Harth Romane und ihre Leser

Harth Romane und ihre Leser
Sonderdruck aus Zeitschrift »GRM«
Neue Folge • Band X X • Heft 2 • Mai 1970
DIETRICH H A R T H • ERLANGEN
ROMANE U N D IHRE LESER
Noch ehe es die Kritiker bemerkt hatten, beschrieb Nathalie Sarraüte die
Diffusion des Autoren­Ich in die Worte, Sätze, Bilder und Figuren seiner
Hervorbringungen, den Verlust einer heldenhaften Zentralgestalt, die, wie
der perspektivische Fluchtpunkt in der alten Malerei das Auge des Betrachters,
Empfindung und Intellekt des Lesers auf sich zog1. Jenes frühere Einverständ­
nis über den Sinn des Helden, mit dem Autor und Leser gleichermaßen sich
identifizieren konnten, ist im ,Zeitalter des Argwohns' aufgekündigt. Indem
der Protagonist zum potentiellen Täter wird, dessen Handlungen und Motive
die Wörter ­ wie die des Reisenden in ,Le Voyeur' ­ verdecken, ergeht an den
Leser die Aufforderung, den Sinn des Geschehens zu rekonstruieren. So drängt
das beiderseitige Mißtrauen den Lesenden in die Rolle des Autors, da es
schöpferisch zu ergänzen gilt, was der Text ihm verbirgt. Dem Schreibenden
zerbricht die Logik der Lebensgeschichte seiner Geschöpfe unter den Händen,
so daß Sprünge und Widersprüche Fabel und Syntax des Hervorgebrachten
durchsetzen. Das auf solche Weise gestörte Verhältnis zwischen Autor und
Realität einerseits, Text und Leser anderseits, hat die Gedanken, wie das in
Zeiten der Angst und Diskontinuität geschieht, auf sich selbst zurückgebeugt
und eine Theorie hervorgebracht, die, in ihren Mitteln oft unbeherrscht, Über­
kommenes und Kommendes zu bewältigen sucht.
Aus den Theoremen des Neuen Romans hat nun Claude Ollier, Mitglied der
Gruppe ,Tel quel', in einem Hörspiel über den ,Tod des Helden' Schluß­
1
N. Sarraute, Zeitalter des Argwohns. Über den Roman, Essay 1, Köln­Berlin 1963.
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Dietrich Harth
folgerungen gezogen, die nichts weniger als mörderisch sind2. Die akustische
Szenerie dieses Gedichts öffnet sich dem Hörer in Form eines atonalen musi­
kalischen Vorspiels, dessen Aufgabe es laut Regieanweisung sein soll, ,eine
Stimmung des Irrealen und Traumhaften zu schaffen, jedoch mit einer Bei­
mischung von etwas Groteskem, Burleskem.' Damit ist die Ebene des Spiels
gekennzeichnet: Seine Sätze lassen sich nicht eindeutig auf den Begriff bringen,
sein Sinn geht in der Elementargrammatik nicht restlos auf. Entsprechend
ambivalent verhalten sich die im Libretto mit A und B bezeichneten Akteure,
da die ihnen zugeordneten Rollen des Fragestellers und des Befragten all­
mählich vertauscht werden. Ihr ,Dialog' folgt zunächst dem Muster des Ver­
hörs, mithin einer Form, die im neuen Roman zu einer subtilen Untersuchung
des Schreibens selbst entwickelt wurde 3 . Eben diesen Bereich sprachlichen
Imaginierens thematisiert auch Olliers Spiel. Scheint doch der Leser (im en­
geren Sinne: der Kritiker) den Autor nach dem Verbleib des Helden zu be­
fragen, dessen ungebrochene ,Identität' ­ Persönlichkeit' setzt der Fragende
hinzu ­ anzeigt, es sei alles ,in Ordnung'. Der befragte Autor indes weigert
sich, das, was ,üblich, was Brauch ist', als unumstößliche Konvention anzu­
erkennen. Er negiert die Rolle dessen, der mehr weiß als der Leser, der
seinerseits die Aussagen bloß zustimmend zu Protokoll nehmen will. So wer­
den auf Drängen des Befragten die Requisiten des Verhörs, Lampe und Proto­
kollant, allmählich entfernt. Zugleich wird mit dem die Schreibmaschine er­
setzenden Tonbandgerät jene Technik der Sprachmontage angedeutet, die den
gewohnten Duktus der Fabel sprengt: ,Herausschneiden, kürzen, ausradieren,
wegwerfen, zusammenkleben, zurechtmachen.' Die erwähnten Veränderungen
im Leser­Autor­Dialog scheinen das Verhör zu beenden und den Rahmen für
ein »ungestörtes, freies, intimes' Gespräch zu schaffen. Doch die Regieanweisung
verneint: ,Sie (die Stimmen) bilden einen Dialog, der jedoch keinen Zusam­
menhang hat. Jede Stimme führt ihren eigenen nachdenklichen Monolog fort.'
Mißtrauen verhindert die Übereinkunft, ein Mißtrauen, dessen Ursache in
den verschiedenen Auffassungen über den Sinn des Geschriebenen zu suchen
ist. Denn während der Leser noch über das ,Verschwinden' jenes ,Helden'
sinniert, dessen Kohärenz mit dem Ganzen ein heiles Weltbild verhieß, be­
schuldigt ihn der Autor, nicht ,auf dem Laufenden' zu sein. Habe ,er' (der
Held) doch längst schon sich zurückgezogen:
,Er verlor seinen besonderen Charakter . . . seine Einheitlichkeit . . . Er vergrub sich
in die Dinge, wurde eins mit ihnen, verlor sich im Räderwerk. Er löste sich in der ihn
umgebenden Materie a u f . . . Er entpersönlichte sich.'
Diesen Tatbestand, so wirft der Autor dem Leser vor, wolle er nicht wahr
haben, weshalb er nur die Bücher aufschlage, die seinen eingeschliffenen Er­
2
Die Hörspielabteilung des Süddeutschen Rundfunks hat mir freundlicherweise ein
hektographiertes Manuskript des von H. Scheffel übersetzten Hörspiels zur Ver­
fügung gestellt.
8
Besonders deutlich in .L'Inquisitoire' (1962) und ,Autour de Mortin' (1965) von
Robert Pinget.
Romane und ihre Leser
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Wartungen entsprächen: ,Sie lesen nur dort, wo Sie sicher sind, daß Sie Ihren
Mann wiederfinden.' Von diesem Punkt an übernimmt der Autor nicht nur
die Rolle des Anklägers; vielmehr erfüllt er bald die Aufgabe des Mentors,
der den Leser anhand eines jener neuen Romane, die den einsinnigen Blick­
winkel des Protagonisten in mehrere aperspektivische Fluchtpunkte zerlegen,
gleichsam mit einem neuen Auge begabt. Dieses befähigt ihn, nach dem Mu­
ster des interpretierten Romanfragments und auf Geheiß des Autors, die
seinem Blick sich darbietende Realität des Zimmers und der Straße vor dem
Fenster zu ,lesen'. Der Mentor erläutert:
,Das sind Ihre Zeichen: das Dekor, die Bewegungen, die Geräusche, die Reflexe . . .
Die Materialien, die Sie in Zeichen verwandeln. Die Buchstaben, die Sätze, die Ab­
schnitte. Hier haben Sie sie vor sich, sie liegen da vor Ihren Augen. Die Punkte, die
Kommas, die Klammern, die Kapitel.'
Mit diesem Hinweis wird die Differenz zwischen Kunst und Leben aufge­
hoben, was tödliche Konsequenzen für Autor und Leser haben muß. Die Logik
des Spiels geht daran nicht vorbei. Denn der die Realität Lesende beschreibt
in der Folge seine eigene Ermordung, als handele es sich um eine Fiktion;
eine Einstellung, aus der er nicht mehr erwachen kann, da ihn die Kugeln der
Mörder niederstrecken, deren Ankunft vor dem Haus er wie ein imaginiertes
Stück Literatur ,gelesen' hat. Nach dieser absurden Verwechslung von Litera­
tur und Wirklichkeit kann dem von manchen modernen Romanciers ver­
tretenen Grundsatz: ,Die Hauptperson ist der Leser' von Ollier hinzugefügt
werden: ,Eine erledigte Angelegenheit.' Die Schlußfolgerung', daß ohne Leser
auch der Autor überflüssig ist, wird folgerecht gezogen. Ein anonymer Scherge
rächt den Ermordeten indem er den Mentor liquidiert.
Olliers Spiel bezieht sich deutlich auf den eingangs zitierten Argwohn, der
an jene sprachliche Verständigungsbasis rührt, die Autor und Leser seit je
miteinander teilten. Von ihr lebte nicht nur die Identität der Zentralgestalt,
sondern auch die Übereinkunft über den Sinn der imaginierten Welt, in der
diese sich bewegte. Die ,Macht und Logik der Fiktion', die Ollier im Augen­
blick der Katastrophe ironisch zitiert, mochte aufgrund dieser früheren Über­
einkunft ungebrochene Geltung besitzen. In den Augen der neuen Romanciers
scheint sie herabgesunken zu einem fragwürdigen Residuum traditioneller
Kunstauffassungen, das die Verständigung mit dem Leser blockiert. Es mag
daher nicht müßig sein, die Geschichte eines so korrelativen und zugleich pre­
kären Verhältnisses wie das zwischen Autor und Leser selbst zu befragen.
Dabei kann freilich Vollständigkeit im Detail nicht erstrebt werden, sondern
lediglich die tentative Markierung eines Traditionszusammenhanges, dem
selbst noch die radikalste Verneinung herkömmlicher Leserinteressen ihren
Sinn verdankt. Von der historischen Vermittlung kann die Debatte schwerlich
absehen. Geht es doch im Lesen nicht um das mechanische Nachvollziehen ge­
druckter Zeichen, sondern um einen Akt des Verstehens, in dem der Leser
seine Sprache der des Autors nähert, soweit es der Horizont der überlieferten
und von beiden erlernten Grammatik zuläßt.
In diesem Sinne befassen sich die Erörterungen über das Lesen allemal auch
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Dietrich Harth
mit einem Problem der Hermeneutik, die nicht zufällig parallel mit den schrift­
stellerischen Bemühungen um den Leser von der philosophischen Reflexion
unserer Tage wieder aufgegriffen wurde 4 . An diesen Zusammenhang, der seit
alters auch das Tun jener Wissenschaften bestimmte, die das Lesen und das
damit verknüpfte Aneignen literarischer Überlieferungen methodisch diszipli­
nierten, soll hier zunächst bloß erinnert werden. Die Literaturwissenschaften
bilden neben Schriftstellerei und Philosophie den dritten Bereich der dem
Lesen zugewandten Aufmerksamkeit 5 . Dabei scheinen sie heute von dem Be­
dürfnis geleitet, mit soziologischen Mitteln erklären zu wollen, was bislang
der beschreibenden Literaturgeschichte verschlossen blieb6. Die folgende Un­
tersuchung ist diesen Ansätzen verpflichtet. Sie geht indessen nicht von sozial­
statistisch erfaßten Lesern aus, sondern verwendet das Abstraktum ,der Leser'
im Sinne eines, dessen Tun auf Motive zurückgeht, die, sei es in den von den
Lesenden selbst, sei es in den von den Schreibenden (die immer auch Leser
sind) überlieferten Äußerungen sich andeuten. Soweit diese Texte es nahe­
legen, können soziologische Erklärungen den Zusammenhang mit dem Ganzen
aufweisen.
Lesen war bis in die Anfänge der Industriegesellschaft ein Privileg der
Wenigen. Identisch mit der Aneignung fremder und eigener Uberlieferungen,
bildete es die Domäne derer, die einen wie auch immer beschaffenen Sinn für
die Kontinuität der Geschichte zu wahren suchten. So brachten die großen
abendländischen Renaissancen immer auch Schulen des Lesens hervor, in
denen das Interesse zu konservieren sich mit dem Bedürfnis verband, aus dem
Überlieferten zu lernen. Bis zum Aufkommen eines historischen Bewußtseins,
das mit der Auflösung der altständischen Gesellschaftsformen des späten acht­
zehnten Jahrhunderts zusammenging, behielt die Tradition über den Leser
eine Macht, die auch jenen literarischen Medien sich mitteilte, die, wie man
zunächst annehmen möchte, vom Druck des unmittelbar Lebensnotwendigen
4
S. dazu etwa die Arbeiten von H.­G. Gadamer, Wahrheit und Methode. Grund­
züge einer philosophischen Hermeneutik, Tüb. 1965 (2) und K. O. Apel, Die Frage
nach dem Sinnkriterium der Sprache und die Hermeneutik in: Welterfahrung in der
Sprache, 1. F. 1968, S. 9­28.
5
Vgl. dazu die folgenden Arbeiten: A. Nisin, La Litterature et le lecteur, Paris 1959;
H. Weinrich, Für eine Literaturgeschichte des Lesers, in: Merkur, Nov. 1967, S.
1026£f.; H. R. Jauss, Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft,
Konstanzer Universitätsreden 3, Konstanz 1967; L. Nelson Jr., The Fictive Reader
and Literary Self­Refexiveness, in: The Disciplines of Criticism. Essays in Li­
terary Theory, Interpretation and History ed. Demetz, Greene, Nelson Jr., Yale
U. P., 1968, S. 173ff.
6
Eine Beziehung zu empirischen Sozialstrukturen kann im Rahmen dieses Aufsatzes
bestenfalls angedeutet werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die vielzitierte
Studie von R. Escarpit, Das Buch und der Leser. Entwurf einer Literatursoziologie
(1961). Weitere Literatur bei H. N. Fügen, Die Hauptrichtungen der Literatur­
soziologie. Ein Beitrag zur literatursoziologischen Theorie, Bonn 1966 (2). Man darf
vermuten, daß eine historische Typologie des Lesers und der auf ihn bezogenen
Erzähl­ und Schreibweisen nur sinnvoll ist, wenn es ihr gelingt, auch die gruppen­
spezifische Grammatik der jeweils verwendeten Sprachrepertoires in ihrer Ordnung
abzubilden.
Romane und ihre Leser
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gerade entlasten sollten. Die Rechtfertigungen der Poesie, die seit Petrarca
lange Zeit zu den Pflichtübungen der philologischen Gelehrten gehörten, be­
legen indessen das praktische Interesse, von dem Autor und Leser des Spät­
mittelalters sich leiten ließen, wenn sie der Sprache der Dichtung einen be­
sonders intensiven Wirkungsgrad zubilligten 7 . Des Erasmus prägnante For­
mel ,lectio transit in mores' trifft genau diesen Zusammenhang zwischen
literarisch überliefertem Wissen und Handeln, der auch noch der humanisti­
schen Beschäftigung mit Dichtung zugrundelag. Sollte doch die poetische Bil­
dersprache jenen affektiven Seelenteil des Lesers disziplinieren, der über den
Willen unmittelbaren Einfluß auf die Praxis nahm 8 . Mit dieser Auffassung
konnte man an jene Affektenlehre anknüpfen, die seit alters ein Ingredienz
der der praktischen Philosophie zugehörigen Rhetorik bildete. Aristoteles hatte
bekanntlich dem theoretischen Zweig der Philosophie Erkenntnis als Ziel ge­
wiesen, wärend Praxis sich mit der Einrichtung menschlichen Handelns be­
faßte, dem die Lexis als politisches Agens zugesellt war 9 . Dieses philosophische
Modell erwies eine unerhört normative Kraft während der Folgezeit und be­
lebte in entscheidender Weise die Auseinandersetzung zwischen der den ein­
zigen Erkenntnisweg beanspruchenden Theologie und der nach Autonomie
strebenden praktischen Philosophie, die in der frühbürgerlichen Atmosphäre
der spätmittelalterlichen italienischen Stadtstaaten aufkam. Coluccio Salu­
tati, Kanzler und Repräsentant des bürgerlichen Patriziats der Stadt Florenz,
hat 1399 in seinem Traktat ,De nobilitate legum et medicine' die stoisch­christ­
liche Abwandlung des aristotelischen Modells zur Alternative vita activa sive
contemplativa aufgegriffen und zugunsten der auf dem menschlichen Willen
(voluntas) begründeten praktischen Philosophie entschieden10. Zugleich stellte
er unter Rückgriff auf ciceronianische Lehren die klassische Beziehung zwischen
handlungsleitendem Wissen (sapientia) und Sprachbeherrschung (eloquentia)
wieder her, da, wie die Rhetorik gelehrt hatte, der Wille nur durch die
sprachliche Reizung bestimmter Affekte zum Handeln im Sinne eines guten
Lebens veranlaßt werden konnte. Im Unterschied zur klassischen Rhetorik
sollte die Bildung eines guten Ethos sich nun an der literarischen Überlie­
ferung vollziehen, deren Büchern man wie jenen wissenden Rednern be­
gegnete, deren Worte belehren, ergreifen und mit der Überzeugung die Be­
reitschaft zu je bestimmtem Handeln wecken. Salutati nannte das literarische
Studium mit dem die folgenden beiden Jahrhunderte beherrschenden Schlag­
wort ,studia humanitatis'.
Politik, Ethik und Ökonomie waren, wie zu erinnern ist, in dieser vom
literarisch überlieferten Traditionswissen zehrenden Form der praktischen
7
Vgl. A. Buck, Italienische Dichtungslehren vom Mittelalter bis zum Ausgang der
Renaissance, Tübingen 1952.
Eingehend untersucht wird dieser Zusammenhang in meiner Studie ,Philologie und
praktische Philosophie. Zum Sprach­ und Traditionsverständnis des Erasmus von
Rotterdam', München 1970.
9
Nie. Eth. I 1, 1095a 5­6.
10
C. Salutati, De nobilitate legum et medicine, ed. E. Garin, Firenze 1947, cap. X X I I I .
8
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Dietrich Harth
Philosophie noch ungeschieden. L e o n a r d o B r u n i e n t n a h m die G e g e n s t ä n d e
ihres S t u d i u m s nach M a ß g a b e rhetorischer Stilprinzipien d e m Reichtum d e r
oratorischen, poetischen u n d historischen L i t e r a t u r , w o m i t er d e n p r a g m a t i ­
schen C h a r a k t e r auch d e r Dichtersprache andeutete 1 1 . M o t i v i e r t w u r d e die
W a h l v o r a l l e m m i t d e m H i n w e i s auf die Ü b e r z e u g u n g s k r a f t d e r poetischen
Sprache, die allein i m s t a n d e sei, d e n e m o t i v e n U r s p r u n g aller H a n d l u n g e n ,
d e n W i l l e n , im S i n n e d e r h e r r s c h e n d e n T u g e n d i d e a l e zu f o r m e n . Eine solche
B e g r ü n d u n g setzte e i n e n L e s e r voraus, d e r ein u n m i t t e l b a r e s , v o n h e r m e ­
neutisch­historischer Reflexion u n b e r ü h r t e s V e r h ä l t n i s zur L i t e r a t u r besaß.
Dessen B e d ü r f n i s nach O r i e n t i e r u n g im Z u s a m m e n l e b e n zog die W e r k e d e r
Poesie u n d H i s t o r i e als L e h r m e i s t e r praktischer V e r s t ä n d i g k e i t (prudentia)
d e r auf W a h r h e i t s e r k e n n t n i s ausgerichteten P h i l o s o p h i e vor. D i e f o l g e n d e
B e m e r k u n g L o r e n z o V a l l a s m ö g e das verdeutlichen:
,Habet enim institutio illa sapientiae sub persona miram quandam autoritatem, et
quasi maiestatem cum eximia modestiae laude coniunctam: ut apud Homerum cum
legimus quid egerunt, dixeruntque Nestor . . . multo magis ad virtutem incendimus,
quam ex ullis philosophorum praeceptis. . . . Cum praesertim illa velut pictura per­
sonarum et spem inducat animo, et stimulo aemulationis incutiat.' 12
D i e V o r b i l d e r g u t e n H a n d e l n s t r e t e n nach diesen W o r t e n nicht als A b ­
s t r a c t a philosophischer Praezeptistik v o r d e n Leser, s o n d e r n u n t e r der F o r m
(sub persona) sprachlich vorgestellter ,Bilder' (pictura), die u n v e r m i t t e l t zu
w e t t e i f e r n d e r N a c h a h m u n g (aemulatio) reizten. E i n e r ähnlichen A r g u m e n t a ­
tion b e d i e n e n sich noch die B e f ü r w o r t e r des R o m a n s v o n H u e t bis B l a n k e n ­
burg.
D i e V e r b i n d u n g zwischen höfischem R o m a n u n d humanistischer Schrift­
stellerei k a n n sich auf die I n t e g r a t i o n des H u m a n i s m u s in d e n Lebensbereich
d e r europäischen A d e l s k u l t u r e n b e r u f e n , die Castigliones ,Cortegiano' in einer
f ü r die englischen u n d französischen H ö f e vorbildlichen W e i s e vollzog 1 3 . D e r
R o m a n ersetzte in dieser S p h ä r e l u x u r i e r t e r L e b e n s b e d ü r f n i s s e allmählich das
Historienbuch, d a sein Schwanken zwischen Bericht u n d F i k t i o n die L e s e r ­
interessen einer Adelsgesellschaft zu b e f r i e d i g e n versprach, die die ü b e r k o m ­
m e n e n W e r t e v o n T r a d i t i o n u n d Sitte n u r noch in d e r S p a n n u n g v o n Illusion
u n d W i r k l i c h k e i t a u f r e c h t z u e r h a l t e n vermochte. D i e humanistische B e g r ü n d u n g
des praktischen N u t z e n s d e r H i s t o r i e n l e k t ü r e ü b e r t r u g e n die n e u e n R o m a n ­
a u t o r e n folgerichtig auf ihre P r o d u k t e . D e n n A u t o r e n u n d Leser teilten noch
die d e m H u m a n i s m u s eigentümliche rhetorisch­pragmatische S p r a c h a u f f a s s u n g ,
wie sie in H u e t s Ä u ß e r u n g e n o f f e n k u n d i g w i r d :
,Adjoustez ä cela que rien ne derouille tant l'esprit, ne sert tant ä le faconner et le
rendre propre au monde, que la lecture des bons Romans. Ce sont des precepteurs
11
De studiis et litteris, ed H. Baron, in: Leonardo Bruni Aretino, Humanistisch­phi­
losophische Schriften, Leipzig­Berlin 1928, S. 5£f.
De rebus a Ferdinando Hispaniorum rege et maioribus eius gestis, Lutetiae Pari­
siorum 1528, Praefatio, Nachdr. Turin 1962, Bd. II, S. 5f.
13
Vgl. O. Brunner, Adeliges Landleben und europäischer Geist, Salzburg 1949,
S. llOff.
12
Romane und ihre Leser
165
muets, qui succedent ä ceux du College, et qui apprennent ä parier et ä vivre d'une
methode bien plus instructive, et bien plus persuasive que la leur, et de qui on peut
dire .. . qu'elle enseigne la Morale plus fortement et mieux que les Philosophes les
plus habiles.'14
Lohenstein folgt ihm im Vorbericht zum ,Arminius' mit der Ansicht, ,daß
dergleichen Bücher stumme Hofmeister seien und wie die Redenden gute
Lehren und Unterricht geben.'
In der Stille des Lesens entfaltet die Sprache der Romane eine autoritative
Kraft, die der Überzeugungskunst, wie sie die rhetorische Doktrin entwickelt
hatte, in nichts nachzustehen scheint. Evident wird die pragmatische Wirkung
in dem Hinweis auf die humanistische Einheit von gut Reden und gut Leben
(parier et vivre). Daß die hier genannte Moral nicht auf ein in die Innerlich­
keit abgesunkenes Sollen sich bezieht, erläutert der Franzose dort, wo er die
Vorzüge des Romans gegenüber der spekulativen Philosophie geltend macht.
Auch er sucht sie noch in der poetischen Sprache, die zugleich mit der An­
regung der Einbildungskraft (imagination) auf die Affekte wirke, ,qui sont
les grands mobiles de toutes les actions de nostre vie' 15 .
Die vorausgesetzte enge Beziehung zwischen Reden und Handeln ist hier
insofern noch ernstzunehmen, als die höfischen Romane nicht nur an der Aus­
bildung der in den Adelsgesellschaften verwendeten Hochsprachen mitarbei­
teten, sondern auch die dort gültigen Verhaltensmuster ihren Lesern mitzu­
teilen suchten. Noch Blanckenburg berichtet in seinem , Versuch', wie die Lek­
türe des ,Agathon' einen bekannten Mann dazu bewogen habe, seine Haltung
innerhalb der Hofgesellschaft zu revidieren 16 . Freilich deckt die Darstellung
des ,Syrakusischen Hofes' die Doppelbödigkeit im Formencodex der Adels­
gesellschaft des ancien regime auf, um den Leser von der Redlichkeit der
neuen bürgerlichen Moral zu überzeugen, während der Roman des siebzehnten
Jahrhunderts die Regeln des geltenden Anstands affirmativ verbreitete.
Die zumal im deutschsprachigen Raum durch den Herrschaftspartikularis­
mus erschwerte Ausbildung eines nationaltypischen Adelsideals war ein er­
klärtes Ziel der sogenannten höfisch­historischen Romane, deren Entstehung
bekanntlich mit den in der fruchtbringenden Gesellschaft' institutionalisier­
ten Bestrebungen zusammenfiel, dem Adel eine anerkannte Literatur­ und
Hochsprache, eine ,teutsche Haupt­ und Heldensprach', zu verschaffen. Diese
Bücher präsentierten sich dem adligen Leser als ,Geschichtgedichte', womit sie
die Zwittergestalt ihrer Erzählweise andeuteten, und boten Exempla dar, die
zu ,rühmlicher Nachfolge' aufforderten. Mithin standen sie noch in der Tradi­
tion der humanistischen Historienbücher, die im Sinne der praktischen Philo­
sophie anhand ausgewählter Beispiele gutes Handeln demonstrierten und die
Leser mittels rhetorischer Überredung nötigten, ihr Tun und Lassen an diesen
14
P. D. Huet, Traite de l'origine des romans, Faksimiledruck nach der Erstausg. 1670,
Sammig. Metzler Stuttgt. 1966 S. 95f.
15
a. a. O. 85f.
16
Friedrich von Blanckenburg, Versuch über den Roman, Faksimiledruck nach der
Erstausg. 1774, Sammig. Metzler, Stgt. 1965, S. 365.
166
Dietrich Harth
Mustern auszurichten 17 . Selbst die Einheit von Ökonomik, Ethik und Politik
läßt sich in der Welt der höfisch­historischen Romane noch erkennen, deren
sprechende Titel sie als ,Staats­, Liebes­ und Heldengedichte' ausweisen.
Auch die romanhafte Erzählweise zwischen Barock und Aufklärung stand
noch im Bann des Alten. Man hat aber darauf aufmerksam gemacht, wie sehr
die galanten Romane, die bereits von Bürgerlichen verfaßt wurden, der Über­
setzung aristokratischer Wertvorstellungen in den Kommunikationszusammen­
hang des dritten Standes dienten 18 . Darüber hinaus symbolisierten wohl die in
diesen Erzählungen dominierenden Figuren des Libertin und Intriganten den
Zusammenbruch der ethischen und politischen Ideale der Adelsgesellschaft.
Die frommen Kritiker, die den zersetzenden Effekt solcher Lektüre zu regi­
strieren vermeinten, gaben bereits den antiken Vorbildern die Schuld: ,La
plupart des romans qui nous sont venus de l'antiquite, portent un caractere
de libertinage qui est revoltant pour les personnes d'honneur' 19 . Und die so­
genannte Romantheorie des achtzehnten Jahrhunderts bot nichts anderes als
eine Auseinandersetzung zwischen den traditonellen, zumal dem Klerus an­
gehörigen Verwaltern und Interpreten der Kultur und der neuen Lesergesell­
schaft, die sich anschickte, das autonome Vernunfturteil gegen überkommene
Autoritäten zu setzen, über die Frage welche Qualität die Wirkung der Ro­
manlektüre haben dürfe; eine Auseinandersetzung, die die pragmatische Wir­
kungsdimension des Lesens selbst zunächst nicht in Frage stellte.
Für diesen Tatbestand steht die noch um die Jahrhundertmitte geltende
dogmatische Poetik ein, die in Deutschland vor allem von den professionellen
Lehrern der ,schönen Wissenschaften' (bonae litterae) vertreten wurde. Diese
setzten die akademisch überformte Tradition des Humanismus in ihren Kollegs
über Rhetorik, Poetik und Moral fort. Auch hier stiftete den Zusammenhang
noch ein vorwiegend pädagogisches Interesse, das sich an die traditionellen Me­
thoden hielt. So bemerkt etwa C. F. Geliert, es seien die Regeln der Poesie und
Beredsamkeit, die uns lehren, ,wie wir verfahren müssen, die Welt zu über­
reden, ihr zu gefallen, sie zu rühren' 20 . Mit der philanthropischen Attitüde des­
sen, der die Erziehung und Bildung der Menschheit sich zur Aufgabe macht,
lobt er, da er den Brief als Substitut der mündlichen Rede auffaßt, an Richard­
sons Romanen die gelungene Rhetorik 21 . Nach seiner Ansicht werden die Ro­
17
Auch stofflich hielten sich die Romanautoren gern an die überlieferte Historiogra­
phie. Zumal Lohenstein bewegte sich mit seinem ,Arminius' in der von Conrad
Celtis eingeleiteten patriotisch gefärbten Tacitus­Renaissance.
18
Vgl. H. Singer, Der deutsche Roman zwischen Barock und Rokoko, Literatur und
Leben Bd. 6, 1963; D. Kimpel, Der Roman der Aufklärung, Sammig. Metzler,
Stgt. 1967.
19
Aus der Zeitschrift des Abbe Prevost ,Le Pour et Contre', 1737 X X X I I I 136; zit.
nach W . Krauss, Zur französischen Romantheorie des 18. Jh., in: Perspektiven u.
Probleme. Zur französischen u. deutschen Aufklärung u. a. Aufsätze, Neuwied
1965, S.34.
20
C. F. Geliert, Wie weit sich der Nutzen der Regeln in der Beredsamkeit und Poe­
sie erstreckt, Sämmtliche Schriften, Leipzig 1784, 5. Theil, S. 157.
21
Gellerts Briefe, nebst einer praktischen Abhandlung vom guten Geschmacke in
Briefen, Leipz. 1751.
Romane und ihre Leser
167
mane mittels der rhetorischen Schreibweise erst zu rechten moralpädagogischen
Erbauungsbüchern, die, wie es mit der seit dem Humanismus geläufigen Po­
lemik gegen die »philosophischen Spitzfindigkeiten' heißt, das leisten können,
was nicht in jedem Fall ein Studium sogar der ,schönen Wissenschaften' er­
reicht:
J a ich werde mich nicht verwundern, wenn ein einziges gutes Buch, wenn eine
Clarissa und ein Grandison dem aufmerksamen Leser mehr gute und edle Empfin­
dungen einflößet, als eine ganze Bibliothek moralischer Schriften dem Gelehrten nicht
g i e b t . . .'22
Und eine Bemerkung, die der Erzählerin im ,Leben der schwedischen Grä­
fin von G.' in den Mund gelegt wird, deutet an, mit welchem rhetorischen
Mittel der Erzähler hofft, dem Leser seine Uberzeugungen aufnötigen zu
können:
,Ich weiß, daß es eine von den Haupttugenden einer guten Art zu erzählen ist, wenn
man so erzählt, daß die Leser nicht die Sache zu lesen, sondern selbst zu sehen glauben,
und durch eine abgenötigte Empfindung sich unvermerkt an die Stelle der Person
setzen, welcher die Sache begegnet ist.' 23
Die Figur der Hypotyposis, von Quintilian unter den Elementen der elocutio
abgehandelt 24 , wird in dieser Überlegung zum Stilprinzip erzählender Prosa
erhoben. Geliert hat in der ,Abhandlung vom guten Geschmacke in Briefen'
diesen Grundsatz weiter erläutert 25 . An dieser Stelle wird deutlich, daß er ge­
neigt ist, andere rhetorische Stilmittel zugunsten jener sprachlichen Repräsen­
tation von Geschehen einzuschränken, die auf eine lehrhafte Auslegung des
Erzählten durch den Erzähler selbst verzichtet. Dem Leser wird in diesem
Konzept eine Subjektivität zugestanden, die von der Fiktion ein Höchstmaß
an Realistik erwartet, um in der illusionären Welt des Romans ganz aufgehen
zu können. Abgesehen von dem sozialpsychologischen Inhalt, der später zu
erläutern ist, verweist Gellerts Satz implizite auf gewisse Schwierigkeiten im
Autor­Leser­Verhältnis. Denn dem Lesenden wird konzediert, daß er nicht
einfach von der poetischen Rede sich überwältigen läßt. Vielmehr muß der
Schriftsteller ihn verlocken, mit den dargestellten Personen sich zu identifi­
zieren. Freilich bleibt Geliert noch stark der Tradition verhaftet, und erst
Geliert, Von dem Einflüsse der schönen Wissenschaften auf das Herz und die Sit­
ten, a. a. 0 . 89. Gellerts Polemik befand sich in Übereinstimmung mit der zeitge­
nössischen Ästhetik, die den methodischen Unterschied zwischen Philosophie und
Kunstlehre noch an der traditionellen Differenz von Logik und Rhetorik ausrichtete;
vgl. etwa G. F. Meier, Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften 1748­50 Bd. I,
S. 352: ,Was in der Vernunftlehre die Wissenschaft oder die Fertigkeit zu demon­
strieren ist, das ist in der Aesthetik die Suade.' ­ Hinweise auf den Übergang vom
religiösen Erbauungsbuch zum erbaulichen Roman bei E. D. Becker, Der deutsche
Roman um 1780, Stgt. 1963 und H. Schöffler, Protestantismus und Literatur. Neue
Wege zur englischen Literatur des achtzehnten Jh., Gött. 1958 (2).
Zit. nach dem von F. Brüggemann ed. Text, Deutsche Literatur in Entwicklungs­
reihen, Bd. 5 (Aufklärung), Leipz. 1933, S. 207f.
Inst. orat. IX 2, 40­42.
Belegstellen bei Kimpel a. a. 0 . 75ff.
168
Dietrich Harth
Blanckenburg wird im ,Versuch' eine weitergehende Objektivierung des Ge­
lesenen im Wechselspiel von Einfühlen und Urteilen zur Sprache bringen.
Gellerts Anspruch, mit Hilfe einer bestimmten Schreibweise die Empfindun­
gen' der Lesenden zu regieren, verweist überdies auf einen Begriff von Moral,
der nur noch äußerlich mit der Tradition der praktischen Philosophie in Zu­
sammenhang steht 26 . Denn die Empfindungen beziehen sich als gesellschaft­
liche' auf den privatisierten Bereich eines ,allgemeinen Wohlwollens' gegen­
über den ,Andern', das in der Form gegenseitiger Achtung und menschen­
freundlicher Neigung' dem Anstandsideal christlicher Nächstenliebe nahe­
steht 27 . Exempla politischen Handelns im klassischen Sinne suchte der bürger­
liche Leser Gellerts nicht in der ,schönen Literatur', da sein Interesse ganz auf
jene Intimität eingeschränkt war, die die Philosophie Rousseaus ihm entdeckte.
In deren Betrachtung vertieft, konnte er das Selbstbewußtsein entwickeln,
Privatmann (homme) zu sein, während er vor dem Staat die Rolle des Bürgers
(citoyen) spielte, der aus der Sicherheit heraus, zu einer Gesellschaft' von
Privatleuten zu gehören, den Herrschaftsanspruch des Staates gegenüber eben
dieser Gesellschaft abgrenzte. Sozialgeschichtliche Untersuchungen haben ge­
zeigt, in welchem Maße dieses Selbstbewußtsein der bürgerlichen Gesellschaft,
das in der neuen Öffentlichkeit literarischer Vereine und politischer Debat­
tierclubs ein Forum der Verständigung sich geschaffen hatte, mit der konkreten
Emanzipation des auf den Markt bezogenen Warenverkehrs von staatlichen
Weisungen zusammenhängt 28 . Von den zugrundeliegenden sozioökonomischen
Vorgängen wurden auch die kulturellen Leistungen erfaßt. Und bekanntlich
erhielten Begriffe wie Kultur, Kunst und Literatur in der Folge solcher
Veränderungen erst jene objektivierende Signifikanz, die auch den Waren­
charakter des von ihnen Bezeichneten anzeigt 29 . Diesem die alten Bildungs­
mächte distanzierenden Bedeutungswandel lag wohl das Bewußtsein zugrunde,
einem kontinuierlichen Vergesellschaftungsprozeß anzugehören, der mit der
Entfaltung der Produktivkräfte zugleich die politischen und kulturellen For­
men der Abhängigkeit auflöste zugunsten eines unbegrenzten Fortschreitens
der Zivilisation und der Vernunft.
Den Gang dieses historischen Fortschritts hat Condorcet in seiner ,Esquisse
d'un tableau historique des progres de l'esprit humain' mit größter Klarheit be­
schrieben. Für ihn ist die Geschichte nichts anderes als ein ständiger Kampf
24
W . Hennis, Politik und praktische Philosophie (1963), hat die Auflösung der klas­
sischen praktischen Philosophie im 17718. Jh. am Beispiel der Politik abgehandelt.
Zur Verselbständigung der Ökonomie vgl. O. Brunner, Das ,ganze Haus' und die
alteuropäische ,Ökonomik'. Neue Wege der Sozialgeschichte, Gött. 1956, S. 33ff.
27
Vgl. Gellerts Moralische Vorlesungen, Sämmtliche Schriften, 6. Theil, S. 113f.
28
H. Arendt, Vita activa, Stgt. 1960; J. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit.
Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1965
(2).
2
* Die traditionellen Begriffe (cultura, ars, litteratura) meinten Fertigkeit zur Poiesis,
nicht aber das durch sie Hervorgebrachte. Zur Begriffsgeschichte vgl. Habermas
a. a. O. 48 und die Ansätze bei R. Wittram, Das Interesse an der Geschichte, Gött.
1963 (2), S.33ff.
Romane und ihre Leser
169
zwischen Vernunft und Autorität, der mit dem Triumph der ersteren enden
wird. Im Fortgang der Vernunft, so bemerkt der Autor, bilde die Erfindung
der Typographie ein treibendes Moment, da sie nicht nur die unbegrenzte Ver­
breitung des aufgeklärten Geistes allererst ermögliche, sondern auch den
Leser aus der überredenden Gewalt forensischer Beredsamkeit in die Stille
urteilenden Lesens entlassen habe:
,Was einst nur von wenigen Individuen gelesen worden war, konnte jetzt von
einem ganzen Volke gelesen werden und fast gleichzeitig auf alle Menschen wirken,
welche dieselbe Sprache verstanden. Man kannte nun das Mittel, zu den zerstreuten
Nationen zu sprechen. Und man sah eine neuartige Tribüne entstehen, von der zwar
weniger lebhafte, aber tiefere Eindrücke ausgehen; von der herab man die Leiden­
schaften weniger tyrannisch beherrscht, doch über die Vernunft eine gewissere und
dauerhaftere Macht erlangt; eine Tribüne, bei der aller Vorteil auf seiten der W a h r ­
heit ist, da die dort geübte Kunst an Mitteln der Verführung einzig verlor, was sie an
Möglichkeiten der Aufklärung gewann.' 30
Mit dem Bild der Tribüne trifft der Aufklärungsphilosoph exakt jene ora­
torische Dimension der Schriftsprache, die der Humanist so sehr geschätzt hatte.
An den Antithesen Leidenschaft­Vernunft, Verführung­Aufklärung läßt sich
indessen die historische Differenz der von beiden vertretenen Standpunkte
ablesen. Denn des Franzosen Tribüne gleicht eher dem Katheder der kritischen
Philosophie. Wie sehr man in Deutschland nach der Französischen Revolution
die hier angedeutete aufklärerische Wirkung selbst der Belletristik fürchtete,
bringt biedermännisch des Pfarrers J. R. G. Beyer Pamphlet ,Über das Bücher­
lesen' zum Ausdruck: Argwöhnt er doch, durch die Romanlektüre werde ,ein
Geschöpf gebildet, das mit dem Schöpfer und der Schöpfung immer unzufrie­
den ist; . . . bald an der Obrigkeit und Staatsverwaltung, bald an den Sitten . . .
etwas auszusetzen hat, und alles in der Welt reformiert und umgeschmolzen
haben möchte'31.
Weniger radikal stellt sich der von Condorcet betonte Unterschied in dem
etwa zwei Jahrzehnte früher veröffentlichten .Versuch über den Roman' F. v.
Blankenburgs dar. Ähnlich wie im Traktat des Huet reflektiert hier ein Ken­
ner der Literatur seine Lektüreerfahrungen, um mit ihrer Hilfe ästhetische
Normen zu formulieren, die er künftigen Autoren anempfiehlt. Seine Abhand­
lung bietet mithin eine Illustration der im allgemeinen so schwer greifbaren
Wechselbeziehungen zwischen Leser und Autor. Blanckenburg erweist sich
30
,Ce qui n'etait lu que de quelques individus, a donc pu l'etre d'un peuple entier,
et frapper presque en meme temps tous les hommes qui entendaient la meme langue.
On a connu le moyen de parier aux nations dispersees. On a vu s'etablir une nou­
velle espece de tribune, d'oü se communiquent des impressions moins vives, mais
plus profondes; d'oü l'on exerce un empire moins tyrannique sur lespassions, mais en
obtenant sur la raison une puissance plus süre et plus durable; oü tout l'avantage
est pour la verite, puisque l'art n'a perdu sur les moyens de seduire qu'en gagnant
sur ceux d'eclairer.' Condorcet, Entwurf einer historischen Darstellung der Fort­
schritte des menschlichen Geistes, dt.­franz. Parallelausg., ed. W . Alff, Frankfurt
a. M. 1963, S. 206f.
31
J. R. G. Beyer, Über das Bücherlesen insofern es zum Luxus unserer Zeiten gehört,
in: Acta Academiae electoralis Moguntinae, Erfurt 1796, S. 16ff.
12 GRM 51/2
170
Dietrich Harth
in vielem als gelehriger Schüler der Tradition, der nicht nur in der zeitgenös­
sischen und überlieferten Poetik bewandert ist, sondern auch dem moralpäd­
agogischen Wirkungsmodus der Schriftsprache seine Aufmerksamkeit nicht
versagt 32 . Freilich enthalten seine Überlegungen manchen Hinweis auf ein
verändertes Leserinteresse, das der disparaten Wiedergabe traditioneller Auf­
fassungen in der Abhandlung widerspricht. Zunächst läßt sich eine Affinität
zur bürgerlichen Moral feststellen, die anzuerkennen, dem Aristokraten offen­
bar keine Schwierigkeiten mehr bereitete. Die Rousseausche Unterscheidung
homme­citoyen, die die faktische Trennung von Gesellschaft und Staat indi­
zierte, wird von ihm so gewendet, daß die Faszination für die literarisch ob­
jektivierte ,innre Geschichte' eines einzelnen mit dem Interesse der Privat­
leute an Selbsterkenntnis sich deckt.
Nimmt man die in der Abhandlung verstreuten Bemerkungen über den
Menschen zusammen, so unterscheidet sich dieser auf Grund seiner Subjektivi­
tät vom Objekt ,Bürger'. Er ist Teil der ,von allem, was (ihr) Sitten und Stand
und Zufall geben können, entblößten Menschheit'; sein ,innrer Zustand', seine
,Gefühle' und ,Empfindungen' definieren ihn und lassen ihn als Handelnden
in ,Privatbegebenheiten' erscheinen33. Als Bürger hingegen handelt er in ,öf­
fentlichen Thaten und Begebenheiten'; mit anderen Worten: er ist hier Teil
der res publica. Da nun, so argumentiert der Verfasser, ,die Theilnehmung
der Menschen vorzüglich auf das geht, was den Menschen allein trifft, und
nicht den Menschen als Bürger' 34 , so muß der Autor einer Erzählung, will er
dieser Teilnahme sicher sein, die Darstellung der Subjektivität sich zur Auf­
gabe machen. Infolgedessen wird die ,äußere Geschichte' des Bürgers ersetzt
durch die ,innre' des Menschen, und die quasi­historische Abbildung einer
real zu nehmenden Fiktion weicht dem Ausdruck innerer Zustände in einer
Symbolik des Redens und Handelns.
Konsequent verwirft Blanckenburg die Mischung von Fiktion und Historie.
Innere Geschichte ist nur vorstellbar als Entwicklung. Historie hingegen,
selbst als erfundene, ging über die Köpfe der Romanfiguren hinweg, um deren
konstant gegebene Tugenden in um so glänzenderes Licht zu rücken. Verlieh
solche in den res gestae der Helden abgeschilderte Vorbildlichkeit dem Ro­
man seit je den Charakter eines lehrhaften Erbauungsbuches, so scheint selbst
Blanckenburg an dieser Tradition noch festhalten zu wollen. Rechnet er doch
mit einem Leser, der zur ,schönen Literatur' greift, nicht allein um der Unter­
haltung willen, sondern auch um aus den von ihr dargebotenen ,Beyspielen'
tugendhaften Verhaltens zu lernen. Der Dichter als ,Lehrer des menschlichen
Geschlechts' schreibt aber nun für ein Publikum, dessen introvertiertes Inter­
esse ständische Barrieren verneint; für ein Publikum, das sich selbst als eine
die Menschengattung umfassende Gesellschaft privater Individuen versteht
32
Vgl. K. Wölfel, F. v. Blanckenburgs Versuch über den Roman, in: Deutsche Roman­
theorien, ed. R. Grimm, Frankfurt a. M.­Bonn 1968, S. 29­60.
33
Blanckenburg a. a. 0 . X I I I , XV, 17.
34
a. a. O. XVII.
Romane und ihre Leser 171
und infolgedessen ein besonderes Interesse an der Ausbildung spezifisch ge­
sellschaftlicher Charakterqualitäten hat. Mit Worten, die an Geliert erinnern,
und Vorstellungen aus der Tradition der rhetorischen Affektenlehre evozie­
ren, beschreibt Blanckenburg das Ziel dieser vom Roman ausgehenden Bil­
dung:
,Wenn es gewiß ist, daß alle selbstische Leidenschaften stärker sind, als die ge­
selligen; und die ungeselligen noch stärker als jene: so dünkt mich, daß ­ angenommen
die Erregung aller stehe dem Dichter zu Gebot ­ er vorzüglich auf die Anbauung und
Ausbildung derjenigen denken soll, die schwerer in uns erweckt werden können, weil
sie schwächer in uns sind. Und wenn dies die geselligen sind, so sind dies auch zu­
gleich diejenigen, die zur Vervollkommnung unseres Daseyns das mehrste bey­
tragen.' 35
Deutlicher als Geliert macht der Verfasser des ,Versuchs' mit diesen Worten
die Bildung der Menschheit zur Gesellschaft, deren Individuen ihre Einzel­
interessen einem gemeinsamen Wohlverhalten im Sinne sittlicher Eudämonie
unterordnen, dem Dichter zur Norm.
Obwohl Blanckenburg in diesem Zusammenhang noch am affektiven Wir­
kungsgehalt der poetischen Sprache festhält, so hat er doch an anderer Stelle
dem Leser das kognitive Vermögen zugestanden, vom überredenden Zugriff
der ,schönen Literatur' sich frei zu machen. Er wendet sich dort entschieden
gegen eine Schreibweise, die, wie er an den Romanen Richardsons nachzuwei­
sen sucht, den Leser bloß in ,Empfindungen' verstrickt, ohne den Kausalzu­
sammenhang ihrer Entwicklung ihm aufzudecken. Genügt die Darstellung in­
dessen dem als Kette von Wirkung und Ursache vorgestellten Entwicklungs­
modell, so wird von ihr ein gleichsam reflektorischer Impuls auf den Leser
ausgehen, der ihn zwingt, urteilend aus dem Identifikationsschema heraus­
zuspringen. Blanckenburg erläutert diesen Vorgang an einem Beispiel, das
hier in verkürzter Form wiedergegeben wird:
,Man lese die höchst anziehende, und durch die zauberische Einbildungskraft des
Dichters so verführerisch ausgemalte Scene im Agathon, wo Danae ihren Liebling mit
einem Concert unterhält; eine Scene, deren Inhalt gewiß das Herz der Leser in sehr
angenehme Bewegungen setzt . . . Mit jedem Augenblick wird diese Musik an­
ziehender für mich, weil ich sehr gewiß, mit der Kenntnis, die ich vom Agathon
habe, weis, daß sie es für ihn wird; ich fühle mit ihm . . . Ich erwache gleichsam von
meinen süßen Träumen, in die mich der Dichter versetzt hatte . . . Ich lerne mein Urteil
über den Werth ähnlicher Scenen berichtigen; ich lerne meine Empfindungen richtig
schätzen; ­ i c h h a b e m i c h a l s e i n v e r n ü n f t i g e r M e n s c h b e y d i e s e r
Scene vergnügt.'36
Das Beispiel umschreibt annähernd das, was mit dem Begriff Reflexion ge­
meint ist. Denn der Lesende, dessen Vorstellungsvermögen eben noch in den
Bann der Fiktion gezogen wird, kommt auf sich zurück, indem er seine eigenen
Empfindungen gleichsam vergegenständlicht im Bild des Romanhelden vor
Augen hat. In den Empfindungen des Anderen wird er auf sich selbst ver­
wiesen und instandgesetzt, seine auf solche Weise objektivierte Subjektivität
35
36
a. a. 0 . 330f.
a. a. 0 . 360f.
12*
172
Dietrich Harth
,vernünftig' zu beurteilen. Diesen Vorgang, den wir geneigt sind, als dialek­
tischen zu begreifen, hat Blanckenburg freilich noch nach dem Muster eines
diskursiven Erkenntnisweges interpretiert, der in den Schritten ,ich fühle mit
ihm . . . ich erwache . . . ich lerne' sich entfaltet. Gleichwohl läßt sich diese
Ästhetik des Lesens sicher zu Recht in die Vorgeschichte jener Bildungsromane
einordnen, die selbst dem Modell der Reflexionsphilosophie so nahe stehen.
Was die Autoren dieser Erzählungen in der Lebensgeschichte ihrer Haupt­
figuren thematisieren, das rechnet der Verfasser des ,Versuchs' noch zum all­
gemeinen Verdienst des Dichters: ,daß er das Innre des Menschen aufklärt,
und ihn sich selber kennen lehrt' 37 .
In solchen Sätzen tritt die veränderte Einstellung auch gegenüber der in der
Abhandlung ausgebreiteten Tradition offen zutage. Denn nach dieser Auf­
fassung setzen sich während des Lesens nicht mehr gleichsam von oben herab
normative Leitbilder durch, die in der Sprache der Rhetorik die Lesenden zur
Ubereinkunft mit dem Mitgeteilten, ja zur mimetischen Nachfolge nötigen.
Blanckenburgs Renkender Leser' durchbricht vielmehr die bannende Unmittel­
barkeit des in der Sprache Dargestellten, indem er seiner Distanz vom Helden,
der seinerseits ,nicht so schnell erwachen kann . . . er, der aus dem süßen Traum
in noch süßere verfällt', inne wird 38 . Die Rolle, die dabei der Vernunft zu­
kommt, entspricht etwa der des aufgeklärten Lesens bei Condorcet. Anders
als dieser hat Blanckenburg jedoch nicht die dumpfe Regung der ,Empfindun­
gen' verleugnet, weil offenbar sie es sind, die jene Subjektivität konstituieren,
deren Aufklärung die ,Menschen' als solche wünschen. Selbst dieser Lese­
haltung liegt demnach ein praktisches Interesse zugrunde, das konkret sich
manifestiert, wo die während der Lektüre gewonnene Selbsterkenntnis in den
Lebenszusammenhang der als Privatleute einander gegenübertretenden Indi­
viduen zurückwirkt 39 .
Einen konkreten Rückhalt mochte diese Einstellung in den im späten acht­
zehnten Jahrhundert aufkommenden Formen bürgerlicher Geselligkeit finden,
die weder den sozialen Rang der Teilnehmenden noch das Ansehen ihrer
Ämter gelten ließen. In Kaffeehäusern, Salons und Lesegesellschaften begeg­
neten sich Aristokraten und Bürger, um, über alte Schranken sozialer Vor­
urteile hinweg, den Sinn des Allgemeinmenschlichen, der Humanität, zu su­
chen und zu bereden 40 . Nicht zufällig sammelte sich dieses scheinbar a­soziale,
in Wahrheit so sehr vergesellschaftende Interesse um den Brennpunkt der
Romanliteratur. Hatte diese doch in ihrer neuen Unabhängigkeit vom Mäze­
natentum ihre herrschaftsrepräsentierenden Funktionen aufgegeben zugunsten
jener auch von Geliert und Blanckenburg geschätzten Psychologie, die die bloß
,menschlichen' Seiten ihrer Geschöpfe den Lesern darbot. Wielands Absicht,
37
a. a. O. 356.
a. a. 0 . 362.
39
Blanckenburg erläutert das nicht nur am Effekt der .geselligen Leidenschaften',
sondern auch an dem Ineinander von Wirkung und Ursache, wobei Handlungen
als Wirkungen innerer Ursachen auftreten können und umgekehrt.
i0
Vgl. Habermas a. a. O. 55S.
38
Romane und ihre Leser
173
,die Beschaffenheit des menschlichen Herzens, die Natur einer jeden Leiden­
schaft' darzustellen, war die der meisten zeitgenössischen Romanciers. Ihre
Werke zeichneten die ,Seelengeschichte' eines ,wirklichen Menschen' nach, ,in
welchem viele ihr eigenes (Bild) und Alle die Hauptzüge der menschlichen Na­
tur erkennen' sollten41. Vom Bestreben angeleitet, die individuellen wie all­
gemeinen Qualitäten der im Konkurrenzkampf der sozialökonomischen Exi­
stenzen sich regenden Subjektivität zu begreifen, vertieften sich die Privatleute
in die sogenannte schöne Literatur, deren Sprache ihnen Selbsterkenntnis ver­
hieß.
Freilich verweisen die von den Lesegesellschaften gepflegten Bemühungen
um den Sinn der zeitgenössischen und überlieferten Literatur auch auf das ver­
änderte Problembewußtsein derer, die zu verstehen suchten. Denn Interpreta­
tionen, wie sie in diesen Institutionen geübt wurden, werden erst dann not­
wendig, wenn das natürliche Verstehen nicht ohne weiteres sich einstellt. Daß
dies für das Verhältnis zwischen Leser und Autor jener Zeit zutrifft, belegen
zahlreiche Klagen der Schriftsteller über die ihnen entgegengebrachten Miß­
verständnisse. Viele Autoren äußerten eine sehr negative Meinung über ihre
Leser. Lichtenbergs sarkastisches aufs Lesen gemünztes Wort, wenn ein Affe
in den Spiegel blicke, könne kein Apostel herausschauen, mag manchen Litera­
ten befriedigt haben. Wieland schrieb Verschiedenes über den Leser', worin
er wünschte, derselbe möge ,besser lesen lernen'; bitter und unversöhnlich
klingt sein Vorwurf des Antiintellektualismus 42 . Goethe endlich bemerkte
rückblickend auf die Wirkung seines ersten Romans, daß ,Autoren und Pu­
blikum durch eine ungeheure Kluft getrennt sind' 43 .
Die Entfremdung von Literatur und praktischem Bewußtsein hat endgültig
die romantische Hermeneutik konstatiert, da sie das einzelne Werk in eine
Fremdheit zurücksinken sah, die deutend zu durchdringen, nur der Kenner
in der Lage sei. Mit Hilfe historischen und philologischen Wissens macht der
,Kritiker' sich, wie A. W . Schlegel in der Vorrede zu den kritischen Schriften
darlegt, zum Mittler, dessen Ziel es ist, die ,begeisterte Bewunderung' des
Lesers zu ,besonnener Klarheit' hinzuführen. Zumal auf das ,romantische Buch'
selbst trifft die Notwendigkeit solch deutender Vermittlung in besonderem
Maße zu. Und der Verfasser der ,Lucinde' scheint auf einen Übergang von
praktischer zu theoretischer Vernunft im Roman anzuspielen, da er bemerkt:
,Die Romane sind die sokratischen Dialoge unserer Zeit. In diese liberale Form hat
sich die Lebensweisheit vor der Schulweisheit geflüchtet.' 44
Chr. M. Wieland, Vorbericht zur ersten Ausgabe der Geschichte des Agathon von
1766/67, in: Ausgewählte Werke, ed. Beißner, Bd. II, München 1964, S. 8f.
Im ,Gespräch zwischen Autor und Leser' heißt es zum Schluß: ,Autor: Sie haben
Recht so zu denken, denn Ihre Hausthür liegt in Deutschland, wo man nicht glaubt,
daß etwas zur Fruchtbarkeit des Landes beitragen kann, das nicht sogleich in der
Gestalt als Mist erscheint. Man glaubt bei uns sowenig an den Einfluß der Intel­
lectuellen, als der Bauer an die Gegenwart der Luft denkt, wenn der Wind nicht
geht.' Wielands sämmtliche Werke, 36. Bd., Leipz. 1858, S. 345.
Dichtung und Wahrheit, Cottasche Jubiläumsausgabe, Bd. 24, S. 176.
Lyceumsfragment 26, Krit. Ausg. Bd. I (1967), S. 149.
174
Dietrich Harth
Zwar konzediert der Aphorismus dem Roman noch einen praktischen Ge­
halt, doch ist dieser nicht mehr verbürgt, wie aus dem Hinweis auf die soma­
tischen Dialoge hervorgeht. Haben diese doch Überkommenes in Frage gestellt,
um auf solche Weise die Suche nach Wahrheit in Gang zu setzen. So verstan­
den, konnte der Roman nicht mehr als moralisches Erbauungsbuch angesehen
werden. Vielmehr verwendeten die Romantiker die alte Form im Sinne eines
Erkenntnismittels, das erklärtermaßen Poesie mit Philosophie verknüpfte.
Nach dieser Auffassung hatte die poetische Schriftsprache ihre unmittelbar
wirkende Überzeugungskraft eingebüßt. Und das Lesen wurde zu einem Pro­
blem, dessen Lösung zur Reflexion auf den Begriff der Sprache und des von
ihr Bedeuteten Anlaß gab. Der Sinn dessen, was in der literarischen Kunst­
sprache sich objektiviert, konnte nicht naiv mehr angeeignet werden, da die
Poesie selbst als ein zwischen Subjekt und Realität ­ mit den Worten des Ro­
mantikers: zwischen Darstellendem und Dargestelltem 45 ­ stehendes Medium
galt, das grammatische Struktur besaß. Diese Struktur galt es im Lesen auf­
zubrechen, um zur Erkenntnis des geistigen Gehalts zu gelangen: ,Buchstabe
ist fixierter Geist, Lesen heißt, gebundenen Geist frei machen' 46 . Nach Fried­
rich Schlegel verfolgt daher die Suche nach dem Sinn geistiger Gebilde ihr
Ziel mit Hilfe einer Methode, die grammatische Struktur und kognitiven
Gehalt gleichermaßen berücksichtigt: ,In der Kritik ist die Hochzeit der Phi­
lologie und Philosophie zur Konstitution der Wahrheit' 4 7 .
Was F. Schlegel noch mit dem Ausdruck Kritik bezeichnet, entspricht jener
Hermeneutik, die Friedrich D. E. Schleiermacher als Kunstlehre des Verstehens
systematisch zu entwickeln suchte. Voraussetzung für ihn wie für Schlegel war
das Bewußtsein der Fremdheit der Texte und der damit gegebenen Gefahr,
sie mißzuverstehen. Denn die Werke der Literatur galten als Ausdruck je für
sich seiender Subjekte oder als Individuen vorgestellter Volksgeister. Jene
naive Gleichzeitigkeit zwischen Lesendem und Gelesenem, die dem früheren
Leser noch wie von selber sich einstellte, sollte infolgedessen nun als idelle
durch einen psychologistisch verstandenen Akt der Selbstentäußerung zustande­
gebracht werden, den die hermeneutische Kunstlehre als ,Divination' metho­
disch in Zucht nahm:
,Die divinatorische (Methode) ist die welche indem man sich selbst gleichsam in den
andern verwandelt, das individuelle unmittelbar aufzufassen sucht.'48
Des Lesers Aufmerksamkeit richtet sich demzufolge weniger auf die ,Re­
45
Die ,romantische Posie' kann ,am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Dar­
stellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poeti­
schen Reflexion in der Mitte schweben . . .', Athenäumsfragment 116, a. a. 0 . 182.
46
F. Schlegel, zit. nach H. Nüsse, Die Sprachtheorie Friedrich Schlegels, German. Bibl.
3. R., Heidelbg. 1962, S. 105.
47
Zit. nach Nüsse a. a. 0 . 107.
48
F. D. E. Schleiermacher, Hermeneutik, nach den Handschriften neu hrsg. u. eingeleit.
v. H. Kimmerle, Abh. d. Heidelbg. Akad. d. Wissensch., 1959, S. 109. Zur Vor­
geschichte der Hermeneutik bei Hamann und Herder vgl. S. v. Lempicki, Geschichte
der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 18. Jh., Gött. 1920.
Romane und ihre Leser
175
alität' der Fiktion als auf das vom Autor Gemeinte. /Verwandelt' er sich doch
in diesen und nicht in den Helden.
Der kurze Hinweis auf die romantische Hermeneutik kann im Zusammen­
hang der hier erörterten Frage lediglich andeuten, in welchem Maß das histo­
risch aufgeklärte Bewußtsein des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts an
der Auflösung der traditionalistischen Lesehaltung mitgewirkt hat. Blanken­
burg konnte noch leidlich die naive Gleichzeitigkeit zwischen Lesendem und
Gelesenem behaupten, um im Wechsel von Empathie und Reflexion einen
praktischen, nämlich aufklärerischen Zweck zu verfolgen. Schleiermacher hin­
gegen mißtraute bereits dem ehemals quasi­realistisch verbrieften Sinn des
sprachlich Dargestellten, dessen Ausdruck den Leser rührte und erzog. Seine
Hermeneutik begnügte sich mit dem erkennenden Nachvollziehen des apo­
kryphen Sinnes. So hat er auch darauf verzichtet, pädagogisch ,anwenden' zu
wollen, was einmal verstanden war. Deutlich unterscheidet er sich in diesem
Punkt von jener Auslegungspraxis, die aus der Absicht der humanistischen
Textexplikation hervorging, die überlieferten Gehalte zumal der moralphilo­
sophischen Literatur per interpretationem in den Lebenszusammenhang zu
übersetzen49.
Das damit verfolgte Ziel, verbindliche Muster des Redens und Handelns
zu tradieren, war, wie gezeigt wurde, noch das der frühen Romane. Erst unter
dem Eindruck einer allmählichen historischen Objektivierung der Traditionen
vollzog sich jene Ästhetisierung der sprachlichen Gebilde, die die Möglichkeit,
sie falsch oder nicht zu verstehen einschloß. Die nach dem Modell intersubjek­
tiver Kommunikation verfahrende Hermeneutik nahm diese Entfremdung
zwischen den Individuen, hier zwischen Autor und Leser, ebenso ernst wie die
Romanautoren selber. Dichtung war, das ahnten sie, auf den Leser als Ver­
stehenden angewiesen, dem selbst Eichendorffs Absicht, die ,stumme Bedeu­
tung' der Welt zum Klingen zu bringen, eine über das natürliche Verstehen
hinausgehende Wirklichkeitserfahrung versprach. Deutlicher noch sah Jean
Paul im Roman ein Mittel, dem Leser Welt zu erschließen. Kennzeichnend
für den zugrundeliegenden Wandel in der Geschichte des Lesens ist seine
Polemik gegen jene traditionelle Erzählweise, die, wie er meinte, in der Form
des ,unversifizierten Lehrgedichts' exemplarische Verhaltensmuster bot. Solche
Romane wirkten auf ihn wie kontingente Einkleidungen handfester Erziehungs­
lehren: ,der Poet gab den Lesern, wie Basedow den Kindern, gebackene Buch­
staben zu essen'50. Ironisch distanziert sich Jean Paul mit dieser Bemerkung
von jener vorgespiegelten Unmittelbarkeit der Fiktionen, die ein ungebro­
chenes Verhältnis des Lesenden zum Gelesenen noch voraussetzte. Er selbst
hingegen ordnet die Lehren solcher Bücher einer in Zeichen hervortetenden
Realität zu, die zu entziffern das Geschäft der romantischen Poesie sei:
,Und überhaupt was heißet denn Lehren geben? Bloße Zeichen geben; aber voll
Zeidien steht j a schon die ganze Welt, die ganze Zeit; das Lesen dieser Buchstaben
49
Gadamer (a. a. 0.) hat diesen Wirkungszusammenhang und seine Auflösung in
einer für die Geschichte der Geisteswissenschaften klärenden Weise dargestellt.
50
Vorschule der Ästhetik § 69, Werke, ed. N. Miller, München 1967, S. 250.
176
Dietrich Harth
eben fehlt; wir wollen ein Wörterbuch und eine Sprachlehre der Zeichen. Die Poesie
lehrt lesen, indes der bloße Lehrer mehr unter die Ziffern als Entzifferungskanzlisten
gehört.' 51
Dichtung macht sich mit dem Ziel, Wirklichkeit zu übersetzen, zum Medium
der Interpretation, das Realität nicht substituieren will, sondern deutet. In­
dem die Poesie auf solche Weise der unmittelbaren Einflußnahme auf den
Leser als redendes und handelndes Subjekt sich entschlägt, verlagert sie den
alten Bildungsanspruch des Romans auf eine reflektiertere Ebene. Ähnlich
wie E. T. A. Hoffmann in der ,Prinzessin Brambilla' läßt Jean Paul den Leser
ständig ir> seinen Werken auftreten. Die poetische Reflexion formt ihn sich hier
zum Ideal, das jener ästhetische Schein umgibt, der die Erzählung auch für
den realen Leser als Phantasiegebilde kennzeichnet52. Nur bei Strafe des Ideo­
logieverdachts konnte der Leser nach diesem Vorgang die Sprache der Fiktion
noch mit der Realität verwechseln. Und doch haben die meisten Autoren der
Folgezeit darauf bestanden, dieses falsche Bewußtsein mit allen Mitteln der
Verführung zu konservieren. Freilich machte sich gleichzeitig auch ein tiefes
Unbehagen über diese zu gedankenlosem Konsum verleitende Einstellung
breit, das im Kampf gegen ästhetische Konventionen Ausdruck fand. Mallar­
mes Absicht, die phänomenalen Aspekte von Buch und Schrift so zu verfrem­
den, daß der Leser allein durch das optische Bild aufs Artistische der Dichtung
verwiesen wird, markiert eine, man möchte meinen, verzweifelte Seite dieses
Kampfes. Konsequenter verfuhren diejenigen, die ihre literarischen Sprach­
spiele 53 gegen die tradierte, auf den Horizont der gesellschaftlichen Bildungs­
schicht zugeschnittene Grammatik der Literatursprache organisierten, die weit
bis ins zwanzigste Jahrhundert das allgemeine Muster der Erzählliteratur
bildete. Solche Versuche, für die Joyce's Bücher paradigmatisch sind, liefen
freilich Gefahr, monologisch den Rapport zum großen Publikum abzuschnei­
den. Parallel dazu bot in Frankreich Marcel Proust noch einmal ein hoch­
stilisiertes Beispiel jener Schreibweise, die so sehr dem kultivierten Parlando
bürgerlicher Geselligkeit verhaftet war. Für ihn war der Leser noch der mit
der literarischen Tradition und deren Sprachregeln vertraute Partner, dessen
Selbstreflexion mit der lesenden Reproduktion des Berichteten einsetzte:
,InWirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser seiner selbst. Das Werk
des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor
dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht
hätte erschauen können.' 54
51
Ebd.
Zu Hoffmann vgl. die Interpretationen bei I. Strohschneider­Kohrs, Die romanti­
sche Ironie in Theorie und Gestaltung, Tüb. 1960 (Hermaea 6), S. 392ff. Zu Jean
Paul: H. Ehrenzeller, Studien zur Romanvorrede von Grimmelshausen bis Jean
Paul, Basler Studien 16, Bern 1955, S. 159ff.
53
Dieser Begriff wird hier in dem von Wittgenstein eingeführten Sinne verwendet;
Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a. M. 1967, S. 24f. Hier findet sich auch
das Sprachspiel: ,Eine Geschichte erfinden; und lesen ­ ' .
54
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Werkausg. ed. suhrkamp Bd. 13, S. 329.
52
Romane und ihre Leser
177
Nehmen solche Sätze die hermeneutische Situation, in welcher Leser und
Autor sich befinden, noch als gegeben an, so läßt sich dieser Optimismus we­
nige Jahrzehnte später offenbar nicht mehr vertreten, wie jener eingangs zi­
tierte Argwohn anzudeuten scheint. Denn der Nouveau Roman kündigt zu­
gleich mit dem Infragestellen der Zentralgestalt, auf die die Beziehungen
zwischen Autor und Leser fixiert waren, das traditionelle Einverständnis über
den Sinn literarischer Sprachspiele auf. Wie dieses aussah, beschreibt noch
einmal in didaktischer Absicht eine Passage aus Robbe­Grillets ,La Jalousie':
,Nie haben sie (die Leser) in bezug auf den Roman das geringste Werturteil geäußert,
sie haben im Gegenteil von den Orten, den Ereignissen und den Personen gesprochen,
als handelte es sich um Wirklichkeiten, um eine Ortschaft, an die sie sich erinnerten
(...), um Leute, die sie dort gekannt hätten oder deren Geschichte man ihnen erzählt
hätte. Bei ihren Diskussionen hüteten sie sich stets davor, die Wahrscheinlichkeit, den
Zusammenhang oder irgendeine Qualität der Erzählung zu erwägen. Dagegen neigen
sie oft dazu, den Helden selbst gewisse Handlungen oder gewisse Charakterzüge vor­
zuwerfen, wie sie es bei gemeinsamen Freunden tun würden.' 55
Diese Charakteristik des Lesens bezieht sich im Roman auf das Gespräch
der Figuren A. und Franck über ein Buch, das beide lesen. In Wahrheit gilt sie
dem allgemeinen Leser, der darauf aufmerksam gemacht wird, daß er in ein
Sprachspiel sich eingelassen hat, dessen Regeln mit den Erwartungen, die er
gegenüber der Wirklichkeit hegt, nicht übereinstimmen. Während eben noch
die Romanfiguren die Möglichkeit verschieden vorgestellter Handlungsab­
läufe angesichts der ,Realität' der von ihnen diskutierten Erzählung verwar­
fen, zeigt der Autor Robbe­Grillet seinem Leser auf der folgenden Seite, daß
die Sprache der Imagination solche Grenzen nicht kennt: Ein bestimmtes, im
Roman andeutend berichtetes Geschehen bietet sich dem Leser in einer Reihe
widersprüchlicher Versionen dar, für die eine erklärende Auflösung unter­
bleibt.
In einem seiner Essays kommentiert Robbe­Grillet dieses Verfahren mit
folgenden Worten:
,Die Schreibweise des Romans ist nicht darauf angelegt zu informieren, . . . sie kon­
stituiert Realität . . . sie ist ständige Erfindung und unaufhörliche Infragestellung.' 56
Dem sprachlichen Experimentieren mit sekundären, nämlich imaginierten
Realitäten liegt der Verdacht zugrunde, die primäre Wirklichkeit, die in der
Umgangssprache sich konstituiert, sei sinnlos:
A. Robbe­Grillet, Die Jalousie oder die Eifersucht, übersetzt von E. Tophoven, Rec­
lam 8992/93, S. 44f.
,L'ecriture romanesque ne vise pas ä informer, comme le fait la chronique, le te­
moignage, ou la relation scientifique, eile c o n s t i t u e la realite. Elle ne sait jamais
ce qu'elle cherche, eile ignore ce qu'elle a ä dire; eile est invention, invention du
monde et de l'homme, invention constante et perpetuelle remise en question.' Du
Realisme ä la Realite, in: Pour un Nouveau Roman, collection idees, Paris 1967,
S. 175; dt. von H. Scheffel, A. Robbe­Grillet, Argumente für einen neuen Roman.
Essays, München 1965, S. 113.
178
Dietrich Harth
,Hat die Wirklichkeit einen Sinn? Der heutige Künstler kann auf diese Frage keine
Antwort geben: er weiß es nicht.' 57
E i n e n w e n n auch v a g e n Sinn bezieht d e r n e u e R o m a n f ü r d e n Leser indessen
nicht n u r aus d e r D a r s t e l l u n g des Sinnlosigkeitsverdachtes selbst, s o n d e r n auch
aus d e r in i h m t h e m a t i s i e r t e n Suche nach dessen A u f h e b u n g . Es ist n u r folge­
richtig, w e n n d a m i t die Suche nach I d e n t i t ä t gekoppelt ist, d a der A u t o r , d e r
seine Sprache d a u e r n d b e w u ß t i n f r a g e s t e l l t , f ü r die E i n h e i t seines Ich zu fürch­
ten h a t . Z u d e m belasten solche S p r a c h e x p e r i m e n t e das o h n e h i n brüchige V e r ­
h ä l t n i s z u m Leser. D i e d e n A u t o r e n e n t g e g e n g e b r a c h t e n M i ß v e r s t ä n d n i s s e ,
die aufzudecken sie in s t ä n d i g e r S e l b s t k o m m e n t i e r u n g b e m ü h t sind, illustrie­
r e n nicht n u r die Macht stereotyper, in j a h r h u n d e r t e a l t e n T r a d i t i o n e n einge­
schliffener L e s e h a l t u n g e n , sie kennzeichnen auch die G r e n z e literarischer
W i r k s a m k e i t heute. W o E r f i n d e n u n d I n f r a g e s t e l l e n literarischer Sprachspiele
sich selbst z u m T h e m a w e r d e n , w i e in ,Dans le L a b y r i n t h e ' 5 8 , d r o h t die S p r a ­
che in einen Solipsismus umzuschlagen, f ü r dessen f o r m a l e Artistik Interesse
a u f z u b r i n g e n , d e r a l l g e m e i n e Leser sich weigert. D e r v o n Ollier aufgezeigte
W e g ins Nichts w ä r e in d e r T a t die letzte Konsequenz einer so r a d i k a l p r i v a t i ­
sierten L i t e r a t u r s p r a c h e . Indessen ist zu e r i n n e r n , d a ß die a b s u r d e Verwechs­
l u n g v o n L i t e r a t u r u n d W i r k l i c h k e i t im e i n g a n g s zitierten H ö r s p i e l n u r ge­
lingt, weil d e r Leser bereit ist, aus d e r L e k t ü r e zu lernen. Dieser T a t b e s t a n d
w i r d schließlich v o n allen A u t o r e n als noch gegeben vorausgesetzt. U n d v o r a b
a n ihn k n ü p f t Michel Butors O p t i m i s m u s an, das aufklärerische Ziel selbst der
Ideologiekritik m i t d e n M i t t e l n d e r L i t e r a t u r zu v e r f o l g e n :
,Die Romandichtung ist also etwas, durch dessen Vermittlung sich die Wirklichkeit
in ihrer Gesamtheit ihrer selbst bewußt werden kann, um an sich Kritik zu üben und
sich zu verändern.' 59
D i e Reflexion auf d e n Leser u n d zugleich auf die hermeneutische K r a f t der
L i t e r a t u r s p r a c h e begleitet alle Ü b e r l e g u n g e n des A u t o r s Butor. G e h t er doch
letzten E n d e s v o n d e r Ü b e r z e u g u n g aus, allein die Sprache des R o m a n s sei
i m s t a n d e , j e n e D e f o r m a t i o n d e r U m g a n g s s p r a c h e rückgängig zu machen, die
die gesellschaftlichen Pressionen erzwingen. Ins V e r j ü n g u n g s b a d einer L i t e ­
r a t u r s p r a c h e getaucht, d i e f r e i v o m Z w a n g , empirisch sich legitimieren zu
müssen, einer reflexiven L o g i k gehorcht, v e r m a g der Leser durch die E n t z e r ­
r u n g umgangssprachlich v e r f e s t i g t e r E i n s t e l l u n g e n hindurch zu sich selbst zu
finden. ,Der R o m a n c i e r , d e r sich weigert, diese A r b e i t zu leisten, d e r keine
G e w o h n h e i t e n bricht, d e r v o n seinem Leser keine b e s o n d e r e A n s t r e n g u n g
v e r l a n g t , i h n nicht zu einer E i n k e h r , zu einem I n f r a g e s t e l l e n aller seit l a n g e m
e r w o r b e n e n Positionen zwingt, h a t g e w i ß einen leichteren E r f o l g , aber er w i r d
57
,La realite a­t­elle un sens? L'artiste contemporain ne peut repondre ä cette que­
stion: il n'en sait rien.' a. a. O. 152; dt. von W . Spiess, a. a. 0 . 90.
Vgl. die Interpretation bei B. Morrissette, Les romans de Robbe­Grillet, Paris 1963.
59
,La poesie romanesque est donc ce par l'intermediaire de quoi la realite dans son
ensemble peut prendre conscience d'elle­meme pour se critiquer et se transformer.'
Repertoire II, Paris 1964, S. 26; dt. v. H. Scheffel, München 1965, S. 37.
58
Romane und ihre Leser
179
zum Helfershelfer des tiefen Unbehagens und der finsteren Nacht, in der wir
uns abmühen' 60 .
Butor greift, wie es scheint, die Problematik von Roman und Leser da wie­
der auf, wo die Romantiker sie unbewältigt zurückließen. Auch er sucht die
Versöhnung von Philosophie und Poesie ins Werk zu setzen. Freilich sieht er
in ihnen jene Bereiche der Reflexion und der Phantasie, die die Gesellschaft
längst geächtet hat. Ins geläuterte Medium der Romansprache aufgehoben,
sollen sie über das Bewußtsein der Leser in den Lebenszusammenhang zu­
rückwirken. Der Autor weiß indessen, daß solche Wirkung nur im Sinne in­
tensiver Sprachkritik sich entfalten läßt, die den Leser zur Reflexion auf die
in Klischees und Stereotypen überlieferten Zerrformen der Wirklichkeit ver­
anlaßt. Nicht die Realität bedarf der Interpretation, sondern die sie konstitu­
ierende Sprache. Denn die ,Gewohnheiten' und ,seit langem erworbenen Posi­
tionen', die der Romancier sich anschickt in Frage zu stellen, sind nichts anderes
als die umgangssprachlich eingelebten, mithin unbewußt befolgten Regeln
bestimmter traditioneller Sprachspielgrammatiken. Indem er deren Regel­
zwang durchbricht, hofft der neue Autor, seinen Leser in jene hermeneutische
Situation wieder einzuführen, die zugleich mit dem Textverständnis den Pro­
zeß bewußten Selbstverstehens einleitet. Mit dieser sprachtherapeutischen
Funktion rückt der Roman in die Nähe der psychoanalytischen Tiefenherme­
neutik; und nicht von ungefähr stehen manche Bücher Butors auch formal in
der Nachbarschaft jener autobiographischen Rechenschaftsberichte, wie sie der
Psychoanalytiker von seinem Patienten fordert. Ja wie der Kranke vom Arzt, so
erwartet auch der Autor, die Rollen vertauschend, vom Leser die Interpreta­
tionshilfe auf der Suche nach Identität, die er selbst glaubt ihm gewähren zu
können:
Die ,im Innern des Buches erfolgende Reflexion ist nur der Beginn einer öffentlichen
Reflexion, die dem Schriftsteller selbst Aufklärung bringt. Es geht ihm darum, sich
selbst zu formen, seinem Leben eine Einheit und seinem Dasein einen Sinn zu geben.
Doch er kann ihm diesen Sinn nicht allein geben, dieser Sinn liegt in der Antwort auf
die Frage: Was ist ein Roman?, eine Antwort, die allmählich von den Menschen ge­
funden wird.' 61
Der traditionelle Gestus des Priesters und Pädagogen wird vom Autor auf­
gegeben. Der Sinn nicht nur der Wirklichkeit, sondern der sie konstituieren­
den Medien selbst steht zur Debatte. Autor und Leser sind nun bewußt in jene
kommunikative Wechselbeziehung eingetreten, die uneingestanden beider
Tun schon immer bestimmte. Ob es ihnen gelingt, diesseits der von Ollier ge­
zogenen Grenze zum Absurden ein neues Leben zu beginnen, wird wohl von
gesellschaftlichen Veränderungen abhängen, die herbeizuführen, kaum in der
Macht der Literatur steht.
60
61
Repertoire I, Paris 1960, S. 9; dt. v. H. Scheffel, München 1963, S. lOf.
,Mais cette reflexion qui se produit ä l'interieur du livre n'est que le commencement
d'une reflexion publique qui va eclairer l'ecrivain lui­meme. II cherche ä se con­
stituer, ä donner une unite ä sa vie, un sens ä son existence. Ce sens, il ne peut
evidemment le donner tout seul; ce sens c'est la reponse meme que trouve peu ä
peu parmi les hommes cette question qu'est un roman.' a. a. 0 . 274; dt. Text a. a. 0 .
176f.
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