Kulturberichte 2010 aus Tirol und Südtirol

Kulturberichte 2010 aus Tirol und Südtirol
Kulturberichte 2010 aus Tirol und Südtirol
A
R
C
H
I
T E K T U R E N
Kulturberichte 2010 aus Tirol und Südtirol
Impressum
2010 Kulturberichte aus Tirol und Südtirol
Architekturen
Herausgeber: Tiroler und Südtiroler Kulturabteilungen
Abteilung Deutsche Kultur
Abteilungsdirektor Dr. Armin Gatterer, Andreas-Hofer-Straße 18, 39100 Bozen
[email protected], www.provinz.bz.it/kulturabteilung
Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Kultur
Vorstand HR Dr. Thomas Juen, Sillgasse 8, 6020 Innsbruck
[email protected], www.tirol.gv.at
© 2010
Konzept und Redaktion
Dr. Sylvia Hofer, Andreas-Hofer-Str. 18, 39100 Bozen, Tel. +39 0471 413314, [email protected]
Dr. Petra Streng, Müllerstr. 21, 6020 Innsbruck, Tel. +43 664 254 7337, [email protected]
Redaktionell abgeschlossen am 17. Dezember 2010
Grafik
www.sonya-tschager.com
Druck
Lanarepro
Nachdruck nur mit Zustimmung der Redaktion gestattet.
Die mit Namen gekennzeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Vorwort
Die Qualität guter Architektur ist mehr als Funktion und Ökonomik
und auch mehr als die bloße Erscheinungsform eines Bauwerks. Sie
ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Funktionalität und Ästhetik und prägt als gestaltete Umwelt wesentlich die Lebensräume
der Menschen und damit auch ihre Beziehungen zueinander.
Architektur ist ein wesentlicher Ausdruck menschlichen Kulturschaffens. In den Bauten, die wir bewohnen, in denen wir arbeiten
und uns aufhalten, spiegelt sich ein Teil unserer Identität.
Allerdings unterliegt Architektur immer auch dem Diktat technischer, wirtschaftlicher und ökologischer Anforderungen und darf
vor allem den Praxisbezug nicht aus dem Auge verlieren. Damit ist
Architektur auch Gebrauchskunst, die den Bedürfnissen der darin
wohnenden und arbeitenden Menschen bzw. dem Zweck des Bauwerks Rechnung tragen muss.
Sie sollte darüber hinaus auch in die Bau- und Lebenskultur eines
Ortes passen und diesen gleichzeitig bereichern – keine leicht zu
bewältigende Aufgabe, die für Architektinnen und Architekten immer wieder eine besondere Herausforderung und auch große Verantwortung darstellt. In besonderem Maße gilt dies für Bauten außerhalb der Ballungszentren, wo ein Gebäude weit stärker ins Auge
fällt als etwa innerhalb einer rein urbanen Umgebung.
Unabhängig von ihrem Standort kann Architektur – genauso wie
andere Kultursparten auch – nur im Wechselspiel zwischen Alt und
Neu lebendig bleiben; indem also einerseits gewachsene Bautradition bewahrt und gepflegt, andererseits kulturelle Innovation und
Kreativität gefördert werden.
Beispiele für traditionelle wie für innovative Baukultur aus Vergangenheit und Gegenwart finden sich in Südtirol – genauso wie im
Bundesland Tirol – viele. Sie ergeben in ihrer Summe die reiche und
vielfältige Architekturlandschaft, die unsere beiden alpinen Nachbarländer auszeichnet.
Das vorliegende Themenheft der Kulturberichte aus Tirol und Südtirol zeichnet einen Bogen der Architekturgeschichte von 1900 bis
heute und geht dabei auch auf den Umgang mit alter und denkmalgeschützter Bausubstanz ein, ein Thema, das gerade in Südtirol mit
seinen zahlreichen historischen Baudenkmälern eine große Rolle
spielt und mir als zuständiger Landesrätin für Denkmalschutz besonders am Herzen liegt. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, dass
heute qualitätsvolle, zeitgenössische Architektur bei uns entsteht.
Die Bau- und Architekturgeschichte bildet eine wichtige Klammer
europäischer Kultur und – auf Südtirol und das Bundesland Tirol
bezogen – neben den sprachlichen, kulturellen, politischen und
wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten ein weiteres Bindeglied zwischen unseren beiden Ländern.
Ich danke den Autorinnen und Autoren sowie den Redakteurinnen
Dr. Sylvia Hofer und Dr. Petra Streng, die das aktuelle Themenheft
„Architekturen“ erarbeitet haben, und wünsche allen Leserinnen
und Lesern eine anregende und aufschlussreiche Lektüre.
Ziel einer fundierten Architekturpolitik muss es daher sein, in der
Bevölkerung eine hohe Wertschätzung für qualitätsvolles Planen
und Bauen zu erreichen und das Bewusstsein für die Bedeutung
der Architektur und Baukultur für die Gesellschaft zu stärken. Die
öffentliche Hand trägt dabei die Verantwortung, beispielgebend zu
sein und einen hohen und zukunftsweisenden Standard sicherzustellen.
Gerade in Tirol mit seinem beschränkten Siedlungsraum, seiner
besonderen Topografie und alpinen Landschaft fordern die natürlichen Gegebenheiten besondere Lösungen. Die Herausforderungen der Zersiedelung unserer Landschaft und die natürlichen
Gegebenheiten stellen hohe Anforderungen, um Ästhetik und
Funktionalität in gelungener Weise zu verbinden. Dies betrifft nicht
nur eine qualitätsvolle zeitgenössische Architektur, sondern auch
und besonders den Umgang mit der historischen Bausubstanz.
Der vorliegende Sonderband der Kulturberichte ist ein Streifzug
durch die Geschichte und die Ausprägungen der Baukultur des
Landes und stellt gelungene Beispiele der Auseinandersetzung
mit den gegebenen räumlichen und sozialen Problemstellungen in
ästhetischer und innovatorischer Hinsicht einer interessierten Öffentlichkeit vor. Durch die Herausgabe durch das Bundesland Tirol
und Südtirol wird auch der gemeinsame historische Lebensraum
ins Bewusstsein gerückt.
Ich danke allen, die zum Gelingen dieses Themenheftes beigetragen haben, insbesondere den Autorinnen und Autoren und den
beiden Redakteurinnen Dr. Petra Streng und Dr. Sylvia Hofer und
bin überzeugt, dass mit dem Heft ein wertvoller Beitrag zur Kulturgeschichte des Landes gelungen ist.
Mag. Dr. Beate Palfrader
Landesrätin für Bildung und Kultur
Dr. Sabina Kasslatter Mur
Landesrätin für Familie und deutsche Kultur
Foto: Helmuth Rier
Foto: Land Tirol/Gerhard Berger
2
Vorwort
3
Inhalt
Inhalt
Seite
Vorworte .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2 und 3
Einleitung .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
6 und 7
Nach Steinen sucht hier niemand mehr .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
8
My house is my castle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Seite
Bäuerliche Profanarchitektur in der Region Tirol –
Traditionen und gewachsenes Bewusstsein .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
Drei Gedanken zur Architektur zwischen 1900 und 1955 in Südtirol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
90
Bekanntes und in Vergessenheit Geratenes
aus der Architekturgeschichte Tirols . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
„Hurra, wir leben noch!“
Der Einfluss der Moderne auf die Südtiroler Architektur .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18
Traditionszertrümmerer aus Überzeugung
KUNST AM BAU oder wie viel künstlerische Freiheit verträgt die Architektur?
Versuch einer Antwort .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Neue Architektur im Tirol der Nachkriegszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
Wand-lungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
112
Öffentliche Bauten zwischen monströs und minimalistisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
117
Bauen – öffentlich und politisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
122
Künstlerische Interventionen an/um/in Architekturen in Tirol ab 2000 .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
36
Praktizierst du noch oder hungerst du schon? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
40
Frauen auf dem Vormarsch – aber langsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
46
Wohnen im Stall? .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
51
Was ist alpin?
Traditionelle Baukultur der Gegenwart .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
kleiner Querschnitt durch die vergangenen Jahre .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Gibt es den kleinen Unterschied?
Bauten von international bekannten Architektinnen und Architekten in den Tiroler Alpen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
Denkmalschutz in Tirol –
Alte Bauten – Alte Inhalte
Vom Wert des Selbstverständlichen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
4
Architekturen der Nachkriegszeit in Südtirol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
Weltarchitektur versus Qualitätsarchitektur: Was brauchen wir wirklich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
140
Bau - DENK mal PFLEGE.
Zum Verhältnis von Architektur und Denkmalpflege
5
.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
72
Adressen, Ansprechpartner/-innen & Institutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Denkmalschutz und Heimatpflege .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Autorinnen und Autoren .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
151
Historische Bausubstanz als Mehrwert .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Notizen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Winterlandschaft | Foto: Flavio Faganello
Erben der Einsamkeit. Mitterhofer in Pfunders, 9. März 1972 | Fotos: Flavio Faganello
Erben der Einsamkeit. Hochstranses-Hof in Mareit,
11. Februar 1972
Architekturen
D
6
ie gewachsene und immer wieder von Veränderungen geprägte Architekturlandschaft diesseits und jenseits des Brenners ist nicht zuletzt ein Spiegelbild gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und manchmal auch politischer Bedingungen. Die baulichen
Kulturobjekte sind allgegenwärtig und bieten kontinuierlich Anlass
für Diskussionen, nicht selten auch für Kontroversen. Das betrifft alle
Bauten, ob das nun die Variante einer steinschlaggefährdeten Passstraße ist, ein Wohnhaus, ein Hotel, ein Museum oder ein sanierter
Stadel. Mit Argusaugen wird beobachtet und kommentiert. Der aus
der griechischen Sage stammende Hirte Argos Panoptes könnte hier
als Pate für all die Architekturkritiker/-innen, Denkmalpfleger/-innen,
aber auch für alle anderen stehen, die sich mit Gebautem, Historischem wie Neuem näher auseinandersetzen. Von Argos Panoptes
wird ja erzählt, dass er am ganzen Körper Augen hatte und daher als
genauer, wenn nicht gar strenger Aufpasser agierte.
Ob gewachsene Kulturlandschaft mit ihren historischen oder neue
moderne Baulichkeiten im öffentlichen Raum: Sie werden oftmals
mit sehr viel Emotionen beurteilt. Und dies ist auch gut so, denn eine
lebendige Diskussion wird dadurch garantiert.
Traditionen prägen unsere Kultur. Sie bleiben aber nur lebendig,
wenn auch Anpassungen, Veränderungen und neue Sichtweisen
erlaubt sind. Auch im Bereich der Architektur ist dies deutlich erkennbar.
Die Vielfalt der Tiroler und Südtiroler Architekturlandschaften wird
in dieser Sondernummer der Kulturberichte anhand der einzelnen
Beiträge verdeutlicht. Denkmalschützer/-innen, die sich dem Erhalt
des traditionellen Kulturgutes verschrieben haben, kommen ebenso
zu Wort wie jene, die sich intensiv mit der Entwicklung der Architektur und moderner Bauweisen auseinandergesetzt haben. Anhand
der einzelnen Beiträge wird auch ein kulturhistorischer Blick auf das
Bauen geworfen, der die einzelnen Stile, Tendenzen und Einflüsse
verdeutlicht.
In den vergangenen Jahren hat sich der Schwerpunkt vor allem auf
natürliches und energiesparendes Bauen verlagert, wie es auch auf
der Architekturbiennale von Venedig 2010 mit den ausgewählten
Exponaten propagiert wurde. Der Botschaft „Zurück zur Natur“ entsprechend wurden unter anderem Häuser oder Höfe vorgestellt, die
ein gesundes Wohnklima bieten, autark funktionieren und damit an
frühere Hofanlagen erinnern.
Architektur ist eine kulturelle Ausdrucksform im Spannungsbogen
zwischen Tradition und Moderne. Beispiele dafür finden Sie in dieser
Broschüre.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Durchblättern und Lesen.
Sylvia Hofer & Petra Streng
7
Allgemeiner Teil
Nach Steinen sucht hier niemand mehr
8
Hie und da regnete es Ziegel. Mein Vater, der das Wetter auf drei Tage voraussagen konnte, spürte das
Ereignis kommen, aber er war nicht so schnell im Vorausahnen wie Großmutter, die den Fallwind aus dem
Süden, der die Ziegel von unserem Dach riss, eine Woche im Voraus in ihren Knochen spürte. „Dieser Wind
kommt von den Negern herauf“, sagte sie.
Ich stellte mir vor, wie die dürren Neger, die ich im Katholischen Missionsblatt gesehen hatte, in der Wüste
Staub aufwirbelten und über das Meer zu uns heraufschickten. „In Afrika sind alle Hexer. Sie streuen Menschenhaar in den Wind. Das riecht man. Der Wind aus Afrika ist so dick, dass man ihn kauen kann“, sagte sie.
Immer wenn das Missionsblatt ins Haus kam – genau viermal im Jahr –, erzählte sie neue Geschichten von
den Negern. Ich liebte das graue Heft, das vom Mesner vorbeigebracht wurde und jedes Mal mit einer
Spende bedacht werden musste. Ich hasste es, weil es so dünn war und die Geschichten von Großmutter
immer vorzeitig enden ließ. Sie weigerte sich unerbittlich, etwas zu erfinden. Nicht mit vielen Worten. So
sehr ich sie bedrängte, sie blieb einfach still, obwohl Negergeschichten die einzigen waren, die sie zum
Reden brachten.
Mit jeder neuen Ausgabe wuchs ihre Überzeugung, dass unser Haus Stein um Stein von afrikanischen Hexern abgetragen werde. In Ruhe gelassen werden würden wir von diesem Wind nie. Empörend daran war
nicht, dass wir irgendwann ohne Dach leben würden, sondern dass sie allein diese Tatsache klar vor Augen
hatte. Alle anderen waren mit Blindheit geschlagen.
Das Haus ist sowieso zu groß, als dass man in ihm ein gottesfürchtiges Leben leben könnte, sagte sie. Und
es wohnen komische Geräusche darin. Sie selbst bereitete sich auf die dachlose Zeit vor, indem sie sich
immer mehr in ihre Kammer zurückzog. Die anderen Räume wollte sie eines nicht fernen Tages nicht mehr
betreten. „Alles, was ich brauche, ist hier“, sagte sie.
Im Sommer rochen ihre Hände nach Brennnesseln, die sie mit der bloßen Hand ausriss, in gleichmäßige
Stücke schnitt und die Hühner damit fütterte. Ich tue Buße für eure Sünden, sagte sie.
Vater fand die Weisheiten von Großmutter zum Totlachen. Noch mehr lachen musste er, wenn sie barfuß
auf das Dach stieg, um zu kontrollieren, ob die Ziegel dem Wind aus Afrika standhalten würden. Sie band
die Schuhe an den Bändern zusammen und hängte sie sich um den Hals. Das machte sie, seit ihr als Kind die
Schuhe gestohlen worden waren. Alle Welt sollte mit eigenen Augen sehen, dass sie ein Opfer von Schuhdieben geworden war und dass sie in der Hölle schmoren mögen.
Wenn sie einmal oben war, blieb sie gleich ein paar Stunden und kontrollierte jeden einzelnen Ziegel. Wie
festgeschweißt, als wäre sie die Auserwählte, die den heidnischen Wind teilte wie einst Moses das Meer. Es
stimmte etwas mit dem Dach nicht, unter dem wir lebten. Und falls mit dem Dach doch alles in Ordnung
war, stimmte mit uns etwas nicht, sonst würde es nicht Ziegel regnen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der
Wüstenwind das Haus davonwehen würde.
Wenn Vater über ihre Schwarzseherei lachte, war Großmutter beleidigt und suchte Trost bei einem Stein.
Dieser Stein war das geheime Zentrum unseres Hauses. Zwei Kilo schwer, von länglicher Form, groß wie der
Kopf eines Kleinkindes. Er lag wie ein frischer Erdhügel auf dem Nachtkästchen ihrer Bettstatt neben einem
Gebetbuch, einer Plastikflasche mit Lourdes-Wasser und einem Rosenkranz.
Den Kindern war es verboten, damit zu spielen. Ihn zu berühren, war mit schrecklichen Drohungen verbunden. Vielleicht hat sie den Stein selbst auch nicht angegriffen, jedenfalls habe ich es nie gesehen, vielleicht
hat sie gedacht, ihn anzugreifen, aber die Finger immer kurz davor weggezogen. Umso mehr liebte ich es,
ihm so nahe zu sein, dass ich ihn berühren konnte, und dann so zu tun, als wollte ich ihn gar nicht angreifen.
Das Recht, auf dem Nachtkästchen meiner Großmutter neben einer Flasche Lourdes-Wasser zu liegen,
hatte sich der Stein erworben, weil er ihren Mann erschlagen hatte. Knapp oberhalb der Baumgrenze
war es passiert. Ein schlichtes Holzkreuz, das jeden Winter von Lawinen weggetragen wurde, erinnerte
daran.
Nicht nur Blut und Haare klebten daran, sondern ein ganzes Leben. Ein Stein kann größer als ein ganzes
Leben sein. Deshalb kann man ihn nicht wie einen Pfirsichkern ausspucken. Daran war nach dem Tod ihres
Mannes nichts mehr zu ändern.
„Der Stein liegt da, damit er kein Unheil mehr anrichten kann“, sagte sie. Denn ein Unheil kommt niemals
allein. Es vergeht höchstens Zeit von einem zum anderen. Ein Glück hingegen passiert einem nur einmal
im Leben. Wenn überhaupt. Es verschwindet unter einem Stein, ehe man es bemerkt. Deshalb ist es nicht
der Rede wert.
Der Stein sollte dafür sorgen, dass man das niemals vergisst – und dass man nicht vergisst, ist alles, was
zählt im Leben. Das stand in Großmutters Erbauungsbüchlein für ein frommes Leben. Eine Heilige hat es
gesagt, und es ist die Wahrheit.
Die Wahrheit war ein Stein. Der Tod wandelt herum, ein Stein kommt niemals weg. Der Stein war der Knochen, den der Tod zurückgelassen hatte. An den Tagen, in denen die afrikanischen Hexer unterwegs waren,
war das die einzige Gewissheit. Ohne ihn war der Wind nicht zu packen. Solange er am rechten Fleck war.
Nur am rechten Fleck hat ein Stein Gewicht. Ein Stein verschwindet entweder von allein oder gar nicht. Er
fliegt nicht weg bei dem Wind. Das weiß jedes Kind.
Ich wusste nicht, was „nicht vergessen“ bedeutet. Ich wusste nicht, ob es beruhigend oder eher beunruhigend war. Seither habe ich dieselben Worte von vielen gehört, aber nie reichten sie an die Magie des ersten
Mals heran. Alle späteren Versuche, mir die Weisheit dieser Worte zu vermitteln, waren mäßig erfolgreich.
Als sie starb, blieb der Stein noch eine Weile in der Kammer liegen. Angeheftet, vielleicht bis in die Erde
hinein. Sie hatte strengstens verboten, dass er mit ihr begraben wird. Auf so heidnische Gedanken konnten
nur Leute kommen, die vom Himmel keinen Schimmer hatten. Genau genommen gehörte ihnen verboten,
zum Himmel überhaupt hinaufzuschauen. Die Sargträger hatten sich sowieso geweigert, ihn bis zum
Friedhof zu schleppen. Der ist doch kein Mensch, sagten sie.
Jeder, der in die Kammer hineinkam, stellte die gleiche Frage: Was es an dem Stein zu sehen gibt? Ich antwortete: Der ist eine Angewohnheit in diesem Haus. Alle anderen Leute, die ich kenne, würden keinen Stein
aufbewahren.
Später verschwand er bei einem Hausumbau. Als er weg war, das heißt wahrscheinlich von den Arbeitern in
eine Wand eingemauert wurde, war er dennoch da. Dünn mit Verputz überzogen wie die Haut einer alten
Hand. Mehr außen als innen, obwohl man es den Mauern nicht ansieht. Nach Steinen sucht hier niemand
mehr.
Heinrich Schwazer
9
Foto: Markus Bstieler
Allgemeiner Teil
My house is my castle
10
Zeiten des Übermuts.
Als traditionell geprägter Mensch mit Sehnsucht nach Neuem verfiel ich, mitten im manischen Überschwang meiner besten Jahre, auf die Idee, einmal etwas völlig Kompromissloses, von der Tradition Abweichendes zu bauen.
Bisher hatte ich – in bester Zusammenarbeit mit meinen Architekten – einige Altbauten saniert, Häuser,
die teilweise 800 Jahre auf dem Buckel hatten, und hier – in kleinem Stil – recht erfolgreich reüssieren
können. Dabei waren wir, die beiden Architekten Manfred und Gerhard und ich, fast zu einer Art Schicksalsgemeinschaft geworden: Sie führten mich (grundsätzlich neugierigen) Menschen in die Welt der Architektur ein (wir besuchten auch die Biennale in Venedig u.a.), und ich ließ sie im Gegenzug an meinen
manchesmal aberwitzigen Abenteuern eines Altbaues teilhaben. Solche Dinge schweißen zusammen
oder aber bewirken, dass man danach kein Wort mehr zusammen spricht.
Nun wurde mir von einer befreundeten ehemaligen Nachbarin ein unverbautes Grundstück angeboten,
das geradezu danach rief, mit einem solitären Bauwerk versehen zu werden.
Die Lage des Grundstücks war in Kranebitten, ganz oben, am Eingang zum Karwendel, und markierte
auf den Meter genau den Grüß- Gott-Meridian. Ganz genau hier nämlich fangen die Leute zu grüßen an,
wenn sie zu ihren Weitwanderabenteuern aufbrechen.
Die Planungsphase verlief stürmisch und dauerte lange, denn weder wusste ich genau, was ich wollte,
noch wussten die Architekten genau, was ich wollte, geschweige denn, was sie selber wollten. Irgendwie schwebte mir etwas wie ein tibetisches Kloster vor Augen, wenn auch natürlich modifiziert, und
ich legte ihnen auch entsprechende Bilder von meinen Reisen vor: klare, monistische, solitäre Kuben in
einer ebenso klaren Landschaft. Das Gebäude sollte nicht mehr als etwa neunzig Quadratmeter haben
und möglichst wenig kosten, denn ich liebe meine Freiheit und lasse mich von niemandem gerne unter
Aufsicht stellen.
Ihre Absichten deckten sich formal weitgehend mit den meinen, gingen jedoch nicht so weit nach Osten, sondern kreisten um Orte wie Weimar oder Dessau. Denn hier war der sogenannte Bauhaus -Stil in
den Zwanzigerjahren entstanden, funktionale Schuhschachteln in der Landschaft, die inzwischen den
Siegeszug um die Welt angetreten haben.
Und weil mein Baugrund damals völlig von einem hohen Wald umschlossen war und man an einem wolkenlosen Sommertag vom
Himmel nur einen blauen Fleck zwischen den Fichtenwipfeln ausmachen konnte, argumentierten sie richtig, dass man hier mit dem Bauwerk in die Höhe fahren müsste. Also würde das Haus drei Geschosse
haben. Bis wir zu diesem Punkt kamen, war ein Jahr vergangen.
Irgendwann einmal, nach dem zehnten Entwurf, war es also so weit.
Ich hatte inzwischen, wahrscheinlich aus Frustration, ähnlich wie
man es von wahnsinnig gewordenen Lottogewinnern weiß, meinen
Baugrund mit einem ausgeliehenen Schaufelbagger schon ebensooft neu an die zehn Male umgegraben, gestützt durch eine besondere Charaktereigenschaft, die ich damals hatte, nämlich niemals einen
Kontoauszug anzusehen. Auch keinen Fernseher besaß ich, erst im
Alter von 49 habe ich meinen ersten erworben. Sowas macht stark
und optimistisch, und nichts, aber auch gar nichts kann den Blick in
die Zukunft trüben.
Ich war also schon ganz ordentlich mit dem Konto im Minus, als die
ersten Baumaschinen aufkreuzten, doch war ich es gewohnt, ein Segelflieger zwischen Soll und Haben zu sein (um die Worte von Andreas Braun zu gebrauchen), und es konnte endlich losgehen.
Der Baggerfahrer baggerte, der Polier brüllte, die Arbeiter wieselten
mit diversen Werkzeugen herum, die Grube wurde bedenklich tiefer.
Gerhard, der Architekt, und ich standen stumm vor diesem immer
ungeheuerlicher werdenden Loch mitten im unsicheren Geschiebe
des Karwendelschotters, bis auf einmal und ohne Vorwarnung Gerhard schnellen Schrittes zu seinem Wagen eilte, mir zurief, für ein
solches Loch könne er die Verantwortung niemals übernehmen, und
davonbrauste.
Man hatte nämlich kurze Zeit vorher behördlicherseits die Vorschrift
des Baukoordinators verabschiedet, zur Sicherheit der Arbeiter, aber
so recht war das noch nicht bis zu uns an den Waldrand vorgedrungen. Also umkreiste stattdessen ich selbst in den folgenden Tagen,
einem herrenlosen Satelliten gleich, frühmorgens bis abends die
Baugrube, um aufzupassen, dass keine Wand einstürzte und kein
Arbeiter verschüttet würde. Eine weitere, undankbare Aufgabe für
meine ohnehin schon dauergeforderten Schutzengel.
Die Illusion des Rohbaus und andere Schimären.
Jeder weiß, dass die am schnellsten abgewickelte Etappe der Bauzeit
der Rohbau ist. Deshalb stellt der Rohbau für sich allein eigentlich gar
nichts dar, außer der irrigen Vorstellung, man sei nun schon sehr weit
gekommen. Denn wenn es Ärger geben sollte (und den gibt es sicher), dann fängt er jetzt erst an. Die Krönung dieses Selbstbetruges
stellt dann die Firstfeier dar.
Diese Firstfeier wurde auf der Terrasse meiner Nachbarin Gerda abgehalten, deren Haus etwa hundert Meter von dem meinigen entfernt
steht, getrennt nur durch eine schöne, waldrandliche Rasenfläche.
Alle waren sie da, die Arbeiter, die Architekten
und die Künstler, und freuten sich und harrten
der kommenden Aufgaben.
Jörg Dialer, ein alteingesessener Innsbrucker
Künstler und Restaurator mit Dürer‘schen Gesichtszügen und Hang zu dramatischen Farbgebungen, zog, so etwa nach dem zweiten Whisky,
meine Nachbarin in Bezug auf den Putz und die
Farbe des Hauses zu Rate. „Gnädige Frau“, sagte
er und lehnte sich dabei etwas gegen einen
imaginär aufkommenden Wind, „wie machen
wir denn das Haus? Black oder noir?“
Gerda, ebenso windfest und standhaft, zog an
ihrer Milden Sorte und warf einen prüfenden
Blick zum Kobel.
„Na, black, würde ich sagen“, und stieß den
Rauch der Zigarette durch die Nase aus.
Begeistert nickten die Architekten. Immerzu
schwarz gekleidet, erinnerten sie mich nur allzu sehr an Missionare im fernen China, die den
armen Heiden die Frohbotschaft bringen und
dabei keinen Spaß kennen. Die Farbe Schwarz
musste ihnen absolut entsprechen, und meine
Meinung dazu war eher nebensächlich.
Als Nächstes ging man schon zur Innenausstattung über. Eine jede Wohnung (denn es würden
drei werden) sollte einen offenen Kamin erhalten. Dazu war auch Gebhard Schatz geladen
worden. Gebi hatte sich die Berufsbezeichnung
„Feuerkünstler“ zugelegt und für mich in den
Jahren vorher schon einige offene Kamine gebaut. Nun warf er mit einer charakteristischen
Bewegung seines Kopfes seine Mähne zurück:
„Feuerboxen, würde ich sagen, Feuerboxen.“
Nun stand noch die Debatte über die Gestaltung
der großen Glasflächen an den Fassaden an.
Meine ursprüngliche Idee war gewesen, sie mit
Klassikern von Zweig, Rilke und Hölderlin zu bedrucken. Das hätte dann so geklungen:
Dunkel wird‘s und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich.
Als ich diesen Plan meiner geschätzten Nachbarin bei einem (inzwischen dritten) Whisky
vortrug, verzog sie schmerzlich das Gesicht und
zündete sich gleich eine neue Milde Sorte an.
Ganz offensichtlich schien ihr mein Vorhaben zu
dramatisch.
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Allgemeiner Teil
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Rudi, das Bauhaus und ein Architekt namens Mies van der Rohe.
Im zentralsten Ort des Hauses, da, wo andere, „normale“ Bauherren ihre Dielen oder ihre
Wohnzimmer liegen haben, verliefen die Versorgungsstränge der Nassräume. Damit war
klar, dass an diesen Punkten auch die Bäder
und Sch...häuser stehen würden, und das wurde mir jetzt erst bedenklich bewusst. Freilich
hatte man dadurch die Fassaden nach allen Seiten zur unabhängigen Gestaltung freigespielt.
Doch überkam mich bei dieser Gelegenheit die
Ahnung, dass wir von außen nach innen, und
nicht umgekehrt, wie es aus humanistischer
Sicht richtig wäre, von innen nach außen geplant hatten. Meine letzten, etwas schüchtern
vorgebrachten Bedenken in Bezug auf eine katastrophale Feng- Shui-Energie (wenn etwa die
ganze zentrale Energie des Hauses durch ein
Hunderter-Fallrohr in den Kanal gespült würde),
versuchte Gerhard zur Seite zu wischen:
„Ehrlich gesagt“, schilderte er mir eines Tages
treuherzig, „haben wir uns bei deinem Entwurf
etwas an ein Haus von Mies van der Rohe angelehnt.“
„Ah so“, sagte ich. Ich war immer der Meinung gewesen, dass die jungen Architekten im alpinen Raum dort hätten weitermachen sollen,
wo Baumann und Welzenbacher aufgehört hatten. Das hatten sie
aber nicht. Die Tragweite wurde mir erst jetzt langsam bewusst.
„Ja“, sagte Gerhard, „in den Fünfzigerjahren hat der Mies van der
Rohe für eine reiche Amerikanerin ein Haus gebaut, das einen ähnlichen Grundriss wie das deine hatte.“
Ich musste an den Architekturkritiker Tom Wolfe denken, der einmal geschrieben hatte, Mies van der Rohe hieße nicht nur so, er sei auch mies.
„Ach, wirklich?“, sagte ich, wenig begeistert.
„Ja, ja, ja“, sagte Gerhard, „und sie hat ihn dann auf Unbewohnbarkeit
geklagt.“ Ich starrte ihn entgeistert an. „Aber“, fuhr er, einigermaßen
befriedigt, fort, „sie hat den Prozess natürlich verloren.“
Einen Tag später schenkte ich den Architekten das wunderbar groteske, berühmte Buch von Tom Wolfe mit dem Titel „Mit dem Bauhaus leben“, über das ich so viel hatte lachen müssen, weil er darin
unter anderem auch Mies van der Rohe so durch den Kakao zieht.
Doch erhielt ich es einige Tage später wieder zurück. Die steinernen
Mienen meiner Architekten zeigten mir, dass ich es hier wirklich
und wahrhaftig mit religiösen Angelegenheiten zu tun hatte, und
ich kam mir vor wie Darwin, wenn er – etwas zeitversetzt – dem
Chef der Glaubenskongregation, Ratzinger, sein Hauptwerk „Entstehung der Arten“ als Weihnachtsgeschenk überbracht hätte.
Von diesem Tag an nannte ich mein Haus den Kommunistenkobel.
Weihnachten und die endomorphologisch geprägte Angst des
Tirolers vor der Obdachlosigkeit.
Was eigentlich bringt den Tiroler dazu, sich auf Generationen mit
dem Hausbau zu verschulden? In Ländern mit ähnlichem Klima, nämlich Schweden, Kanada, Alaska oder Sibirien, baut man auch Häuser,
die isoliert sind, aber für einen Bruchteil dessen, was in Tirol an monetärem Aufwand selbstverständlich ist. Aufschlussreich in diesem
Zusammenhang sind auch Studien, die besagen, dass der Tiroler die
Kosten der Sanierung seines Hauses im Schnitt stark unterschätzt.
Wenn zum Beispiel der Tiroler glaubt, dass er mit fünfzigtausend
Euro durchkommt, dann braucht er zum Schluss achtzigtausend,
während es sich beim Vorarlberger umgekehrt verhält.
Ein jedes Volk hat sein Trauma. Während die Deutschen von den
Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zell- und dauerhaft kollektiv
geprägt sind, weswegen in den Fernsehsendungen der Großteil der
Werbesendungen aus Versicherungen besteht, die Engländer bei der
Erwähnung des Wortes Dünkirchen ein Zucken um die Mundwinkel
bekommen und die Amerikaner beim Wort Vietnam, muss es beim
Tiroler das Wort Heiliger Abend sein.
Denn absolut irrational ist die Angst des Tirolers, am Heiligen Abend
unter einer Brücke schlafen zu müssen. Diese geradezu zellhaft ge-
Foto: Markus Bstieler
Das war das Zeichen für die Architekten, zu Hilfe
zu eilen. Sie würden ihrerseits Hilfe bei Objektkünstlern suchen (und fanden sie umgehend
bei Lies Bielowski und Ype Limburg).
Lies ist mit ihren sensiblen Filz- und Laubinstallationen berühmt geworden und Ype durch seine Fähigkeit, sehr gut zu fotografieren und dann
richtig proportioniert und handwerklich perfekt
seine Installationen auf Glas mit Siebdruck zu
verarbeiten. Also würde Lies das Laub der umgebenden Buchen sammeln, es perforieren und
daraus großzügige Collagen pressen, und Ype
würde sie fotografieren und mithilfe von Siebdruck – vor dem Vakumieren der Dreifachverglasung – auf der innersten Scheibe anbringen.
Nach dem (inzwischen vierten) Whisky überkam
mich eine düstere Ahnung, was das alles kosten
würde. Doch nach dem (inzwischen fünften
Whisky) tröstete ich mich sogleich: Andere halten sich Windhunde, Jagdfalken, Rennpferde
oder eine teure Frau (ohne mir jedoch das eine
oder das andere wirklich leisten zu können).
prägte Angst führt dazu, dass in den Wochen vor Weihnachten
die Handwerker alle kopfstehen müssen, denn ein jeder will den
Heiligen Abend im neuen Heim feiern. Man gibt also die bisherige
Wohnung zu einem Stichtag auf, sucht dafür einen Nachfolger, der
wiederum seine bisherige Wohnung aufgibt, der wiederum seinerseits seine Wohnung aufgibt usw. usf., dies führt dann zu einem
zirkulierenden Wahnsinn, denn wenn der Erste dieser Kette nicht
zeitgerecht aus seiner bisherigen Wohnung auszieht, ist auch der
unübersehbare Rest der Kette blockiert.
In meinem Fall begann es mit einem Bandscheibenvorfall des Bodenlegers (behauptete er jedenfalls), dass die zu drei Vierteln gelegten Böden zehn Tage vor Heiligabend nicht mehr fertiggestellt
wurden. Er kam einfach nicht mehr und hob auch das Telefon
nicht mehr ab. Das führte folgerichtig dazu, dass ich, zusammen
mit Maria, meiner Gefährtin, die Böden selber fertigstellte, und erreichte seinen Höhepunkt am Vorabend des 24. Dezember, indem
ich (Volltreffer, eine Wahrscheinlichkeit von eins zu tausend) eine
Spaxschraube durch die Wasserleitung trieb. Die Fontäne war beeindruckend. Sie sollte ein böses Omen sein, denn auch wenn es
diesesmal von mir verschuldet war, so waren
es die nächsten vier Wasserrohrbrüche in den
folgenden fünf Jahren nicht.
Ein weiteres Problem war die Lieferung der
großen Fensterscheiben. Hoch und heilig hatte
man sie uns für Mitte November versprochen,
aber Mitte Dezember pfiff noch immer munter
der Schneewind durchs Haus. Also lieferte der
Glaser (für die wenigen Wochen, wie er hoch
und heilig versicherte) ein sogenanntes Thermoclear Glas.
Das Thermoclear Glas waren dürftig isolierte
Plastikscheiben, an deren Innenseite es bei voll
aufgedrehter Heizung dreizehn Grad hatte.
Außerdem besaß es anscheinend die Eigenschaften, dass man zwar nicht hinaussah, aber
umso besser hinein, was meine Nachbarin Gerda eines Tags bemerken ließ: „Bei Euch im Haus
kann man von außen alles sehen“, und dann,
nach einer kurzen Pause, mit Nachdruck: „Aber
auch wirklich alles.“ Fortan verbrachten wir
die Abende angekleidet und vermieden auch
sonst alles, was ein öffentliches Ärgernis hätte
sein können.
Das richtige Glas kam übrigens erst zu Ostern
(und auch da durch eine Schlampigkeit des
Glasers gravierend falsch ausgeführt).
Erwähnenswerte Äußerungen der
bergwandernden Bevölkerung und andere
Zwischenfälle.
Ein Problem, das sich relativ spät offenbarte,
war das Putzen der großen Glasfassaden. Jetzt
bin ich zwar selber Bergsteiger und weiß mit
Hüftgurt und Seilen umzugehen, jedoch hätte
mich damals die Meinung meiner Architekten
zu diesem Problem sehr interessiert. Wie immer,
wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt,
gingen wir also auf ein Bier (wie alle anderen
Tiroler auch) und so brachte ich meine Frage
(etwas schüchtern) vor: „Wie, bitte, putzt man
an diesem Haus die Fenster? Mit Hubschrauber,
mit Hubsteiger, mit zehn Meter langen Stangen,
vielleicht mit der Feuerwehr, also wie, also was,
also warum, also putzen?“
Manfred, der akademischere unter den beiden
Architekten, hatte sich gerade eine MS angezündet und einen tüchtigen Schluck vom Bier
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Allgemeiner Teil
getan. Ganz offensichtlich wollte er Zeit gewinnen, denn meine Frage schien seine Geduld
über Gebühr zu strapazieren. Endlich blies er
den Rauch in meine Richtung: „Also“, sagte er
bedächtig, „das hätten wir uns ja nun wirklich
nicht gedacht, dass du ein solcher Spießer bist,
der auch noch Fenster putzen will.“
Hier schwieg ich nun beschämt. Fenster putzen,
wie hatte ich auch nur daran denken können ...
Um es kurz zu machen: Vor einigen Monaten
(nämlich zehn Jahre und einige verrissene Rückenmuskeln später) haben zwei Kletterkollegen, die die Firma mit dem bezeichnenden
Namen Off Ground Solutions gründeten, mir ausgeholfen und mithilfe von Seilen, Rollen und
Hüftgurten, einer Ausrüstung also, die durchaus
für den Khumbu Eisfall am Everest geeignet ist,
die Glasfassade geputzt (alles das hat wirklich
nicht mehr gekostet als ein Flugticket in den
Himalaya). Und immerhin sind es auch die Gleichen, die den Auftrag haben, die berühmte
Bergiselschanze zu putzen.
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Wie es immer ist, sind die Außenanlagen eines
Hauses das Allerletzte, was fertiggestellt wird.
In meinem Fall war es eine der Holzterrassen, an
der ich eines schönen Sommertags zusammen
mit einem Freund beim Sägen und Schrauben
war. Es war eine schöne, unterhaltsame Arbeit,
untermalt nicht nur vom Summen des Akkuschraubers, sondern auch den Äußerungen der
vorbeigehenden Wanderer. Ich bin nie dahintergekommen, warum sie eigentlich schon auf der
Asphaltstraße die Skistöcke einsetzen, aber auch
in diesem Fall, dem zigsten des Tages, war es so.
Klack, klack, klack kam das Geräusch die Straße herauf, plötzlich gestoppt durch ein Doppelklack. „He, du“, rief er herüber. Wie schon
erwähnt, verläuft genau hier der Grüß-GottMeridian.
Ich wandte den Kopf.
„Praktisch, ha“, und deutete mit dem Kinn zum
Haus, dann legte er eine dramaturgische Pause ein, um dann umso deutlicher nachzulegen
„aber scheußlich!!!“
„Ich seh´s eher umgekehrt“, meinte ich halblaut
und etwas verdrossen, aber er war schon wieder
weitergegangen, klack, klack, und entfernte sich
im Wald.
Allgemeiner Teil
Jedermann weiß, dass der soziale Friede in Tirol nur deshalb aufrechterhalten wird, weil der Tiroler am Wochenende auf einen Berg
steigt oder auf eine Alm wandert, dort ein paar Viertelen trinkt, das
Südtirolerlied singt und wieder zufrieden nach Hause wackelt. Dann
funktioniert er in den folgenden fünf Arbeitstagen wieder klaglos.
Das musste auch bei meinem Gesprächspartner so gewesen sein,
denn einige Stunden später hörte ich wieder die Stöcke, klack klack,
doch diesesmal talwärts. Dann Stille. Schließlich: „He, du.“ Ich schaute hinüber. „War nicht so gemeint. Bisch ma eh nit bös“.
Die Äußerungen der Wanderer waren dermaßen köstlich, dass ich
eine Zeitlang überlegte, eine Videokamera anbringen zu lassen und
den Film im Architekturforum als Endlosband laufen zu lassen. (Was
isch denn deis für a Trottel, der de Bude baut hot? Ja, woasch deis
nit? A spinnerter Professor. Und warum isch es schwarz? Ja des isch
logisch, denk amol noch: dass er die Hitze von außen nach innen leiten kunn, usw. usf.).
Das war auch die Zeit, als einer meiner Freunde, Facharzt und Psychologe, vor seiner Scheidung stand. Ich war gerade im Begriff, für einige
Wochen in den Himalaya zu verschwinden, und so vertraute ich ihm
die Wohnungsschlüssel an, auf dass auch er sich einen Kurzurlaub
von seiner Noch-Ehefrau genehmigen könnte. Mit dem wohligen Bewusstsein, Gutes getan zu haben und damit endlich auch zu den Gutmenschen zu gehören, verschwand ich also in den Himalaya. Als ich
nach zehn Wochen nach Hause kam, war von meinem Freund keine
Spur mehr. Nicht einmal der Kühlschrank wies auf eine Benutzung hin.
Jahre später erst hat er mir gestanden, dass er frohgemut die erste
Nacht im Haus verbrachte. Als er jedoch aufwachte und auf die graue
Sichtbetondecke starrte, ihn eine solche Depression überkommen
hätte, dass er das kleinere Übel wählte und wieder zu seiner Frau zurückkehrte (geschieden wurde er trotzdem).
Die Klimaerwärmung und weitere Molesten.
Es nahte der fürchterlich heiße Sommer 2003.
Wenn der Sommer einzieht, werde ich immer traurig. Die Verheißung
des dauerstrahlenden Chef-Meteorologen im Tirol Heute, dass es in
den nächsten Tagen 35 Grad haben wird, treibt auf ewige Zeiten
einen Keil zwischen mich und die verbleibenden Rest-Tiroler. Denn
wie soll man bei 35 Grad im Schatten glücklich sein, wenn darüber
ein gnadenlos blauer Himmel steht, der wochenlang nicht vergehen will? Aber eben ein solcher Sommer nahte in Gestalt des Jahres
Zwotausenddrei. Ich traf alle Vorkehrungen, besorgte Eisbeutel und
Ventilatoren, sagte Termine ab, erinnerte mich immer wieder meiner
eigenen asiatischen Gleichmut, zitterte etwas wegen des mangelnden Sonnenschutzes am Haus (der sich auch nicht nachrüsten lässt,
dank der Architektur) und vertraute auf die große, mehrstämmige
Buche im Südwesten des Hauses, die verlässlich ab dem frühen
Nachmittag ihren vertrauensvollen Schatten auf das Haus wirft.
Er kam also, dieser gnadenlose Sommer, und zeitgleich mit ihm und
gleich gnadenlos fing der eigentliche Architekturtourismus an, der
Leute aus so weltfernen Gegenden wie Hamburg, Berlin oder Wien,
aber auch Linz oder Pertisau zu meinem Haus führte. Denn inzwischen hatte das Haus in allen Medien seinen Auftritt gehabt. Einmal
erschien sogar eine Filmcrew aus Hamburg, mit dem Vorhaben, in
meinem schwarzen Haus einen Horrorfilm zu drehen, aber ich habe
danach nichts mehr von ihnen gehört. (Vielleicht fürchteten sie sich
vor mir und meinem Haus und sind dann sicherheitshalber doch in
ein Schloss nach Rumänien ausgewichen).
Eines Nachmittags lag ich also völlig geschafft und splitterfasernackt
auf meinem Sofa im Wohnzimmer. Auf meinem Bauch befand sich
ein großer Eisbeutel, auf dem Eisbeutel unser Kater Bertl und auf ihm
wiederum ein (kleinerer) Eisbeutel. So hofften wir beide, die heißeste
Phase des Nachmittags zu überstehen. Da hörte ich lebhaftes Stimmengemurmel um das Haus. Nachdem ich Zäune allgemein verabscheue, kann ein jeder um das Haus gehen und es betrachten, doch
diesesmal waren es fünfzig, wenn nicht sechzig Personen, die sich im
Garten tummelten. Ich hatte nichts zu tun außer transpirieren und
hörte deshalb angestrengt hin. Der Professor (denn bald hatte ich
herausgefunden, dass es sich um eine Architekturklasse aus München handeln musste), dozierte vor seiner schweigenden Stundentenschar gerade über die Schönheit des Kubus. Das dauerte, ob der
Begeistertheit des Professors, und eigentlich wollte ich schon lange
in die Dusche, wagte es aber nicht, meinen Kater zu entfernen und
mich zu erheben, denn dank der Architekur konnte man auch vom
Garten aus bis in den hintersten Winkel des Wohnzimmers im ersten Stock sehen. Da lag ich also und hörte mir den Monolog an, bis
sich der Professor zu einer anderen Gruppe vor dem Haus entfernte.
Kaum war er außer Hörweite, äffte ihn ein Student nach, indem er unter allgemeinem Gelächter geschickt über die Schönheit einer Schuhschachtel referierte. Ich nutzte den anschließenden Tumult, indem
ich die Eisbeutel und den Kater abwarf, um im Bad zu verschwinden
und erst wieder aufzutauchen, als es um das Haus ruhig geworden
war.
Aber nicht nur Filmcrews und Architekturklassen kamen, sondern
auch Schulklassen, wenn das Schuljahr gerade zu Ende ging. Dass
ich mit meinem Haus hier den ferialen Lückenbüßer spielte, habe
ich wie immer zu spät begriffen und gab dem sehnlichst vorgetragenen Wunsch der Lehrer (ehrlich gesagt, war es doch meistens
eine Lehrerin) gutmütig nach und ließ die zehn- bis zwölfjährigen
Rangen inklusive Lehrkörper ins Haus. Lob hat mir dieses Verhalten
keines eingebracht, denn meistens kamen diese Klassen aus tourismusintensiven Gegenden, in denen man doch eher sehr bodenständig baut und in der Größe der Holzbalkone seine Nachbarn zu
übertrumpfen sucht. Den Höhepunkt einer solchen excursion de insuccès bildete der Besuch einer Hauptschule aus Pertisau. Ein Stöpsel von vielleicht zwölf Jahren mit einem lustigen, offenen bäuerlichen Gesicht mit rötlicher Stehfrisur, der nach dem Rundgang von
der Lehrerin gefragt wurde, was er denn nun
von der modernen Architektur halte, entgegnete: „Bei ins dahoam in da Garage dunkts mi
gmiatlicha.“ Während die Lehrerin rot anlief,
verdrückte ich mich in meine Wohnung und
legte mich auf die Couch, um zum ersten Mal
an diesem Tag so richtig herzhaft zu lachen.
Öffentliches Lob, Rückschlag in den interkulturellen Bemühungen.
Das Frühjahr 2005 kam. Einer Einladung zu
einem Bier mit den Architekten kam ich gerne nach. Dass wir uns inzwischen immer noch
nicht die Schädel eingeschlagen hatten, zeugte
davon, dass wir in der Hoffnung lebten, aus unserem gemeinsamen enfant terrible könnte noch
einmal etwas Gescheites werden. Über dem Bier
eröffneten mir meine beiden Schicksalsgenossen mit verschwörischer Miene, dass sie mich
mit meinem Haus für einen bundesweiten Architekturwettbewerb eingereicht hätten. Nach
dem zweiten Bier und der fünften MS gestanden sie mir, dass über undichte Stellen in Wien
bereits Wichtiges durchgesickert sei. Streng geheim, sagten sie mir nach langem Kokettieren,
aber du hast den Preis für das Beste Haus Tirols
gewonnen. Dazu fünftausend Euro. Für Architekten und Bauherrn jeweils die Hälfte.
Der Abend der Preisverleihung an einem Tag
Ende April in Wien war frühlingshaft. Die weiche
Luft, wie wir sie in Tirol kaum kennen, streifte
über die Vorplätze der Halle und stimmte auch
mein versteinertes Häuslbauerherz milde. Wir
hatten vielleicht etwas mehr getrunken, als wir
sollten, und so vertrauten mir die Architekten
das Anerkennungsschreiben des Kunststaatssekretärs sowie die dazugehörigen Plaketten
an, weil ich doch von allen der Verlässlichste sei.
Wir verließen die Veranstaltung, und zusammen
mit Maria, meiner Gefährtin, kehrte ich noch in
einem Beisel zu. Von dort steuerten wir ein Taxi
an. Der Fahrer fuhr los. Sein Gesichtsausdruck
war finster. Ich glaube, er war an diesem Tag der
erste Mensch mit einem mürrischen Gesichtsausdruck. Ich konnte dies in meiner Verfassung
unter keinen Umständen zulassen, und nach
zehn Minuten des Schweigens zwang mich ein
inneres Teufelchen, ihn zu fragen, ob er sich
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Allgemeiner Teil
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Der Dämon des Wassers.
Sehr zum Missfallen meiner geliebten Architekten hegte ich nun den Plan, einen Stock auf
das Haus daraufzusetzen. Ich hatte nämlich im
Jahr zuvor einen kleinen Streifen Grund von
meiner Nachbarin Gerda dazuerwerben können, und diese neugewonnene, baumassendichterisch begründete Freiheit wollte ich zum
Anlass nehmen, die oberste, von Maria und
mir bewohnte Wohnung etwas zu vergrößern,
indem ich einfach die Dachterrassenbrüstung
erhöhte und darin einen zusätzlichen Raum
schuf.
Der Widerstand der Architekten war passiv, jedoch umso hingebungsvoller. Ein Nestroy‘scher
Beamter hätte es auch nicht besser können. Schließlich willigten sie
ein, mir bei der Zeichnung des Plans zu helfen, jedoch würde ich
keine Unterschrift von ihnen bekommen. Denn ich wäre jetzt umgehend dabei, das Haus zu ruinieren.
Ich reichte also den Plan mit meiner eigenen Unterschrift ein, und
der Bau konnte beginnen. Vieles erledigten wir selbst – Maria und
ich – aber zum Schluss musste noch die schwarze Fassade erneuert
werden. Wir versuchten, an den bestehenden schwarzen Putz anzuböschen und scheiterten kläglich. So war es notwendig, alles mit
Schleifmaschinen wieder zu entfernen. Inzwischen war es Herbst geworden, und der milde Wind verteilte den schwarzen Schleifstaub
mehr oder weniger gerecht in alle nachbarlichen Gärten. Nie mehr
werde ich vergessen, wie meine sehr sympathische Nachbarin Marlies (an der Ostseite des Grundstücks) barfuß in den Garten ging,
um nach kurzer Zeit bis zu den Knöcheln schwarz zu sein. Als sie
durch den Hauseingang verschwand, sah es aus, als trüge sie kleine,
schwarze Gummistiefelchen.
Zweitausendfünf übrigens war ein extrem verregneter Sommer. Es
regnete uns nicht nur monatelang durch das Dach herein (sodass wir
letztlich drei oder vier Maurertröge ständig um das Bett stehen hatten und uns das nächtelange Tropf!tropf! den Schlaf raubte, zu allem
Überfluss hatten wir noch das gesamte Übersiedelungsgut samt Bildersammlung im Keller stehen, wo es den Boiler (Wasserrohrbruch
Numero 4) wieder einmal zerriss und ein Schaden von 50.000.- Euro
entstand.
Nicht nur schraubte sich in der Folge die Versicherung um den größeren Teil der Summe, auch die konzessionierte Firma zog sich aus
der Verantwortung, indem ihr Chef vor dem Richter die Liquidation
seines Betriebes erklärte.
... und immer wieder Glaubensangelegenheiten.
Ein Jahr später gab es dann noch zwei Wasserrohrbrüche, die auf schlampig ausgeführte Arbeiten der Firma zurückgeführt werden müssen, aber
dann war plötzlich Schluss. Auch am Dach gab es noch eine undichte
Stelle, die bis heute niemand findet. Aber es regnet nur ein- oder zweimal im Jahr herein, und nicht sehr viel, vielleicht einen halben Putzkübel
voll. Nach dem, was wir in den Jahren vorher mitgemacht haben, kann
man jetzt von einer geradezu dichten Sache sprechen.
Übrigens waren meine Architektenfreunde nach dem Ausrüsten des
Hauses wider Erwarten mit dem Ergebnis doch sehr zufrieden, legten
erneut und feierlich ihr Confiteor ab und würden mir inzwischen alles,
aber auch alles unterschreiben, vielleicht auch einen Vertrag für die
Fremdenlegion (womit ich nicht sagen will, dass ich sie in die Wüste
schicken möchte).
Vielleicht auch war das Ende der Wasserrohrbrüche darauf zurückzuführen, dass wir von Thailand ein Geisterhäuschen mitgebracht und
im Garten aufgestellt haben, in dem die Seelen der verstorbenen
mancher Seite wird sogar der Ruf nach Denkmalschutz laut), und nach zehn Jahren medialer Beschießung ist das auch wirklich kein Wunder.
Foto: Markus Bstieler
nicht überlegen sollte, zum Christentum überzutreten, denn, so meinte ich treuherzig, bei uns sei
es doch ganz offensichtlich lustiger. (Ja, lieber Leser, ich weiß, das war politisch unkorrekt. Aber Sie
müssen verstehn, der laue Frühlingsabend, der
Wein, die Auszeichnung, meine heitere Gefährtin ...). Augenblicklich wurde sein Gesichtsausdruck noch um eine Spur grimmiger. Er ähnelte
nun einem persischen Mullah, der gerade im Begriff ist, beim Freitagsgebet die Fatwah über einen Gotteslästerer zu verhängen. Nach weiteren
quälenden Minuten stoppte er vor dem Haus von
Freunden, bei denen wir wohnten. Auch ein reichliches Trinkgeld konnte keine Milde in sein Gesicht
zaubern. Wir verschwanden durch die Tür.
Sekunden später wurde mir klar, dass ich die Preise auf dem Autositz vergessen hatte. Ich stürzte
hinaus, aber der Finsterling war schon weg.
Die folgenden Wochen schaltete ich alle denkbaren Suchdienste ein, fiel von der Polizei abwärts über die Taxizentralen allen möglichen
Leuten auf die Nerven, doch von den Preisen war
keine Spur mehr zu finden.
Ich stellte mir endlich vor meinem inneren Auge
vor, wie sie umgehend über die Brüstung einer
Donaubrücke gesegelt waren und nun, unbeachtet und unschuldig, dem Schwarzen Meer
entgegenschaukelten und von einer Strömung
an einen Strand des Bosporus getrieben wurden,
wo sie ein pflichtbewusster türkischer Straßenkehrer aufspießte und in der nächsten Müllkippe
entsorgte.
Nachbarn ihren Frieden finden können (ist jetzt immerhin zwei Jahre
her).
Hier sieht man, wie mit fortschrittlichen Methoden den Tücken der
modernen Technik Einhalt geboten werden kann.
Alles wird gut.
Inzwischen hat eine Bewusstseinsänderung stattgefunden. Auch ältere Menschen und solche von konservativer Natur finden das Haus
anziehend oder zumindest interessant, und niemand würde es mehr
wagen, es für scheußlich zu empfinden, wenigstens in der Öffentlichkeit nicht. Ein gutes Beispiel dafür, wie man mit hartnäckiger Propaganda nach wenigen Jahren eine öffentliche Meinung bilden kann,
ja sogar eine Tyrannei der öffentlichen Meinung, die sich von anderen
Tyranneien in Bezug auf die fehlende Meinungsfreiheit kaum unterscheidet. In diesem Falle gereicht mir das zum Vorteil, wenngleich
ich heute die bissigen Bemerkungen über meinen Kommunistenkobel sehr vermisse. Nachdem aber Franz Josef Strauß und Bruno
Kreisky schon lange gestorben sind und unser Walli auch, der dicke
Bischof Krenn im Abseits steht und der bissige Innenminister Graff
auch nicht mehr lebt, ist unsere Gesellschaft zwar endlich politisch
korrekt, hat aber an Unterhaltungswert doch deutlich verloren.
So sehr sei die Zeit auf den Hund gekommen, schrieb Dürrenmatt in
den Achtzigerjahren, dass er wegen eines kritischen Artikels über die
Schweizer nicht einmal mehr angegriffen werde. Sein Großvater sei
wegen eines Gedichtes noch vierzehn Tage ins Gefängnis gegangen.
Aber so ist es nun einmal, jetzt finden sie es alle schön, das Haus (von
Inzwischen gibt es im Inneren des Hauses kaum
mehr Sichtbeton, alles ist verspachtelt und in
freundliches Weiß getüncht, eines der Bäder
sogar von Meister Dialer in dramatischem Lapislazuli-Blau, was ihm einen etwas tropischen
Anhauch verleiht. (Das wird meinen Freund
von damals, den mit der Scheidung, aber freuen, denn inzwischen steht er vor der nächsten
Scheidung.)
Nur mehr bei bestimmten Wetterlagen regnet
es durch das Dach (einmal im Jahr), und die Fassade werde ich richten, wenn ich im Lotto gewonnen habe (ich sollte endlich einmal zu spielen beginnen).
An manchen schönen Herbsttagen setze ich
mich auf einen Baumstumpf nördlich des
Hauses und betrachte das Streiflicht, wie es milde Konturen auf die schwarzen Wände zaubert,
umgeben vom Rot der Buchen und dem Gelb
der Lärchen. Dann kommt auch in mir eine Art
Milde, ja sogar Ergriffenheit auf ob der Schönheit. Schönheit per se ist natürlich nicht alles,
aber sie hat absolut einen Eigenwert.
Gleich ob es ein Mensch ist, der ansonsten strohdumm ist, oder ein Auto, das zwanzig Liter säuft,
es bleibt trotzdem ein schöner Mensch oder ein
schönes Auto.
So kommt an solchen Tagen ein großer Friede wieder über mich (auch weil ich, wie ganz
früher, aufgehört habe, meine Kontoauszüge
anzusehen) und dann sitze ich da, auf meinem
Baumstumpf, freue mich über die Schönheit unserer Illusion, die da im Walde steht, und über
den Zeitbegriff. Denn bei Immobilien muss man
denken wie die katholische Kirche, nämlich in
Jahrhunderten. Und falls der Letzte in 2000 Jahren noch nicht begriffen haben wird, dass Flachdächer im Alpenraum nichts zu suchen haben,
ist trotzdem ein Neubeginn zu erwarten. Denn
gewiss und tröstlich wird eine nächste Eiszeit
kommen und uns das ganze Gerstl bis nach Rosenheim schieben.
Rudolf Alexander Mayr
17
Der Einfluss der Moderne auf die
Südtiroler Architektur
W
18
ill man den Einflüssen der Moderne auf
die Südtiroler Architektur nachgehen, so
ist eine Beschreibung der Persönlichkeiten unumgänglich, die ab den 1920er-Jahren durch
Forschung und Lehre ganze Studentengenerationen prägten und die diesseits und jenseits
des Brenners tätig waren. Die zeitliche Betrachtung umfasst die Architekturentwicklung in
Südtirol von 1920 bis Anfang der 1960er-Jahre.
Eine sehr rege Bautätigkeit hatte in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Tirol eingesetzt. Sehr anschaulich kann man über die Bauten des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Bozen und Meran einen Einblick in die Architektur
und den Städtebau dieser Zeit erhalten. Er zeigt
einen Querschnitt durch die Bauten des Historismus und des Jugendstils, beeinflusst von der
Münchner und der Wiener Schule.
In Meran und Bozen entstanden mit dem Aufkommen des Kurwesens neben den zahlreichen
privaten Villenbauten auch öffentliche Gebäude,
für die Wettbewerbe ausgeschrieben wurden,
an denen hauptsächlich Architekten aus Wien
und München teilnahmen. So plante Martin
Dülfer (ein Studienkollege von Theodor Fischer
und Professor u.a. von Tessenow, Trost, Langheinrich) das Theater in Meran (1900), wo er als
Wettbewerbssieger hervorging. Theodor Fischer
(Professor von u.a. Bruno Taut, Domenikus Böhm,
Hugo Häring, Hans Pölzig, Erich Mendelsohn)
wiederum hatte bereits 1898 einen Stadterweiterungsplan für Meran erarbeitet, er war Mitglied in
der Jury einiger Wettbewerbe in Meran und wurde von Seiten der Verwaltung zu städtebaulichen
Fragen immer wieder zu Rate gezogen. Auch das
Projekt des Kurmittelhauses in Meran verlief über
einen Wettbewerb, welchen Max Langheinrich
gewann und 1905 verwirklichte. Der Wiener Einfluss zeigt sich bei dem Bau des Kurhauses, das
nach den Plänen von Friedrich Ohmann 1914 errichtet wurde.
Der Bauleiter des Theaters in Meran war Wilhelm
Kürschner (1869–1914), der anschließend viele
Jahre in Bozen als Architekt und als Stadtbaumeister (1903–1910) tätig war. In Zusammenarbeit mit Karl Hocheder (1854–1917), der an
der Universität München lehrte, entstand 1907 das Rathaus in Bozen.
An der Ausarbeitung der Pläne war auch Gustav Nolte (1877–1924)
beteiligt, der in den Jahren 1910–1918 die Nachfolge von Kürschner
als Stadtbaumeister antrat.
Kürschner realisierte zahlreiche Projekte in Bozen, dazu gehören
unter anderem die Grundschule J. W. von Goethe (1907), die Mittelschule „Josef von Aufschnaiter“ (1904), der Gebäudekomplex „Kolonnadenhof“ (1907) und das Gebäude der Sparkasse (1904) in der
Talfergasse.
Es sind die Jahre des ausgehenden Historismus und der Aufbruch zu
grundlegenden Änderungen und Neuem – die Theorien von Otto
Wagner und Adolf Loos drangen vor dem Ersten Weltkrieg jedoch
nicht bis Südtirol vor.
Vor allem für die deutschsprachige Studentengeneration der 20erJahre waren die Hochschulen von München und Wien die bevorzugten Ausbildungsstätten, an denen die Architektur der neuen Sachlichkeit, des Funktionalismus und des organischen Bauens gelehrt
wurde. Währenddessen waren die Hochschulen von Turin, Mailand
und Venedig mit den Lehren des „Stile Liberty“ und der „architettura
razionale“ für die Südtiroler Architekten prägend, die nach dem Ersten
Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit bis in die 60er-Jahre bauten.
Theodor Fischer zog mit seiner Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule München von 1908 bis 1928 viele später bedeutende Architekten
in seinen Bann. Fischer selbst baute noch im Stil des romantischen Historismus, zeigte sich aber in seiner Lehrtätigkeit gegenüber den neuen
Architekturrichtungen aufgeschlossen. Einer seiner Studenten war Lois
Welzenbacher (1889–1955), dessen Eltern aus Laas im Vinschgau nach
München ausgewandert waren und der in den Jahren 1912–1914 an
der Technischen Hochschule München studierte. Welzenbacher war als
Architekt überwiegend in Bayern, Österreich und Südtirol tätig. Seine
zahlreichen Bauten zeichnen sich durch eine konsequent moderne Formensprache aus, vielfach unter Verwendung und bei starker Betonung
von Kurven. Von seinen Bauten in Südtirol sind die Villa Settari (1922)
und das Haus Baldauf (1922) in Dreikirchen bei Barbian zu nennen. In
Anlehnung an die Überlegungen von Adolf Loos „Wie baut man in den
Bergen“ beschäftigte sich Welzenbacher ausführlich mit dem Thema
„Wie soll man Menschen in Massen in den Alpen Unterkunft und Verpflegung bieten, damit sie die Schönheit und Natur dieser Bergwelt
erleben können?“. Mit seinen Bauten zeigte Welzenbacher einen eigenen Weg in der Formensprache, wie später Franz Baumann (1892–1974)
und Siegfried Mazagg (1902–1932), beides Tiroler Architekten. Wichtig
für sie war die Form des Gebäudes, die bestimmt war durch den Bauplatz, die Lage und den Ausblick sowie die Berücksichtigung der Nutzerbedürfnisse. Die beispielhaften Bauten Welzenbachers sind maßgebend im Nordtiroler Raum anzutreffen. Der Einfluss Welzenbachers
ist in Südtirol nur bei wenigen Bauten zu finden, Ausnahmen sind
zum Beispiel der Hotelbau von Monte Rosa am Sellapass von Arch.
Ivo v. Tschurtschenthaler (1885–1968) und der Gasthof Briol in Dreikirchen geplant von dem Maler Hubert Lanzinger (1880–1950).
Ab 1947 war Welzenbacher als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien tätig, wo einige der späteren Südtiroler Architekten studierten. Seine Lehre umfasste die Wertschätzung der Berge,
das Bauen im Alpenraum mit dem sich immer mehr ausbreitenden
Tourismus, der neue Gebäudetypologien forderte.
Einen anderen Weg zur Lösung dieser neuen Bauaufgabe zeigte
Clemens Holzmeister (1886–1983), der von 1924–1938 als Professor
an der Akademie der Bildenden Künste in Wien lehrte. Er selbst hatte an der Technischen Hochschule in Wien studiert. Trotz des rationalen Einflusses von Otto Wagner bevorzugte Holzmeister für seine
Gebäude einen expressiv romantischen Formenkanon. So nimmt
es nicht wunder, wenn er in der Hotelarchitektur in den Alpen das
Tiroler Bauernhaus als Vorbild für die neue Bauaufgabe sah und
diese Auffassung beim Bau des Hotels „Drei Zinnen“ in Sexten und
des Hotels Post in St. Anton in Tirol zur Ausführung brachte.
Mit seinem Studienkollegen Luis Trenker (1892–1990) als Partner realisierte Holzmeister jedoch auch Projekte in den klaren Formen der
Architektursprache des Neuen Bauens, was sich bei dem Villenbau
der Familie von Pretz (1926) in Bozen belegen lässt, der jedoch auch
lokale Einflüsse wie das Laubenmotiv des Bogens aufweist.
Waren in den 20er-Jahren durch die geänderten
politischen Verhältnisse in Südtirol nur vereinzelte
heimische Architekten in der Lage, moderne Bauten, vorwiegend für Geschäftsleute zu errichten,
konnte Holzmeister zusammen mit Luis Trenker
in Bozen eine Siedlung mit 52 Wohnungen und
zwei Geschäftslokale in Oberau planen, die in
ihrer Ausführung an den sozialen Wohnungsbau
im Wien der Zwanzigerjahre erinnert.
Zum Tragen kam die Architekturauffassung von
Clemens Holzmeister vor allem beim Bau des
Restaurants „Kalterer See“ (1952–53, abgetragen
2006?), einem Projekt des Südtiroler Architekten
Erich Pattis (1902–1996), der bei Holzmeister an
der Akademie in Wien studiert hatte. Allgemein
hielt dadurch der Trend zur Nachahmung ländlicher Gebäudetypen für kommerzielle Zwecke
Einzug, und dieses Klischee setzt sich bis in die
Gegenwart, insbesondere im Hotelbau, fort.
Mehr dem Bauhausgedanken verpflichtet zeigt
sich die Villa der Familie Lantieri von Architekt
Erich Pattis, die 1932 in Bozen-Gries (Penegalstraße) gebaut wurde. In den 1930er-Jahren
blieb Pattis dieser Architekturhaltung bei den
Entwürfen mehrerer Villen treu, seine späteren
Bauten weisen vermehrt traditionelle Formen
und Bauelemente auf.
Franz Lottersberger (1903–1973), der ebenfalls
bei Clemens Holzmeister studiert hatte, zeigt
Wohnhaus Galileistraße, Meran | Architekt: Karl Janeschitz | Baujahr: 1937 | Foto: Gadner + Partner, Meran
19
Der Einfluss der Moderne auf die Südtiroler Architektur | Walter Gadner und Magdalene Schmidt
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Villa Köllensperger, Bozen | Architekt: Luis Plattner
Baujahr: 1935 | Foto: Privatbesitz
Wohnhaus Altmann, Maretschgasse, Bozen | Architekt: Karl Watschinger
Baujahr: 1935 | Foto: Gadner + Partner, Meran
mit dem Bau der Villa Duse in Meran einen
ziemlich klaren Einfluss des Bauhausgedankens.
Eingangsbogen und Jalousien sind jedoch eine
Reverenz an den Genius Loci.
Noch konsequenter in der Formensprache des
Neuen Bauens zeigt sich das Mehrfamilienhaus
von Karl Janeschitz, erbaut um 1937 am Hang des
Küchelberges in Meran. Ebenfalls in dieser Architekturauffassung stehen die Villenbauten von
Luis Plattner (1901–1976), der an der Technischen
Hochschule in München studiert hatte. Beispielhaft für die Moderne ist das Projekt Plattners für
das Wohnhaus Dr. Köllensperger in Bozen-Gries,
das jedoch heute durch einen Dachaufbau einschneidend verändert worden ist.
Weitere Südtiroler Architekten, die ebenfalls mit
der Formensprache der Moderne arbeiteten,
sind unter anderen Karl Watschinger mit dem
Wohnhaus Altmann (1935) in der Maretschgasse
und Heinrich Rössler (1911–1976) mit dem Bau
der Halle 1 der Bozner Messe (1953) in Zusammenarbeit mit Guido Pelizzari (1911–1976).
In der Architektur waren Anfang des 20. Jahrhunderts in Italien der Neoklassizismus und der
„Stile Liberty“ tonangebend. Der Übergang zur
Moderne vollzog sich im Vergleich zu den Nachbarländern eher zögerlich. Die Bewegung des
Novecento und des Futurismus der Vorkriegszeit
sind der Ausgangspunkt für die Entwicklung des
italienischen Rationalismus. 1926 hatten Mailän-
der Architekturabsolventen den „Gruppo 7“ gegründet mit dem Anliegen, in enger Verbundenheit von Logik und rationalem Denken, eine
neue Architektur zu schaffen.
Als in Italien die Moderne ihren Anfang nahm, herrschte bereits die
faschistische Diktatur mit dem Anspruch, alle Bereich des Lebens
regeln zu müssen, so auch die Architektur. Anders als in den Nachbarländern waren die Vertreter des Rationalismus in Italien zu jener
Zeit gezwungen – oder auch bemüht – dem Duce zu dienen. Nicht
nur unter den Politikern, sondern auch in Architektenkreisen ging
man dazu über, die moderne Bewegung des Rationalismus in der
Architektur als faschistischen Stil zu bezeichnen, der jedoch später
auf Anordnung des Duce zum Klassizismus der „scuola romana“ mit
monumentaler Aussagekraft zurückkehrte.
Mit dem „Gruppo 7“ wird auch die Verbindung zur modernen Bewegung in den Nachbarländern hergestellt, die ansonsten sehr spärlich
war. Nur bedingt war man gewillt, das neue Bauen von Walter Gropius und Mies van der Rohe anzuwenden, den „razionalismo“ sah man
als nationale Architekturrichtung an. Wenige Kontakte und einzige
Verbindung waren die Fachzeitschriften wie „Belvedere“ und „Casabella“ von Edoardo Persico, der die italienische Bewegung derjenigen von Gropius und Mies van der Rohe immer wieder gegenüberstellte (1930–1936).
Bereits ab Mitte der 1920er-Jahre hatten die neuen Machthaber in
Bozen begonnen, ihre Ideologie mit faschistischer Macht- und Repräsentationsarchitektur zu manifestieren. Der Regimearchitekt Marcello Piacentini (1881–1960) konnte nicht nur zahlreiche Monumentalbauten in Bozen realisieren wie das Siegesdenkmal und den Sitz des
Armeekommandos, sondern war auch maßgeblich am Projekt für die
neue Stadterweiterung beteiligt. Die Bedeutung der Architektur als
öffentlich wirkende Kunst wurde vom Regime zielgerichtet eingesetzt. Die Herrschaftsgebäude für die Partei und öffentliche Bauten
wie Bahnhof und Brücken sind Beispiele des monumentalen Klassizismus, während Schulen, Sportanlagen und Freizeiteinrichtungen
dem Rationalismus verpflichtet sind.
Einen größeren Bezug zum Bauhaus in ihrer planerischen Ausdrucksform haben die Bauten für die faschistische Jugend (G.I.L.) der Architekten Francesco Mansutti und Giuseppe Miozzo, die sie für die ONB
(opere nazionale balilla) 1933–1940 in Bozen, Brixen und Meran mit
sich wiederholenden Planungsmerkmalen errichten konnten. Ende
der 1990er-Jahre wurde der denkmalgeschützte Baukomplex in Bozen
renoviert und erweitert und ist heute Sitz der Europäischen Akademie.
Nach der Besetzung aller öffentlichen Stellen und dem Verbot der Südtiroler Vereinigungen in den 1920er-Jahren war auch der Südtiroler Architektenschaft jeder Auftrag für öffentliches Bauen verwehrt, und so
wurden vornehmlich regimetreue Architekten ins Land gerufen, um
auch mit den Bauten die Italianisierung zu manifestieren.
Einigen Südtiroler Architekten gelang es, meist in Zusammenarbeit
mit italienischen Kollegen, an öffentliche Aufträge heranzukommen.
Willy Weyhenmeyer (1888–1977) realisierte mit Ettore Sottsass (1917–
2007) aus Mailand den Bau des Bozner Lidos (1931) im Stil des Rationalismus, eine Freizeitanlage, die durchgängig dem Bauhausgedanken in
der Klarheit der Linien und im künstlerischen Umgang mit Stahlbeton
folgt und auf Monumentalität verzichtet. Willy Weyhenmeyer hatte in
Stuttgart bei Paul Bonatz studiert und brachte somit einen nicht unwesentlichen Beitrag der deutschen Moderne nach Südtirol.
Auch Luis Plattner (1901–1976) gehörte zu den wenigen Südtiroler
Architekten, die in dieser Zeit öffentliche Aufträge zusammen mit
italienischen Kollegen bearbeiten konnten. So war er mit Guido
Pelizzari (1898–1978) und anderen mit dem Bau der „Casa Littoria“,
dem heutigen Finanzamt (gegenüber dem Justizpalast), beauftragt worden, ein Gebäude zwischen Tradition und Modernität, das
mehr der Repräsentation des Regimes als der Formensprache der
Moderne verpflichtet ist.
Architekten und Professoren, die in dieser Zeit ausgebildet und gelehrt
haben, vertraten zunächst noch die alten Stilrichtungen und zeigten
sich erst später gegenüber der Moderne aufgeschlossen. Wesentlichen
Einfluss auf die Architekturentwicklung hatten Architekten wie Carlo
Mollino (1905–1973), Giovanni Michelucci (1891–1990), Adalberto
Libera (1903–1963), Luigi Figini (1903–1984), Gino Pollini (1903–1991)
und auch Gio Ponti (1891–1979) und Ettore Sottsass (1917–2007).
Zu den Studenten von Giovanni Michelucci in Florenz, der mehrere
Generationen von Studenten vom „neo-rinascimento“ zur Moderne
führte, gehörte auch der Südtiroler Architekt Anton Abram (1908–
1982). Mit dem Bau der Messehalle 3 (inzwischen abgebrochen) gab
Anton Abram Zeugnis dieser kompromisslosen Haltung seines Professors zur Moderne.
Armando Ronca (1901–1970) arbeitete nach seinem Studienabschluss
bei Carlo Mollino und Ettore Sottsass in Mailand,
bevor er seine zahlreichen Bauten in Bozen und
Meran im Stil der Moderne verwirklichen konnte. Waren die Gebäude in der Drususstraße in
Bozen noch mit einer gewissen Monumentalität
(des movimento moderno italiano) behaftet, so
zeigt sein Schaffen nach 1945 entschieden mehr
Bezug zum internationalen Stil. Mit der Beauftragung des Wiederaufbaus des Schülerheims
Rainerum in Bozen in der Carduccistraße im Jahr
1950 findet Ronca zurück zur modernen Bewegung. Bei diesem Projekt arbeitet Ronca mit den
Stilelementen der klassischen Moderne und des
Funktionalismus, charakterisiert dieses Gebäude
durch ein Rastermodul, eine sichtbare Tragkonstruktion in vertikaler und horizontaler Richtung
und betont die Geschossigkeit. (Durch Sanierungsmaßnahmen ist die Fassade heute völlig
verändert.) Sein reifstes Werk entstand mit dem
Bau des Hotels „Eurotel“ (1960) in Meran, der in
seiner konsequenten Durcharbeitung mit den
Stilelementen der Moderne dem Konzept der
Wohnanlagen (unite d’abitation) von Le Corbusier folgt. In Roncas Büro haben einige der Südtiroler Architekten gearbeitet wie zum Beispiel
Gigi Dalla Bona oder Antonello Marastoni.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
Situation für die Wiederaufnahme des Baugeschehens der Moderne in Südtirol eng verbunden mit den Gegebenheiten in den europäischen Ländern.
Nach 1945 wird in Italien kaum gebaut; anders
als in Deutschland ist wenig Bausubstanz zerstört worden. So richtete sich die Tätigkeit der
Architekten in Italien mehr auf das Studium der
Bautechnik und auf die Architekturrichtung des
organischen Bauens. Man bezog sich dabei auf
Bauten von Frank Lloyd Wright oder Alvar Aalto.
Beispiele für diese Architekturauffassung sind
das Krankenhaus für Traumatologie von Giuseppe Samonà (1898–1983) oder die Villen von
Bruno Zevi (1918–2000). Nicht zuletzt ging es
auch um konkrete Bauaufgaben, insbesondere
um die Beschaffung von Wohnraum. In der Theorie beschäftigte man sich mit der Schönheit der
Konstruktion und des Materials, was in der Praxis
hervorragende Bauwerke hervorbrachte, wie die
Kirche „Madonna dei Poveri“ in Mailand (Figini –
21
Der Einfluss der Moderne auf die Südtiroler Architektur | Walter Gadner und Magdalene Schmidt
Eurotel, Garibaldistraße, Meran | Architekt: Armando Ronca | Baujahr: 1960 | Foto: Gadner + Partner, Meran
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Pollini 1952), die Sparkasse in Florenz (Michelucci
1957), den Palazzetto dello Sport in Rom (Pierluigi
Nervi 1958) und das Ladengeschäft Olivetti in Venedig (Carlo Scarpa 1959). Das augenfälligste Beispiel des „neorealismo“ bleibt der enorme Wohnbau „Ouartiere Tiburtino“ in Rom (C. Aymonino
– L. Quaroni – M. Ridolfi).
Diese beiden Tendenzen wurden an den italienischen Hochschulen gelehrt und durch die entsprechenden Professoren vermittelt. Vertreter
des „neorealismo“ waren Ludovico Quaroni in
Rom und Carlo Aymonino (1926–2010) in Venedig. Die Theorie des organischen Bauens lehrten
Bruno Zevi (1918–2000) in Rom und Giuseppe
Samonà in Venedig. Carlo Scarpa (1906–1978),
der zu dieser Zeit auch als Professor in Venedig
tätig war, ist dagegen keiner dieser Tendenzen
zuzuordnen.
Die Architekten Gigi Dalla Bona (1926–1999)
und Jole Zamolo (*1927) studierten während dieser Zeit in Venedig, und ihre gemeinsamen Bauten wie das Turmhaus (1958) in
der Weintraubengasse in Bozen und das Elektrizitätswerk in Naturns zeigen deutlich die
Architekturrichtungen, die in Venedig in der
Nachkriegszeit vermittelt wurden.
In Deutschland war die Architektur durch den
Wiederaufbau gekennzeichnet, der hauptsächlich durch den handwerklichen Charakter ge-
prägt war, aber auch hypermoderne Bauten hervorbrachte, wie das
Stadttheater in Kassel (H. Scharoun), die Liederhalle in Stuttgart (R.
Gutbrod) oder das Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf (Schneider-Essleben).
Die beiden konträren Tendenzen, eine Kluft zwischen Handwerk und
Industrie, die Gropius 1919 durch das Bauhaus überbrücken wollte,
standen sich in der Ausstellung „Interbau“ 1957 auf dem Gelände des
vollkommen zerstörten Hansaviertels in Berlin gegenüber.
In Österreich hatte die Architektur der Moderne mit dem Anschluss
an Deutschland ihr Ende gefunden. In den Nachkriegsjahren zählte
auch in Österreich – neben den theoretischen Fragen des Städtebaus
– der Wiederaufbau zu den dringlichsten Aufgaben.
Roland Rainer (1910–2004) beschäftigte sich intensiv mit dem Thema
des Wohnungsbaus, seine Theorien lassen sich im Wesentlichen auf
die Gartenbau-Ideen von Adolf Loos und des Wiener Werkbundes
zurückführen. Dagegen haben Rainers Bauten, besonders die Stadthallen, die er u.a. in Wien, Ludwigshafen oder Bremen realisieren
konnte, einen ausgeprägt konstruktiv-monumentalen Charakter.
Zeitgleich mit Roland Rainer war Clemens Holzmeister (1886–1983)
wieder als Professor an der Akademie der Bildenden Künste tätig, der
die Architekturdiskussion in Wien nach dem Krieg wieder in Gang
brachte und mehrere Architektengenerationen ausgebildet hat.
Auch Südtiroler Architekten waren bei Holzmeister und Rainer in der
Nachkriegszeit an der Akademie in Wien, sie kehrten aufgrund der
Nichtanerkennung ihres erworbenen Diploms von Seiten des italienischen Staates entweder nicht in ihre Heimat zurück oder konnten
nur bedingt beruflich arbeiten.
Einer der wenigen Südtiroler, die in jener Zeit in Wien an der Technischen Hochschule studierten, war Franz Prey (*1921). Seine Bauten
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Gebäude, Weintraubengasse, Bozen | Architekt: Dalla Bona, Zambolo | Baujahr: 1958 | Foto: Gadner + Partner, Meran
Der Einfluss der Moderne auf die Südtiroler Architektur | Walter Gadner und Magdalene Schmidt
Elektrizitätswerk Naturns | Architekten: Dalla Bona, Zambolo, Willi Gutweniger | Baujahr: 1964 | Foto: Gadner + Partner
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sind dem Stil des Funktionalismus zuzuordnen.
Sowohl das Haus Fellin in Brixen (1974) als auch
das Wohnhaus in Kiens (1972) folgen in Form und
Grundriss der Formensprache der Moderne mit der
Ausbildung als Stahlskelettbau, freischwebender
Dachrahmenkonstruktion und der großzügigen
Verglasung. Ein Vergleich mit den zahlreichen Villen
von Richard Neutra, den Prey nach seinen eigenen
Aussagen als Vorbild hatte, bietet sich an.
Weit offener als in Wien war die Bereitschaft
zum Architekturdiskurs in der Nachkriegszeit
an der Grazer Technischen Hochschule. Professoren wie F. Zotter oder R. Lorenz, später auch
Ferdinand Schuster und der Bauhausschüler
Hubert Hoffmann, ließen ihren Studenten weit
mehr Freiraum bei der Interpretation und Gestaltung der Entwurfsaufgaben, waren jedoch
bedacht, die Ziele der Moderne zu vermitteln,
die verloren schienen.
Othmar Barth, Helmut Maurer und Rudi Zingerle
(*1928) beendeten ihr Studium in Graz anfangs
der 50er-Jahre. Sie stellten die erste Generation
dar, die den durch zwei Kriege verloren gegangenen Architekturdiskurs der Moderne in Südtirol wiederaufnahmen.
Auch Arno Hofer (*1923) gehört zu diesen Absolventen aus dem Graz
der frühen Nachkriegszeit, ab 1957 betreibt er sein eigenes Büro in
Bozen und baute in seiner Heimatstadt unter anderem das TheaterKulturhaus „Walther von der Vogelweide“. Hofers Projekte entstehen
in Zusammenarbeit mit Helga Ehall-Hofer (*1928), seiner Büropartnerin und Ehefrau; sie zählt zu den wenigen Frauen, die als Architektinnen in jenen Jahren in Südtirol tätig waren.
Othmar Barth (1927–2010), der später sehr viel für die Kurie baute,
errichtete die Cusanus-Akademie in Brixen (1962) und die Fachlehranstalt für Frauenberufe in Tschötsch / Brixen (1971) in Anklang an
und mit dem Vokabular von Le Corbusier.
Auch die Bauten von Helmut Maurer (*1927) sind der Formensprache von Le Corbusier verpflichtet, das zeigen seine Gebäude wie das
Schülerheim in Mals (1970), der Kindergarten (1970) in der Horazstraße in Bozen, das Kulturhaus (1970) in Kurtatsch oder das Bildungshaus Lichtenburg in Nals.
Beeinflusst von den Lehren des Bauhauses und in direkter Verbindung
damit stand Hermann Delugan (1927–2004), der an der Hochschule für
Gestaltung in Ulm, der Nachfolgerin des Bauhauses in Dessau, studiert
hatte. Die Ähnlichkeit der Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg war
der Auslöser, nochmals ein Bauhaus zu errichten, das Max Bill, ein ehemaliger Student von Walter Gropius, mit der Hochschule für Gestaltung ins Leben rief und das von Gropius selbst 1955 eröffnet wurde.
Wohnhaus Franziskusstraße, Meran | Architekt: Hermann Delugan | Baujahr: 1960 | Foto: Gadner + Partner
Student der ersten Stunde war Hermann Delugan aus Meran. Seine Professoren in Ulm waren
unter anderem Konrad Wachsmann, Otl Aicher,
Max Bill und andere, die Schüler von Walter Gropius waren.
Delugans Wohnhaus (1962) für die Familie Wohl
in Meran-Obermais, in stark terrassiertem Gelände gebaut, erinnert in seinem architektonischen Ausdruck an das Haus Kaufmann in
Palm Springs in Kalifornien von Richard Neutra,
das als typisches Beispiel des Internationalen
Stils gilt. Das Wohnhaus Wohl wurde in den
1980er-Jahren durch Umbauten verändert.
Einem klaren Formenausdruck und der Moderne verpflichtet zeigt sich auch heute noch unverändert Delugans Mehrfamilienwohnhaus
in Meran in der Franziskusstraße (1960), das, in
Grundriss und Fassadengestaltung auf das Wesentliche reduziert, den heute im Trend liegenden Minimalismus vorweggenommen hat.
Walter Gadner und Magdalene Schmidt
Schülerheim Mals | Architekt: Helmut Maurer
Baujahr: 1970 | Foto: Arch. Maurer, Bozen
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Heimo Zobernig
Landesberufsschule Bozen
KUNST HAND WERK BERUF INDUSTRIE SCHULE GEWERBE, 2007
Textinstallation, Folien auf Glas
Architektur: Höller & Klotzner Architekten
Foto: L. Degonda
KUNST AM BAU oder wie viel künstlerische
Freiheit verträgt die Architektur?
Antworten einer Intervention sind vielfältig. Sie können sich als autonomer Kommentar gestalten oder fast mimetisch in den Kontext
einschreiben. Letztere Praxis hat gerade auch in Zusammenhang mit
meinen eigenen Vorschlägen oft Grundsatzdebatten zum Kunst-amBau-Begriff ausgelöst. Gehört etwa ein konzeptuelles Farbkonzept
noch zur Architektur oder ist es schon Kunst? Für „Das Schwarze
Brett“ bzw. die entsprechend schwarze Wand, die im Bozener Realgymnasium eingezogen wurde, bedurfte es als Antwort auf den Einspruch seitens der Lehrer und Eltern einer externen Expertise durch
den Wiener Architektur- und Kunsttheoretiker Friedrich Achleitner.
Oder ein jüngeres Beispiel: Darf eine Künstlerin wie Maria Eichhorn
als „Kunst am Bau Projekt“ für die Freie Universität Bozen eine Studentenzeitung konzipieren? Der Prototyp mit der Nullnummer hängt
heute gerahmt wie eine Grafik an der Wand vor der Universitätsbibliothek, wobei sich die Intervention weniger in die Architektur als den
Geist des Hochschulbetriebes einschreiben wollte.
Im Unterschied zum Kunstmuseum ist die Begegnung mit Kunst am
Bau oder im öffentlichen Raum eine unerwartete und zufällige. Sie
kann sich autonom behaupten, wie die Stahlkugel des Franz Messner
auf dem Grundstück von Nicolussi-Leck in Frangart, oder subtil kontext- und ortsbezogen sein wie die von Franziska und Lois Weinberger
verpflanzte Bronzewurzel in der Mittleren Festung der Franzensfeste.
Der Begegnung mit dem Kunstwerk im öffentlichen Raum geht kein
Ritual voraus, üblicherweise gibt es keine Überwachung, keine Schranke, keinen Filter, keine Einführung. Es ist eine Begegnung in der Alltäglichkeit und in der Gewöhnlichkeit, die dann umso mehr für Aufregung
und Furore sorgen kann, wie aktuell der von Maurizio Cattelan vor der Mailänder Börse installierte
gigantische Mittelfinger „L.O.V.E.“ aus CarraraMarmor oder die vor einigen Jahren von der
Künstlergruppe Gelitin auf dem Salzburger MaxReinhardt-Platz installierte Fontäne in Form eines
Riesen, aus dessen Mitte das Wasser zurück in die
Mundöffnung spritzte, mit dem bezeichnenden
Titel „Arc de Triomphe“. In der unvermittelten Begegnung eines gleichermaßen kompromisslosen
wie konsequenten und hintersinnigen Kommentars liegen Chance und Risiko der künstlerischen
Intervention im (ungeschützten) öffentlichen
Raum, aber auch die Herausforderung an eine bestimmte Resistenz und an ein würdevolles Altern.
Für mich geht es heute um eine Neuinterpretation der vielzitierten „Einheit Baukunst“ im
Sinne eines Dialoges mit der ideologischen,
kulturellen oder sozialen Konstruktion eines
Raumes oder Kontextes. Darin liegen der Reiz
und die Wirksamkeit von Kunst am Bau, die
sich im kunstfremden Kontext bisweilen effektiver manifestieren kann als innerhalb des gewohnten Betriebssystems Kunst.
Manfred Alois Mayr
Versuch einer Antwort
26
B
ei dieser Frage stellt sich bei mir gleich die
Gegenfrage: Wie viel Architektur verträgt
die Kunst? Die Antwort lässt sich schwer in wenige Worte fassen – zumal Worte nie die räumliche
Erfahrung ersetzen können. Es gibt keine pauschale Formel, weil die Antwort vom jeweiligen
Kontext abhängt und von der künstlerischen
Haltung, die auf diesen Kontext trifft. Vor allem
geht es darum, die künstlerische „Akustik“ eines
Raumes abzutasten und die „Lautstärke“ einer
Intervention darauf abzustimmen. Ausschlaggebend ist, dass die gegenseitige Eigenständigkeit
respektiert wird und der Handlungsspielraum
offen bleibt.
Umwelt und der Gesellschaft. Die Frage sollte eigentlich lauten: Wie
viel Kunst verträgt die Gesellschaft?
Kunst am Bau – Kunst und Bau – Kunst im öffentlichen Raum: Varianten, unterschiedliche
Formen einer Beziehung, eines Dialoges, nicht
nur mit der Architektur, sondern auch mit der
Am Anfang jeder Auseinandersetzung mit Kunst am Bau steht die
Identifikation des Raumes als Ort. Thema sind nicht nur die architektonischen und funktionellen, sondern auch die historischen, sozialen, psychologischen und emotionalen Rahmenbedingungen. Die
Die Antwort findet sich nicht in den Geschichten des Realisierten,
sondern in den Berichten des Gescheiterten: Exemplarische Beispiele
sind etwa der vom Künstlerkollektiv Gelitin für die Pädiatrie des Meraner Krankenhauses entworfene Operationssaal für Kuscheltiere,
die von Ernst Trawöger und Martin Walde projektierte Vogelstation
an der Einfahrt ins Villnößtal, die von Heinz Mader für den Großen
Graben in Brixen vorgeschlagene Wappenskulptur oder die für die
Eurac von Maurizio Nannucci und Bernhard Leitner angedachten
Licht- und Toninstallationen. Das Scheitern wird von den Auftraggebern von Fall zu Fall unterschiedlich – psychologisch, bürokratisch,
budgetär – gerechtfertigt.
Hans Kupelwieser
Große Skulptur für kleinen Balkon, 2005
Pneumatische Plastik (Aluminiumskulptur)
Barth Innenausbau, Brixen
Architektur: Gerd Bergmeister Architekten und Christian Schwienbacher
Foto: J. Eheim
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Esther Stocker
Silo Barth, 2006
Nitrolack auf Eisen, Umfang 15,70 m
Barth Innenausbau, Brixen
Foto: J. Eheim
KUNST AM BAU oder wie viel künstlerische Freiheit verträgt die Architektur? | Manfred Alois Mayr
Erik Steinbrecher
Volksbank, 2002
Holz lackiert, 110 x 60 x 984 cm
Freie Universität Bozen
Kurator: Erik Steinbrecher
Architektur: Bischoff & Azzola
Foto: E. Steinbrecher
28
Gottfried Bechtold
Zwischenzeit, 2001
Begehbare Großplastik, Sichtbeton,
151 Platten je 200 x 200 x 10 cm
Länge ca. 302 m
Südtiroler Landesmuseum für Kulturund Landesgeschichte Schloss Tirol
Kuratorin: Marion Piffer-Damiani
Architekten: Walter Angonese, Markus Scherer, Klaus
Hellweger
Foto: M. A. Mayr
Manfred Alois Mayr
Goldlauf, 2009
Baustahl 24 Karat vergoldet, ø 3 cm, L 120 m
Festung Franzensfeste
Kuratorin: Marion Piffer-Damiani
Architektur: Markus Scherer, Walter Dietl
Foto: M. A. Mayr
Franz Messner
Kugel, 1995
Rostfreier Stahl, drehbar,
ø 8 m , Gewicht 8 Tonnen
Karl Nikolussi-Leck, Hochfrangart - Eppan
Foto: F. Messner
Hans Knapp
Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?
2006/2007
Plaketten oval, verschiedene Textausschnitte
Völs am Schlern
Foto: H. Knapp
Carmen Müller
Unterm Hollerbusch, 2007
(Ausschnitt) Holz lackiert, Gips perforiert
Bahnhof-Buffet Latsch
Architektur: Walter Dietl
Foto: C. Müller
29
KUNST AM BAU oder wie viel künstlerische Freiheit verträgt die Architektur? | Manfred Alois Mayr
Brigitte Kowanz
Zivilschutz, 2008
Permanente Installation, Neon
Zivilschutzzentrum Bozen
Kuratorin: Marion Piffer-Damiani
Architektur: Pardeller Putzer Scherer
Foto: Atelier Kowanz
Franziska & Lois Weinberger
Franzensfeste, 2009
Bronzeguss
Festung Franzensfeste
Kuratorin: Marion Piffer-Damiani
Architektur: Markus Scherer, Walter Dietl
Foto: G. R. Wett
30
Lawrence Weiner
Brought about, 2003
Schriftinstallation
und Heiner Gschwendt
Fassadengestaltung, 1968
A. Rieper AG Vintl (BZ)
Kurator: Andreas Hapkemaeyer
Architektur: Werner Franz
Foto: A. Chemollo
Erich Kofler-Fuchsberg
Mutterkuchen, 1991
Weißer Marmor (Carrara), grüner Serpentin (Val Malenco),
7,5m x 5m x 0,60 m ca.
Grundschule / Kindergarten Staben - Naturns
Architektur: Paul Gamper
Foto: E. K. Fuchsberg
31
Eduard Habicher
AB-GRUND, 2005
Baustahl lackiert, H 30 m
MMM – Messner Mountain Museum
Firmian, Schloss Sigmundskron bei Bozen
Foto: C. Martinelli
KUNST AM BAU oder wie viel künstlerische Freiheit verträgt die Architektur? | Manfred Alois Mayr
Martina Steckholzer
In and out of, 2008
Permanente Installation, Inkjetdruck
44 Fotografien je 410 x 110 cm
Krankenhaus Brixen
Kuratorin: Marion Piffer-Damiani
Architektur: Pardeller Putzer Scherer
Foto: M. Steckholzer
Philipp Messner
Volume/n (cmyk), 2006-07
Pigmentdruck auf Aluminium, ca. 11 x 5 x 5 m
Handelskammer Bozen
Architektur: Wolfgang Simmerle
Foto: Handelskammer Bozen
32
Walter Niedermayr
Buch Manincor.Neuer Weinkeller 2005
Fotografische Bildserien
Weingut Manincor, Kaltern
Kurator: Walter Angonese
Architektur: Angonese 2 / Boday / Köberl
Foto: Archiv Bildraum - Manincor 2005
Manuela Kerer
Incantatrix, 2010
Komposition, Klanginstallation
Manfred Alois Mayr, Mythenraum 2010
Besucherzentrum Karersee,
Landesbetrieb für Forst- und Domänenverwaltung
Kuratorin: Petra Paolazzi
Architektur: Walter Angonese
Foto: M. A. Mayr
33
Arnold Mario Dall´O
Aussichtsturm für einen Hasen, 2007
Bronze oxydiert, teilweise poliert, Sockel in Beton,
Wasserbecken
470 x 220 x 160 cm
Modell in Holz: Albert Moroder
Haus der Tierzucht, Bozen
Architektur: Albert Mascotti
Foto: O. Opitz
KUNST AM BAU oder wie viel künstlerische Freiheit verträgt die Architektur? | Manfred Alois Mayr
Manfred Alois Mayr
Steigenwand, 2008
Ein Kernstück der architektonischen bzw. der künstlerischen Gestaltung des neuen Vi.P-Gebäudes (Landw. Gesellschaft) in Latsch (BZ)
bildet die großformatige skulpturale Steigenwand von Manfred Alois
Mayr. Das Werk des Künstlers zeichnet sich grundsätzlich durch eine
langjährige Erfahrung im Umgang mit ortsspezifischen Kunstinterventionen aus. Der Raum und sein Inventar, die Vergegenwärtigung
der sich darin abspielenden Handlungen, Geschichten und Erinnerungen stehen im Zentrum der Untersuchungen. Im Falle der Vi.P
werden das „Magazin“ und seine Funktion als Lagerraum für bewusst
gebildete Vorräte zum Thema einer raumgreifenden Wandskulptur
aus einbetonierten Obststeigen. Ausgangsmoment sind der kontinuierliche Wandel und Wechsel dieses Arbeitsumfeldes zwischen dem
Füllen und Leeren der Kisten. In der skulpturalen Umsetzung werden
diese Handlungen festgehalten: Indem die Betonmasse in die leere
Kistenwand einfließt, gerinnt derselbe Leerraum zu Volumen und
zeugt wiederum von einer potentiellen überquellenden Fülle. Abgesehen davon hat sich der Künstler von den Spontanarchitekturen
inspirieren lassen, die aus den leeren Obstkisten gelegentlich für die
unterschiedlichsten Feste und Veranstaltungen fabriziert werden.
Marion Piffer-Damiani
34
35
Manfred Alois Mayr
Steigenwand, 2008
Obststeigen, Beton, 8,24 x 13,40 m
Vi.P - Landw. Gesellschaft, Latsch
Architektur: Arnold Gapp
Foto: M. A. Mayr
Allgemeiner Teil
ßen sollten und so für unterschiedliche Zwecke verwendet werden
könnten, wie etwa in Niederösterreich oder seit 2005 auch in der Steiermark, wurde schon 2002 von der „plattform kunst~öffentlichkeit“
formuliert.
Im Folgenden eine Auswahl von realisierten künstlerischen Interventionen rund um Architekturen der letzten zehn Jahre:
Christoph Hinterhuber | „de-decode de-recode re-decode re-recode“, alte Hungerburgbahnbrücke Innsbruck 2009 | Foto: Wolfgang Thaler
Künstlerische Interventionen an/um/in
Architekturen in Tirol ab 2000
36
D
ie Kunstförderung „Kunst am Bau“ wurde
1949 von der Tiroler Landesregierung vor
allem zur Überbrückung der wirtschaftlichen
Notlage der Künstler/-innen ins Leben gerufen.
Bei der in den 1950er-Jahren geprägten Kunstam-Bau-Tradition ging es in erster Linie um die
nachträgliche Verschönerung bestehender Architekturen. Der Begriff hat sich verändert und
erweitert und heute wird darunter viel mehr als
nur die direkte Verbindung von Kunst zu einem
Bauwerk verstanden. Vielmehr ist Kunst am Bau
zu einem Teil von Kunst im öffentlichen Raum
geworden. Der applikative Charakter von Kunstwerken wird oftmals hinterfragt und vielmehr
mit unterschiedlichen künstlerischen Strategien der vorgefundene Raum mit örtlichen Interventionen bespielt. Das Spektrum reicht von
Farbgestaltungen und -konzepten, grafischen
Leitsystemen, der Bespielung von Fassaden und
künstlerischen Interventionen im Innen- und
Außenraum, von der Integration neuer Medien
bis hin zu prozesshaften Projekten. Im Idealfall wird heute schon
während des Baus Kunst im Konzept mitgedacht und eingebunden.
„Kunst im öffentlichen Raum ist eine soziale Erfindung und tritt in
einen Dialog mit der Gesellschaft“, wie Hemma Schmutz als Vorsitzende des Fachausschusses >Bauen+Kunst<, Salzburg, anmerkt
(www.kunstambau.at/). Dass dieser Dialog mitunter auch schwierig sein kann, zeigen einige öffentlichen Werke Max Weilers, wie die
Wandmalereien im Innsbrucker Hauptbahnhof, die zur Zeit ihrer Fertigstellung heftig diskutiert wurden. Fünfzig Jahre später wurden die
Wandgemälde mit großem Aufwand abgenommen, restauriert und
2004 im neuen Bahnhof aufgehängt, zwar nicht wie ursprünglich
gegenüber, sondern nebeneinander. Auch in jüngerer Zeit gab es
beispielsweise mit Lois Weinbergers Arbeit „Garten – eine poetische
Feldarbeit“ aus Rippentorstahl und Vegetation, das bei der Errichtung der SOWI 1999 installiert wurde, Diskussionen.
Die fehlende offene Wettbewerbssituation, die Vergabemodalitäten
und die Tatsache, dass in Bezug auf Bauten der öffentlichen Hand
keine fixen Summen für künstlerische Projekte zweckgebunden werden müssen, wird von Künstler/-innen und Interessenvertretungen
immer wieder kritisiert. Der Vorschlag, dass aus einer festgelegten
Prozentangabe bei öffentlichen Bauten die Gelder in einen Pool flie-
In der Innsbrucker Innenstadt sind einige Bauprojekte verwirklicht
worden, bei denen künstlerische Arbeiten initiiert wurden, wie
zum Beispiel beim neuen Innsbrucker Rathaus, geplant vom französischen Architekten Dominique Perrault. 13 Künstler/-innen wurden
vom Kuratorenteam Silvia Eibelmayer und Edelbert Köb ausgewählt,
den öffentlichen Bereich der Stadtverwaltung im Rathauskomplex
mit zu gestalten. Weithin sichtbar sind die von Peter Kogler gestaltete südliche Glasfassade des Turms mit zwischen den Glasscheiben
gedruckten Röhrensystemen und Isa Genzkens überdimensionales
Ohr an der nördlichen Kaminwand. Daniel Buren gestaltete Glasdachelemente in Farbe, die je nach Tageslichtsituation unterschiedliche
Innenraumstimmungen schaffen. An den beiden Stirnwänden des
Plenarsaales nimmt die Arbeit von Heinz Gappmayr direkt Bezug auf
die Funktion des Raumes. Matt Mullican, Walter Obholzer, Eva Schlegel und Ernst Trawöger sind die Künstler/-innen der Screens vor dem
Bürgerservice in den RathausGalerien, die quartalsweise gewechselt
werden. Mit der Geschichte oder der Funktion des Rathausteils an der
Fallmerayerstraße befassen sich Milica Tomic, Ricarda Denzer, Dorit
Margreiter, Martin Gostner und Josef Dabernig in ihren Arbeiten.
Für den Neubau des Landhauses 2, eröffnet 2005, wurden Künstler/innen ausgewählt, für unterschiedliche Bereiche innerhalb des neuen Büro- und Verwaltungsgebäudes künstlerische Konzeptionen zu
entwickeln. Ernst Caramelles künstlerische Intervention im Mittelatrium hat die Form eines Kugelaufzugs, eine mobile Skulptur, deren
hängende, farbige Kugeln sich in scheinbar zufälligem Rhythmus
auf und ab bewegen. Andrea van der Straaten installierte 47 Kettenzug-Rollos, als überdimensional große Post-its mit für die Bürowelt
typischen Kurzmitteilungen – eine Reflexion und Kommentar zu
den veränderten Arbeitsbedingungen im Büro. Lois und Franziska
Weinberger entwickelten für das Landhaus eine poetisch-politische
Feldarbeit – als offenes System anhand einer fiktiven Kartografie
und der Sicht ins Detail, die im Gebäude immer wieder auftauchen.
Jun Yang beschäftigt sich in seiner Intervention mit Landschaften =
Land = Staat = Nationalität, die er im Bereich der Abteilung Staatsbürgerschaft installierte. Ulrich Schmidts fotografische und filmische
Dokumentation des Neubaus ist im Gebäude zu sehen. Ein prozesshaftes, interaktives Projekt wurde mit dem kunst.büro von Andrea
Baumann, Michaela Niederkircher, Robert Pfurtscheller und Christine
S. Prantauer verwirklicht, das ein Jahr lang im Landhaus 2 öffentlich
zugänglich war.
Im Zuge der Umstrukturierung des Innsbrucker Sparkassenplatzes
wurde auch die visuelle Lichtinstallation „47,16 Grad Nord“ von Peter
Sandbichler 2005 im Passagebereich zur MariaTheresien-Straße umgesetzt. Die exakten Zeiten
des Sonnenstandes sind konzeptuelle Grundlage für die Bespielung einer durch die gesamte
Länge der beiden Glasvitrinen laufenden Wand
mit LED-Leuchten. Diese werden mit zwei unterschiedlichen Farben so angesteuert, dass
eine Farbe jeweils den Nachtanteil und die andere den Tagesanteil repräsentiert.
Für das neue Medizinzentrum in der Anichstraße, entworfen von Katzberger+Loudon, wurden
Arbeiten von Peter Kogler, Martin Walde und
Otto Zitko im Innenraum des Baus integriert.
An der Fassade ist Heimo Zobernigs Schriftzug
„Heilkunst – Medizin“ zu lesen. Die Eingangstür
verschiebt beim Öffnen und Schließen das Wort,
und ruft damit den Benutzerinnen und Benutzern beim Betreten des Hauses dessen Funktion
ins Gedächtnis.
Für den Neubau der Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck, geplant von Ralf Eck, Peter
Reiter und Dietmar Rossmann, wurde 2008 für
den von der BIG ausgeschriebenen Kunst-undBau-Wettbewerb Georgia Creimer ausgewählt,
die mit ihrem künstlerischen Konzept unter
dem Titel „On Stones“ den öffentlichen Stadtraum mit dem Innenraum der Bibliothek verbindet. An den Glasbrüstungen auf dem Platz
ist der Text aus dem Buch „Der fliegende Berg“
von Christoph Ransmayr in der Handschrift des
Schriftstellers zu lesen. In den Lichthöfen sind
konzentrische Kreise, in deren Zentrum tonnenschwere Findlingssteine aus der Region ruhen,
zu sehen. Außerdem wurde für den Lesebereich der Bibliothek ein „Drehbares Lesepult“,
ein drehbares historisches „Bibliotheksmöbel“,
rekonstruiert vom Künstlerduo Clegg & Guttmann, angekauft.
Dass ein altes Bauwerk durch eine Kunst am Bau
neu codiert werden kann, zeigt die Installation
„de–decode de–recode re–decode re–recode“
in pinkfarbener Neonschrift an der alten Hungerburgbahntrasse von Christoph Hinterhuber.
Die Arbeit macht sich auf die Suche nach einer
demokratischen, offenen Form, die sich mit variabler Bedeutungshaltigkeit in ihre jeweilige
Umgebung einschreibt, diese absorbiert und
aus diesen Wechselwirkungen heraus parallele
37
Künstlerische Interventionen an/um/in Architekturen in Tirol ab 2000 | Cornelia Reinisch
Lilly Moser | Tux Center 2010 | Foto: Claudio Mätzler
Reflexionsebenen herstellt. Es geht um Flächen,
nicht um den einen Punkt, um eine Abkehr von
Dogma und Ideologie, um die mentale Skulptur im Kopf des Betrachters. Die Stadt als Code,
der sich selbst prozessiert und evolutiv überschreibt.
38
Robert Gfader | „The other cities – Grenoble“, Tivoli Gelände Innsbruck 2007
Foto: Robert Gfader
Im Bereich Wohnbau, bei dem schon seit den
1950er-Jahren mit Kunst am Bau gearbeitet
wird, gibt es einige spannende Projekte. So
etwa bei der Wohnanlage „Wohnen am Inn“, die
der Architekt Georg Driendl 2002 auf dem ehemaligen Areal der Feuerwehrschule Reichenau
im Auftrag der Neuen Heimat verwirklichte. Der
Künstler Christoph Hinterhuber setzte an der
gläserne Schallschutzwand gegen den Südring, auf der Glückshormone dargestellt sind. Robert Gfader stellt unter dem Titel „the other
cities“ originale Straßenlaternen der sieben Innsbrucker Partnerstädte Aalborg, Krakau, Tiflis, Sarajewo, Grenoble, New Orleans und
Freiburg in geografischer Ordnung auf, die an die grenzüberschreitenden Partnerschaften erinnern sollen. Martin Walde verbindet Flächen zum Verweilen mit Spiellinien über das gesamte Areal. Für die
Wohnanlage am Lodenareal, nach den Plänen der Architekturwerkstatt din a4 2009 fertiggestellt, wurden drei Kunstprojekte realisiert.
Die sechs fünf Meter hohen „Säulen der Poesie“ von Anton Christian
lassen durch die zwischen den Gläsern eingefügten Buchstaben Gedichte entstehen. Heinz Gappmayr nähert sich mit seiner Skulptur
dem Phänomen Zeit an. Und Peter Kogler gestaltete die Sitzbänke:
Die Ameise und die Röhren symbolisieren ein Geflecht von Strukturen und Netzwerken.
Fassade unter dem Titel „Crossfade“, ein Begriff
aus der DJ-Praxis, ein optisches Pattern um, das
sich radikal in die Architektur einschreibt und
mit ihr verschmilzt. Es ist ein optisches Umschaltsystem: Der silberne Bereich wird in den schwarzen überblendet, der schwarze ins Silber usw.
Der Bauträger ZIMA und die Neue Heimat Tirol
haben gemeinsam mit der Stadt Innsbruck vier
Projekte für die künstlerischen Interventionen
im neuen Stadtteil Tivoli ausgewählt. Julia
Bornefeld gestaltete unter dem Titel „Die Wogende“ den Balkon der Aussichtsplattform am
Sillufer. Thomas Feuerstein entwarf das Projekt
„Himmelspforte“, eine 16 mal 16 Meter große
Für die Wohnbaugesellschaft „Frieden“ entstand der zweite Bauabschnitt des „Wohnpark Lienz Süd“, geplant vom Architekturteam
Steinklammer und Machné & Durig (ab April 2004: Machné Architekten ZT GmbH). Während expressive Körperfragmente von HansPeter Profunser in die Durchgänge ragen, arbeitet Peter Niedertscheider mit dem kleinen Format. Er hat fragile Menschengestalten
in quadratische Steinplatten gefräst – zweihundert Tafeln aus Krastaler Marmor im Format 30 x 30 cm – und über das gesamte Areal, im
Innen- und Außenraum, verteilt.
Ein interessantes Beispiel für Kunst am Bau im Bereich Einfamilienhaus ist das für Rudi Alexander Mayr von den Architekten Manzl
Sandner errichtete turmartige Gebäude im Insbrucker Stadtteil Kranebitten. 10 Zentimeter starke Fermacell-Platten mit Dämmschicht
und Grobputz bilden die Außenwände und dienen gleichzeitig als
„Leinwand“ für den vom Künstler Jörg Dialer entwickelten und aufgebrachten schwarzen Feinputz. Große Fensterflächen, die von der
Künstlerin Lies Bielowski und dem Künstler Ype Limburg mit verfremdeten Blattstrukturen farbig bedruckt wurden, korrespondieren mit
den geschlossenen schwarzen Außenwandflächen. Im Innenraum
finden sich offene Kamine, sogenannte „Feuerboxen“, des Künstlers
Gebhard Schatz.
Auch bei Sozialbauten wurden künstlerische Konzepte umgesetzt.
So etwa beim „s zenzi“, dem neuen Sozialzentrum in Zirl, einem
Seniorenwohnheim mit Tagescafé und Seniorenstube, realisiert
2007 von Gsottbauer architektur.werkstatt. Als Trennung zwischen
den unterschiedlichen Bereichen wurde die Trennwand von Lies Bielowski mit Ginkgo-Blattmotiven gestaltet. Die Künstlerin sammelt die
Blätter und bearbeitet diese so lange, bis die Qualität von dünnstem
Seidenpapier erreicht wird. Durch die Vergrößerung werden individuelle Welten der unterschiedlichen Blätter sichtbar gemacht.
Ein weiteres Beispiel ist der kommunikative Eingriff von Michael
Schneider an der Nordfassade des Altersheimes in Landeck. Ein Rolling Poster Display von 6 x 2 Metern wurde 2005 angebracht, in dem
vierteljährlich wechselnd mehrere Fotografien aus dem Stadtarchiv
rotieren. Das virtuelle Gedächtnis der Stadt wird nach außen sichtbar, an einem Ort des realen Gedächtnisses der Stadt, dem zeitgenössischen Archiv der Gemeinde.
Die Sprache ist die Basis für Georg Salners Kunstprojekt im 2005 fertiggestellten Pardorama, einem Restaurant und Kongresszentrum
am Pardatschgrat auf 2.620 m Höhe in Ischgl. Ein großes Textbild
überstreift positiv und negativ die hintere Glaswand im Konferenz-
bereich des Gebäudes. Das Wortmaterial aus
klangvollen, exotisch anmutenden (hauptsächlich rätoromanischen) Wörtern ist eine Auswahl
der ältesten Paznauner Flur-, Berg- und Talnamen.
Auch Lilly Moser verwendet für ihre Intervention im 2010 fertiggestellten Tux Center im
hinteren Zillertal Textelemente. Der Architekt
Manfred Gsottbauer hat im Inneren des Gebäudes viel mit Zirbenholz gearbeitet, nicht zu letzt
eine Anspielung auf die Tradition der Tiroler Zirbenstuben. Die Künstlerin nimmt mit ihrer Arbeit ebenfalls Bezug zum Ort: Dialektwörter der
Tuxer, die vom Vergessen bedroht sind, ziehen
wie in einem begehbaren Wörterbuch durchs
Haus. Eine kommunikative Installation, die die
Besucher/-innen zum Lesen und Schmunzeln,
zum Unterhalten und Erinnern bringen soll, und
dazu, das eine oder andere Wort auch „mitzunehmen“. Weiters sind die Konturen von Tiroler Alpenblumen und Gräsern an den Wänden
auszumachen, die von ihr auf sonnengelben
Grund geschrieben wurden.
Ein Beispiel für Kunst am Bau bei Verkehrsbauten ist die Fußgängerunterführung am Südring (Resselstraße/Anton-Eder-Straße), bei der
Thomas Feuerstein 2007 ein „Cyclorama“ installiert hat. Am kreisförmigen, etwa 108 Meter
langen und 35 Zentimeter hohen Leuchtbalken
im Rondell der Unterführung ist ein 360-GradPanoramafoto angebracht, das in der Nähe
des Kreisverkehrs aufgenommen wurde. Ein
schmaler Ausschnitt Innsbrucks ist entstanden,
aus dem bei genauerer Betrachtung bekannte Innsbrucker Bilder zu entdecken sind. Auch
„Roto“ von squid., Gundolf Leitner und Peter
Raneburger, das Siegerprojekt des von der ASFINAG ausgeschriebenen zweistufigen offenen
Wettbewerbs, ist ein Beispiel der Bespielung
eines Kreisverkehrs. Bei der Umfahrung Strengen – Strenger Tunnel auf der S16-ArlbergSchnellstraße wurde die Skulptur gebaut, die
sich aus der Figur eines Kreisels entwickelt.
Auf einem Betonring ruhend und von innen
beleuchtet ist es zu einem weithin sichtbaren
Wahrzeichen geworden.
Cornelia Reinisch
39
Allgemeiner Teil
Praktizierst du noch
oder hungerst du schon?
Frauen als Architektinnen
Eigentlich ist es absurd, wenn im Jahr 2010 in einer Arbeitswelt, die
sich als dynamisch und offen bezeichnet, immer noch in Kategorien
weiblich/männlich gedacht wird.
Haben Anfang des 20. Jahrhunderts die Frauen sich erst langsam
den Zugang zu Bildungs- und Arbeitswelt erkämpft, sind heute die
weiblichen Studierenden an den Unis im Vormarsch und können
auch schon in niederen Schulstufen im Durchschnitt meist bessere
Leistungen vorweisen. Nimmt man die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt genauer in Augenschein, scheint es deshalb umso erstaunlicher,
dass all die erfolgreichen Studienabgängerinnen in der Berufswelt nur
in geringem Maße sichtbar sind.
Studien zum Geschlechterverhältnis an höheren
Bildungsinstitutionen bezogen auf den mitteleuropäischen Raum – und dazu lässt sich Südtirol durchaus zuordnen – belegen einen stetig
wachsenden Zulauf an Studentinnen, geringere
Drop-out-Raten und höhere Abschlussnoten.
Fächerbezogen gibt es natürlich Schwankungen
zwischen „typisch männlichen“ und „typisch
weiblichen“ Studienrichtungen: Der Anteil an
Frauen im technischen Bereich ist immer noch
markant niedrig, ausgenommen die Fachrichtung Architektur und affine:
STUDIENRICHTUNG ARCHITEKTUR – TU WIEN
Anzahl ordentlicher Studierender im WS 09/10
Bauherr: legacoopbund – Bund der Genossenschaften, Bozen, Mazziniplatz 52-56 | Architekt: Itta Maurer | Foto: Georg Hofer
weiblich
männlich
Verhältnis w/m in %
gesamt
Erstzugelassene
311
278
52,8 / 47,2
589
Begonnene Studien
443
398
52,68 / 47,32
841
Ordentliche Studierende
1.411
1.366
50,81 / 49,19
2.777
STUDIENRICHTUNG RAUMPLANUNG UND RAUMORDNUNG – TU WIEN
Anzahl ordentlicher Studierender im WS 09/10
weiblich
männlich
Verhältnis w/m in %
gesamt
Erstzugelassene
4
2
66,67 / 33,33
6
Begonnene Studien
18
9
66,67 / 33,33
27
Ordentliche Studierende
52
47
52,53 / 47,47
99
40
... und im Vergleich dazu:
STUDIENRICHTUNG VERMESSUNG UND KATASTERWESEN – TU WIEN
Anzahl ordentlicher Studierender im WS 09/10
weiblich
männlich
Verhältnis w/m in %
gesamt
Erstzugelassene
2
2
50 / 50
4
Begonnene Studien
2
4
33,33 / 66,67
6
Ordentliche Studierende
8
26
23,53 / 76,47
34
weiblich
männlich
Verhältnis w/m in %
gesamt
Erstzugelassene
10
62
13,89 / 86,11
72
Begonnene Studien
15
76
16,48 / 83,52
91
Ordentliche Studierende
43
197
17,92 / 82,08
240
STUDIENRICHTUNG VERFAHRENSTECHNIK – TU WIEN
Anzahl ordentlicher Studierender im WS 09/10
Quelle: UNI:DATA BMWF
41
Praktizierst du noch oder hungerst du schon? | Itta Maurer
Dass der Weg vom Uni-Abschluss ins Berufsleben einst ein hart erkämpfter war, ist anschaulich
im Artikel „Frauen und Häuser“ von Karl Heinz
Hoffmann, publiziert im Hamburgischen Archiv
der Hamburgischen Architektenkammer, nachzulesen (http://www.architekturarchiv-web.de/
frauen.htm).
Obwohl schon relativ früh viele Frauen mit abgeschlossenem Hochschulstudium als Zeichnerinnen in technischen Büros arbeiteten, galten
selbstständig schaffende Architektinnen wie
Louise Blanchard Bethune (USA 1856–1913), Signe Hornborg (Finnland 1862–1916), Lotte Cohn
(Deutschland/Israel 1893–1983) oder Margarete
Schütte-Lihotzky (Österreich 1897–2000) in den
beiden letzten Jahrhunderten lange als Exotinnen.
Wenn wir die Entwicklung des Berufsbildes „Architektin“ in Südtirol betrachten, liefert uns eine
Übersicht der Eintragung der Mitglieder in die
örtliche Berufskammer folgendes Bild:
GEGENÜBERSTELLUNG BEAUFTRAGUNGEN
Anzahl der eingetragenen Mitglieder
weiblich
männlich
Verhältnis w/m in %
gesamt
1980
20
132
13,16 / 86,84
152
2010
332
798
29,38 / 70,62
1130
Das bedeutet einen weiblichen Zuwachs um mehr als das 15-Fache in 30 Jahren und zwar jahresbezogen wie folgt:
KAMMER DER ARCHITEKTEN DER PROVINZ BOZEN
Zuwachs der eingetragenen weiblichen Mitglieder: Stand August 2010
1980-1981:
7
1988-1989:
9
1996-1997:
25
2004-2005:
30
1982-1983:
6
1990-1991:
10
1998-1999:
26
2006-2007:
43
1984-1985:
3
1992-1993:
13
2000-2001:
36
2008-2009:
38
1986-1987:
9
1994-1995:
15
2002-2003:
31
2010:
15
Wertschöpfung Frauen – Männer: Auftragslage
Interessant zu diesen Zahlen ist nun ein Vergleich hinsichtlich der Präsenz dieser Frauen in
der Berufswelt.
Dass in Südtirol die öffentliche Hand den größten Bauherrn darstellt, ist Tatsache.
In der Publikation „Das Land baut – 20 Jahre öffentliche Bauten in Südtirol“ ©Autonome Provinz
Bozen – Südtirol / Bozen 2008, Herausgeber: Autonome Provinz Bozen – Südtirol, Ressort für Bauten, werden landesweit betreffend den Sektor
Hochbauten 60 Bauten ausführlich dargestellt.
m
w+m
Verh. w/m in %
Verhältnis w/m gesamt in %
Beauftragungen gesamt
1
50
9
2,25 / 6,75
5,42% / 94,58%
60
AUFTEILUNG BAUSUMME IN Mio €
KAMMER DER ARCHITEKTEN DER PROVINZ BOZEN
42
w
Bemüht werden im Vorwort Bilder wie Qualitätssicherung im Bereich
öffentliches Bauen, Bauen – ein kultureller Auftrag, Bauen für die Zukunft: Bei genauerem Hinsehen verblüfft es aber, dass hierzu offensichtlich fast ausschließlich Männer Kompetenzen vorweisen können
bzw. zu deren Umsetzung herangezogen wurden. Ist doch von besagten Bauten ein einziges ausschließlich von einer Frau realisiert
worden, so scheint bei weiteren 9 Bauvorhaben eine Frau in den
Architektenteams auf, die jeweils im Verhältnis w/m von 1:1 bis 1:6
zusammengesetzt sind.
Bei einer Gesamtbausumme von 1.274,16 Mio. € ergibt sich folgendes Bild hinsichtlich der Verteilung nach Geschlechtern im mathematischen Anteil und reell:
w
m
w+m
Verh. w/m in %
Verhältnis w/m gesamt in %
Bausumme gesamt
1,2
1.152,65
120,31
30,08 / 90,24
2,46% / 97,56%
1.274,16
Dies bedeutet im Klartext, dass im Zeitraum von 1988–2008 der Anteil
an Frauen unter den freiberuflich tätigen Architekten 16,17 %–28,62 %
betrug. Bei der Vergabe von Aufträgen im Sektor „Öffentliches Bauen“
im selben Zeitraum wurden diese jedoch mit gerade mal 11 % beteiligt.
können, sich mit Planung und Bauleitung befassen, ohne sich ebendiesem Wettbewerb zu
stellen. Das bedeutet im Klartext, das Beamtentum macht seinen eigenen Bürgern Konkurrenz,
statt seine Kernkompetenzen wahrzunehmen.
Vergabe der Arbeiten
Natürlich ist die Art der Vergabe der Aufträge eine wichtige Komponente der oben angeführten Verteilung.
Während zu Beginn des besagten Zeitraumes 1988–2008 Arbeiten
noch durch Direktvergabe zugewiesen wurden, hat sich im Laufe
der Zeit EU-weit ein Vergabemodus etabliert, der gleiche Wettbewerbsbedingungen für jeden Architekten genderneutral schaffen
will. So werden zur Auftragsvergabe mittlerweile je nach zu verbauender Summe oder Summe der anfallenden freiberuflichen Dienstleistungen offene/nicht offene Verfahren und Verhandlungsverfahren mit Einladung von 5 oder mehr Planern angewandt, während
für kleinere Beträge unter 20.000 € immer noch eine Direktvergabe
möglich ist.
Wie hoch die Wertschöpfung der Südtiroler
Freiberufler und in diesem Sinne auch der Architektinnen/Architekten für die lokale Wirtschaft
ist, wurde durch eine Studie der Europäischen
Akademie Bozen, Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement, unter dem Titel Freiberufler in Südtirol – Rolle und Bedeutung
der Freiberufler in Südtirol aufgezeigt (nachzulesen unter www.vsf.bz.it). Zwar wurde keine
geschlechterspezifische Unterteilung sichtbar
gemacht, es wurde jedoch trotzdem deutlich,
dass aus den angegebenen Umsätzen der Freiberufler ein erheblicher Teil an Steuern an das
Land Südtirol zurückfließt.
Somit ist also offensichtlich ebenso „weibliche“
freiberufliche Dienstleistung am Wohlstand des
Landes beteiligt. Dies müsste demnach doch
auch beinhalten, dass der Zugang zu Arbeit, die
sich ihrerseits aus Steuergeldern finanziert wie
das öffentliche Bauen, eben geschlechterneutral gefördert wird.
In diesem Sinne ist es auch ein Recht der Frauen,
daran zu partizipieren.
Ermöglicht augenscheinlich ein bedingungslos zugängliches Verfahren allen Architekteninnen gleichermaßen den Zugang, liegen die
Tücken im Detail: Für den Großteil der Wettbewerbe sind nämlich
Referenzen in der Vorauswahl erforderlich, die meist themenbezogen angesiedelt sind und somit gewisse Schichten von Projektanten
(junge bzw. weibliche Architekten) ausschließen und größere Büros
bevorzugen. Nachdem bei Vergabeverfahren mit Einladung weibliche Kolleginnen nie in dem Ausmaß zugeladen werden, wie sie der
reellen Verteilung w/m entsprechen, bleibt ihnen damit auch die
Möglichkeit verwehrt, einerseits Projekte zu realisieren, andrerseits
durch realisierte Projekte Punkte zu sammeln, um bei Verfahren mit
Vorauswahl sich konkurrenzfähig positionieren zu können. Somit
wird durch die Vergabe mittels Wettbewerb der Faktor Geschlecht
bei Frauen zum negativen Multiplikator.
Das häufig in diesem Zusammenhang bemühte Schlagwort der
Qualitätssicherung durch Wettbewerb wird andrerseits vom System
selber ad absurdum geführt mit der Tatsache, dass in letzter Zeit
Architekten im öffentlichen Dienst, die ausschließlich mit Verwaltungsarbeit betraut waren und keine Erfahrung im Bauen aufweisen
Da also der Ausbildungsgrad der weiblichen
Architekten dem der männlichen Kollegen
entspricht und ihre Existenz in der Berufswelt
anhand der in der Kammer eingetragenen Mitglieder real messbar ist, stellt sich die Frage,
welche endogenen Faktoren den Zugang der
Frauen zu öffentlichen Bauvorhaben erschweren.
Gesellschaftspolitisch betrachtet ist es absoluter
Widersinn, wenn einerseits unter großem finan-
43
Praktizierst du noch oder hungerst du schon? | Itta Maurer
ziellen Aufwand eine Bildungspolitik betrieben
wird, die die Beseitigung von Diskriminierungen
gesellschaftlicher Einzelgruppen zum Ziel hat,
und andrerseits Teilen ebendieser gut geschulten Schicht dann der Zugang zu adäquaten Arbeitsaufgaben verwehrt wird.
Zudem zeugt solche Politik von wenig Weitsicht,
da diese weitere Teile der Bevölkerung betreffen
und beeinträchtigen könnten als die Architektinnen selber. Bei europaweiten Scheidungsraten
von über 40 % hängen an den Einkommen von
berufstätigen Frauen/Müttern z.B. auch etliche
Kinder, ganz zu schweigen vom Einfluss auf Pensionseinzahlungen seitens der Freiberuflerinnen
als Investition in ihre Altersversorgung.
bereits unter weitaus differenzierteren Aspekten. Berücksichtigt
werden Faktoren wie Herkunft, Alter, Ausbildung, Sektor der Berufstätigkeit, Familienstand, Kinder, eventuelle Unterbrechung der Arbeit bzw. Wiedereinstieg usw. ... festgestellt wird ein schier unüberwindbarer „gender pay gap“, der zunimmt, je höher die Ausbildung
der Betroffenen ist.
Stark widersprüchlich dazu gestaltet sich der Leitartikel der Südtiroler Frauenzeitschrift ËRES - frauen info donne 03/2010 des Landesbeirats für Chancengleichheit der Provinz Bozen, der junge Frauen
aufruft, sich für technische Berufe zu qualifizieren „... um technische
Berufsfelder zu erobern. Diese bieten exzellente Karriere- und Verdienstmöglichkeiten und damit die Chance auf einen abgesicherten Lebensstandard, mit dem Familie und Beruf vereinbart werden können.“
Dass Personen in Führungspositionen noch immer damit kämpfen, Frauen wie Männer bei
gleicher Ausbildung als gleichermaßen kompetent zu betrachten, wird durch diverse Studien
belegt. Besonders betroffen davon sind Bereiche der Technik, der Wirtschaft und höhere
Bildungsinstitute, wie auch das unten angeführte Schema belegt.
Frauen in Führungspositionen an Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen
1992
44
1994
1996
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2006
2007
2008
Studentinnen
39,7% 40,8% 42,6% 44,5% 45,3% 46,1% 46,7% 47,4% 48,4% 49,4% 49,8% 49,7%
Promotionen
28,9% 31,2%
31,1%
33,1% 33,4% 34,3% 35,3% 36,4% 37,9%
Professorinnen
6,5%
8,5%
9,5%
7,5%
9,8%
10,5% 11,2%
41,1% 42,2% 41,9%
11,9% 12,8% 15,2% 16,2% 17,4%
Deutschland: Ost- und Westdeutschland, Professorinnen: alle Besoldungsstufen. Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 11: Bildung und Kultur,
Reihe 4.4: Personal an Hochschulen, verschiedene Jahrgänge; zitiert nach BLK Heft 109: „Siebte Fortschreibung des Datenmaterials von ‚Frauen in
Führungspositionen an Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen‘“, 2003, Statistisches Bundesamt 2004.
Trotz eindeutiger Zahlen wird der Grund der
“gläsernen Decke” in der Berufswelt recht kontroversiell diskutiert. Auffallend ist dabei, dass
der intellektuelle Zugang zur Thematik sich im
Laufe der Jahre ändert, wie sich die Wertung der
Gesellschaft gegenüber der Frau in der Berufswelt ändert.
In „Pay Differences among the Highly Paid: The
Male-Female Earnings Gap in Lawyers’ Salaries”
von R. G. Wood, M.E. Corcoran und P.N. Courant
im Journal of Labor Economics, Vol. 11, No. 3 (Jul.
1993), publiziert von The University of Chicago
Press on behalf of the Society of Labor Economists and the National Opinion Research Center
wird ausführlich das Thema Mutterschaft als Karrierekiller hinterfragt: “… Goldin and Polachek (1987) argue that women acquire less human capital than men both because they stay at home with the children
and because they also invest less in human capital before having children
in anticipation of future child-related career interruptions. According to
this explantation, lower investment of in human capital in anticipation
of having children explains – at least – in part why unmarried and childless women also earn less.”
Die mit 10 Jahren Zeitabstand erstellte Studie „Is There a Glass Ceiling
in Sweden“ von J: Albrecht, A. Björklund und S. Vroman im Journal of
Labor Economics, Vol. 21, No. 1 (Jan. 2003), publiziert von The University of Chicago Press on behalf of the Society of Labor Economists
and the National Opinion Research Center, beleuchtet das Problem
des geringeren Einkommens von beruflich gut qualifizierten Frauen
Leider sprechen die Zahlen eine andere Sprache:
Laut eines Berichtes der Europäischen Kommission zur Förderung der
Gleichstellung der Geschlechter und Ermächtigung der Frauen verrichten diese circa 66 % der Arbeit weltweit, auf sie entfallen aber nur
5-10 % des Welteinkommens. Dass in Mitteleuropa besonders
in technischen Bereichen der Zugang zur Arbeit
männlich dominiert ist, belegen
auch bei uns die oben angeführten Zahlen.
Die EU hat 57 Millionen Euro
zur Förderung der Geschlechtergleichstellung und zur Stärkung
der Rolle der Frauen für den Zeitraum 2007 bis 2013 bereitgestellt
und ihre Hilfe damit verdreifacht.
Hierzulande wird wie folgt reagiert:
Landesgesetz vom 10.08.1989, Nr. 41 –
Maßnahme zur Verwirklichung der Chancengleichheit zwischen Mann und Frau
1.) Zielsetzung: (1) Das Land Südtirol setzt
sich zum Ziel, im Rahmen seiner Zuständigkeiten einen Beitrag zu leisten zur effektiven
Verwirklichung des im Artikel 3 der Verfassung der Republik verankerten Grundsatzes der
Gleichheit aller Bürger, ohne Unterschied des
Geschlechts sowie der bestmöglichen Entfaltung
der Selbstständigkeit, der Identität und der spezifischen Eigenart der Frau. (2) Um die Hindernisse
zu beseitigen, welche direkt oder indirekt die Frauen
diskriminieren, fördert das Land im Rahmen seiner Zuständigkeit geeignete Maßnahmen im wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen Bereich.
Während Frauen im Angestelltenverhältnis bereits über Anlaufstellen verfügen, die über die
Gleichstellung der Frauen am Arbeitsmarkt
wachen, fehlt den Freiberuflerinnen jeder beruflichen Ausrichtung ein entsprechendes Pendant.
Wohl deshalb bleiben im technischen Bereich
vollmundige Bekenntnisse zur Chancengleichheit zahnlose Papiertiger – und Frauen weiterhin Spielball willkürlich gefällter Entscheidungen bei der Verteilung von Arbeit.
Bleibt die Frage, wie lange es sich unser Land
noch leisten kann, gut ausgebildetes Arbeitspotential ungenutzt zu lassen.
Itta Maurer
45
Allgemeiner Teil
Frauen auf dem Vormarsch - aber langsam | Gretl Köfler
Kathrin Aste (LAAC) | Aussichtsplattform Top of Tyrol, Stubaier Gletscher | Foto: LAAC Architekten, Innsbruck
Frauen auf dem Vormarsch –
aber langsam
46
F
rontfrauen wie Zaha Hadid, Marta Schreieck,
Gretl Heubacher, Bettina Götz und Elke Delugan fallen frau sofort ein, wenn das Gespräch
auf Architektinnen kommt. Schon bei dieser Aufzählung wird klar, dass sich unter dem Berufstitel
„Ziviltechnikerin“ Einzelkämpferinnen und Arbeitsgemeinschaften die Waage halten, was in
der Architektenkammer nicht extra vermerkt ist.
In der Tiroler Architektenkammer sind derzeit
307 Kammermitglieder mit aufrechter Befugnis
gemeldet, 25 davon sind weiblich und somit
über 12 %, bei den 127 Kammermitgliedern mit
ruhender Befugnis sind es 21. Die Gesamtzahl ist
in den letzten fünf Jahren um weniger als 10 % gestiegen, der Frauenanteil fällt höher aus. Zudem
hat sich das Verhältnis zwischen Architektinnen
mit ruhender und mit aufrechter Befugnis verändert. Hatten 2005 noch zwei Drittel eine ruhende Befugnis, so sind es heute weniger als die
Hälfte. Erhöht hat sich auch die Teilnehmerinnenzahl bei geladenen
Wettbewerben; von 2,6 % im Jahr 2001 stieg der Frauenanteil bei 54
zwischen 2006 und 2009 abgehaltenen Wettbewerben auf 13,5 %,
zumeist aufgrund der Zuladung von Seiten der Architektenkammer.
Die 25-Prozent-Marke, die bei den Ziviltechnikerinnentagen immer
wieder eingefordert wird, liegt noch in weiter Ferne. Um auf die
Auswahlliste für geladene Wettbewerbe zu gelangen, bedarf es einer gewissen Punktezahl; die werden befristet vergeben für gewonnene Wettbewerbe und Preise – wer nicht geladen wird, kann auch
nicht gewinnen. Beim Sektionstag 2004 wurde eine Art Frauenbonus beschlossen; weibliche Kammermitglieder erhielten einen „automatischen“ Punkt. „Der Frauenbonus“, befindet Helga Flotzinger,
Mitglied im Kammervorstand, „hat nichts gebracht, bei Frauen stehen
alle schwer auf der Bremse.“ Ganz besonders beim Wohnbau, wo sich
die männlich geprägten Hierarchien der Wohnbaugenossenschaften
auch bei der Wahl der Architekten auswirken. Nur Gretl Heubacher,
Marta Schreieck und jüngst Julia Fügenschuh (auf Grund eines von der
Stadt Innsbruck eingeforderten Wettbewerbs) schafften es bisher in
den illustren Kreis. Die Neue Heimat Tirol (NHT) hatte einstmals einen
47
Frauen auf dem Vormarsch - aber langsam | Gretl Köfler
48
architekturbüro fuchs und peer | Wohn- und Betreuungshaus „Haus Barbakus“, SOS-Kinderdorf in Moosburg/Kärnten. | Foto: Claudia Fritz
Fügenschuh Hrdlovics Architekturen | MPreis Wildschönau | Foto: Lukas Schaller
Wohnbauwettbewerb für Frauen ausgeschrieben; das Siegerprojekt von Kathrin Aste wurde
bisher nicht umgesetzt.
Die meisten Wettbewerbsteilnehmer werden
von den Auftraggebern direkt gebucht. Von
prominenten Ausnahmen abgesehen, haben
Frauen nur dann Chancen, wenn viele Teilnehmer geladen sind und es sich um keine großen
Projekte handelt. Helga Flotzinger plädiert –
wie auch anderswo angedacht – für zweistufige
Verfahren, ein Procedere, bei dem in der ersten
Runde die Chancen gleichmäßig verteilt sind.
Die Tiwag probiert es erstmals aus bei ihrer Fassade am Landhausplatz.
Auch die Zahl der weiblichen Fachpreisrichter
ist gestiegen, wenn auch noch weit entfernt von
der Parität in den Jurys; die Sachpreisrichter hingegen bleiben eine männliche Domäne, werden
sie doch von den Auftraggebern bestimmt. Eine
Stadtbaumeisterin, eine Baupolizistin sind bei
Bauverhandlungen noch immer selten gesehene
Exemplare, und Projektsitzungen mit einer Architektin als einziger Frau sind gang und gäbe. Eine
Ausnahme macht da die Landeshauptstadt, wo
dank unermüdlichen Pochens auf die Quotenregelung von Seiten politischer Mandatarinnen der
Anteil der Frauen in Spitzenpositionen steigt.
gibt Schwierigkeiten mit den Männern auf derselben Hierarchieebene, die Konkurrenz wittern“, lautet der einhellige Tenor. Entscheidungs- und Vergabestrukturen sind männlich geprägt, starke Netzwerke ebenso.
Während des Studiums fühlen sich die Frauen noch gleichberechtigt, stellen sie doch bereits 50 % der Absolventen/Absolventinnen.
Dank der universitären Frauenquote sind zwei Lehrstühle mit Professorinnen besetzt, dazu relativ viele Assistentinnen und Lehrbeauftragte, wobei ein gesicherter Lehrauftrag über längere Zeit gerade
für junge Architektinnen mit Kindern eine wichtige Einnahmequelle
bedeutet. Arbeitfinden nach Beendigung des Studiums ist kein Problem, schwierig wird der Sprung in die Selbstständigkeit, aber das
gilt für Frauen und Männer gleichermaßen.
Unter dem Titel „ Arbeitsgemeinschaften“ finden sich zumeist langjährige Lebensgemeinschaften, wobei die private Trennung auch
das Ende des gemeinsamen Arbeitslebens bedeuten kann. Ein guter
Teil dieser Partnerschaften stammt vom Beginn der Neunzigerjahre,
als die Zahl der Hochschulabsolventinnen deutlich anstieg; für Tirol
sind die Namen Henke/Schreieck, Benedikter-Fuchs/Peer, Noldin/
Noldin und Ortner/Ortner-Mahuschek am bekanntesten. Innerhalb
der Partnerschaft gibt es unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit. Rainer und Regina Noldin hatten sich nach langen Diskussionen darauf geeinigt, die Arbeit horizontal zu teilen. Während
Regina von der Konzeptentwicklung bis zum Wettbewerbsentwurf
den gestalterischen Part abdeckte, übernahm Rainer die Umsetzung
und die Büroorganisation.“ Das lief nach dem Modell: wer kann was
am besten, und wir haben uns sehr gut ergänzt“, erinnert sich Rai-
Innerhalb der Kammerhierarchie gilt noch immer die Erfahrung: je
höher die Funktionsebene desto geringer der Frauenanteil; mit Eleonore Bidwell gab es bereits eine frühe Ausnahme, aber ihr fehlte die
unterstützende Lobby. Bei der Kammerwahl 2006 trat Elisabeth Senn
erstmals mit einer Frauenliste an und erzielte zwei Mandate. Zuvor
hatten sich die Ziviltechnikerinnen österreichweit formiert und fuhren 2006 als Listenführerinnen mit eigenen Listen Erfolge ein. Elisabeth Senn und ihre Erfahrungen mit der Kammerpolitik? „Beschlüsse
wurden kaum mehr in der Sektion gefasst, die Entscheidungen in die
Männergremien verlagert, dorthin – Länderkammervorstand, Präsidium – wird man nicht gewählt sondern delegiert.“
Bei der diesjährigen Kammerwahl trat die Frauenliste nicht mehr
an, doch die neue Vorstandsfrau Helga Flotzinger streut ihrer Vorgängerin Rosen: „Sie war kämpferisch, war unbequem und hat viel
eingebracht.“ Bei der letzten Kammerwahl im Frühsommer setzte
sich bei der Siegerliste das Reißverschlusssystem durch; derzeit sind
zwei Frauen im Sektionsvorstand der Architektenkammer, eine verpflichtende Quotenreglung gibt es nicht. Der Marsch durch die Institutionen bleibt beschwerlich, ist vom Goodwill der Männer und
vom Verhandlungsgeschick der Frauen abhängig – und von deren
knappem Zeitbudget. Gerade junge Architektinnen auf den unteren
Sprossen der Karriereleiter haben Mühe, eine Familie samt kleinen
Kindern und einen zeitaufwendigen Beruf zu managen, da bleibt für
anderwärtiges Engagement wenig Energie. Den Frauen wird im Laufe ihrer Arbeit bewusst, dass sie sich in einer Männerwelt bewegen
und die Macht bei den Männern liegt. „Es gibt keine Schwierigkeiten
mit den Auftraggebern oder den Handwerkern auf der Baustelle, es
ner an die Arbeit mit seiner früh verstorbenen
Ehefrau. Und erfolgreich war das Duo auch, wie
zahlreiche Auszeichnungen belegen. Zumeist
wird aber von Projekt zu Projekt entschieden.
Wer mehr Zeit hat und sich mehr einbringt,
übernimmt das Ganze – zumindest theoretisch.
Praktisch braucht es zumeist einen jahrelangen
Diskussionsprozess, bis die Arbeit der Partnerin
als gleichberechtigt anerkannt wird. Männer behalten gerne das letzte Wort. Die Gleichberechtigung in der Arbeitsgemeinschaft muss sich
frau hart erarbeiten und sie bleibt nicht ohne
Auswirkung auf das Zusammenleben. „Männer
finden ihre Dominanz gottgegeben“, meint Renate Bendikter-Fuchs, „andere Paare streiten um
die Zahnpastatube, wir streiten um ein Projekt.“
Aber zumindest gehört die früher geübte Praxis
„er macht das große Ganze, sie gestaltet die Innenräume“ der Vergangenheit an.
Eine Tiroler Ausnahme bieten bisher Helga Flotzinger und Doris Bayer, die unter dem Namen
„Convoi“ von Anfang an ein reines Frauenbüro
führen, obwohl Erstere mit einem bekannten
Architekten verheiratet ist. „Sehr klug“, lautet
der Kommentar in der Architektinnenszene. Einmal im Jahr beteiligt sich das Ehepaar gemeinsam an einem Wettbewerb.
49
Wohnen im Stall?
„Auf Gebautem bauen ist ein ewiges Prinzip des Bauens,
eine Kontinuität, die erst im 20. Jahrhundert bricht.“
Walter Hauser „Auf Gebautem bauen“, Folio 2005
noldin architekten | Naturparkhaus Hinterriss | Foto: Adrian Greiter
50
Unter den Einzelkämpferinnen nimmt Gretl
Heubacher-Sentobe eine singuläre Position ein.
Seit 32 Jahren führt sie ihr erfolgreiches EinFrau-Büro in Schwaz, hat in und um Schwaz
viele Einfamilienhäuser und Wohnbauten umgesetzt, auch den Karmel St. Josef oberhalb von
Innsbruck entworfen und gibt ihre Projekte bis
zur schlüsselfertigen Übergabe ungern aus der
Hand. „Ich hätte nie im Team arbeiten können;
man lässt sich zu leicht abbringen von seiner
Intuition und ist in der Zusammenarbeit konsensbereit. Bestimmte Bereiche wandern zum
Partner. Das passt mir nicht. Ich will für meine
Entscheidungen geradestehen“, formuliert sie
ihre Haltung. Ein paar Junge machen es nach –
hoffentlich mit langem Atem.
Das Thema „Frauenarchitektur“ steht schon lange nicht mehr auf der Agenda, ja für viele war es
nie ein Thema. Allerdings ist manches, was unter
dem Thema Frauenbauen entwickelt wurde, inzwischen Standard, etwa keine dunklen Ecken,
Frauenparkplätze und Tageslicht in der Garage.
Architektinnen glauben eher an einen anderen
Weg als an ein anderes Ziel, wobei die Sozialisation eine wichtige Rolle spielt, ob frau will
oder nicht. „Männer trauen sich alles zu, auch
die gigantischsten Projekte – und dann kochen
sie auch nur mit Wasser“, so Gretl Heubacher.
Frauen seien uneitler, hätten eine andere Art
von Konfliktlösung und seien eher auf Harmonie bedacht. Für sie ist der Status des Bauwerkes
zweitgereiht, sie versuchen alles einzubinden und trotzdem das Maximum herauszuholen. Spannend sind auch die Entwurfsstrategien.
Regina Noldin verblüffte einmal ihre Zuhörer mit gefalteten Servietten vom Küchentisch, mit denen sie ihre Ideen konkretisierte. Andere
erledigen den Alltagskram, Einkaufen, Kochen, Putzen, und gehen
gewissermaßen mit dem neuen Projekt schwanger, ehe sie sich an
den Zeichentisch – an den Computer – setzen.
Frauendomäne sind die kleinen, aber exquisit gemachten Dinge:
Umbauten, Zubauten, Einrichtungen, Einfamilienhäuser, wie prämierte Projekte von Gretl Heubacher (das Haus für den Musiker
Thomas Larcher am Weerberg), Niki Petersen (das Schwimmbad
bei einer Mühlauer Villa) oder Julia Fügenschuh (Haus Hochrainer/
Lepping in Götzens) belegen. Letztere hat in den letzten Jahren
auch mehrere beachtenswerte MPreise gebaut. Da sich der MPreisHype inzwischen gelegt hat, werden die neuen Projekte von der
Fachwelt nicht mehr groß bemerkt. Die Karawane ist weitergezogen.
Eingeschlafen ist auch die Diskussion um Gender-Mainstreaming,
eine Methode der Gleichstellungspolitik, mit der jedes politische
Konzept, jedes Gesetz, jede Maßnahme und somit auch jedes Bauwerk hinsichtlich seiner Auswirkung auf Frauen und Männer untersucht wird. Seit 2001 durch einen Regierungsbeschluss der Tiroler
Landesregierung für alle landeseigenen Vorhaben verbindlich, kam
Gendering erstmals beim Landhaus 2 zum Einsatz, wurde allerdings
nie evaluiert, und andere öffentliche Auftraggeber signalisierten
kein Interesse. Inzwischen – so weiß Elke Krismer als Expertin – ist
das Thema beim Verein „Sicheres Tirol“ gelandet, der sich auch für
barrierefreies Bauen einsetzt. Behinderte und Frauen auf derselben
Architekturschiene – schöne Aussichten.
Gretl Köfler
Frühere Generationen fragten sich vermutlich nicht lang, ob eine
Veränderung der Bausubstanz vertretbar wäre und der Bestand dadurch Schaden leide. Selbstverständlich wurden die Häuser an neue
Bedürfnisse angepasst. Baumaterial war wertvoll, nichts wurde weggeschmissen. Auf diese Weise wurden Wohngebäude und Stadel immer wieder umgebaut. In Laas im Vinschgau kann man die Spuren
dieser Verwandlung noch an den steinernen Mauern ablesen: Fenster
wurden abgemauert und an anderer Stelle wurden neue Öffnungen
aufgebrochen. Als im Winter des Jahres 1861 ein Brand fast das ganze
Dorf verwüstete, wurden sogar Wohngebäude als Stadel requiriert.
Die Not zwang die Bevölkerung zur Improvisation.
Umbauten hinterlassen Spuren auf der Fassade. | Foto: © Rene Riller
Heute stehen im Ortskern von Laas viele Wohnund Wirtschaftsgebäude leer oder sind untergenutzt. An die 30.000 m3 sind es insgesamt.
In einigen Gemeinden im oberen Vinschgau ist
der Leerstand sogar noch größer: In Mals sind es
60.000 m3 und in der kleinen Gemeinde Schluderns sogar 70.000 m3. Dafür wachsen die Orte
ins Grünland hinaus und füllen den Talboden
mit neuen Zonen für Wohnen und Gewerbe.
Die Ausdünnung der historischen Zentren ist
somit ein zweifaches Problem: Mit dem Verlust
des Zentrums schreitet auch die Zersiedelung
voran.
Dieses Phänomen kennt man auch anderswo:
Im Bregenzer Wald wurde im Jahr 2007 eine Erhebung durchgeführt und ein Leerstand bzw.
eine Mindernutzung von mehr als 1000 Objekten festgestellt. Der gesamte Wohnbedarf
der nächsten Generation wäre damit gedeckt.
Im Folgejahr wurden an die 100 Eigentümer
von leerstehenden Wohnhäusern befragt. Das
Phänomen des Wohlstands wurde vielfach als
Grund für den Leerstand ausgemacht. Fast alle
Eigentümer sehen keine Notwendigkeit für eine
Veränderung und sprechen gleichzeitig von einer starken emotionalen Bindung an das Haus.
Die Mehrheit der Befragten will das Haus an ihre
Kinder oder Enkel weitergeben. Diese hingegen
bevorzugen meist einen Wohnsitz in der Nähe
ihres Arbeitsplatzes in einem der größeren Zentren des Rheintals.
Mit einer solchen Untersuchung könnte man
auch in einigen Vinschger Gemeinden die Ausgangslage für eine Belebung und Nutzung der
alten Bausubstanz sondieren und das Nachdenken über die Zukunft der leerstehenden Gebäude anregen.
Die alten Wirtschaftsgebäude sind in besonderem Maße vom Leerstand betroffen. Sie haben durch den Wandel der Landwirtschaft ihre
Funktion verloren. Getreide und Vieh sind im
weiten Talboden schon lange durch niederstämmige Apfelkulturen verdrängt worden, die
steinernen Stadel prägen jedoch nach wie vor
das Ortsbild. In Laas haben sie eine besondere
Geschichte: Nach dem Dorfbrand von 1861 wurde verordnet, künftig auch Wirtschaftsgebäude
in Stein zu errichten, um eine ähnliche Katastrophe zu vermeiden. Der Wiederaufbau musste in
51
Wohnen im Stall? | Susanne Waiz
kürzester Zeit erfolgen, daher wurden lombardische Maurer über das Stilfser Joch in den
Vinschgau geholt. Ihre Handwerkskunst kann
man noch heute an den steinsichtigen Mauern
bewundern. Die Laaser Stadel sind mehrfach
bedeutsam: als prägendes Element im Ortsbild,
als Zeugnis der Handwerkskunst und nicht zuletzt als Erinnerung an ein dramatisches historisches Ereignis. Die Frage ist daher nicht, ob
diese Gebäude erhaltenswert sind, sondern in
welcher Form die Erhaltung erfolgen soll.
Eine Hand voll Beispiele für die Sanierung und
Nutzung leerstehender Objekte gibt es bereits,
allen voran der sogenannte Bärenstadel, der
seit einem Brand in den 1960er-Jahren nicht
mehr genutzt wurde. In den 1990er-Jahren hat
die Gemeinde das Gebäude nach mehrjährigen
Verhandlungen von den Erben erworben. Architekt Walter Dietl konzipierte ein neues Dach
und seither dient der Stadel als Garage mitten
im historischen Ortskern. Unter dem Aspekt
der Denkmalpflege und der Erhaltung der Substanz ist dies ein Glücksfall: Der Bärenstadel
konnte praktisch so wie er war und ohne größere Umbauten für eine neue Nutzung gewonnen werden.
Bärenstadl in Laas. | Foto: © Rene Riller
52
Auch der Vinschger Maler Jörg Hofer hat die räumlichen Qualitäten
seines Stadels erkannt und ihn in Zusammenarbeit mit dem Architekten Werner Tscholl in ein Atelier umgebaut. Der Eingriff beschränkt sich auf wenige Maßnahmen: Statt des Zwischenbodens
über der Tenne wurde eine leichte Decke aus stehenden Brettern eingezogen. Die Steinwände wurden an der Innenseite gedämmt und
mit Ziegeln vorgemauert. Der Raumeindruck ist erhalten geblieben
und unterstützt heute die Wirkung der großformatigen Bilder. Aber
auch von außen hat der Stadel seine mächtige Präsenz bewahrt: Die
Fensterrahmen wurden in der Laibung der hohen Bogenfenster zurückgesetzt, sodass nur das Glas in der Öffnung sichtbar ist.
Atelier und Garage sind Nutzungen, die zwanglos mit dem Bestand
korrespondieren, schwieriger ist hingegen die Nutzung der großen
Speicherbauten als Wohnraum.
Zwischen der dominanten Typologie des Großraums und der kleinteiligen Wohnsituation gibt es auf den ersten Blick kaum Synergien.
Was für unsere Vorfahren ein rein praktisches Problem gewesen
wäre, wird heute auch zu einer Frage der Haltung: Der Stadel soll seine Aura behalten, sein Charakter soll nicht gebrochen werden. Die
reine Fassadenerhaltung wird mit Recht als vordergründige Kosmetik und Fälschung kritisiert.
Ruth Pinzger und Arnold Rieger fügen beim Umbau für das Haus
Spechtenhauser das Wohnvolumen wie eine Schachtel in den Bestand. Durch das „Haus im Haus“-Konzept bleiben die massiven
Sichtsteinmauern in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten. Licht
und Wärme strömen über eine Dachterrasse in
die introvertierte Wohnung.
Ein weiteres Beispiel für den intelligenten Umbau
eines Stadels zu einem Wohnhaus befindet sich
im oberen Vinschgau. Weit oben im Tal, bevor
sich die Straße am Stausee vorbei und über den
Reschen windet, liegt St. Valentin auf der Haide.
Am Ortseingang steht weithin sichtbar ein alter
Stadel, erst auf den zweiten Blick bemerkt man
die neuen Holzbauteile. Auch hier wirkt das Konzept, den alten Bergebau wörtlich zu nehmen
und das neue Wohnvolumen als hölzerne Kassette zwischen die Steinmauern zu setzen. Der
Stadel sitzt gut im Gelände und ist ein wichtiges
Element an der Ortseinfahrt. Jürgen Wallnöfer
hat diese Qualitäten bewusst erhalten.
Beide Beispiele zeigen, dass es auch für das Wohnen im Stall ehrliche und intelligente Lösungen
gibt. So bleibt die grundsätzliche Frage, in welcher Form die Erhaltung nun erfolgen soll: Geht
es um die möglichst authentische Bewahrung
eines historischen Bildes oder sollen wir auch
neue Entwicklungen zulassen, ähnlich wie unsere
pragmatischen Vorfahren es getan hätten?
Atelier Jörg Hofer. | Foto: © Rene Riller
Wohnen im Stadel, St. Valentin auf der Haide. | Foto: © Rene Riller
53
54
Als Beispiel für das erste Szenario soll uns das
Safiental in der Surselva im Schweizer Kanton Graubünden dienen. Das Tal wurde im 14.
Jahrhundert von den Walsern besiedelt und
kultiviert. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts
erlebte auch das Safiental den Einbruch der traditionellen Berglandwirtschaft. Vor allem die
dezentralen und für die traditionelle Landwirtschaft typischen Ställe und Scheunen verloren
ihre Funktion. Der Verein Safier Ställe hat sich
die Sicherung der Gebäude zum Ziel gesetzt.
Sichern heißt in erster Linie neu bedachen.
Eine Schindelwerkstatt wurde gegründet, so
wird altes Handwerk belebt und den Einwohnern eine Nebenerwerbsmöglichkeit geboten.
Erhaltung also, doch zu welchem Zweck? Im
Safiental verschließt man sich durchaus nicht
einer neuen Nutzung, doch gibt der Verein
freimütig zu: „Es scheint, dass wir uns bei der
Suche nach neuen Ideen schwer tun. Vielleicht
sind wir noch zu stark auf die traditionelle Nutzung fixiert, vielleicht lässt uns die jetzige Zeit
zu wenig Freiraum für neue Ideen. An diesem
Punkt setzt das Projekt Safier Ställe an. Mit neuen Dächern sollen die Ställe gesichert werden.
Gleichzeitig soll Denkzeit für die Suche nach
neuen Lösungen geschaffen werden.“ Sanieren
und ruhen lassen für künftige Generationen ist
eine durchaus vernünftige Haltung. Vor allem
bei Ställen, die hoch über der Siedlungsgrenze
liegen und mehr für das Siedlungsbild als für
das Dorfleben Bedeutung haben. Die Stadel in
Laas, Mals oder Schluderns liegen jedoch mitten im Zentrum der Orte. Konzepte der Musealisierung haben hier keinen Platz, denn Leerstand im Zentrum mindert die Lebensqualität
und unterhöhlt das gesellschaftliche Leben.
Die Kontinuität des Weiterbauens ist gefragt,
immer unter bestmöglicher Nutzung der vorhandenen Substanz, mit sparsamen Mitteln,
intelligent und innovativ.
Die Eigentümer der leerstehenden Häuser sind,
so zeigt auch die Erhebung im Bregenzer Wald,
der Schlüssel dafür, dass ein neues Bewusstsein
entsteht. Sie sollten bei der Sanierung von der
Gemeinde unterstützt werden: Sanierungsbegleitung, so nennt man es in Vorarlberg. Denn
heute reicht eine pragmatische Haltung allein
nicht aus, um Fragen des Eigentums, der Wid-
Denkmalschutz in Tirol – kleiner Querschnitt
durch die vergangenen Jahre
K
aum jemand wird die Notwendigkeit der Denkmalpflege und
somit die Erhaltung und Bewahrung von Kulturgütern und
Denkmälern in Frage stellen. In Zeiten, in denen leidenschaftliche
Wettbewerbe – und hitzige Diskussionen – um das „Weltkulturerbe“
ausgetragen werden, ist allen klar geworden, dass Denkmäler identitätstiftend schlechthin sind. In Tirol bemüht sich das Bundesdenkmalamt um die Erhaltung des reichen historischen Erbes. An dieser
Stelle folgt ein überflugsartiger Querschnitt über die Tätigkeit dieser
Institution in den vergangenen Jahren.
Ottoburg in Innsbruck
Bei der Ottoburg handelt es sich um einen viergeschossigen, quadratischen Wohnturm, um einen typischen städtischen Adelssitz.
Der Bau stammt im Kern aus dem 15. Jh. An allen vier Seiten springen Eckerker vor, die beiden östlichen sind aufgrund von späteren
Ottoburg in Innsbruck | Foto: Coccagna
Steinerne Stadel in Laas| Foto: © Rene Riller
mung oder der Förderung zu klären. Die Sanierung von Glurns in den
1970er-Jahren könnte dafür ein Vorbild sein. Damals wurde im Ort ein
Sanierungsbüro eingerichtet, bei dem Sanierungswillige jederzeit
Auskunft und Unterstützung erhielten. Ein Wiedergewinnungsplan
legte die Grundzüge der Sanierung fest. In nur wenigen Jahren gelang es, große Teile des historischen Baubestands zu sichern, (wieder) zu nutzen und damit auch der Abwanderung der Bevölkerung
entgegenzuwirken.
Susanne Waiz
Anbauten nur teilweise sichtbar. Der nordwestliche Erker sitzt auf einem schmalen Stück
der Innsbrucker Stadtmauer auf. Die Fenster
mit den markanten rot-weißen Fensterläden
wurden beim Umbau 1913 eingesetzt, der
Eingang an der Hauptfront 1914 erneuert. Im
Jahr 1999 wurde die Ottoburg einer Generalsanierung unterzogen, in deren Zusammenhang die Fassade ihre ursprüngliche
Jahrhundertwende-Anmutung zurückerhielt.
So kamen wieder Kastenfenster mit Sprossen
zum Einsatz, teilweise unter Verwendung von
historischen Glasmalereien. Auch die charakteristischen Fensterläden kamen wieder an
ihren Platz. Da das Gebäude als Gastronomiebetrieb geführt wird, bedurfte es einer komplett neuen technischen Ausstattung. Im Zug
der Innenumbauten wurden ein alter Verbindungsgang zur Claudiana und eine gotische
Balkendecke freigelegt und die vorhandenen
Stuben gereinigt und instand gesetzt. Auch
die nordwestlich vor dem Gebäude befindliche Bronzestatue „Vater und Sohn“ von Christian
Plattner (1904) erhielt eine Sanierung.
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in
Innsbruck
Das Gebäude des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, 1842–45 von Anton Mutschlechner
erbaut und 1884–86 nach Plänen von Natale
Tommasi in die heutige Form gebracht, ist ein
typisches Beispiel für den repräsentativen Baustil der zweiten Hälfte des 19. Jh. und einer der
qualitätvollsten Museumsbauten außerhalb
Wiens. Mit der für drei Jahre veranschlagten
Generalsanierung und der Erweiterung des
Ferdinandeums sollte Abhilfe gegen die beinahe unerträgliche Notsituation in allen Bereichen der Sammlungen und der Infrastruktur
(Klimatisierung, Beleuchtung, Sicherheit) geschaffen und der Weg zu einem den künftigen
Anforderungen gewachsenen Museum gelegt
werden.
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Denkmalschutz in Tirol – kleiner Querschnitt durch die vergangenen Jahre | Ulla Fürlinger
Das „Adambräu“ in Innsbruck, heute Heimat des aut. architektur und tirol. | Foto: Coccagna
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2001 wurden im ersten Bauabschnitt der hofseitige vor ca. zwanzig Jahren angebaute Trakt
abgerissen, die Hofdepots erweitert und die
Werkstätten saniert. In einem Erweiterungsbau
von Architekt Helmut Ramsauer entstanden
neue Schauräume und im zweiten Geschoss
eine Fläche (art-box) für Sonderausstellungen.
Dazu kommen Lesesaal, Arbeitsräume und
Speicherplätze für die Bibliothek und zusätzlich
Shop und Kaffeehaus. Im Zuge der Arbeiten im
Altbau wurde festgestellt, dass oberhalb der
nach dem Zweiten Weltkrieg eingezogenen
Flachdecken die hohen Kuppelräume vollständig erhalten waren, sie wurden freigelegt und
restauriert. Das neu erarbeitete Nutzungskonzept erforderte in den Gängen und vor allem im
Verbindungsbereich zwischen Alt- und Neubau
diverse bauliche Eingriffe, bei denen alle wichtigen und qualitätvollen Bauteile des Altbaus
erhalten werden konnten.
Im zweiten Jahr wurde die Fassadenrestaurierung an der ehemaligen Nordfassade in Angriff
genommenm, die nunmehr ein Teil des Innenraums der mehrgeschossigen Halle ist. Auf der Grundlage von Restaurierungsproben in
den Gängen und im Stiegenhaus wurden die durch Übermalungen
stark veränderte Stuckformen und Putzoberflächen freigelegt. Die
partielle Vergoldung der Kapitelle und Stuckornamente verleiht nunmehr den Gängen des 2. Obergeschosses ein äußerst repräsentatives
Erscheinungsbild. Restauratorisches Hauptziel war die Färbelung der
Fassaden auf der Grundlage der vor der letzten Restaurierung 1985
durchgeführten Befundung. Bei den Steinteilen der Fassade im Bereich der Gesimse und Balkone handelt es sich um rötlich-beigen
Trentiner Muschelkalk. Dieser Farbton ist auch maßgebend für die
verputzten Architekturglieder. Rauputzflächen sind in einem warmen Putzgrauton belassen. Die in Terrakotta gearbeiteten Puttengruppen und Portraitbüsten der Frieszone über dem ersten Obergeschoss erhielten ihren originalen steinfarbigen, d.h. rötlich-beigen
Farbton zurück. Pünktlich zum 180. Geburtstag des Museumsvereins
im Mai 2003 öffnete das Stammhaus der Tiroler Landesmuseen wieder seine Tore.
Adambräu in Innsbruck
Lois Welzenbacher ist der bedeutendste Vertreter der klassischen
Moderne in der Architektur. Von ihm stammt das 1926–27 erbaute
Hotel Goldener Engl | Fotos: GH Engl
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Denkmalschutz in Tirol – kleiner Querschnitt durch die vergangenen Jahre | Ulla Fürlinger
Sudhaus des Adambräu, eines von wenigen
erhaltenen Gebäuden des Architekten. Nach
Einstellung des Brauens im Jahr 1994 und der
im Jahr darauf erfolgten Unterschutzstellung,
wurde eine neue Nutzform für den Industriebau
gesucht – und mit dem aut. architektur und tirol
sowie dem Archiv für Baukunst-Architektur und
Ingenieurbau (Universität Innsbruck) gefunden.
Ein hervorragendes Beispiel dafür, ein Baudenkmal nicht einfach abzutragen oder rein museal
zu nutzen, sondern mit neuem Leben auszustatten. Mittlerweile ist das ehemalige „Adambräu“,
wie das Gebäude noch landläufig genannt wird,
architektonisches Kompetenzzentrum schlechthin. Die Umbauten wurden von einem Architektenteam durchgeführt. Die außergewöhnliche Qualität der Gebäudetransformation liegt
in der weitestgehenden Erhaltung der funktionalen Gegebenheiten und Raumstrukturen,
denn obwohl technische Teile entfernt wurden,
blieben die einstigen maschinellen Abläufe
spürbar und lassen sich heute noch nachvollziehen.
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Gasthof Engl in Hall
In Hall kommt dem Denkmalschutz eine größere Rolle zu als andernorts in Tirol, denn seit
1991 steht die gesamte Altstadt, die größte
mittelalterliche Nordtirols, unter Ensembleschutz. Somit gilt es nicht nur die alten Gassen
und Plätze mit ihren geschichtsträchtigen Gebäuden zu bewahren, sondern das Zentrum
von Hall als einen Ort lebendigen kulturellen
und gesellschaftlichen Austauschs zu erhalten.
Von elementarer Bedeutung für den Zusammenhalt einer örtlichen Gemeinschaft sind seit
jeher Gaststätten. Daher war es Denkmalschützern und städtischen Politikern ein besonderes
Anliegen, den zwischen Altstadt und Burg Hasegg liegenden und seit 1973 geschlossenen
Gasthof Goldener Engl zu sanieren und wieder
zu eröffnen.
Die Ursprünge des Gasthofs Goldener Engl reichen in das Jahr 1300 zurück, damals errichtete man die südliche Stadtmauer und an diese
baute man Häuser an. Nach dem verheerenden
Brand 1447 erfolgte ein umfangreicher Ausbau
des Gebäudes, von dem heute die gotischen
Gewölbe im Untergeschoss zeugen. Im Barock
erfolgte eine weitere Bauphase, aus der eine mit Stuckornamenten
verzierte Halle und zwei Stuben mit Täfelungen und Kassettendecken stammen. 1831 erhielt die zum Unteren Stadtplatz gerichtete
Fassade ihr heutiges Aussehen.
Der Messerschmitt-Stiftung München sind die Instandsetzungsarbeiten zu verdanken, an deren Anfang die aufwendige Sanierung des
Gebäudes, der Einbau eines neuen Stiegenhauses und die Fassadenrestaurierung standen. In den Innenräumen wurden die barocken
Kassettendecken und die aus verschiedenen Stilepochen stammenden Wandmalereien restauriert. Letztere sind aufgrund ihrer künstlerischen Qualität und der Bildinhalte für Hall von Bedeutung, da sie u.a.
Szenen einer Stadtbelagerung zeigen. Die neu gestalteten Bereiche
im Stiegenhaus und in der Galerie sprechen eine zeitgemäße architektonische Sprache. An der Fassade wurde ein Wirtshausschild aus
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (ehem. Gasthof Spiegel, Hall)
angebracht. Den glanzvollen Abschluss der Gesamtrestaurierung bildete der Einbau eines Stubengetäfels, das vom Gasthof Volderwaldhof
stammt. Die Täfelung mit künstlerisch hochwertigen Jagdmotiven fertigte der Thaurer Bildschnitzer Romed Speckbacher in den 20er-Jahren
des 19. Jhs. an.
Burg Hasegg in Hall
Im Gesamtkonzept der Burg Hasegg sollte neben der kulturell musealen Nutzung (Münzmuseum seit 2003) auch die Unterbringung von
Veranstaltungsflächen als zusätzliche Belebung des Gebäudekomplexes vorgesehen werden. Im Jahr 2005 wurde mit einer umfangreichen Befundung des Südtrakts begonnen, in dem Wohnungen
untergebracht waren und in dem man einen ursprünglichen Saalraum vermutete. Der Südteil der Burg konnte als Neubau während
des 15. Jh. festgemacht und klar von den älteren Anlageteilen des 14.
Jh. abgesondert werden. Der im Zuge des Umbaus freigelegte Palassaal liegt im ersten Obergeschoss. Der glatt geputzte Saal besaß tiefe
Fensternischen und Oberlichten, die dem Raum eine Zweigeschossigkeit verliehen. Erschlossen war die Halle vorerst im Osten. Sie
verfügte über eine Bohlenbalkendecke über zwei Längsunterzügen,
wodurch der Saal dreischiffig erschien. Die erste, um die Mitte des 15.
Jh. zu datierende Bauphase erfuhr mit der Errichtung des Münzerturms sowie des Schneckenturms und des Verbindungstraktes zur
älteren Burg im Norden wenige Jahre später eine grundlegende Veränderung. Die den Saal teilenden Säulen wurden entfernt und an deren Stelle schwere Unterzüge in den Oberlichten aufgelegt. Saal wie
Wendelstiegenhaus verbleiben bis ins frühe 19. Jh. weitestgehend
unverändert, werden aber in der Folge durch Wohnungseinbauten,
Stiegenlaufabbrüche resp. Vermauerungen bis zur Unkenntlichkeit
zerstückelt.
2006 begannen die Abbrucharbeiten im Südtrakt. Im Zuge der Freilegungsarbeiten im Saal zeichnete sich recht bald dessen Dimension und Qualität ab. Neben der Lösung vieler technischer Fragen
(z.B. Lüftungseinbau) gelang es dem planenden Architekten, vor-
Die Burg Hasegg mit dem Münzerturm | Foto: TVB Region Hall-Wattens
handene wertvolle Bausubstanz behutsam herauszuschälen und
diese mit neuen Elementen zu einem Ganzen zu verbinden. Das
Ergebnis ist ein modellhaftes Beispiel von Neu und Alt, von Raumatmosphäre und Funktionalität. Parallel wurden auch die Räume
im zweiten Obergeschoss renoviert. Dieser Bereich wird künftig
die archäologische Sammlung mit Schau- und Arbeitsräumen beherbergen. Auch Schneckenturm, Stiegenauftritte und Wandoberflächen erfuhren eine Restaurierung, überdies wurden zwei neu
Verbindungstreppen durch die innere Spindel der Treppe errichtet.
Somit ist neben der Schaffung des gewünschten Veranstaltungssaals auch eine wichtige Ergänzung des Museumswegs des Münzmuseums gelungen.
Widum in Umhausen
Wie meist üblich, lag auch in Umhausen das ursprüngliche Pfarrhaus bei der Kirche. Nach der großen Murkatastrophe von 1762 wurde es an einen etwas südlicheren Platz im Dorf verlegt. Das zweigeschossige Widum mit Krüppelwalmdach zählt zu den schönsten
des Tiroler Oberlands. Seine Fassade ist regelmäßig gegliedert und
mit einer opulenten Illusionsmalerei überzogen. Im Bereich des
Sockels drang bedauerlicherweise Nässe ein, die starke Schäden
verursachte. Eine Drainage war unumgänglich, der alte Putz wurde
entfernt und durch einen atmungsaktiven neuen ersetzt. Weiters wurden gemalte Tür- und
Fensterfassungen sowie die Eckquader und die
figurale Darstellung freigelegt und retuschiert
und die Nullfläche befundgemäß gefärbelt.
Kapelle Maria Himmelfahrt, Finstermünz
Die Talsperre Finstermünz besteht aus einem
Ensemble aus Brücke mit Turm, einer Höhlenburg, dem Turm Sigmundseck, dem Klausengebäude und einer Kapelle zur Maria Himmelfahrt. Diese im Jahr 1605 erstmals urkundlich
erwähnte Kapelle litt u.a. unter eindringender
Feuchtigkeit, sodass 2004 eine notwendige
Restaurierung in Angriff genommen und
bergseitig ein Drainagegraben angelegt wurde. Nach Ausbesserungen des Putzes weißelte
man die Fassade befundgerecht mit Kalkmilch
und legte die Eckquaderung an der Hauptfassade frei. Als sehr aufwendig gestalteten sich
die Arbeiten am Dach, das mit einem Dachreiter versehen ist – beide in sehr schlechtem
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Denkmalschutz in Tirol – kleiner Querschnitt durch die vergangenen Jahre | Ulla Fürlinger
Zustand. Die Konstruktion musste partiell erneuert, die Schindeleindeckung sogar zur Gänze neu vorgenommen werden. Über der
hangabwärts gelegenen Sakristei wurde der völlig eingestürzte
Dachstuhl gegen einen neuen ersetzt. Am Tag des Denkmals 2006
stand ein (gut besuchter) Ausflug zur Talsperre Finstermünz auf dem
Programm.
Ehrenberger Klause in Reutte
Zusammen mit der gleichnamigen auf dem Schlossberg gelegenen
Burg, die unter dem Görzer Grafen Meinhard II. errichtet wurde, bildet die Ehrenberger Klause einen Teil der ehemaligen Talsperre an
der Südflanke des Reuttener Beckens. Die Anlage findet um 1300
erstmals Erwähnung. Die bis heute erhaltenen Teile der Klause entstanden um 1480 an der Stelle eines Vorgängerbaus und fanden in
der Folge diverse Funktionen als Zoll- und Poststation, Waffendepot und Taverne. Im 16. Jh. wurde die Anlage stark beschädigt und
1607–09 unter Maximilian dem Deutschmeister wieder instand gesetzt – daran erinnert ein marmorner Wappenstein über der nördlichen Tordurchfahrt. Unter Joseph II. wurden nahezu alle Tiroler
Grenzburgen aufgelöst und Ehrenberg gelangte in bürgerlichen
Besitz. Durch laufend wechselnde Besitzverhältnisse und durch
zweckentfremdete Nutzung verfiel Ehrenberg zusehends. 1970 wurde ein Kuratorium zur Rettung der Burg ins Leben gerufen, seit 1995
wird an dem Projekt der Restaurierung der Klause und ihrer Ruinenreste gearbeitet. Die gotische Klause ist nur mehr zu einem Drittel erhalten, im östlichen Teil lediglich als Ruine, im westlichen sind noch die Eckbastio­
nen mit Mauern und Kordonsteinen vorhanden. Die erhaltenden
Arbeiten gliederten sich in zwei Projektphasen: zwischen 1995 und
98 erfolgte die Dokumentation und Notsicherung der Klause, darauf
folgten Restaurierung und Rekonstruktion. Die noch als Bauwerk erhalten gebliebenen Teile stammten aus einem barocken Umbau, diese
Vorgabe wurde für die Restaurierung bestimmend. Als Erstes sanierte
man den gotischen Dachstuhl und nahm die Neueindeckung der Dächer mit Lärchenschindeln vor. Im Rahmen dieser Maßnahmen stellte man fest, dass der gotische Dachstuhl mit Ende 15. Jh. zu datieren
ist. Im Anschluss folgten die hangseitige Trockenlegung der Klause
sowie die Sicherung der südseitigen Giebelwand, ebenso wurde die
Dachkonstruktion über der nordöstlichen Bastion neu aufgesetzt.
Nach Entfeuchtungsarbeiten im Inneren widmete man sich der Sanierung der Fassaden. Dabei wurden die spätbarocken Putzfassaden
rekonstruiert und die Mauerausbrüche an den nördlichen Bastionen
ergänzt. Einige barocke Fenster konnten restauriert, die übrigen in barocker Teilung neu ergänzt werden. Neben technischen Vorarbeiten
und Deckenverstärkungen im Inneren begann der Wiedereinbau der
Wand- und Deckenbohlen der barocken Bretterkapelle im Dachstuhl.
Desgleichen startete die Restaurierung der spätbarocken Innenräume. Die Klause wurde mittlerweile zu einem Veranstaltungszentrum
mit einem sehenswerten Museum ausgebaut und beherbergt heute
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Das Widum in Umhausen | Foto: Frischmann/Tvb Umhausen-Niederthai
auch den Verein „Europäisches Burgenmuseum
Ehrenberg“.
Auf dem Gelände der Klause finden
seit 2004 alljährlich Römer- und Ritterspiele statt.
Pfarrkirche Maria Empfängnis in Weerberg
Die Doppelturmfassade der Pfarrkirche Maria
Empfängnis auf dem Hochplateau von Weerberg wurde 1872 im neuromanischen Stil einer
Basilika erbaut. Mit ihrer mächtigen Gesamterscheinung und dem reich ausgestatteten
Innenraum stellt sie ein bedeutendes sakrales
Baudenkmal des Historismus in Tirol dar. Philipp
Schumacher und Franz Ertl gestalteten zwischen
1872 und 80 den sakralen Innenraum mit nazarenischen Darstellungen und Dekorationsmalereien. Im vorigen Jh. hat man die Kirche in der
für die Zeit üblichen Weise restauriert bzw. purifiziert, wobei zahlreiche Wandbilder übermalt
und Tapetenmalereien zerstört wurden. Bilder
in den Gewölben und die Altäre beließ man. Im
Zuge der nächsten Innenrestaurierung war es
das erklärte Ziel der Denkmalpfleger, dem architektonisch überzeugenden Innenraum seine
ursprüngliche Erscheinung zurückzugeben und
alle übermalten Dekorationsmalereien wieder
freizulegen bzw. stellenweise zu erneuern. Nach
nur sechs Monaten konnten die Arbeiten abgeschlossen werden und das geschlossene, von
warmen Farbtönen geprägte Gesamtbild des
Kircheninnenraums, der zur Gänze mit Szenen
aus dem Alten und Neuen Testament, mit Bordüren und Gesimsen und mit dekorativen Tapetenmalereien verziert ist, zeigt sich nun dem
Besucher wieder in beeindruckender Weise.
Hohe Brücke über den Stallenbach in Stans
Mitte des 9. Jh. lebte ein Einsiedler in der Gegend von St. Georgenberg, der von einer Pilgerreise ein Bildnis der schmerzhaften Mutter
Gottes mitbrachte. Ihr zu Ehren errichtete man
auf dem Felsen von St. Georgenberg eine Kapelle, zu der eine erste 160 Fuß lange Brücke
über den Stallenbach führte. Bereits im Mittelalter entstand hier ein reges Wallfahrertreiben, bei dem der Brücke eine wichtige Rolle
zukam, war sie doch die einzige Verbindung
über die Wolfsklamm und den Stallenbach auf
den Georgenberger Felsen. 1497, nach einem
Brand, wurde sie wiederaufgebaut, aus dieser
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Denkmalschutz in Tirol – kleiner Querschnitt durch die vergangenen Jahre | Ulla Fürlinger
Die Festung Kufstein | Foto: pro.media kommunikation
Die Festung Ehrenberg in Reutte
Fotos: Tourismusverband Naturparkregion Reutte
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Epoche stammt der Unterbau der Steinbogenbrücke. Das 1515 neu
erbaute Torhaus wurde Ende des 17. Jh. von einer Lawine begraben, zuvor zerstörte ein Brand Kirche und Kloster, wobei auch Brücke
und Torhaus in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wieder war ein
Neubau erforderlich, die Arbeiten daran waren Ende des 18. Jh. beendet. Diese Holzkonstruktion ist im Wesentlichen Bestandteil der
heutigen Brücke. Sie präsentiert sich als ca. 40 m lange Steinmauer,
die sich in 33 m Höhe über die Wolfsklamm erstreckt und in der
Mitte eine hohe gewölbte Öffnung aufweist. Auf der Mauer sitzen
vier massive Steinpfeiler, die in hölzernen Fachwerkaufbauten ihre
Fortsetzung finden. Die 50 m lange einfache Balkenkonstruktion der
Brücke führt in leichter Krümmung über die Schlucht. Ein schindelgedecktes Satteldach schützt vor Witterungseinflüssen. Der
ostseitig gelegene Torturm ist mit Zinnen und Ecktürmchen sowie
einem gotischen Spitzbogengewölbe ausgestattet. Geschichte
wie kulturelle und bautechnische Bedeutung der Hohen Brücke
machten einen besonders behutsamen und auf die bauhistorischen Gegebenheiten abgestimmten Umgang bei der Restaurierung erforderlich.
Pfarrkirche Hl. Jakobus d.Ä. und Leonhard in Hopfgarten
Erstmals erwähnt wurde die Kirche im Jahre 1355, bereits 1410 ist die
Weihe eines Neubaus bezeugt. Weitere Neubauten erfolgten 1480 und 1758–64, der letztere verlieh der Kirche die heutige Gestalt. Eines
der umfassendsten Sanierungsprojekte galt der
Innenrestaurierung der Pfarrkirche Hopfgarten.
Nahezu acht Jahre nahmen die Restaurierungsarbeiten in Anspruch, die u.a. die Aufstellung
eines neuen Volksaltars (Entwurf Peter Schuh)
vorsahen. Die Pfarrkirche ist die größte Kirche
im Bezirk Kitzbühel, wurde von Grund auf instand gesetzt und auf ihren ursprünglichen
Zustand von 1764 zurückgeführt. Das gesamte
künstlerische Inventar aus dem 18. und 19. Jh.
blieb erhalten und wurde restauriert.
Festung Kufstein
1205 wird die Festung das erste Mal urkundlich als „Castrum Caofstein“ erwähnt, damals
war sie im Besitz der Bischöfe von Regensburg.
1505 erwarb Maximilian I. die mittelalterliche
Burg. Zwischen 1522 und 52 und 1563 erfolgte der
Ausbau zur stärksten und modernsten Festung
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Denkmalschutz in Tirol – kleiner Querschnitt durch die vergangenen Jahre | Ulla Fürlinger
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des Landes. Eine letzte Erweiterung erfuhr sie
1675–1740 u.a. mit der Errichtung der Josefsburg, 1882 wurde sie aufgelassen und in den
Jahren 1998–2001 umfassend restauriert und
adaptiert. Schwerpunkte dieser Arbeit bilden
die Obere Schlosskaserne, der Kaiserturm und
die Josefsburg. Bis ins 17. Jh. blieb der mittelalterliche Baukern
für das Erscheinungsbild der oberen Schlosskaserne ausschlaggebend. Ein grundlegender
Umbau und eine Neugestaltung der Fassaden
nebst einer Vereinheitlichung der Dachformen
erfolgte 1734–45 nach Plänen von Hofbaumeister J. M. Gumpp. Diese Fassade prägt bis heute
das Erscheinungsbild der Oberen Schlosskaserne, im 19. und 20. Jh. wurden lediglich Reparaturen durchgeführt. Die barocke Prägung und
die Umgestaltungen durch Gumpp wurden für
die Restaurierung relevant, was ein Konzept
erforderlich machte, das die Balance zwischen
einer ausschließlich in historischer Kalktechnik ausgeführten Restaurierungstechnologie
unter Beibehaltung der Alterungsästhetik anstrebte.
Der 1518–22 errichtete Kaiserturm ist, mit Ausnahme des Dachstuhls, heute noch in seiner
originalen Bauhöhe einschließlich der wesentlichen architektonischen Details erhalten. Die
ursprünglichen Oberflächen zeichneten sich
durch gotischen Putz und weiße Kalkfärbelung
aus. 1734–45 erfuhr der Dachstuhl Veränderungen. Dabei wurde die hofseitig vorkragende
Schildwand abgebrochen, der Kaiserturm neu
verputzt und die Weißfärbelung wiederholt.
Dieser barocke Umbau prägt heute noch das
Erscheinungsbild. 1745–60 baute man Gefängniszellen in das oberste Geschoss ein,
wofür u.a. die Öffnungen teilweise vermauert
wurden. Im 20. Jh. erfolgten stellenweise Ausbesserungen der Fassade. Wie bei der Oberen
Schlosskaserne ist auch hier die Gumpp´sche
Umgestaltungsphase hinsichtlich des erhalten
gebliebenen Putzbestands sowie der dabei erfolgten architektonischen Veränderungen relevant. Das Restaurierungskonzept ist weitestgehend das der Oberen Schlosskaserne.
Die Josefsburg stellt sich heute als barocker
Festungsbau dar, der im Laufe der Jahrhunderte bedauerlicherweise einen ruinenhaften
Charakter angenommen hat. Die fortschreitende Verwitterung
hätte unweigerlich den Verlust des Objektes bedeutet. In der Abwägung zwischen Rekonstruktion, reiner Konservierung und Restaurierung entschied man sich für Letzteres und somit für die
Aufrechterhaltung der Balance zwischen Bauwerk und Ruine. Um
dieses labile Gleichgewicht künftig zu gewährleisten, musste nach
technischen Möglichkeiten gesucht werden, die vor allem eine
langfristige Abdichtung gegen eindringende Feuchtigkeit und
somit Substanzsicherung in möglichst authentischer und reversibler Form erlauben. Die Lösung fand sich in der Rekonstruktion der
ursprünglichen Lehmabdichtung. Weiters wurden der Bastionsbereich mit Gras bedeckt, der Hof mit Kies belegt und alle neuen Baudetails ausgeführt, die für die künftige Nutzung als Open-air-Veranstaltungsort erforderlich waren. Im Zuge der Arbeiten entdeckte
man kostbare Siedlungreste und Fundstücke aus der Bronzezeit
(die u.a. im Festungsmuseum zu besichtigen sind).
Pfleghof in Anras
Das alte Pfleghaus in Anras, auch Pflegerhaus oder Pflegerhof genannt, ist von außergewöhnlicher Bedeutung. Über die frühe, ins
Mittelalter zurückreichende Baugeschichte des Gebäudes ist nur wenig bekannt, die ersten urkundlichen Hinweise stammen aus dem 18.
Jh. Zwischen 1754 und 57 ließ es der Gerichtspfleger Johann Florian
Peisser errichten; aus einer Inschrift über der südseitigen Eingangstür geht hervor, dass der Bau 1757 unter Fürstbischof Leopold von
Brixen vollendet worden ist. Anras war damals Sitz des bischöflichen
Gerichts zu Brixen, der Richter resp. Pfleger wohnte also direkt neben
der Pfarrkirche.
Bis ins späte 18. Jh. diente der Bau desgleichen als Sommerresidenz
der Brixner Fürstbischöfe. Gemeinhin nennt man das Haus, das seit
dem 19. Jh. in Privatbesitz ist und die letzten 20 Jahre leer stand,
„das Schloss“. Nachdem der Zustand des Hauses zunehmende Besorgnis erregte, galt es zu handeln. Dank der Hilfe der MesserschmittStiftung München gelang die Erhaltung des Juwels.
Die Arbeiten begannen 1992 mit der Trockenlegung der Grundmauern. Parallel dazu liefen die vom Bundesdenkmalamt durchgeführten Bauuntersuchungen und ebenfalls vom Denkmalamt
geleiteten archäologischen Grabungen im südöstlichen Bereich
des Pfleghauses. Dabei entdeckte man, dass der Pfleghof auf einen nahezu quadratischen Bau des frühen 14. Jh. zurückgeht, von
dem noch aufgehendes Mauerwerk erhalten ist. Als sich im Laufe
der archäologischen Grabungen herausstellte, dass sich die älteste
Kirche östlich des Pfleghauses fortsetzte, grub man dort weiter. Die
Messerschmitt-Stiftung finanzierte auch in der Friedhofskapelle die
archäologischen Grabungsarbeiten einschließlich Trockenlegung
des Mauerwerks mit dem Ergebnis, dass der Kirchenbau bis in das
5. Jh. nachgewiesen werden konnte. Wollte man ursprünglich die
vorhandene Innenraumfärbelung in der Friedhofskapelle lediglich
reinigen, so entdeckte man bald verschiedene Malschichten unter
Das Pfleggerichtshaus Schloss Anras. „Pfleghof in Anras“ | Foto: Hans-Sieghart Wilhelmer/TVB Anras
der derzeitigen Färbelung, speziell im Bereich des Triumphbogens.
Daraufhin folgten die Freilegung der Fresken im Inneren der Friedhofskapelle, der Kreuzigungsgruppe neben dem südlichen Eingang und der nordseitigen St.-Christophorus-Darstellung sowie die
Gesamtrestaurierung der Friedhofskapelle.
Der Dachstuhl mit Krüppelwalm des Pfleghauses war stellenweise schwer beschädigt. Somit bildete die statische Sanierung des
Dachstuhls samt Neueindeckung mit Lärchenschindeln eine unumgängliche Sanierungsmaßnahme. Nach eingehender Fassaden­
untersuchung ging man an die Außenrestaurierung, wobei die
Neufärbelung der Fassade nach den originalen Farbtönen in reiner
Kalkfarbe erfolgte. Noch vorhandene alte Butzenscheiben konnten
ausgebaut und bei erhaltenswerten Fensterflügeln wieder eingesetzt werden.
Die einstigen Amtsräume des Pflegers im zweiten Stock des Hauses
weisen außerordentlich schöne Täfelungen auf, die ebenso restauriert wurden. Überdies baute man nötige Sanitär- und Elektroinstallationen ein.
Mittlerweile wurde vom Land Tirol ein Gerichtsmuseum mit Strafvollzugsausstellung von 1499 bis heute eingerichtet. Das Haus wird
auch mit exklusiven Sonderausstellungen von bekannten Künstlern
und einer Fotoausstellung bespielt.
Schloss Bruck in Lienz
Schloss Bruck erhebt sich auf einer Hügelkuppe
über der Stadt Lienz. Die Burg wurde zwischen
1252 und 77 als Residenz der Grafen von Görz
erbaut und verdankt ihren Namen der Brücke,
die unterhalb des Schlossbergs über die Isel
führt.
Die ehemalige Grafenburg ist heute eine
geschlossene Anlage mit Innenhof und eindrucksvollen Architekturbestandteilen aus acht
Jahrhunderten.
Im Lauf der Jahre wechselte das
Schloss häufig den Besitzer und war nicht nur
Residenzburg der Görzer, sondern auch Brauerei,
Gastwirtschaft, Spedition, Waffenarsenal, Militärspital und Kaserne.
1942 kaufte die Stadt Lienz
das Anwesen und richtete darin ein Heimatmuseum ein. Aus dem groß angelegten Umbau der
Jahre 1999–2000, der in Hinblick auf die Landesausstellung 2000 („Leonhard und Paula. Das ungleiche Paar“) durchgeführt wurde, resultiert eine
faszinierende Symbiose alter und neuer Bauteile.
Zur gleichen Zeit wurden zahlreiche Restaurierungsmaßnahmen vorgenommen. Um einen rei-
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Denkmalschutz in Tirol – kleiner Querschnitt durch die vergangenen Jahre | Ulla Fürlinger
Schloss Bruck in Lienz | Foto: Kofler/Osttirol Werbung
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bungslosen Besucherzutritt zu gewährleisten,
errichtete man am Westtrakt ein Stiegenhaus
aus Stahl, was einen partiellen Abbruch eines
Gewölbes aus dem 16. Jh. mit sich brachte.
Weiters wurden die Burgtaverne, die Nassräume und die um die Jahrhundertwende
entstandenen Büros umgebaut und ein Medienraum eingerichtet. Dabei achtete man sorgfältig auf die Bewahrung der Bauwerksoberflächen, die gereinigt und restauriert wurden.
An der äußeren Schlossfassade nahm man lediglich stellenweise Ausbesserungen vor, die
Zwingermauer und die Gewölbe nördlich des
Bergfrieds erhielten eine statische Sicherung.
Bischofszimmer im Widum von Sillian
Mit dem gotischen Bischofszimmer im Pfarr-
haus von Sillian hat sich eine kulturgeschichtlich bedeutende Einrichtung erhalten – eine von insgesamt zwei erhaltenen gotischen
Stuben mit Balkendecke und Vertäfelung in einem Widum. Das
Bischofszimmer liegt im ersten Geschoss, ist ein nahezu quadratischer Raum mit den Maßen 8,20 m Länge, 8,05 m Breite und einer
mittleren Raumhöhe von 2,85 m und verfügt über einen Boden aus
Fichtenbohlen. Die Wände sind vertäfelt und tragen eine seitlich
leicht geschwungene, ansonst flache Zirbenholzdecke, deren Balken Schnitzornamente aufweisen. Die Wandtäfelung besteht aus
schmucklosen, teils vertikal, teils horizontal verlegten Brettern, die
Balkendecke ist im Gegensatz dazu kunstvoll verziert und weist
sechzehn mittige und an den Enden ornamentierte Balken auf, die
auf einem reich beschnitzten Kreuzbalken aufliegen.
Decke und Vertäfelung waren vor der Restaurierung vollständig
übermalt. Die Befundung ergab insgesamt fünf Fassungen, wobei
die jüngste eine nur mehr schlecht erhaltene aus der Jahrhundertwende war, die vierte Fassung ein Schablonenmuster des Historis-
mus aus der zweiten Hälfte des 19. Jh., die dritte Fassung eine graue
Rokokointerpretation und die zweite einen monochromen Farbanstrich des 17. Jh. zeigte. Die älteste und ursprüngliche stammt aus
der Zeit um 1500. Diese galt es wieder herzustellen, denn aufgrund
des großen Seltenheitswertes der Stube und der nur mehr punktuell
erhaltenen historisch späteren Fassungen zog man die Wiederherstellung des Originalzustands vor.
Zunächst erfolgte die Freilegung der Holzdecke und der Wandvertäfelung nach Aufweichen der Übermalschichten. Die freigelegten
Holzoberflächen wurden gesäubert und nötige Ergänzungen fehlender Schnitzereien oder schadhafter Oberflächen vorgenommen.
Abschließend wurden der Riemenboden mehrmals gereinigt und
große Fehlstellen entsprechend ergänzt. Mit den restauratorischen
bzw. konservatorischen Maßnahmen gingen nötige Sanierungsarbeiten (neue Heizung und Elektroinstallationen) einher.
Ulla Fürlinger
Allgemeiner Teil
Angelegenheit sein. War es früher eine Selbstverständlichkeit, dass
eine Generation das Erbe ihrer Ahnen übernahm und, den eigenen
Bedürfnissen entsprechend adaptiert, in die nächste Zeit übertrug,
so scheint dies heute nicht mehr möglich zu sein.
Velthun in Coll, Villnöß, Harmonie aus Landschaft und Gebautem | Foto: Irmgard Mitterer
Alte Bauten – Alte Inhalte
Erhaltung aus Tradition
Tradition, aus dem lateinischen tradere, zu Deutsch überliefern, überbringen, interessanterweise aber auch verraten, ist die Überlieferung
der Werte, der Erfahrungen. Tradition sichert den Reichtum an Vielfalt, garantiert das geistige Rüstzeug zur Weitergabe an die nächste
Generation. Es scheint der Mangel an Traditionsbewusstsein zu sein,
wenn alte Bauten abgerissen werden, um einer mehr oder weniger belanglosen Architektur zu weichen. Es ist verloren gegangene
Selbstverständlichkeit gepaart mit einer Art von Verblendung und
Unverständlichkeit in der Überfülle an Angeboten zu Sanierung, Restaurierung, Erneuerung bis hin zu Abriss und Wiederaufbau.
Nachdenklich stimmt, dass erst die Einführung des Denkmalschutzes
als Konstrukt der Gesellschaft die einst selbstverständliche Sicherung
der gebauten Erbschaft für die Zukunft garantieren soll. Tatsache ist,
dass das Bewusstsein zum Erhalt traditionsbehafteter Werte zuerst
in den Köpfen Außenstehender wächst, der Städter beispielsweise,
wenn es um erhaltenswerte ländliche Bausubstanz geht. Die direkt
Betroffenen, die Eigentümer, scheinen oft blind geworden gegenüber dem, was andere als schützenswert, erhaltenswert empfinden. Es
nimmt nicht Wunder, wenn Erstere das als ungerechtfertigte Einmischung sehen, was die anderen in gut gemeinter Absicht verlangen.
Aber Betriebsblindheit ist ein schlechter Berater in solch grundsätzlichen Entscheidungsfragen.
Vom Wert des Selbstverständlichen
68
D
enkmalschutz ist in aller Munde. Ob alle
wissen, worum es dabei wirklich geht?
Dass Schlösser, Kirchen, Ansitze zu Denkmälern
erklärt und erhalten werden, wird allgemein
verstanden und akzeptiert. Was aber ist mit
den vielen alten Bauten, deren Bedeutung dem,
der nur einen schnellen Blick drauf wirft, vorerst verborgen bleibt und sich erst nach einem
zweiten in seiner ganzen Tragweite auftut? Es
sind die vielen Bauten, die nicht unter Denkmalschutz gestellt werden, weil die objektiven Voraussetzungen dazu fehlen. Es sind Bauten, die
wie selbstverständlich da sind, eine Einheit mit
der Umgebung bilden, mehr oder weniger unauffällig sind. Ein einfaches Stadthaus, Teil einer
gotischen Anlage, erzählt viele Geschichten zur
Entwicklung der Stadt, ein Gehöft, harmonisch
verwachsen mit der Landschaft, vermittelt das
Apostelhaus in Klausen, Eisacktal, Sanierung 1999-2009; vorher: Wohnhaus,
nachher: Ämter der Gemeindeverwaltung Klausen. | Projekt u. Foto: Irmgard Mitterer
karge und schwierige Leben in den Hochtälern, ein Landgasthaus
neben der Kirche ist sonntäglicher Mittelpunkt der kleinen und
großen Ereignisse eines Dorfes. Viele dieser unscheinbaren Bauten
sind von Verunstaltung und Abriss bedroht. Mit ihrem Verschwinden
gehen sukzessive Bestandteile eines kulturellen Netzwerkes verloren.
Es sind dies die Identität und Unverkennbarkeit eines Ortes, einer
Stadt oder einer Gesellschaft. Nehmen ihre Stelle irgendwelche austauschbaren Gebäude ein, herrschen bald Beliebigkeit und Einfalt
vor. Vielleicht lohnt es also doch, einen zweiten Blick auf die alten
Bauten zu werfen, bevor sie leichtfertig abgerissen werden.
Im Artikel 1 der Charta von Venedig, 1964 als Grundlagenpapier zur
Konservierung und Restaurierung von Denkmälern und Ensembles
verfasst, steht geschrieben, dass sich der Denkmalbegriff auch auf
bescheidene Werke, die im Laufe der Zeit eine kulturelle Bedeutung
bekommen haben, bezieht. Vor kurzem erklangen zaghaft erste Aufrufe zur Sicherung alter Bauernhöfe. Ein Alarmsignal, wenn auf höherer, politischer Ebene laut darüber nachgedacht wird. Eigentlich
sollte die Erhaltung und Pflege des Eigentums eine höchst private
Der Verlust des Selbstverständlichen
Das Normale, das Selbstverständliche ist in der
Vorstellung vieler nicht mehr zeitgemäß. Alte
Bauten scheinen der Entwicklung eines wohlhabenden Landes wie Südtirol im Wege zu
stehen. Sind ökonomische und daraus resultierende gesellschaftliche Veränderungen Motor
oder Folge des bedenkenlosen Umganges mit
alter Bausubstanz? Als Beispiel sei das Schicksal des klassischen Bauerngehöftes dargestellt:
Errichtung eines oder mehrerer Neubauten,
überdimensional, beziehungslos in die Landschaft gesetzt, belanglos versehen mit einer
Ansammlung von Zitaten aus dem ehemals reichen Schatz handwerklicher Tradition, hier aber
bedeutungslos in ihrer Aussage. Die Altbauten
bleiben oft bezugslos und unbewohnt bestehen. Die Folgen sind Verhüttelung, Zerstörung
der ursprünglichen Harmonie von Wohn- und
Wirtschaftsgebäude, dissonantes Gesamtbild
von Gebautem und Landschaft. Das gewohnte
Bild, die Einheit aus Landschaft und Gebautem,
gerät in Schieflage. Gerade diese gestörte Einheit wird immer mehr beklagt. Südtirol, einst
ein Agrarland, ist heute nicht mehr dasselbe.
Fremdenverkehr, Industrialisierung und der Einsatz der Maschinen hinterlassen Spuren in der
Landschaft, im städtebaulichen Gefüge, überall.
Selbst das gesellschaftliche Zusammenleben
hat radikale Veränderungen erfahren. Weder die
Erleichterungen durch die Technisierung noch
der daraus resultierende Wohlstand an sich sind
für den Verlust des Selbstverständlichen, des
Gewohnten, des Harmonischen auszumachen.
Wohlstand ist nicht zwingend ein schlechter
Nährboden für die kulturelle Entwicklung eines
Landes. Vielmehr ist der Umgang mit dem
Wohlstand ein gewissen- und rücksichtsloser,
ein leichtfertiger und oberflächlicher geworden.
Der Mammon als Lückenbüßer
Alte Bauten, denen ihre ursprünglichen Inhalte verloren gegangen sind, seien sie nun
unbewohnt oder ihrer ursprünglichen Funktion
entledigt, geraten immer mehr in die Mühlen der Spekulation. Unbewohnte Höfe oder
solche, die nur mehr teilbewirtschaftet werden, sind ebenso gefährdet wie aufgelassene
Gasthäuser, Bahnhöfe und andere. Günstige
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Alte Bauten – Alte Inhalte. Vom Wert des Selbstverständlichen | Irmgard Mitterer
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Neue Unterstände an Bahnstrecke Bozen–Meran, Bahnhof
Lana/Burgstall 2007–2009, Detail eines Unterstandes;
Projekt: Irmgard Mitterer | Designer: Societät Stuttgart
Foto: Boris Miklautsch
Neue Unterstände an Bahnstrecke Bozen–Meran, Bahnhof Vilpian 2007–2009;
Projekt: Irmgard Mitterer | Designer: Societät Stuttgart | Foto: Boris Miklautsch
Villa Hirzel in St. Konstantin, Völs, eines der schönsten Sommerfrischhäuser, vor
kurzem abgerissen | Foto: Irmgard Mitterer
Ansitz Hohenhaus in Gufidaun, Eisacktal, Sanierung
1999–2005; vorher: Grundschule, nachher: 3 Wohneinheiten, Jugendtreff, Chorprobelokal, Bibliothek
Projekt und Foto: Irmgard Mitterer
Voraussetzungen wie gute Anbindung an das
Straßennetz und eine großzügig auslegbare Gesetzgebung versprechen gute Ausbeute und sicheren Gewinn. So entsteht ein neues Bauwerk
als konkretisierter Ausdruck eines leichtsinnigen
urbanistischen Regelwerkes. Architektonische,
städtebauliche, soziale und umweltbezogene
Belange als wesentliche programmatische Vorgaben bleiben zweitrangig.
Nochmals die Frage: Müssen die Errungenschaften der Technik und die wirtschaftlichen
Entwicklungen zum Verlust der kulturellen Eigenständigkeit führen? Sind die alten Inhalte nicht
mehr zeitgemäß oder reichen sie ganz einfach
nicht mehr aus? Ist der Abriss einer Rauchküche,
weil nicht mehr gebraucht, gerechtfertigt? Ist
der Abriss eines Hotels, weil nicht mehr genutzt,
gerechtfertigt? Darf ein Bahnhof, weil kein Zug
mehr hält, dem Verfall preisgegeben werden?
Und weiter: Warum wurden jahrzehntelang Bauten erhalten, umgenutzt, verändert und weitergegeben als Teil einer vielfältig vernetzten
Kulturlandschaft? Was macht die Aussagekraft
eines alten Gebäudes aus, selbst wenn es keinen besonderen kunsthistorischen Wert besitzt?
Und schlussendlich: Wie viel Abriss und Zerstörung verträgt ein Land,
bis es, zur Idylle einer aufgeblasenen Scheinwelt, zum Tummelplatz
narzisstischer Architekturinszenierung hochstilisiert, in die kulturelle
Bedeutungslosigkeit abdriftet?
Distanz ermöglicht einen neutralen und unbelasteten Zugang zu
alten Bauten. Die Auseinandersetzung aus der Perspektive des
unbeteiligten Dritten schafft Abhilfe gegen die Betriebsblindheit
und stärkt das eigene Urteilsvermögen. Bewusste Auseinandersetzung mit dem Alten muss nicht zwingend nur Erhaltung alter
Bauten bedeuten. Sie kann auch zur Entscheidung eines Abrisses
mit Wiederaufbau führen, es wird eine verantwortungsbewusste
Entscheidung sein. Ins Konzept des Neubaues werden die Erfahrungen der Vergangenheit mit einfließen. Das Wesen der traditionellen Bauweise kann mit den neuen technischen Möglichkeiten
weitergeführt und so zu neuen Bauweisen führen. Bezüge zu Umfeld und Landschaft bleiben erhalten. Das bauliche Gefüge wird
weitergestrickt. Das kulturelle Netzwerk wird um einen neuen
Baustein bereichert.
veränderten Bedürfnissen an Hygiene, Technik
und Energieoptimierung Rechnung tragen.
Der sorgsame Umgang mit alter Bausubstanz
bietet die Möglichkeit, die darin enthaltenen
Geschichten herauszulesen, Botschafter eines
neuen Verständnisses von Tradition zu sein.
Der traditionsbewusste Umgang mit dem kulturellen Erbe ist Garant für eine ehrliche und
zeitgemäße Haltung, ohne Gefahr zu laufen, in
die Fänge modernistischer Machenschaften zu
geraten.
Der Wegweiser für den richtigen Umgang mit
alten Bauten heißt Normalität. Sie ist Programm
und Haltung zugleich. Normalität mahnt die Akteure des Bauens, Eigentümer wie Planer, in eine
zurückhaltende, dienende Position, aus der die
Symbiose aus Landschaft und Gebautem wie
selbstverständlich erwächst. Selbstverständlichkeit ist der beste Indikator für eine gelungene und verantwortungsbewusste Auseinandersetzung mit den alten Bauten.
Distanz schafft Objektivität
Je weiter ein historisch gewachsener Bau zurückverfolgt werden
kann, umso komplexer und reichhaltiger ist sein Erscheinungsbild
und umso größer ist die Fülle an Information zu den politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der vergangenen Zeit.
Historische Bauten fordern das Wahrnehmungsvermögen heraus,
verlangen einen bewussten Umgang und Rücksicht. Sie verlangen
nachzudenken, innezuhalten und sich zu besinnen auf Tradition, Geschichte und Entwicklung. Geduld spielt eine nicht unwesentliche
Rolle. Entschleunigung heißt das Zauberwort auf der Suche nach
dem Selbstverständlichen, nach dem gewohnt Normalen. Wer sich
die nötige Zeit dazu lässt, hat die Gelassenheit für den eingangs erwähnten zweiten Blick. Die Auseinandersetzung mit alter Bausubstanz bietet Einblick in die Vergangenheit, vermittelt Werte, zeigt die
Wege zur Veränderung auf. Alte Inhalte werden auf ihren Gebrauchswert überprüft, neue Inhalte fließen ein.
Die Wiederentdeckung der Normalität
Durch unsachgemäße Handhabung der alten Bauten gehen kulturell bedeutsame Werte verloren. In diesem Vakuum steigt der
Bedarf an Ersatzbildern. Hochtechnisierte Häuser werden mit Zierraten aus der Vergangenheit besetzt. Dieser Zierrat nützt nichts,
bleibt leblos. Tradition kann nicht durch hohle Manierismen beliebig verordnet werden. Tradition kann neu belebt werden durch Bewusstseinsbildung und so Impulse geben für neue Inhalte, die den
Irmgard Mitterer
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Morgenstett im Sarntal | Foto: Damian Pertoll, Meran
Bau - DENK mal PFLEGE
Zum Verhältnis von Architektur und Denkmalpflege
72
H
istorische Bauten stehen materiell anfassund benutzbar in unserem Lebensraum.
Als Erinnerungsträger, sei es persönliche als
auch kollektive, sind sie Teil unserer Realität. Der
Mensch hat nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern ein Grundrecht auf die Erhaltung echter,
realer Zeugnisse, um seine Wurzeln zu spüren,
darauf Neues zu schaffen und seiner Gegenwart
Flügel zu verleihen. Historische Bauten sind zudem nicht erneuerbare Ressourcen und gehören wie Natur, Wasser, saubere Luft zu unseren
kostbarsten Gütern.
In Südtirol stehen rund 5.000 Bauten unter direktem Denkmalschutz, die ein kleiner, aber vom
Anspruch her repräsentativer Ausschnitt des erhaltenen gebauten Kulturerbes sind. Auch wenn
die Erfassung und Erforschung der Denkmallandschaft nie abgeschlossen, der Denkmalbegriff in
stetem Wandel ist und laufend neue Unterschutzstellungen notwendig werden, wie jene des ersten Hochhauses von 1950–52 oder das
Mauerfragment des NS-Durchgangslagers in Bozen, sind die Listen
des Amtes für Bau- und Kunstdenkmalpflege, die veröffentlichte Kurzfassung davon und die Internetversion (Monument Browser) das bisher vollständigste Inventar der noch erhaltenen Baudenkmäler.
Von den geschützten Bauten entfallen mit Kirchen, Kapellen, Bildstöcken, Kloster- und Stiftsanlagen etwa 1200 auf sakrale und 3.800
auf profane Objekte. Von Letzteren stellen die 1500 Bauernhäuser,
die dazugehörigen Bauten bäuerlicher Technik wie Kornkästen (54),
Mühlen (57), Backöfen (7), Sägen (3) den größten Anteil und zeigen
einmal mehr die starke bäuerliche Prägung der Südtiroler Kulturlandschaft. Burgen und Schlösser (85), Burgruinen (62) sowie adelige Ansitze (309) bestimmen die Denkmallandschaft in den wirtschaftlich
bedeutenden Tälern im Umfeld der Städte, an den Verkehrs- und
Handelswegen mit. Die Altstädte weisen heute noch eine beträchtliche Anzahl an historischen Stadthäusern auf (800). Sie erfuhren im
späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Stadterweiterungen, deren
Häuser und Villen (170) mit zum Denkmalbestand gehören. Historische Gasthäuser (150) erhielten in der Zeit des beginnenden Tourismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert Zuwachs durch heute geschützte Hotelanlagen in Meran, entlang der Bahnlinien und an den
Gebirgsstraßen (30). Zeugnisse der Technik, des Verkehrs und der
Industrie wurden erst im letzten Jahrzehnt zunehmend als Kulturdenkmäler wahrgenommen. Entlang der 1864 bis 1867 errichteten
Brennerbahnlinie, der Südbahn durch das Pustertal von 1871 und der
Vinschgaubahn von 1905 konnten die bauzeitlichen Bahnhöfe geschützt und zum Teil restauriert werden und erfüllen noch ihre originale Funktion. Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung, wie das 1929
in Betrieb gegangene, damals größte Kraftwerk Europas „Carlo Cicogna“ in Kardaun bei Bozen, das heute immer noch Produktionsstätte
ist, haben die Energiegewinnung und Industrialisierung des Landes
langfristig geprägt. Das aufgelassene Aluminiumwerk der Montecatini in der Bozner Industriezone wird nach längerem Stillstand einer
neuen Nutzung zugeführt werden.
Das italienische Denkmalschutzgesetz ermöglicht zwar den Schutz
des Einzelobjektes und seiner unmittelbaren Umgebung, bietet jedoch kein Instrument für größere architektonische Einheiten, Altstädte, Weiler, Ortsbilder, Straßenzüge und Denkmallandschaften.
Die späte Erkenntnis, dass die Geschwindigkeit der baulichen Entwicklung unserer gebauten Umwelt, der Städte und Dörfer schwer
zu steuern ist, haben 1997 zur Positionierung des Ensembleschutzgedankens in der urbanistischen Gesetzgebung und zur Zuweisung
der direkten Zuständigkeit an die jeweiligen Gemeinden geführt.
An sich ein Anstoß zur Eigenverantwortlichkeit für die Erhaltung der
historischen Ensembles und der dazugehörigen Kulturlandschaft, in
die Architektur immer eingebunden ist, in der Praxis jedoch bisher
kein erfolgreiches Modell.
Vom Umgang mit Baudenkmälern
Die Auseinandersetzung mit historischer Architektur, ihrer Erhaltung und zeitgemäßen Nutzung ist eines der Haupttätigkeitsfelder theoretischer und praktischer Denkmalpflege. Der
Umgang mit einem Baudenkmal, und zwar in
der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten, vollzieht sich im Dreieck zwischen Denkmaleigentümer und -nutzer, den Planern samt Restauratoren und Handwerkern und den amtlichen
Denkmalpflegerinnen und -pflegern. Jede Maßnahme muss in diesem Verhältnis ausgehandelt,
festgelegt und praktisch umgesetzt werden. Ein
offener, partnerschaftlicher Dialog auf Augenhöhe ist Voraussetzung und Bedingung dafür,
dass historische Bauten in ihrer physischen Präsenz auch in der Zukunft erfahrbar, befragbar
bleiben und ihren Zeugniswert bewahren.
Die Erhaltung und Konservierung etwa einer
mittelalterlichen Burgruine oder der Fragmente
des Durchgangslagers von 1944/45 in BozenSüd wird kaum Konfliktstoff bieten, da ihr geringer praktischer Gebrauchswert allgemein anerkannt ist und sie den Status eines für sich und
seine historische Botschaft stehenden Denkmals haben. Die Eingriffe beschränken sich bei
derartigen Bauten auf Bestandssicherung und
auf ein Minimum von Gestaltungselementen.
Rekonstruktionen sind nur auf dem Papier oder
virtuell zulässig.
Die Burgruine Rafenstein am ehemaligen Weg ins Sarntal hoch über Bozen bezieht ihren Denkmalwert aus dem Ruinencharakter. Konservierung des ruinösen
Bestandes mit allen Zeitschichten und nicht Nutzbarmachung ist der denkmalgerechte Umgang. | Foto: Messbildstelle Dresden
Altwengen im Gadertal. Sakrale und profane, herausragende denkmalgeschützte und bescheidene Wohnund Wirtschaftsbauten fügen sich zu einem Ensemble,
erzählen Geschichte und Geschichten und prägen die
Kulturlandschaft wesentlich mit. | Foto: Hubert Walder
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Bau - DENK mal PFLEGE. Zum Verhältnis von Architektur und Denkmalpflege | Waltraud Kofler-Engl
74
Die Transformatorenhalle der Aluminiumfabrik der Montecatini in Bozen aus den 1930er-Jahren, eine Ikone der
rationalistischen Industriearchitektur und mehrdeutiger
Erinnerungsträger aus der Zeit des Faschismus. Als solcher
ist die Fabrik einer der wenigen geschützten Bauten der
Zeit. Eine neue Nutzung der stillgelegten Anlage ist für
ihre Erhaltung Voraussetzung und wird eine neue Zeitschicht ergänzen. | Foto: Alexa Rainer
1833–1838 gebaut, hat die Franzensfeste bis 2003 ihre militärische Funktion beibehalten. Nachdem das Militär die Festung verließ trat sie in ein anderes Dasein. Die
Anbauten und die verbindenden Brücken von Architekt Markus Scherer aus den
Jahren 2008/2009 und der vergoldete Handlauf als künstlerische Intervention von
Alois Manfred Mair denken und bauen an der Festung und ihrer Biografie weiter.
Ausgangspunkt dafür sind ihr materieller Bestand und ihre Geschichte.
Foto: © Rene Riller
Komplexer wird die Aufgabe bei in Gebrauch
stehenden Gebäuden. Am sakralen Objekt sind
die Anforderungen für eine zeitgemäße Nutzung meist geringer als am profanen.
Die an die Erforschung anschließende Bewertung und Auswahl der zu erhaltenden Zeit-
kunft zu erhalten. Für Denkmalpfleger und Architekten sind derart
gelagerte Bauaufgaben alltäglich und zahlenmäßig der häufigste
Fall. Die schonende Anpassung an zeitgenössische Wohn- oder Funktionsbedürfnisse ist der beste Weg, um sie wieder in den Nutzungsund Pflegekreislauf zu bringen. Dabei ist nicht die Überlagerung
oder die Ergänzung durch eine neue Zeitschicht, der unseren, pro-
schicht, der Eingriffsmethode, der Materialien
verlangt konkrete Entscheidungen und zieht
Eingriffe in die Denkmalsubstanz nach sich.
Die zunehmend steigende Geschwindigkeit
an Veränderung und damit Alterung menschlicher Arbeits- und Wohnweisen haben so
manches profane Baudenkmal aus dem originalen Nutzungszusammenhang gerissen oder
erfordern Anpassungen an heutige Nutzerwünsche. Musealisierung, reine Konservierung
oder Reparatur retten solche Bauten meistens
nicht. Wiedernutzbarmachung und Sanierung
auch unter Mitberücksichtigung der sozialen
Aspekte sind notwendig, um sie für die Zu-
blematisch – diese ist notwendig, um historische Architektur von
der Vergangenheit in die Zukunft zu bringen –, sondern die häufig
überzogenen Nutzungs- und energetischen Ansprüche. Denkmalpflege hat in solchen Fällen zwischen dem Objekt als historischem
Zeugnis und den Ansprüchen der Nutzer zu vermitteln und sich
im Zweifelsfall schützend davorzustellen, um entweder die bestmögliche Lösung zu verhandeln oder sich denkmalzerstörenden
Tendenzen zu widersetzen, um dessen Substanz und Authentizität
auch für künftige Generationen zu garantieren.
Weiternutzung historischer Architektur hat mit Weiterdenken und
Weiterbauen zu tun. Der historische Bestand und seine Biografie
sind dabei die Konstanten und der Ausgangspunkt. Die Geburt
der modernen Denkmalpflege zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedingte die Ablehnung des Historismus und der Stilnachahmung
am historischen Objekt. Die alternative Forderung nach neuen,
modernen, deutlich ablesbaren Formen zeitgenössischer Eingriffe
ging von Denkmalpflegern und Architekten gleichermaßen aus. Sie
wurde beinahe als moralische Forderung formuliert und fand als
theoretische Grundlage noch 1964 in die Artikel 9 und 12 der Charta von Venedig Eingang. Seither pendeln Restaurierungseingriffe
und bauliche Ergänzungen zwischen gut gemeinter bis polemischmodernistischer Kontrastwirkung über bewusst gesetzte Brüche
und der Entwicklung differenzierter Kontinuitäten und Dialoge
zwischen Historischem und Zeitgenössischem.
Qualitätsvolle heutige Architektur im historischen Kontext zeichnet
sich dadurch aus, dass sie ohne historische Formen zu imitieren aus
dem Ort heraus entwickelt wird, an dem sie errichtet werden soll,
am Zusammenfinden und nicht an der Distanz von Alt und Neu
arbeitet und für eine selbstbewusste Zeitgenossenschaft steht.
Scheinhistorisierungen, oberflächliche distanzlose Aneignung historischer Bauformen, wie sie in der Hotel- und Bauernhausarchitektur weit verbreitet sind, tragen zur Schwächung und Verschleierung der echten historischen Baukultur und seiner Bezüge bei und
suggerieren, dass historische Architekturformen beliebig ersetzbar
sind. Qualitätvolle Baudenkmalpflege basiert auf der Akzeptanz
der Gegenwart und des Gegenwärtigen und nicht auf deren Ablehnung. In dieser Auseinandersetzung gilt nicht Denkmalpflege
versus zeitgenössisches Bauen, steht nicht der schaffende Architekt
als Herausforderer gegen den bewahrenden Denkmalpfleger als
Verhinderer, sondern sind Kenntnis des Objektes und Dialog, interdisziplinäre, prozesshafte Zusammenarbeit im Sinne des partnerschaftlichen Agierens für die Wirksamkeit und den Weiterbestand
historischer Baukultur gefordert.
Der Umgang mit historischen Bauten, auch mit schwieriger und unbequemer, ist ein Gradmesser für das kulturelle Selbstverständnis,
die Beziehung zum „Anderen“, für Toleranz und Solidarität einer Gesellschaft. Die Denkmalpflege als öffentliche Aufgabe trägt für alte
und junge, für vertraute und fremde, akzeptierte und abgelehnte
historische Bauten gleichermaßen Verantwortung. So vielseitig wie
die Geschichte des Landes, das Leben und Wirken der Menschen
ist auch die Architekturlandschaft Südtirols, gewollt oder nicht.
Südtirol braucht wie jedes andere Land die Baudenkmäler, um der
Vielschichtigkeit, den Brüchen, der Vielfalt und den Grenzen seiner
Kultur zu begegnen. Sie zu akzeptieren heißt den Konsens, die Eigenständigkeit und Identität zu stärken.
Mit historischen Bauten in Beziehung treten ist ein kreativer Prozess
und anspruchsvolle zeitgenössische Kulturarbeit.
Waltraud Kofler-Engl
Das Fragment der Umfassungsmauer des polizeilichen
Durchgangslagers in der Bozner Reschenstraße von
1944/45 ist materiell nur eine verputzte Ziegelmauer. Erst
das Wissen um die historischen Ereignisse an diesem Ort
des Terrors erschließt die Botschaft und den Zeugniswert
als Mahn- und Gedächtnismal. | Foto: Amt für Bau- und
Kunstdenkmäler, Bozen
75
Allgemeiner Teil
Die Durrichalpe im äußeren Paznauntal beeindruckt durch ihre ringförmige Anlage. Die Dächer der Stallgebäude wurden teilweise erneuert und
so der Bestand der Hütten auf Jahre gesichert. | Foto: Heimatschutzverein
Denkmalschutz
und Heimatpflege
76
D
er wirtschaftliche Aufschwung des späten
19. Jahrhunderts brachte in Mitteleuropa
ein rasches Wachsen der Städte und des Umlandes mit sich. Vor den Stadttoren, die im 19.
Jahrhundert vielfach der Spitzhacke zum Opfer
gefallen waren, wurden Siedlungen angelegt
und ausgedehnte Industrieanlagen errichtet. Die
„moderne Zeit“ griff mit gierigen Fingern hinaus
ins bäuerliche Land. Die Idee des Heimatschutzes
kam auf. Ernst Rudorff, geboren 1840 in Berlin,
Musiker von Beruf, gründete 1904 in Dresden
den „Bund Heimatschutz“. Am „7. Tag für Denkmalpflege“ 1906 in Braunschweig wurde der Heimatschutzgedanke ausführlich behandelt.
Kunibert Zimmeter, geboren 1872 als Sohn
des Gemeindeverwalters von Tramin, verfolgte
aufmerksam diverse Veröffentlichungen zum
Heimatschutz, lernte 1906 Rudorff kennen und gründete 1908 gemeinsam mit Männern des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft
den Tiroler Heimatschutzverein. In Meran, wo gleichfalls 1908 ein
Heimatschutzverein gegründet wurde, hatte man erfolgreich den
Abbruch des Vintschger Tores verhindert.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Männer des Tiroler Heimatschutzvereines mit dem Wiederaufbau von Matrei am Brenner beauftragt, das 1916 weitgehend abgebrannt war. Von 1926 bis 1938
hatte der Heimatschutzverein sogar eine halbamtliche Stellung inne:
Alle Baupläne waren von den Gemeinden der Bezirksbehörde vorzulegen, die unter anderem zu prüfen hatte, ob die bauliche Eigenart
die Kultur des Dorfes berücksichtigte. Im Zweifelsfalle war ein Gutachten des Heimatschutzvereins einzuholen (vgl. Norbert Mumelter,
60 Jahre Heimatschutz in Tirol, Tiroler Heimatblätter Heft 1/3, 44. Jg.,
Jänner-März 1969, S. 5 f.).
Nach 1945 nahm der Verein sofort wieder seine Arbeit auf. Er veranstaltete Vorträge und Kulturfahrten. Der Verein für Heimatpflege
In Pfafflar am Fuß des Hahntennjochs (Übergang von Imst ins Lechtal) wurden im 13. Jahrhundert Bauernhöfe gegründet, die noch heute von
den Bauern von Boden als Sommersitz bzw. als Alpgebäude genutzt werden. Vier Gebäude wurden von der Eigentümerin mit Hilfe u.a. durch den
Heimatschutzverein seit 2002 saniert und wieder bewohnbar gemacht. | Foto: Heimatschutzverein
und Denkmalschutz Hötting bemühte sich mit Erfolg um die Erhaltung der Alten Höttinger Kirche. Im Winter 1945 brannte das gotische
Dorf Grins weitgehend nieder. Mit dem Wiederaufbau war unter
der Leitung von Architekt Wilhelm Stigler u. a. Dipl.-Ing. Hans Weingartner befasst. Es gelang unter Erhaltung des gotischen Gemäuers
die Häuser zu erneuern, ohne ihnen den Reiz der alten Bausubstanz
zu nehmen. Hans Weingartner, im Amt für Landwirtschaft der Tiroler Landesregierung tätig, bemühte sich mit seinen Mitarbeitern in
den Folgejahren unter strenger Beachtung der verschiedenen Tiroler Bauernhaustypen um deren Weiterentwicklung und Modernisierung. In den 60er- und 70er-Jahren entstanden als Antwort auf die
Aussiedlung der Bauernhäuser aus den Dorfkernen zahlreiche Neubauten, z. B. in Kematen, ja ganze Siedlungen wie z. B. Simmering
bei Silz. Hans Weingartner war von 1963–1977 Ausschussmitglied des
Heimatschutzvereines.
1962 wurde Dipl.-Ing. Josef Menardi Mitarbeiter im Denkmalamt. Er
hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich das Denkmalamt in Tirol
verstärkt der gefährdeten ländlichen Baudenkmäler annahm. 1963
wurde er in den Ausschuss des Heimatschutzvereins gewählt, dessen Obmannstellvertreter er von 1971 bis 2000 blieb. Noch heute ist
er als Heimatschützer im Hintergrund tätig. Menardi war von 1973–
1988 Landeskonservator. Das Zusammenspiel zwischen Heimat-
schutz und Denkmalpflege funktioniert bis heute sehr pragmatisch. Der Verein unterstützt das
Denkmalamt in kleinen Dingen und setzt sich
für Kulturzeugnisse ein, die nicht automatisch
unter Denkmalschutz stehen. Gedenksteine,
Bildstöcke und Kapellen können von den privaten Eigentümern oft nicht instand gehalten
werden. Eine besonders große Aufgabe, die sich
über viele Jahre erstreckte, war die Sanierung
und Neuaufstellung von fünf barocken Bildsäulen in der Kranebitter Allee. In der bäuerlichen
Welt kann sich die Heimatpflege besonders
nützlich machen: In Toldern im Schmirntal wurde die letzte bekannte Stockmühle nördlich des
Brenners versetzt, generalsaniert und wieder
betriebsfähig gemacht. Unweit davon beteiligt
sich der Heimatschutzverein an der Sanierung
des alten geflochtenen Gartenzaunes und an
der fachgerechten Neueindeckung des nahen
hölzernen Kornkastens.
Viel größeren Maßstabs waren die Bemühungen
des Heimatschutzvereines, gemeinsam mit Al-
77
Denkmalschutz und Heimatpflege | Hans Gschnitzer
78
Der Bichlerhof auf Stein oberhalb Matrei in Osttirol war der größte Hof weitum (692 ha). Er wird als Schwaighof 1437 erstmals genannt. Das
eindrucksvolle Ensemble, bestehend aus dem Wohnhaus, dem Wirtschaftsgebäude, dem Kornkasten und der Mühle, stammt aus dem späten
17. und 18. Jahrhundert. Alle Gebäude sind in Blockbauweise errichtet. Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude wurden seit 1999 schrittweise baulich
gesichert. Der Heimatschutzverein leistete dabei ideelle und beträchtliche materielle Hilfe. | Foto: Heimatschutzverein
Die Obere Schnattermühle in Toldern (im Bild vor der Versetzung), Gemeinde Schmirn, ist die einzige noch erhaltene Stockmühle auf der Nordseite
des Alpenhauptkammes. Sie wurde auf Betreiben und mit Hilfe des Heimatschutzvereins versetzt, mit einem neuen Gerinne versehen und 2003
wieder betriebsfähig gemacht. Der Bau der neuen Umfahrungsstraße von Toldern hatte auf die Funktion und das Gerinne der Mühle keinerlei
Rücksicht genommen. | Foto: Heimatschutzverein
minteressentschaft und Gemeine Kappl, um
die Almdörfer Dias, Seßlad und Spidur oberhalb
von Kappl. Allein die Diasalm mit großer Kaser
und zahlreichen Ställen war vom Verfall ernstlich bedroht. Die Dächer der Ställe waren zum
Teil sehr schlecht geworden. Auch manches
Fundament war zu sanieren. Auch die Hütten in
Seßlad und Spidur wurden instand gesetzt und
sind so für die nächsten Jahrzehnte gesichert.
Ähnliche Sanierungsmaßnahmen wurden auf
einer Alm bei Untertilliach gesetzt, wo auf diese
Weise Heu- und Kochhütten vor dem Verfall gerettet wurden. Die Liste der Restaurierungsmaßnahmen lässt sich fortsetzen.
und quirliger Unternehmer lästige Verhinderer. Erst jüngst bemühten sich solche „Verhinderer“, den Umzug des Panoramagemäldes
„Schlacht am Bergisel“ auf den Bergisel zu verhindern. Es wird sich
zeigen, was mit der Rotunde geschieht, die unter Denkmalschutz
steht und um die man sich besonders sorgen muss. Die Heimatschützer haben sich auch (ohne Erfolg) bemüht, die alte Hungerburgbahn zu erhalten u. a. weil abzusehen war, dass die geplante
Bahn im Betrieb viel teurer und störanfällig sein wird. Man wird nie
erfahren, was die neue Hungerburgbahn tatsächlich kostet. Der
Heimatschutzverein hat auch verhindert, dass die „Golden Line“,
eine Umlaufseilbahn auf die Hungerburg, das Herzog-Otto-Ufer
und das Innufer bis hinunter zum Löwenhaus schwer entstellt hätte.
Den Abbruch des alten Kaufhauses Tyrol konnten die Heimatschützer zwar nicht unterbinden, wohl aber die beiden ersten Entwürfe.
Nur ein Beispiel aus der südlichen Landeshälfte: Die Talferbrücke,
ein bedeutendes Bauwerk des Jugendstils, sollte abgebrochen
werden. Die Heimatpfleger verhinderten dies und heute sind die
Bozner stolz auf ihre Brücke. 1974 wurde der erste Entwurf des Schigymnasiums Stams abgeschmettert. Er hätte den Blick auf das Stift
Stams schwer gestört. Schon vor Jahren (ab 1978) haben die Tiroler Künstlerschaft und andere Heimatschützer die Rennweggarage
verhindert. 1980 wurde der Abbruch des Hallenbades an der Sillbrücke verhindert. Diese Liste könnte verlängert werden.
In Südtirol, wo die Kulturlandschaft wesentlich
bunter als in Nordtirol ist, haben die Südtiroler
Heimatpflegevereine beispielsweise mit Pflasterwegen, Trockenmauern und Wasserwaalen ein
reiches Arbeitsgebiet.
Heimatschützer – sie müssen keine Vereinsmitglieder sein – sind in den Augen der Verwaltung
2005 wurde in Mösern ein Zaun-Projekt begonnen. Es werden die bisherigen
Begrenzungen der bäuerlichen Grundstücke durch Zäune in alter Handwerkstradition ersetzt. Das notwendige Holz wird von den Grundbesitzern zur
Verfügung gestellt, die kunstvolle Arbeit des Zaunbaus wird von kundigen
Männern und Frauen durchgeführt und zum Teil vom Heimatschutzverein
finanziert. | Foto: Heimatschutzverein
Es ist kein Wunder, dass die Heimatschützer immer wieder als Verhinderer auftreten müssen.
Zu rücksichtslos gehen Wirtschaft und Politik
mit den Schätzen unseres Landes um. Diese Macher des öffentlichen Lebens vertragen keinen
Widerstand.
Hans Gschnitzer
79
Allgemeiner Teil
St. Martin in Thurn, Kampill, Weiler Mischì, Blick auf das bäuerliche Ensemble | Fotos: Abteilung Denkmalpflege (Leo Andergassen)
Historische Bausubstanz
als Mehrwert
B
80
Bäuerliche Architektur auf der Spingeser Alm, Holzblockbau 17./18. Jh.
auen ereignet sich nicht allein aus dem Moment heraus. Zeugen
vergangenheitlichen Bauens sind Bestandteile unserer Kulturlandschaft, die sich in den letzten tausend Jahren und darüber hinaus
entwickelt hat. Mittelalterliches Bauen beschränkt sich nicht allein auf
Burgen und Kirchen, Klöster und Kapellen, es ist Gegenstand unserer
historischen Städte und Siedlungen, aber in einer immer mehr ins Bewusstsein dringenden Wahrnehmung selbst in bäuerlichem Ambiente. Mittelalterliche Höfe, die ins 12. oder 13. Jh. zurückreichen, bilden
keine Seltenheit, es genügt der Blick in das von Helmut Stampfer herausgegebene Standardwerk „Bauernhöfe in Südtirol“, das die in den
Jahren 1940 bis 1943 erfassten Höfe in Südtirol präsentiert. Der Blick
in die Erfassung des Bestandes aus den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts zeigt aber auch den rapiden Schwund der bäuerlichen Denkmäler auf. Es gehört zum Kulturbewusstsein des Landes und hängt eng
mit der Autonomiegeschichte und mit der Eigenkompetenz über die
Denkmalpflege zusammen, dass das Land die eigene bäuerliche Kultur
schützt und sie zu schützen hat. Freilich, wenn von Altbauten die Rede
ist, sind nicht nur die bäuerliche Architektur und bäuerliches Bauen
gemeint; das Erhaltungsinteresse an Altbausubstanz, insofern sie als
eine qualitätvolle erlebt wird, zieht sich genauso in die historischen
Siedlungskerne hinein. Die ab 1975 erarbeiteten Denkmallisten haben eine Grundlage zum Schutz der Denkmäler geschaffen, Denkmalschutzbindungen sind auch immer wieder notwendig, um den Denkmalanspruch in der Begründung der Denkmalwürdigkeit mitzuteilen.
Was wäre unser Land ohne seine geschützte Kulturlandschaft? Was
wäre auf den Aushängeschildern der Touristiker zu finden? Gerade das
Nebeneinander von erhaltener Natur- und Kulturlandschaft, das Ineinandergreifen beider macht Südtirol aus.
Im bäuerlichen Sektor stehen insgesamt 1519 bäuerliche Wohnhäuser
unter Denkmalschutz, dazu kommen noch 12 Stadel, 57 Mühlen, 54
Kornkästen, 7 Backöfen, drei Almgebäude und drei bäuerliche Badehäuser, das ergibt eine Summe von 1655 Objekten. Eine erstaunliche
Anzahl, die aber nicht alles Erhaltenswerte umschreibt. Das Wegbrechen jedweder guter Altbausubstanz schmerzt, verschwinden dabei
doch auch historische Mauern, wertvolle Blockbauten, deren Alter
nicht einmal dendrochronologisch erfasst wurde. Eine Dendrokampagne, die auf Antrag der Abteilung Denkmalpflege 2010 gestartet
ist, konnte in Gröden eine Reihe von Bauten ausfindig machen, die
in das 13. Jahrhundert zurückreichen. Dieser Umstand ist nicht nur
an offiziellen denkmalgeschützten Bauten zu finden, sondern auch
an solchen, die einfach überkommen sind. Holzbauten zum Beispiel
sind eine Spezies für sich, das Alter ist ihnen nicht unbedingt anzusehen. So kommt es vor, dass es in Passeier mit dem Plobnhaisl im
Weiler Pill ein zweigeschossiges Wohnhaus gibt, mit Raumhöhen
von 1,6 Metern, dessen Alter in die Zeit um 1400 zurückreicht. Wäre
es ein Steinbau gewesen, so wäre das Anwesen wohl längst schon
unter Schutz gestellt worden. Der 600 Jahre alte Bau wurde 2009
unter Denkmalschutz gestellt, sonst hätte er abgebrochen werden
müssen.
Das Einschreiten der Denkmalbehörde ist jedoch nicht die einzige
Schiene in der Erhaltung alter Bausubstanz. Von Seiten der Landesregierung wurde die Abteilung Denkmalpflege aufgefordert, bis Sommer 2011 eine neue Liste denkmalwürdiger Bauten vorzulegen; das
zwingt die Behörde zum Handeln und erwirkt
bestimmt weiteren Schutz an gefährdeter Substanz. Grundsatzentscheidung ist meistens das
Bonmot, Abbruch und Wiederaufbau sei finanziell günstiger als Sanierung und Restaurierung.
Das stimmt nicht, es hängt von Fall zu Fall ab, das
muss an den einzelnen Objekten überprüft werden. Wir werden auch nicht müde, gelungene
Projekte der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Dabei kann der Sensibilisierungslevel gehoben
werden. Das gute Beispiel reißt mit und überzeugt. Es kann eine Lösung sein, bei Neubau der
Hofstelle den alten Bau stehen zu lassen und
beispielsweise touristisch zu nutzen. Zunächst
wäre aber der Altbau auf eine mögliche Sanierung hin zu untersuchen. Dies ließe vermeiden,
dass denkmalrelevante Bausubstanz verschwindet, und dies geschieht bei einem Abbruch für
immer.
Kulturlandschaft ist ein sensibles Gut, das oft
auch mit einigen wenigen Eingriffen negativ
zu beeinträchtigen ist. Das Problem ist in erster
Linie in der Raumordnung angesiedelt, sobald
aber das singuläre Objekt in den Fokus gerät, ist
es Aufgabe der Denkmalpflege, über Wert und
Unwert zu entscheiden. Wenn wir heute erhaltenswerte Substanz ins Morgen retten, erhalten
wir eine Kulturlandschaft, die wiederum auch in
ihrer wirtschaftlichen Qualität positiv abstrahlt
und einen Mehrwert erzeugt, der letztlich auch
zur eigenen Identitätsfindung beiträgt.
Leo Andergassen
Bäuerliches Wohnhaus in Feldthurns mit Kernbau aus dem 13. Jahrhundert, altem Rauchabzug in der Küche und barocker Stubentäfelung
Fotos: Abteilung Denkmalpflege (Leo Andergassen)
81
architektur und der beeindruckenden Gebirgslandschaft prägt über
Jahrhunderte ganz wesentlich den Charakter Tirols und ist damit ein
wichtiges Element für die kulturelle Identität der gesamten Region.
Tirol ist in erster Linie von einer bäuerlichen Kulturlandschaft geprägt, die in ihrer Vielfalt, Eigenart und in ihrem Erhaltungszustand
nahezu einzigartig im Alpenraum ist. Sie zeigt, wie die Natur der
Bergregion den Bewohnern einerseits zwar unabdingbare Grenzen
gesetzt, andererseits in der historischen Entwicklung der Mensch
aber in der Landschaft nachhaltig seine kulturellen Spuren hinterlassen hat. Unter Berücksichtigung der Wechselbeziehungen zwischen
Natur und Mensch hat vor allem die bäuerliche Bevölkerung diese alpine Kulturlandschaft bis in die heutige Zeit vielfältig geformt. Diese
Beziehung von Mensch und Natur fußt sowohl auf naturgegebenen
Voraussetzungen wie Klima, Boden oder Vegetation, andererseits
auf Eingriffen geschichtlich-kultureller und wirtschaftlicher Art.
Bäuerliche Profanarchitektur in der Region Tirol –
Traditionen und gewachsenes Bewusstsein
Gerade im ländlichen Hausbau zeigt sich immer wieder ein wichtiger Zusammenhang zwischen Siedlungs- und Bauformen mit Klima, Bodenform und Bodenbeschaffenheit. Bei der Wahl der Siedlungsplätze wurde zunächst darauf Acht gegeben, dass zum einen
der Schutz vor Naturgewalten (Lawinen, Muren, Gewitter, Stürme)
vorhanden ist und zum anderen die Möglichkeit besteht, den nötigen Unterhalt zu gewinnen. In den Gebirgsregionen Tirols wurden
dabei bestimmte Geländeformen bevorzugt als Siedlungsplätze
ausgewählt: Schwemmkegel, Hangterrassen in steileren Tälern, Höhenrücken oder auch kleinere Ebenen, die den Hang unterbrechen.
Der Talboden selbst blieb oft siedlungsleer oder wurde erst später
als die Höhenlagen besetzt. Die Lage zur Sonne ist ebenfalls ein sehr
bestimmender Faktor für die unterschiedliche Besiedelung. Auf der
Sonnseite der Täler reichen die historischen Siedlungen meist höher
hinauf als auf der Schattenseite, oft wurde überhaupt nur die Sonn-
seite einer Talschaft besiedelt. Daneben haben
auch geschichtliche und wirtschaftliche Faktoren Einfluss auf die Siedlungstätigkeit genommen. Kirchliche und weltliche Besitzverhältnisse
und das wirtschaftliche Interesse der Eigentümer, von ihrem Grund und Boden zu profitieren,
haben historisch betrachtet Auswirkung darauf
gehabt, dass bestimmte Regionen intensiver
bäuerlich bewirtschaftet wurden als andere.
Die verschiedenartige Dichte der Besiedelung
und der oft sehr kleinräumige Wechsel der
Siedlungsformen von Dörfern, Weilern oder
Einzelhöfen hängen mit diesen naturbedingten
und historischen Ursachen zusammen. Der
Formenreichtum und die Vielgestaltigkeit zeigen sich ganz besonders aber im bäuerlichen
Hausbau selber. Die unterschiedlichen Ausprägungen ländlicher Architektur wechseln sich
jedoch in nachvollziehbarer Weise ab und sind
als bestimmte regionale Typen im Hausbau einer Landschaft erkennbar. Für diese Regelmäßigkeiten gibt es bestimmende Faktoren, die
wiederum die enge Beziehung zwischen Natur
und Mensch in der Gestaltung der bäuerlichen
Kulturlandschaft deutlich machen.
Ein zentraler Parameter ist der Bauplatz, auf
dem das Haus steht, sowie die Art und Weise,
wie sich das Haus an die naturräumlichen Gegebenheiten dieses Bauplatzes anpasst. Eine Baufläche in der Ebene führt in der ländlichen Architektur zu anderen formalen und funktionalen
D
Unterinntaler Einhof aus dem Raum Kitzbühel, Baukern aus dem 16. Jahrhundert
mit Umbauten von 1737 und 1820 | Fotos: Tiroler Kunstkataster
Bemalte und geschnitzte Firstpfette eines Unterinntaler
Einhofes mit Bauinschrift „1587“
Alpine Kulturlandschaft im Paznauntal, Aufnahme 1958
(Nachlass Stefan Kruckenhauser)
Fotos: Tiroler Kunstkataster
82
as Bild einer Landschaft wird ganz wesentlich bestimmt durch die Tätigkeit, die der
Mensch darin entfaltet hat. Durch die Schaffung
von Kulturland, durch die Anlage von Wiesen
und Äckern, die Pflanzung von Nutzbäumen, vor
allem aber durch die Gestaltung von Siedlungen,
Straßenbauten etc. hat das Landschaftsbild eine
gänzliche Umgestaltung erfahren. Diese Veränderung vollzieht sich in den einzelnen Landschaften in verschiedenartigen Formen. Diese
durch den Menschen geprägte Landschaft wird
als Kulturlandschaft bezeichnet. Für die Entstehung und Entwicklung der Kulturlandschaft
sind sowohl Beschaffenheit des Naturraums,
die ursprüngliche Fauna und Flora, als auch die
menschlichen Einflüsse und die daraus resultie-
Strohgedecktes Wirtschaftsgebäude in Hafling bei Meran, Aufnahme 1953 (Nachlass Stefan Kruckenhauser)
renden Wechselwirkungen wichtige Faktoren. Kulturlandschaften
stehen also im Beziehungsgefüge zwischen Mensch, Natur und Kultur und sind als sinnlich wahrnehmbarer Raum charakteristische
Zeugen für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und der
Siedlungen.
Besondere Zeugnisse dieses Zusammenwirkens von Mensch und Natur stellen in der Kulturlandschaft Tirols die Bauernhäuser dar. Sie zeigen, wie über Generationen Wohn- und Arbeitsstätten geschaffen
wurden, die Schutz für Mensch, Tier und Erntevorräte gewähren, aber
auch Raum zur Entfaltung sozialer, wirtschaftlicher und kultureller
Werte bieten. Das kulturelle Erbe hat gerade in den Bauernhäusern
in den einzelnen Talschaften Tirols eindrucksvolle Gestalt gewonnen. Dabei sind die Qualitäten von Landschaft und Bauwerk besonders in den durchaus ähnlichen, aber in ihrer Eigenart doch deutlich
unterscheidbaren Zeugen bäuerlicher Architektur für jeden leicht
nachvollziehbar. Die Verbindung von historischer ländlicher Profan-
83
Bäuerliche Profanarchitektur in der Region Tirol – Traditionen und gewachsenes Bewusstsein | Karl Wiesauer
von oben beginnend:
Mittertennhof in Thaur mit dem auffällig breiten Tennentor, 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts mit Umbauten von 1931.
84
Wipptaler Einhof mit Trennung von Wohn- und Wirtschaftsteil entlang der Firstlinie.
Fassadenausschnitt eines Lechtaler Hofes mit Lüftlmalerei
von Josef Degenhart, um 1790.
Fotos: Tiroler Kunstkataster
Alpiner Paarhof mit Wohn- und Wirtschaftsgebäude im
Ötztal | Aufnahme 1951 (Sammlung Weingartnerarchiv)
Lösungen als etwa eine Bebauung in steiler Hanglage. In der Wahl
des Bauplatzes werden verständlicherweise Geländeteile und Lagen
gesucht, die vor negativen Witterungseinflüssen Schutz bieten, und
Wohn- und Wirtschaftsgebäude so gestellt, dass eine Anpassung an
Wind und Wetter gegeben ist. Gleichzeitig wurde Bedacht genommen, das Bauernhaus möglichst so zur Sonne auszurichten, um Räume, die tagsüber am meisten bewohnt wurden (Stube), mit Tageslicht zu erhellen und zu wärmen.
Der Baustoff, der natürlich in der Umgebung vorhanden ist, prägt bis
zu einem gewissen Ausmaß die Art des Bauens. Verschiedene Techniken in der Verarbeitung der beiden grundlegenden Baustoffe Holz
oder Stein ergeben ein unterschiedliches Bild der Bauernhäuser. Die
Dominanz eines der Baustoffe oder deren Kombination lässt regionale Tendenzen und Vorlieben erkennen. Die Baudetails in der ländlichen Profanarchitektur sind in ihrer Konstruktion stark beeinflusst
von der Beschaffenheit des Baumaterials. So ist etwa die Errichtung
eines Dachstuhls auch davon abhängig, welches Material für die
Dachdeckung zur Verfügung steht. Der Stuhl für ein mit Legschindel
gedecktes und mit Steinen beschwertes Dach kann flacher geneigt
sein als ein Strohdach, bei dem das Regenwasser rascher abfließen
soll. Andere Architekturdetails wie Fenster, Türen, Stiegen und Söller sowie die vielgestaltigen Zierformen passen sich organisch an die
Konstruktion und an die Baumaterialien an. Holz als Baustoff eignet
sich gut, um besondere Bauelemente mit Profilierungen, Friesen,
Schnitzereien, aber auch Bemalungen hervorzuheben. Der Steinbau
bevorzugt baukünstlerische Zierformen an den steinernen Einfassungen der Türen und Fenster wie auch ornamentale und figurale
Malerei an den freien Fassadenflächen. Neben den vorwiegend praktisch und funktional bedingten Ursachen für bestimmte Eigenheiten
im ländlichen Bauwesen haben auch wirtschaftliche und soziale Komponenten Einfluss auf das Aussehen der Bauernhäuser. Bestimmte Besitzverhältnisse und regionale Eigenheiten in der Güterteilung eines
Hofes können Um- und Zubauten zur Folge haben, die sich auf Bauund Raumstruktur nachhaltig verändernd und gestaltend auswirken.
Außerdem dürfen im traditionellen ländlichen Hausbau zeitbedingte
Moden, die etwa von städtischen Vorbildern übernommen wurden,
nicht außer Acht gelassen werden. Damit im Zusammenhang steht
nicht zuletzt materielles Prestigedenken. Mit dem Bauen wollte man
nach außen demonstrieren, wer man ist und was man hat.
Aus diesen Grundmotiven für bäuerliche Architektur kann innerhalb der vielen individuellen Häuser eine formale Ordnung aus bestimmten Typen abgeleitet werden. Aus gleichen oder ähnlichen
vergleichbaren Merkmalen lassen sich dann Modelle für Bauernhaustypen bilden, die nach geografischen Gesichtspunkten interpretiert werden. Ziel dieser vor allem von der traditionellen volkskundlichen Forschung gerne betriebenen Hausgeografie ist es, räumlich
begrenzte, landschaftsprägende Haus- und Hoftypen herauszuarbeiten und in ihrer Verbreitung auf Karten festzulegen.
Der primäre Schlüssel zu einer Typologie der
Hofformen ist die Anordnung von Wohn- und
Wirtschaftsgebäude eines Hofes. Sind Wohnund Wirtschaftsgebäude als eigenständige
Bauten getrennt voneinander errichtet, spricht
man von einem Paarhof. Im Gegensatz dazu findet der Begriff Einhof überall dort Verwendung,
wo beide Funktionseinheiten – Wohnen und
Wirtschaften – unter einem gemeinsamen Dach
vereint sind. Diese beiden alpinen Hofformen
sind für den gesamten Raum von Nord-, Südund Osttirol anwendbar. Das zentrale Attribut
zur Typologie der Hausformen ist der Grundriss, die innere Einteilung des Hauses. Je nach
Lage des Hausganges im Wohnbereich bzw. der
Trennung von Wohnteil und Stall unterscheidet
man im Tiroler Raum Mittel-, Seiten- und Eckflurhäuser sowie Mittertennhöfe und Durchfahrtshäuser. Diese Typologie ist geeignet für
eine Skizzierung der historisch gewachsenen
und tradierten Bauernhausformen in der Region Tirol im Überblick. Auf kleinräumige Ausprägungen und Sonderformen soll der Klarheit
wegen verzichtet werden.
Im Nordtiroler Unterinntal dominiert in der bäuerlichen Architektur der Einhof, bei dem Wohnund Wirtschaftsteil unter einem Dach in sehr
klarer Struktur in Firstrichtung hintereinander
angeordnet sind. Die zweigeschossigen Bauten
mit Mittelflurgrundriss sind ebenerdig meist
gemauert. Das Obergeschoss ist in Kantblockbauweise gezimmert und wird durch einen
über drei Fassadenseiten umlaufenden Söller
bestimmt. Ausschließliche Holzbauten sind nur
in kleineren Regionen üblich. Die gemauerten
Fassadenflächen zieren oft Darstellungen populärer Heiligenfiguren und Schutzpatrone des
bäuerlichen Lebens sowie einfache Architekturmalerei. Bemalungen und Schnitzereien sind
auch an wichtigen Holzelementen wie Pfetten
oder Söllerkonsolen beliebt.
Das mittlere Inntal ist ebenfalls ein fast geschlossenes Einhofgebiet, als Haustypus dominiert
der Mittertennhof. Die Bezeichnung leitet sich
von der Tenne ab, die in der Mitte der Giebelfassade durch das Haus hindurch führt und den
Baukörper in Wohn- und Wirtschaftsteil trennt.
In seiner ursprünglichen Funktion dient die mit
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Bäuerliche Profanarchitektur in der Region Tirol – Traditionen und gewachsenes Bewusstsein | Karl Wiesauer
von oben beginnend:
Durchfahrtshöfe in Fiss | Aufnahme 1964 (Nachlass Stefan
Kruckenhauser)
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Bauernhof in Oberrasen, 2005 | Foto: Gideon de Vries
Elisabeth Fuchs-Hauffen, Dorf Tirol, 1971. | Foto: Elisabeth
Fuchs-Hauffen
einem Fuhrwerk befahrbare Tenne zugleich als Hausgang, in einer
weiter entwickelten Form wird parallel zur Tenne ein Hausgang mit
separater Eingangstür eingebaut. Auffällige Kennzeichen sind neben
dem charakteristischen großen Tennentor ein flaches Satteldach mit
Bundwerkgiebel.
Der Wipptaler Hof erstreckt sich auf weite Teile des Wipptales nördlich und südlich des Brenners und ist ebenfalls als Einhof angelegt.
Auffälligste Merkmale sind die Ausrichtung der Höfe mit dem First
parallel zum Hang und die Trennung von Wohn- und Wirtschaftsteil
entlang der Firstlinie. So sind sonnseitig hintereinander Stube, Küche und Kammer angeordnet, während der Stall hangseitig auf der
Schattseite liegt. Die Heulege im Obergeschoss des Wirtschaftsteiles
kann durch die Hanglage der Höfe bergseitig befahren werden. Erker
im Stubenbereich, geschnitzte und bemalte Bundwerkgiebel sowie
Wandmalereien auf den verputzten Fassadenflächen verleihen diesen Bauernhäusern in ihrer baukünstlerischen Ausgestaltung sehr
repräsentativen Charakter.
An der oberen Siedlungsgrenze in den Seitentälern des Oberinntales, namentlich im Ötztal, Pitztal, Kaunertal sowie auf Südtiroler
Seite im Schnalstal, hinteren Passeiertal, Martelltal und Ultental sind
in ihrer Bauweise sehr vereinfachte Holzblockbauten mit flachem
Satteldach an die hochalpine Lage angepasst. Oft sind nur der Küchenbereich oder der als Mittel- oder Eckflur angelegte Hausgang
gemauert.
In ihrer ursprünglichen Ausgestaltung sind auch die Bauernhäuser
des Lechtales im Außerfern vorwiegend als Blockbauten gezimmert, wurden in der Folge aber vielfach verputzt und mit ornamentaler und figuraler Fassadenmalerei, der sogenannten Lüftlmalerei,
ausgeschmückt. Die Einhöfe des Lechtales sind quer zum First in
Wohn- und Wirtschaftsteil getrennt, kennzeichnend sind das relativ steile Satteldach mit geringem Dachvorsprung sowie das Fehlen
von Balkonen.
Bauernhof in Antholz-Niedertal, 2005 | Foto: Gideon de Vries
Weinhof im Etschtal, wahrscheinlich Eppan
Das westliche Oberinntal samt dem südlich angrenzenden Vinschgau sowie dem schweizerischen Engadin umfasst eine relativ einheitliche
Hauslandschaft. In den sehr eng und verwinkelt
zusammengebauten Dörfern sind Ein- und Paarhöfe als Durchfahrtshäuser konzipiert. Das Wirtschaftsgebäude ist unmittelbar oder sehr nahe
hinter dem Wohnhaus gebaut, die Erschließung
des Stadels erfolgt über eine breite Zufahrt
durch das Wohnhaus hindurch. Dafür kennzeichnend ist eine große Toreinfahrt als Zugang zum
Wohnteil und gleichzeitig als Durchfahrt zur
rückwärts liegenden Heulege. Die Wohnhäuser
sind gemauert, ebenso der Stall, während die
Heulege aus wuchtigen Rundholzbalken aufgezimmert ist. Von der Küche ins Freie ausgebaute
Backöfen, Erker oder Bundwerkgiebel betonen
die äußere Erscheinung der Bauernhäuser ebenso wie teils reicher Freskenschmuck, der mit der
Spätgotik und Renaissance einsetzt. Durch die
materielle Güterteilung (Realteilung) bedingt,
lebten in diesen Häusern oft mehrere Familien
unter einem Dach. Dadurch wurden auch immer
wieder bauliche Veränderungen nach individuellen Bedürfnissen durchgeführt. Uneinheitliche Fassadengestaltung oder unregelmäßige
Dächer mit verschiedenen Neigungswinkeln
und Deckungen haben diese Hausform auf sehr
lebendige und eigentümliche Art beeinflusst
und verändert.
Im Burggrafenamt und im Etschtal dominieren
große Obst- und Weinbauhöfe, die oft mit einer Umfassungsmauer und großer Toreinfahrt
gegen die Straßenseite hin abgeschlossen sind.
Beim typischen Südtiroler Weinbauerngehöft
steht das Wohnhaus getrennt von Stall und Stadel. Die stattlichen, gemauerten Wohngebäude
mit Gewölben in Keller, Gängen und Stiegenhaus sind über eine Freitreppe in das Wohngeschoss erschlossen. Die charakteristischen
Walmdächer oder auch Satteldächer sind mit
Hohlziegeln gedeckt. Die Erschließung der
Wohnräume im Inneren erfolgt über eine große
Halle, „Saal“ genannt, die in den Sommermonaten auch als kühler Aufenthaltsraum dient.
Im zentralen und östlichen Südtirol an Etsch,
Eisack und Rienz dominieren Paarhöfe, bei denen Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude meist
parallel nebeneinander stehen. Das Wohnge-
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Bäuerliche Profanarchitektur in der Region Tirol – Traditionen und gewachsenes Bewusstsein | Karl Wiesauer
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Einhof im Osttiroler Winkeltal, Außervillgraten, 1882 erbaut | Foto: Tiroler Kunstkataster
Abbruch eines historischen Bauernhauses mit Baukern aus dem 14./15. Jahrhundert im Oberinntal – eines von zahlreichen Beispielen
Foto: Tiroler Kunstkataster
bäude ist im Erdgeschoss gemauert, das Obergeschoss häufig in Holzbauweise gezimmert.
Im mittleren Südtirol sind die Bauernhäuser oft
auch unterkellert.
Die Haus- und Hoflandschaft Osttirols wird abhängig von den topografischen Gegebenheiten
sowohl durch Paar- als auch Einhöfe geprägt.
Paarhofanlagen mit getrenntem Wohnhaus und
Wirtschaftsgebäude dominieren zahlenmäßig
in der geografischen Verbreitung. Einhöfe sind
vor allem im unteren Iseltal und im Pustertal
verbreitet. Gemeinsam sind beiden Hofformen
die vorwiegende Ausrichtung des Firstes quer
zur Talachse, sodass die Gebäude in der Regel
mit der Giebelfassade zum Tal orientiert sind.
Dominantes Baumaterial ist Holz, das in allen
Verarbeitungstechniken (Blockbau, Ständerbau und Ständerbohlenbau) verwendet wird.
Gemauert sind meist nur die Fundamente oder
ebenerdigen Geschosse der Wohnbauten.
Die Region Tirol weist demnach einen im Detail zeitlich sehr alten
und in der räumlichen Übersicht auch umfangreichen, qualitätvollen
Bestand an historischen Bauernhäusern auf. In der Kulturgüterdatenbank des Tiroler Kunstkatasters sind für den Nord- und Osttiroler
Raum insgesamt 6.200 Objekte als historisch-bäuerliche Architektur
klassifiziert, davon etwa 4.100 Bauernhäuser und 1.600 Wirtschaftsund Nebengebäude (gerundete Daten, Stand Dezember 2010). Diese statistische Betrachtung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen,
dass viele davon durch unsachgemäße Pflege und Erhaltung, unadäquaten Umbau durch Erneuerungen bzw. Abriss akut gefährdet sind.
Die einschneidenden Veränderungen in der ländlichen Struktur sind
an Tirol nicht spurlos vorübergegangen. Der Besuch weniger Tiroler
Dörfer genügt, um festzustellen, dass sehr viele der historischen Bauernhäuser nur teilweise genutzt werden oder überhaupt leer stehen.
Für diese Tatsache werden mangelnder Wohnkomfort und schlechte
Nutzbarkeit der Wirtschaftsräume nach modernen Standards als Argumente ebenso häufig angeführt wie zu hohe Sanierungs- und Erhaltungskosten. Dabei wird übersehen, dass in der modernen Denkmalpflege bautechnisch sehr ausgereifte Lösungen für viele Fragen
einer zeitgemäßen Adaptierung von Bauernhäusern umgesetzt
werden können, die außerdem durch gezielte Fördermaßnahmen
auch finanziell leistbar sind. Oft haben negative und ablehnende
Haltungen der ländlichen Architektur gegenüber mit mangelndem
Bewusstsein und fehlender Wertschätzung zu tun. Dabei sollte man
sich vergegenwärtigen, dass jedes historische Gebäude ein Indikator
Die geografische Abgrenzung einzelner Hausund Hoflandlandschaften verschafft zwar einen
gewissen Überblick, bleibt in der Praxis aber
doch immer etwas problematisch, weil in der
zur Typenbildung notwendigen Verallgemeinerung gleichzeitig eine
relative Verzerrung der Wirklichkeit begründet liegt. Der Erkenntniswert der regionalen Hausformen ist eher gering, wenn nicht der Faktor
„Zeit“ mit berücksichtigt wird. Gemeint ist damit die Herausarbeitung
zeitprägender Formen im bäuerlichen Hausbau in ihrer Dauer, gewissermaßen eine Umsetzung der Haus- und Hoflandschaften von der
geografischen in die historische Dimension der Typologie.
Die in den letzten Jahrzehnten fächerübergreifend angewandte
Bauforschung in Tirol hat auch für Bauernhäuser grundlegende bauhistorische Erkenntnisse erbringen können. Durch einzelne Bauuntersuchungen sowie regional abgegrenzte Forschungen (z. B. im Passeiertal in Südtirol oder im Kalsertal in Osttirol) konnten zeittypische
Formen und deren Entwicklung seit dem Spätmittelalter an vorhandenen ländlichen Bauten wissenschaftlich dokumentiert werden.
Spätromanische Baukerne sind in Tiroler Bauernhäusern ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nachweisbar, zahlreiche Beispiele
auch aus dem 14. Jahrhundert belegt. Es handelt sich dabei vielfach
um gemauerte Kellerbauten, die typologisch in sehr ähnlichen, wiederkehrenden Formen als älteste Kernbauten in den nachträglich
überformten Gebäuden erhalten sind. Holzbauten sind im Tiroler
Raum in der bäuerlichen Profanarchitektur ab dem 15. Jahrhundert
gesichert. Zu diesen Erkenntnissen hat die naturwissenschaftliche
Methode der Dendrochronologie (Jahrringanalyse) mit ihrer Möglichkeit, verbaute Hölzer jahrgenau und präzise zu datieren, essentiell beigetragen.
für kulturelle Leistungen von Personen, einer
Zeit oder einer geografischen Region ist. Bauernhäuser sind langlebige Objekte, die mit all
ihren baulichen Veränderungen eine wichtige
geschichtliche Quelle für die Kultur breiter Bevölkerungskreise sind.
Karl Wiesauer
Literatur
Bedal, Konrad. Historische Hausforschung. Eine Einführung in Arbeitsweise, Begriffe und Literatur (= Schriften
und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums des
Bezirks Mittelfranken in Bad Winsheim, Bd. 18). Bad
Winsheim2 1995.
Bergmeister, Konrad. Die Entwicklung der bäuerlichen
Haus- und Hoflandschaft in Südtirol. In Rösch, Paul (Hg.).
Südtiroler Erbhöfe. Menschen und Geschichten. Bozen
1994, S. 77 ff.
Gschnitzer, Hans. Haus- und Hofformen. Begleittexte XII,
in: Tirol Atlas. Eine Landeskunde in Karten (= Sonderdruck
aus Tiroler Heimat, Band 60). Innsbruck, 1996.
Wopfner, Hermann. Anleitung zu volkskundlichen Wanderungen auf Bergfahrten. Innsbruck 1927.
89
Drei Gedanken zur Architektur
zwischen 1900 und 1955 in Südtirol
B
is 1918 war Südtirol und das Trentino bis Ala
und bis zum Gardasee eine österreichische
Provinz, ein kulturelles Hinterland der Hauptstadt Innsbruck oder besser direkt von Wien.
Was dort an Kultur produziert wurde, das konnte man glauben und es wurde problemlos angenommen. Von München holte man sich auch
immer wieder etwas wegen der geografischen
und der charakterlichen Nähe. Gewissen Südtirolern ist Wien zu elegant und diese fühlen sich
im Bayrischen eher daheim.
Wien war damals ein Zentrum der Weltkultur.
Nach Südtirol brachte man allerdings nicht
die Architektur eines Otto Wagner oder eines
Adolph Loos, aber immerhin baute Ohmann in
Meran das neue Kurhaus. Aus Wien und München kam der internationale Stil der „Gründerzeit“ mit seiner Inflation an Stilimitationen.
Zu dieser Zeit baute man in Bozen die Sparkassestraße und die Neustadt, die Neustädter Hauptstraße, die heutige Dantestraße, und
die Waltherstraße, die heutige Carduccistraße. Hier finden wir fast
alles an Architektur, wie zum Beispiel einen fernen Verwandten von
Brunelleschi’s Palazzo Pitti. Diese Architektur kam mit Klenze nach
München, von wo sie als Rundbogenstil weiterentwickelt in unsere
Dantestraße gelangte. Gegenüber stehen ein kleines schottisches
Schlösschen und eine Berliner Neoklassik, daneben ein fast englisches Haus. In der Sparkassestraße gibt es germanische Burgen,
neobarocke Bürgerhäuser und schlossartige Bauten im „Nürnberger“
Stil.
Jene Bozner, die damals weniger oberflächlich über Architektur
nachdachten, musste diese modische Maskerade stören. Diese Architektur hat an sich nichts mit der Geschichte dieses Landes zu tun
und sie war damals bestimmt ein modischer und vielleicht auch pathetischer internationaler Kitsch. Heute sind es die schönsten Straßen der Stadt.
Übernommene Architekturstile aus dem kulturellen Hinterland | Foto: Oswald Zöggeler
„Palazzo Pitti“ in der Dantestraße | Foto: Oswald Zöggeler
90
Warum das so ist, kann man nicht so einfach erklären. Es könnte
der Respekt vor dem Alter oder der gütige Einfluss der Patina der
Zeit sein. Es könnte aber auch der Vergleich mit der heutigen Zeit
sein. Sicher gibt es einen Unterschied zwischen der abstrakten
Architekturtheorie, den Ideologien und der Welt der Gefühle. Es
zeigt jedenfalls, dass Architekturtheorien und Ideologien keine Garantie für architektonische Qualität sind oder vielleicht auch nicht
genügen. Wir sollten lernen, mit Ideen und Ideologien zu spielen,
sie nicht zu ernst zu nehmen, denn wenn man sie zu ernst nimmt,
dann ist es nicht mehr lustig. Es gibt Leute, die für Ideen und für
Ideologien sterben könnten, und das hat wenig Sinn. Die Qualität
der Architektur folgt komplexeren Kriterien.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Südtirol eine italienische Provinz.
Die Zwanzigerjahre waren für ganz Europa, in unterschiedlicher
Weise, ein hoffnungsvoller Neuanfang, das Ende der Monarchien
und die neuen demokratischen Republiken träumten von einer
neuen Welt mit neuen Formen. In Russland war die Spannung am
größten und deshalb geschah dieser Wandel mit einer Revolution.
Die Neue Welt sollte so wenig wie möglich von der Alten haben
und war modern, technisch und industriell. Die Künste fanden in
den Maschinen und in den Fabriken ihre Motive.
Nach Südtirol kam diese Idee der neuen modernen Welt nicht aus Wien oder München,
sondern aus Rom. Italien brachte die Moderne
als Kriegssieger. Deshalb war die Moderne für
die Südtiroler nie jene frische Hoffnung auf
eine neue Welt, sondern eine „walsche“ Erfindung, die gegen die Südtiroler war, nichts mit
ihnen zu tun hatte und ihnen aufgezwungen
wurde. Diese Überzeugung lebte im Südtiroler
Unterbewusstsein mindestens bis in die Siebzigerjahre weiter und verhinderte jede moderne
Architektur.
Der italienische Faschismus war nicht nur nationalistisch und Mussolini wollte das rückständige Italien modernisieren. Das Hauptinteresse
Italiens nach dem Ersten Weltkrieg lag nicht in
der Italienisierung der Südtiroler, sondern vielmehr in der Nutzung der Gewässer, die Italien
für die Stromgewinnung benötigte. Das Erste
was der italienische Staat hier baute, waren
die Elektrozentralen, und der hier gewonnene
Strom war für die neue Industriezone von Mai-
91
Drei Gedanken zur Architektur zwischen 1900 und 1955 in Südtirol. | Oswald Zöggeler
Sporthotel am Sedaiapass (Marmolata) | Projekt Arch. Ettore Sottsass und Willy Weyhenmeyer 1933 | Foto: Privatbesitz
Haus Mimi Settari, Dreikirchen | Projekt Lois Welzenbacher 1922 | Foto: Oswald Zöggeler
92
Wasserkraftwerk Waidbruck | Projekt Arch. Duilio Torres,
1936 | Fotos: Archiv Hydros
93
Praktischer Teil
94
land gedacht. Erst in einem zweiten Moment,
als man sah, dass hier so viel Strom produziert
werden konnte, dass man damit in Bozen eine
weitere Industriezone betreiben könnte, entschied man sich, die Stadt zu vergrößern. Für
die Bozner Industriezone benötigte man Arbeiter und diese könnten gleichzeitig der Stadt zu
einer italienischen Mehrheit verhelfen. Dabei
wurden auch die nationalistischen Gefühle
wichtig und befriedigt.
Der Gegensatz zwischen eleganter Moderne
und zwischen pathetischen, antik-römischen
Nationalgefühlen wird in der Architektur des
italienischen Faschismus während seiner gesamten Existenz in lebendiger Zweideutigkeit
erhalten bleiben.
Großartiges für die moderne Architektur unseres Landes wurde zum Beispiel beim Bau des
Elektrizitätswerkes von Waidbruck erreicht. Architekt Duilio Torres aus Venedig gestaltete dies
zu einem nicht monumentalen Monument. Seine asymmetrische Aufteilung der Volumen und
die geschwungene Linie nehmen schon viel von
der organischen Architektur der Fünfzigerjahre
vorweg. Im unterirdischen Teil erzeugt diese Architektur eine märchenhafte und symbolische
Atmosphäre. Ein grandioser, gewölbter und mit
indirektem Licht beleuchteter Paradegang führt
leicht abwärts tief in den Berg hinein zu einem
großartigen, hell beleuchteten Marmorsaal.
Die Wandpilaster dieses Saales haben Kapitelle
aus stilisierten elektrischen Blitzen und die gewölbte Decke ist längs der Mitte aufgebrochen
und dahinter leuchtet ein breites Band aus blauem Muranoglasmosaik, welches das von oben
herunterstürzende Wasser als Spender dieser
modernen Energie symbolisiert. Dieser Marmorsaal ist in Wirklichkeit eine triumphale Turbinenhalle. Die drei Turbinen, deren Oberteil in
den Saal heraufragt, werden von einem siebzig
Meter hohen, in den Berg gehauenen Wasserfall betrieben und laufen seit fünfundsiebzig
Jahren ununterbrochen. Die Großartigkeit
dieses Saales liegt zwischen dem sagenhaften
Zauber des Saales von König Laurin und einer
fantastisch-technologischen Kommandobrücke, als wäre sie aus dem Film „Metropolis“.
Im privaten Bereich hingegen finden wir zwei
interessante Ansätze, die sich mit der Suche ei-
ner neuen Ausdrucksweise für das Bauen im Gebirge befassten. Einerseits der Versuch, die „moderne Internationale“ der Avantgarde
in eine alpine Sprache zu übersetzen, wie zum Beispiel Baumanns
„Monte Pana“ oder das Hotel „Gran Paradiso“ von Gio Ponti. Auf
der anderen und entgegengesetzten Seite sind es Holzmeister und
Welzenbacher mit dem Hotel „Drei Zinnen“ und dem „Settari-Haus“
in Dreikirchen, die uns vorzeigen, wie man aus der traditionellen
Bautypologie des Bauernhofes Architekturen entwickeln kann.
Welzenbacher und Holzmeister waren gute Architekten und machten auch mit diesem Bauernhaus-Ansatz architektonische Meisterwerke, ohne moderne Architekturtheorie und Ideologie.
Vor allem müssen wir feststellen, dass gerade in den Zwanzigerund Dreißigerjahren, wo so wenig von privater Seite gebaut wurde,
die maßgebenden und wichtigen Architekturen gebaut wurden.
Was nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde, war vor allem ein
Problem der Quantität: Es ist heute der überwältigende Großteil
des gesamten gebauten Volumens, welches in der Landschaft steht.
Durchgesetzt hat sich die zweite der oben angeführten Tendenzen,
die allerdings in ihrer banalsten und oberflächlichsten Anwendung
Erfolg hatte. Die Verniedlichung oder Aufblähung der Architekturelemente des Bauernhofes und ihre absichtlich „malerische“ Wiedergabe wurde schließlich zum voraussehbaren „Baustil“ für den neuen
Tourismus und für die Einwohner. Meistens sehr bescheidene und
ideenlose Grundrisse wurden in die Höhe gezogen und darüber kam
als Bekleidung das „Gefällige“, das „Nette“ und das „Pittoreske“ der
Außenseite der Bauernhöfe. Alles was bei diesem so natürlich war
und was seine Würde hatte, wird in der verarbeiteten Wiedergabe
schamlos und peinlich und verliert seine Ausdruckskraft. Die allzu
schnellen sozialen und kulturellen Änderungen haben die meisten
ihrer eigenen Kultur beraubt und es blieb zu wenig Zeit, sich eine
neue zeitgemäße Kultur anzulegen.
Gleich nach dem Krieg wurde wieder sehr wenig gebaut. Willy Weyhenmeyer arbeitet 1948 an seiner Bahnhofsverlegung aus dem Jahr
1926 weiter; es wäre damals eine gute Gelegenheit gewesen, denn
das gesamte Gebiet um den Bozner Bahnhof war zerbombt.
1955 erhielt Marcello Piacentini, der politisch wichtigste Architekt
des faschistischen Italien, von der Kirche den Auftrag, am Bozner
Boden Kirche und Kloster „S. Giuseppe“ zu bauen.
Oswald Zöggeler
Grandhotel Stubai um 1904 (Archiv der Gemeinde Fulpmes, Fotograf unbekannt)
Bekanntes und in Vergessenheit Geratenes
aus der Architekturgeschichte Tirols
I
m 19. Jahrhundert veränderten neue technische Entwicklungen
das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben auch in Tirol stark.
Das hatte zur Folge, dass sich sowohl in urbanistischer als auch in architektonischer Hinsicht das Bild des Landes gerade um 1900 grundlegend wandelte: Unter anderem wurde für den Schienenverkehr
der Bau von Bahnhöfen und mit der Elektrifizierung der Eisenbahn
die Errichtung von Kraftwerken notwendig, der wachsende Reiseverkehr ließ die ersten (Grand-)Hotels entstehen, mit der Industrialisierung ging der Bau von Fabriken und Arbeitersiedlungen einher.
Zu den neuen Freizeitvergnügen gehörte das Bergsteigen, was die
Errichtung von Berghütten und Seilbahnen förderte. Nicht zuletzt
waren Teile der Bevölkerung so wohlhabend, dass sie sich in neu
angelegten Stadtvierteln (z. B. im Innsbrucker Saggen) den Bau von
Villen bzw. im Krankheitsfall den Aufenthalt in von Architektenhand
gestalteten Sanatorien leisten konnten. Der gründerzeitliche Bauboom hatte aber auch Auswirkungen auf viele Kirchen und Klöster
in Tirol, die hinsichtlich der dekorativen Gestaltung ihrer Innen- und
Außenräume zudem von der Existenz der international federführenden Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt in Innsbruck profitierten.
Einen guten Überblick über die Entwicklungsverläufe der Architek-
tur des 19. und 20. Jahrhunderts bietet die 2007
erschienene Publikation „Kunst in Tirol“1. Für
Band 2 schrieben Gabriele Neumann, Christoph
Bertsch und Paul Naredi-Rainer ausführliche
Beiträge zu den Themen „Architektur des Historismus“, „Industriearchitektur im 19. und 20.
Jahrhundert“ und „Architektur seit dem Ersten
Weltkrieg“, weshalb im Rahmen dieser Arbeit
vor allem in Vergessenheit geratene Aspekte
der Architekturlandschaft dargestellt werden
sollen.
Nicht umsonst trägt die Epoche des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts
den Namen „Gründerzeit“, denn viele in dieser
Ära wirkenden „Gründer“ müssen aus heutiger
Sicht als Pioniere und im weitesten Wortsinn als
Architekten gesehen werden. Zu ihnen zählte
der aus Bozen stammende Bauingenieur Josef
Riehl (1842–1917)2, der auch als „Eisenbahnva-
95
Praktischer Teil
96
Bekanntes und in Vergessenheit Geratenes aus der Architekturgeschichte Tirols | Bettina Schlorhaufer
Mittenwaldbahn, Vorbergviadukt, 1913 | Abb. aus: die Mittenwaldbahn (Innsbruck-Garmisch-Partenkirchen-Reutte)
Schilderungen der Bahn und des Bahngebietes von
Dipl.-Ing. K. Innerebner und Dr. H. v. Ficker, Innsbruck
Foto: O. Fritz
Mittenwaldbahn, Martinswandtunnel, 1913 | Abb. aus: die Mittenwaldbahn
(Innsbruck-Garmisch-Partenkirchen-Reutte) Schilderungen der Bahn und des Bahngebietes von Dipl.-Ing. K. Innerebner und Dr. H. v. Ficker, Innsbruck | Foto: O. Fritz
Clemens Holzmeister | Schülerheim Don Bosco Fulpmes (Archiv der Gemeinde
Fulpmes) | Foto: Pließnig
ter Tirols“ bzw. „Landes-Bohrwurm“ (Max von
Esterle3) in die Geschichte einging. Riehl baute
allein in Tirol 250 km Bahnlinie und stellte mit
der Errichtung der Kraftwerke Brennerwerk bei
Matrei/Br. (1898), Obere Sill (1901–1903) und Ruetzwerk (1909–1912) auch die Weichen für die
Elektrifizierung des Landes. Denn er sah voraus,
dass neben der Eisenbahn und der Industrie
auch die Gemeinden zu den zukünftigen Großkonsumenten des erzeugten Stroms gehören
würden. Riehl muss auch deshalb als Visionär
bezeichnet werden, weil er mit der Igler Bahn
(1899/1900), der Stubaitalbahn (1903/1904) und
der 1906 zunächst auf eigene Kosten errichteten
Hungerburgbahn innovative, elektrisch betriebene Infrastruktureinrichtungen schuf. Von seinem Unternehmergeist zeugt überdies, dass er
sich viele seiner Bauvorhaben nur auf der Basis
von Pauschalhonoraren vergüten ließ.
2012/2013 wird der Name Josef Riehl erneut im
Zentrum technikgeschichtlicher Betrachtungen
stehen, weil in diesen Jahren die Mittenwaldbahn ihr Hundert-Jahr-Jubiläum feiert. Die im
Volksmund auch als Karwendelbahn bezeichnete Linie war die erste elektrisch betriebene Vollbahn Österreichs und ihre Streckenführung gilt
als Meisterleistung des Ingenieurbaus in den Alpen. Zwischen Innsbruck und Scharnitz war aufgrund der schwierigen Geländesituationen der
Bau von 16 Tunneln sowie von18 Brücken und
Viadukten erforderlich. 1912 wurde der Bahn-
verkehr zwischen Innsbruck und Mittenwald aufgenommen, 1913
war auch die Strecke zwischen Garmisch und Reutte fertiggestellt.4
Es bedeutet einen unvorstellbaren Verlust für die Architektur- und
Kulturgeschichtsforschung in Tirol, dass der Nachlass Riehls von den
späteren Inhabern seiner Firma ohne Rücksprache mit den Museen
und Archiven im Land vor wenigen Jahren entsorgt wurde. Von Institutionen wie dem Verein Tiroler Museumsbahnen und dem Jenbacher Museum sowie einigen Privatsammlern konnten nur kleinere
Teile dieser unschätzbar wertvollen Sammlung gerettet werden. Das
ist auch der Grund, weshalb bis heute kein Josef-Riehl-Werkverzeichnis erstellt werden konnte und weder Publikationen noch fundierte
Informationen (z. B. im Internet) über seine Planungen und Projekte
vorliegen.
& Lun verwirklichten zur selben Zeit, in der Riehl sein erstes Kraftwerk realisierte, die ersten Elektrizitätswerke Südtirols, und auch
sie waren im Eisenbahnbau tätig. Im Unterschied zu Riehl wurden
Musch & Lun aber vor allem als Gestalter zahlreicher nobler Villenund Hotelbauten in Meran, am Brenner und am Karersee bekannt.
Hotelprojekte, die die Handschrift von Musch & Lun tragen, verfügen
in der Regel über einen Hauptbau und einen Nebentrakt. Im Hauptbau wurden die Gesellschaftsräume und in den darüberliegenden
Stockwerken die Gästezimmer untergebracht. Der Nebentrakt wurde nicht zuletzt aus statischen Gründen nur für die Unterbringung
des Speisesaals angelegt. Die der Versorgung der Gäste dienenden
Bereiche wurden jeweils in einem Untergeschoss angesiedelt, was
auch für die Belichtung der Arbeitsräume von Bedeutung war. Viele
Bauvorhaben Musch & Luns, vor allem aber die (zum Teil an exponierter Stelle) in Bergregionen errichteten Hotelprojekte, zeichnen
sich dadurch aus, dass ihnen ein heimatverbunden wirkendes Erscheinungsbild verliehen wurde, wie dies auch schon bei wenig
früher entstandenen Hotels am Semmering oder im Engadin üblich
gewesen war. Durch hochgezogene Walmdächer, Giebel, Erker, Veranden und dekorativ verzierte, hölzerne Balkone sollten sie einen
gehoben-repräsentativen Charakter annehmen und zugleich (einem
mehr gedachten als tatsächlich vorhandenen) Lokalkolorit entsprechen. Diese „chateauesque“6 gestalteten Hotelbauten schließen architektonisch an den Schlossbau (der französischen Renaissance) an,
in den Alpen wurden sie jedoch in Anlehnung an die Bautradition
alter Burgen und Ansitze konzipiert. Eine unregelmäßige Silhouette
verleiht einem über Generationen hinweg gewachsenen Ansitz –
z. B. in Südtirol – einen besonderen Reiz, doch die neuen „BurgHotels“ mit ihren gedrechselten, geschnitzten und „gelaubsagelten“
(Clemens Holzmeitster7, 1886–1983) Elementen fanden vor allem in
den Heimatschutzverbänden auch ihre Kritiker.
Josef Riehls Weitsicht sollte aber nicht nur in Bezug auf seine –
durchaus heute noch gültigen – Konzepte auf dem Gebiet des Regionalbahnverkehrs gewürdigt werden. Er ist auch als Vordenker
in Sachen Tourismus zu sehen. Denn er hatte erkannt, dass parallel
zum Transport von Gästen in den Bergen Tirols auch Einrichtungen
entstehen müssen, die Anreiz zum Aufenthalt bieten. So erwarb er
beispielsweise im Zusammenhang mit dem Bau der Stubaitalbahn in
nächster Nähe zur Endstation eines der schönsten Grundstücke von
Fulpmes (Bahnstraße 49). Auf dieser Parzelle ließ er – wiederum auf
eigene Kosten – ein elegantes Hotel errichten und funktionierte die
hier bereits bestehende Villa Stanger in eine Hoteldependance um.
Das wahrscheinlich schon 1904 – also einhergehend mit der Inbetriebnahme der Stubaitalbahn – eröffnete Grandhotel Stubai plante
Riehl aber nicht selbst, vielmehr stammte der Entwurf von einem
der renommiertesten Büros auf diesem Gebiet, von Musch & Lun5 in
Meran. Josef Musch, Carl Lun und Josef Riehl gehörten in Süd- bzw.
Nordtirol zu den federführenden Bauunternehmern um 1900. Musch
Leider entstand das Grandhotel Stubai in einer
Ära, die bald von Krieg und Wirtschaftskrise
gezeichnet war. 1921 wurde der Komplex von
den Salesianern Don Boscos angekauft, die ihn
in ein Schülerheim umfunktionierten. Auch
in der Folgezeit durchlebte das Gebäude eine
wechselvolle Geschichte, bis es 1972 abgerissen
wurde. Damals übersiedelte das Schülerheim
in einen von Clemens Holzmeister geplanten
Neubau8, der bedauerlicherweise nicht zu den
größten Würfen des aus der Stubaier Gemeinde
stammenden Architekten zählt. Das ehemalige
Grandhotel hatte in Fulpmes aber immerhin
Eingang in den Sprachgebrauch gefunden, indem man nämlich einen Besuch der hl. Messe
bei den Salesianern als „ins Hotel gehen“ bezeichnete. Zugleich bezeugt das, dass das Hotel
in der Erinnerung vieler Menschen auch heute
noch eine Rolle spielt und sich einige angesichts
so mancher urbanistischer Entwicklung in ihrer
Gemeinde das Baudenkmal aus der Gründerzeit
sogar zurückwünschten.
So wie diese Episode aus der Architekturgeschichte Tirols gibt es auch andere wiederzuentdecken, die noch deutlicher vor Augen führen,
dass vor Jahrzehnten Entscheidungen über das
Zustandekommen oder Nichtzustandekommen
von Projekten gefällt wurden, die gerade das
Bild von Innsbruck massiv beeinträchtigt bzw.
positiv geprägt hätten. In den 1890er-Jahren
war z. B. nicht nur eine brutal anmutende Regulierung der Altstadt geplant, sondern auch die
Realisierung abenteuerlich anmutender „Umbauvorhaben“.9 Ein Altstadtregulierungsprojekt
wurde deshalb ins Auge gefasst, weil für den
Straßenbahnverkehr durch die Altstadt ca. 15
Meter breite Straßen erforderlich gewesen wären.
Zwei weitere Projekte befassten sich mit einem
Innsbrucker Rathaus. In einem Gestaltungsvorschlag wurde erwogen, den Neuhof, an dessen
Front sich das Goldene Dachl befindet (Herzog-Friedrich-Straße 15), in ein Rathaus umzubauen und das Gebäude u. a. mit neugotischen
Treppengiebeln auszustatten. Auch der zweite,
nicht minder verwegene Plan sah eine neogotische Umgestaltung eines Gebäudes in der
Altstadt vor. Diesmal sollte das Rathaus mit
97
Bekanntes und in Vergessenheit Geratenes aus der Architekturgeschichte Tirols | Bettina Schlorhaufer
(1889–1955) den größten Eindruck erweckten,
sondern der des (noch) unbekannten 23-jährigen Siegfried Mazagg (1902–1932).
An einer anderen Stelle von Innsbruck hätten
auch in wirtschaftlich angespannten Zeiten
umsichtiger gefällte Entscheidungen das Aussehen eines zentrumsnahen Stadtteiles positiv
beeinflusst: der Bereich beim heutigen Casino
zwischen Salurner Straße, Heiliggeiststraße und
Triumphpforte (früher: Bismarckplatz, Bischofsgrund und Zelgergründe).
Mit der Errichtung des Innsbrucker Hauptbahnhofes entwickelte sich die Gegend beiderseits
der Salurner Straße zu einem urbanistisch interessanten Gebiet, weshalb 1911 ein Bebauungsplan17 erstellt und 1912 ein Wettbewerb „Bebauung der Zelgergründe“ ausgeschrieben wurde.
Von dieser Konkurrenz sind noch drei Beiträge
erhalten, darunter ein besonders schön ausgeführter von Theodor Prachensky (1888-1970).18
98
Entwurf für ein Innsbrucker Rathaus in Innsbruck, geplant im Neuhof mit dem Goldenen Dachl, Herzog-Friedrich-Straße 15, 1896 (1891?) | Abb. aus
Seberiny, Hans, 25 Jahre Heimatschutzbewegung in Tirol, Tiroler Heimatblätter Nr. 7/8, Innsbruck 1933
Entwurf für ein Rathaus in Innsbruck, geplant im heute so genannten im Alten Rathaus
mit dem Stadtturm, Herzog-Friedrich-Straße 21, 1896 (1891?) | Abb. aus Seberiny, Hans,
25 Jahre Heimatschutzbewegung in Tirol, Tiroler Heimatblätter Nr. 7/8, Innsbruck 1933
dem Stadtturm (heute: Altes Rathaus, HerzogFriedrich-Straße 21) in einen repräsentativen
Komplex umgewandelt werden. Zwar wäre
vorgesehen gewesen, dem Stadtturm sein im
15. Jh. entstandenes spitzes Zeltdach mit den
vier nach oben zulaufenden Erkertürmen10
wiederzugeben, doch die damals vorgesehene Gestaltung des Alten Rathauses erinnert
an jene des Neuen Rathauses von München.
Diese Ähnlichkeit ist insofern von Bedeutung,
als beim Innsbrucker Bauvorhaben der Name
des Architekten nicht überliefert ist. Es wurde
lediglich festgehalten, einer der damals bekanntesten deutschen Architekten sei nach
Innsbruck gerufen worden, um diese Pläne für
ein Rathaus auszuarbeiten.11 Der damals bekannteste Architekt für die Planung von Rathäusern war der aus Graz stammende und später in
München tätige Georg von Hauberrisser (1841–
1922), zu dessen Hauptwerken mehrere Rathäuser, darunter das in drei Abschnitten erbaute
Neue Rathaus in München (1867–1909) zählt.12
Das legt den Schluss nahe, Hauberrisser könnte
auch mit der Planung eines neuen Rathauskomplexes in Innsbruck betraut worden sein.
Stichwort Heimatschutz: Der 1908 gegründete Tiroler Heimatschutzverband war die erste Organisation in Österreich, die sich als Gegenbewegung zum gründerzeitlichen Fortschrittsglauben verstand
und sich in einer Phase großer Bautätigkeit für den Schutz der Landschaft, von Denkmälern etc. einsetzte. Obwohl die Heimatschützer
spöttisch auch als „Heimatschutzjammerer“13 bezeichnet wurden,
nahm der Verein ab 1926 eine „halbamtliche Stellung“ ein. In einer
Bauordnungsnovelle beschloss der Tiroler Landtag nämlich, dass
die Bezirkshauptmannschaften alle bei ihr einlangenden Bau- und
Umbaupläne nicht nur nach den Richtlinien der geltenden Baugesetze begutachten sollten, sondern dass die Entwürfe zudem von
Vertretern des Heimatschutzverbandes ehrenamtlich im Interesse
der Wahrung der baulichen Eigenart der Tiroler Städte und Dörfer
geprüft werden sollten.14 Zum 25-Jahr-Jubiläum des Heimatschutzverbandes konnte dazu berichtet werden: „Es wurden bisher 1.373
Pläne begutachtet, von denen 387 entweder umgearbeitet oder
ganz neu verfasst wurden.“15 Zu den wichtigen Projekten, deren Aussehen aufgrund dieser Kontrollen verändert wurde, zählt das Achenseekraftwerk in Jenbach. Denn das hauptsächlich mit seiner Planung
betraute Unternehmen Innerebner & Mayer musste nach einer Begutachtung der ersten Gestaltungsvorschläge dem Standpunkt des
Heimatschutzverbandes gehorchen und bei mehreren Architekten
Entwürfe für die Kraftwerksanlage einholen.16 Die Ironie der Geschichte wollte es aber so, dass nicht die Beiträge der anerkannten
Tiroler Architekten Clemens Holzmeister und Lois Welzenbacher
Regulierungsplan für die Altstadt von Innsbruck aus den 1890er-Jahren | Abb. aus
Seberiny, Hans, 25 Jahre Heimatschutzbewegung in Tirol, Tiroler Heimatblätter
Nr. 7/8, Innsbruck 1933
Ein bemerkenswertes Ergebnis dieses Verfahrens ist das Projekt eines unbekannten Verfassers, der den Vorschlag machte, an der Stelle, wo
sich heute der Sitz der Innsbrucker Kommunalbetriebe von Lois Welzenbacher (früher: Hochhaus bzw. EWI, Salurner Straße 11) befindet, ein
Gebäude zu errichten, in dem ebenerdig Geschäfte und im 1. Stock ein Ausstellungszentrum
untergebracht werden sollten. Zudem sollte die
heute als Wilhelm-Greil-Straße bekannte Verkehrsverbindung entlang der Nord-Süd-Achse
dieses Baues verlängert werden,19 wodurch sich
ein logisch wirkender Durchstich zur Heiliggeiststraße ergeben hätte. Es wurde aber keiner
der damals eingereichten Entwürfe umgesetzt.
Der Wert der Grundstücke bei der Triumphpforte war nach dem Ersten Weltkrieg noch einmal
gestiegen, weshalb Clemens Holzmeister 1922 –
möglicherweise ohne offizielle Einladung? – im
Alleingang einen Bebauungsplan vorlegte.20
Erst 1926 erfolgte die Ausschreibung eines zweiten Wettbewerbs „Bebauung Zelgergründe“
bzw. „Verbauung Bismarckplatz“, bei dem er das
Projekt von 1922 wahrscheinlich noch einmal
einreichte.
Das Innsbrucker Stadtarchiv verwahrt eine Reihe von Beiträgen, die zu diesem zweiten Verfahren eingereicht wurden.21 Gemeinsam mit den
99
Praktischer Teil
über die Konkurrenz erschienenen Zeitungsberichten vermitteln sie ein anschauliches Bild
vom Scheitern eines Architekturwettbewerbs
aus politischen Gründen – was letztlich dazu
führte, dass ein großes innerstädtisches Bauvorhaben bis heute unverwirklicht blieb:
Laut Ausschreibung umfasste der Wettbewerb die Planung eines (dreistöckigen) Bürohauses für die EWI, einer Transformatorstation
mit Werkstätten, von Büros für die TIWAG und
einem Stadthotel, das sich in Richtung Triumphpforte erstrecken sollte.22 109 Projekte wurden eingereicht. Der Entwurf von Emil Freymuth (1890–1961) aus München wurde mit dem
1. Preis und der von Otto Droge (1885–1907)
aus Leipzig mit dem 2. Preis ausgezeichnet. Den
3. Preis errang Lois Welzenbacher23, und die Projekte von Clemens Holzmeister24, Walter Norden
(1885–1934) und eines unbekannt gebliebenen
Verfassers mit dem Kennwort „Verkehr“ wurden angekauft.25 Letzteres Projekt ist deshalb
100
erwähnenswert, weil sich sein Autor hauptsächlich mit der städtebaulichen Gestaltung
der Zone auseinandersetzte, neue Straßenzüge
konzipierte und u. a. die Schaffung eines Platzes
bei der Triumphpforte bzw. an diesem Standort die Errichtung einer Markthalle vorschlug.
Schließlich wurde aber von Seiten der EWI entschieden, dass weder die beiden deutschen
Architekten noch der von den EWI präferierte
Norden noch die beiden deutschen Architekten
ihre Projekte umsetzen sollten, sondern dass lediglich Holzmeister und Welzenbacher zu einer
Überarbeitung ihrer Beiträge eingeladen werden sollten. In diesem Zusammenhang wurde
aber auch festgelegt, dass sich die beiden ausschließlich auf die Ausführung des Gebäudes für
die EWI konzentrieren sollten.26 Das Ende dieses
Teils der Geschichte ist bekannt: Lois Welzenbacher realisierte 1926/1927 in Innsbruck für die
EWI das erste Hochhaus, obwohl im Lauf des
Wettbewerbs die „Hochhausfrage“ heiß diskutiert worden war und viele Entscheidungsträger
die Meinung vertreten hätten, dass im Umfeld
des historischen Denkmals Triumphpforte allen
Aspekten der Wirtschaftlichkeit zum Trotz kein
hohes Gebäude entstehen sollte.
In Vergessenheit geraten ist in Zusammenhang
mit dem Ausgang dieses Wettbewerbs jedoch
Lois Welzenbacher | Gebäude der EWI, Salurner Straße 11 | Abb. aus: Harbers, Guido,
Lois Welzenbacher. Arbeiten der Jahre 1919 bis 1931, München 1931
ein Konflikt bei Gehaltsverhandlungen der städtischen Polizei, in
den der Jurist und Schriftsteller Rudolf Brix (1880–1953) verwickelt
war.27 „Dieser überraschende Beschluss hat einen eigenartigen politischen Hintergrund. Bekanntlich bleiben die christlichsozialen Gemeinde- und Stadträte, getreu ihrem Brustton unerschütterlicher
Überzeugung verkündeten Beschluss, so lange allen Beratungen
über Gemeindeangelegenheiten fern, bis ihre Forderungen in der
Angelegenheit des Polizeirates Dr. Brix erfüllt sind. Man kann zu diesem Beschluss stehen wie man will, wenn er konsequent durchgeführt würde, müsste man ihn respektieren. So aber haben sich die
christlichsozialen Herren in ein sehr weitmaschiges Prinzipiennetz
gehüllt [und] seit Wochen den ordnungsgemäßen Weiterlauf der
Stadtgeschäfte“28 sabotiert. In Verbindung mit dem Architekturwettbewerb „Verbauung Zelgergründe“ wurde aber offenbar, dass die Mitglieder der Volkspartei inkonsequent handelten und manchmal doch
zu Abstimmungen erschienen, wenn sie gewisse Parteiinteressen zu
vertreten hatten. Weil es zu solchen Parteiinteressen zählte, den Wettbewerbsbeitrag des mit den Christlichsozialen sympathisierenden Clemens Holzmeister zu unterstützen, erschienen die Christlichsozialen
zu einer entscheidenden Sitzung in Sachen des Wettbewerbs und favorisierten Holzmeisters Projekt in einem solchen Ausmaß, dass man
sich am Schluss nur darauf einigen konnte, kein Siegerprojekt weiter
zu berücksichtigen und ausschließlich Welzenbacher und Holzmeister
zu einer Überarbeitung ihrer Beiträge aufzufordern.29
Die „architektonischen“ Auswirkungen der durch diese Vorgänge hervorgerufenen Entscheidungen sind bis heute offensichtlich. Es mag
mit dem „Hochhaus“ ein Schlüsselwerk von Lois Welzenbacher in Innsbruck realisiert worden sein, dennoch blieb die städtebauliche Situation dieses Ortes bis heute ungelöst und die Bauten, die zwischen dem
ehemaligen EWI und der Triumphpforte verwirklicht wurden, stellen
kein Aushängeschild für die Landeshauptstadt Tirols dar.
Bettina Schlorhaufer
1 Naredi-Rainer, Paul, Lukas Madersbacher (Hg.), Kunst in Tirol, Band 2 „Vom Barock
bis in die Gegenwart“, Kunstgeschichtliche Studien – Innsbruck (neue Folge Bd. 4),
Innsbruck-Bozen-Wien 2007.
2 Riehl, Josef, geb. 31.8.1842 in Bozen, gest. 17.12.1917 in Innsbruck, Bauingenieur; Projektant und Initiator von Wasserkraftanlagen sowie Straßen- und Eisenbahnbauten
in Tirol und Vorarlberg; baute unter anderem die Mittenwaldbahn als erste elektrische Vollbahn Österreichs (1910–1913). 1916 übergab Josef Riehl sein Unternehmen an Karl Innerebner (Mitarbeiter seit 1899) und August Mayer, die der Firma den
Namen Innerebner & Mayer gaben. Vgl.: Attlmayr, Ernst, Tiroler Pioniere der Technik
– 35 Lebensbilder, in: Tiroler Wirtschaftsstudien, Schriftenreihe der Jubiläumsstiftung
der Kammer der gewerblichen Wirtschaft für Tirol, Nr. 23, Innsbruck-München 1968,
S. 68–71. Pfaundler-Spat, Gertrud, Tirol Lexikon. Ein Nachschlagewerk über Menschen
und Orte des Bundeslandes Tirol, 2. Aufl., Innsbruck-Wien-Bozen 2005, S. 479.
3 Pfaundler-Spat, Gertrud, ebd.
4 Bundesbahndirektion Innsbruck (Hg.), 75 Jahre Mittenwaldbahn, Innsbruck 1987, S. 5 ff.
5 Musch & Lun – Bureau für Architektur & Ingenieurbau in Meran, geleitet von Ingenieur
Carl Lun (1853–1925) und dem Architekten Josef Musch (1852–1928), war von ca.
1880 bis ca. 1930 ein in künstlerischer und technologischer Hinsicht dominierendes
Bauunternehmen in Südtirol. Neben seiner Tätigkeit als Unternehmer war Carl Lun
auch in verschiedenen Vereinigungen und in der Politik aktiv – beides Bereiche, in
denen er sich unermüdlich für Aufgaben der Stadtplanung und für die Verwirklichung
von Bauten einsetzte, welche die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Merans und
Südtirols förderten. Musch & Lun waren also nicht nur Bauunternehmer, sondern es
gingen von ihnen – insbesondere von Carl Lun – auch wertvolle Impulse hinsichtlich
der Realisierung visionärer Ideen aus. Für die Entwicklung der Architektur in Nordtirol
genießt das Büro deshalb Bedeutung, weil mehrere namhafte Architekten – darunter
Theodor Prachensky und Franz Baumann – ihre berufliche Laufbahn bei Musch & Lun
begannen. Das in Privatbesitz befindliche Musch & Lun-Archiv wird derzeit im Rahmen
eines mehrjährigen Forschungsvorhabens der Autorin dieses Artikels bearbeitet
(Arbeitstitel:„Musch & Lun. Visionäre und Architekten der Gründerzeit in Südtirol“).
6 Der Begriff „Neo-Chateau“,„Chateau-Style“ bzw. „Chateauesque“ ist vor allem in den
USA und Canada gebräuchlich, vgl.: http://en.wikipedia.org/wiki/Canada%27s_
grand_railway_hotels (15.9.2010).
7 Holzmeister, Clemens, Die Seilbahnstationen der Nordkettenbahn bei Innsbruck von
Architekt F. Baumann, in: Die Bau- und Werkkunst, 5. Jg., 1929, S. 103f. In seinem Beitrag
bezieht sich Holzmeister auf die Architektur des Historismus wie folgt:„Dass in Erfolg
dieser Anregungen [des Heimatschutzes, Anm.] die neuen Bauaufgaben des Landes
unter ängstlicher Beibehaltung überkommener Formen durchgeführt wurden, ist für
die damalige Zeit selbstverständlich. Leider gab es obendrein arge Missverständnisse:
Schulhäuser im Gewande des Bauernhauses und dieses nicht in seiner strengen tirolischen Urform, sondern meist liebenswürdig ‚gelaubsagelt‘, dem einst so beliebten
‚Schweizerhäusl‘ treulos angepasst, und Bierbrauereien und Seilbahnstationen in
Form von Ritterburgen usw.“
8 Köfler, Werner (Hg.), Fulpmes, 1987, S. 145 ff.
9 Seberiny, Hans, 25 Jahre Heimatschutzbewegung in Tirol, Tiroler Heimatblätter,
Nr. 7/8, Innsbruck 1933, S. 244–255.
10Dehio-Handbuch, Die Kunstdenkmäler Österreichs, Tirol, Wien 1980, S. 26.
11Seberiny, Hans, 25 Jahre Heimatschutzbewegung in Tirol, S. 250. Bei dem von Seberiny
veröffentlichten Entwurf handelt es sich um denselben, der 1891 auf einer Neujahrsentschuldigungskarte der Stadt Innsbruck abgebildet war (Stadtarchiv Innsbruck/
ST. A. I.). Wahrscheinlich gab Seberiny das falsche Entstehungsdatum an (1896 statt
1891). Überdies lässt sich anhand von Vergleichsbeispielen, die im ST .A. I. aufbewahrt werden, nachweisen, dass der „bekannteste Architekt für die Planung von
Rathäusern“ seine Entwürfe wohl auf der Basis von in den 1850er- und 1860er Jahren im Bauamt der Stadt Innsbruck gestalteten Umbaupläne für das „Alte Rathaus“ in der Altstadt schuf, vgl. ST .A. I., Pl-170-43 (1855), Pl-170-26 und Pl-170-13
(1867) sowie Pl-170-42 (1865).
12Vgl.: http://www.muenchen.de/Rathaus/dir/stadtarchiv/Pressemitteilungen/157887/buchvorstellung.html (5.8.2010). http://de.wikipedia.org/wiki/
Neues_Rathaus_%28M%C3%BCnchen%29 (5.8.2010). http://de.wikipedia.org/wiki/
Georg_von_Hauberrisser (5.8.2010).
13Seberiny, Hans, 25 Jahre Heimatschutzbewegung in Tirol, S. 245.
14Ebd., S. 246. Alle Tiroler Bezirkshauptmannschaften hielten sich an diese Gesetzesvorlage. Ohne genauere Angaben bildete merkwürdigerweise nur die Bezirkshauptmannschaft Kufstein eine scheinbar geduldete Ausnahme und legte dem Heimatschutzverband keine Baupläne zur Begutachtung vor.
15Ebd., S. 253.
16 Hammer, Heinrich, Ausstellung der Entwürfe für das Gebäude des Achenseekraftwerks in Jenbach, in: Innsbrucker Nachrichten, 24.3.1926, S. 5 f.:„Die rühmlich
bekannte Baufirma Innerebner & May[e]r, die das Achenseekraftwerk im Auftrag der
‚Tiwag‘ ausführt, hatte ursprünglich durch ihren eigenen Baumeister Sporn einen
Entwurf zeichnen lassen. Auch lag ihr ein Projekt von Baudirektor May[e]r vor. Aber
schon bei der Kommissionierung machte der Vertreter des Heimatschutzvereines
den Standpunkt geltend, dass für einen Hochbau von
dieser Bedeutung ein größerer Kreis von Künstlern zu
befragen sei. Und es kann nun der ausführenden Firma
nicht hoch genug angerechnet werden, dass sie diesem
Verlangen bereitwillig entsprach und die heimischen
Architekten Holzmeister, Müller, Paulmichl und Welzenbacher zur Einreichung von Entwürfen aufforderte; sie
hat dann neben den Projekten auch noch zwei weitere,
eines von ihr beschäftigten und eines ihr nahestehenden
Architekten, Mazagg und Kastner, ausgestellt...“
17 Vgl.: ST .A. I., VO 18/1908a (1909) und ST .A. I., Pl-412, 1–5
(1911) und Pl-413 (1912). Der Bebauungsplan von Jakob
Albert entstand in der Folge auf eine Ablöse von Grundstücken durch die Stadt Innsbruck.
18ST .A. I., Pl-411, 1–5 (Kennwort „Achtung! Eisberg“) und ST
.A. I., Pl-414, 1–8 (Kennwort „Nur keine Aufregung“) und
Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck, Nachlass
Theodor Prachensky (Kennwort „Deutsch Tiroler Heim“).
Vgl.: Schlorhaufer, Bettina, Matthias Böckl, Theodor
Prachensky – Architekt und Maler, Innsbruck 2006, S.
13 f. und S. 168 f.: Theodor Prachensky beschreibt in
Zusammenhang mit dem ersten Wettbewerb „Verbauung Zelgergründe“ in seinen Lebenserinnerungen, dass
sein ganz dem süddeutschen Heimatstil verpflichteter
Wettbewerbsbeitrag ausschlaggebend dafür gewesen sei,
dass man ihm eine Anstellung am Stadtbauamt Innsbruck
anbot. Obwohl sein Wettbewerbsbeitrag nur mit einer
„Lobenden Erwähnung“ ausgezeichnet wurde, war sein
Zeichentalent positiv aufgefallen.
19 Pl-414, 1–8 (Kennwort „Nur keine Aufregung“).
20 Die Verbauung der Zelgergründe. Betrachtungen zur
Ausstellung der eingelangten Wettbewerbsentwürfe,
in: Innsbrucker Nachrichten, Nr. 130, 10.6.1926, S. 5 f. Vgl.:
Posch, Wilfried, Clemens Holzmeister. Architekt zwischen
Kunst und Politik, Salzburg-Wien 2010, S. 384.
21 Mit Ausnahme des Wettbewerbsbeitrags von Clemens
Holzmeister sind die Verfasser der folgenden Projekte
unbekannt: ST .A. I., Pl-102/c, Pl-267 (Kennwort:„Salurn“),
Pl-339 (Kennwort „Bergisel“), Pl-340 (Kennwort:„Norge“),
Pl-341 und Pl-480 (Kennwort:„Letzter Ritter“), Pl-342
(Kennwort:„UJU“), Pl-460 (Kennwort:„Spruck“), Pl-461
(Kennwort:„Verkehr“) und Pl-462 (Kennwort:„Veldidena“)
von Clemens Holzmeister.
22 Die Verbauung des Bismarckplatzes, in: Innsbrucker Nachrichten, Nr. 15, 20.1.1926, S. 5.
23 Vgl.: Graphische Sammlung Albertina, Wien, Inv. Nr.: AZ
10020/6 und AZ 10020/7.
24 Vgl.: Graphische Sammlung Albertina, Wien, Inv. Nr.:
CLHA7/2/1 und CLHA7/2/3.
25 Die Verbauung der Zelgergründe, a. a. O., S. 5 f.
26 Der Wettbewerb um die Verbauung des Bismarckplatzes,
in: Innsbrucker Nachrichten, Nr. 141, 23.6.1926, S. 4.
27 Der damals in Innsbruck schwelende Skandal verleitet
dazu, ihn mit den Theaterstücken des über die Grenzen
Tirols hinaus bekannten Dramatikers Rudolf Brix in Verbindung zu bringen, dessen Werke immer wieder für große
Aufregung in der Öffentlichkeit sorgten, ihn in Konflikt
mit der Zensur brachten und ihn schließlich sogar seinen
Posten als Innsbrucker Oberpolizeipräsident kosteten (z.
B.„Das Gnadenbild“,„Der Mönch und die Sünderin“,„Im
Weinberg liegt der Schatz“). Tatsächlich hatte Brix aber
deshalb für Aufsehen gesorgt, weil er in seiner Funktion
als Polizeipräsident und Obmann des Verbandes der
städtischen Angestellten in den Innsbrucker Nachrichten zu einem Vorfall Stellung bezogen hatte, der eine
Abstimmung der Angestellten der Polizei in Gehaltsangelegenheiten betraf. Vgl.: Innsbrucker Nachrichten, Nr. 123,
1.6.1926, S. 9 und Nr. 124, 2.6.1926, S. 5 f. Pfaundler-Spat,
Gertrud, Tirol Lexikon, S. 58. http://orawww.uibk.ac.at/
apex/uprod/f?p=20090202:2:4081079282392598::NO:
:P2_ID,P2_TYP_ID:70 (12.8.2010).
28 Der Wettbewerb um die Verbauung des Bismarckplatzes, S. 4.
29 Ebd.
101
„Hurra, wir leben noch!“
Architekturen der Nachkriegszeit in Südtirol
W
102
as am empfohlenen Arbeitstitel irritiert,
aber zugleich als Denkanstoß dient und
insofern fasziniert, ist die scheinbare Katachrese
zwischen Titel und Untertitel. Stilbruch durch
die Verbindung metaphorischer Wendungen,
die nicht zusammenpassen, contradictio in subjecto. Während sich „Hurra, wir leben noch!” auf
Menschen bezieht, sollte der Artikel einen Beitrag zur Entwicklung der Architektur der Nachkriegszeit in Südtirol liefern.
Um die im letzten halben Jahrhundert gewachsene Architekturlandschaft in Südtirol zu verstehen, sollte man die Geschehnisse beleuchten, welche die Generation jener Protagonisten
prägen, die Architektur hervorgebracht haben:
Architekten, Bauträger, Auftraggeber.
Daher könnte der Titel dieses Beitrags auch „Architekturschaffende in der Nachkriegszeit“ lauten.
„Die Geschichte der Architektur und des gebauten urbanen Umfeldes ist immer zugleich die
Geschichte der herrschenden Klassen ...”. Dieses
Zitat von Architekt und Architekturtheo­
retiker Aldo Rossi soll dazu dienen,
in der Suche nach inhaltlichen und
formalen Ausdrucksformen der
regionalen Architektur zu
möglichen und theoretisch
vertretbaren Interpretationen zu verhelfen.
Die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts ist geprägt
vom geschichtlich bedingten Wechsel der
„herrschenden Klassen”:
Zerfall der k.u.k.-Monarchie und Erster Weltkrieg, dann der Anschluss
Südtirols an Italien, die
Machtübernahme und
die erzwungene Italienisierung durch das faschistische Regime, die Industrialisierung Bozens,
die „neue Stadt” Piacentinis,
die Ansiedlung von Industriearbeitern und von Amtsvertretern der
neuen „italienischen” Provinz Trentino-Südtirol, von neuen italienischen Banken und Versicherungsgesellschaften. Systematische
Unterdrückung lokaler Traditionen, Namensänderungen und Verbot des Gebrauchs der deutschen Sprache kennzeichnen diese Zeit.
Während viele Südtiroler die Optionen von 1939 als eine Rettung
aus der schleichenden Identitätsuntergrabung verstehen, erkennen nur wenige die Absicht der herrschenden Klasse, die Option
als Instrument eines „divide et impera” zu verwenden. Es folgen die
Besetzung der Provinzen Bozen, Trient und Belluno durch die deutschen Truppen, die Bombenangriffe der Alliierten von 1943, bei denen allein in Bozen 548 Gebäude zerstört werden. 1945 ziehen die
alliierten Truppen in Südtirol ein, der Krieg ist aus. Vorbei. „Hurra,
wir leben noch!” Die Südtiroler Volkspartei wird gegründet, 1946
kommt es zum Abkommen Gruber-Degasperi, 1947 tritt der erste
Plan für den Wiederaufbau der Stadt Bozen in Kraft, 1948 finden
die ersten freien Wahlen statt. Hoffnung und Optimismus prägen
diese Zeit, es gibt eine Menge wieder herzustellen, zu restaurieren,
neu zu bauen. So grausam es auch klingen mag, stellt die vorausgehende Zerstörung durch den Krieg eine einmalige Chance für viele
dar. Wer nimmt nun diese Chance wahr? Bis auf wenige Ausnahmen sind es die bereits gefestigten und berühmten Architekturbüros Plattner, Pattis und Pelizzari – von den Kollegen ironisch als die
„3-P-Hegemonie” bezeichnet – und der seit 1936 in Bozen niedergelassene Armando Ronca, die mit den wichtigsten öffentlichen
Bauten und Rekonstruktionen beauftragt werden. 1948 beginnt
der Wiederaufbau des Bozner Doms, des Deutschhauses und des
Franziskanerklosters unter der Leitung von Architekt Erich Pattis.
Die Gemeinde Bozen konzentriert sich auf den Wiederaufbau der
zerstörten Schulgebäude (Goetheschule, Danteschule, Leonardoda-Vinci-Schule) und auf den Neubau weiterer Bildungsstrukturen
(Schule Don Bosco). 1950 entsteht das Hochhaus am Sernesiplatz
von Luis Plattner. 1952 werden der neue Sitz der Bozner Mustermesse in der Romstraße von Guido Pelizzari mit Heiner Rössler,
die neue Tankstelle am Verdiplatz (Plattner – Pelizzari – Gubiani),
das Hotel Alpi in der Südtiroler Straße (Ronca) errichtet. 1953 wird
das Sparkassengebäude am Waltherplatz (Plattner) gebaut, 1954
die Karmelitenkirche in der Col-di-Lana-Straße (Pelizzari), 1955 das
Landhaus (Plattner – Pelizzari). 1956 entstehen das Capitolkino in
der Dr.-Streiter-Gasse (Ronca) und das Augusteokino sowie ein Etagenwohnhaus in der Dantestraße (Ronca) und der Wohnkomplex
in der Sassaristraße (Ronca). Aus dem Jahre 1957 stammt das Etagenwohnhaus Südtiroler Straße-Garibaldistraße (Ronca), 1958 werden der Glockenturm der Christkönigkirche (Pelizzari), das Steuer-
amt in der Kapuzinergasse (Plattner – Pelizzari) und das Haus Ecke
Siegesplatz – Quireiner Straße (Ronca) erbaut.
In derselben Zeit entstehen in Südtirols Städten eine Vielzahl von
neuen Wohnhäusern: von den ausführenden Baufirmen erbaut,
finanziert und an Private veräußert oder vermietet. Die ausführenden Baufirmen werden somit zu Unternehmen. Die Südtiroler Unternehmerfamilien der Staffler, Amonn und Delugan bekommen
neue ernst zu nehmende Konkurrenz. Vito Saccani, einer jener Protagonisten, erzählt, wie er sich nach Kriegsende von Mantua kommend in Bozen niederlässt, weil der Wiederaufbau einen großen
Bedarf an Baufirmen erforderte und auch in Südtirol die private
Bautätigkeit wieder stark aufgenommen wurde. Südtirol war also
ein begehrtes Ziel für tüchtige Baufirmen, welche die Gelegenheit
wahrnahmen, sich in kurzer Zeit zu Unternehmen emporzuarbeiten. Weitere Unternehmer, die ähnlich wie Saccani nach Südtirol
kamen und hier zu den bedeutendsten Protagonisten des Wiederaufbaus wurden, sind die Gebrüder Vanzo, die Unternehmerfamilien Brida, Valenti, Zorzi, Piombo, Ardolino, später Repetto,
Vendruscolo, Tosolini, Palvarini und Calligione. Viele dieser Unternehmen sind heute noch in zweiter Generation aktiv, in einigen
Fällen als Architekten und Ingenieure. Die Gebäudetypologie des
Kondominiums wird, wie in den meisten italienischen Städten,
Ausdruck dieses neuen Unternehmertums und zur kreativen Her­
ausforderung für die Architekten. Die architektonische Qualität
der Bauten jener Zeit ist nicht so sehr der Kontrolle durch die öffentlichen Verwaltungen zu verdanken, sondern viel eher der Sensibilität der Unternehmer. Insbesondere jener Unternehmer, die
ein Gespür für neue Ausdrucksformen der Architektur besaßen
und zugleich imstande waren, über die wirtschaftlichen Maßstäbe der verkaufbaren Raumeinheiten, der „vani”, hinaus zu denken. Zusammenhängende städtebauliche und raumplanerische
Visionen waren nicht vorhanden. Die Baurichtlinien der ersten
Nachkriegszeit beschränkten sich auf wenige Abstandsregeln und
juristische Definitionen. Diese führten zu einem fast unkontrollierbaren Wachstum der Städte und einer drohenden Zersiedlung
des Territoriums. Es musste ein Instrument geschaffen werden, mit
welchem einerseits die Bautätigkeit in den Gemeinden und andererseits gemeindeübergreifende Infrastrukturen nach einer neuen
zusammenhängenden Vision geregelt werden konnten.
Eine neue Generation von Architekten war gerade ausgebildet, die
Generation derer, die zwischen 1920 und 1930 geboren wurden
und im Kontext des Kriegsgeschehens, der totalitären Regime, der
Optionen herangewachsen waren. Einige der Südtiroler Familien
hatten für Deutschland optiert. Deren Sprösslinge kamen zum Teil
in die „Reichsschule für Volksdeutsche“ nach Rufach. Wenige andere Familien, die „Dableiber“, lehnten die Option ab und blieben
in Südtirol. Sie überlebten den Wehrdienst, den Einsatz an der
Front, die Desertion und die Flucht in den Partisanenwiderstand.
Oft wurden Südtiroler Familien sogar von mehreren dieser Schick-
Othmar Barth | Foto: Privatbesitz
Helmut Maurer | Foto: Privatbesitz
103
Roland Veneri (auch Bild auf S. 102) | Fotos: Privatbesitz
„Hurra, wir leben noch!“ Architekturen der Nachkriegszeit in Südtirol | Robert M. Veneri
104
sale getroffen und als der Krieg dann endlich
zu Ende war, zählte nur eins: Man hatte überlebt!
Nach dem Krieg nahmen einige junge Südtiroler die neuen, durch das Abkommen GruberDegasperi und durch den Einsatz der lokalen
Politik geschaffenen Chancen des Studiums an
österreichischen Universitäten wahr, andere
gingen nach Italien. Österreich war nach dem
Krieg in Zonen aufgeteilt. Das von den Russen
kontrollierte Wien schien geografisch und ideologisch zu weit entfernt, die Hochschule im
englisch kontrollierten Graz wurde zum Studienziel der jungen Othmar Barth, Arno Hofer
und Helmut Maurer, während Franz Prey, Gigi
Dalla Bona, Roland Veneri in Venedig studierten. An den unterschiedlichen Architekturschulen orientierte man sich neu nach der
modernen internationalen Architektursprache
von Le Corbusier, Frank Lloyd Wright, Alvar
Aalto, Gropius, Mies van der Rohe. Die Ausdrucksformen des frühen Rationalismus von
Terragni, Libera, Figini, Pollini und der hervorragenden Gio Ponti und Carlo Mollino wurden
zusammen mit der Architektursprache der Diktaturen, deren Vertreter in Italien vorwiegend
Giovanni Muzio und Marcello Piacentini und in
Deutschland Albert Speer waren, ideologisch
abgelehnt. Die Architekturgeschichte wurde
von Bruno Zevi, Nikolaus Pevsner und Sigfried
Giedion neu geschrieben. Franco Albini und
Carlo Scarpa lehrten in Venedig und wurden
die neuen Meister im Umgang mit historischer
Bausubstanz. Ihre neue Architektursprache
brachte einen neuen spannenden Dialog im
historischen Kontext hervor: die Thematik der
Rekonstruktion und der Konfrontation mit den
„Spuren“ des gewachsenen Kontexts und der
Identität des Ortes, dem Genius Loci, wurde
durch die Arbeit von Scarpa und Albini zum
international salonfähigen Architekturthema.
Der Venezianer Gigi Dalla Bona und seine Friulanische Frau Jolanda Zamolo waren die Ersten,
die nach ihrem Studienabschluss in Venedig
nach Bozen kamen und das Baugeschehen
der Nachkriegszeit mit ihren neuen Ideen
und architektonischen Ausdrucksformen bereicherten. Ende der 50er-Jahre planten sie bedeutende Bauten wie das Elektrizitätswerk in
Bischof Joseph Gargitter | Aufn. Christian
Alfons Benedikter in seiner Zeit als Landesrat für Raumordnung und sozialen Wohnbau, 1985 | Foto: Privatarchiv
Laag (1957), das Eckhaus Weintraubengasse - Gerbergasse in Bozen
(1958) und zusammen mit Guido Pelizzari den neuen Sitz der RAI
am Mazziniplatz (1960).
Um den Beruf des Architekten in ihrer Heimat ausüben zu können,
mussten jene jungen Südtiroler, die in Österreich studiert hatten,
ihren Studientitel in Italien anerkennen lassen. Architekt Arno Hofer
erzählt, dass er sein erstes Projekt für die Villa Valier in Seis unter
dem Namen und mit dem Stempel des Kollegen Architekt Sachs
einreichte. Daraufhin zeigte Architekt Luis Plattner den Kollegen
Sachs bei der Architektenkammer an. Auf Rat von Toni Ebner, der
befürchtete, dass die Anerkennung des Studientitels auf dem Amtswege sehr lange dauern könnte, begab sich Arno Hofer zusammen
mit seiner Frau Helga und mit Helmut Maurer nach Rom, um ihre in
Graz erworbenen Studientitel nostrifizieren zu lassen. Othmar Barth
arbeitete zu jener Zeit im Büro des bedeutendsten italienischen
Bauingenieurs, Pier Luigi Nervi, in Rom. An der Architekturfakultät, wo Nervi Hochbau lehrte, mussten die jungen Südtiroler Vorlesungen besuchen und Prüfungen aus folgenden Hauptfächern
ablegen: Urbanistik, Entwerfen, Hochbau, Grünraumgestaltung,
Denkmalpflege und Gesetzgebung. Um sich das Studium zu finan-
zieren, arbeiteten auch sie in den bedeutenden Büros der Hauptstadt. Nach Abschluss des Studiums in Rom kamen sie zurück nach
Südtirol, wo sie endlich beginnen konnten, ihre Ideale umzusetzen.
So trafen Ende der 50er-Jahre, von den verschiedenen Architekturfakultäten Graz, Wien, München, Venedig, Rom und Florenz kommend, die Protagonisten der neuen Generation von Architekten in
Südtirol ein.
Die Auftraggeber der jungen Südtiroler waren einerseits Privatpersonen, meist Kaufleute, die sich Villen bauen ließen, andrerseits
Bauunternehmer, die Wohn- und Geschäftshäuser sowie Kondominien bauten. Die Kirche verfügte über ausreichend finanzielle Mittel, und Bischof Joseph Gargitter besaß die nötige Weltoffenheit,
Willen zur Erneuerung, Feingefühl und politischen Einfluss, um die
neue Generation der Architekten mit der Planung neuer moderner
Strukturen zu beauftragen. Es entstanden Bauwerke für die Seelsorge, die Bildung, die Sanität und die Unterkunft der studierenden Jugend. Architekt Othmar Barth plante zusammen mit Helmut
Maurer Ende der 50er-Jahre die Rückoptantensiedlung in Haslach,
1961 die Cusanus-Akademie in Brixen, Helmut Maurer die Schulungsheime in Nals und das Gamperheim in Mals, Roland Veneri
das Provinzhaus der Barmherzigen Schwestern
in Bozen, das Jesuheim in Girlan, das Gamperheim in Meran. Kleinere Gemeinden folgten
der Pionierarbeit der Kirche und erteilten
diesen Architekten Planungsaufträge für Kindergärten und Schulen, später auch für Gemeinde-, Vereins- und Kulturhäuser. Der wieder aufkommende Tourismus erforderte neue
Hotelbauten und touristische Infrastrukturen.
Franz Prey plante neben Villen bedeutender
Pusterer Industrieller die neuen Krankenhäuser von Sterzing, Innichen, Bruneck und Meran.
Die öffentliche Verwaltung hatte die schwierige Aufgabe, die Autonomie zu festigen und
allmählich einen Gesetzesapparat zu formen,
welcher das Funktionieren und das koordinierte Zusammenwirken der wirtschaftlichen
und kulturellen Faktoren des Landes ermöglichte.
105
„Hurra, wir leben noch!“ Architekturen der Nachkriegszeit in Südtirol | Robert M. Veneri
106
Erarbeitung des Bauleitplanes für Eppan 1963. Helga EhallHofer | Foto: Privatbesitz
Für die Erkundung des Territoriums zur Erstellung der ersten Bauleitpläne für Südtirol wurde ein Helikopter zur Verfügung gestellt, 1963.
Von links nach rechts: Kopilot, Werner Jäger, Helga Ehall-Hofer, Pilot des Hubschraubers, Arno Hofer | Foto: Privatbesitz
Auf Feldforschung 1963
Von links nach rechts: Werner Jäger, Luigi Piccinato, Nino Milia, Arno Hofer. | Foto: Privatbesitz
Alfons Benedikter war ab 1960 Landesrat für
geförderten Wohnbau, Landschaftsschutz,
Raumordnung und Wirtschaftsprogrammierung. Er hatte in Neapel Rechtswissenschaften
studiert und verstand es, mit großer Sensibilität für die örtlichen Notwendigkeiten und
Besonderheiten ein nachhaltiges, übergreifendes raumplanerisches Konzept zu formulieren
und dieses in „seinem“ Raumordnungsgesetz
zu verankern. Dieser Persönlichkeit und der
heute allerdings durch eine Vielzahl von „Justierungen“ verwässerten Raumordnung hat es
Südtirol zu verdanken, dass es nicht so stark der
Zersiedlung zum Opfer gefallen ist wie Nordtirol und andere angrenzende Regionen. Nach
einem halben Jahrhundert profitiert Südtirol
noch von den Vorteilen seiner oft mit Autorität
durchgesetzten und durchgestandenen Vision.
Es mussten also ab Beginn der 60er-Jahre die
Gemeinden mit den spezifischen gesetzlichen
Instrumenten versorgt werden. Anhand dieser
konnten die Bautätigkeit, insbesondere jedoch
Spekulationen seitens der Bauunternehmer, im
Sinne einer zusammenhängenden territorialen
Planung geregelt und kontrolliert werden. Die
Landesverwaltung benötigte dazu dringend Bauleitpläne, die, unter
Berücksichtigung der staatlichen Gesetzgebung auf die topografischen, morphologischen, gesellschaftlichen, kulturellen und auch
wirtschaftlich-produktiven Aspekte der jeweiligen Gemeindegebiete abgestimmt werden mussten. Laut Alfons Benedikter sollte
ein Bauleitplan die Frucht einer strukturierten und dialektischen
Arbeitsweise sein. Er beauftragte anfänglich Professor Luigi Piccinato, der in Neapel, dann in Venedig und schließlich in Rom Urbanistik lehrte, zusammen mit Professor Werner Jäger aus Wien mit der
Ausarbeitung von Bauleitplänen. Damit diese auch auf den spezifischen Kontext abgestimmt werden konnten, wurden junge Südtiroler Architekten beauftragt, zusammen mit diesen Koryphäen zu
arbeiten.
Das Architektenpaar Hofer erzählt, wie es ab Anfang der 60er Jahre
mit der Verfassung von Bauleitplänen für 36 Südtiroler Gemeinden
beauftragt wurde. Die Bürgermeister der Gemeinden kooperierten
selten, weil sie keinen Bauleitplan wollten. Die Arbeit bestand vorerst aus akribischen Aufnahmen der örtlichen Gegebenheiten.
Diese erfolgten teilweise aus der Luft mittels Helikopter und vor Ort.
Sie bestanden aus Gesprächen mit Bürgermeistern und der Bevölkerung, dann aus Zeichenarbeit, Entwürfen von Zielen und Richtlinien, die im Bauleitplan zu berücksichtigen waren. Die Architekten
Helga und Arno Hofer erinnern sich gerne an diese arbeitsintensive,
aber sehr schöne Zeit: „Professor Piccinato war ein Lebenskünstler.
Als Gruppe zusammen mit Professor Jäger und mit Architekt An-
tonio ,Nino‘ Milia harmonierten wir sehr gut. Uns alle verbündete
die Begeisterung für die Schönheit unserer Landschaft und für
die Besonderheit der Bauten und natürlichen Gegebenheiten, die
im Bauleitplan festgehalten werden mussten. Nach einem Tag der
Begehungen am Ritten, an dem sehr viel gescherzt und gelacht
wurde, mussten wir dem Landesrat referieren. Wir vertrauten uns
der Redekunst Piccinatos an und mussten staunen, wie genau er
sich an jeden Hofnamen und an jede topografische Besonderheit
erinnern konnte. Es war ihm nichts entgangen. Er verstand es auch,
die Urbanistik als Projektarbeit zu betrachten und brachte oft Ideen
ein, die wir als Visionen in die Entwicklung der Gemeinden integrierten. Anfang der 60er-Jahre entstand die Idee zur Schnellstraße
Meran–Bozen samt einiger Varianten zu deren Verlauf.“
Das folgende Jahrzehnt ist geprägt von der Festigung der Raumordnung durch die Verfassung der Bauleitpläne und von der Planung wertvoller Bauten durch die neue Architektengeneration. Diese versteht es, sich an zeitgenössischen Tendenzen zu orientieren
und diese mit dem lokalen Kontext dialektisch und ausdrucksvoll
zu verbinden. Es werden Elemente der Moderne, Impulse aus Italien, der Schweiz, aus Skandinavien aufgenommen, ohne sich zu
sehr um die Altlast der Schicksale und um Fragen der Identität kümmern zu müssen. Die Offenheit und die Freiheit im Ausdruck der
Architektur jener Zeit steht für die Freude am Leben.
Robert M. Veneri
107
Praktischer Teil
Ekkehard Hörmann: Aufstockung Handelsakademie Innsbruck | Foto: Edith Schlocker
Traditionszertrümmerer aus Überzeugung
Neue Architektur im Tirol der Nachkriegszeit
108
D
ie prägenden Architektenpersönlichkeiten
in Tirol zwischen den beiden Weltkriegen
waren – wenn auch unter total konträren Vorzeichen – Clemens Holzmeister und Lois Welzenbacher. Und sie blieben es auch noch in der
Aufbruchszeit nach 1945, als es nicht nur ganz
pragmatisch um den Wiederaufbau zerstörter
Bausubstanz, sondern auch um das Finden einer
neuen Identität ging.
Der Grund des Einflusses von Holzmeister und
Welzenbacher ist nicht zuletzt damit zu erklären,
dass diese beiden wichtigsten Vertreter der „Tiroler Moderne“ nach dem Zweiten Weltkrieg an der
Wiener Akademie der bildenden Künste lehrten
und auf diese Weise die zentralen Bezugspersonen der meisten Tiroler Architekten der ersten
Nachkriegsgeneration wurden, in Tirol selbst
aber kaum mit adäquaten Bauaufgaben betraut
wurden. Im Fall von Welzenbacher ganz im Gegenteil: Obwohl er der
einzige Österreicher war, der 1932 bei der international beschickten
Ausstellung „The International Style: Architecture since 1922“ im New
Yorker Museum of Modern Art mit dabei ist, werden seine Bauten in
Tirol Schritt für Schritt vernichtet oder – wie sein Verwaltungsgebäude
der Innsbrucker Stadtwerke – mit einem lächerlichen „Hut“ verschandelt, was Welzenbacher resignieren ließ, mit der fatalen Konsequenz,
dass seine nach 1945 entstandenen Arbeiten qualitativ nicht mehr an
die früheren anknüpfen können. Sie sind für Friedrich Achleitner Ausdruck einer „Trauerarbeit über verlorene Werte“, wofür sein 1945 gebautes Turmhaus in Absam das beste Beispiel ist. Clemens Holzmeister
baute dagegen nach dem Krieg eine Reihe romantisierender Kirchen – um hier zu teilweise raffinierten Raumlösungen zu finden – und
bodenständige, mit den traditionellen Versatzstücken bäuerlicher Architektur spielende Hotels. Was Holzmeister auf meist hohem Niveau
gelang, sollten Generationen schlechter Architekten und Baumeister
in den folgenden Jahrzehnten zum Klischeebild des touristischen, alle
Maßstäblichkeit sprengenden „Tiroler Hauses“ pervertieren.
Doch von dieser Art von Nicht-Architektur soll hier nicht die Rede
sein, war Tirol doch immer ein guter Boden für Baukünstler, denen
es um mehr ging als um die Kreation mehr oder weniger funktionaler Hüllen. Wobei es – im Gegensatz zu heute – diese Verfechter
eines ambitioniert gegenwartsbezogenen Bauens in den ersten
Nachkriegsjahren nicht leicht hatten, oft als Landschaftsverschandler und Traditionszertrümmerer gebrandmarkt wurden. Orteten die
Mächtigen im Land doch in ihren frischen Ideen eine Bedrohung althergebrachter ideeller Werte, die Wirtschafter sahen die Prosperität
der langsam wieder aufkommenden Tourismusindustrie bedroht. In
der lange nicht ausrottbaren Meinung, dass der Tirolbesucher allein
das längst obsolet gewordene Tirol-Klischee sucht, das, wenn schon
nicht im Original vorhanden, als Abziehbild und mit allem Komfort
ausgestattet, reproduziert gehört.
Um gegen diese mächtige konservative Lobby anzukämpfen, bedurfte es starker Einzelkämpfer. Einer der markantesten und unverbiegbarsten unter ihnen war unzweifelhaft Josef Lackner, der – obwohl selbst Holzmeister-Schüler –, etwa mit seiner in den späten
Fünfzigerjahren erbauten Kirche in Neu-Arzl, sämtliche Traditionen
des Kirchenbaus radikal ad absurdum führte. Dabei handelt es sich
um den ersten sakralen Neubau nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich, in dem ein völlig neues Raumkonzept zum Tragen kommt.
Der Grundriss ist quadratisch, der für die Gläubigen vorgesehene Bereich inselartig ausgebildet, umgeben von einer Art von Graben für
die Kreuzwegstationen. Betreten wird diese „Insel“ über eine Brücke,
von der aus der Blick nach außen freigegeben ist. Setzt man sich dagegen, stülpt sich eine intime, die Außenwelt abschottende „Raumschachtel“ über den Kirchenbesucher.
Bei den folgenden Kirchen in Völs (1965–67), St. Norbert in Innsbruck
(1969–72) sowie der Kapelle des Innsbrucker Canisianums (1970) kreierte Lackner weitere unkonventionelle Spielarten liturgischer Räume. Beim Canisianum raffiniert zelebriert als Raum im Raum, als zweite, von Licht dominierte Hülle über einem quadratischen Grundriss.
Reizvoll im Gegensatz zu seinen minimalistischen Raumfindungen
stehen die manieristisch pointierten von Horst Parson, etwa in der
Kirche Neu-Rum oder jener internationale Einflüsse reflektierenden
Norbert Heltschls von Landeck-Bruggen (1958–63).
Lackner suchte aber auch im Schulbau völlig neue Wege. Sein in den
frühen Siebzigerjahren in Innsbruck gebautes Gymnasium der Ursulinen zeigt eine in ihrer räumlichen Großzügigkeit österreichweit
einzigartige Konzeption. Ihr städtebauliches Prinzip beruht auf der
axialen Zuordnung an sich frei stehender Objekte, wodurch sich in
der Mitte ein geschlossener Freiraum ergibt. Die eigentliche Schule besteht aus einer zweigeschossigen Halle mit zentralem Turnsaal,
Schwimmbad, Garderoben, Bibliothek, Konferenzräumen und einem
weitläufigen Pausenbereich. Darüber liegt das durch breite Flure erschlossene, allein von oben belichtete Klassengeschoss.
Etwa gleichzeitig ist in Innsbruck auch ein anderer Schulbau entstanden, der auf völlig andere Weise beispielhaft ist. Bei der Aufstockung
der Handelsakademie (1971) hat Ekkehard Hörmann bewiesen, dass ein Zubau nicht unbedingt mit der Vernichtung wertvoller alter Bausubstanz einhergehen muss, sondern durchaus
ein reizvoller Dialog zwischen Alt und Neu – innen wie außen – entstehen kann. Hat Hörmann
hier doch nicht – wie üblich – das Dachgeschoss
des bestehenden Gebäudes abgeräumt, das in
diesem Fall des 1904/05 im Stil der sogenannten „Tiroler Gotik“ erbauten Hauses besonders
ausgeprägt ist. Er setzte vielmehr in die Täler
der bestehenden Giebellandschaft seine völlig
schnörkellose, klar gerasterte, sich in keinster
Weise anbiedernde Architektur von heute.
Maßstäbe im Schulbau gesetzt hat auch Othmar Barth mit seinem Bau des Skigymnasiums
in Stams (1974–80). Direkt neben dem barocken
Stift gelegen, entschied sich der an der Innsbrucker Baufakultät lehrende Südtiroler für eine
harte Konfrontation von Alt und Neu. Die baukünstlerische Qualität war das einzige für ihn
geltende Kriterium genauso wie die städtebauliche Situierung, um auf diese Weise in der Fernwirkung eine großartige Einheit des gesamten
Schul-Kloster-Komplexes zu suggerieren. Barths
Bau entwickelt sich aus einem extrem langgezogenen Sockelgeschoss heraus, auf dem das
Dachgeschoss zu schweben scheint. Als Kontrapunkt zum mächtigen Bauvolumen des Stifts
hat Barth am westlichen Ende des Neubaus einen Bautrakt quer in die hier abschüssige Landschaft gestellt, wodurch das Gebäude reizvoll
an Volumen gewinnt, durch seine runden Fenster daliegt wie ein im Tiroler Oberland gestrandeter Dampfer.
Einen konzeptionellen Ansatz im Schulbau
versucht nach dem Zweiten Weltkrieg auch
Norbert Heltschl beim Schulzentrum Imst
(1962–64) bzw. in Vils (1966–72). Als „einen Beitrag zur Ästhetisierung des Raumes im pädagogischen Kontext“ sieht Friedrich Achleitner die
von Günther Norer geplante Volksschule Vomp
(1972–75). Ein Musterbeispiel guter heutiger Architektur ist auch die von Heinz-Mathoi-Streli
1976 begonnene Fremdenverkehrsschule von
Zell am Ziller. Dass die Schüler sich an ihr ein
Vorbild nehmen könnten für die von ihnen später gebauten Hotels und Pensionen, blieb leider
ein frommer Wunsch.
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Traditionszertrümmerer aus Überzeugung. Neue Architektur im Tirol der Nachkriegszeit | Edith Schlocker
von oben links beginnend
Haus der Bernhard in Lienz, geplant von Karl Heinz
Foto: Karl Heinz
Passionsspielhaus Erl von Robert Schuller
Foto: Edith Schlocker
Welzenbacher-Haus Absam | Foto: Edith Schlocker
110
Skigymnasium Stams von Othmar Barth
Foto: Edith Schlocker
Innsbrucker Markthalle, gebaut von Willi Stigler
Foto: Edith Schlocker
Ein Architekt, der, nicht zuletzt wegen seiner guten Kontakte zu den
damals Mächtigen im Land, das Stadtbild von Innsbruck, aber auch
das Gesicht von Seefeld wesentlich geprägt hat, war Hubert Prachensky. Im Bauboom der Fünfzigerjahre gewinnt er Wettbewerb
um Wettbewerb, baut und baut er so manches, das heute als schlimme Bausünde gilt. Von Einfamilien- oder Hochhäusern über die Innsbrucker Chirurgie, die Technische Universität und Kopfklinik bis zum
Kongresshaus und der Europakapelle an der Brennerautobahn. Ganz
Holzmeister-Schüler kultivierte Prachensky in Seefeld in zahlreichen
Tourismusarchitekturen auf vergleichsweise hohem Niveau den
sprichwörtlichen Tiroler Stil inklusive obligatem Holzbalkon und Satteldach, während er im örtlichen Sport- und Kulturzentrum (1973–75)
ganz bewusst alles Rustikale vermied, um mittels eines erweiterten
Material- und Formenkanons eine für die damalige Zeit aufregende
Eventarchitektur zu erschaffen.
In den späten Fünfzigerjahren ist mit Robert Schullers Passionsspielhaus Erl eine noch heute gültige, weithin sichtbar zeichenhaft in die
Landschaft gesetzte Architektur entstanden, die eine der ganz wenigen – unübersehbar von Le Corbusier inspirierten – Kulturbauten
ist, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Tirol entstanden sind. Hierher gehört auch das ORF-Landesstudio am Innsbrucker Rennweg
(1968–72). Der funktionalistische, seine Funktion reizvoll nach außen
spiegelnde Bau wurde vom Wiener Architekten Gustav Peichl als für
den Ort variierte Variante seines für den ORF kreierten Prototyps
konzipiert. Als durchaus widerständiger Kulturbau ist auch Josef
Lackners 1964 gebautes Kennedy-Haus in der Innsbrucker Sillgasse
anzusehen. Angelegt als formal spröde, robuste Hülle aus Beton, die
den jugendlichen Nutzern ein Höchstmaß an Freiheit ließ, gilt dieses
in der Zwischenzeit leider zerstörte und durch eine Allerweltsarchitektur ersetzte Haus noch immer als Musterbeispiel „pädagogischer
Architektur“. Durchaus beachtlich ist aber auch Robert Schullers
stringente – bei einem späteren Umbau leider weitgehend zerstörte
– bauliche Revitalisierung des alten maximilianischen Zeughauses
in Innsbruck bzw. der sensible Umbau der Haller Burg Hasegg durch
das Atelier M9.
Die Chance, die zahlreichen Bombenschäden besonders in Innsbruck
durch beispielhafte architektonische Lösungen zu schließen, wurde
leider versäumt. Entstanden sind dagegen innerstädtisch meist gesichtslos anpässlerische Bauten und – noch wesentlich schlimmer – klotzige
Betonmonster wie das neben die Innsbrucker Triumphpforte hingeklotzte ehemalige Holiday Inn. Aus der Flut des an den Stadträndern
entstehenden Allerwelts-Massenwohnbaus ragen in den Fünfzigerund Sechzigerjahren nur einige kleinere Wohnanlagen heraus, etwa
die von Stigler & Stigler in der Innsbrucker Holzgasse errichtete, Ekkehard Hörmanns „Bergkristall“ in Igls oder Dieter Tuschers und Gerhard Planks Wohnbau in der Lanserstraße in Igls.
Der beste Seismograf baukünstlerischer Entwicklung ist allerdings
seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Einfamilienhaus.
Auch in Tirol. In ihm zeigt sich am frühesten der Wandel des kultu-
rellen Klimas, werden Tendenzen und Moden
sichtbar. In diesen relativ kleinen Bauaufgaben
spiegeln sich vielleicht auch am klarsten die individuellen Handschriften ihrer Erfinder, wie die
zahllosen im ganzen Land anzutreffenden Beispiele beweisen. Etwa die originellen „Sputniks“
von Josef Lackner, die eleganten Villen von Günther Norer, die Wohnskulpturen von Horst Parson, die landschaftsbezogenen Häuser von Karl
Heinz, Hanno Schlögl und Dieter Mathoi oder
die auf einen ersten Blick ganz schlichten, bis ins
Detail durchdachten Häuser von Norbert Fritz,
um nur einige zu nennen.
Das Problem der touristischen Architekturen im
Nachkriegstirol wurde bereits angesprochen.
Ein Problem, das auch auf die Gestaltung von
Gaststätten, Bars und Cafés übergeschwappt
ist. So verwundert es nicht, dass die Rolle eines
Verscheuchers des abgestandenen Miefs alpiner
Selbstdarstellung wieder einmal Josef Lackner
zukommt, etwa durch seine originelle Gestaltung der – inzwischen umgebauten – Orangerie
in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße. Das
gleiche Ziel verfolgte auch Ekkehard Hörmann
bei seinem Neubau des Cafés Panorama in Fulpmes (1971–72) bzw. das Atelier Mühlau beim
Bergrestaurant Koppeneck in Mieders. Ähnlich
den gastronomisch genutzten Lokale haben es
auch Geschäftslokale in sich, sich in relativ kurzer
Zeit abzunützen. Und so sind von den wenigen
guten in der Nachkriegszeit entstandenen Architekturen dieser Art nur mehr wenige erhalten,
etwa das ehemalige Möbelhaus Held, das Josef
Lackner Anfang der Sechzigerjahre mit einem für
die damalige Zeit völlig neuen offenen Raumkonzept unter die Viaduktbögen in Innsbruck
eingenistet hat. Leider durch einen späteren Zubau in seiner konstruktivistischen Stringenz verwässert wurde die von Willi Stigler in den späten
Fünfzigerjahren gebaute Innsbrucker Markthalle.
Edith Schlocker
111
Praktischer Teil
Gasthof Stern in Ötz | Foto: Ötztal Tourismus, Howdy
Wand-lungen
112
„Farbenpracht blendet das Auge“, die Worte,
die der chinesische Philosoph Laotse einige
Jahrhunderte vor Christi Geburt geäußert haben soll, finden noch immer ihre Gültigkeit.
Auch die Architektur hat heute, nach Jahrzehnten des rohen Betons und der weiß verputzten Wände, die Farbe wieder entdeckt.
Nicht nur im Gebäudeinneren, sondern vor
allem auch an den Fassaden. Das Gesicht eines
Wohnhauses (lat. facies) erzählt einiges vom
Bewohner, von dessen Stil, Reichtum und Reputation; ist es bemalt, gibt es zusätzlich Zeugnis
von Konfession, Eigenheiten oder Liebhabereien und bekundet nicht zuletzt Kommunikationswillen. Wohnen gehört zur alltäglichen
Selbstdarstellung, die Fassade spielt dabei eine
primäre Rolle.
Mittelalterliches „Affenwerk“
Die Fassade mit Bildern zu schmücken, damit beginnt man nicht etwa
erst im 18. Jh. mit den sogenannten „Lüftlmalereien“. An sakralen
Gebäuden lassen sie sich schon im Mittelalter beobachten, nicht viel
später auch an Profanbauten. Bereits in der ersten Hälfte des 14. Jh.
beklagt der Mönch Johannes Tauler den Dekorationswillen mancher
Städter und spricht von „allerley Affenwerk und Leichtfertigkeit“, mit
denen reiche Kölner Bürger ihre Häuser verschönten. Über Jahrhunderte bildete die Fassadenmalerei ein maßgebliches Gestaltungselement von Schlössern, Ansitzen, Bürger- und Bauernhäusern.
In der Neuzeit erlebte die Fassadenmalerei eine Blüte. Die Bürger
genossen zunehmenden Reichtum, zogen in die sich ausbreitenden
Städte und errichteten sich Wohnhäuser. Die Rathäuser wurden prächtiger, vermehrter Handel und verstärkte Reisetätigkeit machten größere Gasthäuser erforderlich. Die Impulse für die nunmehrigen Fassadenmalereien kamen aus Oberitalien und gelangten u.a. nach Tirol und in
den bayerischen Raum.
Frühe Fassadenmalereien in Tirol
Als frühes Beispiel der Bemalung eines Gasthauses gilt der Goldene
Adler in Innsbruck, dessen Bemalung um ca. 1540 entstand. Die Fenster des Gebäudes sind von üppigem Rankenwerk umgeben, zusätzlich wird die Fassade von einem umlaufenden Balkon nebst Fenster
in Illusionsmalerei geziert. Diese kannte man schon in Pompeji, in der
Renaissance erlebte sie ihre Wiederentdeckung.
Wunderbare Fassadenmalereien sind im Tiroler Oberland zu beobachten. Als eines der prächtigsten Beispiele gilt zweifellos der Gasthof Stern in Ötz. Die erste Bemalung des Gebäudes fand 1573 statt
und wurde vom Gerichtsanwalt Christian Rott in Auftrag gegeben.
Die Jahreszahl 1615 lässt darauf schließen, dass später weitere Malereien folgten. Der Schwerpunkt liegt hier auf den Fensterumrahmungen und der Verzierung der Erker. Zwischen den Fenstern tummeln sich, teils gerahmt, teils auf freier Fläche, verschiedene biblische
Gestalten: Adam und Eva, David und Goliath und ein bäuerlich gekleideter Christophorus. Weiter westlich, in Ladis im Oberinntal, wieder ein Juwel der Fassadenmalerei: das Gasthaus zur Rose, es wurde
1590 mit Malereien ausgestattet. Auch hier sind opulente Fensterumrahmungen und dazwischen einzelne Fresken, gerahmt oder auf freier Fläche, zu erkennen. Aus der Zeit um 1626 stammt die Bemalung
eines der schönsten, künstlerisch bedeutendsten Profandenkmäler
des Landes, des Stockerhauses in Ladis. Über dem Portal ein zweigeschossiger, bis in den Giebel reichender Erker. Dieser weist, wie die
gesamte Fassade, prächtige Bemalungen auf. Dabei sind die Motive
unterschiedlichster Natur: Wappenschilde, Kreuzigung Christi, Einzelfiguren von Heiligen, Motive aus dem Alten Testament, daneben
profane Szenen wie etwa die Darstellung zweier Landstreicher, etc.
Vor allem Gasthöfe und Wohnhäuser wohlhabender Bürger und
Amtsträger erhielten kostbare Schauseiten, wie etwa das Richter-
Goldener Adler in Innsbruck | Foto: Franco Coccagna
haus oder Platzhaus in Wenns im Pitztal, in dem
der Bürgermeister gleichzeitig als Richter fungierte. Dieser ließ sich 1576 sein Haus zu einem
repräsentativen Renaissancegebäude umbauen
und im Zuge dessen erhielt die Fassade ihre
prächtige Ausstattung – mit bildlichen Hinweisen auf Amt und Tätigkeit des Hausbesitzers.
Das Gestaltungsschema ist ein ähnliches wie
in Ötz und Ladis: zwischen opulenten Fensterumrahmungen immer wieder Einzelbilder,
biblische Szenen, solche aus dem Alltag der
Rechtsprechung, Sagengestalten und zahlreiche Wappen.
In Kauns finden sich noch zwei alte, wunderschön bemalte Bauernhäuser, die zur Burg
Berneck gehörten – die sogenannten Schlosshäuser. Die Gebäude aus dem 17. Jh. weisen eine
reiche Fassadengestaltung auf. Man erfährt aus
dem Leben Kaiser Maximilians I., der das nahe
gelegene Schloss Berneck Ende des 15. Jh. erwarb, entdeckt Lebensbäume, religiöse und
profane Szenen. Auf einem der beiden Häuser
etwa rückt der in die Ortsgeschichte eingegangene „Wiesenjaggl“, ein Wilderer, der zu Zeiten
Maximilians sein Unwesen trieb, einer Gams zuleibe.
Die Malereien der genannten Häuser weisen
kein durchgängiges einheitliches Programm
auf, vielmehr stehen die Szenen für sich, Darstel-
Gasthof Rose in Ladis | Foto: Dorfbuch Ladis, Gemeinde
Ladis (Robert Klien)
113
Wand-lungen | Ulla Fürlinger
sind auch die heute teilweise belächelten, als „Heimatkitsch“ bezeichneten Fassadenmalereien zu verstehen, wie sie in den 50er-,
60er- und 70er-Jahren dieses Jh. beliebt waren. Geradezu unglaublich wie sich Motive, aber auch Themen und Darstellung über die
Jahrhunderte erhalten haben.
The roaring sixties ...
Die Architektur der Sechzigerjahre fand zu unverwechselbaren Ausdrucksformen, sie berichtete über die Epoche, den damals satten
Wohlstand und beträchtlichen Bevölkerungszuwachs, in ihr manifestierte sich der unerschütterliche Glauben an den Fortschritt und
die strahlende Zuversicht, mit der man die Welt und die Zukunft
sah. Immerhin ging bis 1973, dem Jahr der ersten Ölkrise, alles steil
bergauf. Der Wohnungsbau erreichte Rekordhöhen, in den Städten
wurde „häuserzeilenweise“ alte Bausubstanz kurzerhand eliminiert.
Zum eindeutig beliebtesten Baumaterial der 60er wurde der Beton.
In den „grauen Mausoleen“, so der deutsche Farbpsychologe Heinrich Frieling, triumphierte die Farbe des Betons, „weil man ihn anbetete, als ob er eine Offenbarung Gottes wäre“. Spielten die 50er-Jahre
u. a. noch mit auf schlanken Pfeilern aufsitzenden Gebäuden, über
die sich bunte Mosaike rankten, weichen diese Formen in den 60ern
einer massigen Gedrungenheit.
Köpfle Haus in Höfen| Foto: Naturparkregion Höfen, Gemeindeamt Höfen
114
lungen des Alten Testaments werden solchen
aus dem Neuen gegenübergestellt, es werden
Gleichnisse erzählt oder man drückte sich über
Symbolik aus. Meist gibt es Hinweise auf den
Hausbesitzer und dessen Leben, z.B. im Fall des
Platzhauses in Wenns, oder auf das Gewerbe,
das im Haus ausgeübt wurde, wie etwa ein festgebundenes Pferd als Zeichen für ein Gasthaus
oder Handwerkzeug. Es überwiegen religiöse
Darstellungen.
Lüftlmalerei
Eine Sonderform der Fassadenmalerei stellt die
sogenannte Lüftlmalerei dar. Der Name leitet
sich vom Hausnamen „Zum Lüftl“ des Fassadenmalers Franz Seraph Zwinck (1748–92) aus
Oberammergau ab. Nicht nur dessen Werke,
sondern generell wurde es Usus, Fassadenmalereien mit der Bezeichnung Lüftlmalerei zu
versehen. In Tirol wird das Außerfern mit Reutte,
Elbigenalp, Hägerau und Holzgau das Zentrum
dieser Dekorationsform. In und um Reutte entfaltete sich die Familie der Zeiller, im Lechtal
waren es Josef Degenhart und Josef Anton Köpfle. Die Außerferner
Lüftlmalereien sind gerne pastellfarben, hellgrün oder zartrosa, weisen massive Fensterumrahmungen auf und die Figuren treten aus
gebauschten Wolkenpolstern hervor. Ein Hauptwerk der Außerferner Lüftlmalerei findet man in Höfen bei Reutte. Dort hat der Maler
Köpfle im Jahr 1816 Hand an sein eigenes Haus gelegt und schuf u.a.
eine opulente, sich in die Tiefe erstreckende Palastarchitektur, die
sich über die gesamte Längsseite des Hauses erstreckt – heute leider
nur mehr recht blass zu erkennen.
Fast zur gleichen Zeit, im Jahr 1813, liest sich im Buch „Über Deutschland“ der französischen Schriftstellerin Madame de Stael Folgendes:
„In mehreren Städten sind die Häuser außen mit verschiedenfarbigem Anstrich gemalt; man sieht da die Figuren von Heiligen, Ornamente aller Art, die zwar nicht sehr geschmackvoll sind, aber sie
bringen Abwechslung in das Äußere der Wohnungen und scheinen
den wohlgesinnten Wunsch zu bekunden, den Mitbürgern und den
Fremden zu gefallen.“ Es ließe sich anfügen: und den Wohlstand des
jeweiligen Auftraggebers resp. Hausbewohners zu demonstrieren.
Illusionsmalereien, frei auf die Fläche gestellte Figuren und gerahmte
Bilder, oder rein ornamentale Lösungen – alle Richtungen lassen sich
auf den Fassaden wiederfinden. Bis in die heutige Zeit. Vor allem gemalte Fensterumrahmungen erfreuen sich, nicht nur an Bauernhäusern, großer Beliebtheit. Vor dem Hintergrund des oben genannten
Farbe bekennen
Um die nüchternen, bisweilen trostlosen Fassaden der Wohnhäuser
etwas zu beleben, sie zu „behübschen“ und ihnen etwas Heimeliges
zu verleihen, ging man in den 60er-Jahren daran, in den Farbtopf
Bauernidylle in der Leutasch/Puit| Foto: Barbara Plötz
zu greifen. In einigen deutschen Städten entbrannte
damals sogar ein regelrechter
Kampf gegen das nüchterne
Grau des Betons. In Tirol bemühte man das farbenfrohe
Kalender-Idyll, das in Gestalt
von alpinen oder traditionellen
Motiven auf die weiß verputzte Hauswand gepinselt wurde. Zahlreiche Einfamilienhäuser aus den 60er-Jahren weisen noch heute
Jagdszenen, Heiligengestalten, Sonnenuntergänge über grünen Baumwipfeln oder Familienwappen auf. Wie die Wandmalereien der
Vergangenheit nehmen sie Bezug auf die Hausbewohner und geben Hinweise auf Herkunft
(Wappen oder Inschriften), Neigungen und Gewohnheiten (Jagd- und Naturszenen) und religiöse Einstellung (Heiligengestalten).
Das beliebte Heimatidyll der Nachkriegszeit war
und ist resistent, es lebt bis in die heutige Zeit.
Was macht es auf der Hauswand, wo man doch
in Tirol davon umgeben ist und man es vor der
Türe hat? Ist es ein leiser aber sichtbarer Protest
gegen die schneller und „größer“ werdende
Welt? Ein Mahnmal? Vielleicht deutlicher Ausdruck einer patriotischen Gesinnung? Demonstrativ gezeigter Stolz auf die alpine Gegend?
Oder Angst vor dem gefühlten Verlust eben
dieses Idylls? Ist es Verstärker des echten Idylls? Oder legt man sich eine Malerei zu, weil der
Nachbar auch eine an der Fassade hat und man
am eigenen Haus eine fensterlose Wand, die
nach „Dekor“ verlangt, zur Verfügung hat?
Ein gemaltes Wappen an der Hauswand anzubringen, zeugt von Familienstolz und -sinn. Daran hat sich über Jahrhunderte nichts geändert,
auch heute ist dies keine Seltenheit. Meist sind
sie straßenseitig und somit für alle gut ersichtlich angebracht.
Schöne Beispiele für Jagd- und bäuerliche Alltagsszenen auf Fassaden sieht man etwa in
Scharnitz und in der Leutasch. Der dortige Bezug zur Jagd zeigt sich nahezu auf jeder zweiten Hausfassade. Ein ausgeprägter Jagdtrieb
führte bereits Kaiser Maximilian I. oftmals in die
Leutasch, auch zahlreiche andere bedeutende
Jagdherren und -pächter durchforsteten die
Wälder der Gegend z.B. Herzog von Altenburg,
115
Öffentliche Bauten
zwischen monströs und
minimalistisch
In Südtirol ist in den letzten Jahrzehnten so viel gebaut worden wie nie
zuvor. Die Autonomie hat dem Land einen enormen Aufschwung gebracht und der dadurch entstandene Wohlstand hat auch im Bauwesen beredten Ausdruck gefunden. Es ist viel, sehr viel gebaut worden.
Aber wie sieht es mit der architektonischen Qualität des Gebauten aus?
116
Maximilian in der Martinswand | Foto: Franco Coccagna
Idyll im Unterland | Foto: Barbara Plötz
Fürst Fürstenberg und nicht zu vergessen Ludwig
Ganghofer. Vor allem dieser war es, der mit seinen Romanen die Leutasch und das Gaistal weithin bekannt machte. Ebenfalls in der Leutasch
findet sich ein besonders schönes bäuerliches
Idyll. Vor steiler Bergwand stellen sich Bauern
dem Betrachter dar, mit Attributen weisen sie auf
ihre Tätigkeit hin (Kuh, Schafe, Baumstamm, Axt),
führen diese aber nicht aus, lediglich der Harmonikaspieler agiert tatsächlich.
Ein kleines Arkadien mit flötespielendem Jungen findet man auf einer ovalen Fläche an einer Hauswand im Unterland. Der musizierende
Bub in Tracht sitzt inmitten grüner Landschaft,
die sich hinter ihm öffnet und den Blick auf eine
Gebirgskette lenkt. Begleitet wird das Bild von
einigen abgewandelten Zeilen aus dem Gedicht
„Hab Sonne im Herzen ...“.
Auch die Gestalt des in Tirol allgegenwärtigen
Kaisers Maximilian trifft man auf Fassaden der
60er/70er-Jahre an. Die Darstellungen nehmen
fast immer Bezug auf dessen Jagdleidenschaft,
damit lassen sich das vom Hausbesitzer empfundene Wohlgefallen an der landschaftlichen
Schönheit und der Stolz auf Tradition und Tiroler Geschichte formvollendet vereinen und glei-
chermaßen demonstrieren. Das in die Fassade vertiefte rechteckige
Bild zeigt den Kaiser in der Martinswand, wo er sich, der Legende
nach, verirrt haben soll. Ein Bauernjunge rettete ihn aus dieser misslichen Lage.
Darstellungen von Heiligen, Madonnen oder Engeln sind damals wie
heute anzutreffen. Oftmals sind es Schutzheilige (wie etwa die Heiligen Christophorus, Florian oder Urban, Schutzpatron der Winzer)
oder die in Tirol so beliebte Madonna mit Kind, die als rundes oder
ovales Medaillon, nicht immer nur gemalt, sondern auch in Stuck
oder als Mosaik, zahllose Tiroler Häuser ziert. Die Bewohner dieserart geschmückten Gebäude stellen sich unter den schützenden
Mantel Mariens. Der weltberühmte Lukas Cranach hat 1514 das Vorbild (heute im Innsbrucker Dom) all dieser
Madonnenbilder geschaffen, die in
zahllosen Abwandlungen und
Varianten landauf, landab zu
finden sind.
Ulla Fürlinger
Die Architektur der öffentlichen Bauten in Südtirol heute
Im öffentlichen Bausektor erlebt die Architektur in Südtirol zurzeit
zweifellos eine Blüte. Landauf, landab sind in den letzten Jahren öffentliche Bauten entstanden, die aus architektonischer Sicht auch
außerhalb unserer Landesgrenzen Anerkennung finden. Gar einige dieser Bauten gewannen nationale oder internationale Preise,
wie den Südtiroler Architekturpreis, den Architekturpreis der Stadt
Oderzo oder den prestigeträchtigen „Dedalo Minosse“-Preis. Zudem
wurden diese Bauten in international anerkannten Fachzeitschriften
veröffentlicht, etwa in der Architekturzeitschrift „Domus“ oder im
Callwey-Verlag. Das zeigt, dass unsere öffentlichen Bauten wegen
ihres architektonischen Niveaus Beachtung finden.
Unter den ausgezeichneten oder publizierten Bauten befinden sich viele
Landesbauten. Dies kommt nicht von ungefähr. Die Landesverwaltung
bemüht sich seit Jahren ganz konsequent, die Bauten nicht nur technisch, sondern auch architektonisch mit höchster Qualität auszuführen.
Hoher architektonischer Anspruch der Landesverwaltung
Der hohe architektonische Standard der öffentlichen Bauten ist unter
anderem auch darauf zurückzuführen, dass das Land sehr hohe Ansprüche an die architektonische und technische Qualität der Bauten
stellt.
Damit gute Architektur entsteht, braucht es neben gut ausgebildeten
Architekten und einem fruchtbaren Umfeld auch gute Bauherren.
Und das Land ist ein guter Bauherr. Im Landesressort für Bauten gilt
die Devise: „Bauen ist nicht nur eine technische Aufgabe, sondern
in erster Linie eine eminent wichtige kulturelle Aufgabe.“ In diesem
Sinne versteht sich das Land als Promotor für gutes, zeitgemäßes
Bauen, man will Vorbild sein für die Entwicklung guter Architektur.
Für die Architekten wurden zu diesem Zweck jene Freiräume geschaffen, die für die Entfaltung innovativer Ideen notwendig sind.
Andererseits wird von den Planern maximaler Einsatz gefordert, um
höchstmögliche architektonische Qualität zu erzielen. Dies geschieht
vor allem dadurch, dass alle größeren Planungsaufgaben mittels Planungswettbewerb vergeben werden.
Wettbewerbskultur
Durch den Aufbau einer breiten Wettbewerbskultur, durch die die Planer intensiv gefordert
sind, versucht man, für jedes einzelne Bauwerk
gute Architektur zu erzielen. Durch diese Wettbewerbe, die für die Südtiroler Architekten auch
Konkurrenz aus dem Ausland brachten, durch
die vorbildhafte Architektur, die vom Ausland
importiert wurde, ist das Niveau der Architektur
im Lande gestiegen.
Neue Akzente in unseren Städten
Das Landesressort für Bauten hat in den letzten
Jahren in Südtirols Städten prägende Bauten
realisiert. Es wurden Baulücken geschlossen,
ungenützte oder schlecht genutzte Plätze bebaut, es wurden Bereiche der Stadt neu geordnet. Man könnte viele Beispiele nennen, mit denen der städtische Raum neu definiert wurde:
die Landhäuser 2, 3 und 11, das Museion, die
Eurac, die deutsche Berufsschule in Bozen, das
Krankenhaus Bozen, die Universität Brixen, die
Thermen in Meran, die deutsche Berufsschule in
Brixen, das Oberschulzentrum in Bruneck. Nur
auf einige soll hier näher eingegangen werden.
Mit dem Bau des Museions, des Haydn-Konzertsaals, der Universität und des Ötzi-Museums hat
das Land in der Bozner Altstadt ein Zentrum der
Kultur geschaffen, das noch ergänzt werden soll
durch das erweiterte und modernisierte Stadtmuseum.
Ein herausragendes Gebäude in dieser „Kulturmeile“ ist das Museion, das Museum für
Moderne Kunst. Das Projekt des Berliner Architektenteams Krüger/Schubert/Vandreike ist aus
117
Öfffentliche Bauten zwischen monströs und minimalistisch | Josef March
Aula Magna der Universität Bozen| Foto: Bildraum
118
einem Planungswettbewerb hervorgegangen,
bei dem eine Rekordbeteiligung von 300 Architekten aus ganz Europa zu verzeichnen war.
Die Planer haben einen schlichten, minimalistischen Bau entworfen, einen langen Quader,
der ein modernes Designobjekt darstellt. Der
Bau steht an der Nahtstelle zwischen der Altstadt und der „neuen“ Stadt jenseits der Talfer.
Er ist so konzipiert, dass er als Bindeglied zwischen den zwei Stadtteilen fungiert. Während
die Längsseiten des Baus geschlossen und mit
Aluplatten verkleidet sind, öffnen sich die verglasten Stirnseiten zur Stadt hin. Durch diese
offenen Fassaden wirkt der Baukörper wie eine
Röhre, die beide Stadtteile diesseits und jenseits
der Talfer miteinander verbindet. Um das Museum ins Stadtgefüge einzubinden, wird über das
Museumsareal ein Fahrrad- und Gehweg geführt.
Durch den Bau der Universität Bozen haben die
Straßen und Plätze rundherum klare Konturen
Aula Magna der Universität Brixen | Foto: Bildraum
und eine neue Qualität bekommen. In der Altstadt ist ein neuer
Schwerpunkt entstanden. Durch das neue Gebäude hindurch wurden Korridore gezogen, die gleichsam gedeckte Stadtgassen darstellen und als solche auch von Außenstehenden begangen werden
sollten. In diesem Sinne ist die Universität ein Teil der Altstadt geworden. Auch dieses Projekt, erarbeitet von den Züricher Architekten
Bischof & Azzola, ist das Ergebnis eines europaweit ausgelobten
Planungswettbewerbs. Die Vorzüge dieses Projekts liegen darin,
dass es keine unterirdischen, „finsteren“ Aufenthalts- und Lehrräume
gibt, sondern dass alle Unterrichtsräume natürlich belichtet sind. Dadurch entsteht notgedrungen ein größeres oberirdisches Volumen,
welches ins Stadtgefüge aber so gut eingefügt wurde, dass es keinen
Bruch mit dem bestehenden Baukontext darstellt und dass zwischen
den Baumassen angenehme, beschauliche Höfe entstanden sind. Die
neue Universitä präsentiert sich selbstbewusst, großzügig, massiv, in
der Architektursprache aber zurückhaltend und minimalistisch. Die
Architektur ist in dieser Hinsicht ein typischer Ausdruck unserer Zeit.
Die Universität Brixen präsentiert sich ebenfalls als ein mächtiger,
einprägsamer Palast. Die Planer Oberst und Kohlmair aus Stuttgart
wollten mit ihrer Architektur die Bedeutung, die die Institution der
Universitä für Brixen und für Südtirol hat, zum Ausdruck bringen,
und zwar in Anlehnung an die großartigen Paläste, die in Brixen in
den vergangenen Jahrhunderten entstanden sind und die in ihrer
jeweiligen Entstehungsepoche besondere Wichtigkeit hatten und
immer noch bewundert werden. So wie sich die Hofburg, das Priesterseminar und das Vinzentinum sehr dominant im Stadtgefüge
präsentieren, so wie diese alten Paläste Akzente und Bezugspunkte
in der Stadt waren und sind, so präsentiert sich jetzt die Universitä als
ein neues Zentrum in der Stadt. Das Innere des Gebäudekomplexes
haben die Architekten dem kleinteiligen Gefüge der Altstadt nachempfunden. Sie haben Laubengänge geschaffen sowie Durchgänge,
schmale Gassen und anmutige Höfe.
Ein sehr gelungener Bau unserer Zeit ist die von Arch. Klaus Kada aus
Graz geplante EURAC in Bozen. Auch dieses Projekt ist aus einem
europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb hervorgegangen. Das
wesentliche Merkmal dieses Entwurfs ist die gelungene Symbiose
zwischen Alt und Neu, zwischen dem Bauhausstil des Ex-Gil-Gebäudes und der zeitgenössischen Architektursprache der neuen Bauelemente. Dieses Projekt zeichnete sich gegenüber den anderen Wettbewerbsbeiträgen dadurch aus, dass die Neubauten sich nicht hinter
dem Ex-Gil-Bau verstecken, dass sie sich diesem gegenüber nicht unterordnen, sondern selbstbewusst in Erscheinung treten. Die neue
Architektur, der neue Verwendungszweck tritt
gegenüber dem denkmalgeschützten Ensemble selbstbewusst in den Vordergrund, ohne
dieses aber zu beeinträchtigen.
Auf dem Ex-Alumix-Areal in Bozen soll der neue
Technologiepol entstehen. Für die Planung der
Umbau- und Realisierungsmaßnahmen wurde
ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem diverse Stararchitekten teilgenommen haben. In
diesem Fall hatte man die einmalige Chance, einen vorwiegend städtebaulichen Wettbewerb
auszuschreiben, was leider allzu selten der Fall
ist. Die unter Denkmalschutz stehenden Bauten,
in den 1930er-Jahren im Bauhausstil errichtet,
sollen auf der Basis des von Oldbridge & Lucchin
erstellten Projekts behutsam saniert, erweitert
und einer neuen Nutzung zugeführt werden. Es
soll ein Forschungszentrum entstehen, in dem
innovative Unternehmen ihren Sitz erhalten.
Darüber hinaus sollen Einrichtungen der EURAC
und der Universität sowie ein Kreativzentrum
119
Öfffentliche Bauten zwischen monströs und minimalistisch | Josef March
untergebracht werden. Dieses neue Zentrum
soll diesen Stadtteil, diesen Bereich der Gewerbezone aufwerten und mit Leben füllen. Durch
eine progressive Architektur soll der neue Verwendungszweck klar zum Ausdruck kommen.
120
Kleine Bauten mit großer Qualität
Nicht nur bei großen Bauten legt das Land Wert
auf hohe Architekturqualität, sondern auch bei
kleineren oder solchen mit einem weniger bedeutsamen Verwendungszweck. In diesem Zusammenhang sind die neuen Straßenbauhöfe
oder Straßenstützpunkte zu nennen, die in den
letzten Jahren entstanden sind. Diese Bauten
weisen nun ein einheitliches Corporate Design
auf, welches man entwickelt hat, nachdem die
Staatsstraßen in die Kompetenz des Landes
übergegangen waren. Man wollte diesen Wechsel der Zuständigkeit auch in der Architektur
dieser Bauten zum Ausdruck bringen. Das alte,
verblasste Erscheinungsbild der Ex-Anas-Bauhöfe wollte man durch ein dynamisches, frisches
Corporate Design ersetzen, das den Aufbruch in
eine neue Zeit signalisiert. Als Beispiel dieses
neuen Konzepts seien die Straßenstützpunkte
von Naturns, Sigmundskron, St. Valentin/Graun,
Lana und Sterzing genannt.
Unter den kleineren Landesbauten mit gelungener Architektur, unter den Kleinodien sozu-
Beide Fotos: Lawinenschutzgalerie in Gomagoi | Foto: Bildraum
Naturparkhaus in Villnöß | Foto: Paul Ott
Beide Fotos: Grundschule und Kindergarten, St. Magdalena
(Villnöß) | Foto: Paul Ott
sagen, sind gar einige zu nennen: die Kinderbetreuungsstätte beim
Krankenhaus Brixen, das Bergbaumuseum „Kornkasten“ in Steinhaus,
der Ladstätterhof in Sinich, die Forststation in Mals, das Betriebsgebäude Valentin bei den Gärten von Schloss Trauttmansdorff in Meran, das Besuchergebäude des Bergwerkmuseums in Prettau und als
herausragendes Beispiel das Naturparkhaus in Villnöß.
legt. Diese Straßen führen durch sehr schöne, aber sensible Gebirgslandschaften, weswegen es sehr wichtig ist, dass die Bauarbeiten an
diesen Straßen möglichst landschaftsschonend vorgenommen werden. Man denke an die Stilfser-Joch-, an die Timmelsjochstraße, an die
Straßen der Dolomitenpässe usw. Diese Straßen waren ursprünglich
harmonisch in die Landschaft integriert. Es waren technisch ausgereifte, moderne Straßen, schlichte, schöne Bauwerke. Die Stützmauern waren aus ortstypischen Natursteinen ausgeführt, ebenso wie
Wehrsteine, Brücken und alle anderen Kunstbauten.
Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben diese Straßen ihre einstige
Schönheit, ihre architektonische Harmonie teilweise leider eingebüßt.
Bei der Instandhaltung hat man billig gebaut und hat dadurch das einzigartige Straßenbild beeinträchtigt. Das einheitliche Gesamtkonzept
für die Panorama-Hochalpenstraßen ist dabei verloren gegangen.
Jetzt hat man im Bautenressort erkannt, dass es für diese Straßen
ein einheitliches Gestaltungskonzept braucht. Jetzt werden Masterpläne erstellt, die für die Zukunft die baulichen Eingriffe in architektonischer Hinsicht definieren. Es werden die Weichen für die architektonische Gestaltung des Straßenbauwerks und für die bessere
landschaftliche Einbindung gestellt. Es wird aufgezeigt, wie diesbezügliche Fehler der Vergangenheit vermieden werden und wie die
Kunstbauten in Zukunft aussehen sollen.
Architektur ein Markenzeichen, ein Corporate
Design ist. Erwähnenswert sind hierbei die neue
„Weinkultur“ und die daraus entstandenen Projekte einiger Privatunternehmen. Private Kellereien, wie etwa die Kellerei Hofstätter in Tramin,
Manincor, das Winecenter in Kaltern oder letzthin die Kellerei Tramin, alles exzellente Beispiele
neuer innovativer Baukultur. Aber auch andere
Sparten der Wirtschaft, wie die privaten Unternehmen „Salewa“ in Bozen, der Gewerbepark
„Syncom“ in Brixen und „Rubner“ in Kiens haben durch ihre neuen Firmenbauten gezeigt,
dass zeitgemäße, moderne Architektur auch
im Privatbereich ein Thema ist. Erwähnenswert
ist auch das Haus des Juweliers in Schenna, das
Wohnhaus Rizzi in St. Martin im Kofel und viele
andere mehr. Diesbezüglich ist eine sehr erfreuliche Tendenz festzustellen.
Architektur im Straßenbau und bei Infrastrukturen
Das Bestreben des Landes ist es, auch im Straßenbau und im Tiefbau gute Architektur zu realisieren. Es sind besonders diese Bauvorhaben, die unseren Lebensraum ganz entscheidend beeinflussen
und prägen. Eine Straße fällt optisch weit mehr ins Auge, als dies irgendein Gebäude je tun könnte.
So hat das Bautenressort die Devise ausgegeben, dass Straßenbauten nicht nur technisch richtig, sondern dass sie auch architektonisch und landschaftlich vorbildlich gebaut werden sollen.
Im Straßenbau sollen die Ingenieurbaukunst, die Architektur und die
Landschaftsgestaltung wieder zu jener Symbiose zusammenfinden,
die früher einmal eine Selbstverständlichkeit war. Der Weg dorthin
ist einfach. Bei jeder Planung sollen dem Ingenieur ein Architekt und
ein Landschaftsplaner zur Seite gestellt werden. So sind in diesem
Sektor letzthin einige Bauten entstanden, die sich sehen lassen können. Zu nennen sind die Lawinenschutzgalerie in Gomagoi und die
sanierte Brücke in Hafling. Beide Bauwerke haben 2008 den Architekturpreis der Stadt Oderzo gewonnen.
Gestaltung der Passstraßen
In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass das Landesressort
für Bauten besonderen Wert auf eine gute Gestaltung der Passstraßen
Erfreuliche Tendenzen im privaten Bausektor
Nicht nur im öffentlichen Bausektor findet man heute gute Architektur, es gibt heute auch im privaten Bausektor hervorragend gelungene Beispiele. Gar einige Private folgen dem Beispiel der öffentlichen Hand und realisieren ihre Bauten in einer ausgezeichneten
zeitgenössischen Architektursprache. Sie haben erkannt, dass gute
Architektur – ein Gesprächsthema
Wir stellen fest, dass zeitgenössische Architektur
heute in Südtirol zu einem Gesprächs- und Diskussionsthema in der Öffentlichkeit und in der
Presse geworden ist. Man setzt sich damit auseinander, man diskutiert darüber, und das ist für
das Anliegen, die Architektur im Lande voranzubringen, ganz wichtig.
Josef March
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Gsottbauer architektur werkstatt | s zenzi - Sozialzentrum Zirl | Foto: Nikolaus Schletterer
den sich gute Gesprächspartner, und die in den letzten Jahren
realisierten, öffentlichen Bauten finden Anklang und erregen Aufmerksamkeit weit übers Dorf hinaus. Den Grundstein für das Verständnis gelegt haben die Fa. Mölk mit ihren MPreis und die Abteilung Dorferneuerung beim Amt der Tiroler Landesregierung.
Unterstützt wurde Letztere von einem starken Verbündeten – dem
Geld. Schließlich können Schulen, Kindergärten, Altersheime,
Mehrzweckgebäude und Dorfzentren nicht ohne großzügige finanzielle Unterstützung des Landes verwirklicht werden und die
gibt es nicht ohne Anstrengung. War es früher üblich, dass Dorfkaiser die Planungen freihändig vergaben, so ist jetzt ab einem
gewissen Finanzierungsrahmen ein Planungsverfahren zwingend
vorgeschrieben. Im Laufe der Jahre hat sich die Abt. Dorferneuerung eine Vertrauensbasis bei den Gemeinden erarbeitet. Sie wird
bereits im Vorfeld kontaktiert, koordiniert die unterschiedlichen
Wünsche, erstellt Raumprogramme, organisiert die Besichtigung
ähnlicher, bereits realisierter Projekte in anderen Gemeinde. Erstellt
wird auch eine überschlagsmäßige Kalkulation, um zu beurteilen,
ob das Projekt für die Gemeinden finanzierbar ist, redimensioniert
oder zurückgestellt werden sollte. Bei der Entscheidung für einen
von der öffentlichen Hand finanzierten Neubau spielen auch die
politischen Verhältnisse vor Ort eine wichtige Rolle. Schwierig kann
es werden, wenn für Vereine oder für die Feuerwehr gebaut wird.
Die Vergleiche mit dem Nachbarort sind schnell bei der Hand, kön-
nen zu langen Diskussionen führen und zum
Vorwurf, der Bürgermeister habe sich nicht
durchgesetzt, selbst wenn es nur um die Farbe
des Fassadenanstrichs geht. Bürgermeister mit
schwachen Mehrheiten fürchten nichts mehr
als negative Rückmeldungen, daher wird nicht
überall nach den Bedürfnissen der Gemeinde
gebaut. Andererseits kann ein Bürgermeister
viel Lob einheimsen und seine politische Position mit einem Vorzeigeprojekt stärken. Das
kleine Osttiroler Bergdorf Kals ist ein gutes
Beispiel: Zur Besichtigung von Glocknerhaus,
Widum und neuem Gemeindehaus entwickelt
sich ein richtiger Architekturtourismus.
Die finanziellen Mittel des Landes fließen
nicht mehr so üppig wie in früheren Zeiten,
daher werden Prioritäten gesetzt und Synergieeffekte angedacht. Falls ein Politiker
nicht über besonders gute Beziehungen zum
Landhaus verfügt, bleiben Prestigeobjekte
auf der Strecke. Notwendiges soll im Verbund
mehrerer Gemeinden verwirklicht werden,
wobei seit einigen Jahren die Gemeindeabteilung und die Bezirkshauptmannschaften
Architekt Richard Freisinger (H.P. Gruber) | Dorfzentrum Rum | Foto: Günter R. Wett
122
Bauen – öffentlich
und politisch
B
auen ist öffentlich. Ein Gebäude ist immer
präsent, daher hat die Öffentlichkeit ein
legitimes Interesse sich einzubringen; Nachbarn, Politiker, Juristen, Energieberater und
viele andere mischen mit, insbesondere wenn
die öffentliche Hand als Bauherr fungiert. Verordnungen und Gesetze – vor allem das Bundesvergabegesetz – regeln das Procedere;
beim Architekten, der Architektin laufen die
unterschiedlichen Interessen zusammen und
sollen bei den Entwürfen entsprechend berücksichtigt werden.
Was vor einem Vierteljahrhundert noch unvorstellbar schien, ist inzwischen Realität. Der
Lederhosenstil hat ausgedient, jedenfalls bei
123
jenen Bauten, für welche die öffentliche Hand – Bund, Land Tirol
und die Kommunen – geradesteht. Oft haben die Gemeinden ihre
Bauaufgaben in eigenen Gesellschaften ausgelagert, wie die IIG für
Innsbruck, oder haben andere Konstruktionen entwickelt, denn öffentliche Gelder fließen auf vielerlei Arten. „Die Öffentlichkeit hat
ein Interesse daran, sich einzumischen“, meint der Präsident der
Bundeskammer der Architekten und Ingenieurskonsulenten Georg
Pendl, „die Politiker sind die gewählten Vertreter und können sich
entsprechende Mehrheiten suchen.“ Das verläuft zwar nicht konfliktfrei, weder innerhalb der politischen Vertretungen noch vor
Ort, ist aber meistens ein nachvollziehbarer Entscheidungsprozess,
so z.B. beim Landhausplatz in Innsbruck oder bei der Erweiterung
des Kufsteiner Gymnasiums.
In der dörflichen Baukultur hat die Revolution im Stillen stattgefunden. Dank höherer Aufgeschlossenheit vieler Kommunen fin-
Bauen – öffentlich und politisch | Gretl Köfler
124
im Vorfeld der Planungen miteingebunden
sind. Eine Feuerwehrhalle, eine Hauptschule,
ein Seniorenheim werden mit Unterstützung
des Landes ortsgrenzenübergreifend in Angriff genommen. Für die Ideenfindung wird
zunehmend auf gesetzlich geregelte Abläufe
zurückgegriffen: Bewerbungsverfahren, offene
Wettbewerbe, geladene Wettbewerbe. Falls das
Projekt in seiner Umsetzung einen gewissen
Betrag, den sog. Schwellenwert übersteigt, ist
es EU-weit bekanntzumachen, darauf erfolgt
ein Bewerbungsverfahren oder ein EU-weit ausgeschriebener, offener Wettbewerb, was viele
Gemeinden mit wenig Bauerfahrung schreckt.
Das 70 Betten-Projekt Wohn- und Pflegeheim
in Arzl i.P. mit 126 eingereichten Projekten aus
Deutschland und Österreich zeigte die Grenzen
des Machbaren auf. Unter den verschiedenen
Formen von Vergabeverfahren haben sich die
Architektenwettbewerbe am besten bewährt,
weil damit eine Chance für Vergleiche besteht.
Architekten Köberl, Giner und Wucherer (Büro Giner+Wucherer) | Adambräu Aussenansicht, Innsbruck | Foto: Lukas Schaller
Adambräu Innenansicht, Innsbruck | Foto: Lukas Schaller
Im Regelfall wird der Wettbewerb von der Architektenkammer
freigegeben, die auch einen Juror und einen Wettbewebsteilnehmer – ausgewählt nach bestimmten Kriterien – nominiert. Die Jury
setzt sich zusammen aus Fachpreisrichtern (Architekten) und Sachpreisrichtern (Vertreter der Gemeinde), wobei die Sachpreisrichter
über die Stimmenmehrheit verfügen, die Fachpreisrichter über das
notwendige Fachwissen. Das sollten sie im besten Fall verständlich
und kommunikativ einsetzen. Die Auswahl der Juroren und Wettbewerbsteilnehmer obliegt dem Bauherrn; die Dorferneuerung
steht beratend zur Seite, um für eine Durchmischung bei der Architektenauswahl zu sorgen, lokale Matadore werden dabei ebenso
berücksichtigt wie Jungspunds oder Teilnehmer mit Erfahrung mit
der geplanten Bautypologie. Geladene, anonyme, einstufige Wettbewerbe mit unterschiedlicher Teilnehmerzahl wurden in Tirol bei
öffentlichen Bauten bisher am häufigsten abgeführt, außerhalb der
Landeshauptstadt waren es in den letzten fünf Jahren 13 Schulen,
drei Kindergärten, fünf Senioren- oder Sozialzentren und – die häufigste Bauaufgabe – 23 Ortskerngestaltungen mit entsprechenden
Bauvolumina. Die architektonische Gestaltung von Kindergärten
und Schulen hat einen besonderen Stellenwert, erzieht sie doch das
ästhetische Bewusstsein der künftigen Bauherren.
In Zukunft sollen zunehmend verschiedene Arten von zweistufigen
Verfahren forciert werden, wobei nach einer Vorauswahl für die
zweite Runde eine gewisse Anzahl von Einladungen ausgesprochen
wird. Diese Vorgehensweise – so die Hoffnung – kann in relativ kurzer Zeit zu Ergebnissen führen, der Aufwand sei für die Gemeinden
ebenso überschaubar wie für die Teilnehmer. In Kooperation mit der
Dorferneuerung hat die Architektenkammer im Frühsommer die befristete Halbtagsstelle eines Wettbewerbskonsulenten für Tirol und
Vorarlberg eingerichtet und mit Architekt Rainer Noldin besetzt. Er
hat sich zusammen mit seiner früh verstorbenen Ehefrau Regina mit
dem Büro Noldin & Noldin einen Namen gemacht, z.B. mit der Hauptschule im Paznaun oder dem Seniorenheim am Innsbrucker Tivoli. In
seiner neuen Position agiert er als Berater der Gemeinden im Vorfeld
des zunehmend komplexeren Baugeschehens. Er tritt vehement für
die Zweistufigkeit ein, denn „Wettbewerbe sollen nur das sein, was
sie sein müssen, nämlich Ideen so dargestellt, dass sie bewertbar
sind, aber nicht der ganze Wahnsinn von unnötigen Zusatzforderungen, die die Hälfte des Wettbewerbs ausmachen“. Schlankere, auf
das Projekt abgestimmte Vorgehensweisen sind das Ziel des neuen
Verfahrens. In informellen Gesprächen bringt Rainer Noldin seine Erfahrungen ein, macht Vorschläge für die Art des Wettbewerbs, für die
Auswahl der Juroren und Wettbewerbsteilnehmer und begleitet die Gemeinden beim gesamten Verfahren bis zum Bauergebnis. Im Prinzip
ist diese Funktion auf Dauer angelegt, soll auch
von anderen Bauherren in Stadt und Land genutzt werden.
Die Landeshauptstadt kann demnächst mit einer Besonderheit punkten: dem Gestaltungsbeirat. Schon 2003 war diese Idee budgetiert
und genehmigt, wurde aber wegen juristischer
Einwände wieder auf Eis gelegt. Jetzt ist der
politische Wille zur Umsetzung vorhanden.
Mithilfe des Gestaltungsbeirates – eines Gremiums auswärtiger Fachleute – werden geplante,
größere Projekte kontinuierlich auf ihre stadträumliche und architektonische Qualität abgeklopft. Solche Gremien gibt es außerhalb von
Tirol schon in mehreren, auch kleineren Städten und sie haben sich – mit der richtigen Besetzung – gut bewährt. Das Modell wäre auch
vielen Tiroler Bezirksstädten anzuraten, um das
125
Bauen – öffentlich und politisch | Gretl Köfler
S14, eck-reiter-rossman architekten | UB-Innsbruck. | Foto: Lukas Schaller
126
Architektenteam Schneider und Lengauer | Gemeindehaus „de calce“ - Kals am Großglockner | Fotos: Paul Ott
planerische und architektonische Chaos in geordnetere Bahnen zu
lenken.
Eine hochgelobte Wettbewerbskultur mit vielen Vorzeigebauten
betreibt die Bundesimmobiliengesellschaft BIG, die zumeist große
Projekte in Angriff nimmt. Unter ihrer Betreuung entstanden in den
letzten Jahren die Universitäts- und Landesbibliothek und das neue
Chemieinstitut.
Ein Kriterium für zeitgemäße Qualität sind Architekturpreise; die
beiden wichtigsten für Tirol sind die seit 1985 alle zwei Jahre vergebene Auszeichnungen des Landes Tirol für Neues Bauen und der
seit 1999 ebenfalls zweijährig vergebene BTV Bauherrenpreis, sowie der österreichweite ZV-Bauherrenpreis, wo immer wieder Tiroler Projekte reüssieren. Fast jedes Mal finden sich mehrere Projekte
der öffentlichen Hand unter den Preisträgern. Bei der Auszeichnung
der Landes Tirol für Neues Bauen waren es in den letzten zehn Jahren zwölf von insgesamt 32 ausgezeichneten Bauten: das Gemeindezentrum von Inzing (Erich Gutmorgeth), die Fußgängerbrücke
über den Inn in Landeck (Thomas Schnizer), die Hauptschulerweiterung und Sonderschule in Zirl (riccione architekten), die Friedhoferweiterung in Sölden (Raimund Rainer), die Hauptschule Paznaun
(Noldin & Noldin), der Kindergarten St. Anton (AllesWirdGut), die
Landesmusikschule Kufstein (riccione architekten), das Adambräu
Sudhaus in Innsbruck (Rainer Köberl, Thomas Giner, Erich Wucherer,
Andreas Pfeifer), das Zentrum O-Dorf (Frötscher/Lichtenwanger),
das Veranstaltungszentrum FoRUM in Rum (Richard Freisinger, Peter Gruber), Landessonderschule und Internat Mariatal (Marte.Marte) und die Intergrierte Landesleitstelle Tirol in Innsbruck (Obermoser, Schlögl & Süß).
Der Quantensprung der zeitgenössischen Architektur fand Anfang
der 90er-Jahre in Innsbruck statt und ist dem damaligen Bürgermeister Herwig van Staa zu verdanken. Mit der Sozial- und Wirtschaftsfakultät (Henke/Schreieck), dem Rathaus (Dominque Perrault) und der Bergiselschanze (Zaha Hadid) waren jene Grundsteine
gelegt, die neues Bauen mehrheitsfähig gemacht haben. Heute hat
zeitgemäße Architektur einen hohen Stellenwert und ist auch dank
medialem Interesse ein öffentliches Thema, was nicht heißt, dass
sie allen gefällt.
Gretl Köfler
127
Praktischer Teil
Samedan (CH), Personalhaus Areal Koch, Projekt Lazzarini
Architekten - Samedan | Foto: Hartmut Nägele, Projekt aus
der Ausstellung „Wohn Raum Alpen“, Kunst Meran 2010
Alberschwende (A), Wohnanlage, Projekt k_m.architektur - Bregenz
Foto: Hartmut Nägele, Projekt aus der Ausstellung „Wohn Raum Alpen“, Kunst
Meran 2010
Was ist alpin?
Traditionelle Baukultur der Gegenwart
128
Einen Aufsatz zum gestellten Thema mit Bezug
zu Südtirol zu schreiben, scheint im ersten Augenblick einfach. Wir leben in den Alpen, bauen
für die Gegenwart und können auf eine lange
Tradition zurückblicken. Der vordergründig
schwierige Teil der Definition liegt bereits im
ersten, allgemeinen Aspekt der Fragestellung:
Was ist alpin?
Die Begriffsdefinition alpin versteht hierbei:
alles was „zu den Alpen gehörig“ ist oder „den
Verhältnissen in den Alpen ähnlich“ steht.
Ist also alles, was im geografisch klar umrissenen Raum der Alpen gebaut wird, somit alpin und kann man hierbei Gemeinsamkeiten
erkennen? Die im Sommer 2010 gezeigte Ausstellung bei Kunst Meran „Wohn Raum Alpen“,
die den gesamten, laut Alpenkonvention abgegrenzten Alpenraum untersucht – auch wenn
die Ausstellung den Aspekt wohnen und nicht
alle Bauformen berücksichtigt hat – belegt
ganz klar, dass es diesbezüglich keine klare
Erkennbarkeit in der Architektursprache bzw.
Form gibt.
Auch der von Bruno Reichlin bereits 1995 im Katalogbeitrag zum Architekturpreis „Neues Bauen in den Alpen“ angesprochene Denkansatz, „alpine Architektur“ als Marke zu verstehen, kann für Laien zwar
hilfreich sein, ist aber, wie Reichlin betont, nicht ausreichend für eine
klare Begriffsbestimmung sondern eher eine „Arbeitshypothese für
die Architekturkritik“.
Bis heute hat sich diesbezüglich wenig zusätzliche Klarheit ergeben.
Sicher ist, dass seit der ersten Ausgabe des genannten Architekturpreises „Neues Bauen in den Alpen“ von 1992 eine immer stärker werdende Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Architektur im
Alpenraum auch in Südtirol erfolgt und mittlerweile auf breiter Basis
(z.B. Tätigkeit von Kunst Meran, Stiftung der Architekten usw.) diskutiert
wird und diese Frage für Südtirol aktueller denn je erscheinen lässt.
Wie sieht es mit Begriffen wie Tradition, Baukultur sowie Gegenwart
aus? Als Einzelbegriffe sind diese ausreichend definiert und allen
geläufig. Trotzdem ist bei dieser Frage die Aneinanderreihung der
verschiedenen Aspekte von Bedeutung. Während der bereits zitierte
Artikel von Bruno Reichlin „die Moderne baut in den Bergen“ titelt
und somit bereits eindeutig von einer klaren kulturellen Haltung
zugunsten des Zeitgenössischen ausgeht, ist bei einer Frage nach
Tradition in Zusammenhang mit Baukultur der Gegenwart dies nicht
sofort erfassbar.
Die historischen Typologien alpiner Bauweisen standen in einem
direkten Zusammenhang mit der Wandlung einer Naturlandschaft
zur Kulturlandschaft. Landwirtschaftliche Nutzung (Urbarmachung
des Territoriums) erforderte die Entwicklung von Bautypen, welche
hierzu geeignet waren. Daraus entstanden Formen, welche über
lange Zeiträume eine Baukultur ergaben und zu einer Tradition
führten.
Die über Jahrhunderte entwickelten Regeln der Tradition können
heute nicht mehr ungefiltert übernommen werden. Dies würde bedeuten, jede gesellschaftiche Entwicklung, wie sie seit dem Ende des
19. Jh. (industrielle Revolution) und dem Übergang von einer Agrarzu einer Industriegesellschaft mit der sukzessiven Auflösung bzw.
Verdünnung der bäuerlichen Gesellschaftsform stattgefunden hat,
zu verneinen.
Seit den exemplarischen Bauten eines Adolf Loos, Lois Welzenbacher, Franz Baumann usw., aber spätestens seit Edoardo Gellner
steht, wie Friedrich Achleitner im Aufsatz für Sexten Kultur (Abschrift
des Vortrages 1999, Neues Bauen in den Alpen, Sexten Kultur) zitiert,
die Recherche zwar in Bezug zur alten Kultur – im Entwurf muss diese aber gefiltert und transformiert werden; hier liegt laut Achleitner
auch die Grenze zwischen Regionalismus und regionalem Bauen,
zwischen Historismus und Moderne, zwischen alpinem Kitsch und
neuem Blick auf die Bergwelt.
Die Sichtweise des Ländlichen (Bäuerlichen) hat sich zu Gunsten einer städtischen (kulturalistischen) Sichtweise verschoben. Alte Traditionen neu zu interpretieren und unter Miteinbeziehung neuer AsFeriensiedlung „Borca di Cadore“ 1954–63 | Projekt und Foto: Edoardo Gellner,
Archivio progetti IUAV
pekte umzusetzen, entspricht vom Ansatz her,
zeitgenössische Architektur mit Bezügen zur
Tradition zu denken. Tradition ist jedoch hierbei
nur ein Aspekt.
Bauen mit Bezug zur Landschaft und zur Natur
bzw. zu bereits Gebautem, dem vor Planungsbeginn vorgefundenen Umfeld, ist meiner Auffassung nach der wesentlichere Aspekt, der alles beinhaltet.
Eine Denkweise in dieser Form ist letztlich weder an die geografische Position der Alpen noch
auf Südtirol begrenzt gültig. Sie kann allgemeingültig als Bauen im Kontext bezeichnet werden.
Kontext ist überall, jede Bauaufgabe setzt sich
mit etwas Bestehendem auseinander und bringt
neue Notwendigkeiten, mehr oder weniger gelungen in Einklang mit dem vorhandenen Stadtoder Landschaftsraum. Es geht somit um die Verortung der neuen Eingriffe mit dem Genius Loci.
Warum führt dieser, mittlerweile doch weit verbreitete Ansatz, erst in den letzten Jahren in Südtirol zu einer eigenständigen Architektursprache?
Südtirol hat nicht wie die Nachbarregionen
Vorarlberg, Graubünden oder Nordtirol fast
übergangslos an die „Moderne“ angeknüpft.
Nach dem anfänglichen Aufschwung in den
1930er-Jahren ist es in Südtirol bis auf wenige
Ausnahmen zu keinen bemerkenswerten Bauten gekommen, die an diese „Moderne“ anzuknüpfen versuchten.
Der politische Bruch und der territoriale Übergang zu Italien mit all seinen Folgen mag vielleicht eine vordergründige Erklärung liefern,
vielleicht ist es auch dieser starke Wille, die Tradition und die eigene Identität zu bewahren,
die Südtirol prägt und oft einen falschen, guten Glauben für überlieferte Formen erzeugt.
Sicher ist, dass in der Architektur von diesem
Zeitpunkt an bis heute oft nicht Inhalte übertragen wurden, sondern sogenannte „typische“
Formen als wesentlich galten. Wohnhäuser, Hotels und Betriebshallen wurden und werden oft
in „ortstypischer“ Bauweise in verschiedensten
Maßstäben errichtet bzw. in geschlossenen
Siedlungsstrukturen zu Agglomeraten aneinandergereiht (z.B. Handwerkerzonen).
Der Verlust der Verortung mit den „archaischen“
Notwendigkeiten der Gebäude, wie sie in der
129
Praktischer Teil
Was ist alpin? Traditionelle Baukultur der Gegenwart. | Markus Scherer
ografischen Position als Schnittstelle bzw. Grenzregion (Italien,
Schweiz, Österreich) in den letzten 15 Jahren verstärkt zur Entstehung einer neuen Architekturszene geführt hat, die mittlerweile
auch überregional Beachtung findet.
Der Wunsch der Bewahrung der eigenen Identität, die starke Beziehung zum Ort, die handwerklich hohe Qualität, das Vertrauen in heimische Architekten und Firmen, das Streben nach Dauerhaftigkeit
sowie die entsprechende Materialauswahl und der mittlerweile „offene“ Blick zu anderen kulturellen Realitäten führen zu einer mit dem
Ort verbundenen Architektur.
Die Einbindung in den Kontext sowie der „kritische“ Umgang mit
historischen Themen, Formen und Bauteilen (z.B. typologische Lösungen, Dachformen, Erkerelemente, usw.), Materialien (Putz, Stein,
Holz) sowie Farben der traditionellen Architektur bzw. des Ortes führen bei der Lösung neuer Bauaufgaben zu einer eigenständigen Architektursprache.
„Einer der wichtigsten Ansätze für die Bildung der Differenz sind die Konstanten eines
Ortes. Als Konstanten für die Architektur
können wir das Klima, die Topografie, die
Ressourcen, aber auch die Tradition und die
Kultur bezeichnen.
Wir sind aufgrund unserer Errungenschaften
nicht mehr gezwungen, diese Konstanten zu
beachten, während sie früher existenzielle
Eigenschaften des Ortes bestimmten. Wenn
wir aber in diesen Konstanten dennoch Qualitäten für das Heutige sehen und diese zu
erkennen bereit sind, dann kann daraus so
etwas wie eine Basis für eine neue Architektur entstehen.“
Broschüre aus der Tagungsreihe „Bauen in der Landschaft“,
Architektur und Kontext, 2008, Autonome Provinz Bozen Abteilung Natur und Landschaft, S. 50, Auf der Suche nach
Bewertungskrierien in der Architektur, Gion Caminada
In der Folge möchte ich wertungsfrei und exemplarisch anhand von
Fotos einige Beispiele aufzeigen.
„Archaischer“ Bauernhof | Foto: Ludwig Thalheimer/Lupe
Hotel Monte Pana 1930, St. Christina, Gröden | Projekt: Franz Baumann
Foto: Joachim Moroder
Alte Bauaufgaben neu interpretiert
130
ländlichen ursprünglichen Lebensform entstanden sind (Entwicklung der Typologie aus
den Funktionen, die Beachtung landschaftlicher Gegebenheiten, die begrenzte Verfügbarkeit der Baustoffe am Ort), und die Unfähigkeit, eine an die neue städtische Denkweise
angepasste kritische Haltung, wie sie die „Moderne“ mit ihrer kulturalistischen Denkweise
versucht hatte, zu finden, führte dazu, dass bei
der enormen verbauten Baumasse meist nicht
alte Traditionen weitergegeben wurden, sondern nur inhaltslose Hüllen. Tradition mutierte
zu „traditionell“.
Die seit den 1980er-Jahren inzwischen aufgeweichte gesetzliche Situation hat am Ende die
Lage noch verschärft und raumplanerisch zu einer teilweise starken Zersiedelung geführt. Die
nicht mehrheitlich technisch-fachliche Besetzung der Baukommissionen hat sich diesbezüglich ebenfalls nicht positiv ausgewirkt.
Vielleicht ist es gerade diese sehr eigene Entwicklung, die im Zusammenspiel mit der ge-
„Entscheidend ist die Präsenz des Gebäudes an einem bestimmten Ort, für einen
bestimmten Zweck, aus einem bestimmten
Material. Diese Art ist viel ,moderner‘ als alles
andere.“
Broschüre zum Tätigkeitsbericht 2006–2009 vom Landesbeirat für Baukultur und Landschaft, 2009, Autonome
Provinz Bozen - Abteilung Natur und Landschaft, S.12, Erfahrungsberichte: Rückblick der Mitglieder, Gion Caminada
Jagdhaus in Tamers, Projekt EM2 Architekten
Fotos: Günther Richard Wett
St. Christina, Gröden aufgenommen zwischen 1920 und 1939, Landesamt für audiovisuelle Medien | Foto: Leo Bährendt
St. Christina, Gröden 2008 | Foto: Ludwig Thalheimer/Lupe
131
Was ist alpin? Traditionelle Baukultur der Gegenwart. | Markus Scherer
Die Dachstruktur mit ihrer Faltung und die Verwendung der traditionellen Eindeckung mit
Mönch-und-Nonne-Ziegel verortet das Gebäude
Steinmauerelemente binden das neue Gebäude
in den bestehenden Kontext ein
Wohnhaus Terzer, Eppan | Projekt MODUS | architects, attia_scagnol |Foto: M. Scagnol
132
Bergstation der Seilbahn St. Martin im Kofel, Latsch | Projekt Arnold Gapp
Foto: Günther Schöpf
Im Dialog zwischen Alt und Neu werden historische Erkerelemente neu interpretiert. Die Materialwahl Kupfer erzeugt Harmonie und Verfremdung
Putzstruktur und Chromatik stellen die Beziehung zur umgebenden Landschaft her
Sanierung Stein- und Holzhaus Dr. Tasser, Steinhaus im Ahrntal | Architekten: Projekt
EM2 | Foto: Günther Richard Wett
Umbau und Erweiterung der Eisacktaler Kellerei, Klausen | Projekt: Markus Scherer
Foto: Elena Mezzanotte
Der Einsatz historischer Baumaterialien, neu
verwendet, stellt Bezüge zu ortstypischen Bauten her und erzeugt gleichzeitig eine neue dialektische Verbindung zwischen Gebäudeform
und dessen Verwendung (Holzhülle-Holzhackschnitzel)
Historische Bauformen des Erkers, eingesetzt im
neuen Kontext, vermitteln den Bewohnern Bezüge zu „bekannten“ Wohnformen
Pflegeheim in Bruneck | Architekten: Projekt Pedevilla | Foto: Marion Lafogler
Fernheizwerk (mit Holzhackschnitzeln) Sexten | Projekt: Siegfried Delueg | Foto: S. Delueg
Markus Scherer
133
Gibt es den kleinen Unterschied?
Verhalten beim Herstellungsprozess dem des
Basalts gleicht.
Das Innere steht ganz im farblichen Kontrast
zum Außenbau. Den Wandsegmenten ist eine
blau getönte Glashaut vorgeblendet. Türen
sind in einem kräftigen Gelb gehalten. Ebenfalls
ganz gelb ist, entsprechend den Geräten, der
Schaltraum gefärbt.
Indem die das Umspannwerk umgebende Betonfläche ebenfalls schwarzgrau eingefärbt ist,
scheint der mächtige, energiegeladene Kubus
sich leicht vom Boden abzuheben.
Bauten von international bekannten Architektinnen und Architekten in den Tiroler Alpen
S
teile Berge, grüne Wälder, klare Bäche, Enzian
und Edelweiß, Kühe und Wanderinnen und
Wanderer als Statisten prägen das touristische
Bild im Sommer, verschneite Dörfer, gemütliche,
getäfelte Stuben, unendlich weite Schipisten
mit vereinzelten Tiefschneefahrerinnen/-fahrern
sowie Eisblumen jenes im Winter. Das sind TirolPanoramen, die seitens der Tourismuswerbung
in die Welt getragen werden.
Irgendwie scheinen diese Bilder auch bei den
Tirolerinnen/Tirolern selbst ihre Wirkung nicht
zu verfehlen. „Viele Tirolerinnen/Tiroler sind
noch immer der Meinung, sie würden in einem
Land von Bergbauern wohnen. Die Tatsachen,
dass in der Landwirtschaft heute nicht einmal
mehr 5 % der aktiven Bevölkerung beschäftigt
sind und der Siedlungsraum sich seit Mitte des
20. Jahrhunderts trotz knapper Fläche ausbreitet, sind bekannt. Sie wurden bisher aber verdrängt ...”1 YEAN (Young European Architects
134
Network) haben im Jahr 2005 eine Studie veröffentlicht mit dem Titel „TirolCity”. „TirolCity”
ist ein Projekt, das sich mit der neuen Urbanität in den Alpen befasst. Dabei ergibt sich eine
interessante Bestandsaufnahme, welche neue
Zukunftsperspektiven ermöglicht. YEAN zeigt
auf, dass sich im Inntal schon lange eine urbane
Landschaft entwickelt hat. Da nur 13 Prozent
der Fläche für dauernde Besiedlung zu nutzen
sind, lässt sich die Bevölkerungsdichte mit den
am dichtesten besiedelten Regionen Europas
vergleichen. Charakteristisch für die neue Urbanität ist das Zusammenwachsen der einzelnen
Orte und Städte. Der Siedlungsraum dehnt sich
ständig aus, entlang der Autobahn siedeln sich
Industrie- und Gewerbebetriebe an. Die ebenfalls dort entstandenen Einkaufszentren und
Themenparks sind nun die eigentlichen Ortszentren. An die „TirolCity” schließt sich der „Tirol
Park” an, eine unbebaute Fläche, die 87 Prozent
Tirols umfasst. Dieser Park, er befindet sich vorwiegend in den Seitentälern und ist durch zahlreiche Seilbahnen und Lifte zu erreichen, dient
als Naherholungsgebiet für Einheimische, stellt jedoch auch eine der
größten Attraktionen für Touristinnen und Touristen dar.
So wie diese Entwicklung sich nicht überlegt oder geordnet, vielmehr unbedacht und chaotisch vollzogen hat, so ist das architektonische Bild entsprechend ungestaltet und einfallslos. Weitgehend
dominiert immer noch der Stil überdimensional großer „Bauernhäuser” mit bizarren Auswüchsen, hinzu kommen missverstandene Modernismen, die ins Repertoire Eingang gefunden haben.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung nehmen sich alle Versuche,
eine qualitätvolle Architektur zu planen, wie einzelne Leuchttürme
aus. In den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren waren es nur wenige Protagonistinnen und Protagonisten. Erst in den letzten Jahren
hat eine jüngere Generation von heimischen Architektinnen/Architekten die Möglichkeit, ihre Pläne zu verwirklichen. Viele qualitätvolle
Bauten entstanden. Zur Bewusstwerdung der Notwendigkeit einer
architektonischen Qualität trug nicht zuletzt das 1993 auf Initiative
engagierter Architektinnen/Architekten gegründete „Architekturforum Tirol”, heute „aut.architektur und tirol” mit Sitz im „Adambräu”,
einem Bau des bekannten Tiroler Architekten Lois Welzenbacher, bei.
Ziel ist es, Fragen zur qualitätvollen Gestaltung des Lebensraumes zu
thematisieren, dabei gleichfalls die gesellschaftlichen Grundlagen
darzustellen.
Auf dieser Basis einer regen architektonischen Entwicklung wurden
auch international renommierte Architektinnen/Architekten eingeladen, in Tirol zu bauen, vor allem in der Stadt Innsbruck. Dies ging
nicht immer ohne Schwierigkeiten und Proteste ab.
Zu den international tätigen Architekten zählt BEN VAN BERKEL. In
Innsbruck errichtete er das Umspannwerk Mitte. Ben van Berkel wurde 1957 in Utrecht geboren, studierte an der Rietveld Akademie in
Amsterdam und an der Architectural Association in London. 1988
gründete er zusammen mit Caroline Bos das UNStudio in Amsterdam. Ben van Berkels Lehrtätigkeit erfolgt an der Columbia Universität in New York (1994), an der Architectural Association in London
(1996/1999) und seit 2001 an der Städelschule in Frankfurt/Main.
2009 expandierte das UNStudio nach Shanghai/China. Projekte des
UNStudio sind unter anderem das Mercedes-Benz-Museum, das Musiktheater in Graz und das Museum für Moderne Kunst in Dubai.
Ben van Berkel gewann 1996 den Architekturwettbewerb für das Umspannwerk Mitte in Innsbruck, das im Jahr 2002 fertiggestellt wurde.
Es wird von van Berkel als „internationales Erstlingswerk” bezeichnet,
denn es ist das erste außerhalb der Niederlande gebaute Projekt des
UNStudios. Es stellt sich zwar weniger spektakulär und bekannt dar,
Ben van Berkel | Umspannwerk Mitte | Foto: IP, 2010
ist jedoch von besonderer Qualität. Das zentrale Umspannwerk befindet sich hinter dem Verwaltungsgebäude der Innsbrucker Kommunalbetriebe, welches 1928 nach Plänen von Lois Welzenbacher
errichtet wurde. Das Umspannwerk Mitte ist ein Industriebau ohne
Arbeiter/-innen und öffentliche Zugänglichkeit. Es gleicht einer riesigen, massiven, blockartigen Skulptur mit besonderem Charakter,
der sich aus der ganz speziellen Form und den verwendeten Materialien zusammensetzt. Die Geometrie des drei Stockwerke hohen Kubus wird durch abgerundete Ecken und bewegte Fassadenfluchten
sowie geschwungene Dachlinien gebrochen. Dadurch dass durch
eine Hohlkehle die Wände nicht ganz bis zum Boden reichen, wird
ihm auch die Schwere genommen.
Ganz speziell ist das verwendete Material für die Fassadenverkleidung. Fassaden sowie Dachlandschaft sind mit Platten aus schwarzer
Basaltlava überzogen. Es handelt sich hierbei um erstarrte Lava aus
der Eifel, von einem alteingesessenen Familienbetrieb, der als einziger in der Lage war, die notwendige Menge in einheitlicher Qualität herzustellen, wodurch eine homogene Oberfläche und Farbigkeit
erzielt werden konnte.
Die Verwendung von Basaltlava hat eine ganz besondere Bedeutung,
sie steht in Verbindung mit der Entstehung der Alpen und stellt eine
Metapher für gefrorene Energie dar. Auch soll der Basalt die Stadt vor
den schweren Transformatoren schützen.
An der Süd- und Westfassade sind in der unteren Hälfte schmale horizontale Fensterbänder eingeschnitten, welche das Gebäude von
innen heraus leuchten lassen. Die Nordseite ist durch ein riesiges,
zurückversetztes, die Ostseite durch ein kleineres, auskragendes
„blindes Fenster” strukturiert. Die weiteren verwendeten Materialien
wie Beton, Glas und Stahl sind ganz bewusst gewählt worden, da ihr
Zur gleichen Zeit entstand in Innsbruck die Rathausgalerie von DOMINIQUE PERRAULT, ebenfalls ein Architekt, dessen Bauten internationale
Anerkennung finden, wie zum Beispiel die Französische Nationalbibliothek in Paris. Dominique
Perrault wurde 1953 in Clemont-Ferrand geboren, machte das Architekturdiplom an der Ecole
Nationale Supérieure des Beaux-Arts und an der
Ecole supérieure des Ponts et Chausée in Paris.
Er eröffnete 1981 ein Büro in Paris, 1992 in Berlin
und 2000 in Luxembourg. Zahlreiche Auszeichnungen und eine internationale Lehrtätigkeit
folgten.
Bereits in der Mitte der 1980er-Jahre wurde ein
österreichweiter Wettbewerb zur Neugestaltung
des im Stadtzentrum gelegenen Rathausareals
ausgeschrieben, den Leopold Gerstl gewann.
Das Projekt wurde jedoch nicht ausgeführt. 1999
wurde Dominique Perrault zu dem neu ausgeschriebenen Wettbewerb geladen. Seine Planung gewann und wurde realisiert, mit neuem
Rathaussaal, einer Einkaufsstraße, Neugestaltung
der Ostseite inklusive des Adolf-Pichler-Platzes
und einem angeschlossenen Hotel, damit war
eine bessere Anbindung an die Stadt gegeben.
Perrault verband den Altbestand, die Fassade
zur Maria-Theresien-Straße blieb unangetastet,
mit einer gläsernen T-förmig angeordneten Geschäftspassage, die einen Südausgang zur Anichstraße und einen Nordausgang zur Stainerstraße
besitzt. Das Glasdach des vorderen Bereiches, das
auch den ehemaligen Innenhof des Rathauses
überdeckt, wurde vom bekannten französischen
Künstler Daniel Buren farbig gestaltet. In den
oberen Stockwerken befinden sich die Büros des
Rathauses, das sich nun inmitten der Bevölke-
135
Gibt es den kleinen Unterschied? | Inge Praxmarer
Dominique Perrault | Rathausgalerie in Innsbruck | Fotos: IP, 2010
136
rung befindet. Alt- und Neubau gehen ineinander über. Die Ostseite wurde verglast und bildet
ein schwarz-weißes Schachbrettmuster. An der
Ostseite ist ein Hotel angefügt, ein Nord-Süd
gerichteter Kubus mit großen Glasfenstern, die
zusammen mit den Jalousien ein variables geometrisches Muster ergeben, und einem großen
Dachgarten. Zwischen dem neuen und dem alten Trakt ist ein hoher Turm eingestellt, dessen
Lifte und Treppen zu den Büros führen, aber
auch zu einer Aussichtsplattform mit Panoramacafé, wobei die künstlerische Gestaltung von
Peter Kogler stammt. Die Rathausgalerie wurde
im Jahr 2002 eröffnet.
Weniger bekannt ist, dass Dominique Perrrault
zur gleichen Zeit drei Supermärkte in Tirol entwarf. Zur Philosophie der Tiroler Firma MPreis
gehört es, Architektur als Markenzeichen zu
verstehen. Dominique Perrault baute als erster
nicht Tiroler Architekt zwei Lebensmittelmärkte
in Wattens von ganz spezieller Art. Ein Gebäude befindet sich an der Ortsausfahrt, an der
Schnittstelle von urbanem Gebiet und Agrarland (Salzburger Straße 30). Der rechteckige
Bau, der einem Kristall nachempfunden ist, wird
an drei Seiten von einer sechs Meter hohen Glasfassade mit wabenartiger Struktur, eine Spezialverglasung mit Wärmedämmung, umgeben.
Die Fassade zu den „Kristallwelten” hin ist in der
Mitte etwas zurückversetzt und geschwungen.
Auf diesen Platz wurden Kiefern gepflanzt, die
von einem hohen, dem Verlauf der Fassade fol-
genden, transparenten Gitter eingefasst werden. Im Inneren eine
große, von sichtbaren Fachwerkträgern gegliederte Einkaufshalle –
steht das Grünweiß der Außenflächen im Kontrast zur Buntheit der
Warenregale.
Der zweite MPreis liegt an der Einfallstraße in den Ort, in einem gemischt genutzten Gebiet (Bahnhofstraße 23). Perrault schuf ein Einkaufszentrum mit einem kleinen Vorplatz und einer offenen Garage.
Der Bau, mit einer tragenden Fassade aus Stahl und einem Dach aus
Sandwichpaneelen, ist mit einem transparenten Kettenhemd umhüllt, wodurch wiederum Leichtigkeit erzielt wird. Die Verkaufshalle
ist hoch und offen. Der zum Teil gedeckte Vorplatz hat die Funktion
eines städtischen Erholungsraumes.
Der dritte MPreis befindet sich in Zirl (Bahnhofstraße 37b). Seine Gestaltung erinnert an einen Pavillon mit Glasfensterwänden, Terrasse
und einer kräftigen, jedoch nicht schweren, auskragenden Dachplatte mit grauer, vertikal gegliederter Verkleidung. Die den Bau zum Teil
umgebenden Bäume stellen im Inneren eine hohe, helle Halle den
Hintergrund für die Warenregale dar.
Zu einem Wahrzeichen Innsbrucks wurde die von ZAHA HADID entworfene Sprungschanze am Bergisel und nicht nur wegen der exponierten Lage, sondern vor allem aufgrund ihrer speziellen Form, die
an eine Pfeife oder an einen Zopf denken lässt.
Zaha Hadid zählt zu den wenigen Architektinnen, die sich in einem
von Männern dominierten Beruf durchsetzen konnten. Sie wurde
1950 in Bagdad geboren, studierte Mathematik in Beirut und Architektur in London an der Architectural Association School. Zaha Hadid
wurde 1977 Mitarbeiterin des Koolhaas’ Office for Metropolitan Architecture, bevor sie 1980 in London ihr eigenes Architekturbüro
einrichtete. Zaha Hadid erhielt zahlreiche Lehraufträge und Auszeichnungen, u.a. 2004 als erste Frau den Pritzker-Preis. Zu ihren bekanntesten Bauten zählen die Feuerwache für das Vitra-Werk in Weil
am Rhein, das Wissenschaftszentrum phaeno in Wolfsburg sowie das
MAXXI . Museum of XXI. Century Arts in Rom.
Zaha Hadids Formensprache ist eine dynamische, amorphe, den
rechten Winkel wenn möglich vermeidende. Für sie ist „das Wichtigste (...) die Bewegung, der Fluss der Dinge, eine nicht-euklidische
Geometrie, in der sich nichts wiederholt: eine Neuordnung des
Raumes”.2
Bereits 1927 wurde auf dem Bergisel eine Sprungschanze errichtet.
Der Ausbau zur Freiluftarena erfolgte anlässlich der Olympischen
Winterspiele von 1964 und 1976. Um die internationalen Standards
einhalten zu können, musste eine neue Schanze gebaut werden.
Den ausgeschriebenen Wettbewerb gewannt 1999 Zaha Hadid. 2001
wurde die alte Sprungschanze am Bergisel gesprengt und bereits
2002 konnte die Vierschanzentournee hier wieder Halt machen.
Die neue Schanze von Zaha Hadid verbindet die Funktion einer
Sportanlage mit einer öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform
und einem Restaurant, zu dem zwei Fahrstühle führen. Sie hat eine
Länge von 90 m und eine Höhe von fast 60 m, besteht aus einem
hohen Betonschaft und einem auskragenden, mit Stahlblech verkleideten Schanzenkopf mit umlaufendem Fensterband. Der Schanzenkopf geht schwungvoll in den Anlauf über, der ohne Stütze auskommt. Ihre Präsenz im Stadtbild Innsbrucks zeigt sich auch nachts,
wenn farbige Lichtbahnen die Sprungschanze am Bergisel leuchten
lassen.
Im Jahr 2010 konnten weitere Bauten von Zaha
Hadid, die Hungerburgbahn, in Innsbruck eröffnet werden. Die 1,8 km lange Standseilbahn
stellt den Zubringer zur Nordkettenbahn, zum
Naherholungsgebiet Nordpark dar. Bereits die
alte, 1906/07 erbaute Standseilbahn auf die
Hungerburg galt als Pionierleistung. Ihre Einstellung und ihr teilweiser Abbruch hat heftige
Proteste hervorgerufen. Heute ist noch das
denkmalgeschützte Eisenbrückentragwerk erhalten.
Der neuen Bahn liegt eine etwas veränderte
Streckenführung zugrunde. Die Talstation,
einst abseits gelegen, wurde ins Zentrum von
Innsbruck verlegt. Sie befindet sich an der NOEcke des Kongresshauses. Die Fahrgäste werden hier in die Tiefe geführt. Die Fahrt geht
bis zur erhöht gebauten Station Löwenhaus
durch einen Tunnel, dann erfolgt sie für kurze
Zeit überirdisch, und zwar über eine ganz besondere Brücke. Eine an zwei hohen Pylonen
aufgehängte Schrägseilbrücke überspannt den
Inn. Die Pylonen weisen eine Neigung von 7°,
eine Taillierung sowie eine parabelförmige
Zaha Hadid | Bergisel-Sprungschanze | Foto: Moser, © 2004, TVB Innsbruck
137
Gibt es den kleinen Unterschied? | Inge Praxmarer
Spitze auf. Die trogartige Fahrbahn ist s-förmig
geschwungen. Über dem Inn geht es wieder unterirdisch den Berg hinauf. Die Station Alpenzoo
ragt wie ein Turm aus dem Steilhang heraus. Ab
nun können die Fahrgäste das Alpenpanorama
genießen. Die Endstation Hungerburg, der eine
große, auskragende Plattform vorgelagert ist,
liegt 300 m über der Stadt.
Die vier Stationen bestehen jeweils aus einem
Unterbau aus Stahlbeton und einem weißen bis
eisblauen Glasdach, die Dachschalen scheinen
zu schweben. Diese fließenden, abgerundeten
Dachformen sollen ganz bewusst an Gletscherformationen, an Eisflächen denken lassen. Alle
vier Stationen sind ganz unterschiedlich gestaltet, die Station Congress führt in die Tiefe
und gleicht einer U-Bahn-Station, die Station
Löwenhaus führt in die Höhe, dem den Boden berührenden Dach ist hierbei eine Treppe
eingeschoben, die Station Alpenzoo gleicht
einem Adlerhorst und die Station Hungerburg
David Chipperfield | Kaufhaus Tyrol in Innsbruck | Foto: IP, 2010
138
zwei asymmetrischen Adlerschwingen. Wie Zaha Hadid sagt, sind
mit dieser Konstruktion die derzeitigen Grenzen des Machbaren erreicht worden.
Das jüngste Werk eines sogenannten Stararchitekten, das Kaufhaus
Tyrol von DAVID CHIPPERFIELD, wurde erst kürzlich fertiggestellt.
Das Innsbrucker Kaufhaus Tyrol hat eine lange Tradition. Ursprünglich hieß das Kaufhaus Bauer & Schwarz. In der Reichskristallnacht
im November 1939 wurde der Enkel des Gründers Wilhelm Bauer
erschlagen. Zum „Kaufhaus Tyrol” wurde es in den 1960er-Jahren.
Den Neubau des Kaufhauses begleiteten mehrere Architekturwettbewerbe sowie massive Proteste, da ein Teil des drei Häuser
umfassenden neuen Kaufhauses abgerissen werden musste. Die
Bauarbeiten wurden begonnen, der Innsbrucker Architekt Johann
Obermoser hatte eine Betonblase konzipiert, aber über das Aussehen der Fassade zur Maria-Theresien-Straße gab es noch keine Klarheit. So erhielt in einem neuen Wettbewerb das Wiener Büro BEHF
den Auftrag zur Fassadengestaltung. Diese wurde jedoch aufgrund
ihrer runden Fenster, die dialektisch zu den bestehenden Fassadengliederungen gesehen werden konnten, dann doch abgelehnt. Es
folgte ein unbefriedigender dritter Versuch durch das Wiener Büro
Heinz Neumann und Partner. Schließlich wurde David Chipperfield
im Jahr 2007 mit der Realisierung seines Planes beauftragt.
David Chipperfield Architects wurde 1984 in London gegründet.
Hier befindet sich das Hauptbüro, es folgen Büros in Berlin, Mailand
und Shanghai. Die Zahl der Mitarbeiter/-innen beträgt inzwischen
über 150 Personen. Zu den ausgeführten Hauptwerken zählen u. a.
das Museum Folkwang in Essen, das Neue Museum auf der Berliner
Museumsinsel sowie das Galeriehaus am Kupfergraben in Berlin. Umfangreich ist das Werk, wie auch die gewonnenen Preise, zu denen
auch der Pritzker-Preis zählt.
Den sensiblen Umgang mit einem vorhandenen Baubestand zeigen
viele Werke von David Chipperfield, so auch das neue Kaufhaus Tyrol. Die Fassaden der Häuser der Maria-Theresien-Straße stammen
aus den verschiedensten Epochen und weisen auch die unterschiedlichsten Stile, zum Teil in eklektischen Formen, auf. Wie bereits erwähnt wurden zwei Häuser geschleift, während das zwar mehrmals
umgebaute Schindlerhaus von Lois Welzenbacher mit dem traditionsreichen Café Schindler in das neue Kaufhaus eingebunden wurde. So ergibt sich eine lang gestreckte Fassade, die in der Mitte spitz
vorspringt, um dann wieder in die „Straßenreihe” zurückzutreten. Diese Bewegung wiederholt sich in der Dachlinie. Die Gliederung der
60 m langen und fünf Geschosse hohen Fassade erfolgt mittels eines
Rasters aus Betonfertigteilelementen mit Weißzement und Marmorzusatz. Sie sind außen sandgestrahlt und in den leicht konischen
Laibungen poliert gestaltet. Da die raumhohen Fensteröffnungen
etwas zurückversetzt sind, entsteht keine herkömmliche Glasfassade, vielmehr bleiben die massiven Elemente dominierend. Die Fassade ist kein Fremdkörper, sie reflektiert die Struktur der Fassaden der
Maria-Theresien-Straße.
Der Haupteingang befindet sich in der Fassadenmitte, im Knick, und
wirkt trotz seiner diskreten baulichen Gestaltung sofort einladend.
Beim Betreten des Inneren ist die Helligkeit des großen Atriums beeindruckend, sie wird von oben und von der Seite mit natürlichem
Licht beleuchtet. Die Decke überzieht ein rautenförmiges Raster von
Eisenträgern. Die Geschäfte werden durch Rolltreppen, Brücken und
Stiegen erschlossen, die den Raum nicht verstellen, sondern ihn freilassen und einen Rundgang ermöglichen. Die Farbe des Gussterrazzo sowie der Brüstungen ist entsprechend der Fassade weiß. Davon
heben sich kontrastreich die bunten Besucher/-innen ab.
Das Kaufhaus mit einer Geschossfläche von 58.000 m2 erstreckt sich
rückwärts bis zur Erlerstraße. Die Fassade der Erlerstraße entspricht
der Hauptfassade, ist jedoch mit Aluminium verkleidet.
Wie anfangs erwähnt, stellt eine qualitätvolle Architektur immer noch
eine Ausnahme dar. Als Einzelfälle können auch Bauten von nicht Tiroler Architektinnen/Architekten bezeichnet werden, ein Blick in die
Architekturgeschichte des Landes zeigt, dass es diesbezüglich auch
keine Tradition gibt. Inzwischen ist jedoch das Interesse an grenzüberschreitenden Blickkontakten vorhanden und es gibt Verbindungen. Meist entstanden die genannten Bauten in Zusammenarbeit mit Tiroler Architekturbüros.
Abschließend lässt sich dennoch die Frage, ob
es den „kleinen Unterschied” zwischen Bauten
heimischer und den oft als Stars titulierten Architektinnen/Architekten gibt, nicht unter­
drücken. Dieser mag weniger die Qualität betreffen, es sei hier nur an das 2006 eröffnete
BTV Stadtforum in Innsbruck erinnert, als vielmehr den Umgang mit den Materialien. Dieser
ist freier, ideenreicher und dennoch schlüssig,
funktionsgerecht. Es muss nicht immer Holz
sein!
Inge Praxmarer
139
1 YEAN „TirolCity. Neue Urbanität in den Alpen”,
Wien/Bozen 2005, S.21
2 zitiert: www.mak.at
Weltarchitektur versus Qualitätsarchitektur:
Was brauchen wir wirklich?
„Das erste Mal baut man für einen Feind, das
zweite Mal für einen Freund, das dritte Mal für
sich selbst!“
Dieses kurze Statement steht für all die Widersprüche, Wünsche, Hoffnungen und Grenzen
des Menschen schlechthin, wenn er sich als Bauherr auf den Weg macht.
Überflutet durch verschiedene Medien, was
am Markt alles an Stilrichtungen zu finden ist,
wird es zur großen Herausforderung, den rechten Zugang zur Lösung einer Bauaufgabe zu
finden.
So fordert der Bauherr vielerorts nicht bloß seinen Ansprüchen entsprechend eine gelungene
funktionale Umsetzung des Raumprogramms.
Vielmehr erwartet er sich auch, dass der Architekt durch eine adäquate Formensprache ihn
selbst in seinem Bauwerk zur Schau stellt.
140
Architektur als Ware
Diesem gängigen Trend entsprechend landen
neuerdings Bauwerke als Ware vermarktet als
Eye-Catcher in Lifestyle-Magazinen und gelangen auch außerhalb der Fachwelt innerhalb kurzer Zeit zu großer Bekanntheit.
Handelt es sich häufig um Prestige-Bauten wie
Theater, Museen, Konzerthallen, werden sie in
Kürze zum Ziel eines Architekturtourismus, den
es für zeitgenössische Architektur in diesem
Ausmaß noch nie gegeben hat.
So ist es wohl mittlerweile Teil eines modernen Kulturkonzeptes von bedeutenden Städten geworden, mit spektakulären Bauten den
Kulturtourismus im weiteren Sinn zu bedienen.
Flächendeckend publiziert und beworben werden diese neuen Kult-Bauten kurzerhand zu
Weltarchitektur erhoben und stillen die Gier des
modernen Menschen nach Neuem und Ausgefallenem.
Stellt sich also die Frage, was nun ein Bauwerk
zu Weltarchitektur macht?
Ist es die Planung durch einen berühmten Architekten? Die Wichtigkeit und der Bekanntheitsgrad des Auftraggebers? Die möglichst
laute Form der Selbstdarstellung als Befriedigung eines Narzissmus?
Die Bauaufgabe als Interpretation von sozialen Anforderungen oder
historischen Ereignissen? Die funktionelle Lösung eines Raumprogramms oder die formale Qualität eines Bauwerks? Das Alter, die
Außergewöhnlichkeit, die Größe, die Höhe, die Kosten ... der Bauaufgabe?
Für die öffentliche Wahrnehmung von Bauwerken und für die Publikation in Zeitschriften spielt wohl in erster Linie die medientaugliche
Fassade oder das Nie-Dagewesene eines Gebäudes die Hauptrolle.
Für diese Art oft kurzlebiger medialer Präsenz wurde in den 80erJahren der Begriff heavy dress geprägt, der die Annäherung von Architektur an Mode gut beschreibt.
Zeitlich parallel dazu entstand die Tendenz, Alltagsgegenstände von
namhaften Designern gestalten zu lassen. Hier sollte die Botschaft
vermittelt werden: Ich bin in, weil trendy.
Dieses oft fragwürdige Überstülpen von gewollten Formen fand
auch in der steigenden Begeisterung größerer Bevölkerungsgruppen für moderne Architektur zunehmend Anhänger.
Architektur als Träger einer Botschaft
So wie man mit Design am Markt um Aufmerksamkeit buhlt, versuchen sich auch Bauherren gekonnt in Szene zu setzten: Durch Beauftragung renommierter Architekten sollen Konzepte, Inhalte, Ziele
sichtbar gemacht werden. Sich als Auftraggeber mit Stars ins Rampenlicht der Architekturwelt zu stellen, ist mittlerweile ein probates
Mittel, um seinen Bekanntheitsgrad nachhaltig zu erhöhen: Architektur als Werbeträger sozusagen ...
Hier stellt sich eine wesentliche Frage: Wie viel hat die so verstandene und publizierte Weltarchitektur überhaupt mit Bauwerken in
ihrer dreidimensionalen und komplexen Gesamtheit zu tun?
Ist nicht einziger Sinn das prägnante und medial verwertbare Bild,
die kurze Botschaft: Hier bin ich und ich bin schön.-?
Reicht hier ein Import-Export-Geschäft mit architektonischen Zitaten
und akademischen Ideen, um sich ins Gespräch zu bringen?
Kulturbrüche als Selbstzweck?
Die Grenzen der Architekturvermittlung durch reines Bildmaterial
liegen bekanntlich darin, dass ein wahres Raumempfinden dadurch
kaum wiedergegeben werden kann. Die Qualität eines Gebäudes
Bürogebäude „The Gherkin“ (engl. Die Gurke) | London City, Großbritannien
Bauherr: Swiss Re | Architekt: Lord Norman Forster | Fotos: Itta Maurer
Bürogebäude Torre Agbar | Barcelona, Spanien | Bauherr:
Grupo Agbar | Architekt: Jean Nouvel
geschaffen durch Raumabfolge und -gestaltung offenbart sich dem
aufmerksamen Betrachter erst durch Begehung der Struktur selbst.
urteilungsweise zwangsläufig zu einem guten
Ergebnis führt, bleibt dahingestellt.
Aufsehenerregende Bilder von spektakulären Bauten wecken Neugierde und lassen sich erfolgreich vermarkten. Diese Suche nach Präsenz und Wichtigkeit ist wohl die eigentliche Ursache für den Starkult
in der Architektur.
Aus Sicht von Investoren und Marketingstrategen mag ein bekannter
Name mit zusätzlich hohem Wiedererkennungsfaktor oft als beste
Lösung erscheinen.
Und in der Tat lassen sich häufig mit bekannten Namen bürokratische Hürden leichter überspringen als mit No-name-Architekten –
und seien sie noch so kompetent und engagiert.
Wichtige Akteure in diesem System sind nicht
nur Produzenten und Regisseure dieser Weltarchitektur, sondern besonders den Medien fällt
eine tragende Rolle in diesen oberflächlichen
Inszenierungen zu: Gesucht wird das schnelle,
spektakuläre Bild, das kritiklos und unkommentiert verbreitet wird.
Selbst manchen fachspezifischen Zeitschriften
ist das Publizieren von spektakulären Fassaden
und Raumskulpturen wichtiger als die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Bauwerken
in ihrem Kontext und ihrer gesamten Komplexität. Das Andersartige, Neue oder der große
Name sind Inhalt genug, Hauptsache der Verkauf ist garantiert.
Konzeptionell neue Versuche von Architekten
und Planern, das Leben der Menschen durch
zukunftsorientierte Ansätze im positiven Sinne
So bedienen sich große Investoren bei städtebaulich problematischen Projekten in den letzten Jahren immer häufiger eines Stararchitekten. Eine vom Erfolg gekrönte Strategie: Wer würde es schon
wagen, einen Global Player der Architekturszene vom Platz zu weisen? Für dessen Projekt werden ohne Bedenken bestehende Rahmenbedingungen gesprengt, um einen Bau umzusetzen.
Ob diese auf den bekannten Namen des Architekten bauende Be-
141
Weltarchitektur versus Qualitätsarchitektur: Was brauchen wir wirklich? | Itta Maurer
Festung Franzensfeste | Bauherr: Autonome Provinz Bozen – Südtirol | Architekt: Markus Scherer mit Architekt Walter Dietl (Gewinner des Architekturpreises der Stadt Oderzo 2010) | Fotos: Autonome Provinz Bozen – Südtirol, Abteilung Hochbau und technischer Dienst
142
zu beeinflussen, finden kaum Aufmerksamkeit.
Visionen, um eine lebenswerte gebaute Umwelt zu schaffen und nachhaltige Strategien im
Bauen zu entwickeln, fallen oft vordergründig
kommerziellen Überlegungen zum Opfer. So
entzieht sich die Architektur häufig aktuellen
gesellschaftlichen Ansprüchen und Grundsätzen und verkommt zur leeren Hülle, zum Abbild.
Bauten werden austauschbar, da sich der Planer
darüber hinwegsetzt, auf das unmittelbare Umfeld einzugehen und es mit einzubeziehen.
Lang ist die Liste an Beispiele von Bauwerken,
die bei ihrer Veröffentlichung in Publikationen
und Pressemitteilungen als Meilensteine der Architekturgeschichte gepriesen wurden.
Beim näheren Hinsehen und mit dem Wandel
der Architektursprache im Lauf der Jahre wird
aber deutlich sichtbar, dass mancher Medienhype bloß ein allzu bemühtes Design, einen allzu
leeren Formalismus zu bieten hatte und dabei
seine Architektur ein Mittelmaß nicht wirklich
überbieten konnte.
Architektur muss mehr leisten und können als bloß ein originelles
Erscheinungsbild.
Südtirol
Auch in Südtirol sind – nach den bekannten Meistern der 50er- und
60er-Jahre – in den letzten Jahren vermehrt Bauwerke entstanden,
die über die Landesgrenzen hinaus sichtbar sind und internationale
Anerkennung genießen. Hervorzuheben ist die Dichte an kleineren
und gleichzeitig architektonisch hochwertigen Bauten, um die uns
das Ausland beneidet.
Besonders erwähnenswert ist hier die Tatsache, dass vier Werke
Südtiroler Architekten für die Biennale 2010 in Venedig ausgewählt
und ausgestellt wurden: Südtirol als die Region, die italienweit mit
den meisten Arbeiten vertreten ist, kann stolz sein auf ihre Architekten!
In der Tageszeitung La Repubblica spricht Laura Larcan von Archistar
e outsider und kommentiert ... Padiglione Italia. Da non perdere assolutamente, il Padiglione Italia all‘Arsenale con la grande mostra „Ailati.
Riflessi dal futuro“ curata da Luca Molinari che tenta con piglio temerario un‘indagine tra passato recente e imminente futuro dell‘architettura
contemporanea italiana. Quasi un processo diplomatico al bene e al
male di una creatività del costruire made in Italy.
143
Weltarchitektur versus Qualitätsarchitektur: Was brauchen wir wirklich? | Itta Maurer
Tra crisi di coscienza e fermenti pulsanti. Il percorso
è complesso, a tratti farraginoso nella lettura, ma
ambizioso quanto basta per fare centro. Dal bilancio degli ultimi vent‘anni di architetture italiane,
all‘attualità di un presente tutto da scandagliare
(attraverso opere costruite in questi ultimi anni
suddivise in 10 aree tematiche emergenti tra progetti solidali, abitare sotto i 1000 euro al mq, cosa
fare dei beni sequestrati alle mafie, emergenza paesaggio, spazi per comunità, nuovi spazi pubblici,
ripensare città, archetipo/prototipo, work in progress, innesti).
Per chiudere con il futuro più urgente, mappato
con una sezione più meditativa e pretenziosa, che
in collaborazione con la rivista Wired chiama a
raccolta quattordici tra scienziati, pensatori, filmmaker „produttori“ di futuro ad indicare le priori.
(siehe www.repubblica.it/speciali/arte/recensioni/
2010/08/27)
Kurator Luca Molinari lobt unter anderem die
mustergültige Sanierung der Franzensfeste des
Meraner Architekten Markus Scherer mit Architekt Walter Dietl als ausgeklügelt und bestrickend:
Scherer interpretiert die Festung perfekt. Genial ist die Auswahl der Materialien, die er einsetzt. Es ist ein sanfter Eingriff in ein Bauwerk, das dadurch den Charakter der ursprünglichen Bestimmung nicht verliert. (Eva
Maria Wieser/Eva Bernhard – Dolomiten, 21.08.2010)
Ein erstes aber eindeutiges Signal, dass auch leise, verhaltene Töne
hervorragende Musik erzeugen können?
Weit mehr bemerkenswerte Bauten Südtiroler Architekten werden seit Jahren in renommierten Zeitschriften publiziert. Parallel
zu diesem internationalen Interesse an qualitätsvoller Architektur
auch außerhalb urbaner Ballungsräume wächst auch der Architekturtourismus und wird in Südtirol zusehends zu einem relevanten
Faktor.
Einige Gründe für diesen Aufschwung der Südtiroler Architektur liegen in der hohen Dichte an kompetenten Architekten, der regen Bautätigkeit durch den Wohlstand des Landes, der geografischen Lage,
der prägenden Landschaft. Nicht zuletzt ist es aber auch der regen
Wettbewerbstätigkeit bei öffentlichen und auch privaten Bauaufträgen zuzuschreiben: Dieses Werkzeug zur Wahl eines – der Bauaufgabe
entsprechend – kompetenten Architekten garantiert dem Bauherrn
durch große Teilnehmerzahl eine Vielfalt an Lösungsmöglichkeiten
von hoher Qualität.
Erhöhte Ansprüche an Wohn- und Raumqualität, die Anforderung an
hohe Energieeffizienz und die Entwicklung und Anwendung neuer
vigilius mountain resort, Lana | Architekt: Matteo Thun 2003 | Foto: Archiv vigilius mountain resort
144
Techniken und Baumaterialien haben durchwegs dazu beigetragen,
die Qualität des Gebauten zu verbessern.
Parallel – oder vielleicht dadurch bedingt – ist das allgemeine Interesse an guter Architektur vor Ort in der Bevölkerung gewachsen.
Und trotzdem: dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, trifft
auch hier zu.
Entsprechend der Aufgabenstellung sollen die im Lande vorhandenen Potentiale besser genutzt werden.
Bei übergeordneter Wichtigkeit von Projekten kann das Ergebnis
der Wettbewerbe durch Beiträge von auswärts qualitativ erhöht
werden, aber nicht unbedingt im Sinne eines Starkults. Denn
selbst bei EU-weit offenen Wettbewerben beweisen unsere Architekten immer wieder, dass sie auswärtige Konkurrenz nicht scheuen müssen.
Nach wie vor jedoch vermissen die Architekten ihrerseits eine ernsthafte und analytische Diskussionskultur über das Gebaute und die
Ergebnisse von Wettbewerben.
Entsprechen die Ergebnisse den gestellten Anforderungen und
hochgesteckten Zielen? Erfüllen sie ihre Aufgaben? Handelt es sich
dabei wirklich um Architektur von hoher Qualität mit Potential über
unser Jahrzehnt hinaus? Sind Meisterwerke darunter?
Durch eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung können
Schlüsse und Lehren für zukünftige Bauprojekte gezogen und neue
Leitbilder entwickelt werden.
Denn Architektur soll mehr leisten, als den heute gängigen Hang zur
Selbstdarstellung zu bedienen.
Qualitativ hochwertige Raumgefüge für die Bedürfnisse des Menschen und Verbesserung des Lebensumfeldes – ob architektonischer,
funktioneller, sozialer oder ökologischer Natur – müssen im Mittelpunkt der Architektur bleiben.
In diesem Sinne ist die Arbeit des Architekten als intellektueller Beitrag
zu einer positiven Weiterentwicklung der Gesellschaft zu werten.
Der Architektur als Ware und Werkzeug zur Ich-Inszenierung wird
ein Prozess gegenübergestellt, der Bauherr und Projektant gleichermaßen fordert. Nur in konstruktiver Zusammenarbeit kann es
nachhaltig gelingen, Bauaufgaben qualitätsvoll umzusetzen und
damit Meilensteine zu setzen, die auch nach Jahren noch wegweisend sein können.
Itta Maurer
145
Adressen, Ansprechpartner/-innen & Institutionen
Tirol
aut. architektur und tirol
im adambräu
Lois-Welzenbacher-Platz 1
6020 Innsbruck
Tel. 0512.571567
www.aut.cc
Arch. West
Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Tirol und Vorarlberg
Rennweg 1, Hofburg
6020 Innsbruck
Tel. 0512.588335
www.archwest.at
Bundesdenkmalamt – Landeskonservat für Tirol
Burggraben 31
6020 Innsbruck
Tel. 0512.582932, 582087
www.bda.at
Tiroler Kunstkastaster
Abteilung Kultur der Tiroler Landesregierung
Sillgasse 8
6020 Innsbruck
Tel. 0512.508.3752
www.tirol.gv.at/themen/kultur/abteilung-kultur/kunstkataster
146
Verein für Heimatschutz und Heimatpflege in Nord- und Osttirol
Museumstr. 1
6020 Innsbruck
Tel. 0512.587826
www.tiroler-heimatpflege.at
Fakultät für Architektur der Universität Innsbruck
Technikerstr. 15
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.96133
www.uibk.ac.at/fakultaeten/architektur
Archiv für Baukunst
Im Adambräu
Lois-Welzenbacher-Platz 1
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.33101, 33102
www.archiv-baukunst.uibk.ac.at
Adressen, Ansprechpartner/-innen & Institutionen
Lehrstuhl für Architekturtheorie
Universität Innsbruck
Innrain 52
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6534
www.architekturtheorie.eu
Institut für Architekturtheorie und Baugeschichte
Lehrstuhl für Baugeschichte und Denkmalpflege
Technikerstr. 21
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6541
www.uibk.ac.at/baugeschichte
Institut für Experimentelle Architektur.hochbau
Technikerstr. 13
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6781
www.exparch.at
Institut für Experimentelle Architektur/Studio 3
Technikerstr. 13
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6651
www.uibk.ac.at/exarch/studio3
institut für konstruktion und gestaltung
Universität Innsbruck
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6800
www.koge.at
Institut für Gestaltung/studio 1
Technikerstr. 21
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6741
www.uibk.ac.at/gestaltung/studio1
Institut für Gestaltung studio 2
Technikerstr. 21
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6861
www.uibk.ac.at/gestaltung/studio2
147
Adressen, Ansprechpartner/-innen & Institutionen
Institut für Städtebau und Raumplanung
Technikerstr. 21
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6961
www.vcity-c825uibk.ac.at/staedtebau
Forschungskolleg Architektur
Innrain 52
6020 Innsbruck
Tel. 0512.507.6804
www.uibk.ac.at/foko-architektur
Amt der Tiroler Landesregierung
Bereich Bauen und Wohnen
Abteilungen: Baupolizei, Bau- und Raumordnungsrecht, Hochbau,
Raumordnung – Statistik, Tiroler Bodenfonds, Wohnbauförderung, Agrarbehörde
Eduard-Wallnöfer-Platz 3
6020 Innsbruck
Tel. 0512.508.0
www.tirol.gv.at/buerger/bauen-und-wohnen
Amt der Tiroler Landesregierung
Kulturabteilung
Sillgasse 8
6020 Innsbruck
Tel. 0512.508.3752
www.tirol.gv.at/themen/kultur/abteilung-kultur
148
Südtirol
Kammer der Architekten
Sparkassenstrasse 15
39100 Bozen
Tel. +39 0471 971741
www.arch.bz.it
Stiftung der Kammer der Architekten
Sparkassenstrasse 15
39100 Bozen
Tel. +39 0471 30 17 51
www.arch.kultura.bz.it
Adressen, Ansprechpartner/-innen & Institutionen
Freie Universität Bozen
Fakultät für Design und Künste
Universitätsplatz 1
39100 Bozen
Tel. +39 0471 015000
www.unibz.it/de/design-art
Autonome Provinz Bozen – Südtirol
Abteilung Denkmalpflege
Armando-Diaz-Straße 8
39100 Bozen
Tel. +39 0471 41 19 00
www.provinz.bz.it/denkmalpflege
Autonome Provinz Bozen – Südtirol
Abteilung Hochbau und technischer Dienst
Landhaus 2, Crispistraße 2
39100 Bozen
Tel. +39 0471 41 23 30
www.provinz.bz.it/hochbau
Autonome Provinz Bozen – Südtirol
Abteilung Tiefbau
Landhaus 2, Crispistraße 2
39100 Bozen
Tel. +39 0471 41 23 60
www.provinz.bz.it/tiefbau
Autonome Provinz Bozen – Südtirol
Abteilung Wohnungsbau
Landhaus 12, Kanonikus-Michael-Gamper-Straße 1
39100 Bozen
Tel. +39 0471 41 87 00
www.provinz.bz.it/wohnungsbau
Autonome Provinz Bozen – Südtirol
Abteilung Raumordnung
Landhaus 11, Rittner Straße 4
39100 Bozen
Tel. +39 0471 41 78 00
www.provinz.bz.it/Raumordnung
Autonome Provinz Bozen – Südtirol
Abteilung Natur und Landschaft
Landhaus 11, Rittner Straße 4
39100 Bozen
Tel. +39 0471 41 77 20
www.provinz.bz.it/natur
149
Adressen, Ansprechpartner/-innen & Institutionen
Autonome Provinz Bozen – Südtirol
Abteilung Wasserschutzbauten
Cesare-Battisti-Straße 23
39100 Bozen
Tel. +39 0471 41 45 50
www.provinz.bz.it/wasserschutzbauten
Heimatpflegeverband Südtirol
Waltherhaus, Schlernstraße 1
39100 Bozen
Tel. +39 0471 973 693
www.hpv.bz.it
Autorinnen und Autoren
Dr. Leo Andergassen, Abteilungsdirektor Denkmalpflege
Dr. Ulla Fürlinger, Kunsthistorikerin und Kulturvermittlerin, Mitglied der Gruppe KiM
Dr. Arch. Walter Gadner, Architekt
Dr. Hans Gschnitzer, Obmann des Vereins für Heimatschutz und Heimatpflege in Nord- und Osttirol,
ehem. Direktor des Tiroler Volkskunstmuseums Innsbruck
Dr. Sylvia Hofer (MAS), Abteilung Deutsche Kultur, Koordinatorin und Chefredakteurin der Kulturberichte aus Südtirol
Dr. Waltraud Kofler-Engl, Amtsdirektorin Amt für Bau- und Kunstdenkmäler
Die WerkBank
Kunst, Kultur, Kommunikation im Kontext.
Das Portal der Südtiroler Gestalter.
www.diewerkbank.com
Dr. Gretl Köfler, Historikerin
Dr. Arch. Josef March, Ressortdirektor für Bauten, Vermögen, ladinische Schule und Kultur
Dr. Arch. Itta Maurer, Architektin
Manfred Alois Mayr, Künstler
Galerien, die Architektur in ihrem Programm haben:
Rudolf Alexander Mayr, Autor, Bergsteiger und Immobilienentwickler in Innsbruck
Dr. Arch. Irmgard Mitterer, Architektin
kunst Meran
Laubengasse 163
39012 Meran
Tel. +39 0473 212643
www.kunstmeranoarte.org
Dr. Arch. Markus Scherer, Architekt
Dr. Arch. Magdalene Schmidt, Architektin
Dr. Inge Praxmarer, Kunsthistorikerin, Fachbereichsautorin der Tiroler Kulturberichte
Mag. Cornelia Reinisch, Kunsthistorikerin und Fachbereichsautorin der Tiroler Kulturberichte
Dr. Edith Schlocker, Kulturjournalistin
150
Galerie Prisma
Weggensteinstraße 12
39100 Bozen
Tel. +39 0471 97 70 37
www.kuenstlerbund.org/de/galerieprisma
Dr. Bettina Schlorhaufer, Kunst- und Architekturhistorikerin
Dr. Heinrich Schwazer, Journalist
Mag. Dr. Petra Streng, Volkskundlerin, Chefredakteurin der Tiroler Kulturberichte
Dr. Arch. Robert Veneri, Architekt
ar/ge kunst, Galerie Museum
Museumstraße 29
39100 Bozen
Tel. +39 0471 971601
www.argekunst.it
Lungomare
Rafensteinweg 12
39100 Bozen
Tel. +39 0471 053636
www.lungomare.org
Dr. Arch. Susanne Waiz, Architektin
Mag. Karl Wiesauer, Volkskundler, Mitarbeiter beim Tiroler Kunstkataster, Kulturabteilung Land Tirol
Dr. Arch. Oswald Zöggeler, Architekt
151
Notizen
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