Ohne Grenzen Tagungsband zum XXXII Kunsthistorikertag 2013

Ohne Grenzen Tagungsband zum XXXII Kunsthistorikertag 2013
Umschlag_Greifswald.indd1
11.03.201317:42:29
Tagungsband
Tagungsband
Universität Greifswald
20.– 24. März 2013
XXXII.
Deutscher
Kunsthistorikertag
hne
renzen
XXXII. Deutscher Kunsthistorikertag
7
2
3
5
10
1
4
9
6
Umschlag_Greifswald.indd2
1 Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
2 Hauptgebäude der Universität
3 Hörsaalgebäude / Audimax
4 Rathaus
5 Dom St. Nikolai
6 Pommersches Landesmuseum
7 Bahnhof
8 Abfahrt Busexkusionen
9 Treffpunkt Stadtführung A und B
10 Kulturverein Polly Faber e.V.
8
Stadtplan
11.03.201317:42:29
OHNE GRENZEN
XXXII. Deutscher Kunsthistorikertag
Universität Greifswald
20.–24. März 2013
Tagungsband
Grußwort des Ministerpräsidenten Erwin
Sellering zum 32. Deutschen Kunsthistorikertag
in Greifswald
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich begrüße Sie herzlich in der wunderschönen Hansestadt Greifswald.
Gern habe ich die Schirmherrschaft übernommen. Sie haben sich für Ihre
Tagung genau den richtigen Ort ausgewählt. Die Universitätsstadt ist ein
bedeutender Standort für Lehre und Forschung. Hier verbinden sich Tradition und Moderne. Historische Bauwerke der Backsteingotik gehören
genauso zum Stadtbild wie der neue Komplex der Universitätsmedizin.
12000 junge Frauen und Männer studieren an der Ernst-Moritz-ArndtUniversität, von der zahlreiche Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung
in der Region ausgehen. Die Stadt hat sich seit der Wende ausgezeichnet entwickelt.
Sie haben sich für Ihren Kongress viel vorgenommen. Foren und Workshops zu vielfältigen Themen der Kunstgeschichte stehen auf dem Programm. Sie nutzen auch die Gelegenheit, unser Bundesland bei vielen
Exkursionen entlang der Ostseeküste und im Hinterland mit seiner ganzen Vielfalt an Architektur und Landschaft kennenzulernen. Sie besuchen
Kirchen, Schlösser, Parks, die Hansestädte Wismar und Stralsund, das
Doberaner Münster, die Künstlerkolonie Ahrenshoop. Schauen Sie genau hin. Erleben Sie, was unser Land ausmacht. Lassen Sie sich beeindrucken von den Freiräumen, die sich bieten, der Landschaft, der Luft,
dem ganz besonderen Licht.
Ich danke allen, die an der Vorbereitung des 32. Deutschen Kunsthistorikertages beteiligt waren. Ich danke den Sponsoren und Unterstützern
und bin überzeugt, dass die Greifswalder gute Gastgeber sind. Ich wünsche Ihnen allen anregende Diskussionen, viel Spaß und unvergessliche
Eindrücke und Erlebnisse. Vielleicht kommen Sie ja wieder, bei uns gibt
es immer etwas zu entdecken. Sie sind uns jederzeit herzlich willkommen.
Erwin Sellering
Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern


Herzlich Willkommen zum
32. Deutschen Kunsthistorikertag
Greifswald ist aufgrund seiner Lage wie seiner Geschichte prädestiniert
als Ort der exemplarischen Reflexion über Grenzen. Bestimmt von einer
Hansetradition weitgehend ohne nationale Schranken, mit einem vielfältigen kulturellen Austausch in der Ostseeregion und weit darüber hinaus, geprägt als Ort der Romantik und nicht zuletzt repräsentativ für eine
spezifische Nachkriegsgeschichte, setzt der Tagungsort die inhaltlichen
Schwerpunkte des Kongresses und gibt zugleich produktiven Anstoß,
grundsätzlich über traditionelle thematische, geographische und methodische Grenzen des Faches Kunstgeschichte nachzudenken.
Ich wünsche uns allen eine ertragreiche Tagung!
Georg Satzinger
Erster Vorsitzender des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V.

Der 32. Deutsche Kunsthistorikertag wird veranstaltet vom
Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.
und dem Caspar-David-Friedrich-Institut
der Universität Greifswald
Fachbereich Kunstgeschichte
unter der
Schirmherrschaft des
Ministerpräsidenten des Landes
Mecklenburg-Vorpommern,
Erwin Sellering
Mit freundlicher Unterstützung durch:

NEU BEI BÖHLAU
BÉNÉDICTE SAVOY UND PHILIPPA SISSIS (HG.)
DIE BERLINER MUSEUMSINSEL
IMPRESSIONEN INTERNATIONALER BESUCHER (1830–1990).
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KUNST-, WELT- UND WERKGESCHICHTEN
DIE KORRESPONDENZ ZWISCHEN HANS POSSE UND
WILHELM VON BODE VON 1904 BIS 1928
(SCHRIFTEN ZUR GESCHICHTE DER BERLINER MUSEEN,
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Abschlussfest „Ohne Grenzen“
23. März 2013 ab 20 Uhr
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Jazz/Swing/Loungemusik
mit Klavier, Trompete, Gitarre und Gesang
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Blueskombo/Jazz/Swing/Boogie Woogie
mit Klavier und Gitarre
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Inhaltsverzeichnis
Programmübersicht.............................................................................12
Eröffnung des Kunsthistorikertages.....................................................23
Sektionen............................................................................................25
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa ................... 25
Laboratorium Romantik............................................................................... 39
Kunst, Mobilität, Bewegung......................................................................... 53
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften................................ 67
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum....................................... 79
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer............................. 91
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten...................................... 105
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte...........................................119
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum........................ 131
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse....................................... 143
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945............................. 155
Transkulturelle Kunstgeschichte................................................................ 169
Ortstermin..........................................................................................182
Foren.................................................................................................183
Niederlande-Forschung............................................................................. 183
Kunst der Iberischen Halbinsel.................................................................. 183
Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte......................................... 184
Kunstgeschichte in Schule und Lehrerbildung.......................................... 185
Freie Berufe............................................................................................... 186
Habilitandinnen und Habilitanden.............................................................. 186
DFG-Forschungsförderung........................................................................ 187
Digitale Kunstgeschichte........................................................................... 188
Kunstgeschichte Italiens............................................................................ 189
Kunst des Mittelalters................................................................................ 190
Abendveranstaltungen......................................................................191
Mitgliederversammlung.....................................................................193
Exkursionen.......................................................................................194
Aussteller...........................................................................................196
Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.............................................199
9

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Hans Georg Hiller
von Gaertringen
Schnörkellos
Die Umgestaltung von
Bauten des Historismus im
Berlin des 20. Jahrhunderts
Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin,
Beiheft 35
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Berlin /
DDR – neo-historisch
Geschichte aus Fertigteilen
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Japans Kunst
mit europäischen Augen
gesehen
Hg., mit einem Nachwort
und Erläuterungen versehen
von Manfred Speidel
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Landhäuser
Der denkmalpflegerische
Umgang mit klassischen
Landhäusern nach Bränden
(1875–1914)
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Henry van de Velde – von
Philosophie zu Form
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Die Architekten Bruno
und Max Taut
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Zwei Brüder – zwei Lebenswege
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Künstler – Kopist –
Restaurator
Jahrbuch der Berliner Museen,
53. Band (2011)
Beiheft
Gb € 118,00 (D)
978-3-7861-2670-6
Martin Pozsgai
Germain Boffrand und
Joseph Effner
Studien zur Architektenausbildung um 1700 am
Beispiel der Innendekoration
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Mittelalterliche Stadtbaukunst in der Toskana
7. Aufl. mit neuen Farbfotografien sowie mit neuem
Vor- und Nachwort versehen,
hg. von Stephan Braunfels
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978-3-7861-2671-3
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Katholische Bildertheologie der frühen Neuzeit
Studien zu Traktaten von
Johannes Molanus, Gabriele
Paleotti und anderen Autoren
Überarbeitete und erweiterte
Neuauflage
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Stadt und Land in der florentinischen Toskana als ästhetischer und politischer Raum
Mit einem Vorwort von Luigi
Zangheri und Pflanzenfotografien aus dem Gartenarchiv
von Lois Weinberger
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Realismus
in der bildenden Kunst
Europa und Nordamerika
1830 bis 2000
Gb ca. € 49,00 (D)
978-3-7861-2683-6
Burcu Dogramaci/
Karin Wimmer (Hg.)
Netzwerke des Exils
Künstlerische Verflechtungen, Austausch und
Patronage nach 1933
Gb € 39,00 (D)
978-3-7861-2658-4
STUDIEN ZUR ARCHITEKTUR
DER MODERNE UND INDUSTRIELLEN GESTALTUNG
hg. vom Zentralinstitut für
Kunstgeschichte
Markus Eisen
Vom Ledigenheim
zum Boardinghouse
Bautypologie und Gesellschaftstheorie bis zum Ende
der Weimarer Republik
Gb € 59,00 (D)
978-3-7861-2664-5

Gebr. Mann
Rudolf Fischer
Arne Karsten (Hg.)
Licht und Transparenz
Das Grabmal
des Günstlings
Der Fabrikbau und das Neue
Bauen in den Architekturzeitschriften der Moderne
Gb € 69,00 (D)
978-3-7861-2665-2
NEUE FRANKFURTER
FORSCHUNGEN ZUR KUNST
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Emotionen am Werk
Peter Zumthor, Daniel
Libeskind, Lars Spuybroek
und die historische Architekturpsychologie
Gb € 59,00 (D)
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Anna Pawlak
Trilogie
der Gottessuche
Pieter Bruegels d. Ä. Sturz der
gefallenen Engel, Triumph des
Todes und Dulle Griet
Gb € 59,00 (D)
978-3-7861-2653-9
Studien zur Memorialkultur
frühneuzeitlicher Favoriten
Klappenbroschur
€ 59,00 (D)
978-3-7861-2644-7
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Zwischen westlicher
Moderne und
sowjetischer Avantgarde
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BERLINER SCHRIFTEN
ZUR KUNST
Petra Gördüren
Das Porträt
nach dem Porträt
Positionen der Bildniskunst
im späten 20. Jahrhundert
Ln € 69,00 (D)
978-3-7861-2666-9
Eva Hausdorf
Monumente
der Aufklärung
Inoffizielle Kunst in Estland
1969–1978
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978-3-7861-2639-3
Die Grab- und Denkmäler
von Jean-Baptiste Pigalle
(1714 –1785) zwischen
Konvention und Erneuerung
Ln € 69,00 (D)
978-3-7861-2669-0
Maren Polte
Saskia Pütz
Klasse Bilder
Künstlerautobiographie
Die Fotografieästhetik der
»Becher-Schule«
Klappenbroschur
€ 49,00 (D)
978-3-7861-2655-3
Die Konstruktion von
Künstlerschaft am Beispiel
Ludwig Richters
Ln € 59,00 (D)
978-3-7861-2657-7t
HUMBOLDT-SCHRIFTEN ZUR
KUNST- UND BILDGESCHICHTE
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Peter Seiler (Hg.)
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Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft
Jan Friedrich Richter
Hans Brüggemann
Mit einem vollständigen
Werkkatalog
Denkmäler Deutscher Kunst
Ln € 79,00 (D)
978-3-87157-234-0
Mylène Ruoss/
Barbara Giesicke
Die Glasgemälde
im Gotischen Haus
zu Wörlitz
im Auftrag der Kulturstiftung
DessauWörlitz, des Schweizerischen Nationalmuseums
und des Deutschen Vereins
für Kunstwissenschaft,
hg. von Rüdiger Becksmann
Ln in Schmuckschuber
€ 68,00 (D)
978-3-87157-215-9
Programmübersicht
Mittwoch
20.03.2013
10.00
11.00
10.00
Stadtrundgänge
11.00
12.00
12.00
13.00
13.00
14.00
Foren I
Niederlande-Forschung
f Krupp-Kolleg, Hörsaal
14.00
15.00
Kunst der Iber. Halbinsel
f Krupp-Kolleg, Konferenzsaal
15.00
16.00
Foren II
16.00
Wissenschaftsgeschichte
f Krupp-Kolleg, Hörsaal
17.00
18.00
12
Schule und Lehrerbildung
f Krupp-Kolleg, Konferenzsaal
17.00
18.00
Programmübersicht
Mittwoch
20.03.2013
18.00
19.00
Eröffnung
f Dom St. Nikolai
Verleihung des Deubner-Preises
Festvortrag
f Dom St. Nikolai
19.00
20.00
20.00
21.00
18.00
f Pommersches Landesmuseum
Gemeinsamer Empfang
des Instituts und des Verbandes
22.00
21.00
22.00
15.15–15.45 Uhr
Kaffeepause im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
13
FAUST
FAUST EntryMuseum
FAUST EntryArchiv
Die Datenbank für Sammlungen und Museen
• Katalogisierung, Inventarisierung und Eingangsbuch
• Querverweise und Konvolutverwaltung
• Ausstellungsmodul und Ausleihverwaltung
• Bibliothekskatalog
• Verwaltung von Künstlern, Provenienzen, Leihgebern
FAUST iServer
• Nutzung von Thesauri (optional)
• Suchmasken und Navigation
• Reports auf Drucker, PDF, HTML u.a.
• Übernahme vorhandener Daten
• Export für Museums-Portale
Alle Infos: www.land-software.de
Postfach 1126 • 90519 Oberasbach • Tel. 09 11-69 69 11 • [email protected]
LAND
Software
Entwicklung
KUNSTCHRONIK
Monatsschrift für Kunstwissenschaft, Museumswesen und
Denkmalpflege
Seit Anfang 1948 gibt das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Fachverlag Hans Carl die Zeitschrift KUNSTCHRONIK
heraus. Seit der Gründung des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker ist
die Monatsschrift auch dessen Nachrichtenblatt. Verantwortliche Redakteurin ist Dr. Christiane Tauber.
Die inhaltlichen Schwerpunkte der KUNSTCHRONIK:
Kritische Berichte aus kunsthistorischer Warte über kulturpolitische Fragen, Tagungen und Ausstellungen, Institutionen und neue Funde, Informationen über den Fortgang der Forschung in Gestalt von Literaturberichten
und Rezensionen. Neben deutschen druckt die KUNSTCHRONIK auch Beiträge in englischer, französischer und
italienischer Sprache. Die Kunstchronik ist die einzige kunsthistorische Monatsschrift des deutschen Sprachbereichs, deren Inhalt nach rein wissenschaftlichen Kriterien ausgesucht wird.
Fachverlag Hans Carl, Nürnberg, erstmals erschienen 1948,
11 Hefte pro Jahr, je 50 - 70 S.
Auszubildende und Studenten erhalten 50% Preisnachlass,
ISSN 0023-5474, 16,5 x 24 cm, kartoniert
Jahresabo Inland (inkl. Porto u. MwSt.): €
www.carllibri.com
69,00
15.00
16
16.00
11.00–11.45 Uhr
Kaffeepause im Universitätshauptgebäude
Musikvideo
f Audimax, HS 1
Musikvideo
f Audimax, HS 1
Musikvideo
Romantik
f Audimax, HS 5
Bewegung
f Hauptgebäude, Aula
11.00
Bewegung
Romantik
09.00
Bewegung
f Hauptgeb., Aula
Romantik
f Audimax, HS 5
12.00
Kulturtransfer
f Audimax, HS 3
10.00
Kulturtransfer
Donnerstag
21.03.2013
Kulturtransfer
f Audimax, HS 3
Programmübersicht
09.00
10.00
11.00
12.00
13.00
13.00
14.00
14.00
15.00
16.00
Programmübersicht
Donnerstag
21.03.2013
15.00
15.00
16.00
17.00
18.00
Foren III
Freie Berufe
f Hauptgebäude, Aula
Habilitandinnen und
Habilitanden
f Audimax, HS 3
Ortstermin Stralsund
Sektionen
16.00
17.00
18.00
19.00
19.00
20.00
20.00
Abendöffnung und Empfang
f Kulturhist. Museum Stralsund
21.00
21.00
22.00
22.00
15.45–16.30 Uhr
Kaffeepause im Universitätshauptgebäude
17
18
15.00
16.00
11.00–11.45 Uhr
Kaffeepause im Universitätshauptgebäude
Kunstkritik
f Audimax, HS 5
14.00
Kulturerbe
f Audimax, HS 3
13.00
Kunstkritik
f Audimax, HS 5
Kulturerbe
f Audimax, HS 3
Kulturerbe
Kunstkritik
Liminale Räume
f Hauptgebäude, Aula
11.00
Lim.
Räume
09.00
Liminale Räume
f Hauptgebäude,
Aula
12.00
Stadtkirchen
f Audimax, HS 1
10.00
Stadtkirchen
Freitag
22.03.2013
Stadtkirchen
f Audimax, HS 1
Programmübersicht
09.00
Foren IV
Forschungsförderung
f Audimax, HS 2
10.00
11.00
12.00
13.00
14.00
15.00
16.00
Programmübersicht
Freitag
22.03.2013
16.00
17.00
18.00
16.00
Mitgliederversammlung
Verband Dt. Kunsthistoriker
f Krupp-Kolleg, Hörsaal
19.00
17.00
18.00
19.00
Kulturlandschaftsschutz und
Windenergie
20.00
21.00
f Krupp-Kolleg, Hörsaal
Empfang der Stadt Greifswald
f Rathaus
22.00
20.00
21.00
22.00
15.45–16.30 Uhr
Kaffeepause im Universitätshauptgebäude
19
15.00
20
16.00
11.00–11.45 Uhr
Kaffeepause im Universitätshauptgebäude
Transkult.
Kunstgeschichte
f Audimax, HS 5
Transkult.
Kunstgeschichte
f Audimax, HS 5
Transk.K
unstges.
Hanse
f Audimax, HS 1
Kunsthistoriographien
f Hauptgebäude, Aula
11.00
Kunsthistoriographie
Hanse
09.00
13.00
13.00
14.00
14.00
Kunsthistoriographien
f Hauptgeb., Aula
Hanse
f Audimax, HS 1
12.00
Glasmalerei
f Audimax, HS 3
10.00
Glasmalerei
Samstag
23.03.2013
Glasmalerei
f Audimax, HS 3
Programmübersicht
09.00
10.00
11.00
12.00
15.00
16.00
Programmübersicht
Samstag
23.03.2013
16.00
17.00
18.00
16.00
Foren V
Digitale Kunstgeschichte
f Audimax, HS 5
Kunstgeschichte Italiens
f Audimax, HS 1
Kunst des Mittelalters
f Audimax, HS 3
17.00
18.00
19.00
19.00
20.00
20.00
21.00
Abschlussfeier
f Kulturverein Polly Faber e.V.
22.00
21.00
22.00
15.45–16.30 Uhr
Kaffeepause im Universitätshauptgebäude
21
Kunstgeschichte
und Bildung
Claudia Hattendorff/
Ludwig Tavernier/
Barbara Welzel (Hg.)
Dortmunder
Schriften zur Kunst
Studien zur Kunstgeschichte | Band 5
BoD - Books on Demand,
Norderstedt 2013
ISBN 978-3-8482-5321-0
120 Seiten mit 31 Farbabbildungen
10,90 Euro
Kunstgeschichte und Bildung
Kunstgeschichtliche Bildung ist ein wesentlicher, ja geradezu bestimmender Teil
interkultureller Kompetenzen, die zu den Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts zählen. Vor diesem Hintergrund scheint es dringend geboten, dass die fachlichen Auseinandersetzungen um Kunstgeschichte und Bildung weiter intensiviert und die bisherigen Projekte nachhaltig fortgeführt werden. Die Verankerung
der Kunstgeschichte in Bildungsprozessen hat, so die Beiträge in diesem Band,
wesentlich Anteil an der Entwicklung der modernen Gesellschaften in einer globalisierten Welt.
Kunstgeschichte und Bildung: Mit der Sektion zu diesem Thema auf dem 31.
Kunsthistorikertag in Würzburg 2011 hat sich der Verband Deutscher Kunsthistoriker vorgenommen, nach dem Beitrag und nach der Verantwortung der Kunstgeschichte sowie nach dem spezifischen Potential der Kunstwerke in Bildungsprozessen zu fragen. Die Publikation möchte die Stimmen der professionellen
Kunstgeschichte möglichst auch über die Grenzen des Faches hinaus in Bildungsdebatten zur Geltung bringen.
Eröffnung des Kunsthistorikertages
Mittwoch, 20. März 2013, Dom St. Nikolai, 18.00 s.t.–18.30 Uhr
Begrüßung
Prof. Dr. Hannelore Weber
(Rektorin der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Staatssekretär Christian Pegel
(Chef der Staatskanzlei Mecklenburg-Vorpommern)
Prof. Dr. Georg Satzinger
(Erster Vorsitzender des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V.)
18.30–19.00 Uhr
Verleihung des Deubner-Preises 2013
des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V.
19.00–19.45 Uhr
Festvortrag
Prof. Dr. Christof Thoenes, Rom
Stadt, Strand, Hafen. Zur historischen Topographie von Neapel
im Anschluss
Pommersches Landesmuseum, Rakower Straße 9
Gemeinsamer Empfang des Caspar-David-Friedrich-Institutes,
Fachbereich Kunstgeschichte, und des Verbandes Deutscher
Kunsthistoriker e.V.
23

Der Ostseeraum –
eine grenzübergreifende
Kulturlandschaft
Kunsthistorische Forschungen
zur sakralen und profanen
Backsteinarchitektur des
Mittelalters
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Kaiserstr. 113, 53113 Bonn
Tel. 0228/ 91512-0
E-Mail: [email protected]
www.kulturportal-west-ost.eu
Sektionen
Kulturtransfer – Akteure und Wege
im östlichen Mitteleuropa
des Hohen und Späten Mittelalters
Leitung: Jiří Fajt, Leipzig
Sektionsvorträge
Donnerstag, 21. März 2013, Audimax / Hörsaal 3, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Marina Beck, Trier / Monika Borowska, Trier
»Künstler, Künstler, du musst wandern ...« Ausbildungsbestimmungen für Künstler und ihre Auswirkungen auf die Kunstvermittlung
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Jan Friedrich Richter, Berlin
Parler im Norden? Der Meister der Stralsunder Junge-Madonna
und die Lübische Skulptur des frühen 15. Jahrhunderts
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
25
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
11.45–12.15 Uhr
Christian Forster, Leipzig
Ansehnlich dank Rotmarmor: Wiederaufnahme antiker Werktechniken am Westbau der Kathedrale von Esztergom und in der Pfalz­
kapelle von Klosterneuburg
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Jörg Richter, Bern
Montanunternehmer als Auftraggeber. Zu einem Kunstmarkt außer­
halb der Metropolen
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Stefan Bürger, Dresden
Offen für Neues. Görlitzer Portale als Zeugnisse baukultureller Ver­
flechtungen und Veränderungen
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Der dynamische Begriff des Kulturtransfers beschreibt am besten die
kulturhistorischen Austauschprozesse zwischen den gesellschaftlichen
und ethnischen Gruppen im östlichen Mitteleuropa. Im Fokus stehen dabei die Funktion der Kunstwerke und ihre historische Bedingtheit, ihre lokale Verwurzelung ebenso wie die interregionale Verflechtung. Dem wird
man am ehesten gerecht, wenn man Vermittlungswege und -akteure im
Einzelnen nachvollzieht. Ausgewählt wurden Beiträge, welche die Achsen des Kulturtransfers aufzeigen, und zwar in den historischen Grenzen
der polnischen, böhmischen und ungarischen Länder sowie der östlichen
Teile des Römisch-Deutschen Reiches. Be­rück­sichtigt werden sollen die
26
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
sich wandelnden politisch-kulturellen Verflechtungen ihrer Metropolen
und Zentren, innerhalb wie außerhalb der umrissenen Großregion. Im
Fokus stehen die Entwicklungsprozesse auf ihren sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Grundlagen, das Ne­ben­einander verschiedener Stile und
insbesondere die Übergangs­phasen, aber auch die Rolle einzelner, erfahrungsgemäß sehr mobiler Künstler. Interessant sind Anstöße zur Veränderung und der Prozess der Veränderung – an den Höfen, beim hohen
Klerus und in den Städten.
Die Mobilität der Künstler beginnt mit deren Ausbildung – die vorge­
schriebene Wanderschaft erweitert ihren Horizont und hilft, Netzwerke
zu schaffen. Die ökonomische Grundlage vieler Stiftungen gerade Mittel­
europas zwischen Harz und Karpaten war der florierende Bergbau mit
den an ihm hängenden Weiterverarbeitungs­industrien. Eines der wichtigsten Zentren war Kuttenberg (Kutná Hora), für das exemplarisch die
Herkunft der in Auftrag gegebenen Kunstwerke untersucht werden soll.
Die repräsentative Kultur des Königreichs Ungarn im 13. Jahr­hundert
orientierte sich neben der dominierenden französischen Archi­tek­tur und
Kunst auch an antiken Vorbildern und Überlieferungen, teils vermittelt
über Byzanz. Dies zeigt vor allem die Verwendung des örtlich ab­ge­bauten
Rotmarmors. Aufschlussreich ist der Parallelfall der bekann­ten Capella
speciosa der Babenberger-Pfalz Klosterneuburg. Noch viele Fragen werfen die konkreten Ver­mittlungswege der sogenannten „Parler-Kunst“ in
Römischen Reich unter der Herrschaft der Luxemburger-Dynastie auf.
Das Beispiel der Freien und Hansestadt Lübeck soll hier ein Schlaglicht
setzen. Die Bürger einer florierenden Handelsstadt wie des lausitzischen
Görlitz, das in der Frühen Neuzeit zum Königreich Böh­men gehörte und
somit von sehr verschiedenen Dynastien und Königen beherrscht wurde,
orientierten sich in ihren repräsentativen Bauvor­haben an jeweils unterschiedlichen Bezugsgrößen. Dies soll an ver­schie­denen kirchlichen und
profanen Portalen exemplifiziert werden.
Jiří Fajt, Leipzig
Kurzbiographie Jiří Fajt
1960
1987–1993
1999
1988–1992
1992–2000
1998–2001
geboren in Prag (CZ)
Studium der Kunstgeschichte in Prag
Promotion („Die Bildhauerei in Westböhmen in den Jahren
1400–1475“)
Sammlungsleiter im Lapidarium des Nationalmuseums Prag
Kurator, ab 1994 Direktor der Sammlung Alte Meister
und stellvertretender Generaldirektor der Nationalgalerie Prag
Direktor des Zentrums für mittelalterliche Kunst in Prag
27
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
seit 2001
2001–2005
seit 2006
seit 2008
2009
2011
Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin
Leiter des DFG-Forschungsprojektes „Die Jagiellonen – eine
europäische Dynastie. Kunst und Kultur in Mitteleuropa 1450–
1550“ am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und
Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig (mit Robert Suckale)
Leiter des Forschungsprojektes „Hofkultur in Ostmitteleuropa
vom 14.–18. Jahrhundert“ am GWZO
Leiter des BMBF-Publikationsprojektes „Handbuch zur Ge­
schich­te der Kunst in Ostmitteleuropa“ und der BMBF-Aus­
stellungsprojekte am GWZO
Habilitation an der Technischen Universität Berlin („Der Nürn­
berger Maler Sebald Weinschröter im Netzwerk von Kaiserhof
und Patriziat (1349–1365/70)“)
Habilitation an der Karls-Universität Prag („Der lange Schatten
Kaiser Karls IV. Zur Rezeption der luxemburgischen Herr­
schaftsrepräsentation im Heiligen Römischen Reich“)
Forschungsschwerpunkte
Kunst und Kultur des europäischen Mittelalters und der Frühen Neu­zeit; Repräsentationsmodelle und Strategien in ihrer gesellschaftlichen Verbundenheit;
Mobilität und Vernetzung der Künstler sowie ihrer Mä­ze­ne.
Publikationsauswahl
Magister Theodoricus, Court Painter to the Emperor Charles IV., Prag 1997/98.
Karl IV., Kaiser von Gottes Gnaden. Kunst und Repräsentation des Hauses
Lux­emburg, 1310–1437, Begleitpublikation zur Ausstellung (Hg.), München/
Ber­lin 2006.
Künstlerische Wechselwirkungen in Mitteleuropa (Studia Jagellonica Lipsiensia
1), hg. mit Markus Horsch, Ostfildern 2006.
Brandenburg wird böhmisch. Kunst als Herrschaftsinstrument, in: Die Kunst des
Mittelalters in der Mark Brandenburg. Tradition – Transformation – Innovation,
hg. von Ernst Badstübner, Peter Knüvener, Adam S. Labuda und Dirk Schu­
mann, Berlin 2008, S. 202–251.
Die Altmark von 1300 bis 1600. Eine Kulturregion im Spannungsfeld von Mag­
de­­burg, Lübeck und Berlin, hg. mit Peter Knüvener und Wilfried Franzen, Ber­
lin 2011.
­
28
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Marina Beck, Trier / Monika Borowska, Trier
»Künstler, Künstler, du musst wandern ...« Ausbildungsbestimmungen für Künstler und ihre Auswirkungen auf die Kunstvermittlung
Der Künstler war im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit als Handwerker dem Zunftzwang unterworfen und musste daher – sofern er nicht
bei Hofe angestellt war – in einer Stadt in eine Zunft eintreten, um seinen
Beruf ausüben zu dürfen. Als Zunftmitglied galt für ihn die Zunftordnung,
deren Vorschriften das wirtschaftliche, politische, reli­giöse und soziale
Leben des Künstlers reglementierten und insbeson­dere die Ausbildungsbedingungen im Handwerk genauestens fest­legten.
Ein wesentlicher Bestandteil der Künstlerausbildung war die vor­
geschriebene Gesellenwanderung, welche nach Abschluss der Lehre zu
erfolgen hatte, um andernorts ihre Fertigkeiten zu verfeinern, sich neue
Tech­niken anzueignen oder auch Künstler und/oder Kunstzentren kennenzulernen. Für durchschnittlich zwei Jahre begab sich daher jeder
Künstler notwendigerweise auf Reisen und nahm während dieser Zeit
obligatorisch an einem künstlerischen Austausch­prozess teil. Während
ihrer Reisen arbeiten die Künstlergesellen in der Regel zwischen 14 Tage
bis zu (maximal) einem halben Jahr in der Werkstatt eines Meisters, um
dann weiterzuziehen. In dieser Zeit studierten sie die Arbeits­­weisen, den
Stil und die Kompositionen des Meisters sowie seiner Werkstattangehörigen.
Ziel des Vortrages ist es, die durch die Zunftordnungen vorgeschrie­bene
Wanderzeit des Künstlers anhand des überlieferten Quellen­materials in
Böhmen, Österreich und Polen sowie im Nordosten Deutschlands näher
zu untersuchen. Welche Bestimmun­gen lassen sich in den Zunftordnungen zum Ablauf der Wanderschaft finden? Wie groß war das Wandergebiet? Was waren bevorzugte Anlaufpunkte für wandernde Künstler im
östlichen Mitteleuropa? Im Fokus der Betrach­tung stehen die sozial- und
wirtschaftsge­schicht­lichen Voraussetzungen der Künstlerwander­schaft
als ein wesent­licher Aspekt der Zunft­aus­bildung und seine hieraus resultierenden Konsequenzen für den Kultur­transfer.
29
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
Kurzbiographie Marina Beck
1982
2001–2007
seit 2008
seit 2010 geboren in Hamburg
Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in
Trier
Promotionsvorhaben an der Universität Trier (Arbeitstitel: „Zeremoniell und Funktion im maria-theresianischen Schloss am
Beispiel der Wiener Hofburg, Schloss Schönbrunn, Schloss
Laxenburg und Schloss Hof“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Edition der Zunftordnungen für Maler bis um 1800: Quellen zur
Künstler­sozialgeschichte aus den Archiven der Bundes­
republik Deutschland, Österreichs und der Schweiz“ an der
Universität Trier unter der Leitung von Andreas Tacke
Forschungsschwerpunkte
Barocker Schlossbau (Architektur, Raumnutzung, Ausstattung), Herrschafts­
zere­moniell in der Frühen Neuzeit, Künstlersozialgeschichte (Zunftordnungen
als Rechtsnorm, Künstlerausbildung in der Zunft).
Publikationsauswahl
Die Grundlage aller Dinge: Die Zunftordnung der Seidensticker, Maler, Glaser,
Bildhauer und Steinmetzen der Stadt Ingolstadt, in: Der Künstler in der Ge­
sell­schaft. Einführungen zur Künstler­sozialgeschichte des Mittelalters und der
frühen Neuzeit, hg. von Andreas Tacke und Franz Irsigler, Darmstadt 2011, S.
10–36.
Der lange Weg zum Meister: Formular eines Lehrbriefs und die Gesellen­ord­
nung der Maler, Glaser und Sattler in Münster, in: Der Künstler in der Gesell­
schaft. Einführungen zur Künstler­sozialgeschichte des Mittelalters und der
frühen Neuzeit, hg. von Andreas Tacke und Franz Irsigler, Darmstadt 2011, S.
37–69.
Kurzbiographie Monika Borowska
1974
1996–2004
2009
seit 2011
30
geboren in Gdingen (PL)
Studium der Kunstgeschichte in Bonn und Berlin
Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin („Höllenqual
und Himmelfahrt. Die mittelalterliche Ikonografie des Fege­
feuers auf der Iberischen Halbinsel“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Schnittmengen
– Edition der deutsch- und polnischsprachigen Zunftordnungen für Bildende Künstler bis um 1800 aus den Archiven der
Repu­blik Polen“ an der Universi­tät Trier unter der Leitung von
Andreas Tacke
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
Forschungsschwerpunkte
Osteuropäische Kunstgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit; Quellen zur
Künstlersozialgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit; Spanische
Kunstgeschichte des Mittelalters; Christliche Ikonographie.
Publikationsauswahl
Das Entfachen des Fegefeuers in der europäischen Miniatur des 13. Jahrhun­
derts, in: Umění, LVII, 4 (2009).
Suport de creu del convent de Sant Francesc d’Assís (s. XV), in: Butlletí de Museu d’Art Girona 75 (2010).
Höllenqual und Himmelfahrt. Die mittelalterliche Ikonografie des Fegefeuers auf
der Iberischen Halbinsel (Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und
der Frühen Neuzeit 11), hg. von Christian Freigang, Marc Carel Schurr und
Evelin Wetter, Affalterbach 2012.
10.15–10.45 Uhr
Jan Friedrich Richter, Berlin
Parler im Norden? Der Meister der Stralsunder Junge-Madonna
und die Lübische Skulptur des frühen 15. Jahrhunderts
Der Ostseeraum ist nicht gerade dafür bekannt, dass es hier heraus­
ragende Beispiele der Parler-Plastik gegeben hätte – mit einer Aus­nahme,
der Stralsunder Junge-Madonna. Diese Figur wurde um 1420 von einem
aus dem Deutschordensland eingewanderten Bildschnitzer geschaffen.
Die Junge-Madonna ist ohne das direkte Vorbild der seit dem Zweiten
Weltkrieg verschollenen Madonna aus Thorn undenkbar. Ursprüng­lich
als frei aufgestelltes Andachtsbild geschaffen, wurde die Junge-Madonna
erst in einer zweiten Phase für den Schrein eines Retabels umgearbeitet.
Dieses außergewöhnliche Werk hat in Stralsund keine Nachfolge
gefun­den. Der Bildschnitzer scheint nach Lübeck weitergezogen zu sein,
wo er wahrscheinlich in einer Werkstatt tätig wurde, als deren bekannteste Arbeit das 1435 datierte Hochaltarretabel der Lübecker Jakobikirche
gilt. Die stilistischen Wurzeln dieser Werkstatt sind völlig unklar. Sie wird
erstmalig um 1420 an der Erweiterung für das Hochaltarretabel des Mindener Domes greifbar, stammt aber sicherlich nicht aus Niedersachsen.
In Lübeck scheint sie maßgeblich an der Entstehung des 1425 datierten
Hochaltarretabels der Marienkirche beteiligt gewesen zu sein, einem der
prominentesten, in der Forschung jedoch kaum bekannten Flügelretabel des Ostseeraumes. Technische Befunde an den wenigen erhaltenen
Fragmenten dieses Retabels erlauben den sicheren Rückschluss, dass
für die Konstruktion des Gehäuses dieselbe (Schreiner?-)Werkstatt he31
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
rangezogen wurde, die etwa gleichzeitig die heute in Hannover befindliche „Goldene Tafel“ für die St. Michaelskirche in Lüneburg anfertigte.
Dieses wiederum stark von westlichen Einflüssen geprägte Werk gehört
zu den zentralen Denkmälern des „weichen Stils“ in Norddeutschland.
Diese wenigen, historisch hoch bedeutenden Werke können beispiel­
haft für den Begriff des Kulturtransfers angeführt werden, der um 1420–
30 in Lübeck zu einer außergewöhnlichen Blüte geführt wurde, nach deren Wurzeln es hier zu fragen gilt.
Kurzbiographie
1969
1994–2000
2003
2001–2006
seit 2007
geboren in Schwelm/Westfalen
Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Berlin (Ma­
gis­terarbeit: „Die thronende Madonna der Halberstädter Lieb­
frauenkirche“)
Promotion an der Freien Universität Berlin („Claus Berg – Re­
ta­­belproduktion des Spätmittelalters im Ostseeraum“)
freier Mitarbeiter des Diözesanmuseums Paderborn im Rah­
men der Kircheninventarisationen in der Diözese
Wissenschaftlicher Bearbeiter des „Corpus der mittel­alter­lich­
en Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein“ an der
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Forschungsschwerpunkte
Mittelalterliche Skulptur und Tafelmalerei in Norddeutschland und Skandinavien.
Publikationsauswahl
Claus Berg. Retabelproduktion des Spätmittelalters im Ostseeraum (Denkmäler
Deutscher Kunst), Berlin 2007.
Das Kreuzigungsretabel der Klausenkapelle zu Meschede. Zur Produktion und
Verbreitung lübischer Retabel im ausgehenden Mittelalter, in: Der Kreuzi­
gungs­altar der Klause St. Michael zu Meschede. Entstehung und Deu­tung,
hg. mit Michael Schäfer, Meschede 2008.
Gotik in Gandersheim. Die Holzbildwerke des 13. bis 16. Jahrhunderts (Schrif­
ten zum Gandersheimer Frauenstift 2), München/Berlin 2009.
Hans Brüggemann (Denkmäler Deutscher Kunst), Berlin 2011.
Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Hol­stein,
hg. von Uwe Albrecht, Bd. 2: Hansestadt Lübeck. Die Werke im Stadt­gebiet,
bearb. mit Uwe Albrecht, Ulrike Nürnberger, Jörg Rosenfeld und Christiane
Saumweber, Kiel 2013 (im Druck).
32
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
11.45–12.15 Uhr
Christian Forster, Leipzig
Ansehnlich dank Rotmarmor: Wiederaufnahme antiker Werk­
techniken am Westbau der Kathedrale von Esztergom und in der
Pfalzkapelle von Klosterneuburg
Sowohl das 1764 zerstörte Westportal der erzbischöflichen Kathedrale
zu Esztergom als auch die 1799 abgetragene Pfalzkapelle in Klosterneuburg trugen den Beinamen „speciosa“. Dieses Epitheton reicht zwar nicht
in die Erbauungszeit zurück, treffend ist es dennoch, steht die aufwändige Marmorausstattung beider Bauten in der Zeit um 1200 doch ohne
Beispiel da.
Zwischen 1185 und 1196 erfuhr das im Bau befindliche Westportal der
fast vollendeten Kathedrale von Esztergom eine Planänderung: Das Portalprogramm wurde mittels Stein-in-Stein-Inkrustationen ins Bild gesetzt,
eine Technik, die damals nur in Byzanz praktiziert wurde. Als Werkstein
diente der rote „Marmor“, ein feinkörniger roter Kalkstein aus dem nahen Gerecse-Gebirge, ferner ein weißer Marmor aus dem Salzburger
Land und ein blaugrauer Stein unklarer Provenienz. Damit nicht genug,
war einer Beschreibung des 18. Jahrhunderts zufolge die Innenseite der
Westfassade marmorverkleidet und der vor ihr liegende Abschnitt des
Fußbodens mit Marmor belegt. Weder die erwähnte Beschreibung noch
das im Lapidarium versammelte Fundmaterial ist bislang zur Gänze für
die Rekonstruktion des Westbaus herangezogen worden.
Das Innere der 1222 geweihten Capella speciosa in der Baben­bergi­
schen Pfalz von Klosterneuburg war mit Platten aus rotem Kalkstein ver­
klei­det. Sie hinterfingen Blendarkaden, die aus roten Schäften und Basen, Kapitellen und Spitzbogenfriesen aus grauem Sandstein bestanden.
Das rote Material soll laut petrographischer Analyse eben­falls aus dem
Gerecse-Gebirge stammen. Was die Chronologie nahe­legt, untermauert
die Materialprovenienz noch, dass sich nämlich der Bauherr von Klosterneuburg, Herzog Leopold VI., in Ungarn inspirieren ließ. Der Anstoß
für die Esztergomer Inkrustation wiederum dürfte un­mittel­bar aus Konstantinopel gekommen sein, wo der Bauherr, König Béla III. von Ungarn,
mehrere Jahre verbracht hatte. Oder waren es die ört­lichen römischen
Hinterlassenschaften, die ihn zu einer Nachahmung der antiken Werktechnik herausforderten?
Kurzbiographie
1969
geboren in Bamberg
Studium der Kunstgeschichte, Denkmalpflege und Geschichte
33
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
2004
2003–2004
2005–2009
2010–11
seit 2011
in Bamberg, Leipzig und Berlin
Promotion an der Technischen Universität Berlin (Disserta­
tions­schrift über Andlau)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Archäologie
des Mittelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich-Univer­
sität Bamberg
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte
und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität HalleWittenberg
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Archäologie
des Mittelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich-Univer­
sität Bamberg
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geisteswissenschaftlichen
Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig
Forschungsschwerpunkte
Architekturgeschichte; Antikenrezeption im Mittelalter.
14.00–14.30 Uhr
Jörg Richter, Bern
Montanunternehmer als Auftraggeber. Zu einem Kunstmarkt außer­
halb der Metropolen
Auf der Grundlage des Bergregals ist seit dem 13. Jahrhundert ein
bedeutender Teil der Kronfinanzen Böhmens und Ungarns in Montan­
revieren erwirtschaftet worden. Der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung der Reviere gemäß wurden deren Sakral- und Profanbauten mit
Kunstwerken von höchster Qualität ausgestattet.
Ein erster Blick auf die in den Jahren um 1500 für Montanreviere des
östlichen Mitteleuropa beauftragten Kunstwerke zeigt, dass es sich größ­
tenteils um Importe handelt. Das wirtschaftliche Risiko, das mit Berg­bau
verbunden ist, empfahl die Reviere offenbar nicht für eine dauer­hafte
Ansiedlung entsprechender Werkstätten. Gemeinden, Knapp­schaften
und Familien, die heute noch zahlungskräftig waren, konn­ten in kurzer
Zeit insolvent und damit als Auftraggeber un­interessant sein. In welchen
Zentren aber sind dann Kunstwerke bestellt worden? Haben spezifische
wirtschaftsgeschichtliche Faktoren Montan­reviere zu Motoren des Kulturtransfers gemacht? Anhand einer exem­plarischen Untersuchung der
in der Königlichen Bergstadt Kuttenberg (Kutná Hora) um 1500 in Auftrag
gegebenen Kunstwerke will mein Beitrag diesen Fragen nachgehen.
Während die größeren öffentlichen Aufträge der Berggemeinde an
34
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
Spezialisten aus der nahegelegenen Metropole Prag vergeben wurden,
verfügte eine Reihe von Beamten und Montanunternehmern über einen
anderen Aktionsradius. Genannt sei der Fall des Hans Harsdörffer, der
zwischen 1496 und 1499 als Höchster Münzmeister amtierte und dessen
Familie bei Nürnberg eine Seigerhütte betrieb. Harsdörffer ver­sah die Kapelle im Welschen Hof mit einer Ausstattung Nürnberger Provenienz, die
sich anhand der erhaltenen, jedoch stark veränderten Werke sowie von
Inventaren rekonstruieren lässt. Prokop Kroupa, der 1497–1510 das Amt
des Berghofmeisters innehatte, beauftragte hin­gegen Werkstätten aus
seiner Heimatstadt Breslau. Die im Erzhandel akti­ve Familie Smíšek wiederum hatte Besitzungen in Mähren er­worben, wo sie mit dem Formengut der über den Budaer Hof des Matthias Corvinus vermittelten Renaissance in Berührung kam und ihr Kuttenberger Stadtpalais entsprechend
ausstatten ließ.
Jener überregionale Horizont, der sich anhand der in Kuttenberg
gesetz­ten Bildwerke umreißen lässt, hatte seine Grundlagen in der Bewirtschaftung des Reviers. Der Betrieb von Bergwerken setzte kapi­tal­
intensive Investitionen voraus, die nur von Unternehmerkonsortien zu
tragen waren. Die Anteilseigner an Gruben, die sogenannten Gewerken,
waren dabei nicht zwingend im Revier ansässig, sondern gehörten unter
anderem zur Bürgerschaft von Nürnberg, Breslau und Wien. Mobil in der
Mon­tanwirtschaft des östlichen Mitteleuropa war in erster Linie das Kapital, in dessen Gefolge dann einige im Umgang mit Investitionen erfahrene
Unternehmer. Neben den gut erforschten Städten, die aufgrund ihrer Rolle als Residenz, Fernhandelsmarkt und Universitätsstandort als die Metropolen im östlichen Mitteleuropa zu gelten haben – Prag, Buda, Kra­­kau
und Wien sowie Breslau und Nürnberg – werden mit den Mon­tanrevieren
vollkommen anders verfasste Zentren greifbar, deren spezi­fische Wirtschaftsweise den Transfer von Kunstwerken angeregt hat. Fraglich ist, ob
dieser Transfer auch Rezeptionsvorgänge in Gang setzen konnte. In den
Montanzentren standen Bildwerke unter­schiedlichster Provenienz und
stilistischer Haltung beieinander, ohne dass deren Schöpfer auf diese Situation hätten reagieren können.
Kurzbiographie
1996
geboren in Altenburg
Studium der Kunstgeschichte in Hamburg, Studienaufenthalt
in Brno/Brünn (Magisterarbeit über das Skulpturenportal der
Zisterzienserinnenkirche Porta coeli bei Tišnov in Mähren)
Stipendiat am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München
35
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
1996–2003
2003–2010
seit 2010
tätig im Büro PMP Architekten, Archivrecherche und Baufor­
schung in Vorbereitung der Sanierung des Brandenburger
Domes
Domkustos in Halberstadt, Konzeption und Leitung der Neu­
präsentation des Halberstädter Domschatzes
Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Geschichte der
Textilen Künste am Institut für Kunst­geschichte der Universität
Bern
14.45–15.15 Uhr
Stefan Bürger, Dresden
Offen für Neues. Görlitzer Portale als Zeugnisse baukultureller Ver­
flechtungen und Veränderungen
Etliche Görlitzer Portale weisen hoch verdichtete Bau- bzw. Bildkonzepte auf. Ihre eigenwilligen Architekturen lassen sich keinesfalls nur
durch formale Anregungen vorbildlicher Bauwerke erklären. Insofern ist
zu vermuten, dass der baukünstlerische Kulturtransfer sich nicht nur auf
die Übernahme von Formen und Motiven beschränkte, vielmehr auch
Funktionen und Motivationen umfasste. Der Transferakt lag somit nicht
nur in den kunstschaffenden Händen der Werkmeister, sondern basierte
auf einem baukulturellen Geflecht im Entwurfs- und Baugeschehen, der
in besonderem Maße Bauherrenwünsche und Wirk­absichten hinsichtlich
künftiger Nutzer und Betrachter berücksichtigte. An den Portalen zeigt
sich dies deutlich, da sich ihre kommunikativen Funktionen, ihre ikonischen Inhalte, medialen Wirkungen und inszenierten Wegeführungen
auf engstem Raum konzentrieren. Insofern überlagern sich Form- und
Funktionsaspekte, die in den Werkanalysen getrennt betrachtet werden
können.
Als oberlausitzische Metropole stand Görlitz im Mittelalter unter böhmischer, brandenburgischer und auch ungarischer Hoheit und war mehrfach gefordert, machtpolitische Turbulenzen zu kompensieren. Medial
gelang dies durch die Adaption von Leitfigurationen, die auf das lokale
Sozialgefüge abgestimmt werden mussten. Vor diesem Hin­tergrund bieten sich exemplarische Untersuchungen zu Görlitzer Porta­len an. Dazu
gehören die Kirchenportale des 15. Jahrhunderts der Peters­kirche, der
Kloster- und Frauenkirche, aber auch jene Portal­konzeption des 16. Jahrhunderts mit frühen Renaissanceformen.
Bislang wurden die Portale stilgeschichtlich gewürdigt: das Peters­
kirchenportal im Bezug zur Goldenen Pforte des Prager Domes, Bürger­
haus­portale als Zeugnisse der nordalpinen Frührenaissance. Werden
36
Kulturtransfer – Akteure und Wege im östlichen Mitteleuropa
die Formanalysen um Funktionsaspekte erweitert, ergeben sich höchst
artifizielle Amalgamierungen: das Südwestportal der Peterskirche als
„heilsgeschichtliches Passions-Portal“, der Kreuzgangumbau des Fran­
ziskanerklosters als „heilswirksame Königsportalhalle“, das Westportal
der Frauenkirche als „himmlisches Stadttor“, die sogenannte Rathaustreppe als „multifunktionale Herrschaftstribüne“, die spätgotisch-renaissancenen Sei­tenportalhallen der Peterskirche als ungewöhnliche „baukulturelle Syn­thesen“ usw.
Neben den funktional-bildkommunikativen Überlegungen interessieren
aber auch weiterführende formale Zusammenhänge, denn für die Entstehung einiger Portalkonzeptionen ist ein größeres baukulturelles Netzwerk
zu unterstellen. Beispielsweise wird nach der bislang un­beachteten Rolle
des spektakulären Schlossbauprojektes von Cham­bord für die Görlitzer
Baukunst gefragt.
Kurzbiographie
1986–1995
bis 2001
2004
seit 2004
2005–2009
2007–2011
seit 2009
seit 2009
2011
Malerlehre und Berufstätigkeit im VEB Denkmalpflege Erfurt
und Restaurierungsstudium in Potsdam
Studium der Kunstgeschichte, Mittelalterlichen Geschichte und
Evangelischen Theologie in Dresden
Promotion („Figurierte Gewölbe zwischen Saale und Neiße –
Spätgotische Wölbkunst von 1400 bis 1600“)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunst- und Mu­
sik­­wissenschaft der Technischen Universität Dresden
Projektleiter „Werkmeister der Spätgotik“ (Gerda Henkel Stif­
tung)
Teilprojektleiter „Architektur und Baugeschichte“ für die Dauerausstellung der Albrechtburg Meissen (SBG)
Mitarbeiter im SFB 804, Teilprojekt D „Die Kirche als Bau­stel­le“
(DFG)
Wissenschaftlicher Berater zur Einwölbung der Dresdner
Schlosskapelle (SIB)
Habilitation („Architectura Militaris – Festungsbautraktate des
17. Jahrhunderts von Specklin bis Sturm“)
37
Reimer
www.reimer-mann-verlag.de
Yuko Nakama
Gabriele Beßler
Adelheid Müller
Caspar David Friedrich
und die Romantische
Tradition
Wunderkammern
Sehnsucht nach Wissen
Weltmodelle von der Renaissance bis zur Kunst der
Gegenwart
Gb € 39,95 (D)
978-3-496-01450-8
Friederike Brun, Elisa von
der Recke und die Altertumskunde um 1800
Gb € 99,00 (D)
978-3-496-01471-3
Gisela Schirmer
Gia Toussaint
Moderne des Sehens und
Denkens
Gb € 39,00 (D)
978-3-496-01438-6
Museumsgeschichte
1750 –1950
Kommentierte Quellentexte
Hg. von Kristina Kratz-Kessemeier, Andrea Meyer und
Bénédicte Savoy
Br € 24,90 (D)
978-3-496-01425-6
Christiane Post
Künstlermuseen
Die russische Avantgarde
und ihre Museen
für Moderne Kunst
Gb € 49,00 (D)
978-3-496-01470-6
Susanne König
Marcel Broodthaers
»Musée d’Art Moderne,
Département des Aigles«
Br € 49,00 (D)
978-3-496-01430-0
Susanne Mersmann
Die Musées du Trocadéro
Viollet-le-Duc und der
Kanondiskurs im Paris des
19. Jahrhunderts
Br € 59,00 (D)
978-3-496-01448-5
Lisa Werner
Der Kubismus stellt aus
Der Salon de la Section d’Or,
Paris 1912
Gb € 59,00 (D)
978-3-496-01434-8
Willi Sitte – Lidice
Historienbild und Kunstpolitik in der DDR
Gb € 19,95 (D)
978-3-496-01439-3
Peter Springer
Kreuz und Knochen
Reliquien zur Zeit der
Kreuzzüge
Gb mit Schutzumschlag
€ 49,00 (D)
978-3-496-01431-7
Stalins Stiefel
Ilaria Hoppe
Politische Ikonografie und
künstlerische Aneignung
Gb € 35,00 (D)
978-3-496-01472-0
Die Räume der Regentin
Jörg Probst (Hg.)
Die Villa Poggio Imperiale
in Florenz
Br € 49,00 (D)
978-3-496-01442-3
Reproduktion
Martin Kirves
Techniken und Ideen
von der Antike bis heute.
Eine Einführung
Br € 24,95 (D)
978-3-496-01433-1
Das gestochene
Argument
Anita Rieche
Von Rom
nach Las Vegas
Rekonstruktionen antiker
römischer Architektur 1800
bis heute
Klappenbroschur € 29,95 (D)
978-3-496-01457-7
Charlotte Schreiter (Hg.)
Gipsabgüsse und antike
Skulpturen
Präsentation und Kontext
Br € 59,00 (D)
978-3-496-01469-0
Daniel Nikolaus Chodowieckis Bildtheorie der Aufklärung
Gb € 79,00 (D)
978-3-496-01464-5
Hans Körner
Blickende Leiber,
lebendige Farbe und
Randfiguren in der
Kunst
Kunsthistorische Aufsätze
Br € 69,00 (D)
978-3-496-01454-6
Regula Iselin
Die Gestaltung
der Dinge
Außereuropäische Kulturgüter und Designgeschichte
Br € 79,00 (D)
978-3-496-01458-4
Laboratorium Romantik
Leitung: Kilian Heck, Greifswald / Bénédicte Savoy, Berlin
Sektionsvorträge
Donnerstag, 21. März 2013, Audimax / Hörsaal 5, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Gerrit Walczak, Berlin
Normen und Revolten: Die Erosion akademischer Autorität und die
Genese der Romantik
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Martin Kirves, Basel
Am Leitfaden der Ornamentik. Die Arabeske als Konnex zwischen
Absolutem und Alltag
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Valentine von Fellenberg, Bern
Laboratorium Helvetien. Der gescheiterte Versuch einer zentra­lis­
tischen Kunstpolitik
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
12.30–14.00 Uhr
Pause
39
Laboratorium Romantik
14.00–14.30 Uhr
Sarah Lütje, Frankfurt am Main
Zwischen antikem Ideal und ästhetischer Erneuerung. Nordische
Mythen in der bildenden Kunst der Romantik
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Gregor Wedekind, Mainz
Anschauungsformen des Romantischen bei Caspar David ​Fried­
rich und Théodore Géricault
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Die Periode der europäischen Romantik erfährt seit einigen Jahren
eine verstärkte Aufmerksamkeit innerhalb der europäischen Kunst- und
Wissenschaftslandschaft – nicht etwa nur als Stillage oder als geschichtliche Epoche, sondern vor allem als interdisziplinäres und transnationales Phänomen. Die Sektion fragt, unter welchen Voraus­setzungen sich
heute wissenschaftliche Historisierungen und Katego­risierungen in der
Kunst der Romantik bilden lassen, unter der hier zeitlich die gesamte
erste Hälfte des 19. Jahrhunderts verstanden wird. In der Sektion sollen auch solche Bereiche eine Rolle spielen, die in den letzten Jahren
vermehrt in den Fokus der Forschung gelangt sind. Hierzu gehören Themen wie das Spannungsverhältnis zwischen der Künstlerausbildung in
den Akademien und den freien Ateliers. Auch den Zusammenhängen
zwischen der sogenannten Hochkunst und den anwen­dungsbezogenen
Formen der Romantik soll nachgespürt werden, wie sie etwa bei der
Arabeske aufscheinen. Gleich mehrere Referate be­schäf­tigen sich mit
den Interdependenzen zwischen den europäischen Kunstnationen, etwa
den wechselseitigen Befruchtungen zwischen fran­zö­sischen, deutschen,
schweizerischen und nordeuropäischen Künst­lern. Schließlich soll überlegt werden, ob die Kunst der Romantik auch als Teil eines größer angelegten Bildungsprogramms zu verstehen ist. In diesem Zusammenhang
40
Laboratorium Romantik
steht auch die Frage nach dem roman­­ti­schen Charakter der Kunstgeschichtsschreibung in Europa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Kilian Heck, Greifswald / Bénédicte Savoy, Berlin
Kurzbiographie Kilian Heck
1968
1988–1994
1997
1997–1998
1999–2005
2009 2010–2011
seit 2011 geboren in Nassau
Studium der Kunstgeschichte, Mittleren und Neueren Ge­
schich­te in Frankfurt a. M., Marburg, St. Petersburg und Omsk
Promotion an der Universität Hamburg („Genealogie als Mo­
nu­ment und Argument. Der Beitrag dynastischer Denkmale
zur politischen Raumbildung der Neuzeit“)
Rathenau-Postdoc am Max-Planck-Institut für Wissen­
schaftsgeschichte Berlin
Wissenschaftlicher Assistent am Kunsthistorischen Institut der
Rupprecht-Karls-Universität Heidelberg
Habilitation an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
(„Das zweite Bild im Bild. Auflösungs­tendenzen des perspektivischen Raumes bei Carl Blechen“)
Vertretung des Lehrstuhls für Kunstgeschichte am Kunsthisto­
rischen Seminar der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte am Caspar-DavidFriedrich-Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Forschungsschwerpunkte
Deutsche Sepulkralskulptur des 15.–17. Jh.s; Politische Ikonographie der
Frühen Neuzeit; Kunstgeschichte des Ostseeraumes und Ostmitteleuropas;
Schlossarchitektur des 18. Jh.s; Landschaftsgarten; Kunst und Kunst­theorie der
Romantik; Restitutions- und Provenienzforschung.
Publikationsauswahl
Genealogie als Monument und Argument. Der Beitrag dynastischer Denkmale
zur politischen Raumbildung der Neuzeit (Kunstwissenschaftliche Studien 98),
München/Berlin 2002.
Das zweite Bild im Bild. Auflösungstendenzen des perspektivischen Raumes bei
Carl Blechen (2013, im Druck).
Genealogie als Denkform in Mittelalter und Früher Neuzeit (Studien und Texte
zur Sozialgeschichte der Literatur 80), hg. mit Bernhard Jahn, Tübingen 2000.
Kemp-Reader. Ausgewählte Schriften von Wolfgang Kemp, hg. mit Cornelia
Jöchner, München/Berlin 2006.
Friedrichstein. Das Schloss der Grafen von Dönhoff in Ostpreußen, hg. mit
Chris­tian Thielemann, München/Berlin 2006.
41
Laboratorium Romantik
Kurzbiographie Bénédicte Savoy
1972
1994
1996
1998–2001
2000
2003–2009
seit 2009
2011
geboren in Paris (F)
Studium der Germanistik in Paris (Magisterarbeit zu Anselm
Kiefer)
Staatsexamen („Agrégation“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre Marc Bloch in Ber­
lin, Lehrbeauftragte an der Technischen Universität und der
Frei­en Universität Berlin
Promotion an der École Normale Superieure (ENS) in Paris
(Dissertationsschrift über den französischen Kunstraub in
Deutschland um 1800)
Juniorprofessorin an der Technischen Universität Berlin
Professorin für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin
Richard-Hamann-Preis für Kunstgeschichte der Philipps-Universität Marburg
Forschungsschwerpunkte
Kunst- und Kulturtransfer in Europa, 18./19. Jh.; Museums- und Samm­
lungsgeschichte; Kunstraub / Beutekunst.
Publikationsauswahl
Kunstraub. Napoleonische Konfiszierungen in Deutschland und die europä­isch­
en Folgen. 1794–1940, Wien/Köln/Weimar 2010 (Paris 2003).
Tempel der Kunst. Die Geburt des öffentlichen Museums in Deutschland. 1701–
1815 (Hg.), Mainz 2006.
Helmina von Chézy, Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I., Weimar 1805–
1807 (Hg.), Berlin 2009.
Napoleon und Europa. Traum und Trauma, Ausstellungs­katalog (mit Yann Potin), München 2010.
Lehrjahre. Ein Lexikon zur Ausbildung deutscher Maler in der französischen
Hauptstadt, Bd. I: 1793–1843 (mit France Nerlich), Berlin 2013.
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Gerrit Walczak, Berlin
Normen und Revolten: Die Erosion akademischer Autorität und die
Genese der Romantik
Die Krise akademischer, von den europäischen Monarchien unter­hal­
tener Lehreinrichtungen und die Erosion ihrer kunstpolitischen Autorität
42
Laboratorium Romantik
gehörten zu den gesamteuropäischen Kollateralschäden der Franzö­
sischen Revolution. Zwar ist die Kritik an den Kunstakademien so alt
wie diese selbst, doch verloren die Institutionen der Kunstpolitik in ganz
Europa durch die revolutionären Verwerfungen einen Gutteil ihrer legiti­
ma­­torischen Basis: Sie fanden sich sowohl durch politische Umbrüche
als durch Kriegsfolgen beschädigt, während ihre Strukturen erst durch
demokratische, dann nationale Ideologeme unterminiert wurden. Damit
war der Boden für die Kunst der frühen Romantik bereitet, deren Akteure
bei aller Heterogenität ihrer Mittel und Ziele eines einte – die Infragestellung, wenn nicht Ablehnung akademischer Doktrinen, Vor­bilder und
Lehrformen.
Der Vortrag stellt Fallbeispiele verschiedener Ausprägungen der Früh­
romantik in den Zusammenhang direkt oder indirekt durch die Revo­
lution erodierender akademischer Autorität. Politisch und administrativ be­schädigte Lehreinrichtungen waren nicht die Folge, sondern die
Voraus­setzung der von den klassizistischen Normen der Akademien
ab­weichenden oder diese negierenden, doch stets von ihnen ausgeh­
enden revolutionären und nachrevolutionären Experimente. Die Malerei
der Romantik kann im Rahmen eines europaweiten Musters indivi­du­eller
und teils kollektiver Konflikte beschrieben werden, deren vergleich­bare
Ausgangslage und Prozesshaftigkeit jedoch fragmentierte, lokal und
national weitgehend isolierte künstlerischen Versuchsfelder ohne eine
verbindende Stilprägungen schufen: Die Auflehnung gegen den an den
Akademien gelehrten Klassizismus, der eine internationale ästheti­sche
Norm dargestellt hatte, bedeutete selbst ohne diffus nationale Programmatik eine forcierte Abkehr von gerade jenen institutionellen Strukturen,
deren grenzüberschreitende Vernetzung für eine entsprech­ende Vereinheitlichung gesorgt hatte.
Kurzbiographie
1970
1993–1995
1995–2000
2000
2000–2007
2001
2002–2006
2003–2006
geboren in Kiel
Ausbildung zum Buch- und Graphikantiquar
Studium der Kunstgeschichte, der Britischen und der Neueren
deutschen Literatur in Hamburg
Promotion an der Universität Hamburg („Dietrich Ernst An­
dreae (um 1695–1734): Monographie und Werkver­zeich­nis“)
Mitarbeit an Sammmlungskatalogen der Hamburger Kunst­
halle
DAAD-Stipendiat am Warburg Institute in London
Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg
Stipendiat am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München
43
Laboratorium Romantik
2006–2008
2008–2011
2009
2012
seit 2012
DFG-Stipendiat; Lehrbeauftragter an der Freien Universität
Berlin
Lecturer an der Universität zu Köln
Habilitation an der Universität Hamburg („Bürgerkünstler:
Künstler, Staat und Öffentlichkeit im Paris der Aufklärung und
der Revolution“)
Vertretung einer Professur an der Ruhr-Universität Bochum
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität
Berlin (DFG), For­schungsprojekt „Artistische Wanderer: Die
Migration von Künstlern in Zeiten der Revolution und des Krie­
ges, 1789–1815“
Forschungsschwerpunkte
Migration von Künstlern und künstlerische Transferprozesse im 17.–19. Jh.; Institutionen der Kunst; Ausstellungswesen und Öffentlichkeit; Kunst des 18. und
19. Jh.s; Krieg und Bildmedien im 19.–21. Jh.
Publikationsauswahl
Elisabeth Vigée-Lebrun. Eine Künstlerin in der Emigration 1789–1802 (Passer­
elles 5), München/Berlin 2004.
Low Art, Popular Imagery, and Civic Commitment in the French Revolution, in:
Art History 30 H. 2 (2007), S. 247–277.
Altar gegen Altar: Aufstieg und Ende der Pariser Académie de Saint-Luc, in:
Mar­burger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 37 (2010), S. 219–264.
Exulanten, Wandergesellen und Bönhasen: Zur Künstlermigration zwischen
Ham­­burg und den Niederlanden, in: Grenzüberschreitung. Deutsch-Nieder­
län­discher Kunst- und Künstleraustausch im 17. Jahrhundert, hg. von Nils
Bütt­ner und Esther Meier, Marburg 2011, S. 71–90.
WikiLeaks und Videokrieg: Warum wir noch immer nicht wissen, was wir im ‚Collateral Murder‘-Video sahen, in: Mittelweg 36 H. 4 (2012), S. 4–39.
10.15–10.45 Uhr
Martin Kirves, Basel
Am Leitfaden der Ornamentik. Die Arabeske als Konnex zwischen
Absolutem und Alltag
Mit der Auflösung der Gattungshierarchie am Ende des 18. Jahrhunderts erlebte eine Kunstform, der innerhalb dieser Hierarchie kein eigenständiger Platz zukam, einen ungeahnten Aufstieg: Die Rede ist vom
Ornament. Obwohl es bereits im späten 18. Jahrhundert einer massiven Kritik ausgesetzt war, rückte es vor seiner endgültigen Verdammung
durch Adolf Loos an die Spitze der Künste.
44
Laboratorium Romantik
Im Vortrag soll über die mit der Rocaille einsetzende Verselbst­stän­
digung des Ornaments vom dienenden Dekorum zur „absoluten (Denk)­
Form“ der Arabeske hinaus verfolgt werden, wie sich die Arabes­ke
wiederum materiell re-konkretisiert und welche kunsttheoretischen wie
kunstpraktischen Implikationen diese Transformationen beinhalten. Da­
bei wird das Ornament zum einen als Arabeske, die eine dem roman­
tischen Fragment komplementäre synthetisierende Größe darstellt, in
den Blick genommen; zum anderen gilt das Augenmerk dem Ornament
als einer den Schönheitsbegriff der Aufklärung konservierenden Form,
das als konkrete nichtfigurale Darstellung den moral sense zu aktivieren
und auf diese Weise eine nicht sprachlich verfasste seelische Bildung
zu erwirken vermag. Vor diesem Hintergrund sollte das Ornament zum
Instrument einer Hebung des allgemeinen, den gesamt­gesell­schaft­lichen
Zusammenhalt befördernden Geschmacks werden. Damit ge­winnt das
absolute Ornament eine alltagsrelevante Bedeutung, die auf die Prägung
der Lebenswelt hin ausgerichtet ist. Um diesen Aspekt zu entwickeln,
wird nach Frankreich, insbesondere nach England aus­ge­griffen werden.
Die leitende Frage lautet also, inwiefern unter romantischen Vorzeich­
en das Projekt der Aufklärung am Leitfaden der Ornamentik fortge­schrie­
ben wurde, so dass das Ornament zur Darstellungsform, zum Prüf­stein
und zum Kriterium verschiedenster einheitsstiftender Diskurse wer­den
konnte, bis es an dieser Überbelastung zerbrechen und durch den Purifikationsakt der Moderne ausgetrieben werden sollte.
Kurzbiographie
1975
1998–2006
2006–2009
2010
seit 2009
geboren in Berlin
Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik in
Berlin und Madrid
Stipendiat des Exzellenznetzwerks „Aufklärung – Religion –
Wissen. Transformationen des Religiösen und des Rationalen
in der Moderne“ der Martin-Luther-Universität Halle-Witten­
berg
Promotion an der Technischen Universität Berlin („Das ge­
stoch­ene Argument. Daniel Nikolaus Chodowieckis ‚Natür­liche
und affectirte Handlungen des Lebens‘ – Eine Bildtheorie der
Aufklärung“)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Basel (eikones – NFS Bildkritik) mit einem Projekt zum Ornament
Forschungsschwerpunkte
Bildtheorie; Ästhetik; Aufklärung; Romantik; Ornament; Druckgraphik; Land­
schafts­malerei; Skulptur.
45
Laboratorium Romantik
Publikationsauswahl
Das gestochene Argument. Daniel Nikolaus Chodowieckis Bildtheorie der Auf­
klärung, Berlin 2012.
Ornament als Erkenntnisform. Die epistemische Entwurfstheorie der South Ken­
sington School, in: Kongress-Akten der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik,
Bd. 2: Experimentelle Ästhetik, hg. von Ludger Schwarte (http://www.dgae.de/
kongress-akten-band-2.html).
Owen Jones and the Threefold Nature of Ornament, in: Ornament today, hg. von
Jörg Gleiter, Bozen 2012, S. 44–61.
Die Widerständigkeit der Bildwerke. Die Naumburger Skulptur zwischen Kunst­
wissenschaft und Ideologie, in: Der Naumburger Meister. Bildhauer und Archi­
tekt im Europa der Kathedralen, hg. von Hartmut Krohm und Holger Kunde,
Pe­tersberg 2011, S. 30–42.
11.45–12.15 Uhr
Valentine von Fellenberg, Bern
Laboratorium Helvetien. Der gescheiterte Versuch einer zentralis­
tischen Kunstpolitik
Der Begriff „Laboratorium“ trifft die Verschränkung der politischen und
künstlerischen Prozesse der Schweizerischen Eidgenossenschaft von
1798 bis 1848. Die seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts verstärkte po­li­tische Orientierung an den Nachbarstaaten führte in den Jahren
der Hel­ve­tischen Republik zum Streben nach einer zentralistisch struk­
turierten Künstlerausbildung. Auf die Umfrage des helvetischen Minis­ters
der Künste und Wissenschaften Philipp Albert Stapfer, „(...) auf wel­che
Weise im Vaterlande die Künste am meisten befördert werden, und für
das Vaterland am nützlichsten angewandt werden“, schufen die Künstler
Helvetiens auf Papier die Schweizerische Kunstakademie. Die Entwürfe
dieser ersehnten, gedanklich konzipierten Lehrinstitution und ihres Betriebes verraten einerseits Orientierung und Ideal der helve­tischen Künstler, andererseits die Gründe für das Scheitern einer sol­chen Institution.
Kunstschaffen und Kunst strukturierende Akademie-Pläne standen einer
heterogenen, aus autonomen und individuellen Positionen bestehenden
Kunstlandschaft gegenüber.
Der Hintergrund dieser Debatte bildet die Diskrepanz zwischen den in
auswärtigen Akademien und Ateliers vermittelten Kenntnissen und Maßstäben einerseits und der davon abweichenden Kunstauffassung und
bescheideneren Nachfrage in der Schweiz andererseits. Versuche einer
Überbrückung führten in der Kunst zu Verschiebungen zwischen Form
und Inhalt. Die Kunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnet sich
46
Laboratorium Romantik
durch Grenzüberschreitungen aus: Es entstanden Gemäl­de mit mehrschichtiger Ikonographie, Stildurchdringungen und schwer identifizierbaren, kaum einzuordnenden Bildinhalten. Folge des er­schwer­ten Umgangs mit dieser Situation ist eine zurückhaltende, teils wider­sprüchliche
Kunsthistoriographie. Die wiederholt als Frage formu­lierte These, ob von
einer „Schweizer Kunst“ überhaupt die Rede sein kön­ne, lässt sich einzig
im Verhältnis zur künstlerischen Situation ihrer Nach­barstaaten klären.
Kurzbiographie
1977
1998–2003
2002–2003
2004–2006
2006–2007
seit 2008
2009–2010
2011
2012–2015
ab 2013
geboren in Bern (CH)
Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie, Fran­
zösischen Sprache und Literatur in Bern, Berlin und Freiburg i.
Üe. (Lizentiatsarbeit: „Hermann Rupf und Paul Klee. Der Sam­
mler und der Künstler“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nachlassverwaltung der
Familie Paul Klee
Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Schweizerischen Instituts
für Kunstwissenschaft in Lausanne und Zürich (SNF-Projekt
zur Kunstausbildung der Schweizer Künstler in der 1. Hälfte
des 19. Jahrhunderts)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Zeitgeschichte
der Universität Freiburg i. Üe.
Kunstsachverständige (Ressort Gemälde, Graphik, Helvetica)
der Galerie Jürg Stuker, Bern
Konservatorin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Bereich
Graphik und Photographie), Burgerbibliothek Bern
Promotion an der Universität Freiburg i. Üe. („Hans Jakob
Oeri. Schweizer Klas­sizismen in der Kunst des 19. Jahrhun­
derts“)
Postdoc-Projekt und Lehraufträge
Co-Leiterin der Kunstsammlung der Stadt Bern
Forschungsschwerpunkte
Kunst des ausgehenden 18. und 19. Jh.s im deutschen und fran­zösi­schen
Sprachraum unter kulturgeschichtlicher Perspektive; Schweizer Kunst­schaffen;
Bildanalysen in den Gattungen Historie und Porträt; Wissenschafts­ge­
schichtliche Fragestellungen; Entstehungsprozesse und Rezeption von Graphik.
Publikationsauswahl
Die Natur: Spiegel der Wahrheit. Der Maler Hermann Hesse, in: ,… Die Gren­
zen überfliegen‘. Der Maler Hermann Hesse, Ausstellung Kunstmuseum Bern
(Mithg.), Berlin 2012, S. 25–43.
Chloe – Eine gemalte Idylle von Hans Jakob Oeri, in: Idyllen in gesperrter Land-
47
Laboratorium Romantik
schaft. Zeichnungen und Gouachen von Salomon Gessner (1730–1788),
Publikation zur Ausstellung Kunsthaus Zürich, hg. von Bernhard von Waldkirch, München 2010, S. 159–167.
Ein bisher unbekanntes Gemälde von Jacques-Louis David. Das Porträt Hans
Jakob Oeri, 1804. Werkanalyse und Ausführungen zur Bedeutung des Lichtes
in Jacques-Louis Davids Porträts, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäo­
logie und Kunstgeschichte 3 (2008), S. 211–230.
Die nicht realisierte Schweizerische Kunstakademie, in: Das Kunstschaffen in
der Schweiz 1848–2006, Bern/Zürich 2006, S. 247–257.
Kritische Betrachtung einer Sammlerdarstellung am Beispiel von Hermann Rupf
(1880–1962); Hermann Rupf und Paul Klee. Der Sammler und der Künstler.
Rekonstruierung einer Sammlung und Entdeckung einer Freundschaft, in:
Thesis. Cahier d’histoire des collections et de Muséologie / Zeitschrift für
Sammlungsgeschichte und Museologie 7 (2005), S. 41–77; 8 (2006), S.
91–182.
14.00–14.30 Uhr
Sarah Lütje, Frankfurt am Main
Zwischen antikem Ideal und ästhetischer Erneuerung. Nordische
Mythen in der bildenden Kunst der Romantik
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts weckten Sujets aus der nordischen Mythologie verstärkt das Interesse bildender Künstler. Die in
zwei is­ländischen Texten aus dem 13. Jahrhundert (Lieder-Edda und
Prosa-Edda) überlieferten Stoffe waren außerhalb Islands weitgehend
in Ver­gessenheit geraten. Seit dem 17. Jahrhundert verbreitete sich die
Kenn­tnis dieser Texte in Europa, zunächst in Geschichtsschreibung und
Wissen­schaft, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend
auch in den Künsten. Dort wurden die Stoffe als ästhetische Alternative
zu den etablierten antiken Mythen aufgefasst. In meinem Vortrag möchte
ich den Spuren nordischer Mythen in der bildenden Kunst der deutschen
Romantik nachgehen. Dabei beleuchte ich vor allem die ästhe­tische Diskussion über die „Brauchbarkeit“ der nordischen Mythologie für die bildende Kunst, zu der sich bereits 1792 Friedrich David Gräter ge­äußert
hatte (Ideen über die Brauchbarkeit der nordischen Mythologie für die
redenden und zeichnenden Künste), und gehe der Frage nach, wie sich
die Kunstwerke mit Sujets aus der nordischen Mythologie zu den dort
aufgeworfenen ästhetischen Fragen verhalten.
Die nordische Mythologie erfüllte zunächst gut die romantischen For­
derungen nach ästhetischer Innovation. Die bisher unverbrauchten Su­
jets versprachen eine thematische Erneuerung aus dem Eigenen und
schienen zur Etablierung der „Neuen Mythologie“ beizutragen. Doch tat
48
Laboratorium Romantik
sich die bildende Kunst mit der konkreten Umsetzung schwerer als die
Literatur. Dies hängt offenbar mit der Dominanz der Ikonographie der an­
ti­ken Mythen zusammen, die eine Visualisierung der nordischen Götter
erschwerte.
Kurzbiographie
1978
1997–2004
seit 2005
2012
geboren in Neuwied
Studium der Kunstgeschichte und Skandinavistik in Frankfurt
a. M. und Stockholm (Magisterarbeit: „Der Blick als Medium
der Reflexion im malerischen Werk Ola Billgrens“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Skandinavistik
der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Promotion an der Goethe-Universität Frankfurt am Main („Ed­
da 1943. Bild – Text – Buchgestaltung“)
Forschungsschwerpunkte
Nordische Mythen in der bildenden Kunst der Neuzeit; Buchillustration und
Buch­­gestaltung; Bezüge zwischen Text und Bild; skandinavische Kunst, v. a.
seit ca. 1770.
Publikationsauswahl
»Germanischer Klassizismus« im Jugendstilgewand. Karl Gjellerups dänische
Übersetzung der Liederedda und die Buchgestaltung von Lorenz Frølich, in:
Sang an Ägir. Nordische Mythen um 1900 (Edda-Rezeption 1), hg. von Flori­
an Heesch und Katja Schulz, Heidelberg 2009, S. 287–322.
Edda 1943. Bild – Text – Buchgestaltung (Edda-Rezeption 3), Heidelberg (im
Er­scheinen), zugl. Diss. Frankfurt 2012.
Lorenz Frølich; Johann Heinrich Füssli, in: Rezeptionsgeschichtliches Lexikon
der nordischen Mytho­logie und Heldensage, hg. von Julia Zernack, Heidelberg (im Erscheinen).
14.45–15.15 Uhr
Gregor Wedekind, Mainz
Anschauungsformen des Romantischen bei Caspar David Fried­
rich und Théodore Géricault
Die herkömmliche Bestimmung der Weltanschauung der Romantik
als Opposition zum abstrakten Rationalismus der Aufklärer ist unbefrie­
digend. Romantik stellt sich nicht als ein simpler Anti-Rationalismus dar,
viel­mehr erweist sich ihre Spezifität als eine Auto-Kritik der Modernität. In
Hinsicht einer solchen Perspektive nimmt der Vortrag den immer wie­der
49
Laboratorium Romantik
angestellten Vergleich zwischen Théodore Géricaults „Le Radeau de la
Méduse“ von 1818/1819 und Caspar David Friedrichs „Das Eismeer“ von
1823/1824 noch einmal auf. Dabei soll es nicht so sehr um die Bestimmung der Unterschiede zwischen deutscher und franzö­sischer Malerei,
deutscher und französischer Kultur gehen, die den Topos deutscher Innerlichkeit und Gegenwartsferne gegen den von fran­zösischer Zivilisationsidee und politischer Selbstbestimmung bestä­tigen. Im Vordergrund
steht vielmehr die Frage nach Gemeinsamkeiten und Differenzen in der
Konzeption der Mimesis bei diesen Künstlern. Mimesis ist verstanden als
die Spannung zwischen Weltzuwachs und Weltverlust. Entstanden aus
dem Glaubensverlust der Neuzeit, ist diese Spannung eine Triebfeder
des modernen Zweifels, der die alte Frage nach dem Was und Warum
des Seienden durch die nach dem Wie ersetzt. Es geht es nicht mehr
um Überzeugungen und Positionen, die als Wahrheiten anderen unversöhnlich gegenüberstehen, sondern es geht um den Modus, um die Geisteshaltung, mit der jemand etwas glaubt. Bereits Isaiah Berlin hat diese
grundlegende Verschiebung der Wirklichkeitssicht, bei der die Geisteshaltung und der Beweggrund wichtiger sind als die Konsequenzen und
die Absicht wichtiger als die Wirkung, als wesentliches Moment der Romantik erkannt. Vor dem Hintergrund einer so verstandenen tiefgreifenden Umwertungs­bewe­gung der Moderne werden die Werke Friedrichs
und Géricaults als pa­ra­digmatische Anschauungsformen des Romantischen analysiert.
Kurzbiographie
1963
1983–1991
1995
1995–2001
1999
2002–2003
2003–2007
50
geboren in Mainz
Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in
Bamberg, Dijon und Berlin
Promotion an der Technischen Universität Berlin (Disserta­
tions­­schrift zu Klees Inventionen)
Wissenschaftlicher Assistent am Fachgebiet Kunstgeschichte
der Technischen Universität Berlin
Gastdozent am Institute of Social Sciences der Istanbul Tech­
ni­cal University
Wissenschaftlicher Dozent am Kunstgeschichtlichen Institut
der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Leiter des wissenschaftlichen Programms (directeur de recherche) am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris
Laboratorium Romantik
2008
2007–2009
seit 2010
Habilitation an der Technischen Universität Berlin („Das Leben
fassen. Strategien der Mimesis im Werk von Théodore Géri­
cault“)
Vertretung von Professuren­an der Hochschule für Bildende
Küns­te Braunschweig und der Johannes Gutenberg-Universi­
tät Mainz
Professor für Kunstgeschichte an der Johannes GutenbergUniversität Mainz und Präsident der Deutschen Gesellschaft
für die Erforschung des 19. Jahrhunderts
Forschungsschwerpunkte
Bildkünste des späten 18. bis zum 21. Jh.; französische Kunst des 19. Jh.s; Ro­
mantik; Geschichte des Künstlertums, Genieästhetik und Kunst­religion; Theorie
und Geschichte der Mimesis; Ideengeschichte der euro­päischen Moderne; Ge­
schichte und Ästhetik der Photographie.
Publikationsauswahl
Théodore Géricault: Das Floß der Medusa, in: Bilder machen Geschichte. Histo­
rische Ereignisse im Gedächtnis der Kunst, hg. von Uwe Fleckner (im Druck).
›Le cuisinier de Rubens‹. Théodore Géricault und die Erneuerung der französischen Malerei aus dem Geist des Barock, in: Barock – Moderne – Post­
moderne: ungeklärte Beziehungen (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockfor­
schung), hg. von Victoria von Flemming (im Druck).
Les ›fous‹ de Géricault. La peinture et la photographie face aux malades men­
taux, in: L’évidence photographique. La conception positiviste de la photogra­
phie en question (Passages/Pas­sa­gen 23), hg. mit Herbert Molderings, Paris
2009, S. 47–101.
Metaphysischer Pessimismus. Stimmung als ästhetisches Verfahren bei Caspar
David Friedrich, in: Stimmung. Ästhetische Kategorie und künstlerische Praxis
(Passages/Passagen 33), hg. von Kerstin Thomas, Berlin/München 2010, S.
31–49.
Bilder für ehrliche Leute. Zum Problem der Mimesis bei Caspar David Friedrich,
in: Der unbestechliche Blick. Festschrift zu Ehren von Wolfgang Wolters,
hg. von Martin Gaier, Bernd Nicolai und Tristan Weddigen, Trier 2005, S.
413–427.
51
Kunst, Mobilität, Bewegung
Sektion des Deutschen Forums für Kunstgeschichte Paris
Godehard Janzing, Paris / Guillaume Cassegrain, Lyon
Sektionsvorträge
Donnerstag, 21. März 2013, Hauptgebäude / Aula, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Brigitte Sölch, Florenz
Architektur bewegt: Schwellenräume als »sympathetische« Inter­
aktionsräume
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Angela Lammert, Berlin / Nicola Suthor, Berlin
Avantgardistische Denkfiguren und frühneuzeitliche Bildpraxis: Zu
Motorik des Linienzugs und Lesbarkeit von Bewegung
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Johannes Grave, Bielefeld
Bildzeit und Bildakt. Zur rezeptionsästhetischen Temporalität von
Bildern
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
53
Kunst, Mobilität, Bewegung
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Christian Janecke, Offenbach
Wie schnell waren eigentlich Rallyestreifen? Implikationen eines
Formmotivs in der Kunst der 1990er Jahre
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Markus Brüderlin, Wolfsburg
Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst
von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Die Darstellung der Bewegung zählt zu konstanten Heraus­for­der­
ungen in einer der Mimesis verpflichteten Kunst und hat Theorie und
Praxis, in der Malerei ebenso wie in der Skulptur, gleichermaßen be­
schäftigt. Dabei geht es einmal um die Wiedergabe eines physischen Be­
wegungsmoments, der im Kunstwerk eingefangen und festgehalten ist,
aber nicht weniger auch um dessen Beseelung, wie sie exem­plarisch im
Pygmalion-Mythos aufgehoben ist. Philosophie und Kunst­theorie haben
sich der Bewegung als epistemischer Figur genähert (Maurice MerleauPonty, Henri Bergson, Gilles Deleuze) und das intellektuelle Spektrum
bis hin zu Fragen von Rhythmus und Bewegung vor sowie der Begegnung mit dem Bild erweitert. Jüngste Ansätze erforschen, etwa unter den
Denkfiguren „agency“ oder „Bildakt“ (Bruno Latour, Horst Bredekamp),
die Handlungsfähigkeit des Kunstwerks.
Die Sektion widmet sich den vielfältigen Dimensionen der Bewegung
in der bildenden Kunst und befragt das Phänomen des prinzipiell Stati­
schen auch in Hinsicht einer räumlichen und physischen Entgrenzung
sowie seiner emotionalen Wirkkraft: In das Blickfeld treten zunächst Fall­
beispiele der Architektur als einer Gattung, die besonders machtvoll in
soziale Handlungsfelder einwirkt – so die Mittlerfunktion von Stadt­toren,
54
Kunst, Mobilität, Bewegung
deren figürlicher Schmuck den Moment des Übergangs auch emotional
zu modellieren sucht (Brigitte Sölch). Als Paradigma der Bewegungsdarstellung erscheint die bewegte, schwingende Linie, deren „Freisetzung“
aus einer dienenden Abbildungsfunktion in den Diskursen der Avantgarden sowie historischen Zeichentheorien untersucht werden soll (Nicola
Suthor, Angela Lammert).
Die Dinglichkeit des Werks bringt einen Zeitfaktor ins Spiel, der Dauer
und Vollzug der Betrachtung – und somit auch die vermeintliche Wirk­
macht mitbestimmt (Johannes Grave). Anhand konkreter formaler Moti­
ve, wie Streifenkompositionen, wird zu fragen sein, ob diese allein schon
einen bewegungsverstärkenden Effekt mit sich bringen, oder den Wahr­
nehmungsprozess nicht vielmehr ausbremsen (Christian Janecke). Im dialektischen Gegenzug könnte es eben auch ein Anliegen der Bildkünste
sein, sich von dem rasanten Vorwärtstreiben der Moderne zu entbinden
und Momente von Introspektion und Ruhe zu schaffen (Markus Brüderlin).
Godehard Janzing, Paris / Guillaume Cassegrain, Lyon
Kurzbiographie Godehard Janzing
1998–2001
2001–2002
2001–2012
2004–2007
2008–2012
2011
seit 2012
Studium der Kunstgeschichte, Psychologie und Musikwissen­
schaften in Osnabrück, Münster und Berlin
DFG-Stipendiat im Graduiertenkolleg „Codierung von Ge­walt“
an der Humboldt-Universität zu Berlin
Gerda-Henkel-Stipendiat am Deutschen Forum für Kunstge­
schichte Paris („L’image du roi“)
Redakteur des internationalen Fachinformationsdienstes HArtHist
Volontär / Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen His­to­­
rischen Mu­seum Berlin; Ausstellungen „Kunst und Propa­gan­
da im Streit der Nationen 1930–1945“; „Die Hugenotten“
Wissenschaftlicher Referent am DFK Paris (directeur de re­
cherche), Abteilungsleitung dt. Publikationen
Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin
Stellvertretender Direktor des DFK Paris
Forschungsschwerpunkte
Kunst um 1800; Erinnerungskultur / Denkmalpolitik; Zusammenhang zwischen
Bild- und Militärgeschichte, Geschichte des Ausstellungswesens; Der Fall der
Bilder: Zur Ikonologie negativer Vertikalität.
55
Kunst, Mobilität, Bewegung
Publikationsauswahl
Stille Größe. Kunstideal und Wehrgedanke bei Schadow, David und Goya, Ber­
lin 2013 (im Erscheinen).
‘Levez-vous, citoyens!’ Military reforms and the fate of the pedestal slaves in
eighteenth-century France, in: Reading the Royal Monument in EighteenthCentury Europe (Subject/Object: New Studies in Sculpture), hg. von Charlotte
Chastel-Rousseau, Farnham 2011, S. 55–70.
Der »Vandaliste« und sein Werk. Bildakte der Zerstörung und Befreiung in der
Französischen Revolution, in: Der Sturm der Bilder. Zerstörte und zerstörende
Kunst von der Antike bis in die Gegenwart (Mnemosyne. Schriften des inter­
na­tio­nalen Warburg-Kollegs 1), hg. von Uwe Fleckner, Maike Stein­kamp und
Hendrik Ziegler, Berlin 2011, S. 55–74.
Der »Falling Man«. Opferbilder des 11. September 2001, in: Bilderatlas des 20.
und beginnenden 21. Jh.s, Bd. II, hg. von Gerhard Paul, Göttingen 2008, S.
694–701.
Un événement „cadré“. La chute du mur de Berlin, in: L’évé­nement, les images
comme acteurs de l’histoire, Ausstellungskatalog Jeu de Paume, hg. von Michel Poivert, Paris 2007, S. 104–121.
Kurzbiographie Guillaume Cassegrain
2001
seit 2003
2012–2013
Promotion an der École des hautes études en sciences sociales in Paris („Représenter la vision. Ap­paritions miraculeuses dans la peinture vénitienne du Cin­que­cento“)
Maître de conférences im Fach Kunstgeschichte an der Uni­
ver­sität Lumière Lyon 2 – UMR 5190 Laboratoire de Recherche Historique Rhône-Alpes
Co-Direktor des Jahresthemas „Bewegung / Mouvement“ am
Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris (mit Andreas
Beyer)
Forschungsschwerpunkte
Malerei der italienischen Renaissance; Theorie und Methode; Poetik der Bilder.
Publikationsauswahl
Tintoret, Paris 2009.
Poétique de la coulure. Imaginaires de l’art, Paris 2013 (im Erscheinen).
Michel-Ange. Portrait d’encre, Paris 2013.
Mantegna – Theory, in: Andrea Mantegna: New Approaches, hg. von S. Campbell, Art History (2013, im Erscheinen).
Vers la mort (et au-delà), in: Titien, Tintoret, Véronèse. Rivalités à Venise.
1540–1600, Ausstellungskatalog Louvre, hg. von Jean Habert und Vincent
Delieuvin, Paris 2009, S. 393–407.
56
Kunst, Mobilität, Bewegung
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Brigitte Sölch, Florenz
Architektur bewegt: Schwellenräume als »sympathetische« Inter­
aktionsräume
Wirkungs- und Wahrnehmungsweisen frühneuzeitlicher Architektur
zählen zu einem noch wenig untersuchten Feld der Kunst- und Archi­
tekturgeschichte. Der Vortrag soll die bildhafte Ausgestaltung und poten­
zielle Überwindung architektonischer Grenzen in Bezug auf jene Räume
exemplarisch befragen, in denen juridische oder militärische Funktionen
die Voraussetzung für die Gestaltung und Wirkungsabsicht wie auch für
die Perzeption von Architektur bilden. Im Rekurs auf die Ver­handlung
architektonischer Grenzsituationen in der frühneuzeitlichen Architekturtheorie sollen jene Schwellenräume genauer in den Blick genommen
werden, an denen (Stütz-)Figuren Affekte zum Ausdruck bringen und im
Betrachter evozieren können. Dabei geraten besonders Bewegungsräume wie Portale, Passagen oder Korridore in den Fokus: das Stadttor von
Palermo etwa, das Karl V. nach seinem Sieg in Tunis mit skulpturalen
Verkörperungen der Besiegten errichten ließ, oder der Militärhafen von
Toulon. Der Statik des Rathausportals, die Pierre Puget expressiv mit
menschlichen Stützfiguren überformte, stehen die ver­gleichbar zu dekorierenden Marineschiffe gegenüber, die als fahrende (Kriegs-)Architekturen in die Betrachtung der Ränder eines öffentlichen Platzes einzubeziehen sind, dessen Grenzen so gesehen beweglich sind. Es handelt
sich um dynamische Erfahrungs- und Inter­aktions­räume, in denen der
menschliche Körper seiner imitatio bzw. represen­tatio, oftmals im Zeichen der Gefangenschaft, begegnet. Ob (bildliche) Tra­di­tionen „sympathetischen“ Erlebens zur methodischen Erfassung die­ses komplexen Beziehungsgefüges geeignet sind, wird zu erproben sein.
Kurzbiographie
1991–1997
1998–1999
1998–2001
2001–2003
Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und
Psychologie in Augsburg
For­schungsaufenthalt in Rom
Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des deutschen Vol­
kes und 2003 der Gerda Henkel Stiftung
Wissenschaftliche Volontärin am Museum für Neue Kunst –
ZKM Karlsruhe
57
Kunst, Mobilität, Bewegung
2003
2003–2008 2006–2007
2008–2011
seit 2011
Promotion („Francesco Bianchini (1662–1729) und die Anfän­
ge öffentlicher Museen in Rom“, ausgezeichnet mit dem Pre­
mio Federico Zeri und dem Preis der Augsburger Universi­täts­
stiftung)
Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstge­
schich­­te / Bildwissenschaft der Universität Augsburg
Dozentin im Studiengang „Historische Kunst- und Bild­diskur­
se“ des Elitenetzwerks Bayern
Postdoc-Stipendiatin am Kunsthistorischen Institut in Florenz
– MPI im Projekt „Piazza e monumento“ unter der Leitung von
Cornelia Jöchner und Alessandro Nova
ebd. Wissenschaftliche Assistentin (Direktion Nova) und Leiterin des Projektes „Piazza e monumento“ (mit Alessandro
Nova)
Habilitationsprojekt: „Die vor(moderne) Forumsidee und das
Ideal der ‚res publica‘. Zum Verhältnis von Architektur und
Öffent­lichkeit im urbanen Raum“
Forschungsschwerpunkte
Bild- und Architekturgeschichte mit Bezug zur (politischen) Ideengeschichte;
Re/Konstruktionen ‚antiker‘ und ‚europäischer‘ Stadt- und Platz(raum)bilder,
15.–21. Jh.; Ethik und Architektur (des Rechts); Architektur bewegt (Bild,
Schwelle, Grenze, Fusion); Visualisierung, Popularisierung und Politisierung
von Wissen; Sammlungs-, Wissenschafts- und Institutionengeschichte, 17./18.
Jh.; Familien­repräsentation und Kunstpatronage in Süddeutschland im 16. Jh.
Publikationsauswahl
Francesco Bianchini (1662–1729) und die Anfänge öffentlicher Museen in Rom
(Kunstwissenschaftliche Studien 134), Berlin/München 2007.
Zentrum oder Zentralisierung? Mailand und das Forum als Exemplum, in: Platz
und Territorium: Urbane Struktur gestaltet politische Räume (I mandorli 11:
Piazza e monumento I), hg. von Alessandro Nova und Cornelia Jöchner, Berlin/München 2010, S. 113–137.
Klöster und ihre Nachbarn – Konkurrenz im Blick? in: Humanismus und Renai­s­
sance in Augsburg. Kulturgeschichte einer Stadt zwischen Spätmittelalter und
Dreißigjährigem Krieg (Frühe Neuzeit 144), hg. von Gernot Michael Müller,
Ber­lin/New York 2010, S. 491–526.
Fusion Architecture from the Middle Ages to the Present Day: Incorporation,
Confrontation or Integration? (mit Erik Wegerhoff), in: Proceedings of the
EAHN Second International Meeting, Brüssel 2012, S. 178–181.
„Per dare terrore alle persone“. Zu Ordnung, Gesetz und Schrecken in der
früh­neuzeitlichen Architektur(theorie), in: Ethik und Architektur, hg. mit Hana
Gründ­ler und Alessandro Nova, Zürich/Berlin (in Vorbereitung).
58
Kunst, Mobilität, Bewegung
10.15–10.45 Uhr
Angela Lammert, Berlin / Nicola Suthor, Berlin
Avantgardistische Denkfiguren und frühneuzeitliche Bildpraxis: Zu
Motorik des Linienzugs und Lesbarkeit von Bewegung
Der dialogisch konzipierte Doppelvortrag bringt Anschauungsformen
der Avantgarde mit Bildkonzepten der Frühen Neuzeit auf eine argu­men­
tative Linie, um einen historischen Langzeitprozess in der Dar­stel­lung der
Bewegung zu beschreiben.
Einerseits geht es um die Engführung des bewegten Linienzugs der Entwurfszeichnung mit der Handschrift. Es geht also weniger um den symbolischen Gehalt des Schriftbildes als um die Bedeutung der Motorik des
Schriftzugs. Die moderne Vorstellung der Befreiung von Ver­krampfung
durch Schreibübungen im Zeichenunterricht der Reformkunstschulen kollidiert jedoch mit dem scheinbar zwangsläufigen Drill der Kalligraphie. Es
lohnt daher ein Blick zurück zu Formen der freischwingenden Linie, die,
in der Vormoderne ebenfalls von der Kalligraphie angestoßen, gleichsam
überfließend die Grenzen der Kon­turierung niederreißen, durchkreuzen,
und damit bildnerischen Denkprozesses Terrain bieten. Der Vortrag wird
also – nun aus der Per­spektive des 17. Jahrhundert schauend – kritisch
die Vorstellung von der befreiten Linie in der Moderne hinterfragen.
Andererseits geht es um die kritische Befragung der Lesbarkeit von Bewegung, die in der Bruno Latour’schen Denkfigur der „immutable mobile“ Voraussetzung für die Beweglichkeit ist. In den Chrono­photographien
des Physiologen Étienne-Jules Marey wird die Wiederholung in der
Sequenz ebenso wie die Unschärfe in der Überlagerung von Be­we­
gungsmomenten verwandt. Verblüffend ist ein Vergleich der malerischen
Umsetzung der Chronophotographien von Marey im Decken­gemälde zur
Weltausstellung 1900 mit Bewegungsdarstellungen in einem Pferdefries
der Schifanoja-Fresken in Ferrara, die von Aby War­burg unkommentiert
bleiben. Die Analyse der horizontal angelegten Re­nais­sance-Fresken mit
einem durch die Photographie geprägten Blick lässt Überschneidungen
und Eigenarten unterschiedlicher Medien in einem neuen Licht erscheinen. Unscharfe Bilder können die genausten Auf­zeichnungen von Bewegung sein und zugleich die ambivalentesten Lesarten zulassen.
Kurzbiographie Angela Lammert
1960
1982–1988
geboren in Berlin
Studium der Kunstwissenschaft, Klassischen Archäologie und
Kulturwissenschaft in Berlin
59
Kunst, Mobilität, Bewegung
1993
seit 1993
Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin („Antimoder­
ne und Modern in der Plastik der Weimarer Akademie“)
Akademie der Künste Berlin, seit 2008 Leitung interdiszipli­nä­
rer Sonderprojekte
zahlreiche Ausstellungen, Lehrtätigkeit und Gastprofessur zur
Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts
Forschungsschwerpunkte
Definition und Funktionswandel des Modernebegriffs; Narration in den Künsten;
Topos Raum; Bildlichkeit der Notation; Verhältnis von Wissenschaft und Kunst,
besonders in der Photographie.
Publikationsauswahl
Gordon Matta Clark. Moment to Moment. Space, hg. mit Hubertus von Ame­
lunxen und Philip Ursprung, Nürnberg 2012.
Notation. Kalkül und Form in den Künsten, hg. mit Hubertus von Amelunxen,
Die­ter Appelt und Peter Weibel, Berlin 2008.
Räume der Zeichnung, hg. mit Carolin Meister, Jan-Philipp Frühsorge und An­
dreas Schalhorn, Nürnberg 2007.
Raum. Orte der Kunst, hg. mit Matthias Flügge und Robert Kudielka, Nürnberg
2007.
Germaine Richier, hg. mit Jörn Merkert, Köln 1997.
Kurzbiographie Nicola Suthor
1998–1999
2001 2001–2003 2003–2006 seit 2007 2008
2009–2011
seit 2012
60
Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in
Düsseldorf, Köln, Basel, Berlin und Paris
Assistentin am Kunsthistorischen Institut der Freien Universi­tät
Berlin
Promotion
Postdoc am DFG-Graduiertenkolleg „Körper-Insze­nie­ru
­ ngen“,
Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Ber­lin
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, ab 2004 Postdoc am Kunsthistorischen Institut in Florenz – MPI, Direktion Wolf
Lehrbeauftragte am Institut für Kunstgeschichte der Universität
Bern
Habilitation („Bravura: Ein Konzept für Malerei und Theorie
vom 16.–18. Jahrhundert“)
Vertretung einer Professur am Institut für Europäische
Kunstge­schichte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin
Kunst, Mobilität, Bewegung
Forschungsschwerpunkte
Tizian; Malerei der Frühen Neuzeit; Visualisierung von Gedankengängen im
Medium der Zeichnung.
11.45–12.15 Uhr
Johannes Grave, Bielefeld
Bildzeit und Bildakt. Zur rezeptionsästhetischen Temporalität von
Bildern
In der jüngsten Forschung ist verstärkt die eigene, keineswegs bloß
passive Rolle betont worden, die Bildern in der Interaktion mit ihren Betrachtern zukommen kann. Das Bild gilt nicht mehr nur als Zeichen­sys­
tem, das Informationen speichert, sondern wird zu einem eigenständigen
Akteur, der sich der Kontrolle des Betrachters entziehen und Macht über
ihn gewinnen kann. Woher Bilder dieses Potenzial be­ziehen, ist jedoch
keineswegs geklärt.
Eine Annäherung an diese Frage kann sich nicht darauf beschränken,
die Wirkmacht des Bildes auf Präsenzeffekte, visuelle Evidenzen oder
Techniken der Illusion zurückzuführen. Eine anspruchsvolle Theorie des
„Bildhandelns“ muss vielmehr auch die Materialität und Dinglichkeit von
Bildern ernst nehmen. Indem das Bild etwas zeigt, zeigt es immer auch
sich selbst; die Transparenz der Darstellung ist nicht ohne jene Opazität
zu haben, die den Darstellungsmitteln unvermeidlich eigen ist. Im Bildbewusstsein des Betrachters kommen diese beiden Dimensionen des
Bildes zur Geltung. Wie aber lässt sich unter den Bedingungen eines
Bildbewusstseins das Bild als Akteur verstehen, so dass es nicht nur Gegenstand von Handlungen wird, sondern mit seinen Betrachtern in eine
Interaktion tritt? Kann dem Bild noch Eigenaktivität und „Macht“ zugesprochen werden, wenn es als lebloses, statisches Ding erkannt worden
ist?
Der Vortrag soll eine methodische Perspektive skizzieren, die einen
engen Zusammenhang von Bildbewusstsein und Bildwirkung zu denken
erlaubt. Zu diesem Zweck gilt es, sich aus dem Bann des „Bildhandelns“
zu lösen, um eine Zeitlichkeit anderer Art in die Überlegungen einzu­
beziehen: die mit der Rezeptionsästhetik des Bildes implizierte Tempo­
ra­lität. Die Zeitlichkeit, die jedem „Akt des Betrachtens“ inhärent ist,
dürfte wesentlichen Anteil daran haben, dass Bilder uns in Wahrnehm­
ungsprozesse verstricken, die nicht allein durch den Betrachter kontrol­
liert werden.
61
Kunst, Mobilität, Bewegung
Kurzbiographie
1996–2000
2001
2001–2005
2005 2005–2009
2009
2009–2012
2012
seit 2012
Studium der Kunstgeschichte, Mittellateinischen Philologie,
Mittelalterlichen Geschichte und Philosophie in Freiburg i. Br.
Studienaufenthalt in Rom
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 482 „Ereignis WeimarJena. Kultur um 1800“ an der Friedrich-Schiller-Universität
Jena
Promotion an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Disser­
ta­tionsschrift zu Goethes graphischer Sammlung)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Basel (eikones – NFS Bildkritik)
Tätigkeit für die Klassik Stiftung Weimar
Stellvertretender Direktor des Deutschen Forums für Kunst­ge­
schichte Paris
Habilitation an der Universität Basel („Architekturen des Se­
hens. Bauten in Bildern des Quattrocento“)
Professor für Historische Bildwissenschaft / Kunstgeschichte
an der Universität Bielefeld
Forschungsschwerpunkte
Bildtheoretische Fragen und historische Bildkonzepte; Temporalität des Bildes
und der Bildrezeption; Kunst, Kunsttheorie und Kunstgeschichte um 1800; italienische Malerei der Frührenaissance; Sammlungs- und Dingforschung.
Publikationsauswahl
Der »ideale Kunstkörper«. Johann Wolfgang Goethe als Sammler von Druckgraphiken und Zeichnungen (Ästhetik um 1800 Bd. 4), Göttingen 2006.
Denken mit dem Bild. Philosophische Einsätze des Bildbegriffs von Platon bis
Hegel, hg. mit Arno Schubbach, München 2010.
Das Auge der Architektur. Zur Frage der Bildlichkeit in der Baukunst, hg. mit
Andreas Beyer und Matteo Burioni, München 2011.
Caspar David Friedrich. Glaubensbild und Bildkritik, Zürich/Berlin 2011 (À
l’œuvre. La théologie de l’image de Caspar David Friedrich (Passerelles),
Paris 2011).
Caspar David Friedrich, München 2012 (dt.) u. London/New York 2012 (engl.).
62
Kunst, Mobilität, Bewegung
14.00–14.30 Uhr
Christian Janecke, Offenbach
Wie schnell waren eigentlich Rallyestreifen? Implikationen eines
Formmotivs in der Kunst der 1990er Jahre
In den späten 1990er Jahren sah man vermehrt Kunstwerke mit ange­
strengt sportiven, durchgängigen Querstreifen – teils vermittels ein­
schlägiger Sujets, gerne auch eher abstrakt. Raumgreifende Bildinstal­
la­tionen wiesen durch- oder umlaufendes Streifenwerk auf; mitunter
erschienen sogar die Kulissen der Projektkunst wie mit Rallyestreifen
de­koriert.
Dass neben dem Einfluss von Techno auch Retro-Trends am Werke
waren (wie beim zeitgleichen Adidas-70ies-Revival in der Kleidung),
macht eine genauere Sondierung indes nicht müßig. Denn bereits in der
Welt automobiler Raserei unterhalten Rallyestreifen ein intrikates Ver­
hältnis zur Bewegung: Einerseits Stilisierung jener Rennstrecke, die zu
schnellen Autos in fast metonymischer Beziehung steht („Der Parcours
brummt“), rematerialisieren sie andererseits jene (dank Pop Art akkurat
ton­getrennte) Bewegungsspur, welche zum Beispiel in Bild und Comic
die just erfolgte Abkunft von etwas dokumentieren bzw. repräsentieren
hilft.
Der Rallyestreifen kam zupass, wo es um den Topos eher denn um
wirkliche oder dargestellte Bewegung ging. In der Malerei überlagerte er
sich bezeichnender Weise mit jener tendenziell bewegungsindifferenten
Querstreifigkeit, die an Hard Edge der 1960er Jahre, an den Bildaufbau
eines Kenneth Noland, an rahmende bzw. umlaufende Streifen bei Frank
Stella, schließlich sogar an die alles andere als Bewegung induzierenden
Bildbarrieren in älterer Malerei erinnerte.
Im Rückblick erscheint die Rallyestreifen-Manier als ein potentiell alles – die Werke so gut wie den Katalog, sogar das Ausstellungsdesign
– um­spannendes Moment einer zur Chiffre gesunkenen oder sublimierten Dynamisierung. Doch wozu dann das Ganze? Womöglich als Abbitte gegenüber dem tonangebenden kuratorischen Credo jener Jahre,
das sei­ner­seits auf Bewegung setzte: Bewegung in einer Kunst als Be­
ziehungsarbeit der Kunstszene, in Kunst als aktiver Weltverbesserung,
im Bewegtbild der Videoinstallation oder im partizipativen Getümmel einer ‚Service Art‘.
63
Kunst, Mobilität, Bewegung
Kurzbiographie
1964
1985–1993
1993
seit 1994
1995–2001
2002–2004
2004
2005
seit 2006
geboren in Wuppertal
Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie in
Frankfurt a. M., Wien und Saarbrücken
Promotion an der Universität des Saarlandes
Lehraufträge und Gastvorlesungen an zahlreichen Kunsthoch­
schulen
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann Assistent am Lehrstuhl
für Kunstgeschichte der Hochschule für Bildende Künste Dres­
den
Inhaber der Wella-Stiftungsdozentur für Mode und Ästhetik an
der Technischen Universität Darmstadt
Habilitation an der Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg
Vertretung einer Professur für Kunstgeschichte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach
Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule für Gestal­
tung Offenbach
Forschungsschwerpunkte
Moderne und zeitgenössische Kunst (sämtliche Medien und Richtungen); Kunstund Bildtheorie(n); Wechselwirkungen von Kunst und Theater seit der Antike;
Mode(theorien); Kunst und (Natur-)Wissenschaften; Design; Visuelle Kommuni­
kation.
Publikationsauswahl
Zufall und Kunst, Nürnberg 1993, zugl. Diss. Saarbrücken 1993.
Johan Lorbeer – Performances und bildnerische Arbeiten, Nürnberg 1999.
Tragbare Stürme. Von spurtenden Haaren und Windstoßfrisuren, Marburg 2003.
Haar tragen – eine kulturwissenschaftliche Annäherung (Hg.), Köln/Wien/Wei­
mar 2004.
Performance und Bild / Performance als Bild (Fundus 160) (Hg.), Berlin 2004.
Gesichter auftragen. Argumente zum Schminken (Hg.), Marburg 2006.
Christiane Feser. Arbeiten / Works, Nürnberg 2008.
Maschen der Kunst, Springe 2011.
14.45–15.15 Uhr
Markus Brüderlin, Wolfsburg
Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst
von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei
Im Rahmen der Ausstellung „Die Kunst der Entschleunigung. Be­we­
gung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei“
64
Kunst, Mobilität, Bewegung
ist das Kunstmuseum Wolfsburg der Frage der Bewegung in der Kunst
nach­gegangen. Dabei hat sich herauskristallisiert, dass es parallel zu
dem zunehmenden Drang, Bewegungsformen in der bildenden Kunst im­
mer direkter zum Ausdruck zu bringen, stets auch das Bedürfnis nach
einer Verbildlichung introspektiver Momente gegeben hat. Die enge Ver­
bindung von Kunst und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen spielt
eine entscheidende Rolle. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich nicht nur
das Lebenstempo kontinuierlich erhöht, sondern auch das Bedürfnis
nach Ru­he. Im zeitgenössischen Diskurs ist der Begriff „Entschleunigung“ all­gegenwärtig.
Der Vortrag folgt dem dialektischen Ausstellungskonzept, das sich am
übergeordneten Forschungsprojekt des Kunstmuseums orientierte, der
Zukunft der Moderne im 21. Jahrhundert. Einer chronologischen Abfolge wegweisender Positionen in der Kunst des ausgehenden 19. Jahr­
hunderts und der Moderne folgt ein Überblick über zeitgenössische
Po­si­tionen, die sich mit dem Thema Ruhe und Bewegung, Be- und Ent­
schleunigung befassen. Im Zeitalter der Industrialisierung ansetzend
wird die Faszination für die Bewegung zunächst anhand von Werken
von Künstlern wie Turner, Degas, Rodin, Kupka, Balla, Muybrigde, Vertov, Delaunay, Rodtschenko, Moholy-Nagy, Calder, Tinguely und Uecker
verfolgt. Die gegenläufige Linie der künstlerisch verarbeiteten In­nen­kehr
reicht von Friedrich, Redon und Maillol über De Chirico, Hodler, Malewitsch bis hin zu Albers und Morandi. Im zeitgenössischen Kunst­schaffen
geht es nicht mehr nur um die Unterscheidung von nach außen und nach
innen gewandter Bewegung, vielmehr wird das Thema auf vielen Ebenen gedacht. Entsprechende Ansätze liefern in diesem Sinne bekannte
Künstler wie Twombly, Götz, Gertsch, Kiefer, Turrell, Paik, Nauman, Richter, Gordon, Marclay, Opalka, Kawara oder Ai Weiwei, aber auch jüngere
Künstler wie Aernout Mik, Jonathan Schipper, Jeppe Hein, Kris Martin
oder Fabienne Verdier.
Kurzbiographie
1958
1978–1984
1994
1994–1996
geboren in Basel (CH)
Studium der Kunstgeschichte, Kunstpädagogik, Philosophie
und Germanistik in Wien und Wuppertal
Promotion an der Bergischen Universität Wuppertal („Die Ein­
heit in der Differenz. Die Bedeutung des Ornaments für die
ab­strakte Kunst des 20. Jahrhunderts. Von Philipp Otto Runge
bis Frank Stella“)
Kunstkurator des österreichischen Bundesministers für Wis­
sen­schaft, Forschung und Kunst
Gründer des Kunstraums Wien und der Zeitschrift SPRINGER
65
Kunst, Mobilität, Bewegung
1996–2005
seit 2006
seit 2008
Künstlerischer Leiter der Fondation Beyeler, Riehen/Basel,
u. a. Betreuung der Ausstellung „Ornament und Abstraktion“
(2001)
Direktor des Kunstmuseum Wolfsburg, u. a. Betreuung der
Aus­stellungen „ArchiSkulptur“ (2006), „Japan und der Westen“
(2007/08), „James Turrell“ (2009/10), „Rudolf Steiner und die
Kunst der Gegenwart“ (2010), „Alberto Giacometti – Der Ur­
sprung des Raumes“ (2010/11) und „Die Kunst der Entschleu­
nigung“ (2011/12)
Honorarprofessor an der Hochschule für Bildende Künste
Braunschweig
Forschungsschwerpunkte
Die Zukunft der Moderne im 21. Jh. in Ästhetik, Kunst, Architektur und Design.
Publikationsauswahl
Das Bild will Rahmen werden. „Inszenatorische Wandmalerei“ in den achtziger
Jahren und ihre Vorgeschichte, in: Malerei – Wandmalerei, Ausstellungskata­
log Grazer Kunstverein, Graz 1987.
Ansätze zu einer diskursiven Ästhetik – Zur ästhetischen Sinn- und Erfahrungs­
struktur postmoderner Kunst, in: Ästhetische Erfahrung heute, hg. von Jürgen
Stör, Köln 1996, S. 282–307.
Ornament und Abstraktion – Kunst der Kulturen, Moderne und Gegenwart im
Dia­log (Hg.), Köln 2001.
Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raumes / Alberto Giacometti. The Origin
of Space, hg. mit Toni Stooss, Ausstellungskatalog Kunstmuseum Wolfsburg /
Museum der Moderne Salzburg, Ostfildern 2010.
Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar
David Friedrich bis Ai Weiwei (Hg.), Ausstellungskatalog Kunstmuseum Wolfsburg, Ost­fildern 2011.
66
»Come ride with me / through the veins of history«:
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
Leitung: Henry Keazor, Heidelberg
Sektionsvorträge
Donnerstag, 21. März 2013, Audimax / Hörsaal 1, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Stefan Trinks, Berlin
Video Killed the Painter Star? – Neo-Ikonographie und Kanon­
bildung im Musikvideo 1981–2005
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Matthias Weiß, Berlin
Musikfernsehen als Bilderstürmerei? Zum kunstkritischen Poten­
zial des Videoclips
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Charlotte Langhorst, Accra
Zwischen Homo Bulla und fleischfressender Nymphe. Lady Gaga
und das eklektische Musikvideo
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
67
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Nina Gerlach, Basel
Interikonizität im netzwerkbasierten Video. Kunsttheorie liegt zwischen den Bildern
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Pamela C. Scorzin, Dortmund
Vom Musikvideo zur App Art – Scott Snibbes Music App Suite für
Björks Album »Biophilia« (2011)
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
In gleich mehrfacher Hinsicht gehört die Gattung des Musikvideos zu
den Aufgabenbereichen der Kunstgeschichte und Bildwissenschaften:
Zum einen greifen nicht wenige dieser Clips zentrale Werke der Kunst­
geschichte auf und adaptieren sie in oft mehr oder weniger eklektischer
Weise: Als stets auch die Rezeptionsgeschichte von Werken in den Blick
nehmende Disziplin muss die Kunstgeschichte sich daher auch mit solchen Interpretationen auseinandersetzen. Viele dieser Musikvideos gehen zum anderen über eine bloß rezeptive Adaption hinaus, indem sie die
herangezogenen Kunstwerke entweder unter Rekurs auf die Spezi­fika
des filmischen Mediums umwandeln oder aber sie mit anderen (zum Beispiel der Literatur, dem Film oder auch der Musikgeschichte ent­lehnten)
Motiven kombinieren. Die dabei beobachtbaren Positionen lassen sich
näherungsweise mit Begriffen erfassen, die ebenfalls der kunsthistorischen Nomenklatur entstammen, denn einerseits lassen sich Initiativen
ausmachen, die von der ikonographischen Umcodierung bis hin zum Ikonoklasmus reichen; zum anderen gibt es aber durchaus auch der Kunstgeschichtsschreibung parallele Phänomene wie etwa die Ausbildung eines Kanons (beobachtbar auch in der durch das Web2.0 ermöglichten
„Laienkultur“, wie sie sich zum Beispiel auf YouTube manifestiert).
Die an das Musikvideo geknüpften Fragestellungen reichen zudem
68
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
auch in die Medien- und Technikgeschichte hinein. So hat etwa das
Smart­phone nicht nur auf dem Gebiet etablierterer Gattungen wie der
Malerei neue Formen und Fragen nach deren Werkcharakter hervor­
gerufen (vgl. die iPhone-Gemälde David Hockneys), sondern auch auf
dem Gebiet des Videoclips Innovationen ermöglicht (Stichwort „audio­
visuelle Animations-Apps“).
Schließlich stellt sich mit dem Musikvideo nicht nur die Frage, „wie“,
das heißt mit welchem (kunst-)theoretischen Ansatz es gesehen werden
will, sondern auch als „was“: Musikvideos haben verstärkt den Weg in
den Museen- und Kunstbereich gefunden, woran deutlich wird, dass die
Grenzen zwischen Videoclip und Kunstwerk in der Praxis längst nach
beiden Richtungen hin offen sind.
Henry Keazor, Heidelberg
Kurzbiographie Henry Keazor
1965
1996 bis 1999
1999–2005
2005
2005–2006
2006
2008–2012
seit 2012
geboren in Heidelberg
Studium der Kunstgeschichte, Germanistik, Musikwissen­
schaft und Philosophie in Heidelberg und Paris
Promotion in Heidelberg
Stipendiat und Assistent am Institut für Kunstgeschichte in Flo­
renz – MPI
Wissenschaftlicher Assistent am Kunstgeschichtlichen Institut
der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Habilitation an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Gastprofessor am Institut für Kunstgeschichte der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz
Heisenberg-Stipendiat der DFG
Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Universität
des Saar­lan­des
Professor für Neuere und Neueste Kunstgeschichte am Institut
für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg
Forschungsschwerpunkte
Französische und italienische Malerei des 16. und 17. Jh.s; zeit­genös­sische
Architektur (Jean Nouvel); Verhältnis von Kunst und Medien, insbes. von Film
und Kunst; Phänomen der (Kunst-)Fälschung.
Publikationsauswahl
Poussins Parerga – Quellen, Entwicklung und Bedeutung der Kleinkomposi­tio­
nen in den Gemälden Nicolas Poussins, Regensburg 1998.
„Il vero modo“. Die Malereireform der Carracci, Berlin 2007.
„Video thrills the Radio Star“. Musikvideos: Geschichte, Themen, Analysen (mit
69
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
Thorsten Wübbena), 3. Aufl. Bielefeld 2011.
Rewind, Play, Fast Forward: The Past, Present and Future of the Music Video,
hg. mit Thorsten Wübbena, Bielefeld 2010.
Zur ästhetischen Umsetzung von Musikvideos im Kontext von Handhelds, hg.
mit Hans Giessen und Thorsten Wübbena, Heidelberg 2012 (http://ar­chiv.
ub.uni-hei­delberg.de/artdok/volltexte/2012/1867/).
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Stefan Trinks, Berlin
Video Killed the Painter Star? – Neo-Ikonographie und Kanon­
bildung im Musikvideo 1981–2005
Ein Video wie Nirvanas „Heart-shaped Box“ von Anton Corbijn, das unter vielen Vorbildern der Kunstgeschichte auch Raffaels Borgo-Brand in
den Vatikanischen Stanzen aufgreift, konnte ikonisch werden, weil Aeneas, der seinen greisen Vater Anchises aus dem brennenden Troja-Borgo
trägt, von der überwiegenden Mehrheit der Videorezipienten wohl nicht
erkannt wurde. Dennoch kann kaum jemand, der im Clip den sich zu
seiner eigenen Kreuzigung schleppenden Anchises-Greis mit Ca­mauro
gesehen hat, diesen aus dem Gedächtnis tilgen. Obwohl also von Corbijn
benennbare Vorbilder eingesetzt werden, entfaltet sich eine völlig neue
Ikonographie, die für die meisten Betrachter an die Stelle des alten Bildes tritt – wird dieses dann eines Tages doch im Original gesehen, vertauschen Original und Kopie bzw. Adaption die Rollen: Das Video bildet
nunmehr den Referenzrahmen für das gemalte Bild oder substituiert dieses gar, ein Vorgang, der in der figürlichen Malerei beispielsweise eines
Daniel Richter wiederholt zu finden ist.
In „The Power Of Love“ des britischen Quintetts Frankie Goes To Hollywood (Regie: Godley & Creme) verschränken sich die ikonographi­schen
Ebenen unauflöslich: Die Bandmitglieder stellen in tableaux vivants den
Zug der Heiligen Drei Könige zum Kind in der Krippe nach, bil­den jedoch gleichzeitig mit ihren Körpern einen zweiten narrativen Gold­rahmen
– ähnlich dem von Caspar David Friedrichs „Tetschener Altar“ – als animiertes Bild im Video-Bild, wodurch das Geschehen zum beglaubigten
geschichtlichen Bild wird.
Traditionelle Themen vorzugsweise der christlichen Ikonographie wer­
den somit im Musikvideo eingeschmolzen und zu neuen Ikonen des Pop
umgemünzt. Damit ist nicht die hinlänglich untersuchte Amalgami­sierung
von Pathosformeln und heroischen Märtyrer- oder Heiligen­posen im Pro70
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
zess der Generierung von Pop-Idolen adressiert; vielmehr offenbart sich
hier eine Autonomisierungsbewegung von Formen, die ikonische Qualität erlangen. Mithin entstand so eine Neoikonographie, die unter dem
Rubrum der Clipkultur insbesondere der 1990er Jahre einen genuinen
Kanon dominanter Bilder und Figuren ausgebildet hat, der nicht als Vulgarisierung der Form marginalisiert, sondern – dies bildet das Plädoyer
des Vortrags – als eigenwertiger Teil der Bildwissenschaft ana­lysiert werden sollte.
Kurzbiographie
1973
1993–2000
seit 2000
seit 2007
2010
seit 2011
seit 2013
geboren in Schweinfurt
Studium der Kunstgeschichte, Geschichte, Klassischen und
Mittelalterlichen Archäologie in Bamberg und Berlin
Galerist für zeitgenössische Kunst in Berlin
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunstgeschichtlichen Semi­
nar der Humboldt-Universität zu Berlin
Promotion („Antike und Avantgarde. Skulptur am Jakobsweg
im 11. Jahrhundert: Jaca – León – Santiago“)
Assistent am Kunstgeschichtlichen Seminar der HumboldtUni­versität zu Berlin
Postdoc im SFB „Transformationen der Antike“,Teilbereich A17 „Curiositas und Continuatio – Neugier auf die zeitgenös­
sische Antike“
Forschungsschwerpunkte
Politische Ikonographie; Skulptur des 11.–13. Jh.s; Antikenrezep­tion; Kunst des
19. und 21. Jh.s.
Publikationsauswahl
Der Messias im Musikvideo. Bildstörungen, Passionen, Verähnlichungen, in:
Berliner Theologische Zeitschrift Jg. 30 H. 2 (2013, im Erscheinen).
Antike und Avantgarde. Skulptur am Jakobsweg im 11. Jahrhundert: Jaca –
León – Santiago, Berlin 2012.
Netze, Kräfte, Tiere: Bilder für die Sozialität des Wissens. Vorwort zu: Intuition
und Institution. Kursbuch Horst Bredekamp, hg. mit Carolin Behrmann und
Matthias Bruhn, Berlin 2012, S. 7–15.
Die Angst am Rande. Charles Sanders Peirces marginale Zeichnungen, in:
Zeitschrift für Ideengeschichte VI.3 (2012), S. 83–100.
Die Geschichtskonstruktionen in den Illustrationen zu Athanasius von Raczynskis „Geschichte der neueren deutschen Kunst“: Menzel als Kritiker und Historiker der Kunst, in: Visuelle Erinnerungskulturen und Geschichtskonstruktionen
in Deutschland und Polen 1800 bis 1939, hg. von Robert Born, Adam S.
Labuda und Beate Störtkuhl, Warschau 2006, S. 161–182.
71
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
10.15–10.45 Uhr
Matthias Weiß, Berlin
Musikfernsehen als Bilderstürmerei? Zum kunstkritischen Poten­
zial des Videoclips
In Weiterführung von zentralen Thesen meiner Dissertation über Zitatverfahren im Musikvideo werde ich der Frage nachgehen, inwieweit eine
populäre, zuvorderst auf Absatzsteigerung zielende Form wie der Videoclip ein kunstkritisches Potenzial zu entfalten in der Lage ist. Um diesem
Phänomen in seiner ganzen Bandbreite nachgehen zu können, werde ich
sechs Clips vorstellen, wobei nicht zuletzt das enge Wechselverhältnis
von Bild, Musik und Text im Fokus stehen soll.
Die beiden Videos „Rivers Of Joy“ (2001) von den No Angels und „Tick
Tick Boom“ (2007) von der Gruppe The Hives machen Kunst zu­nächst
einmal insofern zum Thema, als sie in Kunstmuseen spielen. In beiden
Clips sind real existierende Kunstwerke zu sehen oder es wird auf solche angespielt, etwa auf Damien Hirsts Tierpräparate oder auf Man Rays
„Objet indistructable“ (1924). Bemerkenswerter scheint je­doch, dass sich
die im Clip vollzogenen ikonoklastischen Gesten als Reflex auf die kunstseitig vollzogenen Bild- und Institutionsattacken der 60er bis 80er Jahre
verstehen lassen: Wie so mancher Vertreter der Per­for­mance­kunst greifen die Musiker die Kunstwerke in ihrer Materialität an, wobei die Männer
noch weiter gehen als die Frauen, indem sie das gesamte Ausstellungsgebäude in die Luft sprengen und so nicht nur die Kunst, sondern auch
die Definitionsmacht Museum angreifen. Ikonoklastisch ist das jeweilige
Vorgehen auch insofern, als es die alten, zerstörten Bilder durch neue,
vorgeblich bessere – nämlich durch jene der rebellischen Band – ersetzt.
Ein ähnliches Wechselverhältnis von Bildzerstörung und gleichzeitiger Bildgenese findet sich auch in Clips, deren Vorgehen subtiler ist.
„Sledgehammer“ (1986) von Peter Gabriel etwa reiht Inkunabeln der
Kunstgeschichte in einer Stop-and-Go-Anima­tion aus Knetgummi gleich­
sam kaleidoskopisch aneinander. Dieser spielerische Bilderreigen lässt
sich seinerseits auf die Bildkritik der 60er bis 80er Jahre beziehen, steht
hier doch die von Regisseuren wie Pier Paolo Pasolini oder Jean-Luc
Godard aufgeworfene Frage im Hintergrund, inwieweit sich ein gemaltes
– und ob der hieraus resultierenden, raumzeitlichen Begrenzung diskreditiertes – Tableau in ein filmisches Bild übersetzen lässt. Die Antwort
findet sich in der steten Bewegung sowohl vor als auch mit der Kamera,
die das Tableau im doppelten Wortsinn liquidiert. Ähnliches gilt für das
Video „Bedtime Story“ (1994) von Madonna, das sich vornehmlich auf
surrealistische Malerei bezieht. Darin legte Regisseur Mark Roma­nek in
72
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
seiner Zusammenarbeit mit dem Superstar die feministische Revision
einer ganzen Kunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts und deren
Nachfolge vor – und nahm auch renommierte Filme­macher wie Andrej
Tarkovsky und Sergej Paradjanov von seiner Kritik nicht aus. Am Beispiel
von Madonna soll ab­schließend aufgezeigt wer­den, dass Musikvideos
bzw. ihre Protagonisten mittler­weile eigene Iko­no­graphien ausgebildet
haben, die nun ihrerseits einer kritischen Revision unterzogen werden,
wie sich anhand des Clips „The Dope Show“ (1998) von Marilyn Manson
veranschaulichen lässt.
Kurzbiographie
2004
2005–2010
seit 2011
Studium der Architektur in München sowie der Kunstgeschich­
te und Theaterwissenschaft in Berlin
Promotion an der Freien Universität Berlin
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB „Kulturen des Perfor­
ma­tiven“
Bearbeitung eines von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten
Forschungsprojekts zum Joseph Beuys Medien-Archiv im
Ham­burger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Staatliche Museen zu Berlin
11.45–12.15 Uhr
Charlotte Langhorst, Accra
Zwischen Homo Bulla und fleischfressender Nymphe. Lady Gaga
und das eklektische Musikvideo
Ob als gischtumspülte Venus im Musikvideo „Judas“ (2011), die Botti­
cellis Idee der Schaumgeborenen zu einer monströs-tragischen Figur in
Latex werden lässt, oder in einem Kleid aus filigranen Kunststoffblasen
auf dem Cover des Rolling-Stone-Magazins: Das Pop-Phänomen Lady
Gaga berührt Fragen der Geschlechteridentität, des antiken PersonaKonzepts und des Ready-mades.
Der Vortrag erläutert, wie sich Lady Gagas Videos nicht nur in den
Kanon kommerzieller Musikvideos einreihen, sondern eine ästhetische
Auto­nomie und Bildkraft für sich beanspruchen, die auf detailliert er­dach­
ten Narratologien und Dramaturgien fußen. Die Sängerin entwickelt mythologische Erzählungen und Figuren, die vergleichbar sind mit Moti­ven
aus Matthew Barneys „Cremaster Cycle“ und deren Bildsprache sich aus
dem weit gespannten Repertoire der Kunstgeschichte und ihrer Ikonographien speist. In ihren Videos spielt sie mit unterschiedlichsten Rol­len und
praktiziert eine radikale Selbstinszenierung, indem sie ihren Kör­per modi73
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
fiziert, verfremdet und bis zur Deformation verpuppt. So­wohl die skulptural anmutenden Kostüme als auch die Bildlichkeit ihrer Musik­videos sind
Reminszenzen an das Triadische Ballett Oskar Schlem­mers und erinnern
an Motive im Œuvre Tracy Emins. Die schril­len Maskeraden, die mit der
Wandelbarkeit von weiblichen Identitäten und dem Körperkult spielen,
rücken sie ebenso in die Nähe des Werks Cindy Shermans.
Auf Basis der zahlreichen Referenzen zu Kunst und Popkultur disku­
tiert der Vortrag, ob es sich bei den Musikvideos Lady Gagas um ein
iko­no­graphisches Recycling handelt – das nach Aby Warburg auch als
ener­getische Sinninversion verstanden werden kann – oder ob aus dem
Konglomerat der Verweise ein eigenes künstlerisches Konzept er­wächst,
das wiederum direkten Einfluss auf die Kunstproduktion nimmt.
Kurzbiographie
1982
2003–2010
2011
seit 2011 seit 2012 geboren in Hannover
Studium der Kunstgeschichte, Mittleren und Neueren Ge­
schichte und Europäischen Ethnologie in Berlin, Paris und Kiel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Promotionsvorhaben an der Christian-Albrechts-Universität
zu Kiel („Variationen und Grenzen der ikonischen Prägnanz in
Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas. Ein Perpetuum Mobile aus
Tableau, Bildprosa und Partitur“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Department of Archae­o­lo­
gy and Heritage Studies der University of Ghana, Accra
Forschungsschwerpunkte
Kunsthistorische Hermeneutik; Bildkritik / Logik des Bildlichen; Visualisierungs­
strategien in der Prosaliteratur; Architektur des Tropical Modernism; Architektur­
geschichte Westafrikas.
Publikationsauswahl
Architecture in Accra. Traditions and Perspectives of a Westafrican Capital, in
Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Accra, Ghana (2013, im Erscheinen).
Visualisierungskonzepte im Mnemosyne-Atlas Aby Warburgs. Das dialektische
Bild als Apparatur des Denkraumes (Magisterarbeit / in Vorbereitung).
74
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
14.00–14.30 Uhr
Nina Gerlach, Basel
Interikonizität im netzwerkbasierten Video. Kunsttheorie liegt zwischen den Bildern
Vor dem Hintergrund einer kritischen Reflexion der aktuellen Inter­ikoni­
zitätsdebatte in der Kunstwissenschaft fragt der Beitrag nach der Rolle
zwischenbildlicher Phänomene im Zusammenhang mit dem kunst­theo­
retischen Selbstverständnis netzwerkbasierter Videos.
Inwiefern geben inter- und intraikonische Verfahren von Online-Videos
Auf­­­schluss über eine sich gegenwärtig generierende Online-Video­kunst?
Die Beantwortung dieser Frage rückt das Musikvideo in dop­pel­ter Hinsicht in den Fokus, insofern künstlerische Videos des Internets einer­seits
die Weiterentwicklung des Musikvideos im Netz reflektieren und andererseits neuartige Hybridbildungen aus Musikvideos und video­künstlerischer
Praxis hervorbringen.
Für das interikonische Online-Video werden im Beitrag zwei wesent­
liche Paradigmen moderner Kunst und ihrer Theoriebildung nachge­wie­
sen: das Paradigma der medialen Selbstreflexion und das der Kritik am
ma­ss­ en­medialen Gebrauch von Bildern. In diesem Sinne wird etwa im
selbstreflexiven Metavideo die Trennung zwischen bewegtbildlichem Illu­
sionsraum und dem Bild der graphischen Benutzeroberfläche nivel­liert,
um die veränderte dispositive Struktur von netzwerkbasierten Musik­
videos als Bestandteil des interaktiven Screens anzuzeigen. Intraikonische Videos integrieren hingegen Beispiele der musikali­schen Laienkultur von Jugendlichen auf Videoportalen in ihre video­künst­leri­sche Praxis.
Der massenmediale Gebrauch des Mediums wird dabei als „unpassende“ Formaktualisierung zurückgewiesen, insofern die Amateurvideos
durch den in der Gegenüberstellung offengelegten Mangel an Originalität
zum bloßen integrativen Element einer „passen­deren“ medienkritischen
Form des eigenen Online-Videos werden. Die­se videokünstlerischen
Arbeiten des Netzes proklamieren dabei im Ge­gen­satz zu zahlreichen
kunsttheoretischen Positionen: Es gibt keine Oppo­sition von Kunst und
Massenmedium, sondern nur die von künstlerischem und massenmedialen Gebrauch einer Medienbildlich­keit.
Kurzbiographie
1979
1999–2005
geboren in Mainz
Studium der Europäischen Kunstgeschichte, Alten Ge­schich­te,
Medien- und Kommunikationswissenschaften in Heidelberg
und Mannheim sowie der Medienkunst/Film in Karlsruhe
75
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
2005
2006–2009
2007–2009
2009
2010 seit 2010
Ulrich-Hahn-Preis des Instituts für Europäische Kunstge­
schich­te der Universität Heidelberg
Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Vol­
kes
Visiting Research Readership, ab 2008 Fellowship der Har­
vard University, Dumbarton Oaks
Preis der Freunde der Universität Heidelberg (Gruppenpreis
IDF)
Promotion („Gartenkunst im Spielfilm. Das Filmbild als Argu­
ment“, ausgezeichnet mit dem August-Grisebach-Dissertationspreis des Instituts für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg)
Oberassistentin / Postdoc an der Universität Basel (eikones
– NFS Bildkritik)
Forschungsschwerpunkte
Videokunst (Schwerpunkt: Entwicklung im Internet); Film (Schwerpunkte: Bil­
den­de Kunst im Film, Ästhetik, Intermedialität); Europäische und amerikanische
Gartenkunstgeschichte (Schwerpunkt: Rezeptionsgeschichte im Bewegtbild);
Bildtheorie (Schwerpunkte: Bewegtbild, digitales Bild, Bilddiskurstheorie, visu­
elle Ethik, visuelle Epistemologie, Interikonizität); Kunsttheorie des 20. Jh.s.
Publikationsauswahl
Gartenkunst im Spielfilm. Filmbilder als Argument, München 2012.
Das kinematographische Bild der Vierten Natur, in: Geschichte der Gartenkunst
in Deutschland. Von der frühen Neuzeit bis in die Moderne, hg. von Stefan
Schwei­zer und Sascha Winter, Regensburg 2012, S. 462–475.
Automedialität und Künstlerschaft. Film – Video – Internet: Künstlerische Selbst­
darstellung in der Geschichte des Bewegtbildes, in: Going Public. Das Ich und
sein IMAGE, hg. von Vincent Kaufmann, Ulrich Schmid und Dieter Thomä,
Zü­rich/Berlin 2013 (im Druck).
14.45–15.15 Uhr
Pamela C. Scorzin, Dortmund
Vom Musikvideo zur App Art – Scott Snibbes Music App Suite für
Björks Album »Biophilia« (2011)
Die Ära des klassischen Musikvideos neigt sich bereits längst ihrem
Ende zu. Neue Technologien und globale Distributionswege wie auch Interaktivität als Paradigma der Zeit führen zu neuartigen Medien­formaten,
die durch Transgressionen, Konvergenzen und Hybridi­sierungen charakterisiert sind – wie beispielsweise in der bahn­brechen­den intermedialen
76
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
Music App Suite des bekannten New Yorker Medien­künstlers Scott Snibbe (geb. 1969) für das Björk-Album „Biophilia“ (2011) unter Mitarbeit des
international renommierten Pariser Gestal­tungs­duos M/M: „We’re entering the age of interactivity. Passive, one-way media will become a blip in
human history. Bjork had a complete, unified concept where everything
was interconnected. The music wasn’t domi­nant, the image wasn’t dominant, the interactivity wasn’t dominant. Everything worked together the
way a movie or an opera does.“ (Jon Parales).
Die thematisch unterschiedlich animierten Visualisierungen der zehn
Sounds / Tracks von Björk, die in der filmischen Tradition der Anfänge
der Visuellen Musik etwa eines Oskar Fischinger und Walter Ruttmann
stehen, fungieren gleichzeitig jeweils auch als interaktive digitale Noten­
blätter wie Musikinstrumenten-Tools für die Rezipienten, die hier im
mehr­fachen Sinne dabei zum kreativen „Spieler“ und „(Mit-)Performer“
avan­cieren.
In dieser aktuellen Weiterentwicklung des Musikvideos hin zu über
intuitive iPad/iPhone-Interfaces steuerbaren, interaktiven Mixed Media
Apps mit digitalen Ästhetiken lässt sich gut aufzeigen, wie dabei gerade
die Rezeptionsweise, die popkulturelle Kommunikation und die metho­
dologische Kontextualisierung dieser neuen multimedialen Gesamt­kunst­
werke heute nunmehr darüber bestimmen, ob ein hybrides Format die­ser
popkulturellen Art als mobiles (Medien-)Kunstwerk, als neuartige Medientechnologie oder als populäres Konsumprodukt und ökono­misches Business-Modell wahrgenommen wird. Für die zeitgenössische Kritik bleiben
aber offenkundig einmal mehr die Beurteilung von Inno­vation, Kreativität,
Originalität, Reflexivität und Komplexität dabei weiter­hin die wichtigsten
Bewertungs-, Unterscheidungs- und Einordnungs­kriterien.
Kurzbiographie
1965
1994
2001
seit 2008
geboren in Vicenza (I)
Studium der Europäischen Kunstgeschichte, Philosophie, Ge­
schichte und Anglistik in Stuttgart und Heidelberg
Promotion an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg
Habilitation an der Technischen Uni­versität Darmstadt (Fachbereich Architektur)
Dozenturen und Professurvertretungen an den Universitäten
Siegen und Frankfurt a. M. sowie an der Staatlichen Akademie
der Bildenden Künste in Stuttgart
freiberufliche Kunst-, Design- und Medientheo­reti­kerin
Professorin für Kunstgeschichte und Visuelle Kultur am Fach­
be­reich Design der Fachhochschule Dortmund
77
Musikvideo, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften
Forschungsschwerpunkte
Szenographie und Szenologie.
78
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
Leitung: Gerhard Weilandt, Greifswald
Sektionsvorträge
Freitag, 22. März 2013, Audimax / Hörsaal 1, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Ulrike Nürnberger, Berlin
Die Stiftungen für die Choranlage der Marienkirche in Lübeck. Pro­
gramm oder Zufall?
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Julia Trinkert, Kiel
»… sunte Seruers passenal to malende« – zum Fertigungskontext
des Retabels der Bruderschaft der Wollweber für die Turmkapelle
von St. Georgen zu Wismar
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Peter Knüvener, Berlin
Modernisierungsdruck versus Traditionsbewusstsein? Die Chor­
ensembles der altmärkischen Marienkirchen in Salzwedel und
Stendal im Vergleich
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
79
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Anja Rasche, Speyer
Zur mittelalterlichen Ausstattung von St. Nikolai in Reval/Tallinn
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Johannes Tripps, Leipzig
»Handelnde Bildwerke« im Ostseeraum
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Die großen städtischen Pfarrkirchen im Einflussbereich der Hanse hatten in erster Linie religiöse Funktionen, dienten aber auch in erheb­lichem
Maße der städtischen Oberschicht als Repräsentations- und Memo­rial­
orte, ebenso als Orte der Rechtspflege, zum Teil auch der städtischen
Verwaltung. Diese komplexen Anforderungen im Span­nungs­feld von
Sakralem und Profanem prägten nicht nur die Architektur, son­dern auch
deren Ausstattung. Die Kunstwerke standen innerhalb des Kirchenraums
auf vielfältige Weise miteinander in Beziehung. Sie waren Teile eines
komplexen ikonographischen und funktionalen Ge­flechts, in das sie oft
passgenau eingefügt wurden. Als sogenannte „Han­delnde Bildwerke“
wurden sie direkt beim Vollzug der Liturgie ein­gesetzt – in Inszenierungen, deren drastisch-theatralische Momente nicht zu übersehen sind. In
den Sektionsbeiträgen werden exemplarisch die Interdependenzen innerhalb der verschiedenen Bildmedien unter­sucht. Die Bandbreite der
Vorträge reicht geographisch von Lübeck bis Tallinn und schließt auch die
nordischen Länder ein.
Bei den Vorträgen steht nicht das herausragende Einzelwerk im Mittel­
punkt, sondern vielmehr seine Einbindung in den vorgegebenen Kon­text.
Neue Werke nahmen bei ihrer Gestaltung selbstverständlich auf den architektonischen Rahmen der jeweiligen Stadtkirche und auf äl­tere Ausstattungskomplexe Rücksicht. Andererseits setzte jedes an­spruchsvolle
80
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
Werk eigene inhaltliche, ästhetische und funktionale Ak­zente. Es wirkte
auf die vorgefundene Bildwelt zurück, verändernd und aktualisierend. Es
gibt außerdem deutliche Hinweise darauf, dass man sich seit der Zeit um
1500 bemühte, übergreifende Strukturen zu eta­blieren. In koordinierten
Ausstattungskampagnen wurden Gesamt­kon­zep­te bei der Ausstattung
verfolgt. Eine maßgebliche Rolle spielten da­bei die Stifter und Auftraggeber mit ihren eigenen familiären und sozialen, aber auch handfesten
wirtschaftlichen Strategien.
Gerhard Weilandt, Greifswald
Kurzbiographie Gerhard Weilandt
1989
1995–2004
2004
seit 2004
2009
Promotion an der Universität Bonn
DFG-Stipendiat am Württembergischen Landesmuseum Stutt­
gart, Mitarbeit am Ausstellungsprojekt „Meisterwerke mas­sen­
haft. Die Bildhauerwerkstatt des Niklaus Weckmann und die
Malerei in Ulm um 1500“
DFG-Forschungsprojekt „Fränkische Tafelmalerei. Die Werk­
stätten von Hans Pleydenwurff und Michael Wolgemut“
Habilitation an der Technischen Universität Berlin
Gastprofessuren und Lehrstuhlvertretungen in Graz, Kassel
und Heidelberg
Gastforscheraufenthalt am Geisteswissenschaftlichen Zen­
trum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas in Leipzig
internationale Vortragstätigkeit, u. a. in den USA (Society of
Architectural Historians, International Congress on Medieval
Studies), Großbritannien (Courtauld Institute, London), Polen,
Tschechien, Österreich und der Schweiz
Ruf auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Ernst-MoritzArndt-Universität Greifswald (angenommen 2011)
Forschungsschwerpunkte
Ottonische Kunst; Sozialgeschichte der Kunst; Künstlerwerkstätten der Spätgotik; Bildfunktionen und Sakraltopographie.
Publikationsauswahl
Geistliche und Kunst. Ein Beitrag zur Kultur der ottonisch-salischen Reichs­kir­
che und zur Veränderung künstlerischer Traditionen im späten 11. Jahrhun­
dert (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 35), Köln/Weimar/Wien 1992.
Meisterwerke massenhaft. Die Bildhauerwerkstatt des Niklaus Weckmann und
die Malerei in Ulm um 1500, Ausstellungkatalog Württembergisches Landesmuseum (Gesamtredaktion und zahlreiche Beiträge), Stuttgart 1993.
81
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
Alltag einer Küsterin – Die Ausstattung und liturgische Nutzung von Chor und
Nonnenempore der Nürnberger Dominikanerinnenkirche nach dem unbe­
kann­ten „Notel der Küsterin“ (1436), in: Kunst und Liturgie. Choranlagen des
Spätmittelalters – ihre Architektur, Ausstattung und Nutzung, hg. von Anna
Moraht-Fromm, Ostfildern 2003, S. 159–187.
Die Sebalduskirche in Nürnberg. Bild und Gesellschaft im Zeitalter der Gotik und
Renaissance (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte
47), Petersberg 2007.
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Ulrike Nürnberger, Berlin
Die Stiftungen für die Choranlage der Marienkirche in Lübeck. Pro­
gramm oder Zufall?
Die Marienkirche war die Hauptkirche des Rates und der Bürger Lübecks. Ihre gewaltigen Ausmaße zielten offensichtlich darauf ab, die ältere Bischofskirche, den Dom, in den Schatten zu stellen. Als 1505 der alte
Lettneraufbau und Teile der Ausstattung des Langhauses einem Brand
zum Opfer fielen, nahm eine relativ kleine Gruppe familiär und wirtschaftlich eng verbundener Lübecker Kaufleute dies zum Anlass, den prominentesten Bereich der Marienkirche – den Chor – neu zu ge­stal­ten. Mit
diesem Umbau machten sie selbstbewusst ihren Macht­anspruch geltend
und stellten ihren neu gewonnenen Reichtum offen zur Schau.
Auf dem romanischen Lettner entstand zwischen 1513 und 1520
eine hölzerne Empore, an deren westlicher Schauseite sich geschnitzte
Figu­ren von Benedikt Dreyer mit Malereien von Jacob van Utrecht ab­
wechselten. Nach den Wappen zu urteilen, wurde die nordseitige Hälfte
der Brüstung von dem Ratsherrn Johann Salige, die südseitige hinge­gen
von Godart Wigerink gestiftet. Die Ostseite des Lettners war mit klei­ne­
ren Gemäldetafeln von Hans von Köln bestückt. Für den Chor­umgang
wurden zwischen 1515 und 1517 von Johann Salige vier vorzügliche
Sandsteinreliefs mit Passionsszenen bei Heinrich Braben­der in Münster bestellt. Diese Arbeiten galten im hansischen Raum, der selbst über
keine Natursteinvorkommen verfügte, als besonders kost­bar. Die Marientidenkapelle der Lübecker Marienbruderschaft im Chor­schei­tel der Marienkirche erhielt zwischen 1518 und 1521 eine Neuaus­stattung. Den Mittelpunkt bildete das Marienretabel vom Antwerpener Meister von 1518,
das der Lübecker Kaufmann Johan Boenne stiftete. Die Glasmalereien
mit Darstellungen der Krönung Mariae und der Hl. Dreifaltigkeit gingen
82
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
auf eine Stiftung von Tidemann Berck zurück.
Ein Großteil dieser Ausstattungsstücke wurde an Palmarum 1942 bei
einem Bombenangriff zerstört. Als Forschungsgrundlage dienen heute
alte Photographien, die vor der Zerstörung der Marienkirche entstanden
waren. Inwieweit kann dieser Ansatz erfolgreich sein und wo liegen die
Gren­zen einer solchen Untersuchung?
Kurzbiographie
1991
1992–1994
1997
1998–2000/03
2004–2006
seit 2007
seit 2012
Studium der Kunstgeschichte und Archäologie in Frankfurt a.
M., Mainz und Amsterdam
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Frans-Hals-Museum
Studium an der Indiana University, Bloomington (USA) – Sa­
mu­el H. Kress Foundation, Graduate Fellowship for Art und
Historical Study Using Infrared Reflectography, sowie Wissen­
schaftliche Mitarbeiterin am Indiana University Art Museum
Promotion („Der Meister des Bartholomäus-Altars. Die Unter­
zeich­nung in seinen Gemälden“)
Volontärin an den Staatlichen Museen zu Berlin
Tätigkeit im Kunsthandel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Corpus-Projekt „Mittelalter­
liche Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein“ an
der Chris­tian-Albrechts-Universität zu Kiel
Wissenschaftliche Geschäftsführerin der M.C.A. Böckler –
Mare Balticum-Stiftung
Forschungsschwerpunkte
Malerei des 15. und frühen 16. Jh.s in Köln und Norddeutschland; Entstehungs­
prozesse von Gemälden (insbesondere Unterzeichnung); mittelalterliche Skulptur in Schleswig-Holstein, Südjütland und im Baltikum.
Publikationsauswahl
Die Unterzeichnung im Gavnø-Retabel von Jacob van Utrecht, in: Patrimonia
(Publikationen der Kulturstiftung der Länder 363), Berlin 2013.
Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein,
Bd. 2: Hansestadt Lübeck, Kirchen, hg. von Uwe Albrecht, Kiel 2013 (Einleitung mit Uwe Albrecht).
83
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
10.15–10.45 Uhr
Julia Trinkert, Kiel
»… sunte Seruers passenal to malende« – zum Fertigungskontext
des Retabels der Bruderschaft der Wollweber für die Turmkapelle
von St. Georgen zu Wismar
Im Jahr 1492 beauftragte die Bruderschaft der Wismarer Wollweber einen ortsansässigen Werkmeister mit der Fertigung eines neuen Reta­bels
für den nördlichen Altar ihrer Turmkapelle in St. Georgen, das das ungewöhnliche Bildprogramm der Severuslegende zeigen sollte. Das heute
in der Dorfkirche zu Zaschendorf aufgestellte Werk lässt den ursprünglichen Fertigungskontext eines solchen Kunstwerkes ein­drucks­voll nachvollziehen. Neben einer maßgeschneiderten Ikono­graphie waren die beteiligten Spezialhandwerker der Maler, Bildschnitzer und nicht zuletzt der
Kistenmacher den Auftraggebern verpflichtet, das Reta­bel einerseits für
einen bestimmten Standort innerhalb eines bestehen­den Ausstattungskomplexes zu fertigen, andererseits das Repräsenta­tions­bedürfnis der
angesehenen Bruderschaft zu erfüllen. Werktechni­sche und stilkritische
Untersuchungen ergaben im Vergleich mit den auf einer systematischen
Durchsicht des mecklenburgischen Bestandes spätmittelalterlicher Flügelretabel basierenden Resultaten eine gewerks­über­greifende Kooperation von herausragenden Wismarer Bild­schnitzern und solide arbeitenden Malern, deren Werke jeweils über­regionale Bedeutung hatten. Sie
realisierten mit dem Retabel ein Auf­trags­volumen, das der künstlerischen
Wertigkeit in Relation zu anderen Werken in Wismarer Kapellen genügte
und damit der Bedeutung des in­ten­dierten Aufstellungsortes entsprach.
Die übrige Ausstattung der Turm­seitenkapelle gibt einen Hinweis auf das
Selbstverständnis der Bru­derschaft und bettet den Auftrag historisch
innerhalb der Bruder­schaftsereignisse ein, so dass sich Vergleiche zur
Ausstattungsintention der Kapelle der Lübecker Bruderschaft der Bergenfahrer im Turm der dortigen Marienkirche ergeben.
Kurzbiographie
1983
2003–2008
2009–2012
84
geboren in Viersen
Studium der Kunstgeschichte, Nordischen Philologie, des
Öffentlichen Rechts sowie der Europäischen Ethnologie/Volks­
kunde in Kiel (Magisterarbeit: „Das Marienkrönungsretabel in
der Kirche zu Källunge (Gotland)“) sowie der Kunstkonser­
vier­ung und Museumsverwaltung, Mittelalterlichen Kunstge­
schichte Skandinaviens, Runologie und Norwe­gi­schen Literaturwissenschaft in Oslo
Promotionsförderung der Studienstiftung des deutschen Vol­
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
2012
seit 2013
kes
Promotion an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel („Flü­
gelretabel in Mecklenburg zwischen 1480 und 1540. Bestand,
Verbreitung und Werkstattzusammenhänge“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Corpus der
mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in SchleswigHolstein“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Forschungsschwerpunkte
Mittelalterliche und frühneuzeitliche Malerei und Skulptur in Norddeutschland,
Skandinavien und im Ostseeraum.
Publikationsauswahl
Marias-kroning-alterskapet i Källunge kirken på Gotland – et nordtysk import­
pro­dukt eller et lokalt mesterverk?, in: Spaden och Pennan – ny humanistisk
forskning i andan av Erik B Lundberg och Bengt G Söderberg, hg. von Tors­ten
Svensson et al., Stockholm 2009, S. 379–392.
„Tunc est completum hoc opus ante festo sancto Iohanni Baptistae“ – senmid­
del­alderens bonden som oppdragsgiver på Gotland og Nordsjøenskysten, in:
Kyrkornas ö – Årsbok 2011 för Gotlands kyrkohistoriska sällskap, S.123–138.
Das Marienkrönungsretabel in der Kirche zu Källunge. Eine Studie zu Kunstpro­
duktion und Werkstattorganisation im spätmittelalterlichen Ostseeraum, Kiel
2011.
Gotthard Kettler und Anna von Mecklenburg auf einem zeitge­nös­sischen
Gemälde / Abbildung 5, in: Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation
und Konfessionalisierung. Livland, Estland, Ösel, Ingermanland, Kurland und
Lett­gallen Bd. 4, hg. von Matthias Asche, Werner Buchholz und Anton Schindling, Münster 2012, S. 69–74.
Eine unbekannte Stadtansicht auf der Lübecker Patroklustafel, in: Soester Zeit­
schrift 124 (2012), S.55–67.
11.45–12.15 Uhr
Peter Knüvener, Berlin
Modernisierungsdruck versus Traditionsbewusstsein? Die Chor­
ensembles der altmärkischen Marienkirchen in Salzwedel und
Stendal im Vergleich
Die Chorausstattungen der Marienkirchen der ehemaligen altmärki­sch­
en Hansestädte Salwedel und Stendal sind in seltener Voll­stän­digkeit erhalten; blieben sie nach Einführung der Reformation 1539 doch nahezu
unangetastet und wurden wie durch ein Wunder sowohl vor den Verwüstungen der Kriege des 17. und 20. Jahrhunderts wie der Modernisierun85
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
gen bzw. Purifizierungen des 18. und 19. Jahrhunderts verschont.
Jeweils gibt es Triumphkreuzgruppen oder Chorschranken, Hochaltar­
retabel, Gestühle und andere Ausstattungsstücke. Der Vergleich lehrt,
dass die Ausstattungen trotz benachbarter Lage der Städte äußerst unterschiedlich sein konnten. Sie zeugen von einer Kontinuität oder einem
gewollten Bruch mit der Tradition, wirken in sich ikonographisch und stilistisch schlüssig oder disparat. An diesen Beispielen lässt sich gut verfolgen, wie sich das Repräsentationsbedürfnis, die Memoria, die zeitgenössischen Moden und natürlich der nachbarschaftliche Wettbe­werb auf
die wichtigsten Orte der Kommunen auswirkten.
Kurzbiographie
1976
1997–2003
seit 2004
2007–2012
2010
seit 2011
seit 2013 geboren in Essen
Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und
mittelalterlichen Geschichte in Münster, Freiburg, Bologna und
Berlin (Magisterarbeit zur Rekonstruktion des Hochaltar­reta­
bels der Berliner Marienkirche)
Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin (bis
2006), aktuell an der Freien Universität Berlin
Volontär und Mitarbeiter im Getty-Projekt zur Katalogisierung
der Samm­lung mittelalterlicher Kunst, Stiftung Stadt­mu­seum
Ber­lin; Mitarbeiter am Haus der Brandenburgisch-Preußischen
Geschichte in Potsdam (zuletzt am Projekt „Europa Jagelloni­
ca“)
Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin („Die spät­mit­
tel­alterliche Malerei und Skulptur in der Mark Branden­burg“)
Berufung in die Brandenburgische Historische Kommission
Vorstandsmitglied in der Landesgeschichtlichen Vereinigung
für die Mark Brandenburg e.V.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stadt- und Regional­muse­
um Perleberg
Forschungsschwerpunkte
Mittelalterliche Malerei und Skulptur in der Mark Brandenburg und benachbarten
Gebieten (Niedersachsen, Schlesien, Sachsen, Pommern); Museumsgeschich­
te.
Publikationsauswahl
Die spätmittelalterliche Malerei und Skulptur in der Mark Brandenburg (For­
schung­en und Beiträge zur Denkmalpflege im Land Brandenburg 14), Worms
2011, zugl. Diss. Berlin 2010.
Mittelalterliche Kunst aus Berlin und Brandenburg im Stadtmuseum Berlin, Be­
stands­katalog der Sammlung des Märkischen Museums (Hauptbearbeiter),
86
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
Berlin 2011.
Die Altmark von 1300 bis 1600. Eine Kulturregion im Spannungsfeld von Mag­
de­burg, Lübeck und Berlin, hg. mit Jiří Fajt und Wilfried Franzen, Berlin 2011.
Die mittelalterliche Kunst in der Mark Brandenburg, hg. mit Ernst Badstübner,
Adam S. Labuda und Dirk Schumann, Berlin 2008.
14.00–14.30 Uhr
Anja Rasche, Speyer
Zur mittelalterlichen Ausstattung von St. Nikolai in Reval/Tallinn
Zu den östlichsten und besonders interessanten städtischen Pfarrkir­
chen im Hansegebiet zählt die Nikolaikirche in Reval/Tallinn in Estland.
Durch den hansischen Handel war die Stadt seit ihrer Gründung im 13.
Jahr­hundert eng in das Netzwerk der Hansestädte eingebunden. Bedeutende Kunstwerke aus Lübeck und Brügge, aber auch von Kunsthandwerkern aus Reval/Tallinn wurden für die Pfarrkirche St. Nikolai geschaffen: Neben Bernt Notkes Totentanz sind hier vor allem Hermen Rodes
Hochaltarretabel von 1481, der Marienaltar des Meisters der Lucialegende und der Antoniusaltar von Adriaen Isenbrant und Michel Sittow sowie
kostbare Werke der Goldschmiedekunst zu nen­nen.
Obwohl nicht mehr alle Ausstattungsstücke erhalten sind und sich nicht
mehr alle erhaltenen Stücke in der Nikolaikirche befinden, lohnt sich
ein Blick auf die Ausstattung dieser Pfarrkirche, nicht zuletzt wegen der
guten Quellenlage. So lässt sich für die Zeit um 1500 eine ganze Aus­
stattungskampagne rekonstruieren. Zu fragen ist, was dabei mit den älteren Werken geschah und wie sich die neuen Ausstattungsstücke in das
Vorhandene einfügten, sich daran orientierten oder von ihnen absetzten.
Lassen sich Interdependenzen auch zwischen den neu ge­stifteten Werken finden? Um diese Fragen beantworten zu können, müs­sen auch die
vielfältigen Funktionen dieser Kirche genauer be­leuchtet werden: Neben
den religiösen Funktionen einer Pfarrkirche erfüllte sie auch Repräsentations- und Memorialfunktionen. In ihr versammelten sich wichtige Korporationen der Fernhandelskaufleute wie die Schwarzenhäupter und die
Große Gilde. Die Vorsteher der Niko­lai­kirche waren Ratsherren der Stadt
Reval/Tallinn. Die verschiedenen Funktionen manifestieren sich auch im
Kirchenraum. Die Aufstellung von Kirchenstühlen und Altären mit ihren
Retabeln sowie Kapellen­anbauten zeugen nicht nur von der funktionalen,
sondern auch von der hierarchischen Gliederung innerhalb des Kirchenraumes.
87
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
Kurzbiographie
1967
1987–1994
2011
ab 2013
geboren in Schwerte/Ruhr
Studium der Kunstgeschichte, der Mittelalterlichen und Neu­
e­ren Geschichte und der Slavistik in Bamberg und Berlin
(Ma­gisterarbeit: „Das Hochaltarretabel des Hermen Rode von
1481 in der Nikolaikirche in Reval/Tallinn“)
Promotion an der Technischen Universität Berlin („Studien zu
Hermen Rode“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Kulturwissen­
schaftliche Forschung Lübeck (ZKFL) an der Universität zu
Lübeck
Forschungsschwerpunkte
Kunst im Hansegebiet; Mittelalterliche Malerei und Skulptur; Altarretabel; Kunst­
technologie; Stadt- und Handwerksgeschichte.
Publikationsauswahl
Lübeck und Reval: zwei Altarretabel Hermen Rodes im Vergleich, in: Die Stadt
im europäischen Nordosten. Kulturbeziehungen von der Ausbreitung des lübi­
schen Rechts bis zur Aufklärung, hg. von Robert Schweitzer und Waltraud
Bastman-Bühner, Helsinki/Lübeck 2001, S. 499–525.
Retabel des Lübecker Malers Hermen Rode in Schweden, in: Malerei und
Skulp­tur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit in Norddeutschland.
Künstlerischer Austausch im Kulturraum zwischen Nordsee und Baltikum, hg.
von Hartmut Krohm, Uwe Albrecht und Matthias Weniger, Wiesbaden 2004,
S. 271–277.
Lübeck in Reval: Zur Stadtansicht auf Hermen Rodes Hochaltarretabel in Re­val/
Tallinn, in: Sakrale Kunst im Baltikum, hg. von Claudia Annette Meier, Lü­ne­
burg 2008, S. 109–123.
Hermen Rode im Ostseeraum, in: Beiträge zur Kunstgeschichte Ostmitteleuro­
pas, hg. von Hanna Nogossek und Dietmar Popp, Marburg 2001, S. 126–136.
Die Passionsreliefs am Naumburger Westlettner – Beobachtungen zur Erzähl­
struktur und Einbeziehung des Betrachters, in: Meisterwerke mittelalterlicher
Skulptur, Berlin 1996, S. 365–376.
14.45–15.15 Uhr
Johannes Tripps, Leipzig
»Handelnde Bildwerke« im Ostseeraum
Kaum eine andere Gruppe an Kunstwerken zeugt so von der geistes­
geschichtlichen Einheit des Ostseeraumes wie die „handelnden Bildwerke“. Von Lübeck bis Visby auf Gotland, von Rostock bis Stock­holm,
88
Die Ausstattung von Stadtkirchen im Hanseraum
erhaltene Denkmäler wie Schriftquellen berichten von weinenden Vesperbildern, Muttergottesfiguren mit drehbaren Christkindern, Mariä
Himmelfahrtsfiguren, Kruzifixen mit herablassbaren Hostienpyxiden an
ihren Seitenwunden und vielem mehr. Mein Beitrag möchte einen kalei­
doskopartigen Einblick in den Reichtum an Denkmälern eines Kultur­
raumes geben, in welchem die Städte diesseits und jenseits des Meeres
in engster Verbindung und eo ipso in kulturellem Wetteifer standen, ja
sich oftmals sogar die Künstler gegenseitig abwarben, die „handelnde
Bild­werke“ bzw. Automaten konstruierten.
Kurzbiographie
1981–1988
1988
1988–1993
1993–1998
1996
1999–2001
2002–2003
2003–2007
seit 2008
Studium in Heidelberg
Promotion an der Universität Heidelberg
Wissenschaftlicher Assistent am Kunsthistorischen Institut der
Universität Heidelberg
Wissenschaftlicher Assistent des Direktors am Kunsthistori­
sch­en Institut in Florenz – MPI
Habilitation an der Universität Heidelberg
Heisenberg-Stipendiat der DFG
Konservator für Kunsthandwerk und Vizedirektor der Stiftung
Schloss Oberhofen am Historischen Museum Bern
Professor für Storia Comparata dell’Arte Europea an der Uni­
ver­sitá degli Studi in Florenz
Professor für Kunstgeschichte der Materiellen Kultur im Stu­
dien­gang Museologie an der Hochschule für Technik, Wirt­
schaft und Kultur Leipzig
89
Reimer
www.reimer-mann-verlag.de
Christine Eckett
Angeli Janhsen
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Neue Kunst als
Katalysator
Der Raum
des Öffentlichen
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Die Escola Paulista und der
Brutalismus in Brasilien
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Zwischen Geist und Materie
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public/private space
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Kunst und Popkultur
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Wechselwirkungen
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Oldörp und Hanna Wimmer
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Praktiken der
Bildkombinatorik
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Bogen, David Ganz und
Marius Rimmele
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Deutschlands
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Dieter-J. Mehlhorn
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Feuersbrunst und Denkmalschutz
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Augsburg in der NS-Zeit
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Gb € 39,00 (D)
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in Vorbereitung
Liminale Räume.
Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
Leitung: Hannah Baader, Florenz / Gerhard Wolf, Florenz
Plenumsvortrag
Mittwoch, 20. März 2013, Dom St. Nikolai, 19.00–19.45 Uhr
Christof Thoenes, Rom
Stadt, Strand, Hafen. Zur historischen Topographie von Neapel
Sektionsvorträge
Freitag, 22. März 2013, Hauptgebäude / Aula, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Erik Wegerhoff, München/Paris
Maßstabskonkurrenzen. Die Kathedrale von Liverpool und der Verlust der Schiffe
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Kristine Patz, Berlin
Grenzerfahrungen. Der Leuchtturm als Metapher
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
91
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
11.45–12.15 Uhr
Joachim Rees, Berlin
Auf schwankendem Grund. Visuelle Topoi litoraler Gesellschaften
in den Bildkünsten der Niederlande und Japans (ca. 1570–1630)
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Ulrike Boskamp, Berlin
Der Feind von jenseits des Kanals: Topographische Zeichner, pitto­
reske Landschaften und Spionagefurcht an britischen und französischen Küsten um 1800
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Stephanie Hanke, Florenz
An der Schwelle zwischen Stadt und Meer: Die Anfänge der Ufer­
promenade in Messina, Palermo und Neapel in der Frühen Neuzeit
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Die Sektion untersucht die Verschränkungen maritimer und urbaner Räume vom Mittelalter bis in die Moderne. Sie nimmt aus kunst­
historischer Perspektive den Dialog mit den gegenwärtig intensiven
Forschungen zum Meer und zu transregionalen Tauschprozessen in
den Geschichtswissenschaften (vor allem Rechts-, Wissenschafts- und
Wirtschaftsgeschichte) auf. Dies schließt eine kritische Auseinander­
setzung mit Braudels Konzept der Mediterranée ein, welches er zum Teil
in Kriegsgefangenschaft in Lübeck entwickelt hat, wobei er etwa auch
die Ostsee als einen diesem entsprechendem Geschichtsraum versteht,
wenn er von den „vielen Mittelmeeren“ der Geschichte spricht. Seine und
92
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
jüngere historische Forschungen haben aber weder die spezi­fische Visualität noch die historischen Dynamiken der Beziehung von Meer und
Architektur, Technik und Visualität in den Blick genom­men. Dies gilt für
die Schiffe ebenso wie für die Städte, deren „Bild“ oft vom Meer her konzipiert ist. Man denke nur an Venedig, Istanbul, Danzig oder Greifswald.
Technologien der Häfen und Ästhetiken von Nähe und Ferne bedingen
oder durchschichten sich wechselseitig. Oft ist auch der Binnenraum der
Städte auf das Meer hin orientiert; das Verhältnis von Stadtraum und Hafen kennt dabei eine Vielzahl von Vari­an­ten wie geschichtliche Veränderungen. Schiffe sind ihrerseits mobile Architekturen, an denen sich die
Frage nach dem Verhältnis von Ort und Raum neu stellt.
Die Sektion fragt nun nicht nur nach den Räumen der Städte oder Schiffe und nach deren architektonischen, bildlichen oder dekorativen Ge­stal­
tungen, sie untersucht zugleich die Verbindungen und Trans­ferprozesse,
deren Agenten die Schiffe und Häfen sind. Damit kommen die Artefakte
und Wege in den Blick, auf denen Dinge und Wissen zirkulieren oder migrieren. Eine Kunstgeschichte der Hafenstädte und der maritimen Räume
ist eine Herausforderung für die traditionellen Ursprungserzählungen des
Faches, sie muss sich mit Konnektivität und Mobilität, Heterogenität und
transkulturellen Tauschprozessen befas­sen.
Die Sektion setzt sich mit den oben skizzierten Themen in Form von
Fallstudien und theoretischen Reflexionen auseinander. Die Beiträge untersuchen das Zusammenspiel sowie Konstellationen von städtischen bzw. maritimen Räumen und Artefakten in ihrer Materialität und
Me­dialität, in ihrer Dimensionlität und Perspektivität wie in ihren spezi­
fischen Technologien. Zugleich verstehen sie Stadtraum und Stadtbild in
Beziehung zum Meer in einer Dialektik von Einschließung und Öffnung
und thematisieren die transurbanen Ausbildungen und Dy­na­mi­ken von
Kontakträumen.
Hannah Baader, Florenz / Gerhard Wolf, Florenz
Kurzbiographie Hannah Baader
2002
2007–2012 Promotion an der Freien Universität Berlin
Leiterin der Minerva-Forschergruppe „Kunst und die Kultivierung der Natur“ am Kunsthistorischen Institut in Florenz – MPI
Senior Research Scholar am KHI Florenz, Leitung des Forschungsprojektes „Art, Space, Mobility in Early Ages of Globalization. The Mediterranean, Cen­tral Asia and The Indian
Subcontinent 400–1650“ (mit Avinoam Shalem und Gerhard
Wolf) sowie des Stipendien- und Forschungsprogrammes
„Connceting Art Histories in the Mu­seum“
93
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
Publikationsauswahl
Das Meer, der Tausch und die Grenzen der Repräsentation, hg. mit Gerhard
Wolf, Zürich/Berlin 2010.
Kurzbiographie Gerhard Wolf
1989 1995 1998–2003 seit 2003 seit 2008 Studium der Kunstgeschichte, Christlichen Archäologie und
Philosophie in Heidelberg
Promotion
Habilitation an der Freien Universität Berlin
Professor für Kunstgeschichte an der Universität Trier
Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Kunsthisto­ri­
schen Institut in Florenz – MPI
Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin
Gastprofessuren u. a. in Paris (École des hautes études en
sciences sociales), Rom (Bibliotheca Hertziana), Berlin (Hum­
boldt-Universität), Wien, Basel, Buenos Aires, Mexiko-Stadt,
Mendrisio (Accademia di Architettura), Harvard Univer­sity, Lu­
gano (Università della Svizzera Italiana), Chicago und Istanbul
(Boğaziçi University)
Forschungsschwerpunkte
Kunst und Bildkultur Italiens von der Spätantike bis in die Frühe Neuzeit im me­
di­terranen und europäischen Kontext; Bildwelten der italienischen Stadtkulturen
des 12.–15. Jh.s; Bildtheorien und Bildgeschichte; die Anfänge der Kunsttheo­rie;
künstlerischer Austausch zwischen Mexiko und Europa in der Früh­en Neu­zeit;
Interrelationen künstlerischer und naturwissenschaftlicher Welt­bilder; his­to­rische
Bild- und Medienanthropologie; Methodengeschichte.
Plenumsvortrag
Mittwoch, 20. März 2013, 19.00–19.45 Uhr
Christof Thoenes, Rom
Stadt, Strand, Hafen. Zur historischen Topographie von Neapel
Von den Hafenstädten Italiens ist Neapel die größte und am reichsten gegliederte. Das heutige Stadtbild ist das Produkt einer zweieinhalb­
tausend­jährigen, überaus wechselvollen Geschichte, während der die
Relation zwischen städtischen und maritimen Räumen sich mehrfach
um­gekehrt hat. Diese Geschichte wird im Überblick skizziert; gefragt
wird nach der Wechselwirkung zwischen natürlichen Gegebenheiten
94
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
(Küstenformation, Geomorphologie des Siedlungsgebiets, agrarischen
und maritimen Ressourcen) und politisch-ökonomischen Faktoren (Herr­
schaftsformen, Sozialstrukturen, Seehandelslinien, Abhängigkeit von
über­see­ischen oder kontinentalen Machtzentren). Charakteristisch für
die Situation der nachantiken Stadt ist das Fehlen eines kommunalen
Zen­trums: Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts wird sie von auswärtigen
Dynastien regiert, die sich auf einen Kranz peripher gelegener Landund Seefestungen stützen. Im 16. und 17. Jahrhundert ist Neapel spa­
nische Kolonialstadt; unter dem Vizekönig Don Pedro de Toledo wird das
Stadtgebiet planvoll erweitert und auf die Seeverbindung zum Mutter­
land ausgerichtet (Palazzo Reale am Hafen, Blickachse S. Giacomo /
Molo Angioino, Erschließung der Chiaia-Bucht). Dagegen ten­dieren die
Bourbonenherrscher des 18. Jahrhunderts wieder zum Rückzug ins Landesinnere (Verlegung der Residenz nach Caserta). Nach 1860 verliert
Neapel seinen Hauptstadtrang, doch bildet sich in der Folgezeit eine
neues, die gesamte Golfregion umfassendes Netz ter­res­trisch/maritimer
Verkehrslinien, die das Stadtbild noch einmal nachhaltig verändern. Im
Osten der Hafenbucht entsteht ein Industrie­gebiet, zugleich aber fungiert
der Handelshafen als Umschlagplatz für die Auswanderungswelle aus
dem gesamten Mezzogiorno. Zum neuen Stadtzentrum wird die zur Mole
geöffnete Piazza del Municipio. Die 1936 dort errichtete „Stazione Marittima“ bezeugt die see­strategischen Ambitionen des faschistischen Staates
(„Mare nostrum“). Sie bedient bis in die 1960er Jahre den transatlantischen Passagier­verkehr, seitdem vor allem den Massentourismus zu den
Küstenorten und Inseln des Golfs.
Kurzbiographie
1928
1949–1954
1955
1973
1960–1993
geboren in Dresden
Studium der Kunstgeschichte, Philologie und Germanistik in
Berlin und Pavia
Promotion an der Freien Universität Berlin
Habilitation ebd.
Mitarbeiter an der Bibliotheca Hertziana in Rom
Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin, der Universität
Hamburg und der Università Iuav di Venezia
Forschungsschwerpunkte
Italienische Kunst, insbesondere Architektur und Architekturtheorie, des 15.–
18. Jh.s.
95
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
Publikationsauswahl
Neapel und Umgebung (Reclams Kunstführer Italien VI), Stuttgart 1971.
Sostegno e adornamento. Saggi sull’architettura italiana del Rinascimento,
Mailand 1998.
Opus incertum. Italienische Studien aus drei Jahrzehnten, München/Berlin
2002.
Sektionsvorträge
09.30–10.00 Uhr
Erik Wegerhoff, München/Paris
Maßstabskonkurrenzen. Die Kathedrale von Liverpool und der Ver­
lust der Schiffe
Hafenstädte waren immer schon Orte der Kollision unterschiedlicher
Maßstäbe. Schiffe, konstruiert für das augenscheinlich unbegrenzte,
maß­stabslose Meer, offenbarten beim Aufenthalt im Hafen ihre Über­
größe. Dort gerieten sie in Relation zur Architektur, die bis ins 19. Jahrhundert hinein oft nur wenige Stockwerke umfasste. Das Bild der eigentlich einem anderen Raum zugehörigen Schiffe vor unverhältnis­mäßig
niedrigen Bauten kennzeichnete über viele Jahrhunderte die Hafen­stadt.
Dieses Verhältnis veränderte sich erst um 1900 zugunsten der Architektur, als neue Technologien sehr viel höhere Bauten ermöglichten.
Typisch für diese Zeit ist der Pier Head von Liverpool (1907–1913),
dessen drei stilistisch vollkommen divergente Bauwerke allein ihre offensichtliche Absicht eint, in Konkurrenz zu den übergroßen Schiffen zu
treten. Zur selben Zeit entstand in die Idee, der 1880 erfolgten Erhebung
der Stadt zum Bischofssitz mit einer Kathedrale Ausdruck zu verleihen.
Auch diese war offensichtlich nicht allein auf ihre Wirkung in der Stadt,
sondern auf die Flussmündung mit den darin liegenden Schiffen berechnet. Das macht der exponierte, gleichwohl vollkommen dezentrale Bauplatz deutlich. Nicht zuletzt aber sollte auch der monumentale Umfang
des Bauwerks die städtischen Größenverhältnisse sprengen und auf einen weiteren Referenzradius verweisen. Der Entwurf Giles Gilbert Scotts
sollte die letzte große gotische Kathedrale Europas werden, fertiggestellt
1978. Doch in dem Dreivierteljahrhundert, in dem die Kathedrale in die
Silhouette von Liverpool wuchs, nahm die wirtschaftliche Bedeutung der
Stadt und ihres Hafens einen genau umgekehrten Verlauf. In den 1970er
Jahren erreichte die Stadt nach stetem Niedergang ihren ökonomischen
Tiefpunkt. Die bauliche Entwicklung konterkarierte die wirtschaftliche.
96
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
Während immer neue Abschnitte der Kathedrale von Ost nach West vollendet wurden, verschwanden die Schiffe vom Mersey.
Der Beitrag zeigt auf, wie die Kathedrale vom architektonischen Ausdruck der Bedeutung der Hafenstadt in maßstäblicher Referenz zu den
Schiffen zu einem Monument der verlorenen Größe Liverpools mutierte.
Nicht zuletzt in Bezug auf die Maßstäblichkeit der Schiffe zur Stadt vollzog sich damit eine wunderliche Wendung. Die Kathedrale trat niemals
in die bauliche Konkurrenz zu den Schiffen, auf die sie ausgelegt war.
Vom Architekten Charles Herbert Reilley schon 1924 mit einem Dampfer
verglichen, kann sie nach dem faktischen Verlust des Hafens und dem
Verschwinden der Schiffe ihrer Monumen­ta­lität nach als letztes Schiff in
der Stadtlandschaft der Merseyside gelten. Das einer Hafenstadt so eigene Maßstabsunverhältnis, das einst die vor Liverpool liegenden Schiffe
aufbauten, schuf nun die Kathedrale selbst.
Kurzbiographie
1974
2006–2010
geboren
Stipendiat der Bibliotheca Hertziana in Rom und der Gerda
Henkel Stiftung
Promotion an der Eidgenössischen Technischen Hochschule
Zürich (Dissertationsschrift über die nachantiken Re-Interpre­
ta­tio­nen und An­eignungen des Kolosseums)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Theorie und
Geschichte von Architektur, Kunst und Design der Techni­
schen Universität München
Postdoc-Stipendiat am Deutschen Forum für Kunstgeschich­
te Paris; Habilitationsprojekt über die moderne Architektur als
Reaktion auf das Automobil
Publikationsauswahl
Das Kolosseum. Bewundert, bewohnt, ramponiert, Berlin 2012, zugl. Diss.
Zürich 2010.
Dreckige Laken. Die Kehrseite der ‚Grand Tour‘, hg. mit Joseph Imorde, Berlin
2012.
10.15–10.45 Uhr
Kristine Patz, Berlin
Grenzerfahrungen. Der Leuchtturm als Metapher
An der Schwelle zwischen Morgen- und Abendland entstanden im
Mittel­meerraum mit seinem regen Seehandel die ersten Leuchttürme. Mit
97
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
ihnen beginnt zugleich die Geschichte des Kolossalen: So ent­standen
beispielsweise der Koloss von Rhodos und der Pharos von Alexandria
um 300 v. Chr.
Die Begriffsbestimmung von Kolossalität bezieht sich zum einen auf
nu­merische Werte, auf absolute und messbare Größen, zum anderen ist
sie ein ästhetischer und wirkungsästhetischer Grundbegriff. In ihr stei­gert
sich das Staunen über die unfassbare Größe zu einem Schauder angesichts ihrer naturgleichen Gewalt. Der Konflikt, ob die Natur (Meer) als
natürliche Ordnungsmacht zu begreifen, oder das schlecht­hin Ungeordnete, Ungeheuerliche und Barbarische ist, das es zu überwinden gilt und
dem der Mensch seine artifizielle Ordnungs­setzung entgegenzusetzen
hat, ist das Thema dieser Leuchttürme.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts führten neue Interessen an
ästhetischen, anthropologischen und psychologischen Fragestellungen
zur subjektiven Fassung des Erhabenen. Nun wirkt ein Kunstwerk erha­
ben, wenn es ein Mischgefühl auslöst, in dem sich Bewunderung und
Stau­nen mit der Erfahrung des Drohenden, Erschreckenden und Gren­
zenlosen verbinden. Weniger vor Kunstwerken als vor der wilden Natur
konnte sich das Gefühl des Erhabenen einstellen. Die Kolosse in der
Verbindung von Naturelementen mit Kunstelementen vereinten das Sublime in sich.
Den ersten historisch-kritischen Reflexionen über das Wesen des Ko­
los­salen im Zusammenhang mit dem Meer soll im Vortrag nach­gegangen
werden. Aufschluss hierüber geben insbesondere die Sammlungen, die
E. Lesbazeilles und F.-A. Bartholdi zusammengestellt hat­ten, um für den
Bau der Statue of Liberty zu werben. Der Monu­mentalkunst, so Lesbazeilles, „obliegt es, Macht, Majestät und Unend­lich­keit darzustellen, und
sie darf es für sich beanspruchen, ähnliche Wir­kungen hervorzurufen wie
das Brausen des Windes, das Wogen des grenzenlosen Meeres oder
das Rollen des Donners“.
Kurzbiographie
1993 1994 1999–2002 seit 2009 98
Studium der Kunstgeschichte, Neueren Geschichte, Germa­
nis­tik und Publizistik in Berlin, Freiburg i. Br. und Gie­ßen
Promotion an der Justus-Liebig-Universität Gießen
Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Kunstgeschichte
der Universität Bern
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut
der Freien Universität Berlin; Mitarbeit im Forschungsprojekt
„Skulptur der Neuzeit und ihre kunsttheoretische Fundierung“
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungs­projekt „Zur
Geburt der Kunstgeschichte aus dem Geist des Museums.
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
Transforma­tio­nen der kaiserlichen Gemäldegalerie in Wien um
1800“ (forMuse – Forschung an Museen) am Kunstge­schicht­
lichen Institut der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Forschungsschwerpunkte
Übergang vom kultischen Werk zum humanistischen Kunstwerk; Verhältnis von
Text und Bild (Andrea Mantegna, L. B. Alberti, Salvator Rosa, Poussin u. a.);
Kunst des 18. Jh.s (insbes. Italien, Deutschland, England, u. a. – Füssli, Luigi
Lan­zi, Winckelmann) vor allem auch in Verbindung mit den sich neu for­mie­ren­
den Kunst- und Abgusssammlungen im musealen und universitären Be­reich;
Ausstellungswesen.
Publikationsauswahl
Colossal Sculpture, in: The Encyclopedia of Sculpture, Bd. 1, hg. von Antonia
Boström, New York u. a. 2004, S. 344–348.
Vom Historienbild zum sublimen Kunstwerk. Gattungskonzepte im Werk von Jo­
hann Heinrich Füssli, in: Klassizismen und Kosmopolitismus. Programm oder
Problem? Austausch in Kunst und Kunstteorie im 18. Jahrhundert (Schweizer­
isches Institut für Kunstwissenschaft, outlines 2), hg. von Pascal Griener und
Kornelia Imesch, Zürich 2004, S. 267–278.
Amplissimum pictoris opus non colossus sed historia. L’antithèse du colosse et
de la peinture d’histoire dans le ‚De Pictura‘ (mit Ulrike Müller-Hofstede), in:
Leon Battista Alberti. Actes du Congrès International de Paris, Sorbonne – Institut de France – Institut Culturel Italien – Collège de France, hg. von Fran­
ces­co Furlan, Turin/Paris 2000, S. 623–632.
Leon Battista Alberti. Das Standbild – Die Malkunst – Grundlagen der Malerei
(Mit­arbeit), hg. von Oskar Bätschmann und Christoph Schäublin, Darmstadt
2000.
11.45–12.15 Uhr
Joachim Rees, Berlin
Auf schwankendem Grund. Visuelle Topoi litoraler Gesellschaften
in den Bildkünsten der Niederlande und Japans (ca. 1570–1630)
Der Vortrag skizziert in Anlehnung an das sozialanthropologische Kon­
zept der littoral society die Genese einer visuellen Topik der Küste als
Seh- und Erfahrungsraum eigenen Rechts. Dies geschieht in einer ver­
gleichenden Perspektive auf Küstenräume im nordwestlichen Europa –
namentlich der Niederlande – und Japans – hier im Besonderen die Insel Kyūshū im Südwesten des Archipels. Beide Regionen wurden ab der
Mitte des 16. Jahrhunderts zu Schauplätzen einer historisch neu­artigen
Verflechtung lokaler, regionaler und transkontinentaler Ent­wick­lungs­
99
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
dynamiken. Die Wechselwirkungen zwischen intensivierten mer­kan­tilen
Fernkontakten und der Entstehung neuer Ikonographien des Litorals sind
bisher kaum Gegenstand eine komparativen Analyse ge­wor­den, da die
– von der Sache her gebotene – Verknüpfung von Deutungs­ansätzen
der europäischen und ostasiatischen Kunstgeschich­te selten forschungspraktisch umgesetzt wird. Das vorgestellte kom­parative Arrangement
dient nicht zuletzt der Erprobung alternativer Kon­zep­te und Begrifflichkeiten, die sich von der „territorialen“ Ordnung über­kom­mener (kunst-)
historischer Narrative lösen. Zu zeigen ist, dass den visuellen Medien bei
der kulturellen Umwertung der Küste von einer natur­räumlichen Grenze und einem potentiell bedrohlichen „Einfallstor“ zur einer „Arena der
Schaulust“ und einem „Erwartungsraum der Pros­perität“ eine konstitutive
Rolle zukommt. Die komparative Perspektive ermöglicht nicht zuletzt genauere Einschätzungen im Hinblick auf die kulturelle Nachhaltigkeit der
hier untersuchten Litoral-Topik: Während die Küstenorientierung in den
nördlichen Niederlanden Teil der kollek­tiven Identität wurde, ist die nicht
minder reichhaltige litoral-maritime Bild­tradition Japans aus der Frühphase des Shogunats schon im späten 17. Jahrhundert weitgehend in Vergessenheit geraten.
Kurzbiographie
1964
1985–1992
1997
1998–2003
2003–2010
2010–2012
2011
seit 2012
100
geboren in Leverkusen-Opladen
Studium der Kunstgeschichte, Neueren Geschichte und Klas­
si­schen Archäologie in Köln und London
Promotion an der Universität zu Köln („Die Kultur des Ama­
teurs. Studien zu Leben und Werk von Anne-Claude-Philippe
de Thubières, Comte de Caylus (1692–1765)“)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am For­
schungs­zentrum Europäische Aufklärung in Potsdam
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Kunsthis­
tori­schen Institut der Freien Universität Berlin
Vertretung der Professur für Kunstgeschichte und Historische
Bild­wissenschaft an der Universität Bielefeld
Habilitation („Die verzeichnete Fremde. Formen und Funk­tio­
nen des Zeichnens im Kontext europäischer Forschungsreisen
1770–1830“)
Projektleiter der DFG-Forschergruppe „Transkulturelle Ver­
hand­lungsräume von Kunst“ am Kunsthistorischen Institut
der Freien Universität Berlin mit dem Teilprojekt „PORTUS.
Mediali­tät und visuelle Topik des maritimen Fernhandels in
Japan und den Niederlanden 1550–1680“ (mit Nora UsanovGeißler)
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
Forschungsschwerpunkte
Kunst- und Kulturtransfer in der Frühen Neuzeit und Frühmoderne; Antiken­re­
zep­­tion und Aufklärungsdiskurse im 18. Jh.; Dokumentarisches Zeichnen; Affini­
tät, Analogie, Vergleich in den Kunstwissenschaften.
Publikationsauswahl
Das Capriccio als Kunstform. Von der Groteske zur Spieltheorie der Moderne,
hg. mit Ekkehard Mai, Köln 1998.
Erfahrungsraum Europa. Reisen politischer Funktionsträger des Alten Reichs
1750–1800. Ein kommentiertes Verzeichnis handschriftlicher Quellen (mit
Win­fried Siebers), Berlin 2005.
Die Kultur des Amateurs. Studien zu Leben und Werk von Anne-Claude-Phi­lip­pe
de Thubières, Comte de Caylus (1692–1765), Weimar 2006.
Künstler auf Reisen. Von Albrecht Dürer bis Emil Nolde, Darmstadt 2010.
Vergleichende Verfahren – verfahrene Vergleiche. Kunstgeschichte als kompa­
rative Kunstwissenschaft − eine Problemskizze, in: Kritische Berichte 2
(2012), S. 32–47.
14.00–14.30 Uhr
Ulrike Boskamp, Berlin
Der Feind von jenseits des Kanals: Topographische Zeichner, pittoreske Landschaften und Spionagefurcht an britischen und französischen Küsten um 1800
Als sich zwischen 1775 und 1815 Großbritannien und Frankreich mit
kurzen Unterbrechungen am Ärmelkanal als Kriegsgegner gegenüber
standen, bestimmten Invasionsfurcht, -drohungen und erfolglose Inva­
sions­versuche die politische Lage in diesen maritimen Grenzregionen,
das heißt der gesamten britischen Südküste und den französischen Küsten von Bretagne und Normandie.
Historisch koinzidierte dies mit einem besonderen künstlerischen Interesse an „pittoresken“ Landschaftsmotiven, wobei Künstler häufig Ziele
im eigenen Land bereisten. Wurden sie allerdings beim Zeichnen von
Landschaften beobachtet, wenn die Küstenlinie, eine Befestigung oder
ein Militärhafen sich in der Nähe befanden, dann gerieten sie sehr schnell
in Konflikte mit einheimischer Bevölkerung, Obrigkeiten und Mili­tär. Man
nahm an, sie seien getarnte Militäringenieure, die Vorhut einer geplanten
Eroberung durch den Feind jenseits des Kanals. Die Zeichner wurden
vielfach festgenommen, ihre Zeichnungen konfisziert und untersucht, wobei deren Bedeutung ebenso verhandelt wurde wie die Identität und Nationalität des Künstlers. Zu diesem sehr speziellen Bildgebrauch gehörten
101
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
auch die Identifikation der reisenden Künstler als „Ausländer“: Xenophobische Ausfälle waren häufig direkte Folge der zeich­nerischen Tätigkeit.
Ausgehend von einer Gruppe von Überlieferungen von Spionagevor­
würfen gegen Künstler in zeitgenössischen Künstleranekdoten, Presseund Reiseberichten setzt sich der Vortrag mit solchen Vorfällen an den
französischen und britischen Küsten um 1800 auseinander. Beispielhaft
wird diese spezifische, durchaus transkulturelle Interpretation von Land­
schaftszeichnungen und ihren Produzenten an territorialen Grenzen, das
heißt militärisch-politischen Kontakt- und Übergangszonen untersucht.
Kurzbiographie
1964
1985−1994
1997−1999
2000−2001
2006
2006−2010
seit 2011
geboren in Itzehoe
Studium der Kunstgeschichte und Philosophie in Hamburg
und Berlin
Gerda Henkel-Promotionsstipendiatin
Stipendiatin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deut­
schen Forum für Kunstgeschichte Paris
Promotion an der Freien Universität Berlin („Primärfarben und
Farbharmonie. Farbe in der französischen Naturwissenschaft,
Kunstliteratur und Malerei des 18. Jahrhunderts“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Ber­
lin
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der DFG-Forschergruppe
„Transkulturelle Verhandlungsräume von Kunst. Kompa­
ratistische Perspektiven auf historische Kontexte und aktuelle
Konstellationen“ an der Freien Universität Berlin mit dem For­
schungsprojekt „An der Grenze. Bildspionage und Künstler­
reise“
Forschungsschwerpunkte
Künstlerreise und Künstlermythos; topographische Zeichnung und Militärzeich­
nung; Farbtheorie und Malerei.
Publikationsauswahl
„Märtyrer des Zeichenstifts“ – Reisende Künstler aus Großbritannien, Zeichen­
verbot und Spionageverdacht im habsburgischen Lombardo-Venetien des 19.
Jahrhunderts, in: Der Künstler in der Fremde. Wanderschaft – Migration – Exil
(Mnemosyne. Schriften des Internationalen Warburg-Kollegs 3), hg. von Uwe
Fleckner, Maike Steinkamp und Hendrik Ziegler (im Druck).
Kunst oder Spionage? Kippbilder zwischen Ästhetik und Militär, in: Aufmerksam­
keiten (Archäologie der literarischen Kommunikation VII), hg. von Aleida Ass­
mann und Jan Assmann, Paderborn 2001, S. 151–169.
Nachbilder, nicht komplementär – Augenexperimente, Sehlüste und Modelle des
102
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
Farbensehens im 18. Jahrhundert, in: Nachbilder. Das Gedächtnis des Auges
in Kunst und Wissenschaft, hg. von Werner Busch und Carolin Meister, Zürich
2011, S. 49–70.
Prismatische Augen, gemischte Sensationen. Farbensehen und Farbendruck in
Frankreich um 1750, in: Verfeinertes Sehen. Optik und Farbe im 18. und früh­
en 19. Jahrhundert (Jahrbuch des Deutschen Historischen Instituts), hg. von
Werner Busch, München 2009, S. 57-76.
Primärfarben und Farbharmonie. Farbe in der französischen Naturwissenschaft,
Kunstliteratur und Malerei des 18. Jahrhunderts, Weimar 2009, zugl. Diss.
Berlin 2006.
14.45–15.15 Uhr
Stephanie Hanke, Florenz
An der Schwelle zwischen Stadt und Meer: Die Anfänge der Ufer­
promenade in Messina, Palermo und Neapel in der Frühen Neuzeit
Die Herausbildung von Uferpromenaden an der Schwelle zwischen
Land und Wasser ist in ihrer gegenwärtigen Verbreitung ein jüngeres
Phä­nomen in der Geschichte der Seestädte. Im Unterschied zur heutigen Öffnung urbaner Uferzonen auf das Wasser kam dem Hafen in
der Frühen Neuzeit als Scharnierstelle zwischen dem Binnenraum der
Stadt und dem Außenraum des Meeres eine ambivalente Rolle zu. Als
zen­traler Handelsumschlagplatz war er einerseits wirtschaftliches Zen­
trum, das eine Anbindung an die innerstädtischen Strukturen erforderte.
Andererseits bot er eine Angriffsfläche für die stürmische See sowie für
feindliche Flotten und musste daher ein Außenraum bleiben, vor dem
sich die Stadt gegebenenfalls verschließen konnte, so dass in der Regel
mächtige Hafenmauern das städtische Bild zur See hin prägten. Aller­
dings lassen sich im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts in Messina,
Palermo und Neapel grundlegende Veränderungen der Uferzonen feststellen, die zu einer weitgehenden Neudefinition des Verhältnisses von
Stadt und Hafen im Sinne einer engeren Verzahnung führten. Die dem
Habsburgerreich unterstellten Städte entwickelten dabei unter­schied­
liche, jedoch voneinander beeinflusste Gestaltungen ihrer Hafen­fronten,
die durch Uferstraßen, repräsentative Bauwerke sowie eine skulp­turale
Besetzung mit Brunnenanlagen und herrscherlichen Stand­bildern eine
neue Prägung erhielten. Damit einhergehend lässt sich in allen drei Städten eine verstärkte soziale Aneignung eben dieser Schwel­lenzone zwischen Land und Wasser beobachten, die nun als attraktiver Raum für die
passeggiata – das Flanieren oder für Spa­zier­fahrten mit der Kutsche –
entdeckt wurde. Der Beitrag fragt hier nach dem Zusammenspiel von ge103
Liminale Räume. Schiffe, Häfen und die Stadt am Meer
stalterischem und funktionellem Wan­del, von Ansicht und Aussicht, also
der Selbstdarstellung der Stadt zum Meer hin ebenso wie nach dessen
ästhetischer Wahrnehmung in den Augen der Zeitgenossen.
Kurzbiographie
1971 1992–1998
1999–2000
2005 2005–2007
2007–2008
seit 2008 geboren in Celle
Studium der Kunstgeschichte sowie der Italienischen und
Fran­­zösischen Philologie in Bonn und Florenz (Magisterarbeit:
„Art Nouveau in Florenz. Die Casa-Emporio und das Villino
Broggi-Caraceni von Giovanni Michelazzi“)
Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin an der Villa Vigoni,
Como
Promotion an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
Bonn („Zwischen Fels und Was­ser. Grottenanlagen des 16.
und 17. Jahrhunderts in Genua“)
Wissenschaftliche Assistentin an der Bibliotheca Hertziana,
Rom
Postdoc-Stipendiatin am Kunsthistorischen Institut in Florenz
– MPI
Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bibliothek sowie des For­
schungsprojektes „Piazza e Monumento“ am Kunsthisto­risch­
en Institut in Florenz – MPI
Forschungsschwerpunkte
Hafenanlagen der Frühen Neuzeit; Platzanlagen und ihre Monumente als po­li­
ti­sche Räume der Stadt; Genueser Architektur und Gartenkunst im 16. und 17.
Jh.
Publikationsauswahl
Die Macht der Giganten. Zu einem verlorenen Jupiter des Marcello Sparzo und
der Genueser Kolossalplastik des 16. Jahrhunderts, in: Römisches Jahrbuch
für Kunstgeschichte 39 (2008–2009, ersch. 2012), S. 165–186.
‚Più libero di qualsivoglia altro luogo.‘ Die Piazza Banchi in Genua, in: Platz und
Territorium. Urbane Struktur gestaltet politische Räume, hg. von Alessandro
Nova und Cornelia Jöchner, Berlin u. a. 2010, S. 197–222.
Zwischen Fels und Wasser. Genueser Grottenanlagen des 16. und 17. Jahrhun­
derts, Münster 2008, zugl. Diss. Bonn 2005.
Bathing all’antica: Bathrooms in Genoese villas and palaces in the 16th century,
in: Renaissance Studies Bd. 20 H. 5 (2006), S. 674–700.
Art Nouveau in Florenz: Die Casa-Emporio und das Villino Broggi-Caraceni von
Giovanni Michelazzi, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Instituts in Flo­
renz Bd. 46 H. 2/3 (2002), S. 439–489.
104
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
Leitung: Gabi Dolff-Bonekämper, Berlin / Robert Traba, Berlin
Sektionsvorträge
Freitag, 22. März 2013, Audimax / Hörsaal 3, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Beate Störtkuhl, Oldenburg
Konstrukte regionaler Identität im Dienst nationaler Aneignung. Die
(Ober-)Schlesischen Museen in Beuthen und Katowice (Kattowitz)
in der Zwischenkriegszeit
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Tomasz Torbus, Danzig
Umgang mit dem »nicht-eigenen« Erbe – am Beispiel der deut­
schen und der polnischen Ostgebiete
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Britta Dümpelmann, Basel
Veit Stoß und das Krakauer Marienretabel. Versuch einer Neu­
erzählung jenseits nationaler Vereinnahmungen
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
105
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Dimitrij Davydov, Münster
Damnatio memoriae? »Fremdes« und »eigenes« Erbe in der
russisch-finnischen Grenzregion
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Ewa Chojecka, Kattowitz
Kraków-Wroclaw-Katowice. Drei Modelle des Kulturgedächtnisses
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Europa erlebte, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und den Friedensverträgen von Versailles, Trianon und St. Cloud und dann noch ein­
mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit den Verträgen von Jalta
und Potsdam, eine politische Neuordnung, die vielerorts die zu­meist erst
im 19. Jahrhundert konstruierten Einheiten von Staat, Territorium, Volk,
Geschichte, Kunst und Kulturerbe zerschnitt und neue Kon­figurationen
erzeugte. Die Zwangsumsiedlung bzw. die Neu­an­siedlung von Bevölkerungsgruppen sollte die veränderten bzw. neu ge­bildeten Staatsterritorien stabilisieren. Vielerorts verloren Denkmale, Sammlungen und andere
Kulturgüter ihre soziale Basis und mussten in neuen gesellschaftlichen
Konstellationen neu angeeignet werden. Dass es nicht einfach sein konnte, den Verlust von Kulturerbe zu bearbeiten, wenn man seine Heimat
verlassen musste, leuchtet unmittelbar ein. Dass es aber ebenso schwerfallen musste, von Anderen verlassene Denk­male und Sammlungen an
einem neu besiedelten Ort ge­wissermaßen zu adoptieren und sie sich
durch Erforschung und Pflege zu eigen zu machen, kommt erschwerend
hinzu. Neue Interpretationen, andere Narrative waren zu entwickeln, um
aus dem „nicht eigenen“ ein Eigenes zu machen, welches sodann in
neue Konstruktionen von Territorium, Nation und Geschichte inkorporiert
werden konnte. Diese Vorgänge gehören inzwischen der Vergangen106
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
heit an und können nun selber Gegenstand wissenschaftlicher Analyse
werden. In mehreren Vorträgen wird die komplexe und facettenreiche
deutsch-polni­sche / polnisch-deutsche Erbe- und Aneignungsgeschichte
beleuchtet. Da­zu kommt ein bis heute akuter Fall von Nichtaneignung
historischer, vor­zugsweise militärischer Zeugnisse in der russisch-finnischen Grenzregion. Für die Debatte schlagen wir vor, auf die Kategorie
des Na­tionalen zu verzichten und stattdessen das Konzept der offenen
„Heritage Community“ anzuwenden, wie es in der Europaratskonvention
von Faro (2005) beschrieben ist.
Gabi Dolff-Bonekämper, Berlin / Robert Traba, Berlin
Kurzbiographie Gabi Dolff-Bonekämper
1952
1971–1984
1984
1988–2002 seit 2002
geboren in Münster
Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Christlichen
Ar­chäologie in Marburg und Poitiers
Promotion an der Philipps-Universität Marburg („Die Entdeck­
ung des Mittelalters: Studien zur Geschichte der Denkmal­er­
fas­sung und des Denkmalschutzes in Hessen-Kassel bzw.
Kurhessen im 18. und 19. Jahrhundert“)
Denkmalpflegerin beim Landesdenkmalamt Berlin
Professorin für Denkmalpflege am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin
Forschungsschwerpunkte
Kulturerbetheorie; Erinnerungsforschung; Architektur und Städtebau der Nach­
kriegs­moderne.
Publikationsauswahl
National-Regional-Global? Old and New Models of Societal Heritage Construc­
tions (mit Jonathan Blower), in: Art In Translation Bd. 4 Nr. 3 (2012), S.
275–286.
Memorable moments – chosen cultural affiliations, in: Clashes in European
Memory. The Case of Communist Repression and the Holocaust (Studies in
European History and Public Spheres 2), hg. von Muriel Blaive, Christian Gerbel und Thomas Lindenberger, Innsbruck/Brunswick, N.J. 2011, S. 143–153.
Gegenwartswerte. Für eine Erneuerung von Alois Riegls Denkmalwerttheorie,
in: DENKmalWERTE. Beiträge zur Theorie und Aktualität der Denkmalpflege.
Georg Mörsch zum 70. Geburtstag, hg. von Hans-Rudolf Meier und Ingrid
Scheurmann, Berlin/München 2010, S. 27–40.
Denkmalverlust als soziale Konstruktion, in: Denkmalpflege statt Attrappenkult:
Gegen die Rekonstruktion von Baudenkmälern – eine Anthologie (BauweltFundamente 146), hg. mit Adrian von Buttlar, Michael S. Falser, Achim Hubel,
107
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
Georg Mörsch und Johannes Habich, Basel 2010, S.134–165.
Histoires sans abri – abris sans histoires. La valeur historique et sociale des
monuments reconstruits, in: Living with History, 1914–1964. Rebuilding Europe after the First and Second World Wars and the Role of Heritage Pre­ser​
vation, hg. von Nicholas Bullock und Luc Verpoest, Leuven 2011, S. 200–215.
Kurzbiographie Robert Traba
1958
1977–1981
1992
2005
seit 2006
geboren in Węgorzewo (PL)
Studium der Geschichte mit einem Schwerpunkt in Archivwissenschaften in Toruń
Promotion an der Universität Breslau („Die deutsche katho­li­
sche Bewegung in Ermland und Masuren gegenüber den pol­
ni­schen Angelegenheiten 1871–1914 / Niemiecki ruch katolicki
na Warmii i Mazurach wobec spraw polskich 1871–1914“)
Habilitation am Institut für Politische Studien der Polnischen
Akademie der Wissenschaften in Warschau („Ostpreußen
– die Konstruktion einer deut­schen Provinz. Eine Studie zur
regionalen und nationalen Identität 1914–193 / Wschodnio­
pruskość. Tożsamość regionalna i narodowa w kulturze politycznej Niemiec“)
Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin und Direktor
des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen
Akademie der Wissenschaften
Forschungsschwerpunkte
Deutsche und polnische Kulturgeschichte; Regionalismusforschung.
Publikationsauswahl
Przeszłość w teraźniejszości. Polskie spory o historię na początku XXI wieku
(Vergangenheit in der Gegenwart. Polnische Auseinandersetzungen über die
Geschichte am Anfang des 19. Jahrhunderts), Posen 2009.
Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz. Eine Studie zur regio­
na­­len und nationalen Identität 1914–1933, Osnabrück 2010.
Akulturacja / asymilacja na pograniczach kulturowych Europy ŚrodkowoWschod­niej w XIX i XX wieku, t. 1: Stereotypy i pamięć, Warszawa 2009; t.
2: Są­siedztwo polsko-niemieckie (Assimilation / Akkulturation in kulturellen
Grenz­gebieten Ostmitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 1: Stereotypen und Erinnerung, Bd. 2: Deutsch-polnische Nachbarschaft) (red.),
Warschau 2012.
Kresy und Deutscher Osten. Vom Glauben an die historische Mission – oder wo
liegt Arkadien? (mit Christoph Kleßmann), in: Deutsch-Polnische Erinner­ungs­
orte, Bd. 3: Parallelen, hg. mit Hans Henning Hahn unter Mitarbeit von Maciej
Górny und Kornelia Kończal, Paderborn 2012, S. 37–70.
108
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
Mythologization of Landscape as a Factor of National Self-Education in the First
Half of the 20th Century. The Case of East Prussia. Summary, in: Acta Histo­
rica Universitatis Klaipedensis XXIV, Erdvių Pasisavinimas Rytų Prūsijoje XX
Amžiuje (Appropriation of Spaces in East Prussia during the 20th Century)
2012, S. 23–50.
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Beate Störtkuhl, Oldenburg
Konstrukte regionaler Identität im Dienst nationaler Aneignung. Die
(Ober-)Schlesischen Museen in Beuthen und Katowice (Kattowitz)
in der Zwischenkriegszeit
Im Zuge der Neuordnung Ostmitteleuropas nach dem Ersten Welt­
krieg wurde Oberschlesien 1922 zwischen Deutschland und dem wieder­
entstandenen polnischen Staat aufgeteilt. Nach den Abstimmungskämpfen und der umstrittenen Grenzziehung wurden die zwischenstaatlichen
Antagonismen insbesondere in den Bereichen Bildung und Kultur ausgetragen. Beide Seiten versuchten ihre terri­torialen Ansprüche auf die
Region zu untermauern, indem sie auf deren historische Verwurzelung in
der Tradition der jeweils eigenen Nation ab­hoben – Charakteristika der
Regionalkultur wurden als Indikatoren na­tio­na­ler Identität interpretiert.
Diese Bestrebungen bündelten sich in den Regionalmuseen in Beuthen
und Katowice, die von ihrer Gründung Ende der 1920er Jahre bis hin
zur Zerstörung des Kattowitzer Museums nach der NS-Annexion unter
intensiver gegenseitiger Beobachtung standen und aufeinander Bezug
nahmen.
Der Beitrag analysiert die – durchaus ähnlichen – kulturellen Strate­gien,
die deutscherseits zur Kompensation bzw. Revision des Verlustes, polnischerseits zur Aneignung des neugewonnenen Territoriums ein­gesetzt
wurden. Von Interesse sind dabei nicht nur Sammlungs­schwer­punkte,
-präsentation und Popularisierung, sondern auch Organisations­formen
und Personalia sowie die architektonische Form der Museums­bauten.
In einem Epilog soll die Situation nach 1945 im nunmehr komplett zu
Polen gehörenden Schlesien betrachtet werden. Das Kattowitzer Mu­
seum wurde wiedergegründet; auch die Institution in Bytom, dem ehe­
maligen Beuthen, behielt ihre Daseinsberechtigung, nunmehr ebenfalls
als Museum der polnischen Kulturgeschichte Oberschlesiens. Erst mit
der politischen Wende der späten 1980er Jahre konnten beide Häuser
109
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
sich auch den deutschen Kulturtraditionen der Region zuwenden und
dabei auch die Historiographie der Zwischen- und Nachkriegszeit (nach
1945) kritisch hinterfragen. Die scharfe Trennung der Nationalkulturen
ist einer multiperspektivischen Betrachtung des regionalen Kulturerbes
gewichen.
Kurzbiographie
1963
1982–1988 1991
seit 1992
seit 1993
2012
geboren in Landshut
Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Provinzialrömi­
schen Archäologie in München (Magisterarbeit: „Die Kirche
der Barfüßer Karmeliten ‚Zur Unbefleckten Empfängnis‘ im
Krakauer Vorort Wesoła“)
Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München („Der Architekt Adolf Rading (1888–1957). Arbeiten in
Deutsch­land bis 1933“)
tätig am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deut­
schen im östlichen Europa, Oldenburg
Lehrbeauftragte der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg
Habilitation an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg
(„Moderne Architektur in Schlesien 1900–1939. Baukultur und
Politik“)
Forschungsschwerpunkte
Architekturgeschichte des 20. Jh.s; neuere Kunstgeschichte Ostmitteleuropas;
Geschichte der Kunstwissenschaft und Denkmalpflege.
Publikationsauswahl
Moderne Architektur in Schlesien 1900–1939. Baukultur und Politik, München
2013.
Liegnitz – die andere Moderne. Architektur der 1920er Jahre. Mit Fotografien
von Czesław Pietraszko (Schriften des BKGE 32), München 2007.
Architekturgeschichte und kulturelles Erbe – Aspekte der Baudenkmalpflege in
Ostmitteleuropa (Mitteleuropa – Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur
und Geschichte Ostmitteleuropas 8) (Hg.), Frankfurt a. M. u. a. 2006.
Hans Poelzig in Breslau. Architektur und Kunst 1900-1916, hg. mit Jerzy Ilkosz,
Delmenhorst 2000.
Paradigmen und Methoden der kunstgeschichtlichen „Ostforschung“ – der „Fall“
Dagobert Frey, in: Die Kunsthistoriographien in Ostmitteleuropa und der natio­
nale Diskurs (Humboldt-Schriften zur Kunst und Bildgeschichte 1), hg. von
Robert Born, Alena Janatková und Adam S. Labuda, Berlin 2004, S. 155–172.
110
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
10.15–10.45 Uhr
Tomasz Torbus, Danzig
Umgang mit dem »nicht-eigenen« Erbe – am Beispiel der deut­
schen und der polnischen Ostgebiete
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden bestimmte Denkmäler in
Ostmitteleuropa – zum Beispiel der Prager Veitsdom oder das Krakauer Wawel-Schloss – zu Schlaglichtern des nationalen Erbes deklariert,
auch wenn die Kunst dieser Region über lange Zeitspannen ausgesprochen international war. Noch problematischer wird die Wahrnehmung
der Denkmäler in einer Zone, über die die Jahre 1939–1945 gewaltige
Grenzverschiebungen und ethnische Veränderung mit sich brachten:
dem einstigen Osten Deutschlands und dem einstigen Osten Polens.
Durch den Holocaust, Bürgerkrieg, die Verschickungen, Flucht, Vertreibung und Aussiedlung wurden die ethnischen Realitäten neu statuiert, mit
der Folge, dass in beiden Großräumen eine Neubesiedlung durch Menschen stattfand, denen die kulturelle Landschaft mit ihrem „deutschen“
oder „polnischen“ Erbe völlig fremd war. Die „fremden“ Denkmäler erfuhren einen Umgang, der von der „gezielten Vernichtung“ über den „Verfall
durch Verwahrlosung“ oder die „Vereinnahmung des Kulturerbes“ bis hin
zur „wertneutralen Rettung durch die Akzeptanz des Fremden“ reichte.
In dem breiten Spektrum von Herangehensweisen, die ich etwas provozierend „zwischen Sprengung und Modellbau“ nen­ne, gibt es viel Platz
für Überlegungen, in welchen Regionen und wel­che Bautengruppen eher
zum Abbruch verurteilt wurden und bei welchen die Rettung mittels eines
– bewussten oder unbewussten – Etikettenwechsels betrieben wurde.
Für Dutzende der Bauten trügt der Begriff des „Erbes mit der doppelten
Identität“ – man kann die Entsteh­ungsgeschichte eines solchen Erbes in
der Regel nicht einem einzigen nationalen Schöpfer zuordnen. Auch geht
die Rolle der „zweiten Identi­tät“ (meist nach 1945 eines neuen Staates
und einer neuen Ethnie) über die Rolle eines „Erbebewahrers“ hinaus.
Durch Wiederaufbau, Verän­der­ung der Funktion oder Neudefinierung in
der Forschung wird aus dem vermeintlich gut fassbaren, unveränderlichen Erbe eines, das stets neu definiert werden muss.
Kurzbiographie
1961
1980–1990
1997
geboren in Warschau (PL)
Studium der Kunstgeschichte und Völkerkunde in Warschau
und Hamburg
Promotion an der Universität Hamburg („Die Konventshäuser
und Groβgebietigersitze des Deutschen Ordens im Deutsch­
111
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
2010 2000–2010
seit 2010
seit 2012
ordensland Preuβen“)
Habilitation an der Universität Leipzig („Das Königsschloss in
Krakau und die Residenzarchitektur unter den Jagiellonen in
Polen und Litauen (1499–1548). Baugeschichte, Funktion, Re­
zeption“)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geisteswissenschaftlichen
Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas Leipzig, Pro­
jekte „Die Verflechtung der Jagiellonen in Kunst und Kultur in
Mitteleuropa in der Zeit von 1454 bis 1572“ und „Hofkultur in
Ostmitteleuropa vom 14.–18. Jahrhundert. Kulturelle Kommu­
nikation und Repräsentation im Vergleich“
Professor für Kunstgeschichte an der Universität Danzig
Direktor des dortigen Instituts
Forschungsschwerpunkte
Mittelalterliche und frühneuzeitliche Architekturgeschichte; Historiographie im
ostmitteleuropäischen Raum; Rezeption der historischen Stile im Historismus
und der stalinistischen Kunst; Theorie und Praxis des Wiederaufbaus im Europa
nach 1945.
Publikationsauswahl
Die Konventsburgen im Deutschordensland Preußen, München 1998.
Die Kunst im Markgraftum Oberlausitz während der Jagiellonenherrschaft (Stu­
dia Jagellonica Lipsiensia 3), unter Mitarbeit von Markus Hörsch, Ostfildern
2006.
Polen und Deutschland – 1000 Jahre Nachbarschaft in Europa. Ausstellungs­
kata­log Martin-Gropius-Bau (Mitarbeit), hg. von Małgorzata Omilanowska,
Berlin 2011.
Zwischen Sprengung und Modellbau. Vergleichende Anmerkungen zum Schutz
des Kulturerbes in den polnischen so genannten ‚Wiedergewonnenen Gebie­
ten‘ und den ehemals ostpolnischen Regionen nach 1945, in: Künstlerische
Wechselwirkungen in Mitteleuropa (Studia Jagellonica Lipsiensia 1), hg. von
Jiři Fajt und Markus Hörsch, Ostfildern 2006, S. 427–448.
Das Königsschloss in Krakau und die Residenzarchitektur unter den Jagiellonen
in Polen und Litauen (1499-1548). Baugeschichte, Funktion, Rezeption (in
Vorbereitung).
112
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
11.45–12.15 Uhr
Britta Dümpelmann, Basel
Veit Stoß und das Krakauer Marienretabel. Versuch einer Neuerzählung jenseits nationaler Vereinnahmungen
Schon zur Entstehungszeit des Krakauer Marienretabels schwelten
Spannungen zwischen der deutschen und polnischen Bevölkerung in
Krakau; die ältere kunsthistorische Literatur ist durchsetzt von Versuchen
beiderseitiger nationaler Vereinnahmung. Die schwerwie­gend­ste Inanspruchnahme war der Raub des Retabels durch die Natio­nal­sozialisten
1939. Diese Situation hat die Forschung lange belastet und den Blick
für Fragestellungen jenseits nationaler Vereinnahmungen verstellt. Für
„die deutsche Kunstgeschichtsschreibung war Veit Stoß in Krakau ein
Vertreter der deutschen Kunst im deutschen Krakau; in diesem Sinne
wurde er aus dem multiethnischen Milieu, de facto aus einem wichtigen
Teil der königlichen Stadt herausgetrennt.“ Künstler und Werk kann man
also nur gerecht werden, wenn man sie eingebettet sieht in dem multiethnischen Milieu, in dem sie gewachsen und ent­standen sind. Die Geschichte erweist sich dabei über eine deutsch-pol­ni­sche hinaus als eine
gesamteuropäische. Zahlreiche Anspielungen im Krakauer Retabel rezipieren die niederländische Malerei, von Böhmen nach Krakau gelangte
Reformideen prägten sein Bildprogramm und ein internationaler Humanistenkreis bot dem Künstler intellektuellen Aus­tausch und Inspiration.
Im Krakau des 15. Jahrhunderts scheint es keine Teilung Europas in Ost
und West gegeben zu haben; vielmehr bildete die Stadt ein pulsierendes
Zentrum Ostmitteleuropas, in dem zugezo­ge­ne Künstler wie Veit Stoß
einen idealen Raum zur Entfaltung fanden. Für den heutigen Umgang mit
kulturellem Erbe im Mitteleuropa der Nach­kriegszeiten mag dieser Blick
zurück ins 15. Jahrhundert hilfreich sein, um jenseits von Kategorien des
Nationalen über den Umgang mit ge­meinsamem kulturellem Erbe nachzudenken.
Kurzbiographie
1979
1999–2005
2007–2010
2008–2011
geboren in Heidelberg
Studium in Heidelberg und Hamburg (Magisterarbeit zum
Oster­morgen in liturgischer Feier und bildender Kunst)
Assoziiertes Mitglied im Graduiertenkolleg „Bild – Körper –
Me­­­dium. Eine anthropologische Perspektive“ an der Staatli­
chen Hoch­schule für Gestaltung Karlsruhe
Doktorandin im NCCR Mediality „Medienwandel – Medien­
wechsel – Medienwissen“ an der Universität Zürich
113
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
2011
seit 2011
Promotion an der Universität Zürich („Veit Stoß und das Kra­
kauer Marienretabel. Mediale Zugänge, mediale Perspekti­
ven“)
Wissenschaftliche Assistentin am Kupferstichkabinett Basel
Lehrbeauftragte an den Universitäten Zürich und Basel
Forschungsschwerpunkte
Liturgie und bildende Kunst; Medialität des Textilen; Sakrale Bild- und Raum­
regie; Medialität des Flügelretabels und der spätgotischen Skulptur.
Publikationsauswahl
Non est hic, surrexit. Das Grablinnen als Medium inszenierter Abwesenheit in
Osterfeier und -bild, in: Medialität des Heils im späten Mittelalter (Medienwan­
del – Medienwechsel – Medienwissen 10), hg. von Christian Kiening, Cornelia
Herberichs und Carla Dauven-van Knippenberg, Zürich 2009, S. 131–164.
Das Flügelretabel als Bildmaschine. Techniken der Wahrnehmungssteuerung
im Krakauer Marienaltar, in: Techniken des Bildes, hg. von Martin Schulz und
Beat Wyss, München 2009, S. 219–241.
Touching the Untouchable in Easter Liturgy and Art, in: Noli me tangere: New
Interdisciplinary Perspectives (Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lo­
va­niensium), hg. von Reimund Bieringer, Barbara Baert und Karlijn Dema­su­
re, Leuven/Paris/Dudley MA (im Druck).
Veit Stoß und das Krakauer Marienretabel. Über die Möglichkeiten des media­len
Zugangs zum Schnitzretabel, in: Kunstgeschichte. Eine Einführung in Wer­ke
und Methoden, hg. von Kristin Marek und Martin Schulz, Mün­chen/Pa­derborn
2013.
Veit Stoß und das Krakauer Marienretabel. Mediale Zugänge, mediale Perspek­
tiven (Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen 24), Zürich 2012.
14.00–14.30 Uhr
Dimitrij Davydov, Münster
Damnatio memoriae? »Fremdes« und »eigenes« Erbe in der ​
russisch-finnischen Grenzregion
Nur wenige europäische Regionen können eine vergleichbare Dichte an baulichen Relikten wechselseitiger Territorialansprüche vorweisen
wie die seit dem Mittelalter schwer umkämpfte Landschaft rund um St.
Petersburg. Die Frage nach der öffent­lichen Akzeptanz und dem Erhaltungsanspruch des „fremden“ Erbes stellt sich insbesondere für das
frühere russisch-finnische Grenzgebiet, das durch mannig­falti­ge Spu­­
ren vergangener militärischer Konflikte geprägt ist, vor allem durch Be­­
festigungsanlagen beiderseits der ehe­ma­ligen Staatsgrenze – eine in der
114
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
öffent­lich­en Wahrnehmung beson­ders we­nig präsente und deshalb in ihrem Bestand besonders bedrohte Gat­tung von historischen Zeug­nis­sen.
Zu den Ursachen für den voranschreitenden Untergang dieser Denk­
mallandschaft gehört auch die denkmaltheoretische Grauzone, in der die
baulichen Zeugnisse dieses Territorial­konflikts zu verorten sind. Operiert
man mit dem Begriffsapparat des modernen russischen Denk­malschutzes
(Denkmäler als „Objekte des kulturellen Erbes der Völ­ker der russischen
Föderation“), stellt sich eine Reihe von Fragen: Können MG-Bunker und
Panzersperren überhaupt kul­turelles Erbe sein? Wer soll sie an wen vererbt haben? Die Ge­schichte welcher Völker (der Russischen Föderation)
könnte an ihnen ab­les­bar sein? Wie ist die voranschreitende Zerstörung
des vermeintlich „eigenen“ (sowjetischen) Grenzschutzsystems zu erklären? Einen Deutungsansatz liefert die Erkenntnis, dass die heutige
Bevölkerung der Grenzregion nicht mehr mit den sowjetischen Siedlern,
die nach 1944 die Nachfolge der evakuierten finnischen Bevölkerung angetreten hatten, identisch ist. Man könnte deshalb meinen, der Grund für
die derzeitige „Aus­schlagung des Erbes“ sei nicht die Erinnerung an den
Krieg mit Finnland als solche, son­dern eher die „Last“ des von der Sowjetära hinter­lassenen und nach ihrem Ende demontierten Geschichtsbildes. Denn während man den Kon­flikt mit Finnland in der sowjetischen
Ge­schichtsschreibung entweder marginalisiert oder legitimiert hatte,
sorgte die Geschichtsforschung nach 1991 für eine Kriegsschulddebatte,
die der früheren Erinnerungskultur ihre bisherige Grundlage zu entziehen
drohte. Damit orientiert sich die Grenzziehung zwischen dem (erhaltens­
werten) „eigenen“ und dem (nicht erhaltenswerten) „fremden“ Erbe nicht
allein an der Herkunft der Objekte, sondern offenbar auch an ihrer Verträglichkeit mit der herrschenden Erinnerungskultur, die davon ausgeht,
dass die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg Aggressionsopfer und nicht
zugleich selbst Aggressor gewesen ist.
Kurzbiographie
1979
2000–2007
2001–2006
2006–2010
2008–2010
seit 2011
geboren in St. Petersburg (RUS)
Studium der Rechts- und Verwaltungswissenschaften in Bonn
und Speyer
Studium der Kunstgeschichte und der Christlichen Archäolo­gie
in Bonn
Promotion zum Dr. iur. (Fachgebiet Rechtsfragen der Denk­
mal­pflege)
Wissenschaftlicher Volontär und wissenschaftlicher Referent
beim Rheinischen Amt für Denkmalpflege in Pulheim
Wissenschaftlicher Referent beim Westfälischen Amt für Denk­
malpflege in Münster
115
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
Publikationsauswahl
„Mit den Anforderungen des Denkmalschutzes unvereinbar“? Der Fall St. Ge­
reon in Köln, in: Denkmalpflege im Rheinland 1 (2012).
Unbequeme Denkmäler, in: Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, hg.
von Dieter J. Martin und Michael Krautzberger, München 2010.
Denkmalverluste durch Braunkohletagebau. Der Abbruch von Haus Pesch in
Erkelenz-Pesch, in: Denkmalpflege im Rheinland 4 (2010).
14.45–15.15 Uhr
Ewa Chojecka, Kattowitz
Kraków-Wroclaw-Katowice. Drei Modelle des Kulturgedächtnisses
Erinnerungskulturen, bestehend aus dokumentierten Fakten, neben
Mythen, Stereotypen, intentional ausgerichteten Motiven, mitunter po­
li­tisch gesteuerten Inszenierungen, bestimmten auf besondere Art und
Weise das Traditionsempfinden der jeweiligen Städte in der ge­samten
Nach­kriegszeit. Als Ergebnis der aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangenen dra­matischen Grenzverschiebungen des Landes nach Westen
entwickelten sich unterschiedlich geprägte lokale Erinnerungssysteme,
gefolgt von einer tiefgreifenden Spaltung des Kulturgedächtnisses gegenüber der neuen politisch-geographischen Sachlage.
Dieses Phänomen wird am Beispiel von Krakau, Kattowitz und Breslau
dargelegt: Beginnend mit Krakau als homogenes, auf historischer Tradition basierendes Milieu mit erhaltener Bausubstanz und alteingesessenem Bürgertum – fast ein Idealmodell einer von manchen angestrebten
nationalen und kon­fes­sio­nel­len Einheitlichkeit.
Einen Gegensatz dazu bildet die junge (1865) Industriestadt Kattowitz sowohl in Hinsicht auf Geschichte, Kulturerbe, Mentalität und Le­
bensbedingungen, mit starkem Sinn für avantgardistische Ideen, wo
preußische Namen wie Grundmann, Tiele-Winckler, neben Korfanty, Gierek oder Grudzién für eine Diskontinuität historischer Erfahrung sorgen
und zu politischen Auseinandersetzungen verleiten.
Breslau hin­ge­gen ist ein Sonderfall. Der Untergang der Stadt 1945
betraf sowohl Bausubstanz als auch Einwohner, gefolgt von gezielter
Ausmerzung his­torischer Erinnerungskultur, deren Wiedergeburt das
Verdienst prag­matischer Neuankömmlinge aus Lemberg und Ostpolen war. So geschah es, dass man anfänglich (unter Berücksichtigung
jeglicher Pro­portionen – „wie einst die Goten in Rom“) in allzu großen
Schuhen stapfte. Nach zwei Generationen erfolgte eine Neu-Aneignung
des deut­schen Kulturerbes. Es bildete sich ein neues lokales Identitäts­
116
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
bewusstsein aus, getragen von historisch verankertem Kulturgedächt­nis,
durchaus fähig, neue Wertmaßstäbe zu setzen.
Kurzbiographie
1933
1950–1955
1959
1968
1958–1977
1977–2003
seit 2003
geboren in Bielsko/Bielitz (PL)
Studium der Kunstgeschichte an der Jagiellonen-Universität
Krakau
Promotion (Dissertationsschrift über Krakauer astronomische
und astro­lo­gi­sche Graphik des 16. Jahrhunderts)
Habilitation an der Jagiellonen-Universität Krakau
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsmuseum und
Kunsthistorischen Institut der Jagiellonen-Universität Krakau
Professorin und Leiterin des Kunsthistorischen Seminars der
Schlesischen Universität Kattowitz
emeritiert
Mitglied des Kunsthistorischen Komitees der Polnischen Aka­
demie der Wissenschaften, Vorsitzende des wissen­schaft­li­
chen Beirats des Schlesischen Museums in Kattowitz sowie
Mit­glied des wissenschaftlichen Beirats des Schlesischen
Muse­ums zu Görlitz
Forschungsschwerpunkte
Malerei, Graphik des 15.–16. Jh.s; mitteleuropäisches Kunst- und Kulturerbe
des 19.–20. Jh.s.
Publikationsauswahl
Deutsche Bibelserien in der Holzstocksammlung der Jagiellonischen Universität
in Krakau (Studien zur deutschen Kunstgeschichte 321), Strasbourg/BadenBaden 1961.
Bayerische Bild-Enzyklopädie. Das Weltbild eines wissenschaftlich-magischen
Hausbuches aus dem frühen 16. Jahrhundert (Studien zur deutschen Kunst­
geschichte 358), Baden-Baden 1982.
Die protestantische Kunst in Oberschlesien. Aufstieg und Krisensituationen, in:
Reformation und Gegenreformation in Oberschlesien. Die Auswirkungen auf
Politik, Kunst und Kultur im ostmitteleuropäischen Kontext (Tagungsreihe der
Stiftung Haus Oberschlesien 3), hg. von Thomas Wünsch, Berlin 1994, S.
147–168.
Upper Silesia: Borderland Phenomena in Art Historical Studies, in: Borders
in Art. Revisiting „Kunstgeographie“. The Proceedings of the Fourth Joint
Con­ference of Polish and English Art Historians, University of East Anglia,
Nor­wich 1998, hg. von Katarzyna Murawska-Muthesius, Warschau 2000, S.
191–196.
Ideologiebezogene Auseinandersetzungen um Fakten und Mythen im schlesi­
schen Grenzgebiet. Kattowitzer Denkmalkunst und das deutsch-polnische
117
Kulturerbe im Mitteleuropa der Nachkriegszeiten
und polnisch-polnische Syndrom, in: Visuelle Erinnerungskulturen und Ge­
schichtskonstruktionen in Deutschland und Polen seit 1939, Bd. 5, hg. von
Małgorzata Omilanowska, Dieter Bingen, Peter Oliver Loew und Dietmar
Popp, Warschau 2009, S. 207–220.
118
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Leitung: Peter Geimer, Berlin / Beate Söntgen, Lüneburg
Sektionsvorträge
Freitag, 22. März 2013, Audimax / Hörsaal 5, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Julia Voss, Frankfurt am Main
Kritik und Kanon: Wer schreibt die Kunstgeschichte?
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Melanie Sachs, Marburg
Die Gegenwart als zukünftige Vergangenheit. Zur Rechtfertigung
des kunstkritischen Urteils in Geschichten der Kunst um 1900
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Kerstin Thomas, Mainz
»The art historian among artists«. Kunstkritik und Kunstgeschichte
bei Meyer Schapiro
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
12.30–14.00 Uhr
Pause
119
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
14.00–14.30 Uhr
Tobias Vogt, Berlin
Wissenschaft und Feuilleton. Kunstgeschichtsschreibung in Texten zur Gegenwartskunst
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Isabelle Graw, Frankfurt am Main
Wert und Urteil. Erweiterte Formen von Kunstkritik im Zeichen der
Entgrenzung
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Mit der Etablierung einer institutionalisierten Kunstkritik sowie der
zeitgleichen Herausbildung kunsthistorischer Methoden hat sich seit
dem 18. Jahrhundert eine bis heute geläufige Unterscheidung etabliert: in eine Wissenschaft der Kunstgeschichte einerseits, die ihren For­
schungsgegenstand historisch einordnet und relativiert und eine Kunstkritik andererseits, die auf ästhetische Werturteile, auf Teilhabe und
Zeitgenossenschaft setzt. Die Gültigkeit dieser Zweiteilung er­scheint
jedoch in zunehmendem Maße fragwürdig: Seitdem die aka­demische
Kunstgeschichte auch die Gegenwartskunst als selbst­ver­ständ­lichen Bestandteil ihres Kanons begreift, ist das Kriterium des historischen Abstands
zum Forschungsgegenstand erheblich relativiert. Kunst­historikerInnen
stehen im unmittelbaren Austausch mit den KünstlerInnen, über die sie
schreiben, Verflechtungen von Wissenschaft und Kritik, Forschung und
Kunstmarkt sind unabdingbar. Umgekehrt waren ästhetische Normen
oder Geschmacksurteile immer auch kon­stitutive Elemente kunsthistorischer Forschung. Die Sektion wird diese wechselseitigen Beziehungen
zum Anlass nehmen, um nach dem Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte zu fragen. Unterscheiden sich kunsthistorische Forschungen zur
Gegenwartskunst überhaupt von der pa­rallelen Praxis der Kunstkritik?
Inwiefern ist die kunsthistorische For­schung zur Gegenwartskunst „historisch“? Inwiefern muss aber auch um­gekehrt die Kunstkritik, um Beurteilungskriterien zu entwickeln, auf historisches Wissen zurückgreifen?
120
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Was bedeutet es für das Selbst­ver­ständnis und die Geschichtsauffassung der Kunstgeschichte, wenn in zu­nehmendem Maße auch die Kunst
der Gegenwart in ihren Korpus integriert wird? Die einzelnen Beiträge
verfolgen diese Fragen in histori­scher und systematischer Perspektive.
Dabei wird die Begründung von Wert­urteilen ebenso Thema sein wie die
Bedeutung des Kunstmarkts und die Sprache der Kunstgeschichte und
der Kunstkritik.
Peter Geimer, Berlin / Beate Söntgen, Lüneburg
Kurzbiographie Peter Geimer
1965
1987–1992
1997
1997
1999–2001
2001–2004
2004–2010
2008
2010
seit 2010
seit 2011
geboren in Kettwig/Ruhr
Studium der Kunstgeschichte, Neueren deutschen Literatur
und Philosophie in Bonn, Köln, Marburg und Paris
Promotion an der Philipps-Universität Marburg („Die Vergang­
enheit der Kunst. Strategien der Nachträglichkeit im 18. Jahr­
hundert“)
Postdoc am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
Berlin
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB „Literatur und Anthro­po­
logie“ der Universität Konstanz
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wis­
senschaftsgeschichte Berlin
Oberassistent an der Professur für Wissenschaftsforschung
der ETH Zürich; zugleich 2005–2009 Mitglied des NFS Bildkritik, Universität Basel
Habilitation an der Universität Basel („Bilder aus Versehen.
Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen“)
Professor für Historische Bildwissenschaft und Kunstge­schich­
te an der Universität Bielefeld
Professor für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der
Frei­en Universität Berlin
Sprecher (gemeinsam mit Klaus Krüger) der Kolleg-Forscher­
gruppe „BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik“ (DFG)
Forschungsschwerpunkte
Bild und Evidenz; Darstellungen der Geschichte in Malerei und Film; Geschichte
und Theorie der Photographie.
Publikationsauswahl
Die Vergangenheit der Kunst. Strategien der Nachträglichkeit im 18. Jahrhundert, Weimar 2002.
Theorien der Fotografie, Hamburg 2009 / 3. Aufl. 2011.
121
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen, Hamburg
2010.
Derrida ist nicht zu Hause. Begegnungen mit Abwesenden. Mit einem Nachwort
von Marcel Beyer (im Erscheinen).
Kurzbiographie Beate Söntgen
1996
1997–1998
1998–2002
2002–2003
2003–2011
2006–2010
2008–2011
2009–2010
seit 2011
seit 2012
Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Neueren deut­
schen Literatur in Marburg und Berlin
Promotion an der Freien Universität Berlin („Wilhelm Leibls
Re­­alismus“)
Postdoc-Stipendiatin im Graduiertenkolleg „Repräsentation –
Rhetorik – Wissen“, Europa-Universität Viadrina in Frank­furt/
Oder
Wissenschaftliche Assistentin an der Hochschule für Bildende
Künste Braunschweig
Laurenz-Professur für Zeitgenössische Kunst an der Universi­
tät Basel
Professorin für neuere Kunstgeschichte, ab 2008 Leiterin des
weiterbildenden Studiums „Kunstkritik und Kuratorisches Wissen“ an der Ruhr-Universität Bochum
Mitglied des Netzwerkes Ornament (eikones – NFS Bildkritik)
an der Universität Basel
Mitglied des Exzellenz-Clusters „Poetiken des Auftretens“ an
der Universität Konstanz
Flaubert-Gastprofessur an der Ludwig-Maximilians-Universität
München / Venice International University
Inhaberin des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Leuphana Universität Lü­neburg
Vizepräsidentin für Forschung und Humanities der Leuphana
Universität Lüneburg1996
Forschungsschwerpunkte
Kunst und Kunsttheorie des 18.–21. Jh.s; Kunstkritik.
Publikationsauswahl
Tränen, hg. mit Geraldine Spiekermann, München 2008.
Renaissancen der Passion (mit Gabriele Brandstetter), Berlin 2012.
Gehen, hg. mit Susanne Märtens und Viola Vahrson, Berlin 2012.
122
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Julia Voss, Frankfurt am Main
Kritik und Kanon: Wer schreibt die Kunstgeschichte?
Im 19. Jahrhundert wurde ein Modell für die Kunstgeschichte geprägt,
das weitreichende Folgen hatte: der Stammbaum. Die Geschichte der
Kunst schien die organische Abfolge von Künstlern, Stilen und Epochen,
die ebenso notwendig auseinander hervorgingen wie Äste und Blätter
aus einem Stamm. Mehr noch: Wie die Kunsthistorikerin Astrit SchmidtBurckhardt dargelegt hat, wurde dieses Modell im 20. Jahr­hundert weiter
popularisiert, insbesondere durch Alfred H. Barr, den Gründungsdirektor
des Museum of Modern Art in New York. Die Rolle der akademischen
Kunstgeschichte und auch der Kunstkritik war im Stamm­baummodell
festgelegt: Beide gelten als passive Beobachter einer Entwicklung, die
sie selbst nicht bestimmen. Seit der „Institutional Critique“ gilt das Stammbaummodell als überholt. Zum einen, weil die aktive Rolle von Kunsthistorikern und Kunstkritikern im Bild des Baumes nicht beschrieben werden
kann. Zum anderen, weil darüber hinaus auch alle anderen Instanzen
des Kunstsystems nicht berücksichtigt werden – bei­spielsweise Sammler, Galeristen oder Museumsdirektoren. Doch was ist das Gegenmodell?
Wer schreibt die Kunstgeschichte und wie? Der Vortrag wird die Bedeutung der akademischen Kunstgeschichte und der Kunstkritik für die Herausbildung eines kunsthistorischen Kanons auf­zeigen; im Zentrum der
Analyse wird das Beispiel von zwei er­folgreichen Gegenwartskünstlern
stehen.
Kurzbiographie
1974
1993–2000
2005
2009
seit 2007
geboren in Frankfurt a. M.
Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in
Freiburg i. Br., London und Berlin
Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin („One long
ar­gument: Die Darwinismusdebatte im Bild“)
Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache
und Dichtung
leitende Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Forschungsschwerpunkte
Kunst und Wissenschaft; Rezeption der Moderne im Nationalsozialismus; Aby
Warburgs Atlas-Projekt.
123
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Publikationsauswahl
Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837 bis 1874, Frankfurt a. M.
2007 (Darwin’s Pictures, Yale University Press 2010).
Darwins Jim Knopf, Frankfurt a. M. 2009.
Fachsprachen und Normalsprache, hg. mit Michael Stolleis, Göttingen 2012.
Ablasshandel Moderne: Wie Deutschland die ‚entartete Kunst‘ hinter sich brach­
te, in: Merkur 763 (2012), S. 1171–1178.
10.15–10.45 Uhr
Melanie Sachs, Marburg
Die Gegenwart als zukünftige Vergangenheit. Zur Rechtfertigung
des kunstkritischen Urteils in Geschichten der Kunst um 1900
Die Grenzen zwischen Kunstkritik und Kunstgeschichte scheinen um
1900 zu verschwimmen. Hinsichtlich der historischen Verortung der in
den Blick genommenen Kunst lassen sich beide in dieser Zeit nicht wirk­
lich unterscheiden und hängen personell, institutionell sowie argumen­
tativ eng zusammen. Insbesondere auf dem Gebiet der historischen
Über­blickswerke lässt sich dies beobachten: Um 1900 wurden äußerst
um­fangreiche Geschichten der Kunst von Autoren vorgelegt, deren
haupt­sächliches Betätigungsfeld die Kunstkritik war.
Schon die Einleitungen solcher Geschichten der Kunst, deren An­spruch
es war, die Kunstgeschichte bis in die Gegenwart fortzuführen, zeigen
allerdings, dass die Zweiteilung des Redens über Kunst auf diskursiver
Ebene weiterbestand und dementsprechend das kunst­histo­rische Kriterium des zeitlichen Abstandes durchaus noch in Geltung war. Denn um
Gegenwartskunst mit den Mitteln der Kunstgeschichte un­ter­suchen und
eine Objektivität der gefällten Werturteile behaupten zu können, griff man
zur argumentativen Strategie, die Gegenwart als zu­künftige Vergangenheit zu interpretieren. So meinte etwa K. Woer­mann, man könne gerade durch die Kenntnis der Kunstgeschichte be­reits jetzt die Kunst der
Gegenwart mit den Augen der Nachwelt zu sehen versuchen. Der Autor
agiert so schon einmal probeweise von einem Ort in der Zukunft aus,
um – so eine These des Vortrags – mög­lichst lange nicht vom Wandel
der Zeit überholt zu werden. Diese Kon­struktion ermöglicht es zudem,
zumindest im Gedankenexperiment des Als-Ob, die Konsequenzen aus
der Reflexion der historischen Re­la­tivität der Kunstbegriffe, der Kunsturteile sowie des eigenen wissen­schaft­lich­en Standpunktes vorerst nicht
ziehen zu müssen. Der Vortrag wird die­se argumentative Strategie und
ihre Funktionen herausarbeiten, dar­stel­len und diskutieren.
124
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Kurzbiographie
1982
2002–2005
2005–2010
seit 2010
seit 2011
geboren in Würzburg
Studium der Malerei und Kunsterziehung in Nürnberg
Studium der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in
Leip­zig (Magisterarbeit:„Kunsthistorische Auseinander­set­zung­
en mit der Gegenwartskunst im Jahr 1894: Muther, Ro­sen­­berg
und Woermann“)
Promotionsvorhaben an der Philipps-Universität Marburg („Die
Gegenwart als Herausforderung für die Kunstgeschichte – Ka­
nonisierungsprozesse um 1900“)
Mitarbeiterin des Deutschen Dokumentationszentrums für
Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg
Forschungsschwerpunkte
Geschichte der Kunstgeschichte; Methoden der Kunstgeschichte; Kunstkritik;
Wertungsfragen in der Kunst; Kanonisierung; Kunst und Kunstgeschichte um
1900; Gegenwartskunst.
Publikationsauswahl
Clement Greenberg – Ästhetik als Instrument der Kunstkritik?, in: Ende der
Ästhe­tik? Rück- und Ausblicke, hg. von Uta Kösser, Pascal Pilgram und Sa­
bine Sander, Erlangen 2007, S. 123-134.
Die Permanenz des Ästhetischen, hg. mit Sabine Sander, Wiesbaden 2009.
Richard Muther und die Popularisierung der Kunstgeschichte um 1900, in: Die
Teilhabe am Schönen. Kunstgeschichte und Volksbildung, hg. von Joseph
Imorde und Andreas Zeising (in Vorbereitung).
11.45–12.15 Uhr
Kerstin Thomas, Mainz
»The art historian among artists«. Kunstkritik und Kunstgeschichte
bei Meyer Schapiro
Meyer Schapiro galt der jüngeren Generation amerikanischer Kunst­
historiker als Koryphäe für romanische, byzantinische und französische
Kunst des 19. Jahrhunderts, jedoch in dem Maße, in dem ihm kunst­
historische Souveränität zugestanden wurde, wurde ihm – unter ande­rem
von W. T. Mitchell – eine „Theorieresistenz“ vorgeworfen. Dies betrifft insbesondere seine Artikel zur zeitgenössischen Kunst. Im Kon­trast zu Clement Greenberg, mit dem Schapiro die Ausstellungsserie „Talent: 1950“
in der Kootz Gallery kuratierte, wirkte Schapiro auf die nach­­folgende Generation wie der Typus des kunsthistorischen Gelehr­ten, der im Material
125
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
versinkt. Greenberg nahm hingegen die Rolle des Kunst­kritikers an, der
in analytischem Scharfsinn ein theoretisches Modell der Moderne entwickelte. In dieser Einschätzung wird eine Auf­wertung des erkenntnisstiftenden Potentials von Kunstkritik deutlich. Gleichwohl operiert die Charakterisierung immer noch, wenn auch unter umgekehrten Kennzeichen,
mit dem traditionellen Antagonismus von Kunstgeschichte und Kunstkritik.
Demgegenüber soll am Beispiel Meyer Schapiros analysiert werden,
dass die Perspektive des Kunsthistorikers mit der des Kunstkritikers un­
trenn­bar verbunden ist. Gerade aus der von ihm eingeforderten radika­len
Zeitgenossenschaft des Kunsthistorikers entwickelt Schapiro ein kom­
plexes Modell für das Verständnis künstlerischer Formen in ihrer ästhetischen und historischen Dimension. Andererseits versucht er, ana­log zu
Greenberg, in der Historisierung zeitgenössischer Positionen ihre Bedeutung als unabhängig von den geltenden Geschmacksnormen zu postulieren. Sieht man Kunstgeschichte und Kunstkritik nicht als anta­gonistische
Disziplinen an, kann Schapiros Ansatz anstelle als Theorieferne als Versuch gewertet werden, mit der reflektierenden Ver­mischung unterschiedlicher Praktiken und Perspektiven eine dynami­sche kunsttheoretische
Methode zu entwickeln.
Kurzbiographie
1970
1990–2001
2002–2004
2005
2006
2006–2009
2009
2009–2010
seit 2010
126
geboren in Hanau a. M.
Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Klassischen
Archäologie in Frankfurt a. M.
Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Psychische Energien bil­
den­der Kunst“ an der Goethe-Universität Frank­furt am Main
Stipendiatin am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris
Promotion an der Goethe-Universität Frank­­furt am Main
(„Stim­mung als malerische Weltaneignung. Pu­vis de Chavan­
nes – Seurat – Gauguin“)
Wissenschaftliche Assistentin am Deutschen Forum für Kunst­
geschichte Paris
Lehrbeauftragte am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam
Forschungsstipendiatin der DGIA an der Freien Universität
Berlin
Leiterin der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Form und
Emo­tion. Affektive Strukturen in der französischen Kunst des
19. Jahrhunderts und ihre soziale Geltung“ an der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Forschungsschwerpunkte
Französische Kunst des 19. Jh.s; französische Kunstkritik und Ästhetik im 19.
Jh.; Symbolismus; Emotionswissenschaft; Wissenschaftsgeschichte der Kunst­
geschichte im 20. Jh.
Publikationsauswahl
Welt und Stimmung bei Puvis de Chavannes, Seurat und Gauguin (Passagen/
Passages 32), Berlin/München 2010.
Stimmung. Ästhetische Theorie und künstlerische Praxis. Kolloquium Deutsches
Forum für Kunstgeschichte Paris, 2007 (Passagen / Passages 33) (Hg.), Berlin/München 2010.
„Ceci n’est pas un livre“: Das Künstlerbuch als Palimpsest bei Paul Gauguin,
in: Produktive Rezeption zwischen Imitatio und Intertextualität, Kolloquium in
Fré­jus, 2010, hg. von Caroline Fischer, Diego Saglia und Brunhilde Wehinger
(im Druck).
Künstlerische Form und suggestiver Ausdruck bei Meyer Schapiro, in: Das Pro­
blem der Form, Kolloquium Frankfurt a. M. 2011, hg. von Hans Aurenhammer
und Regine Prange (in Vorbereitung).
Momentane Mimik und potentielle Ästhetik. Aby Warburgs Ausdruckskunde
zwi­schen Ästhetik und Naturwissenschaft, in: Gefühl und Genauigkeit. Empi­
ri­sche Ästhetik um 1900, Kolloquium Berlin 2012, hg. von Jutta Müller-Tamm,
Henning Schmidgen und Tobias Wilke (in Vorbereitung).
14.00–14.30 Uhr
Tobias Vogt, Berlin
Wissenschaft und Feuilleton. Kunstgeschichtsschreibung in Texten zur Gegenwartskunst
Was vormals als akademische Kunstgeschichtsschreibung galt, ist nun
auch in der journalistischen Kunstkritik und sogar in Pressetexten von
Galerien häufig zu lesen: Im zeitgenössischen Werk würde eine „inten­
sive Auseinandersetzung mit spezifischen Kontexten verhandelt wer­den“
(um eine exemplarische Formulierung aus beliebten Ver­satz­stücken zu
konstruieren). Hier tritt zumindest der Duktus kunsthisto­rischer Kompetenz anstelle des traditionell der Kunstkritik vorbehaltenen Geschmacksurteils, das weniger Argumente, dafür aber eine kunstvolle Sprache einsetzt und dadurch den Bildkünsten als Literatur begegnet. Übrig bleiben
Formulierungen, die einem „I like“ kunsthistorische, sozia­le, politische
oder ökonomische Bezugnahmen vorausschicken und somit das Werk
diskursfest einbetten. Zur näheren Analyse dieser Be­ob­ach­tung möchte
ich in meinem Vortrag zum einen auf einen Aspekt der Grammatik, zum
127
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
anderen auf einen der Argumentationsweise ein­gehen.
Zum einen: Herrschten in der literarisch und feuilletonistisch aufge­fass­
ten Kunstkritik Verbformen im Aktiv vor, war im Wissenschafts­duktus das
Passiv üblich. Jene identifizieren und verlebendigen, dieses neutralisiert
und verschleiert die Handlung. Entweder das tätige Subjekt oder das zu
analysierende Objekt treten so in den Vordergrund. Inwiefern sich diese
Grenzen verschieben, sich also Kunstkritik zu ob­jek­ti­vieren sucht und wie
sich der Wissenschaftsduktus im Falle von Gegenwartskunst dazu verhält, ist zu diskutieren.
Zum anderen: Der Bezug eines zeitgenössischen Werks etwa auf die
Kunstgeschichte relativiert sich, wenn er im Kontext besehen wieder zur
Norm gerät. Absichtsvolle Verweise auf Vorbilder (auch über deren Ne­
gation) waren schon immer konstitutiv für die Produktion wie Rezeption.
Abseits der Vermeidung dieser Historisierung gelangt dies unter Begrif­
fen wie Appropriation, Interpiktoralität oder Reenactment zumeist ohne
Berücksichtigung von wiederum deren diachronen Dimensionierungen
untereinander in den Blick. Diese Begriffe gewinnen an Schlag­zeilen­
größe wie Forschungsmacht, folgen aber, so steht zu vermuten, neben
dem Diktat des Zeitdrucks und der Marktgeschmeidigkeit vor allem – wie
ästhetische Urteile – Moden.
Kurzbiographie
1991–1997
1998–2000
2004
2005–2006
seit 2007
2009–2011
Studium der Kunstgeschichte, Publizistik, Allgemeinen und
Ver­gleichenden Literaturwissenschaft und Theaterwissen­
schaft in Mainz und Berlin (Magisterarbeit: „Die Leuchtstoff­
lam­pe in der bildenden Kunst. Dan Flavins the diagonal of
May 25th (to Constantin Brancusi)“)
Stipendiat im Forschungsprojekt „Bürgerlichkeit, Wertewandel,
Mäzenatentum“ an der Freien Universität und der Technischen
Universität Berlin
Promotion an der Freien Universität Berlin („Untitled. Benen­
nung­en von Kunst in New York 1940–1970“)
Wissenschaftlicher Volontär an der Staatsgalerie Stuttgart
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunsthistorischen Institut
der Freien Universität Berlin
Fellow am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris
Forschungsschwerpunkte
Werke und Waren ab 1800; Kunstgeschichtsschreibung; Bild und Text in der
Mo­derne; US-amerikanische Kunst bis 2000; Gegenwartskunst.
128
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Publikationsauswahl
Untitled. Zur Karriere unbetitelter Kunst in der jüngsten Moderne, München 2006.
Ein Buchstabenballett als Zeitzeichen. Selbstreflexivität im Musikvideo Sign “O”
The Times, in: Tanzende Bilder. Interaktion von Musik und Film, hg. von Klaus
Krüger und Matthias Weiß, München 2008, S. 173–187.
Paradoxien der Erleuchtung. Jeff Koons vs. Pablo Picasso, in: Ambiguität in der
Kunst. Typen und Funktionen eines ästhetischen Paradigmas, hg. von Verena
Krieger und Rachel Mader, Köln/Weimar/Wien 2010, S. 189–206.
The Making of the Ready-made, in: Texte zur Kunst 22, H. 85 (2012), S. 38–57.
10 ½ inch square format. Artforum als Künstlerzeitschrift, in: Kritische Berichte 4
(2012).
14.45–15.15 Uhr
Isabelle Graw, Frankfurt am Main
Wert und Urteil. Erweiterte Formen von Kunstkritik im Zeichen der
Entgrenzung
Jedes ästhetische Urteil setzt nach Jacques Derrida die strenge Unterscheidung zwischen dem Intrinsischen und dem Extrinsischen voraus.
In Anbetracht der vielbeschworenen „Entgrenzung der Künste“ sieht sich
dieses Urteil jedoch mit Schwierigkeiten konfrontiert, denn die Grenze
zwischen Kunst und Leben hat sich spätestens seit den histori­schen
Avantgarden als ausgesprochen instabil und brüchig erwiesen. Der Vortrag untersucht, wie sich die Öffnung der ästhetischen hin zur sozialen
Sphäre auf die Beurteilung von künstlerischen Arbeiten auswirkt.
Traditionell mit dem Bereich der Kunstkritik assoziiert, ist das explizite
Urteil heute eher selten geworden und indi­rek­ten Formen der Be­ur­teilung
gewichen. Trotz ihres zurückhaltenden Charakters werden diese jedoch
als Werturteile im doppelten Sinne zu verstehen sein: Weil sie Werte
schaffen und weil sie in den Wertbildungsprozesse eingebunden sind.
Schon in dem Moment, da die Kunstkritikerin über eine künstlerische Arbeit schreibt, hat sie ein Urteil abgegeben und Wert produziert. Autorität
kann ein solches Urteil aber nur dann für sich beanspruchen, wenn es die
jeweilige künstlerische Öffnung hin zum Sozialen zu his­to­rischen Öffnungen ähnlichen Typs in Beziehung setzt. Die These dies­be­züg­lich lautet:
Je mehr sich die Kunst seit den 1960er Jahren entdiffe­ren­ziert hat, desto
notwendiger wurde es für die Kunstkritik, sich mit der Kunstgeschichte
und anderen Disziplinen zu assoziieren. Die strenge Abgrenzung von
kunstkritischen, kunsthistorischen und sozialwissen­schaftlichen Methoden ist offenkundig nicht mehr sinnvoll. Entsprech­end wird für eine Kunstkritik zu plädieren sein, die sich in demselben Maße vom apologetischen
129
Der Ort der Kunstkritik in der Kunstgeschichte
Pressetext unterscheidet, wie sie kunsthisto­risch und theoretisch informiert ist. Je fundierter ihre Argumentation, des­to mehr kommt dies ihrer
Glaubwürdigkeit zu Gute. Sie heizt auf die­se Weise aber auch den Wertbildungsprozess an, wie ebenfalls dar­zu­le­gen sein wird.
Der Vortrag erörtert die vielfältigen Arten, wie Urteil und Wert in einer
kunsthistorisch argumentierenden Kunstkritik ineinander greifen. Am
Ende wird keineswegs dafür plädiert, zu rein formalästhetischen Analy­
sen scheinbar evident vorliegender ästhetischer Gegenstände zurück­zu­
kehren. Wo das ästhetische Urteil im Zeit­alter der Aufklärung noch da­
von ausgehen konnte, dass sein Ge­gen­stand gegeben vorliegt, ist die­se
Gewissheit im kunstkritischen und -historischen Werturteil ein für alle­mal
verloren gegangen. Doch eben weil künstlerische Arbeiten ver­stärkt auf
das Leben ausgreifen, darf sich dieses Werturteil nicht mit dem bloßen
Nachvollzug dieser Grenz­­überschreitungen begnügen.
Kurzbiographie
1962
1982–1987
1990
2002
2003
seit 2001
geboren in Hamburg
Studium der Politischen Wissenschaft in Paris
Gründung der Zeitschrift „Texte zur Kunst“ (m. Stefan Germer)
Gründung des Instituts für Kunstkritik in Frankfurt a. M. (mit
Da­niel Birnbaum)
Promotion an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder
(„Aneignung und Ausnahme – Zeitgenössische Künstlerinnen:
Ihre ästhetischen Verfahren und ihr Status im Kunstsystem“)
Professorin für Kunstgeschichte und Kunsttheorie an der
Staat­lichen Hochschule für bildende Künste (Städelschule),
Frank­furt a. M.
Forschungsschwerpunkte
Zeitgenössische Kunstkritik zwischen Involvierung und Distanz; die Kunst und
ihre Märkte seit dem Aufkommen des „dealer-critic-systems“ im späten 19. Jh.;
der Wert der Ware Kunst unter der Bedingung immaterieller Arbeit; Malerei als
„Erfolgsmedium“.
Publikationsauswahl
Die bessere Hälfte. Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts, Köln 2003.
Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur, Köln 2008 (High
Price. Art Between the Market and Celebrity Culture, Berlin 2009).
Texte zur Kunst. Essays, Rezensionen, Gespräche (Fundus 195), Ham­burg
2011.
Art and Subjecthood. The Return of the Human Figure in Semiocapitalism (Hg.),
Berlin 2011.
Über Malerei – eine Diskussion (mit Peter Geimer), Berlin 2012.
130
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
Leitung: Frank Martin, Potsdam
Sektionsvorträge
Samstag, 23. März 2013, Audimax / Hörsaal 3, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Brigitte Kurmann-Schwarz, Zürich/Romont
»... eine flächenhaft geschlossene Bildmembran«? Zur medialen
Qualität der Glasmalereien in den gotischen Kathedralen Frank­
reichs
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Michael Burger, Freiburg
Die Funktion ornamentaler Glasmalerei im Kontext der Architektur
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Claudia Jentzsch, Berlin
Im Dialog oder im Widerstreit? Die Glasmalereien in den Kapellen­
räumen von Santo Spirito
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
131
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Liane Wilhelmus, Heidelberg
»Die Aufgabe ist zuerst eine ethische Forderung: sich einzufügen im Ganzen« – Der Dialog von Glasmalerei und Architektur im
sakra­len Werk von Georg Meistermann
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Ulli Seegers, Düsseldorf
»In between«. Zeitgenössische Glasmalerei als Medium der Vermit­
tlung am Beispiel von Sigmar Polke und Gerhard Richter
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Die Funktion von Glasmalerei erschöpft sich nicht darin, Wandabschluss, Wetterscheide oder Lichtöffnung zu sein. Glasmalerei kann in
großen Raumzusammenhängen Licht- und Farbakzente setzen, sie kann
Raumteile und -funktionen kommentieren, Entstehungsum­stände bzw. Ereignisse kommemorieren oder Heilswahrheiten illustrie­ren. Formal kann
sie sich dabei zur Architektur ebenso bekennen wie zur Skulptur, Wandoder Tafelmalerei. Durch Größe und Position der Fen­steröffnungen im
Vergleich zu den übrigen Kunstgattungen in ihrem Funktionszusammenhang eher eingeschränkt, ist die Glasmalerei umso mehr darauf angewiesen, mit ihrer Umgebung in Dialog zu treten.
Die Sektion befragt Glasmalereien jenseits der Bestandserfassungen
im großen abendländischen Rahmen vom Mittelalter bis in die Gegen­wart
auf ihre unterschiedlichen Funktionen im Kirchenraum, versucht, sie als
strukturierende Elemente der Kathedraltopographie in ihrem Ver­hältnis
zu Architektur, Skulptur, Wand- oder Tafelmalerei zu begreifen und zu
beschreiben. Glasmalerei als Medium der Vermittlung, Fen­steröffnungen
132
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
als Projektionsfläche – die Strategien des Dialogs mit dem Betrachter
und/oder den übrigen Ausstattungsteilen aufzuzeigen, macht sich die
Sektion zur Aufgabe.
Frank Martin, Potsdam
Kurzbiographie Frank Martin
1983–1992
1992 1992–2000 seit 2001
2002 seit 2012 Studium der Kunstgeschichte, Christlichen Archäologie und
Lateinischen Philologie des Mittelalters und der Neuzeit in Hei­
delberg
Promotion („Die Apsisverglasung der Oberkirche von San
Fran­­cesco in Assisi“)
Forschungsaufenthalte an den Max-Planck-Instituten in Flo­
renz und Rom mit Stipendien der Max-Planck-Gesellschaft,
der Fritz Thyssen Stiftung und der DFG sowie am Warburg
Institute in London (Frances A. Yates Stipendium)
Leiter des Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland/Potsdam
der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
Habilitation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena („Ca­millo
Rusconi. Catalogue raisonné“)
Privatdozent an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, seit
2003 an der Technischen Universität Berlin
Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin
Forschungsschwerpunkte
Glasmalerei des Mittelalters und des 19. Jh.s; römische Barockskulptur; Kunst­
theorie und Kunstliteratur des 16.–18. Jh.s; Antikenrezeption und Antiken­er­gän­
zungen.
Publikationsauswahl
Die Glasmalereien von San Francesco in Assisi. Entstehung und Entwicklung
einer Gattung in Italien, Regensburg 1997.
„L’emulazione della romana anticha grandezza“. Camillo Rusconis Grabmal für
Gregor XIII, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 61 (1998), S. 77–112.
Two Angels by Bernardino Cametti in Madrid, in: The Burlington Magazine 142
(2000), S. 104–107.
Projekte für ein Grabmal Clemens’ XI, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 70
(2007), S. 271–280.
Die mittelalterlichen Glasmalereien in Berlin und Brandenburg (mit Ute Bednarz,
Eva Fitz, Markus L. Mock, Götz J. Pfeiffer und Martina Voigt), Berlin 2010.
133
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Brigitte Kurmann-Schwarz, Zürich/Romont
»... eine flächenhaft geschlossene Bildmembran«? Zur medialen
Qualität der Glasmalereien in den gotischen Kathedralen Frank­
reichs
Hans Belting hat 1981 einen grundsätzlichen Unterschied zwischen
der Bilderwelt der nordalpinen Hochgotik einerseits und dem neuen Ta­
felbild, seinen Funktionen, seinen besonderen Sprechweisen anderer­
seits herausgearbeitet. Unter den Bildmedien soll erst das Tafelbild eine
kommunikative Qualität entwickelt haben, dem gegenüber sich die skulptierten und auf Glas gemalten Bilder der hochgotischen Kathe­dralen als
überpersönliche und objektive Dokumente einer Weltordnung präsentierten. Dieses System gab, so Belting, dem Individuum und des­sen Zwiesprache mit Heiligen keinen Raum. Wie die Theoretiker der Neugotik bezeichnet er die Glasmalerei als „flächenhaft geschlossene Bildmembran,
deren Ordnungsplan ebenso als ihr dargestellter Inhalt zu verstehen war
wie der Inhalt jeder einzelnen Bildeinheit“.
Es hat sich jedoch herausgestellt, dass diese immer wieder postulierten Ordnungs­pläne Brüche und Abweichungen aufweisen, dass ursprüngliche Pläne in Schüben erweitert wurden – etwa in den Kathedralen von Bourges und Chartres – und dass von Kohärenz nur dann die
Rede sein kann, wenn der moderne Historiker über viele Ungereimtheiten hinwegsieht. Zudem hat sich gezeigt, dass es den von den Exponenten der Kunsthistoriographie des 19. Jahrhunderts (Viollet-le-Duc)
postulierten be­sonderen Stil der Glasmalerei nie gegeben hat, dieses
Medium vielmehr durch alle Jahrhunderte an der allgemeinen Entwicklung der ma­lerischen Künste teilhatte. Ebenso wenig verschlossen sich
die Bilder aus Glas, Licht und Farbe einem Dialog mit dem Betrachter.
Ganz im Ge­genteil sahen die mittelalterlichen Autoren und Auftraggeber
in der be­sonderen Materialität der Glasmalerei einen Mehrwert, der diesem Me­dium einen hervorragenden Platz unter den sakralen Bildkünsten
einräumte. Das gilt auch noch in der Zeit, in der die Tafelmalerei alle an­
deren Kunstgattungen zu dominieren begann.
Kurzbiographie
1951
1970–1979
134
geboren in Biel/Bienne (CH)
Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und
Alten Geschichte in Bern (Magisterarbeit: „Die roma­ni­schen
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
1984
1997
seit 2002
2001
seit 2002
Wandmalereien im Westturm der Abteikirche Saint-Sa­vin-surGartempe. Eine ikonographische Studie“)
Promotion an der Universität Bern („Französische Glas­mal­er­
ei­en um 1450. Ein Atelier in Bourges und Riom“)
Habilitation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
(„Die Glas­malereien des 15. bis 18. Jahrhunderts im Berner
Münster“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am VitroCentre Romont,
Schweiz
Umhabilitation an die Universität Zürich
Lehrbeauftragte an der Universität Zürich
Forschungsschwerpunkte
Die Glasmalerei vom Mittelalter bis zur Gegenwart, ihr Zusammenhang mit den
übrigen Bildkünsten; Bedeutung und Wahrnehmung von Bildern in der Vergang­
enheit; Bilder als Medien; Medienverbund Bild – Architektur.
Publikationsauswahl
Französische Glasmalereien um 1450. Ein Atelier in Bourges und Riom, Bern
1988.
Die Glasmalereien des 15.–18. Jahrhunderts im Berner Münster (Corpus Vitre­a­
rum Medii Aevi Schweiz 4), Bern 1998.
Chartres, La cathédrale / Chartres, Die Kathedrale (mit Peter Kurmann), Re­
gens­burg 2001.
Die mittelalterlichen Glasmalereien der ehemaligen Klosterkirche Königs­felden
(Corpus Vitrearum Medii Aevi Schweiz 2), Bern 2008.
La cathédrale de Strasbourg, choeur et transept: de l’art roman au gothique
1180–1240, Société des Amis de la cathédrale de Strasbourg, Supplément
au No. XXVIII du Bulletin de la cathédrale de Strasbourg (mit Jean-Philippe
Meyer), Strasbourg 2010.
10.15–10.45 Uhr
Michael Burger, Freiburg
Die Funktion ornamentaler Glasmalerei im Kontext der Architektur
Mit dem Aufkommen gotischer Fensterformen im Westen des Reiches
wurden die Glasmaler mit neuen Aufgaben konfrontiert, galt es doch
nun, großflächige, durch Maßwerk unterteilte und hoch proportionierte
Fensteröffnungen mit Glas zu füllen. Die beiden führenden Bauhütten
und Glasmalerei-Werkstätten der Hochgotik, Straßburg und Köln, wähl­
ten dabei zwei gegensätzliche Wege. Gleich einer Bilderbibel wurden im
Südseitenschiff des Straßburger Münsters die neuen Fensteröffnungen
135
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
dazu genutzt, die Heilsgeschichte in zahlreichen Einzelszenen ausführ­
lich zu zeigen und im Obergaden unzählige Heiligenfiguren in bis zu
drei Reihen übereinander anzuordnen. Dagegen entschied man sich im
Kölner Domchor trotz größerer Fensterfläche für ein äußerst redu­ziertes
Bildprogramm, das lediglich eine Königsreihe um die zentral ge­zeigte
Anbetungsszene vorsah. Darüber entfaltet sich ein varianten­reicher
Flechtwerk- und Maßwerkteppich in Glas, wie auch die Fenster der Chorumgangskapellen bis auf das zentrale Bibelfenster ursprünglich rein ornamental gestaltet waren.
Während im Straßburger Langhaus die Funktion der Glasfenster eine
erzählende, belehrende und memorierende ist, zeigt sich am Kölner
Dom, welche Möglichkeiten und Funktionen ornamentale Glasmalerei
einzunehmen vermag: Sie gliedert und strukturiert durch ihre symmetri­
sche Anordnung, sie unterstreicht das reduzierte Bildprogramm, indem
sie den Blick des Betrachters führt, und gleichzeitig vermag sie weit mehr
als die figürliche Glasmalerei durch freiere Farbwahl und harmo­ni­schere
Komposition den Lichteinfall zu regulieren, dem Innenraum eine harmonische Farbwirkung zu verleihen und die Architektur in hellerem Licht
erstrahlen zu lassen. Ornamentale Glasmalerei ist daher weit mehr als
nur Ausdruck von Einfachheit, Armutsideal und religiöser Strenge, der ihr
in Bezug auf ihre Verwendung in Zisterzienser- und Bettel­ordenskirchen
zugeschrieben wird.
Kurzbiographie
1977
1997–2001
2001–2007
2009–2012
seit 2005
geboren in Giengen/Brenz
Ausbildung und Tätigkeit als Schreiner
Studium der Kunstgeschichte und der mittelalterlichen Ge­
schichte in Tübingen, Freiburg i. Br., Rom und Basel
Stipendiat des Mittelalterzentrums der Universität Freiburg i.
Br. im Promotionskolleg „Lern- und Lebensräume: Hof – Klos­
ter – Universität“ (Dissertationsthema „Ornamentale Glas­­
malerei der Hochgotik 1250–1350“)
Mitarbeiter im Forschungszentrum für mittelalterliche Glas­ma­
lerei (Corpus Vitrearum), Freiburg i. Br.
Publikationsauswahl
Kloster Haina (Große Kunstführer 237) (mit Arnd Friedrich), Regensburg 2008.
Fundstücke aus der Burg Staufen. Bemerkungen zu zwei figürlichen Ofen­
kachel­serien des 16. Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Breisgau-Geschichts­
ver­eins Schau-ins-Land 127 (2008), S. 31–37.
Binzen (LÖ), in: Die Burgen im mittelalterlichen Breisgau, II. Südlicher Teil, 1.
Halbband A–K (Archäologie und Geschichte 16), hg. von Thomas Zotz und
136
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
Alfons Zettler, Ostfildern 2009, S. 78–82.
Die Glasmalereien der Esslinger Franziskanerkirche, in: Zwischen Himmel und
Erde. Klöster und Pfleghöfe in Esslingen, Begleitpublikation zur Ausstellung
in der Franziskanerkirche Esslingen, hg. von Kirsten Fast und Joach­im J. Halbekann, Petersberg 2009, S. 203–209.
An Ornamental Panel from the Dominican Church in Colmar, in: Vidimus 48 (Fe­
bru­ary 2011), http://vidimus.org/issues/issue-48/panel-of-the-month.
Die Glasmalereien der Klosterkirche Haina aus kunsthistorischer Sicht, in: Klos­
terkirche Haina. Restaurierung 1982–2012 (Arbeitshefte des Landesamtes für
Denkmalpflege Hessen 19), hg. von Gerold Götze, Christina Vanja und Bern­
hard Buchstab, Stuttgart 2011, S. 141–161.
11.45–12.15 Uhr
Claudia Jentzsch, Berlin
Im Dialog oder im Widerstreit? Die Glasmalereien in den Kapellen­
räumen von Santo Spirito
Der Vortrag nimmt Glasmalereien als Teil der bildkünstlerischen Aus­
stattung von Kapellenräumen in Renaissancekirchen am Fallbeispiel des
1481 geweihten Neubaus von Santo Spirito in den Blick. Zentral ist zum
einen die Frage nach der Rolle des Buntglasfensters in seiner (formal-)
ästhetischen Relation zum übergeordneten Kapellen- und Kirchenraum
sowie weiterhin seine Stellung innerhalb der Kapellen­ausstattungen unter funktionalen, ikonographischen und liturgischen Aspekten.
Erscheinen die Glasmalereien, als genuin mittelalterliche Gattung,
vor der Folie der Renaissancearchitektur zunächst – und perspektivisch
der weiteren Entwicklung vorgreifend – als „Relikt“, erfahren sie para­
doxerweise gerade in diesem Kontext eine Neubewertung. Denn während zeitgleiche (Neu-)Ausstattungen von Kapellen in bestehenden goti­
schen Sakralräumen weiterhin dem tradierten Kanon aus Wand­malerei,
Buntglasfenster und Altarbild entsprechen und die Glas­malereien einerseits nur zusammen mit Altartafeln und Wandmalereien als Einheit zu
lesen sind, andererseits in ihrer ästhetischen Wirkmacht aber auch mit
ihnen konkurrieren, dient die „weiße Wand“ der frühneuzeitlichen Kapellenräume den Buntglasfenstern und Altartafeln als Projektionsraum und
macht sie zum visuellen Mittelpunkt und Fokus der Andacht. In Kapellen,
für die kein Altarbild vorgesehen war oder um­gesetzt wurde, wird das
Buntglasfenster ferner zum Protagonisten und autonomen Ausstattungsstück.
Letzteres hat einige Forscher veranlasst, die Glasmalereien in ihrer
Funk­tion als Andachtsbild zu definieren. Diese Frage ist sowohl generell
137
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
als auch am Fallbeispiel zu diskutieren wie auch jene, ob Bunt­glas­fenster
für die Kapellen von Santo Spirito ursprünglich überhaupt vorgesehen gewesen sein können oder ob einfache Fenster der Konse­quenz der Raumästhetik besser entsprächen. Möglicherweise sind die Glas­malereien ein
späterer Eingriff der Stifter, die den Kapellenraum durch die bildkünstlerische Ausstattung für sich erst nutzbar machten.
Kurzbiographie
2000–2006
2006–2007
2007
2008–2010
seit 2008
seit 2011
Studium der Kunstgeschichte und der Kommunikations- und
Medienwissenschaft in Leipzig und Florenz (Magisterarbeit:
„Die Tradition der Sacra Conversazione in S. Spirito in Florenz. Bilder von Andacht, Fürbitte und Repräsentation“)
Assistenz Künstlerhäuser Worpswede
Volontärin bei der Documenta 12 in Kassel
Mitarbeiterin bei den KW Institute for Contemporary Art für
die Ausstellungsprojekte 5. und 6. Berlin Biennale für zeit­­ge­­
nössische Kunst
Lehrbeauftragte an der Universität der Künste Berlin
Promotionsvorhaben an der Universität der Künste Berlin
(Arbeits­­titel: „Fa­milienkapellen der Florentiner Augustiner­kir­
che Santo Spirito im innerstädtischen Vergleich“)
Forschungsschwerpunkte
Mittelitalienische Kunst des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit; Bau- und
Bildkunst der Bettelorden, Ordenspropaganda; Visualisierungsstrategien und
ästhetische Konzepte sozialer Gruppen; Gegenwartskunst.
Publikationsauswahl
Partizipation am Bau der Augustinerkirche Santo Spirito in Florenz, in: Die Kir­
che als Baustelle – Große Sakralbauten des Mittelalters, hg. von Bruno Klein
und Katja Schröck (im Erscheinen).
Florentiner Quartieri und Gonfaloni im Quattrocento – Das Viertel Santo Spirito
und seine Hauptkirche, in: Ordnungen des sozialen Raumes. Die Quartieri,
Sestieri und Seggi in den frühneuzeitlichen Städten Italiens, hg. von Tanja Mi­
chalsky und Grit Heidemann, Berlin 2012, S. 69–91.
Die Ordensstammbäume aus dem Bibliotheksgang des Paulinerklosters, in:
Speicher der Erinnerung: Die mittelalterlichen Ausstattungsstücke der Leipzi­
ger Universitätskirche St. Pauli (Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wis­
senschaftsgeschichte Reihe B Bd. 8), hg. von Frank Zöllner und Benjamin
Som­mer, Leipzig 2005, S. 55–72.
138
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
14.00–14.30 Uhr
Liane Wilhelmus, Heidelberg
»Die Aufgabe ist zuerst eine ethische Forderung: sich einzufügen im Ganzen« – Der Dialog von Glasmalerei und Architektur im
sakra­len Werk von Georg Meistermann
Die Monumentalkunst habe „sich einzufügen im Ganzen“ und keines­
falls eine „Anstecknadel am Revers“ zu sein, forderte Georg Meister­mann
(1911–1990) im Jahr 1966 und somit auch einen engen Dialog zwischen
sakraler Glasmalerei und Architektur. Räumlich integrierten Kunst­werken
fällt hierbei primär die Aufgabe zu, sich auf die Architektur und die (liturgische) Funktion des Gebäudes oder des Raumes zu beziehen. Demzufolge kann die Architektur sowohl die formale Ge­staltung wie auch die
inhaltlichen Themen bedingen. Folgende Ebenen eines Dialoges lassen
sich im sakralen glasmalerischen Werk Meister­manns herausfiltern: die
formal-künstlerische sowie die inhaltlich-litur­gi­sche Strukturierung des
Raumes durch Glasmalerei, die formale und inhaltliche Bezugnahme der
Glasfenster auf Grundriss und Aufriss des Gebäudes sowie die Rücksichtnahme der Glasarbeiten auf das „Hellig­keitsvolumen“ (Lichthaltigkeit) eines Raumes.
Neben dem Dialog mit der Architektur lässt sich in den Glasmalereien Meistermanns (im Besonderen aus den 1950er und frühen 1960er
Jahren) eine weitere „Grenzüberschreitung“ formaler Art hin zu anderen
Gattungen ausmachen. Unter seinem Leitsatz „Fenster aus dem Geist
der Gegenwart [zu entwerfen]“ (Meistermann, 1950) entstanden sakrale Glasarbeiten unter Rückgriff auf die Bildsprache der internationalen zeitgenössischen abstrakten Malerei und Skulptur. Aufgrund dieser
Auseinandersetzung sowie dem Dialog von Glasmalerei und Architektur
und nicht zuletzt in der Zusammenarbeit mit liturgischen Erneuerungs­
bestrebungen nahestehenden Geistlichen und Architekten gelang es
Meister­mann, in der kirchlichen Glasmalerei in Deutschland die Abstrak­
tion einzuführen, deren Bildsprache zu erneuern und stilbildend auf die
jüngere Generation einzuwirken.
Kurzbiographie
2011
2006–2012
Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Betriebswirt­
schaft in Trier (Magisterarbeit: „Der Fensterzyklus in NeuwiedWollendorf von Georg Meistermann“)
Promotion an der Universität des Saarlandes („Georg Meister­
mann. Das glasmalerische Werk (mit Werkkatalog)“)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Wissenschaftliche Hilfs­
kraft an der Universität des Saarlandes
139
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
seit 2012
Akademische Rätin am Institut für Europäische Kunstge­
schichte der Ruprecht-Karls-Universität Heidel­berg
Forschungsschwerpunkte
Glasmalerei seit dem 19. Jh. (v. a. Georg Meistermann); Malerei nach 1945;
Photo­graphie und deren Inter- und Intramedialität.
Publikationsauswahl
„Ein Wunder moderner Kunst im sakralen Raum“. Der Glasfensterzyklus in der
Saarbrücker Schlosskirche mit Blick auf das Gesamtwerk Georg Meister­
manns, in: Ausstellungskatalog Georg Meistermann: Die 50er Jahre, hg. von
Ralph Melcher, Saarbrücken 2007, S. 9–17.
„Darum glaube ich fest, dass es meine Aufgabe als Glasmaler ist, Fenster aus
dem Geist der Gegenwart zu machen“ – Die Glasmalerei Georg Meister­
manns im werkimmanenten sowie internationalen Kontext, in: Ausstellungs­
katalog „Das Leben des Menschen ist eingehüllt in Farbe – Georg Meister­
mann zum hun­dertsten Geburtstag“, hg. von Justinus Maria Calleen und Rolf
Jessewitsch, Berlin 2011, S. 42–55.
Georg Meistermann (1911–1990). Das glasmalerische Werk (mit kritischem
Werk­katalog), (erscheint voraussichtlich 2013, zugl. Diss. Saar­brücken 2011).
14.45–15.15 Uhr
Ulli Seegers, Düsseldorf
»In between«. Zeitgenössische Glasmalerei als Medium der Vermittlung am Beispiel von Sigmar Polke und Gerhard Richter
Am Beispiel von Gerhard Richters Südquerhausfenster des Kölner
Doms (2007) sowie Sigmar Polkes Glasfensterzyklus im Zürcher Großmünster (2009) sollen zwei konträre Auffassungen zeitgenös­sischer
Glasmalerei im Kirchenraum vorgestellt und diskutiert werden. Während
Polkes mehrteilige Fenster ein durchkomponiertes Gesamt­ensemble im
Kirchenraum bilden, das auf die christliche Bildsprache, auf die bestehende Architektur sowie auf die vorhandenen skulpturalen und pikturalen
Werke Bezug nimmt, geht Richters abstrakter Entwurf auf eine zufällige
Anordnung von 72 Farben zurück. These des Vortrags ist es, dass sich am
gegensätzlichen Umgang der beiden (Glas-)Maler mit dem transparenten
Medium zwei sehr unterschiedliche Bildbegriffe ausprägen, die auch für
das jeweilige Œuvre zentral sind. So lassen sich Polkes geschnittene
Achatfenster mit früheren Materialbildern parallelisieren: Gerade in der
Eigensprachlichkeit des mit Bedacht ge­wähl­ten Materials liegt der Schlüssel zur ästhetischen Erfahrung eines Gesamtzusammenhangs. Der kon140
Im Dialog. Die Funktion von Glasmalerei im Kirchenraum
krete Gegenstand weist über sich hinaus. Hier ließen sich zweifellos Gedanken zum christlichen Materie­begriff anstellen. Demgegenüber steht
Richters ästhetische Kontingenz­erfahrung, die sich dem Zufallsgenerator
verdankt und durch reine Farb­trans­zendenz eher agnostische Flächigkeit
zu betonen scheint. Im Fokus des Vortrags jedoch stehen weniger theologische Fragen als vielmehr Themen der materiellen und motivischen
Eigensprachlichkeit, der Gegenständlichkeit und Abstraktion sowie des
Dialogischen. Am Beispiel der beiden vorgestellten Positionen soll auch
die Frage nach den Funktionen und Möglichkeiten von Glasmalerei im
Kirchenraum am Anfang des 21. Jahrhunderts erörtert werden. In der
gegenwärtigen Ak­tu­ali­tät des Mediums scheint sich nicht zuletzt auch die
grundsätzliche Fra­ge nach dem Bild neu zu manifestieren.
Kurzbiographie
1970
1989–1995
1995–1997
1998
1999–2001
2002
2002–2008
2005–2008
2008–2012
seit 2012
geboren in Münster/Westfalen
Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Literatur­wis­
sen­schaften in München und Bochum (Magisterarbeit: „Mne­
mo­syne – Architektur des Denkraums. Eine wissenschafts­
theo­retische Betrachtung zu Aby Warburg“)
DFG-Stipendiatin in Bonn
Junior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen
Pressereferentin im Bundesverband Deutscher Galerien e.V.
in Köln
Promotion an der Universität Stuttgart („Transformatio ener­ge­
tica. Hermetische Kunst im 20. Jahrhundert“)
Geschäftsführerin des Art Loss Register Deutschland in Köln
Lehrbeauftragte an der Rheinischen Friedrich-WilhelmsUniversi­tät Bonn
Wissenschaftliche Assistentin an der Universität / Kunsthoch­
schule Kassel
Juniorprofessorin an der Heinrich-Heine-Universität Düssel­
dorf
Forschungsschwerpunkte
Kunst der Moderne seit 1800; zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie; Ge­
schichte der Kunstgeschichte; Methoden- und Vermittlungsfragen; Geschichte
und Theorie des Kunsthandels; Provenienzforschung und Sammlungsge­schich­
te.
141
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Publikationsauswahl
Alchemie des Sehens. Hermetische Kunst im 20. Jahrhundert: Antonin Artaud,
Yves Klein, Sigmar Polke (Kunstwissenschaftliche Bibliothek 21), hg. von
Christian Posthofen, Köln 2003.
Gebannte Zeit. Aby Warburgs Pathosformel im Kontext historischer Sinnbildung,
in: Zeit deuten. Perspektiven – Epochen – Paradigmen, hg. von Jörn Rüsen,
Bielefeld 2003, S. 355–375.
Unkontrollierbare Gäste. Zu den Verwandlungswerken von Sigmar Polke, in:
Sig­mar Polke, Werke & Tage, Ausstellungskatalog Kunsthaus Zürich, hg. von
Bice Cu­riger, Köln 2005, S. 43–61.
Die Kunst der Beute. Ein kritischer Erfahrungsbericht, in: Schattengalerie –
Sym­posium zur Beutekunst. Forschung, Recht und Praxis, hg. von Heinrich
Becker für die Museen der Stadt Aachen, Aachen 2009.
(De)Konstruktionen von Geschichte. Die Bedeutung der Provenienz für die Iden­
tität von Sammlungsobjekten, in: The Challenge of the Object / Die Her­aus­for­
derung des Objekts, Kongressakten des 33. Internationalen KunsthistorikerKongresses (CIHA 2012), hg. von G. Ulrich Großmann und Petra Krutisch,
Nürnberg 2013 (im Druck).
142
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Leitung: Barbara Welzel, Dortmund
Sektionsvorträge
Samstag, 23. März 2013, Audimax / Hörsaal 1, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Stephan Selzer, Hamburg
Von Städten im Hanseraum zu Menschen in Netzwerken: Raum­
konzepte in der Hanseforschung 1871 bis 2011
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Michael North, Greifswald
Kronborg und Helsingör: Der Sund als maritimer Erinnerungsort
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Juliane von Fircks, Mainz/Berlin
Mongolische Luxusgewebe in Europa. Transfer und Rezeption
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
12.30–14.00 Uhr
Pause
143
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
14.00–14.30 Uhr
Birgitt Borkopp-Restle, Bern
Am seidenen Faden – Textilien als Dokumente des Kulturtransfers
von Ost nach West und von Süd- nach Nordeuropa
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Seth Adam Hindin, Davis
From »Wild« Russia to Hanseatic Germany: Exoticism and CrossCultural Exchange in Late Medieval Sculpture
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Die Hanse ist anerkanntermaßen ein europäischer Erinnerungsort.
Als wirtschaftliches und kommunikatives Netzwerk Europas ist sie in
den letz­ten Jahren zunehmend in den Blick geraten: in historischer Per­
spektive, aber auch als Organisationsform, die in aktuellen Netzwerken
gespiegelt wird – nicht zuletzt im heutigen Städtebund „Die Hanse“. In
Denk­fabriken und bei Beiträgen auf dem Wirtschaftsforum in Davos ist
die Hanse ebenfalls eine wichtige Referenz. Zugleich weist der Europa­rat
in seinem Programm der „Cultural Routes“ der Hanse eine hervorge­ho­
bene Stellung zu. Für die Refiguration Europas, welche die Blocka­den
seiner Teilung überwindet, spielt der europäische Norden zwi­schen Brügge und Novgorod, Dortmund, Bergen, Lübeck, Stralsund und Danzig eine
bedeutende Rolle.
Die Sektion fragt nach den historischen Vernetzungen der Hanse­städte
durch den Handel mit Luxusgütern – und dabei vor allem auch nach dem
Kulturtransfer mit dem nahen und fernen Orient, muss doch eine Präzisierung des historischen Wissens über die Beziehungen des christlichen
Westens zum christlichen Orient und zur islamischen Welt als wichtige
Aufgabe aktueller Forschung gelten. In den Blick genom­men werden soll
die ganze Breite der kunsthistorischen Objektüber­liefer­ung, verspricht
doch gerade die Einbeziehung der sogenannten Ange­wandten Künste
besondere Erkenntnisse über den Kulturtransfer.
Die Sektion setzt einen Schwerpunkt bei Luxustextilen, die zu­nehmend
144
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
in ihrer Bedeutung als kostbares Handelsgut und Medium des Kulturtransfers in den Blick geraten. Sie bringt Geschichte und Kunst­ge­schichte
miteinander ins Gespräch: in der Überzeugung, dass nur in sol­chem Dialog eine wissenschaftliche Kartierung des Hanseraumes, die nicht die
überholten Paradigmen der jeweils anderen Disziplin weiter­schreibt, gelingen kann.
Barbara Welzel, Dortmund
Kurzbiographie Barbara Welzel
1961
1979–1989
1989
1990–1991
1991–1998
1997
seit 2001
seit 2003
seit 2011
geboren in Bonn
Studium der Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Philo­so­
phie in Bochum und Berlin
Promotion an der Freien Universität Berlin („Abendmahlsaltäre
vor der Reformation“)
Wissenschaftliche Assistentin an den Staatlichen Museen zu
Berlin (Kupferstichkabinett und Gemälde­galerie)
Wissenschaftliche Assistentin am Kunsthistorischen Institut
der Philipps-Universität Marburg
Habilitation an der Philipps-Universität Marburg („Der Hof als
Kosmos sinnlicher Erfahrung. Der Fünfsinne-Zyklus von Jan
Brueghel d. Ä. und Peter Paul Rubens als Bild der erzherzog­
lichen Sammlungen Isabellas und Albrechts“)
verschiedene Gastprofessuren und Tätigkeit in einem wissen­
schaftlichen Verlag
Inhaberin des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dortmund
Leitung (mit Thomas Schilp) eines interdisziplinären For­
schungs­projektes zur mittelalterlichen Stadtkultur
Prorektorin Diversitätsmanagement an der Technischen Universität Dortmund
Forschungsschwerpunkte
Deutsche und niederländische Kunstgeschichte des 15.–17. Jh.s; Samm­lungs­
geschichte; Hofkultur; spätmittelalterliche Stadtkultur; Kunstgeschichte und kulturelles Gedächtnis; Kunstgeschichte und Bildungsfragen.
Publikationsauswahl
Ferne Welten – Freie Stadt. Dortmund im Mittelalter. Ausstellungskatalog Dort­
mund 2006 (Dortmunder Mittelalter-Forschungen 7), hg. mit Matthias Ohm
und Thomas Schilp, Bielefeld 2006.
Dortmund und die Hanse. Fernhandel und Kulturtransfer (Dortmunder Mittel­
alter-Forschungen 15), hg. mit Thomas Schilp, Bielefeld 2012.
145
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Memlings Jüngstes Gericht in Danzig, in: Ecclesiae ornatae. Kirchenaus­stat­
tung­en des Mittelalters und der frühen Neuzeit zwischen Denkmalwert und
Funktionalität, hg. von Gerhard Eimer, Ernst Gierlich und Matthias Müller,
Bonn 2009, S. 81–100.
Die Kisten der Kaufleute – einige Überlegungen zum Kulturtransfer im Hanse­
raum, in: Städte, Höfe und Kulturtransfer. Studien zur Renaissance am Rhein
(3. Sigurd Greven-Kolloquium zur Renaissanceforschung), hg. von Stephan
Hoppe, Alexander Markschies und Norbert Nußbaum, Regensburg 2010, S.
136–151.
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Stephan Selzer, Hamburg
Von Städten im Hanseraum zu Menschen in Netzwerken: Raum­
konzepte in der Hanseforschung 1871 bis 2011
In den letzten zwanzig Jahren haben sich innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Hanseforschung die Vorstellungen von den Strukturen
der Hanse erheblich gewandelt. Die „Meister­er­zähl­ungen“ der Hanseforschung handelten im 19. Jahrhundert von einer Hanse als quasi-staatlichem Subjekt, rückten im 20. Jahrhundert die Städte als Handlungsträger ins Zentrum und blicken nunmehr unter­halb der Städteebene auf
Menschen, die als Kaufleute und Ratsherren in hansischen Netzwerken
agierten.
Allen drei Konzepten sind spezifische raumbezogene Vorstellungen zu
eigen, die sich in Texten und „Hansekarten“ niederschlagen. Sie sol­len
vor ihrem jeweiligen zeitgenössischen Wissenschaftshintergrund erläutert werden. Dabei dürfte für die Kunstgeschichte besonders inter­es­sant
sein, wie kulturelle Merkmale (Sprache, Kleidung, Sitten, Archi­tek­tur,
Backstein, Lesestoff, Recht usw.) von der historischen Hanse­forschung
jeweils für die Illustration eines politischen oder ökono­mischen „Hanseraums“ genutzt wurden. Erst in der neueren Forschung, so die These
des Vortrags, befreit sich die historische Hanseforschung (noch relativ
unbeachtet von Nachbarfächern wie zum Beispiel der Archäologie) aus
der Raumfalle, indem sie zwar wieder von einer „Kultur der Hanse“ zu
sprechen beginnt, diese und deren Merkmale aber personen- und nicht
stadt- oder raumbezogen denkt.
146
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Kurzbiographie
1989–1994
1999
2006
seit 2008 Studium der Geschichte in Kiel
Promotion („Deutsche Söldner in Italien des Trecento“)
Habilitation („Die Farbe Blau. Ökonomie einer Farbe im spät­
mittelalterlichen Reich“)
Professor für Mittelalterliche Geschichte an der HelmutSchmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg
Forschungsschwerpunkte
Höfische Kultur; Krieg und Gesellschaft im Mittelalter; Geschichte der Hanse.
Publikationsauswahl
Artushöfe im Ostseeraum. Ritterlich-Höfische Kultur in den Städten des
Preußen­landes im 14. und 15. Jahrhundert (Kieler Werkstücke Reihe D Bd.
8), Frankfurt a. M. u. a. 1996.
Die mittelalterliche Hanse (Geschichte kompakt), Darmstadt 2010.
Blau: Ökonomie einer Farbe im spätmittelalterlichen Reich (Monographien zur
Geschichte des Mittelalters 57), Stuttgart 2010.
Vertraute Ferne. Kommunikation und Mobilität im Hanseraum (mit Joachim
Mähnert), Husum 2012.
10.15–10.45 Uhr
Michael North, Greifswald
Kronborg und Helsingör: Der Sund als maritimer Erinnerungsort
In den vergangenen Jahren gewann die Debatte um die von Pierre Nora
entwickelte Idee von Erinnerungsorten – den „lieux de mémoire“ – auch
hierzulande an Bedeutung. Dabei werden Erinnerungsorte, gleich ob als
abstrakter Bezugspunkt oder als konkreter, lokalisierbarer Platz, immer
im Kontext des Landes gedacht. Das Meer ohne geographisch-historisch
eindeutige Fixpunkte bleibt hingegen in vielerlei Hinsicht gleich­sam geschichtslos. Jedoch ermöglicht die historische Perspektive, am Beispiel
des Meeres breitere Konzepte in internationaler wie inter­disziplinärer Zusammenarbeit zu entwickeln und am konkreten Beispiel zu verifizieren.
So bietet das Meer einen einzigartigen Rahmen für ein Stu­dium gemeinsamer oder miteinander konkurrierender Erinnerungen im Sinne der „lieux de mémoire divisés“. Das Potential solcher Frage­stellungen wird am
Beispiel des Oresundes erörtert.
Der Sund (Dänisch: Øresund; Schwedisch: Öresund) stellt heute wie
jeher das Einfallstor des Atlantischen Ozeans und der Nordsee in den
Ost­seeraum dar. Dabei ist diese Wasserstraße an der Durchfahrt vor der
147
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Festung Kronborg gerade einmal vier Kilometer breit. Im Laufe der Jahr­
hunderte segelten Schiffe beinahe aller europäischer Nationen durch den
Sund und machten diesen damit zu einem besonderen Ort gemeinschaftlicher Erinnerung für die seefahrenden Mächte, auch wenn der Handel
und die damit verbundene Erinnerung zweifellos von den Niederländern
und später von den Skandinaviern selbst dominiert wurden. Ein besonderes Erinnerungspotential ergab sich dadurch, dass die dänische Kontrolle
des Sundes mit der Festung Kronborg immer wie­der zum Gegenstand
erbitterter Konflikte zwischen Dänemark, Schwe­den, Polen und Russland
avancierte, wobei die Niederlande und England – die besondere Interessen im Ostseeraum verfochten – je­weils auf wechselnder Seite eingriffen.
Der Vortrag wird entsprechend die visuellen Repräsentationen des
Sun­des – insbesondere Kronborgs und Helsingörs – aus den Per­spek­
tiven der den Sund passierenden Schiffe(r) und Schifffahrtsnationen, der
ansässigen Kaufmannskolonien sowie der vor Ort tätigen Künstler un­ter­
suchen und nach dem Beitrag zur kollektiven Erinnerung fragen.
Kurzbiographie
1954 1974–1979
1988
seit 1995
2000–2010
seit 2009 geboren
Studium der Osteuropäischen Geschichte, Mittleren und Neu­
e­ren Geschichte und Slawistik in Gießen
Habiliation für Mittlere und Neuere Geschichte und Historische
Hilfswissenschaften in Kiel
Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte der Neuzeit
an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Sprecher des Graduiertenkollegs „Kontaktzone Mare Balticum:
Fremdheit und Integration im Ostseeraum“
Sprecher des Internationalen Graduiertenkollegs 1540 „Baltic
Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the
Baltic Sea Region“
Forschungsschwerpunkte
Kunstmärkte und Kunstsammlungen; Kulturtransfer; Geschichte der Niederlan­
de und des Ostseeraums.
Publikationsauswahl
Gerhard Morell und die Entstehung einer Sammlungskultur im Ostseeraum des
18. Jahrhunderts, Greifswald 2012.
Geschichte der Ostsee: Handel und Kulturen, München 2011.
Artistic and Cultural Exchanges between Europe and Asia, 1400–1900: Rethink­
ing Markets, Workshops and Collections (Hg.), Surrey 2010.
148
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Kultureller Austausch – Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung
(Hg.), Köln/Weimar/Wien 2009.
Das Goldene Zeitalter. Kunst und Kommerz in der niederländischen Malerei des
17. Jahrhunderts (revised version of „Kunst und Kommerz im Goldenen Zeit­
alter“), Köln/Weimar/Wien 2001.
11.45–12.15 Uhr
Juliane von Fircks, Mainz/Berlin
Mongolische Luxusgewebe in Europa. Transfer und Rezeption
Während des Mittelalters galten Seidengewebe aus Asien in Europa als hochgeschätzte Ware. Von Objekten aus Glas oder Edelmetall
unterscheiden sich Luxusstoffe durch ihre Einsetzbarkeit für die unter­
schied­lichsten Zwecke. Diese Wandelbarkeit erhebt sie zu einem
Untersu­chungsgegenstand, an dem sich Funktionsweisen des kultur­el­
len Transfers exemplarisch herausarbeiten lassen. Westliche Schneider
schufen aus dem fremden kostbaren Material verschiedenste funktions­
bestimmte Artefakte wie Gewänder, Bucheinbände, Grabtücher und Reliquienhüllen. Nicht selten erlaubt die Analyse eines geschneiderten Ob­
jekts – sei es der Mantel eines Königs, das Wams eines Ritters oder die
Kasel eines Klerikers – Rückschlüsse auf die Beschaffenheit und Größe
der verwendeten Stoffcoupons. Dies ermöglicht es, zwischen der einstigen Zweckbestimmtheit der östlichen Produkte und ihrer Nutzung in
westlichen Kontexten zu differenzieren.
Der Beitrag nimmt textile Objekte des 14. Jahrhunderts in den Blick, die
sich über ganz Europa verteilt erhalten haben. Sie stammen aus dem Besitz des Papstes, des französischen Königs, des römisch-deut­schen Kaisers, von verschiedenen europäischen Fürsten sowie von patrizischen
Stiftern in den Hansestädten an der Ostsee. Alle Auftrag­geber verbindet
der Umstand, dass sie Gewänder und andere Ausstat­tungsstücke aus
„panni tartarici“ arbeiten ließen – vielfarbigen und golde­nen, mit fremden
Schriftzeichen, Tier- und Pflanzenmotiven reich ge­mus­terten Stoffen – ,
die seit dem späten 13. Jahrhundert aus dem mongo­lischen Großreich in
größerer Zahl nach Europa gelangt waren. Der Vortrag zielt darauf, den
jeweils konkreten funktionalen Kontext von Arte­fakten aus mongolischer
Luxusseide zu rekonstruieren und all­ge­meinere Strukturen im Umgang
der Europäer mit dem fremden Material herauszuarbeiten. Anhand der
Objektgeschichten soll die Funktions­weise ökonomischer und kultureller
Netzwerke zwischen Europa und Asien anschaulich gemacht werden.
149
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Kurzbiographie
1969
1988–1998
2000–2003
2003–2006
2006
2006–2012
seit 2013
geboren in der Hansestadt Stralsund
Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie in
Greifswald, Poitiers und Berlin
Volontärin im Museum Wiesbaden
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Die mittel­
alter­lichen Paramente der Hansestadt Stralsund“ an der ErnstMoritz-Arndt-Universität Greifswald
Promotion an der Freien Universität Berlin („Skulptur im süd­
lichen Ostseeraum. Stile, Werkstätten und Auftraggeber im 13.
Jahrhundert“)
Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Kunstgeschichte
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
DFG-Forschungsprojekt „Luxusgewebe des Orients im spät­
mit­telalterlichen Europa. Transfer – Adaption – Rezeption“
an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Forschungsschwerpunkte
Deutsche und französische Skulptur des Mittelalters; europäische und orien­ta­
lische Textilien in funktionalen Kontexten; Techniken der Vervielfältigung in den
Bildmedien des 15. Jh.s; künstlerischer Austausch und Künstlerkontakte in der
Frühen Neuzeit.
Publikationsauswahl
Skulptur im südlichen Ostseeraum. Stile, Werkstätten und Auftraggeber im 13.
Jahrhundert (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte
90), Petersberg 2012, zugl. Diss. Berlin 2006.
Liturgische Gewänder des Mittelalters aus St. Nikolai in Stralsund, Riggisberg
2008.
Aus dem Königreich der Tartaren. Orientalische Luxusgewebe im hanse­
städtischen Kontext, in: Dortmund und die Hanse. Fernhandel und Kulturtransfer, hg. von Thomas Schilp und Barbara Welzel, Dortmund 2012, S.
139–164.
Zwischen Nürnberg und Antwerpen. Zur wechselseitigen Wahrnehmung deut­
scher und niederländischer Künstler in der Dürerzeit, in: Van Eyck to Dürer,
Ausstellungskatalog, hg. von Till Holger Borchert und Antje Fee Köller­mann,
Brügge 2010, S. 205–219.
Serielles Produzieren im Medium mittelalterlicher Stickerei – Holzschnitte als
Vorlagenmaterial für eine Gruppe mittelrheinischer Kaselkreuze des 15. Jahr­
hunderts, in: Reiche Bilder. Aspekte zur Produktion und Funktion von Sticker­
eien im Spätmittelalter, hg. von Uta Christiane Bergemann und Annemarie
Stauf­fer, Regensburg 2010, S. 65–82.
150
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
14.00–14.30 Uhr
Birgitt Borkopp-Restle, Bern
Am seidenen Faden – Textilien als Dokumente des Kulturtransfers
von Ost nach West und von Süd- nach Nordeuropa
Unter den Luxusgütern, die schon früh über große Entfernungen trans­
portiert wurden und im 14. und 15. Jahrhundert einen wesentlichen Anteil am Fernhandel hatten, waren die Seidengewebe, namentlich die
kostbaren mehrfarbigen oder goldgemusterten Stoffe, von besonderer
Be­deutung. Bevor die Seidenproduktion der oberitalienischen Städte
in Qualität und Umfang eine verlässliche Grundlage für den Handel er­
reicht hatte, waren weite Teile Europas auf Importe aus dem Orient ange­
wiesen, wenn es um die textile Ausstattung profaner und sakraler Räume
von repräsentativem Anspruch oder die Anfertigung zere­mo­niel­ler und
liturgischer Gewänder ging. Nur vereinzelt haben sich textile Ob­jek­te aus
profanem Gebrauch erhalten; die Schatzkammern der Kirchen bezeugen
dagegen bis heute die Intensität und die geographische Aus­dehnung dieses Warenverkehrs: Zu den Paramentenschätzen, die uns aus St. Nikolai
in Stralsund und St. Marien in Danzig (Gdańsk) überliefert sind, gehören zentralasiatische und chinesische Stoffe in bemerkens­werter Menge,
aber auch die Kathedrale von Uppsala in Schweden be­wahrt Seidengewebe dieser Provenienz. Die Fernhandelskaufleute der Han­se, in deren
Händen die Distribution solcher Luxustextilien lag, konn­ten bei ihrer Beschaffung den Handelsrouten folgen, die seit dem 10. Jahrhundert von
Schweden über Russland in den Orient geführt hat­ten.
Auf neuen Wegen gelangten vom 14. Jahrhundert an Seidenstoffe aus
Italien in das nördliche Europa: Diese Textilien, in großem Maßstab für
den Export produziert, wurden durch die Niederlassungen itali­eni­scher
Kaufleute in den internationalen Handel eingeführt; ihre Vermitt­lung in
den Norden lag wiederum vor allem in den Händen der Hanse­kauf­leute.
In den Paramentenschätzen der großen Kirchen des Ostsee-Raums,
aber auch Dänemarks und Schwedens sind italienische Seiden in außerordentlicher Dichte überliefert. Ihre Verbreitung verweist auf die Han­
delsrouten und -verbindungen, durch die sie an ihre Be­stim­mungsorte
gelangten. In ihren Mustern aber tradieren sie auch noch das Mo­
tivrepertoire der orientalischen Stoffe, die so lange die Vorstellung des
Westens von luxuriösen Textilien geprägt hatten.
151
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
Kurzbiographie
1958
1976–1991 1991
1992
1993
1993–2005
2005–2008
seit 2009
geboren in Neuss/Rhein
Studium der Kunstgeschichte, Byzantinistik und Romanistik in
Bonn
Promotion an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
Bonn („Die Textilsammlungen des Aachener Kanonikus Franz
Bock“)
Ausstellungsassistentin am Museum Schnütgen, Köln
Volontärin am Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg
Konservatorin am Bayerischen Nationalmuseum, München
Direktorin des Museums für Angewandte Kunst, Köln
Professorin für die Geschichte der textilen Künste (Abegg-Stif­
tungsprofessur) am Institut für Kunstgeschichte der Universität
Bern
Forschungsschwerpunkte
Geschichte der textilen Künste mit Schwerpunkt im Mittelalter und der Frühen
Neuzeit; Museums- und Sammlungsgeschichte und ihre Theorien; Forschungs­
geschichte des Kunsthandwerks; Kulturtransfer zwischen Europa und dem Ori­
ent; Mittelalterrezeption im 19. Jh.
Publikationsauswahl
Der Aachener Kanonikus Franz Bock und seine Textilsammlungen. Ein Beitrag
zur Geschichte der Kunstgewerbe im 19. Jahrhundert, Riggisberg 2008, zugl.
Diss. Bonn 1991.
Farbe und Farbwirkung in der Bildstickerei des Hoch- und Spätmittelalters. Tex­
ti­lien im Kontext der Ausstattung sakraler Räume (mit Stefanie Seeberg), in:
Farbe im Mittelalter. Materialität – Medialität – Semantik, Bd. 1, hg. von Ingrid
Ben­ne­witz und Andrea Schindler im Auftrag des Mediävistenverbandes, Berlin
2011, S. 189–212.
Der Paramentenschatz der Marienkirche zu Danzig. Die textile Ausstattung der
Hauptpfarrkirche eines Hansezentrums, in: Dortmund und die Hanse. Fern­
handel und Kulturtransfer (Dortmunder Mittelalter-Forschungen 15), hg. von
Thomas Schilp und Barbara Welzel, Bielefeld 2012, S. 115–138.
Materialität und Handwerk in der Textilkunst des Mittelalters. Beobachtungen am
Paramentenschatz der Marienkirche zu Danzig/Gdańsk, in: Beziehungsreiche
Gewebe. Textilien im Mittelalter, hg. von Kristin Böse und Silke Tammen, Köln
2012, S. 286–300 und 432–439 (Abb.).
152
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
14.45–15.15 Uhr
Seth Adam Hindin, Davis
From »Wild« Russia to Hanseatic Germany: Exoticism and CrossCultural Exchange in Late Medieval Sculpture
Die vier im Relief geschnitzten hölzernen Tafeln, die wahrscheinlich im
späten 14. Jahrhundert entstanden, sind die einzigen erhaltenen Teile
des sogenannten „Rigafahrergestühl“ (oder „Russlandfahrergestühl“),
das einst in der Stralsunder Nikolaikirche stand. Im 19. Jahrhundert wurden sie vom Kirchengestühl einer in Russland und im östlichen Ostseeraum tätigen Handelskompanie entfernt.
Frühere Forschungen haben diese Tafeln als realitätsgenaue Darstellungen interpretiert: Sie sollten die Russen bei der Ernte von Forstprodukten (Pelze und Wachs) bzw. beim Verkauf derselben an Stralsunder Kaufleute darstellen. Dagegen behaupte ich, dass diese Interpretation nicht
aufrecht erhalten werden kann; nicht nur, weil die Platten selbstbewusst
bildliche und ikonographische Konventionen zeitgenössischer weltlicher
Kunstwerke verwenden, sondern auch, weil die Szenen nicht mit den in
Russland seinerzeit üblichen Methoden der Pelz- und Wachsernte übereinstimmen. Vielmehr, so lautet die These des Vortrages, lag der Zweck
der Tafeln im Wesentlichen in ihrer rhetorischen Überzeugungskraft. Den
Menschen in Stralsund boten die Bilder eine falsche, aber überzeugende
Darstellung vom hanseatischen Handel mit Russland. Sie waren dazu
bestimmt, das Ansehen der Stralsunder Russlandfahrer zu verbessern
und gleichzeitig die Waren als besonders wertvoll (da selten und exotisch) und aufwändig in der Beschaffung darzustellen.
Kurzbiographie
2003
2004
2005–2006
2006–2007
2007–2009
A.M., Harvard University, Department of History of Art and
Architecture
Sommerschule für Slawistische Studien an der Karls-Universität Prag (Stipendiat des American Council of Learned Societies)
Forschungsaufenhalte in München (Zentralinstitut für Kunstgeschichte) und Prag (Institut für Kunstgeschichte) als Stipendiat
der Harvard University sowie Studienaufenthalt an der Südböhmischen Universität in Budweis
Forschungsaufenhalte in der Tschechischen Republik und
Österreich (U.S. Department of Education Fulbright-Hays
DDRA Fellowship)
Samuel H. Kress Fellow am Center for Advanced Study in the
Visual Arts, National Gallery of Art, Washington, D.C.
153
Networking Europe: Kulturtransfer in der Hanse
2010–2011
2011
2011–2012
seit 2012
Lehrbeauftragter am College of William and Mary, Virginia
Ph.D. an der Harvard University, Department of History of Art
and Architecture
Lehrbeauftragter an der University of Richmond, Virginia
ACLS New Faculty Fellow und Visiting Assistant Professor an
der University of California, Davis
Forschungsschwerpunkte
Vormoderne Kunst in Europa, dem Mittelmeerraum und der islamischen Welt,
insbesondere Mittel- und Ostmitteleuropa zur Zeit der Gotik.
Publikationsauswahl
Verschiedene Stichwörter im Oxford Dictionary of the Middle Ages, hg. von Robert E. Bjork, Oxford/New York 2010.
Ethnische Bedeutungen der sakralen Baukunst. „Deutsche“ und „Tschechische“
Pfarrkirchen und Kapellen in Böhmen und Mähren (1150–1420), in: Böhmen
und das Deutsche Reich. Ideen- und Kulturtransfer im Vergleich (13.–16.
Jahrhundert) (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 116), hg. von Eva
Schlotheuber und Hubertus Seibert, München 2009, S. 11–33.
Civic Ritual and Memoria in the Gelnhausen Codex, in: The Culture of Memory
in East Central Europe in the Late Middle Ages and the Early Modern Period
(Prace Biblioteki Uniwersyteckiej 30), hg. von Rafal Wojcik, Posen 2008, S.
265–276.
Gothic Goes East: Mendicant Architecture in Bohemia and Moravia, 1226-1278,
in: Bettelorden in Mitteleuropa. Geschichte, Kunst, Spiritualität (Beiträge zur
Kirchengeschichte Niederösterreichs 15), hg. von Heidemarie Specht und
Ralph Andraschek-Holzer, St. Pölten 2008, S. 371–405.
154
(Dis)Kontinuitäten.
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
Leitung: Katja Bernhardt, Berlin / Antje Kempe, Greifswald
Sektionsvorträge
Samstag, 23. März 2013, Hauptgebäude / Aula, 09.00 - 15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Marina Dmitrieva, Leipzig
Die Renaissance hinter dem Eisernen Vorhang
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Robert Born, Leipzig
Virgil Vătăşianu (1902–1993) und die Kunstgeschichte in Rumänien
nach 1947
10.45–11.00 Uhr
Diskussion
11.00–11.45 Uhr
Pause
11.45–12.15 Uhr
Barbara Murovec, Ljubljana
Zwischen methodologischer und ideologischer Kunstgeschichte.
Schulung, Anpassung und Transformierung von Wissen
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
12.30–14.00 Uhr
Pause
155
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
14.00–14.30 Uhr
Milena Bartlová, Prag
Marxism in Czech art history 1945–1970
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Wojciech Bałus, Krakau
»Der verfemte Teil«. Die polnische Kunstgeschichte und der kom­
mu­nistische Diskurs nach dem Tod Stalins
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Der Zweite Weltkrieg bildet eine Zäsur in der Geschichte der Kunst­
geschichte. Dies gilt insbesondere für die Länder des östlichen Europas,
die unter der Hegemonie der Sowjetunion nach 1945 zum sogenannten Ostblock zusammengeschlossen wurden. Etablierte Forschungszentren und Netzwerke wurden aufgelöst und/oder erfuhren eine
Reorgani­sation, ebenso erzwang die Ideologisierung der Bildungs- und
Wissen­schaftspolitik eine Positionierung des Faches im Aufbau der sozia­
listischen Gesellschaft – eine Forderung, die mit dem nationalen Selbst­
verständnis der neuen Volksrepubliken harmonisiert werden musste.
Zäsur bedeutet jedoch nicht „Stunde Null“. Ausgehend von der histo­
risch-politischen Spezifik wird in der Sektion die Neuorganisation und
-struk­turierung des Faches in den Ländern der sich formierenden sozialistischen Staatengemeinschaft als einen forcierten Transforma­
tionsprozess begriffen.
Anhand von Beispielen aus fünf Ländern werden dessen Faktoren,
Dynamik, Zielrichtung und Charakter exemplarisch unter­sucht. Dabei
werden die Beharrungskräfte der ge­wachs­en­en kunst­geschichtlichen
Forschung einerseits und die Durchsetzungskraft neuer inner- wie auch
außerfachlicher Einflüsse auf institutioneller, perso­­nel­ler und fachlichinhaltlicher Ebene andererseits sichtbar ge­macht, in ihrer diskursiven
Verflechtung analysiert und in ihrer Bedeu­tung für die Entwicklung des
Faches gewichtet. Die verschie­denen Heran­gehensweisen, mit denen
sich die Beiträge dem Gegen­stand nähern, führen dabei mögliche Wege
156
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
zu einer Erforschung der Fachge­schichte im östlichen Europa im Sinne
eines Problemaufrisses zu­sam­men.
Katja Bernhardt, Berlin / Antje Kempe, Greifswald
Kurzbiographie Katja Bernhardt
seit 2005
2010–2011
2012
Studium der Kunstgeschichte und der Neueren/Neusten Ge­
schichte in Greifswald, Berlin und Posen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstge­
schichte Osteuropas am Institut für Kunst- und Bildgeschichte
der Humboldt-Universität zu Berlin
Immanuel-Kant-Stipendiatin des Bundesinstituts für Kultur und
Geschichte der Deutschen im östlichen Europa
Verteidigung der Dissertation „Stil – Raum – Ordnung. Die
Architekturabteilung der TH Danzig (1904–1945) – Institution
und Architekturtheorie“ an der Humboldt-Universität zu Berlin
Forschungsschwerpunkte
Architektur, Städtebau, Architekturtheorie und Architektenausbildung im 19./20.
Jh. mit Schwerpunkt Ostmitteleuropa.
Publikationsauswahl
„Schule“ – ein überholter Ordnungsbegriff mit Potenzial, in: Architekturschule.
Programm, Pragmatik, Propaganda, hg. von Klaus Jan Philipp und Kerstin
Renz, Tübingen/Berlin 2012, S. 29–37.
Inwentaryzacja zabytków sztuki między nauką i polityką. Prusy Wschodnie i
Wol­ne Miasto Gdańsk (Denkmalinventarisation zwischen Wissenschaft und
Politik. Westpreußen und die Freie Stadt Danzig), in: Biuletyn Historii Sztuki
72 H. 3 (2010), S. 263–292.
Das Studium der Kunstgeschichte an der Berliner Universität. Ein Forschungs­
problem (mit Carolin Behrmann), in: In der Mitte Berlins. 200 Jahre Kunstge­
schichte an der Humboldt-Universität (Humboldt-Schriften zur Kunst- und
Bild­geschichte 12), hg. von Horst Bredekamp und Adam S. Labuda, Berlin
2010, S. 139–145.
Historismen? Modernismen! (mit Christian Welzbacher), in: Kritische Berichte 35
H.1 (2007), S. 3–10.
1945 – ein Bruch? Stadtplaner in Stettin und Szczecin (mit Jan Musekamp), in:
Die Aneignung fremder Vergangenheit in Nordosteuropa am Beispiel pluri­kul­
tureller Städte (20. Jahrhundert), hg. von Thomas Serrier, Themenheft des
Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte NF 15 (2006), S. 38–59.
157
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
Kurzbiographie Antje Kempe
1977
1996–2005
2006–2008
2009
2010–2011
seit 2011
geboren in Berlin
Studium der Kunstgeschichte und Mittelalterlichen Geschichte
sowie Osteuropastudien in Berlin und Posen
Promotionsstipendiatin des internationalen Graduiertenkollegs
„Genealogie und Repräsentation. Formen und Funktionen
ade­liger Kultur in der Neuzeit (14.–19. Jahrhundert)“ im Rah­
men des Projektes „Adel in Schlesien – Herrschaft, Kultur,
Selbstdarstellung“
Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin („Krieger­
ethos und Memoria. Die Repräsentation des adeligen Offizier­
korps in Schlesien (1648–1742)“)
Fritz-Stern-Stipendiatin der Deutschen Nationalstiftung
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstge­
schich­te Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Caspar-David-FriedrichInstitut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Forschungsschwerpunkte
Sepulkralkunst; Skulptur der Frühen Neuzeit; Schnittstellen von Kartographie
und Raumtheorien in den bildenden Künsten; Kunst Ostmitteleuropas.
Publikationsauswahl
Ein anderes schlesisches Antlitz. Zur polnischen Nachkriegsforschung über die
Kunst Schlesiens, in: Paradigmenwechsel. Ost- und Mitteleuropa im 20. Jahr­
hundert. Kunstgeschichte im Wandel der politischen Verhältnisse, hg. von
Peter Bogner, Wien 2011, S. 60–65.
Von heldenmütiger Tapferkeit. Die Repräsentation des adeligen Offizierstandes
in der schlesischen Sepulkralkunst des Barocks (1648–1742), in: Adel in
Schle­sien. Herrschaft – Kultur – Selbstdarstellung, hg. von Jan Harasimowicz
und Matthias Weber, München 2010, S. 77–99.
Identität im Piktogramm. Polnische Karten nach 1945 als argumentative Ereig­
nisbilder, in: Osteuropa kartiert – Mapping Eastern Europe, hg. von Jörn Hap­
pel, Mira Jovanovic und Christophe von Werdt, Berlin 2010, S. 265–276.
Die Ordnung des Raumes – die Aneignung Schlesiens in den visuellen Medien
nach 1945, in: Visuelle Erinnerungskulturen und Geschichtskonstruktionen
in Deutschland und Polen seit 1939 / Wizualne konstrukcje historii i pamięci
histo­rycznej w Niemczech i w Polsce od roku 1939, hg. von Dieter Bingen,
Peter Oliver Loew und Dietmar Popp, Warschau 2009, S. 69–85.
Die Grabmalstiftungen in der Trojalegende als Konstituierung historischer Me­
mo­ria, in: Grenzen überwindend. Festschrift für Adam S. Labuda zum 60. Ge­
burtstag, hg. von Katja Bernhardt und Piotr Piotrowski, CD-Rom, Berlin 2006.
158
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Marina Dmitrieva, Leipzig
Die Renaissance hinter dem Eisernen Vorhang
Seit Anfang der 1950er Jahre und bis circa Ende der 1970er stand in
den Ländern des Ostblocks die italienische „Hochrenaissance“ im Mittelpunkt der kunsthistorischen Forschung. Während die polnischen, tschechischen und ungarischen Kunsthistoriker die Tradition nationaler Kunst­
geschichtsforschung der Zwischenkriegszeit fortsetzen konnten und
sich intensiv dem Wirken italienischer Künstler in Osteuropa zu­wand­ten,
waren ihre russischen Kollegen weitgehend mit dem „virtu­el­len Italien“
beschäftigt. Dazu muss man sagen, dass das Wirken italienischer Architekten im Mos­kauer Fürstentum (Ende des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts) nicht bis Mitte der 1980er Jahre in den Fokus der Renaissance­
forschung kam. Dies wurde nur im Kontext der altrussischen Architektur
gesehen und als „fremder Einfluss“ verpönt.
Im Vortrag soll die Renaissance-Forschung in der Sowjetunion und
in Ostmitteleuropa der Zeit des Kalten Krieges in einer vergleichenden
Per­spektive gesehen und im Spannungsfeld zwischen Eskapismus und
ideologischer Instrumentalisierung analysiert werden. Folgende Themen
sollen behandelt werden: Welche Rolle spielte das durch die Kunst­
geschichte vermittelte Bild der italienischen Renaissance für die Doktrin
des Sozialistischen Realismus? Welche politische Motivation hatte das
Studium der Renaissance, wie etwa der sogenannten Jagiellonen-Re­
nais­sance in Polen oder rudolfinischen Kunst in der Tschechoslowakei,
für das nationale Selbstverständnis? Der Manierismus als Streitpunkt
und Prüfstein im Umgang mit der Renaissance in Ostmitteleuropa und in
der Sowjetunion.
Kurzbiographie
1953
1970–1975
1983
1980–1992
1992–1996
geboren in Moskau (RUS)
Studium der Kunstgeschichte und Geschichte in Moskau
Promotion an der Lomonossov-Universität Moskau („Antike
Mo­tive in der deutschen Renaissancegrafik“)
Dozentin für Kunstgeschichte an der Theaterhochschule Mos­
kau und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunst­
geschichte, Moskau
Lehrbeauftragte an den Universitäten Basel, Freiburg i. Br.,
Hamburg und Bremen
159
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
seit 1996
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geisteswissenschaftlichen
Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Leip­zig
Forschungsschwerpunkte
Kunst der Renaissance nördlich der Alpen; Kunst und Architektur der Moderne
in Zentral- und Osteuropa; Kunsthistoriographie.
Publikationsauswahl
Italien in Sarmatien. Studien zum Kulturtransfer im östlichen Europa in der Zeit
der Renaissance, Stuttgart 2008.
Zwischen Stadt und Steppe. Künstlerische Texte der ukrainischen Moderne aus
den 1910er bis 1930er Jahren (Hg.), Berlin 2012.
Imaginationen des Urbanen. Konzeption, Reflexion und Fiktion von Stadt in Mit­
tel- und Osteuropa, hg. mit Arnold Bartetzky und Alfrun Kliems, Berlin 2009.
„A spectre is haunting Europe – the spectre of Futurism“: The Ukrainian Pan­
futurists and Their Artistic Allegiances, in: International Yearbook of Futurism
Studies, hg. von Günter Berghaus, 1 (2011), S. 132–153.
Einholen und überholen. Amerikanismus in der Sozblock-Architektur, in: Ost­
euro­pa 61 (2011), 1: Fixstern Amerika. Ideal und Illusion Mitteleuropas, S.
223–241.
10.15–10.45 Uhr
Robert Born, Leipzig
Virgil Vătăşianu (1902–1993) und die Kunstgeschichte in Rumänien
nach 1947
Virgil Vătăşianu zählt gemeinsam mit Coriolan Petranu (1893–1945)
zu den ersten Berufs-Kunsthistorikern in Rumänien. Beide Forscher
wuchsen zunächst im mehrsprachigen Milieu Siebenbürgens noch unter
der k. u. k. Monarchie auf und studierten an mitteleuropäischen Uni­ver­
si­täten. Sowohl Petranu wie auch Vătăşianu wurden am Wiener Kunst­
historischen Institut unter Josef Strzygowski promoviert und traten nach
der Angliederung Siebenbürgens an Rumänien für eine Neubewertung
des kulturellen Erbes dieser Region ein. Parallel erfolgte die Einrichtung
des Lehrstuhls und des Seminars für Kunstgeschichte an der Universität Cluj (ung. Koloszvár, dt. Klausenburg) im Rahmen der Initiativen zur
Um­ge­staltung des Unterrichtswesens nach der Eingliederung Sieben­
bürgens in Groß-Rumänien. Sowohl methodisch wie auch bei der Organisation des Lehrbetriebs orientierte man sich in Cluj am Wiener I.
Kunsthistorischen Institut. Entsprechend charakterisierte Petranu das
Klau­senburger Kunsthistorische Seminar 1932 als „Strzygowski-Schule
160
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
in Siebenbürgen“.
Ausgehend vom Wirken Virgil Vătăşianus soll im Rahmen dieses Vor­
trags die Entwicklung der Kunstgeschichte in der Periode nach der kom­
mu­nistischen Machtübernahme 1947 in den Blick genommen werden.
Dabei steht das Weiterleben der Traditionen aus der Zwischen­kriegszeit,
hier vor allem die Methoden der Wiener Schule für Kunstge­schichte,
im Mittelpunkt. Hierbei zeigt sich eine Kontinuität der von Strzygowski
postulierten „Wesenswissenschaft“, welche Vătăşianus Hand­buch zur
kunstgeschichtlichen Methodik (1974) wie auch seine Stu­dien zur Kunst
des Feudalismus in Rumänien (1959) und zur roma­ni­schen Skulptur in
Pannonien (1966) illustrieren. Die beiden letzt­ge­nannten Publikationen
stehen gleichzeitig auch für weitere Schwer­punk­te der Forschungen
Vătăşianus: die nationale Kunst und die mittel­euro­päischen Verbindungen der mittelalterlichen Kunst Siebenbürgens. Beide Entwürfe zeigen
deutliche Abweichungen von den im Umfeld der Ru­mä­ni­schen Akademie
der Wissenschaften in Bukarest ausge­ar­bei­teten Interpretationsvorhaben einer einheitlichen rumänischen Kunst und führten vor 1989 wiederholt zu einer wissenschaftlichen Mar­gi­na­li­sierung der Werke Vătăşianus.
Kurzbiographie
1966 1989–1997
1999–2005
2007
seit 2006
2006–2010
2010–2013
geboren in Timişoara (RO)
Studium der Kunstgeschichte, klassischen Archäologie und
Neueren und Osteuropäischen Geschichte in Basel und Berlin
(1997 Lizentiat an der Universität Basel)
Mitarbeit an archäologischen Projekten in der Schweiz (1990),
Jordanien (1991, 1993), Deutschland (1994, 1998) und Italien
(1998)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für die Kunstge­
schichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin
Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin („Die Christi­
ani­sierung der Städte der Provinz Scythia Minor“)
tätig am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und
Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig
Fachkoordinator für Kunst- und Kulturgeschichte am GWZO
Leitung der Projektgruppe (mit Evelin Wetter) „Osma­nischer
Orient und Ostmitteleuropa. Vergleichende Stu­dien zur Perzeption und Interaktion in den Grenzzonen“ (DFG/BMBF)
Lehrtätigkeit in Leipzig und Basel sowie an der HumboldtUniver­si­tät zu Berlin
Vertretungen des Lehrstuhls für die Kunstgeschichte Osteuro­
pas am Institut für Kunst und Bildgeschichte der HumboldtUni­­versität zu Berlin
161
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
Forschungsschwerpunkte
Spätantike Architektur und Urbanistik; Barockkunst in Ostmittel- und Südosteuropa; Kunsthistoriographie in Ostmittel- und Südosteuropa; Geschichtskonstruktionen und deren Visualisierung in Ostmitteleuropa; Kulturkontakte zwischen
dem Osmanischen Reich und Ostmitteleuropa.
Publikationsauswahl
Die Christianisierung der Städte der Provinz Scythia Minor. Ein Beitrag zum
spät­antiken Urbanismus auf dem Balkan (Spätantike – Frühes Christentum –
Byzanz. Reihe B: Studien und Perspektiven 36), Wiesbaden 2012.
Visuelle Erinnerungskulturen und Geschichtskonstruktionen in Deutschland und
Polen I: 1800 bis 1939. Materialien der 11. Tagung des Arbeitskreises deut­
scher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, Berlin 2004 (Das
ge­meinsame Kulturerbe 3) (mit Adam S. Labuda und Beate Störtkuhl), War­
schau 2006.
Die Kunsthistoriographien in Ostmitteleuropa und der nationale Diskurs (Hum­
boldt-Schriften zur Kunst- und Bildgeschichte 1) (mit Alena Jantkova und
Adam S. Labuda), Berlin 2004.
Budapest und die Entwicklung des Sozialgeschichtlichen Ansatzes in der Kunst­
geschichte, in: Travelling concepts. Denkweisen und ihre (politischen) Über­
setzungen im 20. Jahrhundert, hg. von Dietlind Hüchtker und Alfrun Kliems,
Köln/Weimar/Wien 2011, S. 93–123.
11.45–12.15 Uhr
Barbara Murovec, Ljubljana
Zwischen methodologischer und ideologischer Kunstgeschichte.
Schulung, Anpassung und Transformierung von Wissen
Die ersten promovierten Kunsthistoriker, die in Slowenien die Insti­tu­
tionalisierung des Faches (Nationalmuseum, Denkmalpflegeamt, Institut
an der Universität in Ljubljana, Forschungsinstitut an der Slowenischen
Akademie der Wissenschaften und Künste) durchführten, studierten vor­
nehmlich im deutschsprachigen Raum (Deutsches Institut in Rom, Universitäten in Wien und Graz) und wurden sehr stark durch die Wiener
Schule der Kunstgeschichte (Alois Riegl, Max Dvořak) und die deut­schen
Kunsthistoriker (bes. Wilhelm Pinder) geprägt. Mit dem Ersten Weltkrieg
bzw. mit dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde das Ge­biet Sloweniens
zunächst Teil des Staates und Königreiches der Ser­ben, Kroaten und
Slowenen, danach des Königreiches Jugoslawiens und schließlich Teil
der Sozialistischen Föderativen Republik Jugosla­wiens. Nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Kommunismus änderte sich der Kontext der For162
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
schung und Lehre allerdings deutlich. Die neue po­li­tische Situation griff
grundsätzlich in die im Rahmen der vorherigen Hochschulausbildung vermittelten Methoden ein und lenkte den (Ver­gleichs)Kontext – auch für die
ältere Kunst – auf den russisch-ju­gosla­wischen Raum um.
Im Zentrum der Untersuchung werden drei slowenische Kunst­histo­
riker und ihre Auseinandersetzung mit dem Regime stehen: der DvořakSchüler France Stele (1886–1972) und dessen Schüler Emilijan Cevc
(1920–2006) und Nace Šumi (1924–2006) als Vertreter zweier ver­
schie­de­ner Ideologien. Der erste wurde Nachfolger von Stele am For­
schungsinstitut und stand unter dem bedeutenden Einfluss Pinders, der
zweite war Kommunist und Professor an der Universität Ljubljana.
Wie beeinflusste die jeweilige Arbeitsmethode, Weltanschauung und
persönliche Einstellung zur Kunst der drei Genannten die slowenische
Kunstgeschichte bis zum Ende der 1980er Jahre, als die kom­mu­nis­tische
Diktatur auch in Slowenien zerfiel? Was sind die Fragen, Metho­den und
Aufgaben, die sich das Fach im öffentlichen Raum stellen durfte und zu
stellen traute? Wie hatte die Kunstgeschichte dem nationalen Interesse
gedient? Was waren die „Mechanismen“ der Personalpolitik, was die Methodologie der Lehren der Kunstgeschichte bzw. wie gestal­tete sich die
Kontrolle des Wissenserwerbs an der einzigen Universität, an der man
Kunstgeschichte studieren konnte? Dies sollen – mit einem kur­zen Ausblick in die Gegenwart – die wichtigsten Fragen sein.
Kurzbiographie
1989–1995
2000
seit 2005
seit 2006 seit 2010
Studium der Kunstgeschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Ljubljana
Promotion („Visual Sources of Baroque Ceiling Painting in Slo­
venia“)
Direktorin des France Stele Instituts für Kunstgeschichte,
For­schungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissen­
schaf­ten und Künste in Ljubljana
Universitätsdozentin an der Universität Maribor
Zweite stellvertretende Vorsitzende der International Association of Research Institutes on the History of Art (RIHA)
Forschungsschwerpunkte
Malerei und Graphik des 16.–21. Jh.s (Schwerpunkt Barock); Historio­graphie
und Methodologie der Kunstgeschichte; Politische Ikonographie und Kul­turerbe.
163
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
Publikationsauswahl
Slovenska umetnostna zgodovina: tradicija, problemi, perspektive / Slowenische
Kunstgeschichte: Traditionen, Probleme, Perspektiven (Hg.), 2004.
Vnderschidliche Ovidische Metamorphoseos (Iconotheca Valvasoriana 10),
2007 (facsimile).
Why (not) national art history? The case of Slovenia, Acta hist. artium Acad. Sci.
Hung., 2008, 49.
Art history in Slovenia, hg. mit T. Košak, 2011.
14.00–14.30 Uhr
Milena Bartlová, Prag
Marxism in Czech art history 1945–1970
In Czechoslovakia between the wars, the Czech (but not Slovak) intel­
lec­­tual life was typical for its relatively strong left-wing preferences. Czech
art history did not participate in this movement in the Thirties. Its strong
loyalty to the tradition of the “second Vienna School” resulted both from
the iconic status of Max Dvořák and from the fact that his stu­dents occupied almost all the positions of power in the newly formed art histo­rical
establishment. After the Communist power overtake in 1948, some of the
most prominent art historians joined the Communist Party and so did,
e.g., also the prominent structuralist Jan Mukařovský and other leading
Czech intellectuals. Although the official rhetoric was Marxist, the compulsory ideology was Marxist-Leninist, between 1949 and 1956 Stalinist.
The specific character of Czech art historical methodology, self-des­
crib­ed as Marxist, relies in its refusal of social art history and virtual eli­mi­­
nation of the notion of class. Frederick Antal’s “Florentine Painting” was
translated as early as 1954, only to be accompanied by an after­word
by Jaromír Neumann in which Antal’s Marxism was declined as a mere
“vulgar sociologism”. Instead of social art history, the central topic of art
history and criticism in socialist Czechoslovakia became the de­ba­te of realism. It centered on Lenin’s concept of “reflection” and pro­vi­ded art with
valuable epistemic capabilities.
The same Jaromír Neumann arrived at a unique solution that enabled
Czech art history to claim that it remained Marxist while allowing to pur­sue
the revisionist concept of “humanist Marxism” during the 1960s. Be­fore
1960, Neumann introduced what I suggest to term “iconological turn”, a
synthesis of Panofsky’s “second” postwar iconology with the con­­cepts of
Max Dvořák. Iconology was considered a dialectic method which, through
a direct analysis of form of artworks, enables art history to reveal ideological superstructures of past epochs, without having to take recourse
164
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
to social conditions of art production and consumption. The method of
revealing hidden meanings conformed to the daily prac­tice in Soviet Bloc
countries – when “reading between the lines” was a dai­ly semantic enterprise in reading newspapers.
Kurzbiographie
1958
1995
1983–1997
seit 1998
2005
2008
2008–2011
2009–2010
seit 2011
geboren
Studium der Kunstgeschichte in Prag
Promotion („Relationship between Bohemian Graceful Ma­don­
nas and Icons“)
Kuratorin der Sammlung Alte Meister der Nationalgalerie Prag
Lehrtätigkeit an der Karls-Universität Prag, dann an der Ma­sa­
ryk-Universität in Brünn (Brno)
Professorin
Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin
Präsidentin des Tschechischen Kunsthistorikerverbandes
Professorin am Institut für Bild- und Kunstgeschichte der Hum­
boldt-Universität zu Berlin
Professorin für Kunstgeschichte an der Akademie für Kunst,
Archi­tektur und Design Prag
Forschungsschwerpunkte
Geschichte der Kunst des Mittelalters in Zentraleuropa; Methodologie und Histo­
riographie der Kunstgeschichte; Museologie.
Publikationsauswahl
The Choir Triforium of the Prague Cathedral Revisited: The Inscriptions and
Beyond, in: Prague and Bohemia. Medieval Art, Architecture and Cultural Ex­
change in Central Europe, hg. von Zoe Opacic, Leeds 2009.
Naše, národní umění. Studie z dějin dějepisu umění středověku / Unsere natio­
nale Kunst. Eine Studie zur Geschichte der mittelalterlichen Kunstgeschichte,
Brünn 2009.
Der Bildersturm der böhmischen Hussiten: Ein neuer Blick auf eine radikale
mit­telalterliche Geste, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 59 (2010), S.
27–48.
Die Pietà aus der Jakobskirche in Iglau: Ein frühes Beispiel für einen neuen iko­
no­graphischen Typ, in: Frühe rheinische Vesperbilder und ihr Umkreis. Neue
Ergebnisse zur Technologie, hg. von Ulrike Bergmann, München 2010, S.
94–102.
Skutečná přítomnost: středověký obraz mezi ikonou a virtuální realitou / Real­
präsenz. Das mittelalterliche Bild zwischen Ikone und Virtueller Realität, Prag
2012.
165
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
14.45–15.15 Uhr
Wojciech Bałus, Krakau
»Der verfemte Teil«. Die polnische Kunstgeschichte und der kom­
mu­nistische Diskurs nach dem Tod Stalins
Die polnische Kunstgeschichte war nie „genug“ ideologisiert. Sogar in
den 1950er Jahren konnte man relativ „normale“ Forschungen betreiben.
Es gab jedoch Fachleute, die nach den offiziellen, stalinistischen Stan­
dards arbeiteten. Zu diesem Kreis gehörte Mieczysław Porębski (1921–
2012), der spätere eminente Kenner der Kunst des 19. und 20. Jahr­hun­
derts, Professor an der Akademie der bildenden Künste in Warschau und
an der Jagiellonen-Universität zu Krakau. Nach dem Tod Stalins blieb
Porębski weiter Mitglied der kommunistischen Partei. 1962 ver­öffent­
lichte er in „Rocznik Historii Sztuki“ (Bd. 3) eine große Abhandlung unter
dem Titel „Kunst und Information“. In diesem Text versuchte er, eine neue
methodische Grundlage für das Studium der Kunstgeschichte des 20.
Jahrhunderts zu schaffen. Seine Inspirationen kamen aus zwei Quel­len:
aus der Informationstheorie (Kybernetik) und aus der franzö­si­schen Ethnologie und Philosophie surrealistischer Provenienz (Roger Caillois und
Georges Bataille). Die Kunst war für Porębski eine beson­dere Art der Information und zur gleichen Zeit eine Art der Trans­gres­sion, ein „verfemter
Teil“. Die Avantgarde verstand er als eine revolu­tionäre Transgression
der neuzeitlichen Tradition und als eine Mani­festa­tion der uralten sakralen Wurzeln der menschlichen Kultur. Aber die Abhandlung war auch ein
Versuch, die Rückkehr der Moderne in der polnischen Kunst nach 1955
zu rechtfertigen. Sie zeigte, dass die künstlerische Kreativität in keinem
ideologischen Rahmen geschlossen wer­den könnte. Die Kunst – als der
„verfemte Teil“ – brauchte Freiheit; auch im Kommunismus.
Kurzbiographie
1961
1980–1985
seit 1986
1990
1997
2006
166
geboren in Krakau (PL)
Studium der Kunstgeschichte und Philosophie in Krakau
tätig im Institut für Kunstgeschichte der Jagiellonen-Universität
Krakau
Promotion an der Jagiellonen-Universität Krakau („Kunst­
theo­rie von Jan Sas-Zubrzycki. Eine Studie aus der Kunst­ge­
schichte und Ideengeschichte“)
Habilitation an der Jagiellonen-Universität Krakau („Mundus melancholicus. Die melancholische Welt im Spiegel der
Kunst“)
Gastprofessor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Kunsthistoriographien im östlichen Europa nach 1945
Publikationsauswahl
Krakau zwischen Traditionen und Wegen in die Moderne. Zur Geschichte der
Architektur und der öffentlichen Grünanlagen im 19. Jahrhundert (Forschung­
en zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa 18), Stuttgart 2003.
„La Cathédrale“ of Joris-Karl Huysmans and the Symbolical Interpretation of
the Gothic Cathedral in the 19th Century, in: Artibus et Historiae 57 (2008), S.
165–182.
Jan Białostocki and George Kubler. In an Attempt to Catch Up with the System,
in: Ars 43 (2010), S. 119–125.
Max Dvořák betrachtet Tintoretto oder über den Manierismus, in: Ars 44 (2011),
S. 26–44.
A Marginalized Tradition? Polish Art History, in: Art History and Visual Studies in
Europe. Transitional Discourses and national Frameworks, hg. von Matthew
Rampley u.a., Leiden/Boston 2012, S. 439–449.
167
neuerscheinungen
Christoph Wagner · Oliver Jehle (Hrsg.)
Albrecht Altdorfer
Kunst als zweite Natur
1. Auflage 2012, 400 Seiten, 376 Farb- und
51 s/w-Abbildungen, 24 x 31 cm,
Efalin mit Schutzumschlag, fadengeheftet
ISBN 978-3-7954-2619-4
€ 125,–
Opulent ausgestattete Gesamtdarstellung der Kunst
Albrecht Altdorfers auf dem aktuellen Stand der Forschung
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim · Staatliche Schlösser und
Gärten Baden-Württemberg durch Alfried Wieczorek · Bernd
Schneidmüller · Alexander Schubert · Stefan Weinfurter · Eike Wolgast
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim · Staatliche Schlösser und Gärten
Baden-Württemberg durch Alfried Wieczorek · Bernd Schneidmüller ·
Alexander Schubert · Stefan Weinfurter · Eike Wolgast (Hrsg.)
Die Wittelsbacher am Rhein. Die Kurpfalz und Europa
Reiss-Engelhorn-Museen /
Barockschloss Mannheim
08.09.2013 bis 02.03.2014
der Länder
2-bändiger Begleitband zur großen Wittelsbacher-Ausstellung Ausstellung
Baden-Württemberg,
Rheinland-Pfalz und Hessen
1. Auflage 2013, ca. 860 Seiten, zahlreiche Abbildungen,
24 x 28 cm, Hardcover, fadengeheftet
ISBN 978-3-7954-2644-6
Subskriptionspreis bis 30.11.2013: ca. € 49,95
Ab 01.12.2013: ca. 59,–
Erscheint im September 2013
Begleitband zur großen Sonderausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und im Barockschloss Mannheim vom 08.09.2013 bis zum 02.03.2014 (www.wittelsbacher2013.de)
Stefan Schweizer · Sascha Winter (Hrsg.)
Gartenkunst in Deutschland
Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart
Stefan Schweizer · Sascha Winter (Hrsg.)
GARTENKUNST IN DEUTSCHLAND
Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart
1. Auflage 2012, 576 S., 385 Abbildungen,
24 x 28 cm, Hardcover, fadengeheftet
ISBN 978-3-7954-2605-7
€ 89,–
Reiche Ausstattung mit z.T. noch nicht veröffentlichtem Bildmaterial
Aktualisiert das 3-bändige Standardwerk Geschichte der
deutschen Gartenkunst, Hamburg 1962-1965
Verlag Schnell & Steiner GmbH · Leibnizstraße 13 · D-93055 Regensburg
Tel.: +49 (0) 941-7 87 85-26 · Fax: +49 (0) 9 41-7 87 85-16
www.schnell-und-steiner.de · [email protected]
Transkulturelle Kunstgeschichte
Leitung: Alexandra Karentzos, Darmstadt /
Avinoam Shalem, München
Sektionsvorträge
Samstag, 23. März 2013, Audimax / Hörsaal 5, 09.00–15.45 Uhr
09.00–09.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung
09.30–10.00 Uhr
Annette Tietenberg, Braunschweig
Muster im Transfer. Das Prinzip der Weitergabe als Gegenmodell
zu interkultureller Abgrenzung
10.00–10.15 Uhr
Diskussion
10.15–10.45 Uhr
Ursula Helg, Zürich
»Tupí, or not Tupí: that is the question«. Kannibalismus als Schlüsselbegriff einer transkulturellen Kunstgeschichte
10.45 – 11.00 Uhr
Diskussion
11.00 – 11.45 Uhr
Pause
11.45 – 12.15 Uhr
Katharina Klung, Zürich
»How can you keep on movin’ unless you migrate, too?« Das
transnationale Zirkulieren eines filmischen Motivs
12.15–12.30 Uhr
Diskussion
169
Transkulturelle Kunstgeschichte
12.30–14.00 Uhr
Pause
14.00–14.30 Uhr
Mirjam Brusius, Berlin
Der doppelte Orient. Museumsobjekte aus dem Mittleren Osten als
methodische und diskursive Herausforderung
14.30–14.45 Uhr
Diskussion
14.45–15.15 Uhr
Michael S. Falser, Heidelberg/Paris
Global Art History, oder: Architekturgeschichte transkulturell. Zu­
gänge und Methoden am Fallbeispiel von Angkor Wat
15.15–15.45 Uhr
Diskussion
Inhalt der Sektion
Ausgehend von der These, dass eine permanente Transgression nationaler und kultureller Grenzen stattfindet und diese daher instabil sind,
nehmen Transcultural Studies Phänomene des kulturellen Kon­takts und
der kulturellen Vermischung in den Blick. Damit stellen Trans­cultural Studies eine Herausforderung für die Kunstgeschichte dar. In dem Neudenken von Transkulturalität geht ein solcher Ansatz über die traditionelle
Suche nach Ursprüngen und Verortungen von Kunst und Kultur hinaus
und richtet den Blick auf die Mobilität von Artefakten und ästhetischen
Konzepten, auf das fortwährende Reisen der Künstler­innen und Künstler
sowie der künstlerischen Konzepte. Dergestalt erscheint Kunstgeschichte als eines der wichtigen Felder, auf denen kul­turelle Identitäten und
historische Narrative verhandelt werden.
In der Sektion werden verschiedene Ansätze zur Transkulturalität, etwa
in den Postcolonial Studies und den Visual Culture Studies, nicht nur auf
theoretischer Ebene, sondern auch anhand von Fallbeispielen diskutiert.
Es wird etwa zu fragen sein, inwiefern Begriffe von „Trans­kulturalität“ und
„Exterritorialität“ hilfreich sind, um eine Pluralität von Stimmen zu ermöglichen. Nicht die bloße Einbindung bislang nicht ka­nonisierter Kunst soll
dabei im Vordergrund stehen, vielmehr geht es um strukturelle Fragen,
170
Transkulturelle Kunstgeschichte
etwa um eine Dezentrierung des westlichen Kunst­dis­kurses und um eine
kritische Reflexion hegemonialer Kategori­sie­rungen. Unter solchen Gesichtspunkten sind auch die Kunstge­schich­te(n) früherer Epochen neu zu
konzipieren und neu zu schreiben.
Alexandra Karentzos, Darmstadt / Avinoam Shalem, München
Kurzbiographie Alexandra Karentzos
1972
1993–1998
1998–2002
2002
2002–2004
2004–2011
2007
2008
2010–2011
seit 2011
geboren in Essen
Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Psychologie in
Bochum
Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Vol­
kes
Promotion an der Ruhr-Universität Bochum („Kunstgöttinnen.
Mythische Weiblichkeit zwischen Historismus und Seces­sion­
en“)
Wissenschaftliche Assistentin an den Staatlichen Museen zu
Berlin (Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart und Alte
Nationalgalerie) und Lehrbeauftragte für Kunstwis­sen­schaft an
der Hochschule für Bildende Künste Braun­schweig
Juniorprofessorin für Kunstgeschichte an der Universität Trier
Forschungsstipendiatin am Dartmouth College, Hanover, New
Hampshire
Gastwissenschaftlerin am Institut für Kunstgeschichte an der
Universidade Federal de São Paulo
Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald
Professorin für Mode und Ästhetik an der Technischen
Universi­tät Darmstadt
Forschungsschwerpunkte
Kunst des 19.–21. Jh.s; Kulturtheorien (Visual Culture, Postcolonial, Gender
Studies, Systemtheorie); Körper- und Identitätskonzepte; Mode und Globalisie­
rung; Theorien des Lachens und der Ironie; Reise und Tourismus in der Kunst;
Antikenrezeptionen; Orientalismen; Ästhetische Theorien.
Publikationsauswahl
Schlüsselwerke der Postcolonial Studies, hg. mit Julia Reuter, Wiesbaden 2012.
Topologien des Reisens. Tourismus – Imagination – Migration / Topologies of
Travel. Tourism – Imagination – Migration, hg. mit Alma-Elisa Kittner und Julia
Reuter, Trier 2010.
Fremde Männer – Other Men, hg. mit Sabine Kampmann, Themenheft Kritische
Berichte 4 (2007).
Der Orient, die Fremde. Positionen zeitgenössischer Kunst und Literatur, hg. mit
171
Transkulturelle Kunstgeschichte
Regina Göckede, Bielefeld 2006.
Kunstgöttinnen. Mythische Weiblichkeit zwischen Historismus und Secessionen,
Marburg 2005.
Kurzbiographie Avinoam Shalem
1982–1984
1983–1990
1991–1994
1995
seit 2002
seit 2007
seit 2008
Fine Art Academy of Ramat ha-Sharon, Tel Aviv
Studium der Kunstgeschichte in Tel Aviv und München
Studium der Geschichte der Islamischen Kunst in Edinburgh
Promotion („Islamic portable objects in the medieval church
treasuries of the Latin West“)
Professor mit Schwerpunkt Islamische und Jüdische Kunstge­
schichte am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximi­
lians-Universität München
Fellow am Kunsthistorischen Institut in Florenz – MPI
Leiter (mit Hannah Baader und Gerhard Wolf) des Forschungsprojektes „Art, Space, Mobility in Early Ages of Globalization. The Mediterranean, Cen­tral Asia and The Indian
Subcontinent 400–1650“, Kunsthistorisches Institut in Florenz
– MPI / Getty Foundation
Forschungsschwerpunkte
Die Kunst des islamischen Objekts; Säkulare und sakrale Kontexte von Arte­fak­
ten; Islam im Mittelmeerraum; islamische Kunst in der Levante, Nordafrika, Spa­
nien, Süditalien und Sizilien; jüdische, christliche und islamische künstlerische
Interaktionen im Mittelalter; mittelalterliche islamische Kunst in Europa und ihre
Historiographie.
Publikationsauswahl
Islam Christianized – Islamic portable objects in the medieval church treasuries
of the Latin West, Frankfurt a. M. u. a. 2. Aufl. 1998.
The Oliphant. Islamic Objects in Historical Context, Leiden 2004.
Facts and Artefacts. Art in the Islamic World. Festschrift for Jens Kröger on his
65th Birthday, hg. mit Annette Hagedorn, Leiden 2007.
After One Hundred Years. The 1910 Exhibition „Meisterwerke muhammeda­ni­
scher Kunst“ Reconsidered, hg. mit Andrea Lermer, Leiden 2010.
Facing The Wall. The Palestinian-Israeli Barriers (mit Gerhard Wolf), Köln 2011.
Kunststadt München? Unterbrochene Lebenswege. Münchener Beiträge zur
jü­di­schen Geschichte und Kultur 2 (2012).
172
Transkulturelle Kunstgeschichte
Vorträge
09.30–10.00 Uhr
Annette Tietenberg, Braunschweig
Muster im Transfer. Das Prinzip der Weitergabe als Gegenmodell
zu interkultureller Abgrenzung
Die Erforschung der Überlieferung von Mustern stellt für die Kunstgeschichte eine Herausforderung dar, da Methoden und Perspek­tiven, die
sich an Autorschaftsmodellen und Datierungspraktiken orien­tieren, in
diesem Kontext nicht anwendbar sind. Muster verdanken ihre Existenz
der Weitergabe von Generation zu Generation. Sie sind mit Gebräuchen
verknüpft, und ihre Herkunft ist zumeist eng mit einem Kulturkreis verbunden, nicht jedoch mit dem Namen eines „Erfinders“. Muster legen
Zeugnis ab von lokal verbreiteten Kulturtechniken, und sie entfalten eine
spezifische Form der Narrativität. Da sie ein Modell anonymer und kollektiver Produktivität darstellen und Angebote zur nicht-sprachlichen Kommunikation unterbreiten, sind Muster gegen­wär­tig für KünsterInnen und
DesignerInnen ein relevantes Arbeits- und For­schungsfeld.
So ist festzustellen, dass Designerinnen wie Danful Yang oder Künst­
ler wie Michael Lin ihren Werken im Rückgriff auf chinesische (bzw. in
Taiwan weit verbreitete) Muster Lokalkolorit verleihen, zugleich aber darauf vertrauen können, dass sich diese nicht-sprachbasierten, dem Dekor
nahe stehenden Werke reibungslos in globale Distributions­systeme überführen lassen. Auch die niederländischen DesignerInnen Jurgen Bey und
Hella Jongerius signalisieren im Spiel mit den Mustern von Delfter Kacheln regionale Verbundenheit. Aber scheint hier nicht zu­gleich, trotz aller
ironischen Distanz, ein Symptom des „kolonialen Unbewussten“ (Viktoria
Schmidt-Linsenhoff) auf? An derartigen Bei­spiel­en wird das Prinzip der
Weitergabe als Gegenmodell zu inter­kul­tureller Abgrenzung reflektiert,
die Funktion von regional konnotierten Mustern vor dem Hintergrund von
„cross cutting identities“ (Daniel Bell) beleuchtet und nicht zuletzt der
Frage nachgegangen, welche Modi des Sprechens und Schreibens die
Kunstgeschichte bereit hält, um die Re­prä­sentation ethnographischen
Wissens, die „Orientierung an Lebens­formen“ (Wolfgang Welsch) und die
Akzeptanz von Hybridität zur Spra­che zu bringen.
Kurzbiographie
1983–1992
seit 1992
Studium der Kunstwissenschaft und Neueren deutschen Philo­
lo­gie in Bonn und Berlin
Freie Kunstkritikerin und Kuratorin
173
Transkulturelle Kunstgeschichte
1996–2001
1996–2004
2003
2005–2006
2006–2007
seit 2007
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Künste
Berlin
Lehrbeauftragte an den Universitäten Frankfurt a. M., Mar­burg
und Wuppertal sowie an der Akademie der Bildenden Künste
in Nürnberg
Promotion an der Technischen Universität Berlin („Konstruk­tio­
nen des Weiblichen. Eva Hesse: ein Künstlerinnenmythos des
20. Jahrhunderts“)
Vertretung der Professur für Kunstgeschichte des 20. und 21.
Jahr­hun­derts an der Universität zu Köln
Gastprofessorin für Designgeschichte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
Professorin für Kunstwissenschaft mit dem Schwerpunkt
Kunst der Gegenwart an der Hochschule für Bildende Künste
Braun­schweig
Forschungsschwerpunkte
Amerikanische Kunst der 1960er Jahre; Rezeptionsästhetik; Kulturelle Produk­
tionsfelder, die Theorie und Praxis miteinander verschränken; Design, Kunst
und Architektur im Weltraumzeitalter.
Publikationsauswahl
Patterns. Muster in Design, Kunst und Architektur, hg. mit Petra Schmidt und
Ralf Wollheim, Basel 2. Aufl. 2006.
Hedonistic, transnational and multi-cultural: Patterns as a sign for a new econo­
my of vision, in: RES, Art World / World Art No. 2 (2008), S. 16–27.
Adolf Loos, in: Gestaltung denken – Grundlagentexte zu Design und Architektur,
hg. von Thomas Edelmann und Gerrit Terstiege, Basel 2010, S. 80–87.
It’s all over now, Baby Blue, in: Michael Lin, Ausstellungskatalog Vancouver Art
Gallery, Ostfildern 2010, S. 19–26.
Design ≠ Art? Zum Ersten, zum Zweiten und ... zum Dritten, in: Kunst und De­
sign. Eine Affäre, hg. von Annette Geiger und Michael Glasmeier, Bremen
2012, S. 25–36.
10.15–10.45 Uhr
Ursula Helg, Zürich
»Tupí, or not Tupí: that is the question«. Kannibalismus als Schlüs­
selbegriff einer transkulturellen Kunstgeschichte
Eine transkulturelle Kunstgeschichte sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob und wie es möglich ist, die Bildkulturen nichtwestlicher Gesellschaften zum Gegenstand zu machen, ohne sie zu verfremden oder
zu vereinnahmen. Dabei gilt es, sich der Selektionsmechanismen des
174
Transkulturelle Kunstgeschichte
westlichen Kunstsystems bewusst zu werden und die Eignung der kanonischen Begriffe und Kategorien im Umgang mit nichtwestlicher Kunst
einer Prüfung zu unterziehen. Statt nur von der westlichen, ist von einer
Vielzahl von Bildkulturen in Raum und Zeit auszugehen, die sich bezüglich Kunstbegriff, Künstlerverständnis, Modi der Kunstproduktion und Rezeption sowie Ästhetik voneinander unterscheiden. Diese sind nicht als
geschlossen und in sich ruhend anzusehen, sondern als das, was sie
sind, nämlich offene, dynamische und miteinander durch Austausch interagierende Systeme, wobei Medien, Motive, Materialien und Diskurse
eine neue Funktion, neue Prägnanz und neue Bedeutung erhalten.
Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Aby Warburg
und Oswaldo de Andrade mit Transfer- und Aneignungsmetaphern wie
„Wanderstraßen der Kultur“ und Antropofagia (Kannibalismus) gearbeitet. Indem sie auf Transferprozesse als für die Kunst allgemein grundlegend hingewiesen haben, legten sie den Grundstein zu einer vom Gedanken transnationaler und transkontinentaler Verflechtung getragenen
globalen Kunstgeschichtsschreibung. Insbesondere de Andrade hat mit
seinem 1928 veröffentlichten „Manifesto Antropófago“ ein Kunstverständnis antizipiert, das Aneignung als künstlerische Strategie an sich betrachtet und – indem er die in der westlichen Kunsttradition bis zum Anbruch
der Postmoderne sakrosankten Werte wie Originalität und individuelles
Schöpfertum grundsätzlich in Frage stellt – für eine Dezentrierung des
westlichen Kunstdiskurses plädiert, bzw. dessen hegemoniale Kategorisierungen kritisch hinterfragt.
In meinem Vortrag diskutiere ich de Andrades Postulat einer hybriden
Kunst- und Kulturproduktion und zeige am Beispiel des Kunstschaffens
der neokonkreten Künstlerin Lygia Clark (1920–1988) dessen im Westen
lange ignorierte Einlösung. Weiter werde ich ausgehend von der Movimento antropófago im brasilianischen Modernismo der 1920er Jahre auf
den Kannibalismus als Schlüsselbegriff einer transkulturellen Kunstgeschichte eingehen.
Kurzbiographie
2004–2007
2009
2012
Studium der Kunstgeschichte, Ethnologie und Neueren deut­
schen Literatur in Zürich und Wien
Forschungsaufenthalt in Südafrika; Dozentin an der Univer­si­
tät Zürich; freie Mitarbeiterin bei Daros Latinamerica
SNF-Stipendiatin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien
Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kul­
tur­wissenschaften in Wien
175
Transkulturelle Kunstgeschichte
Publikationsauswahl
Konkret einverleibt. Lygia Clark – von der geometrischen Abstraktion zur Körperrealität (in Vorbereitung).
Das Objekt und seine Bildmacht jenseits des Sichtbaren. Lygia Clarks Beziehungsobjekte als Herausforderung des Bildbegriffs, in: The Challenge of the
Object / Die Herausforderung des Objekts, hg. von G. Ulrich Grossmann und
Petra Krutisch, Nürnberg 2013 (im Druck).
South African Beadwork – Craft, Art, Recycling, Bricolage?, in: Other Views. Art
History in (South)Africa and the Global South, hg. von Hazel Cuthbertson et
al., Johannesburg 2013 (im Druck).
„Denn ich hab’ darin gesehen wunderlich künstliche Ding.“ Überlegungen zur
Wahrnehmung, Repräsentation und Verortung nichtwestlicher Kunst und Kultur, in: Ausstellungsorte und ihr Publikum, hg. von Valérie Kobi und Thomas
Schmutz (im Druck).
Performing Cloth(es). Kleidung und Ritual im traditionellen und zeitgenössischen Afrika, in: Mode und Bewegung. Textile Studies, hg. von Anna-Brigitte
Schlittler und Katharina Tietze (im Druck).
11.45 – 12.15 Uhr
Katharina Klung, Zürich
»How can you keep on movin’ unless you migrate, too?« Das
trans­nationale Zirkulieren eines filmischen Motivs
Migration und Grenzüberquerungen sind Prozesse und Erfahrungen,
die nicht nur soziale, gesellschaftliche sowie politische Realitäten cha­
rak­terisieren, sondern die sich auch vermehrt im Sujet kultureller Texte niederschlagen. In der bildenden Kunst, der Photographie, aber vor
allem auch in filmischen Diskursen wird beispielsweise die Frage nach
der Be­schaffenheit politischer Grenzen in Zeiten fortschreitender Transit­
bewegungen und damit auch Transkulturalisierungen, Transnationa­li­sie­
rung­en evident.
Im Zentrum des Interesses steht das transnationale Zirkulieren der
filmisch-ästhetischen Strategien der Grenzinszenierung. Die Betrach­
tungen fokussieren die politische Grenze als ästhetisches Phänomen,
aber gleichermaßen auch als raumkonstituierendes Element moderner
Nationalstaaten in ihren physisch-materiellen Ausformungen; zu nennen
wär­en hier beispielsweise Schlagbalken, Demarkationslinien, Grenz­
zäune, aber auch das Ausfransen der Grenzlinie in Grenzzonen und -räume. Die Pointierung auf die Erscheinung der politischen Grenze an der
Oberfläche des filmischen Bildes ist nicht nur essentiell für eine Unter­
suchung der visuellen Grenzinszenierungen sowie für eine Er­schließung
176
Transkulturelle Kunstgeschichte
ihrer verschiedenen ästhetischen und gesellschaftlichen Bedeutungsdimensionen, sondern ermöglicht insbesondere auch eine analytische Reflexion transnationaler und transkultureller, filmischer Diffusionsprozesse.
Roland Barthes wies darauf hin, dass ein kultureller Text aus einem „Geflecht von Zitaten [besteht], die aus den tausend Brenn­punkten der Kultur
stammen“; „ein Text besteht aus vielfachen, meh­re­ren Kulturen entstammenden Schreibweisen, die untereinander in ein­en Dialog, eine Parodie,
ein Gefecht eintreten“ (Barthes).
Anhand der Filme „Takhté Siah“ (IR/I/JP 2000), „Refugee“ (IN 2000),
„Sin Nombre“ (MX/USA 2009), „Lichter“ (D 2003) sowie „Die Ewigkeit und
ein Tag“ (GR/F/D/I 1998) soll der ästhetischen Inszenierung der Gren­ze
als kontingente Topographie sowie einem transkulturellen Bilder-Dia­log
exemplarisch nachgespürt werden. Dieser, so wird sich zeigen, reicht
vom indischen Film des 21. Jahrhunderts zurück in den nieder­ländischen
Manierismus des 16. Jahrhunderts.
Kurzbiographie
1982
2001–2009
2006–2007
seit 2009
geboren
Studium der Medienwissenschaft mit Schwerpunkt der Ge­
schich­te und Ästhetik der Medien in Jena
Medienpädagogische Tätigkeit
Doktorandin im Prodoc-Forschungsmodul „Diffusion - Über
das transnationale Zirkulieren filmischer Bilder und Bildfor­
meln“ (SNF) mit einem Dissertationsprojekt zum Thema „Mi­
gra­tion und Grenze in diffundierenden Bild- und Erzählformeln
– Ein transnationaler Dialog der Filmkulturen“
Forschungsschwerpunkte
Transnationale Diffusionsprozesse des Films; Transnational Cinema mit beson­
derem Schwerpunkt des Iranischen und Arabischen Kinos; Motivforschung, da­
bei besonders zur Migration, Grenze sowie städtischen Segregationsprozessen
im Film; Filmästhetik.
Publikationsauswahl
Visualisierungen von Raum und Macht in Filmen des Cinéma de banlieue: Mit
Foucault über Film nachdenken, in: Raum als Dimension von Machtverhält­
nissen. Impulse Michel Foucaults für Kulturgeographie und raumbezogene
Sozialwissenschaft, hg. von Henning Füller und Boris Michel, Münster 2012,
S. 240–262.
Territoriale Grenzen im Film: imaginäre Topographien geopolitischer Wirklich­
keit­en, in: Cinema 57 (2012), S. 159-170.
Filmische Alltag(e) in der Peripherie: Von Jacques Tati über Jean-Luc Godard
177
Transkulturelle Kunstgeschichte
zum Cinéma de banlieue, in: Parapluie. Elektronische Zeitschrift für Kultur,
Küns­te, Literaturen (2012).
Trialektik und Heterotopie: Raum, Film und die Dialektik von Zentrum und Peri­
pherie, in: Transeo Review 2–3 (2010).
14.00–14.30 Uhr
Mirjam Brusius, Berlin
Der doppelte Orient. Museumsobjekte aus dem Mittleren Osten als
methodische und diskursive Herausforderung
Am 10. September 2010 stimmte das British Museum nach langen
Verhandlungen der Leihgabe eines bedeutenden Keilschriftzylinders an
das Nationalmuseum Teheran (Iran) zu. Bei dem Objekt aus dem alten
Mesopotamien – es wurde 1879 in Babylon während einer britischen Ex­
pedition ausgegraben – handelte es sich um ein Artefakt, dessen Be­
deutung sich wie ein Kaleidoskop verschiedenster kanonischer Kulturen
und Traditionen auffächert und folglich von mehreren Gruppierungen
gleichzeitig beansprucht wird.
Bereits um 1850 starteten Expeditionen in die bedeutende Region, in
der sich Orte befinden sollten, die im Alten Testament erwähnt waren.
Doch in keinem europäischen Museum ließen sich die ausgegrabenen
Objekte problemlos in die Sammlung integrieren: In London wurden sie
nicht nur zu Garanten, sondern auch zur Herausforderung für die Bibel.
In Berlin, dem „Spreeathen“, brachten sie die vorherrschende Vorstel­
lung der klassischen Antike ins Wanken. In Paris veränderten sie die
vor­herrschende Vorstellung von „nationaler Kunst“. Eine Frage zog sich
durch alle Sammlungen zugleich: Wie konnten die Objekte als Relikte
einer europäischen Geschichte des Vorderen Orients beansprucht wer­
den?
Der Vortrag handelt von den Aneignungsprozessen in Europa, die nach
Ankunft der Objekte in Gang gesetzt wurden. Europäische Mu­se­en tendieren seither zu einer Unterteilung in einen „eigenen“ und einen „fremden“ Orient. So werden altorientalische Objekte aus dem Zwei­stromland
zum Beispiel streng von islamischer Kunst unterschieden, auch wenn die
Objekte teilweise aus demselben geographischen Raum stam­men. Neben der kritischen Beleuchtung dieser Tendenzen thematisiert der Vortrag nicht nur die (geographischen) Grenzen der Kunst­geschichte, sondern auch die Doppelnatur der Museumsobjekte selbst. Darüber hinaus
werden methodische Herausforderungen skiz­zie­rt, die sich stellen, wenn
Museumsobjekte ein „Eigenleben“ ent­wickeln. Der Vortrag soll implizit
zur aktuellen Debatte um die Reorga­nisation von Abteilungen für islami178
Transkulturelle Kunstgeschichte
sche Kunst und die Klassifizierung außereuro­pä­ischer Museumsobjekte
beitragen.
Kurzbiographie
1980
2002–2007
2007–2011
2011–2012
seit 2012
ab 2013
geboren in Karlsruhe
Studium der Kunstgeschichte, Kultur- und Musikwissenschaft
in Berlin und Paris (Magisterarbeit über Unschärfe in der früh­
en Photographie)
Promotion an der University of Cambridge (Arbeit über Talbot, Photographie und das Altertum); zugleich Wissen­schaft­
liche Mitarbeiterin an der British Library mit einem Katalo­gi­
sierungsprojekt zu den Notizbüchern Talbots, Stipendiatin des
Arts and Humanities Research Council, der Gerda Henkel Stif­
tung und des Cambridge Trusts
Postdoc an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Kunsthistorischen Institut in Florenz – MPI; For­schungs­auf­ent­halte
am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris, am Deut­
schen Historischen Institut London und am Yale Center for
British Art
Postdoc am Max-Planck-Institut für Wissenschafts­geschichte
Fellow der Volkswagen Stiftung an der Harvard University und
am Mahindra Humanities Center und Aga Khan Program for
Is­lamic Architecture
Forschungsschwerpunkte
Geschichte neuer Bildmedien (insbes. Photographie) sowie neuere Geschichte
der Museen, des Sammelns und der archäologischen und naturgeschichtlichen
Expedition aus transkultureller Perspektive (Europa und Nahost).
Publikationsauswahl
William Henry Fox Talbot: Beyond Photography, hg. mit Katrina Dean und Chi­tra
Ramalingam, New Haven/London 2013 (im Druck).
Misfit Objects. Excavations in Mesopotamia and biblical imagination in mid-19th
century Britain, in: Journal of Literature and Science Bd. 5 Nr. 1 (2012).
Experimente ohne Ausgang. Talbot, Fenton und die Fotografie am British Muse­
um um 1850, in: Fotogeschichte H. 122 Jg. 31 (2011).
Naser al-Din Shah und die frühe Fotografie in Persien, in: Tehran 50. Ein halbes
Jahrhundert deutsche Archäologie in Iran, hg. von Barbara Helwing und Patri­
cia Rahemipour, Darmstadt 2011.
Impreciseness in Julia Margaret Cameron’s portrait photography, in: History of
Photography Bd. 34 H. 4 (2010).
179
Transkulturelle Kunstgeschichte
14.45–15.15 Uhr
Michael S. Falser, Heidelberg/Paris
Global Art History, oder: Architekturgeschichte transkulturell. Zu­
gänge und Methoden am Fallbeispiel von Angkor Wat
Kulturerbe als ästhetisches Konzept ist ein Produkt der europäischen
Moderne und ist eingeschrieben in den Nationenbildungsprozess ab dem
späten 18. Jahrhundert mit den Prämissen festgelegter territorialer Grenzen und einer national-kollektiven Identitätszuschreibung. Parallel zu den
sich entwickelnden Disziplinen der Kunstgeschichte, Archäologie und
Denkmalpflege wurde der Schutz von Kulturerbe schrittweise insti­tu­tio­
nalisiert und durch den europäischen Kolonialismus in nicht-euro­pä­ische
Kulturen exportiert. Doch in postkolonialer Perspektive, im Trend uni­ver­
saler Migration und mit den Effekten der Globalisierung stehen auch die
Gründungscharakteristika des Kulturerbe-Konzepts auf dem Prüfstand.
Eine Möglichkeit der Hinterfragung ist die Denkfigur der Transkultura­li­
tät, welche weniger auf starre kulturelle Endprodukte in angeblich fixier­ten
nationalstaatlichen „Containern“ fokussiert, sondern mehr die Dyna­mik­
en der Transformation und Übersetzung in Kontakt- und Austausch­
prozessen zwischen Kulturen in den Blick nimmt.
Dieser Beitrag fasst jene Ergebnisse schlaglichtartig zusammen, die
aus dem Forschungsprojekt „Kulturerbe als transkulturelle Konstruktion“
am Lehrstuhl für Globale Kunstgeschichte am Exzellenzcluster „Asia
and Europe in a Global Context“ der Universität Heidelberg hervorge­
gang­en sind. Das Projekt fokussierte auf die Formationsprozesse des
mo­der­ne­zeitlichen Konzepts von Kulturerbe in seinen kolonialen, na­tio­
na­listischen, postkolonialen und globalen Entwicklungsschritten: Als Fall­­
bei­spiel wurde der kambodschanische Angkor Wat-Tempel aus dem 12.
Jahrhundert herangezogen und jene Aushandlungs- und Herstellungs­
prozesse untersucht, die ihn als Objekt französisch-kolonialer Archäologie, als Schauobjekt während der französischen Welt- und Ko­lonial­
ausstellungen, als Identitätsmaker kambodschanischer Unab­häng­ig­­keit
und des folgenden Terrorregimes der Roten Khmer und letzt­lich als
Prunkstück der UNESCO-Welterbeliste zu einer globalen Kultur­erbeIkone formierten.
Kurzbiographie
2006
180
Studium der Architektur in Wien und Paris sowie der Kunst­
geschichte in Wien
Promotion an der Technischen Universität Berlin („Zwischen
Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der
Transkulturelle Kunstgeschichte
2006–2009
seit 2009
seit 2012
Denk­malpflege in Deutschland“)
Tätigkeit in einem Architekturbüro in den USA, Gutachter der
UNESCO-Kommission Österreich, Wissenschaftlicher Assis­
ten­t an der ETH Zürich (Bauforschung / Denkmalpflege) und
der Ludwig-Maximilians-Universität München (Kunstgeschich­
te)
Research Fellow am Chair of Global Art History im Exzellenz­
cluster „Asia and Europe in a Global Concept“ der Universität
Heidelberg, Habilitationsprojekt: „Heritage as a Transcultural
Concept – Angkor Wat from an Object of Colonial Archaeology
to a Contemporary Global Icon“
Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung, assoziiert am Deut­
schen Forum für Kunstgeschichte Paris
Forschungsschwerpunkte
Global Art History; Kulturerbe; Denkmalpflege; Architekturgeschichte der Moder­
ne und Gegenwart.
Publikationsauswahl
Kulturerbe – Denkmalpflege: transkulturell. Grenzgänge zwischen Theorie und
Praxis, hg. mit Monica Juneja, Bielefeld 2013.
Gipsabgüsse von Angkor Wat für das Völkerkundemuseum in Berlin – eine
samm­lungsgeschichtliche Anekdote, in: Indo-Asiatische Zeitschrift, Mit­teil­ung­
en der Gesellschaft für Indo-Asiatische Kunst 16 (2012), S. 43–58.
Krishna and the Plaster Cast. Translating the Cambodian Temple of Angkor Wat
in the French Colonial Period, in: Transcultural Studies 2 (2011), S. 6–50,
http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/ojs/index.php/transcultural/article/view/9083.
Denkmalpflege statt Attrappenkult. Gegen die Rekonstruktion von Baudenk­mäl­
ern – eine Anthologie (Bauweltfundamente 146), hg. mit Adrian von Buttlar et
al., Basel 2010.
Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmal­
pfle­ge in Deutschland, Dresden 2008.
181
Ortstermin
vorherige Anmeldung erforderlich, begrenzte Teilnehmerzahl
Mittelalterliche Sakral- und Profanarchitektur in Stralsund
Donnerstag, 21. März 2013, 15.00–18.30 Uhr, Stralsund
Leitung: Gerhard Weilandt, Greifswald
Treffpunkt für alle Führungen: Marktplatz Stralsund
Themenführung A: Mittelalterliche Profanarchitektur
(Jens Christian Holst, Hoisdorf)
Termin I: 15.00–16.00 Uhr
Termin II: 16.30–17.30 Uhr
Termin III: 17.30–18.30 Uhr
Themenführung B: St. Nikolai
(Sabine-Maria Weitzel, Greifswald)
Termin I: 15.00–16.00 Uhr
Termin II: 16.30–17.30 Uhr
Termin III: 17.30–18.30 Uhr
Themenführung C: St. Marien
(Ulrike Hahn, Stralsund / Gerd Meyerhoff, Stralsund)
Termin I: 15.00–16.00 Uhr
Termin II: 16.30–17.30 Uhr
Termin III: 17.30–18.30 Uhr
Bahnverbindung: Bahnhof Greifswald Abfahrt 14:03 Uhr
Nach dem Sektionsprogramm steht ein Bus für den Transfer nach Stralsund zur
Verfügung, Abfahrt 16:00 Uhr.
182
Foren
Niederlande-Forschung
Kennerschaft
Mittwoch, 20. März 2013, 13.30–15.15 Uhr, Alfried Krupp Wissen­
schaftskolleg / Hörsaal
Moderation: Nils Büttner, Stuttgart / Gero Seelig, Schwerin
Das vom Arbeitskreis niederländische Kunst- und Kulturgeschichte
(ANKK) verantwortete Forum auf dem 32. Deutschen Kunsthistorikertag
soll dem Austausch zwischen etablierten Forschern und dem wissen­
schaftlichen Nachwuchs dienen. Vorgesehen sind ein Impulsreferat und
drei kurze Vorträge, die jeweils ausführlich im Plenum diskutiert werden.
Es sprechen:
Ariane Mensger, Heidelberg: Kennerschaft heute? (Impulsreferat)
Joris C. Heyder, Hamburg: Kopie und Varianz – Überlegungen zur konstanten Wiederverwendung von Motiven in der flämischen Buch­malerei
des ausgehenden Mittelalters
Stefan Fischer, Bonn: Kennerschaft bei Hieronymus Bosch
Valentina Locatelli, Basel: Georges Hulin de Loo (1862–1945) und seine
kunstkennerschaftliche Methode
Kunst der Iberischen Halbinsel
Mittwoch, 20. März 2013, 13.30–15.15 Uhr, Alfried Krupp Wissen­
schafts­­kolleg / Konferenzraum
Moderation: Sylvaine Hänsel, Münster / Margit Kern, Hamburg
Vorträge: Teresa Posada Kubissa, Madrid / Amaya Alzaga Ruíz, Madrid
Auch auf dem diesjährigen Kunsthistorikertag möchte das Forum
„Kunst der Iberischen Halbinsel und in Iberoamerika“ allen Interessierten Ge­legenheit zum wissenschaftlichen (Erfahrungs-)austausch bieten.
Zwei spanische Kunsthistorikerinnen, Teresa Posada Kubissa und Amaya Alzaga Ruíz, werden Einblick in ihre Arbeit geben und stehen hinterher
für Fragen zu Verfügung.
183
Foren
In einem zweiten Teil bieten wir jungen Kunsthistoriker/-innen Gelegen­
heit, ihre Projekte in kurzen (!) Statements vorzustellen. Die Organi­sa­to­r­
innen und Referentinnen stehen gerne auch für Fragen allgemeinerer Art
zur Verfügung.
Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte
Mittwoch, 20. März 2013, 15.45–17.30 Uhr, Alfried Krupp Wissen­
schaftskolleg / Hörsaal
Moderation: Hubert Locher, Marburg / Charlotte Schoell-Glass, Ham­
burg
Referate: Krista Kodres, Tallinn / Karen Lang, Warwick
Als europäische Kunsthistoriker/-innen gehen wir oft allzu selbstverständlich davon aus, dass „Kunstgeschichte“ als Fach und in ihren Ergebnissen eine Identität mit internationaler Reichweite besitzt. Bei genauerer
Betrachtung zeigt sich jedoch, dass dies keineswegs der Fall ist, vielmehr hat das Fach längst eine multiple Identität, die nicht auf den Nenner
einer internationalen „Weltkunst­geschichte“ zu bringen ist. Besonders
im europäischen Raum haben sich in den verschiedenen Sprachräumen enger zu fassende, oft natio­na­le Traditionen herausgebildet, wobei
Kunsthistoriker/-innen vielfach ihre Arbeit lokal verstehen und dabei auf
ihre Weise zur Ausgestaltung eines spezifisch europäischen Fachdiskurses beitra­gen, dessen Hauptcharakteristikum gerade die Aufgliederung
in vielerlei Varianten darstellt. Diese Genese des Faches haben bestimmte Denk­muster der Disziplin geprägt, die man zur Kenntnis nehmen und
reflek­tieren sollte. Einen ersten Versuch dazu hat eine von der European
Science Foundation in den letzten zehn Jahren als Netzwerk finanzierte
Forschergruppe unternommen. Die nun in dem Sammelband „Art History
and Visual Studies in Europe“ 2012 publizierten Ergebnisse der ge­mein­
samen Arbeit sollen Anlass für die Fortführung einer kritischen Diskus­
sion im Rahmen des Forums sein.
Nach einer Vorstellung der Geschichte und des Anspruchs des abge­
schlossenenen EU-Projektes durch Charlotte Schoell-Glass (Hamburg)
sol­len Probleme und Aspekte des Projektes, die nach wie vor strittig
schein­en und die in der zukünftigen Forschung zur Frage einer euro­
päischen, einer globalen oder eine anglophon dominierten Kunstge­
schich­te diskutiert und aufgegriffen werden. Hubert Locher (Marburg)
wird die Frage verbindender oder trennender „Key Issues“ diskutieren,
Krista Kodres (Tallinn) wird die Perspektive der neuen Fachkultur einer
184
Foren
womöglich an den Rand gedrängten wissenschaftlichen Gemeinschaft
im europäischen und globalen Kontext darstellen. Einen Blick aus der
anglo­phonen Zone wird Karen Lang (Warwick) werfen, die viele Jahre in
den USA gelehrt und geforscht hat und als Herausgeberin des Art Bulle­
tin, der Zeitschrift der College Art Association, eine gewichtige Stimme
darstellt.
Art History and Visual Studies in Europe: A Guide to National Frameworks
and Disciplinary Practices, hg. von Matthew Rampley, Thierry Lenain, Hubert
Locher, Andrea Pinotti, Charlotte Schoell-Glass und Kitty Zijlmans, Leiden 2012.
Kunstgeschichte in Schule und Lehrerbildung
Mittwoch, 20. März 2013, 15.45–17.30 Uhr, Alfried Krupp Wissen­
schafts­kolleg / Konferenzraum
Moderation: Barbara Welzel, Dortmund
Das Forum Kunstgeschichte in Schule und Lehrerbildung möchte –
seit seiner Gründung auf dem Marburger Kunsthistorikertag 2009 – eine
Plattform bilden, um die Rolle des Faches in den Kontexten von Schule – auch über den Kunstunterricht hinaus (etwa für den Sachkunde­
unter­richt in der Grundschule oder die Bilder im Geschichts­unterricht)
– deut­lich zu machen. Angestrebt wird, im Fach begründete Legitimationen und Forderungen für Inhalte und Kompetenzen zu formulieren. Für
Pro­jekte (Stichwort: Ganztagsschule) sollten Kunsthis­tori­ker an Schulen eingebunden werden. Das Forum Kunstgeschichte in Schule und
Lehrer­bildung möchte ein Verhandlungspartner in bildungs­politischen
Pro­zessen (Schulminis­terien, Kultusminister­kon­ferenz) werden und die
An­liegen des Faches etwa bei der Formulierung von Bildungsstandards
und Curricula einbringen.
In Greifswald sollen im offenen Gespräch Bausteine für Bildungs­
standards im Bereich Kunstgeschichte erarbeitet werden. Weiterhin ist
Raum für einen ersten Erfahrungsaustausch im Projekt „Eine Stunde
Kunstgeschichte“. Vorgestellt werden kann in Greifswald die Publikation „Kunstgeschich­te und Bildung“, in der die Beiträge der gleichnamigen
Sektion auf dem Würz­burger Kunsthistorikertag veröffentlicht sind.
185
Foren
Freie Berufe
Grenzenlos frei – Forum Freie Berufe
Workshop für freiberuflich tätige Kunsthistoriker
Donnerstag, 21. März 2013, 16.30–18.30 Uhr, Hauptgebäude / Aula
Moderation: Barbara Polaczek, Regensburg
Freie Kunsthistoriker sind regional, zeitlich, gegenständlich und me­tho­
disch ungebunden und in vielen verschiedenen Bereichen tätig. Das hat
Vorteile (individuelle Zeiteinteilung, unterschiedliche Auftrag­geber, man
ist nicht weisungsgebunden und kann im Rahmen einer selbst­ge­wählten
Spezialisierung arbeiten), aber auch Nachteile (Wo kommt der nächste
Auftrag her? Welche Versicherungen sind wichtig? Welche Steuern fallen
an? Wie schütze ich mich gegen Berufsun­fähig­keit?). Hin­zu kommen aktuelle Probleme wie Urheber­rechts­reform oder die Zu­rückhaltung gerade
öffentlicher Auftraggeber, die notwendige Ar­bei­ten gar nicht, zu DumpingPreisen oder gleich an unbezahlte Prakti­kanten bzw. Ehrenamtliche vergeben möchten.
Ziel des Workshops ist es, eine Empfehlung für die Beschäftigung von
Freiberuflern zu erarbeiten und diese in der Mitgliederversammlung als
offiziel­le Stellungnahme des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e. V.
zu ver­­ab­schieden. Dies gibt auch festangestellten Kollegen ein Argumen­
ta­tionswerkzeug an die Hand, wenn ihr Träger zum Beispiel keine Mittel
für Werk­verträge zur Verfügung stellt. Feste Stellen schwinden, aber die
not­wen­di­ge Arbeit, um Kulturgut zu erhalten und zu vermitteln, wird nicht
weni­ger. Wir Freiberufler haben dafür das Knowhow und die Ressourcen
– und das müssen wir vermitteln.
Habilitandinnen und Habilitanden
Donnerstag, 21. März 2013, 16.30–18.30 Uhr, Audimax / Hörsaal 3
Moderation: Susanne Müller-Bechtel, Dresden / Birgit Ulrike Münch,
Trier
Trotz Einführung der Juniorprofessur gilt die Habilitation letztlich an
vielen Universitäten noch immer als traditionelles Qualifikationsver­fah­ren
zur Ausübung des Hochschullehrerberufs in Deutschland, Öster­reich und
der Schweiz. Doch haben sich gerade mit der Etablie­rung neuer Ausbildungsformen zum einen, aber andererseits auch mit der Einführung
der modularisierten Studiengänge die Bedingungen für Habilitierende
186
Foren
grundlegend geändert. Der etwa vom Deutschen Hoch­schul­verband für
die Qualifikationsphase (Promotion und Habilita­tion) anvisierte zeitliche
Rahmen von neun Jahren ist etwa bei stark er­höh­tem Lehrdeputat (u. a.
Lehrkräfte für besondere Aufgaben) kaum zu reali­sieren. Auch wenn die
Zahl der Habilitationen insgesamt rückläufig ist, werden statistisch nur
rund ein Drittel aller Habilitierten letztlich tat­sächlich eine Professur erhalten. Das Forum versteht sich als Plattform zum Informations- und Erfahrungsaustausch, um die derzeiti­ge Situation der sich im Fach Kunstgeschichte Habilitierenden gemein­sam zu disku­tie­ren. Das Forum soll
zudem bei Interesse der Vernetzung der Wissen­schaft­ler/-innen untereinander dienen. Neben den verschiede­nen Qualifi­ka­tionsmodellen, die
parallel existieren und zur Professur führen sollen, kön­nen etwa Themen
wie Habilitations­stipendien, die Einbindung in Netz­werke, Mentorenprogramme, die Ent­scheidung „Habilitation versus ‚zwei­tes Buch‘ versus kumulative Habilitation“ usw. angesprochen wer­den.
DFG-Forschungsförderung
Forschungsförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft –
Pro­gramme und Perspektiven
Freitag, 22. März 2013, 13.00–13.55 Uhr, Audimax / Hörsaal 2
Moderation: Claudia Althaus, Bonn / Klaus Krüger, Berlin/Rom
Ziel der Veranstaltung ist es, über Fördermöglichkeiten der Deutschen
For­schungsgemeinschaft sowohl für Nachwuchswissenschaftler/-innen
als auch für eta­blierte Forscher/-innen zu informieren. Zudem sollen
wich­tige Aspekte der Arbeit im Fachkollegium, des Begutachtungs­ver­
fahrens sowie des Entscheidungskontextes erläutert werden.
187
FAUST iServer
EAD
Erfassungshilfen
Import/Export
Expertenrecherche
Bildarchiv
Archiv
FAUST 7
Museum
Filme
Videos
Datenbank- und Retrievalsystem
FAUST EntryArchiv
Musik
Zugangsrechte
Datenbank Bilder
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FAUST EntryMuseum
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OCR
FAUST 7
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Bücher
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Alle Infos: www.land-software.de
Postfach 1126 • 90519 Oberasbach • Tel. 09 11-69 69 11 • [email protected]
Chroniksuche
Bibliothek
Reportfunktionen
LAND
Software
Entwicklung
Digitale Kunstgeschichte
Samstag, 23. März 2013, 16.30–18.30 Uhr, Audimax / Hörsaal 5
Moderation: Moderation: Gerhard Weilandt, Greifswald / Hubert Locher,
Marburg
Impulsreferate:
Stephan Hoppe, München: Fünf Gründe, warum sich die Kunstge­
schichte stärker in die Digitalen Geisteswissenschaften einbringen sollte
Georg Schelbert, Berlin: Von der Forschung ins Netz – Der Weg in die
Digitalität
Katja Kwastek, München: Größer, schneller, schlechter? Zur wissen­
schaft­lichen Relevanz und Beurteilung digitaler Publikationen
Matthias Razum, Karlsruhe: Wohin mit den digitalen Objekten?
Das Forum Digitale Kunstgeschichte widmet sich der Diskussion von
Grundsatzfragen, denen sich die Kunstgeschichte angesichts der zunehmenden Digitalisierung von Wissenschaft und Kultur stellen muss. Schon
188
Foren
seit langem hat sich der Einsatz digitaler Medien in Museen und Bildarchiven, aber auch in der Denkmalpflege etabliert, während im aka­de­
mischen Bereich diese Entwicklung nur mit einer gewissen Verzö­ger­ung
zu beobachten ist. Im Kontext der zurzeit allerorts im Aufwind befind­­lichen
„digital humanities“, die sich intensiv der wissenschafts­theoretischen Reflexion der Chancen und Risiken der Digitalisierung widmen, ist das Fach
Kunstgeschichte kaum präsent.
Um dies zu ändern, wurde im Februar 2012 in München der „Arbeitskreis digitale Kunstgeschichte“ gegründet. Sein Ziel ist es, den Einsatz
digitaler Medien umfassend zu reflektieren und eine bessere Ver­netzung
bestehender Projekte herbeizuführen. Immer deutlicher wird erkennbar,
in welch rasantem Tempo digitale Technologien vermeint­liche Grundfesten von Wissenschaft und Kultur in Frage stellen. Dies betrifft die mediale
Repräsentation kunsthistorischer Forschung genau­so wie die Methoden
ihrer Analyse und Vermittlung. Einen besonderen Stellenwert haben in
der jüngsten Diskussion die hierfür genutzten Infra­strukturen und Publikationsmedien.
Kunstgeschichte Italiens
Samstag, 23. März 2013, 16.30–18.30 Uhr, Audimax / Hörsaal 1
Moderation: Kai Kappel, Berlin / Elisabeth Oy-Marra, Mainz
Referat: Tanja Michalsky, Berlin
Das Forum zur Kunstgeschichte Italiens versteht sich als offene Dis­
kus­sionsplattform für alle inhaltlichen, methodischen und institutionellen
Fragen und Perspektiven, die sich im großen Kontext der Forschungen
zur Kunst in Italien und deren mediterraner, europäischer oder globaler
Vernetzung ergeben. Ein zentrales Anliegen ist dabei die möglichst brei­te
Beteiligung aller Ansätze, Interessen und Institutionen.
Das Forum auf dem Kunsthistorikertag will zunächst aktuelle Position­en
der kunsthistorischen Italienforschung reflektieren und dann das nächs­
te Arbeitstreffen 2014 planen. Die keynote lecture wird Tanja Michalsky
(Berlin) halten: Übersetzen als Kulturtechnik. Methodische Über­legungen
zur kunsthistorischen Praxis. Die an dieses Referat an­schließende Diskussion soll dann auch als Grundlage für die Vorstel­lung und gemeinsame Auswahl der eingegangenen Vorschläge für Sek­tion­en der geplanten
Arbeitstagung 2014 dienen.
189
Foren
Kunst des Mittelalters
Kunst um 1400 im Fokus: Die Landesausstellung „Das Konstanzer
Konzil – Weltereignis des Mittelalters 1414–1418“ – Oder: Welche
Rolle spielt die Kunstgeschichte bei kulturgeschichtlichen Groß­
ausstellungen?
Samstag, 23. März 2013, 16.30–18.30 Uhr, Audimax / Hörsaal 3
Moderation: Gerhard Lutz, Hildesheim
Teilnehmer: Klaus Gereon Beuckers, Kiel / Matthias Exner, München /
Alexander Schubert, Mannheim / Karin Stober, Karlsruhe
Große historische Ausstellungen gehören seit Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil des deutschen Kulturlebens. Spätestens seit
der berühmten Stauferausstellung im Jahr 1977 entwickelte sich die
Be­schäftigung mit Themen der mittelalterlichen Geschichte zu einem
Dauer­phänomen. Im kommenden Jahr setzt die Landesausstellung zum
Jubiläum des Konstanzer Konzils einen neuen Akzent (http://www.landesmuseum.de/website/Deutsch/Sonderausstellungen/Vor­schau/Konstanzer_Konzil.htm). Passend dazu wird sich im September auch das
Zweite Forum Kunst des Mittelalters (www.mittelalter­kongress.de) in
Freiburg der Kunst um 1400 widmen.
Im Rahmen der Forumsveranstaltung soll einerseits das Ausstellungs­
projekt selbst vorgestellt werden und andererseits vor diesem Hinter­grund
die Rolle der Kunstgeschichte bei der Entwicklung von kultur­histo­ri­schen
Ausstellungen hinterfragt werden. Welche Bedeutung haben dabei kunsthistorische Themen und Probleme? Welches Be­wusst­sein gibt es bei
den Historikern für kunsthistorische Frage­stel­lungen (und umgekehrt)?
Dienen die Ausstellungsstücke nur der Bebil­der­ung eines Oberthemas?
Wird zum Vergleichen zwischen den Objek­ten im Sinne einer „Schule des
Sehens“ angeregt? Oder: Wie kann man eine breitere Öffentlichkeit dafür
begeistern? Dies sind nur einige der mög­lichen Fragen, die im Rahmen
des Forums diskutiert werden sollen.
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Abendveranstaltungen
Abendöffnung
des Kulturhistorischen Museums Stralsund
Donnerstag, 21. März 2013, 19.30–21.30 Uhr
Kulturhistorisches Museum der Hansestadt Stralsund
Mönchstraße 25–27, 18439 Stralsund
18.45–19.15 Uhr
Bustransfer Greifswald–Stralsund
19.30
Vorstellung des Hauses durch den Direktor Dr. Andreas Grüger
im Anschluss:
Empfang
Bustransfer Stralsund–Greifswald ca. 21:30 Uhr
letzte Bahnverbindung: Abfahrt Stralsund Hbf 22:06 Uhr
Abendvortrag:
Kulturlandschaftsschutz und Windenergie
Freitag, 22. März 2013, 19.00–20.15 Uhr, Alfried Krupp Wissen­
schaftskolleg / Hörsaal
Dr. Thomas Gunzelmann, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege,
München:
Historische Kulturlandschaft und neue Energielandschaft – Erfahrungen aus Bayern
im Anschluss: Diskussion
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Abendveranstaltungen
Empfang der Stadt Greifswald
Freitag, 22. März 2013, 20.30 Uhr
Rathaus, Markt 1
Empfang durch den Oberbürgermeister der Universitäts- und Hanse­
stadt Greifswald Dr. Arthur König
Abschlussfest
Samstag, 23. März 2013, ab 20.00 Uhr
Kulturverein Polly Faber e.V.
Bahnhofstraße 44
organisiert vom Kulturverein Polly Faber e.V.
(um Anmeldung wird gebeten)
Bratfisch & Schwan
Jazz/Swing/Loungemusik
mit Klavier, Trompete, Gitarre und Gesang
Tyll & Leon
Blueskombo/Jazz/Swing/Boogie Woogie
mit Klavier und Gitarre
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Mitgliederversammlung
Mitgliederversammlung
des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V.
Freitag, 22. März 2013, 16.30–18.30 Uhr, Alfried Krupp Wissenschaftskolleg / Hörsaal
nur für Verbandsmitglieder mit gültigem Ausweis
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Exkursionen
Sonntag, 24. März 2013
Zur Teilnahme an einer Exkursion ist eine vorherige Anmeldung er­forderlich. Einige der im Vorfeld geplanten Exkursionen müssen auf­grund zu geringer Nachfrage leider entfallen. Teilnahmekarten für die stattfindenden Exkursio­nen können
– soweit noch Plätze vorhanden sind – im Greifswalder Tagungsbüro erwor­ben
werden.
1. Mittelalterliche Sakralarchitektur und ihre Ausstattung in Dober­
an und Wismar
(Leitung: Gerhard Weilandt, Greifswald / Kaja von Cossart, Drechow)
08.30–19.00 Uhr
An- und Rück­­reise per Reisebus, Treffpunkt: Busparkplatz am MartinAndersen-Nexö-Platz
2. Kunst und Baudenkmäler in Stettin
(Leitung: Antje Kempe, Greifswald / Rafał Makała, Stettin)
08.30–19.30 Uhr
An- und Rück­­reise per Reisebus, Treffpunkt: Busparkplatz am MartinAndersen-Nexö-Platz
3. Bau- und Kunstdenkmäler auf Rügen: Boldevitz, Prora und Put­
bus
(Leitung: Kilian Heck, Greifswald)
08.30–20.00 Uhr
An- und Rück­­reise per Reisebus, Treffpunkt: Busparkplatz am MartinAndersen-Nexö-Platz
4. Künstlerkolonie und Künstlerort Ahrenshoop
(Leitung: Anna-Carola Krausse, Berlin / Katrin Arrieta, Ahrenshoop)
entfällt
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Exkursionen
5. Gutsanlagen und Herrenhäuser: Griebenow, Schmarsow, Turow,
Quit­zin, Nehringen
(Leitung: Michael Lissok, Greifswald)
09.00–16.00 Uhr
An- und Rück­­reise per Reisebus, Treffpunkt: Busparkplatz am MartinAndersen-Nexö-Platz
6. Baudenkmäler um Anklam: Murchin, Anklam, Putzar, Spante­kow,
Veste Landskron (Janow)
(Leitung: Jana Olschewski, Greifswald, Mitwirkende: Katja Langhammer, Greifswald)
entfällt
7. Ländliche Sakralarchitektur in Wusterhusen und Wolgast
(Leitung: Detlef Witt, Greifswald / Barbara Roggow, Wolgast)
entfällt
8. Führung Kloster Eldena
(Leitung: André Lutze, Greifswald)
10.30–11.30 Uhr
Treffpunkt: Kloster Eldena
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Aussteller
Eine große Zahl an Ausstellern – Forschungsinstitute, Fachverlage so­
wie An­bieter von speziellen Informationstechnologien – aus dem In- und
Ausland werden im Rahmen des Kunsthistorikertages in der Foyer­halle
der Neuen Uni­versität für eine attraktive Ausstellung zu­sam­men­kommen,
deren Besuch wir Ihnen sehr empfehlen. Die Fir­men und Ein­rich­tungen
tragen wesentlich zum Ge­lin­gen der Tagung bei und freuen sich auf Ihren
Besuch und das Gespräch mit Ihnen!
Die mit einem As­te­risk markierten Aussteller bieten ihre Publikationen
zum Verkauf vor Ort an.
kommerzielle Anbieter
- Akademie Verlag*
(http://www.akademie-verlag.de)
- C. H. Beck Verlag
(http://www.chbeck.de)
- Böhlau Verlag*
(http://www.boehlau.de)
- Deutscher Kunstverlag*
(http://www.deutscherkunstverlag.de)
- Fachverlag Hans Carl*
(http://www.hanscarl.com)
- Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft*
(http://www.reimer-mann-verlag.de/mann)
- Wilhelm Fink Verlag*
(http://www.fink.de)
- Verlag des Germanischen Nationalmuseums*
(http://www.gnm.de)
- Verlag De Gruyter*
(http://www.degruyter.de)
- Hirmer Verlag*
(http://www.hirmerverlag.de)
196
Aussteller
- Michael Imhof Verlag*
(http://www.imhof-verlag.de)
- Lukas Verlag*
(http://www.lukasverlag.com)
- Gebr. Mann Verlag*
(http://www.reimer-mann-verlag.de/mann)
- Georg Olms Verlag*
(http://www.olms.de)
- Programmfabrik GmbH
(http://www.programmfabrik.de)
- Dietrich Reimer Verlag*
(http://www.reimer-mann-verlag.de/reimer)
- Rhema-Verlag
(http://www.rhema-verlag.de)
- Sandstein Verlag*
(http://www.verlag.sandstein.de)
- Scaneg Verlag*
(http://www.scaneg.de)
- Verlag Schnell & Steiner*
(http://www.schnell-und-steiner.de)
- transcript Verlag
(http://www.transcript-verlag.de)
- VDG Weimar*
(http://www.vdg-weimar.de)
- Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG
(http://www.wbg-darmstadt.de)
nicht-kommerzielle Anbieter
- Arbeitskreis deutscher und polnischer Kunsthistoriker
und Denkmalpfleger
(http://www.bkge.de/arbeitskreis)
197
Aussteller
- Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für
Kunstgeschichte
(http://www.biblhertz.it)
- Caspar-David-Friedrich-Institut der Ernst-Moritz-ArndtUniversität Greifswald*
(http://www.cdfi.de)
- Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris
(http://www.dt-forum.org)
- Deutsche Stiftung Denkmalschutz*
(http://www.denkmalschutz.de)
- Koordinierungsstelle Magdeburg
(http://www.lostart.de)
- Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen*
(http://www.kulturportal-west-ost.eu)
- Kunsthistorisches Institut in Florenz –
Max-Planck-Institut
(http://www.khi.fi.it)
- Kunsttexte e.V.
(http://www.kunsttexte.de)
- Max Weber Stiftung - Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (DGIA)
(http://www.maxweberstiftung.de)
- prometheus - Das verteilte digitale Bildarchiv für
Forschung & Lehre e.V.
(http://www.prometheus-bildarchiv.de)
- Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
(http://www.smb.museum.de)
- Zentralinstitut für Kunstgeschichte München*
(http://www.zikg.eu)
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Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.
Der 1948 gegründete Berufsverband vertritt die Interessen der in
Deutsch­land bzw. in deutschen Institutionen tätigen Kunsthistoriker je­der
Nationalität. Die Zahl seiner Mitglieder steigt kontinuierlich (derzeit gut
2900).
Neben den klassischen Berufsfeldern Museum und Denkmalpflege so­
wie Hochschulen und Forschungseinrichtungen widmet sich der Ver­band
verstärkt der Situation der freiberuflich tätigen Kolleginnen und Kol­le­gen
und derjenigen, die vor dem Einstieg ins Berufsleben stehen.
Als Mitglied im Kunstrat nimmt der Verband Deutscher Kunst­histo­riker
über den gemeinsamen Dachverband des Deutschen Kultur­rats die spe­
zi­fischen Interessen der Kunsthistoriker gegenüber den po­li­tischen und
gesetzgeberischen Institutionen wahr.
Der Verband nimmt öffentlich Stellung zu aktuellen Fragen der Denk­
malpflege, der Museumspolitik und der kunsthistorischen Aus­bil­dung. Er
leistet politische Überzeugungsarbeit zugunsten der Ver­besserung der
beruflichen Situation der Kunsthistoriker.
Der Verband organisiert den alle zwei Jahre stattfindenden Deut­schen
Kunsthistorikertag, die zentrale, national und international orientierte
Fach­­tagung der Kunsthistoriker in Deutschland.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.kunsthistoriker.org
Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.
Haus der Kultur
Weberstraße 59a
D-53113 Bonn
Tel.: +49 (0)228 18034-182
Fax: +49 (0)228 18034-209
[email protected]
199
Tagungsband / OHNE GRENZEN – 32. Deutscher Kunsthistorikertag
Universität Greifswald, 20.–24.03.2013
Bonn: Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V., 2013
Bearbeitung und Redaktion:
Marcello Gaeta, Cornelia Kleines
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1 Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
2 Hauptgebäude der Universität
3 Hörsaalgebäude / Audimax
4 Rathaus
5 Dom St. Nikolai
6 Pommersches Landesmuseum
7 Bahnhof
8 Abfahrt Busexkusionen
9 Treffpunkt Stadtführung A und B
10 Kulturverein Polly Faber e.V.
8
Stadtplan
11.03.201317:42:29
Umschlag_Greifswald.indd1
11.03.201317:42:29
Tagungsband
Tagungsband
Universität Greifswald
20.– 24. März 2013
XXXII.
Deutscher
Kunsthistorikertag
hne
renzen
XXXII. Deutscher Kunsthistorikertag
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