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DOKUMENTATION
„Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz
Fulda, 21. Januar 2011
Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge
und Männerarbeit in den deutschen Diözesen
DOKUMENTATION
„Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz
Fulda, 21. Januar 2011
IMPRESSUM
Herausgeber:
Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit
in den deutschen Diözesen e.V.
Neuenberger Str. 3-5
36041 Fulda
www.kath-maennerarbeit.de
Redaktion:
Dr. Andreas Ruffing
[email protected]
Manuel Gall
[email protected]
Layout:
Manuel Gall
Foto:
Manuel Gall
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Bischof Dr. Franz-Josef Bode ......................................................................................... 3
Einführung.......................................................................................................................................... 5
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall:
Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral.
Erste Schritte einer pastoraltheologischen Interpretation und Umsetzung .......................................... 6
1. Teil: Soziologische Betrachtung .................................................................................................... 23
Prof. Dr. Bernhard Laux:
Kirchenoffene Männer? Präsentation sozialwissenschaftlicher Studien zum
Rollenverständnis und Rollenwandel der Männer ............................................................................. 24
2. Teil: Theologische Vertiefung ....................................................................................................... 38
Prof. Dr. Stephan Goertz:
Männer in der reflexiven Moderne. Thesen zum Zusammenhang von
Gesellschaft, Identität und Männlichkeit ........................................................................................... 39
3. Teil: Perspektiven für die Männerpastoral – Drei pastorale Konzepte ......................................... 53
Dr. Hans Prömper:
Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral ...................................................................... 54
Alexander Obst:
Männerseelsorge in Großstadt und Diaspora.
Situation und Perspektiven im Erzbistum Berlin ................................................................................ 64
Diakon Gerhard Kahl:
Männerseelsorge in der neuen Pfarrei .............................................................................................. 67
Schlusswort von Erzbischof Dr. Ludwig Schick.................................................................................. 72
Autorin und Autoren ........................................................................................................................ 75
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
2
Vorwort
Bischof Dr. Franz-Josef Bode
Vorwort
Die katholische Männerseelsorge in Deutschland mit ihrer langen traditionsreichen Geschichte steht heute vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits hat sich die Gesellschaft verändert: Das Verhältnis der Geschlechter ist tiefgreifenden Wandlungen unterworfen; viele Männer haben ein neues
Selbstverständnis gewonnen. Andererseits hat
sich auch die Kirche verändert: Christlichkeit
und Katholizität sind weithin nicht mehr
selbstverständlich; neue Formen der Gotteserfahrung und der Zugehörigkeit zur Kirche haben sich herausgebildet. Diesen Veränderungen in Gesellschaft und Kirche ist Rechnung zu
tragen. Nur wenn wir uns auf die Herausforderungen der Zeit einstellen, bleiben wir Jesus
Christus, der Ursprung, Norm und Inhalt kirchlichen Handelns ist, treu.
Im Jahre 2001 haben die deutschen Bischöfe
den Grundauftrag für die Männerseelsorge
neu formuliert. In den entsprechenden Richtlinien beschreiben sie die Männerseelsorge
und die kirchliche Männerarbeit als Einladung
an alle Männer, ihren Lebensweg „in der Gemeinschaft der Kirche zu gehen und ihre Suche Identität und gelingendem Leben immer
wieder neu an dem Evangelium auszurichten“.
Die katholische Männerseelsorge kann bei
ihren konzeptionellen Überlegungen für die
Zukunft auf breite Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung zurückgreifen, eine
Forschung, die sie zum Teil auch selbst angeregt und begleitet hat. Hier ist zuerst die empirische Studie „Männer in Bewegung“ der
Gemeinschaft der Katholischen Männer
Deutschlands (GKMD) und der Männerarbeit
der Evangelischen Kirche in Deutschland aus
dem Jahre 2009 zu nennen. Diese Studie belegt Veränderungen in den Geschlechterrollen
sowie im Geschlechterverhältnis und deckt die
Vielfalt heutiger „Männlichkeiten“ auf; ein
Befund, den andere Studien bestätigen. Um
für das Handeln der Kirche fruchtbar werden
zu können, müssen diese sozialwissenschaftlichen Befunde interpretiert und im Lichte des
Evangeliums bewertet werden. Wichtige Fragen lauten dann: Wie formulieren Männer
heute ihre Sehnsüchte und Lebensziele? Wie
kann die Kirche der Pluralität männlicher Lebenswirklichkeit Rechnung tragen? Wie kann
sie den Männern mit ihren verschiedenen
Lebensentwürfen und Erfahrungshintergründen so beistehen, dass sie sich nicht an Nebensächlichkeiten orientieren, sondern den
Gott, der Leben in Fülle verheißt, zum Maßstab nehmen?
Die Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz hatte am 21. Januar 2011 zu
einem Fachgespräch eingeladen, um mit Experten und Praktikern der Männerseelsorge
diese Fragen ausführlich zu diskutieren. „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
lautete das Leitmotiv. Die hier vorliegende
Dokumentation des Tages macht deutlich,
dass aus dem vorsichtigen Fragezeichen ein
klares Ausrufezeichen werden muss. Wir sind
nicht allein nur in der diözesanen Männerseelsorge, sondern in der Pastoral insgesamt aufgefordert, den kirchenoffenen Männern noch
stärker als bisher eine wirklich männeroffene
Kirche zu sein. Ein wichtiges, wenn auch kein
exklusives Instrument dafür sind die Männerseelsorge und Männerbildung der Kirche. Dass
wir dabei nicht am Anfang stehen, sondern
bereits über vielfältige und nachhaltige pastorale Erfahrungen verfügen, zeigten die Praxisberichte im zweiten Teil des Fachgespräches.
Die darin sichtbar gewordenen Aufbrüche gilt
es in Zukunft weiter zu entwickeln.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
3
Vorwort
Bischof Dr. Franz-Josef Bode
Ich danke dem Beauftragten der Pastoralkommission für die Männerseelsorge und
kirchlichen Männerarbeit, Erzbischof Dr. Ludwig Schick. Er hat dafür Sorge getragen, dass
die Männerseelsorge vorangekommen ist und
auf neue Herausforderungen reagieren konnte. Auf seine Initiative hin ist es auch zu dem
Fachgespräch gekommen. Dem Bereich Pastoral und der Arbeitsstelle Männerseelsorge
danke ich für die Vorbereitung der Tagung und
für die Erstellung dieser Dokumentation. Mein
Dank gilt den Referenten der Tagung, der Autorin und den Autoren des Hintergrundpapiers, das vorbereitend zum Fachgespräch
erstellt wurde. In meinem Dank schließe ich
nicht zuletzt auch alle Verantwortlichen für
die Männerseelsorge in den Diözesen ein.
Durch ihren Dienst und ihr Engagement zeigen
sie tagtäglich, was es heißt, eine männeroffene Kirche zu sein.
Osnabrück/Bonn, 21. März 2011
Dr. Franz-Josef Bode
Bischof von Osnabrück
Vorsitzender der Pastoralkommission
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
4
Einführung
Einführung
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
5
Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
Impulse für ein Handlungskonzept der
Männerpastoral. Erste Schritte einer pastoraltheologischen Interpretation und Umsetzung
Die Männer werden zum Thema! Die Auswahl
an Männerliteratur wächst: Männer geraten
zunehmend in den Blick der Forschung, besonders in den Sozial- und Humanwissenschaften – und eher noch zaghaft in der Theologie.1
Tagungen und Kongresse greifen Männerthemen auf und auch die Medien beschäftigen
sich mit Fragen rund um das Leben von Jungen
und Männern. Die Debatten um die „neuen“
Väter und die Bildungsbenachteiligung von
Jungen sind hier nur zwei prominente Beispiele. Männerarbeit verliert in diesem Prozess
auch allmählich ihren Exotenstatus, Männer
und ihre spezifischen Bedürfnisse werden
Stück für Stück zu einem Querschnittsthema in
allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft.
will.2 Angekündigt für Dezember 2010 ist
ebenfalls der erste Gleichstellungsbericht der
Bundesregierung3, zu dessen Erstellung die
beauftragte Sachverständigenkommission in
zwei Hearings auch Experten aus verschiedenen Männerorganisationen und der Männerarbeit zu Rate gezogen hat. Nicht zu vergessen
ist, dass die Studie „Männer in Bewegung“4
immerhin schon das zweite große Forschungsprojekt der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands (GKMD) und der
Männerarbeit der EKD darstellt, das das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend gefördert hat. Dies zeigt im Übrigen auch, dass die Männerarbeit beider Kirchen auf Bundesebene ein gefragter und geschätzter Gesprächspartner für die Politik ist.
Diese Entwicklung ist mittlerweile auch in der
Politik zu spüren: Im Koalitionsvertrag der
schwarz-gelben Bundesregierung sind erstmals Jungen- und Männerpolitik als eigenständige politische Handlungsfelder benannt:
„Wir wollen eine eigenständige Jungen- und
Männerpolitik entwickeln und bereits bestehende Projekte für Jungen und junge Männer
fortführen und intensivieren.“ Für November
2010 ist die Gründung des Bundesforums
Männer vorgesehen, das alle an Geschlechtergerechtigkeit orientierten Akteure der Jungenund Väter- sowie Männerarbeit analog zum
Deutschen Frauenrat zusammenschließen
Die gewachsene, gesellschaftliche Bedeutung
der Männerfrage, wie sie eben kurz skizziert
wurde, stellt die katholische Kirche in
Deutschland, zusammen mit der EKD, immerhin der größte Anbieter von Männerarbeit in
unserem Land, vor neue Herausforderungen.
Denn für die Männerpastoral ändert sich der
Hintergrund ihres Arbeitens. Das zunehmende
Bewusstsein für Männeranliegen in der deutschen Gesellschaft und der wachsende Markt
der säkularen Männerarbeit werfen die Frage
nach dem spezifisch kirchlichen Profil kirchli-
1
Einen Einblick liefern etwa die Sammelbände von
Marie-Theres Wacker/Stefanie Rieger-Goertz (Hg.),
Mannsbilder. Kritische Männerforschung und theologische Frauenforschung im Gespräch, Münster
2006 sowie Maria Elisabeth Aigner/Johann Pock
(Hg.), Geschlecht quer gedacht. Widerstandspotenziale und Gestaltungsmöglichkeiten in kirchlicher Praxis, Münster 2009.
2
Informationen unter www.bundesforum-maenn
r.de.
3
Informationen unter www.bmfsfj.de/BMFSFJ/glei
chstellung,did=126762.html.
4
Rainer Volz/Paul M. Zulehner, Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland. Ein Forschungsprojekt der Gemeinschaft der
Katholischen Männer Deutschlands und der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland
(Forschungsreihe Band 6), Baden-Baden 2009.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
6
Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
cher Angebote für Männer auf. Stärker als
bislang erscheint bei allen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und nicht nur
bei den ausdrücklich Beauftragten in der
Männerseelsorge eine aufmerksame und
wertschätzende Sensibilität für Bedürfnisse
und Lebenslagen für Männern wünschenswert. Gefragt ist damit eine kirchliche Männerpastoral oder noch mehr: eine Kirche, die
insgesamt in ihren vielfältigen pastoralen Wirkungsbereichen offen ist für die Männer und
ihnen einladend begegnet.
Für eine solche Männerpastoral der Zukunft
unter dem Paradigma der missionarischen
Pastoral will das vorliegende Papier erste Diskussionsanstöße liefern. Für das Papier zeichnet eine Arbeitsgruppe der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen verantwortlich, die sich von November 2009 bis Juli 2010
getroffen hat. Das Papier gliedert sich in vier
Kapitel: Ein erstes Kapitel zeichnet die Entwicklung der Männerarbeit in den letzten Jahren und Jahrzehnten nach, um daran deutlich
zu machen, warum jetzt ein Paradigmenwechsel in der Männerpastoral ansteht. In einem
zweiten Kapitel steht die aktuelle sozialwissenschaftliche Männerforschung im Mittelpunkt einer kritischen Sichtung. Leitend ist
dabei das Interesse, welche Erkenntnisse besonders die von der katholischen Männerarbeit mit in Auftrag gegebenen Studien „Was
Männern Sinn gibt“ 5 aus dem Jahre 2005 und
„Männer in Bewegung“6 bezüglich der Entwicklung und Ausformung von Männlichkeiten
5
Martin Engelbrecht, Was Männern Sinn gibt.
Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Die unsichtbare Religion kirchenferner Männer“. Durchgeführt am Institut zur Erforschung der religiösen
Gegenwartskultur der Universität Bayreuth im
Auftrag der Männerarbeit der EKD und der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerarbeit und Männerseelsorge in den deutschen Diözesen, Kassel 2005.
Buchveröffentlichung: Martin Engelbrecht/Martin
Rosowski, Was Männern Sinn gibt. Leben zwischen
Welt und Gegenwelt, Stuttgart 2007.
6
S.o. Anm. 4.
liefern und welche „Lesehilfen“ sie damit für
eine aufmerksame und männeroffene pastorale Wahrnehmung der Lebenslagen und Bedürfnisse von Männern heute geben. Das dritte Kapitel formuliert vor diesem Hintergrund
heutiger Bedingungen von Männlichkeiten
grundlegende theologische Eckdaten für eine
Männerpastoral der Zukunft. Diese orientiert
sich konsequent an den kirchlichen Grundvollzügen, verzichtet dabei bewusst auf die Unterscheidung zwischen kategorialer und gemeindebezogener Seelsorge, wie sie die letzten
Jahre geprägt hat, und nimmt darin auch die
Veränderungen in der Sozialgestalt von Kirche
theologisch ernst. Ein abschließendes Kapitel
schließlich versucht daraus erste Handlungsempfehlungen zu ziehen.
1. Der notwendige Blick zurück:
Von der Männerseelsorge über die
Männerarbeit zur Männerpastoral
Am 19. November 2001 verabschiedete der
Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz
in Würzburg die „Richtlinien für die Männerseelsorge und kirchliche Männerarbeit“. Der
Beauftragte für die Männerseelsorge in der
Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz, der Bamberger Erzbischof Ludwig
Schick, fasste auf einer Pressekonferenz in
Fulda zwei Wochen später Anliegen und Zielsetzung des Papiers wie folgt zusammen: „Der
katholischen Männerseelsorge und Männerarbeit, wie sie in Deutschland bereits in einer
Reihe von Diözesen durchgeführt und durch
die Richtlinien für alle Bistümer empfohlen
wird, geht es also um ‚Männerentwicklung’.
Männerentwicklung hat sowohl zu tun mit
Persönlichkeitsentwicklung, aber auch mit
dem Wachsen des Glaubens, der Hoffnung
und der Liebe, den Tugenden, die das Verhältnis zu Gott beschreiben.“7
7
Der Text der Richtlinien wie das Pressestatement
von Erzbischof Schick sind abgedruckt in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Richtlinien für die Männerseelsorge und kirchliche Männerarbeit (Arbeitshilfen Nr. 178), Bonn 2003.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
7
Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
Mit dem Stichwort „Männerentwicklung“
machte Erzbischof Schick damals auf das Neue
dieses Papiers aufmerksam, nämlich seine
grundlegende Option für eine biographisch
orientierte und dezidiert geschlechterbewusste pastorale Arbeit mit Männern. Sicher am
deutlichsten akzentuiert sich dieses Anliegen
im zweiten Kapitel der Richtlinien, wo einzelne
Aufgaben- und Handlungsfelder beschrieben
werden. Dort heißt es zu Beginn in bewusstem
Anschluss an den Eingangssatz aus der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen
Konzils Gaudium et spes: „Die katholische
Männerseelsorge und Männerarbeit setzt biographisch an den Lebenssituationen und Lebensvollzügen der Männer an, trägt ihre Freude und Hoffnung, Trauer und Angst mit (vgl.
GS 1) und ermutigt sie, ihr Mannsein zu entfalten.“8
Die in den Richtlinien vorgenommene pastorale Neujustierung steht am Ende eines längeren
Diskussionsprozesses um Profil und Auftrag
der katholischen Männerseelsorge. Dieser
Prozess begann in den 80er Jahren des letzten
Jahrhunderts als Folge einer tief greifenden
Krise, die die naturständisch orientierte Männerseelsorge in der alten Bundesrepublik
Deutschland seit dem Ende der 60er Jahre
erfasst hatte. Entscheidend dafür waren zwei
Entwicklungen:
Die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil
verstärkt erfolgte Gemeinde- und Familienorientierung in der Pastoral stellte die traditionelle Männerseelsorge, wie sie sich als Teil der
klassischen Standesseelsorge in der Nachkriegszeit entwickelt hatte, zur Disposition.
Männer, die sich bis dahin beispielsweise auf
Pfarrebene in lokalen Männervereinen und
Männergemeinschaften bzw. auf der Bistumsebene in den diözesanen Männerwerken engagierten, wanderten ab in die sich neu bildenden Pfarrgemeinderäte und synodalen
Gremien. Zugleich wandelten sich die großen
Das Zitat hier auf S.17f.
8
Ebd., S.9.
Männerverbände Kolping und KAB in ihrer
Programmatik und ihrem konkreten Erscheinungsbild vor Ort in den Gemeinden zu Familienverbänden. Beide Vorgänge führten in der
Folgezeit dazu, dass die Arbeit mit Männern
als eigenständiges pastorales Handlungsfeld in
den Pfarreien und Verbänden mehr und mehr
an Bedeutung verlor. Die Männerseelsorge
wurde damit im kirchlichen Bewusstsein zu
einem pastoralen Randthema. Wie sehr der
Vorrang der Familienpastoral und die daraus
resultierende pastorale Randlage auch das
Selbstverständnis der institutionalisierten
Männerseelsorge in diesen Jahren prägte,
zeigen anschaulich die „Richtlinien für die
Männerseelsorge und kirchliche Männerarbeit“ vom 25. Januar 1982, also die unmittelbaren Vorgänger der Richtlinien aus dem Jahr
2001. Dort heißt es im ersten Teil durchaus
bezeichnend: „Die kirchliche Männerseelsorge
und Männerarbeit respektieren die Prioritäten
einer umfassenden Familienpastoral.“9 Das
Eingangskapitel, in dem dieser Satz steht, war
mit „Die Angemessenheit einer eigenständigen Männerseelsorge und Männerarbeit“
überschrieben. Man beachte die Wortwahl:
Von Angemessenheit und keineswegs etwa
von Notwendigkeit oder Unverzichtbarkeit der
Männerseelsorge war also in diesen Jahren die
Rede!
Damit einher ging eine zweite Entwicklung: Bis
hinein noch tief in die 80er Jahre war die katholische Männerseelsorge in der konkreten
Ausgestaltung ihrer Arbeit beeinflusst vom
naturständischen Bild des außerhäuslichen
Berufsmannes und damit im Kern von einem
patriarchal geprägten Geschlechterbild. In den
Richtlinien von 1982 lässt sich diese Orientierung durchaus noch nachweisen: In einer Auflistung der spezifischen Handlungsorte der
Männerseelsorge werden dort nebeneinander
9
Der Text ist abgedruckt bei Hans Prömper, Emanzipatorische Männerbildung. Grundlagen und Orientierungen zu einem geschlechtsspezifischen
Handlungsfeld der Kirche (zeitzeichen Bd. 12),
Ostfildern 2003, S.487-491. Das Zitat hier auf
S.488.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
8
Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
Kirche, Ehe und Familie, Berufs- und Arbeitswelt sowie Öffentlichkeit und Politik genannt.
Mit Blick auf die Berufs- und Arbeitswelt wird
dann aber zugleich – und nur hier! - von einer
„besondere(n) Sendung für den Mann“10 gesprochen. Das Leitbild des außerhäuslichen
Berufsmannes wirkt also erkennbar weiter.
Mit dieser nach wie vor am traditionellen Modell der Naturstände orientierten Ausrichtung
freilich stieß die Männerseelsorge mit der Zeit
auch innerkirchlich mehr und mehr auf Kritik,
insbesondere auch von Seiten der Frauenseelsorge und kirchlichen Frauenverbände. Immerhin: Das von den Arbeitsstellen für Frauen- und Männerseelsorge gemeinsam herausgegebene Positionspapier „Frauenseelsorge
und Männerseelsorge – eigenständig und
partnerschaftlich – Überlegungen für die Zukunft“11 setzte schon Mitte der 80er Jahre ein
erstes markantes Zeichen für eine überfällige
Überprüfung der eigenen Geschlechterleitbilder. So stellt das Papier fest, dass die konkrete
Ausprägung von Frausein und Mannsein „kulturgeschichtlichen Wandlungen“ unterworfen
ist und sich daher nicht in einer für alle Zeit
gültigen Form beschreiben lässt. Kritisiert
werden daher „typisierende Einengungen“
durch Rollenzuschreibungen, die Anlagen und
Fähigkeiten von Frauen und Männern gleichermaßen beschneiden. Auf dem Weg zu
mehr Partnerschaft zwischen den Geschlechtern muss es auch darum gehen, dass beide
(sic!) „Vorrangstellungen und Privilegien“ aufgeben. Auch von „Verunsicherung und Verletzungen“ werden beide auf diesem Weg nicht
verschont bleiben. Doch es gibt keine Alternative dazu, weil es für Frauen und Männer der
Königsweg „zur Entfaltung des Lebens“ ist.
Damit ist im Grunde schon der Weg vorgezeichnet, mit dem in den 90er Jahren um eine
Neuausrichtung der Männerseelsorge gerungen wurde. Denn spätestens jetzt wurde offensichtlich, dass die Veränderungen männlicher Lebenswelten und Lebenskonzepte auch
Männer in den traditionellen kirchlichen Milieus nicht mehr unberührt ließen. Unter den
Verantwortlichen der katholischen Männerseelsorge auf Diözesan- und Verbandsebene
setzte sich mehr und mehr die Einsicht durch,
dass die Zukunft der eigenen Arbeit in einer
dezidiert geschlechtssensiblen Wahrnehmung
und Begleitung von Männern in ihren unterschiedlichen Lebenskontexten zu liegen hat.
Die Richtlinien des Jahres 2001 greifen diese
Überlegungen auf und führen sie zu einem
vorläufigen Abschluss. Dabei nehmen sie drei
wesentliche Akzentsetzungen vor:
Erstens wird der erkennbare Wandel im Leben
von Männern mit all seinen Auswirkungen auf
das Verständnis von Geschlechterrollen und
auf die Entwicklung männlicher Geschlechtsidentität als ein Resultat der gesellschaftlichen
Modernisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte dezidiert benannt und nachdrücklich in
seiner Bedeutung für das pastorale Handeln
wahrgenommen. Die Erkenntnisse sozialwissenschaftlicher Geschlechter- und Männerforschung, so vor allen Dingen die Ergebnisse der
ersten großen empirischen Männerstudie12
der Gemeinschaft der Katholischen Männer
Deutschlands und der Männerarbeit der EKD
finden auf diesem Wege Eingang und Berücksichtigung.
Zweitens erhält die katholische Männerseelsorge eine Verortung im Rahmen des pastoralen Gesamtauftrages der Kirche. Sie ist „Bestandteil des umfassenden Heilsdienstes der
Kirche“. Der Heilsdienst der Männerseelsorge
vollzieht sich für die Richtlinien zum einen in
einer an den konkreten Alltagserfahrungen
und Lebensfragen heutiger Männer orientierten solidarischen Wegbegleitung. Betont wird
hier in besonderer Weise das diakonische
Profil der Männerseelsorge, das Männer in
ihrer „Suche nach Identität und gelingendem
Leben“ unterstützen will und darin auch einen
12
10
11
Ebd., S.489.
Als Broschüre gedruckt, Düsseldorf 1987.
Paul M. Zulehner/Rainer Volz, Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und
wie Frauen sie sehen. Ein Forschungsbericht, Ostfildern 1998.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
9
Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
Dienst an den Menschen und an der Gesellschaft leistet. Gleichwohl halten die Richtlinien fest, dass zum Dienst der Männerseelsorge als unaufgebbares Proprium die Verkündigung des Evangeliums gehört. Im diakonischen
Handeln der Männerseelsorge soll zugleich
erfahrbar und hörbar werden, was Gott allen
Menschen verheißen hat: Leben in Fülle in der
Gemeinschaft mit ihm.
Drittens schließlich wird die Männerseelsorge
in den umfassenden Kontext einer missionarischen Pastoral eingebunden. Unterstrichen
wird dies zu Beginn des zweiten Teiles der
Richtlinien, wenn es heißt: „Weil die Kirche zu
allen Menschen gesandt ist, sucht sie dabei
auch das Gespräch mit jenen Männern, die
sich von der Kirche entfernt haben und sich
selbst als nichtgläubig verstehen.“13 Das Engagement der Männerseelsorge endet also für
die Richtlinien nicht an der eigenen Kirchentür.
Mit den Richtlinien des Jahres 2001 hat sich in
vielen Diözesen Deutschlands ein Konzept von
Männerseelsorge etabliert, das sich freilich
heute – fast zehn Jahre später – unter den
Bedingungen heutiger Weltsicht und Religiosität wie auch angesichts der sich verändernden
Sozialgestalt von Kirche wieder neu auf seine
Zukunftsfähigkeit befragen lassen muss. Hinzu
kommt, dass – wie eingangs beschrieben – die
Männerthematik noch erheblich an gesellschaftlicher Relevanz und Brisanz gewonnen
hat und dies von den Männern auch mittlerweile viel stärker als konkret erfahrbarer Veränderungsund
Leidensdruck
wahrgenommen wird. Was aber heißt das nun für
die Zukunft der Männerseelsorge?
quent
vollzogene
Trennung
zwischen
gemeindlicher und kategorialer Seelsorge
wieder. Männerseelsorge ist zu einem typischen Handlungsfeld kategorialer Seelsorge
mit entsprechenden Strukturen, Trägern, Angebotsformen und auch Personal geworden –
und steht so auch aktuell mit anderen kategorialen Handlungsfeldern auf dem Prüfstand,
wenn es um die Frage geht, was zukünftig
unabdingbar für das pastorale Handeln der
Kirche ist. Das Unbehagen an dieser
Versäulung, die die Männerseelsorge in eine
fragile pastorale Sondersituation stellt, wächst
bei den Verantwortlichen und mündet in die
Forderung, Männerseelsorge möge doch bitte
als pastorale Querschnittsaufgabe verstanden
und umgesetzt werden. Wie aber lässt sich
diese Querschnittsaufgabe in den neu entstehenden pastoralen Räumen konkret beschreiben?
Zweitens: Die derzeitige Männerseelsorge ist
wie schon erwähnt schwerpunktmäßig diakonisch ausgerichtet. Ein Blick in die Jahresprogramme diverser Diözesanstellen für Männerseelsorge zeigt beispielsweise, dass Angebote
für Männer in spezifischen Lebens- und Problemlagen dominieren. Im Sinne der gültigen
Richtlinien von 2001 geht es um helfende Unterstützung und Begleitung von Männern in
solchen Lebenssituationen einerseits und um
Stärkung ihrer Lebenskompetenzen andererseits. Paradebeispiel dafür sind die vielen Angebote für Väter (und ihre Kinder). Noch zu
wenig theologisch durchbuchstabiert und
erkennbar weniger sichtbar ist, wie die Männerseelsorge an den anderen kirchlichen
Grundvollzügen Anteil hat und in welcher
Weise sie diese Vollzüge durch ihr Handeln
fördern kann.
Drei Problemanzeigen dazu:
Erstens: Männerseelsorge kommt in der pastoralen Praxis der Gemeinden so gut wie nicht
vor. Darin spiegelt sich die nach dem Zweiten
Vatikanum in der deutschen Kirche konse13
Drittens: Die historisch gewachsene, ursprünglich die verbandliche „Männerarbeit“ der
Männerwerke und Männervereinigungen von
der diözesanen, in bischöflicher Verantwortung stehenden „Männerseelsorge“ unterscheidende Doppelbezeichnung „Männerseelsorge und kirchliche Männerarbeit“ wird in
Richtlinien, S.9.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
dieser spezifischen Ausdifferenzierung heute
so nicht mehr verstanden. „Männerseelsorge“
und „Männerarbeit“ werden alltagssprachlich
auch im katholischen Raum weitestgehend
synonym gebraucht. Mehr und mehr durchgesetzt hat sich dabei der Begriff der „Männerarbeit“. Im sozialen und pädagogischen Bereich ist er gängiger Terminus und so auch
außerkirchlich gut kommunizierbar. Damit
aber stellt sich der Kirche zunehmend die Frage nach dem Profil ihrer „Männerarbeit“. Was
unterscheidet „kirchliche Männerarbeit“ von
der „Männerarbeit“ beispielsweise der säkularen Anbieter? Welche Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmale, ja, welche Alleinstellungsmerkmale weist sie unter heutigen Bedingungen auf?
So zeigt sich: Nach dem Übergang in den 80er
und 90er Jahren von der traditionellen Standesseelsorge zu einer biographisch ansetzenden, vor allen Dingen diakonisch ausgerichteten und kategorial verankerten Männerarbeit
wäre nun der Schritt zu einer bewusst an den
kirchlichen Grundvollzügen ausgerichteten
Männerpastoral zu gehen. Wie aber könnte
dieser Weg aussehen? Um darauf eine theologisch begründete und pastoral verantwortete
Antwort zu geben, ist zunächst einmal der
Blick darauf zu richten, was empirische Forschung zur Wahrnehmung von Religiosität und
Kirchlichkeit von Männern heute zu sagen hat.
2. Der empirische Befund:
Unterschiedliche Männlichkeiten – und
ihre Offenheit für Transzendenz und Kirche
Das neu erwachte Interesse an Männern in
Gesellschaft, Politik und Medien ist Ausdruck
eines Wandels der Moderne und der Geschlechterverhältnisse, welche Ziele wie Chancengleichheit von Frauen und Männern, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Zeit für Kinder und zu pflegende Angehörige nicht mehr
einseitig den Frauen als Akteurinnen zuschreibt. Vielmehr wird selbstverständlich
vom notwendigen und aktiven Mittun beider
Geschlechter an der Gestaltung und Weiterentwicklung von Arbeitswelt, Bürgergesellschaft und familiärer Lebenswelt ausgegangen. Darin verändern sich auch Wahrnehmung
und Akzeptanz von Religiosität und Kirchlichkeit bei Männern und Frauen.
Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist unbestritten und empirisch gut nachweisbar, dass
der unwiderrufliche Wandel der Selbstbilder
und Rollen der Geschlechter an Stelle der bis
weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
hinein wirkenden einheitlichen Identifikationen der Rollen des Mannes als „berufstätigem
Ernährer“ und der Frau als „Erzieherin und
Hüterin des Hauses“ eine Fülle verschiedener,
teils auch widersprüchlicher Geschlechterrollen, Männlichkeiten und Weiblichkeiten sowie
Lebensentwürfe hinterlassen hat. Dabei unterstützt die neuere Hirnforschung und Neurobiologie letztlich eine sozialwissenschaftliche Sicht auf die Geschlechterrollen: Die biologischen Voraussetzungen begründen zwar
eine höhere „Verwundbarkeit“ der Jungen
und Männer, sie reichen allerdings nicht zur
Erklärung der geschichtlich gewordenen Unterschiede und Möglichkeiten aus.14 Der folgende Blick auf die vorliegenden Männerstudien fokussiert nun einerseits auf die unterschiedlichen „Typen“ heutiger Männer sowie
andererseits auf die religiöse Offenheit, die
Kirchlichkeit und die spirituelle Ansprechbarkeit von Männern. Daraus ergeben sich
Hinweise und Kriterien für eine gegenwärtige,
den Kairos nutzende Pastoral.
Die quantitativen Einstellungsstudien von Paul
M. Zulehner und Rainer Volz: Kirche ohne
Männer?
Paul M. Zulehner belegte mit seinen empirischen Männerstudien zwischen den Jahren
1992 und 2002 den Trend abnehmender
(kirchlicher) Religiosität bei deutschen und
14
Vgl. Gerald Hüther, Männer. Das schwache Geschlecht und sein Gehirn. Göttingen 2009. Vgl.
auch das Interview von Hans Prömper und Andreas
Ruffing mit ihm in der Zeitschrift EB Erwachsenenbildung 2 (2010), S.73-76.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
österreichischen Männern.15 Durch die jeweils
verschiedene Art der Kombination traditioneller und moderner Aspekte der Geschlechterrollen und Geschlechterbilder lassen sich vier
Grundtypen von Männern voneinander abgrenzen. Die Differenzen zwischen den Typen
der „Traditionellen“ (Mann als Ernährer der
Familie), der „Neuen Männer“ (der geschlechter-demokratische Partner), der „Pragmatischen“ (die „Balancierer“ und „Rosinenpicker“
zwischen alt und neu) und der „Unsicheren“
(Männer mit verhaltenen Zustimmungen und
Meinungen) sind teilweise beträchtlich.16 Mit
einer Ausnahme: Mit Kindern beten tun sie
alle übereinstimmend fast nie. Auch in der
Zustimmung zu weltanschaulichen Orientierungen liegen sie nahe beieinander. Die Österreich-Studie von 2002 zählt nur noch 14% der
Männer zu den christlich Orientierten, 25% zu
den „Atheisierenden“; 32% neigen einem naturhaften Gottglauben zu, 29% sind eher „Religionskomponisten“ (sie finden bei allem etwas Gutes).17 Die Zustimmung zu inhaltlichen,
dogmatischen Positionen der Kirche, die Beteiligung am Sonntagsgottesdienst und an kirchlichen Kasualien sowie die angegebene Nähe
zur Kirche variiert signifikant mit dem Geschlechterrollentyp, und dieser dann mit dem
Alter, der Generation. Im Ergebnis ergibt dies
insgesamt ein Bild abnehmender Kirchlichkeit
und Religiosität von Männern über die Generationen. Dennoch bezeichnen sich in der
zweiten Österreichischen Männerstudie von
2002 noch immer 60% der Männer als „religiös“.18 Angesichts dieser Widersprüche zieht
Paul M. Zulehner allerdings auch die Möglichkeit in Erwägung, dass „Männer anders religiös (sind), als es unsere Instrumente messen“.19
Die empirischen Daten der zweiten deutschen
Männerstudie20 belegen nun weitere Veränderungen. Dabei trennen viele der in der Studie im Jahre 2008 erhobenen Einstellungen
und Haltungen viel stärker in Milieus und Kohorten Gleichgesinnter innerhalb der biologischen Genustypen als zwischen Frauen und
Männern. Anscheinend schleift die fortschreitende Moderne die stereotypen geschlechtlichen Zuweisungen an Männer und Frauen in
deren Verhalten ab. Gemeinsamkeiten und
Differenzen verlaufen immer weniger entlang
der Linien der Geschlechter Männer vs. Frauen, sondern entlang der Scheidelinien Traditionelle vs. Veränderte (mit Männern und Frauen mit jeweils ähnlichen Konflikten, Einstellungen und Interessen).21 Die reine Geschlechterfront Frauen vs. Männer finden wir nur bei
Einzelfragen wie zum Beispiel dem mehrheitlichen Plädoyer von Frauen für Frauen- und
Mädchenförderung einerseits und von Männern für Jungen- und Männerförderung andererseits; oder bei den „feuchten“ Haushaltstätigkeiten, die nach wie vor mehrheitlich von
Frauen ausgeübt werden. Fast aufgelöst hat
sich der Typ der „traditionellen Männer“, deshalb sprechen Zulehner/Volz 2008 von den
Teiltraditionellen, sie machen 27% (1998:
30%) der Männer aus. Die weiteren Typverteilungen sind: „balancierend“ 24% (1998: 23%),
„suchend“ 30% (1998: 29%) und „modern“
19% (1998: 17%).
15
Zulehner/Volz (1998); Paul M. Zulehner (Hg.),
Mannsbilder. Ein Jahrzehnt Männerentwicklung,
Ostfildern 2003.
16
Paul M. Zulehner verwendet zur Kennzeichnung
der Typen in den Studien unterschiedliche Begriffe:
„unbestimmt“ bzw. „formbar“ statt „unsicher“,
„modern“ statt „neu“.
17
Zulehner (2003), S.143ff.
18
Frauen: 74%. (Paul M. Zulehner, Religiös unmusikalisch: der Mann? In: Bundesministerium für
Soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz, Männerpolitische Grundsatzabteilung
(Hg.), Geschlechtertheorie, Wien 2003, S. 143f.).
In Vielem gleichen sich die Frauen den Männern an. Dies gilt im Vergleich 1998 zu 2008
für die Bereiche Gesundheitsverhalten, Umgang mit Krankheit und Tod, selbstbezogene
19
Ebd., S.143.
Volz/Zulehner (2009).
21
„In den meisten Fragen lautet die Polarität nicht
Männer hier und Frauen dort, sondern Teiltraditionelle (Männer wie Frauen) hier und Moderne
(Männer wie Frauen) dort.“ (ebd., S.304).
20
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
12
Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
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Werte, Glaube und Leidbewältigungskompetenz, Zuschreibung von Gewaltbereitschaft
und Ausübung von Gewalt. Die größten Zuwächse an Wichtigkeit verzeichnen bei Männern die Lebensbereiche Politik (+19%), Religion (+12%) und Freizeit (+14%). Letzteren
Zuwachs teilen sie mit den Frauen (+25%).22
Als einen "religiösen Menschen" bezeichnen
sich 2008 39% aller Männer (1998: 37%) gegenüber 43% der Frauen (1998: 53%); selbst
die (kirchenfernen) Modernen bezeichnen sich
zu 27% als religiös. 26% aller Männer sagen
„Männer sind auf der Suche nach einer eigenen Spiritualität“ (und schreiben Frauen zugleich in stärkerem Maß mit 39% einen eigenen Zugang zum Religiösen zu). Umgekehrt ist
der Anteil der religiös „überhaupt nicht“ erzogenen Männer im Zehnjahresvergleich von
16% auf 27% gestiegen. Für die eigene Religiosität eine Rolle gespielt haben für alle Männer
zu 46% die Mutter und zu 33% der Vater als
zweitwichtigster! (Großmutter 32%, Religionslehrer 26%, Priester/Pfarrer 25%) Die Männer
beschreiben teilweise eine hohe Auswirkung
der Religion auf ihr Leben, das gilt besonders
und ähnlich für die Typen der „Teiltraditionellen“ und der „Balancierer“.
Die innere Aufschlüsselung des Feldes der
Religiösen bringt ein ziemlich buntes Feld zu
Tage. Analytisch lassen sich zwei christliche
Gruppen unterscheiden: 41% vormoderne und
38% moderne Christen; ihr Unterscheidungsmerkmal ist allerdings nicht religiöser Art,
sondern profan: die „Modernität“ ist Ausdruck
ihrer positiven Einstellung zur modernen Wissenschaft. 19% der Religiösen sind „Religionskomponisten“. Auch wenn sich Religiosität
insgesamt als identisch mit christlicher Religiosität zeigt, so kann aber selbst bei den Christlichen nicht mehr von einer Übereinstimmung
mit dem christlichen Gottesbild ausgegangen
werden. „Ich glaube, dass es einen Gott gibt,
der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben
hat“ bestätigen 29% aller Katholiken (Durch-
schnitt insg. 22%). Allerdings zugenommen hat
die Akzeptanz von Jesus als Vorbild; die Frage
„Jesus sollte den Männern als Vorbild dienen“
bejahen 2008 30% aller Männer gegenüber
18% im Jahr 1998. Für sich selbst als persönliches Vorbild sehen Jesus 23% aller Männer,
von den „Teiltraditionellen“ 36%, den
„Balancierern“ 16%, den „Suchenden“ 23%
und den „Modernen“ 13%. Im Zeitvergleich
steigt der Anteil der Männer ohne religiöse
Erziehung („überhaupt nicht“) im Zehnjahresvergleich von 16% auf 27%.
Insgesamt lassen sich weiter zahlreiche Irritationen bzw. Differenzen zur Kirche feststellen.
Zulehner/Volz werten diese feststellbare kritische Grundstimmung gegenüber der Institution Kirche für die Kirchenbindung allerdings als
nachrangig gegenüber den erlebten „Gratifikationen“. Die Glaubensentscheidung und Kirchenbindung personalisiert und biographisiert
sich, d.h. sie ist weniger (vormoderner) Glaube
aus Tradition und Zugehörigkeit als (moderner) Glaube als persönliche Entscheidung und
biographischer Weg. Allerdings zeigen sich
hier auch große Unterschiede zwischen den
Männertypen und den Alterskohorten, die
noch genauere Untersuchungen und Analysen
verdienen. Die religiösen Gratifikationen drehen sich vorrangig um Trost, Halt, Sinn, Rituale
und die Bewältigung des Todes.23 Auch wenn
Kirchenzugehörigkeit Teil der kulturellen Identität ist, so hängt das Ausmaß der Kirchenbildung doch an erlebten Gratifikationen. Oder
in der Konsequenz anders ausgedrückt: Es
geht Männern um die praktische Bewältigung
von Kontingenzerfahrungen in der Moderne
mit Hilfe von Religion. Und zwar jeweils individuell, persönlich verantwortet.
Ein bedeutendes Feld der Gotteserfahrung ist
die Natur, hier teilen ca. 50% aller Männer
eine Grundstimmung vom Teil eines größeren
Ganzen, Ehrfurcht gegenüber Natur, Natur als
Gottes Schöpfung, als Ort der Erfahrung von
23
22
Volz/Zulehner (2009), S.49 Tab. 9.
Diese sind für Katholiken bedeutsamer als für
Protestanten, vgl. Volz/Zulehner (2009), S.253 Abb.
191.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
13
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Demut in der Natur. 81% des Typs der eigentlich kirchenfernen „modernen“ Männer teilen
das Staunen über die Natur.
Zur Mitwirkung in einer Männergruppe bzw.
bei männerspezifischen Seminaren sind 46,2%
der Männer „auf keinen Fall“ bereit; immerhin
jeweils 5,3% machen bereits mit bzw. können
sich das vorstellen.24 Die Frage des homosozialen Lernarrangements trennt also die Männer
untereinander sehr stark. Am ehesten in
Männergruppen wollen übrigens die „Unsicheren“, die „Modernen“ am wenigsten.
Nehmen wir nun zwei andere Zahlen bzw.
Fragen dazu, dann wird aber die Bereitschaft
zur „Männerentwicklung“ deutlicher. 59% der
Männer befürworten, „dass Männer an ihrer
Entwicklung arbeiten“. Und 34% sind 2008
dafür, „dass Männer sich zusammenfinden,
um für sich ein neues Selbstbild zu erarbeiten“, das ist gegenüber 1998 eine satte Steigerung um 18%.25
Als allgemeines Fazit bei Zulehner/Volz lässt
sich ziehen: Die Differenzen innerhalb des
Genustyps der Männer sind hoch, in vielen
Einzelaspekten nehmen sie sogar eher zu. Die
Biographie verstärkt diese Verschiedenheiten
innerhalb der Kohorte der Männer. Die Lebensphase stellt Männern unterschiedliche
Entwicklungsaufgaben. Dieser biographisch
motivierte Wandel bildet sich – so unsere
These – auch im Einstellungswandel zwischen
den Jahren 1998 und 2008 ab. Die „Verweichlichung“ und das Abschmelzen „klassischer“
männlicher Werte wie Durchsetzung, Zähne
zusammenbeißen oder Arbeit als dominierender Bezugswert „männlicher“ Identität zeigt
sich im zehnjährigen Einstellungswandel der
Alterskohorte der 1998er „Traditionellen“ zu
den 2008er „Teiltraditionellen“; es sind ja die
„gleichen“ Männer, welche nun nach zehn
Jahren die Dinge etwas anders sehen.26
Die qualitative Studie zu Männer und Sinn von
Martin Engelbrecht: Religion ohne Kirche?
Einen anderen Weg beschreitet die qualitative
Studie „Die unsichtbare Religion kirchenferner
Männer“.27 Sie verzichtet auf einen vorgegebenen Begriff des Religiösen und ersetzt ihn
durch den Begriff „Sinn“, verstanden als subjektiv gemeinten und erfahrenen Sinn: „Unter
‚Sinn‘ soll alles verstanden werden, was Männer als ihr Leben ausfüllend und bereichernd
schildern.“28 In offenen Interviews werden
Männer gebeten, von ihrem Leben zu erzählen
und dem nachzugehen, was in ihrem Leben
Sinn macht, was ihr Leben ausfüllt und lebenswert macht.
Nun treten die eigenen Texte der Männer,
ihre Erzählungen zu Sinn und Leid, zu Sehnsucht und Glück, zu Verzweiflung und Hoffnung zutage. Lebenssinn liegt für die meisten
Männer in dem, was sie schaffen und aufbauen. Zentral sind für sie die Arbeit und die Familie. Beziehungen zu anderen Menschen, vor
allem auch die Paarbeziehung, haben einen
hohen Stellenwert. Das Leben erleben sie oft
als Kampf und als Feld der Bewährung, dem es
sich zu stellen gilt.
Die kirchenbezogenen und im engeren Sinn
religionssoziologischen Passagen ergeben das
auf den ersten Blick vielleicht merkwürdige
Bild einer Ablehnung kirchlicher Lehre als
dogmatische und moralische Bevormundung
einerseits bei gleichzeitiger Offenheit der
Männer für „kosmologische“ und „anthropologische“ Fragen, für Fragen des „Lebens“, für
„Natur“, „Geschichte“ und „Ethik“ andererseits. Die befragten Männer suchen und schaffen sich attraktive „Gegenwelten“ zur Alltagswelt: Sie sichern sich Räume der Selbstbestimmung, der Freiheit und der Zurückgezogenheit. Wichtig sind ihnen Erfahrungen mit
der „Natur“ (durchaus auch als Gotteserfahrung verstanden). Sie schaffen sich Räume des
24
Tabellenband zu Volz/Zulehner (2009), S.409.
Volz/Zulehner (2009), S.298, Abb. 231.
26
Zur Wirkung der Zeit: „Moderne und Teiltraditionelle ähneln einander in den zwei Untersuchungsjahren. Der Abstand zwischen den beiden Studien
25
ist größer als der Abstand zwischen den männlichen Geschlechtertypen.“ (ebd., S.282).
27
Engelbrecht (2005), s.o. Anm. 5.
28
Ebd., S. 8.
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Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
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Abschaltens wie Sport, Drogen, Beschäftigung
mit Geschichte, Computer; auch beim Essen
oder in Alltagsritualen. Die berichteten Sinnerfahrungen und die Sinnsuche der Männer
heben sich jedoch weitgehend vom vorherrschenden Kontext kirchlich-religiösen Fragens
und Lebens ab, soweit sie sich nicht sogar
bewusst davon abgrenzen. Der Gott der biblisch-christlichen Tradition spielt im Leben
vieler Männer keine Rolle mehr. Plausibler
und näher sind oft spirituelle Vorstellungen
und Erfahrungen des Göttlichen in der Natur.29
Diese ist ein Ort, in dem viele Männer Kraft für
den Alltag schöpfen, eben auch spirituelle
Kraft.
Die zuletzt festgestellte „Respiritualisierung“30
erscheint in dieser Studie allerdings eher als
ein weibliches Phänomen. Die Sinnkonstruktionen und Transzendenzerfahrungen der Männer erscheinen demgegenüber konventioneller, „banaler“ und „sprachloser“, als dass sich
hier von einer „neuen“ Spiritualität sprechen
ließe. Theologisch wirken die veröffentlichten
Texte merkwürdig, sperrig und ungehobelt.
Sofern diese Männer für ihre Lebensgestaltung überhaupt noch etwas von Kirche erwarten, dann ist es vielleicht die Erwartung, Kirche solle in Botschaft und Praxis glaubwürdige
Wegbegleiterin sein.
Insgesamt bestätigt die Studie die Hinweise,
gegenüber der bisher vorherrschenden kirchlichen Konzentration auf die Ebene der dogmatischen und moralischen Verkündigung und
29
Dies deckt sich mit den Ergebnissen Zulehners:
Die größte Gruppe der Männer zählt er zum weltanschaulichen Typ der Naturreligiösen, der „Naturalisten“. (s.o.).
30
Regina Polak (Hg.), Megatrend Religion? Neue
Religiositäten in Europa. Ostfildern 2002; Regina
Polak/Paul M. Zulehner. Theologisch verantwortete Respiritualisierung: Zur spirituellen Erneuerung
der christlichen Kirchen. In: Paul M. Zulehner.
(Hg.), Spiritualität – mehr als ein Megatrend. Gedenkschrift für Kardinal DDr. Franz König, Ostfildern 2004, S. 204-227; Regina Polak, Religion kehrt
wieder. Handlungsoptionen in Kirche und Gesellschaft, Ostfildern 2006.
Argumentation stärker auf den Einbezug der
Erfahrungen, auf Rituale, auf Unterbrechungen und Eigenräume, auf Kunst und Ästhetik
zu setzen. Franz-Xaver Kaufmann hat dies als
„personenbezogene Relevanz des Christentums“ für die Lebensführung des Einzelnen
beschrieben.31
3. Die theologische Vergewisserung:
Differenzierte Pastoral der Männervielfalt
im Horizont der kirchlichen Grundvollzüge
Halten wir also nochmals fest: Die besprochenen Studien belegen einen durchgehenden
Wandel von Männlichkeiten – nicht nur in der
Generationenfolge, sondern auch im Zeitverlauf innerhalb der jeweiligen Alterskohorten.32
Damit gibt es keine „bevorzugten“ Männertypen mehr, welche in besonderer Weise durch
31
Franz-Xaver Kaufmann, Wie überlebt das Christentum?, Freiburg 2000, S. 119ff.
32
Auch die aktuellen Sinus-Studien „Eltern unter
Druck“ und „Männer. Rolle vorwärts, Rolle rückwärts?“ von Carsten Wippermann und Team zeigen übrigens diese Männervielfalt in unterschiedlichen, teilweise sogar widerstrebende Einstellungen, Identitäten und Werte von Männern in Bezug
auf Geschlechterrollen, Väterlichkeit, Männlichkeit
und Lebenszielen, vgl. Tanja Merkle/Carsten
Wippermann: Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern
in verschiedenen Lebenswelten. Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung von Sinus Sociovision
GmbH im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Hg. v. Christine Henry-Huthmacher u. Michael
Borchard, Stuttgart 2008; Carsten Wippermann/Marc Calmbach/Katja Wippermann, Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts? Identitäten
und Verhalten von traditionellen, modernen und
postmodernen Männern, Opladen u. Farmington
Hills 2009. Eine Vertiefung und Verknüpfung der
religions- und kirchensoziologischen Studien von
Zulehner/Volz zu den „Männertypen“ mit der Sinus-Milieu-Forschung oder auch anderen sozialwissenschaftlichen Forschungsansätzen (Engelbrecht, Meuser, Vester, Tippelt) erscheint daher
durchaus sinnvoll, um eine soziale „Erdung“ der
Männertypen und ihrer Transzendenzoffenheit
und religiösen „Sprache“ erreichen zu können.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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eine Männerpastoral ansprechbar wären, wie
das 1998 durchaus noch mit Blick auf den Typ
der „Unsicheren“ diskutiert wurde. Vielmehr
gibt es unterschiedliche Männlichkeiten mit
unterschiedlichen Lebenslagen, Einstellungen,
Geschmäckern, Konflikten, Ressourcen und
Kompetenzwünschen, denen mit einer differenzierten Pastoral der Männervielfalt begegnet werden sollte. Aber auf welcher Grundlage und nach welchem Maßstab sollte eine
solche Pastoral der Männervielfalt erfolgen?
Alles kirchliche Handeln, in welchem Bereich
auch immer, steht im Horizont des Kirchenkonzepts der jeweiligen Zeit. Die Volkskirche
hat viele Jahrhunderte unserer europäischen
und deutschen Geschichte geprägt. In ihr lag
alle Verantwortung für die Seelsorge beim
Priester, der als Hirte seine Schafe führt und
ihnen die sakramentalen Gnadengaben übermittelt. Mit dem Konzil wird die Einsicht prägend, dass die Kirche das ganze Volk Gottes
ist, das geführt vom Hl. Geist und auferbaut
durch die Sakramente der Kirche inmitten der
Welt und durch die Geschichte unterwegs ist.
Ihm entsprechen die Gemeindekirche und die
aktive Teilhabe der Laien in allen Bereichen.
Praktisch-theologisch ist die Kirche seit jeher
durch ihre Grundvollzüge bestimmt. Im hierarchischen Gesellschaftsmodell, in dem die
Volkskirche blüht, sind diese hierarchisch aufeinander bezogen: an der Spitze steht die Liturgie, der die Verkündigung abgestuft nach
ihrer Nähe zum Priesteramt zugeordnet ist.
Die Diakonie ist als Vorfeld der Bewährungsort
der Laien.
Im modernen Weltverständnis sind alle Handlungsfelder nach Kompetenzen ausdifferenziert. Die kirchlichen Grundvollzüge werden
entsprechend auf die verschiedenen Träger
aufgeteilt. Es besteht die Gefahr, dass sie den
Zusammenhang verlieren und sich gegenseitig
nicht mehr ausreichend befruchten. Ihre Stärke liegt darin, dass viele Menschen auch außerhalb des kirchengemeindlichen Zusammenhangs erreicht werden, und dass vielfach
gefächerte Laienstrukturen große Mitverantwortung für und vielfältige Mitgestaltung in
der Kirche erreichen.
In der heutigen Zeit nötigen Einsparungen alle
Institutionen, sich auf ihr „Kerngeschäft“ zu
besinnen. Die Vielfalt der kirchlichen Aktivitäten fördert die Debatte, was nun zum Kerngeschäft gehört und was nicht. Es braucht theologische Kriterien, die wiederum aus den
Grundvollzügen gewonnen werden. Die kirchliche Trägerschaft eines Handlungsfeldes
reicht dazu nicht aus. Auf der anderen Seite
entscheiden interessierte Menschen die Teilnahme an Angeboten nicht daran, ob sie kirchlich sind oder nicht. Entscheidend ist für sie,
was sie für eine innere, ganzheitlich erfahrbare Qualität haben.
Daraus ergibt sich, dass es heute nötig und
angemessen ist, das christliche Profil kirchlichen Handelns an Qualitätskriterien zu erkennen und zu messen, die wiederum theologisch
aus den Grundvollzügen zu gewinnen sind.
Das gilt für alles kirchliche Handeln und jeden
Zusammenhang, in dem Menschen der Kirche
begegnen, daher auch für die Männerpastoral.
Das bedeutet, dass jede Begegnung eines
Menschen mit Kirche – also wo ein Christ seine Berufung bzw. eine Christin ihre Berufung
prophetisch wahrnimmt, ob innerhalb oder
außerhalb gemeindlicher oder kircheninstitutioneller Bezüge – dass also jede solche Begegnung Gemeinschaft mit Kirche stiftet; oder
im misslichen Fall, sie unerwünscht macht.
Also ist jede solche Begegnung mit Kirche kirchengemeinschaftsrelevant, also „koinonal“;
nicht erst dann, wenn sie explizit auf die
Sammlung der Gemeinde zielt.
In welcher Begegnung auch immer Christen
und Christinnen ihre Berufung wahrnehmen,
kann sich eine Gottesbeziehung entwickeln.
Menschen beginnen die Schönheit Gottes
staunend und jubelnd zu erahnen. Jede Begegnung hat also den Keim des Heilenden,
Befreienden und Beflügelnden in sich; sie kann
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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aber auch aus Bequemlichkeit belanglos, sie
kann auch destruktiv sein. Jede Begegnung
mit Kirche ist von daher gotteslobrelevant,
also „doxologal“.
Wo immer Menschen einander begegnen,
klären sie instinktiv und augenblicklich, wie sie
zueinander stehen. Die Psychologie hat in
verschiedenen Varianten dieses Rollenverhalten beschrieben; als Herr-Diener, RichterUnschuldslamm, Mächtiger-Hilfloser, PartnerPartner oder wie auch immer. Heute stellt sich
die Herausforderung der Transversalität: den
anderen nach meinen Möglichkeiten so begegnen, dass es ihnen nach ihren Maßstäben
gut tut. Diese „Dienlichkeit“ ist die aktuelle
Variante der Diakonie, die die Eigenständigkeit
aller Beteiligten voraussetzt, ohne deren
gleichzeitige Bedürftigkeit zu negieren. Jede
Begegnung, auch die mit Kirche, ist – im Guten
wie im Schlechten – dienlichkeitsrelevant, also
„diakonal“.
Der Kern der Botschaft Jesu ist seine ReichGottes-Verkündigung. Markus verdichtet sie:
„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.
Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk
1,15). Von einer Pneumatologie her könnte
man sagen: Wann, wo und wie auch immer
einem Menschen das Reich Gottes nahe gekommen ist – er sich also seiner Existenz in
seinen Charismen gewahr wird – ist seine Zeit
erfüllt, und er wird seine Berufung nicht mehr
los. Sein Leben erfüllt sich darin, dass er das
neue Paradigma eines prophetischen Lebens
annimmt und wahrnimmt. In jeder Begegnung
üben Menschen ihre Berufung ein und aus.
Insoweit darin das Reich Gottes prophetisch
wahrgenommen wird, wird es auch leibhaftig
bezeugt. Jede Begegnung eines Menschen
oder mit einem Menschen, dem das Reich
Gottes nahe gekommen ist, ist daher verkündigungsträchtig, also „martyrial“.
Kirche ist immer und ausschließlich in und
durch Menschen präsent. Indem diese ihre
Berufung wahrnehmen – als Laien, Amtsträger, Priester; in der Gemeinde, im kirchlichen
Weltdienst oder im Alltag – realisieren sie ihre
eigene Existenz und vollziehen gleichzeitig
Kirche. Die Grundvollzüge sind in der Praxis
also immer dimensional ausgestaltet, wenn
auch durch Bequemlichkeit und Missliebigkeiten verstellt oder ins Negative gekehrt. Von
daher kann ein Handeln nur dann als kirchlich
gelten, wenn darin die christliche Berufung in
all ihren Dimensionen gleichermaßen wahrgenommen werden will. Wo dies im Guten
wahrgenommen wird, ohne es explizit zu wollen, kann im Rahner’schen Sinn von „anonymer Kirchlichkeit“ gesprochen werden – als
Ehrenerweis und kritische Selbstaufforderung,
nicht als Vereinnahmung. Wo umgekehrt in
kirchlichen Handlungsfeldern diese Dimensionalität der Grundvollzüge negiert wird oder
unbeachtet bleibt, geht ihr evangelisierendes
Potential verloren; sie verkommen zu Geschäftigkeit oder Bürokratie.
Für die pastorale Wahrnehmung kann noch
näher bestimmt werden, worauf diese dimensionalen Grundvollzüge menschlich basieren,
welche Praxis ihnen also im Besonderen dienlich ist:
Die koinonale Dimension ist durch die Qualität
der Begegnung bestimmt. Sie wird in der Versöhnung geübt und gipfelt im gemeinsamen
Mahl, für das die Schwerter zu Pflugscharen
und die Messer zu Essbesteck werden.
Die doxologale Dimension entfaltet sich auf
der Basis des Vertrauens. Sie wird in Gebet
und Liebe geübt und gipfelt in Glück, Gesang
und Ekstase.
Die diakonale Dimension entscheidet sich an
der Gerechtigkeit, die den Marginalisierten
und den Opfern nach deren Wertmaßstäben
des Guten zuteilwird. Sie gipfelt im Schöpfungsfrieden, der ein Leben in Fülle für alle
bedeutet.
Die martyriale Dimension wurzelt, wie schon
ausgeführt, in der Berufung. Sie gipfelt in den
großen Taten, die die Herrlichkeit Gottes verkünden.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Für die Praxis der Männerpastoral bedeutet
dies unter heutigen Bedingungen:
Lebenshilfe – die fürsorgliche und seelsorgerliche Seite der Männerpastoral: Sie beinhaltet
Unterstützung, Beistand, Trost, Heilung, Befreiung, Versöhnung (inkl. Bußpastoral), Ermächtigung und Hilfe zur Selbstwerdung. Ihr
Qualitätsmaßstab ist der Dienst: Dem anderen
(nach den eigenen Möglichkeiten) so hilfreich
sein, wie es ihm nach seinen Maßstäben gut
tut. Die aktuellen Männerstudien zeigen ja in
allen Milieus und bei allen Männertypen eine
Fülle oft unvereinbarer Werte, Lebenseinstellungen und Wünsche. Wir meinen und erfahren: Der von Männern subjektiv erlebte und
ausgehaltene Druck nimmt zu. Viele agieren
diesen Druck schweigend aus, oft wie der
Hamster im Käfig, eingespannt zwischen den
Imperativen der Arbeitsgesellschaft und den
eigenen Sehnsüchten nach Partnerschaft,
Kindern und Lebensgestaltung. Auf der Strecke bleiben vielfach Eigenzeiten und ein konsistenter Lebenssinn. Männerpastoral könnte
hier ein großer Ermöglichungsraum für Authentizität, Autonomie und Lebensgestaltung
sein. Gerade im offenen „Gespräch unter Brüdern“ lassen sich die Türen des Käfigs einfacher öffnen, können Männer auch andere, für
sie ungewohnte Perspektiven des Lebensdienlichen entdecken und Aufbrüche zu neuen
Wegen wagen. Die Bereitschaft der Männer zu
solchen homosozialen Begegnungsräumen ist
wie gesehen in den letzten Jahren signifikant
gestiegen!
Kritische Unterscheidung und Verheißung – die
prophetische Seite der Männerpastoral: Sie
beinhaltet die kritische Entlarvung ungerechter und bevormundender Verhältnisse ebenso
wie kreative Visionsarbeit. Sie eröffnet den
Blick auf die christliche Verheißung vom Reich
Gottes, das mitten unter uns zur lebendigen
Erfahrung wird, wo Menschen den Möglichkeitssinn der Hoffnung gegen die Perspektivenlosigkeit der Sachzwänge und hegemoniale Dominanzen entwickeln: im persönlichen Umgang miteinander ebenso wie im
Kontext von Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche. Ihr Qualitätsmaßstab ist Hoffnung, ihr
Schlüsselthema die positive Kritik: in der kritischen Unterscheidung Menschen, Strukturen
und Blickwinkel zu ihren je größeren und besseren gottgewollten Perspektiven befreien.
Die Männerpastoral weiß sich dabei in ihrer
Arbeit mit Männern in besonderer Weise dem
Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit verpflichtet und kann sich dabei theologisch auf
die in Gen 1,27 grundgelegte Gleichwertigkeit
von Frau und Mann und ihrer gegenseitigen
Unverfügbarkeit berufen. Freilich gilt es zu
beachten, dass Leitvorstellungen von nichthegemonialer Männlichkeit und Geschlechtergerechtigkeit nicht in allen Milieus in gleicher
Weise geteilt werden. Männerpastoral sollte
dies milieugerecht und intersektional (also z.B.
Klasse, Schicht, Generation, Ästhetik, Ethnie in
ihrer jeweiligen Verknüpfung und subjektiven
Valenz wahrnehmend) in ihrer Sprache, in
ihren spezifischen Angebotsformen, auch in
ihren Orten berücksichtigen. Einige Männer
werden über „Männerthemen“ für das Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit ansprechbar sein, andere vielleicht überhaupt nicht,
weil sie sich so nicht verstehen!
Identitätssuche und Berufung – die gemeindliche Seite der Männerpastoral: Sie zielt auf
Beheimatung nach drei Seiten: im eigenen Ich,
in sozialen Gefügen (von der eigenen Familie
in all ihren Formen bis zur kirchlichen Gemeinde) und im Angesicht Gottes (als Vertrauen in die verlässliche Beziehung mit ihm).
Ihr Qualitätsmaßstab ist die Liebe, ihr Schlüsselthema die Charismen: Das Eigene liebevoll
so entwickeln, dass es mich zu einem wertvollen Mitglied der Gemeinschaften macht, mein
Lebensglück begründet und darin als Berufung
von Gott her erfahren wird.
Die Herausforderung für die Zukunft liegt hier
besonders in einer sichtbaren und nachhaltigen Väterarbeit in den Gemeinden wie auch in
den neu geschaffenen pastoralen Räumen.
Wenn Männer kaum mit Kindern beten, die
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religiöse Tradierung in der Familie und der
Gemeinde bislang eher Sache der Mütter war,
Frauen sich heute aber der Kirche und dem
Glauben entziehen, Männer sich dagegen
umgekehrt immer mehr zum „Erzieher ihrer
Kinder“ wandeln, und der eigene Vater als
zweitwichtigste Person in der religiösen Prägung genannt wird, dann muss hier investiert
werden! Sicherlich wird hier noch viel zu differenzieren und auszuprobieren sein, aber: Insgesamt darf Kirche dabei darauf vertrauen,
dass die Erwartung von Männern an einen
Beitrag der Kirche zur Neugestaltung der
Männerrolle gestiegen ist. Warum sollte Kirche diese Erwartung nicht gerade an der
Schlüsselstelle aufgreifen, wo es um die
Weckung und Stärkung der Charismen von
Männern und speziell von Vätern für die Weitergabe des Glaubens in Familie und Gemeinde geht. Eine Investition in die Zukunft der
Kirche – nun durch die Väter?!
Orientierungswissen – die verkündigende Seite
der Männerpastoral: Sie erschließt menschliche Lebenserfahrungen in einer Weise, dass
sie offen werden für das Evangelium und sich
von diesem neu herausfordern lassen. Ihr
Qualitätsmaßstab ist Wahrheit in Barmherzigkeit, ihr Schlüsselthema ist eine Umkehr der
Werte: vom „ganz normalen“ Blickwinkel –
ausgerichtet an Selbstdarstellung, Eigennutz
und Bequemlichkeit – zur „wundervollen“
Ausrichtung an Gerechtigkeit (als Solidarität
und Verantwortung), Schöpfungsfrieden (als
paradiesische Lebensgestaltung nach GärtnerArt) und Freude im Heiligen Geist (ora et labora: gelassene Arbeit und heiteres Gottvertrauen).
tuelle Offenheit für das Geheimnis der Welt
wieder größer zu werden. Eine spannende
Frage der nächsten Jahre wird sein, ob und
wie es gelingt, diesen neuen spirituellen
Offenheiten der Männer kirchlich zu begegnen. Für die Kirche dürfte eine besondere
Herausforderung darin liegen, das große Interesse an Naturmystik mit der im Zehnjahresvergleich zwar gewachsenen, aber dennoch
niedrigen Vorbildfunktion von Jesus so zu
vermitteln, dass der Kernbereich ihrer Botschaft anschlussfähig bleibt an die spirituellen
Bedürfnisse heutiger Männer.34
Erlöste Lebendigkeit – die sakramentale Seite
der Männerpastoral: Sie zielt auf eine spirituelle Verankerung des ganzen Menschen im
tragenden Grund des Heiligen, sodass sich in
existentiell-sakramentalen Einzelerfahrungen
(„Gipfelerlebnissen“) der Himmel auf Erden
ereignet. Sie führt zu Staunen, ehrfürchtiger
Dankbarkeit und strahlender Lebensfreude.
Ihr Qualitätsmaßstab ist heitere Gelassenheit,
ihr Schlüsselthema Kreuz und Auferstehung:
Wer sich aufs Christsein einlässt, ist immer ein
Gekreuzigter zwischen Himmel und Erde, zerrissen zwischen den Logiken des Alltags und
der Logik des Reiches Gottes. Das Kreuz des
Scheiterns und des Elends birgt bereits die
Samen der Auferstehung. Aufgabe der Pastoral ist es, sie zum Keimen und Wachsen zu
bringen und Gottes Anteil daran lieber zu groß
als zu klein einzuschätzen.
Die Bedürfnisse nach spiritueller Nahrung und
Entwicklung, nach religiöser Lebensgestaltung
bei Männern wachsen. Mit dem Zerbrechen
der inneren Bindung der „Arbeitsmänner“ an
die Großprojekte technisch-wissenschaftlicher
Fortschritt und Wohlstand33 scheint ihre spiri-
Die Annahme einer permanent sinkenden
Religiosität und spirituellen Ansprechbarkeit
von Männern ist wie schon gesagt nicht mehr
zutreffend. Wenn im Zeitreihenvergleich die
Kirchenakzeptanz von Männern sogar gestiegen ist, sollte dies als positive Erwartung gesehen werden. Die Bevorzugung von Frauen
als religiös „Aktivere“ in unserer kirchlichen
Praxis ist empirisch nicht mehr abgesichert, sie
ist allenfalls Ausdruck einer gegenseitigen
„Gewöhnung“. Allerdings schreiben viele
33
34
Vgl. Volz/Zulehner (2009), S.63, Tab. 13. – Tabellenband, S. 557, 601.
Zu Jesus: Volz/Zulehner (2009) S.234f., Abb.
172f.; zur Naturmystik: ebd., S.268, Tab. 72.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
Männer den Frauen nach wie vor eine höhere
Kompetenz zu, bzw. sie sehen sich in diesem
Feld „ungeübt“, „inkompetenter“. Dies ist
sicherlich Ausdruck und Reflex einer gewissen
Sprachlosigkeit und Ungeübtheit von Männern
in Bezug auf Gefühle, den Umgang mit Gefühlen, zu denen auch Scheitern, Trauer, Verlustund Gewalterfahrungen etc. gehören. Hier
sollte sich die Pastoral aber nicht abschrecken
lassen, sondern gerade in den latenten lebensgeschichtlichen Kreuzeserfahrungen der
Männer (Scheitern, Begrenzung, Burnout,
Hilflosigkeit, Gewalterfahrungen) Anknüpfungspunkte sehen, um die christliche Botschaft von Kreuz und Auferstehung als Weg
zum Leben ins Gespräch zu bringen.
4. Der Blick nach vorne – Was jetzt zu tun ist
Man muss nicht alles neu erfinden. Vieles von
dem, was eine Männerpastoral der Zukunft
auszeichnen sollte, existiert bereits. Es existieren genügend best-practice-Beispiele in den
Diözesen, die Männer in ihren unterschiedlichen Lebenslagen ansprechen und sich darin
als zukunftsfähig erweisen. Neben den hauptamtlichen diözesanen Verantwortlichen für
die Männerseelsorge gibt es viele Haupt- und
Ehrenamtliche im pastoralen Dienst, in Verbänden und Gemeinden, die sensibel geworden sind für die Männer und ihre spezifischen
Anliegen. Das ist eine Grundlage, auf der sich
in vielen Diözesen aufbauen lässt.
Eines aber ist – wie gesehen – gerade unter
dem Paradigma einer missionarischen Pastoral
– unverzichtbar: der Rückbezug der Männerpastoral auf den Ursprung der Kirche, auf Jesus Christus und sein Evangelium. Von hierher
erst erhält die Männerpastoral ihr Profil und
auf dieser Grundlage erschließen sich Optionen für ihr Handeln, die alle Grundvollzüge
der Kirche berührt. Im Folgenden wollen wir
als erstes Fazit der bisherigen Überlegungen
fünf für uns wesentliche pastorale Handlungsoptionen einer männeroffenen Kirche benennen und zur Diskussion stellen:
1. Männerpastoral zur kirchlichen Querschnittsaufgabe weiterentwickeln.
Pädagogische und pastorale Angebote zur
Männerentwicklung treffen auf einen breiten
Resonanzboden kirchenoffener Männer, der
sich im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt
hat. Diese Entwicklung zeigt, wie wichtig es ist,
Männerpastoral als Aufgabe der gesamten
Pastoral zu sehen und sie nicht nur an eine
kategorial verengte und im Leben der Kirche
kaum sichtbare Männerseelsorge zu delegieren. Der Bereitschaft der kirchenoffenen
Männer mit kreativen Einladungen und Angeboten zu begegnen, stellt sich der Kirche insgesamt als Aufgabe und gilt für die Pastoral
ebenso wie für Bildungsarbeit und Beratung.
Sinnvoll ist vermutlich eine Mischung nicht
geschlechtlich konnotierter Angebote, die
einfach Lebenssituationen und Lebensthemen
von Männern ansprechen – durchaus auch im
gemischtgeschlechtlichen Rahmen, wie es in
unseren Gemeinden in der Regel üblich ist –,
mit bewusst homosozialen Angeboten „nur
für Männer“ in und außerhalb der Gemeinden. Solche expliziten, homosozialen Angebote nur für und mit Männern stoßen auf einen
wachsenden Markt und sind längst nicht mehr
mit dem Verdikt belegt, all das wäre nichts für
„richtige“ Männer. Es muss jedoch nicht immer die „klassische“ Männergruppe sein. Es
kann auch einfach nur die Sportgruppe, die
Bergtour oder das Klosterwochenende (nur)
„für Männer“ sein. Hier werden Männer über
ihr Mannsein als Ressource des besseren Verstehens, des „passenden“ Angebots, des
stressfreien Austauschs und der Lebensbewältigung unter Personen mit ähnlichen Voraussetzungen und Erfahrungen angesprochen.
2. Männeranliegen und Männervielfalt nachhaltiger wahrnehmen lernen.
Männlichkeiten sind gemeinsame soziale Lagen von Männern, aber keine Wesenseigenschaften
oder
andere
stereotype
Essentialitäten. Als habituelle Dispositionen
setzen sie Bedingungen und eröffnen gerahmte Spielräume für Begegnung und Austausch.
Männlichkeit ist dabei immer verknüpft mit
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
anderen Elementen der Herkunft und der
sozialen Lage. Eine männeroffene Pastoral
sollte diese habituellen Voraussetzungen berücksichtigen, ohne sie unbedingt immer aussprechen oder ausdrücklich zum Thema machen zu müssen. Konkurrieren, durchsetzen,
sich behaupten, Gefühle zeigen, Väterlichkeit,
Selbstverwirklichung, Identifikation mit dem
Beruf, die Bedeutung des Berufs für die persönliche Identität, Erfolgsorientierung, Anpassungsfähigkeit, Bereitschaft zu Unterordnung
und Anpassung, Ehrgeiz, Unabhängigkeitsbedürfnis, Fachlichkeit, Härte, Selbstkritik, Risikofreude, Selbstbeherrschung, Disziplin, kreativ sein, führen wollen, sexuelle Treue, Hilfsbereitschaft, Vorstellung von Partnerschaft,
Karriereorientierung etc. Männer bewerten
dies je nach ihrer sozialen Lage oft ganz unterschiedlich. Grundlegend für eine männeroffene Pastoral ist daher eine nachhaltige Sensibilisierung der in der Pastoral Tätigen (Männer
wie Frauen) für die Vielfalt der Männlichkeiten. Dies schließt notwendigerweise auch die
Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtlichkeit und Geschlechterrollenbildern
ein. Wir brauchen zukünftig dazu verstärkt
entsprechende Module in der Aus-, Fort- und
Weiterbildung. Hier ist bezüglich der Konzepte, Inhalte und Methoden noch vieles nachzuarbeiten.
3. Die eigene pastorale Praxis unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit kontinuierlich überprüfen.
Was bislang ebenso fehlt, ist eine systematische und institutionell verankerte Überprüfung pastoraler Planungen und Praxis, inwieweit in ihnen Lebenslagen und Interessen von
Männern (was gleichermaßen mit Blick auf
Frauen zu tun ist) angemessen Berücksichtigung finden. Könnte es nicht beispielsweise
sein, dass Männer in der pastoralen Wirklichkeit unserer Gemeinden auch deswegen so
selten vorkommen, weil sie von pastoral Verantwortlichen in ihren Planungsüberlegungen
von vornherein als zu „vernachlässigende
Größe“ ausgeblendet werden? In der Vergangenheit hatte man zumindest teilweise diesen
Eindruck.
Wer
etwa
in
der
Sakramentenkatechese
unbefangen
von
„Tischmüttern“ und nur von diesen redet, hat
die Väter bewusst oder unbewusst bereits
abgeschrieben. Wenn im vorherigen Kapitel
von der prophetischen Seite der Männerpastoral die Rede war, liegt genau hier ihre institutionskritische Aufgabe, nämlich den Maßstab der Geschlechtergerechtigkeit für das
pastorale Handeln der Kirche mit Blick auf
Frauen und Männer gleichermaßen einzufordern.
4. Männerpastoral als Pastoral der Unterbrechung gestalten.
Wenn der Druck allenthalben steigt, der Raum
für sich selber weniger wird, die verbindlichen
Orientierungen immer weniger von allen geteilt werden, dann sind „klösterliche Gegenwelten auf Zeit“, welche tiefer gehen, Sinn
und Kongruenz stiften, persönliche Erfahrungen und Relevanzen ermöglichen, vielleicht
nicht das schlechteste kirchliche Angebot. Das
ist dann vielleicht nicht mehr flächendeckend
machbar, aber eine Pastoral des Angebots
tiefer Erfahrungen einer christlichen Identität
als Mann unter Brüdern darf dann ruhig auch
etwas „Ausgewähltes“, Nicht-Alltägliches haben. Denn das suchen ja viele Männer: eine
Sinn stiftende, Sinnerfahrungen ermöglichende Aktivität außerhalb des Alltäglichen, eine
Unterbrechung ihres Alltags. Gerade hier wird
die verkündigende und sakramentale Seite der
Männerpastoral unmittelbar erfahrbar.
5. Männerpastoral als Option für kulturelle
Schlüsselgruppen weiten.
Missionarische Pastoral beinhaltet den gesellschaftlichen Auftrag der Kirche, Gesellschaft
und Kultur gemäß dem Evangelium zu verwandeln. Für die Männerpastoral kommen
damit drei Schlüsselgruppen von Männern in
den Blick, die bislang im diakonischen Ansatz
der Männerarbeit kaum im Fokus waren: Zum
einen sind dies Männer in Verantwortungspositionen – als diejenigen, die die Entwicklung
von Kultur und Gesellschaft durch ihre ökonomischen und strukturellen Entscheidungen
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Impulse für ein Handlungskonzept der Männerpastoral
Prof. Dr. Maria Widl, Dr. Andreas Ruffing, Dr. Hans Prömper, Manuel Gall
maßgeblich mit bestimmen. Dann sind es zum
zweiten die Männer am Rande der Gesellschaft, die keinen tragfähigen Lebensinhalt
und keine Perspektive haben. Die Sinnlosigkeit
ihres Lebens wird neben der persönlichen
Tragik zunehmend zum Sprengstoff für die
gesellschaftliche Normalität. Und schließlich
geht es um die jungen Männer – angesichts
der Jugend als Leitkultur einerseits, ihrer oft
prekären Lebensperspektive andererseits,
zumal in jungen Jahren kirchlich Unberührte
den Zugang zu Glaubensthemen später nur
sehr schwer finden werden. In der Orientierung an der pastoralen Qualität der kirchlichen Grundvollzüge geht es dabei um so zentrale Männerthemen wie Erfahrungen von
Macht und Ohnmacht, die Gestaltung von
Ansehen und Erfolg und die Suche nach Sicherheit und Reichtum.
zen Unterschiedlichkeit und Vielfalt offen und
wertschätzend zu begegnen und ihnen darin
zu Zeugen des Evangeliums von Jesus Christus
zu werden.
Gerade mit Blick auf diese drei Schlüsselgruppen lassen sich besonders eindrücklich prägnante geschlechtsspezifische Schwerpunkte
einer Männerpastoral der Zukunft benennen:
Erfahrungen von Kraft und Macht: körperbetonte Formen der Selbsterfahrung, Umgang
mit schwächenden Erfahrungen (Beruf, Frauenrollen, Sachzwänge), Charismen- und Berufungspastoral. Schlüsselthema: Verantwortung.
Gestaltung von Ansehen und Erfolg: männerspezifische Emanzipation, Zeitmanagement
und Beziehungskultur, Arbeitstugenden und
Zielvergewisserung, ethische Maßstäbe und
Prophetie. Schlüsselthema: Liebe.
Suche nach Sicherheit und Reichtum: Geborgenheit im Gottesbezug, männliche Formen
der Spiritualität, Riten und Rituale, Ämter und
Normen, Konzepte und Strategien, Schutz der
und Kampf für die Schwachen, Umgang mit
Reichtum und Armut, Askese. Schlüsselthema:
Gerechtigkeit.
So wird es also der Männerpastoral in der
Zukunft darum gehen, Männern in ihrer gan-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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1. Teil:
Soziologische Betrachtung
1. Teil:
Soziologische
Betrachtung
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
Kirchenoffene Männer?
Präsentation sozialwissenschaftlicher Studien
zum Rollenverständnis und Rollenwandel der
Männer
1. Theorieorientierte Zugänge
1.1 Geschlechterverhältnisse – Zwischen Fragen der Gerechtigkeit und des guten Lebens
Es gibt in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit für das männliche Geschlecht, die
aber erstens quantitativ weit hinter der Frauenforschung zurückbleibt und zweitens – zumindest teilweise – reaktiv auf die Frauenforschung bezogen ist. Sie ist in ihren Anfängen
stark entweder von der deskriptiven Frage
durchzogen, wie die Veränderung des Selbstverständnisses und der Rollenmuster von
Frauen sich auf die Männlichkeitskonzepte
auswirken oder häufiger noch von der normativen Fragestellung bestimmt, welche Veränderungen der Männerrolle die berechtigten
Gleichstellungsforderungen der Frauen nötig
machen und wie weit diese Anpassungen der
Männer an ein egalitäres Geschlechterverhältnis gediehen sind.
Dass die Forschungsaufmerksamkeit und Forschungskonzeption weit von einer Symmetrie
entfernt ist, ist allein schon an der Verwendung des Begriffs „Gender-Forschung“ festzumachen, der häufig synonym für Frauenforschung steht.1 Die erhöhte Aufmerksamkeit
der Forschung für die Frauenfrage hat zweifellos gute Gründe: Der Wandel der Lebensbedingungen, Lebensläufe und Selbstverständnisse von Frauen ist ersichtlicher ungleich
1
Vgl. Martin Fischer, Theologische Männerforschung? Zur Frage der Relevanz von Männerforschung in der Theologie. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 50 (2006), 138-143.
umfassender und gesellschaftlich folgenreicher und er ist mit einer höheren bzw. offensichtlicheren normativen Berechtigung versehen. Als das gesellschaftlich benachteiligte
Geschlecht sind diese Veränderungen Schritte
zu mehr Gleichheit und Freiheit, und damit zu
erweiterten Lebensmöglichkeiten.
Die Genderfrage weist eine doppelte Perspektive auf:
Sie steht erstens unter der Perspektive der
Geschlechtergerechtigkeit, die sich für Frauen
und Männer gleichermaßen, aber nicht symmetrisch stellt und insofern unterschiedliche
Veränderungen verlangt. Zielsetzung ist
Gleichheit der Geschlechter – im Sinne gleicher Freiheit –, die Raum für Verschiedenheit
lässt und gibt.
Sie steht zweitens unter der Perspektive der
Geschlechteridentität: was macht ein gutes
Leben als Mann bzw. als Frau aus. Oder mit
Volz/Zulehner formuliert: „Wir schlagen den
kirchlichen Auftraggebern vor, von der Annahme auszugehen, dass heutiges Männerleben weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. ‚Mehr Leben ins Männerleben’, das
könnte als geheimes Leit-Motto auch der vorliegenden Studie gelten“ (21). Aber dann muss
man Kriterien benennen können, die „mehr
Leben“ auszeichnen.
Unter der Perspektive des guten Lebens sind
Frauen- und Männerfragen weniger strikt
gekoppelt, aber dennoch miteinander verwoben, insofern die Geschlechter miteinander
leben wollen, die Entwürfe also aufeinander
bezogen sein müssen.
Mit der Frage nach dem guten Leben ist allerdings ein äußerst heikles Feld erreicht. Drei
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
Fragen stellen sich: a) Ist die Frage nach dem
guten Leben überhaupt geschlechterspezifisch
zu stellen oder läuft sie doch in der einen Frage zusammen, was ein gutes menschliches
Leben ausmacht? b) Gibt es darauf überhaupt
eine auch nur halbwegs verallgemeinerbare
Antwort? Ist diese Frage nicht so sehr mit
weltanschaulich-pluralen Deutungen von
Welt, Mensch, Gesellschaft und Geschichte
oder sogar mit individuellen Selbstverständnissen und Lebensbedingungen verbunden,
dass es darauf nur eine Vielzahl von Antworten – ja vielleicht nur eine je persönliche Antwort - geben kann? c) Und können Glaube und
Kirche hier einen Antwortbeitrag geben oder
nur die Suche ermöglichen und unterstützen?
a) Die Geschlechterdifferenz ist sicherlich unter den vielfältigen Differenzierungen der Gattung Mensch – Rasse, Körperkraft, Intelligenz,
Haarfarbe, Alter – die herausragende. Sie ist
gut sichtbar, sie ist angesichts der sexuellen
Energien von hohem gegenseitigen Interesse
und sie ist mit einer grundlegenden Funktion
jeder Gesellschaft verbunden: deren Reproduktion, bei der es nicht nur um die Geburt
einer nachfolgenden Generation, sondern
auch um deren Platzierung in den Binnengliederungen der Gesellschaft geht. Unabhängig
von der Frage, was an Geschlechtsunterschieden nun biologisch oder kulturell bestimmt ist,
ist verständlich, dass gesellschaftliche Deutungs- und Regelsysteme sehr massiv an dieser sichtbaren und hochrelevanten Differenz
ansetzen und sie ausgestalten. Und auch
wenn die Geschlechtsrollentypisierungen heute zurückhaltender sind, so bleibt das Geschlecht wohl nach vor die wichtigste Bestimmungsgröße der Lebensgestaltung. Es kommt
hinzu, dass die – in der Ständegesellschaft –
ebenfalls sehr starke hierarchische Differenzierung der Gesellschaft an Sichtbarkeit und
Übersichtlichkeit verloren haben, wiewohl sie
von hoher Relevanz für die Lebensgestaltung
bleibt. Man kann nach wie vor feststellen,
dass die Geschlechtszugehörigkeit die sozialstrukturelle Präsenz stark bestimmt: offensichtlich im Bereich Familie und Erwerbsar-
beit, aber auch in der Politik, im Vereinswesen, in der Religion. Insofern ist die Frage nach
der Gestaltung des Lebens weiterhin – und auf
Dauer – mit einem Geschlechterindex versehen. Die Frage des guten Lebens stellt sich
geschlechtsspezifisch.
b) Die Frage nach dem guten Leben hat gewiss
aufgrund der je besonderen Lebensbedingungen und -geschichten einen persönlichen,
individuellen Akzent, aber doch so, dass dabei
auf kulturelle Hintergrundmuster und Hintergrundkategorien zurückgegriffen werden
muss, die erst Bedeutung und Bedeutsamkeit
von Entscheidungen ermöglichen. Dabei sind
diese kulturellen Deutungsmuster heute sicher vielfältig und weltanschaulich differenziert. Aber es gibt keine radikale Individualisierung der Frage nach dem guten Leben, sondern „nur“ deren kulturelle Pluralisierung.
c) In dieser kulturellen Debatte ist die Kirche
als wichtige Deutungsinstanz gefordert.
1.2 Geschlecht und Religion – Feminisierung
der Religion?
Es gibt eine breite – aber nicht unwidersprochene – Theorietradition, die von einer Feminisierung der Religion in der Neuzeit, etwa
vom 18. bis ins 20. Jahrhundert, spricht.
Es gibt dafür m.E. gute Argumente: Der Prozess funktionaler Differenzierung in Verbindung mit dem Säkularisierungsschub der wissenschaftlichen und politischen Revolutionen
führte zu Lösung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche, insbesondere der Wirtschaft,
der Wissenschaft, der Kunst und teilweise der
Politik aus religiöser Strukturierung und zu
einer Tendenz der Verlagerung der Religion
aus dem öffentlichen Raum in die Privatsphäre. Die Intimisierung, Emotionalisierung und
Familialisierung der Religion kann durchaus
mit einer Steigerung persönlicher Religiosität
einhergehen (die für die Sozialform des Katholizismus auch sehr deutlich gezeigt werden
kann), aber sie verliert ihre Strukturierungs-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Kirchenoffene Männer?
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kraft und Präsenz in zentralen Gesellschaftsbereichen. Bei einer gleichzeitig zunehmenden
Differenzierung der Geschlechter auf verschiedene Sozialräume im bürgerlichen Geschlechter- und Familientypus wird Religion
zum Bereich der Frauenwelt, während die
Männer bei höherer Mobilität in den säkularisierten Gesellschaftsbereichen ihr Hauptaufgabenfeld fanden. So „entwickelt sich im Kontrast zu einer als emotionskalt[en] und unsittlich-dekadent empfundenen ‚männlichen Zivilisation’ quasi kompensatorisch ‚eine weibliche sittlichere Kultur’.“2 In dieser Feminisierung von Religion werden den Frauen nicht
nur spezifisch die Pflege der Religion, sondern
auch der sittlichen Normen und Werte zugesprochen, die das Christentum kennzeichnen.
Familie – die Welt der Frau – wird zu einer von
Liebe und Humanität gekennzeichneten Lebenssphäre, im Gegensatz zu einer als zunehmend versachlichten, entfremdenden und
ökonomisierten Außenwelt. Religion und Tugend werden so stark auf die Frau und den
familiären Bereich konzentriert. Die Frau ist
das religiöse und moralische Geschlecht. Am
neu akzentuierten Marienbild und Marienkult
ließen sich manche dieser Veränderungen
zeigen.
Ich denke, dass damit eine bis heute nachwirkende Deutungslinie zutreffend erfasst wird –
die ein Spannungs- und vielleicht auch Ausgleichselement dadurch erhält, dass die Leitungsämter und -funktionen in der Kirche in
männlicher Hand blieben.
Wenn wir über das Verhältnis von Männern
und Religion nachdenken, so hat dies eine
sozialstrukturelle Komponente. Es stellt sich
die Frage: Bleibt Religion auf die Privatsphäre
konzentriert? Wenn das so ist, dann wird es
vermutlich eine Angleichungen der Religiosität
von Frauen und Männern geben, wenn Frauen
sich ähnlich wie Männer verstärkt im öffentli-
chen Raum bewegen – und Männer sich vielleicht mehr als bisher in der Familie.
1.3 Rollenwandel – Zwischen Einstellungen
und Handlungen
Einstellungen und Handlungen haben viel miteinander zu tun; ein eklatantes und dauerhaftes Auseinanderfallen ist mit kognitiven Dissonanzen verbunden, die schwierig zu ertragen
sind. Dennoch fallen Einstellungen und Handlungen häufig auseinander: kognitive und moralische Lernprozesse schlagen sich nicht immer in einem entsprechenden Handeln nieder.
Zu einem bestimmten Handeln gehören neben
dem Wissen auch ein adäquates Wollen und
eine entsprechende Kompetenz sowie entgegenkommende Außenbedingungen. Gerade
bei den Geschlechterverhältnissen ist hier mit
Diskrepanzen zu rechnen. Vor allem sind tradierte Geschlechterverhältnisse auch in institutionelle Arrangements eingegangen, so dass
die Außenbedingungen – im konkreten vor
allem die Arbeitswelt, aber auch Schule und
vorschulische Betreuungs- und Bildungseinrichtungen – Veränderungen im Handeln
schwierig machen. Aber auch Kompetenzmängel – von eher vordergründigen Fertigkeiten bis hin zu tiefliegenden Kommunikationsund Empathiefähigkeiten – können Veränderungen erschweren.
Empirische Studien zielen zumeist sehr stark
auf die Erfassung von Einstellungen, wenngleich auch Handlungsweisen erfragt werden
können. Wenn dabei festgestellt wird, dass die
Kategorie des Geschlechts für Einstellungen
weniger bedeutsam ist als sozio-ökonomischer
Status oder die Zugehörigkeit zu Wertegruppen, dann ist das auf der Einstellungsebene
wohl richtig, kann aber nicht ohne weiteres
eine entsprechende Relevanz der Geschlechtszugehörigkeit für die Lebensführung
belegen.
2
Simone Staritz, Religion und Nation - GenovevaLiteraturen 1775-1866. St. Ingbert: Röhrig 2005,
67.
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Kirchenoffene Männer?
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2. Vorbemerkung zu den empirischen Studien
Es ist relativ selten, dass man bei der Suche
nach empirischen Studien zuallererst auf Material stößt, das von der Katholischen Kirche in
Deutschland mitinitiiert und -konzipiert ist.
Insgesamt nämlich sehe ich bei der Deutschen
Bischofskonferenz und den Diözesen eher eine
defensive Haltung gegenüber der empirischen
Außenperspektive, die dann mit dem eigenen
Selbstverständnis und der Selbstdeutung zu
vermitteln wäre – im Vergleich etwa mit der
evangelischen Kirche und deren doch relativ
stark entwickelter kirchensoziologischen Forschungen oder den Nachbarländern Österreich und Schweiz.
Die drei von der Männerarbeit angestoßenen
Studien „Männer im Aufbruch“, „Männer in
Bewegung“ und „Was Männern Sinn gibt“ sind
nicht nur im Blick auf die religiöse Fragestellung in der Männersoziologie, sondern auch
insgesamt im Kontext empirischer soziologischer Männerforschung bemerkenswert. Es
gibt kaum Studien, die in der Breite vergleichbar wären. Andere Studien sind thematisch
deutlich enger gesetzt. Relativ stark vertreten
ist dabei die Väterforschung (Bambey/
Gumbinger sowie Mühling/Rost), nicht zuletzt
im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von
Elternzeit durch Männer.
Die Männerarbeit übt im Blick auf empiriegestützte pastorale Konzeption insofern eine
Pionierfunktion aus. Sie ist dadurch auch ein
Labor, in dem sich die Leistungsfähigkeit einer
empirisch aufgeklärten pastoralen Praxis zeigen kann und muss.
3. Die Sinus-Milieu-Studie
Carsten Wippermann u.a.: Männer. Rolle vorwärts, Rolle rückwärts - Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und
postmodernen Männern. Opladen: Budrich
2009. 223 Seiten.
Beginnen will ich mit einer Studie, die nicht in
Kooperation mit der Männerarbeit erwachsen
ist.
Die Studie ist im Auftrag der Abteilung Gleichstellung des BMFSFJ entstanden. Sie beruht
auf dem bekannten Modell der Sinus-Milieus,
das ja auch der von der MDG in Auftrag gegebenen Studie „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus 2005“ zugrunde liegt. Ich halte diese Sinus-Milieus in ihrer
Kombination aus Wertmustern und hierarchischen Schichtungskriterien für einen durchaus
geeigneten Ansatz. Dass dieses Modell sehr
stark für Marketingzwecke verwendet wird,
spricht nicht grundsätzlich gegen seine Seriosität, sondern durchaus auch für einen hohen
Aufwand in der Konzeption. Störend ist beim
Sinus-Institut allerdings mittlerweile doch,
dass die Arbeitsweise einen immer weniger
ambitionierten und zunehmend renditeorientierten Eindruck erweckt.
3.1 Typologie von Männern
Die Männerstudie unterscheidet vier Haupttypen männlicher Geschlechtsidentität:
1. Moderner neuer Mann
Sein Profil ist wesentlich geprägt von Themen
der Gleichstellung von Frauen und Männern.
Diese Männer teilen die emanzipierte Normperspektive ihrer Partnerin. Sie wollen eine
moderne Gleichstellungspolitik, die nicht mehr
einseitig Frauenpolitik ist, sondern Gleichstellungspolitik für Männer und Frauen. Sie sind
motiviert von der selbstgesetzten Forderung,
dass moderne Männer und Frauen gemeinsam
gegen Strukturen und Alltagskulturen von
ungerechter Ungleichstellung angehen und
ihre Gleichstellung im eigenen Alltag – trotz
widriger Umstände – leben müssen. Mentalitätsmäßig liegt der Schwerpunkt dieses Typs
zwar in den gehobenen Bildungssegmenten
und Milieus. Allerdings ist gerade in den höheren sozialen Lagen die Luft zwischen dem
normativen Selbstbild und realisierter Praxis
auch besonders hoch. Diese Diskrepanz ist
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Kirchenoffene Männer?
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auch auf objektive Schwierigkeiten zurückzuführen, die sich gerade in höheren Positionen einer Vereinbarkeit von Familien und
Erwerbsarbeit entgegenstellen. „Es erfordert
viel persönliche Energie, sich gegen eine ökonomische Rationalität und Praktikabilität zu
entscheiden. Zur Stützung und Stabilisierung
gleichgestellter Arrangements bedarf es gesellschaftlicher Strukturen verschiedener Provenienz.“3
2. Starker Haupternährer der Familie
Dieser Typus praktiziert überwiegend die traditionale Delegation der Hausarbeiten an die
Frau. Aber insbesondere in der jüngeren Generation ist der Mann heute nicht mehr von
der Hausarbeit freigestellt, sondern beteiligt
sich. Darin zeigt sich durchaus eine Veränderung der Geschlechtsidentität und der Einstellungen zu Partnerin und Familie.
3
Carsten Wippermann, Marc Calmbach, Katja
Wippermann: Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts? Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und postmodernen Männern.
Handout zur Studie, 3.
http://www.sinus-instiut.de/uploads/tx_mpdown
loadcenter/Handout_Maenner_Rolle_vorwaerts_R
olle_rueckwaerts.pdf.
3. Life-Style-Macho
Er geht von weiblicher Unterordnung und
männlicher Überordnung aus. Es gibt ihn sowohl in den unteren als auch in den oberen
Milieus der Gesellschaft mit unterschiedlicher
Stilistik und Ausprägung.
4. Postmoderner flexibler Mann
Diese Männer haben eine entspannte, spielerische Einstellung zu ihrer Identität als Mann,
wobei traditionelle und moderne Muster ideologiefrei und mit temporärer Gültigkeit verwendet werden. Im Milieukonzept wird dieser
Typus vor allem den Experimentalisten zugeordnet. Gegenüber dem Thema Gleichstellung
zeigen die Männer ein durchschnittliches Interesse – weder starke Ablehnung noch starkes
Interesse. Sowohl das Zuverdienermodell als
auch das gleichgestellte Familienmodell spielen eine relativ große Rolle. Aber auch ein
Leben als Single ist für diese Männer eine
überdurchschnittliche Option.
3.2 Zentrale Ergebnisse der Studie
a) Das Thema ‚Gleichstellung’ hat bei Männern
den Rang des sozial Erwünschten erreicht. Die
Gleichstellung von Frauen und Männern ist
eine akzeptierte soziale Norm in beinahe allen
Alters-, Bildungs- und Berufsgruppen.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
b) Die Studie zeigt, dass Männer im Unterschied zu früheren Generationen bereit und in
der Lage sind, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Im Sinne der Reziprozität der Perspektive versetzen sie sich in die Lage von
Frauen und nehmen deren Ansprüche und
Bedürfnisse ernst.
c) Es lässt sich ein Widerspruch zwischen
Gleichstellungsbekundungen und konkretem
Verhalten ausmachen. Verdeutlicht wird das
an den Befunden zu den Wunschvorstellungen
von Partnerschaft und Familie einerseits und
den gelebten Familienmodellen – konkretisiert
an der realen Aufgabenverteilung im Haushalt
– andererseits. Wunsch und Wirklichkeit klaffen bei den Familienmodellen auseinander:
Das gleichgestellte Familienmodell wird weitgehend favorisiert, aber durchaus nicht weitgehend gelebt. Haushaltsaufgaben sind weitgehend nach traditionellem Muster aufgeteilt.
Den meisten Männern erscheint eine gleichgestellte Rollenaufteilung als Ideal, eine teiltraditionelle Rollenverteilung hingegen als
praktisch, leichter und ökonomisch-rational.
d) Im Gegensatz zu den Vorgängergenerationen erleben sich die Männer im Dilemma der
Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dies gilt
in besonderem Maße für die Generation der
35-50-Jährigen, denen es bewusst ist, dass ihr
Engagement im Beruf zu Lasten der Familienzeit geht. Ein Großteil der Männer erlebt die
eigene soziale Realität als paradox: Im Beruf
werden von ihnen traditionelle Verhaltensmuster verlangt, als da wären volle Verfügbarkeit und Flexibilität im Einsatz für den Job;
hinsichtlich der Familiensituation sind sie bereit, genau diese traditionellen Strukturen zu
hinterfragen und mehr für die Partnerin und
die Kinder da zu sein. Handlungsmuster, die
aus diesem Dilemma herausführen, sehen nur
sehr wenige Männer.
e) Männer sehen sich weiterhin als ‚Hauptverdiener’ innerhalb der Familie; im Gegensatz zu
den Frauen haben sie nach eigener Einschätzung nicht das Recht, die Rolle des Zuver-
dieners innerhalb der Familie einzunehmen.
Hier liegt innerhalb der Partnerschaft und
Familie Sprengstoff, da viele Männer sich von
den Frauen, die ihnen vorwerfen, die alte Rollenverteilung zu perpetuieren, in ihrem Dilemma unverstanden fühlen.
f) Der Begriff des ‚Neuen Mannes’ wird weitgehend als Leerformel empfunden. Die Mehrheit der Männer distanziert sich vom alten
Rollenbild, nach dem persönliches Glück vor
allem in Beruf und Karriere zu finden sei; konkrete Vorbilder für das Füllen der Chiffre vom
‚Neuen Mann’ sind jedoch kaum vorhanden.
4. Die Studien von Volz und Zulehner
„Männer im Aufbruch“ (1998) und
„Männer in Bewegung“ (2008)
4.1 Methodische Anlage der Studie
Bei den Studien von Volz und Zulehner handelt es sich um zwei quantitative Studien, die
im Abstand von zehn Jahren durchgeführt
wurden. Ich halte solche quantitativen Studien
für unverzichtbar, weil nur über repräsentative Studien, die aufgrund der erforderlichen
Fallzahlen notwendig quantitativ sein müssen,
eine Beschreibung der gegenwärtigen Situation in der Breite sowie Veränderungstendenzen beschreibbar sind. Ein Problem dabei ist,
dass differenzierte Deutungszusammenhänge
der Personen so kaum erfassbar sind. Bei den
Studien von Volz und Zulehner kommt hinzu,
dass sie ein sehr breites Themenspektrum
abfragen, zu einzelnen Bereichen dann aber
teilweise zu wenige Items haben, um auf
quantitativer Ebene genauere Analysen von
Zusammenhängen und differenzierenden Faktoren vornehmen zu können.
Eine große Chance dieser Studien ist allerdings, dass sie durch überwiegend identische
Items einen Zeitvergleich ermöglichen. Zwar
handelt es sich nicht um eine Längsschnittforschung, die durch die wiederholte Befragung
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
derselben Personen individuelle Veränderungen und Lernprozesse im Lebenslauf nachgehen kann, aber die Wiederholung der Fragen
ermöglicht immerhin gesellschaftliche Verschiebungen zu diagnostizieren. Nicht genutzt
wird die mit diesem Design gegebene Chance
– weil generell sehr wenig auf Alterseffekte
und biographische Situationen Bezug genommen wird – zu differenzieren, inwiefern Veränderungen eher lebenslaufbedingt oder eher
kohortenspezifisch sind.
Generell fällt bei den Studien auf, dass die
Auswertungsstrategie relativ konventionell
und unambitioniert ist. Es werden im Wesentlichen bivariate Zusammenhänge zwischen
zwei Variablen in Verbindung mit einem Zeitvergleich dargestellt. Manchmal würde man
sich doch noch die Aufschlüsselung nach einer
weiteren Variablen – beispielsweise Alter,
Familiensituation, sozio-ökonomischer Status
etc. – wünschen. Überhaupt halte ich es für
einen der größten Mängel der Studie, dass sie
die sozioökonomische Situation nahezu vollständig ausklammert. (Es wird nur an einer
Stelle auf das Bildungsniveau eingegangen.)
Sie entscheidet aber wesentlich über Lebensmöglichkeiten, Handlungsspielräume und
Deutungspotentiale, die für Geschlechteridentitäten und Verhältnisse wichtig sind.
Konzeptionell auffallend ist auch die wenig
theorieorientierte Anlage der Untersuchung.
Theoriebausteine finden sich zwar immer
wieder bei den einzelnen Themenfeldern,
aber sie erinnern doch ein wenig eine „Steinbruchexegese“. M.E. helfen aber empirische
Daten nicht letztlich bei der Konzeption von
Praxis. Da hilft nur Theorie. Allerdings muss
diese Theorie empiriegesättigt bzw. empiriekontrolliert sein. Aber wo es nicht gelingt, die
Wirklichkeit auf den Begriff zu bringen, Deutungszusammenhänge herzustellen und von
hier aus Handlungsmöglichkeiten zu bestimmen, da helfen uns Zahlen wenig. Sie mögen
uns dann durchaus auch nachträglich zu theoretischen Anstrengungen antreiben, gerade
dort, wo uns empirische Daten überraschen.
Aber eigentlich sollte die empirische Forschung selbst von Anfang in Theorie eingebettet sein (bzw. die implizite Theorie explizit
machen) und in Theorie enden.
Implizit haben Volz und Zulehner wohl eine
rudimentäre Hintergrundthese, die auch im
Titel der Studien durchschimmert: Es gibt ein
bestimmtes – allerdings nicht näher beschriebenes oder begründetes Ziel – zu dem Männer
aufbrechen sollen und zu dem sie auch auf
dem Weg sind, wenn auch langsamer als erwartet.
Schließlich fällt auf, dass dem Band methodische Informationen fehlen: zur Stichprobenziehung, zu Ausfallquoten und ähnlichen methodisch bedeutsamen Details, die für Qualität
und Validität nicht unwichtig sind. Auch die
Verfahren und Ergebnisse der Faktorenanalysen werden nur sehr rudimentär beschrieben,
was die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit
hindert. Auch der von mir angeforderte Tabellenband ist dabei nicht hilfreich und bestätigt
eher die wenig ambitionierte und intensive
Auswertungsarbeit in methodischer Hinsicht.
4.2 Typologie von Männern
Als Herzstück ihrer Arbeit bezeichnen die Autoren die Typologie von vier Männergruppen.
Allerdings scheint mir diese Typologie einer
der schwächeren Teile zu sein. Erstens bilden
sie ihre Typologie nur aus 15 Items, die alle
um Familie und die Rollenverteilung der Erwerbsarbeit angesiedelt sind. Warum ziehen
sie nicht weitere Items – etwa aus dem Wertebereich – zur Clusterbildung hinzu? Zweitens
ist ihre Clusterbildung eindimensional: Partnerschaftliches versus geschlechtsspezifisch
arbeitsteiliges Rollenmuster. Zwischen den
Extremgruppen der teiltraditionellen und modernen Männer sind die beiden weiteren
Gruppen der balancierenden und der suchenden Männer als dazwischenliegend anzusehen. Außerdem fällt es schwer, diese beiden
mittleren Gruppen sinnvoll gegeneinander
abzugrenzen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie
nicht „konsistent“ auf moderne und traditio-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
30
Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
nale Items reagieren, sondern beide bejahen,
wobei sie sich vor allem in der Stärke der Zustimmung unterscheiden. Auch die Ausführungen von Volz und Zulehner zu den Zwischentypen sind wenig erhellend. Gut deutbar
sind sicher die beiden Cluster moderne und
teiltraditonelle Männer.
Die Verteilung der Typen und die Veränderung
im Zehnjahresvergleich zeigt nachfolgende
Tabelle: (34)
Man sieht einen leichten Rückgang der teiltraditionellen Männer aber einen deutlichen
Rückgang der teiltraditionellen Frauen im
Zehnjahresvergleich und spiegelbildlich dazu
einen leichten Anstieg der modernen Männer
aber einen deutlichen Anstieg der modernen
Frauen. Insgesamt gibt es deutlich mehr moderne Frauen als moderne Männer und nur
halb so viele traditionelle Frauen wie traditionelle Männer. Frauen sind also, was ihr Rollenverständnis angeht, deutlich moderner als
Männer. Dabei gilt auch für traditionelle Männer, dass die Berufstätigkeit von Frauen tendenziell akzeptiert ist, es aber weiterhin erhebliche Ungleichheiten in der Übernahme
der Familien- und Hausarbeit gibt.
4.3 Weitere Ergebnisse
4.3.1 Gewichtung von Lebensbereichen
Bei der Gewichtung der Lebensbereiche fällt
auf, dass Familie auf einem sehr hohen Niveau
stagniert bzw. leicht an Bedeutung verliert,
während Freizeit und Freunde gewinnen und –
erstaunlicherweise – Religion und Kirche einen
exorbitanten Zuwachs erleben, der mit dem
Material der Studie schwer zu interpretieren
ist. Einen deutlichen Wichtigkeitsverlust bei
den Männern erleidet der Lebensbereich der
Arbeit, während er bei den Frauen leicht zulegt, so dass zwischen Männern und Frauen
hier kein Unterschied mehr besteht.
4.3.2 Erlittene und angetane Gewalt
Ausführlich und differenziert werden in der
Studie Gewaltpraxis und Gewalterfahrungen
abgefragt. Dabei zeigt sich, dass Männer mehr
Gewalt ausüben, aber auch mehr von Gewalt
betroffen sind als Frauen. Der Umfang der
angetanen und erlittenen Gewalt verlaufen
erstaunlich parallel. Moderne Männer kommen sowohl als Opfer als auch als Täter weniger mit Gewalt in Berührung als teiltraditionelle Männer (während dies bei Frauen eher umgekehrt ist). Frappierend ist der enge Zusammenhang zwischen glücklicher Kindheit und
geringer Gewalterfahrung und Gewaltpraxis.
Je unglücklicher die Kindheit erlebt wurde,
desto eher erleiden Befragte heute vielfältige
Gewalt und geben diese an andere weiter.
4.3.3 Familie
Der Kern der Geschlechtsrollendebatten und
damit auch der Debatte um die Rolle des
Mannes betrifft „natürlich“ Familie. Nur in
Partnerschaft, Ehe und Familie wird explizit,
thematisch und zentral auf die Geschlechtlichkeit des Menschen zugegangen, während sie
in allen anderen Lebens- und Gesellschaftsbereichen zwar eine mitlaufende und teilweise
auch relevante Kategorie darstellt, aber thematisch nicht im Fokus steht. Wie jedoch im
Lebensfeld Familie mit den Geschlechtsrollen
umgegangen wird, hat – via Familie und nicht
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
31
Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
primär via Geschlecht – erhebliche Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter in
anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern.
Wenn etwa Familie als Sphäre der Frau angesehen wird, dann folgt daraus, dass sie in anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern
weniger präsent sein kann. Lebenspraktisch
am relevantesten ist dies sicher im Blick auf
die Arbeitswelt.
Die Studien zeigen sehr deutlich, dass das
Verhältnis von Familie und Erwerbsarbeit nach
wie vor eine der größten Spannungslinien ist.
Dies zeigt sich deutlich in den Männersichten:
Trotz wachsender Partnerschaftlichkeit bleibt
in den gesellschaftlichen Erwartungen, aber
auch in der Selbsterwartung der Männer bei
ihnen die Erstverantwortung für die materielle
Existenzsicherung der Familie. Wenn die Existenzsicherung durch die Frau geleistet werden
kann, ist das auch kein großes Problem. Aber
zum Problem wird diese Erstverantwortung
dann, wenn die finanzielle Lage der Familie
prekär ist und der Mann gefordert ist, die Existenz zu sichern. Wenn dies nicht gelingt, ist
dies primär sein Versagen. Bei der gegenwärtig zunehmenden Ungesichertheit der finanziellen Situation für viele Menschen ist sehr viel
Aufmerksamkeit auf die Sicherung der Lebensgrundlagen zu legen. Das Feld der Erwerbsarbeit wird sehr beanspruchend. Insofern gibt es in der Gesellschaft durchaus eine
Spannungslinie zwischen einer wachsenden
Bereitschaft von Männern sich in der Familie
zu engagieren und einer Berufsarbeit, die ihre
Vorrechte immer massiver anmeldet und
kaum den Bedürfnisse der Familie untergeordnet werden kann.
Bei der Inklusion in das Erwerbssystem hat
m.E. die Geschlechtszugehörigkeit eine nachrangige Bedeutung im Vergleich zu den Familienrollen. Aber die Koppelung von Geschlecht
und bestimmten Familienrollen führt zu erheblichen Differenzen in der Einbindung von
Männern und Frauen in das Erwerbssystem.
Die Spannungslinie von Erwerbsarbeit und
Familie ist in den Studien von Volz und Zulehner deutlich sichtbar.
4.3.4 Religion und Kirche
Dass sich mit der Annäherung der Geschlechterrollen, insbesondere mit der verstärkten
Präsenz von Frauen in Beruf und Öffentlichkeit, die „Feminisierung der Religion“ zurückbilden wird, ist theoretisch zu erwarten. Die
Frage ist, in welche Richtung sie sich bewegt.
Säkularisierungstheoretisch wäre eine Angleichung der Religiosität von Frauen an die der
Männer zu erwarten. Denkbar wäre aber
auch, dass sich mit einer verstärkten Zuwendung von Männern zu nicht-ökonomischen
und nicht-technokratischen Lebensbereichen
deren religiöse Sensibilität sich wieder „erholt“. Die Studien von Volz und Zulehner zeigten im Zehnjahresvergleich tatsächlich eher
ein Treffen in der Mitte: Eine deutlich sinkende Bedeutung von Religion und Kirche bei
Frauen und ein ebenso deutliche Zunahme bei
den Männern. Letzteres überrascht auch Volz
und Zulehner. Die Studie kann dazu allerdings
keine Erklärungshinweise liefern.
Sichtbar ist allerdings, dass die Religiosität der
modernen Männer erheblich geringer ist als
die der teiltraditionellen. Das spricht eindeutig
gegen die oben angebotene These, dass die
verstärkte Bereitschaft der Männer sich auf
„weibliche“ Lebensbereiche einzulassen, eine
wachsende Religiosität von Männern erklären
könnte. Die geringe Religiosität moderner
Männer stellt kirchliche Männerarbeit allerdings in ein Spannungsfeld: der von ihr unter
ethischen Gesichtspunkten favorisierte Männertyp ist zugleich ein eher religionsferner
Mann.
4.4 Ausblickende Bemerkungen
Männerarbeit ist ein Querschnittsthema. Gesellschaftlich gesehen läuft die Geschlechterfrage in fast allen gesellschaftlichen Handlungsbereichen mit, auch dort wo sie kein
Zentralthema ist. Aus der Männerperspektive
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
32
Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
realisiert sich Mannsein in ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern. Herausragend sind
allerdings die Handlungsbereiche, in denen
Geschlecht thematisch wird. Das ist primär
das Feld der Geschlechterbeziehung in der
Partnerschaft und das Feld der Generationenbeziehungen in der Familie, wo im Verhältnis
von Eltern und Kindern auch wesentlich mitbestimmt wird, was es heißt, ein Junge oder
ein Mädchen, ein Mann oder eine Frau zu
sein. Deswegen scheinen mir auch zwei Vernetzungslinien der Männerarbeit besonders
wichtig: erstens zur Familienarbeit und dabei
mit einem besonderen Brennpunkt zur Frage
der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie sowie zweitens zur Kinder- und Jugendarbeit, weil auch dort Geschlechtsrollenentwicklung und Geschlechtsrollendiskurse eine
besondere Rolle spielen. Damit soll natürlich
nicht eine Begrenzung der Männerarbeit auf
diese Bereiche das Wort geredet werden.
Martin Engelbrecht, Martin Rosowski: Was
Männern Sinn gibt – Leben zwischen Welt und
Gegenwelt. Stuttgart: Kohlhammer 2007.
schungsprojekten mit ähnlicher Fragestellung
herangezogen, so dass insgesamt ein Sample
von 60 Männern zur Verfügung stand. Dies ist
für umfangreiche und sorgfältig durchgeführte
qualitative Befragungen eine hohe Fallzahl, die
an die Auswertung große Anforderungen
stellt. Natürlich ist die Verwendung von Studien aus unterschiedlichen Untersuchungen
nicht unproblematisch, aber im Kontext qualitativer Forschung mit ihrer spezifischen Fragestellung vertretbar. Regional konzentriert sich
die Studie auf (Nord-) Bayern und Sachsen. Die
Autoren gehen weiterhin davon aus, dass die
Bereitschaft zur Mitwirkung an qualitativen
Interviews doch eher von reflektionsbereiten
und kommunikativen Personen zu erlangen ist
und diese somit in der Studie überrepräsentiert sind. Eine Repräsentativität kann aufgrund der Fallzahlen nicht unterstellt werden,
jedoch sind die Interviews für eine qualitative
Untersuchung sehr breit gestreut. Die spezifisch für das Projekt angefertigten Interviews
sind biographisch orientiert, wodurch die Bedeutung der eigenen Vergangenheit ein weiteres Licht auf die Gegenwartsperspektive der
Befragten werfen konnte. Die biographischen
Erzählungen sind „Resonanzräume“ der aktuellen Deutungen und Reflexionen.
Die Studie hat verschiedene Vorgeschichten
und es fließen in ihr verschiedene Linien zusammen. Wichtigster Ausgangspunkt ist sicher
der Auftrag der EKD an das Bayreuther „Institut zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur“ zur Erforschung der „unsichtbaren Religion“ bei Kirchenmitgliedern. Ihr folgte
ein weiterer Auftrag zur „unsichtbaren Religion kirchenferner Männer“, dem sich dann
auch die Arbeitsstelle Männerseelsorge anschloss. Wichtig für das Verständnis der Studie
ist sicher dieser ursprüngliche Titel, der auch
ein theoretisches Programm beinhaltet.
Auf der theoretischen Ebene ist die Studie im
Rahmen der Wissenssoziologie zu verorten.
Sie zielt auf die Rekonstruktion alltags- und
lebensrelevanter Wissensbestände und Deutungen der Befragten. Es wird darauf geachtet, wie die Interviewpartner über bestimmte
Aspekte dessen reden, was in ihrem Leben
von Bedeutung ist. Insgesamt zielt diese qualitative Studie darauf, die Wissens- und Deutungsbestände von Männern zu erheben und
typologisierend – im Sinne der Idealtypen von
Max Weber – zu rekonstruieren und zu reduzieren.
5.1 Methodik der Studie
Insgesamt gelingt es dieser Studie gut, in der
Verbindung von – offengelegter – Theorie und
empirischem Material einen Einblick in Wissens- und Deutungsstrukturen von Männern
zu eröffnen, die um die Sinndimension krei-
5. Was Männern Sinn gibt
Für die Studie selber wurden 15 biographisch
orientierte Interviews erhoben. Es wurden
aber weitere Interviews aus anderen For-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
33
Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
sen. Das Thema Religion wurde von den Interviewern nach Möglichkeit erst dann angeschnitten, wenn es von den Befragten selbst
zur Sprache kam. Erst wo dies überhaupt nicht
geschah, wurde versucht, das Gespräch auch
darauf zu lenken, jedoch wurde auch dabei
alles vermieden, was nach einer Abfrage
christlicher Traditionsbestände aussehen oder
Befragte gar unter Rechtfertigungsdruck setzen könnte.
5.2 Das Sinngebäude von Männern
Kern des Projekts ist die Darstellung der Sinnkonstruktion von Männern.
5.2.1 Sinndimensionen
Die Befragten erfahren Lebenssinn in drei
Dimensionen:
Erstens erfährt ihr Leben dann einen Sinn,
wenn etwas Sinnvolles von ihnen erschaffen
worden ist. Das kann zuweilen ein befriedigender Beruf, zum anderen eine glückliche
Beziehung oder auch die Gründung einer Familie sein. Der Sinn liegt demnach in der eigenen Lebensleistung.
elemente. Einen relativ hohen Stellenwert
nimmt Natur als Deutungselement der Welt
und des Kosmos ein, ohne dass diese Perspektive bei einem naturalistischen Weltbild enden
muss. Sie wird durchaus bei einer Mehrzahl
der Personen mit einen „göttlichen Wesen“
oder Prinzip verbunden. Im Blick auf die Ethik
fällt auf, dass bei aller Unterschiedlichkeit der
Verwendung die beiden christlichen Begriffe
Zehn Gebote und Nächstenliebe eine gewisse
Grundbasis bilden. Sie werden allerdings
durch weitere lebenspraktische Maximen ergänzt.
5.2.3 Leitmotive des Lebensverständnisses
Hier werden vier Dimensionen benannt:
1. Leben als Kampf, der sich zum einen als
Kampf gegen Umstände und Widerfahrnisse
und zum anderen als Kampf im sozialen Bereich gegen Einschränkung des eigenen Lebens durch andere verstehen lässt.
2. Eine große Bedeutung hat weiterhin die
Deutung des Lebens als Beziehung, in der
Rückhalt und Anerkennung durch andere eine
wichtige Rolle spielen.
Zweitens wird Sinn erlebt in den positiven
Lebenselementen des Lebens, beispielsweise
in gutem Essen und Trinken, im Zusammensein mit Freunden oder der Familie, in der
Ausübung eines Hobbys oder im Erleben der
Natur.
3. Die Dimension „Lernen und Abenteuer“
nimmt eine wichtige Rolle ein. Es geht um
Sehnsucht nach Neuem, Interessantem und
das Leben Bereicherndem. Die Entwicklungsund Erlebensperspektive ist ein wichtiger Gesichtspunkt.
Drittens wird Sinn in Ereignissen (meist glücklichen) gefunden, die ihnen einfach widerfahren: etwa die Liebe einer Frau oder die Gesundung nach schwerer Krankheit.
4. Schließlich ist Kreativität, in der es um die
Schaffung von Eigenem und Neuem geht, eine
wichtige Dimension.
5.2.1 Deutung von Welt, Mensch,
Gesellschaft und Ethik
Hier fällt es außerordentlich schwer, ein
durchgängiges Muster zu erkennen oder klare
Typologien aufzuzeigen. Erkennbar sind postmoderne Buntheit, die Verknüpfung unterschiedlicher Deutungselemente und der Verzicht auf die großen, umfassenden Deutungs-
Insgesamt bezeichnen Beziehung, Lernen und
Abenteuer sowie Kreativität die eher positive
und Kampf eher die eher negative Dimension
der Lebensdeutung.
5.2.4 Übernahme von Verantwortung
Als eigenständiger Punkt wird die Übernahme
bzw. Zurückweisung von Verantwortung behandelt, wiewohl er mit den ethischen Kon-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
34
Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
zepten in Verbindung steht und vielleicht die
wichtigste Komponente darstellt. Die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung
kommt in den Interviews mehrheitlich zum
Ausdruck. Sehr unterschiedlich ist allerdings
der Umfang, den der Kreis der Verantwortung
hat. Häufig wird er auf den persönlichen Lebenskreis konzentriert. Und Verantwortungsübernahme in einem größeren Kreis setzt ja
auch Gestaltungsmöglichkeit voraus. Verantwortungsübernahme wird weiterhin häufig in
einem Spannungsfeld zu Selbstbestimmung
gesehen. Die Übernahme von Verantwortung
wird als Einschränkung der Möglichkeit zu
eigener Selbstbestimmung und Freiheit wahrgenommen. Die Formel heißt: „Soviel Selbstbestimmung wie möglich, soviel Verantwortung wie nötig.“ (136)
5.2.5 „Welt“ und „Gegenwelt“
„Das Leben der Männer, wie es sich in den
Materialien widerspiegelt, ist von einem
grundlegenden Rhythmus gekennzeichnet,
den wir im Folgenden als das Hin- und Hergehen zwischen ‚Welt’ und ‚Gegenwelt’ bezeichnen werden.“ (137)
Im Anschluss an Victor Turner bezeichnet
„Welt“ das von der Sozialstruktur vorgezeichnete und normierte Leben, während Gegenwelt ein zeitweiliges Heraustreten aus dieser
Struktur meint. Sie ist „temporärer Raum der
‚Freiheit von….‘: das äußerliche Enthobensein
und das innerliche Lösen von der
Eingebundenheit in die ‚Welt‘.“ (138)
Als bedeutsamste Gegenwelt taucht in der
Schilderung der Männer die Natur auf: Sie
ermöglicht die Lösung von der Welt, sie ist Ort
ästhetischer Erfahrung einer Schönheit, die
nicht hergestellt ist, sie ist auch Ort der
Selbsterfahrung und gewinnt schließlich
manchmal meditativen oder „mystischen“
Gehalt. „Wenn Männer überhaupt je einen
emotionalen Bezug zu einem „göttlichen Wesen oder irgendwas“ erleben und schildern,
dann im Kontext des Erlebens der Natur.
Weitere Gegenwelten: Bezug zu einer anderen
Zeit (historische Gebäude, Geschichte), Sport
(wobei dieser dazu neigt, seine eigenen Strukturen des Drucks zu entwickeln und so wieder
in den Bereich der „Welt“ und der Fremdbestimmung zurück zu kippen), Drogen, Medien
und Fantasy.
Etwas ausführlicher geht die Studie auf die
sehr kleine Gruppe der Männer (und Frauen)
ein, die diese Gegenwelt mit einer spirituellen
Grundierung versehen. Der Gegenwelt wird
explizit der Sinn und das Potential zugeschrieben, die „Welt“ zu transzendieren und das
unterschiedlich gedachte Göttliche, Heilige
bzw. Transzendente als eigentlich tragende
Wirklichkeit des Lebens zu etablieren. Diese
Deutung ist – bei diesen kirchenfernen Männern – aber kaum jemals christlich geprägt.
5.2.6 Die Männer und die Kirchen
Die Themen Kirche und kirchliche Tradition
lösen intensive, wenn auch vielgestaltige Reaktionen aus. „Auf keinen Fall stehen die Kirchen indifferenten, kenntnislosen Männern
gegenüber.“ Die Autoren versuchen drei unterschiedliche Sichtweisen voneinander abzugrenzen:
1. „Eine sehr gängige Sichtweise stellt dem
‚Religiösen‘ als Gegenhorizont das ‚Bodenständige‘ gegenüber, wobei im Terminus „religiös“…. Immer wieder das ‚arg‘ (sehr) als
Kennzeichen einer übertriebenen Einstellung
zur Seite gestellt wird.“ (151)
2. Eine weitere Variante setzt Religiosität mit
christlicher Kirchlichkeit gleich.
3. Die Gruppe der spirituell Sensiblen stellen
zum Teil einer „eigentlichen Religiosität“ eine
„konventionelle Religiosität“ entgegen, die
häufig mit der christlichen Kirchlichkeit identifiziert wird. Diese wird allerdings nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern Menschen als
Form ihrer Religiosität zugebilligt, wenn das
„ihr Weg“ ist.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
35
Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
Die konkreten Begegnung und Erfahrungen
der Männer mit der Kirche sind sehr unterschiedlich, sind aber insbesondere bei den
Männern aus dem Westen vor allem in Form
von Religionsunterricht und Sakramentenkatechese durchaus vorhanden. „Innere und
äußere Kirchendistanz beruhen nicht auf fehlender Erfahrung oder auf fehlendem Wissen.
Die Männer stellen bezüglich der Kirchen keine ‚unbeschriebenen Blätter‘ dar.“ (157)
nommenen Ansprüchen einer Institution entziehen, der sie nicht oder nur in Gestalt einer
charismatischer Vertreter vertrauen und deren möglicher Nutzen zwar für die meisten
noch die Entrichtung einer Kirchensteuer, aber
kein persönliches Engagement mehr lohnt,
geschweige denn wünschenswert macht.“
(168f)
Insgesamt stellen die Autoren fest, dass man
bei der Frage, welche die Rolle der Kirche in
den Sinnhorizonten der Gesprächspartner
spielt, zunächst große Lebensbereiche entdeckt, in denen kaum noch eine Spur von Kirche zu finden ist. „Weder in den Sinnkonstruktionen noch in den sie umrahmenden Kosmologien (und Anthropologien bzw. Gesellschaftsbildern) spielt sie mehr als eine marginale Rolle. In den ethischen Werten findet sich
– unter anderem zum Ausdruck gebracht mit
Chiffren wie ‚die zehn Gebote‘ oder ‚Nächstenliebe‘ – Bezugnahmen auf von christlichen
Diskursen inspirierte Werte.“ (167)
Hier will ich mich auf zwei Punkte begrenzen:
Insgesamt erfahren die Kirchen eine vielschichtige, aber in der Gesamtbilanz negative
Wertung. Die Vision einer besseren Welt, die
einige dem Christentum zubilligen und gelegentlich mit der Person Jesu in Verbindung
bringen, bejahen viele. Gleichzeitig erleben
die Befragten Kirche jedoch in erster Linie als
Hierarchie, die keine Offenheit und Meinungsvielfalt in ihrem Raum zulässt. Dennoch wollen
die Männer mehrheitlich nicht aus der Kirche
austreten, weil sie eine Reihe von Dienstleistungen in Anspruch nehmen und/oder für
unterstützenswert halten: die Kausualien, die
ethische Bildung der Kinder und die soziale
Arbeit.
„Das Bild, das sich aufgrund unseres Materials
ergibt, ist nicht das einer von Kirche entfremdeten, religiös säkularisierten und kenntnisarmen Männerwelt. Es ist das Bild einer Welt,
in der Männer, die sich weltanschaulich kompetent fühlen, sich den von ihnen wahrge-
5.3 Ausblickende Bemerkungen
1. Stellenwert der Natur
Auffallend ist der hohe Stellenwert, den „Natur“ in der Sinnkonstruktion von Männern
erfährt. Natur ist erstens ein Kernelement
ihrer Kosmologie, sie ist zweitens ein wichtiges
Element erlebten Sinns und drittens – damit
zusammenhängend – die wichtigste Gegenwelt.
Einerseits ist das nicht überraschend: Natur ist
in kognitiver Hinsicht Grundlage einer – bei
den meisten Männern gebrochenen – naturalistischen Weltdeutung. Sie ist aber zugleich
kontrapunktisch Basis einer innerlichen, ästhetischen Lebensdimension und erlaubt dabei sowohl eher meditative als auch mehr
erlebnisorientierte, aktive Zugangswege. Andererseits überrascht doch, dass andere, in
kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen
Theorien benannte Gegenpole gegen eine sich
zweckrational verengende Moderne keine
große Rolle spielen: insbesondere die Kunst
(vgl. etwa Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter) oder auch erotisch-extatische Liebe (vgl.
Ulrich Beck: Das ganz normale Chaos der Liebe).
2. Religionskonzept
Einer ausführlicheren Reflexion bedürfte das
Religionskonzept der Studie, dass sich an das
Konzept der „unsichtbaren Religion“ von
Thomas Luckmann anlehnt. Es hat wirkungsgeschichtlich sicher eine bedeutende und positive Rolle in der Überwindung der gerade in
Deutschland sehr stark kirchensoziologisch
verengten Religionssoziologie gespielt. Die
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
36
Kirchenoffene Männer?
Prof. Dr. Bernhard Laux
Problematik, die „unsichtbare Religion“ zu
erfassen, wo der Religionsbegriff selbst schon
genügend Schwierigkeiten aufweist, reflektieren die Autoren bereits in der Einleitung ihrer
Studie. Die Konzeption wird ihnen selber zum
Problem, so dass sie auf den Sinnbegriff umsteigen. „Unter ‚Sinn‘ soll im Weiteren alles
verstanden werden, was Männer als ihr Leben
ausfüllend und bereichernd schildern: […]
alles, solange sie es als bedeutsam für ihr Leben und ihre Biographie markieren.“ (47) Das
macht die Sache zwar auch nicht unbedingt
einfacher, aber zunächst einmal sind die
Schwierigkeiten des Religionsbegriffs vom
Tisch.
angesonnene Anknüpfung an die Gegenwelt,
an die Ästhetik, an das Heraustreten aus dem
Alltag, an Erleben und an Innerlichkeit nicht
verwerfen. Sie sind sicherlich wichtige Dimension menschlichen Lebens und Anknüpfungspunkt für Religion. Aber das Außeralltägliche
ist nicht der Königsweg der Männerarbeit,
sondern das gewöhnliche Leben ist mindestens so sehr ihr Ort.
Implizit – und nun mehr nicht definiert – kehrt
der Begriff der Religion aber doch wieder,
insbesondere weil die Studie darüber ja auch
Auskunft geben soll. Religion scheint mir dabei
besonders im Bereich der Gegenwelt lokalisiert zu werden. Ich halte es jedoch theologisch nicht für unproblematisch, wenn Religion und konkret der christliche Glaube auf das
Außeralltägliche hin modelliert wird. Christlicher Glaube muss m.E. durchaus „bodenständig“ – oder theologisch gesprochen
„inkarnatorisch“ – gedeutet und gelebt werden. Gerade neuzeitliches theologisches Denken hebt darauf ab, dass der Glaube im gewöhnlichen Leben, dass er in Familie und Arbeit als zentrale Dimension des Lebens realisiert werden kann und nicht in einer spirituellen Sonderwelt „religiöser Virtuosität“ anzusiedeln ist.
Ebenfalls ist es ein Problem, wenn Religion so
stark mit Sinn gleichgesetzt wird. Hier zeigen
sich m.E. auch Engführungen einer wissenssoziologischen Perspektive, die letztlich mit
nichts anderem umgehen kann als mit
Sinnkonstrukten.
Ich kann dies hier nur als Fragen formulieren,
die einer Diskussion bedürfen.
Als Konsequenz für die Ausrichtung der Männerarbeit will ich die in dieser Studie
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
37
2. Teil:
Theologische Vertiefung
2. Teil:
Theologische
Vertiefung
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männer in der reflexiven Moderne
Prof. Dr. Stephan Goertz
Männer in der reflexiven Moderne.
Thesen zum Zusammenhang von Gesellschaft,
Identität und Männlichkeit
„Die Identität ist ein historischer Prozess.“
Jean-Claude Kaufmann
Eines haben die vielen empirischen Männerstudien oder die Überlegungen soziologischer
Männerforschung wohl gemeinsam: Sie haben
sich von der Vorstellung des Mannes im Singular verabschiedet und richten ihren Blick auf
die individuellen und pluralen Formen männlicher Lebensführung in der entfalteten Moderne. Zudem zeigen sie ein Interesse daran, zu
erfahren, wie sich Männer in der gegenwärtigen Gesellschaft selbst verstehen und wie sie
von Frauen wahrgenommen und eingeschätzt
werden. Dass in diese Studien immer bestimmte theoretische Vorannahmen einfließen, ist selbstverständlich. Nur so kommen
wir zu einer Vielzahl an Deutungsangeboten,
wie wir uns selbst in unserer Zeit verstehen
können. Theorien sind Schlüssel, mit denen
wir uns den Weg zur Wirklichkeit eröffnen. Die
Theologie ist dabei nicht in der Rolle, sich als
Schlüsselmeisterin behaupten zu können. Sie
ist vielmehr selbst auf Deutungsangebote
angewiesen, die ihr andere wissenschaftliche
Disziplinen und Theorien anbieten. Das gilt
auch für unsere Frage, wodurch sich in der
entfalteten, oder auch reflexiven Moderne
Männlichkeit auszeichnet.
Für die ethische Reflexion sind solche Deutungen der Wirklichkeit von großer Bedeutung,
denn, so im Anschluss an eine Formulierung
von Niklas Luhmann, wie sollte sie über Angelegenheiten urteilen, die sie nicht versteht? An
einer Hermeneutik menschlicher und gesellschaftlicher Wirklichkeiten führt kein Weg
vorbei, solange es der Ethik um die Frage nach
den konkreten Bedingungen und Kontexten
eines menschenwürdigen Lebens geht. Sie
borgt sich nicht ihre moralischen Kriterien von
anderen Wissenschaften – in diesem Sinne
muss die Ethik (auch die theologische Ethik)
autonom sein. Aber den Menschen in ihrem
Personsein wird sie nur dann im Konkreten
gerecht, wenn sie eine Ahnung davon hat,
unter welchen Umständen diese ihr Leben
führen und warum sie sich auf diese oder jene
Weise verstehen und so und nicht anders
handeln.
Die folgenden Überlegungen versuchen in der
Form von Thesen, anthropologische, soziologische und theologisch-ethische Perspektiven in
Beziehung zu setzen mit dem Ziel, zu vielleicht
instruktiven Erkenntnissen über unsere Gegenwart zu gelangen.
1.
Die Entwicklung der westlichen Gesellschaften
lässt sich deuten als ein Prozess fortschreitender funktionaler und struktureller Differenzierung ehemals integrierter Handlungszusammenhänge. Dieser Differenzierungsprozess hat
enorme Auswirkungen auf das Selbstverständnis und die Handlungsmöglichkeiten von Individuen, er produziert individuelle Identitäten in
vorher nicht gekanntem Maße.
Die Theorie gesellschaftlicher Differenzierung
besitzt den Status einer soziologischen Schlüsseltheorie zur Erklärung der Entwicklung westlicher Gesellschaften in den letzten Jahrhunderten (Überblick: Kneer/Nollmann, 1997).
Vormals thematisch diffuse Sozialzusammenhänge werden „gereinigt“, d.h. sie spezialisieren sich auf die Erfüllung bestimmter Funktionen. Neben einer horizontalen Differenzierung
(Ökonomie, Staat, Familie, Religion, Kunst,
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
39
Männer in der reflexiven Moderne
Prof. Dr. Stephan Goertz
Erziehung usw.) haben wir es zugleich mit
einer vertikalen Differenzierung verschiedener
Handlungsebenen zu tun (Institutionen, Organisationen, Interaktionen, Individuen). Diese
Entwicklung, die im Mittelalter durch die Differenzierung von Staat und Religion, von Religion und Wissenschaft, auf den Weg gebracht
wird, führt auf der einen Seite zu einer Steigerung des autonomen Wissens in den und über
die verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft und auf der anderen Seite zur Notwendigkeit der Kooperation zwischen den Systemen, denn diese sind immer auf die Leistungen anderer Systeme angewiesen (die Ökonomie braucht das Erziehungssystem, die Kirche die Familien usw.). Bei Konflikten zwischen den Teilsystemen, und diese sind an der
Tagesordnung, müssen über den Weg des
Kompromisses Lösungen auf Zeit gefunden
werden. Was bedeutet dieser hier nur sehr
kurz angedeutete Zusammenhang für die Individuen, die ihr Leben deuten und führen müssen?
Grob gesprochen werden erst unter den Bedingungen von Differenzierung Individuen zu
Individuen im modernen Sinne, d.h. zu Individuen mit einer bewussten eigenen Identität.
In Gesellschaften, die nur schwach differenziert sind und die Aufsplitterung des Wissens
noch gering ist, hat es kaum Identitätsprobleme gegeben. Was nicht gleichbedeutend ist
mit der Aussage, dass alle Menschen sich in
ihrer Identität glücklich gefühlt haben. Aber
die eigene Identität repräsentierte objektive
Wirklichkeiten, in denen sie ihren Halt fand.
„Jeder weiß, wer jeder andere und wer er
selbst ist. Ein Ritter ist Ritter, ein Bauer ist
Bauer – für andere und vor sich selbst. (...) Das
Bewusstsein stellt kaum je die Frage: ‚Wer bin
ich?’“ (Berger/Luckmann, 1980, 175). Man
weiß dann auch, wie man als Ritter oder als
Bauer, der man ist, zu leben hat. Das gilt dann
ebenfalls für Männlichkeiten und Weiblichkeiten an je bestimmten gesellschaftlichen Orten,
in denen das Wissen davon, wie zu leben ist,
wie selbstverständlich und alternativlos in
Geltung ist. Unter den Bedingungen einer
modernen Gesellschaft zerfällt die Idee einer
objektiven Wirklichkeit und das Individuum
schärft seinen Sinn für die Relativität der Wirklichkeiten. Und das führt zu einer Haltung der
Distanz: Man kann und will sich nicht mehr
einer Wirklichkeit mit Haut und Haaren ausliefern; auch die eigene Welt kann nun als eine
Welt neben anderen erfahren werden. Differenzierung führt zur Individualisierung. Individuen müssen sich ihre Identität nun, da das
Leben in verschiedenen Teilsystemen stattfindet und man dort „nur“ jeweils seine Rollen
spielt, in viel Größerem Maße selbst zuschreiben. Die Frage, wer man sei, wird zu einer
sinnvollen Frage. Die Antwort, die die Gesellschaft auf diese Frage gibt: Das musst du
selbst wissen! Identität ist nicht mehr Reflex
einer vorgegebenen Wirklichkeit, sondern
wird zur individuell zu bewerkstelligen Reflexion (vgl. Kaufmann, 2005). Individualisierung ist
nicht das Resultat je individueller Wahl, sondern eine gesellschaftliche Tatsache. Nicht
jede und jeder ist gleichermaßen individualisiert, aber es herrscht die gesellschaftliche
Erwartung, es zu sein.
2.
Reflexivität lässt Kontingenzen ans Licht treten. Der gesellschaftlich erzwungenen Reflexivität der Identität korrespondiert auf anthropologischer Ebene die Fähigkeit des Menschen,
sein Leben führen zu können, ja: zu müssen.
Ein anthropologisches Phänomen wird unter
modernen Verhältnissen zunehmend für viele
bewusstseinsfähig.
Modernität lässt für die Individuen Identität in
der Schwebe. Wir werden zu Wanderern zwischen verschiedenen Sinnwelten, die uns in
aller Regel nur noch partiell beanspruchen,
immer gibt es auch ein Leben jenseits der
Ökonomie, der Politik, der Kunst, der Wissenschaft, der Familie, der Religion. Ein privates
Leben wird möglich, sobald wir in den verschiedenen Teilsystemen nicht mehr als ganze
Person, sondern in unserer jeweils erwarteten
Rolle auftreten. Meine private (religiöse, ästhetische, sexuelle) Existenz wird indifferent
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Männer in der reflexiven Moderne
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gegenüber den verschiedenen Handlungszusammenhängen. Ich darf ein Auto kaufen,
gleichgültig welcher Religion ich angehöre; ich
kann in der Wissenschaft Karriere machen,
gleichgültig wie mein ästhetischer Geschmack
ist; ich darf wählen, gleichgültig wie vermögend ich bin usw. Privatheit ist ein Privileg
moderner, differenzierter Gesellschaften. Der
Verlust der vormals fraglosen, objektiv bestimmenden Wirklichkeit und ihrer Wahrheit
lässt uns erkennen, dass unsere Identität
selbst ein kontingentes Faktum ist. Es dämmert uns, dass wir selbst unter anderen kontingenten Umständen ein anderer, eine andere geworden wären. Zudem treten uns in den
Medien nicht weniger als in der Realität immer mehr Personen mit individuellen Identitäten entgegen, so dass wir fragen mögen: Wäre
das nicht auch eine Möglichkeit für mich?
Wenn die so leben können, warum nicht auch
ich? Unter solchen Umständen erscheint es
vernünftig, das eigene Pulver nicht vorschnell
zu verschießen. Denn welche Optionen schließe ich nicht alle aus, wenn ich mich hier und
jetzt definitiv und endgültig festlege. Für die
Fragen dauerhaft-entschiedener Lebensformen wird dies zu einer enormen Herausforderung.
Aber ist das nun alles eine Entwicklung, die
den Menschen von sich selbst wegführt, so
dass die Moderne einen Irrweg darstellt? Aus
anthropologischer Perspektive legt sich ein
Nein nahe. Denn, wagen wir eine Kurzformel,
die menschliche Existenz ist eine von Natur
aus prekäre Existenz. Es bedarf keiner weit
ausholenden philosophischen Herleitung, um
sich bewusst machen zu können, dass wir uns
als Wesen verstehen, die ein Doppelleben
führen: Wir sind nicht einfach immer nur Körper, sondern wir haben auch einen Körper, zu
dem wir uns in ein Verhältnis setzen können
und müssen. Wir leben als Zweieinheit, in
einem gebrochenen Verhältnis: noch sind wir
bloßer Körper, noch haben wir diesen. Jeder
Dualismus ist demnach vom Ansatz her verfehlt, denn bereits als biologisches Lebewesen
stehen wir in einem gebrochenen Verhältnis
zu uns selbst. Wir leben nicht in der unmittel-
baren Naturvertrautheit, sondern die Bewältigung unserer Existenz stellt sich uns als Aufgabe dar. Es ist die Natur des Menschen, dass
er etwas aus sich machen muss. Wir sollen
uns, so die ethische Überlegung Hellmuth
Plessners, der für diesen anthropologischen
Ansatz steht, nicht zwischen dem Körper-Sein
und dem Körper-Haben entscheiden, sondern
eine Balance zwischen beiden finden. Wir
müssen mit unserer eigenen Doppeldeutigkeit
fertig werden und werden damit nicht fertig.
Der Mensch ist damit als geschichtliches Wesen bestimmt. Da es um eine Fähigkeit zur
Distanz von uns selbst geht, können wir auch
von der Fähigkeit zur Freiheit sprechen. Der
Mensch ist nur das, „wozu er sich macht und
versteht“ (Plessner, 1985, 240). Die Idee, wir
könnten ein natürliches, ein gewissermaßen
authentisches Leben führen, ist diesem Denken fremd. Alles Vorgegebene, ob nun als
natural oder geschichtlich-gesellschaftlich
verstanden, ist von uns anzueignen, muss
durch den Filter des Sich-Verhalten-Könnens
hindurch. Der Mensch ist auf Reflexivität, auf
Erkennen hin geschaffen und das zeichnet ihn
in seiner besonderen Würde aus, denn erst so
wird er zur Moral fähig. Wir haben uns zu uns
selbst zu verhalten.
3.
Das Programm und die Semantik der individuellen Identität machen nicht vor unserem Umgang mit dem eigenen Körper halt.
Das Austrocknen der alten Identitätsquellen
(Schicht, Herkunft) lässt das moderne Individuum auf die Bühne treten. Wer sich in seiner
Identität nicht mehr durch die Treue zu einer
ihm vorgegebenen objektiven Wirklichkeit
definieren kann, wird versuchen, eine Treue
zu sich selbst herzustellen. Zum Referenzpunkt der eigenen Identität wird damit die
eigene Biographie. Die klassischen Fremdreferenzen sozialer oder religiöser Art verlieren
ihre selbstverständliche Orientierungsfunktion. Das Individuum bezieht sich also nun auf
sich selbst (Selbstreferentialität). Was bleibt
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ihm auch anders übrig? Auch jede Fremdreferenz wird ja als eine vom Subjekt gewählte
verstehbar. Ich muss mich entscheiden, worauf ich mich in meiner Identität und in meinem Handeln beziehen will. Sobald etwas, was
vormals als natürlich oder sozial selbstverständlich präsentiert worden ist, zur Sache
einer möglichen Entscheidung wird, müssen
wir uns dazu verhalten. In diesem Sinne, so
kann man sagen, sind etwa die Liebe und das
Sterben in der Moderne reflexiv geworden.
Das „natürliche Sterben“ wird zu etwas, zu
dem ich mich – im Prinzip – entschlossen habe, denn es gibt ja auch andere Optionen. Das
„Natürliche“ muss seinen humanen Sinn erst
erweisen und gilt nicht mehr einfach alternativlos als das moralisch richtige. Das alles trägt
dazu bei, dass die Moderne als hochgradig
ambivalent erfahren wird. Die einen entdecken die neuen Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens, die anderen fürchten die
Desorientierung. Und immer wieder fällt in
diesem Kontext der Begriff der Verunsicherung. Doch ein dauerhaftes Zurück in das Paradies der Sicherheit gibt es nicht. „Die Identität ist nur zu Ruhm gekommen, weil sie unsicher geworden ist“ (Kaufmann, 2005, 62).
In der conditio humana ist die Dialektik von
Natur und Kultur angelegt, wie wir mit Plessner gesehen haben. Die Umwälzungen der
sozialen Welt der letzten Jahrhunderte lassen
darum den Körper der Menschen nicht unverändert. Nicht dass die gesellschaftlichen Möglichkeiten nicht durch die Biologie stets beschränkt bleiben, aber die gesellschaftliche
Welt, in der wir leben, prägt zugleich die Möglichkeiten unserer Körper (z.B. seine Lebenserwartung). Schon in den 1960er Jahren haben Peter L. Berger und Thomas Luckmann in
diesem Sinne auf die Möglichkeit einer „Soziologie des Körpers“ (Berger/Luckmann, 1970,
193) hingewiesen. Eine Forschungsrichtung,
die seit einigen Jahren enorm an Bedeutung
gewinnt (vgl. Schroer, 2005). Berger und
Luckmann: „Seine biologische Konstitution
treibt den Menschen, sexuelle Entspannung
und Nahrung zu suchen. Aber seine biologische Konstitution sagt ihm nicht, wo er sich
sexuell entspannen und was er essen soll. (...)
Sexualität und Ernährung werden viel mehr
gesellschaftlich als biologisch in feste Kanäle
gedrängt (...) Auch die Art, wie der Organismus tätig ist – Expressivität, Gang, Gestik –
trägt den Stempel der Gesellschaftsstruktur.“
(Berger/Luckmann, 1970, 193). Auch hier waltet eine Dialektik zwischen dem biologischen
Substrat und der gesellschaftlichen Formung,
kein Determinismus.
In einer Gesellschaft nun, die die Idee eines
eigenen Lebens denkbar macht, wird auch der
Umgang mit uns selbst als körperliche Wesen
unter dem Vorzeichen der Selbstbestimmung
stehen. In seinem berühmten Essay über die
Freiheit schreibt der englische Moralphilosoph
und Sozialreformer John Stuart Mill Mitte des
19. Jahrhunderts: „Der Mensch ist Alleinherrscher über sich selbst, über seinen Körper und
seinen Geist“ (Mill, 2009, 16). Und dies gelte
für Männer wie für Frauen. Die Verschiedenheit der Lebensführung macht vor dem eigenen Körper nicht halt. Auch dieser wird einbezogen in das Projekt der eigenen, der individuellen Freiheit. Es ist wohl diese Konnotation
von Autonomie, die Ängste hervorruft. Denn
gegen die Idee einer sittlichen Autonomie
wird kein Theologe ernsthaft Einwände formulieren können. Aber nun geht Mill einen
Schritt weiter und bezieht den eigenen Körper
in den Bereich des zu konstruierenden eigenen Lebens mit ein. Nehmen wir die Freiheit
des Menschen ernst, weil er ein Verhältnis
finden muss zur eigenen Existenzweise, dann
sind keine fundamentalen Einsprüche zu formulieren. Aber dennoch ist ein kritischer Blick
angebracht.
4.
So wie der Traum der Freiheit nicht selten zum
Trauma wird (Luhmann), so erfahren wir auch
die Moral des eigenen Körpers als ambivalent.
Der Umgang mit dem Körper ereignet sich
zwischen autonomer Selbstermächtigung und
Selbstunterwerfung.
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Die moderne Welt der Freiheit hat ihre Kosten. Der Traum der Freiheit weiß längst um
seine Schattenseiten, nicht zuletzt für die oft
überforderte Psyche der Individuen. Darum
sprechen wir von der reflexiven Moderne. Die
von der Gesellschaft zugeschriebene Selbstbestimmung kann zu einer Erwartung werden,
die als unerträgliche Bürde empfunden wird,
unter der einzelne zusammenbrechen. Dem
eigenen Leben soll das Individuum selbst Sinn
geben im gleichzeitigen Wissen um die Kontingenz und Konstruiertheit von Sinnwelten.
Und vor allem soll es mit dieser Aufgabe selbst
zurechtkommen, die Gesellschaft als solche
sieht keine Institution mehr vor, die hier exklusiv zuständig wäre. „Der einzelne muss sich
dauernd ändern und fortwährend auf weitere
Änderungen gefasst sein; das neue Prinzip der
Herrschaft ist weniger die Unterdrückung als
die stetige Überforderung“ (Alkemeyer, 2007,
18). Man lässt das Individuum immer weniger
in Ruhe, sondern rückt ihm mit der Forderung
auf den Leib, lebenslang zu lernen und an sich
zu arbeiten. „Wer seinen Körper nicht (visuell)
unter Kontrolle hat, scheint selber Schuld und
droht als faul, stillos, letztlich überflüssig zu
gelten“ (ebd. 17). Die Erwartungen sind mehr
oder weniger subtil, die sich an die körperliche
Selbstgestaltung richten. Jedenfalls gibt es
einen großen Markt für das Selbstdesign, das
unter den Imperativen der Flexibilität und der
Mobilität steht. Wir sollen den Mut haben,
uns des eigenen Körpers zu bedienen, so die
Münchener Soziologin Paula-Irene Villa zum
unausgesprochenen Körper-Imperativ der
Gegenwart. Dieser Imperativ aber, und das ist
seine Ambivalenz, tritt uns häufig als gesellschaftliche Erwartung, als Norm entgegen und
ist keineswegs Resultat einer autonomen Entscheidung. Der Körper wird dadurch zu einer
Ressource der eigenen Identität. Die Selbstbestimmung ermächtigt sich des Körpers und
erhält dadurch Sichtbarkeit. Dies ist wiederum
nicht in dem Sinne zu kritisieren, dass der
Mensch damit seine eigentliche Bestimmung
verleugne, wir müssen uns zur eigenen Natur
verhalten, aber zu kritisieren wäre eine Praxis,
der ein fremdgesteuertes Normalitätskonzept
zugrunde liegt. Der moralische Appell zur Eigenverantwortung für den eigenen Körper
kaschiert nur allzu oft Normalisierungsbestrebungen etwa im Blick auf richtige weibliche
oder männliche Körper. Eine richtige Frau hat
einen richtigen Körper zu haben und genau
dafür ist sie selbst verantwortlich. Sie hat dafür hart an sich zu arbeiten. Mit einem längeren Zitat: „Die notwendige Objektivierung, die
es braucht, um den eigenen Körper nicht als
Eigenleib, sondern als instrumentell manipulierbaren Stoff zu behandeln, ist eine anthropologische Konstante menschlicher Sozialität
(...). Dass der (Geschlechts)Körper nicht
(mehr) nur gegeben ist, sondern auch gemacht wird, das ist (...) längst keine radikale
These
avantgardistischer
Konstruktivisten/innen mehr, sondern alltägliches Wissen
(...) Eine soziologische Genealogie von
Reflexivierungen (...) zeigt, dass diese als EntNaturalisierung immer beides enthält: Das
Versprechen auf Selbst-Ermächtigung und die
Gefahr der Selbst-Beherrschung. Denn die
starke Version von Selbst-Ermächtigung ist
soziologisch schlichtweg absurd. Sie verkennt
die konstitutive Wirkmächtigkeit des Sozialen
...“ (Villa, 2008, 267) Es bleibt ein ambivalentes Verhältnis. Menschen können sich durch
Distanzierung und Kritik der Macht von Normen entziehen und sich in ihrer Freiheit behaupten. „Kreative Widerspenstigkeit“ (ebd.
269) bleibt eine Möglichkeit für Individuen.
Aber dazu bedarf es auch einer sozialen Welt,
die solches unterstützt und anerkennt.
5.
Auch die nachvollziehbare Sehnsucht nach
dem Authentischen, der Unmittelbarkeit, der
Eindeutigkeit inmitten einer Welt der Reflexivität und Kontingenz ist: ambivalent. Naturalisierungen des Männlichen oder Weiblichen
lassen sich dabei als reaktive Konstruktionen
im Modernisierungsgeschehen deuten, die
jedoch wenig zur Selbstaufklärung der Moderne beitragen.
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Diese fünfte These besteht aus zwei Teilen.
Zunächst ist auf eine Entwicklung aufmerksam
zu machen, die noch nicht unmittelbar mit der
Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden sein muss. Anschließend
kommen Naturalisierungen der Geschlechtsidentität näher in den Bick.
a) Mit dem Begriffsarsenal soziologischer Analysen können Vorstellungen des sozialen Zusammenlebens von Menschen entzaubert
werden, die von einer unmittelbar und eindeutig erkennbaren natürlichen Weise
menschlicher Lebensführung ausgehen. In
diesem Zusammenhang ist von gesellschaftlichen Konstruktionen der Wirklichkeit (Berger/Luckmann) zu sprechen. Sobald dieses
Phänomen ins Bewusstsein tritt, kommt es zu
Gegenbewegungen. Die intellektuelle Zeitdiagnostik und Stimmungslage ist erfüllt von
einem Überdruss an Reflexivität. Ganz offenbar geben wir uns nicht zufrieden mit der
Idee, in jeder Hinsicht auf eine reflektierte
Distanz zu allem Anschein von Unmittelbarkeit
gehen zu müssen. Und dadurch erfährt der
Körper neue Aufmerksamkeit. Sich lebendiger
Unmittelbarkeit hinzugeben, weckt nicht länger intellektuellen Widerspruch, sondern stößt
auf fasziniertes Interesse.
Wie wohl kein zweites ästhetisches Erlebnis
packt – um ein Beispiel zu bringen – die Musik
über das geistige Vergnügen an kompositorischen Finessen hinaus den Körper der Zuhörer. „Ich kann keinen Ton der Beatles hören,
ohne seelisch ins Schwimmen zu geraten“,
offenbart Karl Bartos, ehemals Mitglied der
legendären elektronischen Band Kraftwerk.
Wir haben es nicht mit einem Verächter intellektueller Analysen zu tun. „Sie können die
Musik der Beatles möglicherweise nur mit der
von klassischer Musik vergleichen. Sie können
hier wie dort nicht nur eine Melodie, nicht nur
einen Kontrapunkt, nicht nur eine Liedzeile,
nicht nur eine dieser wundervollen Stimmen
nehmen. Hier wie da werden Sie beim Hören
von einer recht unerklärlichen Breitseite des
Ganzen getroffen. Das geht mir in der ‚Zauber-
flöte‘ so, aber ehrlich gesagt geht es mir noch
eher bei ‚Strawberry Fields‘ so.“1
Ähnliche Schilderungen finden wir in Bezug
auf andere Wirklichkeiten, in denen es nicht
weniger um eine körperlich erlebte Präsenz
und Unmittelbarkeit geht.
Der Sport ist ein solcher Bereich, in dem sich
der Körper auf eine gegenüber den abstrakten
und kontrollierten gesellschaftlichen Handlungszusammenhägen andere Weise spürt.
Vor allem, wenn ein gewisses Stadium des
Könnens erreicht wird und der Körper quasi
die Regie übernimmt. Die Faszination dieses
Könnens lässt auch den das Geschehen miterlebenden Zuschauer nicht unberührt.
Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich
Gumbrecht spricht aus, worum es längst auch
in der philosophischen Debatte wieder geht.
Es gibt eine „neue Sehnsucht nach Substantialität“ (Gumbrecht, 2005). Es ist das gespürte
Unbehagen an einer allgegenwärtigen Selbstbezüglichkeit menschlicher Sinninterpretationen. Dass wir gefangen zu sein scheinen in der
nicht zu durchbrechenden Welt unserer relativen Deutungsperspektiven auf die Welt. „Im
neuen Alltag der Vermittlung sehnen wir uns
nach Unmittelbarkeit, selbst wenn sie
schmerzvoll wäre. (…) Es ist wie der Schmerz
des Piercing, in dem für Jüngere die Garantie
liegt, am Leben zu sein. Wir lieben das sinnlich
Schrille der special effects, auf die wir uns
einlassen, ob das nun Rock oder stereophonische Klassik ist, Actionfilm oder Filmepos. Wir
versuchen uns in Form zu joggen und
schwärmen von unseren Wadenkrämpfen,
und für wen es dafür biologisch zu spät ist, der
weiß doch wenigstens, daß es wieder in ist, ins
Stadion zu gehen. Wer sich dazu bringen kann,
an Jenseitiges oder doch wenigstens Esoterisches zu glauben, hält stolz daran fest“
(Gumbrecht, 2005, 759). Substantialität meine
die in ihrem Auftauchen wie in ihrem Vergehen unberechenbaren Momente des „Gelebten und Erlebten“. Gumbrecht will der dominierenden Sinnkultur eine Präsenzkultur zur
1
Alexander Gorkow, Draußen scheint die Sonne.
Interviews, Köln 2008. Das Interview mit Karl Bartos findet sich auf den Seiten 341-347.
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Seite stellen. Menschliches Dasein solle nicht
reduziert werden auf die Praxis der distanzierten Reflexion und Sinngebung, sondern umfasse auch Momente körperlich intensiver
ästhetischer Erlebnisse, ob beim Hören einer
Mozartarie oder beim Anblick schöner Dinge,
seien es menschliche Körper oder Kunstwerke.
Ebenfalls ins Visier kritischer Rückfragen ist
das geraten, was man als den Verlust von Eindeutigkeit bezeichnet hat. Wenn die Gegenwart von Optionen zur biographischen Gewissheit wird und wenn die Gesellschaft darauf lediglich mit dem widersprüchlichen Rat
reagiert, sich bei den notwendigen Entscheidungen am besten nicht allzu sehr definitiv
festzulegen, dann kann es nicht verwundern,
dass die individuelle Reaktion die des Abwartens oder der Ironie ist. Dabei scheint die Individualität selbst unter die Räder zu kommen.
Das jedenfalls ist die Beobachtung von Susanne Fuchs in ihrem Buch „Der Verlust der Eindeutigkeit“ (Stuttgart 2007) Das eigene Leben
wird zum Gegenstand der eigenen distanzierten Beobachtungen, es wird aber nicht zum
Ort von verbindlichen Entscheidungen (für
einen Menschen, einen Beruf), die mich als
Individuum hervortreten lassen und mich
behaftbar machen.
Kann man von einer Bewegung der Rückbesinnung sprechen, die sich hier andeutet? Zur
Unmittelbarkeit, zur Entschiedenheit? Damit
könnte die falsche Erwartung geweckt werden, dass ein Zurück zu vormodernen Weisen
der Welt- und der Selbsterfahrung bevorstehe. Die durch die sozialen Differenzierungsprozesse erzwungenen neuen Weisen der
Individualität, die einen Freiheitsgewinn bedeuten, sind aus moralischer Sicht unhintergehbar. Reflexivität kann nicht mehr getilgt
werden. Ja, es wäre politisch katastrophal,
vorreflexivem Leben die Herrschaft zu überlassen. Die Unmittelbarkeit und Eindeutigkeit
des wirklichen Lebens bleiben zwiespältige
Begriffe. Wir können uns warnen lassen von
der Beobachtung Armin Nassehis, dass die
angeblich ontologische Eindeutigkeit der
„meisten körpernahen Erfahrungen durchaus
gewaltnah“ ist, in der Erziehung, dem (Extrem)Sport bis hin zur Sexualität. Das Ausweichen vor den Zumutungen der Reflexivität ist
so attraktiv wie riskant, es „setzt gewissermaßen absolute Markierungen in der Welt (…)
Gewalt simuliert – für einen Moment! – totale
Macht, Durchsetzungsfähigkeit und Autonomie. Und sie vermittelt Erfahrungen, heute
sagt man Erlebnisse, gegen die man kognitiv
und pädagogisch, also mit Medien der Selbstdistanzierung, wohl kaum ankommt“ (Nassehi,
2003, 95).
Was sich zu ändern beginnt ist der Umgang
mit den unterschiedlichen Weisen des leibkörperlichen Lebens, ihren Spannungen oder
auch Ambivalenzen. Anstelle hermetischer
Gegenwelten, die das Eigene in Reinheit und
Abgrenzung bewahren wollen, treten Versuche, den Widersprüchlichkeiten ins Auge zu
sehen und ihnen nicht auszuweichen. Damit
wir unser Selbstbild nicht auf die Leistungen
unseres Bewusstsein reduzieren und dabei das
Gefühl für die physischen Dimensionen unseres Lebens verlieren. Damit unser Selbstbezug
komplexer wird. Ausdrücklich sind damit noch
keine moralischen Urteile über einzelne ästhetische Erlebnisse verbunden. Zunächst geht es
überhaupt um die Zurückgewinnung der Dimension eines körperlich intensiven Selbstbezugs inmitten einer Gesellschaft, die dafür oft
wenig Raum lässt.
Stehen die vielen Angebote für Männer und
Frauen, ihr eigenes authentisches Wesen wieder zu entdecken, in diesem Zusammenhang?
Profitieren sie von dem Unbehagen an einer
substanz- und erlebnisarmen Gegenwart? Sind
das die kleinen Widerstandsnester gegen die
Reflexivität? Männer sollen endlich zu sich
selbst, zu ihrem Archetyp, ihrer eigentlichen
Stärke usw. finden. Aber es gibt diese authentische, typische weibliche oder männliche
Existenzform nicht, wenn wir die von uns zitierten anthropologischen Grundannahmen
teilen. Authentisch wäre es allenfalls, sich als
Mensch den Zwang zur nicht-unmittelbaren
Existenz einzugestehen, die eigene Labilität
anzuerkennen und dem eigenen Leben eine
eigene Gestalt zu geben.
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b) Naturalisierungen des Weiblichen und
Männlichen treten, und das ist zunächst überraschend, in der Geschichte in dem Moment
verstärkt auf, als die Gesellschaft selbst die
Geschlechter-Differenzen abzuschleifen beginnt. In der Vormoderne war es grob gesprochen so, dass an eine Gleichheit zwischen
Mann und Frau im Grunde nicht zu denken
war. Zu selbstverständlich besetzten die Männer in den verschiedenen Lebensbereichen die
oberen Positionen. Diese Männlichkeiten waren selbstverständlich und selbstsicher. Die
Geschlechterdifferenz war auf eine unbefragte
Weise asymmetrisch. Eine intensive Auseinandersetzung um die Differenzen zwischen
Mann und Frau war nicht notwendig. Dies
aber ändert sich, als die Gesellschaft im 18.
Jahrhundert ihre Semantik auf Gleichheit umstellt. Im Namen des Naturrechts werden soziale Privilegien kritisiert und die gleichen und
allgemeinen Rechte des Menschen eingefordert. Da aber die traditionellen Unterschiede
zwischen den Geschlechtern sich nicht einfach
auflösen, wird dafür eine Begründung notwendig. Und diese Begründung findet man in
der unterschiedlichen Natur von Mann und
Frau. Der Naturbegriff wird dadurch mehrdeutig. Das Naturrecht sollte sich nicht so schnell
erholen von dem seitdem formulierten Verdacht, es legitimiere soziale Gewohnheiten
und drücke nicht mehr als den „gesunden“
Menschenverstand aus.
Auf welche Weise die Naturalisierung auch
das Bild der Männlichkeit verändert, hat in
einer aufschlussreichen Studie Christoph
Kucklick zeigen können (Kucklick, 2008). Seine
Überlegungen sind es wert, hier näher vorgestellt zu werden.
„Furchtbar steht der rohe Sohn der Natur vor
uns, der nur einem einzigen Gesetze blindlings
gehorcht: dem schrecklichen Gesetze der
Stärke. Was ihn zum Handeln bewegt, ist Egoismus der gröbsten Art, instinktmäßiger Eigennutz.“ Mit diesen Worten zeichnet Ernst
Heinrich Kosengarte 1816 ein zeittypisches
Bild von der Natur des Mannes.2 Wie kommt
es um 1800, so lautet die Ausgangsfrage, zu
einer solch negativen Andrologie? Männlichkeit, das ist in einem Stereotyp dieser Zeit vor
allem eines: Egoismus, Gewalttätigkeit, Triebhaftigkeit. Und dieser kritische Blick auf Männlichkeit ist etwas Neues.
Kucklicks überraschende These lautet, dass
das neue Bild unmoralischer Männlichkeit in
einer Wechselbeziehung zur funktionalen
Differenzierung von Gesellschaft steht. Zunächst schließt er sich der schon präsentierten
Verschiebung im Konzept von Identität an,
wonach funktionale Differenzierung zunehmend prekäre Identitäten hervorbringt. Also
Individuen, die den Lauf der Welt und die eigene Biographie nicht mehr synchronisieren
können, und die die Erfahrung sozialer Ortlosigkeit machen. Ihr Handeln muss auf bisher
so nicht erlebte Weise den sachlichen, anonymen Imperativen der abstrakten gesellschaftlichen Teilsysteme gehorchen. Der
Mensch scheint hinter dem Spezialisten zu
verschwinden. „Wir haben Physiker, Geometer, Chemiker, Astronomen, Poeten, Musiker,
Maler, aber wir haben keine Bürger mehr“,
klagt Rousseau (s. Kucklick, 2008, 191). Der
auf sich selbst zurückgeworfene Mensch der
Moderne leidet an innerer Auszehrung. Männlichkeit ist in ihrer Selbstbezüglichkeit unbestimmt, sie ist auf bisher nicht gekannte Weise
demoralisiert. Diese Thematisierung von
Männlichkeit angesichts einer sich fortschreitend arbeitsteilig strukturierten Gesellschaft
steht im Kontrast zur christlichen Tradition,
die – es sei denn ihr dreht sich alles um die
Erbsünde – von einer an sich positiven, weil
von Gott geschaffenen Natur beider Geschlechter ausgeht. Nun aber wird Männlichkeit auf einmal negativ gedeutet und im gleichen Zug als solche naturalisiert. Der Mann im
Naturzustand lebt seine unbestimmte Selbst2
Kosengarte, Ernst Heinrich, Der Mann in gesellschaftlichen Verhältnissen. Eine Anleitung zur
Weltklugheit, Umgangskunst und praktischen Lebensweisheiten überhaupt. Nach Knigge, Pockels,
Heidenreich, Montaigne u. and. m., Pesth 1816, 5
(zitiert nach Kucklick, 2008, 37f.).
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bezüglichkeit ungehemmt aus. Die Selbstreferenz wird in den Zustand der maskulinen Natur hinein projiziert.
Wie aber kann die mit Unmoral gleichgesetzte
Selbstbezüglichkeit unterbrochen werden, wie
kann Männlichkeit mit Fremdreferenz angereichert werden? Wie wird aus Unbestimmtheit Bestimmtheit? Was kuriert das Unheil
natürlicher Männlichkeit? Die historische
Antwort: Retterin des Mannes ist die Frau. Sie
zivilisiert ihn, sie durchbricht seine Selbstbezüglichkeit, sie ist die Negation der negativen
Männlichkeit. Sie vermag solches aber nur,
weil sie anders ist als der Mann, weil sie von
anderer Natur ist. Weiblichkeit muss anders
als Männlichkeit sein. Die weibliche Natur ist
das Bollwerk gegen die männliche, ist das
notwendige Gegenprinzip. Und weil das zentrale Problem von Männlichkeit Selbstreferenz
ist, darf die Frau über keine verfügen. Das
würde das Elend des Menschen nur verdoppeln. Darum ist die Bestimmung der Frau die
Hingabe, die Opferbereitschaft, die Liebe. Die
Selbstlosigkeit der Frau ist das Gegengift zum
männlichen Egoismus. „Der Mann verfügte
gleichsam über die ‚moderne’ Natur und daher über die unheimlichere, instabilere, gefährlichere – allerdings auch über die dynamischere, die größere Leistungen und vielfältigere Möglichkeiten versprach. Die Frau erhielt
als teleologisches Wesen eine solidere, stabilere, vertrautere Naturausstattung, deswegen
sowohl die moralischere, verlässlichere als
auch beschränktere, die betulichere, die zu
virtuosen Leistungen nicht geeignete“
(Kucklick, 2008, 92). Der „Ausschluss von
Frauen aus zentralen Funktionssystemen der
Gesellschaft“ wird zur Voraussetzung ihrer
„überlegenen Moralität“ (Kucklick, 2008, 104).
Eine Jahrhunderte alte Vorstellung kippt damit
um: Der Mann – und nicht länger die Frau – ist
das Geschlechtswesen, seine Sexualität ist das
Bedrohliche, seine Lust ruft Unbehagen hervor
und muss gezügelt werden. Kucklick zeigt eindrucksvoll und mit erschreckenden Details,
wie geradezu besessen das 19. Jahrhundert
Männlichkeit zu regulieren unternimmt, mit
welchem Aufwand und mit welcher Fixierung
männliche selbstreferentielle, d.h. isolierte
Sexualität eingedämmt werden sollte. Nur
zwei Institutionen könne den Mann kurieren:
die Ehe und die Religion, die daher ganz folgerichtig im 19. Jahrhundert feminisiert, d.h.
„weiblich konnotiert“ wird. Denn in ihr geht es
um den ganzen Menschen, um personale Begegnung und um den sozialen Zusammenhalt.
All das, was in der männlichen Sphäre vermisst wird.
Die Überhöhung und Naturalisierung des
Weiblichen zur moralischen Gegenmacht ist
konsequenter Weise an Emanzipationsprozessen wenig interessiert. Denn dann würde das
ersehnte Gegenlager verschwinden, dessen
die Moderne so dringend bedarf. Die Frauen
müssen aus Gründen der gesellschaftlichen
Moral davor bewahrt werden, in den Sog der
Logik der differenzierten Sozialwelt hinein zu
geraten. Sie sollen ihre „Reinheit“ bewahren.
Kucklicks besonderer theoretischer Kniff liegt
darin, die hier skizzierte Unterscheidung der
Natur der Geschlechter als eine zu verstehen,
die auf eine andere Unterscheidung draufgesattelt wird. Nämlich auf die Unterscheidung
zwischen Gesellschaft und personaler Interaktion. Wir haben gesehen, dass gesellschaftliche Differenzierung beide Bereiche stärker in
ihrer Differenz hervortreten lässt. Für ersteren
steht ab nun Männlichkeit, für letzteren Weiblichkeit. Inmitten einer als bedrohlich empfundenen neuen Struktur von Gesellschaft
erscheinen Interaktionen als rettende feminine Inseln des Friedens. Weiblichkeit ist ein
moderner Sehnsuchtsort. Der Raum sozialer
Interaktionen – wir könnten auch sagen Geselligkeit, der soziale Nahbereich, die Familie – ist
die Domäne des Weiblichen. „Ihr Frauen habt
immer die Sorge um den Herd, die Liebe zum
Leben, das Gefühl für die Wiege in eurer Hut.
Ihr kennt das Geheimnis des beginnenden
Lebens. Ihr tröstet im Augenblick des Todes.
Unsere Technik läuft Gefahr, unmenschlich zu
werden. Versöhnt die Männer mit dem Leben.
Und vor allem (…) wacht über die Zukunft
unserer Art. (…) euch obliegt es, den Frieden
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in der Welt zu retten.“3 Erst vor dem Hintergrund der Überlegungen Kucklicks erschließt
sich die ganze subtile Logik dieses Denkens,
das bis heute zweifellos theologisch nachwirkt
(vgl. Caldecott, 1998). Die Moderne wird als
Siegeszug des männlichen Prinzips autonomer
Selbstbehauptung zur egozentrischen, nahezu
gottlosen Zone. Wenn dann auf das Vorbild
Mariens hingewiesen wird, die sich ganz der
Liebe Gottes anvertraut hat, dann ist der
Knackpunkt der, dass angenommen wird, sie
habe dies als Frau getan. Die aus der christlichen Tradition bekannte Figur des Überschreitens der Selbstbehauptung wird dabei ohne
Not geschlechtsspezifisch naturalisiert. Die
Frau stehe natürlicher Weise als Frau der demütigen, liebenden Hingabe näher. Alles, was
nach einer Emanzipation von biologischen
Bedingtheiten aussieht, wird daher zum Türöffner für die verhängnisvolle Moderne erklärt. Aber indem man auf der natürlichen
weiblichen Geschlechtsidentität beharrt, tritt
man – freiwillig? – jenen zur Seite, die genau
mit diesem Argument seit dem 19. Jahrhundert den Anspruch auf ein selbstbestimmtes
Leben für die Männer reservieren wollen.
Wenn die Frau von Natur aus auf den Anderen
bezogen ist, dann kann der Mann sich seiner
Selbstbehauptung sicher sein. Wenn Frauen
sich nicht ändern dürfen, warum sollten Männer es tun? Indem weibliche Biologie zum
Schicksal wird, gibt man die Emanzipationsleistungen der eigenen Tradition preis. Dass
ausgerechnet die katholische Kirche, so bemerkt die Romanistin Barbara Vinken, das
klassische bürgerliche Geschlechterarrangement so vehement verteidigt, sei angesichts
des Potentials der eigenen Tradition „deprimierend“ (Vinken, 2006, 53).
Die Lyrik eines weiblichen Genius ist wissenssoziologisch betrachtet die Konstruktion einer
moralischen Gegenmacht zur Moderne. Mit
Unverständnis reagiert dieses neue Wissen
vom Wesen der Frau auf den Vorwurf, damit
würde lediglich das bürgerliche Geschlechter3
Abschlussbotschaft des Konzils an die Frauen,
Feierlicher Abschluss des Konzils am 8. 12. 1965,
in: Herder Korrespondenz 20 (1966), 45.
verhältnis zementiert. Denn könnte man in
höheren Tönen das Lob der Frauen anstimmen als dadurch, dass man ihre moralischen
Kompetenzen derart ins Licht rückt? Männer
(auch Frauen) meinen, die Frauen vor Angriffen auf ihr biologisch bestimmtes Frausein
schützen zu müssen. Emanzipation leugne das
Recht von Frauen, schlicht und einfach Frau
sein zu dürfen.
Die negative Moderne wird also im Mann verkörpert. Und was ändert sich, wenn Männer
sich ändern? Die provokative und sicher einseitig zugespitzte Pointe Kucklicks ist unschwer zu erraten: Es ändert sich nichts. Denn
Männlichkeit repräsentiert gesellschaftliche
Strukturaspekte. „An Männern lässt sich nicht
korrigieren, was der modernen Gesellschaft
eingeschrieben ist; an Frauen ebenso wenig.
(…) Weiblichkeit rettet nicht. Was bedeutet:
Männlichkeit zerstört nicht“ (Kucklick, 2008,
335). Die Frau als Retterin des Friedens und
des Lebens ist eine Konstruktion von Wirklichkeit, die auf soziale Strukturfragen mit einem
Tugendschema reagiert.
6.
Als Moment modernen Kontingenzbewusstseins bedeutet die Unterscheidung zwischen
Sex, Gender und sexuellem Begehren nicht nur
einen analytischen Fortschritt, sondern erweist
sich als sittlich fruchtbar. Das Leben unter den
Bedingungen der Reflexivität kann unterschiedliche Pfade einschlagen.
Eine der Strategie der Naturalisierung gegenläufige Bewegung setzt verständlicherweise
auf Entnaturalisierung. Während Naturalisierung, so hat sich historisch gezeigt, oft die
Beschneidung von Handlungsmöglichkeiten
zur Folge hat, steht Entnaturalisierung für
deren Eröffnung ein. Zur Versicherung:
Entnaturalisierung meint nicht, natürliche
Dinge in Luft aufzulösen. Die Auflösung normativer Beschränkungen meint keineswegs,
„dass ich die Welt noch einmal neu erschaffen
kann, so dass ich ihr Schöpfer werde“ (Butler,
2009, 12). Aber wo der Rekurs auf natural
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männer in der reflexiven Moderne
Prof. Dr. Stephan Goertz
bestimmte Weiblichkeit und Männlichkeit ein
bestimmtes Körper-Sein in moralischer Absicht fixiert, sind Analysen der Konstruktionen
von Weiblichkeit und Männlichkeit an der
Vervielfältigung von weiblichen und männlichen Identitäten und Lebensweisen interessiert. Judith Butler ist die Kronzeugin für dieses Ineinander von Analyse und Normativität.
Die Infragestellung eines naturalen Zwangs für
die Praxis von Frauen und Männern, so
schreibt sie, kann „durchaus ein Weg zu einer
Rückkehr zum Körper sein …, dem Körper als
einem gelebten Ort der Möglichkeit, dem Körper als einem Ort für eine Reihe von sich kulturell erweitender Möglichkeiten“ (Butler, 1997,
10f.). Die Reflexion entdeckt Spielräume, die
als Handlungsspielräume genutzt werden sollen. Die analytische Unterscheidung zwischen
Sex und Gender, die in den 1960er Jahren
ihren Ausgang nahm bei der reflektierten Erfahrung von Transsexualität, dass die Geschlechtsidentität (Gender) nicht durch das
anatomische Geburtsgeschlecht (Sex) determiniert sein muss, unterfüttert das normative
Anliegen der Anerkennung vielfältiger Formen
einer menschlichen Lebensführung von Männern und Frauen.
Die Kritik an allen Versuchen, die Männer oder
Frauen auf eine bestimmte naturale oder historische Identität festlegen wollen, also etwa
darauf, wie ihr sexuelles Begehren auszusehen
habe, wie eine richtige Frau oder ein richtiger
Mann zu leben habe, dient der Freiheit und
will nicht Beliebigkeit feiern. Butler geht es
ausdrücklich nicht darum, „alle und jede neue
Möglichkeit qua Möglichkeit zu feiern“ (Butler,
1991, 218). Aus ethischer Perspektive kann es
immer nur darum gehen, das Leben von Individuen menschlicher zu gestalten. Und dazu
gehört, ihnen Anerkennung zu schenken für
die je eigene Gestalt ihres Lebens, das sich
realisiert in Personalität und Solidarität.
Das eigene Leben ist zu führen im vollen Bewusstsein der Abhängigkeiten von den „Bedingungen meines Zustandekommens“, nicht
aber ohne das Bemühen, dass man ein „kritisches und veränderndes Verhältnis zu ihnen
unterhalten kann“ (Butler, 2009, 12). Die Möglichkeiten weiblicher oder männlicher Existenz
sollen nicht als ausgeschöpft betrachtet werden. Das Menschliche hat noch immer Möglichkeiten vor sich. Fehlende gesellschaftliche,
rechtliche oder moralische Anerkennung für
Menschen, die durch ihr Dasein und ihre Lebensweise die vermeintlich natürlichnormative Komplementarität der Geschlechterordnung in Frage stellen, wäre dann eine zu
kritisierende Beschränkung von Selbstbestimmung. Die Naturalisierung des Geschlechterverhältnisses ist in der reflexiven Moderne
als Verdinglichung erkennbar, sie führt zu
einer Versteifung subjektiver Handlungsmöglichkeiten. Dass ist der sittliche Ernst, der hinter einem historisch-performativen Genderbegriff steht, der die kulturellen Konfigurationen der Körper ernst nimmt. Die religiöse oder
außerreligiöse Suche nach einer authentischen, nach einer originalen Geschlechtsidentität wird weder Frauen noch Männern gerecht. Sie hält schon dem historischen oder
kulturvergleichenden Blick nicht Stand (vgl.
Schröter, 2002).
Eine Gender-Ethik leugnet weder den Körper,
der ich bin und der sich gesellschaftliche Werte und Normen einverleibt hat, noch das Subjektsein, das sich in der Möglichkeit des Verhalten-Könnens, der Distanzierung und der
Kritik ausdrückt. „Die Charakteristika meines
Leibes bilden eine Vorgegebenheit, insofern
ich sie nicht selbst gewählt habe, doch das
bedeutet nichts anderes, als das sie ein Thema
des Handelns darstellen, mit dem in ganz unterschiedlicher Weise umgegangen werden
kann.“ (Nagl-Docekal, 2001, 34) Es geht um
die Balance zwischen den beiden Aspekten
des Körper-Seins und des Körper-Habens. Die
Ordnung des Geschlechterverhältnisses ist
und bleibt eine „Aufgabe der Freiheit“ (ebd.
27). Weil uns die Unterscheidung zwischen
Sex und Gender die Möglichkeit bietet, die
zuweilen irritierende Kontingenz von Geschlechtsidentität zu denken, bedeutet sie
einen Fortschritt im Bewusstsein von Freiheit.
Die Fragen an Männer und Frauen werden
dann andere. Nicht mehr die Suche nach ei-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männer in der reflexiven Moderne
Prof. Dr. Stephan Goertz
nem authentischen Kern (Was sind Männer
wirklich? Was sind Frauen wirklich?) ist dann
ethisch von besonderem Interesse, sondern
die Frage, wie Männer und Frauen in ihrer
gleichen Würde als moralische Subjekte so
leben können, dass sie sich selbst Zwecke setzen können, dass sie – und hier muss das
Stichwort genügen – ein gutes Leben führen
können. Die beiden Grundprinzipien einer
Gender-Ethik sind damit Autonomie und Gerechtigkeit. Die Idee einer Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern (aber ebenso zwischen Männern und zwischen Frauen) zielt auf
Veränderungen ab, die das Handeln beider
Geschlechter umfassen und die die zahlreichen strukturellen Faktoren, die es mitbestimmen, nicht außer Acht lassen. Wer will,
dass Männer und Frauen ein menschenwürdigeres und besseres Leben führen können, der
wird am Ende politisch denken und handeln
müssen. Eine Vorstellung von Männerpastoral,
die diese Dimension sittlicher Verantwortung
gänzlich außen vor lassen würde, könnte sich
den Vorwurf einhandeln, sozial-strukturell
erzeugte Probleme, die Männern wie Frauen
das Leben schwer machen, zu individualisieren. Die Überlegungen von Kucklick wollen
m.E. genau auf die Versuchung hinweisen, an
Männlichkeiten (und nur an diesen) „heilen“
zu wollen, was doch systemische Ursachen
hat. Auch hier geht es um eine Balance zwischen systemischen und individuellen Faktoren.
Die Überlegungen zur prekären Identität in
der Moderne helfen uns, die verbreitete Sehnsucht nach Anerkennung verstehen zu können.
„Jeder heischt nach Zustimmung, Bewunderung, Liebe im Blick des anderen. Im Blick jedes anderen, wie unbekannt und unbedeutend er sein mag“ (Kaufmann, 2005, 196f.).
Die verunsicherten Individuen reagieren jedoch ganz unterschiedlich auf das, was ihnen
die moderne Gesellschaft zumutet. Bei manchen, so die Analyse von Jean-Claude Kaufmann, entlädt sich die ihnen entgegenschlagende Verachtung in Wut oder Gewalt (Explosion der Identität), andere wenden die Missachtung oder Intoleranz der anderen gegen
sich selbst und werden daran krank (Implosion
der Identität). Wieder andere erhoffen sich
Stabilität für ihr verunsichertes Ich durch einen Rückzug in vertraute, übersichtliche Welten oder durch loyales, beruhigendes Engagement in Institutionen, manche durch die
gesellschaftliche Währung der Anerkennung:
Karriere, Geld.
Aus ethischer Sicht wird man freilich die Ambivalenzen und Risiken der verschiedenen
Formen der Identität im Auge behalten wollen. Das bessere Verstehen sollte dabei dem
vorschnellen und darum ungnädigen moralischen Urteil Einhalt gebieten. Das Individuum
ist oft weniger frei, als es meint und die im
Laufe der Geschichte wachsende Reflexivität
lehnt sich weiterhin an Inhalte und Personen
an, die ihr in der sozialen Welt als bedeutsam
begegnen. (Kaufmann, 2005, spricht von
„Identitätsherden“.) Ein Kriterium für unser
Urteil könnte die Frage sein, inwieweit sich die
verschiedenen Männlichkeiten selbst dem
Phänomen der Reflexivität stellen, ob diese
zugelassen wird oder nicht – und vor allem,
wie der Blick auf die anderen aussieht. Bei all
dem geht es um ein Wachhalten des Bewusstseins, dass auch die Geschlechtsidentität sich
dem obersten ethischen Kriterium der möglichen solidarischen Freiheit verpflichtet weiß.
7.
Aus theologischer Perspektive fädelt sich die
legitime Vielfalt von Männlichkeiten und
Weiblichkeiten in die gottgewollte Freiheitsgeschichte des Menschen ein. Das mit den Stichworten der Kontingenz und Konstruktion verbundene Denken dient nicht der menschlichen
Hybris, sondern ist Ausdruck der im Zeichen
von Freiheit sich vollziehenden Aufmerksamkeit des Menschen auf sich selbst in seiner
Endlichkeit. Theologische Ethik will pastorale
Praxis nicht bevormunden und kann sie nicht
selbst hervorbringen.
Das menschliche Vermögen, dem eigenen
Leben unter je konkreten Bedingungen eine
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männer in der reflexiven Moderne
Prof. Dr. Stephan Goertz
individuelle Gestalt zu geben, ist Ausdruck der
von Gott gewollten Freiheit des Menschen
und steht unter dem Maßstab eines menschenwürdigen Daseins. Darum ist das moderne Projekt personaler Selbstbestimmung
von Frauen und Männern, auf dem die Idee
von
Menschenwürde
ruht,
christlich
rezipierbar, es entspricht der Tradition der
Gottebenbildlichkeit (vgl. Schmidinger, 2010).
Gott will in seinem Gottsein vom Menschen in
Freiheit (an)erkannt werden. Etwas aus sich
machen zu können galt der christlichen Theologie schon in der Antike als Ausdruck der
Gottebenbildlichkeit (vgl. Kobusch, 1985).
Gott hat die Menschen nicht auf eine Lebensweise hin geschaffen, in der schicksalhaft ein
naturales oder soziales Programm abzuspulen
ist. Wer „nur das Wiederkehrende, das
Immergleiche, das Zugrundeliegende an Menschen und am Menschen zum Gegenstand“
(Habermas, 1958, 32) machen würde, der
verlöre das Interesse und die Freude an den
aus endlicher Freiheit resultierenden individuellen Lebensentwürfen und könnte die Gewissensfreiheit kaum noch zur Geltung bringen.
Die christliche Botschaft gilt allen Menschen,
denn der Heilswille Gottes ist universal, aber
sie gilt den Menschen in ihrem konkreten
Dasein. Das biblische Zeugnis der konkreten
Nächstenliebe Jesu (vgl. Benedikt XVI., Deus
caritas est 15) hat zur hermeneutischen Konsequenz, dass nicht ein für allemal entschieden ist, auf welche Weise die Botschaft zur
erlösenden Botschaft wird. Als endgültig gilt
uns im Glauben die Offenbarung der unbedingten Menschenliebe Gottes. Wie sich dies
aber in Geschichte und Gesellschaft, für Männer und Frauen, jeweils glaubwürdig bewahrheitet, das ist nicht einfach aus Schrift
und/oder Tradition deduzierbar. Hier bedarf
es immer auch der zeitdiagnostischen und
ethischen Vermittlung. Universalität bedeutet
zudem, dass sich die kirchliche Verkündigung
und Praxis nicht exklusiv auf die Bedürfnisse
bestimmter Milieus und der darin plausiblen
weiblichen oder männlichen Normalbiographien verengen darf. Eine in diesem Sinne
christliche Leitidentität des Männlichen oder
Weiblichen geriete in die Gefahr, zahlreiche
Lebensweisen zu exkludieren und dadurch
unchristlich zu werden. Eine selektive Konzentration auf bestimmte Lebensformen von
Männern und Frauen kann im Interesse institutioneller Unterscheidbarkeit verlockend
sein, sie sollte sich aber klar darüber sein, dass
der Preis eine Verdunkelung der eigenen universellen Botschaft der allen Menschen zugesagten göttlichen Nähe wäre.
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3. Teil:
Perspektiven für die Männerpastoral – Drei pastorale Konzepte
3. Teil:
Perspektiven für die
Männerpastoral –
Drei pastorale
Konzepte
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
Männerbildung als integraler Bestandteil der
Pastoral
1. Männerbildung: Angebote zur
Selbstentfaltung im Lebenslauf
Männerbildung als Begriff, wie ich ihn verwende, zielt auf die Entfaltung und Entwicklung männlicher Selbstbildung. Sie hat viel mit
emotionalem und sozialem Lernen, mit religiöser und spiritueller Entwicklung im Lebenslauf, mit der Aneignung des eigenen Lebens
entsprechend dem Bild zu tun, das Gott für
mich immer schon bereit hält. Ich könnte auch
sagen: Männer entfalten sich und ihr Leben als
Söhne Gottes entsprechend einem biblisch
fundierten Bild erfüllten Lebens in Fülle, welches als heilendes Geschehen und Anbrechen
des Gottesreiches ihre durch Erziehung/Sozialisation, durch gesellschaftlichen
Normierungen insbesondere in der Arbeitswelt vorherrschenden, meist einschränkende
Bilder einer „richtigen“ Männlichkeit aufbricht
in Richtung einer größeren Selbstverfügung
und Vertiefung ihres Lebens. Bildung im Erwachsenenalter verstehe ich als „e-ducatio“,
meint „Heraus-führung“1 aus der Enge des
Vorgegebenen in Richtung der Freiheit der
Gotteskindschaft.
Eine solche Bildung ist Selbstbildung, auch
Selbstvollzug, sofern die Männer sich bilden.
Eine darauf bezogene Pastoral ist immer wieder herausgefordert, verschiedene Männer
entsprechend ihrer unterschiedlichen Milieus,
Lebenslagen, Lebensalter und Orientierungen
unterschiedlich anzusprechen. Optimal wäre
eine Pastoral „aus allen Rohren“, aber entsprechend der Begrenztheit unserer Ressourcen können wir immer nur bestimmte Angebote machen, welche an spezifischen
Offenheiten und Situationen ansetzen. Welche sind dies? Und was dabei rechtfertigt das
1
Vgl. Heydorn 1972, S. 120.
Attribut „integrierend“ bzw. „integral“? Ich
formuliere meine Beispiele und Vorschläge auf
dem Hintergrund meiner Erfahrungen als Leiter eines großstädtischen katholischen Bildungswerks: Als Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung – Bildungswerk Frankfurt,
mit Sitz im Haus am Dom, verbinde und verknüpfe ich:
•
eigene biographische Erfahrungen als
Mann mit professionellem Handeln als
Pädagoge und Theologe,
•
die Handlungsfelder gemeindliche und
gemeindenahe Pastoral mit den Chancen und Möglichkeiten übergemeindlicher, ja auch überregionaler kirchlicher Bildungspraxis,
•
Angebote zu personbezogenem, signifikantem Lernen mit theoretischer,
wissenschaftlicher Reflexion.
Sie werden diesen integralen Ansatz leicht am
Gesamtbild der vorgestellten Beispiele feststellen und verifizieren können.
Konzeptionell vorausgesetzt ist dabei die bewusste Entscheidung, immer wieder - das
meint aus meiner Rolle als Bildungswerksleiter
heraus: nicht immer und nicht dauernd! –
Männer und ihr Leben bewusst anzusprechen
und dieses Leben zum „Thema“ von Bildung zu
machen. Pädagogisch genauer formuliert:
Männern Angebote zu machen, sich und ihr
Leben anzuschauen, zum Gegenstand von
Lernen und Selbstbildung zu machen und darin zur bewussten und - optimal - christlichen
Lebensgestaltung beizutragen. Bildung ist ein
Angebot, das angenommen werden und wirken kann; es ist kein Selbstläufer, schon gar
kein Automatismus. Dabei muss das Angebot
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
jeweils „passen“: es muss zu den bisherigen
Erfahrungen, Ausdrucksweisen, Lebenswünschen und biographischen Bedürfnissen passen.
Was ich berichten kann, sind Erfahrungen mit
Angeboten, die ich für bestimmte Männer als
„passend“ erlebt habe. Sie sind also erprobt.
Sie sind aber sicherlich nur ein Ausschnitt des
Möglichen. Dabei differenziere ich nach pastoralen Ebenen/Lernräumen und nach unterschiedlichen Lernumgebungen.2
2. Die Adressaten und ihre Räume (Überblick)
Männer haben sich in den letzten Jahren in
der Kirche eigene neue Räume erschlossen
bzw. sind dabei, sie wiederzuentdecken. Die
Veränderungen vollziehen sich an neuen Orten, aber auch bei klassischen Gelegenheiten.
Wir finden die Kommuniongruppe mit Vätern,
als gemischte Gruppe mit Mädchen und Jungen, teilweise aber auch bewusst als reine
Jungen-Gruppen. Fast schon „Standard“, auf
jeden Fall gut verbreitet sind Väter-KinderWochenenden, sei es mit pädagogischer Betreuung oder von Vätern selbstorganisiert. Es
gibt den (oft samstäglichen) Vätertreff im Kindergarten, die Geburtsvorbereitungskurse mit
2
Lernumgebungen meint pädagogisch die grundsätzliche, idealtypische Unterscheidung von Lerngegenständen, Lernarrangements, Lernzielen oder
Praxisbezügen entsprechend dem vorherrschenden Muster des Lerngeschehens, welches jeweils
auch dem „Lehren“ unterschiedliche Rollen zuweist: 1. Aneignung und Reflexion von Wissen, 2.
Reflexion und Verarbeitung von (oft biografischen)
Erfahrungen, 3. Reflexion und Erweiterung von
Handlungsweisen/Praxis, 4. Einüben und Trainieren von praktischem Können. Vgl. Hof 2007.
In meiner Systematisierung von Männerbildung
hatte ich sieben Konnotationen unterschieden:
geschlechtshomogen, Männerleben thematisierend, männerspezifischer Kompetenzerwerb,
männlichkeitskritisch, männlichkeitssuchend, Gender-sensibilisierend, männeraktivierend: Prömper
2003, S. 286-311.
speziellen Themen und geschlechtshomogenen Arbeitseinheiten für Väter, die Familienwochenenden mit geschlechtshomogenen
Arbeitseinheiten für Mütter und Väter und der
Gelegenheit zur gemeinsamen Reflexion von
Familienstrukturen und Alltag. Männer fahren
zusammen ins Kloster zu Besinnungstagen und
spirituellen Auszeiten, sie treffen sich zum
Männerfrühstück, zum „Feierabend“ oder zur
Männergruppe. Männerwallfahrten und Männergottesdienste haben wieder stärker Zulauf.
Dies geschieht auf Ebene der Pfarrgemeinde,
im Kindergarten, im Dekanat. Manche Angebote benötigen aber auch ein Stück Distanz
zur Alltagsumgebung und finden statt auf der
Ebene des Bistums oder der Großstadt. Ich
berichte aus der Perspektive des Bildungswerks in der Großstadt: Katholische Erwachsenenbildung Frankfurt. Wir erreichen sehr
viele Menschen jenseits/neben der gewachsenen Gemeindestruktur. Viele kommen dabei
mit Kirche überhaupt wieder in Kontakt, dies
ist übrigens häufig auch ein biographisches
Phänomen des Lebenslaufs. Unsere Angebote
ermöglichen vielfach explizit wie implizit, über
den eigenen Glauben und dessen Lebensdienlichkeit (praktische Lebensbewährung) ins
Gespräch zu kommen; gerade dort, wo wir
sprachlich eingespurte Pfade verlassen. Es gibt
optimal einen Weg vom Einstieg über ein weiteres Experimentieren bis hin zum Bleiben.
Das meint als Beispiel: jemand steigt z.B. bei
Ehrenamtsqualifizierung (Lernen für Andere)
ein und geht irgendwann über zu einem Kurs,
welcher der eigenen Lebensreflexion dient
(Lernen für mich).
Die Fülle der Formate ermöglicht differenzierte Zugänge mit gestufter Nähe (Pastoral der
Breite) und der Möglichkeit zum individuellen
Tiefgang (Pastoral der Dichte).
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
3. Formate und Ebenen der Männerbildung
(Beispiele)
3.2 Beispiel Männerbildung – Ebene Katholische Erwachsenenbildung / Haus am Dom
3.1 Beispiel Väterbildung und mehr – Ebene
Pfarrei/Pastoraler Raum/Seelsorgeeinheit
3.2.1 Format 1: „Männergruppe“
Es handelt sich um eine selbsterfahrungsorientierte, geschlossene Gruppe mit der Möglichkeit einer längerfristigen Entwicklungsbegleitung, die Treffen sind monatlich, mit einem Wochenendseminar pro Jahr. Die Gruppentreffen charakterisiert: Schweigephase zu
Beginn, Befindlichkeitsrunde zu Beginn und
Ende, Arbeit an den aktuellen Themen von
einem bis drei Männern pro Abend. Die Wochenenden sind stärker thematisch orientiert,
hier kommt auch ein größeres Spektrum methodischer Arrangements zum Einsatz. Dieser
längerfristige Zusammenhang persönlicher
Entwicklung führt dazu, dass im Grunde alle
Themen männlichen Lebens bzw. alle Erfahrungen von Männern irgendwann einmal dran
kommen: Partnerschaft, Elternschaft, Vatersein, Kinderlosigkeit, Trennung, Abschied von
den Kindern; älter werden, Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater, Krankheit, Tod
und Trauer; Beruf und Familie, Lebensorientierungen jenseits des Berufs, Umgang mit
Krisen und Scheitern, Arbeitslosigkeit; Erleben
von und Umgang mit Gefühlen wie Liebe, Aggression, Wut, Ärger, Trauer, Sexualität/sexuelles Begehren, Treue/Untreue, Verzweiflung, Lebensunlust; Werte, religiöse und
spirituelle Bedürfnisse und Ausdrucksformen,
Umgang mit Endlichkeit, die eigene Glaubensgeschichte, Tragfähigkeit und Bewährung
christlicher Lebensorientierung, ... Wichtig ist
für die meisten, hier überhaupt einen Ort zu
haben, an dem dies angesprochen werden
kann. Denn diese Gespräche und Themen sind
alles andere als „alltäglich“.
Ein Pastoralreferent und ein – das ist ein Idealfall, aber real in Frankfurt so geschehen –
männlicher Kindergartenleiter tun sich zusammen, um die Väter der Gemeinde in neuer
Weise anzusprechen. Sie veranstalten zwei
Vater-Kind-Wochenenden im Jahr, in deren
Mittelpunkt die verbrachte Freizeit von Vätern
mit ihren Kindern steht. Aus diesen Wochenenden entwickeln sich weitere Aktivitäten, die
zwar nicht von allen Vätern genutzt werden,
die aber für viele Väter eine Anschlussaktivität
darstellen: Kochabende für Väter, thematische
Abende für Väter, Vater-Kind-Fußball freitagnachmittags, Klosterwochenende für Väter;
aus letzterem entwickelt das Angebot einer
monatlichen Männervesper mit dem Beten
von Psalmen. Von der Sozialstruktur der Gemeinde her sind viele Väter Banker, welche
sich hier Räume für sich und ihre Kinder leisten. In den verschiedenen Veranstaltungsformaten kommen zur Sprache: Rolle als Vater,
Ehe und Partnerschaft, Vereinbarkeit FamilieBeruf, ethische Fragen des Berufsalltags, religiöse Fragen (Glaubensweitergabe an Kinder,
Feste, Aufbau der Messe, Leben als Mönch,
eigene Glaubensgeschichte, ...), die Entwicklung einer eigenen Spiritualität als berufstätiger Mann und Vater.
In einer anderen Gemeinde gibt es einen Kreis
älterer Männer, welche sich einmal im Jahr für
ein Klosterwochenende „nur für Männer“
verabreden. Die Themen variieren von Psalmen singen über Ordensspiritualität (die
Gruppe fährt jedes Mal zu einem anderem
Kloster/Orden) bis hin zu biblischen Männergestalten.
Weitere Möglichkeiten sind: thematischer
Bildungsabend im Kindergarten („Kinder brauchen Väter“), Vortragsabend in der Gemeinde,
Männerfahrt der Gemeinde, ...
Auffällig ist: Alle Männer haben einen christlichen Hintergrund, sie haben bewusst eine
Männergruppe im Rahmen der KEB gewählt.
Dies schält sich als Beweggrund oft aber erst
nach einer längeren Vertrauensphase heraus.
Die eigene Spiritualität scheint einem großen
Tabu zu unterliegen, dieses Feld ist für viele
höchst unsicher und sprachlich wenig elabo-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
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Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
riert. Nach meiner langjährigen Erfahrung
möchte ich folgende Ebenen/Stufen des Tabuisierten unterscheiden, in denen sich zugleich
eine gestufte Abfolge des offenen und persönlich signifikanten Redens und Einlassens zeigt:
Ebene 1: (oft kritische) Lebensereignisse, zu
denen ein Austausch gesucht wird – Vaterschaft, schwieriger Kontakt zu Kindern, Trennung, Partnerschaftskrisen, berufliche Unzufriedenheit, Burnout, fehlende Freundschaften, ...
Ebene 2: Gefühle, die sich der Kontrolle entziehen bzw. deren Ausdruck mit Angst/Unsicherheit besetzt sind – Ängste, Aggressionen/Wut, Sexualität/eigenes sexuelles Erleben/Potenzprobleme,
Versagen/Schwäche,
Trauer, Hilflosigkeit (vor allem bei belastenden
Situationen ohne sofortige, schnelle Lösungsmöglichkeiten), ...
Ebene 3: religiöse Erfahrungen und eigene
Glaubensüberzeugungen, für die es kein „sicheres Wissen“ gibt – Umgang mit der eigenen Endlichkeit, Beten, spirituelle Erfahrungen
angesichts von Leid und Tod, Vorstellungen
von Jenseits und Weiterleben nach dem Tod,
Gottesbild, Gottglaube, Schuld und Sünde, ...
Erst die Erfahrung von tiefem Vertrauen in der
Kommunikation der Gruppe scheint die Türen
zu den tieferen Ebenen bzw. weiteren Stufen
zu öffnen. Dabei wirkt das erfahrene offene,
nicht wertende Gespräch „unter Brüdern“
vielfach als Katalysator für eigenes Erleben
und Sprechen.
3.2.2 Format 2: zeitlich befristete Workshops/Seminare/Wochenenden/Mehrtagesveranstaltungen (optimal mit
Übernachtung)
Diese Gruppenangebote „nur für Männer“ mit
ihrer Distanz zum Alltag ermöglichen und erleichtern punktuell „tiefergehende“ Erfahrungen, welche oft als Unterbrechung und Neuausrichtung wahrgenommen werden. Dabei
wecken unterschiedliche Angebotsformen und
unterschiedliche thematische Ausschreibungen oft ähnliche Lebensfragen und Lebensbedürfnisse, sie setzen aber an unterschiedlichen
Erlebensweisen und Modi der Selbstthematisierung an, oft auch abhängig von Alter, Lebenssituation, Milieu, persönlichen Vorerfahrungen. Ich nenne aus meiner Praxis der letzten Jahre:
„Timeout statt Burnout, für Männer im Beruf“
– 3 Tage im Exerzitienhaus, mit einer Mischung aus Theorie und Selbsterfahrung zum
Lebensinventar, persönlicher Visionsarbeit,
Selbst- und Kräftemanagement, Schweigephasen und meditative Übungen, Körperübungen,
Gehen im Labyrinth, Teilnahme an Stundengebet und Gottesdienst, ...
Workshop-Reihe zum „Übergang Beruf – Ruhestand“ – 6-teilige Nachmittagsworkshops,
oft ebenfalls im Kloster bzw. Exerzitienhaus,
mit den Themen: Risiken und Chancen des
Alterns als Mann, Abschied von Arbeit als Feld
der Sinnstiftung, soziales Netz; Annahme des
eigenen gelebten Lebens und der eigenen
Endlichkeit; Umgang mit Krankheit, Sterben
und Verlusten; spirituelle Fragen des „Abstiegs“ und der „Bewährung“, Suche nach Heil
und Heiligkeit, … (Kurs wurde mehrfach erprobt an verschiedenen Orten in den Bistümern Mainz und Limburg)
„Klosterwochenende für Männer“ – Freitag bis
Sonntag; mit Teilnahme an Stundengebeten
und Gottesdiensten; thematische Arbeitseinheiten zu „ora et labora“, Arbeit und Kontemplation, Herzensanliegen und Konflikte,
Visionen und Fragen christlicher Lebensgestaltung, Gespräche mit Ordensleuten, ...
„Männer auf der Pilgerroute“ – regionale Pilgerwege wie Bonifatiusroute Frankfurt – Fulda, Jakobsweg Fulda – Würzburg; aber auch
Spanischer Jakobsweg; Stundengebete, Gottesdienst und Tagesthemen; spirituelle Impulse unterwegs, Schweigephasen, angeleitetes
Einzelgehen und „Brudergespräche“ zu
zweit/zu dritt; Gruppengespräche; Themen
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
57
Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
z.B. die historische Person Bonifatius, die 7
Gaben des Heiligen Geistes, Helden und Vorbilder im Glauben, ...
Ähnliche Veranstaltungen: „Kolloquium männliches Altern“, „Kolloquium im Kloster für
Männer“, „Männerreise“ (7 Wochenenden),
„Segeltour für Männer“, ...
Methoden und Themen dieser Veranstaltungsformate sind meistens sehr vielfältig. Sie verknüpfen Theorieimpulse mit Selbsterfahrung,
mischen Gruppen- und Einzelarbeit, verbinden
häufig die Gesprächsebene mit Liturgie, Ritual,
Singen und gemeinsamem Erleben. Ein Alleinstellungsmerkmal katholischer Männerbildung
ist für mich hier immer wieder die Möglichkeit
spiritueller, „liturgischer“ Vertiefung: Klage,
Dank, Bitte, Segen, Meditation, Symbole, Singen, Schweigen oder Labyrinth. Dabei sind die
Orte dieser unterbrechenden Bildung – Exerzitienhaus, Kloster, Pilgerweg, Natur, Kapellen
am Wegesrand, ... – selbst schon Attraktoren
signifikanten Lernens. Nicht alles muss verbalisiert werden. Der andere Rhythmus des Ora
et Labora setzt bei Männern Energien und
Aufmerksamkeiten frei, um sich den eigenen
tragenden Lebensthemen zuzuwenden. Das
muss nicht vorgemacht werden, dafür muss
nur Raum und Zeit geschaffen werden. Ein
Teilnehmer eines Timeout-Workshops äußerte
als Feedback, hier habe er das erste Mal „Kirche“ erlebt: er bezog sich dabei weniger auf
die Themen als vielmehr auf die Art des Umgangs untereinander und des authentischen
Redens miteinander, auch seitens der Leitung.
3.2.3 Format 3: öffentliche Diskurse über
„Männer“ – Vorträge, Podien, Fachtage,
Symposien, ...
Es sind sowohl Fachtage oder Symposien für
Fachkräfte, für Experten und Expertinnen als
auch Vorträge für Einzelne, für Eltern, welche
hier nun öffentlich, jedermann/jederfrau zugänglich Themen und Fragestellungen kommunizieren, welche mit dem Leben von Männern zusammenhängen. Dabei erweist sich
das Frankfurter Haus am Dom als hervorra-
gender Diskursort, welcher in der öffentlichen
Wahrnehmung gut angenommen wird und
weit über den unmittelbaren kirchlichen Horizont hinausstrahlt.
Die Vorträge, Podien, Fachtagungen oder
Symposien erreichen immer wieder über 150
Teilnehmende, wobei die Zusammensetzung
je nach Thema und Format unterschiedlich
streut, von getrennt lebenden Vätern und
Müttern, die sich um ihre Kinder sorgen bis
hin zu Fachkräften aus Unternehmen oder
sozialen Einrichtungen, welche Veränderungen bei Männern verstehen wollen. Herausragende Veranstaltungen der letzten Jahre waren Vorträge über den Rollenkonflikte der
Väter heute, über Väter und ihre Bindung an
Kinder, über Jungenerziehung heute, aber
auch Podien über „Jungen als die neuen Verlierer?“ oder zur „Krise der FinanzMänner“
(über den Zusammenhang von Finanzkrise,
Organisationen und Männlichkeitsmustern).
Fachtage zu den Themen „Was macht Migration mit Männlichkeit?“ (2008), „Migration,
Männlichkeit und Gewalt“ (2009) oder „Männer unter Druck“ (2010) greifen aktuelle gesellschaftliche Konfliktlagen, aber auch Veränderungen in der Organisation von Arbeit auf –
und fragen nach den geschlechtsspezifischen
Umgangsformen mit sozialen Veränderungen,
im Kontext von Globalisierung und Rollenwandel. Dabei sorgt ein breites Netzwerk vielfältiger Kooperationen mit Unternehmen
(Commerzbank, IHK, Fraport, Lufthansa), Medien (Hessischer Rundfunk, Stadtbücherei...),
Stiftungen, Gewerkschaften, Interessensverbänden und Initiativen, kommunalen Einrichtungen (Schulamt, Kinderbüro, Frauenreferat)
oder auch überregionalen Akteuren (Landeszentrale für politische Bildung, Hessenstiftung
Familie) etc. für eine breite Akzeptanz und
Vielfalt, welche das „Männerthema“ längst
aus der Ecke der „sektiererischen“ Modernisierungsverlierer herausgeholt hat. Dazu trägt
übrigens auch ein theoretischer intersektioneller Ansatz bei, welcher Männlichkeit
und Männerrolle nicht als alleinige Ursache
nimmt, sondern in Verbindung bringt mit sozi-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
58
Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
aler Schicht, Milieu, Generation oder Migration.
Es werden je nach Thema und Kooperation
durchaus unterschiedliche Milieus erreicht,
vom Prekariat bis zu Bankern in Nadelstreifen,
von feministisch motivierten Gleichstellungsbeauftragten bis hin zu besorgten Eltern, von
Fachkräften der Beratung und sozialen Arbeit
bis hin zu Polizei und Justiz. Männer werden
Themen kommunaler „Familienkongresse“
oder regionaler „Impulstagungen“. Kampagnen wie „Papa liest vor“ bringen hier kirchliche Einrichtungen zusammen mit Medien und
Unternehmen. Geplante Themen für Anfang
2011 sind Burnout sowie Jungen und Religiosität.
Zu diesen öffentlichen Diskursen zählen weiter
eine lockere Abfolge von Gesprächsabenden
über Männerthemen in Zusammenarbeit mit
den katholischen Familienbildungsstätten, in
denen „Betroffene“ über ihre Erfahrungen ins
Gespräch kommen, die sich aber an Frauen
wie Männer richten. Dabei werden häufig
interkulturelle und intergenerationelle Aspekte aufgegriffen: die Rolle der Väter in verschiedenen Kulturen, Väter gestern und Großväter heute, Wertewandel zwischen den Generationen, was Väter anders machen als
Mütter, ... In diesem öffentlichen Reden über
privates Erleben entsteht eine spezifische
Form der Kommunikation, die manchmal auch
irritierende, neue Erfahrungen bewirkt, deutlich z.B. im Erstaunen von Frauen über die – in
Tränen bzw. mit brechender Stimme – öffentlich gezeigte Emotionalität von Männern „mit
Krawatte“ (!) im Sprechen über ihren eigenen
Vater und die von ihm vermisste Anerkennung.
Interessant ist hier – so meine thesenartiges
Fazit -, dass eine Wechselwirkung stattfindet
zwischen theoretisch-wissenschaftlichen Diskursen, öffentlicher Meinungsbildung und
praktischer personbezogener Bildungsarbeit.
Diese wechselseitige Bereicherung zeigt sich
häufig auch in der „Transmission“ der teil-
nehmenden Personen, welche hier oft zwischen den Formaten wechseln und nach einem ersten Einstieg für eine längerfristige
bzw. wiederholte Teilnahme gewonnen werden. Männerbildung wird dadurch viel breiter
aufgestellt als dies z.B. allein über VäterKinder-Wochenenden oder eine Männergruppe möglich wäre.
3.2.4 Format 4: Internet/E-Mail
Nun ins fünfte Jahr gehen die „Fastenimpulse
für Männer per E-Mail“, welche die KEB Frankfurt in Kooperation mit der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen ausrichtet.
Von Aschermittwoch bis Ostermontag erhalten die Abonnenten an den Sonn- und Hochtagen einen spirituellen Impuls per E-Mail,
welcher unter einem Oberthema die Texte der
Tageslesungen aufgreift, diese auf männliche
Lebenserfahrungen bezieht und optimal mit
einem den Alltag unterbrechenden Handlungsimpuls verbindet. Die Autoren wechseln,
sie kommen aus der Männerpastoral, aber
auch aus dem Bereich der Medien oder Kultur.
Oberthemen waren 2007 „Gönn dich dir
selbst“, 2008 „spirit4men“, 2009 „Halt an, wo
läufst du hin?“ (Angelus Silesius), 2010 „Höre
auf dein Herz, Bruder“ und 2011 (geplant)
„Schmecke dein Leben, Mann“. Mit bescheidenen Mitteln konnte vor allem über Netzwerke der (sehr stabile) Abonnentenkreis von
50 auf über 1.200 gesteigert werden; die
technische Realisierung läuft über den Mailserver des Bistums Limburg, 2008 und 2009
noch in Kooperation mit der kgi.
Die Impulse per E-Mail ergänzt das Angebot
eines Wochenendes im Kloster, welches teilweise auch bundesweit angenommen wird.
3.2.5 Format 5: Öffentlichkeitsarbeit und
Networking
Es sind weiter bundesweite Zeitschriften- und
Buchbeiträge, Podien und Veranstaltungen auf
Katholiken und Kirchentagen, Expertisen oder
die Komposition und Uraufführung einer
„Männer-Messe“ auf dem Katholikentag in
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
59
Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
Osnabrück, welche diese einzelnen wiederkehrenden Veranstaltungsformate ergänzen
und komplettieren. Networking bezieht sich
auf die Mitwirkung in breiteren Diskussionsund Handlungszusammenhängen auf kommunaler (z.B. Aktionsforum Männer und Leben,
Frankfurter Familienkongress) wie überregionaler (z.B. auch bistumsübergreifender Zusammenarbeit zwischen Mainz und Limburg)
Ebene, in welche sehr unterschiedliche Kulturen und Akteure eingebunden werden. (s.o.,
unter Format 3)
Dies führt dazu, dass Kirche im Feld der Männerbildung von außen als Kompetenzzentrum
wahrgenommen und auch eingeladen wird,
gerade auch weil wir im Feld der nichtberuflichen, allgemeinen, am Lebenslauf orientierten
Bildung mit unserer Offenheit für spirituelle,
„letzte“ Fragen im Grunde ein absolutes Alleinstellungsmerkmal haben, das von Volkshochschulen oder freien Männergruppen,
Männerbüros etc. nicht erreicht werden kann.
Interessant ist auch, dass z.B. die Nachfrage
nach meiner Expertise immer wieder aus einem nichtkirchlichen Umfeld kommt: Onkologen, Ernährungsberater, Pharmaberater, VHS,
Rundfunk, Medien, ...
terschiedliche Milieus erreicht, häufig auch
nichtkirchliche.
Wünschenswert wäre allerdings eine stärkere
Aufmerksamkeit, Kooperation und Verzahnung zwischen diesen Bereichen, welche bislang durch die begrenzten personellen Ressourcen kaum weiter zu steigern sind. Denn,
ich möchte dies noch einmal sehr deutlich
machen, diese Formate und Veranstaltungen
leiste ich aus meiner Rolle als Leiter eines
großstädtischen Bildungswerks heraus, welcher sich dieser Zielgruppe als inhaltlichem
Schwerpunkt seiner Arbeit angenommen hat.
4. Abschließend einige allgemeine
Charakterisierungen und Thesen
4.1 Erfolgsmuster
Neben der Situation der Väter sind es oft Lebensübergänge und Krisen wie Trennung und
Scheidung, die Sinnfrage in der Lebensmitte,
der Übergang in den Ruhestand, Krankheit
und Trauer, fehlende Freunde und Gesprächspartner in Folge eines zu ausschließlichen Lebens „für die Arbeit“, welche für Männern zu
Motoren werden.
3.3 Vorläufiges Fazit
So entstand mit den Jahren ein vielfältiger
Verweisungszusammenhang, in welchem
Männerbildung zum Fokus und integrierenden
Moment einer missionarischer Pastoral werden konnte. Gerade durch die Breite und Vielfalt der Veranstaltungsformen, der thematischen Bezüge, der Kooperationspartner und
Orte entstand ein Netzwerk, welches Männern (und oftmals auch Frauen) unterschiedliche und für sie passende Zugänge eröffnet,
welche prinzipiell die Möglichkeit einer vertiefenden Persönlichkeits- und Glaubensbildung
eröffnen. Dabei erweisen sich die unterschiedlichen Handlungsebenen zwischen Pfarrei/Seelsorgeeinheit, Bildungswerk/Kommune/Region, aber auch Internet und Medien als
Räume einer gestuften Pastoral, welche un-
Dabei zeigen sich spezifische Erfolgsmuster
bzw. Erfolgsfaktoren, die immer wieder berichtet werden. Männer mögen es „brüderlich“. „Seite an Seite“; der gemeinsamen Blick
auf die Aufgabe ist ihnen näher als die sog.
„Nabelschau“, wie viele es abschätzig nennen.
Sie mögen es „draußen“ in der Natur, in der
Begegnung mit der Schöpfung. Es muss nicht
die Abenteuertour in die absolute „Wildnis“
am Rand der Welt sein, wichtig ist die Möglichkeit des Rückzugs aus dem Lärm und der
Geschäftigkeit in einen Raum, der erkennbar
weniger von Technik und Architektur geprägt
ist. Verbunden mit körperlicher Aktivität (zu
Fuß, mit dem Fahrrad, als Pilgern) wird die
Natur zu einem Raum, in dem Männer gerne
an ihre Grenzen gehen bzw. sich in diesen
körperlichen Grenzen spüren. Viele Männer
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
60
Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
lieben dabei die „Stille. Im Schweigen, in der
alleinigen Begegnung mit dem Geheimnis, im
gemeinsamen Vollzug von Ritualen finden sie
eher zu sich als in vielen beredten Worten. Sie
werden wach und erfahren sich und ihr Leben
in Symbolen und Bildern. Wichtig ist natürlich
die Lust an der Sache und am Mannsein. Es
sollte „Spaß“ machen und Anerkennung vermitteln. Es muss deshalb nicht immer „lustig“
sein. Aber die Männer mögen Formen, die sie
bestätigen, von denen sie gerne berichten, an
die sie sich gerne zurück erinnern. „Spaß machen“ bedeutet für Männer durchaus die Konfrontation und Auseinandersetzung mit ernsten und schwierigen Themen, mit Leiden und
Versagen, mit Kleinheit und Gewalterfahrungen. Eine „geschlechtergerechte“ Selbstqual
ist nicht attraktiv. Das Kriterium ist die Authentizität. Solange und wenn Männer von
sich reden, sich spüren, die anderen Männer
sehen und erfahren, solange Männer untereinander zuhören und im geduldigen Hören
Anerkennung und Solidarität erfahren, solange macht es ihnen „Spaß“, weil es von ihnen
kommt. Überhaupt haben es Männer lieber,
wenn sie als kompetent wahrgenommen und
geschätzt werden. Wo sie inkompetent sind
und noch „lernen“ müssen, sollte dies „auf
Augenhöhe“ geschehen. Dazu gehört auch,
dass Männer manchmal einfach gefragt werden bzw. eingeladen werden möchten. Als
„Kavaliere“ haben sie gelernt, einer Bitte entgegen zu kommen. In der Liturgie mögen sie
es - siehe oben das „Schweigen“ - entweder
karg oder "grandios", wenn der „Schauer über
den Rücken“ läuft und sie sich als Teil eines
Größeren und Ganzen „einordnen“ können.
Dabei finden sie Frauen- und Kinderliturgien
für sich selber meistens nicht so attraktiv. In
vielen Männern schlummert jedoch eine liturgische Sehnsucht nach dem Segen, und darin
nach der Anerkennung durch den „Vater“.
4.2 Erfahrungsbezogene Spiritualität
Mit dem weiteren Absinken des „religiösen
Grundwasserspiegels“ (im Sinne einer klar
gewussten christlichen Identität) steigt der
Bedarf an erfahrungsbezogener Spiritualität.
Mit der weiteren Beschleunigung der Moderne wächst zugleich die Sehnsucht nach Räumen und Stationen der Entschleunigung. Hier
wird die KEB in Zusammenarbeit mit neu formierten Pastoralen Räumen und anderen Akteuren, aber auch eigenständig auch in Zukunft nach neuartigen Formaten und Zielgruppenansprachen für „Kirchenferne“ und
„gemeindefern Suchende“ suchen müssen.
Dabei bewerte ich die Bedeutung erfahrungsbezogen, emotionalen Lernens höher als die
Wissensvermittlung. Ich glaube, dass ELearning oder Blended-Learning als stark wissensorientierte Lernumgebungen eher im
Hintergrund bleiben werden. Wichtiger sind
Lernfelder persönlicher Begegnung, leibhafter
Anerkennung und biographischer Sinnstiftung.
Meint: Kirchliche Erwachsenenbildung wird
weniger als „Wissensvermittlerin“ denn als
„Agentur personaler Sinnstiftung und Sinnerfahrung“ gefragt: Unsere Bildungsangebote
müssen nicht nur die kognitiven Dissonanzen
der Teilnehmenden z.B. zu ethischen Fragen
ansprechen und aushalten, sondern sie müssen vor allem die Brüche, Begrenzungen und
Einseitigkeiten im Leben der Einzelnen ansprechen und darauf bezogen heilende Erfahrungen ermöglichen. Unsere Bildungsangebote sollten durch die „Mühlen des Lebens gedreht“ werden können und darauf ansprechen. Katholische „Salutogenese“ meint dann:
Kirche als Sakrament und Koinonia sollte im
Vollzug der Bildung erfahren werden können!
4.3 Männerbildung: nicht nur homosozial
Männerbildung muss auf mehr zielen als auf
die homosoziale Gruppe von Männern. Da in
Männergruppen und männerspezifischen Seminare sowohl Sehnsüchte nach Anerkennung
durch den Vater bzw. den Bruder/die Brüder
eingehen (auch im übertragenen, symbolischen Sinn) und zugleich die (oft unbewussten, lebensgeschichtlich tiefen) Verletzungen
und Irritationen dieser Anerkennungswünsche
aktiviert werden, ist hier mit Vorsicht zu operieren. Männer haben oft Angst vor „Männer-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
61
Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
gruppen“, fürchten sie hier doch Nichtanerkennung durch die „bösen Brüder“ und „Väter“. Deshalb sollten die homosozialen Arrangements immer wieder ergänzt und gemischt
werden durch Angebote für beide Geschlechter, welche aber in diesem Rahmen männliches Leben spezifisch thematisieren bzw. dessen Artikulation ermöglichen. Beispiele hierfür
sind: geschlechtergetrennte Gruppen bei Familienwochenenden, Vorträge zu Erziehungsfragen und zur Rolle der Väter, Gesprächsgruppen zu Großvätern und Großmüttern,
bewusste Ansprache von Vätern/Männern zur
Mitwirkung in der Erstkommunion- und
Firmkatechese.
Literatur3:
Heydorn, Heinz-Joachim: Zu einer Neufassung
des Bildungsbegriffs. Frankfurt a.M.
(Suhrkamp) 1972.
Hof, Christiane: Ein empirisch fundierter Vorschlag zur Typisierung von Lernumgebungen. In: Kaiser, Armin/Kaiser, Ruth,
Hohmann, Reinhard (Hrsg.): Lernertypen – Lernumgebung – Lernerfolg.
Erwachsenen im Lernfeld. Bielefeld (W.
Bertelsmann Verlag) 2007, S. 35-59.
Prömper, Hans: Emanzipatorische Männerbildung. Grundlagen und Orientierungen
zu einem geschlechtsspezifischen Handlungsfeld der Kirche. Ostfildern 2003.
Prömper, Hans: Vom vergessenen Geschlecht
zur Männerbildung. Männer in der
kirchlichen Erwachsenenbildung. In:
Wacker, Marie-Theres/Rieger-Goertz,
Stefanie (Hrsg.): Mannsbilder. Kritische
Männerforschung und theologische
Frauenforschung im Gespräch. Münster
2006 (Lit-Verlag), S. 247-268.
Prömper, Hans: Religiös unmusikalisch? Oder
ein anderer Geschmack? Empirische Befunde zum Thema Männer und Spiritualität. In: Kugler, Tilman/Hochholzer,
3
Benutzte und weiterführende Literatur (vor allem
zu den beschriebenen Beispielen des Autors)
Martin (Hg.): Werkbuch Männerspiritualität. Impulse, Bausteine, Gottesdienste im Kirchjahr, Freiburg Basel
Wien (Herder Verlag) 2007, 22-32.
Prömper, Hans: Spiritualität in meinem Leben.
Ein Männerwochenende. In: Werkbuch
Männerspiritualität 2007, S. 44-51, 5558.
Prömper, Hans: Vater-Kind-Tag im Dom. Christi Himmelfahrt einmal anders. In: Werkbuch Männerspiritualität 2007, S. 238245.
Prömper, Hans: Dankbar mich verneigen.
Bergwandern als spirituelle Erfahrung.
In: Werkbuch Männerspiritualität 2007,
S. 262-270.
Prömper, Hans: Das Leben neu (er)finden?
Männer zwischen Beruf und Lebensabend. Ein Kursmodell zur spirituellen
Gestaltung der neuen Lebenssituation.
In: Infodienst Theologische Erwachsenenbildung 49/2009, S. 17-26.
Prömper, Hans: Männer im Lernfeld. Bildungsanlässe und pädagogische Szenarien (Vermutungen, Forderungen, Konsequenzen). In: Volz, Rainer/Zulehner,
Paul M.: Männer in Bewegung. Zehn
Jahre Männerentwicklung in Deutschland. (Hrsg. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
Forschungsreihe Bd. 6) Baden-Baden
2009 (Nomos Verlag), S. 378-389.
Prömper, Hans: Inklusion durch Bildung? Konsequenzen, offene Fragen und pädagogische Impulse für die (Erwachsenen)Bildungsarbeit mit männlichen Migranten. In: Prömper, Hans/Jansen,
Mechtild M./Ruffing, Andreas/Nagel,
Helga (Hrsg.): Was macht Migration mit
Männlichkeit? Kontexte und Erfahrungen zur Bildung und Sozialen Arbeit mit
Migranten. Opladen u. Farmington Hills
2010 (Verlag Barbara Budrich), S. 185219.
Prömper, Hans/Ruffing, Andreas: Männerbildung. Erkundungen zu einem offenen
Lernfeld.
In:
Erwachsenenbildung
2/2010, S. 68-72.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
62
Männerbildung als integraler Bestandteil der Pastoral
Dr. Hans Prömper
Prömper, Hans/Frank, Hubert/Weil, Bernd/
Leonhardt, Peter: Das Leben neu
(er)finden? Methoden der Erwachsenenbildung in der Praxis. In: Erwachsenenbildung 2/2010, S. 98-99.
Walser, Christoph: Männer-Auszeit im Kloster.
Besinnungstage gegen Burnout. In: Erwachsenenbildung 2/2010, S. 101-102.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
63
Männerseelsorge in Großstadt und Diaspora
Alexander Obst
Männerseelsorge in Großstadt und Diaspora.
Situation und Perspektiven im Erzbistum Berlin
1. Situation
Das Erzbistum Berlin gliedert sich pastoral in
die Großstadt Berlin mit dem sogenannten
Speckgürtel und das Land (Brandenburg, Vorpommern, Sachsen Anhalt) mit den größeren
Städten Potsdam, Frankfurt (Oder) und Brandenburg. Von den knapp 400.000 Katholiken
im Erzbistum leben 316.000 in der Großstadt
Berlin und ein weiterer erheblicher Anteil im
Speckgürtel rund um die Stadt.
Nur noch knapp 30% der Berliner und Berlinerinnen gehören einer der beiden großen
christlichen Kirchen an. Für die katholische
Männerseelsorge bedeutet dies, dass sie ein
Anbieter von Männerarbeit unter vielen ist.
Eine hohe Fluktuation und beruflich bedingtes
Pendeln gehören ebenfalls zu den Rahmenbedingungen der Männerseelsorge. Das Leben
und seine Umstände verändern sich schnell.
Angebote der Männerseelsorge müssen sich
ständig neu anpassen, bieten Männern aber
auch die Möglichkeit, wie andere kirchliche
Angebote auch, in einer unübersichtlicher
werdenden Welt feste Bezugsorte und Bezugspersonen zu finden.
Durch den Sanierungsplan 2003 ist der kategoriale Stellenanteil für die Männerseelsorge
im Erzbistum Berlin weggefallen. Seit 2007
besteht eine Zusatzbeauftragung eines Pastoralreferenten (PR) in einem Dekanat für die
Männerseelsorge „unter Beibehaltung der
bisherigen Aufgaben“.
Bis zur Wiedervereinigung des Bistums 1990
gab es unterschiedliche Traditionen der Männerseelsorge im Ost- und im Westteil. Im Ostteil konzentrierte sich die Männerseelsorge
auf zentrale, überpfarrliche Veranstaltungen
des „Männerforums“. In Verbindung mit
Männer-Gottesdiensten stand hier die Bildungsarbeit und die Vernetzung in einem
antikirchlichen Umfeld im Vordergrund. Im
Westteil war die Männerseelsorge neben
zentralen Veranstaltungen (z.B. „Bußgang der
Männer“) in die Arbeit von Verbänden integriert. Beide Traditionen wirkten nach der
Wiedervereinigung nebeneinander fort.
Der Wegfall des Stellenanteils für einen Referenten der Männerseelsorge machte eine
Neustrukturierung notwendig. Das Seelsorgeamt wollte die Männerseelsorge für das Erzbistum unbedingt erhalten. Neben der Zusatzbeauftragung des PR sorgt ein Arbeitskreis mit
ehrenamtlich tätigen Männern unter der Leitung des Beauftragten für die Planung und
Durchführung von Veranstaltungen. Dabei
sollen alte Traditionen mit Bildungscharakter,
wie „Männerforum“ und „Ökumenische Männerrüste“ fortgeführt und neue, stärker
selbsterfahrungsbezogene Angebote (thematische Männerwochenenden, spirituelle Angebote, etc.), entwickelt werden.
Neben dem Wirken in diesem kategorialen
Handlungsfeld, zu dem auch noch die ökumenische Männerarbeit, Einzelgesprächsseelsorge, die Kontaktpflege zu außerkirchlichen Trägern und die Mitarbeit in Initiativen der kirchlichen Männerarbeit auf Bundesebene (ÖKT
2010, Bundesforum Männer) gehören, liegt
ein Schwerpunkt der Männerseelsorge im
Aufbau und der Begleitung von Männergruppen in den Gemeinden. Außerdem gibt es
zurzeit das Anliegen aus einem Dekanat, Männerseelsorge dort stärker zu verankern.
Mit ihrer Werbung spricht die Männerseelsorge im Erzbistum Berlin vor allem mehr oder
weniger stark kirchlich-gebundene Männer an.
Immer wieder allerdings finden sich zu den
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
64
Männerseelsorge in Großstadt und Diaspora
Alexander Obst
Veranstaltungen und Gruppen auch Männer
aus anderen Kirchen und religiös-suchende
Männer ein.
Der Paradigmenwechsel in der kirchlichen
Männerarbeit ist in Berlin noch nicht in allen
Feldern vollständig angekommen. Es gibt, vor
allem generationsbedingt, ein Nebeneinander
traditioneller und neuerer kirchlicher Männerarbeit.
Inhaltlich bestimmen Themen, wie Beruf, Vatersein, Work-Life-Balance, Religion und Spiritualität, Sexualität, und gelingende und zerbrechende Beziehungen und Partnerschaften
die Veranstaltungen.
2 Ansatz kirchlicher Männerarbeit
Neben der Erwerbsarbeit, der Rolle als Familienoberhaupt und der Wahrnehmung politischer Verantwortung entdecken Männer zunehmend andere Aufgaben und Felder, die für
sie im Hinblick auf ein erfülltes Leben wichtig
sind, z.B. Persönlichkeitsentwicklung, Muße,
Sport, kulturelle Bildung, Familie, Haushalt,
Partnerschaft, Beziehungspflege. Männer fragen nach ihren Charismen, Kompetenzen und
Talenten für diese Bereiche.
Die Männerseelsorge ist diakonisch, ist Begleitung in diesem Prozess, zu dem auch die Frage
nach den Besonderheiten männlicher Spiritualität und Gottesbeziehung gehört. Sie entwickelt sich hin zu einer biographisch- und geschlechtsbezogenen Seelsorge. Grundlage
hierfür sind die „Richtlinien für die Männerseelsorge und kirchliche Männerarbeit“ der
Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr
2001.
Die konkrete Aufgabe besteht darin, Männer
über die Bildungsarbeit hinaus, miteinander
ins Gespräch zu bringen und sie bei der Suche
nach ihrer Identität und Spiritualität zu begleiten. In festen Gruppen (z.B. in Gemeinden)
oder auf Wochenenden lernen Männer sich
miteinander über ihr Mannsein auszutauschen, von sich zu erzählen und sich dabei
selbst besser zu verstehen und kennenzulernen. Auf die unterschiedlichen Lebensphasen
bezogen, werden „Männerthemen“ angesprochen und mit Glaubenserfahrung in Beziehung
gesetzt. Dazu gehören auch schwierige Themen, wie Sexualität, Lebenskrisen (Arbeitslosigkeit, Trennungserfahrungen) und Partnerschaft. Vorbilder aus der Bibel oder aus dem
Christentum können helfen, eine den Männern gemäße Spiritualität zu entdecken.
3 Perspektiven
Die Diasporasituation erfordert eine Flexibilisierung pastoraler Ressourcen. Darum wurde
im Zusammenhang mit der Neustrukturierung
der Männerseelsorge in Berlin verabredet,
dass die kirchliche Männerarbeit gleichermaßen auf kategorialer und gemeindlicher Ebene
stattfinden soll.
Kirchliche Männerarbeit ist eng mit anderen
kategorialen Handlungsfeldern der Kirche,
insbesondere der Frauen- und Familienarbeit,
verbunden. Männerarbeit, die ja unter anderem Männerentwicklung ist, fördert auch die
Entwicklung von Frauen und stärkt Partnerschaft und Familie.
Berlin ist eine gesamtchristliche Diaspora.
Ökumenische Zusammenarbeit und die Vernetzung mit anderen Trägern der Männerarbeit sind Aufgabe und Chance, gerade auch im
Sinne einer diakonischen oder missionarischen
Pastoral. Neben der Zusammenarbeit auf inhaltlicher Ebene kommt hierbei insbesondere
dem Zusammenwirken auf politischer Ebene
(z.B. Kooperation im Bundesforum Männer,
das im November 2010 in Berlin gegründet
wurde, und mit anderen Trägern aus diesem)
Bedeutung zu. Eine weitere Chance liegt in der
Zusammenarbeit mit der Berliner Katholischen
Hochschule für Sozialwesen und dem dortigen
Lehrstuhl für Jungen- und Männerarbeit.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
65
Männerseelsorge in Großstadt und Diaspora
Alexander Obst
Inhaltlich ist die Begleitung und Unterstützung
für Männer, die, auch durch ihren christlichen
Glauben motiviert, einen Paradigmenwechsel
in ihrem Rollenverständnis vollziehen möchten, ein Schwerpunkt. Die Neudefinition der
Rolle als Vater und in Partnerschaft und Beziehung, der bewusste Umgang mit Lebenskrisen, die Suche nach Sinn und Spiritualität sind
Themen, die benannt und nachgefragt werden. Diese Arbeit geschieht in festen Männergruppen und auf offenen Männerseminaren.
Lag der Schwerpunkt der Männerseelsorge
bisher auf den Altersgruppen 35 bis 50, sowie
älteren Männern, müsste die Männerseelsorge zukünftig auch die jüngeren stärker in den
Blick nehmen. Junge Männer leben heute
mehr als früher allein, ohne Familie, ohne
eigene Kinder. Von der Gemeindepastoral, die
sich auf die Jungenarbeit und die Familienpastoral konzentriert, werden sie nicht erfasst. In
Fragen der Orientierung und Sinngebung kann
ihnen die kategoriale kirchliche Männerarbeit
gezielt Angebote machen.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
66
Männerseelsorge in der neuen Pfarrei
Diakon Gerhard Kahl
Männerseelsorge in der neuen Pfarrei
1. Ausgangssituation
In den siebziger Jahren erfolgten der Aufbau
und die Weiterentwicklung der Männerpastoral durch Männertage in den Pfarreien. Meist
war dies die Leitung der Sonntagsmesse mit
entsprechender Predigt durch einen Priester.
Anschließend ein Vortrag mit der Möglichkeit
zur Diskussion.
2. Wandlungsprozesse
Den gesellschaftlichen, kirchlichen und individuellen Wandel zeigen die bekannten Männerstudien der Professoren Zulehner und Volz
aus den Jahren 1998 und 2009. Die Richtlinien
der DBK aus dem Jahre 2001 zeigen dieses
Veränderungen für die kirchliche Männerpastoral.
3. Situation vor Ort in den Pfarreien
- Wir erleben die Entwicklung von Einzelpfarrei zu Pfarreiengemeinschaften bis hin zu
pastoralen Räumen.
- Die „aktiven“ Männer in den Pfarreien werden älter und weniger. Sie sind tendenziell
eher traditionell und konservativ orientiert.
Dies betrifft die Beobachtung beim Gottesdienstbesuch sowie bei der Mitarbeit in
Pfarrgemeinderat, Kirchenverwaltung, Lektoren- und Kommunionhelferdienst.
4. Herausforderung
Folgende Herausforderungen stellen sich:
- jüngere Männer ansprechen
- andere Milieus ansprechen
- Lebenssituation der Männer und Jungs im
Blick haben
- qualitativ gutes und ansprechendes Angebot
- situationsgerechtes religiöses und katholisches Angebot
5. Konkretion
5.1 Formen von Männerarbeit in den
Pfarreien
5.1.1 Männertage in der Pfarrei
Die bisherigen Männertage in der Form von
Eucharistiefeier mit Predigt sowie anschließendem Vortrag mit Aussprache sind eine
traditionelle, aber auch weiterzuentwickelnde
Form der Männerarbeit. Ein Samstagvormittag
mit Mittagessen und Kaffee plus abschließendem Gottesdienst bzw. eine Art von Männergespräch im Anschluss an einen Sonntagsgottesdienst ist sinnvoll. Bestimmte Tage wie der
Josefstag oder andere „kirchliche Männertage“ können als Jahrestag eines Männertreffens Anlass sein.
Männertage eignen sich sehr gut für die größer werdenden Pfarreiengemeinschaften.
Traditionelle Männer überschreiten für eine
kirchliche Veranstaltung jedoch sehr ungern
die bisherige Pfarreigrenze.
5.1.2 Nachtwanderungen
Die Nachtwanderungen von Gründonnerstag
auf Karfreitag erfreuen sich in unserer Diözese
großer Nachfrage. Derzeit sind es acht Angebote. Jedes Jahr wird es in der Regel eine Veranstaltung mehr. Der die Veranstaltung leitende Mann kann diese Wanderung nach seinen bzw. den Fähigkeiten anderer Männer
gestalten. Andere Männer mit Fähigkeiten im
musikalischen, spirituellen, pädagogischen
oder ökologischen Bereich können eingebunden werden. Die Verteilung der Aufgaben
kann auch so geschehen: Einer ist für den Weg
zuständig, einer für die Verpflegung und ein
anderer für das spirituelle Programm. Kapel-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männerseelsorge in der neuen Pfarrei
Diakon Gerhard Kahl
len auf dem Weg werden besucht und als Orte
des Schweigens, des Gebets und auch als beschützender Ort zum Essen und Trinken neu
erlebt und geschätzt. Durch die Orientierung
des Osterfestes am Mondverlauf laufen die
Männer immer (je nach Wolken) bei hellem
Mondschein.
zungen nicht möglich ist, ist eine interessant
gestaltete Wanderung eine gute Alternative.
Für die Nachtwanderungen ist die Zusammenarbeit mit der Pfarrei vor Ort sehr wichtig.
Zunächst der Hinweis auf die Mitfeier der
Gründonnerstagsliturgie, Treffen bei der Kirche bzw. im Pfarrheim, Aufsuchen der Kirchen
und Kapellen auf dem Weg sowie gemeinsames Frühstück in einem Pfarrheim. Das Kennenlernen von Räumen wie Kirche, Kapellen
und Pfarrheimen anderer Pfarreien in der
Nacht ist ein eindrückliches Erlebnis.
5.1.4 Väter und Paten bei der zur Firmung –
„Nacht des Feuers“
Die Firmung ist ein Initiationssakrament. Die
Firmung ist das Sakrament des Erwachsenwerdens im Glauben und im Mannsein. Meist
Väter, leider nur sehr wenige Paten, nehmen
an dieser Nacht teil. Anhand der Geschichte
vom Eisenhans, einem Märchen der Gebrüder
Grimm, haben die Jungs verschiedene Aufgaben zu bewältigen. Die Männer unterstützen
sie. Dabei geht es um das, was für ein Leben
als Mann wichtig ist. Beeindruckend ist das
Gespräch am Feuer über die eigenen seelischen Verletzungen. Jeder Mann erzählt von
einer Situation, die ihn besonders geschmerzt
hat. Die Jungs erleben, dass Niederlagen erleben und Schwäche zeigen auch zum Mann
sein dazugehört. Die Jungs erhalten positive
Zuwendung in Form von mutmachenden und
mahnenden Worten, biblischen Worten, einer
Salbung mit Öl, Gebet und Segnung durch
Vater bzw. Paten. Ein kurzer Gottesdienst mit
anschließendem Mittagessen ist der Schlusspunkt dieser eintägigen Veranstaltung in der
freien Natur.
Verwendung findet die Vorlage des Vorarlberger Religionspädagogen Felix Rohner-Dobler,
das in seinem Buch zur Firmvorbereitung mit
dem Titel „Das Feuer in mir“ (München 2004)
veröffentlicht ist.
Wer selber eine Nachtwanderung – wir nennen sie die „Nacht der Innerlichkeit“ – in seiner Pfarreiengemeinschaft anbieten möchte,
kann bei anderen zunächst teilnehmen bzw.
erhält Starthilfe vom Männerreferenten.
Diese Art der Sorge um die Seele in der Natur
mit Elementen des Schweigens in Gemeinschaft trifft das Interesse der Männer.
5.1.3 Rodeln zur Erstkommunion
Väter beteiligen sich in der Sakramentenpastoral bei Taufe, Erstkommunion und Firmung eher weniger als die Mütter. Eine Möglichkeit Männer in die gesamte Vorbereitung
einzubinden ist das Vater-Kind-Rodeln. An
einem Samstagnachmittag treffen wir uns am
Parkplatz. Nach einer Begrüßungsrunde gehen
wir den Rodel hochziehend hinauf zur Berghütte. Auf dem Weg nach oben gibt es immer
ein Spiel, etwas robuster und kräftiger als dies
Frauen machen. Nach einer Einkehr geht es
mit dem Rodel ins Tal zurück. Vater und Kind
sitzen auf einem Rodel. Hier erfahren beide
Gemeinschaft. Die Bedeutung des lateinischen
Wortes communio wird lebendig erfahrbar.
Das Vater-Kind-Rodeln wird gerade auch von
getrennt lebenden Vätern sehr geschätzt. Falls
Rodeln aufgrund der klimatischen Vorausset-
Diese Veranstaltung ist für den pastoralen
Raum sehr gut geeignet. Die alten Pfarreigrenzen stellen für die Männer und Kinder keine
unüberwindbare Grenze dar.
Diese Veranstaltung biete ich für die Firmlinge
meiner Pfarreiengemeinschaft an. Dazu können – je nach Möglichkeit – noch andere interessierte Firmanden mit ihren Vätern und
Paten dazukommen. Auch für diese Männer
spielt die Pfarreigrenze keine große Rolle
mehr.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
68
Männerseelsorge in der neuen Pfarrei
Diakon Gerhard Kahl
5.1.5 Männerseminar „Mannsein bewusst
leben“
In Zusammenarbeit mit einer Stadtpfarrei, der
Landvolkbewegung eines Dekanats und der
Männerseelsorge wird ein siebenteiliges Seminar mit Infoabend veranstaltet. Aufgrund
des guten Rufs und der aktiven Männer vor
Ort, der positiven Zusammenarbeit mit Pfarrer, Gemeindereferentin sowie Mesner/
Hausmeister vor Ort ist das Seminar vollkommen ausgebucht. Gerade die Zusammenarbeit
mit Pfarrei und katholischem Verband sorgt
für das Weitergehen von Männerarbeit nach
Seminarende vor Ort. Für die Pfarrei wurde
der Josefsgottesdienst mit einem Bibliolog
zum Evangelium des Festtags gestaltet.
schwer, so der Verantwortliche. Denn wann
habe ein Geistlicher schon 50 – 60 Männer vor
sich. Der Vormittag ist mit Vortrag und anschließendem Gottesdienst gestaltet. Nach
dem Mittagessen Besichtigungstour und Kaffee. Anschließend geht es mit dem Bus wieder
nach Hause. Der Bus ist immer voll ausgebucht.
Diese siebenteilige Veranstaltung ist eher für
einen größeren Raum eines Dekanats geeignet. Diese sehr persönlichkeitsorientierte Art
der Veranstaltung spricht Männer einer weiteren Umgebung an. Die Vernetzung mit der
Pfarrei vor Ort ist sehr wichtig.
5.2 Kriterien für den „Erfolg“ von Männerseelsorge in der Pfarreiengemeinschaft
5.1.6 Männerwochenende
Für Männer einer oberbayerischen Stadt gibt
es von der Pfarrei aus jedes Jahr ein Männerwochenende im Klösterl am Walchensee. Ein
Mann vor Ort übernimmt die Organisation
und Gestaltung. Dies ist ein pastoraler Mitarbeiter bzw. ein in der Pfarrei wohnender theologisch bzw. pädagogisch versierter Mann.
Für die Pfarreiengemeinschaft ist dies ein fixer
Termin im Pfarrkalender. Jeder Mann, der
Männer in der Pfarrei kennenlernen will, kann
mitfahren. Für die neue Pfarrei ist dies eine
sehr gute Möglichkeit, Männer mit Männern
in persönlichen Kontakt zu bringen.
5.1.7 Männer einer Pfarrei fahren ins Kloster
Seit ca. 20 Jahren organisiert ein Mann für
eine Dorfpfarrei am Rande einer größeren
Stadt im Allgäu in der Fastenzeit einen Tagesausflug. Ein Kloster in der weiten Nähe ist das
Ziel. Ein Pater oder der Abt ist der Referent.
Alternativ wird ein anderer Geistlicher gewonnen. Geistliche zu gewinnen sei nicht allzu
Für die Männer in der Pfarrei ist diese Fahrt
ein wichtiger Termin. Diese geistliche Fahrt
spricht eher ältere Männer an. Aber in einem
Dorf fahren nun vermehrt jüngere Männer
mit. Männer aus anderen Pfarreien beteiligen
sich weniger. Ein religiös und männlich gestalteter Männertag mit Erlebniswert.
- Die neu errichteten Pfarreiengemeinschaften
sind für die Seelsorge mit und für Männer
eine bessere Möglichkeit als die eher kleineren Pfarreien. Bei allen Arten von Männerveranstaltungen setzen sich Männer gerne
ins Auto. Zum einen dient die Fahrt der Vorbereitung auf das Treffen. Das an dem Tag
Erlebte kann leichter hinter sich gelassen
werden. Zum anderen schätzen Männer
auch etwas Anonymität, wenn der Veranstaltungsort weiter vom Wohn- oder Arbeitsort
entfernt ist. Eine gewisse Unbekanntheit
lässt wiederum leichter Hemmschwellen in
der Begegnung und im Gespräch überwinden. So kann eine neue Offenheit und in der
Folge auch Vertrautheit entstehen und erfahren werden.
- Für die Männerarbeit sind die immer größer
werdenden pastoralen Verbünde kein Nachteil. Männerarbeit kann in diesen größeren
Einheiten eher ein förderndes Element der
Weiterentwicklung des Pastoralverbunds zukommen. Meines Erachtens ist die Dekanatsebene für Männerseminare ein ideales Einzugsgebiet. In einem größeren Gebiet finden
sich auch mehr Männer, die für ein religiöses
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männerseelsorge in der neuen Pfarrei
Diakon Gerhard Kahl
Angebot bzw. für eine Männeraktivität bereit sind.
- Die Zusammenarbeit mit den kirchlichen Verbänden und Stellen ist sehr wichtig. Konkurrenz ist fehl am Platze. Es geht um ein gutes
und fruchtbares Miteinander. Das Gelingen
von Männerarbeit hängt entscheidend von
einer gekonnten Vernetzung zwischen Pfarrer und Mitarbeitern, den Ehrenamtlichen,
den Verbänden und auch den anderen kirchlichen Stellen ab.
- Da in den Pfarrgemeinderäten die Anzahl der
Männer immer mehr abnimmt, haben Pfarrer, pastorale Mitarbeiter und Ehrenamtliche
in der Regel eine große Offenheit wie Interesse für Männerarbeit.
- In jeder Pfarreiengemeinschaft sollte es einmal im Jahr eine spezielle Veranstaltung für
und mit Männern geben. Zumindest auf Dekanatsebene sollte dies möglich sein. Auf der
Ebene des Dekanats, der Region bzw. der Diözese sind ergänzende Möglichkeiten der
Vernetzung, der Begegnung mit Männern
und der persönlichen „Weiterbildung“ zu
schaffen. In unserer Diözese ist dies der Diözesanmännertag.
- Für die Männerarbeit braucht es die Offenheit der pastoralen Mitarbeiter. Für ein Dekanat oder eine Region könnte beispielsweise ein Diakon, Pastoral- oder Gemeindereferent als Ansprechpartner zur Verfügung stehen bzw. eine Veranstaltung im Jahr mit anderen ehrenamtlichen Männern gemeinsam
durchführen.
- Ehrenamtliche Männer müssen begleitet und
qualifiziert werden. Meist sind dies Männer
mit interessanten und herausfordernden Lebenssituationen. Fortbildungstage für Ehrenamtliche gibt es in unserer Diözese bisher
nicht. Dies scheint mir auch schwierig zu
sein. Männer müssen etwas erlebt und erfahren haben. Das ist entscheidend. Wer
selbst herausfordernde Lebenssituationen
durchlebt und irgendwie gemeistert hat, ist
interessant für andere Männer. So ein Mann
hat auch oft eine Art Berufung.
- Werbung in der Presse bzw. in Mitteilungsblätter, die den internen Pfarreiraum überschreitet, ist ein wichtiges Aufgabengebiet.
Vor- und Nachberichte mit Bild steigern bei
den Katholiken und der breiten Öffentlichkeit den Bekanntheitsgrad von Männerveranstaltungen. Die Kommunikation über Internet und andere soziale Medien wird für
die Männerarbeit immer wichtiger.
- Die Qualität des Angebots ist entscheidend.
Das bedarf einer fundierten inhaltlichen,
geistlichen und organisatorischen Vorbereitung. Während der Veranstaltung sind der
persönliche Kontakt zu den Teilnehmern und
die Bereitschaft, sich auf die Situation jedes
Teilnehmers einlassen zu können, von großer Bedeutung. Die Nachbereitung bedarf
ebenso der Zeit und Energie.
- Männer wollen auch miteinander schweigen,
gemeinsam die Natur erleben. Miteinander
singen und beten ist auch ein großes Bedürfnis. Es ist eine herausfordernde Aufgabe,
Männer und Jungs dazu hinzuführen und zu
begleiten.
- Die „Gegenwelt“ zum männlichen Alltagsleben muss erfahrbar sein. Es darf nicht die
gleiche Atmosphäre wie im Betrieb sein. Geschätzt wird ein persönlicher wertschätzender Umgang ohne Konkurrenz und Leistungszwang.
- Der Mann muss sich angesprochen fühlen.
Die Bedürfnisse nach Stille, Gesang und kurzen biblischen Impulsen und Gebeten sind –
oftmals auch noch nicht entdeckt - vorhanden. Aber um es einfach zu sagen: Es darf
nicht „zu fromm“ sein.
- Männerarbeit ist keine „pastorale Vorfeldarbeit“. Auch ein Vater-Kind-Ausflug ist für die
Pastoral sehr wichtig. Ich komme mit Män-
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Männerseelsorge in der neuen Pfarrei
Diakon Gerhard Kahl
nern ins Gespräch, die ich sonst nicht treffe.
Mich können sie als Kirchenmann ganz locker kennenlernen. Die Hemmschwelle miteinander bei späteren Begegnungsfeldern
wie Kasualien oder Notsituationen gut ins
Gespräch zu kommen, ist wesentlich gesenkt.
- Mein Ziel ist es, mit Männern das Evangelium
als christliche Gegenwelt auf Zeit zu leben.
Der Erlebnis- und Erfahrungsbereich in der
Natur, bei Kreuzwegen, Kapellen und Kirchen
als auch die vielfältige und die Sinne ansprechende Ritualwelt unserer katholischen Tradition bietet eine große Unterstützung.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Schlusswort
Erzbischof Dr. Ludwig Schick
Schlusswort
Zehn Punkte umfasst mein Schlusswort, mit
dem ich Dank am Anfang sagen und Segen am
Schluss spenden und ‚dazwischen’ die Beiträge
des heutigen Tages zusammenfassen möchte.
1. Dank
Ich danke Ihnen allen, die Sie sich heute für
das Fachgespräch zur Männerseelsorge und
Männerarbeit Zeit genommen haben, dass Sie
mitdiskutiert, Anregungen gegeben, Probleme
benannt und Aufgaben gestellt haben. Ich
danke Herrn Prof. Dr. Bernhard Laux und
Herrn Prof. Dr. Stephan Goertz für die Impulsreferate am heutigen Vormittag und ebenso
den Referenten des Nachmittags, Herrn Dr.
Hans Prömper, Herrn Alexander Obst und
Herrn Diakon Gerhard Kahl für ihre Ausführungen. Ich danke dem Vorsitzenden der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Herrn Bischof Dr. Franz-Josef Bode, für
die Leitung des Fachgesprächs und auch Herrn
Dr. Thomas Roddey, dem Leiter des „Bereichs
Pastoral“ im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, die mit Wohlwollen die
Männerarbeit und die Kirchliche Arbeitsstelle
für Männerseelsorge und Männerarbeit in den
deutschen Diözesen e.V. begleiten. Ich danke
Herrn Dr. Andreas Ruffing und Herrn Manuel
Gall für die Vorbereitung des Fachgesprächs.
2. Kirchenoffene Männer –
Männeroffene Kirche?
Bischof Dr. Bode hat heute Morgen darauf
hingewiesen, dass aus dem Fragezeichen ein
Ausrufezeichen bzw. Rufzeichen werden sollte. Mir würde genügen, wenn wir heute ein
Rufzeichen setzen könnten, d.h. wenn die
Tagung dazu beitragen würde, dass wir und
viele sich aufgerufen fühlten, dazu beizutragen, dass es mehr „kirchenoffene Männer“
und eine „männeroffene(re) Kirche“ gibt. Voranbringen können das zuallererst die Männerseelsorger und Männerreferenten der Bistümer und die Kirchliche Arbeitsstelle für
Männerseelsorge und Männerarbeit in Fulda.
Doch klar sollte uns nach diesem Fachgespräch auch sein, dass es sich bei der Männerarbeit um eine Querschnittsaufgabe in unserer
Pastoral insgesamt handelt.
Als Beauftragter der Pastoralkommission der
Deutschen Bischofskonferenz für die Männerseelsorge und für die Kirchliche Arbeitsstelle
möchte ich deutlich sagen: Wir haben das
heutige Fachgespräch gewollt und organisiert,
um zu lernen, wie wir Männerarbeit und
Männerseelsorge befördern können. Dieser
Tag hat uns viele Anregungen gegeben, die wir
in naher Zukunft auch durch eine Revision
unserer „Richtlinien für die Männerseelsorge
und kirchliche Männerarbeit“ aus dem Jahr
2001 festhalten sollten. Danke dafür!
3. Männerarbeit ist gefragt
Das wurde auch bei diesem heutigen Fachgespräch erneut deutlich! Männerarbeit ist gefragt von vielen Männern, die in der Kirche
und von der Kirche Perspektiven für ihr Leben
erwarten. Männerarbeit ist auch außerhalb
der Kirche in der Gesellschaft gefragt. Auch
den kirchenfernen Männern möchten wir Hilfen, Anregungen und Begleitung bei ihren
Lebensfragen anbieten und an ihren Freuden
und Leiden wertschätzend Anteil nehmen.
Männerarbeit hat eine missionarische Dimension. Männerarbeit ist in der Gesellschaft und
von der Politik gefragt. Die Realisierung der
Männerstudie „Männer in Bewegung“, die von
der katholischen und evangelischen Männerarbeit initiiert und vom Bundesfamilienministerium (mit-)finanziert wurde, zeigt exemplarisch, wie wichtig für unsere Gesellschaft und
deren Zukunft Männerarbeit aus Sicht der
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Schlusswort
Erzbischof Dr. Ludwig Schick
Politik ist. Die Rolle der Männer muss neu
geklärt werden und Männer müssen sich verändert in unserer Gesellschaft einbringen.
Auch Religion ist gefragt. „Männer in Bewegung“ hat gezeigt, dass heute sogar mehr
Männer religiös oder spirituell Suchende sind
als noch vor zehn Jahren. Das bedeutet noch
nicht, dass sie zur Kirche kommen. Aber wir
als Kirche haben ihnen zu helfen, dass ihre
Suche nach Religion und Spiritualität bei uns
Raum und Erfüllung findet.
5. Wer muss die Männerseelsorge und
Männerarbeit verantworten?
4. Biographischer Ansatz
6. Orte der Männerarbeit
Das heutige Fachgespräch hat erneut gezeigt,
dass der biographische Ansatz, den wir 2001
in den „Richtlinien“ als Grundlage unserer
Arbeit bestimmt haben, richtig ist, aber auch
unter den veränderten gesellschaftlichen und
kirchlichen Bedingungen fortgeschrieben werden muss. Biographischer Ansatz bedeutet,
die Männer so zu nehmen, wie sie sind, und
sie in ihren vielfältigen Biographien individuell
zu begleiten, an ihren Freuden und Leiden,
Hoffnungen und Sorgen teilzunehmen, um
ihnen den Mehr-Wert des Lebens zu erschließen. Papst Benedikt XVI. hat in seinem ersten
Interview mit dem Journalisten Peter Seewald
den Satz formuliert: „Es gibt so viele Wege zu
Gott, wie es Menschen gibt“. Er hat das auf
Religion hin gemeint. Es gilt aber auch mit
Blick auf die Männer: Es gibt so viele psychosomatische Befindlichkeiten, wie es Männer
gibt; es gibt so viele Freuden und Ängste, wie
es Männer gibt. Diesen Männern mit ihren so
unterschiedlichen Biographien, Erfahrungen
und Lebenskonzepten „lebensdienlich“ beizustehen, ohne sie über einen Kamm zu scheren,
das muss in Zukunft noch mehr die Aufgabe
der Männerarbeit werden. In diesem Sinne
darf Kirche auch missionarisch sein, verstanden nicht im Sinn von rekrutieren, sondern
von evangelisieren. Das Evangelium anbieten
kann aber nur der, der der Überzeugung ist,
dass der christliche Glaube jedem Mann mehr
Leben und mehr Sinn schenkt.
In unserem Fachgespräch fielen zu diesem
Aspekt immer wieder die Stichworte „Welt“
und „Gegenwelt“. Männerarbeit muss Räume,
Orte, Projekte, Aktionen anbieten, in denen
die Männer aus ihrer Alltagswelt heraustreten
können, aber nicht, um in eine „Sonderwelt“,
die mit ihrem normalen Leben nichts zu tun
hat, einzutreten. Die Welt der Männer und die
Gegenwelt der kirchlichen Männerarbeit müssen in Beziehung zueinander sein. In die Gegenwelt tritt man ein, um aus Abstand und in
Ruhe seine Alltagswelt besser betrachten zu
können. Die Gegenwelt soll helfen, den Alltag
gerade auch mit seinen Belastungen und Widersprüchlichkeiten realistisch zu sehen, ihn
aber auch religiös anzuschauen, um dann vernünftiger und gläubiger, gelassener und zufriedener leben zu können. Johann Baptist
Metz hat Religion als „Unterbrechung“ bezeichnet und wörtlich gesagt: „Unterbrechung
ist die kürzeste Definition für Religion“. Gegenwelt muss Unterbrechung sein, aber nicht
Abbruch. Solche Gegenwelten oder Unterbrechungen bieten: Wallfahrten, Gottesdienste,
Wochenenden oder eine Woche im Kloster,
Männergruppen, Sport und Kunsterfahrung.
Unsere Frage muss dabei sein: Wie können wir
Gegenwelten gestalten, die den Männern in
ihrer Alltagswelt dienen?
Ich will hier nicht näher auf dieses Thema eingehen. Es ist aber auch heute wieder deutlich
geworden, dass es Verantwortliche für die
Männerarbeit in den Diözesen, Dekanaten
oder Seelsorgebereichen geben muss. Die
Diözesen müssen darüber nachdenken, wie sie
dies personell und strukturell in Zukunft sicherstellen können.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Schlusswort
Erzbischof Dr. Ludwig Schick
7. Wie muss Männerarbeit sein?
9. Die Mitte kirchlicher Männerarbeit
Ich benutze für die Antwort traditionelle Begriffe. Männerarbeit muss ‚selbstlos’ sein. Sie
darf nicht verzwecken, keine Entscheidungen
vorwegnehmen oder aufzwingen. Sie muss
demütig sein im Sinne von dien-mutig, das
heißt sie muss den Männern helfen, zu finden,
was ihnen hilft zu leben, oder anders gesagt,
was ihnen hilft, das Leben in Fülle zu haben
(vgl. Joh 10,10). Sie muss offen sein, jeder darf
kommen und sein, wie er ist. Männerarbeit
muss ökumenisch und auch interreligiös sein.
Männerarbeit muss auch experimentieren
dürfen und experimentierfreudig sein. Männerseelsorge muss theologisch gut fundiert
sein, damit sie keinen Gott präsentiert, der
nicht der Gott ist, der sich in der Bibel geoffenbart hat. Sie muss auch gut humanwissenschaftlich begleitet sein. Die Erkenntnisse der Psychologie, Soziologie, der Gesellschaftslehre und Pädagogik müssen im Hintergrund vorhanden sein.
Die Mitte der kirchlichen Männerarbeit ist
Jesus Christus. Das ist bereits in den „Richtlinien“ von 2001 pointiert ausgeführt. Die Studie „Männer in Bewegung“ von Rainer Volz
und Prof. DDr. Paul Michael Zulehner macht
erneut deutlich, dass auch für viele kirchenferne Männer die Person Jesu große Bedeutung hat. Jesus Christus sollte deshalb deutlicher in der Männerarbeit als Bezugspunkt und
Spiegel, an dem man im eigenen Mensch- und
Mannsein wächst, thematisiert werden.
10. Segen
Im Epheserbrief heißt es, dass Gott uns durch
die Gemeinschaft mit Jesus Christus die Fülle
seines Segens schenkt. Ich möchte Sie im Namen Jesu segnen und bitten, dass ER Sie auf
all Ihren Wegen beschützt. ER möge Sie segnen, sicher nach Hause führen und Sie in Ihrem Leben und Arbeiten begleiten.
8. Wohin soll die Männerarbeit führen?
Neben dem Mehr an Leben für jeden Mann
soll die Männerarbeit zu einer versöhnten und
integrierten Gemeinschaft beitragen. ‚Standes- oder geschlechtsspezifische’ kirchliche
Arbeit weiß immer darum, dass Frauen und
Männer, Alte und Junge aufeinander bezogen
sind und zusammengehören. Sie soll dazu
dienen, Menschen zu motivieren und zu befähigen, besser miteinander Gemeinschaft und
Gesellschaft zu bilden. Dazu gibt es die kirchliche Männerarbeit, die Frauenseelsorge, Jugendgruppen und Seniorenkreise, Gefängnisseelsorge und Resozialisierung, Ausländerseelsorge und Integrationsbemühungen, Arbeit
mit Menschen mit Behinderung und vieles
mehr. Inklusion ist dabei der Weg bei aller
gruppenspezifischen Arbeit. Ziel ist versöhnte,
integrierte Gemeinschaft und Gesellschaft.
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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Autorin und Autoren
Autorin und Autoren
Bischof Dr. Franz-Josef Bode, Vorsitzender der Pastoralkommission und Bischof der Diözese
Osnabrück
Manuel Gall, Dipl.-Theol., Referent der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und
Männerarbeit in den deutschen Diözesen, Fulda
Prof. Dr. Stephan Goertz, Lehrstuhl für Moraltheologie an der Johannes Gutenberg-Universität
Mainz
Diakon Gerhard Kahl, Referent für Männerseelsorge in der Diözese Augsburg; Männerbüro Kempten
im Allgäu
Prof. Dr. Bernhard Laux, Lehrstuhl für Theologische Anthropologie und Wertorientierung an der
Universität Regensburg
Alexander Obst, Pastoralreferent, Beauftragter für die Männerseelsorge in der Erzdiözese Berlin
Dr. Hans Prömper, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung – Bildungswerk Frankfurt
Dr. Andreas Ruffing, Leiter der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in
den deutschen Diözesen, Fulda
Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Beauftragter der Pastoralkommission für die Männerseelsorge und
Erzbischof der Erzdiözese Bamberg
Prof. Dr. Maria Widl, Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Religionspädagogik an der Universität
Erfurt
Dokumentation: „Kirchenoffene Männer – Männeroffene Kirche?“
Fachgespräch der Pastoralkommission
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