Manuskript online Endfassung 3

Manuskript online Endfassung 3
1
Jugendesskultur:
Bedeutungen des Essens
für Jugendliche
im Kontext Familie und Peergroup
Von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg
zur Erlangung des Grades einer
Doktorin der Erziehungswissenschaft (Dr. paed.)
genehmigte Dissertation von
Silke Bartsch
aus
Reutlingen
(Geburtsort)
2
Erstgutacherin: Prof. Dr. Barbara Methfessel, Pädagogische Hochschule Heidelberg
Zweitgutacherin: Prof. Dr. Kirsten Schlegel-Matthies, Universität Paderborn
Fach: Ernährungs- und Haushaltswissenschaft und ihre Didaktik
Tag der Mündlichen Prüfung: 30. Januar 2006
Von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg veröffentlichte Dissertation
Erscheint auch als überarbeitete Kurzfassung in der Fachheftreihe „Forschung und Praxis
der Gesundheitsförderung” der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), Köln
3
Für Alexander
4
Danksagung
Die vorliegende Arbeit ist das Ergebnis meiner Mitarbeit im Projekt „Esskultur im Alltag” unter der
Leitung von Prof. Dr. Barbara Methfessel an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, gefördert
von der Dr. Rainer Wild-Stiftung, Stiftung für gesunde Ernährung, Heidelberg und der Pädagogischen
Hochschule Heidelberg. Bei beiden Institutionen möchte ich mich für die Förderung bedanken. Meine
Auseinandersetzung mit Aspekten der Jugendesskultur war so nur möglich, weil ich auf Menschen
gestoßen bin, die bereit waren, offen zu diskutieren und mir mit Berichten zu ihrer Arbeit Anstöße
gaben, mein Anliegen weiterzudenken. Da ich als Projektmitarbeiterin nur begrenzte Zeit an die
Pädagogische Hochschule Heidelberg als wissenschaftliche Institution fest angebunden war, bin ich
in besonderer Weise von der Offenheit und Diskussionsfreude anderer Foren, wie sie zum Beispiel
bei den Tagungen bei HaBiFo und den Projekttreffen bei REVIS anzutreffen sind, abhängig. Bei
allen, die mich während der Zeit, in der diese Arbeit entstanden ist, begleitet und auf ihre Weise
unterstützt haben, möchte ich mich bedanken!
Ganz besonders herzlich bedanken möchte ich mich ...
... bei meiner Doktormutter Prof. Dr. Barbara Methfessel, die mich auf ihre wunderbare Art zu
immer neuen Fragen und zum Überdenken des Erreichten verlockte und so zum Wachsen und
Gedeihen vieler Ideen beitrug, wovon ein Ergebnis die hier vorliegende Arbeit ist,
... bei meiner Zweitgutachterin Prof. Dr. Kirsten Schlegel-Matthies, die meine Arbeit von Beginn an
mit Interesse verfolgte und stets für Diskussionen bereit war und dabei Zusammenhänge auch aus
kulturhistorischer Sicht beleuchtete und
... bei Herrn Prof. Dr. Hermann Schöler, der nicht müde wurde, mir sämtliche Einzelheiten über
statistische Verfahren zu erklären.
.... bei meinen Eltern, die schon seit Jahrzehnten durch ihren unermüdlichen Einsatz in Garten und
Küche eine heimische Esskultur geschaffen haben, die meinen Blick für diesen Gegenstand des
Haushaltes in besonderer Weise geschärft hat,
... bei meinem Sohn Alexander, der in meiner Zeit in Heidelberg den Haushalt auf seine Weise gut
geführt hat, mich auf seine pragmatische Art herausforderte und mir dadurch half, die jugendliche
Perspektive besser zu verstehen. Gleichzeitig hatte er viel Verständnis für seine promovierende
Mutter, die nicht aufhören will zu lernen,
... bei meinen Freundinnen Prof. Dr. Monika Medick-Krakau und Dr. Beate Struth-Weißbach, die
bereits vor Beginn meines „Promotionsprojektes” in vielen Gesprächen über die Fachgrenzen hinweg
den Boden zum interdisziplinären Denken mitgelegt haben. Beide haben mich in sämtlichen Phasen
der Arbeit liebevoll auf allen Ebenen ermuntert und unterstützt und
... bei meinem Freund Dr. Armin Wolf, der für den emotionalen Rückhalt besonders in der
Endphase meiner Arbeit gesorgt hat.
5
Standing still
is the fastest way of moving backwards
in a rapidly changing world.
Synectics
6
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung....................................................................................................................................................................... 9
1.1
Problemstellung und Gegenstand................................................................................................................................... 9
1.2
Vorgehensweise............................................................................................................................................................ 14
1.3
Argumentationsgang und Vorschau auf die Ergebnisse............................................................................................... 16
2
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt......................................................................................................... 20
2.1
Individualisierung und Lebensstil ................................................................................................................................. 20
2.2
Lebensmittelmarkt in der Konsumgesellschaft............................................................................................................. 28
2.3
Ernährungssituation von Jugendlichen......................................................................................................................... 32
3
Mahlzeit ....................................................................................................................................................................... 37
3.1
Soziale Situation des Essens........................................................................................................................................ 37
3.1.1 Fragestellungen zur Familienmahlzeit.......................................................................................................................... 37
3.1.2 Allgemeines zum Konzept der Mahlzeit........................................................................................................................ 37
3.2
Jugendessalltag............................................................................................................................................................ 43
3.2.1 Jugendtypische Mahlzeitenstrukturen........................................................................................................................... 43
3.2.2 Essenszeiten und deren tagesstrukturierende Funktionen........................................................................................... 50
3.3
Familienmahlzeiten....................................................................................................................................................... 53
3.3.1 Stellenwert und Funktionen von Familienmahlzeiten.................................................................................................... 53
3.3.2 Familienmahlzeiten aus Sicht der Mütter...................................................................................................................... 55
3.3.3 Familienmahlzeiten aus der Sicht der Jugendlichen.................................................................................................... 59
3.3.4 Verlauf von Familienmahlzeiten.................................................................................................................................... 62
4
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup......................................................................................... 65
4.1
Beeinflussung des Essverhaltens durch den jeweiligen Lebensbereich...................................................................... 65
4.2
Funktionen und Stellenwert des Essens im Kontext Familie ....................................................................................... 68
4.2.1 Häusliche Essensversorgung........................................................................................................................................ 68
4.2.2 Aspekte des ernährungssozialisatorischen Einflusses der Familie ............................................................................. 72
4.3
Funktionen und Stellenwert des Essens im Kontext Peergroup................................................................................... 80
4.3.1 Aspekte des ernährungssozialisatorischen Einflusses der Peergroup......................................................................... 80
4.3.2 Außerhäusliches Essen................................................................................................................................................ 85
4.3.3 „Snacken” als ein Beispiel für jugendtypisches Essverhalten.......................................................................................89
5
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur................................................................................................. 96
5.1
Soziokulturelle Standards heutiger Körperideale.......................................................................................................... 96
5.1.1 Vorbemerkungen........................................................................................................................................................... 96
5.1.2 Vorstellungen zur Idealfigur.......................................................................................................................................... 96
5.1.3 Gewichtsstatus und gesellschaftliche Distinktion..........................................................................................................99
5.2
Körperumgang heute................................................................................................................................................... 102
5.2.1 „Bodyculture” − Begriff einer neuen Körperkultur........................................................................................................102
5.2.2 Attribute des heutigen Schönheitsideals..................................................................................................................... 104
5.2.3 Körpersozialisation in den Familienhaushalten...........................................................................................................108
5.3
Körperliche Veränderungen in der Pubertät............................................................................................................... 111
5.3.1 Körperliche Entwicklung von Mädchen und Jungen................................................................................................... 111
5.3.2 Über- und Untergewicht im Jugendalter...................................................................................................................... 112
5.3.3 Körper(un)zufriedenheit............................................................................................................................................... 114
5.4
Wunschfigur und Jugendalltag − Körperideal und Realität.........................................................................................117
5.4.1 Figurmodellierung als Teil einer Jugendkultur............................................................................................................ 117
5.4.2 Hintergründe für „kollektives Diätverhalten”................................................................................................................ 122
6
Empirische Untersuchung: Jugendesskulturstudie.............................................................................................. 126
6.1
Begründung der empirischen Untersuchung.............................................................................................................. 126
6.2
Hypothesen und zentrale Fragestellungen................................................................................................................. 127
7
7
Methode...................................................................................................................................................................... 129
7.1
Auswahl und Beschreibung der Untersuchungsgruppe.............................................................................................. 129
7.2
Der Fragebogen und seine Entwicklung..................................................................................................................... 131
7.3
Untersuchungsdurchführung....................................................................................................................................... 134
8
Ergebnisse................................................................................................................................................................. 137
8.1
Familienmahlzeiten .................................................................................................................................................... 137
8.2
Essen im häuslichen und außerhäuslichen Kontext .................................................................................................. 141
8.3
Vorstellungen eines attraktiven Körpers und Figurmodellierung................................................................................ 145
9
Interpretation und Diskussion................................................................................................................................. 151
9.1
Familienmahlzeiten aus der Perspektive der Jugendlichen........................................................................................ 151
9.2
Kontextabhängige Bedeutungen................................................................................................................................. 158
9.3
Jugendliche Attraktivitätsvorstellungen und deren Einfluss auf Essverhalten............................................................ 170
10
Folgerungen für die Ernährungsbildung................................................................................................................ 181
10.1
Impulse für die Ernährungsbildung............................................................................................................................. 181
10.2
Bedeutung der Ergebnisse des Projektes „Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen” für die .........
fachdidaktische Weiterentwicklung............................................................................................................................. 191
10.3
Kurzer Ausblick........................................................................................................................................................... 195
11
Zusammenfassung.................................................................................................................................................... 197
12
Literatur...................................................................................................................................................................... 201
13
Anhang ...................................................................................................................................................................... 216
13.1
Fragebogen................................................................................................................................................................. 216
13.2
Jugendesskulturstudie 2001: Weitere Ergebnisse..................................................................................................... 223
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 Raummodell zu den Milieus in Westdeutschland 1995 (www.agis.uni-hannover.de am 4.12.2004).................. 24
Abbildung 2 Weibliche Figur-Typen verändert übernommen aus DGE 1992, S. 190)............................................................ 97
Abbildung 3 Männliche Figur-Typen verändert übernommen aus DGE 1992, S. 192)............................................................ 97
Abbildung 4 Schönheitsideal nach Studie von Fend 1984..................................................................................................... 115
Abbildung 5 Was gefällt Jugendlichen an den Familienmahlzeiten?..................................................................................... 138
Abbildung 6 Was stört Jugendliche an den Familienmahlzeiten?......................................................................................... 138
Abbildung 7 Zuständigkeit für das Essen .............................................................................................................................. 140
Abbildung 8 Bildungsziele und Kompetenzen in der Ernährungs- und Verbraucherbildung
(verändert übernommen aus REVIS 2005)........................................................................................................ 192
8
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1 Verzehrte Tiefkühlprodukte ...................................................................................................................................... 74
Tabelle 2 Verteilung der untersuchten Schülerinnen und Schüler auf die Schulzweige und die Jahrgangsstufen............... 130
Tabelle 3 Verteilung der untersuchten Schülerinnen und Schüler nach Alter und Geschlecht
in den Jahrgangsstufen 8 und 10........................................................................................................................... 130
Tabelle 4 Teilnahme an Familienmahlzeiten.......................................................................................................................... 137
Tabelle 5 Gesprächspartner und -themen.............................................................................................................................. 139
Tabelle 6 Verhaltensalternativen bei Hunger unterwegs........................................................................................................ 140
Tabelle 7 Häusliches und außerhäusliches Essen: Vergleich der Wichtigkeiten.................................................................. 141
Tabelle 8 Häusliches und außerhäusliches Essen: Vergleich der Wichtigkeiten.................................................................. 143
Tabelle 9 Toleranz gegenüber anderen Essverhaltensweisen.............................................................................................. 144
Tabelle 10 Toleranz gegenüber Verhaltensweisen bei Tisch.................................................................................................145
Tabelle 11 Attraktivste Frauenfigur......................................................................................................................................... 146
Tabelle 12 Attraktivste Männerfigur........................................................................................................................................ 146
Tabelle 13 Gewählte Methoden der Figurmodellierung......................................................................................................... 147
Tabelle 14 Bewegung als eingesetzte Figurmodellierungsmethode ..................................................................................... 147
Tabelle 15 Muskelaufbaupräparate als eingesetzte Figurmodellierungsmethode................................................................. 148
Tabelle 16 Verändertes Essverhalten als Figurmodellierungsmethode................................................................................. 149
Tabelle 17 Diät als eingesetzte Figurmodellierungsmethode................................................................................................ 149
Tabelle 18 Familienmahlzeiten: Gefallen und Teilnahme...................................................................................................... 223
Tabelle 19 Sitzen bleiben nach den Familienmahlzeiten....................................................................................................... 224
Tabelle 20 Verabredungen zum Essen.................................................................................................................................. 224
Tabelle 21 Gesprächsthemen................................................................................................................................................ 224
Tabelle 22 Typische Streitthemen bei Familienmahlzeiten.................................................................................................... 225
Tabelle 23 Vermeiden von Familienmahlzeiten..................................................................................................................... 225
Tabelle 24 Familienmahlzeiten: Nicht-Teilnahme und Gefallen............................................................................................. 225
Tabelle 25 Familienmahlzeiten: Teilnahme und Nicht-Gefallen............................................................................................. 226
Tabelle 26 Familienmahlzeiten: Teilnahme und Körperstatus............................................................................................... 226
Tabelle 27 Verhaltensalternativen bei Hunger zu Hause....................................................................................................... 226
Tabelle 28 Übersicht zu Nahrungsmittelpräferenzen............................................................................................................. 227
Tabelle 29 Störendes Verhalten bei Tisch............................................................................................................................. 227
Tabelle 30 Kalorien zählen beim Essen................................................................................................................................. 228
Tabelle 31 Kalorien zählen beim Essen................................................................................................................................. 228
Tabelle 32 Attraktivste Frauenfigur im Vergleich mit DGE Daten 1992................................................................................ 229
Tabelle 33 Attraktivste Frauenfigur aus Sicht der Mädchen..................................................................................................230
Tabelle 34 Attraktivste Männerfigur im Vergleich mit DGE-Daten 1992................................................................................ 230
Tabelle 35 Nie praktizierte Handlungsalternativen zur Figurmodellierung............................................................................. 230
Tabelle 36 Figurmodellierung durch Bewegung..................................................................................................................... 231
Tabelle 37 Übersicht zu den Elternkommentaren.................................................................................................................. 232
Tabelle 38 Elternkommentare................................................................................................................................................ 232
Tabelle 39 Elternkommentare................................................................................................................................................ 233
Tabelle 40 Übersicht zu den Kommentaren der Peergroup................................................................................................... 233
Tabelle 41 Kommentare der Peergroup................................................................................................................................. 233
Einleitung
1
9
Einleitung
1.1
Problemstellung und Gegenstand
Jugendliche werden in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion überwiegend
als Essende von Fertigprodukten, Fast Food etc. mit „unvollkommenem Essverhalten“
wahrgenommen. Wird diese Außenperspektive dem jugendlichen Essverhalten gerecht?
Welchen Einfluss hat die Altersphase Jugend auf deren Essverhalten? Diese Arbeit widmet
sich diesen Fragen der Jugendesskultur aus der Perspektive der Jugendlichen, die sich in
der Phase der Identitätsfindung auch in ihrer Lebens(ess)welt entwickeln und zu einem
zukunftsorientierten Lebens(ess)stil finden sollen. Ziel ist, jugendliches Essverhalten für die
Lebensbereiche Familie und Peergroup zu differenzieren. Damit soll ein Beitrag zur
Zielgruppenanalyse und zur Weiterentwicklung der fachdidaktischen Diskussion geleistet
werden.
Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen des Projektes „Esskultur im Alltag“1. Das
Gesamtprojekt „Esskultur im Alltag“ sucht nach fachdidaktischen Konzepten, die in Alltags­
situationen verhaltensrelevant sind. Lebensbedingungen, Bedürfnisse und Interessen der
Lernenden sind zentrale Ausgangspunkte für Lernprozesse. Lernmotivation, Lernprozess
und Lernergebnis werden stark mitbestimmt durch die persönliche Bedeutung für den
Lernenden. Der gesellschaftliche Wandel erfordert im Ergebnis die Fähigkeit zum eigen­
verantwortlichen Handeln − und dieses lässt sich kaum verordnen. Hierarchische Strukturen
sind für solche Lernprozesse eher ungeeignet, Voraussetzung für die Entwicklung von
Eigenverantwortlichkeit und Entscheidungskompetenz in komplexen Situationen ist daher ein
verändertes Lehr-Lernverhältnis.
Ergebnisse der Jugend- und Gesundheitsforschung, der gesellschafts- bzw. kultur­
wissenschaftlichen Ernährungsforschung, der pädagogischen Diskussionen um kognitive
Theorien (z. B. konstruktivistische und subjektive Theorien) und um didaktische Ansätze wie
biografisch orientierte Lehr-Lernprozesse und Mehrperspektivität werden in Analyse und
Diskussion konkretisiert für die Ernährungsbildung. Ziel des Gesamtprojektes ist die Er­
arbeitung von inhaltlichen und methodischen Alternativen zu den bislang dominierenden
Konzepten der Ernährungserziehung. In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion wird
„Essen als Totalphänomen“ (Mauss 1968, S. 22) wahrgenommen. Diese Sichtweise
erweitert die bislang vorwiegend naturwissenschaftlich geprägte Herangehensweise, die
1
Die Autorin war von 1999 bis 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Esskultur im Alltag” unter der
Leitung von Prof. Dr. Barbara Methfessel an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, gefördert von der
Dr. Rainer Wild-Stiftung, Stiftung für gesunde Ernährung, Heidelberg und der Pädagogischen Hochschule
Heidelberg.
10
Einleitung
ebenfalls für die Fachdidaktik2 richtungsweisend war. Durch Subjekt- und Lebenswelt­
orientierung
werden
soziokulturelle
Aspekte
zunehmend
wichtig
(Becker
2002).
Entsprechend wird eine Esskultur-Bildung anstelle einer Erziehung zur gesunden Ernährung
präferiert (Methfessel 1999b).
Die hier vorliegende Arbeit widmet sich dem Essverhalten Jugendlicher im Alltag aus der
Perspektive der Ernährungs- und Haushaltswissenschaft und ihrer Didaktik. Als Beitrag für
eine Zielgruppenanalyse wird nach Bedeutungen und Differenzierungen von jugendlichem
Essverhalten gesucht. Eine aktuelle Zielgruppenanalyse für diesen Bereich der Ernährungs­
bildung fehlt.
Physiologische Aspekte dominierten die bisherigen Überlegungen zur allgemeinen
Ernährungs- und Gesundheitserziehung. Lebensalters- und situationsgerechte Bedarfe3
wurden für die Pubertät erforscht, festgelegt und mit der aktuellen Ernährungssituation im
Hinblick auf eine ausreichende Versorgung verglichen. Dieses ist nicht Gegenstand der
Arbeit. Vielmehr soll mit dieser Arbeit an die Veränderungen der Forschung zum Ernäh­
rungsverhalten in den vergangenen Jahrzehnten angeknüpft und der Fokus auf sozio­
kulturelle Aspekte gerichtet werden − wohlwissend, dass auch naturwissenschaftliche
Erkenntnisse eine wichtige Grundlage für die Ernährungs- und Gesundheitsbildung
darstellen.
Das Beispiel der Ernährungsberichtserstattung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
(DGE) zeigt einen Wandel: Neben der Ernährungsforschung werden zunehmend auch
Aspekte der Ernährungsverhaltensforschung berücksichtigt und daraus resultierende
didaktisch-methodische Konsequenzen gezogen. „Informieren über die richtige Ernährung“
war in den 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre Ausgangspunkt für die so genannte
„Ernährungsaufklärung“4. Ende der 1980er Jahre fanden subjektive Bewertungen und
Differenzierungen (DGE 1988, S. 173) ebenso wie psychosoziale Einflussfaktoren bei der
Erklärung des Ernährungsverhaltens Beachtung. Neben Aufklärung werden daher Erziehung
und Bildung als Instrumente gestärkt; nach wie vor stehen bei den methodisch-didaktischen
Überlegungen Kosten-Nutzen-Rechnungen5 im Vordergrund.
2
Vgl. Grundsatzpapier der Fachgruppe Haushaltswissenschaft und Fachdidaktik in der Bundesrepublik
Deutschland und Berlin-West in Meyer-Harter 1989, S. 225.
3
Ein Beispiel sind die Empfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in den regelmäßig
alle 4 Jahre erscheinenden Ernährungsberichten.
4
Zum Beispiel wird regelmäßig im Rahmen von Repräsentativuntersuchungen nach Ernährungsinteressen,
Informationsquellen für Ernährungsfragen und Ernährungswissen bzw. -kenntnissen gefragt (z. B. DGE 1980,
Kapitel 2.2.1 „Ernährungswissen und -information”, S. 85ff. und DGE 1984, Kapitel 3.4 „Information zur
Ernährung”, S. 127ff.).
5
Vgl. z. B. Tabelle zu den Determinanten des Ernährungsverhaltens (DGE 1988, S. 176).
Einleitung
11
Situation und Lebensstil6 werden mehr und mehr als Determinanten des Essverhaltens
wahrgenommen. So wird in dem „Situations-Präferenz-Modell“ in Verknüpfung mit Esstypen
(Pudel et al. 1992, S. 187ff.) deutlich, dass Situationen mit individuellen Brechungen
Essverhalten determinieren und sich daraus Typologien ableiten lassen. Eine der
Schlussfolgerungen lautet, dass „... noch intensiver auf die spezifischen Bedürfnisse der
Zielgruppen einzugehen“ sei (Pudel et al. 1992, S. 187). Unberücksichtigt bleibt in diesem
Modell die Unterschiedlichkeit des Essverhaltens in den verschiedenen Lebensphasen7.
Beispielsweise korrelieren Einflüsse innerer und äußerer Reize auf Essverhalten mit der
Lebensphase (vgl. dazu „Drei-Komponentenmodell des Eßverhaltens“ DGE 1988, S. 205).
Ohne auf Einzelheiten der genannten Modelle einzugehen, leitet sich hieraus auch ein
Forschungsbedarf zum Einfluss der Lebensphase Jugend auf jugendliches Essverhalten ab.
Forschungsergebnisse fehlen weitestgehend für nicht-pathologisches Essverhalten von
Jugendlichen.
Im Allgemeinen verändert sich das im Alltag praktizierte Essverhalten nicht allein durch
steigendes Ernährungswissen (Neuloh & Teuteberg8 1979; vgl. auch Teuteberg 2002,
S. 185f.). Die Erkenntnis, dass − vereinfacht gesagt − „Ernährung im Kopf und Essen im
Bauch stattfindet”, bestätigen eindrücklich Ergebnisse des Ernährungsberichtes 19929 sowie
Iglostudien10. Entsprechend werden die unterschiedlich gebrauchten Begriffe von Methfessel
(2005, S. 2) definiert: „Der Begriff Essen wird für den realen Vollzug (bezogen auf Produkt
und Prozess) und die damit verbundenen sozialen und psychischen Zusammenhänge
genutzt. Mit Essen werden die mit dem Essprozess verbundenen subjektiven Bewertungen
6
Vgl. z. B. Studie zum jugendlichen Ernährungsverhalten im Kontext ihrer Lebensstile (Gerhards & Rössel
2003a, 2003b).
7
Dies wird erstmalig in der Studie des Projektes „Ernährungswende” aufgegriffen, in der Essstile in
Abhängigkeit von Alter und sozialer Lage bestimmt werden (Hayn & Empacher 2004a; vgl. auch zentrales
Internetportal: www.isoe.de am 20.07.2005).
8
Die Autoren sehen fehlende Kenntnisse im Ernährungsbereich als eine Ursache von Er­
nährungsfehlverhalten im Allgemeinen (Neuloh & Teuteberg 1979, S. 40ff.), allerdings − so die von Neuloh
und Teuteberg aufgestellte These − können Ernährungsverhaltensänderungen nicht allein durch Zuwachs
von Wissen überwunden werden (a. a. O., S. 67). Neuloh & Teuteberg haben maßgeblich zur
Umorientierung in Richtung Ernährungsverhaltensforschung beigetragen (vgl. a. a. O., S. 67ff.).
9
Vgl. dazu Pudel et al. 1992, S. 177ff.
Ernährungsberichte werden von der DGE im Auftrag des jeweils zuständigen Bundesministeriums (heute:
BMVEL, d. h. Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft) seit 1972 im
zweijährigen Rhythmus herausgegeben und sind zur „Standard- und Bezugsinstitution” (DGE 2000, S. 6)
geworden.
Die Themen der Ernährungsberichte haben sich immer mehr von einer rein naturwissenschaftlichen
Perspektive mit psychosozialer Bewertung zu einer umfassenden Ernährungsverhaltenswissenschaften mit
soziokulturellen und naturwissenschaftlichen Aspekten verändert.
10
„Iglostudie(n)” wird auch im Folgenden als Kurztitel verwendet.
Das Iglo-Forum führte in Zusammenarbeit mit der Marketing-Abteilung der Langnese-Iglo GmbH folgende
drei repräsentative Studien zum Essverhalten in Deutschland durch: Iglo-Forum-Studie 1989: Die Deutschen
und ihre Ernährung − Urteile und Vorteile, Iglo-Forum-Studie 1991: Genussvoll essen, bewusst ernähren und
Iglo-Forum-Studie 1995: Kochen in Deutschland.
12
Einleitung
(Geschmack, Gemütlichkeit, Sättigung). Bei dem Begriff Ernährung werden die ‚objektiven’
naturwissenschaftlich begründeten Erfordernisse (Gesundheit, Vitamine, Gewicht) und damit
zusammenhängenden Normen, z. B. in Form von Wertungen wie ‚richtig’ oder ‚falsch’
assoziiert.“ Eine der Arbeit zugrunde liegende These lautet daher: Essen im Alltag ist in
erster Linie soziokulturelle Handlung.
Mit der vorliegenden Arbeit soll eine inhaltliche Annäherung an subjektive Bedeutungen
des Essens gesucht werden. Denn nach dem hier eingebrachten Verständnis, das sich u. a.
auch am Konzept des Symbolischen Interaktionismus nach Blumer (1973) orientiert, ohne
dem Gesamtkonzept zu folgen, handeln Menschen gegenüber „Dingen”11 aufgrund der
Bedeutungen, die diese „Dinge” für sie besitzen. Damit kann Ernährungsverhalten nur durch
die Auseinandersetzung über die Bedeutungen des Essens verändert werden. Lernen findet
also in individuellen Interpretationsprozessen und in damit eng verknüpften Konstruktions­
prozessen statt.
Daran knüpft auch das dieser Arbeit zugrunde liegende Verständnis von Lernen an. Der
Lernprozess wird als ein Konstruktionsprozess aufgefasst. Denn Lernende hören „(Lehrer-)
Instruktionen“ (Brandl 1999, S. 107) vor dem Hintergrund ihrer individuellen Essbiografie,
ihrer persönlichen Bedeutung des Essens und der situativ-individuell unterschiedlichen Funk­
tionen des Essens. Damit hat Ernährung als Unterrichtsthema mehrere Ebenen. Einerseits
wird so genanntes Schulwissen, das als Maßstab für die Notengebung leichter überprüfbar
ist, von Lernenden zur Erlangung guter Zensuren systematisch erworben und erfolgreich
reproduziert (vgl. dazu Studien von Diehl 1999b; vom Berg 1997). Andererseits erwerben
Schülerinnen und Schüler Alltagswissen, das individuell gemäß dem subjektiven Konstruk­
tionsprozess stark vom Schulwissen differieren kann. So beeinflussen Vorkenntnisse,
Essbiografie, Geschlecht etc. die von den Lernenden − neben den guten Noten − verfolgten
Interessen. Mittels eines konstruktivistischen Ansatzes ist im Idealfall − eine veränderte Rolle
der Lehrenden und Lernenden vorausgesetzt − ein problem- und subjektorientiertes Lernen
erreichbar. Brandl beschreibt dieses als Lehr-Lernarrangement, in denen die Verantwortung
für den eigenen Lernprozess von den Lernenden übernommen wird und eine persönlichkonstruierende Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand stattfindet (Brandl 1999,
S. 108).
Lernergebnis und subjektive Bedeutung sind folglich eng assoziiert. Wesentlich für die
Ernährungsbildung ist daher, was Jugendliche für sich selbst wissen wollen. Um zu
vermeiden, dass Jugendliche in ihrer Rolle als Lernende antworten und vermeintlich
11
Unter „Dingen” versteht Blumer (1973) alles, was der Mensch wahrnehmen kann: 1. physikalische Objekte
wie Tisch, Teller, Besteck, 2. soziale Objekte, also andere Menschen als Individuen und Rollenträger wie
Mutter, Vater, Bruder, Schwester und 3. abstrakte Objekte, d. h. Leitlinien, Werte, Instiutionen, Situationen.
Einleitung
13
„Erwünschtes“ wiedergeben, werden in der vorliegenden Arbeit Jugendliche in ihrer Rolle als
Essende angesprochen und untersucht.
Die Annäherung an jugendtypische Bedeutungen des Essens ist zentrales Anliegen dieser
Arbeit auf der Grundlage der These, dass die Bedeutungen des Essens eine Determinante
des Essverhaltens darstellen. Bedeutungen des Essens werden in Anlehnung an Barlösius
(1999) unterteilt in physische, psychische und soziale bzw. soziokulturelle Aspekte. Im
Blickpunkt stehen hier soziokulturelle Aspekte, die Essverhalten in der Jugendphase charak­
terisieren. Entwicklungspsychologische Gesichtspunkte12 werden in die Überlegungen
einbezogen.
Um sich inhaltlich jugendtypischen Bedeutungen des Essens zu nähern, werden drei
Aspekte zur eingehenden Betrachtung herangezogen. Auf der Grundlage, dass die Situation
Essverhalten mitbestimmt (Pudel et al. 1992, S. 181ff.) werden hier zwei Lebensbereiche
ausgesucht, die im Allgemeinen entwicklungsbedingt zu unterschiedlichen Brechungen
führen. In der vorliegenden Arbeit sollen daher die jugendphasentypischen Bedeutungen des
Essens in Abhängigkeit der Lebensbereiche Familie13 und Peergroup14 herausgearbeitet
werden. Die Familienmahlzeit wird gesondert im Hinblick auf ihren heutigen Stellenwert und
ihre Funktionen aus der Perspektive der Jugendlichen untersucht, da sie als soziale Situation
im Familienhaushalt und für die Ernährungssozialisation von herausragender Bedeutung ist.
Vor dem Hintergrund der heutigen gesellschaftlichen Bedingungen stellt die Organisation
gemeinsamer Mahlzeiten für die Haushalte eine Herausforderung dar, daher wird in der
vorliegenden Arbeit zunächst nach der Alltagsrealität von (gemeinsamen) Mahlzeiten bei
Jugendlichen gefragt.
Ein dritter Aspekt ist der Körper als Determinante des jugendlichen Essverhaltens. Die
geschlechtsdifferenzierende körperliche Entwicklung ist prägendes Merkmal der Jugend­
12
Grundlegende psychologische Zusammenhänge und individuelle Bedeutungen sind nicht Gegenstand dieser
Arbeit.
13
Der Begriff der Familie wird sowohl in den Wissenschaften unterschiedlich definiert als auch im
Alltagsverständnis uneinheitlich gebraucht (vgl. dazu 5. Familienbericht, S. 23; Schneewind 2002, S. 105ff.).
Als konstitutiv gilt einerseits die biologisch-soziale und andererseits die rechtlich bestimmte so genannte
„Kernfamilienstruktur” (5. Familienbericht 1994, S. 24). Dieses eher traditionelle Familienverständnis der
„bürgerlichen Familie” ist vor dem Hintergrund hoher Scheidungsraten und der Pluralisierung der familialen
Lebensformen (ebd.; vgl. auch Schlegel-Matthies 1998) nicht mehr ausreichend. Beispielsweise lebten laut
Mikrozensus 2001 83 % aller minderjährigen Kinder im früheren Bundesgebiet einschließlich Berlin-West bei
ihren verheirateten, zusammenlebenden Eltern und 13 % (im Vergleich: Neue Bundesländern und Berlin-Ost:
20 %) bei alleinerziehenden Elternteilen (Statistisches Bundesamt 2002). Entsprechend der vorliegenden
Fragestellung wird Begriff Familie hier weitgefasst verstanden als Kleingruppe, die zusammenlebt und
wirtschaftet und sich als Haushaltsgemeinschaft versteht. Die zitierten Studien weichen im Einzelfall von
diesem Begriffsverständnis ab.
14
Peergroup wird in der Literatur (vgl. dazu Krappmann 1998, S. 364ff.; Fend 2000; Oerter & Montada 2002)
unterschiedlich definiert. Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt auf der Abgrenzung des Lebensbereichs der
Peergroup vom dem der Familie. Daher wird Peergroup hier weitgefasst als selbst gewählte Bezugsgruppe
verstanden und umfasst sowohl Freundes- als auch Gleichaltrigengruppe.
14
Einleitung
phase. Körperidentität ist eng mit der Identitäts- und Geschlechtsentwicklung verbunden.
Diese individuelle Entwicklung findet vor einem soziokulturellen Hintergrund statt, in dem
Körper als Mittel zur sozialen Distinktion dient. Da Erfahrungen mit dem Körper auf
unterschiedliche Weise auch Ess- und Bewegungsverhalten und vice versa beeinflussen,
wird in dieser Arbeit von einer „doppelten Distinktionsfunktion” des Essens gesprochen.
Jugendliche werden in der vorliegenden Arbeit als Akteure (Fend 2000) verstanden, die ihren
Entwicklungsprozess mitgestalten. Daher interessiert, welche körperlichen Schönheits­
vorstellungen das jugendliche Essverhalten leiten, ob und wie Ess- und Bewegungsverhalten
geschlechtsspezifisch zur Modellierung des Körpers von Jugendlichen eingesetzt wird.
Forschungsergebnisse zu Einzelaspekten (Ernährungszustand, Gewichtsstatus, Körper­
sozialisation, pathologisches Essverhalten (Essstörungen) etc.) liegen aus der Ernährungsund Haushaltswissenschaft ebenso vor wie aus den Bereichen Psychologie und Medizin.
Forschungsfragen
Der Arbeit liegen im Wesentlichen folgende Forschungsfragen15 zugrunde:
•
Lässt sich jugendliches Essverhalten von dem anderer Altersgruppen abgrenzen?
•
Welchen Einfluss hat die Lebensphase Jugend auf die alltägliche Esskultur von
Jugendlichen?
Wie kann jugendliches Essverhalten hinsichtlich der Bedeutungen der Lebensbereiche
•
Familie und Peergroup, der Familienmahlzeiten und des Körpers näher charakterisiert
werden?
1.2
Vorgehensweise
In der Arbeit wird versucht, generalisierbare Zusammenhänge einer jugendlichen
Esskultur vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Ausdifferenzierungen16 zu erkennen.
Die Komplexität des Forschungsgegenstandes erfordert einen interdisziplinären Zugang.
Gegenstand und Fragestellung sind in der Ernährungs- und Haushaltswissenschaft und ihrer
Didaktik verankert. Die Ernährungs- und Haushaltswissenschaft hat aber kein homogenes
Theoriegerüst, sondern bedient sich entsprechend ihrer jeweiligen Fragestellungen aus den
unterschiedlichen Disziplinen. Ausgehend von der Ernährungs- und Haushaltswissenschaft
sind für die hier spezifizierten Fragestellungen Theorien aus Bereichen der Ernährungs- und
Jugendsoziologie (Jugendkulturforschung im gesellschaftlichen Kontext der Lebensstil- und
15
Spezifische Hypothesen werden in den einzelnen Kapiteln erarbeitet.
16
Vgl. allgemein Stilbildungen in den Jugendkulturen (Ferchhoff & Neubauer 1997).
Einleitung
Milieuforschung),
der
Entwicklungsbiologie
sowie
der
Psychologie
(vorrangig
15
zur
Identitätsentwicklung während der Adoleszenz) wichtig.
Zur Einbettung des Themas in den Gesamtzusammenhang werden in Kapitel 2
Lebens(ess)welt sowie Ernährungssituation und Aspekte des jugendtypischen Essverhaltens
skizziert. Auf der Grundlage der bisherigen Erkenntnisse werden die Fragestellungen in den
drei genannten Teilbereichen konkretisiert und theoretisch verortet. Dazu wurden Studien
aus den Bereichen Markt-, Gesellschafts-, Verbraucher- und Gesundheitsforschung heran­
gezogen. Um sich den Fragestellungen inhaltlich weiter zu nähern, werden zu den
Teilbereichen vertiefend einzelne Aspekte jugendlicher Esskultur bearbeitet (Kapitel 3 bis
Kapitel 5) und spezifische Hypothesen generiert.
•
1. Teilbereich:
Familienmahlzeiten als soziale Situation aus der Perspektive der Jugendlichen
Die soziale Situation der Mahlzeit ist in diesem Teilbereich Untersuchungs­
schwerpunkt. Ausgangspunkt der Überlegungen ist daher ein soziologisches Konzept
der Mahlzeit, um allgemeine Funktionen der Mahlzeit abzuleiten. Ergebnisse zu
allgemeinen
Mahlzeitenstrukturen
Mahlzeitenmuster
herauszuarbeiten.
werden
Diese
gesichtet,
werden
um
unter
jugendspezifische
entwicklungspsycho­
logischen und jugendsoziologischen Gesichtspunkten diskutiert, um Hypothesen zum
Stellenwert und zu Funktionen von gemeinsamen Mahlzeiten in Familienhaushalten
für Jugendliche abzuleiten.
•
Teilbereich 2:
Vergleich von jugendspezifischen Bedeutungen des Essens in häuslichen und
außerhäuslichen Esssituationen
Der vorwiegend häusliche − und somit eher private − Bereich wird hier vereinfachend
dem Lebensbereich der Familie zugeordnet. Dem steht der Lebensbereich der
Peergroup gegenüber. Der außerhäusliche − also primär öffentliche − Lebensbereich
wird hier zur Analyse eingeschränkt auf die Welt der Peergroup. Zunächst werden
Daten aus Studien im Hinblick auf Nahrungsmittelpräferenzen, Verzehrsituationen und
Aspekten jugendtypischer Essweisen17 gesichtet, um dann Unterschiedlichkeiten
bezüglich des Stellenwerts und der Funktionen des Essens in den beiden
Lebensbereichen herauszuarbeiten und Hypothesen zu generieren.
•
17
In Anlehnung an Barlösius (1999, S. 37) wird hier unter Essweise, der „anthropologischen Status der
Ernährung” verstanden. Esskultur wäre entsprechend „die Überführung in eine empirische Form”.
16
Einleitung
•
Teilbereich 3:
Bedeutung des Körpers als Determinante des jugendlichen Essverhaltens
Ausgehend von den biologischen Veränderungen des Körpers in der Pubertät und der
Rolle
des
Körpers
bei
der
Identitätsentwicklung
werden
Überlegungen
zu
Vorstellungen von „Idealfigur” bei Erwachsenen und ihrer soziokulturellen Bedeutung
angestellt. Körperbezogene Handlungsmöglichkeiten werden im Zusammenhang mit
jugendspezifischem Essverhalten auch unter Einbezug von Erkenntnissen aus der
Forschung
über
Essstörungen
diskutiert,
um
einen
geschlechtsspezifisch
unterschiedlichen Einsatz von Ess- und Bewegungsverhalten zur Figurmodellierung
bei Jugendlichen herauszuarbeiten.
Bisherige Forschungsergebnisse, eigene Beobachtungen und Interviews mit Jugendlichen
waren Grundlage für die Entwicklung eines Fragebogens für die in Berlin durchgeführte
Jugendesskulturstudie 2001, die ergänzend ausgewählte Fragestellungen zu den drei
genannten Teilbereichen empirisch untersuchte (Kapitel 6 bis 8). Diese explorative Studie,
die vorwiegend der Deskription dient, fand im Frühjahr 2001 an vier Berliner Oberschulen
statt. Die Rahmenbedingungen ermöglichten keine repräsentative Untersuchung. Aus­
gewählte Ergebnisse sind in Kapitel 8, gegliedert nach den drei Teilbereichen, dargestellt;
darüber hinaus finden sich weitere Ergebnisse im Anhang. Die Ergebnisse werden im
Hinblick auf die in den drei Teilbereichen aufgestellten Fragestellungen und Hypothesen
interpretiert und diskutiert (Kapitel 9). Klassendiskussionen fanden ergänzend statt. Ab­
schließend werden erste Folgerungen für die Ernährungsbildung gezogen.
1.3
Argumentationsgang und Vorschau auf die Ergebnisse
Thema der hier vorliegenden Arbeit ist alltägliches Jugendessverhalten. Als Beitrag für
eine Zielgruppenanalyse wird nach Bedeutungen und Differenzierungen von jugendlichem
Essverhalten gefragt. Die schulische Verankerung der Ernährungsbildung im Rahmen des
Faches Haushaltslehre liegt in der Sekundarstufe 1, daher stehen Jugendliche dieser
Altersgruppe im Mittelpunkt, insbesondere in der Befragung.
Allgemeine Veränderungen der Lebensumwelt (Kapitel 2) beeinflussen auch Bedingungen
der Ernährung und Bedeutungen des Essens. Entsprechend der zugrunde liegenden These,
dass Familie ein dynamisches System ist, werden Jugendliche als Agierende in Haushalt
und Familie gesehen. Dort findet die primäre Ernährungssozialisation in Wechselbeziehung
auch zu gesellschaftlichen Bedingungen18 statt.
18
Medien beeinflussen z. B. in vielfältiger Weise Alltag und Zusammenleben im Haushalt.
Einleitung
Jugendliche
fungieren
im
Allgemeinen
als
Impulsgeber
für
17
gesellschaftliche
Entwicklungen. Daher ist zunächst zu klären, ob überhaupt von einer durch die
Entwicklungsphase Jugend geprägten „Jugendesskultur”19 in Abgrenzung zu anderen
Altersgruppen ausgegangen werden kann. Dazu werden Erkenntnisse aus dem aktuellen
Diskurs der Entwicklungspsychologie und der Jugendsoziologie herangezogen, um Impulse
zum Verständnis des jugendlichen Essverhaltens zu bekommen. So wird in dieser Arbeit auf
der Grundlage folgender Thesen jugendliches Essverhalten interpretiert und diskutiert:
•
Jugendliche sind aktive Gestalter ihres Entwicklungsprozesses (Fend 2000).
•
Die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben20 spiegelt sich im Bereich des Essens wider.
Als wesentliche Entwicklungsaufgaben gelten Ablösung vom Elternhaus, Identitätsfindung
und Rollenfindung und gesellschaftliche Verortung21.
•
Die Funktion der Abgrenzung der Jugendlichen von den anderen Altersgruppen und
altersgleichen Gruppen wird im Allgemeinen durch jugendkulturelle Stilbildungen erfüllt.
Allerdings findet Distinktion zwischen den (altersgleichen) Jugendlichen nicht primär durch
die jugendkulturellen Stilbildungen statt, sie wird vielmehr durch die sozioökonomische
Lage in den Familien und die dort vermittelten Werte maßgeblich (mit)bestimmt.
Bereits bei der Durchsicht verschiedener Studien zeichnen sich Unterschiede im
jugendlichen Essverhalten ab, das sich von anderen Altersgruppen abgrenzen lässt. Im
19
Begriff Esskultur: Hier folge ich Barlösius (1999), denn sie berücksichtigt in der ihrer Theorie zugrunde
liegenden Begriffsbestimmung den Doppelaspekt der „natürlichen Künstlichkeit des Essens” (Barlösius 1999,
S. 38), in dem sie die Soziologie des Essens in ein anthropologisches Konzept einbindet und somit eine
Heranführung an Themen ermöglicht, die ebenfalls an der Grenze zwischen Natur und Kultur platziert sind.
„Essen ist immer zugleich eine natürliche und eine kulturelle Angelegenheit. ... Um diese anthropologische
Eigenart zu erfassen, ist es notwendig, eine Theorie zu entwickeln, die das gleichzeitige Vorhandensein
beider Prinzipien als eine spezifische Einheit begreift, ohne eine Einheitlichkeit zu unterstellen, die
grundlegende Differenzen zwischen beiden verwischt.” (a. a. O., S. 31). Weiter geht Barlösius von den
Handlungsmöglichkeiten und nicht von Verhaltensnotwendigkeiten des Menschen aus (ebd.).
Der Schaffung einer Esskultur liegen drei Institutionen zugrunde:
1. kulturelle Bestimmung zwischen essbar und nicht essbar,
2. Küche als kulturelles Regelwerk und
3. Mahlzeit als soziale Situation des Essens.
Esskultur ist folglich selektiv in ihrer kulturellen Auswahl, isolierend bezüglich des regionalen oder
gesellschaftlichen Umfeldes und interessengebunden entsprechend der kulturellen Differenzen, die mit
sozialen Interessen verknüpft sind (a. a. O., S. 39ff.).
20
Der in der Entwicklungspsychologie etablierte Begriff Entwicklungsaufgabe wird hier übernommen. Der
Begriff geht auf Havighurst (1948) zurück, wird in der aktuellen Literatur jedoch kritisch betrachtet und
entsprechend des jeweiligen Ansatzes unterschiedlich verwendet. In dieser Arbeit wird der Begriff
Entwicklungsaufgabe entsprechend Fends Verständnis (Fend 2000, S. 221) verwendet: Jugendliche handeln
in Interaktion mit den Bezugspersonen. Adoleszenz wird als ko-konstruktiver Prozess vor dem Hintergrund
der personalen und kontextuellen Voraussetzungen gesehen. Der erfolgreiche Abschluss dieser
Entwicklungsphase impliziert die Bewältigung der altersphasenspezifischen Entwicklungsanforderungen, z.
B. Entwicklungsaufgaben: den „Körper bewohnen” lernen (a. a. O., S. 210ff.).
21
Vgl. Baacke 1994; Hurrelmann 1994; Fend 2000.
18
Einleitung
Einzelnen
deuten
die
Befunde
darauf
hin,
dass
Essen
situativ
und
funktional
unterschiedliche Bedeutungen im Kontext von Familie und Peergroup hat. Ein Zusammen­
hang zu den genannten Entwicklungsaufgaben kann hergestellt werden. Dazu werden in der
vorliegenden Arbeit Stellenwert und Funktionen des Essens für die Lebensbereiche Familie
und Peergroup erarbeitet und empirisch untersucht. Im Ergebnis zeigt sich eine für
Jugendliche typische Abgrenzung auch in deren Esskultur, die gerade im häuslichen
Lebensbereich Ambivalenzen zwischen Versorgtheit und Unabhängigkeit aufweist.
Das Verhältnis von Versorgtheit (durch die Familienhaushalte) zur unabhängigen,
selbstbestimmten Versorgung ist mit Blick auf die Entwicklungsphase spannend. Dabei
kommt der gemeinsamen Mahlzeit als soziale Situation in den Familienhaushalten eine
besondere Bedeutung zu. Unter Einbezug ausgewählter soziologischer Forschungsbeiträge
zum Forschungsgegenstand Mahlzeit konnten jugendspezifische Bedeutungen exploriert
und einer ersten empirischen Untersuchung unterzogen werden. Ausgehend von der
Grundannahme
der
Kontextabhängigkeit
der
Bedeutungen
des
Essens
wird
die
Familienmahlzeit dem außerhäuslichen Essen in der Peergroup gegenübergestellt und unter
dem Blickwinkel der Entwicklungsphase Jugend diskutiert. Aus den dazu herangezogenen
Studien (siehe Kapitel 3) konnten Anhaltspunkte für jugendtypische Mahlzeitenmuster
gefunden werden. Diese deuten bereits auf das Ergebnis der hier durchgeführten Unter­
suchung hin, dass Jugendliche zwar regelmäßig und freiwillig an Familienmahlzeiten
teilnehmen, ohne dass dies gemeinsames Essen impliziert. Bei den gemeinsamen
Mahlzeiten
vollzieht
sich
ein
Funktionswandel
mit
steigender
Bedeutung
der
Kommunikationsfunktion.
Der These Bourdieus22 (1999), dass Essen als Distinktionsmittel fungiert, wird hier
grundsätzlich gefolgt. Weiter wird hier grundsätzlich angenommen, dass sich Familien­
esstraditionen nach ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital entsprechend der
kulturhistorischen Lage differenzieren. Die gewonnenen Daten stützen die Annahme einer
jugendspezifischen sozialen Distinktion beim außerhäuslichen Essen, trotz der insgesamt
beobachtbaren hohen Toleranz bezüglich des Essverhaltens anderer.
Haushaltsbedingungen, Geschlechter- und Generationenverhältnis, Alltagsanforderungen
an die Einzelnen, Lebensmittelmarkt, Lebensmittelsicherheit etc. haben sich aufgrund des
gesellschaftlichen
Wandels
verändert.
Dem
Einzelnen
eröffnen
sich
durch
Individualisierungs- und Differenzierungstendenzen größere (Handlungs-)Spielräume und
gesellschaftlich akzeptierte Alternativen von Lebenskonzepten. Andererseits wächst der
22
Französische Erstausgabe 1979.
Einleitung
19
Entscheidungsdruck in einer komplexer werdenden Lebenswelt23. In Folge steigt die (Eigen-)
Verantwortlichkeit für die Lebensführung. Das trifft auch für den Ernährungsbereich zu;
bereits kleinen Kindern wird heute in einer von Konsum geprägten Welt eine hohe
Entscheidungsfreiheit zugebilligt. Kinder und Jugendliche begreifen zudem schnell, dass sie
als „ihres eigenen Glückes Schmied“ für ihr Aussehen verantwortlich gemacht werden. So­
wohl bewusst als auch unbewusst entwickeln sie unterschiedliche Lösungsstrategien, die
kurzfristig sichtbare Erfolge (z. B. Schlankheit) mehr im Auge haben als langfristige
Gesundheitsziele24.
Alarmierende
Indikatoren
sind
jugendliches
„Diät-Verhalten“25,
zunehmendes Auftreten von Essstörungen (v. a. bei Mädchen) und steigender Konsum von
Muskelaufbaupräparaten (v. a. bei Jungen). In der vorliegenden Arbeit konnten dazu
generelle Erkenntnisse über jugendliches Ess- und Bewegungsverhalten, das zur
Figurmodellierung eingesetzt wird, gewonnen werden.
23
Am Beispiel der Nahrungszubereitung stellt Schlegel-Matthies die Anforderungen an den Umgang mit
Komplexität in den Familienhaushalten dar (Schlegel-Matthies 1998, S. 203ff.).
24
Jugendliche haben einen eigenen Gesundheitsbegriff. Sie befinden sich in einer relativ gesunden
Lebensphase. Mit „gesund sein” assoziieren Jugendliche daher in erster Linie körperliche Fitness und
psychosoziales Wohlbefinden (Kolip 1994). Wesentlich dafür sind körperliche Attraktivität (Schönheit) und
das Dazugehören zur der Peergroup.
Weiterführende Literatur zum Gesundheitsbegriff bei Jugendlichen: Kolip (1994); Schlicht und Dickhuth
(1999).
25
Der Begriff „Diät” wird hier umgangssprachlich gebraucht, im Sinne einer kalorienreduzierten Kost, die jedoch
nicht gleichbedeutend mit „Reduktionsdiät” im fachlichen Sinne ist.
20
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
2
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
2.1
Individualisierung und Lebensstil
Seit dem 2. Weltkrieg hat sich ein „gesellschaftlicher Individualisierungsschub“ (Beck
1994, S. 44) bei gleichzeitig konstanten sozialen Ungleichheiten vollzogen. Lebensweisen
sind nicht mehr grundlegend durch gesellschaftliche Vorgaben determiniert. Beck (1994,
S. 46) folgert, dass Individuen „Perspektiven einer persönlich-biographischen Lebensführung
zu entwickeln und umzusetzen haben. Dieses gilt sowohl für den Bereich der Erwerbsarbeit
als auch für den privaten Bereich. Die Schwierigkeiten zur Verwirklichung solcher
Perspektiven für das Individuum liegen in oft anzutreffenden einschränkenden Rahmen­
bedingungen. Gesellschaftliche Veränderungen führen zu verändertem Individualverhalten,
das sich wiederum auf die Variationsbreite von Haushaltssituationen auswirkt. Diskontinuier­
liche Lebensläufe werden immer häufiger, instabile Situationen der Haushalte sind eine
Folge. Folglich kann heute keine „Norm” im Sinne einer „allgemein üblich praktizierten und
damit
gesicherten
Normalität”
bezüglich
der
(Versorgungs-)lage
von
Jugendlichen
angenommen werden.
Individualisierung ist in diesen Zusammenhängen eine soziologische Kategorie. So stehen
den Heranwachsenden heute zahlreiche Lebenskonzeptalternativen zur Auswahl, die von
der pluralistisch denkenden Gesellschaft toleriert werden. Gleichzeitig erfordert diese
Pluralität eine eigenständige Verortung im sozialen Gefüge, für die bereits Jugendliche
weitgehend
selbst
verantwortlich
sind.
Durch
die
gewonnenen
Freiheiten
und
Wahlmöglichkeiten entstehen also für den Einzelnen Entscheidungszwänge26, die Risiken
bergen. Mit anderen Worten: Jugendliche wachsen nicht mehr in vorgefügte Lebens­
konzepte hinein, sondern müssen sich im Dschungel der Wahlmöglichkeiten ihren Weg
selbst suchen und dies bei einer hohen Anspruchshaltung seitens ihrer selbst, der Eltern27
und der sozialen Umwelt. Suggeriert wird dabei: „Nichts ist unmöglich!“28 Die Umkehrung
lautet: „Alles ist möglich“, wenn „du nur willst und dein Bestes gibst“. Problematisch wird
dieses für eine wachsende Zahl benachteiligter Jugendlicher, die Bildungsmöglichkeiten und
Berufschancen – wie die PISA-Studie offen legte – vergleichsweise selten erfolgreich nutzen
(vgl. Vester et al. 2000; Baumert et al. 2002), denn die gesellschaftlichen Strukturen fördern
26
Die Vielfalt von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten hat ihren Preis, so sind „... Jugendliche ... heute für
ihre Verortung im sozialen Gefüge, für ihre Lebenskarriere weitgehend selbst verantwortlich” (Ferchhoff &
Neubauer 1997, S. 119).
27
Der Begriff Eltern wird hier ebenso wie die Begriffe „Mutter” und „Vater” mit der sozialen Rolle verknüpft, da
diese für den Untersuchungsgegenstand bedeutsamer ist als die „biologische” Abstammung (vgl. dazu
Begriff der Familie. Vgl. Fussnote 13). Weiterführende Literatur: Schneewind (2002); Walper und Pekrum
(2001).
28
Vgl. Toyota-Werbespruch, der hier sinnbildlich für die gesellschaftlich angenommenen Maximen „alles ist
machbar”, „Land der grenzenlosen Möglichkeiten” steht. Vgl. dazu auch Fussnote 172 im Zusammenhang
mit Kapitel 5.3.2.
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
21
häufig Erfolge ebenso wie Misserfolge, die dann jedoch den Individuen zugeschrieben
werden.
Soziale Lage beeinflusst Werte und Normen, die sich im jeweiligen Lebensstil29
konkretisieren. Eine diese Faktoren umfassende soziale Standortbestimmung wird im
Konzept der „Milieus” bei Vester et al. (2001), deren Begrifflichkeiten hier übernommen
werden, vorgenommen. In den Milieus treffen Gruppen zusammen, die eine „ähnliche
Alltagskultur entwickeln“ (Vester et al. 2001, S. 24f.). Ess- und Konsumstil hängen eng mit
dem Lebensstil zusammen. So spiegeln sich in der (gewählten oder erzwungenen) Essweise
des Einzelnen die gesellschaftlichen Verhältnisse wider.
Jugendliche Teilgruppen
bieten den
Heranwachsenden
zwar Orientierungshilfen,
allerdings ist die Abgrenzung zu anderen Altersgruppen durch den allgemein verbreiteten
Jugendkult schwierig. Abgrenzung von der Kinder- und Erwachsenenwelt ist aber eine
Voraussetzung sowohl für individuelle als auch Gruppen-Identitätsbildung. Erschwerend
kommt hinzu, dass sich eine Vielzahl von jugendkulturellen Stilen entwickelte und diese die
für die 1960er Jahren typische Jugendsubkultur30 ablöste. Um der Pluralität der Jugendstile
gerecht zu werden, favorisieren Ferchhoff et al. den Begriff „jugendkulturelle Stilbildungen“
(Ferchhoff 1995; Ferchhoff & Neubauer 1997, S. 109ff.). Pluralität von Lebensstilen als ein
Zeichen einer horizontalen und z. T. auch vertikalen Differenzierung erschwert eine
oppositionelle Haltung der Jugendlichen, wie sie für eine Jugendsubkultur typisch ist. Die in
Vester et al. (2001) dargestellte historische Entwicklung von sozialen Milieus verläuft
gesamtgesellschaftlich parallel zu der Entwicklung der jugendkulturellen Stilbildungen.
Standeszugehörigkeit, Regeln und Sitten beschränkten lange Zeit die Verhaltensfreiheiten,
gaben aber dem Individuum (Verhaltens-)Sicherheit. So herrscht heute insgesamt eine
gewisse Verunsicherung, die sich auch auf den Bereich des Essens auswirkt und veränderte
Kompetenzen erfordert (Methfessel 1999a, S. 92f.; Barlösius 1999, S. 21).
Ferchhoff und Neubauer vertreten die These, dass „Jugendkulturen für viele Jugendliche
eine oftmals überlebenswichtige zentrale Sozialisationsinstanz“ seien, die jedoch keine
29
Lebensstil- und Milieukonzepte werden in der soziologischen Diskussion unterschieden (Spellerberg 1992,
S. 7; Hradil 2000; Hradil 2001, S. 44ff.). Auf Feinheiten dieser Diskussion wird hier nicht weiter eingegangen,
da in der hier vorliegenden Arbeit generelle Einflüsse der sozialen Lage auf Körpervorstellungen und Ess­
verhalten interessieren, ohne nähere Spezifizierungen untersuchen zu wollen.
Verhaltensweisen, denen Wertorientierungen und Lebensziele als übergeordnete Handlungsmotive und
Organisationsprinzipien zugrunde liegen, sind konkreter Ausdruck eines Lebensstils (Spellerberg 1992, S.
6f.; vgl. auch Hradil 2000, S. 211); im Lebensstil zeigt sich auch die Milieuzugehörigkeit – auch im Sinne des
Milieukonzeptes von Vester et al. (2001, S. 168ff.).
30
Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht auf den Diskurs in der Jugendsoziologie zur Begriffsbildung des
Jugendbegriffs eingegangen werden. Die Begriffe „Jugendkulturelle Stilbildungen” bzw. „Jugendkulturen”, die
für diese Arbeit übernommen werden, spiegeln den gesellschaftlichen Wandel gut wider. Gesellschaftliche
Differenzierungs- und Individualisierungsprozesse haben eine Vielzahl von „jugendlichen Spielarten”
hervorgebracht und lassen kein Gesamtbild von Jugend mehr zu.
22
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
„Kontinuität der Entwicklung“ garantieren. Deshalb werde „... das Prinzip der sicherlich
multiplen − Identitätskontinuität ... auch heute noch am ehesten von Elternhaus und Schule
und Beruf vertreten“ (Ferchhoff & Neubauer 1996, S. 48). Ferchhoff und Neubauer
katalogisierten in den 1990er Jahren 23 unterschiedliche jugendkulturelle Stile. Typisch dafür
ist das Spiel mit Stilelementen aus vergangenen Zeiten und unterschiedlichsten Moden. Ein
diffiziles Symbolsystem, ermöglicht es „Insidern“, „Echtes“ von „Unechtem“ zu unterscheiden.
Vor wenigen Jahren war es Ferchhoff und Neubauer als Außenstehenden noch möglich,
jugendkulturelle Stile zu beschreiben und Typologien zu bilden. Das dürfte schwieriger
geworden sein, denn ein beschleunigter Wandel, rasche Veränderungen31 (Vollbrecht 1995,
S. 30) und ein scheinbar wirrer Stilmix, der keinesfalls willkürlich ist, sind jugendtypisch. Hier
wird daher die These aufgestellt, dass heute Veränderung, Tempo und Vielfalt 32
Abgrenzungsmittel der Jugend sind.
Spiel mit verschiedenen Musikstücken („mixen”) und Verfremdung durch „scratchen” gilt
als „hip”. Zitate aus diversen Epochen und Moden bilden die Grundlage für Neues.
Individuelle Veränderungen bzw. Verfremdungen gestalten das Neue. Diese Technik ist in
vielen Lebensbereichen anzutreffen, z. B. Postmodernismus in der Architektur. In Literatur
und Filmen33 wird zitiert und „angespielt”. Diese aus Jugendkulturen stammende „Erfindung”
des Stilmixes ist kommerzialisiert und enteignet worden. Mixen ist auch im Bereich des
Essens, das „Teil eines allgemeinen Konsumstils geworden ist“ (Tenzer 2002, S. 22), en
vogue. Auf der Ebene von einzelnen Speisen bietet der Markt z. B. Pizza-Pasta oder Joghurt
mit Schokoladekügelchen. Eine ähnliche Vielfalt findet sich auf der Ebene der Essstile: So
werden in verschiedenen Situationen durchaus von einer Person unterschiedliche Essstile
praktiziert (Plasser 1994, S. 97). Leonhäuser & Berg (1999) interpretieren daher Essen und
Trinken als Teil der Lebensweise situationsspezifisch. Dabei unterscheiden sie für
Erwachsene drei prototypische Ernährungsstile: Convenience-, Feinschmecker- und
Gesundheitsorientierung. Offen bleibt, in welcher Weise Jugendliche sich ebenso situations­
spezifisch verhalten.
Zwar lautet das Motto beim Essen ebenso wie in anderen Bereichen „anything goes“.
Aber die gesellschaftliche Offenheit und Toleranz setzen nicht zwangsläufig die Distinktions­
31
Vollbrecht (1995, S. 30) beschreibt die Temposteigerung in der Mediengesellschaft als „Quartanfieber” in vier
Phasen „Skandalon, Entschärfung, Verallgemeinerung und Entwertung”. Dieser Prozess treibe die
Entwicklung neuer Stile an und verkürze deren „Halbwertszeit”, so Vollbrechts These.
32
Vielfalt sowohl bezüglich der Stilbildungen, die Gruppierungen von einander unterscheiden als auch
bezüglich der verwendeten Elemente, die zu einem Stilmix führen.
33
Beispiel eines Filmes, der fast nur aus Zitaten besteht, ist „Dogma” (USA 1999, Originaltitel: „Dogma”, Regie:
Kevin Smith).
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
23
funktion außer Kraft, denn das in den Familienhaushalten jeweilig vorhandene kulturelle
Kapital bildet nach wie vor die Grundlage zur Distinktion, eben auch über das Essen34.
Die allgemein zunehmende Zahl an individuellen Lebensstilalternativen in der westlichen
Welt führt für Jugendliche zu einem „strukturellen und wiederum gemeinschaftsbildenden
Zwang, sich selbst zu verwirklichen“ (Ferchhoff & Neubauer 1996, S. 32), um sich selbst zu
verorten.
Soziokulturelle
Rahmenbedingungen
und
Kenntnisse
über
Alternativen
determinieren Entscheidungen im Einzelfall. Bourdieu (1999) konkretisiert die Rahmen­
bedingungen als kulturelles, ökonomisches und soziales Kapital. Lebensstilentscheidungen
finden im Kontext von familialen Traditionen und in Abhängigkeit des jeweiligen sozialen
Milieus statt. Aussehen, Konsum und Erleben sind zentrale Ausdrucksmittel von Lebens­
stilen. „Wodurch bin ich”, scheint nicht nur für Jugendliche eine zentrale Lebensfrage in der
heutigen Konsumwelt (vgl. auch 14. Shell Jugendstudie35, S. 77). Medieninhalte sind Teil des
gemeinsamen kulturellen Wissens einer Generation (Barthelmes & Sander 2000, S. 20). Mit
dem Einzug der Medien entstand auch eine allgemein zugängliche Bilderwelt, die sich an
den ästhetische Standards einzelner Milieus orientiert. Medien fördern eine universale
Codesprache für sichtbare Bereiche des Aussehens, des Konsums und des Erlebens.
Davon sind alltägliche Handlungsräume ebenso betroffen wie außergewöhnliche Ereignisse.
Alle drei Bereiche − Aussehen, Konsum und Erleben − werden durch das praktizierte Essen,
das neben Sprache und Musik ein bevorzugtes Stilbildungsmittel ist, direkt tangiert. Essen
war seit jeher ein soziales Distinktionsmittel, das früher durch strenge Konventionen geregelt
wurde, während es heute mehr als individuelles Stilmittel zur soziokulturellen Verortung
geeignet ist.
Gesamtgesellschaftliche
Entwicklungstendenzen,
die
im
Allgemeinen
mit
den
Schlagworten Pluralisierung, Individualisierung und Differenzierung beschrieben werden,
sind in dem Hannoveraner Modell36 (Vester et al. 2001), das sich als Erweiterung des
34
Ausführlich dargestellt für die 1970er Jahre in Frankreich bei Pierre Bourdieu (Erstausgabe «La distinction,
Critique sociale du jugement», Paris 1979). Eine Übertragung auf das heutige Deutschland ist aus folgenden
Gründen nicht direkt möglich: Erstens ist die Studie Frankreich spezifisch und lässt sich nicht auf die
deutschen gesellschaftlichen Verhältnisse bruchlos übertragen. Zweitens ist in den vergangenen 20 Jahren
die gesellschaftliche Differenzierung in Einzelmilieus nicht einfach nur fortgeschritten, sondern steht
außerdem in diffizilen Wechselbeziehungen zu sämtlichen gesellschaftlichen Prozessen. Drittens haben sich
die Sozialisationsbedingungen durch die zunehmende Medialisierung verändert. Weiterführende Literatur: z.
B. Mörth und Fröhlich (1994); Treibel (2000, S. 205ff.).
35
Herausgegeben von der Deutschen Shell.
36
In der aktuellen soziologischen Diskussion wird Bourdieu als Vertreter des Kohärenzparadigmas in
Abgrenzung zu Becks Individualisierungsthese gesehen. Das hier favorisierte Hannoveraner Modell der
sozialen Milieus (Vester et al. 2001) basiert auf aktuellen Daten für Deutschland und entwickelt das
Bourdieusche Modell weiter. Vester et al. (2001) haben den Bourdieuschen Ansatz aufgegriffen und mit
Milieutheorien der Marktforschung zu einem neuen milieutheoretischen Ansatz weiterentwickelt. Vester et al.
(2001) folgen in den Grundsätzen dem Bourdieuschen Ansatz und überzeugen durch Differenziertheit des
methodischen Zugangs und der daraus erhaltenen empirischen Daten. Vester et al. explizieren ihren
milieutheoretischen Ansatz jedoch nicht − wie Bourdieu − für die Bereiche Essen und Körperbild. Aus diesem
24
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
„klassentheoretischen Habitus-Ansatzes” von Bourdieu und der Sinus-Milieus aus der
Marktforschung (a. a. O., S. 12f.) versteht, differenziert berücksichtigt. In das mehrschichtige
Hannoveraner Modell (vgl. Abbildung 1) fließen Herrschafts- und Machtverhältnisse ebenso
wie grundlegende Wertorientierung und Traditionslinien der Autoritätsbindung und der Eigen­
verantwortlichkeit auf der Grundlage von kulturellem und ökonomischem Kapital nach
Bourdieu ein. Diese Einteilung basiert auf der Grundannahme, dass Lebensweise und
Werteorientierung stärker als soziodemographische Gruppierungen mit den Parametern
Einkommen, Bildung und Beruf differenzieren (Nowak & Plöger 1997). Auf der gleichen
Grundlage stehen auch die Studien der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung, Nürnberg)
von 1989, 1995 und 1998. Sie unterscheiden 14 Typen mit unterschiedlichen Lebensstilen.
Wichtig für diese Arbeit ist die Feststellung einer „sozialen Kontinentalverschiebung”, die ein
Auseinanderdriften der einzelnen Lebensstile bedeutet.
Abbildung 1
Raummodell zu den Milieus der alltäglichen Lebensführung in
Westdeutschland 1995 (www.agis.uni-hannover.de am 4.12.2004)
Grund wird hier auf grundsätzliche Annahmen Bourdieus zurückgegriffen.
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
25
Barlösius stellt – in der Tradition von Bourdieu – folgende Grundannahme auf:
„Eßgeschmack ist zentraler Bestandteil des Habitus”37 (Barlösius 1999, S. 109). Dieser
Annahme liegt zugrunde, dass Essstile Teil der milieuspezifischen Lebensweisen sind. Als
Teil des Habitus wird somit Geschmack generell während der Sozialisation geprägt (ebd.).
Nach Bourdieu (1999) bestimmen hauptsächlich Verhältnis und Lagerung des kulturellen
Kapitals zum ökonomischen Kapital den jeweils milieutypischen Essstil. Folgt man Bourdieu,
so gilt im Einzelnen: „Der Konsum der Gruppen mit großem ökonomischen und kulturellem
Kapital gilt als distinguiert, der der ökonomisch und kulturell mittellosen als vulgär, und da­
zwischen befindet sich ein Konsumstil, der als prätentiös bezeichnet wird.” (Barlösius 1999,
S. 114). Barlösius leitet aus Bourdieus Ausführungen eine weitere Variante des
„naturgemäßen Eßstils” (a. a. O., S. 117) ab.
Die fortschreitende Ausdifferenzierung der Einzelmilieus zeigt sich neben den prinzipiellen
Unterschieden auch in diffizilen Differenzierungen von Feinheiten in den jeweiligen
Lebensstilen. Die zunehmende Destabilisierung der Lebenslagen (Vester et al. 2001,
S. 81ff.) führt zu diskontinuierlichen Lebensläufen, in denen die finanzielle Situation v. a. für
Angehörige der mittleren sozialen Lagen oftmals instabil und somit langfristig nicht kalkulier­
bar ist. Essstil als Teil der gesamten Lebensweise ist von Veränderungen unmittelbar
betroffen. Untersuchungen der Verbraucherforschung (z. B. EVS 1998 (Einkommens- und
Verbrauchsstichprobe38); Lehmkühler & Leonhäuser 1998) zeigen, dass bei sinkendem
Einkommen zuerst die Ausgaben für Nahrungsmittel gekürzt werden39. Mit Hilfe des kultu­
rellen Kapitals, das zur Kompensation fehlender ökonomischer Ressourcen eingesetzt
werden kann, wird gerade in prekären Lebenssituationen40 (z. B. bei zeitweiser Arbeits­
losigkeit) am gewohnten Essstil (meist unter Hinnahme qualitativer Einbußen) festgehalten
(Lehmkühler & Leonhäuser 1998, S. 77ff.). Da der Essstil einen Teil der sozialen und
kulturellen Identität bildet, kann darüber die „eigentliche” Milieuzugehörigkeit demonstriert
werden (vgl. Barlösius et al. 1995).
37
Habitus ist ein strukturierendes Set von Verhaltens-, Denk-, Urteils- und Geschmacksmustern (Bourdieu
1999; vgl. dazu Liebsch 2000, S. 65ff.). Dabei versteht Bourdieu Habitus sowohl als Erzeugungsprinzip als
auch Klassifikationssystem (Bourdieu 1999, S. 277ff.); Bourdieu umschreibt und erläutert den HabitusBegriff, ohne eine kurze und prägnante Definition zu geben (vgl. auch Treibel 2000, S. 212ff.).
38
Herausgeber: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
39
Dieser Zusammenhang ist trotz des insgesamt stark gesunkenen Ausgabenanteils für Nahrungs- und
Genussmittel gültig. 16 % des Einkommens werden nach dem Mikrozensus 1998 für Nahrungs- und
Genussmittel ausgegeben (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BML) 2000).
40
In der Armutsforschung werden unter dem Fokus der materiellen Ressourcen verschiedene Armutslagen
definiert. In der haushaltswissenschaftlichen Armutsforschung werden zudem Lebenslagen und
Humanvermögen (v. a. zur Bewältigung der Lebenslagen) einbezogen (Kettschau 2003). Unter „prekären
Lebenssituationen” werden daher hier in Anlehnung an Kettschau (2003) Mangelsituationen in Haushalten
über diese Einkommensarmut hinaus verstanden (a. a. O., S. 102f.).
26
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
Das kulturelle Kapital der Jugendlichen resultiert aus deren individueller Biographie vor
dem Hintergrund der jeweiligen Familientradition, die in ein soziales Milieu eingebunden ist.
Folgt man Bourdieu, so beeinflussen „ererbtes” kulturelles Kapital und Bildungskapital in
erster Linie den Aufbau des kulturellen Kapitals (Bourdieu 1999, S. 144). Allerdings hat sich
seit den 1970er Jahren die Präsenz der Medien allgemein verstärkt; so werden heute in der
Sozialisationsforschung (Hurrelmann & Ulich 1998) Medien als eigene Sozialisationsinstanz
neben Familie, Peergroup und Schule gesehen. Daher müsste die von Bourdieu aufgestellte
These auch im Hinblick auf den Einfluss der Medien geprüft werden. Aufgrund von Einzel­
untersuchungen41 kann zwar weiterhin angenommen werden, dass Essgeschmack und -stil
wesentlich durch die familialen Esstraditionen bzw. die Esssozialisation in den Familien
determiniert sind, da gerade bei jüngeren Kindern der Einfluss der Medien auch vom
Umgang der Eltern mit denselben abhängt (vgl. z. B. Barthelmes & Sander 2000, S. 22).
Bei den Untersuchungen zu den Nahrungspräferenzen 10- bis 14-jähriger Jungen und
Mädchen von Diehl (1999c; vgl. auch Barlovic 1999a) erreichen Pizza, Eis, Spaghetti,
Pommes frites, Hamburger, Pudding, Cornflakes, Kartoffelchips, Popcorn und die gängigen
Obstsorten die höchste Beliebtheit, und zwar unabhängig von der Schulbildung des Vaters42,
des eigenen Alters und des Gewichtsstatus. Folgt man – wie hier − der Annahme, dass die
Auswahl von Nahrungsmitteln ein Teil der gesamten Essweise ist (s. o.; vgl. Barlösius 1999)
und somit soziale und kulturelle Zugehörigkeit symbolisiert (s. o.; vgl. Bourdieu 1999;
Barlösius
1999)43,
dann
scheinen
die
Nahrungspräferenzen
der
Jugendlichen
widersprüchlich zu sein. Neuere Daten zum Einfluss des Lebensstils auf den Verzehr
ausgewählter Lebensmittel weisen für Kartoffeln keinerlei statistische Zusammenhänge
nach, dagegen sehr wohl bei anderen Lebensmitteln wie Snacks, Süßigkeiten, Fleisch,
Süßgetränken, Obst und Gemüse, deren Verzehr besonders vom eigenen (jugendlichen)
Lebensstil abhängt (Gerhards & Rössel 2003a, S. 63f.). Aus diesen Zusammenhängen kann
gefolgert werden, dass sich nicht alle Lebensmittel gleichermaßen zur Markierung des
Lebensstils eignen. Darüber hinaus wird hier die These aufgestellt, dass Nahrungsmittel
entsprechend ihrer Funktion als soziokulturelle Symbole in drei Gruppen eingeteilt werden
können, die ich Basics, Symbolics und Unis bezeichne.
41
Eine ausführliche Darstellung von Ergebnissen zum Einfluss der Medien ist hier nicht intendiert.
Weiterführende Literatur: Zum Beispiel Hurrelmann und Ulich (1998); Diehl (1999d); Fauth (1999); DGE
(2000).
42
Daten zur Schulbildung der Mutter liegen nicht vor.
43
Vgl. dazu auch „doppelte Distinktionsfunktion” von Körperidealen und Körperbildern bzw. Zusammenhang
zwischen Übergewicht und sozialer Schicht (siehe Kapitel 6.2: Gewichtsstatus und gesellschaftliche
Distinktion).
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
27
Unter Basics werden hier Nahrungsmittel und Speisen verstanden, die für die
•
kulturtypische Grundversorgung einer Küche stehen, z. B. Nudeln, Kartoffeln, Reis.
Basics haben daher nur einen geringen Symbolcharakter für den jeweiligen
Lebensstil.
Symbolics stehen für Nahrungsmittel und Speisen, die als Symbolträger für einen
•
bestimmten Lebensstil fungieren und somit Distinktionsfunktion haben. Symbolics
übermitteln somit Botschaften über die konsumierende Person und können Auskunft
über Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen geben. Neben ausgewählten
Nahrungsmitteln, die allgemein als luxuriös gelten wie z. B. Austern und Trüffel,
spielen auch Markenprodukte eine herausragende Rolle.
Unis sind Nahrungsmittel und Speisen, die unabhängig vom Lebensstil allgemein
•
beliebt und akzeptiert sind. Eine Einladung „auf eine Pizza” stößt im Allgemeinen auf
große Zustimmung. Hier zeigt erst die Wahl der Pizzeria einen bestimmten Lebensstil.
Ebenso „outet” jemand sich, bei der gewählten Marke bzw. der selbst gebackenen
Pizza.
In der Lebenswelt der Kinder und Jugendliche fungieren (Marken-)Produkte auch als
Symbolsprache44 und dienen zur sozialen Positionierung45. Heranwachsende lernen diese
Symbolsprache wie ihre Muttersprache. Vergleichbar mit den von Ferchhoff und Neubauer
(s. o.) phänomenologisch beschriebenen jugendkulturellen Stilbildungen handelt es sich hier
um eine schwer durchschaubare Sprache der Symbole, die von den jugendlichen „Insidern”
bewusst und unbewusst eingesetzt und beherrscht wird. Die Bedeutungen verändern sich
ständig. Symbole werden von den jeweiligen Standpunkten der umgebenden Lebenswelten
präsentiert und interpretiert. Im Bereich der Esskultur treten kulturhistorisch gewachsene
Elemente hinzu, die im Forschungsbereich von Ethnologie und Kulturhistorikern liegen.
Im
Rahmen
der
vorliegenden
Arbeit
wurde
eine
explorativ
angelegte
Studie
(Jugendesskulturstudie 2001) durchgeführt, die ergänzend zu den ausgeführten Überle­
gungen einzelne Punkte aufgreift und ausbaut (vgl. auch Kapitel 6). Entsprechend der
Zielstellung dieser Arbeit, wird an dieser Stelle empirisch untersucht, ob Symbole im Bereich
des Essens für Jugendliche existieren. Dazu wurden einzelne Elemente des Essstils
ausgewählt, um sich diesem diffizilen Bereich der jugendlichen Symbolsprache zu nähern.
Dieses ist jedoch nur ein marginaler Bereich des Fragebogens46, da mit dieser Arbeit nicht
44
Weiterführende Literatur: Setzwein (2004); Karmasin und Karmasin (1997); Karmasin (1998, 2001).
45
Vgl. Schlegel-Matthies 2001b, S. 45.
46
Vgl. dazu die Fragen B-2, B-3, B-4 und B-5 in der empirischen Untersuchung (Fragebogen im Anhang).
28
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
beabsichtigt ist, diese diffizile Sprache zu dechiffrieren und ihre jugendspezifische
Anwendung nachzuweisen.
Aufgrund der dargestellten Theorien ist zu vermuten, dass soziale Lage und Lebensstil
Essweisen beeinflussen. Leider erlauben die begrenzten Ressourcen der vorliegenden
Studie keine empirische Prüfung der abgeleiteten Annahmen. Um zuverlässige Aussagen zu
sozialen Lagen bzw. Milieuzugehörigkeit treffen zu können, ist eine umfangreiche Erhebung
von soziokulturellen und sozioökonomischen Daten notwendig. In der hier vorliegenden
Studie
kann
lediglich
die
Variable
„besuchter
Schulzweig”
Indizien47
für
soziale
Differenzierungen liefern.
2.2
Lebensmittelmarkt in der Konsumgesellschaft
Westeuropa ist – trotz konjunktureller Schwankungen – eine der reichsten Regionen der
Welt. Prinzipiell sind Überfluss, Verfügbarkeit und Sicherheit von Gütern und Informationen
kennzeichnend. Individuelle Leistung wird hoch bewertet. Sicherheit für den Einzelnen und
Absicherung von Lebensrisiken spielen eine große Rolle. Das Ende des 19. Jahrhunderts
begründete Sozialversicherungssystem, das auf den Prinzipien von Solidarität und
Gemeinschaft
beruht,
wird
in den
letzten
Jahren
mehr
und
mehr
durch
eine
Individualisierung des Risikos unterlaufen. „Jeder ist seines Glückes Schmied”, gilt immer
mehr: Menschen geraten im Umgang mit ihrem Körper zunehmend unter Leistungsdruck,
denn Gesundheit wird dann entsprechend eindimensional als Funktionsfähigkeit, d. h.
Leistungsfähigkeit und Arbeitsfähigkeit gesehen. Gesundheit erhaltendes Verhalten ist dabei
eine Maxime. Gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung und Vermeidung von
Risikofaktoren wird von Krankenkassen als Prävention gesehen und als Schutz vor den so
genannten Wohlstandskrankheiten gefordert. Hin und wieder wird diskutiert, gesundheits­
schädliches Verhalten zu sanktionieren.
Eine hohe Sicherheit gilt für den Nahrungsbereich sowohl hinsichtlich Qualität und
Quantität, trotz zunehmender Verunsicherung (Methfessel 1999a, S. 92f.; Heindl 2004,
S. 224; vgl. auch Teuteberg 1979). Niemand braucht sich bisher im Norden Sorgen über
verunreinigtes oder fehlendes Wasser zu machen. Dieses ist für etwa 70 % der Menschen
im Süden heute nicht selbstverständlich48.
Bereits 1972 konstatiert die DGE, dass der größte Teil der Nahrungsmittel be- und
verarbeitet gegessen wird (DGE 1972, S. 82; vgl. auch Spiekermann 1999a, S. 41ff.). Diese
47
Vgl. dazu Diskussion zum Zusammenhang zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft in der PISA-Studie
(Baumert et al. 2002).
48
Der gewonnen Standard der Lebensmittelsicherheit ist durch aktuelle Entwicklungen zumindest subjektiv
eingeschränkt, z. B. durch Rückstände in Lebensmitteln, unzureichende Hygiene bei der Lebensmittelbe- und
verarbeitung, Gefahr von Sabotage oder Terrorakten.
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
29
Be- und Verarbeitung beruht auf industriellen Prozessen. Naturbelassene Nahrungsmittel,
deren Herkunft Verbraucher und Verbraucherinnen kennen, sind die Ausnahme. Begriffe wie
„Designer-Food” oder „Food-Design” (Furtmayr-Schuh 1993) „Functional Food”, „Nahrungs­
ergänzung”, Fertig- und Halbfertigprodukte (so genanntes „Convenience Food”), „Genfood”
etc. umschwirren Verbraucher und Verbraucherinnen, ohne dass diese tatsächlich immer
wissen, was sich dahinter verbirgt. Die Vielfalt der Möglichkeiten und die unterschiedliche
Bewertungen durch Experten führen häufig zu Verunsicherung von Konsumenten (Barlösius
1999, S. 21). Aber lediglich eine Minderheit ökologisch motivierter und gesundheits­
orientierter Gruppen kaufen noch häufig Nahrungsmittel vom Bauern oder pflanzen selbst
Gemüse an. Insgesamt haben Verbraucherinnen und Verbraucher großes Vertrauen in
Produkte aus konventionellem Anbau49. Produktbezogene Entscheidungskriterien sind Preis,
Geschmack und Frische/Haltbarkeit (vgl. Institut für angewandte Verbraucherforschung
(IFAV) 2001, S. 13) und Darbietungsformen wie Verpackung50. Der Mehrheit der
Bevölkerung fehlt aufgrund des Entfremdungsprozesses der Nahrung, der bereits zu Beginn
des Industriezeitalters begonnen hat (Montanari 1993, S. 192; Hirschfelder 2001, S. 254),
das Wissen über Herkunft und Verarbeitungsprozesse von Lebensmitteln und die
Kompetenzen zur Beurteilung von Lebensmittelqualität51. Ausgelöst durch die BSE-Krise
wurde dieses fehlende Wissen deutlich und über die fehlende Transparenz für die
Verbraucherinnen und die Verbraucher geklagt. Zur Beruhigung finden sich neuerdings auf
den Etiketten vermehrt Hinweise auf die Herkunft, v. a. tierischer Produkte. Nachvollziehbar
und im Detail vorstellbar ist es gerade für junge Menschen selten, da entsprechende
Sinneseindrücke fehlen. Werbebilder, nostalgisch und idyllisch dargestellte Herstellungs­
methoden aus den Zeiten der Großmütter, ersetzen oft reale Erfahrungen 52. „Gestyltes Desi­
gnerfood” ist ästhetisch perfekt: Naturprodukte werden ebenso bildtechnisch nachbearbeitet
wie Neukreationen. Unbearbeitete Produkte wie Nüsse oder frisches Suppengemüse stehen
in den Supermarktregalen neben industriell hochgradig veränderten Produkten wie Erdnuss­
flips oder Tütensuppen. Woher sollen Heranwachsende wissen, was davon auf Bäumen
49
Die BSE-Krise führte zu einer Verunsicherung. Als die Krise mit dem Auftreten des ersten Falls in
Deutschland am 24.11.2000 ihren Höhepunkt erreichte, gab es einen Trend zu Bio-Produkten. Aber bereits
zum Beginn der Grillsaison 2001 schienen die Erinnerungen − betrachtet man das Kaufverhalten bezüglich
des Rindfleisches − vergessen.
50
Vgl. dazu Storch 1994, S. 205: „Im Supermarkt sind Lebensmittel verpackt und ausgezeichnet wie Socken
und Seife, nichts deutet auf eine besondere Bedeutung für den Menschen hin.”
Anmerkung aus einer persönlichen Begegnung mit einer 75-jährigen Dame auf dem Rückweg vom
Supermarkt: „Finden Sie auch, dass (im Supermarkt) alles so bunt geworden ist? Früher wusste ich auf den
ersten Blick, wo ich was finden kann.”
51
Weiterführende Diskussion zu veränderten Anforderungen an Ernährungskompetenzen in der heutigen
Gesellschaft: Leonhäuser (2003).
52
Museumbesuche, besonders beliebt bei engagierten Eltern der Mittelschicht, ergänzen die Idyllerfahrungen.
Besuche in Fabriken sind eher die Ausnahme.
30
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
wächst und was vom Fließband kommt? Geschmack, Aussehen und Preis beim Einkaufen,
Zeit- und Zubereitungsaufwand, Lagerungseigenschaften zu Hause gehören zu den
unmittelbaren Alltagserfahrungen und sind wesentliche Entscheidungskriterien in erster Linie
der haushaltsführenden Person. Jugendliche wachsen in diese Erfahrungswelt hinein und
sind aufgrund fehlender anderer Erfahrungen besonders von dem Entfremdungsprozess der
Nahrungsmittel betroffen. Diese „... Distanz (Entfremdung) zum Werdegang der Nahrungs­
mittel zieht zwangsläufig auch veränderte Wahrnehmungen und Einstellungen der
Verbraucher
und
Verbraucherinnen
gegenüber
ihrer
Ernährung
und
gegenüber
Lebensmitteln nach sich, und die Herausbildung neuer Orientierungen wird erforderlich.”
(Leonhäuser 2003, S. 119; vgl. auch Spiekermann 1999a).
Die Unwissenheit über den Ursprung von Nahrungsmitteln wird durch Bilder aus „zweiter
Hand”, die von ästhetischen Standards der Lebensmittelindustrie geprägt werden, ergänzt.
Es entstehen unrealistische Vorstellungen über die Herkunft. Eine marktbezogene Dynamik
führt zu Kompetenzverlusten sowohl bei der Beurteilung von Lebensmitteln als auch bei der
Zubereitung. Dabei fördern Sozialisationsumgebung und Vermarktung, besonders von
Convenience-Produkten, Missverständnisse, z. B. werden aufgewärmte (Halb-)Fertig­
produkte als „Selbstgekochtes” oder „Selbstgebackenes” aufgefasst, in Güteklassen
eingeteiltes Obst als selbstverständlicher Standard der Natur angenommen.
Die Nahrungssituation lässt sich mit dem Schlagwort „Schlaraffenland” beschreiben. Nie
zuvor gab es eine derartige Fülle und Verfügbarkeit von preiswerten Nahrungsmitteln aller
Art in West-Europa. Das Produktangebot eines durchschnittlichen Supermarktes hat sich in
den vergangenen 40 Jahren verfünffacht von rund 1400 auf 6600 Produkte (Spiekermann
1999a, S. 43). Heimische Erntezeiten spielen für die Verfügbarkeit im Supermarkt nur noch
eine marginale Rolle, die sich bestenfalls in den Preisen niederschlägt. Das Angebot ist nur
aufgrund der industriellen Massenproduktion so möglich. Diese hohe standardisierte Güter­
qualität und Lebensmittelsicherheit ist kulturhistorisch ein Novum (vgl. Kutsch 1993; Prahl &
Setzwein 1999).
Viele
Lebensmittel
versprechen
den
Verbraucherinnen
und
den
Verbrauchern
zusätzlichen Nutzen, sowohl materiellen wie immateriellen. Angereicherte Lebensmittel
(beispielsweise mit Vitaminen) werden angeboten. Dadurch verschwimmt häufig die
Trennung
zwischen
Lebensmittel
und
Arzneimittel.
Außerdem
verändert
sich
die
Wahrnehmung53 von naturbelassenen Grundnahrungsmitteln, die in der Folge als „minder­
wertiger”, „weniger gesund” eingestuft werden können. Immaterieller, zusätzlicher Nutzen, in
der Werbesprache als „added value” bezeichnet, gehören immer mehr zum Werbealltag.
53
Östberg 2003. Vortrag. Lern for Life. Consumers and Society in Dialogue. European Conference. Stockholm
26. − 28.10.2003.
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
31
Seit der Nachkriegszeit ist beispielsweise Coca Cola die Kreation eines Lifestyle-Getränks in
hoher Perfektion gelungen54. Betrachtet man die Fülle von Produkten, die tagtäglich neu auf
den Markt kommen und meist nach kurzer Zeit wieder verschwinden, wird das Manövrieren
mit dem „added value” deutlich. Dabei helfen unterschiedliche Strategien, diesen Nutzen zu
vermarkten,
z.
B.
limitierte
Editionen,
Sammelobjekte,
Lifestyle-Symbole.
Dieser
„Supermarkt-Dschungel” kann für Menschen, die Notzeiten wie die ältere Generationen
erlebt haben, ein dekadent erscheinendes Schlaraffenland sein. Für Kinder und Jugendliche
gehört es jedoch zur „Normalität”. Fehlende Verfügbarkeit zu jeder Tages- und Wochenzeit
ist für Jugendliche heute unvorstellbar, so boomt der Verkauf von Lebens- und Genuss­
mitteln durch Tankstellen. Gleichzeitig nimmt eine Wertschätzung von Nahrungsmitteln im
Vergleich zu älteren Generationen ab (Storch 1994, S. 205; Brombach 2003, S. 132).
Studien (KVA55 2001, S. 15-4; Barlovic 1999a, 1999b, 1999c) belegen, dass Jugendliche
entscheidenden Einfluss auf die Markenwahl beim Kauf von Lebensmitteln in den
Familienhaushalten56 haben und auch selbst einkaufen. Schon Kinder fungieren als
„Markenentdecker, Markenempfehler und Markendurchsetzer in einem” und werden bereits
im Alter von zwei Jahren in diesen Rollen umworben (Barlovic 1999a, S. 10). Sie tun dieses
allerdings ohne den Markt zu verstehen (Schlegel-Matthies 2004).
Gleichzeitig zum frühzeitigen Einfluss der Kinder auf das, was sie essen, zeichnet sich ein
Trend ab, dass „... zumindest den Müttern der Schulkinder immer weniger wichtig ist, wie
gesund sich ihre Kinder ernähren. Sie sind froh, daß ihre Kinder überhaupt etwas halbwegs
Gesundes essen. Sie richten sich da immer mehr nach den Wünschen der Kinder.” (Barlovic
1999a, S. 11). Unabhängig davon, was in diesem Fall Mütter unter „gesundem” Essen
verstehen, bleibt festzuhalten: Kinder erwerben Erfahrungen beim Einkauf von Lebens­
mitteln. Diese begrenzen sich nicht auf die Taschengeldausgaben, sondern bereits Kinder
verfügen aktiv mit über die Ausgaben, die die Mütter (und Väter) für Lebensmittel tätigen.
Folglich haben Jugendliche der Sekundarstufe I bereits einige Jahre als aktive
Konsumentinnen und Konsumenten in ihren Bereichen Alltagserfahrungen gesammelt.
Heranwachsende werden nur in geringem Maße bei der Zubereitung von Mahlzeiten
einbezogen, so lautet ein Ergebnis der Frankfurter Beköstigungsstudie57 (Sellach 1996).
54
Weiterführende Literatur: Fritz (1985).
55
KidsVerbraucherAnalyse (KVA) wird herausgeben von der Verlagsgruppe Lübbe in Kooperation mit dem Axel
Springer Verlag und der Bauer Verlagsgruppe.
56
Beispielsweise nehmen 82 % der 6- bis 14-Jährigen Einfluss beim Kauf von Tafelschokolade, 75 % bei
Cornflakes und 73 % bei Cola-Getränken (vgl. Barlovic 1999a, S. 10).
57
In der so genannten „Frankfurter Beköstigungsstudie” Sellach (1996) wurden knapp 500 Frauen befragt, wie
das Essen alltäglich auf den Tisch kommt. Gefragt wurde nach der Arbeitsteilung in der Familie bezüglich
folgender Tätigkeitsbereiche: Einkauf, Zubereitung, Spülen und Müll beseitigen. Aspekte der Zuständigkeit,
der Arbeitsleistung und der Gefühle wurden aus Frauenperspektive erforscht. Da die Fragebögen über
Multiplikatorinnen von Frauenverbänden verteilt wurden, ist zu vermuten, dass für diese Fragestellung
32
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
Damit wird ihnen auch in den Familienhaushalten eine eher konsumierende Rolle bei der
Essenszubereitung zugeschrieben, denn in der Wahrnehmung von Kindern und Jugend­
lichen steht das fertige Essen auf dem Tisch − wie es dorthin kommt, bleibt vielen verborgen.
Geäußerte Essenswünsche gehen − wie von selbst − meist in Erfüllung (vgl. Gerhards &
Rössel 2003a, S. 53). Mütter58 werden zu Dienstleisterinnen ihrer Kinder. Werbewelt und
Realität sind für Heranwachsende in diesem Punkt kaum unterscheidbar.
Kurz gesagt, in der westlichen Lebens(ess)welt finden Jugendliche heute im Allgemeinen
ein vielfältiges, sicheres und allgemein verfügbares Lebensmittelangebot vor. Herkunft und
Produktionsprozesse bleiben für die Mehrzahl der jugendlichen Konsumenten im Dunkeln,
schließlich ist der Supermarkt die Hauptquelle für Nahrungsmittel. Die Lebens(ess)welt prägt
Bedeutungen des Essens für die Heranwachsenden. Aus der beschriebenen Situation
werden hier folgende Annahmen abgeleitet: Werbe- und Verpackungsinformationen sind in
der Mediengesellschaft präsent, andere Informationsquellen treten eher in den Hintergrund.
Design und Image eines Produktes sind Entscheidungskriterien für viele Heranwachsende,
das gilt auch für Nahrungsmittelprodukte. Folglich sind Lebensmittel und Speisen für
Jugendliche „lediglich” Konsumprodukte59, denen auch keine besondere Wertschätzung
mehr zukommt (Storch 1994, S. 205; Brombach 2003, S. 132). Nahrungsmittelprodukte
können auch als Konsumprodukte mit einem zusätzlich immateriellen Nutzen verknüpft
werden. Dieser so genannte „added value” kann erstens mit einem Image aus der Werbung
(vgl. Tenzer 2002, S. 23), zweitens mit Erfahrungen im Familienalltag und drittens mit
Bewertungen durch andere Jugendliche verknüpft sein. Vermutlich wird es eine
situationsspezifisch unterschiedliche Kombination von Bedeutungszuschreibungen sein.
2.3
Ernährungssituation von Jugendlichen
Körpergewicht ist ganz allgemein ein wesentliches Kriterium zur Beurteilung des
Ernährungszustandes. Nach Daten der DGE60 (2000), den zur Beurteilung des Body Mass
Indexes die Normtabellen von Rolland-Cachera für die 12- bis unter 17-Jährigen zugrunde
liegen, sind 78,2 % in dieser Altersgruppe normalgewichtig. Von den übrigen sind 9,5 %
sensiblisierte Personen befragt wurden.
58
Mehrheitlich sind es nach wie vor Mütter, die für die Mahlzeiten zuständig sind (vgl. auch DGE 2004). Daher
ist im Folgenden im Zusammenhang mit der Mahlzeitenzubereitung in den Familien lediglich von Müttern die
Rede .
59
Das deckt sich mit einem Ergebnis der 7. Ernährungsfachtagung der DGE-Sektion Baden-Württemberg: „...
das Verbraucherverhalten [werde] immer mehr durch das Konsumerlebnis statt durch Produktmerkmale
bestimmt” (Ernährungs-Umschau 12/2000, S. 480).
60
Die Daten des aktuellen Ernährungsberichtes (DGE 2004) bestätigen im Wesentlichen die dargestellten
Ergebnisse.
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
33
übergewichtig, 6,9 % leiden unter Adipositas. 2,8 % haben erhebliches Untergewicht, 2,6 %
Untergewicht (ausführliche Darstellung findet sich in Kapitel 5.4.2).
Ernährungsberichte der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die EinkommensVerbraucher-Stichproben (EVS) des Statistischen Bundesamtes, Stichprobe über das
Ernährungsverhalten außer Haus61 (EVA), Nationale Verzehrsstudie (NVS) (vlg. Kübler et al.
1995, 1997) und Verbundstudie Ernährungserhebung und Risikofaktoren-Analytik62 (VERA)
(vgl. Kübler et al. 1997) sind Datenquellen, die zunächst einen Überblick über den Verbrauch
und Verzehr von Nahrungsmitteln geben. In der NVS und VERA werden die gewonnenen
Daten nach Risikogruppen für ernährungsabhängige Erkrankungen63 spezifiziert. Einge­
schränkt können auch Rückschlüsse über jugendliches Essverhalten gezogen werden. Eine
altersspezifische, amtliche Erhebung ist der Spezialbericht über Kinder-Ernährung in BadenWürttemberg64 (2002). Eine Ergänzung zu amtlichen Statistiken bieten Marktanalysen wie
die jährlich erscheinende KVA.
Grundsätzlich kann von einem ausreichenden Nahrungsangebot – das kein Garant für
eine bedarfsgerechte Versorgung ist − für alle Jugendlichen in Deutschland ausgegangen
werden. Allgemein wird in Ernährungsberichten der vergangenen Jahren (vgl. z. B.
Ernährungsberichte der DGE 1996, 2000, 2004) immer wieder darauf hingewiesen, dass im
Allgemeinen „zu viel, zu fett, zu süß und zu salzig” gegessen wird und dieses mit einer
partiellen Unterversorgung an Nährstoffen, und zwar i. d. R. sozial different (Lehmkühler &
Leonhäuser 1998, S. 76), einhergeht. Jugendliches Ernährungsverhalten scheint nach hier
aufgeführten Daten davon nur geringfügig abzuweichen.
Auf der Grundlage der geschätzten Lebensmittelverzehrdaten für das Jahr 1993 (EVS
1993) werden nach Altersgruppen aufgeschlüsselte Detaildaten zur Nährstoffversorgung
errechnet (nach DGE 2000, S. 42). Daraus lassen sich Trends für die Nährstoffversorgung
ableiten. Im Folgenden werden Durchschnittsdaten für die hier interessante Altersgruppe von
61
Studie zum Ernährungs-Verhalten-Außer-Haus (EVA-Studie 1998), gefördert vom Bundesministerium für
Gesundheit, bearbeitet von Gedrich, Binder & Karg. Vgl. dazu Ernährungsbericht 2000, Kapitel 1 (DGE 2000,
S. 37ff.).
62
Ergebnisse der VERA-Studie sind in der VERA-Schriftenreihe Band I bis Band XIV A in den Jahren 1992 bis
1997 von Kübler, Anders, Heeschen und Kohlmeier herausgegeben worden.
63
Eng mit der Ernährungssituation hängen Gesundheitszustand und Erkrankungen aufgrund von
Fehlernährung zusammen. Jugendliche sind v. a. betroffen von Adipositas, Essstörungen und Karies; andere
(auch) ernährungsbedingte Folgeerkrankungen (Diabetes, Gicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und
Mangelerkrankungen (z. B. Anämie, Struma) werden für Jugendliche in erster Linie im Rahmen einer
Gesundheitsprophylaxe thematisiert. Lebensmittelunverträglichkeiten (z. B. Allergien), Lebensmittel­
infektionen u. a. sind grundsätzlich altersunabhängige Erkrankungen, die auch Jugendliche betreffen. Vgl.
dazu auch (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) 1998.
64
Der so genannte Kinderernährungsbericht Baden-Württemberg (Ministerium für Ernährung und Ländlichen
Raum Baden-Württemberg & Sozialministerium Baden-Württemberg 2002b) lag erst nach Durchführung der
Erhebung vor und konnte daher nicht in die Konstruktion des Fragebogens einbezogen werden.
34
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
13 bis unter 15 Jahren65 dargestellt. Mädchen nehmen 8,18 MJ (= 1952 kcal) pro Person und
Tag an Energie zu sich. Davon 13,3 % Protein, 34,8 % Fett (davon 14,6 % gesättigte
Fettsäuren), 48,5 % Kohlenhydrate (davon 24,4 % Mono- und Disaccharide), 2,4 % Alkohol
und 1 % sonstige energieliefernde Inhaltsstoffe, z. B. organische Säuren (DGE 2000, S. 45).
Jungen nehmen 9,99 MJ (= 2386 kcal) pro Person und Tag an Energie zu sich. Davon
13,1 % Protein, 34,8 % Fett (davon 13,8 % gesättigte Fettsäuren), 48,7 % Kohlenhydrate
(davon 24,8 % Mono- und Disaccharide), 2,3 % Alkohol und 1,1 % sonstige energieliefernde
Inhaltsstoffe (DGE 2000, S. 44). Im Durchschnitt beträgt für alle unter 15-Jährige beiderlei
Geschlechts die mittlere tägliche Zufuhr an Energie knapp 90 % des Referenzwertes (DGE
2000, S. 48f.). Dieses ändert sich im Alter von 15 Jahren. Mädchen, in der Altersgruppe von
15 bis unter 19 Jahren essen durchschnittlich mit 106 % im Vergleich zum Referenzwert
etwas zuviel; die Zahlen für männliche Jugendliche schwanken für die über 15-Jährigen um
100 %. Diese mittleren Zufuhrdaten sagen allerdings nichts über die Verteilung der
Einzelfälle aus, wie eine epidemiologische Zunahme von Essstörungen66 und Übergewicht
(s. u.) zeigen.
Hinsichtlich einzelner Nährstoffe ist für Jugendliche besonders die Calcium-, Jod- und
Folat-Versorgung problematisch (DGE 2000, S. 48f. und S. 56f.). Darüber hinaus kann nicht
von einer ausreichenden Eisenversorgung bei Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter
ausgegangen werden (ebd.). Eine latente Unterversorgung aller Jugendlichen besteht
außerdem für Fluorid, Vitamin D und E, Pantothensäure (ebd.). Mangelerkrankungen können
aufgrund einer manifesten bzw. latenten Unterversorgung (über längere Zeiträume)
entstehen, beispielsweise können Anämien in Folge von verminderter Erythropoese (Eisen­
mangelanämie, Folsäuremangelanämie u. a. m.) oder Strumen in Folge von Jodmangel
auftreten67. Dieses gilt umso mehr, je weniger gegessen wird und in Kombination mit einer
einseitig energie- und fettreichen Kost bei gleichzeitig geringer Nährstoffdichte. Ein
besonderes Problem ist beispielsweise auch die Mangelversorgung bei Anorexia nervosa68.
Beim Lebensmittelverzehr ergibt sich folgendes Bild: Insgesamt nimmt der Verbrauch69 an
Getreideerzeugnissen und Kartoffeln ab, während der Verbrauch an Frischobst und
65
Schüler und Schülerinnen der 8. Klasse sind durchschnittlich etwa 13 Jahre, der 10. Klasse etwa 15 Jahre
alt.
66
Essstörungen und ihre diffizilen Ursachen sind zwar nicht Gegenstand der Arbeit, dennoch ist auf die
steigenden Krankheitszahlen aufmerksam zu machen. Buddeberg-Fischer schreibt „Essstörungen gehören
zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen bei weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen”
(Buddeberg-Fischer 2000, S. 8).
67
In diesem Überblick soll lediglich auf Unterversorgung und beispielhaft auf mögliche Folgen hingewiesen
werden. Auf die Problematik einer Überversorgung, die zunehmend im Zusammenhang mit den DACHWerten (gemeinsam erarbeitete Referenzwerte für die Länder Deutschland, Österreich und Schweiz)
diskutiert wird, wird hier nicht weiter eingegangen.
68
Da Essstörungen nicht Thema der vorliegenden Arbeit sind, wird auf die Nährstoffversorgung bei
Essstörungen hier nicht weiter eingegangen.
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
35
Zitrusfrüchten zunimmt (DGE 2000). Der Verbrauch an Frischmilcherzeugnissen und Fleisch
nimmt ab, der Käseverbrauch zu. Diese Zahlen sind nicht nach Altersgruppen differenziert70.
Betrachtet man den täglichen Verzehr nach Lebensmittelgruppen, konsumieren Jungen von
13 bis unter 15 Jahren (alte Bundesländer) relativ viel Milch und Milchprodukte und
Süßwaren. Mädchen dieser Altersgruppe essen relativ wenig Fleisch, Fleisch- und
Wurstwaren, Fisch- und Fischwaren (vgl. EVS 1993 nach Ernährungsbericht 2000, S. 34f.).
So finden sich „vegetarisch ausgerichtete Ernährungsweisen”71 vorzugsweise bei jungen
Mädchen mit 6 % gegenüber 2 % der Jungen ebenso wie fleischarme Kost, die von 52 % der
Mädchen, aber nur von 22 % der Jungen präferiert wird (vgl. 12. Shell Jugendstudie 1997,
S. 351ff.). Das bestätigen ebenfalls Daten zu Nahrungsmittelpräferenzen, so zeigen „Jungen
... unter anderem eine signifikant stärkere Vorliebe für die Speisengruppen Fast Food,
Fleisch, Wurst und Fisch, während Mädchen Obst, rohes Gemüse und Käse (etwas) stärker
präferierten” (Diehl 1999c, S. 151).
Die angeführten repräsentativen Daten beziehen sich auf Lebensmittelgruppen. Aus den
Daten der Marktforschung, die nur eingeschränkt veröffentlicht sind (s. o.; z. B. Barlovic
1999a, 1999b, 1999c; KVA 2001 bis KVA 2004), ist u. a. bekannt, dass Frühstücksceralien
und süßer Brotaufstrich beim Frühstück sowie Pizza allgemein beliebt sind. Neben den ge­
nannten repräsentative Daten zu Nahrungsmittelpräferenzen aufgeschlüsselt nach Alters­
gruppen liegen aus den 1980er Jahren nicht-repräsentative Daten einer vergleichenden
Analyse bei Schülerinnen und Schülern der 9. Klasse an allgemein bildenden Schulen aus
dem Freiburger Raum vor (Kienzle 1988). Kienzle hat umfassende Daten zu Nahrungsmittel­
präferenzen in Abhängigkeit des Schultyps, des Geschlechts und des Ernährungswissens
erhoben. Durchgängig waren Obst, Eis und Schokolade bei den befragten Schülerinnen und
Schülern beliebt, und zwar sowohl als präferierte als auch tatsächlich konsumierte
Lebensmittel (Kienzle 1988, S. 80f.). Die von Diehl (1999c, S. 151ff.) ein Jahrzehnt später
erhobenen Daten zu den Nahrungspräferenzen von Kindern und Jugendlichen zeigen eine
hohe Beliebtheit von Fast Food (Pizza, Pommes Frites, Hamburger), Süßigkeiten und Knab­
bereien bei den 10 bis 14-Jährigen. Wenig beliebt war (gekochtes) Gemüse.
69
Verbrauchsdaten basieren auf Agrarstatistiken und sind nicht mit den Verzehrdaten gleichzusetzen.
Weiterführende Diskussion zur empirischen Ernährungsforschung: z. B. Prahl & Setzwein 1999, S. 63ff.
70
Eine ausführliche Darstellung zur Beschreibung der heutigen Esskultur und ihrer Entwicklung seit den späten
1950er Jahren bezogen auf die deutsche Gesamtbevölkerung auf der Grundlage von Verbrauchsstatistiken
findet sich bei Spiekermann 1999a, S. 41ff.
71
Bei der 12. Shell Jugendstudie 1997 wird unter „vegetarisch ausgerichtete Ernährungsweise” – abweichend
von der in der Ernährungswissenschaft üblichen Definition, in der gerade ein gänzlicher Fleisch- und
Fischverzicht kennzeichnend für alle „vegetarische Kostformen” ist, (vgl. Biesalski & Grimm 1999, S. 304) −
eine Ernährung mit wenig oder ohne Fleisch verstanden (12. Shell Jugendstudie 1997, S. 351ff. ).
36
Jugendliche in der heutigen Lebens(ess)welt
Sämtliche Studien zeigen einen steigenden Verbrauch von Convenience-Produkten (vgl.
z. B. Nestlé 1999; Ziemann 1998). Besonders beliebt sind Tiefkühlprodukte, so hat sich der
„Absatz von tiefgekühlten Fertiggerichten (...) zwischen 1990 und 1997 nahezu ver­
doppelt ...” (Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg &
Sozialministerium Baden-Württemberg 2002b, Diehl 2001). Insgesamt zeigt sich ein Trend,
dass industrialisierte Produkte traditionellen Grundnahrungsmitteln vorgezogen werden
(Ziemann 1998, S. 125).
Mahlzeit
3
37
Mahlzeit
3.1
3.1.1
Soziale Situation des Essens
Fragestellungen zur Familienmahlzeit
Essen findet in unterschiedlichen Situationen statt. Insgesamt überwiegt in der westlichen
Gesellschaft trotz hoher Mobilität das Essen zu Hause (vgl. Iglo-Forum-Studie 1995;
Spiekermann 1999; Stix 2000). Zu Hause wird sowohl allein als auch in der häuslichen
Gemeinschaft gegessen. Mahlzeiten stiften Gemeinschaft und haben in allen Gesellschaften
als soziale Situation (innerhalb und außerhalb von Familien) Bedeutung. Im Besonderen wird
der Familienmahlzeit ein hoher Stellenwert zugeschrieben, weil sie wesentlich zur
Konstitution von Familie (vgl. u. a. Teuteberg 1985; Barlösius 1999; Brombach 2000b;
Schlegel-Matthies 2002) und nach neueren US-amerikanischen Studien zur psychosozialen
Gesundheit von Jugendlichen beiträgt (Eisenberg et al. 2004).
Mahlzeit ist eine herausragende soziale Institution des Essens (Simmel 1957; Barlösius
1999), deren alltägliche Realisierung in den Haushalten aufwändig ist (Sellach 1996;
Kettschau & Methfessel 1989, 2005). Schwerpunkt des vorliegenden Kapitels ist das
gemeinsame Mahl mit der Familie als eine Form des häuslichen Essens, dessen Stellenwert
und Funktionen aus der Perspektive der Jugendliche explorativ untersucht werden sollen.
Folgende Fragestellungen leiten die nachfolgenden vertiefenden Ausführungen:
•
Wie häufig essen Jugendliche mit ihrer Familie gemeinsam?
•
Welche Wichtigkeit messen Jugendliche gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie bei?
•
Welche Funktionen haben Familienmahlzeiten im Alltag der Jugendlichen?
•
Aufgrund der zunehmenden Erwerbsarbeit von Frauen (Geißler 2002, S. 372) −
abhängig vom Alter ihrer Kinder − stellt sich die Frage, wer für den Bereich des
Essens zuständig ist.
3.1.2
Allgemeines zum Konzept der Mahlzeit
Vorbemerkungen
Häusliche Mahlzeiten mit Familie oder allein haben durch familiale Traditionen
strukturierte Regeln und Routinen, denen sich Jugendliche nicht vollständig entziehen
können. Von Familienmahlzeiten wird hier gesprochen, wenn mindestens eine weitere
Person aus der Familie mit dem Jugendlichen gemeinsam isst.
Im Fokus der vorliegenden Arbeit steht das alltägliche Essen, folglich auch die alltäglichen
Mahlzeiten, die von den außeralltäglichen oder festlichen Mahlzeiten zu unterscheiden sind
aufgrund ihrer besonderen Bedeutungen im soziokulturellen Kontext. Außeralltägliche
38
Mahlzeit
Mahlzeiten werden hier nicht thematisiert, da sie für die Erreichung der Zielsetzung dieser
Arbeit lediglich marginale Bedeutung haben.
Auch nach der Trennung von (Erwerbs-)Arbeit und Leben (Haushaltsarbeit72 und Frei­
zeit)73 wurde im 20. Jahrhundert an der kulturell dominanten Mahlzeitenordnung (drei
gemeinsam in der Familie eingenommene Mahlzeiten täglich) als gesellschaftliches
Orientierungsmodell festgehalten (Barlösius 1999, S. 182; vgl. auch Schlegel-Matthies 2002,
S. 209). Obwohl die Realisierung dieses Mahlzeitenideals aufgrund von individualisierten
Lebens- und Arbeitsbedingungen seitdem zunehmend schwieriger wurde, bestehen partiell
noch heute diese Mahlzeitenmuster (Meyer74 2002, S. 59; DGE 2004, S. 81). Ein Grund
dafür ist die Symbolhaftigkeit der Familienmahlzeit, die „...Symbol von Familie als Lebensund Wirtschaftsgemeinschaft überhaupt” ist und die „engen Bindungen zwischen Familien­
mitgliedern” widerspiegelt (Barlösius 1999, S. 183). Eng damit verknüpft ist auch das Leitbild
der versorgenden Mutter, die entsprechend des bürgerlich-städtischen Mahlzeitenideals
durch ihr Kochen ihre Liebe zur Familie zum Ausdruck bringt (Schlegel-Matthies 2002,
S. 209f.). Hinzu kommt ein gewisser Versorgungsdruck durch das Halbtagsschulsystem.
Allerdings kann bereits seit den 1970er Jahren kein einheitliches Ernährungsverhalten in den
Familien mehr angenommen werden (Tolksdorf 1976, S. 71).
In den nachstehenden Definitionen werden Ausdifferenzierungen und Versuche unter­
nommen, Mahlzeit (soziologisch) zu fassen und hilfreiche Konstruktionen für wissen­
schaftliche Untersuchungen bieten. Dennoch soll hier daran erinnert werden, dass „Essen”
stets in komplexen Zusammenhängen geschieht und sich einer vollständigen Analyse
entzieht. Wann wird Essen zur Mahlzeit? − Die Übergänge sind fließend. Die Grenzziehung
ist abhängig von der jeweiligen Definition.
Familiale Esskultur steht in Wechselwirkung zur allgemeinen Esskultur der Gesellschaft in
einem dynamischen System. Was ist für Jugendliche eine Mahlzeit? Was ist „richtiges
72
Hausarbeit wird unterschiedlich konnotiert oder in der aktuellen Diskussion auch durch den weiteren Begriff
der Haushaltsarbeit ersetzt (Kettschau & Methfessel 2005). In dieser Arbeit wird der Begriff Haushaltsarbeit
präferiert, da dieser den veränderten Anforderungen und Aufgaben der Arbeiten im und außer Haus des
modernen Familienhaushaltes mehr gerecht wird als der traditionell geprägte Begriff der Hausarbeit (ebd.).
73
Die Trennung von „Arbeit und Leben” spiegelt eine männliche Perspektive wieder.
Vor der Trennung von Erwerbsarbeit und Hausarbeit wurde nach dem Grundsatz „gemeinsam wirtschaften,
gemeinsam verzehren” gehandelt. Die Zuteilung von Nahrung ist ein sozialer Akt (vgl. Barlösius 1999). Zu
festen Zeiten, den Mahlzeiten, setzten sich alle zur Hausgemeinschaft gehörenden Personen an einen Tisch
und verzehrten − es sei daran erinnert, dass Nahrung und Speise oftmals knapp waren -, was auf den Tisch
kam. Ein vorheriger Gang zur Speisekammer, um einer weniger beliebten Speise auszuweichen, war
undenkbar. Was auf dem Tisch stand, wurde nach allgemein anerkannten Regeln „gerecht” verteilt.
„Gerecht” orientiert sich nach soziokulturellen Regeln und ist nicht gleichbedeutend mit „gleichen” Portionen,
z. B. waren Fleischportionen für Männer vergleichsweise größer als für Frauen. Weiterführende Literatur:
Schlegel-Matthies (2001a).
74
In einer Sekundäranalyse der Zeitbudgetstudie 1991/92 und der Bayrischen Verzehrstudie 1995 ermittelt
Meyer repräsentative Mahlzeitenmuster in Deutschland und untersucht den Einfluss von Haushaltskontexten
auf Mahlzeitenmuster (Meyer 2002).
Mahlzeit
39
Essen”? − Darauf finden sich Antworten in Alltagsvorstellungen. Diese lassen sich in
gesellschaftlich gültige Cluster, die allgemein anerkannt werden, zusammenfassen. Douglas
entwickelt ein allgemein gültiges kulturelles Muster (s. u.) für die Vorstellungen von einem
„proper meal” in ihrem wunderbaren Artikel "Deciphering a meal" (Douglas 1972).
Mahlzeit ist zentrales Thema für viele Wissenschaftsdisziplinen wie Nahrungsethnologie,
Geschichte, Soziologie, Anthropologie und Ernährungs- sowie Haushaltswissenschaft, die
Mahlzeit aus ihrem jeweiligen Blickwinkel erforschen. Um sich den Bedeutungen von
Mahlzeiten aus der Perspektive von Jugendlichen zu nähern, interessiert auf der Familien­
ebene, wie über gemeinsame Mahlzeiten kulturelles Kapital tradiert wird. Hierzu stütze ich
mich auf die Theorien von Barlösius, die die Konzepte von Simmel, Bourdieu und Tolksdorf
weiterentwickelt hat, und einen soziokulturellen Gesamtansatz verfolgt.
Über Familienmahlzeiten finden auch Sozialisation und Enkulturation 75 statt, die für die
vorliegenden Fragestellungen zentrale Haushaltsaufgaben76 sind. Primäre Rollen- und
Wertevermittlung konkretisieren sich in Esstraditionen und Essgewohnheiten. Haushalts­
wissenschaftliche Fragestellungen fokussieren bislang auf Funktionen des Haushalts, in
dieser Arbeit soll darüber hinaus der Blick auf die Bedeutungen von Familienmahlzeiten für
ausgewählte Haushaltsmitglieder (Jugendliche) als Handelnde gelenkt werden. Das
Verständnis der Bedeutungen ermöglicht eine sinnvolle Ergänzung zu den Haushalts­
funktionen, um Bewältigungsstrategien besser zu verstehen. Haushaltsaufgaben verändern
sich mit den an Haushalte gestellten gesellschaftlichen Anforderungen, die wiederum durch
die Impulse aus den Haushalten beeinflusst werden (Thiele-Wittig 1992; vgl. auch Kettschau
& Methfessel 2005). „Der gesellschaftliche Strukturwandel ist teils Resultat, teils Anstoß für
einen Strukturwandel des Haushalts- und Familiensektors ...” (Piorkowsky 2000, S. 16).
Mahlzeit als soziale Institution
Soziologisch betrachtet ist Mahlzeit die soziale Situation des Essens. So definiert
Barlösius Mahlzeit als „soziale Institution”, die Gemeinschaftlichkeit und soziale Zugehörig­
keit symbolisiert (Barlösius 1999, S. 40). Sie stützt sich auf Simmel, Bourdieu, Tolksdorf und
Douglas. Folgt man der hier präferierten Definition von Barlösius 77, dann ist Mahlzeit eine
75
Sozialisation und Enkulturation können sich auf die gleichen Prozesse beziehen, haben jedoch einen
unterschiedlichen Blickwinkel. Sozialisation bezieht sich auf die Aneignung von Fähigkeiten zur sozialen
Teilhabe an einer Gesellschaft, dagegen fokussiert die Enkulturation auf Aneignung von Fähigkeiten zur
kulturellen Teilhabe (Methfessel 2005; vgl. auch Oerter 2002).
76
Auf weitere Haushaltsfunktionen (Regenerations- und Platzierungsfunktion sowie ökonomische, politische
und ökologische Funktion) wird hier nicht näher eingegangen. Weiterführende Literatur: von Schweitzer
(1991, S. 133ff.); Piorkowsky (1997, S. 46 ff.); Piorkowsky (2000, S. 15ff.).
77
Auf eine umfassende Darstellung der Soziologie der Mahlzeit wird hier verzichtet. Entsprechend des
Untersuchungsthemas werden wesentliche Aspekte des Essens im Kontext Familie und Peergroup im
Zusammenhang mit der sozialen Institution Mahlzeit erarbeitet. Zur weiterführenden Lektüre sei auf Kapitel 7
40
Mahlzeit
soziale Institution, die nicht zwangsläufig vom „Essen mit anderen abhängt”. Barlösius führt
aus: „Die Mahlzeit als Institution existiert und kann auch stattfinden, ohne daß die
Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses eine Bedeutung hat. Und auch diejenigen, die
alleine speisen, können eine Mahlzeit zu sich nehmen.” (Barlösius 1999, S. 40).
Nach dem von der britischen Nahrungssoziologin Douglas skizzierten Modell gehören zu
einer Mahlzeit neben einem so genannten „proper meal” auch Tisch, Sitzordnung und
Regeln (Douglas 1972, S. 66). Sie fasst „proper meal” als Speise einer Mahlzeit (zu Hause)
in folgende Formel: "A proper meal is A (when A is the stressed main course) plus 2B (when
B is an unstressed course). Both A and B contain each the same structure, in small, a + 2b,
when a is the stressed item and b the unstressed item in a course. A weekday lunch is A;
Sunday lunch is 2A; Christmas, Easter, and birthdays are A + 2B. Drinks by contrast are
unstructured." (Douglas 1972, S. 68). Eine Mahlzeit in diesem Sinne besteht folglich aus
einem Hauptgang und zwei weiteren Gängen. Für eine einfache Mahlzeit unter der Woche
können A + 2 B auch in einem Hauptgang zusammengefasst sein, wenn sie ein Minimum an
Struktur aufweisen (ebd.), beispielsweise im einfachsten Fall kann dann das „proper meal”
auch eine Gemüsesuppe sein, die allerdings mit Nudeln und Würstchen aufgewertet wird.
Douglas entwickelt den Begriff des „proper meal” anhand einer strukturalistischen Analyse
auf der Suche nach Botschaften in Speisen. Ihr geht es um häusliche Mahlzeiten, die in
diesem
Rahmen
nur
einem
ausgewählten
Personenkreis
zugänglich
sind
und
Zusammengehörigkeit bzw. Freundschaft symbolisieren78. Das Modell von Douglas orientiert
sich auf der organisatorischen Ebene, dagegen sucht Tolksdorf (1994) nach Kategorien und
differenziert das Schema von Douglas zu einem komplexen Modell aus, um das
„soziologische Gebilde der Mahlzeit” zu entziffern. In seinem Modell sind neben Speise, d. h.
„was und wie (zubereitet) gegessen wird” (Tolksdorf 1975, S. 288), Situation und Ort
wesentliche Bestimmungsgründe einer „Mahlzeit”. Wieder andere Modelle heben die
Habitualisierung und Standardisierung bis hin zur rechtlichen Verankerung (Arbeitspausen)
hervor (vgl. Barlösius 1999, S. 179). Tischgespräche sind ein zur Mahlzeit gehörendes
Element, das ebenfalls standardisiert verläuft.
Allen soziologischen Definitionen zur Mahlzeit ist letztlich gemeinsam, dass sie nach Ort,
Zeit, Personen und (sozialen) Regeln fragen. Nimmt man Speise und soziale Situation, die
von Tolksdorf als Grundelemente seines Schemas (Tolksdorf 1976, S. 74ff.; Tolksdorf 1994,
„Mahlzeiten und Tischgemeinschaften: Soziale Situationen des Essens” bei Barlösius (1999, S. 165ff.)
hingewiesen.
78
"If food is treated as a code, the messages it encodes will be found in the pattern of social relations being
expressed." (Douglas 1972, S. 61). "Meals are for family, close friends, honored guests." (a. a. O., S. 66).
Douglas Ausführungen beziehen sich zunächst auf häusliche (Familien-)Mahlzeiten; diese sind von offiziellen
Essen, die ebenfalls Mahlzeiten darstellen, zu unterscheiden. "The meal expresses close friendship." (ebd.).
Mahlzeit
41
S. 233f.) zur Ausdifferenzierung von Mahlzeit gewählten Ausgangspunkte, als eine Mahlzeit
definierende Punkte, so gehören das Zwischendurchessen und das Nebenbeiessen streng
genommen auch dazu.
Douglas formulierte für die 1970er Jahre in Großbritannien organisatorische Elemente zur
Mahlzeitensituation konkret aus: "Meals require a table, a seating order, restriction on
movement and on alternative occupations. There is no question of knitting during a meal.
Even at Sunday breakfast, reaching for the newspapers is a signal that the meal is over."
(Douglas 1972, S. 66). Eine solche Festlegung ist heute aufgrund des gesellschaftlichen
Wandels so nicht mehr möglich. Im Alltag treffen die Mahlzeiten bestimmende Elemente
heute nicht immer in dieser Form zusammen. Übergänge zu Zwischenmahlzeiten sind
zunehmend fließend; die Grenze zwischen Essen und Mahlzeit wird zunehmend
uneindeutig. Unterscheidbar sind subjektive, kulturelle und soziale Bestimmung einer
Mahlzeit.
Divergente Vorstellungen über „richtiges Essen” lassen sich in den verschiedenen
Altersgruppen feststellen. Wie in Kapitel 4.3.3 dargestellt, wird hier „Snacken” als Teil einer
Jugendesskultur verstanden. Diese zunächst jugendspezifischen Vorstellungen wirken sich
im dynamischen System der Familie auch auf die Gestaltung von Familienmahlzeiten aus
und verändern damit ebenfalls familiale Esskultur. Im Allgemeinen wird jedoch das
Nebenbeiessen als „Naschen” bezeichnet und auch in der subjektiven Wahrnehmung gern
ausgeblendet (Falk 1994, S. 117 und S. 126, Anm. 35). Es gilt als „nicht richtiges Essen” und
wird z. B. bei der Erstellung von Ernährungsprotokollen oft vergessen. „Hunger haben” oder
„Gelüste haben” wird hierbei getrennt. Naschen ist motiviert durch die „Lust, ohne wirklichen
Hunger zu haben”. Im Fragebogen steht daher die Formulierung: „Was machst du, wenn du
Hunger bekommst?” Damit ist also nicht das Naschen gemeint. In diesem Zusammenhang
ist die Unterscheidung wichtig, weil es um den Aufschub oder Nichtaufschub der
Bedürfnisbefriedigung bei Hunger geht.
Funktion und Bedeutung von Mahlzeiten hängen eng miteinander zusammen. Sie stellen
zwei mögliche Perspektiven des Herangehens an die Institution der Mahlzeit dar. Funktionen
zielen auf die Wirkung ab. Den Funktionen von Mahlzeiten lassen sich vorrangig folgenden
Bereichen zuordnen: physischer, psychischer, gesundheitlicher, sozialer und kultureller
Bereich. Subjektive Bedeutungen leiten sich zwar aus den Funktionen ab, beziehen sich
aber auf Sinnkonstruktionen. So kann der Stellenwert von Mahlzeit (Häufigkeit, Zeitpunkt,
Priorität etc.) ein Anhaltspunkt für deren Bedeutung sein. Um der Institution Mahlzeit gerecht
zu werden, sollen zunächst vier Funktionsbereiche unterschieden werden:
42
Mahlzeit
1. Unter rein physiologischem Blickwinkel sind Ziele des Essens, den Hunger zu stillen und
eine ausgewogene Energie- und Nährstoffbilanz herzustellen.
2. Der viel zitierte Georg Simmel bringt die Ambivalenz der sozialen Funktion des Essens,
nämlich Gemeinschaft zu stiften, immer noch am treffendsten zum Ausdruck. „Von allem
nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: daß sie essen und
trinken müssen. Und gerade dieses ist eigentümlicherweise das Egoistischste, am
unbedingtesten und unmittelbarsten auf das Individuum Beschränkte: was ich denke,
kann ich andere wissen lassen; was ich sehe, kann ich sie sehen lassen; was ich rede,
können Hunderte hören − aber was der einzelne ißt, kann unter keinen Umständen ein
anderer essen. ... Personen, die keinerlei spezielles Interesse teilen, können sich bei dem
gemeinsamen Mahle finden − in dieser Möglichkeit, angeknüpft an die Primitivität und
deshalb Durchgängigkeit des stofflichen Interesses, liegt die unermeßliche soziologische
Bedeutung der Mahlzeit.” (Simmel 1957, S. 243f.). Die Überwindung der egoistischen
Handlung des Essens in einer Gemeinschaft stiftenden sozialen Institution „Mahlzeit” ist
soziologischer Forschungsgegenstand. Barlösius folgt Simmel und fragt nach der
Bedeutung alltäglicher Mahlzeiten, die sie als „Symbol von Familie als Lebens- und
Wirtschaftsgemeinschaft überhaupt” deutet, auch in modernen Gesellschaften (Barlösius
1999, S. 183; vgl. dazu Schlegel-Matthies 2002).
3. Untrennbar mit der sozialen und physischen Funktion ist die psychische Funktion
verknüpft und vice versa. Mit einer Mahlzeit lassen sich sämtliche Bedürfnisse befriedigen.
Legt man die Maslowsche Strukturierung der Bedürfnisse79 zugrunde, können im
Einzelnen genannt werden: physiologische Bedürfnisse (Nahrungsbedürfnis und Hunger),
Sicherheits-, Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnisse, Wertschätzungs- und Wachs­
tumsbedürfnisse. Essen dient eben nicht immer und nicht ausschließlich der
Nahrungsaufnahme, sondern kann durch (un)bewusste Verlagerung von Bedürfnissen
motiviert sein (Grunert 1993, S. 42). Familienmahlzeit kann neben der Versorgung mit
Nahrung ein Gefühl von Sicherheit und Akzeptanz vermitteln (vgl. Grunert 1993). Das
Modell der lebenden Systeme80 ermöglicht auch eine spezifische Betrachtung aus
79
Der Strukturierung von Bedürfnissen nach Maslow wird in der Haushaltswissenschaft überwiegend gefolgt,
obwohl sein Modell durchaus kritisch gesehen wird. Die als Modell beliebte Bedürfnispyramide von Maslow
(1943) in seiner Hierarchisierung ist allgemein widerlegt. Das Pyramidenmodell wird u. a. auch einem
Bedürfnispluralismus, wie er z. B. bei Mahlzeiten vorkommt, nicht gerecht. So hat „Maslow (1943, S. 373) ...
einmal selbst darauf hingewiesen, daß die physiologischen Bedürfnisse und die mit ihnen verbundenen
Konsumakte durchaus auch als Kanäle für andere Bedürfnisse dienen können.” (Grunert 1993, S.38). Eine
weitergehende Auseinandersetzung mit Bedürfnissen findet sich z. B. bei Grunert (a. a. O., S. 31ff.) Im
Rahmen dieser Arbeit kann keine umfassende Darstellung der Psychologie des Essens geleistet werden.
Entsprechend der Fragestellung werden lediglich grundsätzliche Aspekte von Bedürfnissen angesprochen.
80
Um die unterschiedlichsten Beziehungen zwischen Bedürfnissen und Bewältigungsformen angemessen zu
berücksichtigen, favorisiert Grunert (1993) J. G. Millers Theorie (1978, nach Grunert) der lebenden Systeme
(vgl. Grunert 1993, S. 33ff.).
entwicklungspsychologischer
Perspektive,
denn
im
Essverhalten
Mahlzeit
43
spiegelt
sich
Adoleszenzprozess wider.
4. Aus pädagogischer Sicht interessiert die Familienmahlzeit als Ort der Ernährungs­
sozialisation, Ort der Enkulturation und Ort der über die Ernährung hinausgehenden
Erziehung81. Familienmahlzeiten sind durch Familientraditionen geprägt. Die familiale
Esskultur wird bei gemeinsamen Mahlzeiten maßgeblich etabliert. Familienmahlzeiten
sind Gelegenheiten, mit Heranwachsenden „pädagogisch notwendige” Gespräche − ver­
gleichbar mit dem aus der Mode gekommenen Sonntagsspaziergang − „zwanglos” zu
führen.
3.2
3.2.1
Jugendessalltag
Jugendtypische Mahlzeitenstrukturen
Arbeits- bzw. Schulzeiten bestimmen maßgeblich zeitliche Strukturierungen des Tages.
Arbeits- und Schultage werden in Abgrenzung von freien Tagen wie Wochenenden oder
Ferientagen wahrgenommen. Tagesstrukturen „unter der Woche”82 sind angepasst an Schulund Arbeitszeiten der Familienmitglieder, die sich individuell erheblich unterscheiden können.
Wie die Diskussionen im Einzelhandel zeigen, führen flexible Arbeitszeiten tendenziell zu
weniger gemeinsamen Familienzeiten (Methfessel 1997a, S. 8). Diese gesellschaftlichen
Veränderungen wirken sich auf die Mahl-zeiten des Einzelnen und somit auf die
gemeinsamen Mahl-zeiten in den Familienhaushalten aus. Der Markt reagiert mit vielfältigen
Angeboten an Außer-Haus-Essensmöglichkeiten und Convenience-Produkten, begleitet von
der entsprechenden Haushaltstechnik wie z. B. Mikrowelle. Allgemein beobachtbar sind
Trends zu Convenience-Produkten, die zeitsparend, individuell und leicht zu zubereiten sind,
zum Verzehr von Fast-Food-Produkten und zum Außer-Haus-Essen (vgl. Spiekermann
1999a, S. 47f.; Prahl & Setzwein 1999, S. 184ff.; Diehl 2000b). Eine Individualisierung der
Essenszeiten wird durch diese Versorgungsmöglichkeiten begünstigt (Kettschau 1990,
S. 17183) und stellt damit auch die Verbindlichkeit gemeinsamer Tischzeiten (s. u.) in Frage.
In Deutschland ist immer noch die Halbtagsschule ohne Mittagsverpflegung84 mit
Schulzeiten von 8 Uhr bis 14 oder 15 Uhr der so genannte „Normalfall”. Äußere
81
Vgl. dazu auch Methfessel (2004b, 2005).
82
Zunehmende Ausdehnung von Arbeitszeiten bis hin zur 7-Tage-Woche führen zu individualisierten
Arbeitszeiten, so dass die Einteilung „unter der Woche” und „Wochenende” immer mehr zum Relikt wird.
83
Kettschau (1999, S. 169) weist am Beispiel der Waschmaschine daraufhin, dass Individualisierung durch
Technisierung der Haushalte möglich wird, aber auch eine Verhäuslichung von Hausarbeiten zur Folge hat
und zu einer Steigerung des Anpruchsniveaus führt. Vgl. auch Methfessel (1989).
84
Durch verschiedene Bildungsprogramme, z. B. das im Mai 2003 beschlossene Investitionsprogramm
„Zukunft Bildung und Betreuung” der Bundesregierung zur Förderung von Ganztagsschulen oder die
Einführung der „Verlässlichen Grundschule” auf Bundeslandebene hat ein Nachdenken auch über die
Verpflegungssituation in den Schulen begonnen.
44
Mahlzeit
Bedingungen wie Raum, Pausenregelung, Schulzeiten etc. sind institutionell festgelegt. Im
Rahmen der allgemeinen Vorgaben können die einzelnen Schulen unterschiedlich Pausen
zum (gemeinsamen) Essen einführen und haben – wenn auch begrenzt − Möglichkeiten
dadurch die jeweilige Schul(ess)kultur mitzugestalten. Beispielsweise schaffen ruhige Ecken
oder gar eine Frühstückspausenzeit im Klassenzimmer eine ganz andere Essatmosphäre als
der Pausenhof, auf dem das allgemeine Gedränge vorherrscht. An vielen Schulen fehlen
solche Angebote und andere Aktivitäten bestimmen die Pausengestaltung, so dass Kinder
und Jugendliche genervt und mit knurrendem Magen die Schule fluchtartig verlassen.
Daraus resultiert eine Verpflegungsnotwendigkeit am Mittag zu Hause.
Mahlzeiten können tagesstrukturierende Bedeutung haben. Allerdings gehören aufgrund
individualisierter Tagesstrukturen gesellschaftlich allgemein festgelegte Essenszeiten der
Vergangenheit an (vgl. Spiekermann 1999a, S. 46). Daher stellt sich zunächst die Frage,
welche Gewohnheiten und Verbindlichkeiten bestimmen Essalltag der Jugendlichen heute −
besonders im Hinblick auf gemeinsame Familienmahlzeiten. Zunächst werden dazu
Ergebnisse aus aktuellen Studien zusammengetragen.
Drei gemeinsame Familienmahlzeiten täglich sind unüblich
Schon in den 1970er Jahren wurde festgestellt, dass die gemeinsame Einnahme dreier
Mahlzeiten am Tag im Kreise der Familie der Vergangenheit angehört (DGE 1976; Neuloh &
Teuteberg 1979, S. 7; vgl. auch Furtmayr-Schuh 1993). Heute spricht Ziemann gar vom
Bedeutungsverlust des „traditionellen Familienessens” (Ziemann 1998, S. 125). Wochen­
ende und Abend seien immer häufiger Schwerpunkte des gemeinsamen Essens in der
Familie. Neuere Daten bestätigen diesen Trend (Meyer 2002). Bereits Ende der 1970er
Jahre nehmen weniger als 10 % aller Befragten drei Mahlzeiten mit ihrer Familie gemeinsam
ein (Neuloh & Teuteberg 1979). Die Autoren führen aus: „... daß die häusliche Tisch­
gemeinschaft wochentags nur noch eine partielle Realität darstellt und die sozial­
kommunikative Funktion der Mahlzeit zurückgegangen ist” (Neuloh & Teuteberg 1979,
S. 208). Weiter heißt es: „Bezeichnenderweise kehrt man am Wochenende, wenn die
Zwänge von Schul- und Arbeitszeiten wegfallen, fast automatisch großenteils zur
traditionellen Mahlzeitengemeinsamkeit zurück.” (Neuloh & Teuteberg 1979, S. 208; vgl.
dazu auch DGE 2004, S. 79). Auch von Ferber et al. 1991 konstatieren ein Jahrzehnt später
eine Anpassung des Mahlzeitenrhythmus an äußere Rahmenbedingungen wie Arbeitszeiten.
Insgesamt zeichnet sich der Trend zur „Multioptionalität” ab. Das bedeutet, dass die Ange­
botsmöglichkeiten bestehen, „... jederzeit das und so viel zu essen, wie man möchte” (Essen
& Trinken 1998, S. 62). Gleichzeitig findet eine Entrhythmisierung des Essalltages statt
Mahlzeit
45
(a. a. O., S. 61ff.). Meyer kommt in ihrer aktuellen Studie zu einem vergleichbaren Ergebnis
(Meyer 2002, S. 51ff.).
Dagegen
stellt
Sellach85
in
ihrer
Frankfurter
Beköstigungsstudie
eine
relative
Unabhängigkeit der Mahlzeitenfolge von den Lebensumständen fest (Sellach 1996, S. 104).
Eine mögliche Erklärung könnte hierfür die Auswahl der Befragten sein; so befragt Sellach
ausschließlich „Frauen, die mit Kindern und/oder pflegebedürftigen Angehörigen, die mit
Mahlzeiten versorgt werden müssen, in einem Haushalt zusammenleben” (a. a. O., S. 9),
und deren Bedürfnisse bei ihrer Tagesstrukturierung berücksichtigen. Auch Einzelergebnisse
der Haushaltsbefragungen von Ferber et al. (1991) gehen in diese Richtung. Von
Ferber et al. differenzieren unterschiedliche Zeitzwänge, denen die Haushaltsmitglieder
unterliegen. Dabei stellen die Autoren fest, dass sich Frauen hinsichtlich der Mahlzeiten vor­
rangig nach den Arbeitszeiten ihres Partners und den Schulzeiten ihrer Kinder richten (von
Ferber et al. 1991).
Insgesamt ist heute in den Familien mit Jugendlichen eine Tendenz zum gemeinsamen
abendlichen Essen und zum Wochenendfrühstück erkennbar. Dieses Ergebnis lässt sich aus
den unten angeführten Studien (Sellach 1996; Heyer 1997; DGE 2000, 2004; Meyer 2002)
ableiten.
Frühstück, nein danke?
Laut der Nestlé-Studie (1999) „Gut essen − gesund leben” frühstücken 7 % der
Bevölkerung86 gar nicht, 34 % „meistens so nebenbei” und 59 % nehmen sich dafür Zeit.
Dieses Ergebnis ist nicht auf Jugendliche übertragbar. Daten einer Repräsentativbefragung
1995 über Essverhalten von Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 14 Jahren (so
genannte Dole-Studie87 1995), Einzelbeobachtungen und schulinterne Umfragen deuten auf
ein abweichendes Frühstücksverhalten der Jugendlichen hin. Nach Daten der Dole-Studie
1995 frühstücken 35,6 % aller Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 14 Jahre nicht
täglich. Bereits in der Gruppe der 12- bis 14-Jährigen sind es nur noch 56,9 %, die täglich
frühstücken. Also haben nahezu die Hälfte (43,1 %) kein tägliches Frühstück. Insgesamt
ergibt sich bei der Aufschlüsselung nach Altersgruppen: „Je älter das Kind, desto unregel­
mäßiger werden die täglichen Mahlzeiten eingenommen.” (Dole-Studie 1995). Das Verhalten
85
Sellach befragte über 500 Frauen im Frankfurter Raum. Es handelt sich nicht um eine repräsentative
Untersuchung. Die Fragebögen wurden über Multiplikatorinnen von Frauenverbänden etc. an Frauen verteilt.
„Da nur Gruppierungen angesprochen oder angeschrieben wurden, die durch die Art ihrer Vereins- oder
Gruppenbildung bereits ein Interesse am Thema „Frauenarbeit” haben oder sich mit „Frauenfragen”, zu
denen das Thema des Fragebogens zweifellos gehört, beschäftigen, besteht das Problem der Verzerrung, da
tendenziell nur eine Position unter anderen bekannt wird.” (Sellach 1996, S. 12f.).
86
Repräsentative Umfrage bei Erwachsenen ab 16 Jahren.
87
Dole Fresh Food Europe Ltd. & Co. 1995.
46
Mahlzeit
wird durch den Ernährungsbericht 2000 für das Frühstücksverhalten bestätigt88: „Je jünger
die Kinder, umso häufiger und regelmäßiger wird auch an Wochentagen zusammen in der
Familie gefrühstückt.” (DGE 2000, S. 124). Ob die Regelmäßigkeit des Essens mit der
Häufigkeit des gemeinsamen Familienmahles korreliert, kann nur vermutet werden. Die
abnehmende Häufigkeit der Teilnahme an Familienmahlzeiten ist sicherlich auch im entwick­
lungspsychologischen Kontext (s. u.) zu deuten. 89 Das Weglassen von Mahlzeiten wird als
Mittel zur Figurmodellierung – besonders von Mädchen, die z. B. häufiger als Jungen nicht
frühstücken (Heyer 1997, S. 144f.; Kolip 1995, 2004) − eingesetzt und wird im
Zusammenhang mit der Entstehung von Essstörungen diskutiert (vlg. Kapitel 5).
In einer schulinternen Befragung an einer Berliner Gesamtschule in dem vorwiegend als
bürgerlich einzustufenden Bezirk Berlin-Steglitz90 geben von insgesamt 457 Jugendlichen der
8. bis 10. Jahrgangsstufe 63 % an, dass sie ohne Frühstück zur Schule kommen. Bei den
Mädchen sind es 71 %, bei den Jungen 55 %. Im Rahmen einer Unterrichtseinheit an einer
Mannheimer Realschulklasse gibt in einer Klasse lediglich eine Schülerin an, regelmäßig zu
frühstücken. Alle anderen haben an diesem Tag nicht gefrühstückt und schreiben, das sei
typisch. „Das Leben findet nachts statt!”, so bringt eine 16-jährige Gymnasiastin viele
Einzelbeobachtungen auf den Punkt. Somit fehlen morgens Hunger, Zeit und auch Elan, um
sich einem Frühstück zu widmen. Neben Alter und Müdigkeit spielt Bequemlichkeit eine
Rolle. Interessant ist hier, wer für die Zubereitung des Frühstücks bei Jugendlichen
zuständig ist. Daten dazu liegen für jüngere Kinder vor. Bei Grundschülerinnen und
Grundschülern der 4. Klasse bereiten überwiegend (ca. 75 %) die Mütter das Frühstück zu
(Heyer 1997, S. 84). Ob zwischen Zuständigkeit und Frühstücksverhalten (s. o.) ein
Zusammenhang besteht, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geklärt werden.
Mittagessen ist wichtigste Mahlzeit des Tages
Das häusliche Mittagessen nach der Schule ist für viele Jugendliche Normalität, aber bei
weitem nicht für alle. Für jüngere Altersgruppen liegen Daten vor. Die Dole-Studie 1995 stellt
fest, dass 73,3 % aller Kinder und Jugendlicher im Alter von 6 bis 14 Jahren regelmäßig zu
88
Ähnliche Ergebnisse finden sich in der Gießener Kinderstudie für Grundschulkinder. 55,1 % der befragten 9bis 12-Jährigen frühstücken regelmäßig, 33,3 % manchmal und 11,5 % selten zu Hause (Heyer 1997, S. 80).
Die so genannte Gießener Kinderstudie setzt sich aus einer quantitativen Schülerbefragung in zwölf
Grundschulklassen der 4. Klasse und aus einer qualitativen Befragung (Interviews von Müttern dieser Kinder)
zusammen.
Eine auf Nürnberger Hauptschulen begrenzte Querschnittsuntersuchung, die so genannte „Nürnberger
Studie” (Wittenberg et al. 1999), kommt zu vergleichbaren Ergebnissen. Insgesamt frühstückt jeder sechste
gar nicht. Das Frühstücksverhalten ist altersabhängig unterschiedlich (Wittenberg et al. 1999, S.19ff.).
89
Vgl. auch DGE 2000, S. 125.
90
Interne, nicht-veröffentlichte Schüler- und Elternbefragung 2000 der Mittelstufe der Kopernikus-Oberschule
(Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe) in Berlin-Steglitz.
Mahlzeit
47
Mittag essen. Nach Altersgruppen aufgeteilt, essen 62,9 % aller 12- bis 14-Jährigen täglich
zu Mittag. Das bedeutet anders herum: 37,1 % der Jugendlichen bekommen nicht täglich ein
Mittagessen (vgl. auch Sellach 1996; Heyer 1997; Wittenberg et al. 1999; Brombach 2000b).
Weiter bleibt unbeantwortet, ob die Jugendlichen allein oder im Beisein anderer
Familienmitglieder essen.
Bereits vor mehr als zwanzig Jahren fragten Neuloh und Teuteberg (1979): „Welche
Mahlzeit würden Sie als Hauptmahlzeit bezeichnen?” Sie stellten also schon in den 1970er
Jahren fest, dass die Mehrheit das Mittagessens als Hauptmahlzeit bezeichnet. Damals
wurde die Wahl des Mittagessen zur wichtigsten Mahlzeit von vielen damit begründet, dass
diese warm, reichhaltig (Quantität) und nahrhaft (Qualität) sei. „Lediglich bei Hausfrauen mit
höherem Bildungsniveau scheint eine Tendenz zu bestehen, ... das Abendbrot als die Haupt­
mahlzeit des Tages anzuerkennen ...” (Neuloh & Teuteberg 1979, S. 112). „Auch steigende
Familieneinkommen bringen eine leichte Verschiebung der Bewertung in Richtung
abendliche Hauptmahlzeit, was zu den Merkmalen höhere Bildung und Schreibtischarbeit
paßt.” (a. a. O., S. 112f.). Die Frankfurter Beköstigungsstudie kommt fast zwanzig Jahre
später zu vergleichbaren Ergebnissen, auch hier wird das Mittagessen von der Mehrzahl der
Frauen als die wichtigste Mahlzeit bezeichnet (Sellach 1996, S. 105). Sellachs Studie zeigt,
dass die befragten Mütter zwischen „der wichtigsten Mahlzeit” und der „Hauptmahlzeit” unter­
scheiden. Die „warme” Mahlzeit nach der Schule wird von den meisten Müttern (a. a. O.,
S. 106) und Kindern (vgl. auch Heyer 1997, S. 87ff.) als die „wichtigste” Mahlzeit gesehen. In
erster Linie wird von den Müttern, die versorgende, d. h. nährende Funktion des Mittags­
mahls genannt, denn die Kinder kämen ja „völlig ausgehungert” (Sellach 1996, S. 106) aus
der Schule.
Im Gegensatz zur „wichtigsten Mahlzeit” dient die so genannte „Hauptmahlzeit” am Abend
aus der Sicht der Mütter der innerfamiliären Kommunikation (ebd.). Im Einzelnen führen die
Mütter an, dass es wichtig sei, dass alle „zusammen essen” und „miteinander reden” können,
und dass „alle zuhause sind”. Hier zeigt sich eine Tendenz der Verlagerung des gemein­
samen Essens auf den Abend. Abendmahlzeiten werden sozialer Mittelpunkt der Familien.
Mütter übernehmen versorgende und soziale Verantwortung (Sellach 1996; vgl. auch Heyer
1997; Essen & Trinken 1998; Meyer 2002).
Abendessen wird zur Hauptmahlzeit
Nach den Daten der Dole-Studie 1995 geben 77,8 % der 6- bis 14-Jährigen an, jeden Tag
zu Abend zu essen. Verglichen mit Frühstück und Mittagessen ist das Abendessen die Mahl­
zeit, die in allen Altersgruppen am häufigsten täglich eingenommen wird. Bei den 12- bis 14-
48
Mahlzeit
Jährigen sind es 69,8 %, die täglich zu Abend essen. Untersuchungen (Sellach 1996; Brom­
bach 2000b) weisen darauf hin, dass am Abend alle Familienmitglieder frei von beruflichen
bzw. schulischen Verpflichtungen sind, so dass gemeinsame Familienmahlzeiten vermutlich
unter der Woche vorwiegend abends stattfinden. Nach neueren Daten (DGE 2004, S. 81ff.),
die sich auf die Auswertung der Zeitbudgetstudie 2001/02 beziehen, wird im Allgemeinen
zwar nicht mehr Zeit beim Abendessen als beim Mittagessen verbracht, wohl aber sitzen
mehr Personen abends gemeinsam zum Essen zusammen als mittags (ebd.). An anderer
Stelle wird betont, dass bevorzugt Familienhaushalte dem abendlichen Essen einen hohen
Stellenwert einräumen (a. a. O., S. 85). Das bestätigt Aussagen der Frankfurter
Beköstigungsstudie: „Das Abendessen wird daher deshalb zur Hauptmahlzeit, weil alle
Familienangehörigen dann zuhause sind.” (Sellach 1996, S. 106). Wenn alle bereits warm
gegessen haben (Kinder, Mutter am Mittag zu Hause, Väter in der Kantine), dann sei
warmes Essen nicht so wichtig. Aber eine warme Mahlzeit am Tag „muss sein”. Die
Befragten begründen ihre Entscheidung, warum ihnen eine Mahlzeit wichtiger ist als andere,
häufig damit, dass zusammen gegessen wird, der größte Hunger da sei, miteinander geredet
werde, sie es so gewohnt seien und alle zuhause seien (a. a. O., S. 105). Bereits die Düssel­
dorfer Untersuchung (von Ferber et al. 1991) konstatiert die zunehmende Bedeutung des
gemeinsamen Abendessen in den Familien, denn das Abendessen ist die einzige Mahlzeit,
die sowohl werktags als auch am Wochenende von über 50 % der befragten Familien
eingenommen und als Hauptmahlzeit bewertet wird (a. a. O., S. 173ff.; vgl. auch DGE 2004).
Dieses ist unabhängig von der traditionellen Mahlzeitenordnung und davon, ob es sich um
eine warme oder kalte Mahlzeit handelt (von Ferber et al. 1991, S. 173ff.).
Trend zur Zwischenmahlzeit und zum Pausenfrühstück
Bereits Ende der 1970er Jahre konstatieren Neuloh und Teuteberg (1979), dass
Zwischenmahlzeiten an Bedeutung gewonnen haben. Nach der Dole-Studie 1995 ist die
Zwischenmahlzeit am Vormittag für 49,5 % alle 6- bis 14-jährigen Kinder und Jugendlichen
tägliche Normalität. 15,1 % essen am Nachmittag und 6,5 % nach dem Abendessen eine
Zwischenmahlzeit (Dole-Studie 1995). Daten nach Altersgruppen liegen nicht vor.
Neuere Zahlen im Ernährungsbericht 2000 zeigen einen deutlichen Trend zum
Pausenbrot: Von den 8- bis unter 12-jährigen Schülerinnen und Schüler nehmen 98 % ein
Pausenfrühstück91 mit in die Schule und 28 % bekommen zusätzlich noch Geld mit (DGE
2000, S. 124; vgl. auch KVA 2004). Insgesamt nehmen über 90 % der befragten Kinder im
Alter von 6 bis 17 Jahre eine Pausenverpflegung mit zur Schule (DGE 2000, S. 144).
91
Ohne das Aussagen darüber getroffen werden, ob dieses auch gegessen wird.
Mahlzeit
49
Ähnliches stellt auch die Gießener Kinderstudie fest: Fast 70 % der Viertklässler nehmen
immer bzw. häufig ein Frühstück mit in die Schule (Heyer 1997, S. 80).
Warmes Essen gilt als unverzichtbar
Als Element der neuen Leitbilder stellt die Nestlé-Studie (1999) „Gut essen − gesund
leben” die Bedeutung von warmen Mahlzeiten heraus. 56 % der Bevölkerung halten eine
warme Mahlzeit pro Tag für unverzichtbar (vgl. auch Sellach 1996, S. 106), tatsächlich
bekommen 4,3 % aller 6- bis 13-Jährigen unter der Woche kein warmes Essen (KVA 2004).
Ob es sich bei dem warmen Essen um einen Hamburger, um eine Tiefkühlpizza oder um ein
Drei-Gänge-Menü handelt, bleibt hier unberücksichtigt. Vermutbar ist darüber hinaus, dass
der formulierte Anspruch auf das tägliche warme Essen, nicht immer tatsächlich eingelöst
wird, denn Spiekermann konstatiert: „Essen zu Hause bedeutet zunehmend kalte Küche
oder aber schnell zubereitete Fertiggerichte.” (Spiekermann 1999a, S. 48).
Nach Daten aus den 1990er Jahren ist ein warmes Mittagsessen häufiger als eine warme
Abendmahlzeit, eine Verschiebung der warmen Mahlzeit auf die Abendstunden ist – wie
erwähnt – für die erwachsene Bevölkerung beobachtbar. Für Kinder ist – wie beschrieben –
das warme Mittagessen zu Hause Normalität (vgl. von Ferber et al. 1991; Sellach 1996).
Dieses Ergebnis ist erstens mit Rücksicht auf die Auswahl der Befragungsgruppe (s. o.) und
zweitens im Zusammenhang mit dem Alter der Kinder zu sehen. Legt man die Daten der
Jugendlichen, die regelmäßig zu Mittag essen (s. o.; vgl. Dole-Studie 1996), zugrunde, essen
sicherlich nicht alle Jugendlichen eine warme Mahlzeit nach der Schule. Die Ursachen
können vielfältig sein: Es steht kein vorbereitetes Essen bereit und die Betroffenen sind zu
bequem, selbstständig etwas zu zubereiten oder sie finden nichts im Kühlschrank; auch
Ablehnung des vorhandenen Essen aus unterschiedlichen Gründen ist denkbar.
Nebenbeschäftigungen gehören zum Essalltag
Immer mehr gehören Nebenbeschäftigungen während des Essens zum Essalltag. Dazu
zählen fernsehen, telefonieren, lesen (Sellach 1996, S. 102) oder darüber hinaus während
des Frühstückens die Erledigung der morgendlichen Toilette (Wittenberg et al. 1999, S. 29).
Detaildaten lassen sich aus der Sekundäranalyse der Zeitbudgetstudie 1991/92 bei Meyer
(2002) entnehmen. Lohnenswert wäre sicherlich eine Untersuchung zum Phänomen der
„Gleichzeitigkeit” (Geissler 2003; Methfessel 2004e), das gerade bei Jugendlichen
beobachtbar ist. Dieses kann in der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden.
50
Mahlzeit
Zusammenfassung
Aus
den
Befunden
zu
jugendtypischen
Mahlzeitenstrukturen
können
folgende
Veränderungen in der Adoleszenzphase abgeleitet werden:
Die Regelmäßigkeit von gemeinsam mit der Familie eingenommenen Mahlzeiten
•
nimmt mit zunehmendem Alter ab.
Einzelne Mahlzeiten, bevorzugt das Frühstück, werden mit zunehmendem Alter v. a.
•
von Mädchen ausgelassen.
Das Abendessen wird mit zunehmendem Alter wichtiger, dennoch bleibt das
•
Mittagessen die wichtigste Mahlzeit, weil die Mehrzahl (ca. 55 %) dann den größten
Hunger hat (DGE 2000, S. 124f.).
Jugendliche essen auch noch nach dem Abendessen, und zwar bis spät in die Nacht.
•
Offen bleiben folgende Fragen:
•
Nimmt die Häufigkeit der gemeinsamen Familienmahlzeiten ab?
•
Welche Funktionen stehen bei den Familienmahlzeiten im Vordergrund?
•
Verändert sich die Zuständigkeit für das Essen in den Familien mit steigendem Alter
der Jugendlichen?
Vermeiden Jugendliche gemeinsame Mahlzeiten?
•
3.2.2
Essenszeiten und deren tagesstrukturierende Funktionen
Festgesetzte Essenszeiten strukturieren Tagesabläufe. Mahlzeiten werden hier zu
Fixpunkten, die Tage in Zeitabschnitte untergliedern. Diese bieten eine bedeutende
Orientierung für den Tages- bzw. Lebensrhythmus und sind bei der Bewältigung des Alltages
hilfreich (z. B. Teuteberg 1985, S. 39). Zwischen Hunger und Sättigung besteht eine Zone
der biologischen Indifferenz, die nach dem „Grenzmodell für die Regulierung der Nahrungs­
aufnahme” (nach Grunert 1993, S. 29) der psychischen und kognitiven Kontrolle unterworfen
ist. Soziokulturell determinierte Mahlzeitenmuster entlasten den Einzelnen von individuali­
sierten Entscheidungen. Dadurch kann beispielsweise eine regelmäßige Nahrungs­
versorgung sichergestellt werden. Dieses gilt für alle Altersgruppen.
Regelmäßigkeit, wie alltäglich mehrfache Wiederkehr von Mahlzeiten zu festgesetzten
Zeiten, gilt aus der soziologischen Perspektive als „die erste Überwindung des Naturalismus
des Essens” (Simmel 1957, S. 245). Handlungen sind habitualisiert und standardisiert,
teilweise sogar ritualisiert. Durch die Mahlzeit besteht ein Anlass, sich regelmäßig zu treffen.
Gelegenheiten zum ungezwungenen, persönlichen Austausch entstehen praktisch nebenbei.
Raum und Zeit für soziale Interaktion und Kommunikation sind somit im Alltag verankert.
Mahlzeit
51
In unserer Kultur92 ist Frühstück, Mittag- und Abendessen ein nach wie vor geltendes
Mahlzeitenmuster, das aufgrund der ausdifferenzierten, individualisierten Lebens- und
Arbeitswelten zeitlich stark variiert (vgl. auch Heyer 1997, S. 106; Meyer 2002, S. 44; DGE
2004, S. 81ff.). Arbeits- und Schulzeiten dominieren über Mahlzeiten, trotz scheinbar großer
Flexibilität, wie es sie beispielsweise durch das Arbeitszeitmodell der so genannten
„Gleitzeit” gibt (vgl. Meyer 2002, S. 51f.).
Bei oben dargestellten Studien (Dole-Studie 1995; Sellach 1996; Heyer 1997; NestléStudie 1999; DGE 2000, 2004 etc.) zum Frühstücksverhalten fällt auf, dass gerade
Jugendliche auf diesen Fixpunkt des Tages verzichten – im Gegensatz zu den
Erwachsenen, die zu über 90 % regelmäßig frühstücken (Nestlé-Studie 1999). Ob sich die
Tendenz des Nichtfrühstückens im späteren Erwachsenenalter fortsetzt oder ob sich ein für
Erwachsene typisches Pro-Frühstück-Verhalten „automatisch” einstellt, lässt sich anhand der
vorliegenden Daten nicht abschließend beantworten. Bedacht werden sollte, dass
individuelle Essmuster zu unterscheiden sind und es entsprechend verschiedene
„Frühstückstypen”
gibt.
Individualisierung
und
Pluralisierung
als
Tendenzen
des
gesellschaftlichen Wandels eröffnen dem Einzelnen mehr Handlungsoptionen und
akzeptieren bzw. fördern somit individuelle Essmuster.
Kettschau & Methfessel (1989, 2005) diskutieren in ihrem erweiterten Hausarbeitskonzept
den Funktionswandel der Haus(halts)arbeit (Kettschau 1990; vgl. auch Kettschau &
Methfessel 2005) vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen infolge der
Rationalisierung und Technisierung des Haushalts und deren Folgen für nicht-materielle
Haushaltsarbeiten. In ihrer Analyse der Beziehungsarbeit aus verschiedenen wissenschaft­
lichen Blickwinkeln der Frauenforschung und Haushaltswissenschaft wird deutlich, welchen
Raum neben der materiellen Nahrungsversorgung Beziehungs- und Koordinationsarbeit im
Haushalt haben (vgl. Kettschau & Methfessel 1989, S. 103 und 117ff.; Kettschau &
Methfessel 2005). Konkret kann das für den einzelnen Haushalt bedeuten, dass heute mehr
Zeit für das Aushandeln von gemeinsamen Essenszeiten etc. als für die Zubereitung von
Mahlzeiten aufgebracht werden muss. So werden Jugendlichen Wahlfreiheiten zugebilligt:
„Isst du heute mit?” Dadurch müssen immer wieder aufs Neue Entscheidungen und
familieninterne Abstimmungen getroffen werden; dieses impliziert Verzögerungen aufgrund
von Planungsunsicherheiten. In den qualitativen Interviews der Studie „Ernährungstrends
2000 +” führt ein Familienmitglied aus: „Wenn wir uns in der Familie einigen sollen, was es
92
Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Distinktion der Oberschicht schreibt Barlösius (1999, S. 182):
„Zwar war die bürgerliche Mahlzeitenordnung: morgens, mittags, abends, im 20. Jahrhundert kulturell
dominant und wurde zum gesellschaftlichen Orientierungsmodell, ... ”. Wie stark an diesem Modell
festgehalten wird, zeigen die Versuche der Ernährungsberatung und -erziehung, die Bevölkerung auf fünf
kleinere Mahlzeiten umzuerziehen. Das zusätzliche „Zwischendurch”-Essen und Naschen ist ein Trend, der
das Drei-Mahlzeiten-pro-Tag-Modell nicht grundsätzlich in Frage stellt.
52
Mahlzeit
zu Mittag gibt ..., das kann Stunden dauern.” (Essen & Trinken 1998, S. 17). Überwiegend
leisten Frauen diese Planungs-, Koordinations- und Organisationsarbeit in den Haushalten
(Methfessel 1992; Kettschau & Methfessel 1989, 2005; Rerrich 1993). Neue, familieninterne
Routinen, angepasst an die wechselnden Bedingungen, bilden sich aus. Sie synchronisieren
die Tagesabläufe von Familienmitgliedern und erleichtern dadurch das Alltagsleben
(Garhammer 1999, S. 297ff.).
Beginn und Ende einer Mahlzeit unterliegen immer weniger allgemein gültigen Regeln
(vgl. Essen & Trinken 1998, S. 72). So waren früher beispielsweise Tischgebete Start- und
Endsignale. Familieninterne Festlegungen über Verbindlichkeiten sind nicht mehr durch
allgemein übliche Konventionen dominiert. Ähnliches gilt für Zeiten, zu denen üblicherweise
gegessen wird. Verbindliche Tischzeiten gelten weitgehend als „out”93.
In der Folge werden Tagesrhythmen flexibler und individuellen Essensbedürfnissen
angepasst. Damit wird Familie aber auch zur „Wahlgemeinschaft”, d. h. es ist nicht mehr
klar, dass gemeinsames Wirtschaften mit gemeinsamen Verzehr und Leben einhergeht.
Dadurch verändern sich Anforderungen an Haushaltsaufgaben (vgl. Kettschau & Methfessel
1989, 2005). Eine weitere Folge ist eine generelle Störanfälligkeit des Mahlzeiten­
rhythmuses, da Mahlzeiten keinen gesellschaftlich übereinstimmenden Platz, d. h. keine
feste Zeit mehr im Tagesablauf haben. Gibt es keine Übereinstimmung über eine bestimmte
Regelmäßigkeit
von
Mahlzeitenrhythmus
Mahlzeiten,
selbst
ist
jede
verantwortlich.
und
jeder
Individualisierte
für
seinen
Tages-
Essenszeiten
und
implizieren
Störungen durch andere, da schützende, allgemein verbindliche Konventionen entfallen.
Beispielsweise herrscht Unklarheit über Zeiten, zu denen bei anderen privat angerufen
werden kann, ohne beim Frühstück, Mittag- oder Abendessen zu stören. Zeit und Raum für
(Familien)mahlzeiten als ungestörte Rückzugsorte sind somit nicht mehr selbstverständlich.
Störungen können nicht nur durch andere hervorgerufen werden, sondern auch durch die
Essenden selbst, die sich tolerierten „Nebenbeschäftigungen” widmen. Heranwachsende
haben frühzeitig einen hohen Mitbestimmungsfreiraum. Mit steigendem Alter wird die
Familienmahlzeit auch deshalb mehr und mehr zur Option. Damit wächst die Möglichkeit,
sich Mahlzeiten (unbemerkt) zu entziehen. In der Konsequenz bedürfen individuelle
Regelungen über Essenszeiten der Fähigkeit zur Selbstorganisation, um nicht die „Orientie­
rung” bzw. „Kontrolle” über eine ausreichende Nahrungsversorgung zu verlieren.
In den Haushalten führen individualisierte Tagesrhythmen auch zu divergierenden
Anforderungen an Essenszeiten. Ob Familienmahlzeiten heute noch tagesstrukturierende
Funktion für Jugendliche haben, kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden,
93
Die Mittagsruhe im Einzelhandel ist ein Relikt aus vergangenen Tagen.
Mahlzeit
53
wohl aber können zusammenfassend folgende Hypothesen zu den Auswirkungen von Mahl­
zeitenstrukturierungen im Alltag von Jugendlichen heute abgeleitet werden:
Mahlzeiten können tagesstrukturierende Fixpunkte sein, sie sind jedoch nicht mehr
•
allgemein verbindlich.
Zeiten des gemeinsamen Essens sind nicht mehr per se ungestörte Familienzeiten.
•
Familiale Rückzugsorte und -zeiten müssen besonders geschaffen werden, wodurch
die Koordinations- und Beziehungsarbeit in den Familien zunimmt.
Die Teilnahme an einer Familienmahlzeit ist zunehmend freiwillig und stellt eine
•
Option für Gespräche dar.
3.3
Familienmahlzeiten
Insgesamt dominiert das Essen mit 80 % zu Hause (Iglo-Forum-Studie 1995; Stix 2000)
über das außerhäusliche Essen. Damit hat das häusliche Essen einen beträchtlichen
Stellenwert. Es kann also vermutet werden, dass auch Jugendliche zu Hause die meisten
Mahlzeiten einnehmen, sowohl allein als auch mit Familie. Häusliche Mahlzeiten − so die
Hypothese − dienen hauptsächlich der Sättigung und Regeneration.
Gemeinsame Mahlzeiten sind ein wesentliches Element des Familienlebens. Es liegen
umfangreiche Daten (Sellach 1996; Brombach 2000b; vgl. auch Essen & Trinken 1998;
Wittenberg et al. 1999; Meyer 2002) zu den Bedeutungen aus der Sicht von Müttern vor.
Offen bleibt: Welchen Stellenwert hat die soziale Institution „Mahlzeit” mit Familie für
Jugendliche? Punktuelle Daten zu der Häufigkeit gemeinsamer Mahlzeiten liegen vor, aber
ein umfassendes Bild in Abhängigkeit vom Alter der Jugendlichen fehlt. Die Häufigkeit von
Familienmahlzeiten kann Indizien zu Wertschätzung und zur Wichtigkeit für Jugendliche
liefern.
3.3.1
Stellenwert und Funktionen von Familienmahlzeiten
Mahlzeiten sind Integrations-, Kommunikations- und Erziehungszentrum (vgl. DGE 1976).
Aus der Tatsache, dass gemeinsame Mahlzeiten in den Familien seltener werden, wird im
Ernährungsbericht bereits in den 1970er Jahren der Schluss gezogen, dass diese
Funktionen ebenfalls verschwinden (DGE 1976, S. 453; vgl. auch Ziemann 1998, S. 125).
Teuteberg (1985) sah schon die tendenzielle Auflösung der familialen Mahlzeit als Symbol
des Funktionsverlusts der Familie in der entwickelten Industriegesellschaft.
Aktuelle Analysen zeigen ein anderes Bild. Gespräche sind aufgrund ihres zeitlichen
Umfangs eine der wichtigsten Nebentätigkeiten bei Mahlzeiten (Meyer 2002, S. 63; vgl. auch
Essen & Trinken 1998, S. 58). Barlösius (1999, S. 185) schreibt: „Familien und
54
Mahlzeit
Lebensgemeinschaften nutzen die Mahlzeit als Institution, um Gemeinschaft zu schaffen. Sie
setzen sich nicht unbedingt an den Tisch, weil sie Hunger haben, sondern weil sie mitein­
ander kommunizieren wollen.” In der Frankfurter Beköstigungsstudie (Sellach 1996) gilt das
besonders für die Abendmahlzeit, die von den Befragten als „Hauptmahlzeit” bezeichnet
wird, weil dabei Familienkommunikation stattfindet (vgl. auch Heyer 1997, S. 97).
„Ernährung” bzw. „Versorgung” findet mittags nach der Schule mit der „wichtigsten” Mahlzeit
statt (Sellach 1996). Brombach schreibt den Mahlzeiten − neben der physiologischen − drei
Bedeutungen zu: Mahlzeiten „als Zeit der Kommunikation”, „als Ort der Sozialisation und
Ästhetik” und als „Emotionsort” (Brombach 2001, S. 240ff.). Damit werden nach Brombach
wesentliche Funktionen von Familie durch die gemeinsamen Mahlzeiten realisiert. „Familien­
mahlzeit sei Familienzeit”, so lautet Brombachs Kernthese (Brombach 2000b, S. 12). In ihrer
nicht-repräsentativen, qualitativen Erhebung weist Brombach nach, dass keine andere
gemeinsam verbrachte Familienzeit die Funktion der Familienmahlzeit als Familie
konstituierendes Element übernehmen könnte (ebd.). Brombach sieht in den gemeinsamen
Mahlzeiten eine der letzten Bastion von Familie. Mahlzeiten mit der dazugehörigen
Kommunikation seien „Familien konstituierende Elemente” (ebd.). Brombach (ebd.) spitzt
ihre These weiter zu: „Es gibt keine andere, täglich wiederkehrende gemeinsame familiale
Aktivität, welche die Bedeutung einer Familienmahlzeit hat. ... Ohne gemeinsame
Familienzeit geht ein wesentlicher Bestandteil der Familie verloren.” Dieses Ergebnis beruht
auf einer nicht-repräsentativen Befragung von engagierten Elternteilen 94, die für die
Nahrungsvor- und -zubereitung ihrer Familien zuständig sind. Anzumerken ist, dass nach wie
vor überwiegend Mütter für Einkauf, Zubereitung, Spülen und Müllentsorgung zuständig sind.
Die Mitarbeit der Kinder ist altersabhängig, insgesamt jedoch gering (Sellach 1996, S. 82;
vgl. auch DGE 2004). In der Marktstudie „Ernährungstrends 2000 +” finden sich Hinweise auf
die Schattenseiten einer starken familiären Einbindung und des Versorgtwerdens: Ein­
schränkung von individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und Bedürfnissen, die auch
Kränkungen der versorgenden Person implizieren können, z. B. wenn liebvoll zubereitete
Mahlzeiten nicht mit Appetit gegessen werden (Essen & Trinken 1998, S. 58f.). Denn es
fragt sich, ob die Haushaltsmitglieder, insbesondere die Jugendlichen, die Arbeit, Mühe und
die darinsteckende „Liebe” der versorgenden Person erkennen.
94
Das Erkenntnisinteresse der Befragung von Brombach (2000) liegt in der Bedeutung des Ernährungsalltages
aus mütterlicher (bzw. väterlicher) Sicht; Eindrücke der Kinder und Jugendlichen fehlen. Die Stichprobe
bezieht sich auf Einfamilienhaushalte mit zwei (teilzeit-)erwerbstätigen Elternteilen und mindestens einem
Kind zwischen 13 und 16 Jahren (Brombach 2000b). Dabei ging Brombach bei der Auswahl ihrer
Interviewpartner nach dem Schneeballprinzip vor. Sie suchte für die Ernährung in der Familie besonders
engagierten Mütter. Diese wurden nach ihrem Einsatz, ihrem Erleben und Bewerten von Familienmahlzeiten
gefragt.
Mahlzeit
55
Aus der Perspektive der Jugendlichen ist zu fragen: Schätzen sie die Familienmahlzeiten?
Worauf kommt es den Jugendlichen bei den gemeinsamen Familienmahlzeiten an? Hängt
die Institution Familie von der Häufigkeit gemeinsamer Mahlzeiten ab?
Vom Tisch zum Kühlschrank
In vielen Fällen übernehmen Mütter (oder seltener eine andere Person) die Versorgung
der Kinder, sie kümmern sich bevorzugt um die Organisation und Zubereitung von
Mahlzeiten. Darauf basiert auch die These Brombachs, dass Mahlzeiten Familie
konstituieren. Dieses trifft sicherlich für jüngere Kinder weitgehend zu. Die Realität älterer
Kinder und Jugendlicher sieht oftmals anders aus. Vor einigen Generationen war der Gang
zum Kühlschrank bzw. Speisekammer noch ein unausgesprochenes Tabu, denn gegessen
wurde, was auf den Tisch kam. Heute gleicht der Kühlschrank95 einem familieninternen
Selbstbedienungsladen. Mütter sind weiterhin verantwortlich für die Versorgung, d. h. sie
sorgen für einen gefüllten Kühlschrank und die Familienmahlzeiten.
Aufgrund der individualisierten Versorgung der Familienmitglieder verlieren gemeinsame
Mahlzeiten zunehmend ihre Ernährungs- und Verteilungsfunktion. Die Notwendigkeit, das
vorhandene (knappe) Essen „gerecht” vor den Augen aller zu verteilen, gehört der
Vergangenheit an und ist rudimentär noch bei Festtagsessen zu beobachten −
beispielsweise beim Anschneiden der Hochzeitstorte und der Zuteilung des ersten, obersten
Tortenstückes.
Durch den Verlust der Ernährungs- und Verteilungsfunktion der gemeinsamen Mahlzeiten
können sich auch Sättigung und Regeneration weg von den gemeinsamen Mahlzeiten
verlagern. Somit würde eine Teilnahme für die Jugendlichen zur Option, sofern es keine
Verpflichtungen aufgrund von familieninternen
Regelungen
durch die Eltern gibt.
Unbeantwortet bleiben folgende Fragen: Versammeln sich Familien regelmäßig zu
festgelegten oder verabredeten Zeiten am Tisch, um zu essen und sich auszutauschen? Wie
verbindlich sind Familienmahlzeiten für die Heranwachsenden? Sind die Jugendlichen bereit,
mit dem Essen auf das gemeinsame Mahl zur vereinbarten Zeit zu warten?
3.3.2
Familienmahlzeiten aus Sicht der Mütter
Nach wie vor sind es vorwiegend die Mütter und andere weibliche Familienmitglieder, die
sich für die Familie verantwortlich fühlen und diese beköstigen 96. Frauen bieten eine
95
Der „Kühlschrank”, der auch die Selbstbedienung aus anderen Bereichen der Küche einschließt, wird hier als
Symbol der Individualisierung als Teil des gesellschaftlichen Wandels gebraucht.
96
Vgl. Frankfurter Beköstigungsstudie (Sellach 1996). Ein Ergebnis der Studie war, dass „die Frauen die
Verantwortung für die Familie annehmen, sobald sie sich für ein Kind oder für Kinder entscheiden.” (a. a. O.,
S. 97). „... eine große Mehrheit der Frauen unabhängig von ihrem Alter, ihrer Herkunft, dem Alter der Kinder,
56
Mahlzeit
verlässliche Versorgung für ihre Familien, für die sie − trotz technischer Hilfsmittel 97 − viel
Zeit aufbringen98. Diese Verantwortung umfasst für die Mehrzahl der Frauen das
Wohlbefinden der Familie, also mehr als die reine Versorgung, und sie setzen sich damit
„gedanklich intensiv” auseinander. Die Hälfte der Frauen findet das nicht ungerecht; die
andere Hälfte denkt manchmal oder immer, dass es ungerecht sei, alleine für das Essen
verantwortlich zu sein (Sellach 1996, S. 142). Worin liegt die Motivation? Bereits Kettschau
stellt fest, dass Tätigkeiten der Nahrungszubereitung beliebter als andere Haushaltsarbeiten
sind (Kettschau 1981, S. 133). Die Autorin führt für die Beliebtheit u. a. auch an, dass sich
hier materielle und emotionale Aspekte der Hausarbeit verbinden und diese Hausarbeit am
ehesten mit Anerkennung verknüpft ist (a. a. O., S. 135). Dazu Sellach: „Die Frauen holen
sich über diese Tätigkeit [Anmerkung der Autorin: gemeint ist Zubereitung von Mahlzeiten]
auch eine Identifikation, deswegen beschäftigen sie sich so intensiv mit der Ernährung. Alles
in allem ergibt ein gutes Essen, und das bin ich, das ist mein Werk. ...”, so ein Kommentar
einer der Frauen in der Frankfurter Beköstigungsstudie (Sellach 1996, S. 147). „Die
Mahlzeiten werden also von einer Mehrheit der Frauen an den Vorlieben und Neigungen der
Familienangehörige ausgerichtet, die bei der Planung und Vorbereitung immer mitbedacht
werden.” (a. a. O., S. 123; vgl. auch Gerhards & Rössel 2003a, S. 53). Das Ergebnis der
mütterlichen Bemühungen − die zubereitete Mahlzeit − wird zum Symbol der Zuneigung.
Damit bekommt die Mahlzeit eine emotionale Bedeutung.
„Die Speisen symbolisieren und ,schmecken‛ nach Mühe, Überlegungen, Vorbereitung,
Organisation”, schreibt Brombach (2000b, S. 11). Das Zitat impliziert eine mit den Speisen
positiv besetzte Bedeutung. Allerdings basiert Brombachs Untersuchung auf Aussagen von
40 Müttern (und Vätern) aus „Mittelschichtfamilien” (vgl. Brombach 2001, S. 238). Haben
Mütter oder Väter nichts in den Kühlschrank gestellt, nichts oder nachlässig eine Mahlzeit
vorbereitet − symbolisiert das nun Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern oder
trauen sie ihren Kindern einfach zu, selbstständig dafür sorgen zu können? Nach Maslow
(1943) zählen Nahrungsbedürfnisse ebenso wie Kleidung und Wohnung zu den
der Haushaltsgröße, ihrer Lebensform und ihrem Familienstand, ihrem Ausbildungsstatus, der Erwerbs­
tätigkeit und dem Familieneinkommen” übernehmen selbst alle notwendigen Arbeiten im Zusammenhang mit
den Mahlzeiten (ebd.) 97). Damit konstituieren die Mütter mit ihrer alltäglichen Hausarbeit Familie (Sellach
1996, S. 150; vgl. auch DJI 1992; Heyer 1997; Meyer 2002; von Ferber et al. 1991; DGE 2004).
97
Vertiefende Literatur zur Illusion der Zeitersparnis durch Technisierung der Hausarbeit bei Methfessel 1989,
S. 55ff.; Methfessel 1992, S. 168ff.; Kettschau 1990, S. 161ff.; Kettschau & Methfessel 2005.
98
Für die Nahrungszubereitung werden nach einer Erhebung aus den 1980er Jahren 23 bis 28 % des
Zeitaufwandes für Hausarbeit aufgewendet (Kettschau 1981, S. 125 und 133). Kettschau ging von einem
gesicherten Basiszeitbedarf (also Mindestzeitbedarf) für die Hausarbeit von 50 bis 60 Stunden wöchentlich
aus (ebd., S. 186). Nach der Zeitbudgeterhebung von 2001 liegt der heutige Zeitaufwand für
Beköstigungsarbeiten bei den Frauen durchschnittlich bei 1 Stunde und 6 Minuten pro Tag (DGE 2004, S.
87). Insgesamt beschäftigen sich Frauen durchschnittlich 3 Stunden und 46 Minuten täglich mit hauswirt­
schaftlichen Tätigkeiten (a. a. O., S. 86). An der Zuständigkeit der Frauen hat sich prinzipiell bis heute nichts
geändert (a. a. O., S. 86ff.; Methfessel 2004e).
Mahlzeit
57
Primärbedürfnissen. Sind Heranwachsende hier nicht ausreichend versorgt, wird dies als
Vergehen der Eltern angesehen und gesellschaftlich stark verachtet. In Gesprächen be­
klagen Lehrkräfte häufig, dass keiner für die „Kinder” (in der Oberschule) ein Frühstück
mache und sich mit an den Tisch setze. Eltern seien Schuld, sie sollten sich mehr Mühe und
Zeit für das Frühstück ihrer Kinder nehmen.
Insgesamt zeigt sich elterliche Fürsorge auch in der Sorge um die Ernährung ihres
Nachwuchses. Speisen symbolisieren somit schon die elterliche Zuneigung und Fürsorge.
Ein fertiges Mittagessen, das nach der Schule auf dem Tisch steht, kann allerdings „perfekt”
und dennoch nur aus Pflichtgefühl gekocht worden sein. Ein anderes Kind muss vielleicht
selber einkaufen99 und sein Mittagessen zubereiten in liebevoller Absprache und mit
Anleitung einer Mutter oder einer anderen Bezugsperson, für die die Selbstständigkeit des
Kindes höchstes Gut ist. Hier symbolisiert diese Speise ebenso die „Liebe” einer sich auf
andere Weise kümmernden Bezugsperson.
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Mithilfe von Jugendlichen
bei der Zubereitung von Mahlzeiten. Die Frankfurter Beköstigungsstudie kommt zu dem
Ergebnis, dass mehrheitlich Frauen − also meist die Mütter − Essen „herbeischaffen,
vorbereiten, zubereiten, servieren, ab- und die Reste aufräumen und den Schmutz
beseitigen.” (Sellach 1996, S. 97). Damit werden die Ergebnisse von Kettschau (1981) und
von Ferber et al. (1991) bestätigt. Demnach kochen mehr als drei Viertel aller Frauen in
Familien täglich (von Ferber et al. 1991, S. 126). Neuere Erhebungen zeigen, dass Frauen
zwar ihren Zeitaufwand für Beköstigungsarbeiten im Vergleich zu den 1990er Jahren
reduziert haben, aber nach wie vor überwiegend dafür allein zuständig sind (DGE 2004, S.
87ff.). Die regelmäßige Mithilfe von mehr als drei Viertel aller dazugehörigen Männer findet
praktisch nie statt (Sellach 1996; vgl. auch DGE 2004); regelmäßige Mithilfe der Kinder ist
die Ausnahme100 und hat in den letzten Jahren weiter abgenommen (DGE 2004, S. 88ff.).
Heranwachsende im Alter von 12 bis 16 Jahren verbrachten nach der Zeitbudgeterhebung
1991/92
durchschnittlich
65
Minuten
täglich
mit
hauswirtschaftlichen
Tätigkeiten
(Statistisches Bundesamt 1995, S. 47). Insgesamt waren es eher die Mädchen als die
Jungen101, die Älteren als die Jüngeren, die mithelfen. Neuere Daten der Zeitbudgetstudie
2001/02 belegen ebenfalls diese geschlechtsspezifischen Unterschiede, zeigen aber auch
99
Knapp 15 % der älteren Grundschülerinnen und -schüler bekommen manchmal und über 3 % sogar häufig
Geld für die mittägliche Selbstversorgung von ihren Eltern (Heyer 1997, S. 89).
100
Hingewiesen sei hier darauf, dass das Erlernen der „Kulturtechniken” des Haushalts nicht mehr sichergestellt
ist, wenn Mädchen und Jungen von der Hausarbeit verschont werden (Sellach 1996, S. 98; vgl. auch von
Ferber et al. 1991, S. 117ff.). Weiterführende Literatur: Bowes, Flanagan und Taylor (2001); Heyer (1997);
Zeiher (2000).
101
Weitere Unterschiede sind zwischen den alten und den neuen Bundesländer festzustellen (Heyer 1997,
S. 45).
58
Mahlzeit
insgesamt eine geringere werdende Beteiligung der Heranwachsenden im Vergleich zu den
Daten ein Jahrzehnt zuvor (DGE 2004, S. 88f.). Rund 80 % der Männer verfügen über
unzureichende Kochkenntnisse (Spiekermann 1999a, S. 48; vgl. auch Spiekermann 2002a).
Außerdem ist die Mithilfe stark tätigkeitsabhängig102, so ist das Einkaufen beliebter als das
Abtrocknen (Heyer 1997, S. 45ff.; vgl. auch Deutsches Jugendinstitut München (DJI) 1992;
Statistisches Bundesamt 1995). So stellt Sellach (1996, S. 82) fest, dass „fast 14 % der
Kinder, die über 12 Jahre alt sind und in Familien mit nur älteren Kindern, und 9 % der
Kinder, die in Familien mit beiden Altersgruppen aufwachsen, doch häufiger mitkochen” als
in Familien mit jüngeren Kindern. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine vom
Deutschen Jugendinstitut München durchgeführte Studie (Was tun deutsche Kinder am
Nachmittag?). Bereits jüngere Mädchen (8- bis 12-jährige) helfen beispielsweise recht häufig
beim Tisch decken und abräumen, aber vergleichsweise selten (64 % selten oder nie) beim
Kochen (DJI 1992; Prozente nach Zusammenfassung von Zeiher 2000, S. 47). „Die
naheliegende Vermutung, daß eher ältere Kinder einkaufen gehen, wird bestätigt, aber
insgesamt sind es wieder nur relativ wenige, die öfter und täglich einkaufen gehen, obwohl
mehr Kinder diese Arbeit übernehmen, als mitkochen.” (Sellach 1996, S. 83; vgl.
Statistisches Bundesamt 1995). Mitarbeit beim Spülen103 ist insgesamt gering und hängt von
der Erwerbstätigkeit der Mütter ab: 4 % spülen täglich, 10 % öfter, 15 % ab und zu, ca. 2/3
selten oder nie (Sellach, 1996, S. 84). Müll entsorgen ist abhängig vom Alter der Kinder und
der Erwerbstätigkeit der Mutter: 4 % täglich, 14 % öfters, ab und zu, 61 % selten, nie (a. a.
O., S. 85; vgl. auch DGE 2004, S. 89f.).
In neueren Untersuchungen aus anderen europäischen Ländern wie Norwegen (Zeiher
2000, S. 64f.) deutet sich allerdings ein Wandel an. Demnach scheint das „Hotel Mama”104
vom
„Unternehmen
Familie”
allmählich
abgelöst
zu
werden.
Begünstigt
durch
Individualisierung im Bereich des Essens und durch zunehmende Erwerbstätigkeit der Mütter
(Geißler 2002, S. 372; vgl. auch Oerter & Dreher 2002, S. 308ff.) bereiten immer mehr
Kinder und Jugendliche sich selbstständig eine Mahlzeit zu. Die Eigenversorgung nimmt mit
dem Alter der Heranwachsenden zu (Heyer 1997, S. 143 und S. 168; von Ferber et al. 1991,
S. 185). Kinder und Jugendliche übernehmen partiell, besonders in den Zeiten des
102
Tätigkeitsbereiche: Einkaufen, Zubereiten, Spülen und Müll beseitigen.
103
Anmerkung der Autorin: Durch die Ausstattung mit Spülmaschinen, die im vergangenen Jahrzehnt deutlich
gestiegen ist und 2001 bei 90 % der Haushalte lag, nimmt die Bedeutung dieses Tätigkeitsbereiches ab
(DGE 2004, S. 88).
104
An dieser Stelle zeigt sich, wie obsolet die bei Lehrkräften häufig anzutreffende Vorstellung ist, dass Müttern
„Schuld” seien, wenn „Kinder” in Oberschule nicht gefrühstückt haben. Zu fragen ist: Kann es Ziel einer
Ernährungsbildung sein, Dienstleistungen der Eltern in Anspruch zu nehmen? Sollte ein 14-jähriger
Jugendlicher nicht selbst für sein Frühstück verantwortlich sein können?
Mahlzeit
59
Alleinseins – hauswirtschaftliche Aufgaben105. Um innerfamiliale Konflikte zu minimieren,
haben Heranwachsende vorwiegend Pflichten, die ihre eigenen Dinge und ihr eigenes Wohl
betreffen. Diese „Selbstversorgungsarbeiten” führen zu mehr Unabhängigkeit, ohne jedoch
„... in die Interdependenz und Reziprozität der Wirtschaftsgemeinschaft des Haushalts zu
treten ...” (Zeiher 2000, S. 55). Das gilt besonders für die selbstständige Zubereitung von
Mahlzeiten, die bei Jugendlichen durchaus beliebt ist. Bevorzugt werden hierbei Con­
venience-Produkte. Zahlen aus Großbritannien belegen den Trend. "Some 48 percent of
youngsters in 1999 counted making meals for themselves among activities they do around
the house most of the time, up from 40 percent in 1995. And 26 percent said making meals
for the family was something they did most of the time, up from just 15 percent in 1995." Im
Einzelnen: "Some 88 percent of kids ages 6 to 17 said they occasionally made something to
eat,
mostly
snacks
(75
percent)
and
breakfast
(66 percent),
according
to
a
Nickelodeon/Yankelovich Youth Monitor survey. But 51 percent of respondents also make
lunch at times, and 31 percent said they make dinner. Even the youngest respondents rolled
up their sleeves once in a while: 75 percent of 6-to-8-year-olds said they've fixed meals;
9 percent claimed to have made dinner, though most, 60 percent, said they fix snacks."
(Stoneman 1999). 92 % der Kinder schätzen diese Tätigkeit, weil sie frei wählen können,
Spaß am Kochen haben und Essen können, wann und wie viel sie wollen (Stoneman 1999).
Insgesamt zeigen die angeführten Daten, dass für die Essensversorgung mehrheitlich die
Mütter verantwortlich sind, trotz merkbarer Veränderungen der häuslichen Arbeitsteilung (vgl.
Sellach 1996; DGE 2004; vgl. auch Heyer 1997; Zeiher 2000). Convenience Food und
Individualisierung begünstigen eine selbstständige Essenszubereitung, deshalb wird hypo­
thetisch angenommen, dass die Zuständigkeit für die Essensversorgung unabhängig von der
Erwerbstätigkeit der Eltern ist. Die aufgeführten Daten liefern Hinweise, dass Mithilfe in der
Küche geschlechtsspezifisch unterschiedlich und altersabhängig ist. Die Mädchen helfen mit
zunehmendem Alter regelmäßiger als Jungen bei der Essenszubereitung und den damit im
Zusammenhang stehenden Tätigkeiten, und zwar für sich und andere. Jungen bereiten
lediglich für sich selbst Mahlzeiten zu.
3.3.3
Familienmahlzeiten aus der Sicht der Jugendlichen
Jugendliche nehmen gemeinsame Mahlzeiten anders wahr als andere Familienmitglieder
(z. B. jüngere Kinder, Mütter). Kennzeichnend für die jugendliche Perspektive sind
Ambivalenzen wie der Wunsch nach Individualität und Abgrenzung versus (familiare)
Gemeinschaft, die Sicherheit und Zugehörigkeit bedeutet. Ein weiterer Punkt sind
105
Eine weitergehende Diskussion über Veränderungen häuslicher Arbeitsteilung kann hier nicht geleistet
werden. Weiterführende Literatur: Hengst und Zeiher (2000).
60
Mahlzeit
Interessenskollisionen, die durch unterschiedliche Zeitmuster von Jugendlichen und Eltern
bzw. Vorstellungen zur Freizeitgestaltung entstehen. Überlegungen zu diesen beiden
Punkten sind im Folgenden dargestellt.
Mahlzeit bietet Anlass zum Zusammensein und zum Gespräch. In der Literatur finden sich
Hinweise, dass die meisten Jugendliche die „häusliche Atmosphäre als angenehm und
ausgeglichen” entsprechend schätzen (Teuteberg 1985, S. 39). So können regelmäßig und
zuverlässig stattfindende Familienmahlzeiten − vergleichbar mit früheren, regelmäßig statt­
findenden Sonntagsspaziergängen − wichtige Kommunikationsmöglichkeiten im vertrauten
Kreis schaffen und emotionale Entlastungsfunktion übernehmen. Insgesamt gewinnt nach
den Daten der Nestlé-Studie (1999) „Gut essen − gesund leben” die soziale Komponente
des Essens an Bedeutung, gleichzeitig ist Individualität nach dem neuen Leitbild hinsichtlich
der Mahlzeitenstrukturen wichtig. Der in der Nestlé-Studie (1999) verwendete Begriff „social
moments” bringt auf treffende Weise die Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach sozialem
Kontakt und der Unverbindlichkeit desselben zum Ausdruck. In diesem Sinne wird der Begriff
in dieser Arbeit weiter verwendet.
Weitere Daten aus verschiedenen Untersuchungen differenzieren das Bild. Für die
Mehrzahl aller Personen über 16 Jahre sind das Abendessen unter der Woche (39 %) und
das Frühstück am Wochenende (ebenfalls 39 %) die schönsten Mahlzeiten (Nestlé-Studie
1999). Allerdings genießt bereits bei jüngeren Kindern das Frühstück im Vergleich zu
anderen Mahlzeiten die geringste Wertschätzung (Heyer 1997, S. 139). Heranwachsende
frühstücken werktags mit zunehmendem Alter auch weniger regelmäßig (a. a. O., S. 142).
Die Zahlen zum Frühstück beziehen sich jedoch nicht explizit auf das Wochenendfrühstück,
so dass hierzu keine Daten angegeben werden können. Frühstücken verliert für Jugendliche
an Bedeutung während das abendliche Essen an Wichtigkeit gewinnt. Gleichzeitig zeigt der
Blick auf das Freizeitverhalten von Jugendlichen, dass abendliche und nächtliche Aktivitäten
beliebt sind. Dabei bevorzugen v. a. jüngere Jugendliche, deren Ausgehzeiten durch die
elterlichen Vorgaben beschränkt sind, abendliches Fernsehgucken und Computerspiele bis
in die Nacht. Ältere Jugendliche kommen häufig, gerade am Wochenende und in den Ferien,
erst spät nach Hause. Das mit zunehmendem Alter von Jugendlichen eingeforderte längere
Schlafen am Wochenende, hängt auch mit deren Ausgehverhalten am Abend zusammen,
das wiederum die Zeit für abendliche Mahlzeiten einschränkt. Daher kann vermutet werden,
dass aufgrund des alterstypischen Freizeitverhaltens älterer Jugendlicher gemeinsame
Mahlzeiten häufig mit deren Interessen kollidieren und Jugendliche anstelle des
Familienessens lieber etwas anderes machen oder machen würden. Interessenskonflikte in
den Familien könnten eine Folge sein. Hansell und Mechanic sehen den Konflikt in erster
Mahlzeit
61
Linie beim Abendessen, wenn sie schreiben: "For many families, dinnertime is the most
consistent opportunity to interact. In addition, eating dinner with parents requires a time com­
mitment that may interfere with peer-oriented activities outside of the family." (Hansell &
Mechanic 1990, S. 45). Als Folge der nächtlichen Aktivitäten − besonders am Wochenende
− weist auch Brombach auf mögliche Interessenskollisionen am Beispiel des Wochenend­
frühstücks
hin:
„Partialinteressen
und
Gemeinschaftsinteressen
kollidieren
häufig.”
(Brombach 2000b, S. 5; vgl. auch Brombach 2003, S. 133f.). Vermutlich werden sowohl
abendliche Mahlzeiten (v. a. wegen des Fernsehens bei jüngeren und wegen des
Ausgehens bei älteren Jugendlichen) als auch das Wochenendfrühstück von der Inter­
essenskollision betroffen sein, also gerade Zeiten, an denen am ehesten die gesamte
Familie Zeit hätte. Dieser Interessenskonflikt wird in der hier durchgeführten Untersuchung
bei der Frage „Was stört dich am gemeinsamen Essen?” mit der Antwort „..., weil ich lieber
etwas anderes zu der Zeit machen will” aufgegriffen. Der Wunsch nach Individualität kann –
besonders bei aufkommendem Hunger − dem Wunsch nach gemeinsamen Essen
widersprechen. Individuelle und soziokulturelle essensbezogene Konnotationen sind jedoch
eng verknüpft (Grunert 1993, S. 52). Dabei reguliert Essen Emotionen und vice versa (ebd.).
Essgewohnheiten
entwickeln
sich
in
einem
komplexen
Bedeutungssystem,
wobei
psychologische Aspekte nur einen Teilbereich darstellen. Da Mahlzeit eine soziale Situation
des Essens ist, interessieren psychosoziale Faktoren. „Im Kern bleibt jedes gemein­
schaftliche Essen in erster Linie Nahrung für die Seele, von der man allerdings zwangsläufig
auch noch satt (...) wird.” (Hüther 1999, S. 124).
Die Überwindung der sofortigen Befriedigung von Bedürfnissen wird durch einen Aufschub
realisiert. Die Überwindung eines momentanen Hungergefühls zugunsten des gemeinsamen
Essens zu einem späteren Zeitpunkt gehört dazu (Grunert 1993). Deshalb ist für die
Fragestellung hier interessant, ob Jugendliche auf gemeinsame Mahlzeiten warten –
besonders, da die Möglichkeiten, aufkommenden Hunger oder auch Gelüste kurzfristig und
mit geringem Aufwand zu stillen, durch eine allgemeine „Kühlschrank- und Snackkultur”
größer geworden sind.
Ausgehend von der These, dass Familienmahlzeit ihre Ernährungs- und Verteilungs­
funktion weitgehend eingebüßt hat, wird das Warten auf gemeinsame Mahlzeiten hinsichtlich
dieser Funktionen überflüssig. Daten, die Auskunft darüber geben, ob Jugendliche auf das
gemeinsame Mahl in der Familie warten, liegen nicht vor.
Sind Jugendliche hungrig, bleiben ihnen verschiedene Alternativen im Umgang mit
Familienmahlzeiten. In Anbetracht, dass Mütter einen hohen Aufwand für gemeinsames
Essen betreiben (s. o.), ist ein gänzliches Ignorieren seitens der Jugendlichen sicherlich
62
Mahlzeit
schwierig. Ob eine Teilnahme seitens der Eltern eingefordert wird, kann hier nicht
beantwortet werden. Mit dem Hinweis schon gegessen zu haben, bleibt den Jugendlichen
auch die Möglichkeit, sich zu den Eltern dazu zu setzen. Es sei denn, die Mühe derer, die
das Mahl vor- und zubereiten, soll durch den „richtigen Hunger” gewürdigt werden. Das wäre
ein Grund zu warten. Banaler, aber dennoch wichtig: Den anderen beim Essen zu
zuschauen, macht hungrig. Um nicht „doppelt” zu essen, wartet man lieber.
Allgemein ist bei Heranwachsenden (6- bis 17-Jährige) nach einer Studie zum
Ernährungsbericht 2000 der Wunsch nach einem gemeinsamen Familientisch vorhanden
und gemeinsames Frühstücken in den Familien wieder häufiger (DGE 2000, S. 144) 106.
Diese Daten lassen jedoch aufgrund der Altersspanne der Befragten keine differenzierenden
Aussagen über Jugendliche zu. Vor dem Hintergrund der vorherrschenden Liberalität an
Familientischen (DGE 2000) ist die Häufigkeit gemeinsamer Mahlzeiten ein Indikator für
jugendliche Wertschätzung und Wichtigkeit derselben. Dazu fehlen ebenfalls Daten.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass qualifizierende Daten zur Wichtigkeit
gemeinsamer Mahlzeiten in der Familie für Jugendliche fehlen.
3.3.4
Verlauf von Familienmahlzeiten
Aus dem Verlauf gemeinsamer Mahlzeiten können Anhaltspunkte für die Wichtigkeit und
Funktionen von Mahlzeiten für Jugendliche gewonnen werden. Im Folgenden werden
Studien nach Daten zur Gestaltung von Familienmahlzeiten durchsucht; im Einzelnen
können das Hinweise auf Ort, Aufwand der Tischgestaltung, Nebenbeschäftigungen
beispielsweise durch Fernsehgucken oder Telefonieren und Tischregeln sein. Der
Verweildauer und der innerfamiliären Konversation wird dabei besondere Aufmerksamkeit
geschenkt, weil beides Hinweise zur Wichtigkeit und zu Funktionen von gemeinsamen
Mahlzeiten liefern kann.
Der Ernährungsbericht 2000 bestätigt die allgemeine Beobachtung, dass ein Trend zur
größeren Liberalität an deutschen Familientischen zu beobachten ist (DGE 2000, S. 144).
Erziehung findet heute beidseitig statt. Zwar achten etwa die Hälfte der Eltern von 8- bis
unter 12-Jährigen darauf, dass das Kind „nicht schmatzt” und „ordentlich am Tisch sitzt”,
doch ist es ihnen unwichtig, ob das Kind „nicht zu viel isst” bzw. „keine Reste übrig lässt”
106
In unsicheren Zeiten ist allgemein eine Rückzugstendenz ins Private beobachtbar. Aufgrund der
ökonomischen Lage mit hoher Arbeitslosigkeit trifft das auch auf die Bundesrepublik zum Erhebungszeitraum
zu. Seit dem 11.09.2001 wird in Zeitungsmeldungen vermehrt von „Cocooing” gesprochen. In wie weit sich
dadurch hinsichtlich der Familienmahlzeiten etwas verändert hat, kann aufgrund fehlender Daten hier nicht
festgestellt werden. Vermutbar ist jedoch, dass keine grundlegenden Veränderungen ausgelöst wurden,
sondern bestehende Entwicklungen sich verstärken bzw. beschleunigen.
Mahlzeit
63
(a. a. O., S. 125). Elterliche Liberalität und Toleranz beziehen sich mehr auf das, was
gegessen wird und weniger auf die Einhaltung von Tischregeln (a. a. O., S. 144).
Die Iglo-Forum-Studie 1995 ist eine repräsentative Untersuchung zum Thema „Kochen in
Deutschland”. Unter anderem wurde auch gefragt, ob am Tisch über das Essen gemeckert
wird107. 40 % antworteten mit ja. 48 % derer, die meckerten, waren Kinder (Iglo-Forum-Studie
1995, S. 14f.).
Das Tischgespräch gewinnt an Bedeutung gegenüber dem Essen (Barlösius 1999, S.
185), d. h. gemeinsames Essen in den Familien ist Anlass, sich an einen Tisch zu setzen
und miteinander zu reden. Gemeinsame Mahlzeiten bieten die Möglichkeit zum
regelmäßigen Zusammentreffen aller Familienmitglieder und sind somit geeignet, um
Absprachen zu treffen und Familieninterna zu besprechen. Wie dargestellt, decken sich
jugendliche Interessen jedoch nicht zwangsläufig mit elterlichen Absichten, z. B. bei
Freizeitgestaltung oder Ausgehzeiten. Treten jugendtypische Konflikte mit Eltern bei den
Familienmahlzeiten auf? Finden kontrollierende bzw. erzieherische Tischgespräche statt?
Vermeiden Jugendliche gemeinsame Mahlzeiten, um möglichen Konflikten auszuweichen?
Wie
Brombach
(2000b,
2001)
für
die mittägliche
Situation
nach
der Schule
herausgearbeitet hat, bieten Tischgespräche eine Möglichkeit für Eltern (meist Mütter), am
Leben ihrer Kinder „teilzunehmen”. Themen rund um Schule dürften ein häufiges
Gesprächsthema sein. Vermutbar ist, dass bei diesem Themenbereich auch Kontroversen
auftreten.
In der Zeit des Erwachsenwerdens müssen Jugendliche ihre Rolle in der Familie und das
Verhältnis zu ihren Eltern neu definieren. Im Allgemeinen führt das auch zu Konflikten, die
sich dann mit großer Wahrscheinlichkeit
auswirken.
Daten
dazu
fehlen.
Um
auf die Kommunikation am Familientisch
erste
Anhaltspunkte
zum
Stellenwert
von
Tischgesprächen zu gewinnen, werden dazu Fragen in der empirischen Untersuchung
gesondert erhoben.
Die Durchsicht von Studien ergibt nur ein lückenhaftes Bild. Auf folgende Fragen finden
sich keine ausreichenden Antworten, um die Atmosphäre beim Essen beschreiben zu
können. Wo, wie und wann wird gegessen? Wie wird das Essen angerichtet? Gibt es
Tischdekoration? Wird das Essen dadurch zum gemeinsamen Erlebnis? Welche Tischregeln
gelten? Findet nebenbei anderes (Telefonieren, „Simsen”, Fernsehen etc.) statt? Welche
Tätigkeiten haben Priorität? Um die aufgeworfenen Fragen befriedigend beantworten zu
können, wäre allerdings eine vertiefende qualitative Untersuchung notwendig. Dieses ist im
Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Die hier durchgeführte Studie ermittelt Daten zur
107
In neueren Diskussionen zur familialen Esserziehung wird eine gegenseitige Achtung und Wertschätzung
gefordert (vgl. dazu Methfessel 2004b, S. 6f.).
64
Mahlzeit
Häufigkeit und zum Gefallen der in der Familie gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten108.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Aspekt der Kommunikation am Familienesstisch109. Nach
Barlösius These (s. o.; Barlösius 1999, S. 185) sind für die Institution Mahlzeit
Tischgespräche in den Familien wesentlicher Bestandteil. Bedeutungen dieser Gespräche
für Jugendliche werden anhand möglicher Gesprächsinhalte, deren Umfang und Art
exploriert. Ein Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Kommunikation bei Tisch wird ver­
mutet. Dieser kann in der empirischen Untersuchung nur partiell erfasst werden, da Schüle­
rinnen und Schüler befragt werden und allgemein übliche Indikatoren zur Milieuzugehörigkeit
nicht erhoben werden können. Da für die Esskultur das kulturelle Kapital (nach Bourdieu
1999, vgl. Kapitel 2) besonders bedeutsam ist, erfolgt eine Zuordnung lediglich mittels der
Indikatoren besuchtem Schulzweig, Schul- und Berufsbildung der Eltern. Ob die Gespräche
den Jugendlichen gefallen oder ob die Gespräche als störend bewertet werden, ist ein
weiterer Aspekt der hier durchgeführten Befragung. Daraus sollen Hinweise auf die konkrete
Bedeutung von Mahlzeiten als Kommunikationsort aus Sicht der Jugendlichen gewonnen
werden.
Wie oben dargestellt, findet Nahrungsverteilung und Essensversorgung nicht mehr
ausschließlich am Familientisch statt, sondern verlagert sich teilweise zur Selbstversorgung
aus dem − meist von der Mutter gefüllten − Kühlschrank. Dadurch kann Familienmahlzeit zur
Option für Jugendliche werden. Eine Teilnahme beruht prinzipiell auf Freiwilligkeit, sofern es
kein familiales Gebot dazu gibt. Die von Barlösius (1999, S. 185) angenommene zu­
nehmende
Bedeutung
der
Kommunikationsfunktion
schafft
allerdings
eine
andere
Verbindlichkeit zur Teilnahme. Angenommen werden kann deshalb, dass Jugendliche
weiterhin regelmäßig an den Familienmahlzeiten teilnehmen. Mahl-zeit ist Zeit für Familien­
kommunikation. Essen ist Anlass, aber nicht alleinige Ursache.
108
Vgl. dazu die Fragen A-3, A-4 in der empirischen Untersuchung (Fragebogen im Anhang).
109
Vgl. dazu Fragen A-5, A-6, A-7, A-8, A-9, A-10, A-13, A-17 in der empirischen Untersuchung (Fragebogen im
Anhang).
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
4
65
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
4.1
Beeinflussung des Essverhaltens durch den jeweiligen Lebensbereich
Aus der angeführten Literatur ist bekannt, dass Alter (Methfessel 1999b), Geschlecht
(Methfessel 1999d, 2004c; Setzwein 2002, 2004; Spiekermann 2002b), soziales Milieu
(Bourdieu 1999; Barlösius 1999; Prahl & Setzwein 1999), Lebensstil (Plasser 1994; Barlösius
1997; Gerhards & Rössel 2003a, 2003b) und Biografie (DGE 1984; Logue 1995; Diehl 1996;
Pudel & Westenhöfer 1998; Methfessel & Schön 2002; Westenhöfer 2002; Methfessel
2004b) Essverhalten beeinflussen. Weitgehend offen bleibt, welchen Einfluss die
Lebensphase Jugend auf Essverhalten hat.
Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der die biologische, psychologische
und soziale Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen im Zusammenhang mit der
Identitätsbildung
stattfindet.
Familie
und
Peergroup
sind
in
dieser
Phase
Sozialisationsagenten, mit denen Jugendliche in persönlichen Beziehungen interagieren
(Fend 1998; Hurrelmann 1994). Auf die häusliche Welt der Familie und die außerhäusliche
Welt der Peergroup richtet sich deshalb im vorliegenden Kapitel der Fokus. Jugendliches
Essverhalten soll hinsichtlich seiner Bedeutungen in den Lebensbereichen Familie und
Peergroup differenziert werden.
Kinder und Jugendliche lernen Regeln und notwendiges Wissen, Fähigkeiten und
Einstellungen für ihre gegenwärtigen und zukünftigen Rollen z. B. als Essende durch
Modelle, die die Gesellschaft zur Verfügung stellt. Diese werden im Wesentlichen vermittelt
über die so genannten Sozialisationsagenten Familie, Gleichaltrige bzw. Peergroup, Schule
und Medien. Im Allgemeinen findet das Leben der Jugendlichen hauptsächlich in einer häus­
lichen Welt der Familie und in einer außerhäuslichen Welt der Peergroup und der Schule,
die in dynamischen Wechselbeziehungen – auch mit weiteren Sozialisationsagenten –
stehen, statt. Ohne die Bedeutung von Schule und Medien missachten zu wollen, soll hier
der Fokus auf Familie und Peergroup gerichtet werden, denn Beziehungen zur Peergroup
und zur Familie sind persönlich und weisen außerdem meist eine hohe Kontinuität auf 110.
Schule als Institution führt Lerngruppen nach Kriterien wie Wohnort, Alter, Leistung
zusammen, die entsprechend wechselnde Beziehungen zur Folge haben können. Freunde
und Freundinnen aus der Peergroup können auch Teil des schulischen Umfeldes sein.
Medien sind unpersönlich und i. d. R. nicht interaktiv. Eltern und Peergroup sind als
Sozialisationsagenten
aufgrund
der
persönlichen
und
überwiegend
kontinuierlichen
Beziehung für Entwicklungsprozesse von Jugendlichen von hoher Relevanz. Eltern und
110
Trotz der gesellschaftlichen Tendenzen der Individualsierung und Enttraditionalisierung zeigt sich, dass
Jugendliche ein „gleichbleibendes positives und enges Verhältnis” (Nave-Herz 1998, S. 206) zu ihrer Familie
haben.
66
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Peergroup werden deshalb als Interaktionspartner gesehen, die bei Bedeutungs­
konstruktionen mitwirken.
Der Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass Menschen als Kulturwesen handeln. Somit
entwickelt sich keine individuelle Esskultur losgelöst vom kulturellen Kontext, wohl aber
finden aufgrund des aktiven Handelns von Individuen im Rahmen von bestehenden
Esskulturen Veränderungen statt. Hier wird dem Konzept von Barlösius (1999) gefolgt, die
sich vom Bild des sich in gesellschaftlich-kulturellen Strukturen verhaltenden Menschen löst
und den handelnden Menschen in den Mittelpunkt stellt. Soziokulturelle Faktoren im
historischen Kontext werden hier als bestimmend sowohl für mögliche Situationen als auch
für soziale und psychologische Determinanten des individuellen Interpretations- bzw.
Handlungsspielraumes betrachtet, wie das nachfolgende Beispiel illustriert.
„Hunger” bedeutet für Jugendliche einer typischen Berliner Schulklasse trotz des gleichen
sozialhistorischen Kontextes bei weitem nicht das Gleiche. Für viele wirkt „Hunger” als
auslösendes Moment, um zum vollen Kühlschrank zu gehen und etwas zu essen. Andere
interpretieren „Hunger” als vorübergehenden Zustand, da zum festgelegten Zeitpunkt ein
warmes Essen im Kreise der Familie wartet. Für Magersüchtige ist „Hunger” ein „selbst­
gewählter” und „selbstbestätigender”, aber dennoch qualvoller Dauerzustand. Essgestörte
erleben „Hunger” als Angstauslöser vor Kontrollverlust oder beschämenden Essattacken.
„Hunger” ist für einen verwahrlosten Jugendlichen, dessen Eltern das Sozialhilfegeld für
Alkohol ausgeben, eine existentielle Bedrohung. Diese Auswahl zeigt ein vielfältiges Bild,
das stark durch die soziokulturelle Lage der Familie (Lehmkühler & Leonhäuser 1998;
Barlösius et al. 1995) determiniert ist. Bewältigungsstrategien werden durch verschiedene
persönliche Merkmale wie Wissen, Fertigkeiten, psychische Lage und strukturelle
Alternativen bestimmt und können ebenfalls recht unterschiedliche Reaktionen auf
vergleichbare Situationen bewirken. Damit kommt dem individuellen Handeln eine entschei­
dende Rolle zu; zur Akzentuierung der Bedeutung des individuellen Handelns leisten die
Theorien der subjektorienterten Soziologie einen Beitrag. Denn durch das Handeln der
Menschen werden Strukturen fortgeschrieben, erhalten und verändert111. Dieses wird bei
makrosoziologischen Ansätzen oftmals vernachlässigt. Bis hin zur aktuell durch den Kon­
struktivismus stark belebten Diskussion um Objektivität und subjektive Konstruktion von Welt
ist sowohl bei mikro- als auch makrosoziologischen Betrachtungen der Symbolcharakter von
Dingen ein grundlegender Aspekt.
111
Vgl. dazu auch Diskussion zu „Haushalte als Akteure”: Thiele-Wittig 1992; Methfessel 2003b, S. 129ff.;
Schlegel-Matthies 2003a.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
67
Ein „Ding” kann durch Interaktion der Menschen in der konkreten „Welt” einen
Symbolcharakter erlangen. Folgt man dieser Grundannahme112, hängen Bedeutungen auch
vom sozialen Kontext ab. Vorausgesetzt, die der Arbeit zugrunde liegende These, dass
Jugendliche in mehreren „Welten” leben, trifft zu, leitet sich daraus ab, dass sich
Bedeutungen des Essens in der häuslichen und außerhäuslichen Welt unterscheiden
können. Wie bereits oben angemerkt, sind für den jugendlichen Entwicklungsprozess die
außerhäusliche Welt der Peergroup und die häusliche Welt der Familie bedeutsam, weil sie
in diesen Lebensbereichen mit den dazugehörigen sozialen Objekten bevorzugt interagieren
und persönliche Beziehungen haben. Entsprechend des Entwicklungsprozesses sind für die
Beziehung zu den Eltern Ablösung und zunehmende Unabhängigkeit wichtig, während im
Zusammensein mit der Peergroup Distinktion und Integration im Vordergrund stehen.
Abgeleitet heißt das, dass Bedeutungen des Essens auch durch Entwicklungsphasen
beeinflusst werden, weil Interaktionen durch entwicklungsspezifische Beziehungen zu den
jeweiligen Interaktionspartnern (wie Eltern und Peergroup) mitbestimmt werden.
Das vorliegende Kapitel exploriert Bedeutungen des Essens für Jugendliche in den
Lebensbereichen Familie und Peergroup. Entsprechend der aufgestellten Hypothese, dass
Bedeutungen des Essens kontextabhängig sind, werden häusliche und außerhäusliche
Esssituationen im Hinblick auf deren Einfluss auf jugendliches Essverhalten untersucht und
gegenübergestellt. Folgende Fragen werden dazu aufgeworfen:
•
Unterscheidet sich Essverhalten von Jugendlichen im Zusammensein mit Familie und
Peergroup?
•
Welchen Stellenwert hat Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup? Was
ist Jugendlichen beim Essen zu Hause, was unterwegs mit anderen Jugendlichen
wichtig?
•
Gibt es für häusliches und außerhäusliches Essen jugendtypische Funktionen des
Essens in Abhängigkeit von der jeweiligen Rolle der Jugendlichen in den
Lebensbereichen Familie und Peergroup?
Entsprechend der „Theorie zur Soziologie des Essens” sind physische, psychische und
soziale Qualität des Essens zu unterscheiden (Barlösius 1999, S. 3ff.). Um eine
Ausgewogenheit von Natur- und Kulturwissenschaften bei der Bedeutungsexploration des
Essens für Jugendliche zu erreichen, ist die Beachtung der von Barlösius gewählten
Dreiteilung sinnvoll. In Anlehnung an dieses Konzept werden daher im Folgenden aus der
Sicht der Haushalts- und Ernährungswissenschaft zur Bearbeitung von physiologischen,
112
Grundlegend dargestellt z. B. bei Blumer (1973) in seiner Theorie zum Symbolischen Interaktionismus.
68
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
(entwicklungs-)psychologischen und soziokulturellen Aspekten
Darstellungen aus den
jeweiligen Fachdisziplinen herangezogen.
Um Essverhalten von Jugendlichen nach den Kontexten Familie und Peergroup zu
differenzieren, wird zunächst nach der Rolle der Jugendlichen in der Familie und in der
Peergroup mit Blick auf das Essen zu Hause und unterwegs gefragt. In einem Exkurs
werden durch Medien vermittelte Essweisen dargestellt, da Familie und Peergroup nicht
unbeeinflusst davon sind.
Besondere Aufmerksamkeit wird dem „Snacken” gewidmet, weil es besonders eng mit
sämtlichen jugendtypischen Essweisen verknüpft ist. Deshalb wird „Snacken” als
Charakteristikum herausgegriffen und vertiefend untersucht im Hinblick auf die Funktionen
und Bedeutungszuschreibung des „Snackens” in den Lebensbereichen der Familie und der
Peergroup. Neben einer allgemeinen soziokulturellen Bedeutungsexploration liegt ein zusätz­
licher Fokus auf möglichen Bedeutungen des „Snackens” für die Entwicklungsphase Jugend.
4.2
4.2.1
Funktionen und Stellenwert des Essens im Kontext Familie
Häusliche Essensversorgung
Die Situation Jugendlicher im schulpflichtigen Alter ist im Allgemeinen durch ökonomische
Abhängigkeit bei relativ hoher Autonomie in Bereichen der Freizeit- und Lebensgestaltung
gekennzeichnet.
Wie
wirkt
sich
dies
auf
den
Bereich
des
Essens
aus?
Die
Essensversorgung liegt als Regenerationsfunktion in der Verantwortung der Familie und ist
eine zentrale Haushaltsaufgabe (v. Schweitzer 1991, S. 221ff.; Piorkowsky 1997, S. 46ff.).
Zunächst bestimmen Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln in den Familien und deren
finanzielle Ressourcen das Spektrum jugendlicher Essentscheidungen, die in der Tendenz
weitgehend selbstständig von den Jugendlichen getroffen werden (können). Auf die konkrete
Haushaltssituation bezogen bedeutet das häufig: Vorlieben und Wünsche der Heran­
wachsenden werden von der haushaltsführenden Person beim Lebensmitteleinkauf berück­
sichtigt113 und ausgewählte Produkte wie Süßigkeiten, Knabbereien, Eis und Kleinigkeiten
zum Essen zwischendurch kaufen die Jugendlichen selbst ein (Barlovic 1998, S. 13).
Außerdem weigern sich Heranwachsende, bestimmte Lebensmittel zu essen (Barlovic 1999,
S. 40; Barlovic 2001, S. 57ff.). Bedingt durch die generelle Verfügbarkeit von Lebensmitteln
und den Wandel zur liberalen Erziehung haben sich die Machtverhältnisse am Familientisch
verändert. Bartsch et al. (2004) konstatieren114: "In a historical perspective children took over
113
Beispielsweise werden erstens Wünsche der 6- bis 13-Jährigen beim Frühstück bei 26,4 % immer, bei 58,2
% meistens und bei jeweils ca. 7 % selten bzw. nie erfüllt und zweitens werden beim Kauf einer TK-Pizza bei
37,9 % der 6- bis 13-Jährigen die Markenwünsche erfüllt (KVA 2004).
114
Bartsch, S.; Methfessel, B. & Schlegel-Matthies, K. (2004). Pizza, Pasta, Döner Kebab – Mediterranean
Dishes in the Everyday Life of German Young People. Vortrag. 15 th International Ethnological Food Research
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
69
the father's role at the table." „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt”, ist damit
obsolet, denn Mütter seien bereits froh, wenn ihre Kinder überhaupt etwas essen würden −
so lautet ein Ergebnis (Barlovic 1998, S. 10ff.; Barlovic 2001, S. 58; vgl. auch Methfessel
2004b). Gleichzeitig hinterfragen gerade jüngere Frauen die Versorgerinnenrolle oder lehnen
diese auch ganz ab (Methfessel 1993, S. 91; Essen & Trinken 1998, S. 44). Das kann dazu
führen, dass jedes Familienmitglied selbst – soweit möglich bei jüngeren Kindern − für die
Versorgung die Verantwortung übernehmen muss (Essen & Trinken 1998, S. 44).
Haushalte reagieren auf den Wandel der Lebensbedingungen. Sie sind zudem eng mit
dem Markt verflochten (Thiele-Wittig 2000, S. 86ff.). Thiele-Wittig analysiert die zunehmende
Auslagerung von häuslichen Produktionsprozessen aufgrund der geringer werdenden Zeit
und
Arbeitskapazität
von
Haushaltsmitgliedern
und
der
zunehmenden
Zahl
von
Marktangebote (a. a. O., S. 86). Die damit zusammenhängende Öffnung der Haushalte für
Marktangebote verändert die Anforderungen an die Alltags- und Daseinskompetenzen im
Haushalt (a. a. O., S. 86ff.). Das gilt in besonderem Maß für den täglich zu organisierenden
Bereich der Ernährungsversorgung, wie beispielsweise der steigende Konsum von
Convenience-Produkten (Spiekermann 1999a, S. 48; Nestlé-Studie 1999) belegt. Der
geringe Arbeitsaufwand führt zu einer hohen Flexibilität, die geringen Anforderungen an die
küchentechnischen Fähigkeiten ermöglichen (fast) allen Haushaltsmitgliedern die Zu­
bereitung dieser Produkte und gleichzeitig können individuelle Essenswünsche, auf deren
Berücksichtigung in den Familienhaushalten viel Wert gelegt wird (Essen & Trinken 1998, S.
31), ohne viel Mehraufwand realisiert werden. An diesem Beispiel wird deutlich, dass eng mit
der
Versorgungsfunktion
verknüpfte
zentrale
Haushaltsaufgaben
wie
Ernährungs­
sozialisation und Kommunikation, in einer Kultur des Zusammenlebens neu bestimmt
werden.
Jugendliche
wachsen
in
ihren
Familienhaushalten
als
Teil
der
heutigen
Konsumgesellschaft auf. Sie verfügen im Vergleich zu den vorangehenden Generation über
ein relativ hohes Taschengeld (Schlegel-Matthies 2001b, S. 42; KVA 2004). Sie werden vom
(Lebensmittel-)Markt in ihrer Konsumentenrolle mit ihren Bedürfnissen ernst genommen,
umworben und bedient (vgl. auch Barlovic 1999a, 1999b, 2001). Markt und dazugehörige
Medienwelt agieren gegenwartsbezogen, das entspricht jugendlichem Lebensgefühl (vgl.
auch 13. Shell Jugendstudie 2000; 14. Shell Jugendstudie 2002). Dabei werden Folgen des
heutigen Essverhaltens ausgeblendet entsprechend dem im privaten Konsumbereich
geltenden Motto „Lebe heute, bezahle morgen!”. Nicht langfristige Prävention, sondern
aktuell zufriedene Kundinnen und Kunden zählen. Dazu spürt Marktforschung latente
Conference, September 27th – October 3rd, 2004. Schriftfassung wird veröffentlicht im Tagungsband,
herausgegeben von P. Lysaght.
70
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Bedürfnisse auf und sucht nach verkäuflichen Lösungen, die als Angebot von Konsumen­
tinnen und Konsumenten angenommen oder abgelehnt werden können. Marktangebote
können deshalb von Jugendlichen auch als Hilfe zur Bewältigung in ihrer Lebensphase erlebt
werden, denn erstens fühlen sich Jugendliche ernst genommen und zweitens werden ihnen
(kurzfristig) wirksame Lösungen geboten. Dadurch bestimmen auch Jugendliche den
(Lebensmittel-)markt mit (Thiele-Wittig 1992; Bartsch et al. 2001).
Mediale Einflüsse auf Konsumvorstellungen
Omnipräsente Medien, besonders das Leitmedium Fernsehen, beeinflussen Konsum­
kenntnisse und -einstellungen. Massenmedien vermitteln Vorstellungen darüber, „was man
wie zu konsumieren hat” (Fauth 1999, S. 69), zum einen über die bewusste Einflussnahme
der Werbung und zum anderen über Konsumvorstellungen, die im übrigen Programm veran­
schaulicht werden (DGE 2004, S. 348ff.). Die Grenzen zwischen direkter und indirekter
Werbung115 verwischen allerdings zunehmend. Augenscheinlich haben Werbebotschaften
bei der Bildung von Konsumvorstellungen große Wirkung − und das, obwohl viele
Jugendliche sich durchaus kritisch oder kritisierend zur Werbung stellen. Das gilt für die
Werbewirksamkeit bei Nahrungsmittelpräferenzen (Tenzer 2002, S. 23) ebenso wie für die
Konsumvorstellungen zum Aussehen von Lebensmitteln. Konsumstudien zeigen, dass
marktgerechtes Aussehen (vgl. auch Kapitel 2) von Lebensmitteln und Speisen bei gleich­
zeitiger Verfügbarkeit von alternativen Produkten zu einem steigenden Anspruchsniveau bei
Kindern und Jugendlichen führt (Barlovic 1998, S. 27; vgl. auch Essen & Trinken 1998,
S. 76). Davon bleiben auch Kaufentscheidungen nicht unberührt. So sind ästhetische
Aspekte insgesamt116 bei der Auswahl der Lebensmittel ein wichtiges Entscheidungs­
kriterium, das häufig andere qualitative Merkmale wie Geschmack, Herkunft und Produk­
tionsweise zurückdrängt. Die Alltagsvorstellung, dass perfektes Aussehen ein qualitativ
hochwertiges Produkt impliziert, ersetzt unter Umständen fehlende Warenkenntnisse117.
115
Es gibt direkte Werbebotschaften, d. h. jegliche Form von Reklame und Werbespots, und indirekte
Werbebotschaften wie beispielsweise im Movie von James-Bond: der rasante Flitzer, mit welchem er die
Verfolger los wird, die Uhr, auf die er guckt, den Martini, der gerührt und nicht geschüttelt genossen wird. Das
geht im Übrigen soweit, dass Autofirmen den Produzenten von amerikanischen Serienfilmen (Dallas) Geld
geben, damit ihre Automarke nicht in Unfälle verwickelt werden.
116
Ästhetische Anforderungen an ein Lebensmittel umfassen sämtliche Wahrnehmungsbereiche, also
Geschmack, Geruch, Gefühl, Aussehen, Geräusche (vgl. Anforderungskatalog bei Barlovic 1998, S. 24).
117
Teuteberg weist bereits in den 1980er Jahren auf einen allgemeinen Verlust von Warenkenntnissen im
Lebensmittelbereich hin, der mit dem Wandel der Essgewohnheiten und dem damit in Wechselwirkung
stehenden Marktangebot zusammenhängt. „Brachte man ursprünglich ganze gebratene Tiere auf die Tafel,
so sind es später nur noch Teile des Körpers. Heute sind es meistens nur appetitlich zurecht geschnittene
Stücke, die den Ursprung vielfach gar nicht mehr erkennen lassen.” (Teuteberg 1985, S. 35). Diese
ursprünglich allgemein positiv gesehene Entwicklung galt als Verfeinerung der Esssitten im Rahmen des
Zivilisationsprozesses. Der Verlust des Wissens um die Herkunft wird heute als Informationsdefizit
aufgefasst.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
71
„Medien gehören heute zum festen Bestandteil der Kinderwelt in Deutschland und sind
damit eine wesentliche Sozialisationsbedingung heutiger Kindheit.” (10. Kinder- und Jugend­
bericht118 1998, S. 70)119. Für den kindlichen Medienkonsum ist das familiäre Medienklima
entscheidend; im Einzelnen sind es die vorhandene Ausstattung, das Vorbildverhalten, die
erzieherische Bewertung und der Umgang mit den vorhandenen Medien (a. a. O.; vgl. auch
Barthelmes & Sander 2000). Mindestens ein Fernseh- und Videogerät gehört heute zur
Standardausstattung der deutschen Haushalte120. Fernsehen ist Leitmedium.
(Kinder und) Jugendliche leben parallel zur Realität des Alltags in einer alltäglich
inszenierten, virtuellen Fernsehwirklichkeit, die ein Leben aus zweiter Hand ermöglicht.
Medien schaffen eine irreale Welt, in der Ästhetik und aus subjektiver Sicht einfache
„Lösungswege”, die mehr an erfüllte Wünsche erinnern, dominieren. Visuelle Reize sind
omnipräsent und prägen Vorstellungen, z. B. von in den Medien dargestellten Figurtypen. In
den Medien praktizierte Lebens- und Essstile (vgl. Diehl 1999d, S. 40ff.; DGE 2004,
S. 355ff.) sind ebenso unrealistisch wie die bevorzugten Schönheitsideale. Jugendliche
werden durch sich wechselseitig beeinflussende Realität und Virtualität bzw. Wirklichkeit und
Scheinwelt sozialisiert. Dabei greifen Bilder, wie sie von Medienprofis zu „Stylingprodukten”
aufbereitet benutzt werden, auf die sinnlichen Erfahrungen zurück. Bilder wecken Geruchsund Geschmackserinnerungen aus der realen Erfahrungswelt. So wird durch appetitliches
Aussehen die Vorstellung von verführerischem Duft und Geschmack sichtbar, jedoch nur
„erlebbar” durch Erinnerungen an tatsächlich stattgefundene Geruchs- und Geschmacks­
erlebnisse.
In den Medien werden Äußerlichkeiten zur Darstellung des Inneren genutzt. Das wirkt sich
auf Erwartungen und Ansprüche im Alltag aus, so haben Äußerlichkeiten heute einen hohen
Stellenwert als Beurteilungskriterien. Das kann im Extremfall dazu führen, dass die
Inszenierung des Ästhetischen zielführend ist bzw. zum Selbstzweck wird und Inhalte
marginal werden. Design ersetzt das Sein, Makellosigkeit glättet die Spuren des Lebens.
Hässlichkeit ist Schockmittel für so genannten „special effects”. Daher wird das Schöne −
das sich vorwiegend an den Geschmacksvorlieben der mittleren Volksmilieus (Vester 2001,
S. 27) orientiert − hervorgehoben.
Sozialisationsbedingungen haben sich durch Massenmedien − nicht allein das Werbe­
fernsehen − stark verändert. Jugendliche suchen in ihrer Umwelt nach Antworten auf ihre
118
Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
119
Die Art der Medien hat sich allerdings verschoben, gehörten die Jugendlichen der 1990er noch zur
„Fernsehgeneration”, so zählen die heutigen Jugendlichen zur „Computer-Generation” (Barthelmes & Sander
2000). Anfänglich dominierten v. a. Spiele, heute kommt das Internet dazu.
120
Laut Pressemitteilung vom 19.11.2004 des Statistischen Bundesamtes (Wiesbaden) verfügen 95 % aller
deutschen Haushalte über mindestens ein Fernsehgerät, in rund 40 % der Haushalte gibt es zwei und mehr
Fernsehgeräte; rund 70 % der Haushalte haben ein Videogerät und rund 36 % einen DVD-Player/-Recorder.
72
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
alters- und entwicklungstypischen Fragen und Lösungsmöglichkeiten. Die Medienwelt ist
fester Bestandteil dieser Umwelt. So wählen Jugendliche gezielt Sendungen aus, die ihren
handlungsleitenden Interessen entsprechen121. Neben Werbebotschaften beeinflussen
folglich auch die in Fernsehserien (z. B. „Daily Soaps” etc.) und anderen Filmen gezeigten
Gesellschaftsmodelle Konsum- und Essverhalten. Die Darstellungen sind meist stark
schematisiert und wirken als geschlechts- und häufig schichtspezifische Schablonen.
Dadurch werden Rollenbilder und -erwartungen, überwiegend traditioneller Art, verfestigt.
Konsumstandards werden überhöht und unrealistisch abgebildet, so dass Kinder und
Jugendliche
oftmals
überzogene
Erwartungen
entwickeln.
Maßgeblich
für
den
sozialisatorischen Effekt ist auch die Häufigkeit des Medienkonsums (Roth nach Fauth 1999,
S. 69).
Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass Medien nicht ausschließlich durch die
vermittelten Konsum- und Schönheitsvorstellungen und Essweisen ernährungssozialisato­
risch Einfluss nehmen, sondern vielfältig auf das alltägliche Leben in Haushalt und Familie
wirken. Zum Beispiel treffen Haushalte Entscheidungen über Dauer des Fernsehkonsums,
die sich wiederum auf andere Freizeitaktivitäten auswirkt, Fernsehkonsum beim gemein­
samen Essen, über Essenszeit, die sich am Fernsehprogramm ausrichtet oder auch nicht.
Die Auseinandersetzung mit expandierendem Medien- und Marktangebot ist eine
zunehmend wichtige Aufgabe für Haushalte. Letztlich reagieren Haushalte auf Medien­
angebot und treffen damit (bewusst oder unbewusst) Entscheidungen, die ihrerseits
wiederum auf das Medienangebot zurückwirken.
4.2.2
Der
Aspekte des ernährungssozialisatorischen Einflusses der Familie
allgemeine
Trend
zur
liberalen
Erziehung
wirkt
sich
auch
auf
die
Entscheidungsfreiheiten von Kindern und Jugendlichen am Familientisch aus. Dabei werden
− wie oben bereits ausgeführt und von verschiedene Studien (vgl. Barlovic 1998, 2001;
Grimm 1996; KVA 2001, 2004; Gerhards & Rössel 2003a, 2003b) bestätigt − in den so
genannten „Verhandlungsfamilien” die Vorlieben im Bereich des Essens von Heran­
wachsenden berücksichtigt. Gleichzeitig setzt sich der in der frühen Kindheit beginnende
Trend der Zuständigkeit für die eigene Ernährung in der Jugendzeit fort. Durch die
beginnende Ablösung vom Elternhaus und die Abgrenzung von den Eltern ändern sich
jedoch die Bedeutungen für die Heranwachsenden. Beispielsweise ist die Nachahmung von
elterlichen Essverhaltensweisen zur Abgrenzung nicht geeignet. Gestützt werden die hier
121
Nach einer im 10. Kinder- und Jugendbericht (1998, S. 71) zitierten Studie von Theunert, Pescher, Best &
Schorb (1992, S. 28) wissen 91 % der Kinder und Jugendliche genau, was sie warum an Medien
konsumieren. Vgl. auch Barthelmes & Sander 2000.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
73
dargelegten theoretischen Überlegungen durch neuere Daten, die zum Ergebnis kommen,
dass der elterliche Lebensstil zwar wenig direkten Einfluss auf das Ernährungsverhalten der
Heranwachsenden hat, wohl aber das eigene Lebensstilschema. Da das Lebensstilschema
der Kinder überwiegend dem elterlichen gleicht, beeinflussen Eltern doch indirekt das Ernäh­
rungsverhalten ihrer Kinder (Gerhards & Rössel 2003a, S. 54ff. und S. 63ff.).
Folgt man dazu dem vereinfachten „Drei-Komponentenmodell des Eßverhaltens” (DGE
1988, S. 205), das Veränderungen des Stellenwertes der „Bedeutungen innerer Signale”,
„Bedeutung äußerer Reize” und „rationale (pseudo-rationale) Einstellungen” (a. a. O.,
S. 204ff.) im Verlauf des Lebens dargestellt, so zeigt sich für das Jugendalter eine übergroße
Ausprägung der „Bedeutung äußerer Reize”. Dadurch gewinnen Impulse aus der Welt der
Peergroup und der Medien an Bedeutung.
Laut Marktforschung gilt für Jugendliche wie Erwachsene: „Beliebt ist, was schnell
zubereitet ist und dabei prima schmeckt”, d. h. Convenience-Produkte (Nestlé-Studie 1999;
KVA 2001, 2004). Die Verbrauchsdaten von Convenience-Produkten, allen voran die
Tiefkühlprodukte, belegen einen steigenden Konsum, besonders bei der jüngeren
Bevölkerung (vgl. Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA)
1998). „Beliebtestes Tiefkühlprodukt ist die Pizza”, die im Backofen aufgebacken wird. „Hier
hat sich der Haushaltsverbrauch in den letzten 10 Jahren mehr als verdreifacht.” (Diehl
2000b, S. 61; vgl. auch Spiekermann 1999a). Der gleichzeitige Einzug der Mikrowelle in die
Küche unterstütze den Trend zu Convenience-Produkten. 1999 hatten in den alten
Bundesländern einschließlich Berlin-West 57,4 % der Haushalte eine Mikrowelle, in den
neuen Bundesländern einschließlich Berlin-Ost waren es 41 % (VerbraucherAnalyse122
1999). Technische Haushaltsgeräte wie die Mikrowelle gehören für die viele Jugendliche
zum Alltag. Neben Tiefkühlpizza sind Fertigsuppen, Fertiggerichte und Pudding zum
Anrühren beliebte Convenience-Produkte (vgl. KVA 2001, S. 8-3). Einzeldaten (Beispiel von
Tiefkühlprodukten in der nachstehenden Tabelle 1) belegen, dass über 60 % der Haushalte
mindestens einmal wöchentlich auf Tiefkühlprodukte – als eine mögliche Form von
Convenience-Produkten − zurückgreifen. Nur in Ausnahmefällen werden Tiefkühlprodukte
überhaupt nicht verwendet. Die Daten verdeutlichen den Stellenwert von ConvenienceProdukten in Verbindung mit einer entsprechenden Haushaltstechnik, die als schnell und
unkompliziert zubereitete Halbfertigprodukte und Fertigprodukte in das Alltagsleben der
Haushalte Einzug gehalten haben.
122
Herausgegeben vom Axel Springer Verlag & Verlagsgruppe Bauer Mediaplanungs-Dialog-System MDS
online.
74
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Tabelle 1
Verzehrte Tiefkühlprodukte
Im Haushalt verzehrte
täglich
Produkte
Tiefkühlprodukte
1,0 %
mehrmals pro
ca. 1 Mal pro
1-2 Mal pro
Woche
Woche
Monat
21,5 %
37,9 %
28,3 %
seltener
nie
9,9 %
1,5 %
(Häufigkeit der im Haushalt verzehrten Tiefkühlprodukte verändert nach KVA 2001123,S. 8-3)
Die Wahlfreiheit hinsichtlich Produkt und Zeitpunkt des Essens124 wird als positiv erlebt.
Bei Jugendlichen kommt hinzu, dass sie unabhängiger von mütterlicher Fürsorge und
gemeinsamen Mahlzeiten werden. Eine US-amerikanische Umfrage − und dieses dürfte im
Prinzip auf Westeuropa übertragbar sein − stellt fest: "92 percent said they either like or do
not mind preparing their own meals, citing the ability to choose food they like, the fun of
cooking, and the flexibility of eating when and as much or as little as they want. " (Stoneman
1999). Angemerkt sei, dass Convenience-Produkte aufgrund ihrer Standardisierung exakte
Angaben zu Energiegehalt und Inhaltsstoffe erlauben und damit kontrolliertes Essverhalten,
zu dem beispielsweise vereinfacht gesagt das Bilanzieren von Kalorien zählt, unterstützt.
Besonders von weiblichen Jugendlichen könnte das als vorteilhaft gegenüber frisch
zubereiteten Mahlzeiten erlebt werden. Laut der o. g. amerikanischen Studie finden die
Angaben auch Resonanz: "Some 35 percent of respondents said they often check labels for
calorie counts or fat content" (ebd.).
Die Daten der Marktforschung deuten darauf hin, dass Jugendliche sich mit der Auswahl
von Lebensmitteln und der Zubereitung von „Snacks” und Convenience-Produkten
auseinander setzen (vgl. Kapitel 4.3.3). (Nicht nur) Jugendliche schätzen, dass ihre
Vorlieben
berücksichtigt
werden
bei
gleichzeitig
hoher
Flexibilität
und
geringem
Zubereitungsaufwand (vgl. dazu Schlegel-Matthies 2002, S. 209f.). Die Freude am „Kochen”
ist groß, da der Erfolg aufgrund der geringen Anforderungen an die Fähigkeiten und
Fertigkeiten meist garantiert ist. In den meisten Fällen decken sich Geschmackserwartung
und -qualität aufgrund des hohen Standardisierungsgrades von Fertigprodukten125. Aus Sicht
der Ernährungswissenschaft muss allerdings gefragt werden: Welche Vorlieben werden
durch die Convenience-Produkte gefördert, was wird unter „Kochen können” verstanden und
welchen Preis hat die hohe Flexibilität? Denn entsprechend jugendlichen Bedürfnissen
123
Daten zur Konsumhäufigkeit von Tiefkühlprodukten liegen in der aktuellen KVA 2004 nur für Fischstäbchen
vor.
124
Oftmals wird die – auch aufgrund der Familienstrukturen notwendige − eigene Zuständigkeit für die
Zubereitung einzelner Mahlzeiten von den Jugendlichen positiv erlebt, denn die Wahlmöglichkeiten und
Flexibilität sind bei Convenience-Produkten groß (Stoneman 1999).
125
Fertigprodukte werden erst bei einer mindestens 60prozentigen Akzeptanz der Konsumenten auf den Markt
gebracht (Information von Nestlé anlässlich einer Diskussionsrunde der 14th International Food Research
Conference in Basel und Vevey (Schweiz), 30. September – 6. Oktober 2002.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
werden
Informationen
selektiv
wahrgenommen,
standardisierte
75
Geschmacksmuster
präferiert und spezifische Fähigkeiten erworben, die nicht gleichbedeutend mit „Kochen
können” sind.
Überwiegend wird in der Alltagssprache „Kochen”126 für Nahrungszubereitung, verwendet.
„Kochen”
im
küchentechnischen
Sinne
schließt
jedoch
nur
Garverfahren
unter
Hitzeeinwirkung bzw. speziell garen (d. h. schwimmend in Wasser von 100 Grad Celsius) ein
und meint im eigentlichen Sinne nicht das Erwärmen bereits fertiger Speisen. Anders bei
Jugendlichen, die die Zubereitung in vielen Fällen reduzieren auf erwärmen (z. B. in der
Mikrowelle), aufbacken etc. Bereits unter „selbst gekocht bzw. gebacken” wird immer
seltener aus Grundzutaten zubereitet assoziiert; die entsprechenden Kochkenntnisse
nehmen besonders in den jüngeren Mittelschichtshaushalten ab (Teuteberg 2002, S. 186).
Bei der Beschäftigung mit Produktinformationen zeigt sich die enge Wechselbeziehung zum
Markt. So „staunt” Tschofen über die „fast durchgängig angewandte 'homemade'-Rhetorik
ganzer Branchen (wie beispielsweise der traditionsreichen Teigwarenindustrie) nicht weniger
als über Fertig- und Halbfertigprodukte, deren 'high convenience' im selben Satz
ausgewiesen wird wie ihr hausgemachter Geschmack ...” (Tschofen 2004, S. 135).
Zusammenfassend kann nach Ergebnissen der hier angeführten Studien eine hohe
Entscheidungsfreiheit beim Essen bereits bei Heranwachsenden angenommen werden. USamerikanische Daten (Stoneman 1999) deuten darüber hinaus auf eine hohe Zuständigkeit
für die eigene Essensversorgung hin. Die zunehmende Erwerbstätigkeit beider Elternteile
und die den Jugendlichen zugebilligte Autonomie begünstigen die Zuständigkeit der Jugend­
lichen für die eigene Essensversorgung oder für die der Familie. Hier wäre eine
altersabhängige Zunahme zu erwarten. Einerseits versorgen sich Jugendliche partiell selbst,
andererseits stellen sie Ansprüche an die häusliche Versorgung. Die Ambivalenz zwischen
Versorgtheit und Unabhängigkeit ist typisch für die Altersphase Jugend. Da die jugendliche
Entwicklungsphase prozesshaft verläuft und schließlich zu einer selbstständigen Lebens­
führung führen sollte, kann vermutet werden, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter
mehr für die Essensversorgung in der Familie verantwortlich sind.
Ernährungswissen und Esskultur
Jugendliche wachsen in eine bestehende Esskultur hinein, diese wird Teil ihrer Identität
(Methfessel 2005). Wohl wissend, dass die alltägliche Esskultur im Allgemeinen als
126
„Kochen” kann im dreifachen Sinne (vgl. dazu auch Fussnote 1 bei Methfessel 1999b, S. 6) verwendet
werden: Als kulturgeschichtliche Errungenschaft als Zubereitung von Speisen mit Hilfe des Garens unter
Hitzeeinwirkung (von der Feuerstelle bis zur Mikrowelle), als küchentechnischer Fachbegriff als Garverfahren
und als alltagssprachlicher Begriff der Zubereitung von Speisen im weitesten Sinne, der auch Anrühren von
Kaltspeisen und Zubereitung von Salate impliziert.
76
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
selbstverständlich hingenommen wird und eine hohe Beständigkeit zeigt (ebd.), interessiert
der Einfluss von Ernährungswissen auf jugendliches Essverhalten. Auf welches Ernährungs­
wissen greifen Jugendliche im Alltag zurück? Dazu werden im Folgenden Daten aus Studien
dargestellt und diskutiert, die von der Annahme – ohne hier dieser These grundsätzlich zu
folgen − ausgehen, dass Ernährungswissen die Voraussetzung für Essverhalten ist.
In einer kleineren Umfrage zum Ernährungswissen stellt vom Berg (1997) fest, dass
Ernährung ein für Jugendliche interessantes Thema darstellt. Im Einzelnen wollen 70 %
mehr Informationen über körperliche und psychische Auswirkungen der Nahrung, den
allgemeinem Gesundheitswert von Lebensmitteln und praktische Nahrungszubereitung
wissen. Diehls (1999b) Motivation zur Konstruktion eines Messinstrumentes (TEW-K) zur
Ermittlung des Ernährungswissens von Kindern und Jugendlichen liegt in der Annahme,
dass Wissen die Voraussetzung für Verhalten darstellt. Der TEW-K-Test umfasst folgende
sieben Wissensbereiche: Nährstoffe und Nährstoffgehalt, Energiegehalt und Energie­
stoffwechsel, Vitamine und Mineralstoffe, Lebensmittelkunde, Süßmittel und Zahn­
gesundheit, spezielle Begriffe und Ernährungsverhalten. Die vorgegebenen Antworten in
dem als Multiple Choice aufgebauten Test beruhen überwiegend auf dem (natur)wissen­
schaftlichen Verständnis von „richtiger” und „falscher” Ernährung. In der Untersuchung
befragte Diehl (ebd.) Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 19 Jahren. Er konstatiert
einen bedeutsamen Zuwachs des Ernährungswissens mit zunehmendem Alter. „In der Regel
nimmt ... die Fähigkeit der Kinder und Jugendlichen, die Frage korrekt zu beantworten, deut­
lich mit dem Alter zu.” Dagegen tritt bei den „Misconceptions” dieser Alterseffekt kaum auf (a.
a. O., S. 285). Ein Beispiel für „Misconceptions” wäre die Vorstellung, dass Honig gesünder
sei als Zucker127. Diehl stellt fest: „... Fehlvorstellungen werden offensichtlich mit zunehmen­
dem Alter nicht abgebaut, sondern zusammen mit dem größten Teil der erwachsenen
Bevölkerung weiterhin geteilt.” (ebd.; vgl. auch Winkler et al. 2004, B-22 und B-25). Mädchen
verfügen über ein größeres Ernährungswissen als Jungen (Diehl 1999b, S. 286; vgl. auch
Gerhard & Rössels 2003; Bayerische Verzehrstudie II (BVS II)128). Allerdings sind die „im
Ernährungswissen vorliegenden Geschlechtsdifferenzen ... damit deutlich geringer als die im
Bereich der Nahrungspräferenzen und ernährungs- und gewichtsbezogenen Einstellungen
zwischen Jungen und Mädchen anzutreffende Unterschiede” (Diehl 1999b, S. 286).
Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass alltägliches Handeln − trotz geäußertem
Interesse an Ernährungsfragen − nicht am altersabhängigen Zuwachs von Schulwissen
127
Ob die Aussage „Honig ist gesünder als Zucker” als „Misconception”, wie hier von Diehl (1999b), gewertet
kann, kann nicht abschließend geklärt werden. Da in Fachkreisen dazu auch andere Positionen (z. B.
Leitzmann 2001) vertreten werden. Deshalb ist das auch ein Beispiel für einen Expertenstreit.
128
Herausgegeben vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz 2002.
Vgl. auch DGE 2004, S. 68ff.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
77
partizipiert. Offensichtlich wird Alltag unterteilt und in einzelnen Situationen erlebt. Im Sinne
der oben aufgestellten These leben Jugendliche in der „Welt” der Schule, der der Familie,
der der Peergroup etc. Weiter muss deshalb angenommen werden, dass ein Erfahrungsund Wissenstransfer von einem Alltagsbereich auf einen anderen auch ausbleiben kann.
Handlungen im Alltag beziehen selten Erkenntnisse der wissenschaftsorientierten Bildung −
wie sie in der Schule vermittelt wird – ein. Und auch für schulische Lernprozesse ist ganz
allgemein festzustellen: „Nur selten sind es Interesse und Begeisterung für Lerninhalte,
eigene Fragen und Erfahrungen mit dem Thema, welche die Lernenden anspornen.”
(Schlegel-Matthies 2003, S. 27).
Auf die oben gestellte Frage nach alltagsrelevantem Ernährungswissen von Jugendlichen,
lassen sich anhand der Literatur und der oben genannten Studien erste Thesen ableiten.
Einerseits verfügen die Jugendlichen über abfragbares Ernährungswissen, das sich im Laufe
der Schulzeit erweitert (vgl. Diehl 1999b). Andererseits erlernen Kinder und Jugendliche ein
soziokulturell geprägtes Alltagswissen129, das pragmatisch und weitgehend unreflektiert ist.
Soziokulturelles Wissen ist implementiert in Alltagshandlungen und generiert sich aus den
gemachten (Ess-)erfahrungen in einer soziokulturell bestimmten Umwelt (vgl. Methfessel
2005). Als vorhandenes Wissen strukturieren diese Wahrnehmungen, lenken Aufmerk­
samkeit und bilden den Interpretationsrahmen (Methfessel 2003, S. 34). Familie ist der Ort
der primären Ernährungssozialisation und Enkulturation. Hier erleben Heranwachsende, wie
über Auswahl von Lebensmitteln, Art der Zubereitung und des Verzehrs im Alltag mit seinen
komplexen Anforderungen entschieden wird.
Die Bereiche Schule und Alltag stehen isoliert nebeneinander und werden meist nur
partiell vernetzt (vgl. dazu auch Brandl 1999). Im Unterricht werden Schüler und
Schülerinnen von Lehrkräften häufig als „Mängelwesen” betrachtet und damit einhergehend
ihre Erfahrungen abgewertet. Dabei sind Erfahrungen eine zentrale Lernvoraussetzung
(Methfessel 2003a, S. 34) und sollten daher über eine Auseinandersetzung mit dem Alltag in
schulische Lernprozesse einbezogen werden (vgl. dazu Methfessel & Schön 2002;
Methfessel 2003a; Schlegel-Matthies 2003; Schön 2003).
Der Bereich der primären Ernährungssozialisation in den Familien soll im Folgenden kurz
charakterisiert werden. Gesellschaftsbedingte Anforderungen an den Familienalltag werden
in den Haushalten gegenwartsbezogen mit Hilfe von traditionellen, kultur- und milieu­
spezifischen Verhaltensweisen pragmatisch bewältigt. Familiale Essentscheidungen sind
129
Vgl. dazu weiterführende Literatur: Schulze (1993); Methfessel und Schön (2002); Methfessel (2003a);
Schlegel-Matthies (2003); Schön (2003).
Methfessel und Schön (2002, S. 113) stellen dem schulischen Lernen das lebensweltliche Lernen
gegenüber. Sie unterscheiden insgesamt in Anlehung an Schulze (1993) folgende drei Formen des Lernens:
1. lebensweltliches Lernen 2. schulisches Lernen 3. lebensgeschichtliches Lernen.
78
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Haushaltsentscheidungen. Sie hängen mit vorhandenen sozioökonomischen und kulturellen
Möglichkeiten eng zusammen, sind häufig tradiert und mitbestimmt vom jeweiligen sozialen
Milieu. Zur Verfügung stehende finanzielle, zeitliche und humane Ressourcen bestimmen
den Rahmen für Haushaltsentscheidungen. Haushalte entscheiden, welche Ressourcen für
welche Essweise tatsächlich eingesetzt werden. Elterliches Konsumverhalten gibt Modelle
zum außerhäuslichen Essens(konsum)verhalten vor. Über die Höhe des Taschengeldes und
Vorgaben zu dessen Umgang beeinflussen Haushalte das außerhäusliche Essverhalten.
Zum Beispiel limitieren die verfügbaren finanziellen Mittel130 außerhäuslichen Essenskonsum,
über den Jugendliche selbstständig entscheiden können.
Familien sind private131 Rückzugsorte, die der Regeneration dienen. Unabhängig von der
jeweiligen Familiensituation, die sich stets mehr oder weniger ändert, sind Familienhaushalte
für die Essensversorgung (vgl. Kapitel 3) zuständig132. Aus dieser Versorgtheit resultiert auch
Stabilität. Im Rahmen der primären Ernährungssozialisation wird auch der Umgang mit
Essen zur Regulation von Emotionen133 gelernt. Emotionale Bedeutungen kommen implizit in
Handlungsmustern (auch Erziehungsmustern) vor, ohne dass sie den Handelnden bewusst
sein müssen134. Gerade Nahrungsmittel werden oftmals mit emotionalen Konnotationen in
Verbindung gebracht (Hüther 1999, S. 121; vgl. auch Winkler et al. 2004). Diese können
individuell oder allgemein gültige Bedeutungen (Bsp.: Schokolade zum Trost, Süßes zur
Belohnung) haben. Der psychischen und sozialen Funktion des Essens kann auch über den
Symbolwert von Nahrungsmitteln begegnet werden. Grundsätzlich können nach Grunert vier
Dimensionen von Essenssymbolen135 unterschieden werden: Sicherheit, Lust, Geltung und
Zugehörigkeit (Grunert 1993, S. 54f.).
Dass die „Einschätzung eines Lebensmittels Appetit und Eßbereitschaft sehr wohl
beeinflussen”, ist bekannt (DGE 1988, S. 210; vgl. auch Barlovic 2001, S. 64; Gerhards &
Rössel 2003a, S. 47f. und 65ff.). Die Einschätzungen hängen von objektiven Merkmalen,
130
Neben Taschengeld verfügen Jugendliche meist über weitere Einnahmen wie Pausengeld, Geldgeschenke,
Verdienste über Nebenjobs etc.
131
Privat wird hier im Sinne einer Abgrenzung von innerfamiliär und nicht-öffentlich gebraucht. Im Sinne
Bourdieus (1999) ist die Grenze zwischen privat und gesellschaftlich fließend, da beispielsweise „privat” im
Zusammensein mit einer Peergroup nicht gleichbedeutend mit „privat” in häuslicher Umgebung mit Familie
sein kann.
132
Wie diese Haushaltsaufgaben im Einzelfall bewältigt werden, ist hier nicht das Thema.
133
In Anlehnung an Grunert (1993, S. 213) wird der Begriff der „Emotion” weitgefasst verwendet und umschließt
Gefühle, Stimmungen und Affekte. Auf die Problematik der Begriffsbestimmung wird hier nicht eingegangen,
da in diesem Zusammenhang die Verquickung von Bedeutungen des Essens und Ernährungssozialisation
interessieren und nicht psychologische Mechanismen zur Emotionsregulierung diskutiert werden sollen.
134
Emotionspsychologische Betrachtungen können im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden.
Weiterführende Literatur: Grunert (1993; v. a. Aspekt der Emotionsregulierung); Setzwein (2004, S. 310ff.).
135
„Symbol” wird von Grunert als allgemeiner Begriff im Sinne einer allgemein gültigen Bedeutung verwendet
(vgl. Grunert 1993, S. 54).
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
79
Image eines Lebensmittels und subjektiver Einschätzung ab. Beispielsweise können bereits
Grundschulkinder Lebensmittel in die Kategorien „gesund” und „ungesund” einteilen.
(Weibliche) Jugendliche und Erwachsene unterscheiden dagegen eher zwischen „enthält viel
Kalorien bzw. Fett” und „enthält wenig Kalorien bzw. Fett”. Aktionen und Kampagnen zur
Gesundheitsprävention wie die Pfundskur136 unterstützen dieses duale Denken mit seinen
fehlenden begrifflichen Differenzierungen137. Werbung greift eine solche Kategorisierung von
Lebensmitteln gerne auf. Gestützt durch diese allgemeinen Vorstellungen „gesundes” bzw.
„kalorienarmes Lebensmittel” wird ein Produktimage aufgebaut (vgl. Karmasin 2001). Die
Einschätzung
einzelner
Lebensmittel
ist
beeinflusst
durch
die
jeweilige
Ernährungseinstellung, die wiederum Teil des Gesamtlebensstils darstellt. Im Rahmen dieser
Arbeit kann nur allgemein auf diese Mechanismen, die Konsumentscheidungen nachhaltig
beeinflussen, hingewiesen werden138.
In der Entwicklung vom Kindes- zum Jugendalter nimmt laut DGE (1988) die Bedeutung
äußerer Reize bei Essentscheidungen stark zu. Die Abhängigkeit von Außenreizen hängt
„von familiären Traditionen, Gewohnheiten und Lebensmittelvorlieben sowie mütterlichen
Werthaltungen und Überzeugungen, von kulturellen Normen, gesellschaftlich bedingten
Organisationsformen der Nahrungsaufnahme und Mahlzeitenfrequenz und vielem mehr ab.
Zusätzlich bildet sich im späten Kindes- und im Jugendalter eine kognitive Steuerung der
Nahrungswahl und des Eßverhaltens heraus, also die bewußte Gestaltung der eigenen
Ernährung, die dann vor allem im Erwachsenenalter auf das Ernährungsverhalten großen
Einfluß nehmen kann.” (DGE 1988, S. 205). Beispielsweise haben Gerhards und Rössel
(2003a,
S.
67f.)
nachgewiesen,
dass
bei
Jugendlichen
eine
„anspruchsvollere”
Ernährungseinstellung (z. B. gesellige Mahlzeit und schön gedeckter Tisch) eine
„gesundheitsbewusste” Ernährungsweise (mehr Obst, Gemüse und Vollkornbrot) fördert,
während eine „notwendigkeitsorientierte Einstellung” (z. B. Essen soll satt machen und
preiswert sein) mehr zu einem erhöhten Konsum von „Snacks” und Süßigkeiten führt. Ange­
merkt sei, dass Mädchen mehr als Jungen eine „gesundheitsorientierte”, „anspruchsvollere”
Einstellung haben und sich auch „gesundheitsbewusster” ernähren (Gerhards & Rössel
2003a, S. 68f.).
136
Pfundskur 1996 und 2000 ist eine von der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) und dem Südwestrundfunk
(SWR 1) in Baden-Württemberg durchgeführte Gesundheitsaktion zum Abnehmen.
137
Beispiel: Die Vorstellung, dass Fett generell „ungesund” sei und „dick” mache, ist weit verbreitet.
Differenzierte Alltagsvorstellungen sind trotz Margarine-contra-Butter-Diskussion und Werbung für
„ungesättigte Fettsäuren” etc. eher selten und orientieren sich mehr an ausgewählten Produkten, die als
„erlaubt” gelten. So sprechen aktuelle Ernährungsempfehlungen für eine mediterrane Kostform mit erhöhtem
Fettanteil.
138
Die Werbewirkungsforschung setzt sich eingehend mit dieser Thematik auseinander.
80
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Im Zusammenhang mit Fehlernährung wird in der Ernährungswissenschaft über Haushalt
bzw. Familie als Ort der primären Essenssozialisation diskutiert. Am Beispiel des
multikausalen Entstehungshintergrundes von Adipositas (Logue 1995, S. 290ff., vgl. auch
Pudel & Westenhöfer 1991, S. 92ff.; Westenhöfer 2002) wird deutlich, wie eng Haushalts­
entscheidungen auf physischer, psychischer und sozialer Ebene zusammenwirken und
Essbiografien beeinflussen. Die statistisch positive Korrelation zwischen Übergewicht der
Eltern und der Kinder ist nachgewiesen (Diehl 1999; DGE 2001; Danielzik 2003; Kolip 2004;
vgl. dazu Kapitel 5).
Beispielsweise beeinflussen Haushaltsentscheidungen über gemeinsame Mahlzeiten
individuelles Essverhalten, denn die Anwesenheit einer oder mehrerer weiterer Personen
wirkt sich ganz allgemein sowohl auf die Nahrungsmenge (geschlechtsspezifisch
unterschiedlich) und auf Nahrungsmittelpräferenzen aus (Logue 1995, S. 310f.). Ergebnisse
der Marktforschung belegen diese gegenseitige Einflussnahme. Alters- und entwicklungs­
abhängig wird allerdings der Einfluss Gleichaltriger wichtiger als der der Eltern. Barlovic
(1998, S. 26f.) führt dazu aus, dass „... mit spätestens 8 Jahren die Macht der Clique
beginnt”.
Wenn gemeinsames Essen Entscheidungen über Auswahl und Menge beeinflusst und
Bedeutungen abhängig von den Lebensbereichen sind – entsprechend der aufgestellten
Grundannahme –, dann kann daraus gefolgt werden, dass Lebensmittelpräferenzen
ebenfalls
kontextabhängig
sind.
Folglich
können
sich
individuelle
Vorlieben
im
Lebensbereich der Familie von denen im Lebensbereich der Peergroup unterscheiden.
4.3
4.3.1
Funktionen und Stellenwert des Essens im Kontext Peergroup
Aspekte des ernährungssozialisatorischen Einflusses der Peergroup
Ernährungssozialisation beginnt in der Familie. Mit zunehmendem Alter gewinnen weitere
Sozialisationsagenten wie Schule und Peergroup in der direkten Interaktion an Bedeutung.
Der Peergroup kommt entwicklungsbedingt eine herausragende Rolle zu (Fend 2000; Oerter
& Montada 2002). Ernährungsbezogene Aktivitäten der Gleichaltrigen erweisen sich
beispielsweise im schulischen Umfeld als besonders wirksam (Winkler et al. 2004, B-25). In
einer hochkomplexen Welt reicht die Sozialisation in der Familie nicht mehr aus (Berger &
Luckmann 2000). Das Spektrum möglicher Handlungsalternativen erweitert sich durch
Anregungen aus dem nicht-familiären Bereich, beispielsweise finden in der Schule
Sozialisations- und Enkulturationsprozesse in enger Wechselwirkung zu Lehrkräften,
Mitschülerinnen und Mitschülern, die Teil der Peergroup sein können, statt. Der Lernort
Schule ist eben auch sozialer Treffpunkt. Dort können Peergroupbeziehungen insbesondere
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
81
in unterrichtsfreien Zeiten (Pause, Schulweg etc.) aufgebaut und gepflegt werden. Anders als
bei nachmittäglichen Freizeitaktivitäten werden in der Schule Peergroupbeziehungen von
institutionellen Bedingungen wie Unterricht, Pausenzeiten und -gestaltung, außerunterricht­
liche Aktivitäten in Arbeitsgemeinschaften etc. beeinflusst. Ebenso bestimmen die
institionellen Rahmenbedingungen eine schulische Esskultur mit, die nachhaltiger auf die
Ernährungssozialisation wirkt als beispielsweise die Wissensvermittlung im Unterricht (vgl.
z. B. Steen 1994, S. 111; Homfeldt & Schulz 1996, S. 229ff.).
Sozialisationsagenten sind nicht unabhängig voneinander. Beispielsweise führt Fauth
(1999, S. 66; vgl. auch Oerter & Dreher 2002, S. 311) aus, dass homogene Peergroups
gerade von jüngeren Altersgruppen bis 16 Jahren bezüglich Geschlecht, Alter und sozialer
Lage139 bevorzugt würden. Dadurch verstärkt sich das in den Familien vorgefundene
Sozialisationsmilieu.
Die Jugendlichen leben in einem vergleichbaren sozialhistorischen Umfeld. Alle befinden
sich in derselben Lebensphase des Erwachsenwerdens, folglich besteht − im Unterschied zu
anderen Sozialisationsagenten − in der Peergroup zunächst ein Verhältnis von „Gleichheit
und Souveränität” (Oerter & Dreher 2002, S. 310). In der Peergroup werden (soziale) Verhal­
tensweisen angewandt und unter Gleichgestellten erprobt. In der Peergroup findet eine
soziale Positionierung, d. h. auch eine gesellschaftliche Verortung statt über Inszenierung
der eigenen Person und Entfaltung von Kompetenzen, die wiederum eng mit dem Selbstbild
verknüpft sind. In diesen Prozessen sind beispielsweise Durchsetzungsvermögen, „InsiderWissen” über jugendspezifische Themen, Kenntnisse über „angesagte” Verhaltensmaximen
etc. wichtig. Entsprechend des der Arbeit zugrunde gelegten Verständnisses sind
Jugendliche Akteure in dynamischen Systemen wie der Peergroup, daher findet eine
gegenseitige Einflussnahme der agierenden Personen statt. Die Beeinflussung kann auf
informativer und normativer Ebene stattfinden. In der Realität vermischen sich beide
Ebenen, denn Jugendliche sind Träger von Informationen, die in aller Regel in einem werten­
den Zusammenhang an andere weitergegeben werden. Beispielsweise wird das Wissen,
dass McDonald's ein günstig gelegener Platz in der Stadt für Verabredungen ist, häufig mit
der Wertung verknüpft, dass dieser Treffpunkt in der ausgewählten Peergroup „angesagt” ist
− oder auch nicht. Daher ist interessant, dass der soziale Druck, den die Gruppe auf den
Einzelnen ausübt, umso höher ist, je homogener die Zusammensetzung in einer Gruppe ist
und je mehr die Gruppenmitglieder untereinander interagieren (vgl. Fauth 1999, S. 66). Auf
Ess(konsum)verhalten bezogen sind normative Einflüsse für die Akzeptanz in der Peergroup
besonders im außerhäuslichen Bereich bedeutsam.
139
Fauth spricht hier von „Schicht”; dieser Begriff wird hier und im Folgenden nicht übernommen, da „Schicht”
nur partiell die jeweiligen Gruppen strukturiert. Vgl. dazu Kapitel 2.
82
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Konsummuster, die der Selbstdarstellung und Anerkennung dienen und zusätzlich eine
Abgrenzung zu den Erwachsenen erlauben, werden bevorzugt praktiziert (Fauth 1999, S.
65). Produktpräferenzen werden entwickelt, die Frage nach „in” und „out” spielt
selbstverständlich für auffällige sowie vorzeigbare Konsumgüter (z. B. Kleidung, Handy) eine
bedeutendere Rolle als für kurzfristige, eher unauffällige Verbrauchsgüter (z. B. Snacks, Eis).
Aber auch „Speisen sind nach [Roland] Barthes Träger bedeutungsvoller Zeichen ... Und
insofern sind Pommes Frites mehr als in Öl ausgebackene Kartoffelstäbchen, mehr als ihre
Materie” (Barlösius 1999, S. 94). Lebensmittel und Speisen haben im jeweiligen
soziokulturellen Umfeld symbolische Bedeutung (Setzwein 2004, S. 312f.; vgl. Barlösius
1999, S. 91ff.). Karmasin (1999) spricht vom „kulinarischen Code”, der kulturspezifische
Muster aufweist. Die Gültigkeit des kulinarischen Codes hängt u. a. von der (sozialen)
Esssituation und den kulturspezifischen Mustern ab, die individuellen Brechungen
unterliegen, z. B. aufgrund der jeweiligen Essbiografie. Bekannt ist, dass „soziales Prestige
eines Lebensmittels” Ernährungsverhalten beeinflusst, da sich dadurch soziale Zugehörigkeit
und Grenzen markieren lassen (Prahl & Setzwein 1999, S. 70; Barlovic 2001, S. 64).
Nahrungsmittel und Getränke, die außer Haus mit Freunden und Freundinnen verzehrt
werden, eignen sich daher besonders für die Entwicklung von Jugend typisierenden
Präferenzen140. Dazu gehören Lebensmittel im Party- und Fast-Food-Bereich sowie „Snacks”
und Riegel.
Der Entwicklungsprozess führt zu jugendspezifischen Brechungen des kulinarischen
Codes, die durch die jeweilige Essbiographie modifiziert sind. Hier wird die Hypothese
aufgestellt, dass im Kontext Peergroup ein jugendspezifischer kulinarischer Code gilt, der
einem steten Wandel unterworfen ist. Nahrungsmittel und Speisen sind wie andere
Konsumgüter ein Mittel zur (scheinbar) individualisierten Selbstinszenierung und sozialen
Positionierung in der Peergroup. Beides gehört zur Identitätsentwicklung von Jugendlichen.
Die den Nahrungsmitteln zugeschriebenen Bedeutungen helfen Jugendlichen, sich sowohl
von anderen Altersgruppen als auch anderen Jugendstilgruppen zu distanzieren bzw. in eine
Gruppe zu integrieren. Botschaften, die über den Konsum von Nahrungsmittel und Speisen
ausgesendet werden, kommen an. Sie sind nicht uneingeschränkt identisch mit Werbe­
botschaften. Zwar sind für die Selbstinszenierung Produkte wie Kleidung, Handys, Sport,
Musik wegen ihrer Sichtbarkeit und Außenwirkung besonders begehrt, schließen aber
andere Bereiche nicht aus. Im Gegenteil, Jugendliche gelten als detailversessen (Barlovic
2001, S. 64) und machen ein Kopieren damit nahezu unmöglich. Authentizität und Aktualität,
die einem beschleunigten Wandel unterworfen ist, bestimmen über die Zugehörigkeit zu
140
Die Präferenzen sind auch geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Dazu weiterführende Literatur: Prahl und
Setzwein (1999, S. 77ff.); Setzwein (2002, 2004); Spiekermann (2002b); Methfessel (2004c).
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
83
einer Gruppe. Jugendliche nutzen mehr oder weniger sämtliche Lebensbereiche zur
Distinktion, und sei es durch deren Geringschätzung.
Neben der Auswahl von Lebensmitteln und Speisen können Essstil und Tischregeln
Ausdruck eines Lebensstils sein. Für den außerhäuslichen Bereich des Essens im
Zusammensein mit der Peergroup wird in der hier durchgeführten empirischen Studie auch
nach der Bedeutsamkeit ernährungsbezogener Elemente des Lebensstils gefragt, ohne
jedoch Bedeutungen einzelner Lebensmittel etc. zu recherchieren. Ob Nahrungsmittel und
Speise überhaupt bei Jugendlichen „IN-Status” haben können, ist auch Bestandteil der
Untersuchung. Allgemeine Daten zu Nahrungsmittelpräferenzen (vgl. Kapitel 2) liegen vor,
eigene Daten werden nicht erhoben.
Die konkrete Ausgestaltung des Essens ist soziokulturell bestimmt und dient auch der
gesellschaftlichen Distinktion141 (Bourdieu 1999; Barlösius 1999). Nach Bourdieu gilt das für
den Bereich des Essens auf allen Ebenen, v. a. Lebensmittelauswahl, Essstil und
Tischregeln. Lebensmittel und Speisen sind auch kulturelle Symbole (Barlösius 1999,
S. 39f.)142. Deren Auswahl ist abhängig von sozialer Lage143, Geschlecht und Alter (Barlösius
1999, S. 96f.; Schlegel-Matthies 2001a). Nahrungsmittel und Speisen haben − hier folgt
Barlösius der These Bourdieus − sozial differenzierende Bedeutungen. Im Zusammenhang
mit Jugendesskultur heißt das zum einen Abgrenzung zu allen nicht-jugendlichen
Altersgruppen und zum anderen Abgrenzung der einzelnen jugendkulturellen Stilbildungen
untereinander. Die Küchen spielen in der außerhäusliche Lebens- und Erfahrungswelt der
Peergroup eine marginale Rolle, daher sind Nahrungsmittel und Speisen mehr geeignet, um
deren jugendspezifische Bedeutsamkeit zu untersuchen.
Neben der Wahl von bestimmten Lebensmitteln bestimmt die Inszenierung des Essens
den Essstil. Wie eingangs dargestellt, beeinflussen Bedeutungen von Nahrungsmitteln und
Speisen Essweisen. Entsprechend der hier aufgestellten Annahme, dass Lebensmittel bei
Jugendlichen als „in” oder als „out” gelten können, interessiert weiter deren Einfluss auf die
jeweilige Essweise.
Die Mahlzeit wird als häusliches Essen in der Familie in einem gesonderten Kapitel
thematisiert. Ein Teil der sozialen Situation „Mahlzeit” sind Tischregeln. Sie sind als Regel­
werk bei Tisch ein Ergebnis familialer Sozialisation. In der Jugendphase können Regelver­
stöße als Abgrenzung von den Eltern verstanden werden. Welche Regeln gelten, wenn
Jugendliche unter sich sind? Daten dazu liegen nicht vor. Tischregeln im außerhäuslichen
141
„Selektiv ist jede Eßkultur, weil sie eine kulturelle Auswahl aus den natürlichen Möglichkeiten vornimmt.”
(Barlösius 1999, S. 39).
142
Vgl. Fussnote 1 zum Begriff Esskultur.
143
Barlösius (1999) verwendet „Schicht” anstelle „sozialer Lage”.
84
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Bereich der Peergroup können selbstbestimmt in der sozialen Auseinandersetzung mit
anderen und der Situation (z. B. unterscheiden sich Tischregeln im Feinschmeckerlokal von
denen im Fast-Food-Restaurant entsprechend der gesellschaftlich üblichen Konventionen)
festgelegt werden.
Pizzeriabesuche mit Freundin bzw. Freund gehören zur Erfahrungswelt von älteren
Jugendlichen. Darauf wird in der hier durchgeführten Befragung im Fallbeispiel144 zurückge­
griffen. Um möglichst authentische Einschätzungen für die Verhaltensweisen bei Tisch zu
erhalten, wird der Freund bzw. die Freundin als handelnde Person ausgewählt, da hier eine
hohe emotionale Betroffenheit bei Verstößen zu erwarten ist. Essen mit Freunden ist nach
den ersten Beobachtungen eher unverbindlich und spontan. Unabhängig, ob diese Unver­
bindlichkeit und Spontanität Teil der Selbstinszenierung ist, stellt sich die Frage: Welche
Regeln gelten für das Essen in der Peergroup? Werden ausgewählte Lebensmittel und
Speisen tabuisiert bzw. präferiert? Ist das den Jugendlichen bewusst? Durch Körper und
Kleidung definieren sich Jugendliche für ihre Außenwelt. In der heutigen Medien- und Bilder­
welt wird der jugendliche Körper ästhetisch inszeniert und „zu Markte getragen” (Frohmann
2002145; dazu ausführlich im Kapitel 6). Welchen Stellenwert, welche Funktionen hat Essen
dabei? Beobachtungen deuten darauf hin, dass mit Freunden und Freundinnen selten
gemeinsam „richtig” im Sinne eines „proper meals”146 gegessen wird. Daten zum AußerHaus-Verzehr sind im folgenden Abschnitt zusammengefasst dargestellt. Jugendliche im
Alter ab 15 Jahre essen häufiger als andere Altersgruppen außer Haus, dies aber eher im
Sinne eines „Snacks”. Ob und wie häufig in der Familie von Freundinnen bzw. Freunden
mitgegessen wird, dazu fehlen Daten. Die der schriftlichen Befragung vorangegangenen
Interviews liefern Hinweise147.
Welche Beweggründe haben Jugendliche, außer Haus zu essen? Wird einfach nur der
aufkommende Hunger gestillt, kann das außerhäusliche Essen die Mahlzeiten zu Hause
ersetzen. Verabreden sich Freunde zum Essen, dient Essen als Kommunikationsanlass.
Oder ist Essen − wie oben vermutet − Teil der Selbstinszenierung? Die Klärung der Frage
144
Vgl. dazu die Frage B-5 in der empirischen Untersuchung (Fragebogen im Anhang).
145
M. Frohmann: „Jugend − Körper − Mode: Aspekte einer körperbezogenen Jugendsoziologie”. Vortrag am
22.02.2002 in Loccum auf der Tagung zum Thema „Jugendsoziologische Theorien − Standortbestimmung
und Perspektiven” der Sektion Jugendsoziologie.
146
Unter „richtig essen” werden im Allgemeinen Mahlzeiten verstanden, die ein so genanntes „proper meal”
(Douglas 1972, S. 68) umfassen. Ein „proper meal” müssen entsprechend der gültigen kulturellen Mustern
zusammengesetzt sein. Ausführliche Darstellung des Begriffs „proper meal” im Zusammenhang mit Mahlzeit
in Kapitel 3.2 (siehe S. 40).
147
So erzählte eine Gymnasiastin, dass sie sich hin und wieder zum gemeinsamen Kochen verabredet. Dieses
wurden in der schriftlichen Befragung aufgegriffen (vgl. dazu die Frage B-6 in der empirischen
Untersuchung).
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
85
nach der Motivation liefert wichtige Hinweise für eine kontextbezogene Bedeutungs­
exploration.
4.3.2
Außerhäusliches Essen
Aus den nachfolgend genannten Konsumstudien werden im Folgenden Daten zum
außerhäuslichen Essen von Jugendlichen zusammengetragen, um erstens Stellenwert und
Funktion des außerhäuslichen Essen für Jugendlichen differenzierter zu beschreiben,
zweitens Erfahrungen der Jugendlichen in der Rolle als Konsumentinnen und Konsumenten
von Nahrungsmittel und Speisen differenzierter darzustellen und drittens, um daraus schließ­
lich Stellenwert und Funktionen in Abgrenzung zum häuslichen Essen abzuleiten.
Wie vielfach belegt (z. B. EVA 1998; DGE 2000, 2004; Diehl 1999c; vgl. auch Prahl &
Setzwein 1999, S. 197ff.; Spiekermann 1999a, S. 46f.), erfreut sich Fast Food allgemein
großer Beliebtheit. Unter Fast Food wird hier das (schnelle) Essen außer Haus (im Sitzen,
Stehen und Gehen („Take-away”) im engeren Sinne verstanden, d. h. das Essen in
Einrichtungen
der
seit
den
1960er
Jahren
in
Deutschland
expandierenden
Systemgastronomie (z. B. Wiener Wald, McDonald's) und bei Schnellimbissen (Würstchen­
stand, Dönergrill, Stehcafés etc.). Nicht gemeint sind hier, die v. a. in den 1970er Jahren
hinzutretenden Angebote der Kantinenverpflegung, die gehören streng genommen ebenso
wie Catering-Verpflegung („Essen auf Rädern”, „Pizzaservice”) dazu (vgl. dazu auch Spieker­
mann 1999a, S. 46f.). Ebenso werden hier Convenience-Produkte, die als vorgefertigte
Lebensmittel (Fertig- und Halbfertigprodukte) für den häuslichen Fast-Food-Verzehr auf dem
Markt sind, begrifflich unterschieden.
Obwohl das „schnelle Essen” unterwegs weder eine Erfindung heutiger Zeit148 noch auf
Jugendliche begrenzt ist, wird im Allgemeinen Sprachgebrauch häufig Fast Food symbolhaft
für
jugendliche
Esskultur
verwendet.
Entsprechend
vielfältig
sind
dazugehörige
fachwissenschaftliche wie populärwissenschaftliche Publikationen . Fast Food ist −
149
vielleicht anders als erwartet − kein Schwerpunktthema dieser Arbeit. Für die hier gestellte
Frage ist vielmehr interessant, welchen Stellenwert und welche Bedeutungen Fast Food in
der gesamten Jugendesskultur hat.
Verschiedene Studien (Lange 1997; Fauth 1999; Rosenberg 2000) belegen, dass heute
nahezu jeder Jugendliche regelmäßig Taschengeld – in unterschiedlicher Höhe – erhält.
Neben Taschengeld verfügen Jugendliche oftmals über unregelmäßige Einnahmen, z. B.
148
Beispielsweise gab es bereits im Mittelalter Garküchen, im 19. Jahrhundert in England Fish-and-ChipsAngebote etc. (Prahl & Setzwein 1999, S. 197f.).
149
Auf eine umfassende Darstellung der Fast-Food-Kultur wird daher hier auch verzichtet.
86
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
durch Nebenjobs, Geldgeschenke und „Pausengeld”150. Die Kaufkraft151 der 6- bis 13Jährigen ist seit 2002 laut KVA 2004 um mehr 10 % gestiegen auf den Spitzenwert von mehr
als 6 Milliarden Euro. Lange (1997) untersuchte in seinen beiden Jugendkonsumstudien152
das Konsumverhalten von ost- und westdeutschen Jugendlichen in den Jahren 1990 und
1996, um den Wandel des Konsumverhaltens zu beschreiben und Lebensstiltypisierungen
mit Hilfe von Clusteranalysen vorzunehmen. Sowohl Fauth (1999), die in ihrer Konsumstudie
das Ausgabeverhalten von Jugendlichen in Europa untersucht, als auch Lange (1997) und
die KVA 2001 (vgl. KVA 2004) – eine jährlich durchgeführte Marktanalyse des SpringerVerlages über Art und Umfang der (Taschengeld-)Ausgaben − kommen zum Ergebnis153,
dass Jugendliche einen großen Teil ihres Taschengeldes für Süßigkeiten und Eis ausgeben
(vgl. auch Feil 2003, S. 61). Nach Angaben der KVA 2001 (S. 14-2) geben 36,7 % der Kinder
und Jugendlichen von 6 bis 19 Jahren (keine differenzierten Angaben nach Alter) ihr
Taschengeld normalerweise für Süßigkeiten aus. Damit stehen Süßigkeiten an der ersten
Stelle, gefolgt von 19,9 % für sonstiges. Immerhin 11,0 % geben an, dass sie ihr
Taschengeld für Fast Food und Speisen verwenden.
Eine Differenzierung des Ausgabeverhaltens zeigt v. a. geschlechts-, alters- und
bildungsspezifische Unterschiede. Mit zunehmendem Alter steigen die Ausgaben für
Grundnahrungsmittel, Besuche in Gaststätten, aber auch für Theatervorstellungen und
Bücher. Die Ausgaben für Süßigkeiten werden prozentual geringer (Lange 1997, S. 73ff.).
Bei den Süßigkeiten ergibt sich im Detail folgendes Bild: Tafelschokolade und Schoko­
riegel werden lediglich von etwa einem Fünftel aller Heranwachsenden im Alter von 6 bis 19
Jahren weniger als ein Mal pro Woche gegessen. Schokolade ist von den aufgeführten
Süßigkeiten am beliebtesten, so essen 4,4 % täglich Schokolade, 36,5 % ein paar Mal in der
Woche und 37,0 % einmal in der Woche. Bei Schokoriegeln und -waffeln sieht es ähnlich
aus. Salzige Knabberartikel und Chips werden weniger konsumiert: 61,4 % knabbern
wenigstens einmal wöchentlich, 37,4 % seltener und 1,2 % nie (KVA 2001, S. 4-2).
150
Im Rahmen einer Seminararbeit an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Wintersemester 2000/01
zum Thema Jugend und Ernährung befragten Studentinnen Realschülerinnen und -schüler der 5. bis 10.
Klasse zum Thema Pausenfrühstück in der Schule. Ein Ergebnis war, dass viele der Schüler und
Schülerinnen zusätzlich zum mitgebrachten Pausenbrot Geld von ihren Eltern erhalten und der Geldbetrag
mit höherer Klassenstufe steigt. Sowohl Pausenbrot als auch zusätzlich frei verfügbares Pausengeld sind
beliebt.
151
Die Höhe der Kaufkraft variiert in der Literatur. In der KVA wird die „direkte Kaufkraft” über eine
Hochrechnung aus monatlichen Geldbezügen, Geldgeschenken und gespartem Geld ermittelt (vgl. Feil 2003,
S. 77ff.).
152
Die neueren Daten der Fortsetzungsstudie werden hier nicht berücksichtigt, da es sich nicht um eine sehr
kleine Stichprobengröße handelt (Lange 2004).
153
Das Taschengeld wird in Deutschland vorwiegend für Tonträger, Sparen, Hobbies, Kleidung,
Süßigkeiten/Eis, Eintrittsgelder, Bücher und Zeitschriften ausgegeben (vgl. Fauth 1999). Die Datenlage bei
Lange (1997) ergibt eine etwas andere Reihenfolge, nämlich 1. Kleidung 2. Tonträger 3. Kino, Disko etc.,
deckt sich aber in der Art der Ausgaben.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
87
Kinder und Jugendliche konsumieren im Großen und Ganzen mit dem Einverständnis
ihrer Eltern (KVA 2001, 2004). So dürfen laut KVA 2001 (S. 15-3) 59,6 % Süßigkeiten (fast)
immer bzw. oft und soviel sie mögen kaufen. 15 % dürfen das nie. Ähnlich verhält es sich mit
Besuchen ohne die Eltern in einem Fast-Food-Restaurant. Die fehlenden Angaben zu den
einzelnen Altersgruppen schränken jedoch den Aussagewert stark ein. Bedenkt man, dass
bereits 6-Jährige zur Untersuchungsgruppe gehören, schränken Eltern die Wünsche der
Heranwachsenden nur wenig ein.
Insgesamt ergibt sich aus den Daten zum Nahrungsmittelkonsum von Jugendlichen
folgendes Bild: Verfügbarkeit und Zugang zu Nahrungsmitteln stellen kein Problem für die
Mehrheit der Jugendlichen dar. Jüngere Jugendliche im Schulalter geben ihr Geld
hauptsächlich für Süßigkeiten und Fast Food aus. Interessant wäre an dieser Stelle auch der
teilweise durch die Eltern finanzierte Fast-Food-Service für zu Hause (z. B. „Call A Pizza”),
der bei Jugendlichen hoch angesehen ist, denn Jugendliche sind nicht nur aktive Käufe­
rinnen und Käufer, sie bestimmen vielmehr wesentlich in den Haushalten über die
Produktwahl154 mit (Barlovic 2001). Aus den Studien zum Konsumverhalten von
Jugendlichen lässt sich für den Bereich des Essens zusammenfassend folgern, dass sich
der außerhäuslicher Essenskonsum von Jugendlichen auf wenige Lebensmittelsegmente
wie Süßigkeiten und Fast Food konzentriert und damit die Annahme stärkt, dass die
Versorgung weiterhin überwiegend zu Hause stattfindet.
Heidelberger Studentinnen haben im Rahmen des Seminars „JUGEND & ERNÄHRUNG”
im Wintersemester 2000/01 Eindrücke bei Heidelberger Jugendlichen gesammelt. Dazu
interviewte eine Gruppe von Studentinnen insgesamt 87 Jugendliche im Alter von 12 bis 18
Jahren bei McDonald's. 40 Jugendliche (20 Mädchen, 20 Jungen) füllten außerdem noch
einen detaillierten Fragebogen aus. Fast Food sei bei den befragten McDonald's-Besuchern
sehr beliebt, ersetze aber nicht die Mahlzeiten zu Hause, so lautet ein Ergebnis dieser
Interviews. In den Fragebögen gaben 92,5 % an, dass täglich warmes Essen zu Hause
gekocht werde. Dieses schmeckt laut Fragebogenergebnis 75 % „gut”, 20 % „na ja” und 5 %
„nicht gut”. Auf die Gretchenfrage, wie sich die Jugendlichen entscheiden würden, wenn sie
die Wahl zwischen einem Essen zu Hause und einem Essen bei McDonald's hätten,
entschieden sich jeweils 47,5 % für zu Hause bzw. für McDonald's. Die restlichen 5 %
wollten ihre Entscheidung von dem, was ihre Mutter an diesem Tag kocht, abhängig
machen. Alle Befragten gingen mit der Kenntnis ihrer Eltern zu McDonald's.
Allgemeinen
Beobachtungen
zufolge
könnte
man
folglich
annehmen,
dass
außerhäusliches Essen − also auch Fast Food − zum regelmäßigen Ess-Alltag vieler gehört.
154
Der Einfluss (ob und welche Marke) auf die von den Eltern gekauften Lebensmittel ist besonders hoch bei
Frühstückscerealien, Süßigkeiten, Pizzen und Limonaden (vgl. auch Barlovic 1999a).
88
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
Aus der repräsentativen Erhebung zur Situation des Außer-Haus-Verzehrs (EVA 1998) in
Deutschland Ende der 1990er Jahren ist für Jugendliche im Alter von 15 bis unter 19 Jahren
bekannt, dass als Verzehrort „Schnellgaststätte, Imbissstube, Kiosk” die größte Rolle
spielen. Männliche Jugendliche verzehren dort 2,9 Außer-Haus-Mahlzeiten von insgesamt
6,8 außerhäuslichen Mahlzeiten pro Woche. Mädchen in diesem Alter gehen 4,1 Mal pro
Woche zur Schnellgaststätte etc. von insgesamt 10,1 Mahlzeiten außer Haus. Männliche
Jugendliche geben durchschnittlich 20,07 DM, Frauen 22,64 DM pro Woche für den AußerHaus-Verzehr aus. Die mittleren Anteile des Außer-Haus-Verzehrs am gesamten Lebens­
mittelverzehr ergeben für männliche Jugendliche (zusammengefasst: 10 bis 15 Jahre) einen
überdurchschnittlich hohen Anteil bei den Lebensmittelgruppen: Fleisch, Käse und Quark,
Kartoffel und Kartoffelprodukte, Brot und Backwaren, Süßwaren und alkoholfreie Getränke.
Bei den Mädchen: Fleisch, Fleisch- und Wurstwaren, Kartoffel- und Kartoffelprodukte (nur
bei den unter 13-Jährigen), Frischgemüse, Brot und Backwaren und bei den 10- bis unter 13Jährigen noch alkoholfreie Getränke.
Trotz des hohen Anteils an Außer-Haus-Mahlzeiten (EVA 1998) bei Jugendlichen und der
steigenden Nachfrage nach Fast-Food-Produkten im Wechselspiel mit einer allgemeinen
Verfügbarkeit (Angebote zu jeder Zeit, an jedem Ort), stellt der Kinderernährungsbericht die
These auf: „Gegessen wird am liebsten zu Hause und mit der Familie.” (Ministerium für
Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg & Sozialministerium BadenWürttemberg 2002b, S. 13). Gestützt wird diese These durch die europäische Studie EEE4C
(EveryDayEating in Europe 1998 − 1999), aus der Brombach (2001) resümiert, dass
Familienmahlzeit zum Alltag in Deutschland gehört. Darüber hinaus liegen Ergebnisse aus
unveröffentlichten Daten für alle Altersgruppen vor, die besagen, dass 80 % aller Mahlzeiten
zu Hause stattfinden (Stix 2000, S. 14).
Insgesamt zeichnet sich ab, dass sich jugendliches Essverhalten nicht auf eine
Fast-Food-Esskultur
reduzieren lässt,
sondern vielschichtiger
ist. Neben der
außerhäuslichen Fast-Food-Kultur ist nach wie vor eine häusliche Esskultur etabliert,
bei der Convenience-Produkte einen hohen Stellenwert haben. Ohne auf Detaildaten zur
Ausdifferenzierung der häuslichen und außerhäuslichen Ernährung von Jugendlichen
zurückgreifen zu können, kann hier vermutet werden, dass sich häusliches und
außerhäusliches Essverhalten bei Jugendlichen unterscheidet.
Die bei Methfessel (1999d) dargestellten wesentlichen Bestimmungsgründe von
jugendlichem Essverhalten sind Alter und Geschlecht; beide werden als solche durch
Einzeldaten zum Verzehr und zu Nahrungsmittelpräferenzen (s. o.) gestützt. Insgesamt
liegen nur wenige altersspezifische Daten für Jugendliche zum Ernährungsverhalten vor.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
89
Neben Alter und Geschlecht (z. B. Kienzle 1988; Kübler et al. 1997; Zusammenschau bei
Methfessel 1999d) werden soziale Lage (z. B. Kienzle 1988; Wittenberg 1999; Barlösius et
al. 1995) und Ernährungswissen (z. B. vom Berg 1997; Barlovic 1999a; BVS II; vgl. dazu
auch DGE 2004, S. 68ff.) als Bestimmungsgründe für Essverhalten angeführt. Soziale Lage
und Ernährungswissen werden v. a. im Zusammenhang mit den unterschiedlich verteilten
Gesundheitsrisiken (z. B. Über- und Untergewicht) in der Bevölkerung diskutiert. Die
vorliegenden Daten erlauben keine Ausdifferenzierung verschiedener Ernährungsweisen für
Jugendliche.
Mit Ausnahme der neueren Daten von Gerhards und Rössel, die Korrelationen zwischen
bevorzugtem Lebensstil und Ernährungsverhalten von Jugendlichen aufzeigen (Gerhards &
Rössel 2003a, 2003b), gibt es für diese Altersgruppe nur wenige Ansatzpunkte zur Erklärung
von unterschiedlichen Ernährungsweisen verschiedener Gruppen. Für Erwachsene zieht
Leonhäuser als Konstrukt den von Individuen oder Gruppen bevorzugten Lebensstil als
Erklärungsgröße von Elementen einer gesunden Lebensführung heran und zeigt darüber
hinausgehend ein situativ unterschiedliches Essverhalten auf (Leonhäuser 1999, S. 326f.). In
einer neueren Studie vom ISOE155 (Institut für sozial-ökologische Forschung) werden
ebenfalls bezogen auf Erwachsene sieben Ernährungsstile nach Interesse an Ernährungsund Gesundheitsfragen und Verhaltensweisen im Essalltag unterschieden und im
Zusammenhang mit Lebens- und Familienphasen diskutiert (Hayn & Empacher 2004c,
2004d; Methfessel 2004c; Stieß & Hayn 2005).
4.3.3
„Snacken” als ein Beispiel für jugendtypisches Essverhalten
Die Frage nach dem Stellenwert und der Funktion des Essens in den Lebensbereichen
der Familie und der Peergroup kann anhand der angeführten Literatur und Studien nicht
ausreichend beantwortet werden. Ebenso bleibt offen, ob es für Jugendliche Bedeutungen
des Essens gibt, die bevorzugt im Zusammenhang mit der Familie oder der Peergroup
auftreten. Für die weiterreichenden, theoretischen Überlegungen wird das Beispiel
„Snacken” als jugendtypisches Essverhalten herangezogen, weil sich daran jugend­
spezifische Bedürfnisse hinsichtlich des Essens aufgrund seiner Unterschiedlichkeit in
Abgrenzung zur tradierten Esskultur verdeutlichen lassen. „Snacken” gilt – unabhängig von
seiner heute erreichten Beliebtheit in allen Altersgruppen – nach wie vor als jugendtypisch
und ist Element der heutigen Jugendesskultur. Des Weiteren hat die „Snackkultur” die allge­
meinen Esskultur verändert. Folgende zwei Hypothesen werden am Beispiel des „Snackens”
hergeleitet:
155
Vgl. Fussnote 7.
90
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
•
Erstens Jugendliche praktizieren ein für ihre Entwicklungsphase charakteristisches
Essverhalten,
•
zweitens Jugendliche – und das ist historisch betrachtet neu – sind im Bereich des
Essens vergleichbar mit anderen Bereichen (Mode, Musik etc.) Träger des Wandels.
Zunächst soll für die hier nachfolgenden Ausführungen der Snackbegriff kurz geklärt
werden. Der Begriff „Snack” ist im deutschsprachigen Raum historisch neu und steht im
Allgemeinen für den „kleinen Imbiss” zwischendurch. Der englischsprachige Begriff „Snack”
kommt aus dem Marketingbereich. „Snacken” wird in der Werbung als Element von
Lebensstil156 (Diehl 1999d; DGE 2004, S. 366) propagiert. Fast Food und Convenience Food
können als „Snack” ebenso dienen wie der Schokoriegel zwischendurch. Ein „Snack” erfüllt
im Allgemeinen nicht die Kriterien eines „proper meals” (Douglas 1972; vgl. Kapitel 3, S. 40),
sondern grenzt sich durch seinen „informellen Charakter” (in Anlehnung an Prahl & Setzwein
1999, S. 84) gerade davon ab. Wohl aber kann „Snacken” auch in das Konstrukt der
Mahlzeit (vgl. Kapitel 3) eingeordnet werden, z. B. bei Tolksdorf (1975, S. 288), da die
Mahlzeitendefinitionen recht unterschiedlich weit gefasst sind. Da es im Folgenden weniger
um die Bestimmung dessen, was einen „Snack” ausmacht, geht, sondern vielmehr um
Überlegungen zur Bedeutung des „Snackens” aus der Perspektive der Jugendlichen, wird
„Snack” in dieser Arbeit weitgefasst als kleine Zwischenmahlzeit verstanden und umfasst
Teilchen vom Bäcker, Minipizza, Riegel, Baguette, belegte Brötchen u. v. a. m. So ver­
wendet, unterscheidet sich Naschen, das auf den Genuss zielt (vgl. S. 41), vom „Snacken”
lediglich in der Absicht, das der „Snack” den „kleinen Hunger zwischendurch” stillen soll.
Nach Ergebnissen der Marktforschung hat sich das „Snacken” im Alltag in allen
Altersgruppen durchgesetzt (Nestlé-Studie 1999, S. 23). Für die allgemeine Beliebtheit von
Schokoriegel und herzhaften „Snacks” in allen Altersklassen gibt es zahlreiche Gründe, an
erster Stelle sind zu nennen: Weitreichende Verfügbarkeit und hohe Unabhängigkeit von
Zeit, Ort und anderen Personen. Die Verfügbarkeit von „Snacks” ist nahezu unbegrenzt, so
werden Riegel und andere Snacks an jedem Kiosk, fast jeder Schulcafeteria, jeder
156
Diehl führte 1999 eine Analyse des RTL-Werbefernsehen durch und kam zu folgendem Ergebnis: „Eine gute
Ernährung besteht zu 60 % aus Süßigkeiten, Süßspeisen und fetten Knabberartikeln, der Ausgewogenheit
halber ergänzt durch reichlich Fast Food und stark gezuckerte Frühstücksprodukte, wobei die
Flüssigkeitszufuhr ausschließlich in Form von gezuckerten Limonaden und Säften erfolgen sollte.” (Diehl
1999d, S. 42). Eine Vielzahl von Snackprodukten − bevorzugt solche mit hohem Zuckergehalt und/oder
hohem Fettgehalt − soll spontan und möglichst häufig zwischendurch konsumiert werden, so könnten die
Ernährungsempfehlungen aus der Werbewelt des Fernsehens zusammengefasst lauten. Auch in einer
neueren Studie zur Darstellung von Ernährungsverhalten im Fernsehen (DGE 2004), deren umfassende
Inhaltsanalyse 8 Sender einschließt, stehen Süßes und fette „Snacks” mit insgesamt fast 25 % an erster
Stelle bei Darstellungen im Fernsehen (a. a. O., S. 359ff.). Je nach Sender und Fernsehgattung variiert die
Häufigkeit, so werden „Snacks” und süße Naschereien v. a. durch das Werbefernsehen (bei Privatsendern)
propagiert (a. a. O., S. 361f.) und kommen bevorzugt in Lifestyleframes vor (a. a. O., S. 366f.).
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
91
Tankstelle etc. offeriert. Auch eine Mitnahme ist problemlos wegen der üblicherweise
aufwändigen, hygienisch sauberen Verpackung. Diese Charakteristika des „Snackens”
wurden zunächst besonders von Jugendlichen geschätzt, da sie eine Abgrenzung und
Loslösung vom „Familientisch” ebenso ermöglichen wie eine hohe Autonomie, denn Vor­
bereitung und Zubereitung entfallen bzw. reduzieren sich auf ein Minimum. Darüber hinaus
sind keine Kenntnisse der Nahrungszubereitung notwendig. Der Verzehr läuft häufig
nebenbei. Snack symbolisiert folglich auch (Zeit-)autonomie. Man könnte sogar noch weiter
gehen und Snacken als Symbol einer weitgehenden Unabhängigkeit von der direkten
Befriedigung physiologischer Bedürfnisse begreifen (Setzwein 2004, S. 311). Vom Berg
spricht gar von einer „Infantilisierung” der Verbraucherinnen und der Verbrauchers (vom
Berg 1999, S. 111 und S. 114ff.). Und Stix (2000, S. 14) interpretiert: „Dass Imbiß (snacking)
heute so einen hohen Stellenwert hat, liegt an den Spielregeln der Gesellschaft, wonach z.
B. Arbeit nach genormtem Leistungsprinzip funktioniert. Psychologisch wirkt sich das mit
einem Pendelschlag ins evasive, permissive Lustprinzip beim Essen aus.” Terminab­
sprachen für gemeinsame Essenszeiten entfallen bzw. diese können auf freiwilliger Basis
getroffen werden. Aufgrund des hohen Energiegehaltes, in Form von Zucker und Fett, stillt
ein „Riegel” schnell und erfolgreich den aufkommenden Hunger. Langfristige Folgen sind
bekannt und werden hier nicht dargestellt.
Elterliche Kontrolle über das Essverhalten der Kinder wird durch „Snacken” erschwert157.
Ebenso wird die eigene Kontrolle über Essverhalten schwieriger, da „Snacken” häufig
nebenbei und unbewusst stattfindet. Essen hat heute keinen festen Platz im Alltag mehr,
damit können sich Routinen unbemerkt einschleichen, deren Vermeidung ein hohes Maß an
Selbstdisziplin erfordert (vgl. Kapitel 5). Umfassende Verfügbarkeit und unkomplizierte
Handhabung fördern darüber hinaus ein als „Grazing”158 (Westenhöfer 2002, S. 18)
bezeichnetes Essverhalten. „Grazing” (d. h. übersetzt „grasen”) ist ein durch mehr oder
weniger pausenloses Kauen und ständiges Essen charakterisiertes Essmuster, das mit einer
Auflösung von bestehenden Mahlzeitenmustern einhergeht (Prahl & Setzwein 1999) bzw.
diese ignoriert und hier nicht gleichzusetzen ist mit der neuen US-amerikanischen
„Wunderdiät”.
Eine Auflösung von Mahlzeitenmustern und eine Emanzipation vom Familientisch wurde
zunächst v. a. von den jüngeren Altersgruppen toleriert bzw. gefördert, während sich (ältere)
Erwachsene eher an traditionellen Essmustern orientierten und gleichzeitig „Snacken” als
157
Eine allgemeine „Snackkultur” kann für Jugendliche ein von Eltern unbemerktes Hungern oder übermäßiges
Essen erleichtern.
158
Heindl spricht von „kauender Nebenbeschäftigung” (vgl. Heindl 2003, S. 56f.) und bezieht sich auf das
Transformationsschema von Falk nach Bayer et al. 1999, S. 113.
92
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
„jugendliches Essverhalten” zunächst häufig ablehnten und oft den „Verlust von Esskultur”
beklag(t)en. Jugendtypisches Essverhalten wurde im Fall des „Snackens” zum Vorreiter
einer Esskultur, die heute in allen Altersgruppen beliebt ist und praktiziert wird.
Individualität und Unverbindlichkeit sind weitere Charakteristika des „Snackens”, die
jugendlichen Bedürfnissen entgegenkommen. „Snacken” bleibt − wie überhaupt AußerHaus-Essen − auf einer eher unverbindlichen Ebene und ist weniger restriktiv als eine
herkömmliche Mahlzeit. Prahl und Setzwein (1999, S. 84) sprechen von „informeller
Nahrungsaufnahme” (Hervorhebung im Original). Gemeinsames „Snacken” schafft Gemein­
samkeit, Gemütlichkeit, ohne jedoch die Verbindlichkeit eines gemeinsamen Mahles zu
erzeugen. Die Unverbindlichkeit bleibt solange erhalten, wie Essen nebensächlich ist und
das Erleben im Vordergrund steht. In der Nestlé-Studie (1999) wird dieses als „social
moments” bezeichnet. Familienmahlzeiten konstituieren Familie (vgl. Kapitel 3). Welche kon­
stituierende Bedeutung hat „Snacken” dann in der Peergroup? Die soziale Institution
Mahlzeit schafft Gemeinschaft und symbolisiert Zugehörigkeit. „Snacken” in der Peergroup
fördert das gemeinsame Erleben, ohne die Verbindlichkeit eines „proper meals” zu
implizieren. „Snacken” und nebenbei Naschen in der Freundesgruppe können somit
ebenfalls soziale Institutionen sein, die dazu dienen ein unverbindliches Gemeinschafts­
gefühl zu erzeugen. „Snacken” und Naschen schaffen Zugehörigkeit zur Gruppe. Ein Beleg
für diese Hypothese ist das Essen auf dem Weg von der Schule nach Hause. An dieser
Stelle wird die Brüchigkeit der Mahlzeitendefinition als „proper meal” in der individualisierten
Gesellschaft deutlich. Essen oder Nicht-Essen, Mitessen oder Nicht-Mitessen ordnen sich
keinen allgemein verbindlichen Regeln mehr unter, sondern wird − trotz mancher
Gewohnheiten − stets aufs Neue entschieden.
Jeder „Snack” hat ein Image, dadurch wird neben der Integration („Dazugehören”) die
Distinktion bzw. Selbstpräsentation möglich. Über den sichtbaren Verzehr des ausgewählten
Produktes werden Botschaften übermittelt. Durch die Wahl eines Snackproduktes als
Imageträger kann in der Peergroup der gewählte Lebensstil bzw. die momentane
Befindlichkeit sichtbar gemacht werden. Die Sozialisation der Heranwachsenden findet in
einer konsumorientierten Lebenswelt statt. Jugendliche beherrschen die „Sprache der
Produktbotschaften” wie eine Muttersprache (vgl. Karmasin & Karmasin 1997; Karmasin
1998). Beispielsweise unterscheidet Karmasin mögliche Botschaften bei Nasch- und
Snackproduktgruppen
entsprechend
ihres
Widerstandes
beim
Verzehr.
„Kindliches
Dahinschmelzen” und Genießen versus „Durchbeißen” sind mögliche Interpretationen der
Produktbotschaften (Karmasin 2001, S. 75f.). Kommunizieren Jugendliche über Snackpro­
dukte, dann kann die ihnen zugeschriebene „Unverbindlichkeit” zu einer neuen „Verbind­
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
93
lichkeit” führen. Angemerkt sei, dass bei dieser Symbolsprache, vergleichbar mit anderen
Jugendmoden (vgl. Vollbrecht 1995, S. 30), ein rascher Wandel anzunehmen ist. Zusam­
menfassend lässt sich vermuten, dass Snackprodukte zum nonverbalen Kommunikations­
system gehören und eine hohe Bedeutsamkeit für das außerhäusliche Essen bei Jugendli­
chen haben.
Interessant bleibt die Frage: Ersetzt der „Snack” zwischendurch die häuslichen
Mahlzeiten? Wie erwähnt, ist aus Konsumstudien (z. B. KVA 2004; Barlovic 1999a, 2001)
einerseits bekannt, dass sich der jugendliche Einkauf von Lebensmitteln überwiegend auf
jugendtypische Produktbereiche wie Süßigkeiten und Fast Food eingrenzt − und das
vorwiegend im außerhäuslichen Bereich des „Snackens”. Daten zu den Zwischenmahlzeiten
(vgl. Kapitel 3.2), Konsumstudien und erste Beobachtungen deuten anderseits daraufhin,
dass Jugendliche hauptsächlich zu Hause essen. Aus den Ergebnissen der soziologischen
Jugendforschung159 kann abgeleitet werden, dass in der Peergroup gemeinsames Erleben
und In-Szene-setzen der eigenen Person (Selbstinszenierung), um die Anerkennung der
anderen zu erlangen, entwicklungsbedingt von großer Wichtigkeit sind. Zusammensein mit
anderen dient nicht in erster Linie der Entspannung, sondern der Anerkennung und
Integration in der Peergroup. Essen ordnet sich vermutlich den für die Jugendphase
typischen Prioritäten unter. Außerdem erfordert außerhäusliches Essen finanzielle Mittel, die
beschränkt sind durch das verfügbare Taschengeld und der Bereitschaft, Geld für Essen
auszugeben.
Zusammenfassende Folgerungen
Nach den hier dargestellten Überlegungen findet die zentrale Essensversorgung im
Kontext Familie (Kapitel 3 und 4.2) statt. Die Rolle der Jugendlichen im häuslichen
Lebensbereich der Familie erlaubt ihnen, sich zu Hause zu erholen und zu entspannen.
Anders als im Zusammensein mit der Peergroup müssen sich Jugendliche in der Familie
nicht mehr verorten. Der häusliche Lebensbereich der Familie stellt damit einen Gegenpol
zur außerhäuslichen Welt der Peergroup dar.
Andererseits findet ein Ablösungsprozess statt. Damit ist die häusliche Situation mehr
durch Abgrenzung und Rückzug geprägt, die den Jugendlichen i. d. R. auch von den Eltern
und anderen Familienangehörigen zugestanden wird. Bei gleichzeitiger Versorgtheit
entstehen dadurch Freiräume, die Jugendliche nutzen können, um sich auch von ihrem
159
Vgl. dazu z. B. Baacke 1994, Ferchhoff, Neubauer 1997, Hurrelmann 1994, Jugend 2000 (13. Shell
Jugendstudie), Mansel & Klocke 1996.
94
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
außerhäuslichen Leben160 zu erholen. So kann angenommen werden, dass häusliche und
außerhäusliche Funktionen sich ergänzen und kompensatorisch wirken.
Zusammenfassend kann für die Funktionen des Essens im häuslichen Lebensbereich
folgende Hypothese aufgestellt werden: Essen in der Familie dient hauptsächlich der
Versorgung, dem Rückzug und der Regeneration. In Abgrenzung zu den vorrangigen
Funktionen des häuslichen Essens wird folgende Hypothese für den außerhäuslichen
Lebensbereich der Peergroup aufgestellt: Essen findet im Zusammensein mit Peergroup
nebenbei statt. Essen ordnet sich dabei dem Erlebnis, Spaß und der Selbstinszenierung
unter. Folgt man diesen Hypothesen, dann hat Essen in den Lebensbereichen der Familie
und der Peergroup unterschiedliche Funktionen. Dabei ist familiale Versorgung ebenso
notwendige Ergänzung zum „Nebenbei-Essen” bzw. „Snacken” mit der Peergroup wie
Rückzug und Erholung zum Erlebnis, Spaß und Inszenierung. Häusliche und außerhäusliche
Funktionen ergänzen sich und wirken kompensatorisch. Am Beispiel der im nachfolgenden
Kapitel
5
diskutierten
Figurmodellierung
und
den
damit
zusammenhängenden
Dilemmasituationen kann eine Funktionsteilung zwischen häuslichem und außerhäuslichem
Lebensbereich eine mögliche Lösung sein.
Die Frage, ob Fast Food mit Jugendesskultur gleichzusetzen sei, soll in diesem
Zusammenhang nochmals aufgegriffen werden. Stimmen die Vorurteile vieler Erwachsener,
dann ernähren sich Jugendliche hauptsächlich von Fast Food, besonders von „Big Mac” und
„Doppel-Whopper”. Zum Fast Food gehören weitere Produkte wie Döner, Minipizza etc.
Auch dieses Essen wird als jugendtypisch betrachtet. Ins Schwanken geraten die meisten,
wenn sie an den letzten Besuch an der Würstchenstand oder Pommes-Bude161 − ein FastFood-Restaurant der ersten Generation − denken, denn dort sind kaum Jugendliche
anzutreffen, bestenfalls in Begleitung von Eltern. Jugendliche bevorzugen ausgewählte FastFood-Restaurants wie McDonald's oder Döner-Imbiss im Zusammensein mit der Peergroup.
Wird Fast Food im Zusammenhang mit den aufgestellten Hypothesen zur Bedeutung des
außerhäuslichen Essens diskutiert, so zeigt sich, dass die Fast-Food-Kultur lediglich ein
Bestandteil jugendlicher Esskultur ist. Sie hat jugendspezifische Bedeutungen im Kontext
Peergroup und ist nicht gleichzusetzen mit jugendlichem Ernährungsverhalten insgesamt.
Ein Vergleich von McDonald's (und vergleichbaren Fast-Food-Restaurants) und DönerImbiss
zeigt
unterschiedliche
Esssituationen.
Döner
und
vergleichbare
Gerichte
(Schawarma, Falafel etc.) werden überwiegend im Stehen oder Gehen verzehrt, während in
den anderen, amerikanisch geprägten Fast-Food-Restaurants wie McDonald's meist am
160
Aus Gesprächen mit einem Mädchen, 17 Jahre: „Es ist ja so anstrengend, cool zu sein!”
161
Fast Food ist nach den dazu gemachten Beobachungen Moden unterworfen. Beispielsweise sind „Big
Pommes” neuerdings wieder sehr beliebt.
Essen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup
95
Tisch gegessen wird. Beobachtbar ist auch, dass in diesen Fast-Food-Restaurants nur etwas
getrunken wird oder jemand dabeisitzt. Daraus resultieren unterschiedliche Funktionen für
den Jugendalltag. Beispielsweise eignen sich Fast-Food-Restaurants wie McDonald's als
Treffpunkt eher als ein Döner-Imbiss. Darauf weist auch die bereits erwähnten Befragung
von Heidelberger Studentinnen162 hin. Die aufgestellten Hypothesen lassen unterschiedliche
Bedeutungen des Essens im Kontext Peergroup und Familie vermuten. Mögliche
Bedeutungen des Essens müssten sich folglich hinsichtlich ihres Stellenwerts und ihrer
Wichtigkeit
entsprechend
unterscheiden.
Die
Frage,
ob
sich
jugendtypische
Bedeutungsmuster für die Kontexte Peergroup und Familie feststellen lassen, soll in der hier
vorliegenden Jugendesskulturstudie163 explorativ erforscht werden.
162
Im Rahmen einer Seminararbeit an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Wintersemester 2000/01
zum Thema Jugend und Ernährung.
163
Vgl. dazu die Fragen B-1 bis B-6 der empirischen Untersuchung (Fragebogen im Anhang).
96
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
5
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
5.1
5.1.1
Soziokulturelle Standards heutiger Körperideale
Vorbemerkungen
Es gibt in jeder Gesellschaft allgemein akzeptierte kulturelle Standards hinsichtlich des
gültigen Schönheitsideals, unabhängig von individuellen Vorlieben. Jugendliche beobachten
aufmerksam ihren sich rasch verändernden Körper. Der eigene Körper erscheint ihnen
fremd; sie müssen lernen, ihn zu „bewohnen” (Fend 2000, S. 22), „ihn als zu einem selbst
gehörig zu empfinden” (Fend 1994, S. 22). So beginnen bereits Kinder ab dem 8. Lebens­
jahr, sich an einem „Körper-Idealbild” zu orientieren (Kupfer et al. 1992, S. 158f.; Dauschek
& Redler 1994, S. 108). Ideale stellen Vergleichsnormen für Jugendliche dar. Heutige
Körperideale entstammen aus einer Erwachsenenwelt, die nachhaltig durch Medien
beeinflusst ist. Sie sind omnipräsent und setzen Standards, denen sich in unserer
Medienwelt niemand gänzlich entziehen kann. Es sind damit vorzugsweise perfekte, irreale
Körperbilder, an denen sich Jugendliche orientieren. Professionelle Bilder − und das
bedeutet überwiegend nachgebesserte, „geschönte” Bilder164 − ersetzen häufig Realität.
Selbst in Schulbüchern werden unverfälschte Darstellungen durch retuschierte Bilder bzw.
Skizzen verdrängt. Zum Beispiel ersetzen schematische Zeichnungen bzw. retuschierte
Bilder (häufig in Badekleidung) realistische Bilder von nackten Jungen und Mädchen. Reale
Personen können als ergänzende Vergleichsmöglichkeiten helfen, mit den natürlichen Unzu­
länglichkeiten umzugehen; dennoch messen Jugendliche ihre eigene Attraktivität auch an
bestehenden Idealvorstellungen durch sehr intensive Selbstbeobachtung und durch
Feedback ihrer sozialen Umwelt (Fend 1994, S. 136). Beides führt zur einer mehr oder
weniger positiven Selbsteinschätzung, die ebenso wie Vorerfahrungen aus den Kinderjahren
(ebd.) die Akzeptanz des eigenen Körpers mitbestimmen.
5.1.2
Vorstellungen zur Idealfigur
Pudel et al. hat für den Ernährungsbericht 1992 eine repräsentative Erhebung zu den
Idealvorstellungen sowohl bezüglich des Körpergewichts als auch der Körperform jeweils bei
Frauen und Männern durchgeführt. Dazu wurden 2000 Personen ab 14 Jahre aus den alten
Bundesländern befragt. Zur Ermittlung der attraktivsten Körperform dienten jeweils zwölf
weibliche und männliche Silhouetten (vgl. Abbildungen 2 und 3). Jugendlich-sportlich und
164
Häufig produzieren Bilder perfekte Ideale einer künstlichen Welt. Dargestellte Bodies sind ein künstliches
Resultat von individueller Disziplin (der Modelle), Manipulation und Nachbearbeitung in den Bildmedien − und
daher in der Alltagsrealität vom Einzelnen unerreichbar. So sind tausende „Shoots” von immer jüngeren,
vermutlich meist essgestörten und durchgestylten Modellen Ausgangsmaterial zur Schaffung von perfekten
Darstellungen, die durch technische Bildbearbeitungen wie sie die Computerbearbeitung ermöglicht,
perfektioniert werden. Das Ergebnis ist ästhetisiert, stilisiert, künstlich.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
97
superschlank, jedoch nicht dünn, sind die Attribute des in den 1990er Jahren eindeutig
bevorzugten Idealbildes. Weiter werden extrem „weibliche” bzw. extrem „männliche”
Formen165 favorisiert. Die Auswertung ergibt, dass gerade jüngere Altersgruppen zu
extremen Attraktivitätsvorstellungen neigen (Pudel et al. 1992, S. 201). In einer Unter­
suchung zu jugendlichen Medienerfahrungen wurde festgestellt, dass „die Suche nach
Bildern des Männlichen und Weiblichen” einer von zwei präferierten Themenbereichen ist,
der die Auswahl von Filmen leitet (Barthelmes & Sander 2000, S. 20). Mediale Bilder, die zu
stereotypen Überzeichnungen neigen, beeinflussen jugendliche Vorstellungen (s. o.) und
sind damit eine mögliche Erklärung dieser alterstypischen Vorstellungen.
Abbildung 2
Weibliche Figur-Typen von links nach rechts: „Twiggy-Typ”, muskulöse
„Body Builderin”, sportlich-androgyne Typ, „statistische Normalfrau”, „normal
mit Bauch”, „Birnentyp”, „Wespentaillentyp”, vollschlanker Typ, Typ „dicker
Oberkörper, dünne Beine” und adipöse Typ (Silhouetten und Bezeichnung
verändert übernommen aus DGE 1992, S. 190).
Abbildung 3
Männliche Figur-Typen von links nach rechts: „statistischer Normalmann”,
extrem muskulöser „Body Builder”, mäßig muskulöser, sportlicher Typ, kaum
muskulöse, übertriebene Y-Form, dünne Typ, dünner Typ mit Bauchansatz,
„normaler” Typ mit Bauchansatz, „Birnentyp”, Typ „dicker Oberkörper, dünne
Beine” und adipöser Typ (Silhouetten und Bezeichnung verändert
übernommen aus DGE 1992, S. 192).
Bei den weiblichen Figurtypen werden sowohl von Frauen als auch Männern die sportlichandrogyne166 Figurform (über 30 %) und der Wespentaillentypus (über 20 %) bevorzugt. Der
(sportlich-)androgyne Typ entspricht den Modell-Standards in den 1990er Jahren. Modische
Details wie Schulterpolster verstärken die Y-Figur. Die als normal bezeichnete Frauenfigur
(Pudel et al. 1992, S. 196f.), erreicht bei den Frauen 12,1 % und bei den Männern 14 %
165
Mit „weiblich” und „männlich” sind hier Körperformen gemeint, die als geschlechtstypisch gelten (vereinfacht
bei Frauen: Verhältnis von Brust, Taille und Hüfte; bei Männern: breite Schultern, schmale Hüften).
166
Figurtypbezeichnungen der DGE-Umfrage von 1992 werden für das Fragebogendesign (Jugendesskultur­
studie 2001) übernommen und in kursiver Schrift dargestellt.
98
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
Zustimmung. Figurtypen wie normal mit Bauch, vollschlank, oben dick und unten dünn etc.
finden nur sehr wenige attraktiv (a. a. O., S. 194ff.).
Bei den Gewichtsdimensionen wählen Frauen wie Männer für beide Geschlechter
eindeutig die sehr schlanken Silhouetten (a. a. O., S. 196ff. und 199ff.). Für die weibliche
Bevölkerung wirkt sich der Wunsch nach extremer Schlankheit auf die Beurteilung des
eigenen Gewichtes aus: „Obwohl nur rund 27 % der befragten Frauen nach eigenen
Angaben tatsächlich übergewichtig sind, stufen knapp 46 % ihr Ist-Gewicht in den über­
gewichtigen Gewichtsklassen ein. Weiter findet nur rund die Hälfte (55 %) der weiblichen
Befragten ihr Gewicht ‚richtig‛ und ca. 38 % stufen sich als ‚zu dick‛ ein.” (a. a. O., S. 202).
Die
Selbstwahrnehmung
der
Frauen
unterscheidet
sich
von
den
gemessenen
Gewichtswerten.
Die Datenerhebung der DGE liegt über ein Jahrzehnt zurück und bezieht sich auf die
„erwachsene” Bevölkerung ab 14 Jahre. Die weiblichen Modelle sind heute vergleichsweise
noch dünner. Die gängige Mode bevorzugt Kleidung, die den Körper betont und teilweise
unbedeckt lässt; die im Zeitraum der DGE-Studie gefragte modische Verbreiterung der
Schultern, z. B. durch Schulterpolster ist dagegen heutzutage weniger aktuell. Spezifische
Daten für pubertäre Jugendliche liegen nicht vor.
Interessanterweise überschätzen sowohl Frauen als auch Männer die Beliebtheit der
Body-Builder-Figur, so nimmt etwa jeder zweite junge Mann an, dass Frauen und Männer
einen extrem muskulösen Männerkörper am attraktivsten finden (Pudel et al. 1992, S. 198).
Die in den 1990er Jahren aus dem Boden schießenden Fitness- und Krafttraining-Studios
belegen die Auswirkungen solcher Vorstellungen. Dieses Männer(leit-)bild scheint allerdings
im Umbruch. Deutlich anders als bei den Frauenidealen tritt bei den Männern eine
Typenvielfalt167 auf. Einerseits spiegelt sich Individualisierung und Pluralisierung in der
Gesellschaft wider, andererseits mag es auch als Zeichen einer gesellschaftlichen
Verunsicherung über das Männer(selbst)bild gedeutet werden. Eine vertiefende Diskussion
kann hier nicht geführt werden. Die Befürchtung der DGE, dass die Unzufriedenheit mit dem
eigenen Gewicht aufgrund des gesellschaftlichen Drucks zunimmt, bestätigt sich (vgl.
Anderson et al. 2001; Westenhöfer 2002). So steigt die Zahl der essgestörten Männer
kontinuierlich an168 (Schek 2002).
167
Ein Blick in die verschiedenen Mode- und Fitnesszeitschriften verdeutlicht, dass sich neben dem extrem
muskulösen „Schwarzenegger-Typus” eine schmalbrüstige, knabenhafte „Leonardo Di Caprio-Fraktion”, eine
sportlich schlanke „Joop-Fraktion” und „Armani”- und „Versace-Typen” stellen.
168
Essgestörte Männer unterscheiden sich von essgestörten Frauen nur wenig im Essverhalten, aber es gibt
erhebliche Unterschiede im Körpererleben und in der Persönlichkeitsstruktur. Interessant ist auch ein
späterer Krankheitsbeginn bei Männern (Grabhorn et al. 2003, S. 15f.). Zu den gefährdeten Männern zählen
insbesondere diejenigen, die beruflich auf ihre Figur achten müssen oder achten zu müssen glauben − etwa
Tänzer und Leistungssportler (z. B. Skispringer).
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
99
Zusammenfassend ist festzustellen:
Männer bevorzugen eher Frauen mit typischen „weiblichen” Körpern, Frauen
•
bevorzugen sportliche bis muskulöse Männerfiguren.
Unabhängig vom favorisierten Figurtyp hält der Trend zur extremen Schlankheit bei
•
jungen Mädchen an.
Der Wunsch nach fettfreiem und gleichzeitig muskulösem Körper erfasst zunehmend
•
die männlichen Jugendlichen.
Pubertierende Jugendliche neigen zu extrem „weiblichen” bzw. „männlichen”
•
Idealvorstellungen bezüglich des anderen und des eigenen Geschlechtes.
Aufgrund der von Medien favorisierten Idealvorstellungen wächst die Diskrepanz
•
zwischen Idealvorstellungen und eigenem (empfundenen) Körperbild.
5.1.3
Gewichtsstatus und gesellschaftliche Distinktion
„Geschmäcker” sind nicht nur hinsichtlich des Essens unterschiedlich, sondern auch
bezüglich des bevorzugten Körperbildes. „Geschmack klassifiziert” (Bourdieu 1999, S. 25)
und ist daher ein Mittel zur Positionierung in der Gesellschaft. Hier findet ein Wechselspiel
zwischen Individuum und Gesellschaft statt, d. h. Geschmack ist stets auch gesellschaftlich
determiniert (a. a. O., S. 104). Bourdieu (a. a. O., S. 305f.) führt aus: „Der Geschmack für
bestimmte Speisen und Getränke hängt im weiteren sowohl ab vom Körperbild, das
innerhalb einer sozialen Klasse herrscht, und von der Vorstellung über die Folgen einer
bestimmten Nahrung für den Körper, das heißt auf dessen Kraft, Gesundheit und Schönheit,
als auch von den jeweiligen Kategorien zur Beurteilung dieser Wirkungen.” Aufgrund
klassen- bzw. schichtspezifisch unterschiedlicher Kategoriensysteme erstellt Bourdieu
dazugehörige Rangstufen: So sind es die unteren Schichten bzw. Klassen, „denen mehr an
der Kraft des (männlichen) Körpers gelegen ist als an dessen Gestalt und Aussehen”. In
Folge werden nahrhafte, billige Lebensmittel bevorzugt im Gegensatz zu den „leichten” und
energiearmen Lebensmitteln, die als gesundheitsfördernd und geschmackvoll bei den An­
gehörigen der freien Berufe gelten (ebd.).
Prahl und Setzwein (1999) konstatieren auf der Grundlage aktuellerer Verbrauchs­
statistiken – d. h. mehr als zwanzig Jahre nach Bourdieus Erhebung –, dass
Ernährungsverhalten und Sozialstatus korrelieren: Sie fassen zusammen, „daß die mittleren
und oberen Gesellschaftsschichten eher ein Ernährungsverhalten zeigen, welches den
Empfehlungen für eine gesunde Ernährung entspricht, während in den unterprivilegierten
Schichten eher Ernährungsmuster dominieren, die von diesen Vorgaben abweichen.”
(Prahl & Setzwein 1999, S. 68). Darüber hinaus ist das Ernährungsverhalten der oberen
100
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
sozialen Lagen eher von einer Vielfalt und einer höheren Affinität zu Diätprodukten und
Modeprodukten gekennzeichnet, während sozial Schwächere Kartoffeln, Butter, Zucker
Weißbrot bevorzugen (ebd.). Grundsätzlich gilt: „Die gesellschaftliche Definition der jeweils
angemessenen Speisen und Getränke setzt sich nicht allein durch die quasi bewußte
Vorstellung von der verbindlichen äußeren Gestaltung des wahrgenommenen Körpers und
zumal seiner Dickleibigkeit oder Schlankheit als Norm durch; vielmehr liegt der Wahl einer
bestimmten Nahrung das gesamte Körperschema, nicht zuletzt die spezifische Haltung beim
Essen selbst zugrunde.” (Bourdieu 1999, S. 307).
Nach Bourdieus Verständnis von Habitus ist der Körper „... nicht nur Träger, sondern auch
Produzent von Zeichen, die in ihrem sichtbar-stofflichen Moment durch die Beziehung zum
Körper geprägt sind” (Bourdieu 1999, S. 310). Essverhalten, körperliches Training,
Körperpflege, Umgang mit Rauschmitteln und inzwischen auch schönheitschirurgische
Eingriffe bestimmen nachhaltig das Aussehen. Kleidung, Frisur und dekorative Kosmetik
sind Mittel der kurzfristigen Gestaltung und Manipulation. Im Zusammenspiel mit Gestik,
Mimik und Auftreten ergibt sich ein Mosaik von Symbolen, die gesellschaftlich (bewusst und
unbewusst) distinguieren. Kultur, Familie, soziales Milieu und Umwelt (wie Medien) prägen in
diffiziler Weise die Geschmacksbildung des Individuums. Gewählte Präferenzen in fast allen
Lebensbereichen (Essen, Wohnen, Musik etc.) symbolisieren letztendlich Lebensstile und
Milieuzugehörigkeit.
Folgt man Bourdieu, dienen neben praktiziertem Essverhalten, Körper und Vorstellungen
zu bevorzugten Körperformen als weitere Distinktionsmittel. Nach wie vor besteht eine
positive Korrelation zwischen Übergewicht und niedrigem Bildungsstand169 (z. B. Diehl 1999;
DGE 2001). Allerdings entspricht die reale Körperform nicht zwangsläufig der Idealvor­
stellung; so bevorzugen Personen in sozial schwächeren Lagen durchaus auch schlanke
Körperformen. Daher trifft man hinsichtlich der präferierten Körperideale neben Bourdieus
Distinktionskonzept immer wieder auf die These, dass Medien als gesellschaftliche
Gleichmacher (z. B. Diehl 1999) fungieren. Medien und Markt sind seit Bourdieus
Untersuchung in den späten 1970er Jahren mehr und mehr in die Alltagswelt eingedrungen.
Die in den Medien verbreiteten Bilder sind nahezu omnipräsent. So stellt Diehl in seiner
Befragung von 11- bis 16-Jährigen nach ihren ernährungs- und gewichtsbezogenen
Einstellungen und Verhaltensweisen fest, dass diese „praktisch unabhängig” von der
169
DGE-Daten weisen generelle Korrelation zwischen sozialer Schicht (Indikatoren sind Ausbildung, Einkommen
des Familienvorstandes) und Gewichtsstatus für Erwachsene nach. Für Kinder und Jugendliche gilt lediglich
eine etwas geringere Prävalenz von Übergewicht in höheren sozialen Schichten (DGE 2000a, S. 129).
Daten der Iglo-Forum-Studie '95 zeigen Einfluss des Gewichtsstatus der Eltern auf Gewichtsstatus und
Risikofaktoren bei den Kindern (Iglo-Forum-Studie '95, S. 23). Ebenso Diehl 1999; Danielzik 2003, S. 16ff.
und S. 93ff.; Kolip 2004, S. 235 (s. o.).
Vgl. auch Buddeberg-Fischer 2003, S. 152f.; Wittenberg 1999, S. 44ff.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
101
Sozialschicht sind (a. a. O., S. 168f.). Diehl ist nicht weiter überrascht, da „... die in der
Gesellschaft und ihren Medien vorherrschenden Figur-Modelle schon seit langem für alle
Kinder die gleichen sind.” (a. a. O., S. 169).
Die zunehmende Verbreitung und
Bedeutung von Massenmedien bieten zwar
Erklärungsansätze für die weit verbreitete Favorisierung von Schlankheit. Durch die
Medialisierung
werden
heute
Geschmacksvorstellungen
relativ
schnell
in
vielen
Bevölkerungsschichten transportiert, mit denen allerdings milieuspezifisch unterschiedlich
umgegangen wird. Vester et al. (2001), die drei gesellschaftliche Stufen unterscheiden,
sehen hier jedoch Ambivalenzen. Wohl wird versucht, „durch die Anlehnung an höhere
Milieus soziale Anerkennung zu gewinnen” (Vester et al. 2001, S. 28; vgl. auch Simmel
1986), auf der anderen Seite werden distinguierende Eigenschaften aus unteren Milieus
positiv gewertet, z. B. in der Sportwelt körperliche Kraft (vgl. Vester et al. 2001, S. 28).
Ähnliches ist in der Werbewelt beobachtbar. Das Männerideal veränderte sich vom
„Bonvivant zum Ironman” (Zahlmann 2000, S. 245f.). Bevorzugt wird in den 1990er Jahren
ein „nackter Mann”, der den Stellenwert des Werbelogos einnimmt und als bloßes Symbol
zum Ort „freier Zuschreibbarkeit” für eine Vielzahl immaterieller Werte wird (a. a. O., S. 278).
Damit entstehen Projektionsflächen für mögliche Identitätskonzepte, die verschiedene
Lebensstile aus unterschiedlichen Milieus zulassen.
Bourdieus Unterscheidung zwischen „Notwendigkeits-” und „Luxusgeschmack” kann heute
geltende Schönheitsideale nicht ausreichend erklären, wohl aber bestehende Differenzen
verschiedener Milieus und kulturelle Unterschiede. So lässt sich beispielsweise die
allgemeine Idealvorstellung von extremer Schlankheit nicht einfach durch die fehlende
Notwendigkeit eines fülligen Körpers ableiten. Denn „schlank sein” ist heute in fast allen
sozialen Lagen positiv assoziiert, obwohl in einigen Berufsbereichen nach wie vor durchaus
körperliche Kraft (und Ausdauer) gefordert ist. Hier ist Simmels Erklärungsansatz immer
noch aktuell. Menschen orientieren sich an Vorstellungen gesellschaftlich „höher stehenden
Schichten”, so dass allgemein von einem „Trickle-Down-Effekt” gesprochen wird (Simmel
1986, S. 176ff.). Schlankheit, noch von Bourdieu in den 1970er Jahren als Distinktions­
merkmal der „oberen Schichten” beschrieben, ist (nicht erst) heute allgemeines Ideal,
allerdings mit milieuspezifischen und kulturellen Brechungen. Bereits vor über zwanzig
Jahren galt eine generelle Präferenz für Schlanksein (Pudel et al. 1992, S. 196f. und
S. 199f.). Gleichzeitig werden verschiedene Figurtypen bevorzugt (a. a. O., S. 189ff.). Folgt
man Bourdieu, könnte das als Hinweis auf milieudifferente Brechungen und Konnotationen
gewertet werden. Daten zur sozialen Lage wurden in der DGE-Studie 1992 jedoch nicht
erhoben.
102
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
Zusammenfassend kann in Anlehnung an Bourdieu auch heute angenommen werden,
dass sowohl Essverhalten als auch Körper distinguieren. Essverhalten beeinflusst wie auch
andere
Lebensstil
determinierenden
Verhaltensweisen
(langfristig)
das
körperliche
Aussehen. Daraus wird hier eine doppelte Distinktionsfunktion des Essens abgeleitet. Trotz
des Einflusses der Medien, die gleiche Figurvorstellungen in allen sozialen Schichten
fördern, werden hier milieudifferente Vorstellungen bezüglich präferierter Körperideale
angenommen. Dazu soll im empirischen Teil untersucht werden, welche „Traumfigur”
Jugendliche heute präferieren170.
Weiter liegen allen Überlegungen zu den Idealvorstellungen der Körperfigur auch
Vorstellungen zum Umgang mit dem Körper zugrunde; dabei wird ein Zusammenhang
zwischen Körperumgang, Idealvorstellung und Körperfigur gesehen. Im nachfolgenden
Kapitel wird daher zunächst der Körperbegriff geklärt und der Körperumgang heute skizziert.
5.2
Körperumgang heute
5.2.1
„Bodyculture” − Begriff einer neuen Körperkultur
Der Körperbegriff wird unterschiedlich gebraucht. Aus Sicht der Naturwissenschaften
stehen die physiologischen Funktionen im Vordergrund, während die philosophisch-religiöse
Perspektive auf die Abhängigkeit des Menschen vom Körper gerichtet ist. Der Geist-KörperDualismus ist dafür eine mögliche Betrachtungsperspektive. Der Körper hat auch eine
ästhetische Dimension, allerdings mit unterschiedlichem Stellenwert in den unterschiedlichen
Bevölkerungsgruppen.
Der Körper wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „neu entdeckt”171 und
mutierte zum „Body”. Wortschöpfungen wie „Body-culture”, „Body-styling”, „Body-building”,
„Body-shaping”, „Body-shop”, „Body-check”, „Body-painting” etc. kommen heute häufig vor.
Gesellschaftlicher
Wandel
impliziert
auch
den
Wandel
des
Körperideals
in
Wechselbeziehung zur Mode. Der Begriff „Body” wurde durch die Medien, besonders in der
Werbung, eingeführt und mit einer neuen Bedeutung von Körperkultur verknüpft. Dabei
haben
sich
„[k]örperliche
Gesundheit,
Fitness
und
Jugendlichkeit
...
zu
einem
gesellschaftlichen Imperativ entfaltet, der mit dem Status von Personen verbunden ist”
(Setzwein 2004, S. 51). Umgangssprachlich ist „Body” ein Begriff, der die Präferenz für einen
ästhetisierenden Umgang mit Körper signalisiert und Körper als einen vorzugsweise
gestylten und damit präsentablen Teil des Selbst versteht. Begriffe, die diese Art des Körper­
umgangs implizieren, sind in der Werbe- und Medienwelt zu finden, meist als Anglizismen.
170
Vgl. dazu die Fragen C-1 und C-2 in der empirischen Untersuchung (Fragebogen im Anhang).
171
Das gilt auch für die Kultur- und Sozialwissenschaften. Vgl. auch Setzwein 2004, S. 49ff.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
103
So wird hier Körperkultur als Oberbegriff, „Bodyculture” als eine Form von Körperkultur, die
im Folgenden skizziert wird, verwendet. Um diese Konnotationen beizubehalten, werden
Anglizismen
für
„Bodyculture”-typische
Phänomene
der
in
Deutschland
üblichen
Werbesprache benutzt, wohl wissend, dass dieses nicht dem allgemeinen Sprachgebrauch
in den englischsprachigen Ländern entspricht. Die Ambivalenz zwischen „Body als
Stylingprodukt” und „Body” als (realem) Körper wird dadurch zwar nicht aufgehoben, denn
eine Aufspaltung zwischen „Body” und Körper ist naturgegeben unmöglich, wohl aber zeigen
sich
sprachlich
unterschiedliche
Konnotationen
zwischen
Funktionseinheit
Körper,
Stylingeinheit Body und Erlebniseinheit Soul. „Soul” bedeutet in diesem Kontext nicht Seele,
sondern steht − wie „Body” − stellvertretend für eine Lebensrichtung, die gegenwartsbezogen
nach Erlebnissen hungert.
Die Ästhetisierung des Alltags und im besonderen Maße die des Körpers wird heute von
der Medien- und Konsumwelt vorangetrieben. Die Auseinandersetzung mit dem Körper ist
allerdings vielschichtig. „Die Konsumgesellschaft hat die Stilisierung des Körpers als
Marktlücke entdeckt und mit dem Attribut Gesundheit versehen. (...) Wo der Körper zum
Gegenstand des Heils wird, resultiert entweder die verbissene Sucht nach unaufhörlicher
Fitness oder ein ständiger Kampf gegen den Körper” (Faltermaier 1994, S. 12). Der Körper
ist auch Objekt gesundheitsbezogenen Handelns. In der medizinisch ausgerichteten
Prävention werden Risikofaktoren und daraus abgeleitete Maßnahmen zur Vermeidung von
Krankheiten diskutiert. Strategien zur Gesundheitsstärkung werden partiell vom Markt
aufgegriffen. So werden einer Vielzahl von Lebensmitteln und einzelnen Inhaltsstoffen
schützende
oder stärkende
Eigenschaften
für einzelne Teilbereiche
des Körpers
zugeschrieben und insbesondere als „Functional Food” vermarktet. Der Körper wird dabei
gedanklich in Körperteile bzw. Funktionseinheiten unterteilt. In der sprachlichen Trennung
kultiviert „Bodyculture” lediglich den „Body” und nicht den „Körper”. Der „Body” wird zum
„Stylingprodukt” in einer Welt, in der „nichts unmöglich”172 ist.
Es ist also nicht allein die Amerikanisierung der Sprache, die an sich als schick gilt. Folgt
man den in den Medien und inzwischen auch bei der Allgemeinheit bevorzugten Begriffen,
dann hat in ästhetischer Hinsicht niemand mehr einen „Körper”. „Körper” gilt ebenso wie
Leib173 (Bartsch & Methfessel 2000) als unästhetisch, also nicht vorzeigbar und z. T.
schämenswert. Die mit „Körper” assoziierten Bilder und Begriffe, die für den Körperumgang
wichtig sind, bleiben davon nicht unberührt. Diese eher einseitigen Assoziationen werden
172
Werbeslogan von Toyota. Vgl. Fussnote 28 im Zusammenhang mit Kapitel 2.1.
RTL plant im Herbst 2004 eine Sendung „Alles ist möglich”. In einer so genannten „Doku-Soap” unterziehen
sich einige öffentlich Schönheitsoperationen (Berliner Zeitung vom 19.07.2004: „Absaugen und aufpolstern”,
S. 30.).
173
Weiterführende Literatur zur Begriffbestimmung, z. B. Douglas (1991); Setzwein (2004).
104
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
auch durch den schulischen Gebrauch des Begriffes „Körper” begünstigt, so wird der Körper
im Unterricht verstärkt als physiologische Funktionseinheit behandelt. Die Etablierung der
Ernährungswissenschaft als naturwissenschaftliche Disziplin dokumentiert diese einseitige
Ausrichtung. Emotionale, sinnliche Assoziationen bleiben in den meisten Fällen unberück­
sichtigt. „Body” wird dagegen mit „Feelings”174, Erlebnissen, ästhetischem Genuss und
Inszenierung in Verbindung gebracht. „Body” sollte hohen ästhetischen Maßstäben genügen:
Er sollte schlank (fettfrei), fit und schön sein! „Body” ist das Stylingprodukt der eigenen Arbeit
und Disziplin, die geschlechtsspezifisch175 unterschiedlich ausgeprägt sind.
Der Anglizismus „Body” wird dann statt „Körper” verwendet, wenn semantisch
„Bodyculture” als die heute in westlichen Industrienationen übliche Körperkultur gemeint ist.
Im Wesentlichen ist ein „Body” in dem hier verwendeten Sinn durch drei Merkmale
gekennzeichnet:
•
„Body” ist ein „Stylingprodukt”.
•
„Body” steht im Dienst von „Soul”, d. h. von „Feelings”.
•
„Body” ist ein inszenierter Teil der Persönlichkeit.
5.2.2
Attribute des heutigen Schönheitsideals
Ein Blick auf Einzelheiten des heute gängigen Schönheitsideals erscheint an dieser Stelle
lohnenswert, da dessen Attribute damit assoziierte Wertvorstellungen stark tangiert,
besonders auch das Verhältnis des Menschen zum Essen und zur Genussfähigkeit.
Außerdem kann Essverhalten der Herstellung von Attraktivität und Gesundheit dienen.
Schönheitsideale wandeln sich und hängen mit dem sozialhistorischen Kontext176
zusammen. Vorstellungen von Schönheit177 haben folglich auch Symbolcharakter und ihre
Details spiegeln oftmals das gesellschaftliche Umfeld wider. In der nachfolgenden Aufstel­
lung werden zusammenfassende Leitmotive für die heute geltenden Schönheits­
vorstellungen abgeleitet, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
174
„Feelings” sind nicht gleichzusetzen mit Gefühl. Es geht um eine Inszenierung von Gefühls- und
Erlebnisausdrücken, oftmals „eventhaft”. Ebenso wie sämtliche Anglizismen rund um das Thema „Body” wird
eine auf Darstellung und Äußerlichkeiten gerichtete Perspektive ausgewählt. Dabei steht „Body” im Dienst
der „Feelings”, denn „Body” ist sichtbarer Teil der Persönlichkeit, der „Feelings” visualisiert.
175
So bleiben archaische Essstrukturen heute im Dienste einer „Bodyculture” erhalten. Beispielsweise
bevorzugen Jungen und Männer „kraftspendende” Lebensmittel wie Fleisch (s. o.), Mädchen und Frauen
essen weiterhin lieber fleischarme bzw. -freie Kost und kleinere Portionen. Statt dem Mann unterwirft sich die
Frau von heute ihrem Körper; die mit dieser Kostform verbundenen Intentionen haben sich verändert.
176
Sozialhistorische Bedeutungen von Schlankheit können im Rahmen der Arbeit nicht dargestellt werden. Zur
Vertiefung eignet sich beispielsweise Klotter 1990.
177
Schönheit ist ein Ausdruck von Harmonie in „Übereinstimmung von Schein und Wesen” (Schmidt
(Begründer) 1991). Streben nach Schönheit gab es zu allen Zeiten, aber wurde früher als Privileg oder
Geschenk Gottes angesehen. Dagegen wird aus der Machbarkeit heute ein Anspruch auf Schönheit
abgeleitet.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
105
„Body under control”
Ein künstlich geschaffener „Body” symbolisiert die Beherrschung der Natur, das Über­
winden, zumindest aber die Kontrolle von Naturgesetzen. „Body under control” beinhaltet,
dass Natur kontrolliert wird. Gleichzeitig ist das Image der Natürlichkeit des Körpers ein Wert
an sich. Die dargestellte Natürlichkeit orientiert sich an ästhetischen Maßstäben, die einen
hohen Perfektionsgrad implizieren und in der Natur die Ausnahme darstellen.
Schlankheit
Eine „Vorratshaltung” mit Hilfe der Fettreserven des Körpers ist heute in der westlichen
Welt überflüssig geworden. In der Menschheitsgeschichte ist das ein Novum. Schlankheit
war früher nur für wenige eine Option, für die meisten Folge unzureichender Ernährung.
Dagegen ist Schlankheit heute ein unhinterfragtes Ziel vieler, das Willensstärke und Einsatz
dokumentiert. Muskulöse Schlankheit steht für individuelle Leistung, Selbstbeherrschung,
Modernität, Flexibilität, Dynamik etc. in einer Welt des Überflusses.
In den heutigen Alltagsvorstellungen ist Schönheit der Schlüssel zum Glück. Weibliche
Schönheit wird mit Schlankheit gleichgesetzt, und Glück verkürzt sich auf den ökonomischen
Erfolg. Erfolgreiche Männer sind mit Geld und Macht ausgestattet, und sollten sie auch nicht
gut aussehen, so können sie es sich leisten, sich mit einer attraktiven, jugendlichen Frau zu
schmücken − so ein gängiges Klischee, das allerdings von zunehmendem Druck auf Männer
eingeholt wird. Auch Männer achten zunehmend auf ihre Figur (Essen & Trinken 1998,
S. 67). Alltagserfahrungen178 verstärken Vorstellungen, dass ein Zusammenhang zwischen
Schlanksein und (ökonomischem) Erfolg besteht.
Es ist auf den ersten Blick ein Circulus vitiosus179, in der Schönheit − meist verkürzt auf
Schlankheit − Erfolg180 bedeutet und gesellschaftliche Distinktionsfunktion übernimmt. Die
Realität ist komplexer; Milieuzugehörigkeit offenbart sich nach Bourdieu über den gesamten
Habitus181; Körperform wirkt im Zusammenspiel mit der Gesamterscheinung. Inwiefern diese
These vor dem Hintergrund des Einflusses durch die Medien für den deutschen Raum heute
so gilt, kann nicht mit den aufgeführten Daten (Vester et al. 2001) abschließend geklärt
werden.
178
Vgl. Der Tagesspiegel, 25.11. 2000 mit folgender Schlagzeile zu einer britischen Studie: „Dicke verdienen
weniger”. Vgl. auch Zusammenhang zwischen Übergewicht und sozialer Lage (s. o. ad: „Gewichtsstatus und
gesellschaftliche Distinktion”).
179
Nietzsche schreibt bereits 1899: „Wonach sehnen wir uns beim Anblick der Schönheit? Danach, schön zu
sein: wir wähnen, es müsse viel Glück damit verbunden sein.”
180
Erfolg durch Schönheit ist nicht auf Frauen begrenzt. Auch für Männer ist Schönheit ein Erfolgsförderndes
Element, unabhängig davon, dass sich Vorstellungen zur männlichen und weiblichen Schönheit im Einzelnen
natürlich unterscheiden.
181
Der Habitus wird auch von den milieuspezifischen Schönheitsvorstellungen (Körperform, Kleidung etc.)
beeinflusst.
106
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
Medien arbeiten mit standardisierten Körperidealformen, die typentsprechende Rollen
zugeschrieben bekommen. „Dicke” sind eben entweder „lustig” und „komisch” oder
„dümmlich” bis „tapsig”. Rundum erfolgreiche Typen sind ästhetisierte und manipulierte
Kunstformen, die der natürlich auftretenden Vielfalt von Körperformen meist widersprechen
und damit für die Mehrheit unerreichbare Idealformen bleiben (müssen).
Jugendlichkeit
Jugendlichkeit wird ebenso wie Schlankheit derzeit in allen Altersgruppen angestrebt.
Frauen und Männer wollen unabhängig vom Alter schlank sein wie junge Mädchen bzw.
muskulös und fit wie junge Männer. Die Hoffnung auf ewige Jugend ist alt. Mit den
steigenden Möglichkeiten, das Altern − nicht das Alter − hinauszuschieben, werden Zeichen
sichtbaren Alterns gesellschaftlich missbilligt. Jugend als eine als „gesund” geltende
Bevölkerungsgruppe steht für die „Blüte des Lebens”, d. h. für volle Funktionsfähigkeit.
Dieses ist in einer Leistungsgesellschaft sozial erwünscht und bringt individuell Erfolg. Der
Druck auf den Einzelnen wächst, gegen das Altern (erfolgreich) anzukämpfen.
Dies kommt bezogen auf die Jugendlichen deren Enteignung gleich, denn der jugendliche
Körper wird von älteren Altersgruppen als Ideal okkupiert. Zwar bleibt eine Annäherung an
dieses Ideal Jugendlichen vorbehalten, weil nur sie beispielsweise über eine noch naiv
unverdorbene Frische verfügen, die altersbedingt verloren geht. Dennoch versuchen
Jugendliche einer „Enteignung des Jungseins” entgegen zu wirken, indem sie durch Extreme
diese Idealvorstellungen − auch um den Preis des Hungerns und des langfristigen Risikos
zum Übergewicht sowie gefährlichen Schönheitsoperationen – überhöhen.
Sexualisierung des Körpers
Körper werden zu sexualisierten Objekten, die als besonders werbewirksam gelten, wie
der Slogan „sex sells” plakativ zum Ausdruck bringt. Geschönte, sexualisierte Bilder gehören
zum visuellen Alltag in Mitteleuropa. Im Bereich der Körperlichkeit und Sexualität fielen
zunehmend alle vorstellbaren Schamgrenzen weg. Der Darstellungsdrang vieler lässt
jegliche Intimität vermissen. Durch einschlägige Talkshows findet
diese Art von
„Seelenstriptease” und „Perversität” auch Eingang in die Kinderzimmer. Medienwirksame
Anomalitäten werden durch ihren Platz im Fernsehprogramm teilweise mit Normalität
verwechselt. Sekundärerfahrungen treten an die Stelle des Entdeckens von „Geheimnissen”,
des selbstständigen Erkundens und Ausprobierens. Verstärkend tritt die zunehmende
„Unsichtbarkeit” des realen Erlebens hinzu. Medienkritiker (z. B. Postman 1983) leiten
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
107
bereits in den frühen 1980er Jahren daraus die These ab, dass diese Entwicklung zum
Verschwinden der Kindheit führe.
Androgynität
Die Zuordnung von weiblich und männlich wird schwieriger, da sich Kraft und Zartheit als
Geschlechtsstereotypen auch zwischen den Geschlechtern vermischen. Dennoch tritt in
einer sich als emanzipiert gebenden Welt Androgynität182 besonders hervor. Der Eindruck
einer androgynen Figur wird gerne durch die Art der Darstellungen z. B. Blickwinkel noch
verstärkt. Obwohl zur Erreichung einer solchen Körpersilhouette den meisten Frauen vor
allem die biologischen Voraussetzungen fehlen, ist dieser Typus eine der bevorzugten
Traumfiguren von Frauen und Männern (Pudel et al. 1992). Damit wird in der Entwicklung
vom Mädchen zur Frau ein Ziel vorgegeben, das wesentliche körperliche Seiten der
Weiblichkeit (Fettpolster an Hüften, Bauch, Gesäß, Oberschenkeln) negiert (BuddebergFischer 1997, S. 635). „Mit dem neuen Schönheitsideal hat sich auch der neue Frauenkörper
verändert. Einerseits hat er sich den männlichen Körperformen und -normen angepasst. Er
soll schlank und athletisch sein und signalisiert nichtreproduktive Sexualität sowie
ökonomische
und
emotionale
Unabhängigkeit.
Anderseits
spiegelt
ein
schlanker
Frauenkörper mit seiner Zartheit, kindlichen Zerbrechlichkeit, Passivität, Schutzbedürftigkeit
und Sanftmut traditionelle Weiblichkeit wider (... ). Dies geschieht in einer Zeit, in der immer
mehr Frauen in so genannte Männerdomänen eindringen.” (Stahr 1998, S. 103).
Die von mehr als einem Drittel der weiblichen Bevölkerung bevorzugte androgyne Figur
als Weiblichkeitsideal deutet auf die ambivalente Frauenrolle in unserer Gesellschaft hin.
Zartheit und Zerbrechlichkeit, die nach einem schützenden, starken Mann verlangt auf der
einen Seite, männliche Formen, die beruflichen Erfolg und ökonomische Unabhängigkeit
symbolisieren auf der anderen Seite. Erwachsene bevorzugen nach den DGE-Daten von
1992 sowohl sportlich-androgyne als auch sehr weibliche Frauentypen und muskulöse
Männertypen − in jedem Fall aber schlank bis extrem schlanke Figuren. Zu den von
Erwachsenen vorgegebenen Normen können sich Jugendliche unterschiedlich verhalten,
anpassen oder abgrenzen und zu Trägerinnen und Träger des Wandels werden.
5.2.3
Körpersozialisation in den Familienhaushalten
Die primäre Körpersozialisation findet in den Familien statt. Dabei wirken Eltern als
Sozialisationsagenten auf verschiedenen Ebenen. Eltern sind Vorbilder, die auch als
182
„Androgyn, ach mein Gott, androgyn. Das müssen Sie sich vorstellen wie mit diesen Nimm-Zwei-Bonbons:
Wickelst du's aus, ist doch nur eins drin.” Georgette Dee (Chansonette), 2002 im Jubiliäumsprogrammheft
der Berliner „Bar Jeder Vernunft”, S. 9.
108
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
Konkurrenten oder als Verbündete agieren können. Eltern wirken als Vorbilder durch ihre
real existierende Figur und ihre (Un-)zufriedenheit mit ihrer Figur. Die Beziehung der Eltern
zu ihrem eigenen Körper und zur Körperlichkeit allgemein ist bedeutsam. Damit ist
Körpersozialisation auch Teil der Ernährungserziehung, und zwar im Allgemeinen
geschlechtsdifferent (Setzwein 2004, S. 244ff.) Selbstverantwortliche Ernährungsversorgung
kann als ein Sozialisationsziel nicht unabhängig von Körperbildern diskutiert werden.
„Hinführung zu einer gesünderen Ernährungsweise bei größtmöglicher Selbstständigkeit und
Umsetzung innerhalb der Familie” − so lautet die Zielformulierung eines Konzeptes 183 zur
stationären Rehabilitation von adipösen Kindern und Jugendlichen. Eine Einbindung der
Ernährungs- und Körpersozialisation in Familie und deren Haushaltsstil ist notwendig.
Körper und Schönheitsideale stehen immer auch in Wechselwirkung mit Haushaltsrollen
und Familie. Eltern werden in ihren Rollen als Mutter bzw. Vater, als Hausfrau/-mann, als
Versorger/in, als Ehefrau/-mann und als Erwerbstätige/r etc. wahrgenommen. Entsprechend
ihren Rollen finden sich generell „Standardtypen”, die z. B. in der Werbewelt „verkörperlicht”
werden. Beispielsweise hat eine Mutter die Fähigkeiten, ihre Familie zu verwöhnen, eine
Ehefrau und Geliebte fürchtet um den Verlust ihrer Schönheit, die sie als ihr Kapital
(Setzwein 2004, S. 248f.) empfindet, eine erwerbstätige Frau verdient eigenes Geld durch
ihren Einsatz außer Haus. Wie sieht aber eine „Multirollenfrau” (Buddeberg-Fischer 1997,
S. 633) aus, die sämtliche Rollen in einer Person vereint? Der gesellschaftliche Wandel führt
zu Diskrepanzen zwischen Ansprüchen und Realität. In den Medien präferierte Schönheits­
ideale ignorieren häufig Haushaltsrollen und kreieren „Superfrauen”. Zunehmende
Realisierungsmöglichkeiten
körperlicher
Idealvorstellungen
bringen
Individuen
in
Dilemmasituationen. So sind Reinigungsarbeiten schlecht mit manikürten, lackierten und
langen Fingernägeln zu vereinbaren.
In ihren Familien erleben Jugendliche, wie mit diesen Ansprüchen umgegangen wird.
Umgang mit Körper und Rollenbild können dabei sehr unterschiedlich in Abhängigkeit von
Lebensstil und sozioökonomischer Lage sein. Denn zunächst sind Menschen als Individuen
in Haushalts- und Familienstrukturen eingebunden. Meier (2000, S. 58ff.) spricht deshalb
von Haushaltsstilen anstelle von Lebensstilen und erweitert das Lebensstilkonzept bzw.
Milieukonzept um die Komponente Haushalt. Körper ist für Sozialisation und Regeneration −
zwei
wesentliche
Haushaltsaufgaben
−
Thema.
Körperliche
Voraussetzungen
für
haushälterische Alltagsarbeit und außerhäusliche Erwerbsarbeit werden im Haushalt über
Ernährung, Stärkung und Pflege geschaffen. Für schulpflichtige Jugendliche bedeutet dieses
beispielsweise auch, dass durch die Regeneration im Haushalt eine wichtige Voraussetzung
183
Empfehlungen des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger vom Februar 1998.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
109
für das Lernen in der Schule geschaffen wird. Diskussionen um die Notwendigkeit, in
sozialen Brennpunkten Schulfrühstück einzuführen, zeigen, wie schwierig dieses teilweise für
Haushalte sein kann. Ziel der Daseinsvorsorge ist allerdings sowohl eine physische als auch
eine psychische Regeneration. Die Verknüpfung von Körper und Psyche, die als Einheit
fungieren und somit zur Gesundheit des Menschen beitragen, bewirkt Authentizität und
Identität eines Menschen. Diese Vorstellung weicht vom Begriff „Body” entscheidend ab,
denn Schönheitsnormen werden durch Medien definiert, ohne die Maßstäbe der Realität
anzulegen. Trotzdem kann gerade in der Jugendphase eine körperbetonte Ästhetisierung
verlockend sein, denn erstens hat Körperlichkeit entwicklungsbedingt für die Findung der
(Geschlechts-)Identität zentrale Bedeutung und zweitens ist ein jugendlich-frischer Körper
als Kapital der Jugend für Ältere unerreichbar. Die Suggestion, dass durch einen perfekten
„Body” ein glückliches Leben erreichbar sei, kann außerdem bei der Bewältigung entwick­
lungsbedingter Ängste helfen. Um eine langfristig positive Einstellung zum eigenen Körper
entwickeln zu können, sind weitere Modelle des Körperumgangs wie das der Eltern etc.
hilfreich.
Elterlicher Umgang mit Schönheitsidealen zeigt sich in deren Haltung gegenüber dem
eigenen Körper, dem ihres Kindes und dem anderer Personen. Eltern, zu denen
Heranwachsende eine wichtige emotionale Beziehung (positiv und negativ) haben,
beeinflussen die Wirkung der Bilder auf die Heranwachsenden aus den Medien durch ihre
persönliche Einstellung nachhaltig. Beispielsweise können Eltern in den Medien präferierte
Figurideale
(indirekt) kommentieren.
Dass dabei
auch Eltern von den
gängigen
Schönheitsidealen nicht unbeeinflusst bleiben, zeigt sich z. B. darin, dass Eltern das Gewicht
ihrer Kinder nicht immer realistisch einschätzen. So werden Töchter dicker wahrgenommen
als Söhne (Graber & Brooks-Gunn 1999, S. 55). Die Attraktivität der Tochter für das andere
Geschlecht scheint für Mütter und Väter unabhängig von den emanzipatorischen
Vorstellungen nach wie vor eine herausgehobene Rolle zu spielen, so dass junge Mädchen
doppelt
unter
Leistungsdruck
stehen.
Körpersozialisation
findet
auch
über
eine
Reglementierung des Essverhalten geschlechtsspezifisch unterschiedlich statt (Setzwein
2004, S. 244ff.). So werden Jungen bei Mahlzeiten öfters dazu aufgefordert nachzunehmen
als Mädchen (Diehl 1996, S. 54).
Individuelle
Körpervorstellungen
bestimmen
auch
individuelles
Essverhalten
und
beeinflussen somit den Haushaltsalltag. Beispielsweise lassen Jugendliche gerne das
Frühstück ausfallen (vgl. Kapitel 3), dieses wirkt sich auf den gemeinsamen Frühstücksalltag
in den Familien aus. Wenn im Haushalt eine jugendliche Vegetarierin (nur wenige Jungen
verzichten auf Fleisch) lebt, so wird sie nicht alle Speisen mitessen und andere Lebensmittel­
110
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
zubereitungen werden ausgewählt. An dieser Stelle wird deutlich − unabhängig wie in den
Haushalten auf die veränderten Anforderungen reagiert wird –, dass Jugendliche als Akteure
auch Haushalte verändern. In der Jugendzeit steht der Körper im Mittelpunkt des Interesses.
Körpervorstellungen von Jugendlichen determinieren deren Essbedürfnisse, die in Familie
und in Peergroup umgesetzt werden. Zum Beispiel haben Mädchen und Jungen bereits in
der Pubertät unterschiedliche Bedarfe; und der von Medien geförderte und von den
Jugendlichen präferierte Umgang mit dem Körper begünstigt eine Ernährung, die physische
und psychosoziale Funktionen erfüllt und die für eine individuelle Körpergestaltung funktiona­
lisiert wird. In den Haushalten treffen diese und weitere unterschiedliche Bedürfnisse, die
durch Nahrung befriedigt werden sollen, zusammen und stellen neue Herausforderung an
die Versorgung dar. Gleichzeitig ist von den Heranwachsenden ein selbstbestimmender
Umgang mit Essen zu entwickeln, der einer ausgewogenen Ernährung dient. Diese zentrale
Haushaltsaufgabe gewinnt vor dem Hintergrund des individuellen Essverhaltens an
Wichtigkeit, stellt aber auch eine zusätzliche Herausforderung für die Sozialisationsinstanz
Haushalt dar.
Eine weitere Haushaltsaufgabe der modernen Kernfamilie besteht in der „Platzierung der
Nachkommen, die ihrerseits Kernfamilien bilden” können (Piorkowsky 2000, S. 19). Im
Allgemeinen gilt das Äußere als förderlich für privaten und beruflichen Erfolg in unserer
Gesellschaft. Entsprechend fühlen sich Eltern auch für das Aussehen ihrer Kinder
verantwortlich, denn ein „vorzeigbares” Kind wird von der Umwelt als Erziehungserfolg hono­
riert. Zwar begegnen Eltern den Lebensvorstellungen ihrer Kinder heute meist mit großer
Offenheit und unterstützen sie. Bei jungen Mädchen bezieht sich der Ehrgeiz der Eltern,
besonders der Mütter, auch auf die berufliche Entwicklung. Auf der anderen Seite hat die
Schönheit der Töchter trotz aller Offenheit einen hohen Stellenwert, und die Anforderungen
an das Aussehen steigen. Elterliches Verhalten kann daher durchaus ambivalent sein. Bei­
spielsweise werden sich Mütter in Bezug auf die eigene Person angesichts des Aufblühens
der Tochter zur Frau ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst. Trotz ihres Ehrgeizes und
Stolzes bezüglich der Tochter begeben sie sich gerne auch in Konkurrenz. Ein anderes
Beispiel: Gerade Mütter fördern gerne berufliche Leistung und „innere Werte” ihrer Töchter.
Gleichzeitig investieren sie in die „Schönheit”184. Ambivalente Gefühle der Konkurrenz des
gleichgeschlechtlichen Elternteils werden in den wissenschaftlichen Disziplinen (z. B. Kolip
1995; Buddeberg-Fischer 1997) unterschiedlich diskutiert, können hier jedoch nicht vertieft
werden. Ebenso wenig können in diesem Rahmen Aussagen über die Solidarisierung von
184
Beobachtung auf einer Frauenmesse: Der Stand für die Rentenvorsorge für Frauen bleibt
Nachfrage, während der gegenüberliegende Stilberatung stark frequentiert wird.
fast ohne
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
111
Müttern und Töchtern getroffen werden, wie sie beispielsweise aus gemeinsam durch­
geführten Diäten (gemeinsame Betroffenheit) abgeleitet werden könnte.
5.3
5.3.1
Körperliche Veränderungen in der Pubertät
Körperliche Entwicklung von Mädchen und Jungen
Die biologische Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen lässt sich zeitlich eingrenzen,
weicht hinsichtlich Beginn und Tempo im Einzelfall185 auch ab (Grob & Jaschinski 2003,
S. 36; vgl. auch Oerter & Dreher 2002, S. 280ff.). Sie dauert durchschnittlich etwa vier Jahre.
Körperliche Veränderungen umfassen Wachstum, Gestaltwandel und Sexual- bzw.
Geschlechtsreife. Größe, Gewicht und Proportionen verändern sich nicht gleichmäßig,
sondern sind durch asynchrones Wachstum gekennzeichnet. Dieses führt zu den typischen
„Pubeszentendisharmonien” (Remschmidt 1992, S. 30) wie „Babyspeck(reste)”, lange Nasen
etc. Der Gestaltwandel umfasst in erster Linie die Ausbildung der primären und sekundären
Geschlechtsmerkmale, die mit dem Erreichen der Geschlechtsreife − biologisch gesehen −
den erwachsenen Menschen ausmachen. Dieser biologische Reifungsprozess ist im
Allgemeinen mit spätestens 20 Jahren abgeschlossen (Methfessel 1999d, S. 44ff.; vgl. auch
Remschmidt 1992; Oerter & Dreher 2002, S. 276ff.).
Für das Aussehen sind Längenwachstum im Zusammenspiel mit dem Körpergewicht und
die Veränderung der Proportionen interessant. Der den Beginn der Pubertät kennzeichnende
Wachstumsschub mit jährlichem Größenzuwachs bei Jungen von bis zu 9,5 cm und bei
Mädchen bis zu 8 cm, erfolgt bei Mädchen mit 8 bis 10 Jahren durchschnittlich zwei Jahre
früher als bei Jungen (vgl. Oerter & Dreher 2002, S. 277f.). Im Resultat sind erwachsene
Männer insgesamt circa 12 bis 13 cm länger als Frauen. Die Proportionen verändern sich
geschlechtstypisch nach einem biologisch determinierten Entwicklungsplan, beginnend mit
den Extremitäten (vgl. auch Remschmidt 1992). Für das figürliche Erscheinungsbild ist die
geschlechtsdifferenzierende Entwicklung des Muskel- und Körperfettanteiles wichtig. Jungen
erlangen bis zum Ende der Pubertätsphase etwa die dreifache Muskelmasse im Vergleich
zum Fettgewebe (Grob & Jaschinski 2003, S. 34). Dieses hat zur Folge, dass Körperkraft bei
Jungen stark ansteigt. Bei Mädchen bilden sich aufgrund einer nahezu gleichen Verteilung
von Fettgewebe und Muskelmasse (ebd.) typische weibliche Rundungen, die in Abhängigkeit
von ihren Ausprägungen dem gängigen Schlankheitsideal widersprechen können.
Ein Thema der Ernährungsbildung und -prävention (BzgA 1998, S. 117) ist die
Vermeidung von Über- und Untergewicht mit dem Inhalt und Ziel der Prävention von
185
So ist beispielsweise der Zeitpunkt des Auftretens der erste Menstruation für Mädchen durchaus von großer
Bedeutung, unabhängig davon, ob es biologisch als „normal” gesehen wird. Das biologische Zeitintervall
reicht von 8 bis 18 Jahre.
112
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
körperlichen Folgeerkrankungen. Für Betroffene selbst sind kurzfristige Beeinträchtigungen
des physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens meist dringlicher als eine
langfristige Gesundheitsprophylaxe. Störungen der psychosozialen Entwicklung von Kindern
und Jugendlichen, die durch die Stigmatisierung in einer Gesellschaft mit Schlankheitsdiktat
verstärkt werden, sind daher ebenso bedeutsam.
5.3.2
Über- und Untergewicht im Jugendalter
Der Body Mass Index186 ist ein inzwischen weltweit akzeptiertes Maß zur Abschätzung des
Körperfettanteils187 und wird in Screeninguntersuchungen bei Erwachsenen genutzt. Für
Kinder und Jugendliche gilt der Body Mass Index nur begrenzt; zwar empfehlen die
Childhood Group, der International Obesity Task Force (IOTF) und der European Childhood
Obesity Group (ECOG), den Body Mass Index bei Screeninguntersuchungen und Verlaufs­
beobachtungen heranzuziehen, aber zur individuellen Spezifikation von Über- bzw.
Untergewicht sollten weitere Kriterien beachtet werden. In den nachfolgenden Darstellungen
bleibt der Konstitutionstypus unberücksichtigt, da dies im Allgemeinen bei epidemiologischen
Betrachtungen unüblich ist. Die fehlende Beachtung sagt nichts über dessen Bedeutung in
diesem Zusammenhang aus.
„Da der BMI im Kindes- und Jugendalter entsprechend den physiologischen Änderungen
der prozentualen Körperfettmasse von deutlichen alters- und geschlechtsspezifischen
Besonderheiten beeinflusst wird, muss man bei seiner Beurteilung Alter und Geschlecht
berücksichtigen.” (DGE 2001a). Mit Hilfe von populationsspezifischen Referenzwerten, die
alters- und geschlechtsspezifisch in Perzentilen dargestellt werden, findet die Einordnung
des individuellen Body-Mass-Index-Wertes statt188. Es wird eine statistische Verteilung der
Referenzwerte nach Alter und Geschlecht in der Population aufgestellt. Die Überschreitung
des 90. Perzentils (etwa eine Standardabweichung) und des 97. Perzentils (etwa zwei
Standardabweichungen) gelten als auffällig bzw. sehr auffällig. Mit 18 Jahren gelten die
spezifischen Werte für Erwachsene. „Eine Adipositas liegt vor, wenn der Körperfettanteil an
der Gesamtkörpermasse pathologisch erhöht ist.” (DGE 2001a). Für Erwachsene 189 wird ein
Body Mass Index größer 25 als Grenze zum Übergewicht und größer 30 als Grenze zur
186
Body Mass Index = BMI = Körpergewicht in kg/Körpergröße 2 in Quadratmeter (m²).
187
Die exakte Bestimmung des Körperfettanteils ist aufwändig und kostspielig. Die für den Body Mass Index
notwendigen Daten, Körpergröße und Körpergewicht, sind leicht zu ermitteln. Da der Body Mass Index eine
grobe Einschätzung des Körperfettanteils erlaubt, ist es weltweit üblich, diesen bei Screeninguntersuchungen
einzusetzen (vgl. DGE 2001a).
188
Weiterführende Literatur: Klotter (1990).
189
Mit zunehmendem Alter werden höhere Werte für den Body Mass Index für das Normalgewicht angesetzt
(Pudel et al. 1992).
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
113
Adipositas gesehen. Ein Body Mass Index kleiner 18 bei Erwachsenen wird als Grenze zum
Untergewicht betrachtet.
Der Ernährungszustand wird üblicherweise zunächst anhand des Körpergewichtes
eingeschätzt. Um Entwicklungen bezüglich des Gewichtszustandes zu erkennen, werden für
den Ernährungsbericht 2000 die ermittelten Referenzwerte des Ernährungsberichtes 1984
für Jungen und Mädchen vergleichend herangezogen. Dieser Vergleich ergibt keinen
nennenswerten Anstieg der Gesamtprävalenz von Übergewicht und Adipositas in
Deutschland (DGE 2000). In Untergruppierungen kommt die DGE zu abweichenden
Ergebnissen: „Die Prävalenz adipöser Mädchen zwischen 6 bis unter 10 Jahren hat von 3
auf 7 % zugenommen, ebenso bei Jungen von 5 auf 10 %. Untergewicht bei Mädchen über
13 Jahre verringerte sich von 17 auf 3 %, bei Jungen von 5 auf 3 %. Verwendet man
hingegen die Klassifikationsgrenzen nach ROLLAND-CACHERA so ergibt sich ein Anstieg
der Adipositashäufigkeit von 12 bis 14 % bei Jungen und Mädchen. Da jedoch das
Größenwachstum weiter zugenommen hat (Akzeleration), stellt sich die Frage, ob diese
Kinder wirklich als adipös einzustufen sind.” (DGE 2001a).
Die World Health Organization (WHO) stellte im Zusammenhang mit dem MONICAProjekt190 fest, dass knapp ein Drittel der Jugendlichen bereits übergewichtig sei (nach DGE
2001). Adipositas ist das derzeit am „rasantesten steigende” Gesundheitsrisiko, so dass die
WHO von „Adipositasepidemie” spricht191 (DGE 2001b). Ursachen für Übergewicht und
Adipositas (nicht nur) im Jugendalter sind multifaktoriell. Die Zunahme von übergewichtigen
und adipösen Menschen wird auch als Folge der in der Industriegesellschaft vor­
herrschenden „adipogener Umweltbedingungen” (Heseker 2005, S. 29) diskutiert. Haupt­
ursachen sind erhöhte Energiezufuhr (u. a. durch den Wandel der Ernährungsgewohnheiten)
und körperliche Inaktivität, meist in Kombination. Genetische Dispositionen spielen neben
zahlreichen weiteren physiologischen und psychosozialen Einflussfaktoren (Logue 1995,
S. 295ff.) eine wichtige Rolle. Letztlich ist die Ätiopathogenese jedoch in der Diskussion
(Pudel & Westenhöfer 1991, S. 115).
Laut Ernährungsbericht 2000 (Pudel 2000, S. 118ff.) sind gesundheitsbezogene
Einstellungen von Kindern zur Ernährung unabhängig von deren jeweiligen Gewichtsstatus.
Aber die Prävalenzraten für Übergewicht und Adipositas sind für sozial benachteiligte Kinder
deutlich erhöht (Kolip 2004, S. 235). Weiter besteht ein erhöhtes Adipositasrisiko für Kinder,
deren Eltern übergewichtig sind, deren Eltern Hauptschulabgänger sind und für Kinder mit
190
MONItoring trends and determinants in CArdiovascular disease (MONICA-Projekt)
191
Die Prävalenzangaben sind je nach Literatur unterschiedlich. So liegen die Angaben für Adipositashäufigkeit
bei deutschen Schulkindern zwischen 6,3 und 13 %, die für Übergewicht zwischen 17 und 30 %
(Barnow et al. 2003, S. 8; vgl. auch Wirth 2004, S. A1746; BzgA 1998).
114
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
geringer körperlicher Aktivität. (Danielzik 2003, S. 16ff. und S. 93ff.). Der tägliche
Fernsehkonsum korreliert signifikant positiv mit erhöhtem Körpergewicht (z. B. Pudel 2000,
S. 129; Wirth 2004, A 1748; Heseker 2005). Hauptverantwortlich scheinen somit
Bewegungsmangel und ungünstiges Essverhalten zu sein. Für 13 bis 16-Jährige konnte
empirisch nachgewiesen werden, dass eine fernsehorientierte Freizeitgestaltung den
Konsum von hochenergiehaltigen Produkten wie Süßigkeiten, Süßgetränken etc. fördert,
während ernährungsphysiologisch günstigere Lebensmittel wie Obst, Gemüse etc. weniger
häufig von jugendlichen Vielsehern gegessen werden (Gerhards & Rössel 2003a, S. 55).
Nebenbei bemerkt ist interessant, dass eine positive Einstellung zur gesunderhaltenden
Ernährung ebenfalls mit der Fernsehdauer korreliert (DGE 2004, S. 380).
Bereits in den 1980er Jahren stellte beispielsweise Logue einen Zusammenhang
zwischen Fernsehkonsum bzw. auch Werbeeinfluss und Adipositas her (Logue 1995,
S. 300). Neuere Studien (Pudel 2000, S.133ff.; Hastings et al. 2003, S. 13) weisen
besonders auf verändertes Essverhalten der Kinder durch vermehrt konsumierte Werbung
hin. Anders als Hastings et al. (2003, S. 13) schränkt Pudel (2000, S. 145) ein, dass andere
Einflüsse − wie das Essensangebot zu Hause oder das Essverhalten von Freunden − eine
noch stärkere Wirkung als die Werbespots an sich haben. Auch im Ernährungsbericht 2004
wird ein direkter Einfluss der Werbung auf ungünstiges Essverhalten weitaus vorsichtiger
diskutiert. Das Zusammentreffen von ungünstigem Ernährungsverhalten und intensiver
Fernsehnutzung bei Bevölkerungsgruppen mit niedriger formaler Bildung und geringerem
Haushaltseinkommen korreliere zwar, müsse jedoch nicht kausal zusammenhängen (DGE
2004, S. 382).
5.3.3
Körper(un)zufriedenheit
Körper(un)zufriedenheit ist ein Faktor, der zunehmend im Zusammenhang mit Essen
diskutiert wird, denn „Körper” − d. h. hier das Verhältnis zum Körper und der Umgang mit
dem Körper − ist eine Determinante des Essverhaltens. „Der alltägliche Umgang mit dem
Körper ist für die Entwicklungsphase Jugend ein zentrales Problem” (Engel & Hurrelmann
1998, S. 280) und die Mehrzahl aller Jugendlichen ist mit ihrem Körper unzufrieden
(Anderson et al. 2001, S. 111ff.; Bongers 1995; Fend 1994, S. 164; Fend 2000; Pope et al.
2001, S. 235ff.;
Roth
1998;
Rosenblum
& Lewis 1999). Die Zufriedenheit
ist
geschlechtsspezifisch unterschiedlich (Kolip 2004, S. 238).
So erleben Mädchen ihren sich zur Frau entwickelnden Körper eher als Bedrohung, da
der entwicklungsbedingt relativ rasche Fettzuwachs bei den Mädchen ab dem 10. Lebens­
jahr (Grob & Jaschinski 2003, S. 35; vgl. auch Buddeberg-Fischer 1997) dem gängigen
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
115
Schönheitsideal widerspricht. Mädchen sind daher vergleichsweise unzufrieden mit ihrem
Aussehen. Und ihre Unzufriedenheit steigt mit zunehmendem Alter (Rosenblum & Lewis
1999; Anderson et al. 2001192). Dabei spielt Körpergewicht besonders für Mädchen eine
herausragende Rolle (Fend 1994, S. 171; vgl. auch Roth 1998, S. 214), teilweise empfinden
sich Mädchen trotz bestehenden Untergewichts als zu dick (Kolip 1995, S. 105f.; vgl. auch
Rathner & Waldherr 1997; Diehl 1996, S. 57; Oerter & Dreher 2002, S. 282; Kolip 2004,
S. 238). Im Durchschnitt wären sie lieber 2 bis 3 kg leichter (Grob & Jaschinski 2003, S. 35).
Mädchen orientieren sich bevorzugt an „perfekten” Vorbildern, besonders aus den Medien
(vgl. Fend 2000 und Abbildung 4), die sich nicht allein auf Gewichtsnormen reduzieren
lassen und einen auf „Body” ausgerichteten Körperumgang implizieren.
„Wie grausam der Attraktivitäts-Standard sein kann, illustriert der folgende Text von zwei Mädchen:
»Wenn wir den Mann von Welt für uns gewinnen wollen, müssen wir ...
... die Zähne zusammenbeißen und radikal abnehmen,
... uns das Vergnügen am Essen verbieten,
... problemlos sein,
... zierliche Füße,
... wohlgeformte Waden,
... enthaarte Beine,
... straffe Schenkel,
... knackige Hintern,
... abgezirkeltes Dreieck,
... flachen Bauch,
... einen möglichst großen, festen, nicht hängenden, glatten Busen mit rosigen Brustwarzen,
... sauber rasierte Achseln,
... samtiges Dekolleté,
... langen Hals,
... kleine Ohren mit weichen Läppchen,
... kleine, zierliche Nase,
... große, ausdrucksvolle Augen,
... lange Wimpern,
... feine Augenbrauen,
... strahlend weiße Zähne,
... sinnlichen Mund,
... warme Stimme,
... glänzend, füllige Haare,
... einen erotisierenden Duft haben,
... kurz: nicht wir sein! «
Carlotta Baehr, 20 Jahre, Carola Meinecke, 18 Jahre”. (Fend 1994, S. 128, Fussnote 21, Hervorhebungen im Original).
Abbildung 4 Schönheitsideal nach Studie von Fend 1984
192
Anderson et al. stellen bei 75 % der befragten Mädchen fest, dass sie mit ihrem Körper unzufrieden sind,
davon wollen 69 % abnehmen (Anderson et al. 2001, S. 110). Zum Vergleich: 50 % der Mädchen im Alter
von 7 bis 16 Jahren finden sich zu dick oder viel zu dick (Westenhöfer 2002, S. 20).
116
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
Eine Abhängigkeit von der (realen oder eingebildeten) Differenz zwischen Körpererleben
und angestrebtem Körperbild kann problematische Folgen für das Körperselbstbild haben
(Roth 1998). So schämen sich dann auch Mädchen häufiger für ihren Körper als Jungen. Für
Mädchen heißt sich „im eigenen Körper wohlzufühlen” meistens, sich als schön zu
empfinden, während „sich unwohl fühlen” oft damit zu tun hat, dass sie sich für dick bzw.
nicht attraktiv genug halten (Helfferich et al. 1986, S. 139ff.; Seiffge-Krenke 1994; Kupfer
et al. 1992, S. 161; Rathner & Waldherr 1997). Der Begriff des „normal-verrückten”
Ernährungsverhaltens von Mädchen und Frauen (Schmidt-Waldherr 1984) charakterisiert
beide Seiten des Verhaltens: Auf der einen Seite bekommt die Unzufriedenheit mit der Figur
schon die Bedeutung einer Norm im Sinne eines erwarteten Verhaltens. Auf der anderen
Seite verweist die in der Sache nicht begründete Kritik auf eine „ver-rückte” Wahrnehmung
des eigenen Körpers. „Die bei der Mehrheit der Frauen bestehende (oder eingebildete)
Diskrepanz zwischen dem eigenen Körper(gewicht) und dem der Modelle hat dazu geführt,
dass bereits bei Mädchen in der vierten Klassenstufe und von dort bis zu Frauen im hohen
Alter der überwiegende Teil mit Gewicht und Körperform (extrem) unzufrieden ist und massiv
abnehmen möchte, wobei dies im erheblichen Umfang auch für weibliche Personen gilt, bei
denen objektiv keine Überschreitung der Gewichts- und Figurnorm festzustellen ist.
Ernährung und Essen, Gewicht und Körperbau sind für viele zur Quelle ständiger Sorgen
und Schuldgefühle geworden.” (Diehl 1996, S. 57). Diese seit den 1980er Jahren − zunächst
bei Mädchen und Frauen − beschriebene Entwicklung dürfte weiter fortgeschritten sein.
Jungen erleben ihren Körper dagegen eher als Potential, weil die altersgemäße
Entwicklung ihrem Wunsch kräftig, stark und muskulös gebaut zu sein, entgegenkommt
(Buddeberg-Fischer 1997, S. 635); Jungen entwickeln ein entsprechend positives Körper­
selbstbild (Oerter & Dreher 2002, S. 282). Rosenblum und Lewis können in ihrer Studie
zeigen, dass "... in contrast to girls, pubertal development generally serves to bring boys'
bodies closer to the masculine ideal of larger size and muscularity" (Rosenblum & Lewis
1999, S. 58; vgl. auch Schmidt-Waldherr 1984; Pudel et al. 1992; Anderson et al. 2001).
Allerdings nimmt − wie Methfessel (1999d) in ihrem Überblick über die Studien zum
Thema festgestellte − auch bei Jungen aufgrund einer erlebten Diskrepanz zwischen
Körperrealität
und
Körperideal
die
Unzufriedenheit
zu.
Neuere
US-amerikanische
Untersuchungen193 untermauern diese These. Es zeigt sich, dass „... viele Jungen tatsächlich
Hemmungen in Bezug auf ihren Körper haben und unglücklich über ihr Aussehen sind.”
(Pope et al. 2001, S. 240). Ihre Unzufriedenheit bezieht sich hauptsächlich auf ihr Körper­
193
Das Ergebnis einer weiteren amerikanische Studie zeigt, dass 42 % von rund 900 befragten männlichen
Jugendlichen unzufrieden mit ihrem Gewicht, 33 % unzufrieden mit ihrer Figur sind. Rund ein Drittel der
normalgewichtigen Jungen waren unzufrieden mit seinem Körpergewicht, davon glauben gut zwei Drittel, sie
hätten Untergewicht (Dan Moore Studie nach Pope et al. 2001, S. 240).
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
117
gewicht, ihre Körpergröße, ihren Muskelzustand (Wunsch nach breiter Brust, kräftigen
Armen, schmaler Taille) und ihre Hautunreinheiten. So sind 72 % der Jungen mit ihrem
Gewicht unzufrieden, davon wollen 49 % an Gewicht zulegen und 23 % wollen abnehmen
(Anderson et al. 2001, S. 110; vgl. auch Westenhöfer 2002).
5.4
5.4.1
Wunschfigur und Jugendalltag − Körperideal und Realität
Figurmodellierung als Teil einer Jugendkultur
Der gesellschaftliche Druck wenigstens zur Schlankheit, die häufig mit sozialem Erfolg
assoziiert wird, wirkt auf beide Geschlechter. Daher rückt im Folgenden die Frage nach der
Verwirklichung in den Mittelpunkt. Schlank (und schön) sein, gibt Jugendlichen Sicherheit im
Umgang mit anderen. In subjektiven Vorstellungen von Jugendlichen, besonders von Mäd­
chen, besteht eine enge Korrelation zwischen Aussehen und sozialer Akzeptanz in der
Peergroup (Fend 1994, S. 136). Fend untersuchte in seiner 2. Züricher Replikationsstudie
1992 (a. a. O.) Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren. Er stellt in seiner Erhebungs­
gruppe Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung von physischer Attraktivität
fest. In den subjektiven Vorstellungen der Jugendlichen hängen soziale Erwartungen und
Attraktivität zusammen. Fend leitet daraus zirkuläre Folgen für das jeweilige Selbstkonzept
ab (a. a. O., S. 127), und zwar unabhängig davon, dass tatsächliche soziale Akzeptanz
multifaktorielle Ursachen hat und „Aussehen” lediglich einen Teilaspekt darstellt (a. a. O.,
S. 115ff.).
Die Möglichkeiten zur Nutzung von körperbezogenen Handlungsmöglichkeiten sind Teil
der erlebbaren Umwelt. Ernährungs- und Bewegungsverhalten sind vergleichsweise einfache
Steuerungsmöglichkeiten, deren Bedeutung und Einsatz hier von Interesse sind. Nach dem
hier zugrunde liegenden Verständnis suchen Jugendliche als aktiv Handelnde nach alltags­
adäquaten Lösungen; daher wird zunächst ein Überblick über körperbezogene Hand­
lungsmöglichkeiten gegeben.
Exkurs: Modellierungstechniken
Essverhalten und Aussehen stehen in engem Zusammenhang. Die Intention, durch
kalorienreduzierte „Diäten” und bestimmte Nahrungsmittel Einfluss auf das Aussehen und
die physische Befindlichkeit zu nehmen, also zu „manipulieren”, ist kulturspezifisch different
seit jeher vorhanden. Generell gehen Möglichkeiten der Körpermanipulation über die des
Essens hinaus. „Manipulationen” dienen im Wesentlichen drei Funktionen, die der hier
vorgenommenen Einteilung194 zugrunde liegen:
194
Die hier vorgenommene Einteilung dient lediglich zur Einordnung für die hier vorliegende Arbeit. Sie basiert
nicht auf Strukturierungen aus der Literatur.
118
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
1. Ästhetische Inszenierung (schmückende Funktion)
2. Perfektionierung (Verbesserungsfunktion)
3. Restaurierung (Wiederherstellungsfunktion)
Methoden der ästhetischen Inszenierung stellen den schmückenden Charakter der
Veränderung vor die Funktionalität. Ziel derartiger Manipulationen ist die Sichtbarkeit der
ästhetischen Veränderung. Neben der schmückenden Funktion gewinnt die Perfektionierung
des Körpers als „Body” und die Restaurierung (Eliminierung von Alltags- und Altersspuren)
mehr und mehr an Bedeutung. Anders als bei ästhetisierenden Formen sollen
Außenstehende die Mühen und Qualen der Manipulationen nicht erkennen. Weit verbreitet
sind
sämtliche
Praktiken
der
Manipulationen
durch
das
Essen:
Reduktion
der
Nahrungsaufnahme, einseitige Kostformen, medikamentöse Unterstützung etc. Der Wunsch
nach Anerkennung durch äußerliche Schönheit ist gerade im Jugendalter eine hohe
Motivation, auch zu radikalen, qualvollen Methoden zu greifen. Die zunehmende Verbreitung
von Essstörungen195 (Stahr 1999; Buddeberg-Fischer 2000) ist ein Beleg dafür. Im
Zusammenhang mit Schönheitsidealen muss über die Tabuisierung des Weges zum
perfekten „Body” diskutiert werden. Ergebnisorientiert wird ein „Body” präsentiert, auf dem
Weg zum „Body” ist jeder für sich allein. So fördern nicht hinterfragte Idealvorstellungen eine
Kasteiung des Einzelnen, der mit seinen Unzulänglichkeiten allein gelassen wird. Den
körperlichen Manipulationen durch das Essen sind naturgegeben Grenzen gesetzt. Die
körperlichen Voraussetzungen für den Figurtypus sind genetisch determiniert. Figurtypen
sind in den Ethnien unterschiedlich disponiert und unterscheiden sich. Wie erwähnt fehlen
der
Mehrheit
beispielsweise
der
eines
Frauen
die
androgynen
körperbaulichen
Körpers.
Voraussetzungen
Ernährungs-
und
zur
Erreichung
Bewegungsverhalten
beeinflussen Gewicht und Muskulatur, die genetisch determinierte Disposition limitiert dabei
die Möglichkeiten der Machbarkeit.
Durch Training von ausgewählten Muskelgruppen und Bearbeitung von „Problemzonen”
und auch durch Einnahme von z. B. Eiweißpräparaten können in Grenzen Veränderungen
erreicht werden. Hinzu kommen weitergehende Maßnahmen wie kosmetische und operative
Eingriffe, die – von Ausnahmen (z. B. Fernsehsendungen „The Swan” beim Privatsender
ProSieben) abgesehen – ebenso im Verborgenen stattfinden. Manchen selbst ernannten
Experten ermöglicht die Tabuisierung ein gewinnbringendes Geschäft, das für die Kunden
oftmals mit hohen (gesundheitlichen und ästhetischen) Risiken verknüpft ist. Im Verborgenen
195
Essstörungen werden im Rahmen dieser Arbeit nicht weitergehend thematisiert.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
119
gedeiht, was unausgesprochen immer mehr als Standard gilt196. Zu beobachten ist allerdings
gerade bei jungen Mädchen und Frauen auch der Versuch, Eingriffe gesellschaftsfähig197 zu
machen. Wie immer wieder zu hören und lesen ist, lassen sich beispielsweise weibliche
Jugendliche einen „neuen Busen” schenken.
Unter „Verzicht” werden hier Reduktion der aufgenommenen Energiemenge verstanden,
dieses kann sowohl durch den Wegfall einzelner − meist energiereicher − Lebensmittel oder
durch Auslassen von Mahlzeiten als auch durch energiereduzierte „Diäten” erreicht werden.
In einer repräsentativen Umfrage antworteten auf die Frage „Wie verhalten sie sich
momentan?”, 4 % der Befragten „Diät”, 48 % „Disziplin” und 48 % „Essen, was schmeckt”
(Nestlé Studie 1999). „Verzicht”, „diszipliniertes Essen” und „Diät” implizieren nicht satt
werden und werden als „gezügeltes Essverhalten”, d. h. eine bewusst über kognitive
Kontrollmechanismen eingeschränkte Nahrungsaufnahme, bezeichnet. „Ungezügeltes”
Essen unterscheidet sich durch die spontane Reaktion auf Hunger-, Appetit- und Sättigungs­
gefühle (vgl. DGE 1988, S. 213). Gängige Strategien des gezügelten Essens sind
beispielsweise, Lebensmittel in „gute” und „schlechte” einzuteilen und Essensmengen zu
reduzieren. Häufig treten beobachtbare Veränderungen im Essverhalten auf, die die
Entstehung von Essstörungen begünstigen durch Dispositionen wie Steigerung der
Außenreizabhängigkeit,
streßinduzierte,
hyperphage
Reaktionen,
Störung
des
Sättigungserlebens und verzögerter Appetenzverlust (vgl. dazu auch Grunert 1993).
Gezügeltes Essverhalten ist besonders häufig bei jungen (schlanken) Mädchen und Frauen
anzutreffen; dies ist ein Teil von „normal-verrücktem” Essverhalten (Schmidt-Waldherr 1984).
Vermehrte Bewegung und gezieltes Training sind weitere Möglichkeiten der Figur­
modellierung. Diese Techniken können neben der Reduktion von Körpergewicht, v. a. zum
gezielten Muskelaufbau und zur Kräftigung eingesetzt werden.
Figurmodellierung im Alltag der Jugendlichen
Betrachtet man die Daten zum Ernährungsverhalten von Jugendlichen, zeigt sich
folgendes Bild. Auf der Grundlage der bereits Ende der 1970er Jahren durchgeführten DGEUmfrage (1978/79) sprechen schon Pudel und Westenhöfer (1991, S. 142) vom „kollektiven
Diätverhalten”. Dieses gilt nach neueren Zahlen gerade auch für Jugendliche. Entsprechend
der Daten für Deutschland im HBSC Survey (Currie et al. 2000 [HBSC Survey der WHO],
S. 95; vgl. auch Ravens-Sieberer & Thomas 2003; Hurrelmann et al. 2003) bejahen 47 %
196
Zum neuen „Mainstream” gehört „Authentizität” – ein populäres Beispiel ist der Rechtsstreit um Gerhard
Schröders Haarfarbe.
197
Beispiele sind die o. g. Schönheitsoperationen in Fernsehsendungen, Sparen auf eine Schönheitsoperation
und Botox-Partys, die als Party-Fahrten nach Polen organisiert werden, weil sie in Deutschland verboten
sind.
120
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
der Mädchen und 48 % der Jungen im Alter von 13 Jahren, dass sinngemäß „sie gerade
eine Diät machen oder eine Diät machen sollten”198 (Currie et al. 2000, S. 95). Von den 15Jährigen sind es noch 41 % der Mädchen und 45 % der Jungen, die dieses für sich
angeben. Roth (1998, S. 49ff.) sieht jugendliches „Diätverhalten” als Ausdruck der
beschriebenen Unzufriedenheit mit dem Körper (vgl. Kapitel 5.3.3), das aufgrund einer
wahrgenommenen Diskrepanz (die nicht mit der tatsächlichen gleichzusetzen ist) zum
Idealbild motiviert ist. Dabei hängen Körperbilder und gesellschaftliche Vorstellungen über
geschlechtstypisches Essverhalten (Setzwein 2004) eng zusammen. Abweichend von der o.
g. WHO-Studie (Currie et al. 2000, S. 95) weisen andere Daten deutliche Geschlechtseffekte
auf. „Je älter die Mädchen, desto häufiger haben sie Erfahrungen mit gewichtsreduzierenden
Diäten. Sind es bei den 12-jährigen Mädchen 23,5 %, die Diäterfahrung haben, steigt der
Anteil bei den 16-jährigen auf 40,7 %.” (Kolip 1995, S. 107). Darüber hinaus lassen auch
Mädchen häufiger eine Mahlzeit ausfallen als Jungen, meist das Frühstück, dann (in
abnehmender Reihenfolge) das Mittag- und das Abendessen (Kolip 1995; Kolip 2004,
S. 238). Beobachtungen in Schulklassen bestätigen dieses199.
Jungen sind – wie in Kapitel 5.3.3 beschrieben – an der Zunahme von Kraft, Gewicht und
Größe interessiert; dies hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Körpers als Potential,
das „Mann” aufbauen kann und auf das Verhältnis zur Ernährung. Essen kann eher als
potentielle
Hilfe
zur
Zielerreichung
wahrgenommen
werden.
Wunschgewicht
und
tatsächliches Gewicht nähern sich mit zunehmendem Alter an und Unterschiede liegen nach
einer anderen internationalen Studie ab 16 Jahren keine mehr vor (Grob & Jaschinski 2003,
S. 35). Anders als Mädchen kontrollieren junge Männer kaum ihr Körpergewicht. Nicht so
leicht ist der gewünschte Aufbau eines (extrem) muskulösen Körpers zu erreichen. Nach
neueren internationalen Untersuchungen (Pope et al. 2001) greifen zunehmend mehr
Jungen auch zu Nahrungsergänzungsmitteln.
Vor dem Hintergrund, dass Mädchen Essen als potentielle Bedrohung für Schlankheit und
damit Schönheit empfinden, dagegen Jungen Essen als eine Voraussetzung für
Muskelaufbau und Stärke sehen, gilt: „Altersspezifische (Ernährungs-)Verhaltensweisen sind
so (spätestens) in der Pubertät nicht vom Geschlecht der Person zu trennen, sie sind für
Mädchen und Jungen durchaus unterschiedlich.” (Methfessel 1999d, S. 31). Zartheit,
Schlankheit, Feingliedrigkeit werden mit Weiblichkeit assoziiert. Kräftig, muskulös und
schlank soll ein Mann sein. Das spiegelt sich in geschlechtstypischen Ernährungscodes
wider. Ein Beispiel ist der Mythos rund um das Nahrungsmittel Fleisch: Fleisch sei männlich,
198
Im Original: "They are dieting or feel that they should be on a diet."
199
Eine Auswertung von Schülerfragebögen im Rahmen der Betreuung von Schulpraktika ergab, dass in einer
Lerngruppe der 8. Klasse mit 14 Jugendlichen nur 1 Mädchen gefrühstückt hatte.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
121
Gemüse sei weiblich (Schlegel-Matthies 1998, 2001a; Karmasin 1999, S. 35; Schmid &
Methfessel 1999, S. 95 und 2004c; Setzwein 2000, S. 19; Spiekermann 2002b, S. 68). So
gilt Fleisch auch als Kraft und Potenz spendendes Lebensmittel (z. B. Prahl & Setzwein
1999, S. 79). Vor diesem Hintergrund ist erklärbar, warum viele junge Mädchen, aber nur
sehr wenige Jungen eine fleischarme (oder gar vegetarische) Ernährungsweise präferieren
(12. Shell Jugendstudie 1997, S. 352f.).
Mädchen
und
Jungen
nutzen
unterschiedlich
die
körperbezogenen
Hand­
lungsmöglichkeiten entsprechend der geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Ziele. Die
Entwicklung, dass Mädchen für ihre Schlankheit gegen ihren eigenen Körper arbeiten (Fend
2000, S. 235) und Jungen zum Aufbau der gewünschten körperlichen Kraft und Stärke
neben Sport zunehmend auch Eiweißpräparate und Medikamente wie Anabolika einnehmen,
ist problematisch, weil damit eine schleichende Unterversorgung mit lebenswichtigen
Nährstoffen einhergehen kann. Überdies wird schon sehr früh, in den Wachstumsphasen,
die Fähigkeit gestört und schließlich zerstört, den Körper mit seinen Bedürfnissen und
Signalen wahrzunehmen. Die kognitive Kontrolle des Essverhaltens begünstigt den Verlust
der Steuerung durch die Körperbedürfnisse und kann ein Einstieg in die Essstörung über
kontrolliertes Essverhalten bis hin zu Anorexia und Bulimie sein. Beispielsweise belegt eine
Hamburger Studie, dass 3,7 % der Mädchen Erbrechen (ein wesentliches Symptom der
Bulimie) als Maßnahme zur Beeinflussung ihres Körpergewichts anwenden (Westenhöfer
2001200).
Mit zunehmendem Alter verändert sich das Verhältnis zum Körper. Die Akzeptanz des
eigenen Körpers steigt und Erwartungen an den eigenen Körper orientieren sich zunehmend
an realistischen Zielen (vgl. Kolip 1995; Bast 1988). Ältere Jugendliche wissen meist genau,
was sie mit welchem Einsatz für ihren Körper erreichen können. Schönheitsideale, wie sie in
den Medien propagiert werden, werden mit steigendem Alter als unrealistisch und
unerreichbar eingeschätzt und verlieren im fortschreitenden Entwicklungsprozess an
Bedeutung, da beispielsweise durch eine gelungene Positionierung in einer sozialen Gruppe
eine Identitätsbildung gestärkt und Sicherheit gewonnen wird. Nichtsdestotrotz darf die lange
Phase der Verunsicherung mit ihrer Anfälligkeit für Essstörungen und einer Entwicklung
eines gestörten Körperbildes nicht unterschätzt werden.
200
Vortrag J. Westenhöfer auf der Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. zum Thema
„Ernährungsprobleme im Kindes- und Jugendalter”, 25. und 26.9.2001 Bonn (vgl. DGE 2001b).
122
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
5.4.2
Hintergründe für „kollektives Diätverhalten”
In der Gesamtschau ist v. a. eine Zunahme von Übergewicht bereits im Kindes- und
Jugendalter festzustellen, die gleichzeitig mit einer Zunahme von „Diäten” einhergeht201. Dies
erscheint so widersprüchlich. Zunächst sei darauf hingewiesen, dass Untergewicht im
Kindes- und Jugendalter ebenfalls eine problematische Entwicklung darstellt, die im
Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Schlankheitsdiktat einerseits und der Zunahme
von Armut andererseits zu diskutieren ist. Als Ursachen für Übergewicht und Adipositas
werden neben genetischen Dispositionen und dem Ess- und Bewegungsverhalten auch
sozioökonomische und kulturelle Zusammenhänge erörtert.
Wie
oben
beschrieben,
werden
Diskrepanzen
zwischen
Körpererleben
und
Körperidealbild von Einzelnen häufig als Schande erlebt und als persönliches Versagen
gewertet. Nach der aufgestellten Annahme steckt dahinter eine hier als Erfolgsformel nach
Drolshagen bezeichnete gesellschaftliche Vorgabe. Drolshagen (1996) legt ausführlich dar,
wie sich ein perfekter „Body”, der dem jugendlichen Schlankheitsideal genügt, erreichen
lässt. Im Einzelnen bedarf es „Bodywork” (Arbeit), Ausdauer (Disziplin), Enthaltsamkeit
(Askese) und der dafür notwendigen Zeit. Vereinfachend wird hier folgende Erfolgsformel
(nach Drolshagen 1996, S. 249ff.) aufgestellt: Arbeit + Disziplin + Askese + Zeit = Erfolg. Alle
vier Erfolgsfaktoren sind weder delegierbar noch käuflich. Alle müssen selbst aktiv werden.
Erfolg drückt sich im präsentierten äußeren Erscheinungsbild einer Person aus. Erfolgreich
bedeutet im Sinne der Erfolgsformel, sich und seinen Körper im Griff haben, keinem
(natürlich vorkommenden) Phlegma nachgeben und über eigene Zeit so verfügen zu können,
dass genügend für harte und zeitraubende Körperarbeit übrig bleibt202. Zeitsouveränität ist
ein Symbol für Luxus und Selbstbestimmung, d. h. eben auch gesellschaftlichen Erfolg. Die
Frage nach den (Zeit-)Zwängen des Alltags oder auch der für die Mehrzahl der Menschen
notwendigen Erwerbs- und Hausarbeit wird hier nicht gestellt (vgl. Methfessel 1992, S. 85ff.).
Ein weiterer Aspekt wird bei einer Durchsicht von Mode-, Fitness- und Jugendmagazinen
deutlich. Hier dominiert ein Perfektionismus in allen Bereichen der körperlichen Schönheit
und des körperlichen Leistungsvermögens. Abweichungen von einem vorgegebenen (un­
realistischen) Idealbild wird mit folgender Botschaft begegnet: „Wenn Du nur willst und
genug investierst (Erfolgsformel nach Drolshagen oder die „richtigen” Produkte, Schönheits­
chirurgen etc.), dann ist alles erreichbar!” Unmittelbar daneben finden sich pseudowissenschaftliche Ratschläge von Experten wie „Dr. Sommer” in der Jugendzeitschrift
201
Vgl. Tagesspiegel vom 29.06.2002. Schridde, Imke: Bloß nicht dick werden. Eine Folge des
Schlankheitswahns: Schon bei Vierjährigen kommt es zu Essstörungen. „Rund ein Viertel der unter zehn
Jahre alten Mädchen hat schon einmal eine Diät gemacht − oder auch mehrere.”
202
Nach Pressemeldungen traininert beispielsweise Madonna (Popikone) 2 Stunden täglich.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
123
„Bravo”, die bei ausbleibendem Erfolg oder mangelhaften Anstrengungen empfehlen: „Bleib
wie du bist! Nimm dich an!”
Erlebnis-
und
Genussorientierung
stehen
im
Widerspruch
zur
disziplinierenden
„Bodyculture”. In den Auswirkungen auf das Verhältnis der modernen Jugendlichen zum
Essen scheint das alte deutsche Sprichwort „Essen hält Leib und Seele zusammen” an
Gültigkeit zu verlieren. Drolshagen (1996, S. 250) sieht angesichts des Schlankheitsideals
Essen gar als Keil, der sich zwischen „Leib und Seele” schiebt. Die hedonistisch orientierte
Jugend203 lebt in einer so genannten Erlebnisgesellschaft, für die Spaß − besser „FUN” −
Priorität hat. „Food for Fun” widerspricht jedoch der Disziplin, um den „Body” zu er- bzw.
behalten. Daraus erwachsen für Jugendliche alltägliche Dilemmata in Esssituationen.
In der Werbung sind egozentrisch, erlebnishungrig und genusssüchtig häufig Attribute
einer Inszenierung des „Bodies”. Damit werden die drei Jugendmaximen „Spaß haben, gut
drauf sein, gute Laune verbreiten” (sinngemäß nach Ferchhoff & Neubauer 1997, S. 29)
bedient. In vielen Produktwerbungen stehen affektive Komponenten mit Stimmungen,
Emotionen und Lebensgefühlen im Vordergrund und das Produkt wird zur (wichtigsten)
Nebensache. Esserlebnis und -genuss können ebenfalls − vermutlich vergleichsweise
nebensächlicher − Teil des Erlebnisses sein. Umgekehrt sind „Fun”, „Erotik”, „Feelings” und
„Emotions” häufig Begleiter des Essens in der Werbung. Geschmackserlebnis und Lifestyle
werden dabei priorisiert (DGE 2000a, S. 145). Essen fungiert lediglich als ein Mittel zur
Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung (vgl. auch DGE 1988, S. 208). In der Werbewelt
sind vorzugsweise auf sich selbstbezogene „Körper” als Teil eines „Events” zu sehen; ein
„gestylter Body” ist hierbei Voraussetzung.
Nicht nur in der Werbewelt, sondern allgemein ist seit den 1960er Jahren eine Beziehung
zum Körper feststellbar, „in der Körpererfahrung und Körperlust immer mehr zum Mittelpunkt
der Lebensperspektive selbst” (Preuss-Lausitz 1983, S. 104) werden. Bis heute scheint sich
das in den Jugendkulturen fortzusetzen (vgl. Überblick bei Methfessel 1999d). Die Bedeu­
tung der Körperlichkeit hat in der westlichen Welt allgemein stark zugenommen; Körper ist
mehr denn je Ausdrucksmittel und steht als Teil des Selbst im Vordergrund für die
Gesamtpersönlichkeit − zumindest in der Öffentlichkeit. Das gilt für Frauen und Männer,
wenn auch qualitativ und quantitativ unterschiedlich.
Gutes Aussehen bedarf einer hohen Selbstdisziplinierung des Körpers bezüglich des
alltäglich wiederkehrenden Ess-, Bewegungs- und Pflegeverhaltens. Das scheint so im
Widerspruch zum „Body” als Mittel zum „Erlebnis” zu stehen. Dieses Dilemma besteht
prinzipiell für alle Altersgruppen. In der Jugendphase, in der der sich verändernde Körper
203
Große Teile der Jugend sind heute vorrangig materialistisch und hedonistisch eingestellt. Dies wird vielfach
und mit unterschiedlicher Konnotation und Begründungen festgestellt. Vgl. z. B. Hepp 1996.
124
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
eine herausragende Bedeutung hat und Schlüsselkategorie für Gesundheits- und Ernäh­
rungsverhalten ist (vgl. Methfessel 1999d, S. 44ff.), bekommt dieser Widerspruch eine
besondere Brisanz. Zunächst resultieren divergierende Anforderungen an den Körper, die zu
Dilemmasituationen im Verhältnis von Lebensorientierung zu Körperbeziehung und
Ernährung führen. Dem Bedürfnis nach Erholung, Geborgenheit und Angenommensein steht
der Zwang, „sich selbst in Szene zu setzen” und sich selbst „zu verwirklichen” entgegen. Der
Zwang ist strukturell und gemeinschaftsbildend (Ferchhoff & Neubauer 1996, S. 32).
Eine zusätzliche Problematik entsteht durch eine Verknüpfung von Essstörung mit
medikamentösen Maßnahmen (z. B. der Einnahme von Appetitzüglern und Abführmitteln).
Schon in den 1980er Jahren bekennen sich bei einer Erhebung in Nordrhein-Westfalen 5 %
der 12- bis 13-Jährigen und 7 % der 16- bis 17-Jährigen zum Konsum von Appetitzüglern
(Hurrelmann 1988, S. 47). Aus folgenden zwei Gründen ist anzunehmen, dass heute noch
mehr Jugendliche zu medikamentösen Maßnahmen greifen: Zum einen ist die Bedeutung
des Schönheitsideals für Jugendliche eher größer geworden, zum anderen sind
Aufputschmittel (z. B. Amphetamine, Ecstasy) „up to date” und haben meist auch eine
Appetit mindernde Wirkung. Die Rollenfindung ist eng verknüpft mit dem Aussehen und dem
Essverhalten als Frau bzw. als Mann. Verhaltensweisen, die der Erhaltung oder Erreichung
von Schönheit dienen, werden als weiblich bezeichnet. Setzwein (2000, S. 18) führt aus:
„Weibliches Diätverhalten ist alltäglich, kaum ein kulinarisch begangener Anlass, kaum ein
Gespräch über das Essen, bei dem Frauen nicht mit ihrem restriktiven Essverhalten
kokettieren würden – und dies unabhängig vom ‚Emanzipationsgrad‛.” Umgekehrt gelten
körperbetonte Verhaltensweisen wie Gewichte stemmen, Armdrücken etc. als männlich.
Jungen stellen sich gerne dem offenen Wettkampf, der offenen Konkurrenz und haben
Freude
am
Kräftemessen
untereinander.
Allerdings
ist
ebenfalls
ein
verändertes
Körperverhalten von Männern hinsichtlich Kosmetik und Schlanksein und von Frauen
hinsichtlich Fußball und Bodybuilding beobachtbar. Bilden (1998, S. 285) interpretiert dieses
als Angleichungstendenzen zwischen den Geschlechtern. Unabhängig von sich wandelnden
gesellschaftlichen Rollenvorstellungen hängt mit den eingenommenen Rollen wiederum die
Akzeptanz in der Peergroup zusammen. Zu unterscheiden sind hier geschlechtsgleiche und
geschlechtsdifferente Peergroups.
Erste Ansatzpunkte zum jugendlichen Umgang mit solchen Dilemmasituationen finden
sich in der Literatur und in Jugendstudien. In Anlehnung an das von Fend 2001 dargestellte
handlungstheoretische Paradigma werden hier Jugendliche als „Essentscheider” verstanden,
die mithilfe ihrer personalen und sozialen Ressourcen jugendspezifische Alltagsprobleme
lösen.
Bedeutung des Körpers für jugendliche Esskultur
125
Daten zum Essverhalten von Jugendlichen, z. B. kalorienreduzierte „Diät” durchzuführen
(Pudel & Westenhöfer 1991; Currie et al. 2000), deuten daraufhin, dass Jugendliche
Essentscheidungen mit erwarteten Folgen für ihr Aussehen in Verbindung bringen.
Jugendliche handeln vorzugsweise „egotaktisch” (vgl. Ferchhoff & Neubauer 1997, S. 29; 14.
Shell Jugendstudie 2002). Anzunehmen ist daher, dass Jugendliche entsprechend ihres
Wissens und ihrer Möglichkeiten alltagspragmatische Vorgehensweisen zur Lösung des
beschriebenen Dilemmas bevorzugen. Die im Kapitel 4 herausgearbeitete Funktionsteilung
zwischen den Lebensbereichen Familie und Peergroup, können auch hier eine Alternative
sein. Zum Beispiel verzichten Jugendliche auf Essgenuss, treiben Sport etc. (s. o.), um eine
höhere Attraktivität zu erzielen. Entsprechend der angenommenen Funktionsteilung wären
diese Verhaltensweisen Situationen zuzuordnen, die frei von Peergroupaktivitäten sind.
Demgemäß ist im außerhäuslichen Kontext im Beisein der Peergroup eine Instrumentalisie­
rung des Körpers zur Inszenierung eines spaßorientierten Erlebnisses denkbar. „Körper” (in
dem Fall besser „Body”) bekäme in diesem Kontext eine Funktion als „Erlebnismaschine”, da
auch dieser Teil einer Inszenierung sein kann. Eine Teilhabe an Erlebnis und Spaß kann
durch gesellschaftlichen Druck zwanghaften Charakter annehmen.
126
6
Empirische Untersuchung: Jugendesskulturstudie
Empirische Untersuchung: Jugendesskulturstudie
6.1
Begründung der empirischen Untersuchung
Die im Folgenden dargestellte Studie zur „Jugendesskultur” dient als Ergänzung der
theoretischen Arbeit und hat explorativen Charakter. Dazu werden auch die aus dem Stand
der Forschung generierten Hypothesen weitestgehend einer ersten empirischen Prüfung
unterzogen. Die Arbeit soll der Zielgruppenanalyse zur Weiterentwicklung der fach­
didaktischen Diskussion für die schulische Ernährungsbildung dienen. Dazu wird Familien­
mahlzeit aus jugendlicher Perspektive interpretiert, aus Sicht von Jugendlichen Bedeutungen
des Essens in häuslichen und außerhäuslichen Lebensbereichen gesucht und Aspekte des
reflektierten Umgangs mit dem eigenen Körper erfragt.
Spannend für die Diskussion der Forschungsfragen ist daher die Sichtweise der
Jugendlichen selbst. Um einen ersten Vergleich zwischen zwei Altersgruppen zu
ermöglichen und Hinweise auf entwicklungspsychologische Einflüsse zu erhalten, sollen
jeweils Jugendliche der 8. und der 10. Jahrgangsstufen befragt werden. In der 8.
Jahrgangsstufe sind die Jugendlichen überwiegend 14 Jahre, in der 10. Jahrgangsstufe 16
Jahre alt. Diese Altersstufen werden gewählt, weil davon ausgegangen werden kann, dass
die gerade in die Pubertät gekommenen 14-Jährigen sich aufgrund unterschiedlicher
Geschlechterrollen (Bilden 1998; Fend 2000; Oerter & Montana 2002) von den 16-Jährigen
unterscheiden. Es wird angenommen, dass die Bedeutung des Essens mit solchen
Geschlechtsrollendifferenzen variiert. Darüber hinaus setzt die schriftliche Beantwortung des
Fragebogens ein gewisses Reflexionsvermögen und ein konzentriertes, selbstständiges
Vorgehen über circa eine Stunde und die Fähigkeit zum sinnentnehmenden Lesen des
Fragebogens voraus, so dass sich der Sekundarbereich I mit Jugendlichen anbietet.
Als Untersuchungsregion ist Berlin prädestiniert, da Großstädte in der wissenschaftlichen
Diskussion als Indikatoren für zukünftige gesamtgesellschaftliche Entwicklungen fungieren
(vgl. auch Sellach 1996, S. 10). Im Allgemeinen werden Trends, die zuerst in Stadtgebieten
zu beobachten sind, auch von ländlichen Jugendlichen übernommen. Aufgrund des
explorativen Charakters der Untersuchung sind Trendsetter von besonderem Interesse.
Ein weiterer Grund für die Auswahl Berlins besteht darin, dass keine andere Stadt in
Deutschland in das Zusammenwachsen beider deutscher (Ess-)Kulturen so involviert ist.
Darüber hinaus hat sich Berlin zu einer multikulturellen Gesellschaft entwickelt, wie sich dies
insbesondere auch in den unterschiedlichen (Ess-)Kulturen ihrer Stadtteile zeigt. Berlin hat in
diesen gesellschaftlichen Prozessen als (ehemals) „geteilte Stadt” und durch die
multikulturelle Bevölkerungszusammensetzung204 eine herausragende Stellung. Die damit
204
Nach Auskunft des Büros der Ausländerbeauftragten leben zurzeit rund 180 Nationalitäten in Berlin.
Empirische Untersuchung: Jugendesskulturstudie
127
verbundenen soziokulturellen Einflüsse sind hier zwar nicht Untersuchungsgegenstand, aber
die befragten Jugendlichen sind Agierende in diesen komplexen Prozessen und somit
Trägerinnen und Träger dieser gesellschaftlichen Entwicklungen bzw. Wandlungen.
Der Blick dieser Studie liegt auf den kumulierten Auswirkungen der
beschriebenen
soziokulturellen Einflüsse auf die Gruppe der Jugendlichen im ehemaligen Westberlin.
Angestrebt wird keine vergleichende Studie zwischen den Ethnien bzw. west- und
ostdeutscher Jugendesskultur. Vielmehr werden durch die Eingrenzung der Untersuchungs­
region soziokulturelle Unterschiede der Untersuchungsgruppe möglichst eingeschränkt und
lassen bei dieser vergleichsweise kleinen Stichprobengröße noch aussagekräftige Ergeb­
nisse zu. Da die Befragung in einer Klassensituation stattfinden soll, werden aus pädago­
gischen und ethischen Gründen unabhängig von ihrer Herkunft alle Jugendliche befragt. Die
Auswertung erstreckt sich jedoch ausschließlich auf diejenigen, die in Deutschland aufge­
wachsen sind, deutsche Eltern haben und im ehemaligen Westberlin zur Schule gehen.
Die Schul- und Berufsbildung ist ein Indikator der sozialen Lage (z. B. Bourdieu 1999;
Vester et al. 2001). Um erste Anhaltspunkte für sozialdifferenzierende Einflüsse zu erhalten,
werden Klassen aller Schulzweige der Berliner Oberschule205 (Hauptschule, Realschule,
Gymnasium und Gesamtschule) mit Ausnahme der Sonderschule befragt. Darüber hinaus
sollen die Schul- und Berufsbildung der Eltern erfasst werden.
6.2
Hypothesen und zentrale Fragestellungen
Nach dem Stand der Literatur kann für den häuslichen Bereich der Familie angenommen
werden, dass dieser nach wie vor hauptsächlich zur Versorgung dient. Studien (vgl. Kapitel
3, z. B. Sellach 1996; Heyer 1997; Ziemann 1998; Nestlé-Studie 1999; Meyer 2002; DGE
2004) liefern Anhaltspunkte für jugendtypische Mahlzeitenmuster. Die Frage nach der tat­
sächlichen Häufigkeit von gemeinsam mit der Familie eingenommen Mahlzeiten, die im
Rahmen der vorliegenden Befragung beantwortet werden soll, blieb offen.
Der derzeitige Erkenntnisstand lässt auf einen Funktionswandel bei den Familien­
mahlzeiten schließen. Dabei verliert die Versorgungsfunktion bei den gemeinsamen
Mahlzeiten an Bedeutung, gleichzeitig wird die Kommunikationsfunktion wichtiger. Für
Jugendliche bedeutet dies, dass die Teilnahme an gemeinsamen Mahlzeiten überwiegend
freiwillig ist und eine Option für Familiengespräche darstellt. Deshalb sollen Daten zum
Stellenwert und zur Bedeutung der Familienmahlzeiten aus jugendlicher Sicht exploriert
werden.
205
Im Berliner Schulsystem umfasst der Begriff „Oberschule” alle Schulen, in denen die Jahrgangsstufen 7 bis
10 unterrichtet werden.
128
Empirische Untersuchung: Jugendesskulturstudie
Studien (vgl. Kapitel 3, z. B. Sellach 1996; Heyer 1997; Essen & Trinken 1998; Zeiher
2000; DGE 2004) stellen zwar eine Verantwortlichkeit der Mütter für die Essensversorgung
fest, weisen aber auf Veränderungstendenzen der häuslichen Arbeitsteilung hin. Unabhängig
von der Erwerbstätigkeit der Eltern kann bei Jugendlichen mit zunehmendem Alter eine
Zuständigkeit für die häusliche Essensversorgung angenommen werden. Dazu sollen Daten
erhoben werden.
Nach derzeitigem Kenntnisstand zeichnet sich ein vielfältiges Jugendessverhalten ab, das
sich sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen unterscheidet. Diese Annahme soll
einer ersten Prüfung unterzogen werden. Dabei kann ein nach Lebensbereichen Familie und
Peergroup differenziertes Essverhalten vermutet werden; dazu sollen Daten zum Stellenwert
und zu Funktionen hinsichtlich einzelner Merkmale des Essens für diese beiden Lebens­
bereiche erhoben werden.
Bekannt aus der Jugend- und Gesundheitsforschung ist ein geschlechtsspezifisch
unterschiedlicher Umgang mit „Körper” (Helfferich et al. 1986; Kupfer et al. 1992;
Hurrelmann & Kolip 1994; Kolip 1995; Engel & Hurrelmann 1998), der eng mit dem
Gesundheitsverständnis und Risikoverhalten der Jugendlichen zusammenhängt. Ebenso gibt
es eine Diskussion um die Problematik des Schlankheitsdiktats und die Folgen für die
Gesundheit (Schmidt-Waldherr 1984; Pudel et al. 1992; Methfessel 1999d; Rosenblum &
Lewis 1999; Anderson et al. 2001). Vorstellungen über attraktive Körperformen von
Erwachsenen wurden letztmals in den 1980er Jahren (Pudel et al. 1992) untersucht. Ob
diese Attraktivitätsvorstellungen für Jugendliche heute griffig sind oder ob (und wie) sie sich
gewandelt haben, soll daher überprüft werden.
Die Entwicklung des eigenen Körpers hat in der Adoleszenz zentrale Bedeutung. In
Anbetracht der heute kultivierten „Bodyculture”, konnotiert mit der gesellschaftlichen
Anerkennung eines ästhetisierenden Umgangs des Körpers, ist nach dem Einfluss auf
jugendliche Esskultur zu fragen. Ernährungs- und Bewegungsverhalten sind einfache
Steuerungsmöglichkeiten, die nach Aussage der Literatur (Pudel & Westenhöfer 1991; Kolip
1995; Westenhöfer 2001 etc.) zur bewussten und unbewussten Figurmodellierung
geschlechtsdifferent von Jugendlichen eingesetzt werden. Dazu sollen ebenfalls Daten
erhoben werden.
Methode
7
129
Methode
7.1
Auswahl und Beschreibung der Untersuchungsgruppe
Da die Studie explorativen Charakter hat, sollte die Stichprobe nicht allzu umfangreich
sein. Im Rahmen des ressourcenbegrenzten Dissertationsvorhabens wurde eine Stichprobe
von etwa 200 Schülerinnen und Schülern angestrebt, wobei Schülerinnen und Schüler aller
Schulzweige206 (Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Gesamtschule – ausgenommen
Sonderschule) erfasst werden sollten, um möglichst das gesamte Spektrum sozialdifferenter
Gruppierungen abzubilden.
Der angestrebte Stichprobenumfang erlaubt nicht, die verschiedenen Einflussfaktoren wie
den kulturellen Hintergrund aufgrund nicht-deutscher Abstammung oder aufgrund der
Sozialisation in der ehemaligen DDR zu prüfen. Solche Einflüsse des Faktors „kultureller
Hintergrund” sollten daher möglichst konstant gehalten werden. Schülerinnen und Schüler
mit anderer Muttersprache als Deutsch und bzw. oder ausländischer Nationalität wurden
daher ausgeschlossen. Darüber hinaus wurde die Auswahl der Schulen auf das ehemalige
West-Berliner Gebiet beschränkt. Insgesamt nahmen 196 deutsche Schülerinnen und
Schüler an der Untersuchung teil, davon 93 Mädchen und 103 Jungen. 25 % der Jugend­
lichen gingen zur Hauptschule, 13,8 % zur Realschule, 32,1 % zum Gymnasium und 29,1 %
zur Gesamtschule (vgl. Tabelle 2). Es wurden weniger Mädchen als Jungen befragt; die
Häufigkeitsunterschiede sind aber nicht signifikant (p = 0,068). Von den Mädchen gingen
18,3 % zur Hauptschule, 10,8 % zur Realschule, 37,6 % zum Gymnasium und 33,3 % zur
Gesamtschule. Von den Jungen besuchten 31,1 % die Hauptschule, 16,5 % die Realschule,
27,2 % das Gymnasium und 25,2 % die Gesamtschule. Diese ungleiche Verteilung der
Geschlechter auf die verschiedenen Schulzweige entspricht in ihrer Tendenz der
Geschlechtsverteilung in Berliner Schularten. So gingen im Schuljahr 2000/2001 knapp 9 %
(eigene Berechnung nach Landesschulamt 2001, S. 12f.) der Mädchen, aber 13 % der
Jungen zur Hauptschule, knapp 22 % aller Mädchen und 23 % aller Jungen zur Realschule,
etwas über 39 % der Mädchen und lediglich knapp 32 % der Jungen zum Gymnasium,
knapp 30 % der Mädchen und über 32 % der Jungen zur Gesamtschule.
206
Die Begrifflichkeiten beziehen sich aufgrund der gewählten Untersuchungsregion Berlin auf das Berliner
Schulsystem.
130
Methode
Tabelle 2
Verteilung der untersuchten Schülerinnen und Schüler auf die Schulzweige und
die Jahrgangsstufen
Schülerinnen
Schüler
N
%
17
32
49
25,0
8. Jahrgangsstufe
7
15
22
10. Jahrgangsstufe
10
17
27
10
17
27
8. Jahrgangsstufe
6
5
11
10. Jahrgangsstufe
4
12
16
35
28
63
8. Jahrgangsstufe
25
24
49
10. Jahrgangsstufe
10
4
14
31
26
57
8. Jahrgangsstufe
15
13
28
10. Jahrgangsstufe
16
13
29
93
103
196
8. Jahrgangsstufe
53
57
110
10. Jahrgangsstufe
40
46
86
Hauptschule
Realschule
Gymnasium
Gesamtschule
Gesamt
13,8
32,1
29,1
100
Das Durchschnittsalter der 110 Achtklässler betrug zum Zeitpunkt der Befragung 14;2
Jahre. Die 86 Zehntklässler waren mit einem Durchschnittsalter von 16;4 Jahre nur
unwesentlich, nämlich zwei Monate älter als zu erwarten war. Die Verteilungsunterschiede
hinsichtlich Klassenstufe sind ebenso wie die Altersunterschiede zwischen Jungen und
Mädchen statistisch unbedeutend.
Tabelle 3
Verteilung der untersuchten Schülerinnen und Schüler nach Alter und
Geschlecht in den Jahrgangsstufen 8 und 10
Alter (in Jahren)
8. Jahrgangsstufe
10. Jahrgangsstufe
Anzahl
M
s
Jungen
57
14,2
0,6
Mädchen
53
14,1
0,5
Gesamt
110
14,2
0,6
Jungen
46
16,5
0,7
Mädchen
40
16,3
0,6
Gesamt
93
16,4
0,7
Zur Beschreibung des familiären Hintergrunds wurde nach der Wohnsituation gefragt.
71 % der Jugendlichen leben bei ihren (beiden) Eltern, 22,3 % nur mit der Mutter und 3,6 %
nur mit dem Vater. 3 % der Jugendlichen sind im Heim o. ä. untergebracht. Knapp 60 % der
Jugendlichen haben Geschwister, die mit ihnen in einem Haushalt leben.
Methode
7.2
131
Der Fragebogen und seine Entwicklung
Zur Entwicklung
–
Pilotphase
Um Anhaltspunkte für eine erste Prüfung der Arbeitshypothesen im Jugendessalltag und
altersgruppengemäße
Formulierungen
zu
gewinnen,
wurden
zunächst
Interviews
durchgeführt. Dazu wurden Freizeiteinrichtungen (Sportvereine, städtische Jugendfreizeit­
heime und Kirchengemeinden) aufgesucht und Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16
Jahren angesprochen, ob sie an einem etwa einstündigen Interview „rund ums Essen” mit­
machen wollen. Mit zwei Jugendlichen wurden Termine zu Hause verabredet. Die übrigen
Interviews fanden in den Freizeiteinrichtungen statt. Neben Alter waren Geschlecht und
besuchter Schulzweig Auswahlkriterien. Mehrere Varianten von Leitfadenfragen in
explorativen Interviews wurden mit insgesamt neun Jugendlichen eingesetzt. In einigen Inter­
views wurden zusätzlich Elemente des zu entwickelnden Fragebogens ausprobiert. Alle
Interviews wurden auf Tonband aufgenommen und anschließend transkribiert.
–
Grundstruktur aller Interviews
Bei den Interviews sollten die Jugendlichen zunächst zum Schlagwort „Essen” frei
assoziieren. Darüber hinaus wurden alle interviewten Jugendlichen aufgefordert, einen
typischen Werktag chronologisch zu schildern. Daran schlossen sich Fragen zu den
dargestellten Esssituationen − auch vergleichend zum Wochenende − an. Außerdem wurden
die Jugendlichen gefragt, ob sie ihr Essverhalten schon einmal (oder öfters) bewusst
verändert haben.
–
Variationen der Interviews
Aufgrund erster Erfahrungen wurde der Leitfaden verändert. So wurden bei den Haupt-
und Gesamtschülerinnen und -schülern schnell die Grenzen der Verbalisierungsmöglich­
keiten und der Konzentrationsdauer erreicht, weshalb zusätzlich Bildmaterial eingesetzt
wurde. Beispielsweise wurden Bilder von Lebensmitteln verschiedenen Situationen
(Kindergeburtstag, Party etc.) zugeordnet, um mögliche „In-Produkte” zu finden. In einigen
Interviews wurden die im Fragebogen verwendeten Bilder von Körpersilhouetten (Pudel et al.
1992, S. 190 und S. 192) vorgelegt. Verschiedentlich wurden Tabellen zur systematischen
Erfassung von Zeit, Ort und Ausgestaltung von Familienmahlzeit eingesetzt, um möglichst
lückenlos typische Tagesverläufe zu erfassen.
132
–
Methode
Fragebogenkonstruktion
Fragen und Antwortalternativen sollten leicht verständlich (Wortwahl, Satzbau) und
jugendnah formuliert werden. Besonders für Hauptschülerinnen und -schüler sind kurze
Sätze wichtig. Beispielsweise wird „cool” als Begriff eingesetzt, um im Sprachgebrauch der
Jugendlichen auszudrücken, dass Essen als „in” bzw. „hip” gilt. In deutschsprachigen
Ländern wird „cool” in der aktuellen Jugendsprache metaphorisch für besonders lässig
gebraucht,
im
Kreis
der
Jugendlichen
anerkannt
als
gut
und
überlegen.
Die
Antwortalternativen sollten einheitliche, wiederkehrende Antwortschemata aufweisen.
Beispielsweise wurden ausschließlich viereckige Kästchen verwendet bei Fragen, bei denen
nur eine Antwort anzukreuzen ist, Kreise bei Mehrfachantworten. Für einige Fragen wurden
Antwortalternativen aus den Interviews gewonnen.
Eine erste Version des Fragebogens (siehe Anhang) wurde zunächst (Anfang April 2001)
in einer 8. Hauptschulklasse erprobt; eine Antwortalternative wurde umformuliert.
Die Inhalte des Fragebogens
Der Fragebogen enthält 42 geschlossene Fragen und drei offene Fragen. Neben 13
Fragen, mit denen persönliche Angaben (Klasse, besuchter Schulzweig, Alter, Geschlecht
etc.) erfasst werden, betreffen 16 Fragen den Inhaltsbereich207 „Bedeutungen von
Familienmahlzeiten”, 6 Fragen den Inhaltsbereich „Bedeutungen des Essens im Kontext
Familie und Peergroup” und 7 Fragen den Inhaltsbereich „Bedeutungen des Körpers”.
Bedeutungen von Familienmahlzeiten
Bei der allgemeinen Bedeutungsexploration (vgl. Kapitel 4) sind weder soziale Situation
noch Vorstellungen eines „proper meals” (vgl. Kapitel 3) zentral, deshalb wird „Essen” statt
„Mahlzeit” als Begriff im Fragebogen präferiert. Bei der Frage nach der Zuständigkeit für die
Essenszubereitung zielt die gewählte alltagssprachliche Formulierung auf die von den
Jugendlichen empfundene Zuständigkeit.
Zwei Fragen erfassen Häufigkeit und Gefallen von Familienmahlzeiten. Die Beantwortung
erfolgt dabei anhand einer siebenstufigen bzw. vierstufigen Ratingskala. Darüber hinaus
werden mögliche Einzelheiten (Gespräche, Zusammensein etc.), was Jugendliche an
Familienmahlzeiten gefällt oder stört, erfasst. Da das Essen bei Besuchen in anderen
207
Die Inhaltsbereiche sind bei den Fragen durch Buchstaben repräsentiert. Im Einzelnen: Inhaltsbereich
„Bedeutungen von Familienmahlzeiten” Buchstabe A (Fragen A-1 bis A-16), Inhaltsbereich „Bedeutungen
des Essens im Kontext Familie und Peergroup” Buchstabe B (Fragen B-1 bis B-6), Inhaltsbereich
„Bedeutungen des Körpers” Buchstabe C (Fragen C-1 bis C-7).
Methode
133
Familien i. d. R. freiwillig ist, soll anhand dieser weiteren Frage herausgefunden werden, was
Jugendliche generell bei gemeinsamen Mahlzeiten schätzen.
Zwei Fragen beschäftigen sich mit dem Umfang der Konversation (Redet ihr ... nie – sehr
viel? Bleibt ihr nach dem Essen ... nie – oft ... sitzen?) und drei weitere ermitteln mögliche
Konflikte am Familientisch. Zur Beantwortung werden vierstufige Ratingsskalen208 eingesetzt.
Darüber hinaus werden Gesprächsinhalte und -partner erfasst.
Zwei Fragen beschäftigen sich mit dem Funktionswandel von Familienmahlzeiten. Für die
Situation „ich bekomme Hunger” werden zwei Orte (zu Hause, unterwegs mit Freundinnen
und Freunden (s. o. Fußnote 10) gewählt, für die jeweils Verhaltensalternativen zur Auswahl
stehen. Vorgegebene Verhaltensalternativen (warten, Kühlschrank, Riegel und Chips,
Snack, Obst, ... unterdrücken des Hungers) werden in vierstufigen Ratingskalen bezüglich
ihrer Häufigkeit abgefragt. Bei der Verhaltensalternative „ich unterdrücke meinen Hunger”
schließt eine offene Frage an, um Gründe für das Unterdrücken des Hungers zu erfassen.
Bedeutungen des Essens im Kontext Familie und Peergroup
Inspiriert durch die Fragemethode des topischen Perspektivwechsels wurde sowohl für
häusliche wie auch für außerhäusliche Situationen des Essens („unterwegs mit Freunden
bzw. Freundinnen”) nach der Wichtigkeit (eher wichtig bzw. eher unwichtig) von jeweils 13
für jede der beiden Situationen identische Merkmale des Essens (satt werden, gut
schmecken etc.) gefragt.
Mit fünf Fragen werden Präferenzen bzw. Peinlichkeiten hinsichtlich Lebensmitteln und
Speisen, Lebensstilen und dazugehörigen Essweisen und Tischregeln erfasst: Zwölf
Lebensmittel und Speisen – die den drei Kategorien Basics, Symbolics und Unis (vgl. Kapitel
2) entsprechen – sollen danach beurteilt werden, ob sie von Jugendlichen abgelehnt, wegen
der anderen als „peinlich” bewertet oder wegen der anderen bevorzugt werden. In dem
Gedankenspiel (Wenn du viel Geld hättest, wie und was würdest du dann am liebsten
essen?) wird nach Vorstellungen eines alltagstauglichen „Traumessens” gesucht. Finanzielle
Limits entfallen gänzlich, um Wünsche zu explorieren und daraus Bedeutungen abzuleiten.
In Anlehnung an eine zum Zeitpunkt der Befragung populäre Fernsehsendung wird die
Situation (B-4) konstruiert, dass ein Mitschüler bei „Big Brother” teilnimmt und dabei zu
sehen ist, wie er acht für Essweisen typische Verhaltensweisen (Orangen auspressen, Müsli
essen etc.) ausführt. Diese sollen bewertet werden (normal, peinlich bzw. cool). Um
Bewertungen von inakzeptablen Verhaltensweisen zu erheben, wird die Situation konstruiert,
dass sich Freund und Freundin kurz nach dem Kennen lernen zum gemeinsamen Essen in
208
In den Fällen, wo es um die Selbstwahrnehmung und -bewertung aus der Sicht der Befragten als Teil des
Lebenstils geht, wird auf eine Quantifizierung von „häufig”, „oft” etc. verzichtet.
134
Methode
einer Pizzeria treffen. Fünf Verhaltensweisen beziehen sich auf die Essweise (schmatzen
etc.), eine auf die Angemessenheit des Essens (nur Pommes mit Ketchup) und vier auf
anderes (über Kalorien reden etc.). Die weitere Frage (B-6), ob Essen Anlass für Verab­
redungen ist, bezieht sich ebenfalls auf die Lebensweise.
Bedeutungen des „Körpers”
Präferenzen bezüglich der Vorstellungen über attraktive Körperformen werden in zwei
Fragen ermittelt; die Figursilhouetten dafür sind der DGE-Studie (Pudel et al. 1992, S. 190
und S. 192; vgl. dazu auch Kapitel 5) entnommen. Neun Modellierungstechniken, die sich
auf Bewegung, Ernährung und Muskelaufbaupräparate beziehen, werden hinsichtlich ihrer
Häufigkeit in einer vierstufigen Ratingskala (nie, selten, oft und regelmäßig) erfasst. In
gleichen zeitlichen Abständen wiederkehrende Verhaltensweisen ohne differenzierte
Quantifizierung sollen durch „regelmäßig”, häufig angewendete, jedoch nicht unbedingt
gleichmäßig verteilte Verhaltensweisen durch „oft” erfasst werden.
Um erste Hinweise der Einflussnahme durch Eltern und Peergroup auf jugendliche
Attraktivitätsvorstellungen zu explorieren, werden zwölf bzw. vier mögliche Kommentare (z.
B. Iss ordentlich! Du bist zu dick!) vorgegeben, um zu erfassen, ob diese zum Alltag der
Jugendlichen gehören. Zusätzlich werden von den vorgegebenen Eltern-Kommentaren zehn
bewertet.
7.3
Untersuchungsdurchführung
Die Befragung wurde in Berlin durchgeführt. Zunächst wurden Oberschulen aus den
westlichen Stadtgebieten telefonisch kontaktiert. Angestrebt wurde jeweils eine 8. und 10.
Klasse in einer Schule jeden Schulzweigs zu befragen. Im Allgemeinen reagierten
Schulleitungen sehr offen und schlugen (nach Rücksprache) Lehrkräfte vor, die in den
Klassenstufen 8 und 10 unterrichteten und Interesse an der Untersuchung zeigten. In darauf
folgenden persönlichen Gesprächen mit den Schulleitungen wurden Termine mit
Lehrkräften, die an der Umfrage teilnehmen wollten, abgestimmt. Die Schulen erhielten zur
Information vorab einen Fragebogen und einen Elterninformationsbrief. Obwohl zunächst
auch Gymnasien offen auf die Anfrage reagierten, waren nur wenige Lehrkräfte bereit, dafür
Unterrichtsstunden zur Verfügung zu stellen, oder andere Termine (Praktika, Klassenfahrten)
blockierten die Durchführung im dafür vorgesehenen Zeitraum. Daher wurden zusätzlich
private Schulträger kontaktiert.
Die Schulbehörde genehmigte die Befragung, die vom 6. April 2001 bis 18. Juli 2001
stattfand. Die Teilnahme an der Befragung war für die Jugendlichen freiwillig, anonym und
Methode
135
setzte das Einverständnis der Eltern voraus. Die Umfrage wurde von den Lehrkräften in den
jeweiligen
Klassen
circa
ein
bis
zwei
Wochen
vorher
angekündigt
und
ein
Elterninformationsbrief mit Einverständniserklärung ausgehändigt. Wie geplant wurden die
Fragebögen in den Klassen in Anwesenheit der Klassenlehrerin bzw. des Klassenlehrers
ausgeteilt
und
in der
Stunde
wieder eingesammelt
− mit
Ausnahme
einer
8.
Gymnasialklasse209. Vor dem Austeilen der Fragebögen wurde kurz das Ziel der Befragung
erläutert, das Procedere der Bearbeitung erklärt, und die Jugendlichen konnten dazu Fragen
stellen. Das Ziel des Projektes „Esskultur im Alltag”, Unterricht zu verbessern, wurde von den
Befragten sehr wohlwollend aufgenommen. Darüber hinaus wurde erläutert, dass es bei der
Befragung nicht um „richtig” oder „falsch” gehe und die Fragebögen nicht von den
Lehrkräften eingesehen werden können. Während des Ausfüllens wurden alle weiteren
Fragen individuell beantwortet. Bei der Rückgabe wurden die Bögen − soweit möglich – von
der Untersucherin auf Vollständigkeit geprüft und gegebenenfalls Ergänzungen erbeten.
Von 292 ausgeteilten Fragebögen kamen 281 ausgefüllte Bögen zurück. Für die nicht
anwesenden Jugendlichen wurden Fragebögen hinterlegt. Vier ausgefüllte Bögen wurden
nachgereicht. Alle deutschen Schülerinnen und Schüler haben die Bögen abgegeben, so
dass für diese Gruppe eine Rücklaufquote von 100 % vorliegt. Da die Befragung in
Unterrichtsstunden durchgeführt wurde und die unterrichtenden Lehrkräfte anwesend waren,
bestand für die Schülerinnen und Schüler eine hohe Verbindlichkeit. Die Befragung stieß auf
viel Interesse bei den Jugendlichen. Bei der Frage nach der Schul- und Berufsausbildung der
Eltern traten viele Rückfragen auf. Einerseits hatten die Jugendlichen Schwierigkeiten bei
der Zuordnung zu den vorgegebenen Kategorien. Sofern die Jugendlichen wussten, welchen
Beruf ihre Eltern ausüben oder gelernt haben, wurden die dafür notwendige Mindest­
qualifikation zugeordnet – wohlwissend, dass dieses nicht zwangsläufig die zutreffende
Zuordnung sein muss. Andererseits war eine generelle hohe Unwissenheit über die
berufliche Ausbildung der Eltern vorhanden. Auffallend war ein Zusammenhang mit dem
besuchten Schulzweig. In den befragten Klassen des Gymnasiums gab es maximal zwei, bei
den Hauptschulklassen dagegen sehr viele Rückfragen.
Zwei Fragebögen wurden nicht in die Auswertung einbezogen: Ein Schüler ist von einem
diagnostizierten Kleinwuchs betroffen und fehlt aufgrund seiner Krankheit häufig in der
Schule. Ein anderer Schüler kreuzte nur wenig und dieses unstimmig an und verunstaltete
den Rest, so dass darauf geschlossen werden muss, dass dieser Schüler sich nicht auf die
Fragen eingelassen hat.
209
In einer 8. Klasse des Gymnasiums hat der Klassenlehrer den der Schule vorliegenden Fragebogen kopiert
und mit dem Elterninformationsbrief nach Hause mitgegeben.
136
Methode
Den Klassen wurde ein Gruppengespräch zur Präsentation der Untersuchungsergebnisse
und zur Diskussion angeboten, um ihre Teilnahme zu würdigen und weitere Informationen
für die Fragestellung der Untersuchung zu gewinnen. Mehr oder weniger wünschten sich alle
Jugendlichen über die Ergebnisse – und zwar ausnahmslos über die „Traumfiguren” –
informiert zu werden. Im Frühjahr 2002 lagen erste Ergebnisse vor, die in einigen210 der
teilnehmenden und anderen Klassen vorgestellt und diskutiert wurden. Ferner wurde eine
teilnehmende Schülerin interviewt. Von allen Diskussionen und Gesprächen wurden
Tonaufnahmen und Gedächtnisprotokolle angefertigt.
210
Aufgrund terminlicher und organisatorischer Schwierigkeiten, z. B. durch Wechsel der Lehrkräfte, konnten
nicht alle Klassen, die an der Fragebogenbefragung teilgenommen hatten, auch bei den Klassendis­
kussionen dabei sein.
Ergebnisse
8
137
Ergebnisse
Die Befragung ist in die drei bearbeiteten thematischen Teilbereiche gegliedert, die sich in
den Darstellungen der wesentlichen Ergebnisse (Kapitel 8.1 bis 8.3) wieder finden.
8.1
Familienmahlzeiten
Die Mehrheit der befragten 196 Schülerinnen und Schüler, nämlich 57,1 % isst täglich mit
beiden Eltern oder mit einem von beiden (Tabelle 4). Weitere 15,3 % nehmen zwei bis vier
Mal und 16,3 % ein bis zwei Mal wöchentlich an Familienmahlzeiten teil. Nur wenige
gemeinsame Mahlzeiten im Monat sind bei 9,2 % üblich. Immerhin noch vier der befragten
Jugendlichen verzichten ganz auf Familienmahlzeiten. Geschlecht, Schulzweig und
Klassenstufe haben dabei keinen signifikanten Einfluss.
Tabelle 4
Teilnahme an Familienmahlzeiten
Häufigkeit der Teilnahme Jugendlicher an Familienmahlzeiten211
N = 196
%
nie
4
2,0
höchstens 1 Mal im Monat
5
2,6
2 − 3 Mal im Monat
13
6,6
1 − 2 Mal in der Woche
32
16,3
2 − 4 Mal in der Woche
30
15,3
1 Mal täglich
61
31,1
mehrmals täglich
51
26,0
Der Mehrheit, rund 90 %, gefällt das gemeinsame Essen. In erster Linie gefallen den
Befragten die Gespräche (67,3 %) und das gute Essen (55,7 %); gleichzeitig stört 57,7 %,
worüber geredet wird und 32,4 % würden lieber etwas anderes machen (Abbildungen 5 und
6). Tatsächlich geben mehr als drei Viertel an, dass bei den Familienmahlzeiten sehr bzw.
ziemlich viel geredet wird. Gespräche werden sowohl bei der Frage „was gefällt dir an den
gemeinsamen Mahlzeiten” als auch bei der Frage „was stört dich bei den gemeinsamen
Mahlzeiten” von jeweils mehr als der Hälfte aller befragten deutschen Schüler genannt. Für
die meisten Schülerinnen und Schüler gehören gemeinsames Essen und miteinander reden
zusammen. Dabei wird – wenn überhaupt, denn über die Hälfte sagt, bei ihnen gäbe es
selten oder nie Streit – am häufigsten über Schulthemen gestritten. Nur wenige drücken sich
vor der gemeinsamen Mahlzeit (Anhang, Tabelle 23).
211
In den Ergebnissen sind Prozentzahlen gerundet dargestellt, deshalb kann die Gesamtsumme von 100 %
abweichen.
138
Ergebnisse
Was gefällt Jugendlichen an den Familienmahlzeiten?
67,3%
55,7%
46,4%
26,0%
15,5%
Gespräche
Abbildung 5
Zusammensein
zu Hause sein
schmeckt gut
11,9%
schön gedeckter
Tisch
anderes
Was gefällt Jugendlichen an den Familienmahlzeiten?
Was stört Jugendliche an Familienmahlzeiten?
57,7%
32,4%
26,6%
worüber wir reden
lieber etwas
anderes tun
zu lange
11,2%
10,6%
sich benehmen
müssen
anderes
9,0%
essen müssen,
was/wieviel mir
aufgetan wird
Abbildung 6 Was stört Jugendliche an den Familienmahlzeiten?
Über die meisten Themen (Tabelle 5) sprechen die befragten Jugendlichen mit der Mutter.
Dabei werden am häufigsten Schule, Familie und persönliche Themen sowie Absprachen als
Gesprächsthemen angegeben. Aber auch mit dem Vater gibt es einiges zu reden; v. a. über
Ergebnisse
139
die eigene Zukunft. Ohne über die Länge der Gespräche etwas zu wissen, zeigt sich bereits,
dass mit Freundin und Freund über weniger Themen als mit den Eltern gesprochen wird.
Tabelle 5
Gesprächspartner und -themen
Gesprächs­
Geschlecht
partner
der Befragten
Mutter
männlich
Anzahl N
103
Anzahl der Gesprächs­
Gesprächsthemen, die mehr als 50 % aller
themen von möglichen
Jugendlicher mit jeweiligem
18 (gerundeter
Gesprächspartner angegeben haben
Mittelwert)
(geordnet nach abnehmender Häufigkeit)
8,4
Schulnoten, Lehrer & Schule, Absprachen,
Familienthemen, eigene Zukunft, mich selbst,
Schulprobleme, Hobbies, Freunde/Freundinnen
Vater
Geschwister
Freund/in
andere
keiner
weiblich
93
9,0
männlich
103
6,5
eigene Zukunft und Lehrer & Schule,
weiblich
93
5,8
Absprachen, über sich selbst
männlich
103
3,9
weiblich
93
3,6
männlich
103
6,0
Kino, Lehrer & Schule, Hobbies,
weiblich
93
7,8
Freunde/Freundinnen, Sport, eigene Zukunft
männlich
103
2,8
weiblich
93
2,6
männlich
103
4,5
weiblich
93
4,3
Rezepte, wie ich esse
Bekommen die befragten Jugendlichen zu Hause Hunger, warten 67,9 % nie oder nur
selten auf das gemeinsame Essen, denn der Hunger wird selten oder nie unterdrückt.
Vielmehr schmieren sich sehr viele ein Brötchen, bereiten sich einen „Snack” zu oder
schauen in den Kühlschrank, ob sie dort etwas Vorbereitetes finden. Für rund ein Drittel sind
Chips und Riegel ab und zu eine Alternative. Nur 34,2 % essen daheim ab und zu oder oft
Chips resp. Riegel, dagegen tun es 35,2 % selten und 30,6 % nie. Kommt der Hunger
dagegen unterwegs mit Freunden, dann warten schon etwas mehr als die Hälfte (52,3 %)
der Schülerinnen und Schüler häufig auf zu Hause. Aber es wird auch immer mal auf
außerhäusliche Essensangebote zurückgegriffen, wie Fast Food, Teilchen vom Bäcker etc.
Anders als zu Hause, wo 31 % nie und 35 % selten auf Riegel oder Chips zurückgreifen,
verzichten lediglich rund 18 % unterwegs ganz auf Riegel oder Chips, 43,2 % essen diese
unterwegs nur selten, wenn sie Hunger haben. Obst ist für den Hunger unterwegs bei 17,9 %
keine Alternative. 39,5 % greifen selten, 26,3 % ab und zu und 16,3 % oft auf Obst zurück,
wenn sie unterwegs Hunger bekommen.
140
Ergebnisse
Tabelle 6
Verhaltensalternativen bei Hunger unterwegs
Häufigkeiten der gewählten Verhaltensalternativen bei Hunger unterwegs
nie
selten
ab und zu
oft
insgesamt
Ich warte bis ich wieder zu Hause bin
16,8
30,9
34,6
17,8
100
ich esse Fast Food
9,2
31,8
41,5
17,4
100
Ich gehe zum Bäcker
8,8
30,6
45,1
15,5
100
Ich esse Riegel, Chips o. ä.
18,2
43,2
27,1
11,5
100
Ich esse Obst
17,9
39,5
26,3
16,3
100
Ich unterdrücke meinen Hunger
40,9
26,9
20,2
11,9
100
„Was machst du, wenn du mit Freunden/
Freundinnen unterwegs bist und Hunger
bekommst?”
(Angaben in %)
Wer ist bei euch für das Essen zuständig?
Darstellung aus der Perspektive "Jugendlicher"
keine Angabe
ich selbst
1,0%
2,6%
ich und andere
42,3%
andere
54,1%
Abbildung 7
Zuständigkeit für das Essen
Für Aufgaben rund um das Essen sind bei den befragten Schülerinnen und Schüler
hauptsächlich die Mütter allein (32,5 %) oder gemeinsam mit anderen (51,9 %)
verantwortlich. Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen kümmert sich nicht ums
Essen (Abbildung 6); unabhängig von Geschlecht, Alter, Klassenstufe, Schulzweig und
Erwerbstätigkeit der Eltern sind nur wenige der Befragten allein oder deren Väter allein
(jeweils 2,6 %) für die Essensvorbereitungen zuständig.
Ergebnisse
8.2
141
Essen im häuslichen und außerhäuslichen Kontext
Um die Wichtigkeitseinschätzungen zu einzelnen Merkmalen des Essens in häuslichen
und außerhäuslichen Esssituationen zu erfassen, wurde die relative Häufigkeit als
Gradmesser gewählt und in eine Rangordnung gebracht (Tabelle 7). In der häuslichen
Situation soll nach Meinung aller befragten Jugendlichen das Essen in erster Linie gut
schmecken212 (95,4 %), satt machen (84,7 %) und gemütlich sein (78,1 %). Mehr als die
Hälfte würde gerne ohne Reglementierungen (56,7 %) und gesund (52,1 %) essen. Diese
fünf Qualitäten des Essens werden von mehr als der Hälfte aller Befragten für die häusliche
Situation genannt; die übrigen neun Merkmale werden von einer Minderheit zwischen 16 %
und 41 % als wichtig erachtet. Unterwegs mit der Peergroup ist der deutlichen Mehrheit
der befragten Jugendlichen neben Geschmack und Sattwerden wichtig, dass mit anderen
zwanglos (wie ich will) und gemütlich gegessen werden kann. Der Faktor mit anderen
Zusammensein nimmt Rangplatz 3 (von 13) der Wichtigkeit ein. Außerdem soll Essen nach
Möglichkeit preiswert sein und andere Aktivitäten nebenbei ermöglichen. Damit werden von
mehr als der Hälfte aller Befragten sieben von 13 Merkmalen des Essens für den
außerhäuslichen Kontext für wichtig erachtet. Immerhin noch 44 % wollen außerdem, dass
Essen schnell geht. Dagegen sind Qualitäten, die sich mehr auf die Eigenschaften des
Essens beziehen wie gesund und kalorienarm, unwichtiger.
Tabelle 7
Häusliches und außerhäusliches Essen: Vergleich der Wichtigkeiten
Antwortverteilung auf die Frage, welche Merkmale den Jugendliche beim häuslichen und außerhäuslichen Essen
wichtig sind, nach relativen Häufigkeit geordnet.
Rangpl
atz
Häusliche Situation
eher wichtig
Außerhäusliche Situation
relative Häufigkeit (%)
eher wichtig
relative Häufigkeit (%)
1.
gut schmeckt
95,4
gut schmeckt
87,8
2.
satt werden
84,7
satt werden
73,5
3.
gemütlich
78,1
andere da sind
69,9
4.
essen, wie ich will
56,7
preiswert
56,6
5.
gesund
52,1
essen, wie ich will
54,4
6.
andere da sind
41,0
gemütlich
52,3
7.
gut aussieht
38,3
nebenbei
51,8
8.
schnell
33,2
schnell
44,4
9.
nebenbei
27,3
gut aussieht
40,0
10.
kalorienarm
26,3
gesund
37,4
11.
viel
25,6
cool
32,0
12.
preiswert
22,3
viel
21,1
13.
cool
16,1
kalorienarm
20,0
(Items, die von über 50 % aller Schülerinnen und Schüler213 als eher wichtig eingestuft wurden, sind grau hervorgehoben.)
212
Formulierungen bzw. sinngemäße (verkürzte) Wiedergabe der Items aus dem Fragebogendesign der hier
durchgeführten Jugendesskulturstudie 2001 werden in kursiver Schrift dargestellt.
142
Ergebnisse
Die Beziehung zwischen den beiden Rangreihen zur Bedeutung des Essens zu Hause
und unterwegs ist statistisch signifikant (rs = 0,64; p = 0,018), d. h. die einzelnen Merkmale
werden in eine ähnliche Wichtigkeitsabfolge gebracht. Die meisten der einzelnen
Bewertungen der Jugendlichen von der Situation „zu Hause” und der Situation „unterwegs”
unterscheiden sich aber in der Stärke der Wichtigkeit (Tabelle 8): Mit Ausnahme zweiter
Items, die sich auf Art (wie ich will; gut aussehen), und eines weiteren Items, das sich auf die
Menge des Essens bezieht, unterscheiden sich die Wichtigkeiten für die häusliche und
außerhäusliche Situation statistisch signifikant. Dabei ist den befragten Jugendlichen
unterwegs deutlich wichtiger als zu Hause, dass Essen schnell, cool und preiswert ist.
Darüber hinaus soll Essen im Zusammensein mit anderen sein und nebenbei stattfinden. Zu
Hause wollen Jugendliche im Vergleich zu unterwegs lieber gesundes, kalorienarmes Essen
zum Sattwerden.
In
einer
darüber
hinaus
durchgeführten
vierfachen
Varianzanalyse
mit
Messwiederholungen der vier Faktoren Situation (zu Hause, unterwegs), Geschlecht,
Klassenstufe und Schulzweig konnte festgestellt werden, dass die Jungen die Menge
signifikant wichtiger ist als den Mädchen, und umgekehrt ist für die Mädchen gesundes,
kalorienarmes Essen signifikant bedeutsamer als für Jungen. Außerdem finden sie es
wichtiger, dass andere da sind. Die Klassenstufe spielte lediglich für das Item ..., dass es
schnell geht − für die 10. Klasse wichtiger − eine Rolle. Ebenfalls auf die Schnelligkeit hatte
der Schulzweig einen signifikanten Einfluss; so war dies besonders wichtig für Schülerinnen
und Schülern des Gymnasiums. Für Hauptschüler und -schülerinnen hat cooles Essen
signifikant größere Bedeutung als für die befragten Jugendlichen anderer Schulzweige. Auf
den Preis achten dagegen Schülerinnen und Schüler der Hauptschule und des
Gymnasiums.
213
Geschlecht ist eine Strukturkategorie in der durchgeführten Untersuchung. Um Unklarheiten vorzubeugen
wird darauf hingewiesen, dass „Schüler” ausschließlich Jungen und „Schülerinnen” entsprechend Mädchen
meint.
Ergebnisse
Tabelle 8
143
Häusliches und außerhäusliches Essen: Vergleich der Wichtigkeiten
Vergleich der Wichtigkeiten in Esssituationen zu Hause und unterwegs214
Item
zu Hause
unterwegs
M
s
N
M
s
N
t
p
... es schnell geht
0,33
0,47
196
0,44
0,50
196
-2,711
0,007
... es gut schmeckt
0,95
0,21
196
0,88
0,33
196
3,541
0,000
... es cool ist
0,16
0,37
193
0,32
0,47
193
-5,182
0,000
... es gesund ist
0,52
0,50
193
0,38
0,49
193
4,419
0,000
... ich essen kann, wie ich will
0,57
0,50
193
0,54
0,50
193
0,816
0,416
... es gemütlich ist
0,78
0,42
195
0,52
0,50
195
6,274
0,000
... es kalorienarm ist
0,26
0,44
194
0,20
0,40
194
2,382
0,018
... andere da sind
0,40
0,49
193
0,70
0,46
193
-7,586
0,000
... es nebenbei geht
0,27
0,45
193
0,52
0,50
193
-6,075
0,000
... es gut aussieht
0,39
0,49
192
0,40
0,49
192
-0,479
0,632
... es viel ist
0,25
0,44
194
0,21
0,41
194
1,640
0,103
... ich satt werde
0,85
0,36
196
0,73
0,44
196
3,908
0,000
... es preiswert ist
0,22
0,42
193
0,56
0,50
193
-8,896
0,000
Wie und was würden Jugendliche am liebsten essen?
Im Großen und Ganzen möchten Jugendliche nur wenig an ihren Essgewohnheiten
ändern. So äußern sich 22 von 196 Jugendlichen (11 %) überhaupt nicht zur Frage, wenn du
viel Geld hättest, wie und was würdest du dann am liebsten essen. Weitere 20 % wollen „wie
jetzt” essen. Wenn sie wählen könnten, dann wäre rund einem Viertel ihr Lieblingsgericht
(v. a. Pizza und Schnitzel) wohl am liebsten. Neben Pizza kommen auch Obst und belegte
Brote (Frage B-2 zu den Nahrungsmittelpräferenzen) bei mehr als 90 % aller befragten
Jugendlichen gut an. Einige träumen (12 %) davon, möglichst „teuer” oder „luxuriös” zu
essen – allerdings ohne zu beschreiben, was sie darunter verstehen.
In der konstruierten Frage (B-4) zur Fernsehsendung „Big Brother” (Tabelle 9) zeigt sich
eine hohe Toleranz fast aller Befragten gegenüber verschiedenen Essweisen und dazu­
gehöriger Zubereitungsmethode. So finden sie beispielsweise Müsli essen (92 %) genauso
normal wie Braten übergießen (86 %). Cool oder peinlich ist kaum etwas. Nur wenige finden
Orangen auspressen (11 %) und Tiefkühlpizza essen (10 %) cool. Ausnahme ist Kalorien
zählen (63 %) und Austern schlürfen (45 %), das viele als peinlich bezeichnen. Am
peinlichsten ist das Kalorien zählen den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten (71 %;
p = 0,006), dicht gefolgt von den Gesamtschülerinnen und -schülern (67 %). Es fällt auf,
214
Für die Situationen „zu Hause” und „unterwegs” sind die relativen Häufigkeiten als Mittelwerte dargestellt.
Mittels t-Test werden die relativen Häufigkeiten zwischen den Bedeutungen des Essens in den Situationen zu
Hause und unterwegs verglichen. Signifikante Unterschiede werden durch den fettgedruckten p-Wert
hervorgehoben.
144
Ergebnisse
dass niemand der Befragten der Realschule und des Gymnasiums angibt, öffentliches
Kalorien zählen sei cool; dagegen finden einige Schülerinnen und Schüler der Hauptschule
(10 %) und der Gesamtschule (7 %) dieses cool.
Tabelle 9
Toleranz gegenüber anderen Essverhaltensweisen
Toleranz gegenüber Verhaltensweisen bei der Fernsehsendung „Big Brother”
Stell dir vor, jemand aus deiner Klasse ist bei Big
Brother und du sieht im Fernsehen wie er/ sie ...
Das
peinlich
.. Müsli isst
.. Mohrrüben knabbert
finde
total normal
ich ...
cool
92,2
14,5
78,2
.. Orangen auspresst
85,5
10,9
.. Tiefkühlpizza isst
85,0
10,4
.. Schokoriegel vertilgt
14,6
78,1
.. Kalorien zählt
62,5
32,8
.. Austern schlürft
44,7
47,4
.. Braten übergießt
10,9
86,0
(Angaben in %; nur Angaben über 10 % berücksichtigt; Angaben über 50 % in Fettdruck.)
Die Mehrheit stört es total, wenn der andere rülpst, schmatzt und über Kalorien redet
(Tabelle 10). Schmatzen und rülpsen stört mehr Mädchen als Jungen. Das Reden über
Kalorien stört bei beiden Geschlechtern etwa die Hälfte aller Befragten. Beim Rauchen gibt
es zwei Lager: die einen stört es gar nicht, die anderen total. Folgende Verhaltensweise
stören eher gar nicht: Essen ohne Messer, mit dem Eis anfangen, bevor der andere
aufgegessen hat, nicht aufessen, nur Pommes mit Ketchup essen und etwas vom Teller
nehmen. Insgesamt sind Mädchen zwar etwas empfindlicher gegenüber den meisten
angegebenen Verhaltensweisen (10 von 14) bei Tisch, die Unterschiede zu den Jungen sind
jedoch nicht sehr groß.
Ergebnisse
Tabelle 10
145
Toleranz gegenüber Verhaltensweisen bei Tisch
stört ...
Rang
215
Verhaltensweisen
216
Mittelwert
217
gar nicht etwas ziemlich total
1.
rülpst
3,11
x
xx
2.
schmatzt
2,98
x
xx
3.
redet über Kalorien
2,60
x
xx
4.
spricht mit vollem Mund
2,57
5.
leckt sich Finger ab
2,46
x
6.
raucht während ich esse
2,38
xx
x
7.
anderes218
2,33
xx
x
8.
leckt Messer ab
2,27
xx
x
9.
isst schnell und hastig
2,19
x
xx
10.
nimmt mir etwas vom Teller
2,00
xx
x
11.
fängt schon mit dem Eis an, während ich noch Pizza esse
1,75
xx
x
12.
isst nur mit der Gabel (ohne Messer)
1,72
xx
x
13.
isst nur Pommes mit Ketchup
1,54
xx
x
14.
isst nicht auf
1,46
xx
x
xx
x
x
xx
Zur Verteilung in den Spalten der Antwortvorgaben: xx = höchste Prozentzahl; x = zweithöchste Prozentzahl
8.3
Vorstellungen eines attraktiven Körpers und Figurmodellierung
Attraktivste Frauenfigur
Auf Platz 1 aller Jugendlichen steht der Wespentaillentyp (37,7 %), auf Platz 2 der
sportlich-androgyne Typ (32,5 %) und auf Platz 3 der extrem muskulöse Typ (16,8 %). Typ
„adipös” und Typ „oben dick, Beine dünn” wurde von keinem auswählt. Die Wahl der
Mädchen (Tabelle 11) differiert leicht: So bevorzugten mit 36,6 % mehr Mädchen den
sportlich-androgynen Typus als den Wespentaillentyp (31,2 %). Bei den Jungen sind die
Vorlieben umgekehrt wie bei den Mädchen. Jungen präferieren eher den Wespentaillentyp
(43,9 %) und deutlich weniger den sportlich-androgynen Frauenkörper (28,6 %). Für fast alle
Jungen (98 %) kommen nur vier Körperformen für ihre Auswahl in Frage. Der Normaltypus
erhält in keiner Gruppe mehr als 10 %.
215
Rangplatz nach abnehmendem Mittelwert (vgl. Fußnote 217).
216
Geschlechtsunterschiede sind farblich markiert (stört mehr Mädchen oder mehr Jungen).
217
Dazu werden den Antwortalternativen folgende Wertezugeordnet: stört gar nicht = 1; stört etwas = 2; stört
ziemlich = 3; stört total = 4. Daraus wird der Durchschnittswert ermittelt.
218
Verhaltensweisen, die genannt wurden sind (geordnet nach Häufigkeit, absteigende Reihenfolge):
dauerndes, lautes Reden − pubsen, schlürfen − meckern und nicht genießen − mich angucken − streiten −
Jogginghose tragen − ...
146
Ergebnisse
Tabelle 11
Attraktivste Frauenfigur
bei Mädchen
Körperform
bei Jungen
Rangplatz
%
Rangplatz
%
Wespentaillentyp
2.
31,2
1.
43,9
sportlich-androgyner Typ
1.
36,6
2.
28,6
extrem muskulöser Typ
3.
16,1
3.
17,3
normaler Typ
5.
3,2
4.
8,2
Typ „Twiggy”
4.
8,6
5.
1,0
Attraktivste Männerfigur
Die Mehrzahl aller Befragten bevorzugt den extrem muskulösen Typ (40,0 %) und den
sportlichen Männertyp (33,7 %). Auch bei der Wahl der attraktivsten Männerfigur ist der
Normaltypus besonders bei den Jungen wenig beliebt, obwohl immerhin 10,8 % der
Mädchen diesen Typus − allerdings ohne Bauchansatz − bevorzugen. Überhaupt finden
Mädchen und Jungen unterschiedliche Figurtypen attraktiv (Tabelle 12): So bevorzugen
mehr Mädchen die sportliche Körperform (37,6 %) als die extrem muskulöse (32,3 %).
Dagegen ist letzterer klarer Favorit bei fast der Hälfte der Jungen (47,4 %). Immerhin finden
noch knapp ein Drittel (29,9 %) der Jungen den sportlichen Typ attraktiv. Anders als die
Mädchen (1,1 %) bevorzugte jeder zehnte Junge auch die extreme Y-Form. Bei einigen
Mädchen kam auch der dünne Körpertyp ohne Bauch (über 10 %) und mit Bauch (6,5 %) an.
Keine(r) wählte den Typ „oben dick, Beine dünn”.
Tabelle 12
Attraktivste Männerfigur
bei Mädchen
Körperform
bei Jungen
Rangplatz
%
Rangplatz
%
sportlich
1.
37,6
2.
29,9
extrem muskulös (Body-Builder)
2.
32,3
1.
47,4
extreme Y-Form
6.
1,1
3.
10,3
„statistischer Normalmann”
3.
10,8
4.
5,2
dünn
3.
10,8
5.
2,1
„normal” mit Bauchansatz
8.
0,0
5.
2,1
dünn mit Bauch
5.
6,5
9.
0,0
Ergebnisse
147
Was tun Jugendliche für ihre Figur?
Jugendliche treiben Sport, bewegen sich mehr und verzichten auf Nahrung, wenn sie
etwas für ihre Figur tun wollen (Tabellen 13ff.). Mädchen und Jungen verhalten dabei
unterschiedlich.
Tabelle 13
Gewählte Methoden der Figurmodellierung
Übersicht zu den regelmäßigen oder oft eingesetzten Methoden der Figurmodellierung
Rang219
%
Wenn ich etwas für meine Figur tun will, dann ...
1.
... treibe ich Sport
74,0
2.
... bewege ich mich mehr
68,4
3.
... verzichte ich auf Dinge, die ich gerne esse
30,6
4.
... lasse ich täglich mindestens eine Mahlzeit ausfallen
22,4
5.
... esse ich mich nicht satt
17,0
6.
... mache ich eine Diät
15,8
7.
... zähle ich Kalorien
10,2
8.
... esse ich Dinge, die ich sonst nie esse
7,7
9.
... esse ich Muskelaufbaupräparate
3,5
Sport und Bewegung ist das Mittel der Wahl für die Jungen
Jungen bewegen sich zwar insgesamt mehr als die Mädchen (Tabelle 14); die
Unterschiede sind jedoch nicht statistisch signifikant (Sport treiben: p = 0,095). Mehr als drei
Viertel der befragten Jungen (78 %) treiben regelmäßig oder oft Sport; und knapp drei Viertel
(69 %) bewegt sich mehr.
Tabelle 14
Bewegung als eingesetzte Figurmodellierungsmethode
Ich bewege mich mehr, wenn ich etwas für meine Figur tun
will
selten/nie
regelmäßig/oft
Jungen
31
69
Mädchen
32
68
Ich treibe Sport, wenn ich etwas für meine Figur tun will
selten/nie
regelmäßig/oft
Jungen
22
78
Mädchen
30
70
(Angaben in % von Geschlecht)
219
Rangliste geordnet nach Häufigkeiten (in absteigender Reihenfolge) von Dingen, die die Schülerinnen und
Schüler regelmäßig oder oft tun.
148
Ergebnisse
Für Jungen ist neben Bewegung und Sport auch die Einnahme von Muskelaufbaumitteln
eine Möglichkeit zur Beeinflussung ihrer Figur (Tabelle 15). Knapp 7 % geben an, diese
regelmäßig oder oft einzunehmen. Unterschiede zwischen Schulzweigen (nur bei Jungen)
sind statistisch signifikant (p = 0,012). So gibt kein Gymnasiast und nur drei Gesamtschüler
geben an, jemals Präparate zu konsumieren; dagegen sind es 15 Haupt- und Realschüler,
die diese schlucken.
Tabelle 15
Muskelaufbaupräparate als eingesetzte Figurmodellierungsmethode
Einnahme von Muskelaufbaupräparaten nach Schulzweigen (nur Jungen)
Schulart
Schüler
Ich esse Muskelaufbaupräparate, wenn ich etwas für meine Figur tun will
nie
selten
oft
regelmäßig
Hauptschule
32
23
6
2
1
Realschule
17
11
3
0
3
Gymnasium
28
28
0
0
0
Gesamtschule
26
23
2
1
0
Gesamtanzahl
103
85
11
3
4
Für ihre Figur verzichten Mädchen in erster Linie auf Nahrung
Mädchen treiben ähnlich viel Sport wie Jungen, so setzen knapp drei Viertel (70 %) der
befragten Mädchen regelmäßig und oft Sport zur Figurmodellierung ein. Und fast ebenso
viele (68 %) bewegen sich zu diesem Zweck mehr (vgl. Tabelle 14). Zusätzlich zu Sport und
Bewegung reduzieren Mädchen häufig noch die Nahrungsmenge (vgl. Tabelle 16). Fast die
Hälfte verzichtet regelmäßig oder oft auf Dinge, die sie gerne essen. Ebenso lässt über ein
Drittel häufig mindestens eine Mahlzeit täglich ausfallen. Nahezu ein weiteres Drittel der
Mädchen tut das zumindest selten. Rund 35 % der Mädchen geben an, nie eine Mahlzeit
ausfallen zu lassen. Etwas weniger, aber in der Tendenz vergleichbare Ergebnisse erhält
man zum Nicht-Satt-Essen und zum Kalorien zählen.
Nur wenige Jungen (zwischen 5 % und 16 %) kommen auf die Idee, für ihre Figur regel­
mäßig oder oft auf Nahrung zu verzichten. Jungen unterscheiden sich dabei signifikant220 von
den Mädchen. Darüber hinaus machen Mädchen signifikant öfter als Jungen eine „Diät”
(p = 0,000). Knapp 30 % der Mädchen tun dieses regelmäßig oder oft. Hier liegen Unter­
schiede zwischen den Schulzweigen (Tabelle 17) vor: Schülerinnen und Schüler der be­
fragten Haupt- und Realschulklassen gaben – wenn auch nicht signifikant (p = 0,088) – häu­
figer an, eine „Diät” zur Erreichung einer besseren Figur einzusetzen. Dagegen ist bei allen
befragten Jugendlichen gleichermaßen unbeliebt, andere Dinge zu essen (p = 0,082).
220
Verzicht auf Mahlzeit: p = 0,000; Verzicht auf Dinge, ...: p = 0,000; nicht satt essen: p = 0,004; Kalorien
zählen: p = 0,004.
Ergebnisse
Tabelle 16
149
Verändertes Essverhalten als Figurmodellierungsmethode
Ich lasse täglich mindestens eine Mahlzeit ausfallen, wenn ich etwas für meine Figur tun will
selten/nie
regelmäßig/oft
Jungen
88
12
Mädchen
66
34
Ich verzichte auf Dinge, die ich gerne esse, wenn ich etwas für meine Figur tun will
Jungen
84,5
15,5
53
47
Mädchen
Ich esse mich nicht satt, wenn ich etwas für meine Figur tun will
Jungen
87
Mädchen
78
13
22
... zähle ich Kalorien
Jungen
95
5
Mädchen
84
16
Ich mache eine Diät, wenn ich etwas für meine Figur tun will
Jungen
94
6
Mädchen
73
27
Ich esse andere Dinge, wenn ich etwas für meine Figur tun will
Jungen
Mädchen
91
9
93,5
6,5
(Angaben in % von Geschlecht)
Tabelle 17
Diät als eingesetzte Figurmodellierungsmethode
Häufigkeit der Durchführung von Diät differenziert nach Schulzweigen
Ich mache eine Diät, wenn ich etwas für meine Figur tun will
selten/nie
regelmäßig/oft
Hauptschule
0
20
Realschule
78
22
Gymnasium
89
11
Gesamtschule
86
14
Durchschnitt (von N in %)
84
16
(Angaben in % von den Schulzweigen)
Elternkommentare
Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen findet es gut, wenn Eltern zu ihren Kindern
in einer entsprechenden Situation Folgendes sagen:
✗
„Iss mehr Obst und Gemüse!” (62,8 %)
✗
„Iss ordentlich!” (52,8 %)
✗
„Iss langsamer!” (51,5 %).
Tatsächlich scheinen die befragten Schülerinnen und Schüler diese drei Aufforderungen
von ihren Eltern, meist von der Mutter, am häufigsten zu hören. Mehrheitlich lehnen die
befragten Jugendlichen darüber hinausgehende elterliche Regulierungen hinsichtlich des
150
Ergebnisse
Essverhaltens eher ab; und nur eine Minderheit muss diese wohl auch ertragen. Bei­
spielsweise sagen nach Auskunft ihrer Kinder 13 % der Eltern: „Du bist zu dick!” Und 24 %
sagen: „Du bist zu dünn!” Fast 12 % der heranwachsenden Söhne, aber nur 3 % der Töchter
werden von ihren Eltern direkt aufgefordert, sich Mühe mit ihrem Aussehen zu geben.
Kommentare in der Peergroup
Sowohl Eltern als auch Jugendlichen untereinander halten sich mit Kommentaren zum
Essverhalten anderer zurück. Am häufigsten scheint das „Diätverhalten” der Mädchen zu
Kommentaren herauszufordern; 36 % der befragten Mädchen bekommen regelmäßig oder
oft zu hören: „Bist du etwa schon wieder auf Diät!” und 38 % „Du isst schon wieder nichts!”
Interpretation und Diskussion
9
151
Interpretation und Diskussion
9.1
Familienmahlzeiten aus der Perspektive der Jugendlichen
Um Stellenwert, Wichtigkeit und Funktionen von Familienmahlzeiten interpretieren und
diskutieren zu können, ist es zunächst von Bedeutung, ob Familienmahlzeiten überhaupt
noch zum Alltag von Jugendlichen gehören. Die dazu erhobenen Daten (vgl. Kapitel 8.1,
Tabelle 4) zeigen, dass die Mehrzahl der Jugendlichen regelmäßig an Familienmahlzeiten
teilnimmt. Konkret isst immerhin knapp die Hälfte aller Befragten wenigstens einmal am Tag
mit Eltern bzw. einem Elternteil. Fast alle befragten Jugendlichen (9/10) nehmen mindestens
einmal wöchentlich an Familienmahlzeiten teil − i. d. R. deutlich häufiger. Anders als an­
genommen, ist die Häufigkeit der Teilnahme an den Familienmahlzeiten unabhängig von
Schulzweig, Klassenstufe und Alter. Auch den wenigen Jugendlichen, die nie (2 %) oder
äußerst selten (ca. 9 %) mit Eltern essen, scheinen gemeinsame Mahlzeiten zu gefallen (vgl.
Anhang, Tabelle 18). Damit ist das Gefallen von Familienmahlzeiten nicht in direkten
Zusammenhang mit der tatsächlichen Teilnahme zu bringen. Konkurrierende Prioritäten (z.
B. beim Sonntagsfrühstück das Ausschlafen, beim Abendessen das abendliche Freizeit­
programm) und alternative Versorgungsmöglichkeiten (Kühlschrank etc.) können in diesen
Fällen mögliche Gründe für die Nichtteilnahme sein. Nach den hier erhobenen Daten ist hier
ein Funktionswandel der Familienmahlzeit (s. u.) zu beobachten. Daher stellt sich die hier
nicht beantwortbare Frage, ob für diese wenigen Jugendlichen, die selten oder nie
gemeinsam mit der Familie essen, ein alternativer Bereich zur Familienkommunikation
verfügbar ist oder ob dieser ganz fehlt.
Die Mahlzeitensituation ist ein Spiegel der Familiensituation und der subjektiven
Wertschätzung. Welche Regeln, welche Familientraditionen, welche Rituale gepflegt werden,
wird in gemeinsamen Interaktionsprozessen zwischen den Familienmitgliedern ständig
verfestigt oder verändert. Im Sinne einer Momentaufnahme wird hier nach Elementen von
Familienmahlzeit gefragt, die Jugendlichen gefallen oder sie stören. Zunächst zeigen die
Ergebnisse, dass fast 90 % aller befragten Jugendlichen (Kapitel 8.1) gemeinsame
Familienmahlzeiten gefallen. Dieses Ergebnis wird gestützt durch die offene Frage zum
Gedankenspiel − wenn du viel Geld hättest, wie und was würdest du dann am liebsten
essen? (vgl. Anhang). Hier antworten 40 Jugendliche sinngemäß, dass sie wie bisher essen
wollen. Weitere dreizehn wünschen sich explizit ein Essen mit der Familie oder zu Hause.
Umso wichtiger erscheint die genaue Betrachtung, was bei Jugendlichen bezüglich
gemeinsamer Mahlzeiten mit der Familie gut ankommt und was stört (vgl. Kapitel 8.1,
Abbildungen 5 und 6). Nach den hier erhobenen Daten genießen Jugendliche v. a.
Gespräche, gutes Essen und Zusammensein.
152
Interpretation und Diskussion
Weniger
beliebt
sind
dagegen
die
Gesprächsthemen.
Einerseits
gefallen
den
Jugendlichen also Tischgespräche (67,3 %) und andererseits stören die Gesprächsthemen
(57,7 %). Wie erklärt sich diese Ambivalenz? Eine zunehmende Bedeutsamkeit der
Kommunikationsfunktion für Familienmahlzeiten deutete sich bereits aufgrund der Literatur
(Barlösius 1999, S. 185) und der Durchsicht von Daten aus vorliegenden Studien (Sellach
1996; Heyer 1997; Brombach 2000b, 2001; Meyer 2002) an; hier liegen nun weitere Daten
(vgl. Anhang, Tabelle 19) dazu vor, die dieses bekräftigen und eine vertiefende Analyse
ermöglichen. Tatsächlich reden etwa vier Fünftel aller Familien ziemlich bzw. sehr viel bei
gemeinsamen Mahlzeiten und über 60 % bleiben sitzen, nachdem sie aufgegessen haben
(vgl. hierzu auch Meyer 2002). Die Daten zum Essen in anderen Familien stützen die
angenommene Wichtigkeit von Tischgesprächen.
Ein Haupt- und gleichzeitig ein Streitthema am Familientisch ist Schule. So geben circa
80 % an, dass beim gemeinsamen Essen über Schule gestritten wird (vgl. Anhang,
Tabelle 22). Insgesamt wird allerdings − zumindest nach Angaben der befragten
Jugendlichen − lediglich in knapp 8 % der Familien oft und in etwa 30 % ab und zu beim
Essen gestritten. Rückfragen in Klassendiskussionen und Einzelgespräche mit einigen der
befragten Jugendlichen lassen an diesen Angaben Zweifel aufkommen; vermutlich
beschönigen die Befragten die häusliche Situation beim gemeinsamen Essen221. Unabhängig
davon, drücken sich nur sehr wenige (circa 3 %) öfters vor Familienmahlzeiten (vgl. Anhang,
Tabellen 23 und 24 und 25). Bekannt ist von Magersüchtigen, dass sie gemeinsame
Mahlzeiten vermeiden, um der Aufmerksamkeit der Eltern und anderen Personen zu ent­
gehen. Ein 16-jähriges Mädchen (eine von den insgesamt sechs Personen, die sich oft vor
gemeinsamen Mahlzeiten drücken) ist diesbezüglich auffällig (vgl. Anhang, Tabelle 26).
Nach ihren Angaben lässt sich ein Body Mass Index von unter 18 errechnen, alle anderen
sind normal- bzw. übergewichtig. Essstörungen sind jedoch nicht Thema dieser Arbeit.
Deshalb kann eine Vertiefung des Zusammenhangs zwischen Magersucht und Vermeiden
von gemeinsamem Essen im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden.
Für die Mehrzahl der Jugendlichen gehören Gespräch und Familienmahlzeit zusammen.
Der besuchte Schulzweig hat Einfluss darauf, wie viel geredet wird, und ob die Familie nach
dem Essen am Tisch sitzen bleibt (vgl. Anhang). Dieses kann als ein Hinweis gedeutet
werden, dass Dauer und Intensität von Tischgesprächen sozial different sind. Dieses trifft
jedoch nicht auf die Vielfalt der Gesprächsthemen zu. Gefragt wird nach einzelnen
Gesprächsthemen und -partnern (vgl. Kapitel 8.1, Tabelle 5 und Anhang, Tabelle 21). Der
221
Nach den Eindrücken v. a. aus Einzelgesprächen mit Schülerinnen in der Pause wird deutlich: Streit gehört
nicht zu den Vorstellungen einer „richtigen” Familie, daher wird gegenüber Dritten ein Bild einer
harmonischen Familie, in der nicht oder nur wenig gestritten wird, vorgegeben.
Interpretation und Diskussion
153
Überblick zeigt, dass sowohl Mädchen wie Jungen über die meisten Themen mit der Mutter
reden. Das deckt sich mit Ergebnissen neuerer Jugendstudien (14. Shell Jugendstudie 2002;
Zinnecker et al. 2002), in denen Jugendliche ebenfalls die Mutter als wichtigste
Gesprächspartnerin nennen. Im Übrigen werden Mütter mit zunehmendem Alter der
Jugendlichen auch „zentrale Konfliktpartnerinnen” (Zinnecker et al. 2002, S. 162), mit denen
vornehmlich gestritten wird. Das kann eine Folge des „Verschwindens” der Väter vom
Familientisch sein − besonders mittags. Wie aus anderen Studien (Brombach 2003; Heyer
1997; Sellach 1996) bekannt ist, essen viele (besonders der jüngeren Kinder) mit ihren
Müttern, wenn sie aus der Schule kommen (DGE 2004). Kaum verwunderlich, dass in den
Gesprächen mit Müttern der Themenbereich Schule eine dominante Rolle spielt. Mütter
nehmen bei den mittäglichen Mahlzeiten am ehesten unmittelbar am (Schul-)Leben der
Kinder teil. Bereits Brombach (2001, S. 240) stellt fest, dass viele Mütter bewusst auf eine
Vollzeiterwerbstätigkeit verzichten, um gemeinsam mit den nach Hause kommenden Kindern
zu essen, zu kommunizieren und um diese emotional zu entlasten. Brombachs Ergebnis wird
durch die hier erhobenen Daten gestützt, wenngleich einschränkend festgestellt werden
muss, dass die Option zur Teilnahme an Familienmahlzeiten auch zu einem Rückzug der
Jugendlichen führen kann, und dass Väter einer der wichtigsten Gesprächspartner − nicht
nur für Jungen – sind. Väter sind bei Familienmahlzeiten insgesamt sicherlich zeitlich
weniger präsent als Mütter. Nach neueren Jugendstudien (Zinnecker et al. 2002, S. 15ff. und
S. 151; 14. Shell Jugendstudie 2002) sind Väter als Ansprechpartner und Bezugsperson
zwar weniger gefragt als Mütter, jedoch nach wie vor wichtiger als andere Personen (z. B. die
besonders für Jugendliche bedeutende Freundesgruppe). Als Vorbilder sind ebenfalls beide
Eltern anerkannt222.
Nach den hier erhobenen Daten (vgl. Kapitel 8.1, Tabelle 5) reden die befragten Mädchen
und Jungen über durchschnittlich acht bis neun Themen mit ihren Müttern und über sechs
bis sieben Themen mit ihren Vätern. Eigene Zukunft, Lehrkräfte, Schule, Absprachen und
eigene Person sind Themen, die mit beiden Eltern besprochen werden. Mit Vätern stehen
Gespräche über die eigene Zukunft an erster Stelle, nicht so bei den Müttern (Rangplatz 5).
Themen, die weniger mit den Vätern besprochen werden sind Schulnoten, -probleme und
Familienthemen − dieses sind eher Themen für ein Gespräch mit Müttern.
Legt man die Themenvielfalt zugrunde, sind Väter nach den Müttern zweitwichtigster
Gesprächspartner − obwohl über ein Fünftel (rund 22 %) nicht mit dem eigenen Vater in
einem Haushalt lebt. Mit allen anderen Gesprächspartnern wird über weniger Themen
gesprochen. Das trifft auch auf die knapp 60 % der Jugendlichen zu, die im gleichen
222
Von den 60 %, die Vorbilder haben, ist bei den weiblichen Personen die Mutter mit knapp 30 % auf Rangplatz
1, der Vater mit 23 % auf Rangplatz 2 nach Sportlern (Zinnecker et al. 2002, S. 53).
154
Interpretation und Diskussion
Haushalt lebende Geschwister haben. Mit Freundinnen und Freunden tauschen sich die hier
befragten Jugendlichen über mehr Themen aus als mit sämtlichen weiteren Personen im
Familienkreis ([Halb-]Geschwister, Stiefeltern, Großeltern etc.). Das deckt sich mit ebenfalls
mit Ergebnissen aus aktuellen Jugendstudien (Zinnecker et al. 2002, S. 26 und 59ff.).
Die von den Befragten angegebenen Themenbereiche der innerfamiliären Kommunikation
unterscheiden sich von denen im Freundeskreis (vgl. Kapitel 8.1, Tabelle 5). Über die eigene
Person und Schulprobleme wird eher mit Eltern geredet. Dagegen drehen sich Gespräche
unter Freunden mehr um Kino, Hobbies und Sport.
Sofern Jugendliche über ihre eigene Person und ihre Zukunft sprechen, sind also beide
Elternteile gefragt. In diesem Zusammenhang sollten Unterschiede zwischen den
Mahlzeitensituationen unter der Woche und am Wochenende überdacht werden. Alltägliche
Mittagsmahlzeiten sind eher funktional (Brombach 2003, S. 132) ausgerichtet. Zeitknappheit
und Angespanntheit sind dabei kennzeichnend sowohl für Mütter als auch Jugendliche.
Dagegen überwiegt am Wochenende eine eher entspannte Atmosphäre, die mehr Zeit und
Geduld für tiefergehende Gespräche lässt, außerdem sind die Väter zu Hause. Nach den
ersten Eindrücken (Interviews und v. a. Klassendiskussionen) genießen dieses viele
Jugendliche. Obwohl „frühes” Aufstehen als „belastend” empfunden wird, nehmen die
meisten offensichtlich gerne am sonntäglichen Frühstück teil und finden es schön.
In der Phase der Jugend können externe Impulse für die Identitätsbildung anregend
wirken. Auch wenn nach den Daten Essen in Familien von Freundinnen und Freunden (vgl.
Anhang) nur für eine Minderheit alltäglich ist, schätzen Jugendliche hierbei die Abwechslung,
das leckere Essen und die interessanten Gespräche. Mit anderen Familien gemeinsam zu
essen, bedeutet die Vorteile einer Familienmahlzeit aufgrund der fehlenden Abhängigkeit
bzw. Zugehörigkeit, ohne die Nachteile zu genießen. Durch die eher beobachtende Rolle als
Nicht-Familienmitglied können alternative Sichtweisen gewonnen werden. Allerdings müssen
sie sich wahrscheinlich besser als zu Hause benehmen; sie gewinnen dadurch aber auch
Anerkennung.
Trotz der allgemein guten Bewertung essen Jugendliche erstaunlich selten in anderen
Familien. Essensverabredungen zu Hause bei anderen bleiben die Ausnahme. Über die
Gründe kann aufgrund fehlender Daten nur spekuliert werden. Möglicherweise fehlen dazu
die Gelegenheiten, weil in Familien seltener regelmäßig gekocht wird. Verabredungen wären
notwendig, die dann einer von Jugendlichen allgemein geschätzten Spontanität und
Flexibilität entgegenstehen. So ist gemeinsames, spontanes Essen („Snacken”), das
unverbindlich bleiben kann, unterwegs leichter praktizierbar (vgl. auch Kapitel 4.3.3).
Interpretation und Diskussion
155
Barlösius (1999) vermutet eine zunehmende Bedeutung der Kommunikationsfunktion bei
den Mahlzeiten. Sowohl die hier gewonnenen Daten für die Altersgruppe der Jugendlichen
als auch die Sekundäranalyse der Zeitbudgetstudie 2001/02 im Ernährungsbericht 2004
sprechen dafür, dass „[im] täglichen Stress von Erwerbsarbeit, sozialen Verpflichtungen und
persönlichen Freizeitaktivitäten ... den Mahlzeiten als Zeiten der Regeneration und
Kommunikation mehr Raum gewährt [wird]” (DGE 2004, S. 78). Ergebnisse zu den Fragen,
wie sich Jugendliche bei aufkommendem Hunger zu Hause und unterwegs verhalten (vgl.
Kapitel 8.1, Tabelle 6 und Anhang), lassen bei Familienmahlzeiten darüber hinaus auf einen
Funktionswandel schließen. Das heutige Marktangebot bietet Jugendlichen einige Möglich­
keiten, ihre Versorgung schnell, individuell, ohne viel Aufwand an Zeit und Wissen
unabhängig zu realisieren. Mahlzeiten haben daher nicht mehr zwangsläufig Versorgungsund Verteilungsfunktion. Trotz des vielfältigen Angebots unterwegs schieben über die Hälfte
aller Befragten ihren Hunger auf, bis sie wieder zu Hause sind. Wie in den Interviews und
den Klassendiskussionen deutlich wurde, würden die befragten Jugendlichen zwar gerne
öfters unterwegs mit ihren Freunden auf Fast Food zurückgreifen, tatsächlich tut dies die
Mehrzahl der Befragten nur gelegentlich. Einer der Hauptgründe für die Zurückhaltung ist
das verfügbare Taschengeld bzw. die mangelnde Bereitschaft der Jugendlichen, „ihr” Geld
für Essen auszugeben. So wünschen sich im Grunde viele, gemeinsam mit der
Freundesgruppe unterwegs zu essen (vgl. Frage zum Gedankenspiel − wenn du viel Geld
hättest, wie und was würdest du dann am liebsten essen?). Beliebt sind deshalb preiswerte
Fast-Food-Alternativen, z. B. Backwaren beim Bäcker. Dieser eher pragmatische Umgang
mit
aufkommendem
Hunger
aufgrund
der
finanziellen
Möglichkeiten
wird
in
Klassendiskussionen bestätigt.
Zuhause wartet dagegen nur knapp ein Drittel ab und zu oder oft auf eine Familien­
mahlzeit. Im Gegensatz zu unterwegs essen viele zu Hause bei aufkommendem Hunger
sofort etwas. Über vier Fünftel schmiert sich z. B. ab und zu bzw. häufig Brötchen, wirft einen
Blick in den Kühlschrank oder bereitet sich einen „Snack” (Tiefkühlpizza, Cornflakes u. ä.)
zu. Die Antwort („ich warte auf zu Hause”) auf die Frage, was machst du unterwegs, wenn
du Hunger bekommst, impliziert also keineswegs, dass auf gemeinsame Mahlzeiten gewartet
wird. Antworteten auf die Frage, was tust du, wenn du zu Hause Hunger bekommst, doch
knapp 70 %, dass sie nie bzw. nur selten auf gemeinsame Mahlzeiten warten. Die hier
erhobenen Daten stützen Hypothese, dass der „kleine Hunger” zwischendurch, ob zu Hause
oder unterwegs, nicht wegen der gemeinsamen Familienmahlzeit aufgeschoben, sondern mit
Kleinigkeiten wie Fast-Food-Produkten, Schokoriegel etc. sofort gestillt wird.
156
Interpretation und Diskussion
Folglich isst einerseits eine Mehrheit regelmäßig gemeinsam mit Eltern, andererseits
wartet nur etwa ein Drittel tatsächlich (ab und zu/häufig) auf das gemeinsame Essen, obwohl
vielen gemeinsames Essen durchaus gefällt. Wie oben dargestellt, haben psychosoziale
Faktoren (Tischgespräch, Zusammensein, zu Hause sein) ebenso wie individuelle und
physiologische Aspekte (gutes Essen, satt werden) einen hohen Stellenwert. Dieser Wert­
schätzung stehen z. B. Dauer und Zeitpunkt gegenüber. Daher wäre interessant, wann
regelmäßige Mahlzeiten stattfinden. Aus anderen Erhebungen (DGE 1979, 2004; von Ferber
et al. 1991; Sellach 1986; Dole-Studie 1995; Brombach 2000b; Meyer 2002) ist ein Trend
zum abendlichen Essen ablesbar. Zeitpunkt und Zeitdauer stehen gerade abends in
Konkurrenz mit anderen Freizeitaktivitäten. Gemeinsames Abendessen in der Familie ist
nach ersten Beobachtungen in den hier durchgeführten Interviews und Klassengesprächen
daher bei Jugendlichen mit zunehmendem Alter unbeliebt, denn dies erfordert ein Abwägen
zwischen Familienmahlzeit und Freizeitaktivität (mit der Peergroup). Ob Familien mit älteren
Jugendlichen darauf reagieren, indem sie auf „jugendfreundliche” Zeiten ausweichen, bleibt
hier unbeantwortet. Eine Alternative wäre auch eine zeitliche Verschiebung der Freizeitakti­
vitäten in die Nachtstunden. Die erhobenen Daten zur Wichtigkeit und Häufigkeit
gemeinsamer Mahlzeiten, können als Hinweis gewertet werden, dass eine von Jugendlichen
akzeptierte Abstimmung in den Familien stattfindet. Diese Abstimmung von individualisierten
Essenszeiten ist eine Haushaltsaufgabe, die wesentlich zur Aufrechterhaltung der Familien­
kommunikation beiträgt (vgl. Kettschau & Methfessel 1989, 2005; Methfessel 2002).
Der in der Literatur (Sellach 1996; Brombach 2000b, 2001, 2002, 2003; Schlegel-Matthies
2002; DGE 2004) widergespiegelte Eindruck, dass mehrheitlich Mütter die Essens­
versorgung in den Familien managen, wird durch die hier erhobenen Daten (Kapitel 8.1,
Abbildung 7) bestätigt. Obwohl in postmodernen Gesellschaften partnerschaftlich-diskursive
Entscheidungsfindungen in den Haushalts- und Familiensystemen zunehmen (Piorkowsky
2000, S. 23), scheint dieses nicht im gleichen Maße für den Bereich der Essensversorgung
zuzutreffen. Ein Grund kann der Symbolgehalt des bürgerlichen Ideals der Familienmahlzeit
sein, der die mütterliche und partnerschaftliche (eheliche) Zuneigung entsprechend des
Sprichwortes „Liebe geht durch den Magen” nach wie vor an der „Kochbereitschaft” und den
„Kochkünsten” der Mutter bzw. Partnerin (Ehefrau) festmacht (Schlegel-Matthies 2002).
Jugendliche werden nicht sich selbst überlassen, wie häufig im Zusammenhang mit den
Funktionsverlusten der Familie befürchtet wird. So sind Jugendliche − und im Übrigen auch
Väter − nur in Ausnahmefällen (Kapitel 8.1, Abbildung 7) allein für die Essensversorgung
zuständig; wohl aber bleibt fast ein Drittel aller Mütter ohne weitere Mithilfe. Etwa zwei
Fünftel der Jugendlichen helfen mit. Dabei erweist sich die Zuständigkeit für die
Interpretation und Diskussion
157
Essenszubereitung als unabhängig vom Alter (Klassenstufe), Geschlecht, besuchtem
Schulzweig und Erwerbstätigkeit der Eltern. Damit stützen die hier erhobenen Daten die
Hypothese, dass eigene Zuständigkeit der Schülerinnen und Schüler unabhängig von der
Erwerbstätigkeit der Eltern ist. Eltern − d. h. in erster Linie die für die Essenversorgung sich
verantwortlich fühlenden Mütter − scheinen stets zu versuchen, die Essensversorgung
sicherzustellen.
Vergleichbar mit den Ergebnissen von Sellach (1996) scheinen die Mütter auch für ihre
älteren Kinder die tägliche Essensversorgung in der Hand zu haben. Die vermuteten
geschlechtsspezifischen Unterschiede bestätigten sich nicht. Anders als bei Sellach (1996)
zeigen die Daten keine Korrelation zum Alter der Jugendlichen. Dies mag an der
Fragestellung liegen: Ich fokussierte die Zuständigkeit fürs Essen nicht auf die Mithilfe oder
Organisation223.
Damit
sind
Sellachs
Daten
zu
einzelnen
Tätigkeiten
bzw.
Tätigkeitsbereichen nicht direkt vergleichbar.
Die Hypothese, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter mehr Verantwortung für die
Essensversorgung in der Familie tragen, wird durch die erhobenen Daten so nicht bestätigt.
Die aktuelle Analyse der Daten der Zeitbudgetstudie 2001/02 zur Beteiligung von Kindern
und
Jugendlichen
vergleichbaren
an
der
Ergebnissen
Ernährungsversorgung
(DGE
2004,
S.
ihrer
88f.),
Familien
stellt
aber
kommt
ein
zwar
zu
traditionelles,
geschlechtsspezifisches Rollenmuster fest, das sich mit zunehmendem Alter verstärkt.
Allerdings weisen auch diese Daten auf einen Rückgang der Beteiligung an der
Ernährungsversorung insgesamt aller männlichen und weiblichen Jugendlichen hin (ebd.).
Aus anderen Erhebungen ist bekannt (Heyer 1997, S. 106 und S. 167ff.; Zeiher 2000,
S. 45ff.), dass nahezu alle Jugendliche Zwischenmahlzeiten selbstständig zubereiten (i. d. R.
beschränkt sich die Zubereitung auf das Aufwärmen von Convenience-Produkten etc.) und
damit auch partiell Verantwortung für sich übernehmen (sollten). Wie die Ergebnisse der hier
durchgeführten
Studie
bestätigen,
warten
viele
Jugendliche
häufig
nicht
auf
Familienmahlzeiten, nehmen aber nichtsdestotrotz regelmäßig daran teil. Sie praktizieren
eine allgemeine „Kühlschrank- und Snackkultur” und übernehmen damit − gewollt oder
ungewollt – die Entscheidung, wann, was und wie viel sie essen − ohne sich jedoch um die
Beschaffung kümmern zu müssen. Interviews, Ergebnisse und Klassendiskussionen deuten
darauf hin, dass der „gefüllte” Kühlschrank primär in der Verantwortung der Mütter liegt. Hier
könnte
der
Eindruck
entstehen,
dass
Jugendliche
tendenziell
„Hotelgäste
mit
Familienanschluss” sind. Dieser wird durch die aktuelle Analyse der Daten der
223
Aufgrund der hier allgemein gehaltenen Frageformulierung (Wer ist bei euch für das Essen zuständig?)
dachten die Befragten – wie durch Nachfrage deutlich wurde – z. B. nicht an das regelmäßige Entleeren des
Mülleimers. Bei der Interpretation bleiben daher eine Unterscheidung von Mithilfe, Zuständigkeit und
Verantwortlichkeit außen vor.
158
Interpretation und Diskussion
Zeitbudgetstudie 2001/02 (vgl. dazu DGE 2004, S. 72ff.) verstärkt. Verschärfend kommt hin­
zu, dass Jugendliche über Wahl von Nahrungsmittelprodukten mitbestimmen, ohne selbst
aktiv werden zu müssen (vgl. Kapitel 2.2).
Zusammenfassung
Gemeinsame Familienmahlzeiten sind für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen
nach wie vor ein Teil der Alltagsrealität, die auch Anklang bei den Jugendlichen selbst
finden. Damit wird die Hypothese, gegessen wird zu Hause, durch die Daten gestützt.
Weiter lassen die hier erhobenen Daten den Schluss zu, dass häusliches Essen
Versorgungsfunktion hat, d. h. der Sättigung und Regeneration dient. Häusliches Essen ist
jedoch nicht mit gemeinsamen Essen gleichzusetzen. Die Hypothese, dass Jugendliche
überwiegend freiwillig an Familienmahlzeiten, die eine Option zu gemeinsamen
Gesprächen sind, teilnehmen, wird durch die gewonnenen empirische Daten gestützt.
Entsprechend des Entwicklungsprozesses wird aus der verbindlichen Notwendigkeit der
Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit für Kleinkinder eine freiwillige Option für
Jugendliche. Durch ihre Teilnahme an den Familienmahlzeiten zeigen Jugendliche, dass
diese für sie eine Bedeutung haben.
Die Verantwortlichkeit für häusliche Essensversorgung liegt unabhängig vom Alter der
befragten Jugendlichen meist bei den Müttern. Jugendliche bestimmen über im Haushalt
verfügbare Nahrungsmittel mit, in dem sie Essenswünsche äußern und die Organisation
ihrer Mahlzeiten (z. B. Zeit, Ort, Art des Essens) partiell selbst in die Hand nehmen. Dieses
ist jedoch nicht mit einer Übernahme der Verantwortung für die eigene Ernährung
gleichzusetzen.
9.2
Kontextabhängige Bedeutungen
Das Interesse der hier vorliegenden Untersuchung richtete sich auch auf Differenzen der
Bedeutungen des Essens für Jugendliche in den Lebensbereichen Familie und Peergroup.
Die hier erhobenen Daten erlauben erste Aussagen zum unterschiedlichen Stellenwert und
zu den jeweiligen Funktionen des Essens im häuslichen Bereich der Familie und im außer­
häuslichen Bereich der Peergroup. Zunächst werden Esssituationen beider Lebensbereiche
hinsichtlich ihrer Merkmalszuschreibungen der befragten Jugendlichen (Kapitel 8.2, Tabellen
7 und 8) kurz charakterisiert. Daran schließt sich ein Vergleich beider Esssituationen auf der
Grundlage einer vergleichenden Analyse an.
Interpretation und Diskussion
159
Häuslicher Lebensbereich
Zu Hause ist fast allen Jugendlichen wichtig, dass Essen gut schmeckt, dass sie satt
werden und dass es gemütlich ist (Kapitel 8.2, Tabelle 7). Darüber hinaus, wollen viele am
liebsten zwanglos (... essen, wie ich will) und gesund essen. Somit haben den Funktionen −
Versorgung, Erholung und Rückzug − zugeordnete Merkmale bei deutlich mehr als der
Hälfte der Befragten in der häuslichen Esssituation oberste Priorität.
Geschlechtsspezifisch signifikante Unterschiede liegen für die Merkmale gesund,
kalorienarm und viel vor. Mädchen, die nach Schönheit und Schlankheit (vgl. Kapitel 9.3)
streben und deshalb vorzugsweise gesund (58 %) und kalorienarm (39 %) essen wollen,
mögen folglich lieber kleinere Portionen. Dagegen ist knapp 40 % der befragten Jungen die
Menge zu Hause wichtig, aber nur 12 % der Mädchen. Junge Männer wollen häufig an
Körpergewicht zulegen und erhoffen sich dadurch Kraft- und Muskelzuwachs (Pope et al.
2001, S. 240). Die Daten bestätigen somit auch das in der Literatur beschriebene
geschlechtsspezifisch unterschiedliche Essverhalten, das spätestens mit der Adoleszenz
einsetzt (Methfessel 1999d, S. 31).
Die Qualitäten gut schmecken und sättigend nehmen mit 95 % und 85 % die ersten
Rangplätze bei den befragten Jugendlichen ein. Die aus der Marktforschung für jüngere
Altersgruppen bekannten Ansprüche an die häusliche Versorgung (Barlovic 1998, S. 10ff.;
Barlovic 2001, S. 57ff.) setzen sich demnach in der Altersgruppe der Jugendlichen fort.
Gleichzeitig wünschen sich 57 % aller Befragten, dass sie essen können, wie sie wollen.
Diese Zwanglosigkeit gepaart mit einer von mehr als drei Viertel als wichtig erachteten
Gemütlichkeit verspricht auch Rückzug und Erholung und weist auf die Ambivalenz zwischen
Versorgtheit und Unabhängigkeit hin, wie sie für diese Altersgruppe typisch ist (Kapitel 4).
Außerhäuslicher Lebensbereich
In der außerhäuslichen Esssituation sind mehr als der Hälfte aller Befragten sieben von
13 Merkmalen (Kapitel 8.2, Tabelle 7) wichtig. Neben Geschmack (88 %) und Sattwerden
(74 %) hat die Anwesenheit anderer (70 %) hohe Priorität. Jugendliche Anforderungen an
das außerhäusliche Essen fokussieren im Zusammensein mit anderen aber auch auf
preiswert (57 %), zwanglos (54 %), gemütlich (52 %), nebenbei (52 %) und schnell (44 %).
Dieses lässt sich am besten beim „Snacken” (vgl. Kapitel 4.3.3) verwirklichen. Wie aus den
durchgesehenen Konsumstudien (KVA 2001, 2004; Lange 1997; Fauth 1999 etc.) bekannt
ist, konzentriert sich jugendlicher Essenskonsum auf ausgewählte Produktsegemente wie
Süßigkeiten, Fast Food etc. Das deckt sich mit den Ergebnissen: Haben Jugendliche
unterwegs Hunger (Kapitel 8.1, Tabelle 6), kaufen sie oftmals einen typischen „Snack” (Fast
160
Interpretation und Diskussion
Food, Gebäck vom Bäcker, Riegel oder auch Obst) oder aber sie warten auf zu Hause
entweder wegen unzureichender finanzieller Mittel oder aus „Sparsamkeit”. Snackprodukte
erfüllen schnell, nebenbei und unkompliziert die funktionalen Anforderungen der physiolo­
gischen Bedürfnisse (hoher Zucker- und Fettanteil wirkt sättigend) und sind darüber hinaus
zur Markierung eines Lebensstils (Bartsch et al. 2001, S. 83f.) aufgrund ihrer Vermarktung
(Karmasin 1999, S. 75ff.) besonders gut geeignet.
Die Kombination mit anderen Zusammensein und in zwangloser Atmosphäre gemütlich
essen, weist auf das jugendliche Bedürfnis nach Integration in die Peergroup (Fend 1998)
bei gleichzeitiger Unverbindlichkeit hin. Dafür sind Jugendliche nach den Ergebnissen nur
begrenzt bereit, ihr Taschengeld auszugeben, unabhängig davon, dass Jugendliche als
Gesamtheit über eine relativ hohe Kaufkraft (KVA 2004) verfügen224. Mehr als die Hälfte
achtet auf preiswertes Essen (Rangplatz 4 von 13) und wartet (Kapitel 8.1, Tabelle 6) mit
dem Essen bis sie wieder zu Hause sind, besonders da die Kosten für häusliches Essen i. d.
R. von den Eltern getragen werden, und das obwohl − zumindest bei einigen − der Wunsch
besteht, sich „am liebsten jeden Tag” mit ihren Freunden in einem Fast-Food-Restaurant zu
treffen (Schüler im Interview; vgl. auch Frage „Wenn du viel Geld hättest, wie und was
würdest du dann am liebsten essen?”).
Vergleich von häuslicher und außerhäuslicher Esssituation
Zwar sollte Essen im Vergleich zu den übrigen Funktionen des Zusammenseins nicht
überbewertet werden, wohl aber muss die Stimmigkeit des Gesamtbildes einer Person
gesehen werden. Daher ist der Vergleich zwischen dem eher privaten Bereich der Familie
und dem quasi öffentlichen Bereich der Peergroup spannend. Zunächst fällt die statistisch
signifikant ähnliche Rangfolge beider Kontexte (Kapitel 8.2, Tabelle 8) auf, die so einer
vermuteten Kompensationsfunktion beider Kontexte zunächst widerspricht. Beim Vergleich
der einzelnen Merkmale unterscheiden sich − mit Ausnahme der drei Merkmale zwanglos
(essen, wie ich will), gut aussehen und Menge − jedoch 10 Merkmale und stützen damit
wiederum die grundlegende These, dass Bedeutungen und Funktionen des Essens kontext­
abhängig unterschiedlich sind und kompensatorisch wirken. Im Vergleich wird ein differenter
Stellenwert des Essens deutlich. Der Vergleich der einzelnen Merkmale zeigt, dass sämtliche
der Erholungs- und Regenerationsfunktion zugeordneten Merkmale des Essens und zwei
von drei der Versorgung dienenden Merkmale für den häuslichen Lebensbereich (Kapitel 4)
tatsächlich bei den befragten Jugendlichen eine herausragende Rolle spielen.
224
Vgl. Fussnote 156.
Interpretation und Diskussion
161
Die Maxime Essen soll gut schmecken gilt zwar für die überwiegende Mehrheit aller
befragten Jugendlichen und steht bei beiden Esssituationen auf Rangplatz 1, aber dennoch
besteht ein statistisch bedeutender Unterschied zugunsten der häuslichen Esssituation. Der
insgesamt hohe Stellenwert bestätigt die bereits für Erwachsene festgestellte herausragende
Stellung des Geschmacks225 (vgl. Iglo-Studie 1991, S. 11; vgl. auch Nestlé-Studie 1999;
neueste Daten auch für jüngere Altersgruppen bei Brombach 2003). Zwar wollen sehr viele
Befragte zu Hause (84 %) wie unterwegs (74 %) auch satt werden, aber das persönliche Ge­
schmackserleben ist ihnen stets wichtiger. Diese Priorisierung setzt auch eine gesicherte
Nahrungsversorgung voraus (Kapitel 2), die nach neueren Daten (Brombach 2003, S. 132)
mit einer abnehmenden Wertschätzung einhergehen kann, dem die Ergebnisse hier nicht
widersprechen.
Die im Prozess der Ernährungssozialisation erworbenen Konnotationen hinsichtlich
ausgewählter Speisen (z. B. gewohnte Geschmackserlebnisse) können Gefühle von
Vertrautheit und Sicherheit in unbekannten, fremden Situationen vermitteln (Grunert 1993;
vgl. auch Winkler et al. 2004). Der hohe Stellenwert des Geschmacks deutet darauf hin,
dass dieser von den Jugendlichen im Zusammensein mit der Peergroup hilfreich ist, denn im
außerhäuslichen Bereich können verlässliche Elemente des Essens den Jugendlichen
Sicherheit und damit eine Erholungspause verschaffen. Als Teil des Genusserlebnisses hat
„gut schmecken” allerdings eine eigene Bedeutung. Zu Hause kann „gutes Essen” eine
verlässliche Basis des Rückzuges und der Erholung bieten; damit hat diese Qualität des
Essens im häuslichen Bereich vermutlich eine andere Bedeutung als im Zusammensein mit
der Peergroup. Alle den Funktionen Versorgtheit, Erholung und Rückzug zugeordneten
Merkmale haben im häuslichen Lebensbereich der Familie einen hohen bzw. höheren
Stellenwert als im Lebensbereich der Peergroup. Dies bestätigt vorerst die Hypothese, dass
im häuslichen Bereich der Familie Erholung, Rückzug und Versorgtheit zentrale Funktionen
des Essens sind.
Die
im
Vergleich
zum
häuslichen
Kontext
signifikant
höhere
Wichtigkeit
des
gemeinschaftlichen Essens kann auf die vorrangigen Funktionen des Essens zu Hause
zurückgeführt werden, aber auch auf die empfundene Selbstverständlichkeit der Präsenz
anderer Familienmitglieder. „Draußen sein” wird dagegen oftmals assoziiert mit „mit anderen
zusammen sein”. Essen ist dann eben auch Teil des Gesamten, das ein Mitessen wegen der
anderen implizieren kann und nicht zwangsläufig „Eventcharakter” haben muss. Außerdem
richtet sich bereits durch die Frageformulierung226 bei der außerhäuslichen Esssituation der
Fokus auch auf die sozial-situative Bedeutung des Zusammenseins mit der Peergroup.
225
Dies ist nicht verwunderlich, da Geschmackspräferenzen bekanntlich verhaltensleitend und damit zu
erwartende Präferenzen sind.
162
Interpretation und Diskussion
Mädchen legen allgemein mehr Wert auf soziale Kontakte und Kommunikation, so ist
wenig überraschend, dass mehr Mädchen als Jungen sagen, es sei ihnen wichtig, dass
andere da sind. Ungeachtet des Unterschieds kann dieses Ergebnis als Hinweis auf die
hohe Bedeutsamkeit des gemeinsamen Erlebens und Spaßes gedeutet werden. Essen kann
dabei pars pro toto sein. So bevorzugt mehr als die Hälfte aller Jugendlichen (rund 52 %),
dass Essen im Zusammensein mit anderen nebenbei geht, und sich damit Essen unterwegs
stärker dem gemeinsamen Erleben, dem Spaß und dem Portemonnaie (preiswert)
unterordnet.
Im Zusammensein mit anderen legen die befragten Jugendlichen neben Geschmack,
Sattwerden und Kostenminimierung als funktionale Merkmale des Essens, auch Wert auf
eine zwanglose Atmosphäre und Schnelligkeit. Das widerspricht zwar nicht der vermuteten
Erlebnisfunktion des Essens im Kontext Peergroup, kann aber auch nicht als Bestätigung
gewertet werden.
Distinktion und Integration in die jeweilige Gruppe sind handlungsleitende Elemente, die
für diese Entwicklungsphase als typisch gelten. (Dreher & Dreher 1985; Fend 1994, 2000).
Erwartungsgemäß ist daher Coolness (... dass Essen cool ist) unterwegs statistisch
signifikant wichtiger als zu Hause, aber insgesamt für nur knapp ein Drittel aller Befragten.
Dieser vage Hinweis könnte als Indiz für die Selbstinszenierungsfunktion gewertet werden,
da Coolness als entscheidendes Distinktionsmittel – sozusagen als i-Tüpfelchen − in der
Gesamtinszenierung sich auch auf das Essen auswirkt. In Anbetracht der temporären
Sichtbarkeit von Lebensmitteln, die sich auf Verzehrsituationen beschränkt, darf diese
Funktion nicht als essensspezifisch überbewertet werden.
Bei der Durchführung der Befragung führte die Formulierung ... dass es gut aussieht zu
vielen Rückfragen. Vielen war unklar, ob sich das Aussehen auf das Essen oder die Person
bezieht. Die Formulierung ... dass es gut aussieht, legt nahe, dass das Essen appetitlich ist,
somit auch gut aussieht („das Auge isst mit”) und entsprechend anregend angerichtet ist. Da
die uneindeutige Formulierung zwei Interpretationen ermöglicht und unklar ist, worauf sich
die Antworten der befragten Jugendlichen im Einzelnen beziehen, wird dieses Merkmal nicht
in weitere Interpretationen einbezogen. Allerdings ist das Missverständnis als solches durch
die Rückfragen dennoch interessant. Nur sehr wenige Konnotationen bezogen sich auf das
nahe liegende Aussehen der Speisen. Die Mehrzahl der von den Befragten eingebrachten
Fragen zielte auf die Wirkung der Person. Mit dem Aussehen wird vermutlich mehr die
Wirkung des Essenden auf andere und somit indirekt eine Selbstkontrolle assoziiert.
Gemeint ist hiermit, ob beispielsweise Döner essen als cool gilt. Und nicht, wie der Döner
226
Die Frage B-1 lautet: „Entscheide spontan, wie wichtig dir folgende Dinge sind, wenn du unterwegs mit
Freunden bzw. Freundinnen isst!”
Interpretation und Diskussion
163
gegessen wird, denn das ist wohl kaum problemlos auf eine „manierliche” Art und Weise
möglich. Die Nachfragen sind allerdings nicht protokolliert, so dass weitergehende
Interpretationen nicht möglich sind. Eine daran anknüpfende Studie könnte lohnenswert sein,
da scheinbar „Selbstverständlichkeiten” nachgefragt wurden und diese auf Unsicherheiten
oder andere Wertigkeiten hinweisen.
Über die Hälfte aller Jugendlichen fand in der Situation unterwegs mit der Peergroup
wichtig, dass Essen nebenbei möglich ist. Anders ist das zu Hause, dort legen lediglich 27 %
darauf Wert. Das ist ein wichtiges Indiz für die Selbstinszenierungsfunktion in der Peergroup.
Kontextabhängigkeit
Die von den Jugendlichen abgegebenen Bewertungen (eher wichtig oder eher unwichtig)
der vorgegebenen Merkmale des Essens bestärken die Annahme eines unterschiedlichen
Stellenwertes
in
einer
häuslichen
und
außerhäuslichen
Esssituation
und
der
kontextspezifischen Funktionen, die durch die Entwicklungsphase beeinflusst werden. Dabei
werden Bedürfnisse nach Sättigung, Kommunikation, Gemeinschaft und Selbstinszenierung
als besonders wichtig von den Jugendlichen wahrgenommen und können teilweise auch
realisiert werden. Zu Hause wünschen sich Jugendliche eine Basisversorgung, die ihnen die
notwendige
Sicherheit
(Grunert
1993;
vgl.
auch
Hüther
1999,
S.
120ff.)
und
Rückzugsmöglichkeit bietet, um außerhalb auf Entdeckungstour gehen zu können und sich
in der Peergroup dem Wettstreit der sozialen Positionierung und Distinktion zu stellen. Die
Ambivalenz der Jugendphase spiegelt sich auch in der Zuordnung der Funktionen zu den
beiden Lebensbereichen wider.
Verschiebung von Muss- zu Kann-Regeln
Eine grundlegende Annahme der Arbeit ist, dass Jugendliche sich im Verlauf ihres
Entwicklungsprozesses in der Gesellschaft sozial verorten müssen. Dieses geschieht auch
über Distinktionsmittel im Bereich des Essens. Die Befragung exploriert dazu erste Hinweise
über Lebensmittel und Speisen, Essweise und Tischregeln. Auf den ersten Blick weisen die
gewonnen Ergebnisse auf eine außerordentliche hohe Toleranz im Bereich des Essens hin.
Elterliche Reglementierungen bezüglich Tischregeln und Essweisen ihrer Kinder sind als
liberal zu bezeichnen; jugendliche Akzeptanz von differenten Nahrungsmittelpräferenzen
(Anhang, Tabelle 21), Tischregeln (Kapitel 8.2, Tabelle 10) und Essweisen (Kapitel 8.2,
Tabelle 9) anderer Jugendlicher ist hoch.
Nach neueren Daten ist für 66 % aller 12- bis 25-Jährigen Konformität unwichtig für ihre
Lebensgestaltung (14. Shell Jugendstudie 2002, S. 143), daher kann der Trend zu einer
164
Interpretation und Diskussion
hohen Toleranz gegenüber verschiedenen Essverhaltensweisen auch Ausdruck eines
allgemeinen Trends sein. Dabei sei eine Verschiebung von „Muss- und Soll-Normen hin zu
Kann-Normen” (14. Shell Jugendstudie 2002, S. 144f.) festzustellen. Und eben über diese
„Kann-Normen” findet nach ersten Vermutungen auch auf Grundlage unserer Daten (Kapitel
8.2, Tabellen 9 und 10) nichtsdestotrotz eine soziale Differenzierung − wie Bourdieu sie
beschreibt − statt. Dabei überschneiden sich funktionale Gesichtspunkte und sozialdifferente
Bewertungen (Bourdieu 1999; Büschges 1985).
Elterliche Reglementierungen hinsichtlich des Benehmens bei Tisch227 oder des
Essverhaltens ihrer Kinder (Anhang: Elternkommentare) beziehen nach Hinweisen aus
unserer Befragung einerseits auf die Aufforderung „gesund” zu essen (mehr Obst und
Gemüse) und anderseits auf Äußerlichkeiten. So werden die befragten Jugendlichen von
ihren Eltern, d. h. überwiegend von ihren Müttern, am zweithäufigsten ermahnt, ordentlich zu
essen. Eine generelle Tendenz zu Äußerlichkeiten zeichnet sich bei anderen Umfragen
(Barlovic 1999; DGE 2000) ab. Über 80 % der Eltern jüngerer Kindern ist beispielsweise
ordentliches Sitzen am Tisch etc. besonders wichtig (DGE 2000, S. 125). Ein direkter
Vergleich zu unseren Daten kann nicht gezogen werden, da sich Altersgruppen und
Themenschwerpunkte der Untersuchungen unterscheiden. Insgesamt kann aber festgestellt
werden, dass sich Eltern sowohl nach Aussagen der von uns befragten Jugendlichen als
auch nach Ergebnissen der DGE-Studie (DGE 2000, S. 125 und S. 144) selten zum
Essverhalten ihrer Kinder äußern. Und aus der Marktforschung ist darüber hinaus bekannt,
dass Mütter bereits bei 8-Jährigen eine „laissez-faire-Haltung” einnehmen. und ihre
Bemühung hinsichtlich einer gesunden Ernährung weitgehend aufgeben (Barlovic 2001, S.
58). Dieser sich hier abzeichnende Rückzug elterlicher Erziehung deckt sich mit dem allge­
meinen Trend zur liberalen Erziehung (13. Shell Jugendstudie 2002, S. 58ff.; Zinnecker et al.
2002, S. 38), ohne jedoch Aussagen über sozialdifferentes Erziehungsverhalten treffen zu
können.
Die elterliche Toleranz gegenüber der Art und Weise, wie an heimischen Tischen
gegessen wird, wirkt nach ersten Hinweisen über erwünschte Verhaltensweisen bei Tisch
(Kapitel 8.2, Tabelle 10) auch fort in außerhäuslichen Situationen ohne elterliche Aufsicht.
Eltern und Jugendliche stört am wenigsten, was und wie viel gegessen wird. Beispielsweise
lehnen nur sehr wenige der Befragten einzelne Lebensmittel (Anhang, Tabelle 28) ab; eben­
so wenig ist deren Verzehr im Beisein anderer echt peinlich. Oder auch bei der Frage nach
der Essweise (vgl. Kapitel 8.2, Tabelle 9) finden die befragten Jugendlichen nahezu alles
227
Lediglich 11,2 % der befragten Schülerinnen und Schüler stört, dass sie sich bei Tisch benehmen müssen
(Kapitel 8.1, Abbildung 6).
Interpretation und Diskussion
165
„total normal”228. Verwunderlich ist zunächst, dass 48 % der Befragten auch Austern
schlürfen „total normal” finden. Zahlreiche Nachfragen bei der Untersuchungsdurchführung
lassen darauf schließen, dass Jugendliche nicht wissen, was Austern sind und ihre Unkennt­
nis mit der Antwort „total normal” vertuschen oder schlürfen als eklig empfinden und deshalb
mit dem Votum peinlich ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen. Einige Jugendlichen
beanstanden, dass die Kategorie „eklig” fehle – möglicherweise wegen des Schlürfens oder
auch weil Austern lebend verzehrt werden. Das geringe Wissen über Austern bestätigt, dass
sie nach wie vor zu einer „feinen” Esskultur gehören. Sicherlich kommt hinzu, dass Austern
aufgrund ihres verhältnismäßig hohen Preises nicht zur Jugendesskultur gehören und
entsprechende Hoffnungen aus der Erwachsenenwelt (junge Männer bedürfen im
Allgemeinen keiner potenzsteigernden Mittel) fehlen.
Wie bei den unter Jugendlichen geltenden Tischregeln (Kapitel 8.2, Tabelle 10) zu sehen
ist, stoßen sich die befragten Jugendlichen − wenn überhaupt − an Äußerlichkeiten. Mit
Ausnahme von rülpsen, schmatzen und über Kalorien reden, die mehrheitlich in unserer
Befragung total abgelehnt werden, stören die weiteren elf Verhaltensweisen kaum oder gar
nicht. Als generelle Tendenz zeigt sich, dass vorwiegend Äußerlichkeiten als störend (mit
vollem Mund sprechen; Finger oder Messer ablecken etc.) bewertet werden. Verstärkt wird
dieser Eindruck durch die dazu von einzelnen Befragten ausformulierten Ergänzungen, die
sich ebenfalls auf Äußerlichkeiten beziehen, z. B. pupsen, schlürfen, streiten, unpassende
Kleidung. Verhaltensweisen, die dagegen nur sehr wenige stören, sind unpassende Speisen­
wahl (nur Pommes mit Ketchup) und Nichtaufessen. Insgesamt reagieren Mädchen zwar
empfindlicher als Jungen, aber nicht so bei Verhaltensweisen, die sich auf die Menge
beziehen (vgl. Anhang, Tabelle 29; vgl. auch Kapitel 9.3). Zwar nur wenige, aber in erster
Linie Jungen können es nicht leiden, wenn ihnen etwas vom Teller genommen wird oder
wenn ein Mädchen nicht aufisst. Möglicherweise führt die vergleichsweise hohe Wichtigkeit
der Menge (vgl. Frage zu den Merkmalen des Essens) für Jungen zu Fehlinterpretationen,
z. B. isst ein Mädchen den Teller nicht leer, dann zieht er den Schluss, dass ihr das Essen
nicht schmecke.
Damit tolerieren die befragten Jugendliche zwar insgesamt ein breites Verhaltens­
spektrum, trotzdem gelten einige wenige Tischregeln auch ohne elterliche Kontrolle; dieses
kann ein Hinweis auf sozialdifferente „Kann-Normen” (vgl. 13. Shell Jugendstudie 2002,
S. 144) sein. Die deutliche Mehrheit (knapp 72 %) verabredet sich nach den erhaltenen
Ergebnissen selten oder nie zum Essen (vgl. Anhang, Tabelle 20) und verstärkt damit diese
Annahme. Häusliche Essensverabredungen gehören nur für eine Minderheit (knapp 10 %)
228
Ausnahmen: Kalorien zählen (vgl. Anhang, Tabellen 30 und 31) und Austern schlürfen (vgl. Kapitel 8.2,
Tabelle 9).
166
Interpretation und Diskussion
zum Alltag, und damit zu deren Lebensstil. Verabredungen zum gemeinsamen Kochen
und/oder Essen erfordern Terminabsprachen. Verpflichtungen, die erschwerend wirken,
ergeben sich daraus. Selten praktizierte Essensverabredungen können deshalb auch als
Bestätigung eines allgemeinen Trends zur Unverbindlichkeit und Spontanität, wie am
Beispiel des „Snackens” (Kapitel 4.3.3) herausgearbeitet ist, gedeutet werden. Untermauert
wird diese Annahme durch die nach den Daten zu erkennende fehlende Bereitschaft auf
gemeinsame Mahlzeiten zu warten (s. o.), die sich mit Ergebnissen einer GFK-Studie bereits
aus den 1980er Jahren deckt. Demnach haben Jahrgänge bereits ab den 1960er Jahren „nie
wirklich Hunger gehabt” und „nie Warten gelernt” (GFK 1986, S. 63). Entgegen der an­
genommenen Zeiterscheinung, sich spontan zu treffen, verabreden sich einige wenige der
befragten Jugendlichen dennoch regelmäßig. Da die hier durchgeführte Untersuchung vor
dem Boom der auf Jugendliche ausgerichteten Kochsendungen (z. B. Jamie Oliver: "The
naked chef") stattfand, kann hier nicht beantwortet werden, wie sich diese auf jugendliches
Freizeitverhalten auswirken. Zum Zeitpunkt der Befragung scheint „gemeinsames” Kochen
nicht zur allgemeinen Freizeitgestaltung zu gehören, da sich „Rezepte” (vgl. Kapitel 8.1,
Tabelle 5) in der hier durchgeführten Studie als ein wenig attraktives Gesprächsthema
herausstellten. Interessant für eine weitere Erhebung wäre, ob gemeinsames „Kochen” all­
gemeiner Trend wird.
Liberale häusliche Esserziehung, allseitig hohe Toleranz gegenüber jugendlichem
Essverhalten und allgemeine Zunahme außerhäuslicher Esssituationen, die ebenfalls
wenigen gesellschaftlichen Konventionen unterworfen sind, weisen auf einen vorhandenen
Handlungsfreiraum zur Entwicklung einer jugendspezifischen Esskultur hin, der durch den
gesellschaftlichen Wandel für Jugendliche entstanden ist. Daher stellt sich die Frage:
Welche (eigenen) Wege gehen Jugendliche im Hinblick auf ihr Essverhalten, um sich gemäß
ihres
Entwicklungsprozesses
von
anderen
Altersgruppen
abzugrenzen
und
sich
gesellschaftlich zu verorten.
Basics, Unis und Symbolics
Lebensmittel und Speisen eignen sich unterschiedlich zur Distinktion und werden hier in
Basics, Unis und Symbolics (vgl. Kapitel 2.2) unterteilt. Die Daten spiegeln diese
angenommene Unterscheidung bei der Frage zu allgemeinen Nahrungsmittelpräferenzen
(Anhang, Tabelle 28) wider. Fast alle befragten Jugendlichen mögen sowohl die so
genannten Basics (Obst, Gemüse, belegtes Brot, Spiegeleier) als auch die so genannten
Unis (Pizza, Döner). Der weniger beliebte Eintopf − nur rund 65 % mögen ihn − deutet auf
ein funktional unterschiedliches Verhalten im öffentlichen Raum der Peergroup und im
Interpretation und Diskussion
167
privaten Raum der Familie hin. So ist vermutlich Eintopf − ähnlich wie Spiegeleier − ein
traditionell häusliches Basic-Essen. Bei der Frage nach Peinlichkeiten wird ein für andere
sichtbares (öffentliches) Essen angesprochen. Zwar sind Eintopf und Spiegeleier Speisen,
die im Beisein von Freundinnen und Freunden am ehesten als echt peinlich angekreuzt sind;
insgesamt sind es aber weniger als ein Fünftel und das in Anbetracht von etwas mehr als
einem Drittel, die keinen Eintopf essen, weil sie ihn echt nicht mögen. Angemerkt sei hier,
dass die vorliegende Fragebogenkonstruktion auffordert, mindestens eines der aufgeführten
Möglichkeiten anzukreuzen; somit wird „das Peinlichste” ausgesucht.
Gerne werden Kekse, Riegel und Chips gegessen. Wie aus den anderen Fragen zu
Verhaltensweisen bei aufkommendem Hunger zu Hause und unterwegs (vgl. Kapitel 8.1,
Tabelle 6; Anhang, Tabelle 27) ableitbar, geschieht das vorzugsweise unterwegs mit
Freundinnen und Freunden. Kekse, Riegel und Chips werden unterwegs von den befragten
Jugendlichen bevorzugt; diese Produkte, die der Gruppe der Symbolics zugeordnet werden,
erfüllen die Prämissen schnell, gut (preiswert) mit Symbolwert cool (s. o.). Ein Blick in die
Lebensmittelregale offenbart eine unüberschaubare Vielzahl von Produkten in diesem
Lebensmittelsegment, das zudem einem steten (schnellen) Wandel unterworfen ist. Eine
Ausdifferenzierung
nach
Markenprodukten
kann
aus
Marktstudien
(z.
B.
jährlich
erscheinende KVA) herausgearbeitet werden; hier interessiert aber die generelle Frage, ob
Lebensmittel in der Peergroup „In-” oder „Out-Status” haben.
Die Anwesenheit weiterer Personen beeinflusst Auswahl und Menge des Essens. Dieses
ist aus der Literatur bekannt (z. B. DGE 1988; Barlovic 2001; vgl. auch Kapitel 4) und wird
durch die erhobenen Daten erhärtet. Zum Beispiel essen knapp 40 % Pizza bzw. Döner
wegen der anderen (Anhang, Tabelle 28). Wie anschließende Klassendiskussionen deutlich
machen, kommen hier auch funktionale Überlegungen (preiswertes Sattwerden) zum Tra­
gen. In den Klassendiskussionen (im Gegensatz zu der schriftlichen Befragung ethnien­
übergreifend) sind kulturell beeinflusste Fast-Food-Präferenzen beobachtbar (vgl. auch
Spiekermann 2001a).
Circa ein Drittel lässt sich zum Knabbern (Kekse, Chips und Riegel), aber auch zum Essen
von Obst und belegtem Brot verleiten. Hier fällt das unterschiedliche Verhalten zwischen zu
Hause und unterwegs besonders beim Konsum von Chips und Riegeln auf. Sind
Jugendliche zu Hause hungrig, greifen nur wenige und rund 30 % sogar nie nach Chips und
Riegeln, unterwegs mit der Peergroup dagegen schon eher. Nur knapp 20 % lehnen Chips
und Riegel in dieser Situation immer ab. Folgende Gründe dürften hier eine Rolle spielen: Zu
Hause sind in den meisten Fällen alternative Essensangebote (z. B. im Kühlschrank)
vorhanden, unterwegs können Riegel und Chips − sofern der Hunger „unerwartet” auftritt −
168
Interpretation und Diskussion
nahezu überall kurzfristig, unkompliziert (ohne die Gefahr des Auslaufens wie z. B. bei
Joghurt) und für wenig Geld (wenn auch nicht überall preiswert) gekauft werden. Riegel als
Zwischenmahlzeit werden zudem von der Werbung propagiert und als „cool” verkauft. Damit
eigenen sich Chips und Riegel zur Selbstdarstellung nur außer Haus, also als so genannte
Symbolics.
Inwieweit auch Obst essen cool sein kann, wäre interessant zu klären. Ob Chips und
Riegel essen cooler als Obst essen ist, kann mit den erhaltenen Daten nicht geklärt werden,
da in dieser Studie nach Verhaltensweisen bei Hunger, aber nicht nach Verhaltensweisen
bei Lust zum Naschen gefragt wurde. Außerdem wäre eine Vertiefung im Zusammenhang
mit den Entwicklungsaufgaben der Abgrenzung von anderen Altersgruppen und Verortung in
der Peergroup im Hinblick auf die Rolle von Symbolics in Wechselwirkung mit Werbe- und
Marketingmaßnahmen spannend.
Die aufgestellte Hypothese, dass es im außerhäuslichen Bereich Lebensmittel, Speisen
und Essweisen gibt, die bei Jugendlichen als „in” bzw. als „out” gelten, kann so nicht
bestätigt werden. Die Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass ein jugendspezifisch
gebrochener „kulinarischer Code” gilt.
Anknüpfend v. a. an Arbeiten von Methfessel (z. B. 1999), interessiert hier das Geschlecht
als eine das jugendliche Essverhalten bestimmende Variable. Bei der Frage nach
Nahrungsmittelpräferenzen unterscheiden sich beim Fleisch wie angenommen die Antworten
von Mädchen und Jungen signifikant. Der unterschiedlich hohe Fleischkonsum229 spiegelt
sich in der geschlechtsdifferenten Beliebtheit, die mit zunehmendem Alter steigt, wider.
Würstchen sind dagegen sowohl bei Mädchen als auch Jungen weniger beliebt. Von den
typischen Außer-Haus-Speisen sind sie am peinlichsten (12 %). Schließlich sind Würstchen
ein traditioneller Imbiss der Elterngeneration.
Anders als erwartet mögen über 90 % der befragten Jugendlichen unabhängig vom
Geschlecht Obst und Gemüse. Der Verzehr gilt mehrheitlich nicht als peinlich; im Gegenteil
lässt sich fast ein Drittel aller Jugendlichen von anderen zum Obst essen verleiten. Die bei
den hier befragten Jugendlichen feststellbare große Beliebtheit von Obst und Gemüse steht
im Widerspruch zur Realität. Der Ernährungssurvey 1998 (Robert-Koch-Institut 2002, S. 92)
zeigt, dass junge Männer (ab 18 Jahre) tendenziell zu wenig davon essen − kein neues
Phänomen, es fehlt eine Integration von gegartem Gemüse und Rohkost in der alltäglichen
Ernährung (vgl. auch Karmasin 1999, S. 62). Eine Erklärung kann sein, dass ähnlich wie bei
Kindern (Barlovic 1999; vgl. auch Karmasin 1999) bereits appetitanregend angerichtetes
Obst bzw. zubereitetes Gemüse gerne gegessen wird, aber jede zusätzliche Arbeit, und sei
229
Vgl. beispielsweise Daten im aktuellen Ernährungssurvey 1998 (Robert-Koch-Institut 2002, S. 99f.). Weiter­
führende Literatur: Schlegel-Matthies (1998, 2001); Schmid und Methfessel (1999).
Interpretation und Diskussion
169
es nur das Waschen, „Verzehrhürden” darstellt. Das Verlangen nach Convenience − Zeichen
der Moderne − erstreckt sich auch auf Frischwaren. Als Indiz hierfür spricht das zunehmende
Angebot von halbfertigen und fertigen Salaten in den Supermärkten. Obst und Gemüse
gelten in unserer Kultur als „weibliche” Lebensmittel (Setzwein 2000, 2002; Methfessel
2004c). Nicht beobachtbare Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei den hier
erhobenen Daten zur Beliebtheit von Obst und Gemüse können mit großer Vorsicht auch als
Hinweis auf einen Wandel der kulturellen Bedeutung interpretiert werden, deren Träger auch
Jugendliche sind. Obst steht für Natur und Frische (Karmasin 1999, S. 61ff.). Denkbar wäre
eine Erweiterung der damit assoziierten Bedeutungen um die Aspekte „jung, dynamisch und
fit”. Andererseits wäre denkbar, dass Jugendliche an dieser Stelle die im schulischen Umfeld
erwünschten Antworten geliefert haben. Weitergehende Untersuchungen wären sicherlich
aufschlussreich.
Zusammenfassung
Der Stellenwert des Essens im häuslichen Umfeld ist höher als im Zusammensein mit der
Peergroup. Weiter können differente Bedeutungsmuster des Essens in den beiden
Kontexten angenommen werden. Stellenwert des Essens und Essverhalten außer Haus
determinieren nicht häusliches Essverhalten und vice versa. Somit kann jugendliches
Essverhalten nicht als eine Jugendesskultur, die ein bestimmtes (meist außerhäusliches und
somit sichtbares) Essverhalten von Jugendlichen meint, beschrieben werden. Aufgrund der
vorliegenden Untersuchungsergebnisse ist in Abgrenzung zur individuellen Esskultur230 der
Begriff Jugendesskulturen zu präferieren. Folglich erhält man ein nach Kontexten
unterschiedliches Bild von jugendspezifischem Essverhalten. Dabei wirken häusliches und
außerhäusliches Essverhalten kompensatorisch. Dieses entspricht der dieser Arbeit
zugrunde liegenden These, dass Jugendliche in mehreren „Welten” leben.
Jugendspezifisches Essverhalten ist immer auch unter der Fragestellung der Loslösung
vom Elternhaus und der Entwicklung der eigenen Identität mit entsprechenden Wert­
haltungen und Präferenzen zu sehen. Jugendliches „Außer-Haus-Essverhalten” erfolgt in
einer anderen Rolle (unabhängiger), hat andere Bedeutungen (Hunger schnell und kosten­
günstig stillen, Peergroup-Kulturen entwickeln) und unterliegt anderen Regeln („In-OutRegeln” in der Peergroup, angepasst an wechselnde Situationen etc.). Die Interpretation der
Daten lässt den Schluss zu, dass gerade im Kontext Peergroup über Essverhalten
230
Individuelle Esskultur sollte im Singular beschrieben werden, da die Gesamtheit des individuellen
Essverhaltens in das Leben einer einzelnen Person integriert ist. Dies berührt nicht die Grundlage, dass
Kultur immer ein soziales bzw. kollektives Phänomen ist.
170
Interpretation und Diskussion
(Präferenzen, Tischregeln etc.) trotz allgemein hoher Toleranz soziale Distinktion stattfindet.
Hier ist eine Verschiebung von „Muss-” zu „Kann-Normen” annehmbar.
9.3
Jugendliche Attraktivitätsvorstellungen und deren Einfluss auf Essverhalten
Vorstellungen zur „Idealfigur” aus Sicht der Jugendlichen
„Tolles Aussehen” hat einen hohen Stellenwert (88 % befürworten dieses Merkmal) bei
den heutigen Jugendlichen (14. Shell Jugendstudie 2002, S. 77). Dabei sind schlank und
muskulös nach Vorstellungen der hier befragten Jugendlichen Attribute eines attraktiven
Körpers. Sowohl für die weibliche als auch für die männliche „Idealfigur” lässt sich dabei ein
allgemeiner Trend zu Extremen beobachten, der schon durch die fokussierte Wahl von nur
wenigen der zur Auswahl stehenden Körperformen231 deutlich wird; diese sich bereits 1992
(Pudel et al. 1992) abzeichnende Tendenz für Erwachsene (Kapitel 5.2.1) scheint sich also
fortzusetzen. Dieses gilt besonders für den favorisierten Wespentaillentypus. Demnach sollte
eine Frau nach jugendlichen Idealvorstellungen extrem schlank (das bedeutet eher „dünn”
bis „fettfrei”) und sehr „weiblich” sein. Weiter sind sportlich-androgyne und extremmuskulöse Frauenfiguren gefragt. Damit erreicht das Attribut „muskulös” insgesamt mit über
60 % mehr Zustimmung als der sehr „weibliche” Wespentaillentyp (knapp 40 %). Vorliegende
Daten (vgl. auch Pudel et al. 1992) sowie Diskussion zu androgynen Körperformen (Kapi­
tel 5) deuten auf einen gesellschaftlichen Wandel von „Weiblichkeit” und den damit eng
verknüpften Schönheitsvorstellungen hin (Bilden 1998; Methfessel 1999d; Bartsch &
Methfessel 2000). Dabei scheinen gerade weibliche Jugendliche, die besonders stark den
androgynen Körper (vgl. Kapitel 8.3, Tabelle 11) favorisieren, als Trägerinnen des
gesellschaftlichen Wandels zu fungieren.
Bei den Männerkörpern kommen extrem muskulöse und sportliche Körperformen
besonders gut an; nach jugendlichen Vorstellungen sollte ein attraktiver Mann in jedem Fall
schlank sein! Zwar bevorzugen auch die meisten der befragten Mädchen „schlanke” bis
„dünne” Körperformen, aber – anders als bei den Jungen selbst – haben bei immerhin
jeweils fast 11 % auch „normalgewichtig” und knapp 7 % „dünn mit Bauch” (Anhang,
Tabelle 12) eine Chance.
Diese generelle Tendenz zur (extremen) Schlankheit, die sich bereits in den 1990er
Jahren für alle Altersgruppen abzeichnete (Pudel et al. 1992), hat Folgen: So sind die von
vielen favorisierten „extrem schlanken” bis „dünnen” Frauen- und Männerfiguren mit
Ausnahme des sportlichen Männertyps für die Mehrheit bereits aufgrund des Körperbaus ein
unerreichbares Ideal und nahezu alle befragten Mädchen lehnen bereits normalgewichtige
231
Im Wesentlichen beschränkt sich die Wahl auf 5 von 10 möglichen Frauenfiguren und auf 6 von möglichen
10 Männerfiguren.
Interpretation und Diskussion
171
Körperformen als unästhetisch für beide Geschlechter ab. Dagegen wird die Frauenfigur
„Twiggy”, die als deutlich untergewichtig eingestuft werden kann, immerhin von fast 9 % der
Mädchen (vgl. Kapitel 8.3, Tabelle 11) bevorzugt und in den Klassendiskussionen232 als
„schlank” beschrieben. Nur eine Minderheit von 3 % der Mädchen findet normalgewichtige
Frauen überhaupt attraktiv; andere bezeichnen diese als „dick”. Neuere Daten zum
Jugendgesundheitssurvey in Berlin 2002 deuten ebenfalls auf diesen extremen Trend hin,
denn von den befragten Mädchen der Sekundarstufe I finden sich selbst (unabhängig vom
tatsächlichen Gewichtsstatus) etwas über die Hälfte „ein wenig” bis „viel zu dick”; eine
Ausnahme sind die Gymnasiastinnen, bei denen mit 45 % etwas weniger Mädchen diese
Einschätzung haben (Ravens-Sieberer & Thomas 2003, S. 56). Damit scheint sich bei
jungen Mädchen, eine bereits von Schmidt-Waldherr (1984, S. 57) und DGE (1992, S. 202)
beschriebene Wahrnehmungsverschiebung weiter zu manifestieren und der Trend zur
extremen Schlankheit unabhängig vom favorisierten Figurtyp bei jungen Mädchen
anzuhalten.
Sieht man von zwei Jungen ab − der eine findet „Twiggy” und der andere die vollschlanke
Frauenfigur attraktiv − ist das von Jungen als attraktiv gewählte Spektrum auf vier
Frauenfiguren eingeschränkt. Davon sind drei Körperformen − Wespentaillentyp (44 %233);
sportlich-androgyn (29 %) und extrem muskulös (17 %) − als sehr schlank einzustufen.
Immerhin wählen noch knapp 10 % der Jungen die „normalgewichtige” weibliche Körperform,
lehnen dieses aber für männliche Körperformen (vgl. Kapitel 8.3, Tabelle 12) weitestgehend
ab. Vielmehr präferiert fast die Hälfte der männlichen Jugendlichen für sich selbst den
extrem muskulösen Body-Builder-Typ. Im Wesentlichen beschränkt sich die Wahl der
Jungen auf drei Figurtypen (extrem muskulös, sportlich, extreme Y-Form). Hierin scheint sich
die Vermutung, dass der Wunsch nach fettfreiem und gleichzeitig muskulösem Körper
zunehmend die männlichen Jugendlichen erfasst, zu bestätigen.
Gerade bei Jungen spielen Vermutungen hinsichtlich der Attraktivität für das andere
Geschlecht eine große Rolle. Diese Korrelation, die in der Literatur beschrieben ist (Pudel et
al. 1992, S. 198; Rosenblum & Lewis 1999, S. 51 sowie Kapitel 5), bestätigt sich in den
Klassendiskussionen, in denen Jungen den extrem „männlichen” Body-Builder-Typ in seiner
Wirkung auf die Mädchen deutlich überschätzen. Ähnliches − wenn auch nicht so stark auf
einen Figurtyp fixiert − gilt auch für Mädchen hinsichtlich der bei Jungen vermuteten
Attraktivität von extrem schlanken (d. h. fettfreien) Körperformen. Die Alltagsvorstellungen
über die vermutete Wirkung beim anderen Geschlecht ist sicherlich auch eine Erklärung des
232
Dazu wurden u. a. Bildvorlagen zu Körper- und Gewichtsdimensionen (Pudel et al. 1992, S. 191 und S. 193)
diskutiert.
233
Prozent beziehen sich auf die männlichen Befragten (Kapitel 8.3, Tabelle 11).
172
Interpretation und Diskussion
von den befragten Jugendlichen bevorzugten des sehr „männlichen” Body-Builder-Typs und
teilweise sehr „weiblichen” Wespentaillentyps. Diese Bevorzugung deckt sich mit
Ergebnissen aus den 1990er Jahren für jüngere Altersgruppen (Pudel et al. 1992, S. 201),
und stützt die Annahme, dass pubertierende Jugendliche zu extrem „weiblichen” bzw.
„männlichen” Körperidealvorstellungen bezüglich des anderen Geschlechts und des eigenen
neigen.
Bevorzugter Figurtyp korreliert nicht mit besuchtem Schulzweig und liefert somit keinen
Hinweis auf milieudifferente Vorstellungen. Vielmehr unterstreicht die generelle Favorisie­
rung von schlank und muskulös für beide Geschlechter den gesellschaftlichen Stellenwert
eines universellen (mediengerechten) Körpers und lässt einen steigenden Einfluss der
Medien ebenso wie eine Konnotation mit Leistungsfähigkeit und Erfolg vermuten. Damit
behält der „Körper” weiterhin seine distinguierende Funktion, denn Gewichtsstatus und
soziale Lage korrelieren (z. B. Danielzik 2003, S. 16ff. und S. 93ff.; vgl. auch Kapitel 5). Bei
den befragten Gymnasiasten kann bezüglich ihrer Körperform auch ein Leistungsdruck
beobachtet werden234 (vgl. dazu auch 14. Shell Jugendstudie 2002, S. 164ff.). Dass
Mädchen aus der Mittel- und Oberschicht häufiger Diäterfahrungen haben (Roth 1998,
S. 49), deckt sich auch mit dem Eindruck aus den Klassendiskussionen und Interviews, bei
denen gerade Gymnasiastinnen und Gymnasiasten einen gesteigerten Wert auf eine gute
Figur legen. Gleichzeitig finden diese Jugendlichen Kalorien zählen peinlich (Anhang,
Tabelle 31; s. u.); allerdings unterscheiden sich Jugendliche des Gymnasiums nach den
Daten (z. B. „Diät” halten für die Figur) nicht signifikant in ihrem Figurmodellierungsverhalten
gegenüber anderen Schulzweigen.
Was tun Jugendliche zur Erreichung eines attraktiven Körpers?
Zusätzliche Bewegung und Sport ist bei fast allen befragten Jugendlichen ein beliebtes
und weit verbreitetes Mittel zur Verbesserung der Figur und bestätigt damit die Literatur (vgl.
auch Wittenberg et al. 1999, S. 43; 13. Shell Jugendstudie 2000, S. 206; 14. Shell Jugend­
studie 2002, S. 77ff.). Zwar treiben etwas mehr Jungen (80 %) als Mädchen (70 %)
regelmäßig oder oft Sport (Kapitel 8.3, Tabelle 14), aber es liegt kein statistisch signifikanter
Geschlechtseffekt vor. Der in der Literatur (vgl. z. B. Kolip 1994; Methfessel 1999d)
beschriebene Zusammenhang, dass Sport mit dem Aufbau von Muskeln (neben
Energieverbrauch) assoziiert wird und daher besonders den von Jungen angestrebten
234
Bei den in der Jugendstudie differenzierten vier Wertetypen wird Fleiß und Ehrgeiz besonders hoch von den
„Idealisten” und „Machern” geschätzt. In beiden Fällen sind es die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten,
denen Leistung besonders wichtig erscheint. Anders ist das bei den Wertetypen „Unauffällige” und
„Materialisten”, bei denen Schülerinnen und Schüler der Haupt- und Realschule eher als fleißig und ehrgeizig
einzustufen sind (14. Shell Jugendstudie 2002, S. 165).
Interpretation und Diskussion
173
Körperformen entgegenkommt, wird durch die hohe Bereitschaft, für die Figur vermehrt
Sport zu treiben und sich zu bewegen, unterstrichen. Dieses deckt sich auch mit dem von
Kolip (1994, S. 141) beschriebenen Gesundheitskonzept für Jungen, in dem Körperlichkeit
(Kraft, Ausdauer, Leistungsfähigkeit) an erster Stelle des Wohlbefindens steht. Eine
Präferenz von Sportarten, die auf Muskel- und Kraftaufbau ausgerichtet sind, wird daher
eher bei Jungen vermutet. Die erhobenen Daten belegen diesen Zusammenhang in dieser
Deutlichkeit so nicht. Möglicherweise sind Alter und sozialdifferenzierende Einflüsse inter­
venierende Variablen, die in der hier durchgeführten Untersuchung lediglich eingeschränkt
berücksichtigt werden konnten. Ein Hinweis darauf findet sich z. B. in der aktuellen
Jugendstudie (14. Shell Jugendstudie 2002, S. 78f.), in der im Zusammenhang mit den
schulzweigabhängigen Differenzen der Freizeitgestaltung auch auf die Sportfreudigkeit von
Jugendlichen aus den Realschulen und aus den Gymnasien hingewiesen wird.
Zugunsten ihrer Schlankheit verzichten Mädchen auf das Essen
Bei den Mädchen, die in erster Linie nach Schlankheit streben, ist ein Trend zur „Diät”
beobachtbar (Kapitel 8.3, Tabelle 16). Damit bestätigen auch die hier erhaltenen Daten
Literatur und Ergebnisse aus zahlreichen Studien (z. B. Kolip 1995, S. 107; Currie et al. 2000
[HBSC Survey der WHO]). Immerhin geben etwa ein Viertel der befragten Mädchen an,
regelmäßig oder oft eine „Diät” durchzuführen. Jungen kommen viel seltener auf diese Idee,
so geben weniger als 6 % dieses als Methode ihrer Wahl an. Ähnlich eindrucksvoll sind zwei
Beispiele zum Nahrungsverzicht (Kapitel 8.3, Tabelle 16): Ein gutes Drittel der Mädchen
lässt regelmäßig oder oft mindestens eine Mahlzeit am Tag ausfallen, über ein Fünftel isst
sich nicht satt. Auch hier verhalten sich Jungen nach den hier erhobenen Daten signifikant
anders, wohl aber sind fast 12 % noch bereit, häufig Mahlzeiten ausfallen zu lassen etc.
(Diskussion dazu s. u.). Fast 40 % der Mädchen hören häufig von anderen: „Bist du etwa
schon wieder auf Diät” und „Du isst schon wieder nichts!” Diese Kommentare aus der
Peergroup (Anhang, Tabellen 40 und 41) bestätigen indirekt nicht nur den praktizierten
Verzicht, sondern können als Erwartungen der sozialen Umwelt an „weibliches” Ess­
verhalten, die den Druck auf die heranwachsenden Frauen noch erhöhen235 und ein eher
„kontrolliertes” Essverhalten fördern, interpretiert werden, wie es auch in der Literatur
beschrieben ist (Barlösius 1999, S. 110; Setzwein 2000, 2002; Methfessel 2004c).
Die geschlechtsdifferenten Verhaltensweisen korrelieren auch hier mit den angestrebten
Schönheitsidealen:
Die
befragten
Mädchen
finden
vorzugsweise
„extrem
dünne”
Körperformen (sportlich-androgyner Typ, Wespentaillentyp) attraktiv, dagegen setzen die
235
So berichtet eine schlanke, jugendliche Frau, wie verwundert ein Mann beim Rendevous reagierte, als sie
keinen Salat, sondern eine ganze Pizza bestellte und diese auch (vollständig) mit Freude aß.
174
Interpretation und Diskussion
befragten Jungen durch ihre klare Favorisierung des Body-Builder-Typs auf Kraft und
Muskeln. Im Hinblick auf das eher „weibliche” Essverhalten, ist auch die Wahl des extrem
dünnen Twiggy-Typs zu sehen. Eine vermutbare Alterskorrelation − die entwicklungs­
bedingte „Weiblichkeit” kann mit dieser Körperform negiert werden (Kolip 1994) – besteht
hier nicht, so findet unabhängig von Klassenstufe und Alter fast jedes zehnte Mädchen
(anders als die Jungen) diesen Frauenkörpertypus am attraktivsten.
Unrealistische Idealvorstellungen bezüglich attraktiver Körperformen und des Einsatzes
figurmodellierender Bewegungs- und Ernährungsmethoden sprechen für die vermutete
Diskrepanz (Helfferich et al. 1986; Kupfer et al.1992; Rathner & Waldherr 1997; Pope et al.
2001) zwischen Idealvorstellungen und eigenem (empfundenen) Körperbild bei den befrag­
ten Jugendlichen. Daraus kann auch eine Unzufriedenheit mit dem Körper resultieren, die in
der neueren Literatur auch für Jungen beschrieben ist (Anderson et al. 2001; Pope et al.
2001). Der von Methfessel (1999d, S. 44ff.) herausgestellte Zusammenhang, dass
geschlechtsdifferente Schönheitsideale zu geschlechtsspezifischem Figurmodellierungs­
verhalten führen, wird gestützt durch ein nach Geschlechtern differenziertes Bild bezüglich
der von Jugendlichen eingesetzten Figurmodellierungstechniken.
Erwartungen an die Figur junger Männer
Mehr als jeder zehnte Junge hört (vgl. Kapitel 8.3 und Anhang) von seinen Eltern, dass er
sich Mühe mit seinem Aussehen geben soll, sonst würde ihn keiner mögen. Diese
Verknüpfung von Schönheit und Anerkennung erscheint zunächst für männliche Jugendliche
eher atypisch; nicht jedoch der dahinter stehende Leistungsgedanke (sich Mühe geben).
Und auch in der Peergroup (Anhang, Tabellen 40 und 41) werden zwischen 10 und 20 % der
Jungen häufig gefragt, ob sie etwa schon wieder auf „Diät” seien. Beides spricht für
steigende Erwartungen durch die soziale Umwelt bezüglich ihres Aussehens auch an die
jungen Männer, wie auch in neuerer Literatur beschrieben (Methfessel 1999d, S. 61f.; Pope
et al. 2001, S. 240).
Zwar essen sich die Mehrzahl von rund 88 % aller befragten Jungen mehr oder weniger
immer satt, aber daneben ist auch eine zunehmende Bereitschaft zu Essweisen, die
Nahrungsverzicht bedeuten (s. o.), zu beobachten. Kognitive Steuerung, eine für restriktive
Essweisen notwendige Voraussetzung, ist beeinflusst durch psychische, kulturelle und
soziale Faktoren (Grunert 1993; Gniech 1995; Logue 1995; Pudel & Westenhöfer 1991;
Barlösius 1999). Daher unterliegt die Vorstellung der zu essenden Menge beispielsweise
geschlechtsspezifischen Normen, die auch in der hier durchgeführten Befragung deutlich
werden. So haben Nahrungsmenge und Sattwerden bei den Jungen einen vergleichsweise
Interpretation und Diskussion
175
hohen Stellenwert und können als „männliche” Attribute interpretiert werden. Vor diesem
Hintergrund ist die Minderheit von 15,5 % der Jungen, die mehr oder weniger regelmäßig auf
Dinge, die sie gerne essen, verzichten, als ein Zeichen für den zunehmenden Druck, schlank
zu sein, zu interpretieren.
Immer häufiger wird Muskel- und Kraftaufbau auch mit einer teilweise illegalen oder
zumindest problematischen Einnahme von muskelfördernden Medikamenten in Verbindung
gebracht (Methfessel 1999d, S. 62; Hurrelmann et al. 2003). Die bei der durchgeführten
Befragung von vielen Jungen als attraktiv ausgewählten Männerfiguren verdeutlichen
unrealistische Erwartungen hinsichtlich erreichbarer Körperformen und begünstigen eine
Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Hieraus resultiert eine in der neueren Literatur
(Anderson et al. 2001; Pope et al. 2001) diskutierte Tendenz zum steigenden Risiko von
Essstörungen und Medikamenteneinnahmen (z. B. Proteinpräparate, Anabolika) bei jungen
Männern. Auch die hier erhaltenen Daten (Kapitel 8.3, Tabelle 15) enthalten erste Hinweise:
Im Einzelnen nennen fast 7 % aller befragten Jungen − erwartungsgemäß keines der
Mädchen − Muskelaufbaupräparate als regelmäßig oder oft von ihnen eingesetztes Mittel zur
Figurverbesserung,
hinzu
kommen
weitere
rund
11 %
Jungen,
die
selten
Muskelaufbaupräparate nehmen. Darüber hinaus ist noch mit einer Dunkelziffer zu rechnen,
da eine Medikamenteneinnahme
im Dienste der Figurmodellierung eher als sozial
unerwünschtes Verhalten eingestuft wird. Immerhin ein Fünftel aller hier befragten
männlichen Jugendlichen ist bereit, diese langfristig gesundheitsschädlichen Mittel – zu­
mindest selten – zu nehmen und sich zudem „weiblichen” Modellierungstechniken (s. u.) −
die oftmals Verzicht bedeuten − zu unterwerfen.
Bei der Frage nach Einnahme von Muskelaufbaupräparaten ist ein Unterschied zwischen
den Schulzweigen auffällig: Kein Gymnasiast gibt an, diese Mittel zu konsumieren. Ob
Gymnasiasten an dieser Stelle sozial „erwünschtes Verhalten” angeben oder tatsächlich
kritischer sind, wäre spannend zu erfahren. Aus der Literatur ist seit längerem bekannt, dass
z. B. Hauptschüler einen extensiveren Umgang mit ihrem Körper bezüglich Alkohol und
anderen Rauschmitteln haben (Kahl et al. 1994, S. 141; Helfferich 1999). Das und ein im
Vergleich zu den Gymnasiasten kleineres Verhaltensspektrum, um sich als darzustellen und
in der Peergroup zu behaupten (Methfessel 1999d, S.63), spricht auch für eine größere
(weniger stark reflektierte) Bereitschaft dieser Schüler, muskelfördernde Präparate zu
nehmen. Muskelaufbaupräparate (und Anabolika) sind ein Thema, über das Jungen reden
(wollen). Die Klassendiskussionen machen auf ein großes Interesse der Jungen
aufmerksam.
176
Interpretation und Diskussion
Kalorien zählen als sozial unerwünschtes Verhalten
Eine Sonderrolle nimmt das Kalorien zählen ein, denn das öffentliche Kalorien zählen wird
von allen Jugendlichen als peinlich und störend empfunden – wie z. B. bei den akzeptierten
Verhaltensweisen im Restaurant oder bei den Kommentaren zu „Big Brother” deutlich wird
(Kapitel 8.2, Tabelle 9 und Anhang, Tabelle 28; zur Diskussion s. o.). Von allen abgefragten
Essweisen zur Fernsehsendung „Big Brother” fanden die Jugendlichen lediglich Kalorien
zählen peinlich; das aber deutlich mehr als der Hälfte (62,5 %). Unterschiede zwischen den
Geschlechtern sind hier nicht statistisch signifikant, trotz der bei dieser Frage üblichen
Geschlechtsdifferenzen. Signifikante Unterschiede hingegen liegen zwischen den besuchten
Schularten vor. Über 70 % der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten finden das Zählen von
Kalorien peinlich und niemand cool. Das ist ein Hinweis auf einen höheren Leistungsdruck
bezüglich ihres Aussehens bei den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten als in den anderen
Schulzweigen und spricht für die vermuteten sozialen Differenzierungen. Gestützt wird
dieses auch durch allgemeine Ergebnisse zum Leistungsverhalten aus Jugendstudien (z. B.
14. Shell Jugendstudie 2002), aber auch durch fachbezogene Daten zum Essverhalten. So
sind z. B. Hauptschülerinnen vergleichsweise seltener von Essstörungen betroffen (vgl. z. B.
Grabhorn et al. 2003, S. 17). Die erhobenen Daten zum Kalorien zählen stützen auch die in
Kapitel 5 herausgearbeitete These, dass „Body” Teil der inszenierten Persönlichkeit ist. Das
größere Ernährungswissen wird in höheren sozialen Schichten tendenziell mehr zum
kontrollierten Essen und der damit einhergehenden Figurmodellierung eingesetzt (vgl.
Helfferich 1994a, 1999). Da Figurvorstellungen und dazugehörige Kenntnisse über
Möglichkeiten, diese zu realisieren, gerade in höheren sozialen Lagen als Teil des Habitus
inkorporiert sind, ist damit eine Diskretion verknüpft. Kurz gefasst: „Frau” ist schlank, über
„Diät” wird nicht gesprochen.
Interessanterweise belegt das Item kalorienarm essen Rangplatz 10 (von 13) im
häuslichen Kontext (Kapitel 8.2, Tabelle 7), in dem nach der Annahme vorwiegend
Essensversorgung und Erholung stattfindet (s. o.); ein gutes Fünftel findet kalorienarm essen
zu Hause eher wichtig. Erwartungsgemäß ist Mädchen (etwa 40 %) dieses wichtiger als
Jungen (nur etwa 15 %). Unterwegs belegt das Item kalorienarm zwar den letzten Rangplatz
(13) der Wichtigkeit. Dies entspricht aber immer noch 20 %. Mindestens jedes dritte
Mädchen und jeder zehnte Junge achtet demnach auch unterwegs auf kalorienarmes Essen.
Dieser signifikante Geschlechtsunterschied bestätigt Ergebnisse aus der Literatur (Kolip
1995; Methfessel 1999d), denn obwohl öffentliches Kalorien zählen als peinlich und sozial
unerwünscht (s. o.) gilt, geht immerhin vielen Mädchen (und wenigen Jungen) der Blick auf
den Körper − und seine Schlankheit − nie verloren.
Interpretation und Diskussion
177
Auch die Klassendiskussionen lassen vermuten, dass kalorienarmes Essen sehr wohl
wichtig ist, gesprochen wird darüber aber eher nicht. So stellte sich heraus, dass unter
„Kalorien zählen” detailgenaues Addieren verstanden wird. Das praktiziert kaum einer der
Jugendlichen; wohl aber werden Lebensmittel und Speisen kategorisiert (kalorienarm und
kalorienreich) und überschlagsweise bilanziert. Dieses Ergebnis entspricht auch dem dualen
Denken vieler Gesundheitskampagnen wie bereits im Ernährungsbericht 1988 dargestellt
(DGE 1988; Brombach 2003). Ein Schüler der 9. Klasse (Gymnasium) führte aus, wenn er
sich mit Freunden unterwegs „ganz normal” eine Portion „Pommes rot-weiß reinhaut” (d. h.
mit Ketchup und Mayonnaise), dann würde er abends nicht auch noch Chips vor dem Com­
puter „futtern”. Das Beispiel zeigt einen alltagspragmatischen Umgang, der als egotaktisches
Handeln interpretiert werden kann und der angenommenen Funktionsteilung in Kontexten
entspricht. Dieser Schüler hat die Dilemmasituation erkannt: Eigentlich will er keine
kalorienreichen Pommes essen, aber in seiner Peergroup ist das „ganz normal” und er will
dazugehören und wahrscheinlich schmecken sie ihm auch. Die Lösung für ihn ist sein
abendlicher Verzicht auf kalorien- und fettreiche Chips.
Aus dem geschlechtsdifferenten Umgang mit dem Verzicht auf Nahrung kann auf eine
kontextunabhängige „Mädchenkultur” des „Kalorienbilanzierens” geschlossen werden.
Dieses geschieht einerseits eher im Verborgenen. Auch die übrigen angeführten Essweisen
zum Nahrungsverzicht sind für Außenstehende eher „unsichtbar” und lassen eine verdeckte
Disziplinierung des Körpers zu, die einer „Erlebniskultur” (vgl. Kapitel 5) so widerspricht.
Andererseits können damit auch sozial erwartete Rollenklischees (s. o.) bedient werden und
damit „kontrolliertes” Essverhalten auch im Beisein anderer verstärken.
Im Ganzen sprechen die Antworten zur Figurmodellierung dafür, dass die in Kapitel 5
beschrieben Dilemmata zwischen „Body” und „Soul” von Jugendlichen als solche
wahrgenommen und auf ihre als passend betrachtete Weise gelöst werden − und zwar
geschlechtsspezifisch unterschiedlich: Am Beispiel des Kalorien zählen zeigt sich, dass
Mädchen „Erlebnis” („Funfaktor”) und „Disziplin” für den „Body” verknüpfen, abwägen und
sich für Kompromisse entscheiden. Jungen tendieren eher zu einer Funktionsteilung
zwischen häuslichem und außerhäuslichem Lebensbereich – wenn überhaupt, denn nur
wenige streben eine Begrenzung der Nahrungsmenge an.
Die
Ambivalenz
zwischen
Anstrengungen
zur
Erhaltung
oder
Erreichung
von
„Traummaßen” und der „Realität des (eigenen) Körpers” bleibt dennoch auf unter­
schiedlichen Ebenen:
1. Jugendliche selbst: Wunsch nach „Body” versus Akzeptanz der Bedürfnisse und
Unzulänglichkeiten des Körpers,
178
Interpretation und Diskussion
2. Familienhaushalte: Rückzugsorte und Versorgtheit versus Verantwortlichkeit für eigenen
Essalltag und
3. Peergroup: akzeptierten Attraktivitätsvorstellungen dienen versus gemeinsames (Ess-)
Erlebnis.
Ablehnung von Lebensstiländerungen
Die oben im Zusammenhang mit jugendspezifischen kulinarischen Code bereits
diskutierte Frage nach der Möglichkeit anders zu essen ist bei Mädchen und Jungen
allgemein unbeliebt (Tabelle 16). Eher noch käme ein schönheitschirurgischer Eingriffs zur
Erreichung der „idealen” Körperform in Betracht. Aufgrund der hohen Kosten dürfte dieser
der Mehrzahl von Jugendlichen „erspart” bleiben, wird aber in Gesprächen236 und Klassen­
diskussionen auffallend oft angesprochen. Ein Eindruck aus diesen Gesprächen ist, dass
Jugendliche sich durch den Einsatz finanzieller Mittel erhoffen, die Erfolgsformel nach
Drolshagen237 ausschalten zu können. Ein Bedeutungswandel wie Zahlmann (2000, S. 278)
ihn für Männerkörper hinsichtlich des „Körpers als erwerbbare Ware” diskutiert, kann hier
ebenfalls zum Ausdruck kommen. Indirekt wird an den geführten Diskussionen über Schön­
heitschirurgie ganz klar, wie stark Jugendliche unter Erfolgsdruck hinsichtlich ihres
Aussehens stehen.
Aufgrund der zunehmenden (öffentlichen) Präsenz von Schönheitsoperationen wird hier
ein Forschungsbedarf gesehen: Wie werden Schönheitsoperationen von Jugendlichen
wahrgenommen (als „chirurgischer Eingriff” mit den für Operationen üblichen Risiken, als
„bequeme Lösung”, die z. B. einem Friseurbesuch gleicht etc.)? Wie wirkt sich die
Möglichkeit von Schönheitsoperationen – in Abhängigkeit von den zur Verfügung stehenden
finanziellen Mitteln – auf die Körperwahrnehmung hinsichtlich der empfundenen Attraktivität
und den möglicherweise daraus entstehenden individuellen Handlungsbedarf aus?
Elterliche Verstärkung von geschlechtsdifferenten Essweisen
Aufgrund der Interviews, die der Befragung vorangingen, wurde vermutet, dass Mütter und
Väter
wesentlich
an
der
Durchsetzung
der
von
den
Medien
vermittelten
Körperidealvorstellungen beteiligt sind. Die hier erhobenen Daten zu der Frage nach den
Kommentaren der Eltern (vgl. Anhang: Elternkommentare und Tabelle 37ff.) bestätigen diese
Hypothese so nicht − weder bei den Kommentaren zur Figur noch denen zur Ernährung.
236
Aus persönlichen Kontakten ist bekannt, dass sich z. B. ein Mädchen zum Abitur 2004 „Fettabsaugen” (in
Moskau) schenken ließ. Sie scheint im Trend zu liegen, denn neuerdings greift auch das Fernsehen in auf
Jugendliche zugeschnittenen Sendungen immer mehr das Thema „Schönheitsoperationen” in Sendungen
wie "I want a famous face" von MTV (Sommer 2004) etc. auf.
237
Arbeit + Disziplin + Askese + Zeit = Erfolg für den Body (vgl. Kapitel 5.4.2).
Interpretation und Diskussion
179
Daran anknüpfende Klassendiskussionen zeigten viele Widersprüchlichkeiten. „Das kann
nicht sein!”, lautet eine spontane Reaktion auf die Präsentation der Ergebnisse zu den
Elternkommentaren. Interviews und Klassendiskussion deuten darauf hin, dass bei der
Befragung auf die tatsächlichen Reglementierungen des Essverhaltens und elterlichen
Kommentare bezüglich der Figur keine „ehrlichen” Antworten – aus welchen Gründen auch
immer – gegeben wurden. Die nachfolgende Interpretation kann daher nur sehr wenige und
vorsichtige Aussagen aus den Daten ableiten. Eine weitergehende Untersuchung zur
Körpersozialisation wäre sicherlich lohnenswert.
Eine allgemeine Zurückhaltung bei elterlichen Kommentaren zur Figur, zum Essverhalten
und zu Verhaltensweisen bei Tisch (vgl. Kapitel 8.2; Anhang: Elternkommentare und
Tabellen 37ff.) deckt sich mit der in der Literatur beschriebenen Liberalität an den
Familientischen (DGE 2000; vgl. auch Barlovic 1998, S. 10ff.). Dabei scheinen Jugendliche
nicht grundsätzlich elterliche Ermahnungen abzulehnen, vielmehr finden noch mehr als die
Hälfte aller befragten Jugendliche gut, wenn Eltern ihre Kinder auffordern, mehr Obst und
Gemüse zu essen. Ebenfalls finden zwei Kommentare zu Verhaltensweisen bei Tisch
Zustimmung (Iss langsamer! Iss ordentlich!). Dieses ist kein Widerspruch, da zu große
elterliche Toleranz von den Heranwachsenden auch als Gleichgültigkeit der Eltern
gegenüber ihrer Person wahrgenommen werden kann und vice versa.
Punktuelle Differenzen finden sich zwischen den Geschlechtern, z. B. richten sich
Kommentare zum Verzicht auf Essen eher an Mädchen. Das deckt sich mit den
Darstellungen in der Literatur, dass Mädchen mehr zur Disziplinierung ihres Körpers
angehalten werden als Jungen, bei denen mehr auf die Kräftigung ihres Körpers geachtet
wird (vgl. Diehl 1996, S. 54). Die Zuständigkeit der Mütter für die Ernährungsversorgung
spiegelt sich darin wider, dass wenn überhaupt etwas von Seiten der Eltern gesagt wird, eher
Mütter ermahnen oder kommentieren.
Zusammenfassung
Ergebnisse aus der durchgesehenen Literatur werden durch die hier erhobenen Daten
gestützt. Jugendliche sind im Allgemeinen Träger des Wandels der heutigen Körperkultur.
Der schon in den 1990er Jahren (Pudel et al. 1992) festgestellte Trend zu extremen
Vorstellungen von attraktiven Körperformen setzt sich nach den erhobenen Daten bei den
Jugendlichen fort. Mädchen favorisieren unabhängig vom Figurtyp für sich extrem schlanke
Frauenfiguren. Jungen bevorzugen einen extrem muskulösen, fettfreien Männerkörper.
Körperformen, die gewünschte „Weiblichkeit” oder „Männlichkeit” betonen, sind besonders
beliebt. Obwohl von einem steigenden Einfluss der Medien bei der Entwicklung von Ideal­
180
Interpretation und Diskussion
vorstellungen zur Körperfigur ausgegangen werden kann, haben Essen und Körper nach wie
vor Distinktionsfunktion.
Im wissenschaftlichen Diskurs wird aktuell die These diskutiert, dass der gesellschaftliche
Druck, einen vorzeigbaren Körper – einen so genannten „Body” − zu haben, zunehmend auf
allen (weiblichen und männlichen) Jugendlichen lastet. Auch dies wird durch die erhobenen
Daten gestützt.
Untermauert werden konnte die Annahme, dass Essen und Bewegung zur Modellierung
des Körpers von den befragten Jugendlichen – geschlechtsspezifisch unterschiedlich –
eingesetzt wird. Sport und Bewegung ist allgemein beliebt zur Erreichung oder Erhaltung
einer guten Figur. Anders als junge Männer verzichten Mädchen außerdem auf Essgenuss,
und zwar sowohl zu Hause als auch unterwegs. Aus den Ergebnissen zum kalorienarmen
Essen kann beispielsweise für die Mehrheit der Mädchen und für eine Minderheit der Jungen
– und das ist eine neuere Entwicklung − gesagt werden, dass ein „Kalorienkontrollprogramm
im Hintergrund stets mitläuft” und mögliche Folgen für das Aussehen bedacht werden.
Folgerungen für die Ernährungsbildung
10
10.1
181
Folgerungen für die Ernährungsbildung
Impulse für die Ernährungsbildung
Ziel einer zukunftsweisenden Ernährungsbildung sollten grundsätzlich reflektierte Ess­
entscheidungen238 sein. Schulische Ernährungsbildung kann notwendige Voraussetzungen
schaffen. Daher sollte eine moderne, leistungsfähige Gesellschaft Ernährungsbildung als
Teil einer Grundbildung verstehen, die zur individuellen Lebensführung sowie zu Gesundheit
und Wohlbefinden befähigt. Ein entsprechendes Literacy-Konzept239, das zum allgemein
verbindlichen Bildungskanon gehört, ist anzustreben.
Im Nachfolgenden sollen Ergebnisse aus der vorliegenden Arbeit aufgegriffen werden, um
im Sinne eines Beitrages zur Zielgruppenanalyse Impulse für die fachdidaktische Diskussion
zu geben. Dazu werden Thesen formuliert, die zusammenfassend aus den Ergebnissen
Aussagen über Jugendliche und ihr Essverhalten ableiten. Überlegungen, welche Impulse
und Forderungen daraus für eine zeitgemäße und zukunftsfähige Ernährungsbildung
resultieren, schließen daran an.
1. Jugendliches Essverhalten ist vielschichtig.
Für den Unterricht kann weder eine „allgemein übliche” Nahrungsversorgung noch eine
klare Vorstellung bei Jugendlichen, was und wie üblicherweise gegessen werden sollte,
vorausgesetzt werden (vgl. dazu Kapitel 2). Lebensweise und Essstil von Lernenden sind
unterschiedlich;
daraus
resultierende
Vorlieben
und
Wertsetzungen
sollten
im
Ernährungsunterricht als Teil der sozialen und kulturellen Identität auch bedacht und (soweit
sinnvoll) respektiert werden. Beispielsweise spielen die soziokulturelle Lage der Familien­
haushalte und deren Familienesstraditionen mit jeweiliger individuellen Brechung, aktueller
Haushaltssituation und soziokulturellem Hintergrund eine Rolle. Trotz soziokultureller
Unterschiede können gemeinsame Elemente von gegenwärtigen Jugendesskulturen
angenommen werden, die bei der Ernährungsbildung berücksichtigt werden sollten:
•
Häusliche und außerhäusliche Essweisen von Jugendlichen unterscheiden sich und
erfüllen in diesen beiden Lebensbereichen unterschiedliche Funktionen.
•
Familienmahlzeiten dienen der Kommunikation; Jugendliche nehmen daran freiwillig
teil.
238
Reflektierte Essentscheidungen schließen z. B. auch genussvolles Essen ein und sind nicht gleichzusetzen
mit kontrollierten Essverhalten.
239
Im Projekt REVIS (Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schule) wurde ein Literacy-Konzept
für die Ernährungs- und Verbraucherbildung entwickelt (vgl. Beer 2004. Homepage: www.evb-online.de).
Kooperationspartner sind Heseker (Paderborn), Heindl (Flensburg), Methfessel (Heidelberg) und SchlegelMatthies (Paderborn). Das Modellprojekt wurde vom BMVEL (Bundesministerium für Verbraucherschutz,
Ernährung und Landwirtschaft) finanziell unterstützt.
182
Folgerungen für die Ernährungsbildung
Nahrungsmittelprodukte sind auch Konsumprodukte, die raum- und (jahres-)
•
zeitunabhängig im Allgemeinen verfügbar sind. Jugendliche verfügen dabei über
Konsumerfahrungen, die sich meist auf jugendtypische Produkte wie Fast-FoodProdukte, Süßigkeiten etc. beschränken. Überwiegend fehlen den Jugendlichen
Kompetenzen zur fachlich fundierten Qualitätsbewertung.
Essverhalten ist Teil der sozialen Distinktion. Damit erfolgt die soziale Positionierung
•
in der Peergroup und Gesellschaft auch über Ess(konsum)entscheidungen.
•
Essen dient dem körperlich-emotionalen Befinden.
•
„Snackkultur” ist besonders außer Haus beliebt.
•
Kenntnisse über Grundnahrungsmittel und sinnlich-ästhetische Erfahrungen mit
Lebensmitteln können nicht allgemein vorausgesetzt werden.
Erfahrungen
•
im
Umgang
mit
Convenience-Produkten
mit
entsprechenden
Geschmacksprägungen sind für viele anzunehmen.
•
Essverhalten von Mädchen und Jungen ist unterschiedlich.
•
Idealvorstellung vom eigenen Körper beeinflusst Essverhalten. Ess- und Bewegungs­
verhalten werden zur Modellierung des Körpers eingesetzt.
2. Jugendessverhalten grenzt sich von dem anderer Altersgruppen ab.
Jugendliches
Essverhalten
wird
durch
die
Entwicklungsphase
kontextabhängig
unterschiedlich beeinflusst. Dabei haben Jugendesskulturen zwei Facetten: Jugendliches
Essverhalten unterscheidet sich vom erwachsenen Essverhalten schon allein durch die
entwicklungsphasentypische Brechungen und die jugendspezifische Situation in
Abhängigkeit des elterlichen Haushaltes. Jugendliche nehmen damit eine Doppelrolle ein als
Heranwachsende in ihrer Entwicklung und als Trägerinnen und Träger des Wandels ein.
Damit determiniert jugendliches Essverhalten nicht zwangsläufig zukünftiges Essverhalten,
aber Jugendliche gestalten auch zukünftige allgemeine Esskultur mit.
Die beobachteten Veränderungen bei Jugendesskulturen stehen in enger Wechsel­
wirkungen mit der Lebens(ess)welt. Pauschale Ablehnung von Ernährungsgewohnheiten
Jugendlicher wie Fast-Food-Verzehr oder „Snacking” ignoriert die reale Esswelt fast aller
Altersgruppen, die unterschiedlichen Bedeutungen in den jeweiligen Kontexten (bei
gemeinsamen Fast-Food-Verzehr geht es eben nicht um Gesundheit) und die Motivationen
von
Jugendlichen
(Abgrenzung,
Unabhängigkeit,
zeitliche
Flexibilität).
Beide
Ess­
verhaltensweisen sind Ausdruck eines „psychologischen Bedürfnisses” nach Kompetenz,
Autonomie und sozialer Zugehörigkeit, dessen Stärkung nach der Selbstbestimmungstheorie
von Deci & Ryan (1993) wesentlich zum Aufbau und Erhalt einer intrinsischen Motivation
Folgerungen für die Ernährungsbildung
183
bzw. deren Vorstufen beiträgt und sich damit positiv auf Lernprozesse auswirkt (Deci & Ryan
1993, S. 223ff.). Vor diesem Hintergrund sind Ziele und Inhalte der Ernährungsbildung zu
hinterfragen und mit Zielen und Interessen der Jugendlichen abzustimmen. Neuere
Erkenntnisse zu Faktoren, die den Erfolg schulischer Ernährungserziehung begünstigen,
stützen diese Forderung, denn sie weisen darauf hin, dass „Programmziele ... auf die spezifi­
schen Bedürfnisse und Erfordernisse der Zielgruppe abgestimmt sein [müssen] ...” (Winkler
et al. 2004, B-24). Ernährungsbildung muss differenzierter die aus der Lebensphase Jugend
resultierenden
Probleme
und
Interessen
wahr-
und
ernst
nehmen
und
dafür
handlungsrelevantes Wissen und Können anbieten.
In akuten und komplexen Situationen kann aus der Perspektive des Jugendlichen eine
Essentscheidung sinnvoll sein, die aus der Perspektive der Fachwissenschaft oder aus der
Sicht von Erwachsenen (z. B. Eltern, Lehrkraft) als ungünstig bewertet wird. Eine
salutogenetische Betrachtung (Bartsch 2002; vgl. auch Antonovsky 1997; Bengel et al. 1998)
kann dabei zur Akzeptanz und zu mehr Gelassenheit bei Lehrenden beitragen, da jugend­
liches Essverhalten als Teil der Bewältigung der alterstypischen Entwicklungsaufgaben
interpretiert wird. Andererseits verändern gerade auch Jugendliche als Trägerinnen und
Träger des Wandels allgemeine Esskultur, daher müssen von den Lehrenden langfristige
Folgen einer einseitigen Ernährung mitbedacht werden. Jugendliche als Essende ernst
nehmen, heißt hier zwar deren Umgang mit Esssituationen unter den gegebenen Umständen
(Lebensmittelangebote, Haushaltssituationen etc.) akzeptieren, gleichzeitig muss eine
moderne Ernährungsbildung Lernende dazu befähigen, in den sich verändernden
Lebenssituationen Essentscheidungen treffen zu können, die zu einer kurz- und langfristigen
Gesundheit beitragen.
Nachkommende Generationen wachsen immer schon in einer anderen Lebens(ess)welt
auf als die vorangegangenen Generationen und blicken somit auch auf andere Ess- und
Konsumerfahrungen zurück. Hinzu kommen individuelle und milieuspezifische Brechungen.
Infolge von veränderten Haushaltsanforderungen und Marktangebot ändern sich Wissen,
Fähigkeiten und Fertigkeiten. Allerdings findet in vielen Haushalten keine Tradierung von
haushälterischen Kompetenzen mehr statt (Rößler-Hartmann 2002). Aus der Vergangenheit
lernen, heißt auf bewährte Erfahrungen und fachlich fundiertes Wissen zurückgreifen, ohne
rezepthaft vorzugehen. Ziel einer modernen Ernährungsbildung sollte daher die Vermittlung
von Kompetenzen sein, welche an heutige Haushaltssituationen anschlussfähig sind und
Aspekte eines nachhaltigen Konsumstils (Schlegel-Matthies 1998, 2004) einschließen.
Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sollten anwendungsbezogen erlernt werden, so
dass auf veränderte Lebensumstände individuell passende Lösungen für eine gesunde
184
Folgerungen für die Ernährungsbildung
Lebensführung gefunden werden können240. Ein zurückgewandter „Museumsunterricht” ist
zur Erreichung einer solchen Zielsetzung am falschen Platz. Egopragmatismus, Offenheit
und Neugier – als charakteristische Attribute für Jugendliche − sind gute Voraussetzungen,
um unbekannte Essweisen auszuprobieren und selbstständig zu prüfen, ob diese den
eigenen Vorstellungen entsprechen. Dazu sollten auf der Grundlage von Fachwissenschaft
und Bedürfnisreflexion zuvor von den Lernenden selbst Kriterien entwickelt werden (vgl.
dazu Schlegel-Matthies 1998; Leonhäuser 2003). Dieses impliziert die Übertragung der
Verantwortung für das eigene Essverhalten, das sich als förderlich in der Ernäh­
rungsbildung241 erwiesen hat (Winkler et al. 2004).
Die Doppelrolle der Jugendlichen wird am Beispiel der von vielen – nicht nur Jugendlichen
– bevorzugten Convenience-Produkte deutlich. Der Markt bietet dazu eine unübersehbare,
stets im Wandel begriffene Produktvielfalt. Mehrheitlich haben Jugendliche beim Essen von
solchen Produkten bereits sinnlich-ästhetische und oftmals auch praktische Erfahrungen bei
der Zubereitung gesammelt. An solche – meist positiv besetzte Situationen aus dem Alltag
der Lernenden – kann mit dem Ziel Fähigkeiten, Fertigkeiten und Reflexionsfähigkeit zu
erhöhen, angeknüpft werden. Um nicht nur die Alltagserfahrungen der jugendlichen
Lernenden zu wiederholen, ist die Ausbildung von Waren- und Produktkenntnissen
unabdingbar. Gefordert ist ein reflektierter Umgang mit Convenience-Produkten und Fast
Food. Anzustreben ist daher die Erarbeitung von Lösungsalternativen, die der jugendlichen
Lebenswelt entsprechen. Nach Möglichkeit sollten Erfahrungen des sinnlichen Essgenusses
eingeschlossen werden, denn aus Ergebnissen zu Versuchen mit Genusstraining bei
Essstörungen ist bekannt, dass dadurch „neue positive Lebensstilemotionen” vermittelt
werden, die sich günstig auf den Lernprozess auswirken (Teuteberg 2002, S. 186).
3. Die Distinktionsfunktionen des Essens und des Körpers werden jugendspezifisch
gebrochen.
Jugendliche sind als Essende und Konsumierende von Lebensmitteln ernst zu nehmen.
Dies bedeutet, sowohl individuelle Präferenzen als auch milieutypische und jugendtypische
Ernährungsweisen im Unterricht zunächst gleichberechtigt zu akzeptieren. Individuelle
Essbiografien und familiale Esstraditionen bestimmen (un-)bewusst Vorlieben, Abneigungen
240
Die in der Kindheit erworbenen Ernährungsmuster sind sehr stabil (Winkler et al. 2004, B-22), schließen aber
kleinschrittige, beständige Erweiterungen nicht aus (vgl. Methfessel 2004b). Studien aus nordeuropäischen
Ländern liefern z. B. Hinweise, dass sich in der Jugendphase das Ernährungsverhalten „in beschränktem
Umfang” ändert (Winkler et al. 2004, B-22). Größere Veränderungen von Essgewohnheiten sind dagegen
eher im Erwachsenenalter in biographisch „sensiblen” Phasen (z. B. Heirat, Geburt eines Kindes, gesund­
heitliche Probleme etc.) zu erwarten (Brombach 2000a, S. 229ff.).
241
Wie aus Untersuchungen der Allgemeinen Pädagogik zur Motivationsforschung bekannt ist, basiert
„effektives Lernen” auf eine hohe Selbstregulierung (Deci & Ryan 1993, S. 233) – wie auch hier in der
Ernährungsbildung deutlich wird.
Folgerungen für die Ernährungsbildung
185
und Essgewohnheiten mit und generieren damit auch Essstile, die milieu- und alters­
spezifisch unterschiedlich sind. Gerade für Jugendliche ist der praktizierte Lebensstil wichtig
(DGE 2004, S. 395). Aus einer aktuellen Experimentalstudie zum Einfluss von Fernseh­
beiträgen ist bekannt, dass lebenstilorientierte Darbietungen („lifestyleorientierte Frames”)
die größten Chancen auf Veränderung der Ernährungseinstellung erzielen (ebd.). Für die
Unterrichtsarbeit ist dabei folgender Zusammenhang besonders bemerkenswert: „Je häufiger
die Probanden kochen, desto eher ändern sie ihre Lifestylewahrnehmung in die vermutete
Richtung. Vermutlich sind Menschen, die viel selbst kochen, besonders empfänglich für
Lebensmitteltrends,
da
sie
diese
selbst
umsetzen
können.”
(ebd.).
Über
eine
Professionalisierung der Lernenden können diese ihre eigenen Wege zu einer gesundheits­
förderlichen Esskultur finden und in ihren Alltag als Teil ihres Lebensstils implementieren.
Eine vorschnelle Ablehnung einzelner jugendtypischer oder milieutypischer Ernährungs­
weisen durch die Lehrkraft wirkt dagegen eher als „Belehrung”, die einer „Abqualifizierung
des Alltagsverhaltens von Jugendlichen” gleichkommt und Ressentiments bei den
Lernenden hervorrufen kann. Ebenso stößt auch eine unreflektierte Übernahme von
Elementen der Jugendesskulturen durch Lehrende bei vielen Jugendlichen auf Ablehnung,
da dieses erstens einer „Enteignung” gleichkommt und zweitens als opportunistisches
Verhalten nicht einem Ernst genommen werden entspricht und die Lehrkraft selbst dadurch
unglaubwürdig werden kann. Vielmehr bietet sich an, Botschaften über Lebensstile anhand
von ausgewählten Nahrungsmittelprodukten und Essweisen im Unterricht zu thematisieren,
denn dieses kommt dem jugendlichem Bedürfnis nach einer sozialen Positionierung in der
Peergroup als Teil der Gesellschaft näher, nimmt Jugendliche auch als Lernpartner ernst
und wäre daher einem reflektierten Umgang ihres Essverhaltens förderlich.
Unabhängig von der hier geforderten Akzeptanz jugendlicher Essweisen sollte Ziel des
Unterrichts sein, das Handlungsspektrum (bezüglich Auswahl und Zubereitung/Küche) zu
erweitern, um einer Verengung von Essweisen (und Sichtweisen242) entgegenzuwirken. Zwar
gilt entsprechend der Annahme eines jugendspezifisch gebrochenen „kulinarischen Codes”
(vgl. Kapitel 4.3.1) eben auch für Unterrichtssituationen: „Zeig mir was und wie du isst, und
ich sage dir, wer du bist!” Aber schulisches Umfeld ist nicht vorrangig der außerhäuslichen
(Ess)situation zuzurechnen, da ein institutioneller Rahmen unter pädagogischer Zielsetzung
einschränkend wirkt. Zum Beispiel müssen beim gemeinsamen Klassenfrühstück, das Teil
der schulischen Verpflegung sein kann, ausgehandelte oder vorgegebene Regeln (z. B.
keine koffeinhaltigen Getränke und zuckerreiche Limonaden) und Vorgaben (z. B. hin­
sichtlich Zeit, Ort) eingehalten werden. Da schulische Esssituationen eine Mischform
242
Beispielsweise Ausgrenzungen von ethnologischen Gruppierungen aufgrund von Essweisen aufgreifen und
hinterfragen.
186
Folgerungen für die Ernährungsbildung
zwischen
häuslicher
und
außerhäuslicher
Esssituation
sind,
bieten
sie
für
die
Heranwachsenden eine Möglichkeit in einem geschützten Raum Neues auszuprobieren,
auch im Hinblick auf die Akzeptanz in der Peergroup. So sollte der Unterricht zum
gemeinsamen Ausprobieren von Unbekannten (Auswahl von Nahrungsmitteln, Zubereitung
und Essen) herausfordern.
Besser als lebensstil-gestaltende „In-Produkte”, die entsprechend der dieser Arbeit
zugrunde liegenden Einteilung (Kapitel 2.1) als Symbolics bezeichnet werden, eignen sich
zur Vermittlung von grundlegendem Wissen und Fertigkeiten weniger symbolträchtige Basics
und Unis, aufgrund ihrer weitaus höheren Zukunftsrelevanz und der zu erwartenden höheren
Offenheit seitens der Lernenden. Außerdem haben gesundheitsrelevante Präferenzen und
Ernährungsweisen in der Jugendphase nur eine Chance auf Verwirklichung als Teil eines
jugendlichen Lebensstilkonzeptes und sollten daher zum Bestandteil eines CopingProzesses243 werden. Die Lernenden können mit Basics und Unis erworbene Grundfertig­
keiten anwenden, um in neuen Variationen ihr Wissen und Können zu vertiefen. Modular
kann in eigenständigen Lernprozessen Gelerntes auf eigene Bedürfnisse (auch im Unter­
richt) transferiert werden, z. B. um zu experimentieren, auszuprobieren, Neues zu gestalten
und Freude am Variieren zu gewinnen.
4. Jugendliches Interesse an Essen und Bewegung fokussiert auf Verbesserung des
körperlichen Aussehens.
Da jugendliches Ess- und Bewegungsverhalten zur „Manipulation” des Körperbildes
eingesetzt wird, muss eine zeitgemäße Ernährungsbildung kurz- und langfristige (biologische
und psychologische) Wirkmechanismen thematisieren. Essen und Bewegung sind dabei im
Zusammenhang zu sehen. Um die Alltagsvorstellung „die Schönste kommt am besten an”
nicht in einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung enden zu lassen, sind offene Lernsitua­
tionen und subjektorientierte Vorgehensweisen günstig. Dadurch werden eine individuelle
Förderung und eine Stärkung der sich entwickelnden Persönlichkeiten eher gewährleistet.
Mädchen messen ihre Schönheit auch in der Akzeptanz durch das andere Geschlecht.
Dabei konkurrieren sie oftmals untereinander verdeckt oder offen. Zur Stärkung der
weiblichen Identität, die für einen emanzipatorischen Umgang zwischen den Geschlechtern
Voraussetzung
ist,
ist
eine
Enttabuisierung
und
Auseinandersetzung
mit
diesem
geschlechtsspezifischen Konkurrenzverhalten notwendig.
243
Coping, Coping-Prozess und Coping-Strategie wird hier im Sinne Antonowskys (1997) verwendet. Der Begriff
Coping kommt aus der Stressforschung und bedeutet zunächst Bewältigung von Stresssituationen.
Antonowsky bezieht sich auf Lazarus (Antonowsky 1997, S. 125) und erweitert den Begriff: 1. Stressoren
können aus der inneren und äußeren Umgebung eines Menschen stammen und generell auch als günstig
und positiv vom Betroffenen gewertet werden. 2. Sowohl Art und Weise der Bewältigungsstrategie,
d. h. Coping-Stil, als auch Ergebnis sind individuell unterschiedlich. Eine Bewertung ist immer subjektiv.
Folgerungen für die Ernährungsbildung
187
Jugendliche haben ein großes Informationsbedürfnis und zeigen viel Interesse an den
Themen
„Essen”
und
„Bewegung”
im
Zusammenhang
mit
Körpervorgängen
und
Auswirkungen auf ihren Körper. Aufgrund der alterstypischen Perspektive decken sich
Lehrinhalte und Intentionen der Lehrkraft nicht unbedingt mit diesen jugendlichen Interessen.
Um zu verhindern, dass „für die Schule und nicht fürs Leben” gelernt wird, muss die Rolle
der Lehrkraft überdacht werden. Werden Lernprozesse wie hier als individuelle Konstruk­
tionsprozesse in einer fortschreitenden Ernährungsbiografie aufgefasst, werden Lehrkräfte
zu Lernpartnern, die auf Kenntnisse, eigene Erfahrungen und Metawissen zurückgreifen, die
Lernprozesse begleiten und fördern können und die schlussendlich individuelle Lernwege
zulassen ohne Lehrziele aufzugeben.
5. Jugendliche sind selbstbestimmte Essende, ohne dass ihnen Verantwortung für
sich und andere abverlangt wird.
Sowohl Haushaltsentscheidungen als auch Verhalten in der Peergroup werden in
wechselseitigen Abstimmungsprozessen durch individuelles Verhalten beeinflusst. Die
Befähigung
des
Individuums
zum
(eigen)verantwortlichen
Essverhalten
und
zu
qualitätsorientierten Produktentscheidungen ist wichtig, da Jugendliche mit ihrem Umfeld
interagieren und Lebens(ess)welt mitbestimmen. Beispielsweise können sie durch die ver­
antwortliche Gestaltung ihres Essverhaltens ihrer Rolle im Familienhaushalt und in der Peer­
group gerecht werden. Darüber hinaus werden über Konsumentscheidungen auch (Lebens­
mittel)marktangebote mitbestimmt. Die individuelle Esskulturbildung ist damit stets auch ein
Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung (vgl. dazu auch Schlegel-Matthies 2004, S. 11ff.).
Trotz eines langsam voranschreitenden Wandels der Arbeitsteilung in den Haushalten
zwischen den Geschlechtern und den Generationen (Zeiher 2000, S. 65), liegt auch nach
den hier erhaltenen Ergebnissen die Verantwortung für Essen und Familienkommunikation
nach wie vor überwiegend bei Müttern. Koedukation244 und Thematisierung von Haushaltsund Geschlechterrollen im Unterricht erscheint an dieser Stelle nicht ausreichend zu sein,
um eine emanzipierte Arbeitsteilung bezüglich der Essensversorgung in den Familien
voranzubringen. Die (geringe) Wertschätzung von haushälterischen Arbeiten und haushalts­
bezogener Bildung, die sich auch in den schulartspezifischen Stundentafeln widerspiegeln,
sind Gründe für dieses Ungleichgewicht. Fakultative Kurs- oder Schulfachangebote werden
vorwiegend von Mädchen wahrgenommen. Nimmt man das „Ziel der ‚Mündigkeit‛ im Sinne
der Fähigkeit zur Lebensbewältigung” (Schlegel-Matthies 1998, S. 102) für den Bereich des
privaten Haushaltes ernst, dann gehören nach dem hier zugrunde liegenden Verständnis des
244
Weiterführende Literatur zur Diskussion der Auswirkungen von Koedukation auf den haushaltsbezogenen
Unterricht: Schlegel-Matthies (1998).
188
Folgerungen für die Ernährungsbildung
Lernens als individuellen Konstruktionsprozess Lehre und Erziehung in die Hände von
Frauen und Männern, um eine Vielfalt von Identifikations- und Rollenalternativen anzubieten.
Damit sowohl Identifikation und Dialog mit dem eigenen Geschlechtspartner oder der
eigenen
Geschlechtspartnerin
als
auch
Abgrenzung
vom
gegengeschlechtlichen
Erwachsenen für alle Heranwachsenden möglich wird.
In Anbetracht der gesellschaftlichen Veränderungen sollten im Hinblick auf eine
Gleichberechtigung der Geschlechter unter Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen
den Generationen die Wahrnehmung von Haushaltsaufgaben diskutiert werden. Die
Entwicklung in Haushalts- und Familiensystemen zu partnerschaftlich-diskursiven Entschei­
dungsfindungen (vgl. Tornieporth 1979; Methfessel & Kettschau 1994; Schlegel-Matthies
1998) sollte aufgegriffen und die Heranwachsenden einbezogen werden. So schlägt Zeiher
(2000, S. 65) vor: „Wo Eltern gleichberechtigt über akute Arbeitsteilungen und längerfristige
Zuständigkeiten verhandeln, könnten auch die Kinder in die Verhandlungen einbezogen
werden und sich einbeziehen.” Veränderte Haushaltsaufgaben in einer modernen
Gesellschaft erfordern allerdings eine entsprechende fachliche Vorbereitung durch haus­
haltsbezogene Bildung in allen Schulformen für alle Jugendlichen, da Familien diese nicht
mehr gewährleisten (können).
6. Esserfahrungen sind kontextabhängig unterschiedlich. Wissen und Erfahrungen
werden nicht automatisch von einem Kontext auf einen anderen übertragen.
Der bisherige ernährungswissenschaftlich und medizinisch geführte Diskurs über die
Vermittlung von Wissen und Kompetenzen für eine „gesunde Ernährung” reduziert Essen auf
das existentielle und bedarfsgerechte Zuführen von Nährstoffen, ggf. erweitert um
ökonomische und ökologische Aspekte. Diese Orientierung blendet andere − sozial-kulturelle
und psychische − Funktionen des Essens weitgehend aus. Sie geht deshalb in weiten
Bereichen an den Interessen der Jugendlichen vorbei. Jugendliche handeln oftmals
egopragmatisch.
„Schulwissen”
wird
–
wenn
überhaupt
–
unter
jugendtypischen
Fragestellungen gefiltert in den Alltag übernommen (vgl. auch Bartsch 2002, S. 48f.). Das
führt selten zur Erweiterung von Handlungsalternativen. Bei einer partiellen Vernetzung von
Wissen aus verschiedenen Lebensbereichen spielen häufig emotionale Konnotationen und
für die Entwicklungsphase typische Verhaltensmaximen eine Rolle. Beispielsweise beruht
das höhere Interesse von Mädchen am Unterrichtsthema Ernährung oftmals auf dem
Wunsch nach attraktivem Aussehen. Bei der vorliegenden Untersuchung zeigte sich, dass
nur wenige der befragten Jugendlichen in Betracht ziehen, im „Dienste ihrer Figur” ihr
Essverhalten zu ändern. Ansatzpunkte zum Andersessen über einen handlungsorientierten
Unterricht zu geben, könnte helfen, Lernende zu informieren (statt zu belehren) und ihnen zu
Folgerungen für die Ernährungsbildung
189
ermöglichen Elemente einer gesunden Lebensweise in ihren präferierten Lebensstil zu
implementieren oder auch begründet abzulehnen. Zu bedenken ist, dass Lebensstilentschei­
dungen ebenso wie dazugehörige Essentscheidungen vor dem Hintergrund der jeweiligen
(Ernährungs-)Biografie getroffen werden. Erfahrungen der Jugendlichen sollten in den
Unterricht einbezogen und reflektiert werden (vgl. Methfessel & Schön 2002; Bartsch 2003;
Haushalt & Bildung (2003) Heft 1).
Ernährungswissen ist einerseits Schulwissen und andererseits alltagspraktisches Wissen.
Diese Wissensbereiche stehen eher isoliert nebeneinander und werden nur partiell vernetzt.
Gleichzeitig fehlen grundlegende und relevante Alltagserfahrungen. Jugendlichen fehlen
häufig Erfahrungen im Umgang mit Grundnahrungsmitteln. Marken- und Produktkenntnisse
ersetzen häufig lebensmittelkundliche Warenkenntnisse. Des Weiteren zeigte sich bei der
Durchsicht der Literatur (z. B. Lange 1997; Barlovic 1999a; KVA 2001, 2004), dass sich
Einkaufserfahrungen von Jugendlichen auf begrenzte Produktsegmente (Süßigkeiten etc.)
beziehen, nicht zuletzt eine Folge einer geschlechts- und altersspezifischen Arbeitsteilung in
den Familien. Ebenso können fehlende Alltagserfahrungen für weitere Haushaltsarbeiten
angenommen werden (Rößler-Hartmann 2002, S. 39ff.; DGE 2004; Kettschau & Methfessel
2005), die sich auf z. B. auf (nicht) vorhandene Grundkenntnissen in Ernährungslehre und
Zubereitungstechnik bei Jugendlichen auswirken (Spiekermann 1999a, 2002a; Teuteberg
2002).
Um der partiellen Vernetzung der Wissensbereiche und den bruchstückhaften
Erfahrungen und Kenntnissen entgegenzuwirken, sollten außerschulische Erfahrungen in
Lernprozesse aktiv einbezogen werden. Dixey et al. (1999) haben in einer europäischen
Studie auf die Relevanz des jeweiligen Settings, d. h. die Einbeziehung des Lebens- und
Schulumfeldes, hingewiesen. Die Berücksichtigung der soziokulturellen Unterschiede in den
Lebenswelten der Lernenden hat sich ebenso wie eine Geschlechts- und Rollendiffer­
enzierung (BZgA 1998, S. 87ff.; vgl. dazu auch Methfessel 1999d) als lernfördernd erwiesen
(Winkler et al. 2004, B-26). Eine zukunftsfähige Ernährungsbildung sollte außerdem
Warenkunde, Einkauf, Zubereitung und (gemeinsames) Essen als integralen Bestandteil
begreifen (Heindl 2003; Beer 2004), um die „Wissensmosaiksteine” als Ganzes zusammen­
zufügen und evtl. fehlende „Verbindungsglieder” kennen zu lernen. Zielführend sollte dabei
die Erweiterung von Optionen beim Einkauf und bei der Zubereitung und der Aufbau eines
Spektrums von geeigneten Kriterien für Qualitäts- und Beurteilungsmerkmalen sein, um einer
Verengung von Entscheidungen und einer zunehmenden Abhängigkeit vom Markt und
dessen Marketing als Informationsquelle entgegenzutreten. Erfahrungen des jugendlichen
Schulessalltags, die durch die jeweiligen institutionellen Voraussetzungen geprägt sind,
190
Folgerungen für die Ernährungsbildung
differieren stark. Sie haben durch die sich täglich wiederholende Routinen einen
verstärkenden Einfluss auf Essverhalten – im günstigen wie im ungünstigen Fall. Daher
sollte dem schulischen Essalltag ein Platz im Gesamtkonzept der Ernährungsbildung
eingeräumt werden, der die curricularen Bemühungen stützt; dieses hat sich in verhält­
nispräventiven Ansätzen bereits als fruchtbar erwiesen (Winkler et al. 2004, B-26f.; vgl. z. B.
Steen 1994; Homfeldt & Schulz 1996; BzgA 1998; Dixey et al. 1999).
Da sich jugendliches Essverhalten aufgrund des differenten Stellenwertes bzw. der
jeweiligen Funktionen in den Lebensbereichen Familie und Peergroup unterscheidet oder
sogar widerspricht, variieren auch Hintergründe und Perspektiven, auf deren Basis Ess­
entscheidungen getroffen werden, ohne dass diese den Handelnden bewusst sein müssen.
Familien sind verhaftet ihrem Milieu und damit verbundenen Kultur und Traditionen. Auf
dieser Grundlage werden in Haushalten Alltagsanforderungen bewältigt, d. h. auch Konsumund Essentscheidungen getroffen. Jugendliche leben im Allgemeinen stark gegenwarts­
orientiert. In der außerhäuslichen Welt der Peergroup werden Konsum- und Essentschei­
dungen aufgrund der für die Entwicklungsphase vorrangigen Prämissen (soziale Posi­
tionierung in der Peergroup und Gemeinschaftserleben) getroffen. Daher sind Status und
Produktimage („In-Out-Frage”, Ansehen etc.) bei gleichzeitig in aller Regel begrenzten
finanziellen Mitteln wichtige Entscheidungsmerkmale, die sich direkt auf das gegenwärtige
Leben
auswirken.
Präventiv
ausgerichtete
Ratschläge
und
Warnungen
einer
Ernährungserziehung sind dagegen in die Zukunft gerichtet und können Angst erzeugen.
Gleichzeitig stellt das Ignorieren dieser Ratschläge keine unmittelbare Bedrohung der
Lebensqualität dar, sondern schränkt oftmals den unreflektierten (Ess-)Genuss ein. Folglich
spielen gängige Ernährungsempfehlungen in einer gegenwartsorientierten Lebenswelt der
Peergroup eine eher untergeordnete Rolle. Dagegen bedient der Markt unmittelbar und leicht
verständlich jugendliche Bedürfnisse, in dem er diese in käufliche Produkte übersetzt. Der
Markt agiert aufgrund seiner ökonomischen Zielsetzung folglich nicht präventiv, sondern
gegenwartsorientiert.
Der Umgang mit dem Widerspruch zwischen schulischem Anspruch und
Gegen­
wartsorientierung der Jugendlichen ist schwierig. Das Wissen darum kann einer Lehrkraft
zunächst eine gewisse Gelassenheit geben, ohne dass sie diesen Widerspruch schicksalhaft
akzeptieren müsste. Vielmehr sollte eine Reflexion der genannten Aspekte des
Widerspruchs stattfinden, um zukunftsorientierte und gleichzeitig gegenwartskompatible
Lösungen zu finden.
Folgerungen für die Ernährungsbildung
191
7. Im Umgang mit Jugendlichen ist die Selbstreflexion der Lehrkräfte notwendig.
In der Ernährungsbildung als lebensweltbezogenem Fach sind Lehrende und Lernende
auch Essende – und als solche „Alltagsexpertinnen” und „-experten”. Im Unterschied zu den
Jugendlichen bringen Lehrende ihre Esserfahrungen und subjektive Theorien allerdings eher
rationalisiert und „verkleidet” als wissenschaftlich begründete Empfehlungen ein. Jugend­
liche sollten allerdings (auch in der Unterrichtssituation) als essende Subjekte wahr­
genommen werden und Lehrende sollten ihre eigene Rolle als Essende kritisch reflektieren.
Idealtypisch vermittelt das „professionelle Selbst” zwischen eigener Person und beruf­
lichen Aufgaben (Schön 2003, S. 16). Der Professionalisierungsprozess der Lehrkräfte sollte
daher eine Selbstreflexion des eigenen Essverhaltens und der eigenen Essbiographie in
Abgrenzung zu den individuellen und wissenschaftlichen Ansprüchen einschließen. Darüber
hinaus darf eine Reflexion über die heutigen (veränderten) Bedingungen des Aufwachsens,
über das soziokulturelle Umfeld der Lernenden in der Differenz zur eigenen Kindheit und des
eigenen sozialen Milieus nicht fehlen (vgl. Haushalt & Bildung 2003, Heft 1).
10.2 Bedeutung der Ergebnisse des Projektes „Reform der Ernährungs- und
Verbraucherbildung in Schulen” für die fachdidaktische Weiterentwicklung
Ergebnisse dieser Arbeit flossen in die Arbeit des Projektes „Reform der Ernährungs- und
Verbraucherbildung in Schulen” (REVIS245) ein. Ziel des Projektes REVIS war die
Entwicklung eines Referenzrahmens (Bildungsziele, Kompetenzen, Themen und Inhalte,
didaktische Orientierung) für die schulische Bildung. Ein Ergebnis des Projektes REVIS ist
die Formulierung von Bildungszielen und Kompetenzen für die Ernährungs- und Ver­
braucherbildung, die im Folgenden dargestellt sind (vgl. Abbildung 8 und Bildungshaus246). In
den daran anschließenden schlaglichtartigen247 Erläuterungen zu den Bildungszielen248 des
Projektes REVIS sollen die Innovationen des REVIS-Konzeptes, die eine Möglichkeit der
Umsetzung der in Kapitel 10.1 gegebenen Impulse darstellen, hervorgehoben und in die
Diskussion zur Weiterentwicklung der Didaktik gebracht werden.
Bei der Entwicklung der Bildungsziele und Kompetenzen im Projekt REVIS werden
Lernende als essende Subjekte in ihrem soziokulturellen Umfeld wahr- und ernst genommen
und frühzeitig in ihren Bildungsprozess einbezogen. Dies wird bereits beim ersten
245
Die Autorin arbeitete im wissenschaftlichen Beirat mit.
246
Siehe www.evb-online.de (am 22.07.2005).
247
Die umfassende Darstellung der Vielschichtigkeit der REVIS-Bildungsziele ist nicht Ziel der vorliegenden
Arbeit; die Ausführungen sind daher fragmentarisch.
248
Ohne die Wichtigkeit der Verbraucherbildung missachten zu wollen, sind die Ausführungen im Rahmen der
vorliegenden Arbeit entsprechend des Themas auf die Sicht der Ernährungsbildung begrenzt.
192
Folgerungen für die Ernährungsbildung
Bildungsziel – „Die Schüler und Schülerinnen gestalten die eigene Essbiographie reflektiert
und selbstbestimmt.” (REVIS 2005; Hervorhebung durch Autorin) – deutlich.
Bildungsziele
Kompetenzen:
Dazu gehört, dass sie …
Die Schüler und Schülerinnen
1
2
Die Schüler und
sind bereit und in der Lage,
… sich mit den
Schülerinnen
Einflussfaktoren,
gestalten die eigene
Begrenzungen und
Essbiographie
Gestaltungsalternativen der
reflektiert und
individuellen Essweise aus­
•
die „Gewordenheit“ des eigenen Essverhaltens erkennen und verstehen können,
selbstbestimmt.
einanderzusetzen.
•
Handlungsmöglichkeiten situationsgerecht entwickeln und zur weiteren
Die Schüler und
… sich mit dem
•
Gestaltung der Essbiographie nutzen können.
den Zusammenhang von Nahrung und Ernährung für die persönliche Gesundheit
Schülerinnen
Zusammenhang von
gestalten Ernährung
Ernährung und Gesundheit
gesundheits­
auseinanderzusetzen und
förderlich.
Verantwortung für sich und
•
Bedeutungen für das Essverhalten kennen, identifizieren und verstehen können,
•
Die Schüler und
… sich mit den kulturellen
Schülerinnen handeln
Voraussetzungen, der
sicher bei der Kultur
Bedeutung und Funktion von
und Technik der
Mahlzeiten
Nahrungszubereitung
auseinanderzusetzen.
herstellen und reflektieren können,
•
Lebensmittel, ihre Inhaltsstoffe und Wirkungen im Stoffwechsel kennen und
verstehen können,
•
Ernährungsempfehlungen und Regeln kennen, sich mit ihnen und allgemeinen
•
Ernährungsinformationen kritisch auseinandersetzen können.
Mahlzeiten situations- und alltagsgerecht planen und herstellen können und die zu
leistende Arbeit und Gestaltung wertschätzen können,
•
Speisen und Gerichte sowie die LM-Auswahl unter Berücksichtigung von
Sinnlichkeit, Gesundheit und Nachhaltigkeit gestalten können,
•
Techniken der Nahrungszubereitung kennen, verstehen, reflektieren und
anwenden können,
gestaltung.
Die Schüler und
… sich mit dem Verhältnis
Schülerinnen
von eigenem Körper und
entwickeln ein
Essverhalten
positives
auseinanderzusetzen.
Selbstkonzept durch
•
•
Informationen und Anleitungen kritisch reflektieren können.
den eigenen Körper und Körperprozesse wahrnehmen, verstehen und
akzeptieren,
•
die Abhängigkeit der Körperbilder von gesellschaftlichen und historischen
Bezügen erkennen, verstehen und reflektieren können,
•
Essen und
die Bedeutung von Essen und Ernährung erkennen und diese Erkenntnis für das
eigene Handeln nutzen können,
Ernährung.
5
Körpersignale wie Durst, Hunger, Appetit, Sättigung wahrnehmen und verstehen
können,
•
und Mahlzeiten­
4
Alltagsvorstellungen und -theorien zur Bedeutung von Essen, Ernährung und
Körper identifizieren, analysieren und bewerten können,
andere zu übernehmen.
3
soziokulturelle und historische Einflussfaktoren, ihre Wirkungen auf und
Die Schüler und
… sich mit Zukunftschancen
Schülerinnen
und Risiken der
entwickeln ein
Lebensgestaltung
persönliches
auseinanderzusetzen.
Ressourcen­
•
Wege zum genussvollen und verantwortlichen Umgang (mit dem Körper) durch
•
Essen und Trinken entwickeln und nutzen können.
die Vielfalt von individuellen und gesellschaftlichen Ressourcen kennen, ihre
Bedeutung sowie ihre Entwicklungen und Begrenzungen verstehen,
•
die Prinzipien und Möglichkeiten des Finanz- und Vorsorgemanagements kennen
und verstehen und ihre Instrumente anwenden können,
•
management und sind
Prinzipien des kurz-, mittel- und langfristigen Ressourcenmanagements verstehen
und anwenden können,
in der Lage
•
Verantwortung für
Informations- und Beratungsangebote kennen und situationsgerecht nutzen
können.
sich und andere zu
6
übernehmen.
Die Schüler und
… soziokulturelle
Schülerinnen treffen
Rahmenbedingungen für
Konsument­
Konsumentscheidungen zu
scheidungen
identifizieren und zu
reflektiert und
berücksichtigen.
selbstbestimmt.
7
Die Schüler und
… die eigene
Schülerinnen
Konsumentenrolle kritisch zu
gestalten die eigene
reflektieren und darauf
Konsumentenrolle
aufbauend Konsumhandeln
reflektiert in
zu gestalten.
•
kennen, beurteilen und verantwortlich nutzen können,
•
die eigene Konsumbiographie und ihre Bedeutung für die Lebensstilentwicklung
analysieren, verstehen und reflektieren können,
•
Marktmechanismen und Wirtschaftssystem verstehen und reflektieren können,
•
Konsum- und Entscheidungsprozesse situationsgerecht bewerten und gestalten
•
können.
Verbraucherrechte und –pflichten kennen, bewerten und situationsgerecht
anwenden können,
•
die Tragweite von Konsumentscheidungen in Bezug auf vertragliche Bedingungen
und finanzielle Verpflichtungen einschätzen können,
•
rechtlichen
Zusammenhängen.
Konsum leitende Bedürfnisse erkennen, verschiedene Wege der Bedarfsdeckung
selbstbewusst und selbstbestimmt gegenüber Experten und Institutionen agieren
können,
•
Informationen und Angebote von Institutionen beschaffen, bewerten und kritisch
nutzen können.
Folgerungen für die Ernährungsbildung
Bildungsziele
Kompetenzen:
193
Dazu gehört, dass sie …
Die Schüler und Schülerinnen
8
Die Schüler und
sind bereit und in der Lage,
… Nachhaltigkeit, Gesundheit
Schülerinnen treffen
und Funktionalität als zentrale
Konsument­
Bewertungskriterien zu
scheidungen
verstehen und anzuwenden.
•
exemplarische Prozesse der Erzeugung, Verarbeitung, Verteilung und Entsorgung
von Marktgütern kennen, verstehen und bewerten können,
•
die Wirkungen der handwerklichen und industriellen Be- und Verarbeitung für die
Qualität des Produkts kennen, bewerten und für eigene Konsumentscheidungen
qualitätsorientiert.
beachten können,
•
den Faktor Arbeit in der Gütererzeugung verstehen und die Wirkungen lokal und
global einschätzen können,
9
•
die lokalen und globalen Zusammenhänge der Produktion von Gütern bei eigenen
Die Schüler und
… sich mit den Gewohnheiten
•
Entscheidungen verantwortungsbewusst berücksichtigen können.
das Konzept der Nachhaltigkeit kennen, verstehen und reflektieren können,
Schülerinnen
und Routinen des Konsum-
•
eigenes Konsum- und Alltagshandeln auf der Grundlage des
entwickeln einen
und Alltagshandelns
Nachhaltigkeitskonzepts analysieren und bewerten und diese Reflexion für
nachhaltigen
auseinanderzusetzen.
Entscheidungen nutzen können,
Lebensstil.
•
Lebensstile und Lebensweisen identifizieren und reflektieren können und daraus
Handlungsstrategien und Routinen für die eigene Lebensgestaltung verwirklichen
können,
•
die Fähigkeit entwickeln, Verantwortung in Nachhaltigkeitsprozessen übernehmen
zu können.
Abbildung 8 Bildungsziele und Kompetenzen in der Ernährungs- und Verbraucherbildung
(verändert übernommen aus REVIS 2005)249
Eigenverantwortlichkeit und Reflexion sind zentral, ergänzt durch die Befähigung, diese
auch ausfüllen zu können. Grundlagen einer gesundheitsförderlichen Ernährung sollen
gelegt werden, in dem natur- und kulturwissenschaftliche Zusammenhänge aufgezeigt
werden. Beispielsweise gehört zum Bildungsziel 1, dass Lernende „soziokulturelle und
historische Einflussfaktoren, ihre Wirkungen auf und Bedeutungen für das Essverhalten
kennen, identifizieren und verstehen können ...” (ebd.) und beim Bildungsziel 3 heißt es: „Die
Schüler
und
Schülerinnen
handeln
sicher
bei
der
Kultur
und
Technik
der
Nahrungszubereitung und Mahlzeitengestaltung.” (ebd.). Ebenso wie naturwissenschaftliche
Zusammenhänge, z. B. „... Körpersignale wie Durst, Hunger, Appetit, Sättigung wahrnehmen
und verstehen können ...” (ebd.) zum Bildungsziel 2 – „Die Schüler und Schülerinnen
gestalten Ernährung gesundheitsförderlich.” (ebd.) – gehören.
Ein Zusammenhang zwischen Nahrung und Ernährung sowie der Person wird hergestellt,
aber anstelle einer „Du-sollst-Pädagogik” tritt die Reflexion über das eigene Essverhalten
(vgl. Ausformulierungen zu Bildungsziel 2). Die Entscheidung und Verantwortung über das
eigene Essverhalten bleiben bei den Essenden.
Der REVIS-Ansatz formuliert in Bildungsziel 5 – „Die Schüler und Schülerinnen entwickeln
ein persönliches Ressourcenmanagement und sind in der Lage Verantwortung für sich und
andere zu übernehmen.” (ebd.) – einen salutogenetisch ausgerichteten Bildungsanspruch.
Wird Handhabbarkeit, Verstehbarkeit und Bedeutsamkeit für die Handelnden erhöht, kann
das zur Stärkung des Kohärenzgefühls beitragen (Antonovsky 1997; Bengel et al. 1998; vgl.
249
Vgl. www.evb-online.de am 29.07.2005.
194
Folgerungen für die Ernährungsbildung
auch Bartsch 2002, S. 48). Die Handhabbarkeit hängt von den Handlungsalternativen ab.
Der in allen REVIS-Bildungszielen angestrebte Aufbau von Fertigkeiten, Fähigkeiten und
Wissen erhöht das Spektrum an Handlungsalternativen und spiegelt den salutogenetisch
ausgerichteten Anspruch wider.
Ohne Lehrziele aufzugeben, kann in Bildungsziel 4 – „Die Schüler und Schülerinnen
entwickeln ein positives Selbstkonzept durch Essen und Ernährung.” (ebd.) – dem
alterstypischen Interesse an Zusammenhängen zwischen Körper und Essen gefolgt und
Metawissen aufgebaut werden, das sowohl zur Gegenwarts- als auch zur Zukunfts­
bewältigung beiträgt. So sollen die Lernenden bereit und in der Lage sein, „... sich mit dem
Verhältnis von eigenem Körper und Essverhalten auseinanderzusetzen.” (ebd.).
Wichtige Elemente des REVIS-Konzeptes sind die soziokulturelle Einbettung und der
Alltagsbezug – wie z. B. zu Bildungsziel 3 formuliert („... Mahlzeiten situations- und
alltagsgerecht planen und herstellen können und die zu leistende Arbeit und Gestaltung
wertschätzen können ...”) (ebd.). Über Handeln werden Kompetenzen und Wissen
aufgebaut. Unter didaktischer Perspektive ist hervorzuheben, dass hier auch davon
ausgegangen wird, dass über Handeln Wissen und Können aufgebaut werden.
Wie in der vorliegenden Arbeit ausgeführt, gehören Lebensmittel heute (nicht nur) in der
Wahrnehmung der Jugendlichen auch zu den Konsumprodukten. Forderungen nach einem
reflektierten Umgang mit der Konsumentenrolle durch Aufbau eines Basis-, Struktur- und
Orientierungswissen (Schlegel-Matthies 1998; Methfessel 1999c, S. 37; Dörner 1998) und
der Ansatz zur Implementierung in den jugendlichen Lebensstil werden im Konzept von
REVIS aufgenommen (z. B. bei Bildungsziel 6 ist intendiert, dass „... die eigene
Konsumbiographie und ihre Bedeutung für die Lebensstilentwicklung analysiert, verstanden
und reflektiert wird”; vlg. auch Schlegel-Matthies 2004).
Folgerungen für die Ernährungsbildung
10.3
195
Kurzer Ausblick
In der Literatur wird aufgrund einer Korrelation zwischen ungünstiger Ernährung ebenso
wie mangelnder Bewegung und zahlreichen Erkrankungen (z. B. Herz-/ Kreislauf­
erkrankungen,
Diabetes
mellitus
etc.)
die
Notwendigkeit
eines
veränderten
Ernährungsverhaltens bereits im Jugendalter gesehen (BzgA 1998, S. 80). Vor diesem
Hintergrund erscheint eine nachhaltige Ernährungsbildung, die sowohl curriculare wie
institutionelle Anstrengungen in der Schule einbezieht, unabdingbar. Schulische Ernährungs­
bildung
kann
am
ehesten
Forderungen
nach
langfristigen
Strategien,
frühzeitig
einsetzenden, präventiven Maßnahmen, Erreichbarkeit hochbelasteter Zielgruppen etc. (a. a.
O., S. 88) erfüllen. Ein anschlussfähiges Konzept für die Bundesländer liegt mit den
Ergebnissen des Projektes REVIS250 vor. Für eine Umsetzung und Verankerung im
Unterrichtsalltag ist die Professionalisierung der Lehrkräfte Voraussetzung.
Im Folgenden werden drei Aspekte der gesellschaftlichen Veränderungen angesprochen,
an denen beispielhaft die Notwendigkeit einer Ernährungs- und Esskulturbildung als Teil der
Allgemeinbildung unterstrichen werden soll.
Zum Ersten nimmt die Rhythmisierung des Alltags durch soziokulturelle Mahlzeitenmuster
auch durch eine Transformation der Esskultur vom rituellen Essen zur kauenden
Nebenbeschäftigung (Falk nach Bayer et al. 1999, S. 113) tendenziell ab; andere
Strukturierungsgeber wie Arbeitszeiten, Ladenöffnungszeiten etc. stehen damit in enger
Wechselwirkung und verstärken die Transformation. Dieses hat Auswirkungen auf die
physische, psychische und soziale Qualität des Essens, die sich heute schon z. B. in der
Entwicklung von unterschiedlichen Essstilen (Hayn & Empacher 2004a; Stieß & Hayn 2005)
niederschlägt. Vor dem Hintergrund, dass die Organisation des Alltags für Einzel- und
Mehrpersonenhaushalte eine hochkomplexe Aufgabe ist, deren erfolgreiche Bewältigung
wesentlich zur Lebensqualität und Teilhabe an der Gesellschaft beiträgt, erscheint
lohnenswert, die Korrelationen zwischen Alltagsesskulturen und Zeitstrukturen251 zu
untersuchen.
Ein zweiter Aspekt ist die gesellschaftliche Veränderung der Frauen- und Männerrolle.
Noch fühlen sich mehrheitlich die Mütter zuständig für Ernährungsversorgung in den
Familien. Sie konstituieren und gestalten damit auch ein alltägliches Familienleben, das zum
psychosozialen und emotionalen Wohlbefinden (nicht nur) der Kindern und Jugendlichen
250
Vgl. www.evb-online.de am 22.07.2005.
251
Vgl. hierzu auch die Diskussion um eine Institutionalisierung einer „Ökotrophologie der Zeit”, die zurzeit in
dem Arbeitskreis „Zeit und Ernährung“ der Dr. Rainer Wild-Stiftung und der Ev. Akademie Tutzing geführt
wird (www.gesunde-ernaehrung.org am 4.8.2005).
196
Folgerungen für die Ernährungsbildung
wesentlich beiträgt. Dieses ist jedoch keine Selbstverständlichkeit, besonders in Anbetracht
mangelnder Anerkennung und schwindender Kompetenzen (vgl. Spiekermann 1999a).
Ein dritter Aspekt ist die Heterogenität als gesellschaftlicher „Normalfall”. Die
multikulturelle Gesellschaft wird einerseits als Bereicherung (z. B. Ethnoküche als Anregung
für die eigene Küchen) wahrgenommen, anderseits wird das „Fremde” als potentielle
Bedrohung gesehen. Lebens- und Essstil sind Teil der soziokulturellen Identität. Die gemein­
schaftsstiftende Funktion des Essens (Simmel 1957) bietet die Chance eines friedlichen
Austausches. Wie Ziemann (1999) feststellt, ist die Ernährungsweise ein eher friedlicher
Baustein der ethnischen Identität, der im Allgemeinen (mit wenigen Ausnahmen) gerne mit
Außenstehenden ausgetauscht wird. „Dieser Wechsel zwischen Bewahren, Anpassen und
Übernehmen kennzeichnet die Beziehungen im Ernährungsverhalten verschiedener Ethnien
und Kulturen“ (Ziemann 1999, S. 15). Eine Esskultur des 21. Jahrhunderts könnte somit eine
Brücke zwischen traditioneller und multikultureller Esskultur schlagen und damit ein Beitrag
zum friedlichen Zusammenleben sein.
Zusammenfassung
11
197
Zusammenfassung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist, jugendliches Essverhalten für die Lebensbereiche Familie
und Peergroup zu differenzieren. Aus der Perspektive der Jugendlichen interessieren dazu
die Bedeutungen von Familienmahlzeiten und des Essens im Zusammensein mit der
Peergroup. Ein weiterer Aspekt sind die Idealvorstellungen zum körperlichen Aussehen und
der Einsatz von Essen und Bewegung zur Figurmodellierung. Der Arbeit liegen folgende
Forschungsfragen zugrunde: Lässt sich jugendliches Essverhalten von dem anderer Alters­
gruppen abgrenzen? Welchen Einfluss hat die Lebensphase Jugend auf die alltägliche
Esskultur von Jugendlichen? Wie kann jugendliches Essverhalten hinsichtlich der Bedeu­
tungen der Lebensbereiche Familie und Peergroup, der Familienmahlzeiten und des Körpers
näher charakterisiert werden?
Um der Komplexität des Forschungsgegenstandes, der in der Ernährungs- und Haushalts­
wissenschaft und ihrer Didaktik verankert ist, gerecht zu werden, werden Erkenntnisse aus
anderen Disziplinen, v. a. aus Bereichen der Ernährungs- und Jugendsoziologie, Entwick­
lungsbiologie und -psychologie herangezogen. Um die Fragestellungen zu bearbeiten, wird
der Forschungsgegenstand aus der Perspektive der Jugendlichen beleuchtet. Theoretische
Grundlage ist die Position von Barlösius (1999). Die Diskussion des jugendlichen
Essverhaltens wurde außerdem mit kritischem Bezug auf Bourdieu und in der Weiter­
entwicklung von Vester et al. (2000) einerseits und Impulsen aus der subjektiven Soziologie
anderseits geführt, um sowohl den gesellschaftlichen und soziokulturellen Rahmen­
bedingungen als auch der Bedeutung der Jugendlichen als Akteure für die gesellschaftliche
Entwicklung gerecht zu werden.
Auf der Grundlage bisheriger Forschungsergebnisse, eigener Beobachtungen und von
Interviews wurden Hypothesen generiert, die einer ersten empirischen Prüfung in der 2001
durchgeführten explorativen Studie in Berlin unterzogen wurden. An der weitgehend
standardisierten, schriftlichen Befragung nahmen mehr als 200 Schüler und Schülerinnen
der 8. und 10. Jahrgangsstufe aller Berliner Schulzweige (Hauptschule, Realschule,
Gymnasium, Gesamtschule) in vier von uns ausgewählten Schulen teil. Die Studie ist nicht
repräsentativ.
In der vorliegenden Arbeit konnte gezeigt werden, dass sich jugendliches Essverhalten
von dem anderer Altersgruppen abgrenzt und vielfältig sein kann. Stellenwert und
Funktionen des jugendlichen Essens unterscheiden sich dabei in den Lebensbereichen, wie
am Beispiel des häuslichen und außerhäuslichen Kontextes verdeutlicht werden konnte.
Dabei praktizieren Jugendliche eine gegenwartsorientierte Esskultur und fungieren als
Träger und Trägerinnen des Wandels.
198
Zusammenfassung
Mahlzeiten haben als soziale Situation in Familien einen hohen Stellenwert, weil sie
wesentlich zur Konstitution von Familie beitragen. Aufgrund ihres Einflusses auf den
jugendlichen Essalltag ist die Familienmahlzeit ein thematischer Schwerpunkt dieser Arbeit.
Die aus der Literatur gefolgerte Annahme, dass gemeinsame Familienmahlzeiten für die
überwiegende Mehrheit der Jugendlichen nach wie vor ein Teil der Alltagsrealität sind, wird
durch die hier vorgestellten Ergebnisse untermauert. In Ergänzung zur Literatur konnte
gezeigt werden, dass die gemeinsamen Mahlzeiten Anklang bei den Jugendlichen selbst
finden und gleichzeitig nur wenige von diesen bereit sind, auf das gemeinsame Essen zu
warten. Familienmahlzeiten sind heute nicht mehr mit häuslichem Essen, das vorrangig
Versorgungsfunktion hat, gleichzusetzen. Die Versorgungsfunktion ist daher nicht exklusiv an
den Familientisch gebunden, hier kann ein Funktionswandel konstatiert werden. Familien­
mahlzeiten sind für Jugendliche eine Option zur innerfamiliären Kommunikation, an der sie
überwiegend freiwillig teilnehmen können. Dieser herausgearbeitete Funktionswandel von
Familienmahlzeit wird durch die hier gewonnenen empirischen Daten gestützt.
Kinder und Jugendliche haben bereits frühzeitig hohen Einfluss auf Essentscheidungen
für sich und in der Familie. Jugendliche versorgen sich partiell selbst, aber sie stellen auch
Ansprüche an die häusliche Versorgung. Hier zeigt sich eine Ambivalenz zwischen
Versorgtheit und Unabhängigkeit, die typisch für diese Lebensphase ist.
Herausgearbeitet werden konnte, dass Essen für Jugendliche im familialen Umfeld andere
Bedeutungen hat als in Zusammensein mit der Peergroup. Die empirische Studie stützt die
Annahme, dass abweichende Bedeutungsmuster des Essens und unterschiedliche
Stellenwerte in den beiden Kontexten vorliegen. Stellenwert des Essens und Essverhalten
außer Haus determinieren nicht häusliches Essverhalten und vice versa. Somit kann nicht
von der Jugendesskultur, die ein bestimmtes (meist außerhäusliches und somit sichtbares)
Essverhalten von Jugendlichen meint, gesprochen werden. Folglich erhält man ein nach
Kontexten unterschiedliches Bild von jugendlichem Essverhalten. Dieses entspricht der
dieser Arbeit zugrunde liegenden These, dass Jugendliche in mehreren „Welten” leben.
Jugendliches Essverhalten wird in dieser Arbeit auch unter der Frage der Loslösung vom
Elternhaus und der Entwicklung der eigenen Identität mit entsprechenden Werthaltungen
und Präferenzen gesehen. Jugendliches Außer-Haus-Essverhalten erfolgt in einer anderen
(unabhängigeren) Rolle, hat andere Bedeutungen (Hunger schnell und kostengünstig zu
stillen, Peergroup-Kulturen zu entwickeln) und unterliegt anderen Regeln („In-Out-Regeln” in
der Peergroup, angepasst an wechselnde Situationen etc.). Die Interpretation der
empirischen Ergebnisse lässt den Schluss zu, dass gerade im Kontext Peergroup Ess­
verhalten (Präferenzen, Tischregeln etc.) sozialen Normen folgt, und zwar trotz allgemein
Zusammenfassung
199
hoher Toleranz; allerdings ist eine Verschiebung von „Muss-” zu „Kann”-Normen
beobachtbar.
Ein dritter Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Bedeutung des Körpers als
Determinante des jugendlichen Essverhaltens. Für Jugendliche stehen im Allgemeinen der
eigene Körper und seine Entwicklung im Mittelpunkt ihres Interesses. Gültige Schönheits­
ideale beeinflussen dabei jugendliche Idealvorstellungen, die zum Vergleich mit dem
eigenen Körper herangezogen werden. Körper(ideal)bilder wiederum können Essverhalten
beeinflussen. Daher interessieren die von Jugendlichen präferierten Figurtypen. Der in der
DGE-Studie 1992 festgestellte Trend zu extremen Körperformen und extremer Schlankheit
setzt sich nach den hier erhobenen Daten auch bei den befragten Jugendlichen fort. Im
Einzelnen favorisieren Mädchen den sportlich-androgynen Figurtypus und den Wespen­
taillentyp. Beide Typen zeichnen sich durch ihre extreme Schlankheit aus. Jungen bevor­
zugen für ihr Geschlecht einen extrem muskulösen, fettfreien Körper. Körperformen, die
sekundäre Geschlechtsmerkmale hervorheben, sind allgemein bei Jugendlichen recht
beliebt.
Problematisch ist, dass Diskrepanzen zwischen Idealvorstellung und eigenem Körper
auch aufgrund von unrealisierbaren Idealen wachsen. Mädchen und Jungen gehen
geschlechtsspezifisch unterschiedlich damit um. Das zeigt sich z. B. beim Einsatz von Figur­
modellierungstechniken. Vereinfacht gesagt, setzen Mädchen in erster Linie auf Nahrungs­
verzicht (und Bewegung). Jungen bevorzugen (Kraft-)Sport, lediglich eine Minderheit verzich­
tet auf Nahrung sowie eine weitere Minderheit muskelfördernde Produkte konsumiert.
Ergebnisse und Positionen aus Literatur werden durch die hier erhobenen Daten gestützt
und erweitert. Gesellschaftliche Erwartungen und subjektive Vorstellungen üben einen hohen
Leistungsdruck bezüglich eines attraktiven Körpers auf Jugendliche aus, dabei ist von einem
steigenden Einfluss der Medien bei der Entwicklung von Idealvorstellungen zur Körperfigur
auszugehen.
Abschließend werden Folgerungen für eine Ernährungsbildung gezogen, die die
folgenden in der Arbeit entwickelten Thesen berücksichtigen:
1. Jugendliches Essverhalten ist vielschichtig.
2. Jugendessverhalten grenzt sich von dem anderer Altersgruppen ab.
3. Die Distinktionsfunktionen des Essens und des Körpers werden jugendspezifisch
gebrochen.
4. Jugendliches Interesse an Essen und Bewegung fokussiert auf Verbesserung des
körperlichen Aussehens.
200
Zusammenfassung
5. Jugendliche sind selbstbestimmte Essende, ohne dass ihnen Verantwortung für sich
und andere abverlangt wird.
6. Esserfahrungen sind kontextabhängig unterschiedlich. Wissen und Erfahrungen
werden nicht automatisch von einem Kontext auf einen anderen übertragen.
7. Im Umgang mit Jugendlichen ist die Selbstreflexion der Lehrkräfte notwendig.
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216
13
Anhang
Anhang
13.1
Fragebogen
Lfd.Nr.
Schulzweig
Postleitzahl deines Wohnortes
_ _ _ _ _
Alter
_ _ Jahre
Schulname
Geschlecht
männlich

weiblich

Hast du deutsche Eltern?
ja, beide

nur Mutter

ja

nein

Bist du in Deutschland geboren und
aufgewachsen?
Größe
Gewicht
nur Vater

nein

_ _ _ cm
_ _ _ kg
Welche Schul- und Berufsausbildung
hat dein Vater?









kein Abschluss
Hauptschulabschluss
Hauptschulabschluss + Berufsausbildung
Realschulabschluss
Realschulabschluss + Berufsausbildung
Abitur
Abitur + Berufsausbildung
Abitur + Studium
anderes:__________________________
Welche Schul- und Berufsausbildung
hat deine Mutter?









kein Abschluss
Hauptschulabschluss
Hauptschulabschluss + Berufsausbildung
Realschulabschluss
Realschulabschluss + Berufsausbildung
Abitur
Abitur + Berufsausbildung
Abitur + Studium
anderes: __________________________
Wer wohnt zusammen mit dir?
(Mehrfachnennung möglich)
Klassenstufe
Mutter/Stiefmutter

Vater/Stiefvater

Geschwister

andere

ich selbst
Mutter/Stiefmutter
Vater/Stief vater
Geschwister




Frage A-1
Wer ist bei euch für das Essen zuständig?
(Mehrfachnennung möglich)
andere: _______
Frage A-2a
Ist deine Mutter zur Zeit berufstätig?
Frage A-2b
Ist dein Vater zur Zeit berufstätig?
Frage A-3
Wie häufig isst du normalerweise
mit deinen Eltern oder
einem von beiden?
Frage A-4
Gefällt es dir, mit deiner Familie
gemeinsam zu essen?
Frage A-5
Was gefällt dir am gemeinsamen
Essen?
(Mehrfachnennung möglich)
_______________
nein

ja, halbtags

ja, ganztags

nein

ja, halbtags

ja, ganztags








gar nicht




nie
höchstens 1 Mal im Monat
2 - 3 Mal im Monat
1 - 2 Mal in der Woche
2 - 4 Mal in der Woche
1 Mal täglich
mehr als 1 Mal am Tag
nicht so

Gespräche
Zusammensein
zu Hause sein
ein bisschen

sehr

Anhang



Frage A-6
Was stört dich am gemeinsamen Essen?
(Mehrfachnennung möglich)
Frage A-7
Redet ihr beim gemeinsamen Essen?
Frage A-8
Bleibt ihr noch am Tisch sitzen,
wenn ihr aufgegessen habt?
Frage A-9
Kommt es vor, dass es beim
gemeinsamen Essen Streit gibt?
Frage A-10
Was sind typische Streitthemen?
(Mehrfachnennung möglich)
Frage A-11
Kommt es vor, dass du dich vor dem
gemeinsamen Essen drückst?
Frage A-12
Isst du gerne mit der Familie deiner
Freunde bzw. deiner Freundinnen?
Frage A-13
Was findest du gut, wenn du bei anderen isst?
(Mehrfachnennung möglich)
meistens schmeckt es gut
schön gedeckter Tisch
anderes:



Mich stört es, ...
... worüber wir reden
... dass ich mich bei Tisch benehmen muss
... dass ich essen muss, was und wieviel mir



wurde
... dass es lange dauert
... weil ich lieber etwas anderes zu der Zeit machen will
anderes:
wenig




nie

selten

ab und zu

oft

nie

selten

ab und zu

oft







ziemlich viel
es schnell geht
es gut schmeckt
es cool ist
es gesund ist
ich essen kann, wie ich will
es gemütlich ist
es kalorienarm ist
andere da sind
es nebenbei geht
es gut aussieht
es viel ist
ich satt werde
es preiswert ist
aufgetan
nie
sehr viel
Schule
Familie
Absprachen wie Ausgehzeiten
Freund/Freundin
Freunde
anderes:
nie

selten

ab und zu

oft

nie

selten

ab und zu

oft







Essen ist lecker.
Es ist gemütlich.
Es ist stressfrei.
Es gibt interessante Gespräche.
Es ist einfach mal etwas anderes.
anderes:
Frage B-1
Entscheide spontan, wie wichtig dir folgende Dinge sind, wenn du zu Hause isst!
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
217
eher unwichtig













eher wichtig













Entscheide spontan, wie wichtig dir folgende Dinge sind, wenn du unterwegs mit Freunden bzw. Freundinnen isst!
eher unwichtig
eher wichtig
dass es schnell geht


dass es gut schmeckt


dass es cool ist


dass es gesund ist


dass ich essen kann, wie ich will


218
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
dass
Anhang
es gemütlich ist
es kalorienarm ist
andere da sind
es nebenbei geht
es gut aussieht
es viel ist
ich satt werde
es preiswert ist
Frage B-6
Verabredest ihr euch mit Freunden/
Freundinnen zu Hause zum Essen?
















nie
weniger als 1 Mal
mehrmals
1 Mal
mehrmals
monatlich

wöchentlich

wöchentlich

monatlich

Frage A-11

Was machst du, wenn du zu Hause Hunger bekommst?
nie

selten

ab und zu

oft

Ich schaue in den Kühlschrank, ob etwas




vorbereitet ist.
Ich esse Riegel, Chips, die ich einkaufe.




Ich schmiere mir ein Brötchen oder bereite einen




Snack zu.
Ich unterdrücke meinen Hunger,








Ich warte auf gemeinsames Essen.
weil
anderes:
Frage A-15
Was machst du, wenn du mit Freunden/Freundinnen unterwegs bist und Hunger bekommst?
Ich warte bis ich wieder zu Hause bin.
Ich esse Fast Food.
Ich gehe zum Bäcker.
Ich esse Riegel, Chips o. ä..
Ich esse Obst.
Ich unterdrücke meinen Hunger,
nie






selten






ab und zu






oft










weil
anderes:
Frage A-16
Darüber rede ich
mich selbst
Freunde und Freundinnen
Hobbies
meine Zukunft
was ich esse
wie ich esse
Schulnoten
Lehrer, Schule allgemein
meine Probleme in der Schule
Rezepte
Sport
gar nicht











selten











regelmäßig











oft











Anhang
Lebensmittelprodukte, Werbung
Lebensweise von Stars
Kino- und Fernsehfilme
Absprachen in der Familie
Familienthemen
das Leben meiner Eltern
anderes:
Frage A-17
Kreuze an mit wem du über folgende Themen redest!
(pro Zeile Mehrfachnennung möglich)














Mutter
Vater







Bruder/
Freund/in
Schwester
mich selbst
219







andere
keiner
Person
Freunde und Freundinnen






Hobbies






meine Zukunft






was ich esse






wie ich esse






Schulnoten






Lehrer, Schule allgemein






meine Probleme in der Schule






Rezepte






Sport






Lebensmittelprodukte, Werbung






Lebensweise von Stars






Kino- und Fernsehfilme






Absprachen in der Familie






Familienthemen






das Leben meiner Eltern






anderes:






Frage B-2
Welche der folgenden Dinge isst du nicht, weil du
sie nicht magst?
(Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Dinge isst du nie im
Beisein deiner Freunde, weil es echt peinlich
ist?
(Mehrfachnennung möglich)
Welche der folgenden Dinge isst du im Beisein
deiner Freunde, weil es andere auch essen?
(Mehrfachnennung möglich)
Obst

Riegel

Pizza

Gemüse

Chips

belegtes Brot

Fleisch

Döner

Eintopf

Kekse

Würstchen

Spiegelei

Obst

Riegel

Pizza

Gemüse

Chips

belegtes Brot

Fleisch

Döner

Eintopf

Kekse

Würstchen

Spiegelei

Obst

Riegel

Pizza

Gemüse

Chips

belegtes Brot

Fleisch

Döner

Eintopf

Kekse

Würstchen

Spiegelei

Frage B-3
Wenn du viel Geld hättest, wie und was würdest
Was?
du dann am liebsten essen?
Wie?
220
Anhang
Frage B-4
Stell dir vor, jemand aus deiner Klasse ist bei Big
Brother und du sieht im Fernsehen wie er/sie ...
...
...
...
...
...
...
...
...
Müsli isst.
Austern schlürft.
Tiefkühlpizza isst.
Kalorien zählt.
Mohrrüben knabbert.
Braten übergießt.
Orangen auspresst.
Schokoriegel vertilgt.
... peinlich








Das finde ich ...
.. total normal








... cool








Frage B-5
Stell dir folgende Situation vor:
Du hast eine/n neue/n Feund/in.
Ihr geht zusammen in die Pizzeria.
Er/sie tut folgendes:
isst schnell und hastig
spricht mit vollem Mund
schmatzt
isst nur mit der Gabel (ohne Messer)
leckt Messer ab
fängt schon mit dem Eis an, während ich noch
... gar nicht






Das stört mich ...
... etwas
... ziemlich












Pizza esse
isst nicht auf


redet dauernd über Kalorien


isst nur Pommes mit Ketchup


leckt sich Finger ab


nimmt mir etwas vom Teller


rülpst


raucht während ich esse


anderes:


Frage C-5
Wie findest du, wenn Eltern zu ihren Kindern in einer entsprechenden Situation folgendes sagen?
Das finde ich ...
... schlecht!
... gut!
„Du bist zu dick!“


„Du bist zu dünn!“


„Iss deinen Teller leer!“


„Iss mehr Obst und Gemüse!“


„Iss keine Schokolade!“


„Nebenbei essen gibt es nicht!“


„Iss schneller und rede nicht soviel!“


„Iss langsamer!“


„Iss ordentlich!“


„Gib dir Mühe mit deinem Aussehen, sonst mag










dich keiner!“
Frage C-6
Sagen das auch deine Eltern zu dir?
„Du bist zu dick!“
„Du bist zu dünn!“
„Iss deinen Teller leer!“
„Claudia Schiffer hat eine super Figur!“
„Zlatko ist gut gebaut!“
„Iss mehr Obst und Gemüse!“
„Iss keine Schokolade!“
„Nebenbei essen gibt es nicht!“
„Iss schneller und rede nicht soviel!“
„Iss langsamer!“
„Iss ordentlich!“
„Gib dir Mühe mit deinem Aussehen, sonst mag
dich keiner!“
Mutter
Vater
























keiner von
beiden












... total














Anhang
221
Frage C-7
Wenn Freunde/Freundinnen zusammen sind, hast du es erlebt, dass einer zum anderen sagt:
„Du isst zu viel! Hör auf, sonst wirst du fett!“
„Hör endlich auf, Süßes in dich reinzustopfen!“
„Du isst schon wieder nichts!“
„Bist du etwa schon wieder auf Diät!“
Frage C-1
Welche der Frauenfiguren
findest du am attraktivsten?
Frage C-2
Welche der Männerfiguren
findest du am attraktivsten?
Frage C-3
Welcher der Figuren siehst du am ähnlichsten?
Schreibe die Nummer auf!
gar nicht



selten



regelmäßig



oft







222
Anhang
Frage C-4
Wenn ich etwas für meine Figur tun will, dann ...
nie
selten
oft
regelmäßig
... bewege ich mich mehr




... treibe ich Sport




... lasse ich täglich mindestens eine Mahlzeit




ausfallen
... esse ich Dinge, die sonst nie esse




... verzichte ich auf Dinge, die ich gerne esse
... esse ich mich nicht satt








... mache ich eine Diät




... esse ich Muskelaufbaupräparate




... zähle ich Kalorien




Anhang
13.2
223
Jugendesskulturstudie 2001: Weitere Ergebnisse
Gemeinsame Familienmahlzeiten
Tabelle 18
Familienmahlzeiten: Gefallen und Teilnahme
Einzelfallprüfungen: Zusammenhang zwischen Häufigkeit der Teilnahme und Gefallen an der Familienmahlzeit
Anzahl von Schülerinnen und Schüler, die eher selten
Gemeinsames Essen gefällt ...
oder nie mit ihren Eltern gemeinsam essen
... gar nicht
... nicht so
... ein
... sehr
bisschen
essen nie gemeinsam (4)
2
1
0
1
essen höchstens 1 Mal monaltich gemeinsam (5)
0
0
3
2
essen 2- 3 Mal monatlich gemeinsam (13)
1
0
9
3
Einzelfallprüfungen: Zusammenhang zwischen Häufigkeit der Teilnahme und Gefallen an der Familienmahlzeit
Anzahl von Schülerinnen und
nie
Schüler, denen Familienmahlzeit
max. 1 Mal 2-3 Mal
1-2 Mal
monatl.
wöchentl
monatl.
2-4 Mal
1 Mal
mehrmals
wöchentl
täglich
täglich
gar nicht oder nicht so gefallen
gefällt gar nicht (7)
2
0
1
1
1
2
0
gefällt nicht so (13)
1
0
0
6
2
3
1
Wenn du viel Geld hättest, wie und was würdest du dann am liebsten essen?
Von 196 Schülerinnen und Schüler machen 18 keine Angaben, 4 schreiben „weiß nicht” und ein Schüler will „erst
überlegen”. Das ergibt insgesamt 173 (88,3 %) inhaltliche Angaben und 23 Mal (11,7 %) keine inhaltliche Antwort. 49
Schülerinnen und Schüler nennen ein ausgewähltes Gericht, das meist (ihr) Lieblingsgericht ist („Lieblingsgericht”, „Pizza”,
„Schnitzel”, ...). 40 Schülerinnen und Schüler wollen „wie jetzt” essen, nur einer schreibt explizit, dass er neues probieren
wolle. 7 Mal wird „gesund” genannt. Insgesamt wollen 4 Schülerinnen und Schüler selbst kochen. „Mit Freunden” taucht 16
Mal, „mit Familie” 10 Mal, „zu Hause” 3 Mal auf. 10 Nennungen beziehen sich auf Fast Food, 7 Nennungen auf Ethnofood
(z. B. chinesisch essen). Worte wie „teuer”, „luxuriös” kommen in 23 Antworten explizit vor.
Redet ihr beim gemeinsamen Essen?
Mit 55,6 % geben mehr als die Hälfte der Befragten an, dass beim Essen ziemlich viel geredet wird. Zählt man die 25,0
% hinzu, die angekreuzt haben, dass sehr viel geredet wird, kann man sagen, dass mehr als ¾ aller Befragten beim Essen
ziemlich oder sehr viel reden. Gespräche werden sowohl bei der Frage, was gefällt dir an den gemeinsamen Mahlzeiten als
auch, was stört dich bei den gemeinsamen Mahlzeiten von jeweils mehr als der Hälfte aller befragten deutschen Schüler
genannt. Für die meisten Schülerinnen und Schüler gehören gemeinsames Essen und miteinander reden zusammen.
Geschlecht (p = 0,335) und Klassenstufe (p = 0,627) haben keinen statistisch signifikanten Einfluss, aber der besuchte
Schulzweig (p = 0,040). Beim gemeinsamen Essen reden 67,3 % der Hauptschülerinnen und Hauptschüler, 70,3 % der
Realschülerinnen und Realschüler, 82,5 % der Gesamtschülerinnen und Gesamtschüler und 93,6 % der Gymnasiast/innen
ziemlich und sehr viel.
224
Anhang
Tabelle 19
Sitzen bleiben nach den Familienmahlzeiten
Nach dem Essen am Tisch sitzen bleiben differenziert nach Schulzweigen
Bleibt ihr noch am Tisch sitzen, wenn ihr aufgegessen habt?252
alle Schultypen
Hauptschule
Realschule
Gesamtschule
Gymnasium
nie
14,9
12,2
29,6
17,9
7,9
selten
23,6
30,6
11,1
21,4
25,4
ab und zu
44,6
51,0
33,3
46,4
42,9
oft
16,9
6,1
25,9
14,3
23,8
(Angaben in %)
Isst du gerne mit der Familie deiner Freunde bzw. Freundinnen?
Circa die Hälfte (49 %) essen ab und zu bei der Familie ihrer Freunde. 7,7 % tun das nie und 27,6 % selten. Ein gutes
Drittel aller isst selten oder nie in den Familien ihrer Freunde. Oft essen 15,8 % aller in anderen Familien. Wenn die
Schülerinnen und Schüler bei anderen essen, finden ...
•
66,8 % gut, dass es einfach mal was anderes ist,
•
64,8 % gut, dass das Essen lecker ist
•
45,6 % gut, dass es interessante Gespräche gibt,
•
39,9 % gut, dass es stressfrei ist und
•
22,6 % gut, dass es gemütlich ist.
•
10,9 % finden andere Dinge gut.
Tabelle 20
Verabredungen zum Essen
Verabredet ihr euch mit Freunden/Freundinnen zu Hause zum Essen?253
nie
weniger als 1 Mal
mehrmals monatlich
einmal wöchentlich
mehrmals wöchentlich
19,0 %
4,1 %
5,1 %
monatlich
32,8 %
Tabelle 21
39,0 %
Gesprächsthemen
Rangliste der häufigsten Gesprächsthemen
Rangplatz
Thema
regelmäßig/oft (%)
selten/gar nicht (%)
1
Freunde, Freundinnen
70,6
29,4
2
Lehrer, Schule
65,8
34,2
3
Hobbys
64,3
35,7
4
Schulnoten
52,0
48,0
5
Sport
51,5
48,5
6
Kino-/TV-Filme
49,5
50,5
7
eigene Zukunft
43,3
56,7
8
andere Themen
37,7
62,3
9
Absprachen
35,2
64,8
10
Schulprobleme
34,2
65,8
11
Familienthemen
33,7
66,3
252
Der besuchte Schultyp hat statistisch signifikanten Einfluss (p = 0,041). Keinen Einfluss haben Geschlecht
(p = 0,911) und Klassenstufe (p = 0, 365).
253
Geschlecht, Klassenstufe und Schulzweig haben keine statistisch signifikanten Einfluss.
Anhang
225
Rangliste der häufigsten Gesprächsthemen
12
sich selbst
29,1
70,9
13
Eltern
21,5
78,5
14
Lebensmittelprodukte, Werbung
17,9
82,1
15
was ich esse
14,3
85,7
16
Lebensweise von Stars
13,8
86,2
17
Rezepte
4,6
95,4
18
wie ich esse
4,1
95,9
Tabelle 22
Typische Streitthemen bei Familienmahlzeiten
Kommt es vor, dass es beim gemeinsamen Essen
Streit gibt?254
Streitthema
%
Schule
79,6
Familie
37,3
Absprachen
anderes
255
27,6
21,4
Freunde
14,8
Freund/in
9,7
Tabelle 23
Vermeiden von Familienmahlzeiten
Vermeiden der Familienmahlzeiten differenziert nach Schularten
Kommt es vor, dass du dich vor dem gemeinsamen Essen drückst?256
alle Schultypen
Hauptschule
Realschule
Gesamtschule
Gymnasium
nie
46,4
34,7
37,0
49,1
57,1
selten
31,1
30,6
33,3
28,1
33,3
ab und zu
19,4
26,5
21,0
22,8
6,3
oft
3,1
8,2
0,00
0,00
3,2
(Angaben in %)
254
Geschlecht, Klassenstufe und Schulzweig haben keinen statistisch signifikanten Einfluss.
255
Unter „anderes” führten − sofern sie sich überhaupt dazu äußerten − die Befragten politische Themen,
Haustiere und Computerthemen an.
256
Geschlecht (p = 0,485) und Klassenstufe (p = 0,164) haben keinen statistisch signifikanten Einfluss, aber der
besuchte Schulzweig (p = 0,023).
226
Anhang
Tabelle 24
Familienmahlzeiten: Nicht-Teilnahme und Gefallen
Einzelfallprüfungen: Zusammenhang zwischen Teilnahme und Gefallen
Personen, die sich oft vor gemeinsamen Mahlzeiten
Gemeinsames Essen gefällt ...
drücken
gar nicht
Person 1
x
nicht so
Person 2
ein bisschen
x
Person 3
x
Person 4
x
Person 5
x
Person 6
Tabelle 25
sehr
x
Familienmahlzeiten: Teilnahme und Nicht-Gefallen
Einzelfallprüfungen: Zusammenhang zwischen Gefallen und Teilnahme
Personen, denen gemeinsame Mahlzeiten gar nicht gefallen
Vermeiden von gemeinsamen Mahlzeiten
nie
selten
ab und zu
oft
Person 1
x
Person 2
x
Person 3
x
Person 4
x
Person 5
x
Person 6
x
Person 7
Tabelle 26
x
Familienmahlzeiten: Teilnahme und Körperstatus
Einzelfallprüfungen: Zusammenhang zwischen Vermeiden von Mahlzeiten und Körperstatus
Personen, die oft Mahlzeiten
Geschlecht257
Alter (Jahre)
Körpergröße (cm)
Körpergewicht (kg)
Person 1
m
14
158
70
Person 2
m
15
195
70
Person 3
m
16
179
74
Person 4
w
14
170
57
Person 5
w
14
174
57
Person 6
w
16
156
43
vermeiden
257
m = männlich, w = weiblich
Anhang
Tabelle 27
227
Verhaltensalternativen bei Hunger zu Hause
Was machst du, wenn du zu Hause Hunger bekommst?
Verhaltensalternativen
nie
selten
ab und zu
warten auf gemeinsames Essen
29,1
38,8
21,9
Vorbereitetes aus dem Kühlschrank
10,9
17,1
37,8
selbst gekaufte Chips, Riegel
30,6
35,2
23,3
Snack zubereiten, Brötchen schmieren 6,2
12,3
36,9
Hunger unterdrücken
23,6
16,9
47,2
anderes: Obst wird von 11,3 % aufgeschrieben
(Angaben in %)
Nahrungsmittelpräferenzen
Tabelle 28
Übersicht zu Nahrungsmittelpräferenzen
Übersicht über einzelne Speisen
... essen, weil er/sie es mag
%
Ranking
... nie essen, weil es echt
... essen, weil es andere
peinlich ist
auch essen
%
Ranking
%
Ranking
Obst
96,3
1.
3,6
31,6
Gemüse
90,7
5.
7,8
23,8
Fleisch
82,5
9.
8,8
21,2
Kekse
91,8
4.
7,3
33,7
Riegel
89,7
6.
6,7
30,6
Chips
89,7
6.
5,7
33,7
3.
Döner
82,5
9.
4,7
36,8
2.
Würstchen
71,1
11.
12,4
Pizza
95,9
2.
2,1
39,9
belegtes Brot
95,9
2.
4,7
31,1
Eintopf
64,4
12.
23,8
1.
13,5
Spiegelei
86,1
8.
14,0
2.
17,1
3.
3.
19,2
1.
228
Anhang
Benehmen bei Tisch
Tabelle 29
Störendes Verhalten bei Tisch
Störende Verhaltensweisen bei Tisch differenziert nach Geschlecht
Ranking: abnehmende Mittelwerte
Mittelwert
... stört Mädchen
... stört Jungen
ziemlich/total
ziemlich/total
(% von Geschlecht)
(% von Geschlecht)
1. rülpst
3,11
80,7
62,1
2. schmatzt
2,98
73,1
64,0
3. redet über Kalorien
2,60
54,3
55,0
4. spricht mit vollem Mund
2,57
48,4
46,6
5. leckt sich Finger ab
2,46
50,0
47,6
6. raucht während ich esse
2,38
47,3
41,2
● 7. anderes258
2,33
47,7
42,9
8. leckt Messer ab
2,27
45,2
34,7
9. isst schnell und hastig
2,19
39,8
34,0
10. nimmt mir etwas vom Teller
2,00
26,1
34,9
11. fängt schon mit dem Eis an, während ich
1,75
22,9
17,5
12. isst nur mit der Gabel (ohne Messer)
1,72
20,6
20,4
13. isst nur Pommes mit Ketchup
1,54
11,9
16,5
14. isst nicht auf
1,46
6,6
12,7
noch Pizza esse
(Verhaltensweisen, die jeweils eher Jungen resp. eher Mädchen stören, sind grau unterlegt.)
Tabelle 30
Kalorien zählen beim Essen
Kalorien zählen bei Big Brother differenziert nach Geschlecht259
Kalorien zählen finde ich ...
peinlich
total normal
cool
gesamt
Jungen
68,3
27,7
4,0
100,0
Mädchen
56,0
38,5
5,5
100,0
(Angaben in % von Geschlecht)
258
genannte Verhaltensweisen (geordnet nach Häufigkeit, absteigende Reihenfolge): dauerndes, lautes Reden
− pubsen, schlürfen − meckern und nicht genießen − mich angucken − streiten − Jogginghose − ...
259
Obwohl mehr Jungen (68,3 %) als Mädchen (56,0 %) Kalorien zählen als peinlich empfinden, ist der
Unterschied zwischen den Geschlechter nicht statistisch signifikant (p = 0,215).
Anhang
Tabelle 31
229
Kalorien zählen beim Essen
Kalorien zählen bei Big Brother differenziert nach Schulzweigen
Kalorien zählen finde ich ...
peinlich
total normal
cool
gesamt
Hauptschule
59,2
30,6
10,2
100,0
Realschule
40,7
59,3
0,0
100,0
Gymnasium
70,5
29,5
0,0
100,0
Gesamtschule
67,3
25,5
7,3
100,0
alle Schulen
62,5
32,8
4,7
100,0
(Angaben in % von Schulzweig)
Der Vergleich zwischen den Schulzweigen ergibt einen statistisch relevanten Unterschied (p = 0,006). So ist Kalorien
zählen Gymnasiasten am peinlichsten mit 70,5 %. Am wenigsten peinlich empfinden Realschülerinnen und -schüler mit
40,7 % Kalorien zählen. Kein Jugendlicher aus Realschule und Gymnasium gab an, dass Kalorien zählen cool sei.
Dagegen finden es 10,2 % aller Hauptschülerinnen und -schüler cool und 7,3 % aller Gesamtschülerinnen und -schüler.
Bei der Differenzierung der weiteren Verhaltensweisen nach Geschlecht, Schulzweigen und Klassenstufe, ergaben sich
folgende statistisch signifikante Unterschiede. Statistisch signifikante Geschlechtsunterschiede ergab der Chi-Quadrat-Test
beim Mohrrüben knabbern (p = 0,029) und Schokoriegel vertilgen (p = 0, 034). Im Einzelnen gaben 20,8 % der Jungen,
aber nur 7,6 % der Mädchen an, dass Mohrrüben knabbern peinlich sei. Entsprechend fanden es 82,6 % der Mädchen und
74,3 % der Jungen total normal. 9,8 % der Mädchen (und 5,0 % der Jungen) gaben an, Möhrrüben knabbern bei Big
Brother wäre cool. 20,7 % der Mädchen gaben an, dass es peinlich wäre einen Schokoriegel zu verschlingen. Bei den
Jungen waren es lediglich 9,0 %. Dagegen fanden 10,0 % der Jungen das Vertilgen des Schokoriegels cool, von den
Mädchen fanden das nur 4,3 %.
Unterschiede zwischen den Schulzweigen sind statistisch signifikant beim Müsli essen (p = 0,012) und Schokoriegel
vertilgen (p = 0,048). So findet kein Realschülerinnen und -schüler oder Gymnasiast/in Müsli essen peinlich. 9,7 % der
Gymnasiast/innen geben an, Müsli essen sei cool. Obwohl 87,8 % der Hauptschülerinnen und -schüler und 94,5 % der
Gesamtschülerinnen und -schüler angaben, dass es total normal wäre bei Big Brother Müsli zu essen, finden es doch 10,2
% der Hauptschülerinnen und -schüler und 3,6 % der Gesamtschülerinnen und -schüler peinlich. Ähnlich ist das Ergebnis
zu „Mohrrüben knabbern”. Mehrheitlich finden es alle Schülerinnen und Schüler total normal (Hauptschule 67,3 %, Real­
schule 92,6 %, Gymnasium 79,0 %, Gesamtschule 80,0 %). Aber 26,5 % der Hauptschülerinnen und -schüler und 14,5 %
der Gesamtschülerinnen und -schüler gaben an, Mohrrüben knabbern sei peinlich. Das finden nur 8,1 % der Schülerinnen
und Schüler des Gymnasiums; davon finden aber 12,9 % finden Mohrrüben knabbern cool. Schokoriegel zu vertilgen,
finden 22,4 % der Hauptschüler peinlich, 63,3 % total normal und 14,3 % cool. Von den Realschülern finden es 96,3 % total
normal und keiner findet es cool. 14,5 % der Gymnasiasten findet einen Schokoriegel zu vertilgen, peinlich und 80,6 % total
normal. Bei den Gesamtschülern gaben 13,0 % peinlich, 79,6 % total normal und 7,4 % cool an. Gesamtschülerinnen und
-schüler wichen damit am wenigsten von den Durchschnittswerten ab.
Der Vergleich zwischen den Klassenstufen ergab beim Schokoriegel vertilgen (p = 0,015) und beim Austern schlürfen
(p = 0,012) statistisch signifikante Unterschiede. 20, 4 der Schülerinnen und Schüler in der 8. Klasse finden Schokoriegel
vertilgen peinlich, aber nur 7,1 % der 10. Klässler/innen. Dagegen gaben 4,6 % der Jugendlichen in der 8. Klasse und 10,7
% der in der 10. Klasse an, dass es cool sei. Normal fanden 75 % der Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse und 82,1 %
der 10. Klasse. Ähnlich ist das Ergebnis beim Austern schlürfen: Schülerinnen und Schüler in der 8. Jahrgangsstufe finden
diese eher peinlich als in der 10. Jahrgangsstufe.
230
Anhang
Bedeutungen des Körpers
Tabelle 32
Attraktivste Frauenfigur im Vergleich mit DGE Daten 1992
Bevorzugte
Ernährungsbericht 1992
Berliner Umfrage 2001
Frauenfigur
(Nennungshäufigkeit in % und Rangplatz)
(Nennungshäufigkeit in % und Rangplatz)
bei Frauen
bei Männern
bei Mädchen
bei Jungen
21,9 (2. Platz)
23,7 (2. Platz)
31,2 (2. Platz)
43,9 (1. Platz)
38,2 (1. Platz)
31,4 (1. Platz)
36,6 (1. Platz)
28,6 (2. Platz)
15,0 (3. Platz)
15,1 (3. Platz)
16,1 (3. Platz)
17,3 (3. Platz)
normaler Typ (F.d)
12,1 (4. Platz)
14,0 (4. Platz)
3,2 (5. Platz)
8,2 (4. Platz)
Typ „Twiggy” (F.a)
6,4 (5. Platz)
4,2 (5. Platz)
8,6 (4. Platz)
1,0 (5. Platz)
Wespentaillen- typ
(F.g)
sportlich-androgyner
Typ (F.c)
extrem muskulöser
Typ (F.b)
Tabelle 33
Attraktivste Frauenfigur aus Sicht der Mädchen
Attraktivste Frauenfigur differenziert nach Klassenstufe (Mädchen)
Figurtyp
Twiggy
extrem
sportlich-andro­ normal
normal mit
muskulös
gyn
Bauch
Birnentyp
Wespen­
vollschlank
taillentyp
oben dick,
adipös
Beine
dünn
8. Klasse
3,8
5,7
47,2
1,9
3,8
-
37,7
-
-
-
10. Klasse
15,0
30,0
22,5
6,0
-
2,5
22,5
2,5
-
-
alle
8,6
16,1
36,6
3,2
2,2
1,1
31,2
1,1
-
-
(% von Schülerinnen der Klassenstufe)
Tabelle 34
Attraktivste Männerfigur im Vergleich mit DGE-Daten 1992
Bevorzugte
Ernährungsbericht 1992
Berliner Umfrage 2001
Männerfigur
(Nennungshäufigkeit in % und Rangplatz)
(Nennungshäufigkeit in % und Rangplatz)
bei Frauen
bei Männern
bei Mädchen
bei Jungen
Sportlicher Typ (M.c)
37,3 (1. Platz)
34,3 (2. Platz)
37,6 (1. Platz)
29,9 (2. Platz)
Extrem muskulöse
24,0 (2. Platz)
35,0 (1. Platz)
32,3 (2. Platz)
47,4 (1. Platz)
extreme Y-Form (M.d)
9,8 (4. Platz)
9,2 (3. Platz)
1,1 (6. Platz)
10,3 (3. Platz)
„statistischer Normal­
7,3 (5. Platz)
7,3 (5. Platz)
10,8 (3. Platz)
5,2 (4. Platz)
dünner Typ (M.e)
13,7 (3. Platz)
8,3 (4. Platz)
10,8 (3. Platz)
2,1 (5. PlatzI
„normal” Mann mit
2,9 (6. Platz)
3,9 (6. Platz)
0,0
2,1 (5. Platz)
„Body-Builder” (M.b)
mann” (M.a)
Bauchansatz (M.g)
Anhang
Tabelle 35
231
Nie praktizierte Handlungsalternativen zur Figurmodellierung
Rangliste geordnet nach Häufigkeiten von Dingen (in aufsteigender Reihenfolge), die die Schülerinnen und
Schüler nie tun!
Rang
Wenn ich etwas für meine Figur tun will, dann ...
%
9.
... treibe ich Sport
7,7
8.
... bewege ich mich mehr
8,7
7.
... verzichte ich auf Dinge, die ich gerne esse
46,4
6.
... lasse ich täglich mindestens eine Mahlzeit ausfallen
52,0
5.
... esse ich mich nicht satt
59,0
4.
... mache ich eine Diät
64,3
3.
... esse ich Dinge, die ich sonst nie esse
65,1
2.
... zähle ich Kalorien
74,0
1.
... esse ich Muskelaufbaupräparate
86,2
Tabelle 36
Figurmodellierung durch Bewegung
Figurmodellierung durch Bewegung: Einfluss von Klassenstufe, Geschlecht und Schulzweig auf
Bewegungsverhalten
Ich treibe Sport, wenn ich etwas für meine Figur tun will.
Hauptschule
8. Jahrgangsstufe
10. Jahrgangsstufe
davon Prozentanteil Mädchen/Jungen
davon Prozentanteil Mädchen/Jungen
59,1 %
81,4 %,
71,4 % Mädchen/53,3 % Jungen
60,0 % Mächen/94,1 % Jungen
Realschule
Gymnasium
Gesamtschule
81,8 %
62,6 %
66,7 % Mädchen/100,0 % Jungen
25,0 % Mädchen/ 75,0 % Jungen
81,7 %
71,4 %
80,0 % Mädchen/ 83,4 % Jungen
90,0 % Mädchen/ 25,0 % Jungen
67,9 %
75,8%
60,0 % Mädchen/ 77,0 % Jungen
68,8 % Mädchen/ 84,6 % Jungen
(% der Schülerinnen und Schüler, die wegen der Figur oft resp. regelmäßig Sport treiben)
Elternkommentare
Wie findest du, wenn Eltern zu ihren Kindern in einer entsprechenden Situation folgendes sagen? „Iss mehr Obst und
Gemüse!” (62,8 %260)
✗
„Iss ordentlich!” (52,8 %)
✗
„Iss langsamer!” (51,5 %).
✗
„Du bist zu dünn!” (38,7 %)
✗
„Du bist zu dick!” (26,2 %)
✗
„Iss keine Schokolade!” (24,4 %)
✗
„Iss deinen Teller leer!” (14,4 %)
✗
„Gib dir Mühe mit deinem Aussehen, sonst mag dich keiner!” (13,4 %)
✗
„Iss schneller und rede nicht soviel!” (8,7 %)
✗
„Nebenbei essen gibt es nicht!” (8,3 %)
260
Prozentangabe bezieht sich auf Jugendliche, die den elterlichen Kommentar gut finden.
232
Anhang
Zwischen den Geschlechtern gibt es bei den Kommentaren zum Gewichtsstatus („Du bist zu dick!” „... zu dünn!”) die
Tendenz, dass Mädchen diese Kommentierungen eher ablehnen als Jungen. So finden es 69,6 % der Jungen, aber 78,5 %
der Mädchen schlecht, wenn Eltern zu ihrem Kind sagen, dass es zu dick sei. Ähnlich ist es mit „Du bist zu dünn!” − so
finden diesen Kommentar 55,9 % der Jungen schlecht und 67,4 % der Mädchen.
Die Aufforderung seitens der Eltern, mehr Obst und Gemüse zu essen, finden signifikant mehr Mädchen (73,1 %) als
Jungen (53,4 %) gut (p = 0, 003 261). Bei den Kommentaren zur Essgeschwindigkeit unterscheiden sich die Bewertungen
von Mädchen und Jungen statistisch signifikant: Mädchen finden es eher schlecht (96,7 % der Mädchen) als Jungen (86,4
% der Jungen), wenn Eltern sagen, „Iss schneller und rede nicht soviel!” (p = 0,009 262). Umgekehrt finden Jungen auch eher
schlecht, wenn Eltern Kinder zum langsamen Essen auffordern (54,9 % der Jungen, 41,3 % der Mädchen (p = 0,040 263).
Zwar nicht statistisch signifikant, aber eine Tendenz zeigt sich im Folgenden. Mehr Mädchen (29,7 % aller Mädchen; 19,6
% aller Jungen) finden die Aufforderung „iss keine Schokolade” gut. Dagegen finden Mädchen das Verbot, nebenbei zu
essen, eher schlecht. 95,6 % der Mädchen und 88,2 % der Jungen lehnen diese Kommentare ab.
Statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Schultypen sind bei zwei Items feststellbar. Besonders gut finden nur
die Gymnasiast/innen die Aufforderung, langsamer (64,5 %) und keine Schokolade (35,0 %) zu essen. Vergleicht man die
Ergebnisse zwischen den Klassenstufen, so stellt sich eine deutliche Tendenz zur Bejahung des Kommentares, „Iss
ordentlich!” bei den älteren Schülerinnen und Schüler heraus (60,5 % finden das in der 10. Klasse gut, aber nur 46,7 % in
der 8. Klasse; p = 0,039264). Ebenfalls finden es mehr Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse gut (20,9 % in der 10., aber
nur 7,4 % in der 8. Klasse), wenn Eltern ihren Kindern sagen, dass sie sich mehr Mühe mit ihrem Aussehen geben sollen,
weil sie sonst keiner mag. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant (p = 0,006265).
Insgesamt finden mehrheitlich alle deutschen Schülerinnen und Schüler, die Aufforderungen und Aussagen von Eltern
zu ihren Kindern hinsichtlich Regulierungen und Kommentaren zum Essen eher schlecht. Ausnahmen sind die
Aufforderung, mehr Obst und Gemüse zu essen und Hinweise auf die Art und Weise des Essens, nämlich: „Iss langsamer
resp. ordentlich!”
Tabelle 37
Übersicht zu den Elternkommentaren
Übersicht zu den Elternkommentaren
Sagen das auch deine Eltern zu dir?
ja
nein
„Iss mehr Obst und Gemüse!”
53,8
46,2
„Iss ordentlich!”
41,0
59,0
„Iss langsamer!”
29,6
70,4
„Du bist zu dünn!”
24,0
76,0
„Iss keine Schokolade!”
18,9
81,1
„Nebenbei essen gibt es nicht!”
17,3
82,7
„Iss deinen Teller leer!”
17,3
82,7
„Claudia Schiffer hat eine super Figur!”
14,9
85,1
„Du bist zu dick!”
13,3
86,7
„Iss schneller und rede nicht soviel!”
8,7
91,3
„Gib dir Mühe mit deinem Aussehen, sonst mag dich keiner!”
7,7
92,3
„Zlatko ist gut gebaut!”
5,1
94,9
(sortiert nach der Häufigkeit der Ja-Antworten)
(Angaben in %)
261
Exakter Test nach Fisher
262
Exakter Test nach Fisher
263
Exakter Test nach Fisher
264
Exakter Test nach Fisher
265
Exakter Test nach Fisher
Anhang
Tabelle 38
233
Elternkommentare
Elternkommentare differenziert nach Mutter und Vater (Fortsetzung Tabelle 38)
Sagen das auch deine Eltern zu dir?
Mutter
% der Mütter, die
das sagen
Vater
% der Väter, die
das sagen
„Iss mehr Obst und Gemüse!”
49,5
22,0
„Iss ordentlich!”
32,9
26,7
„Iss langsamer!”
26,1
11,8
„Du bist zu dünn!”
20,4
11,8
„Iss keine Schokolade!”
16,3
7,7
„Nebenbei essen gibt es nicht!”
14,3
8,7
„Iss deinen Teller leer!”
12,3
8,7
„Claudia Schiffer hat eine super Figur!”
4,7
12,4
„Du bist zu dick!”
11,3
5,6
„Iss schneller und rede nicht soviel!”
5,6
4,6
„Gib dir Mühe mit deinem Aussehen, sonst mag dich keiner!”
6,2
4,1
„Zlatko ist gut gebaut!”
4,6
1,5
(Vergleich Mütter − Väter: Grau unterlegt ist jeweils höhere Prozentzahl)
Tabelle 39
Elternkommentare
Elternkommentare differenziert nach Geschlecht des Kindes
Eltern, die das ...
... zur Tochter sagen ... zum Sohn sagen
Du bist zu dick!
14,0
12,6
Du bist zu dünn!
25,8
22,3
Gib dir Mühe mit deinem Aussehen, sonst mag dich keiner!
3,3
11,7
Claudia Schiffer hat eine super Figur!
11,8
17,4
Zlatko ist gut gebaut!
4,4
5,8
(Angaben in %)
Kommentare der Peergroup
Tabelle 40
Übersicht zu den Kommentaren der Peergroup
Wenn Freunde/Freundinnen zusammen sind, hast du es erlebt, dass einer zum anderen sagt:
gar nicht
selten
regelmäßig/oft
„Du isst zu viel! Hör auf, sonst wirst du fett!”
51,5
32,1
16,3
„Hör endlich auf, Süßes in dich reinzustopfen!”
53,1
34,2
12,8
„Du isst schon wieder nichts!”
36,7
36,7
24,5
„Bist du etwa schon wieder auf Diät!”
48,0
29,6
22,5
(Angaben in %)
Tabelle 41
Kommentare der Peergroup
234
Anhang
Kommentare der Peergroup differenziert nach Geschlecht (Übersicht untergliedert in Prozentzahlen für Mädchen
und Jungen266)
Wenn Freunde/Freundinnen zusammen sind, hast du es erlebt, dass einer
gar nicht
selten
regelmäßig/oft
57,0
29,0
14,0
46,6
35,0
18,5
51,6
33,3
15,1
54,4
35,0
10,7
22,6
39,8
37,6
49,5
34,0
16,5
31,2
33,3
35,5
63,1
26,2
10,7
zum anderen sagt:
„Du isst zu viel! Hör auf, sonst wirst du fett!”
„Hör endlich auf, Süßes in dich reinzustopfen!”
„Du isst schon wieder nichts!”
„Bist du etwa schon wieder auf Diät!”
(Angaben jeweils in %; weißer Hintergrund = Mädchen; grauer Hintergrund = Jungen)
266
Die Jungen geben signifikant häufiger an, gar nie oder selten erlebt zu haben, dass einer zum anderen sagt:
„Du isst schon wieder nichts!” (p < 0,001) und „Bist du etwa schon wieder auf Diät!”(p < 0,001).
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