Interpersonale Zurückweisungssensibilität im Kontext depressiver Störungen_Kessler_2015

Interpersonale Zurückweisungssensibilität im Kontext depressiver Störungen_Kessler_2015
Inauguraldissertation
zur Erlangung des akademischen Doktorgrades (Dr. phil.)
im Fach Psychologie
an der Fakultät für Verhaltens- und
Empirische Kulturwissenschaften
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Titel der Dissertation
Interpersonale Zurückweisungssensibilität im Kontext depressiver Störungen
vorgelegt von
Dipl.-Psych. Katrin Keßler
Jahr der Einreichung
2015
Dekan:
Beraterin:
Prof. Dr. Klaus Fiedler
Prof. Dr. Annette Kämmerer
DANKE
Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des deutsch-chilenischen Graduiertenkollegs
„Interkulturelle Ätiologie- und Psychotherapieforschung am Beispiel der Depression“ der RuprechtKarls-Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Universidad de Chile sowie der Pontificia
Universidad Católica in Santiago de Chile verfasst.
Ohne Unterstützung ist die Umsetzung einer solchen Arbeit nicht möglich. Ich möchte mich daher bei
Frau Prof. Dr. Annette Kämmerer und Herrn Prof. Dr. Manfred Cierpka für ihre Bereitschaft, diese
Arbeit zu betreuen sowie ihre stets motivierende und wohlwollende Unterstützung während meiner
Zeit im deutsch-chilenischen Graduiertenkolleg bedanken. Den chilenischen Professoren Prof. Dr.
Juan Pablo Jiménez, Prof. Dr. Laura Moncada, Prof. Dr. Mariane Krause und Prof. Dr. Guillermo de la
Parra danke ich für ihre unersetzliche Hilfe bei der Organisation der Datenerhebung während meines
Forschungsaufenthalts in Santiago de Chile. Weiterhin danke ich Dr. Hinrich Bents und Prof. Dr. HansChristoph Friederich für die Möglichkeit der Rekrutierung von Patientinnen in den von ihnen
geleiteten ambulanten Zentren in Heidelberg, Dr. Yamil Quevedo und M. Sc. Kathrin Skibka für ihre
Unterstützung bei der Rekrutierung der Patientenstichproben in Chile und Deutschland sowie allen
Untersuchungsteilnehmerinnen, ohne deren Bereitschaft und Interesse empirisch-psychologisches
Arbeiten nicht möglich wäre.
Von ganzem Herzen danke ich den deutsch-chilenischen Kolleginnen, insbesondere Paula Schicktanz,
Antonia Friedrich, Johanna Köhling und Jennifer Gradt für ihre Unterstützung in allen Phasen der
Entstehung dieser Arbeit, weitaus mehr jedoch für ihre Freundschaft. Paula möchte ich weiterhin für
die gute Zusammenarbeit bei der Durchführung mehrerer Vorstudien sowie für das Korrekturlesen
der Arbeit danken. Maria Zangl, Leonie Knebel und Johannes Zimmermann danke ich für ihre oft so
hilfreiche „Außensicht“, für die Hilfe bei methodischen Fragen und für ihr Mitdenken.
Am meisten aber bedanke ich mich bei meiner Familie und bei meinen Freunden für ihren
bedingungslosen Rückhalt und ihre unglaubliche Zuversicht, die zum Gelingen dieser Arbeit mehr
beigetragen haben, als ich in Worte fassen kann.
Inhaltsverzeichnis
i
Inhaltsverzeichnis
i
Abbildungsverzeichnis ...................................................................................................................v
Tabellenverzeichnis ...................................................................................................................... vi
1
Einleitung .................................................................................................................... 1
2
Theoretischer Hintergrund ........................................................................................... 3
2.1
Konsistenztheoretisches Rahmenmodell .............................................................................. 3
2.1.1 Menschliche Grundbedürfnisse ............................................................................................ 3
2.1.2 Motivationale Ziele und handlungsleitende Schemata......................................................... 4
2.1.3 Interpersonale Motive und Ziele ........................................................................................... 6
2.1.4 Konsistenzregulation ........................................................................................................... 11
2.1.5 Folgen von Inkongruenz ...................................................................................................... 12
2.1.6 Transkulturelle Validität der konsistenztheoretischen Annahmen..................................... 13
2.2
Kultur und kulturvergleichende psychologische Forschung ............................................... 15
2.2.1 Entwicklung einer Arbeitsdefinition von Kultur .................................................................. 15
2.2.2 Kulturvergleichende psychologische Forschung ................................................................. 17
2.2.3 Kulturelle Kontextvariablen für einen deutsch-chilenischen Vergleich .............................. 22
2.2.4 Persönliche Werthaltungen................................................................................................. 25
2.3
Depression ........................................................................................................................... 33
2.3.1 Symptomatik und diagnostische Kriterien .......................................................................... 34
2.3.2 Epidemiologische Aspekte und Risikofaktoren ................................................................... 35
2.3.3 Theorien zur Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen .......................... 37
2.3.4 Konsistenztheoretische Einordnung depressiver Störungen .............................................. 41
2.3.5 Kulturspezifische Aspekte depressiver Störungen .............................................................. 43
2.4
Interpersonale Zurückweisungssensibilität ......................................................................... 45
2.4.1 Herleitung einer Definition und Abgrenzung zu anderen Konstrukten .............................. 45
2.4.2 Dynamisches Modell der Zurückweisungssensibilität ......................................................... 48
2.4.3 Übertragung in das konsistenztheoretische Rahmenmodell .............................................. 53
ii
Inhaltsverzeichnis
2.4.4 Zurückweisungssensibilität im Kontext psychischer Störungen ......................................... 54
2.4.5 Transkulturelle Validität der Zurückweisungssensibilität ................................................... 58
2.5
Scham .................................................................................................................................. 59
2.5.1 Erläuterung der Emotion Scham und Abgrenzung von Schuld ........................................... 59
2.5.2 Scham und Zurückweisungssensibilität ............................................................................... 62
2.5.3 Scham im Kontext depressiver Störungen .......................................................................... 64
2.5.4 Kulturspezifische Besonderheiten der Emotion Scham ...................................................... 66
2.6
3
Integratives Arbeitsmodell .................................................................................................. 71
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung ..................................................................75
3.1
Fragestellungen und Hypothesen ....................................................................................... 75
3.1.1 Persönliche Werthaltungen................................................................................................. 75
3.1.2 Interpersonale Motive......................................................................................................... 77
3.1.3 Zurückweisungssensibilität ................................................................................................. 79
3.1.4 Schamerleben ..................................................................................................................... 80
3.2
Methoden ............................................................................................................................ 83
3.2.1 Ein- und Ausschlusskriterien für die Studienteilnahme ..................................................... 83
3.2.2 Rekrutierungsstrategien ...................................................................................................... 85
3.2.3 Studiendesign ...................................................................................................................... 87
3.2.4 Erhebungsinstrumente ........................................................................................................ 88
EXKURS 1: Entwicklung und Evaluation einer spanischsprachigen Version
des Inventars zur Erfassung interpersonaler Motive (IIM) ................................................. 93
EXKURS 2: Entwicklung und Evaluation einer spanischsprachigen Version
des Rejection Sensitivity Questionnaire (RSQ) .................................................................. 100
3.2.5 Studienablauf .................................................................................................................... 109
3.2.6 Auswertungsstrategien ..................................................................................................... 109
3.3
Ergebnisse ......................................................................................................................... 116
3.3.1 Datenaufbereitung ............................................................................................................ 116
3.3.2 Vorbereitende Analysen .................................................................................................... 117
3.3.3 Endgültige Analysestichprobe ........................................................................................... 119
3.3.4 Hypothesentestung ........................................................................................................... 123
Inhaltsverzeichnis
3.4
iii
Diskussion .......................................................................................................................... 133
3.4.1 Persönliche Werthaltungen und interpersonale Motive im Kulturvergleich .................... 134
3.4.2 Werte und Motive im Kontext depressiver Störungen ..................................................... 139
3.4.3 Zurückweisungssensibilität im Kulturvergleich ................................................................. 143
3.4.4 Schamneigung im Kulturvergleich ..................................................................................... 145
3.4.5 Grenzen der Studie ............................................................................................................ 148
4
TEIL B: Experimentelle Untersuchung ........................................................................ 152
4.1
Fragestellungen und Hypothesen ..................................................................................... 152
4.1.1 Nähere Betrachtung des Konstrukts Zurückweisungssensibilität ..................................... 152
4.1.2 Kurzfristige Effekte von Zurückweisungssensibilität ......................................................... 155
4.2
Methoden .......................................................................................................................... 159
4.2.1 Ein- und Ausschlusskriterien für die Studienteilnahme .................................................... 159
4.2.2 Rekrutierungsstrategien .................................................................................................... 159
4.2.3 Studiendesign .................................................................................................................... 159
4.2.4 Erhebungsinstrumente ...................................................................................................... 162
EXKURS 3: Entwicklung und Evaluation einer Skala zur Erfassung
momentaner Depressivität ............................................................................................... 164
4.2.5 Studienablauf .................................................................................................................... 168
4.2.6 Auswertungsstrategien ..................................................................................................... 169
4.3
Ergebnisse ......................................................................................................................... 172
4.3.1 Datenaufbereitung ............................................................................................................ 172
4.3.2 Vorbereitende Analysen .................................................................................................... 173
4.3.3 Endgültige Analysestichprobe ........................................................................................... 174
4.3.4 Hypothesentestung ........................................................................................................... 177
4.4
Diskussion .......................................................................................................................... 184
4.4.1 Soziodemografische Korrelate von Zurückweisungssensibilität ....................................... 185
4.4.2 Motivationale Grundlagen von Zurückweisungssensibilität ............................................. 186
4.4.3 Unmittelbare Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität .......................................... 188
4.4.4 Grenzen der Studie ............................................................................................................ 191
iv
Inhaltsverzeichnis
5
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung ..................................................................... 193
5.1
Fragestellungen und Hypothesen ..................................................................................... 193
5.1.1 Stabilität des RSQ .............................................................................................................. 193
5.1.2 Zurückweisungssensibilität und Lebensereignisse ............................................................ 193
5.2
Methoden .......................................................................................................................... 195
5.2.1 Ein- und Ausschlusskriterien für die Studienteilnahme .................................................... 195
5.2.2 Rekrutierungsstrategien .................................................................................................... 195
5.2.3 Studiendesign und -ablauf................................................................................................. 196
5.2.4 Erhebungsinstrumente ...................................................................................................... 196
5.2.5 Auswertungsstrategien ..................................................................................................... 198
5.3
Ergebnisse ......................................................................................................................... 199
5.3.1 Datenaufbereitung ............................................................................................................ 199
5.3.2 Vorbereitende Analysen .................................................................................................... 199
5.3.3 Endgültige Analysestichprobe ........................................................................................... 200
5.3.4 Hypothesentestung ........................................................................................................... 201
5.4
Diskussion .......................................................................................................................... 203
5.4.1 Zurückweisungssensibilität im zeitlichen Verlauf ............................................................. 204
5.4.2 Zurückweisungssensibilität und Lebensereignisse ............................................................ 204
5.4.3 Grenzen der Studie ............................................................................................................ 206
6
Abschlussdiskussion ................................................................................................. 208
6.1
Einordnung der Befunde in das integrative Arbeitsmodell ............................................... 208
6.2
Implikationen für die Praxis............................................................................................... 214
6.2.1 Motivationale Ziele in der therapeutischen Arbeit ........................................................... 215
6.2.2 Zurückweisungssensibilität in der therapeutischen Beziehung ........................................ 216
6.3
Fazit und Ausblick .............................................................................................................. 219
7
Zusammenfassung .................................................................................................... 221
8
Literatur ................................................................................................................... 223
Erklärung..……....…………………………………….………………………………………………………...……………………..249
Anhang..…..……………………………………………………………...…………………………………...…………………………251
Abbildungsverzeichnis
v
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Interpersonales Circumplexmodell ................................................................................... 8
Abbildung 2: Konsistenztheoretisches Modell psychischer Funktion .................................................. 13
Abbildung 3: Kontinuum persönlicher Werthaltungen ........................................................................ 27
Abbildung 4: Dynamisches Modell der Zurückweisungssensibilität ..................................................... 47
Abbildung 5: Integratives Arbeitsmodell für die vorliegende Arbeit .................................................... 72
Abbildung 6: Ladungsdiagramm der PCA der ECMI-Subskalen ............................................................ 95
Abbildung 7: Beispiele für Differential Item Functioning (DIF) ............................................................. 97
Abbildung 8: Ergebnisse der DIF-Analyse für Item 9 des RSQ ............................................................ 103
Abbildung 9: Konzeptuelles Modell geplanter Kontraste ................................................................... 112
Abbildung 10: Konzeptuelles Modell der einfachen mediierten Regression ..................................... 114
Abbildung 11: Konzeptuelles Modell der moderierten Regression .................................................... 115
Abbildung 12: Mittelwerte der nationalen Teilstichproben in den persönlichen Werthaltungen..... 124
Abbildung 13: Effekte von Nation und Depression auf die interpersonalen Motive ......................... 125
Abbildung 14: Mediiertes Regressionsmodell zur Motivorientierung Communion ........................... 129
Abbildung 15: Effekte von Nation und Depression auf Zurückweisungssensibilität .......................... 130
Abbildung 16: Bedingte Effekte von Schamneigung auf Depressivität .............................................. 133
Abbildung 17: Bildschirmansicht Cyberball ........................................................................................ 160
Abbildung 18: Items und Format der M-ADS-K .................................................................................. 166
Abbildung 19: Ladungsdiagramm der PCA zur Einordnung des RSQ auf dem IIM ............................. 179
Abbildung 20: Mediiertes Regressionsmodell zu Depressivität.......................................................... 180
Abbildung 21: Mediiertes Regressionsmodell zu depressiven Symptomen im Längsschnitt ............. 203
Abbildung 22: Integratives Arbeitsmodell (II) ..................................................................................... 209
vi
Tabellenverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Wertetypen und Wertedimensionen ................................................................................... 27
Tabelle 2: Instrumente der Fragebogenstudie in der Reihenfolge ihrer Vorlage ................................. 87
Tabelle 3: Quantifizierung der Bildungsabschlüsse in Deutschland und Chile nach ISCED .................. 89
Tabelle 4: Skalenbezeichnungen von CSIV, IIM und ECMI .................................................................... 94
Tabelle 5: Interne Konsistenzen der ECMI-Subskalen .......................................................................... 95
Tabelle 6: Interkorrelationsmatrix der ECMI-Subskalen ....................................................................... 96
Tabelle 7: Kennwerte des chilenischen RSQ auf Itemebene .............................................................. 102
Tabelle 8: Kontrastgewichte der geplanten Kontraste ....................................................................... 112
Tabelle 9: Überprüfung der Einschlusskriterien.................................................................................. 117
Tabelle 10: Vorbereitende Analysen Teilstudie A ............................................................................... 118
Tabelle 11: Soziodemografische Beschreibung der gematchten Gruppen......................................... 121
Tabelle 12: Deskriptive Statistiken der abhängigen Variablen ........................................................... 123
Tabelle 13: Ergebnisse der Varianzanalysen zu Werthaltungen und Motiven ................................... 126
Tabelle 14: Partialkorrelationen zwischen Werthaltungen und Motiven .......................................... 127
Tabelle 15: Vorbereitende Analysen Teilstudie B ............................................................................... 174
Tabelle 16: Soziodemografische Beschreibung der Stichprobe .......................................................... 175
Tabelle 17: Präexperimentelle Gruppenunterschiede auf den abhängigen Variablen ...................... 176
Tabelle 18: Effekte der experimentellen Manipulation auf die momentane Befindlichkeit .............. 182
Tabelle 19: Vorbereitende Analysen Teilstudie C ............................................................................... 200
Tabelle 20: Deskriptive Statistiken der abhängigen Variablen in Teilstudie C .................................... 201
Einleitung
1
1
Einleitung
Die zentralen Fragestellungen der vorliegenden Arbeit beziehen sich auf ein umfassenderes
Verständnis interpersonal ausgerichteter motivationaler Ziele und Schemata bei depressiven
Störungen. Depressive Störungen gehören zu den am häufigsten vorkommenden Erkrankungen im
Erwachsenenalter (Bramesfeld & Stoppe, 2006). Sie sind entscheidende Ursache von
Arbeitsunfähigkeit und vorzeitiger Berentung (Bramesfeld & Stoppe, 2006) und gehen entsprechend
mit massiven direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Konsequenzen einher (Stamm & Salize,
2006). Die Notwendigkeit der detaillierten Erforschung von Bedingungsfaktoren und Folgen
depressiver Störungen ist unter Berücksichtigung dieser Faktenlage augenscheinlich.
Interpersonale Faktoren, und hier insbesondere die Bedeutung sozialer Zurückweisung, haben sich
bei der Betrachtung depressiver Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten konsistent als
bedeutsam herausgestellt (Gotlib, 1992; Kendler, Hettema, Butera, Gardner & Prescott, 2003;
Slavich, Thornton, Torres, Monroe & Gotlib, 2009), wenngleich sie in den eher auf intrapsychische
und somatische Faktoren ausgerichteten diagnostischen Kriterien des ICD-10 (dt. Übersetzung von
Dilling, Mombour & Schmidt, 2014) sowie des DSM-IV-TR (dt. Übersetzung von Saß, Wittchen, Zaudig
& Houben, 2003) bisher kaum Berücksichtigung finden. Depressionsspezifische interpersonale
motivationale Ziele und Schemata stehen daher im Zentrum der vorliegenden Arbeit, insbesondere
sollen Bedingungsfaktoren und Konsequenzen Interpersonaler Zurückweisungssensibilität näher
betrachtet werden. Letztere wird als die ängstliche Erwartung, sensible Wahrnehmung und intensive
Reaktion auf Hinweise sozialer Zurückweisung definiert (Downey & Feldman, 1996), konnte in
konsistenter Form mit depressiver Symptomatik in Zusammenhang gebracht werden (Gilbert, Irons,
Olsen, Gilbert & McEwan, 2006) und kann aus konsistenztheoretischer Perspektive als ein kognitivaffektives Vermeidungsschema verstanden werden.
Die Konsistenztheorie nach Klaus Grawe (1998; 2004) bietet, aufbauend auf einer überzeugenden
empirischen Befundlage, die Möglichkeit, die hier interessierenden Prozesse und Merkmale in ein
allgemeines Modell psychischen Geschehens einzuordnen und spezifische Hypothesen abzuleiten,
weshalb die Überlegungen Grawes in der vorliegenden Arbeit als theoretische Rahmung dienen
sollen.
Weiterhin soll in der vorliegenden Arbeit die transkulturelle Generalisierbarkeit der mit sozialer
Zurückweisung
einhergehenden
psychologischen
Prozesse
in
einem
deutsch-chilenischen
Kulturvergleich untersucht werden. Dabei soll zum einen die Kulturspezifität interpersonaler
2
Einleitung
motivationaler Ziele mit dem in der kulturvergleichenden psychologischen Forschung gängigen
unpackaging culture on the level of individuals-Ansatz (Bond & Tedeschi, 2001) näher betrachtet
werden. Dieses Vorgehen erweitert bisherige Forschungsbefunde (Tamcan, 2005), die kulturelle
Unterschiede meist einseitig und insbesondere auf der Ebene der Nation ausschließlich im Licht von
Individualismus/Kollektivismus (Hofstede, 1980) interpretieren. Von besonderem Interesse im
Kulturvergleich ist weiterhin die Bedeutsamkeit der selbstreflexiven Emotion Scham (Tangney,
Wagner & Gramzow, 1989), welche in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext variiert (Boiger &
Mesquita, 2012a; Wong & Tsai, 2007) und sich in westlichen Kulturen konsistent als emotionale
Komponente depressiven Erlebens gezeigt hat (Kim, Thibodeau & Jorgensen, 2011), während dieses
Zusammenhangsmuster in nicht-westlichen kulturellen Kontexten bisher als weit weniger eindeutig
beurteilt werden muss (Bagozzi, Verbeke & Belschak, 2009). Der im Rahmen dieser Arbeit
durchgeführte Kulturvergleich soll entsprechend weitere Erkenntnisse über die Kulturspezifität
interpersonaler Aspekte depressiver Störungen ermöglichen.
Der theoretische Teil der Arbeit (Kapitel 2) ist in sechs Unterkapiteln dargestellt. Aus einer
Darstellung der übergreifenden konsistenztheoretischen Konzeption heraus werden dabei zunächst
diejenigen Konzepte, die für die vorliegende Arbeit von zentralem Interesse sind (Kultur, Depression,
Zurückweisungssensibilität und Scham), abgeleitet und in jeweils eigenen Kapiteln dargestellt. Der
stetige Rückbezug auf konsistenztheoretische Überlegungen aus den einzelnen Unterkapiteln wird
abschließend zu einem integrativen Arbeitsmodell, aus dem sich die spezifischen Fragestellungen der
vorliegenden Arbeit ableiten, zusammengeführt. Der empirische Teil der Arbeit setzt sich aus drei
Teilstudien zusammen, in denen aus Gründen der Übersichtlichkeit die spezifischen Hypothesen,
Methoden, Ergebnisse und die inhaltliche Diskussion der Ergebnisse unter Darstellung der Grenzen
der Studie gesondert erfolgt. In Teil A (Kapitel 3) werden dabei die kulturvergleichenden
Fragestellungen in einem deutsch-chilenischen Vergleich untersucht, Teil B (Kapitel 4) bezieht sich
vorrangig auf unmittelbare, kurzfristige Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität und in Teil C
(Kapitel 5) schließlich werden längerfristige Konsequenzen von Zurückweisungssensibilität in einer
längsschnittlichen Studie überprüft. In einem abschließenden Kapitel (Kapitel 6) werden die Befunde
der drei Teilstudien im Hinblick auf das übergreifende Arbeitsmodell zusammengefasst und
praktische Implikationen aus den Befunden abgeleitet.
Theoretischer Hintergrund
2
3
Theoretischer Hintergrund
Den drei Teilstudien der vorliegenden Arbeit liegt ein gemeinsames theoretisches Modell zugrunde.
Aufbauend auf den Annahmen der Konsistenztheorie (2.1) werden die, die Arbeit konstituierenden,
Komponenten Kultur (2.2), Depression (2.3), Zurückweisungssensibilität (2.4) und Scham (2.5) im
Folgenden zunächst gesondert erläutert und abschließend zu einem integrativen Arbeitsmodell, aus
dem sich die Fragestellungen der Teilprojekte ableiten, zusammengeführt (2.6).
2.1
Konsistenztheoretisches Rahmenmodell
Die im Rahmen dieser Arbeit angestellten theoretischen Überlegungen bauen auf den
konsistenztheoretischen Annahmen von Klaus Grawe (1998; 2004) auf. Es soll daher zunächst das
von Grawe postulierte Modell psychischen Geschehens dargestellt werden.
2.1.1
Menschliche Grundbedürfnisse
Die Suche nach universellen, den biologischen Bedürfnissen vergleichbaren, psychischen
Grundbedürfnissen hat eine lange Tradition in der psychologischen Theorie und Forschung. Aus
verschiedenen Traditionen heraus ist die Frage nach universellen Grundbedürfnissen und deren
Auswirkungen auf Erleben und Verhalten immer wieder anders beantwortet worden, was sich in
einer Vielzahl von Motivations- und Bedürfnistheorien niederschlägt. Einige Beispiele hierfür sind die
Theorie psychogener Bedürfnisse von Murray (1938), die Bedürfnispyramide nach Maslow (1967),
das Rubikonmodell der Handlungsphasen von Heckhausen und Gollwitzer (1987), die „Cognitiveexperiental self-theory“ nach Epstein (1990) oder die „self-determination theory“ nach Deci und
Ryan (2000). Diesen Theorien liegen teils sehr unterschiedliche Modelle dessen zugrunde, was als
universell menschlich zu verstehen ist, gemeinsam ist den Modellen jedoch die Annahme von
(universellen) Konzepten oder Strukturen zur Organisation und Lenkung zielgerichteter menschlicher
Aktivität. Klaus Grawe (1998; 2004) hat im Rahmen der Entwicklung seiner „Allgemeinen
Psychotherapie“ in Anlehnung an das Wissen über biologische Bedürfnisse überzeugend begründet,
dass insbesondere zwei Aspekte bei der Suche nach universellen psychischen Grundbedürfnissen
ausschlaggebend seien: Zum einen sollten diejenigen psychischen Bedürfnisse, die so bedeutsam
sind, dass sie universell auftreten, ähnlich den biologischen Bedürfnissen über eine neuronale
Repräsentation verfügen. Zum zweiten sollten als psychische Grundbedürfnisse nur solche
4
Theoretischer Hintergrund
bezeichnet werden, deren Nichtbefriedigung zu einer Schädigung des Organismus führt. Nach Grawe
sind psychische Grundbedürfnisse demnach solche, die bei allen Menschen vorhanden und möglichst
neuronal repräsentiert sind und deren Verletzung oder dauerhafte Nichtbefriedigung zu
Schädigungen der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens führt, was schlussendlich als
maßgebliche Ursache für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen zu verstehen
ist (Grawe, 2004).
Ausgehend von obiger Definition beschreibt Grawe die Existenz von insgesamt vier universellen
psychischen Grundbedürfnissen. Das Bedürfnis nach Bindung und Anschluss hängt maßgeblich vom in
der früheren Kindheit entwickelten Bindungsstil (Bowlby, 1975) ab und beschreibt das Bedürfnis des
Menschen nach Bezogenheit zu anderen Personen. Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
beschreibt die Existenz einer Grundüberzeugung über Kontrollmöglichkeiten und Vorhersagbarkeit in
bestimmten Lebensbereichen. Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung ist hierarchisch
den anderen Bedürfnissen übergeordnet und beschreibt die Bewertung jeglicher menschlicher
Erfahrung als positiv oder negativ. Folge dieser Bewertung ist die generelle Ausrichtung
zielgerichteter Aktivität im Sinne von Annäherung an angenehme Zustände und Vermeidung
unangenehmer Zustände. Wie im weiteren Verlauf noch deutlich werden wird, stehen
Annäherungstendenzen, d.h. die Ausrichtung des Organismus auf Lustgewinn, eher mit psychischem
Wohlbefinden
in
Zusammenhang
als
Vermeidungstendenzen.
Das
Bedürfnis
nach
Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz schließlich beschreibt das Streben nach Erhöhung des
Selbstwerts. Nach Grawe entwickelt sich dieses spezifisch menschliche Bedürfnis ontogenetisch
später als die anderen Bedürfnisse, da es die Fähigkeit zur kognitiven Reflexion impliziert. Es
unterscheidet sich damit grundlegend von den anderen Bedürfnissen. Grawe belegt durch die
Zusammenschau verschiedenster Forschungsbefunde eindrücklich, dass ein höherer Selbstwert mit
psychischem Wohlbefinden einhergeht (Grawe, 2004).
2.1.2
Motivationale Ziele und handlungsleitende Schemata
Aus konsistenztheoretischer Sicht nehmen die vorgestellten Grundbedürfnisse nicht direkt, sondern
über motivationale Schemata Einfluss auf das konkrete Erleben und Verhalten. Motivationale
Schemata setzen sich aus Zielen und Mitteln zur Zielerreichung zusammen, die der Mensch im Laufe
seiner Sozialisation durch individuelle, gesellschaftliche oder kulturelle Erfahrungen ausbildet, um
seine Grundbedürfnisse zu befriedigen oder vor Verletzung zu schützen. Wie gut ein Mensch seine
Bedürfnisse befriedigen kann, hängt demnach davon ab, inwieweit seine ausgebildeten Schemata
unter Berücksichtigung seiner Lebensbedingungen zu ebendieser Bedürfnisbefriedigung geeignet
Theoretischer Hintergrund
5
sind. Motivationale Ziele und Schemata stellen Kernelemente der vorliegenden Arbeit dar. Im Sinne
der Konsistenztheorie werden sie von Grosse Holtforth und Grawe(2000) wie folgt definiert:
„Motivationale Ziele sind die zentralen Komponenten Motivationaler Schemata. Sie beinhalten Informationen
darüber, welche Wahrnehmung eine Person herzustellen oder zu vermeiden sucht. Motivationale Schemata
sind hypothetische, hierarchisch organisierte Wissensstrukturen, in denen neben den motivationalen Zielen
entsprechende
Wahrnehmungsbereitschaften,
emotionale
Reaktionsbereitschaften
und
Handlungsbereitschaften mental repräsentiert sind.“ (Grosse Holtforth & Grawe, 2000; S. 170 f.)
Grawe (2004) beschreibt zwei generelle Motivsysteme, die sich unabhängig voneinander entwickeln
und über unterschiedliche neuronale Repräsentationen verfügen: ein Annäherungs- und ein
Vermeidungssystem. Annäherungsschemata sind dabei auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet und
entwickeln sich vor allem in solchen Umwelten, in denen ein Individuum viel Erfahrung mit positiver
Bedürfnisbefriedigung macht. Wächst eine Person hingegen in einer Umwelt auf, in der Bedürfnisse
eher verletzt oder missachtet werden, werden zum Schutz vor weiteren Verletzungen vermehrt
Vermeidungsschemata
ausgebildet.
Dies
ist
der
psychischen Gesundheit
abträglich, da
Vermeidungsziele weder eine effiziente Zielverfolgung noch eine echte Zielerreichung ermöglichen:
auch wenn ein negatives Ereignis erfolgreich vermieden werden konnte, bedeutet dies nicht die
Abwendung der generellen Gefahr des Eintretens weiterer negativer Ereignisse. Ist die psychische
Aktivität auf meist durch negative Emotionen begleitete Vermeidungsziele ausgerichtet, wird
entsprechend viel Energie und Aufmerksamkeit gebunden, ohne dass das Zufriedenheitsgefühl einer
tatsächlichen Zielerreichung, wie es über die Realisierung von Annäherungszielen möglich wäre,
eintritt.
Unter Berücksichtigung dieser
Annahmen sollten Menschen mit ausgeprägten
Vermeidungszielen weniger positive Emotionen erleben, ein schlechteres Wohlbefinden und letztlich
eine schlechtere psychische Gesundheit haben (Grawe, 2004).
Zur empirischen Untersuchung von motivationalen Zielen wurde in der Arbeitsgruppe um Klaus
Grawe der Fragebogen zur Analyse motivationaler Schemata (FAMOS; Grosse Holtforth & Grawe,
2000) entwickelt. Die Wahl des Schema-Begriffs ist hier zunächst irreführend, da de facto nicht
vollständige motivationale Schemata, sondern lediglich die Kernkomponenten derselben, die
motivationalen
Ziele,
durch
das
Messinstrument
erfasst
werden.
im
Rahmen
der
Fragebogenkonstruktion ergaben sich durch die faktoranalytische Überprüfung von Therapiezielen in
einer
großen
Zahl
therapeutischer
Fallkonzeptionen
schlussendlich
14
psychometrisch
zufriedenstellende Skalen für Annäherungsziele und 9 Skalen für Vermeidungsziele1. Die benannten
Ziele erfassen sowohl Ziele im zwischenmenschlichen Bereich (z.B. Spannungen mit Anderen) als auch
1
Annäherungsziele: Intimität/Bindung, Geselligkeit, Anderen helfen, Hilfe bekommen, Anerkennung/Wert-schätzung,
Überlegen sein/Imponieren, Autonomie, Leistung, Kontrolle haben, Bildung/Verstehen, Glauben/ Sinn, Das Leben
auskosten, Selbstvertrauen/Selbstwert, Selbstbelohnung; Vermeidungsziele: Alleinsein/Trennung, Geringschätzung,
Erniedrigung/Blamage, Vorwürfe/Kritik, Abhängigkeit/Autonomieverlust, Spannungen mit Anderen, Sich verletzbar
machen, Hilflosigkeit/Ohnmacht und Versagen
6
Theoretischer Hintergrund
Ziele, die weitgehend losgelöst von anderen realisierbar sind (z.B. Glauben/Sinn). Da im Rahmen der
vorliegenden Arbeit spezifisch interpersonale Aspekte psychopathologischen Erlebens und
Verhaltens im Zentrum des Forschungsinteresses stehen, soll hinsichtlich der Bedeutung von
motivationalen Zielen für entsprechende Entwicklungen der Fokus ebenfalls auf die interpersonale
Domäne gelegt werden. Im Folgenden wird daher ergänzend zur Konsistenztheorie ein spezifisch
interpersonales Modell zur Konzeptualisierung von Motiven und Zielen vorgestellt.
2.1.3
Interpersonale Motive und Ziele
Mit dem Interpersonalen Circumplexmodell steht ein Modell zur Verfügung, dessen zentrales
Moment die Interpersonalität im Erleben und Verhalten ist. Dieses Modell soll im Folgenden kurz in
seinen grundlegenden Komponenten und Annahmen skizziert werden. Anschließend wird spezifisch
auf die Konzeption und Bedeutung interpersonaler motivationaler Ziele eingegangen, bevor
abschließend eine Integration in das konsistenztheoretische Modell erfolgt.
Das Interpersonale Circumplexmodell (im Folgenden mit IPC abgekürzt) dient der Untersuchung der
Gesetzmäßigkeiten zwischenmenschlichen Erlebens und Verhaltens in dyadischen Interaktionen
(Thomas & Strauß, 2008) und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zum etabliertesten Modell
zur Konzeptualisierung interpersonaler Phänomene entwickelt (Locke, 2011). Die Anfänge dieser
modernen Interpersonalen Theorie sind dabei auf die Überlegungen des Psychoanalytikers Harry
Stack Sullivan zurückzuführen, der postulierte, dass das, was den Menschen ausmache, in der
spezifischen Interaktion seiner biologischen Grundausstattung mit der physiochemischen und
interpersonalen Umwelt zu suchen sei. Hinsichtlich der Interpersonalität von Situationen vertrat er
die These, diese beinhalteten reziproke Prozesse, in denen komplementäre Bedürfnisse ausgelöst
und intensiviert, vom Gegenüber entsprechend reziproke Aktivitätsmuster entwickelt und die
Befriedigung ähnlicher Bedürfnisse erleichtert würden (Sullivan, 1953). In den 50er Jahren wurden
diese Ideen von Timothy Leary Jr. zum bis heute aktuellen IPC weiterentwickelt (Leary, 1957) und von
Lorr und McNair (1963; 1965) schließlich der multivariaten Statistik zugänglich gemacht.
Grundgedanke der Theorie ist die Annahme, dass zwischenmenschliches Erleben und Verhalten auf
verschiedensten Dimensionen variiert, dass diese Variation jedoch nicht zufällig ist, sondern
Gesetzmäßigkeiten folgt und sich entsprechend konzeptualisieren lassen sollte. In diesem
Zusammenhang wurden verschiedenste interpersonale Phänomene (Dispositionen, Verhalten,
Adjektive,
Probleme
etc.;
siehe
Locke,
2011)
mithilfe
unterschiedlicher
Methoden
(Ähnlichkeitsratings, faktoranalytische Methoden, Multi Dimensional Scaling) auf struktureller Ebene
untersucht. Unabhängig von der spezifischen Domäne und Methode fanden sich konsistent zwei
orthogonale Dimensionen, welche in hohem Ausmaß Variationen in der Bedeutung interpersonaler
Theoretischer Hintergrund
7
Variablen erklären konnten (Foa, 1961; Wiggins, 1979). Die Bezeichnungen für diese zwei
Dimensionen variieren naturgemäß, sie können jedoch unter den Begriffen Communion und Agency
subsummiert werden. Bei Grosse Holtforth, Thomas und Caspar (2011) werden diese beiden
grundlegenden interpersonalen Orientierungen wie folgt definiert:
„Agency (also called efficacy or control) refers to the pursuit of independence and autonomy of the individual
and aims at control, assertiveness, and self-enhancement. Communion (also called community or love) refers to
the self as a part of a community and is geared toward closeness, affection, and cooperation.” (Grosse
Holtforth, Thomas & Caspar, 2011; S. 109)
Communion spannt demnach eine Dimension zwischen den Polen warm/verbunden/zugeneigt und
distanziert/kalt/feindselig auf, Agency eine Dimension zwischen den Polen beeinflussend/
kontrollierend/dominierend und unterwürfig/submissiv/nachgiebig. Interpersonale Phänomene
ordnen sich kreisförmig um diese beiden Achsen an, sodass jede mögliche Ausprägung einer
interpersonalen Variablen als eine gewichtete Kombination der beiden Dimensionen konzeptualisiert
werden kann (Locke, 2011). Variablen, die auf diesem Kreismodell eng beieinander liegen, also
ähnliche Koordinaten haben, sollten sich auch semantisch ähnlich sein und positiv korrelieren,
Variablen, die sich auf dem Kreismodell gegenüber liegen, sollten dagegen negativ korreliert sein.
Wiggins (1979) unterteilte den durch die beiden Dimensionen aufgespannten interpersonalen Raum
in acht Bereiche (Oktanten). Jeder Oktant reflektiert eine bestimmte gewichtete Kombination der
beiden Hauptachsen, per Konvention wird jedem der acht Bereiche eine bestimmte
Buchstabenkombination sowie die Ausprägung von Agency (A) und Communion (C) zugewiesen. So
beinhaltet beispielsweise der Sektor NO (+A +C) freundlich-dominierendes Verhalten, während im
Oktanten FG (-A -C) unterwürfig-distanzierte Verhaltensweisen abgebildet werden können.
In
Abbildung 1 ist das IPC dargestellt. Mithilfe der Unterteilung des interpersonalen Raums in acht
Bereiche ist es möglich, interpersonale Variablen zu ausreichend differenzierenden Skalen zu
gruppieren, um sie einer kategorialen Erfassung zugänglich zu machen. Oktanten, die nahe
beieinander liegen, sollten dabei analog zu den Annahmen der dimensionalen Konzeptualisierung
positiv korreliert sein, sich gegenüberliegende Oktanten sollten negativ korrelieren. Oktanten, die im
90°-Winkel zueinander liegen, sollten unkorreliert sein.
Es existiert eine Vielzahl an Messinstrumenten, die in der Tradition des IPC verschiedenste Domänen
interpersonaler Funktionalität erfassen, deren ausführliche Darstellung jedoch den Rahmen der
vorliegenden Arbeit übersteigen würde. Eine gute Übersicht über psychometrisch evaluierte
Messinstrumente findet sich bei Locke (2011). Um den Anforderungen an ein CircumplexMessinstrument zu genügen, müssen nach Gurtman (1994; zit. nach Thomas, Locke & Strauß, 2012b)
die folgenden theoretischen Eigenschaften des geometrischen Modells gegeben sein: (1)
Unterschiede zwischen Variablen lassen sich reduzieren auf Unterschiede in Agency/Communion; (2)
8
Theoretischer Hintergrund
Die zwei Dimensionen klären bei allen Variablen gleich viel Varianz auf (einheitlicher Radius); (3) Alle
Rotationen der zwei Dimensionen bilden gleichermaßen gute Repräsentationen des interpersonalen
Raums ab, d.h. die Variablen sind entlang dieser Achsen nicht gruppierbar; (4) Die Winkeldifferenzen
der benachbarten Variablen sind einheitlich, entsprechend existieren in einem perfekten Circumplex
mit acht Variablen vier Winkeldifferenzen bei 45, 90, 135 und 180 Grad. Beispiele für Instrumente,
die den Gurtman’schen Kriterien in ausreichend stabilem Maße genügen, sind die Interpersonal
Adjectives Scale (Wiggins, Trapnell & Phillips, 1988), das Interpersonal Sensitivities Circumplex
(Hopwood, Ansell, Pincus, Wright, Lukowitsky & Roche, 2011; Zimmermann, Keßler, Schicktanz, Lown
& Hopwood, 2013), die Circumplex Scales of Interpersonal Efficacy (Locke & Sadler, 2007), die
Circumplex Scales of Interpersonal Values (Locke, 2000; Thomas et al., 2012b) oder Inventory of
Interpersonal Problems (Horowitz, Dryer & Krasnoperova, 1997; Horowitz, Strauß & Kordy, 2000).
Abbildung 1: Interpersonales Circumplexmodell
Das IPC stellt jedoch nicht ausschließlich ein Modell zur differenzierten Beschreibung interpersonaler
Phänomene dar, es erleichtert auch die Vorhersage von Verhalten. Zentrales Agens
zwischenmenschlicher Interaktion ist nach den Annahmen der Interpersonalen Theorie das
Komplementaritätsprinzip, welches konzeptuell auf die Interaktionelle Kommunikationsanalyse
psychotherapeutischer Beziehungen von Kiesler (1979; 1983) zurückzuführen ist. Dieses Prinzip
beschreibt, dass die interaktionellen Aktionen einer Person mit einer dem Zufall überlegenen
Theoretischer Hintergrund
9
Wahrscheinlichkeit komplementäre Reaktionen des Interaktionspartners2 (Horowitz, Wilson, Turan,
Zolotev, Constantino & Henderson, 2006) insofern evozieren, als Verhaltensweisen auf der AgencyAchse gegenläufige, auf der Communion-Achse dagegen reziproke Reaktionen hervorrufen.
Zugeneigt-freundliches Anführen (+A +C) sollte entsprechend dieser Annahmen mit hoher
Wahrscheinlichkeit zugeneigt-freundliches Nachfolgen (-A +C) nach sich ziehen.
Viele Forschungsarbeiten haben sich in den letzten Jahrzehnten mit der Gültigkeit des
Komplementaritätsprinzips auseinandergesetzt (Ansell, Kurtz, & Markey, 2008; Markey, Funder, &
Ozer, 2003; Markey & Markey, 2013; Sadler, Ethier, Gunn, Duong, & Woody, 2009; Sadler & Woody,
2003; Tiedens & Fragale, 2003; Tracey, 2004). Während das Postulat für die „warme“ Seite des
Circumplexmodells (+C) mittlerweile als hinreichend bestätigt angesehen werden kann, sind die
Befunde für die „kalte“ Seite (-C) inkonsistent. Es scheint, dass feindseliges oder distanziertes
Verhalten nur in unzureichend zuverlässiger Regelmäßigkeit ebenfalls feindseliges Verhalten nach
sich zieht (Horowitz et al., 2006). Tracey (1994; 2004) konnte in diesem Zusammenhang zeigen, dass
freundliches Antwortverhalten eine wesentlich höhere Basisrate hat als feindseliges Verhalten, auch
wenn das evozierende Verhalten feindselig war.
Unter mehreren möglichen Erklärungen für diese Befunde stellen Horowitz et al. (2006) mit dem
Revised Circumplex Model erstmals eine umfassende theoretische Konzeption vor, die die Bedeutung
motivationaler Ziele als maßgebliche Determinanten psychischer Funktion in die Überlegungen zum
Komplementaritätsprinzip mit einbezieht. In Einklang mit gängigen Motivationstheorien (für eine
Übersicht siehe Schmalt & Langens, 2009) gehen die Autoren davon aus, dass jedes (interpersonale)
Verhalten motiviert ist, dass die relative Bedeutung bestimmter Motive jedoch sowohl zwischen
Personen als auch innerhalb einer Person über verschiedene Situationen und die Zeit variieren kann.
Weiterhin postulieren sie, dass dem gleichen interpersonalen Verhalten unterschiedliche Motive
zugrunde liegen können. So kann jemand beispielsweise in einem Fußballverein sein, um zu einem
Team zu gehören (Communion), oder um Wettkämpfe zu gewinnen (Agency). Ebenso können in der
gleichen Situation unterschiedliche Motive aktiviert sein, die entweder kompatibel oder
konfligierend sind. Im letzteren Fall mag ein spezifisches Verhalten in einer bestimmten Situation
eines der Motive befriedigen, ein anderes hingegen frustrieren. Um ein bestimmtes Verhalten und
dessen Konsequenzen zu verstehen, ist es demnach unabdingbar, die motivationalen Absichten
hinter diesem Verhalten näher zu betrachten. Dass dies in der IPC-Tradition bislang nur in
unzureichendem Maße berücksichtigt wurde, führen die Autoren als einen möglichen Grund für die
mangelhafte Konsistenz der Befunde zum Komplementaritätsprinzip an.
2
Zur Vereinfachung des Leseflusses wird hier und im Folgenden die unmarkierte Form verwendet. Sind
Aussagen geschlechtsspezifisch zu verstehen, wird dies an den betreffenden Stellen entsprechend expliziert.
10
Theoretischer Hintergrund
Da, wie oben beschrieben, die Betrachtung interpersonaler Motivation in der Forschung zum IPC
lange vernachlässigt wurde, ist auch die Entwicklung entsprechender Messinstrumente
vergleichsweise neu (Gable, 2006). Mit dem FAMOS (Grosse Holtforth & Grawe, 2000) steht zwar ein
gut etabliertes und psychometrisch zufriedenstellendes Instrument zur Erfassung motivationaler
Annäherungs- und Vermeidungsziele zur Verfügung, zur ausdrücklichen Untersuchung spezifisch
interpersonaler Motivation im Rahmen der IPC-Tradition wurde es jedoch nicht entwickelt (Grosse
Holtforth, Pincus, Grawe, Mauler, & Castonguay, 2007) Auch wenn sich in mehreren Studien
interpersonaler Gehalt für acht bis neun der Annäherungsziele und sechs der Vermeidungsziele
zeigen ließ (Grosse Holtforth, Bents, Mauler, & Grawe, 2006; Grosse Holtforth et al., 2007),
verdeutlichten diese Studien gleichzeitig, dass die mit dem FAMOS erfassten Ziele keineswegs den
gesamten interpersonalen Raum abdecken. Für die „kalte“ Seite (-C) ergaben sich in beiden Studien
keine passenden FAMOS-Ziele mit Ausnahme des Vermeidungsziels Vulnerabilität, welches zwischen
HI und FG lokalisiert werden konnte. Alle übrigens FAMOS-Skalen mit interpersonalem Gehalt waren
auf der „warmen“ Seite des Modells (+C) abgebildet (Grosse Holtforth et al., 2007). Eine Alternative
zur vollständigen Abbildung des interpersonalen motivationalen Raums stellen die explizit nach
Circumplexkriterien (Alden, Wiggins, & Pincus, 1990) konstruierten Circumplex Scales of Interpersonal
Values (CSIV, Locke, 2000; dt. Version von Thomas et al., 2012b) dar. Die im Englischsprachigen
verwendete Bezeichnung values ist hier irreführend, da Werte im allgemeinen Verständnis auf einer
höheren Abstraktionsebene zu verorten sind als Ziele (Grawe, 2004; Grosse Holtforth et al., 2011).
Tatsächlich werden mit der CSIV jedoch am ehesten motivationale Ziele im konsistenztheoretischen
Sinne erfasst, was in der deutschen Übersetzung des Instruments auch deutlich wird: In ihrem
Artikel zur deutschen Version der CSIV, dem Inventar Interpersonaler Motive (IIM), definieren die
Autoren das mit dem Instrument erfasste Konstrukt als „explizite (bewusst repräsentierte),
interpersonal ausgerichtete, motivationale Ziele“ (Thomas et al., 2012b; S. 212). Diese Definition
grenzt die interpersonalen Ziele somit zum einen von un- oder vorbewussten motivationalen
Ausrichtungen und zum anderen von nicht interpersonal ausgerichteten motivationalen Zielen ab.
Den Autoren des Revidierten Interpersonalen Circumplexmodells (Horowitz et al., 2006) gelingt mit
der Betonung der Bedeutsamkeit interpersonaler Motive als Determinante manifesten Verhaltens
ein bemerkenswerter Brückenschlag zu den zentralen Annahmen der Konsistenztheorie. Mit dem IIM
(Thomas et al., 2012b) steht zudem ein den Circumplexkriterien genügendes Messinstrument zur
Erfassung motivationaler Ziele mit spezifisch interpersonalem Gehalt zur Verfügung. Auch die
beschriebenen
Überlegungen
Motivbefriedigung
und
hinsichtlich
-frustration
decken
der
sich
Mechanismen
mit
den
und
im
Konsequenzen
Folgenden
konsistenztheoretischen Postulaten zur Regulation psychischen Geschehens.
von
dargestellten
Theoretischer Hintergrund
2.1.4
11
Konsistenzregulation
Dass im psychischen System meist viele Prozesse zeitgleich ablaufen, die der Befriedigung
unterschiedlicher Bedürfnisse bei paralleler Aktivierung verschiedener motivationaler Schemata
dienen können, ist eine Kernannahme der Konsistenztheorie. Grawe (1998; 2004) geht davon aus,
dass der Organismus nach Vereinbarkeit dieser gleichzeitig ablaufenden neuronalen und psychischen
Prozesse strebt. Diesen Zustand bezeichnet er als Konsistenz. Das Streben nach Konsistenz ist
demnach als ein Grundprinzip der innerorganismischen Regulation zu verstehen, das allen anderen
Bedürfnissen übergeordnet ist. Mit der flow experience beschreibt Csikszentmihalyi (1990) einen
Zustand völliger Konsistenz, in dem alle Wahrnehmungen und Ziele übereinstimmen und keine
konkurrierenden Intentionen vorliegen. Auch wenn solche Zustände meist nur für kurze Zeit erreicht
werden, ist eine ausreichend hohe Konsistenz im psychischen Geschehen nach Grawe Voraussetzung
für gutes psychisches Funktionieren und damit auch Bedingung für eine gute Befriedigung der Grundbedürfnisse (Grawe, 2004). Gleichzeitig ablaufende psychische Prozesse können jedoch auch
unvereinbar miteinander sein, interferieren oder sich gegenseitig hemmen. Das Ausmaß, in dem dies
der Fall ist, wird als das Ausmaß psychischer Inkonsistenz bezeichnet (Fries & Grawe, 2006).
Die Konsistenzregulation wird aus konsistenztheoretischer Sicht über verschiedene FeedbackMechanismen realisiert, die Rückmeldungen zwischen verschiedenen Ebenen des psychischen
Geschehens geben und so gegebenenfalls nötige Adaptationen ermöglichen. Zwei dieser
Mechanismen, Kongruenz und Konkordanz, sind dabei besonders bedeutsam:
„Diskordanz und Inkongruenz stellen zwei besonders wichtige Formen von Inkonsistenz im psychischen
Geschehen dar. Diskordanz meint die Nichtvereinbarkeit zweier oder mehrerer gleichzeitig aktivierter
motivationaler Tendenzen, Inkongruenz die Nichtübereinstimmung der realen Erfahrungen mit den aktivierten
motivationalen Zielen. In beiden Fällen sind gleichzeitig neuronale Erregungsmuster aktiviert, die nicht
miteinander vereinbar sind. […] Diskordanz und Inkongruenz sind für die psychische Gesundheit deswegen
besonders wichtig, weil sie mit der Aktivierung wichtiger motivationaler Ziele verbunden sind, und die
Aktivierung wichtiger Ziele geht immer mit starken Emotionen einher.“ (Grawe, 2004, S.190).
Bestehen im Organismus Hinweise auf Inkonsistenz im psychischen Geschehen, werden sogenannte
Konsistenzsicherungsmechanismen eingesetzt, welche dazu dienen, die Inkonsistenz zu verringern.
Beispiele hierfür sind Strategien der Emotionsregulation, Copingstrategien oder Verdrängung
(Grawe, 2004). Für die vorliegende Arbeit ist vor allem der Zustand der Inkongruenz, also der
Unvereinbarkeit der realen Erfahrungen mit den aktivierten motivationalen Zielen, sowie der
Umgang mit demselben im Kontext psychischer Störungen von zentraler Bedeutung. Im Folgenden
sollen daher Konsequenzen von Inkongruenz für die psychische Gesundheit näher beleuchtet
werden.
12
2.1.5
Theoretischer Hintergrund
Folgen von Inkongruenz
Die mit der Inkongruenz beschriebene Unvereinbarkeit von Wahrnehmungen der Realität mit
aktuellen motivationalen Zielen geht mit einer Nichterfüllung angestrebter Ziele und darauf folgend
dem Erleben negativer Emotionen einher. Dauert ein solcher Zustand länger an, kommt es zu einer
prolongierten aversiven Erregung, welche auch als Stress bezeichnet werden kann (Fries & Grawe,
2006). Daraus entstehende neue psychische Prozesse, die im Sinne der Konsistenzsicherung eine
kurzfristige Verringerung der Inkongruenz bewirken, werden verstärkt, da sie zunächst entlastend
wirken. Diese neuen psychischen Prozesse dienen jedoch nicht der Erreichung des ursprünglichen
motivationalen Ziels, sondern lediglich der Reduktion der durch die Inkongruenz hervorgerufenen
negativen Emotionen. Im Rahmen der Konsistenztheorie wird angenommen, dass bestimmte
Aspekte
psychischer
Störungen
häufig
eine
diesen
Überlegungen
entsprechende
konsistenzregulierende Funktion haben (Fries & Grawe, 2006). So zeigt sich, dass vielen psychischen
Störungen ein Kontrollaspekt innewohnt, der dazu dient, aversive Emotionen abzuschwächen.
Beispiele hierfür sind das Vermeidungsverhalten bei phobischen Störungen, die Rumination oder der
soziale Rückzug bei depressiven Störungen oder die exzessiven Sorgen bei der generalisierten
Angststörung. Am Beispiel der sozialen Phobie lässt sich dies wie folgt verdeutlichen: Die erlebte
Inkongruenz zwischen dem Ziel (beispielsweise ein für das Studium notwendiges Referat erfolgreich
halten) und der Wahrnehmung der aktuellen Realität (als inkompetent, nicht ausreichend vorbereitet
oder lächerlich) wird dadurch reduziert, dass die Situation verlassen oder gar nicht erst aufgesucht
wird, was zwar die aktuelle Inkongruenz verringert, langfristig jedoch nicht der Zielerreichung dient.
So sind psychische Störungen unter konsistenztheoretischer Perspektive zum einen direkte Folge von
Inkongruenz, zum anderen Ursprung neuer Inkongruenz.
Fries und Grawe (2006) konnten in einer Metaanalyse zeigen, dass psychische Inkongruenz mit
mittlerer Effektstärke mit Depression und allgemeiner psychopathologischer Symptombelastung
zusammenhängt.
Wohlbefindens
Studien
und
dem
zu
Zusammenhängen
Ausmaß
an
zwischen
psychischer
verschiedenen
Inkongruenz,
Variablen
erfasst
über
des
den
Inkongruenzfragebogen (INK; Grosse Holtforth & Grawe, 2003), sprechen zudem für einen deutlich
negativen Zusammenhang zwischen beiden Konstrukten (Berking, Grosse Holtforth, & Jacobi, 2003).
Überlegungen zur konsistenztheoretischen Konzeptualisierung depressiver Störungen, die im
Rahmen der vorliegenden Arbeit von zentralem Interesse sind, ist in Absatz 2.3.4 ein eigenes Kapitel
gewidmet. In Abbildung 2 ist das konsistenztheoretische Modell in Anlehnung an Grawe (2004; S.
189) unter Berücksichtigung aller in diesem Kapitel vorgestellten Komponenten grafisch dargestellt.
Theoretischer Hintergrund
13
Abbildung 2: Konsistenztheoretisches Modell psychischer Funktion
2.1.6
Die
Transkulturelle Validität der konsistenztheoretischen Annahmen
Konsistenztheorie
als
allgemeines
Funktionsmodell
psychischen
Geschehens
erhebt
Universalitätsansprüche für ihre zentralen Komponenten und Mechanismen. Grawe (2004) führt
multiple Befunde zur neuronalen Repräsentation der Grundbedürfnisse an und leitet aus diesen den
Anspruch auf Allgemeingültigkeit derselben ab. Auch die Mechanismen der Konsistenzregulation, die
Folgen psychischer Inkongruenz sowie die Folgen, die aus vermehrten Vermeidungszielen für die
psychische Gesundheit resultieren, sollten von kultureller oder gesellschaftlicher Prägung
unbeeinflusst bleiben (Tamcan, 2005). Welche motivationalen Ziele eine Person zur Befriedigung
ihrer Grundbedürfnisse entwickelt, ist jedoch abhängig von der Lebensumgebung, in der sich eine
Person befindet, da in unterschiedlichen Lebensumwelten unterschiedliche Ziele zur Befriedigung der
Grundbedürfnisse erfolgversprechend sind. Der Inhalt motivationaler Ziele und Schemata sollte
dementsprechend kultureller Beeinflussung unterliegen (Grosse Holtforth & Grawe, 2004). Zwar
wurden die gängigen konsistenztheoretischen Mess-instrumente (INK, FAMOS) bereits in mehrere
Sprachen (u.a. französisch, italienisch, englisch und türkisch) übersetzt und so Hinweise auf die
Universalität der grundlegenden Mechanismen der Konsistenztheorie gesammelt (Tamcan, 2005),
jedoch liegen laut Kenntnis der Autorin bisher lediglich zwei Arbeiten vor, die sich mit der
transkulturellen
Validität
motivationaler
Schemata
durch
Überprüfung
Vergleichbarkeit derselben im engeren Sinne auseinandergesetzt haben.
der
kulturellen
14
Theoretischer Hintergrund
Tamcan (2005) untersuchte die motivationalen Ziele sowie die Auswirkungen von Inkongruenz und
vermehrten Vermeidungszielen auf das Wohlbefinden bei Schweizern und Türken. Insgesamt ergab
sich eine signifikant stärkere Ausprägung von Vermeidungszielen bei Türken gegenüber Schweizern.
Der
erwartete
negative
Zusammenhang
zwischen
Vermeidungszielen
und
psychischem
Wohlbefinden zeigte sich in der türkischen Stichprobe wesentlich schwächer als angenommen.
Ebenso ergab sich bei den türkischen Probanden ein signifikant geringerer Zusammenhang zwischen
dem Gesamtmaß der Inkongruenz und Indikatoren psychischen Wohlbefindens als bei den
Probanden aus der Schweiz. Der Universalitätsanspruch für den Zusammenhang zwischen
Vermeidungszielen/ Inkongruenz und Psychopathologie muss demnach zumindest für den absoluten
Ausprägungsgrad desselben in Frage gestellt werden. Auch wenn Tamcan (2005) auf theoretischer
Ebene eine gute Einordnung seiner Befunde auf verschiedenen Kulturdimensionen gelingt, wurde
eine direkte empirische Erfassung kultureller Merkmale auf individueller Ebene, wie es aktuellen
Standards der kulturvergleichenden psychologischen Forschung entspräche (siehe Absatz 2.2.2.1),
nicht vorgenommen. So müssen die berichteten Ergebnisse zu den Auswirkungen von nationaler
Zugehörigkeit auf die motivationalen Ziele schlussendlich rein beschreibender Natur bleiben.
Boysen (2011) ging in ihrer Arbeit einen Schritt weiter und untersuchte zum einen, ob sich
Unterschiede in den motivationalen Ziele zwischen einer deutschen und einer chilenischen
Stichprobe zeigen lassen, zum anderen überprüfte sie empirisch den Erklärungswert kultureller
Merkmale auf individueller Ebene für die gefundenen Unterschiede. Sie fand für 16 der 23 FAMOSSkalen bedeutsame Unterschiede zwischen Deutschen und Chilenen, wobei die Chilenen in allen
Skalen höhere Werte aufwiesen. Als bedeutsame kulturelle Merkmale ergaben sich das Selbstbild
(Markus & Kitayama, 1991; siehe Absatz 2.2.3) sowie das Vorhandensein familiärer Normen (Freund,
Zimmermann, Pfeiffer, Conradi, Hunger, Riedel, … Kämmerer, 2012; siehe Absatz 2.2.3). Anzumerken
ist, dass die Chilenen auch auf diesen Variablen durchgängig höhere Werte aufwiesen. Entgegen der
konsistenztheoretischen Annahmen, aber konsistent mit den oben berichteten Befunden von
Tamcan (2005), fanden sich keine Zusammenhänge zwischen der Gesamtskala Vermeidungsziele und
der Depressivität in der chilenischen Stichprobe – das Postulat kulturübergreifender negativer
Zusammenhänge zwischen Vermeidungsmotivation und Indikatoren psychischen Wohlbefindens
findet also auch in der Studie von Boysen (2011) keine Unterstützung. Die Autorin ordnet diesen
Befund in eine Reihe von Studien ein, die Hinweise darauf liefern, dass sich Motivation zwischen
Kulturen unterscheidet (Hamamura & Heine, 2008; Heine & Raineri, 2009) und dass abhängig vom
kulturellen Hintergrund Vermeidungsmotivation auch bei Gesunden im Vordergrund stehen kann,
sodass Zusammenhänge mit psychopathologischen Entwicklungen entsprechend geringer ausfallen
(Boysen, 2011). Auch wenn diese Arbeit hilfreiche Hinweise darauf liefert, dass die Suche nach
kulturvermittelnden Mechanismen zur Erklärung von nationalen Unterschieden in der Ausprägung
Theoretischer Hintergrund
15
verschiedener motivationaler Ziele vielversprechend ist, ist die Interpretation der Ergebnisse durch
einige methodische Besonderheiten erschwert: zum einen muss die Auswahl der Kulturvariablen bei
Boysen (2011) kritische Betrachtung finden, da vor allem independentes und interdependentes
Selbstbild in jüngerer Zeit vermehrt methodischer und inhaltlicher Kritik ausgesetzt waren (Hardin,
2006; siehe Absatz 2.2.3). Zudem zeigte sich, dass die chilenischen Probanden in allen untersuchten
Skalen, sowohl des FAMOS als auch der kulturellen Kontextvariablen, durchweg höhere Mittelwerte
aufwiesen als die deutschen Probanden. Eine Beeinflussung der Ergebnisse durch in der
kulturvergleichenden psychologischen Forschung vielfach diskutierte nationale Unterschiede in
Antworttendenzen kann hier nicht ausgeschlossen werden. Auf die Bedeutsamkeit von und den
Umgang mit Antworttendenzen wird in Absatz 2.2.2.2 näher eingegangen.
Aus den berichteten Arbeiten kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass kulturelle
Unterschiede in den motivationalen Zielen vermutlich bestehen, deren Zustandekommen und
Auswirkungen jedoch bisher nicht abschließend erklärt werden konnten, was unter anderem auf
methodische und inhaltliche Besonderheiten hinsichtlich des Kulturvergleichs zurückzuführen ist. Im
nächsten Kapitel erfolgt daher eine generelle Herleitung der Bedeutung, Vorgehensweise und Ziele
kulturvergleichender psychologischer Forschung.
2.2
Kultur und kulturvergleichende psychologische Forschung
Eines der Kernelemente der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung klinisch-psychologischer
Phänomene im Kulturvergleich zwischen Deutschland und Chile. Im folgenden Kapitel soll daher die
Bedeutung von Kultur für die Psychologie näher betrachtet werden. Es erfolgt zunächst die
Herleitung einer dieser Arbeit zugrunde liegenden Definition von Kultur (2.2.1). Anschließend wird
das in der heutigen kulturvergleichenden Forschung am häufigsten angewendete Arbeitsmodell zur
Untersuchung kultureller Phänomene dargestellt und besondere methodische Herausforderungen
kulturvergleichender Studien erläutert (2.2.2). Es schließt sich die Begründung der Auswahl und die
Beschreibung der in dieser Studie untersuchten Kulturvariablen an (2.2.3 und 2.2.4).
2.2.1
Entwicklung einer Arbeitsdefinition von Kultur
Überlegungen zur Bedeutung von Kultur für das menschliche Erleben und Verhalten gewinnen zwar
im Prozess der Globalisierung zunehmend an Einfluss (Freund et al., 2012; van de Vijver &
Matsumoto, 2011), lassen sich historisch jedoch viel weiter zurückverfolgen (für eine Übersicht siehe
Triandis, 2007). Bis in die gegenwärtige Kulturforschung und -theorie lassen sich dabei zwei generelle
Wissenschaftszugänge identifizieren, welche unter den Begriffen Emische und Etische Perspektive
16
Theoretischer Hintergrund
subsumiert werden können (Helfrich, 2003; Triandis, 2007). Die englischen Begriffe emic und etic
stehen wörtlich übersetzt für bedeutungsunterscheidend (emisch) und nicht bedeutungsunterscheidend (etisch) (Tamcan, 2005). Unter emics werden entsprechend Konzepte und Elemente
verstanden, die für eine Kultur spezifisch und demnach nicht übertragbar sind. Vertreter der
emischen Perspektive finden sich vor allem in der Anthropologie und Ethnologie. Sie gehen davon
aus, dass eine Gesellschaft nur von innen heraus verstanden werden kann und Übertragungen von
einer Kultur auf eine andere schlussendlich unzulässig sind (Shweder, 1999), da innerhalb von
Kulturen ein ständiger interaktiver Prozess zwischen den Menschen und ihrer soziokulturellen
Umgebung stattfindet, sodass eine Abgrenzung derselben voneinander nicht möglich ist (Shweder,
1991). Aus emischer Perspektive stellt jede Kultur ein in sich geschlossenes System dar, welches sich
grundlegend von anderen Systemen (Kulturen) unterscheidet. Aus dem emischen Kulturverständnis
heraus hat sich in der psychologischen Forschung die Kulturpsychologie entwickelt, welche vorrangig
mit qualitativen Methoden arbeitet und den Anspruch hat, eine Kultur von innen heraus als Ganzes
zu verstehen. Die Kulturvergleichende Psychologie hingegen, in deren Forschungstradition auch die
vorliegende Arbeit zu verorten ist, versteht Kultur aus einer etischen Perspektive heraus. Unter etics
werden solche kulturellen Elemente oder Konzepte verstanden, die in den meisten, wenn nicht allen,
Kulturen vorkommen (Triandis, 2007), sich jedoch in ihrer Ausprägung bzw. Ausrichtung zwischen
den Kulturen unterscheiden (Cohen, 2009; Segall, Lonner & Berry, 1998). Triandis (1996) hat in
diesem Zusammenhang den Begriff kulturelles Syndrom geprägt (Oyserman & Sorensen, 2009).
Entsprechend arbeitet die kulturvergleichende psychologische Forschung eher mit den in der
empirischen Psychologie gängigen quantitativen Methoden und hat den Anspruch, das allen Kulturen
Gemeinsame (Universelle) zu isolieren sowie die spezifischen Ausformulierungen dessen in
verschiedenen kulturellen
Kontexten
zu
vergleichen,
um
sich so schlussendlich
einer
allgemeingültigen, universellen Theorie des psychischen Geschehens anzunähern.
Vor dem Hintergrund der andauernden und kontroversen Diskussionen zwischen den Vertretern der
verschiedenen wissenschaftlichen Ausrichtungen existiert eine Vielzahl von sich teilweise deutlich
unterscheidenden Definitionen von Kultur (Jahoda, 2007; Kroeber & Kluckhohn, 1963). Die diesen
Definitionen gemeinsamen Kernelemente werden bei Triandis (2007) wie folgt zusammengefasst:
„(…) almost all researchers see certain aspects as characteristics of culture. First, culture emerges in adaptive
interactions between humans and environments. Second, culture consists of shared elements. Third, culture is
transmitted across time periods and generations.” (Triandis, 2007; S. 63 f.)
Kultur besteht demnach aus kollektiv geteilten Bedeutungen und Praktiken, die sich durch adaptive
Interaktion mit der Umwelt entwickeln und über Generationen hinweg weitergegeben werden. Eine
endgültige und eindeutige Definition von Kultur steht aus (van de Vijver & Matsumoto, 2011) und es
Theoretischer Hintergrund
17
ist zu bezweifeln, dass ein tatsächlicher Konsens über die Bedeutung des Begriffs Kultur jemals
erreicht werden wird. Andere aktuelle Definitionen (z.B. bei Fiske, 2002: „A culture is a socially
transmitted or socially constructed constellation consisting of such things as practices, competencies,
ideas, schemas, symbols, values, norms, institutions, goals, constitutive rules, artifacts, and
modifications of the physical environment“, S. 85) passen sich jedoch gut in die oben beschriebene
minimale Definition von Triandis ein (Cohen, 2009), weshalb diese aus pragmatischen Gründen als
handlungsleitende Arbeitsdefinition dieser Arbeit dienen soll.
2.2.2
Kulturvergleichende psychologische Forschung
Im Folgenden soll zunächst das in der aktuellen kulturvergleichenden psychologischen Forschung
dominierende Arbeitsmodell, der „kulturentpackende Ansatz“ (Bond & van de Vijver, 2011),
vorgestellt werden. Anschließend wird auf diejenigen methodischen Herausforderungen näher
eingegangen, die sich in der kulturvergleichenden Forschung zusätzlich zu denjenigen methodischen
Ansprüchen stellen, die auch in intranationalen empirischen Studien von Bedeutung sind.
2.2.2.1 Der kulturentpackende Ansatz der modernen kulturvergleichenden Forschung
Gruppenvergleiche verschiedener kultureller Gruppen geben zunächst Informationen über
Mittelwertsunterschiede zwischen den untersuchten Gruppen auf psychologischen Zielvariablen. Die
Aussage, dass beispielsweise Chinesen eine stärkere Familienorientierung aufweisen als USAmerikaner, weil sie Chinesen sind, enthält jedoch wenig verwertbare Information (Bond & van de
Vijver, 2011). Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Kultur ein inhaltsleerer Begriff bleibt, wenn nicht
spezifiziert wird, welche Kontextvariablen mit diesem Begriff verbunden sind (Freund et al., 2012).
Die kulturvergleichende Forschung sucht deshalb als Erweiterung zur reinen Konstatierung von
Unterschieden aufgrund der Gruppenzugehörigkeit nach spezifischen Konstrukten auf kultureller
Ebene zur Erklärung dieser Unterschiede (Poortinga, van de Vijver, Joe, & van de Koppel, 1987).
Kultur wird entsprechend dieser Vorstellungen als eine nicht randomisierbare (van de Vijver &
Matsumoto, 2011), nominale Variable der Zugehörigkeit zu einer Gruppe verstanden, der jedoch ein
vielschichtiges System kultureller Kontextvariablen zugrunde liegt (Segall et al., 1998; Freund et al.,
2012), deren Entpackung erst ein Verständnis der Unterschiede ermöglicht. Um diesem Anspruch der
Entpackung von Kultur gerecht zu werden, wurden in der Vergangenheit für kulturvergleichende
Studien häufig kulturelle Gruppen ausgewählt, welche sich hinsichtlich bestimmter kultureller
Kontextvariablen in exemplarischer Form unterscheiden. Fanden sich in psychologischen Variablen
kulturelle Unterschiede, wurden diese auf die vermuteten kulturellen Konstrukte zurückgeführt,
ohne dass eine direkte Erfassung dieser Konstrukte in den untersuchten Gruppen vorgenommen
18
Theoretischer Hintergrund
wurde (Freund et al., 2012). So wurden beispielsweise in der bereits unter Absatz 2.1.6 angeführten
Arbeit von Tamcan (2005) die Unterschiede in motivationalen Zielen zwischen Schweizern und
Türken im Licht der kulturellen Kontextvariablen Individualismus und Kollektivismus (Hofstede, 1980)
erklärt, ohne dass die tatsächliche Ausprägung dieser Dimensionen in den beiden Gruppen empirisch
erfasst worden wäre. Auch wenn hier bereits der Anspruch einer Entpackung von Kultur im Sinne
einer Ausformulierung von auf kultureller Ebene wirksamen Kontextvariablen eine Rolle spielt, ist das
skizzierte
Vorgehen
unter
inhaltlichen
und
methodischen
Aspekten
dennoch
wenig
zufriedenstellend, da letztendlich weiterhin spekulativer Natur bleiben muss, welche spezifischen
kulturellen Variablen die Unterschiede tatsächlich verursacht haben (Cohen, 2007).
Um den oben skizzierten kausalen Geltungsansprüchen kulturvergleichender Fragestellungen
angemessen zu begegnen und die kulturellen Kontextvariablen einer direkten empirischen
Überprüfung zugänglich zu machen, schlagen verschieden Autoren eine zu den psychologischen
Variablen parallele Erfassung der Kulturvariablen auf individueller Ebene vor (unpackaging culture on
the level of individuals; Bond & Tedeschi, 2001; Bond & van de Vijver, 2011; Cohen, 2007;
Friedlmeier, 2010; Triandis, Leung, Villareal, & Clack, 1985; van de Vijver & Leung, 1997). Ein solches
Vorgehen wird vor allem der Kritik hinsichtlich der Missachtung intrakultureller Variation auf den
kulturellen Kontextvariablen, wie sie beispielsweise durch unterschiedliche Sozialisationserfahrungen
innerhalb derselben Kultur entsteht, gerecht (Cohen, 2007). Zudem wird mit dem postulierten
Vorgehen die post hoc-Adaptation von Erklärungen für Gruppenunterschiede vereitelt, da per
definitionem die Spezifizierung der interessierenden kulturellen Konstrukte vor der Erhebung der
Zielvariablen erfolgen muss. Unter methodischen Gesichtspunkten entspricht die Überprüfung des
oben skizzierten Modells der Überprüfung eines Mediatormodells (Bond & van de Vijver, 2011;
MacKinnon, Fairchild, & Fritz, 2007).
In jüngerer Zeit wurde die Gleichsetzung von Kultur und Nation vermehrt als zu kurz gegriffen
kritisiert, da durch eine solche Gleichsetzung Unterschiede zwischen anderen sozialisationsbedingten
Gruppierungen wie Religionen, sozialen Klassen oder Regionen außer Acht gelassen würden (Cohen,
2009). Für die vorliegende Arbeit von übergeordneter Bedeutung ist jedoch, dass es bisher, mit
Ausnahme von groß angelegten multinational-multizentrischen Projekten, an kulturvergleichenden
Studien mangelt, die Länder Lateinamerikas oder Afrikas überhaupt in den Fokus nehmen (Kim-Prieto
& Eid, 2004), sodass mit dem vorliegenden geplanten Vergleich zwischen den nationalen Gruppen
Deutschland und Chile eine unter forschungspraktischen Überlegungen sinnvolle Konzeptualisierung
von Kultur zur Schließung einer generellen Forschungslücke angestrebt wird.
Ebenfalls kritisiert wurde die in der Vergangenheit sehr prominente, aber einseitige Interpretation
von kulturellen Unterschieden ausschließlich über die von Hofstede (1980) postulierten kulturellen
Theoretischer Hintergrund
19
Kontextvariablen Individualismus/Kollektivismus, was der Komplexität von Kultur nicht annähernd
gerecht wird (Fiske, 2002). In der vorliegenden Arbeit wurde daher nach alternativen kulturellen
Konzepten gesucht, welche für einen deutsch-chilenischen Vergleich vielversprechend sind und einen
vermutlich höheren Erklärungswert für Unterschiede auf psychologischen Zielvariablen haben als die
sehr breit formulierten Hofstede’schen Dimensionen. Die Auswahl passender kulturvermittelnder
Variablen für die Fragestellungen der vorliegenden Arbeit ist in Absatz 2.2.3 beschrieben.
2.2.2.2 Besondere methodische Herausforderungen kulturvergleichender Forschung
Neben den auch in nicht kulturvergleichend angelegten psychologischen Studien bedeutsamen
Fragen nach Reliabilität, Validität und Objektivität der Operationalisierungen zur Erfassung
psychologischer Zielvariablen sowie zur Gültigkeit von Schlussfolgerungen und Generalisierungen
stellen sich in der kulturvergleichenden Forschung weitere methodische Herausforderungen (van de
Vijver & Matsumoto, 2011), welche im Folgenden grundlegend skizziert werden sollen.
Die Gültigkeit der Interpretation kultureller Unterschiede und Gemeinsamkeiten wird grundsätzlich
durch die Tatsache eingeschränkt, dass die kulturelle Zugehörigkeit nicht randomisiert werden kann
(van de Vijver & Matsumoto, 2011) und daher eine Parallelisierung aller Hintergrundvariablen
praktisch unmöglich ist (van de Vijver & Leung, 2011), was oftmals mehrere alternative Erklärungen
für empirische Befunde nach sich zieht. Kulturvergleichende Studien sind damit immer in
besonderem Ausmaß von Verzerrungen (bias) und Inäquivalenz (inequivalence) bedroht.
Kulturelle Äquivalenz wird in der kulturvergleichenden psychologischen Forschung konventionell auf
vier hierarchischen Ebenen beschrieben (Poortinga, 1989; van de Vijver & Leung, 2011). Auf der
höchsten Abstraktionsebene steht die Konstruktäquivalenz (das zu messende Konstrukt kommt in
allen untersuchten Kulturen vor), auf der nächsten Ebene ist die Strukturäquivalenz (die einem
Konstrukt zugrundliegende faktorielle Struktur sowie die mit dem Konstrukt verbundenen
nomologischen Netzwerke sind identisch) angesiedelt. Eine Ebene tiefer steht die Messäquivalenz
(die Abstände zwischen den verschiedenen Messeinheiten sind identisch) und auf die niedrigsten
Hierarchieebene schließlich die Skalenäquivalenz (ein bestimmter Roh- oder Skalenwert hat in den
interessierenden Kulturen die gleiche Bedeutung). Auf allen vier Ebenen können Verzerrungen (engl.:
biases)3 auftreten, die interkulturelle Vergleiche erschweren oder unmöglich machen. Ein bias liegt
dann vor, wenn Messungen und deren Ergebnisse innerhalb und zwischen Kulturen nicht die gleiche
Bedeutung haben (Poortinga, 1989). Zu unterscheiden sind in diesem Zusammenhang drei Formen
von bias: Konstrukt-Bias, Methoden-Bias und Item-Bias.
3
Aufgrund der Geläufigkeit in der Literatur wird im Folgenden der englische Begriff bias für die beschriebenen
Verzerrungen verwendet.
20
Theoretischer Hintergrund
Ein Konstrukt-Bias entsteht, wenn die konstruktrelevanten Verhaltensweisen nicht oder nur teilweise
zwischen den Kulturen überlappen, was beispielsweise durch unterschiedliche Angemessenheit
verschiedener Verhaltensweisen oder eine unvollständige Erfassung des relevanten Verhaltens
verursacht werden kann. Zur Vermeidung dessen bieten sich vor allem theoriegeleitete
Überlegungen und a priori durchgeführte Evaluationen im Rahmen der Konstruktion von
Messinstrumenten an. Beispielsweise können die Befragung von Kulturexperten, die Durchführung
von Pilotstudien oder die simultane Messinstrumententwicklung in allen interessierenden Kulturen
hilfreich dabei sein, das zu erfassende Konstrukt genau und vollständig zu definieren und das
äquivalente Vorhandensein in allen Kulturen zu überprüfen (van de Vijver & Leung, 2011).
Ein Methoden-Bias kann aufgrund der Stichprobenauswahl, der Messinstrument-Administration oder
des Messinstruments selbst entstehen. Ein Bias bezüglich der Stichproben tritt vor allem dann auf,
wenn diese sich stark in Hintergrundvariablen, die nicht direkt kulturspezifisch sind, z.B. Bildung oder
sozioökonomisches Niveau, voneinander unterscheiden, sodass alternative Erklärungsmöglichkeiten
für „kulturelle“ Unterschiede wahrscheinlicher werden. Möglichkeiten zur Reduktion des
Stichproben-Bias können z.B. ein Matching der Probanden oder die möglichst umfassende
Miterfassung von Hintergrundvariablen sein (Matsumoto & Yoo, 2006). Ein Administrations-Bias
betrifft die Vertrautheit der Stichproben mit dem Stimulusmaterial und der Test-Situation. Hier
können beispielsweise detaillierte Instruktionen zu den Messinstrumenten mit Beispielaufgaben, die
Sicherstellung der Vergleichbarkeit der Testsituation oder ein intensives Training der Testanwender
hilfreich sein (van de Vijver & Leung, 2011). Ein Messinstrument-Bias schließlich kann zum einen
durch Unterschiede in der Vertrautheit mit Antwortkategorien, zum anderen durch kulturell bedingte
Unterschiede in Antworttendenzen oder, insbesondere bei Likert-skalierten Instrumenten, durch den
sogenannten Referenzgruppeneffekt entstehen.
Der Referenzgruppeneffekt (Heine, Lehman, Peng, & Greenholtz, 2002) beschreibt das in der
Sozialpsychologie spätestens seit Festingers (1957) Theorie sozialer Vergleichsprozesse bekannte
Phänomen
der
Verzerrung
Likert-skalierter
Messinstrumente
durch
das
Heranziehen
unterschiedlicher Vergleichsgruppen zur eigenen Einordnung auf einem psychologischen Konstrukt.
Hinsichtlich kulturvergleichender Studien ist davon auszugehen, dass die eigene kulturelle Gruppe
mit erhöhter Wahrscheinlichkeit als Referenzgruppe herangezogen wird. Wenn nun alle Mitglieder
dieser ingroup beispielsweise sehr individualistisch orientiert sind, bedeutet die Ausprägung „mäßig
individualistisch orientiert“ etwas anderes, als wenn alle Mitglieder der Referenzgruppe
kollektivistisch orientiert sind. Tatsächlich bestehende kulturelle Unterschiede in individualistischer
Orientierung werden durch diesen Effekt also gegebenenfalls verdeckt. Zum Umgang mit dem
beschriebenen Phänomen schlagen Heine et al. (2002) die Nutzung möglichst objektivierbarer
Antwortkategorien vor, wie dies z.B. bei Szenariomethoden oder mithilfe einer Explizierung der
Theoretischer Hintergrund
21
heranzuziehenden Referenzgruppe erreicht werden kann. Eine solche Herangehensweise liegt
beispielsweise dem auch in dieser Arbeit zur Anwendung gekommenen Portrait Values Questionnaire
(PVQ; Schwartz, Melech, Lehmann, Burgess, Harris & Owens, 2001) zugrunde. Personen sollen ihre
Ähnlichkeit zu verschiedenen explizit beschriebenen, prototypischen Personen beurteilen. Durch die
Explizierung der Referenzperson kann der Referenzgruppeneffekt minimiert werden. Eine
Beschreibung des PVQ findet sich in Absatz 3.2.4.
Die Nichtberücksichtigung von Antworttendenzen kann zwar auch in nicht kulturvergleichend
angelegten Studien Ergebnisse konfundieren, spielt jedoch hinsichtlich der Interpretierbarkeit von
kulturellen Unterschieden eine besondere Rolle (Cohen, 2007; Harzing, 2006). So konnte in diesem
Zusammenhang beispielsweise gezeigt werden, dass Personen aus kollektivistischen Kulturen
gegenüber Personen aus eher individualistischen Kulturen vermehrt Aquieszenz (Tendenz zur
Zustimmung) aufweisen (Johnson, Kulesa, Cho, & Shavitt, 2005). Ebenso ergaben sich kulturelle
Unterschiede hinsichtlich der Auftretenswahrscheinlichkeit sozial erwünschten Antwortverhaltens
(Lalwani, Shavitt, & Johnson, 2006). Smith (2004) konstatiert an dieser Stelle, dass beispielsweise
Zustimmungstendenzen durchaus eine inhaltliche Bedeutsamkeit hätten, insofern als sie Teil eines
kulturspezifischen Kommunikationsstils seien und ihre Eliminierung dazu führen könne, dass
tatsächliche
kulturelle
Unterschiede
unterschätzt
würden.
Andererseits
führt
die
Nichtberücksichtigung von Unterschieden in den Antworttendenzen zwischen kulturellen Gruppen
gegebenenfalls dazu, kulturelle Unterschiede in psychologischen Zielvariablen zu konstatieren, die
schlussendlich einzig durch unterschiedliches Antwortverhalten zustande gekommen sein könnten.
Im Sinne einer eher konservativen Forschungsethik ist somit ein sorgsamer Umgang mit
unterschiedlichen Antwortstilen im Rahmen kulturvergleichender Studien durchaus sinnvoll. Dafür
stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, die von der Ausbalancierung invers kodierter
Items in Fragebögen über die Betonung der Anonymität der Erhebung (Cohen, 2007) bis hin zum
statistischen Umgang mittels Ipsatierung (Subtraktion des Gesamtmittelwerts einer Person vom
Itemscore dieser Person; Hicks, 1970) reichen. Ipsatierte Skalenwerte wurden in der vorliegenden
Arbeit verschiedentlich verwendet, das Vorgehen ist an anderer Stelle detaillierter beschrieben
(Absatz 3.2.4). Eine kritische Übersicht über Vor- und Nachteile von Ipsatierung findet sich bei ten
Berge (1999).
Ein Item-Bias schließlich liegt dann vor, wenn Personen mit gleicher latenter Konstruktausprägung
(identischer Skalenwert) nicht den gleichen Wert auf einem Item erzielen. Verzerrungen auf
Itemebene in interkulturellen Vergleichsstudien können beispielsweise durch unsaubere
Übersetzung, Mehrdeutigkeit in der Formulierung oder durch unterschiedliche Vertrautheit mit
einzelnen Iteminhalten in den interessierenden Kulturen entstehen (van de Vijver & Leung, 2011).
Liegt ein Item-Bias vor, spricht man auch von differential item functioning (DIF; Sireci, 2011; van de
22
Theoretischer Hintergrund
Vijver & Leung, 2011). Zum Umgang damit werden in der Literatur neben der Aufforderung zu
sorgfältigen, an modernen Standards ausgerichteten Übersetzungsprozessen (Hambleton & Zenisky,
2011) und Pilotierungen verschiedene statistische Strategien vorgeschlagen, welche eine
Überprüfung der Äquivalenz der Items einer Skala a posteriori ermöglichen (Sireci, 2011; Potenza &
Dorans, 1995). Da im Rahmen dieser Arbeit verschiedentlich DIF-Analysen durchgeführt wurden, wird
an dieser Stelle auf eine ausführliche Darstellung des Vorgehens verzichtet, dieses ist in Absatz 3.2.4
nachzulesen.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die kulturvergleichende psychologische Forschung eine
Vielzahl an methodischen Besonderheiten zu berücksichtigen hat, die sich auf verschiedensten
Ebenen psychologischer Zielvariablen (Konstrukt, Messmethode und Items) manifestieren. Van de
Vijver & Matsumoto (2011) formulieren im einführenden Kapitel zu ihrem Werk Cross-Cultural
Research Methods in Psychology einen Anspruch, der auch für die vorliegende Arbeit Gültigkeit
besitzt: Die Autoren konstatieren, dass eine gleichzeitige Berücksichtigung aller methodischen
Aspekte wohl unmöglich sei, dass aber ein Bewusstsein über die Grenzen der Interpretierbarkeit
kulturvergleichender Studien sowie die Realisierung bestmöglicher Forschungsarbeit im Rahmen
begrenzter Möglichkeiten anzustreben sei. Im folgenden Kapitel soll unter Berücksichtigung dieser
Maxime eine Herleitung von auf Konstrukt- und Inhaltsebene passenden Kulturvariablen für den in
der vorliegenden Arbeit angestrebten deutsch-chilenischen Vergleich erfolgen.
2.2.3
Kulturelle Kontextvariablen für einen deutsch-chilenischen Vergleich
Van de Vijver & Matsumoto (2011) legen zwar überzeugend dar, dass die Auswahl von
Mediatorvariablen für kulturvergleichende Studien in erster Linie theoriegeleitet erfolgen sollte, es
existiert bisher jedoch kein übergreifendes theoretisches Modell, aus dem sich kulturvermittelnde
Variablen entsprechend ableiten lassen. Nach Freund et al. (2012) können jedoch grundlegende
Anforderungen an eine kulturelle Kontextvariable formuliert werden: Sie müsse theoretisch fundiert
und entsprechend in ein elaboriertes Modell eingebettet sein. Sie solle in verschiedenen kulturellen
Kontexten reliabel und valide erfassbar sein. Sie solle zwischen den kulturellen Kontexten Variation
aufweisen und schlussendlich mit bedeutsamen psychologischen Zielvariablen korrelieren. Unter
Berücksichtigung dieser Anforderungen gelingt Freund et al. (2012) mit der Entwicklung der
Heidelberger Kulturfragebogenbatterie (HKFB) ein bemerkenswerter Schritt hin zu einer weniger
eklektischen und eher theoriegeleiteten Konzeptualisierung kultureller Mediatorvariablen, wie sie in
der kulturvergleichenden Psychologie wiederholt gewünscht wurde (Jahoda, 2007; Triandis, 1996).
Die HKFB soll aufgrund ihrer Bedeutsamkeit im Entwicklungsprozess der vorliegenden Arbeit an
dieser Stelle kurz skizziert und kritisch reflektiert werden.
Theoretischer Hintergrund
23
Ausgehend von der in jüngerer Zeit vermehrt auftretenden Kritik an der einseitigen Interpretation
von kulturellen Unterschieden ausschließlich über die Individualismus/Kollektivismus-Dimension
sensu Hofstede (1980) und der damit einhergehenden, den Umständen nicht gerecht werdenden
Simplifizierung kultureller Gegebenheiten (Fiske, 2002), entstand aus Überlegungen des deutschchilenischen Graduiertenkollegs der Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Universidad
de Chile sowie der Pontificia Universidad Católica in Santiago de Chile die HKFB (Freund et al., 2012).
Ziel der Entwicklung war eine offene und erweiterbare Fragebogenbatterie, die vielfältige kulturelle
Syndrome in psychometrisch evaluierter Form abzudecken vermag. Zu diesem Zweck wurde bei der
Auswahl der in die Batterie eingehenden Variablen, neben der ausdrücklichen Beachtung der oben
erläuterten Anforderungskriterien, insbesondere darauf geachtet, dass diese empirisch und
theoretisch möglichst heterogen sind (Freund et al., 2012). Neben einem ausführlichen
soziodemografischen Teil wurden schlussendlich drei, im folgenden Absatz kurz beschriebene und
kritisch diskutierte, kulturelle Kontextvariablen in die Fragebogenbatterie aufgenommen. Eine
psychometrisch evaluierte Entsprechung der HKFB für den chilenischen Sprach- und Kulturraum liegt
vor (Olhaberry, Biedermann, Crempien, Cruzat, Martínez, Martínez & Krause, 2011).
Die von Markus und Kitayama (1991) vorgestellte Konzeptualisierung des Selbstbilds als independent
oder interdependent hat die kulturvergleichende psychologische Forschung der letzten Jahrzehnte
maßgeblich geprägt. Unter independentem Selbst wird dabei ein einheitliches, stabiles Selbstbild
verstanden, welches sich durch die Durchsetzung eigener Ziele und einen eher direkten Umgang mit
anderen Menschen auszeichnet. Das interdependente Selbst hingegen wird als flexibel und
veränderlich verstanden und zeichnet sich durch ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und
Berücksichtigung der Ziele anderer aus. Dabei sollen laut Überlegungen der Autoren (Markus &
Kitayama, 1991) independente Selbstbilder vermehrt in westlichen Kulturen, interdependente
Selbstbilder hingegen in östlichen Kulturen vertreten sein. Erfasst werden diese Konstrukte in der
HKFB mit der Self-Construal Scale (SCS; Singelis, 1994). Weiterhin werden in der HKFB
Geschlechtsrollenideologien (traditionell vs. egalitär; Barry & Beitel, 2006) mit der Sex Role Ideology
Scale (SRIS; Kalin & Tilby, 1978) sowie nationale und familiäre Normgebundenheit mit der TightnessLooseness-Scale (TLS; Gelfand, Nishii & Raver, 2006) bzw. einer Adaptation derselben für familiäre
Normen (Freund et al., 2012) erfasst.
Obwohl insbesondere die SCS (Singelis, 1994) als etabliertes, vielfach angewendetes Messinstrument
angesehen werden kann, ist sie in jüngerer Zeit vermehrt in die Kritik geraten, da die beiden als
orthogonal konstruierten Skalen der SCS in einigen Stichproben korreliert waren und der Einfluss von
Antworttendenzen nur unzureichend kontrolliert werden kann (Freund et al., 2012). So erwies sich
die SCS in einem Vergleich zwischen Norwegern und Chilenen als nur begrenzt brauchbares
Instrument, da die Chilenen sowohl im independenten als auch im interdependenten Selbstbild
24
Theoretischer Hintergrund
signifikant höhere Werte aufwiesen als die Norweger (Kolstad & Horpestad, 2009). Eine eindeutige
Interpretation dieser Befunde, die sich analog auch im Rahmen bisher mit der HKFB durchgeführten
Studien zum Vergleich zwischen Deutschland und Chile zeigten (Boysen, 2011; Conradi, 2011;
Zimmermann, 2011) ist a posteriori schlicht unmöglich, da der Einfluss von Aquieszenz bei den nicht
ausblanciert formulierten Items der SCS nicht ausreichend kontrolliert werden kann. Weitere
Kritikpunkte an der SCS ergeben sich aus der Uneindeutigkeit der Faktorstruktur (Hardin, 2006;
Hardin, Leong & Baghwat, 2004; Levine, Bresnahan, Park, Knight Lapinsky, Lee & Lee, 2003), sodass
Modelle mit bis zu sechs dem Instrument zugrunde liegenden Faktoren postuliert wurden. Vor dem
Hintergrund dieser Uneindeutigkeit muss schlussendlich unklar bleiben, ob die beiden Skalen der SCS
tatsächlich zum einen als unabhängig voneinander verstanden werden können und zum anderen
erschöpfend zur Darstellung des Inhaltsbereichs sind. Zusätzlich zu dieser Kritik an der Verwendung
der SCS geht die ausdrücklich möglichst heterogene Erfassung kultureller Kontextvariablen, wie sie
mit der HKFB vorgenommen wird, unvermeidbarerweise zu Lasten der spezifischen Auswahl von auf
inhaltlicher Ebene erfolgversprechenden Variablen. So erbrachten auch die Ergebnisse der bisher im
Rahmen des deutsch-chilenischen Graduiertenkollegs durchgeführten Studien nur in Teilen die
gewünschten und erwarteten Ergebnisse. Während Mediatoreffekte bei Zimmermann (2011)
gänzlich ausblieben, ist, wie bereits angeführt, bei Boysen (2011) auffällig, dass die Chilenen auf allen
mit der HKFB erfassten Konstrukten höhere Mittelwerte aufwiesen als die deutschen
Studienteilnehmer. Mediatoreffekte zeigten sich auch hier nur in sehr geringem Ausmaß mit kleinen
Effektstärken. Zwei Gründe für diese Ergebnisse sind vorstellbar: Einerseits könnten die Unterschiede
in den betreffenden Variablen zwischen Deutschen und Chilenen vernachlässigbar sein, was für eine
notwendige inhaltliche Revision der verwendeten Variablen spräche. Andererseits könnte die reliable
und valide Erfassung der Konstrukte durch die Beeinflussung der unter Absatz 2.2.2.2 angeführten
methodischen Besonderheiten schlicht missglückt sein, was eine methodologische Adaptation
verlangen würde. Denkbar ist zudem eine Interaktion beider Faktoren: möglicherweise existieren
zwar (durch Referenzgruppeneffekt oder Antworttendenzen verdeckte oder verfälschte)
Unterschiede zwischen Chilenen und Deutschen, die aber dennoch für die bislang im Rahmen der
deutsch-chilenischen
Vergleichsstudien
untersuchten
psychologischen
Zielvariablen
von
untergeordneter Bedeutung sind. Der unabhängige Einfluss der beiden Faktoren lässt sich
nachträglich schwer eruieren, die Befunde der bisherigen Studien geben dennoch Anlass für eine
sorgsame Überprüfung von erfolgversprechenden kulturellen Kontextvariablen im deutschchilenischen Vergleich. Wünschenswert wäre zudem eine umfassendere Theorie, die die Herleitung
der kulturvermittelnden Variablen legitimiert. Im Rahmen dieser inhaltlichen und methodologischen
Überlegungen wurde für die vorliegende Studie schlussendlich eine alternative kulturelle
Kontextvariable ausgewählt, welche im Folgenden erläutert wird.
Theoretischer Hintergrund
2.2.4
25
Persönliche Werthaltungen
In Anlehnung an die Arbeiten zur Bedeutung von Werthaltungen von Rokeach (1973) entwickelte
Shalom Schwartz (1992) ein Modell Persönlicher Werthaltungen, welche er aus Analysen universeller
Anforderungen ableitete, die von allen Gesellschaften und Individuen bewältigt werden müssen
(Schwartz, 2011a). Dieses Modell soll im Folgenden beschrieben werden.
2.2.4.1 Beschreibung des Modells
Um dem obigen Anspruch der Universalität von Werthaltungen gerecht zu werden, zog Schwartz
unter anderem ältere Wertetheorien und -fragebögen, religiöse und philosophische Abhandlungen
sowie in der Motivationsforschung etablierte Konzeptionen heran (Schwartz, 2011a). Aus seinen
Analysen ergaben sich insgesamt zehn voneinander unterscheidbare Wertetypen, welche insofern als
universell zu betrachten sind, als sie der Erfüllung mindestens einer von drei kulturübergreifenden
Anforderungen der menschlichen Existenz dienen: den biologisch-organismischen Bedürfnissen des
Menschen, der geordneten sozialen Interaktion oder dem Überleben/Wohlergehen der sozialen
Gruppe. Werte werden in der Theory of basic human values (Schwartz, 1992) als „trans-situational
goals, varying in importance, that serve as guiding principles in the life of a person“ (Schwartz, 2011a;
S. 464) definiert. Sie sind demnach als breite, organisierende, nicht zwingenderweise bewusste
Kategorien zu verstehen, die als Standards für die Bewertung von Menschen, Handlungen und
Ereignissen herangezogen werden. Persönliche Werthaltungen entwickeln sich zum einen aus den
uniquen sozialen Erfahrungen eines Menschen sowie aus seiner genetischen Ausstattung (Schermer,
Feather, Zhu, & Martin, 2008). Zum anderen, und dies ist im Rahmen der kulturvergleichenden
Forschung von besonderem Interesse, sind Werthaltungen insofern das Produkt kultureller
Sozialisation, als Menschen als Mitglieder einer Kultur immer auch Kontakt zu kulturellen
Institutionen und Systemen (z.B. Bildungssystem, Gesundheitssystem, politisches System, Medien)
haben, welche in kulturspezifischer Weise bestimmte Werte in besonderem Ausmaß vertreten
(Knafo, Roccas, & Sagiv, 2011; Sagiv & Schwartz, 2000). Die zehn Wertetypen werden im Folgenden
skizziert.
Auf inhaltlicher bzw. motivationaler Ebene beschreibt der Wertetyp Macht die Orientierung auf
sozialen Status und Prestige, auf die Kontrolle oder Dominanz über Menschen oder Ressourcen.
Leistung bezieht sich auf die Darstellung von Kompetenzen und persönlichem Erfolg. Hedonismus
steht für sinnliche Belohnung für das eigene Selbst und Vergnügen. Eine Orientierung auf den Wert
Stimulation zeichnet sich durch die Wertschätzung von Aufregung, Neuheit und Herausforderungen
aus. Selbstbestimmung bezieht sich auf die Betonung unabhängigen Denkens und Handelns sowie
auf die Wertschätzung schöpferischen Tätigseins. Universalismus zeichnet sich durch Verständnis,
26
Theoretischer Hintergrund
Toleranz, Wertschätzung und Schutz des Wohlergehens der Natur und aller Menschen aus. Unter
Benevolenz wird die Orientierung auf den Schutz des Wohlergehens der Menschen in der
persönlichen Umgebung verstanden. Der Wert Tradition äußert sich in einer Wertschätzung und
Akzeptanz von Gebräuchen und Ideen, die von Religionen oder traditionellen Kulturen für deren
Mitglieder zur Verfügung stehen. Konformität beschreibt die Beschränkung oder Vermeidung von
Handlungen oder Äußerungen, die gegen soziale Erwartungen oder Normen verstoßen könnten.
Sicherheit schließlich umfasst die Wertschätzung von Sicherheit und Stabilität auf gesellschaftlicher,
zwischenmenschlicher und intraindividueller Ebene.
Weiterhin bietet das von Schwarz postulierte Modell Erklärungen zu den Beziehungen der
Wertetypen untereinander (Schwartz, 1992; Schwartz & Sagiv, 1995). In Übereinstimmung mit
früheren theoretischen Überlegungen dahingehend, dass sich die Bedeutung einzelner Werte aus
deren relativer Wichtigkeit im Vergleich zu anderen Werten ergibt und Werthaltungen daher als
System
zu
betrachten
sind
(Rokeach,
1973),
geht
Schwartz
davon
aus,
dass
die
Handlungsorientierung auf einen bestimmten Wertetyp Konsequenzen hat, die mit der Orientierung
an anderen Werten entweder in Konflikt stehen oder übereinstimmen. Unter Berücksichtigung dieser
Annahme nimmt Schwartz (1992) eine zirkuläre Anordnung der Wertedimensionen im Sinne eines
motivationalen Kontinuums an (Hinz, Brähler, Schmidt, & Albani, 2005). Benachbarte Werte werden
durch gleiche oder ähnliche Handlungen befriedigt, die Orientierung an sich auf dem zirkulären
Kontinuum gegenüber liegenden Werten führt zu konfligierenden Handlungskonsequenzen.
Aus dem motivationalen Kontinuum lassen sich vier Wertedimensionen höherer Ordnung ableiten,
welche die Pole zweier orthogonal gedachter Achsen darstellen. Die Werte Macht und Leistung
gehören dabei zur Dimension Selbst-Erhöhung, welche die Verfolgung von Selbstinteressen betont.
Dem gegenüber steht die Dimension Selbst-Überwindung mit den Werten Benevolenz und
Universalismus, die auf die Berücksichtigung des Wohlergehens anderer ausgerichtet ist. Die
Dimension Bewahrung, die sich auf Selbstbeschränkung und Ordnung bezieht, vereinigt die Werte
Tradition, Konformität und Sicherheit. Ihr gegenüber schließlich steht die Dimension Offenheit für
Wandel mit den Werten Stimulation und Selbstbestimmung, welche die Bereitschaft für neue
Erfahrungen sowie die Unabhängigkeit des Denkens und Handelns betont. Einzig der Wertetyp
Hedonismus lässt sich nicht eindeutig einer der vier Dimensionen zuordnen, er beinhaltet Aspekte
der Dimensionen Offenheit für Wandel sowie Selbst-Erhöhung (Schmidt, Bamberg, Davidov,
Herrmann & Schwartz, 2007), wird aber im Rahmen statistischer Analysen konventionell eher der
Dimension Offenheit für Wandel zugeordnet (Sortheix, Olakivi, & Helkama, 2013). In Abbildung 3 ist
das Modell der Wertetypen grafisch veranschaulicht. Tabelle 1 fasst die Definition der Wertetypen
zusammen, zusätzlich werden prototypische Einzelwerte für jeden Wertetyp aufgeführt.
Theoretischer Hintergrund
27
Tabelle 1: Wertetypen und Wertedimensionen in Anlehnung an Schwartz (1992)
Wertedimension
Wertetyp
Motivationales Ziel
Einzelwerte
Selbst-Erhöhung
Macht
Sozialer Status, Prestige,
Dominanz, Kontrolle
Autorität,
Reichtum
Leistung
Persönlicher Erfolg, Demonstration
von Kompetenz
Ehrgeiz,
Erfolg
SelbstErhöhung/Offenheit
Hedonismus
Vergnügen, sinnliche Belohnung
das Leben
genießen
Offenheit für Wandel
Stimulation
Aufregung, Neuheit,
Herausforderung
Wagemut,
Abwechslung
Selbstbestimmung
Unabhängiges Denken und
Handeln, Kreativität
Kreativität,
Freiheit
Benevolenz
Wohlergehen der Menschen in der
Umgebung
Universalismus
Wohlergehen aller Menschen und
der Natur
Hilfsbereitschaft,
Treue
soziale
Gerechtigkeit,
Toleranz
Tradition
Respekt vor und Akzeptanz von
Gebräuchen
Demut,
Frömmigkeit
Konformität
Vermeidung der Verletzung
sozialer Erwartungen oder Normen
Höflichkeit,
Gehorsam
Sicherheit
Stabilität der Gesellschaft, der
Beziehungen und des Selbst
soziale Ordnung,
Sauberkeit
Selbst-Überwindung
Bewahrung
Abbildung 3: Kontinuum persönlicher Werthaltungen in Anlehnung an Schwartz (1992)
28
Theoretischer Hintergrund
Zur Erfassung der Werthaltungen stehen mittlerweile mehrere Messinstrumente zur Verfügung
(Schwartz, Cieciuch, Vecchione, Davidov, Fischer, Beierlein … Konty, 2012), von denen die zwei am
häufigsten angewendeten hier kurz erläutert werden sollen. In seinem vielzitierten Artikel von 1992
stellte Schwartz erstmals den Schwartz Values Survey (SVS) vor, welcher die persönlichen
Werthaltungen mit 56 Items erfasst. Einzelne, zu den Wertetypen gehörige Werte werden dabei in
ihrer Bedeutung als leitende Lebensprinzipien auf einer neunstufigen Skala (von 0 = gar nicht wichtig
bis 7 = sehr wichtig, sowie -1 = meinen Werten entgegengesetzt) eingestuft. Vor dem Hintergrund
zufriedenstellender psychometrischer Güte war das Instrument dennoch aufgrund seines
intellektuellen Anspruchs durch Erfragung der Werte auf einem hohen Abstraktionsniveau
wiederholt in die Kritik geraten (Schmidt et al., 2007). Mit dem bereits in Absatz 2.2.2.2 erwähnten
und in Absatz 3.2.4 ausführlich beschriebenen Portrait Values Questionnaire (PVQ) stellten Schwartz
et al. (2001) ein alternatives Messinstrument vor, welches bei identischem Messanspruch und
ebenfalls befriedigender psychometrischer Güte (Schwartz et al., 2001; Schmidt et al., 2007) die zehn
Werthaltungen
durch
referenzgruppenfreie
Ähnlichkeitsratings
mit
deutlich
geringeren
Anforderungen an die Introspektionsfähigkeit erfasst.
Den persönlichen Werthaltungen stellt Schwartz ein System kultureller Werthaltungen an die Seite,
welche die Eigenschaften von Gesellschaften als Ganzes beschreiben. Aufbauend auf theoretischen
Überlegungen formuliert Schwartz sieben Wertetypen auf gesellschaftlicher Ebene, welche dem
spezifischen Umgang mit gesellschaftlichen Anforderungen zugrunde liegen: affective autonomy
(Vergnügen, aufregendes Leben), intellectual autonomy (Neugier, Toleranz), embeddedness (soziale
Ordnung, Respekt vor Traditionen, Gehorsam), egalitarianism (Gleichheit, soziale Gerechtigkeit),
hierarchy (Autorität, Bescheidenheit), harmony (Einheit mit der Natur, Weltfrieden) und mastery
(Ehrgeiz, Wagemut). Das Postulat von zwei voneinander unterscheidbaren Wertesystemen ist in der
Vorstellung verankert, dass gesellschaftliche Anforderungen von individuellen Anforderungen
verschieden sind (Schwartz, 2009). Aus den Beschreibungen der einzelnen kulturellen Werte wird
jedoch deutlich, dass sie durchaus Entsprechungen auf individueller Ebene haben. So finden
kulturelle Werte in individuellen Werthaltungen Ausdruck (Schwartz, 1997) bzw. können aus diesen
abgeleitet werden (Morris, 2014; Schwartz & Ros, 1995). Kulturelle Werte lassen sich zudem nur über
ihre Manifestationen auf individueller Ebene erfassen (Schwartz, 2011a). Fischer und Poortinga
(2012) fanden in einer Mehrebenenanalyse keine überzeugende Rechtfertigung für das Postulat von
den beiden Ebenen zugrundeliegenden differentiellen Wertestrukturen, was für eine essentielle
Äquivalenz der beiden Konstrukte spricht. Unter Berücksichtigung dieser Befunde und des in Absatz
2.2.2.1 formulierten kulturentpackenden Anspruchs der vorliegenden Arbeit ist deshalb die Erfassung
der persönlichen Werthaltungen als Kulturvariable grundsätzlich gerechtfertigt (Schwartz, 2011a).
Theoretischer Hintergrund
29
Um den Anforderungen an eine kulturelle Kontextvariable gerecht zu werden, ist jedoch die Erfüllung
weiterer, in Absatz 2.2.3 erläuterter, Kriterien notwendig (Freund et al., 2012). Es folgt deshalb an
dieser Stelle eine Diskussion der Angemessenheit der persönlichen Werthaltungen nach Schwartz
(1992) als kulturvermittelnde Variable entlang dieser Anforderungskriterien.
Hinsichtlich der ersten beiden Kriterien ist zunächst festzustellen, dass diese hinlänglich erfüllt sind.
Die persönlichen Werthaltungen nach Schwartz sind zum einen in eine elaborierte und erschöpfende
Theorie hinsichtlich des Wertesystems von Personen eingebettet. Mit dem PVQ und der SVS liegen
zwei gut evaluierte Messinstrumente vor, welche eine reliable und valide Erfassung über mehrere
Messmethoden hinweg ermöglichen (Schmidt et al., 2007; Schwartz et al., 2001).
Bezüglich des dritten Anforderungskriteriums, der Variation des Konstrukts in verschiedenen
kulturellen Kontexten, ist zunächst festzustellen, ob das Konstrukt überhaupt in allen
interessierenden Kulturen vorkommt. Schwartz postuliert in diesem Zusammenhang Universalität
hinsichtlich der Wertestruktur (Schwartz, 1992), was bedeutet, dass die Ordnung der Wertetypen
entlang des motivationalen Kontinuums sowie die erschöpfende Vollständigkeit des postulierten
Wertesystems kulturübergreifend äquivalent sein sollten. Mittlerweile liegen aus einer Vielzahl
empirischer Arbeiten mit Stichproben aus 82 Nationen (Schwartz, 2012) überzeugend konsistente
Befunde vor, die diese Annahme bestätigen (Davidov, Schmidt & Schwartz, 2008; Fischer & Schwartz,
2011; Fontaine, Poortinga, Delbeke & Schwartz, 2008; Perrinjaquet, Furrer, Usunier, Cestre &
Valette-Florence, 2007; Schwartz & Boehnke, 2004; Schwartz et al., 2001; Schwartz & Sagiv, 1995).
Einige Studien geben jedoch Hinweise darauf, dass die zirkuläre Anordnung eher als theoretische
Heuristik denn als hartes statistisches Kriterium zu verstehen ist, da sich die Zirkularität der Struktur
bei
einer
Überprüfung
durch
strengere
Methoden
(konfirmatorische
Faktorenanalysen,
Hauptkomponentenanalysen, Multi Dimensional Scaling) nicht konsistent nachweisen ließ (Schwartz
& Boehnke, 2004; Schmidt et al., 2007; Hinz et al., 2005). Verschiedene Autoren sprechen in diesem
Zusammenhang von einem Quasi-Circumplex (Knafo et a., 2011; Perrinjaquet et al., 2007).
Die hier beschriebene universelle Gültigkeit des von Schwartz postulierten Wertekontinuums sowie
die Bedeutungsäquivalenz der Wertetypen legitimiert die Frage nach Variationen des Konstrukts
zwischen Kulturen. Postuliert wird diese in der Theory of basic human values hinsichtlich der
Wertepriorität bzw. -hierarchie (Davidov et al., 2008). Hinweise auf die Gültigkeit dieser Annahme
kommen beispielsweise aus Arbeiten, welche repräsentative Daten aus dem European Social Survey4
analysiert haben (Bilsky, Janik & Schwartz, 2011). Beispielhaft für Arbeiten entlang dieses Rationals
konnten Koopmann-Holm und Matsumoto (2011) in einem deutsch-nordamerikanischen Vergleich
zeigen, dass US-Amerikaner den Dimensionen Bewahrung und Selbst-Erhöhung größere Bedeutung
4
www.europeansocialsurvey.org; zuletzt abgerufen am 06.10.2014
30
Theoretischer Hintergrund
beimaßen als Deutsche, welche die relative Wichtigkeit der Dimensionen Offenheit für Wandel und
Selbst-Überwindung betonten. Diese Studie ist auch insofern besonders hervorzuheben, als sie
Unterschiede in den Werthaltungen zwischen zwei „typisch westlichen“ Kulturen zeigen konnte, was
für den differenzierteren Erklärungswert der Schwartz’schen Werthaltungen jenseits der breiten
Individualismus-/Kollektivismus-Dimension spricht (Schwartz & Ros, 1995).
In Bezug auf das vierte Anforderungskriterium konnte schließlich überzeugend belegt werden, dass
persönliche Werthaltungen in systematischer Weise mit psychologischen Variablen auf der Ebene
der Persönlichkeit (Roccas, Sagiv, Schwartz & Knafo, 2002), der Einstellungen (Boer & Fischer, 2013;
Feather, 2004) sowie des Verhaltens (Bardi & Schwartz, 2003; Lönnqvist, Verkasalo, Wichardt &
Walkowitz, 2013; Schwartz, 2010) zusammenhängen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Persönliche Werthaltungen den unter Absatz 2.2.3
formulierten Anforderungskriterien an eine kulturelle Kontextvariable hinreichend genügen. Nach
dieser eher methodologischen Begründung soll im Folgenden die spezifische inhaltliche Begründung
für das Heranziehen von persönlichen Werthaltungen als kulturvermittelnde Variable in der
vorliegenden Studie erfolgen.
2.2.4.2 Persönliche Werthaltungen in Deutschland und Chile
Die vorliegende Arbeit impliziert einen Vergleich zwischen Deutschland und Chile. Nach Kenntnis der
Autorin liegen bisher jedoch keine Untersuchungen vor, welche explizit einen Vergleich individueller
Werthaltungen in diesen beiden Nationen vorgenommen hätten. Einem unveröffentlichten Review
von Zimmermann (2009) können jedoch äußerst hilfreiche Anhaltspunkte zur Bedeutung von
Werthaltungen in Deutschland und Chile entnommen werden. Zimmermann reanalysierte insgesamt
neun internationale Vergleichsstudien, welche explizit Vergleiche zwischen Deutschland und Chile
auf Variablen der Persönlichkeit, der Einstellungen und Werte, des Selbstbilds sowie der
Emotionalität und Lebenszufriedenheit vorgenommen hatten. Die Gesamtstichprobengröße betrug n
= 12258 Personen. Zur Abschätzung der praktischen Bedeutsamkeit von Unterschieden auf
Populationsebene berechnete Zimmermann (2009) nach den Empfehlungen von Matsumoto,
Grissom und Dinnel (2001) das Effektstärkemaß Hedges‘ g (Hedges & Olkin, 1985)5. Im Folgenden
werden die bei Zimmermann (2009) berichteten Ergebnisse aus einer Studie von Schwartz (2004)
sowie aus den Daten des World Values Survey (Inglehart & Baker, 2000) zusammenfassend
dargestellt. Bezüglich der Schwartz’schen kulturellen Wertedimensionen ergab sich, dass Chilenen
das Prinzip der Gleichheit (egalitarianism: g = 0.82), das Eingebunden sein in eine soziale Ordnung
(embeddedness: g = 1.40) sowie das Prinzip der Hierarchie (hierarchy: g = 0.90) höher bewerteten als
5
Beurteilung der Effektstärke: g ≥ 0.20 = kleiner Effekt; g ≥ 0.40 = mittlerer Effekt; g > 0.70 = großer Effekt
Theoretischer Hintergrund
31
Deutsche, während Deutsche dem Prinzip der emotionalen Unabhängigkeit (affective autonomy: g =
-0.52) mehr Bedeutung beimaßen als Chilenen. Während Chilenen zudem geringfügig mehr Wert auf
Harmonie mit Natur und Umwelt (harmony: g = 0.36) legten, ergaben sich hinsichtlich Intellektueller
Unabhängigkeit (intellectual autonomy) und Werten wie Kreativität und Neugier (mastery) keine
nennenswerten Unterschiede zwischen Deutschen und Chilenen. Auf den beiden Wertedimensionen
nach Inglehart & Baker (2000) spiegeln sich diese Ergebnisse wieder. Während Chilenen in deutlich
stärkerem Ausmaß traditionell-religiöse Werte aufwiesen als Deutsche (g = 1.64), bestanden
Unterschiede auf der Dimension weltlich-rationaler Werte nur in marginal bedeutsamem Ausmaß (g
= 0.19). Die Effektstärken zu traditionell-religiösen Werten blieben auch nach einer Kontrolle von
soziodemografischen Unterschieden in den Stichproben und Antworttendenzen im Bereich eines
großen Effekts bestehen (Zimmermann, 2009). Zusammenfassend haben sich Werthaltungen in
diesen Analysen als vielversprechende kulturelle Merkmale mit ausreichend Variation zwischen
Deutschen und Chilenen erwiesen, die interessante Anhaltspunkte für die Analyse und Interpretation
von Unterschieden und Gemeinsamkeiten auf psychologischen Zielvariablen in einem deutschchilenischen Vergleich bieten.
2.2.4.3 Werthaltungen im Rahmen der Konsistenztheorie
Wie bereits unter Absatz 2.1.6 erläutert, werden in der Konsistenztheorie kulturelle Einflüsse auf die
Ausformung motivationaler Ziele durchaus angenommen (Boysen, 2011; Grawe, 2004; Tamcan,
2005). Eine Formulierung spezifischer Mechanismen, über die Kultur als nominale Variable der
Gruppenzugehörigkeit auf motivationale Ziele auf individueller Ebene Einfluss nehmen könnte, wird
jedoch im Rahmen der konsistenztheoretischen Konzeptualisierung nicht vorgenommen. Zwar
existieren nach Kenntnis der Autorin bisher keine expliziten Ansätze, welche die Wertedimensionen
nach Schwartz (1992) in die Konsistenztheorie nach Grawe einzuordnen versuchen, dies könnte
jedoch ein vielversprechender Ansatz zur Überbrückung der oben beschriebenen konzeptuellen
Lücke sein. Grosse Holtforth et al. (2011) definieren in ihrem Übersichtsartikel Werte als
motivationale Konstrukte, welche auf einer höheren Abstraktionsebene anzuordnen als die in Absatz
2.1.2 beschriebenen motivationalen Ziele: Während Werte das „wie“ einer Person umschreiben,
beinhalten Ziele das „wohin“ der Handlungen einer Person. Im Rahmen der Theory of basic human
values werden motivationale Ziele als zentrale inhaltliche Aspekte von Werten konzeptualisiert (Sagiv
& Schwartz, 2000; Schwartz & Bilsky, 1990). Es ist also zu vermuten, dass kulturell überformte
Werthaltungen einen systematischen Einfluss auf die Ausprägung der motivationalen Ziele zur
Befriedigung der
Grundbedürfnisse
nehmen. Aus diesen Überlegungen resultiert, dass
Werthaltungen im konsistenztheoretischen Modell am ehesten als beeinflussendes Element
32
Theoretischer Hintergrund
zwischen den basalen Grundbedürfnissen und den eher spezifischen motivationalen Zielen zu
lokalisieren sind. Aus den universellen Grundbedürfnissen entwickeln sich nach dieser Annahme
durch die Teilhabe an der Gesellschaft in ihrer relativen Wichtigkeit kulturell überformte
Werthaltungen, welche zur kulturspezifischen Ausformung motivationaler Ziele und Schemata
beitragen. Unter Voraussetzung der Gültigkeit dieser Annahmen sollten sich kulturelle Unterschiede
in motivationalen Zielen, wie sie sich beispielsweise bei Boysen (2011) zeigten, über spezifische
Werthaltungen zumindest partiell erklären lassen – eine Hypothese, deren Überprüfung unter
anderem Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sein soll.
2.2.4.4 Neuere Entwicklungen: Werthaltungen und Wohlbefinden
In jüngerer Zeit finden sich in der Literatur vermehrt Studien, die sich mit den Auswirkungen des von
Schwartz postulierten Wertesystems auf Variablen des Wohlbefindens auseinandersetzen (Sagiv &
Schwartz, 2000; Schwartz, 2011b). Dabei sind auf theoretischer und empirischer Ebene mehrere
Wege der Beeinflussung vorstellbar. Zum einen geben die Forschungsergebnisse Anlass dafür,
bestimmten Werthaltungen einen direkten zuträglichen (z.B. Selbstbestimmung) oder abträglichen
(z.B. Macht) Einfluss auf das Wohlbefinden zuzusprechen (Sagiv & Schwartz, 2000; Bobowik, Basabe,
Páez, Jiménez & Bilbao, 2011). Joshanloo und Ghaedi (2009) sprechen in diesem Zusammenhang gar
von „gesunden“ und „ungesunden“ Werthaltungen. Zum anderen scheint die Passung zwischen dem
eigenen Wertesystem und der Umgebung, in der sich dieses Wertesystem entfaltet, ausschlaggebend
für das Wohlbefinden zu sein. So konnten Sortheix und Lönnqvist (2014) in einem Vergleich 25
europäischer Nationen zeigen, dass der Wertetyp Leistung in Ländern mit niedrigen human
development index (HDI; Indikator des sozioökonomischen Entwicklungsstands eines Landes) positiv
mit der Lebenszufriedenheit assoziiert war, während er in Ländern mit hohem HDI negativ mit
derselben in Zusammenhang stand. Ein inverses Muster ergab sich für Universalismus. Eine dritte,
eher indirekte Form der Beeinflussung ergibt sich über den Zusammenhang von Werten mit anderen
psychologischen Zielvariablen, welche mit dem subjektiven Wohlbefinden in Zusammenhang stehen.
So konnten Karabati und Cemalcilar (2010) zeigen, dass Werte der Dimension Selbst-Erhöhung positiv
mit Materialismus bei türkischen Studenten assoziiert sind. Eine hohe Ausprägung von
materialistischen Werten stand in ihrer Studie in Zusammenhang mit reduziertem Wohlbefinden.
Hofer, Busch und Kiessling (2008) konnten zudem empirisch belegen, dass Werthaltungen die
Zusammenhänge zwischen verschiedenen Aspekten des Wohlbefindens (Lebenszufriedenheit und
psychisches Wohlbefinden) moderierten. Bei Burr, Santo und Pushkar (2011) nahmen die
Werthaltungen einen moderierenden Einfluss auf Zusammenhänge zwischen dem finanziellen Status
von Rentnern und positivem Affekt als Indikator des affektiven Wohlbefindens.
Theoretischer Hintergrund
33
Trotz dieser vielversprechenden Arbeiten, die Werthaltungen mit Indikatoren des Wohlbefindens in
Zusammenhang bringen, sind Studien mit klinischen bzw. psychopathologischen Kriterien im engeren
Sinne noch sehr selten. Aus der Arbeitsgruppe um Andreas Maercker existieren einige Arbeiten, die
sich mit den Auswirkungen von Werthaltungen auf das Erleben posttraumatischen Stresses
beschäftigen. In einer Studie mit deutschen Afghanistan-Veteranen konnte gezeigt werden, dass sich
über die Kenntnis bestimmter Werthaltungen das Auftreten posttraumatischer Symptomatik
vorhersagen ließ. Dabei schienen vor allem die Werthaltungen Tradition und Universalismus mit
posttraumatischer Symptomatik in Verbindung zu stehen, während Hedonismus und Macht von den
Autoren als „Resilienzfaktoren“ eingestuft wurden (Zimmermann, Firnkes, Kowalski, Backus, Siegel,
Willmund & Maercker, 2014). Eine weitere Studie ergab, dass die Ausprägung traditioneller
(Konformität, Benevolenz) vs. moderner (Leistung, Hedonismus, Stimulation) Werte differentielle
Vorhersagen über die Stärke posttraumatischen Stresses in China und Deutschland erlaubt
(Maercker, Mohiyeddini, Müller, Xie, Yang, Wang & Müller, 2009).
Zusammenfassend stellen persönliche Werthaltungen, wie sie von Schwartz (1992) postuliert und
operationalisiert wurden, eine vielversprechende Konzeptualisierung zur verbesserten Erklärung
kultureller Unterschiede auf psychologischen Zielvariablen dar. Die theoriegeleitete Entwicklung
sowie die Vielzahl vorliegender Befunde ermöglichen zudem eine gute Einordnung neuer Befunde in
ein empirisch fundiertes Modell. Neuere Arbeiten geben Hinweise auf die Bedeutsamkeit von
persönlichen Werthaltungen für das psychische Wohlbefinden, wobei Studien zu engeren klinischen
Kriterien größtenteils ausstehen. Die vorliegende Arbeit will hier mit einem Fokus auf depressive
Symptomatik eine erste Annäherung darstellen. Im folgenden Kapitel werden entsprechend die, für
die vorliegende Arbeit zentralen, Aspekte depressiver Erkrankungen detailliert dargestellt.
2.3
Depression
Depressive Erkrankungen gehören zu den am häufigsten vorkommenden psychischen Störungen
(Wittchen, Jacobi, Klose & Ryl, 2010) und sind in Europa hinsichtlich des Ausmaßes der durch sie
entstehenden
individuellen
und
gesellschaftlichen
Belastungen
noch
vor
koronaren
Herzerkrankungen einzuordnen (Paykel, Brugha & Fryers, 2005; Wittchen & Jacobi, 2005). Trotz einer
langen Tradition in der klinisch-psychologischen Forschung stellen daher die weitere Untersuchung
depressiver Syndrome sowie die Entwicklung, Erprobung und Etablierung von Behandlungsansätzen
auch aktuell Schwerpunkte im Rahmen klinisch-psychologischer, neurowissenschaftlicher und
psychiatrischer Forschung dar. In diese Bemühungen um ein besseres Verständnis depressiver
Störungen ist auch die vorliegende Arbeit einzuordnen. Im Folgenden soll zunächst auf die
Symptomatik depressiver Störungen (2.3.1) sowie auf epidemiologische Aspekte (2.3.2) eingegangen
34
Theoretischer Hintergrund
werden. Anschließend wird ein Überblick über verschiedene Depressionstheorien gegeben, bevor auf
solche Modelle und empirische Befunde näher eingegangen wird, welche auf interpersonale Aspekte
depressiver Störungen fokussieren (2.3.3). Dabei wird auf die Darstellung genuin psychodynamischer
Theorien verzichtet, da deren Ausführung im Rahmen der vorliegenden Arbeit zu weit führen würde.
Abschließend erfolgt eine Einordnung depressiver Erkrankungen in das konsistenztheoretische
Modell (2.3.4) sowie, unter Berücksichtigung des kulturvergleichenden Anspruchs der vorliegenden
Studie, eine Betrachtung kulturspezifischer Aspekte von Depressionen (2.3.5).
2.3.1
Symptomatik und diagnostische Kriterien
Aktuell stehen zwei Klassifikationssysteme zur Einordnung und Diagnose depressiver Erkrankungen
zur Verfügung: die vierte testrevidierte Auflage des Diagnostischen und Statistischen Manuals (DSMIV-TR) der American Psychiatric Association (dt. Übersetzung von Saß et al., 2003)6 sowie das Kapitel
V (Psychische Störungen) der zehnten Auflage des Internationalen Krankheitsklassifikationssystems
(ICD-10) der World Health Organization (dt. Übersetzung von Dilling et al., 2014). Aufgrund der
Anwendungshoheit im deutschsprachigen Raum wird im Folgenden der diagnostische Prozess, wie er
durch das ICD-10 skizziert wird, beschrieben, die Kriterien des DMS-IV-TR sind jedoch als nahezu
äquivalent zu betrachten7.
Unipolare depressive Störungen sind im ICD-10 neben bipolaren Störungen im Kapitel Affektive
Störungen aufgeführt. Die Symptomatik unipolarer depressiver Störungen wird in Haupt- und
Zusatzsymptome unterteilt. Die Hauptsymptome sind (a) gedrückte/traurige Stimmung, (b)
Interessens-/Freudverlust und (c) geminderter Antrieb bzw. gesteigerte Ermüdbarkeit. Als
Zusatzsymptome
werden
(d)
Verlust
des
Selbstvertrauens
oder
Selbstwertgefühls,
(e)
unangemessene Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle, (f) wiederkehrende Gedanken an den Tod,
Suizidgedanken
oder
-handlungen,
(g)
verminderte
Denk-,
Konzentrations-
oder
Entscheidungsfähigkeit, (h) psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit, (i) Schlafstörungen sowie
(j) deutlich geminderter oder gesteigerter Appetit aufgeführt. Für die Diagnose einer depressiven
Störung müssen mindestens zwei der Hauptsymptome und zwei weitere Symptome über einen
Zeitraum von mindestens zwei Wochen in klinischer Bedeutsamkeit (Vorhandensein von subjektivem
6
Die englischsprachige Veröffentlichung der 5. Auflage des DSM (DSM-V) erfolgte im Mai 2013, eine
deutschsprachige Übersetzung ist im Dezember 2014 veröffentlicht worden, zum Zeitpunkt der
Verschriftlichung dieser Arbeit lag sie noch nicht vor. Bezüglich der Klassifikation depressiver Erkrankungen
wurden im Vergleich zum DSM-IV-TR keine nennenswerten Änderungen vorgenommen.
7
Unterschiede zwischen den Klassifikationssystemen bestehen lediglich in der Anzahl der für eine Diagnose
geforderten Symptome: Während in der ICD-10 mindestens zwei der Hauptsymptome sowie mindestens zwei
Zusatzsymptome vorliegen müssen, muss im DSM-IV-TR ein Symptom auf jeden Fall gedrückte/depressive
Stimmung (Kriterium A1) oder Interessens-/Freudverlust (Kriterium A2) sein und es müssen mind. vier weitere
(Zusatz-)Symptome vorliegen.
Theoretischer Hintergrund
35
Leiden und/oder Einschränkungen in der Funktionsfähigkeit) vorliegen. Die Symptome dürfen nicht
besser durch eine andere psychische Störung, durch einen medizinischen Krankheitsfaktor oder
durch Substanzkonsum erklärbar sein. Es ist zusätzlich möglich, spezifische Symptomkomplexe
(beispielsweise das Vorliegen psychotischer Symptome oder eines somatischen Syndroms, bei dem
die Beschwerden vermehrt auf körperlicher Ebene erlebt werden) durch Zusatzkodierungen zu
bestimmen, ebenso kann der Schweregrad über die Gesamtzahl und Schwere der vorliegenden
Symptome bestimmt werden8. Schließlich ist es möglich, unterschiedliche Verlaufsformen (einmalig,
rezidivierend, chronisch, mit saisonalem Muster) ebenfalls zu kodieren.
Die hier skizzierte kategoriale Betrachtungsweise ist vielfach kritisiert worden, sowohl für
psychopathologische Syndrome im Allgemeinen (Pickles & Angold, 2003; Widiger & Clark, 2000) als
auch für depressive Störungen im Spezifischen (Flett, Vredenburg & Krames, 1997; Hankin, Fraley,
Lahey & Waldman, 2005; Solomon, Haaga & Arnow, 2001). Sicherlich stellen die in den
Diagnosesystemen verankerten Kriterien hilfreiche Heuristiken zur Abschätzung der durch depressive
Symptome erlebten Belastung dar, es konnte jedoch in der wissenschaftlichen Diskussion bisher
nicht abschließend geklärt werden, ob der in diesem Verständnis implizierte qualitative Sprung
zwischen nicht depressiv und klinisch depressiv tatsächlich eine reale Entsprechung hat (Hankin et
al., 2005). Vielmehr sprechen Forschungsbefunde vermehrt für die Annahme eines Kontinuums
depressiver Symptomatik (Solomon et al., 2001). Von diesen Kontroversen um die qualitative oder
quantitative Konzeptualisierung depressiver Symptome relativ unbeeinträchtigt ist die Vorstellung,
dass subklinische depressive Phänomene über die Zeit mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit in
einer diagnostizierbaren depressiven Störung münden (Flett et al., 1997; Hautzinger, 1988; Kessler,
Zhao, Blazer & Swartz, 1997), weshalb im Sinne der Erforschung von Risikofaktoren und der
Entwicklung von Frühinterventionen der Betrachtung subklinischer depressiver Phänomene eine
besondere Bedeutung zukommt. In Übereinstimmung mit der hier skizzierten Annahme eines
Kontinuums depressiver Symptome werden in den Teilstudien B und C dieser Arbeit depressive
Symptome entsprechend als kontinuierlich variierendes Merkmal konzeptualisiert.
2.3.2
Epidemiologische Aspekte und Risikofaktoren
In epidemiologischen Studien zur Vorkommenshäufigkeit depressiver Erkrankungen sind immer
wieder deutliche Schwankungen in den berichteten Prävelanzraten zu beobachten. Dies ist unter
anderem auf die Auswahl der Stichproben, auf Unterschiede im Zeitraum, der zur Abschätzung der
Prävalenz herangezogen wurde, auf unterschiedliche Erhebungsmethoden sowie auf Unterschiede in
8
Leichte Depression: 4 bis 5 Symptome; Mittelgradige Depression: 6 bis 7 Symptome; Schwere Depression: 8
oder mehr Symptome
36
Theoretischer Hintergrund
den Diagnosesystemen und -kriterien zurückzuführen. Um diesen Einflussgrößen angemessen zu
begegnen, sollen daher im Folgenden zur Abschätzung der Vorkommenshäufigkeit depressiver
Störungen
in
Deutschland
und
Chile
Studien
vorgestellt
werden,
welche
annähernd
bevölkerungsrepräsentative Stichproben unter Zuhilfenahme des von der World Health Organization
zur Verfügung gestellten Composite International Diagnostic Interview (CIDI) untersucht haben und
Prävalenzraten für einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten zur Verfügung stellen.
Die aktuellsten epidemiologischen Daten für Deutschland stammen aus der ersten Erhebungswelle
(2008-2011) der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS) des Robert-KochInstituts (Busch, Maske, Ryl, Schlack & Hapke, 2013). In einer als bevölkerungsrepräsentativ zu
erachtenden Stichprobe von n = 8152 Personen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren fanden die
Autoren
12-Monats-Prävalenzen
für
diagnostizierte
Depression
von
6%
sowie
eine
Lebenszeitprävalenz von 11,6%. Für Chile berichten Vicente und Kollegen (Vicente, Kohn, Rioseco,
Saldivia, Baker & Torres, 2004; Vicente, Saldivia & Kohn, 2012) für eine stratifizierte, annähernd
bevölkerungsrepräsentative Stichprobe aus vier Regionen Chiles (Santiago, Concepción, Iquique und
Cautín) mit insgesamt n = 2987 Personen von einer 6-Monats-Prävalenz von 4,7%. Die im Vergleich
zu den deutschen Daten etwas niedrigere Prävalenzrate in Chile ist wahrscheinlich durch den
kürzeren Zeitraum (6 vs. 12 Monate) erklärbar. Diese bei Vicente et al. (2004) vorgestellte Stichprobe
war auch Bestandteil der kulturübergreifenden Studie des International Consortium of Psychiatric
Epidemiology (ICPE). In
ihrer Zusammenfassung der Ergebnisse dieser multinationalen
epidemiologischen Erhebung berichten Andrade, Caraveo-Anduaga, Berglund, Bijl, De Graaf,
Vollebergh, … Wittchen (2003) von einer 12-Monats-Prävalenzrate von 5,6% sowie einer
Lebenszeitprävalenzrate von 9% für die oben vorgestellte chilenische Stichprobe. Zur Abschätzung
der Prävalenz depressiver Erkrankungen in Deutschland wurde im Rahmen dieses Projekts eine n =
3021 Personen umfassende stratifizierte Stichprobe aus dem Großraum München herangezogen, die
12-Monats-Prävalenz lag bei 5,2%, die Lebenszeitprävalenz bei 11,5%. Zusammenfassend lässt sich
aus diesen Befunden ableiten, dass sich bei vergleichbaren Bedingungen auch annähernd
vergleichbare Prävalenzraten für Deutschland und Chile ergeben.
Weiterhin vergleichbar sind auch diejenigen soziodemografischen Faktoren, welche die Prävalenz
beeinflussen. So weisen Frauen kulturübergreifend ein durchgängig höheres Risiko für depressive
Störungen auf als Männer (Hopcroft & Bradley, 2007; Van de Velde, Bracke & Levecque, 2010).
Ebenso zeigt sich in epidemiologischen Studien durchgängig ein höheres Risiko für Personen mit
niedrigem sozioökonomischem Status, wobei dieser für Frauen akzentuiert zu sein scheint (Busch et
al., 2013; Dohrenwend, 2000). Ein weiterer soziodemografischer Risikofaktor scheint der
Familienstand zu sein. Verheiratete oder in dauerhafter Partnerschaft lebende Personen haben
gemeinhin ein geringeres Risiko, an einer Depression zu erkranken als Menschen ohne feste
Theoretischer Hintergrund
37
Partnerschaft (Van de Velde et al., 2010). Als weitere bedeutsame Risikofaktoren werden unter
anderem kritische Lebensereignisse (Hammen, 2005),
familiäre/genetische Belastung (Kendler,
Walters, Neale, Kessler, Heath & Eaves, 1995; Lieb, Isensee, Höfler & Wittchen, 2002),
Temperamentsmerkmale
wie
Affektlabilität
oder
Verhaltenshemmung,
bestimmte
Persönlichkeitsmerkmale oder komorbide Erkrankungen diskutiert (für eine nähere Beschreibung
dieser sowie eine Übersicht über weitere Risikofaktoren siehe Beesdo & Wittchen, 2006).
2.3.3
Theorien zur Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen
Unter Berücksichtigung der Heterogenität der Symptomatik und des Verlaufs depressiver Störungen
ist es nicht weiter verwunderlich, dass bislang keine einheitliche Störungstheorie vorliegt. Am
Ehesten
ist
zum
aktuellen
Zeitpunkt
von
einem
multifaktoriellen,
biopsychosozialen
Bedingungsmodell auszugehen (Wittchen et al., 2010). Allen im Folgenden vorgestellten Theorien ist
gemeinsam, dass sie die Genese depressiver Störungen im Sinne eines Vulnerabilitäts-Stress-Modells
konzeptualisieren.
Im
Rahmen
dieser
Modellvorstellung
werden
distale
Faktoren
wie
biologische/genetische Besonderheiten, frühkindliche Erlebnisse oder Besonderheiten der kognitiven
Verarbeitung postuliert, welche zu einer erhöhten Verletzlichkeit führen, vor deren Hintergrund eher
proximale Faktoren wie kritische Lebensereignisse oder Stress zum Ausbruch einer depressiven
Episode führen können. Die vorgestellten Modelle unterscheiden sich letztendlich lediglich in der
relativen Bedeutsamkeit, die sie jeweils biologischen, psychischen oder sozialen Faktoren
zusprechen. Im Folgenden sollen zunächst biologische und psychologische Depressionstheorien
aufgeführt und anschließend soziale Theorien, die auf die hier besonders interessierenden
interpersonalen Aspekte depressiver Störungen fokussieren, detaillierter besprochen werden.
2.3.3.1 Biologische und psychologische Depressionstheorien
Unter den biologischen Theorien sind die Monoamin-Mangel-Hypothesen mit Sicherheit die am
weitesten
verbreiteten
Ansätze.
Postuliert
wird
im
Rahmen
dieser
Hypothesen
ein
pathophysiologischer Mangel der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin (Frieling,
Hillemacher, Demling, Komhuber & Bleich, 2007) sowie, in weit weniger prominentem Ausmaß, auch
Dopamin (Randrup & Bræstrup, 1977). Die Vorstellung von einem neurochemischen Ungleichgewicht
als Ursache depressiver Störungen hat in den letzten Jahrzehnten vor allem die Entwicklung und
Verbesserung psychopharmakologischer Therapieansätze befruchtet (siehe Werner & Coveñas, 2010,
für eine Übersicht). Weitere biologisch fundierte Modellvorstellungen sind Erblichkeitsmodelle,
welche ihre Annahmen aus der gut dokumentierten familiären Häufung depressiver Erkrankungen
speisen (Lieb et al., 2002; McGuffin, Rijsdijk, Andrew, Sham, Katz & Cardno, 2003) sowie Hypothesen
38
Theoretischer Hintergrund
zur Bedeutsamkeit der Variation bestimmter Gene (z.B. des Serotonin-Transporter-Gens 5-HTTLPR),
wobei hier aufgrund der Inkonsistenz der Befundlage noch keine abschließend gesicherten Aussagen
getroffen werden können (Risch, Herrell, Lehner, Liang, Eaves, Hoh, … & Merikangas, 2009).
Im Rahmen genuin psychologischer Bedingungsmodelle sind zwei Theorien von besonderer
Bedeutung. Als am intensivsten beforscht kann sicherlich die Kognitive Theorie der Depression nach
Aaron T. Beck (1967; Beck, Rush, Shaw & Emery, 1979) bezeichnet werden. Beck postuliert als
Ursache depressiver Störungen dysfunktionale kognitive Grundannahmen (z.B. „Ich bin wertlos“),
welche in dysfunktionalen kognitiven Verarbeitungsmechanismen münden, die er in der
sogenannten kognitiven Triade zusammenfasst: das „depressive Denken“ zeichnet sich nach seinen
Annahmen durch eine negative Sicht des Individuums auf sich selbst, die Umwelt und die Zukunft
aus. Beck’s Postulate sind als die entscheidenden Grundlagen der kognitiven Arbeit in der modernen
kognitiven Verhaltenstherapie der Depression (Hautzinger, 2013) zu betrachten. Ein experimentell
abgeleitetes Depressionsmodell stellt die Theorie der erlernten Hilflosigkeit nach Martin Seligman
(1974; Abramson, Seligman & Teasdale, 1978) dar, die von depressivem Verhalten als erlerntem
Verhalten ausgeht. Die Überzeugung, Situationen nicht kontrolliert eigenmächtig steuern zu können,
entwickelt sich nach Annahmen dieser Theorie aus der wiederholten Erfahrung von mangelnder
Kontrolle über verschiedene Situationen und deren unangenehme Konsequenzen (Wittchen et al.,
2010). Für eine vollständige Übersicht und genauere Erläuterung der psychologischen
Depressionstheorien soll an dieser Stelle auf Beesdo und Wittchen (2006) verwiesen werden.
2.3.3.2 Interpersonale Depressionstheorien und empirische interpersonale Befunde
In den 70er Jahren postulierte Peter M. Lewinsohn mit dem lerntheoretisch fundierten VerstärkerVerlust-Modell erstmals eine Theorie zur Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen,
welche die Bedeutung interpersonaler Aspekte explizit in ihre Formulierung einbezog (Lewinsohn,
1974). Lewinsohn geht in seiner Konzeptualisierung davon aus, dass manche Menschen aufgrund
eines Mangels an sozialer Kompetenz wenig kontingente positive Verstärkung aus der Umwelt
erhalten, was zur Entstehung von negativem Affekt führt. Da für den Umgang mit diesem Affekt bei
Menschen mit geringen sozialen Kompetenzen wenig adäquate Mittel zur Verfügung stehen,
tendieren diese nach den Annahmen Lewinsohns verstärkt zu Rückzugsverhalten, was im Sinne einer
Abwärtsspirale zu einer noch geringeren Rate an positiver Verstärkung und vermehrtem negativen
Affekt führt und schließlich in einer klinisch manifesten depressiven Störung resultiert. Soziale
Kompetenz kann in diesem Zusammenhang definiert werden als die Kompetenz, mit anderen
Personen auf eine vor dem Hintergrund normativer Erwartungen angemessene und dem Erreichen
persönlicher Ziele förderliche Art und Weise in Interaktion zu treten (Segrin, 2000). In der Literatur
Theoretischer Hintergrund
39
finden sich mannigfaltige Hinweise auf eine Verbindung zwischen depressiver Symptomatik und
sozialen Kompetenzdefiziten. So konnte im Rahmen verschiedener Arbeiten beispielsweise gezeigt
werden, dass depressive Personen ihre sozialen Interaktionen weniger genießen als nicht depressive
Personen (Nezlek, Hampton & Shean, 2000), dass ein Ungleichgewicht zugunsten negativer
Interaktionen im Vergleich zu positiven Interaktionen in Partnerschaften besteht (Whisman, 2001),
dass depressive Personen weniger Blickkontakt in Interviewsituationen halten und generell eine
eingeschränkte Mimik und Gestik haben (Trémeau, Malaspina, Duval, Corrêa, Hager-Budny, CoinBariou, … & Gorman, 2005; Troisi & Moles, 1999), dass sie ihre sozialen Fähigkeiten eher negativ
einschätzen, sich insgesamt weniger auf neue soziale Kontakte einlassen und Wertschätzung
gegenüber ihren Interaktionspartnern weniger häufig ausdrücken als nicht depressive Personen
(Youngren & Lewinsohn, 1980). Insgesamt lässt sich aus diesen, meist querschnittlichen, Befunden
zwar schlussfolgern, dass depressive Personen interaktionelle Verhaltensweisen auf verbaler und
nonverbaler Ebene zeigen, welche der in der Definition von Segrin (2000) geforderten normativen
Angemessenheit nicht entsprechen sowie der Zielerreichung eher hinderlich sind, sie geben jedoch
wenig Hinweise auf die Korrektheit der bei Lewinsohn (1974) postulierten kausalen Zusammenhänge.
Die Befundlage spricht schließlich auch eher dafür, soziale Kompetenzdefizite als einen von mehreren
vorstellbaren Vulnerabilitätsfaktoren (Segrin & Flora, 2000) oder als Folge (Petty, Sachs-Ericsson &
Joiner, 2004), nicht jedoch als die grundlegende Ursache depressiver Störungen, zu verstehen.
Weiterhin ist zum Verstärker-Verlust-Modell nach Lewinsohn (1974) anzumerken, dass die
lerntheoretische Formulierung zwar explizit soziale Aspekte benennt, jedoch keine interaktionelle
Theorie im engeren Sinne darstellt, da die depressogenen Entwicklungen bei dieser Formulierung
intrapsychisch und nicht in der sozialen Interaktion verortet werden. Coyne (1976a) geht mit der
Interactional Theory of Depression hier einen deutlichen Schritt weiter. Seinen Annahmen zufolge ist
es nicht so, dass depressive Personen auf Angebote aus der Umwelt im Sinne eines sozialen
Kompetenzdefizits nicht angemessen reagieren können, sondern dass sie tatsächlich negative
Reaktionen auslösen, die wiederum depressionsverstärkend wirken. Coyne beschreibt also einen
Teufelskreis depressiver Interaktion. Depressive Symptome und depressives Verhalten lösen
demnach zunächst Unterstützung und Mitgefühl im Gegenüber aus, welche im Sinne einer
„positiven“ Verstärkung die Auftretenswahrscheinlichkeit depressiven Verhaltens erhöhen.
Da
solche Verhaltensweisen von nicht depressiven Personen jedoch auch als aversiv wahrgenommen
werden, entsteht Ärger, der aber, durch Schuldgefühle zunächst gebremst, nicht offen gezeigt wird.
Vielmehr wenden sich Interaktionspartner zunehmend von depressiven Personen ab. Wird diese
Ambivalenz zwischen zugesagter Unterstützung und tatsächlichem, eher meidendem Verhalten von
der depressiven Person wahrgenommen, verstärkt diese ihre depressiven Verhaltensweisen, um
vermehrt Zuspruch zu bekommen. Die so in Gang gesetzte Negativspirale der depressiven Interaktion
40
Theoretischer Hintergrund
endet schlimmstenfalls in offenem Streit, sozialer Zurückweisung oder Kontaktabbruch, auf jeden Fall
aber in einer Verstärkung der depressiven Symptomatik (Coyne, 1976b).
Hinweise auf die Gültigkeit dieser Annahmen können zum Beispiel aus Studien zur Bedeutung von
exzessiver Suche nach Rückversicherung (excessive reassurance seeking) für die Entwicklung und
Aufrechterhaltung depressiver Störungen gewonnen werden (Birgenheir, Pepper & Johns, 2010;
Eberhart & Hammen, 2010; Evraire & Dozois, 2011). So konnten Haeffel, Voelz und Joiner (2007)
beispielsweise zeigen, dass über das Ausmaß exzessiver Rückversicherung das Auftreten spezifisch
depressiver Symptome vorhergesagt werden konnte. Starr und Davila (2008) fanden in einer
Metaanalyse eine Korrelation von r = .32 zwischen dem Merkmal excessive reassurance seeking und
depressiver Symptomatik, wobei dieser Zusammenhang bei selbstberichteten Symptomen, bei
Frauen und in Bevölkerungsstichproben (im Vergleich zu klinischen Stichproben) akzentuiert zu sein
scheint.
Des Weiteren liefert eine Studie von Segrin und Dillard (1992) Hinweise auf die Berechtigung des
Postulats, dass depressive Personen negative Reaktionen der Interaktionspartner nicht nur
vermuten, sondern tatsächlich hervorrufen. Ihre Analyse von Gesprächssituationen ergab, dass nichtdepressive Gesprächspartner im Anschluss an eine Interaktion besonders dann deutlich weniger mit
ihrem Gegenüber zu tun haben wollten, wenn dieses depressiv war (Segrin & Dillard, 1992).
Schließlich lassen sich Hinweise auf die Gültigkeit der von Coyne (1976a) postulierten Abwärtsspirale
depressiver Interaktion aus der Forschung zu kritischen Lebensereignissen ableiten. Deren
Depressogenität kann in der klinisch-psychologischen Forschung als gut belegt angesehen werden
(Hammen, 2005). Mazure (1998) konnte beispielsweise zeigen, dass sich bei bis zu 82% aller
depressiven Episoden ein kritisches Lebensereignis im Vorfeld festmachen lässt. Bereits seit Beginn
der 90er Jahre (Hammen, 1991) wird in der life events-Forschung nicht mehr von einer
unidirektionalen Beeinflussung, sondern vielmehr von einem bidirektionalen Zusammenhang
zwischen Lebensereignissen und Depression ausgegangen. Im Sinne eines Stress-GenerationsModells führen unter dieser Annahme depressive Symptome bzw. depressives Verhalten, wie sie
gegebenenfalls durch das Erleben eines kritischen Ereignisses entstanden sind, wiederum zu einer
erhöhten Auftretenswahrscheinlichkeit für kritische Lebensereignisse (Liu & Alloy, 2010). Der
depressive Patient wird entsprechend dieser Annahmen nicht nur als Rezipient, sondern als aktiver
Gestalter seiner sozialen Umwelt verstanden (Hammen, 2006), was den Postulaten der
Interaktionalen Theorie der Depression (Coyne, 1976a) entspricht. Empirische Befunde sprechen
zudem deutlich dafür, dass die Depressogenität kritischer Lebensereignisse in Abhängigkeit von
spezifischen psychosozialen Attributen entlang einer inhaltlichen Dimension variiert (Cramer,
Borsboom, Aggen & Kendler, 2012; Keller, Neale & Kendler, 2007; Muscatell, Slavich, Monroe &
Theoretischer Hintergrund
41
Gotlib, 2009). So scheinen insbesondere solche Lebensereignisse mit depressiven Entwicklungen in
Zusammenhang zu stehen, welche eine interpersonale Qualität besitzen und mit einer Kränkung,
Demütigung oder Zurückweisung einhergehen, während andere negative Ereignisse, beispielsweise
der Tod eines Familienmitglieds oder eigeninitiierte Trennungen, vergleichsweise weniger
depressogen zu sein scheinen (Brown, Harris & Hepworth, 1995; Kendler et al., 2003; Slavich,
O’Donovan, Epel & Kemeny, 2010). Slavich et al. (2009) konnten dies insofern weiter spezifizieren, als
insbesondere die Erfahrung mit zielgerichteter sozialer Zurückweisung (targeted rejection) einen
verstärkten und um das Dreifache akzelerierten Ausbruch depressiver Episoden zur Folge hatten.
2.3.4
Konsistenztheoretische Einordnung depressiver Störungen
Aus konsistenztheoretischer Perspektive ist die bei Slavich et al. (2009) beschriebene zielgerichtete
Zurückweisung vermutlich deshalb besonders depressogen, weil sie mit einer massiven Verletzung
aller vier Grundbedürfnisse einhergeht und daher eine besonders bedeutsame Quelle für
Inkonsistenzerleben darstellt. Soziale Zurückweisung bedeutet einen Abbruch, eine Verhinderung
oder eine Bedrohung sozialer Bindungen (Slavich et al., 2010), sie obliegt nicht der Kontrolle der
betroffenen Person und ist, wie vermutlich alle negativ valenten Lebensereignisse, von Unlusterleben
begleitet. Zusätzlich, und darin unterscheidet sich die Qualität von Zurückweisungserlebnissen von
vielen anderen negativen Lebensereignissen, geht intentionale Zurückweisung vermutlich mit einem
massiven Inkongruenzerleben hinsichtlich der Erfüllung motivationaler Ziele, die auf den Selbstwert
bzw. das Bedürfnis nach Anerkennung der eigenen Person ausgerichtet sind, einher (Leary, Tambor,
Terdal & Downs, 1995; Zadro, Williams & Richardson, 2005)9. Slavich und Kollegen (2010) sprechen in
diesem Zusammenhang von sozial-evaluativer Bedrohung für das Selbst, welche mit spezifischen
negativen selbstreferentiellen Kognitionen („Ich bin unerwünscht“, „Andere mögen mich nicht“;
Monroe, Slavich, Torres & Gotlib, 2007), bestimmten selbstreflexiven Emotionen (insbesondere
Scham; Gruenewald, Kemeny, Aziz & Fahey, 2004) sowie spezifischen biologischen, neurochemischen
und immunologischen Mechanismen einhergeht (für eine Übersicht siehe Slavich & Irwin, 2014).
Unter der Annahme, dass durch soziale Zurückweisung wichtige Grundbedürfnisse verletzt werden,
sind depressive Reaktionen als Schutzmechanismus zur Vermeidung weiterer Bedürfnisverletzung zu
verstehen. Aus konsistenztheoretischer Perspektive kann die von Coyne (1976a) postulierte, negative
Spirale als ein Ausdruck des Umgangs mit Inkonsistenzspannungen beschrieben werden. Der
ablehnende Umgang der Interaktionspartner mit der Symptomatik erzeugt das Erleben von
9
Die besondere depressogene Bedeutung des Selbstwertverlusts spiegelt sich nicht zuletzt in einer
Verankerung in den diagnostischen Kriterien: Sowohl im DSM-IV-TR als auch im ICD-10 stellt der Verlust des
Selbstwertgefühls ein diagnostisches Kernmerkmal depressiver Störungen dar.
42
Theoretischer Hintergrund
Inkongruenz zwischen dem eigentlichen Ziel (Aufmerksamkeit, Unterstützung) und den realen
Wahrnehmungen (Ablehnung, Rückzug der Interaktionspartner). Es gelingt also zunächst nicht, durch
das gezeigte Verhalten die eigentlichen motivationalen Ziele zu realisieren. Diese Inkongruenz
erzeugt Spannungen, die das Individuum zu verringern versucht. Dabei bedient es sich in der
Vergangenheit als spannungsreduzierend erlebter Mechanismen (beispielsweise Klagen, Darstellen
von Hilflosigkeit oder im weiteren Verlauf Rückzug), welche zwar kurzfristig die erlebte Inkonsistenz
reduzieren, langfristig aber zu einer Aufrechterhaltung der Symptomatik beitragen. Grawe (2004, S.
326) fasst diesen Mechanismus wie folgt zusammen: „Der Betreffende ist gefangen in diesem
Teufelskreis von kurzfristiger Inkonsistenzregulation durch Ausbildung neuer Symptome und
langfristiger Inkonsistenzerhöhung durch eben diese Symptome“.
Grawe (2004) geht jedoch einen Schritt weiter und beschreibt in seiner Konzeption auch die
Aufrechterhaltung depressiver Störungen als einen dysfunktionalen, sich verselbständigenden
Schutzmechanismus. Seinen Annahmen zufolge werden durch die oben beschriebenen
Verhaltensweisen Vermeidungsschemata gebahnt, welche mit bestehenden Annäherungsschemata
in Konkurrenz treten und die Erreichung von Annäherungszielen verhindern, was zu einer
Verstärkung des Inkongruenzerlebens führt. Grawe (2004) spricht in diesem Zusammenhang von
depressiven Störungen als ein auf die Spitze getriebenes Vermeidungsverhalten. Es existiert eine
Vielzahl empirischer Befunde, die die hier postulierte Assoziation von Depression und Vermeidungsmotivation belegen (Coats, Janoff-Bulman und Alpert, 1996; Grosse Holtforth & Grawe, 2000). Grosse
Holtforth, Grawe, Egger und Berking (2005) konnten im Kontext der Psychotherapieforschung zeigen,
dass eine hohe Anzahl von Vermeidungszielen mit einem schlechteren Therapieergebnis bei
Depressiven einherging, während sich erfolgreiche Therapien durch eine bedeutsame Reduktion der
Vermeidungsziele auszeichneten. Diese Befunde sprechen für konsistente Zusammenhänge zwischen
vermeidenden motivationalen Ziele und depressiven Störungen.
Zwar sind die Überlegungen Grawes nicht ausschließlich interpersonaler Natur, unter
Berücksichtigung obiger Befunde zur Bedeutung von Vermeidungsschemata sowie zur Bedeutung
interaktioneller Bedingungs- und Aufrechterhaltungsfaktoren depressiver Störungen (Absatz 2.3.3)
stellt sich jedoch die Frage, ob spezifische, interpersonal ausgerichtete, motivationale Schemata zum
Umgang mit erlebter Zurückweisung existieren, die die besondere Depressogenität solcher Ereignisse
erklären können und damit eine Integration der berichteten theoretischen Überlegungen und
empirischen Befunde ermöglichen. Bei Slavich et al. (2010) wurde in diesem Zusammenhang bereits
angedeutet, dass sich spezifische, auf intentionale soziale Zurückweisung bezogene, Kognitionen und
Emotionen ausmachen lassen, die die Depressogenität interpersonaler Ereignisse unterstreichen.
Mit der Interpersonalen Zurückweisungssensibilität stellen Downey & Feldman (1996) ein kognitivaffektives Schema vor, welches auf beeindruckende Weise alle hier berichteten Befunde und
Theoretischer Hintergrund
43
theoretischen Überlegungen in Übereinstimmung bringt. Interpersonale Zurückweisungssensibilität
als zentraler Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit wird in einem eigenen Kapitel (2.4)
dargestellt, zuvor soll jedoch, vor dem Hintergrund des kulturvergleichenden Anspruchs der Arbeit,
auf kulturspezifische Besonderheiten depressiver Störungen eingegangen werden.
2.3.5
Kulturspezifische Aspekte depressiver Störungen
Die klinisch-psychologische kulturvergleichende Forschung verfügt über eine noch relativ junge
Forschungstradition. Es liegen, obgleich der Forschungsumfang in den letzten Jahren immens
zugenommen hat, immer noch hauptsächlich Arbeiten zur Adaptation klinischer Messinstrumente für
verschiedene Sprachräume sowie Katalogisierungen über (meist reine Mittelwerts-)Unterschiede in
der Symptompräsentation, der Symptomintensität sowie spezifischen Therapieergebnissen vor, ohne
dass Versuche unternommen wurden, diese Unterschiede auch zu erklären (Ryder, Ban & ChentsovaDutton, 2011). Zudem findet sich auch im klinisch-psychologischen Bereich die bei Kim-Prieto und Eid
(2004) bemängelte Beschränkung der meisten kulturvergleichenden Studien auf einen Ost-WestVergleich (Chentsova-Dutton & Tsai, 2009).
Dennoch lassen sich exemplarisch Arbeiten anführen, welche neben der Konstatierung von
kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten bei psychischen, im spezifischen depressiven,
Störungen den Versuch einer theoriegeleiteten Integration der Befunde sowie eine Überprüfung
möglicher Erklärungsmechanismen im Sinne des in Absatz 2.2.2.1 hergeleiteten unpackaging cultureAnsatzes anstreben. So konnte die Arbeitsgruppe um Andrew Ryder zeigen, dass sich depressive
Chinesen und Kanadier im Ausmaß der somatischen vs. psychologischen Symptompräsentation
unterscheiden und dass sich diese Unterschiede über Teilaspekte des Konstrukts Alexithymie (Bagby,
Taylor & Parker, 1994) erklären lassen (Dere, Sun, Zhao, Persson, Zhu, Yao, … Ryder, 2010; Ryder &
Chentsova-Dutton, 2012; Ryder, Yang, Zhu, Yao, Yi, Heine & Bagby, 2008). Die Arbeitsgruppe um Yulia
Chentsova-Dutton überprüfte kulturelle Unterschiede im Ausdruck positiver und negativer
Emotionen an einer Stichprobe von depressiven und nicht depressiven europäisch- und asiatischstämmigen Nordamerikanern (Chentsova-Dutton, Chu, Tsai, Rottenberg, Gross & Gotlieb, 2007;
Chentsova-Dutton, Tsai & Gotlib, 2010) und konnte beispielsweise zeigen, dass der Ausdruck
negativer Emotionen bei depressiven europäisch-stämmigen Nordamerikanern im Vergleich zu nicht
depressiven Personen dieses Kulturkreises deutlich reduziert war, während der umgekehrte Fall für
asiatisch-stämmige Amerikaner zutreffend war. Die Befunde interpretieren die Autoren im Licht der
cultural norm hypothesis, die beschreibt, dass sich Depression durch die Schwierigkeit auszeichnet,
Emotionen in kulturell angemessener Weise auszudrücken und zu regulieren. Während nämlich der
offene Ausdruck von Emotionen im europäisch-stämmigen amerikanischen Kulturkreis eigentlich
44
Theoretischer Hintergrund
erwünscht ist und entsprechend verstärkt wird, entspricht es der asiatischen Subkultur eher,
Emotionen nicht offen zu zeigen (Kitayama, Markus & Kurokawa, 2000; vgl. auch Trommsdorff &
Heikamp, 2013). Die in den Studien von Chentsova-Dutton und Kollegen (2007) untersuchten
depressiven Gruppen äußerten ihre Emotionen jeweils in einer kulturell unangemessenen Weise.
Bezüglich der Interpersonalität depressiver Störungen existieren wenige Studien, die kulturelle
Aspekte explizit untersucht haben. Auf der Verhaltensebene konnte Zimmermann (2011) in einer
deutsch-chilenischen Vergleichsstudie zeigen, dass dysfunktionales Beziehungsverhalten bei
depressiven Personen deutlicher ausgeprägt ist als bei nicht depressiven Personen. In beiden
Nationen erlebten Depressive im Vergleich zu den Kontrollstichproben ihre Interaktionspartner als
autokratischer (eigenwilliger, bevormundender, entwertender, aggressiver). Während jedoch die
deutschen Depressiven ihr eigenes Verhalten als eher submissiv beschrieben, schilderten sich
chilenische Depressive als vermehrt überinvolviert in ihrem Beziehungsverhalten (Zimmermann,
2011). Dies ist insofern für die vorliegende Studie bedeutsam, als der Autor zeigen konnte, dass sich
die in Nordamerika und Mitteleuropa gefundenen Zusammenhänge zwischen Depression und
Submissivität/Rückzug (vgl. Absatz 2.3.3) nicht unmittelbar auf den chilenischen Kontext übertragen
lassen. Weiterführend ergeben sich aus diesen Befunden zur Submissivität auch Fragen hinsichtlich
der depressogenen Bedeutung von Vermeidungsmotivation von Depressiven im interkulturellen
Kontext. Während sich im deutschen und nordamerikanischen Sprachraum ein Zusammenhang
zwischen Vermeidungszielen und Depressivität zeigen lässt (Elliot & Church, 2002; Wollburg &
Braukhaus, 2010), konnte Boysen (2011) in einer chilenischen Stichprobe keinen Zusammenhang
finden. Die Autorin erklärt dies mit der Annahme, dass in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext
Vermeidungsmotivation auch bei nicht depressiven Personen im Vordergrund stehen kann (Tamcan,
2005) und unterstreicht damit die Notwendigkeit einer transkulturell umfassenderen Überprüfung
der konsistenztheoretischen Annahme zur Depressogenität von Vermeidungsmotivation.
Im Hinblick auf die transkulturelle Generalisierbarkeit der depressogenen Effekte intendierter
sozialer Zurückweisung liegen laut Kenntnis der Autorin bisher aus lediglich einer Arbeit Hinweise
vor: Vor dem Hintergrund eines Mangels an empirischen Belegen für die Auswirkungen von sozialer
Zurückweisung auf Affektvariablen in nicht-westlichen Stichproben (Williams & Govan, 2005)
untersuchten Garris, Ohbuchi, Oikawa und Harris (2011) in einem experimentellen Paradigma die
affektbezogenen Auswirkungen von sozialem Ausschluss in einem nordamerikanisch-japanischen
Vergleich. Die Autoren konnten zeigen, dass unabhängig von der experimentellen Bedingung
(Ausschluss aus der oder Einschluss in die Gruppe) die japanischen Probanden zwar mehr negativen
und weniger positiven Affekt berichteten als die Amerikaner, dass sich jedoch kein Interaktionseffekt
zwischen kultureller Zugehörigkeit und experimenteller Bedingung zeigen ließ, d.h. dass Japaner und
Amerikaner nicht differentiell auf soziale Zurückweisung reagierten. Die Befunde von Garris et al.
Theoretischer Hintergrund
45
(2011) geben entsprechend erste Hinweise darauf, dass diejenigen Mechanismen, über die sich
soziale Zurückweisung auf Stimmungsvariablen auswirkt, zwischen verschiedenen Kulturen
vergleichbar sein könnten, wobei weitere Forschung an dieser Stelle wünschenswert ist.
Abschließend lässt sich festhalten, dass die hier ausgewählten und zusammengefassten Befunde aus
dem relativ jungen und entsprechend kleinen Forschungsfeld der kulturvergleichenden klinischen
Psychologie vielversprechende Hinweise darauf geben, dass eine weiterführende und differenzierte
Untersuchung kultureller Besonderheiten depressiver Störungen für ein besseres Verständnis
derselben durchaus fruchtbar sein dürfte. Interpersonale Variablen wurden dabei noch in nur sehr
geringem Ausmaß untersucht (Kim, Sherman & Taylor, 2008; Zimmermann 2011). Insbesondere die
Bedeutung von sozialer Zurückweisung für depressive Entwicklungen stellt ein noch weitgehend
unerforschtes Feld dar, was gerade vor dem Hintergrund der konsistenten Befunde zur
Bedeutsamkeit von sozialer Zurückweisung für depressive Entwicklungen in der westlichen Welt als
sehr unbefriedigend zu bewerten ist. Die vorliegende Studie soll dieses Forschungsfeld unter
Einbezug kulturvermittelnder Variablen, klinischer Stichproben sowie kognitiv-affektiver Korrelate
sozialer Zurückweisung bereichern.
2.4
Interpersonale Zurückweisungssensibilität
Mit der Interpersonalen Zurückweisungssensibilität stellen Downey und Feldman (1996) eine im
Kontext der oben angestellten Überlegungen zu sozialer Zurückweisung vielversprechende
Konzeption zur genaueren Betrachtung von Ursachen, Korrelaten und Folgen wahrgenommener oder
realer Zurückweisung zur Verfügung. Zurückweisungssensibilität soll daher im Rahmen der
vorliegenden Arbeit im Hinblick auf kulturspezifische, unmittelbare und langfristige Auswirkungen
auf depressive Entwicklungen näher untersucht werden. Es erfolgt zunächst eine Beschreibung des
Merkmals
Zurückweisungssensibilität
(2.4.1),
seiner
Entstehung
und
der
spezifischen
Wirkmechanismen (2.4.2) sowie eine Einordnung in das konsistenztheoretische Rahmenmodell
(2.4.3).
Daran
schließt
sich
eine
Darstellung
von
Befunden
zur
Bedeutung
von
Zurückweisungssensibilität im Kontext psychischer Störungen an (2.4.4). Das Kapitel schließt mit
ersten Hinweisen auf die transkulturelle Validität des Konstrukts (2.4.5).
2.4.1
Herleitung einer Definition und Abgrenzung zu anderen Konstrukten
Wie bereits in Absatz 2.3.3 dargestellt wurde, haben soziale Zurückweisung und Akzeptanz deutliche
Auswirkungen auf das Wohlbefinden und dementsprechend ein starkes motivationales Potential
(Baumeister & Leary, 1995; Zadro, Williams & Richardson, 2004). Neben den bereits beschriebenen
46
Theoretischer Hintergrund
Auswirkungen von zielgerichteter sozialer Zurückweisung auf die psychische Gesundheit konnte
unter anderem gezeigt werden, dass soziale Zurückweisung negativen Einfluss auf die
Selbstregulation (Baumeister, DeWall, Ciarocco, & Twenge, 2005) und die kognitive Kontrolle
(Baumeister, Twenge, & Nuss, 2002) nimmt und eher feindselige Bewertungen und aggressives
Verhalten induziert (Bourgeois & Leary, 2001; Leary, Kowalski, Smith & Philipps, 2003; Twenge,
Baumeister, Tice & Stucke, 2001). In einer Metaanalyse zu experimentell induzierter sozialer
Zurückweisung konnten Gerber und Wheeler (2009) zeigen, dass diese die Stimmung verschlechtert
(d = -0.50), den Selbstwert reduziert (d = -0.70), die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit (d = 0.69) und
Kontrolle (d = 1.16) frustriert und zu feindseligem Verhalten führt (d = 1.17)10.
Während das Streben nach sozialer Akzeptanz und damit, im weiteren und konsistenztheoretischen
Sinne, nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse, universell erscheint, unterscheiden Menschen
sich doch fundamental darin, auf welche Art und Weise und in welchem Ausmaß sie versuchen,
soziale Zurückweisungen zu vermeiden und Akzeptanz zu erreichen (Romero-Canyas, Anderson,
Reddy, & Downey, 2009; Romero-Canyas & Downey, 2005). Vor dem Hintergrund dieser
Überlegungen postulierten Downey und Feldman (1996) ein durch Erfahrung herausgebildetes
kognitiv-affektives Netzwerk, welches die Verarbeitung von Erfahrungen sozialer Zurückweisung
steuert und spezifische, ebenfalls in diesem Netzwerk repräsentierte, Strategien zum Umgang mit
Hinweisen auf soziale Zurückweisung bereitstellt. Die Autorinnen nennen dieses Netzwerk
Interpersonale Zurückweisungssensibilität (engl.: rejection sensitivity) und definieren es in ihrem
Originalartikel wie folgt: „We have applied the term rejection sensitive to people who anxiously
expect, readily perceive, and overreact to rejection“ (Downey & Feldman, 1996, S. 1327).
Interpersonale Zurückweisungssensibilität umfasst demnach die ängstliche Erwartung von sozialer
Zurückweisung in einer Vielzahl von Situationen, die schnelle und sensible Wahrnehmung von
Hinweisreizen auf soziale Zurückweisung sowie eine intensive (emotionale und behaviorale) Reaktion
auf diese Hinweisreize.
Im Rahmen einer theoretisch-konzeptuellen Einordnung der Zurückweisungssensibilität erachten
Rosenbach und Renneberg (2011) insbesondere die Abgrenzung zur Sozialen Ängstlichkeit als
bedeutsam. Ihren Ausführungen zufolge stehen bei der sozialen Ängstlichkeit eher eine allgemeine
Unsicherheit im Sozialkontakt, Angst und Gefühle der persönlichen Unzulänglichkeit im Vordergrund,
während Zurückweisungssensibilität auch mit anderen Gefühlen wie Wut oder Verachtung
einhergehen kann. Weiterhin steht bei der sozialen Ängstlichkeit die Bewertung der eigenen Person
(wie dies beispielsweise in Leistungssituationen der Fall ist) im Fokus, während sich die
Zurückweisungssensibilität spezifisch auf den interaktionalen Aspekt der Ablehnung in sozialen
10
Einordnung des Effektstärkemaßes Cohen’s d: d ≥ 0.20 = kleiner Effekt; d ≥ 0.50 = mittlerer Effekt; d > 0.70 =
großer Effekt (Cohen, 1988)
Theoretischer Hintergrund
47
Situationen bezieht. Unterschiede in den beiden Konstrukten lassen sich entsprechend an Befunden
festmachen, die Hinweise darauf geben, dass interpersonale Zurückweisungssensibilität in
Leistungskontexten von untergeordneter Bedeutung zu sein scheint und nicht mit einem Abfall
akademischer Leistung über die Zeit assoziiert ist (Ayduk, Downey & Kim, 2001), während bei der
sozialen Phobie als psychopathologischer Ausdruck sozialer Ängstlichkeit deutliche Einbußen in der
akademischen bzw. schulischen Performanz als hinreichend belegt angesehen werden können
(Baptista, Loureiro, de Lima Osório, Zuardi, Magalhães, Kapczinski, …
Crippa, 2012; Davidson,
Hughes, George & Blazer, 1994; Furmark, Tillfors, Everz, Marteinsdottir, Gefvert & Fredrikson, 1999).
Zusätzlich ist Zurückweisungssensibilität von der von Hall & Bernieri (2001) als die Korrektheit und
Angemessenheit der Wahrnehmung von Emotionen, Intentionen und Handlungen anderer Personen
definierten Interpersonalen Sensitivität (engl.: interpersonal sensitivity) abzugrenzen, vor allem
deshalb, weil die Begriffe im Englischsprachigen trotz unterschiedlicher Definitionen gelegentlich
synonym verwendet werden. Weiterhin konnte das Konzept erfolgreich von anderen kognitivaffektiven, klinischen und dispositionellen Variablen (Introversion, Neurotizismus, Selbstwert,
Bindungsstil, Depression und soziale Vermeidung) abgegrenzt werden (Downey & Feldman, 1996).
In Abbildung 4 sind die der Zurückweisungssensibilität unterliegenden Dynamiken in Anlehnung an
Romero-Canyas, Downey, Berenson, Ayduk & Kang (2010a) grafisch dargestellt, die einzelnen
Komponenten und Mechanismen werden im folgenden Abschnitt erläutert.
Abbildung 4: Dynamisches Modell der Zurückweisungssensibilität
48
2.4.2
Theoretischer Hintergrund
Dynamisches Modell der Zurückweisungssensibilität
Im Rahmen ihrer Konzeptualisierung legen die Autorinnen (Downey & Feldman, 1996) Wert darauf,
dass Zurückweisungssensibilität nicht als stabiles Persönlichkeitsmerkmal zu verstehen ist, sondern
als dynamische, kognitiv-affektive-Prozessvariable, die nur in Situationen aktiviert wird, in denen
Zurückweisung potentiell möglich ist (Pfad (1) in Abb. 4). Zurückweisungssensibilität ist demnach als
spezifische Person-Situation-Interaktionsvariable im Sinne einer „wenn…dann“-Kontingenz zu
verstehen (Romero-Canyas et al., 2009). Diese Sicht auf Persönlichkeit geht auf Überlegungen von
Mischel und Shoda (1995) zurück, die im Rahmen ihres Cognitive Affective Processing SystemAnsatzes (CAPS; Mischel & Shoda, 1995; Shoda & Smith, 2004) Persönlichkeitsprozesse als
Interaktionen zwischen einer Person und den spezifischen, sie umgebenden Bedingungen
konzeptualisieren. Diese Sicht auf Persönlichkeit als Erwartungs-Wert-Interaktion spiegelt sich auch
in der Erfassung der Zurückweisungssensibilität mit dem Rejection Sensitivity Questionnaire (RSQ;
Downey & Feldman, 1996; dt. Version von Staebler, Helbing, Rosenbach & Renneberg, 2011a)11
wider. Mit diesem Instrument werden über mehrere hypothetische Situationen (z.B. jemanden zu
Tanzen auffordern, eine Fristverlängerung erwirken, einen Kollegen um Hilfe bitten) hinweg jeweils
die subjektive Befürchtung sowie die subjektive Wahrscheinlichkeit einer Zurückweisung erfragt und
ein Interaktionsterm aus denselben berechnet (für eine detaillierte Beschreibung des RSQ siehe
Absatz 3.2.4). Das Verständnis von Zurückweisungssensibilität als Prozessvariable impliziert in einem
nächsten Schritt die Frage nach den Entstehungsbedingungen der „wenn…dann“-Kontingenz.
Unter der als gesichert geltenden Annahme, dass Menschen über ein biologisch determiniertes
Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bindung verfügen (Baumeister & Leary, 1995; Grawe, 2004)
entsteht Zurückweisungssensibilität durch frühe Verletzungen dieses Bedürfnisses mittels
wiederholter Erfahrungen von Zurückweisung, Ablehnung oder Misshandlung (Pfad (2) in Abb. 4;
Butler, Doherty & Potter, 2007; Downey & Feldman, 1996; Downey, Khouri & Feldman, 1997). Dabei
können maladaptive Auswirkungen frühkindlicher Zurückweisung zunächst als hinreichend empirisch
belegt betrachtet werden. Allen, Moore, Kuperminc und Bell (1998) konnten in diesem
Zusammenhang zeigen, dass frühe Erfahrungen mit elterlicher Zurückweisung, Vernachlässigung
oder Ablehnung zu herabgesetzter psychischer Funktionsfähigkeit in Form von wenig Zuversicht in
das eigene Handeln, schlechten Problem-Löse-Strategien, vermehrtem dysfunktionalem Ärger und
deviantem Verhalten sowie deutlich mehr internalisierenden Problemen führen. Hinsichtlich
spezifisch depressogener Auswirkungen von zielgerichteter Zurückweisung in der frühen Kindheit
konnte gezeigt werden, dass früher psychischer Missbrauch durch enge Bezugspersonen konsistent
11
Verschiedene englischsprachige Versionen, angepasst an unterschiedliche Untersuchungsgruppen, können
unter http://socialrelations.psych.columbia.edu (zuletzt aufgerufen am 30.10.2014) eingesehen und
heruntergeladen werden.
Theoretischer Hintergrund
49
Zusammenhänge zu depressiven Störungen im Erwachsenenalter aufweist (Bernet & Stein, 1999;
Bifulco, Moran, Baines, Bunn, & Stanford, 2002; Maciejewski & Mazure, 2006; Moran, Bifulco, Ball,
Jacobs, & Benaim, 2002). In diesem Zusammenhang liegen auch längsschnittliche Befunde vor, die
psychische Misshandlung im Kindesalter als signifikanten Prädiktor einer depressiven Störung
ausweisen (Gibb, Alloy, Abramson, Rose, Whitehouse, Donovan, …
Tierney, 2001; Liu, Alloy,
Abramson, Iacoviello & Whitehouse, 2009).
Hinweise auf Mechanismen, die bei der Internalisierung dieser frühkindlichen Erfahrungen greifen
und so zur Entwicklung von Zurückweisungssensibilität führen könnten, lassen sich unter anderem
unter Bezugnahme auf bindungstheoretische Postulate (Ainsworth, Blehar, Waters, & Wall, 1978;
Bartholomew & Horowitz, 1991; Bowlby, 1975) gewinnen. Der Bindungsstil eines Menschen
entwickelt sich den als überzeugend gesichert geltenden (Grawe, 2004) Annahmen der
Bindungstheorie zufolge aus frühkindlichen Erfahrungen eines Kindes mit seinen primären
Bezugspersonen. Sicher gebundene Kinder haben dabei Umgang mit Bezugspersonen, die die Signale
des Kindes erkennen und angemessen auf diese eingehen. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder
zeigen Verhalten, das Rückschlüsse auf ein unangemessenes, zurückweisendes Fürsorgeverhalten der
Bezugsperson zulässt. Das Verhalten unsicher-ambivalent gebundener Kinder schließlich ist
gekennzeichnet durch ein wechselndes Muster von Annäherung und Vermeidung und entsteht
vermutlich bei geringer Vorhersehbarkeit elterlichen Verhaltens, sodass das Kind wenig Stabilität im
Hinblick auf Nähe-Distanz-Regulation sowie kein zuverlässiges Modell über Ablehnung und Akzeptanz
entwickeln kann (für eine Übersicht siehe Rauh, 2008). Im Hinblick auf Zurückweisungssensibilität
scheint neben einem unsicher-vermeidenden insbesondere dieser unsicher-ambivalente Bindungsstil
von Bedeutung zu sein. Erwachsene, welche als Kinder diesen Bindungsstil aufwiesen und
entsprechend viel mit (wenig vorhersehbaren) Zurückweisungserfahrungen konfrontiert waren,
scheinen besonders über das Auftreten von sozialer Zurückweisung besorgt sowie mit der
Vermeidung derselben beschäftigt zu sein (Hazan & Shaver, 1987).
Bowlby (1975) spricht in diesem Zusammenhang von einem inneren Arbeitsmodell, in das die
Zurückweisungserfahrungen integriert werden, das die Sicht auf das Selbst und andere Personen
beeinflusst und Verhaltensvorhersagen ermöglicht. Auf empirischer Ebene konnten Maciejewski und
Mazure (2006) zeigen, dass erinnerte frühe Erfahrungen mit emotionalem Missbrauch mit dem
kognitiven Schema Angst vor Kritik und Zurückweisung in Zusammenhang standen. Downey &
Feldman (1996) gehen in ihrer Konzeptualisierung in eine ähnliche Richtung. Ihren Annahmen zufolge
führt die Internalisierung von Zurückweisungserfahrungen dazu, dass die betroffenen Personen
lernen, Zurückweisung zu erwarten und sich mit der Vermeidung von Zurückweisung intensiv zu
beschäftigen. Diese Erwartung von Zurückweisung ist ein Kernelement der Zurückweisungssensibilität. Grawe (2004) spricht im Zusammenhang mit Bowlbys‘ inneren Arbeitsmodellen von einer
50
Theoretischer Hintergrund
konzeptuellen Nähe derselben zu den konsistenztheoretischen motivationalen Schemata. Auf
konzeptuelle Überschneidungen zwischen Zurückweisungssensibilität und motivationalen Schemata
wird in Absatz 2.4.3 gesondert eingegangen.
Die im Rahmen obiger Überlegungen entstehenden Annahmen über Zusammenhänge zwischen
einem unsicheren Bindungsstil und dem kognitiv-affektiven Schema Zurückweisungssensibilität
können mittlerweile auch als empirisch hinreichend gesichert betrachtet werden (Erozkan, 2009;
Romero-Canyas et al., 2009). So korrelierte unter anderem in einer Studie mit jugendlichen
Probanden die berichtete Bindungssicherheit von Jugendlichen sowohl zum Vater als auch zur
Mutter
negativ
mit
dem
Ausmaß
an
Zurückweisungssensibilität.
Insbesondere
die
Bindungsdimensionen Vertrauen und Entfremdung zur Mutter erlaubten Vorhersagen hinsichtlich der
Zurückweisungssensibilität im Jugendalter (Natarajan, Somasundaram, & Sundaram, 2011).
Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass sich durch frühe Erfahrungen mit sozialer
Zurückweisung eine ängstliche Erwartungshaltung im Individuum entwickelt, welche den späteren
Umgang mit Hinweisen auf soziale Zurückweisung maßgeblich beeinflusst. Dies geschieht nach
Annahmen des dynamischen Modells der Zurückweisungssensibilität zunächst durch eine besonders
sensible Wahrnehmung von entsprechenden Hinweisreizen (Pfad (3) in Abb. 4).
Hinweise auf die Gültigkeit dieser Annahme können unter anderem aus Studien gewonnen werden,
die sich mit der physiologischen Reagibilität von zurückweisungssensiblen Personen auseinander
gesetzt haben. So konnten beispielsweise Downey, Mougios, Ayduk, London und Shoda (2004)
zeigen, dass zurückweisungssensible Personen beim Betrachten von Bildern mit zurückweisungsrelevantem Inhalt eine stärkere Schreckreaktion (startle response) auf ein lautes Geräusch zeigten als
a) Personen mit gering ausgeprägter Zurückweisungssensibilität und b) beim Betrachten nicht
zurückweisungsrelevanter Bilder. Olsson, Carmona, Downey, Bolger und Ochsner (2013) fanden bei
zurückweisungssensiblen Personen eine spezifische Erhöhung der Hautleitfähigkeit beim Betrachten
von Bildern mit ärgerlichen Gesichtern. Berenson, Gyurak, Ayduk, Downey, Garner, Mogg, … Pine
(2009) konnten zeigen, dass die zielgerichtete Aufmerksamkeit zurückweisungssensibler Personen
bei einer Stroop-Aufgabe durch Wörter, die soziale Zurückweisung beinhalteten, negativ
beeinträchtigt wurde, nicht jedoch durch generell negativ valente Wörter. Die Autoren der oben
angeführten Studien sprechen in diesem Zusammenhang von einer besonderen Bereitschaft
(preparedness), zurückweisungsrelevante Hinweise wahrzunehmen und die Aufmerksamkeit
entsprechend auszurichten, um schnell auf solche Reize reagieren zu können. Zusammenfassen
lassen sich diese Befunde in der in jüngerer Zeit populären Konzeptualisierung von
Zurückweisungssensibilität als defensives motivationales System (Downey et al., 2004; RomeroCanyas et al., 2010a). Diese beinhaltet Annahmen darüber, dass bei hoch zurückweisungssensiblen
Theoretischer Hintergrund
51
Personen ein physiologisch determiniertes, im autonomen Nervensystem lokalisiertes und
entsprechend automatisiert ablaufendes „Verteidigungsprogramm“ (Lang, Davis, & Öhman, 2000)
aktiviert wird, welches die reflektierte Auseinandersetzung mit den entsprechenden Reizen
unterbindet. Bei Romero-Canyas et al. (2009) ist diese Sichtweise folgendermaßen zusammengefasst:
„We view rejection sensitivity as a defensively motivated system that develops through rejection experiences
to defend people against rejection while maintaining connection with the source of threat. The adaptive value
of rejection sensitivity is its ability to trigger quick defensive responses under threat conditions. However, the
system becomes maladaptive if activated in situations that require reflective, tactical behavior, when the threat
is minimal, or when efforts to prevent rejection undermine other personal goals” (Romero-Canyas et al., 2009;
S.468)
Die Annahme eines solch schnellen, physiologisch determinierten Reaktionssystems öffnet den Raum
für Fragestellungen, die sich auf die kurzfristigen emotionalen und behavioralen Konsequenzen von
Zurückweisungssensibilität beziehen (Romero-Canyas & Downey, 2005). In verhaltensnäheren
Studien konnte in diesem Zusammenhang bereits gezeigt werden, dass zurückweisungssensible
Personen einer anderen Person schneller negative Emotionen ihnen gegenüber unterstellen als
wenig zurückweisungssensible Personen (Romero-Canyas & Downey, 2013). Durch die Untersuchung
von Reaktionen auf (wahrgenommene) Zurückweisung auf einer Mikroebene (d.h. im zeitlichen
Kontext weniger Minuten) soll die vorliegende Arbeit einen Beitrag zum Verständnis kurzfristiger
Auswirkungen wahrgenommener Zurückweisung auf affektive und behaviorale Reaktionen bei
zurückweisungssensiblen Personen leisten. Im Folgenden werden diejenigen Forschungsbefunde
zusammengetragen, die Reaktionen auf wahrgenommene Zurückweisung (Pfad (4) in Abb. 4) bei
zurückweisungssensiblen Personen in einem größeren zeitlichen Kontext beschreiben.
Romero-Canyas et al. (2009) führen in ihrem Review drei Klassen von Reaktionen auf
wahrgenommene Zurückweisung bei zurückweisungssensiblen Personen an: externalisierendes
(feindseliges), internalisierendes (rückzügig-depressives) und anbiederndes Verhalten.
Für die Annahme, dass Zurückweisungssensibilität mit externalisierenden Reaktionen in Verbindung
steht, liegen multiple Hinweise aus experimentellen und Feldstudien vor. Für eine umfassende
Übersicht sei auf ein Review von Romero-Canyas et al. (2010a) verwiesen. Konsistent zeigten
Forschungsarbeiten, dass Zurückweisungssensibilität mit Feindseligkeit (Ayduk, Downey, Testa, Yen &
Shoda, 1999) und Gewalt (Downey, Feldman & Ayduk, 2000) in romantischen Beziehungen sowie
mit aggressivem (Ayduk, Gyurak & Luerssen, 2008) und autoaggressivem Verhalten (Ayduk, Zayas,
Downey, Cole, Shoda & Mischel, 2008) korreliert. Bei Kindern und Jugendlichen bestehen ebenfalls
Zusammenhänge zu vermehrt aggressivem Verhalten (Cassidy & Stevenson, 2005) sowie zu
Schulabwesenheit und störendem Verhalten im Unterricht (Downey, Lebolt, Rincón & Freitas,
1998b). Mittels eines experimentellen Priming-Paradigmas konnte gezeigt werden, dass die
52
Theoretischer Hintergrund
Aktivierung von Feindseligkeit als Reaktion auf Zurückweisung bei hoch zurückweisungssensiblen
Personen automatisiert, d.h. außerhalb der bewussten kognitiven Kontrolle, erfolgt (Ayduk et al.,
1999). Diese experimentellen Befunde stützen unter anderem die Annahme des physiologisch
determinierten defensiven motivationalen Systems (Romero-Canyas et al., 2010a).
Hinsichtlich
der
vermuteten
Zusammenhänge
zwischen
Zurückweisungssensibilität
und
internalisierenden Reaktionen kann ebenfalls von einem empirisch gesicherten Zusammenhang
ausgegangen werden. In der Literatur werden Befunde berichtet, die zeigen konnten, dass
Zurückweisungssensibilität mit Rückzugsverhalten und Einsamkeit (London, Downey, Bonica & Paltin,
2007), geringem Selbstwert (Ayduk, Mendoza-Denton, Mischel, Downey, Peake & Rodriguez, 2000),
der Anwendung von Selbstschutzstrategien (Overall & Sibley, 2009) sowie dem Zurückhalten von
Emotionen und Bedürfnissen (self-silencing; Harper, Dickson & Welsh, 2006) einhergeht.
Neben internalisierenden und externalisierenden Reaktionen scheinen hoch zurückweisungssensible
Personen unter bestimmten Umständen auch Verhaltensweisen zu zeigen, welche nicht per se
abweisend sind, sondern eher als großzügig oder Nähe herstellend betrachtet werden können –
beispielsweise Geschenke kaufen oder jemandem einen Gefallen tun –, dass sie dies aber in einer
übertriebenen oder unangemessenen Form tun, sodass es von anderen eher als anbiedernd
wahrgenommen wird (Romero-Canyas et al., 2009). Dieses anbiedernde Verhalten scheint
beispielsweise dann vorzukommen, wenn Wahrscheinlichkeiten für Zurückweisung und Akzeptanz
vergleichbar groß sind. Hoch zurückweisungssensible Mädchen waren beispielsweise in einer Studie
über partnerschaftliche Probleme bei Jugendlichen deutlich eifersüchtiger, gleichzeitig waren sie in
höherem Ausmaß dazu bereit, alles dafür zu tun, die Nähe zu ihrem Partner zu erhalten, selbst wenn
sie dafür Dinge tun mussten, die sie selbst für falsch erachteten (Purdie & Downey, 2000). Ayduk,
May, Downey und Higgins (2003) konnten in diesem Zusammenhang auch zeigen, dass
zurückweisungsensible Personen eigene, von einer Gruppe abweichende, Meinungen unterdrücken,
um Zurückweisung zu verhindern. Auch auf bereits erfolgte Zurückweisung kann bei hoch
zurückweisungssensiblen Personen Anbiederungsverhalten folgen, und zwar vor allem dann, so
konnten Romero-Canyas, Downey, Reddy, Rodriguez, Cavanaugh und Pelayo (2010b) zeigen, wenn
die Zurückweisung sehr deutlich und hart war, in einem für den Selbstwert bzw. die Selbstdefinition
zentralen Bereich stattgefunden hat und eine Möglichkeit besteht, die Zurückweisenden zu
beeindrucken. Die Autoren interpretieren dies dahingehend, dass hoch zurückweisungssensible
Personen bei bereits erfolgter Zurückweisung weniger zu verlieren haben, als sie gewinnen können,
wenn sie die Akzeptanz der anderen zurückzuerlangen.
All diese Reaktionen, die zurückweisungssensible Personen auf wahrgenommene oder tatsächliche
Zurückweisung zeigen, sind dazu intendiert, reale Zurückweisung zu vermeiden oder Akzeptanz zu
Theoretischer Hintergrund
53
erlangen. Paradoxerweise scheinen aber gerade diese Verhaltensweisen dazu zu führen, dass sich
Interaktionspartner von zurückweisungssensiblen Personen abwenden, da das gezeigte Verhalten
von anderen Personen als unangemessen erlebt wird. Die ausgeprägte Befürchtung sozialer
Zurückweisung wird somit zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, zurückweisungssensible
Personen erleben tatsächlich vermehrt soziale Zurückweisung. Die neuen Zurückweisungserfahrungen werden dabei in das bereits bestehende kognitiv-affektive Schema integriert und
erhalten dieses aufrecht bzw. stärken es sogar, was dazu führt, dass interpersonale Schwierigkeiten
der betroffenen Personen aufrechterhalten werden (Pfad (6) in Abb. 4). Erstmals explizit empirisch
untersucht wurde dieser Teufelskreis der selbsterfüllenden Prophezeiung von Downey, Freitas,
Michaelis und Khouri (1998a). In einer längsschnittlichen Erhebung konnten die Autoren zeigen, dass
hoch zurückweisungssensible Frauen eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten, im Zeitraum von einem
Jahr eine Trennung vom Partner zu erleben als niedrig zurückweisungssensible Personen (40%
gegenüber 15%). Im Rahmen einer Tagebuchstudie bewerteten Erstere das Verhalten ihrer Partner
nach einem Streit als zurückweisender als Letztere. Partner von zurückweisungssensiblen Personen
berichteten in dieser Studie zudem über eine höhere Partnerschaftsunzufriedenheit. Im Rahmen
einer experimentellen Studie konnten die Autoren schließlich zeigen, dass das negative, abweisende
Verhalten der Frauen während eines Streitgesprächs die zurückweisenden Reaktionen der Partner
erklären konnte. Die Zusammenhänge zwischen Zurückweisungssensibilität und dem tatsächlichen
Erleben sozialer Zurückweisung können mittlerweile als empirisch überzeugend belegt bewertet
werden (Pietrzak, Downey & Ayduk, 2005; Romero-Canyas & Downey, 2005).
Unter
Berücksichtigung
des
hier
beschriebenen
Teufelskreises
führt
ausgeprägte
Zurückweisungssensibilität langfristig zu äußerst maladaptiven Konsequenzen (Pfad (5) in Abb. 4).
Diese sollen im Folgenden insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung
psychischer Störungen im Allgemeinen und depressiver Störungen im Spezifischen dargestellt
werden. Es erfolgt zuvor jedoch eine Einordnung der in diesem Kapitel berichteten theoretischen
Annahmen und empirischen Befunde in das konsistenztheoretische Rahmenmodell.
2.4.3
Übertragung in das konsistenztheoretische Rahmenmodell
Wie
bereits
weiter
konsistenztheoretischer
oben
angesprochen,
Betrachtung
als
ein
kann
spezifisch
Zurückweisungssensibilität
interpersonales
unter
motivationales
Vermeidungsschema, wie es von Grosse Holtforth und Grawe (2000) definiert wurde (vgl. Absatz
2.1.2), verstanden werden. Park (2010) bringt in diesem Zusammenhang Zurückweisungssensibilität
mit einer reduzierten Annäherungs- und vor allem einer erhöhten Vermeidungsmotivation in
Verbindung. Ihrer Ansicht nach werden bei wenig selbstbewussten, unsicher gebundenen und hoch
54
Theoretischer Hintergrund
zurückweisungssensiblen Personen im Angesicht von Gefährdungen des Selbst eben diese
motivationalen Ausrichtungen und Ziele aktiviert, um negative Konsequenzen zu verhindern. Neben
der Tatsache, dass Zurückweisungssensibilität als eher maladaptiv insofern betrachtet werden kann,
als sie mit erhöhtem Risiko zu tatsächlicher Zurückweisung führt, impliziert sie nach diesen
Annahmen auch die generelle Problematik von Vermeidungsmotivation: Eine endgültige Sicherheit
über erfolgreiche Vermeidung stellt sich nicht oder nur in unzureichendem Ausmaß ein. Vielmehr
wird das Schema durch jede neue Erfahrung von Zurückweisung gefestigt, sodass schließlich immer
mehr Situationen mit Zurückweisung assoziiert sind und entsprechend vermieden werden. Die
Psychopathogenität eines solch generellen Vermeidungsmodus ist augenscheinlich.
Unter der Annahme, dass Schemata der Erfüllung motivationaler Ziele dienen, stellt sich im Rahmen
der vorliegenden Arbeit die Frage nach den spezifisch interpersonalen motivationalen Grundlagen
der Zurückweisungssensibilität. Eine Kenntnis derselben könnte unter anderem für die
psychotherapeutische Arbeit mit Patienten mit ausgeprägter Zurückweisungssensibilität bedeutsam
sein, eine empirische Überprüfung steht nach Kenntnisstand der Autorin bisher aus. In
Zusammenhang mit der Interpersonalität der Zurückweisungssensibilität ist eine Studie von
Brookings, Zembar und Hochstetler (2003) hervorzuheben, die mittels faktoranalytischer Methoden
den RSQ bereits auf dem IPC – in diesem Fall repräsentiert über die Interpersonal Adjectives List
Revised – Big Five (Trapnell & Wiggins, 1990), abgebildet haben. Erwartungsgemäß wies der RSQ
bedeutsamen interpersonalen Gehalt auf und konnte zwischen den Oktanten HI (unsicher/submissiv)
und FG (zurückhaltend/introvertiert) lokalisiert werden. Im Circumplex interpersonaler Motive
(Locke, 2000; Thomas et al., 2012b) sind auf dem Oktanten FG Motive lokalisiert, die sich auf die
Vermeidung von Zurückweisung und Lächerlichkeit beziehen, auf dem Oktanten HI sind Motive
verortet, die auf die Erfüllung der Erwartungen anderer ausgerichtet sind. Unter Berücksichtigung
der obigen Befunde ist entsprechend zu vermuten, dass sich Zurückweisungssensibilität am ehesten
zu interpersonalen Motiven, welche auf diesen beiden Oktanten lokalisiert sind, in Beziehung setzen
lässt. Diese Annahmen sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit überprüft werden.
2.4.4
Zurückweisungssensibilität im Kontext psychischer Störungen
Unter Berücksichtigung der in Absatz 2.4.2 berichteten maladaptiven Konsequenzen ausgeprägter
Zurückweisungssensibilität sowie unter der in Abs. 2.4.3 hergeleiteten Annahme, dass es sich bei
Zurückweisungssensibilität um ein Vermeidungsschema im konsistenztheoretischen Sinne handelt,
liegt ein Zusammenhang zur Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen nahe. Der
folgende Absatz gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu dieser Annahme.
Theoretischer Hintergrund
55
Im besonderen Fokus vieler klinisch-psychologischer Studien zur Zurückweisungssensibilität lag die
Borderline-Persönlichkeitsstörung. Personen mit dieser Störung weisen überdurchschnittlich häufig
biografische Erfahrungen von Zurückweisung, Ablehnung oder Missbrauch auf und sind von einer
starken Angst davor, von anderen verlassen zu werden, sowie von intensiven Reaktionen auf
subjekte Wahrnehmungen desselben, betroffen (Gunderson, 2011). In der Folge entstehen die für
die Borderline-Störung charakteristischen dysfunktionalen Beziehungsmuster (Gunderson, 2007), die
vermutlich dazu führen, dass Menschen mit eben diesen Interaktionsmustern tatsächlich viel
Ablehnung erfahren (Rosenbach & Renneberg, 2011). In Übereinstimmung mit den beschriebenen
Merkmalen konnte in einer Vielzahl von Studien konsistent gezeigt werden, dass BorderlinePatienten
sowie
Menschen
mit
einer
Borderline-Akzentuierung
deutlich
erhöhte
Zurückweisungssensibilitätswerte sowohl im Vergleich zu Gesunden als auch zu Patienten mit
anderen psychischen Störungen aufweisen (Ayduk et al., 2008; Berenson, Downey, Rafaeli, Coifman
& Paquin, 2011; Boldero, Hulbert, Bloom, Cooper, Gilbert, Mooney & Salinger, 2009; Miano, Fertuck,
Arntz & Stanley, 2013; Selby, Ward & Joiner, 2010; Staebler et al., 2011a; Tragesser, Lippmann, Trull
& Barrett, 2008).
Weiterhin
konnten
Zusammenhänge
zwischen
Zurückweisungssensibilität
und
anderen
psychopathologischen Symptomkomplexen hergestellt werden, wobei zu beachten ist, dass die
meisten der im Folgenden vorgestellten Befunde aus Daten subklinischer Stichproben abgeleitet
wurden (Rosenbach & Renneberg, 2011). Atlas (2004) fand Hinweise auf bedeutsame Verbindungen
zwischen Zurückweisungssensibilität und anorektischer Symptomatik, genauer, dem Wunsch, dünn
zu sein. Die Autoren interpretieren dies dahingehend, dass dünn sein in ihrer Stichprobe von jungen
Menschen ein Mittel sein könne, um soziale Akzeptanz zu sichern. London und Kollegen (2007)
konnten zeigen, dass Zurückweisungssensibilität mit sozialer Ängstlichkeit im 4-Montas-Verlauf
einhergeht, Befunde, die sich mit einer Arbeit von McDonald, Bowker, Rubin, Laursen und Duchene
(2010) decken. Für bipolare Störungen ließ sich ein Zusammenhang zu erhöhter Depressivität, nicht
jedoch zu manischen Symptomen zeigen (Ng & Johnson, 2013). Erste Hinweise auf Zusammenhänge
zwischen Zurückweisungssensibilität und Schmerzstörungen berichten Eisenberger, Jarcho,
Lieberman
und
Naliboff
(2006).
Die
Autoren
fanden
eine
Assoziation
zwischen
Zurückweisungssensibilität und einer abgesenkten Schmerzschwelle bei sozialer Zurückweisung, was
von
den
Autoren
über
eine
gemeinsame
neurokognitive
Basis
für
Schmerz-
und
Zurückweisungsempfindlichkeit erklärt wird. Für ADHS sind die Ergebnisse bisher uneinheitlich.
Während Bondü und Esser (2014) einen Zusammenhang zur Zurückweisungssensibilität insbesondere
im Hinblick auf komorbide Problematiken herstellen und auch Sandstrom, Chillessen und Eisenhower
(2003) eine signifikante Bedeutsamkeit von Zurückweisungssensibilität für externalisierende,
hyperaktive Verhaltensweisen bei Kindern zeigen konnten, fanden sich bei Canu und Carlson (2007)
56
Theoretischer Hintergrund
keinerlei Zusammenhänge zwischen Zurückweisungssensibilität und ADHS-Symptomen bei jungen
Erwachsenen. Für Störungen aus dem schizophrenen Formkreis fanden sich in einer Studie mit
schizophrenen
Patienten
bisher
keine
Hinweise
auf
eine
Bedeutsamkeit
von
Zurückweisungssensibilität (Rüsch, Corrigan, Wassel, Michaels, Olschewski, Wilkniss & Batia, 2009).
Dass Zurückweisungssensibilität für depressive Störungen eine bedeutsame Rolle spielen könnte,
wird unter anderem an der expliziten Formulierung einer lang anhaltenden Überempfindlichkeit
gegenüber subjektiv empfundener persönlicher Zurückweisung im Rahmen der DSM-IVDiagnosekriterien der atypischen Depression deutlich (Saß et al., 2003; Posternak & Zimmerman,
2001). Die Bedeutung von interpersonaler Zurückweisungssensibilität für die Entstehung und
Aufrechterhaltung spezifisch depressiver Störungen wurde entsprechend bereits früh im
Forschungskontext erkannt und empirisch untersucht. Dabei stützen sich die im Folgenden
angeführten Arbeiten insbesondere auf die unter Abs. 2.4.2 bereits eingeführten empirischen
Befunde
zu
Beziehungen
zwischen
Zurückweisungssensibilität
und
internalisierenden
Reaktionstendenzen sowie auf Überlegungen zum Zusammenhang zwischen biografischen
Erfahrungen mit Ablehnung, Zurückweisung, Vernachlässigung oder Mobbing und depressiven
Entwicklungen (Harkness & Lumley, 2008; Jantzer, Haffner, Parzer & Resch, 2012; Slavich et al., 2009;
vgl. auch Absatz 2.4.2). Auch die Befunde dieser Studien beruhen oft auf subklinischen Stichproben.
Zunächst kann ein genereller Zusammenhang zwischen Zurückweisungssensibilität und depressiven
Symptomen als gesichert angesehen werden (Gilbert et al., 2006). In einer Untersuchung an
Collegestudenten klärte Zurückweisungssensibilität 11% der Varianz in depressiver Symptomatik auf
(Mellin, 2008). Aus der Forschung ergeben sich weiterhin Hinweise darauf, dass die Zusammenhänge
zwischen Zurückweisungssensibilität und depressiven Symptomen insbesondere dann verstärkt sind,
wenn sie in Interaktion mit Verhaltensdispositionen treten, die auf die Erfüllungen der Erwartung
anderer ausgerichtet sind. So konnten Harper et al. (2006) zeigen, dass self silencing (die Tendenz,
eigene Emotionen und Bedürfnisse in sozialen Beziehungen zurückzuhalten, um Konflikte zu
vermeiden; vgl. Jack & Dill, 1992) den Zusammenhang zwischen Zurückweisungssensibilität und
depressiven Symptomen bei Jugendlichen erklärte. Flett, Besser und Hewitt (2014) fanden einen
moderierenden Einfluss von socially prescribed perfectionism (eine Form von Perfektionismus, die auf
die Erfüllung der Erwartungen anderer ausgerichtet ist; Hewitt & Flett, 1991) auf den Zusammenhang
zwischen Zurückweisungssensibilität und depressiven Symptomen.
Weiterhin ergab sich in einer dreijährigen Längsschnittstudie von Marston, Hare und Allen (2010),
dass Zurückweisungssensibilität zu einer Erosion des sozialen Netzwerks der Jugendlichen führte.
Hoch zurückweisungssensiblen Personen wurden dabei im Rahmen einer Fremdbeurteilung von
ihren Peers vergleichsweise geringe soziale Kompetenzen zugesprochen. Dieser Befund steht in
Theoretischer Hintergrund
57
Einklang mit den Ergebnissen einer Studie von McDonald et al. (2010), die zeigen konnten, dass die
Anzahl
positiver
sozialer
Beziehungen
die
Stärke
des
Zusammenhang
zwischen
Zurückweisungssensibilität und Depressivität abmilderte. Die Autoren interpretieren dies
dahingehend, dass ein gutes soziales Netzwerk einen Schutzfaktor insofern darstellt, als
korrigierende Erfahrungen hinsichtlich der sozialen Akzeptanz ermöglicht werden. Während sich die
bisher berichteten Befunde insbesondere auf kognitive und umweltbezogene Korrelate von
Zurückweisungssensibilität beziehen, sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit auch emotionale
Faktoren Berücksichtigung finden. Besonders interessant und bisher wenig beforscht ist dabei der
Einfluss der Emotion Scham. Beziehungen, die sich zwischen Scham, Zurückweisungssensibilität und
depressiven Symptomen herleiten lassen, werden gesondert in Absatz 2.5.2 erläutert.
Hinsichtlich des postulierten Wirkmechanismus von Zurückweisungssensibilität als selbsterfüllende
Prophezeihung und der Bedeutung zurückweisungsbezogener Lebensereignisse liegen ebenfalls
Forschungsbefunde vor. So konnten Ayduk et al. (2001) in einer vielzitierten Längsschnittstudie
zeigen, dass Zurückweisungssensibilität zum ersten Messzeitpunkt die depressive Symptombelastung
ein Jahr später dann vorhersagte, wenn es in der Zwischenzeit zu einer vom Partner initiierten
Trennung gekommen war. Die Depressivität zu T2 ließ sich nicht über Zurückweisungssensibilität
vorhersagen, wenn es eine eigeninitiierte oder keine Trennung gegeben hatte. Diese Befunde liefern
erste Hinweise darauf, dass Zurückweisungssensibilität prospektiv zu vermehrten depressiven
Symptomen bei realer Zurückweisung führt. Auch Luterek, Harb, Heimberg & Marx (2004) fanden,
dass bei Personen mit Erfahrungen kindlichen sexuellen Missbrauchs das Ausmaß der
Zurückweisungssensibilität Vorhersagen über depressive Symptome im Erwachsenenalter erlaubte,
wobei hier kritisch anzumerken ist, dass Luterek und Kollegen (2004) Interpersonale
Zurückweisungssensibilität zwar entsprechend der Annahmen von Downey & Feldman (1996)
konzeptualisierten, zur Erfassung derselben jedoch ein alternatives Messinstrument verwendeten.
Interessanterweise konnten McCarty, Vander Stoep & McCauley (2007) in einer ebenfalls
längsschnittlichen Erhebung mit Jugendlichen die berichteten gerichteten Zusammenhänge zunächst
nicht replizieren. Vielmehr fanden sie ein umgekehrt kausales Muster, insofern als die depressive
Symptomatik von Jugendlichen einen Anstieg der Zurückweisungssensibilität im Verlauf eines
Schuljahres
vorhersagte.
Die
Autoren
interpretierten
ihre
Befunde
dahingehend,
dass
depressionsspezifisches Interaktionsverhalten zu vermehrter Zurückweisung und in der Folge zu
einem Anstieg von Zurückweisungssensibilität führen könnte. Sowohl in der Konzeptualisierung von
Zurückweisungssensibilität
als
kognitiv-affektive
Prozessvariable,
als
auch
unter
konsistenztheoretischen Gesichtspunkten lassen sich diese Befunde im Sinne eines reziproken
Prozesses einordnen. Marston et al. (2010) konnten in diesem Zusammenhang durch eine dreijährige
Längsschnittstudie an spätadoleszenten Jugendlichen zeigen, dass die Zurückweisungssensibilität zu
58
Theoretischer Hintergrund
T1 einen Anstieg depressiver Symptomatik im Verlauf vorhersagte, gleichzeitig jedoch depressive
Symptomatik auch eine Verstärkung der Zurückweisungssensibilität bedingte. Demnach kann
Zurückweisungssensibilität sowohl als Risikofaktor (Ayduk et al., 2001) als auch als Folge (McCarty et
al., 2007) depressiver Symptomatik verstanden werden, wobei in beiden Fällen die erhöhte
Wahrscheinlichkeit für das Erleben von zurückweisungsspezifischen Lebensereignissen eine zentrale
Rolle spielt. Die Annahme eines depressiven Teufelskreises zurückweisungssensibler Interaktion wird
durch diese Befunde gestärkt. Zwar spricht auf theoretischer und empirischer Ebene durch den
angenommenen Entstehungsprozess von Zurückweisungssensibilität durch frühkindliche aversive
Lebenserfahrungen viel für eine ursprünglich kausale Rolle der Zurückweisungssensibilität für
maladaptive Entwicklungen, es ist jedoch weiterhin anzunehmen, dass diese mit zunehmender
Festigung des kognitiv-affektiven Schemas über die Lebensspanne an Bedeutung verliert.
In Bezug auf die Bedeutsamkeit von Zurückweisungssensibilität für depressive Reaktionen auf
kritische Lebensereignisse konnten Chango, McElhaney, Allen, Schad und Marston (2012) zeigen,
dass zwischenmenschliche Stressoren bei Jugendlichen nur für hoch zurückweisungssensible
Personen mit depressiven Symptomen in Verbindung standen. Zimmer-Gembeck, Trevaskis, Nesdale
und Downey (2014) fanden in einer weiterhin, dass Zurückweisungssensibilität die Zusammenhänge
zwischen dem Erleben von Mobbing (Diskriminierung und Schikanierung durch Gleichaltrige) und
depressiven Symptomen bei Jugendlichen erklärte. Die Annahme eines Teufelskreises depressiver
Interaktion bestätigend konnten Liu, Kraines, Massing-Schaffer und Alloy (2014) zwar zeigen, dass
zurückweisungsbezogene Lebensereignisse den Zusammenhang zwischen Zurückweisungssensibilität
und Depressivität im Verlauf verstärkten, die Befundlage spricht dennoch eher für die Annahme, dass
es sich bei Zurückweisungssensibilität um einen Vulnerabilitätsfaktor – und nicht eine
Folgeerscheinung – handelt, vor dessen Hintergrund das Erleben zurückweisungsbezogener
Lebensereignisse in depressiver Symptomatik resultiert. Ein verbessertes Verständnis präexistenter
intrapsychischer Regulationsprozesse könnte entsprechend entscheidend zum Verständnis des
Zusammenhangs zwischen interpersonalen, zurückweisungsrelevanten Stressoren und depressiven
Symptomen beitragen. Da eine Übertragung der Befunde von Chango et al. (2012) und ZimmerGembeck et al. (2014) auf das Erwachsenenalter bisher aussteht, sollen in der vorliegenden Arbeit
entsprechende Fragestellungen im Rahmen einer längsschnittlichen Erhebung überprüft werden.
2.4.5
Transkulturelle Validität der Zurückweisungssensibilität
In der bereits unter Absatz 2.3.5 erwähnten experimentellen Studie von Garris et al. (2011) zu den
Auswirkungen sozialer Zurückweisung auf positiven und negativen Affekt wurde explorativ auch
Zurückweisungssensibilität erfasst. Die Autoren fanden eine höhere Zurückweisungssensibilität bei
Theoretischer Hintergrund
59
Japanern im Vergleich zu Amerikanern. Die bei ihnen angeführte Erklärung, dass Japaner soziale
Zurückweisung eher antizipieren und mehr Ängstlichkeit empfinden, greift jedoch ziemlich kurz.
Leider verpassen es die Autoren, ihre Ergebnisse hinsichtlich der Zurückweisungssensibilität in einen
Zusammenhang zu den anderen in dieser Studie erfassten Variablen (Affekt, Selbstbild, vergangene
Zurückweisungserfahrungen und Bedürfnisse) zu bringen, ebenso wenig stellen sie ihre Ergebnisse
zur Zurückweisungssensibilität in einen umfassenden theoretischen Kontext.
Nach Kenntnis der Autorin ist dies zum aktuellen Zeitpunkt die einzige publizierte Studie, die sich mit
der transkulturellen Validität der Zurückweisungssensibilität auseinandersetzt. Es muss daher
schlussendlich noch völlig offen bleiben, ob sich das in westlichen Kulturen entwickelte, evaluierte
und etablierte Konstrukt ohne weiteres in andere Kulturen übertragen lässt. Die vorliegende Studie
stellt somit durch die erstmalige Untersuchung des Konstrukts auf dem lateinamerikanischen
Kontinent im Vergleich zwischen Deutschland und Chile eine erste Annäherung an Fragestellungen
hinsichtlich der transkulturellen Validität der Zurückweisungssensibilität dar.
2.5
Scham
Die spezifische Bedeutung der Emotion Scham im Zusammenhang mit Interpersonaler
Zurückweisungssensibilität wird in der Literatur verschiedentlich erwähnt (Velotti, Elison & Garofalo,
2014; Kemeny, Gruenewald & Dickerson, 2004). Die Forschungsliteratur spricht zudem dafür, dass
der Emotion Scham auch vor dem Hintergrund des kulturvergleichenden Anspruchs der vorliegenden
Arbeit eine bedeutsame Rolle im Hinblick auf ein besseres Verständnis depressiver Störungen im
interkulturellen Kontext zukommen könnte. Die Emotion Scham soll daher im folgenden Kapitel
zunächst definiert und näher erläutert werden (2.5.1), Daran anschließend werden Bezüge zu
Zurückweisungssensibilität (2.5.2), Depression (2.5.3) und Kultur (2.5.4) hergestellt.
2.5.1
Erläuterung der Emotion Scham und Abgrenzung von Schuld
Dass Emotionen bedeutsame Wegweiser menschlichen Erlebens und Verhaltens sind, ist in der
psychologischen Forschung und Theorie unumstritten. Besondere Beachtung haben dabei vielfache
Versuche der Identifikation sogenannter Basisemotionen erhalten. Unter Basisemotionen werden
grundlegende Gefühle subsumiert, die über eine biologische Determination verfügen und sich
dementsprechend früh in der Ontogenese entwickeln (Bennett, Bendersky & Lewis, 2002; Lewis,
Alessandri & Sullivan, 1990). Sie dienen dem vor allem dem physischen Überleben und der
Reproduktion (Levenson, 1999), sind direkt durch situative Stimuli auslösbar und bedürfen
dementsprechend keiner höheren kognitiven Prozesse (Tomkins, 1962). Aufgrund ihrer Definition
60
Theoretischer Hintergrund
sollten sie eher universal sein, mit einem charakteristischen Gesichtsausdruck einhergehen und von
nichtmenschlichen Arten (für Untersuchungen an Schimpansen siehe Parr & Waller, 2006) in
motivational relevanten Situationen gezeigt werden (siehe Frijda & Parrott, 2011, für eine kritische
Diskussion dieser Annahmen). Bisher herrscht in der Wissenschaft kein endgültiger Konsens über die
Anzahl der Basisemotionen, meist wird jedoch von ca. sieben distinkten Emotionen ausgegangen und
u.a. Angst, Ärger und Freude gehören übereinstimmend dazu (Kim et al., 2011).
In der psychologischen Forschung wird der Begriff der Basisemotion von dem der selbstreflexiven
Emotion (engl.: self-conscious emotion) differenziert. Zu diesen selbstreflexiven Emotionen zählen
unter anderem Scham, Schuld, und Stolz (Tangney et al., 1989). Im Gegensatz zu Basisemotionen
entwickeln sich selbstreflexive Emotionen später in der Ontogenese (Lagattuta & Thompson, 2007),
da sie verschiedene kognitive Entwicklungen und Prozesse voraussetzen (z.B. stabile Differenzierung
Selbst – Andere, Fähigkeit zur Selbstreflexion, Internalisierung von Verhaltensstandards, etc.; Kim et
al., 2011). Sie dienen weniger dem physischen als vielmehr dem sozialen Überleben. Verschiedene
Arbeiten konnten zeigen, dass selbstreflexive Emotionen entscheidende Funktionen im Hinblick auf
die Regulation von Gruppenprozessen und sozialen Beziehungen, die Verhinderung von
Zurückweisung sowie den Erhalt oder die Erhöhung des sozialen Status haben (Fessler, 2004; Gilbert,
2000; Gruenewald, Dickerson & Kemeny, 2007; Kemeny et al., 2004). Selbstreflexive Emotionen
treten interkulturell in unterschiedlicher Ausprägung und Funktionalität auf (Wong & Tsai, 2007;
siehe hierzu auch Absatz 2.5.4) und gehen nicht zwingend mit einem charakteristischen, universell
erkennbaren Gesichtsausdruck einher, auch wenn einige Arbeiten auf einen universellen
nonverbalen Ausdruck bei Stolz (Tracy & Robins, 2008) und Scham (Keltner & Buswell, 1996)
hinweisen. Ihr Empfinden wird ausschließlich Menschen zugestanden, denn auch wenn Primaten
über Aspekte wie Selbstbewusstheit verfügen, so fehlt ihnen doch mit einiger Sicherheit die Fähigkeit
zu höheren kognitiven Bewertungsprozessen (Kim et al., 2011).
Zu den am intensivsten beforschten selbstreflexiven Emotionen gehören Scham und Schuld (Blum,
2008), insbesondere vor dem Hintergrund von Überlegungen zu deren psychopathogenetischer
Bedeutsamkeit. Beide Emotionen weisen konzeptuelle Überschneidungen auf: So beziehen sich
beide auf eine normative Verfehlung, haben eine negative Valenz und rufen internale Attributionen
hervor (Tracy & Robins, 2006). Beide Emotionen werden typischerweise im interpersonalen Kontext
erlebt und durch ähnliche Ereignisse aktiviert (Tangney, 1995). Vor diesem Hintergrund ist eine
theoretisch und empirisch saubere Abgrenzung der beiden Emotionen besonders bedeutsam, in der
Vergangenheit jedoch längst nicht immer gelungen (Kim et al., 2011). Die eindeutigste bisher in der
Literatur vorliegende Unterscheidung von Scham und Schuld unter Berücksichtigung differentieller
Konsequenzen ist bei Helen Block Lewis (1971) zu finden, deren Annahmen die nachfolgende
Theoretischer Hintergrund
61
Forschung nachdrücklich beeinflussten. Bei Kocherscheidt, Fiedler, Kronmüller, Backenstraß und
Mundt (2002) werden ihre Überlegungen wie folgt zusammengefasst:
„Entscheidenden Einfluss auf die Differenzierung von Scham und Schuld hatte die Theorie von Helen B. Lewis
(1971). Bei Scham bestehe eine generell erhöhte Selbstaufmerksamkeit sowie eine Tendenz, einen Misserfolg
dem gesamten Selbst und nicht einer spezifischen Handlung zuzuschreiben. Personen mit akuten
Schamgefühlen würden veranlasst, sich zurückzuziehen und die auslösende Situation zu verlassen. In der Folge
entstünden Gefühle der Wertlosigkeit, Machtlosigkeit und Kleinsein. Schuld dagegen resultiere aus einer
negativen Beurteilung von Handlungen oder Verhalten und motiviere dementsprechend Reue und
Wiedergutmachung. Eine negative Bewertung des gesamten Selbst finde hierbei nicht statt. Aufgrund der
Konsequenzen für das Selbst habe Scham – im Gegensatz zu Schuld – einen dysfunktionalen Charakter, der eine
Symptomentstehung begünstigen könne. Darüber hinaus stellen Scham und Schuld nach Lewis‘ Auffassung
nicht nur situative Affekte, sondern auch zeitkonstante Neigungen i. S. von Persönlichkeitseigenschaften dar.“
(Kocherscheidt et al., 2002; S. 218)
Die in diesem Zitat angesprochenen zeitkonstanten Neigungen werden u.a. bei Tangney, Burggraf
und Wagner (1995) als Schamneigung (shame proneness) und Schuldneigung (guilt proneness)
bezeichnet und sind als generalisierte Affektmodi zu verstehen, d.h. als dispositionelle Neigungen, in
einer Vielzahl von Situationen mit den entsprechenden Emotionen zu reagieren.
Die konstituierenden Momente der Emotion Scham sollen im Folgenden, jeweils in Abgrenzung zu
Schuld, erläutert werden. Die Betonung unterschiedlicher Attributionsmuster scheint dabei von
zentraler Bedeutung zu sein. So beschreiben Wong und Tsai (2007) Scham und Schuld als Gefühle,
die mit einer negativen Bewertung (durch sich selbst oder andere) dahingehend assoziiert sind, dass
moralische Standards und Normen (gut sein, etwas richtig machen, sich angemessen verhalten) nicht
erfüllt wurden. Scham entsteht, wenn die negative Bewertung stabil und global das Selbst betrifft,
Schuld hingegen, wenn die negative Bewertung Handlungen und transiente Zustände betrifft (Tracy
& Robins, 2006). Des Weiteren unterscheiden sich die beiden Emotionen hinsichtlich des
Aufmerksamkeitsfokus (Leith & Baumeister, 1998) der bei Scham nach innen, auf das eigene
Empfinden, bei Schuld hingegen eher nach außen, auf die Interaktionspartner, gerichtet ist. Scham
beeinträchtigt entsprechend die interpersonale Sensibilität, während Schuld sie erhöht (Kim et al.,
2011). Auch bezüglich der motivationalen Ausrichtung der Reaktionen auf die beiden Emotionen
lassen sich bedeutsame Unterschiede anführen. Während Scham mit einer Ausrichtung des
Verhaltens auf Vermeidung einhergeht, evoziert Schuld eher annähernde Reaktionen (Frijda, Kuipers
& ter Schure, 1989). Deutlich wird dies in der für Scham typischen Reaktion des „im Boden versinken
Wollens“, dem das „Wiedergutmachen“ der Schuld entgegensteht. In diese Richtung gehen auch die
Annahmen von Kemeny et al. (2004), die Scham als motivationale Kraft für Rückzugsverhalten in
Situationen auffassen, in denen das soziale Selbst bedroht ist. Scham sei Anzeichen für
Zielinkongruenz im Bereich der sozialen Identität und initiiere eine koordinierte physiologische,
behaviorale und subjektive Rückzugsreaktion. Hinsichtlich situationaler Auslöser konnten
verschieden Autoren zeigen, dass das Schamgefühl stärker mit der physischen oder imaginierten
62
Theoretischer Hintergrund
Anwesenheit anderer Personen verbunden zu sein scheint als das Empfinden von Schuld (Kemeny et
al., 2004; Smith, Webster, Parrott & Eyre, 2002). Bezüglich der Funktionalität von Scham und Schuld
beschreiben Goetz und Keltner (2007) Schuld als Emotion zur Regulation kooperativer Allianzen, da
sie vornehmlich der Wiederherstellung von Reziprozität dient und Scham als diejenige Emotion, die
der Gruppenorganisation dient, da sie insbesondere in Situationen, die die Gruppenhierarchie bzw.
Verletzungen derselben betreffen, eine Rolle spielt.
2.5.2
Scham und Zurückweisungssensibilität
Im Hinblick auf die spezifische Funktionalität der Emotion Scham ist für die vorliegende Arbeit
weiterhin die bereits angeführte Auffassung von Kemeny und Kollegen (2004) von Bedeutung, die
Scham als typische emotionale Reaktion auf eine Bedrohung des sozialen Selbst sehen. Diese
Auffassung betont die Bedeutsamkeit von Scham für interpersonale Funktionsfähigkeit sowohl im
Bereich des allgemeinen Wohlbefindens als auch im psychopathologischen Sinne. Besonders deutlich
wird die Relevanz für die vorliegende Arbeit in folgendem Auszug:
„We discuss the physiological correlates of shame experience, especially under conditions of threat to the
social self, and argue that this elicitor and accompanying shame experience are understudied and potentially
quite powerful predictors of health outcomes. This may be especially true in situations of chronic activation of
social-self threat, as in individuals with a stigma or high levels of rejection sensitivity.” (Kemeny et al., 2004; S.
154)
Kemeny
et
al.
(2004)
Zurückweisungssensibilität
sprechen
erstmals
mögliche
direkt
an.
Zusammenhänge
Sie
vermuten
bei
zwischen
Scham
Personen
mit
und
hoher
Zurückweisungssensibilität eine chronisch aktivierte Bedrohung des sozialen Selbst, eine Annahme,
die
unter
anderem
durch
die
in
Absatz
2.4.2
erläuterten
Befunde
zur
erhöhten
Wahrnehmungsbereitschaft und exzessiven Reaktion zurückweisungssensibler Personen auf
Bedrohungen der sozialen Zugehörigkeit konsistente Unterstützung findet. Zunächst scheint das
Erleben von Schamgefühlen in einer mehrdeutigen Situation dazu beizutragen, diese im Sinne von
sozialer Zurückweisung zu interpretieren (Claesson & Sohlberg, 2002). Des Weiteren gehen Velotti et
al. (2014) davon aus, dass das Erleben von Schamgefühlen in einer ambiguen Situation durch das
Vorliegen von Zurückweisungssensitivität weiter intensiviert wird. Tangney & Dearing (2002)
beschreiben, dass Personen, die Scham erleben, besonders sensitiv auf kontextuelle Hinweisreize
und auf das Verhalten anderer fokussiert sind. Nach Ansicht von Kemeny et al. (2004) schließlich
spielt das Empfinden von Scham eine zentrale Rolle für die Entwicklung und Aufrechterhaltung
psychischer Erkrankungen bei zurückweisungssensiblen Personen.
Theoretischer Hintergrund
63
Erste Hinweise auf die Gültigkeit der obigen Annahmen können aus einer Studie von Chan und
Mendoza-Denton (2008) abgeleitet werden. Die Autoren untersuchten ein der Interpersonalen
Zurückweisungssensibilität eng verwandtes Konstrukt, die Status-basierte Zurückweisungssensibilität
(für eine Übersicht siehe Romero-Canyas et al., 2009). Diese beschreibt die ängstliche Erwartung,
sensible Wahrnehmung und extreme Reaktion auf soziale Zurückweisung bzw. Diskriminierung
aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe. Studien, die Hinweise auf die
Validität dieses Konstrukts liefern, existieren beispielweise zu den Statusmerkmalen Ethnie (Chan &
Mendoza-Denton, 2008; Mendoza-Denton, Downey, Purdie, Davis & Pietrzak, 2002), Geschlecht
(London, Downey, Romero-Canyas, Rattan & Tyson, 2012), sexuelle Orientierung (Cole, Kemeny &
Taylor, 1997; Feinstein, Goldfried & Davila, 2012; Pachankis, Goldfried & Ramrattan, 2008), soziale
Schicht (Rheinschmidt & Mendoza-Denton, 2014) und Alter (Kang & Chasteen, 2009). In ihrer Studie,
die sich mit ethnien-basierter Zurückweisungssensibilität befasste, konnten Chan und MendozaDenton (2008) zeigen, dass asiatisch-stämmige Nordamerikaner auf wahrgenommene Zurückweisung
mit
Scham
reagierten
und
dass
der
Zusammenhang
zwischen
status-basierter
Zurückweisungssensibilität und einem Absinken des Selbstwerts nach empfundener Zurückweisung
über das Erleben von Schamgefühlen vermittelt wurde. Die Studie gibt somit erste Hinweise darauf,
dass Scham für internalisierende Reaktionen auf (status-basierte) Zurückweisung eine bedeutsame
Rolle spielt. Arbeiten, die die Übertragbarkeit dieser Zusammenhänge auf die Interpersonale
Zurückweisungssensibilität untermauern würden, stehen jedoch bisher aus.
Aufbauend auf der Hypothese, dass es sich bei Zurückweisungssensibilität um ein kognitiv-affektives
Vermeidungsschema im konsistenztheoretischen Sinne handelt, können Hinweise auf die Gültigkeit
der obigen Annahme auch aus Arbeiten gewonnen werden, die zeigen konnten, dass Scham mit
einem motivationalen Vermeidungsmodus in Verbindung steht. So beschreiben Sheikh und JanoffBulman (2010) einen Zusammenhang zwischen einer generellen Vermeidungsorientierung
(behavioral inhibition system) und Scham. Weiterhin gingen mit einer experimentellen Induktion
eines vermeidenden Regulationsfokus erhöhte Schamwerte einher. Dies ergänzt die bereits bei
Tangney (1995) zusammengetragenen Befunde zu motivationalen Konsequenzen von Schamerleben
um die Komponente einer generellen Vermeidungsorientierung bei schamsensiblen Personen.
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll zunächst ein genereller empirischer Zusammenhang
zwischen Scham und Interpersonaler Zurückweisungssensibilität überprüft und dessen Bedeutung
anschließend im Kontext depressiver Erkrankungen betrachtet werden. Im folgenden Absatz werden
entsprechend Arbeiten vorgestellt, die sich bereits mit der Bedeutsamkeit exzessiven Schamerlebens
für die Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen auseinandergesetzt haben.
64
2.5.3
Theoretischer Hintergrund
Scham im Kontext depressiver Störungen
Exzessives Schamerleben scheint für eine Reihe von psychischen Störungen bedeutsam zu sein. So
konnte beispielsweise Kämmerer (2010) im Rahmen einer Untersuchung an n = 320 Patienten mit
unterschiedlichen Störungsbildern besonders ausgeprägte Zusammenhänge zwischen Scham und
affektiven Störungen sowie Angststörungen (mit Ausnahme sozialer Phobie) zeigen. Weiterhin
ergaben sich Zusammenhänge mit Essstörungen. Ihren Schlussfolgerungen zufolge sind
Schamgefühle bei Menschen mit psychischen Störungen als der „emotionale Ausdruck eines
niedrigen Selbstwerts und einer affektiven Disposition für Versagensangst und Bestrafung“
(Kämmerer, 2010; S. 262) zu verstehen.
Vor dem Hintergrund dieser Befunde und der oben angeführten maladaptiven Konsequenzen von
Schamgefühlen für den Selbstwert scheint es verwunderlich, dass in den gängigen Diagnosesystemen
DSM-IV-TR (Saß et al., 2003) und ICD-10 (Dilling et al., 2014) zwar exzessive Schuldgefühle als
Diagnosekriterium der Depression auftauchen, Schamgefühle jedoch keine Erwähnung finden. Dies
könnte auf eine mangelhafte Unterscheidung von Scham und Schuld im Rahmen der Entwicklung der
diagnostischen Kriterien rückführbar sein (Tangney et al., 1995). Unter Bezugnahme auf
psychologische Depressionstheorien scheint jedoch die Annahme, dass Scham für die Entstehung
und Aufrechterhaltung depressiver Störungen eine bedeutsamere Rolle spielt als Schuld, durchaus
angemessen. So betonen kognitive Theorien den mit intensiven Schamgefühlen, nicht jedoch mit
Schuldgefühlen, einhergehenden globalen, internalen und stabilen Attributionsstil als bedeutsam für
die Entwicklung depressiver Kognitionen (Beck & Hautzinger, 1981). Im Rahmen der
Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987) werden Gefühle der Schwermut und Niedergeschlagenheit
ebenso wie Gefühle der Scham als aus einer Diskrepanz zwischen dem Aktual-Selbst und dem IdealAndere-Selbst (wie bin ich vs. wie hätten mich die anderen optimalerweise gerne?) entstehend
konzeptualisiert, während Gefühle der Angst und der Schuld aus einer Diskrepanz zwischen dem
Aktual-Selbst und dem Soll-Selbst (wie bin ich vs. wie sollte ich sein?) entstehen, was die Hypothese
eines spezifischen Zusammenhang zwischen depressiven Symptomen und Schamgefühlen stützt. In
der Arbeitsgruppe um June P. Tangney konnte bereits in den 90er Jahren in einer Reihe empirischer
Arbeiten gezeigt werden, dass bei einer sauberen Trennung von Scham und Schuld einzig Scham
psychopathologische Symptome vorhersagen kann (für eine Übersicht siehe Tangney et al., 1995).
Kim et al. (2011) legen mit einer umfassenden Metaanalyse einen eindrucksvollen Beleg für die
Bedeutsamkeit von Scham für die Entwicklung und/oder Aufrechterhaltung depressiver Symptomatik
vor. Die Metaanalyse wird durch die oben begründete Hypothese geleitet, Scham sei stärker mit
Depressivität assoziiert als Schuld. Neben der bereits angeführten Verbindung von Scham zu einem
depressionstypischen Attributionsstil führen die Autoren als Begründung ihrer Hypothese unter
Theoretischer Hintergrund
65
anderem an, dass Scham, als Signal für die Bedrohung des sozialen Selbst, sich nach innen richte
(negative Sicht auf das Selbst) und so z.B. Ruminationen begünstige, während Schuld sich insofern
nach außen richte, als durch Schuldgefühle reparierendes Verhalten begünstigt würde.
Ruminationen, wie sie bei Scham auftreten, stünden in enger Verbindung zu Depressivität.
Schambedingte Rückzugstendenzen könnten zudem Depressivität begünstigen oder verstärken, da
sie zu einer Verringerung sozialer Unterstützung und einem Wegfall sozialer Verstärker führten, was
in Einklang mit den Annahmen interpersonal ausgerichteter Depressionstheorien (Coyne, 1976a;
Lewinsohn, 1974) steht. Ebenso sei die Phänomenologie von Scham und Depressivität vergleichbar
ausgeprägt, gekennzeichnet vorrangig durch Gefühle der Kleinheit, Wert- und Machtlosigkeit.
Insgesamt wurden 242 Effektstärken aus 108 Studien (publiziert zwischen 1987 und 2010)
ausgewertet. Die Ergebnisse stützen eindrucksvoll die Haupthypothese. Das mittlere gewichtete
Zusammenhangsmaß lag für Scham und Depressivität bei r = .43, für Schuld und Depressivität nur bei
r = .28, der Unterschied zwischen den beiden Effektstärkemaßen war statistisch signifikant. Noch
bedeutsamer scheint der Befund, dass nach Auspartialisierung von Scham Schuld nicht mehr
signifikant mit Depressivität korrelierte, was die Annahmen von Tangney et al. (1995) stützt, die
Zusammenhänge von Schuld und Depressivität seien vorrangig der unsauberen Abgrenzung der
beiden selbstreflexiven Emotionen voneinander geschuldet.
Neuere empirische Arbeiten, die in der oben berichteten Metaanalyse keine Berücksichtigung
gefunden haben, stützen weiterhin die Annahme eines profunden und konsistenten Zusammenhangs
zwischen Scham und Depression und erweitern das Forschungsfeld durch die Exploration von
möglichen Ursachen und Korrelaten dieses Zusammenhangs. Mehrere aktuelle Studien konnten
beispielsweise zeigen, dass frühe Beschämungserfahrungen sich sowohl in Messungen aktueller
Scham als auch in psychopathologischer Symptomatik (u.a. Depression und Angst) niederschlagen
(Pinto-Gouveia & Matos, 2011). Der Zusammenhang zu depressiven Symptomen blieb auch dann
bestehen, wenn ängstliche und traurige Erinnerungen aus den Schamerinnerungen auspartialisiert
wurden (Matos, Pinto-Gouveia & Duarte, 2012). Sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen
wurde der Zusammenhang zwischen den internalisierten Erinnerungen an frühe Beschämung und
depressiven Symptomen vollständig über aktuelle Scham vermittelt (Cunha, Matos, Faria & Zagalo,
2012; Matos, Pinto-Gouveia & Duarte, 2013). Weiterhin scheinen zentrale Bindungsfiguren für die
Internalisierung früher Beschämung insofern eine besondere Rolle zu spielen, als insbesondere
Beschämung durch eben diese zentral für die spätere Entwicklung depressiver Symptomatik zu sein
scheint (Matos & Pinto-Gouveia, 2014; Matos, Pinto-Gouveia & Costa, 2013). Insgesamt lässt sich aus
diesen Arbeiten die Schlussfolgerung ziehen, dass frühe Beschämung durch zentrale Bindungsfiguren
zu einer Internalisierung dieser Erfahrungen führt, die wiederum eng mit dem Erleben von
Schamgefühlen und depressiven Symptomen im späteren Lebensverlauf assoziiert ist.
66
Theoretischer Hintergrund
Auf eine Zentralität von Schamerleben auch im Hinblick auf psychotherapeutische Implikationen
weisen Arbeiten hin, die zeigen konnten, dass Scham mit prognostisch ungünstigen
Begleiterscheinungen depressiver Störungen in Verbindung gebracht werden kann. Bryan, Morrow,
Etienne und Ray-Sannerud (2013) fanden Hinweise darauf, dass Scham einen erklärenden Faktor für
die Zusammenhänge zwischen Depression und Suizidalität darstellen könnte. Weiterhin zeigte eine
Studie von Treeby und Bruno (2012), dass Schamneigung mit Alkoholmissbrauch in Verbindung steht.
Schamsensible Personen setzten Alkohol vor allem zu Regulation des depressiven Affekts eins.
Auf neurophysiologischer Ebene konnte im Rahmen einer fMRT-Studie (Pulcu, Lythe, Elliott, Green,
Moll, Deakin & Zahn, 2014) gezeigt werden, dass Schamneigung bei unmedizierten und bei
remittierten Depressiven mit einer erhöhten Aktivität von Regionen einhergeht, die mit der
Sensitivität für negativ valente emotionale Stimuli in Verbindung gebracht werden (rechte Amygdala,
posteriore Insula). Dass diese erhöhte Aktivität auch bei remittiert Depressiven auftritt, gibt Hinweise
auf die Bedeutsamkeit von Schamneigung als Vulnerabilitätsfaktor für depressive Symptomatik.
Insgesamt sprechen die hier berichteten Befunde für eine deutliche Rolle der selbstreflexiven
Emotion Scham für die Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen, zumindest in
westlichen Kulturen. Die Befundlage für nicht-westliche Kulturen ist als weit weniger eindeutig zu
beurteilen (Bagozzi et al., 2009). Wong und Tsai (2007) sprechen in diesem Zusammenhang von
einem Western Bias, d.h. einer Tendenz, Befunde aus lediglich einem Kulturkreis in
übergeneralisierender Form als universell zu deklarieren. Im folgenden Absatz sollen unter
Berücksichtigung dieser Kritik sowie des kulturvergleichenden Anspruchs der vorliegenden Arbeit
theoretische Ansätze und empirische Studien zusammengetragen werden, die sich mit der
kulturspezifischen Bedeutung der Emotion Scham auseinandergesetzt haben.
2.5.4
Kulturspezifische Besonderheiten der Emotion Scham
Vertreter einer kulturkonstruktivistischen Perspektive (Frijda & Mesquita, 1994; Kitayama, Markus &
Matsumoto, 1995) gehen davon aus, dass das Erleben von Emotionen grundlegend determiniert wird
über die kulturell konstituierte Natur der subjektiven Realität von Individuen (Fessler, 2004). Eine
solche kulturell konstituierte Natur wurde in Bezug auf die selbstreflexiven Emotionen Scham und
Schuld bereits in den 1940er Jahren von der Anthropologin Ruth Benedict im Rahmen ihrer viel
zitierten Konzeptualisierung von Kulturen als Scham- und Schuldkulturen diskutiert und hat seither
vergleichbar viel Beachtung auch in der psychologischen Theorie und Forschung erhalten (vgl. Wong
& Tsai, 2007).
Explizite Berücksichtigung finden kulturspezifische Facetten von Emotionen im Soziodynamischen
Modell der Emotion (Boiger & Mesquita, 2012a), weshalb Befunde zur kulturellen Spezifität
Theoretischer Hintergrund
67
verschiedener Komponenten der Emotion Scham im Rahmen der vorliegenden Arbeit entlang dieses
Modells beschrieben, eingeordnet und diskutiert werden sollen. Mesquita und Kollegen (Mesquita &
Boiger, 2014) beschreiben die Entwicklung von Emotionen und emotionalen Reaktionssystemen aus
konstruktivistischer
Perspektive:
Ihren
Annahmen
zufolge
werden
Emotionen
durch
Wechselwirkungsprozesse auf drei Ebenen sozial konstruiert. Zum einen gehen die Autoren davon
aus, dass sich Emotionen aus spezifischen moment-to-moment-Interaktionen heraus entwickeln. So
führt die spezifische Reaktion eines Interaktionspartners auf den Ausdruck einer Emotion zu einer
Modifikation derselben, was sich wiederum auf den weiteren Verlauf der Interaktion auswirkt.
Weiterhin werden Emotionen nach der soziodynamischen Perspektive geprägt und geformt durch
soziale Beziehungen, genauer durch vergangene Erfahrungen mit dieser Beziehung und zukünftige
Erwartungen an dieselbe. Dies bedeutet, dass sich aktuelle Interaktionen in Abhängigkeit vom
relationalen Kontext unterscheiden. Schließlich betonen Boiger und Kollegen die Bedeutung des
soziokulturellen Kontexts bei der Konstruktion emotionalen Erlebens. Emotionen entwickeln sich
ihren Annahmen zufolge in Abhängigkeit von den Normen und Gewohnheiten einer Kultur. Das
kulturelle Umfeld einer Person stellt somit die Hintergrundfolie dar, vor der sich emotionale
Erlebens- und Reaktionsbereitschaften entwickeln. Zu beachten ist, dass das soziodynamische Modell
zwar ein sozial-konstruktivistisches ist, die Beteiligung physiologischer und biologischer Prozesse
jedoch keinesfalls negiert wird. Es wird lediglich nicht von einer „Naturgegebenheit“ i.S.v.
transsituationaler Stabilität der Emotionen ausgegangen, sondern vielmehr ein dynamischer Prozess
der Fortentwicklung des emotionalen Raums über die Lebensspanne durch die Interaktion einer
Person mit ihrer Umwelt angenommen (Boiger & Mesquita, 2012b). Die ersten beiden Ebenen des
hier vorgestellten Modells (moment-to-moment-Interaktionen und soziale Beziehungen) haben keine
expliziten Entsprechungen in den Fragestellungen der vorliegenden Arbeit, weshalb für eine
Übersicht über empirische Hinweise auf die Gültigkeit der Annahmen auf das Review von Boiger und
Mesquita (2012a) verwiesen werden soll. Befunde zur Bedeutsamkeit der soziokulturellen Ebene für
das Schamerleben sollen jedoch aufgrund ihrer Zentralität für diese Arbeit im Folgenden näher
erläutert werden.
Im Soziodynamischen Modell der Emotion wird die Einflussnahme durch den soziokulturellen Kontext
einer Person auf vier Dimensionen postuliert: auf der Ebene der Wahrnehmung von Emotionen (1),
der Häufigkeit und Intensität bestimmter Emotionen (2), der Häufigkeit und Qualität bestimmter
Auslösesituationen (3) und der Funktionen bzw. Verhaltenskonsequenzen von Emotionen (4) (Boiger
& Mesquita, 2012a). Diese Dimensionen variieren in Abhängigkeit von zentralen kulturellen
Konzepten und Normen einer Kultur (Bierbrauer, 1992; Boiger, De Deyne & Mesquita, 2013a; Boiger,
Mesquita, Uchida & Barrett, 2013b; De Leersnyder, Boiger & Mesquita, 2013; Eid & Diener, 2001).
Die meisten der im Folgenden zitierten Arbeiten führen dabei Unterschiede im Selbstbild (Markus &
68
Theoretischer Hintergrund
Kitayama, 1991) als konstituierend für Unterschiede in den verschiedenen Facetten des
Schamerlebens an. Grundsätzlich wird dabei davon ausgegangen, dass das in den Absätzen 2.5.1 und
2.5.2 hergeleitete Schammodell ein genuin westliches ist, welches nur vor dem Hintergrund eines
stabilen, independenten Selbst Gültigkeit besitzt. Emotionen, die dem Ziel der Unabhängigkeit von
Anderen zuträglich sind (z.B. Ärger), sollten entsprechend kulturell akzeptiert und weniger
maladaptiv sein. In Kulturen dagegen, welche die Betonung auf ein relationales, interdependentes
Selbst und das Streben nach Harmonie legen, sollten solche Emotionen, die das Verfolgen
independenter Ziele begleiten, weniger sozial erwünscht sein und eher unterdrückt werden.
Emotionen dagegen, die stärker an den Reaktionen anderer ausgerichtet sind und Hinweise auf die
Beziehungsqualität geben (z.B. Scham) sollten kulturell akzeptiert und ihr Ausdruck erwünscht sein,
weshalb Scham, verstanden als soziale Emotion, in interdependeten Kulturen eine andere Bedeutung
und andere Konsequenzen haben könnte als in independenten Kulturen (Boiger & Mesquita, 2012a).
Im Folgenden werden empirische Arbeiten zu kulturellen Unterschieden in der Emotion Scham
entlang der vier postulierten Dimensionen beschrieben.
(1) Wahrnehmung von Emotionen: Mit der Annahme einer differenziellen Wahrnehmung von
Emotionen in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext beziehen sich die Autoren des Soziodynamischen
Modells zum einen auf Unterschiede in der Emotionserkennung, zum anderen auf Unterschiede in
der Emotionsdifferenzierung. Bezüglich der Emotionserkennung liegen laut Kenntnis der Autorin
spezifisch für Scham bisher keine empirischen Studien vor, es konnte jedoch wiederholt gezeigt
werden, dass nicht-westliche (japanische) Probanden bei der Erkennung verschiedener Emotionen
deutlich mehr Kontextinformationen (Emotionen anderer Personen) einbezogen als westliche
Probanden (Masuda, Ellsworth, Mesquita, Leu, Tanida & Van de Veerdonk, 2008; Uchida, Townsend,
Markus & Bergsieker, 2009). Aus diesen Befunden kann geschlossen werden, dass in westlichen
Kulturen Emotionen als dem Individuum eigen verstanden werden, während in bestimmten nichtwestlichen Kulturen Emotionen über Verbindungen zu den Emotionen anderer Personen konstruiert
werden (Boiger & Mesquita, 2012a). Informationen bezüglich der Emotionsdifferenzierung können
unter anderem aus Studien gewonnen werden, die sich mit der Einordnung von Scham im
emotionalen Raum befasst haben. So konnte Rozin (2003) beispielsweise zeigen, dass
Nordamerikaner Scham und Ärger als inhaltlich näher beieinander liegend werteten, während
indische Hinduisten Scham und Freude als einander näher betrachteten. Die Autoren führen in
diesem Zusammenhang die empirisch begründete Erklärung an, dass (independente) US-Amerikaner
Scham als Emotion mit negativer Valenz, und daher nahe zu Ärger, verstanden, während die
(interdependenten) indischen Probanden Scham als sozial konstruktive Emotion, und daher näher zu
Freude, interpretierten. In einem erweiterten Sinne als ebenfalls mit der spezifischen Wahrnehmung
von Emotionen befasst können Studien bezeichnet werden, die sich mit der Differenzierbarkeit von
Theoretischer Hintergrund
69
Scham und Schuld in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext befasst haben. Dabei konnte
zusammenfassend gezeigt werden, dass Scham und Schuld in kollektivistisch orientierten Kulturen
weniger differenziert voneinander sind und Schuld vielmehr als eine spezifische Komponente von
Scham konzeptualisiert ist (Bedford, 2004; Li, Wang & Fischer, 2004). Die Befunde, dass Scham in
interdependenten Kulturen a) weniger negativ wahrgenommen wird und b) weniger abgrenzbar von
Schuld ist, geben bereits erste Hinweise auf möglicherweise unterschiedliche Konsequenzen des
Erlebens von Scham in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext.
(2) Häufigkeit und Intensität von Emotionen: Nach Annahmen des Soziodynamischen Modells der
Emotion sollten Emotionen, die in einer Kultur als angemessen beurteilt werden, auch häufiger
vorkommen. Empirische Arbeiten konnten zeigen, dass Scham in interdependenten Kulturen eher
sozial akzeptiert und erwünscht ist als in independenten kulturellen Kontexten, was sich in einem
häufigeren Ausdruck der Emotion sowohl im alltäglichen Leben (Crystal, Parrott, Okazaki &
Watanabe, 2001) als auch im Sprachgebrauch (Li et al., 2004) spiegelt. Scheff (2013) überlegt in
diesem Zusammenhang aus soziologischer Perspektive, dass Scham in individualistischen Kulturen
„totgeschwiegen“ wird und damit aus dem Alltagsleben verschwindet, was die negative Valenz der
Emotion vermutlich noch verstärkt. Weitere Hinweise auf obige Annahme liegen aus einer Studie von
Boiger, Güngör, Karasawa und Mesquita (2014) vor. Die Autoren konnten zeigen, dass diejenigen
Emotionen, die zentrale kulturelle Konzepte (defending honour in der Türkei und keeping face in
Japan) betreffen und entsprechend als positiv bzw. angemessen bewertet werden, erstens häufiger
vorkommen und zweitens als intensiver bewertet werden. Dies galt in der Türkei sowohl für Ärger als
auch für Scham, in Japan dagegen nur für Scham. Verschiedene Arbeiten konnten weiterhin zeigen,
dass Scham in eher interdependenten kulturellen Kontexten die angemessene Emotion zum Umgang
mit schwierigen Situationen und Konflikten zu sein scheint und entsprechend häufiger erlebt wird,
während in independenten Kulturen in diesem Zusammenhang eher Ärger als angemessene
emotionale Reaktion gesehen wird (Cole, Bruschi & Tamang, 2002; Tinsley & Weldon, 2003).
(3) Häufigkeit und Qualität bestimmter Auslösesituationen: Unterschiede in den auslösenden
Bedingungen für Schamerleben werden unter anderem bei Stipek (1998) beschrieben. Die Autorin
konnte zeigen, dass Scham bei US-Amerikanern durch Situationen ausgelöst wurde, in der die eigene
Person eine Verletzung normativer Standards erlebte, während Chinesen auch dann Scham
berichteten,
wenn
die
Verletzung
normativer
Standards
Familienmitglieder
betraf.
In
interdependenten Kulturen mit einem relationalen Selbstbild kann Scham demnach auch durch die
Aktionen anderer ausgelöst werden (Camras & Fatani, 2004). Auch die bereits berichteten Befunde
von Boiger et al. (2014) geben Hinweise auf differentielle Auslösebedingungen. Scham wurde bei
Türken durch Situationen, in denen die Ehre bedroht war, ausgelöst, bei Japanern hingegen in
Situationen, in denen ein Gesichtsverlust drohte. In einer ähnlichen Studie konnte weiterhin gezeigt
70
Theoretischer Hintergrund
werden, dass US-Amerikaner mit einem stabilen und unabhängigen Selbstbild das Erleben von Scham
vorrangig in Situationen berichteten, in denen andere Personen ihnen persönliche Mängel oder
Fehler konstatierten, während Japaner mit einem flexiblen und relationalen Selbstbild insbesondere
solche Situationen als beschämend erlebten, in denen sie selbst sich einen öffentlichen
Gesichtsverlust vorwarfen (Boiger et al., 2013b).
(4) Funktionen und Verhaltenskonsequenzen: Scham konnte, wie bereits erläutert, in westlichen
Kulturen konsistent mit maladaptiven Konsequenzen in Verbindung gebracht werden. Unter
Berücksichtigung der bisher berichteten kulturvergleichenden Befunde bleibt jedoch zu bezweifeln,
dass dies auch für nicht-westliche Kulturen gilt. Bezüglich möglicher Konsequenzen für das
Wohlbefinden konnten De Leersnyder und Kollegen (De Leersnyder, Mesquita, Kim, Eom & Choi,
2014) entsprechend auch empirisch zeigen, dass es dann zu einem höheren Wohlbefinden kommt,
wenn die Passung zwischen den eigenen Emotionen und den in der Kultur als angemessen
bewerteten Emotionen hoch ist. Aus diesen Ergebnissen kann geschlossen werden, dass es
wahrscheinlich keine per definitionem maladaptiven Emotionen gibt, sondern dass diese immer vor
dem kulturellen Hintergrund einer Person betrachtet werden sollten. Hinsichtlich verhaltensnaher
Konsequenzen zeigte eine Studie von Bagozzi, Verbeke und Gavino (2003; s. auch Verbeke & Bagozzi,
2002), dass Scham bei Niederländern, wie durch das oben dargestellte, westliche Schammodell zu
erwarten war, zu selbst-protektiven Handlungen (Rückzug) und in der Konsequenz zu
eingeschränkter interpersonaler Funktionalität führte. Bei Filipinos hingegen war das Empfinden von
Scham mit annäherndem Verhalten (Investition in die Beziehung) sowie einer Steigerung der
interpersonalen Performanz verbunden. Die Autoren erklären dies vor dem Hintergrund eines sozialfunktionalen Emotionsverständnisses (Bagozzi, et al., 2009; Goetz & Keltner, 2007) mit
Unterschieden im Selbstbild: Während bei independentem Selbstbild (Niederlande) das Empfinden
von Scham eng mit einer Bedrohung der Unabhängigkeit des Selbst verknüpft und Scham
emotionaler Wegweiser sei, das Selbst durch Rückzug vor weiterer Bedrohung zu schützen, sei bei
interdependentem Selbstbild (Philippinen) Scham ein Signal für die Bedrohung von Harmonie und
Verbundenheit mit dem Gegenüber, was eher zu annäherndem, reparierendem Verhalten führe, um
das relationale Selbstbild nicht zu gefährden. In ähnlicher Richtung konnten Wallbott und Scherer
(1995) im Vergleich von 37 Nationen zeigen, dass Scham in als kollektivistisch eingestuften Kulturen
weniger negative Auswirkungen auf den Selbstwert und auf die Qualität sozialer Beziehungen hatte
als in eher individualistisch geprägten Kulturen.
Nach Kenntnis der Autorin liegen bisher keine Studien vor, die sich mit psychopathologischen
Konsequenzen von Schamerleben in unterschiedlichen kulturellen Kontexten im engeren Sinne
auseinandergesetzt haben. Insbesondere die berichteten Unterschiede in den Auswirkungen von
Scham auf das Wohlbefinden (De Leersnyder et al., 2014), das Rückzugsverhalten (Bagozzi et al.,
Theoretischer Hintergrund
71
2003) sowie den Selbstwert (Wallbott & Scherer, 1995) geben jedoch Hinweise darauf, dass die in
westlichen Kulturen gefundenen Zusammenhänge zwischen Scham und depressiven Störungen
vermutlich nicht ohne Weiteres auf andere kulturelle Kontexte übertragbar sind. Die vorliegende
Arbeit will in diesem Zusammenhang die Befundlage um einen Vergleich des Schamerlebens bei
deutschen und chilenischen Depressiven und Gesunden erweitern.
Weiterhin ist zu all den oben berichteten Befunden kritisch anzumerken, dass kulturelle Dimensionen
nicht auf individueller Ebene erhoben wurden, was nicht dem aktuellen state of the art der
kulturvergleichenden Forschung (vgl. Absatz 2.2.2.1) entspricht. Zwar wird das Vorgehen, kulturelle
Dimensionen a priori auf nationaler Ebene anzunehmen, verschiedentlich kritisch reflektiert
(Wallbott & Scherer, 1995; Bagozzi et al., 2003), dennoch fehlt es bisher an Arbeiten, die die
kulturelle Bedeutsamkeit der Emotion Scham auf individueller Ebene untersuchen. Auch wenn die
Befunde Hinweise darauf geben, dass kulturelle Normen hinsichtlich der Dimensionen
Autonomie/Unabhängigkeit und Relativität/Bezogenheit eine bedeutsame Rolle spielen könnten,
muss schlussendlich bisher offen bleiben, ob die gefundenen Unterschiede tatsächlich auf diese
Dimensionen zurückgeführt werden können (Wong & Tsai, 2007).
In Bezug auf die in der vorliegenden Arbeit zentralen persönlichen Werthaltungen als
kulturvermittelnde Variablen liegt laut Kenntnis der Autorin bisher lediglich eine Studie (Silfver,
Helkama, Lönnqvist & Verkasalo, 2008) vor, die diese mit dem Erleben von Scham in Verbindung zu
bringen versucht. Über die Untersuchung einer finnischen Stichprobe konnten die Autoren zeigen,
dass Schamneigung negativ mit dem Wertetyp Leistung (r = -.19) und positiv mit Tradition (r = .21)
zusammenhängt. Auch wenn die Stärke des Zusammenhangsmaßes als eher gering zu beurteilen ist,
gibt diese Arbeit doch erste Hinweise darauf, dass Personen mit einer stark ausgeprägten
Wertschätzung von Tradition, Unterordnung und Regelbefolgung vermehrt Scham erleben könnten.
Offen muss zum einen bleiben, ob diese Zusammenhänge über verschiedene kulturelle Kontexte
hinweg konsistent bestehen, zum anderen, ob und welche Konsequenzen in unterschiedlichen
kulturellen Kontexten resultieren. Die vorliegende Arbeit verspricht hier eine Erweiterung der
Befundlage durch a) Durchführung eines Kulturvergleichs und b) Bezugnahme auf ggf. differentielle
psychopathologische Konsequenzen.
2.6
Integratives Arbeitsmodell
In den vorangegangenen Kapiteln (2.2 bis 2.5) wurden die zentralen Komponenten der vorliegenden
Arbeit hergeleitet, der aktuelle Forschungsstand dargestellt und Bezüge zum konsistenztheoretischen
Rahmenmodell (Kapitel 2.1) hergestellt. In diesem Kapitel sollen diese bisher vorgestellten
72
Theoretischer Hintergrund
Komponenten zu einem integrativen Arbeitsmodell für die vorliegende Arbeit, basierend auf dem
konsistenztheoretischen Modell des psychischen Geschehens (vgl. Abbildung 1), zusammengeführt
werden, welches in Abbildung 5 grafisch dargestellt ist.
Abbildung 5: Integratives Arbeitsmodell für die vorliegende Arbeit
Im Folgenden sollen die für diese Arbeit vorgenommenen Spezifizierungen und Erweiterungen des
konsistenztheoretischen Modells erläutert werden. Auf eine wiederholende Darstellung derjenigen
Komponenten und Prozesse, welche zwar theoretisch angenommen werden, jedoch kein expliziter
Bestandteil der empirischen Arbeit waren (in Abbildung 5 in grauer Farbe gehalten), wird dabei aus
pragmatischen Gründen verzichtet, für eine Erläuterung sei auf das Kapitel 2.1 des Theoretischen
Hintergrunds dieser Arbeit verwiesen.
Die bedeutsamste Erweiterung des konsistenztheoretischen Modells (Grawe, 2004) besteht
sicherlich im Einbezug kultureller Faktoren auf die im Weiteren postulierten Prozesse (Hervorhebung
(1) in Abb. 5). Im Rahmen eines deutsch-chilenischen Vergleichs soll der Einfluss kultureller
Zugehörigkeit auf motivationale Schemata untersucht werden. In Erweiterung bisheriger Arbeiten in
diesem Zusammenhang (Boysen, 2011; Tamcan, 2005) werden in der vorliegenden Arbeit unter
Rückbezug auf den state of the art der kulturvergleichenden psychologischen Forschung (Bond & van
de Vijver, 2011) Persönliche Werthaltungen (Schwartz, 1992) als kulturvermittelnde Variable auf der
Theoretischer Hintergrund
73
Ebene des Individuums erfasst und Bezüge zu motivationalen Schemata hergestellt (Hervorhebung
(2) in Abb. 5).
Motivationale Schemata bestehen laut konsistenztheoretischen Annahmen aus motivationalen
Zielen sowie spezifischen Wahrnehmungs-, Handlungs- und emotionalen Reaktionsbereitschaften
(Grosse Holtforth & Grawe, 2000) und lassen sich grundlegend in Annäherungs- und
Vermeidungsschemata (Grawe, 1998; 2004) untergliedern. Dabei wird angenommen, dass
Vermeidungsschemata in spezifischer Weise mit psychischen Störungen in Verbindung stehen
(Grawe, 2004), weshalb im Rahmen der vorliegenden Arbeit die untersuchten Zusammenhänge und
Prozesse stets in ihrer Bedeutsamkeit für depressive Symptome und Störungen, als spezifische
Gruppe psychischer Störungen, betrachtet werden.
Auf Ebene der motivationalen Ziele (Hervorhebung (3) in Abb. 5) werden im Rahmen dieser Arbeit
spezifisch Interpersonale Ziele (Locke, 2000), wie sie aus dem Interpersonalen Circumplexmodell
(Horowitz et al., 2006; Locke, 2011) abgeleitet werden können, untersucht. Diese Spezifizierung war
aufgrund der Ausrichtung der vorliegenden Arbeit auf interpersonale Aspekte der Depression
insofern vielversprechend, als bereits gezeigt werden konnte, dass das ansonsten in
konsistenztheoretischen Untersuchungen gängige Instrument zur Erfassung von motivationalen
Zielen, der FAMOS (Grosse Holtforth & Grawe, 2000), nicht den vollständigen Interpersonalen Raum
abzudecken vermag (Grosse Holtforth et al., 2007).
Auf Ebene der Wahrnehmungs-, Handlungs- und emotionalen Reaktionsbereitschaften soll im
Rahmen der vorliegenden Arbeit in spezifischer Weise auf das Konstrukt Interpersonale
Zurückweisungssensibilität (Hervorhebung (4) in Abb. 5) fokussiert werden, welches als kognitivaffektives Vermeidungsschema verstanden werden kann (Downey & Feldman, 1996). Bezüge zu
depressiven Symptomen und Störungen konnten bereits vielfältig gezeigt werden (Ayduk et al., 2001;
Mellin, 2008). Zwei interagierende Prozesse sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung: zum
einen führt Zurückweisungssensibilität in Situationen möglicher Zurückweisung zu kurzfristigen
behavioralen und emotionalen Reaktionsstrategien (Hervorhebung (5) in Abb. 5; Romero-Canyas &
Downey, 2005; 2013), zum anderen konnte konsistent gezeigt werden, dass zurückweisungssensible
Personen langfristig tatsächlich mehr soziale Zurückweisung erfahren (Hervorhebung (6) in Abb. 5;
Downey et al., 1998a), was vermutlich mit der Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver
Störungen in Verbindung steht. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit sollen diese beiden Prozesse in
ihrem Zusammenhang zu depressiver Symptomatik näher untersucht und ein Bezug zu
motivationalen Zielen hergestellt werden.
Weiterhin sollen spezifische Bezüge zwischen der selbstreflexiven Emotion Scham (Tangney et al.,
1989) und Zurückweisungssensibilität hergestellt werden (Hervorhebung (7) in Abb. 5). Grundlegend
74
Theoretischer Hintergrund
kann Scham dabei als ein mögliches, bisher aber wenig erforschtes affektives Korrelat von
Zurückweisungssensibilität verstanden werden (Kemeny et al., 2004). Zudem verspricht eine
Untersuchung des Schamerlebens unter Rückbezug auf die kulturvergleichende Ausrichtung der
vorliegenden Arbeit weiteren Aufschluss über die kulturspezifische Funktionalität der Emotion Scham
(Bagozzi et al., 2003; Wong & Tsai, 2007) im Hinblick auf depressive Symptome unter erstmaligem
Einbezug erklärender Kulturvariablen auf individueller Ebene (Hervorhebung (8) in Abb. 5).
Zusammenfassend zielt die vorliegende Arbeit auf eine Erweiterung konsistenztheoretischer
Annahmen
um
den
Einbezug
kultureller
Faktoren
sowie
auf
eine
Überprüfung
konsistenztheoretischer Annahmen im spezifischen Kontext der psychopathologischen Mechanismen
von sozialer Zurückweisung ab. Zur Überprüfung der sich aus dem hier vorgestellten Modell
ableitenden Fragestellungen wurden im Rahmen der vorliegenden Arbeit insgesamt drei Teilstudien
durchgeführt: eine Fragebogenstudie in Deutschland und Chile (Kapitel 3) zur Überprüfung all
derjenigen Forschungsfragen, die sich auf den Einfluss kultureller Merkmale auf die postulierten
Prozesse bezogen, eine experimentelle Studie in Deutschland (Kapitel 4) zur Überprüfung der
kurzfristigen Auswirkungen von interpersonaler Zurückweisungssensibilität sowie eine ebenfalls
intranationale Längsschnitterhebung (Kapitel 5) zur Überprüfung längerfristiger Auswirkungen und
Prozesse. Die drei Teilprojekte werden im Folgenden mit Methoden, Ergebnissen und einer kritischen
Reflexion getrennt voneinander vorgestellt. Die Ableitung der spezifischen Hypothesen aus dem in
diesem Kapitel vorgestellten integrativen Arbeitsmodell unter Berücksichtigung der zentralen
Forschungsbefunde erfolgt aus Gründen der Übersichtlichkeit ebenfalls getrennt für die Teilstudien.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
75
3
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
3.1
Fragestellungen und Hypothesen
Im Rahmen der kulturvergleichenden Studie sollen Zusammenhangsmuster zwischen kulturell
geprägten Werten und Motiven, Zurückweisungssensibilität, Schamneigung und depressiver
Symptomatik in Deutschland und Chile untersucht werden. Zur Beantwortung von sich aus der
theoretischen Herleitung ergebenden Fragestellungen wurde eine querschnittlich angelegte
Fragebogenuntersuchung in Deutschland und Chile an nicht depressiven und klinisch depressiven
Probanden durchgeführt. Im Folgenden werden die spezifischen Fragestellungen und Hypothesen
theoretisch hergleitet und erläutert.
3.1.1
Persönliche Werthaltungen
Empirische Evidenz für das von Schwartz (1992) postulierte und als universell deklarierte
motivationale
Wertekontinuum,
bei
dem
sich
Werthaltungen
in
zehn
Kategorien
in
quasicircumplexer Anordnung (Knafo et al., 2011) abbilden lassen, liegt aus Untersuchungen an über
80 Nationen vor (Schwartz, 2012). Kulturelle Unterschiede werden im Rahmen des Modells für die
relative Ausprägung der einzelnen Werthaltungen postuliert (Davidov et al., 2008) und konnten in
Untersuchungen mit großen bevölkerungsrepräsentativen Stichproben auch für Deutschland und
Chile gezeigt werden (Schwartz, 2004; Zimmermann, 2009). Chilenen maßen dabei den Werten
Gleichheit, Eingebundensein in eine soziale Ordnung und Hierarchie eine höhere Bedeutung bei als
Deutsche, während letztere vor allem Werte der affektiven Unabhängigkeit als bedeutsamer
einschätzten als Chilenen. Für Werte, die auf Kreativität und Neugier abzielten, zeigten sich keine
Unterschiede zwischen den beiden Nationen. In der vorliegenden Untersuchung soll zunächst
untersucht werden, ob sich diese auf nationaler Ebene gefundenen Unterschiede zwischen
Deutschen und Chilenen auf individueller Ebene replizieren lassen. Entsprechend den Befunden auf
nationaler Ebene ergeben sich für die Ebene individueller Werthaltungen folgende Hypothesen:
76
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Hypothese 1: Es besteht ein systematischer Effekt12 der nationalen Zugehörigkeit auf SelbstÜberwindung. Chilenen weisen hier im Vergleich zu Deutschen höhere Werte auf (μCL > μD).
Hypothese 2: Es besteht ein systematischer Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Selbst-Erhöhung.
Deutsche weisen hier im Vergleich zu Chilenen höhere Werte auf (μCL < μD).
Hypothese 3: Es besteht ein systematischer Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Bewahrung.
Chilenen weisen hier im Vergleich zu Deutschen höhere Werte auf (μCL > μD).
Hypothese 4: Es besteht kein systematischer Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Offenheit für
Wandel (μCL = μD).
In jüngerer Zeit wurde das Augenmerk der Forschung vermehrt auf die Bedeutung von Werten für
das subjektive Wohlbefinden gerichtet (Schwartz 2011b). Verschiedene Forschungsergebnisse geben
dabei zunächst Hinweise auf einen direkten Einfluss bestimmter Werthaltungen auf das
Wohlbefinden (Bobowik et al., 2011; Sagiv & Schwartz, 2000). Dabei scheinen insbesondere Werte
aus dem Bereich Selbst-Erhöhung dem Wohlbefinden eher abträglich, Werte aus dem Bereich
Offenheit für Wandel demselben eher zuträglich zu sein. Bisher liegen laut Kenntnis der Autorin
keine Untersuchungen vor, die eine Übertragung dieser Befunde auf die Bedeutung von
Werthaltungen für psychopathologische Symptome im engeren Sinne vorgenommen haben, weshalb
die vorliegende Arbeit als erste Annäherung Werthaltungen in Bezug zu depressiver Symptomatik
setzt. Weiterhin konnten verschiedene Arbeiten bereits zeigen, dass der Zusammenhang zwischen
Werten und Wohlbefinden in Abhängigkeit von der Umgebung, in der sich das Wertesystem
entfaltet, variiert (Sortheix & Lönnqvist, 2014). Es soll daher weiterhin untersucht werden, ob die
nationale Zugehörigkeit einen Einfluss auf Zusammenhänge zwischen Werten und depressiver
Symptomatik nimmt. Aufgrund des explorativen Charakters der Fragestellung sind die sich
ergebenden Hypothesen ungerichtet formuliert:
Hypothese 5: Es bestehen systematische Zusammenhänge zwischen den persönlichen Werthaltungen
und depressiver Symptomatik.
Hypothese 6: Es bestehen nationale Unterschiede in den Zusammenhangsmustern zwischen
persönlichen Werthaltungen und depressiver Symptomatik.
12
Ein systematischer Effekt beschreibt in diesem Zusammenhang einen unter Berücksichtigung einer
definierten Irrtumswahrscheinlichkeit statistisch signifikanten, nicht auf zufällige Variation rückführbaren
Effekt.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
3.1.2
77
Interpersonale Motive
Verschiedene Arbeiten konnten bereits zeigen, dass sich die absolute Ausprägung motivationaler
Ziele kulturspezifisch unterscheidet (Boysen, 2011; Grosse Holtforth & Grawe, 2004; Tamcan, 2005).
Dies entspricht den Annahmen der Konsistenztheorie, dass spezifische Ziele zur Befriedigung
universeller Grundbedürfnisse einer kulturellen Überformung unterliegen (Grawe, 2004). Eine
Übertragung dieser Befunde auf spezifisch interpersonale motivationale Ziele, wie sie im Rahmen der
vorliegenden Arbeit erfasst werden sollen, steht jedoch laut Kenntnis der Autorin bisher aus, weshalb
zunächst untersucht werden soll, ob sich diese kulturspezifisch unterscheiden:
Hypothese 7: Es besteht ein systematischer Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf interpersonale
Motive.
Die Konstatierung nationaler Mittelwertsunterschiede in interpersonalen Motiven alleine ist jedoch
noch wenig aussagekräftig. Die moderne kulturvergleichende Forschung erhebt vielmehr den
Anspruch, solche Mittelwertsunterschiede durch die Suche nach kulturvermittelnden Mechanismen
auf individueller Ebene (unpackaging culture on the level of individuals; Bond & Tedeschi, 2001)
erklären zu können. Boysen (2011) konnte in diesem Zusammenhang bereits erste Hinweise darauf
finden, dass sich Unterschiede in motivationalen Zielen durch kulturelle Kontextvariablen erklären
lassen. In Erweiterung dieser Befunde auf die interpersonale Domäne und unter Berücksichtigung der
inhaltlichen und methodischen Kritik an den von Boysen verwendeten Messinstrumenten (vgl. Absatz
2.2.3.2) sollen in der vorliegenden Untersuchung persönliche Werthaltungen (Schwartz, 1992) als
vermittelnde Konzepte zwischen der nationalen Zugehörigkeit und interpersonalen Motiven
untersucht werden. Im Rahmen der theory of basic human values (Schwartz, 1992) werden
motivationale Ziele als zentraler Ausdruck persönlicher Werthaltungen konzeptualisiert (Sagiv &
Schwartz, 2000; Schwartz & Bilsky, 1990). Es ergibt sich entsprechend zunächst folgende Hypothese:
Hypothese 8: Es bestehen systematische Zusammenhänge zwischen persönlichen Werthaltungen und
interpersonalen Motiven.
Weiterhin führen unter anderem Grosse Holtforth et al. (2011) an, dass Werthaltungen auf einer
höheren Abstraktionsebene zu verorten sind als motivationale Ziele. Unter der Annahme, dass sich
(handlungsnähere) Ziele entsprechend aus (abstrakteren) Werten entwickeln, unterstützt dies die
78
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Vermutung einer erklärenden Funktion von Werthaltungen für die kulturspezifische Ausprägung
motivationaler Ziele:
Hypothese 9: Der Effekt nationaler Zugehörigkeit auf interpersonale Motive wird über persönliche
Werthaltungen vermittelt (Mediation).
Hinsichtlich der kulturspezifischen Bedeutung interpersonaler Motive für die Entstehung und
Aufrechterhaltung depressiver Störungen liegen bisher keine expliziten empirischen Befunde vor. Es
können jedoch aus Studien mit anderem Forschungsschwerpunkt Hinweise gewonnen werden. So
konnte in mehreren Studien aus westlichen Ländern konsistent ein Zusammenhang zwischen
depressiven Symptomen und Vermeidungsmotivation gezeigt werden (Coats et al., 1996; Grosse
Holtforth & Grawe, 2000; Grosse Holtforth et al., 2005). Weiterhin zeigten verschiedene Arbeiten
Zusammenhänge zwischen Vermeidungsmotivation und der low Agency-Seite (- A) des IPC (Grosse
Holtforth et al., 2006; 2007), wobei die Ergebnisse insbesondere bei einer geringen Ausprägung
sowohl der Agency- als auch der Communion-Orientierung akzentuiert zu sein scheinen (Grosse
Holtforth et al, 2011). Aus diesen Befunden kann abgeleitet werden, dass insbesondere eine starke
Motivorientierung auf den Oktanten FG (-A -C) mit depressiven Symptomen in Verbindung stehen
könnte. Zur Validierung dieser Befunde soll in der vorliegenden Untersuchung überprüft werden, ob
sich depressive und nicht depressive Personen in der Ausprägung interpersonaler motivationaler
Ziele unterscheiden. Aus den oben berichteten Befunden lassen sich folgende Hypothesen ableiten:
Hypothese 10: Es besteht ein systematischer Effekt von Depression auf die Motivorientierung Agency.
Depressive Personen weisen hier geringere Werte auf als gesunde Personen (μDep < μGes).
Hypothese 11: Es besteht ein systematischer Effekt von Depression auf die Motivorientierung
Communion. Depressive Personen weisen hier geringere Werte auf als gesunde Personen (μDep < μGes).
Hypothese 12: Es besteht entsprechend ein systematischer Effekt von Depression auf das
interpersonale Motiv Verschlossenheit (FG). Depressive Personen weisen hier höhere Werte auf als
gesunde Personen (μDep > μGes).
In kulturvergleichenden Studien konnte, neben generellen Unterschieden in der relativen
Ausprägung
spezifischer
motivationaler
Ziele,
weiterhin
gezeigt
werden,
dass
die
konsistenztheoretische Annahme einer Depressogenität ausgeprägter Vermeidungsmotivation nicht
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
79
zwingenderweise in verschiedene kulturelle Kontexte übertragbar ist (Boysen, 2011; Tamcan, 2005).
Boysen fand beispielsweise in ihrer Arbeit keinen Zusammenhang zwischen Vermeidungszielen und
Depression in Chile. Dies passt zu den Befunden von Zimmermann (2011), der zeigen konnte, dass die
im westlichen Raum konsistent mit Depression in Verbindung gebrachte interpersonale Dimension
Submissivität/Rückzug in einer chilenischen Stichprobe als weniger bedeutsam erwies. Übertragen
auf die oben hergeleiteten Hypothesen zur Depressogenität interpersonaler motivationaler Ziele
weisen diese Befunde darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Depressivität und
motivationalen Zielen, die auf Verschlossenheit oder Submissivität (-A -C) ausgerichtet sind, in
Abhängigkeit vom kulturellen Kontext variieren könnte. Statistisch entspricht dies einer
Wechselwirkung zwischen Nation und Depression. Folgende Hypothesen sollen überprüft werden:
Hypothese 13: Es besteht ein Wechselwirkungseffekt zwischen nationaler Zugehörigkeit und
Depression auf die Motivorientierung Agency.
Hypothese 14: Es besteht ein Wechselwirkungseffekt zwischen nationaler Zugehörigkeit und
Depression auf die Motivorientierung Communion.
Hypothese 15: Es besteht ein Wechselwirkungseffekt zwischen nationaler Zugehörigkeit und
Depression auf das interpersonale Motiv Verschlossenheit (FG).
3.1.3
Zurückweisungssensibilität
Die Überprüfung der transkulturellen Validität der Zurückweisungssensibilität (Downey & Feldman,
1996) steht bisher weitgehend aus. Erste Hinweise auf eine stärkere Ausprägung in eher
kollektivistischen Kontexten liefert eine Studie von Garris et al. (2011), in der Japaner höhere Werte
in Zurückweisungssensibilität aufwiesen als US-Amerikaner. Im Rahmen der vorliegenden
Untersuchung soll deshalb grundlegend zunächst folgende Fragestellung überprüft werden:
Hypothese
16:
Besteht
ein
systematischer
Effekt
der
nationalen
Zugehörigkeit
auf
Zurückweisungssensibilität?
Zwar können Zusammenhänge zwischen Zurückweisungssensibilität und depressiven Symptomen für
westliche Kulturen mittlerweile als gesichert angenommen werden (Ayduk et al., 2001; Gilbert et al.,
2006; Mellin, 2008), eine Überprüfung der Übertragbarkeit auf andere kulturelle Kontexte steht
jedoch bisher aus, da auch Garris et al. (2011) ihre Befunde zur Zurückweisungssensibilität nicht in
80
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Zusammenhang mit anderen psychologischen Zielvariablen bringen. Die vorliegende Arbeit soll durch
die Überprüfung folgender Hypothesen zu einem verbesserten Verständnis beitragen:
Hypothese 17: Es besteht ein systematischer Effekt von Depression auf Zurückweisungssensibilität.
Depressive Personen weisen hier höhere Werte auf als gesunde Personen (μDep > μGes).
Hypothese 18: Besteht ein Wechselwirkungseffekt zwischen nationaler Zugehörigkeit und Depression
auf Zurückweisungssensibilität?
Verschiedentlich haben Studien Hinweise darauf gegeben, dass das Erleben von Scham mit
interpersonaler Zurückweisungssensibilität einhergehen könnte (Chan et al., 2008; Kemeny et al.,
2004; Velotti et al., 2014). Eine direkte empirische Überprüfung dieser Annahmen steht jedoch bisher
aus, weshalb in der vorliegenden Studie folgende Hypothese überprüft werden soll:
Hypothese
19:
Es
besteht
ein
systematischer
positiver
Zusammenhang
zwischen
Zurückweisungssensibilität und Schamerleben.
In einer Studie zu status-basierter Zurückweisungssensibilität konnten Chan et al. (2008) weiterhin
zeigen, dass die Zusammenhänge zwischen Schamerleben und Zurückweisungssensibilität in
Abhängigkeit vom kulturellen Kontext variierten. Für die interpersonale Zurückweisungssensibilität
soll in der vorliegenden Studie deshalb weiterführend folgende Fragestellung überprüft werden:
Hypothese 20: Variiert der Zusammenhang zwischen Scham und Zurückweisungssensibilität in
Abhängigkeit vom kulturellen Kontext?
3.1.4
Schamerleben
In westlichen Kulturen kann von einem gesicherten Zusammenhang zwischen depressiven
Symptomen und dem Erleben der Emotion Scham insofern ausgegangen werden, als depressive
Personen konsistent höhere Schamwerte aufweisen als nicht depressive Personen (Kim et al., 2011).
Dass dies auf andere kulturelle Kontexte übertragbar ist, wurde bisher implizit angenommen, aber
nur in Ansätzen empirisch untersucht (Wong & Tsai, 2007), dabei sprechen verschiedenste
Forschungsarbeiten dafür, dass die Emotion Scham in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
81
unterschiedlich wahrgenommen wird (Rozin, 2003), sich in Häufigkeit und Intensität des Erlebens
unterscheidet (Boiger et al., 2014; Crystal et al., 2001; Li et al., 2004), unterschiedliche
Auslösebedingungen (Boiger et al., 2014; Camras & Fatani, 2004; Stipek, 1998) sowie
unterschiedliche Konsequenzen (Bagozzi et al., 2003; De Leersnyder et al., 2014; Wallbott & Scherer,
1995) hat. Insbesondere sind an dieser Stelle Arbeiten von Bedeutung, die zeigen konnten, dass
Scham in einigen nichtwestlichen Kulturen weniger maladaptive Konsequenzen unter anderem für
die interpersonale Funktionsfähigkeit (Bagozzi et al., 2003) oder den Selbstwert (Wallbott & Scherer,
1995) hat. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll zunächst überprüft werden, ob sich die Häufigkeit
des Schamerlebens in Deutschland und Chile unterscheidet. Zwar liegen bisher keine empirischen
Befunde hierzu für die beiden Nationen vor, Untersuchungen dahingehend, dass Scham in
interdependenten Kontexten häufiger erlebt wird als in independenten Kontexten (Crystal et al.,
2001; Li et al., 2004) lassen jedoch vermuten, dass Chilenen über mehr Schamerleben berichten als
Deutsche. Weiterhin soll die transkulturelle Validität der Zusammenhänge zwischen Scham und
Depression in Frage gestellt und empirisch überprüft werden. Aufgrund der Beschaffenheit des
Studiendesigns wird Scham dabei über das zeitstabilere Merkmal Schamneigung (Tangney et al.,
1989) operationalisiert. Es ergeben sich vor diesen Hintergrund folgende Hypothesen:
Hypothese 21: Es besteht ein systematischer Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf die
Schamneigung. Chilenen weisen hier höhere Werte auf als Deutsche (μCL > μD).
Hypothese 22: Es besteht ein systematischer Effekt von Depression auf die Schamneigung in
Abhängigkeit von der kulturellen Zugehörigkeit. Depressive Deutsche weisen höhere Werte auf als
nicht depressive Deutsche (μDep > μGes). Depressive und nicht depressive Chilenen unterscheiden sich
nicht in der Höhe der Schamneigung (μDep = μGes).
Weitere Einschränkungen der bereits vorliegenden Arbeiten zu kulturellen Besonderheiten der
Emotion Scham ergeben sich insofern, als erklärende Mechanismen für kulturelle Unterschiede
bisher stets a priori auf nationaler Ebene angenommen wurden, was jedoch nicht dem state of the
art der kulturvergleichenden Forschung entspricht (Bond & van de Vijver, 2011). In der vorliegenden
Arbeit soll deshalb überprüft werden, ob sich Merkmale auf individueller Ebene finden lassen, die die
kulturellen Unterschiede erklären. Dabei konnte eine Arbeit von Silfver et al. (2008) zeigen, dass sich
Zusammenhänge des Schamerlebens mit den persönlichen Werthaltungen finden lassen. Ihre
Befunde bleiben jedoch auf die Untersuchung einer finnischen Stichprobe beschränkt. Da nach
Kenntnis der Autorin keine weiteren Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Schamerleben
82
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
und persönlichen Werthaltungen sowie zum kulturvermittelnden Wert von Werthaltungen für
Unterschiede im Schamerleben bestehen, sind die folgenden Hypothesen ungerichtet formuliert:
Hypothese 23: Es besteht ein systematischer Zusammenhang zwischen Schamneigung und SelbstÜberwindung.
Hypothese 24: Es besteht ein systematischer Zusammenhang zwischen Schamneigung und SelbstErhöhung.
Hypothese 25: Es besteht ein systematischer Zusammenhang zwischen Schamneigung und
Bewahrung.
Hypothese 26: Es besteht ein systematischer Zusammenhang zwischen Schamneigung und Offenheit
für Wandel.
Hypothese 27: Effekte der nationalen Zugehörigkeit auf die Schamneigung werden über die
persönlichen Werthaltungen vermittelt (Mediation).
Weiterhin soll in der vorliegenden Untersuchung überprüft werden, unter welchen Bedingungen
Schamneigung mit maladaptiven Konsequenzen (Depressivität) einhergeht. Verschiedene Arbeiten
geben Hinweise darauf, dass die motivationale Ausrichtung in diesem Zusammenhang
vielversprechend für ein besseres Verständnis obiger Zusammenhangsmuster sein könnte. So
existiert in der Literatur zunächst die Annahme, dass Schamerleben und Vermeidungsmotivation in
Verbindung miteinander stehen (Kemeny et al., 2004; Tangney, 1995). Übertragen auf die
interpersonalen Motive ist, wie unter Absatz 3.1.2 begründet, davon auszugehen, dass
Vermeidungsmotivation auf dem Circumplex interpersonaler Motive durch eine niedrige Ausprägung
der beiden grundlegenden Motivorientierungen Agency und Communion (und damit einhergehend
einer hohen Ausprägung des Motivs Verschlossenheit) abgebildet ist. Aufgrund der dargestellten
Überlegungen lassen sich folgende Hypothesen ableiten:
Hypothese 28: Es besteht ein systematischer negativer Zusammenhang zwischen Schamneigung und
der Motivorientierung Agency.
Hypothese 29: Es besteht ein systematischer negativer Zusammenhang zwischen Schamneigung und
der Motivorientierung Communion.
Hypothese 30: Es besteht ein systematischer positiver Zusammenhang zwischen Schamneigung und
dem interpersonalen Motiv Verschlossenheit (FG).
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
83
Weiterhin kann vermutet werden, dass das Erleben von Scham bei einer ausgeprägten
motivationalen Ausrichtung auf die Vermeidung von Lächerlichkeit und Zurückweisung (FG) weniger
maladaptiv ist als bei einer geringen Ausprägung dieses Motivs, und entsprechend in geringerem
Ausmaß mit depressiven Symptomen assoziiert ist. Dies ist herleitbar aus der Annahme, dass Scham
mit Verhaltensweisen, beispielsweise Rückzugsverhalten (Frijda et al., 1989; Kemeny et al., 2004), in
Zusammenhang steht, welche der Motivbefriedigung dieses spezifischen Vermeidungsmotivs
zuträglich sind. Unter der in Hypothese 7 dargestellten Annahme, dass sich kulturelle Unterschiede in
der motivationalen Ausrichtung auf eben dieses Motiv ergeben sollten, könnten unter
Berücksichtigung der motivationalen Ausrichtung auch differentielle Zusammenhangsmuster
zwischen Scham und Depressivität in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext, wie sie in Hypothese 22
postuliert wurden, verständlicher werden. Es soll daher die folgende Hypothese geprüft werden:
Hypothese 31: Der Zusammenhang zwischen Schamneigung und Depressivität variiert in
Abhängigkeit vom interpersonalen Motiv Verschlossenheit. Je höher die Ausprägung von
Verschlossenheit, desto geringer fällt der Zusammenhang zwischen Schamneigung und Depressivität
aus (Moderation).
Die empirische Überprüfung der in diesem Kapitel abgeleiteten Forschungsfragen und expliziten
Hypothesen erfolgt im Rahmen einer Fragebogenuntersuchung mittels des im folgenden Kapitel
beschriebenen methodischen Vorgehens.
3.2
Methoden
3.2.1
Ein- und Ausschlusskriterien für die Studienteilnahme
Für die im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchten Stichproben wurden Frauen im
Erwachsenenalter (≥ 18 Jahre) rekrutiert, die möglichst chilenische bzw. deutsche Staatsbürgerinnen
waren, mindestens jedoch 7 Jahre im entsprechenden Land lebten und die Landessprache flüssig
sprachen.
Die Rekrutierung rein weiblicher Stichproben resultierte dabei aus den im Folgenden dargestellten
Überlegungen: In der psychologischen Forschung bestehen seit geraumer Zeit wissenschaftliche
Anstrengungen, den in westlichen Kulturen konsistent nachgewiesenen Geschlechterunterschied in
der Epidemiologie depressiver Störungen zu erklären. Dabei existieren zum einen theoretische
84
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Ansätze, die Geschlechtsunterschiede im Phänotyp oder im tatsächlichen Erleben nahelegen, zum
anderen beschäftigt sich die Genderforschung vermehrt mit der Annahme, dass bestimmte
Geschlechtsnormen und -rollenideologien dazu führen, dass Depressionssymptome von Männern
und Frauen unterschiedlich ausgedrückt werden (Addis, 2008). Geschlechtsrollenideologien als
kulturell bedingte Normen wurden in der Vergangenheit häufig untersucht und das Vorhandensein
kultureller Unterschiede auf diesem Konstrukt kann als empirisch gesichert angesehen werden (Barry
& Beitel, 2006). Diese theoretischen Überlegungen legen eine Konfundierung von Geschlecht und
kulturellen Merkmalen nahe (Hopcroft & Bradley, 2007) und die wenigen Forschungsarbeiten, die
sich bisher explizit mit kulturellen Unterschieden in der Geschlechtsspezifität bestimmter depressiver
Phänomene auseinandergesetzt haben, konnten entsprechend auch zeigen, dass sich u.a. das
Ausmaß des Geschlechterunterschieds in der Depression zwischen Nationen unterscheidet, wobei
dieser Unterschied zumindest in Teilen über familiäre und soziodemografische Variablen moderiert
zu sein scheint (Van de Velde et al., 2010). Unter Berücksichtigung dieser Befunde wäre zu erwarten,
dass sich aufgrund kulturell bedingter Variablen Geschlechterunterschiede auf in dieser
Untersuchung interessierenden psychologischen Zielvariablen manifestieren dürften. So konnte
beispielsweise in mehreren Arbeiten gezeigt werden, dass konsistente, wenn auch kleine,
Geschlechterunterschiede in den persönlichen Werthaltungen vorliegen (Schwartz & Rubel, 2005),
welche zudem entlang verschiedener Geschlechtsrollenideologien variieren (Schwartz & RubelLifschitz, 2009). Weiterhin scheinen spezifisch interpersonale Stressoren für die psychische
Gesundheit von Frauen von größerer Bedeutung zu sein als für Männer (Kessler & McLeod, 1984;
Maciejewski, Prigerson, & Mazure, 2001), was vor dem Hintergrund der Hauptfragestellungen der
vorliegenden Arbeit eine wichtige Rolle spielt. Eine statistische und empirische Kontrolle der hier
vermuteten Konfundierungen von Geschlecht, interpersonalen Konstrukten und kulturellen
Merkmalen würde den Rahmen der vorliegenden Untersuchung sprengen, weshalb nach Abwägung
aller hier berichteten Befunde die Rekrutierung rein weiblicher Stichproben angemessen schien.
Hinsichtlich psychopathologischer Variablen galt für alle Teilnehmerinnen, unabhängig von ihrer
Substichprobenzugehörigkeit zur klinischen oder nicht-klinischen Stichprobe, dass keine Hinweise auf
eine bipolare Störung, eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp oder eine
Störung aus dem schizophrenen Formkreis, keine aktuelle Substanzabhängigkeit sowie keine akute
Suizidalität vorliegen durften. Bei den nicht-klinischen Teilnehmerinnen wurde dies im Selbstbericht
erfragt, bei den klinischen Probanden wurden zur Beurteilung Expertenurteile (Diagnosen nach ICD10) oder, wo möglich, die Ergebnisse strukturierter klinischer Interviews herangezogen. Für die
klinische Stichprobe galt, dass eine der folgenden ICD-10-Diagnosen erfüllt sein musste: F32.0
(leichte depressive Episode), F32.1 (mittelgradige depressive Episode), F32.2 (schwere depressive
Episode), F33.0 (rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode), F33.1
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
85
(rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode), F33.2 (rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode), F33.8 (sonstige rezidivierende depressive
Störung), F33.9 (nicht näher bezeichnete rezidivierende depressive Störung), F34.1 (Dysthymie),
sowie F41.2 (Angst und depressive Störung gemischt). Die nicht-klinischen Probanden durften weder
zum aktuellen Zeitpunkt noch in ihrer Vorgeschichte die entsprechenden Diagnosen aufweisen.
3.2.2
Rekrutierungsstrategien
Die Rekrutierung der deutschen nicht-klinischen Stichprobe erfolgte sukzessive und anfallend im
Zeitraum von Juni bis Oktober 2012 in mehreren Schritten. Zunächst wurden Psychologiestudierende
der Universität Heidelberg rekrutiert. In einem nächsten Schritt wurden über Aushänge sowie eine
Zeitungsannonce13 Teilnehmerinnen aus der Allgemeinbevölkerung für die Studie geworben.
Schließlich wurden Teilnehmerinnen aus dem persönlichen Bekanntenkreis der Autorin für die
Teilnahme an der Studie gewonnen. In einem Telefongespräch vor dem eigentlichen Erhebungstermin wurden alle Probandinnen über Zweck und Umfang der Studie aufgeklärt sowie deren
Nationalität und Sprachlichkeit erfragt. Da die Probandinnen der deutschen Stichproben auch an den
anderen beiden Teilstudien der hier vorgestellten Arbeit teilnahmen, wurden sie anschließend in
Gruppen zu je drei Personen zum Untersuchungstermin eingeladen. Besonderheiten der
Rekrutierung der Probandinnen für die anderen Teilstudien sind an entsprechender Stelle dargestellt
(Teil B: Absatz 4.2.2; Teil C: Absatz 5.2.2). Alle Teilnehmerinnen wurden darauf hingewiesen, dass die
Teilnahme freiwillig ist und jederzeit ohne Angabe von Gründen abgebrochen werden kann.
Die Erhebung der klinisch-depressiven Stichprobe erfolgte mit Unterstützung durch eine
Masterstudentin (M.Sc. K. Skibka) ebenfalls sukzessive und anfallend im Zeitraum von April bis
Oktober 2013 an einem Zentrum für ambulante Psychotherapie (Zentrum für Psychologische
Psychotherapie – ZPP Heidelberg) sowie an der Psychosomatischen Ambulanz des Universitätsklinikums für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik Heidelberg (Standort Neuenheim). Es
wurden alle in diesen Zentren tätigen Therapeuten angeschrieben
und um Mithilfe gebeten.
Denjenigen Patientinnen, die die Ein- und Ausschlusskriterien für die Studie erfüllten, wurde zunächst
durch ihren Therapeuten ein Informationsblatt ausgehändigt. Erklärten sie sich zu einer Teilnahme
bereit, erfolgten ein erster Telefonkontakt sowie eine Einladung zum Untersuchungstermin analog
zum Vorgehen bei der nicht-klinischen Stichprobe. An der Psychosomatischen Ambulanz des
Universitätsklinikums Heidelberg beruhte die Entscheidung zur Eignung für die Studie auf dem
klinischen Expertenurteil des behandelnden Therapeuten (ICD-10-Diagnosen), am ZPP Heidelberg
13
Rhein-Neckar-Zeitung vom 09.06.2012
86
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
erfolgte die Aufnahme der Patienten auf Grundlage der Ergebnisse des Strukturierten Klinischen
Interviews für DSM-IV (SKID; Wittchen, Zaudig & Fydrich, 1997)14.
Insgesamt konnten in Deutschland n = 105 Probandinnen rekrutiert werden, davon waren n = 28
depressive Patientinnen. Das Studiendesign war im April 2012 von der Ethikkommission der Fakultät
für Verhaltens- und empirische Kulturwissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
genehmigt worden.
Die Rekrutierung der chilenischen nicht-klinischen Studienteilnehmerinnen erfolgte in Santiago de
Chile im Zeitraum zwischen November 2012 und Mai 2013 anfallend und sukzessive in mehreren
Schritten. Zunächst wurden in zwei Kursen an der Universidad de Chile Psychologiestudentinnen
rekrutiert. Anschließend wurden Kursteilnehmerinnen anderer Studiengänge am Heidelberg Center
Lateinamerika sowie an der Universidad de Arte y Ciencias Sociales (UARCIS) für die Studienteilnahme
gewonnen. Schließlich erfolgte eine Rekrutierung in Form eines Schneeballsystems über persönliche
Kontakte der Autorin, wobei zur Erreichung von größtmöglicher Heterogenität in der Stichprobe vor
allem ältere und nicht-akademische Probandinnen zur Teilnahme eingeladen wurden. Die
potentiellen Teilnehmerinnen erhielten zunächst durch die Autorin ein Informationsblatt. Erklärten
sie sich zur Studienteilnahme bereit, wurde ihnen nach Unterzeichnung der Einwilligungserklärung
entweder eine Papier-Version des Fragebogens oder ein persönlicher Link (zur Wahrung der
Anonymität mit einer Seriennummer versehen) zu einer Onlineversion des Fragebogens
ausgehändigt. Der Aufbau des Fragebogens ist in Absatz 3.2.3 erläutert. Die Probandinnen wurden
analog zum Vorgehen in der deutschen Studie explizit auf die Freiwilligkeit der Teilnahme sowie die
Möglichkeit zum jederzeitigen Abbruch hingewiesen.
Die Rekrutierung der chilenischen klinischen Stichprobe erfolgte anfallend und sukzessive in
folgenden ambulanten psychotherapeutischen bzw. psychiatrischen Zentren im Zeitraum von
November 2012 bis Oktober 2013: Psychotherapeutische Ambulanz des Centro Médico EFESO,
Psychotherapeutische Ambulanz der Pontificia Universidad Católica (Centro de Salud Mental - CSM)
sowie Psychiatrische Ambulanz des Hospital de Curacaví – Dr. Mauricio Heyermann Cortés. Die
jeweiligen Mitarbeiter der ambulanten Zentren wurden schriftlich um ihre Mithilfe bei der
Rekrutierung gebeten und über die Kriterien zur Studienteilnahme informiert. Die Entscheidung über
die Eignung zur Studienteilnahme erfolgte auf Grundlage des klinischen Expertenurteils (ICD-10Diagnosen) der behandelnden Psychiater und Psychologen, das Vorgehen war analog zur Erhebung
der nicht-klinischen Stichprobe. Die Erhebung fand durch die Autorin sowie mit Unterstützung eines
chilenischen Psychiaters (Dr. Yamil Quevedo) statt.
14
Alle durch das ZPP vermittelten Probandinnen durchliefen das SKID-Interview im Zeitraum 2012/13 und
erfüllten die Ein-und Ausschlusskriterien, aus Datenschutzgründen waren differenziertere Ergebnisse jedoch
nicht einsehbar.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
87
Insgesamt konnten in Chile n = 99 Probandinnen rekrutiert werden, davon waren n = 26 depressive
Patientinnen. Das Studiendesign war im November 2012 von Ethikkommision der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Pontificia Universidad Católica in Santiago de Chile genehmigt worden.
3.2.3
Studiendesign
Bei der kulturvergleichenden Studie handelt es sich um eine querschnittliche Fragebogenstudie, bei
der ausschließlich Selbstbeschreibungsinstrumente eingesetzt wurden. Diese Messinstrumente sind
in Absatz 3.2.4 beschrieben, Tabelle 2 gibt eine erste Übersicht.
Tabelle 2: Instrumente der Fragebogenstudie in der Reihenfolge ihrer Vorlage
Instrument
Inhaltsbereich
Anzahl der Items
SOZ
Soziodemografischer Fragebogen,
entnommen aus der HKFB (Freund et al.,
2012), zusätzlich drei Fragen zu psychischen
Störungen zur Beurteilung der
Einschlusskriterien
15
ADS
Depressivität
20
IIM
Interpersonale Motive
64
RSQ
Zurückweisungssensibilität
20
PVQ
Persönliche Werthaltungen
40
TOSCA
Neigung zu verschiedenen selbstreflexiven
Emotionen, hier Skala Schamneigung
15
BSI*
Somatisierung, Zwanghaftigkeit,
Aggressivität, Depressivität, Unsicherheit im
Sozialkontakt, Paranoides Denken,
Psychothizismus, Ängstlichkeit, phobische
Angst
53
BDI-I
Schweregrad depressiver Störungen
21
* Der BSI wurde ausschließlich zur Evaluation des spanischsprachigen RSQ herangezogen, für inhaltliche Fragestellungen ist
er unbedeutend. Er ist deshalb nur im EXKURS „Entwicklung und Evaluation einer spanischsprachigen Version des Rejection
Sensitivity Questionnaire (RSQ)“, nicht jedoch in den allgemeinen Verfahrensbeschreibungen, explizit erwähnt.
Das Design ist ein 2x2-between-subjects-Design. Der erste Zwischensubjektfaktor repräsentiert dabei
die nationale Zugehörigkeit (deutsch oder chilenisch), der zweite Zwischensubjektfaktor den
klinischen Status (depressiv oder nicht depressiv). Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurden
88
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Instrumente zur Erfassung der Soziodemografie, der Depressivität, der persönlichen Werthaltungen
und interpersonalen Motive, der Zurückweisungssensibilität sowie der Schamneigung eingesetzt. Zur
Absicherung der klinischen Diagnosen wurde in den klinischen Stichproben zusätzlich ein Instrument
zur Bestimmung des Schweregrads der depressiven Symptomatik eingesetzt.
3.2.4
Erhebungsinstrumente
3.2.4.1 Soziodemografische Indikatoren – SOZ
Zur soziodemografischen Einordnung der Stichproben wurden folgende Indikatoren herangezogen:
Alter, Bildungsniveau, aktueller Berufsstatus, Einkommen, Familienstand, Anzahl eigener Kinder,
Geburtsland und Herkunftsland der Eltern. Um eine größtmögliche Vergleichbarkeit zu anderen
deutsch-chilenischen Kulturvergleichsstudien zu gewährleisten, wurden die Formulierungen im
Fragebogen dabei aus der HKFB (Freund et al., 2012; vgl. Absatz 2.2.3) entnommen. Dabei war
zunächst zu beachten, dass drei der genannten Indizes nicht a priori als äquivalent in den
chilenischen und deutschen Stichproben angenommen werden konnten (Bildungsniveau,
Einkommen und aktueller Berufsstatus), was eine Adaptation dieser Indizes erforderlich machte. Die
vorgenommenen Adaptationen sind im Folgenden beschrieben, eine vollständige Version der im
Rahmen dieser Studie erhobenen soziodemografischen Indikatoren findet sich im Anhang.
Bildungsniveau: Während in Deutschland ein drei- bzw. zweigliedriges Schulsystem existiert, ist das
chilenische System eingliedrig. Die verschiedenen Bildungsabschlüsse sind demnach im
internationalen Vergleich nicht a priori als äquivalent zu bewerten. Die UNESCO (2007) schlägt vor
diesem Hintergrund eine Orientierung am international gültigen System International Standard
Classification of Education (ISCED) vor, bei welchem insbesondere strukturelle Merkmale des
Bildungssystems, curriculare Unterschiede sowie das Niveau der erreichten Abschlüsse
Berücksichtigung finden. Die vorliegenden Daten sind von 1997, eine Adaptation erfolgte im Jahr
2014 erfolgen und war zum Zeitpunkt der hier vorgestellten Analysen noch nicht abrufbar. Nähere
Informationen zu den Berechnungsgrundlagen der ISCED finden sich auf der Homepage der
UNESCO15. Ausgehend von dieser Systematisierung internationaler Bildungsabschlüsse zeigt sich die
in Tabelle 3
für Deutschland und Chile
empfohlene
Quantifizierung der
erhobenen
Bildungsabschlüsse.
Grundsätzlich ergibt sich eine hohe Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse. Der hier nicht
vergebene Wert 4 besteht beispielsweise für Bildungsabschlüsse, die auf dem zweiten Bildungsweg
erworben wurden, was in der vorliegenden Untersuchung nicht erfragt wurde. Die Gruppierung der
15
http://www.uis.unesco.org/Education/Pages/international-standard-classification-of-education.aspx; zuletzt
abgerufen am 20.01.2014
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
89
einzelnen Bildungsabschlüsse in beiden Nationen erfolgte entsprechend der hier vorgestellten
Kategorisierung. Personen, die über keinen anerkannten Bildungsabschluss verfügten, wurde zur
Vermeidung artifiziell erzeugter fehlender Werte der Wert 1 zugewiesen.
Tabelle 3: Quantifizierung der Bildungsabschlüsse in Deutschland und Chile nach ISCED
HKFB Bildungskategorie Deutschland
ISCED Niveau
HKFB Bildungskategorie Chile
noch in der Schule
-- (1)
Educación básica incompleta
kein Schulabschluss
-- (1)
Hauptschulabschluss (Volksschulabschluss)
Realschulabschluss (Mittlere Reife, POS)
2
Educación básica completa
Educación media incompleta
Abitur/ Fachabitur/ EOS
3
Educación técnica completa
Educación media completa
--
4
--
Hochschulabschluss
5
Educación universitaria completa
Einkommen: Zur Kategorisierung des Haushaltsnettoeinkommens in mehreren Einkommensklassen
waren mehrere Anpassungen zur Verbesserung der kulturellen Äquivalenz nötig: Zunächst wurde die
Umrechnung von Euro in CLP (Chilenischer Peso) bei der Übersetzung des Fragebogens lediglich
aufgrund des aktuellen Wechselkurses vorgenommen. Ein wechselkursäquivalentes Einkommen in
beiden Ländern entspricht jedoch nicht notwendigerweise einer äquivalenten Kaufkraft. Zur
Abschätzung des finanziellen Wohlstands eines Haushalts ist demnach die Abschätzung der relativen
Kaufkraft des einem Haushalt zur Verfügung stehenden Einkommens vorteilhaft. Das Prinzip der
Kaufkraftparität (KKP; engl. purchasing power parity, PPP) trägt diesen Überlegungen Rechnung.
Kaufkraftparität in unterschiedlichen Währungsräumen liegt dann vor, wenn unterschiedliche
Währungen dieselbe Kaufkraft haben und man somit denselben Warenkorb kaufen kann (OECD,
2012). Laut Auskunft der OECD16 kann bei einem äquivalenten Einkommen in Chile und Deutschland
nicht von Kaufkraftparität ausgegangen werden. Das Preisniveau in Deutschland ist um 51% höher als
in Chile. Um dennoch Einkommensindikatoren vergleichen zu können, wurden entsprechende
Anpassungen vorgenommen. Dabei wurden zunächst der chilenische Peso und der Euro am Wert des
16
http://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=CPL; zuletzt abgerufen am 20.01.2014
90
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Internationalen Dollars aus dem Jahr 200917 standardisiert und so neue (nun vergleichbare)
Einkommensklassen gebildet. Um einen Schätzwert der jeder Person im Haushalt zustehenden
finanziellen Mittel zu erhalten, wurde das neu kalkulierte Haushaltsnettoeinkommen an der
Haushaltsgröße
standardisiert.
Dabei
wurde
entsprechend
der
Empfehlungen
aus
der
sozialepidemiologischen Forschung zur Berechnung des sog. Nettoäquivalenzeinkommens das neu
ermittelte Haushaltsnettoeinkommen durch die Quadratwurzel der Anzahl der im Haushalt lebenden
Personen geteilt (Hauser, 1996).
Aktueller Berufsstatus: Verschiedene Arbeitsmodelle sind in verschiedenen Regionen der Welt
unterschiedlich populär und werden unterschiedlich stark sozial oder staatlich unterstützt. Besonders
bei Frauen mit Kindern hat in Deutschland das Teilzeitmodell einen hohen Stellenwert und wird
explizit von staatlicher Seite im Rahmen von Job Sharing- oder Job Pairing-Modellen gefördert18. Ein
Beispiel hierfür ist das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1999)
initiierte Modell zur Teilzeitarbeit bei Fach- und Führungskräften. Für Chile liegen nach Kenntnis der
Autorin keine validen Daten über die Vorkommenshäufigkeit von Teilzeitmodellen vor, es kann
entsprechend nicht a priori von einer vergleichbaren Situation ausgegangen werden. Um den
vermuteten Unterschieden Rechnung zu tragen, wurden in der vorliegenden Untersuchung die
Angaben zum Berufsstatus zu drei Gruppen zusammengefasst: berufstätig (Vollzeit, Teilzeit,
gelegentlich), nicht berufstätig (Hausfrau, Rentnerin, krankgeschrieben, in Elternzeit, arbeitslos, in
Ausbildung/Umschulung, FSJ), sowie, da sie einen großen Teil der Stichprobe ausmachen und in
Bezug auf den Berufsstatus eine Sonderrolle einnehmen, Studentinnen als eigene Gruppe.
3.2.4.2 Allgemeine Depressions Skala – ADS
Zur Erfassung depressiver Symptome wurde die Allgemeine Depressions Skala (ADS) eingesetzt.
Ursprünglich wurde das Selbstbeschreibungsinstrument unter dem Namen Center for Epidemiologic
Studies – Depression Scale (CES-D; Radloff, 1977) im nordamerikanischen Raum entwickelt und
später für den deutschsprachigen Raum übersetzt und evaluiert (Hautzinger, 1988; Hautzinger &
Bailer, 1993). Mittlerweile gehört die Skala zu den international am häufigsten eingesetzten
Instrumenten zum Screening depressiver Symptome (Furukawa, Hirai, Kitamura & Takahashi, 1997;
Gempp & Thieme, 2010), was insbesondere in ihrer guten Differenzierungsfähigkeit auch bei
niedriger Symptomausprägung in nicht- oder subklinischen Stichproben begründet liegt (Skorikov &
Vandervoort, 2003; Santor, Zuroff, Ramsey, Cervantes & Palacios, 1995). Aus diesem Grund wurde
17
18
http://dta.un.org/; Homepage der United Nations Statistics Division; zuletzt abgerufen am 20.01.2014
http://www.teilzeitstellenmarkt.com/jobsharing.html; zuletzt abgerufen am 23.02.2014
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
91
die ADS auch in der vorliegenden Studie gegenüber dem ansonsten in klinisch-psychologischen
Studien häufig verwendeten Beck Depressions-Inventar (BDI; Beck et al., 1979) bevorzugt.
Das Vorhandensein und die Dauer verschiedener depressiver Symptome werden in der ADS mit
insgesamt 20 Aussagen erfasst, die der Proband auf einer vierstufigen Antwortskala (0 = selten oder
überhaupt nicht/weniger als ein Tag bis 3 = meistens/5-7 Tage) in Bezug auf die Häufigkeit des
Auftretens innerhalb der letzten sieben Tage beurteilen soll. Ein Beispielitem lautet: „Während der
letzten sieben Tage…hatte ich Mühe, mich zu konzentrieren“ (Item 5; die vollständige Skala findet
sich im Anhang). Vier der 20 Items sind zur Kontrolle von Antworttendenzen invers kodiert.
Bezüglich der faktoriellen Struktur berichtet Radloff (1977) von einem Modell mit vier Faktoren
erster Ordnung (Depressiver Affekt, Positiver Affekt, Körperliche Beschwerden, Interpersonale
Erfahrungen) und einem Generalfaktor Depressivität. Da sich diese Faktorstruktur nicht durchgängig
konsistent replizieren ließ (Hautzinger & Bailer, 1993; Sheehan, Fifield, Reisine & Tennen, 1995), ist
als interpretierbarer Kennwert lediglich der Summenwert gerechtfertigt. Hautzinger & Bailer (1993)
geben einen Grenzwert von 23 (bei einer Spannweite von 0 bis 60) für eine deutlich klinisch relevante
Beeinträchtigung an. Auf inhaltlicher Ebene scheint die Einteilung der Items in vier Symptombereiche
dennoch, auch unter Berücksichtigung der in den Diagnosesystemen ICD-10 und DSM-IV-TR zugrunde
gelegten diagnostischen Kriterien, als sinnvolle Kategorisierung depressiver Symptomatik.
Die interne Konsistenz (Cronbach’s α) der deutschen Version lag bei α = .89, was als gut beurteilt
werden kann. Die Retest-Reliabilität lag für ein Vier-Wochen-Intervall bei rtt = .63, was sowohl für
eine Grundstabilität als auch für ausreichende Veränderungssensitivität der Skala spricht (Hautzinger,
1988). Hinsichtlich der konvergenten Validität berichtet Hautzinger (1988) von einer Korrelation mit
dem BDI von r > .80, weitere Validitätshinweise können dem Manual entnommen werden.
Eine Übersetzung der CES-D für den spanischen Sprachraum wurde unter der Bezeichnung Escala de
Depresión del Centro para Estudios Epidemiológicos erstmals von Roberts (1980) vorgelegt. Für den
chilenischen Sprachraum liegt laut Kenntnis der Autorin bisher lediglich eine Untersuchung mit
jungen Erwachsenen vor (Gempp, Avedaño & Muñoz, 2004; Gempp & Thieme, 2010), in der sich eine
interne Konsistenz der Skala von α = .87 für eine explizit für das chilenische Spanisch adaptierte
Version, welche auch in der vorliegenden Studie zum Einsatz kam, ergab. In einer Studie mit
bilingualen Teilnehmern erwies sich die spanischsprachige Adaptation als ausreichend äquivalent zur
englischsprachigen Version (Perczek, Carver & Price, 2000). Zusammenfassend kann vor dem
Hintergrund einer zwar dünnen Befundlage dennoch von einer ausreichend gelungenen und für den
chilenischen Raum passenden spanischen Übersetzung der CES-D ausgegangen werden.
92
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
3.2.4.3 Inventar zur Erfassung interpersonaler Motive – IIM
Das Inventar zur Erfassung interpersonaler Motive (IIM) ist eine Adaptation der nordamerikanischen
Circumplex Scales of Interpersonal Values (CSIV; Locke, 2000) für den deutschen Sprachraum
(Thomas et al., 2012b) und erfasst im Selbstbericht bewusst repräsentierte Motive und Ziele im
zwischenmenschlichen Bereich. Auf dem IPC aufbauend konstruiert, werden die interpersonalen
Motive mit 64 Items erfasst. Die Probanden sollen auf einer fünfstufigen Likert-Skala von 1 = nicht
wichtig bis 5 = sehr wichtig die individuelle Bedeutsamkeit interpersonaler Ziele im Kontakt mit
Freunden, Bekannten und Kollegen einschätzen. Eine Hälfte der Items ist dabei auf Ziele der
einschätzenden Person ausgerichtet (z.B. Item 5: „Im Kontakt mit Freunden, Bekannten, Kollegen ist
mir wichtig, dass…ich ihre Erwartungen erfülle“), die andere Hälfte enthält Wünsche, wie sich andere
Menschen verhalten sollen (z.B. Item 9: „Im Kontakt mit Freunden, Bekannten, Kollegen ist mir
wichtig, dass…sie anerkennen, wenn ich Recht habe“). Je acht Items werden einem der Oktanten
zugeordnet, die kreisförmig um die zwei orthogonalen Achsen Agency und Communion angeordnet
sind (Locke, 2000). Thomas et al. (2012b) haben für die Oktanten folgende Bezeichnungen gewählt:
Selbstsicherheit
(PA), Durchsetzung
(BC), Selbstbezogenheit
(DE),
Verschlossenheit
(FG),
Unterordnung (HI), Altruismus (JK), Harmonie (LM) und Soziale Akzeptanz (NO).
Als Kennwerte für das Instrument werden jeweils ipsatierte Mittelwerte der acht Items jedes
Oktanten berechnet. Dazu werden die Rohwerte durch Subtraktion des Gesamtmittelwerts einer
Person von jedem Item um einen Generalfaktor, welcher lediglich Antwortstile (Aquieszenz,
extremes Antworten) widerspiegelt, bereinigt und auf ihren spezifischen interpersonalen Gehalt
reduziert (Locke, 2011). Diese Möglichkeit der Kontrolle von Antworttendenzen hat vor allem vor
dem Hintergrund des kulturvergleichenden Anspruchs der vorliegenden Studien besondere
Bedeutung. Die Bildung eines Gesamtwerts ist nicht vorgesehen, es ist jedoch nach Locke (2011)
möglich, mit folgenden Formeln gewichtete Skalenwerte, die die Orientierung einer Person auf den
beiden Hauptachsen des Circumplexmodells (Agency und Communion) spiegeln, zu berechnen:
AGENCY = 0.414 [(A+ - A-) + 0.707 (A+C+ + A+C- - A-C- - A-C+)]
COMMUNION = 0.414 [(C+ - C-) + 0.707 (A+C+ - A+C- - A-C- + A-C+)]
Auf eine vorausgehende Ipsatierung wird in diesem Fall verzichtet, da durch die Subtraktion der sich
jeweils auf dem Circumplex gegenüberliegenden Oktanten der Gesamtmittelwert bereits aus den
beiden resultierenden Skalenwerten herausgerechnet wird.
Im Rahmen der Übersetzung und Adaptation für den deutschsprachigen Raum von Thomas und
Kollegen (2012b) wurden verschiedene kleinere Umformulierungen der Instruktion sowie einiger
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
93
Iteminhalte vorgenommen. Zudem mussten aufgrund unzureichender Passung auf die theoretischen
Vorhersagen sechs Itempaare hinsichtlich ihrer Skalenzugehörigkeit getauscht werden. Die dieser
adaptierten Version des IIM zugrunde liegende circumplexe Struktur konnte mittels verschiedener
konfirmatorischer Analysen (Browne, 1992; Tracey, 1997; siehe Exkurs 1) bestätigt werden.
Die mittlere interne Konsistenz (Cronbach’s α) der IIM- Skalen betrug in einer studentischen
Stichprobe (n = 1673) Mα = .79, die Spannweite lag zwischen α = .72 (Altruismus) und α = .86
(Harmonie). Die mittlere Retest-Reliabilität der Skalen für ein Vier-Wochen-Intervall lag in einer
studentischen Teilstichprobe (n = 252) bei Mrtt = .86, mit einem Range von rtt = .82 (Durchsetzung) bis
rtt = .87 (Soziale Akzeptanz). Die Güte der Faktorwerte für Agency und Communion als Indikatoren
für deren Reliabilität lag bei rAG = .83 und bei rCOM = .93. Die hier berichteten Indikatoren für die
Reliabilität des Instruments sind durchweg als gut zu bewerten (Thomas et al., 2012b).
Die hohe Korrespondenz zwischen den entsprechenden Skalen des IIM unter anderem mit der
Kurzversion des Inventars zur Erfassung interpersonaler Probleme (IIP-32; Horowitz et al., 2000)
bestätigt die Konvergenz des neuen Instruments mit etablierten Circumplex-Instrumenten. Weitere
Hinweise auf die Validität des IIM können dem Artikel von Thomas et al. (2012b) entnommen
werden. Insgesamt steht mit dem IIM ein psychometrisch befriedigendes Instrument zur Verfügung,
welches die Betrachtung bewusst repräsentierter interpersonaler Motive sowohl auf einem mittleren
(Oktanten) als auch auf einem hohen (Hauptachsen) Abstraktionsniveau erlaubt.
Bisher existierte keine spanischsprachige Adaptation der CSIV, weshalb eine solche im Rahmen der
vorliegenden Arbeit entwickelt wurde. Die Schritte der Entwicklung und Evaluation dieses
Instruments sind im folgenden Exkurs (Exkurs 1) detailliert dargestellt.
EXKURS 1: Entwicklung und Evaluation einer spanischsprachigen Version des Inventars zur
Erfassung interpersonaler Motive (IIM)
Einleitung
Mit dem Ziel, für mehrere kulturvergleichende Studien in Chile und Deutschland ein
spanischsprachiges Instrument zur Erfassung interpersonaler Motive bereitzustellen, wurde in
Zusammenarbeit mit Paula Schicktanz eine Parallelversion des Inventars zur Erfassung
19
interpersonaler Motive (IIM; Thomas et al., 2012b) in spanischer Sprache entwickelt .
Im Rahmen der Evaluation der deutschen Übersetzung hatte sich gezeigt, dass einige Items nicht
der theoretisch postulierten Skalenzugehörigkeit entsprachen, weshalb zur Verbesserung der
Skalenrepräsentation Verschiebungen dieser Items auf dem Kreismodell nötig waren (Thomas et
al., 2012). Vor diesem Hintergrund scheint eine explizite Evaluation der Circumplexität und
Skalenpassung der hier vorgestellten spanischen Übersetzung angemessen.
19
Das Manuskript zu diesem Exkurs wurde gemeinsam mit Dipl.-Psych. Paula Schicktanz erstellt und kann in
Teilen deckungsgleich mit der Dissertationsschrift von Frau Schicktanz sein.
94
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Methoden und Ergebnisse
Übersetzungsprozess
Das in Lateinamerika und insbesondere in Chile gesprochene Spanisch unterscheidet sich in
Vokabular und Grammatik der gesprochenen Sprache teilweise recht deutlich vom europäischen
Schrift-Spanisch. Daher wurde für die Übersetzung und Kontrolle der Formulierungen auf eine
Auswahl von ausschließlich chilenischen Muttersprachlern geachtet.
Den gängigen Anforderungen für die Übersetzung psychometrischer Instrumente entsprechend
(Hambleton & Zenisky, 2011) wurde eine Abfolge von Übersetzung, Rückübersetzung,
Expertenurteilen und Pilottests mit Laien gewählt. Die Items des IIM wurden zunächst von einer
Chilenin mit sehr guten Deutschkenntnissen und mehrjährigen Aufenthalten in Deutschland ins
chilenische Spanisch übersetzt. Anschließend wurden die neu entstandenen Items von einer
deutschen Muttersprachlerin mit fundierten Kenntnissen des chilenischen Spanischs
rückübersetzt. Die beiden deutschen Versionen wurden verschiedenen Experten, darunter auch
der Erstautorin des deutschsprachigen IIM, zum Abgleich vorgelegt. Dabei zeigten sich für acht
Items Unterschiede in der Formulierung, die von den Experten als semantisch bedeutsam
eingeschätzt wurden. In Abstimmung mit mehreren bilingualen Personen wurden alternative
Formulierungen für die entsprechenden spanischen Items generiert und in einem mehrstufigen
Prozess eine Konsensversion erstellt, welche schließlich einer kleinen Gruppe von chilenischen
Experten vorgelegt wurde. Verschiedene Verbesserungsvorschläge dieser Gruppe für die
Formulierung der Instruktion und einzelner Items, die hauptsächlich einer verbesserten
Verständlichkeit insbesondere für Personen mit niedrigerer Schulbildung dienen sollten, wurden
übernommen. Kritisiert wurde dabei insbesondere die Verwendung doppelter Verneinungen, die
durch eine alternative Formulierung mit „evitar“ (spanisch für „vermeiden“) ersetzt wurden. Die
verschiedenen Versionen der Hin- und Rückübersetzung sowie die Anmerkungen der Experten
sind auf Anfrage bei der Autorin erhältlich. Die endgültige Konsensversion findet sich im Anhang.
Wie in Tabelle 4 dargestellt, wurden die neuen Skalen analog zu den deutschen IIM-Skalen und
anders als in der englischsprachigen CSIV inhaltlich benannt. Die IIM-Skala „Selbstbezogenheit“
wurde abweichend mit dem nach Meinung der Autorin neutraleren Ausdruck „Distancia“
(spanisch für Distanz) benannt. Ebenfalls anknüpfend an den Titel des IIM wurde für die
Übersetzung der Arbeitstitel Escalas circunflejas de motivos interpersonales (ECMI) gewählt.
Tabelle 4: Skalenbezeichnungen von CSIV, IIM und ECMI
CSIV
IIM
ECMI
+A
PA
Selbstsicherheit
Autoconfianza
+A-C
BC
Durchsetzung
Imposición
DE
Selbstbezogenheit
Distancia
-A-C
FG
Verschlossenheit
Hermetismo
-A
HI
Unterordnung
Subordinación
-A+C
JK
Altruismus
Altruismo
+C
LM
Harmonie
Harmonía
+A+C
NO
Soziale Akzeptanz
Aceptación social
C-C>C -C
Psychometrische Evaluation
Mit dem Ziel, die Durchführbarkeit, Konstruktvalidität und Reliabilität der neu erstellten
chilenischen Version zu überprüfen, wurden die übersetzen Items einer chilenischen Stichprobe
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
95
vorgelegt und anschließend hinsichtlich ihrer Modellpassung überprüft. Die Analysestichprobe
setzte sich aus N = 343 Personen chilenischer Herkunft zusammen, wobei n = 121 Datensätze aus
einer explizit zur Überprüfung der ECMI angelegten Online-Studie und n = 222 Datensätze aus
anderen Studien, die die vorläufige Version der ECMI beinhalteten, gewonnen wurden.
Zunächst wurden, der Zuordnung im IIM entsprechend, acht Rohskalenwerte aus den 64
übersetzen Items gebildet, anschließend wurden die internen Konsistenzen (Cronbach’s α) als
Schätzwert der Skalenreliabilität berechnet. Diese können unter Berücksichtigung der Kürze der
Skalen als zufriedenstellend bis gut bewertet werden und sind in Tabelle 5 dargestellt.
Tabelle 5: Interne Konsistenzen der ECMI-Subskalen
Skala
Interne Konsistenz
Skala
Interne Konsistenz
PA
α = .68
HI
α = .74
BC
α = .70
JK
α = .74
DE
α = .69
LM
α = .84
FG
α = .80
NO
α = .75
α = Cronbach’s Alpha (Homogenität der Skala)
Eine erste Annäherung an die Überprüfung der Circumplexstruktur der Skalen erfolgte durch eine
varimaxrotierte Hauptkomponentenanalyse (PCA) der Skalenwerte, die vorab ipsatiert wurden.
Die Ergebnisse der PCA sprachen für die Angemessenheit eines zweifaktoriellen Modells, wie es
in Abbildung 6 dargestellt ist. Die kumulierte erklärte Varianz durch die beiden ersten Faktoren
betrug 58,7%. Die Skalenwerte waren in der theoretisch postulierten Form kreisförmig um die
orthogonalen Hauptachsen Agency und Communion angeordnet.
Abbildung 6: Ladungsdiagramm der PCA der ECMI-Subskalen
Bei Betrachtung der Interkorrelationsmatrix der ipsatierten Skalenwerte zeigten sich leichte
Abweichungen von der theoretisch postulierten Ordnung, unter deren Voraussetzung sich die
höchsten positiven Korrelationen jeweils mit den beiden benachbarten Skalen, die höchsten
96
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
negativen Korrelationen mit der auf dem IPC gegenüberliegenden Skala finden sollten. Die
Interkorrelationsmatrix der ECMI ist in Tabelle 6 dargestellt.
Tabelle 6: Interkorrelationsmatrix der ECMI-Subskalen
PA
BC
DE
FG
HI
JK
LM
PA
1
BC
.20**
1
DE
-.22**
.20**
1
FG
-.35**
-.14*
.42**
1
HI
-.27**
-.36**
-.22**
-.12*
1
JK
-.17**
-.44**
-.51**
-.38**
.27**
1
LM
-.07
-.23**
-.57**
-.60**
-.13*
.36**
1
NO
.21**
-.15**
-.37**
-.38**
-.36**
-.01
.28**
NO
1
* = sign. mit p < .05; ** = sign. mit p < .01
Für die Skalen PA, FG, HI, JK und LM war das Kriterium der höchsten negativen Korrelation mit
der im Kreismodell gegenüberliegenden Skala nicht erfüllt, jedoch zeigte sich diese in allen Fällen
mit einer der beiden Skalen, die auf dem theoretisch postulierten IPC mit 135° Abstand liegt.
Mithilfe einer T-Statistik (Field, 2013) wurde der Unterschied in der Höhe der abhängigen
Korrelationskoeffizienten (theoretisch postulierte höchste negative Korrelation vs. empirisch
ermittelte höchste negative Korrelation) auf statistische Signifikanz überprüft. Es ergab sich für
keine der betroffenen Skalen ein signifikanter Unterschied in der Höhe der
Korrelationskoeffizienten, sodass eine weitergehende Überprüfung der Circumplexität des neu
entwickelten Instruments erfolgen konnte.
Entsprechend wurde in einem nächsten Schritt RANDALL’S CI (Tracey, 1997) berechnet. RANDALL
überprüft die Modellpassung mittels des Correspondence Index (CI), dessen Wertebereich
zwischen -1 und 1 liegt. Der CI gibt als Differenz der bestätigten und verletzten Vorhersagen an,
wie gut die empirische Korrelationsmatrix mit der unter Voraussetzung der perfekten
Circumplexität vorhergesagten Korrelationsmatrix übereinstimmt, CI = 1 entspricht dabei einer
perfekten Passung. Für die ECMI ergab sich ein Wert von von CI = .86, was unter Berücksichtigung
der empirischen Korrelationsmatrix als zufriedenstellend bewertet werden kann.
Eine strengere Modellprüfung stellt das konfirmatorische Verfahren CIRCUM (Browne, 1992) dar,
welches die Modellgüte anhand der in Strukturgleichungsmodellen gängigen Fit-Indizes prüft. Die
vorliegende Auswertung wurde mit dem revidierten Software-Paket CircE (Grassi, Luccio & Di
Blas, 2010) durchgeführt. Folgende Fit-Indices wurden berechnet: CFI (Comparative Fit Index), TLI
(Tucker-Lewis-Index) sowie RMSEA (Root Mean Square Error Approximation). Bei CFI und TLI
weisen Werte von ≥ .90 auf einen guten Modellfit hin (Bentler, 1990; Cudeck & Browne, 1992).
Für RMSEA existieren in der Literatur unterschiedliche Grenzwerte, Gurtman & Pincus (2003)
schlagen für die Auswertung circumplexer Modelle einen moderaten Grenzwert von ≤ .13 für
eine gute Passung vor.
Die Prüfung der Modellgüte mittels eines vollständig restringierten Modells (Gleichverteilung der
Variablen entlang des Kreisumfangs, gleiche Kommunalitäten) ergab folgende Güteindizes: CFI =
.90, TLI = .88 und RMSEA = .14. Lockerungen der Modellrestriktionen verbesserten die einzelnen
Indizes nicht wesentlich. Damit kann nicht durchgängig von einer zufriedenstellenden Modellgüte
ausgegangen werden, die knapp unterhalb der vorgeschlagenen Grenzwerte liegenden
Güteindizes sollten dennoch eine dimensionale Auswertung der Daten erlauben.
In einem abschließenden Evaluationsschritt wurden zur Überprüfung der kulturellen Äquivalenz
der deutschen und der chilenischen Version die Items auf Differential Item Functioning (DIF;
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
20
Sireci, 2011) hin untersucht . Von einer Verzerrung auf Itemebene wird dann ausgegangen,
wenn unter Annahme gegebener Konstruktäquivalenz einzelne Items in den beiden Gruppen eine
nicht inhaltlich zu erklärende unterschiedliche Schwierigkeit aufweisen. Unterschieden wird
dabei zwischen uniformer Verzerrung (engl.: uniform DIF) und nicht-uniformer Verzerrung (engl.:
non-uniform DIF). Unter uniformer Verzerrung wird ein Haupteffekt der Gruppenzugehörigkeit
verstanden, was bedeutet, dass ein Item unabhängig vom Skalenwert in beiden Gruppen eine
unterschiedliche Schwierigkeit aufweist. Das Ausmaß der Differenz ist dabei jedoch über alle
Skalenwerte gleich. Unter nicht-uniformer Verzerrung ist eine Wechselwirkung von
Gruppenzugehörigkeit und Skalenwert zu verstehen, was bedeutet, dass ein Item in Abhängigkeit
vom Skalenwert in den beiden Gruppen eine unterschiedliche Schwierigkeit aufweist. Abbildung
7 verdeutlicht dies schematisch, die Linien repräsentieren jeweils den Zusammenhang zwischen
Item- und Skalenwert für eine Nation.
Abbildung 7: Beispiele für Differential Item Functioning (DIF)
Aus unterschiedlichen inferenzstatistischen Möglichkeiten (Sireci, 2011) zur Überprüfung einer
Verzerrung auf Itemebene wurde hier ein varianzanalytisches Vorgehen gewählt. Es wurden
univariate Varianzanalysen für alle 64 Items mit nationaler Zugehörigkeit und Skalenwert als
Faktoren und Itemwert als abhängiger Variable durchgeführt. Interpretiert wurden der
Haupteffekt nationale Zugehörigkeit als Indikator für eine uniforme Verzerrung und der
Interaktionseffekt von nationaler Zugehörigkeit und Skalenwert als Indikator für eine nichtuniforme Verzerrung, wobei nicht signifikante Effektstärken und Effektstärken kleiner
2
Größenordnung (ƞ < .06) als inhaltlich vernachlässigbar gewertet wurden. Es zeigte sich, dass
hinsichtlich der nicht-uniformen Verzerrung kein Item eine Effektstärke mittlerer Größenordnung
aufwies. Hinsichtlich wiesen insg. 7 Items (10,9%) einen Haupteffekt der nationalen Zugehörigkeit
mit mindestens mittlerer Effektstärke auf (DE7: η² = .07; HI21: η² = .20; BC28: η² = .07; FG34: η² =
21
.07; PA38: η² = .42; PA41: η² = .10; JK48: η² = .07) . Es zeigte sich, dass die betroffenen Items
über die verschiedenen Skalen verteilt sind, sodass nicht von einer regelmäßigen Verzerrung zur
Benachteiligung eines Oktanten oder Quadranten ausgegangen werden muss. Zudem kann eine
uniforme Verzerrung auch durch tatsächliche nationale Mittelwertsunterschiede auf einem
einzelnen Items entstehen. Der relativ niedrige Prozentsatz an uniformer Verzerrung mit
unklarem Ursprung sowie das Fehlen jeglicher nicht-uniformer Verzerrung führen
zusammenfassend zu der Bewertung, dass die kulturelle Äquivalenz der Items der beiden
Versionen für die zu untersuchenden Fragestellungen in ausreichendem Ausmaß gegeben ist.
Zusammenfassung
Anliegen der hier vorgestellten Untersuchung war die Entwicklung und Evaluation einer
chilenischen Version des Inventars zur Erfassung Interpersonaler Motive (IIM; Thomas et al.,
2012b) zur Untersuchung verschiedener interkultureller Fragestellungen im Rahmen mehrerer
20
Andrea Thomas stellte zu diesem Zweck dankenswerterweise die Daten einer studentischen Stichprobe (n =
1053) aus der Studie zur Evaluation des deutschen IIM (Thomas et al., 2012) zur Verfügung
21
die zugehörigen Kennwerte F, df und p sind auf Anfrage bei der Autorin erhältlich
97
98
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Forschungsprojekte. Es lagen Daten von insg. 343 Personen aus verschiedenen Erhebungen zur
Evaluation einer sorgfältig hin- und rückübersetzten chilenischen Fassung vor.
Die Reliabilität der einzelnen Skalen kann durchgängig als zufriedenstellend bewertet werden.
Die Interkorrelationsmatrix der chilenischen Version wies einige Abweichungen von der
theoretisch postulierten Interkorrelationsmatrix (unter Annahme perfekter Circumplexität) auf.
Die Modellgüte wurde mit den in der IPC-Forschung gängigen Fit-Indizes berechnet und kann für
Auswertungen auf Oktantenniveau nicht durchgängig als ausreichend angesehen werden,
weshalb eine gewichtete Zusammenfassung der Skalen zu den beiden generellen
Motivtendenzen Agency und Communion empfohlen wird. Eine Auswertung einzelner Skalen
(ohne die Annahme der circumplexen Struktur des Gesamtmodells) ist dennoch möglich.
Unter Berücksichtigung dieser Einschränkungen stellt die neu entwickelte ECMI ein inhaltlich
wertvolles und psychometrisch zufriedenstellendes Instrument zur Erfassung interpersonaler
Motive und Ziele im chilenischen Raum dar.
Wie im vorangegangenen Exkurs dargestellt wurde, sollte für die Analyse interkultureller
Fragestellungen aufgrund der nicht durchgängig zufriedenstellenden Modellgüte der ECMI im
Allgemeinen
auf
eine
Auswertung
auf
Oktantenniveau
verzichtet
werden.
Für
Gesamtmodellauswertungen statistisch tragfähiger sind die gewichteten Skalenwerte Agency und
Communion. Eine Zusammenfassung der Oktanten zu zwei Skalen gewährleistet zudem eine deutlich
vereinfachte Interpretation. Eine Ausnahme von dieser generellen Empfehlung stellt das
Vorhandensein spezifischer und theoretisch begründeter Annahmen über die Bedeutung einzelner
Motivkomponenten dar, die unabhängig von der Annahme der Circumplexität des Gesamtmodells
empirisch untersucht werden sollen. In der vorliegenden Studie war dies für den Oktanten FG
(Verschlossenheit) der Fall, weshalb im Rahmen der hier vorgestellten Studie neben den beiden
generellen Motivorientierungen der Skalenwert Verschlossenheit gesondert ausgewertet wurde.
3.2.4.4 Rejection Sensitivity Questionnaire – RSQ
Die amerikanische Originalversion des Rejection Sensitivity Questionnaire (RSQ) zur Erfassung
interpersonaler Zurückweisungssensibilität aus der Arbeitsgruppe von Downey & Feldman (1996)
besteht aus 18 Items und ist speziell für Jugendliche konzipiert. Mittlerweile existieren verschiedene
Versionen des ursprünglichen Instruments, die jeweils an die untersuchten Populationen angepasst
wurden22. Staebler et al. (2011a) übersetzten die Items der Originalversion für den
deutschsprachigen Raum und passten die Formulierungen für Erwachsene an. Dabei wurden 16
Items aus der Originalversion übernommen, 4 Items mit Bezug zum Arbeitsplatz wurden neu
formuliert und die eher für Jugendliche geläufige Bezeichnung „girlfriend/boyfriend“ wurde durch
„Partner“ ersetzt. Das Antwortformat und die Berechnungsgrundlage für die Kennwerte wurden aus
der Originalversion übernommen. Der adaptierte deutsche Fragebogen besteht aus insgesamt 20
hypothetischen
22
Szenarien,
die
interpersonale
Situationen
beschreiben.
Die
Nähe
einsehbar unter http://socialrelations.psych.columbia.edu; Homepage zuletzt abgerufen am 16.04.2014
der
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
99
Interaktionspartner zueinander reicht dabei von Bekannten/Kollegen bis hin zu intimen Beziehungen.
In jeder dieser Situationen wird vom Protagonisten ein Wunsch/Anliegen geäußert, Zurückweisung
ist in allen Situationen potentiell möglich. Ein Beispiel für ein solches Szenario ist: „Sie bitten einen
Kollegen an Ihrem Arbeitsplatz, Ihnen eine Frage zum Arbeitsablauf zu beantworten“ (Item 1;
vollständiger Fragebogen im Anhang). Die Probanden sollen auf sechsstufigen Likert-Skalen jeweils
einschätzen, (a) wie beunruhigt oder nervös sie in der betreffenden Situation wären (von 1 = nicht
beunruhigt bis 6 = sehr beunruhigt) und (b) für wie wahrscheinlich sie es halten, dass Ihr jeweiliges
Anliegen vom Interaktionspartner freundlich akzeptiert wird (von 1 = sehr unwahrscheinlich bis 6 =
sehr wahrscheinlich). Nach Rekodierung der Wahrscheinlichkeitskomponente (sodass hohe Werte für
eine hohe subjektive Wahrscheinlichkeit von Zurückweisung sprechen) wird als Skalenwert der
Mittelwert über die Produktterme (Beunruhigung x Wahrscheinlichkeit) jedes Items gebildet. Bei
einer
Spannweite
zwischen
1
und
36
sprechen
höhere
Werte
für
eine
höhere
Zurückweisungssensibilität. Der RSQ erfasst somit die Kernkomponente des Konstrukts
Zurückweisungssensibilität, die ängstliche Erwartung sozialer Zurückweisung in einer Vielzahl von
Situationen, als Interaktionsterm aus der Beunruhigung über und der subjektiven Wahrscheinlichkeit
von sozialer Zurückweisung in verschiedenen sozialen Situationen.
In ihrer Evaluationsstudie berichten Staebler et al. (2011a) von exzellenten psychometrischen
Kennwerten des deutschen RSQ sowohl auf Item- als auch auf Skalenebene. Die interne Konsistenz
(Cronbach’s α) lag bei α = .94 und spricht für eine ausgezeichnete interne Konsistenz der Skala. Die
Test-Retest-Reliabilität lag in der deutschen Studie für ein 2-Wochen-Intervall bei rtt = .90, weshalb
von einer ausreichend hohen Stabilität des gemessenen Merkmals ausgegangen werden kann. In
Hinsicht auf die Validität konnte in der Studie von Staebler et al. (2011a) gezeigt werden, dass das
Messinstrument als ausreichend konstrukt- und kriteriumsvalide anzusehen ist. Es ergaben sich unter
anderem theoriekonform deutliche Unterschiede in den Mittelwerten verschiedener klinischer
Gruppen, wobei Gesunde die niedrigsten und Borderline-Patienten die höchsten Werte aufwiesen.
Zusammenfassend kann von einer gelungenen Adaptation des RSQ für den deutschsprachigen Raum
ausgegangen werden. Für den spanischsprachigen Raum lag bisher kein evaluiertes Messinstrument
zur Erfassung interpersonaler Zurückweisungssensibilität vor, was die Entwicklung eines solchen im
Rahmen der vorliegenden Arbeit nötig machte. Im nächsten Abschnitt (Exkurs 2) sind die Schritte der
Entwicklung und Evaluation einer chilenischen Version des RSQ detailliert beschrieben.
100
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
EXKURS 2: Entwicklung und Evaluation einer spanischsprachigen Version des Rejection
Sensitivity Questionnaire (RSQ)
Einleitung
Im Rahmen der vorliegenden Studie soll in einem deutsch-chilenischen Vergleich unter anderem
untersucht werden, ob sich das Konstrukt Interpersonale Zurückweisungssensibilität auch auf
kulturelle Kontexte außerhalb des mitteleuropäischen und nordamerikanischen Kulturkreises
übertragen lässt und dabei in vergleichbarer Form mit psychologischen Zielvariablen
zusammenhängt. Nach Kenntnis der Autorin lag bisher kein evaluiertes Messinstrument für den
spanischsprachigen Raum vor, weshalb die deutsche Version des Rejection Sensitivity
Questionnaire (Staebler et al., 2011a) ins chilenische Spanisch übersetzt und das neu entstandene
Messinstrument in seiner psychometrischen Güte und kulturellen Äquivalenz überprüft wurde.
Methoden und Ergebnisse
Übersetzungsprozess
Den Anforderungen für die Übersetzung von Messinstrumenten (Hambleton & Zenisky, 2011)
entsprechend wurde eine Abfolge von Übersetzung, Rückübersetzung, Expertenurteilen und
Vortests mit Laien gewählt. Die Items der deutschen Version des RSQ wurden zunächst von einer
chilenischen Muttersprachlerin mit langjährigen Aufenthalten in Deutschland und sehr guten
Deutschkenntnissen ins chilenische Spanisch übersetzt. Daran anschließend wurden die Items
von einem deutschen Muttersprachler mit profunden Kenntnissen des chilenischen Spanisch
rückübersetzt. Die beiden deutschen Versionen wurden im Rahmen einer Expertenrunde
(teilnehmend daran u.a. eine der Autorinnen der deutschen Version, C. Rosenbach) miteinander
verglichen und einige Adaptationen vorgenommen. Neben kleineren Änderungen verschiedener
Formulierungen erwies sich insbesondere die Formulierung der Wahrscheinlichkeitsfrage als
schwierig, da die deutsche Formulierung im Konjunktiv („Für wie wahrscheinlich würden Sie es
halten…“) von der Erstübersetzerin durch einen Indikativ („Que tan probable es…“ – „Wie
wahrscheinlich ist es…“) ersetzt worden war. Die Verwendung des Indikativs ist zwar im
chilenischen Spanisch für diese Art von Fragen gängiger, die Kritik der Expertenrunde, eine solche
Formulierung beeinträchtige die imaginative Auseinandersetzung mit nicht-realen Situationen
und hypothetischem Verhalten, war jedoch durchaus berechtigt. Schließlich wurde die
Formulierung „Que tan probable le parece…“ (Wie wahrscheinlich erscheint es Ihnen…“) als
Konsens formuliert. Die so entstandene erste Konsensversion wurde mehreren chilenischen
Experten sowie einigen Laien vorgelegt, die die Formulierungen als leicht verständlich, eindeutig
und angemessen bewerteten. Der vollständige Fragebogen findet sich im Anhang.
Stichprobe
Zur ersten Evaluation des neu übersetzten Instruments wurden aus pragmatischen Gründen die
Daten der chilenischen Stichprobe der vorliegenden Arbeit herangezogen. Insgesamt lagen
vollständige Datensätze von N = 89 Chileninnen vor, wobei einschränkend anzumerken ist, dass
es sich bei den Teilnehmerinnen aufgrund des Studiendesigns ausschließlich um Frauen handelte.
Zur Bewertung der kulturellen Äquivalenz der Items wurden zudem die Daten der deutschen
Teilstichprobe (N = 101, ebenfalls ausschließlich Frauen) herangezogen.
Psychometrische Evaluation auf Itemebene
Faktorielle Struktur: Zur Überprüfung der faktoriellen Struktur wurde entsprechend des
Vorgehens von Staebler et al. (2011a) eine unrotierte Hauptkomponentenanalyse (PCA)
durchgeführt. Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Stichprobe mit Vorsicht zu interpretieren,
entsprechen jedoch weitestgehend früheren Befunden mit anderen Versionen des RSQ (Staebler
et al., 2011a; Downey & Feldman, 1996), weshalb sie an dieser Stelle berichtet werden sollen.
Erwartet wurde ein einfaktorielles Modell. Bei Staebler et al. (2011a) klärte der erste Faktor der
PCA 33% der Varianz auf, für die nordamerikanische Originalversion konnten Downey & Feldman
(1996) eine Varianzaufklärung von 27% durch den ersten Faktor finden. Weitere extrahierte
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Faktoren trugen in beiden Studien nur geringfügig zur Varianzaufklärung bei. Im Rahmen der
vorliegenden Studie erklärte der erste extrahierte Faktor 37% der Varianz, während vom zweiten
und dritten Faktor nur 8% bzw. 7% der Varianz erklärt werden konnten. Kein Item wies auf
diesem ersten Faktor eine Faktorladung von α < .40 auf, was als ausreichend hoch bewertet
werden kann (Field, 2013). Die Items werden damit ausreichend gut durch den ersten Faktor
repräsentiert. Die Ladungen der Items auf dem ersten Faktor sind in Tabelle 7 dargestellt.
Itemschwierigkeit: Die Itemschwierigkeit P gibt Auskunft über den relativen Anteil von Personen,
die einem Item im Sinne des Kriteriums zugestimmt haben. Geschätzt wird die Itemschwierigkeit
über die Relation zwischen empirischen Itemmittelwert und maximal erreichbarem Itemwert. Bei
einer Spannweite zwischen 0 und 100 sollte die Itemschwierigkeit optimalerweise um P = 50
liegen, um möglichst gut zwischen Personen mit unterschiedlicher Merkmalsausprägung
differenzieren zu können. Frühere Studien haben gezeigt, dass die Stichprobenmittelwerte im
RSQ meist im unteren Drittel des maximal erreichbaren Skalenwerts liegen, d.h. dass die meisten
(gesunden) Personen über eine vergleichsweise niedrige Ausprägung des Konstrukts verfügen
(Staebler et al., 2011a). Da der Skalenmittelwert das Mittel aller Itemmittelwerte ist, sind
entsprechende Verzerrungen auch auf Itemebene zu erwarten. Unter Berücksichtigung dieser
Überlegungen muss in der vorliegenden Untersuchung von einer Verzerrung der
Itemschwierigkeit in Richtung P = 0 ausgegangen werden. Entsprechend wurde ein liberales
Kriterium gewählt und Itemschwierigkeiten von P > 10 als akzeptabel bewertet. Dieses Kriterium
war für alle Items der chilenischen Version des RSQ erfüllt. Die Itemmittelwerte,
Standardabweichungen und Schwierigkeitsindizes der Items sind in Tabelle 7 dargestellt.
Itemtrennschärfe: Die Trennschärfe eines Items gibt an, inwieweit der Skalenwert einer Person
durch die Beantwortung eines einzelnen Items vorhersagbar ist. Eine hohe Trennschärfe
bedeutet demnach, dass das betreffende Item gut zwischen Probanden mit hoher und niedriger
Merkmalsausprägung differenziert (Amelang & Schmidt-Atzert, 2006).Die Trennschärfe wurde
über die (Teil-Ganzes-)korrigierte Test-Item-Korrelation berechnet. Die mittlere Trennschärfe lag
bei rit = .54, kein Item wies eine Trennschärfe von r it < .35 auf. Die Trennschärfe kann für alle
Items als ausreichend hoch bewertet werden und ist in Tabelle 7 dargestellt.
Itemhomogenität: Unter der Homogenität eines Items ist der mittlere Grad, mit dem das Item mit
den übrigen Testitems korreliert, zu verstehen (Lienert & Raatz, 1998). Auf eine explizite Berechnung wurde verzichtet, stattdessen erfolgte zur Abschätzung der Itemhomogenität eine Betrachtung der Faktorladungen der Items auf dem Generalfaktor der PCA. Kein Item wies eine Ladung
von α < .40 auf, was auf eine ausreichende Homogenität schließen lässt (Field, 2013).
Kulturelle Äquivalenz: Den Anforderungen an eine kulturvergleichende Untersuchung
entsprechend (Sireci, 2011) wurde in einem nächsten Schritt untersucht, ob die Items des RSQ in
Chile und Deutschland als kulturell äquivalent betrachtet werden können. Zu diesem Zweck
wurden die Items mit einem varianzanalytischen Verfahren auf differential item functioning (DIF)
überprüft. Eine inhaltliche und methodische Begründung dieses Vorgehens ist dem EXKURS 1 zu
entnehmen. Tabelle 7 gibt eine Übersicht über die Effektstärken des Haupteffektes der
nationalen Zugehörigkeit sowie des Interaktionseffektes zwischen nationaler Zugehörigkeit und
Skalenwert. Für an die DIF-Analyse anschließende Schritte wurden ausschließlich Effekte von
mindestens mittlerer Größenordnung (η² > .05) berücksichtigt. Es zeigten sich für insgesamt vier
Items signifikante Haupteffekte der nationalen Zugehörigkeit, wobei nur ein Item (Item 9) eine
Effektstärke im annähernd mittleren Größenbereich aufwies (ƞ² = .05). Item 9 war zudem das
einzige Item, für das sich ein Interaktionseffekt von nationaler Zugehörigkeit und Skalenwert mit
einer mittleren Effektstärke (ƞ² = .07) ergab, lediglich ein weiteres Item wies einen signifikanten
23
Interaktionseffekt auf, allerdings in vernachlässigbarer Größenordnung . In Abbildung 8 sind die
Effekte bei Item 9 grafisch dargestellt.
Item 9 („Sie fragen jemanden an Ihrem Arbeitsplatz, ob er/sie mit Ihnen einen Kaffee trinken
geht“) kann entsprechend dieser Ergebnisse nicht als kulturell äquivalent zwischen Deutschland
und Chile angenommen werden. Warum dieses Item in den beiden untersuchten Nationen nicht
in gleicher Weise „funktioniert“, kann hier nicht abschließend bewertet werden, eine mögliche
Begründung für diese Ergebnisse ergibt sich jedoch aus der Betrachtung des Bedeutungsraums
der Handlung „mit einem Kollegen einen Kaffee trinken gehen“. Während es in Deutschland
durchaus üblich ist, mit Kollegen z.B. nach der Mittagspause gemeinsam einen Kaffee zu trinken
und diesem Anliegen somit nicht zwingenderweise ein außergewöhnliches, privates Interesse am
23
Die exakten Kennwerte zu den statistisch signifikanten Effekten sind auf Anfrage bei der Autorin erhältlich
101
102
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Arbeitskollegen zugrunde liegen muss, ist es durchaus möglich, dass dies in Chile anders ist. Es
wäre denkbar, dass im chilenischen Raum die Aufforderung „gemeinsam einen Kaffee trinken zu
gehen“ einer privaten Einladung gleichkommt, bei deren Ablehnung auch eine Ablehnung der
Person als potentielle/r Freund/in mitschwingt. Dies könnte erklären, warum hoch
zurückweisungssensible Personen in Chile bei diesem Item deutlich höhere Werte aufweisen als
hoch zurückweisungssensible Personen in Deutschland. Diese Überlegungen müssen im Rahmen
der vorliegenden Arbeit rein spekulativer Natur bleiben, jedoch wäre eine Überprüfung und
Adaptation des Iteminhalts für zukünftige Studien sehr wünschenswert. In der vorliegenden
Untersuchung wurde den Ergebnissen der DIF-Analyse insofern Rechnung getragen, als Item 9
des RSQ aus allen interkulturellen Fragestellungen ausgeschlossen wurde. Der RSQ-Skalenwert
für die interkulturellen Vergleiche besteht demnach aus dem Mittelwert der verbleibenden 19
Items, alle sich hier anschließenden Evaluations- und Auswertungsschritte haben die verkürzte
Version des RSQ (im Folgenden als RSQ-19 bezeichnet) zur Grundlage.
Tabelle 7: Kennwerte des chilenischen RSQ auf Itemebene
Item
M (SD)
α
P
rit
η² (HE)
η² (WW)
1
4.93 (4.74)
.46
13.69
.40
.02
.03
2
9.07 (8.17)
.48
25.19
.43
.01
.02.
3
5.10 (4.86)
.40
14.17
.35
.02
01
4
13.47 (8.25)
.66
37.42
.62
.00
.01
5
9.73 (7.85)
.64
27.03
.60
.01
.01
6
9.56 (6.74)
.49
26.56
.43
.01
.01
7
6.46 (6.15)
.64
17.94
.57
.01
.00
8
11.44 (7.26)
.43
31.78
.38
.00
.01
9
6.43 (6.46)
.71
17.86
.66
.05**
.07**
10
9.84 (7.96)
.65
27.33
.60
.00
.00
11
5.73 (6.51)
.58
15.92
.52
.02
.04*
12
9.07 (6.37)
.72
25.19
.67
.00
.00
13
5.23 (5.17)
.58
14.53
.50
.03*
.01
14
4.17 (4.39)
.67
11.85
.58
.01
.02
15
5.95 (5.45)
.75
16.53
.69
.00
.02
16
5.98 (6.67)
.66
16.61
.59
.00
.00
17
10.78 (7.88)
.59
29.94
.55
.02*
.01
18
8.67 (7.28)
.64
24.08
.58
.00
.00
19
10.74 (8.19)
.68
29.83
.63
.00
.00
20
11.89 (7.00)
.51
33.02
.46
.02*
.03
M = Mittelwert; SD = Standardabweichung;
α = Faktorladung; P = Schwierigkeitsindex; rit = Trennschärfeindex;
η² (HE) = Effektstärke des Haupteffekts nationale Zugehörigkeit
η² (WW) = Effektstärke des Interaktionseffekts zwischen nationaler Zugehörigkeit und Skalenwert
* = Effekt sign. bei p < .05; ** = Effekt signifikant bei p < .01
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Abbildung 8: Ergebnisse der DIF-Analyse für Item 9 des RSQ
Psychometrische Evaluation auf Gesamtskalenebene
Deskriptive Analyse: Der Mittelwert des RSQ-19 in der chilenischen Gesamtstichprobe lag bei M =
8,31 (SD = 3,99). Eine getrennte Betrachtung der gesunden vs. klinisch depressiven Probanden
ergab einen höheren Mittelwert für die klinisch depressiven Probanden (M = 10,96; SD = 5,92) im
Vergleich zu den nicht klinisch depressiven Probanden (M = 7,34; SD = 3,02). Diese Ergebnisse
sind mit den für die deutsche Version bei Staebler et al. (2011a) berichteten Werten für gesunde
(M = 7,09; SD = 2,82) und klinisch depressive Probanden (M = 11,26; SD = 2,72) vergleichbar.
Objektivität: Da es sich beim RSQ um einen Selbstberichtsfragebogen mit festgelegter Instruktion
handelt, kann von einer hohen Durchführungsobjektivität ausgegangen werden. Die
standardisierte Auswertung durch das Vorhandensein einer Rechenvorschrift zur Ermittlung des
individuellen Punktwerts spricht zudem für eine hohe Auswertungsobjektivität. Bezüglich der
Interpretationsobjektivität ist einschränkend anzumerken, dass weder für Deutschland noch für
Chile Normstichproben, die eine verlässliche Einordnung individueller Skalenwerte erlauben
würden, vorliegen. Die Interpretation und der Vergleich von Gruppenmittelwerten, wie sie in
dieser Studie vorgenommen werden, ist jedoch von dieser Einschränkung nicht betroffen,
weshalb insgesamt die Objektivität des Instruments vor dem Hintergrund der hier
interessierenden Fragestellungen aus ausreichend hoch bewertet werden kann.
Reliabilität: Für den neu übersetzten RSQ-19 lag die interne Konsistenz in der chilenischen
Evaluationsstichprobe bei α = .90 und änderte sich auch nur unwesentlich durch das Eliminieren
einzelner Items. Die Interne Konsistenz ist somit als sehr gut zu bewerten. Der Koeffizient ist in
der Höhe mit der internen Konsistenz der deutschen Version vergleichbar, die in der
vorliegenden Untersuchung bei α = .91 lag.
Validität: Beim RSQ-19 ist die Augenscheinvalidität als gegeben anzunehmen, da das Instrument
zum einen einen breiten Bereich interaktionell schwieriger Situationen abdeckt und zum anderen
in der Instruktion die Intention des Verfahrens offen und ohne Rückgriff auf latente, dem Laien
nicht verständliche, Konstrukte dargestellt wird. Im Übersetzungsprozess wurden die Items von
Experten als eindeutig und angemessen beurteilt, was als weiterer Hinweis auf die
Augenscheinvalidität gewertet werden kann. Da die Items des RSQ-19 einen sehr breiten Bereich
interpersonaler Situationen (mit Fremden, mit Freunden, mit Kollegen und Vorgesetzten, in der
Partnerschaft sowie in der Familie) umfassen, kann von ausreichender Repräsentativität
ausgegangen werden. Zudem liegt eine Besonderheit des RSQ darin, nicht nur den Grad der
Befürchtungen in den Situationen, sondern auch die subjektive Wahrscheinlichkeit einer
Zurückweisung direkt abzufragen, sodass mehrere Aspekte des theoretischen Konstrukts durch
das Instrument abgebildet werden. Unter der Annahme, dass perfekte Repräsentativität bei
103
104
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
latenten psychologischen Konstrukten niemals vollständig gegeben sein kann (Tent & Stelzl,
1993), ist beim vorliegenden Messinstrument von ausreichender Inhaltsvalidität auszugehen.
Zur Überprüfung der konvergenten Validität kam neben der CES-D (Hautzinger & Bailer, 1993),
deren Verfahrenseigenschaften an anderer Stelle dieser Arbeit beschrieben sind, die Skala Soziale
Unsicherheit des Brief Symptom Inventory (BSI) zum Einsatz, da hoch zurückweisungssensible
Menschen neben depressiven Symptomen auch und vor allem unter sozialer Ängstlichkeit und
Schüchternheit zu leiden scheinen (Rosenbach & Renneberg, 2011). Das BSI wurde ursprünglich
als Kurzversion der SCL-90 entwickelt (Derogatis & Melisaratos, 1983) und existiert mittlerweile
in einer Vielzahl von psychometrisch zufriedenstellenden Übersetzungen, unter anderem einer
deutschen (Geisheim, Hahlweg, Fiegenbaum, Frank, Schröder & von Witzleben, 2002) sowie einer
spanischen (Ruipérez, Ibáñez, Lorente, Moro & Ortet, 2001). Psychopathologische Symptome
werden auf 9 Dimensionen (Depressivität, Somatisierung, Aggressivität, Ängstlichkeit, soziale
Unsicherheit, phobische Angst, Paranoides Denken, Psychotizismus und Zwanghaftigkeit) erfasst.
Die Skala Soziale Unsicherheit (4 Items) beschreibt dabei Aspekte leichter sozialer Unsicherheit
bis hin zum Gefühl völliger persönlicher Unzulänglichkeit. Mit anderen Skalen des BSI sollte der
RSQ-19 dagegen geringer korrelieren: Zurückweisungssensibilität als kognitiv-emotionale
Variable sollte sich klar von der Tendenz, körperliche Beschwerden zu erleben, abgrenzen lassen.
Ebenso sollte Zurückweisungssensibilität zwar mit sehr sensiblen Wahrnehmungen potentieller
Zurückweisung einhergehen, sich jedoch von einer generellen Tendenz, misstrauisch zu sein und
anderen Menschen böse Absichten zu unterstellen, unterscheiden. Zur Überprüfung dieser
diskriminanten Anteile der Konstruktvalidität wurden daher die Skalen Somatisierung (7 Items,
erfasst einfache bis stark funktionale körperliche Beschwerden) und paranoides Denken (5 Items,
erfasst Misstrauen bis hin zu stark paranoiden Denken) des BSI herangezogen. Einschränkend ist
zu beachten, dass die Skalen des BSI hoch untereinander und mit Depressivität korrelieren
(Geisheim et al., 2002). Unter Berücksichtigung der Zusammenhänge zwischen
Zurückweisungssensibilität und Depressivität (Ayduk et al., 2001) bedeutet dies, dass
Korrelationen mit den interessierenden Skalen durch geteilte Varianz mit dem Konstrukt
Depressivität artifiziell erhöht würden. Daher wurde Depressivität (operationalisiert über den
CES-D-Skalenwert) aus allen Analysen auspartialisiert. Die Ergebnisse der korrelativen Analysen
unterstützen vollständig die postulierten Zusammenhänge. Bezüglich der konvergenten Validität
zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zur CES-D (r = .60, p < .001) sowie zur Skala Soziale
Unsicherheit des BSI (r = .29, p < .01). Es ergaben sich hingegen keine signifikanten Korrelationen
mit den BSI-Skalen Somatisierung (r = .12, p = .26) und paranoides Denken (r = .05, p = .62), was
als Beleg für die diskriminante Validität des RSQ-19 bewertet werden kann.
Hinsichtlich der Kriteriumsvalidität wurde überprüft, ob die klinisch depressiven Patienten der
chilenischen Stichprobe höhere Werte im RSQ-19 aufweisen als die nicht-depressiven Kontrollprobanden. Ein in diesem Zusammenhang durchgeführter T-Test ergab einen bedeutsamen
Mittelwertsunterschied in den beiden Teilstichproben (T = -2,956; p < .01) mit einer höheren
Ausprägung von Zurückweisungssensibilität in der Patientenstichprobe, was als erster Hinweis
auf die Kriteriumsvalidität des neu übersetzten Instruments bewertet werden kann.
Zusammenfassung und Bewertung
Es sollte die psychometrische Güte des ins chilenische Spanisch übersetzten RSQ untersucht
werden. Der Übersetzungsprozess entsprach den aktuellen Richtlinien der kulturvergleichenden
Forschung (Hambleton & Zenisky, 2011). Die Itemkennwerte (Faktorladungen,
Trennschärfekoeffizienten und Itemschwierigkeiten) des neuen Instruments können durchgängig
als akzeptabel bis sehr gut bewertet werden. Wie schon in Evaluationsstudien zu anderen
Versionen des RSQ bot sich in der PCA eine einfaktorielle Lösung mit 37% Varianzaufklärung an.
Eine Verkürzung des neuen Instruments um Item 9 auf insgesamt 19 Items führte bei im
Wesentlichen unveränderter interner Konsistenz der Skala (αRSQ-20 = .91 vs. αRSQ-19 = .90) zu einer
höheren Äquivalenz zwischen der deutschen und der chilenischen Version, was v.a. in Anbetracht
der in dieser Studie vorliegenden Fragestellungen von Bedeutung ist.
Die Objektivität des Instruments ist durch Standardisierung der Formulierung und
Auswertungsvorschrift gegeben, allerdings liegen keine Normwerte vor, sodass die
Interpretationsobjektivität auf individueller Ebene nicht abschließend bewertet werden kann. Die
Reliabilität kann als sehr gut bewertet werden (Cronbach’s α = .90). Das Instrument erwies sich in
der vorliegenden Auswertung als ausreichend inhalts-, konstrukt- und kriteriumsvalide.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
105
Einschränkend ist anzumerken, dass die Evaluationsstichprobe ausschließlich aus Frauen bestand
und sehr klein (N = 89) war. Dies hat unter anderem Einfluss auf die Interpretierbarkeit der PCA,
deren Ergebnisse bei einer Stichprobe dieser Größenordnung lediglich als erste Hinweise zu
verstehen sind. Zur Absicherung der Ergebnisse, zur Kreuzvalidierung sowie zur Überprüfung der
Generalisierbarkeit auf beide Geschlechter wäre eine Replikation der Befunde an einer
entsprechend größeren Stichprobe von Männern und Frauen wünschenswert. Zudem wurde
durch die explizite Übersetzung ins chilenische Spanisch zwar die bestmögliche Passung des
Instruments auf die Fragestellungen und das Design der vorliegenden Arbeit erreicht, jedoch
kann die Generalisierbarkeit des Instruments auf andere Regionen des spanischsprachigen Raums
nicht abschließend beurteilt werden. Gegebenenfalls könnten entsprechende Adaptationen der
Formulierungen vonnöten sein.
Trotz dieser Einschränkungen lässt sich zusammenfassend feststellen, dass mit dem RSQ-19 ein
inhaltlich passendes und psychometrisch zufriedenstellendes Instrument zur Erfassung
Interpersonaler Zurückweisungssensibilität für den chilenischen Raum zur Verfügung steht.
3.2.4.5 Portrait Values Questionnaire – PVQ
Zur Erfassung persönlicher Werthaltungen (Selbstbestimmung, Universalismus, Benevolenz,
Tradition, Konformität, Sicherheit, Macht, Leistung, Hedonismus und Stimulation; Schwartz, 1992)
wurde die deutsche Version des Portrait Values Questionnaire (PVQ; Schmidt et al., 2007)
angewendet. Der PVQ ist eine Weiterentwicklung des intellektuell sehr anspruchsvollen Schwartz
Values Survey (SVS; dt. Version in Glöckner-Rist, 2012) mit dem Ziel, die reliable und valide Erfassung
der Werthaltungen für Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau zu ermöglichen (Schwartz et al.,
2001). Zudem überzeugt das neue Instrument durch eine größere Alltagsnähe der Items und eine
kürzere Bearbeitungsdauer. Der PVQ besteht aus 40 Beschreibungen von Personen, die Aspekte
bestimmter Werthaltungen in prototypischer Weise vertreten (z.B. Item 1 – Wert Selbstbestimmung:
„Es ist ihr wichtig, neue Ideen zu haben und kreativ zu sein. Sie mag es, die Dinge auf ihre eigene
originelle Art anzugehen“). Die Personenbeschreibungen sind dabei mit dem Ziel einer
größtmöglichen Identifikation geschlechtsspezifisch formuliert. Pro Wertetyp gibt es 3 bis 6
Personenbeschreibungen. Die Probanden sollen auf einer sechsstufigen Likert-Skala von 1 = sehr
unähnlich bis 6 = sehr ähnlich beurteilen, wie ähnlich ihnen die beschriebene Person ist. Als
Skalenwerte dienen die Mittelwerte der Items in den zehn Subskalen, ein Gesamtwert ist nicht
vorgesehen. Allerdings gibt es analog zum SVS auch beim PVQ die Möglichkeit, die 10 Wertetypen zu
vier Wertedimensionen (Selbst-Überwindung, Bewahrung, Selbst-Erhöhung und Offenheit für
Wandel) zusammenzufassen. Über die Bildung ipsatierter Skalenwerte wird eine von Antwortstilen
weitgehend befreite Auswertung und Interpretation ermöglicht.
In der deutschen Evaluationsstudie (Schmidt et al., 2007) lagen die internen Konsistenzen
(Cronbach’s α) der zehn Skalen in einem Bereich zwischen α = .54 (Tradition) und .85 (Leistung), was
von den Autoren aufgrund der geringen Anzahl von Items pro Skala als zufriedenstellend bewertet
wird. Die Test-Retest-Reliabilitäten lagen für einen Zeitraum von sechs Wochen ebenfalls im
106
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
zufriedenstellenden bis guten Bereich zwischen rtt = .62 (Benevolenz) und rtt = .82 (Leistung) bei
unveränderter relativer Wichtigkeitseinstufung über die zehn Bereiche. Für die vier übergeordneten
Wertedimensionen liegen laut Kenntnis der Autorin bislang keine Reliabilitätskennwerte für den
deutschsprachigen Raum vor. Durch einen Vergleich mit dem SVS konnten neben einer Bestätigung
der Unabhängigkeit der relativen Wichtigkeitseinschätzungen von der Messmethode auch Hinweise
für die konvergente und diskriminante Validität des PVQ gefunden werden: Jeder Wertebereich des
PVQ korrelierte höher mit dem gleichen Wert des SVS als mit den übrigen neun Wertebereichen.
Belege für die Konstruktvalidität des PVQ liegen ebenfalls vor (Schmidt et al., 2007). Insgesamt kann
für die deutsche Version des PVQ von einer gelungenen Adaptation ausgegangen werden.
An der Pontificia Universidad Católica in Santiago de Chile wurde von Dr. José Saiz eine chilenische
Version des PVQ (männliche Personenbeschreibungen; Saiz, 2003) zum Einsatz in kulturellen
Vergleichsstudien (Bobowik et al., 2011) entwickelt24. Der Autor berichtet in seiner Arbeit von
zufriedenstellenden internen Konsistenzen für acht der zehn Wertebereiche (α = .62 bis .81), für die
Werte Selbstbestimmung (α = .41) und Tradition (α = .30) lagen die Kennwerte jedoch im nicht
zufriedenstellenden Bereich. Interne Konsistenzen für die vier übergeordneten Wertedimensionen
werden nicht berichtet. Als Hinweis auf die konvergente Validität wurde auch hier ein Vergleich mit
dem SVS herangezogen, die Ergebnisse sind analog zur deutschen Evaluationsstudie als
zufriedenstellend zu bewerten. Für die vorliegende Studie wurden die für männliche Probanden
formulierten Items durch Anpassung der Pronomina in eine weibliche Form übertragen.
Psychometrische Kennwerte für die chilenische Version des PVQ für weibliche Probandinnen sind an
den entsprechenden Stellen berichtet.
3.2.4.6 Test of Self-Conscious Affect – TOSCA
Zur Erfassung der Neigung zu Schamreaktionen in verschiedenen Situationen wurde die Skala
Schamneigung aus dem Test of Self-Conscious Affect (TOSCA; Tangney et al., 1989) verwendet. Das in
einer psychometrisch evaluierten Fassung für den deutschsprachigen Raum vorliegende
(Kocherscheidt et al., 2002) Selbstbeschreibungsinstrument beruht auf der theoretischen Konzeption
von
Scham
und
Schuld,
wie
sie
von
Lewis
(1971)
vertreten
wurde,
sowie
auf
attributionstheoretischen Überlegungen (Weiner, 1980). Es werden typische affektive, kognitive und
verhaltensbezogene Aspekte verschiedener selbstreflexiver Emotionen mit insg. 15 alltagsnahen
Szenarien erfasst. Zehn Szenarien haben dabei eine negative affektive Valenz (z.B. Item 2: „Sie haben
auf der Arbeit einen Gegenstand kaputtgemacht und verstecken ihn anschließend“), die übrigen fünf
24
Die Informationen zum chilenischen PVQ entstammen persönlichen Email-Kontakten mit Shalom Schwartz
vom 08.05.2014 sowie mit José Saiz u.a. vom 28.05.2014.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
107
Szenarien sind positiv affektiv getönt (z.B. Item 12: „Sie und eine Gruppe von Mitarbeitern haben
sehr hart für ein Projekt gearbeitet. Ihr Chef wählt Sie für eine Prämie aus, da das Projekt ein großer
Erfolg war“). Für jedes Szenario soll auf einer fünfstufigen Likert-Skala von 1 = sehr unwahrscheinlich
bis 5 = sehr wahrscheinlich die subjektive Wahrscheinlichkeit bestimmter Reaktionen auf die
Szenarien eingeschätzt werden. Neben der Neigung, mit Scham oder Schuld zu reagieren, werden auf
zwei Skalen Stolz auf das eigene Selbst sowie auf das eigene Verhalten erfasst. Emotionsrelevante
Attributionsmuster werden zusätzlich durch die beiden Skalen Externalisierung und Distanzierung
abgebildet. Der vollständige Fragebogen findet sich im Anhang. Im Rahmen der vorliegenden
Untersuchung war lediglich die Skala Schamneigung von Interesse, weshalb im Folgenden nur
diejenigen psychometrischen Kennwerte dargestellt werden, die diese Subskala betreffen.
Insgesamt wird die Neigung, mit Scham zu reagieren, über alle Szenarien hinweg mit 15
Einschätzungen erfasst, als Skalenwert dient das arithmetische Mittel über dieselben. Die interne
Konsistenz der Skala (Cronbach’s α) lag in der studentischen Stichprobe der deutschen
Evaluationsstudie (n = 194) bei α = .86, was als gut zu bewerten ist. Die Test-Retest-Reliabilität für ein
10-Wochen-Intervall (n = 30 Studierende) lag bei rtt = .83, auch dieser Wert ist als gut zu beurteilen.
Hinweise auf die Validität des Verfahrens ergeben sich aus der guten Differenzierbarkeit von Schamund
Schuldneigung
über
differentielle
Korrelationsmuster
mit
verschiedenen
Persönlichkeitsvariablen sowie aus einer erwartungsgemäß engeren Verbindung zwischen
Schamneigung und psychopathologisch relevanten Persönlichkeitsvariablen (z.B. Neurotizismus) als
zwischen Schuld und denselben (Kocherscheidt et al., 2002).
Las Hayas, Guillén, González, Gotzone & Giumón (2005) haben unter der Bezeichnung Test del Afecto
Auto-consciente eine spanischsprachige Version des TOSCA vorgelegt und erste Kennwerte zur
Bewertung der psychometrischen Güte bereitgestellt. Bei gleichem Iteminhalt und identischem
Antwortformat lag die interne Konsistenz (Cronbach’s α) für die Skala Schamneigung in einer
vorrangig aus Studenten und psychiatrischen Patienten bestehenden Stichprobe (n = 194) bei α = .71,
was zwar niedriger als in der deutschen Stichprobe ist, aber dennoch als zufriedenstellend bewertet
werden kann. Als erste Hinweise auf die Validität des Instruments ergaben sich erwartete
Korrelationsmuster der Skala Schamneigung mit einer Skala zur Erfassung von Belohnungs- und
Bestrafungssensibilität. Ebenso ergaben sich hinsichtlich der Schamneigung wie erwartet erhöhte
Werte in einer depressiven Substichprobe, was auf die Relevanz des Konstrukts im Rahmen
psychopathologischer Symptomatik schließen lässt (Las Hayas et al., 2005; Guimón, Las Hayas,
Guillén, Boyra & González-Pinto, 2007). Einschränkend ist anzumerken, dass Untersuchungen mit der
spanischen Version des TOSCA nach Kenntnis der Autorin bisher ausschließlich aus dem iberischen
Raum vorliegen, die kulturelle Passung des Instruments auf den lateinamerikanischen Raum kann
deshalb nicht abschließend bewertet werden.
108
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Der TOSCA war in jüngerer Vergangenheit wiederholt einer kritischen Diskussion ausgesetzt, wobei
die zentrale Frage diejenige nach der Übereinstimmung zwischen Messanspruch des Instruments und
tatsächlich erfassten Aspekten der selbstreflexiven Emotionen war (Fontaine, Luyten, DeBoeck &
Corveleyn, 2001). Unter anderem Luyten, Fontaine & Corveleyn (2002) konnten zeigen, dass durch
den TOSCA nur jeweils bestimmte Aspekte von Schuld und Scham erfasst werden: während bei
Scham vorwiegend maladaptive Aspekte wie eine globales negatives Selbstbild abgebildet werden,
werden bei der Emotion Schuld fast ausschließlich adaptive Aspekte wie der Wille zur
Wiedergutmachung erfasst. Ausgehend von spezifischen Fragestellungen empirischer Arbeiten sollte
daher jeweils eine sorgfältige und kritische Prüfung der Eignung des TOSCA erfolgen. Für die
vorliegende Studie wurden deshalb verschiedene Instrumente, die zur Erfassung von Scham
vorliegen, in Messanspruch und psychometrischer Güte verglichen. Von besonderem Interesse war
die Bedeutung von Scham für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychopathologischer
Symptomkomplexe, weshalb der TOSCA mit dem oben berichteten Schwerpunkt auf – zumindest im
westlichen kulturellen Kontext – maladaptiven Aspekten der Scham zur Beantwortung der
Forschungsfragen als geeignet beurteilt wurde.
3.2.4.7 Beck Depressions-Inventar – BDI-I
Zur Validierung der Diagnosen in den klinischen Stichproben wurde die deutsche Version des
international weit verbreiteten Beck Depressions-Inventars (BDI-I) in seiner revidierten Fassung
verwendet (Hautzinger, Bailer, Worall & Keller, 1995)25. Das Selbstbeurteilungsinstrument erfasst in
Anlehnung an die diagnostischen Kriterien des DSM-IV-TR depressive Symptome mit 21 Gruppen von
je vier Aussagen, die in zunehmendem Schweregrad für das jeweilige Symptom angeordnet sind und
vom Probanden in Bezug auf ihren Ausprägungsgrad während der letzten Woche beurteilt werden
(z.B. Item 1: 0 = „Ich bin nicht traurig“, 1 = „Ich bin traurig“, 2 = „Ich bin die ganze Zeit traurig und
komme nicht davon los“, 3 = „Ich bin so traurig oder unglücklich, dass ich es kaum noch ertrage“). Als
Skalenwert dient der Summenwert über alle Items. Als Grenzwert für deutliche klinisch relevante
Beeinträchtigung geben die Autoren bei einer Spannweite zwischen 0 und 63 einen Wert von 18 an.
Die interne Konsistenz der Skala (Cronbach’s α) lag in der Studie von Hautzinger et al. (1995) bei α =
.88, was als gut bewertet werden kann. Die inhaltliche Validität des Instruments ergibt sich aus der
Nähe zu den diagnostischen Kriterien für depressive Störungen des DSM-IV-TR. Die Konstruktvalidität
kann als gegeben angenommen werden (Richter, 1991).
25
Die Entscheidung für das BDI-I fiel aus pragmatischen Gründen zur Erhöhung der Kompatibilität der Studie
mit anderen chilenischen klinisch-psychologischen Studien, welche unter anderem im Rahmen des vom
chilenischen Wirtschafts- und Entwicklungsministerium geförderten „Núcleo Milenio Intervención Psicológica y
Cambio en Depresión“ durchgeführt werden.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
109
Mit dem Inventario de Depresión de Beck haben Sanz & Vázquez (1998) eine spanische Übersetzung
mit identischem Iteminhalt und Antwortformat vorgelegt. Die interne Konsistenz lag bei α = .83 und
ist somit als gut zu beurteilen. Mittlerweile wurde das Instrument unter anderem auch in
chilenischen Stichproben evaluiert und als psychometrisch zufriedenstellend beurteilt (Contreras,
Fernandez, Malcarne, Ingram & Vaccarino, 2004; Alvarado, Vega, Sanhueza & Muñoz, 2005).
3.2.5
Studienablauf
In Chile wurde die Untersuchung als reine Fragebogenstudie durchgeführt. Nach Unterzeichnung der
Einwilligungserklärung füllten die Teilnehmerinnen die Fragebögen zu Hause oder in Anwesenheit
der Versuchsleiterin aus. Ein Teil der Probandinnen erhielt das Fragebogenpaket in einer
Onlineversion, der andere Teil in Papier-Version. Die computerbasierte Version war unter
Zuhilfenahme des Online-Umfrage-Systems Soscisurvey26 erstellt worden und in Instruktion, Inhalt
und Reihenfolge der Fragebögen mit der Papier-Version identisch. Das Ausfüllen der Fragebögen
dauerte ca. 40 Minuten. Als Vergütung für ihre Teilnahme erhielten die Probandinnen ein kleines
Geschenk (Süßigkeiten, Armband, Notizheft o.ä.) sowie die Möglichkeit einer persönlichen
Rückmeldung über ihre Werthaltungen, erfasst über die chilenische Version des PVQ. Diese wurde
nach der Auswertung per Email an diejenigen Teilnehmerinnen verschickt, die ihre Emailadresse zu
diesem Zweck hinterlegt hatten. In Deutschland war das Fragebogenheft für die kulturvergleichende
Studie in die Datenerhebung der experimentellen Studie integriert. Das Fragebogenpaket war dabei
in Instruktion, Inhalt und Reihenfolge der Fragebögen identisch zu dem in Chile vorgelegten Paket.
Der Ablauf des experimentellen Erhebungstermins in Deutschland ist unter Absatz 4.2.5 beschrieben.
3.2.6
Auswertungsstrategien
3.2.6.1 Datenaufbereitung und vorbereitende Analysen
Die Datenaufbereitung und -auswertung erfolgte mit dem Programm IBM SPSS Statistics 20 für
Windows. Zunächst erfolgte eine Sichtung des Datensatzes in Hinblick auf die Korrektheit der
Dateneingabe sowie die Erfüllung der unter Absatz 3.2.1 beschriebenen Ein- und Ausschlusskriterien.
Fehlende Werte wurden mit dem MCAR-Test nach Little (1988) analysiert. Dabei wird überprüft, ob
die Verteilung der fehlenden Werte als völlig zufällig (Missing Completely At Random - MCAR) zu
beurteilen ist. Anschließend wurden, wo nötig, die Rohwerte umkodiert und fehlende Werte in den
quantitativen Variablen nach dem Expectation Maximization Algorithmus (Dempster, Laird & Rubin,
1977) in den Datensatz implementiert. Dabei werden mittels eines iterativen Vorgehens zunächst
26
www.soscisurvey.de; zuletzt abgerufen am 12.05.2014
110
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
bedingte Erwartungswerte für den fehlenden Wert geschätzt und anschließend entsprechend
konvergiert. Geschätzt wird also die höchste Wahrscheinlichkeit der Verteilung der fehlenden Werte
bei gegebenen beobachteten Werten. Danach wurden die entsprechenden Skalenwerte der
quantitativen Instrumente nach den jeweiligen Auswertungsvorschriften gebildet. Fehlende Werte in
den soziodemografischen Angaben wurden nicht ersetzt, da es sich um Ein-Item-Messungen handelt.
Ausreißerwerte wurden über die Betrachtung der Z-Verteilungen der Skalenwerte analysiert.
Personen mit Werten von z >|3| wurde ein Wert zugewiesen, der um einen Punktwert extremer als
der nächstliegende Wert war. Dieses Vorgehen ist bei vereinzelten Ausreißern in kleinen Stichproben
dem fallweisen Löschen der Datensätze vorzuziehen (Tabachnick und Fidell, 2013).
Zur Überprüfung der Normalverteilung von ADS, PVQ, IIM, RSQ-19 und TOSCA in der
Grundgesamtheit der Stichproben wurde der Kolmogorow-Smirnov-Test angewendet. Dieser
überprüft mittels einer Z-Statistik die Abweichung der Verteilung der gegebenen Werte von der
theoretisch postulierten Normalverteilung. Ebenfalls in der Grundgesamtheit wurden zur
Abschätzung der Reliabilität der Instrumente die internen Konsistenzen (Cronbach’s α) berechnet.
Zur Überprüfung der kulturvergleichenden Fragestellungen wurden aus der Grundgesamtheit der
Stichproben altersgematchte Gruppen erstellt. Dabei wurde jeder Patientin aus der klinischen
Stichprobe eine Probandin gleichen Alters aus der wesentlich personenstärkeren nicht-klinischen
Stichprobe der jeweiligen Nation zugewiesen. Standen mehrere Personen gleichen Alters zur
Verfügung, wurde das Bildungsniveau als weitere Auswahlvariable herangezogen.
Zur Exploration möglicher Störeinflüsse wurde die Verteilung der soziodemografischen Indikatoren
Alter,
Bildungsniveau,
Familienstand,
Anzahl
der
Kinder,
Berufsstatus
und
Nettoäquivalenzeinkommen auf signifikante Gruppenunterschiede hin überprüft. Für die nominal
oder ordinal skalierten Indikatoren wurde hierbei der Chi²-Test angewendet, für die (quasi-)
intervallskalierten kontinuierlichen Indikatoren erfolgte die Überprüfung mit T-Tests oder, bei
Verletzung der Normalverteilungsannahme, mit dem Kruskal-Wallis-H-Test (Kruskal & Wallis, 1952).
Anschließend wurden diejenigen Indikatoren, für die sich signifikante Gruppenunterschiede ergeben
hatten, auf Gesamtstichprobenebene mit den Skalenwerten korreliert. Dazu wurden für die
kontinuierlichen Variablen Produkt-Moment-Korrelationskoeffizienten nach Pearson, für die ordinalskalierten Variablen Rangkorrelationskoeffizienten nach Spearman berechnet. Bei signifikanten
Korrelationen wurden die betreffenden soziodemografischen Merkmale in allen folgenden
Auswertungsschritten als Kovariaten berücksichtigt. Dieses Vorgehen entspricht den Empfehlungen
von Matsumoto und Yoo (2006), die vor dem Hintergrund des Anliegens, kulturelle Einflüsse
möglichst unkonfundiert erfassen zu wollen, zu einem besonders sorgsamen Umgang mit möglichen
Einflüssen durch soziodemografische Merkmale mahnen.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
111
3.2.6.2 Gruppenvergleiche
Mittelwertsvergleiche zwischen den Gruppen in den psychologischen Zielvariablen wurden im
Rahmen des Allgemeinen Linearen Modells (ALM) mit univariaten Varianzanalysen überprüft. Dabei
wurden die dichotomen Merkmale nationale Zugehörigkeit (Deutschland = 0/Chile = 1) sowie
klinische Depression (nicht depressiv = 0/depressiv = 1) als Faktoren, die kontinuierlichen Merkmale
persönliche Werthaltungen, interpersonale Motive und Zurückweisungssensibilität entsprechend als
abhängige Variablen operationalisiert. Wo nötig, wurden sozioökonomische Indikatoren als
Kovariaten mit in das Modell aufgenommen. Bei zweifaktoriellen Versuchsplänen wird neben den
Haupteffekten der beiden Faktoren der Interaktionsterm (Produkt der Faktoren) berechnet. Als
Kennwerte werden die Prüfgröße F, die Freiheitsgrade df, das Signifikanzniveau p sowie als Schätzer
der Effektstärke das partielle η² angegeben. Das partielle η² multipliziert mit dem Faktor 100 ergibt
den prozentualen Anteil an Varianz der abhängigen Variable, der einzig durch den betreffenden
Faktor bzw. Interaktionsterm erklärt wird (Field, 2013). Nach Cohen (1988) können Werte von η² >
.01 als kleiner, Werte ab η² = .06 als mittlerer und ab η² = .14 als großer Effekt verstanden werden.
Voraussetzungen für die Varianzanalyse sind Homogenität der Varianzen (Homoskedastizität) und
Normalverteilung der abhängigen Variablen in der Grundgesamtheit. Die Homogenität der Varianzen
wird mit dem Levene-Test überprüft, angegeben werden die Prüfgröße F und das Signifikanzniveau p.
Sofern eine Gruppengröße von n = 10 nicht unterschritten wird, kann die Varianzanalyse zwar als
robust gegenüber Verletzungen der Annahme der Varianzhomogenität betrachtet werden (Bortz &
Schuster, 2010), es empfiehlt sich aber dennoch, ein strengeres Alpha-Niveau zu wählen (Field,
2013), um eine fälschliche Verwerfung der Nullhypothese zu vermeiden. Sind die abhängigen
Variablen
nicht
normalverteilt,
führt
dies
zu
einer
konservativ
verzerrten
Schätzung,
Mittelwertsunterschiede sind entsprechend schwerer nachzuweisen. War diese Voraussetzung
verletzt, wurde auf den verteilungsfreien H-Test nach Kruskal und Wallis (1952) zurückgegriffen.
Zur Überprüfung der Fragestellungen zur Emotion Scham wurden, da a priori gerichtete Hypothesen
über spezifische Gruppenunterschiede aufgestellt worden waren, im Anschluss an die univariate
Varianzanalyse geplante Kontraste berechnet. Im Sinne eines konfirmatorischen Vorgehens werden
dabei nur diejenigen Mittelwertsvergleiche durchgeführt, die a priori hypothesengeleitet festgelegt
wurden. Geplante Kontraste sind explorativen post-hoc-Tests aufgrund von höherer Teststärke, der
Verwendung multipler t-Tests und somit der Vermeidung von Alpha-Fehler-Kumulierung
vorzuziehen. Voraussetzung für eine ausreichend teststarke Überprüfung ist dabei die Orthogonalität
(Unabhängigkeit) der Kontraste. Bei k Gruppen können k-1 orthogonale Kontraste überprüft werden,
was in Abbildung 9 verdeutlicht wird. Zur Definition der Kontraste werden jeder Gruppe
Kontrastgewichte zugeordnet. Die Gruppen, die miteinander verglichen werden sollen, erhalten
112
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
positive resp. negative Werte. Gruppen, die für den spezifischen Kontrast nicht von Bedeutung sind,
erhalten den Wert 0. Die Kontraste sind dann als orthogonal zu betrachten, wenn die Summe der
Gewichte pro Kontrast Null ist und das Produkt der Gewichte einer Gruppe über alle Kontraste
ebenfalls Null ist (Field, 2013). In Tabelle 8 werden die in der vorliegenden Studie definierten
Kontraste mit den dazugehörigen Kontrastgewichten dargestellt.
Abbildung 9: Konzeptuelles Modell geplanter Kontraste
Tabelle 8: Kontrastgewichte der geplanten Kontraste
KD
DD
KCL
DCL
Σ Gewichte
K1
1
1
-1
-1
0
K2
1
-1
0
0
0
K3
0
0
1
-1
0
Produkt (K1 x K2 x K3)
0
0
0
0
KD = Kontrollstichprobe Deutschland; DD = Patientenstichprobe Deutschland; KCL = Kontrollstichprobe Chile; DCL
= Patientenstichprobe Chile; K1 – K3 = definierte Kontraste
3.2.6.3 Korrelationsanalysen
Zur Überprüfung von Fragestellungen hinsichtlich kontinuierlicher Zusammenhänge zwischen
verschiedenen Merkmalen wurden Korrelationsanalysen berechnet. Berichtet werden jeweils der
Korrelationskoeffizient r sowie das Signifikanzniveau p. Mussten aufgrund der Voranalysen keine
sozioökonomischen Indizes berücksichtigt werden und war die Normalverteilungsannahme nicht
verletzt, wurden Produkt-Moment-Korrelationskoeffizienten nach Pearson berechnet. Bei Verletzung
der Normalverteilungsannahme bei intervallskalierten Variablen sowie bei der Untersuchung von
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
113
ordinalskalierten Merkmalen wurden Rangkorrelationskoeffizienten nach Spearman berechnet.
Mussten sozioökonomische Indikatoren als Kontrollvariablen aufgenommen werden, wurden
Partialkorrelationskoeffizienten berechnet. Partialkorrelationen ermöglichen die Kontrolle von
Drittvariablen durch Eliminieren des Einflusses derselben auf den Zusammenhang zwischen zwei
Variablen. Zwar kann die hier geltende Voraussetzung multivariater Normalverteilung nur schwer
überprüft
werden,
verschiedene
Berichte
sprechen
jedoch
für
die
Robustheit
des
Partialkorrelationskoeffizienten gegenüber der Verletzung dieser Annahme (Bortz & Schuster, 2010).
Zur Überprüfung der statistischen Bedeutsamkeit von Unterschieden in der absoluten Höhe von
Korrelationskoeffizienten wurde bei unabhängigen Korrelationen Fisher’s Z berechnet, bei
abhängigen Korrelationen wurde das Ausmaß der Unterschieds mit einem t-Test zum Vergleich
abhängiger Korrelationskoeffizienten überprüft (Field, 2013).
3.2.6.4 Mediierte Regressionsanalysen
Zur Überprüfung der Fragestellungen zum Erklärungswert von Werthaltungen für nationale
Unterschiede
in
den
abhängigen
Variablen
wurden
regressionsanalytisch
fundierte
Mediationsanalysen berechnet. Im Rahmen einer Mediationsanalyse wird untersucht, inwiefern der
Zusammenhang zwischen einem Prädiktor und einem Kriterium durch eine dritte (Mediator-)variable
erklärt wird. Sie dient damit im Rahmen querschnittlicher Designs einer Abschätzung kausaler
Strukturen innerhalb der Daten. Unterschieden wird in partielle und vollständige Mediation. Bei der
partiellen Mediation bleibt auch unter Berücksichtigung des Mediators ein substantieller
Zusammenhang zwischen Prädiktor und Kriterium bestehen, während dieser Effekt bei einer
vollständigen Mediation nicht mehr vorhanden ist.
Nach Baron & Kenny (1986) müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein: (a) es besteht ein
signifikanter Effekt der UV auf die AV; (b) es besteht ein signifikanter Effekt der UV auf den Mediator;
(c) es besteht ein substantieller Zusammenhang zwischen Mediator und AV. Diese Voraussetzungen
sind als notwendige, nicht jedoch als hinreichende Bedingungen zur Überprüfung einer
Mediationshypothese zu verstehen. Da auch beim Auffinden eines Mediationseffekts vielfältige
alternative Erklärungen vorstellbar sind, sollten Hypothesen über den Erklärungswert von
Drittvariablen für Zusammenhänge zwischen Variablen stets theoriegeleitet sein sollten (Fiedler,
Schott & Meiser, 2011).
Abbildung 10 verdeutlicht das der einfachen Mediation zugrundeliegende konzeptuelle Modell. Pfad
a beschreibt dabei den direkten Einfluss des Prädiktors auf den Mediator. Pfad b beschreibt den
Zusammenhang zwischen Mediator und Kriterium. Der Effekt des Prädiktors auf das Kriterium (Pfad
c) lässt sich unterteilen in einen direkten Einfluss (c‘) und einen indirekten Effekt über den Mediator
114
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
(ab). Der Gesamteffekt des Prädiktors auf das Kriterium (Totaler Effekt, c) ergibt sich
dementsprechend aus der Summe von direktem und indirektem Effekt: c = c‘ + ab.
Abbildung 10: Konzeptuelles Modell der einfachen mediierten Regression
Zur Überprüfung der Mediationshypothesen wurde die PROCESS Bootstrappingmethode (Hayes,
2013) angewendet. Kostenfreie Makros ermöglichen eine einfache Implementierung des Verfahrens
in SPSS und andere Programme27. Beim Bootstrapping, einem Resamplingverfahren, werden aus den
vorhandenen Daten immer wieder (hier 1000mal) abhängige Stichproben gezogen und die Parameter
aus diesen geschätzt. Es ergibt sich eine Kennwerteverteilung, deren Mittelwert der am Ende
ausgegebene Effekt ist. Um diesen Effekt wird ein Konfidenzintervall gespannt (im vorliegenden Fall
95%). Für die Interpretation gilt, dass zur Ablehnung der Nullhypothese das Konfidenzintervall den
Wert Null nicht enthalten darf. Berichtet werden die Regressionsgewichte β und Standardfehler SE,
die Prüfgrüße T, das Signifikanzniveau p und das durch Bootstrapping ermittelte Konfidenzintervall
zum indirekten Effekt. In der vorliegenden Studie wurden alle Variablen vor der Berechnung der
mediierten Regressionsanalysen z-standardisiert, sodass alle ausgegebenen Regressionskoeffizienten
als standardisierte β-Koeffizienten zu verstehen sind.
3.2.6.5 Moderierte Regressionsanalysen
Zur Überprüfung der Fragestellungen, die sich auf die Variation des Zusammenhangs zwischen
Schamneigung und Depressivität in Abhängigkeit von der motivationalen Ausrichtung auf
Verschlossenheit bezogen, wurden moderierte Regressionsanalysen berechnet. Dabei wird die
Beeinflussung des Zusammenhangs zwischen zwei Variablen (Prädiktor und Kriterium) durch eine
27
http://www.afhayes.com/spss-sas-and-mplus-macros-and-code.html; zuletzt abgerufen am 25.08.2014
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
115
Drittvariable (Moderatorvariable) untersucht. Geprüft wird, ob sich die Auswirkungen des Prädiktors
in Abhängigkeit von der Ausprägung des Moderators unterscheiden, wobei konventionell drei
Ausprägungsstufen des Moderators herangezogen werden28.
Das konzeptuelle Modell ist in
Abbildung 11 dargestellt.
Abbildung 11: Konzeptuelles Modell der moderierten Regression
Im Rahmen der vorliegenden Auswertung wurden die moderierten Regressionsanalysen mit der
bereits unter Absatz 3.2.6.4 vorgestellten PROCESS Bootstrappingmethode (Hayes, 2013)
durchgeführt. Dabei ist neben dem Vorteil der Ermittlung von Konfidenzintervallen zur Abschätzung
der statistischen Bedeutsamkeit der Effekte im Hinblick auf moderierte Regressionsanalysen
insbesondere in automatische Grandmean-Zentrierung aller Variablen hervorzuheben, die die
Interpretation von Interaktionseffekten deutlich erleichtert. Es erfolgt zunächst eine Prüfung des
Gesamtmodells. Als Kennwerte angegeben werden der Anteil erklärter Varianz (R²), die Prüfgröße F
sowie das Signifikanzniveau p. Es schließt sich eine Überprüfung der einzelnen in das Modell
eingegangenen Komponenten an. Als Kennwerte werden hier die Regressionsgewichte β, die
Standardfehler SE, die Prüfgröße T und das Signifikanzniveau p der einzelnen Prädiktoren sowie der
Interaktionsterme mit den jeweiligen durch Bootstrapping mit 1000 Ziehungen ermittelten
Konfidenzintervallen ausgegeben. Weiterhin werden Kennwerte für die bedingten Effekte des
Prädiktors auf das Kriterium für die einzelnen Stufen des Moderators ausgegeben, welche eine post
hoc-Analyse der Richtung der Moderation (Simple Slopes Analyse) ermöglichen. In der vorliegenden
Studie wurden alle Variablen vor der Berechnung der moderierten Regressionsanalysen zstandardisiert, sodass die ausgegebenen Regressionskoeffizienten als standardisierte β-Koeffizienten
28
niedrig: Mittelwert – 1 Standardabweichung; mittel: Mittelwert; hoch: Mittelwert + 1 Standardabweichung
116
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
zu verstehen sind. Wo eine Konfundierung durch sozioökonomische Indikatoren angenommen
werden musste, wurden diese als Kovariaten in das Modell aufgenommen.
3.3
Ergebnisse
Im Folgenden werden die Ergebnisse der kulturvergleichenden Fragebogenuntersuchung dargestellt.
Dabei wird zunächst auf Besonderheiten der Datenaufbereitung (3.3.1) sowie die vorbereitenden
Analysen (3.3.2) eingegangen und die endgültige Analysestichprobe beschrieben (3.3.3).
Anschließend werden die Ergebnisse der Hypothesentestung (3.3.4) dargestellt.
3.3.1
Datenaufbereitung
Für die kulturvergleichende Analyse waren Daten von insgesamt n = 204 Personen erhoben worden,
davon waren n = 105 deutsche und n = 99 chilenische Teilnehmerinnen. Es erfolgte zunächst eine
Überprüfung der Ein- und Ausschlusskriterien für die generelle Studienteilnahme. Die psychopathologiespezifischen Einschlusskriterien waren für die Durchführung der vorbereitenden Analysen
unbedeutend und sind an anderer Stelle dieses Kapitels (Absatz 3.3.3) ausführlich dargestellt.
Es mussten aufgrund der Ein- und Ausschlusskriterien in Deutschland n = 4 und in Chile n = 10
Personen von der weiteren Auswertung ausgeschlossen werden (siehe Tabelle 9). Es ergab sich somit
eine endgültige Stichprobe von n = 190 Personen, davon n = 101 deutsche und n = 89 chilenische
Teilnehmerinnen. Von den deutschen Probandinnen gehörten n = 27 zur Patientenstichprobe und n =
74 zur Kontrollstichprobe. In Chile gehörten n = 22 Probandinnen der Patientenstichprobe und n = 67
der Kontrollstichprobe an. Diese Gesamtstichprobe diente der Durchführung vorbereitender
Analysen sowie als Personenpool zur Bildung gematchter Stichproben.
Die Verteilung der fehlenden Werte, die nach dem Ausschluss aller Personen mit mehr als 5%
fehlenden Werten insgesamt im Datensatz persistierten, wurde mit dem MCAR-Test (Little, 1988)
überprüft, der eine völlig zufällige Verteilung derselben ergab. Die fehlenden Werte wurden
entsprechend mit dem EM-Algorithmus nach Dempster et al. (1977) ersetzt. Nach Bildung der
Skalenwerte der einzelnen Instrumente erfolgte schließlich die Ausreißeranalyse durch Betrachtung
der z-standardisierten Skalenwerte. Lediglich eine Person wies auf der Skala Agency einen z-Wert von
z > |3| auf, welcher nach den Empfehlungen von Tabachnick & Fidell (2013) ersetzt wurde. Alle
übrigen Werte konnten unverändert beibehalten werden.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
117
Tabelle 9: Überprüfung der Einschlusskriterien
Kriterium
Definition
Überprüfung
Ausschluss*
D
CL
Alter
≤ 65 Jahre
Selbstbericht
N=0
N=3
Nationalität
Entsprechende
Staatsbürgerschaft ODER mind. 7
Jahre im entsprechenden Land
Selbstbericht
N=1
N=2
Andere psychische
Störung
Keine Hinweise auf: bipolare
Störung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, psychotische
Störung, Substanzabhängigkeit
oder akute Suizidalität
Selbstbericht
N=1
N=2
Vollständigkeit der
Daten
Weniger als 5% fehlende Werte
insgesamt
Analyse fehlender
Werte
N=2
N=3
* aufgrund des Nichterfüllens des betreffenden Einschlusskriteriums mussten n = x Personen aus der
ursprünglichen Stichprobe gelöscht werden
3.3.2
Vorbereitende Analysen
3.3.2.1 Verteilungsform
Zur
Überprüfung
der
Verteilungsform
der
Skalenwerte
sowie
der
kontinuierlichen
soziodemografischen Indikatoren Alter und Einkommen wurde der Kolmogorow-Smirnov-Test
eingesetzt, Ergebnisse dieser Analysen finden sich in Tabelle 10. Erwartungsgemäß wich die Variable
Alter in beiden Stichproben signifikant von der Normalverteilung ab (ZD = 1,96; p < .01; ZCL = 1,59; p <
.05). In beiden Gruppen waren Studenten und damit Personen zwischen 20 und 30 Jahren
überproportional vertreten. Ebenso ergab sich für das Einkommen in der deutschen Stichprobe eine
Abweichung von der Normalverteilung (ZD = 1,94; p < .01). In der chilenischen Stichprobe wich die
Verteilungsform der ADS signifikant von der Normalverteilung ab (ZCL = 1,70; p < .01). Es zeigte sich
eine linkssteile Verteilung mit mehr Personen mit niedrigen Skalenwerten. Dies war zu erwarten,
wurden doch für die im Vergleich zur klinischen Gruppe deutlich personenstärkere Kontrollgruppe
explizit Personen rekrutiert, die keine depressive Störung aktuell oder in der Vorgeschichte
aufwiesen. Auch in der deutschen Stichprobe war die Verteilung wie erwartet leicht linkssteil, die
Abweichung von der Normalverteilung erreichte jedoch hier keine statistische Signifikanz.
118
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Tabelle 10: Vorbereitende Analysen Teilstudie A
Kolmogorow-Smirnov-Z
Cronbach‘s α
D (n = 101)
CL (n = 89)
D (n = 101)
CL (n = 89)
Alter
1.96**
1.59*
Einkommen
1.94**
1.21
ADS
1.21
1.70**
.94
.95
RSQ-19
0.95
0.86
.91
.90
Schamneigung
0.53
0.68
.79
.78
IIM – Agency
0.72
0.59
IIM – Communion
0.82
0.91
IIM – Selbstsicherheit
0.89
0.70
.74
.74
IIM – Durchsetzung
0.38
0.53
.77
.63
IIM – Selbstbezogenheit
0.99
0.70
.82
.71
IIM – Verschlossenheit
0.57
0.59
.82
.86
IIM – Unterordnung
0.39
0.65
.78
.78
IIM – Altruismus
0.75
0.58
.60
.75
IIM – Harmonie
0.81
0.50
.80
.81
IIM – Soziale Akzeptanz
0.55
0.58
.69
.79
PVQ – Benevolenz
0.69
0.79
.65
.69
PVQ – Universalismus
0.48
0.77
.74
.75
PVQ – Tradition
0.65
1.00
.46
.64
PVQ – Konformität
0.46
0.83
.71
.78
PVQ – Sicherheit
0.65
0.86
.58
.69
PVQ – Macht
1.08
0.64
.69
.71
PVQ – Leistung
0.61
0.50
.85
.85
PVQ – Hedonismus
0.61
0.57
.79
.83
PVQ – Stimulation
0.42
0.78
.80
.75
PVQ – Selbstbestimmung
0.44
0.99
.40
.70
PVQ – Selbst-Überwindung
0.58
0.41
.74
.81
PVQ – Selbst-Erhöhung
0.55
0.78
.85
.87
PVQ – Bewahrung
0.57
0.63
.76
.83
PVQ – Offenheit für Wandel
0.57
0.71
.78
.88
* p < .05; ** p < .01; D = deutsche Stichprobe, CL = chilenische Stichprobe
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
119
3.3.2.2 Interne Konsistenz
Zur Abschätzung der Reliabilität der abhängigen Variablen wurde getrennt für die beiden Nationen
die interne Konsistenz (Cronbach’s Alpha) berechnet, die Ergebnisse sind ebenfalls in Tabelle 10
dargestellt. Da es sich bei Agency und Communion um gewichtete Composite Scores aller Subskalen
des IIM handelt, kann die interne Konsistenz nicht berechnet werden. Da aber, wie aus Tabelle 10
ersichtlich, die internen Konsistenzen aller Subskalen des IIM Werte im ausreichenden (Altruismus: α
= .60 in der chilenischen Stichprobe) bis guten (Verschlossenheit: α = .86 in der deutschen
Stichprobe) Bereich aufwiesen, kann von einer ausreichenden Reliabilität der Composite Scores
ausgegangen werden. Es ergab sich weiterhin eine deutlich unbefriedigende interne Konsistenzen
einiger
Subskalen
des
PVQ
in
der
deutschen
Stichprobe
(PVQSicherheit
αD
=
.58,
PVQSelbstbestimmung αD = .40, PVQTradition αD = .46). Dies könnte zwar auf die geringe Anzahl der
Items pro Skala zurückzuführen sein, zeigte sich jedoch nicht in gleichem Ausmaß in der chilenischen
Stichprobe,
wo
die
internen
Konsistenzen
der
betroffenen
Subskalen
durchweg
im
zufriedenstellenden Bereich lagen. Es muss somit davon ausgegangen werden, dass die betroffenen
Subskalen in Deutschland nicht ausreichend reliabel sind. Diesem Befund Rechnung tragend wurde
im Rahmen der Hypothesentestung auf eine Auswertung der Subskalen des PVQ verzichtet. Die
internen Konsistenzen der vier übergeordneten Wertedimensionen lagen, wie auch alle übrigen
Werte, bezüglich der internen Konsistenz durchweg im zufriedenstellenden (Selbst-Überwindung: α =
.74 in der deutschen Stichprobe) bis guten Bereich (Offenheit für Wandel: α = .88 in der chilenischen
Stichprobe), eine weitere Auswertung dieser Skalen erscheint somit gerechtfertigt.
3.3.3
Endgültige Analysestichprobe
3.3.3.1 Beschreibung der Teilstichproben
Für die Hypothesentestung wurde die Stichprobe in vier Gruppen (deutsch/chilenisch und
depressiv/nicht depressiv) aufgeteilt. Zu diesem Zweck wurden vorab die unter Absatz 3.2.1
beschriebenen klinischen Ein- und Ausschlusskriterien überprüft. Da sich manche Patienten schon
länger in psychotherapeutischer Behandlung befanden und die Diagnostik entsprechend zeitlich
zurücklag, musste für die Aufnahme in die endgültige klinische Stichprobe zusätzlich die aktuelle
Depressivität im klinischen Bereich liegen. Als Grenzwert wurde in der vorliegenden Studie ein
vergleichsweise liberales Kriterium von ADS > 20 und BDI-I > 15 gewählt. In Chile wurden nach
Auswertung dieser Kriterien n = 18, in Deutschland n = 24 depressive Probanden in die
Analysestichprobe aufgenommen.
Jedem dieser Patienten wurde aus der wesentlich personenstärkeren Gruppe nicht-klinischer
Probandinnen der entsprechenden Nation eine Person gleichen Alters zugewiesen. Dies gelang in
120
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Chile mit +/- 2 Jahren Altersunterschied, in Deutschland mit +/- 3 Jahren, was als ausreichend
altersgleich gewertet werden kann. Standen mehrere Kontrollprobandinnen gleichen Alters zur
Auswahl, wurde zusätzlich das Bildungsniveau als Matchingmerkmal herangezogen. Weiterhin
mussten die gesunden Personen einen ADS-Wert im nicht-klinischen Bereich (Skalenwert ADS < 20)
aufweisen. Ein Altersmatching der chilenischen und deutschen Patientinnenstichprobe aneinander
war aufgrund der geringen Fallzahl nicht möglich. Die endgültige Analysestichprobe bestand somit
aus n = 84 Probandinnen, n = 36 davon chilenischer Herkunft und n = 48 Probandinnen deutscher
Herkunft. Tabelle 11 zeigt die Verteilung der soziodemografischen Indizes Alter, Familienstand,
Anzahl der Kinder, Bildungsniveau, Berufstätigkeit sowie Einkommen in den vier Gruppen.
Alle Patientinnen der Patientenstichproben befanden sich in ambulanter psychotherapeutischer
Behandlung aufgrund einer depressiven Störung. Von den deutschen Patientinnen gaben 41,7% (n =
10) an, zusätzlich in psychopharmakologischer Behandlung zu sein, bei den chilenischen Patientinnen
lag dieser Anteil bei 88,9% (n = 16). In der deutschen nicht-klinischen Stichprobe gab keine
Teilnehmerin an, jemals unter einer depressiven Störung gelitten zu haben. Ebenso war keine
Probandin aktuell in psychopharmakologischer Behandlung. In der chilenischen nicht-klinischen
Stichprobe gab ebenfalls keine Probandin an, jemals unter einer depressiven Störung gelitten zu
haben.
Zwei
Probandinnen
nahmen
aktuell
Psychopharmaka
ein,
jedoch
lagen
die
Depressivitätswerte im deutlich nicht-klinischen Bereich, weshalb sie dennoch in die Studie
aufgenommen wurden.
3.3.3.2 Vergleichbarkeit der Teilstichproben
Um kulturelle und depressionsbedingte Einflüsse unkonfundiert untersuchen zu können, sollten sich
die vier Gruppen möglichst nicht auf wichtigen sozioökonomischen Indikatoren unterscheiden. Daher
wurde vor der eigentlichen Hypothesentestung eine Überprüfung von Gruppenunterschieden auf
den Indikatoren Alter, Familienstand, Anzahl der Kinder, Bildungsniveau, Einkommen und
Berufstätigkeit vorgenommen. Die kategorialen Variablen wurden dabei mit dem Chi²-Test überprüft,
für die kontinuierlichen Variablen Alter und Einkommen wurde der verteilungsfreie Kruskal-Wallis-HTest herangezogen, da eine Überprüfung der Verteilungsform eine signifikante Abweichung
derselben von der Normalverteilung ergeben hatte.
Es ergaben sich keine Unterschiede hinsichtlich des Alters (X² (3) = 1,49; p =.68). Ebenfalls keine
Gruppenunterschiede zeigten sich für die Indikatoren Familienstand (X² (12) = 14,13; p = .29), Anzahl
der Kinder (X² (12) = 15,40; p = .22) sowie Berufstätigkeit (X² (6) = 11,10; p = .09).
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
121
Tabelle 11: Soziodemografische Beschreibung der gematchten Gruppen
Indikator
KD (n = 24)
DD (n = 24)
KCL (n = 18)
DCL (n = 18)
19 – 65
37,25
14,93
0
21 – 62
37,13
14,42
0
21 – 63
39,33
12,57
0
21 – 64
39,28
12,79
0
7 (29,2%)
7 (29,2%)
10 (41,7%)
0
0
0
0
9 (37,5%)
5 (20,8%)
6 (25%)
0
4 (16,7%)
0
0
7 (38,9%)
1 (5,6%)
7 (38,9%)
1 (5,6%)
1 (5,6%)
0
1 (5,6%)
6 (33,3%)
4 (22,2%)
7 (38,9%)
1 (5,6%)
0
0
0
18 (75%)
2 (8,3%)
2 (8,3%)
2 (8,3%)
0
16 (66,7%)
4 (16,7%)
4 (16,7%)
0
0
8 (44,4%)
3 (16,7%)
3 (16,7%)
4 (22,3%)
0
6 (33,3%)
5 (27,8%)
2 (11,1%)
5 (27,8%)
0
0
6 (25%)
8 (33,3%)
10 (41,7%)
0
0
10 (41,7%)
10 (41,7%)
4 (16,7%)
0
1 (5,6%)
0
5 (27,8%)
12 (66,7%)
0
0
2 (11,1%)
10 (55,6%)
6 (33,3%)
0
16 (66,7%)
1 (4,2%)
7 (29,2%)
0
9 (37,5%)
6 (25%)
9 (37,5%)
0
14 (77,8%)
1 (5,6%)
3 (16,7%)
0
11 (61,1%)
4 (22,2%)
3 (16,7%)
0
623,9 – 5407,3
1943,8
1207,4
0
882,4 – 4575,4
1619,3
909,3
0
486,9 – 3516,2
2050,8
1013,9
0
256,7 – 2871,0
1181,8
757,3
0
Alter
Range
M
SD
Angabe fehlt
Familienstand
Ledig
In Partnerschaft
Verheiratet
Getrennt lebend
Geschieden
Verwitwet
Angabe fehlt
Anzahl Kinder
Keine Kinder
1 Kind
2 Kinder
Mehr als 2 Kinder
Angabe fehlt
Bildungsniveau*
1
2
3
5
Angabe fehlt
Berufsstatus
Berufstätig
Nicht berufstätig
Student
Angabe fehlt
Einkommen
Range
M
SD
Angabe fehlt
KD = Kontrollstichprobe Deutschland; DD = Patientenstichprobe Deutschland; KCL = Kontrollstichprobe Chile; DCL
= Patientenstichprobe Chile; M = Mittelwert; SD = Standardabweichung;
* Bildungsniveau: 1 = kein Abschluss, educación básica incompleta; 2 = Haupt- oder Realschulabschluss,
educación básica completa, educación media incompleta; 3 = (Fach-) Abitur, educación media completa,
educación técnica completa; 5 = Hochschulabschluss, educación universitaria completa
122
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Hinsichtlich des Bildungsniveaus ergaben sich signifikante Gruppenunterschiede (X² (9) = 22,2; p <
.01). Die Bildungsunterschiede blieben auch dann bestehen, wenn das Bildungsniveau dichotomisiert
(Hochschulzulassung ja / nein) wurde (X² (3) = 11,70; p < .01). Dies ist darauf zurückzuführen, dass in
den deutschen Gruppen wesentlich mehr Probanden ohne Hochschulzulassung vertreten waren als
in den beiden chilenischen Gruppen. Auch bezüglich des Einkommens ergaben sich ein signifikanter
Gruppenunterschied (X² (3) = 8,46; p < .05). Dieser Gruppenunterschied ist vor allem auf ein im
Vergleich sehr niedriges Einkommen in der chilenischen Patientenstichprobe zurückzuführen.
In einem nächsten Schritt wurden Zusammenhänge zwischen den beiden möglichen Störvariablen
(Bildungsniveau und Einkommen) und den übrigen Skalenwerten überprüft. Da sich das Einkommen
in den Voranalysen als von der Normalverteilung abweichend herausgestellt hatte und die Variable
Bildungsniveau ordinalskaliert ist, wurden Rangkorrelationskoeffizienten berechnet. Es ergaben sich
signifikante Zusammenhänge des Einkommens mit der ADS (r = -.27; p < .05), mit dem RSQ-19 (r = .33; p < .01), mit den IIM-Skalen Agency (r = .24; p < .05) und Communion (r = .23; p < .05) sowie mit
der Skala Selbst-Erhöhung des PVQ (r = .26; p < .05). Für das Bildungsniveau ergaben sich
bedeutsame Korrelationen mit der ADS (r = -.31; p < .01), mit dem RSQ-19 (r = -.23; p < .05), mit der
Skala Verschlossenheit des IIM (r = -.41; p < .01) sowie mit den PVQ-Skalen Selbst-Erhöhung (r = .25; p
< .05), Bewahrung (r = -.36; p < .01) und Offenheit für Wandel (r = .25; p < .05). Die Einflüsse
soziodemografischer Indikatoren werden, wo nötig, in den Analysen statistisch kontrolliert.
Zur Überprüfung von Mittelwertsunterschieden in der Depressivität zwischen den vier Gruppen
wurde, da die Normalverteilungsannahme für die ADS verletzt war, auf den verteilungsfreien KruskalWallis-H-Test zurückgegriffen. Die Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass durch das Matching
ausreichend depressionsheterogene Gruppen entstanden sind (Χ²(3) = 62,92; p < .001).
Anschließende paarweise Vergleiche der Gruppen mit entsprechender Bonferroni-Korrektur des
Alpha-Niveaus (αkorr = .99 bei k = 6 Tests) ergaben einen signifikanten Gruppenunterschied zwischen
der deutschen Kontroll- und der deutschen Patientenstichprobe (Z = 5,57; p < .001), zwischen der
deutschen Kontroll- und der chilenischen Patientenstichprobe (Z = -5,92; p < .001), zwischen der
chilenischen Kontroll- und der chilenischen Patientenstichprobe (Z = -5,63; p < .001) sowie zwischen
der chilenischen Kontroll- und der deutschen Patientenstichprobe (Z = 5,25; p < .001). Es ergaben
sich hingegen keine Unterschiede zwischen der deutschen und der chilenischen Kontrollstichprobe (Z
= 0,10; p = .919) sowie zwischen der deutschen und der chilenischen Patientenstichprobe (Z = -0,77;
p = .443). Der durch den H-Test ausgewiesene Gruppenunterschied ist somit erwartungsgemäß in
beiden nationalen Stichproben ausschließlich auf Unterschiede zwischen den depressiven und nicht
depressiven Teilnehmerinnen zurückzuführen.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
3.3.4
123
Hypothesentestung
In Tabelle 12 sind zunächst die Mittelwerte und Standardabweichungen aller abhängigen Variablen
getrennt für die vier Gruppen dargestellt. Mittelwerte mit negativen Vorzeichen entstanden durch
die Ipsatierung der Skalen des IIM bzw. PVQ.
Tabelle 12: Deskriptive Statistiken der abhängigen Variablen
KD (n = 24)
DD (n = 24)
KCL (n = 18)
DCL (n = 18)
ADS
8,21 (5,71)*
31,38 (8,80)
7,82 (5,16)
35,83 (9,87)
RSQ-19
7,21 (2,92)
13,79 (4,55)
7,21 (3,45)
11,52 (5,23)
Schamneigung
2,70 (0,60)
3,31 (0,63)
3,05 (0,65)
3,19 (0,70)
IIM – Agency
0,34 (0,38)
0,03 (0,68)
0,21 (0,59)
-0,04 (0,39)
IIM – Communion
1,84 (0,64)
1,28 (0,40)
1,37 (0,53)
0,94 (0,58)
IIM – Verschlossenheit
-0,61 (0,43)
-0,18 (0,57)
-0,40 (0,61)
-0,07 (0,59)
PVQ – Selbst-Überwindung
0,75 (0,53)
0,54 (0,57)
1,01 (0,45)
0,90 (0,66)
PVQ – Selbst-Erhöhung
-0,72 (0,85)
-0,77 (0,61)
-1,24 (0,83)
-0,96 (0,79)
PVQ – Bewahrung
-0,27 (0,55)
-0,10 (0,64)
-0,20 (0,66)
-0,08 (0,88)
PVQ – Offenheit für Wandel
0,00 (0,49)
0,01 (0,63)
-0,01 (0,71)
-0,15 (0,81)
* M (SD) mit M = Mittelwert und SD = Standardabweichung; KD = Kontrollstichprobe Deutschland; DD =
Patientenstichprobe Deutschland; KCL = Kontrollstichprobe Chile; DCL = Patientenstichprobe Chile
3.3.4.1 Werthaltungen und Motivorientierungen
Gruppenunterschiede in den Werthaltungen und Motivorientierungen wurden varianzanalytisch
überprüft. Bei denjenigen abhängigen Variablen, für die sich eine Korrelation mit dem Einkommen
oder dem Bildungsniveau ergeben hatte, wurden diese Variablen als Kovariaten in das Modell
aufgenommen. Ergebnisse zu den Kovariaten werden nur an denjenigen Stellen berichtet, an denen
sie statistische Signifikanz erreichten. Die Voraussetzung der Varianzhomogenität wurde mit dem
Levene-Test überprüft, Ergebnisse zu diesem werden nur an denjenigen Stellen berichtet, an denen
der Levene-Test statistisch signifikant war und nicht von homogenen Varianzen ausgegangen werden
kann. Für alle in die hier vorgestellten Varianzanalysen eingehenden Variablen kann die
Normalverteilung in der Grundgesamtheit angenommen werden, weshalb ein Rückgriff auf
verteilungsfreie Verfahren nicht notwendig war.
In einem ersten Schritt wurden nationale Unterschiede in den Werthaltungen mit univariaten
einfaktoriellen Varianzanalysen mit nationaler Zugehörigkeit als Faktor und den vier übergeordneten
124
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Wertedimensionen als abhängigen Variablen überprüft. Es ergab sich ein signifikanter Effekt der
nationalen Zugehörigkeit auf Selbst-Überwindung (F(1,82) = 6,51; p < .05; η² = .07). Die Chileninnen
wiesen wie erwartet höhere Werte in Selbst-Überwindung auf als Deutsche. Es ergab sich weiterhin
ein statistisch bedeutsamer Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Selbst-Erhöhung (F(1,80) = 8,20;
p < .01; η² = .09). Wie erwartet wiesen Deutsche hier höhere Werte auf als Chileninnen. Weiterhin
ergab sich für Selbst-Erhöhung ein signifikanter Effekt des Bildungsniveaus (F(1,80) = 7,71; p < .01; η²
= .09). Entgegen der Erwartungen ergab sich für die Wertedimension Bewahrung kein signifikanter
Effekt der nationalen Zugehörigkeit (F(1,81) = 2,04; p = .16), es zeigte sich jedoch für diese Variable
ein deutlicher Effekt des Bildungsniveaus (F(1,81) = 17,07; p < .001; η² = .17). Für die Wertedimension
Offenheit für Wandel ergab sich ebenfalls kein signifikanter Effekt der nationalen Zugehörigkeit
(F(1,81) = 2,01; p = .16), jedoch wiederum ein statistisch bedeutsamer Einfluss des Bildungsniveaus
(F(1,81) = 9,37; p < .01; η² = .10). In Abbildung 12 sind die Gruppenunterschiede grafisch
dargestellt29.
Abbildung 12: Mittelwerte der nationalen Teilstichproben in den persönlichen Werthaltungen
In einem nächsten Schritt wurden Gruppenunterschiede in den interpersonalen Motivorientierungen
mit univariaten zweifaktoriellen Varianzanalysen überprüft. Dabei gingen nationale Zugehörigkeit
sowie klinische Depression als Faktoren und die Motivorientierungen sowie gesondert das
interpersonale Motiv Verschlossenheit als abhängige Variablen in das Modell ein.
29
Zur verbesserten Darstellbarkeit wurden die ipsatierten Skalenwerten durch Addition des grandmeans
(Mittelwert aller Personen über alle Items) transformiert. Die Transformation ändert nichts an den zu
zeigenden Mittelwertsunterschieden, führt jedoch zu einer Positivierung der ipsatierten Skalenwerte, was die
grafische Darstellung und Interpretation deutlich vereinfacht.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
125
Es ergab sich für die Motivorientierung Agency weder ein signifikanter Effekt der nationalen
Zugehörigkeit (F(1, 79) = 0,65; p = .42) noch einen Effekt klinischer Depression (F(1, 79) = 3,70; p =
.06) Ebenso zeigte sich kein statistisch bedeutsamer Interaktionseffekt zwischen nationaler
Zugehörigkeit und klinischer Depression (F(1, 79) = 0,17; p = .68).
Für die Motivorientierung Communion zeigte sich ein signifikanter Effekt der nationalen
Zugehörigkeit (F(1, 79) = 12,21; p <.01; η² = .13). Zudem ergab sich ein signifikanter Effekt klinischer
Depression (F(1, 79) = 16,27; p < .001; η² = .17). Es ergab sich jedoch kein Interaktionseffekt zwischen
nationaler Zugehörigkeit und klinischer Depression (F(1, 79) = 0,46; p = .50).
Für das interpersonale Motiv Verschlossenheit zeigte sich ein signifikanter Effekt der nationalen
Zugehörigkeit (F(1, 79) = 6,36; p < .05; η² = .08), ebenso ein signifikanter Effekt klinischer Depression
(F(1, 79) = 5,25; p < .05; η² = .06). Es bestand kein Interaktionseffekt zwischen nationaler
Zugehörigkeit und klinischer Depression (F(1, 79) = 0,12; p = .73). Es zeigte sich weiterhin ein Effekt
des Bildungsniveaus (F(1, 79) = 17,78; p < .001; η² = .18). In Abbildung 13 sind die Ergebnisse der
Varianzanalysen zu den interpersonalen Motiven grafisch dargestellt. Tabelle 13 fasst die Ergebnisse
der hier vorgestellten Analysen zu Werthaltungen und Motivorientierungen überblicksartig
zusammen.
Abbildung 13: Effekte von Nation und Depression auf die interpersonalen Motive
126
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Tabelle 13: Ergebnisse der Varianzanalysen zu Werthaltungen und Motiven
Persönliche
Werthaltungen
n
M (SD)
SelbstÜberwindung
KD = 24
KCL = 18
DD = 24
DCL = 18
0,75 (0,53)
1,01 (0,45)
0,54 (0,57)
0,90 (0,66)
Selbst-Erhöhung
KD = 24
KCL = 18
DD = 24
DCL = 18
p
part. η²
Nation
6,51
Bildung
-Einkommen --
< .05*
.07
-0,72 (0,85)
-1,24 (0,83)
-0,77 (0,61)
-0,96 (0,79)
Nation
8,20
Bildung
7,71
Einkommen --
< .01**
< .01**
.09
.09
1, 80
Bewahrung
KD = 24
KCL = 18
DD = 24
DCL = 18
-0,27 (0,55)
-0,20 (0,66)
-0,10 (0,64)
-0,08 (0,88)
Nation
2,04
Bildung
17,07
Einkommen --
.16
< .001**
.17
1, 81
Offenheit für
Wandel
KD = 24
KCL = 18
DD = 24
DCL = 18
0,00 (0,49)
-0,01 (0,71)
0,01 (0,63)
-0,15 (0,81)
Nation
2,01
Bildung
9,37
Einkommen --
.16
< .01**
.10
1, 81
Interpersonale
Motive
n
M (SD)
F
p
part. η²
df
Agency
KD = 24
KCL = 18
DD = 24
DCL = 18
0,34 (0,38)
0,21 (0,59)
0,03 (0,68)
-0,04 (0,39)
Nation
Depression
Nat.*Depr.
Bildung
Einkommen
0,65
3,70
0,17
---
.42
.06
.68
1,84 (0,64)
1,37 (0,53)
1,28 (0,40)
0,94 (0,58)
Nation
Depression
Nat.*Depr.
Bildung
Einkommen
12,21
16,27
0,46
---
< .01**
< .001**
.50
.13
.17
Communion
KD = 24
KCL = 18
DD = 24
DCL = 18
-0,61 (0,43)
-0,40 (0,61)
-0,18 (0,57)
-0,07 (0,59)
Nation
Depression
Nat.*Depr.
Bildung
Einkommen
6,36
5,25
0,12
17,78
--
< .05*
< .05*
.73
< .001**
.08
.06
KD = 24
KCL = 18
Verschlossenheit
DD = 24
DCL = 18
F
df
1,82
1, 79
1, 79
1, 79
.18
KD = Kontrollgruppe Deutschland, KCL = Kontrollgruppe Chile; DD = Depressive Deutschland; DCL = Depressive
Chile; n = Stichprobengröße; M = Mittelwert; SD = Standardabweichung; F = Prüfgröße F; p = Signifikanzniveau;
part. η² = Effektstärkenmaß partielles Eta²; df = Freiheitsgrade; * = sign. bei p < .05; ** = sign. bei p < .01
Zur Überprüfung der Stärke von Zusammenhängen zwischen den Werthaltungen und Depressivität
wurden, unter Berücksichtigung der Fragestellungen zu nationalen Unterschieden in den
Zusammenhangsmustern getrennt für die beiden Nationen, Partialkorrelationskoeffizienten
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
127
berechnet. Es ergaben sich weder für die deutsche noch für die chilenische Teilstichprobe
signifikante Korrelationen der vier übergeordneten Wertedimensionen mit der Depressivität,
operationalisiert über den Skalenwert den ADS. Es kann somit nicht von gesicherten
Zusammenhängen zwischen Werthaltungen und depressiven Symptomen in der vorliegenden Studie
ausgegangen werden.
Weiterhin
wurden korrelative
Zusammenhänge
zwischen
den
Werthaltungen
und
den
interpersonalen Motiven für die Gesamtstichprobe sowie getrennt für die beiden nationalen
Teilstichproben berechnet. Auch hier wurden, wo von konfundierenden Einflüssen durch
sozioökonomische Indikatoren ausgegangen werden musste, Partialkorrelationskoeffizienten
berechnet. Tabelle 14 fasst die Ergebnisse der Korrelationsanalysen zusammen.
Tabelle 14: Partialkorrelationen (rxy.z) zwischen Werthaltungen und Motiven
Agency
Ges.
D
SelbstÜberwindung
SelbstErhöhung
CL
Communion
Ges.
D
CL
Verschlossenheit
Ges.
D
CL
.17
.20
.18
.25*
.31*
.43*
-.12
-.30*
-.11
.05
.01
.01
-.05
-.13
-.33
-.03
.17
-.06
Bewahrung
-.42**
-.40**
-.43*
-.19
-.13
-.08
.40**
.37*
.36*
Offenheit für
Wandel
.30**
.26
.34
.06
-.05
.02
-.33**
-.34*
-.26
* sign. bei p < .05; ** sign. bei p < .01
Ges. = Gesamtstichprobe (n = 84); D = deutsche Teilstichprobe (n = 48); CL = chilenische Teilstichprobe (n = 36)
rxy.z = Partialkorrelationskoeffizient unter Berücksichtigung von Bildungsniveau und/oder Einkommen als Kontrollvariablen
Für die Motivorientierung Agency ergab sich sowohl in Deutschland als auch in Chile ein statistisch
bedeutsamer negativer Zusammenhang zur Wertedimension Bewahrung von rxy.z = -.42 (p < .01) auf
Gesamtstichprobenebene (Deutschland: rxy.z = -.40, p < .01; Chile: rxy.z = -.43, p < .05). Auf
Gesamtstichprobenebene ergab sich zudem eine signifikante Korrelation von Agency mit der
Wertedimension Offenheit für Wandel (rxy.z = .30; p < .01), in den deutlich kleineren nationalen
Teilstichproben verfehlte diese Korrelation das statistische Signifikanzniveau. Auch alle weiteren
Korrelationskoeffizienten erreichten keine statistische Signifikanz.
Für die Motivorientierung Communion ergab sich sowohl in Deutschland als auch in Chile ein
bedeutsamer positiver Zusammenhang mit der Wertedimension Selbst-Überwindung (Deutschland:
rxy.z = .31, p < .05; Chile: r
xy.z
= .43, p < .05), auf Gesamtstichprobenebene wies der Zusammenhang
eine Größe von rxy.z = .25 (p < .05) auf. Kein weiterer Korrelationskoeffizient erreichte in diesem
Zusammenhang das statistische Signifikanzniveau.
128
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Für das interpersonale Motiv Verschlossenheit ergab sich sowohl in Deutschland als auch in Chile ein
positiver Zusammenhang mit der Wertedimension Bewahrung (Deutschland: rxy.z = .37, p < .05; Chile:
r
xy.z
= .36, p < .05), diese Korrelation war auch auf Gesamtstichprobenniveau statistisch signifikant
(rxy.z = .40; p < .01). In Deutschland zeigten sich zudem bedeutsame negative Zusammenhänge mit
den Dimensionen Selbst-Überwindung (rxy.z = -.30, p < .05) und Offenheit für Wandel (rxy.z = -.34, p <
.05). Auch wenn sich zumindest der Zusammenhang mit Offenheit für Wandel auch auf
Gesamtstichprobenebene spiegelte (rxy.z = -.33; p < .01), zeigten sich diese Korrelationen in der
chilenischen Stichprobe nicht in statistisch bedeutsamem Ausmaß.
Zur Überprüfung von nationalen Unterschieden in den Zusammenhängen wurden für all diejenigen
Korrelationskoeffizienten, die sich in mindestens einer der beiden Nationen als statistisch bedeutsam
herausgestellt hatten, im Anschluss Vergleiche der Stärke der jeweiligen Korrelationskoeffizienten in
beiden Nationen mit dem Fisher’s-Z-Test durchgeführt. Es ergab sich für keinen der untersuchten
Zusammenhänge ein statistisch bedeutsamer Unterschied in der Differenz der Korrelationskoeffizienten zwischen den beiden Nationen, es kann also davon ausgegangen werden, dass
Unterschiede in der absoluten Stärke der Koeffizienten durch Zufallsschwankungen bedingt sind.
In einem weiteren Schritt wurde mit einer mediierten Regressionsanalyse überprüft, ob die
Gruppenunterschiede in den interpersonalen Motiven über Unterschiede in den persönlichen
Werthaltungen vermittelt werden. Da sich für die Wertedimensionen Bewahrung und Offenheit für
Wandel keine statistisch belastbaren nationalen Unterschiede ergeben hatten und sich im Rahmen
der
korrelativen Analysen für die Wertedimension
Selbst-Erhöhung keine
signifikanten
Zusammenhänge mit den interpersonalen Motiven auf Gesamtstichprobenebene gezeigt hatten,
kam als Mediatorvariable lediglich die Wertedimension Selbst-Überwindung in Frage.
Die varianzanalytische Auswertung hatte für Selbst-Überwindung einen ausreichend stabilen
nationalen Gruppenunterschied ergeben (F = F(1,82) = 6,51; p < .05; η² = .07). Es hatte sich zudem ein
statistisch bedeutsamer korrelativer Zusammenhang dieser Wertedimension mit der interpersonalen
Motivorientierung Communion auf Gesamtstichprobenebene gezeigt (rxy.z = .25; p < .05). Der Effekt
der nationalen Zugehörigkeit auf Communion war ebenfalls signifikant (F(1, 79) = 12,21; p <.01; η² =
.13). Die von Baron & Kenny (1986) formulierten Voraussetzungen für die Überprüfung des
Mediatormodells können demnach als gegeben angesehen werden.
Es wurde entsprechend der berichteten Zusammenhangsmuster das in Abbildung 14 dargestellte
Mediationsmodell überprüft. In einem ersten Schritt wurde Selbst-Überwindung durch die nationale
Zugehörigkeit vorhergesagt (Pfad a). In einem zweiten Schritt wurde Communion durch SelbstÜberwindung vorhergesagt (Pfad b). In einem dritten Schritt wurde die Communion durch die
nationale Zugehörigkeit vorhergesagt (Pfad c). Wie erwartet ergab sich ein signifikanter Effekt der
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
129
nationalen Zugehörigkeit auf Selbst-Überwindung (β(a) = -.26; SE = .11; T = -2,46; p <.05). Ebenso
ergab sich ein signifikanter Effekt von Selbst-Überwindung auf Communion (β(b) = .35; SE = .10; T =
3,51; p < .001). Der totale Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Communion wurde ebenfalls
signifikant (β(c) = .32; SE = .10; T = 3,11; p < .01). Die Voraussetzungen zur Überprüfung der
Mediationshypothese können demnach als gegeben angenommen werden, entsprechend wurde in
einem vierten Schritt der Mediationseffekt berechnet.
Es ergab sich ein signifikanter indirekter Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Communion,
vermittelt über Selbst-Überwindung (β(ab) = -.09). Im über Bootstrapping mit 1000 Ziehungen
ermittelten Konfidenzintervall des indirekten Effekts war die Null nicht enthalten (CI95- = -0.22, CI95+ =
-0.03; SECI = .05), weshalb die Hypothese eines statistisch abgesicherten Effekts als bestätigt
angesehen werden kann. Der direkte Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Communion wurde
jedoch bei Berücksichtigung des Mediators größer (β(c‘) = .41; SE = .10; T = 4,13; p < .001), was die
Zulässigkeit der Interpretation von Selbst-Überwindung als Mediatorvariable in Frage stellt und daher
in Absatz 3.4.1 gesondert kritisch reflektiert werden soll. In Abbildung 14 sind die Ergebnisse der
Regressionsanalyse grafisch dargestellt.
Abbildung 14: Mediiertes Regressionsmodell zur Motivorientierung Communion
130
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
3.3.4.2 Zurückweisungssensibilität
Zur
Überprüfung
von
Gruppenunterschieden
auf
dem
Konstrukt
Interpersonale
Zurückweisungssensibilität wurde eine zweifaktorielle univariate Varianzanalyse mit nationaler
Zugehörigkeit und klinischer Depression als Faktoren und Zurückweisungssensibilität als abhängiger
Variable berechnet. Der Levene-Test war hier signifikant (F(3, 80) = 4,28; p < .01), die Varianzen in
den verschiedenen Gruppen können somit nicht als homogen betrachtet werden. Entsprechend der
Empfehlungen von Bühl (2012) wurde daher ein strengeres Alphaniveau gewählt und nur Ergebnisse
mit p < .01 als statistisch bedeutsam erachtet. Entsprechend der Erwartungen ergab sich für die
Interpersonale Zurückweisungssensibilität ein signifikanter Effekt klinischer Depression (F(1, 78) =
27,62; p < .001; η² = .26), die depressiven Probanden wiesen höhere Werte auf als die Probanden der
Kontrollstichproben. Es zeigte sich kein Effekt der nationalen Zugehörigkeit (F(1, 78) = 2,33; p = .13).
Auch der Interaktionseffekt wurde nicht statistisch signifikant (F(1, 78) = 2,58; p = .11). Abbildung 15
veranschaulicht die Ergebnisse.
Abbildung 15: Effekte von Nation und Depression auf Zurückweisungssensibilität
Zur Überprüfung von Zusammenhängen zwischen Schamneigung und Zurückweisungssensibilität
wurden auf Gesamtstichprobenebene sowie getrennt für die Nationen Partialkorrelationskoeffizienten unter Berücksichtigung möglicher Einflüsse durch Bildung und Einkommen berechnet.
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
131
Es ergab sich auf Gesamtstichprobenebene wie erwartet ein signifikanter positiver Zusammenhang
(rxy.z = .42; p < .001), was sich auch in den Korrelationskoeffizienten der nationalen Teilstichproben
spiegelte (Chile: rxy.z = .38; p < .01; Deutschland: rxy.z = .56; p < .01). Ein Vergleich der absoluten Höhe
der Korrelationskoeffizienten mit dem Fisher’s-Z-Test ergab keinen signifikanten Unterschied, sodass
davon ausgegangen werden kann, dass Unterschiede in der Höhe der Koeffizienten auf
Zufallsschwankungen zurückzuführen sind.
3.3.4.3 Scham
Zur Überprüfung der Fragestellungen zur Bedeutsamkeit von Kultur und Depression für die
Ausprägung der Schamneigung wurde eine univariate einfaktorielle Varianzanalyse mit dem Faktor
Gruppe (chilenisch/deutsch sowie depressiv/nicht depressiv) mit anschließenden geplanten
Kontrasten berechnet. Um unnötiges Blättern zu vermeiden, werden die bereits unter Absatz 3.2.6
erläuterten Kontrastdefinitionen hier erneut dargestellt:
Kontrast 1: Generelle Unterschiede auf nationaler Ebene: (KD + DD) gegen (KCL + DCL)
Kontrast 2: Unterschiede zwischen depressiven und nicht depressiven Probandinnen in Deutschland:
(KD) gegen (DD)
Kontrast 3: Unterschiede zwischen depressiven und nicht depressiven Probandinnen in Chile:
(KCL) gegen (DCL)
Es ergab sich zunächst ein signifikanter Gruppenunterschied zwischen den vier interessierenden
Gruppen (F(3, 80) = 4,03; p <.05; η² = .13) auf der Variablen Schamneigung, welcher die Durchführung
der anschließenden geplanten Kontraste legitimierte. Für Kontrast 1 zeigte kein genereller Unterschied
in der Schamneigung in Abhängigkeit von der nationalen Zugehörigkeit (t(80) = 0,80; p = .42). Kontrast
2 zeigte, dass sich die deutsche Kontrollstichprobe bedeutsam von der deutschen Patientenstichprobe
unterschied (t(80) = -3,32; p < .01), wobei der Gruppenmittelwert in der depressiven Teilstichprobe
höher war als in der nicht-depressiven Teilstichprobe (vgl. Tabelle 12). Kontrast 3 schließlich zeigte,
dass sich die chilenischen depressiven und nicht-depressiven Probandinnen nicht statistisch
bedeutsam voneinander unterschieden (t(82) = 0,65; p = .52).
Eine anschließende korrelative Analyse zum Zusammenhang zwischen der Schamneigung und der
Depressivität zeichnete ein äquivalentes Bild auf individueller Ebene. Es ergab sich für die deutsche
132
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Teilstichprobe ein signifikanter Partialkorrelationskoeffizient (rxy.z = .43; p < .01), für die chilenische
Teilstichprobe zeigte sich kein statistisch bedeutsamer Zusammenhang (rxy.z = .27; p = .13).
In einem nächsten Schritt wurden Zusammenhänge zwischen der Schamneigung und den
Wertedimensionen mittels Partialkorrelationskoeffizienten unter Berücksichtigung einer möglichen
Konfundierung durch soziodemografische Indikatoren berechnet. Dabei ergab sich für keine der vier
übergeordneten Wertedimensionen ein bedeutsamer Zusammenhang zur Schamneigung. De
Voraussetzungen zur Überprüfung des postulierten Mediatormodells müssen damit als nicht
gegeben betrachtet werden, weshalb eine statistische Prüfung desselben entfiel.
Die Überprüfung der Zusammenhänge zwischen Schamneigung und den interpersonalen Motiven
mittels Partialkorrelationskoeffizienten unter Berücksichtigung einer möglichen Konfundierung durch
soziodemografische Indikatoren ergab einen bedeutsamen negativen Zusammenhang der
Schamneigung mit der Motivorientierung Agency (rxy.z = -.41, p < .01) sowie einen positiven
Zusammenhang mit dem interpersonalen Motiv Verschlossenheit (rxy.z = .29, p < .01). Für die
Motivorientierung Communion ergab sich kein signifikanter Zusammenhang mit der Schamneigung.
Die Fragestellung hinsichtlich der Variation des Zusammenhangs zwischen Schamneigung und
Depressivität in Abhängigkeit von der Ausprägung des interpersonalen Motivs Verschlossenheit
wurde mit einer moderierten Regressionsanalyse überprüft. Dabei gingen Verschlossenheit,
Schamneigung sowie der Interaktionsterm derselben als Prädiktoren und Depressivität als Kriterium
in das Modell ein. Weiterhin wurden Bildungsniveau und Einkommen als Kovariaten aufgenommen.
Berichtet werden Indikatoren der Güte des Gesamtmodells sowie die beta-Gewichte der einzelnen
Prädiktoren mit den dazugehörigen Signifikanztests und dem durch Bootstrapping mit 1000
Ziehungen ermittelten Konfidenzintervall.
Das Gesamtmodell wurde statistisch signifikant (F(5,78) = 7,53; p < .01; R² = .28), insgesamt konnten
28% der Varianz durch alle Prädiktoren gemeinsam erklärt werden. Die Analyse der einzelnen
Prädiktoren ergab einen signifikanten Effekt des interpersonalen Motivs Verschlossenheit (β = .32; SE
= .12; T = 2,68; p < .05; CI95- = 0.08, CI95+ = 0.55) sowie einen signifikanten Effekt der Schamneigung (β
= .23; SE = .11; T = 2,05; p < .05; CI95- = 0.01, CI95+ = 0.46). Zwar erreichte der Interaktionsterm nicht
das statistische Signifikanzniveau (β = -.15; n.s.), eine Betrachtung der bedingten Effekte von
Schamneigung auf Depressivität auf den verschiedenen Stufen des Moderators ergab dennoch
Hinweise auf Tendenzen in den Daten, weshalb die bedingten Effekte an dieser Stelle berichtet
werden sollen. Bei niedriger Ausprägung von Verschlossenheit ergab sich ein signifikanter Effekt von
Schamneigung auf Depression (β = .38; SE = .14; T = 2,70; p < .05; CI95- = 0.10, CI95+ = 0.66), ebenso bei
mittlerer Ausprägung (β = .23; SE = .11; T = 2,05; p < .05; CI95- = 0.01, CI95+ = 0.46). Bei hoher
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
133
Ausprägung von Verschlossenheit war der Effekt der Schamneigung auf die Depressivität nicht länger
signifikant (β = .08; n.s.). Abbildung 16 veranschaulicht die bedingten Effekte grafisch.
Abbildung 16: Bedingte Effekte von Schamneigung auf Depressivität
3.4
Diskussion
Im Rahmen der kulturvergleichenden Fragebogenuntersuchung sollte untersucht werden, ob die im
Theorieteil hergeleiteten konsistenztheoretischen Annahmen hinsichtlich der Bedeutung spezifisch
interpersonaler motivationaler Ziele und Schemata für das Erleben maladaptiver emotionaler
Konsequenzen und depressiver Symptome als transkulturell äquivalent angenommen werden
können. Im Sinne eines kulturentpackenden Ansatzes wurde dabei spezifisch untersucht, ob
kulturelle Unterschiede in den Zusammenhängen über (kulturell überformte) persönliche
Werthaltungen vermittelt werden. Zu diesem Zweck wurden in Deutschland und Chile Stichproben
psychopathologisch unauffälliger und depressiver Frauen im Erwachsenenalter erhoben. Mit dem
Ziel einer bestmöglichen Vergleichbarkeit der Teilstichproben wurden die Stichproben intranational
an der Variable Alter gematcht. Ein internationales Matching war aufgrund der geringen Fallzahlen in
den depressiven Teilstichproben nicht möglich. Ein Vergleich der vier Teilstichproben ergab einen
signifikanten Gruppenunterschied im Bildungsniveau, der vor allem auf einen höheren Anteil von
134
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Personen mit Hochschulzulassung in der chilenischen Stichprobe zurückzuführen war. Aufgrund des
eingliedrigen Schulsystems in Chile mit einem Anteil an Absolventen mit Hochschulzulassung von
> 70% (UNESCO, 2007) im Vergleich zu Deutschland mit 43,3% Hochschulzulassung30 war dieser
Unterschied nicht weiter verwunderlich. Weiterhin ergaben sich bedeutsame Unterschiede im
Einkommen, welche vor allem auf ein vergleichsweise niedriges Einkommen in der chilenischen
Patientenstichprobe zurückzuführen waren. Um Unterschiede in den abhängigen Variablen möglichst
unkonfundiert auf die hier interessierenden Faktoren nationale Zugehörigkeit und klinische
Depression zurückführen zu können, wurde in allen Analysen für das Bildungsniveau und das
Einkommen statistisch kontrolliert (vgl. auch Matsumoto & Yoo, 2006). Im Folgenden werden die
Befunde der kulturvergleichenden Fragebogenuntersuchung inhaltlich diskutiert und Überlegungen
zur Grenzen der Generalisierbarkeit der Ergebnisse dargestellt. Eine abschließende Einordnung der
Befunde in das übergreifende Arbeitsmodell der vorliegenden Arbeit unter Berücksichtigung von
Überlegungen zur praktischen Bedeutsamkeit der Ergebnisse erfolgt in Kapitel 6.
3.4.1
Persönliche Werthaltungen und interpersonale Motive im Kulturvergleich
Die Hauptfragestellungen der kulturvergleichenden Fragebogenstudie bezogen sich auf den
erklärenden Wert von persönlichen Werthaltungen (Schwartz, 1992) für nationale Unterschiede in
interpersonalen Motivorientierungen (Locke, 2000; Thomas et al., 2012). Vorbereitend wurde daher
zunächst überprüft, ob sich in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext (Deutschland vs. Chile)
Unterschiede in den persönlichen Werthaltungen zeigen. Aufgrund der teilweise als nicht
zufriedenstellend bewerteten Reliabilitäten einiger Subskalen des PVQ (Schmidt et al., 2007) wurden
die Berechnungen ausschließlich auf den übergeordneten Wertedimensionen Selbst-Überwindung,
Selbst-Erhöhung, Bewahrung und Offenheit für Wandel vorgenommen. Ausgehend von einer Analyse
der praktisch bedeutsamen kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Chilenen
(Zimmermann, 2009) war dabei erwartet worden, dass Chilenen im Vergleich zu Deutschen vermehrt
Werthaltungen vertreten, die sich auf das Verbunden sein mit anderen (Selbst-Überwindung;
Hypothese 1) und auf die Wahrung von Traditionen (Bewahrung; Hypothese 3) beziehen, Deutsche
hingegen im Vergleich zu Chilenen höhere Werte der hinsichtlich Leistung und Status (SelbstErhöhung; Hypothese 2) zeigen. Für Werte wie Kreativität oder Neugier (Offenheit für Wandel)
wurden aufgrund der Befundlage keine kulturellen Unterschiede (Hypothese 4) erwartet.
Die Hypothesen 1 und 2 konnten durch die vorliegende Untersuchung bestätigt werden. Chilenen
wiesen mit mittlerer Effektstärke höhere Werte in Selbst-Überwindung auf als Deutsche, was für eine
höhere Wertigkeit von Werten der Familiarität, Bezogenheit und Nähe sowie für ein besonderes
30
Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2008“ des BMBF
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
135
Verantwortungsgefühl für Umwelt und Gesellschaft spricht. Deutsche erzielten, ebenfalls mit einer
Effektstärke in mittlerer Größenordnung, höhere Werte in Selbst-Erhöhung als Chilenen, was für eine
vergleichsweise hohe Wertigkeit von Macht, Status und insbesondere Leistung spricht. Diese
Befunde sprechen zunächst dafür, dass sich die aus kulturellen Werthaltungen abgeleiteten
Hypothesen auf individueller Ebene darstellen lassen und können somit als weiterer Hinweis auf eine
essentielle Äquivalenz der beiden Ebenen verstanden werden (Fischer & Poortinga, 2012). Weiterhin
passen sich die Ergebnisse gut in Überlegungen ein, Chile als eher kollektivistisch orientierte Kultur zu
verstehen, Deutschland hingegen als stärker individualistisch geprägt. In diesem Zusammenhang
können die Befunde als Hinweise darauf gewertet werden, dass diese Grundorientierungen auch vor
dem Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung sowie eines vergleichsweise schnellen
demografischen Wandels in Chile seit Beginn der 90er Jahre konsistent fortbestehen.
Für die Wertorientierung Offenheit für Wandel ergaben sich hypothesenkonform keine Unterschiede
zwischen den beiden kulturellen Gruppen, Hypothese 4 kann demnach als bestätigt verstanden
werden. Entgegen der Hypothesen zeigte sich auch keine Unterschiede auf der Wertedimension
Bewahrung, weshalb Hypothese 3 verworfen werden muss. Hergeleitet worden war diese Hypothese
unter anderem aus Befunden der Auswertung der Daten des World Values Survey (Inglehart & Baker,
2000), die aus einer großen bevölkerungsrepräsentativen Befragung gewonnen worden waren. Vor
diesem Hintergrund ist denkbar, dass es sich bei den hier ermittelten Ergebnissen um ein Spezifikum
der Stichprobenrekrutierung handelt. Während die chilenische Stichprobe größtenteils aus der
Metropole Santiago de Chile und entsprechend aus einer stark urban geprägten Population stammte,
waren die Daten in Deutschland in der deutlich kleineren Stadt Heidelberg sowie der umliegenden,
rural geprägten, Gegend, erhoben worden. Cohen (2009) weist in seinem Review über verschiedene
Formen von Kultur nachdrücklich darauf hin, dass sich Werte und Normen in Abhängigkeit von der
geografischen Region innerhalb einer Nation unterscheiden können und unterstreicht damit Zweifel
an der Angemessenheit von Nation als kulturellem Gruppierungsmerkmal. In diesem Zusammenhang
konnten beispielsweise Kashima, Kokubo, Kashima, Boxall, Yamaguchi & Macrae (2004) zeigen, dass
über nationale Grenzen hinweg Unterschiede im individualistisch/kollektivistischen Selbstbild in
Abhängigkeit von der Größe und Urbanität der Umgebung, in der ein Individuum lebt, bestanden. Die
Autoren konzeptualisieren Urbanisierung entsprechend als einen, in Zeiten zunehmender
Globalisierung kulturvergleichende Studien potentiell konfundierenden, Faktor und greifen damit
Überlegungen von Triandis (1995) auf, der Urbanisierung als konstituierenden Faktor eines
individualistischen Selbst darstellt. Kashima et al. (2004) betonen dabei insbesondere die Bedeutung
lokaler Traditionen in kleineren Städten, während Metropolen als eher kosmopolitisch verstanden
werden. Diese Überlegungen liefern Hinweise darauf, dass gerade Werte aus dem Bereich der
Tradition in kleineren Städten eine bedeutsamere Rolle spielen könnten als in Metropolregionen.
136
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Unter Berücksichtigung dieser Ausführungen wäre es demnach möglich, dass nationale Unterschiede
in traditionellen Wertorientierungen in der vorliegenden Studie durch regionale Unterschiede
überdeckt worden sind. In weiterführenden Studien sollten diese Überlegungen entsprechend,
beispielsweise
durch
ein
Matching
der
Größe
des
Wohnorts,
berücksichtigt
werden.
Zusammenfassend können die Hypothesen zu nationalen Unterschieden in den Werthaltungen als
größtenteils bestätigt angesehen werden.
Hinsichtlich der interpersonalen Motivorientierungen wurden Unterschiede in Agency, Communion
und dem spezifischen Motiv Verschlossenheit in Abhängigkeit von der nationalen Zugehörigkeit
überprüft (Hypothese 7). Dabei ergaben sich bedeutsame Unterschiede für Communion, wo die
deutschen Probandinnen mit großer Effektstärke höhere Werte aufwiesen als die chilenischen
Probandinnen, die deutschen Probandinnen weisen demnach vermehrt motivationale Ziele in
Richtung Nähe, Geborgenheit und Zugehörigkeit auf. Die Kontraintuitivität dieser Befunde vor dem
Hintergrund der Ergebnisse zu Effekten der nationalen Zugehörigkeit auf die Werteorientierung
Selbst-Überwindung wird im weiteren Verlauf gesondert diskutiert. Es ergaben sich weiterhin
signifikante Unterschiede für Verschlossenheit, wo die chilenischen Probandinnen mit mittlerer
Effektstärke höhere Werte erzielten als die deutschen Probandinnen, die Ziele der chilenischen
Probandinnen sind demnach verstärkt auf die Vermeidung von Zurückweisung und Lächerlichkeit
ausgerichtet. Für die Motivorientierung Agency ergaben sich keine nationalen Unterschiede.
Hypothese 7 kann demnach als teilweise bestätigt betrachtet werden.
Die Ergebnisse der korrelativen Analysen zum Zusammenhang zwischen Werthaltungen und Motiven
(Hypothese 8) weisen auf einen deutlich positiven Zusammenhang zwischen Communion und SelbstÜberwindung hin. Personen, die besonderen Wert auf das Wohlergehen anderer sowie der Natur
legten, wiesen vermehrt Ziele in Richtung Zuneigung und Nähe auf. Weiterhin ergaben diese
Analysen einen negativen Zusammenhang zwischen Agency und Bewahrung. Personen, die viel Wert
auf Tradition, Konformität mit anderen und Sicherheit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene
legen, sind diesem Befund zufolge weniger motiviert, andere zu dominieren, sondern zeigen eher
Motive in Richtung Unterordnung und Erfüllung der Erwartungen anderer. Für das interpersonale
Motiv Verschlossenheit, welches insbesondere auf die Vermeidung von Zurückweisung und
Lächerlichkeit sowie das Bestreben, keine Fehler zu machen, ausgerichtet ist, ergab sich ein positiver
Zusammenhang zur Wertedimension Bewahrung, was durch eine hohe Wertschätzung von
Konformität und Sicherheit erklärbar ist. Weiterhin ergaben sich für dieses Motiv auf
Gesamtstichprobenebene negative Zusammenhänge mit der Wertedimension Offenheit für Wandel.
Personen, deren Werte in Richtung Kreativität, Neugier, Vergnügen und Selbstbestimmung
ausgerichtet sind, sind demnach auf motivationaler Ebene weniger damit befasst, Lächerlichkeit oder
Scheitern zu vermeiden. Es ergaben sich für keinen der Korrelationskoeffizienten signifikante
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
137
Unterschiede zwischen den nationalen Teilstichproben, das Zusammenhangsmuster kann also als
äquivalent in Chile und Deutschland angenommen werden. Zusammenfassend sprechen die
korrelativen Befunde für eine deutliche inhaltliche Nähe zwischen Werten und Zielen.
Die oben berichteten Effekte der nationalen Zugehörigkeit auf Communion erscheinen, insbesondere
vor dem Hintergrund der Befunde zu den nationalen Unterschieden in Selbst-Überwindung und der
Ergebnisse der korrelativen Analysen, zunächst kontraintuitiv. Es war davon ausgegangen worden,
dass die Wertedimension Selbst-Überwindung und die Motivorientierung Communion inhaltlich
gleich auf Nähe und Zugehörigkeit ausgerichtet sind, was sich durch die positive Korrelation der
beiden Variablen auch zeigte. Dennoch zeigte sich ein entgegen gerichtetes Zusammenhangsmuster
auf nationaler Ebene. Die deutschen Probandinnen wiesen niedrigere Werte in Selbst-Überwindung
auf als die Chileninnen, aber höhere Werte in Communion. Dieser Befund wird durch eine
Betrachtung des spezifischen Inhalts der beiden Skalen besser verständlich. In die Wertedimension
Selbst-Überwindung gehen die beiden Werthaltungen Benevolenz und Universalismus ein. In beiden
Skalen wird Nähe und Zugehörigkeit durch die Ausrichtung des eigenen Verhaltens auf das
Wohlergehen anderer konzeptualisiert. Benevolenz umfasst dabei die Aspekte sich um andere
kümmern, für das Wohlergehen anderer sorgen, andere unterstützen, auf die Bedürfnisse anderer
eingehen sowie anderen verzeihen. Universalismus umfasst die Aspekte Chancengleichheit für alle,
Verständnis für andere, Schutz der Umwelt, Frieden zwischen allen Menschen, Gerechtigkeit sowie
Schutz der Schwachen. Die Items des Inventars interpersonaler Motive zeichnen ein anderes Bild von
Zugehörigkeit. Die Skala Harmonie (LM), die mit dem stärksten Gewicht in die Berechnung von
Communion eingeht, beinhaltet Items, die eher Erwartungen und Wünsche an andere für das eigene
Wohlergehen formulieren. Dazu gehört beispielsweise, dass andere sich unterstützend,
rücksichtsvoll, sich sorgend sowie vertrauensvoll verhalten sollten. Während durch die Ausrichtung
der Wertedimension Selbst-Überwindung also vermehrt altruistische oder auch kollektivistischrelationale Asspekte eines Bedürfnisses nach sozialer Zugehörigkeit reflektiert werden, impliziert die
Motivorientierung Communion verstärkt auf das eigene Wohlergehen ausgerichtete Aspekte
desselben Bedürfnisses und reflektiert in diesem Sinne eher individualistische Anteile des
Bedürfnisses. Möglich wäre entsprechend dieser Überlegungen, dass es ebendiese ungeteilten
Aspekte der beiden Konstrukte sind, in denen sich Deutsche und Chileninnen unterscheiden.
Während bei – vermehrt kollektivistisch orientierten – Chileninnen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit,
Nähe und Zuneigung insbesondere über eine relative Wichtigkeit des Wohlergehens anderer und des
„sich um andere Kümmerns“ realisiert wird, äußert es sich bei – vermehrt individualistisch
orientierten – Deutschen primär über eine relative Bedeutsamkeit des fürsorglichen Verhaltens
anderer zur Sicherung des eigenen Wohlergehens. Diese Interpretation der vorliegenden Befunde
138
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
könnte in weiterführenden Forschungsarbeiten, beispielsweise durch eine Explikation der geteilten
und spezifischen Aspekte der betreffenden Werte und Ziele, empirisch überprüft werden.
Unabhängig von der inhaltlichen Interpretation zeigen die vorliegenden Befunde jedoch eindrücklich
die Gefahr einer übersimplifizierten und logisch unzulässigen Inferenz (ecological fallacy; Hox, 2002)
von den Zusammenhängen auf Gruppenebene (negatives Zusammenhangsmuster zwischen SelbstÜberwindung
und
Communion)
auf
die
individuelle,
korrelative
Ebene
(positives
Zusammenhangsmuster zwischen Selbst-Überwindung und Communion). Unter anderem Brewer &
Venaik (2014) weisen darauf hin, dass ein solcher Fehlschluss in der kulturvergleichenden
Psychologie häufig unreflektiert in Kauf genommen wird. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass
eine simultane Betrachtung der Beziehungen zwischen Variablen innerhalb und zwischen Kulturen
unerlässlich ist.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen lassen sich auch die Ergebnisse zum erklärenden Wert
von persönlichen Werthaltungen für die Zusammenhänge zwischen der nationalen Zugehörigkeit und
interpersonalen Motiven (Hypothese 9) einordnen. Ausgehend von Überlegungen, dass
Werthaltungen im konsistenztheoretischen Rahmenmodell auf einem höheren Abstraktionsniveau
anzuordnen sind als Motive, sollten sich spezifische interpersonale Motive aus den Werthaltungen
heraus entwickeln. Kulturelle Unterschiede in den Motiven sollten entsprechend überkulturell
überformte Werthaltungen erklärbar sein. Unter Berücksichtigung der von Baron & Kenny (1986)
formulierten Anforderungen an Mediationsmodelle legitimierten die bisher berichteten empirischen
Befunde der vorliegenden Erhebung aufgrund der spezifischen Zusammenhangsmuster lediglich die
Überprüfung eines von mehreren vorstellbaren Mediatormodellen: Nationale Unterschiede in der
Motivorientierung Communion sollten über Unterschiede in der Wertedimension SelbstÜberwindung erklärt werden. Trotz der statistischen Signifikanz des indirekten Effekts ist nicht von
einem Mediationseffekt auszugehen. Unter Einbezug der Wertedimension Selbst-Überwindung
wurde der Effekt der nationalen Zugehörigkeit auf Communion nicht reduziert, sondern verstärkt.
Vor dem Hintergrund der bereits angeführten Interpretation der nationalen Unterschiede in SelbstÜberwindung und Communion ist vorstellbar, dass die ermittelten nationalen Unterschiede nicht im
inhaltlich geteilten Anteil (der Ausrichtung auf Nähe und Zugehörigkeit) bestehen, sondern vielmehr
in den ungeteilten Anteilen der jeweiligen Konstrukte. Effekte der nationalen Zugehörigkeit würden
entsprechend durch die inhaltliche Überlappung zwischen Werten und Motiven sogar eher noch
unterdrückt. Im mediierten Regressionsmodell zeigte sich entsprechend, dass durch die Aufnahme
von Selbst-Überwindung in das Modell, und damit die Explikation der geteilten Anteile über den
indirekten Pfad, die nationalen Unterschiede im spezifischen (nicht mit Selbst-Überwindung
geteilten) Anteil von Communion noch deutlicher hervortreten. Der statistisch bedeutsame indirekte
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
139
Effekt ist entsprechend dieser Überlegungen nicht als Mediator- sondern vielmehr als
Supressoreffekt zu verstehen. Durch diese Befunde wird die Annahme, dass sich deutsche und
chilenische Frauen in der Tendenz, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Nähe über inhaltlich
unterschiedliche Aspekte desselben auszudrücken, noch unterstrichen.
Zusammenfassend lässt sich aus den berichteten Befunden schlussfolgern, dass Effekte der
nationalen Zugehörigkeit auf Werthaltungen und Motivorientierungen zwar nicht eindeutig, bei
genauerer Betrachtung aber doch größtenteils hypothesen- und theoriekonform gezeigt haben. Die
Befunde passen sich gut in bestehende Annahmen der kulturvergleichenden psychologischen
Forschung dahingehend ein, dass chilenische Probandinnen vermehrt relational-kollektivistische
Werthaltungen vertraten, was sich in einer stärkeren Ausprägung von Selbst-Überwindung, d.h.
einem Engagement für das Wohlergehen anderer, zeigte. Deutsche Probandinnen zeigten vermehrt
individualistisch orientierte Werthaltungen im Hinblick auf Leistung und Status (Selbst-Erhöhung)
sowie motivationale Ziele, die auf die Sicherung des eigenen Wohlergehens durch kümmerndes
Verhalten anderer (Communion) ausgerichtet sind. Die Annahme, dass Effekte der nationalen
Zugehörigkeit auf die interpersonalen Motivorientierungen über persönliche Werthaltungen
vermittelt werden, muss jedoch als nicht bestätigt betrachtet werden.
3.4.2
Werte und Motive im Kontext depressiver Störungen
Insbesondere vor dem Hintergrund der zunächst nicht völlig eindeutigen Befunde zu nationalen
Unterschieden in Werten und Motiven stellt sich die Frage nach der relativen Bedeutsamkeit dieser
Konstrukte für psychologische Zielvariablen, d.h. nach der tatsächlichen handlungs- oder
emotionsregulierenden Funktion der Konstrukte. Ausgehend von neueren Arbeiten, die einen
Zusammenhang zwischen persönlichen Werthaltungen und dem psychischen Wohlbefinden zeigen
konnten (Bobowik et al., 2011; Sagiv & Schwartz, 2000), wurde in der vorliegenden Studie überprüft,
ob sich diese Befunde auf psychopathologische Variablen im engeren Sinne (Depressivität)
übertragen lassen (Hypothese 5). Diese Hypothese konnte nicht bestätigt werden, es ergaben sich
für die vier übergeordneten Wertedimensionen keine Zusammenhänge mit der Depressivität, dies
galt sowohl für die deutsche als auch für die chilenische Stichprobe (Hypothese 6). Beide Hypothesen
müssen demnach verworfen werden, die Ergebnisse sprechen nicht für einen direkten
Zusammenhang zwischen Werthaltungen und Depressivität. Erklärend ist dabei zum einen
vorstellbar, dass die Zusammenhänge mit dem „weichen“ Kriterium Wohlbefinden einer Übertragung
auf „härtere“ klinische Kriterien psychischer Gesundheit nicht standhalten. Werthaltungen, wie sie
im PVQ formuliert sind, sind eher als moralische Standards mit vergleichsweise wenig emotionalem
Gehalt zu verstehen, sodass ein fehlender direkter Bezug zur Depressivität durchaus nachvollziehbar
140
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
ist. Auf etwaige Effekte des Abstraktionsniveaus von Werten im Vergleich zu motivationalen Zielen
wird im weiteren Verlauf dieses Absatzes noch eingegangen werden. Generell sind die Befunde zum
direkten Zusammenhang zwischen Werten und verschiedenen Aspekten des Wohlbefindens bisher
als vergleichsweise inkonsistent und von eher kleiner Effektstärke (Bobowik et al., 2011) zu
beurteilen. So konnten Bobowik et al. (2011) beispielsweise einen positiven Zusammenhang
zwischen dem affektiven Wohlbefinden und der Wertedimension Selbst-Überwindung zeigen,
während sich ein solcher Zusammenhang in einer Studie von Sagiv & Schwartz (2000) unerwarteter
Weise nicht zeigte. Während in den beiden angeführten Studien traditionelle Werthaltungen eher
negativ mit dem Wohlbefinden korrelierten, ergab sich in einer Studie von Burr et al. (2009) ein
positiver Zusammenhang zwischen Bewahrung und positivem Affekt bei älteren Personen. Sowohl
diese Inkonsistenzen als auch die durchweg kleinen Effektstärken sprechen eher dafür, dass der
Zusammenhang zwischen Werten und Wohlbefinden indirekter Natur ist, wobei, wie im Folgenden
dargestellt, mehrere Wege indirekter Beeinflussung möglich sind.
Zunächst ergab sich in mehreren Forschungsarbeiten ein moderierender Einfluss von Werten auf die
Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Symptome. So konnten beispielsweise Karabati und
Cemalcilar (2010) zeigen, dass Werthaltungen eher über dritte Konstrukte wie beispielsweise
Materialismus Einfluss auf verschiedene Aspekte des Wohlbefindens nehmen. Weiterhin wurde
bereits bei Sagiv & Schwartz (2000) die Bedeutung der Passung von persönlichen Werten und Werten
des Kontexts als konstituierend für das Wohlbefinden dargestellt. Die Autoren konnten zeigen, dass
insbesondere solche Werte, welche in der Umwelt, in der ein Individuum lebt, besonders wichtig
waren, positiv mit affektiven Aspekten des Wohlbefindens assoziiert waren. Diese Befunde passen
sich gut in konsistenztheoretische Annahmen über die Bedeutung von Kongruenz zwischen einer
Person und der sie umgebenden Umwelt (Grawe, 2004) ein. Eine interventionsbezogene Erweiterung
dieser Befunde zum eher indirekten Einfluss von Werten auf die psychische Gesundheit stellt die
Acceptance and Commitment Therapy (ACT; Hayes, Luoma, Bond, Masuda & Lillis, 2006; Hayes,
Strohsal & Wilson, 2003) dar. Eines der zentralen Momente dieser Therapieform befasst sich mit der
Umsetzung der eigenen Werte im alltäglichen Leben. Die Autoren gehen dabei davon aus, dass
kognitive Inflexibilität im Hinblick auf die eigenen Werthaltungen (beispielsweise durch Rigidität in
der Bewertung moralischer Standards als „Ich sollte unter allen Umständen XY sein…“) maßgeblich
zur Entstehung psychopathologischer Symptomkomplexe beiträgt. Über verschiedene Ansätze zur
Erweiterung der kognitiven Flexibilität (u.a. Akzeptanz, kognitive Diffusion, konsistente Herstellung
eines „Hier und Jetzt“-Bezugs) soll im Rahmen dieses Therapieansatzes eine höhere Sensitivität für
die eigenen Werte sowie eine Stärkung von Verhaltens- und Interpretationsweisen, die der
Umsetzung dieser Werte im realen Lebenskontext förderlich sind, erreicht und so ein
wertekonsistentes Leben ermöglicht werden (Hayes et al., 2006). In einer Metaanalyse (Öst, 2008)
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
141
konnte für die ACT, die der sogenannten dritten Welle der kognitiven Verhaltenstherapie (Hayes,
2004) zugeordnet wird, über verschiedene Störungsbilder hinweg eine mittlere Effektstärke mittlerer
Größenordnung (Hedges‘ g = 0.68) gefunden werden. Auch wenn die ACT nicht genuin aus
konsistenztheoretischen Annahmen heraus entwickelt wurde, sind Parallelen zu grundlegenden
Prinzipien der Konsistenztheorie doch augenscheinlich. Übertragen auf letztere werden durch den
ACT-Ansatz psychotherapeutische Werkzeuge zur Konsistenzregulation zur Verfügung gestellt.
Indirekte Effekte der Werthaltungen waren nicht Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Für
eine weiterführende Erforschung der Bedeutsamkeit der persönlichen Werthaltungen nach Schwartz
(1992) für verschiedene Aspekte psychischer Gesundheit könnte unter Berücksichtigung der hier
angestellten Überlegungen jedoch eine Erweiterung um die Frage, inwiefern die persönlichen Werte
im eigenen Leben aktuell umgesetzt werden können, besonders vielversprechend im Hinblick auf ein
verbessertes Verständnis und eine Erhöhung der Konsistenz der Befunde sein.
Unter Berücksichtigung der oben angestellten Überlegungen, dass ein direkter Bezug zwischen den
Werthaltungen nach Schwartz und psychopathologischen Symptomen gegebenenfalls auch durch
eine zu abstrakte (und damit alltagsferne) Formulierung der Werthaltungen als „grundlegende
Lebensprinzipien“ beeinflusst sein könnte, liefern die Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen
Depression und interpersonalen Motiven (Hypothesen 10, 11 und 12) erste Hinweise.
Vor dem Hintergrund einer hohen Vermeidungsmotivation bei depressiven Personen (Grosse
Holtforth & Grawe, 2000), welche sich insbesondere bei den interpersonal ausgerichteten
Vermeidungszielen zeigt (Berking et al., 2003) war erwartet worden, dass die depressive
Substichprobe niedrigere Werte in der Motivorientierung Agency (mehr submissive Ziele), niedrigere
Werte in Communion (mehr Distanzierungsziele) sowie höhere Werte im motivationalen Ziel
Verschlossenheit (mehr Ziele im Hinblick auf Vermeidung von Lächerlichkeit und Scheitern) aufweist.
Die Hypothesen fanden im Rahmen der vorliegenden Untersuchung größtenteils Bestätigung. Zwar
zeigte sich zunächst kein statistisch bedeutsamer Effekt klinischer Depression auf die
Motivorientierung Agency: Depressive und nicht depressive Probandinnen unterschieden sich nicht
in ihrer motivationalen Ausrichtung hinsichtlich Selbstsicherheit, Einfluss und Kontrolle und wiesen
entsprechend auch keine Unterschiede in der motivationalen Orientierung auf Submission auf. Eine
genauere Betrachtung ergab jedoch, dass das statistische Signifikanzniveau hier nur marginal verfehlt
wurde und dass depressive Patientinnen der Tendenz nach niedrigere Werte in Agency aufwiesen als
nicht depressive Probandinnen, was in Einklang mit den oben angeführten Befunden zur Bedeutung
von (interpersonaler) Vermeidungsmotivation bei Depressiven steht. Unter Berücksichtigung dieser
Überlegungen könnte es durchaus möglich sein, dass das Verfehlen des Signifikanzniveaus an dieser
142
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Stelle der geringen Stichprobengröße geschuldet ist. In zukünftigen Forschungsarbeiten könnten
diese Annahmen entsprechend an größeren Stichproben überprüft werden.
Für die interpersonale Motivorientierung Communion ergab sich ein bedeutsamer Effekt klinischer
Depression mit großer Effektstärke. Depressive Patientinnen wiesen wie erwartet niedrigere Werte
auf diesem Konstrukt auf als nicht depressive Probandinnen, die motivationalen Ziele depressiver
Probandinnen waren demnach weniger darauf ausgerichtet, Nähe und Zugehörigkeit herzustellen,
sondern vielmehr darauf, zu anderen Distanz zu wahren. Dies passt sich gut in Überlegungen ein,
Depression als generalisierten Schutzmechanismus (Grawe, 2004) zu verstehen, der zu einer
verstärkten Ausprägung vermeidender (hier: kontaktvermeidender) motivationaler Ziele führt.
Schließlich ergab sich hypothesenkonform ein bedeutsamer Effekt klinischer Depression auf das
interpersonale Motiv Verschlossenheit. Depressive Patientinnen wiesen hier erwartungsgetreu
höhere Werte auf als gesunde Kontrollprobandinnen. Diese Befunde passen sich gut in Überlegungen
ein, dass depressive Patientinnen insbesondere Motive in Richtung der Vermeidung von
Lächerlichkeit und Scheitern aufweisen. Hinsichtlich der therapeutischen Relevanz konnten Thomas,
Kirchmann, Suess, Bräutigam und Strauß (2012a) weiterhin zeigen, dass insbesondere diese
motivationale Ausrichtung mit einer großen Spannweite interpersonaler Probleme in Zusammenhang
stand, und dass eine Reduktion der entsprechenden Ziele mit einem verbesserten Therapieergebnis
einherging. Psychotherapeutische Implikationen der Befunde zur interpersonalen motivationalen
Ausrichtung depressiver Patientinnen werden in Kapitel 6 gesondert reflektiert.
In Bezug auf die relative Bedeutsamkeit von motivationalen Zielen und persönlichen Werthaltungen
zeigte sich in der vorliegenden Untersuchung ein vergleichsweise höherer Zusammenhang zwischen
Zielen und Depression als zwischen Werten und Depression. Unter der Annahme von Unterschieden
im Abstraktionsniveau kann vermutet werden, dass bei der Erfragung der interpersonalen Ziele durch
die Itemformulierung des IIM mit „Im Kontakt mit Freunden, Bekannten, Kollegen ist mir wichtig…“
eher alltagsrelevante und damit dem tatsächlichen Erleben der Person näherstehende Situationen
reflektiert werden als durch die Formulierung „Wie ähnlich ist Ihnen diese Person?“ des PVQ, mit der
eher abstrakte soziokulturelle Normen aktualisiert werden, welche jedoch nicht unmittelbar,
sondern eher indirekt, mit dem (depressiven) Erleben und Verhalten assoziiert sind.
In der vorliegenden Untersuchung sollte vor dem Hintergrund von Überlegungen zur transkulturellen
Validität der Zusammenhänge zwischen motivationalen Zielen und Depression abschließend
untersucht werden, ob sich Wechselwirkungseffekte zwischen der nationalen Zugehörigkeit und dem
klinischen Status auf die interpersonalen Motive ergeben (Hypothesen 13, 14 und 15). Es ergab sich
für keine der Motivorientierungen ein solcher Interaktionseffekt, die Zusammenhänge zwischen
Depression und den interpersonalen Motiven können entsprechend als zwischen den untersuchten
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
143
kulturellen Gruppen vergleichbar angenommen werden. Dies steht zunächst nicht in Einklang mit
Befunden aus einer anderen deutsch-chilenischen Vergleichsstudie (Boysen, 2011), die keinen
Zusammenhang zwischen der Gesamtausprägung von Vermeidungszielen und Depression in einer
chilenischen Stichprobe zeigen konnte. Verschiedentlich haben Arbeiten jedoch bereits Hinweise
darauf geliefert, dass es insbesondere die Vermeidungsziele mit spezifisch interpersonalem Gehalt
sind, welche mit psychopathologischen Entwicklungen in Zusammenhang stehen (Berking et al.,
2003; Thomas et al., 2012). Möglich wäre demnach, dass der fehlende Zusammenhang von
Vermeidungszielen und Depression in der Studie von Boysen (2011) durch diejenigen
Vermeidungsziele, welche keinen interpersonalen Gehalt aufweisen, verursacht wurde. In
weiterführenden Studien könnte daher im Hinblick auf ein detaillierteres Verständnis der
Zusammenhangsmuster insbesondere eine Überprüfung der relativen Bedeutsamkeit von
interpersonalen und nicht interpersonalen Vermeidungszielen für depressive Entwicklungen im
Kulturvergleich von Interesse sein. Die Befunde der vorliegenden Untersuchung sprechen
zusammenfassend zumindest für Deutschland und Chile für eine transkulturelle Validität der aus der
Konsistenztheorie abgeleiteten Annahmen zum Zusammenhang von (spezifisch interpersonalen)
motivationalen Vermeidungszielen und Depression.
3.4.3
Zurückweisungssensibilität im Kulturvergleich
Da eine Überprüfung der transkulturellen Generalisierbarkeit des Konstrukts Interpersonale
Zurückweisungssensibilität bisher weitgehend ausstand, sollte in der vorliegenden Studie zunächst
überprüft werden, ob sich Unterschiede in der Zurückweisungssensibilität in Abhängigkeit vom
kulturellen Kontext einer Person ergeben (Hypothese 16). Dies zeigte sich in der vorliegenden
Untersuchung nicht, chilenische und deutsche Probandinnen wiesen ein im Mittel vergleichbares
Ausmaß an Zurückweisungssensibilität auf. Dieser Befund steht zunächst nicht in Einklang mit den
Befunden von Garris und Kollegen (2011), die nationale Unterschiede im Ausmaß der
Zurückweisungssensibilität zwischen (kollektivistisch orientierten) Japanern und (individualistisch
orientierten) US-Amerikanern zeigen konnten. Zwar werden Rückschlüsse auf individualistische und
kollektivistische Tendenzen als Ursache für die konstatieren Mittelwertsunterschiede bei Garris et al.
(2011) nur implizit gezogen, dennoch werfen die Befunde Fragen dahingehend auf, welche
Bedingungsfaktoren für die divergierenden Befunde verantwortlich zeichnen könnten. In einer erst
kürzlich veröffentlichten Studie konnte in diesem Zusammenhang gezeigt werden, dass der kulturelle
Unterschied in Zurückweisungssensibilität zwischen Japanern und US-Amerikanern partiell über die
Wahrnehmung relationaler Mobilität (also der Möglichkeit, von einer sozialen Gruppe bzw.
Beziehung in eine andere zu wechseln; Falk, Heine, Yuki & Takemura, 2009; Schug, Yuki & Maddux,
144
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
2010) mediiert wurde (Sato, Yuki & Norasakkunkit, 2014). US-Amerikaner nahmen dabei im Vergleich
zu Japanern soziale Gruppen und Beziehungen als weniger stabil und exklusiv wahr. Soziale
Zurückweisung bzw. ein wahrgenommener Ausschluss aus einer sozialen Gruppe oder Beziehung
stellte entsprechend für US-Amerikaner eine geringere Bedrohung insofern dar, als ein Wechsel in
eine neue soziale Gruppe leichter möglich war als für Japaner, entsprechend war auch die ängstliche
Erwartung sozialer Zurückweisung bei US-Amerikanern geringer ausgeprägt. Nach Kenntnis der
Autorin liegen zum spezifischen Konstrukt der relationalen Mobilität bisher ausschließlich Befunde
aus dem japanischen sowie dem US-amerikanisch/kanadischen Raum vor, sodass für die Bedeutung
dieses Konstrukts für den deutsch-chilenischen Kontext keine fundierten Aussagen getroffen werden
können. Die Befunde öffnen jedoch den Raum für die Suche nach spezifischen Bedingungsfaktoren,
die Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener kultureller Gruppen auf dem Konstrukt
Zurückweisungssensibilität erklären können. Dabei könnten neben innerpsychischen Bedingungskonstellationen für Zurückweisungssensibilität insbesondere solche Faktoren vielversprechend sein,
die in der kulturellen Umgebung des Individuums zu verorten sind. Zusammenfassend sprechen die
Ergebnisse der vorliegenden Studie für eine Äquivalenz des Konstrukts Zurückweisungssensibilität im
deutschen und chilenischen Kontext. Sicherlich könnten jedoch weitere kulturvergleichende
Untersuchungen unter Einbezug einer größeren Vielfalt an kulturellen Kontexten sowie unter
Berücksichtigung sozial-ökologischer Faktoren (wie beispielsweise die Durchlässigkeit sozialer
Gruppierungen) dabei helfen, ein umfassenderes Bild der transkulturellen Unterschiede und
Gemeinsamkeiten in Zurückweisungssensibilität zu zeichnen.
In einem nächsten Auswertungsschritt wurden Zusammenhänge zwischen Zurückweisungssensibilität
und depressiver Symptomatik untersucht (Hypothese 17). Es ergab sich wie erwartet ein
systematischer Effekt der klinischen Depression auf Zurückweisungssensibilität, depressive
Patientinnen wiesen höhere Werte auf als nicht depressive Probandinnen. Diese Befunde stehen im
Einklang mit der Forschungsliteratur, die in konsistenter Form für einen positiven Zusammenhang
zwischen Zurückweisungssensibilität und depressiven Symptomen spricht (Ayduk et al., 2001; Gilbert
et al., 2006; Mellin, 2008). Weiterhin wurde überprüft, ob dieser Zusammenhang in Abhängigkeit
vom kulturellen Kontext variiert (Hypothese 18). Dies zeigte sich in der vorliegenden Untersuchung
nicht. Obwohl sich Deutsche und Chileninnen in ihren Werten und Motiven zu unterscheiden
scheinen, blieben die Beziehungen zwischen Zurückweisungssensibilität und Depressivität davon
unberührt. Insgesamt sprechen die Befunde für eine transkulturelle Validität des Konstrukts
Zurückweisungssensibilität zumindest im deutsch-chilenischen Vergleich.
Weiterhin wurden in der vorliegenden Untersuchung erstmals explizit Zusammenhänge zwischen
Zurückweisungssensibilität und der selbstreflexiven Emotion Scham untersucht (Hypothese 19). Es
ergab sich ein systematischer positiver Zusammenhang zwischen Zurückweisungssensibilität und
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
145
Schamneigung in mittlerer Größenordnung. Die Befunde der vorliegenden Studie stehen in Einklang
mit theoretischen Annahmen darüber, dass Scham als Reaktion auf eine Verfehlung, die global
negativ auf das Selbst attribuiert wird, mit Zurückweisungssensibilität in Zusammenhang stehen
sollte (Kemeny et al., 2004). Aufbauend auf einer Studie von Chan et al. (2008) sollte vor dem
Hintergrund des kulturvergleichenden Anspruchs der vorliegenden Studie zudem überprüft werden,
ob das Zusammenhangsmuster in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext variiert (Hypothese 20). Dies
zeigte sich in der vorliegenden Untersuchung nicht. Sowohl in Chile als auch in Deutschland standen
Scham und Zurückweisungssensibilität in einem positiven Zusammenhang zueinander. Einschränkend
ist an dieser Stelle anzumerken, dass Scham in der vorliegenden Untersuchung über die Skala
Schamneigung des TOSCA (Tangney et al., 1989) operationalisiert wurde. Schamneigung meint dabei
die Tendenz, sich in einer Vielzahl von Situationen zu schämen und stellt eine Möglichkeit der
Erfassung von Scham als dispositionelle Neigung dar. Sowohl der TOSCA als auch der RSQ sind
szenarienbasiert konzeptualisiert, erfragen also das spezifische Erleben über mehrere hypothetische
Situationen hinweg. Daher ist gegebenenfalls von einer Überlappung in der Operationalisierung
auszugehen, die die Zusammenhänge artifiziell erhöht. Zur Überprüfung dieser Annahmen wurde in
Teilstudie B Scham auch in kontextualisierter Form (als Reaktion auf wahrgenommene
Zurückweisung) erfasst. Dennoch wären weitere Studien wünschenswert, die über ein breiteres
methodisches Spektrum hinweg die gefundenen Zusammenhänge validieren.
Zusammenfassend sprechen die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung für eine transkulturelle
Vergleichbarkeit
der
Ausprägung
und
Zusammenhangsmuster
von
interpersonaler
Zurückweisungssensibilität zwischen Chile und Deutschland. Implikationen, die sich aus den
berichteten Befunden für die psychotherapeutische Praxis ergeben, werden in Kapitel 6 dargestellt.
3.4.4
Schamneigung im Kulturvergleich
Aus dem soziodynamischen Modell der Emotionen (Boiger & Mesquita, 2012a) waren Hypothesen
abgeleitet worden, die sich auf die Häufigkeit sowie die Funktionalität der selbstreflexiven Emotion
Scham in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext bezogen. Boiger und Mesquita (2012a) gehen
zunächst davon aus, dass solche Emotionen, die in einem bestimmten kulturellen Kontext als
angemessen bewertet werden, häufiger erlebt werden. Unter der impliziten Annahme der eher
kollektivistisch orientierten Werthaltungen Selbst-Überwindung und Bewahrung in Chile (und damit
einer höheren Akzeptanz der Emotion Scham) wurde erwartet, dass die Emotion Scham in Chile
häufiger erlebt wird und die Schamneigung entsprechend stärker ausgeprägt ist als in Deutschland
(Hypothese 21). Es ergab sich entgegen der Erwartungen jedoch kein Unterschied in der Höhe der
Schamneigung in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext. Jenseits der aus diesen Befunden
146
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
ableitbaren Annahme, dass der entsprechende Effekt schlicht nicht existent ist, können mehrere
alternative Überlegungen angestellt werden, warum sich der postulierte Effekt in der vorliegenden
Untersuchung nicht zeigte. Dabei kann zunächst die kleine Stichprobengröße angeführt werden, die
das Auffinden kleinerer Effekte deutlich erschwert. Weiterhin könnten die Befunde durch die
Beschaffenheit der vier Teilstichproben konfundiert sein. So zeigte eine nähere Betrachtung der
Verteilung der Mittelwerte in den vier Untersuchungsgruppen, dass es zwar einen höheren
Mittelwert
der
chilenischen
Kontrollprobandinnen
im
Vergleich
zu
den
deutschen
Kontrollprobandinnen gab, dieser aber möglicherweise durch einen sehr hohen Mittelwert in der
deutschen depressiven Stichprobe nivelliert wurde. Die Ergebnisse lassen keine abschließende
Interpretation zu, allerdings könnten zukünftigen Studien mit größeren und gegebenenfalls
ausschließlich psychopathologisch unauffälligen Stichproben hier weitere Erkenntnisse bringen.
Obgleich die Voraussetzungen für das in Hypothese 27 postulierte Mediationsmodell aufgrund des
fehlenden Effekts der nationalen Zugehörigkeit nicht erfüllt waren, wurden Zusammenhänge der
Schamneigung zu den persönlichen Werthaltungen (Hypothesen 23 bis 26) untersucht. Es ergab sich
für keine der vier übergeordneten Wertedimensionen ein bedeutsamer Zusammenhang zur
Schamneigung. Dies entspricht zwar nicht den von Silvfer et al. (2008) berichteten Befunden zu
Beziehungen zwischen der Schamneigung und insbesondere den Werthaltungen Leistung und
Tradition, passt aber zu den in der vorliegenden Studie ermittelten und bereits reflektierten
Ergebnissen fehlender Zusammenhänge zwischen den Wertedimensionen und depressiven
Symptomen und unterstreicht erneut die bereits angeführten Zweifel an der Bedeutsamkeit der breit
und abstrakt formulierten Wertedimensionen für konkretes Erleben und Verhalten.
Weiterhin wurde aus dem soziodynamischen Modell der Emotionen (Boiger & Mesquita, 2012a) die
Hypothese abgeleitet, dass Scham in Chile weniger maladaptiv ist als in Deutschland und
entsprechend geringer mit depressiven Symptomen assoziiert sein sollte (Hypothese 22). Dies zeigte
sich in den Daten: Während die deutschen depressiven Patientinnen deutliche höhere Werte in der
Schamneigung aufwiesen als die nicht depressiven Probandinnen, ergab sich für die chilenische
Teilstichprobe kein statistisch bedeutsamer Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Ein
korrelativer Vergleich bestätigte diese Ergebnisse auf individueller Ebene. Während sich ein
bedeutsamer positiver Zusammenhang mittlerer Größenordnung zwischen Depressivität und
Schamneigung in der deutschen Teilstichprobe zeigte, verfehlte die Korrelation in der chilenischen
Stichprobe
das
Signifikanzniveau.
Diese
Befunde
stehen
in
Einklang
mit
anderen
Forschungsbefunden, die bereits zeigen konnten, dass Zusammenhänge zwischen Scham und
verschiedenen depressionsrelevanten Konstrukten wie Selbstwert (Wallbott & Scherer, 1995) sowie
rückzügigem Verhalten (Bagozzi et al., 2003) in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext variieren. Nach
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
147
Kenntnisstand der Autorin stellt die vorliegende Untersuchung die erste explizite Überprüfung der
Übertragbarkeit dieser Befunde auf das klinische Konstrukt Depression dar.
Weiterhin sollten in der vorliegenden Untersuchung überprüft werden, ob die Zusammenhänge
zwischen Schamneigung und Depressivität in Abhängigkeit von interpersonalen Motivlagen variieren.
Dazu wurden zunächst Zusammenhänge zwischen der Schamneigung und den interpersonalen
Motivorientierungen untersucht (Hypothesen 28, 29 und 30). Es ergab sich wie erwartet ein
negativer Zusammenhang der Schamneigung mit der Motivorientierung Agency in mittlerer
Größenordnung. Ebenfalls hypothesenkonform ergab sich ein positiver Zusammenhang in annähernd
mittlerer Größenordnung mit dem interpersonalen Motiv Verschlossenheit. Die Korrelation zwischen
Schamneigung und Communion verfehlte das statistische Signifikanzniveau. Diese Befunde passen
sich größtenteils gut in Überlegungen ein, dass Vermeidungsmotivation mit einer erhöhten
Schamneigung in Verbindung stehen könnte (Frijda et al., 1989; Kemeny et al., 2004) und
verdeutlichen, dass insbesondere solche motivationalen Ziele, die auf die Erfüllung der Erwartungen
anderer und Unterordnung (-A) sowie die Vermeidung von Lächerlichkeit oder Fehlern (FG)
ausgerichtet sind, eine besondere Sensibilität für moralische Verfehlungen und entsprechend eine
Neigung, situationsübergreifend mit Scham zu reagieren, mit sich bringen. Motivationale Ziele, die
vermeidend im Sinne von Distanzierung und Unabhängigkeit von anderen sind (ohne dabei den
Aspekt, von anderen akzeptiert vs. abgelehnt zu werden, innezuhaben), scheinen in diesem
Zusammenhang eine untergeordnete Rolle zu spielen, was sich am Fehlen eines negativen
Zusammenhangs mit der Motivorientierung Communion zeigt.
Abschließend wurde überprüft, ob der Zusammenhang zwischen Schamneigung und Depressivität in
Abhängigkeit vom interpersonalen Motiv Verschlossenheit variiert (Hypothese 31). Zwar ergab sich
in diesem Zusammenhang kein statistisch bedeutsamer Interaktionseffekt zwischen der
Schamneigung und Verschlossenheit, Hypothese 31 muss also grundlegend als nicht bestätigt
bewertet werden, eine Betrachtung der bedingten Effekte gab dennoch erste Hinweise auf mögliche
Zusammenhangsmuster:
Während
bei
niedriger
und
mittlerer
Ausprägung
des
Motivs
Verschlossenheit ein deutlicher Zusammenhang zwischen Schamneigung und Depressivität bestand,
war dieser bei hoher Ausprägung des entsprechenden Motivs deutlich abgeschwächt. Auf inhaltlicher
Ebene könnten diese Tendenzen bedeuten, dass bei einer ausgeprägten motivationalen Orientierung
auf die Vermeidung von Zurückweisung, Lächerlichkeit oder Scheitern das Erleben der Emotion
Scham eher motivkongruent ist, da diese Emotion zum einen häufiger erlebt wird und zum anderen
Verhaltensreaktionen (z.B. sozialen Rückzug) aktiviert, die der Zielerreichung förderlich sind. Im
Hinblick auf die kulturvergleichenden Fragestellungen könnte diese Interpretation die höhere
Maladaptivität der Scham bei Deutschen im Vergleich zu Chilenen dahingehend erhellen, dass
Chilenen, die entsprechend der Ergebnisse der vorliegenden Studie über eine höhere mittlere
148
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Ausprägung des Motivs Verschlossenheit verfügen, im Mittel mehr damit befasst sind,
Zurückweisung zu vermeiden und daher Scham als „normaler“ erleben und eher motivkongruent
verarbeiten. Scham könnte demnach in kulturellen Kontexten, in denen die Vermeidung von
Zurückweisung, Lächerlichkeit oder Scheitern im Vordergrund steht, eine kulturell angemessene
Emotion sein, die der Zielerreichung förderlich ist und daher wenige maladaptive Konsequenzen hat,
da sie mit einer geringeren Inkongruenz oder einer geringeren Verunsicherung des eigenen
Selbstverständnisses einhergeht. Diese Interpretation passt sich unter anderem in Befunde von De
Leersnyder et al. (2014) ein, die zeigen konnten, dass Emotionen, die als kulturell angemessen
beurteilt werden, unabhängig von ihrem Gehalt eher mit Wohlbefinden einhergehen.
Denkbar wäre jedoch auch, dass stark auf die Vermeidung von Zurückweisung und Scheitern
fokussierte
Menschen
generell
höhere
Depressivitätswerte
aufweisen,
wie
dies
durch
Untersuchungen zum Zusammenhang von Vermeidungsmotivation und Depression (Coats et al.,
1996; Grosse Holtforth & Grawe, 2000) nahegelegt wird, sodass der Effekt Schamneigung weniger
stark zum Tragen kommt. Eine abschließende Interpretation muss aufgrund des Verfehlens des
Signifikanzniveaus offen bleiben, die hier angeführten Überlegungen sollten lediglich als erste
Hinweise für weiterführende Forschungsarbeiten gewertet werden und nahelegen, dass eine nähere
Betrachtung der motivationalen Ausrichtung vielversprechend im Hinblick auf ein verbessertes
Verständnis der Zusammenhangsmuster zwischen Scham und Depressivität auch unter
Berücksichtigung von Befunden zu kulturell Konsequenzen der Emotion Scham sein könnten.
3.4.5
Grenzen der Studie
Die kulturvergleichende Studie geht mit verschiedenen Limitationen vorrangig methodischer Natur
einher, welche die Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränken und im Folgenden dargestellt
werden sollen. Vorschläge für weiterführende Studien werden entsprechend abgeleitet.
3.4.5.1 Auswahl der kulturellen Gruppen
Mit Deutschland und Chile wurden zwei kulturelle Gruppen zum Vergleich herangezogen, welche
bislang nur in sehr wenigen Studien explizit verglichen worden waren. Zwar begegnet die vorliegende
Arbeit damit der Kritik an einem bisher unzureichenden Einbezug lateinamerikanischer Stichproben
in psychologischen kulturvergleichenden Studien (Kim-Prieto & Eid, 2004), die kulturvergleichenden
Hypothesen hatten jedoch mangels fundierter theoretischer Überlegungen an vielen Stellen
entsprechend eher explorativen Charakter. Der Vergleich von nur zwei nationalen Gruppen lässt
zudem strenggenommen keine Einordnung derselben auf kulturellen Konstrukten zu, da dies
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
149
mindestens drei Gruppen erfordert (Berry, Poortinga, Segall & Dasen, 2002). Für zukünftige Studien
wäre deshalb ein Einbezug weiterer kultureller Gruppen zur verbesserten Einordnung Chiles und
Deutschlands auf verschiedenen kulturellen Merkmalen vielversprechend.
3.4.5.2 Stichprobenmerkmale
Die Stichproben für die kulturvergleichende Untersuchung sind als vergleichsweise klein zu
bewerten, was durch die Schwierigkeit der Rekrutierung ambulanter Patienten in Chile verursacht
wurde und das Auffinden statistisch bedeutsamer Effekte deutlich erschwert. Vorteilhaft an der
vorliegenden
Untersuchung
war
jedoch
das
Vorhandensein
von
ungleich
größeren
Kontrollstichproben, was zumindest ein intranationales Altersmatching zwischen den Probanden der
Kontroll- und der Patientenstichprobe ermöglichte. Ein internationales Matching war aufgrund der
geringen Fallzahlen depressiver Patienten nicht möglich, sollte jedoch zu besseren Interpretierbarkeit
der Ergebnisse in zukünftigen Studien auf jeden Fall angestrebt werden.
In der vorliegenden Studie wurden lediglich Frauen untersucht. Unter Berücksichtigung der in Absatz
3.2.1 hergeleiteten Annahmen über geschlechtsspezifische Besonderheiten im depressiven Erleben
(Addis, 2008) war vor dem Hintergrund des Anspruchs, kulturelle Besonderheiten möglichst
unkonfundiert erfassen zu wollen (Matsumoto & Yoo, 2006), diese Entscheidung vielversprechend im
Hinblick auf eine eindeutigere Interpretation der Ergebnisse. Diese können aus den obigen Gründen
jedoch nicht auf Männer generalisiert werden, weshalb weiterführende Forschungsarbeiten die
Übertragbarkeit der Befunde auf das männliche Geschlecht überprüfen sollten.
Die Stichproben für die kulturvergleichende Untersuchung waren in den beiden Universitätsstädten
Heidelberg und Santiago de Chile erhoben worden. In Heidelberg waren Teilnehmerinnen auch aus
der rural geprägten Umgebung rekrutiert worden. Aus forschungspraktischen Gesichtspunkten war
dieses Vorgehen sinnvoll, die Repräsentativität der Stichproben steht damit jedoch zu bezweifeln.
Insbesondere vor dem Hintergrund von Berichten über regionale Unterschiede in kulturellen
Merkmalen (Cohen, 2009; vgl. auch Absatz 3.4.1) sollten nachfolgende Studien hier eine bessere
Vergleichbarkeit anstreben. Aufgrund der geringen Fallzahlen konnten in dieser Studie auch andere
soziodemografische Merkmale – mit Ausnahme des Alters – nicht a priori kontrolliert werden. Da
jedoch gerade kulturelle Kontextvariablen vergleichsweise stark den umgebenden Bedingungen,
beispielsweise der schulischen oder beruflichen Umwelt, unterliegen könnten, wäre eine
Vergleichbarkeit soziodemografischer Bedingungen für zukünftige Studien wünschenswert.
Die Aussagekraft der Ergebnisse hinsichtlich der Unterschiede und Gemeinsamkeiten im depressiven
Erleben und Verhalten wird gegebenenfalls dadurch eingeschränkt, dass lediglich moderat depressive
Patienten untersucht wurden. Bei einer möglichen Spannweite von 0 – 60 lag der höchste in dieser
150
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
Studie erreichte ADS-Wert bei 51 in der deutschen und 55 in der chilenischen Stichprobe bei deutlich
linkssteiler Verteilung in der untersuchten Grundgesamtheit. Es wäre durchaus denkbar, dass Effekte
der Depression unter Einbezug einer schwerer depressiven Substichprobe deutlicher hervorträten.
Bei den chilenischen Patientinnen waren zur Diagnostik weiterhin keine klinischen Interviews (SKID;
Wittchen et al., 1997) herangezogen worden, was gegebenenfalls die Validität der Diagnosen
schmälert.
Es
wurde
weiterhin
keine
klinische
Vergleichsgruppe
herangezogen,
was
strenggenommen Aussagen zur Störungsspezifität der Ergebnisse verbietet. Schlussendlich erlaubte
die geringe Stichprobengröße keine Kontrolle von gegebenenfalls die Ergebnisse konfundierenden
klinischen Faktoren wie vorhandene Komorbiditäten oder Chronizität der Erkrankung. Für zukünftige
klinisch-psychologische Kulturvergleichsstudien wäre entsprechend dieser Einschränkungen eine
differenziertere und vollständigere Abdeckung des Kontinuums depressiver Symptome, die Kontrolle
von Komorbiditäten und Verläufen sowie Vergleiche mit weiteren Störungsbildern wünschenswert.
3.4.5.3 Studiendesign
Das Design der kulturvergleichenden Untersuchung war aus forschungspraktischen Gründen rein
querschnittlich angelegt. Unter Berücksichtigung von gegebenenfalls stimmungskongruent
verzerrten Einschätzungen der als zeitstabil verstandenen psychologischen Zielvariablen vorrangig in
den depressiven Substichproben wäre eine längsschnittliche Betrachtung sicherlich wünschenswert.
In Teilaspekten wurde dieser Kritik in der vorliegenden Arbeit durch eine längsschnittliche Erhebung
in der deutschen Stichprobe (vgl. Teil C dieser Arbeit) Rechnung getragen, in zukünftigen Studien
könnte eine solche Erweiterung jedoch auch für einen Kulturvergleich vielversprechend sein.
Weiterhin kamen ausschließlich Likert-skalierte Selbstbeschreibungsinstrumente zum Einsatz. Gerade
auf der Ebene von Werten und Motiven ist dies aufgrund der Erfassung von ausschließlich bewusst
repräsentierten Anteilen wiederholt kritisiert und der Einbezug verhaltensnäherer oder impliziter
Messungen befürwortet worden (Brunstein, 2007; Thrash, Elliot & Schultheiss, 2007). Für die in
dieser Studie spezifisch interessierenden Konstrukte liegen laut Kenntnis der Autorin zum aktuellen
Zeitpunkt keine alternativen Messinstrumente vor, jedoch könnte eine Entwicklung derselben und
damit einhergehend eine verstärkt implizite Erfassung von Motiven und Werten in zukünftigen
Studien zu einem umfassenderen Verständnis der motivationalen Lage von Menschen beitragen.
Weiterhin unterliegen die hier verwendeten Fragebögen gegebenenfalls den unter Absatz 2.2.2.2 für
die kulturvergleichende Forschung beschriebenen Verzerrungen. Zwar wurde bei der Auswahl der
Instrumente und Auswertungsstrategien bestmöglich (van de Vijver & Matsumoto, 2011) darauf
geachtet, Antworttendenzen (z.B. durch Ipsatierung der Skalenwerte im IIM und PVQ) und
Referenzgruppeneffekte (z.B. durch Explikation der Referenz im PVQ) zu kontrollieren, dennoch kann
TEIL A: Kulturvergleichende Untersuchung
151
eine Verzerrung der Ergebnisse durch die beschriebenen Effekte nicht vollständig ausgeschlossen
werden. Einschränkungen gelten gegebenenfalls auch für die kulturelle Äquivalenz der eingesetzten
Messinstrumente (vgl. Absatz 2.2.2.2). Dabei ist hervorzuheben, dass an denjenigen Stellen, an
denen eigene Übersetzungen nötig waren, diese mit größtmöglicher Sorgfalt und an den aktuellen
Standards der kulturvergleichenden psychologischen Forschung ausgerichtet (Matsumoto & van de
Vijver, 2011) durchgeführt wurden (vgl. Exkurs 1 und 2). Für bereits in spanischer Sprache
vorliegende Messinstrumente muss dieser Anspruch jedoch gegebenenfalls kritisch reflektiert
werden, da für viele Instrumente keine Hinweise auf die kulturelle Äquivalenz vorliegen.
Entsprechend wäre es für zukünftige Studien wünschenswert, die kulturelle Äquivalenz der hier
eingesetzten Messinstrumente an größeren Stichproben detailliert zu überprüfen sowie die im
Rahmen dieser Studie eigens übersetzten Messinstrumente weiter zu validieren.
3.4.5.4 Auswertungsstrategien
Neben den bereits in Absatz 3.2.6 erläuterten Interpretationseinschränkungen einzelner hier zu
Anwendung gekommener statistischer Verfahren sind weiterhin insbesondere zwei Aspekte der
statistischen Analyse kritisch zu reflektieren. Zum einen wurden in der vorliegenden Studie trotz der
Auswertung mehrerer abhängiger Variablen lediglich univariate Verfahren verwendet. Zwar hätten
multivariate Verfahren neben der Möglichkeit der Überprüfung von Zusammenhangsmustern
zwischen den abhängigen Variablen auch den Vorteil einer Kontrolle der Alphafehler-Kumulierung
geboten (Rudolph & Müller, 2004), jedoch sind für diese Verfahren zum Erreichen einer
angemessenen
Teststärke
sehr
große
Stichprobenumfänge
erforderlich,
was
unter
forschungspraktischen Gesichtspunkten mit den bereits erläuterten Schwierigkeiten bei der
Rekrutierung der Patientenstichproben den Rahmen der vorliegenden Arbeit überstiegen hätte.
Zudem gehen multivariate Verfahren aufgrund ihrer Komplexität häufig mit deutlich erschwerten
Interpretationen einher (Field, 2013), was dem explorativen Charakter vieler kulturvergleichender
Hypothesen nicht entsprochen hätte.
Weiterhin muss abschließend die Interpretation der Mediationsmodelle dahingehend eingeschränkt
werden, dass diese zwar theoriegeleitet aufgestellt worden waren, dass in den Daten gefundene
Mediationseffekte aber schlussendlich keinen Beleg für die Gültigkeit der impliziten kausalen
Annahmen darstellen (Fiedler et al., 2011). Für eine Überprüfung der tatsächlichen kausalen
Strukturen innerhalb der Daten wären längsschnittliche Erhebungen nötig. Auch an dieser Stelle
empfiehlt sich entsprechend die längsschnittliche Anlegung zukünftiger Forschungsprojekte.
152
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
4
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
4.1
Fragestellungen und Hypothesen
Die hier vorgestellte Teilstudie diente zum einen einer näheren Betrachtung des Konstrukts
Zurückweisungssensibilität im Hinblick auf Hypothesen, die unter anderem aus der Konsistenztheorie
generiert werden können. Zum anderen ermöglichte das experimentelle Design eine Untersuchung
kurzfristiger affektiver und behavioraler Effekte von interpersonaler Zurückweisungssensibilität bei
experimentell induzierter sozialer Zurückweisung. Im Folgenden werden die aus der theoretischen
Herleitung generierten Fragestellungen und Hypothesen dargestellt.
4.1.1
Nähere Betrachtung des Konstrukts Zurückweisungssensibilität
Nach Kenntnis der Autorin liegt für den deutschen Raum zum aktuellen Zeitpunkt lediglich eine
Studie vor, die Zurückweisungssensibilität bei Erwachsenen untersucht hat (Staebler et al., 2011a).
Der
Schwerpunkt
dieser
Arbeit
liegt
auf
der
Untersuchung
der
Bedeutung
von
Zurückweisungssensibilität für die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Zusätzlich wurden eine kleine
Stichprobe von Personen mit Achse-I-Störungen sowie eine studentische Kontrollstichprobe erhoben,
die Analysen in diesem Zusammenhang beschränken sich jedoch auf die Berechnung von
Mittelwertsunterschieden zwischen den drei Personengruppen. Dabei ergab sich, dass eine
depressive Substichprobe höhere Werte in Zurückweisungssensibilität aufwies als gesunde
Studienteilnehmer (Staebler et al., 2011a). Beziehungen zwischen Zurückweisungssensibilität und
soziodemografischen sowie anderen psychologischen Zielvariablen wurden nicht hergestellt. Im
Rahmen der vorliegenden Arbeit sollen daher zunächst grundlegend Zusammenhänge zwischen
verschiedenen
soziodemografischen,
klinischen
sowie
motivationalen
Merkmalen
und
Zurückweisungssensibilität an einer deutschen Stichprobe aus nicht-klinischen und klinisch
depressiven Personen näher untersucht werden.
In Teilstudie A der vorliegenden Arbeit wurde bereits der Einfluss der nationalen Zugehörigkeit auf
die Zurückweisungssensibilität untersucht. Hinsichtlich weiterer soziodemografischer Einflüsse muss
die
Befundlage
als
dünn
bezeichnet
werden.
Durch
die
Konzeptualisierung
von
Zurückweisungssensibilität als sich durch frühe Zurückweisungserfahrungen manifestierendes und im
Erwachsenenalter relativ zeitstabil bestehendes Konstrukt ist einzig der Einfluss des Alters in der
theoretischen Konzeption impliziert. Im Erwachsenenalter sollte sich unter Voraussetzung der
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
153
Gültigkeit dieser Annahme entsprechend kein Zusammenhang mit dem Alter ergeben, was in der
vorliegenden Untersuchung mit folgender Hypothese überprüft wird:
Hypothese 32: Es besteht kein systematischer Zusammenhang zwischen dem Alter in Jahren und der
Zurückweisungssensibilität.
Verschiedentlich haben Arbeiten darauf hingewiesen, dass Zurückweisungssensibilität mit einer
schlechteren Qualität der Paarbeziehung (Ayduk et al, 1999; Downey et al., 2000; Downey et al.,
1998a) einhergeht. Entsprechend der Konzeptualisierung und in Abgrenzung zur sozialen Angst in
Leistungskontexten zeigte sich für das Erwachsenenalter kein Zusammenhang mit der akademischen
Leistung (Ayduk et al., 2001). Bisher liegen nach Kenntnis der Autorin keine Arbeiten vor, die einen
Niederschlag dieser Befunde auf soziodemografischen Indikatoren, die mit Leistung (Bildungsniveau)
und Schwierigkeiten in Paarbeziehungen (Familienstand) einhergehen, untersucht haben. In der
vorliegenden Studie soll deshalb ein solcher Zusammenhang im Rahmen folgender Hypothesen
erstmals explizit untersucht werden:
Hypothese 33: Es besteht kein systematischer Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und der
Zurückweisungssensibilität.
Hypothese 34: Es besteht ein systematischer Zusammenhang zwischen dem Familienstand und der
Zurückweisungssensibilität.
Hinsichtlich des Zusammenhangs mit klinischen Merkmalen wurde im Rahmen der kulturellen
Vergleichsstudie aufbauend auf Hinweisen aus verschiedenen empirischen Arbeiten (Ayduk et al.,
2001; Mellin, 2008; Zimmer-Gembeck et al., 2014) bereits untersucht, ob sich depressive und nichtdepressive Personen in der Ausprägung der Zurückweisungssensibilität unterscheiden. Im Rahmen
der Teilstudie B sollen im Sinne einer Replikation der vorliegenden Forschungsbefunde und als
Grundlage für sich anschließende weitere Fragestellungen noch einmal spezifisch kontinuierliche
Zusammenhänge zwischen Zurückweisungssensibilität und Depressivität auf individueller Ebene
untersucht werden. Die genauere Erforschung von Korrelaten subklinischer depressiver Phänomene
ist insbesondere vor dem Hintergrund der prädiktiven Kraft derselben (Hautzinger, 1988; Kessler et
al.,
1997)
vielversprechend
im
Hinblick
auf
die
Entwicklung
von
Präventions-
Frühinterventionsansätzen. Für die vorliegende Arbeit ergibt sich folgende Hypothese:
und
154
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Hypothese
35:
Es
besteht
ein
systematischer
positiver
Zusammenhang
zwischen
Zurückweisungssensibilität und Depressivität.
Weiterhin soll in der vorliegenden Untersuchung ein Fokus auf das Verständnis von
Zurückweisungssensibilität
als
kognitiv-affektives
Vermeidungsschema,
welches
unter
konsistenztheoretischer Perspektive mit spezifischen Motivlagen einhergeht (Grawe, 2004; Grosse
Holtforth et al., 2000), gelegt werden. Unter Berücksichtigung des interpersonalen Gehalts von
Zurückweisungssensibilität (Brookings et al., 2003) soll dabei insbesondere die Bedeutung spezifisch
interpersonaler Motive (Locke, 2000; Thomas et al., 2012) näher betrachtet werden.
In diesem Zusammenhang soll im Rahmen der vorliegenden Studie zunächst untersucht werden, ob
sich Zusammenhänge zwischen interpersonalen Motiven und Zurückweisungssensibilität überhaupt
zeigen lassen. Brookings et al. (2003) konnten für interpersonale Dispositionen bereits zeigen, dass
sich Zurückweisungssensibilität im IPC am ehesten zwischen den Oktanten FG (-A/-C) und HI (-A)
einordnen lässt. Eine Betrachtung der Definitionen der motivationalen Ziele, die auf ebendiesen
Oktanten lokalisiert sind, zeigt, dass auf dem Oktanten FG solche Ziele lokalisiert sind, die sich mit
der Vermeidung von Lächerlichkeit oder Fehlern beschäftigen. Auf dem Oktanten HI finden sich vor
allem solche Ziele, die sich auf die Erfüllung der Erwartungen anderer beziehen (Grosse Holtforth et
al., 2011; Locke, 2000; Thomas et al., 2012). Eine Passung dieser motivationalen Ziele zur Zurückweisungssensibilität ist demnach zu vermuten, entsprechend werden folgende Hypothesen geprüft:
Hypothese
36:
Es
besteht
ein
systematischer
positiver
Zusammenhang
zwischen
Zurückweisungssensibilität und den interpersonalen Motiven des Oktanten FG (-A/-C).
Hypothese
37:
Es
besteht
ein
systematischer
positiver
Zusammenhang
zwischen
Zurückweisungssensibilität und den interpersonalen Motiven des Oktanten HI (-A).
Hypothese 38: Die Zusammenhänge von Zurückweisungssensibilität mit den übrigen interpersonalen
Motiven fallen geringer aus.
Der
Zusammenhang
zwischen
vermeidungsorientierten
motivationalen
Zielen
und
psychopathologischer Symptomatik konnte, zumindest in westlichen Kulturen, konsistent gezeigt
werden (Grawe, 2004). Das motivationale Ziel Verschlossenheit (Oktant FG des IIM; Thomas et al.,
2012) bezieht sich auf die Vermeidung von Lächerlichkeit, Zurückweisung und Kritik und kann
demnach unter konsistenztheoretischer Perspektive als Vermeidungsziel verstanden werden. In
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
155
Teilstudie A wurde bereits untersucht, ob sich Unterschiede auf Gruppenebene zwischen depressiven
und nicht-depressiven Personen auf diesem Ziel ergeben. Es soll im Rahmen von Teilstudie B
ergänzend untersucht werden, ob sich dieser Zusammenhang auch auf individueller Ebene spiegelt.
Vor diesem Hintergrund ergibt sich folgende Hypothese:
Hypothese 39: Es besteht ein systematischer positiver Zusammenhang zwischen dem motivationalen
Ziel Verschlossenheit und Depressivität.
Unter konsistenztheoretischer Perspektive ist eine starke Ausbildung von Vermeidungszielen der
psychischen Gesundheit abträglich, da diese zur Ausbildung von Vermeidungsschemata führen,
welche weder eine effiziente Zielverfolgung noch eine echte, langfristige Zielerreichung ermöglichen
(Grawe, 2004). Interpersonale Zurückweisungssensibilität kann als ein solches Schema verstanden
werden, welches durch die sensible Wahrnehmung sowie intensive Reaktion auf Hinweise sozialer
Zurückweisung (und damit auf Zielinkongruenz) der Zielerreichung (Vermeidung von Lächerlichkeit,
Zurückweisung und Kritik) dienen soll. Kurzfristig kann dies auch gelingen, da die der
Zurückweisungssensibilität inhärenten Reaktionsbereitschaften (z.B. sozialer Rückzug) zunächst
tatsächliche Zurückweisung vermeiden, was zu einer Reduktion erlebter Inkongruenz und zur
Aufrechterhaltung des Schemas führt. Langfristig führen die von zurückweisungssensiblen Personen
gezeigten Verhaltensweisen im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung (Downey, Freitas et al.,
1998) jedoch zu Konsequenzen, die die Inkongruenz zwischen dem Ziel (Vermeidung von
Zurückweisung) und dem realen Erleben (vermehrte tatsächliche Zurückweisung) verstärken, was in
der Ausbildung psychopathologischer Symptome mündet. Es ist demnach zu vermuten, dass der
Zusammenhang zwischen dem Vermeidungsziel Verschlossenheit und depressiven Symptomen über
Zurückweisungssensibilität vermittelt wird. Es ergibt sich entsprechend folgende Hypothese:
Hypothese 40: Der Effekt von Verschlossenheit auf Depressivität wird über Zurückweisungssensibilität
vermittelt (Mediation).
4.1.2
Kurzfristige Effekte von Zurückweisungssensibilität
Die Kernfragestellungen der hier vorgestellten experimentellen Studie beziehen sich auf den Einfluss
von Zurückweisungssensibilität auf kurzfristige emotionale und behaviorale Reaktionen bei
experimentell induzierter Zurückweisung.
156
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Dabei sollen zunächst die vorausgehenden Hypothesen geprüft werden, dass Menschen generell auf
die Wahrnehmung sozialer Zurückweisung mit einem Anstieg negativer und einem Abfall positiver
Emotionalität sowie mit einem Anstieg depressiver Symptomatik reagieren. Hinweise auf die
Gültigkeit dieser Annahmen können Studien entnommen werden, die zeigen konnten, dass soziale
Zurückweisung, induziert über den Ausschluss aus einer Ballspielgruppe (Cyberball; für eine
Beschreibung dieses Paradigmas siehe Absatz 4.2.3), zu einer schlechteren Stimmung, Traurigkeit
und Ärger führt (Williams, Cheung & Choi, 2000; Williams & Nida, 2011). Studien, die sich auf direkte
Effekte auf depressive Symptome beziehen, stehen jedoch bisher aus. Im Rahmen der vorliegenden
Untersuchung sollen daher zunächst folgende Hypothesen überprüft werden:
Hypothese 41: Es besteht ein systematischer Effekt von sozialer Exklusion auf kurzfristige
Veränderungen in der aktuellen negativen Emotionalität.
Hypothese 42: Es besteht ein systematischer Effekt von sozialer Exklusion auf kurzfristige
Veränderungen in der aktuellen positiven Emotionalität.
Hypothese 43: Es besteht ein systematischer Effekt von sozialer Exklusion auf kurzfristige
Veränderungen in der aktuellen Depressivität.
In der Literatur wird verschiedentlich die Emotion Scham als besonders bedeutsam beim Erleben von
sozialer Zurückweisung diskutiert (Velotti et al, 2014). Da Scham als mögliches, wenngleich bisher
wenig beachtetes, affektives Korrelat von Zurückweisungssensibilität (Kemeny et al., 2004) im
Rahmen der vorliegenden Arbeit besondere Berücksichtigung finden soll, ergibt sich weiterhin
folgende Hypothese:
Hypothese 44: Es besteht ein systematischer Effekt von sozialer Exklusion auf kurzfristige
Veränderungen in der aktuellen Scham.
Für die Bedeutsamkeit von Zurückweisungssensibilität für diese Zusammenhänge konnten RomeroCanyas & Downey (2013) bereits zeigen, dass zurückweisungssensible Personen anderen Personen
bei ambiguen Hinweisreizen schneller negative Emotionen ihnen gegenüber unterstellen als wenig
zurückweisungssensible
Personen.
Auduk
et
al.
(1999)
fanden
weiterhin,
dass
bei
zurückweisungssensiblen Personen feindselige Reaktionen innerhalb kurzer Reaktionszeiten und
außerhalb der bewussten Kontrolle ausgelöst werden. Trotz dieser vielversprechenden ersten
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
157
Ansätze ist die Befundlage zu kurzfristigen Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität als
vergleichsweise dünn zu bewerten. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung sollte deshalb
weiterhin untersucht werden, ob die oben beschriebenen kurzfristigen emotionalen Reaktionen auf
wahrgenommene Zurückweisung in Abhängigkeit von Zurückweisungssensibilität variieren. Dabei ist
zunächst davon auszugehen, dass Depressivität – erfasst über einen längeren Zeitraum im Sinne
einer „Grundstimmung“ – einen Einfluss darauf nimmt, wie sich sozialer Ausschluss auf die
momentane Depressivität auswirkt. Aufgrund der vermuteten hohen Zusammenhänge zwischen
Zurückweisungssensibilität und Depressivität soll daher spezifisch darauf geachtet werden, ob die
Zusammenhänge ggf. durch geteilte Effekte mit Depressivität entstehen. Unter Berücksichtigung
dieser Überlegungen ergeben sich für die hier vorgestellte Untersuchung folgende Hypothesen:
Hypothese 45: Es besteht ein systematischer und von der Depressivität unabhängiger Effekt der
Zurückweisungssensibilität auf Veränderungen in der momentanen negativen Emotionalität bei
sozialem Ausschluss.
Hypothese 46: Es besteht ein systematischer und von der Depressivität unabhängiger Effekt der
Zurückweisungssensibilität auf Veränderungen in der momentanen positiven Emotionalität bei
sozialem Ausschluss.
Hypothese 47: Es besteht ein systematischer und von der Depressivität unabhängiger Effekt der
Zurückweisungssensibilität auf Veränderungen in der momentanen Depressivität bei sozialem
Ausschluss.
Hypothese 48: Es besteht ein systematischer und von der Depressivität unabhängiger Effekt der
Zurückweisungssensibilität auf Veränderungen in der momentanen Scham bei sozialem Ausschluss.
Zurückweisungssensibilität wurde konzeptualisiert als kognitiv-affektive Prozessvariable, welche nur
in solchen Situationen aktiviert und verhaltenswirksam wird, in denen soziale Zurückweisung möglich
bzw. wahrscheinlich ist (Mischel & Shoda, 1995; Romero-Canyas et al., 2009; Shoda & Smith, 2004).
Entsprechend dieser Annahmen sollte die Zurückweisungssensibilität keinen Einfluss auf proximale
Reaktionen bei sozialem Einschluss in eine Gruppe nehmen. Im Rahmen der vorliegenden
Untersuchung werden in diesem Zusammenhang folgende Hypothesen geprüft:
Hypothese 49: Es besteht kein systematischer Effekt der Zurückweisungssensibilität auf
Veränderungen in der momentanen negativen Emotionalität bei sozialem Einschluss.
158
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Hypothese 50: Es besteht kein systematischer Effekt der Zurückweisungssensibilität auf
Veränderungen in der momentanen positiven Emotionalität bei sozialem Einschluss.
Hypothese 51: Es besteht kein systematischer Effekt der Zurückweisungssensibilität auf
Veränderungen in der momentanen Depressivität bei sozialem Einschluss.
Hypothese 52: Es besteht kein systematischer Effekt der Zurückweisungssensibilität auf
Veränderungen in der momentanen Scham bei sozialem Einschluss.
Neben emotionalen Reaktionstendenzen sollen im Rahmen der vorliegenden Untersuchung auch
behaviorale Tendenzen untersucht werden. Unter konsistenztheoretischer Betrachtung sollte die
Wahrnehmung von sozialer Zurückweisung bei hoher Zurückweisungssensibilität zum Erleben starker
Inkongruenz und damit zu spezifischen Verhaltensweisen mit der Intention der Reduktion der
Inkongruenz führen (Grawe, 2004). Das dynamische Modell der Zurückweisungssensibilität stellt in
diesem Zusammenhang drei Klassen von möglichen Verhaltensreaktionen zur Verfügung:
externalisierendes, internalisierendes und anbiederndes Verhalten (Romero-Canyas et al., 2009). Im
Rahmen der vorliegenden Untersuchung soll die Bedeutsamkeit dieser drei möglichen
Reaktionstendenzen abgeschätzt und mit konsistenztheoretischen Annahmen in Verbindung gesetzt
werden. Da in diesem Zusammenhang bisher nicht von einer abschließend gesicherten Befundlage
ausgegangen werden kann, sind die folgenden Hypothesen unspezifisch formuliert:
Hypothese 53: Es besteht ein systematischer Effekt der Zurückweisungssensibilität auf
Verhaltensreaktionen bei sozialem Ausschluss.
Hypothese 54: Es besteht kein systematischer Effekt der Zurückweisungssensibilität auf
Verhaltensreaktionen bei sozialem Einschluss.
Die in diesem Kapitel hergeleiteten Hypothesen wurden an einer deutschen, weiblichen Stichprobe
im Rahmen eines experimentellen Untersuchungsparadigmas überprüft. Die dabei angewendeten
Methoden sind im folgenden Kapitel beschrieben.
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
4.2
Methoden
4.2.1
Ein- und Ausschlusskriterien für die Studienteilnahme
159
Für die Teilnahme am hier vorgestellten experimentellen Teil der Untersuchung galten diejenigen
Ein- und Ausschlusskriterien, die bereits im Rahmen der kulturvergleichenden Studie (Absatz 3.2.1)
hergeleitet und beschrieben wurden.
4.2.2
Rekrutierungsstrategien
Die Rekrutierungsstrategien für die deutschen Stichproben wurden bereits in Teilstudie A dieser
Arbeit (Absatz 3.2.2) beschrieben. Insgesamt wurden Daten von n = 105 Probandinnen erhoben. Aus
diesem Datensatz mussten für die Auswertung der Fragestellungen, die den experimentellen Teil der
Studie betrafen, n = 14 Personen entfernt werden. Für diese Personen lagen aus zwei Gründen keine
vollständigen experimentellen Daten vor: bei n = 3 Personen (eine Gruppe) hatten technische
Schwierigkeiten dazu geführt, dass das experimentelle Paradigma nicht durchgeführt werden konnte.
Bei n = 11 Personen waren zu den Gruppenterminen nicht alle eingeladenen Probanden erschienen,
sodass die Durchführung des Experiments nicht möglich war. Nach Ausschluss von Probanden mit
unvollständigen Datensätzen lagen von 87 Teilnehmerinnen vollständige und verwertbare
experimentelle Datensätze vor. N = 26 Datensätze stammten dabei von Probandinnen aus der
Patientenstichprobe, n = 61 Datensätze von Probandinnen der nicht-depressiven Stichprobe. Das
Studiendesign war im April 2012 von der Ethikkommission der Fakultät für Verhaltens- und
empirische Kulturwissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg bewilligt worden.
4.2.3
Studiendesign
Bei der vorgestellten Studie handelt es sich um ein experimentelles Versuchsdesign mit quasirandomisierter, sukzessiver Zuteilung der Probandinnen zu zwei experimentellen Bedingungen.
Daten wurden vor und nach der experimentellen Manipulation erhoben und zueinander in Beziehung
gesetzt. Soziale Zurückweisung wurde in der vorliegenden Studie über eine eigens adaptierte Version
des Cyberball-Paradigmas (Williams et al., 2000; Williams & Jarvis, 2006) experimentell induziert. Das
Cyberball-Paradigma, bei dem Probanden während einer kurzen Spielsequenz in verschiedenen
Abstufungen aus einer Ballspielgruppe ausgeschlossen werden können, soll im Folgenden in Aufbau,
Ablauf und Wirksamkeit beschrieben werden.
160
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
4.2.3.1 Beschreibung des Cyberball-Paradigmas
Durch das Cyberball-Paradigma wird am Computer eine einfache Ballspielsequenz in einer Gruppe
von Personen simuliert. Jedem Mitspieler wird ein Avatar (eine Spielfigur) auf dem Bildschirm
zugeordnet. Die Probanden sollen den Ball, wenn er dem ihnen zugeordneten Avatar zugespielt
wurde, per Mausklick einem der anderen Spieler bzw. Avatare auf dem Bildschirm zuspielen. Die
Avatare sind vor einem weißen Bildschirmhintergrund als stark
vereinfachte, schematische
Zeichnung gehalten (siehe Abbildung 17). Dies dient vor allem dazu, die Vorstellungskraft der
Probanden so wenig wie möglich einzuengen, da die vordergründige Aufgabe der Spielteilnehmer ist,
sich vorzustellen, wie dieses Spiel im wahren Leben aussehen könnte („Visuelle Mentalisierung“). Sie
werden dazu angehalten, sich die Umgebung, das Wetter und die Persönlichkeit der anderen Spieler
vorzustellen und während des Spiels zu überlegen, was sie und die anderen Teilnehmer während des
Spiels sagen, denken oder fühlen würden. Die vollständige Coverstory findet sich im Anhang.
Mit dieser Rahmengeschichte soll erreicht werden, dass die Teilnehmer sich bestmöglich in die
Spielsituation hineinversetzen. Den Teilnehmern wird zudem vermittelt, dass die Computer
miteinander über LAN-Kabel verbunden seien und so ein gemeinsames Spiel ermöglicht werde. In der
Realität sind die Laptops oder Computer der Teilnehmer nicht miteinander verbunden, die
„Mitspieler“ sind computergesteuert, die Zuspielsequenzen werden vorab festgelegt. Dies ermöglicht
es dem Studienleiter, sozialen Ausschluss aus der Ballspielgruppe über die Häufigkeit des
Ballkontakts zu operationalisieren.
Abbildung 17: Bildschirmansicht Cyberball
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Die
Cyberball-Software
inkl.
Quellcode
161
ist
frei
verfügbar31
und
erlaubt
durch
eine
benutzerfreundliche Oberflächenstruktur und die Verwendung von HTML5 als Programmiersprache
eine unkompliziert durchführbare Adaptation des ursprünglichen Paradigmas an die Anforderungen
spezifischer Studiendesigns. Im vorliegenden Fall wurde die zum Erhebungszeitpunkt aktuelle Version
Cyberball 4.0 (Williams, Yaeger, Cheung & Choi, 2012) verwendet. Bei dieser Version besteht zum
einen die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Designs (3- oder 4-Spieler-Modus, optionale Chatbox,
verschiedene Spielgeschwindigkeiten etc.) zu wählen, zum anderen sind die Ballwurfsequenzen,
Erklärungstexte und Bildunterschriften frei gestaltbar. Weiterhin besteht bei der Version 4.0 erstmals
die Möglichkeit, das Spiel tatsächlich online über einen PHP-fähigen Server laufen zu lassen. Bei den
Vorgängerversionen war stets eine Festinstallation nötig, was der Glaubwürdigkeit der Coverstory,
das Spiel werde online durchgeführt und mehrere Computer seien miteinander vernetzt, abträglich
war. In der vorliegenden Studie wurde diese Möglichkeit daher genutzt.
4.2.3.2 Anpassungen des Paradigmas an die Anforderungen der vorliegenden Studie
Im Rahmen der vorliegenden Studie nahmen an jedem Untersuchungstermin drei Teilnehmerinnen
gleichzeitig an der Erhebung teil. Diese verteilten sich auf drei „Arbeitsplätze“ im gleichen Raum, die
jeweils mit einem Laptop ausgestattet und durch einen Sichtschutz voneinander getrennt waren. Zur
bestmöglichen Operationalisierung der Anforderungen der Studie wurde daher ein 3-Spieler-Modus
ohne Chatbox ausgewählt. Während des Spiels trugen die Teilnehmerinnen Lärmschutz-Kopfhörer,
um eventuellen Gesprächen während des Spiels vorzubeugen und Mausklickgeräusche
auszublenden. Die angebliche Vernetzung der Computer wurde durch die Verwendung von LANKabeln sowie einem USB-LANPort, in den alle LAN-Kabel mündeten, simuliert. Tatsächlich diente dies
nur der Verbindung aller Laptops mit dem Internet, nicht jedoch untereinander.
Es wurden bei insgesamt 30 Ballwürfen zwei Bedingungen realisiert: In der Inklusionsbedingung (im
Folgenden mit IN abgekürzt) erhielten die Probanden den Ball in einem Drittel der Fälle (insg. 10
Ballkontakte), also genauso häufig wie die beiden anderen Spieler. In der Exklusionsbedingung (im
Folgenden mit EX abgekürzt) erhielten die Probandinnen den Ball nur in einem Zehntel der Fälle
(insg. drei Ballkontakte), davon zweimal zu Beginn des Spiels und einmal bei Wurf 15. Die anderen
Spieler erhielten somit den Ball deutlich häufiger. Die Schnelligkeit des Spiels wurde so gewählt, dass
die gesamte Spieldauer ca. 5 Minuten betrug. Weiterhin wurden die Einführungstexte (Coverstory),
Bildunterschriften und der Text zum Ende des Spiels ins Deutsche übersetzt und für die vorliegende
Studie angepasst. Die Coverstory findet sich im Wortlaut sich im Anhang.
31
herunterladbar auf https://cyberball.wikispaces.com; zuletzt abgerufen am 12.05.2014
162
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
4.2.3.3 Wirksamkeitsnachweise
Mittlerweile zählt Cyberball zu den international am weitesten verbreiteten Paradigmen zur
Induktion sozialer Exklusion und fand bereits bei verschiedensten Fragestellungen Anwendung. Im
klinisch-psychologischen Kontext liegen Studien zu Effekten von über das Cyberball-Paradigma
induzierten sozialen Ausschluss für eine Vielzahl von psychischen Störungen und Symptomkomplexen
wie Schmerz (Bernstein & Claypool, 2012a), Posttraumatische Belastungsstörung (Nietlisbach &
Maercker, 2009), Schizophrenie (Perry, Henry, Sethi & Grisham, 2011), Paranoides Denken
(Westermann, Kesting & Lincoln, 2012), Soziale Ängstlichkeit (Oaten, Williams, Jones & Zadro, 2008),
Borderline-Persönlichkeitsstörung (Staebler, Renneberg, Stopsack, Fiedler, Weiler & Roepke, 2011b)
oder Depression (Rehman, Ebel-Lam, Mortimer & Mark, 2009) vor. Diese und andere Arbeiten32
sprechen für eine exzellente Wirksamkeit des Cyberball-Paradigmas zur Induktion von sozialem
Ausschluss, was neben der hohen Praktikabilität in der Anwendung und der Möglichkeit, das
Paradigma für spezifische Fragestellungen optimal anzupassen, ausschlaggebend für die Wahl von
Cyberball zur Operationalisierung von sozialer Zurückweisung in der vorliegenden Studie war.
4.2.4
Erhebungsinstrumente
Zentrales Anliegen der experimentellen Teilstudie war die Untersuchung von Veränderungen der
aktuellen depressiven Symptomatik sowie des momentanen Gefühlszustands, ausgelöst durch die
Wahrnehmung sozialer Zurückweisung während der Ballspielsequenz. Zu diesem Zweck wurden vor
und nach der Durchführung des Cyberball-Paradigmas zwei kurze Fragebögen vorgegeben, die die
oben beschriebenen Zustände erfassen und im Folgenden dargestellt werden. Nach der
experimentellen Manipulation wurden zusätzlich Items zum Manipulation-Check vorgelegt sowie
Verhaltensintentionen als Reaktion auf sozialen Ausschluss erfragt. Die vollständigen Fragebögen der
Prä-Post-Messung finden sich im Anhang. Zur Beantwortung weiterer Fragestellungen im Rahmen
der hier vorgestellten Teilstudie wurden zudem die Skalen zur Soziodemografie, Depressivität (ADS),
Zurückweisungssensibilität (RSQ) und zu interpersonalen Motiven (IIM) aus dem bereits für die
kulturvergleichende Studie beschriebenen Fragebogenheft (vgl. Absatz 3.2.4) verwendet.
4.2.4.1 Momentaner Gefühlszustand – EMO 16
Mit den Emotionsskalen (EMO 16; Schmidt-Atzert & Hüppe, 1996) wurde ein Instrument zur
Selbstbeschreibung des aktuellen Gefühlszustands bereitgestellt, welches in der vorliegenden
32
Eine ausführliche Literaturübersicht über ca. 150 empirischen Arbeiten, die Cyberball eingesetzt haben, ist
einsehbar unter http://www1.psych.purdue.edu/~willia55/Announce/Cyberball_Articles.htm; zuletzt
abgerufen am 12.05.2014.
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
163
Untersuchung zur Erfassung von Veränderungen des emotionalen Zustands durch die experimentelle
Manipulation eingesetzt wurde. Für die Auswahl der Emotionsbegriffe war von den Autoren ein
mehrstufiges Verfahren gewählt worden, bei dem Probanden potentielle Emotionswörter auf ihren
emotionalen Gehalt hin beurteilten. Aus diesem Auswahlverfahren resultierten abschließend 16
Begriffe, die die Items des endgültigen Instruments darstellen: Abneigung, Ärger, Neid, Langeweile,
Angst, Unruhe, Traurigkeit, Sehnsucht, Scham, Schuldgefühl, Freude, Stolz, Mitgefühl, Zuneigung,
Sexuelle Erregung und Überraschung. In der ursprünglichen Fassung sollen Probanden auf einer
sechsstufigen Likert-Skala von 0 = nicht vorhanden bis 6 = sehr stark vorhanden beurteilen, wie stark
sie die jeweilige Emotion gerade erleben. Eine Bildung von Skalenwerten ist aufgrund von nur einem
Item pro Emotion zunächst nicht vorgesehen. Ausgehend von den Anforderungen der vorliegenden
Untersuchung, auch geringe Fluktuationen in den jeweiligen Emotionen, ausgelöst durch die
experimentelle Manipulation, stabil abbilden zu können, wurde das Antwortformat in eine visuelle
Analogskala (VAS) transformiert. Möglich war damit eine 100-fache Abstufung von 1 = nicht
vorhanden bis 100 = sehr stark vorhanden. Zudem wurde in der vorliegenden Studie das Item
Sexuelle Erregung aus zwei Gründen nicht vorgelegt. Zum einen existierten keine Hypothesen oder
Vermutungen über eine Veränderung sexueller Erregung durch die experimentelle Manipulation.
Zum anderen vermuten die Autoren, dass „Speziell in der angewandten Forschung (…) die Frage nach
der sexuellen Erregung als anstößig empfunden werden (kann). Gegebenenfalls sollte diese Skala aus
dem Fragebogen eliminiert werden.“ (Schmidt-Atzert & Hüppe, 1996; S. 264). Insgesamt wurden
somit 15 der 16 Emotionsskalen zur Beurteilung vorgelegt.
Die hier berichteten Informationen zur psychometrischen Güte der EMO 16 beziehen sich auf die
Likert-skalierte Version. Die Test-Retest-Reliabilität für ein 3-Minuten-Intervall in einem
emotionsneutralen Setting lag zwischen rtt = .37 (Überraschung) und rtt = .81 (Mitgefühl). Die
geringen
Stabilitäten
von
einigen
der
Emotionen
werden
von
den
Autoren
durch
Varianzeinschränkung (generell geringe Ausprägung der Emotion in der Situation) erklärt (SchmidtAtzert & Hüppe, 1996), insgesamt können die Koeffizienten als zufriedenstellend beurteilt werden.
Verschiedene experimentelle Untersuchungen zur Veränderungssensitivität der Emotionsskalen
sprechen für eine hohe Sensitivität des Instruments für situative Faktoren. Die Korrelationen der
EMO 16 mit konstruktnahen Befindlichkeitsmaßen sowie mit externen Maßen wie Neurotizismus
sprechen für eine gute konvergente und diskriminante Validität des Instruments. Eine Überprüfung
der affektiven Valenz der Skalen ergab durchgängig negative Valenzen für Abneigung, Ärger, Neid,
Angst, Unruhe, Traurigkeit, Scham und Schuldgefühl sowie positive Valenzen der Emotionen Freude,
Stolz, Mitgefühl und Zuneigung. Die übrigen Emotionen waren in ihrer Valenz weniger eindeutig.
Unter
bestimmten
Voraussetzungen
ist
demnach
für
spezifische
Fragestellungen
eine
164
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Zusammenfassung der oben angeführten Skalen zu Gesamtwerten für positive oder negative
Emotionen grundsätzlich möglich.
Einschränkend ist zu bemerken, dass zur Beurteilung der Emotionsbegriffe von den Probanden ein
gewisses Abstraktionsniveau verlangt sowie ein Vorverständnis der Begrifflichkeiten vorausgesetzt
wird (Schmidt-Atzert & Hüppe, 1996; Kocherscheidt et al., 2002). Nach Kenntnis der Autorin liegt
jedoch aktuell kein Instrument mit identischem Messanspruch vor, das dieser Einschränkung
überzeugend begegnen würde. Für die Auswahl des Instruments sprach zudem neben der
überzeugenden psychometrischen Güte vor allem seine explizite Auslegung auf den aktuellen
Gefühlszustand, welche für die Untersuchung von kurzfristigen Effekten emotionsauslösender
Bedingungen, wie sie in der vorliegenden Studie über die experimentelle Manipulation realisiert
wurden, besonders geeignet ist (Schmidt-Atzert, 1997).
4.2.4.2 Momentane Depressivität – M-ADS-K
Für den deutschsprachigen Raum lag nach Kenntnis der Autorin zum Zeitpunkt der Erhebung kein
Messinstrument zur reliablen und validen Erfassung momentaner depressiver Symptome vor. Es
wurde deshalb für den Messanspruch der vorliegenden Erhebung ein eigenes Instrument entwickelt
und evaluiert, welches im folgenden Exkurs beschrieben ist.
EXKURS 3: Entwicklung und Evaluation einer Skala zur Erfassung momentaner Depressivität
Einleitung
Studien mit einem der vorliegenden Untersuchung vergleichbaren Messanspruch hatten sich
bisher stets auf die Erfassung der momentanen Stimmung beschränkt, welche jedoch nur einen
Aspekt depressiven Erlebens darstellt (Peeters, Nicolson, Berkhof, Delespaul & deVries, 2003).
Um momentane Depressivität möglichst vollständig zu erfassen, war deshalb die Entwicklung
eines eigenen Messinstruments nötig. Dies geschah in Zusammenarbeit mit Paula Schicktanz in
Anlehnung an eine Arbeit von Moullec, Maïano, Morin, Monthuy-Blanc, Rosello & Ninot (2011),
die für den französischsprachigen Raum eine Kurzversion der ADS für die idiografische Erfassung
momentaner Depressivität entwickelt und evaluiert hatten. Die Autoren wählten ein dreistufiges
Vorgehen, an welches angelehnt auch die deutsche Version erstellt wurde.
Methoden und Ergebnisse
In einem ersten Schritt wurden alle Items der ADS, deren Verfahrenseigenschaften an anderer
Stelle dieser Arbeit (Absatz 3.2.4) beschrieben sind, in ihrer Formulierung an die Anforderungen
der Abbildung aktueller Zustände angepasst. Die allgemeine Zeitangabe „Während der letzten
Woche…“ wurde zu „Im Augenblick…“ und die Formulierungen der einzelnen Items aus dem
33
Präteritum ins Präsens umformuliert . Zudem wurde das Antwortformat entsprechend der
Anforderungen an die Erfassung aktueller Fluktuationen depressiver Symptome von einer
vierstufigen Likert-Skala (von 0 = gar nicht/weniger als ein Tag bis 3 = sehr stark/5 – 7 Tage) in
33
Die vollständige Version der Momentan-ADS (20 Items) ist auf Anfrage bei der Autorin erhältlich.
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
165
eine Visuelle Analogskala (VAS) mit der Möglichkeit einer 100fachen Abstufung mit den Ankern 1
= trifft gar nicht zu bis 100 = trifft vollständig zu, transformiert. Verschiedene Arbeitsgruppen
haben Belege dafür erbracht, dass die Verwendung visueller Analogskalen Vorteile bei der
wiederholten Messung desselben Merkmals in kurzen Zeitabständen bringt. VAS sind weniger
verzerrungs- und erinnerungsanfällig als diskrete Kategorien, sie fördern intuitive Antworten und
können selbst kleine, aber stabile Änderungen gut abbilden (Gerich, 2007; Pfennings, Cohen &
van der Ploeg, 1995). Es entstand so eine neue Skala, welche im Folgenden als M-ADS
(Momentan-ADS) bezeichnet wird.
In einem nächsten Schritt wurden die umformulierten Items im Rahmen einer Onlinestudie (n =
228; mittleres Alter = 26,46 Jahre (SD = 10,22); 74% weiblichen Geschlechts) psychometrisch
evaluiert. Die Probanden wurden dabei mit Unterstützung durch Studenten zum einen aus
privaten Bekanntenkreisen, zum anderen durch Werbung auf verschiedenen Internetplattformen
gewonnen. Es wurde zunächst die Faktorstruktur der neu entwickelten M-ADS und in einem
weiteren Schritt grundlegende Indikatoren für Reliabilität und Validität untersucht.
Da die angestrebte Kurzversion der M-ADS zum einen möglichst repräsentativ für die M-ADS sein
und sich zum anderen gut in das theoretische Rahmenmodell zur CES-D/ADS einpassen sollte,
war die Überprüfung der Faktorstruktur und der Ladungsmatrizen von zentraler Bedeutung. Im
Rahmen der faktoranalytischen Evaluation wurde die Modellgüte folgender in der Literatur zur
ADS existierender (Perreira, Deeb-Sossa, Harris & Bollen, 2005; Shafer, 2006; Sheehan et al.,
1995) und von Moullec et al. (2011) ebenfalls überprüfter Strukturgleichungsmodelle mittels
konfirmatorischer Faktorenanalysen berechnet und verglichen: ein einfaktorielles Modell mit
einem Hauptfaktor Depression, auf dem alle Items substantiell laden (Modell 1), ein
zweifaktorielles Modell, bei dem die Items, die den Skalen Positiver Affekt (PA) und
Interpersonelle Erfahrungen (IE) sowie Depressiver Affekt (DA) und Somatische Beschwerden (SB)
zugeordnet werden, zu jeweils zwei Hauptfaktoren kombiniert werden (Modell 2), eine
dreifaktorielle Lösung mit einem aus DA und PA kombinierten Faktor nebst jeweils einem
weiteren Hauptfaktor für IE und SB (Modell 3), eine ebenfalls dreifaktorielle Lösung mit DA und
SB als kombiniertem Faktor sowie IE und PA als weiteren Hauptfaktoren (Modell 4), eine
vierfaktorielle Lösung mit vier korrelierten Faktoren erster Ordnung (Modell 5), sowie eine
vierfaktorielle Lösung mit vier Faktoren erster Ordnung (DA, PA, IE und SB) sowie einem
Generalfaktor Depression, auf dem alle Items substantiell laden (Modell 6). Als Indikatoren für die
Güte der Modelle wurden die in der Literatur zur Überprüfung der relativen Passung von
34
Strukturgleichungsmodellen vorgeschlagenen Fit-Indizes (Hair, 2014; Kline, 2011) berechnet .
Als am besten auf die Daten zur neu entwickelten M-ADS passend ergab sich mit akzeptablem
Modellfit ein Modell mit vier Faktoren erster Ordnung sowie einem Generalfaktor Depression
(Modell 6). Die Zuordnung der einzelnen Items zu den vier Faktoren erster Ordnung zeigte sich
entsprechend ihrer theoretischen Subskalenzugehörigkeit (Hautzinger & Bailer, 1993). Die
statistischen Kennwerte und Güteindizes zu allen im Rahmen dieser Analyse überprüften
Strukturgleichungsmodellen sind auf Anfrage bei der Autorin erhältlich, auf eine ausführlichere
Darstellung soll aus pragmatischen Gründen an dieser Stelle verzichtet werden.
Neben der statistisch besten Passung spricht für die Annahme von Modell 6 vor allem die gute
Passung in das theoretische Rahmenmodell, wie es von Radloff (1977) für die Originalversion der
CES-D vorgeschlagen worden war (vgl. Absatz 3.2.4). Ebenso ergab sich auch für die
französischsprachige Aktualversion (Moullec et al., 2011) ein entsprechendes Modell, weshalb
von einer guten Konsistenz der Faktorstruktur der verschiedenen Versionen der ADS
ausgegangen werden kann.
Die interne Konsistenz der M-ADS, geschätzt über Cronbach’s α, lag in der Evaluationsstudie bei α
= .94, was als sehr gut bewertet werden kann. Die Korrelation zwischen der M-ADS und der ADS
lag in der Evaluationsstichprobe mit r = .88 (p < .01) wie erwartet im hohen Bereich.
Es kann somit bei der neu entwickelten M-ADS von einer ausreichend auf das theoretische
Modell der ADS passenden, die generelle Depressivität gut repräsentierenden sowie intern
konsistenten Adaptation gesprochen werden.
In einem nächsten Schritt wurden die Items für die angestrebte ökonomischere Kurzversion (im
Folgenden als M-ADS-K bezeichnet) durch Abwägen zwischen inhaltlichen und statistischen
34
RMSEA (Root mean square error of approximation/Approximationsdiskrepanzwurzel), NFI (normed fit index/
normierter Anpassungsindex), TLI (Tucker-Lewis-Index), GFI (goodness of fit index/Anpassungsgüteindex), CFI
(comparative fit index/komparativer Anpassungsindex), AIC (Akaike information criterion), Χ² (Chi²-Statistik)
166
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Kriterien ausgewählt. Als statistische Kriterien wurden dabei die Selektions- und
Schwierigkeitskennwerte sowie die Regressionsgewichte der Items herangezogen, inhaltliche
Kriterien waren die Plausibilität, die Verhaltensnähe sowie die Repräsentativität der Items für
35
den jeweiligen Faktor . Pro Faktor (DA, PA, IE, SB) wurde nach diesem Vorgehen ein Item
ausgewählt. Für den Faktor Positiver Affekt wurde das Item „Im Augenblick bin ich fröhlich“
ausgewählt, für den Faktor Depressiver Affekt das Item „Im Augenblich ist mir zum Weinen
zumute“. Für den Faktor Somatische Beschwerden erwies sich das Item „Im Augenblick ist alles
anstrengend für mich“ als besonders geeignet, für den Faktor Interpersonelle Erfahrungen fiel die
Wahl auf das Item „Im Augenblick habe ich das Gefühl, dass andere Leute mich nicht leiden
können“. Als Skalenwert der M-ADS-K wurde das arithmetische Mittel über die Items berechnet.
Die interne Konsistenz der Kurzversion lag mit α = .82 unter Berücksichtigung der Kürze der Skala
im äußerst zufriedenstellenden Bereich. Die Korrelation mit der ADS lag bei r = .87 (p < .01), die
Korrelation mit der M-ADS bei r = .94 (p < .01), was für eine sehr gute Repräsentativität der
ausgewählten Items für die Gesamtskala spricht.
Zusammenfassend kann von einer sowohl auf Ebene der Faktorstruktur als auch hinsichtlich der
grundlegenden psychometrischen Kennwerte gelungenen Entwicklung einer Kurzversion zur
Erfassung momentaner Depressivität ausgegangen werden. Abbildung 18 zeigt die ausgewählten
Items in ihrer Darstellungsform mit visueller Analogskala.
Abbildung 18: Items und Format der M-ADS-K
35
Die entsprechenden Itemkennwerte sind auf Anfrage bei der Autorin erhältlich.
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
167
In einer weiteren Studie erfolgte eine erste Annäherung an die Überprüfung der Eignung der neu
entwickelten M-ADS-K an die Anforderungen der geplanten experimentellen Untersuchung. Von
besonderem Interesse war hierbei die Erfassung der Sensitivität des Instruments für (kleinere)
Fluktuationen in der aktuellen Depressivität. Zu diesem Zweck wurden Daten von n = 24 nichtklinischen Probanden (58,3% weiblich; mittleres Alter = 25,3 (SD = 9,8)) erhoben. Bei der Hälfte
dieser Probanden wurde mittels einer Variation des Cyberball-Paradigmas (Williams & Jarvis,
2006; vgl. Absatz 4.2.3) soziale Exklusion durch Ausschluss aus einer Online-Ballspielgruppe
induziert, die verbleibenden 12 Probanden wurden der Kontrollgruppe „Soziale Inklusion“
zugeordnet. Vor und nach der experimentellen Manipulation wurde die M-ADS-K vorgelegt. Eine
Überprüfung von Mittelwertsunterschieden in der Veränderung des M-ADS-K-Skalenwerts mit
einem T-Test ergab deutliche Gruppenunterschiede (T = 3,06; p < .01) zwischen den beiden
Bedingungen. Während der M-ADS-K-Wert in der Exklusionsbedingung deutlich anstieg, fiel er in
der Inklusionsbedingung leicht ab. Die Ergebnisse dieser Pilotstudie sprechen für eine Eignung
der M-ADS-K zur Erfassung von experimentell induzierten Fluktuationen in der Depressivität.
Zusammenfassung und Bewertung
Mit der M-ADS-K steht eine psychometrisch sehr zufriedenstellende und für die Fragestellungen
der vorliegenden Studie sehr gut geeignete Neuentwicklung eines Messinstruments zur
ökonomischen Erfassung momentaner depressiver Symptome zur Verfügung.
4.2.4.3 Verhaltensintentionen
Zur Abfrage der Verhaltensintentionen wurde, mangels einer zur Fragestellung passenden
Alternative, eine ad hoc-konstruierte Skala verwendet. Ausgehend von der Frage „Was würden Sie
jetzt am Liebsten tun?“ wurden den Probanden 16 mögliche Verhaltensreaktionen vorgelegt, die auf
einer Visuellen Analogskala von 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 100 = trifft vollkommen zu eingestuft
werden konnten. Neben 4 Füllitems waren in dieser Skala jeweils vier Items für die drei von RomeroCanyas et al. (2009) beschriebenen Verhaltensklassen enthalten. Externalisierendes Verhalten (im
Folgenden als VERe bezeichnet) wurde mit den Items „Ich würde den anderen gerne andere Regeln
vorschlagen“, „Ich würde gerne mit den anderen über das Spiel diskutieren“, „Ich würde den anderen
am Liebsten meine Meinung sagen“ und „Ich würde den anderen gerne meinen Standpunkt
darlegen“ erfasst. Internalisierendes Verhalten (im Folgenden als VERi bezeichnet) wurde in den
Items „Ich wäre lieber woanders“, „Ich möchte mit den anderen lieber nichts mehr zu tun haben“,
„Ich möchte mich nicht mit den anderen unterhalten“ und „Ich wäre jetzt lieber alleine“ abgebildet.
Anbiederndes Verhalten (im Folgenden als VERa bezeichnet) schließlich wurde über die Items „Ich
würde mich gerne bei den anderen entschuldigen“, „Ich würde die anderen gerne fragen, was sie
jetzt vorhaben“, „Ich würde gerne etwas mit den anderen unternehmen“ und „Ich würde mich gerne
bei den anderen bedanken“ operationalisiert. Aus den vier Items wurden Skalen gebildet, deren
Kennwert das arithmetische Mittel ist. Erste Hinweise auf die psychometrische Güte dieser ad hocSkalen werden im Rahmen der Ergebnisdarstellung (Kapitel 4.3) berichtet.
168
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
4.2.4.4 Manipulation Check Items
Zur Überprüfung der Wirksamkeit der experimentellen Manipulation wurden insgesamt zehn Items
vorgelegt, von denen neun Items in Anlehnung an das Antwortformat der übrigen Prä-Post-Messung
als visuelle Analogskalen mit der Möglichkeit einer 100-fachen Abstufung zwischen 1 = trifft
überhaupt nicht zu und 100 = trifft vollkommen zu vorgegeben wurden. Die Items erfassten zum
einen die Glaubwürdigkeit der Coverstory „Visuelle Mentalisierung“ (sechs Items). Dabei wurden die
Probanden gebeten, anzugeben, wie gut es Ihnen gelungen ist, sich das Spiel „im wahren Leben“
vorzustellen (z.B. „Während des Spiels… konnte ich mir die Umgebung gut vorstellen“). Diese Items
waren jedoch für den Manipulation-Check im engeren Sinne nicht ausschlaggebend. Zur Überprüfung
der Wahrnehmung, zur Gruppe zugehörig zu sein oder nicht, wurden drei Items vorgelegt. Ein Item
(„Während des Spiels… fühlte ich mich im Allgemeinen den anderen Menschen in meine
Ballwurfgruppe zugehörig“) wurde aus anderen Studien übernommen und erfasst eine Grundfacette
sozialen Ausgeschlossenseins: die Bedrohung der sozialen Zugehörigkeit (Zadro et al., 2004). Neben
dem Gefühl der Zugehörigkeit zur Gruppe wurde weiterhin die empfundene Fairness des Ballspiels
bewertet („Während des Spiels… wurde ich von meinen Mitspielern fair behandelt“ und „Während
des Spiels… bekam ich den Ball genauso häufig zugespielt wie die anderen Mitspieler“). Der
Mittelwert über die drei Items diente als Indikator für die Wirksamkeit der experimentellen
Manipulation. Ebenfalls in Anlehnung an andere Studien mit dem Cyberball-Paradigma (vgl. Williams
et al., 2000) wurde ein weiteres Item mit offenem Antwortformat formuliert, das die geschätzte
Häufigkeit des Ballkontakts („Wie oft haben Sie ungefähr den Ball erhalten?“) erfasste und ebenfalls
in die Bewertung der Wirksamkeit der experimentellen Manipulation mit einging.
4.2.5
Studienablauf
Die Teilnehmerinnen nahmen in Gruppen zu je drei Personen an der experimentellen,
querschnittlichen Studie teil. Nach ihrer Ankunft wurden die Probandinnen begrüßt und
unterzeichneten eine Einwilligungserklärung zur Studienteilnahme. Daran anschließend wurde der
Ablauf der folgenden Stunde dargestellt. Dabei wurde den Probandinnen eine kurze Coverstory
präsentiert, die beinhaltete, es handle sich um eine Untersuchung zu „Gruppenarbeit und seelische
Befindlichkeit“ und nach der Bearbeitung der Fragebögen sowie einer kurzen Ballspielsequenz am
Computer gäbe es am Ende eine kleine Gruppenaufgabe, bei der die Teilnehmerinnen möglichst
effektiv zusammen arbeiten sollten. Dies diente dem Zweck, der Gruppe für die Zeit der Erhebung
eine gewisse Salienz zu verleihen (Bernstein, Sacco, Young, Hugenberg & Cook, 2010). Aus dem
gleichen Grund erfolgte in Anlehnung an eine Arbeit von Garris et al. (2011) vor Beginn der
eigentlichen Erhebung eine kurze Vorstellungsrunde, bei der die Probandinnen gebeten wurden, den
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
169
anderen Gruppenmitgliedern ihren Vornamen, Alter, Beruf, Hobbies und, falls möglich, einige
persönliche Eigenschaften zu nennen. Daran anschließend nahmen die Probandinnen an einem
runden Tisch, auf dem drei Laptops platziert waren, Platz. Durch eine Trennwand als Sichtschutz war
der Tisch in drei separate Arbeitsplätze unterteilt. Zunächst bearbeiteten die Probandinnen das
Fragebogenheft, was ca. 40 Minuten in Anspruch nahm. Um die Erhebungssituation zur chilenischen
reinen Fragebogenstudie (vgl. Absatz 3.2.5) vergleichbarer zu machen, füllte ein Teil der
Probandinnen die Fragebögen am Computer in einer Online-Version aus, ein anderer Teil erhielt eine
Papier-Version. Nach Abschluss der Fragebogenerhebung wurde den Probandinnen mitgeteilt, dass
sie nun ein einfaches Ballspiel am Computer spielen würden, bei dem ihre Aufgabe sei, bei Erhalten
des Balls denselben per Mausklick an einen anderen Spieler weiterzugeben. Daran anschließend
wurde den Probandinnen die Coverstory präsentiert, es handle sich im Folgenden um eine „mentale
Visualisierungsaufgabe“, deren Ziel es sei, sich die Ballspielsequenz möglichst lebhaft und detailliert
„im wahren Leben“ vorzustellen und danach darüber Auskunft zu geben, wie gut dies gelungen sei.
Vor Beginn des Spiels wurde den Probandinnen ein kurzer Fragebogen ausgehändigt, der die Skalen
der Prä-Messung enthielt. Die Teilnehmerinnen wurden gruppenweise in quasi-randomisierter
Reihenfolge den beiden experimentellen Bedingungen IN und EX zugewiesen. Nach Abschluss des
Spiels erhielten die Probandinnen den Fragebogen zur Post-Messung. Daran anschließend erfolgte
eine ausführliche Aufklärung über den wahren Zweck der Untersuchung. Besonders bei den
Probandinnen in der Exklusionsbedingung wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass niemand
tatsächlich aus der Gruppe ausgeschlossen worden war, sondern dass es sich um ein manipuliertes
Spiel mit computergesteuerten Avataren gehandelt hatte. Die Teilnehmerinnen hatten Gelegenheit,
offen gebliebene Fragen zu klären, unterzeichneten anschließend das Aufklärungsformblatt und
erhielten abschließend eine Aufwandsentschädigung von 10 Euro sowie, analog zur chilenischen
Fragebogenstudie, die Möglichkeit einer persönlichen Rückmeldung über ihre Werthaltungen (erfasst
über die deutsche Version des PVQ).
4.2.6
Auswertungsstrategien
4.2.6.1 Datenaufbereitung und vorbereitende Analysen
Die Datenaufbereitung (Überprüfung von Akkuratheit der Dateneingabe, Einhaltung der Ein- und
Ausschlusskriterien, Umgang mit fehlenden Werten und Ausreißern, Umkodierung der Rohwerte und
Bildung von Skalenwerten) sowie die vorbereitenden Analysen (Verteilungsform und interne
Konsistenzen) erfolgten analog zum Vorgehen in der kulturvergleichenden Studie (vgl. Abs. 3.2.6).
Die Datenauswertung erfolgte ebenfalls mit IBM SPSS Statistics 20.
170
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Aus den ursprünglich aus unterschiedlichen Grundgesamtheiten (diagnositzierte Depression und in
psychotherapeutischer Behandlung vs. bisher keine Diagnose einer depressiven Störung und aktuell
nicht in psychotherapeutischer Behandlung) gewonnenen Studienteilnehmern wurde aufgrund der
Fragestellungen der vorliegenden experimentellen Teilstudie mit einem Fokus auf kontinuierlichen
Zusammenhänge zwischen der Depressivität und anderen psychologischen Zielvariablen eine Gruppe
gebildet, deren Depressivitätswerte sich auf einem Kontinuum zwischen deutlich nicht-depressiv und
deutlich klinisch-depressiv bewegen. Eine Überprüfung der Annahme, dass in der wesentlich
personenstärkeren
Gruppe
der
nicht
in
psychotherapeutischer
Behandlung
befindlichen
Studienteilnehmer durchaus Personen mit Depressivitätswerten im subklinischen und klinisch
relevanten Bereich vertreten waren, konnte bestätigt werden. So lag die Spannweite der
Depressivität in der nicht-klinischen Gruppe, erfasst über den Summenwert in der ADS, zwischen 1
und 30. N = 5 Personen lagen deutlich über dem von Hautzinger und Bailer (1993) für den deutschen
Raum angegebenen klinischen Grenzwert von 23, n = 14 Personen wiesen Werte von > 15 auf, liegen
somit über dem von den Autoren für Frauen berichteten Bevölkerungsmittelwert von 15,83 Punkten
und können somit als subklinisch depressiv bezeichnet werden (Hautzinger & Bailer, 1993).
Unter anderem Schomerus, Appel, Meffert, Luppa, Andersen, Grabe und Baumeister (2013) konnten
zeigen,
dass
sich
hilfesuchende
depressive
Personen
in
Alter,
Bildung
und
dem
Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit von depressiven Personen unterschieden, die keine
professionelle Hilfe suchten. Zur Exploration möglicher Störeinflüsse durch konfundierende Faktoren
wurde daher die Verteilung soziodemografischer Indikatoren sowie psychologischer Zielvariablen auf
Unterschiede zwischen den Teilnehmern aus den beiden Grundgesamtheiten überprüft. Für die
nominal oder ordinal skalierten Indikatoren wurde hierbei der Chi²-Test angewendet, kontinuierliche
Merkmale wurden mit dem F-Test, oder, bei nichtgegebener Normalverteilung des Merkmals, mit
dem verteilungsfreien Kruskal-Wallis-H-Test überprüft. Da sich das Ausmaß der Depressivität per
definitionem zwischen den beiden Gruppen unterscheiden sollte, wurde dies statistisch kontrolliert.
Bei signifikanten Ergebnissen wurde die Gruppierungsvariable „Psychotherapie ja/nein“ als
Kontrollvariable in allen weiteren Analysen berücksichtigt.
4.2.6.2 Umgang mit den Rohwerten der Prä-Post-Messung
Als Kennwerte für die Veränderung der aktuellen Depressivität und Befindlichkeit durch die
experimentelle Manipulation wurden die M-ADS-K sowie verschiedene Skalen der EMO 16
herangezogen. Aus den 15 vorgelegten Skalen der EMO 16 wurden ein Compositescore für positive
Emotionalität durch Mittelwertsbildung über die Skalen Freude, Stolz, Mitgefühl und Zuversicht sowie
ein Compositescore für depressionsrelevante negative Emotionalität durch Mittelwertsbildung über
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
171
die Skalen Traurigkeit, Angst, Unruhe, Scham und Schuldgefühl gebildet. Als depressionsrelevant
wurden zum einen diejenigen Emotionen mit negativer affektiver Valenz bewertet, die sich in den
diagnostischen Kriterien für depressive Erkrankungen im ICD-10 (Dilling et al., 2014) finden, zum
anderen wurde aufgrund der unter Absatz 2.5.3 berichteten Forschungsergebnisse zur
Bedeutsamkeit der Emotion Scham für depressive Symptome diese ebenfalls in den Compositescore
mit aufgenommen. Die neu gebildeten Skalenwerte werden im Folgenden als EMOpos (positive
Emotionalität) bzw. EMOneg (negative Emotionalität) bezeichnet. Weiterhin wurde die Emotion
Scham aufgrund der spezifischen Fragestellungen der vorliegenden Arbeit gesondert in die
Auswertung aufgenommen und im Folgenden als EMOscham bezeichnet. Zur Analyse der
Veränderungen in der aktuellen Depressivität und Emotionalität wurden für die M-ADS-K und die
oben beschriebenen Skalen der EMO 16 Differenzwerte zwischen der Prä- und der Postmessung
durch Subtraktion des Prä-Werts vom Post-Wert gebildet. Positive Werte sprechen demnach für eine
höhere Ausprägung des Merkmals nach der experimentellen Manipulation im Vergleich zum Wert
vor der Manipulation. Auch unter Berücksichtigung der Kritik an der Analyse von Rohwertdifferenzen
schien dieses Vorgehen angemessen. Diese Kritik bezieht sich vorrangig auf die doppelte Messfehlerbehaftung von Differenzmaßen sowie die Unmöglichkeit, messfehlerbedingte Differenzen von
wahren Veränderungen zu unterscheiden (Steyer, Eid &Schwenkmezger, 1997; Steyer, Hannoever,
Telser & Kriebel, 1997; Tent & Stelzl, 1993), wobei dies vor allem bei der Analyse intraindividueller
Veränderungen über die Zeit zu einer Fehleinschätzung der wahren Veränderung führt. Durch die
Analyse von über eine randomisierte Gruppe von Personen gemittelten Veränderungen, wie sie in
der vorliegenden Untersuchung vorgenommen wurde, sollte die Messfehlerbehaftung, unter
Annahme der Unabhängigkeit der Fehlerterme, minimiert sein. Die neu gebildeten Differenzwerte
wurden gemäß der gängigen Nomenklatur mit dem griechischen Buchstaben Delta (Δ) bezeichnet. Es
entstanden somit vier neue Variablen: ΔM-ADS-K, ΔEMOpos, ΔEMOneg und ΔEMOscham.
4.2.6.3 Hypothesentestung
Die Analyse von Gruppenunterschieden auf den psychologischen Zielvariablen in Abhängigkeit von
der experimentellen Bedingung sowie die Überprüfung der Wirksamkeit der experimentellen
Manipulation erfolgten für normalverteilte Variablen analog zum für die kulturvergleichende Studie
in Absatz 3.2.6.2 beschriebenen Vorgehen mit F-Tests. Wo die Normalverteilungsannahme verletzt
war, wurde der verteilungsfreie Mann-Whitney-U-Test berechnet. Als Effektgröße wird r angegeben
(r = Z/√𝑁). Field (2013) gibt als Orientierungshilfe zur Bewertung der Größe von r an, dass Werte ab r
= .10 als klein, ab r = .30 als mittel und Werte ab r = .50 als groß angesehen werden können.
172
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Die Überprüfung korrelativer Zusammenhänge erfolgte mittels der unter Absatz 3.2.6.3 vorgestellten
Verfahren.
Zur
Einordnung
der
interessierenden
Variablen
auf
dem
interpersonalen
Circumplexmodell wurden anschließend an die Berechnung bivariater Korrelationen zur Überprüfung
von Unterschieden in der Stärke der verschiedenen Korrelationskoeffizienten nach einer Empfehlung
von Field (2013) T-Tests zum Vergleich abhängiger Korrelationskoeffizienten berechnet.
Zur Überprüfung von Mediationshypothesen wurden analog zum in Absatz 3.2.6.4 beschriebenen
Vorgehen mediierte Regressionsanalysen unter Verwendung der Bootstrappingmethode nach Hayes
(2013) berechnet.
Zur
Überprüfung
von
Interaktionseffekten
zwischen
experimenteller
Bedingung
und
Zurückweisungssensibilität auf die Zielvariablen wurden analog zum im Absatz 3.2.6.5 beschriebenen
Vorgehen moderierte Regressionsanalysen berechnet. Die Skalenwerte der ADS als Kennwert der
Depressivität gingen als Kovariate in alle geprüften Modelle ein, da die Hypothesen eine
Unabhängigkeit der Befunde von der Ausprägung der Depressivität beinhalteten.
4.3
Ergebnisse
4.3.1
Datenaufbereitung
Nach Überprüfung der für die Studie geltenden Ausschlusskriterien bestand der urspüngliche
deutsche Datensatz aus n = 101 Personen. Aus diesem Datensatz mussten aufgrund der unter Absatz
4.2.2 angeführten Gründe die Daten von n = 14 Personen entfernt werden. Die endgültige
Analysestichprobe für die Auswertung der experimentellen Studie bestand somit aus n = 87
Teilnehmerinnen. Davon waren n = 26 Probandinnen der depressiven Stichprobe zugehörig und n =
61 Probandinnen der nicht-depressiven Stichprobe. N = 45 Probandinnen waren der
Exklusionsbedingung zugeteilt worden (davon n = 13 Patientinnen) und n = 42 Probandinnen führten
das Experiment in der Inklusionsbedingung durch (davon n = 13 Patientinnen).
Fehlende Werte in den für die Analyse der experimentellen Daten interessierenden Skalen ADS
(Depressivität), RSQ (Zurückweisungssensibilität), IIM (Interpersonelle Motive) und TOSCA
(Schamneigung) waren bereits für die interkulturelle Auswertung durch den Expectation
Maximization Algorithmus ersetzt worden (vgl. Absatz 3.3.1), das gleiche Vorgehen wurde bei den
Items des Manipulation Check angewendet. Fehlende Werte in der EMO-16 sowie in den Angaben
zur vermuteten Häufigkeit des Ballkontakts wurden nicht ersetzt, da es sich um Ein-Item-Messungen
handelte. Eine Überprüfung der Verteilung der fehlenden Werte mit dem MCAR-Test nach Little
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
173
(1988) ergab eine zufällig verteilte Form der fehlenden Werte (Χ² = 78,34; df = 114; p = .996).
Auswertungen werden entsprechend mit den um die jeweiligen fehlenden Werte reduzierten
Stichprobengrößen durchgeführt. Fehlende Werte in der M-ADS-K kamen nicht vor. Da die Items zur
Erfassung der Verhaltensintentionen erst nachträglich in die Untersuchung integriert worden waren,
lagen lediglich für n = 77 Teilnehmerinnen Werte auf dieser Variablen vor. Analysen, die sich auf die
Verhaltensintentionen beziehen, werden entsprechend mit einer Stichprobengröße von n = 77
durchgeführt. Einzelne fehlende Werte kamen in diesem Zusammenhang nicht vor. Die Analyse von
Ausreißerwerten erfolgte getrennt für die Bedingungen, da mittels der experimentellen Manipulation
explizit eine weite Streuung der Differenzwerte in den abhängigen Variablen zwischen den beiden
experimentellen Bedingungen angestrebt worden war. Eine Überprüfung der z-standardisierten
Differenzwerte von M-ADS-K, EMOneg, EMOpos und EMOscham ergab, dass insgesamt 5
Datenpunkte mit einem Wert von z >|3| vorlagen. Diese wurden nach den Empfehlungen von
Tabachnick und Fidell (2013) ersetzt. Alle übrigen Werte konnten unverändert beibehalten werden.
4.3.2
Vorbereitende Analysen
4.3.2.1 Verteilungsform
Zur Überprüfung der Verteilungsform wurde der Kolmogorow-Smirnov-Z-Test berechnet. Für die
Variablen
der
Prä-Post-Messung
wurden
zur
Abschätzung
der
Verteilungsform
die
präexperimentellen Werte herangezogen. Die Ergebnisse sind in Tabelle 15 dargestellt. Es ergab sich,
dass die Annahme der Normalverteilung für die soziodemografischen Indizes Alter (Z = 1,743; p < .01)
und Einkommen (Z = 1,722; p < .01) sowie die Skalen EMOneg (Z = 1,743; p < .01), EMOscham (Z =
2,363; p < .01) und VERe (Z = 1,433; p < .05) verworfen werden muss, was in der weiteren
Auswertung an den entsprechenden Stellen berücksichtigt wird.
4.3.2.2 Interne Konsistenzen
Als Schätzwert für die Reliabilität der Variablen wurden die internen Konsistenzen über Cronbach’s
Alpha berechnet, Tabelle 15 gibt eine Übersicht. Für die Skalen M-ADS-K, EMOpos und EMOneg
wurden die Prä-Werte zur Reliabilitätsschätzung herangezogen. Da es sich bei EMOscham um eine
Ein-Item-Messung handelt, war eine Abschätzung der Reliabilität nicht möglich. Alle Werte lagen im
zufriedenstellenden (M-ADS-K: α = .63) bis sehr guten (ADS: α = .94) Bereich, es kann entsprechend
bei allen hier interessierenden Skalenwerten von einer zur Überprüfung der inferenzstatistischen
Fragestellungen ausreichenden Reliabilität der Skalenwerte ausgegangen werden.
174
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Tabelle 15: Vorbereitende Analysen Teilstudie B
Cronbach’s α
Kolmogorow-Smirnov-Z
Altera
1,74**
Einkommena
1,72**
ADSa
.94
1,05
.92
0,93
.79
0,38
.74
0,87
.80
0,42
.84
0,90
.83
0,60
.80
0,53
.62
0,71
IIM – Harmoniea
.76
0,83
IIM – Soziale Akzeptanza
a
RSQ
Schamneigung
a
IIM – Selbstsicherheita
IIM – Durchsetzung
a
IIM – Selbstbezogenheit
a
IIM – Verschlossenheita
IIM – Unterordnung
IIM – Altruismus
a
a
.66
0,40
a
M-ADS-K
.63
0,95
a
.78
1,74**
.87
1,10
EMOneg
EMOposa
EMOscham
VERi
a
2,36**
b
VEReb
b
VERa
.77
1,02
.80
1,43*
.72
a
1,02
b
* sign. bei p < .05; ** sign. bei p < .01; n = 87; n = 77
4.3.3
Endgültige Analysestichprobe
Die n = 87 Probandinnen waren randomisiert in Gruppen zu je drei Personen den beiden
experimentellen Bedingungen (IN/EX) zugeordnet worden. Zur soziodemografischen Beschreibung
der Stichprobe wurden folgende Indizes herangezogen: Alter, Familienstand, Anzahl der Kinder,
Bildungsniveau, Einkommen sowie Berufsstatus. In Tabelle 16 sind die Verteilungen der
soziodemografischen Indikatoren für die Gesamtstichprobe sowie getrennt für EX und IN dargestellt.
Die beiden experimentellen Gruppen sollten sich nicht a priori auf den soziodemografischen Indizes
unterscheiden. Zur Überprüfung dieser Annahme wurden die Bedingungen in den kategorialen
Variablen mittels Chi²-Test verglichen. Da für die (quasi)kontinuierlichen Variablen Alter und
Einkommen die Annahme der Normalverteilung verworfen werden musste, wurden Unterschiede auf
diesen Variablen mit dem verteilungsfreien Mann-Whitney-U-Test überprüft.
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
175
Tabelle 16: Soziodemografische Beschreibung der Stichprobe
Indikator
GES (n = 87)
EX (n = 45)
IN (n = 42)
Prüfgröße
p-Wert
Alter
Range
M
SD
Angabe fehlt
18 – 65
35,86
14,12
1 (1,1%)
18 – 62
38,25
14,42
1 (2,2%)
18 – 65
33,36
13,51
0 (0%)
U = 746,0
.124
Familienstand
Ledig
In Partnerschaft
Verheiratet
Getrennt lebend
Geschieden
Verwitwet
Angabe fehlt
31 (35,6%)
20 (23%)
29 (33,3%)
1 (1,1%)
5 (5,7%)
1 (1,1%)
0 (0%)
14 (31,1%)
8 (17,8%)
18 (40%)
0 (0%)
5 (11,1%)
0 (0%)
0 (0%)
17 (40,5%)
12 (28,6%)
11 (26,2%)
1 (2,4%)
0 (0%)
1 (2,4%)
0 (0%)
Χ²(5) = 9,69
.085
Anzahl Kinder
Keine Kinder
1 Kind
2 Kinder
Mehr als 2 Kinder
Angabe fehlt
57 (65,5%)
11 (12,7%)
12 (13,8%)
7 (8%)
0 (0%)
24 (53,3%)
9 (20%)
8 (17,8%)
4 (8,9%)
0 (0%)
33 (78,6%)
2 (4,8%)
4 (9,5%)
3 (7,1%)
0 (0%)
Χ²(3) = 7,26
.064
Bildungsniveau1
noch in der Schule
Hauptschulabschluss
Realschulabschluss
Abitur, Fachabitur
Hochschulabschluss
Angabe fehlt
1 (1,1%)
8 (9,2%)
16 (18,4%)
40 (46,0%)
22 (25,3%)
0 (0%)
1 (2,2%)
6 (13,3%)
11 (24,4%)
16 (35,6%)
11 (24,4%)
0 (0%)
0 (0%)
2 (4,8%)
5 (11,9%)
24 (57,1%)
11 (26,2%)
0 (0%)
Χ²(4) = 6,76
.149
Berufsstatus2
Berufstätig Vollzeit
Berufstätig Teilzeit
Berufstätig gelegentlich
Hausfrau/-mann
Student
In Ausbildung/Umschulung
Arbeitslos gemeldet
In Rente
Angabe fehlt
24 (27,6%)
14 (16,1%)
4 (4,6%)
4 (4,6%)
32 (36,8%)
1 (1,1%)
3 (3,4%)
4 (4,6%)
1 (1,1%)
13 (28,9%)
7 (15,6%)
3 (6,7%)
2 (4,4%)
14 (31,1%)
1 (2,2%)
3 (6,7%)
2 (4,4%)
0 (0%)
11 (26,2%)
7 (16,7%)
1 (2,4%)
2 (4,8%)
18 (42,9%)
0 (0%)
0 (0%)
2 (4,8%)
1 (2,4%)
Χ²(7) = 5,49
.600
Einkommen
Range
M
SD
Angabe fehlt
624 – 5407
1826,20
1065,52
6 (6,9%)
662 – 4415
1716,24
838,96
4 (8,9%)
624 – 5407
1938,91
1257,47
2 (4,8%)
U = 838,5
.860
1
GES = Gesamtstichprobe; EX = Exklusionsbedingung; IN = Inklusionsbedingung; M = Mittelwert; SD = Standardabweichung;
2
der Bildungsabschluss „Kein Schulabschluss“ kam in der Stichprobe nicht vor und ist daher in der Tabelle nicht aufgeführt;
die Berufstätigkeiten „in Elternzeit“ und „krankgeschrieben“ kamen in der Stichprobe nicht vor und sind daher in der
Tabelle nicht aufgeführt
176
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Die Ergebnisse der inferenzstatistischen Überprüfung von a priori Unterschieden in den beiden
experimentellen Bedingungen sind ebenfalls in Tabelle 16 dargestellt. Es ergab sich auf keinem der
untersuchten soziodemografischen Indizes ein statistisch bedeutsamer Unterschied, weshalb von
einer gelungenen Randomisierung der Probanden hinsichtlich der soziodemografischen Merkmale
ausgegangen werden kann.
Bei einer gelungenen Randomisierung sollten die beiden Gruppen EX und IN weiterhin nicht auf vor
der experimentellen Manipulation erhobenen Merkmalen unterscheiden. Mit F-Tests und, wo die
Normalverteilungsannahme verletzt war, mit dem Mann-Whitney-U-Test, wurde deshalb die
Vergleichbarkeit der beiden Gruppen auf den Variablen Depressivität, Zurückweisungssensibilität,
interpersonale Motive sowie den präexperimentellen Werten der Veränderungsmessung (M-ADS-K,
EMOpos, EMOneg und EMOscham) überprüft. Die Verhaltensintentionen waren lediglich nach der
experimentellen Manipulation erhoben worden und können folglich nicht als unabhängig von
derselben betrachtet werden, weshalb eine nähere Betrachtung an dieser Stelle entfällt. Es ergab
sich auf keiner der Variablen ein bedeutsamer Gruppenunterschied zwischen den Bedingungen,
Tabelle 17 gibt eine Übersicht. Deskriptiv sind zudem Mittelwerte und Standardabweichungen der
abhängigen Variablen in den beiden experimentellen Bedingungen dargestellt.
Tabelle 17: Präexperimentelle Gruppenunterschiede auf den abhängigen Variablen
EX (n = 45)
IN (n = 42)
M(SD)
M(SD)
Prüfgröße
p
ADS
0,83 (0,61)
0,81 (0,55)
F(1,85) = 0,03
.85
RSQ
9,52 (4,15)
9,07 (4,61)
F(1,85) = 0,23
.64
0,16 (0,47)
0,27 (0,45)
F(1,85) = 1,26
.27
-0,75 (0,42)
-0,89 (0,47)
F(1,85) = 2,15
.15
-1,22 (0,46)
-1,20 (0,53)
F(1,85) = 0,03
.87
-0,46 (0,43)
-0,45 (0,60)
F(1,85) = 0,02
.88
-0,08 (0,43)
-0,05 (0,47)
F(1,85) = 0,08
.77
0,49 (0,37)
0,37 (0,44)
F(1,85) = 1,58
.21
0,93 (0,52)
0,90 (0,49)
F(1,85) = 0,04
.84
0,94 (0,35)
1,04 (0,35)
F(1,85) = 1,78
.19
M-ADS-K
22,29 (13,72)
28,01 (17,75)
F(1,85) = 2,84
.10
EMOposb
34,40 (25,20)
29,07 (21,45)
F(1,85) = 1,12
.29
15,81 (14,03)
17,41 (17,00)
U = 939,0
.96
13,71 (18,68)
10,98 (15,45)
U = 1000,5
.63
IIM – Selbstsicherheita
IIM – Durchsetzung
a
IIM – Selbstbezogenheit
a
IIM – Verschlossenheita
IIM – Unterordnung
IIM – Altruismus
a
a
IIM – Harmoniea
IIM – Soziale Akzeptanz
b
EMOneg
b
EMOscham
b
a
a
M = Mittelwert; SD = Standardabweichung; negative Mittelwerte kommen durch Ipsatierung zustande;
b
präexperimentelle Messwerte
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
177
Zur Überprüfung von Unterschieden zwischen denjenigen Personen der Stichprobe, die aus einer
klinischen, sich in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung befindlichen, Grundgesamtheit
rekrutiert worden waren, und denjenigen Probandinnen, die aus der Grundgesamtheit der
Allgemeinbevölkerung rekrutiert worden waren, wurde zunächst ein Vergleich zwischen den
Teilnehmerinnen dieser beiden Populationen (Psychotherapie ja/nein) auf den oben angeführten
soziodemografischen Indizes durchgeführt. Kategoriale Variablen wurden mit dem Chi²-Test,
kontinuierliche Variablen mit dem verteilungsfreien Mann-Whitney-U-Test überprüft. Es ergaben sich
für keine der untersuchten soziodemografischen Indizes bedeutsame Unterschiede zwischen den
Teilnehmerinnen aus der klinischen und aus der nicht-klinischen Teilstichprobe (Alter: U = 883,0; p =
.33; Familienstand: Χ²(5) = 7,16; p = .21; Anzahl der Kinder: Χ²(4) = 6,33; p = .18; Bildungsniveau: Χ²(4)
= 7, 85; p = .10; Berufsstatus: Χ²(7) = 8,80; p = .27; Einkommen: U = 697,5; p = .86).
In einem zweiten Schritt wurden Unterschiede in der Depressivität untersucht. Per definitionem
sollten sich die Teilnehmerinnen aus den beiden Populationen in der Depressivität unterscheiden,
wobei Probandinnen aus der klinischen Stichprobe höhere Werte auf weisen sollten. Dies wurde mit
einem F-Test überprüft. Es ergab sich wie erwartet ein statistisch bedeutsamer Gruppenunterschied
in der Depressivität (F(1,85) = 110,22; p < .001; η² = .57) in erwarteter Richtung. Über einen
Unterschied in der Depressivität hinaus sollte das Gruppierungsmerkmal Psychotherapie ja/nein
jedoch keine Zusammenhänge zu weiteren hier untersuchten psychologischen Zielvariablen
aufweisen. In einem nächsten Schritt wurde deshalb überprüft, ob das Merkmal Psychotherapie
ja/nein unter Kontrolle der Depressivität einen signifikanten Einfluss auf die psychologischen
Zielvariablen aufweist. Zu diesem Zweck wurden F-Tests mit der Gruppenvariablen Psychotherapie
ja/nein als Faktor und der Zurückweisungssensibilität, den interpersonalen Motiven sowie den
Veränderungskennwerten ΔM-ADS-K, ΔEMOpos, ΔEMOneg und ΔEMOscham als abhängige Variablen
berechnet. Der Skalenwert der Depressivität (ADS) ging als Kovariate in das Modell ein. Es ergab sich
für keines der untersuchten Merkmale ein signifikanter Effekt des Faktors Psychotherapie ja/nein,
wenn für den Einfluss der Depressivität auf die Zusammenhänge kontrolliert wurde. Insgesamt kann
aus diesen Ergebnissen geschlossen werden, dass ein Zusammenschluss von Personen aus den
beiden Grundgesamtheiten zu einer Stichprobe vor dem Hintergrund der in dieser Studie
interessierenden Fragestellungen gerechtfertigt ist.
4.3.4
Hypothesentestung
4.3.4.1 Korrelate der Zurückweisungssensibilität
Zur
Überprüfung
der
Zurückweisungssensibilität
Fragestellungen
und
hinsichtlich
soziodemografischen
der
Merkmalen
Zusammenhänge
wurden
zwischen
Rangkorrelations-
178
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
koeffizienten nach Spearman berechnet. Der Rückgriff auf den verteilungsfreien Koeffizienten war
nötig, da für die Variablen Alter die Normalverteilungsannahme verworfen werden musste und das
Merkmal Bildungsniveau lediglich Ordinalskalenniveau aufweist. Das kategoriale Merkmal
Familienstand wurde für die vorliegende Fragestellung in Partnerschaft vorhanden/nicht vorhanden
dichotomisiert,
zur
Überprüfung
von
Unterschieden
dieser
beiden
Gruppen
in
der
Zurückweisungssensibilität wurde ein F-Test berechnet. Entsprechend der Erwartungen ergab sich
kein statistisch bedeutsamer Zusammenhang zwischen dem Alter und der Zurückweisungssensibilität
(r = -.03, p = .75). Ebenso ergaben sich keine Zusammenhänge mit dem Bildungsniveau (r = -.18, p =
.10). Es ergab sich jedoch ein signifikanter Gruppenunterschied auf der Variable Partnerschaft mit
großer Effektstärke (F(1,85) = 13,24; p < .001; η² = .14). Personen, die nicht in fester Partnerschaft
lebten, wiesen deutlich höhere Werte auf dem RSQ auf (M = 11,11; SD = 4,70) als Personen, die zum
Zeitpunkt der Erhebung in einer festen Partnerschaft lebten (M = 7,90; SD = 3,53).
Zur Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Zurückweisungssensibilität und Depressivität wurde
eine bivariate Produkt-Moment-Korrelation berechnet. Wie erwartet ergab sich eine statistisch
bedeutsame positive Korrelation zwischen den beiden Merkmalen in der Höhe von r = .64 (p < .001).
Zur Überprüfung der Fragestellungen zur Einordnung von Zurückweisungssensibilität auf dem
Circumplex interpersonaler Motive wurden zunächst bivariate Produkt-Moment-Korrelationen nach
Pearson zwischen dem RSQ-Skalenwert und allen IIM-Skalenwerten berechnet. Die Ergebnisse
entsprachen sowohl den Hypothesen als auch vollständig den Vermutungen, die aufgrund des IPCModells im Anschluss aufgestellt werden konnten. Die höchste positive Korrelation des RSQ ergab
sich mit Verschlossenheit (FG; r = .33, p < .01). Die höchste negative Korrelation ergab sich mit dem
auf dem IPC gegenüberliegenden Motiv Soziale Akzeptanz (NO; r = -.38, p < .01). Die Korrelationen
mit den auf dem IPC im 90°-Winkel liegenden Motiven wurden statistisch nicht signifikant (BC –
Durchsetzung: r = .06, p = .59; JK – Altruismus: r = -.18, p = .10). Die zum Motiv Verschlossenheit auf
dem IPC benachbarten Motive korrelierten positiv mit der Zurückweisungssensibilität (HI –
Unterordnung: r = .32, p < .01; DE – Selbstbezogenheit: r = .28, p < .01), die zum Motiv Soziale
Akzeptanz benachbarten Skalen korrelierten negativ mit Zurückweisungssensibilität
(PA –
Selbstsicherheit: r = -.33, p < .01; LM – Harmonie: r = -.25, p < .05). Die Korrelationsmatrix entspricht
also vollständig dem durch das IPC vorhergesagten Zusammenhangsmuster.
Explorativ wurde im Anschluss an die korrelative Analyse eine unrotierte Hauptkomponentenanalyse
(PCA) durchgeführt. Unter Berücksichtigung der geringen Stichprobengröße sind die Ergebnisse mit
äußerster Vorsicht zu interpretieren, aufgrund der Verdeutlichung der oben berichteten
korrelationsanalytischen Ergebnisse sollen sie dennoch zusammenfassend berichtet werden. Neben
den acht Skalen des IIM wurde der Skalenwert des RSQ in das Modell eingeführt. Es ergab sich wie
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
179
erwartet eine zweifaktorielle Lösung. Faktor 1 klärte 36,8% der Varianz auf, Faktor 2 erklärte 25,8%.
Der durch die beiden Faktoren gemeinsam erklärte Anteil an der Gesamtvarianz betrug somit 62,6%,
was als gut zu bewerten und mit den Ergebnissen anderer PCA‘s zum IIM vergleichbar ist (Thomas et
al., 2012). Die Skalen des IIM ordneten sich annähernd kreisförmig und in der durch das IPC
postulierten Ordnung um diese beiden Faktoren an. Die Ladungsmatrizen zeigten eine deutliche
Nähe des RSQ zum IIM-Motiv Verschlossenheit. Beide Variablen luden positiv sowohl auf den ersten
als auch auf den zweiten extrahierten Faktor: Verschlossenheit lud mit α = .71 auf Faktor 1 und mit α
= .38 auf Faktor 2, der RSQ lud mit α = .57 auf Faktor 1 und mit α = .21 auf Faktor 2. Es ist somit von
einer inhaltlichen Nähe der beiden Skalen auszugehen, was die Ergebnisse der Korrelationsanalysen
unterstützt. Abbildung 19 verdeutlicht die Ergebnisse dieser explorativen PCA.
Abbildung 19: Ladungsdiagramm der PCA zur Einordnung des RSQ auf dem IIM
In einem nächsten Schritt wurden zur Überprüfung der Zusammenhänge zwischen der Depressivität
und den interpersonalen Motiven bivariate Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson berechnet.
Die höchste positive Korrelation der ADS ergab sich mit dem Motiv Selbstbezogenheit (DE; r = .45, p <
.01) und nicht, wie erwartet, mit dem Motiv Verschlossenheit (FG; r = .42, p < .01). Eine Überprüfung
dieser geringfügigen Unterschiede in der absoluten Höhe der Koeffizienten mit einem T-Test zum
Vergleich abhängiger Korrelationskoeffizienten (Field, 2013) ergab, dass die Differenz zwischen den
beiden Koeffizienten als statistisch nicht bedeutsam zu beurteilen ist (T = 0,30; p = .62). Alle weiteren
Korrelationen zwischen den Skalen des IIM und der ADS fielen deutlich geringer und in der
erwarteten Ordnung aus (PA: r = -.33, p < .01; BC: r = .05; HI: r = .16; JK: r = -.23, p < .05; LM: r = -.34,
p < .01, NO: r = -.33, p < .01).
180
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Die Korrelationsanalysen geben Hinweise darauf, dass die Voraussetzungen zur Berechnung einer
mediierten Regressionsanalyse zur Überprüfung der Fragestellung hinsichtlich des Erklärungswerts
von Zurückweisungssensibilität für den Zusammenhang zwischen Verschlossenheit und Depressivität
erfüllt sind. In einem ersten Schritt wurde Zurückweisungssensibilität durch die Verschlossenheit
vorhergesagt
(Pfad
a).
In
einem
zweiten
Schritt
wurde
die
Depressivität
durch
Zurückweisungssensibilität vorhergesagt (Pfad b). In einem dritten Schritt wurde die Depressivität
durch das Motiv Verschlossenheit vorhergesagt (Pfad c). In einem vierten Schritt schließlich wurde
der Mediationseffekt berechnet. Es ergab sich ein signifikanter Effekt von Verschlossenheit auf
Zurückweisungssensibilität (β(a) = .33; SE = .10; T = 3,25; p < .01). Ebenso ergab sich ein signifikanter
Effekt von Zurückweisungssensibilität auf die Depressivität (β(b) = .56; SE = .09; T = 6,58; p < .01). Der
totale Effekt der Verschlossenheit auf die Depressivität wurde ebenfalls signifikant (β(c) = .42; SE =
.10; T = 4,29; p < .001). Die Voraussetzungen zur Überprüfung der Mediationshypothese können
demnach als gegeben angenommen werden.
Es ergab sich ein signifikanter indirekter Effekt der Verschlossenheit auf die Depressivität, vermittelt
über Zurückweisungssensiblität (β(ab) = .19). Im über Bootstrapping mit 1000 Ziehungen ermittelten
Konfidenzintervall des indirekten Effekts war die Null nicht enthalten (CI95- = 0.09, CI95+ = 0.31; SECI =
.05), weshalb die Hypothese eines statistisch abgesicherten Mediationseffekts als bestätigt
angesehen werden kann. Der direkte Effekt der Verschlossenheit auf die Depressivität blieb
statistisch signifikant (β(c‘) = .24; SE = .08; T = 2,77; p < .001), weshalb von einer partiellen Mediation
auszugehen ist. In Abbildung 20 sind die Ergebnisse der Regressionsanalyse grafisch dargestellt.
Abbildung 20: Mediiertes Regressionsmodell zu Depressivität
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
181
4.3.4.2 Experimentelle Befunde
Vor der Überprüfung der Hypothesen, die im Rahmen des experimentellen Versuchsdesigns zu
Veränderungen in den psychologischen Zielvariablen in Abhängigkeit von sozialer Exklusion während
des Cyberball-Spiels aufgestellt worden waren, wurde in einem ersten Auswertungsschritt die
Wirksamkeit der experimentellen Manipulation überprüft. Die aus den Items zum Manipulation
Check neu gebildete Skala wies in der vorliegenden Stichprobe eine interne Konsistenz von
Cronbach‘s α = .84 auf und kann somit als ausreichend reliabel betrachtet werden. Bei einer
möglichen Spannweite zwischen 1 und 100 lag der Skalenmittelwert für EX bei M = 21,0 (SD = 14,2),
für IN lag er bei M = 72,8 (SD = 18,7). Der Manipulations-Check im engeren Sinne erfolgte mittels
eines F-Tests, die Verteilung der Skala wies hierfür eine ausreichende Nähe zur Normalverteilung auf
(Kolmogorow-Smirnov-Z = 1.13; p = .16). Es ergab sich ein deutlicher und als groß zu bewertender
Gruppenunterschied in erwarteter Richtung (F(1,85) = 211,75; p < .001; η² = .71). Die Personen, die
der Exklusionsbedingung zugeordnet worden waren, fühlten sich demnach deutlich weniger fair
behandelt, nahmen wahr, dass sie den Ball seltener zugespielt bekamen als ihre Mitspieler und
fühlten sich der Gruppe weniger zugehörig. Ein weiterer Hinweis auf die Wirksamkeit der
Manipulation ergab sich aus der inferenzstatistischen Auswertung der geschätzten Häufigkeit des
Ballkontakts. Der Mittelwert lag für EX bei M = 4,61 (SD = 1,43), für IN lag er bei M = 11,03 (SD =
3,65). Da für dieses Item nicht von normalverteilten Daten ausgegangen werden kann (KolmogorowSmirnov-Z = 1.67; p < .05), wurden die Mittelwertsunterschiede mit dem verteilungsfreien MannWhitney-U-Test überprüft. Auch hier ergab sich ein deutlicher Unterschied zwischen den
experimentellen Bedingungen in erwarteter Richtung (U = 1553,0; p < .001). Die Probanden in der
Exklusionsbedingung gaben demnach an, deutlich seltener den Ball erhalten zu haben als Personen in
der Inklusionsbedingung. Zusammenfassend kann für die vorliegende Studie von einer sehr guten
Wirksamkeit der experimentellen Manipulation ausgegangen werden.
Zur Überprüfung von generellen Unterschieden in der mittleren Veränderung der aktuellen
Befindlichkeit in den beiden experimentellen Bedingungen und damit zur Legitimierung
weiterführender regressionsanalytischer Auswertungsschritte wurden zunächst Gruppenvergleiche
mittels F-Tests durchgeführt. Für die Variable ΔM-ADS-K wurde der Levene-Test signifikant (F =6,90;
p < .05), weshalb hier ein strengeres α-Niveau (α = .99) gewählt wurde. Da für die Variablen EMOneg
und EMOscham die Normalverteilungsannahme verletzt war, wurde der verteilungsfreie MannWhitney-U-Test angewendet. Wie erwartet ergaben sich für alle vier abhängigen Variablen
signifikante Gruppenunterschiede zwischen den beiden Bedingungen (ΔM-ADS-K: F(1,85) = 23,82; p <
.001; η² = .22; ΔEMOpos: F(1,85) = 7,55; p < .01; η= .08; ΔEMOneg: U = 1263,0; Z = 2,702 p < .01; r =
.29; ΔEMOscham: U = 1279,5; Z = 2,863; p < .01; r = .31). Die Ergebnisse der Signifikanztests sind
gemeinsam mit den deskriptiven Statistiken in Tabelle 18 dargestellt.
182
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Tabelle 18: Effekte der experimentellen Manipulation auf die momentane Befindlichkeit
EX (N = 45)
IN (N = 42)
M (SD)
M (SD)
Prüfgröße
p
Effektstärke
ΔM-ADS-K
7,13 (13,21)
-4,37 (7,95)
F(1,85) = 23,82
<.01**
η² = .22
ΔEMOpos
-9,35 (17,41)
-0,40 (12,34)
F(1,85) = 7,55
<.01**
η² = .08
ΔEMOneg
1,28 (12,28)
-5,70 (7,67)
U = 1263,0
<.01**
r = .29
ΔEMOscham
0,98 (21,79)
-5,26 (8,83)
U = 1279,5
<.01**
r = .31
** sign. bei p < .01; M = Mittelwert; SD = Standardabweichung
Anschließend wurden getrennt für die vier abhängigen Variablen (ΔM-ADS-K, ΔEMOpos, ΔEMOneg
und ΔEMOscham) moderierte Regressionsanalysen berechnet. Als Prädiktoren gingen jeweils die
experimentelle
Bedingung,
die
Zurückweisungssensibilität
sowie
der
Interaktionsterm
„Zurückweisungssensibilität x Bedingung“ in die Regressionsgleichung ein, zudem wurde die
Depressivität als Kovariate in das Modell eingeführt, um der vermuteten Unabhängigkeit der Effekte
von der generellen Depressivität Rechnung zu tragen. Berichtet werden Indikatoren der Güte des
Gesamtmodells sowie die beta-Gewichte der einzelnen Prädiktoren mit den dazugehörigen
Signifikanztests und dem durch Bootstrapping mit 1000 Ziehungen ermittelten Konfidenzintervall.
Hinsichtlich des postulierten Effekts der Prädiktoren auf die momentane Depressivität (ΔM-ADS-K)
ergab die Prüfung des Gesamtmodells ein signifikantes R² von .27 (F(4, 82) = 7,51; p < .001). Alle
Prädiktoren gemeinsam klären demnach 27% der Varianz in der Differenz der momentanen
Depressivität auf. Eine Betrachtung der relativen Bedeutung der einzelnen Prädiktoren ergab einen
signifikanten Effekt der Bedingung (β = .46; SE = .10 T = 4,75; p < .001; CI95- = .27; CI95+ = .66).
Probanden in der Exklusionsbedingung wiesen demnach wie erwartet eine höhere positive Differenz
der momentanen Depressivität auf als Probanden in der Inklusionsbedingung. Es ergab sich kein
signifikanter Effekt der Zurückweisungssensibilität sowie des Interaktionsterms auf die Veränderung
der momentanen Depressivität.
Hinsichtlich postulierter Effekte der Prädiktoren auf die momentane positive Emotionalität ergab die
Prüfung des Gesamtmodells ein signifikantes R² von .12 (F(4, 82) = 2,68; p < .05). Die
Gesamtvarianzaufklärung aller Prädiktoren beträgt demnach 12%. Eine Betrachtung der relativen
Bedeutsamkeit der einzelnen Prädiktoren ergab einen signifikanten Effekt der experimentellen
Bedingung (β = -.28; SE = .11 T = -2,70; p < .01; CI95- = -.49; CI95+ = -.07). Probanden in der
Exklusionsbedingung wiesen demnach wie erwartet eine höhere negative Differenz der momentanen
positiven Emotionalität auf als Probanden in der Inklusionsbedingung. Es ergab sich kein signifikanter
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
183
Effekt der Zurückweisungssensibilität sowie des Interaktionsterms auf die Veränderung der
momentanen Depressivität.
Die Prüfung des Gesamtmodells zum Effekt der Prädiktoren auf die momentane negative
Emotionalität (ΔEMOneg) ergab ein signifikantes R² von .21 (F(4, 82) = 4,63; p < .01). Alle Prädiktoren
gemeinsam klären demnach 21% der Varianz in der Differenz der momentanen negativen
Emotionalität auf. Eine Betrachtung der relativen Bedeutung der einzelnen Prädiktoren ergab einen
signifikanten Effekt der Bedingung (β = .34; SE = .10 T = 3,34; p < .01; CI95- = .14; CI95+ = .54).
Probanden in der Exklusionsbedingung wiesen demnach wie erwartet eine höhere positive Differenz
der momentanen negativen Emotionalität auf als Probanden in der Inklusionsbedingung. Es ergaben
sich keine signifikanten Effekte der Zurückweisungssensibilität sowie des Interaktionsterms auf die
Veränderung der momentanen negativen Emotionalität.
Hinsichtlich der Effekte auf das momentane Schamerleben ergab die Prüfung des Gesamtmodells ein
R² von .10, welches sich jedoch nicht als statistisch signifikant erwies (F(4,82) = 2,41; p = .06), sodass
die Überprüfung der relativen Bedeutsamkeit einzelner Prädiktoren aufgrund der mangelhaften
Stabilität des Gesamtmodells als nicht legitimiert betrachtet werden muss.
Zusammenfassend
kann
festgehalten
werden,
dass
die
Ergebnisse
der
moderierten
Regressionsanalysen zwar den oben berichteten Befunden zum experimentellen Effekt entsprechen,
weiterhin kann jedoch nicht von statistisch bedeutsamen Einflüssen der hier untersuchten
psychologischen Zielvariablen auf die Veränderungskennwerte der momentanen Befindlichkeit
ausgegangen werden.
In einem weiteren Auswertungsschritt wurden die Zusammenhänge von Zurückweisungssensibilität
mit verschiedenen Klassen von Verhaltensintentionen untersucht. Eine Überprüfung korrelativer
Zusammenhänge mit Produkt-Moment-Korrelationen für die Variablen VERi und VERa sowie mit
Rangkorrelationen nach Spearman für die nicht normalverteilte Variable VERe ergab einen von der
experimentellen Bedingung unabhängigen positiven Zusammenhang zwischen dem RSQ und VERi (r =
.47; p < .001). Zurückweisungssensible Personen tendieren demnach unabhängig von der
experimentellen Manipulation zu vermehrt internalisierenden Verhaltensreaktionen. Für die
Variablen VERe und VERa ergaben sich keine statistisch bedeutsamen Zusammenhänge mit dem RSQ.
In einem nächsten Schritt wurden Unterschiede in den Verhaltensintentionen in Abhängigkeit von
der experimentellen Bedingung mit F-Tests überprüft. Dabei ergab sich lediglich für die Variable VERe
ein signifikanter Gruppenunterschied (F(1,75) = 5,78; p < .05; η² = .07). Einer unter Berücksichtigung
der für nicht normalverteilte Daten empfohlenen konservativeren Betrachtung durch Heranziehen
eines strengeren Alpha-Niveaus von α = .99 (Bühl, 2012) hielt die statistische Signifikanz bei einem pWert in Höhe von p = .019 nicht stand, sodass im vorliegenden Fall nicht von einem ausreichend
184
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
stabilen Gruppenunterschied ausgegangen werden kann. Für die Variablen VERi und VERa zeigte sich
ebenfalls kein genereller Unterschied zwischen den beiden experimentellen Bedingungen.
In einem letzten Schritt wurde mittels moderierter Regressionsanalysen überprüft, ob sich
Zurückweisungssensibilität in Abhängigkeit von der experimentellen Bedingung differentiell auf die
Verhaltensintentionen auswirkt. Es gingen die experimentelle Bedingung, der Skalenwert des RSQ
sowie der Interaktionsterm als Prädiktoren und die Verhaltensintentionen (VERe, VERi und VERa) als
Kriterien in das Modell ein. Es ergab sich lediglich für die Variable VERi ein signifikantes
Gesamtmodell (R² = .22; F(3,73) = 8,66; p < .001). Eine Betrachtung der einzelnen Regressionsgewichte zeigte, dass dies ausschließlich auf den bereits berichteten Zusammenhang zwischen
internalisierenden Verhaltensreaktionen und Zurückweisungssensibilität (β = .46; SE = .11; T = 4,05; p
< .001; CI95- = .23; CI95+ = .69) zurückzuführen ist. Alle weiteren Regressionsgewichte erreichten nicht
das statistische Signifikanzniveau. Entsprechend dieser Analysen ist nicht von einer Wechselwirkung
zwischen der Zurückweisungssensibilität und der experimentellen Bedingung auszugehen.
4.4
Diskussion
Die innerdeutsche Teilstudie B war in zwei Teile gegliedert. Zum einen sollten soziodemografische
Korrelate und motivationale Grundlagen von interpersonaler Zurückweisungssensibilität näher
betrachtet
werden.
Unter
der
Annahme,
dass
Zurückweisungssensibilität
in
zurückweisungsrelevanten Situationen unvermittelt zu maladaptiven Reaktionen führt, sollten
weiterhin
die
Effekte
von
Zurückweisungssensibilität
auf
emotionale
und
behaviorale
Reaktionstendenzen in einem experimentellen Paradigma näher betrachtet werden. Dazu stand eine
vor dem Hintergrund des Aufwands der Studienteilnahme als ausreichend groß zu bewertende
Stichprobe von n = 87 deutschen Frauen, die randomisiert in 2 experimentelle Gruppen aufgeteilt
wurden, zur Verfügung. Eine Substichprobe depressiver Patientinnen erweiterte das Spektrum
depressiver Symptome. Diese Substichprobe unterschied sich weder in soziodemografischen
Merkmalen noch in den psychologischen Zielvariablen, wenn für die Depressivität kontrolliert wurde,
von der Gruppe nicht-depressiver Studienteilnehmerinnen. Auch unterschieden sich die beiden
experimentellen Gruppen a priori weder in soziodemografischen Merkmalen noch in den
psychologischen Zielvariablen. Im Folgenden werden die Ergebnisse der innerdeutschen Studie
getrennt nach den Hauptfragestellungen und unter Berücksichtigung von methodischen
Einschränkungen kritisch reflektiert. Die umfassende Einordnung der Befunde in das integrative
Arbeitsmodell der vorliegenden Arbeit erfolgt unter Berücksichtigung von Überlegungen zur
praktischen Bedeutsamkeit der Ergebnisse in Kapitel 6.
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
4.4.1
185
Soziodemografische Korrelate von Zurückweisungssensibilität
Da die Befundlage zur Zurückweisungssensibilität für deutsche Stichproben bisher als unzureichend
betrachtet
werden
muss,
sollten
zunächst
Zusammenhänge
von
interpersonaler
Zurückweisungssensibilität mit den soziodemografischen Merkmalen Alter (Hypothese 32),
Bildungsniveau (Hypothese 33) und Familienstand (Hypothese 34) für eine Stichprobe deutscher
Frauen untersucht werden. Die Ergebnisse entsprechen dabei vollständig den Erwartungen.
Für das Alter ergab sich kein signifikanter Zusammenhang mit der Zurückweisungssensibilität. Dies
steht
in
Einklang
mit
der
grundlegenden
konzeptuellen
Annahme,
dass
sich
Zurückweisungssensibilität aus frühen Erfahrungen mit sozialer Zurückweisung heraus entwickelt und
im Erwachsenenalter über erneute Erfahrungen von Zurückweisung und Ablehnung stabilisiert
(Downey & Feldman, 1996). Es ergab sich ebenfalls kein bedeutsamer Zusammenhang mit dem
Bildungsniveau. Dies steht insofern in Einklang mit der Forschungsliteratur, als auch Ayduk et al.
(2001) zeigen konnten, dass Zurückweisungssensibilität im Erwachsenenalter nicht mit akademischer
Leistung in Zusammenhang steht. Die bei Downey et al. (1998b) berichteten Schulschwierigkeiten,
die mit Zurückweisungssensibilität im Kindesalter einherzugehen scheinen, sind demnach nicht von
dauerhafter Auswirkung auf die schulische und akademische Leistung im Erwachsenenalter.
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sprechen allerdings für einen Zusammenhang zwischen
Zurückweisungssensibilität und dem Familienstand. Personen mit hoher Zurückweisungssensibilität
waren
deutlich
seltener
in
festen
Partnerschaften
als
Personen
mit
niedriger
Zurückweisungssensibilität. Dies steht in Einklang mit Befunden zu nachteiligen Auswirkungen von
Zurückweisungssensibilität auf Variablen der Paarzufriedenheit (Ayduk et al., 2001; Downey et al.,
1998a). In den angeführten Studien wiesen hoch zurückweisungssensible Personen ein deutlich
erhöhtes Trennungsrisiko auf. Unter Berücksichtigung der umfassenden Forschungsliteratur zu den
direkten und indirekten Auswirkungen des Familienstands beispielsweise auf die physische
Gesundheit (Bennett, 2006), auf depressive Erkrankungen über die Lebensspanne (Kamiya, Doyle,
Henretta & Timonen, 2013) und auf die Mortalität (Manzoli, Villari, Pironec & Boccia, 2007), welche
zusammenfassend deutlich für eine protektive Funktion von dauerhaften Partnerschaften sprechen
(Van de Velde et al., 2010), kann aus diesen Befunden ein besonderes Risiko einer maladaptiven
Entwicklung zurückweisungssensibler Personen über die Lebensspanne abgeleitet werden.
Einschränkend ist an dieser Stelle anzumerken, dass in der vorliegenden Studie aufgrund geringer
Fallzahlen beispielsweise geschiedener oder verwitweter Frauen lediglich eine Dichotomisierung in
dauerhafte Partnerschaft ja/nein vorgenommen wurde, gegebenenfalls jedoch deutliche
Unterschiede in den Zusammenhangsmustern und Auswirkungen auf die psychische und physische
Gesundheit zwischen verwitweten und geschiedenen/getrennt lebenden Personen existieren
186
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
könnten (Bennett, 2006). Für ein umfassenderes Verständnis sollte daher in weiterführenden
Arbeiten der Zusammenhang zwischen Zurückweisungssensibilität und Familienstand in detaillierten
Kategorien und unter theoretischer Herleitung spezifischer Hypothesen überprüft werden.
4.4.2
Motivationale Grundlagen von Zurückweisungssensibilität
In Rahmen einer weiteren Fragestellung sollten die motivationalen Grundlagen des als kognitivaffektives Schema verstandenen Konstrukts Zurückweisungssensibilität näher untersucht werden.
Dabei wurde vermutet, dass insbesondere die interpersonalen Motive Verschlossenheit (Hypothese
36) und Unterordnung (Hypothese 37) der Zurückweisungssensibilität zugrunde liegen, während
andere interpersonale Motive von untergeordneter Bedeutung sind (Hypothese 38). Die Ergebnisse
bestätigen diese Annahmen. Der engste Zusammenhang zeigte sich zum interpersonalen Motiv
Verschlossenheit, auch der Zusammenhang mit dem Motiv Unterordnung fiel deutlich positiv aus.
Die Zusammenhänge zu den übrigen interpersonalen Motiven waren deutlich niedriger oder negativ.
Auch eine explorative faktoranalytische Auswertung bestätigte diese Befunde. Die hier gefundenen
Zusammenhangsmuster zu Motiven auf den Oktanten FG und HI passen sich gut in Befunde von
Brookings et al. (2003) ein, die zeigen konnten, dass Zurückweisungssensibilität auf dem Circumplex
interpersonaler Eigenschaften auf ebendiesen Oktanten lokalisiert werden kann und entsprechend
mit rückzügigen und rückzügig-distanzierten Eigenschaften assoziiert ist. Weiterhin sprechen die
Befunde für die Gültigkeit der Annahme, dass der Zurückweisungssensibilität eine motivational
Ausrichtung auf Vermeidung (Park, 2010), insbesondere hinsichtlich der Vermeidung von
Lächerlichkeit, Scheitern und Zurückweisung, zugrunde liegt. Zusammenfassend geben die Befunde
letztendlich erste Hinweise darauf, dass in der Zurückweisungssensibilität kognitive und affektive
Komponenten organisiert sind, welche darauf ausgerichtet sind, das interpersonale motivationale
Ziel „Vermeidung von Zurückweisung“ zu erreichen.
Weiterhin
sollten
die
Zusammenhänge
zwischen
den
interpersonalen
Motiven,
Zurückweisungssensibilität und depressiven Symptomen näher untersucht werden. Dabei wurde
zunächst im Sinne einer Überprüfung von Voraussetzungen spezifischer Anschlusshypothesen
überprüft, ob Zurückweisungssensibilität (Hypothese 35) und das interpersonale Motiv
Verschlossenheit (Hypothese 39), welches für die Zurückweisungssensibilität in spezifischer Weise
bedeutsam zu sein scheint, mit Depressivität assoziiert sind. Hinweise auf die Gültigkeit dieser
Annahmen konnten bereits aus der kulturvergleichenden Teilstudie (Teil A) dieser Arbeit gewonnen
werden, wo sich sowohl für Zurückweisungssensibilität als auch für Verschlossenheit ein signifikanter
Gruppeneffekt klinischer Depression ergeben hatte. Die Ergebnisse der vorliegenden Analysen
bestätigen die Befunde aus Teilstudie A und erweitern sie dahingehend, dass sich auch auf
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
187
individueller Ebene sowohl für Zurückweisungssensibilität als auch für Verschlossenheit statistisch
bedeutsame positive Zusammenhänge zur Depressivität, verstanden eher als kontinuierliches denn
als distinktes kategoriales Merkmal, ergaben. Die Hypothesen 35 und 39 können entsprechend als
bestätigt betrachtet werden.
Unter diesen Voraussetzungen konnte abschließend überprüft werden, ob die Zusammenhänge
zwischen der Ausrichtung auf das interpersonale Motiv Verschlossenheit und depressiven
Symptomen über das kognitiv-affektive Schema Zurückweisungssensibilität vermittelt werden
(Hypothese 40). Es ergab sich entsprechend der Erwartungen ein statistisch bedeutsamer partieller
Mediationseffekt für die Zurückweisungssensibilität. Die Befunde stützen Annahmen, die aus dem
konsistenztheoretischen Rahmenmodell (Grawe, 2004) in diesem Zusammenhang abgeleitet werden
können: Die motivationale Ausrichtung auf die Vermeidung von Lächerlichkeit, Zurückweisung und
Scheitern ist vermutlich deshalb besonders depressogen, weil sie mit der Aktualisierung von
kognitiven und affektiven Prozessen einhergeht, welche auf die besonders sensible Wahrnehmung
von Hinweisen auf soziale Zurückweisung (und entsprechend auf Zielinkongruenz) ausgerichtet sind,
und behaviorale Reaktionstendenzen aktiviert, welche diese Inkongruenz verringern sollen. Diese
Reaktionsstrategien, die externalisierend-feindselig, internalisierend-rückzügig oder anbiedernd
ausgeprägt sein können (Romero-Canyas et al., 2009), sind zwar gegebenenfalls kurzfristig sinnvoll,
um die Inkongruenz zwischen dem motivationalen Ziel und der realen Wahrnehmung zu verringern,
haben jedoch längerfristig vermutlich maladaptive Konsequenzen, was sich unter anderem in einer
hohen Ausprägung von depressiven Symptomen spiegelt. Dass in der Mediationsanalyse ein
bedeutsamer direkter Zusammenhang zwischen dem interpersonalen Motiv Verschlossenheit und
der Depressivität auch unter Berücksichtigung von Zurückweisungssensibilität bestehen bleibt
(partieller Mediationseffekt), könnte zum einen bedeuten, dass sich die motivationale Ausrichtung
auf Verschlossenheit über weitere, in der spezifischen Konzeption von Zurückweisungssensibilität
nicht inbegriffene, kognitive, emotionale und behaviorale Reaktionen aktualisiert, welche wiederum
mit depressiven Symptomen assoziiert sind. In diesem Zusammenhang könnte eine vertiefte
Erforschung von alternativen interpersonalen Konstrukten, die zur Erklärung der Depressogenität des
motivationalen Ziels Verschlossenheit einen Beitrag leisten, vielversprechend für ein verbessertes
Verständnis der Zusammenhänge sein. Von besonderem Interesse könnten hier der bereits in der
theoretischen Begründung der vorliegenden Arbeit beschriebene sozial vermittelte Perfektionismus
(socially prescribed perfectionism; Flett et al., 2014), die exzessive Suche nach Rückversicherung
(excessive reassurance seeking; Starr & Davila, 2008) sowie die Tendenz der Emotions- und
Bedürfniszurückhaltung (self silencing; Jack & Dill, 1992) sein. Diese drei persönlichkeitsnahen
Merkmale wurden als genuin interpersonal in ihrer Ausrichtung beschrieben und sind auf die
Vermeidung von Fehlern und Scheitern sowie die Erfüllung der Bedürfnisse anderer ausgerichtet und
188
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
befriedigen
entsprechend
andere
Aspekte
des
Motivs
Verschlossenheit
als
Zurückweisungssensibilität. Weiterhin konnte für die drei vorgeschlagenen Variablen eine
Bedeutsamkeit für die Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Symptome gezeigt werden. Ein
Einbezug dieser Mechanismen im Rahmen multipler Mediatormodelle (Preacher & Hayes, 2008)
könnte entsprechend ein vollständigeres Bild der Zusammenhänge zwischen dem Motiv
Verschlossenheit und Depressivität zeichnen. Des Weiteren könnte der direkte Effekt jedoch auch als
Hinweis auf einen unvermittelten Einfluss von Vermeidungsmotivation auf Depressivität interpretiert
werden, wie er durch konsistenztheoretische Forschungsarbeiten nahegelegt wird (Grawe, 2004;
Grosse Holtforth & Grawe, 2000). Die vorliegende Studie war nicht auf ein vollständiges Verständnis
der Zusammenhangsmuster zwischen Verschlossenheit und Depressivität, sondern auf die
Untersuchung des spezifischen Erklärungsgehalts von Zurückweisungssensibilität, ausgelegt.
Zukünftige Forschungsarbeiten könnten jedoch durch eine breitere Aufstellung von erklärenden
Variablen an dieser Stelle ein vertieftes Verständnis schaffen.
4.4.3
Unmittelbare Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität
Im Rahmen der experimentellen Untersuchung sollten die unmittelbaren Auswirkungen von
Zurückweisungssensibilität bei wahrgenommener sozialer Zurückweisung überprüft werden. Dazu
wurden die Probandinnen, die in Gruppen zu jeweils drei Personen an der Untersuchung teilnahmen,
im Rahmen des Online-Ballspiels Cyberball entweder einer Inklusionsbedingung (10 von insgesamt 30
Ballkontakten) oder einer Exklusionsbedingung (3 von insgesamt 30 Ballkontakten) zugeteilt.
Eine Überprüfung der Wirksamkeit der experimentellen Manipulation ergab zunächst, dass die
Probandinnen den Spielverlauf in Abhängigkeit von der experimentellen Bedingung differentiell
bewerteten. Probandinnen in der Exklusionsbedingung nahmen das Spiel als weniger fair wahr und
fühlten sich ihrer Gruppe weniger zugehörig. Auch gaben sie an, deutlich seltener den Ball erhalten
zu haben als ihre Mitspielerinnen. Es kann somit von einer grundsätzlich gelungenen experimentellen
Manipulation ausgegangen werden. Dies spiegelte sich auch in den Effekten der Bedingung auf die
aktuelle Befindlichkeit. In diesem Zusammenhang war vermutet worden, dass die experimentelle
Bedingung einen Einfluss auf Veränderungen in der negativen Emotionalität (Hypothese 41), der
positiven Emotionalität (Hypothese 42), der aktuellen Depressivität (Hypothese 43) sowie des
aktuellen Schamgefühls (Hypothese 44) nimmt. Diese Hypothesen können als vollständig bestätigt
bewertet werden, es zeigten sich positive Differenzen in negativer Emotionalität, Depressivität und
Schamgefühl sowie eine negative Differenz in positiver Emotionalität in der Exklusions-, nicht jedoch
in der Inklusionsbedingung. In letzterer nahmen alle Werte im Prä-Post-Vergleich ab.
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
189
Im Anschluss wurde der von der Depression unabhängige Effekt der Zurückweisungssensibilität auf
die Veränderungen in der aktuellen Befindlichkeit in Abhängigkeit von der Zuteilung zur Exklusions(Hypothesen 45 bis 48) bzw. Inklusionsbedingung (Hypothesen 49 bis 52) überprüft. Es ergab sich für
keine der vier abhängigen Variablen ein signifikanter Einfluss der Zurückweisungssensibilität. Die
Hypothesen 45 bis 52 müssen demnach verworfen werden. In einem letzten Schritt wurde
untersucht, ob Zurückweisungssensibilität einen Einfluss auf externalisierende, internalisierende und
anbiedernde Verhaltensintentionen in Abhängigkeit von der experimentellen Bedingung nimmt
(Hypothesen 53 und 54). Dabei ergab sich lediglich für internalisierende Verhaltensintentionen (z.B.
dem Wunsch, sich aus der Untersuchungssituation zurückzuziehen) ein stabiler, von der
experimentellen Bedingung unabhängiger, Zusammenhang zur Zurückweisungssensibilität. Es
ergaben sich keine Interaktionseffekte zwischen der experimentellen Bedingung und der
Zurückweisungssensibilität für die hier untersuchten Verhaltensintentionen. Die Hypothesen 53 und
54 müssen demnach ebenfalls verworfen werden.
Die vorliegenden Ergebnisse waren so nicht erwartet worden und bedürfen entsprechend einer
genaueren Betrachtung. Auf inhaltlicher Ebene wäre es dabei zunächst möglich, dass die postulierten
Zusammenhangsmuster schlicht nicht existent sind. Diese Interpretation widerspräche jedoch der
Forschungsliteratur, die konsistent für eine sensible, sogar physiologisch determinierte,
Wahrnehmung und schnelle sowie intensive Reaktion auf Zurückweisungshinweise spricht (Downey
et al., 2004; Romero-Canyas & Downey, 2013), wie sie im vorliegenden Fall durch den Ausschluss aus
der Ballspielgruppe operationalisiert werden sollten. Entsprechend sollten in diesem Zusammenhang
zunächst methodische Besonderheiten des Studiendesigns kritisch reflektiert werden. Dabei ist die
hier angewendete experimentelle Manipulation als sehr deutlich zu beurteilen. Die Personen in der
Exklusionsbedingung bekamen den Ball lediglich zweimal zu Beginn und einmal bei Wurf 15
zugespielt. Auch wenig zurückweisungssensible Personen bemerkten dies, wie aus den Ergebnissen
zum Manipulation Check hervorgeht. Es ist entsprechend möglich, dass dieser deutliche Ausschluss
aus der Gruppe als emotionaler „Gleichmacher“ wirkt, der unabhängig von weiteren psychologischen
Zielvariablen bei allen Personen zu einem Abfall positiver und einem Anstieg negativer Emotionalität
führt, sodass etwaige Unterschiede zwischen Personen, die Zurückweisung schnell wahrnehmen und
solchen, die eher weniger sensibel für subtile Veränderungen sind, „verwischt“ werden. Hinweise auf
die hier vermutete besondere Potenz des Cyberball-Paradigmas können auch aus Untersuchungen
gewonnen werden, bei denen sich aversive Reaktionen auf sozialen Ausschluss sogar dann zeigten,
wenn den Probanden explizit gesagt wurde, dass sie gegen einen Computer (Zadro et al., 2004) oder
gegen Mitglieder einer abgelehnten Gruppierung (Gonsalkorale & Williams, 2007) spielen. Weiterhin
geben verschiedene Arbeiten Hinweise darauf, dass die Effekte sozialen Ausschlusses in Abhängigkeit
vom Untersuchungsparadigma (Bernstein & Claypool, 2012b), der wahrgenommenen Ähnlichkeit der
190
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
Gruppenmitglieder (Sacco, Bernstein, Young & Hugenberg, 2014) sowie der Essentialität der Gruppe
(Bernstein et al., 2010) variieren, Faktoren, für die in der vorliegenden Untersuchung nicht
kontrolliert werden konnte. Diesen Überlegungen könnte in zukünftigen Studien durch eine
sorgfältigere Konzeptualisierung der experimentellen Situation Rechnung getragen werden. Möglich
wäre beispielsweise die Realisierung einer dritten experimentellen Bedingung, bei der Probanden in
milderer Form ausgeschlossen werden (d.h. den Ball öfter als dreimal, aber seltener als in einem
Drittel der Fälle, zugespielt bekommen). Es wäre durchaus vorstellbar, dass diese milde Form der
Zurückweisung
von
hoch
zurückweisungssensiblen
Personen
eher
als
von
niedrig
zurückweisungssensiblen Personen bemerkt wird und sich entsprechend auswirkt. Auch eine
genauere Kontrolle der Umstände der Untersuchungssituation (z.B. der Bedeutung der sozialen
Gruppe oder der Attribution des Spielverlaufs) könnte in diesem Zusammenhang vielversprechend
für ein umfassenderes Verständnis der genauen Bedingungsfaktoren, unter denen sich Unterschiede
in den Auswirkungen des Cyberball-Paradigmas in Abhängigkeit von psychologischen Merkmalen
zeigen, sein. Ein weiterer, die vorliegenden Ergebnisse gegebenenfalls konfundierender, Faktor kann
in der erweiterten Untersuchungssituation vermutet werden. Die Probandinnen nahmen in Gruppen
zu jeweils drei Personen zeitgleich an der Erhebung teil. Da sich diese Personen zu Beginn völlig
fremd waren und eine Bedeutung der Gruppensalienz in der Literatur verschiedentlich erwähnt
worden war (Bernstein et al., 2010; Garris et al., 2011), wurde den Probandinnen zu Beginn
angekündigt, dass es am Ende der Untersuchung eine gemeinsame Gruppenaufgabe zu bewältigen
gälte. Die Ergebnisse zu den internalisierenden Verhaltensintentionen geben in diesem
Zusammenhang Hinweise darauf, dass zurückweisungssensible Personen, unabhängig von ihrer
Zuweisung zur Exklusions- oder Inklusionsbedingung, diese gesamte Untersuchungssituation als
aversiver wahrgenommen haben und sie eher verlassen wollten als weniger zurückweisungssensible
Personen. Es wäre entsprechend dieser Überlegungen vorstellbar, dass Effekte des CyberballParadigmas auch dadurch abgeschwächt wurden, dass zurückweisungssensible Personen auch bei
sozialer Inklusion die Gesamtsituation als potentiell „zurückweisungsgefährlich“ eingestuft haben.
Dies würde bedeuten, dass zurückweisungssensiblere Personen weniger sensitiv für die
experimentelle Manipulation waren. Zwar stützen die Veränderungskennwerte in der emotionalen
Befindlichkeit, wo sich kein von der experimentellen Bedingung unabhängiger Effekt der
Zurückweisungssensibilität zeigte, diese Überlegungen zunächst nicht, für zukünftige Studien wäre
jedoch dennoch eine besonders sensible Konzeptualisierung und Beachtung der erweiterten
Untersuchungssituation unter Berücksichtigung der angeführten Kritik wünschenswert.
Zusammenfassend muss aufgrund der Befunde der vorliegenden Studie davon ausgegangen werden,
dass die Effekte von Zurückweisungssensibilität auf affektive und behaviorale Reaktionstendenzen
auf der hier interessierenden Mikroebene gegebenenfalls als eher gering zu beurteilen sind und
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
191
vermutlich multiplen konfundierenden Faktoren unterliegen. Die Ergebnisse der vorliegenden
Analysen sprechen nicht für einen starken Einfluss von Zurückweisungssensibilität auf affektive und
behaviorale Reaktionen auf deutlichen sozialen Ausschluss.
4.4.4
Grenzen der Studie
Neben den bereits in Absatz 4.4.3 erläuterten Einschränkungen, die mit der experimentellen
Manipulation und der Untersuchungssituation einhergingen, unterliegt die vorliegende Studie
weiteren Limitationen vorrangig methodischer Natur, welche im Folgenden dargestellt und im
Hinblick auf zukünftige Forschungsarbeiten reflektiert werden sollen.
Dabei sind zunächst einige Einschränkungen, die bereits in Absatz 3.4.5 für die kulturvergleichende
Studie diskutiert wurden, anzuführen. So wurden auch in der vorliegenden experimentellen
Teilstudie ausschließlich Frauen untersucht. Für eine kritische Reflektion der Grenzen der
Generalisierbarkeit, die hiermit einhergehen, sei auf Absatz 3.4.5 verwiesen. Weiterhin waren auch
in der vorliegenden Stichprobe, welche explizit eine möglichst vollständige Ausschöpfung des
depressiven Kontinuums angestrebt hatte, schwer depressive Patientinnen nicht vertreten. Dies war
insbesondere der Erhebungssituation geschuldet, welche das zeitgleiche Erscheinen von drei
Personen zum Untersuchungstermin sowie das sich Aufhalten in einer unbekannten Situation mit
mehreren Menschen erforderte, was für schwer depressive Personen unter anderem aufgrund von
Antriebslosigkeit und stark niedergeschlagener Stimmung deutlich erschwert sein dürfte. So lag in
der Stichprobe bei einer Spannweite zwischen 0 und 60 der höchste Wert der ADS bei 45 (vgl. hierzu
auch Absatz 3.4.5). Ebenfalls auf die vorliegende Teilstudie übertragbar ist die in Absatz 3.4.5
angeführte Kritik des Fehlens einer klinischen Vergleichsgruppe, bzw. eines anderen klinischen
Symptomkomplexes, und damit einhergehend eine nicht als eindeutig zu bewertende
Störungsspezifität der Ergebnisse. Die Auswertungsstrategien waren auch in der vorliegenden
Teilstudie ausschließlich univariater Natur (vgl. Absatz 3.4.5), was jedoch vor dem Hintergrund des
explorativen Charakters der experimentellen Erhebung unter Verwendung von nur unzureichend
validierten abhängigen Variablen angemessen schien. Die Auswahl und Konzeptualisierung der hier
ausgewerteten abhängigen Variablen ist entsprechend besonders kritisch zu reflektieren.
Dabei ist zunächst anzumerken, dass die Konstruktion der Skala zur Erfassung momentaner
Depressivität (M-ADS-K) theoriegeleitet und in Anlehnung an aktuelle methodische Standards
erfolgte (Moullec et al., 2011). Zudem wurde für eine erste Analyse der Reliabilität und Validität des
neu entwickelten Instruments alternative Stichproben herangezogen (vgl. Exkurs 3). Mit der M-ADS-K
steht demnach ein die Literatur zur aktuellen Stimmung erweiterndes neues Messinstrument zur
Verfügung, welches insbesondere zur Anwendung in Ecological Momentary Assessment-Paradgimen
192
TEIL B: Experimentelle Untersuchung
(aan het Rot, Hogenelst & Schoevers, 2012; Ebner-Priemer & Trull, 2009; Moullec et al., 2011; Trull &
Ebner-Priemer, 2009; Wenze & Miller, 2010), in deren Rahmen kurzfristige Fluktuationen depressiver
Symptome von zentralem Interesse sind, vielversprechend ist.
Alle weiteren abhängigen Variablen der experimentellen Auswertung können jedoch als mehr oder
weniger ad hoc konstruierte Skalen verstanden werden, deren Validität in Frage gestellt werden
kann. Zwar liegen für die Skalen negative Emotionalität (EMOneg) und positive Emotionalität
(EMOpos) Hinweise auf die psychometrische Güte der einzelnen eingegangenen Items vor und die
Zusammenfassung der Items zu Skalen wird nicht grundsätzlich verneint (Schmidt-Atzert, 1997;
Schmidt-Atzert & Hüppe, 1996), dennoch existieren nach Kenntnis der Autorin bisher keine
psychometrischen Kennwerte zu den hier verwendeten Skalenwerten. Weiterhin wurden aus Mangel
an
Messinstrumenten
mit
passendem
Messanspruch
eigens
Items
zur
Erfassung
der
Verhaltensintentionen entwickelt, welche jedoch nur im Rahmen der vorliegenden Untersuchung
psychometrisch evaluiert wurden. Auch wenn die Reliabilität (geschätzt über Cronbach’s α) für die
drei Skalen als zufriedenstellend bewertet werden kann, wären eine Kreuzvalidierung an einer
alternativen Stichprobe sowie weitere Untersuchungen zur Validität der Skalen dringend notwendig.
Unter der Annahme, dass Zurückweisungssensibilität mit spezifischen (kurzfristigen) emotionalen
und behavioralen Reaktionstendenzen einhergeht (Downey & Feldman, 1996; Romero-Canyas et al.,
2009), vor dem Hintergrund eines Mangels an Forschungsarbeiten, die sich auf Mikroebene mit
diesen Prozessen bisher befasst haben, und insbesondere unter Berücksichtigung der gemischten
Ergebnisse der vorliegenden Arbeit, wären zukünftige Studien, die sich mit der Entwicklung und
sorgfältigen Evaluation von Messinstrumenten zur interpretationsstärkeren Erforschung dieser
Prozesse befassen, sehr wünschenswert.
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
5
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
5.1
Fragestellungen und Hypothesen
193
Nach der Überprüfung von kurzfristigen Effekten erlebter sozialer Zurückweisung auf die in dieser
Arbeit interessierenden Zielvariablen in der experimentellen Teilstudie sollen in einer dritten
Teilstudie längerfristige Effekte von Zurückweisungssensibilität auf die psychische Gesundheit
untersucht werden. Im Folgenden werden die in dieser Teilstudie interessierenden Fragestellungen
und Hypothesen theoretisch hergeleitet und erläutert.
5.1.1
Stabilität des RSQ
Für die deutsche Version des RSQ lag bisher lediglich ein Kennwert der Test-Retest-Reliabilität für ein
Zwei-Wochen-Intervall aus einer Stichprobe von n = 26 Studierenden vor (Staebler et al., 2011a).
Dieser Wert lag bei rtt = .90, was als sehr hoch zu beurteilen ist. Ausgehend von der Überlegung, dass
sich Zurückweisungssensibilität durch Zurückweisungserfahrungen bereits sehr früh im Leben
manifestiert und anschließend relativ zeitstabil besteht, sollte sich eine hohe Stabilität der
Messwerte jedoch auch für einen deutlich längeren Zeitraum zeigen. Als weiterer Indikator für die
Güte des deutschen RSQ soll daher in der vorliegenden Studie die Test-Retest-Reliabilität für ein
mehrmonatiges Intervall überprüft werden. Es ergibt sich folgende Hypothese:
Hypothese 55: Zwischen der Ausprägung der Zurückweisungssensibilität zu T1 und der Ausprägung
der Zurückweisungssensibilität zu T2 besteht ein systematischer positiver Zusammenhang.
5.1.2
Zurückweisungssensibilität und Lebensereignisse
Forschungsarbeiten zur Zurückweisungssensibilität konnten verschiedentlich zeigen, dass Menschen
mit hoher Zurückweisungssensibilität auch, im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung, vermehrt
tatsächliche Zurückweisung in sozialen Kontexten erfahren (Downey et al., 1998a; Ayduk et al.,
2001). Im Rahmen der vorliegenden Studie soll daher untersucht werden, ob die Anzahl
zurückweisungsbezogener Lebensereignisse in den letzten sechs Monaten mit der Ausprägung von
Zurückweisungssensibilität zusammenhängt. Im Sinne einer Spezifizierung soll dabei differentiell
untersucht werden, ob zurückweisungssensible Personen auch generell mehr interpersonale
194
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
Lebensereignisse, die nicht notwendigerweise zurückweisungsbezogen sind, erleben. Aus diesen
Überlegungen resultieren folgende Hypothesen:
Hypothese
56:
Es
besteht
Zurückweisungssensibilität
zu
ein
systematischer
T1
und
der
positiver
berichteten
Zusammenhang
Anzahl
zwischen
der
zurückweisungsbezogener
Lebensereignisse in einem mehrmonatigen Intervall nach T1.
Hypothese
57:
Es
besteht
kein
systematischer
Zusammenhang
zwischen
der
Zurückweisungssensibilität zu T1 und der berichteten Anzahl interpersonaler Lebensereignisse in
einem mehrmonatigen Intervall nach T1.
Die Bedeutung von (negativen) Lebensereignissen für die Entstehung und Aufrechterhaltung
depressiver Störungen wurde in der klinisch-psychologischen Forschung ausführlich untersucht und
diskutiert (Hammen, 2005). Konsistent zeigte sich dabei ein deutlich positiver Zusammenhang
zwischen negativen Lebensereignissen und depressiven Symptomen. Kendler et al. (2003) konnten in
ihrer Arbeit zeigen, dass insbesondere Lebensereignisse, welche soziale Zurückweisung beinhalten,
depressive Reaktionen zu bedingen scheinen. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung soll
deshalb folgende Hypothese überprüft werden:
Hypothese 58: Es besteht ein systematischer positiver Zusammenhang zwischen der berichteten
Anzahl zurückweisungsbezogener Lebensereignisse im 6-Monats-Intervall nach T1 und der
Depressivität zu T2.
Die Rolle von zeitstabilen, persönlichkeitsnahen Faktoren als bedeutsame Vulnerabilitätsfaktoren für
die Entwicklung depressiver Symptome als Reaktion auf erlebte Zurückweisung wurde bereits früh in
der Life-Events-Forschung angeregt (Hammen, Ellicott & Gitlin, 1989; Monroe & Simons, 1991).
Inzwischen liegen überzeugende Befunde für die Annahme eines Vulnerabilitäts-Stress-Modells in
diesem Zusammenhang vor (s. Hammen, 2005, für eine Übersicht). Im Rahmen der vorliegenden
Untersuchung soll überprüft werden, ob interpersonale Zurückweisungssensibilität, verstanden als
relativ zeitstabiles kognitiv-affektives Schema, einen solchen Vulnerabilitätsfaktor für die spezifische
Depressogenität zurückweisungsbezogener Lebensereignisse darstellen könnte. Voraussetzung dazu
ist der als gesichert geltende (prospektive) Zusammenhang von Zurückweisungssensibilität und
depressiven Symptomen (Ayduk et al., 2001; Gilbert et al., 2006; Mellin, 2008). In der vorliegenden
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
195
Untersuchung sollen daher im Sinne einer Replikation der vorliegenden Forschungsbefunde die
prospektiven Effekte von Zurückweisungssensibilität auf depressive Symptome untersucht werden:
Hypothese
59:
Es
besteht
ein
systematischer
positiver
Zusammenhang
zwischen
der
Zurückweisungssensibilität zu T1 und der Depressivität zu T2.
Unter der Annahme der Gültigkeit der beiden letzten Hypothesen soll in der vorliegenden Studie
unter einer Vulnerabilitäts-Stress-Perspektive (Chango et al., 2012; Zimmer-Gembeck et al., 2014) im
Längsschnitt untersucht werden, ob die Zusammenhänge zwischen dem Erleben von sozialer
Zurückweisung
und
Depressivität
über
das
zeitstabile
kognitiv-affektive
Schema
Zurückweisungssensibilität vermittelt werden. Es ergibt sich folgende Hypothese:
Hypothese 60: Der Zusammenhang zwischen der Anzahl der berichteten zurückweisungsbezogenen
Lebensereignisse und der Depressivität zu T2 kann über die Zurückweisungssensibilität zu T1 erklärt
werden.
5.2
Methoden
5.2.1
Ein- und Ausschlusskriterien für die Studienteilnahme
Für die Teilnahme an der hier vorgestellten Untersuchung galten diejenigen Ein- und
Ausschlusskriterien die bereits im Rahmen der kulturvergleichenden Studie (Abs.3.2.1) beschrieben
wurden. Zudem mussten vollständige Fragebogendaten aus dem ersten Erhebungstermin vorliegen.
5.2.2
Rekrutierungsstrategien
Für die längsschnittliche Erhebung wurden all diejenigen deutschen Probandinnen, von denen
vollständige Datensätze aus dem ersten Messzeitpunkt vorlagen und die zum Zweck einer
Nacherhebung
Kontaktdaten
hinterlassen
hatten,
sechs
Monate
nach
ihrem
ersten
Datenerhebungstermin per Email oder postalisch erneut kontaktiert mit der Bitte, an einer
Nachbefragung teilzunehmen. Alle kontaktierten Probandinnen wurden erneut darauf hingewiesen,
196
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
dass die Teilnahme freiwillig ist und jederzeit ohne Angabe von Gründen widerrufen werden kann.
Insgesamt konnten von den ursprünglich n = 87 Probandinnen der experimentellen Studie n = 76
Personen für die Follow-Up-Erhebung kontaktiert werden. Von diesen 76 Personen sendeten n = 59
Probandinnen den ausgefüllten Fragebogen im zeitlichen Rahmen von vier Wochen zurück, die
Rücklaufquote belief sich somit auf 77,6%. Dies ist vor dem Hintergrund einer unvergüteten
Teilnahme als sehr zufriedenstellend zu bewerten. Das Studiendesign war im April 2012 von der
Ethikkommission der Fakultät für Verhaltens- und empirische Kulturwissenschaften der RuprechtKarls-Universität Heidelberg bewilligt worden.
5.2.3
Studiendesign und -ablauf
Der hier beschriebenen Studie liegt ein längsschnittliches Design mit zwei Messzeitpunkten im
Abstand von sechs Monaten zugrunde. Dispositionelle Merkmale zu T1 (experimenteller
Erhebungstermin), Lebensereignisse im Intervall zwischen T1 und T2 sowie klinische Symptomatik zu
T2 sollen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Wahl eines 6-Monats-Intervalls liegt neben
Überlegungen zur Praktikabilität einer Längsschnitterhebung im Rahmen eines Promotionsprojekts
unter anderem in Befunden von Brown & Harris (1982) begründet, die zeigen konnten, dass die
Erinnerung an Lebensereignisse (mit Ausnahme sehr zentraler Ereignisse) nach sechs Monaten
deutlich zu verblassen beginnt. Liu et al. (2014) beschreiben in diesem Zusammenhang ein 6-MonatsIntervall als dennoch lang genug, um vor dem Hintergrund eher kleiner Stichprobenumfänge von
einer gewissen Varianz in der Anzahl von Lebensereignissen ausgehen zu können.
Die
Erhebung
zu
T2
war
eine
Fragebogenerhebung,
bei
der
ausschließlich
Selbstbeurteilungsinstrumente eingesetzt wurden. Nach einer ersten Kontaktaufnahme sechs
Monate nach dem ersten Erhebungstermin erhielten die Probanden entweder postalisch eine PapierVersion oder per Email einen (durch Seriennummer anonymisierten) Link zu einer Online-Version36
des Fragebogens. Alle ausgefüllten Fragebögen, die in einem Zeitintervall von vier Wochen
zurückgesendet wurden, wurden in die Analyse einbezogen.
5.2.4
Erhebungsinstrumente
Zu T2 wurden der RSQ (Staebler et al., 2011a) sowie die ADS (Hautzinger & Bailer, 1993) vorgelegt.
Die Verfahrensbeschreibungen zu den Instrumenten finden sich in Absatz 3.2.4. Weiterhin wurde
eine Liste mit Lebensereignissen vorgelegt, welche im Folgenden erläutert werden soll.
36
Erstellt mit dem Online-Umfrage-System Soscisurvey, abrufbar unter www.soscisurvey.de, zuletzt abgerufen
am 12.05.2014.
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
197
5.2.4.1 Lebensereignisse – LE-Z und LE-I
Nach Kenntnis der Autorin lag bisher kein für die Fragestellungen der vorliegenden Studie
angemessenes Messinstrument zur spezifischen Erfassung von Zurückweisungserlebnissen vor. Es
wurde daher in einem mehrschrittigen Vorgehen eine eigene Liste von Lebensereignissen erstellt, bei
der die Probanden jeweils angeben sollen, ob sie das entsprechende Ereignis in einem vorgegebenen
Zeitrahmen (in der vorliegenden Studie in den vergangenen sechs Monaten) erlebt haben. Zur
Erstellung der Liste wurden zunächst Ereignisse aus der Social Readjustment Rating Scale (Holmes &
Rahe, 1967) sowie einer revidierten Fassung des Recent Life Changes Questionnaire (Miller & Rahe,
1997;
Rahe,
1975)
übernommen.
Anschließend
wurden
bei verschiedenen
Ereignissen
Antwortmöglichkeiten hinzugefügt, die der Fragestellung der vorliegenden Studie besser
entsprachen. Beispielsweise wurde beim Ereignis „Trennung vom Partner“ spezifiziert, ob die
Trennung vom Untersuchungsteilnehmer selbst oder vom Partner ausging. Dies ermöglichte es,
gezielter die soziale Zurückweisung bei negativen Lebensereignissen zu erfragen. Diese ursprüngliche
Liste von insg. 62 Ereignissen wurde einigen Laien aus dem Bekanntenkreis der Autorin vorgelegt, die
die aufgeführten Ereignisse nach ihrer Eindeutigkeit bewerten sowie gegebenenfalls weitere
Vorschläge für wichtige Lebensereignisse machen sollten. Aufgrund dieser Vorschläge wurden der
Liste 11 weitere Ereignisse hinzugefügt. Diese erweiterte Liste wurde wiederum anderen Laien zur
Beurteilung der Eindeutigkeit in der Beantwortbarkeit vorgelegt. Alle Ereignisse wurden als eindeutig
beantwortbar bewertet. Die endgültige Liste mit 73 Lebensereignissen findet sich im Anhang.
Zur Evaluation der erweiterten Liste der Lebensereignisse wurde ein Rating von zwei mit der
interpersonalen Theorie vertrauten Expertinnen durchgeführt, die beurteilen sollten, ob die
aufgeführten Ereignisse interpersonal in ihrer Ausrichtung waren und ob sie Zurückweisung für die
betroffene Person beinhalteten. Als Maß für die Interraterreliabilität wurde Cohen‘s Kappa (für zwei
Beurteiler bei nominalen Daten) berechnet (Cohen, 1960). Dabei wird die empirisch ermittelte
Häufigkeit der Beurteilerübereinstimmungen zur unter Unabhängigkeit der Beurteilungen erwarteten
Häufigkeit der Übereinstimmungen ins Verhältnis gesetzt. Cohen`s Kappa (κ) kann einen Wert
zwischen -1 und +1 annehmen, wobei κ = 0 einer völlig zufälligen Übereinstimmung entspricht.
In der vorliegenden Untersuchung zeigte sich eine deutlich über dem Zufallsniveau liegende
Übereinstimmung der Ratings bzgl. der Interpersonalität der Items sowie der Beinhaltung von
Zurückweisung. Der Koeffizient für den interpersonalen Gehalt der Ereignisse lag bei κ = .783, der
entsprechende Wert für den Zurückweisungsgehalt bei κ = .755. Die ermittelten Koeffizienten
können als im zufriedenstellenden Bereich liegend betrachtet werden (Greve & Wentura, 1997).
Alle Lebensereignisse, die von beiden Beurteilern übereinstimmend in ihrem Inhalt beurteilt worden
waren, wurden gleichgewichtet zu zwei Skalen (Interpersonale Lebensereignisse – LE-I und
198
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
Zurückweisungsbezogene Lebensereignisse – LE-Z) zusammengefasst. Von den insgesamt 73 zu
beurteilenden Ereignissen wurde 19 Ereignissen übereinstimmend interpersonaler Gehalt
zugesprochen und bei 16 Ereignissen enthielt mindestens eine Antwortmöglichkeit übereinstimmend
soziale Zurückweisung. Als Skalenwert wurde aufgrund der unterschiedlichen Anzahl von Ereignissen
pro Skala das arithmetische Mittel aller Ereignisse berechnet. Aufgrund des dichotomen
Antwortformats liegt die mögliche Spannweite der Skalenwerte zwischen 0 und 1, höhere Werte
sprechen für eine höhere Anzahl von entsprechenden Lebensereignissen.
5.2.5
Auswertungsstrategien
5.2.5.1 Datenaufbereitung und vorbereitende Analysen
Die Datenaufbereitung erfolgte analog zum in Absatz 3.2.6 dieser Arbeit beschriebenen Vorgehen.
Die Daten wurden mit IBM SPSS Statistics 20 für Windows ausgewertet. Im Rahmen von
vorbereitenden Analysen wurden die Verteilungseigenschaften sowie die internen Konsistenzen der
Skalen entsprechend des in Absatz 3.2.6 beschriebenen Vorgehens berechnet. Mittels eines T-Tests
für unabhängige Stichproben wurde überprüft, ob sich die Teilnehmerinnen der längsschnittlichen
Erhebung im Alter und in der Baseline-Depressivität (ADS zu T1) von denjenigen Teilnehmerinnen
unterschieden, die nicht an der Erhebung zu T2 teilgenommen hatten. Weiterhin wurden
Unterschiede im Bildungsniveau zwischen diesen beiden Gruppen mit einem Chi²-Test untersucht.
5.2.5.2 Hypothesentestung
Zur Überprüfung der Test-Retest-Reliabilität des RSQ für ein 6-Monats-Intervall wurde die bivariate
Produkt-Moment-Korrelation zwischen den Skalenwerten des RSQ zu T1 (experimentelle Erhebung)
und T2 berechnet. Zur Überprüfung des Zusammenhangs zwischen der Ausprägung von
Zurückweisungssensibilität und dem Erleben von Lebensereignissen wurden für normalverteilte
Daten Produkt-Moment-Korrelationskoeffizienten berechnet, bei nicht normalverteilten Daten
wurde auf den Rangkorrelationskoeffizienten nach Spearman zurückgegriffen. Die Voraussetzungen
und statistischen Eigenschaften der Koeffizienten sind unter Absatz 3.2.6 dieser Arbeit beschrieben.
Die Frage, ob der Zusammenhang zwischen dem Erleben von tatsächlicher Zurückweisung und
Depressivität über Zurückweisungssensibilität vermittelt wird, wurde mittels einer mediierten
Regressionsanalyse überprüft. Das Vorgehen sowie die berichteten Kennwerte sind unter Absatz
3.2.6 dieser Arbeit beschrieben. Es gingen die zu T2 erhobenen zurückweisungsbezogenen
Lebensereignisse (LE-Z) als Prädiktor, der ADS-Skalenwert als Kriterium und der RSQ-Skalenwert zu
T1 als Mediatorvariable in das Regressionsmodell ein.
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
5.3
Ergebnisse
5.3.1
Datenaufbereitung
199
Von den 76 Probandinnen des ersten Erhebungszeitpunkts, die ihr Einverständnis zur Teilnahme an
der Follow Up-Erhebung gegeben hatten, füllten 59 Probandinnen den Follow Up-Fragebogen im
vorgegebenen Zeitrahmen aus. Insgesamt N = 44 Teilnehmerinnen kamen aus der Teilstichprobe der
Allgemeinbevölkerung, n = 15 Teilnehmerinnen kamen aus der ursprünglichen Patientenstichprobe.
Die Ein- und Ausschlusskriterien für die Studienteilnahme waren bereits beim ersten Messzeitpunkt
überprüft worden. Keiner der zurückgesendeten Fragebögen wies einen Anteil fehlender Werte von
> 5% insgesamt auf, sodass alle 59 Teilnehmerinnen in die Analyse eingeschlossen werden konnten.
Eine Analyse der fehlenden Werte mit dem MCAR-Test nach Little (1988) ergab für den RSQT2 eine
völlig zufällige Verteilung derselben. Fehlende Werte wurden mit dem Expectation MaximizationAlgorithmus ersetzt. Fehlende Werte in der ADST2 kamen nicht vor. Fehlende Werte in den
soziodemografischen Angaben (Ein-Item-Messungen) wurden nicht ersetzt. Da es sich bei der Liste
der Lebensereignisse um eine Checkliste handelte, konnten eventuell fehlende Werte nicht ermittelt
werden, da sie nicht von „nicht vorgekommen“ differenziert werden konnten und somit automatisch
als „nicht vorgekommen“ kodiert wurden. Gegebenenfalls führt dies zu einer Unterschätzung der
tatsächlich vorgekommenen Ereignisse.
Eine Überprüfung von Ausreißerwerten im Datensatz durch Betrachtung der z-standardisierten
Skalenwerte ergab für die Skala LE-Z insgesamt drei, für die Skala LE-I einen Wert von z > |3|. Diese
Werte wurden entsprechend der Empfehlungen von Tabachnick & Fidell (2013) ersetzt.
5.3.2
Vorbereitende Analysen
5.3.2.1 Verteilungsform
Zur Überprüfung der Verteilungsform der abhängigen Variablen wurde der Kolmogorow-SmirnovTest angewendet. Die Ergebnisse entsprachen den Erwartungen und sind in Tabelle 19 dargestellt.
Während für die Werte der ADST2, des RSQT2 sowie des RSQT1 die Annahme einer Normalverteilung in
der Grundgesamtheit gerechtfertigt erscheint, ergaben sich für die Lebensereignis-Skalen deutlich
rechtsschiefe Verteilungen mit einer Verschiebung der Skalenwerte in Richtung „keine
Lebensereignisse“. Für das hier untersuchte Zeitintervall von nur sechs Monaten war dies zu
erwarten. Die Ergebnisse finden in den nachfolgenden Analysen Berücksichtigung, wo nötig, wird auf
verteilungsfreie Verfahren zurückgegriffen.
200
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
5.3.2.2 Interne Konsistenz
Zur Überprüfung der internen Konsistenz des RSQT1, des RSQT2 sowie der ADST2 wurde Cronbach’s α
als Schätzwert der Reliabilität berechnet. Für den RSQT2 ergab sich ein Wert von α = .94, für den
RSQT1 ein Wert von α = .91, beide Werte können als sehr zufriedenstellend angesehen werden. Für
die ADST2 ergab sich ein Wert von α = .90, was ebenfalls als sehr gut zu beurteilen ist. Für die Skalen
LE-Z und LE-I wurden keine internen Konsistenzen berechnet, da eine Homogenität der Skala unter
Berücksichtigung des Messanspruchs und der in Richtung „keine Ereignisse“ verzerrten Verteilung
nur bedingt zu erwarten war. Tabelle 19 fasst die Ergebnisse der Reliabilitätsanalysen zusammen.
Tabelle 19: Vorbereitende Analysen Teilstudie C
Z
α
ADST2
1,25
.90
RSQT1
0,63
.91
RSQT2
1,02
.94
Z
α
LE-Z
3,00**
--
LE-I
2,29**
--
Z = Kolmogorow-Smirnov Z; α = Cronbach’s α
** sign. bei p < .01; N = 59
5.3.3
Endgültige Analysestichprobe
Insgesamt nahmen n = 59 Probandinnen an der Erhebung teil. Das mittlere Alter lag bei 36,9 Jahren
(SD = 13,6). Eine Person (1,7%) war noch in der Schule, 6 Personen (10,2%) wiesen einen
Hauptschulabschluss auf, 10 Personen (16,9%) hatten mittlere Reife, 22 Personen (37,3%) gaben
Abitur als höchsten Bildungsabschluss an und 20 Personen (33,9%) verfügten über ein
abgeschlossenes Hochschulstudium.
Für die Stichprobe von n = 76 erneut kontaktierten Teilnehmerinnen wurde überprüft, ob sich die n =
59 Teilnehmerinnen, die den Fragebogen zu T2 ausgefüllt hatten, in Alter, Bildungsniveau und
Depressivität zu T1 von den n = 17 Probandinnen unterschieden, die den Fragebogen nicht
zurückgesendet hatten.
Da das Alter in der Stichprobe nicht normalverteilt war (Z = 1,46; p < .05), wurde der verteilungsfreie
Mann-Whitney-U-Test angewendet. Es ergab sich kein signifikanter Unterschied im Alter der
Probandinnen (U = 531,0; p = .63). Für mit dem Χ²-Test ermittelte Bildungsunterschiede ergaben sich
ebenso keine signifikanten Effekte (Χ² (4) = 8,985; p = .06).
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
201
Für die Überprüfung von Gruppenunterschieden in der Depressivität wurde der T-Test verwendet.
Der Levene-Test war signifikant (F(74) = 7,36; p < .01), deshalb ist der berichtete T-Wert der für
Varianzheterogenität adaptierte. Es zeigte sich ein deutlicher Gruppenunterschied in der
Depressivität zu T1 (T(20,6) = -3,10; p < .01; Cohen’s d = 1.17). Diejenigen Probandinnen, die trotz
ursprünglicher Einwilligung nicht an der Nacherhebung teilgenommen haben, hatten zu T1 höhere
Depressivitätswerte aufgewiesen als die Probandinnen, die den Fragebogen ausgefüllt haben. Dies ist
insofern nachvollziehbar, als Antriebslosigkeit und Rückzug Kernsymptome der Depression
darstellen, die es depressiven Patienten unabhängig von Aufforderung und gutem Willen
erschweren, anstehende Aufgaben zu erledigen.
5.3.4
Hypothesentestung
Zur besseren Übersicht sind in Tabelle 20 die Mittelwerte und Standardabweichungen aller Variablen
für die Stichprobe der n = 59 Teilnehmerinnen zusammenfassend dargestellt.
Tabelle 20: Deskriptive Statistiken der abhängigen Variablen in Teilstudie C
M(SD) zu T1
M(SD) zu T2
ADS
0,71 (0,51)
0,61 (0,45)
RSQ
9,13 (4,15)
8,60 (4,55)
LE-Z
--
0,03 (0,05)
LE-I
--
0,07 (0,08)
M = Mittelwert; SD = Standardabweichung; T1 = erster Messzeitpunkt; T2 = zweiter Messzeitpunkt
5.3.4.1 Stabilität der Zurückweisungssensibilität
Die Test-Retest-Reliabilität des RSQ wurde mittels einer bivariaten Produkt-Moment-Korrelation
überprüft. Sie lag für das hier untersuchte 6-Monats-Intervall bei rtt = .78 (p < .001). Vor dem
Hintergrund der Länge des Intervalls, der Heterogenität in der Stichprobe sowie dem
Erhebungssetting zwischen T1 und T2 kann dieser Wert als sehr hoch bezeichnet werden und spricht
für eine ausgezeichnete zeitliche Stabilität der Zurückweisungssensibilität, wie sie auch in der
Konzeptualisierung theoretisch hergeleitet worden war (Downey & Feldman, 1996).
202
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
5.3.4.2 Zurückweisungssensibilität und Lebensereignisse
Da die Normalverteilungsannahme für die beiden Lebensereignisskalen verworfen werden musste,
wurden zur Überprüfung des Zusammenhangs derselben mit der Zurückweisungssensibilität
verteilungsfreie Rangkorrelationskoeffizienten nach Spearman berechnet. Es ergab sich eine
signifikant positive Korrelation zwischen dem RSQ-Skalenwert zu T1 und den spezifisch
zurückweisungsbezogenen Lebensereignissen zu T2 (r = .36; p < .01). Zurückweisungssensible
Personen erleben demnach hpothesenkonform mehr tatsächliche Zurückweisung als weniger
zurückweisungssensible Personen. Der Zusammenhang zwischen Zurückweisungssensibilität und den
allgemein interpersonalen Lebensereignissen wurde hingegen nicht signifikant (r = .17; p = .21), es
gibt demnach in der hier untersuchten Stichprobe hypothesenkonform keinen statistisch
bedeutsamen Zusammenhang zwischen der Ausprägung von Zurückweisungssensibilität und dem
Vorkommen von allgemein interpersonalen Lebensereignissen.
Der Zusammenhang zwischen den zurückweisungsrelevanten Lebensereignissen und der ADST2
wurde ebenfalls statistisch signifikant (r = .26; p < .05). Weiterhin ergab sich eine signifikant positive
Produkt-Moment-Korrelation zwischen der ADST2 und dem RSQT1 (r = .52; p < .001).
Im Anschluss an die korrelativen Analysen wurden die Fragestellungen hinsichtlich des
Erklärungswerts
von
Zurückweisungssensibilität
für
die
Zusammenhänge
zwischen
zurückweisungsrelevanten Lebensereignissen und depressiven Symptomen mit einer mediierten
Regressionsanalyse überprüft. In einem ersten Schritt wurde die Zurückweisungssensibilität zu T1
durch die zurückweisungsbezogenen Lebensereignisse vorhergesagt (Pfad a). In einem zweiten Schritt
wurde die Depressivität zu T2 durch die Zurückweisungssensibilität zu T1 vorhergesagt (Pfad b). In
einem
dritten Schritt wurde
Depressivität
zu T2
durch die
zurückweisungsbezogenen
Lebensereignisse vorhergesagt (Pfad c). In einem vierten Schritt schließlich wurde der
Mediationseffekt berechnet. Es ergab sich ein signifikanter Effekt der zurückweisungsbezogenen
Lebensereignisse auf die Zurückweisungssensibilität (β(a) = .345; SE = .12; T = 2,81 p <.01). Ebenso
ergab sich ein signifikanter Effekt der Zurückweisungssensibilität auf die Depressivität zu T2 (β(b) =
.47; SE = .11; T = 4,12 p <.001). Der totale Effekt der Lebensereignisse auf die Depressivität zu T2
wurde ebenfalls signifikant (β(c) = .42; SE = .12; T = 3,44 p <.01). Die Voraussetzungen zur
Überprüfung der Mediationshypothese können demnach als gegeben angenommen werden.
Der indirekte Effekt der zurückweisungsbezogenen Lebensereignisse auf die Depressivität, vermittelt
über die Zurückweisungssensibilität, wurde statistisch signifikant. Es ergab sich ein standardisierter
indirekter Effekt von β(ab) = .16. Im über Bootstrapping mit 1000 Ziehungen ermittelten
Konfidenzintervall des indirekten Effekts war die Null nicht enthalten (CI95- = 0.07, CI95+ = 0.35; SECI =
.06), der Mediationseffekt kann als statistisch abgesichert betrachtet werden. Der direkte Effekt der
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
203
zurückweisungsbezogenen Lebensereignisse auf die Depressivität blieb auch unter Berücksichtigung
des Mediators signifikant (β(c‘) = .25; SE = .11; T = 2,22 p <.05), weshalb im vorliegenden Fall von
einer partiellen Mediation auszugehen ist. In Abbildung 21 sind die Ergebnisse der mediierten
Regressionsanalyse grafisch dargestellt.
Abbildung 21: Mediiertes Regressionsmodell zu depressiven Symptomen im Längsschnitt
5.4
Diskussion
Im Rahmen der längsschnittlichen Follow-Up-Untersuchung sollten längerfristige Auswirkungen von
Zurückweisungssensibilität im Hinblick auf depressive Symptome untersucht werden. Insgesamt
n = 59 Teilnehmerinnen aus Teilstudie B füllten zu diesem Zweck sechs Monate nach dem ersten
Erhebungstermin einen Fragebogen aus, der zu den Daten der ersten Erhebung in Beziehung gesetzt
wurde. Die Teilnehmerinnen der Follow-Up-Erhebung unterschieden sich in soziodemografischen
Merkmalen nicht von den n = 17 Probandinnen, die zwar zunächst ihr Einverständnis zur
Nachbefragung gegeben hatten, dann aber den Fragebogen nicht zurücksendeten. Allerdings zeigte
sich ein deutlicher Unterschied in der Depressivität, die Teilnehmerinnen des Follow Up hatten zu T1
deutlich weniger depressive Symptome aufgewiesen. Dies ist unter Berücksichtigung der
depressionsbedingten Antriebsschwierigkeiten von depressiven Personen nachvollziehbar. Auf
inhaltlicher Ebene ist zu vermuten, dass die Ergebnisse der vorliegenden Studie eine eher
konservative Schätzung der tatsächlichen Zusammenhangsmuster darstellen. Weiterführende
204
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
Studien sollten dennoch eine breitere Streuung auf dem Kontinuum depressiver Symptomatik
anstreben. Im Folgenden werden die Ergebnisse der längsschnittlichen Erhebung inhaltlich und
methodisch diskutiert. Die Einordnung der Ergebnisse in das konsistenztheoretische Rahmenmodell
sowie eine Ableitung praktischer Implikationen aus den vorliegenden Befunden erfolgt in Kapitel 6.
5.4.1
Zurückweisungssensibilität im zeitlichen Verlauf
Für die deutsche Version des RSQ (Staebler et al., 2011a) lagen bisher lediglich Test-RetestReliabilitätskennwerte für ein 2-Wochen-Intervall an einer studentischen Stichprobe vor. Im Rahmen
der vorliegenden Untersuchung sollte die Stabilität des deutschen RSQ deshalb in einem deutlich
längeren Zeitintervall von sechs Monaten untersucht werden (Hypothese 55). Es ergab sich wie
erwartet ein positiver, als groß zu bewertender, Zusammenhang zwischen den beiden
Messzeitpunkten. Die vorliegenden Befunde sind ein weiterer Beleg dafür, dass der RSQ das als
relativ zeitstabil verstandene Merkmal Zurückweisungssensibilität (Downey & Feldman, 1996)
ausreichend reliabel auch über einen längeren Zeitraum erfasst.
5.4.2
Zurückweisungssensibilität und Lebensereignisse
In einem nächsten Schritt sollten Zusammenhangsmuster zwischen Zurückweisungssensibilität und
kritischen Lebensereignissen im 6-Monats-Verlauf untersucht werden. Aufgrund von empirisch
begründeten Annahmen, dass es sich bei Zurückweisungssensibilität langfristig um eine
selbsterfüllende Prophezeiung handelt (Downey et al., 1998a; Pietrzak et al., 2005; Romero-Canyas &
Downey, 2005), dass also die Angst vor sozialer Zurückweisung mit affektiven und behavioralen
Reaktionen einhergeht, die im Verlauf ein erhöhtes Risiko einer tatsächlichen sozialen Zurückweisung
mit sich bringen, wurde im Sinne einer Abgrenzung vermutet, dass Zurückweisungssensibilität
prospektiv mit zurückweisungsbezogenen Lebensereignissen (Hypothese 56), nicht aber mit
interpersonalen Lebensereignissen im Allgemeinen (Hypothese 57), in Zusammenhang steht. Die
Ergebnisse bestätigen diese Hypothesen. Es ergab sich ein positiver Zusammenhang der
Zurückweisungssensibilität
(erhoben
zu
T1)
mit
spezifisch
zurückweisungsrelevanten
Lebensereignissen in mittlerer Größenordnung, jedoch kein bedeutsamer Zusammenhang zu
allgemein interpersonalen Lebensereignissen. Dies passt sich gut in Befunde anderer Studien ein, die
zeigen konnten, dass Zurückweisungssensibilität ein erhöhtes Risiko für Trennungen in
Partnerschaften (Downey et al., 1998a) sowie für abhängige Lebensereignisse (d.h. Lebensereignisse,
die durch das eigene Verhalten evoziert bzw. verändert werden; Liu et al., 2014) birgt und erweitert
diese Befunde um die Bedeutsamkeit des expliziten Gehalts an sozialer Zurückweisung der einzelnen
Ereignisse. Das prospektive Studiendesign in der vorliegenden Untersuchung erlaubt dabei die
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
Annahme
der
Kausalität
der
205
Datenstruktur
und
untermauert
die
Vermutung,
dass
Zurückweisungssensibilität langfristig soziale Zurückweisung evoziert.
Aus der Forschungsliteratur können weiterhin konsistente Hinweise darauf abgeleitet werden, dass
intendierte soziale Zurückweisung, verstanden als kritisches Lebensereignis, in besonderer Form
depressogen zu sein scheint (Kendler et al., 2003; Slavich et al., 2009). In der vorliegenden Studie
sollte überprüft werden, ob Zurückweisungssensibilität, verstanden als Vulnerabilitätsfaktor, diese
Zusammenhänge erklären kann. Im Sinne einer Legitimation von Anschlusshypothesen wurde
zunächst überprüft, ob sich ein Zusammenhang zwischen der zu T2 erhobenen Depressivität und den
zurückweisungsbezogenen Lebensereignissen in den sechs Monaten davor zeigen lässt (Hypothese
58). Diese Hypothese konnte durch die Daten Bestätigung finden, es ergab sich ein deutlich positiver
Zusammenhang. Weiterhin wurde im Sinne einer Replikation von Befunden aus den Teilstudien A
und B sowie als Erweiterung um die Prospektivität der Zusammenhangsmuster untersucht, ob sich
ein positiver Zusammenhang zwischen der Zurückweisungssensibilität zu T1 und der Depressivität zu
T2 zeigen lässt (Hypothese 59). Auch diese Hypothese konnte bestätigt werden, es ergab sich ein
deutlich positiver Zusammenhang zwischen den beiden Merkmalen.
Unter diesen Voraussetzungen wurde in einem letzten Auswertungsschritt überprüft, ob die
Zusammenhänge zwischen den zurückweisungsbezogenen Lebensereignissen und der Depressivität
über Zurückweisungssensibilität vermittelt werden (Hypothese 60). Es ergab sich ein bedeutsamer
partieller
Mediationseffekt.
Dieser
Befund
unterstreicht
die
Bedeutung
von
Zurückweisungssensibilität als Vulnerabilitätsfaktor für depressive Störungen, wie sie bereits von
Chango et al. (2012) und Zimmer-Gembeck et al. (2014) herausgestellt worden war. Unter der
Annahme, dass zurückweisungsbezogene Lebensereignisse durchaus auch einen direkten Einfluss auf
die Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Symptome haben (Chango et al., 2012), was in der
hier vorgestellten Analyse durch den auch unter Berücksichtigung von Zurückweisungssensibilität
persistierenden direkten Effekt der Lebensereignisse auf die Depressivität unterstützt wird, sprechen
die Ergebnisse dennoch dafür, dass die entsprechenden Lebensereignisse insbesondere für
zurückweisungssensible Personen mit depressiven Symptomen assoziiert sind. Dies ist auch unter
konsistenztheoretischer Perspektive insofern nachvollziehbar, als für Personen mit ausgeprägtem
kognitiv-affektivem Schema in Richtung der Vermeidung von Zurückweisung die erlebte Inkongruenz
beim Erleben von realer Zurückweisung stärker ist als für Personen, die nicht in vergleichbarem
Ausmaß über ein solches Schema verfügen. Wird das Erleben schemakongruent interpretiert und
verarbeitet, führt dies nach konsistenztheoretischen Annahmen zur Ausbildung depressivinternalisierender Symptome, um das Individuum vor zukünftiger Zurückweisung, und damit dem
Erleben von Inkongruenz, zu schützen (Grawe, 2004). Nach Kenntnisstand der Autorin wurden in der
vorliegenden Studie die postulierten und für Jugendliche bereits belegten Zusammenhangsmuster
206
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
zwischen Lebensereignissen und Zurückweisungssensibilität erstmals auf das Erwachsenenalter
übertragen, was die Konstanz der Depressogenität von Zurückweisungssensibilität über die
Lebensspanne verdeutlicht.
Zusammenfassend sprechen die Befunde der vorliegenden Untersuchung dafür, dass die
Depressogenität zurückweisungsrelevanter Ereignisse partiell in der Zurückweisungssensibilität
begründet liegt, dass also insbesondere für Personen mit einer hohen Sensibilität für soziale
Zurückweisung, im Sinne eines Vulnerabilitätsfaktors, die entsprechenden Lebensereignisse
depressogen
wirken.
Dies
resultiert
insbesondere
vor
dem
Hintergrund,
dass
Zurückweisungssensibilität prospektiv zu mehr zurückweisungsbezogenen Lebensereignissen führt
sowie der anzunehmenden Zeitstabilität der Zurückweisungssensibilität, in einer praktischen klinischpsychologischen Bedeutsamkeit. Entsprechende Implikationen dieser Überlegungen für die
psychotherapeutische Arbeit werden in Kapitel 6 dargelegt.
5.4.3
Grenzen der Studie
Neben der bereits erwähnten Interpretationseinschränkung, die mit der geringen Varianz der
Depressivität in der Stichprobe einhergeht, unterliegt die hier vorgestellte Studie weiteren
Limitationen, welche im Folgenden dargestellt und im Hinblick auf zukünftige Forschungsarbeiten
diskutiert werden.
Dabei gelten auch für diese Teilstudie einige der Limitationen, die bereits für die kulturvergleichende
Studie vorgestellt wurden (Absatz 3.4.5). Da die Stichprobe eine Teilstichprobe aus Studie B ist,
wurden entsprechend auch in der längsschnittlichen Erhebung ausschließlich Frauen untersucht.
Obgleich die Literatur konsistente Hinweise auf eine besondere Depressogenität sozialer
Zurückweisung nahelegt, können die hier für Depressivität gefundenen Zusammenhangsmuster
strenggenommen
nicht
störungsspezifisch
interpretiert
werden,
da
kein
alternativer
Symptomkomplex zur Abschätzung der Störungsspezifität mit einbezogen wurde. Überlegungen zum
Umgang mit diesen Einschränkungen können in Absatz 3.4.5 nachgelesen werden.
Zwei weitere, die hier vorliegende Untersuchung spezifisch betreffende, Limitationen, sollen im
Folgenden betrachtet werden. Zum einen ist die Wahl des Zeitintervalls zwischen T1 und T2
willkürlich und an der praktischen Umsetzbarkeit von Längsschnittuntersuchungen im Rahmen von
zeitlich
begrenzten
Dissertationsprojekten
ausgerichtet.
Zwar
haben
Untersuchungen
verschiedentlich darauf hingewiesen, dass ein 6-Monats-Intervall angemessen zur verzerrungsfreien
Erfassung von Lebensereignissen ist (Brown & Harris, 1982), dennoch sind die Lebensereignisskalen
in der vorliegenden Untersuchung deutlich linkssteil verteilt, ein Großteil der Probandinnen hat
entsprechend keine oder sehr wenige Ereignisse im untersuchten Zeitintervall erlebt. Es ist somit von
TEIL C: Längsschnittliche Untersuchung
207
Varianzeinschränkungen im Sinne von Bodeneffekten auszugehen, die die Interpretierbarkeit
schmälern. Für zukünftige Studien wäre, unter Berücksichtigung von Erinnerungseffekten, die nach
ca. sechs Monaten einsetzen, beispielsweise ein dritter Erhebungszeitpunkt nach einem längeren
Intervall denkbar. Die Erhebung über drei oder mehr Messzeitpunkte würde eine Untersuchung über
einen längeren Zeitraum bei gleichzeitiger Kontrolle von Erinnerungseffekten ermöglichen.
Eine weitere Einschränkung der vorliegenden Studie ist in der Konstruktion der Lebensereignisskalen
zu vermuten. Da laut Kenntnis der Autorin kein evaluiertes Messinstrument, das dem Anspruch der
Erfassung spezifisch zurückweisungsbezogener Lebensereignisse gerecht geworden wäre, vorlag,
wurden die Skalen explizit für die vorliegende Untersuchung konstruiert. Zwar erfolgte das Vorgehen
in Anlehnung an evaluierte Skalen (Holmes & Rahe, 1967; Miller & Rahe, 1997; Rahe, 1975) und
implizierte eine Vortestung an Laien sowie eine Überprüfung der Interraterreliabilität mit zwei
Expertinnen (Cohen, 1960), dennoch wäre eine weitere psychometrische Evaluation der Skalen sehr
wünschenswert. Auch ein Einbezug der Antwortmöglichkeit „nicht erlebt“ könnte eine
vielversprechende Erweiterung darstellen, da in der vorliegenden Konzeptualisierung keine
Differenzierung zwischen dem Nichterleben des betreffenden Items und fehlenden Werten möglich
ist.
Zusammenfassend stellt die hier vorgestellte längsschnittliche Erhebung eine unter Berücksichtigung
der Praktikabilität längsschnittlicher Studiendesigns als vielversprechend zu bewertende erste
Annäherung an eine prospektive Betrachtung der klinischen Bedeutsamkeit des Konstrukts
Zurückweisungssensibilität bei erwachsenen Frauen dar.
208
6
Abschlussdiskussion
Abschlussdiskussion
Im Folgenden werden die bereits im Rahmen der drei Teilstudien inhaltlich diskutierten Befunde der
vorliegenden Arbeit zusammenfassend in das in Kapitel 2.6 vorgestellte übergreifende Arbeitsmodell
integriert (6.1). Im Anschluss werden praktische Implikationen, die sich aus den Befunden der Arbeit
ergeben, abgeleitet und diskutiert (6.2). Das Kapitel schließt mit einem Fazit (6.3).
6.1
Einordnung der Befunde in das integrative Arbeitsmodell
Die Fragestellungen dieser Arbeit waren aus einem aus der Konsistenztheorie abgeleiteten
Arbeitsmodell heraus entwickelt worden und bezogen sich auf den Einfluss kultureller Faktoren auf
konsistenztheoretische
Zusammenhangsmuster
sowie
auf
ein
besseres
Verständnis
von
Interpersonaler Zurückweisungssensibilität für die Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver
Symptome aus einer konsistenztheoretischen Perspektive heraus. Um unnötiges Blättern zu
vermeiden, ist in Abbildung 22 das bereits in Kapitel 2.6 vorgestellte Arbeitsmodell erneut
dargestellt.
Die bedeutsamste Abweichung von Grawes ursprünglichem Modell lag in der Erweiterung des
konsistenztheoretischen Rahmens um kulturelle Faktoren (Hervorhebungen (1) und (2) in Abb. 22).
Während Grawe (2004) die Grundbedürfnisse als universell deklariert, nimmt er für die
motivationalen Ziele und Schemata eine umgebungsbezogene und entsprechend auch kulturelle
Überformung an, stellt aber selbst für die kulturelle Ebene keine Konzepte zur Verfügung, die dieser
Annahme Rechnung tragen würden. Während verschiedene Arbeiten bereits zeigen konnten, dass
motivationale Ziele in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext variieren (Boysen, 2011; Tamcan, 2005),
waren die bisher herangezogenen Erklärungen für diese Befunde als unbefriedigend zu bewerten
(vgl. Abs. 2.1.6). Die Untersuchung des Einflusses persönlicher Werthaltungen (Schwartz, 1992)
schien unter Berücksichtigung von Befunden zur Bedeutsamkeit dieser kulturellen Kontextvariable
für den deutsch-chilenischen Kontext (Zimmermann, 2009) sowie der inhaltlichen Nähe zu
motivationalen Zielen vielversprechend im Hinblick auf eine Erklärung von deutsch-chilenischen
Unterschieden
in
motivationalen
Zielen
auf
individueller
Ebene.
Unter
methodischen
Gesichtspunkten entsprach das Vorgehen dem State of the Art der kulturvergleichenden
psychologischen Forschung (unpackaging culture on the level of individuals; Bond & Tedeschi, 2001;
Abschlussdiskussion
209
Bond & van de Vijver, 2011). Eine empirische Überprüfung dieser Annahmen erfolgte in Teilstudie A,
einer Fragebogenstudie an deutschen und chilenischen depressiven und nicht-depressiven Frauen.
Abbildung 22: Integratives Arbeitsmodell (II)
Zusammenfassend sprechen die Befunde der vorliegenden Arbeit nicht für einen deutlichen
Mehrwert des Einbezugs persönlicher Werthaltungen in das konsistenztheoretische Modell. Zwar
ergaben sich kulturelle Unterschiede in den interpersonalen Motiven, welche zunächst eine
Überprüfung des Erklärungsgehalts von Werthaltungen für eben diese legitimierten. Die deutschen
Probandinnen wiesen höhere Werte in der Motivorientierung Communion auf als die chilenischen
Probandinnen, die Ziele der deutschen Probandinnen waren entsprechend eher darauf ausgerichtet,
Nähe dadurch herzustellen, dass andere sich um einen kümmern. Die Chileninnen wiesen höhere
Werte in dem hier spezifisch interessierenden motivationalen Ziel Verschlossenheit auf, ihre Ziele
waren also eher darauf ausgerichtet, Zurückweisung durch andere und Lächerlichkeit zu vermeiden,
als dies für die deutschen Probandinnen der Fall war. Kulturelle Unterschiede hinsichtlich der
Werthaltungen ergaben sich in den Wertedimensionen Selbst-Überwindung (die Chileninnen
werteten Nähe und das Kümmern um andere sowie Engagement für Umwelt und Gesellschaft höher
als die Deutschen) und Selbst-Erhöhung (die Deutschen werteten persönlichen Erfolg, Fortschritt,
Macht und Status höher als die Chileninnen). Ein in diesem Zusammenhang überprüftes
210
Abschlussdiskussion
Mediatormodell ergab jedoch, dass die Unterschiede in den motivationalen Zielen nicht über
Werthaltungen erklärbar waren.
Weiterhin wurden im Rahmen von Teilstudie A auch Zusammenhänge der Werthaltungen mit
Depressivität untersucht, Hypothesen, die aus neueren Studien zum Einfluss von Werthaltungen auf
das Wohlbefinden (Bobowik et al., 2011; Sagiv & Schwartz, 2000; Schwartz, 2011b) gewonnen
worden waren. Die Werthaltungen wiesen jedoch keine Zusammenhänge zur Depressivität auf, die
Übertragbarkeit
der
Zusammenhangsmuster
von
der
Variable
Wohlbefinden
auf
das
psychopathologische Kriterium Depressivität ist daher zunächst in Frage zu stellen.
Es ergab sich jedoch ein Effekt klinischer Depression auf die interpersonalen Motive dahingehend,
dass die depressiven Probandinnen niedrigere Werte in Communion, aber höhere Werte auf
Verschlossenheit aufwiesen. Dies war für deutsche und chilenische Probandinnen gleichermaßen der
Fall. Zusammenfassend weisen die Analysen zu den interpersonalen Motiven zwar auf absolute
Mittelwertsunterschiede in den interpersonalen Motiven in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext
hin, das Ausbleiben jeglicher Interaktionseffekte mit klinischer Depression verdeutlicht aber, dass die
Motive in vergleichbarer Form in beiden Nationen mit Depressivität zusammenhängen, was
zusammenfassend als Hinweis auf die transkulturelle Validität der konsistenztheoretischen
Annahmen bewertet werden kann.
Schlussendlich ist vor dem Hintergrund der vorliegenden Befunde nicht auszuschließen, dass
Werthaltungen lediglich sozial erwünschte Normen darüber repräsentieren, wie man optimalerweise
sein sollte, jedoch auf das tatsächliche Erleben und Verhalten von Menschen vergleichsweise wenig
Einfluss nehmen (siehe auch Morris, 2014). Die Befunde hinsichtlich der Depressivität können als
Hinweis darauf gewertet werden, dass individuelle psychopathologische Entwicklungen eher mit
konkreten Zielen als mit abstrakten moralischen Werthaltungen zusammenhängen. Der Mehrwert
eines Einbezugs kulturell überformter Werthaltungen in das konsistenztheoretische Modell bleibt
aufgrund der hier berichteten Befundlage abschließend als eher gering zu bewerten.
Eine weitere Hauptfragestellung der vorliegenden Arbeit bezog sich auf die Legitimität der
Betrachtung von Zurückweisungssensibilität als kognitiv-affektives Vermeidungsschema, welches mit
spezifischen Motivlagen einhergeht (Hervorhebungen (3) und (4) in Abb. 22). Abgeleitet waren diese
Hypothesen zum einen aus den augenscheinlichen Überlappungsbereichen der Definition
motivationaler Schemata als „hypothetische, hierarchisch organisierte Wissensstrukturen, in denen
neben den motivationalen Zielen entsprechende Wahrnehmungsbereitschaften, emotionale
Reaktionsbereitschaften und Handlungsbereitschaften mental repräsentiert sind“ (Grosse Holtforth
& Grawe, 2000; S. 170 f.) sowie der Definition von Zurückweisungssensibilität als eine Tendenz zur
ängstlichen Erwartung, sensiblen Wahrnehmung und intensiven Reaktion auf Hinweise sozialer
Abschlussdiskussion
211
Zurückweisung (Downey & Feldman, 1996), zum anderen aus einer bisher als unzureichend zu
bewertenden Erforschung der motivationalen Grundlagen der Zurückweisungssensibilität. Im
Rahmen von Teilstudie B, einer innerdeutschen Erhebung an einer weiblichen Stichprobe, konnten
Hinweise auf die Gültigkeit dieser Annahmen gefunden werden. Auf dem interpersonalen Circumplex
motivationaler Ziele ließ sich Zurückweisungssensibilität als insbesondere mit den inhaltlich
kompatiblen Motiven Verschlossenheit (FG) und Unterwürfigkeit (HI) zusammenhängend darstellen.
Die motivationalen Ziele zurückweisungssensibler Personen sind demnach insbesondere auf die
Vermeidung von Zurückweisung und Lächerlichkeit sowie die Erfüllung der Erwartungen anderer
ausgerichtet. Die aus der Konsistenztheorie hergeleitete Annahme, dass Zurückweisungssensibilität
als Vermeidungsschema mit spezifischen Motivlagen einhergehen sollte, kann demnach als bestätigt
betrachtet werden.
Unter der Annahme, dass es sich bei Zurückweisungssensibilität um ein Vermeidungsschema handelt,
sollte dieses nach obiger Definition weiterhin mit spezifischen emotionalen und behavioralen
Reaktionsbereitschaften
einhergehen
(Grosse
Holtforth
&
Grawe,
2000).
Eine
weitere
Hauptfragestellung der vorliegenden Arbeit bezog sich daher auf kurz- und langfristige Auswirkungen
von Zurückweisungssensibilität auf das Erleben und Verhalten. Dabei war insbesondere ein besseres
Verständnis derjenigen Mechanismen, die den Zusammenhang zwischen Zurückweisungssensibilität
und Depressivität bzw. Depression (Ayduk et al., 2001; Gilbert et al, 2006; Mellin, 2008) näher
beleuchten, von zentralem Forschungsinteresse.
Die Hypothesen zu zeitnahen, unmittelbaren Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität auf
emotionale und behaviorale Reaktionstendenzen (Hervorhebung (5) in Abb. 22) wurden aus
Befunden experimenteller Studien abgeleitet, die zeigen konnten, dass eine Reaktion auf Hinweise
sozialer Zurückweisung bei zurückweisungssensiblen Personen auf physiologischer Ebene
nachweisbar ist (Berenson et al., 2009; Downey et al., 2004; Olsson et al., 2013; Romero-Canyas et
al., 2010). Die Autoren der Studien konzeptualisierten Zurückweisungssensibilität zusammenfassend
als außerhalb der bewussten Kontrolle liegendes „Verteidigungsprogramm“ (defensive motivational
system; Downey et al., 2004), welches zwar eine schnelle Reaktion auf Zurückweisung ermögliche,
reflektierte Reaktionsstrategien jedoch unterminiere. Im Rahmen von Teilstudie B sollte mit Hilfe
eines experimentellen Paradigmas (Cyberball; Williams & Jarvis, 2006) die Übertragbarkeit dieser
physiologischen Befunde auf kurzfristige emotionale und behaviorale Strategien in einer
verhaltensnäheren Situation überprüft werden. Weiter untermauert wurden diese Überlegungen
durch eine aktuelle Studie, die eine akzelerierte Reaktion von zurückweisungssensiblen Personen auf
emotionale Hinweisreize nahelegte (Romero-Canyas & Downey, 2013). Die Ergebnisse der
vorliegenden Untersuchung weisen jedoch nicht auf differentielle emotionale und behaviorale
Reaktionen
von
hoch
zurückweisungssensiblen
Personen,
im
Vergleich
zu
weniger
212
Abschlussdiskussion
zurückweisungssensiblen Personen, in Abhängigkeit von sozialer Zurückweisung hin. Dies wurde
vorrangig unter methodischen Gesichtspunkten bereits in Absatz 5.4.2 diskutiert. Insbesondere die
Ergebnisse zu rückzügigen Verhaltenstendenzen, welche unabhängig von der experimentellen
Bedingung bei hoch zurückweisungssensiblen Personen stärker ausgeprägt waren, weisen darauf hin,
dass nicht das experimentelle Paradigma an sich, sondern die gesamte Untersuchungssituation für
zurückweisungssensible Personen aversiv gewesen sein könnte, was etwaige Effekte der
experimentellen Manipulation überdeckt haben könnte. Zusammenfassend sind die Ergebnisse zu
kurzfristigen Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität nicht eindeutig interpretierbar, geben
jedoch Hinweise auf die Notwendigkeit einer sensibleren Erfassung sowie einer besseren
Berücksichtigung der für zurückweisungssensible Personen möglicherweise generellen Aversivität
von Gruppenkontexten für zukünftige Studien.
Die längerfristigen Konsequenzen einer erhöhten Zurückweisungssensibilität insbesondere im
Hinblick auf depressive Symptomatik (Hervorhebung (6) in Abb. 22) wurden in der vorliegenden
Arbeit in Teilstudie C mit einer längsschnittlich angelegten Fragebogenstudie im 6-Monats-Intervall
untersucht. Grundlage für die hier abgeleiteten Fragestellungen waren Studien, die zeigen konnten,
dass
zurückweisungssensible
Personen
tatsächlich
mehr
Zurückweisung
erleben,
dass
Zurückweisungssensibilität also langfristig eine sich selbsterfüllende Prophezeiung ist (Downey et al.,
1998a). Weiterhin konnte in mehreren Arbeiten gezeigt werden, dass unter verschiedenen
Lebensereignissen diejenigen besonders depressogen sind, die soziale Zurückweisung implizieren
(Kendler et al., 2003; Slavich et al., 2009). Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde aus diesen
empirischen Hinweisen ein Vulnerabilitäts-Stress-Modell mit der Zurückweisungssensibilität als
Vulnerabilitätsfaktor
(Chango
et
al.,
2012;
Zimmer-Gembeck
et
al.,
2014)
und
zurückweisungsrelevanten Lebensereignissen als Stress-Komponente abgeleitet und empirisch
bestätigt. Weiterhin zeigte sich, dass ausschließlich zurückweisungsrelevante, in Kontrastierung zu
allgemein
interpersonalen
Lebensereignissen,
einen
bedeutsamen
Zusammenhang
mit
Zurückweisungssensibilität aufwiesen, was für die Spezifität des Zusammenhangsmusters spricht.
Aus einer konsistenztheoretischen Perspektive heraus legen diese Befunde nahe, dass das Erleben
von sozialer Zurückweisung bei hoher Zurückweisungssensibilität mit einer verstärkten Inkongruenz
(Grawe, 2004) zwischen dem motivationalen Ziel (Zurückweisung vermeiden) und der realen
Wahrnehmung (zurückgewiesen werden) einhergeht. Das Erleben von Inkongruenz geht mit
negativen Emotionen, und, wie die vorliegende Studie nahelegt, mit depressiven Symptomen, einher
(Fries & Grawe, 2006). Zusammenfassend kann aus den Befunden geschlossen werden, dass
Zurückweisungssensibilität einen Vulnerabilitätsfaktor für depressive Reaktionen dahingehend
darstellt, dass das Erleben sozialer Zurückweisung für hoch zurückweisungssensible Personen mit
erhöhtem Inkongruenzerleben und damit mit verstärkter depressiver Symptomatik einhergeht.
Abschlussdiskussion
213
Schließlich bezogen sich Fragestellungen der vorliegenden Arbeit auf die Bedeutung der Emotion
Scham als affektives Korrelat der Zurückweisungssensibilität zum einen (Hervorhebung (7) in Abb. 22)
und als kulturspezifische Komponente depressiver Störungen zum anderen (Hervorhebung (8) in Abb.
22). Hinsichtlich der ersten Fragestellung zeigte sich, dass Schamneigung (verstanden als Abbildung
von Scham in einem zeitstabileren Kontext) positiv mit der Zurückweisungssensibilität
zusammenhing, was sich gut in theoretische Überlegungen einpasst, Scham neben Ängstlichkeit und
Ärger als bedeutsame emotionale Komponente von Zurückweisungssensibilität im Sinne einer
chronischen aktivierten Bedrohung des sozialen Selbst zu verstehen (Kemeny et al., 2004). Die
Befunde aus der experimentellen Teilstudie B jedoch ergaben keine Veränderung des aktuellen
Schamgefühls in Abhängigkeit von der Zurückweisungssensibilität bei erlebter Zurückweisung. Die
theoretischen Annahmen, dass Scham in ambiguen Situationen (hier operationalisiert über das
experimentelle Paradigma) durch das Vorliegen von Zurückweisungssensibilität intensiviert würde
(Velotti et al., 2014), bestätigten sich entsprechend nicht. Konfundierende methodische und
inhaltliche Aspekte, die in diesem Zusammenhang bedeutsam sein könnten, wurden bereits unter
Absatz 4.4.3 diskutiert. Die Befunde der vorliegenden Arbeit erlauben dennoch keine eindeutige
Beantwortung der obigen Fragestellungen, weisen jedoch darauf hin, dass eine detailliertere und
methodisch weniger konfundierte Erfassung der Bedeutung der Emotion Scham vielversprechend im
Hinblick auf ein umfassenderes Verständnis der Zurückweisungssensibilität sein könnte.
Die Nebenfragestellung hinsichtlich des Einflusses von Kultur auf Zusammenhangsmuster zwischen
der selbstreflexiven Emotion Scham und depressiven Symptomen war weniger aus der
Konsistenztheorie, sondern vielmehr aus dem in diesem Zusammenhang deutlich detailliertere
Vorhersagen erlaubenden soziodynamischen Modell der Emotionen (Boiger & Mesquita, 2012a)
abgeleitet worden. Dabei wird eine differentielle Funktionalität der Emotion Scham in Abhängigkeit
vom kulturellen Kontext nahegelegt. Obgleich diese Annahme für, der Depression inhärente,
Komponenten bereits als empirisch unterstützt betrachtet werden konnte (Bagozzi et al., 2003;
Wallbott & Scherer, 1995), stand eine direkte empirische Überprüfung der Bedeutung der Emotion
Scham für das Erleben depressiver Symptome in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext bisher aus.
Die vorliegende Arbeit liefert nach Kenntnisstand der Autorin daher erstmals empirische Hinweise
darauf, dass Scham tatsächlich (zumindest für die kulturellen Gruppen Chile und Deutschland)
differentiell, namentlich nur in der deutschen Stichprobe, mit Depressivität assoziiert ist. Die zur
Erklärung der kulturellen Unterschiede herangezogenen persönlichen Werthaltungen (Schwartz,
1992) trugen erneut nicht bedeutsam zum besseren Verständnis bei. Es fanden sich jedoch Hinweise
darauf, dass der Zusammenhang zwischen Schamneigung und Depressivität in Abhängigkeit von der
interpersonalen motivationalen Ausrichtung auf Verschlossenheit variieren könnte. Die Stärke des
Zusammenhangs zwischen Schamneigung und Depressivität nahm mit zunehmender Ausprägung
214
Abschlussdiskussion
dieses interpersonalen Motivs der Tendenz nach ab. Interpretiert werden könnte dies zum einen
dahingehend, dass Scham für Personen, die stark mit der Vermeidung von Zurückweisung beschäftigt
sind, eher adaptiv im Hinblick auf die Zielerreichung und daher weniger depressogen ist, als für
Menschen mit geringer Ausprägung dieses motivationalen Ziels. Denkbar wäre aber auch, dass stark
ausgeprägte Ziele in Richtung der Vermeidung von Zurückweisung, Lächerlichkeit und Scheitern
unmittelbar mit Depressivität assoziiert sind und der ungeteilte Effekt der Schamneigung daher bei
Personen mit diesem Motiv weniger akzentuiert ist. Unter Berücksichtigung eines stärker
ausgeprägten Verschlossenheitsmotivs in der chilenischen Stichprobe kann aus den vorliegenden
Hinweisen abschließend geschlossen werden, dass eine nähere Betrachtung der motivationalen
Ausrichtung von Personen vielversprechend auch im Hinblick auf ein besseres Verständnis von
kulturell bedingten Unterschieden im Ausmaß der Maladaptivität bzw. Depressogenität der Emotion
Scham sein könnte.
Zusammenfassend sprechen die empirischen Befunde der vorliegenden Arbeit für eine Gültigkeit der
Annahme, dass es sich bei Interpersonaler Zurückweisungssensibilität um ein kognitiv-affektives
Vermeidungsschema im konsistenztheoretischen Sinne handelt, welches mit spezifischen
motivationalen
Zielen
sowie
langfristigen
Überlegungen dahingehend, dass
Konsequenzen
einhergeht.
Allerdings
konnten
Zurückweisungssensibilität sich unmittelbar, d.h. im Kontext
weniger Minuten, nicht nur auf physiologische Parameter, sondern auch auf die Emotionalität und
das Verhalten auswirkt, nicht bestätigt werden. Weiterhin muss der Erklärungsmehrwert, der durch
den Einbezug kulturvermittelnder persönlicher Werthaltungen für die konsistenztheoretischen
Zusammenhangsmuster angestrebt wurde, grundsätzlich in Frage gestellt werden.
6.2
Implikationen für die Praxis
Die vorliegende Arbeit ist im Bereich der Ätiologieforschung der Depression anzuordnen. Ein
verbessertes Verständnis ätiologischer Zusammenhänge bleibt jedoch vergleichsweise inhaltsleer
ohne eine Ableitung der Bedeutsamkeit, die empirische Befunde für die praktische Arbeit haben. Im
Folgenden sollen daher aus kognitiv-verhaltenstherapeutischer Perspektive heraus Überlegungen
angestellt werden, welche Implikationen sich aus den vorliegenden Befunden für die therapeutische
Arbeit mit zurückweisungssensiblen, depressiven Patienten ergeben. Dabei wird insbesondere auf
eine Berücksichtigung der motivationalen Ausrichtung von Patienten (6.2.1) sowie auf die Bedeutung
von Zurückweisungssensibilität für die therapeutische Beziehung (6.2.2) eingegangen.
Abschlussdiskussion
215
6.2.1 Motivationale Ziele in der therapeutischen Arbeit
Der Einfluss motivationaler Ziele auf psychotherapeutische Veränderungen kann als konsistent belegt
verstanden werden. So konnten Berking et al. (2003) beispielsweise zeigen, dass eine Verringerung
von Vermeidungszielen, erfasst über den FAMOS (Grosse Holtforth & Grawe, 2000), mit einem
besseren Therapieergebnis einherging. Weiterhin ergab sich in dieser Studie eine besondere
Bedeutsamkeit derjenigen motivationalen Ziele, die interpersonalen Gehalt (Grosse Holtforth et al.,
2006; Grosse Holtforth et al., 2007) aufweisen. In Erweiterung dieser Befunde und unter Abdeckung
des vollständigen interpersonalen Raums konnten Thomas et al. (2012a) die in diesem
Zusammenhang besondere Bedeutsamkeit des interpersonalen Motivs Verschlossenheit (FG)
belegen. Die Autoren konnten zum einen zeigen, dass motivationale Ziele in Richtung
Verschlossenheit in besonderem Ausmaß mit der Stärke der generellen psychischen Belastung sowie
mit einem breiten Spektrum interpersonaler Probleme assoziiert waren. Weiterhin ergab ihre
Analyse von Therapieverläufen, dass lediglich Veränderungen der motivationalen Ziele auf dem
Oktanten FG, in Abgrenzung zu motivationalen Zielen auf den anderen Oktanten des IPC, mit einem
besseren Therapieergebnis einhergingen.
Die empirischen Befunde der vorliegenden Arbeit bestätigen diese besondere psychopathogene
Bedeutsamkeit des interpersonalen Motivs Verschlossenheit und erweitern die Forschungslage um
die Rolle des kognitiv-affektiven Schemas Zurückweisungssensibilität als konstatierend für die
depressogenen Auswirkungen des motivationalen Ziels. Die Berücksichtigung der motivationalen
Lage von Psychotherapiepatienten erscheint vor dem Hintergrund der Befundlage angemessen für
ein besseres Verständnis der interpersonalen Problembereiche derselben (Horowitz et al., 2006).
Voraussetzung zur Durchführung jeglicher Interventionen ist zunächst eine Kenntnis der
motivationalen Lage von Patienten. Auf testdiagnostischer Ebene böte sich aufgrund der
überzeugenden Befunde von Thomas et al. (2012a) eine Erfassung derselben mit dem IIM sicherlich
an, jedoch können auch aus dem, zumindest im deutschsprachigen Raum in der Praxis deutlich
weiter verbreiteten, FAMOS Informationen gewonnen werden. Besonders sollte dabei auf die
Ausprägung des Vermeidungsziels Vulnerabilität geachtet werden, was sich als dem interpersonalen
Motiv Verschlossenheit am ehesten entsprechend gezeigt hatte (Grosse Holtforth et al., 2007).
Aus einer konsistenztheoretischen Perspektive heraus ist insbesondere das Inkongruenzerleben
zwischen den motivationalen Zielen eines Patienten und seinen realen Erfahrungen bedeutsam.
Grosse Holtforth et al. (2011) leiten aus ihren Ausführungen zur Bedeutung motivationaler Ziele
mehrere therapeutische Strategien zur Verringerung dieser Inkongruenz ab. Zum einen können die
motivationalen Ziele von Patienten in Frage gestellt und gegebenenfalls adaptiert werden.
Therapeutische Strategien in diesem Zusammenhang könnten eher kognitiver Natur sein: So könnte
216
Abschlussdiskussion
die Realitätsangemessenheit der Ziels, Zurückweisung unter allen Umständen vermeiden zu wollen,
im Rahmen sokratischer Gesprächsführung (Stavemann, 2011) zunächst hinterfragt und so der Raum
für Methoden der kognitiven Restrukturierung (für eine Übersicht siehe Rief, Exner & Martin, 2006)
zur Veränderung derselben geöffnet werden. In diesem Zusammenhang könnte beispielweise ein
Zuendedenken der Katastrophenfantasien, die mit sozialer Zurückweisung assoziiert werden, oder
auch eine Aufweichung der Annahmen hinsichtlich der Funktionalität von mit ausgeprägter
Verschlossenheit
einhergehenden
Verhaltensweisen
im
Rahmen
von
Übungen
zur
Perspektivübernahme hilfreich sein. Weiterhin schlagen Grosse Holtforth et al. (2011) vor, den
Patienten Erfahrungen zu ermöglichen, die die bisher frustrierten Motive besser befriedigen. So
könnte beispielsweise ein Training sozial kompetenten Verhaltens (Hinsch & Pfingsten, 2007) den
Patienten dazu befähigen, sein Ziel, Ablehnung durch andere zu vermeiden, vermehrt über
annähernde Verhaltensweisen (auf andere zugehen, interessierte Nachfragen stellen, den anderen
nonverbal bestätigen etc.) zu realisieren und meidendes oder rückzügiges Verhalten abzubauen.
Schließlich schlagen Grosse Holtforth et al. (2011) das Anstreben einer guten Passung zwischen den
motivationalen Zielen und dem therapeutischen Verhalten ab, da sich dies positiv auf die
therapeutische Beziehung auswirken dürfte. Auf diesen Vorschlag wird im nächsten Absatz unter
besonderer Berücksichtigung von Zurückweisungssensibilität gesondert eingegangen.
Zusammenfassend scheint die therapeutische Ausrichtung auf eine bessere Passung zwischen
motivationalen
Zielen
und
realen
Wahrnehmungen
im
Sinne
einer
Reduktion
des
Inkongruenzerlebens vielversprechend im Hinblick auf eine Reduktion negativer Emotionen und,
insbesondere für das Motiv Verschlossenheit, eine Reduktion psychopathologischer Symptomatik.
6.2.2 Zurückweisungssensibilität in der therapeutischen Beziehung
Zwar existieren mehrere Ansätze zur Behandlung von Depressionen, die explizit auf interpersonelle
Phänomene fokussieren, beispielsweise das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy –
CBASP (McCullough, 2012) oder die Interpersonelle Psychotherapie – IPT (Schramm & Berger, 2010),
jedoch
liegen
im
Hinblick
auf
spezifische
Implikationen
einer
ausgeprägten
Zurückweisungssensibilität nach Kenntnisstand der Autorin bisher weder störungsspezifisch noch
störungsübergreifend empirische oder theoretische Arbeiten vor, die sich mit der Bedeutung oder
Veränderbarkeit derselben im psychotherapeutischen Rahmen auseinandergesetzt hätten. Vor dem
Hintergrund von konsistenten Befunden hinsichtlich der Bedeutsamkeit von Zurückweisungssensibilität nicht nur für depressive, sondern auch für andere psychische Störungen (vgl. Absatz
2.4.4) ist dies als äußerst unbefriedigend zu bewerten. Die im Folgenden angestellten Überlegungen
zu Auswirkungen von und Umgang mit Zurückweisungssensibilität im therapeutischen Kontakt sind
Abschlussdiskussion
217
als erste Annäherung an die Thematik zu verstehen, eine empirische Überprüfung wäre sicherlich
sehr wünschenswert.
Das Augenmerk auf die Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität auf die therapeutische
Beziehung zu richten, scheint unter mehreren Gesichtspunkten vielversprechend im Hinblick auf eine
erste Annäherung an praktische Implikationen. Zurückweisungssensible Personen nehmen
Zurückweisung sehr schnell und aufgrund weniger Hinweisreize wahr und reagieren mit
Verhaltensweisen, die langfristig dazu führen, dass sie mehr reale Zurückweisung erfahren (Downey
& Feldman, 1996; Downey et al., 1998a; Romero-Canyas et al., 2009). Dass dieses Muster auch im
therapeutischen Kontakt zum Tragen kommt, sich zurückweisungssensible Personen also auch
schnell vom Therapeuten zurückgewiesen fühlen und entsprechend ihres Schemas reagieren, ist
wahrscheinlich.
Hinweise
auf
die
Bedeutsamkeit
der
therapeutischen
Interaktion
für
interpersonale
Problemkonstellationen können unter anderem aus Überlegungen zum dem IPC inhärenten
Komplementaritätsprinzip abgeleitet werden. So erläutern Thomas et al. (2012a; S. 489) im Hinblick
auf interpersonale Probleme von Psychotherapiepatienten: „interpersonal problems affect the
nature of the therapeutic alliance since patients’ interpersonal styles interact with personal and role
characteristics of the therapist, setting “complementary” forces in motion that either promote or
inhibit therapeutic change”. Unter Berücksichtigung von Befunden unter anderem aus der
vorliegenden Arbeit, die Hinweise darauf geben, dass Zurückweisungssensibilität zum Erleben von
sozialer Zurückweisung führt, ist eine besonders sensible Reflektion der eigenen therapeutischen
Rolle und der therapeutischen Interaktion entsprechend notwendig. Dabei geben die Befunde dieser
Arbeit erste Hinweise darauf, dass in konkreten interpersonalen Situationen vermehrt
internalisierende Verhaltenstendenzen gezeigt werden. Die zurückweisungssensiblen Probandinnen
der vorliegenden Teilstudie B neigten eher dazu, die Untersuchungssituation verlassen und alleine
sein zu wollen als die weniger zurückweisungssensiblen Probandinnen. Solche Verhaltenstendenzen
sind weniger offensichtlich als feindselige oder anbiedernde Verhaltensweisen und bergen daher
gegebenenfalls die Gefahr, vom Therapeuten übersehen zu werden. Langfristig könnten solche
Verhaltensintentionen aber beispielsweise mit vermehrten Therapieabbrüchen in Verbindung
stehen.
Zwar existieren laut Kenntnis der Autorin keine direkten Überlegungen zum therapeutischen Umgang
mit Zurückweisungssensibilität bei depressiven Patienten, entsprechende Strategien können jedoch
aus therapeutischen Ansätzen zur Behandlung anderer Störungsbilder abgeleitet werden. Hier ist
insbesondere eine Nähe zur Borderline-Persönlichkeitsstörung augenscheinlich. Borderline-Patienten
wiesen in mehreren Studien konsistent erhöhte Werte in Zurückweisungssensibilität auf, was
218
Abschlussdiskussion
aufgrund der in den diagnostischen Kriterien verankerten ausgeprägten Angst davor, verlassen zu
werden, auch so erwartet worden war. Im Rahmen der Dialektisch-Behavioralen Therapie der
Borderlinestörung – DBT (Linehan, 2008) wird die besondere Herausforderung, die mit der
Beziehungsgestaltung bei Borderline-Patienten einhergeht, expliziert und eine therapeutische
Haltung vorgeschlagen, die zwischen dem Vermitteln einer sicheren Basis und der Förderung von
Veränderungsprozessen oszilliert (Bohus & Wolf-Arehult, 2013). Der Therapeut befindet sich dabei in
einem ständigen Spannungsfeld zwischen dem motivationalen Ziel des Patienten (soziale Akzeptanz,
Nähe) und dem konkreten, oft dysfunktionalen Verhalten (Bohus, 2002). Dabei ist zu erwarten, dass
zunächst jedes Fördern oder Fordern von Verhaltensveränderungen mit negativen Emotionen des
Patienten gegenüber dem Therapeuten einhergeht, die von diesem ausbalanciert werden müssen
(Bohus & Wolf-Arehult, 2013). Diese Balance zwischen wohlwollender, stützender, wertschätzender
und validierender Haltung und einer Förderung von neuen Verhaltensweisen (stets unter Rückbezug
auf vorhandene Fähigkeiten des Patienten) wird in der DBT als konstituierend für das Gelingen der
therapeutischen Arbeit mit Borderline-Patienten verstanden (Bohus & Wolf-Arehult, 2013).
Im Rahmen der DBT werden verschiedene weitere Strategien vorgeschlagen, die entsprechend auf
den Umgang mit der Manifestation der Zurückweisungssensibilität von Borderline-Patienten im
therapeutischen Kontakt abzielen. So wird beispielsweise explizit darauf hingewiesen, eigene
(therapeutische) Emotionen zwar zu benennen, sie aber stets in einen konkreten Verhaltenskontext
einzubetten, um dem Patienten die Konsequenzen seines Verhaltens zu verdeutlichen. Unter der
Annahme, dass eben diese Konsequenzen, die vom Patienten meist nicht intendiert und ihm auch
nicht bewusst sind, Reaktionen des Gegenübers nachhaltig beeinflussen, kann eine Brücke zu
langfristig tatsächlich erlebter Ablehnung geschlagen werden. Von Gegenübertragungsdeutungen
wird abgeraten, da die Patienten sich bei so verursachter Verunsicherung sehr leicht zurückgewiesen
und unverstanden fühlen und dies ihre maladaptiven kognitiv-affektiven Schemata eher verstärkt.
Zwar sind diese therapeutischen Strategien zur Beziehungsgestaltung explizit für BorderlinePatienten zusammengestellt, sie zielen jedoch insbesondere auf die Dynamik, die sich bei diesen
Patienten aus der Angst davor, verlassen zu werden, entwickelt und sollten entsprechend auf
zurückweisungssensible
Personen,
deren
interpersonale
Probleme
sich
in
anderen
Symptomkomplexen manifestieren, grundsätzlich übertragbar sein. Dabei ist anzunehmen, dass die
dialektische Dynamik dazu beiträgt, dass der Patient von einer für ihn sicheren Umgebung aus neue,
korrigierende Beziehungserfahrungen machen und alternative Verhaltensweisen erproben kann, was
über vermehrtes schema-inkongruentes Erleben langfristig zu einer Schwächung des kognitivaffektiven Schemas führen könnte (Grosse Holtforth et al., 2011). Damit ginge aus
konsistenztheoretischer Perspektive eine Verringerung der erlebten Inkongruenz einher, langfristig
könnte so eine Unterbrechung des Teufelskreises aus Zurückweisungssensibilität und sozialer
Abschlussdiskussion
219
Zurückweisung ermöglicht werden. Eine empirische Überprüfung der Übertragbarkeit dieser
Überlegungen zu einer dialektischen Beziehungsgestaltung bei depressiven, zurückweisungssensiblen
Patienten im Rahmen von Therapieverlaufsstudien wäre, unter Explikation möglicher Abweichungen
oder Variationen in den therapeutischen Strategien, sehr wünschenswert.
6.3
Fazit und Ausblick
Die vorliegende Arbeit hatte aus einer konsistenztheoretischen Perspektive heraus ein
umfassenderes Verständnis der Bedeutung Interpersonaler Zurückweisungssensibilität (Downey &
Feldman, 1996) für die Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Symptome zum Ziel. Zu
diesem Zweck wurde ein aus der Konsistenztheorie (Grawe, 1998; 2004) abgeleitetes und um
spezifische Fragestellungen erweitertes Rahmenmodell, in dem Zurückweisungssensibilität als
kognitiv-affektives Vermeidungsschema konzeptualisiert wurde, entwickelt und in insgesamt drei
Teilstudien empirisch überprüft. Diese implizierten einen Kulturvergleich zwischen Deutschland und
Chile, eine experimentelle Erhebung mit besonderem Augenmerk auf unmittelbaren Auswirkungen
des Vermeidungsschemas sowie eine längsschnittliche Erhebung mit Fokus auf langfristigen
Konsequenzen erhöhter Zurückweisungssensibilität. Die Ergebnisse sprechen zusammenfassend mit
einigen Einschränkungen für die postulierten Zusammenhangsmuster und erweitern die bisherige
Befundlage um die Einordnung Interpersonaler Zurückweisungssensibilität in ein allgemeines Modell
psychischen Geschehens (Grawe, 2004).
Vor dem Hintergrund eines dem aktuellen State of the art der kulturvergleichenden psychologischen
Forschung (Bond & van de Vijver, 2011) entsprechenden Untersuchungsparadigmas sprechen die
Ergebnisse der kulturvergleichenden Teilstudie A dabei grundsätzlich für eine transkulturelle
Vergleichbarkeit der Zusammenhangsmuster zwischen Depressivität und Zurückweisungssensibilität.
Zwar
ergaben
sich
Gruppenunterschiede
zwischen
den
Kulturen
auf
den
der
Zurückweisungssensibilität zugrundeliegenden motivationalen Zielen, was in Einklang mit bisherigen
Befunden steht (Boysen, 2011; Tamcan, 2005) und diese unter Verwendung eines alternativen
Messinstruments (Thomas et al., 2012b) erneut bestätigt, auf individueller Ebene waren die
Zusammenhangsmuster jedoch weitgehend äquivalent. Die kulturellen Gruppenunterschiede in der
Ausprägung der motivationalen Ziele waren nicht über die zu diesem Zweck in das
konsistenztheoretische Rahmenmodell integrierten persönlichen Werthaltungen (Schwartz, 1992)
erklärbar. Die Ergebnisse zu den Werthaltungen sprechen insgesamt dafür, dass diese
vergleichsweise wenig mit konkretem (psychopathologischem) Erleben und Verhalten in
Zusammenhang stehen, sondern gegebenenfalls eher abstrakte, sozial erwünschte Normen
220
Abschlussdiskussion
darstellen, deren Wert für die Erklärung von kulturellen Unterschieden auf konkreten
psychologischen Zielvariablen auf individueller Ebene (Bond & Tedeschi, 2001) in Frage zu stellen ist.
Entsprechend dieser Überlegungen wäre eine weitere Erforschung der tatsächlichen praktischen
Bedeutsamkeit persönlicher Werthaltungen auf individueller Ebene sehr wünschenswert.
Über die unmittelbaren, kurzfristigen Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität können aus den
Ergebnissen der vorliegenden Untersuchung keine abschließenden Aussagen getroffen werden. Zwar
zeigte sich in der experimentelle Erhebung keine Auswirkung von Zurückweisungssensibilität auf
emotionale und behaviorale Reaktionen in Abhängigkeit von sozialem Ausschluss aus einer Gruppe,
jedoch könnten methodische Artefakte diese Untersuchungen konfundiert haben. Ob sich
zurückweisungssensible und nicht zurückweisungssensible Personen in ihren direkten Reaktionen auf
wahrgenommene Zurückweisung tatsächlich nicht unterscheiden oder ob dies auf die hier spezifisch
gewählte Untersuchungssituation zurückzuführen ist, wäre in zukünftigen Studien insbesondere im
Hinblick auf die Bedeutung von Zurückweisungssensibilität in konkreten interpersonalen
Interaktionen zu überprüfen.
Die Befunde der innerdeutschen längsschnittlichen Erhebung verdeutlichen die in der Literatur
angenommene Funktion einer selbsterfüllenden Prophezeiung von Zurückweisungssensibilität
(Downey
et
al.,
1998a)
und
weisen
weiterhin
darauf
hin,
dass
Interpersonale
Zurückweisungssensibilität als Vulnerabilitätsfaktor (Chango et al., 2012; Zimmer-Gembeck et al.,
2014) verstanden werden kann, vor dessen Hintergrund sich auf das Erleben sozialer Zurückweisung
hin vermehrt depressive Reaktionen manifestieren dürften. Unter Berücksichtigung dieser Befunde
scheint es umso verwunderlicher, dass nach Kenntnisstand der Autorin bisher keine empirischen
Arbeiten
zur
Bedeutung
und
Veränderbarkeit
von
Zurückweisungssensibilität
im
psychotherapeutischen Kontext existieren. Unter den gegebenen Voraussetzungen einer deutlichen
Maladaptivität des kognitiv-affektiven Vermeidungsschemas wäre eine Fokussierung zukünftiger
Forschungsarbeiten
auf
den
psychotherapeutischen
Umgang
mit
Interpersonaler
Zurückweisungssensibilität äußerst wünschenswert.
Zusammenfassend sprechen die Befunde der vorliegenden Arbeit dafür, dass es sich bei
Interpersonaler Zurückweisungssensibilität um ein kognitiv-affektives Vermeidungsschema im
konsistenztheoretischen Sinne handelt, welches kulturübergreifend mit spezifischen motivationalen
Zielen und langfristig mit äußerst maladaptiven Konsequenzen assoziiert ist. Die vorliegende Arbeit
öffnet damit den Raum für die Ableitung spezifischer Fragestellungen insbesondere im Hinblick auf
psychotherapeutische Implikationen ausgeprägter Interpersonaler Zurückweisungssensibilität.
Zusammenfassung
7
221
Zusammenfassung
Hintergrund: Unter den verschiedenen Risikofaktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung
depressiver Störungen haben sich kritische Lebensereignisse (Hammen, 2005), und hier insbesondere
das Erleben sozialer Zurückweisung (Kendler et al., 2003) als besonders bedeutsam herausgestellt.
Die Erforschung der psychologischen Mechanismen, die der besonderen Depressogenität sozialer
Zurückweisung zugrunde liegen, ist dennoch als bisher vergleichsweise unzureichend und wenig
theoriegeleitet zu bewerten. Unter Bezugnahme auf die Konsistenztheorie nach Grawe (1998; 2004)
wurden daher in der vorliegenden Arbeit motivationale Grundlagen sowie kognitive und affektive
Prozesse, die mit sozialer Zurückweisung einhergehen, näher untersucht. Von zentralem Interesse
war dabei das kognitiv-affektive Vermeidungsschema Interpersonale Zurückweisungssensibilität
(Downey & Feldman, 1996) sowie die Rolle der selbstreflexiven Emotion Scham (Tangney & Dearing,
2002). Neben einer Untersuchung der spezifisch interpersonalen motivationalen Grundlagen (Grosse
Holtforth et al., 2011) dieses Vermeidungsschemas waren kurz- und längerfristige Auswirkungen von
Zurückweisungssensibilität auf Variablen der psychischen Gesundheit mit dem Ziel eines
umfassenderen Verständnisses der durch soziale Zurückweisung initiierten und aufrechterhaltenen
depressionsspezifischen Prozesse von Interesse. Erstmals wurden die oben angeführten
Zusammenhangsmuster zudem in einem deutsch-chilenischen Kulturvergleich auf individueller Ebene
untersucht. Hierfür wurde das konsistenztheoretische Modell um kulturell überformte persönliche
Werthaltungen (Schwartz, 1992) erweitert. Die Erfassung kulturvermittelnder Variablen auf Ebene
der Individuen begegnet dabei der Kritik einer übergeneralisierenden Interpretation kultureller
Unterschiede auf psychologischen Variablen einzig im Licht von a priori angenommenen
individualistischen bzw. kollektivistischen Orientierungen auf nationaler Ebene (Fiske, 2002). Zur
Überprüfung der sich ergebenden Fragestellungen wurden drei Teilstudien durchgeführt.
Methode: Zur Überprüfung der kulturvergleichenden Fragestellungen (Teilstudie A) wurde eine
Fragebogenuntersuchung an n = 48 deutschen und n = 36 chilenischen gesunden und depressiven
Probandinnen durchgeführt. Neben Zurückweisungssensibilität (RSQ; Staebler et al., 2011a) und
Schamneigung (TOSCA; Kocherscheidt et al., 2002) wurden persönliche Werthaltungen (PVQ;
Schmidt et al., 2007), interpersonale Motive (IIM; Thomas et al., 2012b) sowie die Allgemeine
Depressionsskala (ADS; Hautzinger & Bailer, 1993) und das Beck Depressionsinventar (BDI;
Hautzinger et al., 1995) erhoben. Zu diesem Zweck waren das IIM (Exkurs 1) und der RSQ (Exkurs 2)
vorab in jeweils eigenen Evaluationsstudien für die chilenische Stichprobe adaptiert worden. Zur
Überprüfung von kurzfristigen Auswirkungen von Zurückweisungssensibilität (Teilstudie B) wurden
222
Zusammenfassung
n = 87 deutsche Probandinnen randomisiert einer von zwei experimentellen Bedingungen
(Exklusion/Inklusion im Cyberball-Paradigma) zugewiesen. Neben den beschriebenen Fragebögen
wurden vor und nach der Manipulation die aktuelle Emotionalität und Depressivität sowie nach der
Manipulation Verhaltensintentionen abgefragt. Vorab war ein Messinstrument zur Erfassung der
momentanen Depressivität (Exkurs 3) entwickelt und evaluiert worden. Im Rahmen einer Follow-UpFragebogenuntersuchung (Teilstudie C) wurden an n = 59 Probandinnen längerfristige Auswirkungen
von Zurückweisungssensibilität untersucht. Neben dem RSQ und der ADS kam dabei eine eigens für
die vorliegende Fragestellung adaptierte Liste mit Lebensereignissen zum Einsatz.
Ergebnisse: Es ergaben sich für Chile stärker ausgeprägte selbst-überwindende Werthaltungen, für
Deutschland hingegen stärker ausgeprägte selbst-erhöhende Werthaltungen. Die Werthaltungen
standen nicht in Bezug zu depressiven Symptomen. Es ergaben sich keine nationalen Unterschiede in
Zurückweisungssensibilität, allerdings zeigte sich, dass Scham nur in der deutschen, nicht jedoch in
der chilenischen, Stichprobe mit Depression assoziiert war. Beide Variablen standen in spezifischer
Weise mit dem interpersonalen Motiv Verschlossenheit in Verbindung. Es ergab sich kein Effekt der
Zurückweisungssensibilität auf Veränderungen in der Emotionalität und Depressivität in Abhängigkeit
von der experimentellen Bedingung. Zurückweisungsbezogene Lebensereignisse korrelierten in
spezifischer Weise mit Zurückweisungssensibilität und Depressivität, der Zusammenhang zwischen
den Lebensereignissen und depressiven Symptomen wurde über Zurückweisungssensibilität
vermittelt.
Diskussion: Die Ergebnisse passen sich größtenteils gut in die aus dem konsistenztheoretischen
Rahmenmodell abgeleiteten Überlegungen ein, allerdings kann die Erweiterung des Modells um
Werthaltungen in Frage gestellt werden. Auch wenn sich die Kulturunterschiede in den
Werthaltungen gut in bestehende Kulturtheorien einpassen, bleibt ihr Erklärungswert für konkretes
Erleben und Verhalten unklar. Die interpersonalen Motive scheinen hier durch einen engeren Bezug
zu spezifischen Situationen einen höheren Erklärungswert zu haben. Die Ergebnisse der
experimentellen Studie sprechen nicht für einen unmittelbaren Effekt von Zurückweisungssensibilität
auf das Erleben und Verhalten bei sozialem Ausschluss, was jedoch der konkreten
Operationalisierung geschuldet sein könnte. Langfristig scheint Zurückweisungssensibilität
maladaptive Konsequenzen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen zu haben.
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Erklärung
249
Erklärung gemäß § 8 Abs. 1 Buchst. b) und c) der Promotionsordnung
der Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften
Promotionsausschuss der Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Doctoral Committee of the Faculty of Behavioural and Cultural Studies, of Heidelberg University
Erklärung gemäß § 8 Abs. 1 Buchst. b) der Promotionsordnung der Universität Heidelberg
für die Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften
Declaration in accordance to § 8 (1) b) and § 8 (1) c) of the doctoral degree regulation of Heidelberg
University, Faculty of Behavioural and Cultural Studies
Ich erkläre, dass ich die vorgelegte Dissertation selbstständig angefertigt, nur die angegebenen
Hilfsmittel benutzt und die Zitate gekennzeichnet habe.
I declare that I have made the submitted dissertation independently, using only the specified tools and have
correctly marked all quotations.
Erklärung gemäß § 8 Abs. 1 Buchst. c) der Promotionsordnung
der Universität Heidelberg für die Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften
Ich erkläre, dass ich die vorgelegte Dissertation in dieser oder einer anderen Form nicht anderweitig
als Prüfungsarbeit verwendet oder einer anderen Fakultät als Dissertation vorgelegt habe.
I declare that I did not use the submitted dissertation in this or any other form as an examination paper until
now and that I did not submit it in another faculty.
Vorname Nachname
First name Family name
Katrin Keßler
Datum, Unterschrift
Date, Signature
14.01.2015,
_______________________________________
Anhang
251
Anhang
Fragebogenheft der kulturvergleichenden Untersuchung (dt. Version)37.…..…..………………………...…...…1
Spanische Version des RSQ …….………………………………………………………………………………………………………..27
Spanische Version des IIM (ECMI)…………………………………………………………………………………………………….34
Prä-Fragebogen der experimentellen Studie………….…………………………………………………………………………36
Post-Fragebogen der experimentellen Studie…………………………………………………………………………………..38
Studieninformation für Patientinnen ……………………………………………………………………………………………….42
Studieninformation für Therapeuten………………………………………………………………………………………………..44
Einwilligungserklärung (dt. Version)38……………………………………………………………………………………………….46
Aufklärungsbogen experimentelle Studie (Exklusionsbedingung)……………………………………………………..47
Aufklärungsbogen experimentelle Studie (Inklusionsbedingung)……………………………………..………….…..49
Coverstory „Visuelle Mentalisierung“ des Cyberball-Paradigmas…….……………………………………………….51
Liste der Lebensereignisse………………………………………………………………………………………………………………..52
37
38
Das vollständige spanischsprachige Fragebogenheft ist auf Anfrage bei der Autorin erhältlich.
Die spanischsprachige Einwilligungserklärung ist auf Anfrage bei der Autorin erhältlich.
A1
Liebe Teilnehmerin,
Willkommen zur Studie „Zwischenmenschliche Aspekte psychischer Gesundheit“ und an dieser Stelle
bereits ein herzliches Dankschön für Ihre Bereitschaft, an dieser wissenschaftlichen Untersuchung
teilzunehmen.
Im Rahmen unserer Forschung interessieren wir uns dafür, wie sich unser Erleben und Verhalten im
Kontakt mit anderen Menschen auf verschiedene psychische Symptome auswirkt. Durch ein besseres
Verständnis der Zusammenhänge erhoffen wir uns langfristig eine Verbesserung
psychotherapeutischer Behandlungsansätze.
Auf den folgenden Seiten werden Sie gebeten, eine Reihe von Fragen zu beantworten. Die Fragen
beschäftigen sich z.B. mit Ihrer Stimmung, Ihren persönlichen Eigenschaften, Ihren Einstellungen und
Ansichten sowie einigen anderen persönlichen Merkmalen, die im Rahmen dieser Untersuchung von
Interesse sind.
Bitte lesen Sie alle Anleitungen und Fragen aufmerksam durch und beantworten Sie sie so, wie es für
Sie persönlich am besten zutrifft. Antworten Sie zügig und spontan und halten Sie sich nicht zu lange
an einer einzelnen Frage auf. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten.
Bitte versenden Sie anschließend den ausgefüllten Fragebogen mittels des beiliegenden frankierten
Rückumschlags. Um die Anonymität zu gewährleisten, bitten wir Sie, auf dem Umschlag keinen
Absender einzutragen.
Eine Bemerkung zum Datenschutz: Dies ist eine anonyme Befragung. Die Daten mit Ihren Antworten enthalten
keinerlei auf sie zurückführende/identifizierende Informationen, werden vertraulich behandelt und
ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke genutzt. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, von der Teilnahme
zurückzutreten und die Löschung Ihrer Daten zu verlangen, ohne dass Ihnen daraus Nachteile entstehen.
Wir bedanken uns sehr herzlich für Ihre Bereitschaft, unsere Forschung durch Ihre Mitarbeit zu
unterstützen und wünschen Ihnen alles Gute.
Mit freundlichen Grüßen
(Dipl.-Psych. K. Keßler)
Bei Fragen kontaktieren Sie bitte:
Dipl.-Psych. Katrin Keßler (deutsch-chilenisches Graduiertenkolleg)
Psychologisches Institut der Universität Heidelberg
Hauptstr. 47-51
69117 Heidelberg
Telefon: 06221-547747; Email: [email protected]
A2
Bitte machen Sie zunächst einige Angaben zu Ihrer Person:
Geschlecht
⃝ männlich
⃝ weiblich
Alter: ______ Jahre
Familienstand:
⃝ ledig / alleinstehend
⃝ in Partnerschaft
⃝ verheiratet
⃝ getrennt lebend
⃝ geschieden
⃝ verwitwet
Haben Sie Kinder?
⃝ ja
⃝ nein
Wenn ja, bitte angeben, wie viele: ______
Höchster eigener Schulabschluss:
⃝ noch in der Schule
⃝ kein Schulabschluss
⃝ Hauptschulabschluss
⃝ Realschulabschluss
⃝ Abitur/Fachabitur
⃝ Hochschulabschluss
Welche Haupttätigkeit üben Sie derzeit aus?
Bitte wählen Sie die Option, die Ihre berufliche Position am besten beschreibt
(Krankschreibung und Elternzeit ausgenommen).
⃝ berufstätig (Vollzeit)
⃝ in Ausbildung/Umschulung
⃝ berufstätig (Teilzeit)
⃝ Wehr-/Zivildienst, FSJ
⃝ berufstätig (gelegentlich)
⃝ arbeitslos gemeldet
⃝ Hausfrau/Hausmann (nicht berufstätig)
⃝ in Rente
⃝ Studium
⃝ Sonstiges: ______________________
Wie viele Personen leben in Ihrem Haushalt inklusive Ihrer eigenen Person?
(WG-Mitbewohner zählen nicht zum eigenen Haushalt)
Bitte angeben, wie viele: ______
Wie hoch ist das monatliche Nettoeinkommen aller Personen in Ihrem Haushalt insgesamt?
⃝ weniger als 750 Euro
⃝ 3000 Euro – 4500 Euro
⃝ 750 Euro – 1500 Euro
⃝ 4500 Euro – 6500 Euro
⃝ 1500 Euro – 2250 Euro
⃝ mehr als 6500 Euro
⃝ 2250 Euro – 3000 Euro
In welchem Land sind Sie geboren?
⃝ in Deutschland
⃝ in einem anderen Land:
_________________________________
A3
Wenn Sie nicht in Deutschland geboren sind, seit wie vielen Jahren leben Sie in Deutschland?
Bitte angeben, wie viele: ______
Aus welchem Land kommt Ihre Mutter?
⃝ aus Deutschland
Aus welchem Land kommt Ihr Vater?
⃝ aus Deutschland
⃝ aus einem anderen Land:
_________________________________
⃝ aus einem anderen Land:
_________________________________
Wurde bei Ihnen irgendwann schon einmal eine psychische Erkrankung festgestellt?
⃝ ja
⃝ nein
Falls ja, bitte angeben, welche: ________________________________________________________
_________________________________________________________________________________
Leiden Sie aktuell an einer psychischen Erkrankung?
⃝ ja
⃝ nein
Falls ja, bitte angeben, welche: ________________________________________________________
_________________________________________________________________________________
Nehmen Sie aktuell Psychopharmaka ein?
Psychopharmaka sind rezeptpflichtige Medikamente zur Beeinflussung der Stimmung, des Antriebs, zur
Behandlung von Ruhelosigkeit, Schlafstörungen und psychischen Erkrankungen.
⃝ ja
⃝ nein
Falls ja, können Sie hier den Namen oder Wirkstoff angeben:
__________________________________________________________________________
A4
ADS
Bitte kreuzen Sie bei jeder der folgenden Feststellungen die Antwort an, die Ihrem Befinden während
der letzten Woche am besten entsprochen hat.
Antworten:
0 = selten oder überhaupt nicht (weniger als 1 Tag)
1 = manchmal (1 bis 2 Tage lang)
2 = öfters (3 bis 4 Tage lang)
3 = meistens, die ganze Zeit (5 bis 7 Tage lang)
Während der letzten Woche…
selten manchmal öfters meistens
haben mich Dinge beunruhigt, die mir sonst nichts
ausmachen
0
1
2
3
hatte ich kaum Appetit
0
1
2
3
konnte ich meine trübsinnige Laune nicht loswerden,
obwohl mich meine Freunde/Familie versuchten
aufzumuntern
0
1
2
3
kam ich mir genauso gut vor wie andere
0
1
2
3
hatte ich Mühe, mich zu konzentrieren
0
1
2
3
war ich deprimiert/niedergeschlagen
0
1
2
3
war alles anstrengend für mich
0
1
2
3
dachte ich voller Hoffnung an die Zukunft
0
1
2
3
dachte ich, mein Leben ist ein einziger Fehlschlag
0
1
2
3
hatte ich Angst
0
1
2
3
habe ich schlecht geschlafen
0
1
2
3
war ich fröhlich gestimmt
0
1
2
3
habe ich weniger als sonst geredet
0
1
2
3
fühlte ich mich einsam
0
1
2
3
waren die Leute unfreundlich zu mir
0
1
2
3
habe ich das Leben genossen
0
1
2
3
musste ich weinen
0
1
2
3
war ich traurig
0
1
2
3
hatte ich das Gefühl, dass die Leute mich nicht leiden
können
0
1
2
3
konnte ich mich zu nichts aufraffen
0
1
2
3
A5
IIM
Die nachfolgenden Aussagen erfassen Einstellungen bzw. Verhaltensweisen im Kontakt mit bestimmten Personengruppen, wie
Freunden, Bekannten, Kollegen. Bitte beurteilen Sie die Aussagen danach, wie wichtig es Ihnen im Allgemeinen ist, sich in
Gegenwart solcher Personengruppen auf diese Weise zu verhalten, zu erscheinen oder eingestellt zu sein. Nutzen Sie dazu die
folgende Einschätzungsskala.
Beispiel
Im Kontakt mit Freunden, Bekannten, Kollegen ist mir wichtig, dass
ich gut gekleidet bin.
nicht wenig mäßig ziemlich sehr





Wenn Sie es für sehr wichtig halten, in der Gegenwart von Freunden, Bekannten, Kollegen gut gekleidet zu sein, kreuzen Sie bitte
„sehr“ an. Wenn es Ihnen nicht wichtig ist, in der Gegenwart solcher Personengruppen gut gekleidet zu sein, dann kreuzen Sie
bitte „nicht“ an.
Im Kontakt mit Freunden, Bekannten, Kollegen ist mir wichtig, dass
nicht
wenig
mäßig
ziemlich
sehr
1.
ich sicher auftrete.





2.
ich nicht zeige, dass sie mir sympathisch sind.





3.
ich mich mit ihnen verbunden fühle.





4.
ich durchsetzungsfähig erscheine.





5.
ich ihre Erwartungen erfülle.





6.
ich für sie etwas Besonderes bin.





7.
ich auf der Hut bin.





8.
ich ihre Bedürfnisse vor meine eigenen stelle.





9.
sie anerkennen, wenn ich Recht habe.





10.
ich in keine Fettnäpfchen trete.





11.
sie Interesse zeigen für das, was ich sage.





12.
ich zum Gegenangriff übergehe, wenn ich angegriffen werde.





13.
ich nicht in einen Streit verwickelt werde.





14.
sie mich nicht hintergehen.





15.
sie nicht wissen, was ich gerade denke oder fühle.





16.
sie nicht das Gefühl haben, ich würde ihnen in die Quere kommen.





17.
ich mich für meine Ansichten stark mache.





18.
ich unauffällig bin.





19.
sie mich unterstützen, wenn ich Probleme habe.





20.
ich die Oberhand behalte.





21.
ich das mache, was ich tun soll.





22.
ich offen sein kann.





23.
ich nicht zeige, dass sie mir etwas bedeuten.





24.
ich mit ihnen zurechtkomme.





25.
sie meine Privatsphäre respektieren.





A6
Im Kontakt mit Freunden, Bekannten, Kollegen ist mir wichtig, dass
nicht
wenig
mäßig
ziemlich
sehr
26.
sie mich verstehen.





27.
ich in ihrem Beisein keine Fehler mache.





28.
meine Bedürfnisse an erster Stelle stehen.





29.
ich ihren Erwartungen entsprechend handele.





30.
sie respektieren, was ich zu sagen habe.





31.
sie zu mir Distanz halten.





32.
sie mich nicht ablehnen.





33.
ich nicht klein beigebe, wenn Unstimmigkeiten auftreten.





34.
ich nichts Dummes sage.





35.
sie mir ihre Probleme anvertrauen.





36.
ich das Sagen habe.





37.
ich sie nicht ärgerlich mache.





38.
ich Bedeutung für sie habe.





39.
ich ihnen überlegen bin.





40.
ich sie glücklich mache.





41.
sie mir nicht sagen, was zu tun ist.





42.
ich mich möglicher Ablehnung nicht aussetze.





43.
sie rücksichtsvoll sind.





44.
ich mich für Beleidigungen und Ungerechtigkeiten gegen mich räche.





45.
ich mich dem unterordne, was sie tun wollen.





46.
sie mich respektieren.





47.
sie mich als kühl und unnahbar einschätzen.





48.
sie mich dulden.





49.
sie meine Anweisungen befolgen, wenn ich die Autorität bin.





50.
ich mich nicht lächerlich mache.





51.
sie mir beistehen, wenn es bei mir nicht so gut läuft.





52.
ich bei Streitigkeiten recht behalte.





53.
ich mich nicht in Verlegenheit bringe.





54.
sie mich als verantwortungsbewusst einschätzen.





55.
ich losgelöst von ihnen erscheine.





56.
sie mich für einen netten Menschen halten.





57.
sie zugeben, wenn sie im Unrecht sind.





58.
ich meine Gedanken und Gefühle für mich behalte.





59.
sie sich darum sorgen, wie es mir geht.





60.
sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.





61.
sie nicht ärgerlich mit mir sind.





62.
sie mir zuhören.





63.
ich nicht zeige, wie ich wirklich bin.





64.
sie sich nicht verletzt fühlen.





A7
RSQ
In den unten aufgeführten Fragen werden verschiedene Situationen beschrieben. Manche dieser Situationen
sind für verschiedene Menschen mehr oder weniger beunruhigend. Stellen Sie sich jede dieser Situationen für
sich persönlich vor, und kreuzen Sie jeweils an, wie Sie sich dabei fühlen würden.
Bitte beantworten Sie dabei jeweils die folgenden zwei Fragen:
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation?
b) Für wie wahrscheinlich halten Sie bestimmte Reaktionen Ihrer/s Gesprächspartner/s in der
jeweiligen Situation?
1. Sie bitten einen Kollegen an Ihrem Arbeitsplatz, Ihnen eine Frage zum Arbeitsablauf zu
beantworten.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, in der Sie die Reaktion Ihres
Kollegen erwarten?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie gerne Ihre Frage beantwortet?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
2. Sie fragen Ihren Partner/Ihre Partnerin, ob er/sie mit Ihnen zusammenziehen möchte.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, in der Sie die Reaktion Ihres/r
Partners/in erwarten?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie mit Ihnen zusammenziehen möchte?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
A8
3. Sie bitten eine Ihnen nahe stehende Person, Ihnen bei einer Entscheidung bezüglich Ihrer
beruflichen Zukunft zu helfen.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, in der Sie die Person um Rat
bitten?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass die Person Ihnen helfen wird?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
4. Sie fragen jemand, den Sie nicht gut kennen, ob er/sie mit Ihnen ausgehen möchte.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei der Nachfrage, ob die
Person mit Ihnen ausgehen wird oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass diese Person mit Ihnen ausgeht?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
5. Ihr Partner/Ihre Partnerin plant heute Abend mit Freunden/innen auszugehen. Sie möchten
aber gerne, dass er/sie den Abend mit Ihnen verbringt, und sagen ihm/ihr dies.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, in der Erwartung, ob Ihr/Ihre
Partner/Partnerin zu hause bleibt oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass Ihr/e Partner/in auf Ihr Anliegen eingeht?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
A9
6. Sie bitten eine nahe stehende Person um einen größeren Geldbetrag für eine dringende
Anschaffung (z.B. Waschmaschine).
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei der Nachfrage, ob die
Person Ihnen den benötigten Geldbetrag geben wird oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass Ihnen die Person finanziell aushilft?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
7. Sie verstehen in einer Unterrichtsstunde Ihrer Weiterbildung oder Umschulung einen Teil
des Lehrstoffes nicht. Sie bitten den Leiter nach der Unterrichtsstunde, Ihnen noch einmal
einige Inhalte zu erklären.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, nach Ihrer Bitte an den Lehrer
um weitere Erklärungen zum Lehrstoff, extra für Sie?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass Ihnen Ihr Lehrer nochmals Teile des
Lehrstoffes erläutert?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
8. Sie haben irgendetwas getan oder gesagt, was einen engen Freund oder eine enge Freundin
ziemlich verletzt hat. Nun wenden Sie sich ihm/ihr wieder zu.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei dem Gedanken daran, ob
er/sie wieder mit Ihnen sprechen wird oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie wieder mit Ihnen spräche, um die
Angelegenheit zu klären?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
A10
9. Sie fragen jemand an Ihrem Arbeitsplatz, ob er/sie mit Ihnen einen Kaffee trinken geht.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in diesem Moment bei dem Gedanken daran, ob
die Person mit Ihnen einen Kaffee trinken geht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass der-/diejenige mit Ihnen einen Kaffee
trinken geht?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
10. Sie haben in einer Teambesprechung eine andere Meinung zu einem Problem, als das
Team. Sie erläutern ihre Position und erwarten Stellungnahmen der anderen Teilnehmer.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, in der Erwartung, dass Ihre
Meinung beachtet und berücksichtigt wird?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass Ihre Meinung berücksichtigt wird?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
11. Sie fragen einen guten Freund/in, ob er/sie mit Ihnen in Urlaub fahren wird.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei der Frage, ob Ihr
Freund/Ihre Freundin mit Ihnen verreisen wird?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie mit Ihnen verreisen wird.
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
A11
12. Nach einem heftigen Streit am Vortag, rufen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin an und sagen
ihm/ihr, dass Sie ihn/sie treffen wollen.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei dem Gedanken daran, ob
Ihr Partner/Ihre Partnerin Sie sehen will oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie Sie sehen will?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
13. Sie fragen eine/n Freund/in, ob Sie etwas von ihm/ihr ausleihen könnten (z. B. ein
Mountainbike).
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, in der Erwartung, ob Ihr/e
Freund/in bereit wäre, es Ihnen auszuleihen?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie es Ihnen ausleiht?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
14. Sie bitten eine nahe stehende Person, Sie zu einem für Sie sehr wichtigen Anlass, zu
begleiten (z.B. Arztbesuch, Gerichtstermin).
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei dem Gedanken, ob die
Person mit kommen wird oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass der-/diejenige Ihnen zusagt?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
A12
15. Sie fragen einen Freund/in, ob er/sie Ihnen einen großen Gefallen tun würde.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei dem Gedanken daran, ob
er/sie Ihnen den Gefallen tut.
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie Ihnen den Gefallen tut.
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
16. Sie fragen Ihren Partner/Ihre Partnerin, ob er/sie Sie wirklich liebt.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei dem Gedanken daran, ob
Ihr Partner/Ihre Partnerin „ja“ sagen wird?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass er/sie „ja“ sagt.
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
17. Sie gehen auf eine Party und Ihnen fällt jemand am anderen Ende des Raumes auf. Sie
fragen ihn/sie, ob er/sie mit Ihnen tanzt.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, in der Erwartung, dass der/diejenige mit Ihnen tanzt oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass diese Person mit Ihnen tanzen wird.
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
A13
18. Sie fragen Ihren Partner/Ihre Partnerin, mit dem/der Sie noch nicht sehr lange zusammen
sind, ob er/sie Ihre Eltern kennen lernen will.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation, bei der Nachfrage, ob er/sie
Ihre Eltern kennen lernen will oder nicht?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass Ihr/e Partner/in Ihre Eltern gerne kennen
lernen will.
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
19. Sie kommen allein auf eine Party. Niemand bemerkt Ihr Eintreten. Sie sprechen einen
Bekannten an, der sich intensiv mit jemand anderem unterhält.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation auf der Party?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass der Bekannte und andere Gäste Ihnen
Beachtung schenken?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
20. Sie können eine Arbeit nicht fristgerecht fertig stellen und bitten den Auftraggeber um eine
Fristverlängerung.
a) Wie angespannt oder beunruhigt wären Sie in dieser Situation beim Warten auf eine
Fristverlängerung?
Nicht beunruhigt
1
Sehr beunruhigt
2
3
4
5
6
b) Für wie wahrscheinlich würden Sie es halten, dass sie eine Fristverlängerung bekommen?
Sehr unwahrscheinlich
1
2
Sehr wahrscheinlich
3
4
5
6
A14
PVQ
Im Folgenden finden Sie kurze Beschreibungen einiger Menschen. Bitte lesen Sie jede Beschreibung
und überlegen Sie dann, wie sehr jede Person Ihnen ähnlich bzw. unähnlich ist. Machen Sie auf der
rechten Seite ein Kreuz, das angibt, wie sehr die beschriebene Person Ihnen ähnlich ist.
Folgende Antworten sind möglich:
1 = sehr unähnlich
2 = unähnlich
3 = eher unähnlich
4 = eher ähnlich
5 = ähnlich
6 = sehr ähnlich
Wie ähnlich ist Ihnen diese Person?
Sehr
unähnlich
Sehr
ähnlich
1. Es ist ihr wichtig, neue Ideen zu haben und kreativ zu
sein. Sie mag es, die Dinge auf ihre eigene originelle Art
anzugehen.
1
2
3
4
5
6
2. Es ist ihr wichtig, reich zu sein. Sie möchte viel Geld und
teure Sachen besitzen.
1
2
3
4
5
6
3. Sie glaubt, dass es wichtig ist, dass alle Menschen in der
Welt gleich behandelt werden. Sie denkt, dass jeder
Mensch im Leben gleiche Chancen haben sollte.
1
2
3
4
5
6
4. Es ist ihr sehr wichtig, ihre Fähigkeiten zu zeigen. Sie
möchte, dass die Leute bewundern, was sie tut.
1
2
3
4
5
6
5. Es ist ihr wichtig, in einem sicheren Umfeld zu leben. Sie
vermeidet alles, was ihre Sicherheit gefährden könnte.
1
2
3
4
5
6
6. Sie glaubt, dass es wichtig ist, viele verschiedene Dinge
in ihrem Leben zu tun. Sie sucht immer nach neuen
Dingen, die sie ausprobieren kann.
1
2
3
4
5
6
7. Sie glaubt, dass die Menschen das tun sollten, was Ihnen
gesagt wird. Sie denkt, dass man Regeln immer befolgen
sollte, auch wenn keiner hinsieht.
1
2
3
4
5
6
8. Es ist ihr wichtig, Menschen zuzuhören, die anders sind
als sie. Sogar, wenn sie nicht ihrer Meinung ist, möchte sie
sie trotzdem verstehen.
1
2
3
4
5
6
9. Sie denkt, dass es wichtig ist, nicht mehr zu verlangen als
man hat. Sie glaubt, dass die Menschen mit dem zufrieden
sein sollten, was sie haben.
1
2
3
4
5
6
10. Sie sucht nach jeder Möglichkeit, Spaß zu haben. Es ist
ihr wichtig, Dinge zu tun, die ihr Freude bereiten.
1
2
3
4
5
6
A15
Wie ähnlich ist Ihnen diese Person?
sehr
unähnlich
sehr
ähnlich
11. Es ist ihr wichtig, selbst zu entscheiden, was sie tut. Sie
möchte ihre Aktivitäten gern selbst planen und auswählen
können.
1
2
3
4
5
6
12. Es ist ihr sehr wichtig, den Menschen in ihrem Umfeld
zu helfen. Sie möchte sich um ihr Wohlbefinden kümmern.
1
2
3
4
5
6
13. Es ist ihr wichtig, sehr erfolgreich zu sein. Sie mag es,
andere Leute zu beeindrucken.
1
2
3
4
5
6
14. Es ist ihr sehr wichtig, dass ihr Land in Sicherheit ist. Sie
denkt, dass der Staat vor Bedrohungen von innen und
außen auf der Hut sein muss.
1
2
3
4
5
6
15. Sie geht gern Risiken ein. Sie hält immer nach
Abenteuern Ausschau.
1
2
3
4
5
6
16. Es ist ihr wichtig, sich immer gut zu benehmen. Sie
möchte vermeiden, Dinge zu tun, über die andere sagen
würden, dass sie falsch seien.
1
2
3
4
5
6
17. Es ist ihr wichtig, die Führung zu übernehmen und
anderen zu sagen, was sie tun sollen. Sie möchte, dass die
anderen tun, was sie sagt.
1
2
3
4
5
6
18. Es ist ihr wichtig, ihren Freunden treu zu sein. Sie
möchte sich den Menschen, die ihr nahe stehen, widmen.
1
2
3
4
5
6
19. Sie ist fest davon überzeugt, dass die Menschen sich für
die Natur einsetzen sollten. Es ist ihr wichtig, sich um die
Umwelt zu kümmern.
1
2
3
4
5
6
20. Es ist ihr wichtig, religiös zu sein. Sie bemüht sich sehr,
nach ihren religiösen Überzeugungen zu leben.
1
2
3
4
5
6
21. Es ist ihr wichtig, dass alles ordentlich und sauber ist.
Sie mag es überhaupt nicht, wenn alles durcheinander ist.
1
2
3
4
5
6
22. Sie denkt, dass es wichtig ist, sich für vieles zu
interessieren. Sie ist gern neugierig und versucht, alle
möglichen Dinge zu verstehen.
1
2
3
4
5
6
23. Sie glaubt, dass die Völker der Welt in Harmonie
zusammenleben sollten. Es ist ihr wichtig, den Frieden
zwischen allen Gruppen der Welt zu fördern.
1
2
3
4
5
6
24. Es ist ihr wichtig, ehrgeizig zu sein. Sie möchte
zeigen, wie fähig sie ist.
1
2
3
4
5
6
A16
Wie ähnlich ist Ihnen diese Person?
sehr
unähnlich
sehr
ähnlich
25. Sie glaubt, dass es am besten ist, wenn man die Dinge
auf traditionelle Art und Weise tut. Es ist ihr wichtig, die
Bräuche, die sie gelernt hat, aufrecht zu erhalten.
1
2
3
4
5
6
26. Es ist ihr wichtig, die Freuden des Lebens zu genießen.
Sie „verwöhnt“ sich gern selbst.
1
2
3
4
5
6
27. Es ist ihr wichtig, auf die Bedürfnisse der anderen
einzugehen. Sie bemüht sich, die Menschen, die sie kennt,
zu unterstützen.
1
2
3
4
5
6
28. Sie glaubt, dass sie ihre Eltern und ältere Menschen
respektieren sollte. Es ist ihr wichtig, gehorsam zu sein.
1
2
3
4
5
6
29. Sie möchte, dass jeder gerecht behandelt wird, sogar
Leute, die sie nicht kennt. Es ist ihr wichtig, die Schwachen
in der Gesellschaft zu beschützen.
1
2
3
4
5
6
30. Sie mag Überraschungen. Es ist ihr wichtig, ein
aufregendes Leben zu führen.
1
2
3
4
5
6
31. Sie bemüht sich sehr, Krankheiten zu vermeiden.
Gesund zu bleiben ist ihr sehr wichtig.
1
2
3
4
5
6
32. Es ist ihr wichtig, im Leben vorwärts zu kommen. Sie
strebt danach, besser zu sein als andere.
1
2
3
4
5
6
33. Es ist ihr wichtig, Menschen zu verzeihen, die sie
verletzt haben. Sie versucht, in ihnen das Gute zu sehen
und nicht nachtragend zu sein.
1
2
3
4
5
6
34. Es ist ihr wichtig, unabhängig zu sein. Sie verlässt sich
gern auf sich selbst.
1
2
3
4
5
6
35. Eine stabile Regierung ist ihr wichtig. Sie sorgt sich
darum, dass die soziale Ordnung bewahrt wird.
1
2
3
4
5
6
36. Es ist ihr wichtig, immer zu allen Menschen höflich zu
sein. Sie versucht, andere Menschen niemals zu stören.
1
2
3
4
5
6
37. Sie möchte das Leben richtig genießen. Es ist ihr
wichtig, Spaß zu haben.
1
2
3
4
5
6
38. Es ist ihr wichtig, demütig und bescheiden zu sein. Sie
bemüht sich, keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
1
2
3
4
5
6
39. Sie möchte immer diejenige sein, die die
Entscheidungen trifft. Sie ist gern in der Führungsposition.
1
2
3
4
5
6
40. Es ist ihr wichtig, sich der Natur anzupassen und zu ihr
zu passen. Sie glaubt, dass die Menschen die Natur nicht
verändern sollten.
1
2
3
4
5
6
A17
TOSCA
In diesem Fragebogen sind Situationen beschrieben, denen Sie im alltäglichen Leben begegnen könnten.
Anschließend werden mehrere häufig vorkommende Reaktionsweisen genannt.
Wenn Sie die einzelnen Situationsbeschreibungen lesen, versetzen Sie sich bitte so gut es geht in diese Lage.
Schätzen Sie dann bitte ein, wie wahrscheinlich jede der genannten Reaktionen für Sie ist. Es ist wichtig, dass
Sie alle Reaktionsweisen nach ihrer Wahrscheinlichkeit einschätzen, da in ein und derselben Situation mehr als
eine Reaktionsweise auf Sie zutreffen kann. Es ist auch möglich, dass Ihre Reaktion zu verschiedenen
Zeitpunkten unterschiedlich ausfällt.
Zum Beispiel:
Sie wachen an einen Samstag morgen früh auf. Draußen ist es kalt und regnerisch.
a.) Sie würden einen Freund anrufen, um Neuigkeiten auszutauschen.
1=
nicht wahrscheinlich
1
2
3
5=
sehr wahrscheinlich
4
5
b.) Sie würden die gewonnene Zeit nutzen, um die Zeitung zu lesen.
1
2
3
4
5
c.) Sie wären darüber enttäuscht, dass es regnet.
1
2
3
4
5
d.) Sie würden sich fragen, warum Sie so früh aufgewacht sind.
1
2
3
4
5
In dem oben angegebenen Beispiel habe ich alle Reaktionsweisen auf einer Skala von 1-5 durch das
Durchstreichen einer Zahl eingeschätzt.
Unter a.) habe ich z.B. die 1 angestrichen, weil ich samstags früh morgens keinen Freund wecken möchte - es
ist deshalb nicht sehr wahrscheinlich, dass ich dies tun würde. Unter b.) habe ich die 5 unterstrichen, da ich fast
immer Zeitung lese, wenn ich morgens mal Zeit dafür habe. Unter c.) habe ich die 3 unterstrichen, weil es für
mich mal so und mal so sein kann. Manchmal bin ich enttäuscht über den Regen, und manchmal auch nicht. Es
hängt davon ab, was ich mir für den Tag vorgenommen habe. Unter d.) habe ich die 4 unterstrichen, weil ich
mich wahrscheinlich fragen würde, warum ich so früh aufgewacht bin. Bitte beantworten Sie nun die Fragen zu
folgenden Situationen:
1. Sie planen, mit einem Freund gemeinsam Mittagessen zu gehen. Um fünf Uhr nachmittags bemerken Sie,
dass Sie Ihn versetzt haben.
1=
nicht wahrscheinlich
a.) Sie würden denken: „Ich bin rücksichtslos“.
5=
sehr wahrscheinlich
1
2
3
4
5
1
2
3
4
5
1
2
3
4
5
1
2
3
4
5
b.) Sie würden denken: „Er wird schon Verständnis dafür haben."
c.) Sie würden versuchen, es so schnell wie möglich wieder gutzumachen.
d.) Sie würden denken: „Na ja, mein Chef hat mich kurz vor der
Mittagspause noch aufgehalten.“
A18
2. Sie haben auf der Arbeit einen Gegenstand kaputtgemacht und verstecken ihn anschließend.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken: „Das ist mir unangenehm. Ich muss ihn entweder
selbst wieder in Ordnung bringen oder jemanden finden, der dies für
mich tun könnte.“
1
2
3
4
5
b.) Sie würden über eine Kündigung nachdenken.
1
2
3
4
5
c.) Sie würden denken: „Viele Dinge sind heutzutage eben nicht sehr gut
verarbeitet.“
1
2
3
4
5
d.) Sie würden denken: „Es war nur ein Versehen.“
1
2
3
4
5
3. Sie gehen abends mit Freunden aus und empfinden sich als besonders witzig und attraktiv. Der Ehepartner
ihres besten Freundes/Freundin scheint sich in Ihrer Anwesenheit sehr wohl zu fühlen.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken: „Die Gefühle meines besten Freundes/meiner
besten Freundin sollten mich etwas angehen.“
1
2
3
4
5
b.) Sie wären glücklich über Ihre Erscheinung und Persönlichkeit.
1
2
3
4
5
c.) Sie wären erfreut darüber, dass Sie einen so guten Eindruck gemacht
haben.
1
2
3
4
5
d.) Sie würden denken, dass Ihr bester Freund/in dem Ehepartner mehr
Aufmerksamkeit schenken sollte.
1
2
3
4
5
e.) Sie würden wahrscheinlich den Blickkontakt längere Zeit vermeiden.
1
2
3
4
5
4. Bei der Arbeit verschieben Sie die Planung einer wichtigen Aufgabe auf die letzte Minute und alles geht
schief.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden sich inkompetent fühlen.
1
2
3
4
5
b.) Sie würden denken: „Der Tag hat eben nie genug Stunden.“
1
2
3
4
5
c.) Sie würden denken: „Ich hätte eine Strafe verdient.“
1
2
3
4
5
d.) Sie würden denken: „Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand.“
1
2
3
4
5
A19
5.) Bei der Arbeit machen Sie einen Fehler. Sie finden heraus, dass ein anderer Mitarbeiter dafür
verantwortlich gemacht wird.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken: „Die Firmenleitung mochte diesen Mitarbeiter eben 1
nicht.“
2
3
4
5
b.) Sie würden denken: „Das Leben ist ungerecht.“
1
2
3
4
5
1
2
3
4
5
1
2
3
4
5
c.) Sie würden schweigen und diesem Mitarbeiter aus dem Weg gehen.
d.) Sie wären unzufrieden und sehr darum bemüht, die Situation richtig zu
stellen.
6.) Seit mehreren Tagen schieben Sie einen schwierigen Anruf vor sich her. In letzter Minute tätigen Sie
diesen Anruf dann doch. Sie sind in der Lage, das Gespräch zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken: „Anscheinend bin ich überzeugender, als ich
dachte.“
1
2
3
4
5
b.) Sie bereuen, den Anruf aufgeschoben zu haben.
1
2
3
4
5
c.) Sie fühlen sich wie ein Feigling.
1
2
3
4
5
d.) Sie würden denken: „Das habe ich gut gemacht.“
1
2
3
4
5
e.) Sie würden denken, dass sie keine Anrufe machen brauchen, zu denen
sie sich gezwungen fühlen.
1
2
3
4
5
7.) Sie nehmen sich vor, eine Diät zu machen. In der nächsten Bäckerei, an der Sie vorbeigehen, kaufen Sie
einige süße Gebäckteilchen.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Bei der nächsten Mahlzeit essen Sie zum Ausgleich Salat.
1
2
3
4
5
b.) Sie würden denken: „Die sahen zu gut aus, um einfach daran
vorbeigehen zu können.“
1
2
3
4
5
c.) Sie sind angewidert von ihrer fehlenden Willenskraft und
Selbstkontrolle.
1
2
3
4
5
d.) Sie würden denken: „Einmal ist keinmal.“
1
2
3
4
5
A20
8.) Während eines Spiels werfen Sie einen Ball. Dieser trifft einen Freund ins Gesicht.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie fühlen sich unfähig, da Sie noch nicht einmal in der Lage sind, einen
Ball zu werfen.
1
2
3
4
5
b.) Sie würden denken, dass Ihr Freund das Fangen wohl noch ein bisschen
üben muss.
1
2
3
4
5
c.) Sie würden denken: „Es war nur ein Versehen.“
1
2
3
4
5
d.) Sie würden sich entschuldigen und dafür sorgen, dass es Ihrem Freund
besser geht.
1
2
3
4
5
9. Sie sind kürzlich aus ihrem Heimatort weggezogen, und alle Familienmitglieder haben Ihnen dabei
geholfen. Einige Male mussten Sie sich Geld leihen, aber Sie haben es immer so schnell wie möglich
zurückgezahlt.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden sich unerwachsen fühlen.
1
2
3
4
5
b.) Sie würden denken: „Ich hatte eben Pech.“
1
2
3
4
5
c.) Sie würden den Gefallen so schnell wie möglich erwidern.
1
2
3
4
5
1
2
3
4
5
1
2
3
4
5
d.) Sie würden denken: „Ich bin eine vertrauenswürdige Person.“
e.) Sie wären stolz darauf, Ihre Schulden zurückgezahlt zu haben.
10.) Sie überfahren auf der Straße ein kleines Tier.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken, dass dieses Tier nicht auf die Straße gehört.
1
2
3
4
5
b.) Sie würden denken: „Ich bin ein schrecklicher Mensch.“
1
2
3
4
5
c.) Sie würden es als Unfall ansehen.
1
2
3
4
5
d.) Sie würden wahrscheinlich mehrmals darüber nachdenken und sich
fragen, ob Sie es hätten verhindern können.
1
2
3
4
5
A21
11.) Sie verlassen eine Prüfung und denken, Sie waren sehr gut. Dann finden Sie heraus, dass Sie schlecht
waren.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken: „Es war ja nur eine Prüfung.“
1
2
3
4
5
b.) Sie würden denken: „Der Prüfer mag mich nicht.“
1
2
3
4
5
c.) Sie würden denken: „Ich hätte mehr lernen sollen.“
1
2
3
4
5
d.) Sie würden sich blöd vorkommen.
1
2
3
4
5
12.) Sie und eine Gruppe von Mitarbeitern haben sehr hart für ein Projekt gearbeitet. Ihr Chef wählt Sie für
eine Prämie aus, da das Projekt ein großer Erfolg war.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie hätten den Eindruck, dass der Chef ziemlich kurzsichtig ist.
1
2
3
4
5
b.) Sie fühlen sich alleine und getrennt von ihren Kollegen.
1
2
3
4
5
c.) Sie hätten den Eindruck, dass sich Ihre harte Arbeit bezahlt gemacht hat. 1
2
3
4
5
d.) Sie würden sich kompetent fühlen und wären stolz auf sich.
1
2
3
4
5
e.) Sie würden denken, dass sie es nicht akzeptieren sollten.
1
2
3
4
5
13.) Während sie mit einer Gruppe von Freunden ausgehen, machen sie sich über einen Freund lustig, der
nicht anwesend ist.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken: „Das war ja nur Spaß; das ist harmlos.“
1
2
3
4
5
b.) Sie würden sich klein und mies vorkommen.
1
2
3
4
5
c.) Sie würden denken, dass dieser Freund vielleicht hätte dabei sein sollen, 1
um sich verteidigen zu können.
2
3
4
5
d.) Sie würden sich entschuldigen und über die guten Seiten dieses 1
Freundes reden.
2
3
4
5
A22
14.) Sie machen auf der Arbeit bei einer wichtigen Aufgabe einen großen Fehler. Andere Leute waren von
Ihrer Arbeit abhängig, und Ihr Chef kritisiert sie.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden denken, Ihr Chef hätte die Erwartungen, die an Sie gestellt
werden, klarer machen sollen.
1
2
3
4
5
b.) Sie würden sich am liebsten verstecken.
1
2
3
4
5
c.) Sie würden denken: „Ich hätte das Problem erkennen und lösen sollen.“
1
2
3
4
5
d.) Sie würden denken: „Na ja, es ist eben niemand perfekt“.
1
2
3
4
5
15. Sie helfen freiwillig bei einer lokalen Sportveranstaltung für behinderte Kinder. Die Arbeit erweist sich als
frustrierend und zeitintensiv. Sie denken ernsthaft darüber nach, es hinzuschmeißen, aber dann sehen Sie,
wie glücklich die Kinder sind.
1=
nicht wahrscheinlich
5=
sehr wahrscheinlich
a.) Sie würden sich selbstsüchtig vorkommen und denken, sie wären im 1
Grunde ein fauler Mensch.
2
3
4
5
b.) Sie hätten den Eindruck, dass sie gezwungen worden sind, etwas zu tun, 1
was sie nicht tun wollten.
2
3
4
5
c.) Sie würden denken: „Leute, denen es nicht so gut geht, sollten mich 1
etwas angehen.“
2
3
4
5
d.) Sie würden sich großartig fühlen, daß Sie anderen geholfen haben.
1
2
3
4
5
e.) Sie wären sehr zufrieden mit sich.
1
2
3
4
5
A23
BSI
Sie finden nachstehend eine Liste von Problemen und Beschwerden, die man manchmal hat. Bitte
lesen Sie jede Frage einzeln sorgfältig durch und entscheiden Sie, wie stark Sie durch diese
Beschwerden gestört oder bedrängt worden sind, und zwar während der vergangenen sieben Tage
bis heute. Überlegen Sie bitte nicht erst, welche Antwort „den besten Eindruck“ machen könnte,
sondern antworten Sie so, wie es für Sie persönlich zutrifft. Machen Sie bitte hinter jeder Frage ein
Kreuz bei der für Sie am besten zutreffenden Antwort. Bitte beantworten Sie jede Frage!
Überhaupt nicht
Ein wenig
Ziemlich
Stark
Sehr stark
0
1
2
3
4
Wie sehr litten Sie in den letzten sieben Tagen unter…
1. Nervosität oder innerem Zittern
0
1
2
3
4
2. Ohnmachts- und Schwindelgefühlen
0
1
2
3
4
3. der Idee, dass irgendjemand Macht über Ihre Gedanken hat
0
1
2
3
4
4. dem Gefühl, dass andere an den meisten Ihrer Schwierigkeiten Schuld sind
0
1
2
3
4
5. Gedächtnisschwierigkeiten
0
1
2
3
4
6. dem Gefühl, leicht reizbar oder verärgerbar zu sein
0
1
2
3
4
7. Herz- oder Brustschmerzen
0
1
2
3
4
8. Furcht auf offenen Plätzen oder auf der Straße
0
1
2
3
4
9. Gedanken, sich das Leben zu nehmen
0
1
2
3
4
10. dem Gefühl, dass man den meisten Menschen nicht trauen kann
0
1
2
3
4
11. schlechtem Appetit
0
1
2
3
4
12. plötzlichem Erschrecken ohne Grund
0
1
2
3
4
13. Gefühlsausbrüchen, denen gegenüber Sie machtlos waren
0
1
2
3
4
14. Einsamkeitsgefühlen, selbst wenn Sie in Gesellschaft sind
0
1
2
3
4
15. dem Gefühl, dass es Ihnen schwerfällt, etwas anzufangen
0
1
2
3
4
16. Einsamkeitsgefühlen
0
1
2
3
4
17. Schwermut
0
1
2
3
4
18. dem Gefühl, sich für nichts zu interessieren
0
1
2
3
4
19. Furchtsamkeit
0
1
2
3
4
20. Verletzlichkeit in Gefühlsdingen
0
1
2
3
4
21. dem Gefühl, dass die Leute unfreundlich sind oder Sie nicht leiden können
0
1
2
3
4
22. Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber anderen
0
1
2
3
4
23. Übelkeit oder Magenverstimmung
0
1
2
3
4
24. dem Gefühl, dass andere Sie beobachten oder über Sie reden
0
1
2
3
4
25. Einschlafschwierigkeiten
0
1
2
3
4
26. dem Zwang, wieder und wieder nachzukontrollieren, was Sie tun
0
1
2
3
4
A24
Wie sehr litten Sie in den letzten sieben Tagen unter…
27. Schwierigkeiten, sich zu entscheiden
0
1
2
3
4
28. Furcht vor Fahrten in Bus, Straßenbahn, U-Bahn oder Zug
0
1
2
3
4
29. Schwierigkeiten beim Atmen
0
1
2
3
4
30. Hitzewallungen oder Kälteschauern
31. der Notwendigkeit, bestimmte Dinge, Orte oder Tätigkeiten zu meiden, weil Sie durch
diese erschreckt werden
0
1
2
3
4
0
1
2
3
4
32. Leere im Kopf
0
1
2
3
4
33. Taubheit oder Kribbeln in einzelnen Körperteilen
0
1
2
3
4
34. dem Gefühl, dass Sie für Ihre Sünden bestraft werden sollten
0
1
2
3
4
35. einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts der Zukunft
0
1
2
3
4
36. Konzentrationsschwierigkeiten
0
1
2
3
4
37. Schwächegefühl in einzelnen Körperteilen
0
1
2
3
4
38. dem Gefühl, angespannt oder aufgeregt zu sein
0
1
2
3
4
39.Gedanken an den Tod und ans Sterben
40. dem Drang, jemanden zu schlagen, zu verletzen oder ihm Schmerz zuzufügen
0
0
1
1
2
2
3
3
4
4
41. dem Drang, Dinge zu zerbrechen oder zu zerschmettern
0
1
2
3
4
42. starker Befangenheit im Umgang mit anderen
0
1
2
3
4
43. Abneigung gegen Menschenmengen, z.B. beim Einkaufen oder im Kino
0
1
2
3
4
44. dem Eindruck, sich einer anderen Person nie so richtig nahe fühlen zu können
0
1
2
3
4
45. Schreck- oder Panikanfällen
0
1
2
3
4
46. der Neigung, immer wieder in Erörterungen und Auseinandersetzungen zu geraten
0
1
2
3
4
47. Nervosität, wenn Sie allein gelassen werden
0
1
2
3
4
48. mangelnder Anerkennung Ihrer Leistungen durch andere
0
1
2
3
4
49. so starke Ruhelosigkeit, dass Sie nicht stillsitzen können
0
1
2
3
4
50. dem Gefühl, wertlos zu sein
0
1
2
3
4
51. dem Gefühl, dass die Leute Sie ausnutzen, wenn Sie es zulassen würden
0
1
2
3
4
52. Schuldgefühlen
0
1
2
3
4
53. dem Gedanken, dass irgendetwas mit Ihrem Verstand nicht in Ordnung ist
0
1
2
3
4
A25
BDI
Dieser Fragebogen enthält 21 Gruppen von Aussagen. Bitte lesen Sie jede Gruppe sorgfältig
durch. Suchen Sie dann die eine Aussage in jeder Gruppe heraus, die am besten beschreibt,
wie Sie sich in dieser Woche einschließlich heute gefühlt haben und kreuzen Sie die dazugehörige
Ziffer (0, 1, 2 oder 3) an. Falls mehrere Aussagen einer Gruppe gleichermaßen zutreffen,
können Sie auch mehrere Ziffern markieren. Lesen Sie auf jeden Fall alle Aussagen in jeder
Gruppe, bevor Sie Ihre Wahl treffen.
A
0 Ich bin nicht traurig.
1 Ich bin traurig.
2 Ich bin die ganze Zeit traurig und komme nicht
davon los.
3 Ich bin so traurig oder unglücklich, dass ich es
kaum noch ertrage.
B
0 Ich sehe nicht besonders mutlos in die Zukunft.
1 Ich sehe mutlos in die Zukunft.
2 Ich habe nichts, worauf ich mich freuen kann.
3 Ich habe das Gefühl, dass die Zukunft hoffnungslos ist, und dass die Situation nicht
besser werden kann.
C
0 Ich fühle mich nicht als Versager.
1 Ich habe das Gefühl, öfter versagt zu haben
als der Durchschnitt.
2 Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe
ich bloß eine Menge Fehlschläge.
3 Ich habe das Gefühl, als Mensch ein völliger
Versager zu sein.
D
0 Ich kann die Dinge genauso genießen wie
früher.
1 Ich kann die Dinge nicht mehr so genießen
wie früher.
2 Ich kann aus nichts mehr eine echte Befriedigung ziehen.
Ich
bin mit allem unzufrieden oder
3
gelangweilt.
0
1
2
3
E
Ich habe keine Schuldgefühle.
Ich habe häufig Schuldgefühle.
Ich habe fast immer Schuldgefühle.
Ich habe immer Schuldgefühle.
F
0 Ich habe nicht das Gefühl, gestraft zu sein.
1 Ich habe das Gefühl, vielleicht bestraft zu
werden.
2 Ich erwarte, bestraft zu werden.
3 Ich habe das Gefühl, bestraft zu sein.
0
1
2
3
G
Ich bin nicht von mir enttäuscht.
Ich bin von mir enttäuscht.
Ich finde mich fürchterlich.
Ich hasse mich.
H
0 Ich habe nicht das Gefühl, schlechter zu sein
als alle anderen.
1 Ich kritisiere mich wegen meiner Fehler und
Schwächen.
2 Ich mache mir die ganze Zeit Vorwürfe wegen
meiner Mängel.
3 Ich gebe mir für alles die Schuld, was
schiefgeht.
I
0 Ich denke nicht daran, mir etwas anzutun.
1 Ich denke manchmal an Selbstmord, aber ich
würde es nicht tun.
2 Ich möchte mich am liebsten umbringen.
3 Ich würde mich umbringen, wenn ich die Gelegenheit hätte.
A26
J
0
1
2
3
Ich weine nicht öfter als früher.
Ich weine jetzt mehr als früher.
Ich weine jetzt die ganze Zeit.
Früher konnte ich weinen, aber jetzt kann ich
es nicht mehr, obwohl ich es möchte.
P
0 Ich schlafe so gut wie sonst.
1 Ich schlafe nicht mehr so gut wie früher.
2 Ich wache 1 bis 2 Stunden früher auf als sonst,
und es fällt mir schwer, wieder einzuschlafen.
3 Ich wache mehrere Stunden früher auf als
sonst und kann nicht mehr einschlafen.
K
0 Ich bin nicht reizbarer als sonst.
1 Ich bin jetzt leichter verärgert oder gereizt als
früher.
2 Ich fühle mich dauernd gereizt.
3 Die Dinge, die mich früher geärgert haben,
berühren mich nicht mehr.
L
0 Ich habe nicht das Interesse an Menschen
verloren.
1 Ich interessiere mich jetzt weniger für
Menschen als früher.
2 Ich habe mein Interesse an anderen Menschen
zum größten Teil verloren.
3 Ich habe mein ganzes Interesse an anderen
Menschen verloren.
M
0 Ich bin so entschlussfreudig wie immer.
1 Ich schiebe Entscheidungen jetzt öfter als
früher auf.
2 Es fällt mir schwerer als früher, Entscheidungen zu treffen.
3 Ich kann überhaupt keine Entscheidungen
mehr treffen.
0
1
2
3
0
1
2
3
N
Ich habe nicht das Gefühl, schlechter
auszusehen als früher.
Ich mache mir Sorgen, dass ich alt oder
unattraktiv aussehe.
Ich habe das Gefühl, dass Veränderungen in
meinem Aussehen eintreten, die mich hässlich
machen.
Ich finde mich hässlich.
O
Ich kann so gut arbeiten wie früher.
Ich muss mir einen Ruck geben, bevor ich eine
Tätigkeit in Angriff nehme.
Ich muss mich zu jeder Tätigkeit zwingen.
Ich bin unfähig zu arbeiten.
0
1
2
3
Q
Ich ermüde nicht stärker als sonst.
Ich ermüde schneller als früher.
Fast alles ermüdet mich.
Ich bin zu müde, um etwas zu tun.
0
1
2
3
R
Mein Appetit ist nicht schlechter als sonst.
Mein Appetit ist nicht mehr so gut wie früher.
Mein Appetit hat sehr stark nachgelassen.
Ich habe überhaupt keinen Appetit mehr.
0
1
2
3
S
Ich habe in letzter Zeit kaum abgenommen.
Ich habe mehr als 2 Kilo abgenommen.
Ich habe mehr als 5 Kilo abgenommen.
Ich habe mehr als 8 Kilo abgenommen.
Ich esse absichtlich weniger, um
abzunehmen:
Ja
Nein
T
0 Ich mache mir keine größeren Sorgen um
meine Gesundheit als sonst.
1 Ich mache mir Sorgen über körperliche
Probleme, wie Schmerzen, Magenbeschwerden oder Verstopfung.
2 Ich mache mir so große Sorgen über gesundheitliche Probleme, dass es mir schwerfällt, an
etwas anderes zu denken.
3 Ich mache mir so große Sorgen über gesundheitliche Probleme, dass ich an nichts anderes
mehr denken kann.
U
0 Ich habe in letzter Zeit keine Veränderung
meines Interesses an Sex bemerkt.
1 Ich interessiere mich weniger für Sex als
früher.
2 Ich interessiere mich jetzt viel weniger für
Sex.
3 Ich habe das Interesse an Sex völlig
verloren.
A27
RSQ
En las preguntas a continuación se describen diferentes situaciones. Algunas de estas situaciones son
para algunas personas más o menos inquietantes. Imagínese cada una de estas situaciones y marque
cada una respectivamente según cómo se sentiría en ellas. Usa toda la escala evaluativa de 1 a 6.
Por favor en cada caso responde a las dos preguntas siguientes:
a) ¿Qué tan tenso o nerviosa estaría Ud. en esa situación?
b) ¿Qué tan probable pueda ser que su pareja de interacción reaccione de una manera
determinada en cada situación?
1. Le pide a un colega en su lugar de trabajo, responder a una pregunta sobre el proceso de
trabajo.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, mientras que espera la reacción de su
colega?
no nervioso
muy nervioso
1
2
3
4
5
6
b)¿Qué tan probable le parece que él/ella responda amablemente a su pregunta?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
2. Usted le pregunta a su pareja si él/ella quisiera vivir junto con usted.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, al esperar la reacción de su pareja?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que él/ella se quiera ir a vivir con usted?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
A28
3. Usted le pide ayuda a una persona de confianza sobre una decisión con respeto a su futuro
profesional.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso se encontraría usted en esta situación, a pedirle a esta persona por
un consejo?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que esta persona le ayude?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
4. Usted le pregunta a alguien, a quien no conoce bien, si él/ella quisiera salir con usted.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, al preguntar si la persona va a salir
con usted o no?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que esta persona salga con usted?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
5. Su pareja tiene esta noche planes de salir con amigos/as. Sin embargo a usted le gustaría
que él/ella pasara la noche con usted, y se lo dice.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso se encontraría usted en esta situación, en la expectativa de que su
pareja se quede en casa o no?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que su pareja acceda a su petición?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
A29
6. Usted le pide a una persona cercana una gran cantidad de dinero para hacer una compra de
urgencia (por ejemplo, una lavadora).
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, mientras está a la expectativa de si
esa persona le dará la suma de dinero o no?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que esa persona le ayude económicamente?
muy improbable
1
2
muy probable
3
4
5
6
7. En una clase de formación continua o de readaptación profesional usted no entiende una
parte de la materia. Usted le pide al profesor después de la clase una vez más la explicación de
algunas partes del contenido.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, después de haberle pedido al
maestro la explicación de la materia, extra para usted?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que el maestro le explique nuevamente parte de la materia?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
8. Usted ha dicho o ha hecho algo que ha herido mucho a un amigo o una amiga cercana. Ahora
vuelve a buscarlo.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, cuando piense en que si él/ella
volverá a hablar con usted?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que él/ella vuelva a hablar con usted para aclarar el asunto?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
A30
9. Usted le pide a alguien en el trabajo, si él/ella iría a tomar un café con usted.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en el momento en que piense si esa persona irá a
tomar un café con usted?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que esa persona vaya a tomar un café con usted?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
10. En una reunión de equipo usted tiene una opinión diferente al de su equipo acerca de un
problema. Usted dice su opinión y espera al punto de vista de los otros participantes.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, mientras espera que su opinión sea
tomada en cuenta?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que su opinión sea tomada en cuenta?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
11. Usted le pregunta a un/a buen/a amigo/a si él/ella irá de vacaciones con usted.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, al preguntar si su amigo/a viaja con
usted?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que él/ella viaje con usted?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
A31
12. Después de una fuerte discusión el día anterior, llama a su pareja y le dice que usted
quiere encontrarse con él/ella.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, al pensar si su pareja quiere verlo o
no?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que él/ella quiere verlo?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
13. Usted le pregunta a un/a amigo/a si esté podría prestar algo (por ejemplo, una bicicleta de
montaña).
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, ante la expectiva de que su amigo/a
estaría dispuesto a prestarsela?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que se la preste?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
14. Usted le pide a una persona cercana que le acompañe a una ocasión importante (por
ejemplo, visita de médico, día de audiencia).
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, al pensar si la persona va a venir o
no?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que esta persona acepte la invitación?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
A32
15. Usted le pregunta a un/a amigo/a si él/ella le haría un gran favor.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, cuando piensa en si él/ella la hará el
favor?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que él/ella le haga el favor?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
16. Usted le pregunta a su pareja, si él/ella realmente le ama.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, al pensar si su pareja le dice “sí”?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que él/ella diga „sí“?
muy improbable
1
2
muy probable
3
4
5
6
17. Usted va a una fiesta y observa a alguien en el otro extremo de la habitación. Usted le
pregunta a él/ella si le gustaría bailar con usted.
a) ¿Qúe tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, mientras espera que aquel/la
persona baile con usted?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que esta persona baile con usted?
muy improbable
1
2
muy probable
3
4
5
6
A33
18. Usted le pregunta a su pareja, con quién aún no está mucho tiempo junto, si él/ella quiere
conocer a sus padres.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, al preguntarle si él/ella quiere
conocer a sus padres?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que su pareja quiera conocer a sus padres?
muy improbable
1
2
muy probable
3
4
5
6
19. Usted viene solo a una fiesta. Nadie se da cuenta de su llegada. Usted le habla a un
conocido, que está conversando muy atentamente con otra persona.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación durante la fiesta?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que el conocido y otros invitados le presten atención?
muy improbable
1
muy probable
2
3
4
5
6
20. Usted no puede terminar un trabajo dentro del plazo previsto y le pide a su cliente la
ampliación del plazo.
a) ¿Qué tan tenso o nervioso estaría usted en esta situación, mientras espera la ampliación del
plazo?
no nervioso
1
muy nervioso
2
3
4
5
6
b) ¿Qué tan probable le parece que usted obtenga una ampliación del plazo?
muy improbable
muy probable
1
2
3
4
5
6
A34
ECMI
Las siguientes expresiones contienen actitudes y formas de comportamiento que se dan en contacto con otras
personas, como amigos, conocidos, colegas. Por favor evalúe las expresiones de acuerdo a la importancia que para
Ud. tiene generalmente comportarse, manifestarse o estar predispuesto de las maneras descritas frente a otras
personas. Para ello utilice la escala evaluative.
Ejemplo:
En contacto con amigos, conocidos o colegas es importante para
nada poco más o menos bastante muy
Mí estar bien vestido/a.
 



Si Ud. considera muy importante actualmente estar bien vestido frente a amigos, conocidos, colegas, marque con
una cruz „muy importante“. Si para Ud. no es importante actualmente estar bien vestido frente a dichos grupos,
marque, entonces, „nada importante“.
En contacto con amigos, conocidos, colegas, es importante para mí:
nada
poco
más o
menos
bastante
muy
1.
Parecer seguro.





2.
Evitar demostrar que ellos me simpatizan.





3.
Sentirme unido a ellos.





4.
Parecer capaz de hacerme respetar.





5.
Cumplir sus expectativas.





6.
Ser algo especial para ellos.





7.
Ser cuidadoso.





8.
Poner sus necesidades sobre las mías.





9.
Que ellos reconozcan cuando tengo razón.





10. Evitar „meter la pata“.





11. Que demuestren interés por lo que digo.





12. Reaccionar cuando soy atacado.





13. Evitar a dejarme llevar a discusión o pelea.





14. Que no me engañen.





15. Que no sepan lo que en un determinado momento pienso o siento.





16. Que no tengan la sensación de que voy a competir von ellos.





17. Mantenerme firme en mis opiniones.





18. Pasar desapercibido.





19. Que ellos me apoyen si tengo problemas.





20. Dominar la situación.





21. Hacer lo que debo hacer.





22. Poder ser abierto con los demás.





23. Evitar demostrar que para mí significan algo.





24. Entenderme con ellos.





25. Que respeten mi privacidad.





A35
nada
poco
más o
menos
bastante
muy
26. Evitar cometer errores en su presencia.





27. Que me entiendan.





28. priorizar mis propias nececidades.





29. adecuarme a lo que ellos esperan de mí.





30. Que respeten lo que tengo que decir.





31. Que mantengan distancia conmigo.





32. Que no me rechacen.





33. Evitar empequeñecerme cuando aparezcan diferencias.





34. Evitar decir alguna tontería.





35. Que me confíen sus problemas.





36. Ser yo el que tiene la palabra.





37. Evitar enojarles.





38. Ser importante para ellos.





39. Ser mejor que ellos.





40. Hacerlos feliz.





41. Que no me digan lo que hay que hacer.





42. Evitar exponerme a algún posible rechazo.





43. Que sean considerados.





44. Tomar revancha por ofensas e injusticias en mi contra.





45. Subordinarme a lo que quieran hacer.





46. Que me respeten.





47. Que me consideren frío e inaccesible.





48. Que me toleren.





49. Que sigan mis instruciones si soy la autoridad.





50. Evitar exponerme al ridículo.





51. Que me apoyen cuando las cosas no andan bien para mí.





52. Tener la razón en las discusiones.





53. Evitar avergonzarme.





54. Que me consideren responsable.





55. Parecer independiente de ellos.





56. Que me consideren una persona simpática.





57. Que admitan cuando estén equivocados.





58. Mantener mis pensamientos y sentimientos para mí.





59. Que se preocupen de cómo estoy.





60. Que se preocupen de sus propios asuntos.





61. Que no estén enojados conmigo.





62. Que me escuchen.





63. Evitar mostrar como soy realmente.





64. Que no se sientan ofendidos.





En contacto con amigos, conocidos, colegas es importante para mí:
A36
Wie fühlen Sie sich jetzt?
Bitte beschreiben Sie Ihren aktuellen Gefühlszustand mit Hilfe der vorgegebenen Wörter und Sätze.
Jedes Wort steht für einen Bereich von Gefühlen. Es schließt also ähnliche Gefühle ein, für die man
auch ein anderes Wort verwenden könnte.
Kreuzen Sie nun an, wie intensiv Sie gerade jedes Gefühl erleben! Je stärker das Gefühl ist, desto
weiter rechts machen Sie das Kreuz.
Nicht
vorhanden
Abneigung
Ärger
Neid
Langeweile
Angst
Unruhe
Traurigkeit
Sehnsucht
Scham
Schuldgefühl
Freude
Stolz
Mitgefühl
Zuneigung
Überraschung
Sehr
stark
vorhanden
A37
Im Augenblick…
…ist mir zum Weinen zumute.
…bin ich fröhlich.
…ist alles anstrengend für mich.
…habe ich das Gefühl, dass
andere Leute mich nicht leiden
können
Trifft
überhaupt
nicht zu
Trifft vollkommen zu
A38
Wie fühlen Sie sich jetzt?
Bitte beschreiben Sie nun erneut Ihren aktuellen Gefühlszustand mit Hilfe der vorgegebenen Wörter
und Sätze. Jedes Wort steht für einen Bereich von Gefühlen. Es schließt also ähnliche Gefühle ein, für
die man auch ein anderes Wort verwenden könnte.
Kreuzen Sie nun an, wie intensiv Sie gerade jedes Gefühl erleben! Je stärker das Gefühl ist, desto
weiter rechts machen Sie das Kreuz.
Nicht
vorhanden
Abneigung
Ärger
Neid
Langeweile
Angst
Unruhe
Traurigkeit
Sehnsucht
Scham
Schuldgefühl
Freude
Stolz
Mitgefühl
Zuneigung
Überraschung
Sehr
stark
vorhanden
A39
Im Augenblick…
Trifft
überhaupt
nicht zu
Trifft vollkommen zu
…ist mir zum Weinen zumute.
…bin ich fröhlich.
…ist alles anstrengend für mich.
…habe ich das Gefühl, dass
andere Leute mich nicht leiden
können.
Bitte beschreiben Sie, was sie während des Spiels gedacht und gefühlt haben. Markieren Sie dazu
die Stelle auf der Linie mit einem Kreuz, die am besten widerspiegelt, wie gut die Aussage auf Sie
zutrifft.
Während des Spiels…
konnte ich mir die Umgebung gut
vorstellen
konnte ich mir das Wetter gut
vorstellen
konnte ich mir die Persönlichkeit
der anderen Spieler gut
vorstellen
konnte ich mir gut vorstellen was
die anderen Spieler sagen
würden
Trifft
überhaupt
nicht zu
Trifft vollkommen zu
A40
Während des Spiels…
Trifft überhaupt nicht zu
Trifft vollkommen zu
wurde ich von meinen
Mitspielern fair behandelt
konnte ich mir die Emotionen der
anderen Spieler gut vorstellen
bekam ich den Ball genauso oft
zugespielt wie die anderen
Mitspieler
konnte ich vergessen, dass ich
nur ein Computerspiel spiele
fühlte ich mich im allgemeinen
den anderen Menschen in
meiner Ballwurfgruppe zugehörig
Wie oft haben Sie ungefähr den
Ball erhalten?
mal
Was würden Sie jetzt am Liebsten tun?
Bitte geben Sie nun an, wie gerne Sie die unten angegebenen Verhaltensweisen jetzt, in diesem
Augenblick, zeigen würden. Es ist möglich, mehrere Verhaltensweisen gleichzeitig zeigen zu wollen.
Trifft
überhaupt
nicht zu
Ich würde gerne die Regeln selbst
bestimmen.
Ich würde die anderen gerne
besser kennenlernen.
Ich würde mich gerne bei den
anderen entschuldigen.
Ich möchte mich nicht mit den
anderen unterhalten.
Trifft vollkommen zu
A41
Trifft
überhaupt
nicht zu
Ich würde die anderen gerne
fragen, was sie jetzt vorhaben.
Ich würde gerne etwas mit den
anderen unternehmen.
Ich wäre jetzt lieber alleine.
Ich würde mich gerne mit den
anderen über das Spiel streiten.
Ich weiß nicht, was ich jetzt
gerne tun würde.
Ich möchte mit den anderen
lieber nichts mehr zu tun haben.
Ich würde den anderen gerne
andere Regeln vorschlagen.
Ich würde gerne mit den anderen
über das Spiel diskutieren.
Ich wäre lieber woanders.
Ich würde den anderen am
Liebsten meine Meinung sagen.
Ich würde mich gerne bei den
anderen bedanken.
Ich würde den anderen gerne
meinen Standpunkt darlegen.
Trifft vollkommen
zu
A42
KONTAKT
Katrin Keßler
Dipl.-Psych.
Psychologisches Institut
Hauptstraße 47-51
69117 Heidelberg
Wenn Sie an dieser Studie teilnehmen
möchten, melden Sie sich jetzt unter:
[email protected]
oder unter
06221-547747
Zwischenmenschliche
Aspekte psychischer
Gesundheit
DEUTSCHLAND – CHILE
ein Vergleich
Machen Sie mit!
A43
Das Deutsch-Chilenische Promotionskolleg sucht in
Zusammenarbeit mit der klinischen Abteilung des
Psychologischen Instituts der Universität Heidelberg
nach Teilnehmerinnen, die sich bereit erklären, bei
einer wissenschaftlichen, psychologischen Studie
mitzumachen.
WER kann teilnehmen?
Depressive Frauen ab 18 Jahren mit einer leichten bis
mittelgradig diagnostizierten Depression.
WER kann NICHT teilnehmen?
Patientinnen mit einer schweren, depressiven Episode
mit psychotischer Symptomatik, einer bipolaren Störung,
einer psychotischen oder dementiellen Erkrankung, einer
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung oder
schwerem Suchtmittelgebrauch (Alkohol, andere
Drogen).
WORUM geht es in dieser Studie?
Das Deutsch-Chilenische Promotionskolleg forscht zum
Thema „Gruppenarbeit in verschiedenen Kulturen“. Es
wird eine deutsche und eine chilenische Stichprobe
depressiver Patientinnen untersucht.
WAS müssen die Teilnehmerinnen machen?
Pro Termin werden 3 Studienteilnehmerinnen zunächst
individuell einige Fragebögen zum Thema Depression
und Verhalten in sozialen Situationen ausfüllen und
anschließend gemeinsam ein kurzes, einfaches Spiel am
Computer spielen.
WIE LANGE dauert die Studie?
ca. 90 Minuten. Das kommt auf die individuelle
Bearbeitungsdauer der Fragebögen an.
WANN findet die Studie statt?
Da immer 3 Studienteilnehmerinnen gemeinsam
kommen, werden individuelle Termine ausgemacht, die
meistens gegen Abend in den Räumen des ZPP
Heidelberg stattfinden werden. Wenn Sie teilnehmen
möchten, berücksichtigen wir auch Ihre eigenen
Terminvorschläge.
WAS bekommen die Teilnehmerinnen?
Jede Teilnehmerin dieser wissenschaftlichen Studie
erhält
eine Aufwandsentschädigung von 10 Euro.
Ihre Daten werden selbstverständlich streng
vertraulich behandelt und nur in anonymisierter Form
für wissenschaftliche Zwecke verwendet.
A44
Kontakt
Katrin Keßler
Dipl.-Psych.
Psychologischen Institut
Hauptstraße 47-51
69117 Heidelberg
Melden Sie sich bitte unter:
Email: [email protected]
Tel: 06221-547747
Wenn Sie weibliche, depressive Patientinnen
kennen, die sich für diese Studie eignen würden,
geben Sie bitte unser Infomaterial oder
unsere Kontaktdaten an diese weiter.
Gerne melden auch wir uns bei den in Frage kommenden
Patientinnen.
Zwischenmenschliche
Aspekte von Depression
Wenn Sie weitere Fragen bezüglich der Erhebung oder
dem Hintergrund der Studie haben,
setzen Sie sich jederzeit mit uns in Verbindung.
Vielen Dank im Voraus für Ihre Hilfe und Bereitschaft,
das Infomaterial weiterzugeben!
DEUTSCHLAND – CHILE
ein Vergleich
THERAPEUTEN INFORMATION
A45
Das Deutsch-Chilenische Promotionskolleg sucht
in Zusammenarbeit mit der klinischen Abteilung
des Psychologischen Instituts der Universität
Heidelberg nach Studienteilnehmerinnen!
Thema der Forschung:
Interkulturelle Aspekte von Depression
(besonders zwischenmenschliche Aspekte, Scham)
Vergleich einer deutschen und chilenischen
Stichprobe Depressiver und Nicht-Depressiver
Fokus dieser Studie:
Der Zusammenhang von Schamempfinden,
Zurückweisungssensibilität und gezeigter, depressiver
Reaktion/Symptomatik in sozialen Ausschlusssituationen
(Die Untersuchung ist von der Ethikkomission bewilligt).
Zielgruppe (Einschlusskriterien):
Volljährige, weibliche, depressive Patientinnen,
als leicht bis mittelgradig depressiv diagnostiziert.
(Diagnosen: F32, F33, F34.1, F43.2)
Zu erhebende Stichprobengröße: 24 Patientinnen
Ausschlusskriterien:
- aktuelle Suizidalität
- schwere depressive Episode mit psychotischer
Symptomatik (F 32.3, F 33.3)
- Bipolare Störung (F 31.x)
- Psychotische Erkrankung (F 2x.x)
- Schwerer Suchtmittelgebrauch ((F1x), außer F1x.1)
- Dementielle Erkrankung (F0x.x)
- Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (F60.3)
Ablauf der Studie:
- Zur Erhebung kommen immer 3 Teilnehmerinnen
gleichzeitig. Allen wird gesagt, es handele sich um eine
Studie zu Gruppenarbeit in verschiedenen Kulturen
- 1. Teil (individuell): Einmaliges Ausfüllen
verschiedener Fragebögen zum Thema Depression/
Verhalten in sozialen Situationen, u.a. BSI, BDI-II, ADS
(Allgemeine Depressionsskala), RSQ (Rejection
Sensitivity Questionnaire), IIM (Inventar zur Erfassung
interpersonaler Motive), PVQ (Portraits Value
Questionnaire), TOSCA (Test of Self-Conscious Affect)
- Vor (und nach) der experimentellen Manipulation
wird die aktuelle Depressivität /das aktuelle
Schamempfinden erfasst
- 2. Teil (gemeinsam): Die Teilnehmerinnen spielen
gemeinsam über 3 miteinander verbundene Laptops
ca. 5 min ein einfaches Computerspiel namens
„Cyberball“ (Ball zuwerfen und fangen). Die Avatare
sind jedoch computergesteuert und die Wurfsequenzen
vorab festgelegt. Es gibt eine (soziale) Inklusions- und
eine Exklusionsbedingung.
- Aufklärung: Im Anschluss an das Spiel „Cyberball“
werden alle Teilnehmerinnen über den eigentlich
Zweck der Untersuchung aufgeklärt und es wird
aufgelöst, dass das Computerspiel manipuliert war.
Weiterhin wird auch die Möglichkeit eines ausführlichen
Nachgesprächs angeboten.
Rahmenbedingungen der Studie:
- Dauer: ca. 90 Minuten. Das kommt auf die individuelle
Bearbeitungsdauer der Studie an.
- Termine: Da immer 3 Teilnehmerinnen gemeinsam
kommen, werden individuelle Termine ausgemacht, die
meist gegen Abend stattfinden werden. Wenn möglich,
werden auch Terminvorschläge der Patientinnen
berücksichtigt.
- Räumlichkeiten: Die Erhebung wird in Räumlichkeiten
des ZPP Heidelberg stattfinden.
- Entlohnung: Jede Studienteilnehmerin erhält als
Aufwandsentschädigung 10 €.
Anliegen:
Es sollen insgesamt 24 leicht bis mittelgradig
depressive Patientinnen in Deutschland erhoben
werden. Diese Erhebung findet im Rahmen einer
Doktor- bzw. Master-arbeit statt. Mit Ihrer Hilfe und
Erlaubnis, Patientinnen für diese Studie anzuwerben,
unterstützen Sie die wissen-schaftliche
Depressionsforschung der Uni Heidelberg.
Alle erhobenen Daten werden selbstverständlich streng
vertraulich behandelt und nur in anonymisierter Form für
wissenschaftliche Zwecke verwendet.
A46
Universität Heidelberg Dipl.-Psych. Katrin Keßler Psychologisches Institut
Hauptstr.47-51 69117 Heidelberg
EINWILLIGUNGSERKLÄRUNG
Titel der Studie: Gruppenarbeit in verschiedenen Kulturen
Leiterin: Dipl.-Psych. Katrin Keßler
Hiermit erkläre ich, dass ich durch ___________________________ mündlich
über die wissenschaftliche Untersuchung informiert wurde und ausreichend
Gelegenheit hatte, meine Fragen hierzu in einem Gespräch zu klären. Mir ist
bekannt, dass meine Teilnahme an dieser Studie freiwillig ist und ich meine
Einwilligung dazu jederzeit und ohne Angabe von Gründen zurückziehen kann.
Ferner kann ich einer Weiterverarbeitung meiner Daten jederzeit widersprechen
und ihre Löschung bzw. Vernichtung verlangen. Ich bin bereit, an dieser
wissenschaftlichen Studie teilzunehmen und stimme der anonymisierten
Verarbeitung und Veröffentlichung meiner Angaben zu.
Name (bitte in Druckschrift):
________________________________
Datum:
________________________________
Unterschrift:
________________________________
Aufklärender Psychologe: ________________________________
Ich bin damit einverstanden, sechs Monate nach Abschluss der Studie
telefonisch für ein kurzes Interview kontaktiert zu werden und hinterlasse zu
diesem Zweck meine Telefonnummer (bevorzugt) oder Email-Adresse.
⃝ JA, meine Telefonnummer ist:_________________________________
⃝ JA, meine Emailadresse ist:__________________________________
⃝ NEIN, ich möchte nicht kontaktiert werden.
Dipl.-Psych. Katrin
Keßler
Psychologisches
Institut
Hauptstraße 47-51
69117 Heidelberg
Tel.:
+49(0)6221/547747
Email:
[email protected]
ologie.uniheidelberg.de
AE Klinische
Psychologie und
Psychotherapie
A47
Universität Heidelberg Dipl.-Psych. Katrin Keßler Psychologisches Institut
Hauptstr.47-51 69117 Heidelberg
AUFKLÄRUNG
Liebe Teilnehmerin,
wie Sie vielleicht bemerkt haben, war das Online-Spiel nicht fair. Sie bekamen den Ball deutlich seltener
zugespielt als ihre beiden Mitspielerinnen. Warum das so war, wird Ihnen weiter unten erklärt. Zunächst
möchten wir Sie nun ausführlich darüber informieren, wofür wir uns im Rahmen dieser Studie interessieren.
Bei diesem Teilprojekt der Studie „Teamwork in verschiedenen Kulturen“ geht es unter anderem darum, zu
erfahren, was es bedeutet, aus einer (Arbeits-)Gruppe ausgeschlossen zu werden und wie sich ein solcher
Ausschluss auf verschiedene psychologische Merkmale, wie beispielsweise die Stimmung oder verschiedene
Gefühle, auswirkt.
Zu den zentralen Fragestellungen gehört, ob Menschen in verschiedenen Kulturen unterschiedlich reagieren,
wenn Sie aus einer (Arbeits-)Gruppe ausgeschlossen werden und ob dies zu unterschiedlichen Gefühlen und
Verhaltensweisen führt. So können wir besser verstehen, welchen Einfluss unsere kulturellen Erfahrungen auf
die Entwicklung von psychischen Erkrankungen (oder Vorläufern davon) hat.
Um dies zu untersuchen war es nötig, bei einigen Teilnehmern einen Ausschluss auf der Gruppe zu simulieren.
Das Spiel Cyberball, das sie soeben gespielt haben, ist kein Online-Spiel, sondern simuliert nur ein solches. Ihre
„Mitspieler“ waren nicht die anderen Teilnehmer am Experiment, sondern computergesteuert und es war von
vorne herein festgelegt, wie oft sie den Ball zugespielt bekommen. Die Computer in diesem Raum sind nicht
miteinander vernetzt. Ihre Gruppenmitglieder bekamen den Ball genauso oft bzw. selten zugespielt wie Sie. Sie
wurden also NICHT von den anderen Teilnehmern am Experiment aus der Gruppe ausgeschlossen.
Sie wurden per Zufall der Gruppe an Teilnehmerinnen zugelost, bei der alle drei Teilnehmerinnen
gleichermaßen aus der Ballspielgruppe ausgeschlossen wurden.
Um die Situation für alle Teilnehmerinnen möglichst realistisch zu gestalten, war es nötig, Sie nicht vorab über
den wahren Untersuchungszweck vollständig aufzuklären.
Im weiteren Verlauf wird es keine gemeinsame Gruppenaufgabe geben, die Untersuchung ist hiermit beendet.
Falls Sie noch Fragen zu diesem Experiment haben oder etwas anmerken möchten, stehen Ihnen die
Versuchsleiter jederzeit gerne zur Verfügung. Bitte denken Sie daran, dass Sie auch weiterhin jederzeit die
Möglichkeit haben, der Auswertung ihrer Daten ohne Angabe von Gründen zu widersprechen. Wir bedanken
A48
uns sehr herzlich für Ihre Teilnahme an dieser Studie. Ihre Angaben helfen uns, besser zu verstehen, wie die
Ausgrenzung aus einer Gruppe mit psychologischen Merkmalen wie z.B. Stimmung in verschiedenen Kulturen
zusammenhängt.
Diese schriftliche Aufklärung wird getrennt von den Daten aufbewahrt. Ich habe diese Aufklärung aufmerksam
gelesen und eine Kopie erhalten.
Heidelberg, den ___________________________
__________________________________
Unterschrift
Ich bin an einer Rückmeldung über meine individuellen Werthaltungen interessiert. Bitte schicken Sie mir diese
per Email zu.
Meine Email-Adresse ist: __________________________________________________________________
A49
Universität Heidelberg Dipl.-Psych. Katrin Keßler Psychologisches Institut
Hauptstr.47-51 69117 Heidelberg
AUFKLÄRUNG
Liebe Teilnehmerin,
An dieser Stelle möchten wir Sie ausführlich darüber informieren, wofür wir uns im Rahmen dieser Studie
interessieren.
Bei diesem Teilprojekt der Studie „Teamwork in verschiedenen Kulturen“ geht es unter anderem darum, zu
erfahren, was es bedeutet, aus einer (Arbeits-)Gruppe ausgeschlossen zu werden und wie sich eine solche
Ausgrenzung auf verschiedene psychologische Merkmale, wie beispielsweise die Stimmung oder verschiedene
Gefühle, auswirkt.
Zu den zentralen Fragestellungen gehört, ob Menschen in verschiedenen Kulturen unterschiedlich reagieren,
wenn Sie aus einer (Arbeits-)Gruppe ausgeschlossen werden und ob dies zu unterschiedlichen Gefühlen und
Verhaltensweisen führt. So können wir besser verstehen, welchen Einfluss unsere kulturellen Erfahrungen auf
die Entwicklung von psychischen Erkrankungen (oder Vorläufern davon) hat.
Um dies zu untersuchen war es nötig, bei einigen Teilnehmern eine Ausgrenzung aus der Gruppe zu simulieren,
bei anderen nicht.
Das Spiel Cyberball, das sie soeben gespielt haben, ist kein Online-Spiel, sondern simuliert nur ein solches. Ihre
„Mitspieler“ waren nicht die anderen Teilnehmer am Experiment, sondern computergesteuert und es war von
vorne herein festgelegt, wie oft sie den Ball zugespielt bekommen. Die Computer in diesem Raum sind nicht
miteinander vernetzt. Ihre Gruppenmitglieder bekamen den Ball genauso oft bzw. selten zugespielt wie Sie.
Sie wurden per Zufall der Gruppe an Teilnehmerinnen zugelost, bei der alle drei Teilnehmerinnen gleich oft den
Ball erhielten und niemand aus der Ballspielgruppe ausgeschlossen wurde.
Um die Situation für alle Teilnehmer möglichst realistisch zu halten, war es nötig, Sie nicht vorab über den
wahren Untersuchungszweck vollständig aufzuklären.
Im weiteren Verlauf wird es keine gemeinsame Gruppenaufgabe geben, die Untersuchung ist hiermit beendet.
Falls Sie noch Fragen zu diesem Experiment haben oder etwas anmerken möchten, stehen Ihnen die
Versuchsleiter jederzeit gerne zur Verfügung. Bitte denken Sie daran, dass Sie auch weiterhin jederzeit die
Möglichkeit haben, der Auswertung ihrer Daten ohne Angabe von Gründen zu widersprechen. Wir bedanken
uns sehr herzlich für Ihre Teilnahme an dieser Studie. Ihre Angaben helfen uns, besser zu verstehen, wie die
A50
Ausgrenzung aus einer Gruppe mit psychologischen Merkmalen wie z.B. Stimmung in verschiedenen Kulturen
zusammenhängt.
Diese schriftliche Aufklärung wird getrennt von den Daten aufbewahrt. Ich habe diese Aufklärung aufmerksam
gelesen und eine Kopie erhalten.
Heidelberg, den ___________________________
___________________________________
Unterschrift
Ich bin an einer Rückmeldung über meine individuellen Werthaltungen interessiert. Bitte schicken Sie mir diese
per Email zu.
Meine Email-Adresse ist: __________________________________________________________________
A51
Herzlich willkommen...
...zum zweiten Teil der Studie zu den Auswirkungen von Gruppenarbeit auf die
seelische Befindlichkeit!
Im Folgenden werden Sie gemeinsam mit den anderen beiden Teilnehmern ein kurzes
Ballspiel am Computer spielen. Das funktioniert ganz einfach: wenn Sie den Ball
zugespielt bekommen, klicken Sie auf den Namen desjenigen Spielers, zu dem Sie den
Ball spielen möchten. Insgesamt dauert das Spiel nur ca. 5 Minuten. Die Computer in
diesem Raum sind über ein eigenes kleines Netzwerk miteinander verbunden und es ist
wichtig, dass Sie sich vor Beginn des Spiels noch einmal verdeutlichen, welcher
Teilnehmer der Studie welchen Spieler im Spielfeld repräsentiert.
Sie sind der Spieler mit der Nummer 1. Der Teilnehmer links ist der Spieler mit der
Nummer 2, der Teilnehmer rechts ist Spieler 3.
Die Figuren im Spiel und der Hintergrund sind absichtlich ganz neutral gehalten. Ihre
Aufgabe ist es, sich während des Spiels vorzustellen, wie es wäre, im richtigen Leben
mit den beiden anderen Studienteilnehmern Ball zu spielen. Wo würde dieses Spiel
stattfinden? Drinnen oder draußen? Wie sähe die Umgebung aus? Wie wäre das Wetter?
Worüber würden Sie sich unterhalten? Was würden Sie denken oder sagen? Im Anschluss
an das Ballspiel erhalten Sie einen kurzen Fragebogen, auf dem Sie ihre gedanklichen
Vorstellungen während des Spiels beschreiben sollen.
Da dieser Raum leider nicht schallisoliert ist, tragen Sie Kopfhörer, damit sie nicht durch
Geräusche von draußen gestört oder abgelenkt werden.
Wenn Sie noch Fragen haben, dann stellen Sie diese bitte jetzt. Warten Sie auch ab, ob
die anderen Teilnehmer noch Fragen haben. Bitte klicken Sie erst auf "SPIEL STARTEN",
wenn der Studienleiter Sie dazu auffordert.
A52
LE
Auf den folgenden Seiten werden verschiedene Ereignisse aufgeführt, die Menschen manchmal widerfahren.
Diese Ereignisse betreffen ganz unterschiedliche Lebensbereiche und können sowohl positiv als auch negativ
sein.
Bitte geben Sie jeweils an, ob Sie das aufgeführte Ereignis in den letzten 6 Monaten erlebt haben. Falls Sie für
ein Ereignis "ja" angekreuzt haben, werden Sie in einigen Fällen gebeten, nähere Angaben zu machen.
Antworten Sie jeweils so, wie es für Sie persönlich am Besten zutrifft.
Beginn einer intimen Beziehung
ja
Tod des (Ehe)partners
ja
Verlobung
ja
Scheidung der Eltern
ja
Heirat
(Wieder)verheiratung eines Elternteils
ja
ja
mit Ihrem Einverständnis
gegen Ihr Einverständnis
(Zeitweilige) Trennung vom (Ehe)partner
ja
Tod eines Familienmitglieds
aufgrund äußerer Gegebenheiten (z.B.
Fernbeziehung)
aufgrund von Beziehungsproblemen auf
eigenen Wunsch
aufgrund von Beziehungsproblemen auf
Wunsch des Partners
aufgrund von Beziehungsproblemen in
gegenseitigem Einvernehmen
Scheidung
ja
eigenes Kind
Elternteil
Geschwister
anderes Familienmitglied
Tod eines nahen Freundes
ja
ja
Kinder verlassen das Elternhaus
auf eigenen Wunsch
auf Wunsch des Partners
in gegenseitigem Einvernehmen
ja
aufgrund äußerer Gegebenheiten (z.B.
Beginn einer Ausbildung)
aufgrund familiärer Probleme
Änderungen in der Häufigkeit der
Auseinandersetzungen mit dem (Ehe)partner
Ärger mit der angeheirateten Verwandschaft
ja
weniger Auseinandersetzungen
mehr Auseinandersetzungen aufgrund
eigener Unzufriedenheit
mehr Auseinandersetzungen aufgrund
von Unzufriedenheit des Partners
Aussöhnung mit dem (Ehe)partner
ja
ja
Schwangerschaft
ja
gewollt
ungewollt
A53
Schwangerschaftsabbruch
Regelmäßige Einnahme von Psychopharmaka
ja
ja
durch Fehlgeburt
durch Abtreibung
Antidepressivum
Neuroleptikum
Beruhigungsmittel/Schlafmittel
Sonstiges
Familienzuwachs
ja
Suizid oder Suizidversuch in der Familie oder im
Freundeskreis
Geburt eines Kindes
Adoption eines Kindes
Geburt eines Enkelkindes
Sonstiges
ja
eigener Suizidversuch
Suizid oder Suizidversuch in der Familie
Suizid oder Suizidversuch im
Freundeskreis
Ende einer Freundschaft
ja
auf Ihren Wunsch hin
auf Wunsch des Freundes/der Freundin
hin
in gegenseitigem Einvernehmen
aufgrund äußerer Gegebenheiten (z.B.
Umzug)
Sexuelle Schwierigkeiten
ja
Verlust des Arbeitsplatzes
ja
Änderung
im
Gesundheitszustand
Familienangehörigen
eines
eigene Kündigung
Kündigung des Arbeitgebers
gegenseitige Auflösung des
Arbeitsvertrags
ja
Verschlechterung des
Gesundheitszustandes
Verbesserung des Gesundheitszustandes
Mobbing
ja
Eigene (behandlungsbedürftige) Krankheit oder
Verletzung
ja
Eintritt in den Ruhestand
ja
Psychische Erkrankung in der Familie
ja
Erhebliche Einkommensänderung des Haushalts
ja
Sie selbst sind betroffen
ein Haushaltsmitglied ist betroffen
ein anderes Familienmitglied oder ein
enger Freund ist betroffen
Diagnose einer depressiven Erkrankung
deutlich weniger Einkommen
deutlich mehr Einkommen
Geschäftliche Veränderung
ja
zum eigenen Vorteil
zum eigenen Nachteil
ja
Aufnahme einer Psychotherapie
Veränderung im beruflichen
Verantwortungsbereich
ja
Verhaltenstherapie
tiefenpsychologisch fundierte
Psychotherapie
Psychoanalyse
sonstige Therapieform
ja
mehr Verantwortung
weniger Verantwortung
gleichbleibende Verantwortung in
anderem Bereich
A54
Berufs- oder Arbeitsplatzwechsel
Beginn oder Ende der Berufstätigkeit des
(Ehe)partners
ja
auf eigenen Wunsch
auf Wunsch anderer
ja
Beginn der Berufstätigkeit
Ende der Berufstätigkeit
Beförderung am Arbeitsplatz
Änderung der Arbeitszeit und/oder der
Arbeitsbedingungen
ja
Eine erwartete Beförderung wurde nicht gewährt
ja
subjektive Verschlechterung
subjektive Verbesserung
ja
Degradierung am Arbeitsplatz
ja
Schulbeginn oder –abschluss
ja
Versetzung am Arbeitsplatz
ja
Schulwechsel
ja
Ablehnung einer beruflichen Bewerbung
ja
Durchfallen durch eine Prüfung
ja
aufgrund eigenen Verschuldens
aufgrund von empfundener oder
tatsächlich vorhandener Ungerechtigkeit
aufgrund persönlicher Unstimmigkeiten
aufgrund äußerer Gegebenheiten
Sonstiges
Ärger mit dem Vorgesetzten
ja
aufgrund eigenen Verschuldens
aufgrund von empfundener oder
tatsächlich vorhandener Ungerechtigkeit
aufgrund persönlicher Unstimmigkeiten
aufgrund äußerer Gegebenheiten
Sonstiges
Änderung der schulischen Leistung
ja
Verschlechterung durch eigenes
Verschulden
Verschlechterung durch Verschulden
anderer
Verbesserung der Leistung
Ärger mit den Kollegen
ja
aufgrund eigenen Verschuldens
aufgrund von empfundener oder
tatsächlich vorhandener Ungerechtigkeit
aufgrund persönlicher Unstimmigkeiten
aufgrund äußerer Gegebenheiten
Sonstiges
Änderung des Lebensstandards
ja
subjektive Verbesserung des
Lebensstandards
subjektive Verschlechterung des
Lebensstandards
Ärger mit Angestellten oder Untergebenen
ja
Änderung persönlicher Gewohnheiten
aufgrund eigenen Verschuldens
aufgrund von empfundener oder
tatsächlich vorhandener Ungerechtigkeit
aufgrund persönlicher Unstimmigkeiten
aufgrund äußerer Gegebenheiten
Sonstiges
ja
Großer persönlicher Erfolg
ja
A55
Wichtige Entscheidung bzgl. der näheren Zukunft
Zurückweisung oder Ablehnung eines persönlich
wichtigen Anliegens/Wunschs
ja
ja
Umzug
durch den Partner
durch Familienangehörige/Freunde
durch Vorgesetzte
durch Kollegen
durch andere Personen
ja
auf eigenen Wunsch
auf Wunsch anderer (z.B. Kündigung
durch den Vermieter)
aufgrund äußerer Gegebenheiten (z.B.
Versetzung)
Aufnahme eines Kredits
ja
Abweisung eines Mietgesuchs
über 10 000 Euro
unter 10 000 Euro
ja
Kündigung eines Darlehens
Änderung der politischen Überzeugungen
ja
ja
Ablehnung eines Antrags auf Kredit
Änderung der gesellschaftlichen Gewohnheiten
ja
ja
Finanzielle Schwierigkeiten
Änderung der kirchlichen/religiösen
Gewohnheiten
ja
ja
Anschaffung
Änderung der Freizeitgewohnheiten
ja
subjektiv große Anschaffung
subjektiv moderate Anschaffung
ja
Änderung der Schlafgewohnheiten
ja
Verlust oder Beschädigung von Eigentum
ja
durch eigenes Verschulden
durch Verschulden anderer Personen
durch äußere Umstände
Änderung der Essgewohnheiten
ja
Geringfügige Gesetzesübertretungen
Urlaub
ja
ja
geahndet
nicht geahndet
Androhung von Insolvenz, Zwangsvollstreckung
oder Zwangspfändung
ja
Insolvenz
Zwangsvollstreckung
Zwangspfändung
A56
Haftstrafe
ja
Opfer eines Verbrechens
ja
Gewaltdelikt
Sexualdelikt
anderes Delikt
Opfer sexueller Belästigung
ja
Opfer von Diskriminierung
ja
aufgrund der Ethnie
aufgrund des Geschlechts
aufgrund des Alters
aufgrund sozioökonomischer Faktoren
(Bildung, Einkommen, Berufsstatus)
aufgrund einer Behinderung
aufgrund anderer Faktoren
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