Krauskopf Ueberlegungen zur zeitlichen Diskrepanz 1995

Krauskopf Ueberlegungen zur zeitlichen Diskrepanz 1995
Originalveröffentlichung in: Vaisselle métallique - vaisselle céramique. Rencontre d'études sur les vases étrusques, Nantes Mai 1994,
Revue des études anciennes 97, 1995, S. 77-87
ÜBERLEGUNGEN ZUR ZEITLICHEN DISKREPANZ ZWICHEN
METALLGEFÄSSEN UND IHREN NACHBILDUNGEN IN TON
Ingrid KRAUSKOPF *
Resume. — Les pateres ä anses anthropomorphes et les cruches ä bec de forme biconique
(Beazley forme VI) de la « ceramica dorata » apulienne (2emc moitie du IV° siecle - debut du
III0 siecle avant J .-C.) composent souvent un « Service » probablement utilise pour le rituel
lavage des mains. Les deux formes imitent les recipients de bronze qui avaient ete trouves dans
les tombes de la meme zone, mais qui sont plus vieux d'un siecle au moins. Pour tenter
d'expliquer ce decalage, la discussion portera sur quatre points : 1 - Conservation et usage
continuel des vases rituels dans les sanctuaires (par ex. chaudrons avec attaches de griffons) ;
2 - Longue utilisation des moules dans le meme atelier (par ex. rhyta de la Grande-Grece ä tetes
d'animaux); 3 - Presence, dans les zones peripheriques de formes anciennes imitees avec ajouts
de details plus modernes (par ex. «l'amphore - situle » de Derveni) ; 4 - Reutilisation
intentionnelle de modeles classiques (par ex. moules et estampilles des V°/IVe siecles en periode
hellenistique). Aucun de ces exemples ne peut etre applique au cas de la « ceramica dorata » et
de ses modeles en bronze avec des resultats vraiment satisfaisants. La vaisselle de bronze auraitelle pu etre utilisee par les familles pour les rituels prives pendant plus de 100 ans ? Ou bien
n'est-il pas du tout extraordinaire que la vaisselle metallique ait ete preservee et utilisee durant
une teile periode de temps.
Abstract. — Paterae with anthropomorphous handles and beaked jugs of biconical shape
(Beazley shape VI) of the Apulian « ceramica dorata » (2nd half of 4"1 - early 3rd c. B.C.) often
form a « set» probably used for the ritual washing of hands. Both shapes imitate bronze vessels,
which have been found in tombs of the same area, but are not of the same period ; they are at
least 100 years older. In an attempt to explain the time lag, four models will be discussed :
1. Preservation and continual use of ritual vases in sanctuaries (e.g. cauldrons with griffin
attachments), 2. moulds used for a very long time within the same Workshop (e.g. West Greek
rhyta in the form of animal heads), 3. old-fashioned shapes still imitated and combined with
more modern details in peripheral areas (e.g. the «amphora-situla » from Derveni),
4. intentional reuse of classic models (e.g. moulds and casts of the 5lh/4lh Century in the
Hellenistic period). None of these models con be applied to the case of ceramica dorata and its
bronze models with really satisfactory results. Might it be possible, that the bronze vessels had
been in family use for private rituals for more than 100 years ? Or is it not at all extraordinary,
that metal vessels have been preserved and used for such period of time ?
* Archäologisches Institut, Heidelberg.
REA,T. 97,
1995,n» 1-2, p. 77 ä 87.
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REVUE DES ETUDES
ANCIENNES
Ehe ich beginne, möchte ich herzlich danken für die Einladung, meine Überlegungen zur
zeitlichen Diskrepanz zwischen Bronzeoriginalen und Ton-Nachbildungen hier vorzutragen. Ich
bin dafür besonders dankbar, da es sich nicht um eine abgeschlossene Studie handelt, sondern
eben um Überlegungen, die noch erweitert und vertieft werden sollen, wofür ich mir hier von so
vielen Spezialisten anregende Kritik und Hinweise erwarte. Ich werde mich nicht auf Etrurien
beschränken können, da ich gerade dort noch zu wenig Material für meine Untersuchung
gefunden habe - ich werde darauf zurückkommen.
Für Archäologen ist die Kombination von Fundobjekten in Gräbern eines der wichtigsten
Hilfsmittel beim Datieren. Natürlich wissen wir alle, daß nicht alles, was sich in einem Grab
befindet, gleichzeitig entstanden sein muß1, aber wenn man einen Zeitraum von 20-30 Jahren für
die Objekte ansetzt, glaubt man im allgemeinen, das Problem in den Griff bekommen zu haben.
Daß es immer wieder Ausnahmen, d. h. wesentlich ältere Objekte, gibt, ist ebenfalls
bekannt. Meistens erkennt man sie schnell und muß ebenso schnell einsehen, daß die Gründe für
die Deponierung solcher altertümlichen Gegenstände in einem jüngeren Grab privater Art
gewesen sein müssen und für uns nicht mehr nachvollziehbar sind. Um nicht zu theoretisch zu
bleiben, möchte ich wenigstens ein besonders krasses Beispiel nennen : In Grab 169 der CertosaNekropole von Bologna, das nach seinen Beigaben ins 1. Viertel des 5. Jhs. datiert werden kann,
fand sich ein « protokorinthischer » Aryballos einer westgriechischen Werkstatt, vielleicht aus
Pithekusai oder Kyme, der nicht später als Ende des 8. Jhs. datiert werden kann2. Er ist also mehr
als 200 Jahre älter als die anderen Objekte des Grabes. Man kann sich einen ganzen Roman
ausdenken über das Schicksal dieses Aryballos, wissenschaftlich klären kann man den Fall
nicht.
Als ich vor etwa zehn Jahren bei anderer Gelegenheit 3 eine Kanne mit aufgesetzter, gnathiaähnlicher Bemalung (Abb.l) vorstellte, die genau abgeformt ist von einer mehr als 100 Jahre
älteren etruskischen Bronzeschnabelkanne mit Bauchknick und einer Sirenenattasche (Abb. 2)
am unteren Henkelansatz 4 glaubte ich zunächst, daß es sich um einen ähnlichen Fall handle wie
bei dem Aryballos aus Bologna. Den erklärenden Roman müßte man dahingehend präzisieren,
daß die etruskische Kanne wohl ein aus irgendeinem Grund ehrwürdiges Familienerbstück war,
das man abformen ließ, um es gewissermaßen zugleich dem Toten ins Grab mitgeben und in der
Familie weitervererben zu können.
Inzwischen habe ich bemerkt, daß dieser Roman nicht ganz richtig sein kann, insofern
nämlich, als es sich um gar keinen Ausnahmefall handelt. Die Kanne trägt eine messapische
1. OTA. Es werden folgende zusätzlich(Abb.e Abkürzungen benutzt:
DE PAL MA, G. 1989. — « L a ceramica dorata in area apula. Contributo al problema delle ceramiche di imitazione
metallica », Taras 9 : 7-94.
KRAUSKOPF, I. 1984. — « Terrakotta-Imitationen der Bronzekannen der Form Beazley VI. in Athen, Westgriechenland und
Etrurien », in : Ancient Greek and Related Pottery. Proeeedings of the International Vase Symposium Amsterdam 1984, p. 83-87.
Principi 1992 : Principi imperatori vescovi. Duemila anni di storia a Canosa. A cura di R. Cassano. Cat. mostra Bari, 1992
(Venezia, 1992).
Überlegungen zum längeren Gebrauch gerade von Bronzegefaßen vor ihrer Deponierung im Grab (deutlich vor allem bei
reparierten Gegenständen) : V. BEL L EL L I, in : Miscellanea Etruscol ta
l ica
I (= Quaderni di Archeol ogia Etruscoll
ta ica
22,
C N R S 1993) 101.
2. M. MARTEL L I, StudUrb (Ser. B) 55, 1981/82, 73-78.
3.1. KRAUSKOPF, 1984,87 Abb. 4. Die Tonkanne Neapel, Mus. Naz, H 2871 war bereits publiziert im CVA Napol i3(\t
24)
IV E T a f . 43 (It. 1100); A. ROCCO, MAAN6, 1942, 4, dort 9-13 zur Gattung.
4. Bauchknick-Kannen mit Sirenenattaschen : KRAUSKOPF, 1984, 86 Abb. 3 mit vorhergehender L it. in Anm. 28. Seitdem :
M. CRISTOFANI, SE 51, 1983, 273 REE Nr. 179 ; S. HAYNES, Emiscan Bromes (1985) 285 Nr. 108 Taf. 187.
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ÜBERLEGUNGEN ZUR ZEITLICHEN DISKREPANZ
Inschrift 5 ; sie stammt also aus dem südlichsten Teil des heutigen Apulien und kann kaum vor
der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. entstanden sein. Etwas weiter nördlich, in einem relativ begrenzten
Gebiet zwischen Canosa und Melfi, begann zur selben Zeit die Produktion der « ceramica
dorata », deren gelber Überzug ganz offensichtlich Metall, Bronze oder Gold, imitiert6. Die
beiden Hauptformen dieser Keramik sind erstens Tonkannen der Form Beazley VI (Abb. 4-9,
15-16), also desselben Typus, der in der Toreutik als Bronzeschnabelkanne mit Bauchknick
bezeichnet wird und von dem gerade die Rede war, und zweitens Griffphialen mit einem
anthropomorphen Griff (Abb. 12, 17) Betrachten wir zunächst die letzteren : sie sind nicht nur
in der ceramica dorata hergestellt worden, sondern auch apulisch rotfigurig bemalt. Die beiden
bisher bekannten Exemplare stammen aus der Spätphase dieses Stils7 und sind Einzelstücke wie
die messapische Kanne in N eapel. Die Phiale im Kunsthandel kombiniert mit einem den
Bronzevorlagen entsprechenden Kouros-Griff 8 ein Verbindungsstück zwischen Figur und
Schale, das im Stil der Zeit (spätes 4. Jh.) bemalt ist und dessen Motive eher an klassische
Spiegelgriffe erinnern. Die Schale in Amsterdam folgt getreuer einem Bronze modell ; man
erkennt hier besonders gut die Widder des Verbindungsstücks, die auch bei etwa der Hälfte der
34 mir bekannten Griffphialen der ceramica dorata vorkommen. Deren andere Hälfte besitzt
entweder ein Voluten-Palmettenornament als Verbindungsmotiv, oder der Kopf des Kuros setzt
übergangslos an der Schale an. Alle Varianten — mit Ausnahme der Schale im Kunsthandel —
gehen, wie bereits erwähnt und schon längst erkannt worden war, auf Bronzephialen zurück, die
im letzten Drittel des 6. und dem ersten Drittel des 5. Jhs. in Großgriechenland weit verbreitet
(Abb. 13) und z. T. dort auch hergestellt worden waren9. Daß diese Griffschalen nach mehr als
100 Jahren in Ton imitiert wurden, hat man verschieden zu erklären versucht. Man hat einen
archaistichen Geschmack im Großgriechenland der zweiten Hälfte des 4. Jhs. bemüht, und man
hat an kultische Gründe gedacht10 Daß originale Bronzegriffphialen noch vorhanden waren,
beweist der Fund einer solchen in einem Grab in Timmari aus der 2. Hälfte des 4. Jhs." ein Fund,
den man ohne das Zeugnis der Keramik-Imitationen wohl in die Kategorie der in der privaten
Geschichte des Bestatteten begründeten Ausnahmefälle eingeordnet hätte, für die ich eingangs
den Aryballos aus Bologna als Beispiel angeführt hatte.
Nun ahmen aber nicht nur die Griffphialen, sondern auch die zweite Hauptform der
canosinischen ceramica dorata, die Kannen der Form VI, weitaus ältere Vorlagen nach. Dies ist
weniger deutlich, weil, anders als bei der Kanne in Neapel mit der messapischen Inschrift, keine
5. [ ITTQIKAIAYMA Die Inschrift ist wie die andere Bemalung vor dem Brand aufgesetzt. Für die Bestätigung, daß sie
messapisch ist, danke ich H. Rix.
6. Zu dieser Gattung G. DE PALM A, 1989 ; Eadem in Prin cipi, 1992, 302-309. Ein weiteres aus Kanne und Griffphiale
bestehendes « S e t » in Würzburg (hier Abb. 5-7) wird von Veif. publiziert werden in E. SIM ON und M itarbeiter, « Nachrichten
aus dem M artin-von-Wagner-M useum der Universität Würzburg », AA 1995.
7. Amsterdam, Allard Pierson M useum 3573 : G. SCHNEIDER-HERRM ANN, BVAB 38, 1963, 92-97 Abb. 1-2 ;
A. D. TRENDALL-A. CAM BITOGLOU, The Red-Figured Vases of Apulia II, Oxford, 1982, 1031, 97 ; Kunsthandel New York :
A. D. TRENDALL-A. CAMBITOGLOU, 2^ Suppl. to The Red-Figured Vases of Apulia, part II = BICS Suppl. 6 0 , 1 9 9 2 , 2 8 4 Nr. 721 Taf. 74,4. Für diesen Hinweis danke ich A. KOSSATZ-DEIGM ANN, Würzburg.
8. Der Entenkopf, in den der Griff ausläuft, hat Parallelen nur in Exemplaren der ceramica dorata : DE PALMA, 1989, 37
Nr. 27-28 Taf. 10,3-4 ; eadem in Principi 1992,304 Nr. 1 mit Abb. Diese Entenköpfe sind einer anderen Bronzeform entliehen,
den simpula (DE PALMA, 1989, 76).
9 . Z u d e n B r o n z e - G r i f f p h i a l e n : M . G J 0 D E S E N , AArch
15, 1 9 4 4 ,
1 0 1 - 1 7 4 ; P . A M A N D R Y , MMAI
47,
1953, 5 3 - 7 0 ;
U. JANTZEN, «Griechische Griff-Phialen », Berlin er Win ckelman n sprogramm
114, Berlin, 1958 ; F. G. L o PORTO, Mon AL
(M AAL) ser. miscellanea 1-3 (48), 1973, 201. ; C. ROLLEY, Les bron zes grecs, Fribourg, 1983, 127-129 ; DE PALMA 1989, 74,
Anm. 102 mit weiterer Lit.
10. Lit. zur archaistischen These : DE PALMA 1989, 78 ; kultische Gründe erwägt De Palma, ibidem, s. auch SCHNEIDERHERRM ANN BVAB 37,1962,42-44 und Verf. AA 1995 (Anm. 6).
11. DE PALMA, 1989, 24. Zu noch länger aufbewahrten Exemplaren (Pozzuoli, Nimes) s. GJ0DESEN, art. cit. 133 f.
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Abfo rmungen vo n Bro nzedetails zu erkennen sind. Außerdem gibt es so viele Fo rmvarianten,
daßnicht eine Vorlage bestimmt werden kann, so ndern man eher den Eindruck gewinnt, daß die
Töpfer spontan variierten. Eines aber ist sicher : Sie imitierten nicht die zeitgenössischen
Metallkannen, von denen es in der 2. Hälfte des 4. Jhs. zwei unterschiedliche Gruppen gab : eine
etruskische, für die hier eine Kanne aus der Tomba del Sileno in Sovana als Beispiel stehen soll12
und griechische Kannen, die bis jetzt vor allem aus Gräbern in Makedonien und den
angrenzenden nördlichen und nordöstlichen Gebieten gefunden worden sind13. Beide Gruppen
zeichnen sich durch einen außerordentlich stark hervorgehobenen Bauchknick aus, der nicht nur
sehr scharf geformt ist — bei den « makedonischen » Kannen ist die Schärfe maniriert
übertrieben —, sondern auch noch durch die sich schnell zu einem schmalen, langen Hals hin
verjüngende Schulterpartie unterstrichen wird. Der untere Teil ist bei der etruskischen Gruppe
konkav geschwungen, so daß der Durchmesser am Boden fast dem des Bauches gleicht, bei den
« makedonischen » Exemplaren gerader ; hier ist der Durchmesser am Boden kleiner als am
Knick, was aber nur in dem extrem starken Heraustreiben des Bauchknicks begründet ist.
Dagegen verjüngen sich alle Tonkannen der ceramica dorata (Abb. 4-9, 15-16) zum Boden hin
deutlich14, der Hals ist kürzer und breiter oder wird, wenn überhaupt, erst direkt unter der
Mündung eng. Dies sind aber genau die Charakteristika der früheren etruskischen
Bronzeformen 15 . (Abb. 1-2). Sie finden sich mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit bei fast allen
Formvarianten der « ceramica dorata» -Kannen. Die sehr seltene Variante mit besonders
scharfem Knick, sehr flacher Schulter und engem Hals (Abb. 4) ähnelt trotz all dieser
Charakteristika weniger den Metallkannen des forgeschrittenen 4. Jhs., als westgriechischen,
rotfigurig bemalten Tonkannen (Abb. 3), die ihrerseits Anregungen der Toreutik aufgenommen und
variiert hatten16. Den canosinischen Töpfern waren also wohl die zeitgenössischen Typen der
Bauchknickkannen bekannt, - ob durch Metallkannen oder durch deren Imitationen in der
italiotisch rotfigurigen und der Firniskeramik17, muß offenbleiben. Sie müssen aber auch noch ältere
Typen gekannt haben, und sie haben von ihnen mehr übernommen als von den zeitgenössischen.
12. P. E. ARIAS, NSA 1971, 71 f. Abb. 20-22. Tonimitationen dieser Gruppe mit goldgelbem Überzug wurden in Orvieto
hergestellt (I. DECHIARA, SE34,1966,390-392,
Taf. 81 b-83a; KRAUSKOPF, 1984,87, Abb. 5 ) ; ihre meist etwa plumpen Formen,
immer mit einem extrem hohen Unterteil, weisen keinerlei Beziehung zur canosinischen ceramica dorata auf. Vergleichbar ist
nur die Technik.
13. Zusammengestellt bei M. PFROMMER, JDAI98,
1983, 241-246, Abb. 3 mit früherer L it. Zuletzt : Makedonen, die
Griechen des Nordens. Ausstellungskatalog Hannover 1994, Athen, 1994, 224, Abb. 261 mit weiterer L it.
14. Die beiden Durchmesser sind nur dann fast identisch, wenn ein deutlich abgesetzter, die Standfläche verbreiternder
Fußwulst vorhanden ist (z.B. DE PALMA 1989, Nr. 53 Taf. 4).
15. Zu ihnen gehören z. B. alle bisher in Süditalien gefundenen bronzenen Bauchknick-Kannen (s. unten Anm. 18). Kurz
zur Form : Verf. in : Die Aufnahme fremder Kultureinflüsse in Etrurien und das Problem des Retardierens in der etruskischen
Kunst, Referate des Symposiums Mannheim 8.-10.2.1980. Schriften des Deutschen Archäologen-Verbands V, Mannheim, 1981,
146 f. Abb. 1-2 ; s. auch Verf. AA 1995 (Amm. 6).
16. Die meisten « zeitgenössischen » Metallcharakteristika weisen die Kannen De Palma 1989,46 f. Nr. 54.55 Taf., 3, 54
= Principi 1992, 304 Nr. 3-4 Abb. 3 (hier, Textabb. 5) auf. Sie ähneln aber mehr als den griechischen Metallkannen einer in der
italiotisch rotfigurigen Keramik verwendeten Form, die besonders gut von einer campanischen Kanne in Paris, Bibl. Nat.
dokumentiert wird (Inv. 9 8 7 ) ; A. D. TRENDALL, 2 * S u p p l e m e n t to The Red-Figured Vases o fLucania, Campania, Sicily = BICS
Suppl. 31, 1973, 192, 234a (hier Textabb. 10).
17. Die griechische Metallform imitieren sehr konsequent z. B. Kannen der lukanischen Primato-Gruppe :
A. CAMBITOGL OU, JHS 74, 1954, 117 Abb. 8 ; A. D. TRENDAL L , The Red-Figured Vases o f Lucania, Campania, Sicily, Oxford
1967, 177, 1057-1059. Von den entsprechenden Firniskeramik-Kannen ist kaum etwas publiziert, s. etwa G. M. A. RICHTERJ. MlL NE, Shapes andNames o fAthenian Vases, New York, 1935, Abb. 130; J.-P. MOREL, Ceramique campanienne;
o
Lesf rmes,
Rome, 1981, 387 ser. 5766 Taf. 190. Auch in der faliskischen Keramik findet sich die Form : Oxford, Ashmolean Mus. 1945.
7 4 : Ashmolean Museum, Sir John and L ady Beazley Gifts 1912-1966, Oxford, 1967, 128 Nr. 491 Taf. 65.
ÜBERLEGUNGEN ZUR ZEITLICHEN
DISKREPANZ
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Nun sind in der Tat in Melfi in Gräbern vom Ende des 6. und der ersten Hälfte des 5. Jhs.
Bronzekannen mit Bauchknick (Abb.12­13) gefunden worden18 ­ etruskische Importe wie
einiges andere in diesen Nekropolen auch. In einem Fall, Grab F der contrada Chiucchiari, ist
unter den anderen Funden auch eine Bronzegriffphiale (Abb. 17) ; dort haben wir also dieselbe
Kombination wie gut 150 Jahre später bei den Griffphialen und Kannen der ceramica dorata, in
der Phiale und Kanne, die häufig, allerdings nicht immer, zusammen gefunden werden,
vielleicht ein Handwasch­Service' 9 gebildet haben. Für hellenistische und römische Griffphialen
mit einem in einen Widderkopf endenden Griff und zugehörige Kannen hat Hans Ulrich Nuber
die Benutzung als Handwasch­Service überzeugend nachgewiesen, und er hat auch schon
vermutet, daß die archaischen Griffphialen mit anfhropomorphem Griff einem ähnlichen Zweck
gedient haben könnten20. Es spricht einiges dafür, daß die zugehörigen Kannen Kannen der Form
VI gewesen sein können ­ es muß aber auch noch andere Kombinationen gegeben haben, da
Griffphialen in Süditalien weitaus zahlreicher sind als Bauchknick­Kannen 21 . Wenn also Kanne
und Phiale schon in dem Grab F der Chiucchiari­Nekropole von M elfi ein Service gebildet
haben sollten, müßten wir annehmen, daß einige solcher Services bis ins 4. Jh. in Gebrauch
waren und dann als Vorlage dienten für dieselben Formen in der nur für sepulkralen Gebrauch
bestimmten ceramica dorata. Das hieße also, daß die Bronzen in diesem Fall ca. 150 Jahre benu­
tzt worden sind.Wenn so etwas öfter der Fall gewesen sein sollte, müßte man bei Datierungen
von Bronzen in Grabkomplexen noch viel vorsichtiger sein, als man es ohnehin schon ist. Es
scheint mir deshalb sehr wichtig zu prüfen, ob wir Gründe für diese lange Benutzung finden
können und vor allem, ob wir bei den canosinischen Griffphialen und Bauchknick­Kannen einen
Einzelfall vor uns haben oder ob so etwas öfter vorkommt.
Ich möchte mich zunächst auf Frage 2 konzentrieren und muß dabei weit ausholen, da ich
bis jetzt gerade in Etrurien und den angrenzenden Gebieten noch nicht genug Material gefunden
habe. Ich habe deshalb begonnen, generell nach Tonimitationen zu suchen, die deutlich jünger
18. Grab F Contrada Chiucciari: W. HERM ANN, AA 1966, 311 Nr. 3 Abb. 76 ; Popoli anellenici in Basilicata, Cat. M ostra
Potenza 1971, 106. Contrada Pisciolo Grab 48 : Popoli loc. cit. 126 Taf. 54. Zwei weitere Kannen stammen aus Campanien,
Valle Pupina Grab V I I : J. DE LA GENIERE, Recherches sur lAge du Fer en Itatie Meridionale. Sala Consilina, Neapel, 1968,
213.314 Taf. 29, und Nocera : BELLELLI, art cit. (Anm. 1) 80 Abb. 18.
19. M an gießt Wasser aus der Kanne über die Hände und fängt es in der Schale wieder auf, damit der Boden nicht
verunreinigt wird. Tabelle der Fundkombinationen von Kanne und Griffphiale in der ceramica dorata : DE PALM A 1989, 90 f.
Ausführlich zur Frage der Verwendung : Verf. AA. 1995 (Amm. 6).
20. H. U. NUBER, « Kanne und Griffphiale. Ihr Gebrauch im täglichen Leben und die Beigabe in Gräbern der römischen
Kaiserzeit. », BRGK 53, 1972 ; zu den archaischen Griffphialen ibidem 32 f. In makedonischen Gräbern sind keine Phialen mit
figürlichem Griff gefunden worden, vielmehr ist dort zum erstenmal der hellenistisch­römische Typus mit dem Widderkopf a m
Griffende b e z e u g t : Nuber loc. cit. 35 f. Taf. 1; Ch. I. M AKARONAS, AD 18, 1963, Chron. 194, Taf. 228g. Ein « Service » aus
einer ebensolchen Griffphiale und einer Bauchknlck­Kanne aus Ton mit gelbem Überzug ist in einem Grab In Aineia
zutagegekommen : I. VOKOTOPOULOU, OlzatpiKoirvß ß oirnqAiveiac(Athen,
1990)59­61 Nr. 12­13 Abb. 2 6 . 2 7 T a f . 3 4 . Dieser
Fund, der mir erst nach der table­ronde von Nantes bekannt wurde, zeigt dreierlei:
1. Kanne und Phiale bilden wirklich ein Service.
2­ M etallimitation und die Sitte, die M etallwirkung durch einen gelben Überzug zu unterstreichen, gab es auch in
M akedonien (vgl. auch den Skyphos ibidem 56 Nr. 3 Abb. 22 Taf. 33).
3. Die Formen des Handwaschservice unterscheiden sich von den canosinischen. Die Kanne ist eine typische, allerdings
nicht sehr geschickte Nachahmung der makedonischen M etallkannen. Deren scharfer Knick konnte von dem Töpfer nicht
nachgeahmt werden ; dadurch ergibt sich eine stärkere Einziehung der Wand im Unterteil (gegenüber den geraderen Formen der
M etallkannen). Die typische hohe, schlanke Form hat keine Entsprechungen unter den apulischen Kannen. Da die canosinische
ceramica dorata eindeutig die älteren Formen imitiert, muß man sich fragen, ob nicht der Gebrauch des Handwasch­Services
dort alte Traditionen hat und in M akedonien später ­ und dann mit moderneren Formen ­ übernommen wurde.
21. In Etrurien dagegen, w o die Bauchknick­Kannen sehr zahlreich sind, fehlen die archaischen anthropomorphen
Griffphialen. Auf mögliche andere Kombination von BauchknickKannen und Becken kann hier nicht eingegangen werden.
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REVUE DES ETUDES ANCIENNES
sind als ihre Metallvorbilder, und nach anderen Hinweisen auf lange Aufbewahrung von
Metallgefäßen und -geräten. Dabei zeigte sich, daß jeder Fall anders gelagert ist. Ich gebe einige
Beispiele :
1. Greifenkessel und vor allem ihre Greifenprotomen sind unter den ersten reinen
Metallformen, die in der Keramik nachgeahmt wurden — in Griechenland22 und vor allem in
Etrurien, wo eine lange Serie von Greifenprotomen an den verschiedensten Tongefäßen wohl
zeitlich über das Ende der Produktion der Bronze-Greifenkessel hinausreicht23. In Griechenland
sind die Kessel, soweit wir wissen, ausschließlich in Heiligtümern aufgestellt worden. Sie haben
dort wohl einige Zeit gestanden, ehe sie abgeräumt wurden — die wenigen Greifenprotomen aus
datierbaren Schichten sind stilistisch älter als die Fundschicht, worauf bereits U. Jantzen
hingewiesen hat24. Auch in Etrurien sind die Kessel keineswegs nur Grabbeigaben gewesen, wie oft
zu lesen ist25 ; der Fund einer Protome in Gravisca zeigt, daß sie auch in etruskische Heiligtümer
geweiht worden sind26 - nur sind dort die Chancen ihrer Erhaltung natürlich ungleich geringer
gewesen als in den Gräbern. Besser als das schwer festzulegende Ende der Produktion der
Terrakotta-Greifenprotomen zeigen Bilder des Paris-Malers, daß solche Greifenkessel noch in der
zweiten Hälfte des 6. Jhs. sichtbar gewesen sein müssen. Die Kessel, mit den jeweils vier
Schlangenprotomen, die auf zwei seiner Amphoren zu sehen sind, dürften kaum als Behälter
lebender Schlangen gemeint sein ; m. E. handelt es sich hier um eine vereinfachte — vielleicht aus
optischer Erinnerung geschaffene — Wiedergabe eines Greifenkessels, der dem Maler wohl
Eindruck gemacht hatte27.
Kostbare Weihgeschenke wie die Greifenkessel können also lange Zeit in Heiligtümern
sichtbar gewesen und deshalb auch dann noch nachgeahmt worden sein, als sie längst nicht mehr
hergestellt wurden. Eine V ariante dieses an den Greifenkeskeln demonstrierten « Falles 1»
wären einfachere Gefäße und Geräte in kultischer V erwendung. Ich werde darauf noch
zurückkommen.
2. Für einen ganz anders gelagerten Fall mögen die attischen und westgriechischen
Tierkopf-Rhyta als Beispiel dienen. Mit den Worten von Herbert Hoffmann : « Moulds
remained in circulation for decades, and new moulds were made from old rhyta still on hand.
The resulting disparity in date between the creation of an animal head and its last manifestation
in a rhyton may be well over a Century28. » Bei den apulischen Rhyta kommt noch hinzu, daß
22. Die griechischen Ton-Imitationen sind, soweit mir bekannt ist, alle etwa zeitgleich mit den Bronzekesseln. Eine Liste
findet sich bei J. BO ARDMAN, The Cretan Collection in Oxford, O xford, 1961, 60-61.
23. Listen etruskischer und italischer Imitationen : M. CRISTO FANI MARTELLI in Civilta arcaica dei Sabini nella Volle del
Tevere I (Rom 1973) 90 Nr. 147 ; III (1977) 20 f. Anm. 33 ; eadem in : Les ceramiques de la Grece de l'Est et leur diffusum en
Occident. Centre J. Berard, Naples 6.-9.7., 1976 (Paris-Neapel, 1978) 170 f. Anm. 61.
24. U. JANTZEN, Griechische Greifenk essel, Berlin, 1955, 32 zu Nr. 4 ; 79 zu Nr. 176 ; 84. Vgl. auch das von H. KYRIELEIS
erwähnte, « Depot archaischer Bronzegegenstände », mit 16 Greifenprotomen (AA 1985, 435).
25. Zuletzt P. BL OME, AA 1988,565.
26. Civiltä degli Etruschi, Cat.mostra Firenze, 1985, 185,7,1.8. Nicht als Grabbeigaben gedacht sind wohl auch die Greifen
von Brolio : A. ROMUAL DI, MUS. Arch. Naz. di Firenze, Catalogo del deposito di Brolio in Val di Chiana, Rom, 1981, 3 f. Nr.
1-3 Taf. 1-2 ; zur Diskussion um die Deutung des Fundes : ibidem, 35-38.
27. In der Minotauroskampf-Szene der Amphora Paris, Cab. Med. 172 und auf beiden Seiten der Amphora L ondon, Brit.
Mus. B 57 (Kampf Herakles-Juno Sospita ; Rüstungsszene) : P. DUCATI, Politische Vasen, Berlin, 1932. Taf. 13-15 ;
L . HANNESTAD, The Paris Painter, Kopenhagen, 1974.46 Nr. 19 ; 45 Nr. 11 ; LIMC V, Zürich, 1990. Taf. 181 Herakles/Hercle
362* ; LIMC VI, Zürich, 1992. Taf. 315 Minos I 35*. Beide Gefäße setzt Hannestad (Inc. cit., 25) in ihre späte Gruppe 3 ; sie
sind demnach um 530 v. Chr. zu datieren. Auf Greifenkessel als Vorbild der Schlangenkessel des Paris-Malers verweist bereits
E. SIMON, Die Götter der Griechen, München, 1985. 327 Anm. 34. Einen merkwürdigen Nachklang erlebt das Motiv der
Greifenprotomen in Todi im späten 4. Jh. : Greifenköpfe als Beschläge von Holzsärgen : F. JURGEIT in Akten des XIII.
Internationalen Kongresses für Klassische Archäologie, Berlin, 1988, Mainz,1993, 377 f.
28. H. HOFFMANN, Attic Red-Figured Rhyta, Mainz, 1962, 48.
ÜBERLEGUNGEN ZUR ZEITLICHEN DISKREPANZ
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attische Vorlagen abgeformt und unter Umständen dabei auch leicht verändert wurden, so daß
auch stilistische Mischformen entstehen konnten29.Dies galt offensichtlich nicht nur für Ton-,
sondern auch für Metallrhyta : Das S ilberrhyton in Triest mit der Darstellung von Boreas und
Oreithyia vereint Stilmerkmale des Strengen S tils am Tierkopf mit solchen des Reichen S tils im
Relieffries am Hals30. Tierköpfe sind bekanntlich nicht leicht zu datieren ; sie konnten also wohl
auch von den griechischen Käufern nicht als altmodisch empfunden werden, wenn ihre Form
schon einige Jahrzehnte alt war. Es gab also für die Werkstätten keinen Grund, ständig neue
Formen herzustellen.
3. In nordgriechischen Gräbern gibt es manchmal neben den vielen schönen,« modernen »
Metallgefäßen auch überraschend altertümliche Formen. Ob man die bekannte Krater-Situla aus
S tauroupolis31 nun als archaisch oder archaisierend bezeichnet, sicher ist, daß hier in einem Grab
des späten 5. Jhs.32 ein Gefäß zutage kam, das Züge des späten 6. oder allenfalls des frühen 5.
Jhs. aufweist. Etwas komplizierter ist der Fall der Bügelamphora aus Derveni, die in der Form
verblüffend einem um 500 anzusetzenden Gefäß aus Gela ähnelt, worauf C. Rolley zuerst
aufmerksam gemacht hat33 Der S til der Henkelattaschen zeigt, daß das Gefäß aus Derveni
wesentlich jünger sein muß, doch hat es die frühe Form erstaunlich gut bewahrt. Eine dem
Exemplar aus Gela sehr ähnliche Amphora in New York34 soll in Nordgriechenland gefunden
worden sein, ebenso ein weiteres jüngeres Henkelpaar in Boston35. Anscheinend sind also in den
nördlichen Randgebieten Griechenlands einzelne archaische Gefäßformen, die anderswo nicht
mehr benutzt wurden, nicht als veraltet empfunden worden und weiterhin beliebt geblieben.
4. Um etwas ganz anderes, nämlich bewußte Wiederaufnahme, handelt es sich in den Fällen,
die ich in dieser vierten Gruppe kurz erwähnen möchte. S pätestens seit dem letzten Viertel des
4. Jhs., also seit demBeginn des Hellenismus, sind klassische Formen immer wieder als
vorbildhaft empfunden und wiederverwendet worden. Das Phänomen war bekanntlich
keineswegs auf Keramik und Toreutik beschränkt, aber auch dort sehr verbreitet. Es möge
deshalb genügen, an zwei der bekanntesten, relativ frühen Beispiele zu erinnern36 : die
Arethousa-S chalen und die in Italien an mehreren Orten hergestellten Omphalosschalen mit den
Viergespannen, die Herakles' Fahrt zum Olymp darstellen und vor denen sogar Originale des
29. Zu apulischen Rhyta : H. HOFFMANN, Tarenline Rhyia, Mainz, 1966); S. HOLO, The Paul J. Getty Museum Journal 1,
1974, 85­93.
30. E.SIMON,/! &A 13, 1967, 101­104 Abb. 1­5 ; weitere Lit zum Rhyton : LIMC III, Zürich, 1986, Boreas 74*.
31. Treasures of Ancient Macedonia. Cat. Exhibition Thessaloniki (1979) 73 Nr. 270 Taf. 40 ; M. ANDRONICOS, Museum
Thessaloniki. Ein neuer Führer durch seine Bestände, Athen, 1988. Abb. 22 (Detail: Henkelgorgoneion); K. RHOMIOPOULOU
in 0iX,a emj eigreopyiovEMiXcovav f , Athenes, 1989, 202 f. Taf. 47 mit weiterer Lit.; Makedonen (toc. ei l, Anm. 13) 208 Nr. 242.
32. Die Datierung ist durch mitgefundene attische Keramik gesichert (M. KARAMANOLI­SIGANIDOU, AD 20, 1965 Chron.
4 1 1 ) ; der immer wieder in der Literatur zu findende Ansatz in der 2. Hälfte des 4. J hs. beruht auf einem Versehen.
33. C. ROLLEY, Les bronzes grecs, Fribourg, 1983, 184 Abb. 166 (Derveni). 267 (Gela). Die Amphora aus Derveni außer­
dem : Treasures (loc. ci t.) 65 Nr. 205 Taf. 35 ; Alexander the Great. History and Legend in Art. Cat. Exhibition Thessaloniki
1980 (Athen, 1980) Abb. S. 46 ; Andronikos, loc. ci t. 54 Abb. 4 0 ; Rhomiopoulou art. cit. 203 mit ausführlicher Diskussion. Zur
Amphora in Gela : C. ROLLEY, Les vases de bronze de l'archai sme recent en Grande Grece, Neapel, 1982, 27 Anm. 24 ; 28
Anm. 29 Abb. 121­123.
34. Metr. Mus. 60.11.2a.b : J. R. MERTENS, « Greek Bronzes in the Metropolitan Museum of Art» (= BMM Fall 1985) 33
Nr. 19 mit Abb.
35. M. COMSTOCK­C. VERMEULE, Greek, Etrvscan & Roman Bronzes i n the Museum of Fi ne Arts Boston, Boston, 1971
300 Nr. 426 (Inv. 99.47 la.b).
36. Die Beispiele werden z. B. auch erwähnt von J . P. MOREL, loc. ci t. (Anm. 17) 513 f. und in : Akten des XIII.
Internationalen Kongresses für Klassische Archäologie Berlin 1988 (Mainz, 1990) 170 mit Lit.
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REVUE DES ETUDES ANCIENNES
späten 5. Jhs. erhalten sind37. Gisela Richter hat gezeigt, daß möglicherweise auch noch andere
calenische Motive klassischen Ursprungs sind 38 ; doch handelt es sich dabei nur um die Reliefs,
nicht um die Gefäßform wie bei den Omphalosschalen.
Wohin gehören nun die Griffphialen und Bauchknick-Kannen der canosinischen ceramica
dorata ? Fall 4, der bewußte Rückgriff, scheidet aus, auch wenn eine Wiederaufnahme
archaischer Formen genauso gut denkbar wäre wie diejenige klassischer Vorbilder und ja auch
praktiziert worden ist. Aber wenn auch die Kouroi der Phialengriffe als Beispiele archaischen
Stils und ihre Abformungen also als archaisierend empfunden werden konnten, so ist dies bei
den Kannen nicht möglich ; nicht einmal die abgeformte Sirene der Neapler Kanne ist
« archaisch » genug, um für ein solches Archaisieren geeignet zu sein. Fall 2, die WerkstattT radition, scheidet ebenfalls aus. Am ehesten könnte es sich noch um eine Kombination von Fall
1 und 3 handeln. Die T onimitationen stammen ja nicht aus den Zentren der Magna Graecia,
sondern eher aus ihren Randgebieten. Das Handwasch-Service aus Kanne und Griffphiale
könnte durch die Benutzung im Kult ehrwürdig und aufbewahrenswert geworden sein - da es
sich um private Kulte gehandelt haben müßte, denkt man natürlich an die dionysischen
Mysterienvereine, die in Süditalien zahlreich gewesen sein müssen39. Erstaunlich bleibt auch
dann, daß man gerade eine Kombination aus griechischer Phiale und etruskischer Kanne
auswählte. Offensichtlich müssen mehrere der etruskischen BauchknickKannen der 1. Hälfte
des 5. Jhs. in Süditalien noch im fortgeschrittenen 4. Jh. bekannt gewesen sein, da sie ja an
mindestens zwei verschiedenen Orten nachgeahmt worden sind.
Dieser allen statistischen Wahrscheinlichkeiten 40 widersprechende Befund ließe sich am
leichtesten erklären mit der Annahme, daß Bronzegegenstände generell sehr lange aufbewahrt
worden sind, sehr viel länger, als wir gemeinhin vermuten. Dann könnte man sich vorstellen, daß
unter den vielen Bronzekannen des 5. Jhs., die im 4. Jh. noch in süditalischen Haushalten
erhalten waren, gerade die etruskischen BauchknickKannen besonders geschätzt wurden - aus
Gründen, die uns immer unbekannt bleiben werden.
Wir geraten hier wieder in den Bereich reiner Spekulation. Wichtig wäre es vor allem,
weitere parallele Fälle zu finden. Da ja in der etruskischen Keramik die Imitation von
Metallformen eine besonders lange und reichhaltige T radition besaß, hätte ich erwartet, dort
etwas zu finden, zumal da ja auch die etruskische Kunst als stilistisch sehr konservativ bekannt
ist. Überraschenderweise bin ich bei dieser Suche noch nicht fündig geworden — im
allgemeinen wurden gleichzeitige Metallformen als Vorlage gewählt. Möglicherweise habe ich
aber auch noch nicht intensiv genug gesucht — hier hoffe ich auf die Ergebnisse dieser table
ronde.
37. Zu den Ompha los-Scha len speziell : G. M. A. RICHTER, AJA 45, 1941, 363-389 ; Eadem, AJA 54, 1950, 357-370 ;
UMC V, Zürich, 1990, 130 f. Herakles 2935-2937* (J. Boardman).
3 8 . G . M . A . RICHTER, AJA
63, 1959, 241-249.
39. Zur Frage der kultischen Verwendung sind die Darstellungen von Griffphialen auf apulisch rotfigurigen Vasen von
großer Bedeutung ; sie kommen dort meist in einem dionysich geprägten, sepulkralen Kontext vor, s. dazu SCHN EIDERHERRMAN N , art. cit. ( A n m . 1 0 ) u n d V e r f . AA
1995.
40. Etruskische Bronzen sind in Süditalien verschiedentlich zutagegekommen ; außer den in Anm. 18 erwähnten
Bronzekannen sei nur an den Bronzekandelaber in Melfi, das « Fürstengrab von Roscigno (R. ROSS HOLLOWAY-N . N ABERS,
Revue des Archeohgues et Historiens dArt de Louvain 15, 1982,97-161) und die Funde von N ocera (BELLELLI, art. cit., Anm.
1,74 f f ) Gegenüber der An-Anzahl der in Süditalien gefundenen griechischen Bronzen ist dies aber natürlich eine verschwindend
geringe Minderheit.
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Abb.
Abb.
Abb.
Abb.
1. — Bronzekanne Bol ogna, Mus civ. Arch. Aus grab 27, Certosa.
2. — Bronzekanne, New York, Met. Mus. 44.11.4.
3. — Campanisch rottfig. Kanne, Paris, B.N. 987.
4-9. — Kannen der apul ischen ceramica dorata, Nach De Pal ma, 1989, Taf 3-4.
REVUE DES ETUDES
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Abb. 10. — Tonkanne Neapel, H. 2871,
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Abb. 12. — Bronzekanne aus Mei n,
Anti quari um 50397. Contrada Chi ucchi ari Grab F.
Abb. 13. — Bronzekanne aus Melfi ,
Anti quari um 51406. Contrada Pi sci olo Grab 48.
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