österr. Akad. der Wissenschaften - Phil. Hist. Klasse - Sitzungsberichte, Bd. 518) Wien 1989, S. 753-802
White, Hayden: Foucaults Diskurs: die Historiographie des Antihumanismus. In: ders., Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung. Frankfurt/M. 1990, S. 132-175
Wild, Barbara: Der Goldschmied Joseph Moser und die Wiener Goldschmiedekunst des 18. Jahrhunderts. Masch. Diss. Wien 1982
Wildmann, C.: Geschichte der Bruderschaftskirche Maria vom Sieg und der hiesigen Bürger–
Congregation. Ingolstadt 1897
Wilke, Georg: Die kirchliche Goldschmiedekunst Augsburgs vom Beginn der Renaissance bis zum
Ausgang der XVIII. Jahrhunderts. Diss. München 1907
Willers, Johannes Karl Wilhelm: Die Jagdwaffe im 18. Jahrhundert. In: Die Jägerey im 18. Jahrhundert (Beiträge zur Geschichte der Literatur und Kunst des 18. Jahrhunderts). Heidelberg
1991, S. 91-100
Wintermayr, Siegfried: Die bildliche Darstellung des hl. Leopold im Wandel der Zeiten. In: Festschrift hl. Leopold (Hrsg. S. Wintermayr), Klosterneuburg 1936, S. 46-63
Kieser: Memorialmonstranzen
213
Wintermayr, Siegfried: Die Beziehungen des Stiftes Klosterneuburg zur Wiener Universität. In:
Festschrift hl. Leopold (Hrsg. S. Wintermayr), Klosterneuburg 1936, S. 181-213
Woeckel, Gerhard und Erich Herzog: Ignaz Günthers Frühwerk in Koprivná (Geppersdorf). In: Pantheon, 24 (1966), S. 303-313
Wonisch, Othmar: Ein Kelch J. Kanischbauers nach Entwurf des älteren Fischer von Erlach? In:
Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, 10 (1956); S. 142-145
Wuttke, Dieter: Aby M. Warburgs Methode als Anregung und Aufgabe. Göttingen 1977
Wuttke, Dieter (Hrsg.): Aby M. Warburg. Ausgewählte Schriften und Würdigungen. Baden-Baden
1979
3. Ausstellungskataloge
Augsburg 1968: Augsburger Barock. 2 Bde.
Bonn 1975: Rheinische Goldschmiedekunst der Renaissance und Barockzeit
Bruchsal 1981: Barock in Baden–Württemberg. Vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur
Französischen Revolution. 2 Bde.
Ingolstadt 1988: Goldschmiedearbeiten in und aus Ingolstadt. (Hrsg. S. Hofmann)
Kevelaer 1987: Marianischer–Mariologischer Weltkongreß. (Hrsg. W. Schmitt–Lieb)
Klosterneuburg 1985: Hl. Leopold. Landesfürst und Staatssymbol.
Melk 1960: Jakob Prandtauer.
München 1960: Eucharistia. Deutsche eucharistische Kunst. Offizielle Ausstellung zum eucharistischen Weltkongress München 1960
München 1972: Bayern. Kunst und Kultur.
München 1976: Barock und frühe Aufklärung
München 1991: Die Jesuiten in Bayern.
214
Kieser: Memorialmonstranzen
Teil II: Abbildungen
Kieser: Memorialmonstranzen
215
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1
Abb. 2
Abb. 3
Abb. 4
Abb. 5
Abb. 6
Abb. 7a/b
Abb. 8
Abb. 9
Abb. 10
Abb. 11
Abb. 12
Abb. 13
Abb. 14
Abb. 15
Abb. 16
Abb. 17
Abb. 18
Abb. 19
Abb. 20
Abb. 21
Abb. 22
Abb. 23
Abb. 24
Abb. 25
Abb. 26
Abb. 27
Abb. 28
Abb. 29
Abb. 30
Abb. 31
Abb. 32
Abb. 33
Abb. 34a/b
Abb. 35
Lepanto-Monstranz, 1708, Goldschmiedearbeit von Johannes Zeckel aus Augsburg,
Silber, vergoldet, Edelsteine, Perlen, Email (Ingolstadt, Maria de Victoria)
Lepanto-Monstranz: Mandorla (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Kreuzchen und Malteserfahne (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Wolkenumrahmung des Sanctissimums (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Rückseite des Strahlenkranzes (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Lunula (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Seitenansichten der Mandorla (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Kriegstrophäen mit sinkendem türkischen Schiff (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Beiboot des Türkenschiffes (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Achterkastell des Türkenschiffes (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Kollision des Türken- mit dem Christenschiff (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Achterkastell des Christenschiffes (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Achterkastell des Christenschiffes mit Emailmedaillons (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Maria vom Siege über dem Achterkastell des Christenschiffes
(Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Türkenschiff mit zerfetzten Segeln (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Erzengel Michael über dem Vorderdeck des Christenschiffes
(Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Mittlerer Mastkorb des Christenschiffes mit Don Juan d'Austria
(Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Taube des hl. Geistes im Wolkennimbus (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Rechter Mastkorb des Christenschiffes (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Rechter Mastkorb des Christenschiffes mit Figuren (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Die drei Mastkörbe des Christenschiffes und Taube des hl.
Geistes (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Figur der Maria vom Siege (Detailansicht)
Lepanto-Monstranz: Figur des Erzengels Michael (Detailansicht)
Schleiermonstranz, 1714, Goldschmiedearbeit von Johann Känischbaur aus Wien,
nach einem Entwurf von Michael Steinl, Silber, vergoldet, Email, Edelsteine (Stift
Klosterneuburg)
Schleiermonstranz: Fußplatte mit dem hl. Leopold und seinen Jagdhunden, Emailmedaillon des hl. Augustinus (Detailansicht)
Schleiermonstranz: Abgewandte Seite der Fußplatte, Emailmedaillon mit Wappenschilden (Detailansicht)
Schleiermonstranz: Figur des hl. Leopold (Detailansicht)
Rückansicht der Schleiermonstranz
Schleiermonstranz: Sanctissimum und Heiliggeisttaube in der Glorie (Detailansicht)
Schleiermonstranz: Figur der Muttergottes auf einer Wolke (Detailansicht)
Schleiermonstranz: Figur Gottvaters auf einer Wolke, Heiliggeisttaube in der Glorie
(Detailansicht)
Maria de Victoria, Ansicht der Kirche der Bürgerkongregation Maria de Victoria in der
Kreuzstraße, Ingolstadt, 2. Drittel 17. Jh., Kupferstich
Maria de Victoria, Innenansicht der Kirche der Bürgerkongregation Maria de Victoria
in der Kreuzstraße, Ingolstadt, 2. Drittel 17. Jh., Kupferstich
Gedenkmünze der Bürgerkongregation Maria vom Siege in Ingolstadt, Silber, 1633,
von Münzmeister Georg Thomas Paur aus Eichstätt (Stadtmuseum Ingolstadt, Münzkabinett)
Papst Pius V., um 1755, von Joseph und Johann Klauber aus Augsburg, Kupferstich
aus J. S. Klauber: Hae sunt ergo feriae Domini sanctae, quas celebrare debetis temporibus suis, Augsburg um 1755
Kieser: Memorialmonstranzen
Abb. 36a-c
Abb. 37
Abb. 38
Abb. 39
Abb. 40
Abb. 41
Abb. 42
Abb. 43
Abb. 44
Abb. 45a/b
Abb. 46
Abb. 47
Abb. 48
Abb. 49
Abb. 50
Abb. 51
Abb. 52
Abb. 53
Abb. 54
Abb. 55
Abb. 56
Abb. 57
Abb. 58
Abb. 59
Abb. 60
Abb. 61
Abb. 62
Abb. 63 a/b
Abb. 64
Abb. 65
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Ehrenpforten zum 600jährigen Gründungsjubiläum der Stiftskirche Klosterneuburg,
1714, Sepiazeichnungen von Matthias Steinl (Stift Klosterneuburg)
Schleierfindung, 1507, von Rueland Fruehauf d. J., Öl auf Holz (Stift Klosterneuburg)
Schleierfindung, Ende 17. Jh., unbekannter österreichischer Meister, Öl auf Leinwand (Stift Klosterneuburg)
Titelblatt der Perioche zu dem Theaterstück „Maria Mulier Amicta Sole et Luna sub
Pedibus eius [...]“ von Michael Digiser S. J., Dillingen 1654
Lepanto-Monstranz: Taube des hl. Geistes blasenden Puttenköpfchen (Detailansicht)
Doppelimpresen Papst Pius’ V., aus Jacobus Typotius, Symbola Divina & Humana
Pontificum Imperatorum Regum [...], Prag 1601
Bildnis Herzog Albrecht V. von Bayern in der Intitiale der Gründungsurkunde des
Ingolstädter Jesuitenkollegs, dat. München 20. Dez. 1576, Pergamentmalerei (Bayerisches Hauptstaatsarchiv Jesuiten U 1576 XII 20)
Schädelreliquie des hl. Leopold (Stift Klosterneuburg)
Erzherzogshut, 1616 (Stift Klosterneuburg)
Reliquien-Triptychon mit Beckenknochen des hl. Leopolds, 1588, Meister H. S. aus
Wien, Silber, vergoldet (Erzbischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Wien)
Siebenarmiger Leuchter, 1. Hälfte 12. Jh., Bronze (Stift Klosterneuburg)
Bau der Stiftskirche in Klosterneuburg, 1507, von Rueland Fruehauf d. J., Öl auf Holz
(Stift Klosterneuburg)
Aufnahmeschein der Bürgerkongregation Maria vom Sieg in Ingolstadt, 18. Jahrhundert, Signatur „G. W.“, Kupferstich
Symbole mit Inschriften, gestochen von Johann Georg Wolffgang, aus Jakob Bosch,
Symbolographia sive de Arte Symbolica Sermones Septem, Augsburg und Dillingen
1702 (Class. I, Tab. IX, Detail)
Wie Abb. 33, (Class. III, Tab. VIII, Detail)
Wunderbarer Fischzug, 1572, von Nicolo Nelli aus Venedig, Kupferstich
Petrus steuert das Schiff der Kirche, 1480, Lombardische Buchmalerei (Pierpont
Morgan Library, New York)
Navis Ecclesiae militantis, 1572, Kupferstich, erschienen bei Huybrecht in Antwerpen
Passions-Schiff, Flugblatt, Nürnberg um 1630, Holzschnitt von Paul Fürst, Text von
Johann Klai, Nürnberg
Sogenannte „Kolomann-Monstranz“, 1752, Reliquiar von Joseph Moser aus Wien,
Silber, vergoldet, Edelsteine (Stift Melk)
Schleierfund auf einem Emblembild, 1692, Kupferstich
Lebens- und Erkenntnisbaum, um 1465, deutscher Einblattholzschnitt (Museo Civico
Pavia)
Lignum vitae, barockes Kreuzmeditationsbild, 2. Hälfte 17. Jahrhundert, Kupferstich
Österreich als grüner Baum, von Tobias Sadeler nach Adriaen Bloemert, Titelkupferstich aus Abraham a Sancta Clara, Prophetischer Willkomm, Wien 1677
Personifikaton der Virtù, aus Cesare Ripa, Iconologia, Rom 1603
Inspiration Augustins durch die Dreifaltigkeit, 1624, von Schelte a Bolswert aus Antwerpen, Kupferstich
Inspiration Augustins zur Ordensgründung, 1624, von Schelte a Bolswert aus Antwerpen, Kupferstich
Kniende Figuren in der Grabkapelle der Familie Ferrao, gestiftet 1640, von Giuliano
Fenelli (S. Paolo Maggiore, Neapel)
Verehrung der Eucharistie durch Angehörige des Hauses Habsburg, 1684, von Martin Gasser, Öl auf Leinwand (Stiftskirche Stams in Tirol)
Eberjagd des Markgrafen Leopold III., 1507, von Rueland Fruehauf d.J., Öl auf Holz
(Stift Klosterneuburg)
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217
Abbildungsnachweis
Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München: 39, 42 — Leo Bruhns: 63a/b — Bürgerkongregation Maria vom Siege, Ingolstadt: 6, 12, 13 — Isolde Dautel, Stuttgart: 5,
7a/b, 11, 60 — Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg: 54 — Viktor Harrandt,
Wien: 45 a/b — Inge Kitlitschka-Strempel, Klosterneuburg: 24-31, 36a-c, 38, 43, 44,
47, 65 — Museo Civico, Pavia: 58 — Museo Storico Navale, Venedig: 51 — Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv: 35 — Pierpont Morgan Library, New York:
52 — Rijksprentenkabinett, Amsterdam: 37, 61, 62 — Stadtarchiv Ingolstadt, Photosammlung: 1, 2, 3, 4, 9, 11, 14-23, 32-34a/b, 48 — Stadt- und Landesbibliothek,
Wien: 59 — Stiftsbibliothek, Klosterneuburg: 56 — Stift Stams, Stams in Tirol: 64 —
Universitätsbibliothek Tübingen, Photostelle: 41, 49, 50
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