Kulturbericht - Kulturinitiativen

Kulturbericht - Kulturinitiativen
Freie Tiroler Kulturszene
Unser Land.
Abbildung 3: Im Zentrum des Theaterstücks „Maske und das Buch“ standen Menschen mit Behinderun
Es ging dabei um die Lust, sich nicht anzupassen.
Inhalt
Inhalt
ab Seite
Vorworte
2
Freie Kulturszenerien
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Kulturarbeit(en) – Interdisziplinär und Diskursiv
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Über das Wie und Warum von Kulturinitiativen
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Exemplarische „Netz- und Innovationsprojekte“
in Nordtirol
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Freie Kulturszenen
in Südtirol
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Vom Austausch zur Zukunft – Praxis, Projekte, Beispiele
75
Zu den Autorinnen und Autoren
144
Kontaktadressen 146
1
1
Vorwort
Kulturinitiativen –
Motor kultureller Entwicklungen
Die alternative Kulturszene ist Ausdruck eines veränderten Kultur- und
Lebensverständnisses der Menschen. Die in diesem Umfeld arbeitenden
Kulturinitiativen greifen im Sinne eines offenen Kulturbegriffes gesellschaftlich relevante Themen auf
und übersetzen diese in künstlerische und kulturelle Ausdrucksformen.
Mit der Themenstellung ihrer Projekte und der
Forderung nach Demokratisierung, Transparenz
und Selbstverwaltung gehen von den freien Kulturinitiativen aber auch wichtige kulturpolitische Anregungen aus. Mit ihrer Arbeit stellen sie jene Fragen,
auf die es in der Kulturpolitik ankommt, will man
diese auch als Gesellschaftspolitik verstehen. Darin
Foto: Land Tirol/Fotowerk Aichner
steckt ein großes Innovationspotential und es entsteht ein zu den etablierten Einrichtungen komplementäres, in der heutigen
Kunst- und Kulturszene nicht mehr wegzudenkendes kulturelles Tätigkeitsfeld.
Aber auch für die Sicherstellung der kulturellen Daseinsvorsorge in den
Gemeinden leistet die freie Kulturszene wertvolle Aufgaben. Ohne freie,
soziokulturelle Projekte wäre die kulturelle Vielfalt in Tirol nicht möglich und
könnte nicht die für unsere Gesellschaft so wichtige breite kulturelle Bewusstseinsbildung stattfinden. Gerade in den Gemeinden des Landes verdient
die Arbeit der freien Kulturszene daher besondere Unterstützung.
Es freut mich daher, Ihnen gemeinsam mit Südtirol dieses Sonderheft der
Kulturberichte des Landes präsentieren zu können. Für die Kulturinitiativen
selbst bedeutet dies eine Anerkennung ihrer wertvollen Arbeit und für die
kulturinteressierte Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich ein Bild von der Buntheit
und Vielfalt der freien Kulturszene in Tirol zu machen.
Landesrat Dr. Erwin Koler
2
Vorwort
Vorwort
Südtirol besitzt eine reiche und vielfältige Kulturszene. Ihren kreativen Motor
findet sie einerseits in den institutionalisierten Kultureinrichtungen des Landes,
wie etwa der Stiftung Stadttheater, dem Museum
für moderne und zeitgenössische Kunst „Museion“
oder dem Südtiroler Kulturinstitut, um nur einige zu
nennen. Andererseits besitzt Südtirol auch eine
lebendige Szene junger, kreativer und uninstitutionalisierter Kulturinitiativen, die sich in jenen Nischen
entfalten, die von den amtlichen Kulturorganisationen nicht ausgefüllt werden (können).
In dieser unkonventionellen und interdisziplinären
Kulturszene steckt ein großes kreatives Potential;
die Kulturpolitik darf daher diese Initiativen nicht
Foto: Arno Pertl
aus den Augen verlieren und muss ihnen die nötige
Aufmerksamkeit und ein gutes Maß an Vorschussvertrauen entgegenbringen,
damit sie sich entfalten können. Mein Anliegen als für deutsche Kultur
zuständige Landesrätin ist es daher, die entsprechenden günstigen
Rahmenbedingungen zu schaffen, damit dieser Kreativpool der
Kulturinitiativen wachsen und gedeihen kann – denn von diesen Initiativen
gehen wichtige Impulse für die gesamte Kulturszene unseres Landes aus.
Ich begrüße es, dass das vorliegende Kulturberichte-Sonderheft neben den
Tiroler Kulturinitiativen auch eine Bestandsaufnahme junger Kulturprojekte in
Südtirol enthält. Für die Kulturschaffenden ist dies nicht nur ein Zeichen der
Wertschätzung ihrer Arbeit, sondern ihre Initiativen erhalten dadurch einen
größeren Bekanntheitsgrad auch über unsere Landesgrenzen hinaus.
Dr. Sabina Kasslatter Mur
Landesrätin für Familie, Denkmalpflege und deutsche Kultur
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Impressum:
Eigentümer, Herausgeber, Verleger:
© Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Kultur
Vorstand: HR Dr. Thomas Juen, Sillgasse 8, 6020 Innsbruck
Email: [email protected]
Südtiroler Landesregierung
Dr. Armin Gatterer, Leiter der Abteilung Deutsche Kultur und Familie, Andreas-Hofer-Straße 18, 39100 Bozen
Redaktionelle Gesamtleitung: Dr. Petra Streng
Druck- und Gesamtherstellung: Hernegger Offsetdruck GmbH., Stadlweg 13, 6020 Innsbruck
Die mit Namen gekennzeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Freie Kulturszenerien
Zu Erfolg, Charme und Sinn der Freien Kunst- und Kultur-Szenen
„Das Tollste ist ja immer schwer zu definieren,
und meist findet es sowieso am Rand der als toll
betitelten Ereignisse statt – so wie das Verlieben.“
(„3-Fragen“-Antwort, anonym)
1 Erfolg
Das ist natürlich immer die Frage: Was das sei, Erfolg, woran sich das misst,
wonach es bemessen wird, von wo aus es vermessen wird, und wer die
Maßeinheiten vorgibt, nach denen das zu geschehen hat; was das sei, das
Gelungene, das Geglückte einer Sache, eines Tages, eines Projektes, einer
Debatte, eines Werkes, Blickes, Weges, Tons – gar eines ganzen Lebens(teiles) …
Und was dann Misserfolg sei, das Gescheiterte, Verlorene, Misslungene,
Verfehlte, In-den-Sand-Gesetzte, das Missglückte in all diesen Dingen …
Zumal in der Kunst: Weil in welcher Rechenart sollte der bei- und auch nur
nahegekommen werden …
Aber so tiefgehenden Tiefgang brauchen wir uns hier gar nicht zu leisten –
denn: Selbst nach so zweifelhaften wie trotzdem allgemein gängigen
„Marktkriterien“, die in grundsätzlicher Rechen-Schieflage dauernd noch
druckvoller auch dem Kunst- und Kulturbereich aufgezwungen werden,
haben sich die Freien Kunst- und Kulturszenen Tirols zu beeindruckenden
Faktoren entwickelt: Allein in Innsbruck – eruiert von der „baettlegroup for
art“, für das Land Tirol insgesamt liegen so genaue Zahlen leider nicht vor
– verzeichnet man in diesem Bereich über 429.000 Eintritte jährlich, mehr
als 2.300 Veranstaltungen finden pro Jahr statt, quasi 6,4 am Tag. Da fragt
man sich schon, wie da von sowohl „zuständiger“ wie auch von allgemeinöffentlicher Seite weiterhin so getan wird und getan werden kann, als handle
es sich dabei um „Nischen“ und „Nischenprodukte“, welche die gängige
„Hochkultur“ bloß nicht anbieten und die von den Autonomen Kunst- und
Kulturszenen bloß ergänzend abgedeckt würden. Denn die „Erfolgsbilanzen“
vieler Projekte, welche unter hochprekären (Arbeits-/Raum-/Finanz-)
Bedingungen und immer erst gegen den Widerstand der regional Mächtigen
sowie unter weitgehender Ignoranz seitens der beiden Monopol-Medien
des Landes etabliert werden mussten und müssen, sich jedoch mittlerweile
Reputation weit über Tirol hinaus erarbeitet haben, könnten so manch
anderen, im Gegensatz zur „Kleinkultur“ medial verwöhnten und gehypten
Sektor schon eher blass werden lassen …
Wir sprechen hier also nicht mehr von kulturellen Minderheiten- und Randgruppen-Programmen, wir sprechen hier, in seiner Gesamtheit und umfassend – im Bezug auf die künstlerische Qualität, auf die organisatorische
Professionalität, auf die gesellschaftspolitische Aktualität, die zeitgenössische
Relevanz, auf die internationale Vernetzung, die technische Kompetenz usw.
– von auf Anspruch, Austausch und Innovation ausgerichteten Zentren des
Tiroler Kulturgeschehens. Das Nischengerede ist ein Nischenmärchen in echt …
Nischenmärchen – Vielfaltsdemut – Weltgestaltung
Prolog
Nischenmärchen – Vielfaltsdemut –
Weltgestaltung
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Nischenmärchen – Vielfaltsdemut – Weltgestaltung
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2 Charme
Um atmosphärisch ein wenig hineinzufinden in diese Einleitungstextsache –
weil eine Kleinigkeit ist das ja grad nicht, hier ein stimmiges „Vorwort“ zu
schreiben für die Fülle an Vielfalt, Themen, Ansätzen, Anregungen, Fakten,
Geschichten, Tonfällen usw., die den Inhalt dieser Publikation bilden –, hab ich
mir gesagt, schickst du vorerst einmal einen kleinen Versuchsballon ins Netz,
an ein paar etliche Leute, die du kennst, nähere und fernere Bekannte, und
stellst drei einfache Fragen: 1. Was war die allererste kulturelle bzw. künstlerische
Veranstaltung, die ihr im Leben besucht habt? 2. Was war die tollste kulturelle
bzw. künstlerische Veranstaltung, die ihr je besucht habt? 3. Was war die
schlechteste bzw. enttäuschendste Veranstaltung, die ihr je im Leben besucht
habt?
Und der Rücklauf war, nicht nur von der Anzahl her, bemerkenswert, was
auch auf eine gewisse diesbezügliche Antwort-Lust hindeutet, vielleicht auch
weil sich dabei in den eigenen (Kindheits-/Jugend)Erinnerungen schwelgen
ließ – denn die ich gefragt hab, sind von der altersmäßigen Zusammensetzung
her eher „mittel-alterlich“, also so zwischen 30 und 55, einem Alter also, wo man
Jugenderinnerungen hat, weil sie vorbei ist ...
Das erste Mal: gespickt mit Aufregungen, überfrachtet mit Erwartungen,
aber bleibend eindrücklich, nachhaltig – manchmal auch im Sinne einer
Enttäuschung, einer Eindruckslosigkeit. Wenn das halt zu klären ist: Was genau
war das erste Mal? Weil das berührt ja wiederum Bereiche diffusen Lichts: Wo
hört die Kultur auf und fängt die Kunst an? Was war bewusst rezipiert, was wie
nebenbei eingesogen? Was bekam man vorgesetzt und nahm es, was suchte
man sich (aus) und nahm man mit?
Mein – informeller – Fragebogen sagt: Die ersten passiven kulturellen Kontakte hierzulande sind in der Regel nach wie vor: Blasmusik(-Platzkonzerte),
Prozessionen, Kirchtage, Zeltfeste, Tirolerabende oder ähnliche heimische
Lustbarkeiten dieser Kragenweite („eigentlich war schon die Darbietung des
Inzingerliedes zur Eröffnung der Rodel-WM 1976, bei der ich im Volksschulalter
mitwirken durfte, die kulturelle Prägung schlechthin“). Außerdem: Märchenaufführungen, Krippenspiele, Kinderfilme – und, wichtig: Kasperltheater! Das
kommt bei fast allen prominent vor – ein, von mir zumindest, völlig unterschätztes
Kultureinstiegsgenre.
Ebenfalls von zentraler Bedeutung für jene, die ihre Kindheit und Jugend
zwar mit den Anfängen des Fernsehens, aber noch ohne Internet verbrachten:
Kino. Gerade auch am Land. Eine/n meiner Antworter/innen hat es dabei quasi
gleich voll erwischt: „Mein erster Kinobesuch in unserem Kaff, der erste richtige
Spielfilm, nach ,Hase und Igel’ etc. – und das war, ich weiß es noch wie heute:
,Der Bastard’ mit Klaus Kinsky.“ Die sanftere Variante: „Winnetou, im damals
noch existierenden Fortuna-Kino in Zirl, mit meiner älteren, tollen Schwester,
die ein Ntschotschi-Kostüm hatte – Neid!“ Oder: „Sissy-Filme in der alten Haller
Filmbühne“. Oder: „der Märchenstummfilm ,Schneeweißchen und Rosenrot’ im
alten Schulhaus am Gerlosberg“. Oder: „Herby, der tolle Käfer“ im „Kino von Ötz
im Saal vom Posthotel Kassl“.
Auch Kinder-Theater, Kinder-Oper (öfter: „Zauberflöte“), Kinder-Ballett
werden genannt.
Bei den ersten aktiv getroffenen Veranstaltungsentscheidungen kommt es
gehäuft zu den von manchen auch als solche bezeichneten „Jugendsünden“:
Ambros-Konzerte, Fendrich-Konzerte, Reinhard-Mey-Konzerte, Wecker-Konzerte – aber z. B. auch die „Gruppe ,Peacefrog’ in der Disco Biene in Nassereith“
oder „das Konzert einer italienischen Folk-Gruppe im ÖGB-Heim Kufstein“ oder
„die erste Friedensdemo in Innsbruck und das anschließende Konzert in der
Messehalle“ sind unter den „Debüts“. Durchsetzt mit Versuchen in „klassischer
Nischenmärchen – Vielfaltsdemut – Weltgestaltung
Hochkultur“, vor allem Theater und Musik, welche ihre Eindrücke des öfteren
mehr wegen der pompösen Repräsentativ-Räume hinterließen, die ihnen zur
Verfügung standen und stehen, als wegen der Sache an sich, hier finden auch
große Enttäuschungen statt aufgrund der aufgeputschten Erwartungshaltungen,
die dann nur teilweise eingelöst werden von der Kunst selbst.
Während man sich vom kleineren Rahmen auch eher überraschen lässt –
das Nicht-gefasst-(gewesen-)Sein auf etwas löst langanhaltende Nachschwingungen frei: „Wer immer diese Arbeit sehen wollte, der musste sieben Schwellen
überschreiten. Geld brauchte man keines. Man musste sich verirren, schwindelfrei sein, durfte keine Angst vor Dunkelheit haben, man durfte sich auch nicht
scheuen, in ein Haus zu treten, das keine Aufschrift hatte wie Kunst. Und alles
ohne auch nur einem Menschen zu begegnen … Ich glaube nicht, dass ich in
meinem Leben noch so ein überzeugendes Kunsterlebnis haben werde.“ Oder:
„Ungefähr fünf Stunden Theater auf massiven Holzbänken ohne Rückenlehne,
aber bis heute dem Rückgrat so zeitlos eingeschrieben wie die Aufführung:
grandios.“ Oder: „Eine ,Kirchenshow’ in der Jesuitenkirche in Innsbruck … Es gab
Schattenspiele und lauter wahnsinniges Zeug zur Musik von Werner Pirchners
,Halbes Doppelalbum’. Ich war sehr beeindruckt. Sowas wäre heute gar nicht
möglich – zu blasphemisch, zu politisch, kritisch – beinahe ketzerisch.“
Bleibende Spuren dürften, weil sie mehrmals angeführt werden in meinem
kleinen Frage-Antwort-Bogen, auch das KOMM, das Utopia, die Bergisel-Konzer-te oder auch die ersten exklusiven Innsbrucker Frauenveranstaltungen
hinterlassen haben: „Rotkäppchen, b.i.g., effie biest, fc.art und wie sie alle
geheißen haben und noch heißen, weil die Bühne und der Inhalt so nahe
waren und sind, dass mir wie sonst nie die Luft wegblieb, der Magen flatterte,
die Augen feucht und das Herz groß wurden, dass ich das Gefühl habe, wie in
Shakespeares Zeiten direkt auf der Bühne zu sitzen.“
Der Bogen der tollsten Veranstaltungen spannt sich insgesamt weit, auch
im geografischen Wortsinn: vom „Moloko-Konzert in Wiesen“ oder dem „MusikFestival in Glastonbury“, von einem „Chavela-Vargas-Konzert in Teneriffa“
oder einem „Drag-King-Night-Mitmach-Theater in New York“ über „Les Reines
Prochaines im Utopiakeller“ oder „das Ein-Personen-Stück ,Bericht an eine
Akademie’“, die „Theatergruppe Pandora mit Heiner-Müller-Texten im SiebenKapellen-Areal“ oder das „Attwenger-Konzert letztes Jahr im Treibhaus“ bis
zu Lesungen von Ruth Klüger (im Parnass) oder Herta Müller oder überhaupt
„Sprachsalz“ oder dem „neuen ,Fetthennen’-Programm im Bierstindl“ und
vielem mehr – das, ohne viel System, nur beispielhaft herausgegriffen ...
Vielfaltsdemut kommt da auf bei mir, tiefer Respekt vor all den Kunst-/
Kultur-Leuten unterschiedlichster Prägung und Ausprägung, vor und hinter den
Bühnen, die solches im Laufe der Jahre unter beträchtlichem Einsatz und oft
verbunden mit erheblichen Risiken ausgeheckt, organisiert, umgesetzt, (uns)
ermöglicht haben …
Im Bezug auf die „schlechteste Veranstaltung“ hat eine/r der Antworter/
innen gemeint: „Mieseste? Mir fällt nix ein, weil ich immer, wenn jemand etwas
von sich selbst hergibt, Achtung vor ihm habe.“ Und das ist wahr. Auf der anderen Seite: „... ich kann’s auch nicht haben, wenn [SchauspielerInnen] mit
verquerer Stimme irgendeinen tausendsten Rilke von sich geben und dazu
alle auch noch ergebenst applaudieren.“ Oder: „Schlechte Veranstaltungen
verbreiten sich wie Seuchen im Land ... im Großen und Ganzen sind die breitproklamierten Sommerfestivals unterm Hund. ... Nein. Ich bitte darum, das Sommerszenario den subversiven Künsten zu überlassen, ganz nach Raymond
Carver: Würdest du jetzt bitte endlich still sein, bitte. (Und die anderen laut sein
lassen.)“
Kritik kommt vor allem für jene „Events“, wo aufgrund der politischen „Rückendeckung“ die Relation zwischen ausgegebenem Geld und künstlerischem
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Nischenmärchen – Vielfaltsdemut – Weltgestaltung
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Ergebnis aus allen Fugen gerät, explizit genannt z.B.: „die letzte Tiroler Landesausstellung“ oder „die Veranstaltungen zu 60 Jahre Kriegsende und 50 Jahre
Staatsvertrag 2005“; explizit befürchtet: „Hofer-Jahr und Bergiselmuseum“.
Und drei Beispiele aus den Antworten auf die 3er-Frage nach dem schrecklichsten Kunst-/Kultur-Zuschau-Erlebnis seien hier einfach noch kommentarlos
genannt: „eine Veranstaltung in den 80er Jahren … mit jiddischen Liedern aus
Ghetto und Widerstand, als das Publikum völlig ungerührt und kalt in Steireranzügen die Lieder absaß“; „eine Eurhythmie-Veranstaltung mit Goethe-Texten
von und mit einer anthroposophischen KünstlerInnengruppe“; und: „Kino mit
meiner Oma, wo jetzt das Z6 ist, ,Das Wunder von Fatima’, die Oma betet und
weint ununterbrochen – so peinlich!“
3 Sinn
Weil im Endeffekt ja nur das: sich in der äußeren Welt auf bezügliche Art –
in dem, was man ist, wie man ist oder gern sein möchte, was einer/einem widerfahren ist im Leben, was man ersehnt, wogegen und wofür man sich einsetzen
möchte, wovor man zittert, vor Unglaublichkeit, vor Glück, vor Angst, usw. –
abgebildet, gespiegelt, rezipiert, hinterfragt, mitunter unterhalten zu finden, löst
vieldeutige Gefühle von Beheimatetsein aus, im Grunde unabhängig von Orten
und vordefinierten Zugehörigkeiten. Weil nur wer etwas Inwendiges von sich in
den Äußerungen seiner/ihrer Umgebungen wiederfindet, wird etwas verbinden
mit dem Ort, an dem er oder sie sich – warum auch immer – in diesem Moment,
und deshalb für immer, befindet. Weil wer nichts vorfindet von sich in der
Welt(Gestaltung) und dann nicht einmal danach suchen darf, wird sich nicht(s)
finden auf Dauer ...
Und zwar quer nicht nur durch die – teils nur angeblich so – unterschiedlichen Kulturen, sondern auch die zuweilen genauso unterschiedlichen sozialen
Gruppen und Schichten, Macht- und Ohnmachts-Cliquen innerhalb auch nur
einer Kultur, die ja nie nur eine ist.
barbara hundegger
© bahu 2007
Persönliche Erfahrungen mit Kulturinitiativen
Erste Begegnung und Auseinandersetzung als
Künstler mit dem Thema Kulturinitiativen machte
ich 1990 als Mitinitiator des Musik-, Kunst- und
Kulturprojekts „Workstation“ in Zusammenarbeit
mit Tiroler KünstlerInnen in Innsbruck, während
gleichzeitiger Recherchen in Tirol, Südtirol und
Süddeutschland für die Publikation „Zwischen
Subversion und Subvention - Kulturinitiativen in
Österreich“(herausgegeben von Wolfgang Freitag,
Martin Pichelhofer und Beate Scholz 1991). Durch
diese Recherchen und meine rege Konzert- und
Werner Moebius
Foto: Archiv des Künstlers
Performancetätigkeit in unterschiedlichen Projekten
entdeckte ich eine Vielfalt von Kulturinitiativen und lernte die dahinter
stehenden KulturarbeiterInnen kennen, sowie die Praxis und Notwendigkeit
von Netzwerken und Zusammenschlüssen von Kulturinitiativen und
KünstlerInnen. Zu dieser Zeit begann der Konsolidierungsprozess zur
Gründung einer österreichweiten Interessensvertretung für autonome
Kulturarbeit. In den Bundesländern existierten bereits einige funktionierende
Vernetzungen wie z.B. die Kulturplattform Oberösterreich oder die Tiroler
Kulturinitiative. Die Bedeutung der autonomen Kulturszene als soziokultureller
und gesellschaftlich relevanter Faktor war nicht mehr zu übersehen und
auch die Politik erkannte die Notwendigkeit einer Verbesserung der
Rahmenbedingungen für die Arbeit der Kulturinitiativen und infolge auch
für die Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen, vor allem auch jener in
experimentellen Bereichen der Subkultur. Bei meinen Recherchen fand ich
heraus, dass es im Raum Tirol, Südtirol und Süddeutschland zu dieser Zeit
an die 100 Kulturinitiativen gab, die aus unterschiedlicher Motivation an
verschiedensten Sparten zeitgenössischer Kultur arbeiteten und unabhängige
autonome Positionen für ein freies Kunst- und Kulturgeschehen schaffen
wollten. Die Palette reichte von Veranstaltungen aller Art ( Konzerte,
Performance, bildende Kunst, Kabarett, Theater), über Medienprojekte
(Zeitungen, Radio, Internet) bis hin zu Kulturarbeit mit Kindern und Projekten
mit MigrantInnen und Behinderten. Es gab aber auch Schattenseiten neben
dieser Vielfalt an positiven Entwicklungen seitens der KulturarbeiterInnen,
wie z.B. die Ausübung von qualitativer Arbeit zu unbezahlten und oft
selbstausbeuterischen Bedingungen, die ständige Angst vor verspäteten
Zusagen oder Reduktion von Fördergeldern oder die Abschiebung von
politischer Verantwortung und Aufgaben auf die KulturarbeiterInnen selbst
und infolge auch auf die Kunstschaffenden. In Innsbruck gab es zu dieser
Zeit eine blühende Subkultur. Neben der von KünstlerInnen organisierten
Workstation oder KG Pembaur gab es ein korrespondierendes kreatives
Netzwerk aus autonomen Initiativen wie das Haus am Haven, Büro Diderot
oder Cunst &Co in überregionaler Juxtaposition mit Institutionen wie z.B.
dem Kanal in Schwertberg/OÖ, Kapu Linz oder dem Flex in Wien. Zwischen
dem Haus am Haven und dem Flex gab es z.B. den sogenannten „Flex
Kultur Initiativen – Kreative Labors – Künstler Netzwerke
Kultur Initiativen – Kreative Labors –
Künstler Netzwerke
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Kultur Initiativen – Kreative Labors – Künstler Netzwerke
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Boiler Komplex“, der es damals Underground-Bands ermöglichte über ein
unabhängiges Netzwerk Konzerte und Performances in verschiedenen
Städten in Österreich und darüber hinaus zu spielen, sowie Publikationen
in Form von LP/CD-Compilations oder Reviews in Independent Magazinen
wie z.B. dem Flex Digest oder Skug zu veröffentlichen. Im Unterschied zu
damals schon etablierten Veranstaltungsbetrieben wie z.B. dem Utopia
oder Treibhaus in Innsbruck wurde von oben genannten Institutionen neben
der Veranstaltungstätigkeit auch vor allem an einer neuen kulturpolitischen
Orientierung und künstlerischen Identität, an einer leicht zugänglichen
Infrastruktur für Künstler, an einer Vision von neuen möglichen Formen
eines soziokulturellen Zusammenleben- und arbeitens und an einem der
Zeit entsprechenden Kunst - und Kulturverständnisses gearbeitet. Orte der
Kunst- und Kulturausübung wurden geschaffen im Sinne von „temporären
autonomen Zonen“, die der Künstler und Philosoph Hakim Bey definiert als
eine Situation, in der herrschende Gesetze und Ordnungen zeitweise lokal
außer Kraft treten, Autoritäten ihre Macht verlieren und unvorhersehbare
gemeinsame neue Begegnungen und Erfahrungen möglich werden. So
können unmittelbar Räume geschaffen werden, in denen eine andere oder
zukünftige Gesellschaftsform als Zelle eines selbstorganisierten organischen
Systems gedacht oder (voraus)gelebt werden kann. Der Impuls als Künstler
eine Kulturinitiative wie die Workstation zu gründen entstand damals aus
Mangel an Freiräumen für innovative, experimentelle künstlerische Arbeit,
sozio-kulturellen Aktivitäten, der Möglichkeit von Umsetzung von Projekten
in einem finanziell tragbaren Environment, sowie einem starken Bedürfnis
nach einer Alternative zur bestehenden Mainstream- und Entertainment
Kultur und deren scheinbar immanentem Ausschluss einer vielschichtigen,
nicht ökonomisch besetzten Kreativitäts- und Kunstausübung. Der inhaltliche
Focus der damals bestehenden Kulturinitiativen in Österreich bestand
hauptsächlich im Veranstalten, vor allem auch mit Schwerpunkt auf Import
von internationalen Angeboten. Was einerseits sehr gut und inspirierend für
die regionalen Szenen war, aber auch das Bedürfnis nach einer eigenen
Identität und Kunstproduktion im internationalen Kontext verstärkte. Und
genau dort fehlten die Möglichkeiten, Orte und Netzwerke. Die Workstation
wollte einen selbstorganisierten, autonomen kreativen Ort mit einer
gut ausgebauten Infrastruktur schaffen, an dem das Ausprobieren und
Produzieren in Laborsituationen unabhängig von finanziellen Ressourcen,
Zeitlimit und Produktionsstress möglich war und ein ständiger lebendiger
Austausch von Know-How zwischen MusikerInnen und KünstlerInnen
stattfinden konnte. Der Wunsch nach Partizipation an einem sich selbst
organisierenden funktionierenden Netzwerk, das vor allem auch jungen
KünstlerInnen die Realisation ihrer Ideen und Visionen in einem nährenden
und geistig offenem diskursiven Umfeld ermöglicht war ein Hauptanliegen.
Mit der Gründung der „Workstation“ (juristische Form „Verein zur Schaffung
kultureller Infrastruktur“) in Innsbruck wurde eine Koordinationsstelle für
KünstlerInnen geschaffen, die gut ausgestattete Arbeits- und Proberäume
sowie ein Gemeinschaftsbüro und ein Fahrzeug für Transporte oder als Tourbus
sehr günstig und unkompliziert zur Verfügung stellen konnte. Der Kulturverein
als offizielle Institution sollte als Interface funktionieren, als Schnittstelle
zwischen dem freien Experimentieren im Labor, wo Potentiale ausgelotet
werden und Kunstpraxis im diskursivem Dialog mit KollegInnen entsteht und
einer nach aussen gerichteten Möglichkeit zur Vermittlung, Verwertung,
Finanzierung und Präsentation von Musik und Kunst unter den Bedingungen
Kultur Initiativen – Kreative Labors – Künstler Netzwerke
der ProduzentInnen und zum wechselseitigen Nutzen aller Beteiligten. Aus
meiner heutigen Sicht ist auch die Bedeutung von Kulturinitiativen als „reale
Orte“ zu erwähnen. Sie sind wichtige Auftraggeber für Künstler, die vermehrt in
mobilen, globalen und medialen Kontexten arbeiten. Nach dem Motto „think
global, act local“ (Buckminster Fuller), schaffen sie wichtige Aufführungs- und
Kommunikationsorte in urbanen und ruralen Kontexten als bedeutsamen
Gegenpol zu einer vermehrt virtuell stattfindenden Medien-, Netzwerk- und
Kommunikationskultur. Sie sind Treffpunkte für Künstler, Kulturschaffende und
Publikum, die hier Informationen über lokale Aktivitäten und Kunstprojekte
finden können und das Zusammentreffen und den Austausch zwischen den
Generationen fördern, indem sie den potentiellen Raum für Diskursivität
bereitstellen.
Werner Moebius
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Zur Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von gemeinsamen Kulturprojekten
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Zur Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit
von gemeinsamen Kulturprojekten
Lies Bielowski im Gespräch mit Silvia Albrich
Was war für Sie die Motivation, sich mit anderen
Künstlern zu vernetzen, das heißt gemeinsame
Kulturprojekte zu initiieren und aufzubauen?
Ich bin seit 1988 freischaffende Künstlerin, ich habe
keine klassische Ausbildung, bin Autodidaktin und
habe sehr lange Zeit für mich allein gearbeitet.
1992 habe ich die KG Pembaur gegründet,
gemeinsam mit Michael Wolf, Günther Gstein,
Andreas Holzknecht und Heidrun Widmoser.
Wir haben eine Halle in der Pembaurstraße
angemietet und beschlossen, hier gemeinsam zu
Lies Bielowski
Foto: Silvia Albrich
arbeiten. Es ging eigentlich von Michael Wolf
aus, den ich bei einem Symposion kennengelernt habe. Da kamen wir
drauf, dass wir und auch andere Künstler ein Atelier suchen. Also machten
wir uns auf die Suche, bis wir eine große Halle mit Nebenräumen gefunden
haben, die auch erschwinglich war. Wir suchten bei Frau Dr. Hörmann um
Subventionen an und das Atelier- und Künstlerprojekt wurde vom Land als
Künstlergemeinschaft subventioniert. Wir haben gar nicht so sehr versucht,
uns inhaltlich zu treffen, sondern es war als Zweckgemeinschaft angelegt. Es
wurde kein künstlerisches Konzept drüber gelegt, sondern war einfach dazu
da, dass mehrere Künstler zu relativ günstigen Preisen arbeiten können. Das
war die Basis, auf der konnte man schauen: Passiert da etwas oder passiert
nichts? Es gab keine Erwartungen, Wünsche oder Hoffnungen, es war eine
Zweckgemeinschaft und man ging das Ganze ganz unbefangen an. Es ist
dann doch einiges an gemeinsamen Auftritten entstanden, wir hatten an
ungewöhnlichen Orten Präsentationen mit kleinen Arbeiten, Miniaturen. Oder
es gab – initiiert von Andreas und Günther - die kleinste Galerie der Welt:
ein Kaugummiautomat, den wir am Landesmuseum installierten. Da konnte
man kleine Unikate von uns um 10 Schilling herausdrücken. Es gab aber auch
diverse Feste und Präsentationen in der KG Pembaur: Jeder hat in seiner
Richtung gearbeitet und wir haben uns gemeinsam präsentiert.
Wir hatten in der Öffentlichkeit eine relativ gute Resonanz, obwohl wir uns
weder besonders angestrengt haben noch eine besondere Message nach
außen bringten wollten. Wir haben auch Postkarten herausgebracht, das war
eine unbefangene Zeit, eine Zeit, in der wir alle arme junge Künstler waren,
der Großteil der Leute hat nebenher arbeiten müssen, um Geld zu verdienen.
Waren Sie nicht schon vorher an einer wichtigen Kulturinitiative beteiligt? –
dem „Utopia“?
Ja, bevor ich in der KG Pembaur war, gab es ein anderes Projekt, das Anfang,
bzw. Mitte der achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden ist: Das war
die Traumwerkstatt, die dann später auch Utopia geheißen hat, weil das Lokal
Utopia hieß. Aber als wir anfingen, war unser Arbeitstitel „Traumwerkstatt“.
Initiator war Klaus Bucher, der mittlerweile verstorben ist. Er hat das Utopia
dann auch lang als Lokal geführt. Mit dabei waren Gerhard Höckner und ich,
Sie sind also weniger eine „Einzelkämpferin“, sondern arbeiten gerne mit
anderen?
Prinzipiell denke ich mir, dass es für mich als Künstlerin sehr wichtig ist, mich zu
vernetzen. Ich mache das gern, ich habe auch in der Künstlerschaft vor drei
oder vier Jahren eine Ausstellung kuratiert zum Thema „Reisende Frauen“.
Ich habe einfach Frauen, die ich gekannt habe, dazu eingeladen. Denn mir
ist wichtig, dass man sich auch gegenseitig so kennt, kennenlernt und sich
Feedback gibt, sich austauscht über Möglichkeiten zu präsentieren, dass
man keine Angst hat etwas zu verlieren, wenn man etwas teilt, sondern im
Gegenteil, meine Erfahrung ist, dass man gewinnt. Ich bin eigentlich jemand,
der gern immer wieder Leute hinzuzieht und ihnen Berührungsangst nimmt.
Natürlich hab ich auch eine Hemmschwelle, aber die ist niedriger. Ich bin
gern eigenständiger Teil eines Gesamten, ich mache im Moment sehr viel
Angewandtes – Kunst am Bau – weil das so mein Theama ist. Das war es auch
mit den Kostümen im Kellertheater, dass ich mich gerne in einem Kontext
sehe. Das ist ein Teil meiner Arbeit, dass ich sie in einen gewissen Kontext setze
und der andere Teil, den es genauso braucht, ist, dass ich so aus meiner –
sagen wir - Intimsphäre heraus arbeite. Ich mag diesen Wechsel gerne, das
Eine kann ohne das Andere nicht sein.
Wie wichtig sind Kulturinitiativen für KünsterInnen?
Ich bin einfach der Meinung, dass für mich – und hier wehre ich mich ein
bissel gegen dieses alte Künstlerklischee, wo jemand nächtelang nicht schläft,
sich verschwendet, arm ist - dass man einfach versucht, sich zu vernetzen,
zu verbinden, auch gegenseitig zu unterstützen. Es ist immr so, dass jemand
etwas besser kann in einer Gruppe, man muss nicht immer alles selber
machen. Ich mag auch nicht alles selber machen, ich wehre mich auch,
etwas zu bewerten. Es ist alles relativ, denn etwas, was mir leicht fällt, kann
Zur Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von gemeinsamen Kulturprojekten
auch Hermine Span war in der Gründerphase mit dabei. Hermine und ich
haben die erste große Modenschau in Innsbruck im Utopia gemacht. Das war
sehr aufregend, weil das Utopia dazumal eine ehemalige Stahlbaufirma war.
Wir brauchten lange, es umzubauen und zu adaptieren. Wir haben damals,
da war Alfred Dallinger Sozialminister, ein sehr umfassendes „WerkstättenKulturprojekt“ ausgearbeitet. Es war angedacht, verschiedene Werkstätten
zu etablieren, was ja auch passierte: Eine Töpferwerkstatt, der Buchladen
Parnass, die Siebdruckwerkstatt, die immer noch dort ist „Kunst & Co“, und
ich habe damals Mode gemacht. Hermine Span ist dann relativ bald in
die Garage (beim Treibhaus) abgesiedelt. Geplant wäre auch noch eine
Tischlerei gewesen – Gerhard Höckner ist Tischler - , aber da haben wir die
Anlagengenehmigung nicht gekriegt. Es hat dann doch einige Zeit in dieser
Form funktioniert, es kamen immer wieder neue Leute dazu, andere Leute
gingen weg… Die Gruppe war relativ lang konstant, ehe einige begannen,
sich abzusplitten. Das Ganze hat sich damit dann eben verändert. Ich
bin auch ausgesiedelt und habe dann in einem kleinen Haus in Innsbruck
ein Atelier gehabt. Ich habe zwei Jahre (1988 – 1990) für das Kellertheater
Kostüme gemacht, hab zuhause produziert, aber bald gemerkt, dass dieses
Künstlerinnendasein in der Isolation nicht das ist, was mir Spaß macht. Da kam
dann die erwähnte Begegnung mit Michael Wolf auf dem Symposion und
es ist die KG Pembaurstraße entstanden. Ich habe es sehr genossen, dass da
eine große Offenheit war, jeder konnte schauen was der andere macht, oder
auch nicht.
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Zur Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von gemeinsamen Kulturprojekten
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dem Anderen wieder schwer fallen und umgekehrt, also kann man das gar
nicht bewerten.
Ich gehe davon aus, dass man einen gewissen Spaßfaktor an dem hat, woran
man arbeitet, und der entsteht für mich schon auch durch Austausch, durch
andere Menschen. Das Andere, die Selbstzweifel hat man sowieso, da kommt
man ohnehin nicht drumherum: Wenn man für sich allein für eine Ausstellung
arbeitet, dass man sich immer wieder fragt, wieso man das überhaupt tut.
Dem kommt man eh nicht aus, diesen Schaffenskrisen, aber es kann sich
vieles relativieren, indem man sich einfach so immer wieder einmal einen
Blick von jemand anderem zugute kommen lässt. Es verschärfen sich auch
Dinge, wenn man kommuniziert, denn indem man mit jemandem spricht, wird
manches klarer, manches löst sich auf, manches verstärkt sich. Es ergibt sich
oft ein neuer Blickwinkel, man kann wieder neu drauf schauen.
Was ich auch wichtig finde ist, dass man nicht so in einer Gruppe aufgeht –
ich mag gerne solche Gruppen, in denen jeder als Individuum noch bestehen
bleibt. Ich würde mich weniger begeistern oder überhaupt nicht wohlfühlen,
wenn es eine Gruppenarbeit im herkömmlichen Sinne wäre. Ich würde nicht
gerne diesen Druck haben, dass man sich nach außen hin als harmonisches
Ganzes präsentieren muss. Denn das Spannende ist ja auch das, dass es
verschiedene Positionen gibt und man sozusagen in jedem Fall dadurch
profitiert – auch wenn das zur Folge hat, dass man eine Gruppe wieder
einmal verlassen muss. Aber letztendlich kann man im Austausch schneller auf
etwas drauf kommen und dieser Austausch darf durchaus kritisch sein.
So etwas kann in Lebensentwürfen sehr gut laufen, in denen Menschen Lust
drauf haben, an einem Platz zu leben und zu arbeiten. Man schaut, sammelt
Eindrücke, Reflexionen und es ist auch so eine Art Fluss. Denn Kunst ist für mich
nicht im Atelier sein und Dinge produzieren, für viele Leut ist das sehr stimmig
und sie sind froh, wenn sie ihre Ruhe haben. Aber für mich persönlich ist es das
nicht. Ich mag gern den Wechsel, die Möglichkeit, mich zurückzuziehen, aber
auch Situationen, die eine gewisse Offenheit haben. Tendentiell könnte das
auch wieder zu so einer Gemeinschaft hingehen.
Hat diese Form des Zusammenlebens und -arbeitens nicht auch eine
praktische Komponente?
Der praktische Sinn? Ja, wenn das Praktische stimmt! Wenn jemand aber
in so einem Kontext nicht arbeiten kann, nützt das Ganze auch nichts.
Abschließend kann ich sagen, dass diese ganzen Stationen, die ich da
gemacht habe - vom Utopia über KG Pembaur und zuletzt war das die
Feldstrasse – das war für mich alles sehr prägend und hat mir schon gut getan.
Diese ganzen Begegnungen, die da einfach möglich waren, würde ich nicht
missen wollen. Die KG Pembaur gibt es immer noch, dort natürlich nicht
mehr, aber die Kontakte gibt es immer noch, die Leute sind in Berlin, Wien, in
Spanien - in allen Richtungen. Aber zwischen Einzelnen gibt es zum Teil noch
eine große Freundschaft, manches hat sich ein wenig auseinander entfernt,
aber das ist etwas, wo ich das Gefühl habe, da kann man immer wieder
anknüpfen, und das ist gut.
Gibt es eine frauenspezifische Art, Austausch zu erleben, zu reflektieren?
Arbeiten Sie gerne mit Frauen?
Ja, das denke ich schon, dass es noch einmal eine frauenspezifische
Geschichte ist, denn in der Kunst ist es nach wie vor die Männerwelt, die
stark vertreten ist. Das ist mir schon immer ein Anliegen, wobei ich mich da
Man exponiert sich ja sehr mit seiner Kunst. Wird man im Laufe der Jahre
sicherer?
Sicher ist man nie, aber das ist nicht so ein Thema. Ich denke mir, es ist ein
Statement, das man abgibt, das kann jemanden treffen oder nicht treffen,
das hat mit der Qualität nichts zu tun. Denn in dem Moment, wo ich sicher
bin, dass ich mich ernsthaft damit auseinandergesetzt habe, gehe ich davon
aus, dass es Qualität hat, weil es im Rahmen meines künstlerischen Optimums
ist. - Mehr habe ich nicht zu bieten, das ist das, was ich zu bieten habe, das
kann man gut oder schlecht finden - wenn es auf Resonanz stösst, dann ist es
gut, und wenn nicht, ist es auch gut.
Haben Sie Kontakt zu NachwuchskünstlerInnen?
Ich hab eigentlich sehr wenig Kontakt zum Nachwuchs. Ich habe auch
das Gefühl, dass der Nachwuchs nicht in Innsbruck ist, sondern meist in
Wien, Berlin, Graz oder sonstwo studiert und dort bleibt. Denn in Innsbruck
ist es einfach sehr, sehr schwer, Fuß zu fassen. Es ist nicht zu klein, sondern
der Schwerpunkt, der von der Stadtpolitik gelegt wird, der schnürt einem
letztendlich den Hals zu.
Umso wichtiger wäre es doch, dass man sich in irgendeiner Weise zusammen
schließt?
Ich glaube, dass Innsbruck nicht wirklich reizvoll ist für junge Künstler, weil in
den Galerien werden großteils internationale Künstler ausgestellt und es gibt
nicht viele Anreize – die Andechsgalerie ist die einzige. Das gleiche haben
wir ja auch in der Architektur. Da muss immer die Hadid her, dabei ist die
Architektenszene in Tirol einfach keine schlechte und die Künstlerszene in
Tirol ist ebenso keine schlechte. Es wird halt sehr sehr stark – wie das überall
ist – über (klingende) Namen agiert. Aber da will ich mich nicht daran
aufhängen, ich will an dem nicht verbittern - das ist das gleiche wie mit
dem Frauenthema. Ich bin jemand, der nicht so gerne herumstochert, wo
die Mißstände sind, sondern jemand, der etwas macht, wovon ich glaube,
dass es gut ist. Das seh‘ ich stark bei mir. Es gibt Menschen, die agieren
hauptsächlich auf der Ebene, dass sie Mißstände aufzeigen, aber auf dieser
Ebene mag ich überhaupt nicht sein. Ich sage mir, ich mache Sachen, die
ich gut finde, von denen ich überzeugt bin und ich denke mir, je mehr man
Sachen macht, die gut sind, desto weniger hat das Platz, was nicht so gut
ist. Wobei ich mich seit längerer Zeit in einer Situation befinde, wo ich sehr für
mich bin..
Sie meinen Ihr jetziges Atelier am Innrain 54 a?
Ja, ich würde sagen, das ist eine kleine Kapsel, in der ich im Moment bin.
Das ist einfach entstanden durch eine große (persönliche) Veränderung in
meinem Leben: In der ich sozusagen eine Situation verlassen habe, in der
wohnen, arbeiten, leben, soziales Engagement - alles an einem Platz war. Das
war ein sehr öffentliches Leben mit Atelier, mit Räumen für andere Menschen,
Zur Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von gemeinsamen Kulturprojekten
nicht irgendwie (überlegt: ) – Ich würde mich da gar nicht als Kämpferin
bezeichnen, sondern als jemand, für den das einfach eine gewisse
Selbstverständlichkeit hat, für mich ist es einfach ein Thema, mit Frauen zu
arbeiten und gemeinsam zu präsentieren, weil es mich interessiert. - Aber
nicht manisch interessiert, ich stelle auch gerne mit Männern aus, aber das ist
für mich schon noch etwas ganz Eigenes.
17
Zur Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von gemeinsamen Kulturprojekten
18
in denen auch noch andere Menschen gewohnt haben und solche Konzepte
finde ich sehr spannend. Jetzt hat es sich so eben so ergeben, dass das
nicht mehr möglich ist und ich bin jemand, der dann eher extrem ist. Ich
habe einfach beschlossen, jetzt bin ich in meiner – ja ich würde es als Kapsel
bezeichnen, im positiven Sinn, jetzt bin ich in meinem Rückzugsrefugium und
schau mir einfach an, was da passiert. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass
ich da wieder hinausgeh‘.
Meine Idee ist schon, sich einfach zu vernetzen, mein Ding ist eher diese
Verbindung von Alltag und Arbeit – ich mag nicht gerne am Abend nach
Hause gehen und dann einfach wohnen. Ich kann meine Arbeit und das
wie ich sie sehe, nicht davon trennen wie ich Kunst mache. Für mich ist es
ein Teil meines Seins, dass ich mit Leuten zusammen Mittag esse, mit denen
gemeinsam koche, bzw. Menschen auf eine ganz selbstverständliche Art und
Weise begegnen kann, wo man sich nicht erst verabreden muss, sondern
einfach über den Weg läuft.
Silvia Albrich
Lies Bielowski
geb. 1958 in Hall i.T.
1976 – 1982 Pädagogik- und Psychologiestudium
1984 – 1988 Mit- und Aufbauarbeit des Kultur- und Werkstättenprojektes „Utopia“
gemeinsam mit Gerhard Höckner; Schwerpunkt: Einrichtung und Betreibung einer
Mode- und Textilwerkstatt.
seit 1988 freischaffende Künstlerin
1988-1990 Kostümbildnerin am Innsbrucker Kellertheater und Kostüme für freie
Theatergruppen in Vorarlberg und Wien
1992 Gründung der Künstlergemeinschaft Pembaur, ein vom Land Tirol gefördertes
Atelier- und Künstlerprojekt gemeinsam mit Michael Wolf, Günther Gstrein, Andreas
Holzknecht, Heidrun Widmoser u.a.
1994-1995 Lehrtätigkeit für Textiles Werken am Bundesrealgymnasium Sillgasse, Innsbruck
seit 1995 Lehrbeauftragte an der Kunstuniversität Linz, Meisterklasse Textil
1996 Diplom am Institut für Erziehungswissenschaften der Leopold-Franzens-Universität
Innsbruck
2000 und 2001 Forschungsreisen und Workshops in Kirghisien
2001 Gastprofessur an der Meisterklasse Textil, Kunstuniversität Linz
seit 2001 Gastlehrbeauftragte an der Modeschule Hetzendorf, Wien
während der letzten 7 Jahre Abhaltung zahlreicher Workshops (z.b.: art didacta
Innsbruck, Sommerakademie Hetzendorf, Textile Kultur Haslach, Kunstforum Montafon,
Schulbesuche im Rahmen des Kulturserviceprogramms des Landesschulrats sowie im
eigenen Atelier)
seit 1988 kontinuierliche Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland
lebt und arbeitet häuptsächlich in Innsbruck
Kulturarbeit(en) –
Interdisziplinär und Diskursiv
Rezepte eines erweiterten Aktionsradius für regionale
Kulturinitiativen
Soziokultur
Seit den 1970er Jahren haben sich regionale Kulturarbeit und autonome
Kulturinitiativen ihren Weg in die politische Öffentlichkeit gebahnt: In
kulturpolitischen Diskussionen tauchte immer öfter der Begriff der Soziokultur
auf, der den Begriff von Kultur zu erweitern wusste. „Kultur“ beschränkt sich
seitdem nicht mehr auf Bereiche der Hochkultur, sondern wird vielmehr als
Menschenrecht oder wie wir hier es nennen wollen als Lebensmittel begriffen.
Regionalismus muss sich dabei nicht auf Brauchtumspflege und Folklore
beschränken, sondern bietet der Bevölkerung eben jene zeitgenössischen
Entwicklungen auch am Land und schafft für diese auch Möglichkeiten der
Gestaltung des eigenen (kulturellen) Lebensraumes. Wie es in der Esskultur
Fast- und Slowfood gibt, so finden sich im soziokulturellen Feld zeitgenössische
Entwicklungen genauso wieder, wie Rückschauen in vergangene Praxen
kommunalen Kulturlebens.
Kultur = Lebensmittel
Kultur = Lebensmittel
Verteilungsgerechtigkeit
Die Erweiterung des kulturellen Feldes erfordert die genaue Analyse von
Verteilungsschlüssel zwischen Bundeshauptstadt und den Regionen,
denn nicht nur wollen ProtagonistInnen des Kulturlebens einen Teil vom
Kuchen, nein, der Kuchen selbst hat sich schon verändert. Darauf muss
regionale Kulturförderung reagieren, bevor der Zug Richtung größere
Städte abfährt. Während mancherorts nur zwei Kategorien förderbarer
Kulturinitiativen vorhanden zu sein scheinen: tourismusfördernde und/oder
brauchtumspflegende Kultur, so braucht es für eine stetige Weiterentwicklung
die Berücksichtigung zeitgenössischer und partizipatorischer Ansätze, die
es verstehen anders im Feld der Vermittlung zu agieren. Dort werden die
Rampen für die Zugänglichkeit von Kultur gelegt, nicht die stuck-beladenen
Theaterhäuser der Bundeshauptstadt können diesen niederschwelligen
Zugang legen, sondern Kunst und Kultur, die in den Orten passiert und
entsteht. Dazu braucht es aber auch die Selbstverständlichkeit der Förderung
dieser, auf kommunaler, wie auch auf Bundesebene. Derzeit sind zwei
Entwicklungen zu beachten, die leider immer wieder gegeneinander
ausgespielt werden, kurz gesagt wären das Content vs. Struktur.
Die kulturellen Zentren
Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden aufgrund einer
anwachsenden Unzufriedenheit mit den Möglichkeiten kulturellen Lebens
am Land mehr und mehr Kulturinitiativen gegründet, die sich meist darum
bemühten einen Raum für ihre Zwecke zu adaptieren und selbstorganisiert
VeranstalterInnen zu werden. Diese kulturellen Zentren sind in ihrer
Programmierung und ihren Organisationsformen sicherlich von großen
Unterschieden geprägt, verbindend ist jedoch die Idee und das Streben
21
Kultur = Lebensmittel
kleinerer Gruppen das Kulturangebot der Region mitzuprägen, eigene
Vorstellungen zu verwirklichen und auch kritische Diskussionen zu ermöglichen.
Die Möglichkeiten dieser Räume gestalten sich je nach Ausstattung
verschiedentlich, jedoch haben sie die Chance lebendige, initiative,
regionale wie überregionale Facetten des Kunst- und Kulturlebens an ein
Publikum zu bringen. Durch „Lokalität“ der Räume ergibt sich die Möglichkeit
auf spezifische Fragestellungen zu reagieren und eine Plattform zu bieten.
Die NomadInnen
War es bis vor kurzer Zeit Strategie von aktiven KulturarbeiterInnen Räume
zu erobern, zu gründen und zu gestalten, um eben jene Bedürfnisse nach
alternativen Orten und Angeboten zu stillen, entwickelten sich in den letzten
Jahren Zusammenhänge, die nicht darauf abzielten eigene Räume oder
Häuser zu gründen. Vielmehr finden sich immer öfter Zusammenschlüsse,
die zeitlich befristete Projekte organisieren und sich dann wieder in neue
Kooperationen bewegen. Dieses Phänomen im sozio-kulturellen Feld hat
einen nicht unbedeutsamen Vorteil, da diese Zusammenschlüsse oftmals
sich nur zu spezifischen Themen und künstlerischen Arbeiten organisieren.
Sie können schnell auf aktuelle Brennpunkte reagieren und ermöglichen es
minorisierten Gruppen in das Diskurs- und Kunstfeld zu intervenieren. Ein nicht
unbedeutender Aspekt für junge oder neue KulturarbeiterInnen ist jedoch
auch die Undurchlässigkeit manch gewachsener Struktur, die sich zum Teil
mehr und mehr kommerziell orientieren. Daher stellt sich die Frage welche
Schnittstellenfunktionen können bzw. müssen diese beiden AkteurInnen
im Feld der sozio-kulturellen Arbeit erfüllen. Bietet die eine Stelle neben
Räumlichkeiten, auch Know-how und Netzwerke, versteht es die andere aus
gerade entstehenden oder bisweilen vernachlässigte Bereichen zu schöpfen.
Die Förderung kultureller Kompetenz, Experimentierfreudigkeit und das
Re-Agieren auf gesellschaftliche, politische und künstlerische Fragen
stellen dabei einige der wichtigsten Aspekte der beiden „Player“ dar.
Hier kann die Wichtigkeit von regionaler Kulturarbeit für die Entwicklung
gesellschaftlicher, demokratischer Foren nicht genug betont werden. Ein
Beispiel ist die Geschichte migrantischer Kulturvereine: Diese boten der
ersten Gastarbeitergeneration die Möglichkeit sich selbst zu organisieren und
Räume für (kulturellen) Austausch, meist noch für die eigene Sprachgruppe,
zu ermöglichen. Für zweite und dritte Generationen stellen sich jedoch
andere Fragen nach Partizipation und Gestaltungsmöglichkeit im eigenen
Lebensumfeld. Hier sind alte, wie neue Initiativen angehalten, die eigenen
Strukturen zu öffnen und die Wichtigkeit für sich selbst zu erkennen. Dazu
braucht es aber die (finanzielle) Unterstützung der Kommunen und der
Landeskulturabteilung, die gezielt politische, antirassistische Kulturarbeit als
zu fördernden Teilaspekt erkennen. Verhält es sich in der Kulturarbeit von
MigrantInnen ja nicht anders, wie in der übrigen Kulturarbeit: Für beide ist
wichtig, nicht nur Brauchtum, Tradition und Tourismusveranstaltungen zu
fördern, sondern vielmehr die Möglichkeiten und Offenheit zu produzieren, die
eine zeitgenössische, aktuelle Kulturarbeit befördern.
Was nun?
22
Sollte ich eine Empfehlung abgeben für nächste Schwerpunktsetzungen in
der Kulturpolitik, dann kann diese nur folgendermaßen lauten:
Anerkennung des potentiellen, wie schon vorhandenen Aktionsradius von
Kulturinitiativen erscheint dann letztendlich wie ein Bekenntnis zum Salz in der
Suppe. Und das sollte ja leicht von den Lippen gehen.
Kultur = Lebensmittel
+ KulturarbeiterInnen leisten wichtige Basisarbeit und diese muss gefördert
werden;
+ eine Abkehr vom entweder-oder-Prinzip in der Förderpolitik: kontinuierliche
Kulturarbeit braucht Strukturen, Räume, etc aber auch Unterstützung in der
Entwicklung von Inhalten, Projekten, Produkten, ...
+ Zugang zu Ressourcen und Know-how für alle Bevölkerungsgruppen bewusst
stärken und ausbauen,
+ und die Chancen der Vermittlungstätigkeit und Diskursbildung in und durch
Kulturinitiativen nicht vorbeiziehen lassen.
Marty Huber
23
„Freie Medien“ – was ist das eigentlich?
„Freie Medien“ –
was ist das eigentlich?
„Frei“, das sind in Österreich doch alle Medien! Stimmt: Es gibt in Österreich
keine offiziellen Zensurbehörden, keine direkt von Regierung oder Staat
inhaltlich kontrollierten Zeitungen oder Rundfunkanstalten, keine ob ihrer
publizistischen Tätigkeit verfolgten JournalistInnen. Die Presse ist „frei“,
der private Rundfunk ist „frei“, und der öffentlich-rechtliche weitgehend
(von moltophonen u.ä. Interventionen abgesehen) auch. Was ist also der
Unterschied zu dem, was innerhalb einer „freien“ Medien- und Kulturszene als
„bürgerliche“ oder „Mainstream“-Medien bezeichnet wird? Und warum muss
es überhaupt „alternative“ Medien geben, wenn eh’ alle „frei“ sind?
Freie Medien entstanden und entstehen aus der Überzeugung, dass das,
was aus zunehmend nach Markt- und immer schon nach politisch also
wirtschaftlich begründeten Machtmechanismen funktionierenden Medien
zu erfahren ist, nicht ausreicht, um eine demokratische Öffentlichkeit
ausreichend zu informieren. Sie funktionieren aus dem Bewusstsein heraus,
dass über die im Mainstream veröffentlichte Meinung hinaus Meinungen
existieren, die zu artikulieren und zur Diskussion zu stellen unabdingbar ist,
um die Öffentlichkeit als das zu erhalten, was sie nach demokratischen
Maßstäben sein muss: pluralistisch, vielfältig, vielstimmig und immer mehr
auch: vielsprachig. Und sie entstanden und entstehen aus der Überzeugung,
dass sich innerhalb der Mainstream-Medien Strukturen etabliert haben,
die nicht in der Lage sind, die sich verändernde Gesellschaft angemessen
abzubilden – und also die Öffentlichkeit angemessen zu informieren. Diese
Medien seien, so Robert Zöchling, lange Jahre Vorsitzender des Verbandes
alternativer Zeitschriften, vor allem daran zu kritisieren, was sie „nicht
enthalten“: „Was sie nicht enthalten, weil zu schwierig, zu kritisch oder sonst
wie nicht markttauglich, drucken und senden wir in alternativen Medien – das
ist ihre gesellschaftliche und kulturelle Aufgabe, daran erkennt man sie und
darin bewähren sie sich.“
In diesem Sinn sind „freie“ oder „alternative“ Medien also Medienalternativen
zum Mainstream. Sie unterscheiden sich davon sowohl strukturell als auch
inhaltlich wesentlich: Freie Medien sind gemeinnützige, selbstverwaltete
Organisationen und von kommerziellen Verwertungsinteressen unabhängig.
In der Regel werden sie von Kollektiven oder Vereinen betrieben, deren
publizistische Tätigkeit nicht auf Gewinn ausgerichtet ist – sondern in
den allermeisten Fällen auf dem unentgeltlichen Engagement von
RedakteurInnen und Produzierenden beruht.
24
Diese Produzierenden sind denn auch meist keine so genannten
professionellen JournalistInnen, sondern aus engagierten politischen,
sozialen oder kulturellen Zusammenhängen kommende AktivistInnen.
Aus diesen strukturellen und personellen Voraussetzungen ergeben sich
auch die inhaltlichen: Freie Medien verfolgen in der Regel das Ziel, eine
selbstbestimmte, solidarische und emanzipatorische demokratische
Gesellschaft zu fördern – und ihre existentielle Voraussetzung: die
Zeitschriften, die sich als Teil einer „freien“ Medienszene begreifen, erscheinen
vielfach im Umfeld bzw. unter der Herausgeberschaft von Kulturinitiativen
(wie der Kunstfehler der Arge Kultur Salzburg oder die Versorgerin der
Stadtwerkstatt Linz), Dachverbänden von Kulturinitiativen (KUPF-Zeitung in
Oberösterreich, kulturrisse der IG Kultur Österreich), einige aber sind von
solchen Organisationen völlig unabhängig, wie die im Jahr 2000 explizit
als kritisches „Anti-Wende“-Blatt gegründete Malmoe. Redaktionen sind
in der Regel Redaktionskollektive, die relativ offen zugänglich sind. Diese
Redaktionskollektive handeln gemeinsam eine inhaltliche, thematische und
politische Zielrichtung aus und wählen darauf aufsetzend Themen, Inhalte
und AutorInnen aus, die ihnen im Sinn dieser Zielerreichung bzw. –annäherung
sinnvoll und wichtig erscheinen. Produkt dieses kollektiven Bemühens sind
meist vier- bis sechsmal jährlich erscheinende Zeitschriften, die meistens eine
konkrete redaktionelle, (gesellschafts)-politische Ausrichtung haben.
Hier liegt auch der wesentliche strukturelle Unterschied zu den Freien Radios:
Sie funktionieren als Plattformen, die von einer Vielfalt gesellschaftlicher
Gruppen und Einzelpersonen bespielt werden. Freies Radio ermuntert
Menschen dazu, selbst aktive RadioproduzentInnen zu werden und
Sendungskonzepte umzusetzen, die ihre Form und ihr Bedürfnis nach
Meinungsäußerung, Informationsvermittlung, künstlerischer Produktion oder
auch „nur“ Unterhaltung widerspiegeln. Bei den aktuell 12 Freien Radios
in Österreich sind je nach Standort (Stadt – Land) und regionalem Kontext
zwischen 70 und 500 Menschen als RadiomacherInnen aktiv, die entweder
einzeln oder als Redaktionskollektiv regelmäßig und vom Senderbetreiber
autonom Radiosendungen gestalten: Viele dieser Sendungen zielen auf
politische, kulturelle oder soziale Information und Analyse, genauso aber
auch auf die Promotion von lokaler bis internationaler Musik, Kultur, Literatur
oder Audiokunst. Eine wichtige, besonders in den Ballungszentren zwischen
20 und 25 Prozent der Sendezeit bespielende Gesellschaftsgruppe sind die
verschiedenen migrantischen Communities, die in ihren Herkunftssprachen
oder mehrsprachig Informationen und kulturelle Angebote für ihre jeweiligen
Zielgruppen verbreiten. Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit freier Radios
besteht denn auch in der Vermittlung von Medienkompetenz: sowohl
technischer und redaktioneller Fertigkeiten, wie der Fähigkeit zur kritischen
Medienrezeption. Gleichzeitig fungieren die Organisationen, die die
Radios betreiben – und die selbst immer von den NutzerInnen bzw. deren
Communities oder Organisationen getragen werden, als Initiatoren für
gesellschaftspolitische oder kulturelle Projekte. Die Entwicklung von Freiem
„Freie Medien“ – was ist das eigentlich?
Meinungsfreiheit. Daraus ergeben sich einerseits thematische Stränge –
Antirassismus und Inter- bzw. Transkulturalität, Feminismus bzw. Antisexismus,
Menschenrechte, die Auseinandersetzung mit und Analyse aktueller Sozial-,
Medien- und Kulturpolitik und ein Fokus auf zeitgenössische Kunst- und
Kulturproduktion. Im Zentrum stehen Gesellschaftsgruppen und Themen,
die in den Mainstream-Medien nicht, zu wenig oder einseitig behandelt
werden. Daraus ergibt sich eine aus der Sicht von z.B. MigrantInnen,
FeministInnen oder Menschen mit Behinderungen „einseitige“ Perspektive
auf die Gesellschaft, die nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder
die objektive Aufarbeitung eines Sachverhalts erhebt. Gleichzeitig bedeutet
das charakteristische Produktionszusammenhänge, die sich auch aus den
Spezifika der jeweiligen Mediengattung ergeben.
25
„Freie Medien“ – was ist das eigentlich?
26
Fernsehen, das strukturell genauso funktionieren könnte, steckt vor allem
aufgrund des größeren finanziellen Aufwands noch am Anfang: Allerdings
sendet seit Ende 2005 das Wiener Community TV Okto im Kabel und via WebStream, in Linz arbeitet eine Initiative an digitalem Community TV. So gut wie
alle Freien Radios und Freien Printmedien verbreiten ihr Programm bzw. ihre
Zeitschriften auch über das Internet, via Audiostream bzw. werden Texte
online veröffentlicht. Genuine Online-Medien – ohne gedrucktem Verstärker –
haben sich bisher kaum durchgesetzt.
Geht es um Medien, geht es immer auch um die Frage, wer sie produziert,
wer sich ihrer bedienen darf und aus welcher Perspektive das geschieht. Freie
Medien versuchen, diese Frage radikal demokratisch zu beantworten: Alle
müssen produzieren dürfen, und die Perspektive muss die von unten sein.
Veronika Leiner
Eingeladen worden bin ich für dieses Heft einen Betrag zur „interkulturellen
Kulturarbeit(en)“ zu schreiben. Meine Annäherung an das Thema ist am
besten durch die Anführungszeichen ausgedrückt, die das Unbehagen
diesem Begriff gegenüber in Zaum halten, und zugleich veranschaulichen
sollen. Welcher Übertitel, fragte ich mich, könnte die Verschiebung der
Perspektive die sich in den letzten Jahren vollzieht wiedergeben?
Zugegeben, aus dem gewählten weht eher der diskrete Charme einer
förmlichen Fadesse, so zumindest der Ersteindruck. Ihm fehlt so gut wie
alles - der flapsig-fliesende Abgang, die gewisse Coolness wie auch die
Beiläufigkeit jener Slogans, die sich so richtig einem/r einprägen. Wenn
dieser Titel mit etwas zu glänzen hat, dann eher mit seiner Sperrigkeit und
mit der zusätzlichen Zungerbrecherqualität des ersten Substantivs, das von
einem unerwarteten Charakteristikum zeugt: Es ist ein Wort, das gerade
MuttersprachlerInnen, Mehrheitsangehörigen sowie Politikern gravierende
Aussprache- und Verwendungsschwierigkeiten bereitet. Angesichts
der Leichtigkeit mit der Wörter wie „Integration“, „fremde Kultur(en)“,
„Multikulturalismus“ usw. öffentlich verloren werden, spricht das Aussparen
des Wortes Einwanderungsgesellschaft in diesen Kontexten offensichtlich
mehr als nur ein logopädisches Problem der Mehrheit an.
Was hindert aber Mehrheitsangehörige, Akteure im kulturellen Feld, Politiker
an der Verwendung des Begriffes? Ein mangelnder Spracherwerb, einseitige,
unzureichende Bildung? Die Unfähigkeit, sich von tradierten Bildern zu
lösen und sich in neue Kontexte einzufügen, sich auf Entwicklungen,
die seit einem halben Jahrhundert gelebter Alltag sind, einzulassen?
Rückständigkeit, ein demokratisches Defizit? Was genau löst die Sprech- und
Handlungsstagnationen bei diesen Milieus aus? Was ist leicht aussprechbar für
wen, wann und warum?
Die Anhänger des Multikulturalismus - frei nach dem Motto „o, wie bunt, o,
wie nett!“ und „alle schön brav abgeschottet nebeneinander defilieren,
bitte“ - hatten mit „Multikulti“ den Höhepunkt der blitzschnellen Memorierung
erreicht. Auch wenn der Vorteil der einfachen Aussprechbarkeit mit dem
Nachteil der leichten Vereinnahmung einherging, war überall von „Mosaik“,
„buntem Treiben“ und „Vielfalt“ die Rede. Kaum ein Auge blieb trocken bei
dem Vorführen der exotischen „Andersartigheit“ des/der „Anderen“. Die
Frage, wer das sich-zurücklehnende Subjekt dieser Vorführungen ist und wie
dieses Subjekt zu seiner unhinterfragten, scheinbar durch nichts bedingten
(Macht)Position gelangt ist, ging in dem explizit erwünschten und geförderten
folkloristischen Tumult leicht unter.
Bei der nächsten quasi fortgeschrittenen Stufe des „interkulturellen“
Lernens, der „interkulturellen“ Kompetenz bzw. Kulturarbeit, halten noch
viele, zumindest logopädisch, mit. Nachdem die Europäische Kommission
das Jahr 2008 zum „Jahr des interkulturellen Dialogs“ erklärt hat ohne es
weiter inhaltlich emanzipativ zu reformulieren, darf auch „interkulturell“
seine Slogansternstunde im Hypermarkt der Kulturalisierung erfahren. Zwar
wurde in den Auseinandersetzungen um die „interkulturelle Kulturarbeit“ die
Hinterfragung einiger impliziten Voraussetzung des Multikulturalismus –
Einwanderungsgesellschaft und Kulturarbeit
Einwanderungsgesellschaft und
Kulturarbeit
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Einwanderungsgesellschaft und Kulturarbeit
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einer Nationalkultur, aber auch der Kultur als etwas Abgeschlossenes
und Festes – geleistet sowie die den „anderen Kulturen“ zugeschriebene
Rolle kritisch reflektiert. Aber auch wenn dabei der Umgang mit kultureller
Pluralität beschworen und von gleichberechtigter Zusammenarbeit einfach
ausgegangen wird, bleibt im interkulturellen Diskurs oft die vordergründige
Fokussierung auf kulturelle Unterschiede aufrecht und die Frage nach
strukturellen Ungleichheiten, Verteilung von Macht, Ressourcen und
Anerkennung in ihrem Kern unangetastet. Die aus dieser ernüchternden
Feststellung resultierenden Bemühungen, Fragestellungen und Inhalte zu
bearbeiten werden durch die Weiterentwicklung der Begrifflichkeit - z.B. zum
„transkulturell“- vermittelt wie auch durch die Einbeziehung von anderen
Konzepten und Kategorien in die Debatte.
Aktivistische und theoretische Kämpfe im Migrations-, Kultur- und
Antirassismusbereich prägen die Verwendung des Begriffes der
Einwanderungsgesellschaft. In der aktuellen Situation - denn solche
Kategorien können nur in den konkreten Perspektiven der wechselseitigen
Aneignungen, Vereinnahmungen sowie der Ausbrüche daraus ihren Sinn
entfalten – gewährt uns der Terminus die Möglichkeit, die längst fällige
Anerkennung eines faktischen, transkulturellen Zusammenlebens zu
denken ohne dabei den ewig langweiligen und ideologisch aufgeladenen
Pseudowiderspruch zu bemühen, indem Migration zwischen Bereicherung
und Bedrohung verhandelt wird.
Der Begriff Einwanderungsgesellschaft legt nahe, dass die Gesellschaft, und
zwar die in der wir wirken und nicht ein abstraktes Konstrukt, gedacht und
gelebt werden kann ohne eine stillschweigende implizite Hierarchie oder
die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft voraussetzen bzw. zuschreiben zu
müssen bzw. Differenzen als solche erstarren zu lassen. Durch ihn gewinnen
wir zusätzlich ein brauchbares Werkzeug um mannigfache Rechtlosigkeiten
erneut zu befragen, mehrfache und vor allem wechselnde, nicht starre
Identifikationen/Identitäten anzunehmen und der Produktion von normativen
Diskursen kritisch zu begegnen.
Fokussiert wird dabei keine wie auch immer konstruierte ominöse
„andere“ Kultur sondern die Struktur von Ausschlüssen, die durch eine
ungleiche Verteilung von Rechten, sozialer Sicherheit und Einfluss in
der Gesellschaft andauernd produziert werden – sei es im Sinne von
mangelnde Chancengleichheit, Zugang zu Informationen und informellen
Netzwerken, zeitlichen und materiellen Ressourcen usw. - sowie die
fehlende Möglichkeit der Mitentscheidung und Mitgestaltung dessen,
was als gesamtgesellschaftlich relevant auserkoren wird. Nicht zu allerletzt
trägt ein solches Umdenken dazu bei, andere AkteurInnen im kulturellen
Feld wahrzunehmen. Eines der durchgehenden Themen, wenn es um
„interkulturelle Kulturarbeit“ geht, ist das laute Klagen der Institutionen und
KIs über das Fehlen von MigrantInnen, eine Behauptung die öfters die nicht
weniger problematische Umformulierung erfährt es gäbe die qualifizierten
MigrantInnen nicht. Auch wenn die Argumentation recht abgedroschen
klingt, denn die Debatte wurde schon längst in Bezug auf frauenspezifische
Angelegenheiten komplett durchgeführt, scheint sie noch Gehör zu
finden, ohne aber Maßnahmen – gemeint sind nicht Bildungs- sondern
Fördermaßnahmen - zu initiieren. Umso spannender ist die Frage, wie und für
wen MigrantInnen als ExpertInnen sichtbar und für Einladungen greifbar sind.
Wie komme ich z.B. zum diesen Beitrag? Spielt dabei eher mein spezifischer
migrantischer Hintergrund eine Rolle (weiße Migrantin der ersten Generation,
Die diversen Selbstorganisationen von MigrantInnen erfüllen eine solche
Funktion. Sie waren und sind, wie dies in den letzten Jahren durch die
zögernde Öffnung des Blickes und/oder der Organisation in bestimmte
Öffentlichkeiten langsam durchsickert, maßgeblich daran beteiligt,
gesellschaftlich obsolete Bilder und Strukturen umzukrempeln. Ihre oft
paradoxen Interventionen, die ironisch-verstörenden Bilder die sie kreieren
und taktisch einsetzen, der spielerischer Umgang mit dem eigenen Selbstbild,
setzen neue Impulse und fordern Kulturarbeit und noch mehr all jene, die
Kulturarbeit politisch auffassen, heraus. Dies macht die migrantischen
Selbstorganisationen zu spannenden Verbündeten in den Kämpfen um
allgemeine soziale Rechte, die in dem von extremer Prekarisierung und
Festivalisierung gekennzeichneten Feld der Kultur noch auszutragen sind.
Einwanderungsgesellschaft benennt in dem Sinn die konkrete Alltäglichkeit
einer Gesellschaft, in der Kultur kein (angeborenes) Privileg darstellt, sondern
die reale Mitwirkung aller Interessierten impliziert; einer Gesellschaft abseits
von Mehrheitskulturen, eine in der Kulturarbeit von MigrantInnen (und
nicht „für“ oder „mit“ MigrantInnen) genausowie anderen Minorisierten
ein selbstverständlicher Teil der gesamtgesellschaftlich relevanten Kultur ist
und dies sich auch entsprechend in Budgets, Arbeitplätzen, Einfluss usw.
bemerkbar macht. Eine Gesellschaft, die es über das provinzielle „mir san
mir“ hinaus geschafft hat und ihren Mitgliedern unterschiedlichste identitäre
Möglichkeiten zuspielt ohne aufzudrängen: bewusst - und nicht nur in Form
einiger “Vorzeigeprojekt-Bröseln”, kontinuierlich - und nicht nur im Jahr des
interkulturellen “Was-Auch–Immer”.
Einwanderungsgesellschaft und Kulturarbeit
die über formelle Bildung verfügt) oder der glückliche Umstand zwei Jahre
lang gemeinsam mit Vina Yun (wie würde sie sich definieren angesichts der
diversen Zuschreibungen?) das antirassistische Vernetzungsprojekt „fields
of TRANSFER – MigrantInnen in der Kulturarbeit“ der IG Kultur Österreich,
mitgestaltet und dabei essenzielle Erfahrung und Wissen gesammelt zu
haben? Kommt es also auf die richtige Kombination von Aus- und Einschlüsse
an? Welche Wege finden MigrantInnen, um sich aus solchen Verstrickungen
zu lösen, um autonom zu handeln?
Radostina Patulova
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Über das Wie und Warum
von Kulturinitiativen
In den letzten vierzig Jahren hat sich in Tirol eine ganze Reihe von
Kulturinitiativen und Kulturzentren gebildet, die der Hoch- und Traditionskultur
andere kulturelle Sichtweisen entgegengesetzt haben. Sie präsentierten Kunst
und Kultur, die nicht für den
Massengeschmack konzipiert ist, sondern
an den Peripherien des Kulturgeschehens
stattfindet. Solche Programme scheinen
zunächst neu und ungewohnt, sie
erfordern von den BetrachterInnen/
ZuhörerInnen die Bereitschaft, sich auch
mit dem Unbequemen, Unharmonischen,
Werbeaktion Studiobühne München (1970) Experimentellen zu beschäftigen. Insofern
Foto: Galerie St. Barbara
sind sie für jene Wenigen gemacht, die
auch das kulturelle Risiko schätzen.
Entsprechend dieser Ausrichtung als
Wegbereiter für das Unbekannte agierten
viele der frühen Kulturinitiativen an der
Peripherie – der Städte, der Gesellschaft
oder auch anderer Veranstaltungen.
Manche von ihnen, wie die Haller Galerie
St. Barbara oder das Innsbrucker Treibhaus,
Werbeaktion Studiobühne München (1970) sind inzwischen (zum Teil auch räumlich)
Foto: Galerie St. Barbara
zentrale Punkte im Kulturgeschehen – und
das nicht nur deshalb, weil Programme, die früher avantgardistisch waren,
durch die jahrelange Aufbauarbeit heute mehr den Hörgewohnheiten
entsprechen als vor 20, 30 oder 40 Jahren.
Andere Kulturinitiativen haben sich aufgelöst oder mussten ihre Kulturarbeit
aufgeben, und die von ihnen erschlossenen Räumlichkeiten werden heute
von kommerziellen VeranstalterInnen genutzt: Im ehemaligen Kulturzentrum
Utopia ist seit 2006 der Britpop-Club Weekender ansässig; die nach dem
teilweise erfolgten Abriss noch bestehenden Gebäude des Havengeländes
werden als Veranstaltungszentrum Hafen geführt.
Kultur am Rand
Kultur am Rand
Schützenfeste und der Rest
Als die Galerie St. Barbara 1968 in Hall gegründet wurde, gab es, so Maria
Crepaz, im ganzen Land kaum Galerien und Konzertveranstalter. In Räumen
eines Haller Atriumhauses, das der Familie des Mitbegründers Werner Jud
gehörte, wurde die Galerie eingerichtet, in der nicht nur zeitgenössische Kunst
gezeigt, sondern auch zu den Vernissagen Musik gespielt wurde. Dazu kamen
Konzerte auch an anderen Haller Kulturorten, und als die eigentliche Galerie
nach vier Jahren geschlossen wurde, wurde die musikalische Linie zum
Schwerpunkt der Veranstaltertätigkeit.
Daneben organisierte die Gruppe von Anfang an auch andere künstlerische
Formate, z.B. Körpertheater, Kurse und die „Haller Randfeste“, deren erstes als
Gegenposition zu einem großen Schützenfest am Oberen Stadtplatz konzipiert
wurde. Am Rand dieses Traditionstreffens – am Stiftsplatz, in der Schulgasse
und am Beginn der Milserstraße – initiierte die Galerie St. Barbara den ersten
33
Kultur am Rand
freien Kunstmarkt, zu dem KünstlerInnen aus dem ganzen Land kamen. „Wir
haben Kinder auf der Straße malen lassen, das war damals ein Sakrileg, und
wir hatten die Auflage, danach alles wieder zu putzen. Es sind ganz schräge
Sachen passiert – ein Künstler hatte zum Beispiel eine Kitschmadonna, der
er in den Bauch ,Komm in mein Herz!‘ geschrieben hatte. So etwas war für
die Leute unglaublich anstößig“, erzählt Maria Crepaz über die damaligen
Wagnisse.
Auf musikalischem Gebiet erschloss die Galerie St. Barbara dem Tiroler
Publikum vor allem zwei der damals innovativsten Strömungen: die
Avantgarde-Musik und die historische Aufführungspraxis Alter Musik. Da es
dafür relativ wenige Auftrittsmöglichkeiten gab, konnten trotz Geldmangels
Größen wie György Ligeti, Nicolaus Harnoncourt oder René Jacobs
verpflichtet werden.
Vom Kaiser zum Kasperl
Andere Stilrichtungen – Jazz und experimentelle Musik – fanden zwar
ebenso großen Anklang beim Publikum, nicht aber bei den Honoratioren
der Gesellschaft: Den im Rahmen eines Jazzfests geplanten Auftritt der
niederländischen Band Jupp van de Flupp quittierte der damalige Haller
Bürgermeister Posch mit dem Verbot der gesamten Veranstaltung, und ein
Bühnenszenario mit Franz-Joseph-Puppe des Ensembles Neue Horizonte Bern
forderte den Haller Grafen Seilern zu einem wutentbrannten Abgang heraus,
begleitet vom Ausruf: „Ich lasse mir meine Majestäten nicht beleidigen. Der
Kaiser ist kein Kasperl.“
Seither hat sich in der Arbeit der Galerie St. Barbara vieles verändert –
nicht, was den Anspruch der Innovation betrifft, aber inhaltlich und von
der offiziellen Anerkennung her. Das Anekdotische der Geschichten aus
der Frühzeit darf trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie Zeichen
für die oft schwierigen Rahmenbedingungen freier Kulturarbeit waren: für
politische Einmischung, den Versuch, bestimmte kulturelle Bedürfnisse als
Randphänomene abzutun oder auch nur für die fehlende Bereitschaft, sich
mit anderen, nicht „hoch“-kulturellen Richtungen auseinanderzusetzen.
Kultur- , Wohn- und sozialer Ort
34
Solche anderen kulturellen Richtungen waren Ende der 80er-Jahre des 20.
Jahrhunderts auch die Punk- und Hardcoremusik. Nach dem erzwungenen
Ende des Bogenlokals Akt 1986 hatte die Innsbrucker Szene keinen eigenen
Raum mehr, an ihrem Treffpunkt bei der Annasäule war sie ungern gesehen.
1989 konnten nahe der Autobahnauffahrt West zwei Hallen auf dem so
genannten Retterareal angemietet und dort Konzerte veranstaltet werden.
Das Programm umfasste internationale und regionale Bands aus dem Punk-,
Hardcore- und Avantgardebereich, u.a. traten Zeena Parkins, Elliott Sharp,
H.P. Zinker, Giant Sand, Neurosis und The Legendary Pink Dots im Haus am
Haven auf.
Mit der Zeit entwickelte sich aus dem Ort für Konzertveranstaltungen
auch ein Ort für die eigene Kunst- und Kulturproduktion – u.a. mit einem
Tonstudio, Proberäumen und Ateliers, für die weitere Gebäude auf dem
Areal angemietet wurden. Als letzter Teil kam, anfangs vor allem für die
Mitglieder des den Haven betreibenden Vereins Kulturkontrast gedacht,
auch ein Wohngebäude dazu. Die Miete des gesamten Areals sollte dadurch
Kultur am Rand
abgedeckt werden, dass die NutzerInnen der verschiedenen Bereiche kleine
finanzielle Beiträge leisteten.
Damit wurde, obwohl ursprünglich nur als Veranstaltungsort geplant, das Haus
am Haven vom Kultur- auch zum sozialen Zentrum. Die Selbständigkeit, mit
der der Ort organisiert war, und die kulturellen Leistungen verschafften dem
Haven Anerkennung in ganz Österreich. Unterstützt wurde das Projekt aber
auch vom Land Tirol und der Stadt Innsbruck – wohl unter anderem deshalb,
weil hier eine ganze Szene, oder doch zumindest ihr Kern, autonom an der
Peripherie lebte und arbeitete.
Im Vakuum
Paradoxerweise lag in diesen positiven Entwicklungen aber auch einer
der Gründe für das Ende des Havens. Günther Ludwig, zwei Jahre lang
Vorstandsmitglied des Vereins, erzählt, dass aus ganz Österreich Leute kamen,
um im Haven zu wohnen, mit längerer Dauer umso mehr und auch immer
mehr Menschen, die einer Betreuung durch Sozialarbeiter bedurft hätten.
Nachdem immer weniger BewohnerInnen Miete zahlten, die Schulden und
die Probleme im Wohnbereich immer größer wurden und – nach einem
Aufschub von einem Jahr 1993 – die Räumung und Schleifung der Gebäude
anstand, gab der Verein den Haven auf.
Der Versuch, auf einem anderen Areal ein Nachfolgeprojekt zu initiieren,
scheiterte, einige der früheren Haven-Arbeiter gründeten später den Verein
Vakuum, der über keinen Veranstaltungsort verfügt und seine Konzerte im
Treibhaus, Kulturgasthaus Bierstindl und an anderen Orten durchführt. Freie
Kulturarbeit ist somit Teil ihres Lebens geblieben, für keinen von ihnen aber
zum (Haupt-)Beruf geworden. Das unterscheidet die ehemaligen Mitglieder
von Kulturkontrast von der Familie Crepaz, die die Galerie St. Barbara seit
nunmehr bald 40 Jahren leitet. Gemeinsam ist den Gründern der frühen Tiroler
Kulturinitiativen jedoch, dass sie neue kulturelle Strömungen in Tirol bekannt
gemacht und etabliert haben – auch dann, wenn einzelne Projekte nicht von
Dauer waren.
Esther Pirchner
35
Wer Wenn Nicht Wir – Praxen der Demokratieentwicklung
36
Wer Wenn Nicht Wir –
Praxen der Demokratieentwicklung
Zur gesellschaftlichen Funktion von Kulturinitiativen
Zur Relevanz und gesellschaftlichen Funktion von Kulturinitiativen hat die
IG Kultur Österreich 1995 ihr erstes Symposium abgehalten. Die in der
Dokumentation enthaltenen Beiträge bilden den Ausgangspunkt für die
folgenden Ausführungen.
Kulturinitiativen werden von Konsumenten und Medien in erster
Linie als trendige Veranstaltungsorte wahrgenommen. Konzerte,
Lesungen, Theateraufführungen bringen Publikum und sind als
Veranstaltungsankündigung medial leicht zu erfassen. Die Reduktion
auf diesen konsumorientierten Aspekt greift allerdings viel zu kurz. Die
Kulturinitiativen von denen hier die Rede sein wird, gehen in ihren eigenen
Ansprüchen und in Folge in ihren Umsetzungen aber viel weiter und greifen
auch tief in die gesellschaftlichen Entwicklungen ein.
Die bei der Entstehung der Kulturinitiativen in den 1970ern entwickelte
kollektive Kraft der AkteurInnen wirkte extrem verängstigend auf das
damalige Establishment. Ihre inhärente politische Brisanz prägt nach wie
vor das Verhältnis zur (Kultur)- Politik. Während innerhalb der Gruppen und
Initiativen im wesentlichen rasch Konsens darüber herrschte wie die Idee
„Soziokultur“ umgesetzt werden soll, war das Establishment, das die Macht der
Raum- und Finanzverteilung innehatte, keineswegs bereit die Tore für diese
neue Bewegung zu öffnen und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. An den
Positionsbestimmungen, an dem Verhältnis zum „Gegenüber“ haben sich
seither nur Marginalien verändert.
Im Gegensatz dazu war das Verhältnis von Kulturinitiativen zur „Gesellschaft“
von Anfang an partizipativ und verbindend angelegt und ist es in vielen
Initiativen auch geblieben. Das von Hilmar Hofmann postulierte Leitmotiv
der „Kultur für Alle, Kultur von Allen“ wurde in den folgenden Jahrzehnten
zwar arg zerzaust, aber die Idee hat nie ausgedient und erlebt auch wieder
eine neue Renaissance unter anderem in den Bereichen MigrantInnen und
Antirassismus.
Beispiele demokratiepolitischer Kulturarbeit
Wenn Rolf Schwendter (Der Artikel von Rolf Schwendter findet sich in der
Symposiumsdokumentation: Relevanz und gesellschaftliche Funktion
freier Kulturarbeit. IG Kultur Österreich 1996) 1996 freie Kulturarbeit als
emanzipatorisch, sozial innovativ und politisch bezeichnete, dann spannte
sich sein Bogen von der individuell verstandenen Emanzipation des Subjekts
über die Emanzipation unterdrückter Mehrheiten und Minderheiten bis zu
einer gesamtgesellschaftlich verstandenen Befreiung.
Exemplarisch für diese Ausrichtung der Kulturarbeit möchte ich drei Initiativen
nennen, die 2004 auch den Preis für politische Kulturarbeit erhielten:
kinokis mikrokino (http://kinoki.at), die BetreiberInnen von kinoki haben –
neben ihrer Veranstaltungstätigkeit – 11 Film- und Diskussionsmodule gegen
die Gedankenlosigkeit des Jubiläumsjahres 2005 entwickelt, die von anderen
VeranstalterInnen bei kinoki abgerufen werden können.
Soziale Innovationen
Als sozial innovativ bezeichnet Rolf Schwendter die ständige Suche
nach neuen Arten des Zusammenarbeitens und des Zusammenlebens.
In den Kulturvereinen werden laufend neue Organisationsformen
und Verfahrensweisen erprobt, alternative Schulen und
Kinderbetreuungseinrichtungen werden gegründet und Interventionen im
öffentlichen Raum werden hier entwickelt. Diese Organisationsformen werden
vom Establishments mitunter als gefährlich eingestuft und als Bedrohung der
Staatsräson wahrgenommen.
Kulturarbeit jenseits des Eventmarketings ist daher neben den seit den 1990ern
entstehenden sozialen Bewegungen eine wesentliche Plattform auf der
alternative gesellschaftliche Entwicklungsrichtungen diskutiert und vorstellbar
gemacht werden. Die Gruppen in den Initiativen suchen direkt oder vermittels
ihrer Organisationsformen und ihrer Veranstaltungspolitik emanzipatorischer
Antworten auf Risiken der aktuellen gesellschaftlichen Prozesse, sie agieren
hier als soziale „Experimentierbaustellen“. Diskussionsveranstaltungen zu
Grundeinkommen und Grundsicherung, Symposien zur Prekarisierung von
Arbeit, hatten ihre Startpunkte in den Kulturinitiativen bevor sie Eingang in
Medien und andere Sozial- bzw. Politikbereiche gefunden haben.
Trotz aller Probleme die die offizielle Kulturpolitik mit dem Feld der
Kulturinitiativen hat, gibt es Annäherungsversuche. PolitikerInnen
behelfen sich mitunter damit, dass sie Anstrengungen unternehmen
andere Lesearten für Kulturarbeit in den Diskurs einzubringen um neue
Bedeutungszusammenhänge zu etablieren. Waren es in den 1980ern die
Bemühungen die Umwegrentabilität von gut besuchten Veranstaltungen
in den Vordergrund zu spielen (Kulturarbeit als volkswirtschaftliches
Erfolgsmodell) kam etwas später der Hype der Creative Industries (Kulturarbeit
als Hoffnungsträger der Arbeitsmarktentwicklung) und ab 2000 der Höhenflug
des Ehrenamts (soziokulturelle Arbeit als kostenlose Leistung zur Abfederung
des Abbaus des Sozialstaates).
Wer Wenn Nicht Wir – Praxen der Demokratieentwicklung
Die VolxTheaterKarawane (http://no-racism.net/nobordertour) die mit
aktionistisch-theatralischen Mitteln „Grenzüberschreitungen“ im Rahmen
ihrer Nobordertour vornahmen. Sie bereisten verschiedene europäische Orte
politischer und kultureller Ereignisse und versuchten dort den aktuellen Diskurs
über Probleme von Migration und Globalisierung darzustellen.
Der Kulturverein Maiz (http://www.maiz.at) hat mit seinem Projekt
„kartografische Eingriffe“ im Rahmen von Workshops fiktive Kartografien von
den Städten in denen die Teilnehmerinnen lebten, als Auseinandersetzung mit
dem Thema Anwesenheit und Ausgrenzung von Migrantinnen an öffentlichen
Plätzen entworfen.
Diesen Versuchen der Umschreibungen demokratiepolitischer Inhalte in
staatlich opportune gesellschaftspolitische Entwicklungen sollten die Initiativen
widerstehen, wenn sie nicht in dekorfähige (Re)Präsentationsflächen für
SonntagsrednerInnen verwandelt werden wollen.
Zuletzt noch zum Zusammenhang von Demokratie und Kulturarbeit. Unter
vielen Erklärungsmodellen möchte ich den Demokratiebegriff von Paolo Flores
37
Wer Wenn Nicht Wir – Praxen der Demokratieentwicklung
38
d’Arcais wählen, der die Demokratie als eine Form des Zusammenlebens, in
der die Macht jedem einzelnen gehört, beschreibt. „Wo die Macht jedem
einzelnen gehört, gehört der einzelne nicht der Macht. Das Individuum
gehört nicht zu der Gemeinschaft, in der es auf die Welt kommt, sondern
konstituiert sie kraft seiner eigenen Freiheit“. Wie schon beschrieben leisten
die Kulturinitiativen genau diese konstitutionelle Arbeit an der Gemeinschaft.
Solange diese Form der Demokratieentwicklung in Österreich nicht auch
ein Anliegen der Herrschenden ist muss die Definition die 1972 auf der
Konferenz von Arc et Senans festgeschrieben wurde weiter die Kernfunktion
von Kulturarbeit sein: „Die Aufgabe der Kulturarbeit ist es ....... alternative
gesellschaftliche Entwicklungsrichtungen vorstellbar zu machen und in jedem
Individuum den Sinn für das Mögliche zu wecken, dass heißt, es zu befähigen,
Krisen nicht auszuweichen und nicht der Sklave, sondern Herr seiner
Geschichte zu werden“.
Gabriele Gerbasits
Bemerkungen zu Wert, Mehr-Wert und
Kosten regionaler Kulturarbeit
Die Reden des Sonntags und die Mühen
des Montags
Was ich an Sonntagsreden liebe, ist das Faktum,
dass der gesellschaftliche, soziale, ja auch
wirtschaftliche Mehrwert der Kunst, der Kulturarbeit
und des kulturellen Engagements der Bevölkerung
insgesamt grundsätzlich einmal außer Streit gestellt
wird. Was wäre unser Land ohne die unzähligen
Initiativen der Kunst- und Kulturschaffenden, wo
wäre die Menschheit insgesamt ohne ihre
kulturelle Entwicklung, die ganze Geschichte der
Franz Kornberger
Foto: Schmölz
Menschheit sei ja nichts anderes als eine Kette, in
der der Mensch nie aufhört, Altes zu übernehmen, Neues zu schaffen und
beides weiterzugeben. Diese ganze Kette nenne sich Tradition.
Und dann neigt sich der wunderbare Sonntag des verbalen Dankes und der
gesellschaftlichen Anerkennung zu Ende zu und die huldvollen Bekenntnisse
halten den Mühen des Alltags kaum stand.
Denn ab Montag, da geht’s dann ums Geld, und wo´s ums Geld geht, muss
gerechnet werden, und wo gerechnet wird, braucht man Zahlen. Und wenn
man etwas nicht in Zahlen messen kann – gibt´s das überhaupt oder ist es
nicht bloß Schimäre oder ein Taschenspielertrick einer kleinen, aber findigen
Elite, die dadurch die an sich unbeteiligte Öffentlichkeit zur Finanzierung ihrer
hedonistischen Gelüste zwingt?
„Ohne Geld ka Musi“
„Ohne Geld ka Musi“
Förderung ist Pflicht
Auf die trockene Frage: „Warum soll die öffentliche Hand Kunst und Kultur
fördern?“ gibt es eine trockene Antwort: weil das schlichtweg, wie auch
unsere Verfassung schreibt, ihre verdammte Pflicht ist, eine Pflicht, die sich
beispielsweise auf kommunaler Ebene schon durch die Gestaltung des
Einheitskontorahmens festmachen lässt, in dem eine von insgesamt nur 10
Aufgabengruppen „Gruppe 3 – Kunst, Kultur und Kultus“ heißt.
Und ohne hier allzu viele Beispiele zu bemühen: wie soll, tatsächlich in
Zahlen gegossen, in der „Aufgabengruppe 2 – Unterricht, Erziehung, Sport
und Wissenschaft“ der über den Gebäudewert hinausgehende Wert einer
hervorragenden Schule oder Sportstätte beziffert werden, wie lässt sich die
„Öffentliche Ordnung und Sicherheit – Gruppe 1“ in Zahlen gießen, und rechnet
sich tatsächlich in allen Fällen die „Allgemeine Verwaltung – Gruppe 0“?
Träger regionaler Kulturentwicklung
Wo keine Entwicklung mehr stattfindet, ist der Organismus tot. Wo nur mehr
Bestehendes konserviert wird, hat man es nicht mehr mit Leben zu tun.
Regionale Kulturentwicklung ist immer getragen von den Protagonist/
innen vor Ort, in all ihrer Vielfalt und in all ihren unterschiedlichen Positionen
und Netzwerken, im Kunstschaffen und in der Kulturausübung, in der
Kulturvermittlungsarbeit und in der künstlerischen und musikalischen Fort- und
39
„Ohne Geld ka Musi“
Ausbildung, in Vereinen und Bildungseinrichtungen, in Kooperationen und als
Einzelkämpfer/innen, ehrenamtlich, hauptamtlich oder freiberuflich.
Die Politik und die Verwaltung können und sollen diese notwendige
Entwicklungsarbeit nicht leisten – aber sie müssen ein Umfeld und ein Klima
schaffen, in dem Kulturentwicklungsarbeit nachhaltig möglich wird.
Regionalförderungen der EU wie z.B. im Rahmen der LEADER-Programme
tragen diesem Umstand dadurch Rechnung, dass primär private
Einrichtungen und NGO´s als Projektträger gefördert werden, mit
Unterstützung der öffentlichen Hand als Co-Financiers.
Regionalentwicklung braucht Nachhaltigkeit
Entwicklung braucht Zeit, Entwicklungen geschehen, in all ihrer
Sprunghaftigkeit und trotz so mancher erforderlicher Brüche und zu
beschreitender Sackgassen, am nachhaltigsten in einem Umfeld, in dem
die Politik mit Weitblick und vielfach unter Verzicht auf kurzfristigen Erfolg
und Beifall einen Naturschutzpark für Ideen und Projekte schafft, in dem die
Menschen mit Offenheit, Neugier und Mut an der Gestaltung der Zukunft
arbeiten können, ohne Existenzängste oder unzumutbare Risken.
Gerade heute, da wirtschaftliche wie kulturelle Globalisierung vor allem
in der ersten Welt zu einer Vereinheitlichung des Lebensstils und damit
zum Verlust heimatlicher Geborgenheit zu führen droht, ist die Erarbeitung
eigenständiger regionaler Identitäten von enormer Bedeutung. Identitäten
allerdings, die ihre Qualität und Stärke in ihrer Nicht-Austauschbarkeit und
Nicht-Verwechselbarkeit finden, aber von Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt
getragen sind.
Nachhaltigkeit braucht Strukturen
Keine Blasmusik wird auf Dauer erfolgreich sein können, wenn sie über keinen
Proberaum verfügt, keine Theatergruppe kann auf Dauer ohne geeignete
Auftritts- und Probemöglichkeiten in ihren unmittelbaren Umfeld auskommen,
jede literarische Nachwuchsarbeit muss scheitern, wenn es keine Kleinverlage
und Literaturzeitschriften gibt. Strukturen sind notwendig, auch in der
Kulturvermittlungsarbeit und vor allem und gerade auch dann, wenn neue
Projekte entwickelt und umgesetzt werden sollen.
Die Notwendigkeit räumlicher Ressourcen ist heute unumstritten, dass
Musikerheime, Musikschulen, bühnengerechte Gemeindesäle, Heimatmuseen
und und und … für ein lebendiges kommunales Kulturgeschehen notwendig
sind, ist den Gemeinden und ihren Bürgermeister/innen klar.
Schwieriger wird es, wenn diese räumlichen Voraussetzungen auch für
Kulturinitiativen eingefordert werden, noch wesentlich schwieriger dann,
wenn die Programmdichte und die Professionalität der Initiativen auch
personelle Strukturen erforderlich machen.
Strukturen brauchen Finanzierung
40
Diese Strukturen brauchen Geld. Geld, das am „freien Markt“ nicht im
erforderlichen Ausmaß erwirtschaftet werden kann, wenn man sich nicht zur
Gänze dem kommerziellen Veranstaltungsbetrieb verschreiben und damit
eigentlich eine spezifische eigenständige Entwicklung be- und verhindern will.
Bloß der Ehrgeiz, zum 67. Spielort österreichischer Kleinkünstler zu werden, ist
möglicherweise ohne Strukturförderungen möglich.
Genauso wenig, wie sich die Musikschulen (ich kenne hier allerdings nur das
oberösterreichische System) oder die Kindergärten aus den Beiträgen der
„Ohne Geld ka Musi“
Eltern oder Teilnehmer/innen finanzieren können, genauso wenig, wie Bau
und Instandhaltung der Strassen durch die Nutzer/innen alleine finanziert
werden kann, genauso wenig können Kulturinitiativen die für Struktur, Betrieb
und Produktionen notwendigen Mittel alleine aus Kostenbeiträgen, Eintritten
und Sponsoring erwirtschaften.
Das in vielen Initiativen notwendige Know-how und Engagement, das über
das übliche Ausmaß ehrenamtlicher Tätigkeit weit hinausgeht, wenn Qualität
und Quantität der Kulturvermittlungsarbeit gesichert werden sollen, muss auch
bezahlt werden. Dem Ansinnen, auf Dauer Kulturinitiativen und Kulturstätten
nur mit ehrenamtlichen Personal betreiben zu wollen, entspricht in etwa die
Ansicht, Kindergärtner/innen sollten ihre Arbeit ehrenamtlich erbringen, weil
er/sie „ja ohnehin gern mit Kindern arbeiten.“
Die von der Politik heute oft geübte Praxis, nur mehr Projekte zu finanzieren,
wird sich spätestens dann ad absurdum führen, wenn es mangels
Förderungen keine Initiativen und Strukturen mehr gibt, die diese Projekte
entwickeln und umsetzen können.
Das liebe Geld: wie viel soll´s denn sein, damit die Musi spielt?
Eins vorweg (und da plaudere ich aus meiner Praxis als langjähriger
Kulturreferent einer 8.500-Seelen-Gemeinde): einfach soviel, wie benötigt
wird. Nicht mehr und nicht weniger.
Förderungen sind keine Belohnungen für Wohlverhalten oder langjähriges
Bestehen. Subventionen sind dazu da, Einrichtungen, Investitionen und
Projekte (mit-)zufinanzieren, die sonst nicht bestehen könnten oder nicht
unsetzbar wären. Da gibt es Finanzierungspläne, die vorgelegt werden,
Finanzierungsbesprechungen, in denen durchaus hart ums Geld gerungen
wird, dann aber auch die Sicherheit für die Förderwerber, dass längerfristige
Vereinbarungen auch getroffen und eingehalten werden.
Und letztendlich doch noch eine Zahl: das Land Oberösterreich empfiehlt
seinen Gemeinden, etwa 2% ihres ordentlichen Haushaltes für Kunst, Kultur
und Kultus auszugeben.
Mehrwert – das ist wohl das, was mir fehlen würde, wenn ich all das bei mir
daheim nicht mehr hätte:
• Ein Freies Radio Salzkammergut , das sich in seinen Inhalten und in seiner
partizipatorischen Programmgestaltung wohltuend vom Einheitsgedudel
abhebt
• Ein Zeitgeschichte-Museum, das mit seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung
unserer Regionalgeschichte und der KZ-Gedenkstättenarbeit identitätsstiftend
und aufklärend wirkt
• Die Frauenkulturschwerpunkte im Frauenforum Salzkammergut
• Regen internationalen Kulturaustausch im Rahmen unserer
Städtepartnerschaft mit Prato und im Zuge unserer ATTAC-Mitgliedschaft
• Digitale und schriftliche Publikationen unserer Musiker/innen und Autor/innen
• Kunstwerke regionaler Künstler/innen im öffentlichen Raum
• Ein Kino, das auch Kulturstätte ist und mit 300 Veranstaltungseinheiten im
Jahr imagebildend nach innen und außen wirkt.
…………………………..
Und jetzt bin ich, in meiner Egozentrik, nur von mir ausgegangen: vielen
anderen würden auch fehlen: die drei Musikerheime, die Musikschule,
die Malwerkstätte, das Heimatmuseum, unser lebendiges Brauchtum, der
Fasching, der Fotoklub …
Franz Kornberger
41
RobInnen Hood des Zeitgenössischen
42
RobInnen Hood des
Zeitgenössischen
Die Stützpfeiler unserer kulturellen Vielfalt.
In regelmässigen Abständen regnet es goldene Ehrennadeln vom Land Tirol
für all jene „dienstbaren Geister, die in ihrer Freizeit für das Gemeinwohl tätig
sind“, wie es heisst. „Ehrenamtliche“, heisst es weiter „sind Vorbild für gelebte
Werte, sie geben mit ihrer Haltung geistige Orientierung und bilden einen
Gegenpol zur Genuss- und Konsumgesellschaft“.
Schön, denk ich mir, dass es so viele Freiwillige gibt, die überhaupt eine Freizeit
und somit eine Arbeit haben, in Zeiten wie diesen. Und schön, dass sie sich
in dieser ihrer Freizeit um Kultur, Kunst und Bildung bemühen und somit die
„Stützpfeiler der kulturellen Vielfalt in unserem Land“ darstellen.
Eines vorausgeschickt: Ich habe an sich nichts gegen Ehrenämter,
goldene Ehrennadeln und den Einsatz für die Gesellschaft, den solche
Anerkennungszeichen belohnen. Ganz im Gegenteil, wie könnten
Hochwasserkatastrophen, wie sie letztens in Tirol stattgefunden haben ohne
den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr bewältigt werden, oder wie sollten
Touristen in Stöckelschuhen ohne den Einsatz der Bergrettung jemals wieder
aus dem Hochgebirge herausfinden?
Allerdings muss das Ganze differenzierter gesehen und einmal kritisch
hinterfragt werden, welcher gesellschaftliche Wertekanon bei derartigen
Ehrungen zugrundegelegt und abgebildet wird, speziell wenn es um Kultur
und Bildung geht.
Es wäre durchaus interessant, wie viele dieser wohl hunderte von goldenen
Ehrennadeln auf den zeitgenössischen, innovativen Bereich entfallen. Ich
traue mich zu wetten, ein verschwindend geringer Prozentsatz.
Ehrenamt ist unverzichtbar für und unbezahlbar durch die Gesellschaft,
und wenn man näher darüber nachdenkt, auch weit vielschichtiger und
spannender, als das durch Ehrennadeln hauptsächlich bediente Klischee von
Trachtenverbänden, Musikkapellen und Schützen. Ehrenamt hängt in jedem
Fall an einzelnen Menschen, die nicht selten ihre Visionen und Vorstellungen
auf eigene Faust verwirklichen, wenn sie ein entsprechendes Angebot in der
Gesellschaft nicht vorfinden, und das vielfach gerade im zeitgenössischen
kulturellen Bereich, wo öffentliches Bewusstsein und Institutionen nicht selten
der Zeit hinterher hinken.
Ich muss gestehen, dass ich meinem ersten persönlichen Ehrenamt,
wenngleich ich es damals als solches gar nicht wahrgenommen habe, für
mein Leben eine ganze Menge verdanke. Wie hätte ich in den 70igern
des 20. Jahrhunderts in der tiefsten Provinz Osttirols jemals mit klassischer
zeitgenössischer Musikliteratur in Berührung kommen können, hätten
damals nicht ein Musikgenie zusammen mit einem Organisationstalent
in deren Freizeit den Ehrgeiz gehabt, einen A-capellachor auf höchstem
Niveau zu gründen und dafür begabte Laien auszubilden? So kam ich
in den Genuss einer professionellen Stimmbildung durch Salzburger
Gesangsprofessoren, jahrelanger intensiver Probenarbeit an anspruchsvollen
zeitgenössischen Werken, jeder Menge Bühnenerfahrung und durfte
als Mitglied eines ausgesprochenen Spitzenchores schon in sehr jungen
Jahren an vielen internationalen Wettbewerben und Tourneen teilnehmen.
RobInnen Hood des Zeitgenössischen
Wie wäre ich damals sonst so jung schon in viele europäische Länder
und sogar (trotz Vorhangs) nach Polen gekommen und hätte dabei als
besonderes Abenteuer für die Solidarnoscz internationale englischsprachige
Nachrichtenmagazine schmuggeln können? Wie hätte ich sonst mit siebzehn
schon Menschen aus der ganzen Welt getroffen oder so berühmte Musiker
wie den Filmkomponisten von Frederico Fellini kennenlernen und mit ihm
zusammenarbeiten dürfen?
Die öffentliche Hand hätte mir diesen kulturellen Horizont niemals bieten
können und ich wäre mit ein paar schlecht ausgebildeten Musiklehrern an
der städtischen Musikschule, weit weg vom Schuss, musikalisch schlichtweg
gar nicht gefördert worden und irgendwann höchstwahrscheinlich kulturell
versauert. Es war die Chance meines Lebens. Rückwirkend betrachtet
allerdings hing diese Chance für mein Leben an einem seidenen Faden,
nämlich genau genommen an dem ehrenamtlichen professionellen
Engagement zweier Menschen, die sich eine Vision verwirklicht haben, und
das durchaus auch nicht hätten tun müssen.
Das selbe gilt für mein zweites Ehrenamt. Ebenfalls in den 70iger Jahren des
20. Jahrhunderts, wo es in Innsbruck noch kein Treibhaus und kein Utopia
gab, hatten in Lienz ein paar wenige Leute rund um Eberhard Forcher, der
damals schon gute Kontakte zur internationalen Musikszene vor allem nach
England und Amerika hatte, die Schnauze voll von der Provinz und gründeten
kurzerhand den mittlerweile legendären Verein „Ummi Gummi“.
Auf die Idee, dass meine unentgeltlichen Bardienste dort so was wie
Ehrenamt sein könnten, wäre ich nie im Leben gekommen, konnte ich
doch im damaligen Vereinslokal Berühmtheiten aus der internationalen
Musikszene persönlich kennenlernen und den Hauch der grossen weiten
Welt schnuppern. Es war mir eine Ehre, kein Amt, und mit siebzehn
Mitglied Nummer fünf von von „Ummi Gummi“ zu sein macht mich
zugegebenermassen heute noch stolz.
Ich könnte noch stundenlang in Reminiszenzen schwelgen und die Liste
weiterer kulturellen Ehrenämter fortführen, die ich allesamt als enorme
Bereicherung für mein Leben ansehe, ich darf dabei gar nicht an den Verein
Transit (Verein zur Förderung von Kunstprojekten im elektronischen Raum)
denken, der ebenfalls auf dem ehrenamtlichen Engagement einer einzigen
Person, nämlich Heidi Grundmann gründete...
Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn ich nicht auf die paar wenigen
Menschen (inklusive mir selbst) getroffen wäre, die oft unter widrigen
Umständen und jedenfalls im provinziellen Kontext ihre zeitgenössischen
Visionen verwirklicht hätten und die ich zurecht als Stützpfeiler meiner
persönlichen kulturellen Vielfalt sehe? Diese Frage stelle ich mir oft.
Dieselbe Frage müssten sich jedoch Politiker öffentlich und vor dem
Hintergrund gesellschaftlicher Wertungen und Wirklichkeiten stellen. Sie ist in
Wahrheit existenziell.
Wo würde die Gesellschaft heute stehen, wenn sie nicht die paar wenigen
Menschen gehabt hätte, die oft unter widrigen Umständen, jedenfalls aber
im provinziellen Kontext ihre zeitgenössischen Visionen verwirklicht hätten
und die sie zurecht als „Stützpfeiler unserer kulturellen Vielfalt“ bezeichnen
könnten? Sie würde immer noch das Brauchtum vergangener Jahrhunderte
pflegen und bestenfalls eine folkloristische Disneylandkulisse für kirchliche
Feste, Touristenströme oder internationale Delegationen abgeben und sich
in diesem kulturellen Selbstbild genügen. Marketenderinnen würden noch
in hundert Jahren bei Andreas Hofer Gedenkjahren charmant Schnapserln
43
RobInnen Hood des Zeitgenössischen
44
ausschenken und als „wahre Vorbilder gelebter Werte“ goldene Ehrennadeln
für ihre Verdienste um die Allgemeinheit erhalten. Wie gesagt, ich habe nichts
gegen goldene Ehrennadeln und auch nichts gegen Trachtenmusikkapellen
und Marketenderinnen.
Ich habe aber entschieden etwas gegen den notorisch unterbewerteten
Stellenwert des Zeitgenössichen, der bei solchen Ehrungen immer wieder
einmal deutlich zu Tage tritt.
Ist es nicht geradezu Pflicht einer Gesellschaft, sich den Herausforderungen
der Jetztzeit zu stellen und auf der Höhe der Zeit Konzepte zu erarbeiten,
die die ethische oder wenn man so will geistige Basis dafür schaffen, wie
Gesellschaft funktioniert und wie sie mit ihren Problemen fertig wird?
Hier müssen Werte ständig neu verhandelt werden, hier braucht es
Neudefinitionen von „gelebten Werten“, hier geht es um die Entwicklung
von „Haltungen zur geistigen Orientierung“. Das setzt Innovation im Denken
voraus und dabei spielen gerade Kunst, Kultur und Bildung die zentrale Rolle.
Hier darf sich Gesellschaft und Politik nicht auf Ehrenämter und damit auf
den Zufall oder den Frustrationsgrad einiger weniger Visionäre verlassen,
die finanziell abgesichert sind und in ihrer Freizeit gerade nichts anderes zu
tun haben. Hier gilt es, aktiv Bewusstsein zu schaffen, die entsprechenden
infrastrukturellen und finanziellen Mittel bereitzustellen und vor allem
zeitgenössische Kultur als wesentliche gesellschaftliche Leistung zu begreifen.
Kultur ist Arbeit – Arbeit verdient Geld. Das ist fundamental.
Ulrike Mair
Exemplarische
„Netz- und Innovationsprojekte“
in Nordtirol
Interessenvertretung der freien Kulturinitiativen in Tirol
Wer ist die TKI?
Die TKI – Tiroler KulturInitiativen / IG Kultur Tirol
wurde 1989 mit dem Ziel gegründet, die Interessen
der „freien Kulturinitiativen“ zu vertreten und
die strukturellen Rahmenbedingungen für
autonome Kulturarbeit in Tirol zu verbessern.
In der Gründungsphase verstand sich die TKI
hauptsächlich als Dachverband – also als
gemeinsame Organisationsstruktur - von regionalen
Kulturvereinen. Seit einigen Jahren hat sich das
Kopfstand
Foto: Michael Haupt/TKI
Selbstverständnis der TKI klar in Richtung
Interessenvertretung für freie Kulturinitiativen aus dem gesamten Bundesland
gewandelt.
Derzeit zählt die TKI über 80 autonome Kulturinitiativen aus dem gesamten
Bundesland Tirol zu ihren Mitgliedern, Tendenz steigend. Anfragen an die TKI
kommen auch von vielen Kulturschaffenden, die nicht Mitglied sind. Die TKI
ist somit Anlaufstelle für sämtliche kulturrelevanten Anliegen. Darüber hinaus
fungiert sie als Vernetzungsplattform und Anbieterin von fachspezifischen
Informations-, Diskussions- und Fortbildungsveranstaltungen. In ihren
Lobbyingaktivitäten vertritt die TKI die Interessen freier Kulturinitiativen in der
Öffentlichkeit. Ein weiteres zentrales Arbeitsfeld der TKI ist die Konzeption
und Abwicklung der Projektförderschiene „TKI open“. TKI open wird
jährlich ausgeschrieben und bietet unter verschiedenen thematischen
Schwerpunktsetzungen Freiraum für künstlerische Experimente und für
die Auseinandersetzung mit kulturellen, sozialen und (kultur)politischen
Fragestellungen.
TKI – Tiroler KulturInitiativen / IG Kultur Tirol
TKI – Tiroler KulturInitiativen / IG
Kultur Tirol
Die Arbeitsschwerpunkte der TKI liegen also einerseits in der sehr konkreten,
direkten Unterstützung der Kulturschaffenden, andererseits aber auch in
der kulturpolitischen Arbeit und damit eher im diskursiven Bereich, in der
Debatte rund um die Bedingungen kultureller Arbeit. Diese beiden Bereiche
verbindet das Anliegen, zeitgenössisches Kulturschaffen in Tirol zu forcieren
und für Initiativen in diesem Feld kontinuierlich gute Rahmenbedingungen zu
schaffen.
Die TKI sieht sich somit in Bündelung aller bereits genannten Arbeitsfelder als
Plattform für eine zeitkulturelle Kulturarbeit, die Raum für experimentelle Kunstund Kulturformen und für kulturelle Vielfalt bietet. Insbesondere die Förderung
des künstlerischen Nachwuchses, das Entstehen alternativer Öffentlichkeiten
und der Fokus auf soziale Interaktion und Partizipation sind wesentliche
Aspekte dieses Kulturverständnisses.
Was leistet die TKI?
Was aber leistet die Interessenvertretung TKI nun konkret? Was genau
47
TKI – Tiroler KulturInitiativen / IG Kultur Tirol
48
umfassen Begriffe wie „Anlaufstelle“, „Beratungsangebote“, „Vernetzung“,
„Lobbying“, außer dass sie auf vielfältige und weitläufige Arbeitsbereiche
verweisen? Und warum schreibt die Interessenvertretung TKI eine
Projektförderschiene aus?
In unserer Arbeit als Anlauf- und Beratungsstelle steht vor allem die
persönliche Präsenz und Arbeit der TKI-Mitarbeiterinnen im Vordergrund:
Zahlreiche telefonische und elektronische Anfragen wollen bearbeitet,
Beratungsgespräche geführt, Kontakte vermittelt werden. Ausgangspunkt
dieser Beratungstätigkeit sind leider oft die prekären Bedingungen, unter
denen Kulturarbeit häufig geleistet wird. Viele, die sich im Kulturbereich
engagieren, tun dies unter finanziell und sozialrechtlich schwierigen
Bedingungen. Die Arbeit freier Kulturorganisationen ist von großer finanzieller
Knappheit und Unsicherheit geprägt. Daraus ergeben sich mangelnde
Ressourcen im Projektmanagementbereich, fehlendes Know-how vor allem in
rechtlichen Belangen und auch jede Menge prekärer Beschäftigungsformen.
So stehen Fragen zu Sozialversicherungs-, Vereins- und Finanzrecht ebenso
wie Fragen zur Subventionsabwicklung und zur Projektfinanzierung ganz
oben auf der Liste der an die TKI gestellten Anfragen. Für die Beraterinnen
ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer ständigen Aktualisierung des
vorhandenen Wissens, immer wieder neuer Recherchen und eines ständigen
Kontakts mit ExpertInnen. Das spezifische, in der TKI gebündelte Know-how
wird den Kulturschaffenden sowohl in der persönlichen Betreuung vermittelt
als auch über die Erarbeitung von allgemeinen, praxisnahen Unterlagen zu
kulturrelevanten Themen zugänglich gemacht.
Eine weitere Säule der Arbeit der TKI ist der Bereich Vernetzung: Die TKI
organisiert regelmäßig Formate zum Aufbau von Kontakten und zum
Erfahrungsaustausch zwischen Kulturschaffenden. Diese Vernetzungsformate
dienen neben Austausch und Reflexion auch der Meinungsbildung
und der Organisierung innerhalb des kulturellen Feldes. Wir betrachten
Kommunikation unter den Kulturschaffenden als wesentliche Voraussetzung
und Ausgangspunkt für gesellschaftliche, künstlerische und kulturelle
Entwicklungen. In diesem Sinne beteiligt sich die TKI an bestehenden
regionalen und überregionalen Netzwerken. Zu nennen sind hier
insbesondere die Arbeit innerhalb der in Innsbruck auf Stadtebene
agierenden „bættlegroup for art“, sowie die Zusammenarbeit mit
Schwesterorganisationen in den anderen Bundesländern, mit der IG Kultur
Österreich und mit anderen Interessenvertretungen im Kulturbereich.
Kommunikation ist auch der Schlüsselbegriff in der Lobbyingtätigkeit der TKI.
Als Interessenvertretung versuchen wir konstruktive Kommunikationsstrukturen
mit den politischen EntscheidungsträgerInnen aufzubauen. Hier bewegt
sich die TKI in einem nicht immer einfachen Balanceakt zwischen Kritik,
Lösungsorientiertheit, Abgrenzung und Kooperation.
Stolperstein für einen kontinuierlichen und differenzierten Austausch zwischen
Interessenvertretung und kulturpolitischen AkteurInnen sind die fehlenden
Zeitressourcen auf Seiten der Politik. Auch die geringe Kontinuität in der
Besetzung politischer Funktionen erschwert die Entwicklung längerfristiger
Prozesse. Darüber hinaus sind klassische Kulturformen im öffentlichen
Kulturverständnis nach wie vor stärker verankert als der Bereich der
Kulturinitiativen. In der Hierarchie der zu verteilenden Aufmerksamkeit stehen
Der veranstaltende Arbeitsbereich der TKI umfasst vor allem Workshops,
Seminare und Informationsveranstaltungen sowie Vorträge und Diskussionen.
Auch hier stehen Auseinandersetzung und Kompetenzenbildung im
Vordergrund. So wurden von der TKI in den letzten Jahren Seminare und
Workshops zu Fragen des Kulturmanagements, der Öffentlichkeitsarbeit, der
Teamentwicklung, des Konfliktmanagements, des Arbeits- und Sozialrechtes,
der Jugendkultur und zu vielen weiteren Bereichen angeboten.
Von der TKI veranstaltete Vorträge und Diskussionen geben vor allem
kulturpolitischen Fragestellungen Raum. Themenschwerpunkte der
letzten Jahre waren beispielsweise die zunehmende Prekarisierung der
Arbeitsbedingungen im kulturellen Feld, Antirassismus in der Kulturarbeit oder
auch die Rolle des Staates in der Kulturförderung.
Anliegen der von der TKI 2002 initiierten Projektförderschiene TKI open ist es,
mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Fördermittel - für 2008 ist der Topf mit
68.500 Euro aus Landes-Kulturfördergeldern dotiert - neue Impulse für die
Kulturarbeit in Tirol zu setzen. Durch die jährlich wechselnden thematischen
Schwerpunkte in der Ausschreibung dieser Förderschiene ist es möglich, eine
künstlerische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen aktuellen (politischen,
sozialen, kulturellen, gesellschaftlichen) Fragestellungen zu initiieren. Auch
versucht TKI open künstlerischen Herangehensweisen Raum zu geben, die
neu, experimentell und im regionalen Kontext ungewöhnlich sind. TKI open
zeichnet sich zudem durch eine transparente Fördervergabe aus. Die Mittel
werden von einer jährlich wechselnden, unabhängigen Jury im Rahmen
einer öffentlich zugänglichen Jurysitzung vergeben. Alle EinreicherInnen
erhalten schriftliche Kurzfassungen der Jury-Entscheidung zu ihrem Projekt.
Die ausgewählten Projekte werden von der TKI auf Wunsch in allen Bereichen
der Umsetzung begleitet. Auch gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit wird
von der TKI geleistet. Somit ist die Betreuung der Förderschiene TKI open
der Arbeitsbereich der TKI, in dem sich kulturpolitische Ansätze, Ziele und
Arbeitsfelder der TKI am stärksten bündeln.
TKI – Tiroler KulturInitiativen / IG Kultur Tirol
konventionelle Kulturveranstaltungen somit in der Regel weit über der
initiativen Kulturarbeit.
Für die TKI bringt ihr Arbeitsfeld immer neue Herausforderungen. Der Bereich
der Kulturinitiativen ist lebendig und produktiv. Kulturformen wandeln sich,
neue Projekte entstehen, länger bestehende entwickeln sich zwischen
Kontinuität und Veränderung. Die TKI vollzieht diese Prozesse mit, versucht
sie zu begleiten. Gleichzeitig will die Arbeit in all den oben genannten
Tätigkeitsbereichen - so unser eigener Anspruch - konsequent, reflektiert und
kompetent gemacht werden. Die TKI verfügt derzeit aber nur über zwei halbe
und eine geringfügige Arbeitsstellen. Somit stoßen wir auch immer wieder an
die Grenzen unserer Möglichkeiten. Vieles, was ausbaufähig und interessant
wäre, muss deshalb einstweilen liegen bleiben. Aber auch daran arbeiten wir.
Gudrun Pechtl
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TKI open: Einstiegshilfe für junge und neue Initiativen
50
TKI open:
Einstiegshilfe für junge und neue
Initiativen
Bereits zum sechsten Mal wurden im November 2007 Mittel aus dem
Fördertopf von TKI open an ausgewählte Kulturprojekte vergeben. Diese
Projekte werden im Laufe des Jahres 2008 realisiert und wie zuletzt stehen
dafür wieder 68.500 Euro aus dem Kulturbudget des Landes Tirol zur
Verfügung.
In den Jahren seines Bestehens hat sich TKI open, die von der TKI in
Kooperation mit dem Land Tirol ins Leben gerufene Förderschiene,
hervorragend bewährt. Junge und neue Initiativen konnten – oft erstmals dazu angeregt werden, ein Kulturprojekt auszuarbeiten. Tirol verfügt damit
über einen Fördertopf, der besonders für innovative Projekte und für die
Nachwuchsförderung geeignet ist, mit dem Ziel, einer kulturellen Vielfalt
gerecht zu werden.
„Es ist ein irrer Impuls für die Tiroler Kulturszene. Man wird angehalten,
neben seinem täglich Brot sich Gedanken zu machen, ob man nicht
einen Schwerpunkt setzen will. Das werden dann die Highlights jedes Jahr.“
(Albrecht Dornauer, NLK-Kultur)
Jungen, kreativen Kräften bietet TKI open eine gute Einstiegschance, das
interessierte Publikum erhält die Möglichkeit neue Ideen, Konzepte und
Strömungen kennen zu lernen.
Die Besonderheit dieser vom Land Tirol finanzierten Förderschiene ergibt sich
auch daraus, dass es Vergleichbares in Österreich nur noch in Oberösterreich
gibt. Dort vergibt die KUPF (Kulturplattform Oberösterreich) im Rahmen des
KUPF-Innovationstopfes auf ähnlichem Weg jährlich eine noch wesentlich
höhere Summe.
Zeitgenössische, experimentelle Kulturprojekte
„TKI open ist ein transparentes Fördermodell. Wer ein Projekt einreicht und
damit scheitert, weiß ebenso warum, wie jene, die ausgewählt werden. Das
sind gute Voraussetzungen dafür, dass sich Projekte und Initiativen entwickeln
können“, betont Gudrun Pechtl, Geschäftsführerin der Tiroler Kulturinitiativen/
IG Kultur Tirol (TKI).
Die Einladung, Projekte einzureichen, richtet sich an zeitgenössische,
experimentelle Kulturprojekte, die möglichst spartenübergreifend sind und
aktuelle kulturelle, künstlerische, politische und soziale Fragestellungen
mit den Mitteln von Kunst und Kultur bearbeiten. Zentrale Kriterien dabei
sind ein regionaler Kontext, eine innovative Projektidee und seit drei
Jahren gibt es jeweils ein Ausschreibungsthema. Weitere Kriterien sind
Geschlechtergerechtigkeit, die Berücksichtigung antirassistischer und
antisexistischer Positionen und ein Tirolbezug. „Uns geht es auch um die
Förderung von Projekten, die ansonsten nur geringe Chancen haben, zu
einer ausreichenden Finanzierung seitens der öffentlichen Hand zu kommen“,
erklärt TKI-Co-Geschäftsführerin Helene Schnitzer.
Foto: TKI
Unabhängige Jury
TKI open hat auch ein beispielhaftes Prozedere, in dessen Zentrum eine
fünfköpfige Jury steht, die in ihren Entscheidungen unabhängig ist.
Für die Auswahl der jährlich neu zusammengesetzten Jury gelten folgende
Kriterien:
* Zwei der fünf Mitglieder sollen sich in der Tiroler Kulturszene gut auskennen,
die drei anderen aus anderen Bundesländern kommen.
* Viele kulturelle Sparten sollen vertreten sein.
* Geschlechtergerechtigkeit – bisher haben immer drei Frauen und zwei
Männer die Jury gebildet.
Jede Jury entwickle ihre eigene Dynamik und setze besondere Schwerpunkte,
meint Pechtl. Nachdem Förderentscheidungen nie objektiv sein können,
entsteht aber über die Jahre ein gerechter und demokratischer Ausgleich.
Bemerkenswert ist auch, dass die
Jurysitzungen öffentlich und damit für
alle Projektwerber zugänglich sind –
allerdings nur als Zuhörer.
TKI open 2004
Foto: TKI
„Wichtig finde ich, dass bei TKI open
auch Initiativen eine Chance haben, die
das erste Mal etwas machen.“
(Carla Knapp, „hellwach bei Gewalt an Frauen“)
40 Einreichungen jährlich
TKI open ist ein erfolgreiches Fördermodell, was alleine dadurch belegt ist,
dass sich die Zahl der jährlichen Einreichungen bei rund 40 eingependelt hat.
Jeweils rund ein Drittel davon wird mit Förderungen bedacht. Das bedeutet,
dass in den fünf mit Ende 2007 abgeschlossenen TKI open-Jahren über 60
Projekte gefördert worden sind.
Die TKI bietet den Initiativen auch Hilfestellungen an, etwa bei formalen
Fragen zum Finanzplan oder bei der Erstellung eines Förderansuchens.
TKI open: Einstiegshilfe für junge und neue Initiativen
TKI open 2003
„Wir haben durch TKI open die unbedingt notwendige Summe zur Realisierung bekommen – mehr als jemals
zuvor für eines unserer Projekte. Da haben
wir oft echt betteln gehen müssen und
hatten uns statt auf das Kulturelle auf das
Wirtschaftliche zu konzentrieren.“
(Mesut Onay, Kulturverein Evrensel)
„Man hat auch keine Scheu, mit Ideen, die sich außerhalb des normalen
Rahmens bewegen, bei der TKI vorbei zu schauen und sich beraten zu lassen,
wie man ein Konzept ausarbeitet.“
(Markus Blösl, „fleisch is mei gmias“)
TKI open 2005
Foto: TKI
Ungewöhnlich ist auch, dass
den Initiativen eine begleitende
Unterstützung bei der Durchführung ihrer
Projekte angeboten wird. Während der
Anteil von neuen, jungen Initiativen im
Lauf der Jahre deutlich zugenommen
hat, ist man bei der TKI nicht zufrieden,
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kino tki open 06
04.07.2005 15:06 Uhr
Seite 1
TKI open: Einstiegshilfe für junge und neue Initiativen
dass bisher nur etwa ein Drittel der Projekte
außerhalb von Innsbruck angesiedelt
war. Die Ausschreibung für TKI open
2008 hat versucht hier entsprechend
gegenzusteuern.
TKI open 2006
Foto: TKI
Kein sportlicher Wettbewerb mehr
In den ersten drei Jahren hat sich TKI open mit einem Augenzwinkern als
„sportlicher Wettbewerb“ präsentiert: „Offene Meisterschaft für innovative
Kulturprojekte“ hieß es im Untertitel, untermauert in der graphischen
Darstellung durch die Verwendung sportlicher Motive. Pechtl begründet
diesen Ansatz damit, dass es in den ersten Jahren galt, TKI open durch eine
Ausschreibung ohne thematische Vorgabe bekannt zu machen und damit
viele Initiativen zu einer Beteiligung anzuregen.
„Ich finde daran gut, dass es für feministische Kulturprojekte eine Chance ist,
Kulturgeld zu kriegen, weil wir eigentlich
immer von Frauenabteilungen gefördert
werden und teilweise vom Wissenschaftsministerium. Die TKI befindet sich in der
Position zwischen denen, die das Geld
bekommen und denen, die es verteilen.
Foto: TKI
Das finde ich eigentlich sehr demokratisch.“ TKI open 2007
(Christine Klapeer, „ArchFem. Interdisziplinäres Archiv für Feministische
Dokumentation“)
Erstmals für TKI open 06 wurde ein Thema in die Ausschreibung integriert.
„Wir wollen keinen Wettbewerb veranstalten, sondern verfolgen einen
Förderansatz, der ansonsten zu kurz kommt“, sagt Schnitzer. „Wir vergeben
auch keine Preise, sondern setzen den Betrag, den wir zur Verfügung haben,
für ein bestimmtes kulturelles Segment, für experimentelle und politische
Kulturarbeit ein.“
Beginnend mit TKI open 06 wurde in der Ausschreibung auch eine neue
Formensprache verwendet. Für 2006 wurde „don´t take it private, take it
politically“ als Thema gewählt, es folgte
„Open Space“ und für TKI open 08 „pampa“.
Mit dem Themenschwerpunkt für 2008 wurde
wie schon erwähnt auf die Dominanz von
urbanen Projekten während der ersten fünf
TKI open-Jahre reagiert. Wörtlich heißt es
Foto: TKI
dazu im Ausschreibungstext: „Insbesondere TKI open 2008
zielt die Ausschreibung darauf ab, Kooperationen zwischen unterschiedlichen,
vor allem auch zwischen städtischen und ländlichen (Kultur)initiativen
anzuregen. TKI open 08 öffnet den Raum für kulturelles Experiment in und
zwischen den Regionen Tirols.“
Impulse zur Vernetzung
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Ein Werbeplakat aller geförderten Projekte und eine gemeinsame Präsentation gegenüber den Medien ist seit den Anfängen mit TKI open 03 üblich.
Seit drei Jahren wird von der TKI jeweils nach der Entscheidung der Jury
ein Treffen aller erfolgreichen Projekte organisiert, das dem gegenseitigen
Hannes Schlosser
TKI open: Einstiegshilfe für junge und neue Initiativen
Kennen lernen und Gedankenaustausch dient. Kontinuierlich wird das
Modell von TKI open evaluiert. Ein Beispiel dafür sind vom Autor dieses
Beitrages mit allen 13 Projekten von TKI open 06 geführte Interviews, welche
die Erfahrungen bei Abwicklung der einzelnen Projekte und das Prozedere
von TKI open als zentrale Themen hatten (nachzulesen auf: www.tki.at). Die
eingestreuten Zitatblöcke entstammen dieser Interviewreihe.
Die Verantwortlichen der TKI legen Wert auf die Feststellung: „Wir sind keine
Förderstelle.“ Die TKI kann und will mit dem bescheidenen Budget von TKI
open nicht ein ganzes Kultursegment abdecken, sondern lediglich Akzente
setzen. Der Erfolg von TKI open kann sich zugleich auch aus dem Blickwinkel
eines Beitrags zur Vielfalt in der Tiroler Kulturszene absolut sehen lassen.
53
Netzwerkarbeit für die Innsbrucker freie Kulturszene – bættlegroup for art
54
Netzwerkarbeit für die Innsbrucker
freie Kulturszene – bættlegroup for art
Die „bættlegroup for art“ ist ein
Zusammenschluss von Kulturschaffenden
und Plattformen der Innsbrucker freien
Szenen. Anlass für ihre Gründung war
die 2004 geführte Debatte um eine
Bewerbung Innsbrucks als europäische
Kulturhauptstadt bzw. eine – damals
seitens politischer Vertreter der Stadt
angekündigte – städtische Kulturoffensive.
bættlegroup for art – Plakat
Ziel der bættlegroup for art ist eine
Foto: Transporter Concept.Print.Web
Stärkung der freien Szenen, die mithilfe von
besserer Vernetzung nach innen und außen und mit dem Aufzeigen
kulturpolitischer Probleme und Anliegen erreicht werden soll.
Mittel zur Umsetzung dieser Ziele sind regelmäßige „Arbeitskonferenzen“ der
bættlegroup for art mit den kulturpolitischen EntscheidungsträgerInnen der
Stadt Innsbruck sowie die Recherche der aktuellen Situation von
Kulturtreibenden in Innsbruck und – davon ausgehend – die Entwicklung
konkreter Problemlösungsstrategien und -konzepte.
Derzeit gehören der bættlegroup for art folgende Gruppierungen an: aut.
architektur und tirol, GAV – Grazer Autorinnen Autorenversammlung, IG
Autorinnen Autoren, IGNM – Internationale Gesellschaft für Neue Musik, Tiroler
Künstlerschaft, Künstlerhaus Büchsenhausen, p.m.k/Plattform mobile
Kulturinitiativen, TKI – Tiroler Kulturinitiativen/IG Kultur Tirol, VFRÖ – Verband
Freier Radios Österreich, außerdem ein Vertreter aus dem Theaterbereich und
ich selbst als Koordinatorin. Damit deckt die Gruppe ein breites inhaltliches
Spektrum ab und verfügt auch über sehr konkrete und vielfältige Erfahrungen
in der Kulturarbeit.
Die erste gemeinsame öffentliche Aktion der bættlegroup for art war die
Konzeption und Verteilung des Plakats „Kultur ist Arbeit. Arbeit verdient Geld“
zum 1. Mai 2005. Damit wurde einerseits auf den Wert freier Kulturarbeit für
das Kulturleben einer Stadt wie Innsbruck hingewiesen, andererseits die
Tatsache aufgezeigt, dass eben dieser Wert nur sehr selten eine finanzielle
Entsprechung findet.
Im nachfolgenden Rechercheprojekt „bættle research“ konnten zu diesem
und vielen weiteren Aspekten freier Kulturarbeit konkrete Zahlen recherchiert
werden. Die Studie wurde 2006/2007 unter Innsbrucker Kulturschaffenden,
VeranstalterInnen und Interessenvertretungen durchgeführt und ihre Ergebnisse auf einem Stadtplanplakat und auf der Website www.baettle.net
veröffentlicht. Unter anderem gaben die dabei befragten 77 Kulturinitiativen,
Interessenvertretungen und Plattformen an, dass 79,5 Prozent aller bei ihnen
tätigen unabhängigen „KulturarbeiterInnen“ ehrenamtlich arbeiten und 43,3
Prozent der Arbeitsstunden absolvieren. Knapp ein Viertel der Gruppierungen
bestreitet darüber hinaus die Kosten der Kulturarbeit zum größten Teil aus
Eigenmitteln der jeweiligen Initiative bzw. ihrer Mitglieder. Setzt man dies in
Beziehung zu den 429.560 Eintritten, die die Innsbrucker Initiativen pro Jahr verzeichnen, so wird erst das Ausmaß der unentgeltlich geleisteten Arbeit deutlich.
Esther Pirchner
Netzwerkarbeit für die Innsbrucker freie Kulturszene – bættlegroup for art
Neben der quantitativen Untersuchung umfasste „bættle research“ auch
einen qualitativen Teil, in dem weitere Aspekte und dringliche Probleme der
freien Kulturarbeit detailliert recherchiert wurden. In den Fragebögen und in
mehr als zwanzig Interviews mit KünstlerInnen und VeranstalterInnen äußerten
sich die Befragten zu Rahmenbedingungen der kulturellen Arbeit in der Stadt.
Sie wiesen auf den Bedarf an besserer Vernetzung hin und stellten sich und
die von ihnen geführten Initiativen in Eigendefinitionen dar. Vor allem aber
kristallisierten sich dabei als zentral – und leider auch häufig problematisch
– folgende Themenbereiche heraus: Arbeitsbedingungen, Raumsituation,
Ausbildungsmöglichkeiten, Kulturförderungen und mediale Öffentlichkeiten.
In diesem Zusammenhang wurde auch deutlich, dass es in den Innsbrucker
freien Kulturszenen, bei allen Qualitäten, die die Stadt bietet, auch an vielem
mangelt.
Die Ergebnisse der Kulturstudie haben direkte Auswirkungen auf die weitere
Arbeit der bættlegroup for art. In Arbeitskonferenzen, die in Abständen von
ca. einem halben Jahr organisiert werden, entwickelt die bættlegroup for
art in Zusammenarbeit mit den VertreterInnen der Stadt Innsbruck Konzepte
für die Lösung der dringlichsten Probleme. Daher wurde auf diesem Weg
ein spezieller Fördertopf für die freien Szenen Innsbrucks ausgearbeitet,
der zusätzlich zu den bestehenden Kulturförderungen und -preisen der
Stadt eingerichtet wird. Diese Innovationsförderung zielt insbesondere auf
experimentelle Projekte ab, die Kunst als intensive Gesellschaftsforschung mit
offenem Ausgang begreifen. Kulturelles „Risiko“, künstlerisches Experiment
und Kulturforschung sind erwünscht, der inhaltliche Fokus liegt auf der
Auseinandersetzung mit Urbanität, mit Stadt als kulturellem Raum und mit der
Stadt Innsbruck im Speziellen.
Die nächste Arbeitskonferenz beschäftigt sich voraussichtlich mit der
Raumsituation in Innsbruck, mit einer Bestandsaufnahme der bestehenden
Räume und der Ermittlung des Bedarfs an anderen Räumen, mit den
Möglichkeiten, Veranstaltungs-, Proben- und Ausstellungsorte zu verbessern
oder neue zu erschließen, mit Zugängen zum öffentlichen Raum, aber auch
mit allen anderen Aspekten, die Innsbruck als Kultur-Ort betreffen. Angesichts
dessen, dass die Arbeit der bættlegroup for art bzw. ihre Zusammenarbeit
mit der Stadt Innsbruck bisher sehr konstruktiv war, besteht die begründete
Hoffnung, auch in Bezug auf Räume und weitere anstehende Themen
geeignete Lösungskonzepte zu entwickeln.
55
Freie Kulturszenen
in Südtirol
Die Bildung von Kulturinitiativen stellt eine wertvolle Erweiterung des
kulturellen Angebots dar. Möchte man auf die Frage eingehen, weshalb
die Motivation für ein solches Engagement Einzelner überhaupt zustande
kommt, muss man seinen Blick auf die allgemeine kulturelle Situation richten.
Öffentliche Institutionen können nicht ungezwungen und unmittelbar auf
aktuelle Gegebenheiten reagieren, da ihr Handlungsspielraum durch die
Großgestaltung des Organisationsapparates und durch die Bürokratie
eingeschränkt wird. Die Leerstellen, die sich dadurch bilden können, müssen
nicht folglich einen Mangel an kulturellem Leben darstellen, sondern gründen
in sich die Möglichkeit des Auffüllens durch andere, nicht amtliche und somit
nicht institutionalisierte Organisationen. Die Bildung solcher Initiativen kann
also mit der Notwendigkeit der Eliminierung von Leerstellen einhergehen
und durch die Motivation und Lust an kreativer Tätigkeit aktiv abgedeckt
werden. Diese Leerstellen beinhalten demnach eine Bereicherung für die
Kulturlandschaft. Hier treten kreative Kräfte in Aktion, die nicht durch eine
politische oder amtliche Beauftragung, sondern durch das eigene genuine
Interesse am kreativen Prozess und an der gesellschaftlichen Veränderung
mobil werden und einen starken Bezug zum sozialen Kontext aufweisen, da
sie sich selbst als dessen kulturschöpferischen Teil sehen. Initiativen werden
durch ihre Leichtmutigkeit, ihre Nähe zur Unmittelbarkeit und ihre Möglichkeit
auf aktuelle Geschehnisse reagieren zu können, vom aleatorischen Moment
bestimmt. Vielleicht sind solche Initiativen aber auch als Aufruf zu verstehen,
sich in einer gut organisierten Welt individuell positionieren zu wollen. Wird
die Prozessentwickelung einer Kulturinitiative näher betrachtet, so rückt die
Tatsache in den Vordergrund, dass keine institutionalisierte Beauftragung,
sondern der Gedanke Einzelner den nötigen Motor für die Machbarkeit eines
Kollektivprojektes darstellt. Es erscheint somit bedeutsam, dass der Einzelne
„mit“ und „im“ Kollektiven agiert und somit zum Ganzen wird.
Ich möchte mit meinem Beitrag nicht den Anspruch von Ganzheitlichkeit
in Bezug auf die Vollzähligkeit der dargestellten Initiativenlandschaft, wie
in Bezug auf die einzelnen Initiativen selbst bei den Leserinnen und Lesern
erwecken. Der Anspruch auf Ganzheitlichkeit erscheint prätentiös und
unrealistisch, wenn man versuchen möchte, die Vielfalt an kulturellen
Ausrichtungen und Angeboten textlich zu erfassen. Schon allein der schnelle
Zeitrhythmus, unter welchem Initiativen entstehen oder sich wandeln,
macht ein einheitliches Bild nicht möglich. Es wäre somit verfehlt, von einer
universellen Darstellung zu sprechen. Es ist aber darauf geachtet worden,
den Blick auf sehr repräsentative Projekte zu richten, um eine kohärente
Darstellung der Tätigkeit der einzelnen Initiativen zu ermöglichen. Es entspricht
auch der Absicht des Berichtes, unterschiedliche Positionen in Südtirol näher
zu beleuchten, um ihre Differenzialität, durch die Wahl der Initiativen in
verschiedensten Ortschaften, und die allgemeine Heterogenität in der Provinz
erahnen zu lassen. Trotzdem wurde nicht der Versuch ausgespart mögliche
Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen aufzuzeigen.
Bestandsaufnahme eines uninstitutionalisierten kreativen Ausdrucks
Bestandsaufnahme eines
uninstitutionalisierten kreativen
Ausdrucks
59
Bestandsaufnahme eines uninstitutionalisierten kreativen Ausdrucks
60
Durch die Recherchen und durch die Gespräche mit den Vertreterinnen und
Vertretern der einzelnen Initiativen sind Analogien in Bezug auf Zeit und Raum
erkennbar geworden. Die zeitliche Affinität besteht darin, dass keine der
Initiativen eine Zeitstruktur in ihrem Aktivsein entwickelt hat. Die Möglichkeit
des Agierens, sobald die nötige Motivation und Gelegenheit besteht,
beinhaltet einen zufallsabhängigen Aspekt. Initiativen können als ephemere
Konstrukte verstanden werden, die aber gleichzeitig eine zukunftweisende
Dauerhaftigkeit beinhalten können, wenn sie durch den politischen
wie gesellschaftlichen Konsens gefördert werden. Die Beständigkeit der
Initiativen wird jedoch von manch äußeren Faktoren beengt. Zunehmende
Bürokratisierung und Schwierigkeiten finanzieller Natur führen zu einer
massiven Gefährdung einzelner Initiativen. Denn die Initiativen sind filigrane
Konstrukte, deren Bestehen auch von diesen äußeren Faktoren abhängt.
Auch in Hinsicht auf die Räumlichkeiten, die eben keiner strikten Vorgabe
untergeordnet sind, sondern je nach Initiative und je nach Veranstaltung
divergieren können, weisen die verschiedenen Initiativen Entsprechungen
zueinander auf. Der Bezug zum Raum, ob er nun landschaftlicher oder
urbaner Natur ist, ist bei den meisten Initiativen als wesentliches Moment,
und somit normierend, vorhanden. Das Einbeziehen der Natur in die
Aktivitäten der Initiativen der sogenannten „Peripherie“, und das Einbeziehen
des städtischen Lebens in die Aktivitäten der Initiativen in den urbanen
Zentren, verallgemeinert gesagt, das Einbeziehen des „Kontextes“, erscheint
wesentlich.
(Diese Einleitung wurde anhand der Texte, die durch die Gespräche mit den Vertretern der
einzelnen Initiativen entstanden sind, erstellt.)
Martina Oberprantacher
Der Kulturverein Kunstmyst, mit Basislager in Steinhaus im Ahrntal, ist eine der
ältesten hier behandelten Initiativen.
Die ursprüngliche Kerngruppe bestand aus
Josef Oberhollenzer, Paul und Fritz Feichter
und Alois Steger. Sie ist aber bald zu einer
größeren Organisation herangewachsen,
da es Alois Steger durch seine Lehrtätigkeit
an der Bildhauerschule im Ahrntal
verstand, seine Schüler wie Abgänger
als Kreis engagierter Personen um den
anfänglichen Nukleus zu sammeln. Die
Kunstmyst beim Bau des AnagamaVereinsmitgliedschaft war schon bald nicht
Brennofens Foto: Alois Steger
mehr auf das Ahrntal allein beschränkt,
sondern wurde auf die Umgebung von Sterzing und Bruneck ausgedehnt. Das
Bedürfnis, sich für die Kunst wie Kultur allgemein stark zu verpflichten, hat nicht
nur freischaffende Künstler, sondern auch Menschen aus anderen Bereichen
auf den Plan gerufen und es ermöglicht, die nötigen Motoren in Bewegung zu
setzen, um die Initiative Kunstmyst entstehen zu lassen.
Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde erstmals der Versuch
unternommen, das Potenzial an kulturellem Vorhaben zu zentrieren, wobei
sich die Zentrierung nicht auf die Ausrichtungen des Vorhabens übertragen
ließ. Verschiedenste Bereiche wie die Literatur, das Theater, die Musik, die
Bildende Kunst und alle weiteren angrenzenden Gebiete, wurden zu einem
heterogenen Konglomerat und zu einem facettenreichen Gemisch von
Kulturschaffenden zusammengeschlossen.
Ähnlich Vielfältiges weist die Namensgebung auf: Kunstmyst kann man mit
Mysterium in Verbindung bringen, oder es als solches verstehen. Es besitzt
aber auch gleichzeitig eine starke Bezugnahme auf das Ländliche, „wo
künstlicher Mist auf die Felder gesprüht wird, anstatt auf den natürlichen der
Kühe zurückzugreifen“.1 Der dritte, aber nicht unwesentliche Punkt, ist auf eine
umgangssprachliche Redewendung zurückzuführen: „Mist machen“ ist eng
mit der Absicht verschränkt, neue Kräfte durch informelle Abläufe entstehen
zu lassen. Der Name beinhaltet also ein Wechselspiel von Bedeutungen.
Die Initiative Kunstmyst, die aus einem anderen Verein, dem Michael-PacherVerein, hervorging, ist seit 1994 als eigenständiger Verein organisiert und will
sich ganz bewusst von allzu Traditionellem distanzieren. Es sollte ein neues,
aktuelles Kulturleben aufleben, weshalb kein gewöhnliches Vereinshaus zum
Vereinsgebäude ernannt, sondern die alte Volksschule in Steinhaus im Ahrntal
als Veranstaltungsort gewählt wurde. Durch unermüdliches Engagement
der Initiative wurde dieses architektonisch interessante Gebäude, vorher
als Depot benützt und dem Abriss geweiht, zum Vereinssitz umgestaltet
und als neues Kulturvorhaben konzipiert, und die Renovierung und Nutzung
des Volksschule selbst zum Projekt erhoben. Das erklärte Ziel war es auch,
den lange ungenützten Bau der Bevölkerung wieder zuzuführen. Daher
wurde 1995 ein dreitägiges Eröffnungsfest organisiert, welches durch eine
Theateraufführung, eine Lesung und eine Gemeinschaftsausstellung der
Mitglieder gestaltet war.
Die Initiative Kunstmyst verstand sich nie als politische Organisation, auch
Kunstmyst
Kunstmyst
61
Kunstmyst
62
wenn sich manchmal eine politische Färbung bemerkbar gemacht hat.
Im Vordergrund war immer die Förderung eines Spektrums neuer kultureller
Sprachen, wodurch die Initiative selbst zu einem offenen Forum neuer
Perspektiven wurde. Diese für die Umgebung innovativen, fast schon
subversiven Aktionen, bestanden in Theater im Freien, Musik im Bergstollen
von Prettau oder in einem Klärwerk, sowie Lesungen in einer Kirche und an
anderen unüblichen Orten. Dabei wurde der Versuch unternommen, sich mit
der kulturellen Identität zu messen: der Blick wurde auf die eigenen Wurzeln
und auf die lokalen Gegebenheiten gelenkt, und gleichzeitig in Dialog zu
anderen, internationalen Gegebenheiten gesetzt. Da man nicht nur „lokal“
bleiben, sondern den Fokus gleichzeitig nach außen verlagern wollte, wurden
Projekte in Deutschland wie Österreich realisiert, Künstlerinnen und Künstler
aus anderen Ländern zu Veranstaltungen eingeladen und zu einem intensiven
Austausch angeregt. Die eigene kulturelle Identität sollte durch Anregungen
aus dem Ausland kritisch be- und durchleuchtet, aber gleichzeitig auch
bewahrt werden. Diese Aktivitäten, die teilweise unter großem Aufwand
entstanden sind, wurden dennoch in großer Zahl realisiert, wovon die
Veranstaltungsdichte zeugt. In den ersten sieben bis acht Jahren war die
Tätigkeit so intensiv, dass acht Veranstaltungen jährlich stattgefunden haben.
Im Jahr 1998 wurde das Projekt „Symphonic Art. Ton • Text • Bild“ präsentiert.
Als Veranstaltungsorte wurden die öffentlich nicht-zugängliche Kirche in St.
Martin – die Urkirche St. Johann – die selbst zum kulturellen Erlebnis und Ereignis
wurde, und die alte Volksschule in Steinhaus gewählt, während ein Container
zum Konzerthaus umfunktioniert worden ist. Von den sechs teilnehmenden
KünstlerInnen waren drei vereinsintern. Es wurden Installationen und Objekte
gestaltet, welche von Lesungen und Musik inspiriert wurden. Die Künstler
konnten die Texte, welche von den Literaten zur Verfügung gestellt worden
sind, zur Gestaltung frei wählen, woraus öfters eine Zusammenarbeit
zwischen Künstler und Literat erwachsen ist, wie bei Alois Steger und Josef
Oberhollenzer. Durch die Kooperation verschiedener Autoren und Künstler
haben sich ein synergetischer Fluss und eine Fusion der verschiedenen
Kulturbereiche ergeben.
Noch im Jahr 1998 begann die Generalsanierung der Volksschule, welche
eine Aussiedelung der Initiative und gleichzeitige örtliche Verlagerung der
Tätigkeiten provozierte. Die Aktivitäten fanden nun in der Landschaft statt:
entweder an Orten, die eine starke geschichtliche Assoziation oder eine
starke energetische Spannung evozierten und etwas Neues beinhalteten.
Durch die Präsenz der KünstlerInnen und ihr, manchmal temporäres,
Hinterlassen von Spuren in der Landschaft, wiesen diese Projekte einen Bezug
zur land art auf. Mit dem Jahr 1999 wurde die Tätigkeit „Gletscherblut II“ im
Schwarzenstein-Gebirge aufgenommen. Die 13 aus Deutschland, Österreich
und Italien stammenden KünstlerInnen, wie Josef Baier, Robert Engl, Paul und
Friedrich Sebastian Feichter, Wilma Kammerer, Saskia Seidl und Alois Steger,
um nur einige zu nennen, verbrachten mehrere Tage auf 3368 m Höhe und
mussten sich in einer Situation zurechtfinden, die physischen wie geistigen
Einsatz abverlangte. Die oft unter härtesten Bedingungen gemachten
Grenzerfahrungen, flossen unmittelbar in die Werkprozesse ein. „Kunst in der
Natur, Kunst mit der Natur und Kunst durch die Natur.“2 Als wesentlich erschien
den KünstlerInnen, dass die eingesetzten Materialien wie Eis, Stein, Schnee,
Pigment, Sand und Stahl, abbaufähig oder umgebungstauglich waren und
sich somit in die vorgegebene Landschaft integrierten.
Im selben Jahr wurde das erste Projekt der dreiteiligen „Anagama“- Serie,
Kunstmyst
nach einer Idee von Peter Chiusole konzipiert, ins Leben gerufen. Anagama
ist die japanische Bezeichnung für einen liegenden Einkammerofen für das
Brennen von Tonprodukten. Die Wurzeln dieses Ofens liegen in Japan, China
und Korea. Durch die Verwirklichung eines Brennofens nach koreanischem
Vorbild wurde der Kontakt zu Korea gesucht und ein Koreaner als Berater
eingeladen. Die Absicht, einen Brennofen selbst zu errichten, bedeutete
nicht nur einen enormen Zeit- und Kraftaufwand durch den physischen
Schaffensprozess, sondern auch eine große technische Fertigkeit, da zunächst
die Baufläche ausgehoben, dann die Innenwand aus Holz gezimmert und
zum Schluss die Außenverschalung aus Stein und Lehm daraufgemauert
werden musste. Der Ofen war zirka fünf Meter lang, 1,40 m hoch und 1, 50
m breit und war in Stufenform aufsteigend in einen Hang eingelassen, damit
die Hitze vom vorderen Schürraum zur hinteren Flammenaustrittsöffnung sich
ziemlich konstant verbreiten konnte. Es folgte das Ausbrennen der Holzwand,
das Füllen des Ofens mit Tonprodukten und zum Schluss das In-Brand-setzen.
Die ideale Brenntemperatur für Ton verlangte eine kontinuierliche Erhöhung
der Hitze und somit ein konstantes Schüren und Überwachen der Feuerquelle.
Dies konnte nur durch eine kollektive Zusammenarbeit geschehen. Nach
Heinrich Schwazer stellt das eine „gemeinsame Kraft-Kunst“ dar.3 Das
Anpassen an das vorgefundene Gelände und das Miteinbeziehen von Zeit
ließen eine poetische Landschaftsinstallation mit chronistischer Konzeption
entstehen. Die Forschung, die der Realisierung des Projektes vorherging,
wurde wie eine ethnologische Studie geführt, welche Lokalbewusstsein
forderte und förderte, und einen aktuellen ästhetischen Genuss zu evozieren
imstande war. Der aktive Eingriff in die Natur des Schwarzenbachtals, um
Kunstwerke aus gebranntem Ton zu schaffen, wurde selbst zur Kunst erhoben.
Wer als Betrachter anwesend war, war in den Dialog zwischen Gelände
und Akteure eingebunden, wer nicht, konnte den Schaffensprozess anhand
fotografischer und filmischer Dokumente nachvollziehen. Film und Fotografie
als Dokument, erhielten nicht nur eine Bedeutung als Relikt, sondern bekamen
einen Eigenwert.
1 Alois Steger im Gespräch mit der Autorin.
2 Ohne Autorenangaben, „Gletscher(blut) gibt es in keiner Galerie dieser Welt“, in: Kunstmyst (Hg.),
Gletscherblut II, Brixen 2002, S. 6.
3 Heinrich Schwazer, Glühende Aura, in: Kunstmyst (Hg.), Anagama. Schwarzenbach/Ahrntal,
Bruneck 1999, S. 11.
Martina Oberprantacher
63
Der Rosengarten wird überschätzt
64
Der Rosengarten wird überschätzt
Die Gründung dieser Initiative, deren Namensgebung aus einem
Ausstellungstitel hervorgeht, stellt eine der neuesten in der Südtiroler Kulturwelt
dar, genauso sind deren VertreterInnen mit ihren 24 bis 25 Jahren
die altersmäßig jüngsten. Marion
Oberhofer, Leander Schwazer, beide aus
Südtirol, und Paul Darius aus Deutschland,
lassen in ihrer Gemeinschaftlichkeit
Designpraxis, Kunsttheorie und Bildende
Kunst miteinander verfließen.
Ist man, in institutionellen Bereichen,
allzu oft damit beschäftigt gewesen,
Der Rosengarten wird überschätzt:
großformatige Projekte zu begründen und
Ausstellung in der Werkform
schon Bekanntem Ausdruck zu verleihen, so
Foto: Hannes Ochsenreiter
war es gerade diese Nachlässigkeit
der Förderung junger aktueller Kunst, welche die drei Initiatoren 2007 zu einer
Kooperation zusammenfinden ließ.
Die Initiative hat sich, entgegen manch älterer Pioniere, zum NichtVerein erklärt und dies gleichzeitig zum Prinzip gemacht. Die Idee einer
Vereinsbildung widersprach den drei InitiatorInnen deshalb, weil sie sich
keinem zu klar strukturierten System unterordnen wollten, ist doch die
Vereinsstruktur gerade in Südtirol sehr stark präsent. In Anbetracht dessen,
kann man diese Initiative auch als subversiven Akt verstehen, der sich
gegen eine konformistische Gesellschaftsstruktur richtet. Die entgegen
eines Vereinzusammenschlusses einhergehende Freiheit ist ein zentrales
Anliegen der drei InitiatorInnen und formuliert gleichzeitig den Wunsch nach
der weiteren Förderung freier Organisationen aus, um das lokale Potenzial
unabhängiger Kräfte zu motivieren. Ein wichtiger Partner der jungen Initiative
war der Südtiroler Künstlerbund, welcher die Schirmherrschaft für die bisher
einzige Ausstellung übernommen hat.
Genauso sorgfältig durchdacht, ja fast schon als Programm, erscheint
die unkonventionelle Namensgebung der Initiative. Als sich die drei
BegründerInnen Oberhofer, Schwazer und Darius bemühten, geeignete
Räumlichkeiten für die geplante Ausstellung zu erkunden, geschah das in
der Absicht, sich dem institutionalisierten Rahmen zu entziehen. Es wurde
eine größere Räumlichkeit in der Rosengartenstraße in Bozen gefunden,
die Nutzung des Raumes fand aber bald anderweitige Bestimmung und
die drei InitiatorInnen nahmen diese Gelegenheit zum Anlass, aus der Not
eine Tugend zu machen. Der Titel, der 2007 gezeigten Ausstellung und
gleichnamigen Initiative, „Der Rosengarten wird überschätzt“ spielt nicht nur
auf die Anfangsschwierigkeiten an, geeignete Räumlichkeiten zu finden,
sondern geht gleichzeitig auf den Mythos einer lokalen Bergkette ein, welche
ihr eigenes Heldenepos besitzt und deren verklärte Mythisierung durch
Nationalisten und Tourismus stark gefördert worden ist. Auf der anderen Seite
stellt der Titel die Absicht nach der Verkörperung von Anknüpfungspunkten
individueller künstlerischer Positionen in einem Berg dar, in welchem sich
Wünsche, Ahnungen und Schicksale verdichten (Textpassage auf der
Internetseite „www.rosengarten-artspace.com“). Er greift auch gleichzeitig
auf eine Aktion von Joseph Beuys aus dem Jahr 1964 zurück, die den Titel
Martina Oberprantacher
Der Rosengarten wird überschätzt
„Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ trug und Beuys
Missbilligung gegenüber Duchamps musealen Dogmatismus artikulierte. Das
ironische Moment in der Titelgebung ist nicht zu übersehen.
Die an der Ausstellung teilnehmenden 27 Künstlerinnen und Künstler,
wie Paul Darius, Helena Dietrich, Tomas Eller, Maria Gamper und Florian
German, um nur einige zu nennen, kamen aus Deutschland, Österreich, der
Schweiz und Südtirol. Manche kamen aus unmittelbarer Umgebung der drei
InitiatorInnen, andere wurden extra zur Schau geladen. Sie verkörperten
junge künstlerische Positionen, die sich mit der Befragung der eigenen
Gegenwärtigkeit beschäftigten. Im Mittelpunkt der künstlerischen Recherchen
standen somit nicht die Antworten der KünstlerInnen, sondern ihre Fragen
zu zeitgenössischen Kunst- und Wahrnehmungskonzepten in Installationen,
Skulpturen, Videoarbeiten, Dokumentarfilmen und Performances. Zwei
Wochen gestalteten sich die Räumlichkeiten der ehemaligen Fa. „Werkform“
in der Andreas-Hoferstraße in Bozen gleichermaßen zum Zentrum und zur
Peripherie, zum Alltag und zum Ausnahmezustand. (Auf der Internetseite
„www.rosengarten-artspace.com“ genauer nachzulesen.)
65
Die Rosschaukel
66
Die Rosschaukel
Die Rosschaukel ist vor ungefähr 20 Jahren durch ein persönliches Anliegen
und Engagement von Guido Moser entstanden. Als Moser nach seinem
Auslandsaufenthalt nach Südtirol zurückgekehrt war, empfand er das
Verlangen, die vorhandenen Lücken im
Kulturangebot aufzufüllen. Er wollte sich mit
dem Vorgefundenem nicht abfinden,
sondern eigene Kulturakzente setzen.
Räumlichkeiten standen zur Verfügung und
fungierten teilweise als Atelier für einheimische wie ausländische KünstlerInnen. Nun
konnte das Ziel verfolgt werden, auf dem
Land einen alternativen, nicht-traditionellen Im Zentrum des Theaterstücks „Maske und
das
Menschen
BehindeAbbildung
3: Im Buch“
Zentrum desstanden
Theaterstücks „Maske
und das Buch“mit
standen
Menschen mit Behinderung.
Es ging dabei um die Lust, sich nicht anzupassen.
Kulturstrang zu entwickeln und diesen durch
rung.
gingin:dabei
um
die Lust,
sich(CD-Rom)
nicht
Quelle: „Maske
undEs
das Buch“,
Guido Moser,
Randsteine
personzentriert
anzupassen.
das Wechselspiel von eigener Identität und
Quelle: „Maske und das Buch“, in: Guido Moser,
Randsteine personzentriert (CD-Rom)
Internationalität konstant wachsen zu lassen.
Denn die Verwirklichung des Anliegens war nicht nur auf das Lokale, sondern
auch auf das Internationale ausgerichtet. Bestimmend hierfür ist auch die
geografische Lage: der Vinschgau, genauer gesagt Stilfs/Stilfser Brücke, bildet
eine Achse im Länderdreieck Italien/Österreich/Schweiz.
Die Rosschaukel sieht sich selbst als Förderung „Filigraner Mikrostrukturen“1,
die durch die Notwendigkeit einzelner Kulturschaffender eigene Wege zu
gehen, entstanden ist. Man kann die verschiedenen Aktionen und Aktivitäten
der Rosschaukel nicht unbedingt politisch verstehen, wie zum Beispiel im
Sinne der 68er Bewegung, sondern in erster Linie gesellschaftsorientiert. Der
Verein nimmt sich als unorthodoxes, unkonventionelles und destabilisierendes
Schaffen eines neuen Raumes wahr.
Die ungewöhnlichen Kulturräume werden unter anderem für Workshops
genützt. Durch die Zusammenarbeit mit Urania, Jugendring und weiteren
Verbänden wird versucht, kulturelle Freiräume zu bilden und zu erhalten.
Die Projektkonzeption weist von Anfang an eine Vielfältigkeit auf, die sich
daran erkennen lässt, dass sich die Aktivitäten nicht örtlich beschränken
lassen, genauso wenig wie die Ausrichtung auf die Mitwirkenden und
das Publikum, welches sich aus „Standard“-Bürgern, sozial Schwachen,
Behinderten, Uniprofessoren, documenta-KünstlerInnen, Kindern und vielen
mehr zusammensetzt. Genau diese Vielschichtigkeit bei den Mitwirkenden
wie dem Publikum, spiegelt sich in der Vermischung von verschiedenen
Kulturbereichen, Sozialem und Lebensraum wider. Eine zentrale Bedeutung
im Verein erhält das Mitmachen und Mitgestalten aller, die interessiert sind.
Auch wenn sich DorfbewohnerInnen nicht aktiv an einer Aktion beteiligen,
so sind sie doch in das Vorhaben indirekt eingebunden, da die Nachricht
und Informationen zur Aktion im Dorf zirkulieren und ihre Neugierde dadurch
geweckt wird. So tretet das Agieren des Vereins in das gesellschaftliche Leben
und ist nicht etwas hermetisch Abgeriegeltes. Der soziale Gedanke spielt
daher eine große Rolle. Das Leitprinzip ist das Zusammentreffen des Einzelnen,
der eine Aktivität initiiert, mit dem „Anderen“2. Das bedeutet, dass sich
zum Beispiel durch die Zusammenarbeit zwischen einem nichtbehinderten
Künstler und einem behinderten Künstler bei Kunst- und Theaterprojekten eine
Symbiose bilden kann, in der sich die Behinderung auflöst. Diese künstlerische
Die Rosschaukel
Zusammenarbeit zwischen Menschen mit und ohne Behinderung erfordert
nach Guido Moser „eine Verschiebung herkömmlicher Sichtweisen, ein hohes
Maß an Flexibilität und das Aufgeben althergebrachter Herangehensweisen.
Anderes Zeitempfinden und Umgehen mit künstlerischen Prozessen sind nur
einige Aspekte, die Nichtbehinderte von Behinderten lernen müssen.“3 Sascha
Plangger ist der Überzeugung, dass das Ausgrenzen des Anderen (damit
gemeint wäre die Behinderung), mit der Ästhetik einhergeht, die die Pluralität
und Heterogenität einschränkt und alle fremden Formen zum Erliegen bringt.4
„Eine normierte Ästhetik der Körper, ein homogener Gesellschaftskörper, der
sich gleich verhält, bewegt und denkt, steht am Ende dieser Entwicklung,
die auch die unsere ist.“5 Und genau daran knüpfen die Theater- und
Kunstaktionen, wie zu, Beispiel „Die Künstler – [email protected] + Bretter“ an,
denn diese Kunst „arbeitet an der Überschreitung des Sinnhaften, am Bruch
mit dem Ästhetischen, am Übergang zur komplexen Doppelbewegung von
Ästhetik und Anästhetik“.6 Die Aktionen von Rosschaukel lassen sich also in
keine Schranken verweisen, sondern bedeuten vielmehr eine Aufhebung von
konventionellen Grenzen. Die Theaterkonzeption ist offen ausgerichtet, um
den Menschen mit Behinderung viel Platz für Improvisationen zu bieten, denn
erst dann können ihre künstlerischen Fähigkeiten zur Geltung kommen. Die
Handlung eines Theaterstücks besteht zumeist aus einem „Gerüst“, welches
vielen „Figuren“ Platz gibt und auch veränderbar ist. Werden besondere
Fähigkeiten entdeckt, können sie jederzeit in das Stück eingebaut werden.7
Die Bewegungs- und Musiktheater werden auch ohne festgelegte Texte,
offen für eine „freie“ Sprache, konzipiert. Sie stellen somit ein offenes Theater
mit dadaistischen Zügen dar, beinhalteten aber gleichzeitig auch didaktische
Züge, da es in erster Linie um eine aktive Einbindung aller beteiligten Personen
und des Publikums geht.
Dass die Aktivität der Rosschaukel eng mit einer didaktischen Konzeption
verschränkt ist, kann in Zusammenhang mit der für die Initiative zentralen
Figur des Kaspar Hausers gelesen werden, welche durch ihre begrenzte
Sprachbeherrschung der Sprache gleichzeitig eine neue Bedeutungsebene
und Sprachbildung verschafft. Die Namensbildung der Initiative steht genau
in dieser Tradition. Mit dem Wort „Ross“ kann vieles ausgedrückt werden.
Ohne geeigneten Schlüssel versteht man aber nichts, kann nur eigene
Deutungsversuche und Entdeckungen wagen, die der Begegnung mit der
Kultur ähnlich sind. In Zusammenhang mit einer kindähnlichen Figur, wie sie
Kaspar Hauser war, steht die Schaukel, die für Schwerelosigkeit und Luftigkeit
steht. Das persönliche Empfinden und Denken erscheint der Initiative immer
als Leitmotiv. Hierbei tretet das Persönliche in Dialektik mit dem Allgemeinen,
wie bei Carl Ransom Rogers, der die Basis im Streben des Menschen nach
Selbstverwirklichung und Selbstaktualisierung sieht und von personzentrierter
Arbeit spricht. Durch das Persönliche werden andere animiert, sich selbst zu
öffnen. Das Persönliche, und somit die subjektive und individuelle Welt eines
Künstlers, soll mit der Gesellschaft kurzgeschlossen und in die allgemeine Welt
integriert werden, so dass das Individuelle des Subjekts mit dem Kollektiven
zusammenfließt.
„Thermochemie: Der Ziegenhirte in der Zone“, als Freilichttheater 2007
konzipiert, beschäftigte sich mit der Gegensätzlichkeit von stetiger globaler
Erhitzung und konstanter menschlicher Abkühlung. Die globale Situation der
Klimaerwärmung nimmt einen immer größeren Stellenwert im internationalen
Medieninteresse ein, erlangt aber gleichzeitig ein persönliches Verständnis,
da jeder Einzelne davon betroffen ist. Diese Thematik wurde mit dem
67
Die Rosschaukel
persönlichen Schicksal von Maestro Francesco Valdambrini und seiner
persönlichen Suche nach neuer Musik in Vergleich gesetzt.8 Hier wurden das
Allgemeine zum Persönlichsten und das Persönlichste zum Allgemeinen.
Durch das persönliche Wirken eines Einzelnen, das sich nicht hinter der
Initiative versteckt, sondern im kollektiven Gedanken mündet, wird dieses
auch politisch wichtig und das Individuelle im Verhältnis zum Anderen zum
Politikum. Dabei haben die Aktionen keinen Missionsauftrag oder besitzen
keine moralisierende Wirkung, sondern sollen einen Freiraum schaffen, in
dem sich Menschen entwickeln und in Dialog mit anderen treten können.
Der Einzelne aktualisiert sich dann durch die Bezugnahme zur Gruppe. Wenn
sich der Mensch verstanden und akzeptiert fühlt, befindet er sich nach Guido
Moser in einem maximalen Raum, wo man im Englischen auch von Zone
sprechen könnte.9 Dem Prozess fällt hierbei eine große Bedeutung zu, denn
der Prozess wird zum Ziel. Das Bewusstsein, die Einsicht und das Verstehen
werden zur eigentlichen Arbeit, zum eigentlichen pädagogischen Akt, und
dieser Ansatz wirkt dann künstlerisch. Der Prozess selbst wird aber meist erst
im Nachhinein nachvollziehbar, so zum Beispiel durch das Sammeln oder
Zurücklassen der Relikte verschiedener Aktionen, die vom Handgemachten
und Hantieren berichten. Bei der Aktion „Hangsicherung bei Regen“ wurde
ein Hang mit Gegenständen der Kulturgeschichte gesichert. Die Aktion stellte
durch das Zusammenspiel von Festem und der Bewegung die Reflexion des
Leitprinzips der Initiative dar. Der Verein erfindet sich selbst immer wieder neu,
bewegt sich in einem stetigen Prozess und hält als einzige Konstante nur den
Organisationscharakter bei.
1 Guido Moser im Gespräch mit der Autorin
2 ebd.
3 Guido Moser, Die Künstler – [email protected] + Bretter. Eine bewegte Theaterinstallation zwischen
Bologna – Stilfser Brücke und Bruneck (2000 – 2001). Der Aufsatz befindet sich im Katalogtext zum
Theater: „Die Künstler – [email protected] + Bretter“, ohne nähere Angaben, S. 1.
4 Sascha Plangger, Die Ästhetik des Anderen, in: op. cit., S. 4.
5 ebd., S. 5.
6 ebd., S. 6.
7 Helle Petersen, Wie arbeiten unsere Kollegen. Die Entwicklung eines Theaters mit Menschen mit
Behinderung, in: op. cit., S. 12.
8 Die bei diesem Freilichttheater beteiligten MusikerInnen und KomponistInnen waren Daniel
Oberegger und Manuela Kerer.
9 Guido Moser im Gespräch mit der Autorin
Martina Oberprantacher
68
Mit den Worten: „vissi d’arte singt Puccinis Tosca, sie schnappt nach Luft und
holt tief Atem. Da, in der Passerstadt leben die Künste! Zahlreiche Künstlerinnen
und Künstler, Kulturschaffende und kreative Köpfe finden sich auf den vissidarteSeiten wieder. Wie ein Spinnennetz verlaufen die Kunstwelt-Fäden, auch über
Meran hinaus. Die zweisprachige Kulturzeitschrift ist wieder da, um dies sichtbar zu
machen. Der Blick fängt Zugvögel ein, hält
Ausschau nach Festhaltenswertem“, erklärt
vissidarte den eigenen Namen und das
eigene Konzept. 2005 wurde durch Harry
Reich der erste Anstoß zur Realisierung einer
Zeitschrift zum kulturellem Leben und Treiben
in Meran und anderswo, gegeben und von
ihm und dem vissidarte-Team, mit Unterstützung des Ost West Club als Träger, vorangetrieben. vissidarte versteht sich als Bestandsaufnahme des künstlerischen Wirkens und hat
im Jahr 2006 die Zweidimensionalität des
Papiers überschritten und das 1. Internationale
Kunst- und Performance-Festival in Meran,
Das Umschlagscover der Zeitschrift vissidarte
unter der Leitung von Fabrizio Boggiano, ins
(2006) Foto: vissidarte
Leben gerufen. 43 KünstlerInnen aus dem Bereich der Fotografie, Malerei,
Bildhauerei, Installation, Film, Performance und Musik „streiften wie per Anhalter
durch die Galerien, Ateliers, Schaufenster, Tunnel und Wohnungen“.1
In ihrer Aktivität befolgt die Initiative vissidarte. Kunst und Leben an der Passer/
opere e giorni a Merano ganz bewusst keinen zeitlichen oder räumlichen Rahmen,
sondern gibt sich einem aleatorischen Moment hin, der das Agieren der Initiativen
bestimmt. Es geht um das Aufzeigen und um das Sichtbarmachen von aktuellem
kulturellem Leben, so wie es uns im Kleinen und Verborgenen begegnet. Das
erklärte Ziel von vissidarte ist es nicht, eine kuratoriale Funktion zu übernehmen,
sondern vielmehr dem nicht-bekannten, kuriosen und vielschichtigen Streben
nach Kreativität, eine Visibilität zu verleihen. vissidarte versteht sich auch nicht
als Rezension, sondern will BetrachterInnen oder LeserInnen die Gelegenheit
der eigenen, persönlichen Auseinandersetzung mit Kultur geben und das
Schärfen des Blickes ermöglichen. Die dadurch entstandene Entscheidungs- und
Interpretationsfreiheit wird durch einen offenen Kunstbegriff, wie er von Umberto
Eco 1962 entwickelt worden ist, verkörpert. Nach Eco heißt es, dass das „offene
Kunstwerk“ als eine grundsätzlich mehrdeutige Botschaft gilt, als Mehrheit von
Signifikaten (Bedeutungen), die in einem einzigen Signifikanten (Bedeutungsträger)
enthalten sind.2 Der darauf folgende Schritt bedeutet die Kultur aktiv
vissidarte
vissidarte
mitzugestalten, anstatt sie bloß zu absorbieren, sich also als präsenten Teil dessen
zu verstehen. Die Reaktionen der Betrachtenden sind wichtig, denn sie bestätigen
das Vorhandensein von Aktivität. Ob sie positiver oder negativer Natur sind, ist
egal. Vieles erwächst aus dieser Unmittelbarkeit von Aktion und BetrachterInnen,
welche eine Eigendynamik und eine eigene Entwicklung fördert.
1 Sonja Steger, vissidarte. The hitchhiker’s guide to the gallery, Bozen 2006, o. S.
2 Umberto Eco, Das offene Kunstwerk, Frankfurt am Main 1977, S. 8.
Martina Oberprantacher
69
LURX
LURX
Die Initiative LURX ist eng mit dem Brenner als Grenze, Grenzübergang und
Grenzgang verbunden, denn die intensive Beschäftigung mit dem Brenner,
den man durchaus auch als Synonym für „den Raum“, „den Treffpunkt“
der Initiative verstehen kann, machte erst
den Bedarf nach einer organisatorischen
Struktur, und somit nach einem Verein,
spürbar. LURX, als Träger zur Realisierung
und Organisation verschiedener Projekte
gegründet, wurde ab 1999 von Peter
Kaser, Präsident und Motor des Vereins, Luis
Pardeller, Carla Schorn, Karl Volgger und
Christoph Hofer betrieben. Der Name selbst Projekt „Fungo + ACI“ (2007). Installation von
Peter Kaser, mit Uraufführung von Manuela
wurde während einer Vollversammlung der
Kerer. Foto: Josef Farnik
Vereinsmitglieder gefunden, als nach
einem kurzen und prägnanten Namen gesucht worden ist. Er ist auf einen Weiler,
der von E-Werk, alter Zollstation und Kapelle geprägt wird und
zwischen Sterzing und Gossensaß liegt, zurückzuführen. Der Gründung selbst
geht eine Vorgeschichte von Projekten voraus, die in die späteren Projekte
des Vereins einfließen, und deren Charakter der „Feldarbeit“1 allseits erhalten
geblieben ist. 1997 entstand das Projekt „treffpunkt niemandsland“, das von
Hans Winkler und Stefan Micheel, alias p.t.t.red, initiiert wurde. In diesem
Zusammenhang sind nicht nur zahlreiche Kunstaktionen verschiedenster
KünstlerInnen aus aller Welt entstanden, die die Frage nach dem Grenz-Ort
Brenner thematisiert haben, sondern auch eine „Einsiedlerbibliothek“. Dabei
renovierten die beiden Künstler eine kleine verlassene Holzhütte auf über 2000
m Meereshöhe und gestalteten sie in eine behausbare Bibliothek um, welche
von 1997 bis 2001 der Benützung frei zugänglich war.2 Die Bibliothek wurde zur
Herberge ausgewählter Buchvorschläge von SchriftstellerInnen, PhilosophInnen
und WissenschaftlerInnen.
Der Brenner ist eine Ortschaft mit symbolischem Gehalt, weil er „einen der
wichtigsten Übergänge in den Alpen mit sehr bewegter Geschichte darstellt.
Der Brenner bezeichnet seit 1919 die Grenze zwischen Österreich und Italien,
an ihm manifestiert sich anhand der dort befindlichen Gebäude samt
Grenzarchitektur der gesamte Wandel unseres letzten Jahrhunderts, vom
Aufbau der so streng bewachten Grenze bis hin zu deren Verschwinden im Zuge
des Schengen-Abkommens im Jahre 1998 sowie die darauf folgende und bis
heute fortschreitende Kommerzialisierung des Dorfes.“3
70
Es mag eben kein Zufall sein, dass sich das Brenner-Projekt genau in diesem
„zeitlichen Intervall zwischen der Entfunktionalisierung der Grenze durch das
Schengen-Abkommen 1998 und ihrer neuerlichen Hochrüstung als OutletCenter“4, und somit in einer bewegungsarmen „Grenz“situation, entwickelt
hat. Dass „scalini 84 stufen“ gerade in jenem Moment der Zwischenphase des
Brenners aktiviert wurde, ist im kohärenten Verhältnis zum Verschwinden des
Brenners, und somit des Werkes selbst, zu sehen. Das Projekt fand im Jahr 2000
seinen Anfang und 2007 sein Ende. Ein Ende wurde dem Projekt deshalb gesetzt,
weil die „Kunst, die verschwindet“5 und das Verschwinden an sich, ein wichtiger
Aspekt der Arbeit selbst sind. Die Konstante dieses Dorfes (und somit auch des
Werkes)6 ist der Wandel (der auch das Verschwinden beinhaltet7), denn an
LURX
Orten wie dem Brenner kann man erkennen, wie sich die Welt verändert.8
Der Brenner, mit seinen 56 Bunkern und dazugehörigen Stufen, Kasematten und
anderen militärischen Infrastrukturen auf einer Strecke von 12 km im Bereich der
Gemeinde Brenner, wurde zum erklärten Untersuchungsfeld von LURX und vielen
geladenen Künstlern sowie Kulturschaffenden. Der ehemalige Grenzposten wie
die Ortschaft Brenner erfuhren nicht nur eine starke analytische und kritische
Auseinandersetzung und „eine rückführende Aufarbeitung von Geschichte“9,
sondern in der Form des Gebrauchsobjektes und -raumes nicht alltäglicher, aber
sehr symbolischer Natur, eine Eingliederung in die Kunstwelt. Der Brenner wurde
als Relikt der Kriegs- und Grenzsituation seiner ursprünglichen Zweckbestimmung
enthoben, zum Kunstort erklärt10 und gleichzeitig zum Umschlagplatz
verschiedener Kunstwerke und Kunstaktionen umfunktioniert. Ausgangspunkt
war eine Treppe im Wald, die zu einem Bunker führte. Um den Kunstort als
Kunstwerk in Bewegung zu bringen, wurden in sieben Jahren KünstlerInnen,
SchriftstellerInnen und MusikerInnen eingeladen, eine Intervention vor Ort zu
realisieren. Jede der Interventionen durfte den Ort als solchen nicht verändern,
sondern war als Weiterentwicklung gedacht.11 Aus einer militärischen Einrichtung
entstand somit das Kunstwerk „scalini 84 stufen“, welches als „work in progress“
einer ständigen Reifung ausgesetzt war.
Auf die Brennerfrage wurde in den diversen Gastprojekten im Rahmen des
Werkes in vielschichtiger künstlerischer Weise eingegangen. Zentral war die
Beschäftigung mit der Thematik der Vermittlung und Trennung, der Orientierung
und der Ausrichtung. Das Werk „Fluchtpunkt Brenner“ der Künstler Christian Yeti
Beirer und Thomas Schafferer legte den Ort als Projektion und als Ausgangspunkt
von Sehnsüchten dar. In „voglio vedere il mare“ vollzog Tomaso Boniolo selbst
die kreisläufigen Bewegungen des Reisens und in „Anschluss – coincidenza“ von
Franz Pichler wurde der Brenner der verbindende Raum zwischen zwei Orten,
und wie man den Titel deuten kann, zwischen zwei Sprachen.12
Hans Winkler geht in seinem Aufsatz „Das Verschwinden als Kunstform“13 ganz
konkret auf das Ende von Kunst und das jähe Verschwinden des Stufenprojektes
ein. Er beruft sich hierbei auf den Dada-Poeten Arthur Cravan, der das
Verschwinden zur höchsten Kunstform erklärte. Daher ist es auch nur kohärent,
die „scalini von den Kunstobjekten zu befreien. Durch diesen Entzug wird für den
Ort ein Freiraum, eine (kreative) Leerstelle geschaffen, die das ursprüngliche
Konzept des Kunstortes – ohne künstlerische Eingriffe – wieder einfordert.
Die Gastspiele der geladenen Künstler, Musiker und Schriftsteller bleiben als
Kommentare, Interventionsideen oder als Geschichten übrig und vereinigen sich
zu einer Hommage für den Ort“14.
1 Peter Kaser im Gespräch mit der Autorin
2 Sabine Gamper, Vom Pflanzen eines Kunst-ortes, in: Lurx (Hg.), scalini 84 stufen., Wien/Bozen 2007,
S. 12.
3 Peter Kaser, Einen Ort finden und wider erfinden, in: ebd., S. 4.
4 Hans Heiss, Am Ende der scalini 84 stufen, in: ebd., S. 34.
5 Peter Kaser im Gespräch mit der Autorin
6 Anmerkung der Verfasserin
7 ebd.
8 Peter Kaser, Einen Ort finden und wider erfinden, in: Lurx (Hg.), op. cit., Wien/Bozen 2007, S. 4.
9 ebd., S. 4.
10 ebd., S. 3.
11 Genauer nachzulesen unter: ebd., S. 3.
12 Genauer nachzulesen unter: Sabine Gamper, Vom Pflanzen eines Kunst-ortes, in: ebd., S. 12ff.
13 Hans Winkler, Das Verschwinden als Kunstform, in: ebd., S. 23-25.
14 ebd., S. 23.
Martina Oberprantacher
71
gokart
72
gokart
gokart ist ein Zusammenschluss in Vereinsform von acht Personen,1 allesamt im
Kulturbereich professionell tätig – im Verein aber ehrenamtlich eingebunden
– mit Walter Pardeller als Präsidenten. gokart ist seit dem Jahre 2001 aktiv und
definiert sich selbst als eine „Werkstatt für
künstlerische Ideen und Interventionen“, mit
dem Nebensatz „projektorientiert, unbürokratisch, dezentral und unabhängig“.2 Unter
diesem Aspekt lässt sich auch die Namensgebung erklären: gokart leitet sich von dem
kleinen flinken Vehikel ab, das allzeit und
überall präsent sein kann. Im gleichen Verhältnis versteht sich die Initiative selbst: flexibel Dosen von Roman Signer
Foto: gokart
und ortsungebunden, jederzeit bereit, auf
eine vorhandene Situation angemessen zu reagieren. Zudem setzt sich der
Name aus bedeutungsvollen Wörtern zusammen: go, das englische Wort für
gehen und aktiv-sein – k, für Kunst – und art, das englische Wort für Kunst.
„Fest Kunst“, das im Jahr 2002 als erstes Projekt von gokart initiiert wurde,
verkörperte in der Tat alles, was die Initiative selbst auszeichnet. Es war
ein Projekt, welches auf eine Gegebenheit, in diesem Fall auf das Brixner
Altstadtfest, nicht nur einging, sondern diese Konstellation des Feierns, SichTreffens, die eigene Stadt zum Schauplatz-werden-lassens, analysiert und
mit ihr interagiert hat. Es ist nämlich das erklärte Ziel der gokart-Mitglieder
die Lebensformen, oft ganz unkonventionelle, wie hier die Festkultur, zu
erforschen. Dabei setzen sie ihr Interesse am künstlerischen Produktionsanlass
durch die Projektrealisierung aktiv um.3 Als wesentlich erscheint es auch,
nicht nur die Projekte selbst aus einem gegebenen Kontext erwachsen zu
lassen und darauf zu reagieren, sondern sie in einem kunsthistorischen und
wissenschaftlichen Diskurs einzubetten.
Ganz konkret verkörpert wurde der Gedanke der wissenschaftlichen Einbettung
durch das Projekt „Biophile Teestunde“, in dem die Frage aufgegriffen wurde,
wie es um die Würde des Menschen steht. Dieser Biophilen Teestunde geht
ein historisches Ereignis voraus. 1486 lud Giovanni Pico della Mirandola die
Gelehrten der Welt und seiner Zeit nach Rom um eine „disputatio“ über
die 900 für die damalige Zeit brisanten Themen zu führen. 2003 lud gokart
nach Brixen in das Pharmaziemuseum. Hier fand die einstige Idee von Pico
della Mirandola eine aktualisierte Umsetzung durch ein informelles und
interdisziplinäres Brainstorming. Der Innsbrucker Künstler und Medientheoretiker
Thomas Feuerstein fungierte als Moderator, zur Diskussionsbeteiligung
eingeladen waren Vertreter und Vertreterinnen aus Wissenschaft, Kunst, Kultur
und Politik aus Südtirol. Überhaupt stellt das „Einladen“, das Integrieren und
das Interagieren, eine zentrale Idee von gokart dar. Das entspricht dem
Vereinsziel, sich mit Kunst in die verschiedenartigsten gesellschaftlichen Strukturen
einzumischen und transversale/interdisziplinäre Diskurse in Gang zu bringen,
wie man auf der Homepage der Initiative nachlesen kann. Die Wahl des
Ortes, das Pharmaziemuseum als Schnittstelle zwischen Geisteswissenschaften
und Naturwissenschaften, zwischen Neuem und Alten, hing mit dem Thema
zusammen. Mit diesem Projekt hat es gokart nicht nur geschafft, eine aktuelle
Veranstaltung in einen historischen Kontext einzugliedern, sondern auch in einen
gokart
räumlichen, und hat somit das eigene Konzept kohärent verfolgt. Im Projekt
„Fiat Mensa“ (2004) wurde im ehemaligen Refektorium des Kapuzinerklosters,
dem heutigen Stadtmuseum von Klausen, ein Gastmahl als gastronomisches
Kunsttheater im Schmelztiegel von Kunst, Kloster, Speisen und mystischer
Technologie unter der Anleitung des Künstlers Heinz Mader inszeniert. 2006
veranstaltete der Kunstverein in Zusammenarbeit mit der Landesberufschule
für Gast- und Nahrungsmittelgewerbe „Emma Hellenstainer“ eine öffentliche
Gesprächsrunde zum spannenden Verhältnis von Gastronomie/Hotellerie und
Architektur. Unter dem Titel „Architektur / Rezepte“ wurde in der Universität Brixen
zur Thematik „Südtirol ist eine der großen Sehnsuchtlandschaften Europas. Die
touristische Erschließung und Nutzung der Landschaft bewegt sich auf dem
schmalen Grat zwischen respektvollem Umgang mit der Landschaft, Kultur und
Bevölkerung auf der einen Seite und der Störung und Zerstörung derselben auf
der anderen“4 debattiert.
Dass die Projekte mit Unmittelbarkeit dem Vorhandenen begegnen, wird
dadurch möglich, dass im Projekt Partner, wie Vereine und Verbände, involviert
sind. So waren im Projekt „Fest Kunst“5 nicht nur die KünstlerInnen aus der
Schweiz, USA, Deutschland, Österreich und Italien, sondern auch die Vereine
der Freiwilligen Feuerwehr, der Schützenkompanie, der Sportschützen und
viele mehr, aktiv in ihrer eigenen Rolle an der Realisierung des Kunstvorhabens
beteiligt. Mit Hilfe des Vereins der Sportschützen und dem der Freiwilligen
Feuerwehr wurde die „Aktion mit 21 Fässern“ von Roman Signer als Performance
realisiert und später als Videoinstallation in den Festparcours eingeschleust.
Einundzwanzig Spundfässer, ähnlich den Dosen einer Schießbude zu einer
pyramidenförmigen Skulptur aufgebaut und mit Wasser gefüllt, wurden durch
jeweils ein zentral geschossenes Loch zu einem spektakulären Springbrunnen
auf Zeit. Durch die auf dem Fest zu sehende Videoinstallation, als Relikt
der Performance, wurden die Betrachter in den Entstehungsakt der Arbeit
eingebunden.6 In unmittelbarer Nachbarschaft der Schankbude des
Tauchvereins wurde das „Sub-Kino“ mit laufendem Unterwasserfilm errichtet.
Die Künstlerin Eva Maria Schön hatte nämlich während des Altstadtfestes
eine Videokamera in die Unterwasserwelt des Eisacks getaucht und der Stadt
eine wörtliche Interpretation ihres eigenen „Sub-versiven“7 geliefert. Um den
Festtreibenden auch eine Entspannung vom Festtreiben zu ermöglichen, um sie
dem zuzuführen, weshalb sie zum Fest gekommen sind, ließ der Brixner Künstler
Heinz Mader eine professionelle Lachtrainerin in einem eigens adaptierten
Raum in das Lachen einweisen. „Die Idee „entwaffnete“ sogar den Brixner
Schützenverein, der sich nicht nur für die Bewachung des Lachraumes zur
Verfügung stellte, sondern auch als Anlaufstelle für die Anmeldung zur Teilnahme
am Training diente.“8 Die Aufgabe der Schützen war es, für die „lachmeditative
Ruhe“9 zu sorgen und den Lachenden somit das Wohlbefinden zu ermöglichen.
1 Das gokart-Team besteht aus: Walter Pardeller (Präsident), Magdalena Amonn, Benno Barth,
Alexandra Pan, Marion Piffer Damiani, Hansjörg Plattner, Stephanie Risse-Lobis und Elisabeth Schatzer
(Stand: Frühjahr 2007)
2 Auf der Internetseite „www.go-k-art.net“ unter „wir“ nachzulesen.
3 Marion Piffer Damiani im Gespräch mit der Autorin
4 Das Projekt „Architektur / Rezepte“ ist wie alle weiteren stattgefundenen Projekte auf der
Homepage „www.go-k-art.net“ näher beschrieben.
5 Zum Projekt „Fest Kunst“ ist ein gleichnamiger Katalog erschienen: Marion Piffer Damiani (Hg.), Fest
Kunst, Wien/Bozen, 2004
6 Marion Piffer Damiani, Fest Kunst. Ein Rundgang, in: ebd., S. 16.
7 ebd., S. 17.
8 ebd., S. 20.
9 ebd., S. 20.
Martina Oberprantacher
73
Dank
Abschließend möchte ich den VertreternInnen der einzelnen Initiativen einen
herzlichen Dank für die freundliche Unterstützung und Gesprächsbereitschaft
aussprechen:
Alois Steger von Kunstmyst, Marion Oberhofer und Leander Schwazer von Der
Rosengarten wird überschätzt, Guido Moser von der Rosschaukel, Katharina
Hohenstein und Sonja Steger von vissidarte, Peter Kaser von LURX und Marion
Piffer Damiani von gokart.
Ein Danke auch an Sabine Gamper und Verena Rastner von der ar/ge kunst
Galerie Museum, sowie Lisa Trockner vom Südtiroler Künstlerbund und Eva
Bauer für ihre allzeitige Hilfsbereitschaft.
74
Vom Austausch zur Zukunft –
Praxis, Projekte, Beispiele
Austausch und Interdisziplinarität
Im Juli 2007 reisen Wäscherei P-MitarbeiterInnen für einige Tage nach Istanbul,
um das PoLiteraTour- Projekt „Salon Istanbul – Istanbul Salonu“(vorerst)
abzuschließen, das im Herbst 2005 in
der Kulturstation des Psychiatrischen
Krankenhauses Hall begonnen hat. Mit
den damaligen Gast-AutorInnen Meral
Asa und Handan Öztürk sowie LiteraturStudentInnen der Istanbuler Universität
werden die P-MitarbeiterInnen auf
einer Insel im Marmara-Meer einen
Weg zur Wäscherei (Klinikareal)
Workshop gestalten, um Ergebnisse und
Foto: Christian Moser / Wäscherei P
Entwicklungen des gemeinsamen Projekts
zu reflektieren.
Fast gleichzeitig wird der Innsbrucker
Künstler Franz Wassermann mit der
Historikerin und Journalistin Andrea
Sommerauer ein Buch herausgeben, für
das ExpertInnen verschiedenster Disziplinen
Texte/Artikel zum Projekt „Temporäres
Denkmal“ (Kooperation Franz Wassermann
Wäscherei P, Naked (ehemal. Klinik-Wäscherei)
und Wäscherei P) verfasst haben. Diese
Foto: Christian Moser / Wäscherei P
sogenannten „Prozesse der Erinnerung“ an
und für die Haller Opfer der NS-Euthanasie haben seit der „Initialzündung“
im Frühjahr 2004 eine breite Öffentlichkeit weit über die Grenzen Tirols hinaus
bewegt und angeregt. „Wäscherei P“ hat schon 2003, gemeinsam mit dem
Innsbrucker Verein „Zeitlupe“, eine Spurensuche ins Leben gerufen, die
zahlreiche ExpertInnen zu regelmäßigen Vernetzungstreffen in die Kulturstation
des PKH Hall geführt hat. Die Zusammenarbeit und intensive Begegnung mit
dem Künstler Franz Wassermann, die eine mehrjährige intensive Projektarbeit
zur Folge hatte, war ein wichtiger Schritt, um theoretisches Vorarbeiten in
aktives Handeln münden zu lassen.
Dies sind – nur kurz dargestellt – zwei P-Projekte, aus denen mehrjährige
(„temporäre“) Vernetzungsbündnisse und intensive Beziehungen geworden
sind. Beziehungen von Menschen mit unterschiedlichem professionellen und
soziokulturellen Hintergrund: KünstlerInnen, ExpertInnen; Menschen eben.
Wäscherei P ist kein „Veranstaltungs-Projekt“.
Punktuelle öffentliche Veranstaltungen sind oft der Ausgangspunkt oder
Zwischen-Stopp einer prozesshaften Weiterentwicklung. Wäscherei P lebt
einen dynamischen Kultur-Begriff, der Veränderung, Partizipation und
Interdisziplinarität impliziert. Gemäß der Psychotherapeutin C. Falikov
beinhaltet Kultur „über Generationen überlieferte Werte, die ständig in
individueller wie kollektiver Weise weiterentwickelt werden“, ein Versuch der
Definition, der dem dynamischen Kulturverständnis der Wäscherei P sehr
entgegenkommt.
Gleichzeitig steht „Wäscherei P“ aber auch für einen Raum, der eine
kontinuierliche Pflege und Belebung (durch regelmäßige VeranstaltungsTermine) braucht. Seit 2001 ist die ehemalige Klinik-Wäscherei des
Austausch und Interdisziplinarität
… und in der Wäscherei P hängt eine lebendige Landkarte
A
77
A
Austausch und Interdisziplinarität
Psychiatrischen Krankenhauses Hall Namensgeberin und „Basislager“ des
Projekts. Dieser Raum inmitten eines Klinik-Areals, das für ganz Tirol von
Bedeutung ist (der Zuständigkeitsbereich der Psychiatrie Hall umfasst alle
Regionen Tirols), wird somit zum Teil des Projekts und rückt alle Arbeiten der
Wäscherei P in einen besonderen gesellschaftspolitischen Kontext.
So kommt es, dass verschiedene Prozesse einander überlagern, dass
Menschen in Istanbul „temporäre“ Wäscherei P-MitarbeiterInnen sind wie
auch der israelische Entwicklungshelfer Yiftach M. (derzeit im Sudan), der
gerade ein Konzept für ein gemeinsames Projekt erarbeitet.
„Beziehungspflege“ ist ein wesentliches Element der Projektgestaltung, denn
intensiver Austausch braucht Zeit und interdisziplinäre Begegnungen (von
Menschen mit unterschiedlichsten Zugängen zu Inhalten) können ohne
Neugier und Wertschätzung nur schwer geschehen. So spannend es auch
sein kann, oft von einem Konzept zum nächsten zu wechseln bzw. immer „up
to date“ zu sein, so sehr erleben die Wäscherei P-MitarbeiterInnen auch die
geduldige Langsamkeit und Kontinutität als bereichernd. Einziges Manko einer
derartigen Arbeitsweise ist, dass „Wäscherei P“ mittlerweile (aufgrund der
erfreulich großen Nachfrage) viel zu oft sehr interessante und „brennende“
Angebote zur Zusammenarbeit nicht mehr annehmen kann, da die
Ressourcen begrenzt sind und womöglich die Qualität der Prozessgestaltung
leidet.
Wenn nun im Verlauf des Jahres TheatermacherInnen aus Sarajevo nach Hall
kommen, so ist dies die lange erwartete Resonanz auf eine Wäscherei-Reise
2002 (mit 24 Menschen unterschiedlichster beruflicher Hintergründe) nach
Sarajevo.
Ein Veranstaltungs-Abend zum Thema „Übergangsgesellschaften: Beispiel
Czernowitz“ wird eine neue Projekt-Phase einläuten, zu der auch eine Reise in
die Ukraine gehört. Und irgendwann werden dann Menschen aus der Ukraine
„temporäre P-MitarbeiterInnen“ sein und … und … .
Nach sechs Jahren inter- kultureller und -disziplinärer Projektarbeit, nachdem
nun auch bereits einige Prozesse verabschiedet und abgeschlossen werden
konnten, ist eine Vernetzungs-Landkarte entstanden, die Vielfalt und
Bewegung widerspiegelt, aber –und das tut besonders gut- überschaubar
geblieben ist und noch viel Platz hat. Viele Entwicklungen sind jedoch nicht
mehr mit-verfolgbar und das ist ebenso gut. So kann es passieren, dass
die P-MitarbeiterInnen drei Wochen nach dem angegebenen Termin eine
Einladung zu einer Lesung des Istanbuler Underground-Literaten Kücük
Iskender in die „çamaşırhane P“ (Anm.: Wäscherei P auf türkisch) in Beyoglu
bekommen. Güzel!!
Jens Tönnemann
78
B
Bewegungsmelder Kunst
„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“,
so Karl Valentin. Genau diesem Dilemma
aus Autonomie, der Überzeugung von
der Notwendigkeit der geleisteten
Arbeit und Engagement, dass mit
viel Arbeit verbunden ist, setzen sich
KulturarbeiterInnen permanent aus. Freie
Kulturarbeit bedeutet in den meisten Fällen
eine billige Fleißaufgabe und ein hohes
Eigenrisiko der VeranstalterInnen.
Denis Tricot (F), sculpture de feu, Holz,
Biodiesel, Feuer, Innsbruck 2003
Foto: Gebhard Schatz
Die Formen freier Kulturarbeit im Bereich
der bildenden Kunst in Tirol sind vielfältig.
Auffallend ist bei nahezu allen ein
erweiterter Kunstbergriff. KünstlerInnen,
VeranstalterInnen und Interessierte
setzen sich in ihrer Arbeit sowohl mit
bildenden Kunstformen, aber auch mit
zeitgenössischer (z.B. elektronischer) Musik,
mit Literatur, Performancekunst, kultur- und
gesellschaftspolitischen Fragestellungen
und ihrer Rolle als Kulturträger auseinander.
Dass freie Kulturarbeit nicht automatisch
einen weniger hohen Grad an
Professionalisierung bedeutet zeigt sich
auch im Bereich der bildenden Kunst. Die
ProtagonistInnen der freien Kunstszene
verfügen über entsprechendes Know-how,
breit gestreute Kontakte und sprechen
mit ihren Angeboten ein großes und
differenziertes Publikum an.
Bewegungsmelder Kunst
Freie Kulturarbeit und bildende Kunst in Tirol
Eröffnung der Premierentage 2006 bei aut.
architektur und tirol
Foto: Premierentage 2006
plattform kunst ~ öffentlichkeit: Kunst im
öffentlichen (?) Raum: Geschenkt und
gelesen. (Kunstpavillon im Rahmen der
Foto: Verena Konrad
Premierentage 2006) Wie viele Menschen sich allein in Innsbruck in Kulturinitiativen engagieren,
zeigte 2007 die Veröffentlichung des Rechercheprojektes der bættle group for
art. Verglichen mit den breit angelegten Programmen vieler Kulturinitiativen
am Land sind Kulturprojekte im städtischen Kontext fokussierter. In der Region
sind es vor allem die zahlreichen lokalen Kulturvereine, aber auch größere
Veranstaltungsreihen und Symposien wie FREISTAAT BURGSTEIN, Kunsttage
Kramsach oder Die Igler Art die sich mit bildender Kunst auseinander setzen.
Die starke Verbindung von Kunst und Kunsthandwerk ist nach wie vor ein
Charakteristikum. Im Einzugsbereich von Innsbruck wird das Spektrum bereits
sehr groß. So gibt es neben Atelier- und Produktionsgemeinschaften wie
der KG Zollerstraße oder der Werkstatt Haspinger Straße, frei zugänglichen
Weiterbildungsveranstaltungen wie der Sommerakademie Art didacta und
temporären Ausstellungsräumen wie A4 zahlreiche Vereine, die kontinuierlich
veranstalten oder durch Aktionen öffentlich in Erscheinung treten. Auch die
79
B
Interessensvertetungen für KünstlerInnen und Kulturschaffende im Bereich
bildende Kunst haben hier ihren Sitz.
Bewegungsmelder Kunst
Als solche agiert vor allem die Tiroler Künstlerschaft mit ihren drei Standorten
Kunstpavillon, Künstlerhaus Büchsenhausen und Stadtturmgalerie.
Neben der Tätigkeit als Interessensvertretung werden jedes Jahr mehrere
Ausstellungen und Vorträge organisiert und neun Ateliers für Künstler/innen
betrieben. Das Künstlerhaus Büchsenhausen hat sich in den letzten Jahren
zu einer Produktionsstätte zeitgenössischer Kunst entwickelt. Vor allem das
internationale Artist in Residence-Programm trägt zu einer Vernetzung von
regional und international tätigen KünstlerInnen bei.
Der KUNSTRAUM INNSBRUCK wurde 1996 als gemeinnütziger Verein gegründet.
Lange Zeit geleitet von Elisabeth Thoman und zu einem international
anerkannten Ort für zeitgenössische Kunst heran gewachsen gab es 2004
einen Wechsel. Seither kuratiert Stefan Bidner als künstlerischer Leiter die
Ausstellungen und Veranstaltungen des KUNSTRAUM INNSRUCK und führte
auch einen programmatischen Wandel herbei. Der Kunstraum orientiert sich
seither stark an der freien Szene und mixt unter dem Schlagwort „Sampling“
Kunst, Medien, Musik und Theorie.
Das Kollektiv medien.kunst.tirol (www.mkt.at) ist eine der wichtigsten Kulturinitiativen im Sektor bildende Kunst seit den 1990er Jahren. Der Verein wurde
1995 von Thomas Feuerstein und Stefan Bidner als Büro für intermedialen Kommunikationstransfer gegründet. Seit 2005 arbeitet ein neues Team im Vorstand
des Vereines. Ergebnisse der Arbeit waren bereits zahlreiche Präsentationen,
Ausstellungen und Veranstaltungsreihen. medien.kunst.tirol gehört zudem
zu den am meisten vernetzten Projekten, so gibt es u.a. Verbindungen
zu Plankton Labs, einem 2002 gegründeten Kollektiv für verschiedenste
medienkünstlerische Experimente, der Gruppe Sägewerk und kunstnetztirol.at.
Vernetzung bietet auch die plattform mobiler kulturinitiativen p.m.k., die
seit 2004 Raum und Infrastruktur für Kunstschaffende aller Richtungen
zur Verfügung stellt und wertvolle politische Arbeit leistet. Für einen
zeitgenössischen und experimentellen Zugang zu bildender Kunst steht auch
das Programm des Kulturlabor Stromboli in Hall in Tirol. Für die bildende Kunst
ist das Kulturlabor vor allem als Ort der Vernetzung und der Nachwuchsförderung, unter anderem bei den zweijährig stattfindenden Haller
Kurzfilmtagen Rienale, wichtig.
Die Galerie Nothburga besteht bereits seit mehr als 25 Jahren und kann
auf eine Vielzahl von Ausstellungen, aber auch auf Lesungen und Konzerte
zurückblicken. Neben bekannten KünstlerInnen laden die Kuratorinnen immer
wieder auch weniger bekannte KollegInnen und NachwuchskünstlerInnen ein.
Gleich doppelt mit Kunst und Öffentlichkeit verbunden ist die Künstlerinitiative
plattform kunst ~ öffentlichkeit. Die KünstlerInnengruppe hat in den letzten
Jahren immer wieder zur Praxis der Ausschreibung und Realisierung von Kunst
am Bau-Projekten, von Ankaufspolitiken und der Vergabe von Förderungen
Stellung bezogen.
80
Unter dem Motto „Wege zur Kunst“ gestalten die Premierentage seit 1998
Mit zeitgenössischer Fotokunst beschäftigt sich das 1989 von Rupert
Larl gegründete Fotoforum West. In der ersten Fotogalerie Tirols stellen
kontinuierlich internationale FotokünstlerInnen ihre Werke aus.
Herbert Fuchs ist bereits seit den 1980er Jahren einem breiten Publikum als
Veranstalter bekannt. Vor allem 3 Tage Umhausen (1990 und 1995), aber auch
seine Buch- und Ausstellungsreihen und Plakataktionen haben große Wellen
geschlagen. Im August 2007 veranstaltete Fuchs die Verbale und gründete
den Ausstellungsraum Kreis 55.
Als Einzelakteur und Veranstalter tritt auch der Künstler Gebhard Schatz immer
wieder auf. Besonders seine Feuerprojekte und das Festival Feuer Berge Tirol
haben in den letzten Jahren viele Menschen begeistert.
Um kulturelle Entwicklungen geht es u.a. in den Vereinen und Projekten
Radikales Nähkränzchen, dessen künstlerische Praxis auf feministische
Standpunkte Bezug nimmt, structure research und quirlig, dem Verein
für künstlerische Interventionen in Alltags- und Festkultur. Die integrative
Ateliergemeinschaft Kunst und Drüber bietet ausgehend von einem
feministisch-gesellschaftspolitischem Zugang Raum für künstlerisch
interessierte Frauen. Der Verein Cunst und Co. bietet eine Grafikwerkstatt und
Computerarbeitsplätze und ist Tirols größte Ateliergemeinschaft.
B
Bewegungsmelder Kunst
einen Parcours für zeitgenössische Kunst durch Innsbruck. Ursprünglich initiiert
vom KUNSTRAUM INNSBRUCK fand die zweitägige Veranstaltung im November
2007 zum neunten Mal statt.
Verena Konrad
81
C
Contemporary Music
Contemporary Music
GALERIE ST. BARBARA
(Osterfestival, Musik+, die feste, haus 05)
Die in Hall beheimatete Galerie St. Barbara (vertreten durch die Familie
Maria und Gerhard Crepaz ) besteht seit 1968. Künstlerischer Ansatz ihrer
Aktivitäten war stets, neue und auch persönliche Zugänge zu neuer, aber
auch sogenannter ‚alter‘ Musik zu ermöglichen. Die Begegnung mit großen
Namen der zeitgenössischen Musik (wie etwa John Cage, György Ligeti,
Karlheinz Stockhausen und vielen anderen) hat in Hall ein Zentrum der
Auseinandersetzung mit dem heutigen Musikschaffen entstehen lassen.
Ensembles wie Hesperion XX, Il Giardino Armonico oder Collegium Vocale
Gent sind in Hall ebenso zu Gast wie die Solisten und Dirigenten Jordi Savall,
Philippe Herreweghe oder Arthur Schoonderwoerd. Bis heute (auch unter
der Führung der jungen Generation der Familie Crepaz) wird dieser Weg
beschritten.
Mit musik+ wurde vor vier Jahren eine Veranstaltungsreihe ins Leben
gerufen, deren Besonderheit in der Qualität, Vielfalt und Einzigartigkeit der
künstlerischen Ausdrucksformen sowie in der Verbindung mehrerer Genres
liegt.
Im Programm des Osterfestivals Tirol, das seit über 15 Jahren ebenso von der
Galerie St. Barbara veranstaltet wird, werden immer wieder wegweisende
Werke der Musikgeschichte (wie etwa Krzysztof Pendereckis ‚Lukaspassion‘
oder Johannes Brahms ‚Ein Deutsches Requiem‘ ) vorgestellt. Dazu kommen
Länderschwerpunkte (Asien, Afrika, Südamerika), die auch mit ihrer
traditionellen Kultur präsentiert werden.
KLANGSPUREN SCHWAZ
Bereits seit ihrer Gründung im Jahr 1994 durch den Tiroler Pianisten und
Komponisten Thomas Larcher drückten die Klangspuren Schwaz die
Überzeugung aus, dass Neue Musik ein Bedürfnis, ein menschliches Verlangen
einlöst, zu dessen Erfüllung kein anderes Medium, also weder andere Kunst,
Philosophie oder Wissenschaft (und auch nicht die traditionelle Musik) in der
Lage ist. Neue Musik wird also nicht präsentiert, weil man sich im Sinne eines
verordneten Bildungsauftrags mit ihr auseinandersetzen sollte, sondern weil sie
ganz einfach lustvoll erlebbar ist. So verstehen sich die Klangspuren Schwaz
stets als Herausforderung und als Angebot für „Gegenwärtige“, wie sie sich
selbst gerne bezeichnen. Sie wollen den Hörern eine Zumutung sein, denn
nur der, der dem Gegenüber etwas zumutet, bekundet Vertrauen in dessen
Energien. Thematische Konzentrationen wie im Jahr 2007 das Land Zypern
oder die Besetzung „Streichquartett“ setzen Schwerpunkte, die dem Publikum
überblicksartige Informationen über wesentliche Elemente zeitgenössischen
Musikschaffens ermöglichen.
Größen des Musiklebens wie etwa Helmut Lachenmann, Philip Glass oder
Wolfgang Rihm waren und sind bei den Klangspuren in Schwaz ebenso
vertreten wie bekannte Orchester, Ensembles und Solisten (u.a. RSO Wien,
Arditti Quartet, Pierre Laurent Aimard). Künstlerischer Leiter der Klangspuren ist
zur Zeit Peter Paul Kainrath.
82
AVANTGARDE TIROL
IGNM Internationale Gesellschaft für neue Musik
Vor 85 Jahren, am 11. August 1922 gründeten im Salzburger Café Bazar
24 anwesende Komponisten, unter ihnen Anton v. Webern, Bela Bartok,
Paul Hindemith, Alban Berg, Maurice, Arnold Schönberg und Igor
Strawinsky, damals größtenteils ‚Avantgarde’, heute alle weltberühmt - eine
»Internationale Gesellschaft für Neue Musik«. Richard Strauss übernahm das
Präsidium des Gründungskomitees.
Die Statuten bestimmten die Förderung zeitgenössischer Musik, ohne
Rücksicht auf ästhetische Anschauungen, Nationalität, Rasse, Religion,
politische Einstellung – sie gelten auch heute in allen Mitgliedsländern. Somit
entstand die erste internationale musikkulturelle Gesellschaft der Welt.
Ende August 2004 wurde in Tirol die Internationale Gesellschaft für Neue
Musik Landessektion Tirol mit den Zielen der Förderung und Verbreitung der
Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts gegründet (Obmann der IGNM-Tirol
ist derzeit Günther Zechberger). Angeboten werden Konzertveranstaltungen,
Informationsangebote an, von und für Komponisten, Interpreten und
Veranstalter.
Contemporary Music
Internationale Akademie für Neue Komposition und Audio-Art
Diese Veranstaltungsreihe bietet eine konzentrierte Ausbildung in Komposition
und Performance an. Als führende Künstlerpersönlichkeiten stehen dieser
Akademie Boguslaw Schaeffer und Edwin van der Heide zur Verfügung. Die
Auffassung von Kompositionsunterricht geht bei avantgarde tirol weit über
das übliche hinaus, womit eine wertvolle Ergänzung zu einem regulären
Studium ermöglicht wird.
1993 wurde avantgarde tirol von Marianne Penz-van Stappershoef in
Schwaz gegründet, seit 2005 logiert die Veranstaltung in Seefeld, wo für ihre
künstlerischen Aktivitäten inspirierende Bedingungen herrschen.
Seit ihrer Gründung haben bei der avantgarde tirol an die 70 junge
Komponistinnen und Komponisten aus fünf Kontinenten teilgenommen,
bei den zahlreichen Konzerten wurden dutzende neuer Werke von
hervorragenden Solisten und Ensembles uraufgeführt.
C
MUSIK IM STUDIO
Im Jahr 1972 wurde von Othmar Costa die Konzert- und Veranstaltungsreihe
„Musik im Studio“ begründet. Mit der Zielsetzung, über den reinen
Programmauftrag des ORF hinaus, im Haus am Rennweg ein Podium für junge
Tiroler Komponistinnen und Komponisten sowie Solisten und Ensembles zu
bieten. Bis heute präsentiert diese Veranstaltung im nunmehrigen ORF-TirolKulturhaus neue Musik, aktuelle Werke werden hier erarbeitet, geprobt, einer
interessierten Hörerschaft präsentiert und schließlich in Form von Sendungen
dem Radiopublikum näher gebracht.
Über 400 Konzerte wurden bisher bei der Musik im Studio veranstaltet, mehr als
140 Werke haben dort ihre Uraufführung erfahren.
Wolfgang Praxmarer
83
D
Denkmäler und Kulturarbeit
84
Denkmäler und Kulturarbeit
Alte Stätten – neue Kulturen
Rockkonzerte in alten Kinos, Programmkino in einer alten Gerberei,
zeitgenössische Musik in einer Rinderversteigerungshalle, Lesungen in
Straßenbahnen, elektronische Musik in der aufgelassenen Talstation der
Hungerburgbahn oder Kunstaktionen im ehemaligen Stellwerk der Eisenbahn.
Egal ob es sich um fixe Einrichtungen oder temporäre Aktionen handelt,
KulturveranstalterInnen im zeitgenössischen Bereich tragen sehr oft neue
Inhalte in alte Gebäude oder in Räume, deren eigentliche Funktion eine ganz
andere ist.
Diesen räumlichen Umfunktionierungen liegen nicht nur finanzielle und
praktische Überlegungen zu Grunde, sondern vielmehr stellen die ehemals
oder immer noch mit anderen Inhalten besetzten Räume einen ganz
besonderen Reiz dar. Einen Reiz gleichermaßen für Kulturschaffende,
Raumplaner und Architekten, welche mit sehr viel Sensibilität und
Engagement an Adaptierungen und Umgestaltungen heran gehen.
Im Gegensatz zu protzigen Veranstaltungstempeln mit allen technischen
Spielereien oder seelenlosen Mehrzweckhallen strahlen Kultureinrichtungen,
die in alten umgebauten Räumlichkeiten untergebracht sind, einen
ganz besonderen Charme aus, der bei jeder einzelnen Veranstaltung
wahrnehmbar ist. Anders als es vielleicht von zeitgenössischen und nicht im
Traditionellen verankerten Initiativen erwartet wird, wird die alte Substanz
und die Vorgeschichte nicht nur respektiert, sondern als spielerisches
Gestaltungsmoment sowohl in der räumlichen als auch in der inhaltlichen
Dimension mitgedacht. Alt und Neu gehen eine Symbiose ein, die nicht nur
die Atmosphäre, sondern auch die Programmgestaltung und den Charakter
der ganzen Kulturinitiative prägt.
Alt und Neu treffen aber auch in den Gemeinden, in denen Kulturschaffende
agieren aufeinander. Brauchtum und Tradition sind in Tirol sehr hoch
geschätzte Werte, die oft den lokalen und regionalen Kontext von
Kulturszenen dominieren.
Das Kulturlabor Stromboli beschäftigte sich 2005 in dem TKI-Open Projekt
„Leben in einem Denkmal...“ anhand der eigenen Situation mit dem
Spannungsfeld zwischen alter Architektur und einer lebendigen jungen Szene.
Denkmalpflege hat in der historischen Kleinstadt Hall, in der die Initiative
seit 1989 aktiv ist, einen hohen Stellenwert. Die Fassaden, die gepflasterten
Straßen, die Stiegenhäuser, die frei gelegten Decken und Gewölbe
der Altbauwohnungen konservieren heute die Vergangenheit der
mittelalterlichen Stadt. Hall ist gepflegt, sauber und authentisch in allen
Richtungen. Keine Satellitenschüssel darf das Luftbild verändern, kein Bauwerk
den Blick von der Autobahnabfahrt auf den Münzerturm und den idyllischen
Stadtkern stören. Ebenso gepflegt wird die Tradition und die Geschichte Halls,
das 2003 sein 700-jähriges Jubiläum feierte.
Hall ist ein Denkmal. Aber dieses Denkmal ist belebt und in eine moderne
gesellschaftliche Struktur eingebunden.
Direkt an der Einfahrt zur Altstadt und in gewisser Weise immer an der Grenze
zwischen Hall und dem „Rest der Welt“ befindet sich das Kulturlabor Stromboli.
Selbst Teil der ensemblegeschützten Haller Innenstadt, hat das Gebäude vom
Spritzenhaus, über Postlager und Metzgerei bis hin zum heutigen Kulturzentrum
D
Denkmäler und Kulturarbeit
seine eigene Geschichte zu erzählen.
In dem Projekt „Leben in einem Denkmal...“ beschäftigte sich das
Stromboli zunächst mit seinen eigenen vier Wänden. Anhand des mit
den Architekturstudenten Andreas Erber und Daniel Brecher sowie dem
Sozialwissenschaftler Johannes Bechtold entworfenen Computerspiels
„Relationen – auf Daten folgen Taten“ wurden BesucherInnen zu den
verschiedenen Bereichen wie Programm,
Finanzen, Gastronomie usw. befragt. Für
das Projekt besonders interessant waren
die Ergebnisse des Themas Architektur.
Die meistern befragten SpielerInnen
bevorzugten eindeutig „ein haus, das sich
verändern kann“ mit einer gemütlichen,
improvisierten und wandelbaren
Innenraumatmosphäre.
Bar jeder Logik Foto: Stromboli
Der zweite Teil des Projektes fand im
öffentlichen Raum in Hall statt, der
von verschiedenen KünstlerInnen und
ArchitektInnen bespielt wurde. So stellte
etwa das Institut für Entwerfen/studio 3 der
Architekturfakultät Innsbruck am barocken
Haller Stiftsplatz eine futuristische „Bar_jeder
Logik“ auf, Cornelius Knapp konservierte
ein baufälliges Haus mittels Frischhaltefolie,
die ArchitektInnengruppe YEAN machte
Damostus
Foto: Stromboli
aus der Haller Altstadt ein Shoppingcenter
und ein „Irrlicht“ von Markus Ortner ragte
mehrere Wochen als Balkon über den
Langen Graben. Die Schweizer Tanzgruppe
DA MOTUS sorgte mit einer Performance
in gelben Anzügen und Gasmasken für
Aufsehen, Thomas Feuerstein machte aus
dem Stromboli eine „Parallel GmbH“, die
Architektinnengruppe „con.voi“ stellte ihre
eigenen Gebäude unter Denkmalschutz
und Werner Moebius komponierte einen
Damostus
Foto: Stromboli
akustischen Parcours durch Hall, während
Christian Martinek ein Platzkonzert der Weltreligionen am Oberen Stadtplatz
ertönen ließ.
Aber schon 1989 als die Initiative mit dem Stadtfest „Raus aus der Konserve“
ihre erste öffentliche Aktion setzte, wurde auf die Diskrepanz zwischen einem
konservierenden Architektur- und Gesellschaftskonzept und der vorhandenen
Jugendkultur aufmerksam gemacht. Noch deutlicher thematisierte dies das
darauf folgende Projekt „Fassadenrausch“.
Heute haben im Kulturlabor Stromboli zeitgenössische Inhalte und
Veranstaltungsformate Platz, die mit jeder Kulturinitiative ähnlicher Struktur
in größeren Städten vergleichbar sind. Trotzdem stößt das Kulturlabor immer
wieder an die Grenzen der Kleinstadt.
Julia Mumelter
85
E
Einmal querbeet durch den Parcours feministischer Kulturarbeit in Tirol
86
Einmal querbeet durch den Parcours
feministischer Kulturarbeit in Tirol
Einen kurzen „Überblickstext“ zu feministischer Kulturarbeit in Tirol zu schreiben,
ist gleichzusetzen mit dem Unterfangen, in einer Milli-Sekunde einen riesigen
Parcours zu durchqueren, indem Start und Ziel, Strecke und Verlauf nicht
vorgegeben sind und der obendrein nicht nur unüberschaubar dicht, sondern
auch Fallen und Hindernisse beinhaltet, über welche sich feministische
Kulturarbeiterinnen immer wieder erfolgreich oder weniger erfolgreich –
zum Teil mittels verrenkender Akrobatik – hinweg schwingen. Dies meint
auch: Feministische Kulturarbeit in Tirol zeigt sich seit Beginn der Neuen
Frauenbewegung in den 1970ern derartig ausdifferenziert, dass ich hier nur
äußerst minimalistisch einige grundlegende Kritikansprüche, einige Initiativen
und Projekte sowie Gedanken zu deren Existenzbedingungen be/verhandeln
kann.
Radschlag durch die Falle der Begrifflichkeiten
Versucht man feministische Kulturarbeit zu fassen, läuft man Gefahr in eine
Falle zu tappen. Die Falle besteht vornehmlich darin, dass sich feministische
Kulturarbeit bereits definitorisch einer klaren Eingrenzung entzieht: Nicht nur
der Begriff „Kultur“ wird darin kritisch befragt und zugleich weiter gefasst als
die sprichwörtliche (weiße/westliche) „Hochkultur“ (von Männern) meint,
sondern auch Prozesse der (herkömmlichen) Kulturproduktion werden als
durch patriarchale/(hetero)sexistische gesellschaftliche Machtverhältnisse
durchsetzt begriffen, welche ungleiche Geschlechterverhältnisse
voraussetzen und damit wiederum reproduzieren. Insofern impliziert
feministische Kulturarbeit das Erkennen dieser Strukturen sowie den Versuch,
durch unterschiedliche Mittel, Stile und Formen ungleiche (Geschlechter-)
Verhältnisse sichtbar zu machen, zu thematisieren und/oder zu subvertieren
u.a. auch durch die Schaffung alternativer Kulturformen/diskurse.
Orientierungslauf durch die Vielfältigkeit feministischer
Interventionsakrobatik in der Kulturarbeit
Neben den Werken und der Kulturproduktion feministischer Künstlerinnen
im engeren Sinn, müssen Frauenbewegungen selbst in ihrer Vielfältigkeit
und gleichzeitig Diversität als kulturell produktiv begriffen werden. Im
Rahmen frauenbewegter Kontexte wurde und wird in eine Vielzahl
kultureller Kontexte interveniert und der maskulinistische Imperativ und
Universalisierung des „männlichen Blicks“ westlicher Kulturkontexte verhandelt.
Insbesondere die Schaffung von (Frauen/Lesben-)Öffentlichkeiten durch
Frauen/Lesben(kultur)zentren, Frauenverlage, Bildungsprojekte und
Medienproduktionen, in welchen feministische und Frauenkunst/Kultur Raum
und Vermittlung erlangt(e), sind hier von zentraler Bedeutung. Unter anderem
waren/sind die „Verobjektivierung“ von Frauen/des Frauenkörpers und seine
kulturellen Zurichtungen hier ebenso Thema wie die Unterrepräsentanz von
Frauen im Kunst- und Kulturbetrieb bzw. insgesamt die Ignoranz der westlichen
Kunst/Kulturgeschichtsschreibung gegenüber künstlerischen Positionen von
Frauen.
Seilschwingen mit kurzen Stopps bei einigen feministischen
Kulturprojekten
• An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Frauenbewegung(en)
entstand 1993 der Verein „ArchFem-Interdisziplinäres Archiv für feministische
Dokumentation“, welcher sich durch die Archivierung feministische
Kulturarbeit nicht nur als widerständiges, zeitgeschichtliches Gedächtnis
erweist, sondern durch seine Veranstaltungen selbst in den herrschenden
Kulturbetrieb interveniert.
• Vor dem Hintergrund feministischer Auseinandersetzungen um
eigene Ausschlussmechanismen entstand 1997 die Ateliergemeinschaft
„Kunst+Drüber“, die sich als integrative Kooperative zwischen Künstlerinnen
mit und ohne Behinderung versteht und damit Bilder von (künstlerischer)
Normalität und Abnormalität verschieben will.
• Eines der jüngsten Frauen(kultur)zentren ist das 2002 gegründete „Frauen
aus allen Ländern“, das sich u.a. als Ausgangspunkt für migrantische
Selbstorganisierung und trans- bzw. interkulturelle feministische Arbeit sieht.
Gesplitterte Sprossen auf der Leiter der Existenz: Bedingungen
feministischer Kulturarbeit
Das konservative politische Klima, sowie die damit verbundene enge
Definition des Kultur- bzw. Kunstbegriffes in der Subventionslandschaft,
behindern (auch) maßgeblich feministische Kulturarbeit. Feministische
Kulturprojekte lassen sich oftmals nicht einer eindeutigen Kunstform
zuordnen, verorten sich dezidiert in einem politischen Kontext und greifen
unbequeme gesellschaftliche Themen auf, die gerne als „natürlich“
(„Frauen sind eben so“) oder „privat“ verstanden werden möchten. Projekte
werden in „Frauentöpfe“ abgeschoben bzw. Kulturgelder selbst nicht auf
ihre geschlechtergerechte Verteilung hin überprüft. Durch mangelnde
Subventionierung ist feministische Kulturarbeit daher noch immer prekär,
zum Teil unbezahlt oder durch atypische Beschäftigung gekennzeichnet. Es
gilt daher die gesellschaftlich bedeutende, demokratisierende Strahlkraft
feministischer Kulturarbeit anzuerkennen und als zentralen Teil des
Kulturbetriebes in Tirol mit entsprechen Ressourcen auszustatten.
Christine Klapeer
Einmal querbeet durch den Parcours feministischer Kulturarbeit in Tirol
Auch in Tirol gab und gibt es zahlreiche solcher Projekte, die feministische
Kulturarbeit leiste(te)n, Produzentinnen, Trägerinnen, Vermittlerinnen oder
Raum/Öffentlichkeit feministischer Kulturarbeit waren/sind. Neben einer
Vielzahl von temporären Initiativen, inhaltlich spezialisierten Kulturprojekten
sowie einzelnen Künstlerinnen, die ihre Werke in einem feministischen Kontext
produzieren, möchte ich hier fünf Projekte kurz erwähnen, weil sie als wichtige
konstante Trägerinnen feministischer Kulturarbeit gesehen werden können:
• Seit 1974 werden die „AEP-Informationen. Zeitschrift für feministische Politik
und Gesellschaft“ vierteljährlich von einem Frauenkollektiv herausgegeben.
Die Zeitschrift versteht sich nicht nur als feministischer Beitrag zur
Medienlandschaft, sondern bietet feministischen Kulturprojekten auch Raum
sich vorzustellen und präsentiert immer wieder Werke von Künstlerinnen mittels
Fotoserien oder Porträts.
• Bis heute existiert das 1983 gegründete „Autonome FrauenLesbenzentrum“,
das im Laufe seines Bestehens Ort und zugleich (Erschaffungs)Kontext
für zahlreiche Kunstausstellungen, von Theater- und Performancekunst,
Musikproduktionen, und literarischen Arbeiten wurde.
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Free & Jazz
Free & Jazz
Tiroler Brennpunkte der internationalen Jazzszene
Veranstaltungen wie Outreach in Schwaz und die Artacts in St. Johann/
Tirol genießen einen ausgezeichneten Ruf in der Welt des Jazz. Während
die Eremitage auf beiden Seiten des Atlantiks als herausragendes ClubWohnzimmer gilt. Eine Nahaufnahme der Tiroler Nahversorger in Sachen
improvisierte Musik.
Wer sich mitten in der Ski-Saison ins ausgebuchte St. Johann in Tirol verfügt,
um dort nicht dem Ruf der Pisten, sondern dem der Klänge zu folgen,
der kann mitunter noch immer verwunderte Blicke ernten. Doch auch
in dieser Ecke des Landes spricht sich zunehmend herum, dass hier ein
Gravitationspunkt für improvisierte Klänge entstanden ist, der auch auf
eingeschworene Wintersport-Abstinenzler aus dem gesamten österreichischen
und süddeutschen Raum Anziehungskraft ausübt. In der Alten Gerberei, die
sich am Rande des Marktfleckens hinter einem riesigen Hotelkasten duckt,
und in der einst Tierhäute zur weiteren Verarbeitung präpariert wurden, um
ihre finale Daseinsform wohl auch in Gestalt einer berühmten alpenländischen
Textilie zu finden, wird heute Kreativem „abseits der Lederhosenkultur“ Raum
gegeben, wie es Hans Oberlechner, Obmann des 1992 gegründeten Vereins
„Musik Kultur St. Johann“, gerne ausdrückt. Oberlechner sieht seine Arbeit
als Erweiterung des Angebots, vor allem in Sachen Kino und zeitgenössischer
improvisierter und elektronischer Musik. Im Jahr 2002 konnte der Verein
die Alte Gerberei dank Unterstützung von Land und Bund als ständiges
Domizil erwerben und in einem kräfteraubenden Bravourakt umbauen.
Seit 2001 bündelt man die Musik-Veranstaltungen zweimal jährlich in den
Festivals „Kulturschutzgebiet“ und „Artacts“, ersteres themenzentriert und
auf mehrere (Mai-)Wochen verteilt, zweiteres auf ein Februar- oder MärzWochenende fokussiert. Hier trifft sich die amerikanische und die europäische
Improvisationsprominenz, Saxofonisten-Legende Peter Brötzmann, das
Schweizer Trio Koch/Schütz/Studer oder die Chicagoer Szene-Zentralgestalt
Ken Vandermark seien exemplarisch genannt. Auch die österreichische
Szene und regionale Talente finden Berücksichtigung. In kurzer Zeit hat
sich St. Johann in der Liga international angesehener österreichischer
Festival-Institutionen, vergleichbar mit den Nickelsdorfer „Konfrontationen“,
dem Ulrichsberger „Kaleidophon“ oder dem Welser Festival „Unlimited“,
etabliert.
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Musik afroamerikanischer Herkunft ist im Nordosten Tirols freilich so neu nicht.
Schließlich beherbergt das Inntal einen der ältesten und wichtigsten Jazzclubs
(nicht nur) Österreichs: Die Eremitage in Schwaz. Dass dem Etablissement der
Ruf als eines der behaglichsten Jazzwohnzimmer weltweit vorauseilt, begreift,
wer den intimen Raum betritt. „Mit 70 ZuhörerInnen ist das Lokal schon so voll,
dass man für den Posaunisten mitunter den Kopf auf den Seite legen muss,
damit er spielen kann“, so pflegt Leo Schendl zu sagen, der den 1974 vom
Afrika-Kunstexperten Gerd Chesi gegründeten Club ab 1977 als künstlerischer
Leiter und ab 1981 auch als Gastronom lange Jahre „beseelte“. „Der
hautnahe, schrankenlose Kontakt zwischen Zuhörenden und Aufführenden,
das schafft eine einzigartige, äußerst konzentrierte Atmosphäre. Weshalb die
Musiker auch so gerne kommen – und, wenn sie auf Tour sind, hier gleichsam
ein paar Urlaubstage einlegen.“
Free & Jazz
Es erstaunt tatsächlich, wie viele Berühmtheiten in der „Eremitage“ gegen
geringfügige Gagen immer wieder zu Gast waren: Chick Corea fungierte
hier gleichsam als Barpianist, Gilberto Gil, mittlerweile Brasiliens Kulturminister,
gab sich mehrmals ein Stelldichein, und Pat Metheny zahlte sich mitunter
selbst den Flug, um praktisch unentgeltlich aufzutreten. Dem Etablissement
gewidmete Stücke des blond gelockten Gitarristen („Eremitage“ auf der LP
„New Chautauqua“, 1979) wie auch von Posaunist Ray Anderson („Leo’s
Place“ auf „Big Band Record“, 1994) spiegeln diese Wertschätzung wieder.
Erst 2004 nannte Bill Frisell in einer Umfrage des „New Yorker“ den in massiven
mittelalterlichen Gemäuern residierenden Club als seinen favorisierten
Auftrittsort. Ein Umstand, der neben dem vielbeschworenen Genius Loci auch
auf die günstige geografische Lage im Unterinntal zurückzuführen ist. Und auf
das Faktum, dass im benachbarten Rotholz mit „Saudades Tourneen“ eine
der europaweit wichtigsten Agenturen für zeitgenössischen Jazz residiert, die
tourende MusikerInnen an terminfreien Tagen gerne in die Eremitage lotst.
„Ich sehe mich nicht als Institution innerhalb der Eremitage, ich sehe mich
als temporärer Verwalter dieses Juwels“, pflegte Leo Schendl zu sagen. Am
31. Jänner 2007 legte er nach 30 Jahren die Leitung zurück, ein Quartett von
jungen Schwazern führt den Club in seinem Sinne weiter.
F
Die nachhaltige Wirkung des „Juwels“ lässt sich auch daraus erahnen,
dass sich mit Franz Hackl einer der namhaftesten Tiroler Jazzmusiker explizit
auf die Eremitage als prägenden Faktor seiner musikalischen Sozialisation
beruft. „Man hatte dort den Luxus, den man sonst nur in New York hat:
berühmte Leute in einem kleinen, intimen Club zu hören“, so der Trompeter.
Hackl weiß, wovon er spricht, lebt er doch selbst seit Anfang der 90er-Jahre
des 20. Jahrhunderts im „Big Apple“. Seine Heimat Schwaz hat ihn freilich
nie losgelassen. Schon früh reifte die Idee, die in New York gewonnenen
Erfahrungen und Kontakte ins Inntal zurückstrahlen zu lassen. 1993 als
„Summer Workshop“ gestartet, wurden 1999 erstmals eine Kursreihe namens
„Outreach Academy“ und ein bemerkenswertes, mit Premieren gespicktes
„Outreach Festival“ abgehalten. Dafür lotst der 41-Jährige Jahr für Jahr
Prominenz über den großen Teich: DJ Spooky war da, ebenso die Ex-LennyKravitz-Drummerin Cindy Blackman und der einst bei Miles Davis beschäftigte
Keyboarder Adam Holzman. Die MusikerInnen präsentieren dabei – so die
Vorgabe! – keine fertigen Programme, sondern sind angehalten, in der
Beschaulichkeit der Silberstadt Schwaz neue Partnerschaften oder Projekte zu
erproben. Und wenn doch auf bestehende Werke zurück gegriffen wird, dann
zumindest auf außergewöhnliche: Zur Eröffnung des Outreach-Festivals 2007
etwa erfuhr im Sportzentrum die „Multimedia-Kammeroper“ „Money One“
von Gene Pritsker ihre europäische Erstaufführung.
Im Rahmen der „Academy“ geben viele der am Festival beteiligten
MusikerInnen ihr Know-how an jüngere KollegInnen weiter. Auch Kurse zu
Musikproduktion, VJing, Ensemblearbeit, Tanz und Medienarbeit werden
angeboten, ein ausgeklügeltes Modulsystem soll Anreiz zu stil- und
fächerübergreifender, breiter Wissensaneignung bieten. Jeweils einem
heimischen Talent wird über die Verleihung eines Stipendiums für die New
School University, New York, der Weg zu einem möglichen Karrieresprung
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F
Free & Jazz
90
geebnet. Und allergrößter Wert wird auf Spielpraxis gelegt. „Weil es im
Leben auch so ist“, so Hackl. „Aus dem Stegreif bereit zu sein, das ist wichtig.
Alle Schritte in meiner Karriere habe ich gemacht, wenn ich kurzfristig
eingesprungen bin. Chancen kann man nur nützen, wenn man selbst etwas
anzubieten hat.“
Andreas Felber
G
Großer Wert, kleiner Preis ...
Im kulturellen Feld leitet sich aus der
Förderung von Kunst und Kultur durch
öffentliche Mittel der Anspruch ab,
kulturelle Inhalte auch möglichst vielen
Menschen durch unterschiedliche
Vermittlungsangebote zugänglich zu
machen. Bildungsarbeit wird somit zum
Teil von Kulturarbeit. Kultureinrichtungen
kommen diesem „Bildungsauftrag“ auf
unterschiedliche Weise nach. Größere
Institutionen wie Museen oder Theater
haben in den letzten Jahren Kunst- und
Kulturvermittlung als fixen Bestandteil in
ihre Kulturarbeit integriert. Auch in der
Arbeit und im Selbstverständnis vieler freier
Kulturinitiativen spielt Bildungsarbeit in Form
von Workshops, Seminaren und anderen
Bildungsformaten eine wichtige Rolle.
Ein zentrales gesellschaftspolitisches
Anliegen vieler Kulturinitiativen ist es,
niederschwellige Zugänge zu vor
allem zeitgenössischer Kunst und
Kultur zu schaffen, Partizipation und
Empowerment von kulturinteressierten
aber auch kulturfernen Menschen zu
ermöglichen. Dies geschieht neben einem
ausdifferenzierten kulturellen Angebot
eben vielfach auch über Bildungsarbeit.
„Die Vermittlung von zeitgenössischer
Kunst erfolgt über Workshops und nicht
über Frontalveranstaltungen“, sagt Hans
Oberlechner, Leiter der Kulturinitiative
Musik Kultur St. Johann, „ohne Workshops
würden wir ewig auf der Stelle treten.“ Die
Idee, das kulturelle Veranstaltungsangebot
durch Workshops zu ergänzen, war bereits
im Gründungskonzept des Kulturvereins
verankert und hat sich seither bewährt.
Aufführung nach Workshop mit Hans Koch
Foto: Musik Kultur St. Johann
Großer Wert, kleiner Preis ...
Kulturinitiativen als Orte des Knowhow-Transfers
Graffiti-Workshop für Jugendliche
Foto: NLK Kultur
Kräuterwanderung
Foto: Kultur am Land
Trommelbauworkshop
Foto: Kultur am Land
Worin das Potenzial dieser Verknüpfung liegt, soll folgendes Beispiel
verdeutlichen: Im Rahmen der artacts_07, dem Festival für Jazz und
improvisierte Musik der Musik Kultur St. Johann, wurde ein Workshop unter
der Leitung des Schweizer Musikers Hans Koch angeboten. Zehn Amateurund ProfimusikerInnen haben an dem Workshop teilgenommen, darunter
MusikschullehrerInnen, Mitglieder von Blasmusikkapellen sowie junge
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Großer Wert, kleiner Preis ...
MusikerInnen aus dem elektronischen Musikbereich. Zwei Tage lang wurde in
dieser recht inhomogenen Gruppe gearbeitet und schließlich das Erarbeitete
in einer öffentlichen Veranstaltung gemeinsam zur Aufführung gebracht.
Durch den Workshop konnte bei den Teilnehmenden, die sich bis dahin
wenig bis gar nicht mit zeitgenössischer Musik auseinandergesetzt hatten, das
Verständnis und Interesse für neue Musik – aber auch für einander – geweckt
werden. Als MultiplikatorInnen werden sie diese Begeisterung möglicherweise
in andere Bereiche hineintragen (Musikschule, Blasmusik etc.) und künftig
Veranstaltungen für zeitgenössische Musik verstärkt wahrnehmen. Ohne
kontinuierliche und begleitende Vermittlungsangebote wäre es langfristig
nicht möglich gewesen, neue Besucherschichten für das Kulturprogramm zu
interessieren, ist sich Oberlechner sicher.
Strukturelle Unabhängigkeit und daraus resultierend die inhaltliche
Selbstbestimmung von autonomen Kulturinitiativen sind die Voraussetzung für
die Ausdifferenzierung von verschiedenen kulturellen Inhalten. Bezogen auf
die Bildungsarbeit von Kulturinitiativen eröffnet diese Vielfalt die Möglichkeit,
das in jeder Kulturinitiative vorhandene, spezifische Know how auch in die
Konzeption von Bildungsangeboten einfließen zu lassen. Um am Beispiel des
Workshops in St. Johann zu bleiben: die jahrelange intensive Arbeit im Bereich
der zeitgenössischen Musik versetzt die Projektverantwortlichen in die Lage, ihr
Fachwissen und ihre internationalen Kontakte zu renommierten KünstlerInnen
auch für erstklassige Bildungsangebote in der Region zu nutzen.
Kulturinitiativen bieten aufgrund ihrer inhaltlichen Ausrichtung auf
zeitgenössische, experimentelle Kunst und Kultur ein komplementäres
Angebot zu den bestehenden Bildungseinrichtungen. Diese verfügen
einerseits meist nicht über entsprechende Kompetenzen im Bereich der
Zeitkultur und berücksichtigen darüber hinaus in ihrer Programmierung viel
stärker wirtschaftliche Aspekte wie etwa die zu erwartende Auslastung. Im
Gegensatz zu großen Bildungseinrichtungen sind Kulturinitiativen flexibel
und können unmittelbar auf die Bedürfnisse der Menschen reagieren.
Das führt je nach inhaltlicher Ausrichtung und regionaler Verortung
von Kulturinitiativen zu einer breiten Palette an Workshops, Seminaren
und dergleichen für unterschiedliche Zielgruppen. Die Bandbreite der
Bildungsangebote von Kulturinitiativen ist kaum zu überblicken und kann hier
nur ausschnitthaft skizziert werden: sie reicht von Workshops mit KünstlerInnen
aller Sparten, in denen künstlerische Techniken erlernt werden können, über
Bildungsangebote, die in der Alltagskultur ansetzen, Kreativworkshops für
Kinder, Workshops von jungen Menschen für junge Menschen (z.B. Graffiti),
Wissensvermittlung in Form von Einführungen zu Kulturveranstaltungen,
Workshops von und für MigrantInnen (z.B. mit dem Schwerpunkt
Sprache), Workshops als Plattform zur Reflexion von Kulturarbeit und zur
gemeinsamen Bearbeitung von Themen (z.B. Antirassismus und Kulturarbeit),
Fortbildungsangebote zur Professionalisierung von Kulturarbeit (z.B.
Projektmanagement mit Fokus Kultur), Workshops als künstlerische Methode in
Kunstprojekten und, und, und...
92
Bildungsarbeit ist immer als ein integraler Bestandteil der gesamten
Tätigkeit einer Kulturinitiative zu sehen. Es macht nämlich durchaus Sinn,
ergänzend zum Kulturprogramm Bildungsangebote zu schaffen, die in der
Alltagskultur, am Vertrauten ansetzen und damit einen niederschwelligen
In der Kulturförderung ist es daher besonders wichtig, diesem Aspekt
Rechnung zu tragen und Vermittlungsangebote als unentbehrlichen
Teil der Kulturarbeit zu unterstützen, auch wenn der Sparzwang der
öffentlichen Haushalte in den letzten Jahren zu einer Beschränkung der
Fördermittel geführt hat. Wenn in der Kulturförderung die Mittelknappheit
als Argumentation für eine Einschränkung des Kulturbegriffs herangezogen
und verstärkt Kunst im engeren Sinn gefördert wird, dann fallen Kunst- und
Kulturvermittlungsangebote von Kulturinitiativen aus dem Förderrahmen. Es
wäre schade, wenn für sie die Bildungsarbeit nicht mehr finanzierbar wäre
und sich diese wichtige kulturelle Ressource nicht weiter entwickeln könnte.
Helene Schnitzer
G
Großer Wert, kleiner Preis ...
Zugang zur Kultureinrichtung und letztlich zu anderen künstlerischen und
kulturellen Inhalten eröffnen. So mag z.B. ein Trommelbaukurs oder eine
Kräuterwanderung im Programm einer Kulturinitiative auf den ersten Blick
überraschen, dennoch erfüllen diese Kommunikationsangebote im gesamten
Kontext eine wichtige Funktion: sie helfen Berührungsängste abzubauen,
ermöglichen Partizipation, fördern die Kreativität, schaffen Zugänge.
93
H
Heimat – „andernWOrts“
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Heimat – „andernWOrts“
Meinen Beobachtungen zufolge erfreut sich der Begriff „Heimat“ in der
zeitgenössischen Kulturarbeit keiner großen Beliebtheit. Er wird vielmehr
dem traditionellen Kulturfeld überlassen und vor allem vielfach von den
KonsumentInnen damit assoziiert, auch wenn es in letzter Zeit stärker
werdende Tendenzen in der Zeitkultur gibt, sich kritisch mit dem Thema
zu befassen. Der Verein für Kultur Inzing nimmt die Materie mit dem
Projekt „andernWOrts“ nunmehr zum zweiten Mal auf. Den Beginn der
Auseinandersetzung machte die Sammelausstellung „Kunst – straßenseitig.
Im Flügelschlag des Schmetterlings“, die im Oktober 2004 in Inzing stattfand.
Inhaltlich ging es dabei um das Spannungsfeld zwischen Globalisierung
und dörflicher Idylle. 15 KünstlerInnen bzw. KünstlerInnengruppen (aus den
unterschiedlichsten Kunstgattungen) präsentierten ihre Stellungnahmen
dazu in Schaufenstern, Schaukästen und rund um das Gemeindeamt im
öffentlichen Raum.
Ausgangspunkt für das aktuelle Projekt, das im Rahmen von TKIopen zur Förderung durch das Land Tirol ausgewählt wurde, war die
Selbstbeobachtung, wie eingeschränkt die eigene Sicht auf das unmittelbare
Umfeld ist. Dabei ist der Alltag, der vieles zuschüttet und unsichtbar macht,
einer der Kernpunkte dieser Beobachtung. Was ist das Selbstverständnis des
Dorfs, das von seinen BewohnerInnen vollkommen unterschiedlich genützt
wird? Einerseits ist es urbane Schlafstätte und andererseits verfügt es über
einen aktiven und umtriebigen Kern, der sich hauptsächlich um Sport und
traditionelle Vereine dreht. Einerseits ist es Heimat für MigrantInnen aus
vielen verschiedenen Ländern, andererseits partizipieren diese kaum am
öffentlichen Leben. Was ist das für ein Raum, dieses Inzing? Aus Fragen wie
diesen folgte eine lang währende Diskussion, wie wir diese zugeschütteten
Räume durch ein Kulturprojekt zumindest teilweise freilegen könnten. Im
Folgenden erarbeiteten wir ein Konzept. Drei SchriftstellerInnen sollten zu
einem dreiwöchigen Aufenthalt hier eingeladen werden, sich mit Inzing
vertraut machen und hier einen Text verfassen, dessen Ursprung in dem
hier Erlebten zu finden sei. Das Projekt „andernWOrts“ wurde entwickelt, um
einerseits den InzingerInnen eine literarische Aussichtsplattform aufs eigene
Dorf zu bieten und andererseits auswärtigen AutorInnen die Möglichkeit zu
geben, in konzentrierter Atmosphäre an einem Auftragswerk zu arbeiten und
sich so neu auszuprobieren. Abgesehen vom politischen Signal erhofften wir
uns durch die Bevorzugung von Menschen mit migrantischem Hintergrund
auch eine Öffnung des kommunikativen Raums mit den MigrantInnen,
die sich in Inzing niedergelassen haben. Nach der Ausschreibung, die aus
oben genannten Grund österreichweit v.a. über migrantische Kulturvereine
bzw. Netzwerke geschah, wurden dann im April 2007 durch eine Jury drei
SchriftstellerInnen aus den neun Bewerbungen ausgewählt. Dazu muss
bemerkt werden, dass es uns offensichtlich gelungen ist zielgruppenorientiert
auszuschreiben, da alle BewerberInnen (bis auf eine) SchriftstellerInnen mit
migrantischem Hintergrund waren. Die drei AutorInnen, Seher Cakir, in der
Türkei geboren, Sarita Jenamani, aus Indien stammend und Sina Tahayori,
mit iranischen Wurzeln, kamen Anfang September 2007 nach Inzing und
begannen ihre Arbeit. Neben der Aufgabe einen Text zu produzieren, sollten
H
Heimat – „andernWOrts“
die AutorInnen mithilfe von Einwegkameras ihre Eindrücke visuell darstellen,
außerdem baten wir sie Tagesprotokolle zu verfassen, aus denen wir ihre
Begegnungen und Erlebnisse ablesen wollen. Zum Redaktionsschluss der
vorliegenden Ausgabe der Kulturberichte befand sich „andernWOrts“ in der
vorläufigen Schlussphase. Die SchriftstellerInnen verbrachten gerade die dritte
Woche im Dorf und bereiteten sich auf die Lesungen vor. Insofern kann man
in Bezug auf die Resonanz in der Bevölkerung
noch wenig über Gelingen oder Scheitern
des Projekts sagen, wobei ich den Eindruck
habe, dass sich zumindest ein kleiner
kommunikativer Raum zwischen AutorInnen
und InzingerInnen geöffnet hat. So wurden
die SchriftstellerInnen mehrmals zum Essen
eingeladen bzw. waren sie häufig in Gesellschaft in den Inzinger Gasthäusern zu sehen,
Sarita Jenamani
Foto: Kulturverein Inzing
sie machten Ausflüge mit Leuten, die sie
kennengelernt hatten oder organisierten
sich selbst (mit kleiner Starthilfe) einen
Internetzugang. Jedenfalls kann man gespannt sein, was wir in den Texten zu lesen
bekommen. Eine Publikation mit den in
Inzing entstandenen Texten, sowie einer
theoretischen Abhandlung, die um das
Thema Migration kreisen wird, soll demnächst
Seher Cakir
Foto: Kulturverein Inzing
erscheinen. Informationen dazu finden Sie
auf unserer Homepage www.kulturverein-inzing.com. Dort wird es außerdem
die Möglichkeit geben, ein Subskriptionsexemplar zu bestellen,
das von den AutorInnen signiert wird und eine besondere Aufmachung erhält.
Zweck dieser Exemplare ist es, durch einen höheren Kaufpreis das Projekt
finanziell zu unterstützen.
Michael Haupt
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I
Impulsgebend
Impulsgebend
Eine kleine (Entstehungs)Geschichte der TKI - Tiroler
Kulturinitiativen
„Wir haben uns Anfang Februar (Anm.: 1989) in einer freien
Aktionsgemeinschaft zusammengeschlossen, um der außerhalb Innsbrucks
vorhandenen, vielfältigen Kulturarbeit auf höchstem Niveau entsprechende
Beachtung zu sichern. Es geht darum, in der Diskussion um neue Wege eines
,sanften Tourismus‘ Projekte durch- und umzusetzen, die nicht ausschließlich
den Gesetzen der Geldvermehrung gehorchen, sondern den Bedürfnissen
geistiger und sozialkritischer Anstrengung, die entwickelt werden müssen,
damit Tirol innerhalb des kommenden Europa seine Identität bewahrt“.
Mit dieser Einleitung umriss Gerhard Crepaz im ersten gemeinsamen
Programmbuch aus dem Jahr 1989 die Zielsetzung der neun Kulturinitiativen,
die sich knapp vorher als „Tiroler Kulturinitiative“ begründet hatten.
Maria und Gerhard Crepaz von der Galerie St Barbara in Hall und Martin
Marberger vom Kulturboden Umhausen ergriffen im Dezember 1988 die
Initiative, KulturaktivistInnen aus verschiedenen Regionen Tirols ins Gasthaus
Andreas Hofer in Umhausen im Ötztal einzuladen, um den Status Quo der
Kulturinitiativen am Land zu analysieren und Strategien für die Suche nach
Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Vertreter/innen von neun Initiativen
folgten dieser Einladung: Galerie St. Barbara, Kulturinitiative Feuerwerk
Längenfeld, Kulturboden Umhausen, Gegenlicht Imst, Art Club Imst, Pro Vita
Alpina Österreich, Aufwind Oetz, Drauf Los Huben und Kulturinitiative Stubai.
Dabei wurden vor allem die zentralen Fragen diskutiert:
• Sollen Kulturinitiativen in erster Linie Impulsgeber und Basisarbeiter im
Kulturbereich oder schwerpunktmäßig Veranstalter sein?
• Wie kann die Nachhaltigkeit von anspruchsvollen kulturellen Aktivitäten im
ländlichen Raum abseits von Kommerz und Beliebigkeit gewährleistet und der
Bevölkerung bewusst gemacht werden?
• Welche Instrumente oder welche Instanz kann man installieren, um
die Qualität von Veranstaltungen zu bemessen und gegebenenfalls zu
verbessern?
• Ist es tatsächlich realistisch, die zahlreichen ländlichen Kulturinitiativen von
St. Anton bis St. Johann in der Mehrheit unter einen Hut zu bringen?
• Welche Rahmenbedingungen zur Vernetzung und Bündelung aller
kreativen Kräfte können genutzt werden oder welche muss man entwickeln?
96
Als erster Schritt wurde, als Ergänzung zum jährlichen Veranstaltungsprogramm
der Initiativen, die Entwicklung von konzeptionellen und in der Folge
kontinuierlich stattfindenden Projekten, als notwendig erachtet.
Einige der Initiativen sahen sich tatsächlich in der Lage, bereits für das Jahr
1989 ausgereifte Kulturprojekte zu konzipieren. Es waren dies: die Galerie St.
Barbara mit „Musik der Religionen“ und „Rein ins Mittelalter“, Gegenlicht
Imst in Zusammenarbeit mit Art Club Imst „DADA Sommerfrische“, Feuerwerk
mit „Mut zur Phantasie – Kinder & Clowns“, Kulturboden Umhausen mit „Der
verlorene Gaumen“.
Die vorhandene positive Aufbruchstimmung nutzend, wurde zu Beginn
des Jahres 1989 nach weiteren Diskussionsrunden beschlossen, die „Tiroler
I
Impulsgebend
Kulturinitiative“ ins Leben zu rufen und Gerhard Crepaz als deren ersten
Sprecher einzusetzen.
Ebenfalls Anfang 1989 schrieb der damalige Landeskulturreferent Dr. Fritz Prior
als Vorwort im Eingangs zitierten Programmbuch:
„Als am 21. Februar die Vertreter der Tiroler Kulturinitiative, derzeit neun
Kulturvermittler aus dem ganzen Land, mich um Unterstützung für ihre Projekte
von Mai bis Oktober baten, konnte ich
freudig entscheidende finanzielle Zusagen geben. ... Die Veranstaltungen der
Tiroler Kulturinitiativen bieten ein
reizvolles Miteinander von Regionalem
(Tiroler Künstler, Musiker, Literaten) und
Europäischem (Musik der Religionen,
Mittelalter Projekt aber auch das
Gastrosophische Symposium, Meredith
Monk und Teile des DADA Spektakels
in Imst/Tarrenz). Aktivitäten in Richtung
Plakatfoto zum Projekt „Begegnung TirolAnimation (Kinder & Clowns) bereichern
Wien“
Foto: Florentine Prantl
das Programm auch in Richtung
Familienkultur. Besonders erfreulich ist es,
dass auch Tiroler Interpreten in großem
Umfang zu hören sind und es dabei
auch einige Uraufführungen (auch Tiroler
Komponisten) geben wird.“
Die Anerkennung von Seiten der Politik
war eine ausgezeichnete Starthilfe für
das Projekt „Tiroler Kulturinitiative“ und
neben dem vorhandenen Enthusiasmus
Foto aus den Manifesten des Freistaate
Burgstein
Foto: Antje Messerschmidt
ein zusätzlicher Motivationsschub für
die Initiativen. Zudem wurden den
initiierten und durchgeführten Projekten
überwiegend großes Interesse von Seiten
der Bevölkerung und positive Reaktionen
von den Medien zuteil.
Die erste Generation der Kulturinitiativen
- Interessensvertretung übernahm
eine wichtige Vorreiter- und
Amtsblatt 35 Foto: Andrea
Impulsgeberaufgabe. Sie setzte
sich mit viel Einsatz für bestmögliche
Rahmenbedingungen für die freie
Kulturarbeit in Tirol ein und leistete
zahlreichen neuen Initiativen
solidarische Hilfestellung. Bereits in
den darauffolgenden Jahren wagten
weitere Gruppen den Schritt, sich mit
konzeptionellen Kulturprojekten im Rahmen
der „Tiroler Kulturinitiative“ zu beteiligen:
Pro Vita Alpina mit „Widerständigkeiten“
(im Rahmen der Tiroler Volksschauspiele
Telfs), „Alpentöne“ (gemeinsam mit
Kultourismus Gurgl) und „Kultur Tourismus
Themenschwerpunkt „Heimat“
Foto: Josef Öfner
Vision 2009“, Huanza Reutte/Außerfern
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I
Impulsgebend
mit „Kultur Zeit“, der Aufwind Oetz mit „Lebensfreude Tanz“ und „DENKart“,
auch Drauf Los Huben mit dem „Internationalen Strassenmusikantentreffen“,
Arlberger Kulturtage mit „Kein schöner Land“, MuKu St. Johann mit
innovativen Musik- und Filmprojekten, die Kulturinitiative Stubai mit
„Uraufführungen“ und „Familienfestwochen“ sowie die Villgrater Kulturwiese
als „Kulturwallfahrtsort“.
In diesen Zeitraum fielen auch die ersten Vorgespräche zum Kauf des
Gasthauses „Bierstindl“ in Innsbruck durch Bund, Land und Stadt. Es war
der letztendlich gelungene Versuch, zentral in Tirol eine Ansprechstelle für
verschiedene Kulturvereine zu schaffen. Bei den diesbezüglichen Gesprächen
mit dem damals amtierenden Kulturlandesrat Dr. Fritz Astl und den früheren
BM Dr. Rudolf Scholten spielte auch die „Tiroler Kulturinitiative“ eine
engagierte Rolle.
Die Szenerie der Kulturinitiativen war und ist – ihrer Struktur, ihren
Interessensbereichen und Zielsetzungen entsprechend – einem steten Wandel
unterworfen. (Kulturarbeit machen immer auch einzelne Köpfe. Zitat: Reinhold
Messner). Einige frühere Gruppen arbeiten nach wie vor kontinuierlich, andere
haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Arbeit eingestellt, neue Initiativen
sind entstanden. Auch die Intentionen der neuen Generation innerhalb der
Führungsriege der „TKI – Tiroler Kulturinitiativen“ haben sich im Laufe der Jahre
zum Teil verändert. Doch kann man mit Selbstverständnis behaupten, dass es
den Kulturinitiativen am Land gelungen ist, sich durch kontinuierliche Arbeit
stark zu positionieren und Impulsgeber für interessante Entwicklungen zu sein –
sie sind einfach nicht mehr wegzudenken aus der kulturellen Landschaft Tirols!
Gerhard Prantl
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Jugendkulturprogramme:
„Kultur ist ein Wort, das man im Alltag nicht braucht“, sagt Sonja (Name von
der Redaktion geändert). Sonja ist Teilnehmerin eines Forschungsworkshops,
den das „Institut für Jugendkulturforschung – jugendkultur.at“ 2006 im Auftrag
„TKI“ durchführte, um im Dialog mit Jugendlichen und VertreterInnen von
Tiroler Kulturinitiativen Grundlagen für eine an den kulturellen Interessen und
Bedürfnissen Jugendlicher ausgerichteten Angebotspolitik zu erarbeiten.
Und Sonjas „Sager“ bringt ein Kernproblem der Kulturarbeit für die Zielgruppe
„Jugend“ auf den Punkt: Wenn Jugendliche „Kultur“ hören, denken sie in aller
erster Linie an hochkulturelle Angebote: Museen, Ausstellungen, Theater etc.
Und diese sind – zumindest aus Sicht der Jugend – „etwas für Erwachsene“.
Jugendliche haben das Gefühl, dass sich der Sinn und Wert kultureller
Angebote nur kulturell gebildeten, erwachsenen KulturkonsumentInnen,
die einen kontemplativen Zugang zu Kulturangeboten suchen, erschließt.
Kulturarbeit wird von den Jugendlichen als nicht anschlussfähig an
ihre persönlichen Alltagserfahrungen erlebt. Angebote des etablierten
Kulturbetriebs, aber auch viele Angebote der so genannten „Neuen
Kulturszenen“ bleiben für sie damit oft ohne Relevanz.
Jugendkulturprogramme
Was sich Jugendliche von der Tiroler Kulturarbeit wünschen
J
Interessanter Weise sind es, wie die Jugendlichen aus dem TKIForschungsworkshop „St. Johann“ betonen, dabei nicht so sehr die Themen,
die im etablierten Kulturbetrieb aufgegriffen werden, die Kulturangebote für
Jugendliche uninteressant machen, sondern es ist vor allem die Art und Weise,
wie diese Themen angepackt werden und wie und in welchem Rahmen sie
präsentiert werden.
„Die Aufmachung ist meistens langweilig, obwohl die Thematik interessant
wäre ...“, so lautet der Grundtenor. „Und die Jugend braucht immer etwas,
das auf sie ausgerichtet ist“, tönt die Forderung an die Kulturarbeit, die
daran anschließt. Wie ist das zu verstehen? Nun, zum einen heißt das,
dass Jugendliche Kulturangebote wünschen und brauchen, die sich mit
ihrem alltäglichen Leben in Beziehung setzen lassen, aber auch, dass es
innovativer Vermittlungsangebote bedarf, die scheinbar Alltagsfernes
alltagsnah präsentieren und ausreichend Hintergrundinformationen bieten,
die es den Jugendlichen ermöglichen, das Gezeigte bzw. Gesehene
zu begreifen und verorten. Zum anderen wünschen sich Jugendliche
Kulturangebote mit hohem Erlebnisfaktor: Intellektuelle Distanz gegenüber
den Kulturangeboten ist ihnen ebenso fremd wie ein betont reflexiver Zugang,
der für die klassische Hochkultur-Rezeption als typisch gilt und auch in Teilen
der „Neuen Kulturszene“ vorherrschend ist. Jugendliche setzen auf Kultur als
Erlebnisraum und auf Kultur als „Live-Event“. Kulturgenießen geht bei ihnen
immer einher mit emotionalem Involviert-Sein. Und hier schließt auch gleich
eine dritte Forderung der Jugendlichen an: Mehr niederschwellige, gering
institutionalisierte Angebote, die zum Mitgestalten einladen oder zumindest
zum Ausprobieren, fänden sie gut und wichtig.
Während die Jugendlichen zum etablierten Kulturbetrieb aus den genannten
Gründen also eher auf Distanz gehen, klingt „Jugendkulturarbeit“, wie
99
J
Jugendkulturprogramme
der Forschungsworkshop mit Tiroler Jugendlichen zeigt, für sie interessant.
Jugendkulturarbeit, so wie Jugendliche sie verstehen, setzt bei einem radikal
erweiterten Kulturbegriff an, der an der Schnittstelle von jugendlichem Alltag
und medien-vermittelter Populärkultur verortet ist. Schlüsselthemen der
Jugendkulturarbeit sind demzufolge jene Themen, die die zeitgenössischen
Jugendkulturen und Jugendszenen prägen. Allem voran geht es dabei um
jugendkulturspezifische „Skills“, also bestimmte kulturelle Kompetenzen, und
jugendkulturelle „Styles“ im Sinne von bestimmten ästhetischen bzw. kreativen
Praxen, die die Jugendkulturen und Szenen prägen.
Wenn es nach der Zielgruppe geht, sollten sich Jugendkulturprogramme
an jugendkulturellen Schwerpunktinteressen orientieren: an Musik, Film
und „Neue Medien“, aber auch Funsports, Competitions. Und sie sollten
allerlei informelle Kommunikations- und Interaktionsangebote bieten, die
eine gemeinsame Auseinandersetzung bzw. ein gemeinsames Erleben von
(Jugend-)Kultur möglich machen. Ergänzend dazu sind auch Angebote,
die eher im Bereich der etablierten Kultur zu verorten wären, sowie
Angebote, die gesellschaftspolitische Fragen zum Thema machen, denkbar
– allerdings unter der Voraussetzung, dass sie das Gesamtprogramm nicht
dominieren und dass sie über innovative Vermittlungskanäle (z.B. „open
stage“) angeboten werden. Die Frage nach dem kulturellen Wert einzelner
Angebote eines Jugendkulturprogramms stellt sich für die Jugendlichen
übrigens kaum. Konkret heißt das: Rockkonzerte und Karaoke können in
Jugendkulturprogrammen prinzipiell ebenso nebeneinander stehen wie hohe
Bühnenliteratur und Volkstheater.
Projektbeispiel – TKI-Forschungsworkshop St. Johann: Tiroler Jugendliche
entwickeln ein Programm für eine Schwerpunktwoche zum Thema
„Jugendkultur“
• Montag: „Themenabend“ mit Diskussionen zu verschiedensten Themen
aus den Bereichen Politik, Musik, Kultur, ferne Länder. Der Abend wird
nicht als klassische „Runde-Tisch-Diskussion“ anlegt, sondern im Zugang
(und Abgang) möglichst offen gestaltet: „wenn einem ein Thema reicht,
geht man einfach zum nächsten“. Dieser Themen-Montag ist aus Sicht
der Jugendlichen im engeren Sinne „ein Kulturabend, den wir aber nicht
Kulturabend nennen dürfen – sonst kommt ja wieder keiner hin.“
• Dienstag: Karaoke und Theater, wobei Theater sowohl hohe
Bühnenliteratur als auch Volksbühne bedeuten kann
• Mittwoch: Sport-Turniertag mit Siegerehrung und einem Grillabend mit
Open End; mit diesem Angebot sollen auch eher kulturferne Jugendliche
angesprochen werden
• Donnerstag: „Chill-Tag mit orientalischem Touch“
• Freitag: Live-Konzert-Tag – es spielen zwei bis drei Bands
• Samstag: „DJ-Disco“ – Samstag ist also Party angesagt
• Sonntag: „Filmtag“ – den ganzen Tag werden verschiedenste Filme
gezeigt; abends gibt es ein aktuelles Film-Highlight
100
Wenn es nach den Jugendlichen geht, müssen Jugendkulturprogramme
auf das Prinzip Vielfalt setzen – frei nach dem Motto: Für jede und jeden
sollte etwas Passendes dabei sein. Ihr Ziel wäre, möglichst breite Schichten
und insbesondere auch eher kulturferne Jugendliche mit jugendkulturellen
Thematiken anzusprechen und für eine erlebnisorientierte Auseinandersetzung
Beate Großegger
J
Jugendkulturprogramme
mit unterschiedlichen (Jugend-)Kulturen zu gewinnen, um dann
weitergehend vielleicht auch eine reflexive Beschäftigung mit den in den
Jugendkulturprogrammen aufgeworfenen Themen und Stilen anzuregen.
Kurz gesagt: Sie wünschen sich ein abwechslungsreiches Programm, das auf
verschiedene Kulturbedürfnisse reagiert und dabei möglichst niemanden
außen vor lässt.
Was das für die Tiroler Kulturarbeit bedeutet, scheint klar: nämlich einerseits
Mut und Bereitschaft, sich in der Angebotspolitik mit dem Populären und
scheinbar Trivialen, das im Alltag der Jugendlichen eine bedeutende
Rolle spielt, stärker auseinander zu setzen, und andererseits eine intensive
Beschäftigung mit kulturpädagogischen Konzepten, die jugendkulturelle
Themen in einer für Jugendliche spannenden Art und Weise für kulturelle
Bildung und kulturelle Partizipation erschließen.
101
K
Kabarett und Kleinkunst
102
Kabarett und Kleinkunst
Die große, vielleicht sogar größte Kunst an der Kleinkunst besteht darin, mit
wenig Geld, idealerweise geringem technischen, räumlichen und personellen
Aufwand und viel Idealismus, Kultur zu schaffen. Wenig subventioniert und
in seiner Wertigkeit manchmal unterschätzt, stellt der Bereich Kleinkunst
ein wichtiges Pendant zu „mainstream“, „eventkultur“ und ausgewählten
Großprojekten dar und ist aus dem breiten Feld der darstellenden Künste nicht
wegzudenken. Wo künstlerischer Anspruch, innere Passion, Ideenreichtum,
Lust und Können miteinander verschmelzen, entsteht Kleinkunst auf
hohem Niveau. Professionalität und Qualität zeichnen zahlreiche Projekte,
Produkte und Ergebnisse der „Tiroler Szene“ aus. Das Spektrum der
freien Theater-, Musik- Tanzgruppen und Formationen ist breit, wobei die
Grenzen der einzelnen Genres zum Teil fließend und spartenübergreifend
verschwimmen. Sehr wohl unterschiedlich sind Akzeptanz, Bekanntheitsgrad,
Zuschauerzustrom und Publikumsreaktion. Als Mitglied von „tris“, einem
Clownfrauen-Trio aus Tirol, möchte ich diese Feststellung beschreiben.
Nachhaltig beeindruckt von der florierenden Kleinkunstszene und den
großartigen Clowns, die in den 80´ger und 90´ger Jahren des 20. Jahrhunderts
von Norbert Pleifer ins Innsbrucker Treibhaus und von Klaus Bucher ins
Utopia geholt wurden, bin ich mittlerweile selber zur Clownin geworden und
feierte 2003 die Premiere unseres ersten Bühnenprogramms in Innsbruck.
Sehr unterstützend ließ sich das KulturGastHaus Bierstindl auf das Wagnis
ein, der Clownerie eine Chance zu geben. Robert Renk, der damalige
Geschäftsführer legte uns aber sehr nahe, unser Programm unter dem Namen
Musikkabarett oder Comedy zu verkaufen, da diese Sparten der Kleinkunst
publikumswirksamer schienen und sich unter Clownerie kaum jemand etwas
vorstellen konnte. Da wir Clowns sind und sich in der Clownerie unser Herz
mit und unserem Können verbindet, gingen wir das Wagnis ein – und sind
nach wie vor erstaunt und dankbar für den Erfolg unseres Tuns. Immer öfter
erreichen uns Rückmeldungen, immer mehr wird uns bewusst: das Bedürfnis
und die Sehnsucht der Menschen nach niveauvoller Unterhaltung ist groß und
gewinnt zunehmend an Bedeutung. Der Wunsch, unbeschwerte Momente
zu erleben, einzutauchen in eine andere Welt, den Alltag für kurze Zeit hinter
sich zu lassen, wieder einmal so richtig lachen zu können und zu genießen,
wird immer wieder geäußert und ich sehe es als wunderschöne Bestätigung
unserer Arbeit, dass wir dem sehr oft gerecht werden können. Die Clownfigur
mit all ihrer offen gelebten menschlichen Verletzlichkeit, mit all ihren Stärken
und Schwächen, ihrer Fähigkeit zum Scheitern an Situationen, Dingen,
Menschen, - und nicht zuletzt an sich selbst, lässt das Publikum sehr nahe
an sich heran und bietet die Möglichkeit, jedes Scheitern als Neubeginn zu
erleben und sich gespiegelt in Facetten der Figur wiederzufinden. Clownerie
ist wieder bekannter geworden und hat Freunde gefunden. Dennoch
machen wir immer wieder die Erfahrung, dass unser Programm als Kabarett
angekündigt wird. Das Genre „Kabarett“ boomt, ist etabliert und hat im
Bereich Kleinkunst vielleicht den größten Bekanntheitsgrad und Stellenwert.
Ich habe den Tiroler Kabarettisten Alex Kröll gefragt, was seiner Meinung
nach das Kabarett auszeichnet und wie es sich von Comedy und Clownerie
unterscheidet. Dabei kristallisierte sich heraus, dass sich Anspruch und
Auftrag im Laufe der letzten hundert Jahre stark verändert haben und die
K
Kabarett und Kleinkunst
Grenzen zu artverwandten Genres aus dem Bereich Kleinkunst nicht mehr
eindeutig feststellbar sind. Vom launig leichten Humor über politische und
gesellschaftskritische Präsenz stand das Kabarett lange Zeit im Spannungsfeld
zwischen Unterhaltung und politischem Auftrag. Der Haller Otto Grünmandl,
ein Meister des höheren Blödsinns und der alltäglichen Skurrilitäten, machte in
den 80´ger Jahren des 20. Jahrhunderts den Auftakt zur Solo-Kabarettwelle.
Seither rücken die aktuellen Tiroler
Kabarettisten, wie Gerhard Sexl, die
Schienentröster, Lachgas, Alex Kröll, der in
Tirol lebende Vorarlberger Markus Linder,...
u.a. in unterschiedlichster Präsentationsweise
immer mehr sich selbst und den Menschen
in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Mit
der „Bierstindl Röhre“ versuchen Claudia
Moser und ihr Team einen Tiroler Kleinkunst3 hohe …
Foto: Stefan Dietrich
preis zu etablieren, der NachwuchskünstlerInnen eine geeignete Plattform bietet, sich
und ihr Tun zu zeigen. Offen für alle Facetten
der Kleinkunst ist dieser Bewerb Motivation
und Sprungbrett für talentierte „newcomer“.
Die ersten vielversprechenden Programme
der Fetthennen, von Berndt Steidl, Petra
Alexandra Pipan,... u.a. hatten bereits
Premiere oder sind im Entstehen. Gemeinsam ist allen KleinkünstlerInnen die durchTris „orchideen im sarg“
Foto: Ekkehard Schönwiese
wegs geringe, oft sogar solistische Besetzung ihrer Programme, der meist unkomplizierte
Einsatz von Licht und Ton, vergleichsweise
minimale Anforderungen an Bühnengröße
und Technik, im Fall transportable Kulissenteile
und die Mitnahme möglichst weniger Requisiten. Das alles ist Voraussetzung und Notwendigkeit, um an wechselnden Spielorten
aufzutreten. Die intime Atmosphäre kleinerer
Bühnen schafft oft eine große Nähe zwischen Bestpressfoto
Foto: Christof Dornauer
den DarstellerInnen und dem Publikum und
zählt für mich zu den schönsten Momenten
jedes Auftrittes. Zum Glück gibt es auch in
der Sport- und Kulturhauptstadt Innsbruck
sowie in den Bezirken Tirols Auftrittsorte mit
guter alter Tradition, Reiz und Flair, sowie
idealistische neue Spielstätten, die an
Kleinkunst glauben und den vielen aktiven
Kleinkunsttreibenden die Möglichkeit geben,
Flaschen Chrissi
Foto: Ekkehard Schönwiese
ihre künstlerische Arbeit zu präsentieren.
Es lebe die Vielfalt! Toi!Toi!Toi!
Christina Matuella
103
L
Lokale Kulturarbeit an der Peripherie
104
Lokale Kulturarbeit an der Peripherie
„Schaut man dorthin wo Kultur passiert scheint es auf den ersten Blick
einen Magnetismus zu geben, der die Kunst im Großraum von Metropolen
konzentriert.“ Diese Feststellung formulierte der österreichische in Berlin
lebende Autor Peter Glaser anlässlich eines Literatur- und Medienprojektes
in einer Kleinstadt im Tiroler Unterland, um weiter zu erkennen, dass es aber
gerade Städte mittlerer Größe sind, „ in denen sich die Kunst wie Laserlicht zu
ganzer Schärfe und Dichte versammelt.“
Es sind also Orte an der Peripherie, Kommunen am Land wo Kunst und Kultur
blüht.
Das liegt nicht nur an der gesunden Luft, wenngleich auch eine harmonische
Umgebung individuelle Kulturleistungen mitgefördert hat. Gustav Mahler
schuf in seinem Komponierhäuschen im Pustertal großartige Musik und Martin
Kippenbergers Arbeitsaufenthalt in Tirol war so produktiv, um in einem viel
beachteten Buch zusammengefasst zu werden. Gerade bei Kippenberger
mag ein Umstand mitgeholfen haben eine so dichte Werkgruppe entstehen
zu lassen, der für das Entstehen von Kultur am Land allgemeine Gültigkeit hat.
Nämlich, dass man sich hier noch an Inhalten und formalen Erscheinungen
reiben kann, weil niemand Angst hat etwas Falsches zu sagen. Das dörfliche
Milieu erleichtert eine tiefer greifende Diskussion und fordert Produzenten,
Vermittler und Rezipienten gleichermaßen auf, aus der Reserve zu kommen.
Kulturarbeit am Lande formuliert immer wieder aufs Neue Fragen, die in der
Stadt keiner mehr stellt.
Zuhören und reden ist die Voraussetzung für jede nachhaltige Kulturarbeit,
das ist vielleicht im ländlichen Raum leichter, weil die Strukturen einfacher
sind, und gleichzeitig die Chance von den Rändern her lokale wie globale
Fragen immer wieder zu formulieren und so den Boden für Neues und
Ungeprobtes zu bereiten. Damit ein urbanes Publikum anzusprechen, und das
soll nicht verschwiegen werden, ist auch Motivation und Ehrgeiz regionaler
Kulturarbeiter.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Kulturarbeit im ländlichen Raum und
auch ihre augenscheinlichste Qualität ist das Verhältnis zwischen der Kultur
und ihrem Ort. Schon lange haben in den diversen ländlichen Festzelten
Coverbands mit zumeist schlecht gespielten popmusikalischem Programmen
(bevorzugt aus den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts),
die volkstümlichen Tanzkapellen abgelöst. Das ist falsch verstandenes
Weltbürgertum, weil nicht gleichzeitig lokal argumentiert wird, was in den
Tanzmusiken wenigstens ansatzweise noch geschehen ist.
Kultur am Lande muss selbstbewusst lokale Besonderheiten in den
globalen kulturellen Diskurs werfen. Eine nachhaltige Kulturarbeit hat die
Aufgabe gerade diese Besonderheiten aufzuspüren und sie im globalen
Zusammenhang auf ihre zeitgenössische gesellschaftliche Relevanz zu prüfen.
Damit ist die ländliche Kultur immer auch eine soziale.
Kulturarbeit am Lande heißt zunächst das nötige Selbstbewusstsein
zu entwickeln, um dann jene kreativen, strukturellen und finanziellen
Rahmenbedingungen zu schaffen, die notwendig sind eine vorort entwickelte
Produktion, Präsentation und Vermittlungsstrategie über die Region hinaus
zutragen.
Gelungene Beispiele dafür gibt es. Zuerst jenes 2001 vom Kulturverein
L
Lokale Kulturarbeit an der Peripherie
Musikkultur St. Johann realisierte Musikprojekt zu Christian Blattl.1 Christian Blattl,
Bauer und Musikant in St. Johann starb 1865 und hinterließ mit seinen Liedern
ein unschätzbares Bildnis der sozialen Zustände seiner Zeit. Musikkultur St.
Johann hat dazu den österreichischen Jazz- und Avantgardemusiker Max
Nagl beauftragt die Lieder Blattls neu zu arrangieren. Mit Jazzquartett und
einem gemischen Chor aus St. Johann ist eine neue Musik entstanden,
ein gelungenes Beispiel der Verbindung von
Tradition und Gegenwart und ein Zeichen
gelebter Kultur in einer ländlichen Region.
Ähnlich ausgerichtet war ein Projekt
von SPUR.im Sommer 2006. Hier wurde
unter dem Titel „Zigeunerisch gespielt“2
eine volksmusikalische Besonderheit des
Gitarrespiels, nämlich jene mit offener
Stimmung, wie es heute noch vor allem in
Zigeunerisch g’spielt; Toni Silberberger mit
der Wildschönau gepflegt wird, den ähnlich Partner; Wörgl 2006
Foto: SPUR
gelagerten open tunings amerikanischer
Blues- und Ragtimespielweise
gegenübergestellt. Ergebnis war ein
gegenseitig anregendes Gipfeltreffen
Unterländer Gitarristen mit dem Wiener
Bluesgitarristen Michael Langer.
Und zuletzt darf ich noch auf ein Projekt
hinweisen, das SPUR im Sommer 2007 mit der
Künstlergruppe WochenKlausur realisiert hat3.
Wörgler Warkenpaket
Foto: WochenKlausur
Auf Einladung von Kunstinstitutionen entwickelt die Künstlergruppe WochenKlausur seit 1993 kleine, aber sehr konkrete
Vorschläge zur Verringerung gesellschaftspolitischer Defizite und setzt diese
Vorschläge auch um. Künstlerische Gestaltung wird dabei nicht mehr als
formaler Akt sondern als Eingriff in unsere Gesellschaft gesehen. Wörgl haben
WochenKlausur zum Zentrum eines Diskurses rund um die Themen alternativer
Geldverkehr und soziale Wirtschaft gemacht.
Anknüpfend an das Wörgler Experiment von 1932 werden Texte renommierter
Wirtschaftswissenschaftler zum sozialen Wirtschaften im Internet und in den
Online Redaktionen der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ als
auch der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlicht. Der Diskurs
verläuft in Form einer Kettenreaktion, wobei Autorinnen und Autoren in
systematischer Reihenfolge auf den jeweils zuvor veröffentlichten Text
reagieren. Als Tauschleistung erhalten alle an dieser Kette Beteiligten einen
exklusiven Geschenkkorb mit Waren aus Wörgl, gesponsert von regionalen
Wirtschaftsunternehmen.
Ausgehend von einem lokalen Ereignis wird hier für jedermann via Internet
nachlesbar international darüber diskutiert ob Regiowährungen auch heute
in den Dienst eines weitsichtigen und sozialen Wirtschaftens gestellt werden
könnten. Eine weitreichende Debatte mit einem Open End ist eröffnet.
1 Max Nagl und Seinehonsinger, Blattl Lieder, erschienen 2001 auf idyllic/ex
2 Dazu sei verwiesen auf die Feldforschungen von Stefan Hackl und die CD „In oaner Dur…“, 2003
3 http://weitsichtig-wirtschaften.woergl.at
Günther Moschig
105
M
Migration und interkulturelle Programme
Migration und interkulturelle
Programme
Die Initiative Minderheiten
Die Initiative Minderheiten tritt ein für eine minderheitengerechte Gesellschaft, in der individuelle Lebensentwürfe
unabhängig von Merkmalen wie ethnischer, sozialer oder
religiöser Zugehörigkeit, sexueller Orientierung und Behinderung als gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt
sind. Eine Gesellschaft ist nur dann minderheitengerecht,
wenn sie die verschiedenen Lebensentwürfe gleichmäßig
und gerecht ermöglicht und fördert.
Romagruppe
Die sechs anerkannten Volksgruppen in Österreich
1. Slowenen: in Kärnten und der Steiermark
2. Burgenländische Kroaten: im Burgenland als Volksgruppe anerkannt
3. Ungarn: in Wien seit 1992 und im Burgenland seit 1976 als Volksgruppe
anerkannt
4. Roma und Sinti: in ganz Österreich seit 1993 als Volksgruppe anerkannt
5. Tschechen: in Wien seit 1976 als Volksgruppe anerkannt
6. Slowaken: in Wien seit 1976 als Volksgruppe anerkannt
7. Ethnische Minderheit in Tirol: Jenische, auch Karrner genannt. Sie sind
keine eigene Volksgruppe und entwickelten zum Schutz eine eigene
Sprache. Romed Mungenast, der 2006 verstarb, war ein wichtiger Vertreter
der Jenischen Literatur in Tirol.
Der Artikel 7 des österreichischen Staatsvertrages von 1955
garantiert die formale Anerkennung der Rechte, jedoch sind diese
Minderheitenschutzbestimmungen nur teilweise umgesetzt.
Zu den neuen ethnischen Minderheiten in Österreich zählen MigrantInnen
(vorwiegend aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien u.a.) und
AsylwerberInnen und Flüchtlinge (Iraker, Iraner, Bosnier, Kosovo-Albaner etc).
Ausgewählte Aktivitäten der Initiative Minderheiten seit 2004
106
Im Jänner 2004 trat ich meine Funktion als Geschäftsführerin der Initiative
Minderheiten (IM) in Innsbruck an. Unsere Zielsetzung ist es, Veranstaltungen
– schwerpunktmäßig mit kulturellem Charakter, aber auch mit anderen
Inhalten – integrativ umzusetzen und Möglichkeiten der Begegnung und des
Austausches von „Mehrheiten und Minderheiten“ zu schaffen. Durch die
Mitarbeit in Plattformen und politischen Gremien ist unsere Präsenz in der
Integrationsarbeit gewährleistet. Die Aktivitäten der IM umfassen eine große
Bandbreite. Eine Tradition der IM sind Lesungen mit Autoren der diversen
Minderheiten in Österreich: Romaliteratur mit Ilija Jovanovič (Obmann
des Romano Centro in Wien), Ahmet Cetin Terzioglu (türkischer Dichter in
Vorarlberg), Arin Sharif-Nassab (Buchpräsentation „Über-Lebensgeschichten,
Der Holocaust in Krakau“), Carina Schenkenfelder/Nadja Mösinger/Karin
Doblander (Buchpräsentation „What is scho normal?“, Kurzgeschichten über
Selbstbestimmtheit und Freundschaft zum Thema Menschen mit Behinderung).
Foto: Yeliz Dağdevir
Das Thema MuslimInnen in Tirol hat sich als Jahresschwerpunkt seit 2004
durchgesetzt. „Muslimische Stimmen für den Frieden und gegen Terrorismus“
lautete das Motto einer Friedensveranstaltung, die als Reaktion auf die
politische Instrumentalisierung der Religionen initiiert wurde. November 2004
organisierten wir eine Podiumsdiskussion zu „Schlachten oder Schächten? –
Tierethos fernab von Klischees“ mit muslimischen und jüdischen VertreterInnen.
Feber 2006 fand eine Friedenskundgebung anlässlich des Karikaturenstreits
über den Propheten Muhammed mit dem Motto „ChristInnen und
MuslimInnen laden ein - für Frieden und gegen Gewalt und Provokation“statt.
Mentoring für Imame stellt ein weiteres Projekt der IM dar, welche in
Kooperation mit dem Land Tirol, dem Friede-Institut für Dialog und der ATIB
Moscheegemeinde durchgeführt wird. In diesem Pilotprojekt sollen Imame
zu Themenbereichen des interreligiösen Dialoges geschult werden. Dadurch
soll der Zugang zu den MuslimInnen in Tirol langfristig gewährleistet und deren
Partizipation und soziale Integration besser gefördert werden. Diese Themen
fanden regelmäßig ihren Niederschlag im Integrationskalender des Landes
Tirol.
M
Migration und interkulturelle Programme
Im Rahmen der Buchreihe „Neue österreichische Lyrik“ publizierte Gerald
Kurdoğlu Nitsche gemeinsam mit meiner Wenigkeit „heim.at – Anthologie
türkischer Migration“. Die Autorinnen und Autoren, deren Gedichte in sechs
Sprachen versammelt sind, schreiben über das Leben in der Fremde. Die
Vielfalt der Sprachen (Türkisch, Kurdisch, Aramäisch, Armenisch, Romanes und
Deutsch) ist ein Spiegelbild der Pluralität in der Türkei wie auch in Österreich.
Es fanden mehrere Lesungen in Tirol sowie in Wien statt. Der EU-Beitritt der
Türkei bleibt ein hochaktuelles Thema, dem wir uns mit einem Schwerpunkt im
Juni 2007 im Zuge einer Kultur- und Politikveranstaltung angenähert haben.
Über die Literatur wurden Werte und Schätze der türkischen Kultur vermittelt
und neue Sichtweisen durch KünstlerInnen gewonnen. Es lasen Nedim Gürsel
und Yüksel Pazarkaya. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurden Vor- und
Nachteile eines möglichen Beitritts diskutiert.
Die Musik ist ein grundlegendes und verbindendes Element in jeder Kultur.
Im Rahmen der interkulturellen Konzertabende „Echos der Vielfalt“ wurden
MusikerInnen und Musikgruppen aus der Türkei, Bosnien, Afrika, Ägypten,
Griechenland, Peru etc. vorgestellt.
Afrikanerinnen in Tirol
Unser afrikanischer Mitarbeiter Daniel Ndundua-Dratele hat Ende 2005
den Themenbereich Afrika übernommen. Das Ziel ist es, Möglichkeiten der
Begegnung zwischen AfrikanerInnen und TirolerInnen zu schaffen und beide
Seiten zu sensibilisieren bzw. zu mobilisieren. Der Afrika-Tag im April 2007 war
ein großer Erfolg. Aus dem Afrika-Tag ist ein neuer Verein, die „Initiative zur
gelebten Integration“ (IzgI) ins Leben gerufen worden, der die umfassenden
Zielsetzungen des Afrika-Projekts integriert und weiter konzeptuell entwickeln
bzw. verfolgen wird.
Roma Kultur – Woche in Innsbruck
Die Initiative Minderheiten in Innsbruck, das Caritas Integrationshaus und das
Haus der Begegnung organisierten vom 17.-24. Juni 2006 eine Romawoche
107
M
Migration und interkulturelle Programme
108
in Innsbruck. Die Geschichte der Roma ist eine Geschichte der Verfolgung.
Ruža Nikolić-Lakatos gab als Auftaktveranstaltung ein Konzert in Innsbruck. Die
Roma Ausstellung, welche eine Woche dauerte, ermöglichte einen Einblick
in die Geschichte und Kultur der Roma in Österreich. Eine Podiumsdiskussion
mit Roma VertreterInnen, das internationale Roma Kultur-Festival im
Integrationshaus sowie eine Romalesung von Gitta Martl und Nicole Sevik aus
dem Buch „UNS HAT ES NICHT GEBEN SOLLEN“ waren weitere Höhepunkte
dieser Woche.
Zuletzt hat die IM einen Kulturen- und Anerkennungspreis der Stadt Innsbruck
ins Leben gerufen. Die Stadt Innsbruck bekennt sich mit diesem PREIS DER
KULTUREN zu einem Selbstbild der Vielfalt. Die Erstverleihung soll voraussichtlich
2008 erfolgen.
Christlich-Muslimische Dialoggruppe in Innsbruck (CMD)
Entstehung
Die Dialoggruppe entstand im Dezember 1997. Grundstein war eine
Initiative von Seiten muslimischer Studierender, die an die Fachschaft
Theologie herantraten und diese zu einem Essen im Fastenmonat Ramadan
einluden. Die damals ca. vierköpfige Gruppe beschloss, eine öffentliche
Veranstaltung zum Thema „Die Bibel und der Koran“ an der Theologie zu
organisieren. Diese Veranstaltung, welche auf großen Anklang stieß und die
damaligen Mitglieder in ihrem Vorhaben bestätigte und ermutigte, wurde zur
eigentlichen Geburtsstunde der Dialoggruppe. Die CMD ist der Fachschaft
Theologie angegliedert. Ziel der Initiative war es stets, prioritär den Dialog auf
der Basisebene zu fördern, auch wenn Gespräche und Veranstaltungen mit
FunktionärInnen auf höheren Ebenen erfolgten.
Ziele des interreligiösen Dialogs
Der interkulturelle Austausch stellt die Basis für ein friedliches Zusammenleben
in einer multikulturellen Gesellschaft und auch für den Weltfrieden dar. Er ist
so wichtig wie das tägliche Brot und vermeidet die Bildung von Subkulturen.
Ich bin der Überzeugung, dass jede Kultur von anderen Kulturen lernen
kann. Als Österreicherin, Türkin und Muslimin möchte ich betonen, dass die
Internalisierung der verschiedenen Kulturen sehr wohl möglich und zudem
notwendig ist. Andernfalls werden die zugewanderten Menschen ihre neue
Heimat wohl kaum als solche wahrnehmen können. Um diese Bereicherung
im Leben zu erfahren, müssen in jeder Kultur eigene Wurzeln gepflegt werden.
Denn nur gut verwurzelte Menschen sind im Stande, sich im eigentlichen Sinne
für den interkulturellen und interreligiösen Dialog zu öffnen. Alle Religionen
betonen die Grundwerte wie Nächstenliebe, Toleranz und Frieden. Die
Pluralität in der Welt ist gottgewollt. Die Mitglieder der CMD gewinnen ihre
Motivation zum Dialog aus dem eigenen Glauben und sind bemüht, der
Forderung Gottes gerecht zu werden.
Das Ziel ist es, sich als gleichwertige BürgerInnen mit unterschiedlichen
kulturellen Hintergründen zu begegnen und den Anderen in seinem
Selbstverständnis wahr zu nehmen. Dialog bedeutet, stets beidseitig Vorurteile
abzubauen und Bewusstseinsbildung zu fördern. Wenn es um Religionen
geht, besteht stets die Gefahr, dass diese politisch instrumentalisiert werden.
Die Folge ist die pauschale Verurteilung einer ganzen Gemeinschaft. Daher
besteht unsere Aufgabe darin, Möglichkeiten der Begegnung zu schaffen, um
Vorurteile und Berührungsängste ab zu bauen.
Schwerpunkt ist das sogenannte Schulprojekt. Je ein christliches und
muslimisches Mitglied gestalten eine Doppelstunde in einer Oberstufenklasse.
Das Programm ist sehr vielfältig: Bilder, Musik, Psychologie der Wahrnehmung
des Fremden, Einführung in den Islam bzw. Christentum, praktische Vorführung
von Gebeten und Ritualen mit abschließender Diskussion brennender
Fragen. In diesem Zusammenhang erarbeiteten die muslimischen Mitglieder
auch einen „Islamkoffer“, der vielschichtige Materialien für das praktische
Kennenlernen im Unterricht enthält. ReligionslehrerInnen haben die
Möglichkeit, diesen Materialienkoffer am RPI auszuleihen. Erwähnenswert
sind auch die Dialogreisen, die regelmäßig organisiert werden. Das Ziel
dieser Reisen besteht darin, das Zusammenleben von ChristInnen und
MuslimInnen in anderen Ländern zu erleben und neue Erkenntnisse und
Erfahrungen zu sammeln. Die Dialoggruppe unternahm Reisen nach Istanbul
zur österreichischen St. Georgsgemeinde, wo die Gruppe an der Ostermesse
teilnahm, nach London, Paris und Kairo. Im Rahmen von Moschee-, Kirchenund Klosterführungen erleben Interessierte im konkreten Austausch und
der Teilnahme an religiösen Feiern das Teilen von Gemeinsamkeiten. In
Schulungen von diversen Berufsgruppen wie dem Gesundheitspersonal,
LehrerInnen, KindergärtnerInnen und der Exekutive geben wir Hilfestellungen
und Anregungen im Umgang mit MuslimInnen. Die Präsenz in der
Öffentlichkeit und in den Medien gewährleistet das Erreichen einer breiteren
Zielgruppe.
In Tirol existieren mehrere Initiativen und Einrichtungen, die sich dem
interreligiösen Dialog widmen, so u.a. die interreligiöse Plattform in Hall, das
Caritas Integrationshaus, das Friede – Institut für Dialog, die Friedensglocke in
Telfs, die Ökumenische Kontaktstelle für den interreligiösen Dialog der Diözese.
Die Dialoggruppe hat zuletzt einen Stadtplan von Innsbruck erarbeitet, der
alle religiösen Gemeinschaften und Initiativen sichtbar macht. Zwischen den
Gemeinden in den einzelnen Stadtteilen sollen Brücken der Freundschaft
gebaut und das Miteinander gefördert werden. Der Stadtplan wird Anfang
2008 im Rahmen einer Veranstaltung präsentiert.
Migration und interkulturelle Programme
Aktivitäten der CMD
M
Yeliz Dağdevir
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N
Neue Kulturinitiativen in Tirol
110
Neue Kulturinitiativen in Tirol
Mit Kreativität und Idealismus
In Tirol, vor allem in Innsbruck, haben sich in den letzten Jahren immer
mehr Gruppierungen formiert, die in der freien Szene als Veranstalter
zeitgenössischer Kultur bzw. als Kulturschaffende tätig werden. Diese jungen
Initiativen zeichnen sich häufig durch die Arbeitsweise im Kollektiv und einen
spartenübergreifenden Ansatz aus.
Am Anfang kultureller Tätigkeiten in der freien Szene stehen seit je vor allem
die Begeisterung für das jeweils aktuelle Kulturgeschehen und ein enormer
Idealismus, sich dieses nicht nur als Konsument, sondern auch aktiv – als KulturProduzentIn oder VeranstalterIn – zu erschließen. In diesem Punkt sind sich alle
unabhängigen Kulturinitiativen ähnlich – ganz gleich, ob sie vor 20 Jahren
gegründet wurden oder erst vor wenigen Monaten. Kultur-Arbeit wurde und
wird in solchen Phasen oft als erweitertes persönliches Interesse verstanden,
dem unentgeltlich gefrönt wird. Erst mit zunehmender Professionalisierung,
dichter werdenden Programmen und damit einhergehendem wachsenden
Aufwand entsteht auch der Gedanke, aus der (bis dahin ehrenamtlich
ausgelebten) Berufung einen Beruf zu machen – eine Entwicklung, die sich
anhand des Werdegangs jener Initiativen, die seit mehreren Jahren in der
freien Kulturszene arbeiten, gut nachvollziehen lässt.
Als praktikables Konstrukt erweist sich dabei die Organisation als Verein.
Vor allem junge Initiativen unterscheiden sich aber von anderen
Vereinen dadurch, dass sie traditionelle Strukturen aufbrechen und ihre
Zusammenarbeit und Kommunikation anders gestalten, als es in „klassischen“
Vereinen üblich ist. Die Arbeit wird häufig im Kollektiv durchgeführt, viel
interner Austausch funktioniert über neue Medien, beispielsweise über
Social-Network-Seiten. Ankündigungen nach außen werden ebenfalls
oft unabhängig organisiert: über eigene Email-Verteiler, Flyer, Folder,
Mundpropaganda und andere Netzwerke.
Dies hängt eng damit zusammen, dass viele der neu gegründeten
Gruppierungen in der freien Szene lieber miteinander als nebeneinander her
oder gar gegeneinander arbeiten. Kommunikation und Vernetzung werden
in diesem Zusammenhang als Werte wahrgenommen, die die Qualität der
eigenen Arbeit noch steigern. Gut vernetzte Initiativen wie NLK-Kultur, die
mit vielen anderen Gruppierungen in Kontakt stehen, nehmen deshalb im
Innsbrucker bzw. Tiroler Kulturleben eine zentrale Rolle ein. Sie sind an die
Stelle der – im Übrigen ebenfalls sehr erfolgreichen – IndividualistInnen der
80er- und 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts getreten und versuchen ihre Ziele
mit gegenseitiger Unterstützung zu erreichen. Für diese Haltung steht auch
und vor allem die Plattform mobile Kulturinitiativen – p.m.k, in der rund 30
Vereine gemeinsam dieselben Infrastrukturen nützen. Unter ihrem Dach hat
sehr viel Verschiedenes Platz – wenngleich hier auch angemerkt werden muss,
dass dieses Viele auf sehr engem Raum geschieht.
Der breitere Ansatz, der diese Gruppen strukturell auszeichnet, geht auch
mit einem erweiterten Kulturbegriff einher: Viele der neuen Kulturinitiativen
sind nicht auf eine Kultursparte spezialisiert, sondern setzen sich mit den
unterschiedlichsten Genres auseinander bzw. verknüpfen diese miteinander.
Der Kulturverein Wozu Grenzen?!, der sich u.a. mit Theateraufführungen
N
Neue Kulturinitiativen in Tirol
einen Namen gemacht hat, arbeitet beispielsweise mit der MenschenrechtsZeitschrift „Politischer Heftling“ und der Band Nepomuk zusammen. NLKKultur veranstaltet Konzerte, befasst sich mit Medienkunst und organisiert
Ausstellungen (u.a. im öffentlichen Raum). Die Gruppe arbeitet auch
mit einem Vinylschneider, mit dem Schallplatten – die ja nicht mehr nur
„einfache“ Tonträger, sondern auch Kunstwerke, Arbeitsgeräte für DJs u.a.m.
sind – in kleinen Auflagen hergestellt werden
können. Beim Radikalen Nähkränzchen
erweitert sich der Kulturbegriff in Richtung
feministische Arbeit und geht damit einher,
traditionelles, der (Haus)frauenarbeit zugeordnetes Handwerk umzudeuten: An die
Stelle gestickter, gehäkelter, genähter
Trautes-Heim-Glück-allein-Romantik treten
hier – in denselben Handarbeitstechniken
ausgeführt – zeitgemäße Parolen mit Witz
und (gesellschafts)politischer Relevanz.
Die Vielfalt, der idealistische Einsatz und
der Einfallsreichtum bei der Umsetzung von
Miss handelt – Arbeit des Radikalen
Ideen, durch den sich die jungen Kollektive
Nähkränzchens
Foto: Christine Pavlic
auszeichnen, tragen viel zur Lebendigkeit
der Tiroler Kulturlandschaft bei. Diese Qualitäten ambitionierter Kulturarbeit
dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie fast durchwegs
unter prekären Bedingungen stattfindet. Die Aussichten, als (relativ) junge
Kulturinitiative finanzielle Unterstützung nicht nur für einzelne Projekte, sondern
Jahresförderungen zu bekommen, sind, auch wenn eine Initiative schon auf
eine ganze Reihe geglückter Veranstaltungen verweisen kann, gering. Oft
werden auch bürokratische Hürden beklagt, die die Kulturarbeit erschweren
oder zumindest einen zusätzlichen Arbeitsaufwand bedeuten. Dazu kommt,
dass viele Kulturschaffende bzw. -interessierte spezifische Ausbildungen nur
außerhalb Tirols absolvieren können. All das trägt viel dazu bei, dass die in der
freien Kulturszene tätigen Gruppen oft einer großen Fluktuation ihrer Mitglieder
ausgesetzt sind bzw. ihre Kulturarbeit nicht kontinuierlich fortführen können.
Für ein auch weiterhin inspiriertes Kulturleben in Tirol scheint es deshalb
unumgänglich, gute Rahmenbedingungen auch für die Arbeit der jungen,
innovativen, zeitkulturell orientierten Kollektive zu schaffen.
Esther Pirchner
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Online
Online
Kulturinitiativen und Neue Medien
Kulturinitiativen und „Neue Medien“ spannt einen weiten Bogen auf. Zwischen
Medienkunst auf der einen und Verwendung von Internet, Video und anderer
digitaler Spielereien auf der anderen Seite.
Medienkunst, die Medien wohl als Verkürzung gesehen für die in Wirtschaftsblasen pulsierenden „Neuen Medien“ die ich beibehalte, ist die Kunst, die
sich der Medien bedient. Zumindest des Medienkünstlers alter „Neuer Freund“
Wikipedia erzählt uns dies.
Auch als „Medienkünstler“ tätig in diesem Lande, wollte ich erst den
Cyberspace erkunden, um meine eigenen Eindrücke nicht frei im Raum
hängen zu lassen, sie vielmehr mit ehemals HTML-formatierten Fakten
aufbessern. Begonnen bei www.baettle.net, einer Initiative, die sich zum Ziel
gesetzt hat die Kulturinitiativen in ihren Schaffensbereichen und Vernetzungen
darzustellen.
Doch Inhalt und Sparten präsentiert uns zwar 26 Einträge zu Musik, die Sparte
Medienkunst existiert nicht. Einen einsamen Eintrag unter „Andere“, „Blick im
Winkel“ mit Haupttätigkeit „Videofilmkunst“ dürfte man guten Gewissens zu
Medienkunst kategorisieren. Also höchste Zeit für Kulturpessimismus, der Herbst
ist ja meiner Meinung nach die beste Zeit dafür. Es bleibt exemplarisch zu
erwähnen, dass unsere frisch ausgebildeten Informatiker ein Fach namens
„Informatik in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft“ absolvieren müssen,
das einzige Fach, das den Einzug der Medienkunst in technische Ausbildungen als Mittel der Auseinandersetzung anbieten würde. Doch unterrichtet
wird hier von Theologen, die sich sonst mit gesellschaftsbewegenden Themen
wie Pfarrgemeinderäten auseinandersetzen. Viele weitere Ansätze für den
Pessimismus gäbe es, als kleine Hausaufgabe für kommende Herbstmonate
möge jeder daran selbst weiterarbeiten.
Blicken wir einfach auf eine andere Seite: Auf www.mkt.at (medien.kunst.tirol)
finden wir ein Verzeichnis einer zweistelligen Anzahl von Medienkünstlern aus
Tirol. Wie gesagt aus Tirol, nicht in Tirol. Bei den meisten findet man den Beisatz
„lebt und arbeitet in Wien“. Ich will nicht unterstellen in Tirol wären keine
Medienkünstler übriggeblieben, vor allem sind auch die Wirtschaftsflüchtlinge
nach Wien nicht selten noch immer Bestandteil der Tiroler Szene. Ich kenne
allerdings kaum einen Künstler, der seine Tätigkeit strikt auf eine Stadt
beschränkt. Und hier gibt‘s noch ein bisschen Kulturoptimismus. Weltweit
erfolgreiche Medienkünstler kommen aus Tirol und es gibt sowohl Wege aus
Tirol heraus als auch Wege nach Tirol hinein.
Innsbruck ist keine Weltstadt der Medienkunst, Tirol ist kein Kernland der
Medienkunst, das wird sich wahrscheinlich nicht so schnell ändern. Aber dank
bemühter Kuratoren, Veranstalter und Künstler halte ich es immer noch hier
aus.
112
Blickt man auf der www.baettle.net Seite tiefer, stolpert man plötzlich
ständig über das Wort Medienkunst. Es gibt eine Beschäftigung/
Interessesbeurteilungsskala, die von 0 bis 5 reicht, wobei das Maximum
O
Online
bei 5 angelegt ist. Meine Stichprobenumfrage mit einem Sample von
3 (per Zufallsclick auf den Bildschirm), gab einen Durchschnitt von 4 für
Medienkunst. In den Kategorien Literatur und Musik. Durch eine gewisse
Demokratisierungsbewegung initialisiert durch verfügbarere Technik und
generell erhöhte Medienkompetenz wird die Medienkunst aufgesogen
in die verschiedenen Sparten. Und auch unabhängig vom künstlerisch,
kulturellen Ansatz werden die „Neuen Medien“ zum wichtigen Werkzeug in
der Kulturarbeit. Kaum eine Kulturinitiative ist nicht innerhalb des Internet zu
finden, sei es als Homepage oder eingebunden in ein soziales Onlinenetzwerk.
Die beiden vorher erwähnten Seiten (www.mkt.at / www.baettle.net) sind nur
zwei aus einer Vielzahl an Internetplattformen alleine für den Tiroler Raum. Die
Werkzeuge und Angebote zur Vernetzung sind unzählige, nur Vernetzung kam
noch selten vom Werkzeug alleine.
Neue Medien können die Kulturarbeit sicherlich sowohl inhaltlich um
interessante Facetten bereichern und organisatorisch so manches billiger
oder schneller machen.
Michael Hackl
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P
P wie Prekarisierung
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P wie Prekarisierung
Prekäre Arbeitsverhältnisse sind seit dem Pflichtversicherungsgesetz 1998
für Freiberufler ein Schlagwort in den Medien – weniger ein Stichwort für
politische Parteien. Vorerst bleibt man unter sich. „Unter sich“, das sind die
„Neuen Selbständigen“, wie der Pool der Freiberufler bei der zuständigen SVA
heißt, unabhängig von Berufszugehörigkeiten und Einkommenshöhe. Etwas
mehr als 30.000 Neue Selbstständige sind derzeit offiziell erfaßt, man vermutet
eine Dunkelziffer aus jenen, welche absichtlich die Grenze von 6000 Euro /
Jahr unterschreiten, um nicht abgabenpflichtig zu werden. Von prekären
Arbeitsverhältnissen sind auch Freie Dienstnehmer betroffen, die ebenfalls
zu den so genannten Atypisch-Beschäftigten gehören, allerdings bei der
Gebietskrankenkasse gemeldet sind.
Durch die Einführung der Pflichtversicherungen und die Erfindung der „Neuen
Selbständigen“ sind viele freiberuflich tätigen ÖsterreicherInnen keine U-Boote
mehr, das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass diese Menschen eine
Selbstverantwortung tragen, die im Vergleich zum traditionellen Modell der als
Arbeiter und Angestelle definierten Bevölkerung gar nicht zu übernehmen ist.
Aus der Liste der existenzgefährdenden Bedingungen für Neue Selbstständige
(und Freie Dienstnehmer) sind ausschließlich alle besonders alarmierend und
stehen in Widerspruch zum Wesen des Sozialstaates: kein Kündigungsschutz,
keine Entgeltfortzahlung bei Krankheit, keine Arbeitslosenversicherung, keine
Abfertigung bei Kündigung, geringe Wochengeldpauschale bei Mutterschaft,
kein Mutterschutz, keine Entgeltabsicherung bei Insolvenz des Auftraggebers,
kein Urlaubsanspruch, keinen Arbeitszeitschutz, kein Kollektivvertrag, keine
Standesvertretung. Der 13. und 14. Gehalt sowie die Fortzahlung während
des Urlaubs rücken angesichts dieser Rahmenbedingungen in die Gefilde des
verlorenen Paradieses. Der 20%ige Selbstbehalt, den Neue Selbstständige
bei Inanspruchnahme von medizinischer Versorgung leisten müssen, kann
rasch einen Abstieg in tiefe Armut und Isolierung bedeuten, wenn eine
ernstere, langwierige Krankheit eintritt. Hinzu kommt das Bangen um den
nicht gesicherten „Arbeitsplatz“ und das „standing“. – Dasselbe gilt für Freie
Dienstnehmer, die aber bei der Gebietskrankenkasse keinen Selbstbehalt
leisten müssen.
So weit, so schlecht. Gibt es in dieser Konstellation Besonderheiten die
Kulturarbeit betreffend? Ich meine, ja. Zum einen ist die Kulturarbeit neben
der Sozialarbeit und dem Journalismus ein Segment der Arbeitswelt, in
dem prekäre Arbeitsverhältnisse „normal“ sind. - „Kulturarbeit“ meint
hier nicht den kreativen Anteil der KünstlerInnen, für die andere, nicht
weniger prekäre Umstände gelten, sondern die Vermittlungsarbeit von
Initiativen und Einrichtungen als Bindeglied zwischen den Kreativen und
dem Publikum. – Von dieser Tatsache abgesehen, eröffnet aber auch ein
differenzierter Blick auf den österreichischen Kulturbetrieb interessante
Einblicke und Rückschlüsse: Bis in die 1970er Jahre wurde der Kulturbetrieb
fast zur Gänze von öffentlich-rechtlichen Einrichtungen getragen und
bestimmt. Ab den 1970er Jahren bereicherten alternativen Einrichtungen
privater Initiatoren zunehmend das kulturelle Angebot, eine Entwicklung,
der kulturpolitisch erstmals 1982 Rechnung getragen wurde, indem das
Kulturförderungsgesetz den privatrechtlich-gemeinnützig organisierten
P
P wie Prekarisierung
Initiativen ein eigenes Budget zustand. Länderstellen zogen nach und
förderten die lokale Veranstaltungsstruktur, überarbeitete Vereinsgesetze
begleiteten den formalen Aspekt. Heute, ein Vierteljahrhundert später, sind
die privatrechtlich-gemeinnützigen Betriebe nicht mehr aus dem kulturellen
Leben der Städte und Länder wegzudenken, sie sind selbstverständlicher Teil
des österreichischen Kulturbetriebes, machen das Angebot lebendig, bieten
zahlreiche Alternativen, die von öffentlichen und touristischen Einrichtungen
dankbar angenommen und als der gesellschaftlichen Dynamik förderlich
empfunden werden.
Die Pioniere dieser Entwicklung arbeiteten bereits unter höchst prekären
Umständen, lebten vom Geld des Partners oder vom Erbe oder
anderweitigen Tätigkeiten. Man darf sie heute ruhig ein bisschen als Heroen
und Rebellen glorifizieren. Der Unterschied zu heute besteht im Wesentlichen
aus zwei Aspekten: 1) Was einst neu und innovativ war, ist heute etabliert
und darf mit Recht als Arbeitsstelle gesehen werden, von der man leben
könnte bzw. sollte. 2) Die Sozialromantik eines rebellischen Lebens funktioniert
spätestens dann nicht mehr, wenn atypische Beschäftigungsverhältnisse
eine Gesellschaft auf allen Ebenen und in allen Berufen ereilt und zu
einem Gesamtproblem wird. Dann tritt ein Wettbewerb zu Tage, in dem
jeder um sein eigenes Überleben kämpft, kämpfen muß, und dies unter
den Regeln der freien Marktwirtschaft. – Tatsächlich und paradoxerweise
wird Neue Selbständigkeit an den Maßstäben des wirtschaftsorientierten
Unternehmertums gemessen, während es sich in vielen Fällen um schlecht
verdienende Individuen handelt, die sich mit viel Findigkeit und Engagement
Arbeiten dort suchen und erfinden, wo nicht immer eine ist, oder eben nur
schlecht bezahlte.
In Österreich wurde das Verständnis der „Kulturnation“ bedingt durch seine
Territorialgeschichte, denn besonders von der Kultur versprach man sich jene
Identitätsstiftung, die der Staat als geopolitisches Gefüge mit wenig eigenen
Merkmalen gegenüber den Nachbarstaaten nicht zu bieten vermochte.
Mit dem Aufkommen des Massentourismus rückte die Imagebildung in den
Mittelpunkt der Kulturpolitik, gleichwohl blieb Kultur ein Anliegen des Staates –
wenn Fördergesetze auch mit dem Zusatz der Förderung „nach Maßgabe der
zur Verfügung stehenden Mittel“ nicht tatsächlich einforderbar sind. Die Praxis
kennt verschiedenste Verteilerwege, von der Gießkanne über Gremien, und
summa sumarum erhalten viele Einrichtungen zum Sterben zu viel, zum Leben
zu wenig.
Wer auf der staatlichen Verantwortung für den Kulturbetrieb in seiner Vielfalt
besteht, wird sich früher oder später mit einem Phänomen konfrontieren
müssen: Kulturarbeit wird gerade bei den privatrechtlich-gemeinnützigen
Einrichtungen mit einem äußerst geringen finanziellen Niveau bewertet,
Entlohnung kann z.B. nicht mit allen Förderstellen abgerechnet werden.
Professionalität wird hier schnell mit Spaß verwechselt oder einfach in einem
prekären Ausmaß gering geschätzt, was ein nicht zu unterschätzender Grund
für die Prekarisierung ist. Darf Kultur Hobby für die KonsumentInnen sein, so
doch nicht für jene, die sie anbieten.
Die derzeit boomenden Studiengänge für Kulturmanagement finden ihre
Legitimation in den schwindenden staatlichen Geldern für Kultur, denen
man alternative Finanzierungsmodelle entgegen setzen muß, um die Kultur
lebendig zu halten. Diese Studiengänge bieten zugleich die Möglichkeit
115
P
P wie Prekarisierung
einer Bewußtsseinbildung, zu der es auch gehört, nicht nur den ideellen,
sondern auch den finanziellen Wert von Kulturarbeit zu verteidigen, von
dessen Schwinden inzwischen auch die öffentlich-rechtlichen Betriebe
betroffen sind. Jede Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse führt eine
Prekarisierung der Betriebe und in der Folge der Kulturvermittlung selbst
mit sich. Zu den Schlagworten „Neue Selbstständige“ und „atypische
Beschäftigungsverhältnisse“ reihen sich jene von U-Kultur (Unterhaltungskultur,
wirtschaftlich orientiert) und E-Kultur, welche größtmögliche Handlungsund Entscheidungsfreiheit für sich beanspruchen darf, um das, was Kunst
und Kultur bedeutet sein zu können, nämlich auch und gerade in ihrem
unbequemen Sein als Säule einer Gesellschaft zu fungieren. Nicht alles,
was kein Produkt für die Massen ist, muß deshalb gleich elitär sein, nicht
alles, das keinen finanziellen Erfolg mit sich bringt, ist ein Mißerfolg. Man
wird nicht müde, das zu betonen. – Ebenso wie die Tatsache, dass der
geforderten Professionalisierung von kleinen und mittleren Kulturbetrieben
eine Professionalisierung der staatlichen Förderstrukturen und -vergabe
gegenüberstehen muß. Hand in Hand mit einer Aufwertung der Kulturarbeit,
wie sie ihr auf allen Ebenen gebührt. – Prädikatisierung statt Prekarisierung!
Verena Teissl
116
Im 20. Jahrhundert verlässt die Kunst die für sie vorgesehenen Räume wie
Museen und Galerien ebenso wie das Feld
des Privaten und begibt sich in den
öffentlichen Raum.
Kunst, deren Aktionsfeld in öffentlichen
Räumen liegt, bedingt eine geänderte
Kunstpraxis.
Das Ideal der Autonomie der Kunst wird –
zumindest teilweise – aufgegeben. Kunst
ist hier nicht Atelierkunst, sondern (meist
Kunst im öffentlichen Raum
kuratierte) Auftragskunst für ein bestimmtes
Foto: plattform Kunst im öffentlichen Raum
Projekt.
Diese Kunstpraxis hat ihren Beginn am
Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die
russischen Konstruktivisten stellten 1917
eine Kunst vor, die direkten Einfluss auf
die Lebensumstände der Bevölkerung
nehmen wollte. Futuristen, Dadaisten und
Surrealisten drangen mit ihren Aktionen in
den Stadtraum vor. Nach dem 2. Weltkrieg
Transfair
waren es vor allem die Situationisten,
Foto: plattform Kunst im öffentlichen Raum
Aktionisten und FluxuskünstlerInnen, die im
öffentlichen Raum agierten. In den 70iger und 80iger Jahren des
20. Jahrhunderts verband sich das aus dem Minimalismus kommende
Ortsverständnis mit einem konzeptuellen Vorgehen. Nicht nur die materiellen
und räumlichen Gegebenheiten eines Ortes wurden reflektiert, sondern auch
die gesellschaftspolitischen Bedingungen.
Ab den 90iger Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt sich dieser Ansatz bei
vielen KünstlerInnen, die Themen wie Sexismus, AIDS, Rassismus, Nationalismus,
Globalisierung... im öffentlichen Raum zur Diskussion stellen.
Kunst im öffentlichen (?) Raum
Die plattform kunst~öffentlichkeit (= Andrea Baumann, Christopher Grüner,
Michaela Niederkircher, Robert Pfurtscheller, Christine S. Prantauer, Jeannot
Schwartz) verweist schon im Namen auf ihr Programm. Kunst. Öffentlichkeit.
Kunst im öffentlichen Raum.
Unter öffentlichem Raum versteht man Orte, die der Öffentlichkeit frei
zugänglich sind wie beispielsweise Straßen, Plätze, Parks, Teile der Natur....
Viele als öffentlich wahrgenommene Räume sind nur scheinbar öffentlich.
Dies gilt auch für den medialen öffentlichen Raum, der heute entscheidend
Öffentlichkeit mitbestimmt.
Einkaufszentren, Tiefgaragen, Plätze, Grünanlagen... stehen in privatem
Eigentum und ihre Besitzer bestimmen über deren Nutzung. Der Rückzug
des Staates aus vielen ökonomischen und gesellschaftlichen Bereichen
geht einher mit einer zunehmenden Privatisierung und Kommerzialisierung
öffentlicher Räume. Soziale Heterogenität, Konflikte und Dissenz
sind im Allgemeinen in halböffentlichen und zunehmend auch in öffentlichen
Q
Quergedacht – Kunst im öffentlichen Raum …?
Quergedacht
Kunst im öffentlichen Raum …?
117
Q
Quergedacht – Kunst im öffentlichen Raum …?
118
Räumen unerwünscht. Parallel mit Überwachung und sozialer Ausgrenzung
und diese unterstützend läuft ein Prozess der Ästhetisierung von kommerziell
wichtigen Stadträumen. (Als eine extreme Form dieser Ausgrenzung seien
die sogenannten „Schutzzonen“ – die es auch in Innsbruck gibt - erwähnt,
die bestimmten Personengruppen den Zugang zu Bereichen des öffentlichen
Raumes verwehren.)
Kunst (?) im öffentlichen Raum
Im Wettbewerb der Städte und Regionen untereinander wird Kunst
häufig als eine Möglichkeit gesehen das Image aufzupolieren. Kunst als
Stadtbehübschung und Landschaftsmöblierung ohne subversiven Unterton ist
vielerorts gefragt. Schwieriger hat es eine Kunst, die versucht zu intervenieren,
die gängige ästhetische und politische Konventionen in Frage stellt und
die versucht, darüber in einen Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten. Diese
Kunst kann temporär, medial, soziologisch, prozesshaft...sein und entzieht sich
weitgehend typischer Repräsentationsfunktion und Selbstreferenz. Öffentliche
Kunst kann ein Instrument sein gesellschaftspolitische relevante Themen
zuhinterfragen. Sie kann eine wichtige Funktion einnehmen bei der Herstellung
von Identitäten – neuer und bestehender Stadtteile bzw. Wohngebiete sowie
von unterschiedlichen sozialen Gemeinschaften.
Wesentlich erscheint mir, dass vor politischen Entscheidungen über Kunst
im öffentlichen Raum ein Diskussionsprozess über die beschriebenen
Möglichkeiten und Funktionen von Kunst geführt wird.
plattform kunst~öffentlichkeit ~ geschenkt
Den erwähnten Diskussionsprozess in Innsbruck anzuregen war zunächst der
Impuls für die Gründung der plattform kunst~öffentlichkeit 2001.
Im Jahr 2002 erarbeitete die plattform ein Konzept zur Initiierung, Vergabe und
Finanzierung von Kunstprojekten im öffentlichen Raum. Das Papier, das sich
am „Niederösterreichmodell“ orientiert, wurde von der plattform der Stadt
Innsbruck vorgestellt und blieb ohne Konsequenzen.
Daraufhin begann die plattform das Fehlen jeglicher Strukturen für Kunst im
öffentlichen Raum mir öffentlichen Fragestellungen zu thematisieren.
2003 fanden Frage-Lesungen am Vorplatz der sozial- und
geisteswissenschaftlichen Universität, im Rahmen des Symposiums „vor lauter
berge ...“ auf der Seegrube und bei den Premieretagen statt. Außerdem
stellten wir Fragen zu Kunst und Öffentlichkeit auf Plakatflächen im Stadtraum
Innsbruck zur Diskussion.
Gemäß unserem Ansatz Räume zu erforschen, zu thematisieren, zu diskutieren
und damit zu öffnen und zu öffentlichen Räumen zu machen, realisierte die
plattform 2004/05 ein Recherchekunstprojekt zu Thema Kunst im öffentlichen
Raum am Beispiel eines öffentlichen Bauvorhabens (Neubau Landhaus 2).
Um den Kommunikationsprozess weiterzuführen, organisierte die plattform
2006 gemeinsam mit der Tiroler Künstlerschaft eine Diskussions- und
Veranstaltungsreihe zum Thema Kunst im öffentlichen Raum mit ReferentInnen
aus dem Theoriebereich und VertreterInnen von Künstlergruppen aus
verschiedenen Ländern.
2007 wurde unser Projekt trans~fair beim Wettbewerb Kunst im öffentlichen
Raum des Landes Tirol zur Realisierung ausgewählt. Das Projekt wurde
Anfang Oktober 2007 verwirklicht: eine Schindel des Goldenen Dachls
wird ersetzt durch eine Schindel eines Stadels der Wipptaler Gemeinde
Vals und im Gegenzug ersetzt die Schindel des Goldenen Dachls die
Christine S. Prantauer
Q
Quergedacht – Kunst im öffentlichen Raum …?
fehlende Holzschindel am Valser Stadel. Durch dieses transformatorische
Vorgehen werden Themen wie Stadt und Land, Zentrum und Peripherie,
(touristische) Öffentlichkeit und (touristische) Abgeschiedenheit, Macht
und Repräsentation, Wert und Wertlosigkeit, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit,
Tausch und Symbol…. usw. beleuchtet.
Der oben erwähnte, von der Landesregierung ausgeschriebene Wettbewerb
hat einmal mehr die bestehenden strukturellen Mängel in Bezug auf Kunst im
öffentlichen Raum aufgezeigt. Es fehlt eine Diskussion über aktuelle Formen
von Kunst im öffentlichen Raum, über in- und ausländische Modelle, über
inhaltliche und zeitliche Zielsetzungen, über Finanzierungsmöglichkeiten
genauso wie über Zuständigkeiten und AnsprechpartnerInnen.
Einen Kommunikationsprozess zwischen Kunst und Öffentlichkeit auf
künstlerischer und theoretischer Ebene zu initiieren bleibt Ziel der plattform.
119
R
Rein in den Äther
120
Rein in den Äther
Das Freie Radio Innsbruck FREIRAD 105.9 als Plattform für
Freie Meinungsäußerung und Meinungsvielfalt
Das Freie Radio Innsbruck FREIRAD 105.9 sendet seit fünf
Jahren im Großraum Innsbruck und bietet etwas Einzigartiges, den Offenen Zugang zum Medium Radio.
FREIRAD 105.9 unterstützt die aktive Meinungsäußerungsfreiheit und ist somit Garant für Meinungsvielfalt.
FREIRAD 105.9 erfüllt so als einziges Medium in Tirol den
Auftrag von Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Die Idee all jene zu Wort kommen zu lassen,
Piratinnen
die medial unterrepräsentiert sind, also eine Plattform zu
schaffen, die verschiedensten Gruppen und Einzelpersonen
Sendeflächen für ihre Themen, Inhalte und Anliegen zur
Verfügung stellt, stieß und stößt in der inzwischen fast
20-jährigen Geschichte von FREIRAD 105.9 immer wieder
auf Widerstand. Radio ist auch heute nach wie vor das
Medium, das die meisten Menschen erreicht. Über 80%
der ÖsterreicherInnen geben an, täglich Radio zu hören.
Doch Radio im klassischen Sinn passiert nur in eine Richtung.
Die HörerInnen verharren in einer passiven Rolle. Sie sind
Freies Medium
lediglich KosumentInnen des ihnen Dargebotenen. Auf
diesen Mangel machte Bertolt Brecht schon 1932 in seiner
Radiotheorie aufmerksam als er vorschlug, dass es gelingen
müsse die ZuhörerInnen nicht nur Hören sondern auch
Sprechen zu machen, sie nicht zu isolieren sondern auch
in Beziehung zu setzen. Das ist die Idee eines Freien Radios:
seinen HörerInnen einen Offen Zugang zu Sendeflächen
anzubieten und ihnen damit zu ermöglichen, sich von
KonsumentInnen zu ProduzentInnen zu wandeln. Ein besonderer Schwerpunkt besteht dabei vor allem auf jenen,
Studio Freirad
deren Themen in herkömmlichen Medien – öffentlich rechtlich oder privat – kein Gehör finden. Daher versteht sich FREIRAD 105.9 auch
als der Sender mit der größten Meinungsvielfalt in Tirol. Die Geschichte von
FREIRAD 105.9 ist eine lange und nicht immer leichte. Da 1991 in Österreich
(im Gegensatz zu allen anderen europäischen Ländern) noch immer keine
gesetzlichen Möglichkeiten für nichtstaatliche Radios geschaffen worden
waren, bildeten sich im gesamten Bundesgebiet PiratInnenradios. Zu
diesem Zeitpunkt war in Innsbruck der PiratInnensender „Radio Radiator“
unregelmäßig zu hören. Da das ORF Monopol eine Einschränkung der
Meinungsfreiheit und der Meinungsvielfalt bedeutete, galt es dem etwas
entgegenzusetzen. Bald schon begannen die AktivistInnen mit dem
Versuch, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung im Äther auf eine sinnvolle
gesetzliche Basis zu stellen. Mitglieder von Radio Radiator schlossen sich mit
den AktivistInnen der anderen „PiratInnensender“ in Österreich zusammen
und gründeten die „Pressure Group Freies Radio“. 1993 suchten die Radiator
AktivistInnen organisiert als „Verein FREIRAD“ um eine Regionalradiolizenz an.
Als diese abgelehnt wurde, reichte FREIRAD (ebenso wie andere Freie Radios
Foto: Freirad
Foto: Freirad
Foto: Gerhard Berger
R
Rein in den Äther
in Österreich) eine Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof ein, der Recht
gegeben wurde. 1997 erfolgte eine Novellierung des Regionalradiogesetzes
und FREIRAD reichte ein weiteres Ansuchen um eine Radiolizenz (diesmal eine
Lokalradiolizenz für den Großraum Innsbruck) ein. Anders als in allen anderen
Bundesländern wurden in Tirol sämtliche Lizenzen an rein kommerzielle Radios
vergeben. Nach der Ablehnung des Lizenzantrages auf eine Lokalradiolizenz
für den Raum Innsbruck hat FREIRAD bei der Privatrundfunkbehörde
dringenden Bedarf an einer zusätzlichen Lizenz in Innsbruck angemeldet. Im
Oktober 1999 sendete FREIRAD dann zum ersten Mal. Damals allerdings nur im
Rahmen einer auf zwei Wochen befristeten „Ereignisradiolizenz“. Das Interesse
der ProgrammmacherInnen an diesem Radio war so groß, dass bereits nach
wenigen Tagen fast rund um die Uhr mit Eigenproduktionen gesendet werden
konnte. Etwa 150 Personen gestalteten ein buntes, ansprechendes und
interessantes Programm. Im Jahr 2000 kam die von FREIRAD im Rahmen
der Ereignisradiolizenz „gefundene“ Frequenz 105.9 MHz als weitere
Lokalradiolizenz für Innsbruck zur Ausschreibung. Das Auswahlverfahren
endete im Dezember 2001 mit der Erteilung der Lizenz für zehn Jahre
an FREIRAD. Seit dem hat sich viel getan. Von Jahr zu Jahr nutzen mehr
Personen und Initiativen die Möglichkeiten von FREIRAD 105.9. Im Jahr 2006
liefen auf FREIRAD 105.9 97 verschiedene regelmäßige Sendungen, viele
davon wöchentlich. In den unterschiedlichsten Redaktionen arbeiten an
die 400 RadiomacherInnen ehrenamtlich mit, machen so von ihrem Recht
auf freie Meinungsäußerung Gebrauch und partizipieren am politischen,
gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben. Da Freie Radios die
ersten Kulturinitiativen waren, die MigrantInnen aktiv als ProduzentInnen
eingebunden haben wird heute etwa ein Drittel des Programms mehr- oder
fremdsprachig gestaltet. Auf FREIRAD 105.9 sind zehn Sprachen von türkisch
über chinesisch bis spanisch, vertreten. Österreichweit sind zur Zeit 12 Freie
Radios auf Sendung bei denen über 2500 Personen die Möglichkeit nutzen
auf diesem Weg ihre Themen, Inhalte und Meinungen zu transportieren.
Freie Radios sind besondere Projekte. Die wichtigste Aufgabe ist die
Gewährleistung des „Offenen Zugangs“, d.h. die Aufrechterhaltung eines
24 Stunden 365 Tage im Jahr funktionierenden Betriebs und die ständige
Zusammenarbeit mit den RadiomacherInnen. Das bedeutet eigentlich,
dass einige tausend Kulturveranstaltungen im Jahr abgewickelt werden. Die
Bedingungen unter denen das geschehen muss sind nach wie vor prekär. Was
fehlt ist eine gesicherte Finanzierung, vor allem durch das Land Tirol und die
Stadt Innsbruck, die der demokratiepolitischen Notwendigkeit und Bedeutung
eines Freien Radios gerecht wird.
Markus Schennach
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Sprachboten für LiteraturliebhaberInnen
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Sprachboten für
LiteraturliebhaberInnen
Professionelle Literaturveranstalter in Tirol
Am Beginn engagierter und kontinuierlicher Literaturveranstaltungstätigkeit
in Tirol steht ein Name: Robert Renk. Seit 1994 etablierte er mit Enthusiasmus
das Kulturgasthaus Bierstindl zum Literaturzentrum Tirols. Stand am Beginn die
Präsentation erfolgreicher, österreichischer AutorInnen mit ihren Novitäten,
so erweiterte sich der literarische Horizont sehr rasch: Literaten der Schweiz,
Deutschlands und Polens fanden hier eine Bühne, literarische Texte traten
ins Spannungsfeld der Musik, neue literarische Events wie Poetry Slam,
Literarisches Quartett oder die legendären Entenlesungen wurden erprobt.
Der Erfolg ermutigte wohl auch zwei Veranstalter, die heuer ihr 10-jähriges
Jubiläum feiern, zu ihrem Start: Literaturhaus am Inn und Cognac & Biskotten.
Neben der Präsentation von deutschsprachigen AutorInnen steht das
Literaturhaus in der Tradition wissenschaftlicher Literaturvermittlung.
Ausgewählte LiteraturwissenschaftlerInnen oder AutorInnen stellen die
lesenden AutorInnen vor, Verlagslektoren und Übersetzer präsentieren
ihre Arbeit, Forschungsergebnisse aus dem Brenner-Archiv werden der
Öffentlichkeit präsentiert, in Zusammenarbeit mit den philologischen
Instituten der Universität werden wichtige Vertreter der europäischen Literatur
eingeladen.
Frech, unkonventionell und überraschend präsentiert sich das
Literaturmagazin Cognac & Biskotten auch im 10. Jahr: Nach Schallplatte,
Zettelbox, Tischdecke oder Plastiksackerl ist das Trägermedium der
Jubiläumsnummer die Straßenbahn der Stubaitalbahn-Garnitur mit der Nr. 88,
beklebt mit 33 literarischen Textpassagen.
Das heuer zum 5. mal stattgefundene Internationale Literaturfestival
Sprachsalz, das wieder 20 AutorInnen an drei Tagen in einzigartiger
Umgebung allen Literaturliebhabern präsentierte, zeigte eindrucksvoll, dass
eine konzentrierte Begegnung von Autoren und Lesern begeistert.
Das Festival hat sich hiermit endgültig in Europa etabliert.
Ein Jahr der Jubiläen: Die Innsbrucker Wochenendgespräche fanden heuer
zum 30. mal statt.
Seit fünf Jahren und unter neuer Führung öffnete sich diese
Literaturveranstaltung, die als reine AutorInnen-Begegnung konzipiert war,
dem Publikum. Neben den zwei öffentlichen Lesungen im ORF, interessieren
sich immer mehr Leser für die Diskussionen zum jeweiligen Motto der
Begegnung, die mit ihrem neuen innerstädtischen Veranstaltungsort auch
spontan erreichbar ist.
Die erfolgreichen neuen Literaturveranstalter und die Neupositionierung der
bestehenden führte zu einer Aufbruchstimmung innerhalb des literarischen
Lebens in Tirol am Ende der 1990er Jahre.
Die Gründung der ersten rein literarischen Buchhandlung Tirols im Jahre
2000, die sich als Kommunikations- und Informationsort der Literatur und ihrer
vielfältigen Proponenten versteht, ermöglichte sowohl alteingesessenen
Kulturvereinen (z.B. dem PEN-CLUB Tirol unter neuer Führung oder
dem Turmbund) als auch Vereinen, Galerien und Kulturveranstaltern
Kooperationsmöglichkeiten, die zu verstärkter öffentlicher Rezeption führte.
Auch öffentliche Institutionen nahmen sich in enger Zusammenarbeit mit
S
Sprachboten für LiteraturliebhaberInnen
Literaturveranstaltern und regionalen literarischen Verlagen der Literatur
an. Die Stadt Innsbruck initiierte „Innsbruck liest“ – ein ausgewähltes
literarisches Werk wird an die Bevölkerung verteilt -, die Fachgruppe Buch und
Medienwirtschaft der Wirtschaftskammer veranstaltete heuer anlässlich des
Welttag des Buches zum 5. mal die Tiroler Buchmeile – 19 AutorInnen lesen
in diversen Kaffeehäusern aus ihren Büchern-, die Stadtbücherei lädt in den
neuen Räumlichkeiten regelmäßig zu Lesungen und Kinderveranstaltungen,
das Stadtarchiv profiliert sich als Veranstaltungsort für eigene und fremde
Publikationen. Wichtige literarische Impulse werden auch von vielen
ehrenamtlichen BucharbeiterInnen durch punktuelle Veranstaltungen am
Land und in den Bezirksstädten gesetzt. Beispielhaft ist das Literaturforum
Schwaz, das in Zusammenarbeit mit den Klangspuren jedes Jahr renomierte
europäische AutorInnen einlädt.
Waren die ersten Jahre nach 2000 noch von einem unausgesprochenen
Konkurrenzverhalten innerhalb der literarischen Branche geprägt, so zeigen
die Vernetzungen der letzten Jahre ein erfreuliches Miteinander. Neue
Kooperationen und Vernetzungen ermöglichen Veranstaltungen, die noch vor
fünf Jahren undenkbar schienen. Der PEN-Club präsentiert in Zusammenarbeit
mit der Israelitischen Kultusgemeinde Altbischof Reinhold Stecher bei bücher
wiederin, die Tyrolia lädt in Kooperation mit dem Literaturhaus zu erotischen
Textproben aus dem neuen Roman von Robert Menasse, Antonio Skarmeta
verzaubert die Zuhörer im Landesmusem Ferdinandeum, eingeladen durch
das Internationale Film Festival Innsbruck.
An dieser Stelle soll auch der größte private Literaturveranstalter gewürdigt
werden. Der Innsbrucker Buchhandel veranstaltete in enger Kommunikation
mit Literaturverlagen ca. 60 Lesungen pro Jahr.
Entscheidend für den Erfolg von Literaturveranstaltungen sind die
kostengünstigen, schnellen und tagesaktuellen Kommunikationsformen
mit allen LiteraturliebhaberInnen und redaktionellen Medien. Professionell
gestaltete und gewartete Homepages und E-Mail-Aussendungen gehören
heute zum Standard.
Neue Literaturinszenierungen stehen kurz vor der Präsentation: „Text ohne
Reiter“ stellt sich im Exlkeller des Löwenhauses dem Publikum. Koordinator und
Organisator dieser Veranstaltungsreihe: Robert Renk. Der Doyen unter den
Literaturveranstaltern Tirols kehrt aus Vorarlberg mit neuen Ideen zurück.
Wie dürfen alle gespannt sein.
Thomas Wiederin
123
T
Tanz und Theater in Tirol
Tanz und Theater in Tirol
Die freie Szene – Eine Befindlichkeitsanalyse
Wenn man österreichweit die junge freie zeitgenössische Tanzszene
betrachtend sich von Ost nach West bewegt, ist es wie beim Dame-Brettspiel:
weiße und schwarze Flächen wechseln einander in regelmässigen Abständen
ab, wobei die weißen Flächen tatsächlich dafür stehen, womit man sie
spontan und intuitiv verbindet: für das Unbeschriebene, das Unentdeckte,
die Leere. Von Wien nach Vorarlberg hüpfend (um im Brettspiel-Jargon zu
bleiben) ergibt sich somit folgendes Muster: Wien = schwarz, Niederösterreich
= weiß, OÖ/Salzburg = schwarz, Tirol = weiß, Vorarlberg = schwarz. Soweit das
Ganze auf einen einfachen Nenner gebracht.
Was kann man sich vorstellen unter dem Begriff junge freie Tanzszene,
was sind die möglichen Gründe dafür, dass diese Kunstform in Tirol so
unterrepräsentiert ist und in welcher Form wird zeitgenössischer Tanz in Tirol
überhaupt gezeigt?
Tanz passiert in diesem Lande, ohne Frage. Aber er ist institutionalisiert
und nicht wenig subventioniert. Und er ist dazu ausgerichtet, ein breites
Publikum anzusprechen. Die Qualität der Aufführungen, der TänzerInnen, der
ChoreografInnen ist hier überhaupt nicht in Frage zu stellen. Hier wird mit Profis
gearbeitet, die international etabliert sind. Nur ist es eben Mainstream und
dadurch an manchen Stellen etwas zu gefällig. An diesem Punkt wird meist
mit Publikumswünschen argumentiert. Gezeigt wird, was das Publikum will.
Man könnte den Spieß aber auch umdrehen und sagen: das Publikum nimmt
das, was gezeigt wird. Wenn es nichts anderes gibt, kann auch nichts anderes
gesehen werden.
Und der vieldiskutierte Eventcharakter in der Kultur macht auch vor der
Kunstform Tanz nicht Halt. Was zur Folge hat, dass die Kluft zwischen
KünstlerInnen und Publikum immer größer wird. Die KünstlerInnen werden zu
reinen PerformerInnen, das Publikum zu reinen KonsumentInnen. Wo bleibt da
die Spannung, die zwischen KünstlerInnen und Publikum entstehen soll, nein
MUSS, wo springt der Funke über, der letzten Endes zu einem befriedigenden
Kunsterlebnis führt (und zwar für beide Seiten), wo Kunst und Kultur seine
Wirkung tut: nämlich berühren, faszinieren, bannen, zum Denken anregen.
124
Es wäre vermessen zu behaupten, dass nur die junge freie Tanzszene dazu in
der Lage ist, diesen Kulturanspruch zu befriedigen. Tendenziell aber ist es so,
dass das Publikum bei Aufführungen der freien Szene mehr gefordert ist, auch
mehr involviert ist und den ZuschauerInnen neue Seh- und Tanzerfahrungen
zugemutet werden. Performances zum Beispiel funktionieren ohne
BetrachterInnen nicht. Erst durch die Einbeziehung der ZuschauerInnen geht
die Performance in ihrem Konzept auf. Tanzkultur fordert, vielleicht auch, weil
hier mit dem ureigensten Medium des Menschen – seinem Körper – operiert
wird. In unserer Kultur – die nun alles andere als körperfreundlich ist – ist
der Anspruch an unseren Körper in erster Linie der, dass er möglichst lange
„funktioniert“. Die Sprache des Körpers zu verstehen liegt uns fern. Über den
Körper Kunst zu transformieren, Botschaften zu äußern, gesellschaftliche und
Claudia Moser
T
Tanz und Theater in Tirol
persönliche Prozesse zu übermitteln, ist möglicherweise für viele KulturkonsumentInnen befremdend, zu experimentell und liegt außerhalb ihrer Kulturerwartungen. Vielleicht, weil sie unmittelbarer als in anderen Kunstformen mit
sich selbst konfrontiert werden. Möglicherweise sind das einzelne Gründe,
dass sich diese Kunstform bis dato in Tirol nicht etabliert hat. Neben diesen
inhaltlichen Hürden fehlt bis jetzt auch die strukturelle Basis: frei zugängliche
Proberäume, eine auf Tanz ausgerichtete
Infrastruktur und finanzielle Ressourcen.
Aber es gibt Licht am Tanzhimmel: im
vergangenen Jahr hat erstmals die
Galerie St. Barbara mit 1,2,3 Tanz einen
Schwerpunkt gesetzt und auch das
Französische Kulturinstitut setzt mit ihrer
Reihe „Kleine Formen“ auf die junge
Tanzszene. Und das Kulturgasthaus
Bewegungsmelder
Foto: Lukas Dietrich
Bierstindl möchte mit dem heuer erstmals
stattfindenden Projekt „Tanzzone“ einen
weiteren Schritt setzen, die experimentelle
Tanz- und Performanceszene in Tirol zu
etablieren.
Weniger im Off als die freie Tanzszene
ist die freie Theaterszene in Tirol.
Neben den großen Häusern wie
Landestheater, Kammerspiele,
DolezalFoto: Kulturgasthaus Bierstindl/Michael Carli
den etablierten Einrichtungen wie
Kellertheater, Westbahntheater, Tiroler
Dramatikerfestival, Theater an der Sill
oder Bierstindl in Innsbruck oder den
Tiroler Volksschauspielen Telfs, den
Schlossspielen Rattenberg gibt es einige
kleine, freie Theaterinitiativen, die ohne
fixe Räumlichkeiten und ohne festes
Ensemble arbeiten. Dazu gehören u.a. das
Generationentheater, Theater präsent,
DolezalFoto: Kulturgasthaus Bierstindl/Michael Carli
Theater Melone, Theater ohne Bühne, um
nur einige zu nennen. Das Spannende an
diesen freien Theaterinitiativen ist vor allem,
dass sie sich immer wieder Räume und
Kooperationen suchen, die auf ihre Stücke
und Inhalte zugeschnitten sind. So hat zum
Beispiel Theater präsent das Stück „Kunst“
von Yasmina Reza in Kooperation mit dem
Tiroler Landesmuseum produziert. Dank
Anlage
Foto: Kulturgasthaus Bierstindl
dieser kleinen bis kleinsten Initiativen wird
das Bild der Tiroler Theaterlandschaft sehr
vielfältig, auch wenn der (wirtschaftliche) Erfolg, gemessen am
Arbeitseinsatz oft in keiner Relation zueinander steht. Bedarf an zusätzlicher
Infrastruktur und finanziellen Mitteln gibt es immer. Bleibt die Frage, wieviel
(zeitgenössische) Kultur will/kann sich das moderne Mäzenentum (= Stadtund Landesregierung) leisten?
125
U
Urbanität und Provinz
Urbanität und Provinz
Kulturarbeit im Zentrum der Peripherie
Im Gegensatz zu Kulturinitiativen am Land, die meist einzeln verstreut in den
Regionen agieren, ist in der Stadt eine hohe Dichte an - von öffentlichen
Institutionen unabhängigem - kulturellem Engagement festzustellen, wobei
die Erscheinungsformen der sogenannten freien Kulturinitiativen – abhängig
von inhaltlichen Schwerpunkten und dem Zeitpunkt ihrer Entstehung – äußerst
vielfältig sind:
Unter diesem Begriff werden etablierte soziokulturelle Zentren (wie z.B. das
Bierstindl) grössere Institutionen wie Architekturforum oder die p.m.k ebenso
subsumiert wie kleine Kulturvereine, Arbeitsgemeinschaften, Kollektive aus
der bildenden Kunst, temporäre Netzwerke und freie Medieninitiativen.
Dementsprechend entziehen sich die unterschiedlichen Arbeitsweisen von
Kulturinitiativen einer eindeutigen Definition.
In Innsbruck gibt es eine überaus vielschichtige und lebendige freie
Kulturszene, und bei näherer Betrachtung sind es genau diese Projekte und
Initiativen, die entscheidend zur urbanen Lebensqualität beitragen, ja die
Stadt lebenswert machen.
Gemeinsam gesehen bilden sie das, was man gemeinhin mehr oder weniger
unhinterfragt mit Szene bezeichnet und schaffen damit jenes städtische
Ambiente, das die Stadt Innsbruck für die hier lebenden Menschen, für ihre
Studierenden aber auch für ihre Touristen attraktiv macht.
Fast scheint es so, als würde eine solche Szene für eine Stadt wie Innsbruck
als selbstverständlich vorausgesetzt, weil sie einfach da ist. Dass sich dahinter
aber jede Menge Engagement und professionelle Arbeit verbirgt, wird in der
Öffentlichkeit wenig wahrgenommen.
Die Kulturschaffenden erbringen eine Reihe von gesellschaftlichen
Leistungen die über das blosse vielfältige Angebot von Kulturveranstaltungen
hinausgehen. Als Impulsgeber sind sie Garant für Nachdenkprozesse über
gesellschaftliche Themen und Entwicklungen. Man denke hier z. B. an den
entscheidenden Einfluss der Arbeit des Architekturforums zur Stadtentwicklung
in Innsbruck.
Nicht zu unterschätzen ist bei der Arbeit der freien Kulturschaffenden auch
die soziale Interaktion, Förderung von Kommunikation und der Aspekt der
gesellschaftlichen Integration generell. Wie unverzichtbar gerade jene
Aspekte für das Klima einer Stadt sein können, zeigt sich dort, wo sie fehlen.
Die ausufernden Jugendkrawalle jüngst in Frankreich mögen dafür ein
abschreckendes Beispiel sein.
Was sind darüber hinaus die Potenziale einer lebendigen
städtischen Kulturszene?
126
In Kulturinitiativen ist sehr viel Know how gebündelt: spezifische
organisatorische oder technische Kompetenzen, ein großes Wissen um
aktuelle künstlerische Tendenzen, subkulture und jugendkulturelle Strömungen.
Die Aktiven in den zeitgenössischen Kulturszenen verfügen vielfach über
internationale Kontakte oder sind Teil von überregionalen Netzwerken.
Kulturinitiativen leisten darüberhinaus einen unschätzbaren Beitrag
zur künstlerischen Nachwuchsförderung. Viele der heute etablierten
Künstler und Künstlerinnen fanden ihre ersten Proberäume, Auftritts-
Wo liegen die Probleme?
Was in grossen Städten wie Wien oder Berlin in zahlreichen Galerien,
Institutionen, Clubs und Veranstaltungszentren eine Selbstverständlichkeit ist,
bedarf in vergleichsweise kleineren Städten mit ländlicherem Umfeld ungleich
grösseren Aufwands, Engagements und Professionalität.
Aber gerade dort, wo Zeitgenössisches und die Information darüber nicht
von vornherein leicht verfügbar ist, ist es notwendig, an einer Aktualisierung
stetig zu arbeiten und Interessierten ein Programm mit Niveau auf der Höhe
der Zeit zu garantieren bzw. die Rezeptionsgewohnheiten an dieses Niveau
heranzuführen, um sich nicht dem Vorwurf der Provinzialität aussetzen zu
müssen.
Das ist in ländlicherem Umfeld aber umso schwieriger, als dass man zwar nach
aussen hin vernetzt einer internationalen Szene verpflichtet ist, das Umfeld
aber oft erst überzeugt werden muss. Das gilt für alle Bereiche von Architektur,
Bildender- und Medienkunst über Theater bis hin zu den ausdifferenzierten
Stilen sich ständig neu generierenden Musikrichtungen.
Das Hauptproblem das ich sehe, ist, dass die freie Kulturarbeit, die durchwegs
auf höchstem professionellen Niveau agiert im öffentlichen Bewusstsein noch
immer nicht als wesentliche gesellschaftliche Leistung begriffen wird.
Das mag an dem notorisch unterbewerteten Stellenwert des Zeitgenössischen
insgesamt liegen. Kein Mensch würde je auf die Idee kommen in der
Wirtschaft nicht die neuesten Technologien zu verwenden oder bei der
medizinischen Versorgung auf veraltete Geräte zu setzen. Im Bereich der
Kultur scheint es hingegen nach wie vor so etwas wie ein ungeschriebenes
Gesetz zu sein, unerschütterlich lieber auf Altes zurückzugreifen und
dem Zeitgenössischen gar nicht, ablehnend oder zumindest skeptisch zu
begegnen.
Hier denke ich gilt es aktiv Bewusstsein zu schaffen, die entsprechenden
infrastrukturellen und finanziellen Mittel bereitzustellen, die Kulturschaffenden
aktiv in kulturpolitische Prozesse mit einzubeziehen und sich von der
Vorstellung zu verabschieden, dass Kulturarbeit ein Hobby sei.
U
Urbanität und Provinz
oder Ausstellungsmöglichkeiten in kleinen Kulturinitiativen oder sind dort
erstmals mit bestimmten kulturellen Praxen in Berührung gekommen.
Kulturinitiativen sind aber auch Ausbildungsstätten, wo junge Menschen
professionell organisieren, betriebswirtschaftlich denken und insgesamt
Eigenverantwortung übernehmen lernen.
Ulrike Mair
127
V
Visuelle Medien
Visuelle Medien
In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als das Fernsehen bei den
Kinos zu einem massiven Einbruch der Besucherzahlen führte und viele
Innsbrucker Kinos (Zentral, Nonstop, Koreth, Laurin, Forum) sukzessive schließen
mussten, startete mit dem Otto Preminger Institut (OPI) in Innsbruck die wohl
bedeutendste Tiroler Initiative in Sachen „Visuelle Medien“, aus der im Laufe
der Jahrzehnte wichtige, spannende und renommierte Kino-kulturelle Projekte
und Initiativen hervorgingen, wie etwa Cinematograph, Internationales
Filmfestival (IFFI), Leokino und Open Air Kino im Zeughaus. Aber auch im
ganzen Land entwickelten sich Initiativen, um abseits vom MainstreamKino ausgewählte Streifen aus aller Herren Länder zu zeigen, Kult- und
Independent-Filme (sog. „Indies“, kleine Filme, die mit geringem Geldeinsatz
und hohem kreativen Potential inhaltlich und formal eigenständig eine
ambitionierte Idee umsetzen), oder in Retrospektiven und Personalen große
Filmemacher näher zu bringen.
Das Otto Preminger-Institut (OPI): Verein für audiovisuelle
Mediengestaltung
Im Jänner 1972 eröffnete das ÖH-Filmreferat in Innsbruck (Edvard
Plankensteiner, Reinhard Peters) den „Cinematographischen Salon“,
dessen Protagonisten kurz darauf das „Otto Preminger Institut“ (Verein für
audiovisuelle Mediengestaltung) gründeten. Spielort für Filmklassiker, Kultfilme,
cineastische Raritäten war damals das Olympia-Kino in der Höttinger Au.
Wenig später errichtete das OPI im Tollingerhaus am Marktgraben das
Cinecabinet, ein Clublokal für 16mm-Schmalfilm-Vorführungen und die
(legendären) filmwissenschaftlichen Vorträge von Professor Vagn A. Börge.
Als sich der Spielort Olympia Kino nicht aufrecht erhalten ließ, wurde 1973
am Innrain in Eigenregie ein neues Kleinkino mit 70 Sitzplätzen errichtet:
Der Cinematograph, das erste Innsbrucker Programmkino mit eigenen
Aussendungen zu den gezeigten Filmen. 1980 führte die Aufführung von „Im
Reich der Sinne“ zum Entzug der Lichtspielbewilligung und zur Schließung des
Cinematographs am Innrain (später Cine Royal bis 2001). Am 1. Mai 1981
eröffnete der „neue Cinematograph“ in der Schöpfstraße im Stöckelgebäude
ein Hinterhofkino mit 48 Sitzplätzen, drei Jahre später übersiedelte er in
die Museumstraße 31, wo seit 4. Juni 1984 (auf 85 Sitzplätzen) bis heute
unabhängiges Kulturkino gezeigt wird. 1989 wurde der CinematographFilmverleih gegründet, 1992 das erste international ausgerichtete Filmfestival,
das America Filmfestival, organisiert. 1996 in CineVision umbenannt, firmiert es
ab 1999 unter dem Namen „Internationales Film Festival Innsbruck“ (IFFI).
Kino unter Sternen
1995 veranstaltete das OPI erstmals in Zusammenarbeit mit dem Treibhaus
und dem Zeughaus das „Open Air Kino“ im Innenhof des Zeughauses, das
seither jährlich im Sommer mit ausgewählten Kinohighlights ein Fixpunkt für
Cineasten ist.
Leokino: Filmkulturzentrum in der Anichstraße
128
1997 löste die Betreiberin des Metropol-Multiplexx-Kinos, Ingrid Hueber, den
Pachtvertrag des Leokinos auf und trat an das OPI (Dietmar Zingl) mit dem
Internationales Filmfestival Innsbruck (IFFI)
1992, beim ersten „America Filmfestival“, gab es weder ein eigenes Büro noch
einen Assistenten: Der damalige OPI-Vorsitzende Karl Zieger war Festivalleiter
und Presseattaché, ein Teil der 40 Filme kam aus dem TVE-Fundus (span.
Fernsehen) gratis nach Innsbruck, Otto Licha spielte mit seiner Band im
Rahmenprogramm, die Empfänge fanden in Privatwohnungen statt, eine
Fortsetzung schien unwahrscheinlich. 1995 war das Festival bereits Bestandteil
des „Innsbrucker Sommers“; durch das Leokino und damit die Erweiterung
auf drei Säle entwickelte sich das einstige Mini-Festival ab 1999 zu einem
respektablen Internationalen Festival, das heute mit Viennale und Diagonale
zu den wichtigsten Filmevents Österreichs gehört: „Ich kenne kaum eine
Stadt in Europa von der Größenordnung Innsbrucks, die mit Cinematograph
und Leokino zwei so hervorragend funktionierende Programmkinos
beherbergt. Das Filmfestival ist dann natürlich ein besonderer Höhepunkt im
Jahresprogramm“, würdigt Viennale-Direktor Hans Huch den IFFI-Einsatz. 1999
wurde auch erstmals der von LR Fritz Astl initiierte Preis des Landes Tirol (5000
Euro) gestiftet, der 2007 an den Kongolesen Balufu Bakupa-Kanyinda ging.
Weitere Festival-Auszeichnungen sind der Preis des Französischen Kulturinstituts
Innsbruck, der ray-Filmmagazin-Dokumentarfilmpreis, ein Publikumspreis und
seit 1995 auch der Christian-Berger-Dokumentarfilmpreis. „Cine Tirol“, eine
Initiative des Landes und der Tirol Werbung, die das Festival begleitet und
fördert, zeichnete 2006 den Gründer und Festivaldirektor Helmut Groschup mit
dem Cine Tirol Award aus.
V
Visuelle Medien
Angebot heran, das Kino zu übernehmen. Mit den Mitteln von Stadt, Land
und Bund entstanden ein Zwei-Saal-Kino mit jeweils 202 und 83 Sitzplätzen, ein
geräumiges Foyer, ein Kommunikationsraum, Büroräume und ein Lagerraum.
Am 2. Juni 1999 wurde das neue Leokino zeitgleich mit dem 8. (seitdem so
benannten) „Internationalen Film Festival Innsbruck“ eröffnet und dient seither
mit seinem „Programm der Vielfalt“ der filmkulturellen Erweiterung der Stadt
Innsbruck und des Landes Tirol.
Kulturverein Blick im Winkel
Videodrom „film & lecture“
Zwei Künstler – rein künstlerisch – zu verkuppeln, ist die Idee des Videodroms
„film & lecture“, einer Initiative des Kulturvereines „Blick im Winkel“, den
Verena Teissl 2005 gründete. Die Mitarbeiterin der Viennale Wien bezeichnet
die Innsbrucker Initiative, bei der sie das inzwischen etablierte Medium
„Videofilm“ mit heimischer Literatur verbindet, als ihre Leidenschaft. Zweibis dreimal jährlich präsentiert sie in Zusammenarbeit mit dem ORF Tirol
Kulturhaus und dem Otto Preminger Institut aktuelle Video-Filme, meist aus
dem dokumentarischen Bereich, zu dessen Vertiefung und Erweiterung
Tiroler SchriftstellerInnen einen Originaltext beitragen, der den Film literarisch
reflektiert. Dabei haben die Autoren absolute Gestaltungsfreiheit: Von der
ironisch-kabarettistischen Rede über ein Gedicht mit fiktiven Biographien
bis zu gesellschaftspolitischen textlichen Ergänzungen des Filmes. Das
künstlerische Experiment ging voll auf, „Videodrom film & lecture“ ist ein
Fixtermin für Cineasten.
Bergfilmfestival St. Anton
1995 vom international anerkannten Bergfilmexperten Stefan König ins Leben
gerufen, standen „Berge, Menschen, Abenteuer“ im Jahr 2007 bereits zum
129
V
Visuelle Medien
13. Mal im Mittelpunkt des Bergfilmfestivals St. Anton. Es entwickelte sich mit
den besten Expeditions- und Spielfilmen und Extremsportdokumentationen,
mit Sonderausstellungen und Live-Gesprächen längst zu einem Tiroler KulturHighlight – siehe auch www.kulturhighlights.tirol.at. Das Bergfilmfestival
zeichnet alljährlich auch herausragende Filme aus: mit dem St. Antoner
Spezialpreis, dem Publikumspreis und 2007 erstmals mit zwei „besonderen
Anerkennungen“.
Kino Monoplexx & MUKU
In St. Johann gibt es seit 1997 das Kino Monoplexx, eine Initiative des Vereines
„Musik Kultur St. Johann“ (MUKU). Monoplexx präsentiert im Begegnungsund Veranstaltungsraum „Alte Gerberei“ als Programmkino ein- bis zweimal
im Monat Filme, die nicht unbedingt dem Mainstream entsprechen und mit
Filmästhetiken bekannt machen, die weitab von Hollywood blühen. Dazu
zählen neben Musikfilmen, Retrospektiven und Personalen großer Regisseure
auch fremdsprachige Filme (mit Untertiteln), die in der Alten Gerberei nicht
nur interessierten erwachsenen Cineasten, sondern auch SchülerInnen
- über Schul-Kinogruppen (Cineclub) und teilweise auch in eigenen
Schulveranstaltungen – gezeigt werden.
ARGE Kino & Extra Filmklub Landeck
Im Frühjahr 2003 konstituierte sich in Landeck der Verein ARGE Kino. Ziel
und Aufgabe des Vereines ist die Durchführung kultureller Veranstaltungen
jeglicher Art – Konzerte, Lesungen, Theater, Skurriles, Kabarett und Film im
Alten Kino Landeck. Dazu wurde das in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts
gebaute Kino in ein Veranstaltungszentrum umgewandelt. Der schräge
Boden, die originalen Kinosessel und der tiefrote Filmvorhang hinter der
(jetzigen) Bühne geben dem Alten Kino sein typisches Flair. Das nun
denkmalgeschützte Gebäude ist seit der Renovierung im Sommer 2003 ein
kulturelles Zentrum. Seit rund drei Jahren zeigt der Extra Filmklub Landeck
dort in Zusammenarbeit mit der ARGE Kino einmal monatlich (1. Donnerstag
im Monat) als Programmkino ausgewählte künstlerisch hochwertige Filme,
Retrospektiven und Kultfilme. Zudem organisiert der Extra Filmklub Landeck in
Kooperation mit „Südwind“ und „(Junge) Normale“ im Rahmen der „Global
Education Weeks“ die Filmtage „Globales Lernen“ (mit Filmen über Rassismus,
Kinderarbeit, Junk Food und Billiglohnländer). Jede Filmvorführung wird
inhaltlich und durch Rollenspiele medienpädagogisch aufbereitet.
FLIM - Neue Filmzeitschrift
Im Frühjahr 2006 präsentierten Sabine Lorenz, Erwin Feyersinger und Andreas
Schwitzer ihre erste Zeitschrift für Filmkultur „FLIM“, in der sie ihre Liebe zum Film
„inhaltlich und grafisch“ umsetzen. „Intensiv und hintergründig“ beschäftigen
sie sich halbjährlich mit dem bewegten Bild und richten sich an junge wie
auch etablierte Cineasten, Filmschaffende und Interessierte. FLIM tritt auch
als Veranstalter auf und präsentiert unter anderem regelmäßig im p.m.k. in
Innsbruck am „Filmdienstag“ ausgewählte Filme.
Silvia Albrich
130
Kultur für Kinder
Pippi Langstrumpf hat es uns medial über viele Jahre hinweg als Einzige weit
und breit vorgelebt: Wie aufregend und inspirierend ein Mädchenleben
sein kann, das sich unabhängig von strengen Verhaltensregeln und
Disziplinierungsmaßnahmen entwickeln darf. Außerhalb der Fiktion ist
gesellschaftliche Anpassung für Kinder von Anfang an notwendig, mit
jedem Lebensjahr wird sie größer – und die kreativen Freiräume kleiner.
Einer der wenigen Bereiche, in denen Fantasie und Grenzüberschreitung
nicht nur erlaubt, sondern durchaus gefragt sind, ist die Kunst. Insofern hat
die Auseinandersetzung mit ihr etwas Belebendes, Tröstliches, vielleicht gar
jung Erhaltendes; sie bietet Gestaltungsmöglichkeiten für eine (Gegen)Welt,
„widde widde wie sie uns gefällt“, und sie hilft dem Menschen, sich in der
Gesellschaft zu orientieren und einen konstruktiven Umgang mit Vielfalt zu
erlernen. „Kunst bildet durch die Schärfung und Sensibilisierung der Sinne ein
Differenzierungsvermögen aus, das vielfältige Blicke auf die Wirklichkeit zulässt
(...); neue Zusammenhänge können hergestellt werden, die ‚versteinerten
Verhältnisse werden zum Tanzen gebracht’ (Karl Marx).“1 Diese Einsicht fand
in reformpädagogischen Ansätzen der 1970er Jahre ihren Niederschlag. Aus
jener Zeit stammen auch erste kulturpädagogische Konzepte, die anfangs
primär hochkulturell und im Schulkontext verankert waren, sich über die
Jahre inhaltlich wie didaktisch stark veränderten und – insbesondere ab
den 1990er Jahren – von spezialisierten, häufig auf das Bildungsbürgertum
zugeschnittenen Angeboten zu breiten, schichtenübergreifenden
Kinderprogrammen entwickelten. Maßgeblich dazu beigetragen haben
nicht-kommerzielle, von den persönlichen Erfahrungen und dem Engagement
der BetreiberInnen geprägte Einrichtungen der freien Kulturszene, was
sich auch in Tirol deutlich zeigt. Seit den späten 1980er Jahren bieten
Kulturinitiativen Kinderprogramme an, die mittlerweile von Musik, Theater,
Film über bildende Kunst bis hin zu Architektur reichen.2 Die VeranstalterInnen
sind sich weitgehend einig: Die Arbeit mit Kindern ist eine besonders schöne
Herausforderung, da diese ohne Berührungsängste und Erwartungshaltungen
an die verschiedenen Kunstformen herangehen und keine Hemmungen
haben, sich bei den Veranstaltungen aktiv einzubringen. Sie konsumieren
Kunst nicht einfach, sondern erleben sie – mit allen Sinnen und Emotionen,
spontan und unverstellt.
So ein Theater
Das Haller Kulturlabor Stromboli bietet seit seiner Gründung 1989
Programmpunkte für Kinder an, wobei Theater, Konzerte und Workshops die
Schwerpunkte bilden. Das 1997 gegründete Kindertheater Strombomboli
inszeniert einmal pro Jahr ein Theaterstück, darunter Klassiker wie „Die
dumme Augustine“ oder „Oh wie schön ist Panama“, das mit dem mobilen
Tourneetheater auch außerhalb von Hall aufgeführt wird. Als fixe Reihe
mit eigenem Halbjahresprogramm gibt es das Stromboli-Kinderprogramm
nun seit mehr als fünf Jahren, und mittlerweile wird fast ein Drittel des
Gesamtprogramms ausschließlich für Kinder konzipiert. Ähnlich wird bei
dem Verein Musik Kultur St. Johann, der seit 1994 ein spezielles Programm für
W
Wir machen uns die Welt, widde widde wie sie uns gefällt ...
Wir machen uns die Welt, widde
widde wie sie uns gefällt...
131
W
Wir machen uns die Welt, widde widde wie sie uns gefällt ...
132
Kinder anbietet, der Schwerpunkt neben Konzert- und Filmveranstaltungen
auf Kindertheater gelegt. Darüber hinaus sind Workshops, in denen Kinder
ab 4 Jahren die Möglichkeit erhalten, sich kreativ mit zeitgenössischer
Kunst auseinanderzusetzen, ein wichtiger Bestandteil des Programms: Bei
der dreiwöchigen Kinder-Sommerakademie 2007 „Trampolissimo“ standen
beispielsweise das Basteln von Theaterfiguren, Malen sowie die Inszenierung
eines Stückes auf dem Programm.
Kindertheater ist auch dem Theater
Verband Tirol ein wichtiges Anliegen. Bereits
zum zweiten Mal veranstaltete er heuer
im Innsbrucker Bierstindl ein zweitägiges
Kindertheaterfestival, bei dem Kinder für
Kinder auf der Bühne stehen. Das Festival
richtet sich speziell an 6 bis 12-Jährige und
wurde als Ergänzung zu den seit Jahren
Klangspuren – Erdäpfel setzen
Foto: Klangspuren/Sonja Fabian
für junge Menschen ab 10 stattfindenden
Schultheatertagen ins Leben gerufen.
Für alle Sinne
Auch bei dem Schwazer Festival für
neue Musik Klangspuren, das seit 2004
mit Klangspuren barfuß ein eigenes
Programm für Menschen ab 6 anbietet,
standen bereits interaktives Kindertheater
Klangspuren
Foto: Klangspuren/Sonja Fabian
und musikalisch umgesetzte Märchen
auf dem Spielplan. Hellhörig zu bleiben,
die Wachheit gegenüber den einfachen,
dabei so unendlich komplexen Dingen
zu entwickeln und zu erhalten, das ist ein
erklärtes Ziel des Kinderprogramms. Neben
Kinderkonzerten und einem im Rahmen des
Musikfestivals angebotenen dreitägigen
Kinderfestival finden das ganze Jahre
über „immer wieder montags“ kostenlose
Leokino (Tom Zabel)
Foto: Leokino
Veranstaltungen für Kinder statt. Dabei
kann man Moosbeeren klauben, Wörter
jagen und verketten oder Kräuter suchen
und Tinkturen herstellen. Was das mit Musik
zu tun hat? Viel! Denn zu beobachten und
zu erleben, wie etwas wird, das ist eine
musikalische Betrachtung, heißt es auf der
Homepage der VeranstalterInnen. Und alle
Sinne müssen dafür offen werden, ob beim
Stromboli (Pinocchio)
Foto: Stromboli
Marmelade Einkochen oder beim
Schlagzeug Spielen. Musik für alle Sinne bietet seit 2001 auch das in Pinswang
im Außerfern beheimatete Kulturzentrum Die Villa an. Neben klassischen
Konzerten und Musikferien für Kinder gibt es für die ganz Kleinen den
Musikgarten: Kinder ab eineinhalb Jahren können spielerisch in die Welt
der Musik eintauchen und Rasseln, Klanghölzer oder die eigene Stimme als
Instrumente erproben.
Fremde Welten
1 Monika Meister, Bildet Kunst? in: Der Standard/Album, 20./21.1.2007.
2 In vorliegendem Beitrag kann nur ein kleiner Ausschnitt daraus vorgestellt werden.
Anita Moser
Wir machen uns die Welt, widde widde wie sie uns gefällt ...
Im Zentrum des seit über 20 Jahren in der Kulturarbeit engagierten Vereins
Kultur am Land in Buch bei Jenbach steht die Auseinandersetzung mit
fremden Lebenswelten und Kulturen. Das Kinderprogramm trägt diesem
Anspruch ebenfalls Rechnung. Nicht leicht konsumierbare Veranstaltungen
will man anbieten, sondern kreative Möglichkeiten, sich mit Neuem, nicht
Alltäglichem auseinanderzusetzen. Kinder können aus Alltagsutensilien
Instrumente bauen und diese spielen lernen, Bumerangs bauen, KräuterMärchen-Wanderungen oder musikalische Reisen nach Indien, Afrika und
Südamerika unternehmen. Kindern fremde Länder, Kulturen und Architekturen
– von Asien bis in die Antarktis – zugänglich zu machen, ist auch einer von
mehreren Programmpunkten von aut: kids, dem Kinderprogramm von
aut. architektur und tirol. Im Mittelpunkt des seit zwei Jahren angebotenen
Programms steht die Auseinandersetzung mit Wahrnehmungs- und
Raumerfahrungen. In Workshops und Exkursionen können Kinder
verschiedenste Orte – seien es Baustellen, Hotels oder Luftschlösser – mit allen
Sinnen erkunden, und sie werden ermutigt, eigene Ausdrucksformen für ihre
inneren Bilder und Erfahrungen zu finden.
Im Bereich Kinderfilm ist das 1973 gegründete Innsbrucker Programmkino
Cinematograph/Leokino besonders engagiert. Von Anfang an standen
mehrmals im Monat Kinderfilme auf dem Programm; seit 1999 sind diese
regelmäßig jedes Wochenende, an Feiertagen sowie in den Schulferien
zu sehen und häufig mit Malaktionen oder einem Blick hinter die
Kulissen verbunden. Seit fünf Jahren wird außerdem jeweils am letzten
Novemberwochenende eine Auswahl von Filmen des Internationalen
Kinderfilmfestivals Wien gezeigt. Für ganz junges Publikum gibt es sporadisch
das Bilderbuchkino: Auf die Leinwand projizierte Farbdia-Serien von
Kinderbüchern wie „Hamster Heinz auf Schatzsuche“ werden von ErzählerIn
und MusikerIn stimmungsvoll umgesetzt. Inhaltlich richtet das Leokino den
Fokus auf Kinderfilmklassiker, die in kommerziellen Kinos kaum gezeigt
werden. So ist es nicht verwunderlich, dass sich dort auch Pippi Langstrumpf
regelmäßig sehen lässt – und alle Groß und Klein, tralla lalla lädt sie zu sich ein.
W
133
X
Xenophobie, was ist das?
Xenophobie, was ist das?
Fremdenfeindlichkeit oder FremdenangstICH
ICH
ICH ICH ICH ICH ICH
ICH ICH ICH ICH ICH
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
In Nr. 8, April 1991, von SALT, selbständiges Tiroler BlattICH
für ICH
Kultur
ICHund
ICH ICH ICH
ICH
ICH
ICH
ICHVorteile,
ICH ICH
Gesellschaft, schrieb ich unter der Überschrift: Vorurteile, verurteile,
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
verteile, teile über Xenophobie, und
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
„Sexuelle Wurzeln der Xenophobie“ von
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
Ernest Bornemann, in Nr. 10, 1993, über
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
das Haider´sche Ausländervolksbegehren
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
„Wie der Rechtsstaat zum Rechts-Staat
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
wird“. Rassimus und Sexualität …??? Doch
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
zunächst etwas über SALT (wie: salt
ICH ICH ICH ICH ICH ICH
regiera = selbst regieren): Nachdem das
ICH ICH ICH ICH ICH ACH
Kalligrafie: Personalpronomen.1. Person
„Landecker Gemeindeblatt“, äußerlich
Singular
Gerald Kurdoğlu Nitsche, 2004
bescheidenes Bezirks-Wochen-„Kasblattl“,
im Innern jedoch unter der Redaktion von
Oswald Perktold niveau-, zeit-, gegenwart-,
kritik-, kulturbewusst eines Tages zu unserer
großen Enttäuschung zu Tode verkauft, dh.
bald danach sein Erscheinen eingestellt
worden war, begingen wir den schweren
Verlust wie ein Begräbnis. Dabei fand
sich eine Gruppe um Oswald Perktold
zusammen: Klaus, Max, Florian, Eva Tilzer,
Kalligrafie: Rechtslage
Gerald Kurdoğlu Nitsche, 2004
Anna Zimmermann, Marie Luise Habicher,
Willi Pechtl, Anni Rieder, Stefan Dittrich,
Hans Jäger, Dr. Eberhard Steinacker, Klaus Mathoy, Richard Triendl, Günther
Zechberger, Angelika Zangerl, Helmuth Schönauer, Elsbeth BaumannMelmer, Gottfried Mair, Otto Hochreiter, Helmut Schiestl, Dietmar Füssel …,
die wir entsprechend Ersatz schaffen wollten. „Erscheint unregelmäßig (von
1986 – 1993 zehnmal, dann nicht mehr), nach Reife des Materials, Bedarf
und Dringlichkeit“, steht im Impressum von SALT. Wir arbeiteten bewusst
ohne Subvention und Inserate, dennoch recht aufwändig mit Illustrationen,
Grafik von Klaus Tilzer, Willi Pechtl, Siegbert Haas, Herbert Szusich, Gerhard
Tiefenbrunn, Kassian Erhart, Gustl Schweighofer, Erich Horvath, Armin Zangerle,
Rudi Heller, Hubert Patsch, Nil Ausländer, Peter Penz, Johannes Pfeil, Kathrin
Androschin, Tatjana Tamanini …, Fotografie: Wulf Ligges, Josef Huber,
Wolfgang Alscher, Gert Chesi, Christian Unterhuber, Eve Choung-Fux, Raimund
Pöll, Jean Sauvaget …, sichtlich und sichtbar (Format A3, Seitenanzahl 12 –
24) eine starke Besetzung. Neben Sachtexten gab es hochkarätige Literatur,
Prosa, Lyrik. Die Auflage war klein, bis etwa 400 Stk. und wir versandten in
ganz Österreich. Die Beiträge nahmen sich kein Blatt vor den Mund, Zeitkritik,
Antirassismus, Antiapartheid, Umweltfragen, Friede, Drogen, Suizid … Fragen
der Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung hatten wir uns an
die Druck-Fahnen geheftet, Gleichbehandlung gegenüber von Ausgrenzung
und Benachteiligung Bedrohten, seien es Ausländer-, Asylant-, AfrikanerInnen,
Angehörige von Wenigerheiten, Frauen, Behinderte, Sandler, Protestanten,
Juden, Moslems …, Themen, in Massenmedien selten objektiv behandelt,
dafür wird häufig bösartig gegen Muslime polemisiert. Die „Vorliebe“ der
Medien für Bezeichnungen wie „islamistisch“, „Islamisten“, (mit Klang-,
Kalligrafie: Personalpronomen, 1. Person Singular
RECHTSLAGE
SCHRÄGLAGE
Kalligrafie: Rechtslage
134
Gerald Kurdolu Nitsche , 2004
Gerald Kurdolu Nitsche, 2004
X
Xenophobie, was ist das?
Reimanspielung und Bezugnahme auf Terroristen) oder radikal islamische
XY…, beschimpft 1,3 Milliarden Muslime (20 % der Weltbevölkerung, 4,2% in
Österreich) und setzt sie mit einer zahlenmäßig und prozentuell winzigen, aber
leider nicht verschwindenden Zahl von Verbrechern gleich, wie jüngst und
peinlichst auch ein gewisser oder gewissenloser Jörg von der Haide, auf der er
besser geblieben wäre; das ist neukreuzzüglerisches Vokabular. Es diskriminiert
auf der einen Seite und schürt andererseits Ängste, ist reichlich Wasser auf
allzeit bereite Feindbild-Mühlen, negative Vorurteile. Im Gegenzug müsste
angesichts des US-„Missionierungs“kriegs, Kreuzzugs im Irak und gegen andere
„Schurkenstaaten“, von radikalen Christen, bzw. „Christisten“ in den dortigen
Massenmedien die Rede sein. Negative Vorurteile aber, Verallgemeinerungen
sind schwere Rechenfehler, dumm, schädlich für alle Beteiligten - auch für
einen selbst, man verschließt, schließt aus -und schließlich sich selbst auch.
Fremdenfeindlich, so und somit falsch wird xenophob in meinem 20bändigen
dtv-Lexikon von 1968 und auch im neueren 24bändigen Brockhaus übersetzt
und im Österreichischen Wörterbuch, im Wörterbuch der deutschen Sprache,
Wahrig und Knaur, hingegen stimmt die Erklärung, Fremdes fürchtend,
ablehnend, während es Xenophobie im 12bändigen Herder von 1907 noch
gar nicht gab - oh, du glückliche Zeit!? Xenophobie, Fremdenangst, kann
durch unreflektierte üble Erfahrungen und Pauschalierung zu „Antixenie“,
Fremdenfeindlichkeit, führen; das ist zwar nur eine Wortschöpfung von mir,
aber nicht so realitätsfern. Was mich wirklich irritiert, dass Lexika bei Phobie
nicht zwischen Angst und Feindschaft zu unterscheiden vermögen - es möge
kein Symptom für ein verlagsinternes Stereotyp sein. Anlass zur Hoffnung
besteht aber, dass möglichst viele Menschen diese Nuancen unterscheiden
können. Fremdenangst bei Mensch und Tier, reflexhaftes Schutzverhalten,
ist naturgegeben. Ich habe mich teilweise bereits an ein paar jener LexikaVerlage gewandt, um auf den schweren Fehler hinzuweisen und eine
dringende Korrektur zu verlangen. Es geht für den kleinen und den großen
Frieden darum, Barrieren abzubauen, sich zu respektvoller Begegnung zu
öffnen - sogar von Nächstenliebe könnte hier die Rede sein. Eine meiner
Grundstimmungen ist Xenophilie (wie gern würde ich auch Xenien verfassen),
Neugier, Forscherdrang, begierig etwas Neues, Ungekanntes, Fremdes kennen
zu lernen, weiße Flecken auf irgendwelchen Landkarten suchen, entdecken,
erforschen, mit Farbe und Inhalt füllen. Davon sind auch die meisten meiner
Publikationen geprägt: Glücklich und zu meiner Freude fand ich u.a. auch
durch die „Initiative Minderheiten“ Zugang zu Angehörigen und Sprachen
von Minoritäten, dem Hauptforschungsbereich von EYE, der Jenischen mit
Hilfe von Prof. Romed Mungenast, meiner größten Entdeckung, der Roma und
Sinti, der Slowenen in Kärnten und der Steiermark, der Kroaten und Ungarn
des Burgenlandes, Juden und MigrantInnen. 1990 erschienen bei Haymon
„Österreichische Lyrik – und kein Wort Deutsch“, längst vergriffen. An einer
erweiterten Neuauflage, „Neue österreichische Lyrik – und kein Wort Deutsch“,
wieder bei Haymon, arbeite ich gerade, erweitert um MigrantInnen aus aller
Welt. 1996 gab ich im ÖBV das erste interkulturelle Deutsch-Lesebuch mit 15
Sprachen für so genannte „bunten“ Klassen an Hauptschulen und Gymnasien
heraus. 1993 nahm ich aus Protest gegen Fremdenfeindlichkeit einen
türkischen Namen als „nom de guerre“ an und nenne mich seither Gerald
Kurdoğlu Nitsche. Mein Verlag, EYE, Emirgan Yayınları Editions, Literatur der
Wenigerheiten, hat aus nämlichem Grund (und Gründung 1996 in Istanbul)
einen fast nur türkischen Namen: Damit setze ich den eingeschlagenen Weg
fort. Mein Anliegen als Verleger, Herausgeber ist, mich mit Wenigerheiten, wie
135
X
Xenophobie, was ist das?
jetzt gerade mit den einst oder immer noch Fahrenden, den Jenischen, Roma
und Sinti, „Zigeunern“, den travellers in Irland, den Sami in Nordskandinavien
für die Reihe „Am Herzen Europas“ intensiv auseinanderzusetzen und diese
gefährdeten Sprachen in ihrer Literatur, speziell Lyrik zu dokumentieren
- festhalten wäre wohl zu viel versprochen, erwartet. Inzwischen gibt
es, der Verlagslinie von EYE gemäß, zwei Bücher über Jenische (Romed
Mungenast, Heidi Schleich als Herausgeber), zwei über Roma (Ceija Stojka,
Ilija Jovanovic), zwei zur zeitgenössischen jüdischen Literatur (Armin Eidherr
, Übersetzer, Herausgeber), „Dolomit“, Anthologie der Ladiner in Südtirol,
„Von den Quellen/Da las funtanas“ der Rätoromanen in der Schweiz
und - a propos Xenophobie in der Reihe „Neue österreichische Lyrik“ zwei
MigrantInnen-Anthologien, „heim.at“ aus der Türkei und „Südostwind“ aus
den Balkanländern. Diese vielsprachigen Gedichte-Sammlungen, natürlich
mit deutscher Übersetzung sollen auf den Kulturtransfer, die Bereicherung
hinweisen, die uns durch Multi- bzw. Interkulturalität gegeben ist. Viele der
AutorInnen sind bereits so integriert, dass sie die Übertragung auf Deutsch
selbst schaffen; für einige ist Deutsch sogar zur Sprache ihrer Literatur
geworden, zB. Kundeyt Şurdum. Ein paar Dichter und Dichterinnen - außerhalb
des interkulturellen EYE Programms: Armin Eidherr, Ruth Maria Schanovsky,
Sophie Reyer, Marie Luise Habicher, Christian Partl haben mich mit ihren
Gedichten so begeistert, dass ich sie in die Reihe „Neue österreichische Lyrik“
aufnahm und veröffentlichte, und Janko Messner 3-sprachig (slowenisch,
deutsch, türkisch), auch zwei Romane, einen 2-sprachig, ladinisch, deutsch,
„Briefe ins Nichts/Letres te n fol“ von Rut Bernardi und „Bibliomania“ von Armin
Eidherr.
Weiteres zu EYE: www.brg-landeck.tsn.at/~eye/
Seit fast fünf Jahren ist mein Atelier und Verlagssitz im Karrnerwaldele fallweise
auch Galerie (über 20 Ausstellungen mit bedeutender einheimischer und
internationaler Beteiligung, D, I, Ch. T) und Rahmen für musikalische und
literarische Darbietungen.
Ps.: Kürzlich war ich vom türkisch-islamischen Verein „Friede, Institut für
Dialog“ in Innsbruck zur abrahamitischen Tafel in die alten Ursulinen-Säle
zu einem Iftar-Abendmahl gemeinsam mit (und von ) Moslems, Juden und
Christen eingeladen. Iftar ist das Fastenbrechen im Ramadan, also nach
Sonnenuntergang eines Fasttages; das Tischgebet war aus dem Koran und
aus der Bibel. Schön, fein und ergreifend war dieser Abend. Der interreligiöse
Dialog ist ein wichtiges Anliegen dieses Vereins und beispielgebend, während
etliche unserer lieben Landsleute Assimilation, die stark nach Rassimilation
riecht, fordern und so gegen Integration intrigieren – Integrations-Intrigation
nennt es mein Freund Hannes Weinberger!
Gerald Kurdoğlu Nitsche
136
(S)Y nergien mit politischem Gehalt
Das feministische Bildungs- und Archivprojekt ArchFem in Innsbruck war
und ist in seiner 15-jährigen Geschichte Plattform, Ausgangspunkt und
zeitgeschichtlicher Gedächtnisort für zahlreiche Veranstaltungen und
Initiativen an der Schnittstelle feministischer Kultur/Politik/Aktivismus. Das
ArchFem versteht sich selbst als Ort, der unterschiedlichen feministischen
Stilmitteln, Ausdrucks-, Interventions- und Subversionsformen (Film,
Wissenschaft, Literatur, Aktivismus u.a.) einen Raum der Sichtbarkeit geben
und diese auch immer wieder neu miteinander in Verbindung bringen
möchte. Nicht nur die Koordinatorinnen/Mitarbeiterinnen des ArchFem
sind selbst in ganz unterschiedlichen Bereichen feministischer (Kultur/
Wissenschafts-)Szenen aktiv, auch die Projekte/Veranstaltungen des Vereins
werden immer wieder als Kreativplattformen entworfen, in deren Rahmen
eine Diversität an Beteiligung möglich ist.
Kreativplattform für viele/s zu sein, versuchte das ArchFem auch im
Rahmen eines Kulturprojekts zu Feminismus im öffentlichen Raum, welches
bei der Ausschreibung von TKI open06 eingereicht wurde. Unter dem
Titel „ausgetrickst und eingenommen. eine feministische raum-pflege in 2
arbeitsgängen“ sollte der öffentliche Raum mit unkonventionellen Mitteln
temporär feministisch eingenommen und (geschlechtshierarchische)
Zugangsbeschränkungen zu und die sexistische Prägung von öffentlichen
Räumen ausgetrickst werden. Umgesetzt wurde die Idee der feministischen
Präsenz im öffentlichen Raum einmal durch den Arbeitsgang „Hintergangen,
Vorgehangen“, indem mit feministischen Forderungen bedruckte Vorhänge
als politisches Medium zur öffentlichen Konfrontation mit feministischen
Inhalten kreiert wurden. In einem „2. Arbeitsgang“ entwarfen feministische
Künstlerinnen ironische, irritierende Sujets, welche dann im Frühjahr und Herbst
2006 jeweils zwei Wochen als Großplakate in Innsbruck zu sehen waren.
(S)Y nergien mit politischem Gehalt
Das ArchFem als Kreativplattform für feministische
Kulturarbeit am Beispiel seines TKI open06 Projekts
Y
Die Produktion der Vorhänge als feministisches Partizipationsmoment
Der Prozess der Vorhangproduktion und die vorausgehende Kreation
prägnanter feministischer Botschaften war als partizipativer Prozess
angelegt: Im Jänner 2006 lud das ArchFem zu einem Abend der „kreativen
Textproduktion“, welcher eine interessante Mixtur von Frauen aus ganz
unterschiedlichen Kontexten veranlasste, sich auf einer textuellen Ebene
feministischer Politik zu widmen. Die Möglichkeit, Teil des Produktionsprozesses
dieses „feministischen Kulturguts“ Vorhang zu sein, initiierte an diesem Abend
und auch in weiterer Folge neue und sehr intensive Debatten zur Frage nach
adäquaten, zeitgemäßen Forderungen der Frauenbewegung (in Tirol). Die
Intensivierung dieser wichtigen Auseinandersetzung und der besondere
politische Gehalt der Diskussionen war ein Synergieeffekt, den das ArchFem
in dieser Weise nicht erwartet hatte – ausgelöst durch das gemeinsame
Nachdenken über Vorhangslogans.
Darüber hinaus bot das ArchFem an diesem Abend der „kreativen
Textproduktion“ auch einem weiterten feministischen TKI open06 Projekt
die Möglichkeit sich vorzustellen und unter dem Motto der „produktiven
137
Y
(S)Y nergien mit politischem Gehalt
gemeinsamen Ideenarbeit“ an der Textproduktion mitzuarbeiten und
teilzuhaben: Die Künstlerinnen Angela Zwettler und Carla Knapp präsentierten
ihr Konzept „hellwach“ und konnten sich für ihre kunstpolitischen Intervention
von den Textideen inspirieren lassen.
Möglichkeit der kreativen Beteiligung vieler Frauen bot dann auch das
„kollektive Nähwochenende“ im Februar 2006, an dem sich geübte und nicht
geübte Textilhandwerkerinnen und -künstlerinnen ihren eigenen feministischen
Vorhang gestalten, nähen oder kleben konnten. Das Innsbrucker Frauencafé
„Frauen aus allen Ländern“ wurde zu einer Werkstatt umfunktioniert und
animierte eine Vielzahl von Frauen in einem partizipativen Kontext ein
sichtbares feministisches „Kulturgut“ zu produzieren. Zu sehen waren die
Vorhänge rund um den 8. März an den Fenstern zahlreicher Häuser in
Innsbruck.
Konsumentinnen/Aktivistinnen/Kulturarbeiterinnen
Das Projekt „ausgetrickst und eingenommen“ verstand sich von Anfang
an auch als Plattform, auf welcher ganz unterschiedliche Formen der
feministischen Kulturproduktion stattfinden und Synergien aus der Kooperation
von vornehmlich Konsumentinnen der Frauenprojektszene, Aktivistinnen,
Kulturarbeiterinnen und Künstlerinnen ermöglicht werden sollte. Während die
Vorhangaktion eher Konsumentinnen und Aktivistinnen zur Partizipation einlud,
wurden bei der Produktion der Großplakate (insgesamt vier Sujets) für den
2. Arbeitsgang drei feministische Künstlerinnen beauftragt, jeweils ein Sujet
zu gestalten. In einem gemeinsamen Treffen lernten sich die Künstlerinnen
kennen und besprachen gemeinsam mit dem ArchFem Intention der Plakate
und die politischen Themenbereiche, die abgedeckt werden sollten. Ein
Sujet wurde vom ArchFem selbst entworfen und von der „vereinseigenen“
Künstlerin realisiert.
Am Fest ist Platz für die Ausstellung von …. vielem!
Auch mit dem Fest inklusive Projektpräsentation, das als Abschluss von
„ausgetrickst und eingenommen“ im November 2006 stattfand, folgte
das ArchFem seiner Intention, Ort für viele/s zu sein. Zum einen wurde das
Fest gemeinsam mit dem Autonomen Tiroler Frauenhaus veranstaltet und
zum anderen bot das Fest selbst wiederum Raum für die Präsentation
unterschiedlicher feministischer Kulturprodukte und Interventionsstrategien:
Das Tiroler Frauenhaus feierte seinen 25. Geburtstag und stellte seine Arbeit
vor; das ArchFem präsentierte mittels eines Kurzfilms den Verlauf und die
Ergebnisse von „ausgetrickst und eingenommen“ und die BesucherInnen
konnten die Fotodokumentation der Projekts der Fotografin Monika Zanolin
bewundern; Angela Zwettler und Carla Knapp von „hellwach“ warfen „Teile“
ihrer kunstpolitischen Intervention ins Publikum; ein weiteres feministisches TKI
open06 Projekt – das „Radikale Nähkränzchen“ stellte Teile seiner Arbeit aus;
und die AEP-Frauebibliothek garantierte mit einen Büchertisch literarisches
Auskommen.
Synergien und ihre demokratisierende Substanz
138
Viele Synergien, die im Rahmen des Projekts „ausgetrickst und eingenommen“
entstanden, waren/sind weniger konkret oder materiell greifbar, sondern
vor allem in ihrer besonderen demokratisierenden und politischen Substanz
zu sehen. Denn Austausch und Kooperationen zwischen Projekten, die
an der Schnittstelle Kunst/feministischer Politik/aktivistischer Performance
Christine Klapeer
Y
(S)Y nergien mit politischem Gehalt
verortet sind, setzen nicht nur kreatives Potenzial frei und erhöhen deren
Wirkungskreis und Sichtbarkeit, sondern können auch als Strategie gegen
die Ökonomisierung der Kulturarbeit, Konkurrenz um knappe Ressourcen und
mangelnde Subventionierung feministischer Kultur/Kunst-Projekte gesehen
werden. Synergien, die im Rahmen von partizipativen Kulturinitiativen und
informationsoffenen Netzwerken in der feministischen Kulturszene entstehen,
sind daher auch als kulturpolitische Interventionen zu deuten, unterlaufen
sie doch herkömmliche Verteilungsmechanismen und den Wettbewerb um
Ressourcen. Gleichzeitig unterminieren solche synergetischen Netzwerke
zwischen Frauen auch die gesellschaftliche und herrschaftsfunktionale
Konstruktion von zickiger, zerstrittener „Weiblichkeit“.
139
Z
Zukunft - kuh.zunft.
Zukunft - kuh.zunft
Sabine Wallner im Gespräch mit Hermine Span über
Avantgarde-Mode mit Kuh und Edelweiß
Die Autodidaktin Hermine Span, geb. 1960,
betreibt seit 1986 Atelier und Showroom
GARAGE SPAN in Innsbruck.
Hermine Span ist Mitglied der Tiroler
Künstlerschaft und Trägerin des Kunstpreises
des LandesTirol 2000.
Ausgerechnet die dem trendigen Zeitgeist
unterworfene Mode firmiert unter Zukunft.
Hermine, wie viel Zukunft darf denn deine
Mode haben?
„Goldmantel“ Ferdinandeum 2003
Foto: Günther Kresser
Ich glaub‘, meine Sachen haben grundsätzlich eine längere Lebensdauer. Es steht
keine Jahreszahl drauf, sie sind nicht der
Mode unterworfen. Ich hab selber Sachen,
die sind 15 Jahre alt. Sie sind sehr individuell
und qualitativ verarbeitet. Und manche
Teile wie zum Beispiel meine Lederhosen,
Steppmantel & Tasche
Foto: Wally Witsch
werden zur zweiten Haut, wachsen am
Körper mit. Man gewöhnt sich an diese Art, angezogen zu sein. Ich sprech da
zwar gegen mein Geschäft aber ich repariere und flicke auch Lieblingsteile, in
die man sich so ein“gewohnt“ hat, dass man sie nicht missen möchte.
Hat deine Zunft denn ganz allgemein Zukunft?
Da gibt es ein für und wider. Es müsste in der Konformität, jeder rennt gleich
herum, eigentlich wieder der Trend zu mehr Individualität gehen. Wo immer
du bist, auf der ganzen Welt kriegst du die gleichen Designerlabels. Das
ist schon ziemlich unspannend. Andererseits ist das mit der Zukunft auch
fragwürdig, weil Materialien und Zubehör schon soviel kosten wie ein
fertiges Teil bei einer Modekette. Es gibt auch fast keine Leute mehr, die das
handwerkliche Know How haben.
Überschneiden sich da die Probleme der „Mode“Designerin mit denen
anderer Designer?
140
Die Wertschätzung ist problematisch, da vieles am Markt so billig ist und der
Trend in der Konsumgesellschaft das Wegwerfen ist. Die Leute wissen auch gar
nicht mehr, was etwas wert ist. Dazu kommt, dass viele Menschen sich keine
Zeit nehmen, etwas bewusst auszuwählen. Alles muss schnell gehen. Man lädt
sich mit bekannten Designer-Namen auf, andererseits kannst du heute in BilligKetten Kollektionen von Top-Designern kaufen. Bei meinen Designs muss man
sich Gedanken machen: Über die eigene Persönlichkeit, über das Teil, das
ich entworfen habe. Meine Kundinnen brauchen auch Selbstbewusstsein, sie
werden auf meine Kreationen auf der Straße angesprochen.
Könntest du dir vorstellen, einmal in größeren Serien zu produzieren?
Design und Kunst treten getrennt auf, ist das sinnvoll?
Dem Design geht´s um Form und Funktionalität, der Kunst auch um
den intellektuellen Anspruch. Ich bin so dazwischen. Künstlerin ist meine
Legitimation. Wenn ich im Kunst-Kontext etwas mache, etwa in Galerien mit
anderen KünstlerInnen zusammen oder bei meinen Mode-Performances,
dann ist das etwas anderes als das, was ich für mein Geschäft mache. Dann
wird da zum Beispiel eine eigene Gesamt- Choreografie mit Licht, Sound
– eben eine Performance mit Menschen, die keine perfekten Models sind komponiert.
Zukunft - kuh.zunft
Es wäre schon reizvoll meine Sachen so zu sehen. Andererseits, ich bin wegen
meines Edelweiß schon darauf angesprochen worden: Ein T-Shirt mit Edelweiß
wo drauf steht - Innsbruck, Austria - das mache ich nicht. Mir geht´s nicht um
Werbung, mit geht es um das plakative Symbol. Nur für ein schnelles Geschäft
verheize ich meine Idee nicht.
Z
Diese Doppel-Existenz der Künstlerin und der Designerin kann auch zur Quelle
von Missverständnissen werden!
Für eine Ausstellung in der Stadtturmgalerie hab ich das Innsbrucker
Stadtwappen aus Langhaar-Plüsch gemacht, in dem Jahr, in dem ich auch
eine Kollektion aus diesem Material gestaltet hab’. Das Stadtwappen war Teil
einer Installation. Und das hat dann, weil es vom Bund angekauft wurde, für
politische Turbulenzen auf höchster Ebene gesorgt, weil die keine „Stickerei“
aus Steuergeldern finanzieren wollten.
Als Designerin hast du eine stark konzeptive Ausrichtung im Spiel mit urbaner
Ausstrahlung und regional konnotierten Elementen wie der Kuh, dem Tiroler
Adler oder dem Edelweiß. Nehmen die Kundinnen das auch so wahr?
Ja, schon. Natürlich kommen manchmal auch welche, die meinen, sie
brauchen es zu ihrem Trachten-Outfit. Die meisten sehen es aber als witziges
Statement. Für mich hat´s biografisch auch mit „back to the roots“ zu tun. Ich
bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ich hab das aber weiter getrieben:
Es sind Einzelstücke, die mit mir in Verbindung gebracht werden.
Wenn du eine neue Kollektion präsentierst, wo wirst du rezipiert: Auf der
Adabeiseite, der Kultur- oder der Design/Lifestyle-Seite?
Man wird immer mehr in die Adabei-Schiene gedrängt. Darüber ärgere ich
mich oft und frag’ mich, wieso ich mir das überhaupt antue. Andererseits
kann ich das auch nicht ablehnen, weil ich ja sonst keine Werbung mache.
Ich bin auch enttäuscht, wir machen das sehr professionell mit guten Fotos.
Ich möchte in der Zeitung eigentlich lieber meine Models als mich sehen.
Aber heute ist das sehr boulevardisiert, früher war mehr Platz für Kultur.
Zurück zur Zukunft: Du spielst mit traditionellen Stoffen, traditionellen Motiven,
in der Tradition der Manufaktur. In welcher Tradition siehst du dich selber?
141
Z
In der der 80er (des 20. Jahrhunderts), wie ich begonnen hab: Punkig, neu,
experimentell.
Zukunft - kuh.zunft
Lässt sich das weiter drehen?
Ich weiß nicht genau, wo es hin geht, Ich mach das fast 22 Jahre. Mir geht es
da nicht anders als vielleicht einem Architekten – ein Design, das ich mache,
muss in erster Linie mir gefallen. Da ist eine potenzielle Kundin auch in einer
schwierigen Position. Die kommt in die GARAGE SPAN in den Showroom und
sieht meine Kreationen so ungefähr nach dem Motto „entweder es gefällt
oder es gefällt nicht“. Mir ist auch wichtig, in den Arbeitsprozess eingreifen zu
können, damit die Teile nicht zu schneidermäßig, zu „gebacken“ aussehen.
Solange ich aber Spaß daran habe und mich in der Auseinandersetzung mit
meinen Trägerinnen auch weiter entwickeln kann, wird es weiter gehen. Es
war und es bleibt aber eine Gratwanderung, einen Beruf zu wählen, der so
mit meiner Person verknüpft ist.
Sabine Wallner
142
Zu den Autorinnen und Autoren
Zu den Autorinnen und Autoren:
Silvia Albrich
freie Autorin und Journalistin in Innsbruck; publiziert seit 1992 Porträts, Features, Dokumentationen, Reportagen, Kritiken und
Glossen für Tages- und Wochenzeitungen, Illustrierte, Fachzeitschriften und die Kulturberichte Tirol
Yeliz Dağdevir
geb. 1976 in der Türkei; seit 1978 in Österreich; Psychologin i.A.; Geschäftsführerin der Initiative Minderheiten Tirol;
Vorsitzende der Christlich-Muslimischen Dialoggruppe; Berufs- und Bildungsberaterin, Krisenintervention ÖRK
Dr. phil. Andreas Felber
geb. 1971 in Salzburg; Studium der Musikwissenschaft und Geschichte bzw. Politikwissenschaft in Salzburg und Wien; freie
musikjournalistische Tätigkeit mit den Arbeitsschwerpunkten Jazz, ethnische, elektronische und zeitgenössische Musik u. a.
für die Tageszeitung „Der Standard“ sowie Fachmagazine in Österreich und Deutschland; Moderation und Gestaltung der
Ö1-Radiosendungen „Jazznacht“ „Jazztime“ und „Spielräume“; seit Herbst 2003 Lehraufträge am Institut für Popularmusik
der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien; Buchpublikation: „Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde – Revolution im
Hinterzimmer“ (Wien-Köln-Weimar, 2005); lebt in Wien
Gabriele Gerbasits
Kulturmanagerin; seit 1996 Geschäftsführerin der IG Kultur Österreich; 1982 bis 1995 Beamtin im Bundesministerium für
Unterricht und Kunst
Dr. Beate Großegger
wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung – jugendkultur.at in Wien und Projektleiterin des TKIForschungsworkshops „JugendKULTURarbeit und kulturelle Partizipation – Grundlagen für eine zielgruppenorientierte
Angebotspolitik“, der im April 2006 in St. Johann in Tirol durchgeführt wurde
Michael Hackl
geb. 1978; seit 2001 als Medienkünstler tätig; 2002 Gründung des Künstlerkollektivs plankton Labs; Plankton sieht sich
als Freiraum für verschiedeneste medienkünstlerische Experimente ohne Hinblick auf Mehrwert und Profitmaximierung,
als Dutyfreezone des Gedankenaustausches und Designfabrik von audiovisuellen Zeitmaschinen, deren ausdrücklich
prothetischer Charakter nur im performativen Gebrauch neue Orte der Echtzeit generiert und diese in elektroästhetische
Rhythmen substrukturiert
Michael Haupt
geb. 1972 in Innsbruck; Obmann des Vereins für Kultur Inzing, Vorstandsmitglied der TKI – IG Kultur Tirol, Vorstandsmitglied des
Theatervereins Inzing, Schauspieler, Regisseur, Fotograf, Musiker
Mag.a Martina (Marty) Huber
Dramaturgin, Performancetheoretikerin und queere Aktivistin; Studium der Theaterwissenschaft und Publizistik u.
Kommunikationswissenschaft in Wien; ihr Interesse an den Zusammenhängen zwischen Performance und Politik mündet
des öfteren in klandestinen, nomadischen Interventionen im öffentlichen Raum; neben den praktischen Konsequenzen aus
der Gender und Queer Theorie setzt sie sich gerne Interventionen von Seiten migrantischer Kontexte aus; seit Oktober 2005
Sprecherin der IG Kultur Österreich und Tätigkeiten im Bereich Öffentlichkeits- und Pressearbeit
Barbara Hundegger
geb. 1963 in Hall in Tirol; einige Jahre Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Innsbruck und
Wien; lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Innsbruck (Großes Tiroler Literaturstipendium, Christine-Lavant-Lyrikpreis,
Österreichisches Staatsstipendium für Literatur, Reinhard-Priessnitz-Preis u.a.); Kolumnistin der „spuren – zeitung für
gegenwärtige“ der Klangspuren Schwaz; Regionaldelegierte der Grazer Autoren/AutorinnenVersammlung Tirol, Mitglied
der IG AutorInnen
Mag.a. Christine Klapeer
Politikwissenschafterin, forscht und lehrt im Bereich Gender/Queer Studies und Staats- und Demokratietheorien; als
Aktivistin und Projektkoordinatorin in der feministischen Bildungs- und Kulturarbeit sowie Bewegungspolitik verortet; u.a. im
Koordinationskollektiv des „ArchFem-Interdisziplinäres Archiv für feministische Dokumentation“ in Innsbruck und des „Rosa
Lila Tipp“ in Wien
Dr. Verena Konrad
Kunsthistorikerin; lebt in Innsbruck
Franz Kornberger
geb. 1958; selbständig als Projektbegleiter und Consulter für Gemeinden und NGO´s; 1996 - 2001 Fachbeiratsvorsitzender
für regionale Kulturentwicklung im OÖ; Landeskulturbeirat, 1985 – 2003 Kulturreferent der Marktgemeinde Ebensee (OÖ),
seither dort Wirtschafts- und Finanzreferent
Veronika Leiner
Studium der Germanistik und Hispanistik; ehem. Geschäftsführung Radio FRO und Koordination Verband Freier Radios
Österreich (VFRÖ); ist nach wie vor in verschiedenen Freien Medieninitiativen aktiv; hauptberuflich dzt. Journalistin im
Bereich Buch/Verlagswesen
Mag.a Ulrike Mair
geb. 1962; Studium der Romanistik und Germanistik, abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften und
Exportwirtschaft; nach einschlägiger juristischer Tätigkeit seit 1992 ausschliesslich im Bereich aktueller Gegenwartskunst
insbesondere Medienkunst tätig; u.a.: Verein [email protected]: Projekte, Symposien und Forschungsauftrag zu einer „Kunst im
elektronischen Raum“; Aufbau und langjährige Leiterin der Kunsthalle Tirol - internationale Grossaustellungen: „Zeitgleich“,
„Am Anfang war“, „Hall2O“; Kuratorin zahlreicher Ausstellungen im In- und Ausland; seit 2001 Mitbegründung und
Konzeption der p.m.k in Innsbruck; Mitgründerin der baettlegroup for art; zahlreiche Vorträge und Publikationen im Bereich
aktueller Gegenwartskunst; monatliche Kolumnen zu kulturpolitischen Themen; dzt. Geschäftsführerin der p.m.k.
Mag. a Christina Matuella
geb.1966; lebt in Innsbruck und arbeitet im Bereich Clownerie, Theater und Moderation
(Clowntrio TRIS, Rote Nasen Clowndoctors, „Walli und Rützi“)
Werner Moebius
geb. in Innsbruck; lebt und arbeitet in Wien und Grossbritannien; 1990 Mitinitiator des Künstlerprojekts „Workstation“ in
Innsbruck; arbeitet international im grenzüberschreitenden Feld von Sonic Art und Audio Culture zwischen Musik und
bildender Kunst; Förderungspreis der Stadt Wien 2003, Preis der Anni und Heinrich Sußmann Stiftung 2005 und dem BKA
Chicago Atelierstipendium 2005
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Mag.a Anita Moser
Studium der Komparatistik und Romanistik in Innsbruck und Bilbao; Kulturmanagementausbildung; Lehrtätigkeit in der
Erwachsenenbildung und an der Universität Innsbruck; Publikationen zu Tiroler Literatur- und Kulturgeschichte; langjährige
Tätigkeit in Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Kulturvermittlung bei den Klangspuren Schwaz
Claudia Moser
geb. 1970 in Lienz; Studium Kunstgeschichte und Projektmanagement Universität Wien; Mitarbeit in diversen Projekten
(„Denk-mal weiblich“;’Wien; Flash Art International; Mailand, Ars Electronica; Linz, Festival RomaEuropa; Rom); 2001-2004
Assistenz Kunstraum Innsbruck; seit 2006 Geschäftsführerin Kulturgasthaus Bierstindl
Julia Mumelter
geb. 1977; Italienischstudium an den Universitäten Innsbruck und Wien; während des Studiums Mitarbeit im Kulturlabor
Stromboli in Hall in Tirol; seit 2002 Geschäftsführerin des Kulturlabor Stromboli; seit 2005 im Vorstand der TKI
Gerald Kurdoğlu Nitsche
Maler, Zeichner, Schreiber, Verleger, „Beistrichfuchs“; geb. 1941 in Wien; Studium in Innsbruck, Wien, Leiden, an den
Akademien für bildende Künste Wien, Den Haag, Koninglijke Academie van beeldenden Kunsten; Lehrer in Landeck,
Imst, St. Georgs-Kolleg Istanbul, PädAk. Zams; Lehrauftrag an der Universität Innsbruck; Mitglied des „Brenner-Forums“, der
„Initiative Minderheiten“; Mitarbeit an zahlreichen Zeitschriften (u.a. Fenster, Thurntaler); 1976 Gründung der GYM-Galerie,
Landeck; 1993 Namensänderung: Kurdoğlu, Protest gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus; zahlreiche Ausstellungen
und Aktionen im In- und Ausland; Auszeichnungen und Preise (u.a. 2005 Tiroler Friedenspreis für Dialog, 2006 Landecker
Kulturpreis)
Mag.a Martina Oberprantacher
in Bozen geboren; Studium der Kunstgeschichte in Innsbruck und Berlin; arbeitet nun als freie Mitarbeiterin MUSEION
– Museum für moderne und zeitgenössische Kunst – und im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen und ist im
Organisationskomitee der „metro“, Präsentationsplattform für junge Kulturschaffende in Südtirol der ar/ge kunst, Galerie
Museum
Radostina Patulova
Kulturarbeiterin, Autorin, Mitglied der Redaktion der Zeitschrift „Kulturrisse“; Mitherausgeberin mit Vina Yun und Sylvia Köchl
von „fields of TRANSFER. MigrantInnen in der Kulturarbeit“
Zu den Autorinnen und Autoren
Mag. phil. Günther Moschig
geb. 1961; Kunsthistoriker, Ausstellungskurator; 1999 Gründung des Kulturvereins SPUR. in Wörgl; von 2000 – 2004
Vorstandsmitglied der TKI; seit 2004 Mitarbeit Büro Rath & Winkler, Projekte für Museum und Bildung, Innsbruck
Mag.a Gudrun Pechtl
Magistra der Sprach- und Kulturwissenschaft; ausgebildete Buchhändlerin; seit vielen Jahren in unterschiedlichen Kunst- und
Kulturprojekten engagiert; dzt. hauptamtlich in der Geschäftsführung der TKI tätig
Esther Pirchner
geb. 1967 in Innsbruck; seit 1990 freiberuflich als Journalistin v.a. im Bereich Kultur mit den Schwerpunkten Musik, Literatur
u. Theater tätig; Lektorin u. Autorin von Programmheften; 2006/07 Durchführung der Kulturstudie baettle research zur
Innsbrucker Kulturszene im Auftrag der bættlegroup for art, seit 2007 Koordinatorin der bættlegroup for at
christine s. prantauer
geb. in zams / tirol; akademie der bildenden künste, wien / diplom für malerei; hochschule für angewandte kunst, wien
/ medienklasse; ausstellungen und ausstellungsbeteiligungen und projekte im öffentlichen raum; mitglied der plattform
kunst~öffentlichkeit (andrea baumann, christopher grüner, michaela niederkircher, robert pfurtscheller, christine s.
prantauer, jeannot schwartz); gegründet 2001, projekte im öffentlichen raum, veranstaltungen, rauminstallationen
Gerhard Prantl
geb. 1946; 10 Jahre öffentlicher Dienst; 18 Jahre Privatwirtschaft; 1990 bis 2006 Pro Vita Alpina; Gründungsmitglied der Tiroler
Kulturinitiative und der IG Kultur Österreich; Lehrauftrag an der Universität Innsbruck (Institut für Erziehungswissenschaften);
Mitherausgeber der Pro Vita Alpina Informationen, des Amtsblattes aus dem Freistaat Burgstein und der Publikationen:
Mut zur Phantasie – Kulturarbeit mit Kindern; DenkART – Plakatkunst im öffentlichen Raum; spuren nach andersland –
Vergangene und gegenwärtige künstlerische Grenzüberschreitungen / Filmdokumentation
Dr. Wolfgang Praxmarer
geb. 1949 in Innsbruck; Studium in der Heimatstadt (Musikpädagogik, Germanistik); Unterrichtstätigkeit an einem
Innsbrucker Gymnasium; seit 1991 Leiter der Abteilung für Ernste Musik im ORF-Landesstudio Tirol
Markus Schennach
geb. 1967; lebt und arbeitet in Innsbruck
Mag.a Helene Schnitzer
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Innsbruck; Postgraduate-Lehrgang Ausbildung zur Kuratorin im Museums- und
Ausstellungswesen am Institut für Kulturwissenschaft in Wien; freie Kunst- und Kulturvermittlerin; seit 2000 Geschäftsführerin
der TKI
Hannes Schlosser
Journalist und Fotograf in Innsbruck und arbeitet u.a. für die Tageszeitung „Der Standard“
Mag.a Dr. phil. Verena Teissl
geb. 1965 in Innsbruck; promovierte Literaturwissenschaftlerin; seit 1992 freie Filmjournalistin und Veranstalterin; 1992-2002
Mitaufbau des Internationalen Film Festival Innsbruck; seit 2002 Mitarbeiterin der Viennale; 2005 Gründung der
Veranstaltungsreihe „Videodrom film & lecture“ (ORF Tirol Kulturhaus); seit 2007 externe Lektorin für Kulturmanagement an
der FH Kufstein
Jens Tönnemann
seit 2001 Wäscherei P-Mit-Entwickler; Psychiater (ab Oktober 2007 mit eigener Ordination in Wattens)
Sabine Wallner
geb. 1955 in Wels; Studium der Politik und Publizistik in Salzburg; Redakteurin und Moderatorin des ORF Tirol – früher Kultur,
jetzt Flächenprogramm
Mag. Thomas Wiederin
geb. 1963; Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Germanistik in Innsbruck; seit 20 Jahren Buchhändler;
Gründung der ersten Literaturbuchhandlung Tirols 2000; Jungunternehmerpreis der Wirtschaftskammer Tirol 2005
145
Kontaktadressen
Kontaktadressen
Aktion für eine Welt
Oberhofen 2
6380 St. Johann i.T.
T 05352.64553, 0699.11766655
F 05352/61890
[email protected]
Cognac & Biskotten - IG KUKUK
Dürerstraße 1
6020 Innsbruck
T 0650.50 7 50 50, F 05273.6527
[email protected]
www.cobi.at
ARGE Kino
Urichstraße 13
6500 Landeck
T 0664.4520680
[email protected]
www.altes-kino.at
Con:Verse_Music_Culture_Events
T 0676.7209699
[email protected]
www.hand2hand.at
Arlberger Kulturtage
Alte Arlbergstraße 7
6580 St. Anton/Arlberg
T 05446.2276, 0664.4015595
F 05446.3758
arlberger.kulturtag[email protected]
www.peppispiss.at/akt.htm
ARTirol. Kunstverein
J. Prantauer Straße 23b/6
6300 Wörgl
T 0676.6055748
[email protected]
www.artirol.at
Atelier Bucher
Martinsplatz 4
6632 Ehrwald
T u. F 05673.2917
Aut.Architektur und Tirol
Lois Welzenbacherplatz 1
6020 Innsbruck
T 0512.571567
[email protected]
www.aut.cc
AUT.ARK
Zollstraße 7/15
6020 Innsbruck
T 0699.10281440
[email protected]
www.autark.de.vu
www.alienexplorer.tk
choke media empire
Tiergartenstraße 61/14
6020 Innsbruck
T 0676.3515704
[email protected]
www.catbull.com/choke
Cinematograph / Leo Kino
(Otto Preminger Institut)
Innrain 37a
6020 Innsbruck
T 0512.560470
F 0512.581762
[email protected]
www.leokino.at
Club Famingo
Glasmalereistraße 2
6020 Innsbruck
T 0699.10480162
[email protected]
www.ugurkeite.com
146
COSMO - Verein zur Förderung alternativer
Musikformen
Schießstandgasse 4
6380 St. Johann in Tirol
T 0660.7669103
[email protected]
cunst & co
Tschamlerstraße 3/1
6020 Innsbruck
T 0512.563468
[email protected]
www.cunst.net
DDCrew - Dirty Dancing Crew
Schillerstraße 17
6020 Innsbruck
[email protected]
www.myspace.com/ddcrew
www.free.pages.at/ddcrew
Der Rosengarten wird überschätzt (Südtirol)
T 0039.340.9900087
[email protected]
www.rosengarten-artspace.com
Die Bühne Innsbruck
Reichenauerstraße 46/1
6020 Innsbruck
T 0676.6044975
[email protected]
www.buehne-innsbruck.com
Die Igler Art
Igler Straße 54
6080 Igls
T 0512.377616
[email protected]
www.igler-art.at
Die Villa
Unterpinswang 29
6600 Pinswang
T 05677.20061
F 05677.20051
[email protected]
www.dievilla.info
DJS aus Mitleid
6020 Innsbruck
T 0512.397189
[email protected]
DJs Kaffee und Kuchen
Höttingergasse 12c
6020 Innsbruck
0650.5523990
[email protected]
www.dkk.at
Firefly Concerts
Glasmalereistraße 2
6020 Innsbruck
[email protected]
www.firefly.hoeha.com
FLIM - Verein zur Förderung der Filmkultur
Holzhammerstraße 13/4
6020 Innsbruck
T 0650.4556677
[email protected]
www.flim.at
Frauen aus allen Ländern
Schöpfstraße 4
6020 Innsbruck
T u. F 0512 .564778
[email protected]
www.frauenausallenländern.org/wb
FREIRAD - Freies Radio Innsbruck
Höttingergasse 31
6020 Innsbruck
T 0512.560291
F 0512.560922
[email protected]
www.freirad.at
freiraum-jenbach
Achenseestraße 59
6200 Jenbach
T 05244.65436-14, 0699.11454207
F 05244.65436-6
[email protected]
www.freiraum-jenbach.at
Freunde zeitgenössischer Kunst Kramsach
Achenrain 17
6233 Kramsach
T u. F 05337.65656
[email protected]
Full Contact
6020 Innsbruck
[email protected]
www.fullcontact.at
Galerie St. Barbara
Schmiedgasse 5
6060 Hall i.T.
T 05223.53808
F 05223.53808-80
[email protected]
www.GalerieStBarbara.at
gokart (Südtirol)
Museumstraße 40/b
39100 Bozen
T 0039.329.2293036
[email protected]
www.go-k-art.net
Grauzone
Postfach 705
6021 Innsbruck
[email protected]
www.catbull.com/grauzone
groove train promotion
Weinränntlstraße 18
6330 Kufstein
T 0664.1808487
F 05372.61750
[email protected]
Hidden Museum
6020 Innsbruck
T 0512.586521
[email protected]
www.hiddenmuseum.net
Kontaktadressen
Faulzahn
Viaduktbögen 19-20
6020 Innsbruck
[email protected]
www.catbull.com/faulzahn
IG Autorinnen Autoren
C/o Elias Schneitter
Am Weingarten 15
6170 Zirl
T 0664.5435686
[email protected]
Initiative Minderheiten
Klostergasse 6
6020 Innsbruck
T u. F 0512.586783, 0650.5125867
[email protected]
www.initative.minderheiten.at
www.minorities.at
InnPuls - Verein zur Förderung kultureller
Aktivitäten
Pradler Straße 2Bb
6020 Innsbruck
T u. F 0512.392375
[email protected]
www.catbull.com/innpuls
Innsbrucker Wochenendgespräche
Höhenstraße 133
6020 Innsbruck
T 0512.293548
[email protected]
www.wochenendgespraeche.at
interact
Melans 3
6067 Absam
T 05223.46815, 0676.5614076
[email protected]
IGFT Interessengemeinschaft Freie
Theaterarbeit
Wolfsgrube 25
6020 Innsbruck
T 0512.264893
[email protected]
JUGEND KREATIV! - LEI(N)WAND
Alte Arlbergstraße 78/7
6580 St.Anton am Arlberg
[email protected]
Jugendzentrum Z6
Dreiheiligenstraße 9
6020 Innsbruck
T 0512.580808
[email protected]
www.z6online.com
147
Kontaktadressen
Kammermusik Hopfgarten
Meierhofgasse 19
6361 Hopfgarten
T 05335.3972
F 05335.40346
[email protected]
www.kammermusikfest.net
Klangspuren Schwaz
Ullreichstraße 8a
6130 Schwaz
T 05242.73582
[email protected]
www.klangspuren.at
Kleinkunst Innsbruck
Maria-Theresien-Straße 40
6020 Innsbruck
T 0512.563531, 0699.11332611
[email protected]
Kleinkunst in Kitzbühel
Vorderstadt 17 & Burgstallstraße 13
6370 Kitzbühel
T 05356.62161-3, 0676.83621231
F 05356.62161-25
[email protected]
www.kleinkunst.cc
Kramsacher Rechen
Wittberg 14
6233 Kramsach
T 05337.93631
F 05337.93651
[email protected]
Künstlerhaus Büchsenhausen
Weiherburggasse 13
6020 Innsbruck
T 0512.278627-10
[email protected]
www.buchsenhausen.at
Kulturgasthaus Bierstindl
Klostergasse 6
6020 Innsbruck
T 0512.586786
F 0512.586787
[email protected]
www.bierstindl.at
Kulturinitiative Feuerwerk
Oberlängenfeld 111
6444 Längenfeld
T u. F 05253.5060, 0664.1047651
[email protected]
www.freistaatburgstein.at
Kulturinitiative Huanza
Innsbrucker Straße 21
6600 Reutte
T 05672.63884, 0676.4154390
[email protected]
www.huanza.com
Kulturinitiative Zillertal
Dursterstraße 225
6290 Mayrhofen
T 05285.6750
F 05285.6760-33
[email protected]
Kulturkreis Ehrwald
Hauptstraße 7
6632 Ehrwald
T 05673.2333-13, 0650.4364360
[email protected]
www.members.aon.at/ehrwalder-kulturkreis
Kultourismus Obergurgl
Hauptstraße 108
6456 Obergurgl
T 05256.6466
F 05256.6353
[email protected]
Kulturkreis Völs
Postfach 44
6176 Völs
T 0512.302783
F 0512.304037
[email protected]
www.kulturkreis-voels.at
Kultur am Land
Maruach 301
6200 Buch
T u. F 05244.65810 oder 05244.63041
[email protected]
www.kulturamland.at
Kulturlabor Stromboli
Krippgasse 11
6060 Hall i.T.
T u. F 05223.45111
[email protected]
www.stromboli.at
Kulturbrunnen Fieberbrunn
Alte Straße 27
6391 Fieberbrunn
T 05354.56203-15 bzw. 23 od. 05354.56056
F 05354.562023-20
[email protected]
Kulturverein Blick im Winkel
Tiergartenstraße 1
6020 Innsbruck
T 0512.588365
[email protected]
Kulturcafe Propolis
Reichenauerstraße 72
6020 Innsbruck
T 0512.344291-17
[email protected]
www.kulturcafepropolis.com
148
Kulturforum Ton.Art
Urichstraße 13
6500 Landeck
T 0664.4520680
[email protected]
Kulturverein Evrensel
Schöpfstraße 9
6020 Innsbruck
T 0650.2731638
[email protected]
www.didf.at
Livestage – Tiroler Jugend-Förderungsprojekt
Mitterweg 16
6020 Innsbruck
T 0664.3343108
www.livestage-tirol.at
Kulturverein LOVEGOAT
Ing.-Thomen-Straße 3
6020 Innsbruck
[email protected]
los gurkos prod.
Kapuzinergasse 12/4
6020 Innsbruck
T 0650.5521584
[email protected]
www.losgurkos.com
Kulturverein Riverhouse
Schulweg 14
6391 Fieberbrunn
T u. F 05354.52313, 0676.7255071
[email protected]
www.riverhouse.at
Kulturverein St. Ulrich am Pillersee
Lastalweg 20
6393 St. Ulrich am Pillersee
T 05352.67888
F 05352.67888-44
[email protected]
www.kulturstulrich.net
Kulturverein Wozu Grenzen?!
6020 Innsbruck
T 0650.3004666
[email protected]
www.wozugrenzen.at
Kulturwerk
Burgstallstraße 13
6370 Kitzbühel
T 05356.62161-31, 0676.83621231
F 05356.62161-25
[email protected]
www.kulturwerk.at
Kunstmyst (Südtirol)
T 0039.347.5404352
[email protected]
www.anagama-kunstmyst.org
K.u.u.g.e.l. Kritische Universität und
Gesellschafts-Emanzipatorische Lehre
Körnerstraße 11
6020 Innsbruck
[email protected]
http://kuugel.redefreiheit.net
Kunst und Drüber
Mariahilfstraße 20
6020 Innsbruck
T 0512.283047
[email protected]
www.tafie-il.at
Kunstraum Innsbruck
Maria-Theresien-Straße 34
6020 Innsbruck
T 0512.584000
of[email protected]
www.kunstraum-ibk.at
Literaturhaus am Inn
Josef-Hirn-Straße5
6020 Innsbruck
T 0512.507.4514
[email protected]
www.literaturhaus.uibk.ac.at
Kontaktadressen
Kulturverein Kontrast
Alpbacherstraße 1
6230 Brixlegg
T 0650.6456745
[email protected]
LURX (Südtirol)
Gänsbichl 7
39041 Gossensass
T 0039.338.9185433
[email protected]
Mozi Brews Film
[email protected]
www.mozibrews.com
MUK Multikulturelle Kommunikationsstätte
Wildermieming 42 b
6414 Mieming
T 05264.6227
[email protected]
www.atelier-tiefengraber.at
Musik Kultur St. Johann
Ledergasse 5
6380 St. Johann i.T.
T u. F 05352.61284
[email protected]
www.muku.at
NLK – Kultur
Sieglangerufer 151
6020 Innsbruck
T 0650.2833144
F 0512.582065
[email protected]
Plankton Labs
Weiherburggasse 13/9
6020 Innsbruck
[email protected]
www.plankton.net
plattform kunst ~ öffentlichkeit
c/o Christine S. Prantauer
Adamgasse 17
6020 Innsbruck
[email protected]
P.M.K. Plattform mobile Kulturinitiativen
Viaduktbögen 19-20
6020 Innsbruck
T 0512.908049
[email protected]
www.pmk.or.at
Premierentage
Erzherzog-Eugenstraße 9
6020 Innsbruck
[email protected]
www.premierentage.at
149
Kontaktadressen
Pro Vita Alpina
Untermagdalena Nr. 13
I-39100 Bozen
[email protected]
www.pro-vita-alpina.at
premierentage - wege zur kunst
Schäufele 5
6094 Axams
[email protected]
www.premierentage.at
Public Art Gallery
Pfarrgasse 8
6460 Imst
T u. F 05412.64317, 0699.12044853
[email protected]
Quirlig. Verein für künstlerische Intervention in
Alltags- und Festkultur
Mozartstraße 2
6020 Innsbruck
T 0512 .377026, 0699.12 74 23 48
F 0512 .377026
[email protected]
Radikales Nähkränzchen
6020 Innsbruck
T 0650.9908787
[email protected]
Regenbogen
Steinweg 18
6425 Haiming
T u. F 05266.88738
Riddim Academy
[email protected]
Rosschaukel (Südtirol)
Weggensteinerstraße 21
39100 Bozen
T 00309.0473.611503, 0039.349.6187930
[email protected]
www.guidomoser.com
rund um die kultur hopfgarten
Marktplatz 8
6361 Hopfgarten i. Bt.
T 05335.220576
F 05335.220590
[email protected]
www.rund-um-die-kultur.at
SOWIEDU Kulturverein
Zentrum 38
6233 Kramsach
T u. F 05337.6234, 0664.3909025
[email protected]
SPUR. Verein zur Förderung zeitgenössischer
Kunst und Popkultur
Mitterhoferweg 7
6300 Wörgl
T u. F 05332.72351, 0676.3602719
[email protected]
150
Staatstheater
Franz-Fischer-Straße 40
6020 Innsbruck
T 0512.570719
[email protected]
Structure Research
Kranebitten 185d
6150 Steinach
T 0664.5266219
[email protected]
www.structure-research.com
Stummer Schrei
Märzenstraße 34
6272 Stumm
T 0664.1922550
[email protected]
Symposion Salvesen
Obtarrenz 16
6464 Tarrenz
T 05412.65433, 0676.9408050
[email protected]
www.salvesen.at
TAK Tiroler Autorinnen und Autoren
Kooperative
Tschamlerstraße 3/1
6020 Innsbruck
T u. F 0512.583980
[email protected]
www.tak.co.at
Theater an der Sill
Kravoglstraße 19
6020 Innsbruck
T 0512.362929
[email protected]
www.theater-sill.at
Theater Melone
Spingeserstraße 13
6020 Innsbruck
T 0650.6438259
[email protected]
www.theatermelone.at
Theatergruppe Grenzenlos
6020 Innsbruck
T 05238/52505
[email protected]
www.theater-grenzenlos.at
Tiroler Dramatikerfestival
Rennweg 2
6020 Innsbruck
T 0664.3813806
[email protected]
Tiroler Kulturinitiativen
Klostergasse 6
6020 Innsbruck
T 0512.586781
[email protected]
www.tki.at
Theaterverband Tirol
Klostergasse 6
6020 Innsbruck
T 0512.583186
[email protected]
www.theaterverbandtirol.at
Verein Multikulturell
Mentlgasse 7
6020 Innsbruck
T 0512.562929-20
F 0512.563034
[email protected]
www.migration.cc
Treibhaus
Angerzellgasse 8
6020 Innsbruck
T 0512.586874 bzw. 572000
0650.60206021
F 0512.575467
[email protected]
www.treibhaus.at
Vissidarte
T 0039.348.0683577
[email protected]
Tüftler
Viktor-Dankl-Straße 1
6020 Innsbruck
T 0650.3502288
[email protected]
www.tueftler.com
Turmbund - Gesellschaft für Literatur und Kunst
Müllerstraße 3/I
6020 Innsbruck
T u. F 0512.583852
[email protected]
www.members.aon.at/turmbund
Ummi Gummi
Zettersfeldstraße 23
9900 Lienz
T u. F 04852.62601
[email protected]
www.ummigummi.at
Underground Connection
Langgasse 2
6460 Imst
T 0650.3904420
[email protected]
www.underground-connection.at
Unos 93
Wiesenweg 1
6336 Langkampfen
T 05332.80121
F 05332.80133
[email protected]
V.a.k.u.u.m. KV
Klostergasse 6
6020 Innsbruck
T 0650.5449545
[email protected]
www.vakuum.at
Verein für Kultur Inzing
Bahnstraße 4a
6401 Inzing
T 0650.3923924
[email protected]
www.kulturverein-inzing.com
Verein IN-KU-Z
Oberhuebergasse 6
9900 Lienz
T 04852.65822
F 04852.61797
[email protected]
www.creativ-center.at
Kontaktadressen
Tiroler Künstlerschaft
Rennweg 8a
6020 Innsbruck
T 0512.581133
F 0512.585971
[email protected]
www.kuenstlerschaft.at
Wäscherei P
PKH Hall
Thurnfeldgasse 14
6060 Hall i.T.
[email protected]
www.waescherei-p.at
Werkstätte Haspingerstraße
Haspingerstraße 16
6020 Innsbruck
T 0512.587448
[email protected]
Westbahntheater
Feldstraße 1a
6020 Innsbruck
T 0512.572097
[email protected]
www.westbahntheater.at
Wetterleuchten
[email protected]
www.wetterleuchten.at
Workstation
Postfach 724
6021 Innsbruck
T 0512.908049
[email protected]
www.workstation.or.at
ZZAPP.TV
Kapuzingergasse 32
6020 Innsbruck
T 0664.4019848
[email protected]
www.zzapp.tv
Zirkus - ZirlerKulturSzene
Morigglgasse 12
6170 Zirl
T 0512.507-2423
[email protected]
8ung Kultur
Franz-Fischer-Straße 23
6020 Innsbruck
T 0699 10855143
[email protected]
Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit –
die Redaktion.
151
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