Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol unter besonderer Berücksichtigung der Situation von Mädchen

Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol unter besonderer Berücksichtigung der Situation von Mädchen
Gender-Perspektiven
in der Jugendwohlfahrt Tirol
unter besonderer Berücksichtigung
der Situation von Mädchen
ENDBERICHT
Im Auftrag der Abteilung Jugendwohlfahrt des Landes Tirol
Feber 2007
Wissenschaftliche Leiterin: Dr. Ingrid Wagner M.C.D.
in Kooperation mit: Dr. Gerhard Wagner (SOFFI-Institut)
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Inhaltsverzeichnis
1.
Danksagung ................................................................................................................................................. 4
2.
Thema und Aufgabenstellung .................................................................................................................... 5
2.1. Unsere Haltung zur parteilichen Mädchenarbeit ....................................................................................... 5
2.2. Die Rekonstruktion eines Konflikts ............................................................................................................. 8
2.3. Von der Benachteiligung der Mädchen zu den Gender-Perspektiven....................................................... 11
2.4. Der Ansatz des Gender-Mainstreaming.................................................................................................... 12
2.5. Theoretische Annahmen zum Forschungsgegenstand............................................................................... 14
2.6. Methodik der Studie .................................................................................................................................. 17
3.
Diskussion der amtlichen Datenerfassung mit Bezugnahme auf Geschlechtsspezifika ...................... 19
3.1. Statistik-Stammdatenblatt ......................................................................................................................... 19
3.2. Statistik für nicht stationäre Einrichtungen:............................................................................................. 20
3.3. Statistik für stationäre Einrichtungen ....................................................................................................... 20
4.
Dokumentenanalyse von Jahresberichten der Kooperationspartner.................................................. 23
5.
Die MitarbeiterInnen der JUWO Tirol und der Kooperationspartner .............................................. 26
5.1. Durchführung und Beteiligung ................................................................................................................. 26
5.2. Strukturdaten ............................................................................................................................................ 27
5.3. Ab welchem Alter spielt das Geschlecht der Kinder/Jugendlichen eine spürbar wichtige Rolle?............ 30
5.4. Gibt es Ihrer Einschätzung nach in der Tiroler Jugendwohlfahrt geschlechtsspezifische
Benachteiligungen für Mädchen oder Buben/Burschen?................................................................................. 31
5.4.1. Wer wird benachteiligt: Mädchen oder Buben/Burschen? ........................................................... 32
5.5. Sollten Ihrer Ansicht nach verstärkt spezielle Angebote und Aktivitäten für Mädchen oder für
Buben/Burschen angeboten werden?............................................................................................................... 33
5.6. Machen Sie in Ihrer Einrichtung die Wahrnehmung, dass sich Burschen tendenziell lieber an Mitarbeiter
und Mädchen lieber an Mitarbeiterinnen wenden? ......................................................................................... 35
5.7. Geht im Alltag Ihrer Institution die Auseinandersetzung mit Fragen des Geschlechts tendenziell eher
unter oder ist dies weniger der Fall?............................................................................................................... 38
5.8. Wie häufig wird in Ihrem Arbeitsteam über Geschlechterfragen – die Klientinnen/Klienten betreffend –
gesprochen?..................................................................................................................................................... 38
5.9. Finden Sie es sinnvoll, bei Problemen von Kindern und Jugendlichen, die von der JUWO betreut werden,
grundsätzlich mit beiden Elternteilen zu sprechen? ........................................................................................ 39
5.10. In der Arbeit mit Familien/Lebensgemeinschaften stellen gewalttätige Väter ein besonderes Problem
dar. In Interviews mit JUWO-MitarbeiterInnen wurde mehrfach beschrieben, in einer solchen Situation in
erster Linie mit der Mutter zu reden. Wie ist Ihre persönliche Erfahrung dazu? ............................................ 39
5.11. Wie wichtig finden Sie es, in der pädagogischen Arbeit geschlechtsspezifische Betrachtungen zu
berücksichtigen? .............................................................................................................................................. 40
5.12. Neue Projekte oder neue Angebote der JUWO Tirol sollten verstärkt nach geschlechtsspezifischen
Kriterien entwickelt werden............................................................................................................................. 40
5.13. Mädchen haben tendenziell größere Schwierigkeiten als Burschen zu sagen, was sie wirklich wollen. 41
5.14. Mütter mit Alkoholproblemen sind für Kinder belastender als Väter mit Alkoholproblemen................. 42
5.15. Wenn eine Mutter das 3. Kind vom 3. Mann erwartet, empfinde ich das moralisch problematischer als
wenn ein Vater das 3. Kind mit der 3. Frau erwartet. ..................................................................................... 42
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.16. In den letzten Jahren hat die soziale Isolation alleinerziehender Mütter, die ohne hinreichend stützende
Verwandtschafts- oder Nachbarschaftskontakte leben zugenommen............................................................... 43
5.17. Lohnt es sich Ihrer Einschätzung nach für die Jugendwohlfahrt Tirol, intensiver über die
Verpflichtungen, die Kindern/Jugendlichen aus ihrer jeweiligen Geschlechterrolle entstehen, nachzudenken?
......................................................................................................................................................................... 44
5.18. Wie beurteilen Sie die breite Vielfalt an unterschiedlichen geschlechterbezogenen Konzepten und
Betreuungsansätzen (z.B. mädchenspezifisch, bubenspezifisch, koedukativ) in Tirol?.................................... 45
5.19. Welche Hindernisse sehen Sie auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in Ihrer Einrichtung?
Wie sehr treffen folgende Elemente zu?........................................................................................................... 46
5.20. Wie wichtig finden Sie vor dem Hintergrund Ihrer Berufserfahrung eine stärkere Thematisierung von
Problemen, die Jugendliche aufgrund ihrer sexuellen Orientierung haben können (z.B. Homosexualität)? .. 47
5.21. Wie stark hat Ihrer Einschätzung nach das Thema Gewalt, das in der Jugendwohlfahrt eine besondere
Rolle spielt, mit Geschlecht und Geschlechterrollen zu tun?........................................................................... 48
5.22. Sehen Sie die Gefahr, dass eine verstärkte Bezugnahme in der Jugendwohlfahrt auf das Thema
„Geschlecht“ andere Wirkkräfte wie Armut, Bildungsdefizite, schlechte Teilhabechancen verschleiert?...... 49
5.23. Kann Ihrer Einschätzung nach ein ausdrücklicher Gschlechterbezug in den Hilfsmassnahmen der
JUWO Kräfte für positive Entwicklungen frei setzen?..................................................................................... 49
7.
Kleinkindalter............................................................................................................................................ 60
7.1. Geschlechterdifferenzen im Kleinkindalter............................................................................................... 60
7.2. JUWO Interventionen ............................................................................................................................... 64
8.
Jugendalter ................................................................................................................................................ 66
8.1. Mädchen ................................................................................................................................................... 66
8.1.1. Angst vor Schwangerschaft .......................................................................................................... 66
8.1.2. Verinnerlichte Nöte der Mädchen und extrovertierte Problembewältigung der Burschen .......... 69
8.2. Burschen ................................................................................................................................................... 71
8.3. Erniedrigung von Mädchen ...................................................................................................................... 73
9.
Benachteiligungen von Kindern und Jugendlichen................................................................................ 75
10.
Geschlechtsrollenstereotype ................................................................................................................ 82
11.
Erwachsene ........................................................................................................................................... 88
11.1. §1 des JUWO Gesetzes ........................................................................................................................... 88
11.2. Die fehlenden Väter ................................................................................................................................ 90
11.3. Obsorgeregelungen................................................................................................................................. 95
11.4. Besuchsrechtregelung ............................................................................................................................. 97
11.5. AlleinerzieherInnen............................................................................................................................... 102
12.
Gewalt.................................................................................................................................................. 107
12.1. Kindesabnahme..................................................................................................................................... 112
13.
Volle Erziehung - Koedukation versus Geschlechtertrennung ...................................................... 117
14.
Ausblick............................................................................................................................................... 127
15.
Weiterführende Literaturhinweise ................................................................................................... 128
16.
Anhang ................................................................................................................................................ 130
Seite 3
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
1.
Danksagung
Wir bedanken uns bei HR Dr. Manfred Weber, dem Jugendwohlfahrtsbeirat sowie der ganzen
Abteilung für Jugendwohlfahrt des Landes Tirol für das Vertrauen, das sie uns mit dieser
Beauftragung entgegengebracht haben. Besonderer Dank gilt Frau Mag. Gertrud Steixner,
die uns an der Schnittstelle stets konstruktiv und vermittelnd begleitete.
Wir bedanken uns bei den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im weiten Arbeitsfeld
der Jugendwohlfahrt für Ihre Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlecht im Praxishandeln. Ihr Wissen bildet die Basis dieser Studie, ihr Interesse an der
Forschung war für uns wesentliche Unterstützung und wichtige Bestärkung.
Wir bedanken uns bei Frau Dr. Jutta Hartmann, TU Berlin, für die wissenschaftliche Begleitung und Gendertheoretische Unterstützung. Ihre Außensicht hat unsere naturräumliche
Perspektiveneinengung immer wieder mit Weitblick ergänzt.
Wir bedanken uns bei Frau Dr. Jutta Lercher-Schwarzwälder für die wissenschaftliche Begleitung vor Ort. Ihr Interesse und ihr phänomenologischer Standpunkt haben uns dabei unterstützt, immer wieder neue Verstehenszugänge in der Fülle der qualitativen Daten zu suchen.
Wir bedanken uns bei Herrn Dr. Michael Klassen, Master of Social Work. Seine klare Positionierung von Sozialarbeit als Wissenschaft war uns eine Hilfe dabei, die Aufgaben der Jugendwohlfahrt und der Sozialen Arbeit als Profession angemessen miteinander zu verbinden.
Widmung
Diese Arbeit ist dem Andenken an meine Großmutter, Berta Simma, gewidmet. Sie wurde
1947 zur Alleinerzieherin mit vier minderjährigen Kindern im Alter zwischen zwölf und einem Jahr. Die mangelnde Anteilnahme der Gesellschaft/des Dorfes an ihrem Frauenschicksal
war nicht nur für ihr Leben prägend.
Mit dieser Arbeit möchte ich auch meines Berufskollegen und unseres verstorbenen Büronachbarn (Erziehungsberatung, Anichstraße 40) Dr. Walter Ringer gedenken. Er hat sein
Wissen über Sozialisation und Geschlecht immer wieder aus der Beratungsstelle hinaus und
in öffentliche Diskussionen über Erziehungsfragen vor Ort in die Gesellschaft hinein getragen.
Diese Arbeit ist schließlich auch den vielen Kindern gewidmet, für die unsere Gesellschaft
ein Ort des Schreckens ist und deren Lebenskraft uns beeindruckt hat.
Innsbruck, im März 2007, Ingrid Wagner
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
2.
Thema und Aufgabenstellung
Männlich oder weiblich ist die erste Unterscheidung die Sie machen,
wenn Sie mit einem anderen menschlichen Wesen zusammentreffen,
und Sie sind gewöhnt diese Unterscheidung mit unbedenklicher
Sicherheit zu machen.
Sigmund Freud
2.1. Unsere Haltung zur parteilichen Mädchenarbeit
Die vorliegende Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt (JUWO) Tirol – unter
besonderer Berücksichtigung der Situation von Mädchen“ hatte bei der Auftragserteilung
bereits eine zweijährige Vorgeschichte. Im Frühjahr 2003 entwickelte Dr. Gerhard Wagner
(wissenschaftlicher Leiter des SOFFI-Instituts) mit Frau Mag.a Gertrud Steixner (Abteilung
5b) ein Forschungsdesign für eine Studie welche die Geschlechtergerechtigkeit der JUWO
Tirol untersuchen sollte. Damit wurde auf die Reklamation der AG Mädchen reagiert, Mädchen würden in der JUWO Tirol benachteiligt.
Eine erste Reaktion der AG Mädchen auf das Forschungsdesign war kritisch-ablehnend. Unter
dem Punkt «Rahmenbedingungen für die Studie» wurde von der AG Mädchen gefordert, dass
Erfahrungen in parteilicher Mädchenarbeit zwingende Voraussetzung für die Auftragnehmer
der Studie seien. Die geforderten Erfahrungen wurden wie folgt präzisiert:
„Erfahrungen in parteilicher Mädchenarbeit haben heißt für uns ein Bewusstsein dafür zu haben, dass:
1. Mädchen sich sehr oft Bestätigung und Anerkennung durch Burschen holen
2. Mädchen sich nicht leicht von Vorstellungen, wie ein Mädchen zu sein hat, emanzipieren
können
3. Mädchen weniger im öffentlichen Raum präsent sind
4. Mädchen bestätigt werden müssen, wenn sie Diskriminierung erleben, um aus ihrer Opferrolle heraus zu kommen
5. Mädchen in ihrer Solidarität untereinander bestärkt werden müssen
6. Auch bei Mädchen das Weglaufen und die Verweigerung als aktiver und positiver Bewältigungsversuch gesehen wird
7. Mädchen nicht vorzumachen, dass Gleichstellung zwischen Mann und Frau in der Gesellschaft erreicht ist“ (Protokoll JUWO-Beirat 31.3.2004, Nummerierung I.W.).
In der weiteren kritischen Auseinandersetzung mit dem Forschungskonzept wird durch Unterstreichen hervorgehoben „Allgemein ist uns die Haltung des SOFFI-Instituts unklar: a) Wird
das Wissen aus der Mädchenforschung berücksichtigt?... b)Mit Blick auf welche Jugendlichen
wurde das Konzept erstellt? …c) Geht das SOFFI-Institut davon aus, dass Gleichstellung erreicht ist?“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
In der Expertise zum Design der vorliegenden Studie wird von der wissenschaftlichen Begleitung, Frau Dr. Jutta Hartmann eingefordert, „…den eigenen theoretischen Hintergrund
offen zu legen und die dabei verwendeten Begriffe wie doing gender, genderism etc. fachlich
präzise und wissenschaftlich korrekt zu verwenden.“ (Expertise, Dr. Jutta Hartmann, Berlin
2005).
Deutlich wird an diesen expliziten und berechtigten Anforderungen an uns die Brisanz der
Geschlechterthematik.
Wir forschen in einem Feld, in dem wir zugleich Betroffene sind. Es gibt unterschiedlichste
Weisen, die Geschlechterthematik wahrzunehmen und die vorherrschende Geschlechterdualität zu interpretieren. Geschlechterungleichheit sehen wir auf der Grundlage einer angenommenen, gedachten Geschlechtertrennung hergestellt. Fallweise werden Herrschaftsverhältnisse mit scheinbar natürlicher Geschlechterungleichheit legitimiert. Die Auswirkungen
erleben wir in geschlechtsbezogenen ungleichem Lohn für gleiche Arbeit, in der damit verbundenen und daraus resultierenden ungleichen Vermögensverteilung zwischen den Geschlechtern, weiters in der ungleichen Verteilung und monetären Bewertung von Produktions- und Sorgetätigkeiten in unserer Gesellschaft. Hier verlaufen unübersehbare Scheidelinien zwischen Frauen und Männern.
Von uns wurden die geforderten Nachweise als stetige Zweifel an der richtigen Haltung
wahrgenommen. Im Folgenden führen wir nochmals unsere Positionen zu den einzelnen
Kriterien der geforderten Parteilichkeit aus.
Es handelt sich bei den ersten zwei Punkten um Aussagen denen wir zustimmen, die jedoch
nicht mädchenspezifisch sind. Die Abhängigkeit von Anerkennung gehört zum Mensch-sein.
Im Angewiesensein auf Anerkennung wirken sich Rollenvorstellungen auf alle Individuen
aus.
Punkt 3: In der gegebenen Form wird von den Auftragnehmern die Bestätigung eines Sachverhaltes gefordert, der in dieser Allgemeinheit nicht bestätigt werden kann, wenngleich
wir auf Grund unserer Alltagsbeobachtungen geneigt sind zuzustimmen. Die empirische Klärung dieser Frage ist nicht Aufgabe der Studie. Dass Mädchen weniger im öffentlichen Raum
präsent sind, wurde in einzelnen Interviews bestätigt, allerdings beziehen sich die Passagen
auf den öffentlichen Raum, der dem Ballsport gewidmet ist. Einer empirischen Klärung
müsste eine Präzisierung des „öffentlichen Raums“ vorausgehen (Fußgängerzonen, Flächen
in und um Einkaufszentren usf). Zur weiteren Abklärung wären umfassendere Beobachtungen notwendig.
Punkt 4 und 5 beziehen sich auf helfende Interventionen. Selbstverständlich brauchen Mädchen, die Diskriminierungen ausgesetzt sind, eine Bestätigung dafür, dass Diskriminierung
Unrecht ist. Die Wahrnehmung von geschlechtsspezifischen Benachteiligungen auf Seiten
der Helfenden bildet dazu die Voraussetzung.
Das ist insofern nicht mädchenspezifisch, als alle Menschen zu ihrer freien Entwicklung
rechtsstaatlicher Sicherheit (Schutz vor Diskriminierung) bedürfen. Aufgabe von unmittelbar
klientenbezogener Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Psychotherapie ist es, jeweils im Einzelfall zu entscheiden, welche Form der Intervention eher zur Vermeidung von Opferhaltungen beitragen kann.
Diese allgemeine Form der Forderung kann nicht bestätigt werden, weil sie der Komplexität
des Sachverhaltes nicht gerecht wird. Gerade der Verweis auf Solidarität innerhalb der Geschlechtsgruppe kann eine Einengung der Handlungsmöglichkeiten bedeuten, und damit
eine Eingrenzung möglicher (konkurrierender) Bewältigungsstrategien.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Punkt 6: Weglaufen und Verweigerung werden von uns als Bewältigungsversuche gesehen.
Die Zuschreibung „aktive Bewältigungsstrategie“ impliziert, dass es auch passive Bewältigungsstrategien gibt und lenkt Aufmerksamkeit auf die Form der Bewältigung, wobei die
Pole aktiv bzw. inaktiv/passiv als Rahmung eingebracht werden. Es scheint uns die Kunst
helfender Interventionen zu sein, sich auf den Sachverhalt zu beziehen, jenseits von Dualismen. Diese Kunst scheint uns im Gedicht „Was es ist“ von Erich Fried wunderbar ausgedrückt. Daher sei es an dieser Stelle angeführt:
Es ist Unsinn
Sagt die Vernunft
Es ist was es ist
Sagt die Liebe
Es ist Unglück sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
Sagt die Angst
Es ist aussichtslos
Sagt die Einsicht
Es ist was es ist
Sagt die Liebe
Es ist lächerlich
Sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
Sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Ob die gewählte Bewältigungsstrategie im weiteren Prozess aus der Sicht der helfenden Person und/oder aus der Sicht der Klientinnen positiv bewertet werden kann, kann nur in der
jeweils konkreten Situation geklärt werden. Kriterium dazu könnte sein, ob sich durch die
Bewältigungsform mehr, im Sinn von vielfältigere/erweiterte Handlungsmöglichkeiten eröffnet haben und sich weiter eröffnen.
Die Forderung im Punkt 7 bezieht sich auf die Integration von Wissen über geschlechterdifferenzierte Gesellschaften in helfende Interaktionen und eine Bezugnahme bzw. eine Aufforderung zu einer Ethik des Helfens. Generell zeichnen sich professionelle Hilfsangebote im
Bereich der Sozialen Arbeit durch die Wissensbasierung aus. Generell wäre es unredlich,
wenn Personen in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern ihren KlientInnen etwas vormachen,
das nicht der Realität entspricht. Die ethische Fundierung gilt als Forderung für alle helfenden Interaktionen.
In unserer Haltung sehen wir insgesamt fruchtbare Anknüpfungspunkte an die Prämissen
der Mädchenarbeit.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
2.2. Die Rekonstruktion eines Konflikts
Konfliktlinie Mutterschaft:
Im Vorfeld dieser Studie stand der Verdacht im Raum, dass Mädchen in der JUWO Tirol Benachteiligungen ausgesetzt sind und diese Benachteiligung sich auch in der Finanzierung
niederschlägt, also für Mädchen werde weniger Geld ausgegeben als für Burschen. Diese
Feststellung blieb nicht unwidersprochen und bildete einen inhaltlichen und emotionalen
Schwerpunkt der Auseinandersetzung.
„Also was mich immer ärgert, das passt jetzt dazu ist, dass diese ominöse
Arbeitsgruppe immer behauptet hat, die Mädchen kämen in der JUWO zu
kurz. Das ist nicht belegbar meines Erachtens. Sie kommen nicht zu
kurz…“
In den Interviews mit den AkteurInnen im Feld zeigten sich vielfältigste Konfliktlinien innerhalb der JUWO, die im Kontext der Geschlechterfrage auftauchten. Im folgenden Beispiel
wird die Verbindung von sozialarbeiterischem Handeln und dem eigenen privaten Handeln
als Mutter beklagt und Professionalität eingefordert, nämlich Trennung von Mutter und Sozialarbeiterinnenrolle:
„… da sind auch Äußerungen gefallen wie: „Ich habe selber eine Tochter,
die ist so alt und die ist so und so“, und da die Erwartungen, von der eigenen Warte aus, von einer sehr persönlichen die, ich finde, relativ grenzenlos ist, und das dann einfach so auf das andere Mädchen so zu übertragen.
Das primäre Ziel war eigentlich dann zu schauen, dass die daheim bleibt
und nicht weg kommt, vom Vater.
Bei Burschen ist mir bisher vorgekommen, dass die Bereitschaft viel schneller da war zu schauen, ob es noch eine andere Möglichkeit gibt als wie zu
Hause zu bleiben. Dass das bei Mädchen länger geschaut wird, dass die im
Familiensystem bleiben, und bei Burschen, dass das nicht so lange versucht
wird.“
Die historische Verbindung von Mutterrolle und professioneller Sozialarbeit hat Christoph
Sachße in seinem Buch „Mütterlichkeit als Beruf“ (1986) herausgearbeitet. Die schwierige
Trennung zwischen diesen beiden Frauenrollen bildete einen Aspekt im Konflikt um die Kriterien professioneller Sozialarbeit. Im konkreten Fall ist damit eine Konfliktlinie zwischen
jungen geschlechtssensiblen Sozialarbeiterinnen (AG Mädchen) und älteren Sozialarbeiterinnen in behördlichen Strukturen mitverbunden. Die sprachliche Fokussierung auf die Auswirkungen, nämlich der formulierte Vorwurf der generellen Benachteiligung von Mädchen
stürzt die langjährige Sozialarbeiterin in Verwirrung.
„Ich bin vor Monaten mit so einer Aussage konfrontiert worden, auch im
Rahmen von Sozialarbeitern, und bei mir hat das großes Kopfschütteln
ausgelöst. Ich bin jetzt über 20 Jahre Sozialarbeiterin und ich habe das so
konkret verstanden, dass Mädchen in der Jugendwohlfahrt benachteiligt
seien, und diese Fragestellung habe ich überhaupt nicht verstanden, weil
ich nicht weiß, wo da die Benachteiligung liegt, überhaupt nicht. Also ich
sehe überhaupt keine Benachteiligung, also grundsätzlich, ob die Jugendwohlfahrt Hilfe anbietet oder in welcher Form Hilfe anbietet, das hat mit
dem Geschlecht überhaupt nichts zu tun. Also ich habe mich erst einmal
wahnsinnig geärgert über die Aussage. …
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Ich war jahrelang direkt an den Jugendlichen dran, an den Familien, also
ich muss ganz ehrlich sagen, ich hätte da nie irgendeine Form der Benachteiligung erkennen können. Aber vielleicht denke ich da in eine ganz falsche Richtung, das weiß ich jetzt nicht.“
Zur Klärung der unbewussten Anteile am Konfliktgeschehen böten sich auch tiefenpsychologische Theorien an. Dies wäre zwar produktiv, würde aber an dieser Stelle zu weit führen.
Hauptaufgabe der Studie ist es, einen vergemeinschaftenden Fokus für eine geschlechtergerechtere Praxis der JUWO zu entwickeln. Dafür ist die im letzten Satz des obigen Zitats ausgedrückte Bereitschaft zur Selbstreflexion wesentlich.
Konfliktlinie Doppeltes Mandat:
Die Problematik für alle Fachkräfte der JUWO, nämlich in den fürsorglichen Verstrickungen
(Nadai, u.a., 2005) von Mütterlichkeit und Beruf professionell, nämlich wissensbasiert, zu
handeln, stellt eine besondere Herausforderung dar. Ein weiteres Konfliktfeld das im Vorfeld
der Studie virulent wurde, kann in einer problematischen Theoriekonzeption von Sozialarbeit geortet werden.
Die Auseinandersetzungen über die wahrgenommene und nicht wahrgenommene Benachteiligung der Mädchen spielten sich vorwiegend zwischen behördlicher Sozialarbeit und Sozialarbeit in freier Trägerschaft ab. Zu dieser Kontroverse bieten sich folgende historische Bezüge zur weiteren Abklärung an:
Mit dem Theoriekonzept des doppelten Mandats in der Sozialen Arbeit (Böhnisch/Lötsch,
1973) wurde im sozialarbeiterischen Handeln eine duale Differenzierung zwischen den Aspekten Hilfe und Kontrolle eingeführt. In der weiteren Rezeption dieser theoretischen Annahmen wurde der Kontrollaspekt Sozialer Arbeit eher der behördlichen Sozialarbeit, dem
Amt als Vertretung des Staatsmacht, zugeschrieben, während bei den staatsferneren, im
Dritten Sektor angesiedelten, sozialpädagogischen Institutionen eher die gute Seite der
Sozialpädagogischen Intervention, nämlich der Hilfsaspekt lokalisiert wurde.
Die Theoriekonzeption des doppelten Mandats wird von Theoretikern der Sozialen Arbeit
mehrfach kritisiert. C. Wolfgang Müller meint mit dem Fokus auf die Auswirkungen des doppelten Mandats in der Praxis:
„Ich finde diese Einteilung wenig hilfreich. Ich kann nämlich überhaupt
nicht einsehen, warum die Tätigkeit einer Sozialpädagogin in einer konfessionellen Kindertagesstätte, die durch ihren Träger dazu veranlasst wird,
die Kinder allmorgendlich zum Beten anzuhalten und allmittäglich in die
Betten zu schicken (ob sie das wollen oder nicht) kritischer und aufklärerischer sein soll als die Tätigkeit der Sozialarbeiterin im Amt, die versucht,
den Anspruch ihrer Klienten auf Sozialhilfe nach §4 extensiv auszulegen
und durchzusetzen“ (C. W. Müller, 1982, S.26).
Er zeigt eine Konkurrenz zwischen Einrichtungen auf, deren Bewertungs- und Erfolgskriterien nicht expliziert sind. Auf der Grundlage verdeckter Kriterien existiert ein Wettbewerb
um die bessere (aufklärerische, kritischere, geschlechtergerechtere, feministischere,…) Praxis.
Demgegenüber bezieht Silvia Staub-Bernasconi ihre Kritik am doppelten Mandat auf die sozialarbeiterische Theorieentwicklung. Die Theorie des doppelten Mandats lässt offen, wie im
Praxishandeln Aspekte empathischer Unterstützung mit materiell ressourcenbezogenen Interventionen verbunden werden (S. Staub Bernasconi, 1995). Diese Kritik an der Sozialarbeit
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
als „Handlangerin des Kapitals und mithin der Macht“ (Hollstein/Meinhold 1973, zit. nach
Staub-Bernasconi, 1995) im Verbund mit der Theoriekonzeption des doppelten Mandats zog
auch an Tirol nicht spurlos vorüber. So kam es am Beginn der 70er Jahre zu einer vorübergehenden Abspaltung der „kritischen“ SozialarbeiterInnen vom Berufsverband der Tiroler
SozialarbeiterInnen.
So bleibt auch die Jugendwohlfahrt als traditioneller und von der Staatsmacht eingerichteter Arbeitsbereich von diesem Konflikt zentral betroffen.
Im Workshop mit behördlichen MitarbeiterInnen, der im Rahmen dieser Studie durchgeführt
wurde, ergibt sich in einer längeren Interaktionssequenz eine Aktualisierung dieser Thematik:
Person 1: „Und ich tät’s auch ganz interessant finden, weiß ich nicht ob
das bei dem Projekt auch mit dabei ist, ob es Unterschiede gibt bei Mitarbeitenden, also von den freien Trägern und Mitarbeitenden aus der Verwaltung, also sozusagen die die behördliche Sozialarbeit machen. Ich hätte
die Fantasie, dass es einen Unterschied gibt, also weil üblicherweise Menschen die sich dafür entscheiden zumindest längerfristig in der Landesverwaltung zu arbeiten, also nicht unbedingt die großen Revolutionäre sind
oder so, pauschal gesagt, ich mein natürlich…“
Person 2: „Na ja“ (mehrheitlich lautes Lachen)
Person 1: „Das denk ich schon, JUWO ist jetzt nicht ein Bereich also wo du
drinnen bleibst, wenn du die Gesellschaft grundlegend verändern willst.“
Person 2: „Ja, ja.“
Person 1: „Ich meine Verwaltung hat was Bewahrendes und die JUWO ist ja
jetzt von den Aufgaben her...“
Moderator: „Und sie ist umgeben von anderem Verwaltungshandeln.“
D: „Genau, und das prägt, ist ja gar keine Frage, oder auch dieses hierarchische Prinzip das da durch geht, dem bist ja auch ausgesetzt. Ich meine,
das ist ja nicht so, dass wir das einfach anders machen, weil wir Sozialarbeiter sind… auch wenn man da sehr vorsichtig ist und auch versucht immer so differenziert hinzuschauen. Ich denk mir, viele Jahre in der Verwaltung, in diesem behördlichen Umfeld, dass einen das prägt. Also um das
kommt man gar nicht herum.“
Direkte Entgegnung:
Person 1: „Ich wäre mir aber nicht sicher, ob jetzt wirklich so in dem ganzen freien Beratungskontext, ob da der Blick immer so deutlich auch da ist,
wie, mir fallen ein paar Situationen ein, ah,…“
Im Gespräch zeigen sich Differenzen innerhalb der Behörde bezogen auf die Bewertung der
1
Kooperationspartner. Konkrete Erfahrungen werden nicht expliziert. Es bleibt beim Austausch allgemeiner/genereller Meinungen bzw. Einschätzungen, wobei sich die Entgegnung
auf Erfahrungen bezieht, die jedoch nicht der kollegialen Einschätzung zugänglich gemacht
1
Aus organisationssoziologischer Perspektive zeigen sich die von Ch. Badelt beschriebenen strukturellen Tendenzen in Non-Profit-Organisationen, Konflikte zu personalisieren (Ch. Badelt. 2002).
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
werden und auch im KollegInnenkreis nicht nachgefragt werden. (Eine aktive Nachfrage ist
uns (G.W. und I.W.) in der Situation auch nicht in den Sinn gekommen).2
Den behördlichen und freien Mitarbeitern werden hier fast „natürliche“ Wesensunterschiede
zugedacht. Diese Sichtweise wird dann, nach dem Spannungsentladenden gemeinsamen
Lachen, doch eher relativiert und andauernden Anpassungsprozessen zugeschrieben. Auffällig ist, dass die Zeit in der Behörde ausschließlich als negativ bewertete und hinzunehmende Prägung gesehen wird und diese Sichtweise unwidersprochen bleibt. Grundsätzlich könnte die Arbeit in einer Behörde über einen langen Zeitraum auch im Sinne eines positiven
Erfahrungszugewinns gedeutet werden.
Mitarbeitende unterschiedlicher Quellberufe, in unterschiedlichen Trägerschaften und Organisationsformen sind durch eine gemeinsame Aufgabe miteinander verbunden. Im Zentrum
der JUWO steht die Behörde, deren Interventionen von zahlreichen Faktoren mitbedingt
werden. Für eine langjährige Mitarbeiterin ist das Praxishandeln in der JUWO Behörde an
sich schon in komplexe Gesellschaftsstrukturen und Verantwortlichkeiten eingebunden:
„Die Unterschiedlichkeiten zwischen den Geschlechtern sind da. Wobei
man das auch nicht zu verallgemeinern kann. Und dann schreitet man halt
später ein, oder wenn ich später um Hilfe ersucht werde, von Außenstellen,
Schule, Kindergarten oder wer immer da ist, kontaktiert werde, dann ist
das so. Wir sind ja nicht die, die in der Stadt herum suchen, wo wir Hilfe
anbieten können, sondern wir reagieren auf Anfragen, egal von wo her die
kommen, ob das von der Schule ist, von den Eltern. Wenn die sich natürlich
bei einem Mädchen oder einem Buben früher oder später melden, das liegt
jetzt auch nicht so an der Jugendwohlfahrt. Ich habe aber dann den Eindruck, sobald das Ersuchen an uns herangetragen wird, sehe ich einfach
keinen Unterschied ob das ein Bursche ist oder ein Mädchen.“
So ist hier die Forderung an die behördliche Sozialarbeiterin, die Problematik der Zweigeschlechtlichkeit unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Verdeckungszusammenhangs
(M. Bitzan, 1997) in ihrem Praxishandeln (auch noch) mitzudenken und zu berücksichtigen.
Dies kann aufgrund der Komplexität leicht zur individuellen Überforderung werden. Für die
Benachteiligung von Mädchen lässt sich auch der JUWO Behörde nicht die ausschließliche
Verantwortung zuschreiben, da deren Handeln untrennbar mit anderen gesellschaftlichen
Institutionen verbunden ist.
2.3. Von der Benachteiligung der Mädchen zu den Gender-Perspektiven
Die formale Auftragsvergabe war der vorübergehende Endpunkt einer Kontroverse, die mit
der Veröffentlichung des Thesenpapiers der AG Mädchen begann. Der Weg von der Feststellung der Benachteiligung der Mädchen in der JUWO Tirol hin zu Gender-Perspektiven als
Fokus der Forschung tauchte in einem Workshop mit den Kooperationspartnern als deutliche
Irritierung auf:
„…und in dem Zusammenhang finde ich das, was sie vorher als Design der
Studie vorgestellt haben, da ist für mich eine Schwäche drinnen, weil es ist
2
Die Problematik fehlender konkreter Auseinandersetzung zwischen den SozialarbeiterInnen und ihre negativen Folgen für die Soziale Arbeit und die Sozialarbeitenden beschreibt Kurt Bader in „Viel Frust und wenig
Hilfe, Die Entmystifizierung Sozialer Arbeit“, 1985.
Seite 11
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
einerseits - das ist ja schon herausgekommen mit diesem Titel - so wertfrei,
schauen wir uns die Verhältnisse einmal einfach an und schauen wir einmal
auf den Ist-Zustand. Und andererseits eben schon im Untertitel doch auch
ein bisschen eine gesellschaftspolitische Richtung. Und ich denke, man
müsste sich entscheiden, was man will. Also wenn das ein Anliegen ist und
so wie die Geschichte der Studie auch war im Vorfeld, dann geht es eigentlich um einen gesellschaftspolitischen Zug dahinter. Aber dann müsste das
Wertfreie wieder raus. Also das hat mich ein bisschen so gestört, das hat
mich ständig so hin und her geworfen in der Beschreibung. Einmal ist alles
möglich und Pluralität zwischen allem. Und dann wieder Schwerpunkt. Also
das wäre so ein Gedanke von mir gewesen, eine Entscheidung in der Studie.“
Die Geister schieden sich auch an den präferierten Wegen zur Veränderung der Geschlechterhierarchie:
„Aber es spiegelt sich schon etwas wider, also von der politischen Herangehensweise, so diese Top-down-Strategie und sozusagen was ursprünglich
gedacht war, diese Bottom-up-Strategie, also daran zeigt sich natürlich
schon auch eine Umkehrung, die im Laufe dieses Prozesses stattgefunden
hat. Und natürlich für mich auch relevant also von den Begrifflichkeiten
her, weil die, denke ich mir, doch unterschiedlich sind. Also in der Genderdebatte eben sehr stark davon gesprochen wird, wie sie das auch gemacht
haben, Ungleichbehandlung, Benachteiligung, Gerechtigkeit, so. Es kommen aber keine Begriffe vor, wie Herrschaftsverhältnisse, Abhängigkeitsverhältnisse, Machtverhältnisse. Und da denke ich mir, sind natürlich schon
unterschiedliche Blickrichtungen angelegt auch in der Begrifflichkeit“
Mit der Entscheidung der Jugendwohlfahrt, in dieser Studie die Vielfältigkeit der beschrieben Stimmen zu berücksichtigen, beschäftigen wir uns als Forscher seither damit, wie im
Handlungsfeld der JUWO die Benachteiligung auftritt und wahrgenommen wird, wie darauf
gegenwärtig reagiert wird und welche Genderperspektiven auf der Grundlage des öffentlichen politischen Auftrags der JUWO zu entwickeln sind.
2.4. Der Ansatz des Gender-Mainstreaming
Der Begriff Gender nimmt darauf Bezug, dass die im Alltagsverständnis fest gefügten Orientierungen (Ordnungskategorien) Geschlecht, mit den damit verbundenen weiblichen und
männlichen Rollenzuschreibungen gesellschaftlich konstruierte und nicht biologisch (natürlich) vorgegebene sind. Geschlecht wird im Zusammenwirken mehrerer Ebenen (biologisch,
kulturell, sozial und individuell des Begehrens) übernommen und zugeschrieben. Geschlechtsrollen können von ihrer fest gefügten „Natürlichkeit“ befreit und der jeweiligen
Ausgestaltung anheim gestellt sein.
So bildet sich Geschlechtsidentität auf drei unterschiedlichen Niveaus aus:
körperliche Merkmale des Geschlechts (Sex).
„Ein Bub oder ein Mädchen?“ Heben sich die Eltern die Überraschung bis zur Geburt
auf oder wollen sie es schon frühzeitig wissen? Eine Sequenz im alltäglichen Erfahrungsaustausch zwischen frischgebackenen Eltern könnte folgendermaßen lauten:
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Ich wollte es mir eigentlich nicht sagen lassen, aber ich habe es im Ultraschall
selbst gesehen!“
Helga Bilden spricht von der „(Selbst-)Zuordnung“. Sie verbindet damit den gesellschaftlichen Aspekt der Zuordnung und den Akt des Individuums, der in der Anerkennung dieser Zuordnung liegt (H. Bilden, 2006, S.50).
Dazu eine kontrastierende Praxisvignette einer Sozialarbeiterin in einer stationären
Einrichtung:
„Diese transsexuelle Frau, da war das mit sieben, acht Jahren schon klar.
Wie die bei uns angedockt hat, da war sie 18 und das war einfach klar. Da
hat es nichts zum Reden gegeben. Die hat eine Auseinandersetzung mit
sich selber auch gehabt. …Erst ab 18 darf man mit der Hormonbehandlung beginnen…. Es war unglaublich spannend, weil wir haben uns den
Kopf zerbrochen, wie das in der Gruppe geht. …Ganz lange haben wir gemeint, dass die Mitbewohner es nicht überrissen haben. Bei einem Anlassfall ist herausgekommen, dass es allen klar war. Es haben offensichtlich alle gewusst, sie ist bei uns im Mädchenbereich gewesen, weil es sich mit
den Betten nicht anders ausgegangen ist, das lag auch an ihrer Person, sie
ist mit einer Selbstverständlichkeit aufgetreten, da hat es kein Wenn und
kein Aber gegeben.“
Gender: die sozialkulturelle Geschlechterrolle.
Dieser Aspekt bildet den inhaltlichen Schwerpunkt der weiteren Auseinandersetzung
und wird im Theorieteil expliziert.
Begehren, sexuelle Orientierung und Präferenz.
Die ganze Wucht der Abweichung vom Mainstream ist in dieser Dimension verortet.
Beispielhaft folgende Beschreibung einer Mitarbeiterin im stationären Bereich:
„Ich kann mich nur an zwei Fälle erinnern in der ganzen Zeit (20 Jahre)
wobei der eine interessant ist, der hat uns sehr beschäftigt der Bub über
viele Jahre. Und dann war er 24 und da hat er sich wieder gemeldet um
mir zu sagen: ‚Ich bin homosexuell’. Der hat sich kurz davor mit 22 etwa
geoutet. Der andere Bub der hat mit 14 gesagt, ich bin homosexuell, und
da geht es jetzt schon auch darum, er muss es verbergen, er kann es nicht
öffentlich machen, weil er sich viel zu viel anhören muss dann mit Kränkungen. Es scheint so zu sein, dass Schüler in der Klasse Vermutungen haben, und er hat sich dazu entschlossen sich nicht zu outen jetzt. Bei Mädchen habe ich es noch nie erlebt.“
Innerhalb dieser Orientierung beschäftigt sich diese Studie demzufolge mit Genderdimensionen, den sozialen und kulturellen Geschlechtsvorgaben, deren Annahme und Umsetzung in
den Institutionen der JUWO mit Blick auf die betreuten Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
2.5. Theoretische Annahmen zum Forschungsgegenstand
Wir begreifen die im Zuge des Gender Mainstreaming geforderte Sensibilität der Praxis für
Geschlechterdiskriminierung als Prozess, der sowohl die Kinder und Jugendlichen, die Mädchen und Burschen, als auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der JUWO aus unterschiedlichsten Quellberufen betrifft. Der Begriff der Sozialisation öffnet den Blick auf alle
an diesem Geschehen Beteilige. Weiters bezieht sich Sozialisation auf einen Prozess, in dem
alle, Kinder und Jugendliche, biologische und soziale Eltern als auch die Helferinnen und
Helfer der unterschiedlichen Professionen in ihren verschiedenen Organisationskontexten
eingeschlossen sind. Sie alle werden als Sozialisationsprozesse gestaltende und von Sozialisation betroffene Individuen gesehen, mit jeweils unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.
Wir nehmen an, dass Sozialisation als theoretische Begrifflichkeit die wirtschaftlichen und
politischen Wirkfaktoren als Rahmenbedingungen wesentlich erfasst und damit eine ganzheitliche Analyse der Phänomene in der Jugendwohlfahrt unterstützt.
Vor dreißig Jahren wurde der Begriff der „Geschlechtsspezifischen Sozialisation“ geprägt.
Der Titel einer Publikation von Ursula Scheu, „Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir
werden dazu gemacht“, zeigte auf, dass „doing gender“ den erzieherischen Alltag bestimmt
und sich die Erziehungswissenschaft diesem Faktum zuzuwenden begann. Die Wahrnehmung
der frauenspezifischen Sozialisation führte in unserer zweigeschlechtlich geordneten Gesellschaft zur Untersuchung des Gegenparts, nämlich der Männerspezifischen Sozialisation und
auf der Ebene der sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Praxis zur parteilichen Mädchenarbeit, zeitverzögert dann zur Burschenarbeit.
Diese Konzeption erfuhr Kritik durch die Entwicklung dekonstruktivistischer Theorien. Den
Konzeptionen parteilicher Praxis und geschlechtsspezifischer Sozialisationsforschung wurde
dort zugeschrieben, das duale Geschlechtersystem durch den zweigeschlechtlich zentrierten
Ansatz zu verhärten. Indem die weibliche Benachteiligungssituation zum Ausgangspunkt
des Handelns wird, bleibt das duale Geschlechtersystem festgeschrieben. Was für die Mädchenforschung gilt, bezieht sich auch auf die Praxis parteilicher Mädchenarbeit:
Die Mädchenforschung steht bis heute in der Spannung …. ernst zu nehmen und detailliert zu untersuchen und dabei andererseits Geschlechterdifferenzen nicht selbst qua Methode hervorzubringen“ (H. Kelle, 2004,
S.361)
Aus konstruktivistischer Perspektive wird das Geschlechterverhältnis als – alltäglich in unterschiedlichen Bereichen – tätig Hergestelltes verstanden und das Augenmerk richtet sich
auf die Prozesse der Herstellung dieses Ungleichverhältnisses.
Diese theoretische Annahme und die empirische Erfahrung der Gestaltbarkeit des Lebens als
Mann, Frau mit dem jeweils erlebten sexuellen Begehren eröffnet Freiräume für vielfältige
Ausgestaltungen der Geschlechtsrollen. Damit rücken jene gesellschaftlichen Prozesse in
den Aufmerksamkeitsfokus, welche die Gestaltungsfreiräume der Menschen geschlechtsbezogen einengen. Mit dem Begriff „doing gender“ wird darauf Bezug genommen, dass in sozialen Interaktionen jene Geschlechtszuschreibungen erst produziert werden, die im Alltagsverständnis als scheinbar selbstverständliche (natürliche) Geschlechtskompetenzen die unhinterfragten Ausgangspunkte für Geschlechtszuordnungen bilden.
„Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit wird nicht als quasi natürlicher
Ausgangspunkt von und für Unterscheidungen im menschlichen Handeln,
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Verhalten und Erleben betrachtet, sondern als Ergebnis komplexer sozialer
Prozesse.“ (R. Gildemeister, 2004, S.132)
Geschlecht wird konstruiert, indem im alltäglichen Tun auf Geschlechtsrollenvorstellungen
Bezug genommen wird. Im „doing gender“ werden individuelle Freiheiten, Möglichkeiten,
Kompetenzen entsprechend den kulturell vorgegebenen Geschlechtsstereotypen eingeschränkt.
Dazu eine Praxisszene die sich in einer Interviewsituation zufällig ergeben hat. Das Interview fand im Gruppenraum einer stationären Einrichtung statt. Drei Kinder spielten etwas
entfernt, jedoch im selben Raum. Ein Bub (3-4 Jahre alt) kommt mit einem kaputten kleinen Spielzeug LKW zur Betreuerin:
Bub: „Hat der Peter herunter geschmissen, musst kleben“
Betr.: „Ja weißt du, das Kleben, das kann dein Papa besser wie ich“ (Betreuerin begutachtet
die sehr kleine Bruchstelle)
Bub: „Kannst schon kleben“
Betr.: „Nein ich kann das nicht…das kann dein Papa sicher besser wie ich“
Bub: „Muss der Papa heut no arbeiten“ (Aussage des Kindes, keine Frage)
Betr.: „Das lassen wir derweil da, dann zeigen wir es dem Papa dann macht er das daheim“
Bub: „Aber der Papa ist heute nicht da, die Mama holt heute mich ab“
Betr.: „Ja dann sagen wir es der Mama, die sagt es dann dem Papa, ha, des machen wir“
Bub: „Ja“
Bub geht weg, wieder zu den anderen Kindern.
Es ist anzunehmen, dass die Betreuerin ihre Aufmerksamkeit der Interviewsituation widmen
wollte. Damit lässt sich jedoch nur begründen, dass die Betreuerin eine augenblickliche
Klebeassistenz verweigerte. Doing gender bezieht sich auf die Argumentation, mit der die
Betreuerin darauf bestand, dass der Vater die Kompetenz zum Kleben dieser Bruchstelle am
Matchbox LKW hat, dass dem Vater diese Aufgabe zugeschrieben wird. Das Kind verweist auf
den Sachverhalt, dass es heute von der Mutter abgeholt wird. Nachdem das Kind von der
erwachsenen Betreuerin die Reparatur erwartet, käme für das Kind vermutlich auch die Mutter zum Kleben in Frage. Das würde die Wartezeit auf die Reparatur verkürzen. Die Betreuerin verweist für diese Aufgabe ausschließlich auf den Vater, sie besteht auf dem Vater.
Unserem Forschungsansatz liegt eine dekonstruktivistische Sichtweise zu Grunde. Wir finden, dass dieser Ansatz dem Arbeitsfeld der JUWO insofern gerecht wird, als die Klienten
der JUWO überwiegend in benachteiligten und benachteiligenden Verhältnissen (ökonomisch und bezogen auf Zugänge zu Bildung und Bildungsabschlüsse) leben. Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten und Benachteiligungen auf Grund des Geschlechts wirken
im Armutsumfeld schwerer. Eine Fragestellung der Studie bezog sich auf die Einengung der
Jugendlichen auf Geschlechtsstereotype, gerade durch die mehrdimensionale Betroffenheit
von Ungleichheit.
Dekonstruktion bezeichnet in der Philosophie eine Praxis der Veränderung die mit der Einnahme veränderter Perspektiven einhergeht. „Dekonstruktion ist demnach die Intervention in
die Anordnung hierarchisierender Opposition. Sie kehrt jedoch nicht nur in einer ersten Geste
die traditionelle Wertung der oppositionellen Pole um. Mit und in der Umkehrung der klassischen Opposition nimmt sie zugleich in einer zweiten Geste eine allgemeine Verschiebung des
Systems vor“ (H. Kahlert, 2000, S.32).
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Dekonstruktivistische Denkansätze bieten der Sozialarbeit Unterstützung bei der Bewältigung komplexer Handlungserfordernisse. Zwar sind dekonstruktivistische Ansätze umstritten, „…weil sie sowohl radikal politische als auch unpolitisch konservativ ausgelegt werden
können“. (E. Appelt, 2000, S.42). Sie ermöglichen jedoch, binäre Gesellschafts- und Denkstrukturen aufzuzeigen. Begreift man Menschen als Teil des Gesellschaftssystems, dann existiert die Freiheit zwischen politischem und unpolitischem Handeln nicht. Jedes Handeln hat
Auswirkungen auf das Ganze. Die menschliche Freiheit bezieht sich darauf, Handlungen absichtsvoll zu treffen, über das Handeln nachzudenken oder einfach zu tun.
Dekonstruktion liegt ein Identitätskonzept zu Grunde, das sich Identität nicht als inneren
Kern im Menschen vorstellt, sondern Identität als ein permanent Hergestelltes, in sozialen
Kontexten Entstandenes versteht. Weiblichkeit und Männlichkeit werden ständig in mehr
oder weniger verschleierten gesellschaftlichen Machtfeldern erzeugt, folglich darf Geschlecht nicht unreflektiert zur Begründung für Handeln oder zur Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse herangezogen werden. Identität ist nicht vom Kontext zu trennen. Sie
wird erst durch Interaktion hergestellt (J. Butler, 1991, S.22ff.).
Dekonstruktivistische Theoretikerinnen wenden sich nicht grundsätzlich gegen Geschlechterdifferenzen sondern gegen die Zweigeschlechtlichkeit sowie gegen die Hierarchisierung
dieser zweigeschlechtlichen Differenzen und grundsätzlich gegen Hierarchisierungen von
Differenzen.
Geschlechter, und insbesondere das weibliche Geschlecht, werden nicht dadurch gemacht, dass eine – in diesem Fall die männliche – Seite dominiert
und die andere Seite nur reagiert. Auch das Geschlecht ist eine Interaktion“ (H. Kahlert, a.a.O., S. 27)
Was Heike Kahlert hier für das Geschlecht beschreibt, gilt analog für das Bewusstsein. Beide
sind dem Handeln nicht vorgelagert, sondern Handeln und Denken bedingen und durchdringen sich immerfort. Die Kommunikation über das Handeln ermöglicht das Verstehen sozialer
Vorgänge und ermöglicht in der Folge Veränderung. Dekonstruktivistischen Denkansätzen
wird attestiert, dass sie theoretisch interessant sind, jedoch kaum Praxisrelevanz hätten (U.
Werthmanns-Reppekus, 2004, S. 54). Die Untersuchungen, die sich daran anschließen müssten, wären Fragen nach den Ursachen: Liegt die fehlende Praxisrezeption an den Mängeln
der Theorie oder vielleicht auch an Beharrungskräften der Praxis?
Ansätze, die Hierarchien in Frage stellen, tragen die Unordnung in sich. Sie bieten denkbare
Möglichkeiten für strukturelle Veränderungen, die Alternativen zur Umkehrung von Hierarchien zulassen. Sie bieten jedoch keine einfachen Lösungen.
Auch ein tiefenpsychologisches Grundverständnis ist ein wertvoller analytischer Bezugsrahmen um Dualismen aufzuspüren. Dualismen wie richtig und falsch beruhen auf einer Vermeidung von Ambivalenzspannungen, die unser Leben und Handeln alltäglich durchdringen
und die im Konfliktfall eine Tendenz haben, verdrängt zu werden. Die Abwehr dieses Spannungsgefühls geht mit Tendenzen zu polarisierenden (feindlichen) Blockbildungen einher.
Ein Ausweg zwischen den Polen richtig und falsch eröffnet sich durch den Fokus auf das
wirklich Gegebene. Während das Gegenteil eines richtigen Satzes ein falscher Satz ist, kann
das Gegenteil eines wahren Satzes wieder ein wahrer Satz sein (Th. Bauriedl, 1986). Das
Kriterium für „wahre Sätze“ übernimmt die Psychoanalytikerin Thea Bauriedl von Heisenberg
und meint:
„« …, dass er fruchtbar zu einer Fülle weiterer Gedanken Anlass gibt». Habermas sagt, dass ein solcher Satz die »Fortsetzung des Bildungsprozesses»
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
ermöglicht. Die (relative) Richtigkeit von Aussagen und Mitteilungen kann
sich also nur an einer am Prozess, nicht am Endergebnis orientierten Betrachtungsweise bestätigen. Der Weg wird in dieser neuen Wissenschaftlichkeit wichtiger als das Ziel, bzw. der Weg ist das Ziel“ (W. Heisenberg, J.
Habermas, zit. nach Th. Bauriedl, 1986, S. 211f.)
Die psychoanalytische Theorie geht in der Geschlechterfrage davon aus, dass alle Menschen
männliche und weibliche Anteile in sich tragen, die Reife einer Person liegt darin, dass sie
die Ambivalenzspannung zwischen den Polen erträgt und nicht mit rigider Spaltung in zwei
getrennte Pole, Rollenstereotype in soziologischer Terminologie, reagiert.
Eine angemessene Haltung zum Forschungsgegenstand entwickelt Helga Bilden in eindeutiger Weise:
„Trotz der Infragestellung der Kategorie Geschlecht bleibt uns nichts, als
uns auf Begriffe und Unterscheidungen einzulassen und mit ihnen zu arbeiten, weil sie als Ergebnis historischer Prozesse wichtig gemacht und wirksam sind … .Entscheidend ist für mich die Einstellung, die Unterscheidung
nicht zu fixieren, sondern auch wieder gehen lassen zu können. Im Übrigen
sehe ich nicht die kategoriale Unterscheidung nach Geschlecht als das
größte Problem an, sondern die Hierarchisierung.“ (H. Bilden, 2006, 45f.)
2.6. Methodik der Studie
Das Erkenntnisinteresse dieser Studie orientiert sich entlang der Linie tatsächlicher geschlechtsorientierter Zuschreibungen, bleibt aber nicht dabei stehen, sondern versucht die
ProfessionistInnen mit Ihren Maßstäben, Werthaltungen, Bildern und Entwürfen ausführlich
einzubeziehen.
In diesem Sinn geht es gleichzeitig um Erkenntnisgewinn und um eine Sensibilisierung für
eine mögliche Weiterentwicklung der Jugendwohlfahrt in Richtung verstärkter Geschlechtergerechtigkeit.
Die vorliegende Arbeit basiert auf drei moderierten Gruppendiskussionen mit Vertretern
der Abteilung Jugendwohlfahrt des Landes Tirol, mit Vertretern der behördlichen Sozialarbeit aus den Jugendämtern sowie mit Vertretern der Kooperationspartner, also betreuenden
Einrichtungen.
In den Gruppendiskussionen wurde ein Kurzvortrag über die Entstehung und Implementierung von Gender Mainstreaming als Einstieg gewählt. Darin wurde verdeutlicht, dass die
Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit nicht dem persönlichen Belieben der beruflich im
Feld der Jugendwohlfahrt Handelnden freigestellt ist. Vielmehr handelt es sich um ein politisches Ziel, das durch Europäische und nationale Rechtsvorschriften vorgegeben ist. GM ist
als Top down Strategie konzipiert, über die Möglichkeiten und Hindernisse bei der Umsetzung gibt es unterschiedliche Ansichten (U Werthmanns-Reppekus, 2004 S.56f).
Die moderierten Themenbereiche im Diskussionsteil bezogen sich auf die Bedeutung des
Themas Geschlecht in der Jugendwohlfahrt. Dabei wurde die persönliche und fachliche Einschätzung angesprochen. Es wurde gefragt ob eine verstärkte Bezugnahme auf das Geschlecht wünschenswert/ notwendig erscheint. Schließlich wurde diskutiert, mit welchen
Wirkungen (Effekten, Komplikationen) bei einer größeren Bedeutung von GM zu rechnen,
und zwar sowohl auf der Ebene der MitarbeiterInnen als auch bei den KlientInnen.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Im qualitativen Erhebungsteil wurden darüber hinaus 22 Vertiefungsinterviews mit MitarbeiterInnen der Jugendwohlfahrtsbehörden sowie der Kooperationspartner geführt, davon
acht Interviews mit EinrichtungsleiterInnen.
Diese Interviews waren problemzentriert angelegt. Die Einstiegsfrage bildete jeweils die
Frage nach den Problemen von Kindern- und Jugendlichen aus der Sicht der ExpertInnen. Die
Bedeutung des Themas Geschlecht in der Jugendwohlfahrt, sowie die Präsenz von Geschlecht als Thema in Fallbesprechungen und in der Interaktion zwischen Behörde und Kooperationspartnern waren weitere angesprochene Bereiche. Damit wurden Einbettungen und
Situationen des sozialarbeiterischen Berufsalltags fokussiert, welche die PraktikerInnen als
unmittelbar geschlechtsbezogen erleben. Den Abschluss der Experteninterviews bildete jeweils die Frage nach der Einschätzung der größten Probleme von Kindern- und Jugendlichen
aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen.
In einer breiten standardisierten schriftlichen Befragung wurden die MitarbeiterInnen
aller Jugendwohlfahrtseinrichtungen eingeladen, ihre Einschätzungen und Bewertungen zur
Thematik abzugeben.
Eine Interviewserie mit 15 Jugendlichen, die sich aktuell im stationären Kontext von Einrichtungen der JUWO befinden, rundete die qualitative Datenerhebung ab.
Die Interviews und Gruppendiskussion wurden transkribiert und codiert. Die breite Einarbeitung des empirischen Materials im Wortlaut soll in dieser Studie möglichst authentische
Einblicke in die Praxis der Jugendwohlfahrt in Tirol schaffen. Deutungszusammenhänge und
Ableitungen wurden mit weiterführenden theoretischen Bezügen versehen, um dem Anspruch nach der Schaffung von Perspektiven gerecht zu werden.
Eine Analyse vorliegender administrativer Daten der JUWO Tirol untersuchte den Genderbezug und entwickelte Vorschläge für eine entsprechende Vertiefung der Datenerfassung.
Die Zusammenschau von Jahresberichten der Kooperationspartner ging der Frage nach, wie
dort der Geschlechterbezug hergestellt wird, welche geschlechterbezogenen Aussagen in
den Leistungsdarstellungen der Einrichtungen gemacht werden und welche Perspektiven
daraus entstehen.
Eine Gefahr bei diesem Zugang zum Forschungsgegenstand bietet die implizite Kontrolle,
die Wissenschaft gegenüber der Praxis einnimmt. Das Verhältnis von Praxis und Forschung
wurde von PraxisforscherInnen vielfach thematisiert. Die gegenseitige Angewiesenheit bzw.
Abhängigkeit kann Verbundenheit zwischen den unterschiedlichen Handlungsfeldern herstellen. Autonomie und Bezugnahme im aufeinander angewiesen sein, sowie das individuelle Bemühen um Wertschätzung bildet die Grundlage. Maria Bitzan sieht in Konfliktorientierung, die den Streit nicht sucht und die Auseinandersetzung trotz Scheu riskiert, eine Möglichkeit den unterschiedlichen Ansprüchen von Forschung und Praxis gerecht zu werden. Ein
gemeinsames Drittes Interesse soll Hilfestellung beim Ringen um gegenseitige Anerkennung
und Verständigung von Forschung und Praxis bieten. Das Wohl der Kinder wird als verbindendes Drittes, als Grundlage kollektiver Verbundenheit gedacht (M. Bitzan, 2004, S. 300ff).
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
3.
Diskussion der amtlichen Datenerfassung mit Bezugnahme auf Geschlechtsspezifika
Insgesamt erscheint die Datenerfassung über die amtliche Statistikvorlage (Stammdatenblatt der Einrichtung, nicht stationäre Einrichtungen, stationäre Einrichtungen) zwar als
Erfassung von Einzelparametern hinlänglich. Im Bezug zur Datentiefe, die in den einzelnen
Einrichtungen, bei den Kooperationspartnern, über die intensive Einzelfallerfassung und –
bearbeitung erfolgt, bleiben aber im Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach einer geschlechtsdifferenzierten Gesamtschau viele Zusammenhänge verschlossen. An einigen Stellen werden zwar geschlechtsdifferenzierte Erfassungen in der Amtsstatistik gemacht, diese
Differenzierungen sind jedoch nicht konsequent auf die qualitativen Einzeldimensionen der
Erfassung angewendet.
Gerade die Tirolweite Zusammenfassung der aggregierten Einzeldaten aus den Individualbetreuungen erscheint als wichtiges Monitoringinstrument, also zur Beobachtung der
Leistungs- und Inanspruchnahmeentwicklungen im Längsschnitt; damit könnten immer wieder Trends evaluiert werden und es ließe sich damit eine geschlechtsdifferenzierte Aussage
über die Veränderung der Angebotslandschaft unaufwändig in die Steuerung der Gesamtentwicklung integrieren.
Nicht zu vernachlässigen ist die feldstrukturierende Wirkung die von der Statistikvorlage
ausgeht: Das was die Steuerungsinstanz vorgibt, wird in der Breite der Einrichtungen als
Standard etabliert und vollzogen. Das heißt, dass in der Aggregierung und Verdichtung der
Einzeldatensätze in den Einrichtungen bei den Kooperationspartnern eine entsprechende
Anlehnung an die amtliche Vorgabe zu beobachten ist, sodass insgesamt die Genderperspektive auf der Ebene der quantitativen Datenverarbeitung und –analyse vielfach nur schwach
ausgeprägt bleibt.
Dies steht in starkem Kontrast zur intensiven Genderexpertise, die in der praktischen Einzelfallarbeit der Jugendwohlfahrt Tirol und seiner Kooperationspartner entsteht. Hinter jedem
professionell geführten Einzelfall stecken aufwändige Überlegungen und Konzeptionen, die
sich auf Gender (im umfassenden Sinn dessen was Geschlecht bedeutet) beziehen. Im Gegensatz dazu werden selbst einfache quantitative Aussagen über Geschlechterzusammenhänge des Gesamtsystems über eine geschlechtsneutrale statistische Datenzusammenschau
unmöglich.
Mit Bezug auf die uns vorliegenden Erfassungsbögen erscheinen folgende Ergänzungen als
minimal gehaltene Verbesserungsvorschläge sinnvoll:
3.1. Statistik-Stammdatenblatt
Beim Stammdatenblatt erscheint es sinnvoll, bei Pkt. 11, der Erfassung der Mitarbeiterinnen, zusätzlich auch eine Spalte für das Geschlecht (bzw. die Anrede) einzubauen, um entsprechende geschlechtsspezifische Gesamtauswertungen zu fördern (die leichter fallen,
wenn nicht erst über eine Vornamensanalyse eine Codierung erfolgen muss). Diese Auswertungen könnten sich z.B. auf die erfassten Beschäftigungsintensitäten und die Fortbildungstage beziehen und würden eine weitere Beobachtung des Geschlechterverhältnisses
auf der BetreuerInnenseite erleichtern.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
3.2. Statistik für nicht stationäre Einrichtungen:
Hier könnte eine konsequentere Erfassung bzw. Zuordnung nach Geschlecht in einigen Erfassungsbereichen ohne wesentlichen Mehraufwand ein deutlich klareres Bild über die Leistungszuordnungen bringen. Bei Pkt. 2 ließe sich mit einer geschlechterdifferenzierten Erfassung abklären, ob es bei Burschen oder Mädchen auffällig stärkere Einmalkontakte gibt.
Über dieses formale Kriterium könnten im Abgleich mit dem Befassungsgrund (Pkt. 11) verdeckte geschlechtsspezifische Betreuungsunterschiede zwischen Mädchen und Burschen
transparent werden.
Pkt. 7 differenziert den Aufenthalt der betreuten Kinder/Jugendlichen. Eine Trennung zwischen Burschen und Mädchen würde Erkenntnisse über die Verteilung der Zuordnungen bringen, z.B. bei alleinerziehenden Müttern. Damit könnten u.U. allgemeine Beobachtungen mit
einer entsprechenden Datengrundlage verifiziert und quantifiziert werden.
Unter Pkt. 9 wird die Anregung der Befassung festgehalten. Auch hier könnte eine geschlechterdifferenzierte Erfassung möglicherweise auffällige Geschlechterselektionen im
Zuweisungsweg aufdecken.
Pkt. 11 spezifiziert den Grund der Befassung. Hier erscheint eine geschlechtsdifferenzierte
Erfassung besonders angebracht. Einerseits wird dadurch ein möglicher Genderbezug der
Problemlagen von Mädchen und Burschen deutlicher abgrenzbar. Auf der anderen Seite lässt
sich leichter überprüfen, ob das ambulante System in die einzelnen Notlagen bzw. Anforderungsmuster seitens des Klientels entsprechend intensiv eingebunden ist. Trends und Veränderungen könnten in einer Längsschnittbeobachtung deutlichere Hinweise auf veränderte
oder unterschiedliche Bedürfnisse von Mädchen und Burschen geben.
3.3. Statistik für stationäre Einrichtungen
Eine geschlechtsdifferenzierte Erfassung der Anwesenheitstage (Pkt. 2a) würde eine genauere Durchrechnung und Zuordnung des Betreuungsangebots als eine Stichtagserfassung ermöglichen. Ebenso bietet eine geschlechtsdifferenzierte Aufschlüsselung der Abgänge (Pkt.
13) einen Ansatz, um allfällige Unterschiedlichkeitsmuster in der Betreuung von Burschen
und Mädchen erkennen und quantitativ belegen zu können.
Aus den vorliegenden Daten (Berichtszeitraum 2004) lassen sich zwei wesentliche geschlechtsbezogene Zusammenhänge, die sich auf die volle Erziehung in stationären Einrichtungen beziehen, darstellen.
Mädchen stellen zur Stichtagsfeststellung 44 Prozent des Klientels in den stationären Einrichtungen, Burschen 56 Prozent. Die Altersdifferenzierung zeigt bei einer weitgehenden
Geschlechterparität bei den Unter-6-Jährigen und Über-18-Jährigen zwei massivere Verschiebungen: Bei den 6-13 Jährigen dominieren die Burschen (quantitativer Beleg für die
frühere Auffälligkeit von Burschen und den altersmäßig früheren Transfer in das stationäre
System der JUWO), bei den 14-18 Jährigen überwiegt der Mädchenanteil. Wichtige Anmerkung bei dieser Datenschau bleibt der Verweis auf das komplementär wirkende stationäre
Gesundheitssystem, das eine bedeutende Rolle mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie
spielt, wo eine alternative Unterbringung und Betreuung im Rahmen von (auch länger angelegten) stationären Aufenthalten erfolgt. In einzelnen Interviews und Workshops wurde von
den Fachleuten mehrfach darauf verwiesen:
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Es ist ja oft die Entscheidung zwischen Klinik und einem freien Träger und
da ist es wiederum so, dass im Bereich der freien Träger, die was Schutz
gewährleisten, also Opferarbeit machen und auch noch Betten zusätzlich
haben neben der Beratung, dass es da nicht viel gibt. Ob das jetzt Selbstverletzungen sind, in einem Bereich wo im Hintergrund vom Familienkonflikt dann so etwas entsteht wie Bulimie oder Selbstverletzung, gibt es
dann auch wenig.“
Verteilung in stationären Einrichtungen
nach Alter und Geschlecht
>18
14-18
6-13
w
<6
0%
m
10%
20%
30%
40%
50%
60%
<6
6-13
14-18
>18
w
9,45%
29,82%
52,73%
8,00%
m
9%
41%
44%
6%
Ein zweites interessantes Detail, das auch Strukturfragen der stationären Angebotslandschaft berührt, betrifft die geschlechtsspezifische Verteilung nach Einrichtungsgröße. Hier
lässt sich zeigen, dass Mädchen in kleineren Einheiten deutlich stärker repräsentiert sind
und umgekehrt Burschen verstärkt in größeren Einrichtungen untergebracht sind. (Die Zahlen in Klammer beziehen sich auf die Belegungsintensität).
Geschlechtsspezifische Verteilung nach Größe der
stationären Einrichtung
groß (41-80)
m
mittel (20-39)
w
klein (<20)
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
klein (<20)
mittel (20-39)
groß (41-80)
m
39%
60%
62%
w
61%
40%
38%
70%
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Neben den quantitativen Zuordnungen wäre eine qualitative Ergänzung der jährlich erhobenen Bestandsdaten mit geschlechtsspezifischen Beobachtungen hilfreich. Aus der Dokumentenanalyse der Jahresberichte im operativen Feld (Kooperationspartner) geht hervor, dass
neben allgemeinen theoretischen Annahmen, Zielvorstellungen, Forderungen und gesellschaftspolitischen Ansichten ein durch professionelles Handeln und empirische Erfahrung
fundiertes Bild der Jugendwohlfahrtspraxis in Tirol entstehen könnte.
Ableitungen zum jeweiligen Geschlechterbezug und die Durchleuchtung auf Geschlechtsspezifika sollten in einer jährlichen Zusammenschau der Erkenntnisse über die einzelnen Einrichtungen hinweg möglich sein. Dieser vernetzende, übergreifende Blick stützt sich derzeit
in erster Linie auf Meinungen, Teilwahrnehmungen, Ansichten und Vermutungen. Ein verbindlicher Bezug wäre hier wünschenswert, da er die gemeinsame Diskussion zum Thema
Geschlechtergerechtigkeit fördern könnte und die Beweglichkeit des Gender-Konzepts in
einer Praxis immer wieder neu zu überprüfender Bedingungen und Annahmen hinreichend
lebendig halten würde.
Diese qualitativen Aussagen könnten einen jährlich immer wieder neuen Fokus erhalten und
sich beispielsweise auf die Erfahrungen in der Vereinbarungspraxis mit der Jugendwohlfahrtsbehörde beziehen, Erfahrungen aus geschlechtsbezogenen methodischen Settings in
den Mittelpunkt stellen oder Institutionsspezifische Hypothesen (zu eigenen geschlechtsbezogenen Annahmen und Modellen) überprüfen.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
4.
Dokumentenanalyse von Jahresberichten der
Kooperationspartner
Die einzelnen Jahresberichte und Konzepte unterscheiden sich in der Art der Bezugnahme
auf Geschlecht auf mehreren Ebenen.
Zunächst wird eine stark unterschiedliche Bewertung des Einflussfaktors „Geschlecht“ auf
die Jugendlichen und die jeweilige Organisation vermittelt. Kommt in einem Fall dem Geschlecht intensive Aufmerksamkeit zu (z.B. über die Thematisierung von parteilicher Mädchenarbeit und deren Verankerung im Organisationskonzept) spielt Geschlecht in anderen
Berichten keine Rolle oder es werden Exklusionskriterien (wie Wohnungslosigkeit, Armut)
als unmittelbar wesentlich in den Mittelpunkt gestellt. Schließlich erscheinen in einer vierten Variante Faktoren wie das Alter der Betreuten als zentrale Bezugsgröße.
In einigen Jahresberichten wird die Einführung geschlechtshomogener Angebote für Mädchen oder Burschen in Einrichtungen dargestellt. Das doing gender wird damit über das
Setting konstitutiert: Das „Men only“ einer Burschengruppe setzt beispielsweise zunächst
voraus, dass es jedem und jeder offensichtlich ist, wer hier „Mann“ ist und was es bedeutet,
ein „Mann“ zu sein, was in einer komplexeren Sichtweise der Konstitution von Gender nicht
so selbstverständlich sein muss. Die Reflexion des Geschlechts- und Geschlechtsrollenbezugs
bei Angeboten wie „Men only“ ist im weiteren Verlauf dieses Angebots intendiert und anzunehmen; über die Forcierung der Geschlechtshomogenität entsteht jedoch ein unmittelbarer
Wahrnehmungsreflex. Spannend wäre die Frage, wie weit dieser Wahrnehmungsreflex einer
Identitätsstiftenden Abgrenzung(-sbarriere) („Men only“) im weiteren Prozess wieder aufgeweicht und in eine breitere Auseinandersetzung auch mit den zunächst Ausgeschlossenen
gebracht werden kann.
Der Zusammenhang zwischen Geschlecht und professionellem Handeln wird in einigen Berichten angedeutet aber wenn dann nur ansatzweise als Teil des Leistungsberichts ausgeführt. In vielen Jahresberichten und Dokumentationen fehlen hier über die (biologische)
Geschlechtsangabe der Kinder/Jugendlichen hinausreichende Differenzierungen völlig.
In einzelnen Jahresberichten wird auf die Unterschiedlichkeit zwischen Burschen und Mädchen bzw. auf die Notwendigkeit eines geschlechtsangepassten Angebots hingewiesen, in
vielen Berichten verschwindet Geschlecht als Kategorie und Bezugssystem in einer Geschlechtsneutralität.
Generell lassen sich in den Leistungsdarstellungen der Jahresberichte aus den geschlechtsbezogenen Differenzierungen kaum Rückschlüsse auf das geschlechtsbezogene Wie des institutionellen Handelns ziehen. Von daher entwickelt sich auch kein direktes Bild der geschlechtsbezogenen Verteilung der Ressourcen. Auf die geschlechts- und altersdifferenzierte
Darstellung der Fallzahlen folgen in der Regel keine weiterführenden geschlechtsbezogenen
Differenzierungen in der Darstellung des institutionellen Handelns und der Wirkzusammenhänge.
Aus der Mehrzahl der Jahresberichte geht hervor, dass einerseits intensive individuelle Fallaufzeichnungen (inkl. Anamnese, Diagnostik, Fallführung etc.) mit einer anzunehmenden
besonderen (professionellen) Bezugnahme auf das Geschlecht entstehen. Auf der anderen
Seite werden diese qualitativen Einzelstränge auf der Ebene der veröffentlichten Leistungsberichte nicht weiter miteinander verwoben und zu einer Fall- und Institutionenübergrei-
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
fenden, in den sozialen Raum gestellten empirisch belegten Expertise des Geschehens der
Jugendwohlfahrt in Tirol verdichtet.
Die vorliegenden Statistikbedürfnisse des Auftraggebers – der JUWO-Behörde - haben damit
auch feldstrukturierende Wirkung: Fallzahlen werden in der obersten Ebene nach Geschlecht
unterschieden und damit scheint das Thema Geschlecht vermeintlich eindeutig bewältigt.
Wirkzusammenhänge, geschlechtsbezogene Interventionsmuster und eine geschlechtsbezogene Hierarchisierung des Handelns im Gesamtsystem der JUWO Tirol bleiben ausgeblendet.
Dass Genderzusammenhänge nicht bei der Feststellung des Geschlechts der betreuten Kinder
und Jugendlichen enden, wird in einzelnen Jahresberichten an Settingdarstellungen festgemacht, wie z.B. in der Argumentation für geschlechtshomogene oder geschlechtsdifferenzierte Betreuerpaare. Die Anbindung dieser Argumentationen in einen Gesamtzusammenhang geschlechtsbezogener Betrachtung, Theorie und der Analyse praktischer Erfahrungen
bleibt aber spannende Zukunftsaufgabe.
Insgesamt werden in den Jahresberichten an vielen Stellen intensive Ansprüche an das eigene Arbeiten und auch an die Gesellschaft formuliert. Gerade das Format eines zusammenfassenden Jahresberichts könnte sich auf die Darstellung und Analyse von erbrachten und
damit erfahrenen Leistungen stützen und die Transponder-Funktion im einjährigen synchronen Schnitt nutzen. Die anspruchsvollen Zielsetzungen erscheinen hier in einem gewissen
Kontrast zu den empirischen Belegen und Ausführungen insbesondere was die Genderthematik anlangt.
Die aus der fachspezifischen Arbeit, den explizit fachlichen Erwägungen entstehenden empirisch gestützten Belege könnten eine systematisch nutzbare Erkenntnisbasis bilden, die
nicht nur auf bestehende – in der Natur der Sache auch kontroversiell diskutierte - Theorie
verweist - sondern intensiv durch Erfahrung und Erfahrungswissen aus dem regionalen Raum
belegt ist.
Die hinter der reduzierten empirischen Datengenerierung bzw. –aufbereitung stehenden
Motivationen sind nicht nur durch einen oberflächlichen Mangel oder durch eine Überforderung der dafür notwendigen Ressourcen begründet, wie aus den folgenden Interviewpassagen hervorgeht:
„Unsere Jahresberichte haben denke ich inhaltliche Texte drinnen, die auf
Geschlecht Bezug nehmen. Und haben auch Statistik drinnen, die was Zahlen
enthält, wo weniger drauf eingegangen wird.“
„Weil das ist irgendwie auch jeder Jahresbericht, das ist in Einzeltexten verfasst worden. Und grade was das angeht, was Statistik angeht, was diese Erkenntnis angeht, was ich draus ziehe, bin ich jetzt ganz stark ein Verfechter
von einer Oberflächlichkeit. Ich versuche möglichst wenig Spuren zu hinterlassen und nur wenn es unbedingt notwendig ist, damit Jugendliche wieder
etwas versuchen können weiter.“
„Und ich habe vielleicht durch meine Haltung, durch die Beziehung, was dagewesen ist, eine Spur hinterlassen, was in dem Bereich mit feministischen
Themenbereichen, was ich für mich absichtlich so nenne, zu tun hat. Und viel
mehr hat für mich nicht Platz. Viel mehr will ich auch nicht. Das ist für mich
der Versuch von sehr sensiblem Umgang mit Menschen und deren Eigenverantwortlichkeit. Und das trifft sowohl bei Mädchen als auch bei Burschen zu.
Also diese Sensibilität. […] Aber die Statistik ist mir dabei wurscht. Da ist
mir lieber ein inhaltlicher Text, der was sich mit der Problematik von Mädchen in diesem Kontext auseinandersetzt. Dann schreibe ich den Bericht, verSeite 24
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
suche ich über den Inhalt etwas zu vermitteln und etwas zu bewegen. Wenn
das in der Zahl hinten drinnen steht, ja, ist mir jetzt weniger wichtig.“
Das in der letzten Interviewpassage zutage tretende Bedürfnis nach intensiver Individualisierung des Handelns macht darauf aufmerksam, dass die Forderung nach Vergemeinschaftung des im individuellen Handeln (in den einzelnen Organisationen der JUWO und seiner
Kooperationspartner) erworbenen Wissens ein unverzichtbarer Bestandteil einer gemeinsamen Entwicklung der Jugendwohlfahrt bleiben muss.
Seite 25
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.
Die MitarbeiterInnen der JUWO Tirol und der
Kooperationspartner
Geschlechtergerechtigkeit als Anliegen für die Jugendwohlfahrt wird in dieser Studie umfassend verstanden. Die MitarbeiterInnen der Jugendwohlfahrt Tirol als RepräsentantInnen und
die Institutionen und Organisationen als Ganzes haben in der Vermittlung eine mehrfache
Rolle:
als Werteträger individueller und sozialer Orientierungen
in der Sozialisierung der Menschen, mit denen sie zu tun haben
im Abstecken von Territorien
als Teil der Sozialstruktur des Landes Tirol.
Der breite Einbezug von MitarbeiterInnen im Bereich der Jugendwohlfahrt in Tirol war neben einer Vielzahl an Interviews und Workshopbeiträgen daher auch Gegenstand einer standardisierten schriftlichen Befragung für die ein vierseitiger, grafisch aufbereiteter schriftlicher Fragebogen entwickelt wurde (s. Anhang).
5.1. Durchführung und Beteiligung
Dieser Fragebogen wurde mit einem Begleitschreiben, das eine Autorisierung durch den Auftraggeber enthielt, Ende November 2006 an die Kooperationspartner und die Jugendwohlfahrtsämter Tirol ausgesendet. Um einen entsprechenden Fachbezug zu gewährleisten, wurden MitarbeiterInnen mit entsprechender Fachausbildung und einer mindestens halbtägigen
Beschäftigung in der jeweiligen Einrichtung angesprochen.
Einstellungen von MitarbeiterInnen, die Wahrnehmung der gegenwärtigen Situation sowie
die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen interessierten nicht zuletzt hinsichtlich einer
Dimensionierung allfälliger Unterschiedlichkeiten zwischen JUWO-Behörde und freien Trägern.
Die einzelnen Fragestellungen sind direkt aus Interviews mit PraktikerInnen entstanden.
Einem eher technischen Ansatz des Gender-Mainstreaming wurde in der Fragestruktur daher
auch weniger Raum gewidmet.
Die Beteiligung war erfreulich rege und der Rücklauf erbrachte bei 200 versendeten Frage3
bögen 104 auswertbare Retourexemplare, wobei sowohl die Amtsseite als auch die Ebene
der Kooperationspartner repräsentativ vertreten sind.
3
Die Aussendung erfolgte an die Ämter für Jugendwohlfahrt in den einzelnen Bezirken sowie die Kooperationspartner der JUWO Tirol, wobei je Kooperationspartner im Durchschnitt etwa 7 Fragebögen versendet wurden
mit der Aufforderung bei zusätzlichem Bedarf eine weitere Zusendung anzufordern.
Seite 26
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.2. Strukturdaten
JUWO Mitarbeiter/-innenbefragung
Behörde
Kooperationspartner
w
48%
52%
n=104 P.
m
16%
84%
Gesamt
40%
60%
Das Beteiligungsverhältnis an der Fragebogenuntersuchung zwischen Behörde und freien
Trägern beträgt 40 zu 60, wobei ein ausgewogenes Verhältnis bei den Mitarbeiterinnen gegeben ist, der Anteil männlicher Mitarbeiter aus der Behörde aber markant unter jenem der
freien Träger liegt.
w
m
Behörde
90%
10%
Kooperations
partner
66%
34%
Gesamt
76%
24%
Das Geschlechterverhältnis bei den MitarbeiterInnen ergibt einen deutlich stärkeren Frauenanteil von etwa 3:1. Bei den freien Trägern liegt die Quote bei 2:1, in der Behörde bei 9:1.
Die Amtsquote wird aus interner Sicht (der Behörde) in einem Workshop u.a. so erklärt:
„Es gibt Jugendämter, die ausschließlich von Frauen besetzt sind, weil sie
keinen Mann kriegen, da geht keiner hin! Entweder ist die Übermacht so
groß, dass sich keiner mehr hintraut, möglicherweise, weil das ist eine Frauenwirtschaft, nicht. Und jetzt als einzelner Mann sich dort zu bewerben? Vielleicht trauen sie sich nicht, ich weiß es nicht. Hingegen bei privaten Institutionen, auch stationären Einrichtungen sind durchaus ein recht ein hoher
Prozentsatz männliche Mitarbeiter, die auch im Jugendbereich tätig sind.“
Die Interviews mit MitarbeiterInnen enthalten zahlreiche Bezugnahmen auf den Umstand,
dass diese starke Präsenz der Frauen auch vor dem Hintergrund des Mangels einer größeren
Zahl an männlichen Mitarbeitern – und im Vorlauf an männlichen Stellenbewerbern - gesehen wird.
„Bei den Mitarbeitern wäre es vom Konzept her gleich, aber wir finden nicht
so viele Männer. Das heißt, es kommen oft drei Frauen und ein Mann.
„Wir haben insgesamt ungefähr 200 MitarbeiterInnen, davon sind 80%
Frauen und 20% Männer. Und wir sind ständig auf der Suche nach Männern.“
„Das bringt bei uns sehr viel Unruhe dieser hohe Frauenanteil, weil einfach
20 bis 30 ständig in Mutterschutz oder Karenz sind und man Familien neu
besetzen muss, rechtzeitig dafür sorgen muss, dass jemand anderer übernimmt. Wir natürlich auch einen recht hohen Anteil haben, wenn es schon so
viele sind von Leuten, die plötzlich in Karenz gehen müssen, wo dann die
Wechsel sehr schnell passieren und nicht so gut vorbereitet werden können.
Also bei uns spielt sich da auf der Personalebene - da ist es einfach turbulent
dadurch und wir suchen auch ständig Männer.“
Dieser Umstand wird unter anderem so interpretiert, dass die Perspektiven in helfenden
Berufen von Männern mehrheitlich als weniger attraktiv eingeschätzt werden und es dadurch auch in der Ausbildungs- und Berufswahl zu entsprechenden Verschiebungen kommt.
Seite 27
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Aufgabe der Professionen im Bereich der Jugendwohlfahrt ist es daher, an einer Korrektur
der mit helfenden Berufen verknüpften Rollenbilder und –stereotypen mitzuwirken. Dass
diese auch in der Binnensicht der Jugendwohlfahrt wirken, zeigt eine Gesprächsvignette aus
den Workshops:
„Maria: Ich glaube ja, dass Männer die in dem Bereich arbeiten nicht unbedingt den typischen Mann darstellen.
Franz: Mmhm!
Maria: Die sind einfühlsamer als die Masse der Männer, die in der Wirtschaft
draußen in ganz anderen Sparten sind.“
Eine Mitarbeiterin der Jugendwohlfahrtsbehörde des Landes charakterisiert die Geschlechtsrollenverteilung in ihrer faktischen Ausprägung in Tirol: „Ich hätte so den Eindruck, Erziehen
ist weiblich bei den stationären Einrichtungen.“
Entsprechend wird die Rollenverteilung von der Leiterin eines freien Trägers beschrieben: „Im Heimbetrieb haben wir 13 Frauen und wir haben jetzt
nur einen einzigen Mann, der Freizeitgestaltung macht, der kommt dreimal in
der Woche am Nachmittag und macht Freizeitgestaltung.“
Dass die Geschlechtsrolleneinschränkung tief gehen kann, zeigen an dieser Stelle aufschlussreiche Details beim Versuch von Einrichtungen, ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis im Mitarbeiterteam zu erreichen und z.B. in der Frage des Kompetenzverlusts von
Männern gegenüber Kleinkindern an Grenzen stoßen:
„Weil das auch ganz schwierig ist, für das Alter Männer zu finden, also sobald es darum geht, ein Kind ist eventuell zu wickeln oder was, springen die
meisten ab.“
„Und es bewerben sich sehr viel weniger Männer und wenn sie sich bewerben,
ziehen sie sich dann auch zurück, wenn man Details berichtet.“
„Wir haben auch mehr kleine Kinder, weniger Jugendliche. Haben eben im
stationären Bereich keinen einzigen männlichen Mitarbeiter, sind immer wieder bemüht und auf der Suche danach, kriegen aber massive Absagen dann,
wenn es heißt, okay, da sind Dreijährige in der Gruppe. Da gibt es meistens
einen Rückzieher. Wo sich heute Jugendgruppen sicher leichter tun, das ist
dann auch immer ein Thema, also mit Jugendlichen gerne, Kleine nein danke.“
In einigen Einrichtungen herrscht aber auch Geschlechterparität bei den MitarbeiterInnen,
auf die besonders Wert gelegt wird:
„Unser Team ist so gestaltet, dass wir halbe halbe sind, wenn bei uns ein
Mann geht, dann wird ein Mann nachbesetzt und wenn eine Frau geht eine
Frau… Wir haben wirklich halbe halbe bei uns, wir arbeiten alle 35 Stunden,
mit unterschiedlichen Zusatzaufgaben aber alle gleich viel.“
Seite 28
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Berufserfahrung
>10J.
5-10J.
-5J.
w
41%
16%
43%
m
24%
24%
52%
Gesamt
37%
18%
45%
Die Berufserfahrung der RespondentInnen im Jugendwohlfahrtsbereich beträgt mehrheitlich
weniger als 10 Jahre. Geschlechtsspezifisch betrachtet fällt der deutlich höhere Anteil langjährig berufserfahrener Frauen auf (41 Prozent), der fast doppelt so hoch ist wie jener bei
den Männern. Bei den Männern bilden die Berufseinsteiger die stärkste Gruppe. Insgesamt
lässt sich daraus ableiten, dass Frauen in der Vergangenheit deutlich länger im Berufsfeld
geblieben sind als die Männer und dass im Einstiegsbereich leicht verstärkt Männer nachrücken. Auf die Männer bezieht sich folgende Wahrnehmung aus einem Workshop:
„Nur, die Männer haben keine Erzieherausbildung, sondern in der Regel sind
die überqualifiziert. Und die arbeiten nur relativ kurze Zeit da, z.B. Psychologen, die an sich nicht die richtige Ausbildung jetzt haben.“
Seite 29
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.3. Ab welchem Alter spielt das Geschlecht der Kinder/Jugendlichen
eine spürbar wichtige Rolle?
f2/Ab welchem Alter spielt das
Geschlecht der Kinder/Jugend-lichen eine
stärkere Rolle?
0-5J.
6-10J.
11-15J.
>16J.
Behörde
31%
32%
32%
5%
Kooperations
partner
31%
32%
37%
%
Gesamt
31%
32%
35%
2%
Geschlecht im individuellen wie sozialen Vollzug wird mehrheitlich – von fast zwei Drittel –
auch schon vor Einsetzen der in den letzten Jahrzehnten lebenszeitlich deutlich nach vorne
gerückten Pubertät als wesentliche Gestaltungskategorie gesehen. Die Art der beruflichen
Eingebundenheit (Behörde oder freier Träger) hat hier keinen Einfluss auf die persönliche
Einschätzung. Auch das Geschlecht der Befragten variiert das Ergebnis nur marginal.
Beachtenswert ist der Umstand, dass 69 Prozent der ProfessionistInnen eine stärkere Geschlechtsrollenwirkung erst ab dem Schuleintrittsalter annehmen, wobei insgesamt mehr als
zwei Drittel der Befragten mit der Altersgruppe der Unter-6-Jährigen beruflich Kontakt hat
oder hatte.
Seite 30
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.4. Gibt es Ihrer Einschätzung nach in der Tiroler Jugendwohlfahrt geschlechtsspezifische Benachteiligungen für Mädchen oder Buben/Burschen?
f3/Gibt es Ihrer Einschätzung nach in der
Tiroler Jugendwohlfahrt
geschlechtsspezifische
Benachteiligungen für Mädchen oder
Buben/Burschen?
ja
nein
w
28%
72%
m
37%
63%
Gesamt
30%
70%
Drei von sieben MitarbeiterInnen orten geschlechtsbezogene Diskriminierungen und Benachteiligungen im System der Tiroler Jugendwohlfahrt. Die Art des Beschäftigungsverhältnisses (Behörde vs. freier Träger) hat keinen Einfluss auf das Ergebnis.
f3/Gibt es Ihrer Einschätzung nach in
der Tiroler Jugendwohlfahrt
geschlechtsspezifische
Benachteiligungen für Mädchen oder
Buben/Burschen?
ja
nein
w
28%
72%
m
37%
63%
Gesamt
30%
70%
Einen wahrnehmbaren Unterschied gibt es in der Einschätzung zwischen Frauen und Männern, wobei interessanterweise die Männer hier in stärkerem Maß geschlechtsbezogene Benachteiligungen reklamieren.
f3/Gibt es Ihrer Einschätzung nach in
der Tiroler Jugendwohlfahrt
geschlechtsspezifische
Benachteiligungen für Mädchen oder
Buben/Burschen?
ja
nein
>10J.
18%
82%
5-10J.
44%
56%
-5J.
34%
66%
Gesamt
30%
70%
Der stärkste Einflussfaktor auf das Ergebnis ist die Berufserfahrung: So antworten nur 18
Prozent der langjährigen MitarbeiterInnen positiv auf die Frage. Dies könnte auch mit einer
stärkeren Identifikation der eigenen Arbeit als integralem Teil des Gesamtsystems zusammenhängen.
Seite 31
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.4.1.
Wer wird benachteiligt: Mädchen oder Buben/Burschen?
f3a/Wer wird benachteiligt: Mädchen
oder Buben/Burschen?
Mädchen
Burschen
beide
Behörde
61%
31%
8%
Kooperations
partner
33%
33%
34%
Gesamt
45%
32%
23%
In der Zuordnung geschlechtsspezifischer Benachteiligungen werden diese mehrheitlich den
Mädchen zugeordnet, wobei fast ein Viertel der Befragten eine beidseitige Benachteiligung
für Mädchen und Burschen feststellt. In der Behörde überwiegt die Sicht einer Eindeutigkeit
in der Benachteiligung von Mädchen.
f3a/Wer wird benachteiligt: Mädchen
oder Buben/Burschen?
Mädchen
Burschen
beide
w
54%
32%
14%
m
22%
33%
45%
Gesamt
45%
32%
23%
Frauen sehen mehrheitlich Mädchen benachteiligt, wobei 46 Prozent der Frauen auch Burschen bzw. beide Geschlechter als benachteiligt wahrnehmen. Männer ordnen eine geschlechtsspezifische Benachteiligung stärker den Burschen zu; größte Zustimmung findet
bei den männlichen Mitarbeitern die Aussage, dass geschlechtsspezifische Benachteiligung
beide Geschlechter treffen kann.
Ein Vertreter einer stationären Einrichtung ortet die Benachteiligung von schwer gehandicapten Burschen im Bereich einer erweiterten Überforderung sich immer noch (klassisch
männlichen) Leistungsanforderungen stellen zu müssen. Der Weg in einen eigentlich notwendigen therapeutischen Rahmen ist für Burschen in der weise eher verstellt als für Mädchen, als sie aufgrund ihres Verhaltens eher diszipliniert und damit fortgesetzt pädagogisch
und nicht therapeutisch behandelt werden würden:
„Weil bei Mädchen, wenn es eine Problemkumulation gibt, und ich habe ja
nur die schwierigsten Jugendlichen in Betreuung, geht es schnell in therapeutische Missionen rein. Und weil Mädchen erregen höchstes Mitleid, Bedauern
und Verständnis. Während Burschen bei Problemkumulation man eher nach
der Polizei und nach dem Gefängnis ruft oder nach einem Leistungskontext,
den sie nie fähig sind zu erfüllen. Insofern ist eine relativ klare Benachteiligung der Burschen, weil ich denke es ist generell: Ich denke schon Burschen
und Mädchen ich denke schon, dass sie etwas anderes brauchen, ich denke,
dass sie auch vor anderen Anforderungen stehen, man kann sich dann jeweils
fragen, ist es gerecht oder nicht? Vielleicht würde es sich lohnen, dass wir
Seite 32
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
uns auch darüber unterhalten. Es ist nur so, dass, wie soll ich sagen, der
Leistungskontext ist bei Burschen und bei Mädchen, die so schwer gehandicapt sind, gleichermaßen sinnleer, weil sie vor ganz anderen Entwicklungsaufgaben stehen. Nur in letzter Konsequenz erwartet man vom Burschen
dann doch mehr, wo man bei Mädchen doch eher geneigt ist zu sagen, wenn
zum Beispiel, was bei Mädchen häufiger ist, selbstschädigendes oder selbstverletzendes Verhalten, wenn das einmal stoppt, dann schnauft man schon
einmal auf und sagt, na jetzt geht es ihr dann doch schon besser. Während
bei Burschen tendenziell selbstschädigendes Verhalten eher über gewisse Delinquenzen oder vielleicht über einen Aggressionskontext oder über Drogenoder Alkoholkontext vielleicht eher hergestellt ist, aber diese Selbstschädigung ruft eher nach Disziplinierung.“
5.5. Sollten Ihrer Ansicht nach verstärkt spezielle Angebote und Aktivitäten für Mädchen oder für Buben/Burschen angeboten werden?
f4/ Sollten Ihrer Ansicht nach verstärkt
spezielle Angebote und Aktivitäten für
Mädchen angeboten werden?
ja
nein
f4a/ Wenn Ja: In welchem Bereich?
generell in der JUWO
speziell in meiner Einrichtung
in beidem
Behörde
74%
26%
Behörde
93%
%
7%
Kooperations
partner
79%
21%
Kooperations
partner
62%
7%
31%
Gesamt
77%
23%
Gesamt
75%
4%
21%
Beachtliche 77 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass in Zukunft geschlechtsspezifische Angebote für Mädchen verstärkt werden sollten, wobei diese Angebote schwerpunktmäßig in der Jugendwohlfahrt Tirol generell verankert werden sollten.
Aus der Praxiserfahrung einer Mitarbeiterin interessieren sich Mädchen zunächst für sozial
geprägte Aktivitäten:
„Und bei den Mädchen ist das sehr oft auch Essen gehen, ins Kino gehen und
dann schon sehr viel auch wieder: setzen wir uns zusammen und quatschen
wir über.. Und da kommt dann ganz oft Thema Familie, Mutterschaft,
Schwangerschaft, Beziehung. Also das ist immer noch sehr sozial geprägt von
dem was sie interessiert und beschäftigt.“
Dass Mädchen ihre Aktivitätsräume erweitern und raumgreifender werden, hängt auch von
Impulsen und der Strukturgebenden Autorität der jeweiligen Einrichtung ab:
“Ich erlebe das immer sehr lebendig, sehr befreiend inzwischen, z.B haben
wir ein Dartspiel hängen, das war am Anfang nur von Buben besetzt, und
jetzt spielen die Mädchen total gerne Dart und spielen auch gegen die Burschen. Sobald man ihnen Felder eröffnet kommt eine Unbeschwertheit, eine
Lebendigkeit herein, das ist mein Eindruck, der das Erlebnisfeld, das Aktionsfeld ganz schnell aufmacht und man auch die Mädchen noch einmal mit einem anderen Blick wahrnehmen kann. […] Das muss man anbieten, und
dann wird zuerst gesagt ich kann das nicht, ich hab noch nie und ich weiß
Seite 33
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
nicht ob ich soll, es gibt immer solche Vorbehalte, wobei es nicht wirklich
große Widerstände sind, man kann sie sehr leicht motivieren Aber natürlich
braucht es immer den Blick von uns, der sagt, das ermöglichen wir jetzt, eröffnen wir jetzt und dann wird es auch angenommen.“
Die Besetzung von Aktivitätsräumen durch Burschen hält aus der Wahrnehmung eines Mitarbeiters in einem Jugendzentrum – also dem öffentlicheren Raum als den Einrichtungen der
Jugendwohlfahrt – Mädchen dann auch davon ab, sich der Möglichkeiten zu bedienen, diese
auch für sich zu besetzen:
„Ein Jugendzentrum, sage ich, ist von den Angeboten her schon ein bisschen
Burschen bevorzugend. Weil da gibt es die ganzen Spieldinge wie Billard,
Tischtennis, Tischfußball, Basketball, heißt nicht, dass die Mädchen das nicht
auch machen können, aber die Burschen besetzen die Dinge oft so, dass es
schwierig ist für die Mädls das auch zu machen. Und auch vom Ruf her, arbeiten sie dagegen, dass die Mädels hereinkommen. Das war aber auch eine
Zeit lang besser, wo mehr Mädls da waren.“
Die Nachdenklichkeit über strukturelle Barrieren einer entsprechenden Zugänglichkeit hilfreicher Angebote für Kinder und Jugendliche, die nicht im Einzelangebot, sondern in der
Gesamtarchitektur liegen könnten, inspirieren dazu, sich über das Gegebene hinaus die Frage zu stellen, welcher Gesamtzusammenhang geeignet ist, Mädchen in ihren Bedürfnissen
und Möglichkeiten möglichst nahe zu kommen:
„Was ich mich manchmal frage ist, ob wir strukturell - das finde ich schon insofern auch wichtig - ob wir von den Angeboten, von den großen Angeboten,
eben dass es stationäre Einrichtungen gibt, dass es Streetwork gibt, vielleicht
sind das eher Angebote, die halt für Buben besser geeignet sind, weil das
halt eher so läuft. Da bin ich mir nicht ganz sicher, ob wir nicht etwas übersehen haben in den letzten Jahren.“
f5/Sollten Ihrer Ansicht nach verstärkt
spezielle Angebote und Aktivitäten für
Buben/Burschen angeboten werden?
ja
nein
f5a/ Wenn Ja: In welchem Bereich?
generell in der JUWO
speziell in meiner Einrichtung
in beidem
Behörde
80%
20%
Behörde
93%
%
7%
Kooperations
partner
85%
15%
Kooperations
partner
60%
16%
24%
Gesamt
83%
17%
Gesamt
73%
9%
18%
Spezielle Angebote und Aktivitäten für Burschen erhalten starke Zustimmung, graduell noch
etwas ausgeprägter als jene für Mädchen.
„Eine Burschengruppe, eine sozialtherapeutische oder sozialpädagogische
Gruppe, das ist total gefragt. Es ist zwar die Finanzierung schwierig, trotzdem, aber die Nachfrage ist sehr groß. Jeder hat Burschen en masse, die man
da in die Betreuung geben möchte. Hingegen haben wir schon auch aus Gerechtigkeitsgründen und auch aus Mitarbeitergründen, die gesagt haben, warum schaut man nicht auf die Mädchen, auch für die Mädchen wäre so etwas
wichtig. Wir haben da herum gefragt, ob da auch ein Bedarf wäre, bei den
Jugendämtern, vor allem bei den Auftraggebern, da haben wir gefragt, wie
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
wäre da der Bedarf? Da hat es geheißen nein. Das heißt also, da würden wir
keine große Nachfrage bekommen, keine große Begeisterung, dass man da
auch etwas tut. Weil es nicht so erlebt wird, ist jetzt keine Bösartigkeit. Also
da merkt man den Unterschied, der zieht sich durch.“
„Das männliche Freizeitprogramm orientiert sich an der Nachfrage und ist
ganz viel in Richtung Billardspielen Bowling, also Freizeitkultur Erlebnisgeschichten, weniger so ins Ernsthafte von dem was Nachfrage und Interesse
ist.“
5.6. Machen Sie in Ihrer Einrichtung die Wahrnehmung, dass sich Burschen tendenziell lieber an Mitarbeiter und Mädchen lieber an
Mitarbeiterinnen wenden?
f6/Machen Sie in Ihrer Einrichtung die
Wahrnehmung, dass sich Burschen
tendenziell lieber an Mitarbeiter und
Mädchen lieber an Mitarbeiterinnen
wenden?
ja
nein
Behörde
28%
72%
Kooperations
partner
55%
45%
Gesamt
44%
56%
Geschlechtshomogene Präferenzen in der Bezugnahme von Betreuten werden mehrheitlich
bei den freien Trägern (55 Prozent) und insgesamt besonders stark von den männlichen
Mitarbeitern (64 Prozent) wahrgenommen. Eine interessante Differenz besteht damit zur
Wahrnehmung der Mitarbeiterinnen, die diese besondere geschlechtshomogene Beziehungspräferenz nur minderheitlich (zu 38 Prozent) beobachten. Noch stärker ist der Wahrnehmungsunterschied in der Behörde: Dort erkennen nur 28 Prozent diese Präferenz bei ihren
KlientInnen.
Dem Geschlecht kommt bei der Wahl von BetreuerInnen auch von Seiten der Einrichtungen
ein hoher Stellenwert zu:
„Wenn jetzt ein Mädchen oder ein Bursche hereinkommt, eine Jugendliche,
wird sie erstens gefragt, ob sie lieber mit einer Beraterin - also das ist einfach von Anfang an ständig ein Kriterium, erstens wer mit den Kindern oder
Jugendlichen. Und auch in der Erwachsenenarbeit bis dahin, dass wir natürlich dann auch, wenn Eltern kommen, gemischtgeschlechtlich beraten, also
vom Setting her.“
Von fachlicher Seite wird ein gleichgeschlechtliches Betreuungssetting insbesondere bei der
Thematik Gewalt und sexueller Missbrauch angeregt:
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Im Kinderschutz ist es eine langwierige Entwicklung schon seit Anfang, dass
gewisse Themen die sehr an die Tabugrenze gehen - es geht um Gewalt, es
geht um Missbrauch - um Themen, wo es einfach überwiegend den Klienten
leichter fällt mit gleichgeschlechtlichen Personen zu sprechen. Das ist evaluiert und das ist so. Es gibt natürlich immer wieder Ausnahmen.“
Die Geschlechterpaarung zwischen Betreuungsfall und Betreuungseinrichtung spielt in der
Zuweisungsphase durch die Behörde eine zentrale Rolle. Das Befragungsergebnis bei den
MitarbeiterInnen weist eine deutliche Wahrnehmungsdifferenz der diesbezüglichen KlientInnenwünsche seitens der Behörde und der freien Träger aus. Die professionellen Überlegungen, die zu Geschlechtspräferenzen in der Zuweisungsphase führen, sind jedenfalls auch
oft different, wie eine Einrichtungsvertreterin im ambulanten Bereich anhand ihrer Haltung
ausführt:
„Bei uns spielt es vor allem in der Anfrage eine große Rolle, wo wir oft auch
schon, wenn wir die Anfrage bekommen, eine unterschiedliche Meinung haben: Dass zum Beispiel die Sozialarbeiterin sagt, das müsste unbedingt ein
Mann sein oder das müsste unbedingt eine Frau sein oder habt Ihr nicht eine
gute Frau für eine Familie. Und wir kommen in den Vorgesprächen drauf, ja
warum eigentlich eine Frau oder warum eigentlich ein Mann und warum nicht
anders oder warum nicht zu zweit sondern allein? Da spielt es [das Geschlecht] eine ganz große Rolle in der Vertragsabwicklungsgeschichte.“
Fachliches Handeln sollte sich in einem reflexiven Prozess, der durchaus auch von gefühlsbezogenen Empfindungen gespeist werden kann, am Ende auf einen diskutierbaren Begründungszusammenhang stützen. Dies schließt die Bearbeitung von Annahmen (Hypothesen)
ebenso mit ein, wie erfahrungsbezogene Wahrnehmungen aus der gegenwärtigen oder erinnerbaren Praxis. Geschlecht als primäre Settingüberlegung bezieht sich in der Praxis auf die
Bedürfnisse der Betreuten bzw. wie diese eingeschätzt und projektiv wahrgenommen werden:
„Also bei uns ist die Frage, wen stellen wir wem zur Seite in der ambulanten
Arbeit also ganz stark davon abhängig, was haben wir für eine Anfangshypothese, was der Jugendliche brauchen könnte. Ist es zum Beispiel ein Bursche,
der noch nie eine positiv männliche Identifikationsfigur gehabt hat, dann
werden wir sicher eher schauen, dass wir ihm einen Mann zur Seite stellen.
Geht es zum Beispiel darum, dass er aus der Vorgeschichte so mit Frauen
Schlitten fährt und am meisten mit seiner Mutter und vielleicht auch noch
mit einer Oma und sonstigen Leuten aus einem Bezugsfeld, dann kann es
durchaus sein, dass wir uns in Absprache und Überlegungen entscheiden, ihm
eher eine Frau als Betreuerin zuzuweisen, um dieses Muster einmal zu durchbrechen und auch der Mutter ein hilfloses Ich zur Seite zu stellen. Wo die
Mutter mit Hilfe der Betreuerin lernen kann und auch der Bursche sieht, aha
es gibt Frauen mit denen kann ich nicht so ums Eck gefahren. Also wir
schauen uns da spezifisch wirklich jede Geschichte an und überlegen uns etwas dazu. Das ist so eine Praxis, wo wir einfach eine Fallbesprechung machen
und schauen.“
Über diese anschauliche Ausführung aus der Jugendwohlfahrtspraxis ergibt sich ein direktes
Interesse, anhand genau dieser qualitativen Überlegungen im Einzelfall ein größeres Bild
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
aggregierter Fälle zu entwickeln, über die Schichtung der Einzelfälle zu einem Muster an
Argumentationen und Ableitungen zu gelangen, das dann auch Institutionen übergreifend
eine Auseinandersetzung über Annahmen zu Gender in der Praxis der pädagogischen Settings ermöglicht.
Einen interessanten Aspekt des geschlechtsspezifischen Arbeitens bringt ein Mitarbeiter
einer Einrichtung ein, in der er schwerpunktmäßig mit Buben unter 10 Jahren arbeitet,
wenn er meint, dass über die Betonung des Geschlechtsspezifischen sich leicht ein Unterton
der Abwertung des jeweils anderen Geschlechts einschleichen kann, insbesondere in der
Inszenierung stereotyper Bilder des Mann- und Frauseins:
„Ich bin ein Vertreter vom geschlechtsspezifischen Arbeiten, merke aber auch
da gewisse Gefahren. Also einen Sinn macht es, dass man auch einmal, wenn
es um die Geschlechteridentität geht in einer gewissen Entwicklungsphase,
dass sich Buben und Mädchen orientieren können, an der Identität von Frauen orientieren. Ich merke nur, die Gefahr ist die - und ich glaube das ist eine
große Gefahr - der Abwertung. Dass einfach das andere Geschlecht eigentlich
abgewertet wird. Das merke ich auch immer wieder in unserer Arbeit in der
Kinderschutzarbeit. Ich frage mich teilweise oft, was vermitteln eigentlich die
Frauen den Mädchen für ein Männerbild. Und umgekehrt, was vermittle ich
als Mann den Buben für ein Frauenbild. Ich arbeite jetzt schwerpunktmäßig
mit Buben, die sieben Jahre alt sind. Ich merke einfach, es gibt halt teilweise so diese Männerspezifischen Einrichtungen, dann gibt es die Frauenspezifischen Einrichtungen, bei uns polarisiert es sich, weil wir da ein gemischtgeschlechtliches Team sind. Ich finde es teilweise oft problematisch: Da gibt es
die Ghettos, wo die Männer hingehen und wo die Frauen hingehen. Eben, wie
Interventionsstelle, Frauenhaus, dann gibt es halt die Männerberatung, die
momentan sozusagen steht für die ganzen Männer, die dorthin gelotst werden; jeder ist froh wenn sie nichts mit den Männern zu tun haben. Die Abwertung ist voll dabei. Wirklich auch diese Abwertung, als Vater unfähig zu
sein, in Beziehung zu gehen, nicht präsent zu sein, ganz viele stereotype Bilder. Und das finde ich eine große Gefahr beim geschlechtsspezifischen Arbeiten, dass man etwas verstärkt. Da wäre halt mein Anliegen, dass man das
auflockert, dass Männer sehr wohl Erfahrungen auch kennen in der therapeutischen oder beraterischen Arbeit mit Mädchen und umgekehrt die Frauen sollen auch mit Männern arbeiten bitte. Das sollte ein bisschen aufgeweicht
werden.“
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5.7. Geht im Alltag Ihrer Institution die Auseinandersetzung mit Fragen
des Geschlechts tendenziell eher unter oder ist dies weniger der
Fall?
f7/Geht im Alltag Ihrer Institution die
Auseinandersetzung mit Fragen des
Geschlechts tendenziell eher unter oder
ist dies weniger der Fall?
gehen unter
nein gehen nicht unter
Behörde
24%
76%
Kooperations
partner
30%
70%
Gesamt
27%
73%
Die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen hat im Alltag der Jugendwohlfahrt einen
hohen Stellenwert. Die vorsichtig negativ formulierte Frage wird hier von drei Viertel der
MitarbeiterInnen positiv aufgelöst.
5.8. Wie häufig wird in Ihrem Arbeitsteam über Geschlechterfragen –
die Klientinnen/Klienten betreffend – gesprochen?
f8/Wie häufig wird in Ihrem Arbeitsteam
über Geschlechterfragen – die
Klientinnen/Klienten betreffend –
gesprochen?
sehr häufig
häufig
gelegentlich
selten
Behörde
5%
24%
57%
14%
Kooperations
partner
11%
47%
39%
3%
Gesamt
9%
37%
46%
8%
In der konkreten Ausgestaltung der Auseinandersetzung mit der Genderthematik wird deutlich, dass sich fast die Hälfte der MitarbeiterInnen in einem eher intensiven Diskussionsprozess über Gender befindet, die andere Hälfte sich in schwächerer Form, in größerem zeitlichem Abstand wiederkehrend damit befasst:
„Wir haben Kolleginnen, die an Seminaren teilgenommen haben, in den
Dienstbesprechungen immer wieder, in den Seminaren erfolgt Berichterstattung und dann wird darüber diskutiert über Geschlechterfragen, unter den Sozialarbeiterinnen und auch von der Führungssituation her.“
Seite 38
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.9. Finden Sie es sinnvoll, bei Problemen von Kindern und Jugendlichen, die von der JUWO betreut werden, grundsätzlich mit beiden
Elternteilen zu sprechen?
f9/Finden Sie es sinnvoll, bei Problemen
von Kindern und Jugendlichen, die von
der JUWO betreut werden, grundsätzlich
mit beiden Elternteilen zu sprechen?
ja
nein
Behörde
98%
2%
Kooperations
partner
87%
13%
Gesamt
91%
9%
Wieweit realisieren Sie diesen Ansatz in der Praxis?
f9a/Falls Ja: Wieweit realisieren Sie
diesen Ansatz in der Praxis?
weitgehend
teilweise
kaum
keine EG
Behörde
63%
32%
5%
%
Kooperations
partner
49%
38%
2%
11%
Gesamt
55%
36%
3%
6%
Die Fragestellung zielt nicht zuletzt auf die Problematik der „verschwindenden“ Väter, die
gesamtgesellschaftlich, aber ganz besonders im Jugendwohlfahrtsbereich, oft nur schwer in
ihrer Verantwortlichkeit und Rolle als Väter erreichbar sind. Es herrscht bei den MitarbeiterInnen weitestgehender Konsens über die grundsätzliche Sinnhaftigkeit, beide Elternteile
(in welcher Konstellation und Zuordnung auch immer) in den Interventionsprozess einzubeziehen. Die Realisierung dieses Ansatzes gelingt mehrheitlich, es verbleiben aber doch
wahrnehmbare Potenziale, wo sich dieser Ansatz nur unvollständig in der Praxis realisiert.
5.10. In der Arbeit mit Familien/Lebensgemeinschaften stellen gewalttätige Väter ein besonderes Problem dar. In Interviews mit JUWOMitarbeiterInnen wurde mehrfach beschrieben, in einer solchen
Situation in erster Linie mit der Mutter zu reden. Wie ist Ihre persönliche Erfahrung dazu?
f10/In der Arbeit mit Familien/Lebensgemeinschaften stellen gewalttätige
Väter ein besonderes Problem dar. In
Interviews mit JUWO-MitarbeiterInnen
wurde mehrfach beschrieben, in einer
solchen Situation in erster Linie mit der
Mutter zu reden. Wie ist Ihre persönliche
Erfahrung dazu?
ja, halte ich auch so
nein, trifft weniger zu
Behörde
52%
48%
Kooperations
partner
44%
56%
Gesamt
48%
52%
Die Frage einer geteilten Bezugnahme auf die Eltern in Konfliktsituationen mit gewalttätigen Vätern spaltet in zwei Hälften, wobei die Trennlinie bei Behörde und freien Trägern auf
annähernd gleichem Niveau verläuft. Zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es ein
deutlicheres Gefälle: Während sich im Eskalationsfall die Mitarbeiterinnen etwa zur Hälfte
primär der Mutter zuwenden, ist dies nur bei einem Drittel der Mitarbeiter der Fall, die offensichtlich auch in einer Gewaltsituation, die grundsätzliche Position, nämlich mit beiden
Elternteilen direkt zu kommunizieren, beibehalten.
Seite 39
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.11. Wie wichtig finden Sie es, in der pädagogischen Arbeit geschlechtsspezifische Betrachtungen zu berücksichtigen?
f11/Wie wichtig finden Sie es, in der
pädagogischen Arbeit geschlechtsspezifische Betrachtungen zu
berücksichtigen?
sehr wichtig
wichtig
weniger wichtig
Behörde
14%
83%
3%
Kooperations
partner
50%
45%
5%
Gesamt
36%
60%
4%
Eindeutig ist die Gewichtung eines genderspezifischen Ansatzes in der pädagogischen Praxis
der Jugendwohlfahrt Tirol durch die MitarbeiterInnen. Die Differenz in der Akzentuierung
der besonderen Bedeutung („sehr wichtig“) zwischen Behörde und freien Trägern könnte auf
einen aufschlussreichen Unterschied im Zugang zur pädagogischen Praxis verweisen. Genderreflexion ist immer mit einem Aufwand verbunden, der in dieser Weise vielleicht unterschiedlich gewichtet wird, einmal durch die Behörde als Standardforderung (=wichtig) und
auf der anderen Seite von den freien Trägern als besondere, Ressourcenfordernde Anstrengung (=sehr wichtig).
Wieweit stimmen Sie—Ihren Erfahrungen nach—folgenden fünf Aussagen (4.12 bis 4.17) zu, wieweit lehnen Sie diese ab?
5.12. Neue Projekte oder neue Angebote der JUWO Tirol sollten verstärkt nach geschlechtsspezifischen Kriterien entwickelt werden.
Seite 40
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
f12a/Neue Projekte oder neue Angebote
der JUWO Tirol
sollten verstärkt nach
geschlechtsspezifischen Kriterien
entwickelt werden.
stimme sehr zu
stimme eher zu
stimme wenig zu
stimme nicht zu
weiß nicht
Behörde
17%
71%
10%
2%
%
Kooperations
partner
33%
52%
12%
%
3%
Gesamt
26%
60%
11%
1%
2%
Die Bedeutung von Genderkriterien wird auch in der Frage der zukünftigen Entwicklungsperspektive bestätigt: 86 Prozent der MitarbeiterInnen finden eine verstärkte Beachtung von
Genderkriterien für die zukünftige Angebotsentwicklung von Bedeutung. In der Zuspitzung
(=stimme sehr zu) ergibt sich bei den freien Trägern ein doppelt so starkes Votum wie in der
Behörde.
„Es gibt seit vielen, vielen Jahren feministische Arbeit im Bereich der JUWO,
in der Jugendarbeit, die zu Mädchenarbeit und zu mädchenspezifischen Angeboten geführt hat, die gibt es auch in der JUWO. Die Diskussion gibt es
auch bei uns in der Abteilung, aber es ist nicht so, dass wir schon in der JUWO wirklich strukturiert oder systematisch uns dem Gender-Aspekt widmen.“
5.13. Mädchen haben tendenziell größere Schwierigkeiten
als Burschen zu sagen, was sie wirklich wollen.
f12b/Mädchen haben tendenziell größere
Schwierigkeiten
als Burschen zu sagen, was sie wirklich
wollen.
stimme sehr zu
stimme eher zu
stimme wenig zu
stimme nicht zu
weiß nicht
Behörde
12%
14%
36%
38%
%
Kooperations
partner
11%
23%
26%
37%
3%
Gesamt
11%
19%
30%
38%
2%
Für zwei Drittel der MitarbeiterInnen trifft es nicht zu, dass Mädchen ihre Bedürfnisse und
Wünsche schlechter artikulieren können und dabei mehr Schwierigkeiten haben als Burschen. Von daher wird ein grundsätzlicher, genereller rollenspezifischer Nachteil von Mädchen in diesem wichtigen Aspekt mehrheitlich nicht bestätigt.
Seite 41
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.14. Mütter mit Alkoholproblemen sind für Kinder belastender als Väter mit Alkoholproblemen.
f12c/Mütter mit Alkoholproblemen sind für
Kinder belastender als Väter mit
Alkoholproblemen.
stimme sehr zu
stimme eher zu
stimme wenig zu
stimme nicht zu
weiß nicht
Behörde
19%
57%
10%
14%
%
Kooperations
partner
8%
27%
11%
44%
10%
Gesamt
12%
39%
11%
32%
6%
Die geschlechtsspezifische Belastungszuordnung einer möglichen Problematik bei Eltern
zeigt einen doch deutlichen Wahrnehmungsunterschied, was Gender als Thema auf Erwachsenenebene betrifft. Während MitarbeiterInnen in der Behörde hier überwiegend zustimmen,
dass Mütter mit Alkoholproblemen für die Kinder eine größere Belastung darstellen als Väter
mit Alkoholproblemen, teilen die MitarbeiterInnen bei den freien Trägern diese Einschätzung mehrheitlich nicht.
5.15. Wenn eine Mutter das 3. Kind vom 3. Mann erwartet, empfinde
ich das moralisch problematischer als wenn ein Vater das 3. Kind
mit der 3. Frau erwartet.
f12d/Wenn eine Mutter das 3. Kind vom
3. Mann erwartet, empfinde ich das
moralisch problematischer, als wenn ein
Vater das 3. Kind mit der 3. Frau
erwartet.
stimme sehr zu
stimme eher zu
stimme wenig zu
stimme nicht zu
weiß nicht
Behörde
2%
12%
7%
79%
%
Kooperations
partner
6%
6%
8%
78%
2%
Gesamt
5%
8%
8%
78%
1%
Dass die Einstellungen von MitarbeiterInnen in der Behörde und jener der freien Träger gegenüber Eltern nicht grundsätzlich divergieren, zeigt das Antwortergebnis auf die Frage
nach einer unterschiedlichen moralischen Bewertung heterogener Elternschaften von Mann
und Frau, die hier in gleichem Maß neutral bewertet wird.
Seite 42
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.16. In den letzten Jahren hat die soziale Isolation alleinerziehender
Mütter, die ohne hinreichend stützende Verwandtschafts- oder
Nachbarschaftskontakte leben zugenommen.
f12e/In den letzten Jahren hat die soziale
Isolation alleinerziehender Mütter, die
ohne hinreichend stützende
Verwandtschafts- oder
Nachbarschaftskontakte leben,
zugenommen.
stimme sehr zu
stimme eher zu
stimme wenig zu
stimme nicht zu
weiß nicht
Behörde
35%
49%
13%
3%
%
Kooperations
partner
24%
45%
11%
7%
13%
Gesamt
28%
47%
12%
5%
8%
Die Beobachtung allgemeiner Trends, die auf veränderte Anforderungen und Notlagen im
Bereich der Jugendwohlfahrt Tirol hinweisen, ist offensichtlich bei Behörde und freien Trägern auf ähnlich hohem Niveau ausgeprägt. Die objektive Datenlage weist allein erziehende
Mütter als boomendes Phänomen aus, das auch in Interviews mit SozialarbeiterInnen bei
der Behörde wie auch von MitarbeiterInnen freier Träger bestätigt wird:
„Das wird immer mehr. Das ist ganz massiv im Zunehmen. Eine Scheidung ist
heute sowieso schnell ausgesprochen, und nicht mehr so überlegt, wie wenn
man früher gesagt hat... Also die allein erziehenden Mütter, die nehmen derart überhand...“
„Dann gibt es die kurze Obsorgeregelung, wer trägt die Obsorge, die ist meistens bei den Müttern.“
Die aggravierende Problematik der Doppelbelastung mit Kinderbetreuungspflichten, Berufstätigkeit und drohender Prekarisierung von Lebensverhältnissen kann auch eine soziale Isolation fördern, der von der Jugendwohlfahrt Tirol im Interesse der davon unmittelbar betroffenen bzw. gefährdeten Kinder und Jugendlichen entgegengewirkt werden sollte.
„Das merke ich überhaupt, dass die Unterstützung von der Herkunftsfamilie,
da ist relativ wenig bei uns in der Stadt. Das ist jetzt ganz egal in welcher
Schicht, also das ist brutal auffällig, dass ich sofort auf Einrichtungen angewiesen bin. Wenn ich oft frage: ‚Ja gibt es da nicht irgendjemanden in der
Familie?’, ‚Ja schon, aber die haben auch keine Zeit, das geht nicht’.“
„Ich erlebe halt in diesen Familien dann den Überstress, da am Abend das
Kind abzuholen, hinzubringen, alles zu organisieren, die Erziehung. Und mit
Seite 43
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
diesen haben wir schon auch oft zu tun, dass es ihnen dann einfach alles zu
viel wird.“
„Das soziale Netz wird immer dünner und eben gerade diese Alleinerzieherinnen, sie sind ja wieder in der Mehrzahl, die dann oft sehr isoliert leben
und einfach ja auch kaum die Mittel haben um auch Bedürfnisse zu erfüllen
die man vielleicht auch Kindern und Jugendlichen geben möchte oder die
auch normale Bedürfnisse wären.“
5.17. Lohnt es sich Ihrer Einschätzung nach für die Jugendwohlfahrt
Tirol, intensiver über die Verpflichtungen, die Kindern/Jugendlichen aus ihrer jeweiligen Geschlechterrolle entstehen, nachzudenken?
f13/Lohnt es sich Ihrer Einschätzung
nach für die Jugendwohlfahrt Tirol,
intensiver über die Verpflichtungen, die
Kindern/Jugendlichen aus ihrer jeweiligen
Geschlechterrolle
entstehen, nachzudenken?
ja
nein
weiß nicht
Behörde
83%
17%
%
Kooperations
partner
92%
6%
2%
Gesamt
88%
11%
1%
Hinsichtlich der betreuten Kinder/Jugendlichen wird eine Intensivierung des Genderansatzes im Sinne einer Reflexion von Geschlechterrollen und daraus individuell abgeleiteten
Verpflichtungen bei den Kindern/Jugendlichen breit begrüßt.
„Einfach wirklich auch auf Abwertungen hinzuweisen gerade in der Arbeit mit
Burschen ist das ganz wichtig. Wobei sich Burschen ja auch untereinander
massiv abwerten. Und auch bei der Gewalt, da ist ein Bild da, dass die Gewalt zwischen den Geschlechtern ist, wobei die meiste Gewalt erleben die
Burschen ja wieder unter sich. Das ist auch für mich geschlechtsspezifisches
Arbeiten mit Burschen, dass man genau auf das hinweist, wo ist da die Solidarität unter euch? Warum machen es sich die Burschen eigentlich untereinander so schwer? Dass sie sich da gegenseitig so selber verunsichern, anstatt
dass sie zum Beispiel sich untereinander stützen.“
Seite 44
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.18. Wie beurteilen Sie die breite Vielfalt an unterschiedlichen geschlechterbezogenen Konzepten und Betreuungsansätzen (z.B.
mädchenspezifisch, bubenspezifisch, koedukativ) in Tirol?
f14/Wie beurteilen Sie die breite Vielfalt
an unterschiedlichen
geschlechterbezogenen Konzepten und
Betreuungsansätzen (z.B. mädchenspezifisch, bubenspezifisch, koedukativ)
in Tirol?
positiv
negativ
Behörde
78%
22%
Kooperations
partner
83%
17%
Gesamt
81%
19%
Vier Fünftel der MitarbeiterInnen begrüßen die Vielfalt an Ansätzen und Differenzierungen
im Jugendwohlfahrtsbereich Tirol. Vereinzelt wurde angemerkt, dass diese Vielfalt nicht
erkennbar sei; diese Kritik bezieht sich u.a. auf die regional unterschiedlich intensiv ausgeprägte Angebotslandschaft bzw. auf das generelle Gefühl eines Mangels an zur Verfügung
stehenden Plätzen, Einrichtungen und allgemeinen Ressourcen, wo dann der Begriff „Vielfalt“ eine unangemessene Assoziation in Richtung einer Reichhaltigkeit darstelle.
„Wobei ich würde jetzt die Jugendwohlfahrt in Schutz nehmen, die glaube
ich sehr hinter den Mädchen auch stehen. Wo sie dann anstehen ist bei der
Platzierung, dass sie sagen wohin, ins Jugendland oder in die Cranachstraße,
die sind voll. Die auch ausweichen und vielleicht, dass man sagt nach Salzburg und nach Deutschland, dass sie einmal weg ist. Aber auch weil offensichtlich in Salzburg es Einrichtungen gibt, die auf Mädchen spezialisiert
sind, in einer breiteren Vielfalt. Wenn wir sagen, jetzt haben wir da nur die
Cranachstraße, da ist nicht viel zum Auswählen.“
Seite 45
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.19. Welche Hindernisse sehen Sie auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in Ihrer Einrichtung? Wie sehr treffen folgende
Elemente zu?
f15/ Hindernisse auf dem Weg zu mehr
Geschlechtergerechtigkeit in meiner
Einrichtung
Behörde
Kooperations
partner
Gesamt
Mangel an zeitlichen Ressourcen
73%
57%
63%
Mangel an Geschlechterreflexivität
46%
33%
38%
zuwenig interner Erfahrungsaustausch
39%
30%
33%
Mangel an Kooperation bei den MA
19%
17%
18%
Geschlechtergerechtigkeit in den Institutionen und Organisationen ist grundsätzliches Thema von Gender Mainstreaming. Einzelne Anmerkungen von MitarbeiterInnen bezogen sich
darauf, dass sich diese Frage in ihrer Einrichtung beispielsweise aufgrund des Fehlens von
männlichem Personal nicht stelle. Stärkste hinderliche Komponente auf dem Weg zur Verwirklichung von mehr Geschlechtergerechtigkeit in den Organisationseinheiten der Jugendwohlfahrt Tirol (Behörde und freie Träger) stellt der Mangel an zeitlichen Ressourcen (u.a.
zur Bearbeitung der Genderthematik) dar.
Besonders stark wird dieser Mangel in der Behördenstruktur reklamiert (von 73 Prozent der
dort arbeitenden MitarbeiterInnen). Für jeweils ein Drittel der Befragten ist ein gewisser
Mangel an Geschlechterreflexivität, die pädagogische Praxis betreffend, von Relevanz bzw.
ein verknappter interner Erfahrungsaustausch.
Seite 46
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.20. Wie wichtig finden Sie vor dem Hintergrund Ihrer Berufserfahrung eine stärkere Thematisierung von Problemen, die Jugendliche
aufgrund ihrer sexuellen Orientierung haben können (z.B. Homosexualität)?
f16/Wie wichtig finden Sie vor dem
Hintergrund Ihrer Berufserfahrung eine
stärkere Thematisierung von Problemen,
die Jugendliche aufgrund ihrer sexuellen
Orientierung haben können?
sehr wichtig
wichtig
weniger wichtig
gar nicht wichtig
Behörde
12%
45%
41%
2%
Kooperations
partner
31%
63%
6%
%
Gesamt
23%
56%
20%
1%
Vier von fünf professionellen Kräften in der Jugendwohlfahrt Tirol finden eine stärkere Thematisierung von Genderaspekten im Bereich der sexuellen Orientierung von Jugendlichen
und des damit verbundenen Selbstverständnisses für wichtig oder sehr wichtig. Auffallend
ist die starke Diskrepanz zwischen MitarbeiterInnen der Behörde und der freien Träger: Während 94 Prozent bei den freien Trägern hier eine besondere Wichtigkeit sehen, aktualisiert
sich diese intensive Bedeutung in der Behörde nur bei 54 Prozent.
Aus der Sicht der ambulanten Arbeit in Familien formuliert ein Einrichtungsleiter seine Erfahrung mit dem Auftauchen von Problemen mit der sexuellen Orientierung:
„Das ist interessant, ja. Das taucht so gut wie nicht auf. Aber ich frage mich
selber, ob wir da einen blinden Fleck haben. Aber jedenfalls, es taucht als
Thema eigentlich so selten auf. Es ist für uns wirklich ein seltenes Thema,
dass mir das unter kommt: Mir kommen alle Anfragen unter, mir kommen die
Fallbesprechungen unter.“
Aus der Perspektive einer anderen stationären Einrichtung wird an den Erfahrungen mit dem
Phänomen der Transsexualität deutlich, dass die Jugendwohlfahrt diesem Aspekt von Gender
ihre Aufmerksamkeit widmen muss:
„Das ist bei uns sicher mehr Thema, überdurchschnittlich ein Thema, dass
das vorkommt, dass wir uns auch damit beschäftigen müssen. Dass wir sagen
müssen, was liegt jetzt vor. Also da fallen mir 4 Fälle ein und das ist viel.
Weil sonst kennt man einen in seinem Leben, den man trifft, der transsexuell
ist.“
Dass - in der Projektion auf die Welt der Erwachsenen - die Schwierigkeiten mit der in der
Gesellschaft minderheitlich vertretenen homosexuellen Orientierung immer noch ein Tabuthema berühren, zeigt die Diskussion um die Anerkennung homosexueller LebensgemeinSeite 47
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
schaften mit Bezug auf die Jugendwohlfahrt. Dazu eine Mitarbeiterin aus dem behördlichen
Bereich:
„Mir fällt da grade das Beispiel ein, wo es um Adoption von, also ums Thema
Adoption von gleichgeschlechtlichen Paaren, also zwei Frauen die ein Kind
adoptieren wollen, geht. Das einfach jetzt in Österreich nicht möglich ist.
Und das wird sich auch in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten einfach ändern müssen, weil einfach sich das ändern wird, auch offener wird, nicht
mehr so ein Tabuthema sein wird und da muss sich auch die JUWO darauf
einstellen müssen.“
5.21. Wie stark hat Ihrer Einschätzung nach das Thema Gewalt, das in
der Jugendwohlfahrt eine besondere Rolle spielt, mit Geschlecht
und Geschlechterrollen zu tun?
f17/ Wie stark hat Ihrer Einschätzung
nach das Thema Gewalt, das in der
Jugendwohlfahrt eine besondere Rolle
spielt, mit Geschlecht und
Geschlechterrollen zu tun?
sehr stark
stark
weniger stark
kaum
Behörde
22%
64%
14%
%
Kooperations
partner
38%
38%
19%
5%
Gesamt
31%
49%
17%
3%
Ungerechtigkeiten und Missverhältnisse im Geschlechterverhältnis beruhen auf Gewalt oder
provozieren diese, sei es in struktureller Hinsicht oder auf der Ebene persönlicher Verhältnisse und Beziehungen. Geschlechterrollen und ein eingeengtes Rollenverständnis können
einen massiven Beitrag zur Eskalation von Gewalt im Lebenskontext von Kindern und Jugendlichen leisten. Die MitarbeiterInnen im Jugendwohlfahrtsbereich – sowohl in der Behörde als auch bei den freien Trägern – bestätigen diesen Zusammenhang mit großer Mehrheit.
Seite 48
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
5.22. Sehen Sie die Gefahr, dass eine verstärkte Bezugnahme in der Jugendwohlfahrt auf das Thema „Geschlecht“ andere Wirkkräfte wie
Armut, Bildungsdefizite, schlechte Teilhabechancen verschleiert?
f18/ Sehen Sie die Gefahr, dass eine
verstärkte Bezugnahme in der
Jugendwohlfahrt auf das Thema
„Geschlecht“ andere Wirkkräfte wie
Armut, Bildungsdefizite, schlechte
Teilhabechancen verschleiert?
ja
nein
Behörde
22%
78%
Kooperations
partner
15%
85%
Gesamt
18%
82%
Eine breite Mehrheit der MitarbeiterInnen im Bereich der Jugendwohlfahrt in Tirol (82 Prozent) sieht durch eine stärkere Genderorientierung keine Gefahr, dass damit andere Wirkkräfte auf das Feld der Jugendwohlfahrt nicht mehr angemessen wahrgenommen und bewertet werden würden. Das heißt, dass eine forcierte Genderorientierung im Wesentlichen nicht
als Konkurrenz oder Abwertung der Diskussion anderer sozial- und bildungspolitischer Faktoren interpretiert wird, sondern als Ergänzung.
5.23. Kann Ihrer Einschätzung nach ein ausdrücklicher Gschlechterbezug in den Hilfsmassnahmen der JUWO Kräfte für positive Entwicklungen frei setzen?
f19/Kann Ihrer Einschätzung nach ein
ausdrücklicher Geschlechterbezug in den
Hilfsmassnahmen der JUWO Kräfte für
positive Entwicklungen frei setzen?
ja
nein
Behörde
84%
16%
Kooperations
partner
92%
8%
Gesamt
89%
11%
Das Votum in der Beantwortung der letzten Frage im Rahmen der Fragebogenuntersuchung
bei den MitarbeiterInnen der Behörden und freien Träger der Jugendwohlfahrt Tirol kulminiert in einer Aufforderung, den expliziten Geschlechterbezug in den Hilfsmaßnahmen zu
verstärken. Der zum Ausdruck gebrachte Optimismus, dass eine ausdrückliche Genderorientierung ein positives Potenzial enthält, das nicht lähmt sondern beflügelt, ist in dieser Hinsicht erfreulich eindeutig.
„Ich denke mir, dass in vielen Bereichen ein behutsamerer und sensibler Umgang überhaupt miteinander passieren täte, wenn man sich diesem Thema
wirklich zuwendet und versucht, dieses Thema ehrlich und wirklich gerecht
aufzuteilen und sich nicht hinter Hülsen oder Schlagworten oder sonst welchen Geschichten versteckt. Oder wir haben Quotenfrauen, sage ich jetzt einmal sehr überspitzt und sehr böse. Ich denke, dass es dann für sehr viel stehen kann, dass in einzelnen Einrichtungen und im Umgang miteinander und
im Umgang mit den Klientinnen sehr viel Behutsamkeit und genaues Hinschauen passieren kann. Weil gerade dass für mich so ein Thema ist, wo so
mit Schlagworten und „tun wir eh alles schon, und haben wir schon und ist
doch bei uns kein Thema mehr und haben wir in unserem Betrieb schon ganz
lange.“ Da wird ganz viel verschleiert und irgendwelche Alibigeschichten hervorgeholt.“
Seite 49
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Ich finde die Frage spannend, was ist überhaupt das Ziel einer geschlechtsspezifischen Arbeit? Ich kann mir gut vorstellen, dass das ganz viel Widerstand auslösen würde, wenn Sie sagen, das ist auch die Lockerung der Geschlechterrollen.“
Die Diskussion über das Ziel des geschlechtsspezifischen Arbeitens und der Zusammenhang
mit einer Lockerung von Geschlechterrollen wäre lohnend im Rahmen einer seriösen Weiterentwicklung des Themas im Feld der Jugendwohlfahrt weiter zu führen.
Seite 50
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
6.
Interviews mit Mädchen in stationären Einrichtungen
6.1. Die stationäre Einrichtung
Im Vorlauf zur Fremdunterbringung steht oft eine häusliche Situation, die (nicht nur aus
Sicht der betroffenen Kinder und Jugendlichen) eskaliert und unhaltbar geworden ist. Auf
diese muss von Amtsseite entschieden reagiert werden. Aus der folgenden Schilderung einer
16-jährigen wird deutlich, dass die Jugendwohlfahrt auch schon im Vorlauf als Unterstützung in einem stark belastenden familiären Milieu erlebt wird. Der letzte Schritt zur Herauslösung des Mädchens und die darauf folgende Fremdunterbringung werden aus der Perspektive des betroffenen Mädchens als unvermeidbar erlebt:
„Aber doch haben wir dann eine Betreuung gehabt, weil das Jugendamt war
sowieso immer wieder da schauen. Und dann hätte ich doch noch ein bisschen Unterstützung gehabt. Aber es ist nur noch schlimmer geworden und
dann ist das passiert und dann bin ich da her gekommen.“
Die Entscheidung für eine stationäre Fremdunterbringung treffen in der Regel nicht die Kinder und Jugendlichen sondern die Erwachsenen. Die Verantwortlichkeit für den Zeitpunkt –
aber auch für die Wahl der Einrichtung – liegt bei den SozialarbeiterInnen der Behörde,
nicht selten unter erheblich belasteten Umständen und meist unter Handlungsdruck. Konsequenterweise wird der Prozess der Abstimmung vom betroffenen Kind/Jugendlichen und die
Generierung einer entsprechenden Compliance mit der behördlichen Überlegung bzw. Entscheidung als begrenzt selbstverantwortet und eigenverantwortlich mitentschieden erlebt:
„Also mich haben sie gefragt ob ich da hin will. Da habe ich gesagt jein, also
ich weiß nicht. Und irgendwann habe ich halt hinauf müssen. Am Anfang
haben sie mich gefragt und haben gesagt, ja da schauen wir jetzt noch und
dann haben sie mich einfach hinaufgeschickt.“
„Ja ich bin halt ein paar Sachen gefragt worden, ob ich das will und das. Ich
habe meine Meinung gesagt und ich finde es toll, dass ich da bin.“
In der Schilderung einer Zwölfjährigen spiegelt die sachliche Knappheit beklemmend eindrucksvoll den Prozess des „Wegkommens“ wider:
„Nein, also da habe ich einfach Schule gehabt und da bin ich abgeholt worden einfach. Ich habe vorher nichts davon gewusst. So wie ich das mitbekommen habe, anscheinend war das schon so notwendig.“
Zu den Kompetenzen der Jugendlichen gehört es auch, sich anzupassen, sich „einzufügen“ –
sowohl in die Gegebenheiten ihrer globalen Situation und der Bedingungszusammenhänge
als auch in neue, ungewohnte und veränderte Strukturen des Alltags:
„Ja ich fühle mich schon - am Anfang war das halt schon, wie das halt da
läuft, das war schon ungewohnt, aber jetzt geht es gut.“
Aus der Sicht des interviewten Mädchens wird das Verhalten der mitwohnenden Burschen als
unangenehm, unpassend erlebt. Die Störung (eines Bedürfnisses nach Ungestörtheit durch
das Verhalten anderer = wie zu Hause) setzt sich in diesem Sinne fort:
„Gruppenaktionen machen wir auch, wo wir alle miteinander etwas tun. Ich
mag es persönlich nicht wirklich, weil ich die Leute da nicht so mag. Ich mag
sie nicht wirklich. Jetzt momentan sind wir zu fünft aber sieben haben Platz.
Also vier Mädchen und drei Buben. Die sind irgendwie so unsympathisch und
Seite 51
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
ich weiß nicht, weil so wie sie sich eigentlich aufführen vom Verhalten her,
das passt mir irgendwie nicht.“
Die Institution bleibt zwar aktueller Lebensmittelpunkt; die Freiheit nicht in totaler Weise
darauf bezogen sein zu müssen, besteht in der knappen Darstellung der Jugendlichen jedoch weiter:
„Freundschaft habe ich da sowieso keine, die habe ich auswärts.“
Das heißt, es wäre ein unangemessenes Selbstverständnis der stationären Einrichtungen,
dass sich die betreuten Mädchen und Burschen dort vollkommen und umfassend wohl, geborgen, verstanden und beziehungsmäßig gut aufgehoben fühlen sollten (bzw. müssen);
entscheidend ist, dass dies hinreichend gewährleistet ist.
Auf die Frage der Mitentscheidung oder gar nach einer aktiven Wahl des Geschlechtersettings der Einrichtung (gemischt oder homogen) wird von allen Interviewpartnerinnen bestätigt, dass sich dies nicht in dieser deutlichen Form vollzieht, wie auch eingangs beschrieben. In mehreren Interviews wurde deutlich, dass es von Mädchen eindeutige Präferenzen
für die Unterbringung in einer Mädchen-WG geben kann:
Interviewerin: „Wenn du gefragt geworden wärst ob du in eine gemischte WG
willst oder in eine Mädchen-WG?“
X: „Dann schon eher in eine Mädchen-WG.“
Es kommen von Mädchen aber auch klare Wünsche nach einer gemischtgeschlechtlichen
Unterbringung: „Ich finde es feiner wenn es gemischt ist, wenn Buben und Mädchen zusammen wohnen.“
„Nein, ausgesucht habe ich das eigentlich nicht. Aber jetzt nur Mädchen, das
wäre auch irgendwie fad, immer nur rein Zickenterror. Das passt eigentlich eh
gut so.“
„Ich bin gerne unter Buben (lacht).“
„Ich denke dass es halt auch gut ist, wenn die Gruppe ein bisschen gemischt
ist, wenn jetzt nicht nur Mädels zusammenhängen, sondern mit Jungs ein
bisschen gemischt, weil dann ist es auch einfacher damit umzugehen oder so.
Das ist auch meistens irgendwie besser, also bei mir ist es ziemlich durchgemischt, ich muss sagen ich komme auch mit beiden gleich gut aus.“
Eine mögliche Differenzierung geschlechtsspezifischer Bedürfnisse erfolgt über das Drinnen
und Draußen: Innerhalb der Einrichtung beim Wohnen kann dann die Bezugnahme auf Geschlechtshomogenität unter den Mitbewohnerinnen gewünscht sein. Das andere Geschlecht
soll aber in der Erfahrungswelt nicht vollkommen fehlen. Daher ist den befragten Mädchen
aus Mädchenwohngemeinschaften, als Ergänzung des Settings in der Einrichtung, der Besuch einer gemischtgeschlechtlichen Schulklasse und der Kontakt mit Burschen außerhalb
der Einrichtung wichtig:
„Mit Mädels zusammenwohnen ist eigentlich schon besser als jetzt in einer
gemischten Gruppe. Aber so, wenn man jetzt draußen herum ist und so, dann
auf alle Fälle gemischt.“
„Also ich finde es gut, dass ich in einer Mädchen-WG bin, aber in der Schule
sind halt auch Buben. Weil sonst hätten wir ja ein Leben ohne Buben und
das wäre schlimm.“
Seite 52
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Der Vorzug einer Mädchenwohngemeinschaft wird u.a. in einem höheren Diskretions- und
Vertrauenslevel in einer geschlechtshomogenen Wohngruppe gesehen:
„Dass man halt reden kann; wenn es ein Bub wäre, dann würde es gleich jeder wissen. Ich vertraue Mädchen mehr.“
Die stationäre Einrichtung ist nicht nur Hort des Schutzes sondern auch Ort für Konflikte.
Damit ist jene vertraute „Normalität“ beinhaltet, wo für Mädchen in der Beziehungswelt
Spannungen, Differenzen entstehen und auch das „Heimweh“ über die Erinnerung angeregt
werden kann:
„Weil man manchmal schon Heimweh hat und weil man manchmal Konflikte
mit den Betreuern hat. Aber das ist eh normal.“
Die Geschlechterverteilung in stationären Einrichtungen ist für Jugendliche jedenfalls bedeutungsvoll. Wie auch von BetreuerInnenseite in Interviews beschrieben, hat die Geschlechterzusammensetzung rein von den Zahlen her Auswirkungen auf das Wie des Miteinander:
„Gegenüber den Burschen sage ich eigentlich eher nicht viel. Aber durch das,
dass derzeit nicht viele Mädchen da sind, hoffe ich, dass so schnell wie möglich ein anderes Mädchen einzieht.“
Die Wahrnehmung von Unterschieden und Gleichheit erfolgt für betreute Mädchen nicht
unbedingt als Widersprüchlichkeit sondern im Rahmen von Gegebenheiten:
„Das eine Mädchen da bei uns, das täte total gern ein Bub sein und das benimmt sich auch wie ein Bub, aber man sagt da nichts dagegen. Das ist auch
okay.“
„Da sind alle gleich, so wie sie sind. Also ich finde nicht, dass da ein Unterschied gemacht wird. Also die Buben gehen am Donnerstag baden zum Beispiel jetzt und die Mädchen am Mittwoch. Aber so richtig große Sachen - nein
das ist nicht so, da wird jeder so behandelt wie er ist, egal ob Mädchen oder
Bub.“
„Ich finde ich werde eigentlich gleich beteiligt wie die Burschen. Ich sehe
auch ein, dass ich da herinnen die Jüngste bin.“
In diesem Sinn bringt das folgende Fazit die in den einzelnen Interviews entstandene Stimmung auf den Punkt:
„Ich finde das passt genauso, wie es ist hier.“
Wiederkehrend erscheinen auch Feststellungen der betreuten Mädchen – egal in welcher
Betreuungsform – aus denen hervorgeht, dass im institutionellen Alltag eine angemessene
Mitsprache verwirklicht ist und Grenzen klar kommuniziert werden:
„Ich sage einfach meine Meinung, ich lasse mich nicht einschüchtern (kichert).“
„Das ist gar nicht schwer, wenn mir was wichtig ist, dann sag ich es schon.“
„Ja wir können eigentlich relativ sehr viel tun. wir können hingehen und fragen, dürfen wir das und das tun und wir kriegen auch eine klare Antwort,
wenn es einmal nein heißt. Dann brauchen wir gerade fragen warum, uns
wird das alles erklärt, wie das abläuft.“
„Sicher fragen Sie mich zum Beispiel was ich tun will, oder ob ich das jetzt
gerade will oder nicht will.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Differenzierte Überlegungen zum Geschlecht werden nicht nur von der zuweisenden Behörde
oder bei der Erstellung des Hilfeplans von den betreuenden Einrichtungen angestellt, sie
haben auch für die Jugendlichen Bedeutung. Die interviewten Mädchen differenzieren ihre
Präferenzen durchaus, wenn sie, wie in den folgenden Beispielen, zwar bei „gewissen Sachen“ - bezogen auf mädchen- bzw. frauenspezifische Themenbereiche oder Belastungen das Gespräch mit Mitarbeiterinnen bevorzugen, sich im Allgemeinen aber nicht nur am Geschlecht sondern auch an der Qualität der Beziehung bzw. allfälliger Mängel orientieren:
„Das ist halt je nach dem, was für ein Betreuer - das hängt auch viel von sich
selber ab, von der Person. Gewisse Sachen ist es halt feiner, wenn man da
eine Frau hat, wo wir reden können. Sonst ist es mir eigentlich egal, aber bei
mir ist es relativ wurscht, ich rede eigentlich mit jedem. Außer wenn ich merke, okay, da gibt es überhaupt nichts. Einen Betreuer haben wir, wo ich eigentlich gar nichts anfangen kann, aber das tut ja nichts.“
„In der WG ist es eigentlich schon der eine [Mitarbeiter] mit dem ich über alles rede, sonst, ich weiß nicht. Ich habe mich eigentlich immer schon mit
Männer leichter beim Reden getan.“
„Lieber rede ich so von Frau zu Frau.“
Interviewerin: „Wenn dich etwas belastet redest du lieber ...“
X: „…mit den Frauen, eindeutig!“
Geschlechtsspezifische Angebote oder Projekte finden in einzelnen gemischten Einrichtungen – bisweilen offensichtlich auch nur selten – statt und werden von Mädchenseite durchaus goutiert:
„Ja, das wäre schon fein! So nur mit Mädchen in der Freizeit, das gibt es eigentlich selten. Also es sind immer wieder die Buben dabei.“
„Da ist es eh relativ gut aufgeteilt, weil es gibt Mädchenaktionen und Bubenaktionen, ich bin jetzt über ein Jahr da. So etwas machen wir schon.“
Eine Variation eines generellen geschlechtsspezifischen Angebots stellt die individuelle Ermöglichung externer bedarfsorientierter Angebote statt:
„Ich werde eigentlich schon ziemlich schnell aggressiv, und das möchte ich
noch ein bisschen in den Griff kriegen und so. Ich mache jetzt als Ausgleich dagegen Sport, Kickboxen.“
Interviewerin: „Was tätest du gerne werden?“
X: „Choreografin werden für Tänze.“
Interviewerin: „Tust du tanzen?“
X: „Ja in der WG halt. Aber wir zwei dürfen einen Hip Hop Kurs gehen im
nächsten Halbjahr!“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
6.2. Die Eltern
Tätliche Gewalt und Aggression in den unterschiedlichsten Formen kann den Rahmen sprengen, der Kindern und Jugendlichen ursprüngliche Beheimatung geboten hat:
„Schön langsam habe ich mich dann so dagegen gewehrt, dass die Mama so
schiach mit uns umgeht und dann habe ich halt auch einfach etwas dazu
beigetragen. Ich habe offen und ehrlich die ganze Zeit meine Meinung gesagt, wie ich das sehe. Und sie, sie ist einfach immer noch wütender geworden. Bis sie dann schlussendlich gesagt hat, weißt du was Schatzel, mir
reicht es, ich mag nicht mehr!“
Die stationären Einrichtungen der Jugendwohlfahrt stellen hier nicht nur einen Ersatz für
die ursprüngliche familiäre Szene dar, sondern auch einen Platz, um mit etwas Distanz
Rückschau zu halten auf den Herkunftsort, in dem Kinder/Jugendliche in eine
Un(v)erträglichkeit mit Eltern(-teilen) gerieten:
„Ja bei mir war das eigentlich so: Zuerst hatte es geheißen, dass ich vielleicht diese Möglichkeit habe, weg zu kommen, aber ich wollte nicht wegen
dem Papa. Und er wollte es auch nicht. Aber dann war es so, dass die Mama
mich so geschlagen hat, dass ich im Krankenhaus gelegen bin und dann habe
ich keine Wahl mehr gehabt. Und dann habe ich her müssen. Und dann war
mir sowieso alles egal. Weil ich habe nicht mehr gewusst, wie es weitergeht
und dann habe ich mir gedacht, ich wollte eigentlich nie wirklich da her.
Aber es war halt die beste Lösung. Und dann habe ich halt das Beste daraus
gemacht. […] Das Problem ist, die Mama ist auch psychisch krank und sie
sieht es irgendwie nicht ein. Ich weiß es nicht.“
Erwachsene, die nicht einsichtsfähig sind – insbesondere in das eigene gestörte Erleben
oder Verhalten – stellen als Eltern eine oft nicht mehr kompensierbare Belastung für Kinder
und Jugendliche dar, die sich selbst in einer intensiven persönlichen Entwicklung befinden.
Mit lapidaren Feststellungen von Jugendlichen wie: „Ja und Gewalt daheim, da bin ich halt
auch geschlagen worden von den Eltern her.“ verbindet sich die Rückbindung an das eigene
Verhalten: „Ich bin ehrlich, ich schlage eigentlich nie ohne einen Grund zu, so wie mein Vater.
Der hat oft ohne Grund auf mich zugeschlagen.“ und gerinnt zur lösenden Erkenntnis: „Ich
habe es so auch fein. Also ich muss sagen ich brauche eigentlich meine Mama nicht.“
Gewalt wird gerne angetrieben von einer Wut, die, wenn sie sich bei Jugendlichen breit
macht, zu auffälligem Verhalten und über diese direkt in die Einrichtungen der Jugendwohlfahrt führen kann. Die oft nur mühsam und unzureichend unterdrückte chronische Wut von
jenen Eltern, die sich durch ihre Kinder massiv gestört (und überfordert) fühlen, kann viele
Hintergründe haben. Vordergründig erscheint aus den Interviews mit Jugendlichen, die über
Gewalterfahrungen mit ihren Eltern und deren Lebenspartnern berichten, dass hier ein oft
jahrelanger Gewaltprozess auf die Kinder/Jugendlichen einwirkt, bis die Jugendwohlfahrt
durch ihre Intervention für eine Trennung von Eltern und Kindern und damit für die Beendigung der Gewaltprozesse sorgen kann:
„Und sie hat auch oft Wutausbrüche, zum Beispiel: Ich wünsche mir, ihr wäret nie geboren!
„Ja Erfahrungen habe ich viele gemacht damit. Das ist auch der Grund warum dass ich da bin. Also ich habe es eigentlich 12 Jahre lang genossen, dass
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
ich von meinen Eltern hergeschlagen worden bin. Am meisten von meinem
Stiefvater. Meine Eltern haben sich sehr früh scheiden lassen, ich war ein
halbes Jahr. Und dann mit einem Jahr ist dann mein Stiefvater gekommen.“
Nicht alleine die finale Eskalation von Wut und Gewalt ist für Kinder und Jugendliche bedrohlich und schädlich, sondern ebenso die chronische Wirkung einer eigentlich unhaltbaren Dauersituation, von der viele wissen, die auch beobachtet wird, an der aber niemand
Anteil nehmen will, sich alle „heraußen“ halten wollen, wie es ein Mädchen beschreibt:
„Meine Geschwister sind auch geschlagen worden, aber die haben nie etwas
gesagt. Und die sagen jetzt immer noch nichts. Das habe ich ein bisschen
auch mitbekommen. Und meine Nachbarn ja auch, das hat sowieso jeder
mitbekommen, es hat nur nie jemand wirklich etwas gesagt und das ist auch
das Problem. Das ist bei den meisten so: Jeder weiß es, aber gesagt wird
nichts. Jeder haltet sich halt raus.“
Die Rolle der erwachsenen Partner der Gewalttäter – ob Mann oder Frau – entwickelt sich
über die Mitwisserschaft, die, wenn sie zu keinen Konsequenzen und Interventionen führt,
zur Mittäterschaft wird, indem sie das „private“ Territorium der Familie mit absichert, in
dem die Gewalt eingezogen ist:
„Der Papa hat eigentlich nie etwas getan, er hat nur zugeschaut. Und das ist
auch schlimm genug, aber er hat nicht geschlagen.“
Aus Gendersicht stellt sich daher zunächst nicht nur die Frage, wie qualifiziert und gut die
Einrichtungen der Jugendwohlfahrt und der Kooperationspartner den aktuell betreuten Kindern und Jugendlichen Hilfe und Unterstützung bieten, sondern wie es gelingen kann, frühzeitiger Eltern und deren Kinder zu erreichen, die in dieser Form miteinander in eine chronisch destruktive Beziehung geraten sind. Mädchen scheinen, den Beobachtungen der MitarbeiterInnen im Jugendwohlfahrtsbereich nach, wesentlich länger unauffällig auszuharren
als Buben/Burschen. Aus dieser Wahrnehmung heraus liegt ein wesentlicher Beitrag an einer Benachteiligungssituation von Mädchen darin, dass diese vielleicht weniger in der Jugendwohlfahrt schlechter gestellt sind, sondern dass sie dies außerhalb sind, im unerkannten, unbearbeiteten Zulauf, also sozusagen vor dem Wirksamwerden des Interventionssystems JUWO.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
6.3. Selbstverständnisse von Mädchen
Mädchen sagen was sie wollen. Und wenn sie nicht gehört werden, ist mit Störung zu rechnen. So wie zwei Drittel der MitarbeiterInnen im Jugendwohlfahrtsbereich meinen, dass
Mädchen nicht größere Schwierigkeiten haben als Buben/Burschen ihre Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren, machen die befragten Mädchen in den Interviews klar, welches
Selbstverständnis sie haben:
„Das würde ich gar nicht mögen, wenn jemand irgendetwas entscheidet und
ich kann da nicht mitreden. Da streike ich.“
Die Formen des Streiks bei mangelndem Respekt vor den Äußerungen der Mädchen sind unterschiedlich. Von den professionellen Helfern im JUWO-Bereich wird besonders auf die generelle Tendenz abgestellt, dass Mädchen später als Buben/Burschen auffällig werden und
dann stärker eine nach innen gerichtete Aggression wirksam wird:
„Ich tue das ein bissel beobachten, ich sehe wie die mit den Eltern umgehen,
zum Beispiel gegenüber anderen Mitschülern. Ich muss sagen, es gibt ein
Mädchen, die mag nicht recht bei ihrer Mutter sein und sie hat auch ab und
zu Probleme mit ihrer Mutter. Ich habe gesagt, weißt du was Desiree, das ist
das Mädchen, so heißt sie, setzen wir uns hin, reden wir darüber. Ja okay,
passt. Sie hat mir ihr Erlebnis erzählt und ich muss sagen, das ist auch nicht
so ohne. Es ist auch oft gewesen, ihre Mutter erpresst sie auch und so. Und
sie tut das Gleiche im Grunde wie ich: Also wir rauchen beide, wir rauchen
unseren Frust hinunter, wir sprechen uns eigentlich fast nichts aus.“
Spannend bleibt die Hypothese, ob bei Mädchen diese Reaktionsrichtung (nach innen) wirklich grundsätzlich angelegt ist, oder ob sich diese nicht erst im längeren Verlauf eines chronischen, erfolglosen „Streikverlaufs“ (aufgrund eines fortgesetzten Nicht-(an)gehörtwerdens) ergibt.
Bezogen auf die peer-group kam in keinem der Interviews hervor, dass Mädchen sich gegenüber Burschen generell als benachteiligt erleben:
„Ich weiß mit welchen Leuten ich mich abgebe und mit welchen auch nicht.
Das würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, dass ich es als Mädchen schwerer
habe, das kommt drauf an. Und ich denke mir, das kommt auch auf jeden
einzelnen drauf an, wie man sich auch gibt. Weil wenn man immer nur blöd
tut, dann hat man es auch irgendwann schwerer in der Schule zum Beispiel,
weil einen dann die Lehrer nicht mögen und dann passt es auch nicht. Aber
so generell würde ich das nicht sagen.“
Interviewer: „Und im Umgang mit den Burschen, hast du den Eindruck, du
wirst als Mädchen respektiert und die gehen so mit dir um, wie du das
magst?
X: „Ja, eigentlich schon. Und wenn sie es nicht tun, dann spüren Sie das.“
Mädchen machen sich Gedanken darüber, wie sie sein wollen, wohin sie sich entwickeln. Ein
feststehendes, vorgegebenes Mädchenbild besteht dabei nicht von vorneherein, auch wenn
über Genderzuschreibungen eine Geschlechterordnung sichtbar wird. Im Kern der Aussage
steht vielfach die Bedeutung der „eigenen Persönlichkeit.“ Über diese gedankliche Figur
wird Autonomie und Unabhängigkeit ins Selbstbild integriert:
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Ich denke mir als Mädchen muss man sich nicht so aufführen wie ein Bub.
Wir haben auch einmal ein Mädchen da gehabt, da habe ich mir gedacht, oh
Gott, ist das ein Bub oder Mädchen? Ich lebe eigentlich so wie ich will und
ich tue jetzt nicht so wie andere tun. Oder so wie Cliquen. Ich tue einfach
das was ich für richtig finde. Aber doch führe ich mich nicht so auf, so Mädchenhaft. Nun, ich meine so wie typische Schulcliquen, so wie in der Hauptschule, da denke ich mir: Oh mein Gott, keiner hat seine eigene Persönlichkeit, plappert den andern alles nach, das finde ich voll schräg.
Ich habe auch so meine eigene Clique, aber bei uns ist das ein bisschen anders, da tut jeder sein eigenes Zeug.“
Im Bemühen um das unverwechselbare Eigene wird die Intensität dessen deutlich, was Sozialisation als Entwicklung des sozialen Verständnisses vom eigenen Geschlecht, von Selbstbewusstsein und Kompetenz als Folge eines Interaktions- und eines Strukturprozesses4 darstellt:
„Ich will nie so sein wie jemand anderer, auch wenn es ein guter Mensch ist
oder so, aber ich möchte nie so sein, wie andere sein.“
In einem der Interviews beschreibt ein Mädchen, wie sie sich in ihrem Selbstentwurf partiell
an anderen orientiert. Gleichzeitig wird in einer selektiven Bezugnahme auf „Vorbilder“
auch eine individuelle Freiheit der Wahl gewünschter Persönlichkeits- oder Verhaltenskomponenten realisiert. Das Bedürfnis nach einem möglichst vollständigen Ganzen bestimmt
den Blick:
„Ich suche mir immer von gewissen Leuten etwas heraus und das werfe ich
irgendwie so zusammen. Eine Freundin von mir ist jetzt 20 geworden und hat
die HAK fertig gemacht. Ich meine, ich finde das super, wie sie halt schulisch
so gut ist und da möchte ich auch so sein. Oder zum Beispiel von einer
Freundin die Mama, das finde ich so super, sie ist irgendwo volle nett zu
meiner Freundin aber auch irgendwie streng und so. Und da denke ich mir
auch, wie sie das so schafft, das finde ich auch super. Und wenn ich einmal
Kinder habe oder so, dann möchte ich auch einmal so umgehen, weil sie ist
halt voll nett und lustig. Ich weiß nicht, ich suche mir da irgendetwas heraus
und denke mir, ja so könnte ich auch sein. Ich habe jetzt nicht wirklich ein
richtiges Vorbild, halt einfach ein paar Sachen, wo ich mir denke, wow, nicht
schlecht, das hätte ich auch gerne, oder so wäre ich gerne in dem Bereich.“
Diese angestrebte Unabhängigkeit bezieht sich im Weiteren auch auf den Entwurf der zukünftigen Lebenspositionen hinsichtlich Beruf und Partnerschaften:
„Selbständig möchte ich sein, ich möchte nicht von irgendjemand abhängig
sein, dass ich auf jemanden angewiesen bin.“
4
nach: Krüger, H. (2002): Gesellschaftsanalyse: der Institutionenansatz in der Geschlechterforschung. In:
Knapp, Gudrun A / Wetterer, Angelika (2002) (Hg.): Soziale Verortung der Geschlechter, Gesellschaftstheorie
und feministische Kritik. Münster, S.72
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Ich will halt auf jeden Fall einmal einen Beruf haben.“ entspricht als Wunsch damit der Realität einer stark gestiegenen Frauenerwerbsquote.
In der Bezugnahme auf die anderen Mädchen in der Wohngemeinschaft wird das Zukunftsszenario einer Berufstätigkeit in Verbindung mit Kindern als verbreitetes Rollenmodell der
Mädchen vermittelt: „Ja jeder, jeder will Kinder haben und einen Job haben.“
Je näher Mädchen an den Übergang zur erwachsenen Frau kommen, desto unvermittelter
entsteht auch die Konfrontation mit Geschlechtsbezogenen Ungleichverteilungen in der
Gesellschaft:
„Was ich anstrebe ist, dass auf alle Fälle Gleichberechtigung ist. Weil das finde ich ist einmal total wichtig, weil in vielen Sachen z.B. das jetzt noch nicht
so ist. Bei den Berufen zum Beispiel, allein schon bei dem Beruf, den ich
werden will, ist überhaupt keine Gleichberechtigung, da ist es als Frau wirklich sehr, sehr schwer.“
An der Einmündung in den Beruf können dann – z.B. über traditionelle Differenzierungen –
vorherige, lebensphasenspezifische Aufweichungen von Grenzen wieder verfestigt werden:
„Ich habe eigentlich früher relativ viel an meinen Puppen herumgeschnipselt
und irgendwann hat einmal die X. gesagt, weißt du Anna, ich bin dir total
neidisch, weil du das so gut kannst. Und dann hat sie einmal gefragt, ob ich
einmal bei ihr die Haare scheide. Und ihr gefällt das auch total gut.“
Die Mädchen haben in den Interviews einen ganz klaren Bildungswunsch – auf unterschiedlichen Niveaus - vermittelt. Dass dieser Bildungswunsch auch gegen präformierte transgenerationale Einflüsse aufrecht erhalten wird, zeugt vom inneren Anspruch:
„Dass ich einen guten Job bekomme, nicht so wie meine Mama. Meine Mama
hat von Kind her schon den größten Wunsch gehabt, dass sie einmal etwas
lernen darf. Aber ihre Mama hat sie nicht lassen. Und deshalb hat meine
Mama eigentlich auch gesagt, du darfst nichts lernen, ich soll in einer Fabrik
arbeiten gehen. Und dann habe ich gesagt, es ist meine Entscheidung, wenn
ich gut bin in der Schule kann ich, es ist meine freie Entscheidung. Und ich
will etwas lernen. Ich will nicht so sein wie die Mama.“
Für die befragten Mädchen im Kontext der Jugendwohlfahrt stellen ihre Mütter oft nur begrenzt eine hilfreiche Orientierung dar, auch wenn mit der traditionellen Reproduktionsabsicht (mit weiter zeitlicher Perspektive) im Allgemeinen nicht gebrochen wird:
„Ja, Kinder möchte ich schon haben. Aber ich möchte es einfach anders ausleben als wie meine Mama.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
7.
Kleinkindalter
Geschlechtsbezogene Benachteiligungen in der JUWO Tirol: Diese Fragestellung bildete den
Ausgangspunkt und gleichzeitig den Hintergrund der im Folgenden beschriebenen Konflikte.
Was sind Benachteiligungen? Benachteiligungen lassen sich nur in Beziehung auf ein Drittes, und hier erscheint das Vokabular der Ökonomie hilfreich, nämlich auf ein knappes Gut
beziehen. Benachteiligung zeigt sich am offensten im Zugang zu und in der Verteilung von
materiellen Gütern, wobei im metaphorischen Begriff des goldenen Käfigs selbst diese Gewissheit anzuzweifeln ist. Benachteiligung zeigt sich auch in fehlender Anerkennung.5 Es
stellt sich daher die Frage, ob jede wahrgenommene Differenz zwischen den Geschlechtern
eine Benachteiligung darstellt, und welche Differenzen benachteiligend sind.
Wir haben nach Unterschieden zwischen Buben und Mädchen gefragt. In der Praxis vermengen sich die wahrgenommenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern mit den jeweiligen
unterschiedlichen Interventionen der JUWO. Dabei beginnen die ersten unterschiedlichen
Wahrnehmungen zwischen den JUWO Mitarbeitenden mit dem Zeitpunkt ab wann Geschlecht
denn relevant ist. Wann beginnt Geschlecht?
Der Blick von außen auf den Menschen ist ein Blick auf Mädchen und Buben, er wird ausgedrückt in der Fragestellung, ob beim ersten Besuch am Wochenbett rosa oder hellblaue Babykleidung passend ist. Wer sich dieser Dualität entziehen will, nicht Farbe bekennen will
oder kann, beispielsweise das Geschlecht des Neugeborenen noch nicht weiß, kann auf alternative Farbangebote ausweichen oder die (Nicht-)Farbe weiß wählen. Bei der Fragestellung nach Unterschieden zwischen Mädchen und Burschen, wurde in den Interviews auf
unterschiedliche Lebensalter Bezug genommen.
7.1. Geschlechterdifferenzen im Kleinkindalter
„Ich glaube, dass es sich erst im höheren Alter sich auseinander zweigt! Und
intensivere Unterschiede zu beobachten sind. Ich glaube im Kindergartenalter
nicht. Also ich glaube auch im Volksschulalter nicht. Hätte ich nicht den Eindruck. Im Volksschulalter sind so klassische Dinge, die eigentlich genau genommen gar nicht in unsere Zuständigkeit fallen. Hyperaktivität ah, Dinge,
die eigentlich therapeutisch abzuklären sind oder psychodiagnostisch. Auf der
Klinik, und wo ich nicht sagen täte, dass es klassisch JUWO Sachen sind. Also, dass es auch nicht klassische Erziehungs-Überforderung in der Erziehung
ist, sondern, dass die Eltern einfach zuwenig Information haben und zuwenig
wissen, wie sie mit einem hyperaktiven Kind umgehen. Und ich glaube auch,
dass auch die Kindergärtnerinnen jetzt ganz mühsam jetzt das lernen und
halt geschult werden, und halt bemerken, was Kinder in diesem Alter oft haben. Und, was heißt, was weiß ich, permanentes Bettnässen, oder was kann
ich…. Also ich glaube nicht, dass da größere Differenzen sind.“
Es könnte jetzt darauf Bezug genommen werden, inwiefern Symptome wie Hyperaktivität
oder Bettnässen geschlechtsbezogen sind. Fokus ist hier, dass der Interviewpartner die geschlechtsbezogenen Aufmerksamkeit auf Symptome richtet mit denen er in seiner Praxis
5
Zu dieser Thematik: Nancy Fraser und Axel Honneth, Umverteilung oder Anerkennung, Eine politisch philosophische Kontoverse, Frankfurt a. Main, 2003.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
konfrontiert ist und die er geschlechtsbezogen zuordnen kann. Aus dieser Perspektive
„zweigt es sich erst in höherem Alter auseinander.“
Doing Gender, nämlich Handlungen mit denen Geschlechtsrollenvorstellungen transportiert
werden, beginnt schon früher. Dabei fällt die Verantwortung der JUWO Mitarbeitenden für
frühe Festlegungen gering aus. Die Orientierung der JUWO an der Erziehungsverantwortung
der Eltern räumt den Eltern, in Relation zu den JUWO Mitarbeitenden eine Übermacht ein.
„Das fängt ganz klein an, wir sehen es mit Kinderkrippe schon, was spielt wer
für Spielzeug, was kriegt wer auch zugewiesen für ein Spielzeug von Elternteilen her und wo man heute das Angebot, die ganze Bandbreite hat, aber wo
schon ganz klar wird, wer greift zu der Puppe und wer greift zum Auto. Wo
das auch schon vorgegeben ist. Ich glaube das fängt ganz früh an schon, und
das ist sicher Kinderkrippe…..ist das Jüngste bei uns eineinhalb Jahre.“
„Im Heimbetrieb haben wir sie ab drei und da ist es sicher schon festgelegt.
Es ist auch, was bringt die Mama für den Buben mit und was bringt sie fürs
Madl mit, auf was wird Wert gelegt, auf gute Kleidung, oder: mein Gott, ist
halt ein Bub und ist halt eine dreckige Hose und das Madl: na wieso ziehst
denn eine schmutzige Strumpfhose an?! Also ist da schon festgelegt.“
Auf die Bedeutung der Eltern wird in zahlreichen Interviews mit den MitarbeiterInnen der
JUWO und der Kooperationspartner Bezug genommen. Die folgende Passage bezieht sich
wieder auf den Kleinkindbereich. Ausgehend von der gegenwärtig ungleichen quantitativen
Verteilung der Mädchen und Buben im Kleinkindbereich (Tagesbetreuung) ist die Betreuerin
beinahe verwundert über die Zufriedenheit des Buben mit seinen zwei weiblichen Spielgefährtinnen. Die Vertrautheit miteinander, die in der gemeinsam verbrachten (verspielten)
Zeit entstanden ist, stellt die Geschlechtszuordnung in den Hintergrund.
X: „Die Kinder, die ich zurzeit habe, die verstehen sich gut, die sind allerdings schon drei Jahre beieinander, die wissen voneinander alles, oder wie
sie spielen wollen, und ist überhaupt kein Problem, weil wir haben einen Buben und zwei Mädchen, kommen herüber, die spielen ganz normal miteinander, eher der Bub mit den Mädchen.“
Interviewerin: „Inwiefern?“
X: „Dass der Bub nie sagt: ‚Ma, ich will jetzt einmal einen anderen Buben
noch zum Spielen haben, mir derleidet das, die Mädchen dauernd!’ Überhaupt nicht.“
Die Trägerinstitution greift aus wirtschaftlichen Überlegungen (Tagsatzfinanzierung) eher
nicht in die Geschlechterzusammenstellung der Gruppe ein und überlässt diesen Wirkfaktor
dem Zufall:
„Wir hätten nicht so das Problem, sondern die Eltern. Da ist jetzt eine Mutter
da und die hat echt schon Bedenken, ob das nächste Kind, dass das hoffentlich ein Mädchen wird, das hereinkommt, damit ihre Tochter da noch jemanden zum Spielen hat, weil die es nicht so gerne hat, wenn sie nur mit Buben
spielt. Also von uns aus ist nicht so das Problem, eher die Eltern möchten
dass es ausgewogen ist und dass Mädchen mit Mädchen spielen auch…“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Die Betreuerin weiter: „Kleidchen, rosarot, Maschele, zum Austausch. Dass
Mädchen Mädchen haben zum Austausch. Bedenken, dass die Buben wilder,
grober sind und das mögen sie für ihre Mädchen nicht.“
Den Geschlechtsgenossinnen wird in diesem Fallbeispiel von der Mutter große Bedeutung
bei der Entwicklung zum richtigen Mädchen zugeschrieben. Die Zufälligkeit der geschlechtsbezogenen Zusammenstellung durch „das nächste Kind das hereinkommt“ scheint in diesem
Fall geradezu zum Korrektiv für doing gender zu werden.
Im folgenden Ausschnitt eröffnet die Gruppe („zwei, drei Mädchen“) das Potenzial, männliches Verhalten auszuprobieren. Auch Mädchen mögen raufen, und damit männlich konnotierte Zugänge zu körperlicher Nähe und dem Erleben eigener Körperkraft leben. Wenn mehrere Mädchen da sind entlastet dies die Betreuerin, dann ist weniger „schützender“ Interventionsbedarf von ihrer Seite nötig. Umgekehrt wird den Mädchen zugeschrieben, Korrektiv
gegen das ruppige Verhalten von Burschen zu sein.
X: „Weil sie mögen es schon, wenn sie zwei drei Mädchen sind mit den Buben
wild tun. Aber wenn nur ein Mädchen ist, dann wird ihr das gleich zu wild,
das kann ich so beurteilen bei unseren Kleinen und auch, z.B. dass sie ein
bisschen fein sind die Mädchen, da lernen die Buben auch, dass man nicht
nur wims wams und rums rums, geh, das … Weil ich glaub auch, dass man
vielleicht selber, wenn nur Buben sind oder was, dass man, wenn sie da ein
bisschen herumraufen oder so, dass das gar nicht so wild ist, aber wenn Mädchen dabei sind, dann müssen sie ein bisschen Rücksicht nehmen.“
Interviewerin: „Sie meinen, dass man dem Verhalten der Buben gegenüber
toleranter wäre, wenn Mädchen als Korrektiv fehlen?“
X: „Ja, zumindest ich hätte die Neigung, für mich wäre es so dass ich mir
denke, wenn die Buben jetzt untereinander raufen oder ja dann passt das,
aber wenn sie jetzt mit einem Mädchen raufen, dann ist das schon ganz etwas anderes, dann muss man einschreiten erstens, und das ein bisschen abklären, gell.“
Im Einzelfall gibt es jedoch immer wieder Überraschungen:
„Wir haben jetzt einen Bub und ein Mädchen. Und der Bub steht nur da und
wartet, und sie schlagt und schlagt und schlagt und reißt und er wartet irgendwie, also immer kann ich das nicht sagen, weil die Mädchen sind schon
schneidig, aber die Burschen sind halt grob, gleich grob, auch die Kleinen.
Und die Mädchen sein mutiger, indem … ein Mädchen steht nicht da und
wartet bis der geschlagen hat, entweder geht sie oder schreit sie oder tut zurück, aber die Buben sind da eher, überhaupt wenn das Mädchen kleiner ist,
sind sie voll rücksichtsvoll, das fällt auf, da haben wir derzeit so eine Kleine,
die schlagt sie alle und die warten und warten auch die Buben…. weil sie
einfach auch, wir erklären das ja auch, dass sie klein ist und erst das lernen
muss, weil die will einfach alles haben was sie sieht und sie wollen es nicht
hergeben aber sie erwehren sich ja auch nicht.“
Auffällig ist in dieser Passage, dass das Schlagen des Mädchens von der Betreuerin mit Mut
in Verbindung gebracht wird. Gleichzeitig wird deutlich, wie relevant für den allgemeinen
Umgang mit der Situation das Alter des Mädchens ist. Ob die duldende Rolle der Burschen
frei gewählt ist oder vorauseilender Gehorsam bezogen auf Erwartungen der Betreuenden,
wie man sich als großer Bub gegenüber keinen Mädchen zu verhalten hat, bleibt ungewiss.
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Der Bezug auf Geschlecht innerhalb der JUWO unterscheidet sich zudem von der Art der Einrichtung. Im Bereich der ambulanten „Hilfen zur Erziehung“ liegt der Fokus auf dem familiären Zusammenwirken. Aus dieser Perspektive sind die Differenzen im Kindesalter gering.
„Ich denke, dass der Unterschied nicht ist je kleiner die Kinder sind. Wir haben sie ja von null bis 18. Wir kriegen immer die ganze Familie. Und die Familie hat verschiedene Mitglieder. Und wenn da Babys sind, da denke ich, da
ist kein Unterschied. Bis zu einem bestimmten Alter. Ich denke der Unterschied in der Behandlung bildet sich dann eben so ab 10 Jahren heraus und
setzt sich dann letztendlich bis zur Volljährigkeit fort, also auch als Jugendliche, das sind natürlich Unterschiede weiterhin gegeben, wie wichtig sie für
die Jugendwohlfahrt sind, wie auffällig sie sind.“
In der Beratungseinrichtung zeigt sich der Vorbote auf die im höheren Alter häufigere Aggressivitätsproblematik der Burschen bereits im Kindergartenalter:
„Interessant ist für mich immer, die Kinder, die im Kindergartenalter vorgestellt werden, da ist ganz häufig Aggressivität bei Buben der Vorstellungsgrund. Dass die einfach tätlich werden, beißen, kratzen, schlagen. Sonst ist
natürlich dann die Pubertät, ist es häufig wieder so, dass das bei den Buben
anders ist, die Gewalt Thema ist, auch Gewalt gegen die allein erziehende
Mutter, haben wir auch. Und dann natürlich viel mehr das Problem mit Alkohol, Delinquenz, das ist schon auch bei Buben mehr als wie bei Mädchen,
was mir so unterkommt.“
Auf die Zwischenfrage nach weiteren Unterschieden zwischen Mädchen und Buben im Kleinkindalter findet die Beraterin:
X: „Da finde ich jetzt außer im Kindergartenalter find ich jetzt keinen Unterschied im Vorstellungsgrund zwischen Mädchen und Buben. Bei Mädchen ist
es, … aber das ist bei Buben auch, Trennungsangst ist ein häufiger Vorstellungsgrund im Kindergartenalter.“
Interviewerin: „Bei diesen Buben die im Kindergarten aggressiv sind, gibt
es da Ursachenmuster oder ist das ganz individuell?“
X: „Ich habe selbst eine Hypothese, ich habe den Eindruck, Buben können
sich verbal weniger gut artikulieren als Mädchen, dass das mit eine Verursachung ist dafür. Dass man mit Mädchen vielleicht ein anderes Sprachverhalten hat als Mutter. Mädchen dürfen ihre Gefühle äußern und Buben vielleicht nicht, das daher vielleicht kommt, dass Buben mit ihrer Wut eher in
die Handlung gehen anstatt ins Verbalisieren. Ich versuche dann mit den
Müttern, dass sie dann den Kindern auch beibringen, die Gefühle zu artikulieren, dass sie auf den Tisch hauen oder stampfen, aber sagen: ‚Ich bin
Zornig’ oder: ‚Du hast mir weh getan!’, also dass sie verbalisieren.“
Verbalisieren wird durch ein gesellschaftliches und soziales Umfeld erleichtert, das sowohl
die Gefühle, als auch deren Artikulation erlaubt. „Brave Kinder“ als Erziehungsziel könnte
geradezu als Verstärker wirken, für ausagierte Aggression genauso wie für verborgene.
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7.2. JUWO Interventionen
Mit steigendem Alter wird in allen Bereichen der JUWO (Behördliche Sozialarbeit, ambulante
und stationäre Leistungsträger) eine verstärkte Aggressivität der Buben festgestellt.
Dazu eine Erfahrung aus der ambulanten Familienbetreuung:
„Also ich merke, dass Buben früher auffällig werden. Wir haben immer wieder Anfragen, wo schon Sieben-, Achtjährige in der Schule untragbar sind
oder massiv auffällig im häuslichen Bereich. Mädchen werden nach unserer
Erfahrung später auffällig, sie sind länger angepasst und lassen sich, salopp gesagt, länger niederbügeln. Und Buben gehen früher auch in die Aggression und in die Gewaltanwendung, sei es, dass sie sich prügeln, dass
sie massiv Dinge zerstören und gehen früher, das kann ich wirklich sagen,
früher gegen Eltern tätlich los. Wenn dieses Eltern-Kind-Gefüge nicht
stimmt, kann es schon mit acht oder zehn sein, dass sie schon Drohgebärden machen und das ist bei Mädchen nicht so, das kommt später, das
kommt wirklich erst in der Pubertät, das so mit 13, 16, 17, wo dann Mädchen auch sehr massiv werden und sehr aggressiv. Aber Buben sind ungleich früher dran.“
Im Bereich der vollen Erziehung schlägt sich diese geschlechtsspezifische Problemstellung
in deutlich höheren Zahlen für volle Erziehung im Alter zwischen acht und vierzehn nieder.
„Bei uns ist das Verhältnis von Burschen zu Mädchen ungefähr gleich. Allerdings was die Anfragesituation betrifft, deutlich ein Unterschied: Bei
kleinen Kindern: Buben; ab Pubertätsalter: Mädchen. Und zwar ganz weit
auseinander.“
„Was die Klienten betrifft, so ist die Beobachtung die gleiche, dass wir
ganz viele Buben so bis 13 Jahre haben, also um viel mehr und Mädchen
eher dann vermehrt, wenn sie auffällig werden im höheren pubertären Alter. Also das ist so eindeutig, das ist ein Problem. Also das erleben wir
deutlich diese Verteilung. Die Mädchen werden auf eine andere Weise auffällig oder nicht so auffällig. Und die Buben bekommen relativ schnell eine
Betreuung zugewiesen, wenn sie, ja...“
Für die volle Erziehung gibt es sowohl geschlechtergetrennte als auch koedukativ geführte
Einrichtungen. Unterschiedliche quantitative Verteilungen machen sich bei koedukativen
Einrichtungen bemerkbar.
„Wenn wir Kindergruppen haben im Volksschulalter, dann könnten wir reine
Bubengruppen machen. Jetzt wir können es uns aussuchen und sagen, wir
wollen es ungefähr aufteilen.“
„Von der Aufnahme auch eher bei den Kleinen eher Buben, da überwiegend
die Buben. Jugendliche haben wir jetzt erst zwei, wir sind so beim Aufmachen nach oben, sind jetzt eher in der Kleinkindergruppe daheim, also
Volksschule Anfang Hauptschule. Und in einer Wohngruppe da haben wir,
wirklich auffallend, da sind sechs Buben drinnen und ein Mädchen. Das beginnt sich jetzt zu stabilisieren und beginnt auch eine Ruhe einzukehren,
aber es ist schon eher die aufgewühlte Gruppe als die andere, wo wir mehr
Mädchen wie Buben drinnen habe.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
In koedukativen Einrichtungen werden mit der quantitativen Verteilung der Geschlechter
und deren Auswirkungen auf die Gruppe Erfahrungen gesammelt:
„Koedukation heißt bei uns nicht, dass wir jeden Platz Bub - Mädchen aufteilen. In den Gruppen mit acht Kindern haben wir eine Aufteilung, wo wir
sagen eine größere und eine kleinere Gruppe, fünf Mädchen drei Buben, die
besten Erfahrungen gemacht. Wir wissen nicht woher es kommt. Also nicht
so die Waage, sondern ein bisschen ein größerer Teil und ein bisschen ein
kleinerer Teil, fünf Mädchen drei Buben, das ist bei uns so über Jahre hindurch in zwei oder drei Gruppen das Beste gewesen.“
Von der höheren Aggressivität der Burschen zur Kriminalität besteht ein fließender Übergang:
„Also ich habe jetzt auch nachgeschaut in der Statistik: Also witzigerweise
haben wir mehr auffällige Buben im Alter zwischen zehn und 15 Jahren als
auffällige Mädchen. Und auffällige Buben, wo meistens mit Schulproblemen oder weil sie halt unterwegs sein irgendwo und ein bisschen Straffälligkeiten, also Straftaten machen nicht im argen Sinn. Wobei das jetzt zugenommen hat, also so richtige Banden, und Mädchen eher unauffällig
sind. Also von der Schule her eher unauffällig sind, da kriegst auch dann
immer so die Auskünfte, sie fällt eigentlich gar nicht auf, obwohl sie auch
schlechte Schulleistungen haben, aber das nicht auffällt und Buben eher
auffällig sind da. Und von den Eltern her ist es eher umgekehrt. Da gehört
bei den Buben – also solange sie jetzt nicht ganz arge Sachen machen,
wird gesagt dass Buben das halt irgendwie brauchen zu ihrer Sozialisierung, dass sie schlimmer sind und halt einmal was anstellen und die Toleranz bei den Mädchen da ganz gering ist. Also dass Eltern da, wenn Mädchen ausgehen, länger in der Nacht fortbleiben, dass das für die Eltern,
oder für die Mütter, ein Riesenproblem ist, bei den Buben weniger. Oder
wenn Mädchen straffällig werden, dass das die Eltern also auch wesentlich
schlimmer sehen als wie bei die Buben.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
8.
Jugendalter
Mit beginnender Pubertät zweigen die Problemstellungen bei Mädchen und jene bei Burschen deutlich auseinander. Wir wählen für diese Altersgruppe die Gliederungsstruktur in
Mädchen und Burschen. Im Praxishandeln verbinden sich zahlreiche Wirkfaktoren, das wird
in den Interviews selbst bei kürzesten Sequenzen deutlich. Die Passagen werden von uns
mit dem Fokus Differenz ausgewählt.
Die Interpretation weiterer Aspekte bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen. In den
Interviewpassagen zeigt sich durchgängig, dass Geschlechtszugehörigkeit in der Verbindung
mit dazugehörigen (dual eingeschränkten) Rollenvorstellungen zum Problem für Jugendliche
wird. Während die bereits angekündigte Problematik der Burschen, nämlich das aggressive
Verhalten, zu strafrechtlichen Problemen führt, wird bei Mädchen deren „Fruchtbarkeit“ zum
Problem.
8.1. Mädchen
In der folgenden Textpassage zeigt sich der bruchlose Übergang von den Problemen der
Mädchen zu jenen der Frauen:
„Mädchen leben im Glauben, dass man durch gute Anpassung mehr Zuwendung kriegt, dass dann rundherum mehr Harmonie ist. Ich denke bei Mädchen spielt die Harmoniefrage schon eine sehr große Rolle, und wenn ich
das alles auf mich nehme und eben nach der Arbeit klaglos den Haushalt
und die Kinder versorge, dann habe ich einen zufriedenen Mann und dann
haben wir es nett und harmonisch. Das spielt in der Fantasie der Mädchen
eine Rolle.“
Diese verhängnisvolle Fantasie, nämlich dass es in der Hand (in der Macht) der Mädchen
und Frauen liege, den (familiären) Frieden herzustellen, und dass weiters das (scheinbar
einzige) Mittel zum Ziel Fleiß und Anpassung ist, durchzieht alle frauenspezifischen Problembereiche.
8.1.1. Angst vor Schwangerschaft
Die Sorgen und Ängste rund um eine mögliche Schwangerschaft wird in allen Bereichen der
JUWO erwähnt. Zunächst die Perspektive der Behörde:
Sozialarbeiterin „Ja das Problem, das Schreckgespenst bei den Eltern ist
immer, dass Mädchen schwanger werden können.“
Interviewerin: „Bei den Eltern? Bei beiden Eltern?“
Sozialarbeiterin „Ja bei beiden.“
Interviewerin: „Und wie gehen Eltern, oder wie geht’s ihr von der JUWO mit
der Angst der Eltern um?“
Sozialarbeiterin: „Bei uns wird sie zum Thema eher gemacht, wenn die
Mädchen so quasi nicht mehr folgen und viel von daheim unterwegs sind
und einen Freund haben. Dass das passieren kann. Wir versuchen ihnen
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
dann schon zu sagen, dass eine richtige Aufklärung sowohl von den Mädchen als auch von ihrer Seite wichtig ist, oder sonst kommen sie überhaupt
erst, wenn sie schon schwanger sind.“
Ein anderer Sozialarbeiter der Behörde fokussiert bei der Problematik auf die vielfach fehlende Aufklärung:
Sozialarbeiter: „Ich erlebe heute noch Mädchen die sehr spät aufgeklärt
werden und sehr spät mit ihrer Situation umgehen lernen, habe ich nach
wie vor, obwohl man meint wir leben in einer sehr offenen aufgeklärten
Gesellschaft. Aber das stimmt nicht ganz…..man kommt dann drauf. Wir
haben Mädchen mit 11, 12 Jahren die sexuelle Kontakte haben, wo Aufklärung schon sehr notwendig ist“
Das gut angenommene Angebot eines Kooperationspartners für seine KlientInnen bestätigt
den Bedarf nach Auseinandersetzung mit dem Thema Schwangerschaftsverhütung:
Betreuer: „…was wir haben als Angebot von einem Arzt, First Love Beratung, die der gratis macht, das nehmen die Mädchen gerne in Anspruch
und das nehmen die Mädchen auf alle Fälle mehr an wie Burschen. Das
geht natürlich schon in den medizinischen Bereich herein, herauszufinden
was ist die beste Verhütung für mich. Üblicherweise haben sie Erfahrungen
mit der Pille, aber weil sie das nicht vertragen oder nicht regelmäßig einehmen…das ist schon das Hauptsächliche um das es geht, solche Verhütungsgeschichten wo die Jungs, verhütungsmäßig, es reduziert sich auf
Gummi eh klar was sonst. Um das geht es eigentlich bei diesem Gespräch.“
Die Verantwortung für Verhütung wird in unserer Gesellschaft den weiblichen Mitgliedern
zugedacht. Mütter und Väter scheinen diese Tradition bislang ungebrochen weiterzugeben:
Sozialarbeiterin: „Die (Verantwortung, I.W.) liegt bei den Mädchen, absolut (betont). Ich habe noch nie irgendwelche Eltern getroffen, die in so einer Geschichte, wenn ein Bub eine Freundin kriegt, mit dem darüber redet
und sagt: ‚’Aber weißt schon, Verhütung, hast schon nachgedacht darüber,
dass es Verhütung auch geben muss?’, das hab ich noch nie erlebt. Bei
Mädchen ist das immer so das Thema: ‚Ja weißt das schon?’ “
Diese Sozialarbeiterin hat zum Verständnis ihrer Beobachtung über frühe Schwangerschaften
eine Theorie entwickelt, in der sie die frühe Schwangerschaft der Töchter mit der Mutterbeziehung in Verbindung bringt.
„Mädchen haben sehr viel massivere Probleme, weil eben die Eltern, die
Mütter, sehr viel Angst haben - sie können ja schon sehr jung Kinder kriegen. Manchmal ist es dann so, dass sie es auch tatsächlich ja fast bewusst
- also ich glaube nicht dass es dann so, ja fast bewusst herbeiführen - um
diesem Negativbild zu entsprechen, oder gleichzeitig, was ich auch schon
mitgekriegt hab, dann endlich diese Zuwendung von der Mutter zu kriegen
über das Kind, was sie sonst nicht gekriegt haben. Also ich denke, dass da
die Mädchen schon noch einmal mehr unter Druck stehen als die Burschen.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Gerade tiefenpsychologische Theorien wurden wiederholt kritisiert, wegen ihrer Verantwortungszuschreibungen an Mütter. Tiefenpsychologische Theorien haben die hohe Bedeutung
früher und verlässlicher Bindungen für die menschliche Entwicklung erkannt. Auf Grund des
kulturellen Umstandes, dass Frauen für die Kinderversorgung zuständig sind, wurde den
Müttern in der Folge zusätzlich zur Last der Erziehungsverantwortung noch die Verantwortung für die Probleme der Kinder zugeschrieben (Bauriedl 1980, Mitscherlich 1990). Auffällig an dieser Passage ist, dass die Problematik der frühen Schwangerschaft in den Beziehungskontext zwischen Mutter und Tochter eingebettet bleibt. Die fehlende Zuwendung und
Beheimatung der Töchter, die projektiv über die (eigene und mütterliche bzw. großmütterliche) Fürsorge für das Kind erlebt wird, wird nicht mit der Vaterbeziehung in Verbindung
gebracht.
Auch im freien Beratungskontext ist die Angst vor Schwangerschaft häufiger Anlass für Kontaktaufnahmen. Die Beraterin sieht die Ambivalenz der Eltern die mit der sexuellen Entwicklung der Töchter einhergeht.
„Buben können deshalb leichter Freiräume in Anspruch nehmen als Jugendliche, als Mädchen, weil bei vielen Eltern einfach die Angst vor einer
Schwangerschaft ihrer Tochter ganz groß ist. Trotz Verhütungsmöglichkeiten, aber das ist oft ein Thema für Mütter, der Ruf der Mädchen ist halt
nach wie vor zu wahren, die sollen…ja keusch (lacht)...mir fehlt jetzt das
Wort dafür. Die Eltern oder Mütter sind zwar meist einsichtig, dass die
Mädchen auch Sexualität wollen und auch die Sexualität leben sollen, ABER, dann ist immer die große Angst wegen der möglichen Schwangerschaft.“
Im Fall einer eingetretenen Schwangerschaft reagieren die Eltern der Mädchen deutlich anders als die der Burschen. Die Erfahrungen der behördlichen Sozialarbeit:
„Eltern von Buben haben eher mit den Rechtsvertretern zu tun. Das kommt
nur zu mir, wenn die RechtsvertreterInnen so das Gefühl haben, dass die
junge Mutter sehr bedürftig und nicht eingebettet ist, aber sonst läuft das
eher bei denen da heroben ab und da weiß ich von den Erzählungen, dass
halt schon mehr oder weniger „mei, der blöde Bub, jetzt muss er zahlen“
aber viel mehr Dramatik eigentlich nicht. Es gibt auch Eltern, die sehr dafür
sorgen, dass die Alimente regelmäßig gezahlt werden, damit es da keine
Schwierigkeiten gibt. Aber die Dramatik, also die wirkliche Dramatik, dass
der Vater worden ist, oder wie bei den Mädchen, „ich schmeiß dich hinaus“, was es auch noch gibt, hab ich jetzt noch nie umgekehrt gehört,
dass jemand gesagt hätte, ich schmeiß dich hinaus, weil du so jung Vater
geworden bist.“
„Eigentlich ist viel Ärger von den Eltern da, so quasi, jetzt haben sie es eh
gewusst. Also es ist eher die Verärgerung da, dann wenn ein Mädchen
schwanger wird, weil es heißt, jetzt haben sie es eh gewusst, jetzt werden
sie in der Schule schon aufgeklärt und bei uns schon aufgeklärt. Also wie
kann sie so blöd sein, wenn sie es eh weiß.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
In diesen landläufig bekannten Stellungnahmen zu jugendlichen Vätern ist auffällig, dass
sich die zugeschriebene „Blödheit“ bei Burschen auf Unklugheit im Verhalten begrenzt,
während die unterstellte Blödheit des Mädchens dieses als ganze Person betrifft.
Bei Mädchen leitet sich aus dem Wissen über Verhütungsmethoden Schuldhaftigkeit ab. Es
ist anzunehmen, dass Burschen über dasselbe Wissen verfügen. Die Differenz zwischen Wissen und Handeln im Bereich sexuellen Begehrens wird Burschen nachgesehen und Mädchen
vorgeworfen. Verantwortung, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit in Beziehungen werden von
Burschen weniger verlangt als von Mädchen. Die JUWO ist mit diesen Fakten konfrontiert,
und handelt im Umfeld dieser geschlechtsspezifischen Zumutungen.
Im stationären Bereich zeigt sich auch auf quantitativer Ebene die ungleiche Risikoverteilung in Bezug auf Schwangerschaften. Aus den Erfahrungen im Bereich der vollen Erziehung:
„Wenn wir sagen, welche Kinder von ehemaligen Jugendlichen wir schon
haben - weil das ist jetzt natürlich leicht, das sind natürlich von Mädchen
die Kinder, es könnten ja von Buben auch die Kinder sein, es sind von
Mädchen die Kinder - und 15 Mädchen kommen auf ein Kind, das da von
einem ehemaligen Buben ist. Also da gibt es sicher ein Übergewicht. Das
übrigens ist jetzt nicht aus dem Bauch heraus, das habe ich gehört von Axams und da habe ich mir gedacht, jetzt zähle ich bei uns nach und das
stimmt.“
8.1.2. Verinnerlichte
Nöte
der
Mädchen
und
extrovertierte
Problembewältigung der Burschen
Die Beobachtung einer Betreuerin in einer Mädchenwohngemeinschaft:
„Ich glaube, dass Mädchen eine andere Art haben auszudrücken dass etwas
nicht passt. Selbstverletzung, Suizidgefährdung ist viel Thema, Drogen und
Tablettenkonsum, selbstschädigendes Verhalten eher als wie jetzt aggressiv
Prügeln, kommt auch vor, aber weitaus weniger.
Schulverweigerung wird sich durchziehen, ist nicht mädchenspezifisch, gehe
ich davon aus. In Bezug auf Diagnostik Psychiatrie sind wir eher kritisch
und ich glaube von dem was Mädchen zeigen, wie sie es zeigen, ist man
bald einmal in diesem psychiatrischen Diagnoseschema drinnen, also Essstörungen im Ansatz. Eine Selbstverletzung wird eher in eine psychiatrische
Diagnose gehen, was anderes als ich schlag mich jetzt mit jemandem, wo
ich annehme, dass das Jungs eher machen.“
In der folgenden Interviewpassage werden die geschlechtsspezifischen Problematiken in
Verbindung zu ökonomischen Nöten und den jeweils stark eingeschränkten Ressourcen zur
Problembewältigung gebracht.
„Wenn es darum geht, wie komme ich zu Geld als Jugendlicher, da werden
verschiedene Handlungen gesetzt, bei Burschen das Taschengeld aufzubessern ist die Kriminalität in Richtung Einbruch usw. und bei Mädchen geht
es halt in Richtung Prostitution. Da merkt man einen gewaltigen Unterschied. Bei Burschen ist der Burschenstrich relativ gering in Relation und
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
bei Mädchen steht - Wie komme ich zu Geld - eher das im Vordergrund. Da
merkt man schon gewaltige Unterschiede. Wir haben kaum Jugendgerichtserhebungsbogen bei Mädchen, wo es um Einbruch oder sonstige Dinge
geht, in Relation zu Burschen. Das ist schon bezeichnend.“
Und beim weiteren Nachdenken über geschlechtsspezifische Auffälligkeiten:
„…. Mädchen ... die Neigung zu Medikamentensucht ist bei Mädchen, so
wie ich es in meinem Sprengel sehe extremer als wie bei Burschen, Suchtmittel, Medikamente, Psychopharmaka und solche Dinge ist bei Mädchen
um einiges höher als was ich so bei Burschen erlebe.“
Das männlich zugeordnete Raufen als extrovertierte Problembewältigung ist auch Mädchen
möglich. Eine Sozialarbeiterin bezieht sich auf konkrete Erfahrungen in ihrer Einrichtung:
„Wir sagen prinzipiell nie die Mädchen oder die Burschen, wir machen keine Generalisierung auf Grund des Geschlechts und ich kann versprechen,
dass sowohl die Mädchen aufdrehen bei uns, dass die Fetzen fliegen, manche und manche nicht und genauso bei den Jungs. Wenn ich gerade die
letzten Wochen Revue passieren lasse, dann haben wir eine Mädchenkeilerei gehabt, die haben sich wirklich gegenseitig verhaut, verkratzt die Haare
ausgerissen und die Kleidung zerfetzt , es ist volle abgegangen, ah, haben
wir mit Jungs genauso. Wir haben Jungs die du herauslocken musst aus ihrem Eck in dem sie drin hocken, ein aktueller Bewohner, wo man obacht
geben muss, dass dir nichts durch die Lappen geht, genauso haben wir
Mädchen, wir haben genauso Mädchen die da stehen und wo es abgeht und
gegen die Tür schlagen, da drehe ich die Hand nicht um.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
8.2. Burschen
Einleitend die Erfahrung eines männlichen Sozialarbeiters in einem Jugendzentrum:
„Ich merk das halt bei uns, dass ich Burschen, gerade bei Burschen, die
tun sich extrem schwer zum Reden. Die machen echt erst den Mund oft
auf, wenn sie eineinhalb Jahre mit dir Tischfußball spielen und am Anfang
halt total oberflächlich nur erzählen wie toll sie sind, wie super und alles
geht gut und irgendwann kommen sie dann, wenn sie dich besser kennen
daher und sagen „jetzt ist es mit meiner Lehrstelle bergab gegangen und
jetzt suche ich wieder einen Lehrstelle und jetzt weiß ich nicht was tun und
daheim ist es auch schlimm, weil der Vater will mich hinauswerfen oder
solche Sachen. Das dauert bei Burschen oft ewig lang kommt mir vor. Natürlich auch wieder von der Persönlichkeit abhängig aber grad die Sprache
zu finden.“
Die Passage beschreibt zwei häufige Erfahrungen, nämlich dass bei Burschen berufliche
Schwierigkeiten oder Probleme im gesellschaftlichen Umfeld den Anlass zum Kontakt mit
der JUWO bilden, weiters, dass Burschen Probleme haben, sich und Beziehungsschwierigkeiten verbal zum Ausdruck zu bringen.
Fokus Kriminalität: Sowohl bei „unfreiwilligen“ Kontakten zwischen JUWO und Burschen,
wie bereits von einem Mitarbeiter der Behörde angeführt …
„Wir haben kaum Jugendgerichtserhebungsbogen bei Mädchen, wo es um
Einbruch oder sonstige Dinge geht, in Relation zu Burschen. Das ist schon
bezeichnend.“
…als auch bei Kontaktaufnahmen der Burschen selbst in einer Beratungsstelle:
„Burschen sind weniger bei uns in Beratung als Mädchen und wenn Burschen kommen wegen Problemen geht es nicht um Partnerschaft sondern
um andere Familiäre Probleme, die zB. im Zusammenhang stehen mit
rechtlichen Problemen, weil sie Drogenkonsum gehabt haben.“
Fokus fehlende sprachliche Kommunikation bei Burschen:
Erfahrungen im Jugendzentrum verweisen auf eine männliche Form sein Gesicht zu wahren,
bzw. sich Achtung zu erkämpfen:
„Also wir haben viel das Thema Gewalt, wie löst man Probleme, wie kann
man Dinge lösen ohne zuzuschlagen und wir haben einen extrem hohen
Migrantenanteil, Migrantischstämmig, es sind zum Teil auch österreichische
Staatsbürger, aber da ist es oft total verbreitet, dass es, wenn es ihnen zu
viel wird, dass sie einfach die Faust als Sprachrohr verwenden und dass sie
das auch total als gerechtfertigt ansehen. Dass sie gar nicht darüber nachdenken und sagen, das könnte anders auch gehen. Ich habe da so einen
jugendlichen im Kopf, der hat mit einem anderen geschlägert und ich hab
gesagt, ob man das nicht anders lösen könnte? Dann sagt er: ‚Wie meinst
du das jetzt, was kann ich jetzt da tun?’ Dann habe ich gesagt: ‚Ja, wenn
man einmal probiert darüber zu reden?’ Dann sagt er: ‚Nein, das geht
nicht, ich bin ja kein Schlappschwanz!’, so ungefähr. Dass auch das Männliche viel auch mit – man verliert sein Gesicht, wenn man jetzt nicht zuschlägt.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Die vertrauliche sprachliche Kommunikation scheint durch ein gemeinschaftsförderndes Umfeld erleichtert und angeregt zu werden:
„Ich bin mit den Jungs einmal, da bin ich mit ihnen wohin gefahren und
dann kommt auf einmal die Frage, was ist wenn man jeden Tag wichst,
kann da was passieren, das ist schon ganz interessant, das sind offene direkte Frage. Dann gibt es auch das Thema Frau, wie soll ein Frau sein? Das
Gespräch gibt es immer wieder.“
Die burschenspezifisch wahrgenommene Thematik, nämlich dass es Burschen so schwer fällt
sich zu artikulieren (eine Hypothese die uns auch im Beratungssetting mit Kleinkindern
begegnet ist), wird von einem behördlichen Sozialarbeiter als Problem der Mädchen angesprochen, das es ihm erschwert Hilfestellung zu bieten:
„…, weil Mädchen ... (Pause)… aus welchen Gründen auch immer … offensichtlich Schwierigkeiten haben sich zu artikulieren oder zu sagen, was
sie wirklich wollen, oder eigentlich gar nichts wollen … von uns. Ist ja
ganz selten, dass ein Jugendlicher von sich aus daherkommt ….“
Im Verlauf des Satzes wandelt sich der gedankliche Ausgangspunkt vom scheinbar mädchenspezifischen Problem, eigene Bedürfnisse zu formulieren, etwas zu wollen, hin zur generellen Problematik der behördlichen Jugendwohlfahrt, dass eben Jugendliche kaum Hilfe bei
der Behörde suchen, vielmehr die Behörde als Instanz des Staates von Jugendlichen gemieden wird. Dazu eine Sozialarbeiterin:
„Und das ja, dass nicht wir in vielen Fällen, Sachen, als Hilfe, das ist dieses Doppelmandat der JUWO, es wenden sich auch Jugendliche nicht primär
zuerst an uns, sondern sekundär wenn es um eine Unterbringung geht, weil
wir dann mit eingeschalten werden müssen. Besser geht’s dort bei Kindern
und Jugendliche die du schon lang kennst.“
Das bereits einleitend beschriebe Konfliktfeld zwischen behördlicher Sozialarbeit (Kontrolle)
und freien Trägern (Hilfe) taucht wieder als struktureller Konflikt auf. Für die Behörde ist
die politische Verantwortung gegenüber dem „Steuerzahler“ unausweichlich, das beeinflusst
zentral das Verhalten von SozialarbeiterInnen in der Behörde. In der folgenden Passage ist
der methodische Ansatz der Sozialarbeiterin, um mit Burschen in Kontakt zu kommen, bzw.
von diesen akzeptiert zu werden, die Klarstellung des Auftrags behördlicher Sozialarbeit:
„…da nehmen die dann auch die Burschen ernster, wenn du dann sagst:
‚Na ja gut, okay, was hast vor? Und was hast du schon getan? Und hast du
schon gedacht, dass das und das…’. Oder: ‚Du, so geht’s nicht, das Angebot kann ich dir nicht geben.’ Weil schon zum Teil der Trend ist, dass mit
diesem betreuten Wohnen, auch bei den Jugendlichen halt schon das auch
ist, juhu ich komm daheim nicht mehr zusammen, da habe ich eine eigene
Garconniere und die soll mir’s Jugendamt zahlen. Das ist schon auch ein
Trend. Und ganz schwierig ist es dann, ihnen klar zu machen wo wir wieder
bremsen müssen und sagen müssen, wo Jugendwohlfahrt – nur ein Zimmer
zur Verfügung stellen geht nicht, da können wir das nicht machen, da muss
einfach auch ein Betreuungsbedarf in einer gewissen Art und Weise da
sein. Und das ist dann schwierig ihnen so …, weil das wollen wir nicht.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Mit diesen Grenzziehungen löst die behördliche Sozialarbeit zwangsläufig Frustrationen aus.
Als Fragestellung könnte bleiben, ob diese Grenzziehungen bei Mädchen und Burschen
gleich umgesetzt werden.
8.3. Erniedrigung von Mädchen
Die folgende Passage bezieht sich wieder auf die Bedrohung der Mädchen durch die Möglichkeit einer Schwangerschaft. Weiters wird eine verhängnisvolle Verbindung tragisch deutlich. Sie zeigt sich im Druck der Burschen auf die Mädchen, dem Bedürfnis der Mädchen
nach Anerkennung und dem Bedürfnis der Burschen nach Anerkennung. Dabei sind die Mädchen in vielfacher Weise die Leidtragenden.
Auf die Frage ob Mädchen Probleme haben weil sie Mädchen sind, antwortete die Sozialarbeiterin auf dem Hintergrund ihrer Erfahrung in der ambulanten Familienarbeit:
„Mädchen haben Probleme weil sie Mädchen sind. Weil sie bei den Geschlechtsverkehren dann doch nicht immer den Mut haben wirklich auf Kondome zu bestehen, sie dann plötzlich schwanger sind, sie da stehen. Der
junge Mann kriegt wahrscheinlich noch von den Eltern die Alimente gezahlt, oder er ist in Ausbildung und kann’s eh nicht zahlen und sie stehen
da und ihr Leben hat doch einen gewaltigen Knick genommen, ihre berufliche Laufbahn wie auch immer. Mädchen sind als Mädchen verletzbarer,
eher schon Opfer von schnellen sexuellen Abenteuern. Ich sage jetzt nicht,
dass Burschen nicht wirklich verliebt sind und leiden können wenn es auseinander geht oder sich auch schwer tun es zu zeigen, weil sie ja immer ihrem männlichen harten Image treu sein wollen oder treu sein müssen,
wenn es um eine Clique geht. Aber ich glaube, dass Mädchen verletzbarer
sind oder öfter verletzt werden, weil Burschen doch eine große Weile in diesem Machogehabe und Gruppendruck des Machogehabes manche Dinge
nicht so an sich heranlassen. Wenn sie es an sich heranlassen, sind sie
auch sehr verletzbar, aber ich denke, dass die eine andere Sozialisation
haben. Wie lange man etwas nicht an sich heranlässt und was alles noch
eine Hetz ist, wenn man an einem Abend zu viert das gleiche Mädchen hat.
Das wird alles unter Hetz und mechanische Geschichte eingeordnet. Während ein Mädchen, wenn sie merkt sie ist nicht die Einzige oder sie lachen
hinter ihr, oder die haben erzählt, wie sie das erste Mal im Bett war, ganz
tief getroffen ist.“
In dieser Szene wird aus Differenz menschenverachtende Herrschaft. Vor solchen entwürdigenden Situationen kann unter den Prämissen der Geschlechtertrennung nicht ein Geschlecht alleine (die Frauen) geschützt werden, vielmehr zeigt sich an dieser Situation, dass
beide Geschlechter durch die „machtlegitimierenden – obersten – Ideen“ die sich zeigen „als
Natur und natürliche Komplementarität von Mann und Frau“ (S. Staub-Bernasconi, 1995) bedroht sind. Erst diese Ideen erlauben diese gesellschaftliche Bewertung der Szene. Neben
der Kränkung durch das unmittelbare Geschehen führt die gesellschaftliche Bewertung,
nämlich darin zusätzlich und ausschließlich eine Demütigung für Mädchen zu sehen, zu einer weiteren Verletzung.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Die Analyse der Situation macht deutlich, dass der grundlegende Ansatz der JUWO,
nämlich das „Wohl des (einzelnen) Kindes“ im Blick zu haben, problematisch ist. Sieht
man Menschen als Beziehungswesen, dann kann das Wohl des Kindes nur in einer erweiterten Perspektive auf die Mehrzahl der Kinder gesehen werden.6
In einem Gedicht beschreibt Peter Turrini die Vergewaltigung eines Mädchens durch seine
Freunde. Seine nachträgliche Fassungslosigkeit gegenüber seinem eigenen Verhalten als
Jugendlicher dürfte eine wesentliche Motivation zum Verfassen dieses Gedichts gewesen
sein:
Meine Freunde vergewaltigten eine Klosterschülerin. Sie zogen sie beim
Sonntagsspaziergang in den Wald. Steckten ihr eine Kartoffel in den Mund.
Kitzelten sie.
Versprachen ihr fünf Schilling und ein Fahrrad. Trieben ihr einen Tannenzapfen zwischen die Beine. Zündeten ihre Unterhose an
und löschten den Brand mit Urin. Ich hielt mich in der Nähe versteckt
schwieg
und beobachtete alles.
Eine Woche später während der Kindermesse
steckte ich der Klosterschülerin ein Gedicht zu. Ich habe es aus dem
Deutschbuch
meines älteren Bruders abgeschrieben.
"So mancher Mensch vergeht vor Schmerz weil er die bösen Menschen
flucht.
Drum sieht er nicht das eine Herz
das ihn mit warmen Blicken sucht.«
Sie hat mir nie geantwortet.
Ich hätte ihr soviel zu sagen gewusst. Ich hätte ihr alles erzählt
was ich bisher über die Liebe gelesen habe. Nur auf eine Frage
hätte ich ihr nichts sagen können:
warum ich ihr nicht geholfen habe.
(P. Turrini, 1983, Seite 228)
6
Die Philosophin Hannah Arendt analysiert die politischen Konsequenzen jener Biblischen Schöpfungsgeschichte die von der Mehrzahl der Menschen als Grundbedingung des Seins ausgeht. „Habt ihr nicht gelesen,
dass der Schöpfer sie von Anfang an als Mann und Frau erschuf?“ (Matth.19,4, Übersetzung Carl Weizsäcker). H.
Arendt, 2005
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9.
Benachteiligungen von Kindern und Jugendlichen
Die Grundlage des Handelns in der JUWO Behörde bildet das Jugendwohlfahrtsgesetz, dieses
„neue“ JUWO Gesetz, das zuletzt 2002 erlassen wurde, wird von den Mitarbeitenden als geschlechtergerecht wahrgenommen:
„Wenn ich jetzt das JUWO-Gesetz zur Hand nehme, dann finde ich jetzt
keine Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein, zwischen Jungens und
Mädchens, was jetzt das Gesetz anlangt. Wenn ich mir jetzt so die alten
Gesetze noch so in Erinnerung rufe, wie auch immer, da ist sehr wohl ein
Unterschied gemacht worden, welche Rechte Männer, Väter gehabt haben.
Im Erbrecht sowieso, also ich kenne mich da zuwenig aus, aber wenn man
da so gelesen hat, da ist natürlich der männliche Part immer bevorzugt
worden oder sehr, sehr massiv bevorzugt worden und die Frauen ständig
benachteiligt. Also im jetzigen JUWO-Gesetz würde ich keinen Passus mehr
finden, also da müsste ich jetzt wirklich genau schauen, wo Mädchen und
Burschen anders behandelt würden vom Gesetzgeber her. Nicht einmal ausländische Mitbewohner oder ausländische Jugendliche oder Kinder, die sich
im Inland befinden werden benachteiligt. Also ich finde das schon einmal
einen großen Fortschritt das neue JUWO-Gesetz, da haben wir ja schon
leicht gegendert, dort schon, obwohl wir es nicht gewusst haben, zumindest der Gesetzgeber hat das getan.“
Diese Sichtweise betreffend das JUWO-Gesetz wird in den Interviews allgemein geteilt.
Bei der Frage nach geschlechtsbezogenen Benachteiligungen der Kinder und Jugendlichen
im Handeln der JUWO schlagen die PraktikerInnen jedoch unverzüglich die Brücke, von der
geschlechtergerecht wahrgenommenen gesetzlichen Handlungsgrundlage, auf das Tun im
Rahmen des Vollzugs. Dazu zwei Antworten aus der Praxis auf die Frage nach Geschlechtsbezogenen Benachteiligungen in der JUWO:
X: „Vom Gesetz her sicher einmal nicht, aber in der Auslegung unter Umständen schon.“
Interviewerin: „In welchen Aspekten der Auslegung?“
X: „Ich möchte nicht sagen, dass man für Burschen mehr tut oder eher etwas tut, aber dass man das schon z.B. auch ernster nimmt, Schulbildung,
Möglichkeiten diese Unterstützung zu bekommen, …ja einfach auch so ein
bisschen traditionelle Rollenzuschreibungen die nach wie vor schon auch
irgendwo so im Hintergrund vorhanden ist, oder spürt man einfach. Die
Frau am Herd und das Mädchen auch dahingehend zu manipulieren,…von
der JUWO her, diese Unterstützungsmöglichkeiten die wir anbieten können.
Das ist aber mehr ein Gefühl als wie eine Tatsache, dass das ernster genommen wird Hilfen und Unterstützung anzubieten für Burschen.“
Wie wird unbewusste geschlechtsbezogenen Benachteiligung sichtbar? Der Blick auf die
konkrete Praxis wird als Mittel zum Ziel gewählt. Im Kontext der Interviewsituation bleibt es
bei einem ersten Rund- und Überblick der behördlichen Sozialarbeiterin auf die JUWO Maßnahmen und ihre Erfahrungen mit anderen Institutionen:
„Eben aber wie gesagt, wenn man ein bisschen hinschaut, die Benachteiligung in Beratung, auch in AMS-Förderkursen, da hab ich also ganz subjektiv schon das Gefühl, dass es da nicht so viel Toleranz dafür gibt. Bei den
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Einrichtungen, kann ich es schwer sagen ob bei den Einrichtungen auch die
Tendenz ist (nachdenklich) – jawohl – also bei den Einrichtungen, wenn’s
Bubeneinrichtungen sind ist meistens eine Haushälterin angestellt oder eine Köchin, bei den Mädchen nicht. Obwohl jetzt schon manche sagen, ja
die müssen selber waschen, aber da gibt’s ein bisschen einen Unterschied,
habe aber noch nicht so genau hingeschaut, aber jetzt so spontan ein Bereich wo man hinschauen müsste.. Sie nehmen ganz viel traditionelle Mädchenberufe, weiß jetzt nicht ob von sich aus selber, oder ob das eigentlich
auch so ein bisschen dahin geht.“
Die Übergänge zwischen aktiv tätiger Benachteiligung und unterlassenen aktiv eingebrachten Hilfestellungen von Seiten der JUWO, wie hier beispielhaft am Bereich der weiblichen
Berufswahl angesprochen, sind fließend.
Eine Replik aus einem Workshop mit der JUWO-Behörde, die sich auf die Frage der Geschlechtergerechtigkeit in der gesetzlichen Grundlage der JUWO bezieht:
„Es steht aber auch nichts drinnen (im JUWO-Gesetz, I.W.), dass man dort
auf diese Geschlechtergeschichte jetzt besonders Rücksicht nehmen müsste,
steht auch nichts drinnen, also ein Gender Ansatz steht nicht drinnen.“
In der folgenden Passage wird, bezogen auf geschlechtsspezifische Benachteiligungen, das
Alter der Kinder relevant.
„Jein, ein Mädchen, ich nehme einmal an, wenn sie so von Mädchen sprechen, dass das so ab zwölf Jahren und da würde ich eher zustimmen schon
auch, bei Kindern, da würde ich eher sagen da sehe ich keinen Unterschied,
oder keinen Unterschied zwischen Buben und Mädchen. Die Bevorzugung
insofern man den Buben mehr Chancen zubilligt, also mehr Chancen nach
außen hin, Arbeitsmarkt und Ausbildung und die ja auch durch eine
Fremdunterbringung auch gefördert wird.“
Damit korrespondiert der quantitative Befund, dass in der Altersgruppe zwischen sechs bis
dreizehn Jahren deutlich mehr Burschen in stationären Einrichtungen untergebracht sind.
Nicht erfasst ist in der amtlichen Statistik die Geschlechterverteilung im Bereich der vollen
Erziehung durch Pflegefamilien. Dadurch könnte ein noch deutlicherer Überhang „zugunsten“ der Buben entstehen. Vorausgesetzt man teilt die Sichtweise, die von der Sozialarbeiterin angesprochen wird, dass nämlich die außerfamiliäre Erziehung die Entwicklungschancen der Kinder erhöht.
Die folgende Passage aus einem Workshop geht auf mehrere Aspekte der Geschlechterungleichheit und deren Hintergründe ein. Einleitend findet sich jene Haltung die bereits in
der Konfliktgeschichte im Vorfeld der Studie angesprochen wurde, nämlich dass langjährige
Erfahrung im Amt den weiblichen Sozialarbeiterinnen nicht als Qualifikation attestiert wird,
sondern ihnen vielmehr Professionalitätsdefizite unterstellt werden. Es scheint der diskriminierende Mythos der ledigen, unverheirateten Lehrerin = gebildeten Frau in der JUWO und
innerhalb der Sozialen Arbeit durchaus noch lebendig zu sein. Im einleitenden Statement
wird auch eine Doppelbindung deutlich. So wird der älteren Sozialarbeiterin zugeschrieben,
tendenziell die Burschen zu bevorzugen, diese Bevorzugung wird aber der Aktivität des
männlichen Kindes zugeschrieben. Die ältere Sozialarbeiterin wird insofern nicht als professionell Handelnde wahrgenommen, vielmehr führt sie die Forderungen der Kinder aus und
da seien die Burschen fähiger Forderungen zu stellen.
X: „Was ich auch immer wieder bringe in solchen Diskussionen, aber nicht
weiß ganz sicher, dass es - ja, ich will jetzt nicht auf die älteren SozialarSeite 76
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
beiterinnen abstellen, aber vielleicht sind es mehr die älteren, dass so die
Meinung ist, dass ein Mädchen eher noch heim muss, als ein Bub. Wenn es
daheim überhaupt nicht klappt, es wird geschlagen und ist ungut mit den
Kindern, dass man bei einem Mädchen eher die Tendenz hat zu sagen: "Du
gehst jetzt einfach wieder heim!.“ Und bei einem Buben schon der sagt:
"Nein, ich will nicht", dann geht es halt in eine Einrichtung von uns. Also
das habe ich ein paar Mal noch mitgekriegt, dass da bei Mädchen eher der
Druck ist, zu sagen, ja, was willst du denn, geh wieder heim, so schlimm
ist es ja nicht und so weiter. Das habe ich ein paar Mal konkret mitgekriegt.“
Moderatorin: „Dass das die Mädchen von sich aus tun, oder dass von den
Sozialarbeiterinnen eher so der...?“
X: „Nein schon auch von den Sozialarbeiterinnen ein bissel Druck gemacht
wird, du gehst wieder heim, mehr Druck als bei Buben.“
Moderator: „Als bessere Lösung sozusagen?“
X: „Ja, als einmal billige Lösung sage ich jetzt, wenn ich es nicht ganz ins
Negative ..., oder als gute Lösung, dass man in einer Familie ist, obwohl
die Zustände daheim also absolut schlimm waren. Und der Bub in derselben Situation - das sind jetzt Einzelfälle - wahrscheinlich nicht so gedrängt
7
worden wäre, wieder heim zu gehen.“
Ein weiterer Aspekt, der Benachteiligung der Mädchen, wird in der folgenden Wortmeldung
angesprochen. Ausgehend von der Entscheidungssituation, was ist bedrohlicher, bzw. wo
sind Mädchen besser geschützt, erscheint die schlechte (gewalttätige) Familie immer noch
besser als die Strasse. Auffällig ist, dass in der folgenden Stellungnahme, die in der Diskussion direkt anschließt, die Möglichkeit der Fremdunterbringung nicht mehr mitgedacht wird.
Je nachdem in welche Relation das Handeln der JUWO gestellt wird, wird das identische
Verhalten gegenüber Mädchen in der ersten Argumentation zur Benachteiligung gegenüber
Buben, in der folgenden Sichtweise zu einer vergleichsweise schützenden Maßnahme. Allerdings vor Gefahren, denen Burschen in unserer geschlechtergetrennten Gesellschaft scheinbar nicht ausgesetzt sind: die sinkt viel tiefer, als ein Bub je sinken kann.
X: “Ich kann mir aber auch durchaus vorstellen, dass das ein Aspekt war,
dass die Mädchen, so glauben Sozialarbeiter oder Betreuer oder Betreuerinnen, oder ich vielleicht auch, dass der sagt, sie sagt, das Mädchen auf der
Strasse noch wesentlich gefährdeter als ein Bursche auf der Straße. Der
macht sich schon, der macht seinen Weg schon, der ist nicht so gefährdet,
der kann höchstens ein Kind machen, aber keines kriegen. Und das Madel,
das auf der Straße wäre oder eben in einem Milieu sich aufhält, die sinkt
viel tiefer, als ein Bub je sinken kann. Weißt du, dass man da die Angst,
glaubt zu wissen, da ist das Madel noch besser daheim aufgehoben, bevor
die da jetzt herum ... da tun wir sie lieber heim, auch wenn das daheim
ein schlechtes daheim ist. Und ein Bub der macht sich schon, der wird ...
7
Der „Sparaspekt“ der mit dem Verbleib der Mädchen in ihren Familien verbunden ist, wird auch von den freien Trägern angesprochen. Dort taucht er unter der ökonomisch bedeutsamen Fragestellung auf: Für wen bzw.
was (welche Auffälligkeit) bezahlt die JUWO?
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
So habe ich fast den Eindruck auch, dass das mit ein Grund sein kann, dass
man dem mehr zutraut, stimmt schon, oder der wird sich schon durchderschlagen, der wird drei-, viermal im Rapoldipark schlafen, da wird nicht
allzu viel passieren, beim Madel, das dürfte nicht einmal in der Nacht
schlafen dort allein, weil da passiert etwas. Dass das mit ein Grund ist,
dass man sie lieber heimschickt, wenn man jetzt schon kein gescheites
Platzl hat.“
Die ausgedrückte Haltung orientiert sich am Bild des durchsetzungsfähigen Burschen, der
die „Schutzmaßnahmen“ der JUWO vergleichsweise weniger braucht, weil sich der „junge
Held der Unterwelt“ auch ohne schützendes Umfeld durchderschlagt. Unreflektierte Männerbilder führen in dieser Konzeption von Geschlecht dazu, dass das Vertrauen in die Kompetenz der Burschen sie geradezu in das geschlechtsstereotype Sein drängen kann, von dem
der Sozialarbeiter ausgeht.
Die Praxis der JUWO Hilfe bringt ein anderes Männerbild zu Tage. Es zeigen sich bei einem
differenzierten Blick völlig andere männliche Jugendliche. Auch sie derschlagen sich durch,
allerdings eher zur Bewältigung der inneren Not. Als hilfreiche Strategie stellt sich den Burschen eine radikale/grundlegende Eingrenzung potenzieller Lebensmöglichkeiten dar.
Auf die Interviewfrage welchen Problemstellungen männliche Jugendliche zu bewältigen
haben:
X:„Wie kriege ich als Mann eine Identität, wie kriege ich das stimmige Gefühl, dass ich jetzt nicht ständig das Gefühl habe, ich muss irgendetwas
tun, dass ich jetzt männlich bin. Dass der Facettenreichtum Männlichkeit ,
wenn man sagt, stricken kann auch männlich sein, das gibt einem schon
viel mehr Handlungsmöglichkeiten. Das finde ich bei Ihnen so auffällig,
dass sie total wenig Handlungsmöglichkeiten haben, und das merkt man
auch in der Routine die sie haben. Es ist extrem schwierig mit Ihnen etwas
zu machen, das einmal außerhalb vom Jugendzentrum ist, oder wo einfach
andere Sachen einmal machst. Sie brauchen ihre tägliche Routine. Am besten ist, wenn immer alles offen ist und alles jeden Tag gleich, also jetzt so
von den Angeboten her. Wenn man einen Tag einmal etwas Besonderes
macht, dann ist halt am Anfang meistens schlecht aber es wird dann meist
ganz gut angenommen. Aber es muss dann auch im Jugendzentrum stattfinden und es darf nicht zu weit weg sein, vom Tenor her, da sind sie extrem. Den Handlungsspielraum haben sie überhaupt nicht, dass sie sagen
heute mache ich einmal etwas ganz anderes, heute brauche ich nicht
Tischfußball spielen gehen, das gibt es einfach nicht. Und das schockiert
mich total, weil sonst habe ich schon das Gefühl, die Jugend ist die Zeit
wo man offen ist und viel ausprobiert und nicht nur eine Schiene fährt. Sie
probieren zwar viel aus in Dingen wie Drogen und Party machen aber so die
ganzen sinnlicheren Dingen oder so, das kommt bei Ihnen total nicht an.“
Interviewerin: „Was meinst du mit den sinnlicheren Dingen?“
X: “So Dinge die nicht mit so viel mit Konsum auch zu tun haben. Wo was
angeboten wird und du nimmst das und befriedigst dich damit, da springen
sie gut darauf an. Also wenn man ein Turnier macht, das taugt ihnen gut,
aber wenn man sagt, man fährt mit Ihnen auf eine Hütte und macht es
sich gemütlich, dann findest fast keine Leute auch wenn es gleich viel ist
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
wie das Nenngeld vom Turnier. Sie haben so einen eigenen Schutzraum wo
sie ihr Leben unter einer Käseglocke führen und da bewegen sie sich gerne
drin und da passt es auch halbwegs, aber wenn es dann irgendwie einen
Schritt hinaus geht, dann kriegen sie die Krise.“
Interviewerin: „Eigentlich haben sie Angst?“
X: “Ja total, ich glaube die haben Ängste die man sich, wenn man einen
anderen Background hat, gar nicht vorstellen kann, zum Teil. Weil man
merkt’s auch, sie sind nicht flexibel…und offen könnte ich auch nicht sagen. Das ist schon etwas, wo man viel mit ihnen machen könnte. Ich weiß
jetzt auch gar nicht, ob das nur bei den migrantisch stämmigen Jugendlichen ist oder ob das generell derzeit so ein Jugendphänomen ist. Auch der
Druck den Schein zu wahren. Ich bin ein abgebrühter cooler Junge und
kein Problem ist so wild, dass es mich irgendwie umderhaut…(I.W.:“Außer
das Wochenende auf der Hütte?) …das mach ich gleich gar nicht. Alles
was ein bisschen angreifen würde wird dann eh weg geschoben.“
Sozialisation passiert im familiären und sonstigen persönlichen Beziehungsumfeld nur zu
einem Teil. Das gesellschaftliche Umfeld, das sich den Burschen und Mädchen unmittelbar
in Dimensionen des Wirtschaftens, sei es Konsum oder Arbeits- und Einkommenschancen
zeigt, bringt verhaltensbezogenen Festschreibungen mit sich, die vordergründig unsichtbar
sind. Erst wenn alternative sinnliche Angebote gesetzt werden, zeigen sich die Einschränkungen denen die Jugendlichen unterliegen als unsichtbare Gefängnisse.
Wie bereits in den Ausführungen über Differenzen zwischen Mädchen und Burschen ab dem
Pubertätsalter angesprochen, tendieren Burschen zu eher kriminellem Verhalten, während
Mädchen tendenziell zu introvertiertem und selbstschädigendem Verhalten neigen. Dies hat
zur Folge, dass männliche Jugendliche in den Einrichtungen der JUWO unmittelbarer gesehen werden:
X: „Was für mich eine Rolle spielt, ist in der Bereitschaft auch eine Jugendwohlfahrtsmaßnahme zu finanzieren, umso auffälliger also auch je
nach außen gehender ein Mädchen, ein Bursche sich verhält, umso eher
gibt es eine Möglichkeit auch ein Geld zu bekommen. Also ein defensiver
Umgang mit den Schwierigkeiten, mit der Krise. Wo jetzt nicht unbedingt
andere Leute davon offensiv betroffen sein, neigt man eher dazu zu sagen,
das geht schon irgendwie. Also je mehr Rambazamba der/die Jugendliche
auch macht, und klar ist, da kann man wirklich nicht anders, gibt es zwar
dort auch einen Punkt, wo es heißt, jetzt gibt es aber gar nichts mehr. Aber sozusagen die Stillen, die die Aggressionen nach innen wenden, die
sich selbst verletzen, auch da braucht es sehr lange überhaupt einzusehen,
wieso ist da die Hilfe notwendig.“
Moderator: „Implizit gesprochen: Bei den Mädchen?
X: „Gilt auch für Buben, aber wenn man es jetzt so klassisch hernimmt
eher im weiblichen Umgang. Mädchen die besonders aufbegehren haben
wie gesagt eher eine Chance als wie - aber eben nur bis zu dem gewissen
Punkt, wo es dann ins Gegenteil umschlagt.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
An dieser Stelle taucht im Workshop mit den freien Trägern das Thema auf, in welchen Situationen die JUWO bereit ist Geld auszugeben.
X: “Wenn es zum Beispiel heißt: Mädchen, das in einer schwierigen psychischen Situation auch ist aufgrund der Gewalt Erfahrungen usw. und sofort
und vielleicht eine Drogenproblematik mitbringt. Da wird dann verlangt, sie
muss zuerst arbeiten, bevor überhaupt eine Jugendwohlfahrtsmaßnahme
genehmigt wird. Wo klar ist, das ist im Moment absolut unmöglich und
jetzt im Moment gar nicht das Ziel. Sondern eigentlich bräuchte sie eine
Jugendwohlfahrtsmaßnahme, um sich zu stabilisieren. Und dann kann man
wieder weitere Perspektiven entwickeln. Bei Burschen mit derselben Problematik ist es nicht immer so, dass dann auch so eine Anpassungsleistung
zuerst verlangt wird, bevor man eine Jugendwohlfahrtsmaßnahme genehmigt. Kommt immer wieder einmal vor.“
Y: „Wobei ich finde, dass es bei den Mädchen noch einmal differiert, wenn
es dann in Richtung frühere Mutterschaft geht, dann geht es recht schnell,
dann kriegt man ganz leicht etwas. Das ist dann wieder so die klassische
Rolle, sage ich jetzt einmal, und da unterstützt man und dann springt es
recht schnell an, ist meine Wahrnehmung von dem Ganzen. Aber eben
wenn du sagst, ein Drogenkonsumierendes junges Mädchen, da wird es
dann schwierig. Weil das halt schon noch einmal anders ist. Schon von der
Wahrnehmung her, wie die Hilfsbedürftigkeit ist.“
Unmittelbare Bereitschaft der JUWO zur Finanzierung wird dann wahrgenommen, wo das
Amt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten könnte. Die „Gefahr“ dass eventuelle Versäumnisse der JUWO mediales Interesse erwecken, ist bei den Symptomen der
männlichen Jugendlichen stärker gegeben.
Z: „Also ich merke, dass wenn man da so Hilfeplangespräche hat bei der
Jugendwohlfahrt natürlich schon auch immer - ich kann es jetzt auch nicht
verallgemeinern, es gibt solche und solche Jugendämter - aber eine Rolle
spielt auch, wie auffällig oder wie nach außen getragen werden Schwierigkeiten der, des Jugendlichen. Plakativ gesagt: Könnte man in die Zeitung
kommen oder nicht. Und da habe ich halt die Erfahrung, dass man mit
Burschen öfter in die Zeitung kommen könnte, jetzt auch sehr allgemein
und gesagt, weil wenn wir wieder irgend eine Bande haben, die Auto klauend durch die Lande zieht, oder sonst irgendetwas tut, was man nicht tun
soll, dann ist es sicher auch möglich schneller zu Geld zu kommen. Wenn
ich das jetzt geschlechtsspezifisch sehe. Ich komme auch zu Geld, wenn ich
bei einer Mutter sage, die Kinder sind massiv gefährdet und die könnten
fast verhungern. Dann geht es auch. Aber wenn man das jetzt so vom Gender Thema her anschaut, dann sind Burschen, die dazu neigen irgendetwas
zu tun, was medienwirksam ausgeschlachtet werden könnte, da geht mehr.
Natürlich gibt es Jugendamtsleute die sagen, da stehen wir her, aber es
gibt ganz viele, die dann sagen nein, tun wir doch lieber noch mehr Stunden genehmigen oder irgendetwas zusätzliches oder vielleicht noch das
oder jenes, weil das wollen wir nicht.“
Moderator: „Was so ganz generell heißt, dass ein großer Unterschied gemacht wird in den Notlagen zwischen Burschen und Mädchen und in der
Reaktion darauf. Wenn ich das so ganz einfach nehme. So eine strukturelle
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Barriere, die ja ganz erheblich ist und die mit Geschlechtsstereotypen auch
zu tun hat.“
A: „Wo die Jugendwohlfahrt also gerade bei Mädchen natürlich sehr gerne
auch auf eine Einrichtung zurückgreift wie die Klinik, Psychiatrie.“
Z: „Aber zurückgreifen kann, weil die dort, sage ich jetzt einmal, angepasster sind. Ein Bursche, der dort alles zerlegt, ist ja im Handumdrehen wieder
weg. Ich sage jetzt einmal, Mädchen sind angepasster und bleiben dann
dort.“
Die Hilfestellungen für Mädchen führen dann tendenziell in Richtung medizinische Behandlung. Dabei zeigt sich auch eine Problematik eines generellen Gender Budgeting. Geld das
für Mädchen im Gesundheitssystem ausgegeben wird, scheint im JUWO Budget nicht auf.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
10.
Geschlechtsrollenstereotype
Die Veränderbarkeit von Verhalten, die Freiheit von biologischen Vorgaben eröffnen Individuen Freiräume und schaffen damit neue Verantwortlichkeiten. Konstruktivistische Theorien
bieten Sozialer Arbeit Wissenszugänge zu den Herstellungsprozessen von Geschlechtsrollen.
Strategien für verändernde Interventionen liegen im Methodenkoffer der Helfenden Professionen im Feld Sozialer Arbeit bereit. Doing Gender, traditionelle Geschlechtsrollen stehen
damit unter Beobachtung und so auch das Verhalten der Mädchen und Burschen. Dabei gibt
die Jugend (heutzutage) Anlass für professionelle Interventionen.
In der folgenden Interviewsequenz werden die Rollenvorstellungen der Mädchen und Burschen aus der professionellen Wahrnehmung heraus skizziert:
X: „Bei Mädchen: zu heiraten, Kinder zu haben, glücklich zu sein. Man will
ja nur (betont) eine kleine Familie, mit einer Wohnung, einer Arbeit, einem Kind und alles besser machen als es da war, so, das ist eine ganz große Sehnsucht.
Bei Jungs: einen Job zu haben, sich Prestigesachen leisten zu können, einfach gut dazustehen, was sie halt glauben, so wie es Ihnen in der Werbewelt oder wie auch immer vorgelebt wird, das ganz klassische … und das
macht es nicht leicht sie zu motivieren oder auch Ressourcen verfügbar zu
machen in der Arbeit mit ihnen, weil man ganz neue Wege aufzeigen
muss.“
Interviewerin: „Subjektive Versager angesichts der Ideale?“
X: „Genau um das geht es. Dass in dieser Richtung schon ganz viel ausprobiert wurde das zu erfüllen und das zu leisten, dass sie aber aus unterschiedlichsten Gründen da gescheitert sind. Und das jetzt noch einmal voranzutreiben und zu starten in eine andere Richtung, da fehlen oft die Energien und das Selbstvertrauen.“
Interviewerin: „Und vermutlich auch die Fantasie?“
Für Mädchen steht die Sehnsucht nach einer Beziehung im Lebensmittelpunkt und in dieser
Passage wird der Beschreibung dessen was Mädchen wollen keine helfende Reaktion hinzugefügt. Was Mädchen wollen, wird „stehen gelassen“, eine Redewendung die in Sozialarbeitsinternen Diskussionen übrigens häufig verwendet wird.
Burschen beziehen ihr Handeln auf die weitere Außenwelt, ihr Gesellschaftsbezug ist vorwiegend ökonomischer Natur. Burschen erscheinen – klassisch männlich – abhängiger von
ökonomischen Werten zu sein: das macht es nicht leicht sie zu motivieren.
Die rückblickend notwendige Frage, wozu die Burschen zu motivieren sind, was das Ziel der
sozialpädagogischen/sozialarbeiterischen Motivationsarbeit ist, welche neuen Wege angedacht sind, wurde von uns im Interview übersehen. Diese Frage bleibt offen.
Es scheint, dass bei Burschen eher sozialarbeiterischer Handlungsbedarf wahrgenommen
wird, das Seinsbedürfnis der Burschen, einfach gut dazustehen, wird nicht – analog den
Mädchen – stehen gelassen. Den Burschen werden Ressourcen verfügbar gemacht und neue
Wege aufgezeigt. Semantische Bezüge zum aktiven Tun bieten sich an, passend zu unserer
schnelllebigen Zeit.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Der Blick auf Jugendliche, hier deklariert aus der Perspektive der Geschlechtergerechtigkeit
und der Parteilichkeit für Mädchen, zeigt sich uns als ein kritischer Blick auf Mädchen und
Burschen, der das Individuum in den Mittelpunkt stellt.
Im folgenden Interviewausschnitt zeigt sich eine erweiterte Bedürfniswelt von Burschen.
Hier haben auch Frauen einen Platz:
„Das Männerbild ist ein total eingeschränktes bei ihnen. Fitnesscenter gehen sie eh fast alle, obwohl sie kein Geld haben. Das ist auch von ihrer
Subkultur her, wir haben viele so aus dem Hip Hop, BreakdanceHintergrund und wenn man die Videos anschaut, das ist echt so ein bisschen MTV nachgemacht, wo die großen starken Männer hocken und die
leicht bekleideten Frauen“….
„Wir haben 21 verschieden Nationalitäten, es ist nicht türkischspezifisch
sondern aus dem subkulturellen Hintergrund so das Hipp hopp, lässig,
Gangstermäßig drauf zu sein. Und da sind die Frauen eher so eine Aufwertung der eigenen Männlichkeit oder so, obwohl sie dann, glaube ich wieder,
wenn sie dann von daheim erzählen und was die Mama ihnen alles kocht
und so, dann ist es auch wieder total etwas anderes. Sie kennen zwei Welten, die Frauen aus den Magazinen oder so hätten sie sie gerne und daheim erleben sie etwas total anderes das aber auch total gut ist. Weil da in
den Familien habe ich das Gefühl, schon viele Frauen was zu sagen haben,
das kommt mir schon vor.“
Die Burschen orientieren ihr Verhalten Hip Hop, lässig, Gangstermäßig an äußerlichen/gesellschaftlichen Erfordernissen, da sind die Frauen eher so eine Aufwertung der eigenen Männlichkeit.
Eine verborgene Seite der Männlichkeit offenbart sich in der Art wie sie von daheim erzählen. Die Erzählung führt weiter in verborgene/intime Beziehungswelten von Burschen wo
schon viele Frauen was zu sagen haben.
Vordergründig scheint es so, als ob es sich für die Burschen um eine freie Wahl zwischen
Frauen handeln würde, den Frauen aus den Magazinen und den starken Frauen die sie daheim erleben. Jedoch wählen die Burschen nicht aus dem bescheidenen Angebot zweier
weiblicher Geschlechtsstereotypen aus. Wobei vom Sozialarbeiter angenommen wird, dass
sie die Frauen aus den Magazinen lieber hätten.
Die Entscheidung der Burschen findet auf dem Hintergrund des Ringens um gesellschaftliche Anerkennung statt: da sind die Frauen eher so eine Aufwertung der eigenen Männlichkeit.
Geschlecht, Mann sein erscheint als Leerraum, ist ein Mangel, dessen Beseitigung mit Werten gesucht wird. Wobei die Burschengruppe ein Ort der Konkurrenz ist und die Sehnsucht
in der Burschengruppe der männlichen Anerkennung gilt. „Was in den Theorien zur geschlechtlichen Sozialisation gegenüber der Betonung der heterosozialen Abgrenzung gewöhnlich zu kurz kommt, ist die Distinktion in der binnengeschlechtlichen Dimension“ (M. Meuser,
2006, S. 168).
Rollen werden den Geschlechtern gesellschaftlich zugeschrieben und geben als vertraute
Muster individuelle Sicherheit. In der folgenden Interviewpassage wird auf die männliche
und weibliche Rolle Bezug genommen:
„Ja, diese sehr weiblichen Rollen oder sehr männlichen Rollen, einerseits
wenn sie auf der Suche sind, wer bin ich überhaupt, und andererseits sind
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
es Muster, die einfach vertraut sind. Die Eltern haben das zum Teil vorgelebt, man sieht es von außen, man kriegt’s in den Medien mit. Da weiß
man sozusagen was man zu tun hat, wie man zu sein hat, dass man in
dem Moment weint und im anderen aggressiv ist, das gibt sicherlich eine
gewisse Sicherheit, weil damit nicht so viel Energie verbunden ist, sich selber zu suchen sondern man kann halt eine Rolle übernehmen,…das ist
sehr verführerisch, auch für Erwachsene.“
Die Sicherheit bezieht sich auf das Tun – dass man in dem Moment weint und im anderen
aggressiv ist – und auf das Sein – wie man zu sein hat. Mit dieser Sicherheit, wenn man auf
sie bauen will, ist eine Energieersparnis verbunden, darin in dieser scheinbar trügerischen
Ersparnis wird hier die Verführung gesehen. Es ist jedoch nur auf der Verhaltensebene eine
Gefahr mit der Verführung durch traditionelle Geschlechtsrollen verbunden. Auf der Ebene
des Seins weiß nur das Mädchen oder der Bursche wie er ist und sein will. Mit diesem Sein,
das sich auch in Rollenstereotypen ausdrückt, beziehen sich Mädchen auf Burschen und
Burschen auf Mädchen und manche Mädchen und Burschen auf begehrenswerte Mitglieder
der eigenen Sex-Gruppe. Um Attraktivität füreinander wird geworben.
Ihr Frau-sein und Mann-sein (Sex und Begehren) ist ihre Identität, das sind sie und dies ist
ihr Geheimnis.8
Ein bis zwei Generationen früher wären die Mütter und Väter noch beglückt gewesen über
die „normalen“ Lebensziele der Jugendlichen, inzwischen werden diese Lebenswünsche der
Jugendlichen von den sozialpädagogischen Fachautoritäten problematisiert, als Verführung
der Mann und Frau ausgesetzt sind.9
Mängelwesen Bursche?
Die folgenden Passagen entstammen jeweils unterschiedlichen Interviews mit MitarbeiterInnen der JUWO-Kooperationspartner, wobei sich die erste Sequenz auf die Rollenstereotype beider Geschlechter bezieht, die zweite explizit auf Burschen:
„Unsere Klientel hat kaum bis gar nicht neue Rollen oder Verhaltensmuster,
die neu oder lebbar sind. Ich sage das so, wie sich die Jugendliche präsentieren, wenn sie zu uns kommen. Da hat sich nichts getan, weil eben die Jugendlichen die wir zum Großteil haben durch ganz viele gesellschaftliche Netze schon durchgefallen sind und ihnen da auch die Handlungsstrategien fehlen. Das Denken fehlt ihnen, die Handlungsstrategien fehlen ihnen. Das ist
keine Ressource auf die man zugreifen kann, die muss man wenn züchten
(lacht) indem man sie ihnen vorlebt und lernt, ansonsten ist da ganz wenig
da, wo man aufbauen kann.“
„Wir haben jetzt gerade - weil es sehr nahe ist - letzte Woche ein Präventionsprojekt gemacht in der Volksschule zweite Klasse. Da war die Burschengruppe eine Katastrophe, sie haben keine Körperwahrnehmung, sehr wenig,
sie haben sehr wenig soziales Verhalten, sie sind ganz anders in der Gruppendynamik, aber auch im einzelnen wie sie miteinander umgehen, als wie
8
Diese Differenzierung findet einen Ausdruck im wesentlichen Unterschied von Schuld und Scham.
9
Die zahlreich entstehenden Single Treffpunkte könnten auch als Sehnsucht der Erwachsenen nach eben dieser
abhanden gekommenen/verbotenen Verführung verstanden werden.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
die Mädchengruppen. Und das ist durchgängig. Also es ist eigentlich von
dem her liegt da vielleicht in der Altersgruppe noch einmal speziell wahrnehmbar, dass da das Geschlecht aber auch die soziale Rolle und die Vorstellung, was sie spielen auch, weil sie visualisieren, da wüsste ich echt
nicht wo anfangen.“
Im ersten Statement wird darauf Bezug genommen, dass die Jugendlichen keine neuen Geschlechtsrollen präsentieren, die lebbar sind. Der/die MitarbeiterIn der JUWO begründet diesen Mangel in Verbindung mit Verlusten (man hätte ev. genauer nachfragen müssen, welche
gesellschaftlichen Netze gemeint sind) und mit Mängeln an Bildung. Die zweite Passage
bezieht sich auf Burschen und deren katastrophale Mängel in Bezug auf Selbstwahrnehmung
und Beziehungskompetenz. Die jugendlichen JUWO-Klienten scheinen geprägt von Defiziten
zu sein, denen zu Leibe gerückt werden muss. Die positiveRessourcenorientierung, einer der
zentralen Begriffe der Sozialarbeiterischen Methodenlehre, findet als Haltung in diesen Sequenzen über die Burschen wenig verbalisierten Niederschlag.
Flexibilisierung ist gegenwärtig jener weiche Terminus, der ausdrückt, dass nicht nur gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Veränderungen im Gange sind, sondern auch den Individuen entsprechende Beweglichkeit abverlangt wird. Die schnelle Änderung Jahrhundertealter, historisch gewachsener Strukturen10 und die soziokulturellen Auswirkungen werden mit
dem Begriff sozialer Wandel umschrieben, den es individuell und gesellschaftlich zu bewältigen gilt. Die Ursachen dieser scheinbar nötigen gesellschaftlichen Veränderungen werden
ökonomischen Sachzwängen zugeschrieben. Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit als gemeinschaftliche und individuelle Lebensbasis.
In diesem gesellschaftlichen Umfeld der allgemeinen Mobilmachung werden jene Jugendlichen, welche die Klientel der JUWO bilden, zu defizitären Mängelwesen und scheinen auch
bisweilen von den helfenden Professionen so gesehen zu werden.
In der Sozialen Arbeit in Westeuropa stehen seit etwa 20 Jahren systemtheoretische, zielfokussierte Behandlungsansätze, im Gegensatz zu beziehungsorientierten Hilfekonzepten, im
Vordergrund. Systemorientierte Hilfekonzepte zielen auf gute (hilfreiche, funktionierende,…) Systeme. Inklusion und Exklusion stellen die bescheidenen Optionen für Gesellschaftsmitglieder dar. Die Helfende Professionen beschäftigen sich in ihren Hilfsmaßnahmen mit Inklusion und Exklusion, Funktionsmodi, Wirkfaktoren und Schnittstellenenproblematiken. Die Interventionen zielen auf Effizienz.
Unkommerzielles, verborgenes Sein, Liebe und Begehren und andere Geheimnisse des Lebens gibt es in diesen Theoriegebäuden nicht.
In humanistischen Erziehungs- und Heilkonzepten bilden Anerkennung und Wertschätzung
die Grundlage dafür, dass Menschen sich weiterentwickeln können. Es ist dann Aufgabe der
pädagogischen Professionen an der Aufrechterhaltung dieser eigenen respektvollen Wertschätzung für KlientInnen zu arbeiten. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich Menschen
wesentlich nur in und durch Beziehungen entwickeln und verändern können.
Die Problematik einer Fokussierung des HelferInnenblicks auf geschlechtsbezogene Verhaltenskompetenzen liegt darin, dass geschlechtsstereotypes Verhalten nichts den Menschen
Äußerliches ist. Wird mit sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen Interventionen auf die
Veränderung traditioneller Geschlechtsrollen gezielt, kommt das Angriffen der Sozialen Professionen auf das Sein der Mädchen und Burschen gleich.
10
Erlebbar beispielsweise am schnellen Umbau der österreichischen Universitäten. In Jahrhunderten entwickelte, gewachsene Strukturen die der Bildung dienen, werden unter Bezugnahme auf Sachzwänge rasant verändert.
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Michel Foucault beschreibt das Geständnis als zentrale Technik der Macht. Die helfenden
Professionen waren wichtige Handlanger bei der Perfektionierung des Geständnisses, jener
Gesprächsform die dazu führen sollte, dass Menschen Wissen ihr Innerstes an die Oberfläche
befördern. Im 18. Jhdt. kommt „die Gesellschaft zur dauerhaften Einsicht, dass ihre Zukunft
und ihr Glück nicht nur von der Kopfzahl und Tugend der Bürger, nicht nur von den Regeln
ihrer Heirat und Familienorganisation abhängen, sondern von der Art und Weise, wie ein jeder
von seinem Sex Gebrauch macht. …der Staat muss wissen, wie es um den Sex der Bürger steht
und welchen Gebrauch sie davon machen. Aber auch jeder einzelne muss fähig sein, den
Gebrauch, den er vom Sex macht, zu kontrollieren.“ (M. Foucault, 1977, S.32).
Es ist in unserer gegenwärtigen Kultur so, dass mit Mann sein und Frau sein unterschiedliche ökonomische und politische Vor- und Nachteile verbunden sind. In diesen unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Ressourcenzugängen liegt das Problem, nicht im Mann oder
in der Frau. Sehr wohl sind Verhaltensweisen Gründe für Interventionen der JUWO, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen dürfen es nicht qua Geschlecht sein.
Häufig wird argumentiert, dass Geschlechtsrollenstereotype besonders bei benachteiligten
Menschen zu finden sind und sich diese Geschlechtsrollen zusätzlich benachteiligend auswirken können (M. Bitzan, 2004). Frigga Haugg und Ulrike Gschwandtner haben 500 Aufsätze von österreichischen und deutschen Kindern und Jugendlichen zum Thema: „Ein Tag in
meinem Leben in zwanzig Jahren“ analysiert. Die Autorinnen stellen ihre Forschung in den
Kontext der gesellschaftlichen Problematiken von Arbeitslosigkeit, Scheidungen, Alleinerziehend sein, die die Situation in vielen Familien prägen.
Und sie stellen dabei fest: „… dass sich die Jungen in der Zukunft zwar zumeist mit Familie
ausgestattet wähnen, dass sie aber im Grunde allein sind, vereinzelt, atomisiert, isoliert von
anderen Menschen. Die Diagnose lässt sich verallgemeinern. Was den Geschichten weithin fehlt
sind die großen menschlichen Werte, die insbesondere die Jugend vorhergehender Epochen
angetrieben hat: Freundschaft, Liebe und Treue, Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit vor allem“ (F. Haugg, U. Gschwandtner, 2006, S. 60).
Die Mädchen sehen sich in zwanzig Jahren nach wie vor in einer Familienidylle, während die
Burschen sich in ihren Aufsätzen auf den Arbeitstag beziehen. Die Differenz zwischen den
Schülern und Schülerinnen der Hauptschule, und des Gymnasiums liegt im Status der Berufe, in der Beschreibung der Häuser in denen man sich in Zukunft sieht. Es ist keineswegs so,
dass es sich bei traditionellen Geschlechtsrollen, die sich beispielsweise in konservativen
Familienentwürfen und traditioneller Berufswahl zeigen, um besondere Charakteristika von
Defiziten benachteiligter Menschen handelt.
So lohnt es sich zu bedenken, dass eine der Errungenschaften der Frauenbewegung, das
Recht auf freie Entscheidung über eine eigene Berufstätigkeit in der Ehe war. Inzwischen
stellt sich den Familien diese Entscheidung überwiegend nicht mehr als freie Entscheidung,
die durch den Rahmen des Rechts geschützt ist. Auch bedeutet die Freiheit der Entscheidung, dass diese als Entscheidung anerkannt wird. Damit wird die Freiheit des Menschen
anerkannt.
Das richtige Geschlechtsbewusstsein innerhalb der Sozialarbeit?
In manchen Situationen wird als Zielvorstellung eines Gender Mainstreaming Prozesses in
der JUWO das richtige Bewusstsein angestrebt. Ein Bestreben das auch im Vorfeld des Forschungsprozesses dieser Studie als Forderung nach der richtigen geschlechtssensiblen Haltung und der richtigen Forschungsperspektive ihren Ausdruck fand. Auf der Basis der hier
ausgeführten theoretischen Überlegungen wäre noch einmal zu hinterfragen, ob es in FraSeite 86
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gen des Geschlechts ein per se richtiges Bewusstsein geben kann, wie es sich ein Mitarbeiter
im JUWO-Kontext wünschen würde:
„Also ich tät mir wünschen, dass von Menschen, die in der JUWO arbeiten,
einfach ein stärkeres Bewusstsein von dem, also wie das Geschlecht …wie es
prägt, also wirklich eine höhere Bewusstheit von dem zu kriegen. Und gleichzeitig aber auch – aber ich denke mir, da sind die Sozialarbeiter in der Regel
eh einige Schritte weiter vorn, also diese Wertschätzung trotzdem zu haben,
wenn Leute das auch anders leben aber die Bewusstheit zu haben, was das
ausmacht und wie sich’s auswirkt, das wäre so ein Wunsch von mir.“
Gerade das Ziel eines richtigen, höheren Bewusstseins könnte aber unseres Erachtens Spaltungsprozesse, beispielsweise zwischen SozialarbeiterInnen und der umgebenden Gesellschaft, aber auch zwischen Sozialarbeiterinnen (Professionsintern) fördern und damit Lösungen von und für geschlechtsbezogene gesellschaftliche Problematiken behindern.
Eine Zuordnung des richtigen geschlechtssensiblen Bewusstseins bei den Helfenden bringt
diese in eine Überlegenheitsposition qua Bewusstsein gegenüber einem Klientel mit traditioneller Lebenspraxis, dem dieses richtige Bewusstsein in Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit fehlt. In einer Workshopsequenz wird diese Frage entwickelt:
X: „Ich denk das ist einfach in der Arbeit in der JUWO, mit den Familien,
muss man sich auch immer ein Stück weit auf das Rollenbild, das in der
jeweiligen Familien vorherrscht, irgendwo einstellen. Ich kann ja nicht der
Familie das aufdrücken was jetzt meine Ideologie, meine Einstellung ist,
sondern wie die Familie das einfach sieht, auf das muss man eingehen
ganz stark.“
Y: „Man muss nur eine Bewusstheit haben, dass das eine Rolle spielt“
Z: „Genau, das muss man dann auch hinterfragen, wie ist das in der konkreten Situation. Ich denke dass am Land das Rollenbild da anders ist als
in einer Großstadt, wo beide Elternteile vielleicht berufstätig sind und am
Land die Mutter hauptsächlich daheim ist und die Kinder betreut. Man
muss sich da immer darauf einlassen und auch ein Gespür dafür haben, das
entwickelt man aber auch als Sozialarbeiter.“
In dieser Gesprächssituation hat sich die Idee des höheren Bewusstseins als Blockade für
eine weitere Mitteilung des konkreten Sozialarbeiterischen Handelns herausgestellt, da in
der weiteren Folge keine direkte Bezugnahme auf das konkrete Praxishandeln gemacht wurde. Die Zielvorgabe eines höheren Bewusstseins, das in der Verantwortlichkeit der Individuen angesiedelt wird, bringt die Mitarbeitenden der JUWO potenziell in einen verdeckten
Wettbewerb, um das jeweils bessere Bewusstsein.
Reflexion, ein Kriterium professionellen Handelns der Sozialarbeit, wird damit geradezu blockiert. Die Mitglieder der Profession sind der ständigen Gefahr ausgesetzt, durch ihr Praxishandeln ein falsches Bewusstsein preiszugeben. Unterschwellige Forderungen nach dem
richtigen Bewusstsein behindern den freien Austausch zwischen unterschiedlichen Standpunkten und deren fachliche Bewertung.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
11.
Erwachsene
Im Jugendwohlfahrtsgesetz obliegt den Eltern die Aufgabe für das Wohl des Kindes zu sorgen. Die Sozialarbeiterinnen der Behörde sind mit Eltern konfrontiert die ihrerseits nicht auf
der gesellschaftlichen Sonnenseite stehen. Eine Einstiegsfrage in den Interviews war die
Frage nach den Problemen der Kinder und Jugendlichen. Bewusst wurde von uns nicht in
der Einstiegsfrage nach den Problemen der Mädchen und Burschen gefragt, um Bezugnahmen auf die Zweigeschlechtlichkeit nicht schon von vorneherein durch unsere Fragestellung
vorzugeben. Bei der Antwort auf diese Frage nach den Problemen der Kinder– und Jugendlichen wurde generell auf Belastungen der Eltern Bezug genommen, überwiegend wurde Armut angesprochen:
„Ich meine, dass Eltern nicht mehr immer in der Lage sind, die Aufgaben
zu erfüllen, die einfach auch notwendig sind, in der Erziehung. Täte ich
sagen: Ja. Weil sie einfach selber überfordert sind. Weil sie es selber nicht
schaffen über die Runden zu kommen, und dann denke ich mir, wie kann
der oder diejenige es dann schaffen, macht mein Bub die Aufgabe, passt
dies und das. Jetzt immer wieder abgesehen von Ausnahmefällen, die einfach permanent eine Zusammenarbeit auch mit der Schule verweigern. Das
gibt es ja auch. Das ist eine Minderheit. Die Mehrheit ist so überfordert mit
der eigenen existenziellen Absicherung, bei unserem Klientel, dass die gar
nicht in der Lage sind den Kindern, zum Beispiel was Schule anbelangt, das
zu geben was sie brauchen. Täte ich jetzt einmal behaupten. Und ich sehe
das auch, ein großer Teil der Eltern, wo wir die Kinder unterbringen müssen, dass das Sozialhilfeempfänger sind, Notstandshilfeempfänger, dass sie
irgendeine Leistung vom AMS haben, oder in einer Schulungsmaßnahme
vom AMS sind und also auch gar keinen Kostenbeitrag laut JWG leisten
können. Also ich denke, dass das, dass sich das alles zu uns herunterverlagert, und dass das dann auch weitergeht, schlicht und einfach in der Erziehung, also mit Erziehungsnotstand dann.“
Der Fokus liegt auf der Armut der Eltern. Im Armutsumfeld wird die Hausaufgabe zur Überforderung. Ein Nebengedanke: Hier wird die Hauaufgabe des Buben erwähnt – was passiert
im Armutsumfeld mit den Hausaufgaben der Mädchen?
11.1. §1 des JUWO Gesetzes
Die öffentliche Jugendwohlfahrt hat in Tirol
a) für die Betreuung der Mütter, der werdenden Mütter und ihrer Leibesfrucht
von der Empfängnis an sowie der Säuglinge und ihrer Eltern zu sorgen
und
b) die Entwicklung Minderjähriger durch Hilfen zur Pflege und Erziehung zu
fördern und erforderlichenfalls durch Erziehungsmaßnahmen zu sichern.
Dazu das Statement eines Mitarbeiters im Workshop mit der Jugendwohlfahrtsbehörde:
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Es ist zwar immerhin so fast 15 Jahre her, dass sich so die JUWO, das Gesetz, grundlegend geändert hat, aber ich denke, dass einfach noch in so
manchen Köpfen einfach sozusagen noch diese alte Zuordnung verankert
ist, JUWO oder Kinder, Mütter. Und dass einfach die Umsetzung vom Denken, dass automatisch wenn’s Schwierigkeiten gibt auch wenn der Vater
nicht präsent ist oder in Abwesenheit glänzt, dass ich einfach so das als
Selbstverständnis einfordern sollte, und was ist mit dem Vater oder mit
dem anderen Teil oder umgekehrt natürlich gleich, wenn der Vater sehr präsent ist auch, was heißt das für die Mutter, grad wenn Kinder z. B. untergebracht sind und die Mutter aus irgendwelchen Gründen nicht präsent wäre. Also einfach die Sichtweise sollte wirklich ein Selbstverständnis in der
Fachlichkeit werden.“
Bei eingehender Betrachtung der gesetzlichen Grundlage, die innerhalb der JUWO als geschlechtergerecht wahrgenommen wird fällt folgendes auf: In §1 des Tiroler JUWO Gesetzes
werden im ersten Absatz zweimal die Mütter erwähnt die es zu betreuen gilt, einmal der
Säugling und einmal die Eltern. Der zweite Absatz bezieht sich auf die minderjährigen Kinder und Jugendlichen. Der Vater wird mit keinem Wort erwähnt! Insofern ist die wahrgenommene Geschlechterungleichheit in Bezug auf den Umgang mit den Eltern kein individueller
Mangel von SozialarbeiterInnen.
Eine geschlechtergerechte Praxis, die Förderung von Entwicklungsmöglichkeiten für Mädchen ist ohne den Blick auf die Mütter und Väter und deren Lebenssituation nicht denkbar.
In der Wahrnehmung dieses Bereichs der Geschlechterungleichheit in der Praxis der JUWO
bestätigt sich u.E., dass der theoretische Ansatz des Gendermainstreaming, im Vergleich
zum Ansatz der parteilichen Mädchenarbeit, eine substanziellere Erkenntnisperspektive ermöglicht. Die Lebenschancen der Kinder sind fundamental mit den ökonomischen, sozialen
und kulturellen Ressourcen der Eltern verbunden:
„Für mich stehen hinter den Klientinnen, wenn ich jetzt einmal die Kinder
und Jugendlichen nehme, dann immer noch eine Familie. Und dann gehen
die Widerstände und Schwierigkeiten los. Da kann vielleicht vordergründig
ganz viel gearbeitet worden sein oder was auch immer, und trotzdem
kannst du ja die Familie dahinter nicht austauschen. Die lässt sich ja nicht
wegdenken oder wegzappen oder was auch immer.“
Vielfältige Ausschnitte aus den Interviews mit den MitarbeiterInnen zeigen, dass traditionelle Anschauungen und Haltungen strukturell in der Praxis der JUWO integriert sind. Die
blinden Flecken oder toten Winkel der JUWO liegen dabei schwerpunktmäßig in der Arbeit
mit den Erwachsenen, den Vätern und Müttern.
Die Haltung des Gesetzgebers, die sich in der sprachlichen Formulierung des Gesetzes niederschlägt, zeigt sich in den Interviews als Tendenz, die Väter außen vor zu lassen:
Interviewer: „Die JUWO kommt ja dann oft ins Spiel wenn Erwachsene versagen, z.B. die Kinder werden auffällig, Erwachsene versagen in ihrer Zuständigkeit, in ihrer Funktion und da ist
eine Frage ob es da, sind wir ja bei diesen Zuschreibungen des Versagens, das ja wieder auch
durchaus geschlechtsspezifische Bezüge haben kann?“
X: „Versagen hört sich so…“
Interviewer: „Hört sich schlimm an?“
X.: „Frauen haben keine Kraft oder was auch immer“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Interviewer: „Ja, ist auch eine Klischeevorstellung …“
Y: „Was meinen Sie, eher bei den Müttern also bei den Frauen dann so Versagen ausgedrückt oder bei den Vätern?“
Im ersten Moment wird an die Mütter gedacht, die Perspektive weitet sich im Weiterdenken.
Dieses bleibt aber in der Dualität der Zweigeschlechtlichkeit stecken nämlich im Versuch das
Defizit zuzuordnen, nämlich den Frauen oder den Männer, den Vätern oder den Müttern.
11.2. Die fehlenden Väter
„Manches mal erleben es Mütter aber auch als große Entlastung, wenn der
Mann kommt.“
Die innerfamiliäre Delegation der Erziehungsverantwortung an die Mütter zeigt sich deutlich
in den Beratungsstellen:
„Gerade in der Familienberatung merke ich es halt, da sind es meistens die
Mütter erstens einmal die anrufen und die probieren etwas zu machen. Das
ist eigentlich durch die Bank …wir haben den Schwerpunkt auf Jugendberatung, schon Familienberatung, aber auf Jugend fokussiert, das sind die
Mütter die anrufen und sagen, es geht nicht mehr.“
Subjektiv wird von den Mitarbeitenden der Familienberatung kein signifikanter Unterschied
bei der Häufigkeitsverteilung zwischen den familiären Problemen mit Töchtern und Söhnen
festgestellt. Es kommen in die Beratung: „Sowohl Mütter die mit Töchtern Probleme haben,
als auch mit Söhnen.“ Die Konstante sind die Mütter. Die diesbezügliche Geschlechtsverteilung wird im österreichweit eingesetzten Statistikprogramm des Familienministeriums nicht
erhoben. Das Statistikprogramm fragt nach ledig, verheiratet, verwitwet, geschieden. Es
fragt nicht nach Alleinerzieherinnen, deren Situation in zahlreichen Interviews problematisiert wird und auf die noch eigens eingegangen wird.
Dazu eine Antwort auf die Frage nach dem Klientel in einer weiteren Beratungsstelle:
X: „Meistens die Mutter, das ist schon einmal ein Indiz“
Interviewerin: „Führen Sie da Erhebungen durch?“
X: „Nein interessant, das ist eigentlich nicht erfasst. Wir erheben das so,
dass wir vom Kind ausgehen, die Statistik wird vom Kind ausgehend gemach. Da wird nur noch erhoben, lebt’s bei Vater oder Mutter oder alleinerziehender Mutter oder … wie lebt das Kind, in welcher Lebensgemeinschaft, insofern könnte man es erschließen, aber wie viele Mütter sich vorstellen im Vergleich zu Vätern, das wird eigentlich nicht erhoben.“
Die Einschätzung der Geschlechterverteilung bei den Anfragen im freiwilligen Beratungskontext ergibt:
„85% Frauen; Mütter, ganz selten dass beide Eltern gemeinsam kommen,
und es wird natürlich immer dann argumentiert, mein Mann muss arbeiten“!
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Während sich Beratungsangebote den Eltern als Hilfestellung anbieten und dabei feststellen,
dass die aktive Kontaktaufnahme mit dem Hilfsangebot in der Hand der Mütter liegt, trifft
im Kontext behördlicher Sozialarbeit das Amt die Entscheidung darüber, wer angesprochen
wird. Dabei zeigen sich in der reflexiven Auseinandersetzung im Workshop eingespielte
Handlungsmuster:
X: „Da fällt mir jetzt was ein. Wer unterschreibt denn Vereinbarungen für
Unterstützungen? Die Mutter, eh klar! An wen adressiert man einen Brief
wenn’s Probleme gibt? Hauptsächlich an die Mutter und nicht an beide
oder nicht einmal an den Vater.“
Y: „Ja teilweise geht’s rechtlich nicht, teilweise.“
X: „Ja teilweise, aber wenn die Familie auch zusammen wohnt?“
Z: „Aber dort, dort sicher“
X: „Und es kommen Unterstützung herein und man führt Gespräche fragt
man meist die Mutter und man führt Gespräche mit der Mutter.“
Y: „Weil oft der Vater einfach nicht greifbar ist, das ist….“
X: „Oder vielleicht weil man schon von vornherein annimmt, dass er nicht
greifbar ist.“
Z: „Genau, dass man es annimmt und zu wenig ihn aber auch mit einbezieht.“
Die Argumentationskette, dass der Zugang zu Vätern auf Grund der Arbeitszeiten erschwert
sei, findet sich sowohl im Kontext freiwilliger Beratungsangebote, als auch bei der behördlichen Sozialarbeit. Dabei eröffnen sich, angesichts der unterschiedlichen strukturellen Zugänge zu Familien (einmal als freiwilliges Angebot, das andere mal im gesetzlichen Auftrag)
unterschiedliche Möglichkeiten für Zugänge zu den Vätern.
Dazu eine Passage aus einem Interview mit einer behördlichen Sozialarbeiterin:
X: „Also wenn ich beispielsweise eine ambulante Unterstützung der Erziehung oder auch eine Fremdunterbringung, wenn das geplant ist, dann bestehe ich darauf, dass beide Eltern zumindest bei einem Gespräch anwesend sind, und auch beide Eltern sozusagen auch ihre Unterschrift darunter
setzen. Also das ist dann schon Bedingung.“
Interviewerin: „Ist das Standard?“
X: „Ist eigentlich ein Standard bei uns, mehr oder weniger.“
Angesichts der Öffnungszeiten des Amtes kann von keinem generellen Tirolweiten Standard
gesprochen werden kann, vielmehr handelt es sich um informelle Standards die mehr oder
weniger praktiziert werden und dadurch weitgehend in der individuellen Fachkompetenz und
Verantwortungsübernahmen der SozialarbeiterInnen angesiedelt sind.
„Wir tun das üblicherweise um da einfach für die Leute Bedingungen zu
schaffen, dass sie sich solchen Dingen auch stellen können. Also das ist
von uns auch ein Angebot, das wir halt auch machen.“
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Dabei gibt es durchaus den schon angeführten Wunsch bei den PraktikerInnen der JUWO
Behörde den Schritt vom tendenziell informellen Angebot hin zum verbindlichen Standard
zu setzen:
„… und was ist mit dem Vater oder mit dem anderen Teil oder umgekehrt
natürlich gleich, wenn der Vater sehr präsent ist auch, was heißt das für
die Mutter, grad wenn Kinder z. B. untergebracht sind und die Mutter aus
irgendwelchen Gründen nicht präsent wäre. Also einfach die Sichtweise
sollte wirklich ein Selbstverständnis in der Fachlichkeit werden.“
In der Praxis der Beratungsstelle wird den Bedürfnissen der Eltern nach gemeinsamen Gesprächen mit einer, ebenfalls tendenziell informellen, flexiblen Regelung von Terminvereinbarungen entsprochen. Es liegt in der Verantwortung der Eltern dieses Entgegenkommen bei
den Beratungszeiten zu nützen. Dabei wird die Veränderung der Öffnungszeiten zum Qualitätsstandard durchaus als interessante Perspektive gesehen.
Interviewerin: „Wurde schon überlegt die Öffnungszeiten zu ändern?“
X: „Wir gehen auf solche Wünsche ein, wir haben zwar die Öffnungszeiten
nicht verändert, aber wenn’s gewünscht wird, dann sind wir flexibel, dass
wir es so ermöglichen. Aber es ist eigentlich sehr selten erwünscht. Man
könnte es zu einem Standard erheben, könnte man machen. Das wäre vielleicht ganz interessant einmal. Wie hoch ist die Bereitschaft der Väter dann
mitzukommen, welche Ausrede haben sie dann, wenn die Zeit wegfällt …“
Indirekt wird die Verantwortung darüber, ob bei Erziehungsschwierigkeiten eine Einzelberatung (Mutter oder Vater) oder Elternpaar Beratung sinnvoll ist, eigentlich eine fachliche
Entscheidung auf der Grundlage professionellen Wissens, an die Eltern (Laien) delegiert.
Diesen zeigt sich ein Angebot, das sie entsprechend der (gesellschaftlich mitbedingten)
Rollenverteilung in ihrer Familie annehmen. Den Vätern wird dabei tendenziell unterstellt,
die Berufstätigkeit als Ausrede für ihre Nichtteilnahme an der Beratung zu haben.
„Und es ist natürlich leider schon auch so, dass vielfach latente Partnerprobleme auch schon da sind, wenn Erziehungsprobleme da sind. Weil man
geht ja erst, viele gehen erst in die Beratungsstelle wenn’s tatsächlich
schon relativ schwierig ist. Und dann ist auch in der Partnerschaft auch
schon sehr viel schwierig.“
Das professionelle Wissen, darüber, dass Erziehungsprobleme meist mit Partnerproblemen zu
tun haben und deshalb von den Fachleuten gemeinsame Gespräche mit beiden Erziehungsverpflichteten Elternteilen im Rahmen der institutionellen Möglichkeiten eingefordert werden, findet keine strukturelle Umsetzung. Die Verantwortung dafür, ob Vater oder Mutter
eine Beratungsmöglichkeit aufsuchen, bleibt als scheinbar individuelle Wahl ausschließlich
bei den Eltern, das bedeutet in unserer geschlechtergetrennten Gesellschaft: bei den Frauen.
Bei der Beschreibung des Ist-Zustandes geht die Aufmerksamkeit fließend über auf die Bereitschaft der Mütter die Väter mit einzubeziehen.
Interviewerin: „ Wenn angeboten wird am Abend Beratungen zu machen,
welche Reaktionen beobachten Sie?“
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X: „Manches mal hat man das Gefühl, das wäre ja noch eine zusätzliche
Belastung. Manches mal erleben es Mütter aber auch als große Entlastung
wenn der Mann kommt, … aber trotzdem kommt mir vor, es ist schon viel
passiert, wenn der Mann sich selber auch wieder mal als wichtige Person
bewertet sieht. Ich glaube es gibt, das muss man halt leider auch sagen,
es gibt viele Frauen die die Väter auch ausgrenzen, und das … es wird
vermutlich zu wenig über Erziehung gesprochen, wie erziehen wir unsere
Kinder, was ist jetzt, also dass auch zu wenig darüber reflektiert wird. Und
überhaupt in dem Moment wo dann unterschiedliche Auffassungen bestehen, wird es dann natürlich ganz zäh.“
Die strukturelle Symptomatik, nämlich die generelle Verantwortlichkeit der Mütter für Familienarbeit und der Väter für die Einkommensbeschaffung, gerät beim Fokus auf den Einzelfall
tendenziell aus dem Blick. Und fast unmerklich fließt das Gespräch weiter auf die jeweils
individuellen Einstellungen der Mütter.
In der Bezugnahme auf den Einzelfall werden die Möglichkeiten der Profession zur Hilfestellung auf Frauen fokussiert:
„Und es gibt halt schon auch Frauen die quasi allein erziehend sind. Man
müsste eigentlich viel mehr Frauenberatung machen oder, vorher in der
Mädchensozialisation das Frauenbild mehr reflektieren …“
Neben den Angedachten spezifischen Angeboten an Frauen können aus Genderperspektive
öffentlich deklarierte Tages- und Abendöffnungszeiten als professionelle Information an die
Eltern gesehen werden. Nämlich Mütter und Väter aus fachkundiger Perspektive darüber zu
informieren, dass beide Eltern angesichts von Erziehungsproblemen gefragt sind. Die Beratungsstelle weiß, dass Väter und Mütter in Familien wichtige Personen sind, und in Hinblick
auf eine Verbesserung der Situation zugunsten des Kindes nötig sind. Es liegt dann immer
noch in der Verantwortung der Eltern darüber zu entscheiden wer kommt. Allerdings erhalten die Eltern von vorne herein Orientierung durch die klare Informationen über weite Öffnungszeiten. Nämlich dass beide Elternteile gefragt sind und dass die Institution den Vätern Erziehungsverantwortung zuschreibt und ihnen Erziehungskompetenz zutraut. Denn:
„Es ist schon viel passiert, wenn der Mann sich selber auch wieder mal als
wichtige Person bewertet sieht.“
Es gibt dabei gute Erfahrungen mit Vätern, wenn die Träger beherzt auf die Mitarbeit der
Väter bestehen. Der Behörde kommt dabei eine maßgebliche Unterstützungsfunktion bei der
Umsetzung dieses fachlichen Standards zu, wie in der folgenden, ungekürzt wiedergegebenen, Interviewpassage mit einem Einrichtungsleiter deutlich wird:
„Tatsache ist, das ist meine private Meinung, weil ich vorher aus dem Beratungsbereich komme und auch dort Erfahrungen gemacht habe, wie das so
ist mit Vätern und Müttern und das jetzt da wieder erlebe, wenn die Leute
von den Vereinen, wir selber und auch die Jugendwohlfahrt, wenn sie darauf bestehen, also wenn wir einen gewissen Druck machen und sagen, das
ist einfach wichtig, sie sollen dabei sein und ganz wichtig, dass sie bei
dem nächsten Termin dabei sind, also wenn man darauf besteht und nicht
gleich nachgibt, dann kriegt man sie schon hinein. Es braucht mehr Arbeit
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
bei den Vätern, aber man bekommt sie dazu. Je wichtiger man sie nimmt,
und sagt: "Ganz wichtig! Ohne sie geht es gar nicht.“, dann geht es schon.
Aber das liegt jetzt wieder an den einzelnen, ob sie sich die Mühe machen,
weil es wird natürlich schwierig dann. Die Hartnäckigkeit ist es dann. Anbieten tun es alle, fachlich notwendig sehen es auch alle. Die Frage ist
noch, wie sehr ist man dran.“
Interviewer: „Diese Entschiedenheit ist ja dann fast wie eine Verordnung.
Das ist so wie wenn ein Arzt einschätzt, ein Röntgenbild müssen wir machen. Da führt kein Weg vorbei. Das ist so.
X: „Ja genau. Verordnung ist mir zu viel, aber es ist mehr wie eine Einladung. Verordnung ist zu viel, weil das klappt nicht. Aber dann ist es Erfolg
verheißend, weil wenn sie einmal dabei sind aber wie gesagt, das passiert
Betreuer seitig, da können die Betreuer viel tun, um das zu gewinnen. Aber
im Auftrag selber, jetzt von der Jugendwohlfahrt her, ja die sagen schon natürlich kommt das oft auch als Ziel vor, die Väter einzubeziehen oder
auch geschiedene Väter unbedingt mit zu berücksichtigen, aber es ist in
keinem Verhältnis vom Auftraggeber her.“
Bei den Mitarbeitenden der JUWO zeigt sich durchgängig ein hohes Interesse, die Praxis in
Hinblick auf mehr Geschlechtergerechtigkeit auf der Ebene der Elternarbeit zu überdenken
und diesbezüglich neue Standards zu setzen. Dabei geht es ganz zentral darum, Mütter in
Familien zu entlasten:
„Das bemerke ich schon auch, dass es ganz schwierig ist auch über so etwas zu reden, dass man nicht zurechtkommt mit einem Kind oder mit einem Jugendlichen, das ist für die Mütter glaube ich, da fühlen sie sich als
totale Versager, das ist für sie ganz schlimm, weil sie da einfach mit ihrer
Erziehungsmethode nicht mehr bestätigt sehen. Wo es auch interessant ist,
das herauszuarbeiten und sie dann auch oft sagen, na, das hätten sie jetzt
nie so gesehen. Wo sie es oft total auf sich ummünzen, das ist schon auffällig. … Dass sie es allein nicht schaffen. Wenn man ihnen sagt, dass es
viele gibt, dann ist es ja das schon oft eine Erleichterung, weil sie es gar
nicht so checken, dass es ja andere Jugendliche mit ihren Eltern genauso
schwierig haben, oder die Eltern mit den Jugendlichen besser gesagt.“
Soziokulturelle Sprengeltreffpunkte könnten hier als Alltagsnaher und vergemeinschaftender
Zugang zu und für Frauen angedacht werden.
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11.3. Obsorgeregelungen
Bei der offenen Frage an MitarbeiterInnen der Behörde, wann Geschlecht in ihrer Arbeit ein
Thema sei, tauchte immer die Frage der Obsorgeregelung und Besuchsrechtsregelung bei
strittigen Scheidungssituationen auf. Eltern unehelicher Kinder und Eltern die sich trennen
stehen vor der Notwendigkeit Fragen der Obsorge zu regeln. Im ABGB ist seit 2001 geregelt,
dass die gemeinsame Obsorge auch nach einer Scheidung aufrecht bleibt und erst auf Antrag eines Elternteils geändert wird. Die SozialarbeiterInnen der JUWO sind in strittigen
Fällen zur Stellungnahme verpflichtet. In diesem Interview wird die Regelung selbst als
nachteilig/belastend für Kinder bewertet.
„Wo das neue Außerstreitverfahren Kinder und Jugendliche, oder wo halt
wir und das Gericht verpflichtet sind Kinder und Jugendliche zu befragen,
über die ganzen Dinge, womit sie natürlich noch mehr hineingezogen sind.
Also da ist niemand glücklich mit diesen neuen Paragrafen da, die es im
Außerstreitverfahren gibt. Selbst die Richter nicht, sind komplett hilflos,
wissen nicht wie sie tun sollen.“
Überwiegend sehen die MitarbeiterInnen der Behörde in dieser gesetzlichen Änderung eine
langfristige Perspektive für mehr Geschlechtergerechtigkeit zwischen Vätern und Müttern,
wo durch diese Gesetzesänderung ein Umdenkprozess angestoßen wurde.
„Wenn man jetzt die Obsorge zum Beispiel hernimmt, das verändert die
Leute auch nicht von heute auf morgen, dass jetzt die gemeinsame Obsorge möglich ist. Aber längerfristig gesehen werden die geänderten gesetzlichen Rahmenbedingungen Auswirkungen haben, das glaub ich schon, aber
es ist natürlich auch nur ein Element von vielen.“
Gegenwärtig sind die PraktikerInnen der JUWO gefordert diese gesetzliche Änderung in ihr
Handeln zu integrieren.
„Fakt ist, dass die meisten Obsorgeberechtigten bei Trennungen dann die
Mütter sind, ist die Mehrheit; die Väter sind die, die... Ich empfinde es
auch so, mein persönlicher Eindruck, dass oft die Männer einfach durch die
Finger schauen.“
Und aus der Perspektive des stationären Bereichs wird die Frage nach männlichen Obsorgeträgern verneint:
„Gibt es selten, mir fällt jetzt glaub ich, kein einziger ein, nein überall die
Mütter. Also in der Heimunterbringung haben wir überall die Mütter als Obsorgeträger oder gemeinsam halt, und wenn sie sie gemeinsam haben, sind
sie auch beide da, das ist schon dann auch der Fall.“
Generell wird die gegenwärtige Obsorgepraxis damit in Verbindung gesehen, dass sich diese
Regelung über die eheliche Lebenspraxis nach der „klassischen“ Geschlechtsrollenverteilung
hinaus auch nach der Trennung fortsetzt.
Im folgenden Statement eines männlichen Sozialarbeiters wird dieses Faktum, dass in der
Praxis der JUWO die Väter kaum als Obsorgeträger aufscheinen, mit Unsicherheiten der Väter
in Verbindung gebracht. Sie seien nicht in der Lage ihre Erziehungskompetenz darzustellen,
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
sich gegenüber der JUWO als kompetent zu präsentieren und erhielten dabei auch kaum
Unterstützung:
„Ich denke, dass das auch ein männerspezifisches Problem ist, dass einfach so, so sich zutrauen oder sich damit auseinandersetzen, was ist so
meine Erziehungskompetenz, wie würde ich die sozusagen präsentieren und
leben, also dass da bei den Männern, bei den Vätern schon auch eine Haltung präsentiert wird, wenn ich eine Einschätzung machen muss, das jetzt
rein von der Fachlichkeit her, was so des Kindeswohl anbelangt, wo Männer
glaube ich wenig, relativ wenig präsentieren, ja. Jetzt kann man natürlich
auch wieder sagen, das kann auch mit mir etwas, mit meiner Einstellung
was zu tun haben, also man kann es natürlich auch von verschiedenen
Ebenen anschauen, aber so in Summe glaube ich, ist einfach in der Gesellschaft ganz stark also das... diese... wo man nachhängt also. Dass auch
wenn der Gedanke da wäre, sozusagen zu schauen mit dem neuen Gesetz
was Obsorge auch an Vater, oder die gemeinsame Obsorge, einfach wie
wird sozusagen die Sorge um Sohn, Tochter einfach präsentiert und gelebt,
dass das glaube ich noch ganz fest auseinanderklafft.“
Durch das neue Kindschaftsrechtänderungsgesetz würden gesetzliche Möglichkeiten bestehen Väter in ihrer Rolle zu unterstützen. Es zeigt den Willen des Gesetzgebers, beide Eltern
mit der Obsorge zu betrauen. In der Praxis ist davon noch wenig zu sehen, wie aus der Zusammenfassung einer Sozialarbeiterin hervorgeht:
„… zum Beispiel bei Scheidungen die Kinder meistens bei der Mutter bleiben ca. 90 bis 95% und dass das so nach wie vor als normal gesehen wird,
und es etwas Besonderes ist, wenn ein Mann Kinder erzieht oder ein Mann
diese Aufgabe übernimmt.“
In der vom Bundesministerium für Justiz durchgeführten Evaluationsstudie (Fidgor, BarthRicharz, 2006, S. 61) über die Obsorgeregelung beider Eltern kamen die Autoren zum
Schluss, dass die Obsorge beider Eltern von den Elternpaaren deutlich besser bewertet wird,
wie von den damit befassten Berufsgruppen (Richter, Beratungsstellen, JUWO-Trägern).
Die Autoren begründen die positive Bewertung der ObE bei den Eltern und dabei wiederum
bei den nicht hauptbetreuenden Elternteilen damit, dass die ObE von den wegziehenden
Elternteilen „als Symbol dafür erlebt wird, dennoch Vater bzw. Mutter für die Kinder zu bleiben. Von großer Bedeutung war dies vor allem für die Mütter, die die Familie verlassen haben.“
In der Österreichweiten Studie wird festgestellt, dass die MitarbeiterInnen der JUWO signifikant am seltensten auf die Eltern in Hinsicht auf eine Unterstützung der gemeinsamen
Obsorge einwirken. (a.a.O. S.109f.). In dieser Studie findet sich eine Bestätigung der in
Interviews geäußerten Annahmen, dass die Aufgabenverteilung während der Ehe die Obsorgeregelung nach der Trennung maßgeblich beeinflusst.
Generell zeigt sich, dass die ObE auch für Hochkonfliktfamilien eine Möglichkeit darstellt.
Die Chance für Eltern die ObE anzunehmen ist davon abhängig, dass diese Möglichkeit von
den beratenden Instanzen überhaupt entsprechend angesprochen wird. Als einen der Vorteile der ObE nennen die Autoren der Studie „einer »quasi-adoleszenten Regression« von Vätern
(als den zumeist getrennt lebenden Elternteilen) entgegenzuwirken, die darin besteht, sich von
ihrer elterlichen Verantwortung erlöst zu fühlen“ (a.a.O., S.301).
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Interessant ist weiters, dass der Einfluss der JUWO MitarbeiterInnen auf die Entscheidung
der Eltern hinsichtlich der Wahl der Obsorgeregelung von den VertreterInnen der JUWO
selbst geringer eingeschätzt wird, als sie von anderen beteiligten Berufsgruppen wie RichterInnen, RechtsanwältInnen und MitarbeiterInnen von Beratungsstellen wahrgenommen
wird. Darin kann eine Tendenz innerhalb der JUWO gesehen werden, die eigene Bedeutung
bei Obsorgeentscheidungen der Eltern zu unter- jene der Richter zu überschätzen. Auch
kann die ObE nicht ausschließlich als Modell für Ressourcenstarke Familien gesehen werden.
11.4. Besuchsrechtregelung
Ähnlich wie bei der Obsorge sehen sich auch hier SozialarbeiterInnen der Jugendwohlfahrt
in einer Entscheidungsposition zwischen Erziehungsberechtigten die ihrerseits, um Einfluss
und die Beziehung zu ihrem Kind kämpfen, mit der Bewältigung ihrer Kränkungen, Ängste
und Aggressionen beschäftigt sind, und mit der ökonomischen und alltagspraktischen Lebensbewältigung ringen.
„Bei den Besuchsrechtregelungen gibt’s ja entweder, dass man Stellung
nehmen muss, weil sie bei Gericht streiten, oder aber es kommt jemand
und sagt: ‚Ich hab Probleme und könnten wir uns zusammensetzen?’ Also
ich biete dann eigentlich immer nur gemeinsame Gespräche an, weil ich
sage, ich bin nicht Wasserträger und – sie müssen eine Lösung finden und
nicht ich.“
Die Problematik für SozialarbeiterInnen besteht in dieser Situation, ähnlich wie bei Obsorgestreitigkeiten darin, dass die Konfliktparteien, eben Väter und Mütter Verbündete suchen.
Schnell verbreitet sich dann im Arbeitsfeld ein Ruf für oder gegen Frauen oder Männer bzw.
Mütter oder Väter zu sein.
„Ich habe eine Zeit lang das Problem gehabt bei den Frauen, dann war ich
in meinem Gebiet verschrien, dass bei mir eher die Männer zum Zug kommen, weil des hat sich, ich weiß eigentlich gar nicht warum genau. Bei den
Besuchsrechtregelungen gibt’s ja entweder dass man Stellung nehmen
muss, weil sie bei Gericht streiten, oder aber es kommt jemand und sagt:
„»Ich hab Probleme und könnten wir uns zusammensetzen«?“
An dieser Stelle taucht bei vielen SozialarbeiterInnen der Wunsch nach mehr Männern in der
Sozialarbeit auf. Die Vermutung ist, dass Eltern sich durch eine Ansprechperson des jeweils
eigenen Geschlechts sicherer fühlen. Zugrunde liegt die Vorstellung, dass Frauen - Frauen
und Männer - Männer besser verstehen. Dieser intuitiven Vorstellung widersprechen die Forschungsergebnisse von Carol Hagemann-White. Nach der Analyse unterschiedlicher Studien
zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern kam sie zum Ergebnis, dass Unterschiede
zwischen Frauen und Männern viel geringer sind als die Differenzen innerhalb des jeweiligen
Geschlechts (Carol Hagemann-White, Sozialisation weiblich – männlich? Opladen, Leske und
Budrich, 1984).
Das ändert jedoch nichts an der häufigen Erwartung der Eltern, jeweils von einem Angehörigen der eigenen Geschlechtsgruppe besser verstanden zu werden. Die Begründung für geschlechtsgleiche Berater wird aus der Perspektive der Klientinnen und Klienten getroffen.
Durch die Überzahl von Sozialarbeiterinnen gelten Männer als benachteiligt, jedoch hat die
geschlechtsgleiche Beratung auch ihre Tücken.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
„Die (Väter I.W.) kommen ja mit bestimmten Erwartungen her, und es ist
oft einmal ganz mühsam, einem Vater zu erklären, dass man nicht automatisch seine Position bezieht, weil ich ein männlicher Sozialarbeiter bin.
Aber es ist für mich nachvollziehbar, ich wüsste ja nicht, wenn ich in so einer Situation wäre, ob ich nicht auch diesen Wunsch hätte. Oder die Idee
hätte, der muss mich jetzt verstehen. Also ich täte sagen, dass solche Fälle
dann im Doppelpack bearbeitet werden sollten, und da fehlen hinten und
vorne die Ressourcen.“
Diese Sozialarbeiterin hat die Erfahrung gemacht, dass eine klare Konfrontation der Männer
mit der Amtsmacht eine hilfreiche Strategie im Konflikt um Besuchsrechte darstellt. Dabei
scheut sie bei der Klärung des Verhandlungsrahmens nicht vor direktivem, männlich konnotiertem Beraterverhalten zurück:
„Das habe ich auch schon oft bei diesen Männerberatungen, wenn die
kommen, habe ich auch gelernt, Männern mit Gefühlen zu kommen, über
die sie sich äußern sollen, das ist ganz eine schwierige Geschichte. Das
kannst gleich vergessen und wenn du aber über so ganz sachliche Sachen,
wie beispielsweise wenn man verhandelt, mit dem Besuchsrecht anzufangen und du sagst naja, entweder drei Stunden oder gar nicht, kommt darauf an, wie sie das jetzt einschätzen, was nix nix ist.“
Hier wird die erfahrungsbedingte Meinung vertreten, dass für den Beratungserfolg die Bereitschaft zur kooperativen Lösung relevant ist. Aus diesem Blickwinkel wäre die Geschlechterfrage in Bezug auf die konkrete Besuchsrechtsregelung ein Nebenschauplatz.
„Das sind also beispielsweise auch Sachen wo manche Kollegen sagen, sie
hätten gern, dass das zwei machen, weil da gibt’s sehr viel Äußerung, dass
der Mann sagt, ja was soll ich? Ist eh klar, wenn zwei Frauen da sitzen.
Wobei ich mir eben denk, wenn ein bisschen Bereitschaft da ist von den
Leuten, auch wirklich sich beraten zu lassen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es dann eigentlich kein Hindernisgrund ist, ob die jetzt als Berater eine Frau oder einen Mann haben, oder zwei da sitzen würden.“
Wohl könnte ein Entgegenkommen des Amtes gegenüber den intuitiven Wünschen nach
geschlechtsgleichen Beratern der Etablierung eines „Nebenschauplatzes“ vorbeugen und
dem Ausbau von Abwehrstrategien bei den Müttern und Vätern („Sie helfen ja sowieso zu
den Frauen/Männern) vorerst vorbeugen.
In der öffentlichen Diskussion erfährt die Kontroverse zwischen Müttern, die mit der Kinderbetreuung alleingelassenen wurden, bzw. mehr Störung als Unterstützung durch die Kindesväter erleben und Vätern die von Müttern und Jugendwohlfahrt am Kontakt zu ihren Kindern gehindert werden derzeit hohe mediale Aufmerksamkeit. (Standard 14. Feb. 2007, Ansichten eines Scheidungsvaters; Standard 16. Feb. 2007, Arme Väter, böse Mütter?). In dieser gesellschaftlichen Kontroverse zeigt sich die Problematik langjährig dual geschlechtergetrennter Verantwortungsbereiche. Die JUWO Behörde ist mit beiden Perspektiven konfrontiert und der Notwendigkeit Stellungnahmen dazu abzugeben. Die Beschreibung der Sozialarbeiterin greift sowohl das eigene Dilemma als auch jenes von Vater und Kind auf:
„Ich glaube, dass automatisch die Solidarisierung der Männer mit dem
Mann und das Gefühl, dass sie eigentlich den Frauen ausgeliefert sind, bei
diesen Besuchrechtsregelungen von den Männern stärker empfunden wird,
und eine Solidarisierung der Frauen mit der Frau, die sagt, nein, der führt
sich ganz unmöglich auf und das ist nicht gut für das Kind, zuerst, für den
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ersten Moment auch genommen wird und nicht gleich differenziert genommen wird. Und ich höre selten von Frauen, also jetzt von Kolleginnen, dass
sie sagt: ‚Der Mann hat absolut recht, weil die Frau macht das so.’ Und ich
erlebe das schon so, also ich erlebe zum Teil schon, dass Frauen zwar ein
Kind wollen, aber den Partner nicht. Und da erlebe ich auch die Ohnmacht
von dem Mann und eigentlich auch von mir, wenn es im Beratungskontext
nicht geht. Das Ohnmachtsgefühl erlebe ich dann schon, dass es dann wirklich kein Gespräch und keinen Besuch gibt und auch das Kind will nicht –
und es auch wirklich so ist, dass das Kind weint und brüllt. Nur dass wenn
jedes Mal, wenn das Wort Papa fallt und die Mama in Tränen ausbricht und
zittert, dass dann der Dreijährige natürlich nicht zum Papa geht, wenn der
in der Tür steht, ob mit Besuchsbegleitung oder nicht, ist auch irgendwie
klar.“
Aus den Erfahrungen in der Arbeit mit Buben im ambulanten Kontext wird diesbezüglich auf
eine zusätzliche Belastung der Söhne in der elterlichen Konfliktsituation hingewiesen:
„Es gibt, verbunden mit der relativ frühen massiven Auftrittsweise von Buben, höre ich schon sehr oft von Müttern, besonders von Alleinerziehenden
Müttern, dass sie dann die negativen Eigenschaften des Kindesvaters zuschreiben: ‚Der ist stur wie der Vater, der tut jetzt schon so wie mein Mann
immer getan hat, wenn er betrunken war. Der hat jetzt die Faust auch
schon so locker wie der der immer uns geschlagen hat’, also in diesem Kontext höre ich es damit auch bei Buben früher. Also ich hab jetzt eigentlich
selten gehört, dass eine Mutter über den Kindesvater, der nicht mehr bei
ihnen lebt, bei einem Mädchen sagt, die ist stur wie der Vater oder die,…
also das ist verschwindend. Sehr oft wird es aufgehängt an diesem offensiven lauten aggressiven Verhalten.“
Die Aufgabe der JUWO in Fragen von elterlichen Streitigkeiten durch Informationen zum
Sachverhalt den Gerichten Hilfestellung bei der Entscheidungsfindung zu bieten, hat strukturelles Potenzial, die Sozialarbeiterinnen in Dilemmata des Richtens zu bringen. Die Tendenz in dieser Konfliktsituation zur Bündnispartnerin der Mutter und damit der herrschenden Ordnung zu werden, ist offensichtlich.
Angesichts der gesellschaftlichen Einkommensverteilung kann die Idee zugelassen werden,
dass die JUWO indirekt damit zur Benachteiligung von Frauen beiträgt, auch wenn im Einzelfall damit häufig Wünschen der Mütter entsprochen wird. Es fehlen quantitative Daten
darüber, wie häufig Müttern nichts anderes übrig bleibt, als allein ihre Kinder zu versorgen.
In einem Interview wurde eine neuere Entwicklung angesprochen:
H: „Ja, als Tendenz erlebe ich, dass früher die Väter durch sind (vor ca. 15
Jahre); heute ist es oft so, dass die Mütter gehen und die Kinder den Vätern lassen, Hälfte Hälfte habe ich da. Und das ist eine narzisstische Kränkung, die können wir gar nicht nachvollziehen
Interviewerin: „Das kränkt die Burschen so?“
H: „Unwahrscheinlich, das Kind, das ist in keinem Verhältnis als wenn der
Mann geht.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Hier lässt sich die eigene Gebundenheit an Geschlechtsstereotype eventuell für die LeserIn
an der eigenen Reaktion auf diese Aussage erfahren. Diese narzisstische Kränkung ist nur in
dieser kulturellen Geschlechterordnung möglich.
Interviewerin: „Begründung?“
B: „Können wir zum Analytischen gehen - Mutterbindung, …es macht einen großen Unterschied. Es ist leichter auszuhalten mehr Väter zu haben
als wie mehr Mütter zu haben. Heutzutage in der Pädagogik ist es ja so,
man redet immer so schön von Patchworkfamilien nur, die halten ja auch
nicht. Ich habe Kinder da, die was schon den fünften Papa haben. Aber der
fünfte Papa ist leichter auszuhalten als wie die fünfte Mama…
Interviewerin: „Weil?“
„Weil die Beziehungsebene eine andere ist, weil ich der Meinung bin, dass
vielleicht Väter oft nicht auch in diesem Verhältnis wo ich sie kenn, die
Wärme nicht aufbringen. Also diese Geborgenheitswärme. Schon mitunter
Verlässlichkeit, habe ich sehr verlässliche da, aber sie kriegen nicht die
Wärme auf…und ich erlebe immer wieder, dass Frauen einen Job und die
Kinder und Haushalt unter einen Hut bringen und Männer kriegen das zu
90% nicht unter einen Hut.
Wenn du einen allein erziehenden Mann triffst, der die Kinder betreut, der
zwei Kinder hat, der keine Freundin hat, der die Kinder und den Haushalt
betreut, dann ist er ein absoluter Einzellfall. Oder er jammert sie eh nieder,
was er für ein armes Schwein ist und wie er schuften muss. Und bei Frauen
ist das zum Teil gang und gäbe und mitunter muss sie den Mann auch noch
versorgen oder den Freund – allein erziehend – ausgehen und Partner suchen, dafür ist keine Zeit da.“
Das tiefenpsychologische Theoriegebäude, das im konkreten Fall ohne gesellschaftlichen
Bezug isoliert gesehen wird, bildet den Übergang zu Vorstellungen natürlicher Geborgenheitswärme, die ausschließlich bei Frauen zu finden ist. Der weitere Weg zum weiblichen
Heldenmythos der Alleinerzieherin, die alles schafft, am häuslichen Schauplatz des Geschlechterkampfs siegreich ist, ist ein kleiner Schritt ausgehend von der Bezugnahme auf
die Natur der Frau. Und wir finden uns im alten Konfliktszenario um Geschlechterhoheit, nur
dass in dieser Interpretation die Frauen den Sieg davontragen?
Unter dem Pseudonym Paul Grau schreibt ein Vater einen literarischen Erfahrungsbericht
über den gesellschaftlichen Umgang mit Vätern und die Praxis der JUWO in Form eines öffentlichen Briefs an seine Tochter: „Alles Liebe, Dein Monster“ (Die Presse, 24. Feb. 2007).
„Das Jugendamt, das Gericht, sogar die Polizei, alle möglichen Leute interessieren sich für mich. Ich bin in diesem Kasperlstück immer der Böse.
Und das komische ist, ich wäre auch der Böse gewesen, wenn die Geschichte umgekehrt gelaufen wäre. Spiegelverkehrt. Andersrum. Nämlich wenn ich
damals weggelaufen wäre. Mit Dir im Handgepäck. Wenn beispielsweise
meine Mutter noch gelebt hätte, und ich hätte Dich, mein Kind, einfach
mitgenommen - zur anderen Oma. Und wenn ich dann plötzlich für immer
weggeblieben wäre. Dann wäre sicher nach kurzer Zeit die Polizei gekommen. Und ich hätte eine Anzeige wegen Kindesentführung am Hals gehabt
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Und: Wenn ich es gewesen wäre, der Dich entführt hätte - ob dann die
ganze Welt, ja sogar bessere Bekannte und manchmal auch richtige Freunde -, ob sie wohl Deine Mutter mit dem Vorwurf verfolgt hätten - wie man
mich stillschweigend und auch nicht so stillschweigend mit dem Vorwurf
konfrontiert -, dass sie es sich ja vermutlich irgendwie selber eingebrockt
hat, dass ihr das Kind weggenommen wurde? Ob ihr wohl auch ein jeder
unterstellt hätte, wenigstens andeutungsweise, dass sie ja wohl alkoholoder drogenabhängig sein müsse oder päderastisch veranlagt oder dass sie
gewalttätig oder eben einfach nur untreu gewesen sei und deswegen wohl
eine gerechte Strafe verdient hätte? Ob das Jugendamt wohl auch Deiner
Mutter geraten hätte, wie man es mir, dem Vater, riet: "Am besten vergessen Sie das Kind.“
Liebe Tochter. Ich bin mir selber nicht sicher, ob dies nun ein Abschiedsbrief werden soll oder - was eigentlich? Jedenfalls glaube ich nicht, dass
wir uns persönlich noch einmal begegnen werden. Einer der Beamten des
Jugendamtes, den ich gebeten hatte, Dich zu kontaktieren, als Du 14
warst, schrieb mir, damals, er hätte Dich einmal aufgesucht und Dich gefragt, ob Du Interesse hättest, Deinen Vater kennenzulernen. "Die Minderjährige" - so nannte er Dich; er hätte stattdessen in einem Brief an
mich ja auch, höflicherweise und überhaupt, einfach "Ihre Tochter" schreiben können, aber nein. "Die Minderjährige", schrieb er, hätte geantwortet,
und ich zitiere jetzt aus dem Gedächtnis: "Er hat sich bisher ja auch nicht
für mich interessiert. Wieso will er mich jetzt auf einmal kennenlernen?"
"Aber", setzte der Beamte hinzu (möglicherweise gar nicht wahrheitsgemäß, sondern nur, weil er ein kleines Trostpflästerchen für mich bereithalten wollte), "die Minderjährige" hätte nicht ausgeschlossen, dass sie später selber einmal den Kontakt mit ihrem Vater aufnehmen würde."
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
11.5. AlleinerzieherInnen
„Also die allein erziehenden Mütter sind eigentlich nah an der Armutsgrenze, das ist mir oft nicht nachvollziehbar wie sie das schaffen.“
In allen Interviews mit behördlichen SozialarbeiterInnen und in den Interviews mit Beratungsstellen und den freien Trägern in der ambulanten Familienhilfe wurde die große Problematik der Alleinerzieherinnen angesprochen. Bei den Interviews mit Beratungsstellen,
fällt erst im Moment der Nachfrage auf, dass Alleinerzieherinnen nicht erfasst werden.
„Bei mir ist es so, dass es so oft im Gespräch herauskommt aber die Statistik - das wird nicht erfragt. Aber das ist ein vorgegebenes Statistikprogramm das wir machen müssen.“
Die JUWO Tirol vertrat im Jahr 2005 9.662 Kinder und Jugendliche (Minderjährige) bei der
Durchsetzung ihrer Unterhaltsansprüchen nach §12, Abs.2, ABGB gegenüber dem Vater. Weiters wurden in diesem Jahr 3.539 gesetzliche Vertretungen in Angelegenheiten des Unterhaltsvorschusses durchgeführt. Die JUWO Tirol unterstützt derzeit als Rechtsvertreterin der
Kinder ca. 11.000 alleinerziehende Mütter durch Rechtshilfe bei der Durchsetzung ihres Unterhaltsanspruchs gegenüber den Vätern.
Wir sehen hier durchaus einen Bedarf, quantitative Aspekte der Problematik der Alleinerziehernden, überwiegend Frauen, zu erfassen. Derzeit sieht es so aus, dass sie von der politischen Öfffentlichkeit/Gesellschaft unzureichend wahrgenommen werden, in den Einrichtungen der JUWO treten ihre Nöte jedoch umso stärker in Erscheinung.
AlleinerzieherInnen treten indirekt in den Aufmerksamkeitsfokus der Öffentlichkeit nämlich
dann, wenn Frauen Besuchsrechte verweigern. Dabei gilt die mediale Aufmerksamkeit/der
öffentliche Diskurs dem Geschlechterkampf. Aus dem Blick gerät dabei (wohl nicht ganz zufällig) die Frage der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für Tätigkeiten der Fürsorglichkeit als auch die Aufmerksamkeit für die politischen und ökonomischen Strukturen die
diese Problematik mitbedingen.
Bemerkenswert ist, dass sich für die Frauengruppe der AlleinerzieherInnen keine politische
Lobby findet. Sozialarbeiterische Empowermentkonzepte werden bei dieser Klientinnengruppe leicht zum Zynismus (S.Staub-Bernasconi, 2002). Die tendenzielle Verwirrung zwischen
psychischer, finanzieller und sozialer Problematik in den Lebenssituationen von Alleinerzieherinnen zeigt sich in der folgenden Interviewpassage auch an der Form der sprachlichen
Beschreibung:
„Ich weiß wie ich selber noch in der Sprengelsozialarbeit gearbeitet habe,
also einmal die Woche auf der Psychiatrie war nichts außergewöhnliches,
dass man da eine Helferkonferenz gehabt hat. Also das war extrem stark im
Zunehmen, weil einfach die Belastung - die Hälfte der Mütter sind schon
allein erziehend, zu viel ist. Die Wohnungen sind zu finanzieren, der Druck
vom Sozialamt ist auch da, dass sie nicht ständig das finanzieren, es ist
schon eine belastende Situation. Und die Familie aufrecht zu erhalten, das
ist nicht mehr da. Also das gibt sich kaum noch einer, dass sie sagt, ich
muss um alles in der Welt die Familie aufrechterhalten. Früher hat man die
Kämpfe und hat man geschaut. Das erlebe ich heute überhaupt nicht mehr.
Das braucht sehr wenig und dann heißt es: Nein, das gebe ich mir nicht.
Und das ist dann schon eine extreme Stresssituation. Wir haben Mütter,
wenn ich an so Familien denke, Trennungen, und sie steht da mit vier KinSeite 102
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
dern zwischen eins und fünf Jahren und sie soll nebenher noch irgendwie
arbeiten, das ist ja ein Hammer.“
In der Erziehungsberatung zeigt sich das quantitative Verhältnis zwischen allein erziehenden Müttern und Vätern sehr ungleichgewichtig, nämlich 25,56% der Hilfesuchenden waren
alleinerziehende Mütter und vergleichsweise nur 1,54% waren alleinerziehende Väter. In
absoluten Zahlen: die Erziehungsberatung Innsbruck wurde im Jahr 2005 von 558 AlleinerzieherInnen in Anspruch genommen, davon 432 Mütter und 26 Väter.
Für die Evaluationsstudie über das Neue KindRÄG 2001 wurde erhoben, dass im Fall der Obsorge beider Eltern immer noch bei 84,8% der Kinder der hauptsächliche Aufenthalt bei der
Mutter ist (14,0% beim Vater) (a.a.O, S. 57). In dieser Studie wurde die soziale Lebenssituation nicht näher erhoben.
Bezogen auf Gender-Perspektiven werden Alleinerzieherinnen als zentrale Gruppe von benachteiligten Frauen in den Aufmerksamkeitsfokus der JUWO gestellt:
„Ein Aspekt ist aus meiner Sicht der Bereich der Alleinerzieherinnen mit
dem wir ja im Rechtsvertretungsbereich zu tun haben zu fast 99%. Das
heißt, das ist für mich schon ein wichtiger Ansatzpunkt, dass da Frauen im
wesentlichen Hilfestellung gegeben wird, damit der Unterhalt des Kindes
gesichert ist. Das ist, glaube ich, schon eine sehr konkrete Sicht auf die
Problemstellung, wo Väter sich aus verschiedenen Gründen einfach verabschieden oder nicht zahlen wollen oder ihren Teil der Verantwortung nicht
mittragen wollen. Das ist schon ein Schwerpunkt in der JUWO auch.“
Interessant ist, dass dieses Existenzsichernde/existenzielle Unterstützungsangebot der JUWO in Hinblick auf mehr Geschlechtergerechtigkeit im Workshop mit der Behörde eingebracht wurde, jedoch von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in den Interviews nie
erwähnt wurde. So tauchte diese Leistung der Behörde in der Diskussion um die Mädchenbenachteiligung in der JUWO auch nie als Argument zur Verteidigung auf, im Sinn eines
Bemühens um Geschlechtergerechtigkeit und als Qualität der Arbeit der Behörde. Dieser
Umstand verweist auf einen möglichen Bedarf nach Identitätsstärkenden Maßnahmen der
Personalentwicklung innerhalb der JUWO Behörde.
Im Folgenden einige Passagen aus unterschiedlichen Interviews mit SozialarbeiterInnen der
JUWO Behörde, die in ihrer klaren Aussage keine weitere Kommentierung erfordern:
„Das wird immer mehr. Das ist ganz massiv im Zunehmen. Eine Scheidung
ist heute sowieso schnell ausgesprochen, und nicht mehr so überlegt, wie
wenn man früher gesagt hat... Also die allein erziehenden Mütter, die
nehmen derart überhand... Dann gibt es die kurze Obsorgeregelung: Wer
trägt die Obsorge? Die ist meistens bei den Müttern.“
„Für uns gibt es ein Thema, nachdem 95% oder 99% aller Alleinerzieherinnen Frauen sind und der Arbeitsmarkt enger wird und unsere Klientinnen in
den meisten Fällen nicht sehr gut qualifiziert sind, kriegen sie vom AMS
zum Teil Stellen vermittelt und müssen sie auch nehmen, sonst haben Sie
verweigert, die absonderliche Zeiten haben, zum Beispiel Reinigungsdienste
sind in der Früh von sechs bis neun oder von sechs bis zehn, bis halt die
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Büros aufmachen und dann abends vielleicht noch einmal von 18 bis 22:00
Uhr, wenn die Büros wieder unbesetzt sind.“
„Das soziale Netz wird immer dünner und eben gerade diese Alleinerzieherinnen, sie sind ja wieder in der Mehrzahl, die dann oft sehr isoliert leben
und einfach ja auch kaum die Mittel haben, um auch Bedürfnisse zu erfüllen die man vielleicht auch Kindern und Jugendlichen geben möchte oder
die auch normale Bedürfnisse wären, wie für Kinder, du kannst im Winter
regelmäßig zum Wochenende Schifahren gehen, wir kaufen da so eine Saisonkarte, die können sich das einfach nicht mehr leisten. Das ist dann einfach so ein Kreislauf, der den Kindern und Jugendlichen, wo gar nichts geboten werden kann und die sich dann oft einmal des anderweitig holen…ja
einfach mitnehmen, Diebstähle, und schon auch abhängen in irgendwelchen Kreisen; ein Stück neue Armut und damit auch Einsamkeit mit sich
zieht.“
Im folgenden Interview zeigt sich die Dramatik der Lebenssituation allein erziehender Frauen ebenso, wie die Bedrängnis in welche die behördliche Sozialarbeit durch diese Notlagen
kommt:
„Und was in letzter Zeit aus meiner Sicht zunimmt, ist die riesige Isolation, was einfach - hauptsächlich sind es Mütter, allein erziehende Frauen,
nämlich ohne irgendein Umfeld, die also aus ganz dramatischen Umständen kein soziales Netz mehr in der eigenen Familie haben. Weil es da
Mißbrauchserfahrungen oder sonst was geben hat, und der Kontakt abgebrochen worden ist, und die sehr weit übersiedelt sein, aber auch in der
Isolation eigentlich kaum Nachbarschaften anpacken. Also das empfinde
ich ganz schwierig. Dass die so isoliert sind, auch nirgends andocken können, man dann kaum auch Entlastung herkriegt. Möglicherweise hat das
auch damit zu tun, wo die Leute dann, also – wo ich auch die Zunahme an
wirklich schweren depressiven Sachen merke. Und wo mir eigentlich so genau noch nicht gefunden haben wie wir das auflösen können. … Dass also
früher soziale Netze da waren, auch wenn sie nicht so okay waren und die
vielleicht sich nicht an alle Normen gehalten haben, die in der Gesellschaft
gefragt waren, aber da war, also auch um Kinder irgendwo vier Tage unterzubringen. Also wo du nicht ein Heim oder irgendwas gebraucht hast, um
Kinder ein paar Tage unterzubringen. Also da ist jemand eingesprungen, ob
es die Nachbarin oder der Onkel oder die Oma war oder irgendwas.“
An diesen Schilderungen wird deutlich, dass ökonomiebezogene Identitätskonzeptionen der
JUWO selbst, die sich in Formulierungen wie „Produktkatalog“ niederschlagen, den Notlagen
von alleinerziehenden Müttern nicht umfassend gerecht werden.
Es fallen bei konzeptionellen Anleihen der JUWO Sozialarbeit an ökonomischen Theorien
jene Menschen durch den Rost, denen Attribute wie „bescheiden“ attestiert werden und
weiters Personen, die sich in extremen Notlagen befinden. Bei Alleinerziehenden dauern
Notlagen oft über Jahre an. Diese Belastungen können Frauen die entsprechenden Energien/Ressourcen für die Einnahme der (aktiven) Kundenrolle rauben, die ihnen in Angebotsorientierten Organisationsstrukturen abverlangt wird.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Eine Sozialarbeiterin beschreibt die dramatische Problematik der Kinder, wenn ihre Mütter
völlig mit dem eigenen Überleben beschäftigt sind, und das Wohl des Kindes im mütterlichen Leistungskatalog untergeht, bzw. nur mehr in verzerrter Form, nämlich als Schuldgefühl, auftaucht:
„Wo ich mir denke, das ist ein Wahnsinn, mit sieben, acht Jahren. Und was
eben wirklich verstärkt ist, mit diesen vielen Alleinerziehern, mit der Isolation, mit dem Netz. Wo ich einfach erlebe, dass Dreijährige einfach schon
Rücksicht nehmen müssen, weil’s der Mama nicht so gut geht, oder weil sie
krank ist, oder weil kein Geld da ist. Oder wo ich Siebenjährige erlebe ‚Nein
ich will da gar nicht mitfahren bei dem Schulausflug’, weil sie das Geld
ausrechnen. Und es eigentlich nur gelingt in Familien, die du schon lang
kennst, dass die dann kommen und du dann sagen kannst, »He, da schauen wir schon, dass das Geld irgendwo herkommt dafür, dass du mitfahren
kannst«.
Die Sozialarbeiterin macht deutlich, dass die Unterstützung für die Kinder abhängig ist von
ihrem Kontakt zu Mutter und Kind. Nur ein aktiv zugehendes Rollenverständnis Sozialer Arbeit ermöglicht bei diesen Problemstellungen Not-Leidender die gesetzlich vorgesehenen
Maßnahmen zum Wohl des Kindes zur Anwendung zu bringen. Ein professionelles und institutionelles Selbstverständnis, das sich als Angebot versteht, bringt die Gefahr mit sich, bei
der Bewältigung öffentlich ausgeblendeter, unsichtbarer Frauennotlagen unversehens einer
unterlassenen Hilfestellung gleichzukommen.
Männliche Alleinerzieher treffen im Alltag auf ein weibliches Umfeld, das die Nöte des Alltags kennt und unterstützend handelt, wie im folgenden Interviewausschnitt deutlich wird.
„Ja ich hab schon ein paar allein erziehende Männer. Die Einsamkeit ist
nicht so sichtbar. Es gibt dann immer wieder so Frauen, die sich anbieten
für gewisse Dinge, schon auch oft mit einem Hintergedanken vielleicht,
aber ich merke, dass Männer da schon mehr gehätschelt werden, sag ich
einmal, z.B. auch von der Gesellschaft…dass Nachbarinnen sagen ja, ich
mach dir die Wäsche, oder ich koche einmal für die Kinder wenn du nicht
da bist, oder die Kinder können zu mir zum Essen kommen. Solche Dinge
erlebt man da schon eher, als bei einer Frau, dass da die Nachbarin sagt,
du kannst die Kinder schicken, wenn du einmal später kommst, oder ich
schau dir schon darauf, da erlebe ich schon mehr Entgegenkommen oder
mehr Bereitschaft.“
Die folgende Interviewpassage zeigt, dass im öffentlichen Bewusstsein sehr wohl verankert
ist, dass Erziehung eine Leistung darstellt. Wenn sie von Männern erbracht wird, wird sie
unversehens sichtbar und der Mann erhält Unterstützung:
„Vor Jahren habe ich einen Mann erlebt, wo die Frau abgehaut ist, wo
ganz großartig die Gemeinde den unterstützt und gesponsert hat. Wirklich
sehr, sehr aufwändig und gut. Es war schon eine reiche Gemeinde, aber wo
ich gedacht hab: Könnte einer Frau nie passieren. Ich muss dazu sagen, es
hat sich gelohnt, und die drei Kinder haben sich super entwickelt und der
Mann hat das auch gut geschafft mit dieser breiten Unterstützung und,
aber trotzdem, wenn das die Frau gewesen wäre, der hätte man glaube ich
keinen Groschen hinterhergeschickt.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
In mehreren Interviewpassagen ist bereits zum Ausdruck gekommen, dass psychische Erkrankungen die Tiroler JUWO massiv fordern. In der Sozialisationsforschung stellt dieser
Befund Anlass für weitere genderbezogenen Forschungsfragen dar:
„In den letzten 10-15 Jahren sind gemessen an Krankmeldungen, psychische Krankheiten stark angestiegen, allen voran Depressionen und Ängste
(DAK 2005), Störungen bei denen Frauen überwiegen. Die Frage nach den
Wegen in solche Zusammenbrüche des Funktionierens sind für mich auch
Fragen der Sozialisation. Man kann weiter fragen: Was bedeutet das Aufwachsen in einem Klima der Unsicherheit und Angst mit gestressten und
psychisch gestörten Eltern für die Sozialisation, bedeuten sie das gleiche
für Mädchen und Jungen, in verschiedenen Milieus?“ (H. Bilden 2006,
S.61)
Veränderte soziale Strukturen, distanzierte nachbarschaftliche Beziehungen, stellen für die
JUWO zusätzlich neue Anforderungen dar. Eine negative Aufgabenbeschreibung „Wir sind ja
nicht die, die in der Stadt herum suchen, wo wir Hilfe anbieten können, sondern wir reagieren
auf Anfragen, egal von wo her die kommen.“ bringt angesichts veränderter sozialer/kultureller Verhältnisse verstärkte Gefahren Notlagen zu übersehen und im Extremfall als
“Sündenbock Jugendamt“ negative mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen (Der Standard, 17./18. Feb. 2007, 20. Feb.2007).
Im elften Kinder und Jugendbericht für Deutschland wird auf eine grundlegende Problematik in Bezug auf die rechtliche Ausgangslage hingewiesen. Bezug nehmend auf veränderte
gesellschaftliche Rahmenbedingungen wird die auf dem Subsidiaritätsgedanken aufbauende
Grundhaltung des Gesetzgebers problematisiert:
„Was lange als Schutz der Familie, als ihre Privilegierung durch die Zuständigkeit und private Verantwortung der Eltern für ihre Kinder bezeichnet worden ist - das grundgesetzlich garantierte, natürliche Recht auf Pflege und Erziehung der Kinder und die ihnen damit zuvörderst obliegende Pflicht -, verkehrt sich unter den veränderten Rahmenbedingungen des Aufwachsens und
der Lebenslagen von Frauen, Müttern und Familien in sein Gegenteil. Es führt
zu strukturellen Überforderungen des familialen, privaten Netzwerks und überlässt Eltern die alleinige Verantwortung zur Bewältigung der Ungereimtheiten, Widersprüche und Unzulänglichkeiten einer modernen Lebensführung. Als
nicht zu unterschätzender Problembereich kommt zu den schon genannten
Faktoren hinzu, dass aufgrund der Strukturen und Rahmenbedingungen der
Gesellschaft Kinder bis heute einen wesentlichen Faktor für materielle Verarmung und Armut, zumindest für hohe finanzielle Belastungen, darstellen."
(Elfter Kinder- und Jugendbericht 2002, zit. nach U. Werthmanns-Reppekus
2004, S. 57f.)
Für die sozialarbeiterische Praxis stellt sich die Notwendigkeit, neue, aktive Zugänge und
niederschwellige Angebote zu entwickeln, die sich unterstützend und präventiv an noch
„funktionierende“ Mütter, Väter und Kinder richten, die vielfältige Möglichkeiten für Kontaktnahmen durch die Zielgruppen bieten und von sich aus aktiv den Kontakt zu Müt11
tern/Vätern suchen.
11
Maier Konrad, Sommerfeld Peter, Inszenierung des Sozialen im Wohnquartier, Freiburg i.Br., 2005
Seite 106
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
12.
Gewalt
„Da haben wir natürlich ein schlechtes Männerbild, weil Gewalt natürlich
hauptsächlich von den Männern ausgeht.“
Das Thema Gewalt kommt in der JUWO in unterschiedlichen Dimensionen vor. Offensichtlich
ist der Überhang männlicher tätlicher Gewalt gegenüber Frauen.
„Wirklich gewalttätig sind schon die Männer. Es gibt schon auch schlagende Mütter, aber die, die ich erlebe, sind sehr motiviert das zu bewältigen,
die haben enorme Schuldgefühle dabei und es geht ihnen ganz schlecht.“
Der Leiter einer stationären Einrichtung sieht die Gewalttätigkeit klar auf Seite der Männer,
die Verantwortung für den Schutz des Kindes bei beiden Elternteilen:
„Wenn es so dramatische Fälle gibt, wo wir entweder körperliche Gewalt,
Schläge das geht ja hin bis zu wirklich Verletzungen, Knochenbrüchen usw.,
ist nicht so häufig aber es kommt vor, da ist fast immer ein Vater oder ein
anderer Mann im Hintergrund, das muss man sagen. Bei sexueller Gewalt,
wenn also bei einem Kind sehr stark der Verdacht auf einen sexuellen Missbrauch, auch da gibt es eine große Breite, aber wann immer da schon äußerst negative Dinge waren, sind es ja in aller Regel irgendwelche Männer,
die da in dem Familiensystem dazu oder auch nicht dazu gehören. Das wird
man so sagen müssen, schlicht und einfach.
… Man wird den Frauen, die da jeweils auch mit dabei sind, auch einen
Vorwurf nicht ersparen können natürlich, die spielen da oft keine sehr
glückliche Rolle. Die schauen manchmal nicht wirklich weg, dulden das
mehr oder weniger, stehen manchmal auch unter Druck, dass es für sie
nicht so leicht ist sich zu wehren oder das Kind aus dem herauszunehmen,
was auch immer. Sie spielen halt auch nicht immer eine sehr glückliche
Rolle, aber da würde ich sagen, ist es schon klar, dass Männer die wesentliche Rolle spielen, das ist unsere Erfahrung.“
Der Auftrag der JUWO bezieht sich auf den Schutz des Kindes. Hilfestellungen für Frauen
verfolgen das Ziel, das Kind zu schützen und dienen insofern als Mittel zum Zweck, nämlich
der Sicherung des Kindeswohls. Ähnlich wie bei der Thematik der allein erziehenden Frauen
ist auch die Gewalt ein Thema das sich durch alle Einrichtungen der JUWO durchzieht:
„Unmittelbare Gewalt von den Vätern endet oft in einer Wegweisung. Da ist
für uns schon in erster Linie die Frau Ansprechpartnerin. Was die Frau und
Kinder betrifft, da gibt es auch eine enge Kooperation mit der Interventionsstelle. Natürlich gibt es dann, wenn zum Beispiel der Mann oder die
Frau sagt, ja für mich passt es wieder, der Mann kann wieder zurückkommen, dann wird wieder der Schutz der Kinder und Jugendlichen sehr wichtig und da gibt’s dann auch gemeinsame Gespräche um das auch wieder
entsprechend abzuklären oder halt auch zu schauen, ob eine Basis wieder
möglich ist. Und da gibt es auch oft Unterstützung in Form von ambulanter
Betreuung, oder wir müssen dann zum Schutz der Kinder entsprechend
handeln, wann die Frau das nicht macht, wenn wir der Überzeugung sind,
Seite 107
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
dass der Gewalttäter selber seine Gewalt fortsetzen wird und die Kinder dadurch nicht genügend geschützt sind.“
In der Arbeit der ambulanten Familienbetreuung geht es um die Verhinderung weiterer Gewalt durch entlastende und kontrollierende Präsenz in der Familie:
„Das ist ein häufiger Grund, warum wir in Familien gehen müssen, also
Gewalt ist einer der häufigeren Anlässe. Die Gründe sind hier bei uns ja
meistens verschiedene. Und das ist dann klar, dass das schon in der Zielbeschreibung beachtet wird und dass wir da im Verein mit der Jugendwohlfahrt sehr überlegt damit umgehen. Wenn wir selber in der Betreuung Gewalt erst sozusagen aufdecken, dann wird das natürlich sofort ein Thema,
das ist auf jeden Fall Berichtspflichtig. Und dann wiederum geht das ein
Stück in die Verantwortung der Jugendwohlfahrt über, wie sie damit umgehen. Wir sind die Betreuung und wir sind Begleitung und wir arbeiten auch
damit, aber die Maßnahmen setzt natürlich die Jugendwohlfahrt. Also wir
können keine Wegweisung in die Wege leiten, das geht alles nicht. Aber
das ist ein Thema, das man immer im Auge haben muss und oftmaliger Anlass für Betreuungen und oft einmal im Hintergrund mit zu bedenken, wo
wir es zwar nicht wissen, aber wo es spürbar ist.“
In dieser Situationsbeschreibung wurde bereits die Unsicherheit angesprochen, dass MitarbeiterInnen der JUWO oft den Verdacht haben, aber keine eindeutigen Beweise bringen
können. Dieses Ahnen und nicht ganz sicher wissen, intuitiv eine Gefährdung wahrzunehmen, diese aber nicht handelnd, durch schützende Maßnahmen vom Kind abwenden zu können, stellt auch nach jahrelanger Berufspraxis eine schwere Belastung für die behördlichen
SozialarbeiterInnen dar:
„Eine der schwierigsten Sachen sind die, wenn so der Verdacht im Raum
steht, dass Kinder geschlagen sein könnten. Dann ist das meistens ganz eine schwierige Geschichte und ich für mich habe den Stein der Weisen noch
nicht gefunden. Ich berate mich halt dann mit irgendjemandem oder ruf
dann einmal im KIZ an, ob es gescheit ist zu konfrontieren. Die meiste Zeit
heißt es nein, weil auch, wenn ich nichts in der Hand habe. Ich sage immer, ich kann Kinder vor weiteren Misshandlungen schützen, das kann ich,
wenn es einmal da liegt, weil dann brauche ich nicht mehr debattieren, ist
das passiert oder ist es nicht passiert.
Weil da gibt es, was weiß ich, eine Verletzung oder sehr eindeutige Anzeichen. Und dann kannst du wirklich auch sehr eindeutig sagen: ‚Also entweder machen sie die Therapie oder wir machen eine Anzeige’. Also wirklich
auch mit ein bisschen einem Druck, oder: ‚Sie nehmen Beratung oder auch
ambulante Familienbetreuung in Anspruch’. Wenn es jetzt nur so die Aussage gibt, dann mache ich ganz oft die Erfahrung, dass wir schneller draußen sind, als wie wir drinnen sind, weil alle zu machen. Also auch die Mütter, dann versuchst du so von außen irgendwie zu schauen, dass du halt
Kindergarten, Schule versuchst zu fragen ob da etwas auffällt, oder halt
die Bitte machst, etwas aufmerksamer in Zukunft hinzuschauen, aber
da…“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Die Behördliche Sozialarbeit ist bei der Erbringung der Beweislast bzw. für die Erbringung
der Schutzmaßnahme für das Kind auf die Unterstützung durch andere öffentliche Institutionen angewiesen. Aber so wie der Satz in der vorigen Schilderung abrupt beendet und offen
gelassen wird, könnte sich dies auch als wichtiger Hinweis auf einen Strukturmangel verstehen. Der Schutz der Kinder vor Gewalt kann nicht von der JUWO allein sichergestellt werden, vielmehr kann nur ein generelles gesellschaftliches Klima der Achtung die Kinder
(Mehrzahl) schützen. Dies ist gegenwärtig mangelhaft ausgeprägt und vor allen Dingen fehlt
in unserer funktional differenzierten Gesellschaft die Wahrnehmung der institutionellen Mitverantwortung bei anderen, zentralen Institutionen der kindlichen Sozialisation (Schulen,
Kindergarten)12 im erwünschten Ausmaß.
Über den Versuch einer Gewichtung, ob stärker die Burschen oder stärker die Mädchen familiärer Gewalt ausgesetzt sind, wird in den folgenden Praxisreflexionen von MitarbeiterInnen
eine Differenzierung zwischen Gewalt und sexueller Gewalt eingeführt:
„Was bei Mädchen schon gehäuft vorkommt ist einfach schon der sexuelle
Missbrauch, wobei auch die Frage ist, ob die Burschen vielleicht sich ein
bisschen schwerer tun das anzusprechen, auch wenn es so weit ist. Trotzdem glaube ich dass, wenn wir über Misshandlungen reden, dass Mädchen
gefährdeter sind, dass es in den sexuellen Bereich reingeht und dass wir
das auch häufiger da haben. Wir haben natürlich auch Burschen mit sexuellen Mißbrauchserfahrungen, aber mehr sind es die Mädchen. Auf das würde ich es reduzieren eigentlich.“
„Das braucht ein gutes Vertrauensverhältnis. Ich habe jetzt zwei Jungs die
erzählt haben, dass sie daheim ziemlich gehaut werden. Aber bei den meisten wird, wenn das Thema angesprochen wird, eher zugemacht.“
„Gewaltproblematik ist bei Burschen vorherrschend, dass sie gewalttätig
sind und umgekehrt Mädchen vielleicht mehr Gewalt ausgesetzt sind. Aber
irgendwo fällt mir dann auch wieder auf, dass man da mehr hinschaut. Also mir fällt jetzt auf, wenn man jetzt so darüber nachdenkt, dass bei einem Mädchen in einer Familie wo es Probleme gibt und Probleme die verdeckt sind, dass man bei einem Mädchen schneller an Missbrauch denkt als
bei einem Burschen. Das ist eine typische Rollenzuschreibung. Oder dass
man bei einem Burschen eher annimmt, dass er gewalttätig sein könnte als
bei einem Mädchen, obwohl es das genauso gibt. Eben diese Assoziation,
dass männlich mit Gewalt-tun sozusagen verbunden ist und Mädchen mit
Opferrolle. Also das ist glaube ich sehr typisch auch in der Annahme. Das
ist eine Differenz, die man aus langen Rollenzuschreibungen übernommen
hat und nach wie vor vielleicht auch pflegt.“
12
Die Systemtheoretische Lehre der in sich geschlossenen, jedoch voneinander getrennten Systeme trägt dazu
bei, diese Praxis als Systemfehler, und damit quasi als natürlich zu betrachten. Die Verantwortung wird dann
den Systemen zugeschrieben, z.B. der JUWO als Behörde: „So versagten die Behörden!, Versagten die Behörden total?“ (Niki Glattauer, Nebel überm Dreimäderlhaus, Der Standard 17. /18. Feb. 2007) bzw. der Sozialen
Arbeit: „Sündenbock Jugendamt“ (Roland Fürst, Der Standard, 32.2.07)
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Alice Miller zitiert am Umschlag ihres Buches „Am Anfang war Erziehung“ den Dichter Montaigne:
„Ich kann mir keinen Zustand denken, der mir unerträglicher und schauerlicher wäre, als bei schmerzerfüllter Seele der Fähigkeit beraubt zu sei, ihr
Ausdruck zu verleihen.“
Die Gewissheit bei der Sozialarbeiterin und der Einstieg in das – schmerzhafte und langfristig erleichternde – Sprechen bei den missbrauchten Kinder/Jugendlichen kommen häufig
zeitverzögert. Sensible Vertrauenspersonen und wertschätzende/respektvolle Rahmenbedingungen, die, wie im folgenden Beispiel, über eine Bildungsinstitution erfahrbar werden,
sind Mädchen und Burschen hilfreich bei der Bewältigung der sexuellen Gewalterfahrungen.
Es zeigt sich auch die Bedeutung des Faktors Zeit. Eine langjährige Forderung feministischer
Frauen ist die Verlängerung der Verjährungsfrist als struktureller gesellschaftlicher Schutz
für Opfer angesichts eines familiären Umfelds, das keinen Schutz für Mädchen bietet.
„Ich habe es halt jetzt in meiner Berufspraxis so erlebt, dass in einigen Akten, die ich übernommen habe, schon immer wieder der Verdacht oder immer wieder so anonyme Anzeigen gekommen sind, dass Kinder geschlagen
werden oder auch sexuell missbraucht werden und man hat eigentlich nie
irgend etwas erhärten können. Und dann, wie die Mädchen 16 waren, also
in drei solchen Fällen, wie sie in irgendeinem Kurs waren beim BFI oder
sonst was, dann gesagt haben zu irgendeiner Vertrauensperson dort, jawohl
das ist so der Fall. Und ich habe mit drei Mädchen so geredet und dann
haben mir alle Mädchen gesagt, ja jetzt trauen sie sich das sagen. Weil
auch mit der Bitte eben, ausziehen zu können, und früher haben sie sich
das nie getraut. Und das ist auch so eine schwierige Geschichte, wenn ich
da als Sozialarbeiter komme und die kennen mich nicht, dann kann ich
dreimal sagen, ich bin ein gutes Wesen und will dir nur helfen, die glauben
mir das nicht. Und die Mädchen haben mir alle gesagt, also sie haben so
viel Druck gekriegt, dass also der Papa sofort ins Gefängnis muss, und vor
allem, dass sie ins Heim müssen, und ein Vierjähriger, Fünfjähriger, Sechsjähriger, für den ist ins Heim müssen die furchtbarste Vorstellung der Welt
überhaupt und die sagen dann auch nichts, oder ganz selten.“
In mehreren Interviews wird betont, dass die Gewalt gegen Kinder auch bei den Müttern
vorhanden ist, sich im Unterschied zu den Vätern jedoch stärker in verbaler Form äußert:
„Ich bin da ganz vorsichtig. Die Gewalt gegenüber Frauen, keine Frage,
wird von Männern ausgeübt. Ich habe im Frauenhaus gearbeitet, jahrelang,
wird auch von Frauen ausgeübt gegenüber Männern, ist auch da, ist jetzt
nicht so häufig.“
„Gegenüber Kindern sowohl von Frauen als auch von Männern. Da täte ich
mich jetzt ganz schwer zu differenzieren, es sind vielleicht andere Formen
von Gewalt, aber also ich täte jetzt nicht sagen, dass Männer Kindern gegenüber gewalttätiger sind wie Frauen. Die haben eine andere Art Gewalt
auszuüben….das hat man im Frauenhaus ganz gut gesehen, wie subtil und
gewalttätig die den Kindern gegenüber sind. Also da haben wir einfach zusammengelebt mit ihnen und du hast versucht, die Kinder vor der Gewalt
des Vaters zu schützen und dabei sind sie von der Mutter unterdrückt worSeite 110
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
den, sind verbal niedergemacht worden, also wirklich auf der, auf einer anderen Ebene, aber mindestens so gewalttätig, wie wenn der Vater eine herunterhaut oder so. Also das täte ich mich nicht getrauen zu sagen, Männer sind gewalttätiger wie Frauen oder so. Oft andere Formen denk ich mir,
sie haben eine andere Art von Gewalt, ja.“
Die Aussage dieser Sozialarbeiterin könnte als Banalisierung von Männergewalt gesehen
werden. Sie kann aber auch als Mühe verstanden werden, die Ambivalenz der Spannung zwischen gut/böse, schuldig/unschuldig zu ertragen und damit den Betroffenen Raum für eigene Klärungsprozesse zu eröffnen.
„Erst eine eigene, dritte Perspektive erlaubt die Wahrnehmung von Ambivalenzen und Widersprüchen und kann einen intermediären Raum schaffen,
der aus der Totalität des dyadischen „Entweder – Oder“ heraushilft. Dann
gibt es nicht mehr nur das „reine“ Opfer und keine soziale Institution, aus
der das Böse herausgehalten werden kann und die immer schon Recht hat,
weil sie prinzipiell auf der richtigen Seite steht“ (M. Brückner, 2006, S.
214).
Margit Brückner beschreibt als große Gefahr der Anti-Gewalt-Arbeit, dass die helfenden Institutionen spaltende Bündnisse mit den Familien eingehen, verführt durch die familiären
Spaltungsprozesse der KlientInnen. Sie sieht darin eine Leugnung eigener aggressiver Anteile, die in der Arbeit mit Gewaltfamilien zum Hindernis auf Helferseite wird. Unseres Erachtens kann von parteilichen Hilfekonzepten, wenn sie der Gewaltarbeit grundgelegt werden,
eine zusätzliche Gefahr ausgehen, die in Familien bereits vorhandenen Spaltungstendenzen
institutionell/von außen noch zu verstärken und damit die Täter-Opfer Positionen festzuschreiben.
Auf die mögliche Tücke eines ausgeprägt geschlechtsspezifischen Ansatzes weist ein Mitarbeiter hin, indem darüber die Gefahr einer Verstärkung und Zementierung von Geschlechterrollen drohe und ein schnelles Einrasten von Stereotypen der Geschlechterdualität unterstützt werden könnte:
„Und das finde ich eine große Gefahr beim geschlechtsspezifischen Arbeiten,
dass man etwas verstärkt. Ich arbeite relativ viele Jahre schon mit gewalttätigen Männern und arbeite seit vielen Jahren auch mit missbrauchenden
Männern und Jugendlichen, also habe einfach recht viel Erfahrung mit Männern. Habe aber auch mit Mädchen gearbeitet, arbeite auch mit Opfern. Ich
kenne sozusagen beide Seiten und das ist für mich der Punkt: Wenn man sich
wirklich auf beide Seiten einlässt, dann merkt man einfach einmal, wie komplex diese Beziehungen sind.
Und dass diese Täter-Opferdynamik, die sehr oft auch Stereotype mit sich
bringt, Täter männlich, Opfer weiblich, das zementiert auch das geschlechtsspezifische Arbeiten. Und wenn die Frauen nur mit weiblichen Opfern arbeiten, wie zum Beispiel jetzt auch bei uns die Frauen, das ist hoch problematisch finde ich, auf Dauer. Weil das verzerrt komplett die Wirklichkeit, wie sie
ist. Weil ich einfach auch mit Männern arbeite, das sind Bilder, das sind Stereotype, das ist eine Sache. Gleichzeitig muss man aber auch sagen - und das
ist jetzt wieder die Gefahr wenn ich es zu therapeutisch betrachte - dass ich
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
sage ja, stimmt. Und gleichzeitig, wenn man sich die Kriminalstatistik anschaut, ist halt ganz speziell die körperliche Gewalttätigkeit, das ist halt einfach männlich. Das ist ein Faktum. Dass Männer im häuslichen Kontext viel
häufiger körperlich gewalttätig werden wie Frauen. Wenn man auch schaut
die ganzen Statistiken, wenn es um den Missbrauch geht, sexueller Missbrauch, da ist auch eindeutig das Geschlechterverhältnis ganz klar, dass einfach viel mehr Männer missbrauchende Handlungen setzen als Frauen. Und
trotzdem, das ist wieder der Punkt, ist die Gefahr, dass genau diese Statistiken auch wieder die Arbeit an der Einzelperson beeinflussen oder überlagern.
Und da muss man immer wieder differenziert hinschauen. Und dieses potenzielle Opfersein der Frau beziehungsweise diese potentielle Täterschaft des
Mannes, das ist genau dieses ideologische, was in die geschlechtsspezifische
Arbeit einfließt. Und das macht es für mich eigentlich problematisch und
schwierig, weil das kann genau diese Geschlechterrollen zementieren, festschreiben, anstatt sie aufzulockern.“
Bei der Notwendigkeit einen „intermediären Raum“ zu schaffen kommt auch der Sozialen
Arbeit die Funktion zu, sich als dritte Perspektive mit entsprechender theoretischer Fundierung zu entwickeln. Dem Theoriekonzept des doppelten Mandats wohnen durch die Trennung in Hilfe und Kontrolle Spaltungstendenzen inne und damit die Gefahr, Problem verstärkend zu wirken.
Insofern ist die Wissenschaft der Sozialen Arbeit gefordert, das dual fixierte Theoriekonzept
des doppelten Mandats, das den Anforderungen der JUWO-Praxis nicht gerecht wird, zu überarbeiten.
12.1. Kindesabnahme
Eine Notlösung im Falle der massiven Gefährdung des Kindeswohls stellt die volle Erziehung
gegen den Willen der Eltern dar. Sie wird hier im Anschluss an die Thematik Gewalt gegen
Kinder ausgeführt, weil es sich bei der Kindesabnahme um die Ausübung rechtsstaatlicher
Macht zur Verhinderung von weiterer Gewalt gegen Kinder handelt.
Ausgehend von der Tatsache, dass Gesellschaft ohne Macht nicht denkbar ist, hat Silvia
Staub Bernasconi die Differenzierung in Behinderungsmacht und Begrenzungsmacht konzeptualisiert. Begrenzungsmacht beschreibt eine in Gesellschaften notwendige Macht, die demokratisch legitimiert sein muss und Behinderungsmacht begrenzt. Soziale Arbeit in der
Jugendwohlfahrtsbehörde hat sich selbst dahingehend zu kontrollieren, ob die eigene Macht
behindernd oder begrenzend eingesetzt wird.
Auch Macht im Sinn der Definition von Max Weber: „Macht ist die Chance, seinen Willen
auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleich worauf diese Chance beruht“, kann Begrenzungsmacht sein. „Da auch Begrenzungsmacht von denjenigen, die sie begrenzt, auf der psychischen Ebene als »behindernd« erfahren wird – man kann nicht (mehr) das tun, was man
am liebsten tun würde – ist die Gefahr groß, dass jede Regel oder Vereinbarung aufgrund psychischer Befindlichkeiten und Unpässlichkeiten wieder gebrochen oder aufgelöst wird“ (a.a.O.
S. 252). Die Unterscheidung der unterschiedlichen Formen der Macht kann nur jeweils auf
die konkrete Situation bezogen getroffen werden.
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Der Einsatz von Erzwingungsmitteln13 (S.Staub-Bernasconi, 1995) wie beispielsweise die Kindesabnahme zählen zu den belastendsten Situationen in der Jugendwohlfahrt, in denen sich
Sozialarbeiterinnen auch die Hilfe von Männern holen:
„…kritisch ist Kindabnahme, ja ist eigentlich die einzige kritische Situation, weil du da ohne viel Vorbereitungszeit und ohne dass du viel vorbereiten kannst, wenn du eine Gefährdungsmeldung kriegst und die intern herinnen eigentlich schon als ziemlich...ah… anstrengend und ziemlich mit
Wahrheitsgehalt nimmst, dann glaub ich, ist schon oft der Wunsch da, ich
nehme einen Mann mit.“
In mehreren Interviews wurde die niedrige Männerquote in der behördlichen Jugendwohlfahrt im thematischen Zusammenhang zur Kindesabnahme angesprochen.
Es wird von einer Sozialarbeiterin ein Aspekt gegen die Mitnahme von männlichen Sozialarbeitern als Unterstützung eingebracht. Sie führt dabei mögliche Hintergründe für den
Wunsch nach männlicher Begleitung aus:
„…der (männliche Sozialarbeiter, I.W.) hat immer so dieses ein bisschen
strafende, da ist es besser einen Mann mitzunehmen bei der Abnahme, und
da wäre es ganz fein, einen Mann zu haben. Und ich persönlich denke mir,
nein, eigentlich brauche ich das nicht, ich brauche nicht so einen strafenden Papi irgendwo mit.“
Kulturell begründete Missachtung von Frauen bildet hier den Anlass für den Einsatz von
männlichen Sozialarbeitern:
„Viel Argument ist bei ausländischen Familien, also bei türkischen Familien, wo sehr beklagt wird, dass die Väter mit Sozialarbeiterinnen – also keine Achtung entgegenbringen, teilweise nicht reden mit ihnen. Ich persönlich habe die Erfahrung noch nicht gemacht, dass sie nicht mit mir reden.
Wie ernst sie mich nehmen oder wie unernst könnt ich jetzt auch nicht sagen, aber das weiß ich von vielen Kollegen.“
Im Begründungskontext mit muslimischen Vätern besteht bei einer Übergabe des Einzelfalls
an den männlichen Kollegen ein Begründungsnotstand. Handelt es sich doch um behördliche
Macht, die von der Sprengelsozialarbeiterin repräsentiert und ausgeübt wird. Die Übergabe
eines Falls aus dem regional definierten Zuständigkeitsbereich des Sprengels, käme dann
einem Verzicht der Frau in der Behörde auf die Ausübungsgewalt rechtsstaatlicher Macht
gleich. Dieses Praxishandeln ist als Selbstschutz der Sozialarbeiterin nachvollziehbar angesichts eines Frauenverachtenden Verhaltens des Klienten. Allerdings wird es im Handlungskontext der JUWO, in dem die Sozialarbeiterin als Anwältin des/der Minderjährigen die
14
Staatsmacht vertritt, in mehrfacher Hinsicht problematisch.
So werden durch Väter/Männer, die sich weigern Repräsentanten der Behörde, und nur als
solche sind SozialarbeiterInnen der Behörde mit den Fällen befasst, sowohl Österreichisches
Grundgesetz als auch Menschenrechte verletzt. Ein Rückzug der Sozialarbeiterin/Frau aus
13
S.Staub-Bernasconi, 1995, Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal, national, international,
Haupt, Bern, S.252
14
Kant definiert Freiheit als apriorisches Prinzip der gesamten Rechtsordnung. „Sie garantiert, dass alle Menschen das Recht haben, ihren eigenen Lebensweg zu wählen, solange sie anderen damit nicht schaden.“
14
Die Freiheit des Vaters bezieht sich auf sein Leben, und erlaubt ihm nicht, der Umwelt seine Wertmaßstäbe
aufzuzwingen.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
diesem belastenden Fallgeschehen ist angesichts der bedrohlichen Verachtung, die der Frau
entgegentritt, nachvollziehbar, jedoch nicht durch professionelle Kriterien begründbar. Die
Argumentation, dass der männliche Kollege mehr Anerkennung erhält, ist gefährlich, weil
damit zugleich impliziert wird, dass das Gesetz nur durch Männer vertreten werden kann.
Dies entspricht nicht unserem Rechtsverständnis, sondern Vorstellungen über das Verhältnis
von Familie und Staat als kommunizierende Gebilde. Peter von Matt hat als Literaturwissenschafter dieses Ordnungsverständnis anhand der Literatur, unter anderem der Antigone von
Hegel (1770 -1831), analysiert und treffend charakterisiert: „Unordnung hier führt zu Unordnung dort und umgekehrt: Nur wer im Haushalt herrscht als tüchtiger Mann, wird auch im
Staate sich bewähren als gerecht.“15 (P.v.Matt, 1999, S. 111)
Reagiert die Sozialarbeiterin in ihrer Funktion als behördliche Sozialarbeit auf Herrschaftsansprüche, die vom Vater in der Familie mit Gewalt durchgesetzt werden, legitimiert sie damit indirekt die Herrschaftsansprüche des Mannes, die dieser in der Gesellschaft für sich reklamiert. Damit wird aus unserer Sicht das geltende Rechtsverständnis in Frage gestellt.
Es ist Aufgabe der JUWO, Kinder und Jugendliche zu schützen. Vor dem Hintergrund der
Abhängigkeit des Kindeswohls von familiären Beziehungen ist der sozialarbeiterische, entsprechend der Professionsgeschichte weibliche, Impuls, auf den für das Kind mächtigen Vater
zu reagieren, nachvollziehbar. Allerdings verzichtet die Frau/Sozialarbeiterin damit darauf,
ihre behördliche Macht gegenüber dem an dieser Stelle Frauenverachtenden Mann und Vater,
zum Schutz des Mädchens oder Buben in die Hand zu nehmen. Dieser Machtverzicht steht
ihr in freier Entscheidung bzw. als informelle Regelungen zwischen hierarchiegleichen KollegInnen eigentlich nicht zu. Die behördliche Sozialarbeit handelt im staatlichen Auftrag und
ist zum Schutze des Kindeswohls mit Machtbefugnissen ausgestattet, die sie nicht männli16
cher Klientengewalt – getarnt als Naturrechtskultur des muslimischen Vaters - opfern darf.
Ein Referatsleiter spricht seine Leitungsmacht als Instanz der Unterstützung für SozialarbeiterInnen bei Kontaktnahmen mit gewalttätigen Vätern an:
„Ja, die gibt’s sicher. Ich erlebe es immer wieder, wo Mitarbeiterinnen ganz
klar sagen also bitte da musst du dabei sein als Referatsleiter, das würde
ich jetzt einmal geschlechtsneutral sehen, aber die Hierarchie in der Arbeit
mitvertreten. Also ich denke, dass es das gibt, nach wie vor, aber ich auch
als Chance sehe … Es muss nicht jeder Sozialarbeiter mit schlagenden Vätern oder Männer sozusagen arbeiten können. Ich verlang nur von meinen
Mitarbeitern dass sie es formulieren, wenn sie es nicht können oder sozusagen Angst davor haben.“
Die Unterstützung des Leiters besteht darin, dass er die Klienten in seiner – in Relation zu
SprengelsozialarbeiterInnen mächtigeren – Funktion mit den Regeln des österreichischen
Staates konfrontiert. Aus der Perspektive des mächtigen männlichen Klienten/des Vaters
tauscht die Sozialarbeiterin nicht mit dem zwar männlichen aber hierarchiebezogen gleich
schwachen Kollegen (in solidarisch, geschwisterlicher Manier) sondern verweist auf die behördliche Macht. Darin kann eine echte Chance gesehen werden.
15
Peter von Matt, Verkommene Söhne, missratene Töchter, München, dtv, 1999, S.111
„Kontrolle über die Anordnung von Menschen: Herrschaft“ gilt in der sozialarbeiterischen Theorie als Behinderungsmacht, die gesellschaftliches Unrecht legitimiert, die Menschen in ihrer Entwicklung hindert. (S.
Staub-Bernasconi, 1995)
16
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„Eben so gewalttätigen Männer sozusagen, denen auch eine Chance zu geben. Weil das macht ja auch einen Unterschied, warum schlagt der, das ist
ja auch eine Form der Sprache, eine Form der Hilflosigkeit und wenn ich
dem also sozusagen den Status des Monsters gebe, dann wird der vermutlich noch mehr auf sich aufmerksam machen, aus verschiedenen Gründen,
er wird verschiedene Methoden wählen ja. Wenn ich dem aber einen Platz
gebe, wo der sozusagen auch gehört wird, wo er sich einbringen kann,
kann ich von diesem -Anführungszeichen- Monster sehr viel von dieser Bedrohlichkeit nehmen, ja, und das ist natürlich etwas.“
Diese Bereitschaft zum konfrontativen Umgang mit Frauenverachtendem Verhalten, die zum
Standard erhobene Kontaktnahme mit den bedrohlichen Männern, bietet wichtiges Potenzial
für eine geschlechtergerechtere Praxis der JUWO, die auf den Einbezug von Vätern als Standard der behördlichen JUWO-Arbeit abzielt, wie in einem Workshop deutlich wurde:17
Y: „Ich denke, dass ist da ein grundsätzlich fachlicher Ansatz, dass der neu
zu überdenken und zu erweitern ist, dass das schon auch etwas ist, das
meiner Meinung nach absolut, das ich mir wünschen täte. Dass es wieder
mal so einen fachlichen Impuls gibt, dass das auch Anregung sein könnte
einen fachlichen Denkansatz oder Impuls zu setzten.“
X: „Was meinst du konkret?“
Y: „Also einfach ganzheitlich einen Fall anzugehen, dass einfach die Zeitressourcen, die fachlichen Ressourcen viel zu wenig bewusst sind, was es
heißt, … egal ob ich das als Mann oder Frau tue, nur mit einem Elternteil
kommuniziere, dass einfach das eine Selbstverständnis sein sollte den andern Elternteil genauso mit hinein nehmen. Und da brauche ich aber zuerst
fachlich einen anderen Denkansatz.“
In Bedrohungssituationen kann angesichts der Gefahr Verwirrung eintreten und Praxishandeln, das in der (nachvollziehbaren) Angst der SozialarbeiterIn vor gewalttätigen Vätern
begründet ist und in der (ebenfalls nachfühlbaren) Vermeidung von Konfrontationen mit
Frauenverachtenden Männern begründet ist, als geschlechtssensibles Handeln interpretiert
werden.
Auch wenn der männliche Sozialarbeiter das Kindeswohl vertritt und die gleichen Interventionen setzt, welche die Sozialarbeiterin auch gesetzt hätte, verringert sich aus der Position
des männlichen und weiblichen Kindes (Opfers) das Potenzial der JUWO eine verlässliche,
über der Vatergewalt stehende, Schutzmacht zu sein.
An das Sozialarbeiterische Handeln in Kontexten der Gewalt schließen sich zahlreiche Fragen an: Verwenden Sozialarbeiterinnen im professionellen Kontext, ähnlich wie Mütter im
familiären Umfeld, den Vater als Verstärkung der weiblichen Macht? Im professionellen Kontext handelt es sich jedoch nicht um eine weibliche sondern um eine behördliche Macht.
Wird durch das Beisein eines Mannes der politische Grund der Intervention in den Hintergrund gerückt?
17
Im Bereich der stationären Erziehung wird generell versucht mit beiden Elternteilen Kontakt zu halten, weil
es im Sinn der Identitätsfindung von Kindern hilfreich ist.
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Für die belastende Situation einer Kindesabnahme sucht sich diese Sozialarbeiterin Unterstützung nach fachlichen Kriterien:
„Bei mir persönlich ist es eigentlich umgekehrt. Ich wähle dann immer aus, den mitzunehmen, wo ich das Gefühl habe, der bleibt ruhig, der ist mir eine Stütze und das muss kein Mann
sein. Also ich habe einmal einen Mann mitgehabt, und sonst eigentlich Frauen die ich gut
kenne, wo ich das Gefühl habe, wir sind auch auf der gleichen Linie, wie wir Situationen einschätzen und wie wir Interventionen setzen. Und ich habe es einmal riesig stressig empfunden
zwar einen Mann mitzuhaben, aber der ganz anders agiert hat als ich. Und das war für mich
eigentlich der Zusatzstress schlechthin, und das war für mich so das einschneidende Erlebnis,
nana, unbedingt einen Mann mitnehmen, das kann nicht das Kriterium sein. Aber ich weiß es
von vielen Kolleginnen, die sich einfach wohler fühlen, wenn ein Mann dabei ist.“
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13. Volle Erziehung - Koedukation versus Geschlechtertrennung
Vor Durchführungsbeginn der Studie standen für uns auch Fragen im Raum, wie zum Beispiel: Gibt es genug Einrichtungen? Gibt es ausreichend Einrichtungen für Mädchen? Wie
sieht es mit parteilichen Einrichtungen für Mädchen aus?
Schnell wurde deutlich, dass es – noch unabhängig von der quantitativen Versorgungszahl –
in Tirol unterschiedlichste Einrichtungen gibt. Deren Entstehung und deren Entwicklung
sind wiederum von unterschiedlichen pädagogischen Konzeptionen geprägt. Diese divergierenden Konzeptionen, die sich am Faktor Geschlecht auf den ersten Blick offenbaren, führen
zur Feststellung unterschiedlichster pädagogischer Strömungen, auch wenn der Begriff Strömung in der folgenden Bezugnahme im Workshop mit der JUWO-Behörde nicht direkt verwendet wurde:
X: „Ich meine, schnell kann man sagen, es gibt eine eindeutige stationäre
Einrichtung nur für Mädchen, das ist die Cranachstrasse. Es gibt Pflegenest
Kranebitten, St. Martin, Bubenburg, zumindest einmal 3 stationäre Einrichtungen, wo nur Buben hingehen, ja.“
Y: „Das Laura ist natürlich auch Mädchen, also ganz allein ist die Cranachstrasse nicht.“
X: „Es ist schon interessant zu beobachten: Vor 20, 25 Jahren hat man die
Großheime aufgelöst. Was hat es da für welche gegeben. Da hat es Burschenheime gegeben, Mädchenheime: St. Martin und Mariatal und die diversen, ja,
halt Erziehungsheime, nicht, die waren auf männlich und weiblich aufgeteilt.
Und im Laufe der Zeit hat man dann sich vorgenommen Kleineinrichtungen
zu installieren, die waren dann auch noch ein bisschen aufgeteilt. Und dann
waren die Ängste da, wie die ersten, in Deutschland haben sie es schon praktiziert teilweise, also Mädchen und Burschen gemeinsam unter einem Dach,
in ein und derselben Einrichtung zu betreuen. Es waren ganz große Ängste da
teilweise, dieses machen zu können, ob das überhaupt funktioniert. Dann
sind sie relativ rasch dann integrativ oder wie auch immer gestaltet worden.
Und so sind sie noch, relativ viele. Jetzt wird aber schon wieder diskutiert –
bin ich da jetzt falsch? – dass man separiert, natürlich innerhalb der Einrichtung spezielle mädchenspezifische Programme oder Sonstiges anzubieten.
Auch für Buben, dass sich die Buben nicht benachteiligt fühlen und die Mädchen, wie auch immer. Aber es ist ja schon fast wieder die Rede davon, dass
man die überhaupt auseinanderdividiert wieder. In der Schule z.B., im schulischen Bereich spricht man schon wieder, dass die Buben in einem bestimmten Alter ganz massiv benachteiligt sind gegenüber den Mädchen, von wegen
auch vom Wissen, weil sie also in einem bestimmten Alter angeblich die Mädchen einfach viel weiter fortgeschrittener sind als die Burschen und die immer
hinten nachhinken und deswegen so einen Krawall machen und so einen Aufstand machen.“
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Neben offensichtlichen konzeptionellen Veränderungen wie den beschriebenen erleben berufserfahrene PraktikerInnen auch innerhalb der Einrichtung der vollen Erziehung Veränderungen in den pädagogischen Konzeptionen:
„In meinem Leben hat sich von der Pädagogik schon mindestens einmal alles geändert, ganz viele Dinge haben sich als doch nicht so effizient und
doch nicht richtig dargestellt. Ganz am Anfang hat man gesagt, die Kinder
in die Einrichtung, die Eltern weg. Wir haben das auch eine Zeitlang so
gemacht, ganz am Anfang hat man keine Elternarbeit gemacht, die Folge
war, dass die Kinder ein Fantasiegebäude um ihre Eltern erstellt haben.
Und wenn sie dann weggegangen sind (etwa 90% der Kinder gehen einmal
zu ihren Eltern zurück), die Enttäuschung dann war heftig. So ist es viel
besser, zu Eltern einen kontinuierlichen Kontakt zu haben, sie aus er Verantwortung nicht zu entlassen. Ich fordere die Mitarbeit soweit wie möglich ein. So sieht das Kind die Mutter immer, und was die Mutter leisten
kann und dieses Gebäude bleibt. Es gibt immer noch ein Überhöhung, aber
es bleibt in einem bestimmten Rahmen. Ich bin der Meinung, dass Elternarbeit sich lohnt, trotzdem, dass sie einen großen Teil der Arbeit einnimmt.
Man hat ja nicht nur die Mutter oder den Vater, man hat ja meistens noch
eine Lebensgefährtin, noch eine Oma, noch eine Tante, es ist ja meist
nicht mit einer oder zwei Personen abgetan.“
Im Gesprächsausschnitt wird die Veränderung der Pädagogik mit dem Verweis auf Effizienz,
eingeleitet und damit ein semantischer Bezug zu Bewertungsmaßstäben der Ökonomie
(Leistungskriterien) hergestellt. In politischen und ökonomischen Veränderungen lassen
sich Ursachen für die im ersten Statement beschriebenen, vergleichsweise auffälligeren,
Veränderungen in der „Hardware“ der Erziehung sehen. Den wirtschaftlich prosperierenden
60er und 70er Jahren folgte eine Zeit zunehmender Arbeitslosigkeit in den 80er Jahren. In
diese Zeit fällt der Beginn der zahlreichen Umstrukturierungen von Groß- zu Kleineinrichtungen. Diese Umstrukturierungen wurden von engagierten Sozialarbeiterinnen getragen,
dabei waren die professionsinternen Begründungszusammenhänge für die eingeleiteten Umstrukturierungen in rückblickender Betrachtung auffällig ökonomiebezogen. Häufig wurde
von und für sozialpädagogische Initiativen unter freier Trägerschaft auch damit argumen18
tiert, dass kleine Einrichtungen billiger als Große seien.
Wir fragten die MitarbeiterInnen der JUWO, wie sie die Vielfalt der Angebote einschätzen:
„Positiv, ich sehe Reichtum im Angebot in der JUWO grundsätzlich als etwas
Positives, die Vielfalt die wir in Tirol glaube ich relativ stark im österreichischen Bundesvergleich haben, also es gibt wesentlich einheitlichere Bundesländer, halte ich persönlich für eine positive Geschichte, einfach deshalb,
weil die Jugendlichen sind ja auch sehr verschieden, in der JUWO versorgt
18
Zeitgleich mit den Umstrukturierungen der pädagogischen Konzepte (70er, 80er Jahre) wurde die beginnende Arbeitslosigkeit registriert und zum öffentlichen Thema, verstärkte sich die Kritik der Wirtschaft an staatlichen Organisationsstrukturen. Die aufgeblähte Verwaltung und staatliche Beharrungstendenzen bildeten eine
Angriffsfläche für Kritik der Wirtschaft. Neue Managementformen zur Verbesserung und/oder zur Kostenreduktion bei der staatlichen Leistungserbringung wurden in den öffentlichen Dienst eingebracht; zeitgleich beginnt die Expansion der Sozialen Arbeit in neuen Organisationsformen in freier Trägerschaft. Aus wirtschaftlicher Perspektive: Das Wachstum des Dritten Sektors, dem alle freien Träger der JUWO zugerechnet werden.
„Die Soziale Arbeit hat auf dem Arbeitsmarkt eine Entwicklung hinter sich, die ihresgleichen sucht“ (P. Sommerfeld, 2004).
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werden und man kann eher maßgeschneiderte, passendere Lösungen finden,
wenn man mehr Auswahl hat und die hat man in Tirol.“
„Ja super, also das ist etwas was ich sehr schätze. Ich weiß nicht, wie es in
anderen Bundesländer ist, aber das ist das was ich da wirklich sehr schätze.
Also dass wirklich m. E. für jedes Kind der passende Platz gefunden werden
kann, ganz egal was das für ein Kind oder Jugendlicher ist, es gibt wirklich
bei uns die ganze Bandbreite von Einrichtungen, von Jugendlichen, von Möglichkeiten, von Alter, von Unterbringung: Tagesbetreuung, Heim, stationäre
Aufnahme. Also ich schätze das eher und täte es ewig schade finden, wenn
es in eine Struktur hineingezwängt würde, also nur mehr diese Art oder nur
mehr so was. Wobei ich nicht glaube, dass das überhaupt machbar ist, hoffe
ich schon, dass sich da die Einrichtungen aufstellen und sagen: ‚Tun wir
nicht’.“
Diese Passagen stehen als Belege für die umfassend positive Bewertung der unterschiedlichen Betreuungsansätze.
Die Differenzen zwischen den Einrichtungen der vollen Erziehung (und zwischen den Kooperationspartnern) ergeben sich aus unterschiedlicher Fokussierung der Einrichtungen. Gesellschaftliche Ungleichheit zeigt sich in vielfältigen Benachteiligungen. „Geschlecht ist in dieses Geflecht aus Differenz- und Machtverhältnissen eingewoben und nicht die „erste“ oder alles
dominierende Kategorie“ (H. Bilden, B. Dausien, 2006, S. 12). In der folgenden Einrichtung
wird Bildung ins Zentrum gestellt:
„Also z B. unsere, wenn man so will nach ganz objektiven Kriterien, erfolgreichsten Verläufe zeigen eigentlich Mädchen, ich würde das aber jetzt nicht
weiß Gott wie überbetonen. Unsere einzige Akademikerin, die sehr lange in
unserem Kinderheim war, praktisch von Kindestagen an, ja das ist bisher die
einzige die bisher einen schönen Bildungsweg, die studiert hat und fertig
studiert hat und jetzt in Brasilien ist, in einem Projekt, und auch noch ein
paar andere, die einen guten Bildungsweg gemacht haben, also über den
normalen hinaus, sind eigentlich Mädchen. Ich würde das aber nicht einer
geschlechtsspezifischen Förderung zuschreiben, weil das glaube ich, kann
man nicht festmachen, in den Gruppen glaube ich, wird auf beide gleichermaßen geachtet. Es werden beide, beiden Geschlechtern dieselben Möglichkeiten angeboten, jetzt grade was Bildung, Ausbildung, Schule anlangt, da
glaube ich kann man überhaupt keine Unterschiede festmachen.
Wir versuchen auch in den betreuenden Teams ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herzustellen, das gelingt uns auf weite Strecken. Wir haben also
in den Gruppen wo wir so den Pflichtschulbereich haben, haben wir es eigentlich 50:50. In der Jugendwohngemeinschaft haben wir sogar einen leichten
Überhang, da haben wir etwas über 50% männliche etwas unter 50% weibliche Betreuer. Umgekehrt, bei den ganz Kleinen, da findet man kaum Männer,
also da haben wir glücklicherweise in einem Team einen Mann, aber im zweiten Team keinen. Das sind aber die 0-6 jährigen. Trotz aktiver Suche, da wäre
immer die erste Bevorzugung ein Mann, wie gesagt. Es ist bisher zweimal gelungen.“
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Der Fokus einer weiteren Einrichtung wird, wie bei den meisten befragten Einrichtungen der
Vollen Erziehung, auf Bildung als wichtiger potenzieller Dimension der Diskriminierung gelegt. Geschlecht gerät dabei keinesfalls aus dem Blickfeld, nur aus dem Mittelpunkt.
„Thema, also wirklich, dass man das einmal anschaut also hinschaut ist es
sicher keines. Auffallend ist, dass wir fast nur Frauen im Betrieb haben und
wir halt da auch nur eine Richtung weitergeben. Das große Problem, das
man überhaupt in der Sozialarbeit hat, dass Männer fehlen, die da einen
anderen Teil hereinbringen täten – direkt ansprechen tun wir es eigentlich
nicht, das ist, es ist dann einfach offensichtlich – es wird versucht dann
ein bisschen ein Gegengewicht, dass halt auch das Mädchen einen Kletterkurs macht, oder so, auf das wird schon geschaut. Aber da geht es mehr
um die Interessen der Kinder, aber es ist sicher einfach auch da, das lässt
sich nicht wegleugnen und für das sind wir alle in der Gesellschaft aufgewachsen, wo es die Geschlechtertrennung einfach auch gibt, und die Rollenbilder, das lässt sich nicht wegleugnen, da müsste man schon sehr reflektiert sein um dagegen zu arbeiten.“
Obwohl im Einrichtungskonzept nicht explizit auf das Geschlecht geschaut wird, kaum über
Geschlecht geredet wird, ist das Thema Geschlecht im sozialpädagogischen Handeln präsent.
Das Ungleichgewicht im Geschlechterverhältnis der Mitarbeiterinnen wird als Geschlechterthema der Einrichtung im Gesellschaftsbezug reflektiert. Es wird nicht auf weibliche Stereotype bei der Problembewältigung zurückgegriffen; diese würden das vorhandene Geschlechterungleichgewicht der Einrichtung selbst (und dann also sich selbst) zuschreiben.
Im Kontext der Geschlechterverteilung innerhalb des sozialpädagogischen Berufsfeldes, wird
die Frauendominanz der Mitarbeitenden als gesellschaftliches Phänomen wahrgenommen (in
einer anderen Passage wird es mit der Geschichte der Institution verbunden gesehen), dem
man mit Geschlechtssensiblem, Mädchenbezogenem Handeln entgegentritt. Im Freizeitbereich werden Mädchen von den Frauen der Einrichtung dabei unterstützt sich etwas Neues
zuzutrauen. Sehr wohl besteht das Bewusstsein, dass die fehlenden männlichen Erzieher
eine Geschlechterungleichheit in der Einrichtung darstellen.
Das zunehmende gesellschaftliche Wissen über geschlechtsgebundene Lebensmöglichkeiten
und Hindernisse – GM als EU Richtlinie – stellen geschlechtsbezogene Fragestellungen in
den Vordergrund, so wie hier in einer Szene in einem Workshop:
X: „Ich war in der Bubenburg und habe mit den Leiter gesprochen, und er hat gesagt,
er kommt teilweise in großen Argumentationsmangel was das betrifft, dass er das noch
rechtfertigen kann, dass sie nur Buben haben. Ich hab ihn gefragt wieso habt ihr keine Mädchen und er – „die Frage höre ich immer, immer“ – (alle lachen) und er muss
sich mehr und mehr dafür rechtfertigen und mehr Argumente suchen.
Moderator: „Es wird schwieriger?“
Moderatorin: „Das heißt, er wird in seiner Fachlichkeit mehr und mehr gefordert?“
X: „Ja, er muss es argumentieren.“
Y: „Die Gefahr besteht schon, weil ja umgekehrt auch so ein fachliches Know-How besteht, dass man glaubt, dass einfach in diesen Institutionen auch, einfach wenn beide
Geschlechter vertreten sind, dass das dann auch sozusagen menschlichere oder natürlichere Entwicklungschancen bietet als sozusagen geschlechtsspezifisch. Also ich denke
die Seite, die in der Richtung vertreten wird, die gibt’s und die ist nicht gering.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Z: „Es gibt auch andere.“
X: „Gibt auch andere aber man muss aufpassen, dass in der Diskussion in diesem Projekt auch das nicht untergeht. Dass GM nicht heißt, es ist nur eine gemischte WG gut,
sondern dass man das Andere genauso braucht.
Y: „Vom GM Ansatz könnte man genauso argumentieren, dass es WG speziell nur für
Mädchen geben sollte, weil in gemischten WG Mädchen tendenziell zu kurz kommen,
kannst du mit GM genau das argumentieren.“
Die große Chance des Gender Mainstreaming Ansatzes liegt darin, dass Allerweltslösungen,
in Form unangreifbarer Regelungen die immer stimmen, nicht mehr mit Geschlechtergerechtigkeit allein begründet werden können. Geschlechtsbezogenheit allein ist als Qualitätskriterium nicht ausreichend, sondern zusätzliche Bewertungsmaßstäbe werden nötig. Geschlechtergerechtigkeit in Maßnahmen der vollen Erziehung kann nur bezogen auf die jeweilige Einrichtungen und die professionellen Begründungszusammenhänge dort bewertet
werden – jenseits einer allgemeingültigen „Wahrheitsfrage“:
„Jetzt einmal, die Wahrheitsfrage kann ich nicht beantworten, ich glaube die
kann niemand beantworten: Ist die koedukative Form in einem bestimmten
Alter die geeignetere, die bessere als eine andere? Das würde ich nicht beantworten wollen, ich bin aber kein Ideologe, ich bin auch keiner der nur die
koedukative Form sieht. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass es wie Y.
sagt, sowohl im Handling Vorteile gibt, wenn ich nur ein Geschlecht habe. Ich
glaube auch, dass es für die betreuten Kinder und Jugendlichen bestimmte
Vorteile gibt, wenn sie geschlechtsmässig unter sich sind, aber es gibt natürlich auch Nachteile.“
Wenn die Wahrheitsfrage nicht beantwortet werden kann, erwachsen Freiheiten die darin
liegen, dass nicht die richtige Betreuungsform das Ziel ist, sondern die vielfältigen Begründungszusammenhänge für die jeweilige Einrichtungen ins Blickfeld rücken:
X: „Wir sind eine reine Buben-WG seit zwanzig Jahren. Ich habe 10 Jahre eine gemischte gehabt, und dann sind wir umgestiegen, dass wir … die Kinder
sind ja nicht verwandt miteinander, sind sehr früh sexualisiert zum Teil, haben also keine Tabus untereinander. Und meine Erfahrung ist, solange die
Mädchen älter waren wie die Buben in den 10 Jahren, habe ich kein Problem.
Aber in dem Moment, wo die Buben gleich alt werden oder älter als die Mädchen hast du ein Problem ... … viel Unruhe im Haus, und unser Haus ist
nicht so gestaltet, dass man es so trennen kann. Und dann haben wir uns
entschieden, die größere Gruppe weiterzuführen. Also es ist ganz zufällig nur,
dass wir eine Buben-WG geworden sind, weil ich mehr Buben damals gehabt
habe wie Mädchen, und deshalb habe ich dann die Buben weitergeführt, und
die Mädchen auslaufen lassen.
Das was oft gesagt wird, es ist natürlich Mädchen und Buben in einer Einrichtung wie in einer Familie, .. eh für mich ist das sehr kurz gegriffen, weil es
eben keine Verwandtschaft gibt, weil sie nicht miteinander von Geburt her
aufwachsen. Es gibt da die Tabuisierung die in Familien ist, gibt es in einer
Einrichtung nicht.“
Interviewerin: „Hat es Übergriffe gegeben?“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
X: „Man muss, wenn man Mädchen und Buben in einer Einrichtung hat, ständig auf der Hut sein. Das heißt, es hängt von der Gruppenkonstellation ab.
Wenn du jemanden hereinkriegst der sehr sexualisiert ist, dann kann es sein,
dass er die anderen ansteckt, dann hast du einen großen Wirbel im Haus. Es
kann aber auch wieder über längere Zeit absolut Ruhe sein und nichts ist.
Aber tatsächlich ist die Möglichkeit immer gegeben, und insofern ist es viel
feiner, wenn die Mädchen außerhalb sind, die Buben bringen keine Freundinnen mit. In diesem Alter wechseln die oft schnell und du hast das außerhalb
vom Haus. Alles um vieles einfacher leichter. Und die Buben gehen auch
nicht in eine so eine Art von Konkurrenzkampf, wie wenn Mädchen auch da
sind.“
„Also ist es ganz zufällig nur, dass wir eine Buben-WG geworden sind“, könnte im Kontext
einer Studie zur Geschlechtergerechtigkeit als Entschuldigung für fehlende tiefer gehende
theoretische Begründungen verstanden werden. Es folgen im Textverlauf Fakten baulicher
und ökonomischer Natur als vergleichsweise harte Begründung, gegenüber den weichen
Faktoren die den Alltag mit den Jugendlichen prägen, dass es nämlich so viel feiner ist.
Das schwierige Alter wird in dieser koedukativ geführten Einrichtung relativ gelassen genommen:
„Wir haben die Jugendgruppen von Anfang an so konzipiert gehabt und auch
so in die Praxis umgesetzt und haben eine Reihe von Problemen befürchtet,
wo wir gesagt haben, mit dem müssen wir zurechtkommen …. es ist erstaunlich wenig was kommt. Was viele sofort vermuten: Wie wird das im sexuellen
Bereich, wenn Buben und Mädchen relativ eng beisammen wohnen? Privatraum schon, die einzelnen Zimmer natürlich, aber der Rest der Wohnung ist
so wie in der Familie, gemeinsam. Wir haben 1983 begonnen mit der WG und
wir haben tatsächlich bis heute ein einziges Mal eine Beziehung gehabt zwischen einem Mädchen und einem Burschen in der WG, die sich so entwickelt
hat, dass es dann irgendwie schwierig geworden ist. Schwer zu handeln
(engl.), weil die beiden haben sich schwer ineinander verliebt und es ist
dann nicht ganz leicht, so mit einem Liebespaar in der Gemeinschaft von
acht Jugendlichen da umzugehen. Im Letzten hat sich das dann doch so gelöst, dass die zwei sich wieder auseinander gelebt haben.
Ansonsten erlebt man so wellenförmig. Es hängt von der Konstellation ab.
Z.B. haben wir zur Zeit sieben Burschen und ein Mädchen, das Mädchen ist
das Älteste in der Jugendwohngemeinschaft. Man kann nicht beliebig lang
Plätze frei halten, weil man jetzt ein Mädchen bräuchte oder einen Burschen.
So muss man halt doch dringende Dinge, die halt vor der Tür stehen aufnehmen und dann ja dann entwickelt es sich halt in einem mal. Wir haben auch
schon den umgekehrten Fall gehabt, wo wir fast nur Mädchen gehabt haben
und kaum Burschen …. Je nach Person kann es manchmal ein bisschen Probleme mit Übergriffen geben, die aber nie so waren, dass man sagen muss der
muss jetzt weg.“
Für den gelassenen Umgang mit den Schwierigkeiten des wachsenden sexuellen Interesses
der Jugendlichen im erzieherischen Alltagshandeln dürften auch die Rahmenbedingungen
eine Rolle spielen. So ist anzunehmen, dass in der vergleichsweise größeren Organisation
für die Mitarbeitenden mehr Möglichkeiten zur Bewältigung von schwierigen Beziehungssituationen zwischen den Jugendlichen bestehen.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
In der folgenden Passage wird deutlich, dass die Ambivalenz zwischen den Vor- und
Nachteilen nicht als ausschließlich fachliche Entscheidung gesehen werden kann, sondern
eben als politischer Entscheidungsprozess für die jeweilige Betreuungsform von/in der Einrichtung getroffen werden muss:
„Wir haben uns öfter überlegt, sollen wir in eine mono Geschlechtsgruppe gehen, nur Mädchen oder nur Burschen. Wir haben es bisher vermieden. Wir
wissen, dass man sich mit beiden bestimmte Dynamiken, bestimmte Probleme einhandelt, einfach im täglichen Leben. Die X. sagt: ‚Nie wieder mit Mädchen, spare ich mir einiges mit nur Buben’.
Wir halten noch dafür, dass es auch für die Kinder, für die Jugendlichen selber von Vorteil ist, wenn sie auch in diesem Feld lernen können, auch in diesem Feld lernen. Wie teilt man sich das auf, was zu tun ist in der Gruppe?
Was lernt man voneinander? Was lernen die Mädchen von den Buben und die
Buben von den Mädchen? Wenn eines fehlt, wird eben das Lernfeld ein bisschen geringer.
Ich persönlich wäre für beides offen, aber die derzeitige Mannschaft in der
Jugendwohngemeinschaft sieht auch keinen Grund was zu ändern. Spezifische Geschichten Unterschiede kann ich nicht festmachen, weder in der Behandlung, im Alltag. Die Verpflichtungen werden gleich aufgeteilt, ohne
Rücksicht auf das Geschlecht, das wird nicht als schwierig erlebt. Es gibt
nicht die Klassiker, dass die Buben das machen und die Mädchen das, es gibt
einen Küchendienst, das betrifft jeden ganz genau so, man geht mit der Wäsche um. Es geht ja darum das selbständige Leben für später zu lernen. Da
hat jeder das Gleiche zu lernen, da muss der Bub genauso wissen wie man
mit Wäsche umgeht, wie es das Mädchen muss, Ausbildung detto.“
Alle Einrichtungen nehmen in den Begründungen für die jeweils eigene Konzeption, Bezug
auf Vorteile die den Kindern und Jugendlichen aus dem gemeinsamen Miteinander erwachsen. Die folgende Mädcheneinrichtung ist im Sinne einer Stellungnahme gegen Gewalt gegen Mädchen gegründet worden. Hier kann der offensive Umgang der Einrichtung mit der
gesellschaftlichen Tatsache der sexistischen Gewalt gegen Mädchen und die klare Positionierung innerhalb der Jugendwohlfahrt unterstützender institutioneller Impuls für die
Selbsthilfekräfte der Mädchen sein:
„Ich glaube dass es Mädchen erleichtert darüber zu sprechen, wenn sie sehen, sie sind nicht die Einzigen. Ich meine das ist ja dann, teilweise ist ja
schon bekannt wenn sie zu uns kommen, teilweise kommt es erst auf, wenn
sie bei uns sind, dass sie darüber reden anfangen. Ich glaube, dass es leichter ist für Mädchen darüber zu reden, zu sehen ich bin jetzt nicht die Einzige.
Weil sie meist ja mit dem, was habe denn ich dazu beigetragen und ich bin
die einzige Blöde und Dumme, und ein sehr großes Tabuthema, großes
Schweigen. Und wenn sie jetzt sehen, darüber kann geredet werden, es reden
Mädchen darüber und es gibt Möglichkeiten anders damit umzugehen als wie
… sich zu betrinken, um das zu vergessen, ist es glaube ich leichter für die
Mädchen und das merkt man auch. Also das merkt man dann auch an anderen Mädchen, dass sie unterstützend in dem Sinn: ‚Ma, und wie hat der des
nur dir antun können!’ Also weg von dem „Bin ich schuld, dass mir das passiert ist.“ Und, ja, wenn einfach Mädchen sehen, es ist schon erleichternd zu
sagen: ‚Ja, auch mir ist das passiert so’. Die reden da relativ viel untereinanSeite 123
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
der, also in der Hausversammlung reden wir weniger darüber, weil wir sagen,
da braucht es eine therapeutische Begleitung. Weil man in einem Einzelgespräch eher die Möglichkeiten die Mädchen aufzufangen hat. Aber so, wenn
sie zusammen in den Zimmern hocken kriegt man schon mit, dass das auch
ein Thema ist, oder wenn jetzt auch ein Prozesstermin ansteht, wo sie sich
auch manchmal sehr unterstützen: ‚Und das schaffst du schon und jetzt sagst
du es!’ “
Die Sozialarbeiterinnen der Behörde sind diejenigen, die über die Fremdunterbringung eines
Minderjährigen entscheiden. Sie koordinieren die Kontaktanbahnung und versuchen im Vorfeld eine Passung zwischen Minderjährigen und der Einrichtung herzustellen:
X: „Letztendlich geht es darum, wer hat frei. Das ist dann einfach die Platz- und Preisfrage. Aber vornehmlich denke ich schon, wo täte der oder die hinpassen und auch
speziell für den oder die Jugendliche, ist für die etwas besser wo es beide Geschlechter
gibt? Oder: Ist für den oder diejenige etwas anderes einfach besser? Das ist immer
speziell auf die Person bezogen und nicht einfach nach Geschlecht.“
Interviewerin: „Gibt es Kriterien“?
X: „Ganz schwierig, schon viel so intuitiv, gefühlsmäßig. Man versucht ja so einen Jugendlichen, so eine Jugendliche schon auch kennen zu lernen, nicht eine Beziehung in
dem Sinn aufzubauen die eng ist, aber schon eine Beziehung aufzubauen. Einfach zu
wissen etwas über den oder diejenige und aus diesem Wissen heraus dann eben auch
Entscheidungen zu treffen, also aus diesem Wissen-Gefühl zu schauen, was könnte
dem passen.
Interviewerin:“ Ist das ein Thema mit den Jugendlichen“?
X: „Ja schon, und man versucht gemeinsam auch mit den Jugendlichen die Sachen anzuschauen. Und dass sie sich selber vorstellen. Und es ist ja auch von den Einrichtungen her auch so, dass die sagen die oder der könnte zu uns passen. Die haben ja auch
die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen oder mit zu entscheiden.“
In den Einrichtungen der vollen Erziehung, zeigt sich, dass Geschlecht unmöglich kein Thema sein kann. Die Frage ist vielmehr wie Geschlecht Thema ist.
In einem Statement aus der folgenden Einrichtung wird, wie von allen befragten Einrichtungen, Mann-sein und Frau-sein als Beziehungsdimension gedacht. Den Kindern und Jugendlichen wird das Miteinander-sein und Miteinander-arbeiten der Pädagogischen MitarbeiterInnen als Beobachtungsfeld angeboten. Die freie Entscheidung über die zukünftige
Beziehungsgestaltung wird der Autonomie der Kinder überlassen.
„Es ist unser Bedürfnis den Kindern, die wir länger haben neue Bilder vermitteln zu können. Deswegen bemühen wir uns auch über ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis im Betreuerstab. Sie sollen die Möglichkeit haben, an
anderen Bildern, wie Männer und Frauen zusammen leben – jetzt gerade
nicht wie in einer ehelichen Gemeinschaft – aber immerhin wie sie miteinander umgehen können, dass sie diese Bilder die sie von ihren Familien her
kennen, vielleicht korrigieren können. Dass sie aber zumindest einmal eine
Alternative dazu haben. Ob Kinder das annehmen können, Jugendliche sich
mit solchen neuen Bildern auch anfreunden können, das liegt, glaube ich,
nicht mehr in unserer Macht. Da sieht man, da gehen halt die einen schnurSeite 124
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
stracks den Weg der langen Tradition, weil das ist ja nicht nur eine Generation, und andere Kinder nehmen sie gerne auf. Bei uns sind durchaus auch
immer wieder Jugendliche die die Loyalität zu den Eltern verlieren, weil sie
sagen, das ist eigentlich eine Lebensform die ich nicht für mich in Zukunft
verfolgen will, und nehmen gerne andere Bilder auf. Aber das ist etwas, was
sich letztlich unserem Einfluss entzieht, man kann die hinstellen, man kann
die zur Verfügung stellen, man kann darüber sprechen, man kann über die
Muster der Eltern sprechen, das mit Jugendlichen, alles Mögliche. Aber letztlich: Wohin die Seele ihren Weg bahnt, da kommt man schwer hin.“
Mann-sein und Frau-sein ist allgegenwärtig präsent. Es ist Teil der Alltagswelt und ist eine
Sicherheit gebende Selbstverständlichkeit. Das Geschlecht bildet in dieser Institution kein
Ziel des pädagogischen Angriffs. Dadurch wandern Themen die in geschlechtsfokussierten
Konzeptionen im Mittelpunkt stehen an den Rand. Dabei gehen die Mädchen und die Buben
nicht unter, wie in der folgenden Passage deutlich wird. Vielmehr eröffnen sich Freiräume
für den Blick nach außen, die beiden Geschlechtern die vorübergehende Loslösung vom vernünftigen Denken über Geschlecht erlauben und sinnliche Erfahrungen des Miteinander ermöglichen.
Y: „Also die Themen stellen sich einfach bei uns zu wenig, weil dadurch, dass doch die
Teams relativ gut gemischt sind, auch vom Erzieherstab her – Männer, Frauen – und
bei den Kindern auch, gehört es einfach zum Alltag. Man versucht im Freizeitbereich
einerseits den Bedürfnissen der Kinder zu entsprechen, ihnen nachzugehen, also was
weiß ich, ob jetzt jemand ein Instrument lernt oder so, das ist nichts, was jetzt Buben
oder Mädchen…, oder wenn man eine Freizeitveranstaltung plant. Urlaube werden ja
immer gemacht bei uns, wo jede Gruppe, also dass sie den Urlaub ein bisschen auf das
zu gestaltet, was gerade in dem Augenblick für eine Kindergruppe da ist, das ist ja
selbstverständlich, da partizipieren die Kinder ja auch. Ich meine, wenn die Kinder sagen, eigentlich tät ich wieder gerne einmal ans Meer fahren im Sommer, ja dann wird
man halt eher ans Meer fahren, oder unsere Jugend-WG macht gerne einen Urlaub
wenn man so will auf der Alm, also die tun Almbewirtschaften, da könnte man jetzt
sagen das wäre einmal überhaupt nicht mädchenspezifisch, aber da sind die Mädchen
eigentlich immer mit Eifer dabei gewesen. Wenn man am Wochenende ein Programm
macht, Samstag Sonntag eine Gruppe, ja das ist irgendwie so selbstverständlich, es
sagen ja die Kinder was sie gerne tun möchten.“
Interviewerin: „Da sind beide dabei? Oder gibt es das, dass Erzieherinnen sagen, die
Buben setzten sich mehr durch oder die Mädchen wehren sich zu wenig oder...?“
Y: „Also ich glaube, dass man da auf beide schaut, das kann man sicher sagen. Also
ich beobachte, weil ich mein Büro auch da habe, Fußballspielen im Garten ist eine
sehr gerne gepflegte Beschäftigung, da sind immer fast nur Buben dabei. Okay, ist so.
Was es bei uns im Haus nicht gibt, ist so das Bewusstsein, man müsse Mädchen auch
an diese Dinge „gewaltsam“ heranführen, das gibt es nicht. Wenn sie Fußballspielen
wollen dann sind sie dabei, aber es gibt niemanden der sagt, „Ja tut’s doch auch mit,
deswegen weil man Mädchen ist, ist das ja kein Grund da nicht mitzuspielen“, oder so.
Das gibt es sicher nicht. Diesbezüglich, das Bewusstsein ist bei uns eigentlich nicht da,
nicht spürbar. Wenn die Mädchen gerne ihre Freizeitnische irgendwie ausleben wollen,
tun sie das und wenn es zehn Mal klassisch ist, dann wird man sie nicht daran hindern. Klassisch, was weiß ich, die Buben tun Fußball spielen und die Madeln tun, keine
Ahnung,…“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
Interviewerin: „Schaukeln,…?“
Y: „Ja, irgendetwas, dann ist es so, wenn beide dabei Freude haben, sollen
sie sie haben. Es wird nicht da gewaltsam herumgemischt, aber sonst fehlt
irgendwie die Frage bei uns, es ist irgendwie keine Frage, man bewältigt den
Alltag und die Freizeit unter Einbezug der Kinder, so wie es halt am meisten
Sinn und Freude macht im Moment, würde ich einmal sagen.“
Diese Aussagen könnten so interpretiert werden, dass in der Einrichtung wenig Geschlechterreflexivität herrscht. Sie können aber auch so verstanden werden, dass man sich in der
Einrichtung den Kindern mit Respekt vor ihrem gegenwärtigen Wollen nähert und dieses
Wollen sein lässt und durch keine pädagogischen Interventionen stört. Es darf nicht übersehen werden, dass es sich bei allen Begegnungen zwischen MitarbeiterInnen und KlientInnen
um ungleiche Machtbeziehungen handelt. Für diese schwierigen Begegnungen zwischen
Ungleichen empfiehlt Richard Sennett eine Zurückhaltung der Überlegenen:
„Wer als der Stärkere die Grenze der Ungleichheit überschreitet, sollte möglicherweise Zurückhaltung üben. Zurückhaltung bedeutet Anerkennung der
Schwierigkeit, und Distanz wäre ein – wenn auch recht eigenartiges Zeichen –
der Achtung“ (R. Sennet, 2004, S.34).
Eine Gefahr des Gender Mainstreaming in den Arbeitsfeldern der JUWO kann darin gesehen
werden, dass Geschlecht und damit Identität selbst zur Angriffsfläche erzieherischer Interventionen wird. Damit würde Kindern von Erwachsenen in scheinbar helfenden Interaktionen indirekt mitgeteilt, dass ihr Sein verbesserungswürdig sei, während die Verantwortung
der Erwachsenen für die politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Bedingungen
unter denen Kinder zu Männern und Frauen heranwachsen wie von unsichtbarer Hand aus
dem Blickfeld der öffentlichen und Professionsinternen Diskussion verschwinden:
„Ich sehe es (GM, I.W.) eigentlich eher als ein Randthema. Es ist ein Thema
das in der Frage: ‚Was ist Erziehung?’ sicher eine Rolle spielt, aber insgesamt
wird mir überhaupt diese Frage zu wenig gestellt. Man unterhält sich über alles Mögliche, aber über den Kern, was ist Erziehung, oder überhaupt warum
vermeidet man das Wort Erziehung, warum hat man Schwierigkeiten mit dem
Gewaltsamen was da drinnen liegt. Für viele Ohren klingt es gewaltsam dieses
Erziehen, man meidet das Wort, man geht über zu Betreuen, zu Begleiten, zu
... so in diese Richtung. Man schwindelt sich aus der Geschichte heraus. Im
Kern des Themas Erziehung glaube ich, hat es sehr wohl eine Wichtigkeit.
Nämlich genau eben, wenn ich mir über die wichtigen Dinge von Erziehung
Gedanken mache, dann werde ich irgendwann auch müssen mir über die
wichtigen Dinge die spezifisch für männliches und spezifisch für weibliches
Geschlecht da sind Gedanken machen. Aber wie gesagt, wir machen uns ja
über Erziehung, so für meinen Geschmack, zu wenig Gedanken.“
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
14.
Ausblick
Wir sehen das Wohl des Kindes in Abhängigkeit von den Beziehungen in seinem häuslichen
Umfeld, und diese wiederum eingebettet in ihr soziokulturelles Umfeld. Mit der verstärkten
Bezugnahme auf Geschlecht ist die Blickrichtung auf das Individuum vorgegeben. Insofern
bringt eine Fokussierung der JUWO-Praxis auf Geschlechtergerechtigkeit die Gefahr einer
Verstärkung der Individuumszentrierung der Hilfeleistungen (Einzelfallorientierung) mit
sich. Diese würde dem umfassenden Wohl der Kinder entgegen stehen.
Die Entdeckung des Individuums bot in der Zeit der Aufklärung befreiende Perspektiven
durch die Auflösung feudaler Abhängigkeiten. In der Gegenwart bildet gerade der Individualismus mit der innewohnenden Verheißung einer scheinbar grenzenlosen Selbstverwirklichung als Individuum den Hintergrund zahlreicher Nöte von Kindern und deren Erziehungspersonen.
Das Wohl des einzelnen Kindes ist mit dem Wohl aller Kinder verbunden und ebenso mit der
Bereitschaft der erwachsenen Gesellschaftsmitglieder, Verantwortung – im Sinn von Fürsorge und Erziehung – wahrzunehmen.
Generell werden Beratungsangebote stärker von Frauen in Anspruch genommen. Beratung
als individuumszentriertes Angebot scheint ein frauenspezifischer Zugang zu sein.
Beratungsangebote richten sich an Menschen mit Problemen. Frauen scheinen bereiter zu
sein, die Rollenzuschreibung der Hilfesuchenden anzunehmen. Burschen und Männer nehmen diese Rollen nur bei unvermeidlichen Konflikten, eben solchen in denen sie von materiellen (Beruf/Einkommen) und rechtsstaatlichen Konsequenzen (Straffälligkeit) bedroht
sind, an.
Eine weiterführende Frage stellt sich dahingehend, ob das Ansprechen von Frauen und Mädchen über Beratungsangebote gerade dazu beiträgt, traditionelle Frauenrollen zu verfestigen. Dies wäre durch alternative Kontaktmöglichkeiten zu verändern.
Die Perspektive auf das Wohl der Kinder nimmt das Umfeld der Kinder mit in den Blick und
setzt in diesem Umfeld Interventionen. Gemeinwesenorientierte Ansätze, sie wurden in
manchen Interviews auch als Anregung gegeben, verstehen sich als soziokulturelle Treffpunkte im Nahraum. Kindern, Jugendlichen, Müttern, Vätern werden keine Eingeständnisse
von Hilfebedürftigkeit abverlangt, vielmehr sind sie als niederschwellige Bildungsangebote
zu konzipieren, die Frauen und Männern wohnortnahe in Kompetenzrollen ansprechen.
Das Wohl des Kindes ist in den Maßnahmen der JUWO gesichert. Die Probleme liegen im oft
langdauernden Vorlauf, wo sich Notlagen verfestigen, prekäre Lebenssituationen etablieren
und Kinder/Jugendliche in ungesicherten und ungenügenden Alltagsstrukturen überfordert
und alleine gelassen bleiben. Hier scheinen uns interne Diskussionen über Fragen von Macht
und Hilfe sowie die Perspektive eines offensiveren Umgangs mit der Macht der Behörde zum
Wohl der Kinder sinnvoll.
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Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
15.
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Seite 129
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16.
Anhang
Anlage A: Fragebogen MitarbeiterInnen
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Anhang B: Beispiele aus Detailbetrachtungen der Jahresberichte von Kooperationspartnern
A)
Im Bericht wird durchgängig „Jugendliche“ als Bezeichnung verwendet, ansonsten die Innen-Schreibung. Nur einmal Bezugnahme auf Mädchen bei der Beschreibung der 3 Einzelzimmer für Mädchen bzw. beim Rückgang des Anteils des Mädchenanteils (auf 35%) und im
Fallbeispiel einer 17-jährigen (wobei hier keine weiteren geschlechtsspezifischen Bezugnahmen erfolgen).
Wesentliche Einflussfaktoren auf die Jugendlichen und die Institution sind (nicht das Geschlecht sondern): Exklusionskriterien weiter Teile der JUWO, Wohnungslosigkeit, Armutsbelastung, (Aus-)Bildungsdefizite, Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund.
B)
75% der KlientInnen sind Mädchen. In der Statistik findet bei allen weiterführenden Gliederungen keine Differenzierung nach Geschlecht statt (z.B. bei den Beratungsinhalten, Kontaktnahme/Zuweisungen (Familie, Jugendliche, Professionelle). Inhaltliche Schwerpunkte
2002 (Umstrukturierung, Teaminterna), 2003 (Prozessbegleitung). Im Leitbild wird ausdrücklich darauf Bezug genommen, Probleme nicht von einer parteilichen Position aus zu
sehen: „Das Verständnis von Gewalt als Ausdruck eines Konfliktes im sozialen Bezugssystem
impliziert Angebote an alle am Konflikt Beteiligten, also auch an so genannte ‚TäterInnen’.“
2004 steht dann: „Im Zentrum der Überlegungen und Handlungen steht das von Gewalt betroffene Kind; insofern arbeiten wir parteilich für Kinder und Jugendliche.“
Bei der Detaillierung der Arbeitsbereiche fällt unter „Fallarbeit“ auf, dass hier semantisch
eine geschlechtsspezifische Zuordnung erfolgt:
Täterarbeit
Regelmäßige Begleitung und Beratung von Müttern oder anderer Bezugspersonen der
Kinder und Jugendlichen, die in Therapie sind (später werden bei der Arbeitszeitkontingentierung der MA in dieser Rubrik auch die Väter angeführt).
Unterscheidung in der Gewalttätigkeit: 90% Männer, 10% Frauen. Wunsch der Kinder mit
den gewalttätigen Männern zu reden, damit sie „es nicht mehr tun.“
Bei den Beratungsinhalten erfolgt keine direkte geschlechtsspezifische Zuordnung mehr, nur
mehr indirekt (Täterarbeit = Arbeit mit Vätern; sexuelle Gewalt gegen Kinder = gegen Mädchen); eine weitere direkte Verkreuzung und Zuordnung wäre interessant (wie viele Väter,
nicht nur wie viele Beratungen in direktem Bezug auf betreute Mädchen). Bei der Kontaktnahme werden Selbstmelderinnen und Familie zusammengenommen und nicht weiter geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt.
C)
Weitestgehend geschlechtsneutrale Darstellungen. „Men only“ wird als Projekt vorgestellt:
Erfahrungsaustausch zum Thema Sexualität (Männerstammtisch) und Betreuer.
Für jedes Kind 1x/Jahr Helferkonferenz. Ausführliche Dokumentation: Aufnahmeverfahren,
Persönliches Befinden und Sozialverhalten jedes Kindes (täglich), allg. Tagesablauf WG (täglich), medizinische und psychologische Maßnahmen, Helferkonferenzen (1x/Jahr), JugendSeite 133
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amts- u. Elterngespräche (1x/Jahr), Jahresentwicklungsbericht für jedes Kind, Gesamtjahresbericht.
D) Konzept
Zielgruppe: Buben von 12 bis Volljährigkeit. Im sozialpädagogischen Aufnahmeprofil fällt
auf, dass z.B. keine Mißbrauchserfahrungen angeführt sind (nur allg. Probleme mit der Herkunftsfamilie).
Die männliche Zentrierung hat folgendes Profil: Erziehungsdefizite, Schul- u. Lernprobleme,
Leistungsverweigerung, Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung, Probleme mit der Herkunftsfamilie, persönliche Probleme oder psychosoziale Defizite, Verhaltensauffälligkeiten,
emotionale oder soziale Entwicklungsdefizite, Gewalt- und Aggressionspotenzial, berufliche
schulische und soziale Integrationsprobleme, mangelnde soziale Kompetenz. Dieses Profil
wird als „klassisch bezeichnet. Im weiteren Text ist immer von Kindern und Jugendlichen
die Rede und nicht von Buben und Burschen (Alter bleibt entscheidende Kategorie).
E)
Betont wird die sorgfältige und umfassende Diagnostik (Beobachtung, Test, Experiment).
Im Zentrum steht die längerfristige Beobachtung des Kindes in seinem Lebensumfeld. (Einblick in den Alltag und das familiäre Umfeld). Konzept der betreuenden Fachkraft in der
Familie (ganzheitlich, deckt die Einzelförderungsbereiche in einem Gesamtkonzept ab) und
daher im Alltag und im vertrauten Umfeld.
F)
Paarberatungen mit männlichem und weiblicher BeraterIn. Beratung, Erwachsenen- u. Elternbildung, Stadtteilarbeit. Thematisiert werden Eltern mit Konflikten, die sie als Mann und
Frau miteinander haben -> Paarberatung.
Fallvignetten: Bub, gewalttätiger Vater, alleinerziehende Mutter v. 4 Kindern. Einzelberatung mit gekränktem Mann; Paarberatung und Beziehungsdynamik zwischem Mann und Frau.
Vätergruppe, Elterngesprächsreihe (Figur des fehlenden Vaters)
Statistikbetrachtung: Klientenprofil nach Buben/Mädchen (Kinder/Jugendliche) und Männer
Frauen. Beim Beratungsprofil fehlen dann geschlechtsbezogene Zuordnungen.
G)
2004 völlig überarbeitetes Konzept. Schwerpunkt: geschlechtsspezifische Arbeit mit Mädchen. Frauenteam mit Schwerpunkten 2004: Schwangerschaftskonfliktberatung, Vernetzung,
theoretische u. praktische Auseinandersetzung mit Mädchenarbeit sowie dessen Verankerung im Konzept der Institution.
Arbeitsansatz der parteilichen Mädchenarbeit; dieser stellt Mädchen in den Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit; ihre geschlechtsbedingten und individuellen Lebensumstände werden dabei berücksichtigt. Parteiliche Mädchenarbeit umfasst: Geschlechtsidentität, Pädagogik,
Politik; Strategien entwickeln, die eine selbstbestimmte und selbstbewusste Lebensführung
ermöglichen: Es geht darum sich öffentlich auf die Seite der Mädchen zu stellen, ihre BeSeite 134
Studie „Gender-Perspektiven in der Jugendwohlfahrt Tirol“
lange zu artikulieren und sich solange für die Einrichtung von Mädchenarbeit einzusetzen,
bis Chancengleichheit erreicht ist.
In der Institution geht es darum, den Blick für die Lebensrealität junger Frauen und Mädchen zu schärfen und an einer geschlechtsspezifischen Haltung zu arbeiten, um damit zu
veränderten Lebensbedingungen und –realität für Mädchen beizutragen.
Umsetzung im Beratungsbereich: hier geht es vor allem um die Haltung gegenüber den
Mädchen u. deren Herkunfts- u. Bezugssystem. Aufgrund der Kürze der Intervention ist es
aber nur beschränkt möglich, an speziellen Themen vertiefend zu arbeiten. Spannungsfeld
zwischen Parteilichkeit und Allparteilichkeit. Eigene Meinungen und Interessen werden
transparent gemacht, um Mädchen Auseinandersetzungsmöglichkeiten anzubieten: So können sie ihre eigenen Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten erkennen und nutzen. Ziel ist
es, Mädchen bei häuslicher und sexueller Gewalt nicht in der Opferrolle zu belassen, sondern
sie zu stärken und zu unterstützen.
Umsetzung im Wohnbereich: Grundsatz ist es, Mädchen eigene Räume zur Verfügung zu stellen. Dies gelingt in der Institution nicht immer. Daher ist es wichtig, dass die Privatsphäre
der Mädchen gewahrt wird. Es wird versucht, den Mädchen Raum zu geben, sodass es ihnen
möglich ist, Erlebtes zu verarbeiten, sich sicher zu fühlen und zur Ruhe zu kommen. Die
MitarbeiterInnen achten sehr darauf, dass die Burschen die Grenzen der Mädchen wahrnehmen und akzeptieren.
In Beratungsgesprächen kann der besondere Blick auf Mädchen bedeuten, Mädchen in ihren
Lebensausdrücken, -formen und –vorstellungen wahrzunehmen und zu unterstützen, auch
wenn diese sich an den Grenzen von für Frauen und Mädchen vorgesehenen Lebensentwürfen bewegen. Es kann bedeuten, Gewalt gegen Mädchen als solche zu benennen und das
Recht auf körperliche Integrität und psychische wie physische Gesundheit für Mädchen und
mit ihnen einzufordern. In Bezug auf die Arbeit im Wohnbereich kann jene Haltung bedeuten, das Recht auf Abgrenzung und Nein-Sagen mit den Mädchen zu erarbeiten und auch
durchzusetzen.
Beitrag eines männlichen Mitarbeiters über Homophobie und Schwulenfeindschaft bezogen
auf Burschen. Forderung: MitarbeiterInnen sollen vor den Jungen klar Stellung beziehen,
dass Homosexualität eine gleichwertige Form der sexuellen Orientierung darstellt. Dadurch
soll Verständnis und Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensformen gezeigt werden und etwas zum Ausgleich von sozialisatorischen und pädagogischen Defiziten beigetragen werden.
In der Statistik bleibt eine geschlechtliche Zuordnung beim Erstkontakt offen (KontaktnehmerIn, Zielperson). Beim Problemkatalog wird zwischen Buben und Mädchen unterschieden,
allerdings geht durch die vielen Einzelfaktoren der Blick aufs Ganze verloren bzw. der Zusammenhang (787 Itemaufzählungen bei 449 Betreuungsfällen; Mehrfachzuordnungen der
Items mit einer geschlechts- und altersspezifischen Zuordnung etc. wären interessant.
Klage über finanzielle Unsicherheit. Angesprochen wird der Bedarf eines vielfältigen Rundumangebots zur Weitervermittlung (Bauchladen). Immer wieder Bezugnahme darauf, dass
man die Jugendlichen und ihre Familien nicht kennt, sie seien nur Zahlen im Tätigkeitsbericht, und hätten dort keine Gesichter.
Eine Seite mit Fragen zu Parteilichkeit und Schutz.
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H)
Sanierungsbericht der Räume. Artikel über Stadtteilarbeit; Fazit: dort seien ganz normale,
durchschnittliche Jugendliche. Weiteres Ziel: Kontakt herstellen und halten und gegenseitige Vertrauensbasis schaffen. Konkretes Lebensumfeld kennen- und verstehen lernen um daraus situationsadäquate Angebote in sozialarbeiterischer und sozialpädagogischer Hinsicht
zu entwickeln. Dazu gehöre es, Plätze für Jugendliche im öffentlichen Raum zu erhalten, zu
schaffen, zu legitimieren und bei BewohnerInnen für mehr Akzeptanz und Einsicht für die
Bedürfnisse der Jugendkulturen beizutragen.
Bericht über den Sommer in der Stadt (Rapoldipark). Die meisten Außendienste und KlientInnenkontakte dort. Hinweis auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die sich im Rapoldipark ihr Geld verdienen müssen. Hinweis auf die BürgerInnenseele, die auf die Drogenszene mit Unverständnis reagiert und zu brodeln begann. Ausführung der eigenen Grundhaltung: (kritische) Parteilichkeit, antirassistisch, lebensweltnahe um genau diesem gesellschaftlichem Defizit, unter dem junge Menschen in dieser Zeit sehr leiden, entgegenzuwirken. Es wird an Jugendliche herangetreten und angeboten Ansprechpartner, Sprachrohr und
Vertreter für die zu sein, die sich in der Öffentlichkeit sehr oft nur durch Lautstärke, Anderssein, Bunt-sein. Wild-sein in Szene setzen und dabei oft unangenehm auffallen.
Bericht von der Hausbesetzung in der Oppolzerstrasse in Hötting. Die Gruppe wird als beispiellose Gemeinschaft beschrieben (Teamgeist, soziale Kompetenz, Durchhaltevermögen,
Selbstvertrauen u.a.m.)
Bericht über Aktivitäten an Schulen (mit einer Verabschiedung vom Begriff Schulsozialarbeit): Es wird Kontakt- und Beziehungsarbeit geleistet um präventiv zu wirken. Schule wird
als gruppendynamischer Ort gesehen, in dem soziales Lernen stattfinden kann und andererseits Aufenthaltsort f. Jugendliche ist. Man bedient sich eines gemischtgeschlechtlichen
Ansatzes mit geschlechterdifferenziertem Blick (gemischtgeschlechtliche Besetzung der
MA). In der Schule ist das eine Art Streetwork in Schulklassen mit den gleichen Methoden
und Grundhaltungen mit dem einzigen Unterschied eines anderen Settings. Es gehe darum
Hemmschwellen in der Inanspruchnahme von Unterstützung abzubauen.
Bericht vom Plenum Mädchenarbeit. Die AG Mädchen hat zwei Jahre lang intensiv zu mädchenspezifischen Themen gearbeitet. Das Augenmerk galt besonders der Stellung der Mädchen in der JUWO. Bei den Vernetzungsbemühungen habe sich ein großes Interesse an parteilicher Mädchenarbeit herausgestellt, jedoch seien die Ressourcen und manchmal auch die
Bereitschaft für die Umsetzung in der Praxis jedoch meist nicht gegeben. Weitere Gründe
der AG nicht beizutreten waren, dass für Mädchenarbeit engagierte Frauen oftmals mit Widerstand in ihren Teams zu kämpfen hatten und eine Teilnahme an der AG nicht durchsetzen
konnten. Im Plenum der Veranstaltung wurde klar, dass es viele unterschiedliche Ansichten,
Definitionen und Auffassungen zu Mädchenarbeit gäbe. Mädchenarbeit war in keiner der
teilnehmenden Einrichtungen konzeptionell festgehalten, es gibt nur punktuelle Angebote.
Nur vereinzelt gibt es Angebote speziell für Mädchen in gemischtgeschlechtlichen Einrichtungen.
Geschlechtsspezifische Angebote: Mädchenfreiraum (Mi. ab 17 Uhr; Freizeitgestaltung und
Beratung); Men only (zweiwöchentlich montags ab 18 Uhr) freizeitpädagogischer Schwerpunkt.
Geschlechtsspezifische Außendienste: Außendienste werden von einem geschlechterhomogenen Team durchgeführt und von den Mitarbeitern hauptsächlich Burschen kontaktiert und
von den Mitarbeiterinnen Mädchen angesprochen.
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Bei den Neuerungen 2004 wird bei der Öffnungszeit angeführt, dass die herkömmliche Beratungszeit und die niederschwellige Öffnungszeit zu einer generellen Öffnungszeit zusammengelegt wird, in der sowohl niederschwellige Beziehungsarbeit als auch höherschwellige
Angebote wie Beratung ihren Platz haben sollen.
Neben Außendiensten und Öffnungszeiten (=spezielle Angebote) nehmen geschlechtsspezifische Angebote 22% ein.
Der Statistikteil ist alters-, geschlechts- und dienstbezogen differenziert. Beratungsinhalte
sind ebenfalls geschlechtsspezifisch dargestellt. Interessant ist, dass die Themen Gewaltausübung (0,6%), Liebe/Sexualität (0,9%), Vater-/Mutterschaft (2,5%), Gewalterfahrung
(3,2%), sowie Drogen/Sucht (3,8%) und Schule (4,7%) deutlich schwächer bei den Beratungsinhalten vertreten sind. An der Spitze stehen hier Finanzen (20,8%).
Bezogen auf Mädchen wird festgestellt, das Mädchengruppen nicht den gleichen Zusammenhalt haben wie Burschengruppen, was die Frage aufwirft, wie die Mitarbeiterinnen die
Mädchensolidarität fördern und vorantreiben können. Beschreibung von Mädchen in öffentlichen Räumen: diese Räume werden nur als Durchgangsort oder für kurze Aufenthalte genutzt; auf Sport- und Spielplätzen stehen sie am Rand und beobachten die Burschen; Strasse ist männliches Territorium, Mädchen müssen sich ihr Aufenthaltsrecht dort erst erkämpfen.
Voraussetzungen für mädchenspezifische Arbeit: Mädchen brauchen starke weibliche Vorbilder. Diese Vorbilder brauchen eine eigene Betroffenheit und Sensibilisierung für Diskriminierung in der Gesellschaft aufgrund des Geschlechts, eine Überprüfung des eigenen Bildes
von Weiblichkeit, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sozialisation, eine Auseinandersetzung mit dem Thema strukturelle Gewalt, den darin eigenen Anteilen, Erfahrungen und
Erwartungen auf Veränderungen. Wichtig sei es, sich ständig an die Bedürfnisse der Mädchen anzupassen. Die Mitarbeiterinnen fungieren als positive Identifikationsfiguren für die
Mädchen.
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