Maissen 1994 Legende zum Modell

Maissen 1994 Legende zum Modell
Inhalt
Dank ...................................................................................................... IX
Zur Schreib- und Zitierweise................................................................. XI
Einleitung ............................................................................................... 1
TEIL I:
DER WIEDERAUFBAU VON FLORENZ DURCH
KARL DEN GROSSEN ............................................................. 11
1. Vorbemerkungen zu den karolingischen Traditionen in Italien ..... 13
2. Die Gestaltung der Florentiner Karlslegende durch
Giovanni Villani ............................................................................. 14
3. Auf- und Übernahme der Legende im 14. Jahrhundert .................. 29
4. Coluccio Salutati und der diplomatische Gebrauch der
Karlslegende ................................................................................... 36
5. Die humanistische Kritik: Leonardo Bruni..................................... 44
6. Die Bestätigung als offizieller Staatsmythos unter den Medici ...... 49
a. Diplomatie .................................................................................. 49
b. Historiographie........................................................................... 52
c. Dichtung ..................................................................................... 67
7. Die Bedeutung der Legende in den Jahren um 1494 ...................... 73
8. Das Verschwinden der Karlslegende aus der
diplomatischen Sprache.................................................................. 82
9. Die Legende in der Florentiner Historiographie
des 16. Jahrhunderts ....................................................................... 89
10. Die endgültige Kritik ...................................................................... 94
a. Francesco Guicciardini............................................................... 94
b. Vincenzo Borghini und der Vasari-Zyklus in der Signoria........ 97
11. Volkstümlichkeit und Fortleben der Florentiner Legende............ 105
12. Adaptionen der Karlslegende im übrigen Italien .......................... 110
Zusammenfassung.............................................................................. 114
TEIL II: DIE VERBREITUNG DER KENNTNISSE ÜBER DIE
FRANZÖSISCHE GESCHICHTE IN DER ITALIENISCHEN
HISTORIOGRAPHIE DES 15. UND 16. JAHRHUNDERTS ......... 121
A. Das erwachende Interesse für die französische Vergangenheit .... 123
1. Grundzüge der mittelalterlichen Historiographie in Frankreich ... 123
2. Die Kenntnisse der französischen Geschichte im
spätmittelalterlichen Italien .......................................................... 125
3. Das neue historische Interesse in der zweiten Hälfte
des 15. Jahrhunderts ..................................................................... 129
VI
B. Italiener als Verfasser französischer Nationalgeschichten........... 143
1. Giovanni di Candida..................................................................... 144
2. Alberto Cattaneo........................................................................... 153
3. Die Gaguin-Rezeption in Italien................................................... 165
a. Michele Riccio ......................................................................... 165
b. Vittorio Sabino ......................................................................... 171
c. Andrea Cambini ....................................................................... 172
4. Paolo Emilio ................................................................................. 176
a. Leben und historiographische Anfänge ................................... 176
b. Die handschriftlichen Fassungen einer Geschichte
der Franzosen ........................................................................... 185
c. Die Ausgaben von De rebus gestis Francorum ....................... 190
d. Methode ................................................................................... 192
e. Intention und Geschichtsbild.................................................... 199
f. Aufnahme und Nachwirken ..................................................... 207
5. Die Dichtung ................................................................................ 210
a. Giuliano Dati............................................................................ 211
b. Giovanni Battista Mantuano .................................................... 212
6. Grundzüge der italienischen Geschichtsschreibung über
Frankreich um 1500: gesellschaftliches Umfeld und
konzeptionelle Erneuerung........................................................... 214
C. Die französische Vergangenheit in der italienischen
Historiographie des 16. Jahrhunderts.......................................... 229
Zusammenfassung.............................................................................. 239
TEIL III: DIE VERWENDUNG VON EXEMPLA AUS DER
FRANZÖSISCHEN GESCHICHTE ............................................ 243
1. Die historische Verpflichtung zum Kreuzzug .............................. 245
2. Von den Memorabilia zu den Detti e fatti .................................... 251
3. Italienische Reaktionen auf die französischen
Konfessionskriege ........................................................................ 258
a. Neue Aufgaben der Geschichte: Sperone Speroni ................... 258
b. Intensivierung der Publizistik und Revision des
Quellenkanons.......................................................................... 264
c. Papst und König von Frankreich bei Roberto Bellarmino ....... 266
d. Das Geschichtsbild des Tommaso Bozio ................................. 269
4. Französische Lektionen für eine katholische Staatsraison:
Giovanni Botero ........................................................................... 275
5. Die Rückkehr zu den Quellen im Gefolge des Tacitismus ........... 282
a. Ciro Spontone und Froissart..................................................... 283
b. Die Commynes-Renaissance.................................................... 286
c. Die französische Vergangenheit zwischen Tacitus und
Staatsraison .............................................................................. 295
Zusammenfassung.............................................................................. 300
VII
TEIL IV: FRANZÖSISCHE PROTAGONISTEN IM ITALIENISCHEN
URTEIL: DETAILUNTERSUCHUNGEN ZU EINZELNEN
TRADITIONEN ...................................................................... 305
1. Die Quellen der französischen Geschichte ................................... 307
2. «Galli», «Franci», «Francesi» – Bezeichnungen des Wandels
oder der Kontinuität?.................................................................... 317
3. Origo gentis .................................................................................. 327
4. Chlodwig....................................................................................... 350
5. Brunhilde und Fredegunde............................................................ 356
6. Saint-Louis.................................................................................... 361
7. Philippe IV.................................................................................... 368
8. Jeanne d’Arc ................................................................................. 374
9. Louis XI ........................................................................................ 386
Zusammenfassung.............................................................................. 407
Schlussbetrachtung: Motive und Techniken der Aneignung einer
fremden Geschichte ............................................................................ 409
Verzeichnis der Abkürzungen............................................................ 418
a. Archive und Bibliotheken ........................................................ 418
b. Editionsreihen und Zeitschriften .............................................. 418
Bibliographie ..................................................................................... 419
1. Handschriftliche Quellen .............................................................. 420
a. Archivio di Stato, Firenze (ASF).............................................. 420
b. Manuskripte.............................................................................. 420
2. Vor 1800 verfasste, gedruckte Werke........................................... 423
3. Nach 1800 verfasste Werke (Sekundärliteratur)........................... 441
Index nominum, locorum gentiumque ............................................... 455
Tabellen
Tabelle I: Die Gewichtung der verschiedenen Herrscher,
Dynastien und Exkurse in den humanistischen
Geschichten Frankreichs............................................................... 224
Tabelle II: Aufgliederung französischer Exempla nach Epochen...... 256
Tabelle III a: Quellen der Italiener zur französischen
Geschichte (1317-1557) ............................................................... 310
Tabelle III b: Quellen der Italiener zur französischen
Geschichte (1561-1632) ............................................................... 312
Tabelle IV: Übersicht über die wichtigsten Anekdoten
um Louis XI.................................................................................. 394
IX
Dank
Die vorliegende Untersuchung wurde am 9. November 1989 in Neapel
begonnen und am 1. August 1993 in Zürich beendet. Auf Antrag ihres
Betreuers Prof. Hans Rudolf Guggisberg und des Korreferenten
Prof. Achatz von Müller wurde sie im Wintersemester 1993/94 von der
Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel als Dissertation angenommen. In ihrer Eigenschaft als Herausgeber der «Basler
Beiträge zur Geschichtswissenschaft» haben sie auch vorgeschlagen,
die Arbeit in dieser Reihe veröffentlichen zu lassen. Dafür gilt ihnen
mein herzlicher Dank ebenso wie für ihre stets wohlwollende Unterstützung und anregende Kritik meines Projekts.
Der Gegenstand der Untersuchung brachte es mit sich, dass sie zum
grössten Teil im Ausland entstand, während längerer Zeit in Neapel
und Paris, ausserdem in Florenz, Venedig, Rom und London. Dies wäre
nicht möglich gewesen ohne die Referenzen meiner geschätzten Lehrer,
der Professoren Guggisberg, Delz und Bürgin, und die grosszügige
Unterstützung durch die folgenden Stiftungen: Nachwuchsstipendium
des «Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung»; Austauschprogramm des «Schweizerischen
Nationalfonds» mit dem «Centre National de la Recherche
Scientifique» und dem «Consiglio Nazionale delle Ricerche»; Albert
Weitnauer-Stiftung; Mathieu-Stiftung; Janggen-Pöhn-Stiftung; Werenfels-Fonds der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel.
Spontane Hilfsbereitschaft bewiesen bei meinen Anfragen stets
A. Hess, Sachbearbeiterin der Universität Basel, und B. G. Frey vom
SNF in Bern sowie Dr. A. Boerlin in Basel.
Auch der Druck der Dissertation wurde durch namhafte Zuschüsse
ermöglicht. Diese verdanke ich den folgenden Institutionen: Christine
Bonjour-Stiftung; Dissertationenfonds des Rektorats der Universität
Basel; Dissertationenfonds (Max Geldner-Fonds) der PhilosophischHistorischen Fakultät der Universität Basel; Basler Studienstiftung;
Josef und Olga Tomcsik-Stiftung.
Während vieler Monate wusste ich die Arbeitsbedingungen und die
fast immer freundliche Hilfsbereitschaft der Angestellten in Bibliotheken, Archiven und Instituten sehr zu schätzen; im besonderen gilt dies
für das Istituto Italiano per gli Studi Storici in Neapel, die Bibliothèque
Nationale in Paris und – immer wieder – die Universitätsbibliothek
X
Basel. Grossen Dank für viele präzise Hinweise oder längere Diskussionen schulde ich vor allem Francesco Senatore und Bruno Figliuolo
in Neapel, Patrick Gilly und Frank Collard in Paris sowie den Professoren N. Rubinstein in London, M. R. Jung in Zürich und wiederholt
A. Tenenti in Paris. Ich hatte öfters die Gelegenheit, meine Arbeit in
Doktorandenkolloquien vorzustellen: am Istituto Italiano per gli Studi
Storici in Gegenwart von Prof. C. Vasoli aus Florenz, im Seminar von
Prof. B. Guenée an der Pariser Ecole Pratique des Hautes Etudes,
IVe section, am von Lorenz Böninger in München organisierten Kolloquium der «Studienstiftung» zu «Formen und Strategien der Antikenund Mittelalteraneignung», im Potsdamer Forschungskolloquium von
Frau Prof. L. Schorn-Schütte und wiederholt in Basel bei den Professoren H. R. Guggisberg und A. von Müller. Den Teilnehmern an diesen
Seminarien gilt mein Dank ebenso wie den Professoren, die mir auch
im persönlichen Gespräch zahlreiche Anregungen vermittelt haben.
Konfrontiert mit den Möglichkeiten und Schwierigkeiten moderner
Technologie, fand ich immer wieder Rat bei Freunden, denen das
Seelenleben des Computers vertrauter ist als mir: Max Portmann und
Matthias Forster. Meine Mutter, Urs Jost und Max Portmann haben die
Arbeit durchgelesen und korrigiert; mit unnachahmlicher philologischer Präzision, historischer Sachkenntnis und feinem Stilgefühl hat
Mathias Lawo den ganzen Text gleichsam lektoriert. Urs Brunner und
Martin Huschke haben mir mit Rat und Tat bei der Drucklegung beigestanden. Ohne all diese Unterstützung könnte ich die Dissertation
unmöglich in einer ansprechenden Form präsentieren. Die schwierigeren wie auch die überwiegend schönen Momente der vergangenen
Jahre konnte ich stets mit meiner Frau Martina Bächli teilen, welche
die Arbeit mit Interesse begleitet, gelesen und durch ihre Gegenwart
erst eigentlich ermöglicht hat; dafür, und für vieles andere, kann kein
Dank gross genug sein.
Einer hat nicht einmal die Anfänge dieser Arbeit erlebt, und doch
wäre sie ohne ihn vielleicht gar nicht, und auf jeden Fall nicht in dieser
Art entstanden. Seinem Andenken ist dieses Buch gewidmet:
Prof. František Graus, 1921-1989.
Potsdam, im Oktober 1994
Thomas Maissen
XI
Zur Schreib- und Zitierweise
Die Personennamen sind in der jeweiligen Volkssprache geschrieben:
Henri II ist also der französische König, Heinrich II. der deutsche
Kaiser und Henry II der König von England. Konsequenterweise wird
dieses Prinzip nicht nur auf Herrscher angewandt (wo es am sinnvollsten ist), sondern auch auf ungekrönte Häupter, weshalb Vincent de
Beauvais neben Otto von Freising steht, dies ungeachtet der wenigen
Streitfälle (Sigebert de Gembloux oder Sigebert von Gembloux; Robert
d’Anjou oder Roberto d’Angiò?). Die fränkischen Könige bis auf
Ludwig den Frommen, also bis zur Herausbildung des westfränkischen
Reiches, des späteren Frankreichs, sind in der deutschen Form gehalten, da sie auch im deutschen Selbstverständnis zur Ahnengalerie
gehören, Verwechslungen mit gleichlautenden Herrschern anderer
Völker nicht möglich sind und die französischen Namen für den deutschen Leser nicht ohne weiteres zu identifizieren sind.
Die Originalzitate im Text finden sich in den Anmerkungen jeweils
wörtlich übersetzt, auch wenn die deutsche Formulierung deshalb etwas
ungelenk klingen kann. Die Schreibweise der Zitate und Buchtitel
wurde nicht vereinheitlicht, sondern hält sich genau an die Vorlagen.
Primär- und Sekundärliteratur wird abgekürzt zitiert mit Name, Jahr
(in Klammern) und Seitenzahl; etwaige Kapitelangaben folgen ebenfalls in Klammern. Die Bandzahl ist mit römischen Ziffern angegeben,
Seiten- wie Kapitelzahlen mit arabischen. Antike Autoren und Bibelstellen sind ohne Jahres- und Seitenzahl nach den gängigen Kapitelzählungen angeführt. Bei Handschriften und Archivalien ist der Seitenzahl jeweils fol. (Folio) vorangestellt, um sie als solche erkenntlich zu
machen. Autorenname und Jahreszahl in Klammern entsprechen
jeweils den Angaben in der Bibliographie und lassen so eine rasche
Identifikation des Werkes zu. Bei der Sekundärliteratur entspricht die
Jahreszahl dem Erscheinungsjahr des Buches; bei mehreren Publikationen desselben Autors in einem Jahr ist in den Fussnoten ein Kurztitel
angegeben. Bei den Quellen datiert die Jahreszahl in der Klammer den
Abschluss der Niederschrift beziehungsweise den Zeitpunkt der ersten
Veröffentlichung; somit entspricht sie häufig nicht den bibliographischen Angaben über die verwendete Edition. Bei Brief- oder
Redensammlungen ist der Titel der Edition abgekürzt angegeben, das
Datum von Brief oder Rede steht in der Klammer. Bei Werken, die
XII
zuerst handschriftlich kursieren, ist das Ende der Niederschrift oder
mindestens der terminus ante quem aufgrund der Sekundärliteratur oder
textimmanenter Hinweise angegeben. Zum Teil sind diese Angaben
unsicher, und natürlich kann eine Passage lange geschrieben worden
sein, bevor das Gesamtwerk erscheint; doch entwickelt sie erst in
diesem Moment ihre Wirkung, beginnt erst dann ihre Rezeption. In der
vorliegenden Untersuchung wird grosser Wert auf die Etablierung von
Traditionsketten und die historische Situierung der Kommentare gelegt;
daher wurde trotz einzelner Zweifelsfälle bei jedem Werk nach bestem
Vermögen eine – je nachdem approximative – Jahreszahl angegeben.
Einleitung
Die Bedeutung individueller wie kollektiver Geschichtsbilder ist in
letzter Zeit von der historischen Forschung verstärkt hervorgehoben
worden und häufig auch in das Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit gelangt. Dabei ist es besonders die «vaterländische»
Geschichte, die angesichts des Bedürfnisses, aus allen möglichen und
unmöglichen Anlässen und mit entsprechend verschiedenen Motiven
Jubiläen und Gedenktage zu feiern, Anlass gibt zum Nachdenken oder
Streiten über Geschichtsmythen und -vorstellungen. Solche wohl
öffentlichen, aber doch nur einen begrenzten Teil der Öffentlichkeit
interessierenden Diskussionen nehmen sich völlig harmlos, in ihrer
versachlichenden Wirkung indessen auch durchaus wünschenswert und
notwendig aus, wenn man bedenkt, mit welchem Eifer viele der in den
vergangenen Jahren wieder zu echter Unabhängigkeit gelangten oder
gar völlig neu entstandenen Staaten ihr Selbstverständnis und ihre
politischen oder militärischen Ambitionen historisch begründen.
Auch für die von diesen Entwicklungen nur mittelbar Betroffenen ist
es unumgänglich geworden, sich über die Vergangenheit von lange gar
nicht als Entitäten wahrgenommenen Ländern zu informieren – und
gegebenenfalls auch aufgrund solchen aktualisierten Wissens Stellung
zu beziehen. Wie häufig sind seit 1989 zuvor jahrzehntelang allenfalls
unterschwellig wirkende traditionelle Bindungen wieder angerufen und
vorgebracht worden, um neue Allianzen zu knüpfen und zu rechtfertigen!
Untersuchungen über die kollektiven Vorstellungen von fremder
Geschichte entbehren also nicht der Aktualität, und entsprechend
lehrreich kann auch die Erforschung von deren historischer Bedingtheit
und Entwicklung sein. Bietet sich für die Analyse heutiger Urteile über
fremde Vergangenheit ein reiches soziologisches Instrumentarium an,
das beispielsweise mündliche Äusserungen berücksichtigen kann, so
wird sich eine Beschäftigung mit früheren Geschichtsbildern, je älter
diese sind, desto stärker auf schriftliche Quellen beschränken müssen,
und entsprechend stärker tritt jeweils die individuelle Note hervor. Es
erstaunt daher wenig, dass sich diejenigen Untersuchungen weitgehend
auf die akademische Geschichtsschreibung beschränken, die der
2
Beschäftigung mit fremder Vergangenheit im 19. und frühen
20. Jahrhunderts nachgehen. Für die frühe Neuzeit fehlen ausführliche
Vorarbeiten selbst dieser Art – die Behandlung ausländischer
Geschichte wird allenfalls am Rande und im Rahmen einer anderen
Fragestellung berührt. Vergleichbar hinsichtlich der Quellengattung
und methodischen Problematik sind jedoch verschiedene Arbeiten zur
Entwicklung nationaler Geschichtsbilder, die dem jeweiligen Gebiet
entsprechenden Aufschluss über den frühneuzeitlichen Umgang mit der
historischen Überlieferung geben. 1
Grundsätzlich thematisiert worden ist die Beschäftigung mit fremder
Geschichte während der frühen Neuzeit in einem anregenden Aufsatz
von Gerd Tellenbach. Er führt unter anderem aus, dass ein eigentliches
Interesse für die Vergangenheit eines fremden Volkes erst in der
Renaissance entstehen kann, gleichzeitig mit der Erfahrung wesenhafter nationaler Unterschiede. Im Mittelalter sei die Vorstellung von
«eigener» Geschichte oft beim selben Autor bald weit, bald eng – und
jedenfalls unpräzis, potentiell den ganzen Okzident umfassend. 2 Diese
These ist überzeichnet, wenn man sich die grosse Bedeutung etwa der
Grandes Chroniques de France gerade für die Ausbildung eines nationalen Bewusstseins in Erinnerung ruft 3 und berücksichtigt, dass
beispielsweise der – auch von Tellenbach angeführte – Florentiner
Giovanni Villani seine «fremden» Nachrichten nach ihrer Bedeutung
für eine sehr klar als «eigene» verstandene Lokalgeschichte einflicht.
Das ändert nichts an der Richtigkeit von Tellenbachs Feststellung, dass
es vor dem 15. Jahrhundert niemandem in den Sinn kommt, die
Geschichte eines fremden Volkes zum exklusiven Gegenstand seiner
Darstellung zu machen, und dass das Auftreten entsprechender Werke
mit der Herausbildung des europäischen Staatensystems ebenso
zusammenhängt wie mit den Möglichkeiten und der Attraktivität der
humanistischen Historiographie in Italien. Es bleibt im ganzen
16. Jahrhundert undenkbar, dass sich ein Franzose oder ein anderer
Nordeuropäer erdreisten würde, die Geschichte eines der italienischen
Staaten zu schreiben; und es wird bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
1
Für Frankreich im 15. und 16. Jahrhundert DUBOIS (1977), BEAUNE, Naissance (1985) und,
mit einer besonderen Stossrichtung, VOSS (1972); ähnlich wie dieser für Deutschland NEDDERMEYER (1988), auch MERTENS (1992); zuvor BUSCHMANN (1930), BORCHARDT (1971) sowie
RIDÉ (1977); zu beiden Ländern und Böhmen anhand einzelner Traditionen GRAUS (1975).
2
TELLENBACH (1975), insbes. 298f.; 307; 310f.
3
Cf. GUENÉE (1985).
3
dauern, bevor ein Engländer oder ein Deutscher selbständig eine
Geschichte Frankreichs verfassen wird.
Schon aus diesen, aber auch aus den im folgenden dargelegten
Gründen ist es aufschlussreich, die Äusserungen zu fremder Geschichte
gerade in der Renaissance und am Beispiel von Italien und Frankreich
zu untersuchen. In Italien ist – trotz aller politischen Zerrissenheit – das
Gefühl für die «nationale» Besonderheit und Zusammengehörigkeit
durch das ganze Mittelalter hindurch noch am stärksten lebendig
geblieben, geprägt von dem aus der Antike erwachsenen und stets
präsenten Selbstverständnis eines Kulturvolks in römisch-lateinischer
Tradition. Der Name Petrarcas genügt, um zu unterstreichen, wie dieses
Konzept einer Sonderstellung gerade bei den Humanisten der
Apenninenhalbinsel eine besondere, verbindende Funktion erhält.
Petrarcas Exil in Avignon steht gleichzeitig symbolisch für die Konfrontation des in viele Kleinstaaten aufgesplitterten Italiens mit einem
sich allmählich zum Nationalstaat entwickelnden Frankreich, in dem
sich nach den existenzbedrohenden Krisen der englischen und konfessionellen Kriege die absolutistische Monarchie ausgebildet haben wird.
In dieser Zeitspanne, vom 14. bis frühen 17. Jahrhundert, ist auch der
Kontakt zwischen Franzosen und Italienern ausgesprochen intensiv, in
kriegerischer Auseinandersetzung ebenso wie in kultureller Befruchtung. Während im Hochmittelalter und im «Grand siècle» Frankreich
das Abendland kulturell und politisch dominiert, bringt der Humanismus eine unbestreitbare kulturelle Vormachtstellung der italienischen Staaten, die anfangs mit einer im Verhältnis zu ihrer Grösse
äusserst beeindruckenden politischen und wirtschaftlichen Bedeutung
einhergeht und weiter anhält, als dieses Gewicht im Gefolge des französischen Einfalls von 1494 rapide abnimmt. Auch der Anfang und das
Ende der untersuchten Periode sind geprägt von der Auseinandersetzung zwischen den romanischen Nachbarn: das Eingreifen der
Anjou in Süditalien und die «Babylonische Gefangenschaft» der Päpste
einerseits, die französischen Religionskriege und der Kampf der Kurie
gegen die Hugenotten andererseits.
Vor dem Hintergrund dieser militärischen, politischen und kulturellen Auseinandersetzungen der Italiener mit Frankreich (und zusehends auch mit dem übrigen Europa) entwickelt sich das Interesse
derselben Italiener für andere Länder. Vehikel und Modell zugleich ist
ihnen die Verbindung von Geschichte, Ethnographie und Geographie,
wie sie die neu entdeckten oder mit anderen Augen gelesenen antiken
Autoren vorgeführt haben. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden
4
geschieht bei den Humanisten gleichermassen wie bei einem Caesar
oder Tacitus in stetem Vergleich mit dem eigenen Volk, sie hilft mit,
eine Identität zu klären, die in der verstärkten Konfrontation mit anderen Sitten und Sprachen ihre Selbstverständlichkeit verloren hat. Die
am Ausgang des Mittelalters einsetzende Herausbildung von territorial
und hinsichtlich der Bevölkerung einigermassen einheitlichen Staaten
wird zusätzlich als folgenreiches, differenzierendes Element wahrgenommen, das ebenso Bewunderung wie Ablehnung provozieren
kann. Damit erst empfiehlt sich ein Forschungsgegenstand, der sich
nicht mehr in der herkömmlichen Form von Papst- und Kaiserchroniken und ebensowenig im gewohnten Rahmen der Lokalhistorie
bewältigen lässt.
Angesichts dieser Herausforderungen entstehen die zahlreichen
italienischen Publikationen zur Geschichte anderer Völker, während
vergleichbare Bemühungen um fremde Geschichte jenseits der Alpen
vollständig fehlen, weil dort die Verschiedenartigkeit nicht als bereichernd, konstitutiv für das Eigene empfunden wird und es am literarischen Rüstzeug mangelt, um Geschichte zu schreiben – keineswegs
nur fremde, sondern selbst die eigene. So verdankt manches Volk seine
«erste Landesgeschichte in humanistischem Stile» 4 einem Italiener: die
Böhmen – und in gewisser Hinsicht auch die Deutschen – dem Enea
Silvio Piccolomini, die Polen Filippo Buonaccorsi, die Ungarn Antonio
Bonfini, die Engländer Polidoro Virgilio und die Franzosen Paolo
Emilio. Vor allem unter diesem Aspekt, dem Export der in Italien
entstandenen humanistischen Historiographie, sind die erwähnten
Autoren bisher betrachtet worden, damit auch in ihrer Bedeutung für
die nationale Geschichtsschreibung ihrer Gastländer. 5
Die vorliegende Untersuchung geht dagegen vom italienischen
Standpunkt aus: Wann und weshalb interessieren sich Italiener für die
Vergangenheit Frankreichs, wie entwickeln sich ihre Kenntnisse, in
welcher Form fassen sie diese schriftlich, und wozu dienen sie ihnen?
Erörtert werden also die Entwicklung, die politischen und kulturellen
Bedingungen und die Intention bei der Behandlung französischer
Historie in italienischen Werken. Anhand dieser Fragestellungen wurde
die gesamte italienische Historiographie sowie die politische
Traktatliteratur vom 14. Jahrhundert bis etwa 1630 durchgesehen. Die
4
FUETER (1936), 145.
Cf. die entsprechenden Kapitel bei FUETER (1936), etwa p. 136f., sowie COCHRANE (1981),
324-359.
5
5
zeitliche Beschränkung ergibt sich – wie auch die Untersuchung zeigen
wird – aus verschiedenen Gründen: Die ab der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts kaum mehr bestrittene spanische Vormachtstellung
auf der Apenninenhalbinsel schmälert die direkte Betroffenheit durch
die französischen Entwicklungen; nachdem mehrere Werke auch unterschiedlich gelagerte Interessen an der französischen Vergangenheit
abdecken, konzentriert sich die italienische Historiographie zusehends
auf die französische Zeitgeschichte; und wenig später kommt die während einiger Jahrzehnte äusserst intensive Staatsraison-Debatte und
damit die staatstheoretische Erörterung französischer Protagonisten
zum Erliegen.
Die möglichst umfassende Auswertung der historiographischen und
politischen Literatur dieser Epoche führt zur Berücksichtigung zahlreicher vergessener Autoren, die zu Recht nicht zu den originellen und
wegweisenden auf ihrem Gebiet gezählt werden, vielmehr zu den
Epigonen oder Divulgatoren. Aber gerade bei ihnen lassen sich die
effektiven Kenntnisse über die französische Geschichte fassen, zeigt
sich – soweit dies das gleiche ist – das italienische Bild von der französischen Vergangenheit. 6 Ein weiterer Vorteil dieser breiten Bestandsaufnahme ist es, eine zufällige oder willkürliche Quellenauswahl zu
vermeiden: Das bearbeitete Korpus berücksichtigt möglichst weitgehend alles, was von Italienern in der – als Epochenbegriff verwendeten und dementsprechend weit gefassten – Renaissance über die
französische Vergangenheit geschrieben worden ist.
Dabei gilt, dass nur Äusserungen zur französischen Geschichte bis
1483, bis zum Tode von Louis XI, berücksichtigt sind. Mit der Herrschaft von Charles VIII und den einsetzenden italienischen Kriegen
beginnt eine Epoche, in welcher der italienische Beobachter die französische Geschichte zusehends als eigene und nur bedingt als «fremd»
erlebt, spielt sie sich doch zu einem grossen Teil auf südalpinem Boden
ab. Da die Frage nach dem «Bild der französischen Vergangenheit»
gestellt ist, und nicht nach dem «Bild von Frankreich», ist auch
unterschieden zwischen Texten, die Frankreichs Vergangenheit schildern, und solchen, die die jeweilige Gegenwart des Landes beschreiben – Legationsberichte sind nicht der Gegenstand der Untersuchung,
ebensowenig Tagebücher oder Memoiren. Die italienischen Autoren
6
Der Historikerkanon des Dorfgelehrten Don Ferrante in den Promessi sposi, Kapitel 27,
dürfte ungeachtet der dichterischen Stilisierung und trotz, oder vielmehr gerade wegen Manzonis
Ironie nicht schlecht gewählt sein: «… il Tarcagnota, il Dolce, il Bugatti, il Campana, il Guazzo, i
più riputati in somma».
6
sind also nicht als Quellen für die französische Geschichte betrachtet,
sondern als deren Auswerter und Interpreten. Das schliesst nicht aus,
dass sich auch in den eben erwähnten Quellengattungen Reflexionen
über die französische Vergangenheit finden, die ebenso Berücksichtigung finden wie traditionsbildende Schilderungen durch Zeitgenossen, Beschreibungen also, die bei späteren Autoren übernommen
oder verändert worden sind.
Eine weitere Einschränkung grenzt die Belletristik aus, soweit in ihr
die Historie nicht den Gegenstand, sondern höchstens den Rahmen
bildet. Insbesondere bleibt die umfangreiche Ritterepik um Karl den
Grossen ausgespart, die jeder zeitgenössische italienische Leser als
Fiktion und damit als historisch unzuverlässig erkannt hat. Damit ist
nicht gesagt, dass der epische Stoff die Historiographie nicht beeinflusst oder umgekehrt nicht auch geschichtliche Fakten auf die literarische Gestaltung wirken – im Orlando furioso liefert Ariosto eine
Liste derjenigen französischen Könige, die sich an Italien die Zähne
ausgebissen haben. 7 Und selbstverständlich wird das Geschichtsbild der
Italiener durch die Belletristik mitgeformt, ja durchaus noch stärker als
durch die zünftige Historiographie, wie das bis heute der Fall ist: Ein
Vorläufer Walter Scotts oder Umberto Ecos ist in dieser Hinsicht etwa
Torquato Tasso, durch dessen Epos die Kreuzzüge ungleich bekannter
werden als durch seine historiographische Vorlage, Benedetto Accoltis
De bello a Christianis contra Barbaros gesto. 8
Es ist nicht unproblematisch, das im vorangegangenen definierte
Quellenkorpus als einheitliche Gruppe zu behandeln und die
entsprechenden Texte nach gemeinsamen Kriterien zu analysieren,
obwohl zwischen ihnen dreihundert Jahre liegen können. Deshalb wird
grosses Gewicht darauf gelegt, die Werke zu datieren und damit den
Wandel in Kenntnissen und Interpretationen nachzuzeichnen: Das
historiographische Bild der Italiener beispielsweise der Jeanne d’Arc ist
nicht die Summe aller Äusserungen über sie ohne Berücksichtigung der
Abfassungszeit, sondern es sind verschiedene Darstellungen, die sich –
selbst wenn sie voneinander übernommen werden – zeitbedingt
ändern. 9 Eine solche, statische Betrachtungsweise der französischen
7
ARIOSTO (1532), 898-913 (33, 7-57).
Cf. COCHRANE (1981), 27; zur Bedeutung der literarischen Geschichtsvermittlung generell
GRAUS (1975), VII f.; 27.
9
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert., Anm. Fehler! Textmarke nicht
definiert., die Kritik am Aufsatz von PICCHI (1982); auch DENIS (1979) erliegt in ihrer Arbeit
über Charles VIII der Gefahr, unter einem thematischen Gesichtspunkt undifferenziert alle
8
7
Geschichte zu konzipieren ist nicht nur falsch; ihr geht auch der eigentliche Reiz ab: Der Wandel in den Vorstellungen bleibt unbeachtet.
Diskussionswürdig mag ferner erscheinen, dass unter Vernachlässigung der politischen Zersplitterung von «den Italienern» gesprochen
wird. Selbstverständlich geht es nicht an, die lokale Gebundenheit der
Autoren zu vernachlässigen; doch gleichzeitig verschafft ihnen die –
geistige – Auseinandersetzung mit dem barbarischen Ausland und
gerade mit Frankreich ein gemeinsames Gefühl zivilisatorischer Superiorität. Zu bekannt sind die gesamtitalienischen Gefühle, wie sie von
Petrarca und Machiavelli, aber auch von vielen anderen geäussert werden, als dass diese im antiken Erbe und in der sprachlichen wie geographischen Gemeinschaft begründete kulturelle Identität bestritten
werden kann. Zudem schaffen soziale Herkunft, Bildungsgang und die
politisch-pädagogische Tätigkeit der meisten behandelten Autoren eine
gerade in der Betrachtung der «lateinischen Schwesternation» über
längere Zeit einigermassen homogene Gruppe gelehrter Italiener. 10
Eine unumgängliche Beschränkung historiographiegeschichtlicher
Studien liegt schliesslich darin, dass die verwendeten Quellen nur
unvollständig verarbeitet worden sind, weil es weder möglich noch
sinnvoll ist, alle behandelten Werke vollständig oder auch nur oberflächlich durchzulesen. Durchsucht worden sind sie in Hinsicht auf
Äusserungen zur französischen Vergangenheit; bis zu einem gewissen
Grad musste dabei der Gesamtkontext solcher Aussagen vernachlässigt
bleiben, und ebenso ihr relatives Gewicht im jeweiligen Werk. Umgekehrt liefert erst die Wahl eines präzisen Untersuchungsgegenstandes
eine Fragestellung, von der aus ansonsten thematisch, stilistisch wie
methodisch sehr unterschiedliche Werke überhaupt verglichen werden
können. In einem beschränkten Bereich werden damit gültige Aussagen
möglich, die weniger willkürlich sind als Erkenntnisse, die aufgrund
eines heterogenen Kriterienrasters gewonnen werden. 11 Für darüber
Äusserungen italienischer Autoren zusammenzufassen, und vernachlässigt so ihre lokale
Provenienz oder Abfassungszeit, ob es sich also um Zeitgenossen oder spätere Texte handelt.
10
Dabei ist klar, dass «das» Bild der Italiener von irgend etwas nie das Bild «eines jeden»
Italieners sein kann, sondern nur versucht, die vielen (gebildeten) Italienern gemeinsamen Grundzüge – soweit überliefert – zusammenzufassen und damit die Grundlage etwa für einen Vergleich
mit der Rezeption anderer Stoffe oder von seiten anderer Völker zu liefern.
11
Dieses grundsätzliche historiographiegeschichtliche Problem zeigt sich beispielsweise bei
COCHRANE (1981), XI, der in Auseinandersetzung mit FUETER (1936) die Entwicklung einer
kritischen Methode als unhistorisches Kriterium der Analyse ablehnt. Aber angesichts der Masse
der Literatur gelingt es auch Cochrane nicht, mit seinem vorwiegend deskriptiven Ansatz den
Stoff systematisch zu ordnen, zumal er – relativ willkürlich abwechselnd – Chronologie, Geographie und Genus als distinktive Kategorien heranzieht. So ist etwa nach ID., 158, Riccios
8
hinausführende,
hier
vernachlässigte
biographische
und
bibliographische Angaben zu den einzelnen Autoren sei grundsätzlich
verwiesen auf Eric Cochranes Handbuch Historians and Historiography in the Italian Renaissance und – soweit er bereits erschienen
ist – auf den Dizionario biografico degli Italiani (DBI).
Die Darstellung gliedert sich in drei grosse thematische Blöcke und
eine Reihe von Detailuntersuchungen zu einzelnen historiographischen
Traditionen. Als erstes wird die Legende 12 analysiert, wonach Karl der
Grosse das von den Goten zerstörte Florenz wieder aufgebaut habe.
Strenggenommen handelt es sich dabei nicht um französische Vergangenheit, sondern um die Übernahme eines Elements aus ihr in die
lokale Geschichte. Die mangels eigener Quellen erst viel später einsetzende Florentiner Historiographie macht in der reich dokumentierten
fränkischen Geschichte gleichsam eine Anleihe und formt sie passend
um, so dass eine volkstümliche Tradition entsteht, die auch lange von
der offiziellen Geschichtsschreibung mitgetragen wird. Sie wird stets
im Zusammenhang mit der französisch-karolingischen Italienpolitik
betrachtet und erfüllt wichtige Aufgaben im diplomatischen Verkehr
mit Frankreich – deshalb ist ihre ausführliche Behandlung im Rahmen
dieser Untersuchung durchaus angebracht.
Der zweite Teil zeichnet die Entwicklung und Verbreitung der
Kenntnisse über die französische Geschichte in Italien nach, also die
gelehrte Historiographie über den mächtigen Nachbarn. Die Rezeption
französischer Geschichtswerke bereits im Mittelalter geht dem erwachenden Interesse der Humanisten für fremde Geschichte voran, welche
mehrere Italiener dazu bringen wird, am französischen Hof selbst den
entsprechenden Stoff aufzuarbeiten und so für mehr als ein Jahrhundert
gültige Standardwerke zu verfassen. Zur Illustration, wie sich dabei
Methoden und Beurteilungen der Geschichtsschreibung wandeln, wird
regelmässig die jeweilige Darstellung der karolingischen Legenden
herangezogen.
Geschichte Frankreichs eine «collection of legends and unverified traditions», während diejenige
Sabinos viel wohlwollender beurteilt wird (ib., 342). Tatsächlich macht Sabino nichts anderes, als
Riccio zu übersetzen, der wiederum eine gekürzte Fassung Gaguins liefert, cf. unten p. 171.
12
Im folgenden ist vorwiegend dieser Begriff verwendet, obwohl es sich um einen säkularen
Stoff handelt; er hat jedoch eine konkrete Leistung einer bestimmten Person zum Inhalt. Im
Unterschied zu einer «(Gründungs-)Sage» ist dieser Stoff von seiner Erfindung an bewusst
literarisch und historiographisch gestaltet und durch die mündliche Überlieferung inhaltlich kaum
bereichert worden; die präzise historische Einordnung gebietet auch Zurückhaltung bei der
Verwendung des Begriffs «Mythos». Cf. zur Problematik gewisser Termini auch GRAUS (1975),
1-10; die Karlslegende entspricht seinen Kriterien für eine «historische Tradition» (ib., 6f.).
9
Im dritten Teil interessiert die Verwendung dieser rasch gewachsenen Kenntnisse über die französische Geschichte für politische
Zwecke und Argumentationen, sowohl im Verkehr mit Frankreich
selbst wie auch in den Diskussionen italienischer oder allgemein staatlicher Probleme. Dabei wird untersucht, zu welchem Zeitpunkt und
weshalb auf bestimmte Figuren oder Ereignisse der französischen
Geschichte zurückgegriffen wird und wie diese Elemente einer fremden
Vergangenheit die italienischen Reflexionen prägen.
Die verschiedenen Einzeluntersuchungen des vierten Teils zeichnen
nach, wie einzelne Ereignisse und Protagonisten der französischen
Vergangenheit während der italienischen Renaissance überliefert,
beurteilt und diskutiert werden; sie verbinden also deren historiographische und rhetorisch-didaktische Deutung, wie sie in grossen
Zügen in den zwei vorangehenden Teilen aufgezeigt worden ist.
Mit dieser umfassenden Fragestellung ist die vorliegende Arbeit
vorbildlos; frühere Arbeiten behandeln allenfalls die Auseinandersetzung mit Frankreich (und seiner Geschichte) bei bestimmten italienischen Autoren 13 oder aber das italienische Bild von einzelnen
französischen Protagonisten. 14 Etwa gleichzeitig mit mir hat indessen
Patrick Gilly bei Philippe Contamine in Paris eine Thèse begonnen, die
ebenfalls die italienische Beschäftigung mit Frankreich zum Gegenstand hat und die er voraussichtlich 1995 einreichen wird. Gilly
beschränkt sich auf das 15. Jahrhundert und berücksichtigt dafür nicht
nur die Historiographie, sondern die ganze Breite der – vorwiegend –
humanistischen Publizistik. Sein Interesse gilt demnach nicht in erster
Linie der französischen Vergangenheit, sondern überhaupt dem politisch motivierten Interesse der Italiener für das Nachbarvolk und vor
allem an dessen König. In diesem Zusammenhang behandelt Gilly
ausführlich Themen, die in der vorliegenden Untersuchung nicht zur
Sprache kommen, etwa die Diskussion der französischen Monarchie
und das damit zusammenhängende Königsbild, den Franzosen allgemein zugeschriebene Charakterzüge oder die Rolle der Gallier bei
Stadtgründungen in Italien. Inhaltliche Berührungspunkte ergeben sich
dagegen insofern, als wir beide die Ursprungsmythen der Florentiner
und der Franzosen oder auch Aspekte der Kreuzzugsrhetorik behandeln. Die ungeahnte Aktualität des im folgenden behandelten Themas
13
Etwa BEC, Machiavelli (1981) über die Erfahrungen des Florentiner Kanzlers mit Frank-
reich.
14
So MONFRIN (1964) und – sehr unsorgfältig – SHORT (1971) über Karl den Grossen,
HERBST (1911) und DENIS (1979) über Charles VIII oder PICCHI (1982) über Jeanne d’Arc.
10
zeigt sich auch darin, dass ein weiterer Franzose, Marc Smith, 1993 an
der Ecole des Chartes seine Thèse über das Frankreich-Bild im Italien
des 16. Jahrhunderts verteidigt hat. Da diese beiden Untersuchungen
bei Abschluss der vorliegenden Arbeit noch nicht gedruckt vorliegen,
sind gewisse Überschneidungen möglich. Angesichts der unterschiedlichen Ausgangspositionen und Fragestellungen ist dies jedoch vertretbar, ja, eine spätere Konfrontation der Resultate dürfte weitere
interessante Schlüsse ergeben.
Teil I: Der Wiederaufbau von Florenz
durch Karl den Grossen
1. Vorbemerkungen zu den karolingischen Traditionen in
Italien
Karl der Grosse und seine Paladine sind bis heute Figuren der italienischen Tradition und auch Geschichte. Das zeigt sich im volkstümlichen Bedürfnis, lokale Stätten mit dem Wirken Karls des Grossen und
besonders Rolands zu identifizieren – die entsprechenden topographischen Namen sind Legion. 1 Als Charles VIII 1494 gegen Süden
zieht, empfängt ihn der Lokalhumanist Arcuate in Sutri mit dem Hinweis, der berühmte Roland sei in diesem bescheidenen Städtchen des
Latiums zur Welt gekommen! 2 Solche Vorstellungen illustrieren die
Rezeption der französischen Ritterepik und ihre Weiterentwicklung in
Italien, worauf hier nicht näher eingegangen werden kann. 3 Was die
Historiographie betrifft, so ist die Behandlung des Roncesvalles-Stoffes
und der Kreuzzugslegende im nächsten Teil der Arbeit genauer
untersucht.
Von diesem Ereignis einmal abgesehen, existiert kaum eine
Kommunalgeschichte, die nicht den Langobardenkrieg und die Kaiserkrönung behandelt, selbst wenn beide keinen Zusammenhang mit der
Lokalgeschichte haben und ein solcher auch nicht konstruiert wird.
Als – fast ausnahmslos 4 positiv bewerteter – Befreier von den Barbaren
der Völkerwanderung und als Wiedererwecker des Imperiums in Rom
ist Karl auch eine Figur von erstrangiger Bedeutung für ganz Italien.
Dabei fällt auf, dass er fast ausschliesslich als Franzose gesehen wird, 5
was sich auch nicht ändert, als er von deutschen Humanisten
wortgewaltig für ihre Heimat reklamiert wird. Wenn Karl – selten
genug – als Deutscher bezeichnet ist, so geschieht das durch Italiener,
die am Kaiserhof gewirkt haben, etwa Piccolomini oder Balbi, oder
1
Cf. D’ANCONA (1913); zuletzt Sur les traces de Roland (1989).
ARCUATE (1495), 16v/17. Die Geburt Rolands in einer Grotte zu Sutri ist eine Erfindung von
Barberino in den Reali di Francia.
3
Eine Einführung in die Thematik liefert ROSSI (1945), 408-471.
4
Eine bezeichnende Ausnahme bildet MACHIAVELLI (1525), 90, der im Krieg der Franken
gegen die Langobarden den Ursprung ausländischer Einmischung in Italien sieht; die Schuld liegt
in seinen Augen jedoch bekanntlich beim Papsttum und nicht bei den Karolingern. «… [sc. il
papa] ricorse in Francia a quegli re. Di modo che tutte le guerre che dopo questi tempi furono da’
barbari fatte in Italia, furono in maggior parte dai pontefici causate, e tutti e’ barbari che quella
inondorono furono il piú delle volte da quegli chiamati. Il qual modo di procedere dura ancora in
questi nostri tempi; …».
5
Frühe Belege etwa LATINI (1265), 281 (2, 27); G. VILLANI (1333), I, 143 (4, 1) und passim;
UBERTI (1367), 150 (2, 22); D. ACCIAIUOLI (1461), passim; SIMONETTA (1492), 88; CAVRIOLO (1510), 42; SABELLICO (1504), II, 306-310.
2
14
sich an Deutsche richten, wie Biondo in einer Schmeichelrede vor
Friedrich III. oder Bellarmino in seiner Translatio imperii, einer
Entgegnung auf Flacius Illyricus, in der es dem Kardinal nicht um die
Nationalität des Kaisers geht, sondern um die Rolle des Papstes bei der
Kaiserkrönung. 6 Denn auch die «Translatio imperii» wird im
allgemeinen so verstanden, dass die Kaiserkrone von Ostrom auf die
Franken und damit auf die Franzosen übergegangen und erst später von
diesen – allenfalls über den italienischen Umweg der «Berengarii» – zu
den Deutschen weitergewandert sei – «ad Othonem, qui ex Germanis
primus legitimum tenuit imperium». 7 Für diese eindeutige Identifikation der Karolinger mit Frankreich ist neben der sprachlichen Kontinuität im Lateinischen, wo «Franci» Franzosen wie Franken
bezeichnet, bestimmt auch der französische Charakter der breit rezipierten Ritterepik ausschlaggebend. Eine eigenständige ghibellinische
Karlstradition hat sich in Italien auch nach der von Friedrich I. betriebenen Kanonisierung seines Vorgängers nie ausgebildet, ganz im
Unterschied zur frankophilen Florentiner Gründungslegende, um die es
in den folgenden Kapiteln geht.
2. Die Gestaltung der Florentiner Karlslegende durch
Giovanni Villani
Die Legende, wonach Karl der Grosse das von Totila beziehungsweise
Attila zerstörte Florenz wiederaufgebaut haben soll, erfreut sich in
Florenz vom 14. bis zum 16. Jahrhundert grosser Popularität. Ihr
Ursprung ist erst im Vorfeld dieser Untersuchung systematisch untersucht worden. 8 Bis anhin war die Ansicht verbreitet, es handle sich um
6
PICCOLOMINI, Europa (1458), 434; BIONDO, Scritti inediti (1452), 108f.; cf. jedoch
ID. (1458), 174; BALBI (1530), 25v: «sed imperium a Graecis in Gallos aliquando esse translatum,
id vero pernego.»; BELLARMINO (1589), 87-107; 118; vermutlich nach diesem BOTERO (1591), 37.
7
SABELLICO (1504), II, 329: «… zu Otto, der als erster unter den Deutschen legitimerweise
den Kaisertitel trug». Cf. bereits RICCOBALDO (1298), 112; G. VILLANI (1333), I, 140 (3, 20);
BRUNI (1416), 23; BUONINSEGNI (1450), 19; MATTEO PALMIERI (1448), 74; 84; ANTONINO (1459), II, 191v; PLATINA (1474), 169; SIMONETTA (1492), 111v; SCALA (1495), 27;
F. GUICCIARDINI (1540), 422; LOCATI (1576), 125v; T. BOZIO (1591), I, 851; TORSELLINI (1598),
318; ZINANO (1626), 195. Anders dagegen BOSSIO (1492), A. D. 766; SANSOVINO (1580), 124;
BOTERO (1591), 37; DOGLIONI (1606), 372. ASTESANO (1455), 64, verwandelt das «transtulit ad
germanos» in ein «transtulit in gallos»! Noch CAMPANELLA (1635), 57; 113, in seinen
frankophilen Spätschriften greift auf Karl den Grossen zurück, um den Kaisertitel für Frankreich
zu vindizieren.
8
Die gesamte Problematik der Ursprungslegenden des 13. Jahrhunderts und der frühen
florentinischen Historiographie sowie ihrer Integration durch Villani wird von mir in
15
eine lokale mündliche Überlieferung, die erst relativ spät schriftlich
fassbar geworden sei; man hat ihr Entstehen auch im Umfeld der karolingischen Ritterepik deuten wollen. 9 Tatsächlich ist aber die Karlslegende das Produkt eines konkreten politischen Bedürfnisses und der
visionären Gestaltungskraft eines Florentiner Chronisten, der seiner
aufstrebenden Heimatstadt eine ruhmvolle und abwechslungsreiche
Vergangenheit schafft, obwohl, oder vielmehr weil diesbezüglich im
Unterschied zu den Konkurrentinnen Neapel, Rom oder Mailand keine
antiken oder frühmittelalterlichen Quellen vorliegen.
Giovanni Villani verfasst mit seiner Nuova Cronica die erste eigentliche Geschichte von Florenz; vermutlich schreibt er sie vor allem in
den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts, um sie 1333 in einer ersten
Version vorzulegen 10 und bis zu seinem Tod in der Pest von 1348 fortzuführen. Wie der Kaufmann selbst erzählt, kommt ihm die Anregung
zu seinem Werk anlässlich des kirchlichen Jubeljahres von 1300; beim
Anblick der Ruinen in der ewigen Stadt wird ihm bewusst, dass seine
Heimatstadt Florenz, Geschöpf und damit gleichsam «figliuola» des
antiken Rom, an die Stelle der Mutter getreten ist. 11 Die MutterTochter-Metapher im Verhältnis zu Rom hat Villani nicht selbst erfunden; auch sonst greift er durchaus auf älteres Material zurück, das er zu
einer auch ideologisch stimmigen Gesamtschau des historischen Werdens seiner Heimatstadt verarbeitet. Zwei Werke vor allem sind es, die
ihm eine Darstellung der Zeit bis etwa 1200 ermöglichen, aus der kaum
authentische Nachrichten über Florenz erhalten sind: die florentinische
Chronica de origine civitatis und die bekannte Chronica summorum
pontificum imperatorumque des an der Kurie wirkenden Dominikaners
Martinus Polonus.
Dessen Chronik ist simpel, unsorgfältig und bedingungslos guelfisch, liefert aber ein übersichtliches Gerüst der europäischen
Geschichte von Christi Geburt bis zum Abfassungsjahr 1277 und
erfreut sich im Spätmittelalter grösster Beliebtheit; besonders stark
MAISSEN (1994) ausführlich behandelt; die entsprechenden Ergebnisse sind im folgenden
zusammengefasst, soweit sie für die karolingische Legende von Bedeutung sind. Auf den Aufsatz
selbst wird in diesem Kapitel nicht mehr besonders verwiesen, wohl aber auf die übrige Literatur.
9
Cf. CANESTRINI/DESJARDINS (1859), XII: «Florence avait gardé confusément la mémoire de
cet éminent service [sc. l’affranchissement de l’Italie par Charlemagne] …»; DAVIDSOHN,
Geschichte (1896), I, 76, spricht von «naivem Volksglauben»; ähnlich HARTWIG (1875), XVII;
VILLARI (1905), 66; RUBINSTEIN (1942), 199; 202; 207 n. 1. Erst DAVIS (1988), 50, kann sich eine
Erfindung durch Villani vorstellen, geht aber der Problematik nicht weiter nach.
10
PORTA (1986), 40; cf. zur Entstehungsgeschichte auch GREEN (1972), 16; 164-169.
11
G. VILLANI (1333), II, 58 (9, 36).
16
verbreitet ist sie und ihre italienische Übersetzung in Florenz, wo noch
heute etwa zwanzig Handschriften vorhanden sind. 12 Sie bildet die
Basis für die allmähliche Herausbildung der lokalen Historiographie: In
Florenz wird sie ins Italienische übertragen und sukzessive um
Begebenheiten der Florentiner Geschichte erweitert.
Die anonyme Chronica de origine civitatis entsteht bereits 1228
während der Florentiner Kriege gegen Pisa, Pistoia und Siena um die
Vorherrschaft in der Toskana; hinter Florenz steht Gregor IX. in Rom,
hinter den ghibellinischen Feinden der 1227 exkommunizierte Kaiser
Friedrich II. In dieselbe Zeit fällt auch die gewaltsame Verlegung des
Fiesolaner Bischofssitzes in die Arnostadt; um diesen Willkürakt zu
beschönigen, entwirft ein anonymer Florentiner in der kurzen Chronik
eine märchenhafte Vision der Weltgeschichte. Nach der Schöpfung
gründet «Attalans» Fiesole als erste Stadt der Welt; sein Sohn
Dardanus errichtet Troja, von wo Aeneas flieht und Rom erbaut. Dort
treibt Catilina sein Unwesen, worauf er bei Fiesole besiegt wird. Nach
dieser sallustianischen Reminiszenz beginnt die eigentliche Lokalgeschichte: Die Konsuln Metellus und Fiorinus belagern Fiesole, doch
Fiorinus wird bei einem Ausfall der Fiesolaner erschlagen. Darauf
übernimmt Julius Caesar die Belagerung, die Stadt ergibt sich nach
sieben Jahren und wird zerstört; die Bewohner werden zusammen mit
römischen Zuwanderern dort neu angesiedelt, wo Fiorino getötet
worden ist. Diese neue Stadt wird «ad similitudinem urbis Romae»
gebildet und nach dem gefallenen Konsul «Florentia» benannt. Fünfhundert Jahre später zieht «Badam» durch die Toskana, «qui Totila
flagellum Dei fuit vocatus»; er belagert Florenz zuerst vergeblich,
erobert es dann durch gemeine List, ermordet die Einwohner und
zerstört die Stadt. Dafür lässt er Fiesole wieder aufbauen, um seinen
Feinden, den Römern, zu schaden. Nachdem er weiterzieht und in den
Maremmen stirbt, bauen die Römer Florenz sogleich wieder auf, um
ein Gegengewicht zu Fiesole zu haben. Nach weiteren fünfhundert
Jahren erobern die Florentiner die Hügelstadt endgültig. 13
Die Chronica de origine datiert die Gemeinsamkeiten zwischen den
guelfischen Verbündeten Florenz und Rom bis auf die Gründung der
Arnostadt zurück und führt sie von da an – unausgesprochen – parallel
weiter. Das literarische Modell für Totilas Zerstörung von Florenz ist
nämlich die Beschreibung der Gotenzüge gegen Rom durch Marcel12
13
Cf. SANTINI (1903), 29-35; auf pp. 81-87 gibt er eine Liste der Florentiner Handschriften.
Chronica de origine (1228), 37-64.
17
linus Comes oder Iordanes; ihnen entnimmt der Anonymus die
entscheidenden Grundelemente seiner märchenhaft ausgeschmückten
Schilderung, münzt sie aber alle auf seine Heimatstadt um. 14 Die
Chronica de origine erfreut sich in Florenz einiger Popularität; sie wird
wiederholt abgeschrieben, übersetzt und auch leicht ausgebaut, vor
allem im sogenannten Libro Fiesolano. 15 Anspielungen auf die
Legende finden sich etwa bei Dante; allerdings nennt er den Barbaren
«Attila», obwohl in der Chronica de origine bestimmt der Gote Totila
gemeint gewesen ist, allerdings ohne dass er als historische Figur sehr
präzise fassbar wird. 16 Diese Verwechslung ist bereits bei Polonus
angelegt, der den Hunnenkönig des fünften Jahrhunderts mit beiden
Namen bezeichnet. 17
Es gilt jedoch festzuhalten, dass auf eine Neugründung des zerstörten Florenz durch Karl den Grossen nirgends auch nur eine Anspielung zu finden ist: nicht in der Divina Commedia, und ebensowenig im
Filocolo, Boccaccios Erstling, den er um 1338 in Neapel niederschreibt. Und das, obschon in beiden Werken sowohl die legendäre
Gründung und die Zerstörung erwähnt sind als auch, in anderem
Zusammenhang, der fränkische Kaiser mit hohem Lob bedacht wird. 18
Als sich Giovanni Villani in den zwanziger Jahren des
14. Jahrhunderts an die Redaktion der Nuova Cronica macht, spielt
Karl der Grosse also noch gar keine Rolle in der Lokalgeschichte; es
besteht jedoch bereits eine Tradition der Polonus-Bearbeitung in
Florenz. Infolge des engen guelfischen Bündnisses mit Frankreich ist
dabei auch einiges Material zur französischen Vergangenheit aufgenommen worden, etwa der Königskatalog, direkt oder indirekt aus dem
Speculum historiale des Vincent de Beauvais; eingefügt findet er sich
etwa bei Brunetto Latini und Thomas Papiensis anlässlich der
«Translatio imperii» an den Franken. 19 Villani ist indessen der erste,
welcher die ihm vorliegende – vermutlich bereits mit Informationen
14
Cf. MARCELLINUS COMES (545), 107f.; IORDANES (551), 50; ausführlicher zur Adaption der
spätantiken Vorlagen MAISSEN (1994).
15
Libro Fiesolano (1320), 37-64. Otto Hartwig druckt die Chronica de origine, ihre italienische Übersetzung und den Libro Fiesolano synoptisch ab.
16
DANTE, Inf. 13, 148-150; cf. 12, 134; 15, 61-78, und Par. 15, 125-126.
17
MARTINUS POLONUS (1278), 418; ausführlich erörtert wird die häufige Verwechslung von
«Attila» und «Totila» in MAISSEN (1994).
18
Cf. BOCCACCIO (1338), 302 (3, 33); 598f. (5, 39); hätte Boccaccio die Legende gekannt, so
wäre ihre Integration um so eher zu erwarten, als er den Kaiser mit Charles d’Anjou vergleicht,
dem anderen Wohltäter von Florenz und Grossvater des neapolitanischen Königs Roberto, der im
Filocolo höchstes Lob erfährt.
19
LATINI (1265), 46f.; THOMAS PAPIENSIS (1278), fol. 79v/80.
18
über Frankreich angereicherte – Polonus-Handschrift mit der Chronica
de origine verwebt, ja sie zu einer intelligenten Geschichtsvision
kombiniert.
Der Chronist thematisiert ausdrücklich den Ursprung seiner Vaterstadt, von dem kaum Zeugnisse erhalten seien, möglicherweise weil sie
verlorengingen, als Totila Florenz zerstört habe. 20 Unter diesen
Umständen folgt Villani weitgehend der Chronica de origine, ohne
seine Vorlage je zu nennen. Auch formuliert er völlig eigenständig und
erweitert ihre knappe Schilderung, wo es ihm sinnvoll scheint. Bis zur
Zerstörung von Florenz weicht er inhaltlich kaum von seiner Vorlage
ab; er nennt den Barbarenkönig – wie die Chronica de origine –
«Totila», meint indessen – wie schon Dante – eigentlich den historischen Attila. 21
Während aber in der Chronica de origine die Stadt sogleich von den
Römern und bei Dante von den «cittadini» wieder aufgebaut wird, liegt
sie bei Villani mehr als dreihundert Jahre lang brach.22 Dann, im kaiserlichen Krönungsjahr 801, schicken Adlige aus dem Contado,
Abkömmlinge der ältesten Florentiner Familien, Gesandte «a Carlo
imperadore, e a papa Leone, e a’ Romani»; 23 sie zu schädigen («in
dispetto de’ Romani») haben ja ihrerzeit die Barbaren Florenz zerstört.
Sogleich entsenden Karl und die Römer Truppen und die besten
Handwerker zum Wiederaufbau, erneut «al modo di Roma», allerdings
«di minore sito», kleiner als zuvor; ihnen folgen Vertreter der vornehmsten römischen Geschlechter, um sich wie einst unter Caesar in
Florenz niederzulassen, und die Nachkommen der Flüchtlinge sowie
Bauern des Contado, die nunmehr Fiesole nicht mehr zu fürchten
brauchen. Villani beruft sich auf angebliche «croniche di Francia»,
wonach Karl auf der Rückreise von Rom im Jahre 805 Ostern im
neuerrichteten Florenz verbracht, bei dieser Gelegenheit Ritter
geschlagen und die Kirche SS. Apostoli in Borgo gestiftet und
beschenkt habe, um zuletzt die Gemeinde wie die Bürger frei und
exemt zu sprechen. Ebenfalls auf Geheiss des Kaisers übernimmt die
20
G. VILLANI (1333), I, 3 (1, 1): «spezialmente dell’origine e cominciamento della città di
Firenze».
21
Die Charakterisierung Totilas bei G. VILLANI (1333), I, 95-101 (3, 1-3), übernimmt
diejenige Attilas bei MARTINUS POLONUS (1278), 201-205, der wie erwähnt die Namen der beiden
Barbaren synonym verwendet.
22
Chronica de origine (1228), 59; DANTE, Inf. 13, 148f.; G. VILLANI (1333), I, 141 (3, 21).
23
G. VILLANI (1333), I, 143 (4, 1).
19
Stadt das Regierungssystem des (antiken) Rom mit zwei Konsuln und
100 Senatoren. 24
In diesen neuen Elementen, mit denen Villani die Ursprungslegende
ausbaut, fliessen verschiedene historiographische Traditionen zusammen:
1. Wie erwähnt haben bereits anonyme Bearbeiter die Papstchronik
des Martinus Polonus um Nachrichten über die französische Vergangenheit erweitert. Villani geht darin noch weiter, «imperò che la loro
signoria si mischia molto ne’ nostri fatti della città di Firenze». 25 Indem
er die trojanische Herkunftssage der Franken und die Genealogie des
französischen Königshauses gleich vor der Flucht des Aeneas aus dem
brennenden Troja behandelt, setzt Villani Römer und Franzosen
parallel – und damit deren erhabenste Vertreter, Julius Caesar, den
Gründer von Florenz, und Karl den Grossen, der die Stadt wiederaufbauen lässt. Zudem ist der Kaiser nicht nur – wie ja in Italien
üblich – selbstverständlich als Franzose angesehen, sondern noch
zusätzlich «französisiert»: Während Karl bei Martinus Polonus nach
seinem mythischen Kreuzzug wertvolle Reliquien in Aachen niederlegt, tut er dies gemäss Villani in Paris. 26
2. Dieser französische Karl hat in Italien bereits im 13. Jahrhundert
eine neue Aktualität gewonnen. Die millenaristische Publizistik in der
Tradition des Gioachino da Fiore hat während des angevinisch-staufischen Konflikts unter anderem die Prophetie eines zweiten Karls des
Grossen entwickelt, der sich dem deutschen Tyrannen, einem dritten
Friedrich, entgegenstellen, die Kirche reformieren und das heilige Land
befreien werde. In dieser Optik gilt der fränkische Kaiser als
Präfiguration von Charles d’Anjou; bereits Urban IV., der den Anjou in
das Land ruft, vergleicht ihn mit dem Karolinger. 1277 erkennt der
Chronist Andreas Ungarus im Sieger von Benevent einen zweiten Karl
und eschatologischen Herrscher, während die Anjou selbst mit ihren
Kreuzzugplänen den Mythos verstärken und ihre Erstgeborenen jeweils
«Charles» taufen. Im 14. Jahrhundert wird die Prophezeiung in
Frankreich aufgenommen und auf die dortige Dynastie gemünzt. Mit
24
G. VILLANI (1333), I, 143-151 (4, 1-3); 150 (4, 3).
G. VILLANI (1333), I, 29 (1, 20): «… weil ihre [sc. der Franzosen] Herrschaft viel bei
unseren Ereignissen in der Stadt Florenz mitmischt».
26
G. VILLANI (1333), I, 24-29 (1, 18-20); 128f. (3, 13). Auch sind die Franken von der
Auswanderung bis zur Vertreibung durch Valentinian «Galli», ib., I, 24 (1, 18), für LATINI (1265),
46, nach GOTTFRIED VON VITERBO (1187), 201; 301, hingegen «Germani». Cf. auch unten
p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
25
20
wechselnder Form und Identifikation bleibt sie bis ins 16. Jahrhundert
verbreitet und einflussreich. 27
3. Ganz im Sinn dieser Prophezeiung erfindet Villani die Elemente
seines Wiederaufbaus nicht neu, sondern er projiziert sie typologisch
rückwärts – Karl der Grosse wird gleichsam zum Typus von Charles
d’Anjou ausgestaltet. Im achten Buch schildert der Chronist, wie Papst
Clemens IV. den «buono re» Charles d’Anjou gegen den Tyrannen
Manfred zu Hilfe ruft, ihn in Rom krönt, wo die Gesandten der verbannten guelfischen Florentiner «graziosamente» empfangen werden,
die in Charles ihre persönliche Stütze erkennen und ihn auf seinem
Feldzug begleiten. Dank dem Sieg bei Benevent und der angevinischen
Übermacht können die vertriebenen Florentiner Bürger wieder in die
Heimat zurückkehren, und Charles beschützt sie nunmehr gegen die
Ghibellinen der Toskana; Florenz wird «d’ordine e di consigli» neu
eingerichtet. Während eines Aufenthalts in Florenz schlägt der König
von Neapel viele Florentiner zu Rittern, und der Papst stiftet in seiner
Gegenwart die Kirche S. Gregorio. 28
Ganz analog hat auch Papst Leo III. den «buono Carlo Magno imperadore di Roma e re di Francia» gegen die römischen Rebellen zu Hilfe
gerufen, wie es zuvor schon Papst Hadrian gegen den langobardischen
Tyrannen Desiderius getan hat. Leo krönt Karl in Rom, wo die
Gesandten der vertriebenen Florentiner «onerevolemente» empfangen
werden, die in Karl ihre persönliche Stütze erkennen. Dank der materiellen Unterstützung der Römer und der karolingischen Übermacht
können die vertriebenen Florentiner Bürger in die Heimat zurückkehren, und Karl beschützt sie gegen die Fiesolaner und den feindlich
gesinnten toskanischen Adel; in Florenz wird die römische Regierungsform übernommen. Während eines dortigen Aufenthalts schlägt
der Kaiser viele Florentiner zu Rittern, und er lässt die Kirche
SS. Apostoli errichten. 29
Quello Carlo [sc. d’Angiò] fu il più temuto e ridottato signore, e il più
valente d’arme e con più alti intendimenti, che niuno re che fosse nella
27
ANDREAS UNGARUS (1272), 561; cf. SCHALLER (1982), 441-444, sowie das Standardwerk
zur joachimitischen Prophetie, REEVES (1969), insbes. 313f.; 320-331.
28
G. VILLANI (1333), I, 396f. (7, 88): Papst; 412 (8, 5): Krönung; 407 (8, 2): Gesandte; 437
(8, 15): Rückkehr; 445 (8, 21): Schutz; 439-441 (8, 16f.): Reform; 445 (8, 21) und schon 420 (8,
8): Ritterkür; 479 (8, 42): S. Gregorio.
29
G. VILLANI (1333), I, 127 (3, 13) und 133 (3, 15): Papst; 133 (3, 15): Krönung; 143 (4, 1):
Gesandte; 144 (4, 1): Rückkehr und Schutz; 151 (4, 3): Regierungsreform; 150 (4, 3): Ritter und
SS. Apostoli.
21
casa di Francia da Carlo Magno infino a llui, e quegli che più esaltò la
Chiesa di Roma; … 30
4. Mit dieser Präfiguration des Anjou sind die meisten erzählerischen
Elemente von Villanis Beschreibung der karolingischen Neugründung
erklärt. Es bleiben noch einige zweitrangige, von denen sich nicht alle
eindeutig klären lassen. Die ausführliche – und für unsere Kenntnisse
der frühen florentinischen Topographie nach wie vor wichtige –
Beschreibung der neugegründeten Stadt beruht auf der kürzeren in der
Chronica de origine, ist allerdings präziser, vermutlich aufgrund
persönlicher Beobachtungen Villanis. Was die «filii Giovanni, e’ filii
Guineldi, e’ filii Ridolfi» anbetrifft, die angeblich die Gesandtschaft
der Vertriebenen nach Rom organisieren, 31 handelt es sich wohl um
eine Anspielung auf Zeitgenossen des Chronisten, die für uns nicht
mehr nachzuvollziehen ist. Allerdings gehören genaue Namen auch zu
den verschiedenen Mitteln, die Villani sehr geschickt einsetzt, um den
Leser von der Authentizität und Präzision seiner Ausführungen zu
überzeugen. 32 Dazu zählen ausserdem die Berufung auf vom Kaiser
angeblich zugestandene Privilegien und Steuerbefreiungen, die auf den
Tag genauen, aber völlig imaginären Daten von Gründung, Zerstörung
und Wiederaufbau 33 sowie der Verweis auf angebliche «croniche di
Francia» als Vorlage. Ein nicht allzu pedantischer Leser bezieht diese
Quellenangabe auf den gesamten Wiederaufbau von Florenz; bei
genauerem Hinsehen gilt sie aber nur für den Florentiner Aufenthalt
Karls an Ostern 805. Allerdings ist auch daran nichts Wahres – die
Annales regni Francorum und nach ihnen etwa Adémar de Chabannes
und die Grandes Chroniques erwähnen nur einen Besuch Karls an
Weihnachten 786. 34
5. Das zentrale Element, der Wiederaufbau selbst, ist bereits in der
Chronica de origine enthalten und müsste deshalb nicht einmal unbedingt durch ein literarisches Vorbild angeregt sein. Gleichwohl ist sehr
30
G. VILLANI (1333), I, 557 (8, 95): «Dieser Charles war der gefürchtetste und geachtetste
Herrscher, und der waffengewaltigste und derjenige mit den vornehmsten Vorsätzen von allen
Königen des französischen Herrscherhauses seit Karl dem Grossen, und derjenige, der die
römische Kirche am meisten erhöhte …».
31
G. VILLANI (1333), I, 143 (4, 1); 179 (5, 10).
32
Cf. dazu ausführlicher unten p. 28. Ausser bei der Gesandtschaft in G. VILLANI (1333), I,
143 (4, 1), finden sich nur die ersten beiden Familien im Rahmen der Stadtbeschreibung noch
einmal erwähnt, ib., I, 179 (5, 10).
33
G. VILLANI (1333), I, 62 (2, 1): 70 v. Chr.; 98 (3, 1): 28. Juni 450; 145 (4, 1): Anfang April
801.
34
Annales Francorum (829), 168f.; ADÉMAR (1034), 80; Grandes Chroniques (1274), III, 57.
22
wahrscheinlich, dass Villani wenigstens eine Anregung zu seiner
Konstruktion wiederum der martinschen Chronik oder ihren Florentiner
Bearbeitern verdankt. Der häufig sehr flüchtige Martinus Polonus
schreibt in der Papstrubrik des Jahres 771: «… Karolus magnus …
veniens Romam … patricius Rome est effectus. Hic restauravit
Sanctum Anastasium ad aquam Salviam post incendium. Hic edificavit
turres et muros urbis Rome. Hic portas ereas maiores dedit sancto
Petro». Offensichtlich muss mit «hic» Papst Hadrian gemeint sein. 35
Grammatikalisch gesehen ist jedoch das Subjekt des ersten Satzes, Karl
der Grosse, auch der folgende «hic», der S. Anastasio aufbaut, Türme
und Mauern errichtet und Tore stiftet. Dass es sich hierbei nicht um
philologische Haarspalterei, sondern tatsächlich um ein potentielles
Missverständnis handelt, beweist unter anderem ein anonymer DanteGlossator gegen Ende des 14. Jahrhunderts, der sich bei der Kommentierung von Karl dem Grossen auf die Chronica Martiniana beruft und
schreibt: «Costui reedificò le torri et i muri della città di Roma.» 36 Das
gleiche gilt mit aller Wahrscheinlichkeit für Villani – die Stelle gibt
ihm vermutlich die entscheidende Anregung, das Schicksal von Florenz
nach dem von Rom auszugestalten. Mit dieser bewussten Projektion
von der ewigen auf die heimatliche Stadt imitiert Giovanni Villani –
unbewusst – die Technik der Chronica de origine: Dort war die
Zerstörung von Florenz Totilas Eroberung von Rom nachgebildet, hier
ist der Wiederaufbau der Stadt Karls angeblichen Wohltaten für die
Stadt der Päpste nachempfunden. Abgesehen davon, dass das Schicksal
Roms für Villani und seine Zeitgenossen durchaus noch
exemplarischen und allgemeingültigen Charakter hat, ist diese Projektion auch durch die historiographische Vision des Chronisten gerechtfertigt: Seine blühende Heimatstadt, die «figliuola», ist an die Stelle der
35
MARTINUS POLONUS (1278), 426f.: «… Karl der Grosse kam nach Rom und wurde zum
Patricius von Rom gemacht. Er stellte S. Anastasio ‹ad aquam Salviam› nach einem Brand wieder
her. Er baute Türme und Mauern für Rom. Er gab St. Peter grössere Tore aus Erz.» Der folgende
Abschnitt lautet: «Adrianus vero papa tam intra Romam quam extra multas ecclesias restauravit.
Verum etiam et muros Romane urbis, qui diruti erant et usque ad fundamenta destructi, renovavit».
Eine ganz ähnliche Verwirrung unter Leo III. folgt auf p. 427.
36
ANONIMO FIORENTINO (1390), 653: «Dieser baute die Türme und die Mauern der Stadt Rom
wieder auf». Cf. ausserdem zwei Martinus-Bearbeitungen: PSEUDO-BRUNETTO (1314), fol. 32:
«Poi venne & fu fatto patritio di Roma. Elli hedifico torri e mura in Roma, et diede le grande porti
di metallo alla chiesa di Sanpiero.»; PSEUDO-PETRARCA (1313) im BRF 1938, fol. 34v: «E questi
fu fatto patrice di roma. Questi ristoro la chiesa di santo anastagio. Questi fece fare tre mura della
citta di roma.» Es könnte sein, dass dieser Codex Villani vorgelegen hat.
23
Gründerin und Mutter, des absteigenden Rom getreten, hat in der
Weltgeschichte gleichsam deren Nachfolge angetreten. 37
6. Damit ist bereits angedeutet, dass Villani seine Karlslegende
anhand eines geschichtstheoretischen Konzepts einfügt, nach dem er
bereits den Rest seiner Chronik konzipiert und auch anderen Stoff
eingepasst hat; so etwa die Figur des Goten Radagaisus, den seine
Florentiner Vorgänger nicht kennen, Villani jedoch bei Orosius entdeckt hat und zum Vorgänger Totilas stilisiert. 38 Die Nuova Cronica
integriert die Lokalgeschichte von Florenz in eine umfassende Vision
der Weltgeschichte, wobei der Dualismus Augustins und Dantes Interpretation seiner Heimatstadt die entscheidende Rolle spielen. Vom
Dichter übernimmt der Chronist die Vorstellung eines Florenz eingeborenen Konflikts, der im Patron Mars ausgedrückt wird, auch wenn
Villani im Unterschied zu Dante den heidnischen Gott nur als Symbol
und nicht als wirklichen Lenker des Stadtgeschicks ansieht. 39 Die
wahre Ursache der ewigen «discordie e mutazioni» in Florenz besteht –
wie auch Dante in Inferno 15, 61-78, verkündet – in der Natur und Erbanlage der ersten Einwohner, «diversi in ogni costume»: einerseits die
«nobili Romani virtudiosi», andererseits die «Fiesolani ruddi e aspri di
guerra». 40 Diese poetische Gegenüberstellung des verhängnisvollen
Florentiner Zwiespalts entnimmt Dante der Chronica de origine,
wonach Caesar im neugegründeten Florenz die besiegten Fiesolaner
und römische Einwanderer ansiedelt. 41 Während aber dort die Fiesolaner keineswegs negativ beschrieben sind, vielmehr die erzwungene
Verlegung ihres Bischofssitzes nach Florenz als Vereinigung zweier
vorübergehend getrennter Zwillinge kaschiert werden soll, werden sie
von Dante und dann von Villani konsequent schlechtgemacht, und ihre
böse Natur erhält die Verantwortung für die späteren Bürgerzwiste in
37
Cf. die berühmte Stelle bei G. VILLANI (1333), II, 58 (9, 36), über den Niedergang von Rom
und das «montare» der Tochter Florenz; diese Verwandtschaft bereits ib., I, 62f. (2, 2); 66 (2, 4);
auch ib., I, 143 (4, 1).
38
G. VILLANI (1333), I, 91f. (2, 24); cf. OROSIUS (417), III, 110 (7, 37, 12).
39
Cf. DANTE, Inf. 13, 143-150; die Ablehnung des darin latenten Heidentums bei
G. VILLANI (1333), I, 145f. (4, 1). Bei ihm wird Florenz bei «Camarte, overo campo o domus
Marti» gebaut, ib., I, 53 (1, 35); 59 (2, 1); die Christianisierung wird durch die Weihung des
Marstempels manifestiert, cf. ib., I, 89 (2, 23) und DAVIS (1988), 41-46; Bondelmonte wird «a piè
del pilastro ov’era la ’nsegna di Mars» umgebracht; damit: «si cominciò parte guelfa e ghibellina
in Firenze»; cf. G. VILLANI (1333), I, 268 (6, 38).
40
G. VILLANI (1333), I, 62 (2, 1): «die edlen und tugendhaften Römer», «die rauhen und
kriegerischen Fiesolaner»; fast identisch p. 146 (4, 1); cf. auch p. 174 (5, 7).
41
Chronica de origine (1228), 54f.; cf. G. VILLANI (1333), I, 62f. (2, 2).
24
Florenz zugeschrieben. 42 Die Fiesolaner und die Florentiner finden sich
bei Villani von allem Anfang in den zwei entgegengesetzten Lagern der
Heilsgeschichte. Die Hügelstadt verbündet sich nicht nur mit dem
Rebellen Catilina: «I Fiesolani sempre si tennono co’ Gotti, e poi co’
Longobardi, e con tutti i ribelli e nemici dello ’mperio di Roma e di
santa Chiesa», als da sind Arianer, Sarazenen, die schismatischen
Kaiser in Byzanz und Deutschland (nach Heinrich III.), Manfred und
die Ghibellinen. Zu den Mächten des Guten gehören dagegen, neben
Florenz, der Papst und die ersten Kaiser des Westreichs, Troja und
Rom, Italien und Frankreich, Charles d’Anjou und die Guelfen. Die
entsprechenden Allianzen und Gegensätze durchziehen und prägen die
Nuova Cronica. 43 Totila wird so gleichsam zum Archetyp des grausamen Tyrannen, eine Präfiguration von Manfred oder von Gauthier de
Brienne. Das Konzept ist allerdings ambivalent, indem der Gote
zugleich als «flagellum Dei» die vom Arianismus befallenen Italiener
bestrafen muss; insofern ist er der Überschwemmung von 1333 zu
vergleichen, die der Chronist als Strafe Gottes deutet. 44 Totila gegenübergestellt ist Karl der Grosse, der ideale «re giusto», ideal aber auch
für Villanis Komposition. In ihm fliessen die kaiserlich-römische
Tradition Caesars (also der ersten Gründung) mit derjenigen des französischen Königshauses zusammen, der guelfischen Verbündeten von
Florenz; auch die trojanischen Ursprünge beider Institutionen sind in
ihm vereinigt, der er wiederum Charles d’Anjou präfiguriert, den
zweiten Neuordner von Florenz.
Damit jedoch nicht genug: Wenn Villani seine historiographischen
Vorlagen nach seinem dualistischen Weltbild und mit seinen typologischen Techniken zusammenfügt, so geschieht das in einer ganz
präzisen historischen Situation, in der seine Konstruktion auch gefragt
ist. Sie ist nicht einfach Ausdruck einer grundsätzlichen guelfischen
Frankophilie, im Gegenteil: Villani ist wohl schwarzer Guelfe, aber ein
entschiedener Gegner der ewigen Parteienkämpfe; und sein Urteil über
Charles de Valois, Philippe IV und insbesondere Gauthier de Brienne
42
Cf. G. VILLANI (1333), I, 49f. (1, 31): «E venuto là Catellina, la detta città [sc. Fiesole] da
la signoria de’ Romani fece rubellare …»; die Fiesolaner nehmen auch an der Schlacht gegen die
Römer teil. Nichts davon findet sich in der Chronica de origine (1228), 49f.
43
G. VILLANI (1333), I, 142 (3, 21): «… die Fiesolaner hielten es immer mit den Goten, dann
mit den Langobarden und allen Rebellen und Feinden des römischen Imperiums und der Heiligen
Kirche …»; cf. weiter ib., I, 62f. (2, 2); 66 (2, 4); 74 (2, 7); 93 (2, 24); 96 (3, 1); 99 (3, 2); 102 (3,
4); 122 (3, 10); 125 (3, 12); 126 (3, 13); 141 (3, 21); 156 (4, 5).
44
G. VILLANI (1333), I, 101 (3, 3).
25
ist sehr hart. 45 Nicht dem in seiner Zeit ohnehin wenig aktuellen
Bündnis mit dem französischen König gilt die Erfindung, sondern
einem anderen Fürsten – was die Struktur der Nuova Cronica aufzeigt.
Die Kapitel, welche Karls Wiederaufbau beschreiben, gehören nämlich offensichtlich nicht zur ersten Fassung der Nuova Cronica, sondern
werden erst nachträglich eingefügt. Sie unterbrechen die Geschichte der
(deutschen) Kaiser des 10. Jahrhunderts an einem inhaltlich kaum
gerechtfertigten Ort, einiges später als die Schilderung der
authentischen Taten Karls des Grossen. 46 Villani spaltet mit dieser
nachträglichen Einfügung sein einigermassen homogenes drittes Buch
und beginnt für den Wiederaufbau ein neues, das vierte und mit nur
fünf Kapiteln bei weitem kürzeste von allen. 47 Die unterschiedliche
Länge auch der anderen Bücher zeigt, dass sie nach inhaltlichen Kriterien gegliedert sind – das erste Kapitel ist meistens programmatisch,
indem es einen gewichtigen Einschnitt in der Florentiner Geschichte
markiert: so zum Beispiel Gründung, Zerstörung, Wiederaufbau,
Ankunft von Charles d’Anjou, Krönung von Heinrich VII., die Überschwemmung von 1333.
Das elfte Buch beginnt nun seinerseits mit der «venuta in Firenze di
Carlo duca di Calavra figliuolo del re Roberto, per la cui venuta fu
cagione che lo re eletto de’ Romani venne de la Magna in Italia». 48
Die darin beschriebene Zeit fällt in die intensivste Periode in Villanis
politischem Leben: 1316, 1321 und 1328 ist er jeweils zum Prioren
gewählt worden. Florenz sieht sich der existentiellen Bedrohung durch
45
G. VILLANI (1333), II, 15 (9, 4); 51 (9, 31); 59 (9, 37); 82 (9, 50); 184 (9, 92); 268f. (10, 66)
usw.; cf. GREEN (1972), 16-25.
46
G. VILLANI (1333), I, 126-162 (3, 13-5, 1): Der Chronist behandelt Karl den Grossen in den
Kapiteln 3, 13 und 3, 15; dann dessen erste Nachfolger (3, 14 und 16), die Sarazenen (3, 18f.), die
letzten Karolinger als Kaiser (3, 19) und als Könige von Frankreich (3, 20). Jetzt müsste das
Kapitel 4, 4 folgen: «Come e perché lo ’mperio di Roma tornò agl’Italiani» sowie die folgenden
Kapitel zu Otto I. und der allgemeinen Weltgeschichte. Doch am Ende von 3, 20, kündigt Villani
an, p. 140f.: «Lasceremo le storie de’ Franceschi e torneremo a nostra materia adietro, per contare
come la città di Firenze fu rifatta …», um kurz den trostlosen Zustand seiner Heimatstadt in den
Jahrhunderten nach Totila zu beschreiben (3, 21). Es folgt der Wiederaufbau durch Karl (4, 1-4, 3)
und am Ende, p. 152: «Lasceremo ora alquanto de’ fatti di Firenze, e brievemente racconteremo
gl’imperadori italiani che regnarono in que’ tempi, apresso la vacazione de’ Franceschi, che cc’è
di nicessità, imperciò che per la loro signoria molte mutazioni ebbe in Italia, tornando poi a nostra
materia.»
47
Das erste Buch hat 37 Kapitel, das zweite 24, das dritte 21; es bestand aus 22, bevor das
vierte Buch aus der Legende und den letzten zwei Kapiteln des dritten Buches gebildet wurde; an
ihre Stelle trat das jetzige Übergangskapitel 3, 21. Das fünfte Buch hat 38 Kapitel, das sechste 42;
das zehnte dann deren 356!
48
G. VILLANI (1333), II, 521 (11, 1): «Die Ankunft von Carlo, dem Herzog von Kalabrien und
Sohn des Königs Roberto, in Florenz, was der Grund dafür war, dass der gewählte König der
Römer von Deutschland nach Italien kam».
26
Castruccio Castracane gegenüber, den kaiserlichen Vikar und Anführer
der toskanischen Ghibellinen, in Villanis Worten ein «valoroso e
magnanimo tiranno … molto aventuroso di sue imprese, e molto
temuto e ridottato … uno grande fragello a’ suoi cittadini, e a’ Fiorentini …; assai fu crudele in fare morire e tormentare uomini» – ein
zweiter Totila! 49 Er besiegt die Florentiner am 23. September 1325 in
der Schlacht von Altopascio, worauf diese in äusserster Verzweiflung
und gegen innere Widerstände den Herzog von Kalabrien und Sohn des
neapolitanischen Königs Roberto d’Angiò, auf zehn Jahre zum Signore
wählen – einen dritten Karl! In Begleitung des Kardinallegaten hält
Carlo am 30. Juni 1326 triumphalen Einzug in Florenz, und sein
prächtiger Hofstaat weckt in den Florentinern die Erwartung, ebenso
eindrückliche militärische Taten würden folgen. In der Zwischenzeit
hat sich nämlich die Gefahr verdoppelt: Villani berichtet, dass die
Ghibellinen der Toskana Ludwig den Bayern zu Hilfe rufen. 50 Ludwig
der Bayer hat auch seine eigenen Gründe für den Italienzug von 1327,
nämlich die Kaiserkrönung in Rom, doch Villani macht den Einfall von
der Ankunft des Anjou abhängig, um so dem neuen Karl einen weiteren
Totila entgegenzustellen, einen «eretico e persecutore di santa
Chiesa». 51 Gegen die kaiserlichen Ansprüche richten sich die erwähnten Privilegien Karls, die Villani erfindet – zur Verteidigung der
Stadtfreiheit 52 wird die apologetische Feder des Chronisten ebenso
eingesetzt wie das scharfe Schwert der Anjou. Doch der Herzog von
Kalabrien enttäuscht: Er meidet den direkten Kampf mit dem Kaiser
und dessen Vikar und verlässt gegen Ende 1327 sogar Florenz, um das
neapolitanische Königreich gegen den Invasor zu schützen. Die Kommune bleibt gleichwohl verschont, «come piacque a Dio», denn Ludwig ringt sich nicht zu einer entschiedenen Aktion gegen sie durch, und
eine Krankheit rafft Castruccio am 3. September 1328 dahin. 53 Wenig
49
G. VILLANI (1333), II, 628 (11, 87): «ein mächtiger und tapferer Tyrann … äusserst
abenteuerlustig in seinen Unternehmungen, und sehr gefürchtet und geachtet … eine grosse
Geissel seinen Mitbürgern, und den Florentinern …; er war sehr grausam, insofern er Menschen
umbringen und foltern liess».
50
G. VILLANI (1333) (1333), II, 540 (11, 18): «… per cagione della venuta del duca di Calavra
in Firenze i Ghibellini e’ tiranni di Toscana e di Lombardia di parte d’impero mandarono loro
ambasciadori in Alamagna a sommuovere Lodovico duca di Baviera eletto re de’ Romani, acciò
che potessono resistere e contestare a la forza del detto duca e de la gente della Chiesa».
51
G. VILLANI (1333), II, 551 (11, 27): «Häretiker und Verfolger der Heiligen Kirche»; cf. auch
pp. 586 (11, 56) und 608-610 (11, 72f.), zur Verurteilung der antipäpstlichen Politik des Kaisers.
52
Cf. dazu allgemein RUBINSTEIN (1986).
53
Cf. zu den erwähnten historischen Fakten DAVIDSOHN, Geschichte (1912), III, 753-862;
auch G. VILLANI (1333), II, 503-658 (10, 333-11, 108).
27
später stirbt auch Carlo di Calabria; Giovanni Villani, der im Auftrag
der Kommune auch die enormen Kosten abgerechnet hat, welche der
Herzog während seines achtzehnmonatigen Aufenthalt verursacht hat,
gibt ein ernüchtertes Urteil über den verzärtelten und unfähigen
Anjou. 54
Die Florentiner Legende, welche Karl den Grossen dem ritterlichen
Idealbild von Charles d’Anjou nachzeichnet, um Carlo di Calabria zu
ähnlichen Taten anzuspornen, aber auch seine Florentiner Gegner zu
besänftigen, muss also zu Beginn der angevinischen Signorie entworfen worden sein, vermutlich wenig nach dessen grossartigen Einmarsch im Sommer 1326, als der Italienzug Ludwigs des Bayern sich
bereits abzeichnet. Das historiographische Konstrukt gelingt Villani
viel besser als dem Herzog die Kriegsführung, so dass der Chronist es
auch nach dessen enttäuschender Abreise in seinem Werk belässt. Wie
bereits gezeigt, passt die Figur des Neugründers Karl des Grossen unter
vielen verschiedenen Gesichtspunkten in Villanis Geschichtsvision, sie
füllt gleichsam eine von der Chronica de origine offengelassene Lücke
auf – darstellerisch wie politisch – opportune Art.
Villanis Nuova Cronica ist in der geschickten Verwebung der verschiedenen literarischen Elemente einmalig; nicht aber in ihrer Auswahl oder in der Technik historiographischer Projektionen, die, wie
gezeigt, auch der Chronica de origine, überhaupt dem Spätmittelalter
gemein sind. So dürfen die Parallelen zur venezianischen Gründungsgeschichte nicht überraschen, wie sie ebenfalls im 13. und 14. Jahrhundert historiographisch entwickelt wird. 55 Auch in Florenz haben ja
Caesar und Karl der Grosse mit all ihren literarischen und politischen
Implikationen die Phantasie der Bürger schon lange beschäftigt, bevor
sie dann zum Kern der lokalen Legenden werden. Bei ihnen handelt es
sich also um «invention of tradition» 56 oder vielmehr um «Übernahme»
bzw. «Übertragung von Tradition» – denn einerseits werden ja
54
G. VILLANI (1333), II, 657f. (11, 108): cf. auch p. 578 (11, 50).
Die Anfänge der Stadt gehen auf trojanische Flüchtlinge zurück, Attilas (authentische)
Zerstörungen bewirken die Wanderungen in die Lagune, und die Neuansiedlung bei Rialto findet
zur Zeit der Karolinger statt, nach dem Krieg gegen Karls Sohn Pippin; cf. CARILE (1976),
135-166. In unserem Zusammenhang besonders auffallend ist die anscheinend bis anhin nirgends
behandelte Stelle bei RICCOBALDO (1318), 652 [Hervorhebung von mir]: «Hoc tempore dum
Totila rex Gotorum Italiam premeret, viri opulenti … fugientes … sedem posuerunt secus rivum
altum, et civitatem condunt cui dederunt nomen Venetie … sub anno Christi DL vel id circiter
tempus». Im Pomerium von 1298 schildert Riccobaldo dagegen die traditionelle Zerstörung durch
Attila; cf. ID. (1318), 652, nota 1.
56
Cf. zu diesem Konzept und den hier verwendeten Ausdrücken HOBSBAWM (1983), 1-14.
55
28
Ereignisse der jüngsten Vergangenheit in das 9. Jahrhundert zurückdupliziert, während andererseits das Schicksal Roms beispielhaft und
bestimmend bleibt, für den Verfasser der Nuova Cronica wie auch für
denjenigen der Chronica de origine. Rom ist der Archetyp einer
politischen Gemeinschaft und des historischen Prozesses und dient als
Matrix, um Florenz eine Vergangenheit zu schaffen, die ihr zum
Leidwesen ihrer Bürger abgeht. Die gesamte Florentiner Gründungslegende ist ein Produkt in zwei Etappen, konstruiert von zwei
Gebildeten, dem Verfasser der Chronica de origine und demjenigen der
Nuova Cronica, die beide – für ihre Zeit – hervorragende
Geschichtskenntnisse aufweisen und so ihre Heimatstadt nach ihren
Bedürfnissen historisch lokalisieren können. Dabei geht Villani sehr
weit, erfindet er doch auch die genauen Daten der bedeutenderen
Ereignisse in Florenz sowie die Namen der wichtigsten lokalen Protagonisten. Er hat nämlich verstanden, dass solche chronologische und
nomenklatorische Präzisierungen den Unterschied zwischen Legende
und Historiographie ausmachen und somit seine Glaubwürdigkeit bei
einem – im Vergleich zu hundert Jahren zuvor – anspruchsvolleren
Publikum erhöhen, das aber immer noch bereit ist, sich durch den
Anschein von Gelehrsamkeit täuschen zu lassen. 57 Auch der moderne
Leser tut sich schwer daran, die «filii Guineldi» oder ein «a dì XXVIII
di giugno negli anni di Cristo CCCCL» einfach als mehr oder minder
launische Erfindung eines Chronisten abzutun – was sie aller Wahrscheinlichkeit nach sind. Wie andere pseudohistorische Überlieferungen auch, kann die Florentiner Gründungslegende zutreffend als
«ein illegitimes Kind der chronikalisch-gelehrten Forschung» angesehen werden. 58
Mit ihren gelehrten Konstrukten liefern die ersten Florentiner
Chronisten «cement of group cohesion», lehren also die Bürger der
Kommune, diese als bereits seit Jahrhunderten einzigartige Institution
anzusehen und sich als grundsätzlich verschieden von der übrigen Welt
zu begreifen. Kaum zufällig sind die beiden Elemente der Legende
wohl unter verschiedenen äusseren Umständen entstanden, aber
gleichermassen von der Aussenpolitik bestimmt, von den ewigen Feinden und Freunden: Florenz war stets guelfisch, ist es und wird es immer
bleiben, im Bündnis mit dem Papst und den verschiedenen Zweigen des
57
Zu den Daten, cf. oben p. 21. Auch bei der Historisierung anderer legendärer Figuren ist die
Datierung ausschlaggebend, cf. GRAUS (1975), 67 (Tell), 99 (Libussa).
58
GRAUS (1975), 12.
29
französischen Königshauses. Ausserdem werden die Legenden in der
konkreten historischen Situation auch zu einem «legitimator of action».
In einer Phase des Wandels und der Unruhe begründet die Chronica de
origine die gegenwärtigen Allianzen in einer heroischen
Vergangenheit, während Villani das traditionelle Bündnis zwischen
Florenz und den Nachkommen Karls des Grossen soweit als möglich
zurückverlängert, um die widerstrebenden Kreise in Florenz davon zu
überzeugen, Carlo di Calabria als Garanten der historischen Kontinuität
zu akzeptieren, die an sich schon positiv verstanden wird. Dank Karl
dem Grossen erhält die Wahl von 1326 die «sanction of precedent».
3. Auf- und Übernahme der Legende im 14. Jahrhundert
Wie die aussergewöhnlich reiche handschriftliche Überlieferung zeigt,
ist Villanis Chronik ein anhaltender Erfolg gewiss, vor allem, aber
keineswegs nur in seiner Heimatstadt. 59 Dass seine Deutung der
Florentiner Anfänge begierig auf- und übernommen wird, zeigt der
Blick auf ihr literarisches Weiterleben im 14. Jahrhundert. Wie bereits
erwähnt kennt Boccaccio 1338 in Neapel die Karlslegende noch nicht;
doch bereits 1342, inzwischen nach Florenz zurückgekehrt, spielt er in
der Commedia delle ninfe fiorentine auf den «gallico prencipe magno»
an, der die vom «crudele vandalo» zerstörte Stadt wiederaufbaut. 60 Im
vermutlich 1346 beendeten Ninfale fiesolano verwebt der Dichter
gegen Schluss die Gründungslegende von Fiesole und Florenz mit der
Geschichte seines eponymen Helden Africo; Boccaccio folgt dabei
exakt Villani und übernimmt aus ihm eine Passage sogar wörtlich.
Allerdings hält er sich nicht lange beim Wiederaufbau auf,
«perch’altrove chiara questa storia si truova scritta, fo con brievitade». 61 Damit ist Villanis Chronik gemeint, die offenbar in Florenz
fleissig zirkuliert und als allgemein bekannt vorausgesetzt werden
kann. Allerdings scheint Boccaccio in seinen späteren, gelehrten Werken dessen Version zunehmend skeptisch gegenüberzustehen. Zwar
59
Cf. PORTA (1976). Insgesamt sind 111 Handschriften erhalten, darunter allerdings auch
unvollständige; alleine in Florenz finden sich 73 Abschriften (Nr. 10-82 bei Porta).
60
BOCCACCIO (1342), 817f.
61
BOCCACCIO (1346), 418 (Oktave 462): «da sich anderswo diese Geschichte genau
beschrieben findet, fasse ich mich kurz». Die ganze Schilderung erstreckt sich über ib., 416-418
(Oktaven 454-463); p. 416 (Oktave 455, 2) übernimmt aus G. VILLANI (1333), I, 59 (2, 1): «acciò
che Fiesol non si rifacesse».
30
adelt er im Tratatello, seiner Biographie Dantes, den Dichter, indem er
ihn auf eine anlässlich des karolingischen Wiederaufbaus eingewanderte römische Familie zurückführt, doch finden sich in seiner knappen
Erzählung einige Wendungen des Vorbehalts wie «pare che vogliano»,
«si crede che», «secondo che testimonia la fama». Offenbar ist sich
Boccaccio bewusst, dass die «antiche storie e la comune oppinione de’
presenti» nicht sehr zuverlässig sind. 62 Doch er verzichtet darauf, an
ihnen herumzunörgeln, einerseits wohl wegen seiner eigenen Hochachtung für Dante, andererseits, weil er mit seiner Biographie eine
halboffizielle Huldigung von Florenz an seinen berühmtesten Sohn
verfasst. Etwas konkreter wird der Humanist in den Esposizioni sopra
la Comedia di Dante, an denen er bis zu seinem Tod 1375 arbeitet. Die
Nuova Cronica dient ihm dabei als historisches Handbuch, dem er für
die jüngere Zeit offenbar vertraut. 63 Doch wo er auf die Gründungslegenden zu sprechen kommt, finden sich nicht nur allgemeine
Wendungen wie «scrive alcuno», «affermano», sondern oft wird die
Verantwortung eindeutig dem Chronisten zugeschrieben, wenn es etwa
heisst: «Secondo che piace a Giovanni Villani». 64 Damit ist nicht
gesagt, dass Boccaccio die Florentiner Legende wirklich ablehnt; vielleicht ist er tatsächlich unsicher. Ausdrücklich weist er jedenfalls die
angebliche Gründung von Fiesole durch Atalante zurück: «La qual cosa
creder non posso che vera sia» 65 – sei es, weil sie tatsächlich noch
märchenhafter als der Rest von Villanis Schilderung ist, oder aber, weil
er damit nicht an Florentiner Empfindlichkeiten rührt.
Boccaccio steht auf jeden Fall am Anfang der Kritik an der Florentiner Gründungssage; allerdings richtet sich die Skepsis vorerst kaum
gegen den karolingischen Wiederaufbau, sondern gegen den älteren
Teil der Legende, die Zerstörung durch den Barbarenkönig. Dem kritischen Leser bieten sich zu dessen Identifikation zwei Varianten an:
Dantes «Attila» und der «Totila» Villanis und der Chronica de origine.
Boccaccio hat in seinen historischen Studien gelernt, die beiden Herrscher zu unterscheiden, die ja von Martinus Polonus gleichgestellt
worden sind. 66 Da Villani selbst die Zerstörung in das Jahr 450 datiert,
62
BOCCACCIO (1351), 440; 498.
Cf. BOCCACCIO (1375), 354: «Nondimeno chi questa istoria [sc. di Carlo di Valois] vuole
pienamente sapere legga la Cronica di Giovanni Villani, per ciò che in essa distesamente si pone.»
64
BOCCACCIO (1375), 588f.; 625f.; 628f.; 673f.
65
BOCCACCIO (1375), 673.
66
In seinem handschriftlichen Zibaldone, mit Einträgen bis mindestens 1366, schreibt
Boccaccio die Chronik Martins sowie Auszüge aus dem Compendium des Paolino da Venezia ab;
nach diesem schreibt BOCCACCIO (1366), fol. 174: «tempore theodosii et valentiniani solus
63
31
spricht sich Boccaccio in den Esposizioni ausdrücklich gegen «Totila»
und für «Attila» als Missetäter aus, wie er ihn ja auch im verehrten
Dante findet. 67
Einer von Boccaccios humanistischen Schülern, Benvenuto Rambaldi, aus Imola stammend und wohl deshalb weniger pietätsvoll,
spottet über viele Elemente Villanis, die den antiken Autoren offensichtlich widersprächen und «ad exaltationem patriae suae» erdacht
worden seien; er, Rambaldi, gestehe hingegen einfach ein, dass er nicht
wisse, wann, wie und von wem Florenz gegründet worden sei. 68 Ähnlich denkt der Humanist über die Zerstörung durch Attila, der ja nie die
Apenninen überschritten habe.
Ideo dico quod autor noster [sc. Dante] secutus est chronicas patriae
suae, quae multa frivola similia dicunt … vel forte vidit aliquem
autorem autenticum dicentem hoc, quem ego non vidi; sed quidquid sit
de isto facto, ego nihil credo. 69
Wo zuverlässige Quellen, neben antiken Autoren namentlich Paulus
Diaconus, der lokalen Tradition widersprechen, da sind Rambaldi und
auch Boccaccio bereit, ihnen zu folgen, wobei sie interessanterweise zu
unterschiedlichen, aber in ihrer Argumentation vertretbaren Schlüssen
über «Attila» kommen. Hingegen rücken sie beide der Karlslegende
nicht mit einem Quellenvergleich zuleibe; Rambaldi schildert den
Wiederaufbau wohl knapp, aber ohne Vorbehalte nach Boccaccios
Dante-Vita. 70
Allerdings ist bereits die kritische Debatte über «Attila»/«Totila» im
14. Jahrhundert die grosse Ausnahme, auch bei den späteren DanteKommentatoren. Meist herrscht eine heillose Verwirrung um «attila
overo totila tiranno flagellum dei», wie ein anonymer Glossator
meint. 71 Die Karlslegende selbst wird nicht nur nicht bestritten, sondern
hunnorum rex est quem Martinus vocat totilam», wozu er am Rand hinzufügt: «totila fuit rex
gothorum tempore iustiniani».
67
BOCCACCIO (1375), 629: «molti che chiamano questo Attila Totila, i quali non dicon bene,
per ciò che Attila fu al tempo di Marziano imperadore … intorno dell’anno di Cristo CCCCXXXX, e
Totila, il quale fu suo successore … intorno agli anni di Cristo DXXVIIII».
68
RAMBALDI (1376), I, 509-511; 509: «zur Erhöhung ihrer Heimat». Die verspottete Stelle zu
den Bürgerkriegen ist G. VILLANI (1333), I, 66 (2, 4).
69
RAMBALDI (1376), I, 464: «Daher meine ich, dass unser Dichter Chroniken seiner Heimat
gefolgt ist, die viele ähnliche Albernheiten behaupten …, oder vielleicht hat er eine diesbezüglich
zuverlässige Quelle gekannt, die ich nicht gesehen habe; aber wie es sich auch damit verhalten
mag, ich glaube nichts davon.»
70
RAMBALDI (1376), I, 515.
71
Chiose (1375), 102; cf. bereits LANCIA (1334), I, 257, sowie GIOVANNI DA SERRAVALLE (1417), 177.
32
häufig in Paraphrasen oder wörtlicher Abschrift Villanis geschildert, 72
obwohl ihre Behandlung von der Sache her gar nicht zwingend wäre –
Dante selbst hat ja Karls angeblichen Wiederaufbau noch gar nicht
erwähnen können! Doch inzwischen gehört er diskussionslos zur
lokalen Tradition, niemand ist sich bewusst, dass Attila/Totila und Karl
aus zwei unterschiedlichen Quellen zur Florentiner Gründungslegende
zusammengeflossen sind. Diese erweist sich für die Historiographie,
aber auch für die Literatur des 14. Jahrhunderts in Villanis
Formulierung als unumgänglicher und populärer Ausgangspunkt, damit
aber zugleich auch als Steinbruch, aus dem jedermann schöpft und mit
eigenen Phantasien kombiniert – aus der Chronik wird der literarische
Stoff herausgefiltert, der ein Eigenleben entwickelt und teilweise recht
salopp mit anderen literarischen Figuren bis zu eigentlichen Märchen
verarbeitet wird. So integriert auch ein Ghibelline wie Fazio degli
Uberti Karls Wiederaufbau in seinen Dittamondo, ebenso Antonio
Pucci im Centiloquio, einer Umsetzung der Nuova Cronica in Terzinen, und kurz Ser Giovanni in seiner Pecorone genannten Novellensammlung; anscheinend hat Karls Wirken in Florenz und dazu noch
seine angebliche Gründung von Venedig den verlorengegangenen
Schluss von Andrea da Barberinos berühmtem Ritterepos Reali di
Francia gebildet, der in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts
entsteht. 73 Barberino stammt aus der Nähe von Val d’Elsa in der Toskana, reklamiert daneben aber auch franko-venezianische Wurzeln;
offenbar hat er all diese Traditionen in seiner Dichtung verbunden.
Vom Erfolg von Villanis Staatsmythos zeugt auch das für das Selbstverständnis der konservativen Florentiner Führungsgruppe sehr wichtige Ragionamento des adligen Guelfen und Frühhumanisten Lapo da
Castiglionchio, der sich in einer Paraphrase des «detto storiografo»
erschöpft, wo er anhand der Frühgeschichte der Heimatstadt in seinem
Sohn das historische Bewusstsein für seine Nobilität wachruft. 74
Marchionne di Coppo Stefani belebt in seiner 1378 begonnenen
Stadtchronik die überlieferte Schilderung zusätzlich: So nennt er nicht
nur die exakte Zahl der Handwerker, sondern auch namentlich vier
Adlige, die beim Wiederaufbau helfen, von denen einer erst noch von
72
DA BUTA (1385), III, 451f.; ANONIMO FIORENTINO (1390), I, 303-306; 328f.; 355-357; III,
108; eine weitere Anspielung, ib., 294.
73
Cf. den Hinweis bei HARTWIG (1875), XVII, nach RANKE (1837), 413. UBERTI (1367), 203
(3, 7); PUCCI (1373), 25; cf. ID. (1362), 145-152, allerdings nur die Stadtzerstörung; SER
GIOVANNI (1378), 275-285.
74
LAPO DA CASTIGLIONCHIO (1377), 62-77.
33
König Pippin abstammt. Zudem erhält die Stadt 815 (!) beim Heimmarsch des Kaisers uneingeschränkte und reiche Privilegien:
Firenze fece libera d’osti e di cavalcate, di dazj e di doni reali e di
personali gravezze, e diello mero e misto imperio. Volle fosse libera
così la città come i suoi cittadini ed ancora chiunque vi venisse ad
abitare, e da quel dì innanzi non volle vi fosse vicario
d’Imperadore … 75
Dieser Anspruch, durch den Franken von der kaiserlichen Hoheit
befreit worden zu sein, hat ebenso wie die von Villani seinerzeit eingebrachten Begünstigungen ihre aktuellen Gründe. Stefani gehört zu der
Florentiner Gesandtschaft, die 1381 dem neuen Kaiser Wenzel formell
die Ehre entbietet, aber über eine von diesem gewünschte Geldgabe
keine Einigung erzielt. Durch Karls angebliche Privilegien ist die
Florentiner Widerspenstigkeit und ihr Anspruch auf Souveränität
(«mero imperio») gegenüber dem ungeliebten Kaiserreich legitimiert,
aber auch die – im antik-aristotelischen Sinn zu verstehende – Mischverfassung («misto imperio»), welche den demokratischen Ansprüchen
der «arti minori» entgegenkommt. Stefani ist ein Vertreter dieser Strömungen, die durch dem oligarchischen Umsturz von 1382 in den
Hintergrund gedrängt werden. 76
Auch Filippo Villani, der in seinem De origine civitatis Florentiae
von 1382 inhaltlich seinem Onkel Giovanni folgt, schmückt die
Legende in einer zweiten Redaktion von 1397 weiter aus, vermutlich,
um in einer aktuellen Polemik den Adligen aus dem Contado ihr uraltes
Bürgerrecht in Florenz historisch zu belegen. 77 Ebenfalls in diese
Überarbeitung ist bei der Behandlung Karls ein Katalog der französischen Könige eingefügt, weil das Werk diesmal Philippe d’Alençon
gewidmet ist, dem Neffen von Philippe VI. 78 Wie noch gezeigt werden
75
STEFANI (1385), 19: «Er befreite Florenz von Heeren und Rittern, von Zöllen, königlichen
Steuern und persönlichen Abgaben und gab ihm eine unbeschränkte Mischverfassung. Er wollte,
dass die Stadt mitsamt ihren Bürgern, und wer auch immer sich dort niederlasse, frei sei und dass
von diesem Tag an kein kaiserlicher Vikar mehr dort wirke …»; eine ähnliche Freiheit schon bei
PUCCI (1373), 25.
76
Cf. zur politischen Karriere die Einleitung von N. Rodolico in STEFANI (1385), CVIII-CXXI.
77
F. VILLANI (1397), fol. 30. Anlässlich von Karls Neugründung seien einige der geflohenen
Adligen in die Stadt zurückgekehrt, andere auf dem Contado geblieben: «Hinc si intelligant satis
erubescere debent qui aliunde ad civilitatis beneficium recepti huiusce viros comitativos audent
appellare, et qui inde in urbem veniunt de comitatu venire contendunt.»
78
Cf. zu den verschiedenen Handschriften TANTURLI (1973), 870-873. Die erste Redaktion ist
im Ashburn. 942 der BLF enthalten, die zweite im Barb. Lat. 2610 der BAV; die Gründungssage
findet sich ausserdem auch im BNF II, IV, 109. Tanturli sieht den Codex BLF Laur. 89 inf., 39,
der nur die «Cumulatio» der Könige enthält, als Fragment einer dritten Redaktion an.
34
wird, steht die Verwendung der Karlslegende für aussenpolitische
Zwecke bei Stefani und Filippo Villani in ihrer Zeit keineswegs allein
da. Sie ist aber – mindestens ausserhalb von Florenz – auch umstritten,
denn Filippo verwahrt sich gegen den Vorwurf, er gebe «in laudem
patriae excogitata» wieder – sehr wahrscheinlich entgegnet er damit
Rambaldi, der ja Teile der Gründungslegende abgelehnt hat. 79
Die Legende verschafft nicht nur der gesamten Stadt eine spektakuläre Vergangenheit, sie nobilitiert auch einzelne Sippen. Wie erwähnt
hat Boccaccio die Alighieri auf römische Einwanderer unter Karl dem
Grossen zurückgeführt; was für den Dichter gut ist, gefällt auch anderen Familien. Das berühmteste und umstrittenste Beispiel ist der sogenannte Ricordano Malispini, der noch vor kurzem auf das Ende des
13. Jahrhunderts datiert und damit als Vorgänger von Giovanni Villani
angesehen worden ist, wie der Plagiator selbst es auch vorgibt. Die
jüngsten Untersuchungen der handschriftlichen Überlieferung widerlegen diese These ebenso wie eine Analyse des Aufbaus von Malispinis
Istorie Fiorentine, wie sie gerade am Beispiel der Gründungslegende
angestellt werden kann. 80 Eine exakte Datierung ist damit noch nicht
möglich, doch dürfte der angebliche Malispini um 1380 geschrieben
haben. 81 Er liefert nichts anderes als die Kombination des bereits
erwähnten Libro Fiesolano, wie eine volkssprachliche und
märchenhafte Bearbeitung der Chronica de origine genannt wird, mit
einem anonymen Compendium der Nuova Cronica. 82 Der Libro
Fiesolano hat bei der Beschreibung des wiederaufgebauten Florenz
eine Eigenheit: Während die Chronica de origine und nach ihr Villani
schreiben, die neue Stadt sei kleiner gewesen als die erste, von Caesar
erbaute, heisst es im Libro, sie sei «maggiore e piu bella»; diese
Ansicht wird auch von Ricordano Malispini energisch vertreten. 83
Seinerseits folgt das Compendium über weite Strecken Villani meist
wörtlich, beschränkt sich jedoch streng auf die eigentlichen Fakten zur
79
F. VILLANI (1382), fol. 14: «zum Lob der Heimatstadt Erdichtetes».
Cf. die beiden Aufsätze zur «Malispini Question» von DAVIS (1984), 94-136; 290-299; in
der italienischen Übersetzung gibt DAVIS (1988), 273-287, eine aktualisierte Zusammenfassung
der beiden Artikel. Die Analyse des Aufbaus bei MAISSEN (1994).
81
So DAVIS (1984), 132; selbst diejenigen Forscher, die an einem Malispini im 13. Jahrhundert festhalten, datieren die älteste erhaltene Handschrift frühestens auf 1350.
82
Es handelt sich um den Codex II, I, 252 der Nationalbibliothek in Florenz.
83
Cf. die Polemik bei MALISPINI (1380), 36 (Kap. 45); ein grösserer Mauerring im Libro
Fiesolano (1320), 59, und ebenso bei F. VILLANi (1382), fol. 14; ID. (1397), fol. 30v; dagegen
Chronica de origine (1228), 59; G. Villani (1333), I, 145 (4, 1). Eine ausführlichere Diskussion
der Problematik bei MAISSEN (1994).
80
35
Geschichte von Florenz – so fehlen die zahlreichen Exkurse Villanis
zur Weltgeschichte, aber auch seine Wertungen und Urteile.
Malispini wiederum schreibt in seinen ersten dreissig Kapiteln weitgehend den Libro Fiesolano ab, einschliesslich der Zerstörung von
Florenz durch Attila (oder – seltener – Totila, je nach Überlieferung). 84
Die Kapitel 35 bis 45 bilden das Scharnier seines Elaborats, wo er seine
zwei Vorlagen ungelenk ineinander überleitet. Malispini selbst sagt,
«ch’io avea trovato scritto in due modi la redificazione della nostra
Città di Fiorenza». 85 Die eine Quelle nennt er «Croniche Romane»,
worunter der Libro Fiesolano zu verstehen ist; vermutlich, weil es nach
dieser Version die Römer sind, welche das zerstörte Florenz
wiederaufbauen. Dieser Passus findet sich in den Kapiteln 38 und 39,
mit denen Malispini seine Transkription des Libro Fiesolano beendet.
Seine andere Vorlage, also das anonyme Compendium, nennt er
«croniche nella Badia di Fiorenza». 86 Daraus übernimmt Malispini,
noch bevor er mit dem Libro Fiesolano geendet hat, seine Kapitel 35
und 36, in denen er die bereits in den Kapiteln 20 und 21 geschilderte
Zerstörung durch Attila wiederholt; aber ebenso den Rest der Darstellung, beginnend mit dem Aufbau von Florenz durch Karl den
Grossen.
Durch diese Verwebung schildert Malispini nicht nur zweimal ohne
wesentliche inhaltliche Differenzen die Zerstörung von Florenz, sondern den Aufbau nach der ursprünglichen, «römischen» Version des
13. Jahrhunderts und dann nach Villanis «französischer» oder noch
eher «angevinischen» Konstruktion. Der einzige eigenständige Beitrag
Malispinis zu seinem Elaborat besteht in topographischen und genealogischen Ergänzungen, mit denen eine grosse Anzahl von Florentiner
84
Von Malispinis Kapiteln 1 bis 30 stammt nur das Folgende nicht direkt vom Libro
Fiesolano (1320): die Stadtbeschreibung, Kap. 26 (p. 21f.) sowie das Märchen von Belisea in den
Kapiteln 16/17, bei dem es sich um eine spätere Interpolation novellistischen Ursprungs handeln
könnte, cf. DAVIS (1984), 106, Anm. 32. Ausgelassen ist vorerst der Wiederaufbau von Florenz
durch die Römer; Malispini springt also in seinem Kapitel 22 von Libro Fiesolano (1320), 59,
direkt auf p. 61, um das Übergangene dann in den Kapiteln 38/39 nachzutragen. In den Kapiteln
31 bis 34 handelt er vermutlich eigenständig von Adelsgeschlechtern.
85
MALISPINI (1380), 33: «… dass ich den Wiederaufbau unserer Stadt Florenz auf zwei Arten
beschrieben gefunden habe». Die Kapitel 37 (über die zwei Chroniken, angeblich aus Rom und
Florenz) sowie 40/41 (Angaben zur Person Ricordano Malispinis und zur Entdeckung seiner
Vorlagen) enthalten Malispinis stark verklausulierten Bericht über das Entstehen seines Werkes.
86
Vielleicht stammt die Bezeichnung daher, dass das Compendium auffälligerweise bei der
Beschreibung des neu aufgebauten Florenz Villanis ebenso auffällig zehnmal wiederholtes «a
modo di Roma» völlig auslässt, während es im übrigen Villani exakt folgt. Wie die Chronica de
origine und Villani macht auch der als «iscritture romane» bezeichnete Libro Fiesolano den
Vergleich mit Rom.
36
Familien durch einen frühen ersten Beleg geadelt werden soll; unter
anderem auch die Malispini. An Namen zählt er mehr als doppelt so
viele auf wie Villani (und das Compendium), obwohl sie bereits dort
eine ansehnliche Schar gebildet haben. Im Unterschied zu diesen nennt
der Plagiator auch die Namen der angeblich von Karl dem Grossen
geadelten Bürger, unter denen die sonst unbekannten Bonaguisi einen
auffälligen Rang einnehmen; sehr wahrscheinlich ist Malispini mit
ihnen verwandt und bereitet ihnen so ein nettes Geschenk. 87
Villanis Werk im allgemeinen und die Karlslegende im besonderen
erfreuen sich also bald nach ihrem Erscheinen der Wertschätzung
breiter Kreise; mehr noch, man geht kaum falsch, sie als offizielle
Florentiner Geschichtsschreibung zu bezeichnen, in gewisser Hinsicht
mit den französischen Grandes Chroniques zu vergleichen. 88 Dies um
so eher, als Villanis Karlsmythos auch Einzug in den diplomatischen
Sprachgebrauch der Republik hält.
4. Coluccio Salutati und der diplomatische Gebrauch der
Karlslegende
Wie Giovanni Villani die Karlslegende in die Historiographie eingeführt hat, so kreiert sie Coluccio Salutati als diplomatische Formel. 89
Auch in seinem Fall handelt es sich um eine individuelle Leistung: Der
Florentiner Kanzler schöpft gleich mit seinem Amtsantritt 1375 einen
neuen Stil der Staatsbriefe, der einerseits den augenblicklichen Nöten
der Republik angemessen ist, andererseits seine humanistische Vorstellung von Rhetorik zum Ausdruck bringt. Wenn seine Vorgänger im
Kanzleramt einen fremden Herrscher der Florentiner Freundschaft
versichert haben, so drückten sie das mit sehr allgemeinen Wendungen
aus. An die französischen Könige gerichtet, ist im 14. Jahrhundert etwa
von «vestra paternitas et benignitas, ac vestrorum progenitorum» die
Rede, von «favores et gratiae» oder von liebevoller Verbundenheit in
«retroactis temporibus et modernis»; konkrete historische Ereignisse
werden nicht erwähnt. Im Gegenteil: Ebenso formelhaft wird versichert, dass selbst die ausführlichste Schilderung nicht ausreiche, all die
87
Cf. DAVIS (1984), 116-125, zu den Familienkatalogen und Stadtbeschreibungen.
So PORTA (1986), 40; cf. HARTWIG (1875), XIII.
89
GILLY (1993), v.a. 487-490, behandelt Salutatis Rückgriff auf die Karlslegende im Zusammenhang mit den aussenpolitischen Entwicklungen; in den wesentlichen Punkten sind wir
unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen gelangt.
88
37
vergangenen Wohltaten aufzuzählen, und dass man deshalb den König
gar nicht erst mit alten Geschichten langweilen wolle, sondern gleich
zur Sache komme. 90
Ganz anders Salutati. Als hauptamtlicher Kanzler der Republik bis
zu seinem Tode 1406 garantiert er in einer von Nebenamtlichkeit,
häufigen Loswahlen und entsprechenden personellen Rotationen
geprägten Regierung und Verwaltung eine sonst ungewohnte politische
Kontinuität, die ihren Niederschlag findet in Salutatis wichtigstem
Aufgabenbereich, dem aussenpolitischen Briefverkehr mit Gesandten
und Regierungen. Im Unterschied zu seinen unmittelbaren Vorgängern
pflegt er dabei den «stilus rhetoricus», am Vorbild Ciceros orientiert,
für den unter anderem Zitate der lateinischen Klassiker (zuvor nur
solche aus der Bibel und den Kirchenvätern), deklamatorische Freundschaftsbeteuerungen an die Adressaten und die extensive Verwendung
historischer Exempla als Parallelen, ja als Erklärungen gegenwärtiger
Entwicklungen typisch werden. Anspielungen auf antike Persönlichkeiten und Ereignisse finden sich zwar schon im bewusst pathetischen
hohenstaufischen Kanzleistil, nicht aber in Florenz. Und Salutati ist der
erste Italiener überhaupt, der auch Exempla aus dem Mittelalter und der
jüngsten Vergangenheit einsetzt und dazu verwendet, die früher noch
allgemein gehaltenen Freundschaftsbekundungen zu fremden
Herrschern geschichtlich herzuleiten und entsprechend stärker zu fundieren. 91 Ohne brauchbare kommunale Modelle, aber dafür mit aussergewöhnlicher Erfindungsgabe konstruiert Salutati eigenständig sich
und seiner Wahlheimat ein «set of themes», einen Schatz diplomatischer Formeln auf (pseudo-)historischer Basis. 92 So propagiert er für
Florenz eine politische Identität über ein als althergebracht und unveränderlich postuliertes aussenpolitisches Beziehungsnetz, das er mit
einem bereits in der Florentiner Tradition bekannten 93 und wenig prä90
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 12 (aus dem Jahr 1311); 22f. (26. August 1351):
«… sed, ne regias aures memoratione veterum, quorum notitiam Vestram credimus Excellentiam
obtinere, quomodolibet fatigemus, que noviter … placuit nobis liberaliter erogare, providimus non
tacere …».
91
Dazu dienen beispielsweise auch die von Villani in die Antike projizierte Sonderbeziehung
von Florenz zum (republikanischen) Rom. Cf. SALUTATI, Staatsbriefe, 111 (1. Februar 1376);
150f. (15. Oktober 1576); ausserdem WITT (1983), 247f. Ferner auch LANGKABEL (1981), 77f.,
DE ROSA (1980), 93f., WITT, Origins (1969), 162ff., und ID. (1976), 52f.
92
So WITT (1976), 42.
93
Cf. WITT (1976), 48, und DE ROSA (1980), 105; LANGKABEL (1981), 56, meint dagegen,
«libertas» tauche vor 1375 in Florentiner Quellen relativ selten auf. Zur Bedeutung der «libertas»
bei Salutati generell die divergierenden Ansichten von WITT (1976), v.a. 80-85, DE ROSA (1980),
100-133, und andererseits LANGKABEL (1981), 55-82.
38
zisen Konzept von «libertas» verwebt; diese kann je nach Gewichtung
ebenso kommunale Autonomie wie herkömmliche stadtbürgerliche
Ordnung oder republikanische Staatsform bedeuten. 94
Salutati stammt selbst aus einer guelfischen Familie in Stignano und
verkehrt freundschaftlich mit den Häuptern der Florentiner Guelfen, ist
aber als Kanzler nicht eigentlich ihr Vertreter; im eigenen Verständnis
sieht er sich vielmehr als Staatsdiener denn als Parteimann. 95 Den
Franzosen steht er, wie schon sein Vorbild Petrarca, zeit seines Lebens
recht kritisch gegenüber; er wirft ihnen «levitas» vor. 96 Salutatis Formulierungen in den Staatsbriefen folgen also weniger einem ideologisch klaren Welt- und Geschichtsbild (wie noch Villani) als seinen
Vorstellungen von effektiver diplomatischer «ars dictaminis»; er definiert nicht selbst die gültigen politischen Ideen oder den konkreten
Inhalt der Staatsbriefe, die im Gegenteil von drei kommunalen Institutionen abgesegnet werden müssen, wenn sie etwa an den König von
Frankreich gerichtet sind – doch der Humanist bringt sie unter eklektischer Benutzung der Tradition in eine wirksame Form. 97 Das bedeutet
allerdings noch nicht, dass sein Civic Humanism reine Propaganda,
Missbrauch eines republikanischen Vokabulars für florentinische
Machtpolitik ist. 98 Es ist sehr gut möglich, dass Salutati heterogenes
94
WITT (1976), 39-54. Das Buch als ganzes gibt einen sehr guten Einblick in das Florentiner
Kanzleiwesen und Salutatis Tätigkeit; in den Ergebnissen stimmt DE ROSA (1980), 13-30,
weitgehend mit ihm überein. Zum Stil der Staatsbriefe cf. auch LANGKABEL (1981), 29-54, der
sich allerdings auf die klassisch-antiken Merkmale beschränkt.
95
So DE ROSA (1980), 72f. Cf. jedoch SALUTATI, Epistolario (29. November 1390), II, 254:
«sum denique gente italicus, patria florentinus, natura et affectione guelphus.»
96
Einige Belege bei HERDE (1965), 166f. («Die traditionelle guelfisch-französische Freundschaft war für Salutati keineswegs von vornherein selbstverständlich …»); ausserdem ib., 173;
LANGKABEL (1981), 74f.; WITT (1983), 83; GILLY (1993), 481-486.
97
Cf. WITT (1976), 43; ID. (1983), 123-125; 155; DE ROSA (1980), 61; 68f.
98
Dies ist der ursprünglich gegen BARON, Crisis (11955) entwickelte Standpunkt von
HERDE (1965), etwa p. 167. Die Kritik ist insofern berechtigt, als Baron den Florentiner civic
humanism wohl zu stark als Künder eines allgemeinen Republikanismus, gleichsam als frühbürgerliche Bewegung darstellt. Doch gerade wenn man dem humanistischen «Libertas»-Begriff nicht
«moderne Züge» beilegen will, sollte man ihn auch nicht als reine Propaganda abtun. Herdes
manchmal pointierte Formulierung könnte dies nahelegen (und ist auch so verstanden worden),
obwohl er selbst (pp. 208; 219) seinen Standpunkt relativ nuanciert zusammenfasst. «Libertas» ist
für das florentinische Selbstverständnis der entscheidende Begriff, auch wenn er sich nicht – oder
nur bedingt – mit «republikanischer Staatsform» im modernen Sinn deckt, sondern ein noch weites
Bedeutungsfeld hat, das ein geschickter Rhetoriker entsprechend benützen kann. Die Tatsache,
dass Salutati das tut, bedeutet noch lange nicht, dass hinter seiner formalen Brillanz überhaupt
keine kohärente und echte politische Überzeugung steckt, die im Laufe einer dreissigjährigen
Kanzlertätigkeit auch verschiede Revisionen erlebt haben kann. Meines Erachtens zurecht meint
WITT (1976), 79, für Salutati sei nicht der (moderne) Gegensatz Republik-Monarchie
entscheidend, sondern (in aristotelisch-mittelalterlicher Tradition) «good» gegen «bad
government» (also Tyrannis); cf. auch WITT, De Tyranno (1969), 460f., zum Gegensatz rextyrannus. Insofern scheint mir auch die Kritik des Herde-Schülers LANGKABEL (1981), 80f., an
39
rhetorisches Material in verschiedenen Funktionen und auf den jeweiligen Empfänger abgestimmt einsetzt, doch immer zugunsten seines
Anliegens: Bewahrung der staatlichen Unabhängigkeit («suis legibus
vivere») und der bestehenden (republikanischen) Verfassung von
Florenz.
Wie stark der Adressat und somit die Intention des Kanzlers seine
Formulierung beeinflusst, zeigt gerade die Karlslegende. In einem Brief
an die Römer spricht Salutati davon, dass ihre Vorfahren Florenz nach
Totilas Zerstörung aufbauten und bevölkerten – nicht in offensichtlichem Widerspruch zu Villani, nur dass Salutati den Bauherrn
Karl den Grossen hier mit keinem Wort erwähnt, so dass der Eindruck
entsteht, die Stadt fühle sich allein den Römern zu Dank verpflichtet. 99
Im brieflichen Verkehr mit Frankreich oder den Anjou sind es nun
ihrerseits die Römer, die keine Erwähnung finden. Dabei ist gar nicht
klar, ob Salutati überhaupt an eine Neugründung durch wen auch
immer glaubt; es ist an sich vorstellbar, dass er Villanis Konstrukt aus
reinen Nützlichkeitserwägungen in den diplomatischen Verkehr hineinzaubert. Salutati hat jedoch keinen offensichtlichen philologischen
Grund, an der populären Geschichte zu zweifeln, da mindestens die
Beschreibung von Karls Taten nicht in deutlichem Widerspruch zu
den – ohnehin wenigen – authentischen Quellen steht, die dem Kanzler
bekannt sein können; abgesehen davon, dass es politisch kaum opportun wäre, wird ihm auch zeit seines Lebens kein äusserer Anlass geboten, der Frage ebenso sorgfältig nachzugehen, wie er es in seiner
Antwort auf Antonio Loschis Invektive in Bezug auf die – in Villanis
Fassung viel offensichtlicher märchenhafte – römische Gründung von
Florenz tun wird. 100
Letztlich ist es auch von sekundärer Bedeutung, wieweit Salutati
selbst an eine Neugründung von Florenz durch den Karolinger glaubt.
Tatsache ist, dass er sie in den diplomatischen Verkehr mit Frankreich
und den Anjou einführt, bei denen in Zukunft manchmal sogar die
WITT, De Tyranno (1969), 458ff., über das Ziel hinauszuschiessen; nach Langkabel habe Witt ein
modernistisches «Rechtsstaat»-Konzept in Salutati hineininterpretiert. WITT, De Tyranno (1969),
459, wie auch DE ROSA (1980), 112f., zeigen nämlich gerade die antiken und mittelalterlichen
Wurzeln von Salutatis «Rechtsstaatsvorstellungen», nämlich die «aequalitas». Eine gründliche
Auseinandersetzung mit WITT (1976) fehlt leider bei LANGKABEL (1981), auf den wiederum
WITT (1983) mit keinem Wort eingeht; Langkabels eher gehässige Besprechung von WITT (1976)
in Aevum 52 (1978), 600ff., zählt wohl Mängel Witts auf paläographischem und philologischem
Gebiet auf, setzt sich aber kaum inhaltlich mit seinen Thesen auseinander.
99
ASF, Signori, Missive, Reg. 24, fol. 120; datiert auf den 25. März 1395 und zitiert bei
WITT (1983), 249.
100
SALUTATI (1403). Cf. WITT, Origins (1969), 169f.; ID. (1983), 246-252.
40
ganze guelfische Trias Villanis, von Karl dem Grossen über Charles
d’Anjou zu Charles de Valois, historisch Zeugnis ablegen wird für die
ewige Verbundenheit der Arnorepublik mit dem französischen Königshaus. 101 Dessen jüngster Spross, der gegenwärtige Herrscher Charles V,
heisst auch Carolus, ebenso der Angevine Carlo di Durazzo, was für
Salutati bestimmt ein zusätzlicher Ansporn ist, an vergangene Parallelen zu erinnern.
Sein Antritt als Kanzler fällt mit dem Krieg der «Otto Santi» (13751378) zusammen, in dem Florenz dem Papst (in Avignon) gegenübersteht und das guelfische Bündnis des 13. Jahrhunderts endgültig
auseinanderbricht; da die Kurie unter französischem Einfluss steht, sind
auch die Beziehungen zu Charles V äusserst gespannt. Erstmals
konstruiert der Kanzler seine Formel in einem Brief vom 8. April 1376,
«apparently as an after-thought», indem er den indignierten König
zuerst auf die Kampfgemeinschaft der Florentiner mit den Anjou hinweist, um dann gleichsam nachzudoppeln und ihn unter Verweis auf
den Wiederaufbau der Stadt durch einen seiner Vorgänger der ewigen
Verbundenheit der Republik zu versichern. 102 Zuvor hat Salutati in
einem Brief an die Römer die französischen Hilfstruppen des Papstes
als Barbaren bezeichnet und die Italiener zur Verteidigung ihrer Freiheit gegen die ultramontanen Invasoren aufgerufen; nun versucht der
gewiefte Kanzler, den königlichen Zorn über diesen Brief zu besänftigen, um nicht unnötig Geschirr zu zerschlagen. Bereits am 15. Mai
lässt der Kanzler ein zweites Missive folgen: Angesichts der historischen Verbundenheit und Vorbilder könne niemand ernsthaft die
Ergebenheit von Florenz gegenüber Frankreich in Frage stellen. Bereits
kann er auf die Gründungsgeschichte verweisen: «Prout alias scripsimus» – Salutati hat sie in der Diplomatie etabliert! 103
101
SALUTATI, Staatsbriefe, 146 (28. September 1376); 191 (20. Oktober 1384); 289
(28. September 1391).
102
Zitiert von WITT (1976), 46, nach SALUTATI, BAV Capp. 147 (8. April 1376), fol. 16 (wo
der Text nachträglich am Rand eingefügt worden ist). WITT (1976), 46, sieht einen Brief vom
2. April desselben Jahres an den König von Ungarn als «earliest instance of Salutati’s use of
historical detail to amplify the theme of friendship» an. Tatsächlich findet sich jedoch bereits in
einem Brief vom 1. Februar 1376 an die Römer eine Anspielung auf die Florentiner Gründungssage, cf. SALUTATI, Staatsbriefe, 111. Gleichwohl ist anzunehmen, dass der Kanzler nicht gleich
mit dem Amtsantritt, sondern erst nach mehreren Monaten beginnt, historische Parallelen in seine
Missive einzufügen; cf. die frühen Briefe an die Römer (ib., 105) und Anjou (ib., 88; 90), in denen
noch die traditionellen Wendungen Gebrauch finden.
103
SALUTATI, Staatsbriefe, 127 (15. Mai 1376): «Si enim, prout alias scripsimus, scirent nos
restitutionem civitatis Florentie ab inclite memorie Karolo magno, auctore sacratissime vestre
cognationis, agnoscere …». Der Herausgeber (ib., 128, Anm. 5) kennt den mit «alias» bezeich-
41
Noch im gleichen Jahr verwendet Salutati Karl den Grossen auch im
Briefverkehr mit den Anjou, und fortan werden auch sie, in Neapel wie
in Ungarn, regelmässig an ihre über Charles d’Anjou zum kaiserlichen
Städtebauer zurückführenden Wurzeln erinnert. 104 Auf den angevinischen Eroberer wird wohl im Verkehr mit seinen Nachkommen häufig auch allein Bezug genommen; ebenso kann in Briefen an den König
von Frankreich der Karolinger allein oder zusammen mit dem Anjou
stehen: Dieser hat den Florentinern die Heimat zurückgegeben, jener
den vertriebenen Guelfen. 105 Der Kanzler erinnert nicht nur in seinen
Missiven an den Kaiser, sondern auch anlässlich zweier öffentlicher
Auftritte, in einer Rede von 1381 beim Empfang von Philippe
d’Alençon und bei einer 1382 französischen Gesandten erteilten Antwort. 106 Die knappen, aber präzisen Zusammenfassungen von Villanis
Version nehmen die spätere Formulierung Palmieris gleichsam vorweg,
welche die weitere Verbreitung der Karlslegende entscheidend prägen
wird. 107
In den Kriegen gegen Mailand wird Frankreich nach längerem Werben für Florenz 1396 erneut zum Bündnispartner. Salutati erweckt
darauf die eher überlebte guelfische Rhetorik zu neuem Leben gegen
den «Ghibellinen» Giangaleazzo, und entsprechend stützt sich seine
Argumentation, die auch den Papst und später den neapolitanischen
König Ladislao d’Angiò-Durazzo zu gewinnen sucht, auf mittelalterliche Vorstellungen und Exempla, etwa Villanis, während antike weitneten Brief nicht; es handelt sich zweifellos um den oben genannten, von WITT (1976), 45f.,
zitierten.
104
SALUTATI, Staatsbriefe, 146 (28. September 1376); 172 (13. September 1380); 185
(16. November 1381).
105
SALUTATI, Staatsbriefe (1376-1399), 118; 153; 176; 182; 200 (Charles d’Anjou alleine, an
Anjou-Fürsten); 127; 325; 350 (Karl der Grosse alleine, an den König von Frankreich); 191; 289
(beide gemeinsam, an Frankreich); cf. auch p. 334 (ohne Namensnennung, an Frankreich).
Hinweise auf weitere, unedierte Beispiele in den Archiven bei WITT (1976), 47; HERDE (1965),
175f., und, alle umfassend, DE ROSA (1980), 28f. Es handelt sich um: ASF, Signori, Missive, Reg.
18, fol. 135 (5. April 1380); ib., Reg. 19, fol. 23 (18. Juli 1380); BAV Capp. 147, fol. 16 (9. April
1376); 51 (4. Oktober 1387); 147 (24. April 1404); dort ausserdem noch ib., fol. 215 (20. März
1398); 401. Es gibt natürlich auch Missive, die auf solche historisierende Formeln verzichten; so,
an Frankreich gerichtet, SALUTATI, Staatsbriefe (1376-1398), 143; 306; 312; 341.
106
SALUTATI (1382), fol. 8 (auch 400); ID. (1381), fol. 35. Cf. GILLY (1993), 494-496, zu
Philippe d’Alençon, einem Anhänger Urbans VI. und insofern Opponenten der französischen
Krone.
107
Zu diesen unten p. 54; cf. etwa die Rede vor Philippe d’Alençon bei SALUTATI (Juni 1381),
fol. 35: «… qui … Florentiam … populumque Florentinum undique dispersum et vagum de
restituenda urbe in sua benignitatis clementia cogitavit congregatis civibus florentinis hanc
civitatem fundavit ac fecit suisque civibus tradidit incolendam … firmatam murorum propugnaculis multis privilegiis exornavit». Cf. ID., Staatsbriefe (20. Oktober 1384), 191; WITT (1976),
71, Anm. 117.
42
gehend verschwinden. Der Rekurs auf die verschiedenen «Caroli» hat
bei Salutati allerdings längst Tradition und bleibt auch in den folgenden
Jahren typisch, obwohl sich die französische Hilfeleistung nicht wie
erwartet einstellt. 108 Am ausführlichsten kommt der Humanist noch
1406, in seinem letzten Staatsbrief an den französischen König, auf
diese zurück – hier erscheint Karls Wiederaufbau als eine Reaktion auf
die schon vorgängig bewiesene «devotio» der Florentiner. 109 Wie stark
der Kaiser das politische Selbstverständnis der Kommune prägt, zeigen
auch die nach 1385 entstandenen Fresken im Audienzzimmer des
Palazzo Vecchio, wo neben anderen, allesamt antiken «viri illustres»
auch Karl steht, darunter ein von Salutati verfasstes Epigramm, in dem
der «Rex Gallorum» selbst seinen Sieg über die tyrannischen Langobarden und den Wiederaufbau von Florenz preist. 110 Die Formulierung
ist ein offensichtlicher Seitenhieb gegen die modernen Lombarden; so
ist es auch nicht zufällig, dass Salutatis programmatische Invektive
gegen den Visconti-Kanzler Antonio Loschi die Gelegenheit bietet, das
tatsächlich epochale Bündnis der Kommune mit Frankreich zu rechtfertigen. Loschi hat in einer Schmähschrift unter anderem diese politische
Orientierung am militärisch schwachen, aber herrschsüchtigen Königreich verspottet. Dagegen verkündet Salutati, die Gallier hätten von
Brennus bis Charles d’Anjou in Italien Grosstaten vollbracht, und für
der Florentiner Anhänglichkeit sei der von der «celebris fama» und den
lokalen Chroniken erwähnte Wiederaufbau wahrhaft Anlass genug.
Auch seien die Franzosen keineswegs eine Gefahr für die Freiheit Italiens – sie wie die Florentiner verabscheuen jegliche Knechtschaft. 111
Die Inanspruchnahme eines Monarchen für die Freiheitspropaganda
einer Republik ist auf den ersten Blick nicht zwingend. Tatsächlich ist
Salutatis Argumentation nicht unbedingt ganz kohärent, wo er
verschiedene Traditionen und Anliegen in Einklang zu bringen
versucht. Das guelfische Bündnis mit Frankreich ist keine
Selbstverständlichkeit mehr, wird aber noch als solche dargestellt;
108
WITT (1976), 63-71 («Charlemagne and the Guelf tradition had triumphed over antiquity»);
cf. ID., A Note (1969), 140, sowie ID. (1983), 163. Cf. auch den Brief an Charles VI vom 24. April
1404 (BAV Capp. 147, fol. 111), «contre le parti Gibelin», gedruckt bei L. DOUËTD’ARCQ (1863), I, 254. Mir scheint jedoch die Umorientierung bezüglich der Exempla eher ein
Gebot rhetorischer Opportunität als einer politisches Neubesinnung des Kanzlers; mindestens was
Karl den Grossen betrifft, bewegt er sich jedenfalls in seinen bewährten, selbst entworfenen
Konzepten und hat es nicht nötig, auf «themes traditional in Florentine foreign policy before
Salutati» zurückzugreifen.
109
WITT (1976), 71, Anm. 117 (aus der Biblioteca Colombina in Sevilla, ms. 5. 8. 8., fol. 129).
110
Vollständig zitiert bei HANKEY (1959), 365.
111
SALUTATI (1403), 170f.
43
historisch allenfalls bedingt zutreffend, ist es aber auch als Einung zur
Verteidigung der «libertas» gedeutet. Im Konflikt mit den Visconti
erhält «guelfisch» nämlich die Konnotation «legitim», während der
Tyrann Giangaleazzo als unrechtmässiger, widernatürlicher Herrscher
dasteht. 112 Der König von Frankreich hingegen ist gewissen Gesetzen
unterworfen, damit legitim und kann so, da Garant des Rechts, als
König der Freiheit dargestellt werden. Sein Volk geniesst «libertas
regia», und Florenz ist eine «regia civitas»; Karl der Grosse ist ihr
«fundator», damit nicht nur ihrer Mauern, sondern ihrer autonomen
Existenz, welche zuvor Goten, Langobarden und Fiesolaner
verunmöglicht haben. Und die – beiläufige, aber regelmässige –
Erwähnung seiner Privilegien wehrt zugleich deutsch-imperiale
Ansprüche ab: Karl ist «Francorum rex», nicht ein Vorgänger der
gegenwärtigen Kaiser. 113
Damit bewegt sich Salutati auch der Intention nach in den Fussstapfen Giovanni Villanis, dessen Version er ja auch inhaltlich genau
übernimmt. 114 Dagegen verschwindet ab 1396 der ebenfalls aus der
Nuova Cronica übernommene, republikanisch inspirierte Rekurs auf
die römische Gründung aus den Missiven nach Rom. 115 Ebenso wird
die bei Villani ja ausschliesslich und von Salutati in den frühen
Staatsbriefen auch noch auf die süditalienischen Anjou ausgerichtete
Karlslegende zusehends nur noch mit Frankreich in Verbindung
gebracht. 116 Der Wiederaufbau von Florenz ist das einzige Element der
lokalen Gründungslegende, das in der diplomatischen Sprache Bestand
hat, ja zum Ideologieträger avanciert ist.
112
WITT (1976), 69; cf. DE ROSA (1980), 150f.
SALUTATI, Staatsbriefe, 350 (20. März 1399); die Privilegien auf pp. 146; 172; 191;
289. Ib., 143, ID. (1403), 84, sowie WITT (1976), 53; 70; DE ROSA (1980), 149f.; und
LANGKABEL (1981), 76, zur «libertas regia». Auch GILLY (1993), 496-498, folgt Witt.
114
Es vergehen 350 Jahre bis zur Neugründung, an der römische Adlige teilhaben; eindeutige
Parallelen zu Villani bei SALUTATI, Staatsbriefe (1376-1391), 146; 172; 191; 289. Weitere
Beispiele auch bei WITT, Origins (1969), 164.
115
WITT (1976), 71, sieht das als Besinnung auf die mittelalterlich-guelfische Ideologie und
Absage an die antik-republikanische. ID. (1983), 247-252, beschreibt jedoch die ebenfalls in das
letzte Lebensjahrzehnt fallende «Republikanisierung» der Stadtgründung, die nun Sulla zugeschrieben wird. Daher gilt es zu erwägen, ob die römische Kommune als bevorzugter Adressat
gerade einer so revidierten Gründungsgeschichte nicht allmählich ausfällt, nachdem sich der –
monarchische – römische Papst wieder in der ewigen Stadt etablieren kann.
116
Der letzte an die Anjou gerichtete Rekurs auf Karl den Grossen in SALUTATI, Staatsbriefe,
185, datiert von 1381; später noch in einem Brief in R. ALBIZZI (1405), 65. In den späteren
Instruktionen für Gesandte zu Louis oder René d’Anjou findet sich nichts mehr davon; cf. ASF,
Signori, Legaz., Elez., Reg. 5, fol. 1 (11. Januar 1411); Reg. 6, fol. 48 (28. Mai 1415); Reg. 13,
fol. 44v (Nov. 1453).
113
44
5. Die humanistische Kritik: Leonardo Bruni
Dass sich Villanis Gründungsmythos nicht nur halten kann, sondern
mit Salutati gleichsam offiziellen Charakter erhält und um 1400
Allgemeingut darstellen dürfte, 117 bedeutet nicht, dass er unbestritten
geblieben ist. Wie bereits gezeigt, äussern bereits frühe Humanisten
wie Boccaccio oder Rambaldi ihre Vorbehalte, die ihren Ausgangspunkt jedoch vor allem in der unsicheren Identifikation von Attila und
Totila haben. Ähnliche Diskussionen finden offenbar ebenfalls in den
auch politisch einflussreichen gelehrten Kreisen der Arnorepublik statt.
Giovanni Gherardi da Prato in seinem Paradiso, der sich als Wiedergabe einer gelehrten Diskussionsrunde gibt, kritisiert ausdrücklich die
Ignoranz von Chronisten wie Villani, was die Florentiner Anfänge
betrifft. 118
Vermutlich schreibt Gherardi etwa gleichzeitig wie Leonardo Bruni,
aber noch ohne dessen Historiae Florentini populi zu kennen, deren
erstes Buch 1416 beendet ist; 119 allerdings präsentiert der Florentiner
Kanzler erst 1439 die ersten neun Bücher seines Werkes offiziell der
Signorie, und vor 1429 dürfte sein Werk selbst ausschnittweise nur den
engsten Freunden bekannt gewesen sein. 120 Bereits im Vorwort kündigt
der Humanist an, ohne Rücksicht auf die verbreiteten Fabeln über die
Anfänge der Stadt handeln zu wollen. 121 Aufgrund der antiken Quellen
wird die Stadtgründung wie schon von Salutati Sulla zugeschrieben 122
und Catilina auf seine historische Rolle beschränkt. Bruni schafft einen
117
Für Goro DATI (1408), 113, genügt es daher, knapp auf den Wiederaufbau hinzuweisen:
«… d’attorno, dove poi doppo molto tempo per le croniche appare di Carlo magno, le quali lascio
per abbreviare e tornare alla materia nostra, si rifece la citta …».
118
GHERARDI DA PRATO (1426), III, 230-244. Das einzige Manuskript bricht bei der Erörterung
der Frage ab, ob Attila, Totila oder sonst jemand Florenz zerstört habe; doch bereits zuvor, bei der
Erörterung der römischen Abkunft der Florentiner, wird gegen «alcuni cronistichi poco pratichi e
detti, anzi ignorantissimi» und ihre «cose vane» polemisiert und ihnen die «storie altentiche» und
«d’altorità degna» eines Sallust, Cicero und Livius gegenübergestellt. Nach BARON,
Literature (1955), 34-37, bzw. ID., Crisis (11955), 421, stammt der Paradiso degli Alberti von
1425 oder 1426 und ist noch ohne Kenntnis Brunis verfasst. Der Verfasser lässt die Szene jedoch
in den Jahren um 1389 spielen (entsprechend die wohl falsche Datierung von Wesselofsky in
seiner Einleitung zu GHERARDI DA PRATO (1426), I, 222-228), in die er natürlich auch sehr gut
später zirkulierende Ideen zurückversetzt haben kann.
119
Cf. SANTINI (1910), 49; RUBINSTEIN, Poliziano (1957), 101, Anm. 2.
120
BARON, Crisis (11955), 421.
121
BRUNI (1416), 4: «… placuit exemplo quorumdam rerum scriptorum de primordio atque
origine urbis, vulgaribus fabulosisque opinionibus reiectis, quam verissimam puto notitiam
tradere …».
122
Cf. BARON (21966), 63f.; zu Salutati WITT, Origins (1969).
45
neuen, regional-republikanischen Mythos: Unabhängig von Rom und
später in Konkurrenz dazu hat Etrurien bereits vor der Gründung von
Florenz eine Blüte gekannt, bevor es von der überlegenen Tugend der
(späten) Republik dem römischen Machtbereich eingeordnet wird. 123
Dessen Bürger verlieren indessen unter den Kaisern ihre «libertas», und
so geschwächt wird das Imperium eine leichte Beute der Völkerwanderungsstämme. 124
Attilas Taten werden nach Paulus Diaconus beschrieben, teilweise
auch die von Totila, wobei Bruni wohl schon vor seinem eigenen
Bellum gothicum von 1441 auch Prokop kennt und sich so gegen
falsche Vorstellungen verwahren kann. 125 So habe Attila Etrurien nie
betreten; wer seinen Namen als Zerstörer von Florenz nenne, verwechsle ihn offenbar mit Totila, der tatsächlich in der Toskana gewütet
habe. Wenn er allerdings wirklich die Stadt völlig zerstört habe, dann
müsse man sich fragen, wo denn in den 200 Jahren bis zum Wiederaufbau die Bevölkerung gewohnt habe. Dass sich nämlich damals
Römer in Florenz niedergelassen hätten, sei kaum möglich, hätten diese
doch zur gleichen Zeit mangels eigener Bevölkerung nicht einmal im
nahen und für Rom wichtigen Ostia aushelfen können und stattdessen
Sarden angesiedelt. Bruni zieht also nichtflorentinische Quellen zum
Erfassen und Vergleichen der historischen Gegebenheiten und zur
Erklärung seiner Skepsis heran; dank dieser typisch humanistischen
methodischen Neuerung kommt er zu seinem Schluss, dass Florenz von
Totila nicht vollständig zerstört worden sei.
Ego igitur magnas quidem inflictas a Totila clades, plurimam caedem
factam civium et eversa moenia existimo, sed neque urbem funditus
deletam, neque per medium illud tempus sine habitatoribus omnino
fuisse. 126
Dafür spreche auch, dass noch antike Gebäude wie das Baptisterium
(für Bruni wie Villani ein umgestalteter Marstempel) erhalten seien, die
doch einer vollständigen Zerstörung zum Opfer hätten fallen müssen.
123
BRUNI (1416), 7-13; cf. auch BARON (21966), 65; ID. (1988), 53-60; FUBINI (1980), 426ff.,
sowie CIPRIANI (1980).
124
BRUNI (1416), 14f.
125
BRUNI (1416), 21: «… de quo monuisse ista voluimus, quod plerique vulgo secuti famam
longe aliter opinantur».
126
BRUNI (1416), 24: «So denke ich, dass durch Totila wohl eine grosse Niederlage beigebracht, viele Bürger ermordet und die Stadtmauern eingerissen worden sind; aber weder ist die
Stadt dem Erdboden gleichgemacht worden noch in der Zwischenzeit [sc. bis zu Karl dem
Grossen] ohne Einwohner geblieben.»
46
Karl habe vermutlich die Stadtmauern wiederaufrichten lassen und den
umliegenden Adel in die Stadt zurückgeführt, die Stadt also eher
instandgestellt denn neu aufgebaut. 127 Karl der Grosse ist also durchaus
positiv geschildert 128 und als Städtebauer nicht völlig ausgeschaltet,
aber seine Rolle relativiert. Bruni ist nicht der Widerleger der
Karlslegende, als der er in der Forschung gemeinhin gilt, 129 sondern der
erste, der sie auf ihre Plausibilität hin untersucht und zum Schluss
kommt, dass die Tradition übertreibt.
Brunis historische Kritik ist allerdings nicht Selbstzweck, sondern
ein geschickt eingesetztes Mittel, um eine konkrete politische
Überzeugung zum Ausdruck zu bringen. Der Humanist verdrängt die
mittelalterlichen kaiserlichen Bindungen und Traditionen von Florenz
nicht vollständig, aber ein höheres Ideal steht ihm vor Augen: das
republikanische Rom. Denn Karl dem Grossen sind auch keine
Privilegien oder die kommunale Freiheit an sich zu verdanken; diese,
zugleich verstanden als republikanisches System und expansive Macht,
«imperium», verschafft sich das florentinische Volk selbst nach dem
Tode Friedrichs II. 130 Indem der guelfisch-ghibellinische Gegensatz
vom Spannungsfeld Freistaat/Libertas gegen Einzelherrschaft/Tyrannis
überdeckt, ja weitgehend verdrängt wird, hat sich bei Bruni implizit
eine neue Konstellation ergeben: Die Freiheitsgegner sind Barbaren,
etwa Gallier und Völkerwanderungsstämme, aber auch die Kaiser der
Antike und diejenigen in Deutschland, die modernen Barbaren mit
ihren Helfern im Inland, den Ghibellinen. Ihnen stehen gegenüber das
republikanische Rom und sein Erbe, das florentinische Volk, sowie in
geringerem Grade die Kirche, solange sie nicht von Ausländern
beherrscht wird, und die Guelfen, kurz alle, die wollen, dass die
«proprii» herrschen. Damit sind die Guelfen nicht mehr als Kämpfer
für die Sache der Kirche gewürdigt, sondern als Verteidiger der
«libertas». 131 Dies entspricht auch dem offiziellen Sprachgebrauch und
127
BRUNI (1416), 24: «… urbem denique ipsam varie disiectam in formam urbis redactam, sed
reparatam magis quam rursus conditam, existimo.»
128
Cf. insbes. BRUNI (1416), 23.
129
BARON, Crisis (11955), 418: «Bruni proves that Florence was not destroyed at all, and
therefore was not rebuilt later by Charlemagne, as medieval tradition had it.» HERDE (1965), 176:
«… Stadtsage, die später Bruni als falsch erwies …».
130
BRUNI (1416), 26; erste Ansätze bereits p. 23: «Postquam igitur in Germaniam imperium
abiit …». Cf. zur «Florentina libertas» RUBINSTEIN (1986), v.a. 12ff.; auch FUBINI (1980), 423f.,
dort sowie ID. (1990), 35f., auch zum «imperium»; 40: «‹libertas› … è nozione che si ricongiunge
a quella di ‹sovranità›.»
131
BRUNI (1416), 25. Zur Interpretation der Guelfen BARON (21966), 21; ID. (1988), 63f.
47
dem Selbstverständnis der Florentiner, welche es schon ab 1400 im
Umgang mit der Kurie zusehends unterlassen, sich auf die guelfische
Tradition zu berufen. 132
In dieser gegenüber Villani neuformulierten Opposition sind die
Franzosen aus dem guelfischen Bündnis ausgeschieden. Bereits in der
Antike hätten die Etrusker erbittert gegen die barbarischen Gallier
gekämpft, mit Rom dagegen eher in einem sportlichen Wettkampf gelegen 133 – eine Aussage, die im Gegensatz zu Brunis eigenen Ausführungen steht, wo die römische Herrschaftsausdehnung auf Etrurien
martialisch geschildert ist. Auch Villanis Held Charles d’Anjou wird
streng beurteilt, und bei der Sizilianischen Vesper zählt Bruni alle
möglichen
Laster
auf,
welche
die
Franzosen
generell
charakterisieren. 134 Es sind jedoch vor allem zwei Ereignisse, die für
den Historiker Bruni das Verhältnis der Mutterstadt zu den Franzosen
belastet haben: die Tyrannis des Gauthier de Brienne und der Krieg der
«Otto Santi», nachdem sich französische Legaten des Avignoner
Papstes in die italienischen Angelegenheiten eingemischt haben, ein
«dominatus superbus et pene intolerandus», der in der Zerstörung von
Cesena den Ausdruck französischen Hasses auf die Italiener erlebt. 135
Der Gegensatz zwischen den beiden Völkern ist gleichsam
naturgegeben; die tieferen Ursachen weist Bruni am Beispiel des
Gauthier de Brienne auf, dessen Tyrannis er ausdrücklich 136 als
Lehrstück und entsprechend detailliert schildert.
Vir enim gallus et Galliarum moribus assuetus, ubi plebs pene
servorum habetur loco, nomina artium artificumque ridebat;
multitudinis arbitrio regi civitatem ridiculum existimabat. 137
132
Cf. FUBINI (1980), 416, und die dort, Anm. 41, verzeichnete Literatur.
BRUNI (1416), 9: «Enim vero longe alia ratione cum Romanis, quam cum Gallis agebatur.
Nam adversus barbaras illas et efferatas gentes implacabile bellum fuit Etruscis. Cum Romanis
vero non odio neque acerbitate unquam pugnatum; plus etiam amicitiae quam belli interdum fuit.»
134
Cf. etwa die Darstellung von G. VILLANI (1333), I, 510f. (8, 61), mit BRUNI (1416), 68;
ausserdem zu Charles d’Anjou BRUNI (1416), 70f.
135
BRUNI (1416), 210: «eine hochfahrende und beinahe unerträgliche Tyrannis»; cf. ib., 215;
217.
136
BRUNI (1416), 162: «Res enim digna est quae literis annotetur, vel pro admonitu civium, vel
pro castigatione regnantium. Apparebit enim civibus nihil magis formidandum esse quam
servitutem; dominantibus vero nihil magis ad ruinam tendere quam immoderatam incivilemque
superbiam.» Cf. bei BARON (1988), 76-82, den Vergleich mit Villanis Darstellungsweise.
137
BRUNI (1416), 162: «Als Gallier nämlich und gewohnt an die Sitten Galliens, wo das
gemeine Volk beinahe wie Sklaven gehalten wird, machte er sich lustig über die Institutionen
‹Zünfte› und ‹zünftische Handwerker›; er hielt es für lächerlich, wenn ein Staat nach dem
Dafürhalten der Menge regiert wird.»
133
48
Frankreichs Intervention ist also nicht nur als solche zu fürchten,
sondern ganz besonders aufgrund seines ausgeprägten monarchischen
Systems mit den entsprechenden Standesdünkeln und der «servitus»
der einfachen Bürger. Selbst wenn Charles VI Florenz seine Hilfe
anbietet, zielt er doch auf fixe, alljährliche Abgaben, also auf eine für
Florenz inakzeptable «diminutio libertatis». 138
Dieses negative Bild der Franzosen, das in starkem Gegensatz zur
florentinischen Tradition steht, hat seinen Ursprung nicht allein in
staatstheoretischen Überzeugungen des Kanzlers und auch nur bedingt
in der gegenwärtigen Schwäche Frankreichs, das in den Jahren nach
Azincourt als Machtfaktor in Italien praktisch ausfällt, während sich
Florenz im neapolitanischen Erbfolgestreit auf die Seite Aragóns – und
damit gegen die Anjou – gestellt hat. Bruni hat die französische Brutalität in seiner Jugend selbst erlebt. 1384 sind Hilfstruppen für Louis
d’Anjou unter der Leitung von Enguerrand de Coucy durch die
Toskana marschiert und haben auf die Anregung ghibellinischer
Exilierter hin Brunis Heimatstadt Arezzo «post multas caedes» erobert
und anschliessend geplündert. Der fünfzehnjährige Leonardo wird
ebenso verhaftet wie sein Vater Francesco, ein Gegner der Exilierten,
dieser gefoltert, er selbst eingesperrt – die bitterste Nacht seines
Lebens, aber auch in positiver Hinsicht ein prägendes Erlebnis, indem
im Gefängnis ein Porträt des – eher gallophoben – Petrarca den
Humanisten in Bruni weckt. 139 Im Gefolge dieser Episode wird Arezzo
den Franzosen von Florenz abgekauft. Leonardo zieht mit seinem Vater
dorthin und erfährt so den Übergang seiner Heimatstadt an Florenz als
Erlösung aus der Tyrannis von Franzosen und Ghibellinen.
Brunis Skepsis gegenüber der Karlslegende zeigt sich auch in seiner
Dante-Vita. Während Filippo Villani wie Boccaccio Dantes Vorfahren
unter den beim Wiederaufbau eingewanderten römischen Adligen lokalisiert, tut Bruni diese Nobilitierung als pure Vermutung ab. 140 Doch die
nächste Vita, ebenfalls aus der Hand eines ausgewiesenen Humanisten,
nämlich Giannozzo Manettis, zeigt deutlich, dass sich Brunis Skepsis
trotz der allgemeinen Hochschätzung für sein literarisches Werk nicht
durchsetzt. Manetti hält fest, dass Karl die – teilweise oder gänzlich
zerstörte – Stadt vornehm wiederaufgebaut habe. 141 Dieses affirmative
138
BRUNI (1416), 245.
BRUNI (1440), 428: «Ea nocte acerbissima quidem omnium, quas unquam meminerim …».
140
F. VILLANI (1388), 83; BRUNI (1436), 98: «Ma questa è cosa molto incerta, e secondo mio
parere niente è altro che indovinare …».
141
MANETTI (1450), 113.
139
49
Festhalten an Villanis Legende ist kein Einzelfall, nachdem Cosimo de’
Medici ab den dreissiger Jahren eine zusehends unbestrittene Vorrangstellung erlangt hat.
6. Die Bestätigung als offizieller Staatsmythos unter den
Medici
a. Diplomatie
Die Berufung auf Karls Wiederaufbau ist noch zu Salutatis Lebzeiten
Gemeingut nicht nur der Missive, sondern der gesamten Florentiner
Diplomatie geworden, denn der Kanzler ist auch zuständig für die
Instruktion der Botschafter. 142 Eine der in dieser Zeit noch sehr seltenen
offiziellen Florentiner Gesandtschaften nach Frankreich wird von Maso
degli Albizzi geleitet, dem Führer der konservativen und streng
guelfischen Aristokratengruppe, die Florenz von der Niederschlagung
des Ciompi-Aufstands bis zum Aufstieg Cosimo de’ Medicis
beherrscht. Gegen Mailand sucht er 1396 die Hilfe von Charles VI;
dessen «devoti figliuoli», «nostro Comune e i Guelfi», bildeten eine
Stadt, die «tutta della parte reale» sei, wofür sie schon von Karl dem
Grossen, Charles d’Anjou und Charles de Valois belohnt worden sei –
und tatsächlich schliesst auch Charles VI ein Bündnis mit Florenz. 143
Zwei Jahre später hält Filippo Corsini vor dem König eine Rede, die
offenbar so kunstvoll ist, dass alle Zuhörer eine Abschrift wünschen –
neben der Aufzählung der Könige, welche die Alpen überschritten und
Italien erlöst haben, findet sich selbstverständlich auch der Hinweis auf
den Wiederaufbau von Florenz. 144 Solche Wendungen gehören fortan
zum täglichen Brot des diplomatischen Verkehrs zwischen dem
Königreich und der Republik, wobei es wohl ihrer Verbreitung
zuzuschreiben ist, wenn die widersprüchlichen Identifikationen des
Stadtzerstörers auch in der Gesandtensprache ihren Niederschlag
finden: Salutati hat wie Villani immer nur von «Totila» geschrieben,
während etwa bei Albizzi auch wieder «Attila» zum Zuge kommt. 145
142
DE ROSA (1980), 70.
M. ALBIZZI (1396), 338f.: «ergebenste Söhne», «unsere Kommune und die Guelfen», «ganz
auf der königlichen Seite».
144
CORSINI (1398), fol. 277.
145
M. ALBIZZI (1396), 339; auch P. STROZZI (1423), 37, sowie die Instruktionen für Bonaccorso Pitti bei CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 44 (Januar 1407).
143
50
Die Karlslegende wird also nicht als eine Stilmarotte Salutatis
angesehen, sondern auch nach seinem Tod von allen an der Florentiner
Aussenpolitik Beteiligten mitgetragen, auch wenn in den Missiven
wieder eine nüchternere Sprache vorherrscht. 146
In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind die offiziellen
Kontakte zwischen Frankreich und Florenz allerdings recht spärlich, da
Charles VII im eigenen Land vollauf beschäftigt ist. Allein damit lässt
sich das vorübergehende Verschwinden der Karlslegende jedoch nicht
erklären. Die seltenen Missive an den französischen König zeigen, dass
das übrige Vokabular weiter Verwendung findet, wie es bereits vor
Salutati entwickelt worden ist: «devotio», «benevolentia», «veneratio»,
«beneficia» charakterisieren nach wie vor die offizielle Sprache. 147
Doch ist von 1427 bis 1444 Leonardo Bruni Kanzler – angesichts
seiner in den Historiae Florentini populi bekundeten Skepsis
gegenüber der Gründungslegende erstaunt es daher wenig, wenn er sie
auch in den Missiven nicht einsetzt. Carlo Marsuppini, sein Nachfolger,
verzichtet zwar auch noch auf historische Begründungen und Beispiele
der Florentiner Zuneigung für Frankreich, wie sie Salutati mit Wonne
ausgeführt hätte, merkt aber doch an, er könnte diese schon liefern,
falls irgend jemand diesbezüglich unwissend sei. 148 Unter Poggio
Bracciolini, Kanzler ab 1453, taucht Karl der Grosse nach beinahe
fünfzig Jahren erstmals wieder in einem Staatsbrief auf. Er schränkt
seine Erwähnung des Wiederaufbaus zwar mit der humanistischen
Vorbehaltsformel «dicitur» ein, kommt aber um die Anspielung selbst
nicht herum, die bereits – kurz – vor seinem Amtsantritt zu neuen
Ehren gelangt ist. 149
Denn Charles VII hat mit der Rückeroberung der Normandie und der
Guyenne sein Reich inzwischen soweit gefestigt, dass man sich auch
jenseits der Alpen wieder auf ihn besinnt. Das tun die Florentiner in
ihrem Bestreben, Francesco Sforza bei der Visconti-Nachfolge in Mailand gegen Aragón und Venedig zu unterstützen; ihrerseits stellt sich
die Republik im neapolitanischen Erbstreit nun wieder hinter die
146
WITT (1976), 41f.; HERDE (1965), 209.
Cf. ASF, Signori, Missive, Reg. 33, fol. 129r/v, 129v/130 (beide 13. November 1433),
136v/137 (8. Dezember 1433); Reg. 34, fol. 3v-5 (8. März 1430).
148
ASF, Signori, Missive, Reg. 36, fol. 229 (6. Februar 1447): «Quod si nostra erga vestram
Regiam domum fides et devotio alicui esset obscura, non gravaremus memoria repetere, tot
tantaque vestra in nostrum populum beneficia.»
149
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 78 (20. Dezember 1453): «Nam semper a Carolo
magno, qui hanc urbem instaurasse dicitur, ad hanc usque aetatem nomen regium Francie tanquam
patronorum et defensorum nostrorum venerabile nobis et sanctum fuit.»
147
51
Anjou. Mit dem Bündnis zwischen Sforza, Florenz und Charles VII
vom Februar 1452 wird der Grundstein für die zukünftige
Einflussnahme Frankreichs in Italien gelegt. 150 Ausgehandelt hat es
Angelo Acciaiuoli, ein – zu dieser Zeit – Vertrauensmann Cosimo de’
Medicis und bewährter Botschafter, der nach Ausbruch des Kriegs
gegen Neapel und Venedig zwei weitere Male nach Frankreich reist,
ohne jedoch den mit England kämpfenden Charles zu einem
militärischen Eingreifen überreden zu können. Gleichwohl bleibt auch
nach dem inneritalienischen Frieden von Lodi 1454 die neubegründete
Allianz zwischen Frankreich und Florenz beziehungsweise den Medici
bestehen, bis zu Lorenzos Tod ein Angelpunkt der internationalen
Politik.
Und zu den Paten dieses Bündnisses hat Karl der Grosse gehört – in
den Instruktionen vom 10. September 1451 für Acciaiuoli hat man sich
nach langen Jahren wieder auf ihn besonnen. Es gebe niemanden, so
die Instruktion, der von Karls Wiederaufbau nicht wisse, sie sei
«notissima et per le hystorie et per li annali». Damit ist nicht nur auf
Giovanni Villani und seine Adepten angespielt, sondern auch auf den
1448 erschienenen Liber de temporibus Matteo Palmieris, auf den bald
einzugehen ist. Die Wiederentdeckung der Karlslegende für den
aussenpolitischen Gebrauch schlägt sich deutlich nieder: Auch in den
Instruktionen für seine zweite Gesandtschaft findet Angelo einen entsprechenden Hinweis. 151 Historische Plausibilität ist dabei weniger
wichtig: Auf seiner dritten Frankreichreise hält Angelo Acciaiuoli eine
Rede vor dem König, worin er verkündet, Totila habe Florenz zerstört,
weil die Stadt damals Parteigängerin Karls gewesen sei! 152
Von nun an, und bis in die neunziger Jahre, findet sich die Weisung,
auf den Wiederaufbau von Florenz zu sprechen zu kommen, ebenso
regelmässig in den Instruktionen für Gesandte wie die Erwähnung
Karls des Grossen in ihren Reden und Berichten. Häufig wird das
Ereignis mit Wendungen wie «quis ignoret?» eingeleitet und stets
angeführt als Zeugnis florentinischer Ergebenheit gegenüber Frankreich, dem Garanten der «Florentina libertas». 153 Mit der
150
RUBINSTEIN, Empire (1957), 134: «a landmark in the history of French diplomacy in Italy».
ASF, Signori, Legaz., Elez., Reg. 13, fol. 36 (29. 7. 52).
152
Die Rede vom März 1453 ist ediert, cf. A. ACCIAIUOLI (1453). Die Instruktionen bei
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 64; auch KENDALL/ILARDI (1970), I, 5; cf. ib. die Einleitung,
pp. XXIX-XXXIV. Zum historischen Hintergrund ebenfalls PONTIERI (1978), XXIX-XXXVI.
153
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 64 (1451); 78 (1453); 87 (1458); 98 (1458); 118 (1461);
168 (1477); 336 (1493); 370 (1494); ausserdem häufig generelle Wendungen zur Erinnerung an
die Wohltaten der französischen Könige für Florenz. Der Wiederaufbau auch im ASF, Signori,
151
52
Gratulationsgesandtschaft für den frisch gekrönten Louis XI, der
persönlich Karl den Grossen sehr verehren wird, erreicht dieser Kult
seinen Höhepunkt: Filippo de’ Medici, der Erzbischof von Pisa, kommt
in der Aringa auf die Neugründung zu sprechen, und der Humanist
Donato Acciaiuoli überreicht dem Herrscher seine im nächsten Kapitel
zu besprechende Vita Caroli Magni. 154
b. Historiographie
Brunis Skepsis hat offensichtlich der Popularität der Karlslegende nicht
bleibend geschadet. Allein im fernen Rom verwirft Flavio Biondo ohne
Wenn und Aber sowohl jegliche Zerstörung als auch den Wiederaufbau, von dem er bei Alkuin nichts finden könne. Mit «Alkuin»
meint Biondo wie andere auch Einhard, allerdings nicht den Verfasser
der Karlsbiographie, sondern der ihm zugeschriebenen Annales regni
Francorum. 155 Dieses Schweigen der frühesten Quellen reicht für das
eindeutige Urteil in der Italia illustrata; deshalb, und weil er keine
erbosten Mitbürger zu fürchten hat, braucht Biondo auch nicht so differenziert zu argumentieren wie Bruni, dessen Text er an sich gut kennt
und sonst auch benützt. Für einen solid gebildeten Humanisten, der
keine Rücksichten auf lokale Empfindlichkeiten zu nehmen braucht, ist
der Fall offenbar so eindeutig, dass er nicht einmal sein handwerkliches
Können daran vorzuexerzieren braucht. 156
In Florenz ist eine solche Unverschämtheit undenkbar. Zwar folgt
der sonst nicht eben kritische Antonino von Florenz interessanterweise
in seiner Summa historialis Bruni bei der Relativierung von Totilas
Zerstörung, doch gewichtet er Karls Wohltaten auch als politisch sehr
Legaz., Elez., Reg. 18, fol. 111; ASF, Signori, Missive, Reg. 46, fol. 41v (28. April 1470); 152v
(27. Juni 1475).
154
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 118; zur Gesandtschaft unten p. 57.
155
Die Verwechslung bereits bei RICCOBALDO (1298), 113, 292; etwa gleichzeitig wie Biondo
auch LANDINO, Espositione (1481), 77v, nach ihm auch F. GUICCIARDINI (1530), 12;
GELLI (1560), II, 46; cf. ausserdem Pulci, unten p. 68.
156
BIONDO (1458), 304: «Idque quod de reaedificatione à Carolo Magno facta aliqui sentiunt
non probamus, quum gesta Caroli ab Alcuino … scripta, tantummodo dicunt … bis in Florentia
dominicum pascha celebrasse.» CLAVUOT (1990), 106, meint, Biondos Urteil sei hier im Vergleich
zu Bruni «geradezu plump. Erstaunlicherweise hat Biondo die Beobachtungen und Überlegungen
[sc. Brunis] … nicht aufgegriffen …». Das liegt daran, dass Biondo Brunis letztlich vorsichtige
Ansicht eben gar nicht teilt, sondern jede – auch nur beschränkte – Art von Zerstörung und
Wiederaufbau bestreitet.
53
bedeutend («civilem reddidit»). 157 In kleineren Chroniken und
politischen Traktaten werden erst recht keine Zweifel laut. 158 Auch die
humanistischen Weggefährten und Nachfolger Brunis werden ihm
untreu: Poggio Bracciolini referiert die Legende nicht nur im erwähnten Staatsbrief, sondern auch in seiner Stadtgeschichte, mit einem
«tradunt» eingeleitet, aber ansonsten nach Villani und ohne konkrete
Kritik oder Vorbehalte. 159 Der humanistisch gebildete Sozomeno von
Pistoia versucht in seinem 1432 begonnenen, auf Hieronymus
beziehungsweise Eusebius aufbauendem Chronicon universale
gleichsam einen Kompromiss. Er übergeht die Zerstörung von Florenz
und spricht nicht von einem Wiederaufbau der Stadt, fügt jedoch
traditionelle lokale Elemente zu Karls Florentiner Aufenthalt wieder
hinzu, die bei Bruni fehlen, aber zu dessen Darstellung nicht eindeutig
in Widerspruch stehen: So schildert Sozomeno die Ritterkürung durch
den Kaiser und den neuen Mauerring, «maiori ambitu», worin er also
Malispini – und nicht Giovanni Villani – folgt.
Carolus Magnus imperator, cum in Galiam reverteretur, per Etruriam
transiens Florentiam intravit, ubi ad unitatem congregans cives per
diversa oppida dispersos honorifice receptus fuit et multos cives milites
fecit et nova insuper circumdare menia maiori ambitu procuravit. 160
Sozomenos Chronik bleibt ungedruckt, was aber nicht bedeutet, dass
sein Werk in der Arnostadt nicht gelesen wird – ein erhaltenes Manuskript stammt aus der Bibliothek von Cosimo il Vecchio. Das bis 1455
führende Werk zirkuliert mindestens unter Freunden bereits, bevor
seine beiden ersten Teile – mehrfach überarbeitet – auf Anregung
Vespasiano Bisticcis 1456 und 1458 offiziell herausgegeben werden.
Bereits 1448 hat es der berühmte Humanist Matteo Palmieri unternommen, eine tabellarische Kurzfassung der umfangreichen Weltchronik seines Lehrers Sozomeno herauszugeben. Palmieris Liber de
temporibus leistet den entscheidenden Beitrag dazu, dass die Karls157
ANTONINO (1459), II, 84 (12, 5); 131v/132 (14, 3, 3): «Sed leonardus in historia sua
florentina oppinatur non sic fuisse ex toto diruptam et habitatoribus derelictam …»; ähnlich die
erwähnte Dante-Vita von MANETTI (1450).
158
BUONINCONTRI (1450), 14-19; CAVALCANTI (1450), 107: «… ricinta la nostra ciptà da
Carlo Magno, s’ordinò nuovo governo della republica …».
159
P. BRACCIOLINI (1457), 2.
160
SOZOMENO (1458), fol. 224v: «Als der Kaiser Karl der Grosse auf dem Rückweg nach
Gallien durch Etrurien zog, kam er nach Florenz, wo er ehrenvoll empfangen wurde, nachdem er
die über verschiedene Kleinstädte zerstreuten Bürger wieder versammelt hatte, und wo er viele
Bürger zu Rittern schlug und ausserdem veranlasste, neue Stadtmauern mit grösserem Umfang
anzulegen.»
54
legende nicht nur offizielle Geschichtsversion wird, sondern weit über
Florenz hinaus Verbreitung findet. Palmieri folgt bis zum Jahr 1294
fast ausschliesslich Sozomeno, selbst in den – nur gekürzten – Formulierungen; 161 um so interessanter sind seine Nuancen in der auf den
ersten Blick ebenfalls sehr ähnlichen Passage über Karl und Florenz.
Carolus recepto imperatorio nomine, cum in Galliam reverteretur, per
Etruriam transiens in memoriam acceptae dignitatis Florentiam urbem
magna ex parte desolatam reparavit urbanamque nobilitatem varie per
vicina oppida diffusam reduxit et nova insuper circumducere menia
maiori ambitu procuravit. 162
Offensichtlich schreibt Palmieri den Anfang und den Schluss seiner
Periode von Sozomeno beinahe wörtlich ab. Doch im mittleren
Abschnitt fügt er (anstelle der Ritterkürungen) den Wiederaufbau der
Stadt ein, den er in direkte Verbindung einerseits mit der Kaiserkrönung, andererseits mit der Rückführung des Adels bringt – nicht
generell der «cives» wie bei Sozomeno. An Bruni erinnert das «magna
ex parte desolatam» – die Stadt ist nicht vollständig zerstört worden;
aber sie ist stark beschädigt, denn unter dem Jahr 548 fügt der
Humanist auch Totilas Wüten gegen Florenz ein, das Sozomeno ja
ebenfalls übergangen hat. Am gleichen Ort behandelt Palmieri auch die
angeblich vollständige Zerstörung Roms durch den Goten; im Unterschied zum dann bis zu Karl dem Grossen darniederliegenden Florenz
sei jedoch Rom schon bald durch Belisar und denselben Totila wieder
befestigt und bevölkert worden. 163 Palmieri betont also wieder die
Parallelen und Bündnisse zwischen den zwei Städten; so baut ja auch
Karl Florenz zur Erinnerung an seinen in Rom empfangenen Würdentitel wieder auf. Dieser Rückgriff auf die Gedankenwelt der ursprünglichen Gründungslegenden und vor allem Villanis ist kein Zufall in
einem Werk, das sonst fast ausschliesslich Sozomeno folgt – die Nuova
Cronica ist im übrigen nur für die Jahre nach 1294 benützt. 164
161
Zur Abhängigkeit von Sozomeno cf. G. Scaramella in seiner Einleitung von MATTEO
PALMIERI (1448), VIII ff.; sie sei «quasi esclusiva».
162
MATTEO PALMIERI (1448), 74f.: «Nachdem Karl den Kaisertitel erhalten hatte, zog er auf
dem Heimweg nach Gallien durch Etrurien; dort richtete er zum Gedenken an die erhaltene Würde
Florenz wieder her, welches zu einem grossen Teil verlassen war, führte den städtischen Adel
zurück, der über die nahen Kleinstädte vielfältig zerstreut lebte, und liess darüber hinaus neue
Stadtmauern mit einem grösseren Umfang um die Stadt ziehen.»
163
MATTEO PALMIERI (1448), 57.
164
Scaramella in der Einleitung zu MATTEO PALMIERI (1448), XVI f., macht nur 23 Stellen aus,
die nicht Sozomeno folgen; für zwölf davon kennt er die Vorlage nicht. Die hier behandelten
Nuancen berücksichtigt er nicht. Ib., XVII, zur Verwendung von Villani.
55
Die nur scheinbar marginalen Nuancen Palmieris erklären sich mit
seiner Dienstgefälligkeit gegenüber Cosimo de’ Medici; dessen Sohn
Piero ist De temporibus gewidmet. Palmieri gehört nicht nur als
Gelehrter zum Medicikreis, sondern dient der Familie auch als Gesandter, Gonfaloniere, Priore della libertà und in anderen Ämtern. Sein
Werdegang vom Bruni-Schüler in der Vita civile (zwischen 1432 und
1436) zum Medici-Gefolgsmann der Città di vita (1464) steht paradigmatisch für das Absterben des Civic Humanism, den Übergang vom
Ideal der republikanischen Vita activa zur Kontemplation im Gefolge
Petrarcas. Charakteristisch ist Palmieris Werk aber auch für die
Renaissance der Florentiner Karlslegende: Am Ende der Vita civile hat
er Ciceros Somnium Scipionis nachgebildet und Karl den Grossen
auftreten lassen, der wie einst Scipio Africanus als Lohn für die staatsbürgerliche Vita activa die Unsterblichkeit der Seele verkündet. Karls
Gegenüber, ein Freund Dantes, spricht den Kaiser an und zählt seine
Taten auf – aber ohne jeden Hinweis auf seine Gunstbeweise für
Florenz. 165
Der gleiche Palmieri, der in den dreissiger Jahren das Loblied auf
den Florentiner Bürgersinn unverbunden neben Karl dem Grossen
stehen lässt, fügt 1448 als beinahe einzige Neuerung gegenüber Sozomenos Vorlage die Gründungslegende ein. Offenbar versteht er die
1434 durch Papst Eugen IV. vermittelte Rückkehr Cosimos und seiner
Anhänger als eine Parallele zu Karls ebenfalls vom Papst unterstüzter
Rückführung der «nobilitas» – als einen ebenso triumphalen Neuanfang
für die Stadt. Mit der faktischen Signorie der Medici hat sich auch die
radikale republikanische Propaganda Brunis überlebt; anstelle von
dessen aus der Antike hergeleiteten republikanischen Tradition wird
wieder ein Einzelherrscher der Begründer der mittelalterlichen Blüte
von Florenz. Unter den Medici ist ein Kaiser nicht länger suspekt, und
so erkennt sich Cosimo bestimmt auch im übertragenen Sinn in der
Figur des Restaurators und Reformators wieder, wie er ja im offiziellen
Wirken auch die Tradition des Augustus zelebriert, formal «primus
inter pares» und ohne Prärogative, aber als Erlöser von Parteienzwist
und inneren Unruhen «pater patriae», der die «libertas» zurückgebracht
hat. Aber auch die Kultur: Die «Translatio studii» hat von Athen aus
das Rom Octavians erreicht und ist von dort in das Paris Karls des
Grossen gewandert, um schliesslich im mediceischen Florenz
anzukommen, dem neuen – und vorläufig letzten – Athen. Und
165
MATTEO PALMIERI (1436), 203f.; cf. dazu BUCK (1965).
56
schliesslich soll der ebenfalls legendäre Stammvater der Medici,
Averardo, dessen heldenhaftem Drachenkampf sie auch ihr Wappen
verdanken wollen, mit Karl nach Florenz gekommen sein. 166 Es ist also
nicht allein das neuerweckte Bündnis mit Frankreich, das die
Renaissance der Karlslegende einleitet – sie erfüllt überaus wichtige
innenpolitische Legitimationsaufgaben für die Medici.
Palmieri selbst greift in seiner vor 1450 entstandenen sallustianischen Stilübung De captivitate Pisarum nicht nur auf die Legende
zurück, sondern wie, ja noch stärker als in De temporibus auf die
guelfisch-villanische Parallele zwischen Florenz und Rom – kurz nachdem Florenz Eugen IV. unter Cosimos eifriger finanzieller Beihilfe als
Konzilsort gedient hat. Palmieri stützt sich in seinem Opusculum auf
Neri Capponis Dell’acquisto di Pisa von 1420; bereits Capponi hat
dem Florentiner Befehlshaber, seinem eigenen Vater Gino, eine Rede
in den Mund gelegt, in welcher dieser die Eroberung der Stadt
rechtfertigt und die unterworfenen Pisaner mit der Versicherung einer
milden Herrschaft tröstet. Palmieri ändert die Rede ab und aktualisiert
dabei Villanis Methode. Stand bei diesem Fiesole in einem säkularen
Konflikt Florenz gegenüber, so ist es beim Humanisten Pisa, das mit
den Goten und später den Ghibellinen immer gegen Florenz
gemeinsame Sache gemacht habe, während Florenz stets das Schicksal
von Rom teilte und wie dieses von Totila zerstört und von Karl dem
Grossen in seiner früheren Würde wiederhergestellt worden sei. 167
Auch hier ist das Lob von Kraft und Milde wohl allgemein auf Florenz
und seinen historischen Anführer zu beziehen, ein Mitglied der mit den
Medici verbündeten Capponi; aber ebenfalls übertragen auf deren neue
Inkarnation: Cosimo de’ Medici. Natürlich findet sich nichts über die
Karlslegende in Ginos Rede, wie sie Neri Capponi beschrieben hat –
Palmieri ist es, der den Chronisten wie bereits schon Sozomeno mit
scheinbar kleinen Eingriffen auf die Anliegen und das Selbstverständnis seines Mäzens hin frisiert.
Dank der Popularität von De temporibus, die wegen der recht exakten chronologischen Angaben nicht unberechtigt ist, kann Palmieri
beanspruchen, nach Villani und Salutati der dritte entscheidende Propa166
Zu Averardo cf. HIBBERT (1974), 30; CLOULAS (1982), 36. BROWN (1961), 200-205,
behandelt die Parallelsetzungen von Cosimo, «pater patriae», mit Augustus und Maecenas.
167
MATTEO PALMIERI (1447), 22; cf. auch 5f. Es ist nicht ganz sicher, ob die Vorlage von Gino
oder Neri verfasst ist; für Ginos Rede cf. CAPPONI (1420), 1142-1144. Die beiden Reden
vergleicht Scaramella, Einleitung zu MATTEO PALMIERI (1447), XVI f.; cf. auch p. X ff. (Datierung
und Sallustimitation) sowie WILCOX (1971), 267-271.
57
gator der Karlslegende zu sein. Seine Tabellen bleiben für ein Jahrhundert das bequemste und verbreitetste historische Nachschlagewerk in
Italien 168 und werden auch in die Volkssprache übertragen; so überrascht es wenig, dass deren griffige Fassung der Legende zum obligaten
Inventar der in der zweiten Jahrhunderthälfte entstehenden Weltchroniken wird. Mit unbedeutenden Varianten findet sie sich beim Augustiner Iacopo Filippo Foresti aus Bergamo, beim Dominikaner Pietro
Ranzano aus Palermo, beim Mailänder Notar Donato Bossio sowie in
einer unter dem Namen Petrarcas häufig gedruckten Papst- und Kaiserchronik. 169 Ganz kurz erwähnt Platina den Sachverhalt, und ihm
folgend später Sabellico. 170 Gerade ihre ohne viel Emphase eingefügten
Versionen sowie diejenigen von Palmieri, Foresti, Acciaiuoli und im
Pseudo-Petrarca – alles Bücher, die viele gedruckte Ausgaben erleben –
garantieren erst eigentlich die Verbreitung der Legende in ganz Italien
und darüber hinaus: Der Wiederaufbau von Florenz wird nun auch in
der nichtflorentinischen Geschichtsschreibung, in den gängigen
Enzyklopädien zu einer Tatsache, zwar von beschränkter Bedeutung,
aber auch nirgends in Frage gestellt. Dagegen bleibt das Studium von
Brunis Kritik und erst recht der detaillreichen Schilderungen Villanis
und seiner Nachfolger, die zudem vorläufig erst handschriftlich
zirkulieren, auch weiterhin weitgehend auf Florentiner Leser
beschränkt.
Zu diesen gehört Donato Acciaiuoli, der die lokale Karlsdeutung
gleichsam kanonisieren wird. Er kennt seine Vorgänger nicht nur oberflächlich; er ist es, der mit seiner im offiziellen Auftrag der Republik
entstandenen, 1473 erstmals und später wiederholt gedruckten italienischen Übertragung von Brunis Stadtgeschichte – lange vor der ersten
lateinischen Edition von 1610 – eine weitere Verbreitung der Historiae
Florentini populi überhaupt erst ermöglicht. 171 Derselbe Acciaiuoli
nimmt, acht Jahre nach seinem Onkel Angelo, an einer hochrangigen
florentinischen Gesandtschaft an den französischen Hof teil. Diesmal
168
Zur Bedeutung von De temporibus für das 15. und 16. Jahrhundert cf. die Einleitung von
G. Scaramella in MATTEO PALMIERI (1448), V; XXI (über 30 Handschriften und 8 Drucke).
169
FORESTI (1503), 94v (erwähnt auch die Privilegien), 191; in der ursprünglichen Fassung,
FORESTI (1485), 232, etwas kürzer und jedenfalls nicht wörtlich nach Palmieri; BOSSIO (1492), A.
D. 801 (wortwörtlich Palmieri abgeschrieben); RANZANO (1492), fol. 121 (so paginiert, eigentlich
220v), nach Acciaiuoli und damit indirekt aus Palmieri; PSEUDO-PETRARCA (1478), 63.
170
PLATINA (1474), 143, über Ludwig dem Frommen: «… Florentiam a patre Karolo restitutam
et auctam …»; SABELLICO (1504), II, 321, im gleichen Zusammenhang: «… quam Carolus Pater
instaurasset …»
171
Cf. COCHRANE (1981), 6; es existieren jedoch auch 25 Handschriften des lateinischen
Originals.
58
gilt es, dem neugekrönten Louis XI die Aufwartung zu machen und
sich weiterhin der französischen Unterstützung für die Achse MediciSforza zu versichern; gleichzeitig reisen auch konkurrierende venezianische Gesandte mit dem berühmten Humanisten Bernardo Giustiniani
an der Spitze zum Hof nach Tours. In einer Audienz am 2. Januar 1462
überreicht Acciaiuoli Louis XI seine Vita Caroli Magni, 172 einerseits
ein exemplarischer Fürstenspiegel, andererseits ein Zeichen von Dank
und Verbundenheit seiner Stadt und im besonderen seiner Familie –
wohl ein Hinweis auf die Gunst, die Angelo von Charles VII erhalten
hat. 173 Donato seinerseits erhält ausser einem Geldgeschenk auch die
Würden eines «consigliere et maestro d’ostello». Offensichtlich ist
Louis XI ob der Gabe beglückt; er wird sich während seiner Königszeit
als grosser Förderer des Karlskults hervortun, der bis dahin in
Frankreich kaum entwickelt ist. Die Vermutung, dass Donatos Werk
ihm dabei den entscheidenden Anstoss gegeben hat, ist keineswegs
abwegig. 174
Das wäre insofern ironisch, als die Vita Caroli anfangs wohl kaum
für den französischen König bestimmt gewesen ist, und wenn, dann
allenfalls für Charles VII. Acciaiuoli hat die Biographie bestimmt nicht
erst für die Krönungsaudienz verfasst, sondern er ist vielmehr für die
Mission ausgewählt worden, weil sie bereits vorliegt. Vermutlich ist die
Biographie ursprünglich ein Produkt des gleichen literarischen Interesses, das der Humanist auch in seinen Plutarchübersetzungen und den
Viten Scipios und Hannibals verwirklicht. 175 Die literarischen Ambitionen sind offensichtlich und genügen hohen Ansprüchen: Donato
liefert eine humanistische Musterbiographie, die inhaltlich weitgehend
Einhard folgt, ihn aber um italienische Quellen wie Villani und den
Liber pontificalis erweitert und vor allem um eine klassische Latinität
172
GATTI (1981) liefert eine vollständige Version des lateinischen Textes und eine unvollständige des italienischen. Cf. unten p. 135f., Anm. 39 und 40, zu den zahlreichen Handschriften und
Drucken und den schweren Mängeln von Gattis Edition, insbesondere der Vernachlässigung der
verschiedenen vollständigen italienischen Fassungen. Da sich der italienische Text und die Anrede
an Louis XI in den alten Drucken nicht finden, wird gleichwohl aus ihrer Edition zitiert, wobei zur
Kontrolle auch die Plutarchedition von Venedig 1496 herangezogen wird.
173
D. ACCIAIUOLI (1461), 99: «… ego etiam qui pro tuis ac maiorum tuorum, non solum erga
nostram rem publicam, sed etiam familiam meam, singularibus meritis amplitudini tuae plurimum
debeo …» Analog im italienischen Entwurf, ib., 79.
174
BISTICCI (1498), 33, berichtet von der Gesandtschaft und «certi arienti», die Donato erhält.
Zum Karlskult unter Louis XI cf. FOLZ (1967), v.a. 80f.
175
Dieser Einschätzung neigt nach persönlicher Auskunft auch die Biographin Acciaiuolis,
Margery Ganz, zu.
59
bemüht ist. 176 Da der Verfasser sein Werk auch selbst ins Italienische
überträgt, könnte es sich ursprünglich um eine anspruchsvolle
Stilübung gehandelt haben; und jedenfalls denkt Donato an ein
heimisches Publikum, wenn er die Volkssprache benutzt – vermutlich
durchaus mit politischen Hintergedanken. Diese gelten wohl auch hier
der Legitimation Cosimos: Seine faktische Signorie sieht im Einzelherrscher Karl das passendere Modell als in Brunis republikanischem
Ideal. 177 Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht ein ganz offensichtlich
ideologisch motivierter Exkurs Donatos, unmittelbar anschliessend an
die Kaiserkrönung und vor der Beschreibung des Wiederaufbaus – also
an zentraler Stelle. Der Text beschreibt die Entstehung des Imperiums;
er folgt scheinbar einer ähnlichen Passage bei Bruni. Die Nuancen sind
allerdings entscheidend. Bruni trennt die Vorstellung von Imperator
und Imperium – letzteres, also das Reich im territorialen Sinn, ist vom
freien römischen Volk geschaffen und vollendet («institutum atque
perfectum»), damit ein Ergebnis der Republik. Die vorangegangenen
Könige haben noch kein Reich geschaffen, das diesen Namen verdient,
während die darauf folgenden Imperatoren ein Produkt der inneren
Zwistigkeiten sind, formal legitim, da sie ihre Macht vom Volk haben,
aber faktisch Tyrannen, welche die Kräfte und den Genius des
römischen Volkes durch ihre Gewaltherrschaft («dominatio») auslaugen und somit den Untergang des Reiches vorbereiten. 178 Ganz anders,
trotz manchmal wörtlicher Übernahmen, sieht das Acciaiuoli: Bereits
die Könige vergrössern das Reich «mirifice» und bereiten gleichsam
die Freiheit der Republik vor, die wiederum an den Parteikonflikten
zugrundegeht – «quae semper fuerunt eruntque pluribus populis magis
exitio quam bella externa». 179 Der Satz, wonach die Imperatoren
faktisch Tyrannen gewesen seien, ist wörtlich aus Bruni abgeschrieben;
aber ihnen wird nicht vorgeworfen, sie hätten die römischen Kräfte
untergraben. Acciaiuoli zeigt sich also recht fatalistisch – die «dominatio» steht im Widerspruch zur republikanischen Freiheit, ist aber
angesichts der ungezügelten Ambitionen der Bürger für die innere
176
Cf. D. ACCIAIUOLI (1461), 100; zum Gesamtwerk weiter unten p. 133ff.
Cf. RUBINSTEIN, Poliziano (1957), 104.
178
BRUNI (1416), 22; die Stelle ist wohl inspiriert von LIVIUS, Dec. 2, 1, 6. Die Aktualität
dieser Überlegungen inspiriert auch MATTEO PALMIERI (1447), 4f., zu ähnlichen Ausführungen
über die Dekadenz Roms.
179
D. ACCIAIUOLI (1461), 116 (143 in Ed. 1496): «… die stets mehr Völkern verderblicher
gewesen sind und es immer sein werden als äussere Kriege».
177
60
Ordnung – mindestens zeitweise – unausweichlich, ja, auch zur äusseren Behauptung keineswegs schlechter geeignet als eine Republik.
Die Argumentationsweise Acciaiuolis ist wohl charakteristisch für
das Selbstverständnis des mediceischen Florenz. Zu lange und zu stark
hat die republikanische Gedankenwelt und Terminologie gerade auch
die aussenpolitische Rhetorik bestimmt, als dass sie jetzt verurteilt
werden könnte, zumal ja formal die kommunalen Institutionen allesamt
weiterbestehen. Doch andererseits ist die dominierende Rolle jeweils
eines Medici allzu offensichtlich, als dass die traditionelle Polemik
gegen die Signorien weiterverfolgt werden kann, zumal die inneren
Gegner stets unberechenbar bleiben. Betrieben wird daher eine
Umdeutung des für Florenz entscheidenden «Libertas»-Begriffs, der
von den Medici häufig in Anspruch genommen wird 180 – nur handelt es
sich nicht mehr um die individuelle Freiheit zur politischen Mitsprache
in der Kommune, sondern um die durch Stabilität und Sicherheit
gewährleistete Freiheit vor äusseren Bedrohungen und inneren
Spannungen. In diesem Sinn wird aber Karl der Grosse, Kaiser und
Monarch, zu einem Modell: Er befreit Italien von der langobardischen
Tyrannis und schafft ein sicheres Friedensreich, einen Neubeginn für
die Apenninenhalbinsel nach den Jahrhunderten barbarischer Unterdrückung. Ebenso beginnt nach den ewigen inneren und äusseren
Anfechtungen unter Cosimo eine Blütezeit in Florenz, ermöglicht
durch die wohlwollende Fürsorge des weisen Einzelherrschers, wie ihn
auch Ficino in seiner Plato-Interpretation predigt – aber auch durch das
aussenpolitische Bündnis mit Frankreich, dem Garanten des
italienischen Gleichgewichts und damit der Freiheit von Florenz, dem
schwächsten Faktor im 1454 entstandenen Mächtefünfeck. 181
Ein Humanist wie Acciaiuoli, der sich gerade in seinen literarischen
Werken mit beinahe familiärer Ergebenheit zu den Medici bekennt und
die Sache von Florenz mit derjenigen der herrschenden Familie
identifiziert, 182 wird sich also der aussenpolitischen Implikationen
seiner innenpolitischen Loyalität sehr wohl bewusst sein und vielleicht
selbst den Vorschlag unterbreiten, die Vita Caroli im richtigen
Augenblick als diplomatisches Mittel einzusetzen. Das Bündnis mit
Frankreich und Mailand ist seit Angelo Acciaiuolis Mission
unbestritten, aber 1461 weniger eng als zuvor; und wie die Gesandt180
So werden 1458 die «Priori delle arti» zu «Priori della libertà» umbenannt; cf. zur
«Florentina libertas» RUBINSTEIN (1986).
181
Cf. dazu auch DAVIE (1983), 141.
182
GANZ (1982), v.a. 50, 73.
61
schaft Giustinianis beweist, buhlen auch die Venezianer Konkurrenten
um die französische Gunst. Karl der Grosse, der sich um Acciaiuolis
Vaterstadt so sehr verdient gemacht hat, 183 ist die ideale Figur für ein
solches Unterfangen, und eine Widmung an den König, die aus einem
literarischen Werk ein diplomatisches Geschenk macht, ist schnell
verfasst. Das gleiche gilt von zwei inhaltlichen Retouchen, auf die noch
einzugehen ist.
Was die Gründungslegende betrifft, so zählt Acciaiuoli, inhaltlich
eng an Palmieri anschliessend, aber um eine gewisse Variation in der
Wortwahl bemüht, in einer langen Periode die Zerstörung durch die
Goten, die «restitutio in pristinum statum», die Rückführung des Adels,
die neuen Mauern und die beschenkten Kirchen auf – alles von Karl auf
dem Rückweg von der Kaiserkrönung vollbracht, «in memoriam
dignitatis adeptae».
Quae si ita sint ut quidam scriptores memoriae prodidere, quantum
Caroli nomini eiusque successoribus nostra civitas debeat, nec litteris
explicari nec ulla oratione exprimi potest. Quod enim in solo patrio
sumus; quod liberi vivimus; quod magistratus, leges, civitatem
habemus, ea omnia a [fehlt in Ed. 1496] Carolo accepta sunt referenda,
ac eius memoria cum grata recordatione perpetuo celebranda … 184
Diese, Acciaiuolis frühere Version ist offensichtlich von einer feinen
Dialektik, die allen Ansprüchen genügt. Die Legende ist in ihren
wesentlichen Zügen entsprechend der offiziellen Tradition geschildert.
Mit dem «quae si ita sint» ist aber auch der humanistische Vorbehalt
gegen die «quidam scriptores» zaghaft geäussert. Das tut Acciaiuoli mit
ähnlichen Formulierungen auch dort, wo er von Rolands Tod bei Roncesvalles und Karls Kreuzzug schreibt. 185 In diesem Fall ist aber die
potentielle Einschränkung durch die im Folgenden bekundete Dankbarkeit gegenüber Karl und seinen Nachfolgern, den französischen
Königen generell, beinahe aufgehoben – obwohl streng genommen
183
D. ACCIAIUOLI (1461), 102: «… ut memoriam tanti viri, tamque praeclare de nostra patria
meriti quantum ego possem, ab oblivione hominum atque a silentio vindicarem».
184
D. ACCIAIUOLI (1461), 117 [p. 143v in Ed. 1496]: «Wenn es sich damit so verhält, wie es
gewisse Autoren unserer Erinnerung [sc. der Nachwelt] überliefert haben, so kann weder mit
Schriften dargelegt noch mit Worten ausgedrückt werden, wieviel unsere Stadt dem Helden Karl
und seinen Nachfolgern schuldig ist. Denn dass wir auf heimatlichem Boden wohnen; dass wir frei
sind; dass wir Behörden, Gesetze, eine politische Gemeinde haben: das alles müssen wir als von
Karl erhalten schildern, und sein Andenken mit dankbarer Erinnerung ewig pflegen.» Das «ut
quidam scriptores memoriae prodidere» ist in der Gattis Edition zugrundeliegenden Handschrift
(BNF II, II, 10) am Rande ergänzt, findet sich aber in den anderen Texten mit der gleichen
Fassung am entsprechenden Platz.
185
D. ACCIAIUOLI (1461), 111, 118; cf. unten p. 133f. zur ganzen Problematik.
62
diese Sonderbeziehung allein von den «scriptores quidam» abhängt:
Sollte ihre Version nicht zutreffen, so wäre Florenz Karl dem Grossen
zu keinerlei Dank verpflichtet … Diese Auslegung wird zwar vom
Humanisten nicht weiter suggeriert, aber seine Formulierung macht
deutlich, wie sehr sich wenigstens einzelne Mitglieder der Elite
bewusst sind, dass die Legende ein bequemes Werkzeug von
mindestens fragwürdiger Authentizität ist, um die Nähe zu Frankreich
zu deklamieren.
Vollends wird das durch zwei umfangmässig kleine Änderungen im
zitierten Absatz deutlich, die Acciaiuoli in der Louis XI überreichten
Handschrift anbringt und die in den zahlreichen gedruckten Versionen
die Rezeption bestimmen. Einerseits fehlt in einigen älteren Handschriften der italienischen Version das «eiusque successoribus», das
erst nachträglich und vielleicht zuerst nur in den lateinischen Text
eingefügt worden ist. 186 Die Dankbarkeit wird also aus Höflichkeit auch
auf Karls Nachfolger ausgedehnt, und damit vor allem auf Louis XI,
den Empfänger der Vita Caroli. Andererseits wird offenbar die Formel
«Quae si ita sint ut quidam scriptores memoriae prodidere» als undiplomatische Relativierung angesehen, weshalb sie durch «Quibus meritis»
ersetzt wird. 187 Durch diese entscheidenden zwei Worte ist jeder Zwei186
Der Codex BNF II, I, 62, fol. 40v, beendet am 5. 12. 1461, hat die ursprüngliche Version:
«Le quali chose essendo chosi chome alchuni scrittorj anno fatto menzione, quanto alla sua
memoria era obligata la citta nostra …»; ebenso BNF II, II, 10, fol. 19, vom 20. 6. 1465, und BNF
Magliab. 24, 157, eine angebliche von Donato 1465 angefertigte Übertragung, auf
fol. 83. Derselbe Codex enthält aber auch eine Übertragung des Senesen Giovanni Azzoni, welche
auf fol. 120 die in den gedruckten Ausgaben übernommene Fassung übersetzt: «per questi meriti
quanto la cipta nostra sia obligata al nome di Charlo et a suoi successori …».
187
«Quibus meritis» steht in der Louis XI überreichten Prachtshandschrift, jetzt im Fitzwilliam
Museum, Cambridge, MS 180, auf fol. 20v; ich danke Elizabeth Orton von der dortigen Handschriftenabteilung dafür, dass sie die entsprechende Stelle nachgesehen hat. Ebenfalls «Quibus
meritis» fand ich in den folgenden um die Vita Caroli erweiterten Plutarch-Editionen: Rom 1470,
552; Venedig 1478; 1491, 143v; 1496, 143v; 1516, 340v; Basel 1531, 454; 1535; ausserdem
FREHER (1613), 556. Erst die späte Edition von MENCKE (1728), I, 827, hat «Quae si ita sint»; sie
ist in Unkenntnis der früheren gedruckten Ausgaben nach einer im persönlichen Besitz Menckes
befindlichen Handschrift erstellt. Dagegen ist in den Handschriften das «Quae si ita sint» weit
häufiger; es findet sich im BNF II, II, 10, fol. 46v; II, XI, 8, fol. 32v; BLF Plut. 67, 20, fol. 99v;
Plut. 52, 11, fol. 107v; BAV Urb. Lat. 448, fol. 367; BNP, Lat. 5831 (ursprünglich aus Neapel),
fol. 438. «Quibus meritis» findet sich nur in BNF Magliab. 24, 157, fol. 25v, sowie in BLF Plut. 89
inf., 47, fol. 153; letzteres erstaunt wenig, enthält der Codex doch weiter eine Sammlung von
Reden anderer Gesandter anlässlich der Krönung von Louis XI, bei der ja Acciaiuoli die entsprechend revidierte Version überreicht. Bei den Übersetzungen findet sich diese Variante allein in der
von Azzoni, BNF Magliab. 24, 157, fol. 120: «per questi meriti»; Acciaiuolis eigene Übertragung
im gleichen Codex bietet dagegen auf fol. 83: «Le quali cose essendo chosi, chome alcuni
schriptori hanno fatto mentione …»; entsprechend BNF II, II, 10, fol. 19; II, I, 62, fol. 40v; BNF
Conv. soppr. G2, 1501, fol. 108v; BRF. 767, fol. 23. In ihrem Aufsatz hat GATTI (1972), 266,
noch, wohl nach einem der frühen Drucke, «Quibus meritis»; in ihrer 1981 erschienenen eigenen
Edition der Handschrift, D. ACCIAIUOLI (1461), 177, dann jedoch «Quae si ita sint» (gemäss
63
fel unterdrückt, das gewaltige Verdienst des Kaisers (und Königs von
Frankreich) eine unbestrittene Tatsache. Zusammen mit den «eiusque
successoribus», wodurch der eben gekrönten Thronfolger miteinbezogen wird, erhält die – inhaltlich ansonsten identische – korrigierte
Version einige Brisanz: Ohne jede Einschränkung und
strenggenommen grundlos zeigen sich die Florentiner in tiefer
Ergebenheit vor dem mächtigen König, dem sie stellvertretend für
seinen Vorgänger Karl nichts weniger als die Heimat, die Freiheit und
die politische Ordnung schulden wollen – eine gefährliche Haltung, wie
sich noch zeigen wird.
In dieser späteren Version wird Acciaiuolis Werk gedruckt und gelesen; Noch Giovio versteht die Vita Caroli Magni als Lobgesang auf
den «alterum Florentiae patriae conditorem». 188 Die grosse Anzahl von
Handschriften der Vita und die ab 1470 zahlreichen gedruckten Ausgaben, in der Regel im Anhang an die Lebensbeschreibungen des Plutarch, beweisen die Autorität von Acciaiuolis Werk und lassen ihn bei
der Verbreitung der Florentiner Karlslegende ebenfalls einen entscheidenden Platz einnehmen. Der erwähnte Pietro Ranzano schreibt ihn
ebenso ab wie der Bischof Zaccaria Lilio, der 1496 in Florenz eine
kurze Vita Caroli Magni herausgibt. 189
Villanis Erfindung hat sich also unter den Medici wieder und stärker
als je zuvor in Florenz etabliert. Doch was die eigentliche Stadtgeschichte betrifft, so geniesst Brunis bis 1492 viermal auf Italienisch
gedrucktes Meisterwerk weiterhin die grösste Anerkennung; und damit
auch seine starke Relativierung von Karls Wiederaufbau. So ist ein
anderer schreibgewandter Humanist gefragt, der Brunis Stil mit
Villanis Geist vereinen und damit die mediceische Welt auch in der
Lokalgeschichte verewigen kann.
Wieder einmal ist es der Kanzler, der sich einer solchen Aufgabe
annimmt: Bartolomeo Scala tritt in den Jahren um 1482 190 in die FussBNF II, II, 10) – offensichtlich ohne dass sie selbst diese Variante beziehungsweise deren Brisanz
bemerkt hätte.
188
GIOVIO (1544), 51.
189
LILIO (1496), unpaginiert; der Wiederaufbau folgt mit leichten Kürzungen exakt Acciaiuoli.
190
Die Datierung der Historia Florentinorum ist unsicher. Zaccagnini in seiner Einleitung zu
SOZOMENO (1458), XXXIX, erwähnt, dass Scala 1484 in Pistoia die sozomenische Chronik
konsultiert habe. SCALA (1482), 14, erwähnt selbst Sabellicos 1487 erstmals gedruckten Res
Venetae. MARTELLI (1982), 12, vermutet, diese Angabe sei erst während der Überarbeitung der
ersten fünf – allein erhaltenen – Bücher eingefügt worden, während die ursprüngliche, angeblich
vollständige Version bereits 1483 beendet gewesen sei. MARTELLI (1982), 27f., 57, betrachtet die
Überarbeitung als Ausdruck einer Distanzierung Scalas von den Medici und der Annäherung an
die konservativen Aristokraten der Republik von 1494; allerdings belegt er Scalas Wandel zum
64
stapfen seiner illustren Vorgänger Bruni und Bracciolini. Der Humanist
kündigt gleich im Vorwort an, dass er nicht beabsichtigt, Klarheit in
umstrittene Fragen der sagenumwobenen Florentiner Frühzeit zu bringen, sondern das Urteil den Lesern überlässt; sein Werk ist diesbezüglich eher eine Zusammenstellung verschiedener Sichtweisen. 191 Doch
seine sehr ausführliche Schilderung der Karlslegende lässt sich mit dem
erklärt eklektischen Vorgehen allein kaum erklären – sie ist eine eigentümliche Synthese aus zur Schau getragener humanistischer Überlieferungskritik und politisch opportunem Traditionalismus.
Nach der Beschreibung Attilas wie Totilas anhand authentischer
Quellen meint der Kanzler, das «vulgus omne» und auch er glaubten
zudem an die – in diesen Vorlagen allerdings fehlende – vollständige
Zerstörung von Florenz durch Totila, die er dann mit der ihm eigenen
Phantasie ausmalt. 192 Das zweite Buch beginnt mit einer Klage über das
gegenwärtige Leiden Italiens unter Krieg und Barbaren 193 und geht
dann zur «restitutio urbis» über, unter deutlicher Abgrenzung von denjenigen Zeitgenossen, welche die Neugründung stumm übergehen, sei
es, dass sie nichts von ihr wissen, sei es, dass sie nicht daran glauben –
womit wohl Biondo gemeint ist. 194 Scala führt eine Liste von humaniAntimediceer ungenügend. Bereits WILCOX (1969), 209, und BROWN (1979), 300, 304f., hatten
einer frühen Datierung das Wort geredet; letztere dachte nach einem Vergleich des – der Karlslegende unmittelbar vorangehenden – Vorworts zum zweiten Buch mit einer Rede von
SCALA (1481) an die Zeit nach dem türkischen Überfall von 1481 auf Otranto. RUBINSTEIN (1964), 49f., 58, hatte noch vermutet, das Werk sei kontinuierlich geschrieben worden und
bei Scalas Tod 1497 im überlieferten Zustand abgebrochen worden; das erwähnte Vorwort stellt er
in den Zusammenhang des französischen Einfalls von 1494. Eine frühe Datierung scheint
plausibler – demnach wäre im Vorwort auf den von Sixtus IV. provozierten Krieg um Ferrara von
1482 angespielt, in dem sich fast alle italienischen Staaten in zwei Koalitionen gegenüberstehen
und so die «patria dulcissima» zerstören, anstatt die «barbari» zu bekämpfen, also die Türken,
welche ja tatsächlich von den Gegnern Venedigs zum Kampf gegen die Serenissima aufgefordert
worden sind (worauf wohl das «vereor ne rursum in vos ipsi armetis eos» anspielt). Das Vorwort
ist dem zweiten Buch ohne engen inhaltlichen Zusammenhang vorangestellt, weshalb es allenfalls
nachträglich in den Text der Historia Florentinorum eingefügt worden sein könnte, aber kaum
früher entstanden ist; damit dürfte Scalas Fassung der Karlslegende ebenfalls spätestens von 1482
stammen und auch in späteren Überarbeitungen kaum wesentlich verändert worden sein, zumal
sich darin keine Hinweise auf einen etwaigen – im Sinne Martellis – republikanischen
«Ideologiewandel» in einer zweiten Redaktion finden.
191
SCALA (1482), 1: «Verum quae jam de civitatis primordiis nominisque diversitate traduntur,
ea varia sunt & inanibus pleraque fabulis quam historiae similiora. Nobis in animo est in tanta
rerum inopia, nihil, quod usquam inventum sit, non apponere; …»; cf. auch FUBINI (1980), 442,
zum kompilatorischen Charakter der Historia.
192
SCALA (1482), 20, vertritt den Standpunkt, dass Florenz völlig zerstört worden sei, erwähnt
aber auch «docti viri», nach denen viele Gebäude den Angriff überstanden hätten – eine offensichtliche Anspielung auf Bruni.
193
SCALA (1482), 19; cf. zur Datierung und Interpretation die obige Fussnote 190.
194
SCALA (1482), 21.
65
stischen Autoritäten an, die seine Überzeugung teilen, und ausserdem
Giovanni Villani, den er auch gegenüber denjenigen verteidigt, die ihn
aufgrund stilistischer Kriterien schmähen. 195 Inhaltlich liefert der Kanzler gegenüber dem Chronisten denn auch kaum Neues, ausser dass er
die Gelegenheit benutzt, die Florentiner Gesandten mit humanistischer
Eloquenz eine überlange Rede vor Senat, Papst und Kaiser halten zu
lassen. 196
Obwohl Scala zeigt, dass er seine Quellen an sich kritisch interpretieren kann und ihm auch die Zweifel an der Gründungslegende
bekannt sind, macht er sich ganz eigentlich zu ihrem Herold. Nach
Palmieris Weltchronik und Acciaiuolis Biographie hat die humanistische Historiographie dank dem Kanzler nun auch die Stadtgeschichte
mit einer den neuen stilistischen und politischen Ansprüchen
genügenden Version der Karlslegende beglückt. Scala, ein
gesellschaftlicher Aufsteiger aus Colle di Val d’Elsa, ist ein treues
Subjekt der Medici und insbesondere Lorenzos, auch wenn es ihm nach
anfänglichen Schwierigkeiten gelingen wird, sein Amt nach dem
republikanischem Umsturz von 1494 zu behalten. Seit 1465 Kanzler,
ist er für den brieflichen und diplomatischen Kontakt mit fremden
Mächten verantwortlich – und so ist ihm die Verwendung der Karlslegende im Verkehr mit Frankreich gut vertraut. Die Bezeichnung des
Kaisers als «restitutor ac parens» erinnert denn auch an die Sprache
seiner Missive, auf deren folgenreiche Formulierung noch
zurückzukommen sein wird. 197 Sie klingt auch in der Erklärung an,
welche Scala an den Anfang seiner Behandlung der Stadtlegenden
stellt – die Florentiner verehren bis auf den heutigen Tag Karl für seine
Tat und sehen auch in seinen Nachfolgern «patresque atque auctores
generis Florentini»; die «Galli reges» lieben denn auch die Florentiner
wie kein anderes Volk in Italien. 198 Aus Scalas Worten spricht der
Dank Lorenzos für die unbedingte und entschiedene Unterstützung, die
ihm Louis XI nach der Pazzi-Verschwörung von 1478 gegen Papst
Sixtus IV. gewährt hat – und auch jetzt noch leistet. Daneben dringt in
der Rede der Gesandten aber auch das Florentiner Selbstverständnis
unter den Medici durch – sie sind Vorkämpfer für die patriotische,
195
SCALA (1482), 22: «Neque est profecto contemnendus ille vir, etsi videre licet, morosiores
quosdam qui pro minimo etiam quoque erratulo, quae tamen recte scripta sunt, maledictis
incessant.»
196
SCALA (1482), 22-25.
197
Cf. unten p. 75ff.
198
SCALA (1482), 16.
66
gesamtitalienische Sache, einst gegen Goten, jetzt gegen Türken, eine
friedliche Macht des Ausgleichs und stets auf der richtigen Seite. Die
Klage im Vorwort des zweiten Buches über die Italiener, welche
Zwietracht säen und eifersüchtig nur auf die Ausweitung ihrer
Herrschaft sinnen, statt patriotisch gegen die Barbaren zu streiten, fügt
sich mit diesem Bild gut zusammen: Gemeint ist vor allem die
treibende Kraft hinter der Pazzi-Konspiration und dem Krieg um
Ferrara, Sixtus IV. Während Scala an seiner Geschichte schreibt, laufen
Bemühungen, den Papst durch ein zweites Konzil in Basel abzusetzen –
getragen von Lorenzo il Magnifico, dem König von Frankreich und
Friedrich III., dem Kaiser des heiligen römischen Reiches. Vereint
finden sich die beiden legitimen Nachfolger von Scalas «Gallorum rex
Romanusque imperator» mit der von diesem wieder aufgebauten Stadt
im Dienst für die gute Sache, der Befreiung Italiens von Zwietracht und
fremder Bedrückung.
Scalas auf zwanzig Bücher geplante Stadtgeschichte ist – sofern sie
je beendet worden ist – nur unvollständig erhalten und lange
ungedruckt geblieben; dem Kanzler ist es nicht gelungen, der
ruhmreiche Künder der mediceischen Signorie zu werden, der Bruni
mit seiner Historia für die Republik gewesen ist. Die bleibende
Wirkung verdankt die unter Lorenzo erneuerte Karlslegende vermutlich
weniger der Lokalhistoriographie als drei grossen Epen.
67
c. Dichtung
Der ansonsten unbekannte Dominikaner Domenico da Corella verfasst
nach 1469 ein gewaltiges lateinisches Epos in sechs Büchern und über
6500 Hexametern, De illustratione urbis Florentiae seu Historia populi
Florentini, das bis zur Ankunft von Charles d’Anjou in Florenz führt.
Die Zerstörung von Florenz durch Totila ist episch ausgeführt, aber
auch in die recht exakte Beschreibung der authentischen Kriege des
Goten gegen die Byzantiner eingefügt, vermutlich nach Paulus Diaconus oder Brunis Prokop-Übertragung. Dagegen prägt Giovanni
Villani die Darstellung des Wiederaufbaus bis in die Einzelheiten,
wobei Domenico etwa die Reden der Florentiner Gesandten bei Karl
oder die Antwort des Papstes in vergilianischem Stil breit ausmalt. 199
Allerdings kann er es nicht unterlassen, auch die Paladine auftreten zu
lassen: Der «insignis Rollandus» wird an ihrer Spitze nach Florenz
vorausgeschickt, um von überallher geeignete Leute zu versammeln,
welche unter günstigen Auspizien ein weithin strahlendes Florenz
erbauen, dem Karl das Lilienwappen stiftet. 200 Nach der Ritterkürung
üben sich die jungen Florentiner unter den wohlwollenden Augen des
Kaisers auch sogleich in einem Turnier, in dem sie die Franzosen
beinahe besiegen, ehe Roland zusammen mit Oliver eingreift, «raptus
amore suorum», und dem Spiel ein Ende setzt. 201
Diese Einlage Domenicos ist kein Zufall – er spielt damit auf ein
Ereignis an, zu dem er bereits zuvor einen Exkurs gedichtet hat: 202 das
berühmte, auch von Luigi Pulci poetisch verewigte Ritterturnier vom
7. Februar 1469, anlässlich von Lorenzos zwanzigstem Geburtstag, das
der angehende Stadtherrscher natürlich gewinnt! Genau in die gleiche
Zeit fällt seine Hochzeit mit Clarissa aus dem vornehmen römischen
Geschlecht der Orsini – daher betont Domenico auch stark die Rolle
der Römer beim Wiederaufbau. Vermutlich fällt die Abfassung in die
Zeit unmittelbar nach dem Turnier und der Hochzeit, da auch Papst
Paul IV. sich gut mit den Florentinern versteht, auf jeden Fall vor der
rapiden Verschlechterung im Verhältnis zur Kurie und zu Sixtus IV. ab
1474.
199
200
201
202
DOMENICO DA CORELLA (1469), fol. 124-127 (4, 917-1027).
DOMENICO DA CORELLA (1469), fol. 128-132 (4, 1147-1196).
DOMENICO DA CORELLA (1469), fol. 132 (4, 1192-1227).
DOMENICO DA CORELLA (1469), fol. 81.
68
Die Integration von Protagonisten der karolingischen Epik in literarische Bearbeitungen der Karlslegende steht nicht allein da in einer
Zeit, da der chevalereske Stoff in ganz Italien begeistert aufgenommen
wird. Praktisch gleichzeitig mit Donato Acciaiuoli, im Jahre 1461,
beginnt der knapp dreissigjährige Luigi Pulci mit der Arbeit an seinem
Ritterepos Morgante; dazu aufgefordert hat ihn Lucrezia Tornabuoni,
die Mutter Lorenzo de’ Medicis. Pulci verkehrt von Anfang an im
engen Freundes- und Humanistenkreis, den dieser bereits in seiner
Jugend aufbaut; bis kurz vor seinem Tod 1484 bleibt Pulci dem
Stadtherrn treu ergeben und dient ihm auch als Gesandter. Sein Epos ist
in weiten Teilen eine Neufassung zweier chevaleresker Vorlagen, des
anonymen Cantare d’Orlando und der Spagna, deren Inhalt die ersten
siebenundzwanzig Gesänge bestimmt. Pulci macht allerdings deutlich,
dass er die Erzählungen seiner Vorlagen für Fiktion hält; ja, er beklagt
sich sogar darüber, dass die Geschichte des um Florenz so verdienten
Kaisers noch keine würdige Darstellung kenne – leider sei kein Livius,
Sallust oder Justin Zeitgenosse Karls gewesen. Nach mehreren
Unterbrechungen und einer ersten, 1478 gedruckten Version nimmt
sich Pulci 1482 selbst dieser Aufgabe an, als er im achtundzwanzigsten
und letzten Gesang auf den historischen Karl den Grossen eingeht. Den
Ruhm von «mio Carlo» zu verkünden, hat Pulci allerdings bereits in
den ersten, zwanzig Jahre früher entstandenen Strophen versprochen; in
ihm werde auch Frankreich geehrt, dem Florenz alle guten Sitten und
selbst den Adel verdanke – auch die Pulcis vermuten ihre Ursprünge
dort. 203
Den Höhepunkt der ritterlichen Taten hat Roncesvalles gebildet, auf
den bald des Kaisers Tod folgt; gleichsam als Totenklage lässt Pulci in
Aachen einen «Citarista Lattanzio» diese noch einmal zusammenfassend vorsingen. Nach ihm tritt Alkuin auf (dem Pulci Einhards Biographie zuschreibt), um «le cose di più stima» vorzutragen. Er ist dem
Dichter Lactantius also bewusst gegenübergestellt und darf höhere
Glaubwürdigkeit beanspruchen; dies um so mehr, als es seine Aufgabe
ist, den manchmal lächerlichen Kaiser des Epos durch die würdige
Figur des erfolgreichen Frankenherrschers in das historisch richtige
Licht zu setzen. Tatsächlich ist der folgende Text denn auch kaum
mehr als eine sehr getreue Paraphrase Acciaiuolis, der ja seinerseits in
203
PULCI (1483), 4-6 (1, 4ff.); 1070 (28, 40) zu den römischen Historikern.
69
vielem Einhard gefolgt ist. 204 Auch der Neubau von Florenz ist bei
Pulci kaum ausführlicher behandelt als in seiner Vorlage, jedoch
zweimal, am Ende von Alkuins Vortrag und im Porträt des Kaisers. 205
Die Neugründung ist also ohne Ausschmückung, aber mit aller Selbstverständlichkeit an prominenter Stelle in die historischen Leistungen
Karls eingefügt und zudem der eingestandenermassen legendären Figur
des Ritterromans ausdrücklich gegenübergestellt, so dass die zahlreichen Leser des Morgante keinen Grund haben werden, an ihrer
Historizität zu zweifeln. Mit seinem Werk hat Pulci wohl erreicht, was
er in der Einleitung für nötig erklärt: Dem historischen Karl ist das
verdiente bleibende Denkmal errichtet, und bei den Florentinern ist er
auch als Stadtgründer endgültig volkstümlich.
In Alkuins Rede hat sich Pulci dafür entschuldigt, dass er viele
Grosstaten Karls unerwähnt lässt; er rechtfertigt sich damit, dass ein
anderer Autor, sofern ihn nicht ein verfrühter Tod davon abhalte, dies
ausführlicher tun werde, «con altro stil, con altra cetra e verso». 206 Bei
dieser Anspielung denkt Pulci wohl an seinen Mitbürger Ugolino Vieri
(Verino), der im Unterschied zu ihm in der Tradition des historisierenden Epos eines Vergil schreibt. Aus einer alteingesessenen adligen
Familie stammend, hat Vieri nach einer humanistischen und juristischen Ausbildung verschiedene weniger bedeutende politische Ämter
ausgeübt und sich vor allem der Dichtung gewidmet. Ähnlich
Acciaiuoli und Pulci verkehrt er im humanistischen Kreis um die
Medici, Landino ist sein Freund, und Poliziano lobt seine Bildung.
Ende der sechziger Jahre beginnt Vieri mit der Arbeit an seiner
Carliade, deren erste Fassung er 1480 beendet hat und seinen Freunden
vorlegt. 207 Zeit seines Lebens auf der Suche nach Mäzenen, eignet er
eine herrlich illuminierte zweite Fassung 1493 Charles VIII zu,
nachdem er bereits auf dessen Thronbesteigung 300 Hexameter
gedichtet hat; vermutlich zirkuliert allerdings bereits zuvor eine
Abschrift der ersten Version in Frankreich. Das Prachtexemplar zeigt
204
PULCI (1483), 1080ff. (28, 70-103), wo auch die entsprechenden Passagen Acciaiuolis in
den Anmerkungen zitiert sind. DAVIE (1983) vergleicht das Karlsbild in den beiden Werken,
allerdings ohne für unseren Zusammenhang relevante Ergebnisse.
205
PULCI (1483), 1094 (28, 100f.): «nel suo tornar, per più magnificenzia, rifece e rinnovòe
l’alma Florenzia, e templi edificò per sua memoria, e détte a quella doni e privilegi.» Die zweite
Stelle ist ib., 1102 (28, 121).
206
PULCI (1483), 1087 (28, 82): «mit anderem Stil, mit anderer Leier und anderem Vers».
207
Zur Biographie Vieris cf. LAZZARI (1897), 31ff.; zur Carliade ib., 153-187. Ib., 153, sind
die Handschriften aufgezählt, je zwei pro Redaktion; ein Exemplar der ersten Version findet sich
in Paris (BNP Lat. 10324), die anderen alle in Florenz (BNF II, II, 94; BRF 838; BLF 39, 41).
70
auf der Frontseite Saint-Denis, Saint-Louis, Karl den Grossen und
vermutlich Charles VIII neben Lilienwappen; an den König ist auch die
Vorrede in Prosa gerichtet. Dieses Gastgeschenk fällt jedoch in einen
ungünstigeren Augenblick als seinerzeit dasjenige Acciaiuolis. Im
September 1493 wird die Carliade dem König in Tours von den
Gesandten Piero Soderini und Gentile Becchi überreicht, die ihm auch
die Neutralität Piero de’ Medicis beim bevorstehenden Italienzug
schmackhaft machen sollen. 208 Wahrscheinlich ist es der Empörung
über diese Distanznahme des treu geglaubten Florenz zuzuschreiben,
dass nichts über die Reaktion von Charles VIII bekannt ist. Jedenfalls
erhält der Dichter keine Belohnung, und sein reich illuminierter Codex
kommt wieder nach Florenz zurück; dies vielleicht auch erst beim Tode
des Königs. 209
In seiner Widmung an Charles VIII erwähnt Vieri, dass er sein Werk
vor vierundzwanzig Jahren begonnen habe, nachdem er von Louis XI
und seiner eigenen Stadt dazu aufgefordert worden sei. 210 Offensichtlich ist das Vorhaben also mindestens am Anfang von offizieller
französischer wie Florentiner Seite angeregt und begünstigt worden,
und dies um 1469, keine zehn Jahre nach der Biographie Acciaiuolis.
Ob es Vieris Perfektionismus und eine lange Überarbeitungsdauer
allein sind, die ihn nach der Fertigstellung der ersten Redaktion 1480
noch über zehn Jahre mit der Übersendung der revidierten Carliade an
den französischen Hof zuwarten lassen, lässt sich nicht sagen.
Jedenfalls hat er dort Freunde wie den Kanzler Guillaume de Rochefort
und den Neapolitaner Historiker Giovanni Candida, mit denen er auch
in brieflichem Kontakt steht. Im Vorfeld der «Calata» von 1494 wäre
an sich zu erwarten gewesen, dass solchen Höflingen, aber auch dem
König selbst ein italienisches Epos auf den Karolinger willkommen ist.
Vielleicht hat Charles VIII tatsächlich die erste Redaktion, von der eine
Abschrift in Paris liegt, für seine Zwecke verwendet, dann aber in
seinem Zorn den geschmückten Codex refüsiert. Dabei enthält die
208
Zur Gesandtschaft CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 317ff.
LAZZARI (1897), 165, zitiert eine schwer zu deutende Stelle bei Bartolozzi (fol. 10):
«Tandem cum laborum suorum maius praemium exspectabat, Carolus obiit, cum per iter
Carliadem haberet, quem quia illi assignari non potuit, sibi reddi petiit, hodieque apud haeredes …
habetur.»
210
VIERI (1480), fol. 1 (die Widmung von 1493): «… parentis primum tui regis invicti,
nostreque civitatis hortatu tantam bellorum molem sum exorsus …». LAZZARI (1897), 154, meint
dazu: «Qui si accenna a un desiderio della cittadinanza che forse era piuttosto nella fantasia del
buon poeta …». Angesichts der öffentlichen Funktion von Karl dem Grossen ist Lazzaris
Interpretation kaum berechtigt.
209
71
Widmungsrede all diejenigen Elemente, die – wie sich zeigen wird –
auch sonst seinen Einfall propagandistisch vorbereiten: Vieri assoziiert
den «nominis et imperij successor» mit seinem gleichnamigen
Vorgänger und fordert Charles nach dem kaiserlichen Beispiel zur
Befreiung Jerusalems auf, aber auch zu einem ähnlich segensreichen
Wirken in Italien.
florentia in primis non solum servata, sed restituta et aucta quicquid
habet dignitatis, id omne debet V. maiestati. 211
Das Epos folgt im Aufbau der Aeneis, wie Vieri denn auch bereits im
Vorwort ankündigt, er ahme Vergil, Homer und Dante nach. Auf dem
Rückweg vom Kreuzzug gerät die französische Flotte in einen Seesturm, worauf Karl in Dalmatien landet und dem dortigen König seine
Erlebnisse im heiligen Land schildert (Bücher 1-4). Wie Anchises dem
Aeneas, so erscheint dem Franken sein Vater Pippin im Traum
(5. Buch), worauf er eine auf der Divina Commedia aufbauende Wanderung durch Inferno, Purgatorio und Paradiso unternimmt (6-8). Im
Paradies unterhält Karl sich mit seinem Vorgänger Chlodwig «de
regno», während Pippin ihm Vergils «Tu regere imperio» in einer
christianisierten Fassung vorträgt: Die Tyrannen soll er vernichten, die
Päpste verehren. Schliesslich verkündet der Florentiner Stadtheilige
S. Zanobi Karls zukünftige Wohltaten zugunsten seiner Mitbürger und
deren ewige Treue zu Frankreich. 212 Wie Aeneas in Latium, so landet
Karl in Pisa, wo er den Kampf gegen die Langobarden aufnimmt. Die
Parallelsetzung der Protagonisten ist recht geschickt, formt aus Desiderius einen neuen Turnus und prägt sogar die Namen: Roland ist der
«Francorum magnus Achilles». 213 Neben den bekannten Protagonisten
der Ritterepik stehen dem König aber auch die in einem Katalog aufgelisteten bedeutenden Florentiner Geschlechter (so die Medici und
Capponi) in den zahlreichen Kämpfen gegen die Langobarden und alle
möglichen Heiden bei, in denen es Karl nicht um die Ausdehnung
seiner Macht, sondern um die Rechte der Kirche und die Freiheit
Italiens geht. 214 Im fünfzehnten und letzten Buch hält Karl, nachdem er
211
VIERI (1480), fol. 1v (die Widmung von 1493): «Vor allen anderen verdankt Florenz, nicht
nur bewahrt, sondern wiederhergestellt und vergrössert, Eurer Majestät alles, was es an Würdevollem besitzt.»
212
VIERI (1480), fol. 74r/v (Chlodwig); 100v (Pippin); 103 (S. Zanobi): «Francorum ante omnes
florentia nomen amabit: | Hoc animis geret incoctum per secula foedus.»
213
Cf. dazu auch THOMAS (1882), 36.
214
VIERI (1480), fol. 110v (Katalog); 113r/v (Rede Karls).
72
Pavia erobert hat und zur Kaiserkrönung nach Rom aufgebrochen ist,
im einen jämmerlichen Anblick bietenden Florenz inne, wo er die
Bevölkerung aus den Wäldern wieder zusammenbringt, am 4. April die
Stadtmauer mit einem grösseren Umkreis neu errichtet und dabei selbst
tatkräftig mithilft; schliesslich tauft er die Stadt neu von «Fluentia» 215
zu «Florentia», als Symbol des künftigen Glücks, «successus florens
futurus». 216 In Rom wird Karl zum Kaiser gekrönt, worauf der
vornehme «Ursinus» ein grosses Fest gibt und der «vates etruscus»
Marsilius zur Leier anhebt, das Wesen von Mensch und Natur zu
erörtern. Im Schlaf erscheint ein letztes Mal Pippin dem neuen Kaiser,
mahnt ihn zur Heimkehr nach Paris, wo er die Wissenschaften neu
begründen soll. 217 Eine Sphragis des Dichters steht am Ende der über
4000 Hexameter.
Vieri hat also die traditionellen Elemente der Legende inhaltlich nur
wenig verändert. Neu ist allerdings die Datierung des Wiederaufbaus in
den ersten Italienzug, nach der Zerschlagung des Langobardenreichs
(also eigentlich in das Jahre 774), aber gleichzeitig unmittelbar vor die
Kaiserkrönung durch Hadrian (statt Leo). Diese Voranstellung und
Komprimierung ergibt sich aus dem Aufbau des Epos; die italienischen
Ereignisse müssen alle in Zusammenhang mit dem Langobardenkrieg
stehen, und die Kaiserkrönung in der ewigen Stadt stellt den
Höhepunkt und Schluss des Werkes dar.
Vieri spielt nicht nur mit dem antiken literarischen Modell und dem
mittelalterlichen epischen Stoff, sondern verwebt auch seine Zeitgenossen in die Carliade – die Stammväter der Medici und anderer
Geschlechter treten auf, Marsilio Ficino ist der philosophierende
Dichter in Rom, und der prominente «Ursinus» schmeichelt Lorenzos
Gemahlin Clarissa Orsini – möglicherweise ist mit diesem ihr Bruder
Rinaldo gemeint, der Florentiner Erzbischof von Lorenzos Gnaden.
Dadurch aber, dass Karl der Grosse als erhabener Herrscher inmitten
dieser und anderer bekannter Namen präsentiert wird, ist er mehr als
ein christlicher Aeneas – er wird zur Präfiguration von Lorenzo il
Magnifico!
Vieri greift die Karlslegende in einem Lobgedicht auf Florenz noch
einmal auf: Die Karolinger, Florenz und Rom sind die Vorkämpfer der
215
Die Ansicht, Florenz habe ursprünglich «Fluentia» geheissen, geht auf eine Plinius-Stelle
zurück und wird zuerst von Domenico di Bandino geäussert, vor allem aber von BRUNI (1416), 5;
cf. dazu RUBINSTEIN, Poliziano (1957), 107f.
216
VIERI (1480), fol. 173-174. Cf. zum Inhalt des Werks auch LAZZARI (1897), 166-184.
217
VIERI (1480), fol. 174v-176.
73
«Libertas» gegen die Tyrannen Italiens. 218 Auch dieses Werk des
Florentiner Dichters wird in den unruhigen Jahrzehnten bis zu seinem
Tod 1516 nicht gedruckt; immerhin erfolgt 1583 auf Anregung von
Caterina de’ Medici in Paris eine Ausgabe. Man kann davon ausgehen,
dass Vieris Schriften mindestens in der Florentiner Elite zirkulieren
und als Zeugnis der Verbundenheit zu Frankreich gelten – daher auch
Caterinas Interesse an der Publikation von De illustratione urbis. Doch
bereits neunzig Jahre vor ihr erkennt ein französischer Herrscher die
Möglichkeit, Vieris Formulierung der Karlslegende für seine Zwecke
auszunützen: Charles VIII hat zwar 1493 die Carliade verschmäht, aber
ihren Inhalt wird er bereits im Jahr darauf mit den Florentinern
zusammen beschwören.
7. Die Bedeutung der Legende in den Jahren um 1494
Die innenpolitische Bedeutung Karls des Grossen für die Medici muss
hoch eingeschätzt werden. Lorenzos Intimus, der führende Humanist
Angelo Poliziano, spricht die Gründung von Florenz anhand neuer
Quellen nicht mehr (wie seit dem 13. Jahrhundert üblich) Caesar oder
(seit Salutati und vor allem Bruni) Sulla, sondern Octavian zu; 219 damit
ist gleichsam eine Trias Augustus-Karl-Cosimo/Lorenzo entstanden,
allesamt Gründer beziehungsweise Reformatoren der Arnostadt, überlegene Feldherren, Förderer der Künste und aufgeklärte Wohltäter ihrer
Untertanen. Daneben erfüllt die Legende aber – wie gezeigt – stets
auch ihre diplomatische Funktion im Verkehr mit Frankreich, das den
zuverlässigen Eckpfeiler der Florentiner Gleichgewichtspolitik bildet.
Dieses Bündnis wird auch anhand von Relikten der alten guelfischen
Allianz gepflegt; die von der konservativen Partei 1415 erlassenen
Statuta populi et communis Florentiae sind in Kraft geblieben, und so
schwören die Prioren und der Gonfaloniere della Giustizia jeweils bei
Antritt ihrer zweimonatigen Amtsperiode nicht nur auf die Ehre der
guelfischen Partei, des Papstes und der Kardinäle, sondern auch auf den
König. 220 Offenbar ist es nicht nötig zu präzisieren, um welchen es sich
dabei handelt; das verstehen nicht nur die Florentiner selbst, sondern
auch der Betroffene. In einem Brief von 1478 beurteilt Louis XI diese
218
219
220
VIERI (1487), 10f.
RUBINSTEIN, Poliziano (1957), 101, 105f.
Statuta (1415), II, 501f. Den Hinweis auf die Statuten verdanke ich Prof. Rubinstein.
74
regelmässigen Eide kaum zu Unrecht als einen besonderen Beweis der
Florentiner Verbundenheit, die geradezu institutionellen Charakter
hat. 221 Derselbe Louis XI hat zum Dank für die finanzielle
Unterstützung durch Cosimo in der «Guerre du Bien public» und als
Trost für dessen Tod im Mai 1465 den Sohn und Nachfolger Piero zum
Mitglied seines «Conseil» ernannt und seine Familie ermächtigt, drei
Lilien in ihrem Wappen zu tragen, Gold in Blau auf der obersten der
sieben Kugeln. 222 Insbesondere zu Lorenzo il Magnifico entwickelt der
Franzose dann ein geradezu herzliches persönliches Verhältnis. Der
Florentiner wird 1469 zum «conseiller et chambellan» des Königs
ernannt und in dessen Briefen als «cher et amé cousin» angesprochen;
er versucht 1473 – allerdings vergebens – einen Eheschluss des
Dauphin mit einer neapolitanischen Prinzessin zu vermitteln und
schickt Louis auf dessen Anfrage hin eine Reliquie gegen eine
Hautkrankheit, während dieser wiederum Taufpate von Lorenzos
Tochter Lucrezia wird. 223 Der prompte und unerschütterliche Beistand
des Franzosen nach der Pazzi-Verschwörung von 1478 und während
des darauf folgenden, anhaltenden Konflikts mit Sixtus IV. besiegelt
dieses Bündnis endgültig: Lorenzo richtet seine Briefe nun an den
«vero signore et protectore et patrono, in chui ho tutta mia speranza et
tutto il mio rifugio». 224 Bereits etwas früher setzt die Tendenz ein, die
französischen Wohltäter eloquent zu verschmelzen: Ein Staatsbrief des
Jahres 1470 richtet sich an den «pater urbis et populi nostri» – seine
Vorfahren hätten einst die Stadt wiederaufgebaut, doch was Louis XI
ihnen zugesichert habe, dass nämlich ihre Feinde die seinen seien,
bedeute eine ebenso grosse Gunst, «siquidem inferiore loco non sunt
conservatores rerum ipsis auctoribus». 225 1474 werden die Gesandten
angewiesen, Louis XI als «padre e conditore della nostra città»
anzusprechen, und die «Libertà» wird als kontinuierliches
französisches Geschenk seit Karls Wiederaufbau hingestellt; ja, die von
221
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 180.
Die Urkunde bei FABRONI (1784), 117f. (nach ASF, Diplomatico Mediceo, Mai 1465); cf.
PERRENS (1888), I, 344; BUSER (1879), 436; CLOULAS (1982), 97.
223
Die Ernennung von Lorenzo zum «consaguineus, consiliarius & cambellanus noster» bei
FABRONI (1784), 118. Cf. CLOULAS (1982), 142.
224
MEDICI, Lettere (23. August 1478), 322: «wahrhafter Herr, Beschützer und Patron, bei dem
all meine Hoffnung liegt und meine ganze Zuflucht». Ähnliche Wendungen in Briefen der
Kommune; cf. ASF, Signori, Legaz., Elez., Reg. 21, fol. 10v (6. Mai 1480); 17 (12. Juli 1480); 17v
(15. August 1480); bereits früher anlässlich der Revolte von Volterra: ASF, Signori, Missive, Reg.
46, fol. 58 (8. April 1471).
225
ASF, Signori, Missive, Reg. 46, fol. 41v (28. April 1470): «da ja die Bewahrer keinen
geringeren Rang einnehmen als die Begründer».
222
75
den Barbaren zerstörte Stadt ist «a vobis» wiederaufgebaut worden –
von Euch! 226 Die bereits bei Donato Acciaiuoli festgestellte Tendenz,
das Verdienst des Kaisers auf die Nachfolger und insbesondere auf
Louis XI auszuweiten, hat diesen nun in der vermutlich vom Kanzler
Scala zu verantwortenden Rhetorik ebenfalls zum Gründer der Stadt
werden lassen. 227 Ebenso grundlos wie einst Acciaiuoli oder später
Vieri stellt auch Scala im eloquenten Schwall einer Missive gleichsam
einen Schuldschein aus, dessen schmerzhafte Einlösung er noch selbst
erleben wird:
Regum omnium Francorum quorum merita magna & infinita extant in
nostram rem publicam quibus merito vobis omnia debemus. 228
Während seitens der Kommune die Erwähnung der Karlslegende
offenbar zu einer rituellen Übung wird, wohl Teil der «consuete et convenienti ceremonie» 229 – und damit keine besondere Bedeutung mehr
zugemessen erhält –, fliesst sie vorerst nicht in den französischen
diplomatischen Sprachgebrauch ein. Eine Gesandtschaft, die 1460 um
Unterstützung für René Ier d’Anjou nachsucht, erinnert nur allgemein an
die von ihren Königen erbrachten «beneficia», während der Gonfaloniere della Giustizia in seiner Antwort recht ausführlich den Wiederaufbau und auch spätere Hilfeleistungen der Anjou anführt; ähnlich
belehrt der Kanzler Scala 1469 eine weitere Delegation. 230 Der Tonfall
in den Briefen von Louis XI an die Kommune oder die als Verwandte
angesprochenen Medici, insbesondere den «amato cugino» Lorenzo, ist
ebenso herzlich wie in den Schreiben, die er erhält; sie gehen aber
inhaltlich nicht über die allgemein gehaltenen, traditionellen Beteuerungen der althergebrachten «amicitia» oder des verbindenden Schicksals der beiden Staaten hinaus. 231
226
ASF, Signori, Missive, Reg. 46, fol. 152v (27. Juni 1475), wonach alle Könige von Frankreich als Väter, Verteidiger, ja als Stadtgründer anzusehen sind; ASF, Signori, Legaz., Elez., Reg.
18, fol. 97 (18. November 1474); 111 (7. Dezember 1474).
227
ASF, Signori, Missive, Reg. 49, fol. 28v (31. Mai 1477): «Et restauratio urbis nostre
quondam a Carolo facta facit ut Gallorum reges auctores et urbis et populi existimemus.»
228
ASF, Signori, Missive, Reg. 45, fol. 107 (24. September 1466): «Von all diesen französischen Königen sind unendlich viele und grosse Verdienste zugunsten unserer Republik noch
greifbar; ihretwegen sind wir zu Recht alles Euch schuldig.»
229
ASF, Signori, Legaz., Elez., Reg. 17, fol. 167 (24. 10. 1473, an Donato Acciaiuoli):
«übliche und angebrachte Zeremonien».
230
ASF, Signori, Risposte verbali, Reg. 1, fol. 54r/v (11. März 1460); Reg. 2, fol. 36
(9. November 1469).
231
Cf. etwa ASF, Signori, Copiari di responsive, Reg. 1, fol. 101 (30. Mai 1461); 108 (4. Mai
1464); 155 (14. Januar 1466); Reg. 2, fol. 48v (30. Juni 1472); 83v (23. April 1475); 145v (12. Mai
1478); ASF, Signori, Risposte verbali, Reg. 2, fol. 61v (11. Januar 1479); 86 (5. September 1483).
76
Obwohl die Gesandten jeweils im Audienzzimmer des Palazzo
Vecchio sogar bildliche Darstellungen Karls und vermutlich auch des
Wiederaufbaus erblicken, 232 hören sie die Florentiner Legende bis 1483
wohl brav an, ohne sie selbst aufzunehmen; möglicherweise liegt das
an ihrem unglaubwürdigen Charakter, zumal sie in französischen
Quellen nirgends zu finden ist – was aber einer geschickten
Verwendung nicht im Wege stehen müsste. Es fällt auf, dass Louis XI
in seinen Briefen an die Kommune Karl nie erwähnt, jedoch einmal in
einem Schreiben an Sixtus IV., als er sich im Jahre 1478 nach der
Pazzi-Revolte dezidiert auf der Seite Lorenzos zeigt. Die Florentiner
seien nicht weniger als «vrays et loyaulz Françoys», welche nach den
Gesetzen, Bräuchen und Privilegien lebten, die ihnen «Saint
Charlemagne» gegeben habe, und die jährlich dem König von
Frankreich Gehorsam schwörten! 233 Diese deutlich anders interpretierte
Rolle des Franken für die Stadtgeschichte ist kaum zufällig.
Wahrscheinlich soll sie bewusst nicht – wie die Florentiner Legende –
historische Bande und Dankbarkeit betonen, sondern eine beinahe
juristische, formale Verpflichtung: Die Florentiner sind eigentlich
Franzosen im Ausland, sie leben nach französischen Gesetzen und
gehorchen dem französischen König! Deshalb soll sich aber auch der
Papst hüten, ihnen zu nahe zu kommen, wenn er Schwierigkeiten mit
ihrem – französischen! – Souverän vermeiden will.
Die Florentiner selbst werden dagegen von Louis XI diesbezüglich
nicht in die Pflicht genommen. Das ändert sich nach dem Herrschaftsantritt von Charles VIII beinahe schlagartig. Als Sprecher einer
Gesandtschaft von 1486 zugunsten von René II d’Anjou-Lorraine weist
Robert Gaguin auf die Wohltat des «divus Carolus» hin, «ita ut quam
urbis magnitudinem et speciem hodie intuemur, eam in Francos
referatis acceptum necesse est». 234 Kaum zufällig ist es einer der ersten
und führenden Humanisten Frankreichs, der mit Genuss seiner
Eloquenz und in Anlehnung an Acciaiuolis Formulierung historische
Anspielungen einfügt. Aber es verbirgt sich bereits die Inanspruchnahme der Florentiner Beistandstreue darin, wie sie in den kommenden
232
Cf. oben p. 42 das entsprechende Epigramm Salutatis. Französische Gesandte spielen 1460
vermutlich auf Lilienschmuck an den Wänden an, um die engen Beziehungen zu illustrieren, cf.
ASF, Signori, Risposte verbali, Reg. 1, fol. 54 (11. März 1460); ASF, Signori, Missive, Reg. 44,
fol. 136v (10. Februar 1464) spricht von den «templa et parietes publici et privati», welche die
Verdienste der französischen Könige verkündeten.
233
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 180.
234
GAGUIN, Epistolae (1486), II, 149: «… so dass ihr zwingend die Grösse und äussere Pracht
der Stadt, wie wir sie heute sehen, den Franzosen zu verdanken habt».
77
Jahren bis zum französischen Einfall immer vehementer gefordert
werden wird.
Dieser Anspruch wird durch die vorangegangene hochtrabende
diplomatische Rhetorik der Republik erleichtert. Immer begeisterter hat
sie Louis XI mit Ehrentiteln verwöhnt, welche sein Nachfolger auch
dann beibehält, als die Beziehungen stark getrübt sind – Charles VIII
bleibt «pater urbis et populi nostri et auctor et defensor florentine dignitatis». 235 Unterdessen haben auch die französischen Kanzlisten gelernt,
wie sie die Geschichte für ihre politischen Ansprüche rhetorisch einsetzen können, etwa um die Florentiner gegen die Aragonesen einzuspannen – stets seien diese dem Bündnis zwischen der Arnorepublik,
den Anjou und der Krone feindlich gegenübergestanden. 236 So ist es für
Charles VIII ein Leichtes, die relativ neuen, auf den Verdiensten seines
Vaters beruhenden Ehrenbezeichnungen mit dem traditionellen Mythos
des Wiederaufbauers, dessen Namen er trägt, in seiner eigenen Person
zu verbinden.
Der Karlskult ist für ihn vielleicht noch zentraler als für Louis XI; er
zeigt sich bereits in den imperialen und apokalyptischen Elementen der
«Entrées royales» von 1484 bis 1486, besonders stark aber im Vorfeld
der mit einiger Ritterromantik unternommenen Italienexpedition eines
Herrschers, der seinen Sohn Orlando tauft! 237 Neben dem epischen
Vorbild sind die in Frankreich wie in Italien zirkulierenden Prophetien
von grösster Bedeutung: Sie inspirieren nicht nur den König, sondern
bereiten – teilweise als Druckschriften verbreitet – ein breites Publikum
auf die «Calata» vor. Sie stehen in der bereits die geistige Welt
Giovanni Villanis prägenden joachimitischen Tradition eines zweiten
Karls des Grossen, wie sie im 14. Jahrhundert von Telesforo di
Cosenza traditionsbildend zusammengefasst worden ist. Auf ihm
fussen etwa die italienische Prophetia Caroli imperatoris und der
Franzose Guilloche in einem Charles VIII gewidmetem Gedicht – beide
verkünden einen Endzeitkaiser, der Rom und Florenz zerstören und
Jerusalem befreien wird. 238 Die Identifikation mit Charles VIII liegt für
die zeitgenössischen Leser um so näher, als auch moralische Autori235
ASF, Signori, Legaz., Elez., Reg. 21, fol. 119 (30. März 1494): «Vater der Stadt und unseres
Volkes, Mehrer und Verteidiger der Florentiner Ehre».
236
ASF, Signori, Risposte verbali, Reg. 2, fol. 105 (6. Mai 1494).
237
Cf. LABANDE-MAILFERT (1975), 186f., 366; KONIGSON (1975), 61; zuletzt LAMBRECH (1988), 288ff., allerdings ohne neue Erkenntnisse.
238
REEVES (1969), 328, 355-358. Zu den Prophetien weiter FOLZ (1953), 182; WEINSTEIN (1970), 62-66; LABANDE-MAILFERT (1975), 189; DENIS (1979), 20f.; SCHELLER (1982),
27-33; zuletzt VASOLI (1991), insbes. 154-161.
78
täten wie der am französischen Hof weilende und später
heiliggesprochene Franziskaner Francesco da Paola den König zu
einem Kreuzzug und zu einer Reform der verweltlichten Kirche
auffordern – angesichts der Exzesse eines Alexander VI. ein weit
verbreitetes Bedürfnis.
Wenn solche apokalyptische Identifikationen von Charles VIII mit
Karl dem Grossen in ganz Italien und Frankreich Konjunktur haben,
wie dann erst in Florenz, wo sie von einem mit dem herrschenden
Zweig verfeindeten Anführer der frankreichfreundlichen Partei,
Lorenzo de’ Medici (ein Vetter zweiten Grades von Lorenzo il
Magnifico) in seiner Invenzione della croce von 1494 aufgenommen
werden, 239 und wo sich Savonarola bereits daran macht, das Erbe der
grossen Medici anzutreten. Allerdings steht solchen frankophilen
Kräften noch Lorenzos Sohn und Nachfolger Piero im Weg, der das
bereits von seinem Vater mit einigem Geschick gepflegte gute
Verhältnis zu den neapolitanischen Aragonesen weiterführt und auch
nicht bereit ist, davon abzurücken, als sich der französische Einfall
abzeichnet und die Gesandten des Königs mit zunehmender Insistenz
und unter Berufung auf die legitimen Ansprüche ihres Herrschers eine
offene Parteinahme für Frankreich fordern.
Einer von ihnen ist Péron de Bache, der im Sommer 1493 in Florenz
eintrifft und verkündet, man könne in den Geschichten nachlesen, wie
Karl die Stadt wiederaufgebaut, erweitert, ihr mit Privilegien die
Freiheit und die staatlichen Strukturen geschenkt habe. 240 Jetzt ist es
Frankreich, das den traditionellen Verbündeten an die historischen
Bindungen erinnert und ihn damit an die Leine zu nehmen hofft; unter
Verweis auf Karls Wohltaten geschieht dies noch im Mai 1494. 241
Unter diesen Umständen ist es aussichtslos, wenn die Gesandten Pieros
ihrerseits beinahe verzweifelt versuchen, den immer ungeduldigeren
Charles VIII mit der in Karl gegründeten Florentiner Anhänglichkeit zu
beschwichtigen. 242 Diese ausweichenden Beteuerungen haben das
bekannte Ergebnis; verärgert richtet Charles VIII seinen Italienzug
239
Cf. dazu PLAISANCE (1980), 46-57; hinter Konstantin verbirgt sich Charles VIII, hinter dem
Tyrannen Maxentius Piero de’ Medici.
240
SANUDO (1495), 32; der Wiederaufbau auch in einem Exkurs, ib., 131, sowie in einer leicht
abweichenden Version ID. (1493), 11.
241
F. GUICCIARDINI (1540), 54; die Antwort bei CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 411-413;
cf. ib., 414f.
242
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 336 (September/Oktober 1493), enthält den Entwurf
einer Rede Gentile Becchis, die inhaltlich vermutlich sehr ähnlich gehalten wurde und grossen
Erfolg erlebte; ib., 370 (30. März 1494).
79
auch gegen Piero, der ihm keine ernsthafte Gegenwehr bieten kann.
Auf seine Demütigung folgt am 9. November 1494 der republikanische
Umsturz, welcher der Medici-Herrschaft vorübergehend ein Ende
bereitet; auch die «naturale divozione de’ fiorentini alla casa di
Francia» trägt einen grossen Teil dazu bei, ist doch die ambivalente
Haltung Pieros vielerorts nicht geteilt worden. 243 Guicciardini wird
einige Jahrzehnte später diese für den Mediceer verhängnisvolle
Grundstimmung analysieren: Ihre Ursachen liegen in den engen
Handelsbanden und der guelfischen Anhänglichkeit, aber auch in der
Karlslegende, der er selbst allerdings keinen Glauben mehr schenkt.
A Firenze era grande la inclinazione inverso la casa di Francia, … per
l’opinione inveterata, benché falsa, che Carlo magno avesse riedificata
quella città, distrutta da Totila re de’ goti … 244
Offensichtlich ist bei den epochalen Ereignissen von 1494 die
Legende von Karl dem Grossen im Bewusstsein breiter Schichten so
gegenwärtig, dass sie sich leicht zugunsten der französischen Sache
mobilisieren lässt. Indessen ist mit dem republikanischen Umsturz die
Gefahr für die Stadt noch nicht aus dem Weg geräumt: Das französische Heer steht wenige Kilometer vor der Stadt in Signa, und
Charles VIII misstraut den Florentinern weiterhin. Diese wiederum
fürchten die Plünderung der Stadt und schicken deshalb am
15. November Bartolomeo Buondelmonti und Bernardo Rucellai zu
den Invasoren, um Bedingungen für deren Einmarsch in Florenz
auszuhandeln. «Permultum enim valet apud mortales exemplum», 245
will Rucellai den König gelehrt haben: Als vorbildlich im Wohlwollen
gegenüber Florenz stellt er die Namensvettern Karl den Grossen und
Charles d’Anjou vor Augen, als Mahnung aber auch einen weiteren
Karl, nämlich Charles le Téméraire, der an einem unnötigen Konflikt
mit unterschätzten Gegnern zugrunde ging. Der Kaiser habe die Stadt
nicht nur neu errichtet, sondern ihr auch Recht und Gesetz
zurückgegeben. Die politische Neugründung steht also mindestens
gleichwertig neben der städtebaulichen, weil Rucellai ausführt, dass
Florenz auch jetzt wieder, dank Charles VIII, unversehrt und frei sei.
243
F. GUICCIARDINI (1540), 30, 58: «die natürliche Hingabe der Florentiner an das französische
Königshaus».
244
F. GUICCIARDINI (1540), 56: «In Florenz war die Anhänglichkeit an das französische
Königshaus stark wegen der zwar falschen, aber alteingesessenen Meinung, Karl der Grosse habe
die Stadt wiederaufgebaut, die vom Gotenkönig Totila zerstört worden sei …».
245
RUCELLAI (1503), 46: «Sehr viel vermag nämlich bei den Menschen das Exempel …».
80
Sein Beitrag zum Sturz der Medici wird also parallel gesetzt zu der
Befreiung von der Barbarengefahr durch Karl den Grossen und von den
Ghibellinen durch Charles d’Anjou. 246 Dieses Konstrukt vertreten die
Gesandten auch, um die Legitimität der jungen Republik nicht vom
faktischen Beherrscher der Lage in Frage gestellt zu sehen – indem der
König als Stifter der Freiheit hingestellt wird, soll es ihm moralisch
verunmöglicht werden, diese auch gleich wieder aufzuheben. Die
Florentiner wissen, dass der Franzose durchaus erwägt, Piero als
Machthaber wiedereinzusetzen.
In ihrem Hauptanliegen bleiben die Gesandten erfolglos: Der König
besteht auf einem bedingungslosen Einmarschrecht in die Stadt. Trotz
grosser Befürchtungen wegen Ausschreitungen der Soldateska gibt die
neue Signorie schliesslich nach und empfängt die Franzosen mit feierlichem Pomp. Kein anderer als Marsilio Ficino hält höchstpersönlich
die Begrüssungsrede auf «Carolus Magnus Gallorum rex», womit
nunmehr Charles VIII gemeint ist; auch bei anderen Panegyrikern
scheinen die beiden «Caroli» ineinander aufzugehen. 247 Darüber wird
allerdings die lokale Karlslegende nicht vergessen: Vielmehr erlebt sie
im zweiten Paragraphen des Friedens- und Bündnisvertrages vom
25. November 1494 ihren wohl wichtigsten politischen Auftritt.
Secundo: advertens sua Christianissima Maiestas, quod Carolus
Magnus huius urbis fuit primus restaurator, et nominis Fluentiae in
Florentiam mutator, locorumque et oppidorum et arcium dator,
moeniumque constructor, et templorum aliquorum huius inclytae urbis
aedificator, verae Sanctae Crucis, et aliarum reliquiarum ac
ornamentorum templo sancti Ioannis et aliis largitor; et quod sua
Christianissima Maiestas libertatis huius civitatis restaurator, pastor,
conservator et defensor ex sua benignitate fuit,ac etiam omnium
tyrannorum fugator; … 248
Es handelt sich offenbar um eine eher eklektische Version der
Legende, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist sie von Florentinern
246
RUCELLAI (1503), 43.
FICINO (1494). Cf. die Beispiele bei DENIS (1979), 23; zur Gesamtproblematik der Identifikation von Charles VIII mit dem Kaiser sehr sorgfältig SCHELLER (1982), zu Florenz p. 32f.
248
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 602; identisch Capitoli (1494), 364: «Zweitens: Indem
der allerchristlichste König bemerkt, dass Karl der Grosse als erster diese Stadt wieder aufgebaut,
den Namen von Fluentia in Florenz umgewandelt, Gebiete, Städtchen und Burgen geschenkt,
Mauern gezogen, einige Tempel in dieser erhabenen Stadt errichtet und der Kirche S. Giovanni
und anderen [sc. ein Stück] des echten heiligen Kreuzes sowie andere Reliquien und Schmuckstücke gestiftet hat; und dass der allerchristlichste König in seiner Güte der Wiederhersteller, der
Hüter, der Bewahrer und der Verteidiger der Freiheit dieser Stadt war und aller Tyrannen Vertreiber; …».
247
81
formuliert worden, da sie allein die dazu nötigen literarischen und topographischen Detailkenntnisse besitzen. Karl der Grosse ist der erste
Restaurator der Stadt, die von Villani behandelte Vorgeschichte ist
ebenso übergangen wie seine Erklärung zum Stadtnamen. Stattdessen
folgt man hier Vieri; ausserdem wird dem Kaiser konkret die Stiftung
einer Kreuzesreliquie im Baptisterium zugeschrieben – auf solche
Gaben hat ja bereits Salutati in seiner Invectiva angespielt. Dazu ist der
«Rex Christianissimus» aber vor allem Ursprung und Hort der
Florentiner «Libertas» gegen alle Tyrannen; damit ist selbstverständlich
nicht nur an die Langobarden gedacht, sondern auch an die Medici, und
damit ist Charles VIII eingeschlossen, dank dem eben erst die republikanischen Freiheiten wiedererlangt worden sind. 249 Diese Ausdehnung
wird in den unmittelbar anschliessenden Passagen des zweiten Paragraphen greifbar, wo die sich aus allen historischen und neuen Wohltaten ergebenden Ehrentitel nicht nur für Charles VIII, sondern auch für
seine Nachfolger beansprucht werden.
adeo quod merito ipse Christianissimus Rex Carolus octavus maior et
maximus dici mereatur praesertim a populo florentino; idcirco
convenerunt, ut ipse Carolus et successores sui, semper et omni
tempore, pater patriae nostrae, ac populi florentini tutor, protector,
defensor, et libertatis nostrae conservator, ac eius tyrannorum fugator
appelletur; … cum ipse Carolus sub verbo regio polliceatur se fore
semper conservatorem huius libertatis, et fugatorem tyrannorum
eiusdem, et patrem patriae. 250
Wie bei Rucellai und implizit im Titel von Ficinos Rede ist Karl der
Grosse auch hier durch Charles VIII gleichsam usurpiert, ja sogar
übertroffen worden. Die Ehrentitel überhöhen masslos seine Verdienste
um die politische Erneuerung der Republik; mit der ursprünglich auf
Cicero und Augustus und in Florenz später auf Cosimo de’ Medici
gemünzten Formel «pater patriae» wird er zum Schöpfer und Garanten
einer dauernden Friedensordnung. Dies entspricht den messianischen
Erwartungen an einen zweiten Karl den Grossen, und angesichts
solcher Prätentionen verblassen sogar die legendären Leistungen des
249
Zu Charles VIII als dem Stifter der «Libertas» cf. DENIS (1979), 50.
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 602: «So dass der allerchristlichste König Charles VIII
zu Recht ‹Grösserer› und ‹Grösster› genannt zu werden verdient, besonders vom Florentiner Volk;
daher sind sie übereingekommen, dass derselbe Charles und seine Nachfolger immer und jederzeit
Vater unseres Vaterlands, Hüter, Beschützer und Verteidiger des florentinischen Volkes, Bewahrer
unserer Freiheit und Vertreiber ihrer Tyrannen genannt werde; … da Charles selbst mit
königlichem Ehrenwort verspricht, er werde immer der Bewahrer der Freiheit, der Vertreiber ihrer
Tyrannen und der Vater des Vaterlandes sein.»
250
82
ersten, wenn man sie – wie es im Bündnisvertrag geschieht – nebeneinander stellt.
Die Karlsprophetien haben auch unter dem Regime Savonarolas
Bestand, obwohl sich der Dominikaner selbst bei all seinem Engagement für Charles VIII und die moralische Erneuerung von Florenz doch
nie auf geschichtliche Beispiele beruft, sondern ausschliesslich mit
biblisch-chiliastischen Vorstellungen argumentiert. 251 Der Eremit
Angelo Fondi verkündet dagegen in seiner Apokalypseninterpretation
den «gran Triompho del presente secondo Carlo Magno» 252 – aber auch
er ohne Anspielung auf den Wiederaufbau. Die Visionen der beiden
Gottesmänner sind rein prophetisch-zukunftsgerichtet und bedürfen
keiner – fragwürdigen – historischen Legitimation. Wie der erwähnte
Bischof und Regularkanoniker Zaccaria Lilio beweist, gibt es jedoch
durchaus Kleriker, die sich in diesen kritischen Jahren auf die
historische Figur Karls des Grossen zurückbesinnen: Das 1496 in
Florenz gedruckte kurze Plagiat Acciaiuolis enthält auch den
Wiederaufbau der Stadt. 253 Dabei handelt es sich allerdings um eine
Tradition, bei der den neuen Florentiner Verantwortlichen trotz ihrer
engen Bindung an Frankreich mittlerweile nicht mehr so wohl ist.
8. Das Verschwinden der Karlslegende aus der
diplomatischen Sprache
Spätestens mit dem französischen Einfall von 1494 hat sich der
Charakter der kommunalen Diplomatie verändert. Florentiner Gesandte
begleiten nunmehr Charles VIII auf Schritt und Tritt, sie residieren
gleichsam an seinem – allerdings mobilen – Hof. Im entsprechend
häufigen Kontakt ist der rednerische Schmuck weniger gefragt;
Höflichkeitsformeln behalten weiter ihre Bedeutung, aber der
«defensor nostre libertatis» 254 hat ja nunmehr aus eigenem Verdienst
251
SAVONAROLA, Prediche (15. Dezember 1494), 201, fordert einen Neubau von Florenz,
analog zu Haggais Aufruf für den Tempel-Neubau in Jerusalem und ohne irgendwelche historische Reminiszenzen. Zur millenaristischen Betrachtungsweise von Florenz und Charles VIII bei
Savonarola und Fondi REEVES (1969), 434-436; WEINSTEIN (1970), 62-66, 177, 232; nach ihm
DENIS (1979), 45f.; VASOLI (1991), 157-160.
252
ASF, Signori, Dieci di balìa, Otto di Pratica, Legaz., Missive e responsive, Reg. 66, fol. 41v
(7. Oktober 1495); im Folgenden rechtfertigt der Eremit noch ausführlich seine Identifikation des
Endzeitkönigs mit Charles VIII. Cf. diesbezüglich auch die spätere Begründung der Prophezeiungen über die «Carligenae» in FONDI (1496).
253
LILIO (1496), unpaginiert.
254
So etwa in ASF, Signori, Missive, Reg. 50, fol. 11v; 13v (beide vom 15. November 1494).
83
deren genug und braucht nicht mehr an Karls städtebauliche Leistung
erinnert zu werden. In den weitgehend erhaltenen offiziellen Briefwechseln der Gesandten finden sich nach 1494 kaum mehr entsprechende Anspielungen. Die Instruktionen für die Gesandtschaft, die im
Juni 1495 dem von der italienischen Liga bedrohten König auf seiner
Rückreise entgegenzieht, weisen kurz auf die «restituzione» hin, aber
auch hier ist der Hauptverdienst jüngeren Datums: Charles ist
«perpetuo autore e conservatore della libertà» – oder auch «domine
noster», was das wirkliche Verhältnis recht gut trifft. 255
Allerdings ist der zunehmende Verzicht auf die Karlslegende nicht
nur eine Folge veränderter diplomatischer Gewohnheiten. Ihre hemmungslose Verwendung durch den französischen König im Vorfeld
seines Einfalls hat gezeigt, dass sie sich durchaus gegen die Interessen
von Florenz einsetzen lässt, wenn auf der Dankesverpflichtung bestanden wird, welche Acciaiuoli, Vieri und insbesondere Scala wiederholt
ausgesprochen haben. Besonders unangenehm wird diese Erpressbarkeit, sobald sich ein zweiter mächtiger Monarch auf Karl den Grossen
als seinen Vorgänger besinnt, erst recht, wenn es sich dabei um einen
entschiedenen Feind des Franzosen handelt.
Kaiser Maximilian hat sich wie der Spanier Fernando II auf die Seite
der italienischen Liga geschlagen; er ist äusserst indigniert über den
Titel «Carolus Octavus, Secundus Magnus», den sich Charles VIII
zugelegt habe und der jedenfalls die Florentiner Formeln recht gut
zusammenfasst. Der Habsburger fürchtet darin kaum ganz unberechtigt
französische Prätentionen auf seinen Kaiserstuhl. 256 Damit nicht genug:
Wenn sich die Kommune schon mit der Karlslegende für das französische Bündnis hat vereinnahmen lassen, weshalb soll sie denn nicht
auch vom anderen – mindestens ebenso legitimen – Nachfolger des
Kaisers instrumentalisiert werden? Viele Florentiner sind enttäuscht
darüber, dass die versprochene französische Beihilfe zur Rückeroberung Pisas ausgeblieben ist, und das frankophile Regime des
fanatischen Savonarola kennt genügend Feinde – ein Koalitionswechsel
255
CANESTRINI/DESJARDINS (1859), I, 610 (14. März 1495); cf. 615f. (5. Juni 1495); 834
(5. November 1495); passim in ASF, Signori, Legaz., Elez., Reg. 21; ASF, Dieci di Balìa, Legaz.,
Istruz., Reg. 2.
256
Cf. den Gesandtenbericht aus Mailand in ASF, Dieci di Balìa, Responsive, Reg. 41, fol. 79
(9. Mai 1495): «Et fra gli altri sdegni che dice ha preso quella M.ta e per haver inteso che quando
el Re di Francia fu costì elli volle essere intitolato Carolus octavus: Secundus magnus. Inferendo
che quel Secundus magnus, sendo stato Carlo magno Imperatore importi el medesimo titolo di
Imperatore per successione chome in Re di Francia & qualunche altra prerogativa.» Cf. zu
Maximilians schon früher artikuliertem Verdruss über die französischen Prätentionen
SCHELLER (1982), 18f.; 37-39; 52.
84
ist nicht auszuschliessen, als sich Maximilian 1496 anschickt, nach
Italien zu ziehen und die letzten französischen Bastionen
niederzuwerfen.
Aus diesem Anlass schickt der Kaiser den Kastellan Walther von
Stadion und den Juristen Ludwig Brun nach Florenz. Die Gesandten
werden am 20. August empfangen; 257 vor dem «Consiglio dei 80»
bringen sie Maximilians Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass
Florenz, das von altersher kaiserlich sei, mit dem ihm gegenüber
treuebrüchigen Frankreich gemeinsame Sache mache.
Non enim negant ipsi florentini suam civitatem a Carolo Magno
romanorum imperatore restauratam, et privilegiis ac omni ornamento
decoratam fuisse; qui quidem Carolus, etsi rex Franciae fuerat,
romanorum tamen imperator fuit, et ex imperiali patria, idest ex
Brabantia, natus, quae in inferiori Germania sita est; ut ea beneficia
Caroli Magni, non tantum francorum regi quantum romanorum
imperatori tribuenda sint, nam etiam pater Caroli Magni in Franconia
Germania patria natus fuit. Sciunt et omnes, hunc Carolum francorum
regem non esse de linea Caroli Magni, sed ex Ugone Capeto invasore
regni Franciae originem habuisse … Cognoscunt et ipsi florentini sua
omnia privilegia, non a regibus Franciae, sed a veris romanorum
imperatoribus in Germania natis concessa fuisse; ut mirandum sit unde
tanta florentinorum caecitas et ignorantia originem sumpserit. 258
Erstmals wird hier Karl der Grosse – da Kaiser und auf deutschem
Boden geboren – für Deutschland und zudem nur leicht verhohlen
Florenz für das Imperium beansprucht, ausserdem dem französischen
König als Nachkommen des Usurpators Hugues Capet die Berufung
auf den Karolinger untersagt, ja, im Folgenden Frankreichs Krone den
Engländern als rechtmässigen Herrschern zugesprochen und den
Florentinern bei Widerstand gegen die kaiserlichen Pläne mit harten
Sanktionen gedroht. Karl der Grosse, «di cui noi beneficati ci tene257
Cf. dazu PARENTI (1519), II, fol. 47v.
Die Instruktion der Gesandten findet sich in den Tagebüchern von SANUDO (1496), I, 249f.:
«Denn die Florentiner selbst leugnen nicht, dass ihre Stadt von Karl dem Grossen, dem römischen
Kaiser, wiederhergestellt und mit Privilegien und allem Schmuck ausgezeichnet worden ist; eben
dieser Karl, wenn er auch König von Frankreich gewesen war, so wurde er doch römischer Kaiser,
und im Reichsgebiet war auch seine Heimat, nämlich Brabant, das in Niederdeutschland liegt, so
dass jene Wohltaten Karls des Grossen nicht sosehr dem König der Franzosen als vielmehr dem
römischen Kaiser zuzuschreiben sind, denn auch der Vater Karls des Grossen kam in Franken,
seiner deutschen Heimat, zur Welt. Es wissen auch alle, dass dieser Franzosenkönig Charles
[sc. VIII] nicht aus dem Geschlecht Karls des Grossen stammt, sondern seine Wurzeln bei Hugues
Capet hat, dem Usurpator Frankreichs … Die Florentiner selbst wissen, dass ihnen alle ihre
Privilegien nicht von den Königen Frankreichs, sondern von den wahren römischen Kaisern
deutscher Abkunft zugestanden worden sind, so dass man sich wundern muss, wo diese gewaltige
Blindheit und Ignoranz der Florentiner ihren Anfang genommen hat.»
258
85
vamo», 259 und die so lange entwickelte und gehegte Legende werden
für die Stadt zusehends ungemütlicher – erst verpflichtet sie der französische Invasor unter Berufung darauf zu Gehorsam und Gefälligkeit,
und jetzt will der deutsche Kaiser sie mit dem gleichen Argument sogar
für die Reichsgewalt vereinnahmen.
Nach Beratungen der Regierung steht zwei Tage später wieder
einmal der Kanzler Scala für eine rhetorisch geschliffene, aber inhaltsarme Antwort bereit. Er rechtfertigt den Frankreich erwiesenen Gehorsam mit der «necessità», der äusserst schwierigen Situation ganz
Italiens angesichts der jüngsten Ereignisse; auch sei seine Stadt den
französischen Königen wegen vieler Wohltaten verbunden. Indessen
habe sie sich wenn immer möglich dem römischen Kaiser (auch er ein
«perpetuo padre et benefactore singularissimo») untertänig gezeigt,
wegen ihrer eigenen römischen Ursprünge und «come è officio dogni
buono cristiano» 260 – also nicht aufgrund irgendwelcher auf Karl den
Grossen zurückgehender Ansprüche! Was diesen betrifft, weicht der
Humanist dem kaiserlichen Anspruch mit der Begründung aus, viele
Worte seien dazu nicht nötig – nirgends gibt Scala den Gesandten in
ihrer Argumentation recht, aber er unterlässt es auch, sie deutlich zu
widerlegen. Es gilt, mit diplomatischem Geschick dafür zu sorgen, dass
aus der Legende keine neuen Verwicklungen und Verpflichtungen
mehr erwachsen, was insofern gelingt, als die kaiserlichen Gesandten
«pienissimo satisfatti» und in Begleitung zweier Florentiner wieder
abziehen. 261 Allerdings bleibt Maximilian weiterhin feindlich gestimmt:
Am 21. Oktober 1496 trifft er in Pisa ein, um aber bereits im November
wieder heimzukehren – sein Italienzug bleibt Episode.
Das gilt auch für seinen Rekurs auf die Karlslegende, der vom offiziellen Florenz mit Stillschweigen übergangen wird – auch im sonst die
wesentlichen inhaltlichen Komponenten enthaltenden Bericht über die
kaiserliche Gesandtschaft, welcher den eigenen Botschaftern am französischen Hof geschickt wird. 262 Tatsächlich scheint die Florentiner
Diplomatie der Legende nun endgültig überdrüssig geworden zu sein,
259
PARENTI (1519), 134 (entsprechend im Manuskript PARENTI, II, fol. 48): «von dem wir uns
begünstigt glaubten». An derselben Stelle fasst Parenti in seinem Tagebuch die Rede der
deutschen Gesandten zusammen, inhaltlich genau den von Sanudo zitierten Instruktionen
entsprechend. Cf. ausserdem ASF, Signori, Risposte verbali, Reg. 2, fol. 121.
260
SCALA, Orazione (1496), 273: «… wie es Pflicht eines jeden guten Christen ist».
261
PARENTI (1519), II, fol. 50v.
262
ASF, Dieci di Balìa, Legaz., Istruz., Reg. 18, fol. 65-72; auch in den Instruktionen für die
Gesandten bei Maximilian findet sich kein Wort von der Legende, cf. ASF, Signori, Dieci di
Balìa, Otto di Pratica, Legaz., Missive e responsive, Reg. 66, fol. 127-130 (7. September 1496).
86
zumal der angeblich zweite Karl der Grosse seine fragwürdige Qualität
immer stärker offenbart hat. 263 Auch dürfte das neu erwachte republikanische Selbstverständnis und die Abkehr von der mediceischen Ideologie dazu beitragen, die Rolle des Monarchen für die Stadtgeschichte
nicht unnötig hervorzustreichen. So zählt bereits das im August 1495
erneuerte Bündnis mit Charles VIII nur noch allgemein Wohltaten der
königlichen Vorfahren für Florenz auf, die Namensänderung sowie die
Stiftung des Lilienwappens – jedoch weder Karl noch den Wiederaufbau. 264 Ähnlich zurückhaltend geben sich die Gesandten der Republik;
nur einmal noch, aus dem aussergewöhnlichen Anlass des Trostbriefes
an Louis XII nach dem Tode von Charles VIII, wird neben dessen
Wohltaten auch umfassender auf das «patrocinium regum gallorum»
hingewiesen und Karls Wiederaufbau kurz erwähnt. 265 Danach verschwindet er aus dem diplomatischen Formelschatz der Kommune; wie
zusehends bereits bei Charles VIII sind es unter Louis XII dann ausschliesslich dessen eigene Verdienste, nicht die seiner Vorgänger,
welche als Zeugnisse der Verbundenheit angeführt werden. 266
Umgekehrt hat die französische Seite weiterhin Interesse, die Florentiner an Karl den Grossen zu erinnern. Sie hält an dieser Praxis mindestens unter Louis XII noch fest – Machiavelli muss sich 1510 eine
entsprechende Aringa des königlichen Kanzlers anhören, und Jean
Lemaire des Belges, der offizielle Historiograph, begründet in seiner
Concorde des deux langages das traditionelle Bündnis nicht nur
sprachlich, sondern auch historisch im «fondateur ou instaurateur de la
cité de Florence la belle». 267
Auch die Medici erwecken die von Lorenzo il Magnifico so
vielfältig eingesetzte Legende nicht zu neuem diplomatischen Leben:
Nach ihrer Rückkehr an die Macht beruft sich Florenz 1515 allgemein
auf ihr Ausharren im französischen Bündnis während der vergangenen
263
Cf. DENIS (1979), 119-142, zur «Démystification de Charles VIII», v.a. p. 127ff. zur
«Désillusion».
264
Capitoli d’accordo (1495) vom 16. August 1495 in Turin. Auch in den Bündnisverträgen
mit Louis XII findet sich kein Wort mehr von Karl dem Grossen, cf. LÜNIG (1725), I, 1133-1144.
265
ASF, Signori, Missive, Reg. 51, fol. 43v (28. August 1498): «… Carolus ille belli fulgor …
defectam diu et desolatam restituit urbem nostram». Cf. dagegen die Wendungen bei
CANESTRINI/DESJARDINS (1861), II, 16 (1498); 52 (1501); 611 (1514).
266
Cf. etwa ASF, Signori, Missive, Reg. 56, fol. 53 (25. Mai 1508); 98 (25. Oktober 1508);
Reg. 57, fol. 19 (12. Dezember 1510).
267
MACHIAVELLI, Legazioni (1510), III, 1293; LEMAIRE DES BELGES (1511), 133.
87
zwanzig Jahren, trotz aller Mühen und Leiden. 268 Die Hochzeit von
Pieros Sohn Lorenzo, dem Herzog von Urbino, mit Madeleine de la
Tour schafft in den Augen der Stadtbeherrscher engere Bande zum
Königshaus, als sie früher bestanden. 269 Als 1527, nach der letzten
vorübergehenden Vertreibung der Medici, die Republik nach heftigem
französischen Werben, gegen starke innere Opposition und zuletzt mit
ähnlichem Misserfolg wie 1512 die «unione de’ gigli con gigli» gegen
Karl V. betreibt, bezeichnet der Gesandte Giuliano Soderini im Namen
der Republik die französischen Könige als «padri, benefattori, e
protettori singularissimi; e, non solo per difensori, ma per autori della
sua libertà» – ein Echo der Wendungen im Friedensvertrag von
1494. Doch soll der Gesandte diesbezüglich nicht «repetere cose troppo
antiche», sondern auf Charles VIII hinweisen, dank dem seinerzeit das
Joch der Medici abgeschüttelt, die «Libertà» wiedererlangt worden
sei. 270 Die Verhältnisse von 1527 haben ihre Parallelen nicht in einer
guelfisch konstruierten, mythischen karolingischen Ära, sondern in
dem bereits einmal durchlebten republikanischen Befreiungskampf
gegen die Medici.
Die faktische Opferung der Republik durch François Ier im Frieden
von Cambrai beerdigt allerdings bei vielen Florentinern die früher als
angeboren bezeichnete Zuneigung zur französischen Krone. Auch die –
im Gefolge der kaiserlichen Belagerung von 1530 – endgültige Rückkehr der Medici an die Macht bewirkt keine Renaissance der Legende
im diplomatischen Verkehr mit Frankreich, im Gegenteil: Der Herzog
ist jetzt unbedingter Parteigänger des Kaisers, dem er seine Reinstallation verdankt. Der ursprünglich erzguelfische Mythos eines zweiten
Karls des Grossen wird in kaiserlichen Kreisen auf Karl V. angewandt; 271 allerdings haben die Prophetien längst nicht mehr das
Gewicht wie unter Charles VIII, und der Wiederaufbau von Florenz
taucht in ihnen nirgends auf.
Ein entsprechendes Zeugnis hinterlässt die Arnostadt jedoch dieser
neuen Allianz. 1540 verfasst der Jurist und apostolische Protonotar
Pietro Mareno in Rom einen Widmungsbrief an den deutschen König
268
CANESTRINI/DESJARDINS (1861), II, 756 (18. Oktober 1515): «… avendo questa citta, venti
anni continui o più, speso, patito e travagliato quanto ella ha fatto per seguitare le parti e nome
Francesi».
269
ASF, Signori, Legaz., Elez., Reg. 23, fol. 112 (27. März 1518): «… antica affectione et
devotione … havendone hoggi piu strette cagioni che forse per altri tempi …».
270
CANESTRINI/DESJARDINS (1861), II, 995 (17. Juli 1527).
271
Cf. REEVES (1969), 359-374 (Übertragung auf Karl V.); 375-392 («French Counter-claim»),
insbes. 386, wonach der Mythos später wieder für Henri IV beansprucht wird.
88
Ferdinand, den Bruder Kaiser Karls V., um den es in seinem Compendio della Stirpe di Carlo magno & di Carlo quinto Imperatore geht.
Das Buch erscheint erst 1545, nach dem Tod des Verfassers, diesmal
von einem Freund Marenos Cosimo I. zugeeignet. Mareno, der sehr
wahrscheinlich aus der Toskana stammt und zeit seines Lebens als
Hofmann an der Kurie, bei Maximilian und Karl V. dient, hat sein
Werk ursprünglich lateinisch verfasst und dann selbst ins Italienische
übersetzt; er sieht es als Zeichen seiner Verbundenheit zu Deutschland.
Die Medici dürfen nun von Mareno erfahren, dass ihr Schutzherr
Karl V. wie auch Karl der Grosse einheimischen Ursprungs sind,
Nachfahren von «Tusco Re’ di Toscana». Und wie Karl der Grosse
Italien aus «tumulti e discordie» erlöst und Florenz mit Pracht
wiederaufbaut, so reformiert Karl V. die Stadt, indem er die Medici
wieder einsetzt. Bei Noah beginnend, über Troja und die Merowinger
hin zu den ersten Karolingern konstruiert Mareno nach den
Fälschungen des deutschen Abtes Trithemius 272 eine abenteuerliche
Genealogie, die er, was Karl den Grossen anbetrifft, mit historischem
wie auch legendärem Material (einschliesslich des Wiederaufbaus)
ausführt, während er andererseits die Habsburger bis Karl V. von einem
anderen merowingischen Zweig herleitet. 273 Damit endet, nach
Maximilians vergeblichem Versuch von 1496, die Karlslegende doch
noch in der deutsch-imperialen Tradition.
Sie hat allerdings auf die diplomatische Sprache keinen Einfluss
mehr, weder im Umgang mit dem Kaiser noch mit Frankreich. Infolge
der engen Anlehnung der Medici an den Habsburger und später an
Spanien bleiben die Beziehungen zu Frankreich von 1530 an über
Jahrzehnte getrübt, und Gesandtschaften sind selten. 274 Auch das
Verhältnis der Caterina de’ Medici zu ihren entfernten herzöglichen
Verwandten bleibt meist gespannt, da sie der nach Frankreich
geflohenen florentinischen Opposition nahesteht. Ganz abgesehen
davon ist es unter souveränen Herrschern, die sich in ihren Briefen mit
«mio cugino» ansprechen, überflüssig, auf historische Bande ihrer
Untertanen und Staaten zu sprechen zu kommen – die Aussenpolitik
wird gerade in Florenz zu einer Familienangelegenheit. Diese – für
Florenz – neue Ausrichtung auf das Fürstengeschlecht hat bittere
272
Cf. zu diesem und seinen erdichteten Dynastien unten p. Fehler! Textmarke nicht
definiert..
273
MARENO (1540), 2v/3 (Einleitung); 41 (Karls Neugründung).
274
Cf. zum diplomatischen Verkehr zwischen Frankreich und Florenz von 1530 bis 1580
PALANDRO (1908).
89
Konsequenzen: Für die im 16. Jahrhundert überaus wichtige Frage der
Vorrangstellung von zwei Einzelherrschaften entscheiden nämlich
nicht mehr – wahre oder mythische – historische Allianzen, wie das
beim jahrhundertelang guelfisch formulierten Bündnis der Fall war,
sondern die Würde der Herrscherdynastie: Deshalb muss der
Emporkömmling Cosimo gerade in Frankreich den bescheidenen Este
aus Ferrara den Vorrang überlassen, was die Beziehungen erneut für
Jahre vergiftet. 275
Neben den genannten bündnisbedingten Vorbehalten und ideologischen Reserven gegen die alte Legende hat wohl auch die Entwicklung des Gesandtenwesens zu ihrem Verschwinden beigetragen.
Residierende Botschafter als Kontaktpersonen sind an die Stelle von
kurz befristeten Legationen mit konkreten Aufträgen getreten; damit
entfällt auch ein Teil der Begrüssungs- und Anredezeremonie. Die
Aussenbeziehungen sind institutionalisiert um ihrer selbst willen und
bedürfen keiner Legitimation durch historisch verklärte Gemeinsamkeiten.
9. Die Legende in der Florentiner Historiographie des
16. Jahrhunderts
Während Karls Wiederaufbau aus der diplomatischen Sprache ausscheidet, garantieren ihm drei Autoren einen anhaltenden Erfolg in der
lokalen Historiographie: Annio da Viterbo und seine Fälschungen,
Giovanni Villani, der gedruckt wird und so zu neuer Wertschätzung
gelangt, und der stets hochverehrte Dante.
Wenn ein recht kritischer Humanist wie Paolo Emilio den Wiederaufbau mit zwei Worten zwar sehr knapp, aber damit als einziger Autor
überhaupt im Rahmen einer Geschichte Frankreichs erwähnt, so will er
die Wohltaten des französischen Königs für die Italiener illustrieren.
Ausserdem verweist Emilio aber auch auf «monumenta quaedam»,
nämlich eine angebliche Inschrift des Langobardenkönigs Desiderius. 276 Bei den sogenannten «Edicta Desiderii» handelt es sich um eine
1498 erstmals gedruckte Fälschung des berüchtigten Annio da Viterbo,
275
Cf. PALANDRO (1908), 40-43, 51-55; François Ier sagt dem Florentiner Botschafter bezeichnenderweise: «Lorsque Florence se gouvernait en république, la France ne lui manqua jamais …».
276
EMILIO (1520), 70; ID. (1492), fol. 27, schreibt wohl nach Platina, jedenfalls bereits zur
Regierungszeit Ludwigs des Frommen: «florentiam Carolus vel senescentem, vel deletam
restituit.»
90
dem es mit diesem und anderen «neuentdeckten» Dokumenten gelingt,
seine Heimatstadt und die Toskana mit historischer Patina zu adeln. In
der angeblichen Alabasterinschrift beansprucht der Langobardenherrscher, mehrere Städte der Toskana vergrössert und den
umherirrenden Florentinern einen Hort im «oppidum Munionis»
geschaffen zu haben. 277 Dieses wird gemeinhin mit S. Miniato al Monte
identifiziert, und so bleibt ein späterer Wiederaufbau von Florenz an
der alten Stelle und durch Karl den Grossen durchaus noch denkbar,
obwohl dazu bei Annio kein Wort gesagt ist. Da nun aber eine
scheinbar unbestrittene Inschrift beweist, dass die Florentiner im
8. Jahrhundert heimatlos sind, ist die in erzählenden Quellen nur ungenügend belegte Zerstörung der Stadt plötzlich viel plausibler – und
entsprechend auch die Notwendigkeit, sie neu zu errichten. Annio wird
auch noch anderen Autoren zu denken geben, ja an seiner Inschrift
kommt die Frage nach der Authentizität der Gründungslegenden nicht
mehr vorbei.
In dieser Frage verläuft die Frontlinie offenbar «tra i nostri scriptori
florentini ed alcuni della Latina lingua», wie der Chronist Bartolomeo
Cerretani festhält, also zwischen (früheren) volkssprachlichen und
(jüngeren) humanistischen Autoren. 278 Er führt selbst eine recht
beachtliche Liste von Autoren an, «i quali pareri si possono e debbono
conciliare». 279 Die Unstimmigkeiten in der Überlieferung werden also
nicht als unüberbrückbare Schwierigkeit angesehen, und eine Harmonisierung, wie sie Cerretani Scala nachzutun versucht, scheint machbar.
Bereits Scala hat dabei bewiesen, dass er Villani schätzt und auch
gegen den Vorwurf schlechten Stils verteidigt. 280 Von solchen Anfechtungen völlig unberührt sind viele, zum Teil anonyme chronistische
Bearbeitungen der Stadtgeschichte, für die Villani den unbestrittenen
Gewährsmann für die Frühzeit darstellt. 281 Ebenfalls sehr zahlreich
277
ANNIO (1498), 375: «Nos enim non sumus Thusciae destructores ut nos apud Gallos accusat
Hadrianus Papa. Nam in Thuscia aedificavimus à fundamentis … Fesulanis oppidum Munionis, in
quod Vagos & Sparsos Aryn Ianos & palantes Fluentinos collegimus.»
278
CERRETANI (1514), fol. 17v: «zwischen unseren Florentiner Autoren und einigen lateinischer
Sprache». Umstritten seien der Grad der Zerstörung, die Identifikation des Barbaren, die Art des
Wiederaufbaus und die Frage, ob Karl die Stadt selbst besucht habe.
279
CERRETANI (1514), fol. 25: «… deren Ansichten versöhnt werden können und müssen …».
Er nennt Malispini, Villani, Stefani, Matteo Palmieri, Antonino, Bruni und Scala.
280
Cf. SCALA (1482), 21f.; LANDINO, Vita (1481), 186, nennt Villani einen «diligente
scrittore».
281
So Benedetto Dei (1488), fol. 60; zitiert bei BÖNINGER (1988), 313; CAMBI (1535),
2. Handschriftlich auf der BNF erhalten sind: DEL ROSSO (1557), angeblich nach einem «libro
anticho» (der Nuova Cronica?) von 1336; BNF II, I, 239 = II, I, 312, führt bis 1532 bzw. 1598,
91
erhalten sind auf ihm fussende handschriftliche Kurzfassungen der
Stadtgeschichte, die mit präzisen Jahresangaben einen nützlichen historischen Grundstock vermitteln; da sie sich häufig auch in der Formulierung sehr ähnlich sind, handelt es sich womöglich um Exzerpte für
die Schule oder für die Verwaltung. 282 Ausserdem wird in der Tradition
Malispinis fortgefahren, die eigenen Vorfahren in angeblich alten
Chroniken zu plazieren, sei es ein Strozzi unter den frisch geschlagenen
Rittern oder ein Brunaccini unter den ersten Einwohnern nach dem
Wiederaufbau. 283 Villani lässt sich offensichtlich gleichsam zum Hausgebrauch exzerpieren und ergänzen, wofür er sich wegen der Verwendung der Volkssprache auch ungleich besser eignet als Bruni. Doch
auch humanistisch gebildete und unter Umständen durchaus kritische
Geister wie Equicola, Egnazio, Machiavelli, Leandro Alberti und –
sogar öfters – Giovio beziehen sich ohne Bedenken auf die
Neugründung. 284
Das Interesse am Chronisten ist in diesen Jahren offenbar gross:
1537 erscheint er bei Zanetti in Venedig erstmals gedruckt. Im Unterschied zu Florenz, wo ja zahlreiche Handschriften zirkulieren, ist das
Werk gemäss dem Herausgeber in Venedig seit einiger Zeit nicht mehr
aufzutreiben. 285 Im Vorwort zur zweiten Auflage von 1559 meint der
bekannte Florentiner Publizist Remigio Nannini, etwaige Fehler des
Chronisten bei der fabelhaften Frühgeschichte seien mit den grundsätzlichen Schwierigkeiten solcher Unterfangen zu entschuldigen; dagegen
sei er für seine eigene Zeit eine äusserst zuverlässige Quelle. 286 Gleienthält auch Elemente Palmieris; Magliab. 25, 21 und 25, 328, gekürzt nach Villani; Magliab. 25,
255-256, bis 1600 führende Annali della città.
282
In Frankreich zirkulieren ähnliche Listen in den Rechnungskammern, cf. DALY (1989). Zu
diesen kurzgefassten Villani-Adaptionen, die meist mit «Roma fu facta et edificata da Romolo …»
beginnen, gehören auf der BNF: II, II, 39; II, IV, 323, 343 und 348; Panciatich. 120, fol. 1-34;
auch Capponi 277; Magliab. 25, 353; Palat. 449, fol. 183-184v.
283
LOTTO FIESOLANO (1500), fol. 3v. Lotto kennt den 1492 geschriebenen und 1498 gedruckten Brief Polizianos über Octavians Stadtgründung. Andererseits führt ihn VARCHI (1565), 176,
als Quelle an; zwischen diese zwei Daten fällt also die Abfassungszeit. BRUNACCINI (1535),
fol. 18; die Datierung ist ebenfalls unsicher, aber die einzige Handschrift (BNF Palat. 735) gibt
1535 an. Der Katalog nennt das Werk eine «gozza raffazzonatura di alquante parti malconesse di
Giovanni Villani». Nach DAVIDSOHN, Forschungen (1896), I, 167f., führt auch Lorenzo Ubaldini
in seiner 1588 erschienenen und recht stark rezipierten Istoria della casa de gli Ubaldini neben
anderen gefälschten Urkunden solche von Karl dem Grossen zugunsten seiner Vorfahren an.
284
EQUICOLA (1509), unpaginiert; EGNAZIO (1516), 718; MACHIAVELLI (1525), 40f.;
GIOVIO (1544), 51; 250 (an Karl den Grossen); ID. (1552), II, 21; ALBERTI (1550), 44.
285
G. VILLANI (1537), Iacopo Fasolo ai lettori.
286
G. VILLANI (1559), «A’ Lettori» von Nannini: «Non dirò cosa alcuna circa quello, che
questo Autore scrive de’ principij della nostra città di Firenze, per che s’ei pare ch’ei dica ò cose
favolose, ò poco degne di fede; egli è degno di molta scusa, essendo molto difficile il parlare di
92
ches gilt für sprachliche Phänomene: Bereits in der ersten Ausgabe ist
Villanis Bedeutung für die «vulgare lingua nostra» betont worden. In
der dritten Edition von 1587, bei Giunti in Florenz, soll die Nuova
Cronica endlich «puro e purgato» vorliegen, was dringend nötig sei, da
man ja inzwischen die Volkssprache gleich fleissig studiere wie das
Lateinische und Griechische. Villanis Renaissance ist also nur teilweise
seiner Bedeutung als historische Quelle zu verdanken; und so sind es
fortan auch nicht unbedingt zünftige Historiker, die sich den
Florentiner Ursprüngen widmen, sondern oft Sprachwissenschaftler
und Antiquare. Der Chronist liefert das neben Dante früheste und
umfangreichste Zeugnis des Toskanischen; gerade in seiner Zeitgebundenheit liegt Villanis Reiz, und sie entschuldigt auch seine Unzulänglichkeiten, die die Fehler einer Epoche, nicht eines Autors sind.
Zum Kreis dieser Philologen zählt Benedetto Varchi, ein illustres
Mitglied der Florentiner Akademie und ohne historiographische
Meriten, als ihn Herzog Cosimo I. 1547 zum offiziellen Geschichtsschreiber ernennt. Die Ausarbeitung seines Werkes, das die
Lokalgeschichte ab 1527 behandelt, fällt in die späten fünfziger Jahren
und dauert wohl bis zu Varchis Tod 1565. Für einen Exkurs über die
Frühgeschichte von Florenz verwendet Varchi die Nuova Cronica
sowohl in einer Handschrift als auch in der Ausgabe von 1559. 287 Der
Exkurs ist nachträglich eingefügt, 288 was zeigt, dass die Diskussion
einige Aktualität beanspruchen kann. Villani sei ein «uomo assai
semplice e idiota, ma fedelissimo però e diligentissimo scrittore». Wo
er sich irre, da sei es nicht Absicht, sondern mit den mangelnden
Kenntnissen seiner Zeit zu entschuldigen. 289 Dabei folgt Varchi nach
der Diskussion vieler Autoren und Ansichten weitgehend Villanis
Gründungsversion. Die wenigen Korrekturen betreffen etwa das Jahr
der Zerstörung, 550 n. Chr. anstatt 450 n. Chr., was auch die häufige
Verwechslung mit Attila auflöst. Die verschiedenen «Autorità» machen
ihn «se non dimostrativamente, almeno probabilmente credere», dass
cosi fatti principij delle città antiche, come è stato fatto ancora circa i principij della città d’Atene,
e di Roma.»
287
Cf. VARCHI (1565), 175, Anm. 4: Varchi nennt selbst eine Villani-Edition von 1549, die
aber nirgends belegt ist. Eine Abschrift der Storie auf der BNF II, III, 95, fol. 258v, hat dagegen als
Jahresangabe «1449»; es handelt sich offenbar um einen Kopierfehler, und anstelle beider «4»
wären ursprünglich «5» gestanden, möglicherweise in der Form eines gestreckten «S» und
insofern leicht zu verwechseln.
288
Im eigenhändigen Entwurf (BNF II, II, 139) fehlt der Exkurs noch.
289
VARCHI (1565), 175: «ein recht einfacher und unbedarfter Mann, aber sehr gewissenhaft
und sorgfältig»; cf. ib.: «… Giovanni se bene disse le bugie, non però mentì …».
93
nicht nur die Stadtmauern zerstört worden seien, sondern die Stadt
grösstenteils entvölkert, wenn auch nie vollständig verlassen worden
sei. 290
Wie schon Scala und Cerretani, aber ungleich systematischer 291 trägt
Varchi einen grossen Teil der relevanten Autoren zusammen und versucht deren Widersprüche so aufzulösen, etwa durch die Neudatierung
der Zerstörung, dass sie mit den historischen Fakten übereinstimmen
könnte. Die konservierende Haltung herrscht auch bei ihm vor: Varchi
wischt das Zeugnis des Zeitgenossen Prokop beiseite und favorisiert
diejenigen Quellen, die der verbreiteten Meinung recht geben – unter
anderem das Edikt des Desiderius. 292
Die Kontroverse scheint sich also um die Jahrhundertmitte eher um
die Zerstörung als um den Wiederaufbau zu drehen, aber auch um die
Zuverlässigkeit Villanis als historischer Quelle. Was die Florentiner
Frühgeschichte anbetrifft, sind gewisse Vorbehalte verbreitet. Wenn
sich seine Legenden gleichwohl so lange behaupten können, liegt das
wohl weniger am Chronisten selbst als an Dantes Anspielung auf die
Zerstörung. Gerade unter den Florentiner Philologen ist das patriotische
Bedürfnis gross, den – im Gefolge Bembos vor allem in Venedig
wegen angeblicher sprachlicher Mängel kritisierten 293 – Dichter in jeder
Hinsicht zu verteidigen; Villani ist gleichsam im Windschatten
Nutzniesser dieser Situation.
Dies kann sich nur ändern, wenn die Infragestellung einzelner Passagen bei Dante nicht als Sakrileg verstanden wird, und auch nicht als
Kritik am Wert der gesamten Commedia. 294 Dieser Prozess spielt sich
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ab: 1568 erwähnt
Bernardino Daniello in seinem Dante-Kommentar Karls Wiederaufbau
noch kurz unter Bezug auf Villani, doch bereits drei Jahre später
äussert Lodovico Castelvetro nur noch knappe, abschätzige Urteile
über die «favola» von Attilas Stadtzerstörung und den Chronisten, «che
racconta ogni bugiarda vanità». Dante allerdings könne man die
290
VARCHI (1565), 179: «wenn nicht erwiesenermassen, so doch nach aller Wahrscheinlichkeit
glauben …»; ib., 180, vertritt er wie Malispini eine Vergrösserung durch den Neubau.
291
In Varchis Entwürfen findet sich eine Liste der Autoren zur Zerstörung und Neugründung,
cf. BNF II, II, 138, fol. 266-268. In seinen «Notabili» (BNF Magliab. 25, 652) stellt er Villani und
Malispini beispielsweise Stefani und Buoninsegni gegenüber; auf fol. 27f. der nach Stichworten
geordneten Exzerpte notiert er Versionen über die Stadtzerstörung.
292
Cf. VARCHI (1565), 178; cf. auch 177, Anm. 1, zum Stadtnamen.
293
Dazu generell BARBI (1890), insbes. 9-24.
294
Cf. die Zurückhaltung von LANDINO, Espositione (1481), 77v f.: «… non oso dir cosa alcuna
contra l’opinion di tanto Poeta; ma non sò come Attila potesse far questo …».
94
Fehlinformation nachsehen, wegen der «rozzezza del secolo», in dem
er lebte, und weil ein Dichter populäre Überlieferungen verarbeiten
dürfe, ohne dafür Tadel zu ernten. 295 Mit der nunmehr charakteristischen Entschuldigung der alten Dichter, welche noch nicht mit
den reichen Produkten der Buchdruckerei vertraut sein konnten, deutet
auch Paolo Mini 1577 Karls Tat nicht als Wiederaufbau, sondern als
Erweiterung, «augumentazione». Wenn Mini jegliche Zerstörung
bestreitet, so geschieht dies allerdings nicht aufgrund systematischer
Traditionskritik, sondern um im Gefolge der Bartholomäusnacht die
Florentiner im allgemeinen und die Medici im besonderen gegen
Innocent Gentillets Anklagen der Barbarität zu verteidigen – da die
Stadt stets intakt blieb, haben die Florentiner seit ihrer Gründung einzig
und allein römisches Blut, sind also rein und vornehm. In einem
folgenden Abschnitt zeigt Mini sich sodann als Anhänger eines erneut
von Annio eingeführten und ungleich kühneren Mythos, wenn er
«Hercole Libyo» zum Gründervater von Florenz erklärt! 296 Doch Mini
beruft sich auch auf einen Autoren, dessen Ablehnung der Karlslegende
schon länger bekannt ist und der auch ihre Genese untersucht hat:
Francesco Guicciardini.
10. Die endgültige Kritik
a. Francesco Guicciardini
Immer wieder haben Humanisten Zweifel an einzelnen Elementen von
Villanis Gründungslegenden angemeldet. Deren Hauptmangel ist, dass
sie nicht von einem «idoneus author» überliefert werden –
insbesondere vermissen etwa Biondo, Volterrano und Landino bei
Prokop die Zerstörung und bei Einhard den Wiederaufbau. 297 Doch von
solchen Vorbehalten, die nur auf dem Fehlen positiver zeitgenössischer
Zeugnisse beruhen, zu einer systematischen Diskussion der Tradition
ist es ein langer Weg, den Guicciardini als erster antritt.
Für seine ab 1527 verfassten und unvollendet abgebrochenen Cose
fiorentine hat er die gängigen Historiker der Kommune gelesen und
sich besonders mit Villanis und Brunis Versionen auseinandergesetzt.
295
DANIELLO (1568), 92; CASTELVETRO (1571), 179, 199: «… der jede eitle Lüge erzählt».
MINI (1577), 75-77. Zum Herakleskult cf. allgemein JUNG (1966), für Mini CIPRIANI (1980), 118-123, 190-196.
297
LANDINO, Espositione (1481), 77v f.; VOLTERRANO (1506), 40, 106; zu Biondo oben p. 52.
296
95
Hinsichtlich Totilas Zerstörung mag er, «in tanta obscurità di cose»,
nicht entscheiden, wer von beiden recht habe; Brunis Argumente gegen
eine vollständige Zerstörung seien nicht unbedingt stichhaltig, aber mit
ihm meint auch Guicciardini, dass die Stadt nicht jahrhundertelang
verlassen geblieben sei, sondern dass die Bevölkerung spätestens nach
dem Zusammenbruch der Gotenherrschaft wieder in den Ruinen
gehaust habe. In einem ersten Entwurf ist er noch völlig überzeugt
(«certo è …»), dass Karl bei seinem Aufenthalt Ritter gekürt habe; in
der überarbeiteten Fassung schreibt er nichts mehr davon – vermutlich
hat er Villani wegen dessen Verweis auf «Croniche di Francia» an
dieser Stelle zuerst Vertrauen geschenkt, später jedoch Zweifel
bekommen. Was den Wiederaufbau betrifft, stimmen beide Fassungen
der Cose fiorentine überein: «Se è vera la opinione che poi Carlo
Magno la reedificassi …», beginnt er, dann sei die Stadt auch nach der
Rückkehr einiger Bewohner schwach bevölkert und – wegen der
Obstruktion durch Fiesole – ohne Mauern geblieben. Es sei jedoch
auch möglich, dass Karl Florenz gar nicht habe wiederaufbauen
müssen, sondern nur geschmückt habe («nobilitare») – «Alcuino» (also
Einhard beziehungsweise die Annales regni Francorum) hätte doch
bestimmt den Wiederaufbau erwähnt, wo er vom Besuch in Florenz
handelt. 298 Dann stellt Guicciardini mit historischem Bewusstsein als
erster eine Hypothese auf, die ihre Gültigkeit bis heute bewahrt hat.
Ma la cictà può havere fomentata questa fama, perchè ne’ tempi
sequenti, essendo prevaluta in lei la parte guelfa, hebbe observantia
grande alla corona di Francia, et tucti e’ segni di devotione et le
cerimonie, che si usano verso quella casa nella entrata della Signoria,
hanno havuto origine da questo et doppo el tempo che Carlo di Valois
conquistò di mano di Manfredi el reame di Napoli. 299
Guicciardini leugnet die «fama comune» nicht, da er sie noch nicht
gründlich untersucht hat; aber er kann sich vorstellen, dass das Gerücht
im Gefolge des Anjou-Einfalls entstanden und von der guelfischen
Obrigkeit im Zeichen der Freundschaft zu Frankreich verbreitet worden
ist. Er ortet die Legende nicht nur in der Historiographie Villanis, son298
F. GUICCIARDINI (1530), 11-13 bzw. 282f. (1. Fassung); 12: «Wenn die Meinung richtig ist,
dass sie Karl der Grosse dann wiederaufbaute …».
299
F. GUICCIARDINI (1530), 12f.: «Aber die Stadt könnte dieses Gerücht genährt haben, da sie,
als später die guelfische Partei vorherrschte, grosse Gefolgschaftstreue zur Krone von Frankreich
bewies; und alle Bekundungen der Ergebenheit und die Zeremonien, die man gegenüber diesem
Königshaus beim Einmarsch der Signoria pflegt, haben ihren Ursprung bei diesem [sc. Sachverhalt] und [zwar] nach der Zeit, da Charles de Valois [eigentlich d’Anjou] von Manfred das
Königreich Neapel eroberte.»
96
dern erkennt auch ihre Bedeutung im städtischen Zeremoniell, wobei er
an die erwähnten Eidesformeln der seit 1415 gültigen Statuta denkt, in
denen er – wie ja bereits Louis XI – die auch durch die Karlslegende
ausgedrückte Frankophilie erkennt. 300 Entsprechend schreibt er an den
Rand seiner Handschrift, wo er sich die Fragen notiert, die er noch
genauer erkunden muss: «Vedi quando cominciorono e’ giuramenti
nella entrata della Signoria». 301 Guicciardini geht hier historischkritisch im besten Sinn vor: Angesichts der unsicheren Überlieferung
wäre der Nachweis, dass Eidesschwüre auf den französischen König
erst zu einem späten und präzise definierten historischen Zeitpunkt
auftreten, ein recht stichhaltiges Indiz für seine Vermutung, dass die
Karlslegende ihre Entstehung oder mindestens Verbreitung politischen
Interessen verdankt. Guicciardini ist der erste und für lange Zeit einzige
Autor, der sich vorstellen kann, dass die Karlslegende erst ein spätes
Produkt politischer Berechnung ist, ohne Zusammenhang mit den
authentischen Taten des Kaisers.
Der entsprechende Text der Cose fiorentine selbst ist noch kaum
mehr als ein stellenweise paraphrasierender erster Kommentar zu
Villani, gleichsam eine Bestandsaufnahme der Tradition; aber auch
andere Marginalien zeigen, dass Guicciardini die heiklen Punkte der
Überlieferung sofort erfasst. So will er weitere Erkundungen anstellen,
wann Totila nach Italien kam, und ob er Florenz je betrat; zu den
Anfängen der Kirche SS. Apostoli, die auf eine Stiftung Karls zurückgeführt wird; zu den astrologischen Angaben Villanis betreffend der
Neugründung; zu archäologischen Resten oder schriftlichen Erwähnungen des Karl zugeschriebenen ersten Mauerbaus. Und umfassend:
«Diligenter di Carlo Magno et della sua reedificatione, et di Alcuino, di
chi el Landino in Dante». 302
Es lässt sich nicht sagen, wieweit Guicciardini seinen Fragen
genauer nachgegangen ist; jedenfalls sind etwaige Antworten nicht
überliefert. Auch sind die Cose fiorentine erst im 20. Jahrhundert
gedruckt worden, so dass Guicciardinis Überlegungen zuvor kaum
rezipiert werden konnten – ganz im Unterschied zur 1537 begonnenen
Storia d’Italia. Dort zeigt der Florentiner jedenfalls, dass er sich
genügend mit Karls Neugründung beschäftigt hat, um sie – wie bereits
300
Cf. zu den Statuta oben p. 73.
F. GUICCIARDINI (1530), 12: «Schau nach, wann die Eidesschwüre beim Einzug der
Signoria begannen.»
302
F. GUICCIARDINI (1530), 12, ähnlich 283: «Sorgfältig über Karl den Grossen und seinen
Wiederaufbau, und über Alkuin, von dem Landino im Dante-Kommentar spricht.»
301
97
zitiert – als «opinione inveterata, benché falsa» abtun zu können,
welche die Florentiner für Charles VIII eingenommen habe. 303
Guicciardinis apodiktischer und wie nebenbei eingeworfener Standpunkt liefert keine Grundlagen für eine weitere Erörterung der
Legende. Da jede Begründung fehlt, lässt er nur Zustimmung (wie etwa
bei Mini) oder Zurückweisung zu; tatsächlich bringt das Erscheinen der
Storia d’Italia ja auch keine generelle Abkehr von der Karlslegende mit
sich. Man kann also davon ausgehen, dass um die Jahrhundertmitte die
Florentiner Gründungslegende als recht problematisch erkannt worden
ist, die Positionen jedoch eher gefühlsmässig, als Glaubenssache vertreten werden. Die Versuche, die widersprüchliche Überlieferung zu
harmonisieren, sind zu keiner überzeugenden Lösung gelangt. Das
Quellenmaterial ist, zuletzt von Varchi, zusammengetragen worden und
liegt bereit – es fehlt noch die gründliche historische und philologische
Analyse. Diese geht aus dem Kreis der in der «Accademia Fiorentina»
versammelten Dante-Exegeten hervor, die sich für die Anfänge der
Florentiner Geschichte ebenso interessieren wie für die ersten Zeugnisse der toskanischen Sprache; aber Auslöser der systematischen
Kritik sind letztlich politische Gründe.
b. Vincenzo Borghini und der Vasari-Zyklus in der Signoria
Giambattista Gellis Kommentar der Divina Commedia zeigt gut den
Stand der Diskussion unter Florentiner Gelehrten im Jahr 1560. Der
Philologe Gelli entschuldigt Dante und Villani auf charakteristische
Weise: Beide hätten sie ihre Informationen über die Stadtanfänge vermutlich einer alten Chronik entnommen, die später verlorengegangen
sei, als man erkannt habe, dass sie nicht wahrheitsgetreu war. Daher
hätten sie – unschuldigerweise – «tutti i buoni scrittori» gegen sich, die
Attila nur nördlich der Apenninen belegen und von Karls «reedificatio»
nichts wissen; höchstens im übertragenen Sinn sei eine «rinnovatio»
erfolgt, indem der Kaiser «i modi del governare lo stato» neu eingerichtet habe. 304
Gelli behält bei, was durch Inschriften belegt zu sein scheint, etwa
Karls Stiftung der Kirche SS. Apostoli; ausserdem versucht er, die
303
F. GUICCIARDINI (1540), 56: «die zwar falsche, aber alteingesessene Meinung»; cf. oben
p. 79 das ausführliche Zitat.
304
GELLI (1560), II, 44-46.
98
«rinnovatio» allegorisch auszulegen. Seine tiefere Absicht ist jedoch
derjenigen Minis recht ähnlich – und fusst auf der gleichen Quelle, den
ingeniösen Erfindungen Annios da Viterbo. Bereits vor 1544 hat Gelli
Cosimo I. eine kleine Schrift Dell’origine di Firenze zugeeignet, in der
er unter Zuhilfenahme der Genealogien Annios bis zur Sintflut
zurückgeht, um die florentinische Sprache über das Etruskische aus
dem Aramäischen der Nachkommen Noahs herzuleiten, damit aber
auch die Gründung der Stadt in früheste Zeiten zurückzuversetzen, auf
den später auch von Paolo Mini erwähnten libyschen Herakles – ein
Element des «mito etrusco», der unter Cosimo I. aufblüht. 305 Vor dem
Hintergrund solcher Theorien werden die Überlegungen verständlich,
die sich der Herzog bei der Gestaltung der Sala Grande im Palazzo
Vecchio hat machen müssen. 306
Am 3. März 1563 liefert Giorgio Vasari Cosimo I. den ersten Entwurf für das dort geplante Deckengemälde; das Programm sieht eine
teils allegorische, teils (nach Villani) historische Verklärung der
«Fiorenza» vor, aber – in den späteren Entwürfen noch verstärkt – auch
eine Huldigung an das Geschlecht der Medici. An prominenter Stelle
ist die «Restauratione et amplificatione» durch Karl den Grossen
vorgesehen. In einem weiteren Entwurf und einer ersten Zeichnung ist
die Szene mit kleinen Differenzen in der Benennung beibehalten, doch
auf einer dritten Skizze finden sich eigenhändige Korrekturen des
Gelehrten Vincenzo Borghini: Er verlegt die «Restauratione» in ein
weniger zentrales Feld und setzt an ihre Stelle die Errichtung des
dritten Mauerrings (im Jahr 1284). In der endgültigen, am 21. Dezember 1565 beendeten Version ist Karl der Grosse dann ganz ausgeschieden; an seiner Stelle ist die Florentiner Abwehr gegen Radagaisus
in das Programm aufgenommen und als letzte Tafel ausgeführt
worden. 307
Diese Veränderungen im Programm spiegeln die wandelnden Einschätzungen und Kenntnisse wider, welche sich aus der Diskussion der
305
GELLI (1544); cf. zum «mito etrusco» die Untersuchung von CIPRIANI (1980), insbes.
p. 83f. zu Gelli.
306
Eine vergleichende Gesamtwürdigung der Sala Grande (und der Hochzeitsfeierlichkeiten für
Francesco de’ Medici) als Ausdruck von Cosimos fürstlichem Selbstverständnis liefern
STARN/PARTRIDGE (1992), 151-212; insbes. 192-200 zur Rolle Borghinis. Falsch interpretiert ist
jedoch der Verzicht auf die Darstellung Karls des Grossen, ib., 177f.
307
RUBINSTEIN (1967), 64-66, sowie die Tafeln im Anhang; die Briefe bei VASARI, Nachlass
(3. März 1563), I, 722; auch ib., 730-733 sowie ib., III, 85, zur Chronologie von Planung und
Ausarbeitung der Deckengemälde; ib., II, 117, der Vorschlag, Radagaisus in das Programm
aufzunehmen.
99
Florentiner Anfänge ergeben. Der weithin berühmte Antiquar Borghini
wird von Cosimo I. auch bei anderer Gelegenheit als kunstverständiger
Ratgeber beigezogen und ist deshalb von Anfang an dazu ausersehen,
die entsprechenden – schriftlichen wie archäologischen – Quellen
genau zu prüfen und das Programm des Deckengemäldes zu definieren,
was er gemeinsam mit Vasari angeht. 308 Borghini hat sich wie seine
Florentiner Gelehrtenfreunde schon früher für die Gründungszeit seiner
Heimatstadt interessiert und benutzt jetzt die Gelegenheit, der Sache
genauer nachzugehen. Die Varianten in der Titulierung der Karlstafel
zeigen eine gewisse Unsicherheit Borghinis, was den genauen Inhalt
dieses tief verankerten Mythos betrifft. Seine wachsenden Bedenken
teilt er auch Cosimo mit, wie er auch sonst das Programm direkt mit
dem Herzog erörtert; die entsprechenden Diskussionen ziehen sich bis
Ende November 1564 hin. 309 Der Herzog selbst glaubt nicht an eine
vollständige Zerstörung der Stadt durch die Goten, weil er sich an einen
alten Rechtsgelehrten zu erinnern glaubt, gemäss dem Florenz nie zerstört worden sei. Borghini geht dieser Angabe erfolglos nach, schlägt
aber schliesslich den Ersatz Karls durch Radagaisus vor, nachdem
bereits zuvor die «amplificatione» anstelle der «reedificatione» getreten
war. 310 Zwar meint Borghini, man hätte an sich auch den Wiederaufbau
abbilden und mit der «fama comune» rechtfertigen können, obwohl er
selbst nicht daran glaube, denn andere Städte schmückten sich ebenfalls
mit offensichtlich märchenhaften Gründungsdarstellungen. Aber es ist
der Herzog persönlich, der dies verhindert: Cosimo will nämlich auf
jeden Fall vermeiden, dass in dieser Verklärung von Florenz Elemente
zu finden sind, die in Frage gestellt oder gar falsifiziert werden könnten – die «vera gloria» der Stadt muss auf Fakten beruhen, die selbst
gelehrter Kritik standhalten. 311
308
VASARI, Nachlass (1563), I, 730; BORGHINI, Carteggio inedito (Jan. 1566), 55f. beschreibt
in einem Brief an Girolamo Mei, wie er von Cosimo damit beauftragt worden ist, die Quellen zu
untersuchen: «… fu di bisogno considerare tutti questi luoghi che si truovano delli scrittori à
questo proposito et riscontrare tutti i segni et vestigij che ancor rimangono in piede et in somma
non lasciar alcuna diligentia che potessi arrecar lume à questa notitia et sene tenne piu volte lunghi
ragionamenti, et alla presentia di S.E. et indisparte fra noi. Finalmente come piu vicina al certo et
aiutata da verissimili piu potenti si prese quella resolutione che hoggi mostra la Pittura: …».
309
Cf. VASARI, Nachlass (1. September 1563), II, 2; 116-135, v.a. 116.
310
VASARI, Nachlass (1563), II, 119.
311
BORGHINI, Lettere (12. April 1566), Filze Rinuccini 25, 14, fol. 11, über Cosimo: «Ma levo
via ogni dubio la Resolutione dell’E. Duca il quale come quello che è d’animo veramente generoso
e tutto volto alla vera gloria non ci volse cose che si potessino tener d’alcuno per dubio, nonchè
riconoscere false manifestamente». Cf. VASARI, Nachlass (12. November 1564), II, 124f., Cosimo
an Borghini: «… ma dicemmo, che la non era mai stata desolata, trattandosi di dipignere la sua
reedificatione, et che questo si avvertisse bene, acciò non si incoressi in qualche absurdo».
100
Genau um solche handelt es sich bei den am Ende der Ausführungsarbeiten geäusserten Einwänden des in Rom lebenden Florentiners
Girolamo Mei, der offenbar von den anhaltenden Diskussionen um das
Programm erfahren hat und sich in die Debatte einmischen will. Deshalb schickt er respektvoll und kampflustig zugleich dem berühmten
Borghini ein von ihm verfasstes Traktat über L’origine della città di
Firenze. 312 Mei verwirft Villanis wie Malispinis Wiederaufbau als
«cosa favolosa», die vor diesen nirgends belegt sei. Mei ist wie Gelli
und Mini ein Anhänger Annios, und so stellt er die These auf, das
«Edictum Desiderii» bezeichne die eigentliche Neugründung von
Florenz: Mit «Oppidum Munionis» sei nichts anderes gemeint als das
moderne Florenz, wo Desiderius die geflohenen Einwohner wieder
versammelt habe. Aufgrund von Karls Siegen und vielleicht auch
seiner Wohltaten habe man diesen Ruhm später auf den Kaiser
übertragen, der in gewissem Sinn ja auch Nachfolger des Langobarden
gewesen sei. 313
Borghini lässt sich mit Vergnügen und Ausdauer auf «questo nostro
amico e piacevole combattimento» 314 ein, obwohl ihn Mei zu Unrecht
darauf festnageln will, dass er Karls Wiederaufbau verteidige. 315
Borghini meint: «Io non la tengo ne ho mai tenuta per vera», ja «io non
la credo, ne la lasciai mettere in pittura nella Sala». 316 Da sie beide –
allerdings aufgrund verschiedener Überlegungen – nicht an die
Legende glauben, ist Karl für Borghini nicht Gegenstand der Debatte,
oder höchstens dann, wenn Mei ihm beweisen könnte, dass Florenz je
zerstört worden sei. Dann allerdings sei er geneigt, der «fama
universale, che non è mai interamente a caso» und anderen Indizien zu
folgen, also Karl – und nicht Desiderius – als Neugründer anzusehen. 317
312
Es findet sich offenbar autograph, aber ohne Verfasserangabe auf der BNF II, X, 64,
vermutlich direkt aus dem Besitz Borghinis, von dem die Codices II, X, 66-141 stammen. Eine
spätere Abschrift, ebenfalls ohne Verfasserangabe, liegt in der BRF, Moreno 41, fol. 454-471v.
313
MEI (1565), fol. 20-25; Mei erwähnt sein «libretto» in einem Brief an Borghini, cf.
BORGHINI, Lettere (4. Januar 1566), Filze Rinuccini 25, 1, fol. 1.
314
BORGHINI, Lettere (Oktober 1566?), Filze Rinuccini 25, 14, fol. 54v: «dieses freundschaftliche und gefällige Gefecht zwischen uns».
315
Mei in BORGHINI, Prose (12. Oktober 1566), IV.2, 54, als Antwort auf BORGHINI, Lettere,
Filze Rinuccini 25, 14, fol. 54v. Borghini schreibt selbst an den Rand von Meis Brief, im Original
in Filze Rinuccini 25, 1, fol. 29: «non ho ne hebbi mai tale opinione».
316
BORGHINI, Lettere (4. Januar 1566), Filze Rinuccini 25, 14, fol. 11: «… ich halte ihn [sc.
den Wiederaufbau] nicht für wahr und habe ihn nie dafür gehalten …»; fol. 54v: «ich glaube nicht
daran, und ich habe ihn in der Sala Grande nicht malen lassen …».
317
BORGHINI, Lettere (26. Oktober 1566), Filze Rinuccini 25, 14, fol. 54v: «… Volksmund, der
nie völlig unbegründet ist …»; ib., 25, 1II, fol. 4.
101
Borghini lehnt also ursprünglich den Wiederaufbau vor allem
deshalb ab, weil er eine – notwendigerweise vorangehende – Zerstörung verwirft; obwohl er nie an die Sage geglaubt haben will, beginnt
er doch erst jetzt richtig mit dem fieberhaften Studium der Florentiner
Frühgeschichte, die er auch mit seinen Freunden intensiv diskutiert, 318
und sucht dabei vor allem auch nach Möglichkeiten, den ihm von Mei
zugeschickten Text der Desiderius-Inschrift zu entkräften. 319 In dieser
Sache schreibt er an den römischen Antiquar Onofrio Panvinio mit der
Bitte, einige Ausdrücke des Edikts, unter anderem das Wort «Gallos»,
daraufhin zu untersuchen, ob sie aus dem 8. Jahrhundert stammen
können. 320 Vom 28. Dezember 1566 datiert Panvinios nicht erhaltene
Antwort, und am folgenden 11. Januar 1567 dankt ihm Borghini von
ganzem Herzen, dass er ihn endgültig darin bestätigt habe, dass die
Inschrift eine Fälschung Annios sei. 321
Der ausgiebige Briefwechsel mit Mei wird zur Grundlage für
Borghinis später gedruckte Verwerfung der Legende: In der ihm
eigenen Umständlichkeit und Gründlichkeit legt er jeweils seinen
Standpunkt dar und kopiert seine eigenen Schreiben sorgfältig. Das
lange angekündigte Resultat dieser Untersuchungen und zahlreicher
Diskussionen sind verschiedene erst 1584/1585 postum erschienene
Discorsi; sie sind bereits in ihrer handschriftlichen Fassung Cosimos
seit 1574 waltendem Nachfolger Francesco zugeeignet. 322
Ein Discorso – in der erhaltenen Fassung wohl zwischen 1574 und
1577 verfasst – trägt den Titel Se Firenze fu spianata da Attila, e
riedificata da Carlo Magno. 323 Die Antwort steht bereits im ersten Satz:
318
Cf. etwa BORGHINI, Carteggio inedito (Jan. 1566), 55; bezeichnenderweise wendet sich
Borghini in dieser Zeit von Varchi ab und vor allem P. Vettori und G.B. Adriani zu, cf. VASARI,
Nachlass (27. November 1564), II, 120 und 131.
319
BORGHINI, Lettere (26. Oktober 1566), Filze Rinuccini 25, 1II, fol. 3: «Io sono dietro
continuamente alla traccia dell’origine della città nostra …». Mei schickt ihm eine Abschrift des
Edikts in einem Brief vom 15. Februar 1566, cf. BORGHINI, Prose (1566), IV.2, 36.
320
Zu Borghinis Analyse der Bezeichnung «Gallus» ausführlicher unten p. Fehler! Textmarke
nicht definiert..
321
BORGHINI, Prose (Ende 1566), IV.4, 28; ib. (11. Januar 1567), 4.4, 29: «Non vi potrei ancor
dire di quanta mia sodisfazione sia stato quel, che voi mi scrivete dello Alabastro di Viterbo, e vi
dico liberamente, ch’io era della medesima opinione, ma non m’ardiva a dirlo; …»; ähnlich ib.,
(25. Januar 1567), IV.4, 99, an Benivieni in Padua.
322
BORGHINI, Prose (1567), IV.4, 81, richtet einen Brief an Panvinio, in dem er von seinem
Discorso über Karl den Grossen berichtet, der allerdings noch nicht «disteso» (vollständig
ausformuliert) sei. Panvinio stirbt 1568; etwas früher dürfte der Discorso – mindestens in der
ersten Fassung – abgeschlossen sein. Cf. auch RUBINSTEIN (1967), 72f.
323
BORGHINI (1580), II, 251: «Ob Florenz von Attila dem Erdboden gleichgemacht und von
Karl dem Grossen wiederaufgebaut wurde»; zur Datierung BARBI (1889), 28; 35f.
102
«Delle quali due cose nessuna veramente avvenne», sie beruhen auf
den «romori del volgo». 324 Diese populären Überlieferungen hätten
ihren Ursprung in den tatsächlichen Verwüstungen der Gotenkriege,
doch zeigt Borghini mit den zeitgenössischen Autoren, dass eine Zerstörung nicht nur nirgends erwähnt, sondern angesichts der damaligen
«comune condizione» auch sehr unwahrscheinlich sei – einerlei, ob
durch die Goten oder durch die Langobarden, die Mei ins Spiel
gebracht hat. Die Kritik der chronistischen Überlieferung wird bestätigt
durch die Erwähnung von Florenz in Konzilsakten von 681 und eine –
später allerdings als Fälschung entlarvte! – Urkunde von 729 des
Florentiner Bischofs. 325 Als weitere Indizien dienen Borghini die
Annales regni Francorum, welche Karl den Grossen nur 786 in Florenz
belegen, Dante, der nichts vom Wiederaufbau schreibt, und die
(legendären!) Quellen, nach denen der Kaiser im Jahr 805 mit Turpin in
Santiago de Compostela weilte, also beide bei der Weihung von
SS. Apostoli nicht dabeisein konnten. 326 Wie bereits in den Briefen an
Mei angedeutet ist und sich auch im Festhalten an einem «wahren
Kern» der Legende (etwa der Ritterkürung) zeigt, hält Borghini einiges
auf die «generale voce de’ popoli»; deshalb liefert er auch eine
psychologische Deutung der Legende: Unterdrückt von den «ingiurie,
indegnità, aggravi, violenze» der Langobarden, empfinden die Italiener
die Befreiung durch den Frankenkönig wie einen moralischen
Neubeginn – nicht die Mauern, die Bürgerseelen werden repariert, und
sie sind es schliesslich, die die Stadt ausmachen. Es geht nicht um Gips
und Mauerwerk, sondern um die Freiheit. 327
Or ecco quel che volsono dire i nostri vecchi scrittori, i quali in questo,
come in molte altre cose vennero bene a dare presso al segno, ma non
lo seppero, o conoscere, o spiegare per l’appunto, e vedendo che a
restauratore precedeva per una tal consequenza innanzi disfacimento; e
non sappiendo ben distinguere fra queste sorti di rovina appigliandosi
alla materiale, & appropriando dirò così al corpo quel, ch’era
nell’anima avvenuto, … si gettarono a quella universale del seggio, e
della muraglia, la quale in vero effetto non era seguita. Ma questa è
veramente quella restaurazione, e rifacimento della patria nostra che
e’vollero dire, e che non si può spegnere nella fama universale, ne
324
BORGHINI (1580), II, 251f.: «… von welchen beiden Ereignissen keines wirklich stattfand …»; «volkstümliche Gerüchte».
325
BORGHINI (1580), II, 285f.; cf. HARTWIG (1875), 83, zur Urkunde des Bischofs Speciosus,
sowie DAVIDSOHN, Geschichte (1896), I, 66f., über das Konzil und andere Zeugnisse zu Florenz
in der langobardischen Epoche.
326
BORGHINI (1580), II, 286-293.
327
BORGHINI (1580), II, 298.
103
cavar della memoria de’nostri Cittadini, e pigliandola pel suo verso non
si debbe ancora. 328
Zerstörung wie Wiederaufbau werden also vom in der DanteExegese bewanderten Borghini also als Allegorie auf die tatsächlichen
Leiden in der Völkerwanderung und die Befreiung von den Langobarden durch Karl den Grossen verstanden. So behält der Kaiser
durchaus noch eine wichtige Rolle, für Italien allgemein und für
Florenz im besonderen; die ihm gezollte Dankbarkeit hat erst die
Legende geboren. Diese psychologische Erklärung für ihre Entstehung
ist letztlich gar nicht so verschieden von derjenigen Meis, wonach die
Florentiner den eigentlichen Neugründer Desiderius durch den wegen
anderer Verdienste berühmteren Karl ersetzt hätten. Sie zeigt auch, dass
man nur sehr behutsam an die Demythisierung der Ursprünge
herangehen kann, weil die traditionelle Version Villanis im Volk tief
verwurzelt bleibt und zudem Annios Erfindungen Anlass zu neuen
Spekulationen gegeben haben.
Andererseits hat ja Borghini gesagt, dass er selbst nie an die Legende
geglaubt habe, was wohl auch für andere skeptische Geister in der
Nachfolge Guicciardinis gegolten hat. Damit sich aber einer von ihnen
an eine eigentliche Widerlegung der Legende macht – was ihre Umdeutung zur Allegorie faktisch ist –, braucht es jedoch offensichtlich mehr
als nur gelehrte Skepsis: Der Anstoss ist von Cosimo I. ausgegangen.
Während etwa für Cosimo il Vecchio und Lorenzo die Frühgeschichte
der Kommune und gerade auch ihre guelfische Interpretation noch
wichtig sind, ihr formales Festhalten an der republikanischen Tradition
schmücken, entwickeln ihre Nachkommen im 16. Jahrhundert eine
neue, dynastische Tradition – sie sind legitime Herrscher, weil sie
Medici sind, von Kaiser und Papst eingesetzt, während die berühmten
Medici des 15. Jahrhunderts nur einen nicht institutionalisierten
Vorrang innehatten, wie es stets die Rolle um das Gemeinwohl
besonders verdienter Bürger gewesen ist, im republikanischen Rom wie
328
BORGHINI (1580), II, 299f.: «Das nämlich wollten unsere alten Autoren sagen, die hier wie
in vielen anderen Dingen ungefähr den Sinn trafen, aber nicht imstande waren, ihn ganz genau zu
erkennen oder zu erklären; weil sie aber sahen, dass einem Wiederaufbauer – um eine solche Folge
zu ermöglichen – zuerst eine Zerstörung vorangehen musste, und da sie zwischen diesen [sc.
verschiedenen] Typen von Zerstörung nicht richtig zu unterscheiden vermochten, verlegten sie
sich auf die materielle [sc. Zerstörung] und schrieben, um es so zu sagen, dem Körper das zu, was
der Seele geschehen war; so … legten sie sich auf die vollständige [sc. Zerstörung] des Sitzes und
der Mauern fest, die in Wahrheit nie erfolgt war. Das aber ist tatsächlich diese Wiedererrichtung
und der Wiederaufbau unserer Heimat, wie sie es sagen wollten, und wie es sich nicht aus der
Volksmeinung auslöschen noch aus der Erinnerung unserer Mitbürger entfernen lässt; was man
auch nicht machen muss, sofern man es nur richtig versteht.»
104
im republikanischen Florenz. Dem neuen Selbstverständnis
entsprechend hat Cosimo I. bereits bei seiner Hochzeit 1539 im
historischen Programm des «Apparato» auf Karl den Grossen,
überhaupt auf die Florentiner Frühgeschichte verzichtet: Neben fünf
Szenen aus seinem eigenen Leben sind fünf entscheidende Taten von
Cosimo il Vecchio, Lorenzo, Leo X., Clemens VII. (die Krönung von
Karl V.!) sowie Alessandro de’ Medici dargestellt! 329 In der Sala
Grande soll nun diese Ahnengalerie aufgenommen, mit der ganzen
Stadtgeschichte verwoben und auf Cosimo I. hingeführt werden. Die
Vergangenheit dient nicht der Legitimierung, sondern bereitet die
Apotheose vor: Aus der bescheidenen römischen Gründung wächst die
Stadt – dargestellt sind Privilegierungen, Stadterweiterungen und viele
militärische Siege – zu immer grösserer Bedeutung heran, um
schliesslich in Cosimos Sieg über Siena und der Errichtung der
Herrschaft über die gesamte Toskana ihre natürliche Vollendung zu
erlangen. Der Fürst – viel entschiedener als der grosszügige Borghini –
besteht aber auf historischer Zuverlässigkeit; es genügt nicht mehr, dass
der Wiederaufbau nicht gründlich widerlegt ist, er muss glaubhaft
belegt sein. Entsprechend kann die – von Poliziano – solid begründete
Stadtgründung durch Augustus gegen Meis Anfechtungen beibehalten
werden, während Karl der Grosse weichen muss. Die spitze Feder der
Kritik ist im 16. Jahrhundert durchaus zu fürchten, da Bücher in
grossen Auflagen zirkulieren und der Neider genug sind, welche dem
Medici nur zu gerne spöttisch nachweisen würden, dass er die
Geschichte klittern muss, um seine Vornehmheit zu beweisen – erinnert
sei nur an den anhaltenden Streit mit Ferrara um den würdemässigen
Vorrang. So ist es kein Zufall, dass Borghini im Auftrag Cosimos an
die Arbeit geht und seine Ergebnisse schliesslich dessen Nachfolger
Francesco widmet.
Ebensowenig überrascht es, wenn Cosimo I. die Voraussetzungen
auch dafür schafft, dass die legendären Ursprünge aus der offiziellen
Historiographie verschwinden. Er lädt 1570 wohl kaum zufällig einen
ortsfremden und so der Tradition wenig verpflichteten Autor, den
bereits als Genealogen ausgewiesenen Leccesen Scipione Ammirato,
dazu ein, die Geschichte von Florenz zu schreiben, welche dieser 1600,
kurz vor seinem Tod, vorlegen wird. Sie ist, nach der reichen
Produktion der vergangenen drei Jahrhunderte, die «definitive history»
von Florenz, die bis ins frühe 19. Jahrhundert Gültigkeit beanspruchen
329
GIAMBULLARI (1539), 25-28.
105
wird. 330 Ammirato beginnt sein Werk mit einer Kritik aller seiner
Vorgänger, einschliesslich der sagenhaften Ursprünge bei Villani und
Malispini. Er zeigt, dass Totila Florenz belagert, aber bestimmt nicht
zerstört habe; damit ist auch jeder Wiederaufbau hinfällig, weshalb er
nicht einmal gebührend diskutiert wird. In manchen Formulierungen
steckt allerdings auch eine gewisse Vorsicht; es sei ein Zeichen der
Würde und Bedeutung einer Stadt, dass man Sagen über ihre Gründung
erzähle: 331
Io non sono per torre a Fiorentini i loro honori, anzi se in mia potestà
fosse, volentieri li accrescerei. 332
Von Karls Wohltaten bleibt gerade noch «alcuna donagione» für die
Kirche S. Miniato – im Rahmen von Ammiratos Stadtgeschichte ist er
zu einer ephemeren Gestalt degradiert worden, die eher zufällig einmal
Weihnachten in Florenz verbracht hat.
11. Volkstümlichkeit und Fortleben der Florentiner Legende
Wenn trotz der eindeutigen Urteile zweier prominenter Gelehrter wie
Borghini und Ammirato die Karlslegende weiter tradiert wird, so liegt
das einerseits daran, dass sie weithin bekannt ist, auch über Florenz
hinaus, und die volkstümliche, häufig auch mündliche Überlieferung
die komplizierten Widerlegungen kaum kennt und nachvollzieht;
andererseits nähren sich gerade die populären Vorstellungen von
verschiedenen greif- und sichtbaren Monumenten, die mit den Gründungslegenden in Verbindung gebracht werden. Ein im alten Amphitheater gefundener Steinkopf gilt lange Zeit als Abbild Totilas oder
Attilas, und eine Büste in S. Pier Scheraggio wird mit Karl dem
Grossen identifiziert, was bereits um 1470 Domenico da Corella
bezeugt hat. 333 Schon 1403 hat Salutati in seiner Invectiva über ganz
Italien verkündet, vor einigen Jahren habe man im Baptisterium
330
Zu Ammirato und dem vor allem an ihm entwickelten Konzept der «definitive history»
COCHRANE (1973), 140-148; ID. (1981), 286-292.
331
AMMIRATO (1600), 1f. (Proemio); 38-43 (Totila); 52-54 (Karl).
332
AMMIRATO (1600), 52f.: «Ich bin nicht dafür, den Florentinern ihre Ehre zu schmälern, im
Gegenteil; wenn es in meinen Möglichkeiten läge, so würde ich sie gerne vergrössern.» Auf p. 53
noch einmal ganz ähnlich.
333
BORGHINI (1580), I, 287; II, 198; cf. DOMENICO DA CORELLA (1469), fol. 133 (4,
1233-1235): «in quo sculpta sui capitis praelucet imago, ut memor esse queat tanti Florentia Regis,
auctorisque sui teneat per saecula signum.»
106
Reliquien gefunden, welche – «ut antiquissimae litterae testabantur» –
vom Kaiser stammten. Dabei handelt es sich vermutlich einerseits um
Reliquien des Säulenheiligen Symeon Stilites, andererseits wohl um die
Kreuzesreliquie, auf die im Friedensvertrag von 1494 wieder Bezug
genommen ist; beide Stiftungen wurden von – nicht erhaltenen –
Inschriften tatsächlich mit Karls Wiederaufbau in Verbindung
gebracht. 334 Im gleichen Zusammenhang hat Salutati auch die
Gründung von SS. Apostoli in Borgo erwähnt, wie sie bereits Giovanni
Villani Karl zugeschrieben hat; nach Salutati habe dieser die Kirche
auch reich beschenkt. 335 Aus diesen Angaben entwickelt sich die
erfolgreichste populäre Karlstradition in Florenz. Laut Cerretani steht
auf dem Kirchturm eine Inschrift, «quasi consumata», in der eine
«Berta» erwähnt wird; das sei niemand anders als Karls Mutter!
Bekannter ist ein anderes Epigraph, das ebenfalls zuerst von Domenico
da Corella erwähnt ist: Es besagt, dass Karl auf dem Rückweg von
Rom an Pfingsten 805 SS. Apostoli gestiftet und Erzbischof Turpin die
Kirche geweiht habe, wobei Roland und Oliver Zeugen gewesen
seien. 336 Domenico schreibt, der Text befinde sich beim Altar; auf eine
ursprünglich darin eingeschlossene – und auch von Gelli erwähnte –
Bleiplatte beruft sich eine spätere Inschrift mit der inhaltlich
übereinstimmenden Schilderung der Ereignisse. 1553 hat nämlich der
Prior von SS. Apostoli diese Inschrift auf eine Marmortafel meisseln
und sie an der rechten Seite des Altars befestigen lassen. Vermutlich
dieselbe Platte ist später – vielleicht bereits 1573 – aussen über dem
Portal des linken Schiffes angebracht worden, wo sie noch heute zu
sehen ist; gleiches gilt für eine am 8. Februar 1555 hinter dem Altar
aufgestellte Büste des angeblichen Kirchenstifters. 337 Wenn der
ursprüngliche Text auf der Bleiplatte mit dem erhaltenen der Inschrift
übereingestimmt hat, so dürfte die «lamina plumbea» zu Domenicos
Zeiten geschrieben worden sein – die Formulierung erinnert an
Palmieri. 338 Die Stiftung von SS. Apostoli durch Karl bleibt bis ins
334
SALUTATI (1403), 170; CANESTRINI/DESJARDINS (1859), 602. RISTORI (1888), 157, zitiert
unter Berufung auf Gori, Crux Dominica, fol. 90, die Inschrift im Baptisterium; DAVIDSOHN,
Forschungen (1896), I, 26, die zu Symeon Stilites aus dem Jahre 1398, nach einem Codex der
Marucelliana (A 199, fol. 153).
335
SALUTATI (1403), 170; G. VILLANI (1333), I, 150 (4, 3).
336
CERRETANI (1514), fol. 30; DOMENICO DA CORELLA (1469), fol. 133 (4, 1239-1243).
337
RISTORI (1888), 156f.; GELLI (1560), II, 45; VASARI (1568), II, 26, erwähnt die Inschrift in
der zweiten Redaktion seiner Viten, während sie in der ersten von 1550 noch fehlt. Die «busta di
marmo bianco ritratta al naturale» wird auch in den Memorie (1600), fol. 134, erwähnt.
338
Cf. den Beginn: «VIII V DIE VI AP[RI]LIS | IN RESURECTIONE D[OMI]NI | KAROLUS
FRAN[C]OR[UM] REX A ROMA | REVERTENS INGRESSUS FLORENTIAM …».
107
18. Jahrhundert unbestritten, und die Inschrift zwingt noch Davidsohn
zu mühsamen Identifikationen des Stifters. 339
Sogar Grossherzog Ferdinando I. veranlasst bildliche Darstellungen
des Wiederaufbaus, als er 1589 Christine de Lorraine heiratet, eine
Enkelin der Caterina de’ Medici wie auch von Henri de Guise. Giovanmaria Butteri malt den König, wie er – auf dem Weg nach Rom – traurig auf das verlassene Florenz hinunterschaut, während Pier Vieri ihn in
Kaisertracht zeichnet, umgeben von Handwerkern und vor dem Hintergrund von SS. Apostoli. Auf der Brücke S. Trinità stehen als lebensgrosse Relieffiguren die Stadtgründer Octavian und Karl der Grosse,
der schliesslich auf einer weiteren Darstellung – neben den MediciAhnherren Cosimo il Vecchio und Grossherzog Cosimo I. – die
darniederliegende Allegorie der Florentia emporhebt. Auf anderen
Bildern finden sich Kämpfer aus dem Hause Lothringen gegen
Falschgläubige und Ketzer, wie Gottfried von Bouillon, René II und
François de Guise, der Entscheidendes zum blutigen Ausbruch der
Religionskriege beigetragen hat. 340 Die Hochzeit findet auf deren Höhepunkt statt, und das Bildprogramm ist eine deutliche Stellungnahme für
die «Ligue»: Es soll die katholische Tradition desjenigen Frankreichs
zum Ausdruck bringen, dem sich Florenz und die Medici verbunden
fühlen. Offensichtlich werden die nicht für die Ewigkeit bestimmten
Darstellungen der Hochzeitsfeier für weniger heikel befunden als die
offizielle Selbstdarstellung in der Sala Grande, so dass dem
künstlerischen Ausdruck des Volksglaubens keine Grenzen gesetzt
werden müssen.
Der Verzicht auf die Karlslegende fällt allgemein schwer: Eine handschriftliche Stadtchronik ist angeblich «secondo l’Ammirato» verfasst,
übernimmt aber den ganzen von Ammirato übergangenen Wiederaufbau ausgerechnet aus Malispini. In einem ähnlichen Text der Jahrhundertwende wird Villanis Wiederaufbau ausdrücklich Guicciardinis
Ablehnung vorgezogen. 341 Selbst die Kritiker bleiben recht zurückhaltend, relativieren den Wiederaufbau in Brunis Tradition, ohne Karls
Wirken in Florenz zu bestreiten: Nach Petruccio Ubaldino in seiner
1581 erschienenen Vita di Carlo Magno Imperatore hat der Kaiser die
Stadt nur wiederbevölkert, nicht errichtet, wie es eine frankophile
339
DAVIDSOHN, Geschichte (1896), I, 89; ID., Forschungen (1896), I, 26-30;
CINI/BUSIGNANI (1979), 78, über Ricchas Bemühungen, die Inschrift zu emendieren.
cf. BEN-
340
GUALTEROTTI (1589) beschreibt das Programm der Feierlichkeiten; cf. pp. 13
(«rifondazione … si come per molti eccellenti scrittori s’afferma …»); 14; 19f.; 69-71.
341
Memorie (1600), fol. 132v-134; BUONDELMONTI (1599), fol. 3v.
108
«certa oppinione» wolle. 342 Doch noch zweihundertundfünfzig Jahre
nach Villani erweitert Ubaldino die Wohltaten Karls um ein neues
Element: Der Franke schenkt Florenz den Contado, «un certo spatio di
territorio». Vermutlich ist damit auf das von den neuen Grossherzögen
vereinigte und unterworfene Territorium angespielt, das damit bis auf
den Kaiser zurückgehen würde – wobei es allerdings den eigentlichen
Contado flächenmässig weit übertrifft. 343
In Florenz wird man sich Karls Taten noch lange weitererzählt und
bei Gelegenheit auch in einer Rede zitiert haben. 344 Noch 1755 findet
sich die Legende in der Stadtgeschichte des Abts Mecatti, der mit
seinem Werk immerhin beansprucht, die Annalen Muratoris zu ergänzen: Mit komisch wirkenden Ansätzen von Traditionskritik wird die
Restaurierung von Florenz auf 786 und die Stiftung von SS. Apostoli
auf 802 datiert. 345 Der spätere Herausgeber Malispinis, Vincenzo
Follini, spricht 1789 von einer «Ristorazione» und einem Mauerneubau, der zwischen 774 und 785 stattgefunden habe. 346 Doch der
Wiederaufbau entfacht längst keine Kontroversen mehr; selbst wer ihn
weiter kolportiert, begnügt sich mit wenigen Sätzen.
Das ist bereits im 16. Jahrhundert in den zahlreichen Weltchroniken
der Fall, den historischen Handbüchern ihrer Zeit. In diesen Werken,
deren Autoren keine Florentiner sind und die ausserhalb des Grossherzogtums erscheinen, baut Karl der Grosse regelmässig das von den
Goten zerstörte Florenz auf und erweitert es – so bei Tarcagnota,
342
UBALDINO (1581), 109: «Ma questo bene ha causato il suo antico beneficio verso quella
natione ricordevole non poco delle gratie ricevute da gli altri; Che i Fiorentini per la piu parte sono
stati publicamente; & privatamente adherenti, & partiali de i Franzesi, & de i Re loro, quando però
cio non habbia havuto piu che violente contrasto.»
343
UBALDINO (1581), 109. Auch CASELLA (1606), 133f., beschränkt Karls Leistung auf das
«urbem ornare», aber nur, weil er keine Zerstörung von Florenz zugestehen will, um so zu
beweisen, dass die Stadt dank dem katholischen Bündnis mit den Päpsten stets unversehrt
geblieben ist. LAPINI (1596), 2-4, lässt die Stadt nur von Römern, nicht vom Kaiser wiederaufbauen; vermutlich ist das als Stellungnahme für die Kurie und gegen Henri IV zu werten.
344
Für diese eher folkloristische Verwendung ist etwa eine Rede von G. B. STROZZI (1630) auf
Maria de’ Medici charakteristisch, cf. ib., 5: «Questo scambievole affetto incominciò, se non
prima, almen quando venne in Firenze l’Imperator Carlo Magno, e la rifece, o più tosto, come
affermano alcuni, l’accrebbe, e abbellì grandemente.» Bei Marias Krönungsfeierlichkeiten in
Florenz ist Karl aber bereits nicht mehr zum Zug gekommen, cf. MAMONE (1987).
345
MECATTI (1755), I, 8 (A. D. 543): «Firenze venuta in poter di Totila non a forza d’armi, ma a
buoni patti: onde la distruzione della medesima fatta da Totila non sussiste, quantunque il Villani
la dia per certa.»; p. 11 (A. D. 786, anschliessend an die Liste der Ritter): «… secondo che scrive il
Malespini, benchè secondo il Villani non pare, che tutte queste Famiglie siano a tempo di Carlo
Magno. Intanto è da lui restaurata Firenze, la quale vogliono, che avesse quattro Porte …»; p. 12
(A. D. 802).
346
FOLLINI/RASTRELLI (1789), I, 87f.; noch Benci in seiner Malispini-Ausgabe, Florenz 1830,
muss im Vorwort erklären, weshalb er die Neugründung durch Karl für unwahrscheinlich hält.
109
Bugati, Bardi und Torsellini. Direkt oder indirekt gehen die meisten
wohl auf Palmieri zurück, ebenso wie die Kompilatoren, die nach
anderen Kriterien wissenswertes Material zusammentragen und dabei
auf die Karlslegende nicht verzichten können, so Alunno, Felici oder
Solis; sie findet sich auch in den Kaiserviten Ciccarellis oder vermischt
mit Annios Material in der Geschichte Cremonas des Ludovico
Cavitelli. 347 Selbst der berühmte Carlo Sigonio, erst noch ein Freund
Borghinis, schwächt seine kurze Erwähnung wie einst Poggio nur mit
einem humanistischen «dicitur» ab. 348
Durch diese teilweise wiederholt aufgelegten Werke ist der Legende
am Ende des 16. Jahrhunderts eine starke Verbreitung über ganz Italien
gewiss. Indessen zeigt sich schon in den Formulierungen, dass sie jeglicher Brisanz entbehrt; es handelt sich um ein historiographisches
Relikt, das hartnäckig, aber achtlos tradiert wird, ohne noch irgendwelche politische Funktionen zu erfüllen. Diese Feststellung gilt allerdings nicht für den einzigen nichtflorentinischen Autor, der die Sage
ausführlicher behandelt – oder vielmehr benützt: Tommaso Bozio, der
führende Antimachiavellist an der Kurie. 349 In seinem 1594 erstmals
erschienenen De Italiae statu antiquo will er beweisen, dass es Italien
immer besser ergangen ist, seitdem Konstantin den Kirchenstaat dem
Papst geschenkt habe. Damit stellt sich Bozio gegen Machiavellis
bekannte Theorie, wonach der Kirchenstaat an der Zersplitterung
Italiens und somit an seiner Schwäche schuld sei. Bozio zählt Machiavellis diesbezügliche «mendacia» auf: So hat sich der Florentiner in
Discorso 3, 4 über Gier, Hoffart, Brutalität und Treulosigkeit von Deutschen und Franzosen beklagt, wofür das Schicksal von Florenz genug
Anschauungsmaterial liefere. Da sich die Betroffenen nicht wehren,
nimmt sich Bozio der Sache an: In seiner Frühzeit finde sich Florenz
kaum je erwähnt, sei also völlig unbedeutend geblieben, dann aber mit
Hilfe des Papstes und der Römer durch Karl den Grossen beinahe von
Grund auf errichtet worden – wie Villani berichte.
347
TARCAGNOTA (1562), 353; BUGATI (1569), 177; BARDI (1581), 202; TORSELLINI (1598),
322; ALUNNO (1548), 59; FELICI (1577), 129; SOLIS (1589), 17; CICCARELLI (1590), 492;
CAVITELLI (1588), 1273.
348
SIGONIO (1574), 168.
349
Ausführlicher zu Bozio und seinen Werken unten p. 269ff.
110
… ita ut Florentiae totius ipsa instauratio, & amplificatio secundùm
Romanos, Romanumque Antistitem debeatur Regibus Gallorum, &
Germanorum. 350
Mit Bozios neuguelfischem Pathos, das auch auf Charles d’Anjou
und seinen Enkel Roberto zurückgreift, kommt die politische Verwendung der Karlslegende endgültig zu ihrem Ende. Ihre Gebundenheit an
hochmittelalterliche Allianzen und Denkmuster macht sie für die
Grossherzöge im toskanischen Territorialstaat unbrauchbar, und im
übrigen Italien ist ausser Bozio niemand versucht, anhand der
mythischen Frühgeschichte der längst verblühten Florentiner
Kommune zu argumentieren. Doch die stimmige Konstruktion Villanis
wird insofern auch ausserhalb von Florenz aufgenommen, als ihre
Grundzüge in anderen Lokalgeschichten adaptiert werden.
12. Adaptionen der Karlslegende im übrigen Italien
Wie bereits erwähnt worden ist, werden die Resultate Borghinis vorerst
kaum rezipiert. Eine kuriose Ausnahme bildet der Augustinermönch
Ghirardacci aus Bologna: An den Anfang seiner 1596 erschienenen
Storia di Bologna stellt er eine Liste der Kaiser, wobei er nach Palmieri
auch kurz die Karlslegende wiedergibt. Im Text referiert er jedoch zum
Jahr 801 Borghinis Discorso, deutet also den Wiederaufbau von
Florenz im übertragenen Sinn als Befreiung von den Barbaren. Dem
Lokalhistoriker geht es dabei aber weniger um Florenz: Unmittelbar
zuvor hat er nämlich beschrieben, wie Karl im Jahre 786 den «Studio di
Bologna» wieder einrichtet, die Bischöfe der Stadt begünstigt und wie
unter seinem Schutz die von den Barbaren (wie Totila) angerichteten
Schäden behoben, Kirchen wiederhergestellt, die Mauern neu
aufgerichtet und Exilierte zurückgerufen werden – dies alles in Bologna! 351 Der Neubeginn in der glorreichen Aura des auferstehenden
okzidentalen Kaiserreichs, der Aufstieg aus den Dämmerungen der
Völkerwanderung zu der hoch- und spätmittelalterlichen Blüte wird
gleichsam mit dem in Florenz bewährten Grundstein verankert, und en
passant erhält der Konkurrent jenseits der Apenninenkette denselben
Anspruch verweigert. Ghirardacci nimmt sozusagen das von Borghini
350
T. BOZIO, De Italiae statu (1594), 19: «So dass die Errichtung selbst und die Erweiterung
von ganz Florenz, nach Fürsprache durch die Römer und den Bischof von Rom, den Königen der
Gallier und der Germanen zu verdanken ist.»
351
GHIRARDACCI (1596), Vorspann bzw. 36-38.
111
verschmähte Erbe in seine Obhut. Damit steht er nicht allein: Die Zahl
der Lokalhistoriker, welche die Karlslegende mit verschiedenen Variationen auf ihre eigene Heimat angewendet haben, ist beeindruckend;
diese Bemühungen setzen früh ein und erleben ihren Höhepunkt im
16. Jahrhundert.
Die frühesten Aufzeichnungen zur Geschichte Genuas datieren wie
diejenigen zu Florenz aus dem zwölften Jahrhundert – weshalb soll
denn nicht hier Karl ein Konzil veranstaltet haben, oder, wie Paolo
Interiano 1551 behauptet, auch die ligurische Hafenstadt nach der
Zerstörung durch die Langobarden wieder aufgebaut haben? 352 Bei
Bernardino Scardeone ereilt das Schicksal 1560 Padua: Der
Langobarde Agilulf hat den Adel in der Umgebung zerstreut und die
Stadt völlig zerstört, bis sie unter Karl wieder aufgebaut und von
Abgaben befreit wird, nachdem einige hervorragende einheimische
Adlige sich auf seinen Feldzügen ausgezeichnet haben. Assisi wird
vom mitleidvollen Karl wieder errichtet, nachdem er es selbst zerstört
hat! Auch die Heimatstadt Doglionis, das venetische Belluno, erlebt die
Auferstehung nach dem kaiserlichen Durchzug. Zuletzt teilt, bei
Raffaello Roncioni im Jahre 1606, Pisa mit dem benachbarten Florenz
die Zerstörung durch Totila und den karolingischen Neubau mitsamt
Privilegien und Gesetzgebung. 353
Andere Lokalgeschichten bemühen sich ebenfalls, am Ruhm des
Frankenkaisers teilzuhaben, ohne ihn deshalb gleich als Städtebauer zu
vereinnahmen – Immunitäten, Privilegien, Stiftungen und Reliquien
gibt es für Brescia, Bergamo, Siena, Verona und San Gimignano. 354
Teilweise mögen solche und ähnliche lokale Traditionen auch
mittelalterlichen Ursprungs sein und damit – wie die im 1. Kapitel
erwähnten – eher auf die Ritterepik zurückgehen denn auf die
Florentiner Legende. Aber für die meisten der genannten Historiker –
besonders wenn sie, wie ausdrücklich etwa Roncioni und Coppi,
Villani als Quelle benutzen – dürfte diese Modell gestanden haben: ein
Muster für die Nobilitierung der eigenen Kommune in einem Zeitalter,
da sie alle ihre Unabhängigkeit längst verloren haben. Von Florenz
352
A. GIUSTINIANI (1536), I, 123: «… celebrò, secondo alcuni, un concilio …»; ID., 162: «… e
poi la restituzione della città, fatta per opera di Carlo magno all’imperio di Roma …». Vermutlich
hat INTERIANO (1551), 9v, diese Stelle falsch verstanden, wenn er schreibt: «… instaurò la Città di
Genova della distruttione sua da essi popoli causata».
353
SCARDEONE (1560), 334f.; cf. auch 28; DOGLIONI (1606), 289; RONCIONI (1606), 39. Zu
Assisi D’ANCONA (1913), 27f., nach einer Chronik des 16. Jahrhunderts.
354
Cf. dazu CAVRIOLO (1510), 45; BELLAFINO (1532), 9; MALAVOLTI (1574), 20v; DELLA
CORTE (1594), 176; COPPI (1695), 30.
112
selbst und Genua vielleicht abgesehen, dient die Sage überall dazu, in
der undokumentierten Vergangenheit eine Bedeutung zu finden, die
diesen Städten schon längst nicht mehr zukommt: Die Karlslegende
wird zu einem Surrogat für die Zukurzgekommenen der Geschichte.
Mit ihrem anhaltenden Erfolg und den vielfältigen Adaptionen in
Italien kontrastiert auffällig die ausbleibende Rezeption im Ausland.
Interessanterweise hat nicht einmal die Historiographie über Frankreich
die für den diplomatischen Verkehr mit Florenz so wichtige Legende
aufgenommen. Die bezeichnende Ausnahme ist Paolo Emilio, ein
Italiener und zudem Augenzeuge der Ereignisse von 1494, der sich
allerdings ebenfalls sehr knapp gefasst hat. Alle anderen Historiker
schweigen: Nicolas Gilles und Gaguin, ebenso die späteren Du Tillet,
Genebrard, Girard du Haillan oder Masson, die doch alle Emilio
kennen und – mit Ausnahme von Masson – der Überlieferung bestimmt
weniger kritisch gegenüberstehen als Emilio selbst. Allein, sie finden in
ihren französischen Quellen keinen Hinweis auf den Wiederaufbau von
Florenz, und sie sehen offenbar auch keinen (politischen) Anlass, ihn
einzufügen.
So ist es ein katholischer Flüchtling in Italien, der als einziger die
Karlslegende in die Geschichte eines ausseritalienischen Volkes
integriert. Der schottische Bischof John Leslie verfasst in seinem
römischen Exil eine Geschichte seiner Heimat, die 1578 erscheint und
aufzeigen soll, dass alle achtzig schottischen Könige vom (imaginären)
Donald bis Maria Stuart streng katholisch gewesen sind. Damit will er
einerseits seine dem Calvinismus zuneigenden Landsleute bei Papst
Gregor XIII. rehabilitieren, dem das Werk gewidmet ist, andererseits
diese selbst durch das Beispiel der Vorfahren wieder auf den rechten
Weg zurückzuführen. 355 Leslie ist bedingungslos anglophob und
versucht, wo immer möglich, den Gegensatz zu England und die sich
daraus ergebende Nähe zu Frankreich historisch zu begründen; beides
erlebt seinen Höhepunkt ja in der Person von Maria Stuart, der
Schwiegertochter der Caterina de’ Medici. Die Wurzeln werden jedoch
viel tiefer gelegt: Angeblich hat ein – unhistorischer – König Achaius
im Jahre 809 mit Karl dem Grossen ein gegen England gerichtetes
ewiges Bündnis abgeschlossen, «quod cum Gallis in hunc usque diem
sancte et religiose perdurat». 356 Im Gefolge des Kaisers tut sich William
355
LESLIE (1578), Widmung, sowie Vorwort «ad nobilitatem populumque Scotorum».
LESLIE (1578), 172: «… das mit den Galliern bis auf den heutigen Tag heilig und fromm
andauert».
356
113
hervor, der Bruder des Königs, indem er gegen die Mohammedaner
streitet, dem Papst zu Hilfe kommt und schliesslich auch dem
darniederliegenden Florenz seine alte «libertas» wiedergibt. Zwar
werde das häufig Karl selbst zugeschrieben, aber «multi» würden es für
seinen Stellvertreter William beanspruchen, und die Florentiner selbst
würden sein Andenken pflegen, indem sie auf Staatskosten Löwen, die
schottischen Wappentiere, ernährten! 357 Florenz ist auf diese Weise
einbezogen in eine katholische Achse Papst-Frankreich-Schottland, der
die Stadt auch ihre Freiheit zu verdanken hat – und zu der sie im
Anschluss an ihre offen gezeigte Billigung der Bartholomäusnacht von
1572 bei Freund und Feind auch gerechnet wird. Vermutlich ist Leslies
Hauptabsicht, mit seiner Neufassung der Legende – ganz im Sinn der
Kurie – die Florentinerin Caterina de’ Medici davon abzuhalten, ihren
jüngsten Sohn, den Duc d’Anjou, mit der englischen Königin Elisabeth
zu verheiraten; ihre entsprechenden Bemühungen sind 1578
hochaktuell und für das katholische Lager sehr gefährlich, zumal am
22. November sogar die Verlobung erfolgt. 358 Die Ehe wird indessen
nie geschlossen werden – allerdings kaum aufgrund der Lektüre von
Leslies Buch.
357
358
LESLIE (1578), 175f.
Cf. ROCQUAIN (1924), 218-247.
114
Zusammenfassung
Die abschliessend behandelten in- und ausländischen Adaptionen der
Karlslegende zeigen einige ihrer strukturellen Limiten auf. Sie ist von
Anfang an und bleibt stets eine Stadtlegende, welche den nordalpinen
nationalen Historiographen keine brauchbaren Elemente liefern kann.
Wohl lässt sich die Neugründung grundsätzlich in die – ohnehin schon
überlange – Reihe von Heldentaten Karls des Grossen einfügen oder
einem schottischen Prinzen zuschreiben; doch Lyon oder Aberdeen
lassen sich ungleich schlechter als Gunstempfänger substituieren denn
irgendeine beliebige italienische Kommune. In der nationaldynastischen Perspektive der nördlichen und westlichen Monarchien
im 15. und 16. Jahrhundert gilt das Augenmerk dem Verhältnis
zwischen Krone und Adel, zwischen Herrscher und Volk sowie der
Machtausweitung des Königs nach aussen und innen. Die Auserwähltheit und Privilegierung einer einzelnen Gemeinde ist damit kaum zu
vereinbaren, zumal die nationale Historiographie zuerst monastisch und
später höfisch ist: Wenn in ihr eine Sonderrolle zugestanden wird, so
geniesst sie ein Kloster wie Saint-Denis oder die Krone selbst durch
kaiserliche oder päpstliche Privilegien. Eine städtische Adaption der
Karlslegende liesse sich allenfalls in Deutschland denken; doch auch
die Reichsstädte stehen dem historischen Erfahrungshintergrund fern,
welcher die Florentiner Legenden von Anfang an mitprägt. Diese
imitieren ja den Archetyp Rom, der tatsächlich für die mittelalterliche
Geschichte vieler mittel- und norditalienischer Kommunen ein
Paradigma von Grösse, Verfall und Wiederaufstieg liefert. Aber im
Unterschied zu Roms Sonderstatus als Hauptstadt des antiken
Imperiums und der katholischen Welt haben diese Kommunen ihre
relativ grosse Bedeutung in der jüngeren Vergangenheit und aus
eigener Kraft erlangt, was in einem auffälligen Kontrast zu den grossen
Lücken in ihrer frühen Stadtgeschichte steht. So bietet das von
Giovanni Villani angebotene Konzept eine ideale Lösung: Gründung
durch Rom und in seinem würdeverleihenden Schatten, Zerstörung und
deshalb fehlende Dokumentation im Jammertal der Völkerwanderung,
Wiederaufbau und Beginn einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung
dank Karl dem Grossen, dank der Befreiung Italiens von den Barbaren.
Damit erhält die kommunale Geschichte eine Geburtsstunde, die einerseits plausibel und andererseits edel ist. Bezeichnenderweise wollen
und können Städte, die früh und reich dokumentiert sind, die Legenden
115
nicht adaptieren – in Palermo, Neapel oder in Mailand finden sich
keinerlei entsprechende Hinweise.
Weiter haben die Legenden seit der Chronica de origine und
Giovanni Villani ungeachtet der unbestreitbar monarchischen Figur des
Kaisers eine starke republikanische Komponente: Der Stadtbau (und
damit die Anordnung der kommunalen Institutionen) folgt dem Vorbild
des republikanischen Rom, die politische Verfassung ebenso; Karls
Privilegien machen die Stadt reichsunmittelbar. Eine analoge Übertragung auf einen Signore ist schwer vorstellbar, da der Wiederaufbau
zwangsläufig eine ganze Stadt betrifft. Der Kaiser könnte wohl
beispielsweise die Scaliger als legitime Herrscher von Verona eingesetzt haben oder ihnen ein in der Völkerwanderung zerstörtes Schloss
wieder aufbauen helfen – doch er kann kaum Verona und gleichzeitig
eine Herrscherdynastie neu begründen. Die einzige Möglichkeit, die
Legende für autokratische Anliegen einzuspannen, wird von den
Medici im 15. Jahrhundert demonstriert: Die kommunalen Institutionen
bleiben formal erhalten und damit in der Tradition der
Gründungslegenden, während die faktischen Herrscher die
gönnerhaften Züge des Kaisers annehmen, nicht Begünstigte neben
anderen sind, sondern Stifter und Fürsorger in einer vornehmen
Tradition. Weil das Objekt von Karls Bautätigkeit stets nur eine
städtische Gemeinschaft sein kann, verliert die Karlslegende im
16. Jahrhundert ihre politische Relevanz, als die grossherzogliche
Verwaltung auch formal mit der republikanischen Tradition bricht und
das Verhaltensmodell nicht mehr im Augustus nachgestalteten, «aufgeklärten» Karolinger, sondern in den absolutistischen Habsburgern – vor
allem Spaniens – erkannt wird. In einer Welt von Territorialstaaten und
Einzelherrschern, die ihre Legitimität und ihre Autorität dem dynastischen Anspruch abgewinnen, kann man ohne grösseren politischen
Schaden auf die Legende verzichten; ihr Schicksal im Florenz der
Grossherzöge hat dies deutlich gezeigt. Bezeichnenderweise erwacht
unter ihnen der «aramäische» «mito etrusco» zu voller Entfaltung:
Nicht die – mittelalterliche, und damit relativ späte – politische
Konstituierung und Privilegierung einer einzelnen Gemeinde bildet den
effektiven Anfang der lokalen Geschichte und das einigende Band der
Bürger, sondern die auf die Sintflut zurückgehende, also uralte Bildung
eines Staatsvolks durch die gemeinsame toskanische Sprache, die auch
gleichzeitig das Territorium abgrenzt, welches den Herzögen naturgemäss untertan ist. Damit ist die Herrschaft der Medici als autochthon
legitimiert, die politische Gemeinschaft nicht länger Gabe von Karl
116
dem Grossen, aber auch von Karl V. oder vom Papst nicht reklamierbar. Die 1494 zum Verhängnis gewordene Dankesverpflichtung gegenüber fremden Herrschern entfällt.
Denn die Legenden haben seit ihren Anfängen eine eindeutig guelfische Prägung gehabt, die als Orientierung an Frankreich überdauert,
obwohl sie in der Chronica de origine noch nicht angelegt ist und auch
bei Giovanni Villani nur indirekt, über die süditalienischen Anjou,
hergestellt wird. Erst Salutati bringt den Stoff in die diplomatische
Sprache ein, wo er ein gutes Jahrhundert lang eine sehr wichtige Rolle
spielt. Interessanterweise fällt die intensive Verwendung der
Karlslegende ab 1375 sowie in den Verhandlungen mit Charles VIII in
Zeiten, in denen das Verhältnis zu Frankreich äusserst gespannt ist;
häufig dient sie also apologetischen Zwecken. Eine Umorientierung auf
den anderen möglichen Prätendenten karolingischer Tradition, den
Kaiser, wird zwar von Maximilian I. versucht, kann aber nicht mehr
richtig gelingen, da die frankreichspezifischen Elemente der Legende,
bereits bei Giovanni Villani so deutlich, in der Zeit von Cosimo bis
Lorenzo de’ Medici im Rahmen ihrer Anlehnung vor allem an Louis XI
prägend ausgebaut worden sind.
Diese Limitierungen (Kommunalismus, Republikanismus, Guelfismus) setzen der weiteren Verbreitung der Karlslegende gewisse
Grenzen, wirken sich aber in Florenz selbst erst sehr spät aus. Vielmehr
verdankt Villanis Kreation dort einen beträchtlichen Teil ihres
anhaltenden Erfolgs der Möglichkeit, sie jeweils zeitbedingten
politischen Ansprüchen anzupassen; gleiches liesse sich auch bei der
ersten, römischen Gründung von Florenz aufweisen. 359 Das anfänglich
mit den Anjou geschlossene Bündnis wird später zu einem mit der
französischen Krone, bei Mareno sogar zu Verbundenheit mit dem
Kaiserreich, und in den Konfessionskriegen flackert der Karlsmythos
noch einmal neuguelfisch auf, als Ausdruck der Verbundenheit mit der
«Ligue». Auch die sich ablösenden Assoziationen des Kaisers mit
Carlo di Calabria, Charles V und seinen Nachfolgern, Louis XI, vor
allem Charles VIII, Karl V., den Guise einerseits, andererseits Cosimo
il Vecchio und Lorenzo il Magnifico bezeugen diese Wandelbarkeit
und Anpassungsfähigkeit. Sie ist jedoch spätestens ab Henri IV
hinfällig: Das guelfische Gedankengut verliert endgültig seine
359
Der mittelalterlichen Identifikation des Stadtgründers mit dem römisch-heroischen Caesar
folgt Brunis republikanischer Sulla und unter den Medici der Autokrat Octavian, bevor mit Annios
Herakles-Mythos die Toskana als kulturschöpfender Ursprung des modernen Territorialstaates
herhalten muss.
117
Argumentationskraft, wenn die Allianzen – und gerade diejenigen
Frankreichs – nicht nach konfessionellen, geschweige denn nach
papalen Kriterien geschlossen werden, sondern uneingeschränkt und
kaum verhohlen anhand dynastischer Interessen; und die französischimperiale Begünstigung einer Republik hat sich endgültig überlebt,
wenn das Imperium selbst den Anspruch von Universalität begraben
muss und die Grossherzöge der Toskana aufgrund ihrer dynastischen
Legitimation mit dem bourbonischen Monarchen verhandeln – nicht
aber als Vertreter der einst von seinem Vorgänger wiederaufgebauten
Republik.
Eine zweite Ursache für den Erfolg der Karlslegende liegt darin, dass
sie sich aus dem direkten stadtgeschichtlichen Zusammenhang herauslösen lässt und als literarisches Motiv ein Eigenleben führen, ja sogar in
andere, bestehende und sich neu ausbildende Gattungen und Stoffe
integriert werden kann, was die Epen Domenico da Corellas, Pulcis und
Vieris eindrücklich beweisen. In ihren Werken erhebt sich das
mediceische Zeitalter als Synthese aus antiker Form und mittelalterlicher Ideologie zu einem Denkmal der Renaissance. Ausserdem ist die
Ursprungslegende mindestens teilweise auch bei Dante belegt und kann
damit vom geradezu kanonischen Charakter der Dichtung und
Geschichte vereinenden Divina Commedia profitieren – wie lange mag
es gedauert haben, bis der Florentiner Leser den «cener che d’Attila
rimase» nicht mehr als das traurige Schicksal seiner Heimat verstanden
hat?
Das dritte Erfolgsmoment teilt nicht die starken Konjunkturen in der
politischen und literarischen Interpretation der Überlieferung; es zeigt
sich vielmehr gerade darin, dass die Legenden noch lange nach ihrer
offiziösen Widerlegung in der florentinischen Historiographie herumgeistern und offensichtlich ein Bedürfnis decken. Sie füllen nicht nur
eine als unwürdig empfundene Lücke in der Lokalgeschichte, sie
schaffen ihr auch den denkbar vornehmsten Anfang als Gründung von
Caesar beziehungsweise Octavian sowie Karl dem Grossen, der die
Stadt auch mit den nötigen kaiserlichen Privilegien ausstattet. Die
einzige denkbare Alternative zu ihm wäre allenfalls Otto I. gewesen,
eine allerdings – da weitgehend unliterarische – deutlich weniger
bekannte Figur, zudem mit bereits geschmälertem universellen
Anspruch und vor allem ohne guelfische Konnotationen – im
Gegenteil. Aus diesem Grund ist erst recht kein Kaiser Friedrich in der
Rolle des Stadtgründers zu denken, zumal damit der Wiederaufbau in
auch für Florenz historische Zeiten hinaufdatiert würde, unvornehm
118
und zudem unglaubwürdig nah. So betrachtet, und erst recht unter
Berücksichtigung der stets virulenten Prophetie eines zweiten Karls des
Grossen, ist Villanis Formulierung der Karlslegende beinahe
zwangsläufig – oder vielmehr: ohne Alternative. Es ist der ideale Ort,
an dem sich die Stadtgeschichte an bestehende und über weite Strecken
historisch belegte Traditionen anhängen kann, im Anschluss an die
schmachvolle Barbarenherrschaft, deren dokumentarische Lücken
gleichzeitig als historische Lücke – der Verlassenheit – verstanden
werden, im Vorfeld des glorreichen Weges in die Gegenwart, die im
Neuaufbau angelegt ist. Damit ist keineswegs das Raffinement von
Villanis Konstruktion bestritten, welche aus dem Modell Roms das
Schicksal einer Kommune durchschnittlichen Ranges herleitet – und
zwar historiographisch so geschickt, dass er noch lange als
glaubwürdige Autorität oder doch als redlicher Vermittler älteren
Volksglaubens gelten wird. Es kommt hinzu, dass seine Formulierung
der Legende von Anfang an so reich ausgestaltet ist, dass spätere
Autoren sie allenfalls reduzieren oder revidieren, aber kaum Wesentliches hinzufügen. Die Fülle von Elementen, die weiterverwendet
werden können, ist so gross, dass über die Jahrzehnte hinweg
zahlreiche Traditionen auf Karls Wiederaufbau zurückgeführt werden:
Der würdige Status bekommt nicht nur der Stadt, sondern auch vielen
Familien, die ebenfalls mit Karls Neubesiedlung ihren Anfang nehmen,
ebenso wie sakralen Zeugen dieser fernen Vergangenheit, namentlich
SS. Apostoli. Umgekehrt können die Florentiner, selbst wenn sie
wollten, kaum weiter zurück in ihren Konstruktionen, sofern sie nicht
auf die ungleich abenteuerlicheren Texte Annios rekurrieren – Villanis
Stunde Null, der Wiederaufbau der zerstörten und menschenleeren
Stadt, erklärt alles und ermöglicht vieles, legt aber auch den klaren
Rahmen fest, der fortan beim Fabulieren eingehalten werden muss:
Irgendwelche Statuenreste, die aufgefunden werden, können gar
niemanden anderen darstellen als den Zerstörer oder den Wiederaufbauer der Stadt.
Wenn also Borghini die Karl zugeschriebene Stadtgründung psychologisch als Dankbarkeit der Florentiner für die Befreiung der Stadt und
ganz Italiens deutet, so liegt er nicht ganz falsch – Giovanni Villani
wählt den Franken wegen dieser Leistung aus. Borghini verkennt indessen, dass Karls Zeitgenossen dessen Leistung wohl geschätzt, aber
historisch kaum so gedeutet haben können wie Villani fünf
Jahrhunderte später. Villani ist sich der Distanz zur Antike bewusst, er
weiss, dass das römische Imperium zerbrochen ist, er kennt die
119
Translationstheorien. Für einen Florentiner der späten Renaissance wie
Borghini ist es dann erst recht selbstverständlich, dass mit Karl dem
Grossen ein Neuanfang in der städtischen und gesamtitalienischen
Geschichte stattfgefunden hat – doch seine Florentiner Vorfahren im
9. Jahrhundert konnten dieses Konzept noch gar nicht entwickeln. Es
bleibt somit Guicciardinis einsames Verdienst, zu vermuten, allerdings
auch ohne es zu belegen, dass die Karlslegende im guelfischen Umfeld
und in Zusammenhang mit dem französischen Bündnis entstanden ist.
Seine Deutung der lokalen Mythen als Produkt einer späteren, aber
ebenfalls eindeutigen historischen Situation wird – von Borghini bis ins
20. Jahrhundert – von der «psychologischen» Interpretation ihrer Genesis verdrängt, die hartnäckig einen Aufhänger bei Karls Zeitgenossen
sucht.
Dieses Festhalten an einem «historischen Kern» erklärt zusammen
mit der Rücksichtnahme auf die Anhänglichkeit vieler Florentiner an
die illustre städtische Vergangenheit, dass – von Guicciardini
abgesehen – jede Kritik an ihr in der Formulierung stets sehr vorsichtig
bleibt. Es hat sich ausserdem auch gezeigt, dass die immer wieder neu
formulierte Skepsis – so «richtig» sie in ihren Ergebnissen ist – nicht
oder höchstens teilweise als Produkt einer systematischen Suche nach
dem «wie es eigentlich gewesen» entsteht, 360 sondern stets ebenso
politischen Geboten gehorcht wie die Rezeption und Adaption der
Legende: Der Republikaner Bruni relativiert die Rolle des Kaisers,
Guicciardini analysiert die mentalen Voraussetzungen für den verhängnisvollen Einfall von 1494, Borghini und Ammirato eliminieren den
Märchenballast, der Cosimo I. zum Gespött machen könnte, und die
Autoren der Gegenreformation bevorzugen beim Wiederaufbau den
Papst und Rom anstelle des Kaisers. Die Legende ist nicht das Opfer
einer generellen Entwicklung hin zur Traditionskritik, sondern eines
immer umfassenderen und leicht zugänglichen Instrumentariums der
Gelehrten. Die stete Verfeinerung der humanistischen philologischen
Methode, die vor allem seit der Entdeckung des Buchdrucks immer
reicher vorliegenden antiken und mittelalterlichen Quellen und der
intensivierte wissenschaftliche Austausch zwischen Gelehrten haben
für eine fundierte Kritik der Ursprungslegenden eine grosse Rolle
gespielt, am offensichtlichsten bei Borghini. Zudem sind sie nicht nur
Mittel zum Zweck, sondern in nicht zu unterschätzendem Grad auch
360
Relativ unvoreingenommen ist dagegen die Kritik der Zerstörung durch Attila oder Totila,
die ja eher häufiger ist als diejenige an Karls Wiederaufbau und noch bei Borghini dieser
vorangeht; dies deshalb, weil sie meist von der Kommentierung Dantes ausgeht.
120
Ursache eines Umdenkens der Mächtigen, wie es Cosimo I. demonstriert: Historizität oder mindestens Plausibilität der Tradition wird ein
Kriterium, wenn sie Legitimität schaffen soll – eine übelwollende
Widerlegung kann gefährlicher werden als ein rechtzeitiger Verzicht
auf diejenigen Elemente, die nicht oder nur mit einem grossen
propagandistischen Aufwand zu halten sind, den die geschwundene
politische Relevanz nicht zu rechtfertigen vermag.
Es ist anzunehmen, dass der Karlsmythos mündlich noch ins
19. Jahrhundert weitertradiert worden ist, auch nachdem er aus der
offiziellen Historiographie endgültig verschwunden ist; eigentlich
dürfte der gebildete Leser ja seit etwa 1600 wissen, dass es keine
glaubwürdige historische Überlieferung für die Florentiner
Karlslegende gibt – wenn er es wissen will. Ein solches Nebeneinander
von gelehrter Kritik, welche dem wirklich Interessierten keine Zweifel
mehr gestattet, und einem verbreiteten, auch emotionalen Volksglauben
ist durchaus über Jahrhunderte hinweg möglich, wie etwa das Beispiel
von Wilhelm Tell zeigt. Im Unterschied zum Schweizer Nationalhelden
kann es aber Karl der Grosse in Florenz nie zur nationalen
Identifikationsfigur bringen: Er bleibt «Ausländer», und die Kommune
wird nie eine «Nation»; auch für das toskanische Grossherzogtum
könnte die Legende eine kollektive Vergangenheit allenfalls schaffen,
wenn Karl zum Wiederaufbauer vieler anderer Städte würde, was trotz
auffälliger Ansätze in Pisa, Siena oder San Gimignano nicht geschieht.
So hat sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts das gemeinschaftliche
Selbstverständnis ebenso von der hochmittelalterlichen guelfischen
Tradition emanzipiert, wie aus der republikanischen Kommune ein
absolutistischer Territorialstaat geworden ist. Politisch bedeutungslos
und akademisch widerlegt, wird der Karlslegende von offizieller und
gelehrter Seite nun weniger mit Unglauben als mit zunehmender
Indifferenz begegnet; ebenso verflüchtigt sich mit dem Absterben des
Ritterromans das literarische Interesse an ihr, so dass Karl der Grosse
zu einer gefälligen und kaum kontroversen Privatangelegenheit von
biederen Stadt- und Familienchronisten oder zur Folklore einzelner
Kirchspiele wird.
Teil II: Die Verbreitung der Kenntnisse
über die französische Geschichte in
der italienischen Historiographie
des 15. und 16. Jahrhunderts
A. Das erwachende Interesse für die französische
Vergangenheit
In diesem Teil der Arbeit wird die italienische Historiographie über
Frankreich behandelt, das heisst die Fragen, welche Kenntnisse der
französischen Vergangenheit wann und in welcher Form vorhanden
sind, wie diese entwickelt werden und welche jeweils die spezifisch
italienischen Aspekte ihrer Darstellungen sind, aber auch, inwiefern
Italiener durch das Erbe und die weitere Entwicklung der französischen
Historiographie auf Fragestellungen aufmerksam werden, die ihnen aus
ihrer eigenen Erfahrung nicht vertraut sind. Um die methodischen
Veränderungen zu exemplifizieren, ist dabei als vergleichender Aspekt
stets die Behandlung der französischen Karlslegenden im Auge zu
behalten, also der Kreuzzug des Kaisers und Roncesvalles; weitere
Aufschlüsse vermitteln auch die im letzten Teil des Buches angeführten
Einzeluntersuchungen. Da bei all diesen Fragen die Rezeption
französischer Historiker eine wichtige Rolle spielt und diese auch
häufig genannt werden, wird zuerst ein summarischer Überblick über
die französische Geschichtsschreibung gegeben.
1. Grundzüge der mittelalterlichen Historiographie in
Frankreich
Für die französische Geschichtsschreibung ist die Kompilation älterer
Vorlagen schon früh charakteristisch: So fasst etwa der um 1000
schreibende Aimoin de Fleury fast ausnahmslos ältere Quellen wie
Gregor von Tours (gestorben 594) oder die Chronik des Pseudo-Fredegar (7. Jh., mit Fortsetzungen bis 768) zusammen, während Adémar de
Chabannes (gestorben 1034) weite Teile aus dem Liber Historiae
Francorum (8. Jh.) abschreibt. Den Höhepunkt erreicht diese Tendenz
im 13. Jahrhundert mit zwei die ganze historische Überlieferung umfassenden Werken: einerseits das Speculum historiale des Dominikaners
Vincent de Beauvais (gestorben 1264), ein bereits sehr umfangreicher
Teil der ab 1244 verfassten gewaltigen Enzyklopädie mit dem Namen
124
Speculum maius; andererseits die Grandes Chroniques de France, die
von Mönchen in Saint-Denis verfasst werden und als offizielle
Geschichtswerke angesehen werden. 1274 überreicht sie der Mönch
Primat Philippe III in ihrer ersten Redaktion; allerdings benutzt bereits
Primat frühere Kompilationen aus Saint-Denis sowie in der Regel
direkt ältere Autoren wie Aimoin (für die Merowinger), Einhard,
Pseudo-Turpin und Suger. Die Grandes Chroniques bleiben bis ins
15. Jahrhundert eine Kompilation von verschiedenen Werken, die
kontinuierlich fortgeschrieben wird. Sie sind, im Unterschied zu den
meisten ihrer Vorlagen, seit Primat nicht nur auf Lateinisch, sondern
parallel auch auf Französisch verfasst, und erleben gerade deshalb
einen anhaltenden Erfolg: 106 Handschriften sind erhalten, 1477
erscheinen sie als erstes in Frankreich gedrucktes Buch und erleben bis
1518 mehrere Auflagen. 1
Die Zeit des Hundertjährigen Krieges bringt mit den Chroniken von
Froissart (bis etwa 1414) und Enguerrand de Monstrelet (bis 1444)
oder den Werken von Thomas Basin (bis 1491) den endgültigen
Durchbruch der nationalsprachlichen Historiographie; für viele Autoren
dieser Zeit gilt indessen, dass sie mindestens in Teilen ihres Werkes
keineswegs den königlich-französischen Standpunkt vertreten. Auch
die Abtei von Saint-Denis hat sich der englischen Partei angeschlossen,
weshalb ihre Bedeutung für die französische Historiographie ab der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts rapide abnimmt. Dies um so mehr,
als bereits ab dem 14. Jahrhundert in der königlichen Administration,
vor allem in den Rechnungskammern, Königslisten Verwendung
finden, die im folgenden Jahrhundert allmählich ausführlicher
formuliert werden und in vielen Handschriften als Origo regum
Franciae erhalten sind. Ursprünglich der Datierung von Dokumenten
dienend, fördern diese Kurzfassungen das historische Interesse unter
den Laien in der Verwaltung. So überrascht es nicht, dass verschiedene
«notaires et secrétaires royales» in der zweiten Hälfte des
15. Jahrhunderts Geschichten von Frankreich schreiben. 2 Darin zeigt
sich der Übergang von der halboffiziellen, kirchlichen
Geschichtsschreibung, die mit dem König auch Saint-Denis
verherrlicht, zu einer höfischen, zunehmend säkularen und als Gelegenheitsarbeit von königlichen Beamten verfassten Historiographie. Der
bekannteste unter diesen Autoren ist der 1503 verstorbene Nicolas
1
2
Cf. GUENÉE (1985) sowie SPIEGEL (1978).
Cf. zu diesem Phänomen DALY (1989).
125
Gilles, «notaire et secrétaire» seit 1477 und ab 1484 in der Finanzverwaltung tätig. In dieser Eigenschaft, und kaum als offizieller
Geschichtsschreiber, erhält er seine jährliche Pension von Charles VIII.
Seine französische Bearbeitung der Grandes Chroniques mit all ihren
Wundergeschichten erlebt ab 1525 bis zum Ende des 16. Jahrhunderts
zahlreiche Auflagen. 3 Einen ähnlichen Erfolg kennt der Trinitarier
Robert Gaguin (1423-1501), obwohl er sich zeit seines Lebens vergebens um den Titel und die entsprechende Remuneration eines
«historiographe royal» bemüht. Gaguins Compendium, erstmals 1495
und in teilweise erweiterten Auflagen bis 1586 neunzehnmal aufgelegt,
stellt den ersten zum Druck gelangten Versuch dar, die französische
Geschichte in humanistischem Stil zu behandeln. 4
Den Titel eines «Historiographe du Roy» tragen unter Louis XII
Jean d’Auton und Jean Lemaire des Belges, die allerdings keine
Gesamtgeschichte des Landes schreiben. Aus französischer Hand
werden solche erst wieder in der zweiten Jahrhunderthälfte verfasst,
etwa von Bernard Girard du Haillan (erstmals 1576) oder Papire
Masson (1577); grosse Verbreitung findet ausserdem die 1549 erstmals
gedruckte tabellarische Königschronik des Bischofs Jean du Tillet,
welche eine breite, viele italienische Autoren einschliessende
Quellenauswahl berücksichtigt. 5
2. Die Kenntnisse der französischen Geschichte im
spätmittelalterlichen Italien
Bereits im ersten Teil der Arbeit ist am Beispiel der Florentiner Historiographie auf verschiedene Wurzeln hingewiesen worden, durch
welche Italiener schon im Mittelalter in Kontakt mit Fakten der französischen Geschichte kommen konnten. 6 So gehören die – historischen
wie legendären – Taten Karls des Grossen, meist auch seine Vorfahren
Karl Martell und Pippin südlich der Alpen wohl ebenso zur
«nationalen» Geschichte wie im Reich oder im französischen
3
LAPEYRE/SCHEURER (1978), 149-151, mit weiterer Literatur.
Zu Werk und Biographie cf. THUASNE (1903); DAVIES (1954); demnächst die Pariser Thèse
von Frank Collard.
5
Auf verschiedene Aspekte der französischen Historiographie im 16. Jahrhundert wird später
eingegangen; cf. p. Fehler! Textmarke nicht definiert. zur Rezeption von Philippe de Commynes
und zu den Theorien über die französische Frühgeschichte.
6
Cf. oben p. 17; auch MAISSEN (1994).
4
126
Sprachraum. 7 Der inoffizielle Heiligenkult um Karl den Grossen wird
toleriert, wie Pietro de’ Natali in seinem 1372 abgeschlossenen
Catalogus sanctorum ausdrücklich vermerkt. 8 Darin sind auch die
Schlacht von Roncesvalles und Karls Kreuzzug geschildert, doch damit
nicht genug: Unter die Heiligen zählen auch, mit Festtag am 16. Juni,
Roland und Oliver, deren Martyrium gekürzt Pseudo-Turpin
nacherzählt wird. 9 Bekanntlich lässt auch Dante Roland neben dem
Kaiser im Paradies Einsitz nehmen. 10
Die Kenntnisse über die frühe fränkisch-französische Geschichte
verdanken die Italiener im Spätmittelalter weniger italienischen oder
zeitgenössischen Quellen (wie Paulus Diaconus, seiner Fortsetzung
durch Landulfus Sagax, Einhard oder dem «Bibliothecarius»
Anastasius, also dem Liber pontificalis), sondern dem Deutschen
Gottfried von Viterbo und dem Franzosen Vincent de Beauvais. Beide
vermitteln auch die karolingischen Legenden historiographisch, etwa
die Episoden um die zwei Freunde Amicus und Amelius, um
Roncesvalles und den Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems. 11 Direkt,
oder indirekt über die Papst- und Kaiserchronik des Martinus Polonus,
verdanken die meisten italienischen Autoren des Spätmittelalters ihr
Wissen über die Geschichte Frankreichs diesen Autoritäten. In Florenz
gilt dies etwa für Brunetto Latini und Giovanni Villani, von denen der
erste einen französischen Herrscherkatalog nach Gottfried liefert,
Villani dagegen nach Vincent, dem er auch sonst regelmässig Informationen zu den Kapetingern entnimmt, um schliesslich als Zeitgenosse
selbst zu den zuverlässigsten Quellen über Philippe IV zu gehören. 12
Riccobaldo da Ferrara und Tolomeo da Lucca benutzen neben Martin
und Vincent auch Einhards Vita, die Riccobaldo recht ausführlich
wiedergibt. 13 Während er von den übrigen französischen Königen nur
auf seine Zeitgenossen Saint-Louis, Philippe III und Philippe IV näher
7
Ein typisches und sehr verbreitetes Beispiel dieser Behandlung der Karolinger im rein
italienischen Kontext ist der Liber pontificalis (900), I, 493-499; II, 5-8 (zu Karl dem Grossen).
8
NATALI (1372), 160v: «… apud francigenas intra sanctorum numerum scribitur: & colitur; &
propter eius sanctissima gesta quod sancti nomine veneretur ab ecclesia toleratur.»
9
NATALI (1372), 76.
10
DANTE, Par. 18, 43.
11
GOTTFRIED VON VITERBO (1187), 201-225; VINCENT DE BEAUVAIS (1244), 308 (23, 169);
309v (24, 4f.); 310-311v (24, 8-21).
12
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert. zu Philippe IV; die einzelnen Herrscher
s.v. im Index von G. VILLANI (1333); ib., I, 129, Karls Kreuzzug. LATINI (1265), 46f. (1, 39).
13
RICCOBALDO (1318), 686-698; in Hankeys vorbildlicher Edition sind die entsprechenden
Kapitel aus Einhard jeweils angegeben.
127
eingeht, kommt Tolomeo regelmässig auf die französische Geschichte
zu sprechen, meist nach Vincent, «cui in hac parte magis est credendum
quia plus de talibus temporibus inquisivit». 14 Tolomeo betont im
allgemeinen die Begünstigungen der Kirche und den Schutz der Päpste
als besondere Leistungen der französischen Könige – in dieser
Eigenschaft ist ihnen in seiner Kirchengeschichte ein fester Platz und
die guelfische Gunst sicher. 15 Über den Franziskaner Paolino da
Venezia und sein Compendium bezieht auch Boccaccio viele seiner
historischen Kenntnisse, etwa seine Liste der französischen Könige, die
er in seinen Zibaldone überträgt. 16 Die Yves de Chartres zugeschriebene Königschronik dient schliesslich als wichtigste Vorlage für die
Cumulatio quorundam historicorum Gallorum de origine regum
Francorum, welche Filippo Villani bei der Behandlung der Karlslegende in De origine civitatis florentiae einfügt. Selbst eine so kurze
Genealogie zusammenzustellen sei angesichts der sich widersprechenden Vorlagen nicht einfach gewesen. 17 Filippo widmet sein
Werk Philippe d’Alençon, dem Neffen von Philippe VI; wie bei den
meisten erwähnten Autoren entspringen seine Bemühungen, ein
Grundgerüst der französischen Geschichte zu erstellen, der guelfischen
Bindung an das französische Königshaus.
Daneben regen auch die schon seit langem tobenden Kriege
zwischen Frankreich und England die Italiener zu historischen Ausführungen an. Fazio degli Uberti präsentiert in seinem unvollendeten
Dittamondo, einem enzyklopädischen, in Terzinen abgefassten Lehrgedicht, nicht nur – mit teils überraschend genauen Kenntnissen – die
Geographie Frankreichs, die Hauptzüge der drei «races», ausführlich
Karl den Grossen und die Anjou sowie einzeln alle Kapetinger, sondern
erklärt auch, wie der Hundertjährige Krieg entbrannt ist. 18 Der gleichen
14
TOLOMEO (1317), 1131: «… dem man in dieser Hinsicht mehr glauben kann, weil er über
diese Zeit mehr nachforschte …».
15
Cf. etwa TOLOMEO (1317), 882 (Chlodwig); 972 (Pippin); 994f. (Karl der Grosse); 1107
(Louis VII); 1154 (Louis IX).
16
PAOLINO (1335); BOCCACCIO (1366), fol. 181-187v (Königskatalog). Cf. zu seiner Polemik
gegen Paolino BILLANOVICH (1952); zur Rezeption des Compendium im Zibaldone CONSTANTINI (1973).
17
F. VILLANI (1397), Barb. lat. 2620, fol. 43v: «Genealogiam regum francorum ex multa
dissonantia litterarum erutam qua potui fide ac diligentia manu brevi collegi locoque presenti
inserui …». Cf. TANTURLI (1973), 870-873, zu den beiden Handschriften, dem BLF Laur. 89 inf.,
39, der nur die Cumulatio enthält, und dem – wohl etwas älteren – BAV Barb. lat. 2620,
fol. 31v-44v, wo sie in De origine eingefügt ist.
18
UBERTI (1367), 147-150 (2, 21: Karl der Grosse); 171f. (2, 29: Charles d’Anjou); 298-301,
310-319 (4, 16; 4, 20-22: Geographie); 302 (4, 17: Hundertjähriger Krieg); 307-310 (4, 19:
Kapetinger).
128
Frage widmen sich auch Lorenzo de Monacis in seiner venezianischen
Chronik und später Pius II. in den Commentarii. 19 Bartolomeo Fazio
meint, der Grund dieses ewigen und masslosen Konflikts sei kaum
bekannt und werde ausserdem von jedem anders erzählt; dies scheint
tatsächlich der Fall gewesen zu sein. 20 Fazios Variante ist eine lateinische Novelle, für die er wohl eine Vorlage aus dem Pecorone oder
einer ähnlichen Sammlung adaptiert. Seine Märchengeschichte ist
offenbar recht populär, wie nicht nur einige Handschriften beweisen,
sondern auch die fast wörtliche italienische Übersetzung durch Iacopo
Bracciolini, den Sohn Poggios. 21
Die guelfische Allianz hat das italienische Interesse für die französische Vergangenheit alimentiert, dem in Vincent de Beauvais auch
eine weitverbreitete Vorlage für die Zeit bis Saint-Louis zur Verfügung
steht. Die französische Schwäche und Isolation in der anhaltenden
Krise der englischen Kriege, insbesondere in der ersten Hälfte des
15. Jahrhunderts, lässt die Neugier jedoch spürbar sinken. Damit geht –
unabhängig davon – einher, dass die ersten Humanisten ihr Augenmerk
fast ausschliesslich auf die Antike oder die engere Heimat richten.
Petrarca lebt wohl in Avignon in engem Kontakt mit Frankreich, doch
seine kulturelle Auseinandersetzung mit der französisch geprägten
Scholastik ignoriert das französische Mittelalter vollständig – in der
entsprechenden Polemik werden antike «Galli» den bewunderten
«Romani» gegenübergestellt. Salutati besitzt – wie gezeigt – einige
historische Kenntnisse, setzt sie aber nur zu rhetorischen Zwecken ein.
Leonardo Bruni schreibt die Lokalgeschichte von Florenz in humanistischem Stil neu, beschränkt sich jedoch bewusst und exklusiv auf die
Stadtgeschichte. Dass die Neuigkeiten aus Frankreich auf verschiedenen Wegen rasch aufgenommen werden, zeigt die Berichterstattung
über Jeanne d’Arc; 22 doch eine historiographische Beschäftigung mit
19
DE MONACIS (1428), 307-309; PICCOLOMINI (1464), 369-388; cf. auch P. BRACCIO(1448), 45-49 (= 547-551).
20
Cf. auch die unten p. 137, Anm. 49, besprochenen Theorien Ranzanos.
21
FAZIO (1450); vermutlich ist das Werk in der von 1449 bis 1453 dauernden Schlussphase
des Hundertjährigen Krieges verfasst. Fazio schildert die nach vielen Intrigen gelungene Vereinigung einer wunderschönen englischen Prinzessin mit einem edlen französischen Dauphin. Das
damit entstehende Gesamtreich wird unter den Nachkommen aufgeteilt, und als die Engländer den
diesbezüglich vereinbarten Leistungen nicht mehr nachkommen, bricht der Krieg
aus. I. BRACCIOLINI (1468), 5, erwähnt die Verwandtschaft von Charles le Téméraire mit
Edward IV, womit die Übersetzung, die sich als eigenständige Dichtung ausgibt, frühestens 1468
(Hochzeit von Charles le Téméraire mit Edwards Schwester Margareth) entstanden sein kann;
Iacopo, ein Pazzi-Anhänger, wird 1478 hingerichtet. RANZANO (1492), fol. 397v-407v, referiert
Fazios Märchen ebenfalls.
22
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.ff.
LINI
129
dem Nachbarland setzt erst wieder in der zweiten Jahrhunderthälfte ein,
dann jedoch rasch intensiver.
3. Das neue historische Interesse in der zweiten Hälfte des
15. Jahrhunderts
Es wäre allerdings übertrieben, für die immer zahlreicher auftretenden
Äusserungen und Exkurse zur Geschichte Frankreichs allein dessen
Erstarken verantwortlich zu machen. Keines der in diesem Kapitel
behandelten Werke hat Frankreich oder gar dessen Vergangenheit zum
exklusiven oder auch nur vorwiegenden Gegenstand. Im Gegenteil, es
handelt sich um Autoren, welche den gesamten Stoff zu bewältigen
versuchen, wie er durch die Entdeckung und Verbreitung – bald auch
mittels Buchdruck – von bisher unbekannten oder kaum zugänglichen
Texten das 15. Jahrhundert in zuvor unvorstellbarem Mass überflutet
hat. Dieses neue Material wird formal einerseits in Werken der mittelalterlichen Tradition verarbeitet, so in den Summen eines Antonino di
Firenze und des Dominikaners Pietro Ranzano oder in den Weltchroniken von Donato Bossio und Fra Filippo Foresti; andererseits in den
eher an antiken Modellen orientierten enzyklopädischen Werken eines
Piccolomini oder Volterrano sowie in den wegweisenden Dekaden von
Flavio Biondo und der Weltgeschichte Sabellicos. Dass die Übergänge
zwischen humanistischer und scholastischer Literatur nicht gattungsspezifisch sind, beweisen Matteo Palmieri, der sich durchaus an die
annalistische Tradition der Weltchroniken hält, oder Platina, der im
Aufbau und häufig auch im Inhalt sehr stark dem Liber pontificalis
verpflichtet bleibt. Andererseits verarbeiten Antonino und Foresti die
Werke von Humanisten wie Bruni und Palmieri, und Pietro Ranzano
verdankt seine Bildung Gelehrten wie Marsuppini und Vegio. Die
humanistischen Neuerungen sind in erster Linie stilistischer Art, indem
die Texte in einem möglichst klassischen Latein verfasst werden. Nur
die begabtesten Humanisten, etwa Bruni oder auch Biondo, folgen
ihren Vorbildern, insbesondere Livius, darüber hinaus auch in einer
nicht nur sporadischen Kritik der Überlieferung und in der Gestaltung
des Stoffes nach inhaltlichen Kriterien, als «historia», nicht als
«chronica». Sie verstehen Geschichte als Kausalitätsketten, von
Menschen ohne überirdische Eingriffe gestaltet; die Motive für ihr
Handeln werden wenn möglich dargelegt oder von den Betroffenen
in erfundenen Reden selbst ausgedrückt. In der Nachvollziehbarkeit
130
von historischen Prozessen liegt auch der potentielle Nutzen für den
Leser, der lernen kann, weshalb unter gewissen Umständen bestimmte
Dinge geschehen.
Man kann davon ausgehen, dass in der humanistischen Bildung, der
Schulbildung in Italien überhaupt, die französische Geschichte gar
keine Rolle spielt; dies gilt wohl generell für die mittelalterliche
Geschichte anderer Länder, sofern sie nicht mit Italien oder der Kurie
zu tun hat. Daher dürfte eine Szene charakteristisch sein, die Enea
Silvio Piccolomini etwa 1440 in dialogischer Form erzählt: Während
des Basler Konzils unterhält sich Nikolaus von Kues mit Stefano
Caccia aus Novara über die Vorrechte von Konzil und Papst. Die
Dialoge dieser Autoritäten werden jeweils kommentierend unterbrochen vom Gespräch Piccolominis mit dem französischen Gelehrten
Martin Le Franc. Als Caccia den karolingischen Kaiser Lothar erwähnt,
muss Piccolomini beim Franzosen nachfragen, um wen es sich dabei
handelt, worauf Le Franc entgegnet:
Hora est, nec mihi taedio erit pauca de nostris Francis recensere, qui
homini tibi Italico forsitan, ut remoti, sic etiam ignoti existunt. 23
Das einzige, wovon Enea gehört hat, sind die den Franzosen und
Römern angeblich gemeinsamen trojanischen Ursprünge. Dort beginnend und in einer «longa narratio» schildert der Franzose die fränkische
Geschichte bis auf Kaiser Lothar. 24 Auch in Anbetracht der literarischen Stilisierung des Dialogus, ja selbst wenn Enea die ganze
Passage gerade deshalb frei erfunden haben sollte, um zu zeigen, dass
er etwas über Frankreich weiss, kann man festhalten, dass er, der Autor,
ebenso wie der Franzose Le Franc der Ansicht ist, dass man von einem
Italiener keine Kenntnisse der französischen Geschichte erwarten
könne.
Eneas Fall ist vielleicht nicht typisch für alle Humanisten seiner
Generation, aber er zeigt doch sehr schön, wie sich das historische
Interesse auf neue Gegenstände ausweitet. Piccolominis spätere Werke
beweisen denn auch, dass er in seinem grenzenlosen Wissensdurst und
in seinem Bemühen, historische Kenntnisse für die aktuelle Politik
23
PICCOLOMINI (1440), 756: «Es ist Zeit, und es wird mir keineswegs lästig fallen, einiges
über unsere Franken vorzutragen, die dir als einem Italiener vermutlich, da fern, auch unbekannt
sind.» Als sich Piccolomini später auch nach der Herkunft der Langobarden erkundigt, meint Le
Franc, ib., 760: «Res Italicas nosse te melius arbitror …».
24
PICCOLOMINI (1440), 753-763. Ich verdanke den Hinweis auf diese Stelle Prof. M. R. Jung,
von dem bald ein Aufsatz über Martin Le Franc erscheinen wird.
131
fruchtbar zu machen, einiges zu den Schilderungen von Le Franc
hinzugelernt hat. Eneas Augenmerk gilt dabei in erster Linie der
Geschichte seines eigenen Jahrhunderts, was sich im langen Exkurs der
Commentarii über den Hundertjährigen Krieg und in seiner Vita De
Karolo VII Franciae rege niederschlägt; doch enthalten die Kapitel
über Frankreich in der Europa neben einem aktuellen Bericht über den
Dauphin Louis und den Tod Talbots recht sorgfältige Ausführungen
über die fränkischen Ursprünge, Chlodwig und die Karolinger. 25 Sein
neugewonnenes historisches Wissen wendet Papst Pius II. in seinen –
später zu erörternden – Reden vor französischen Gesandten am
Kongress von Mantua und 1462 nach der Aufhebung der Pragmatischen Sanktion meisterhaft an. 26
Piccolomini verdankt manche Kenntnis über die fränkische Frühzeit
dem von ihm geschätzten Otto von Freising; dazu hat er noch in seinen
letzten Lebensjahren auch das jüngste Produkt der humanistischen
Historiographie durchgearbeitet und zu einer häufig aufgelegten
Epitome komprimiert: die 1453 abgeschlossenen Historiarum ab inclinatione Romanorum Imperii decades des Flavio Biondo. Mit ihnen ist
erstmals der Bruch mit der antiken Welt historiographisch wahrgenommen: Das «Medium aevum» von der Völkerwanderung bis zum
14. Jahrhundert liegt als zusammengehörige Epoche da, die mit einer
kulturellen Revolution, Petrarcas Renaissance, zu Ende geht. Bei
Biondo wird Gesamtitalien zum Schauplatz der Geschichte, stets
jedoch mit Ausblicken auf die gesamtabendländische Entwicklung –
gleichsam die Wiederaufnahme der antik-römischen Perspektive in
einer nunmehr und für kurze Zeit noch päpstlich-römischen Welt. Je
näher die Darstellung der Gegenwart kommt, desto mehr konzentriert
sich Biondo auf Italien, etwa analog zum Zerfall der in der imperialen
Idee symbolisierten abendländischen Einheit. Diese Reduktion spiegelt
sich auch in der Behandlung der französischen Geschichte: Die Stürme
der Völkerwanderung und die merowingischen Anfänge sind stark
berücksichtigt, und den frühen Karolingern kommt ein entscheidender
Platz zu, während die Franzosen später nur noch in ihren immer
selteneren Konflikten mit dem Kaiser und bei Expeditionen ins Heilige
Land und nach Italien Erwähnung finden. 27
25
PICCOLOMINI (1463), 369-387; ID. (1450), 185-187; ID., Europa (1458), 433f.; 439-442.
PICCOLOMINI (1459), 45-52; ID. (1462), 107-111; cf. unten p. 246f.
27
Cf. BIONDO (1453), 139ff. (Karolinger ab Karl Martell); 169-183 (späte Karolinger);
273-275 (Albigenser, Philippe II); cf. zu den Ursprüngen, Chlodwig, Fredegunde, Brunhilde,
Louis IX und Philippe IV die Detailuntersuchungen unten im 4. Teil des Buches.
26
132
Biondos Quellen sind weitgehend bekannt: Für die Hauptzüge stützt
sich der Humanist etwa auf Paulus Diaconus, den Liber pontificalis und
Tolomeo da Lucca, welche man als «epochale Leitquellen» 28
bezeichnen kann; für Frankreich im besonderen kommen hinzu die bis
1028 (im von Biondo verwendeten Codex allerdings nur bis 947) führende Chronik des Adémar de Chabannes, Sigebert de Gembloux,
Guillaume de Tyr sowie (indirekt über Tolomeo) Einhard, Richard de
Cluny und Vincent, ausserdem für das 13. Jahrhundert ein «Chronicon
Turonense». 29 Die von Biondo benutzte Handschrift Adémars ist samt
den Marginalien des Humanisten enthalten und gibt wichtige Aufschlüsse über seine Arbeitsmethode: Seine Lektüre ist zielgerichtet,
arbeitet mit kurzen Randbemerkungen – meist Namen oder Zahlen –
das chronologische Gerüst und die Protagonisten auf, die ihm dann
auch die Struktur für seine eigene Formulierung in den Decades (und
der Italia illustrata) liefern. Sprachlich revidiert Biondo seine
mittelalterlichen Quellen im Unterschied zu den antiken recht stark;
inhaltlich kürzt er seine Vorlagen um den für ihn nicht relevanten Stoff,
folgt ihnen aber sonst recht treu und ergänzt sie punktuell durch
sekundäre Quellen. Seine vereinzelten kritischen Marginalien baut er
manchmal zu Diskussionen der verschiedenen Quellen aus, die
allerdings den polemischen Ton der Randbemerkungen verlieren, wo
Adémar einmal als «ignorans aut mendax» abqualifiziert worden ist. 30
Im Unterschied zu anderen Humanisten unterlässt Biondo in der
Schlussredaktion Demonstrationen von Überlieferungskritik: Was vor
seinem Urteil nicht standhält, wird stillschweigend übergangen, so etwa
der fränkische Ursprungsmythos und der gesamte karolingische
Sagenkranz. 31 Der Kreuzzug Karls des Grossen ist nur literarisch
eingesetzt, wenn Biondo Urban II. 1095 seinen Zuhörern zurufen lässt:
«Carolus, ut fama vos vulgatis, [sc. Saracenos] terra sancta &
Hierosolymis expulit». 32 Der Humanist kennt die in Frankreich
28
CLAVUOT (1990), 181.
Cf. BUCHHOLZ (1881); er identifiziert die Vorlage für die merowingische Geschichte
Frankreichs als die Gesta regum Francorum und die Fortsetzung von Pseudo-Fredegar, womit er
insofern recht hat, als Adémar diese beiden Vorlagen kompiliert.
30
CLAVUOT (1990), 325, nach BAV, Vat. lat. 1795, fol. 11: «unwissend oder verlogen». Cf.
zu Biondos Benutzung von Adémar die sorgfältige und reich dokumentierte Untersuchung von
CLAVUOT (1990), 265-302, 325-337 (Edition der Marginalien); zur Diskussion Adémars am
Beispiel von Pippins Kampf gegen Venedig insbes. pp. 299-301.
31
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert. zur Ursprungssage; auch oben p. 52 zur
Florentiner Karlslegende, die Biondo nur in der Italia illustrata widerlegt.
32
BIONDO (1453), 208: «Karl hat, wie ihr im Volksmund verkündet, die Sarazenen aus dem
heiligen Land und Jerusalem vertrieben.»
29
133
verbreiteten Mythen, doch er will auch mit der dem Papst in den Mund
gelegten Formulierung deutlich machen, dass sie für einen gebildeten
Menschen allenfalls ein rhetorisches Instrument darstellt.
Als solche werden sie ja auch von Donato Acciaiuoli eingesetzt, wo
er seine Vorlage, Einhards Vita Caroli, mit neuem Material erweitert.
Obwohl Einhard einen durchaus ansprechenden Stil pflegt, begründet
Acciaiuoli seine Neudichtung damit, die Historiographen Karls des
Grossen hätten ein barbarisches Latein geschrieben oder seien unvollständig. 33 Donatos wichtigste Neuerungen betreffen Karls Wirken in
Italien, das mit Informationen aus dem Liber pontificalis viel ausführlicher wegkommt als noch bei Einhard, und die volkstümlichen Überlieferungen. Dabei steht der Leser vor einem interessanten Phänomen:
Der gelehrte Humanist erweitert die recht nüchterne frühmittelalterliche
Biographie um hochmittelalterliche Legenden, nämlich Rolands Tod
bei Roncesvalles, den Kreuzzug und die Neugründung von Florenz,
ausserdem noch die Gründung der Universität von Paris. Gleichzeitig
will Donato aber eine gewisse gelehrte Distanz zu ihnen demonstrieren,
weshalb er sie alle mit den gängigen Vorbehaltsformeln einführt. 34
Acciaiuoli scheint aus literarischen oder – mindestens im Falle von
Florenz – staatspolitischen Überlegungen nicht um diese Ergänzungen
herumzukommen, welche in seiner Heimat das Karlsbild wohl stärker
prägen denn die historischen Fakten Einhards. Bezeichnend schreibt er,
die auf der ganzen Welt berühmten Taten Rolands würden auch in der
Gegenwart noch besungen. 35
Diese Anhänglichkeit an die Legende zeigt sich auch im Plagiat
Acciaiuolis, welches Zaccaria Lilio 1496 in Florenz vorlegt. Zwar gibt
er vor, den von «ingenia rudia» erfundenen Fabeln die wahren Taten
33
D. ACCIAIUOLI (1461), 100: «… eo magis mihi laborandum putavi, quod plerique istarum
rerum reperiuntur scriptores, quorum alii nonnulla omisere quae erant cognitione degnissima, alii
vero, eius res gestas ita inculte inconcinneque scripsere, ut nemo sit, latinis litteris mediocriter
eruditus, qui in his legendis, eam scribendi ruditatem aequo animo ferre possit.» Cf. zur Vita
Caroli bereits oben p. 58ff.
34
D. ACCIAIUOLI (1461), 111: «Sunt etiam qui Rolandum … interisse dicant.»; 118:
«… addunt scriptores nonnulli rem maximo memoratu dignam, quam ego ut certam affirmare, quia
nulla apud alios auctores eius rei mentio est, nec ut incertam relinquere ausim.»; 122: «… a Carolo
institutum tradunt»; zur Neugründung oben p. 61. SHORT (1972), 142, deutet in einem sehr
unsorgfältigen Aufsatz diese Zurückhaltung als Bruch mit der legendengläubigen Tradition. Da
Acciaiuoli die Möglichkeit gehabt hätte, wie seine Vorlage Einhard oder etwa Biondo die
volkstümlichen Legenden stillschweigend zu übergehen oder aber sie wortreich zu widerlegen,
wie es bald andere Humanisten tun werden, kann von einem Bruch nicht die Rede sein, vielmehr
von einem bewussten Spiel mit der Tradition. Auch MONFRIN (1966), 75, liegt falsch: «… Donato
n’a pu se résoudre à éliminer quelques épisodes légendaires» – natürlich nicht, wo er sie ja eben
erst selbst eingefügt hat!
35
D. ACCIAIUOLI (1461), 111.
134
gegenüberstellen zu wollen. Doch die volkstümlichen Lancelot, Tristan
und Roland werden durch die in seiner Einschätzung glaubwürdigere
Liste von Oliver, Turpin, Ganelon und anderen Kämpen ersetzt; und
Rolands Sieg über den Riesen Ferracut gehört für Lilio ebenso zur
Geschichte wie Roncesvalles, der Kreuzzug und der Neubau von
Florenz – wobei in diesen sonst Acciaiuoli abgeschriebenen Passagen
dessen Vorbehaltsformeln wie «haec si ita sunt» fehlen. 36 Das billige
Plagiat bewirkt also gerade das Gegenteil von dem, was es anzustreben
vorgibt: Indem Lilio gegen exzessive literarische Verwebungen der
Paladine mit Arturs Tafelrunde predigt, bestätigt er die kühnsten
Erdichtungen um Karl und Roland.
Acciaiuoli ist also trotz seiner spürbaren Skepsis mitverantwortlich
dafür, dass die karolingischen Legenden noch eine Zeitlang Glaubwürdigkeit beanspruchen können – Ranzano und Foresti werden ihn
abschreiben, und Luigi Pulci schildert den Kreuzzug und Roncesvalles
wie den Wiederaufbau von Florenz in demjenigen Teil des Morgante,
der historische Authentizität beansprucht und von den vorangegangenen poetischen Taten Karls ausdrücklich abgegrenzt ist. 37 Die
Vita Caroli erlebt einen gewaltigen Erfolg, wohl unabhängig von der
Ehre und dem Ruhm, die ihr durch die Überreichung an Louis XI
erwachsen, aber damit noch über Italien hinaus. Dort findet die
Biographie das Lob von Generationen von Humanisten und vermittelt
ihnen einen stilisierten Einhard, der selbst erst 1521 im Druck
erhältlich sein wird; aber auch Robert Gaguin in Frankreich ist von
Acciaiuolis Darstellung beeinflusst. 38 Allein in Florenz sind sieben
Abschriften der lateinischen Vita Caroli erhalten, zudem noch
insgesamt sieben der inhaltlich übereinstimmenden italienischen
Version; sie ist in zwei Varianten erhalten, deren eine von Acciaiuoli
selbst und wohl bereits aus dem Jahr 1461 stammt, die andere von
einem Senesen namens Giovanni Azzoni. Häufig erscheint die
Biographie im Anschluss an die lateinische Übertragung der Viten
36
LILIO (1496), unpaginiert, sechsseitig.
PULCI (1483), 1090 (28, 90f.); 1095 (28, 104); cf. oben p. 68.
38
GATTI (1981), 20, zitiert aus Iacopo Ammanatis Lobbrief von 1465; EAD. (1973), 230f., aus
dem von Campano; beides ohne Quellenangabe nach V. GIUSTINIANI (1961), 39. Ausserdem
GIOVIO (1544), 51, und BISTICCI (1498), II, 509, der von der Vita und anderen Werken seines
Freundes meint: «… l’hanno facto immortale …». Zu Gaguin cf. MONFRIN (1966), 78;
BORST (1967), 366: «… christliche Legenden Acciaiuolis glaubte er [sc. Gaguin] …». Nach
mündlicher Auskunft von Frank Collard bemüht sich Gaguin jedoch eher, dem Florentiner
allgemein in der Methode und im Stil zu folgen, hingegen kaum in der Wiedergabe der Legenden
selbst.
37
135
Plutarchs, in mindestens drei Handschriften, aber dann vor allem in
sieben der zehn gedruckten Ausgaben. Auch eine unsystematische
Übersicht lässt die weite Verbreitung selbst im ausseritalienischen
Bereich ahnen. 39 Leider ist die jüngste Edition von 1981 in jeder
Hinsicht ungenügend, weshalb sinnvollerweise auch ältere Ausgaben
heranzuziehen sind. 40
In demselben Spannungsfeld zwischen mittelalterlichen Vorlagen
und humanistischer Form wie Acciaiuoli stehen auch die humanistischen Bearbeitungen der herkömmlichen Weltchroniken, so das
erwähnte De temporibus Matteo Palmieris, der von den Karolingern an
recht zuverlässig die Daten für Herrschaftsantritt und -dauer der
39
Der Codex BNF Magliab. 24, 157, enthält die lateinische Vita und die zwei italienischen
Übersetzungen: Azzonis Fassung (fol. 93-128v) hat auf fol. 120 «per questi meriti» (also die
vermutlich spätere Korrektur), diejenige Acciaiuolis (fol. 46-92) auf fol. 83 «Le quali cose
essendo chosi, chome alcuni schriptori hanno fatto mentione …» (also die ursprüngliche Fassung);
cf. zu dieser wichtigen Variante oben, p. 61. Die übrigen italienischen Versionen enthalten
ebenfalls die zweite Variante, geben also wohl Acciaiuolis eigene Übertragung wieder, von der es
hier heisst, fol. 46: «per lui medesimo poi traslatata [sic; translata] di latino in volgare 1465»; auf
fol. 92 ist zudem der 24. Januar 1465 nach dem «finis laus deo» angegeben, also 1466 nach
unserem Kalender. Die Abschrift schliesslich ist am 13. November desselben Jahres abgeschlossen
worden (fol. 92).
Lateinischer und (ein) italienischer Text finden sich ebenfalls im BNF II, II, 10 (letzterer auf
den 20. Juni 1465 datiert, cf. fol. 1); die lateinische Fassung ist autograph und von Gatti 1981
ediert worden, cf. die folgende Fussnote. Allein steht die italienische Version in BNF II, I, 62
(abgeschlossen am 5. Dezember 1461, cf. fol. 43); BNF II, II, 325 (unvollständig, von Gatti ediert,
cf. nächste Fussnote); BNF Conv. soppr. G2, 1501 (kopiert von Antonio Manetti am 8. September
1466, nach dem Original Acciaiuolis); BRF 767 (16. Jahrhundert).
Die Louis XI überreichte Prachthandschrift befindet sich im Fitzwilliam Museum, Cambridge,
MS 180. Für sich allein steht der lateinische Text im BNF II, XI, 8; gekürzt im BAV Chis. M. VII,
157; zusammen mit anderen Viten Acciaiuolis in einem Piero de’ Medici gewidmeten
Prachtexemplar auf der BLF Plut. 67, 20, und in einem lückenhaften Codex, Plut. 52, 11;
ebendort, Plut. 89 inf., 47, gemeinsam mit Reden anderer Gesandten vor Louis XI; im Anhang an
Plutarchviten ebenfalls dort, Conv. soppr. 525, Cart. misc. 15, auf der BAV, Urb. Lat. 448, und auf
der BNP, Lat. 5831 (eine Plutarchausgabe, ursprünglich aus Neapel). Nicht eingesehen habe ich
den BAV Regin. Lat 768, den Nat. Bibl. Fid 9363 in Wien, den Phillipps 1905 der Staatsbibliothek zu Berlin, das MS 781 der Trivulziana in Mailand sowie die italienische Version im
Codex XF 16 auf der BN in Neapel; die letzten drei Handschriften erwähnt SCHELLER (1982), 12.
Die Vita Caroli findet sich gedruckt im Anhang der folgenden Plutarch-Editionen: Rom 1470;
Venedig 1478, 1491, 1496, 1516; Basel 1531, 1535. Ausserdem auszugsweise in WITZEL (1541),
178v-181, vollständig bei FREHER (1613), 569-599, und MENCKE (1728), 813-823.
40
GATTI (1981). Arnaldis Andeutungen im Vorwort (p. 4) lassen einen langen Leidensweg
zwischen Abschluss der «Tesi», Aufsatz (GATTI [1973]) und Edition von 1981 erahnen. Nicht zu
entschuldigen ist, dass Gatti die – zuvor nie gedruckte – italienische Version nach dem einzigen
unvollständigen Exemplar (BNF II, II, 325) wiedergibt, das sie (p. 8) als das einzige erhaltene
ansieht und daher als Entwurf («abbozzo») abtut; cf. jedoch zu den zahlreichen, normal katalogisierten und alle nach dem 5. Dezember 1461 datierten Übertragungen Acciaiuolis die vorangehende Fussnote. Sogar in ebendemselben Codex, aus dem Gatti die lateinische Version der Vita
Caroli ediert (BNF II, II, 10), ist eine vollständige italienische Übersetzung enthalten – es ist
unerklärlich, weshalb sie diese nicht berücksichtigt, ja nicht einmal erwähnt hat. Leider sind
ausserdem der italienische und der lateinische Text mit Transkriptions- oder Druckfehlern
durchsetzt.
136
französischen Könige angibt, ausserdem auch vereinzelte Fakten – in
klassischem Latein, doch sonst kaum anders als Vorläufer wie Sigebert
de Gembloux. 41 Auch Platina überarbeitet in seinem 1474 abgeschlossenen Liber de Vita Christi ac omnium pontificum eine mittelalterliche
Vorlage, den Liber pontificalis, welche er anhand von Piccolominis
Biondo-Epitome und Tolomeo da Lucca, aber auch nach Aimoin de
Fleury mit neuem Stoff ergänzt. 42 Was Frankreich betrifft, beschränkt
sich der Humanist weitgehend auf die Kreuzzüge einzelner Könige und
auf die beiden Herrscher, mit denen die Päpste am intensivsten zu tun
gehabt haben, Philippe le Bel und Karl den Grossen. Die karolingischen Legenden fehlen, selbst der nüchtern erwähnte Tod Rolands
bei Roncesvalles ist mit einem «sunt qui scribant» eingeleitet. 43
Ausführlicher als bei diesen Humanisten ist die französische
Geschichte bei den stärker der scholastischen Tradition verpflichteten
Verfassern von Weltchroniken behandelt – vor allem , weil Vincent de
Beauvais ihre Hauptquelle bleibt. So ist die vom später heiliggesprochenen Antonino di Firenze bis zu seinem Tod 1457 bearbeitete Summa
historialis über weite Teile eingestandenermassen vom Speculum
historiale abgeschrieben. Aus ihm stammen recht umfangreiche, bei
Karl dem Grossen und Saint-Louis beinahe hagiographische Charakterisierungen verschiedener Könige bis zu Philippe le Bel, natürlich
einschliesslich der karolingischen Legenden. 44 Es ist also in erster Linie
nicht das Interesse, sondern die zur Verfügung stehende, nur kompilierte Vorlage, die den Inhalt bestimmt – Antonino konzipiert seine
Darstellung nicht neu. In seiner Weltchronik Supplementum Chronicarum ab ipso mundi exordio von 1485 strukturiert hingegen Iacopo
Filippo Foresti, auch Bergomese genannt, den ebenfalls Vincent
entnommenen Stoff neu. Er fasst die Taten der französischen – und
anderen – Könige jeweils im Jahr ihres Herrschaftsantritts zusammen,
stellt also das annalistische Vorgehen für eine thematische Ordnung
vorübergehend hintan; auch schreibt er Vincent nicht einfach nur ab,
sondern formuliert selbständig und bringt auch verschiedene inhaltliche
Variationen ein, etwa durch die Verwendung der humanistischen
41
MATTEO PALMIERI (1448), passim.
Cf. für die Quellen Gaedas Einleitung zu seiner Edition von PLATINA (1474). Eine recht
strenge, aber zutreffende Kritik von Platinas Leistung bei COCHRANE (1981), 53-55.
43
PLATINA (1474), 136f.; cf. ib., 176; 214f.; 236-238; 244; 355f.; 371; 377; 393; zu
Philippe IV unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
44
ANTONINO (1459), II, 131-136 (14, 3-14, 5).
42
137
Werke Palmieris, Platinas oder Acciaiuolis, dem die bekannten
Legenden entnommen sind. 45
Inhaltlich liefert Foresti also kaum Neues, doch sein Werk wird auf
Lateinisch mindestens zwölfmal aufgelegt und in drei verschiedenen
italienischen Übersetzungen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts
gedruckt. Vermutlich wird es als geeignete Ergänzung zu Palmieris
knappen Tabellen angesehen, da sie dank der deutlichen Strukturierung
einen besseren Überblick über den reichen Stoff belässt als die nicht
annalistisch aufgebauten humanistischen Geschichtswerke. Forestis
Werk, ein Ploetz seiner Zeit, erlaubt es, die französische Geschichte
kontinuierlich zu verfolgen, wenn man entsprechend den Herrschaftsjahren von König zu König springt. 46
Eine längere zusammenhängende Behandlung der französischen
Geschichte findet sich in Italien dagegen erstmals bei einem weiteren
Dominikaner, dem Palermitaner Pietro Ranzano. 47 Am Ende der über
siebentausend handschriftlichen Seiten Annales omnium temporum, an
denen Ranzano wohl seit den fünfziger Jahren bis zu seinem Tod 1492
arbeitet, 48 findet sich ein längerer Exkurs De origine gentis et regni
francorum. Ausgehend von den Ursachen des Hundertjährigen Krieges, 49 der in den Abfassungsjahren des Exkurses eben zu Ende geht,
behandelt der Dominikaner am Anfang des 47. Buches die Geographie
der antiken «Gallia», während am Ende des 48. Buches ein nach den
historischen Regionen gegliederter Überblick über das moderne Frankreich gewährt wird. 50 Dazwischen, gleichsam vom einen zum anderen
leitend, fügt sich «origo & progressus & ordo ac numerus Francorum
regum ad hanc usque aetatem» ein, welche auch einige Ausblicke über
das Jahr 1448 hinaus enthält, etwa die französische Rückeroberung des
Festlands oder die Einleitung von Jeanne d’Arcs Rehabilitations45
FORESTI (1485), 232.
BOSSIO (1492) gibt in seinem Chronicon kaum mehr als eine unsorgfältige Zusammenfassung Forestis.
47
Cf. zur Biographie zuletzt FIGLIUOLO (1992), 318-324, vor allem nach dem Aufsatz von
Barilaro aus dem Jahr 1977.
48
RANZANO (1492), fol. 449v: «qui per haec tempora regnat» über Charles VII, der 1461 stirbt;
über Louis XI findet sich nichts. Offenbar hat Ranzano diesen Abschnitt nicht mehr oder nur
unsorgfältig überarbeitet.
49
RANZANO (1492), fol. 397v-407v, führt zwei mögliche Erklärungen an, darunter Fazios
Märchen; dagegen wird der Krieg ib., fol. 447v, auf Philippe II und Richard Lionheart zurückgeführt: «Et hanc nonnulli arbitrantur fuisse potissimum originem bellorum, quae gesta atrocissime sunt inter utramque hanc gentem ad nostram usque tempestatem. quod satis verosimile
videtur: utque ego praecipue probandum censeo: licet alios quosdam secutus scriptores, alias
eorundem bellorum causas supra reddiderim.»
50
RANZANO (1492), fol. 407v-429 (antikes Gallien); 468-475 (modernes Frankreich).
46
138
prozess. 51 Der ältere Stoff könnte stellenweise aus Vincent de Beauvais
stammen, ist aber bestimmt um spätere Quellen erweitert, für das
15. Jahrhundert teilweise aus dominikanischer und burgundischer
Hand. 52 Ranzano, der selbst zweimal in Frankreich gewesen ist, hat
seine Darstellung offenbar weitgehend selbst komponiert, auch wenn
nicht auszuschliessen ist, dass er einen gewissen Grundrahmen übernimmt, etwa in Form einer französischen Königsliste. Er vergleicht
verschiedene Quellen und erwähnt auch solche, die seiner Version
widersprechen, bemüht sich also um eine gewisse Ausgeglichenheit
und punktuelle Quellenkritik. 53 Mit diesem Vorgehen ist Ranzano recht
bezeichnend für eine Tendenz der Historiographie seiner Zeit: Im
Vordergrund steht das Zusammentragen möglichst vieler Quellen, ihre
Konfrontation ist manchmal, aber nicht systematisch kritisch; es
handelt sich nicht um eine auf ein Thema konzentrierte und stilistisch
durchkonzipierte Geschichte, sondern um eine Weltchronik, die in
diesem Fall auch enzyklopädischen Charakter erhält.
Gattungsmässig durchaus verwandt, aber stilistisch nach humanistischen Kriterien gestaltet sind die Rhapsodiae Historiarum ab orbe
condito Enneades des Sabellico, die 1498 und fortgeführt 1504 in
Venedig erscheinen. Die Weltgeschichte wird nicht mehr in unzusammenhängenden und formlosen, nur chronologisch geordneten
Häppchen präsentiert, sondern es ist versucht, daraus eine
zusammenhängende Darstellung nach livianischem Muster zu schaffen.
Da aber die geschichtlichen Schauplätze immer stärker auseinandertreten und den Zusammenhang verlieren, je näher Sabellico seiner
eigenen Zeit kommt, muss er grössere Exkurse einfügen, um den Fluss
der Darstellung nicht dauernd zu unterbrechen. Einer von ihnen ist
anlässlich der Erwähnung von Jeanne d’Arc eingefügt, in dem
inhaltlich sehr genau nach Gottfried von Viterbo die fränkischen
Ursprünge bis Chlodwig darlegt sind, danach die Geographie
Frankreichs und die Gewohnheiten seiner modernen Bewohner. 54
51
RANZANO (1492), fol. 465v; 467v; «Ursprung, Gedeihen, Reihenfolge und Zahl der Könige
der Franzosen bis in unsere Zeit».
52
RANZANO (1492), fol. 451-455v, erklärt den Wahnsinn von Charles VI mit seinem Vorgehen
gegen Dominikaner; in einem Anfall glaubt sich dieser auch vom heiligen Dominicus gepeitscht.
Jean sans Peur will ihn vor seinen Sünden bewahren und ist am Tod von Louis d’Orléans
unschuldig, der seinerseits ein Verhältnis mit der Königin unterhalten habe.
53
Cf. RANZANO (1492), fol. 453: «Ita vulgatissimam apud Burgundionum ducum domesticos
rem; nostris ego nunc hominibus prodidi. Franci nihilominus fabulosum hoc aiunt: & ab amicis
ordinis predicatorum fuisse confictum.»; ib., fol. 453v: «De cuius morte hoc a plerisque pro certo
affirmatur.»
54
SABELLICO (1504), II, 467f.; cf. GOTTFRIED VON VITERBO (1187), 201f.
139
Andere Könige sind in ihrer Zeit dargestellt, wobei Sabellico inhaltlich
häufig Biondo folgt, ohne ihn jedoch abzuschreiben; so etwa bei der
Darstellung Karls des Grossen, wo gleichwohl die Legenden nicht
fehlen. Sabellico weiss, dass Turpins Bericht von Roncesvalles nach
mancher Urteil «fabula» und nicht «historia» ist, doch kann er sich
nicht vorstellen, dass «Turpin» – ein Augenzeuge – nicht authentisch
sei und – ein Priester – Falsches vom Martyrium der Christen berichtet
habe, von einigen übertriebenen Details abgesehen. 55 Diejenigen,
welche «Turpins» Glaubwürdigkeit bezweifeln, sieht der Humanist als
Lobredner Spaniens an, also als voreingenommene Autoren. Sabellicos
Ausführungen zeigen, dass sein Standpunkt keineswegs mehr selbstverständlich ist; die Frage, ob Pseudo-Turpins Darstellung der Niederlage
von Roncesvalles zur «historia» oder zur «fabula» gehört, ist auch
unter Humanisten umstritten und bleibt vorläufig unbeantwortet.
Im Unterschied zu Sabellicos weltgeschichtlichem Konzept geht
Raffaello Maffei, nach seinem Herkunftsort Volterrano genannt, in
seinen 1506 erstmals erschienenen Commentaria urbana enzyklopädisch vor. Im Rahmen der Einteilungen in Geographie und Geschichte,
Viri illustres sowie die verschiedenen Wissenschaften trägt er mit
schon fast lexikalischer «brevitas» die Kenntnisse seiner Zeit
zusammen; das Werk animiert daher eher zum Nachschlagen denn zum
Durchlesen. Was Frankreich betrifft, so behandelt Volterrano wie in
anderen Kapiteln zuerst die «loca» (Geographie), dann die «historia»
des Landes. Zuerst sind die antiken «Galli» nach Livius, Polybios und
Caesar geschildert, von ihren glorreichen Expeditionen bis zur Eroberung durch Caesar. Die folgenden Darlegungen zu Francorum origo ac
successiones sind noch einmal in die drei Herrscherdynastien unterteilt.
Die recht ausführliche Schilderung scheint aus verschiedenen Quellen
zusammengeschrieben zu sein, folgt aber vermutlich vor allem dem –
ungenannten – Aimoin de Fleury. 56 Volterrano betont selbst, dass seine
redaktionelle Arbeit auf französischen wie anderen Autoren beruht, was
vermutlich ihre Ausgewogenheit unterstreichen soll. 57
55
SABELLICO (1504), II, 307; auf pp. 302 und 312 werden jedoch Turpins Beschreibung von
Karls Gestalt und Kraft und die «fama» von seinem Kreuzzug als sagenhaft abgetan.
56
Volterrano selbst nennt «Annales Gallorum», den Byzantiner Agathias, Turpin, «antiqua
chronica», Iacopo da Varagine, Einhard, Landolfo di Colonna, ein altes Buch in der Vaticana, aus
dem er angeblich eine Urkunde abschreibt, Sigebert de Gembloux sowie eine Inschrift in
S. Michele zu Rom.
57
VOLTERRANO (1506), 36: «Reges vero, ut ex eorum, tum etiam aliorum historia accepi,
ordine ac compendio referam.»
140
Die Darstellung beschränkt sich weitgehend auf die Königsfolge und
militärische Ereignisse, die aber bisher in Italien noch nie in einem
zusammenhängenden Text – bei aller Knappheit – so präzis zusammengefasst worden sind. Im Bereich der karolingischen Legenden urteilt
Volterrano ähnlich wie Sabellico: Vom Kreuzzug berichte Iacopo da
Varagine und sonst niemand, und auch für den Wiederaufbau von
Florenz spreche sich kein «idoneus author» aus. Als einen solchen sieht
der Humanist aber offenbar Turpin an («qui rebus interfuit»), aus dem
er die Liste der bei Roncesvalles gefallenen Heerführer wiedergibt.
Zwar sei über diese «multa fabulosa» überliefert; wahr sei jedoch, dass
sie an Kräften und Körperbau die anderen Menschen weit überragt
hätten. 58
Die bisher behandelten Autoren haben gezeigt, wie auch die humanistische Historiographie häufig den mittelalterlichen Vorlagen
verpflichtet bleibt und deren historiographische Gattungen übernimmt,
wie das Palmieri, Platina oder Sabellico tun, aber ebenso Acciaiuoli,
wenn er auch in Einhard eine selbst antikisierende Vorlage gefunden
hat. Methodisch neu ist jedoch, dass davon Abstand genommen wird,
bestehende (Welt-)Chroniken aus- und fortzuschreiben, und geschehe
dies auch in klassischem Latein, sondern dass zusehends
mittelalterliche Texte selektiv, aber direkt eingebaut werden. Das
Bemühen ist offensichtlich, die «Summen» des 13. Jahrhunderts
anfangs zu ergänzen und dann, mit zunehmendem neuen Material, zu
ersetzen, indem man über sie zurückgeht und die Darstellung
sprachlich wie inhaltlich nach humanistischen Kriterien gestaltet.
Vincent de Beauvais, für Antonino fast exklusive Leitschnur, wird
weiter gelesen, verliert aber ebenso an Bedeutung wie Gottfried von
Viterbo. An ihre Stelle treten vermehrt Autoren wie Paulus Diaconus
und Einhard beziehungsweise seine Bearbeitung durch Acciaiuoli oder
die früheren Kompilatoren Aimoin und Adémar. Diese Verlagerung
lässt sich auch bei Autoren feststellen, die man kaum (Foresti) oder nur
bedingt (Ranzano) zur humanistischen Historiographie zählen kann, die
aber häufig auf dieselben Quellen zurückgreifen wie die behandelten
Humanisten. Was die Beschäftigung mit der französischen
Vergangenheit anbetrifft, so wird sie in diesen spätscholastischen
Universalgeschichten mit ihrem umfassenden Ansatz sogar deutlicher
fassbar. Die humanistische Geschichtsschreibung hat sich zuerst in der
58
VOLTERRANO (1506), 40.
141
Tradition Brunis den einzelnen Kommunen gewidmet, bevor der Blick
mit Biondo auf ganz Italien ausgeweitet wird, um dann seit Piccolomini
und vor allem bei Sabellico und Volterrano das elementare Wissen über
Geschichte
und
Geographie
des
gesamten
Abendlandes
zusammenzutragen. Die Beschäftigung mit Frankreich ist deshalb im
Rahmen der umfassenden Bemühungen zu sehen, die zahlreichen dank
dem Buchdruck und humanistischer Forscherarbeit neu und leichter
fassbaren Informationen zu sammeln und zu ordnen. Die französische
Vergangenheit wird meist noch im Zusammenhang mit der
italienischen oder imperialen Geschichte dargestellt, und das Hauptinteresse gilt Bereichen, welche die eigene Vergangenheit tangieren,
insbesondere den Karolingern und den Kreuzzügen. Mit dem Aufbau
von Forestis Supplementum, den Exkursen Sabellicos und Ranzanos
und vor allem Volterranos geographisch gegliederter Abhandlung wird
die französische Geschichte aber zunehmend als von der italienischen
Entwicklung wenigstens zeitweise unabhängige – und gleichwohl interessante – Einheit wahrgenommen und dargestellt. Die Beschreibung
der antiken Gallier bei den verehrten Klassikern und der vor allem ab
1494 intensive direkte Kontakt mit den modernen Barbaren fachen die
Neugier zusätzlich an und legen auch die Frage nach beider Gemeinsamkeiten nahe, und dies um so mehr, wenn man – wie Piccolomini,
Ranzano und Volterrano – die Geschichte ausgehend von der Geographie behandelt.
Um die sprachlichen und methodischen Neuerungen Brunis und
Biondos konsequent auf Frankreich anzuwenden, bedarf es jedoch noch
des persönlichen Kontakts mit dem benachbarten Land, der erst den
Zugang zu interessierten und zahlungswilligen Mäzenen bahnt und in
Italien kaum greifbare Quellen eröffnet. Die immer noch eher beiläufigen Kommentare zu zentralen Aspekten des französischen Selbstverständnisses zeigen die bestehenden Schwierigkeiten, zu schlüssigen
Ergebnissen zu gelangen: Wo Widersprüche zu antiken Texten auftreten, wie in der fränkischen Gründungssage, da meldet sich früh
Kritik; 59 auch Karls Kreuzzug, der erst von späten Autoren überliefert
wird, weckt zusehends Zweifel, obwohl er in der gängigen
Kreuzzugsrhetorik seinen festen Platz hat. «Turpins» Darstellung von
Roncesvalles findet dagegen, trotz ungleich gewagteren poetischen
Exzessen, auch unter Humanisten beredte Verteidiger, solange der
Autor der Historia Karoli Magni et Rotholandi mit dem authentischen
59
Cf. unten Fehler! Textmarke nicht definiert.ff. zu den Ursprungssagen.
142
Turpin gleichgesetzt bleibt. Die Klärung der entsprechenden
Diskussionen bleibt denjenigen Italienern überlassen, die nach
Frankreich ziehen und in französischen Diensten die Geschichte des
Königreichs aufarbeiten.
B. Italiener als Verfasser französischer
Nationalgeschichten
Die kulturellen Brücken zwischen Italien und Frankreich werden am
Ende des 15. Jahrhunderts von beiden Seiten geschlagen. Nördlich der
Alpen ist die Blüte der Renaissance nicht unbemerkt geblieben, und
bald häufen sich die Bemühungen, mit italienischen Humanisten in
Kontakt zu kommen oder diese sogar als Lehrer zu gewinnen, nachdem
ihre Werke durch den Buchdruck rasch verbreitet worden sind.
Andererseits richtet sich der Blick mancher Italiener nach Frankreich –
wie bereits gezeigt und auch später noch zu behandeln, 1 gelten viele
Hoffnungen dem mächtigen französischen König, der einen Kreuzzug
anführen und auch die Kirche reformieren soll. Spätestens mit dem
Einfall von 1494 ist das Interesse breiter Kreise an der Vergangenheit
der so mächtig auftretenden Monarchie geweckt; wie ungenau die
Kenntnisse häufig aber noch sind, zeigt etwa das Opus Davidiacum,
welches der sonst unbekannte Franziskaner Giovanni Angelo Terzone
da Legonissa vermutlich 1497 dem wieder nach Frankreich
zurückgekehrten Charles VIII offeriert. Auch abgesehen von einer
phantastischen Herkunftstheorie für die französischen Könige sind
Legonissas dynastische Listen unvollständig und zum Teil heillos verwirrt. 2 Leichter haben es diesbezüglich diejenigen Italiener, die
vorübergehend oder ihr Leben lang in Frankreich selbst wirken und
einheimische Quellen benützen können. Sie kommen allerdings nicht
als Historiographen in ihr Gastland, und bei den meisten bleiben die
Geschichtswerke ein Nebenprodukt diplomatischen oder administrativen Wirkens.
1
Cf. oben p. 78 zu Florenz, unten p. 248 zu den Exempla.
LEGONISSA (1497), fol. 30, 35r/v, übergeht etwa Dagobert I. und nennt Charles le Chauve
einen Sohn von Louis le Bègue, während bei den späteren Karolingern vollendete Konfusion
herrscht. Die frühen Kapetinger finden sich weitgehend vollständig, doch Louis VIII fehlt, und
grosse Lücken prägen auch das 14. Jahrhundert; die Angaben der Herrschaftsdauer, wo überhaupt
vorhanden, sind stets recht approximativ. Cf. zu seinen Königsgenealogien unten p. Fehler!
Textmarke nicht definiert..
2
144
1. Giovanni di Candida
Giovanni di Candida wird in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus
dem vornehmen Avelliner Geschlecht der Filangieri geboren; 3 über
seine Ausbildung ist nichts bekannt, doch Innozenz VIII. spricht ihn
später als «clericus Avelinensis diocesis» an. 4 Candida nimmt als
Parteigänger von Jean d’Anjou am Krieg gegen den Aragonesen
Ferrante teil und emigriert im Anschluss an die Niederlage des Angevinen. Im November 1467 ist Candida am Hofe von Charles le
Téméraire belegt, 1472 erhält er den Titel eines herzoglichen Sekretärs.
In dieser Eigenschaft erfüllt er mehrere diplomatische Missionen in
Italien und im Reich und nimmt auch an der Belagerung von Neuss
sowie der Schlacht von Grandson teil. Die ganze Zeit über bleibt er in
Verbindung zu anderen neapolitanischen Exilierten. Ausserdem trägt
ihm seine künstlerische Betätigung als Medaillist beträchtliche Anerkennung ein. Nach dem Tode von Charles le Téméraire wirkt Candida
vorerst weiter am Hof von dessen Tochter Marie, doch kommt es bald
zu Spannungen mit deren Gatten, dem künftigen Kaiser Maximilian –
der Neapolitaner dringt vergebens darauf, dass ihm ausstehende Löhne
entrichtet werden, und muss wegen seiner Hartnäckigkeit sogar
vorübergehend ins Gefängnis. 1480 verlässt er den burgundischen Hof,
um im König von Frankreich einen neuen Brotgeber zu finden.
Wohl bereits in die achtziger Jahre fallen Candidas ersten historischen Schriften, auf die später einzugehen ist. Von 1488 an ist der
Neapolitaner als königlicher Sekretär an verschiedenen Gesandtschaften beteiligt, darunter drei nach Rom: 1488 erhält der «regis
consiliarius» von Papst Innozenz VIII. auch den Titel «Protonotarius
apostolicus». 5 Charles VIII nennt ihn «nostre amé et leal conseiller»,
gewährt ihm 1493 eine Pension von jährlich 300 livres tournois und
macht ihn zum französischen Bürger; auch die Mitglieder des «conseil»
schätzen den «saige, très homme de bien». 6 So wirkt Candida während
der französischen Herrschaft in Neapel führend in der Verwaltung: Er
erhält ein Privileg für die Salzgewinnung und verfasst ein Gesetz über
3
Zur Biographie cf. R. Scheurer im DBI XVII, 774-776; ausführlicher zuletzt
PONTIERI (1946), dort auch die weitere Literatur, soweit nicht unten angegeben; zur burgundischen Zeit im besonderen TOURNEUR (1919).
4
Cf. PORCHER (1922), 326.
5
Das entsprechende Dokument bei PORCHER (1922), 326; zu den Reisen nach Rom (1488,
1489, 1491) auch STEIN (1928), 236.
6
STEIN (1928), 238, mit den entsprechenden Dokumenten; Robert d’Espinay, der Bischof
von Nantes, bezeichnet Candida als «mon singulier amy». Cf. ausserdem DELISLE (1890), 311.
145
die Mitbestimmung der Popolani in Neapel. 7 Der antifranzösische
Umsturz bringt für ihn «non parva calamitas» mit sich, doch präzisiert
er seine Verluste oder ausgestandenen Gefahren nicht weiter. Über
Candidas Lebensende ist wenig bekannt; letztmals erwähnt wird er
1504, als er Medaillen für zwei Verwandte von Guillaume Briçonnet
anfertigt, den jüngsten Bruder Pierre und den Schwiegersohn Thomas
Bohier, sowie eine weitere für François d’Angoulème, den künftigen
François Ier.
Candida gehört im Kreis der neapolitanischen Exilierten bestimmt zu
den einflussreichsten Persönlichkeiten, welche die französische
Invasion vorbereiten. Er steht in Kontakt mit frankophilen Italienern
wie Ugolino Vieri in Florenz, 8 und auf einer seiner Medaillen bildet er
auch den emigrierten Giuliano delle Rovere ab, den späteren Julius II.,
der während seines französischen Exils hartnäckig eine französische
Intervention gegen Alexander VI. betreibt. Bereits im Burgund dürfte
der Neapolitaner Guillaume de Rochefort kennengelernt haben, der
unter Charles le Téméraire als mächtiger Berater verschiedene Gesandtschaften nach Italien unternimmt. In Ungnade gefallen, gelangt Rochefort nach dem Tode des Herzogs an den Hof von Louis XI, wo er von
1483 bis zu seinem Tode 1492 königlicher Kanzler ist und Umgang mit
humanistischen Gelehrten pflegt. 9 Candida ist aber auch ein Vertrauter
von Guillaume Briçonnet, dem Erzbischof von Saint-Malo und später
von Reims, dem wichtigsten Berater von Charles VIII in allen Finanzfragen; zusammen mit seinem Freund, dem Seneschall Etienne de
Vesc, propagiert Briçonnet dezidiert die Expedition nach Neapel.
Candidas Mission von 1493 bei Alexander VI. dient vermutlich dazu,
für Briçonnet den Kardinalspurpur zu erlangen, der diesem allerdings
erst 1495 zuteil wird. 10 Der Neapolitaner prägt ausserdem zwei
Medaillen von Guillaumes Bruder Robert Briçonnet, der ab 1493
Erzbischof von Reims und von 1495 bis zu seinem Tod 1497 Kanzler
von Frankreich ist; in einem Brief spricht dieser Candida als «amicus
charissimus» an und bezeichnet ihn ohne Zurückhaltung als «summus
et orator et historicus ac sculptoriae artis atque plastices hac aetate
omnium consumatissimus». 11 Von grosser Bedeutung gerade für
7
LABANDE-MAILFERT (1975), 354.
Cf. den Brief bei LAZZARI (1897), 185.
9
Cf. auch LABANDE-MAILFERT (1975), 493.
10
LA TOUR (1895), 40f.
11
GUILLAUME DE LA MARE (1514), 8v (epistola 22): «ein hervorragender Redner wie Historiker sowie der alle Zeitgenossen überragende Schaffer von Skulpturen und Plastiken».
8
146
Candidas historiographisches Werk ist schliesslich auch Jean de
Bilhères-Lagraulas, seit 1474 Abt von Saint-Denis und ab 1493
Kardinal von S. Sabina; ihn begleitet der Neapolitaner 1491 nach Rom,
von wo jener bis zu seinem Tod 1499 nicht mehr zurückkehren wird. 12
Ausserdem gelangt Candida schon früh an Charles VIII. Zwischen
1486 und 1488 hat er bereits ein Traktat vorgelegt, das dem Herrscher
von Guillaume de Rochefort überreicht wird und in der französischen
Übersetzung von Charles Guillart erhalten ist: Des roys et royaume de
Cecille. 13 Vermutlich 1488 widmet Candida dem Herrscher seine –
titellose – Epitome der französischen Könige. Als letzte Schrift ist eine
Cronica regum Sicilie 14 aus den Jahren 1498/99 überliefert, die der
Neapolitaner seinem Gönner Bilhères-Lagraulas zueignet; wie die
anderen Texte ist sie nur als Manuskript erhalten. Angesichts solcher
Adressaten kann man Candidas Werke mindestens als halboffizielle
Geschichtsschreibung ansehen, und seine beiden Schriften über das
sizilianische Königreich lesen sich denn auch eigentlich als politische
Traktate. Des Roys et Royaume de Cecille gibt sich als Ergebnis eines
Gesprächs des Neapolitaners mit dem Kanzler Rochefort: Candida hat
ihm Nachhilfeunterricht in süditalienischer Geschichte erteilt, worauf
der Kanzler ihn aufgefordert habe, ein entsprechendes Traktat direkt an
den König zu richten. Dieses steht neben ähnlichen, gleichzeitigen
Schriften der erwähnten Etienne du Vesc und Jean de BilhèresLagraulas und richtet sich weniger gegen die Aragonesen als gegen
René II d’Anjou-Lorraine; dieser reklamiert die Erbrechte auf Neapel,
welche Charles II d’Anjou-Maine testamentarisch Louis XI und damit
der Krone überlassen hat. 15 Candida argumentiert kaum juristisch, sondern historisch: Der Anspruch von Charles VIII auf Neapel wird nicht
etwa mit dem Testament von Charles d’Anjou-Maine begründet, sondern bis auf Karl den Grossen und seinen Sohn Pippin, den König von
Italien, zurückgeführt, vor allem aber auf Robert Guiscard, «yssu du
sang royal de France». Der Normanne verdanke seine Herrschaft nicht
dem Papst, sondern dem Kampf gegen die Sarazenen, von denen er
Sizilien befreit. Seine normannischen wie angevinischen Nachfolger
12
Zu Candidas und Bilhères cf. PORCHER (1922); zum Rom-Aufenthalt des Kardinals
SAMARAN (1920), 131-152.
13
CANDIDA (1486), in der Ausgabe von PONTIERI (1946), 447-471.
14
CANDIDA (1499), in der Ausgabe von PONTIERI (1946), 472-502.
15
PONTIERI (1946), 434. Nach DALY (1989), 103, hat ein «notaire du roi» 1494 bei der
Lektüre einer Geschichte Frankreichs alles angestrichen, was die Ansprüche auf Neapel stützen
könnte.
147
sind denn auch als vorbildliche Christen, Beschützer der Päpste und
engagierte Kreuzritter geschildert; die Staufer herrschen dagegen nur
als Nachkommen der – normannischen – Constanze, und gegen den
verbrecherischen Manfred ruft der Papst Charles d’Anjou ins Land,
«comme à nulle aultre maison mieulx appartenant que à celle dont les
premiers roys de Cicille estoient descenduz». 16 Für Candida ist unbestritten, dass das Königreich beider Sizilien seit Bestehen, das heisst
seit der Befreiung von den Ungläubigen, ununterbrochen Herrscher aus
dem französischen Königsgeblüt gehabt hat und dass somit selbst
erfolgreiche Kontrahenten stets illegitim bleiben. 17
Vermutlich kurz nach dieser historiographischen Ermunterung zur
Intervention in Italien hat Candida seine Epitome der französischen
Könige verfasst, die in drei Abschriften erhalten ist. Eine liegt in der
Vaticana; 18 die zweite ist ein Charles VIII zugeeignetes Prachtexemplar, dessen verlorengegangene erste Seite wohl vollständig illuminiert
war; 19 der dritte Codex befindet sich auf der Bibliothèque Nationale
und ist weniger vornehm gestaltet, enthält aber doch rot markierte
Überschriften und Majuskeln; vermutlich handelt es sich um Candidas
persönliches Exemplar. 20 Das Werk endet damit, dass nach dem Tode
von Louis XI Anne de Beaujeu die Regentschaft für ihren Bruder
übernimmt; es ist frühestens im August 1484 verfasst, erwähnt doch
Candida, wie er «Sixti pape temporibus» Kritik an kirchlichen Missständen geübt habe – also ist Sixtus IV. zum Zeitpunkt, da die Epitome
verfasst wird, bereits verstorben. Der Neapolitaner schildert weiter, wie
der Papst ihn nach Anzeige durch den Bischof von Ceuta wegen
Majestätsbeleidigung zensiert und seiner Benefizien beraubt, «nuper»
aber in einem Breve wieder in seine Gunst aufgenommen habe, ohne
dass sich Candida deswegen erniedrigt hätte. Bei diesem ungenannten
16
CANDIDA (1486), 459: «… da es [sc. das Reich] keinem anderen Königshaus mehr zukam
als demjenigen, von dem die ersten Könige von Sizilien abstammten».
17
CANDIDA (1486), 471: «Deppuis, doncques, que le royaume de Sicille est commancé tous
ceulx qui jusques aujourdhuy y ont régné de la lignée des roys de France ou vraye ou présumée.»
18
Vat. lat. 7578; ich habe den Text nicht gesehen; nach Auskunft von P. Gilly stimmt er, von
einer vorgestellten geographischen Beschreibung Galliens abgesehen, mit dem Pariser Exemplar
überein.
19
Zu dieser Handschrift, dem Ms. 1038 der Stadtbibliothek von Tours, cf. SAMARAN (1944).
Der Text beginnt dort mitten im Satz auf der jetzigen Frontseite, fol. 1r, praktisch am gleichen Ort
wie in der vollständigen Pariser Handschrift, fol. 2v; die erste Seite in Paris, fol. 2r, hat also der
verlorengegangen Rückseite der Handschrift von Tours entsprochen, womit die Vorderseite für
eine prächtige Illumination frei blieb, in welche vielleicht die Anrede integriert war. Wohl gerade
wegen ihrer Schönheit wurde diese Seite schon früh gestohlen.
20
Nach dieser Handschrift wird zitiert (BNP Lat. 10909).
148
«bonus pontifex» handelt es sich allerdings nicht mehr um Sixtus, sondern um Innozenz VIII., was bisher – sofern die Stelle überhaupt
beachtet wurde – missverstanden worden ist. 21 Und das Breve könnte
durchaus die erwähnte Ernennungsurkunde zum apostolischen Protonotar vom 19. April 1488 sein – sie bemerkt, dass Candida der
römischen Kirche gehorsam ist und betont ausdrücklich mit drei Wendungen, dass die Ernennung «motu proprio» erfolgt ist. Gerade diese
Insistenz weckt Zweifel – vermutlich hat Charles VIII darauf gedrängt,
dass Candida, den er als Gesandten nach Rom schickt, diese Auszeichnung erhält. Und tatsächlich findet sich auch der Beleg, dass Candida
1488, wohl bei derselben Gelegenheit, «à la requeste du Roy» ein
Benefiz in der Provence und im Burgund erhalten hat. 22 Sollte dies den
von Candida erwähnten Schlussstrich unter den Streit darstellen, so
kann man davon ausgehen, dass der Neapolitaner seine Epitome kurz
nach der Rückkehr aus Rom, also in den Jahren 1488 oder 1489 verfasst. Charles VIII ist zu diesem Zeitpunkt achtzehn Jahre alt, darf also
durchaus noch als vielversprechender «adulescens» tituliert werden. 23
Es ist gewiss etwas überraschend, dass die Darstellung mit Annes
Regentschaft abbricht, würde man doch wenigstens einen Hinweis auf
die 1484 erfolgte Salbung des Königs erwarten. Aber die Beaujeu halten auch noch 1488/89 die Machthebel in den Händen, und vermutlich
hat der Italiener es vorgezogen, mit dem Ende der Herrschaft von
Louis XI seine Geschichte ausgehen zu lassen, um nicht die heiklen
und noch offenen Machtkämpfe am Hof kommentieren zu müssen.
Vermutlich schreibt Candida seine Epitome aus eigenem Antrieb;
aber es ist nicht auszuschliessen, dass ein inoffizieller oder gar
offizieller Wettbewerb stattfindet, an dem beispielsweise auch Emilio,
Gaguin und Nicolas Gilles teilnehmen könnten. Candida zeigt, wie ein
humanistisch geschulter Stilist sein Thema angeht, und beweist mit
gekonnten Perioden und einigen eingeschobenen Reden, 24 dass ein
gedrängter Stoff präzise und gefällig dargestellt werden kann. Er
rechtfertigt seine Schrift damit, dass er auf seinen Reisen vor allem
Chroniken zur französischen Geschichte («quas volebam») gesucht und
so Material zusammengetragen habe, das sich teilweise in den bereits
21
CANDIDA (1488), fol. 14v/15; cf. SAMARAN (1944), 185f. und 189, Anm. 1, mit einem nicht
nachvollziehbaren Verweis auf TOURNEUR (1919).
22
Cf. die Dokumente bei STEIN (1928), 237-239.
23
CANDIDA (1488), fol. 2, 5: «adulescens». CATTANEO (1498), fol. 72v, erwähnt den Erwerb
der Bretagne (1490) und die Freilassung von Louis d’Orléans (1491) unter «tua adolescentia».
24
Cf. etwa CANDIDA (1488), fol. 9v, die Rede Chlodwigs.
149
von gelehrten Franzosen verfassten Werken nicht finde; so fliessen an
zwei Stellen persönliche Reminiszenzen des Italieners an Besuche im
Kloster Cassino und in Budapest ein. Andere Quellen der recht
knappen Schilderung lassen sich nicht ausmachen. 25
In der Widmung verkündet Candida, der «divus Carolus» sei ein
Geschenk Gottes nicht nur an die Franzosen, sondern an die ganze
Christenheit, da er die Barbaren zähmen, die Rebellen zum Gehorsam
zwingen und den Gläubigen Friede auf Erden schaffen werde. Der
chiliastische Eindruck dieser Worte wird noch verstärkt durch die
Berufung auf karolingische Orakel und Prophezeiungen über
Charles VIII – der bald so wichtige Mythos eines zweiten Karls des
Grossen ist greifbar. 26 Auch andere Elemente der französischen
Propaganda um 1490 tauchen auf: Anlässlich eines kurzen Exkurses
über die Türken ergeht an den König die dringende Bitte, den Kreuzzug
gegen die Ungläubigen zu unternehmen, aber auch dem Sittenverfall
unter den Christen und insbesondere den Klerikern Einhalt zu
gebieten – Candidas dem Papst zu Ohren gekommene Kritik ist bereits
erwähnt worden. Die Namen der berühmten Vorgänger sollen
Charles VIII zur Tat aufrufen, und entsprechenden Raum nehmen
jeweils deren Kreuzzüge ein, die sie trotz der Obstruktion vor allem der
englischen Feinde immer wieder freudig unternahmen. 27 So
überraschen die traditionellen Beteuerungen kaum, dass die Könige
von Frankreich seit jeher die hervorragenden Beschützer von Kirche
und Religion sind. 28 Auch in jeder anderen Hinsicht ist Frankreich das
glücklichste und mächtigste Land aller Zeiten, und seit Karl dem
Grossen ist es nie mehr so einflussreich gewesen wie unter
Charles VIII. 29 So steht nun das «regnum dilatare» als Dienst für Gott
an, wobei über das Ziel kein Zweifel besteht: Neapel. Die in Des roys
et royaume de Cecille aufgestellte These, wonach das süditalienische
Königreich von den Normannen an über Charles d’Anjou bis zu René
25
CANDIDA (1488), fol. 6v, von den angeblichen Resten Sicambrias: «nuper ipse vidi»; fol. 12
von den Reliquien Karlmanns: «superioribus diebus ipse … vidi». Von seinen Vorlagen spricht
Candida nur in allgemeinen Wendungen wie «nonnulli», «quidam», «omnes».
26
CANDIDA (1488), fol. 2; cf. auch fol. 5. Zum Karlsmythos cf. oben p. 77ff.
27
CANDIDA (1488), fol. 14v; cf. zu den Kreuzzügen fol. 22v-27. Zur Obstruktion durch den
englischen König fol. 24 («dolum»); 26v («simulans»); durch die Aragonesen fol. 26.
28
CANDIDA (1488), fol. 4: «Nec est ambigendum, palmam christiane religionis penes francos
residere, nec dubitandum, quin pro Christiana fide et defensione catholice ecclesie plus ceteris
gentibus decertaverunt.»; cf. fol. 7v: «… unde tamquam ex arce quadam catholice fidei & sancte
romane ec.[clesie] presidio esse possent».
29
CANDIDA (1488), fol. 4v/5.
150
d’Anjou im gleichen Geschlecht verblieben ist, findet sich auch in der
Epitome. 30
Auch abgesehen vom neapolitanischen Zeitbezug ist Candidas
Darstellung mit wenigen originellen Nuancen um grösste Orthodoxie
bemüht: Er beginnt seine Geschichte zwar ungewöhnlicherweise mit
Saturn, dank dem die Franken bis auf das «primordium orbis» zurückgehen, verteidigt dann aber vor allem die trojanische Herkunftssage; 31
deutlich werden die genealogischen Kontinuitäten zwischen Merowingern, Karolingern und Kapetingern unterstrichen. 32 Candidas Rücksichtnahme erstreckt sich nicht nur auf diese neuralgischen Punkte des
königlich-französischen Selbstverständnisses: Karls Traum vom
heiligen Jakobus ist ebenso erwähnt wie Roland, Oliver, Turpin und
Ganelon, aber die Niederlage bei Roncesvalles wird wortlos
übergangen, ebenso etwa die epochalen Niederlagen bei Courtrai oder
Crécy; auch die Bannung von Philippe Ier und der gesamte Konflikt
zwischen Bonifaz VIII. und Philippe le Bel sind übergangen. Andere
Krisen sind sehr knapp behandelt, worauf jeweils glorreiche Herrscher
wie Charles V und Charles VII ihren Auftritt erleben – nicht aber
Jeanne d’Arc, da für Candida offensichtlich allein die Könige
Gegenstand seiner Geschichte sind. 33
Nach Candidas – zutreffender – Einschätzung handelt es sich bei
seinem Geschenk an den König nur um eine kurze Auflistung der
Könige, die zu einem echten Geschichtswerk («res gestae», «facta»)
auszugestalten er gerne demjenigen überlassen werde, der dies
«diligentiori elegantiorique volumine ac stilo» unternehme. 34 Wie aber
die an den Kardinal de Bilhères gerichtete Widmung der wohl 1499
verfassten Cronica regum Sicilie zeigt, eines im Vergleich zu Des roys
et royaume de Cecille recht nüchternen Geschichtsabrisses, hat
Candidas unter Beweis gestellte formale Sicherheit und «ideologische»
Zuverlässigkeit offenbar den Kardinal und Guillaume de Rochefort
30
CANDIDA (1488), fol. 22; cf. fol. 23v, wo Louis VII durch Roger II. von Sizilien,
«consanguineus sui», gerettet wird.
31
CANDIDA (1488), fol. 5v-7v; zum Ursprungsmythos ausführlicher unten p. Fehler!
Textmarke nicht definiert..
32
CANDIDA (1488), fol. 10r/v; 13 (von Pippin): «… quem etiam ex regali quoque francorum
stirpe generatum scirent»; 21v.
33
CANDIDA (1488), fol. 18; 22v; 26v/27; 28-29.
34
CANDIDA (1488), fol. 3: «sorgfältiger und ansprechender in Präsentation und Stil»; cf. fol.
15v: «Ego autem tenuis … non Francorum regum facta perscribere, sed generis seriem, &
successionem attingere, ac potius numerare sum aggressus: aliis qui plus sapiunt istud negotium
relinquens.»
151
veranlasst, den Medailleur selbst um eine neue Bearbeitung der französischen Geschichte anzugehen, die ähnlich den Grandes Chroniques
die überlieferte Tradition zusammenfassen, aber – im Unterschied zu
deren gedruckten Version – auf Lateinisch geschrieben und damit an
ein gebildetes internationales Publikum gerichtet werden sollte. Im
Jahre 1476 ist nämlich Jean Castel von der Abtei Saint-Maur
verstorben, der «conseilleur et chroniqueur du roi»; um seine
Nachfolge hat sich beim Kanzler Pierre d’Oriole unter anderem Robert
Gaguin mit dem Projekt einer lateinisch geschriebenen Geschichte
beworben. 35 Indessen ist es Bilhères-Lagraulas, der Abt von SaintDenis, der vom Kanzler zugestanden erhält, dass die halboffizielle
Aufgabe der königlichen Geschichtsschreibung wieder seiner Abtei
übertragen wird und auch Castels Werke dorthin gelangen: 1482 wird
der Mönch Mathieu Lebrun mit der Aufgabe betraut. 36 Offenbar ist
dieser nicht sehr erfolgreich – wie Candida selbst berichtet, ersuchen
der Abt und der neue Kanzler Rochefort den Neapolitaner, «ut
Francorum historiam, a variis varie conscriptam, meo modo ab origine
contexerem». 37 Für diese Aufgabe sehen sie den «amatorem historiae»
als geeignet an, weil er auf seinen zahlreichen Reisen die Bibliotheken
nach Material zur französischen Geschichte abgesucht hat; sie selbst
helfen ihm dabei, denn dank ihnen bekommt Candida in Rouen alte
Chroniken über die Normannen zu sehen. 38 Im Vorwort der Cronica
regum Siciliae folgt ein Satz, der einige Rückschlüsse auf den
Charakter der italienisch-humanistischen Historiographie in Frankreich
erlaubt:
Quod ego, tametsi Francorum cronice jam accepte vulgo
circumferrentur, et essent qui regio stipendio iddem opus politius
aggressi elaborare pergerent, tamen, voluntati vestre morem gerens,
opus quidem incepi, inceptum vestro [sic; vero] quominus ad exitum
perducerem obitus effecit Cancellarii, et tua Romana profectio, ac
subinde michi non parva ex Neapolitana rebellione secuta calamitas. 39
35
GAGUIN, Epistolae (1476), I, 252-255; cf. auch den Brief an Ambroise de Cambray,
ID. (1479), I, 280f.
36
SAMARAN (1920), 228f.; PORCHER (1922), 322; zu Lebrun cf. SAMARAN (1938).
37
CANDIDA (1499), 472: «… dass ich die Geschichte der Franzosen, von verschiedenen
Autoren verschiedenartig dargestellt, auf meine Art von Anfang an zu einem Ganzen gestalte».
38
CANDIDA (1499), 472f.
39
CANDIDA (1499), 472; das «vestro» muss «vero» heissen, so auch bei CONDERC (1924),
336. «Auch wenn bereits gut aufgenommene Chroniken der Franzosen allgemein zirkulierten und
es Autoren gab, die vom König entlöhnt dasselbe Werk mit mehr Bildung angegangen waren und
fortfuhren es auszuarbeiten, so habe ich dennoch, um euren Wünschen zu willfahren, das Werk
wohl begonnen; dass ich aber das Begonnene zu Ende führte, hinderten mich der Tod des
152
Die folgenden Punkte gilt es festzuhalten:
1. Der Auftrag stammt von zwei der höchsten Würdenträger des
Königreiches; beide sind zudem ex officio für die offizielle Historiographie zuständig.
2. Candida wird – im Unterschied zu anderen – nicht vom König
selbst entlohnt; also sind es höchstwahrscheinlich Rochefort und
Bilhères-Lagraulas, die für seinen Lebensunterhalt aufkommen.
3. Die öfters wiederholte Anfrage gilt einem Italiener, dessen – als
Redner und Sekretär bewiesene – stilistische Sicherheit in der lateinischen Sprache ebenso bekannt ist wie die methodische Zuverlässigkeit, die den Humanisten auszeichnet: Wenn man Candida
glauben darf, so sammelt er auf all seinen Reisen Material zur französischen Geschichte. Sehr wahrscheinlich liegt seinen Förderern bereits
eine kleine Kostprobe vor: die Epitome der französischen Könige.
4. Zum Zeitpunkt, da Candida seine Aufgabe angeht, sind bereits
allgemein geschätzte Chroniken im Umlauf. Vermutlich sind damit die
1477 erstmals im Druck erschienenen Grandes Chroniques gemeint,
von denen die Widmung einer späteren, undatierten Ausgabe besagt,
sie seien aufgrund des «commandement» von Charles VIII gedruckt
worden. 40
5. Gleichzeitig arbeiten andere Autoren mit königlicher Entlohnung
am gleichen Vorhaben. Von den bekannten Historikern kann das in den
frühen achtziger Jahren der Dionysianer Lebrun, allenfalls auch
Nicolas Gilles sein. Gaguin bemüht sich zeitlebens vergebens um
königliche Unterstützung, 41 und Emilio wird sie frühestens nach der
Vollendung seiner Gallica antiquitas von 1488 erhalten. Wenn mit dem
königlichen Stipendiaten Emilio gemeint sein sollte, so hätte Candida
erst um 1490 mit der Arbeit an einem grossen Geschichtswerk
begonnen. 42
Kanzlers, dein Aufbruch nach Rom und wenig später der nicht geringe Schaden, der mir aus der
neapolitanischen Rebellion erwuchs.»
40
Cf. PORCHER (1922), 323, Anm. 3.
41
Cf. die in der Anmerkung 35 erwähnten Briefe und den Kommentar von Thuasne; ausserdem GAGUIN, Epistolae (1501), 289: «nulla principis munificentia provocatus» von seinem
Compendium der französischen Geschichte, im entsprechenden Vorwort von 1501; Gaguin stirbt
im selben Jahr.
42
PONTIERI (1946), 432, schreibt, Candida sei 1482 vom Abt angefragt worden; diese Angabe
beruht jedoch auf einer nur flüchtigen Lektüre von PORCHER (1922), 322, nach dem 1482 wieder
ein Mönch von Saint-Denis «historiographe royal» wird – das ist nicht Candida, sondern Mathieu
Lebrun, cf. SAMARAN (1920), 228; ID. (1938). Dieser Fehler ist Pontieri durchaus zuzutrauen,
lässt er doch auch (ib., 438) den 1444 verstorbenen Bruni seinen Commentarius «posteriormente
al 1450» beginnen.
153
6. Er vollendet jedoch das ihm aufgetragene Opus nicht. Seine
Begründung, sofern sie ernsthaft gemeint ist, lässt auf finanzielle
Schwierigkeiten schliessen, die ihm schon kurz nach Beginn die nötige
Musse rauben. Jean de Bilhères zieht 1491 nach Rom, Guillaume de
Rochefort stirbt 1492, Candidas Verwaltungsarbeit in Neapel lässt ihm
kaum viel Musse, und die «calamitas» im Gefolge der neapolitanischen
Revolte kann durchaus den Verlust von Hab und Gut bedeuten;
vielleicht auch von historiographischen Notizen oder Entwürfen.
Für die französische Historiographie ist also ein stilsicherer Neuerer
gesucht. Candida ist offenbar als erster dazu ausersehen worden, hat
den Auftrag jedoch nicht ausgeführt. Doch andere Italiener stehen
bereit, neben Paolo Emilio auch Alberto Cattaneo.
2. Alberto Cattaneo
Alberto Cattaneo stammt aus Piacenza und hat beide Rechte studiert.
1487 wird er von Innozenz VIII. als Nuntius und apostolischer Kommissar gegen die Waldenser des Val Cluson in der Dauphiné gesandt;
möglicherweise kennt Cattaneo Frankreich bereits von früheren Legationen. 43 Charles VIII unterstützt das Vorhaben ausdrücklich und
entsendet Jean Rabot zur Unterstützung, einen königlichen Rat und
Mitglied des Parlaments von Grenoble, der als Protégé Briçonnets
wenig später zu den entschiedenen Befürwortern der Italienexpedition
gehören und im eroberten Neapel das Amt des Logotheten übernehmen
wird, eines der sieben wichtigsten im Königreich. Damit kommt Rabot
der Vorsitz im «Sacro consilio» zu, dem herrschaftlichen Rat, und bei
der Verwaltung des Landes findet er sich an der Seite von – Giovanni
Candida und Michele Riccio! 44 1487 ist Rabot dagegen der Helfer eines
anderen Historiographen, nämlich Cattaneos, der nach anfänglichen
Schwierigkeiten und dem Einsatz von teilweise massiver militärischer
Gewalt die Häretiker 1488 zur Aufgabe zwingt. 1489 erhält Cattaneo
von Lodovico il Moro ein Benefiz, und 1497 ist er päpstlicher
Protonotar und Mitglied des herzöglichen Geheimrates; in seinen
43
CATTANEO (1494), fol. 68, bzw. ID. (1501), fol. 51, lobt Louis XI in auffallend hohen Tönen
(cf. auch unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.) und schreibt unter anderem von ihm:
«legatos aliunde venientes munifice semper suscepit, nullo non genere honoris & liberalitatis
adhibito».
44
LABANDE-MAILFERT (1975), 194, 350-354; weitere Literatur zu Rabot ausserdem bei
CHARLES VIII, Lettres (1498), III, 323, Anm. 1.
154
Schriften nennt er sich «Archidiaconus Cremonensis». Weiter ist zu
seinem Leben nichts bekannt. 45
Erhalten sind dagegen drei Handschriften mit zwei verschiedenen
Redaktionen einer – titellosen und deshalb in den Katalogen so benannten – De gestis Francorum regum Epitoma. Die erste Handschrift ist
Louis XII zugeeignet; allerdings ist sein Name offensichtlich an allen
Stellen, wo er angesprochen wird, erst nachträglich eingefügt, nachdem
der Name des ursprünglichen Adressaten radiert worden ist: «Carole»,
also Charles VIII. 46 Offenbar ist der Text nach dessen Tod korrigiert
worden – frühestens 1499, denn in zwei Korrekturen ist Georges
d’Amboise erwähnt, und zwar als Kardinal, was er seit Dezember 1498
ist.
Zur Datierung der Niederschrift, die frühestens 1492 erfolgt ist, 47
bieten sich drei Varianten an: Entweder ist die Handschrift knapp vor
dem überraschenden Tod von Charles VIII verfasst und dann spontan
den neuen Verhältnissen angepasst worden; tatsächlich divergiert die
Handschrift der Korrekturen nicht fassbar von der ursprünglichen. Es
könnte sich aber auch um eine Gabe handeln, die bereits 1493 oder
1494 von mailändischer oder päpstlicher Seite dem König zugedacht
ist, jedoch wegen der sich rasch entwickelnden Spannungen – vorübergehend – in einer Schublade verschwindet und mit einigen oberflächlichen Korrekturen erst wieder für Louis XII hervorgeholt wird. Für
diese zweite Möglichkeit spricht, dass die Praefatio wie die Peroratio
vor allem aus einem Aufruf zum Kreuzzug gegen die Türken bestehen,
also das Hauptargument der französischen Propaganda vor 1494
aufnehmen. 48 Auch finden sich verschiedene Ereignisse der ersten
45
Cf. Fr.-Ch. Uginet im DBI XXII, 410-412, mit – wenig – weiterer Literatur.
Cf. CATTANEO (1494), fol. 1 (im ersten Wort scheint das weggekratzte «Carolo» noch
durch); fol. 2 (der Text tritt über den sonst eingehaltenen Rand hinaus, da «Ludovice» zwei
Buchstaben mehr hat als «Carole»); fol. 2v (aus dem gleichen Grund als «Ludoce» abgekürzt);
fol. 3v, 4. Auf fol. 1 ist auch auf die «tuis felicibus auspitijs» erfolgte Bekämpfung der Waldenser
angespielt, was sich nur auf Charles VIII beziehen lässt; das gleiche gilt für die «tua adolescentia»
erfolgte Unterwerfung der Bretagne auf fol. 72v. Im Vergleich des Königs mit Alexander dem
Grossen (fol. 2v) steht an einer radierten Stelle «minori aetate quam tu non sis», während dem viel
jüngeren Charles VIII wohl damit geschmeichelt worden ist, dass er gleich jung sei wie der
Makedone. Ebenfalls neu eingefügt worden ist der Name von Georges d’Amboise an zwei Stellen
auf fol. 4 als ergebener Diener des Königs; vermutlich fand sich zuvor der Name einer Person wie
Guillaume Briçonnet an dieser Stelle.
47
Als eindeutiger Terminus post quem ist bei CATTANEO (1494), fol. 73v, die Eroberung von
Granada (2. Januar 1492) anzusehen; auf fol. 72v findet sich ausserdem ein Hinweis auf die 1491
erfolgte Freilassung von Louis d’Orléans.
48
Cf. CATTANEO (1494), fol. 4: «… ut ipsi etiam Italiae principes depositis simultatibus &
discordiis te venientem non inviti comitentur in opere tam sancto …»; cf. fol. 73v, wo der
Kreuzzugsaufruf unter Hinweis auf die Eroberung Granadas erfolgt.
46
155
Jahre von Charles VIII beschrieben, während Erfolg und Scheitern der
Franzosen in Italien mit keinem Wort erwähnt sind, was bei einer
Redaktion am Ende seiner Herrschaft doch eher überraschen würde. 49
Am wahrscheinlichsten ist daher, dass die Handschrift tatsächlich vor
der Invasion Italiens Charles VIII überreicht und die Korrekturen erst
unter seinem Nachfolger angebracht worden sind. Für ein Ehrengeschenk nehmen sich jedenfalls die zahlreichen, aber letztlich doch
nicht konsequenten Korrekturen nicht gut aus; mindestens die von der
eher schmucklosen Schrift auffällig sich unterscheidenden farbigen
Miniaturen und königlichen Symbole auf der ersten Seite sowie die
goldenen Überschriften sind bestimmt nachträglich aufgemalt. 50 Es ist
auch von anderen Fällen her bekannt, dass Louis XII auf seinen Vorgänger gemünzte Darstellungen oder ihm gewidmete Texte zu seinen
Gunsten abgeändert hat. 51 Demnach hat Cattaneo sein Werk vermutlich
in den Jahren 1492/93 verfasst – vielleicht im Auftrag des Papstes, der
in diesen Jahren den französischen König wiederholt zum Krieg gegen
die Türken, aber auch gegen Ferrante in Neapel auffordert. Da Cattaneos Vorlagen mindestens teilweise ungedruckte französische Texte
sind, ist es sehr gut möglich, dass der Archidiakon zur Zeit der Abfassung oder auch deutlich länger in Frankreich oder direkt am Hof
gewirkt hat.
Cattaneo beginnt sein Werk mit den üblichen humanistischen Captationes: Frankreich sei zwar an Heldentaten und Ruhm selbst der Antike
nicht unterlegen, doch sie zu verkünden hätten bisher die solchen
Leistungen ebenbürtigen «scriptores» gefehlt; auch er, Cattaneo, könne
49
Bei CATTANEO (1494), fol. 74, findet sich zudem: «nunc Italia omnis pacata est», was viel
eher für 1493 als für 1498 gilt; auch die bewundernden Worte zu Frankreichs militärischer Macht
und die Klage über Italiens innere Zerrissenheit auf fol. 5 entsprechen eher der Zeit vor Fornovo.
Auf fol. 68 ist Charles VIII als «adulescens» bezeichnet, was auch eher auf die früheren
Herrschaftsjahre verweist. Schliesslich folgt die weiter unten besprochene zweite Redaktion,
CATTANEO (1501), fol. 53, der ersten fast wörtlich bis zu deren Ende, der Eroberung der Bretagne,
und führt dann selbständig weiter bis zum Tode von Charles VIII; diese neue Passage beginnt mit
der am 6. Dezember 1491 erfolgten Hochzeit des Königs mit Anne de Bretagne. Vermutlich ist die
erste Redaktion recht bald nach dieser Hochzeit (und der Eroberung von Granada im Januar 1492)
entstanden.
50
Die Illuminierung umrahmt den Text auf der ersten Seite, ohne ihn wirklich zu integrieren;
neben Blumen sind ein Königshaupt und das Lilienwappen dargestellt. Links oben befindet sich
eine Jahresangabe, wahrscheinlich «1547»; falls dies das Datum der Ausmalung ist, so wäre sie
bei der Eingliederung der orleanschen Bibliothek in die königliche erfolgt.
51
Cf. THIBAULT (1989), 41: «Le sentiment de propriété de Louis XII s’est donc exercé sur un
bon nombre de manuscrits réalisés antérieurement à son règne, sans que nous soyons en mesure de
donner la raison de ces initiatives parfois dommageables pour des manuscrits irrémédiablement
altérés.» Cf. ib., 36, 42; auf p. 40, ist vermerkt, dass auch die ursprünglichen Besitzerinsignien der
von Louis de Bruges übernommenen Handschriften «sans aucun soin et même avec une singulière
hâte» auf Louis XII abgeändert worden sind.
156
sie nicht alle schildern, wolle aber einige kurz darlegen, damit der
König seinen einheimischen Vorbildern im Kampf gegen die
Ungläubigen folgen könne. 52 Damit ist die gleiche Absicht proklamiert
wie schon bei Candida: Kreuzzugspropaganda anhand geschichtlicher
Vorbilder und stilistische Verbesserung der historiographischen
Vorgänger.
Die Hauptquelle 53 für Cattaneos Werk ist die weitgehend ungedruckte Historia Francorum des Yves de Saint-Denis, ein Philippe V
1317 überreichtes Compendium der französischen Geschichte. 54 Möglicherweise kennt Cattaneo eine später fortgesetzte Version, denn seine
Darstellung führt ja bis zur Herrschaft von Charles VIII. An den wenigen Orten, wo der Italiener ausdrücklich auf seine Vorlage verweist,
spricht er allerdings nur von einem «Egidius abbas» – damit ist Gilles
de Pontoise gemeint, der Abt von Saint-Denis, welcher Yves den
Auftrag zur Niederschrift Historia Francorum erteilt und selbst den
Widmungsbrief an König Philippe V verfasst. 55 Die Adaption des
Humanisten ist charakteristisch: Die mittelalterliche Chronik ist voll
von dionysianischen Wundergeschichten, die der Humanist fast
vollständig eliminiert; die wenigen erhaltenen finden sich am Anfang
des Werkes und gehören zu den eindeutigen Beweisen, dass Cattaneo
Yves als streckenweise ausschliessliche Vorlage übernimmt, kürzt,
52
CATTANEO (1494), fol. 1v.
In der Handschrift BNP Lat. 5938, dem einzigen Exemplar von CATTANEO (1494), findet
sich zwischen fol. 10v und 11 ein eingefügtes Blatt von späterer Hand, wonach sich in den
Mémoires von Pierre Pithou, Registre Champagne et Brie, ein Auszug aus einer «chronique prise
des mémoires de la chambre des Comptes» finde; Cattaneo habe diese in besseres Latein umgesetzt und als sein Werk der Anne de Bretagne zugeeignet. Es folgt ein kurzer lateinischer Auszug,
die Jahre um 1160 betreffend. Dieser stammt nicht aus den gedruckten Werken Pithous, sondern
aus einer Origo regum (cf. dazu oben p. 124), wie sie tatsächlich in Rechnungskammern aufliegen;
cf. etwa BNP Lat. 5849, fol. 180. Dieser Auszug hat aber mit dem zeitlich entsprechenden
Abschnitt in der Anna gewidmeten Handschrift nichts zu tun, cf. CATTANEO (1498), fol. 32v.
54
Das Widmungsexemplar ist möglicherweise das MS Lat. 13836 der BNP, das jedoch erst
mit der Herrschaft Dagoberts einsetzt; das einzige vollständige Exemplar ist BNP Lat. 5286, aus
dem im folgenden zitiert wird. Cf. zum Werk DELISLE (1864); für einen oberflächlichen Vergleich
der beiden Autoren lassen sich auch die bei BOUQUET (1738), XX, 45; 540, und XXI, 201-211,
abgedruckten Auszüge aus Yves verwenden (über Louis IX, Philippe III und Philippe le Bel); cf.
zu Philippe IV CATTANEO (1494), fol. 61v: «quod Dan appellatur»; BOUQUET (1738), XX, 209:
«qui dicitur Dan»; CATTANEO (1494), fol. 63, Tod und Charakteristik von Philippe IV mit
BOUQUET (1738), XXI, 205.
55
Am Anfang von YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 1, steht die Epistola Abbatis Egidii ad
regem …, weshalb Cattaneo – wie auch noch spätere Kommentatoren – im Abt den Verfasser
gesehen hat; der Brief ist abgedruckt bei DELISLE (1864), 361. CATTANEO (1494) erwähnt
«Egidius» auf fol. 13 als Zeuge für den von Gunthchram gefundenen Schatz; cf. YVES DE SAINTDENIS (1317), fol. 133; ausserdem auf fol. 14v, 16, 26v und 31v, cf. YVES DE SAINT-DENIS (1317),
fol. 134, 154v, 171v, 174r/v.
53
157
strafft und in ein ansprechendes Latein versetzt.56 Der Inquisitor scheint
nicht grundsätzlich skeptisch gegen Mirakel oder gar die
mittelalterliche Tradition eingestellt zu sein, berichtet er doch nach
seiner Vorlage etwa eine wunderbare Wasserschöpfung Karls des
Grossen aus einem Berg oder – allerdings mit einem «sunt qui
scribant» relativiert – Rolands Tod sowie Karls Kreuzzug; 57 aber der
Italiener vermeidet die Verklärung der dionysischen Abtei und sieht als
seine Helden eindeutig und ausschliesslich die Könige von Frankreich.
Neben ihren Taten findet sich häufig abschliessend auch noch eine
zusammenfassende Würdigung von Charakter und Wesen; solche
positiven Bewertungen sind typisch für Yves und werden von Cattaneo
regelmässig und ohne inhaltliche Korrekturen übernommen, fehlen
hingegen in den Grandes Chroniques und anderen französischen
Werken. Auch die für die Legitimität der herrschenden Dynastie
wichtige und von Yves ausführlich dargelegte Rückführung der Kapetinger auf Karl den Grossen findet sich – unwesentlich kürzer – bei
Cattaneo. 58 Der Humanist geht aber bei seiner Verklärung der französischen Könige noch über den Mönch hinaus, indem er viele wenig
ruhmvolle Details kaschiert: Die Gefangennahme Ludwigs des
Frommen durch seinen Sohn Lothar sei zwar von einigen geschildert,
die entsprechende Überlieferung jedoch sehr widersprüchlich, «ut
postquam maiore veritatis necessitate non urgemur, eam [sc. tantam
rem] libeat praeterire». 59 Im Unterschied zu Yves übergeht Cattaneo
vollständig die Bannung von Philippe Ier, den er im Gegenteil als
«unicum ecclesiae Romanae fortissimum acerrimumque defensorem»
lobt; ähnlich ist Louis VII das «solitum romanae ecclesiae tutamen»,
was bei Yves fehlt, der jedoch seinerseits den Streit mit Innozenz II.
56
Cf. die sonst nirgends belegte Geschichte von der Heilung des Papstes Stephan II. in SaintDenis bei YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 168r/v, und bei CATTANEO (1494), fol. 22v; ausserdem
die auch in den Grandes Chroniques überlieferten Gründungslegenden um Dagobert sowie das
Saint-Denis von Pippin gestiftete Goldband: YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 134-141; 169;
CATTANEO (1494), fol. 15-17; 24v.
57
CATTANEO (1494), fol. 26v: «silentio praeterire indignum putavi quod tradit Egidius
Abbas …»; cf. YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 171v; ähnlich auch in CATTANEO (1501),
fol. 17. Roland und Kreuzzug bei CATTANEO (1494), fol. 27; 30v (bzw. ID. [1501], fol. 17v, 18v);
cf. YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 195v/196, 198.
58
CATTANEO (1494), fol. 36-37; cf. das Kapitel bei YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 195r/v:
«Quomodo iste hugo de progenie karoli magni descendit et quod regni non fuerat usurpator». Bei
CATTANEO (1494), fol. 17v/18, auch die Rückführung der Karolinger auf die Merowinger; cf.
YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 165.
59
CATTANEO (1494), fol. 33v: «… so dass es erlaubt ist, diese ungeheuerliche Angelegenheit
zu übergehen, nachdem wir ja nicht durch die gewichtigere Verpflichtung der Wahrheit gedrängt
werden».
158
wegen des Erzbistums Bourges nicht verschweigt. 60 Andererseits fügt
der Italiener auch ausführliche Passagen in die auf Frankreich
konzentrierte Vorlage ein: Dort ist der erste Kreuzzug in zwei Sätzen
abgetan, bei ihm auf über zehn Seiten ausführlich dargestellt; Yves
befasst sich weder mit dem Kreuzzug von Philippe Auguste noch mit
demjenigen von 1204 – prompt fügt sie Cattaneo in umgekehrter
Reihenfolge in die Darstellung ein, weil er offenbar den dritten
Kreuzzug zu Unrecht mit der Expedition gegen Damiette von 1218 in
Zusammenhang bringt. 61 Für solche Ergänzungen seiner Hauptvorlage
greift Cattaneo – ohne diese Quelle je zu erwähnen – auf Biondos
Dekaden zurück: Aus ihm stammen die Schilderungen der Kreuzzüge,
aber auch die Exkurse zu den Unterdrückern Italiens, Mohammedanern
und Langobarden, sowie die umfangreichen, die eigentliche
französische Geschichte häufig in den Hintergrund drängenden
Darstellungen von Normannen und Anjou, welche in Süditalien die
Kaiser bekämpfen, während die Päpste bei ihren natürlichen Verbündeten, den französischen Königen, stets Asyl und Hilfe finden. Auch
die italienischen Expeditionen Karls des Grossen stammen aus Biondo,
und derselbe liefert sogar Stoff für die eigentlich französische
Geschichte – die Schlacht von Bouvines ist ebenso aus ihm abgeschrieben wie der Albigenserkreuzzug. 62 Der Wechsel der Vorlage
verrät sich auch in stilistischen Details: Auf den Kreuzzügen werden
aus den «Franci», wie sie nach Yves sonst überall heissen, plötzlich
«Galli», und die wenigen präzisen Jahresangaben finden sich in
Passagen aus Biondo, da der Dionysianer keine liefert. 63 Im Unterschied zu Yves schreibt Biondo auch ein gepflegtes Latein, so dass ihn
Cattaneo ohne grosse Variationen kopieren kann. Damit ist auch seine
eher hastige Kompilation ein Beweis für das Bedürfnis nach einer
stilistischen Erneuerung in der Historiographie über Frankreich.
60
CATTANEO (1494), fol. 45: «einen einzigartigen, äusserst wackeren und mutigen Verteidiger
der römischen Kirche»; 46: «der gewohnte Schutzwall der römischen Kirche». Cf. dagegen YVES
DE SAINT-DENIS (1317), fol. 198; 199v. Die Zerstörung von Vitry fehlt bei beiden Autoren.
61
CATTANEO (1494), fol. 40-45 (1. Kreuzzug), endet mit «Sed ad Philippum redeo …»; 48-50v
(4. Kreuzzug); 51v-52v (3. Kreuzzug). Der 1. Kreuzzug bei YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 198.
62
Beim Einzug Karls in Rom erwähnt CATTANEO (1494), 25, den «Bibliothecarius», fasst
dabei aber nur eine Stelle zusammen, in der BIONDO (1453), 157, diesen zitiert und diskutiert. Cf.
CATTANEO (1494), fol. 16v/17 (Mohammedaner); 21v/22 (Langobarden); 37v-38v (Normannen);
40-45 (1. Kreuzzug); 51v (Bouvines); 53 (Albigenser); BIONDO (1453), 123; 100; 193ff.; 273; 275.
63
Die erste Jahresangabe bei CATTANEO (1494), fol. 38v (Eroberung von Palermo 1073);
weiter fol. 44v (1099); cf. BIONDO (1453), 197; 226; «Galli» etwa bei CATTANEO (1494), fol. 51v
(Bouvines); cf. BIONDO (1453), 275.
159
Daneben ist aber auch die gewandelte politische Intention aufschlussreich: Hat Yves das französische Königtum in seiner Symbiose
mit der nationalen Repräsentantin der Kirche, der Abtei von SaintDenis, gezeigt, so betont Cattaneo die kontinuierlich engen Bande
zwischen den französischen Königen und der Kurie in Rom. Damit
postuliert er allerdings keinen Primat oder gar die Befehlsgewalt des
Papstes über Frankreich, sondern er versucht, Charles VIII mit dem
Hinweis auf die entsprechenden Taten seiner Vorfahren zu einem
Kreuzzug gegen die Türken und für die «labens ecclesia» und die
«orthodoxa fides» zu mobilisieren, wie er die Art der französischen
Könige sei. 64 Nur sie seien dazu imstande – die unglückseligen «seditiones intestinae» halten die Italiener davon ab, ihr Potential auszuspielen, während etwa die Engländer sich bei Cattaneo wie schon bei
Candida nur darin hervortun, dass sie die frommen Taten der Franzosen
sabotieren. 65 Die Verklärung der Franzosen macht nicht davor Halt, die
spätantiken Franken zu Vorkämpfern der Freiheit gegen das Joch Roms
zu stilisieren und bei der Behandlung von Karl Martell die schlechte
Überlieferung zu bedauern, während die Antike viele Bücher auf die
Dummheit eines Alexander, Xerxes oder Dareios verschwendet habe,
denen er an militärischen Tugenden in nichts nachstehe. 66 Cattaneo
entfernt sich also sehr weit vom gängigen Italien-, Rom- und
Antikenkult seiner humanistischen Landsleute. Nur ein Bündnis mit
den als übermächtig erkannten Nachbarn vermag seine Heimat zu
retten; gleichsam programmatisch für Cattaneos Anliegen ist damit die
Schilderung vom Empfang für Karl den Grossen in Rom, welche eine
Passage Biondos weiter ausbaut:
Jurarunt mutuo Pontifex & Carolus, Romani & Franci perpetuam se
amicitiam servaturos, et communes eorum hostes fore, qui alteram
partem lacessissent. 67
64
CATTANEO (1494), fol. 1v; ausser bei den erwähnten Philippe Ier und Louis VII finden sich
Ketzerbekämpfung und Kirchenschutz auch bei Chlodwig (fol. 11), Childebert (fol. 14), Karl
Martell (fol. 21v), Karl dem Grossen (passim), Ludwig dem Frommen (fol. 33v), Louis VI (fol. 45v:
«peculiare pontificum romanorum subsidium»).
65
CATTANEO (1494), fol. 5 (Italien), 63v (Edward III).
66
CATTANEO (1494), fol. 9; 22 (Karl Martell); zu ihm auch ID. (1501), fol. 13v; cf. zu den
spätantiken Franken unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
67
CATTANEO (1494), fol. 25: «So schworen sich gegenseitig der Papst und Karl, die Römer
und die Franken/Franzosen, ewige Freundschaft zu halten und diejenigen zu gemeinsamen
Feinden zu haben, welche einen von beiden belästigen würden.» Bei BIONDO (1453), 157, nur:
«… mutuo se Romani Francique sacramento servandae perpetuo amicitiae obstrinxerunt».
160
Karl der Grosse hat Italien und die Kirche nach der Völkerwanderung wieder aufgerichtet; ihn zeichnen alle kriegerischen Tugenden
der antiken Helden von Hannibal bis zu den Caesaren und die
friedliche Verwaltung eines Trajan und Antoninus Pius aus, ihm allein
hat die Natur alle Gaben des Geistes und des Körpers gehäuft
übertragen. 68 Offenbar ist in Karl noch vor den anderen französischen
Königen das Vorbild für seinen Nachfolger und Namensvetter
Charles VIII zu sehen; damit drückt auch Cattaneos Schrift das
interventionistische Anliegen eines Candida aus. Selbst dessen Klage
über den Zustand der Kirche ist dem päpstlichen Archidiakon nicht
ganz fremd: In einer Apostrophe wendet er sich an Ludwig den
Frommen, dessen Kirchen- und Klosterreformen in der Gegenwart not
täten. 69
Diese Feststellung richtet sich an Charles VIII, mit dessen Herrschaft
das Werk endet und in die abschliessende Aufforderung zum Kreuzzug
überleitet. Der König ist als «vera francorum regum soboles»
vorgestellt, voll ererbten Glaubenseifers, in dem er seine Vorfahren
noch übertreffen werde. 70 Als Beispiel dafür dient Cattaneo seine
eigene Mission gegen die ketzerischen Waldenser in der Dauphiné –
vermutlich schreibt er in diesem ausführlichen Exkurs einen eigenen,
früheren Bericht an die Kurie ab. 71 Nun warten aber neue Ziele, das
heilige Jerusalem soll erobert, der Islam besiegt werden, wie es die
Spanier und Portugiesen im Westen vorgemacht haben; neben diesen
fremden Konkurrenten listet Cattaneo abschliessend die in seinem Sinn
wichtigsten französischen Herrscher noch einmal auf, also alle, die
gegen die Ungläubigen gefochten haben.
Wie erwähnt lässt es Cattaneo nicht bei dieser Epitoma bewenden;
eine zweite und über weite Strecken auch inhaltlich unterschiedliche
Redaktion ist erhalten, und dies in zwei inhaltlich marginal divergierenden Codices. Der erste ist Anne de Bretagne gewidmet, der Gattin
von Charles VIII und später von Louis XII. Es ist eine schön illuminierte Handschrift mit den Wappen Frankreichs und der Bretagne auf
68
CATTANEO (1494), fol. 25v: «… summo beneficio Caroli Italia se primum erexit …
admirandum putem, quod … relictoque domestico bello, rem suam neglexerit, ut Italiam ecclesiamque romanam … liberaretur …». Cf. ib., fol. 31v/32; ebenso ID. (1501), fol. 19v.
69
CATTANEO (1494), fol. 33v: «Utinam nunc Ludovice viveres, indiget ecclesia tuis sanctissimis institutis, tua censura …». Im Unterschied zu Candida verzichtet Cattaneo jedoch auf jede
Kritik am Papst selbst.
70
CATTANEO (1494), fol. 68v.
71
CATTANEO (1494), fol. 68v-72; ausserdem identisch bei DE’ CONTI (1512), I, 300-309, der
erwiesenermassen die päpstlichen Archive benutzt hat.
161
der ersten Seite; die Initialen der Königsnamen am Kapitelanfang
schliessen jeweils ein Herrscherporträt ein. Auch in diesem Codex ist
der Name «Carolus» wegradiert, wo er sich in der Widmung findet, und
mit «Ludovicus» ersetzt worden. 72 Wahrscheinlich hat der Archidiakon
bereits kurz nach der Übergabe der ersten Redaktion eine gekürzte
Fassung («in brevi quasi tabella») 73 für die Königin hergestellt, so dass
diese beiden Codices gleichsam ein Paar gebildet haben. Das erklärt
wohl auch die nachträgliche Korrektur des Namens in beiden Handschriften – Louis XII würde nicht nur durch eine staubige Handschrift
in seiner Sammlung, sondern auch durch ein schön illuminiertes Buch
im Besitz seiner Frau daran erinnert, dass sie wie die Krone eben erst
noch einem anderen gehörten.
Die Vorrede an Anne enthält ebenfalls die Aufforderungen zum
Kreuzzug, wie sie an Charles VIII gerichtet worden sind; ihr wird
zudem das Vorbild von Chrodechilde und Blanche vorgehalten, die ihre
Gatten und Söhne zum Kampf gegen die Falschgläubigen angetrieben
hätten. Offenbar ist Annes Exemplar aber nachträglich ergänzt worden,
vielleicht gleichzeitig mit der Abänderung von «Carolus» in
«Ludovicus». Nach der Schilderung der Besetzung von Arras durch
Maximilian (November 1492) wechselt nämlich die Tintenfarbe; die
neue ist jedoch auch verwendet, um teils recht auffällige Korrekturen
im vorangehenden Text anzubringen. Der Text ist mit der gleichen
gepflegten Handschrift weitergeführt bis 1498, dem Todesjahr von
Charles VIII. 74
Die andere Abschrift der zweiten Redaktion ist offensichtlich eine
Kopie von Annes Codex, denn die Tinte ist nicht gewechselt, und die
Fehler sind bereits im Text korrigiert. Der Codex, ursprünglich in
blauen Satin gebunden, ist in Schrift und Schmuck ebenfalls sehr
gepflegt. Eine farbige Majuskel markiert jeweils den Kapitelanfang; die
erste Seite ist – nicht nachträglich, sondern von Anfang an – mit dem
farbigen Wappen von Georges d’Amboise geschmückt. Aus seiner
Bibliothek stammt auch die Handschrift, 75 und ihm ist sie von Cattaneo
zugeeignet, dem Kardinal von Rouen und apostolischen Legaten für
Frankreich, einem seit Jahrzehnten ergebenen Freund und Berater von
Louis d’Orléans, der 1498 als Louis XII die Herrschaft angetreten hat.
72
CATTANEO (1498), fol. 1.
CATTANEO (1498), fol. 1: «gleichsam in einer kurzen Tabelle».
74
CATTANEO (1498), fol. 1r/v (Chrodechilde, Blanche); 56v (Korrekturen).
75
Cf. DELISLE (1868), I, 246; die Handschrift ist im Katalog von 1508 verzeichnet, der Bücher
von Georges d’Amboise auflistet.
73
162
Der Kardinal organisiert persönlich die französische Verwaltung von
Mailand, sowohl nach der ersten Eroberung von 1499 als auch nach der
zweiten von 1500; bis zu seinem Tod 1508 ist er neben dem König die
wichtigste Person am Hof und einer der herausragenden Akteure auf
der italienischen Halbinsel. Aus den Angaben im Vorwort, welche auf
die Schlacht von Novara, die apostolische Gesandtschaft von
d’Amboise und das von ihm vermittelte Bündnis mit Maximilian anspielen, lässt sich der Text recht eindeutig auf 1501 datieren. 76
Demnach hätte der Archidiakon noch vor der Italienexpedition eine
erste, relativ schmucklose Kompilation aus Yves de Saint-Denis und
Biondo Charles VIII überreicht (BNP Lat. 5938). Mit diesem vor
Augen, aber nach starker Überarbeitung, möglicherweise auch
aufgrund von Hinweisen französischer Leser oder Zensoren, hätte er
wenig später eine gekürzte Fassung «ad usum reginae» in einem schön
illuminierten Codex angefertigt und diese nachträglich noch bis 1498
fortgesetzt (Arsenal 1096). In diesen beiden Handschriften hätte
Louis XII seinen Namen an die Stelle seines Vorgängers setzen lassen.
1501 hätte Cattaneo den zweiten Text noch einmal abgeschrieben und
Georges d’Amboise überreicht, in der einzigen korrekturlosen Fassung
(BNP Lat. 5939).
Cattaneo schildert in seiner Vorrede an d’Amboise, wie er die
bewundernswerten Taten der französischen Könige gelesen habe, die
jedoch «nullo orationis flore & compositionis elegantia diffuse nimis»
verfasst gewesen seien. 77 Daher habe er beschlossen, den reichen Stoff
in einem knappen Compendium zusammenzufassen, denn es sei nützlicher und lobenswerter, wenig Formvollendetes im Gedächtnis zu
behalten als viel zu lesen, um es alsbald zu vergessen. 78 Im Unterschied
zu den früheren beiden Handschriften spricht der Verfasser also nur
von seinem stilistischen Anliegen – es handelt sich nicht mehr um
einen Kreuzzugsaufruf.
76
CATTANEO (1501), fol. 2: «Superiore anno helvetiorum motus tua prudentia mirabiliter
compescuisti …» gilt bestimmt für die Schlacht von Novara von 1500; die Aussöhnung mit
Maximilian erfolgt 1501, ebenso die Ernennung zum apostolischen Legaten für Frankreich.
Letztere ist ausser im Titel zwei Mal erwähnt, was darauf schliessen lässt, dass sie eben erst erfolgt
ist. CATTANEO (1501), fol. 3, scheint d’Amboise jedoch schon von früher zu kennen: Er erwähnt
die «humanitas et clementia», welche der Kardinal ungeachtet seiner Erhöhungen seit der Zeit an
der «ticinensis academia» (also der Universität von Pavia) bewahrt habe, und lobt ihn auch als
Förderer der Literaten.
77
CATTANEO (1501), fol. 1: «ohne rhetorischen Schmuck und hinsichtlich der Gestaltungskunst allzu ausschweifend».
78
CATTANEO (1501), fol. 1r/v.
163
Cattaneo hat offenbar für seine zweite Redaktion eine neue – uns
unbekannte – Vorlage zur Hand, aber ebenso sein erstes Werk, das er
stellenweise wörtlich abschreibt. Die zweite Redaktion – inhaltlich in
der Ausgabe für Anne und für d’Amboise praktisch identisch – ist
konventioneller, das heisst formal in der französischen Tradition, aber
sorgfältiger und besser strukturiert als die erste. Jeder König erhält sein
meist kurzes Kapitel, in dem auch Herrschaftsantritt und -dauer
vermerkt sind, dazu, wie bereits im früheren Text, eine persönliche
Charakterisierung. Der Inhalt ist gestrafft und auf Frankreich konzentriert – es fehlen die meist von Biondo stammenden langen Exkurse zur
italienischen oder gesamteuropäischen Geschichte. 79 Dagegen finden
sich einige Begebenheiten neu, die in der ersten Redaktion wohl
absichtlich übergangen worden sind: so die wenig ruhmvollen Taten
von Fredegunde und Brunhilde, die Eheschwierigkeiten von Philippe Ier
und Louis VII oder der Wahnsinn von Charles VI. 80 Zuweilen finden
sich in weitgehend übernommenen Passagen einzelne sinnvolle
Korrekturen oder Umstellungen. 81
Im einzelnen unterscheidet sich besonders die Behandlung der französischen Anfänge, auf die später zurückzukommen ist. 82 Was das
Verhältnis der beiden späteren Codices zum früheren für Charles VIII
betrifft, so sind die Formulierungen bis zu den frühen Kapetingern
teilweise fast identisch; grössere Abweichungen kommen vor allem bei
den späteren Merowingern mit Ausnahme Dagoberts vor. 83 Die Kreuzzüge sind in der zweiten Redaktion knapper geschildert, aber immer
noch viel ausführlicher als bei Yves; auch hier ist der dritte falsch
79
Besonders deutlich zeigt sich dies beim – von Biondo übernommenen – Exkurs über
Mohammed: CATTANEO (1494), fol. 16v/17, fügt ihn nicht ungeschickt ein, nachdem er von
angeblichen Kontakten Dagoberts mit dem von den Mohammedanern bedrohten Ostkaiser
Herakleios handelt, um dann mit «sed ad Dagobertum redeamus» die Darstellung wieder aufzunehmen; CATTANEO (1501), fol. 9v, stimmt beinahe wörtlich überein, lässt aber den Exkurs aus
und kann so auch auf die entsprechende Überleitung verzichten. Cf. auch ID. (1494), fol. 35v
bzw. 55, und ID. (1501), fol. 24 bzw. 38, jeweils mit oder ohne Exkurs zu den Normannen bzw.
Friedrich II.
80
CATTANEO (1501), fol. 7-8v; 29v; 32v; 47v; beim Konflikt zwischen Ludwig dem Frommen
und seinen Söhnen (fol. 21) fehlt ausserdem der oben bereits erwähnte, verbrämende Satz von
CATTANEO (1494), fol. 33v.
81
Cf. CATTANEO (1501), fol. 13v («Sed dolendum est …»); 39v («provincias non expilandi
causa …»); 49v (Erwerb des Roussillon vor der «Guerre du bien public») mit ID. (1494),
fol. 21v/22; 60; 68.
82
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.. Auch der einzige inhaltliche Unterschied
zwischen dem Codex für Anne und dem für Georges d’Amboise findet sich in den Anfängen: In
der spätesten Fassung fehlt der zuvor noch erwähnte «Priamus» als erster König.
83
Auffallend unterscheidet sich allein die sehr negative Schilderung von Charles le Chauve in
CATTANEO (1501), fol. 22v, von ID. (1494), fol. 34v-35v.
164
lokalisiert. Die beiden Geschichtswerke beginnen mit Philippe III
stärker zu differieren, dessen Taten im revidierten Text viel
ausführlicher geschildert sind, ebenso das Wirken von Königen, die bei
Yves de Saint-Denis nur kurz oder gar nicht beschrieben worden
waren, so Charles IV, Philippe V, Jean II, Charles V bis VII. Bei ihnen
allen beschränkte sich die erste Redaktion auf einige eher zufällige
Kenntnisse des Hundertjährigen Krieges oder auf gesamteuropäische
Phänomene wie das Schisma; die zweite übernimmt solche allgemeineren Passagen, fügt aber französische Fakten im engeren Sinn hinzu –
so nimmt die Herrschaft von Charles VII ursprünglich eine halbe Seite
ein, später jedoch fast zwei. Dagegen ist die zuvor sehr detaillierte
Beschreibung der Taten von Louis XI und Charles VIII stellenweise
gekürzt und straffer aufgebaut, wenn sie auch in den einzelnen Formulierungen noch weitgehend der ersten folgt.
Cattaneo geht also in seiner zweiten Redaktion vorwiegend von
seinem ersten Text aus, ist jedoch deutlich sorgfältiger bei der Überarbeitung. Er wirft einige der von Biondo übernommenen Exkurse hinaus
und fügt neuen Stoff dort hinzu, wo er zuvor Lücken gehabt hat. Der
gesamte Umfang nimmt trotz der neuen Informationen deutlich ab,
etwa um ein Drittel, weil konsequent auf eine straffe und geradlinige
Darstellung geachtet wird. Stilistisch gepflegt und inhaltlich auf Frankreich konzentriert, stellt die zweite Redaktion Cattaneos eine kaum
mehr als sprachliche Revision der herkömmlichen französischen
Königslisten dar. Die erste Redaktion hingegen weist bei aller
Zerfahrenheit den Weg, den Paolo Emilio voluminös zu Ende gehen
wird: die reiche Ausgestaltung der französischen Überlieferung mit
italienischen oder von Italienern aufgearbeiteten Geschichtswerken und
humanistischer Rhetorik.
Cattaneos Werk kennt offenbar einen gewissen Erfolg; davon zeugen
nicht nur die drei schönen Handschriften, sondern auch die Rezeption
in Italien wie in Frankreich, von der noch einige Spuren fassbar sind. 84
Allerdings richtet sich das Augenmerk schon früh auf die Waldenserexpedition, für die der Archidiakon bis heute die wichtigste erzählende
Quelle darstellt; was die Geschichte von Frankreich anbetrifft, so liegen
bereits in Cattaneos Zeit umfassendere Werke gedruckt vor, darunter
auch eines in ansprechendem Latein: das 1495 erstmals gedruckte
Compendium des Robert Gaguin.
84
Cf. ausser dem erwähnten DE’ CONTI (1512), I, 300-309, auch den Hinweis auf vermutlich
handschriftliche Werke bei ALLARD (1852), 38f.
165
3. Die Gaguin-Rezeption in Italien
a. Michele Riccio
Im Unterschied zu den anderen hier behandelten italienischen Historikern kommt Michele Riccio erst durch den Einfall von 1494 mit dem
französischen Hof in Berührung. 85 Er wird etwa 1445 in Neapel als
Sohn vornehmer Eltern geboren; seine Ausbildung verdankt er Pietro
Summonte, dem Hauptschüler von Giovanni Pontano, des führenden
neapolitanischen Humanisten und Vertrauten der Aragonesen. 1487
erlangt Riccio einen Lehrstuhl für Jurisprudenz an der Universität von
Neapel, und unter Ferrante dient er als Leiter der königlichen Münzprägung und bei der Steuerverwaltung der Krondomäne. Dieses Amt
behält er auch unter Charles VIII; dazu wirkt er als Advokat beim von
Jean Rabot präsidierten «Sacro Consiglio», unter dessen zwölf Räten
als einziger Einheimischer der erwähnte Pontano sitzt, welcher sich
ebenfalls auf die französische Seite geschlagen hat. An der Seite
Candidas wirkt Riccio an vorderster Stelle bei der Verwaltung des
Königreichs, so dass er beim antifranzösischen Umsturz 1495 gefangengenommen wird. Es gelingt ihm jedoch zu fliehen, und im Februar
1496 stösst er nach abenteuerlichen Umwegen wieder zu Charles VIII.
Riccio wird Freund und Berater von Louis XII, unter dem er im französischen Justiz- und Verwaltungsapparat Karriere macht. Seit 1497 sitzt
er als «Conseiller» im burgundischen Parlament, 1501 wird er
Präsident des soeben von Louis XII gegründeten Parlaments der
Provence, und 1504 nimmt der Neapolitaner Einsitz im wichtigsten
Parlament, demjenigen von Paris, wo er ab dem 11. Dezember 1506
«Maître des requêtes» ist, Vorsteher des obersten Kassationsgerichts.
Spätestens 1503 ist er zudem im «Conseil du roi» belegt, dem höchsten
Beratergremium des Königreiches – eine für einen Ausländer aussergewöhnliche Ehre, weshalb sich Riccio fortan auch stolz als «conseiller
du roy nostre sire ordinayre a son grant conseil & en sa court de
parlement a Paris» bezeichnen kann. Seine Erfahrungen fliessen wohl
85
Eine neuere, selbst kurze Darstellung von Riccios Werdegang fehlt; die folgenden Angaben
stammen vor allem von PÉLISSIER (1906), 2-9, nach dem Chronisten Auton; SORIA (1782), II,
521-526 (vermutlich mit einiger Vorsicht zu geniessen), sowie weitgehend nach diesem MINIERI
RICCIO (1844), 295f.; letzterer verspricht auch eine ausführliche Biographie seines Vorfahren, die
aber nie erschienen ist. Cf. ausserdem BIZZARRI (1579), 416; BOISLISLE (1884), 210f.;
MASTROJANNI (1895), 49; MAUGIS (1914), 140; HERBÉCOURT (1929); LABANDE-MAILFERT (1975), 351-354; HARSGOR (1980), 424. Auf der Biblioteca Nazionale, Napoli, liegt eine
Vita Michaelis Ritii iurisconsulti, die ich nicht eingesehen habe (Fondo Brancacciano II A 10).
166
in eine französisch verfasste, militärrechtliche Schrift ein, die im Januar
1505 in Blois geschrieben wird, in Paris erscheint und unter Berufung
auf antike Autoritäten Probleme des Heereswesens abhandelt. 86
Das wichtigste Betätigungsfeld des «avocat de Naples», wie er
gemeinhin heisst, bleibt jedoch Italien: Riccio ist der französische Sprecher anlässlich der zweiten Unterwerfung Mailands im Jahre 1500; bei
dieser Gelegenheit legt er in Gegenwart von Kardinal d’Amboise ein
Musterbeispiel humanistischer Eloquenz vor. 87 Seit dem November
1499 trägt der Neapolitaner den Titel eines Senators von Mailand und
gehört damit zum Rat des Kanzlers, der wiederum als Stellvertreter des
Königs die oberste Verwaltungsgewalt innehat. Nach der zweiten
Eroberung Süditaliens erhält Riccio in seiner Heimat eine lange Reihe
von Ämtern und Titeln wie Senator oder «Luogotenente delle camere
sommarie», Leiter des Rechnungshofes. Mit der Bezeichnung eines
Vizeprotonotars und damit – wie sechs Jahre zuvor Rabot – als Vorsteher des «Sacro Consiglio» (anstelle des ursprünglich als Logotheten
vorgesehenen Pontano) ist Riccio faktisch der Regent in Neapel: Louis,
der Duc de Nemours, Vetter von Louis XII und Vizekönig von Neapel,
ist nicht nur sein persönlicher Freund, sondern überantwortet die
Verwaltung weitgehend dem Einheimischen. Mit seiner zweiten überstürzten Flucht 1503 verlässt Riccio Süditalien für immer, wo er nicht
nur seinen persönlichen Besitz, sondern auch Frau und Kinder zurücklässt. Missionen in Italien bleiben indessen weiterhin seine Hauptbeschäftigung: Im April 1505 finden wir den Juristen in Rom, wo er als
«orator clarissimus» einer Oboedienzgesandtschaft, der auch Guillaume
Budé angehört, eine zweimal gedruckt erschienene Rede vor Julius II.
hält; wenn man den lobenden Kommentaren in der Edition trauen kann,
weckt sie allgemeine Bewunderung. 88 1506 ist der «iuris prudentia
celeber exulans» Gesandter in Genua, wo er 1507 die Unterwerfung der
Stadt annimmt. Diesmal hält er seine Rede auf Italienisch, in der er
erneut mit einigen historischen Anspielungen die königliche
86
Michele Riccio, Livre en francoys contenant ceux auxquels lon doibt par Raison reffuser de
bailler estat de gendarme, les poynes qui sont imposées de droyt pour les fautes se commettent en
la guerre & gendarmerie par iceulx gendarmes & les privilèges octroyés ausdicts gendarmes,
Paris 1505.
87
Auf Lateinisch nach einem zeitgenössischen Bericht des Notars Iohannes Mayna abgedruckt
vom Herausgeber Godefroy bei RICCIO (1500), 200-204. Vermutlich handelt es sich bei Riccios
handschriftlichen Discorsi in der Brera zu Mailand, Brera misc. AG. X 3, um dieselbe Rede; ich
habe den Codex jedoch nicht gesehen.
88
RICCIO, Oratio (1505).
167
«clementia» der Genueser «perfidia» gegenüberstellt. 89 Im selben Jahr
finden wir Riccio als ausserordentlichen Gesandten in Venedig, wo
sein Freund Johannes Lascaris als Botschafter residiert. 1508 hält sich
Riccio während zweier Monate in Florenz auf; von dieser
Gesandtschaft stammen drei französische Briefe an Louis XII und den
königlichen Schatzkanzler Florimond Robertet, als dessen «serviteur et
amy» der Neapolitaner zeichnet und von dem er viele «plaisirs et
biens» empfangen habe. 90 Bereits 1507 ist Riccio urkundlich an der
Seite desselben Robertet in Mailand belegt. 91 Neben seiner politischen
Tätigkeit unterhält der Neapolitaner auch zu verschiedenen Humanisten
Kontakt: Der erwähnte Johannes Lascaris ist ein berühmter Gräzist,
Gianpaolo Parisio (Aulus Janus Parrhasius) aus Neapel widmet Riccio
seine 1501 in Mailand erschienene Edition von Sedulius und
Prudentius, und das Lob der eindrücklichen Rede vor Julius II.
sprechen drei Gelehrte, darunter Iacopo Antiquari aus Rom. Riccio
stirbt am 13. Dezember 1508, nach anderen Angaben jedoch erst 1513
oder 1515 in Paris. 92
Riccio spielt also eine hervorragende Rolle bei der französischen
Verwaltung von Mailand und Neapel, aber auch bei der propagandistischen Beeinflussung der Italiener; wiederholt ist er dort im eigentlichen Sinn des Wortes der königliche «Logothet». Neben diesem
juristischen, diplomatischen und administrativen Wirken ist die
Historiographie kaum zentral, vielmehr wird sie für Riccios übrige
Tätigkeiten funktionalisiert. Gleich nach seiner ersten Ankunft in
Frankreich verfasst der Neapolitaner eine Historia profectionis
Caroli VIII, eine Darstellung der italienischen Expedition von 1494/95,
die er dem König selbst widmet. 93 In einem ersten Buch erklärt Riccio
die Übertragung der Ansprüche auf Neapel von den ersten Anjou bis
Charles VIII; bei diesen oberflächlichen historischen Ausführungen
folgt er mindestens stellenweise Biondo. Riccio beginnt dann gleich
mit der Invasion, wobei das Hauptgewicht der Darstellung auf der die
aragonesische Willkür ablösenden, wohltätigen Verwaltung Neapels
89
RICCIO (1507), auf italienisch bei Auton.
Cf. die Edition von PÉLISSIER (1906), insbes. 17, 19; die Briefe befinden sich auf der BNP
Dupuy 261, fol. 57-59.
91
PÉLISSIER (1892), 24, 63, Urkunde vom 8. Juni 1507.
92
MAUGIS (1914), 140: 1508; HERBÉCOURT (1929), 139: 1513; SORIA (1782), 524: 1515,
«non senza sospetto di veleno», aber wohl kaum ernst zu nehmen.
93
RICCIO (1496); als MS Lat. 6200 auf der BNP, die erste Seite mit königlichen Wappen
illuminiert. Teile der Handschrift sind ediert von BOISLISLE (1884), 258-270.
90
168
durch den neuen Herrscher liegt, wie der Jurist pro domo verkündet.
Riccio beschliesst seine Darstellung mit dem Wunsch, dass der König
bald wieder in sein süditalienisches Reich zurückkehren möge. 94
Dieses erste Werk hat den Charakter eines literarisch gestalteten
Rapports, wobei jedoch nie Riccio, sondern stets Charles VIII selbst im
Zentrum steht. Damit ist dem Wunsch des Königs nach ansprechender
künstlerischer Verewigung ebenso entsprochen wie seinem offenbar
weiter bestehenden Legitimationsbedürfnis. Auch die Rede, die der
Neapolitaner 1500 in Mailand hält, soll die Rechtmässigkeit der französischen Ansprüche dokumentieren: Er erinnert die Unterworfenen an
ihre gallischen Ursprünge, wodurch ihre Insubordination noch verwerflicher erscheint. 95Der Rückgriff auf die Geschichte zugunsten der
französischen Präsenz in Italien charakterisiert auch Riccios umfangreichstes Buch De regibus christianis, das kurz nach seiner Rede vor
Julius II. 1505 in Rom, dann 1507 in Paris erscheint, um bis 1645 drei
weitere Auflagen und 1543 auch eine italienische Übersetzung zu erleben. 96 Auch dieses Werk ist einem prominenten Franzosen gewidmet,
nämlich Guy de Rochefort, der seit 1497 als Nachfolger seines Bruders
Guillaume und von Robert Briçonnet als Kanzler von Frankreich
amtiert. Wenn man Riccio glauben kann, so ist ihm der Kanzler
«summo affectu» zugetan und historisch äusserst interessiert. 97
Riccio selbst meint im Vorwort, die einem Exilierten aufgezwungene
Musse habe ihn über die Ursachen nachdenken machen, weshalb sein
einst reiches Heimatland Zankapfel fremder Mächte geworden und
dabei verarmt sei – ob durch Fügung des Schicksals oder durch in der
Geschichte verborgene Gründe. Deshalb habe er in alten
Geschichtswerken nachgesehen, welche historische Rechte ein jedes
dieser Fürstenhäuser auf Neapel geltend mache. Seine in umfassender
Lektüre erworbenen Kenntnisse habe er in einem Compendium
zusammengefasst – zum eigenen Nutzen und dem anderer, die im
94
RICCIO (1496), fol. 1-3; 44; cf. auch BOISLISLE (1884), 258f.
RICCIO (1500), 201: «Nam sive Mediolani originem repetimus, eam a Gallis fuisse vos ipsi
etiam per Oratorem vestrum nunc fassi estis …».
96
Der Herausgeber bezeichnet die Ausgabe von Neapel 1645 als die sechste, erwähnt aber je
zwei nirgends belegte Ausgaben in Mailand und Venedig als Vorgänger. Bekannt sind dagegen
zwei Basler Ausgaben von 1517 und 1534; ausserdem gibt FREHER (1613), 533-549, die drei
Bücher zu den französischen Königen separat heraus. Nach PÉLISSIER (1906), 2, Anm. 2, befindet
sich das Manuskript in der Wiener Hofbibliothek, cod. 3421. Bei der von ihm ebenfalls erwähnten
französischen Übersetzung, die 1535 in Basel herausgekommen sein soll, handelt es sich
vermutlich um eine Verwechslung mit der lateinischen Ausgabe, deren Kolophon 1535 angibt;
Pélissier schreibt den Fehler De Maulde ab, dem Herausgeber von AUTON (1512), I, 273, Anm. 1.
97
RICCIO, De regibus (1505), 8.
95
169
politischen Alltag nicht die Zeit finden, sich die komplizierten
historischen Zusammenhänge zusammenzulesen. 98 Da die Anfänge der
streitenden Herrscher in Frankreich und Spanien liegen, beginnt er mit
der Geschichte dieser beider Länder, um dann die Könige von Jerusalem und Ungarn zu behandeln, da diese Titel ebenfalls vom König von
Sizilien getragen werden; und natürlich wird auch die Geschichte des
neapolitanischen Königreichs selbst behandelt. In einem an Riccio
gerichteten Einführungsbrief meint denn auch sein Freund Parisio, er
habe offensichtlich nicht eine kunstvolle, ausholende Geschichte
schreiben wollen, obwohl er selbstverständlich dazu imstande gewesen
wäre, sondern eine Zusammenfassung dessen, was andere bereits
ausführlich dargestellt hätten, in einem gleichwohl zeitgemässen, da
schlichten Stil, der sich wohltuend von den Exzessen anderer Juristen
unterscheide. 99
Tatsächlich ist Riccios Werk weitgehend ein kürzendes Plagiat: So
fasst die Geschichte von Ungarn das entsprechende Werk von Antonio
Bonfini zusammen, während für Frankreich Gaguins Compendium die
Vorlage liefert. Wie bei diesem ist die Darstellung streng nach den
einzelnen Königen gegliedert, deren Herrschaftsdauer ebenfalls angegeben ist. Riccio schreibt seine Vorlage nie wörtlich ab, zumal Gaguin
einen recht ausschweifenden Stil pflegt. De regibus Francorum ist in
seiner Knappheit sprachlich einfacher und präziser, bietet allerdings
nur ein recht nüchternes Skelett von Fakten. Vermutlich handelt es sich
einfach um neu formulierte Exzerpte und Notizen, denen der Neapolitaner einige wenige Beweise humanistischer Gelehrsamkeit beifügt,
meist grammatikalisch-etymologischer Art, wie seine polemischen
Erklärungen zur korrekten Benennung von Paris. 100 Angesichts seiner
persönlichen Betroffenheit überrascht es, dass Riccio sich – anders als
Gaguin – jeden Urteils oder auch nur eines Kommentars enthält.
Ausgelassen sind ferner die in der französischen Historiographie und
auch bei Gaguin häufigen anekdotischen Episoden 101 sowie alle Reden,
98
RICCIO, De regibus (1505), 6-8.
RICCIO, De regibus (1505), 3f.
100
RICCIO, De regibus (1505), 38: «Equidem vereor oblitus operis instituti cuiquam videri, si
de nomenclatura civitatis instar Grammatici disputem …»; ausserdem pp. 9f. (griechische Autoren
über den Sohn Hektors); 23 (Ursprung der Tonsur); 34 (die syrische Herkunft von «abbas»); 35
(die Etymologie von «missa»); 40f. (antike Personen aussergewöhnlichen Alters).
101
RICCIO, De regibus (1505), 40f., übernimmt wohl die – von Gaguin mit einem gewissen
Vorbehalt überlieferte – Mär vom angeblich dreihunderteinundsechzig Jahre alten «Johannes a
Temporibus», jedoch nur, um seine Bildung zu zeigen und eine Liste antiker Methusaleme
auszubreiten; ähnlich p. 54 (Charles VI und der Hirsch), wo es eigentlich darum geht, das
99
170
welche der Franzose in humanistischer Manier seinen Akteuren in den
Mund gelegt hat; auf die Motivation der Handlungen legt Riccio wenig
Wert. Der Italiener übergeht schliesslich kommentarlos die von Gaguin
noch unkritisch referierten Mythen um Karl den Grossen, Roncesvalles
und seinen Kreuzzug. Hingegen zeigt sich gerade bei Karl, der im
übrigen überraschend knapp behandelt wird, ein auch sonst greifbares
spezifisches Interesse des Juristen und Verwaltungsbeamten für die
Institutionen des Staates, wie die Pairs de France und das Parlament
oder – mit Riccios Worten – den Senat von Paris, dem er selbst ja
angehört, aber auch die französischen Besteuerungsmassnahmen. 102
Ausserdem gilt sein besonderes Augenmerk einerseits dem territorialen
Wachsen und der Expansion Frankreichs, indem jeder Gebietserwerb
Erwähnung findet; andererseits den dynastischen Zusammenhängen:
Die Herkunft der Königinnen ist angegeben, in der Regel sind alle
Geschwister des Königs aufgeführt, und häufig auch deren Ehepartner.
Dieses Interesse liegt bestimmt in der (staats-)rechtlichen Schulung des
Autors begründet, aber auch in der hautnah erlebten Problematik der
französischen Erbansprüche auf Neapel und Mailand. 103 Die Zeitbezogenheit zeigt sich auch darin, dass die frühen Herrscher bis etwa
Louis VII relativ knapp behandelt sind, während mit dem 13. Jahrhundert die einzelnen Abschnitte länger werden – das sind die Könige,
die für Italien auch noch in der Gegenwart von Bedeutung sind.
Riccio geht es also nicht so sehr um die politisch-militärische
Geschichte seines Nachbarlandes als um seine dynastische, geographische und institutionelle Entwicklung, die er allerdings eng an die
Person der jeweiligen Herrscher bindet. Der Neapolitaner versucht, im
Werk Gaguins die Wurzeln desjenigen Frankreichs zu finden, dem er
sich verschrieben hat, mit dem er aber auch konfrontiert ist. Er will
keine umfassende «moderne», humanistische Geschichte der französischen Könige verfassen; die geschichtlichen Notizen sollen ihm und
anderen dazu dienen, zu verstehen und entsprechend zu handeln, sollte
sich wieder die Gelegenheit zur vita activa bieten. 104
königliche Wappen zu erklären, also einen Aspekt der französischen Institutionen, die Riccio
besonders interessieren. Cf. GAGUIN (1500), 91: «Quod si a fide non abhorret …».
102
RICCIO, De regibus (1505), 26f.; cf. auch pp. 52 (Steuern von Charles V, Volljährigkeit des
Thronfolgers mit vierzehn Jahren); 55 (Steuern durch Charles VI), 60 (Steuererhebung durch
Louis XI).
103
Cf. dazu auch RICCIO, De regibus (1505), 43 (Rückführung der Kapetinger auf Karl den
Grossen); 56 (Begründung der englischen Ansprüche auf die französische Krone).
104
Das verkennt COCHRANE (1981), 159, in seinem flüchtigen, abschätzigen Urteil über Riccio.
171
Von den sechs bekannten Ausgaben von De regibus christianis
erscheinen nur die erste und die letzte in Italien; für die ernsthafte Auseinandersetzung mit der französischen Vergangenheit liegt Gaguins
Compendium bereits vor, und in den zwanziger Jahren wird Emilios
Standardwerk greifbar. Dennoch ist Riccios Geschichte gerade wegen
ihrer Kürze in Italien bestimmt verbreitet; auch die Übersetzung von
1543 durch Francesco Sansovino lässt auf einige Popularität schliessen. 105 Nicht zuletzt hat bereits einige Jahre zuvor Vittorio Sabino
Riccios Bücher über Frankreich ins Italienische übertragen, allerdings
ohne seine Vorlage zu nennen.
b. Vittorio Sabino
Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass der Plagiator Riccio selbst
wieder Opfer eines Plagiats wird: 1525 erscheinen in Rom Le vite de li
re di Francia eines im übrigen unbekannten Vittorio Sabino. 106 Das
angeblich auf den «antichi scrittori» beruhende Werk führt bis zur
Gefangennahme von François Ier vor Pavia und enthält im Anschluss
daran noch die Viten der mailändischen Herzöge; vielleicht ist der
Autor Lombarde.
Was die französische Geschichte bis Louis XI betrifft, so handelt es
sich um eine reine, fast vollständige Übersetzung von Michele Riccio.
Weggekürzt sind die letzten noch übriggebliebenen anekdotischen
Episoden sowie Riccios gelehrte Exkurse, aber auch die von diesem
noch behandelte Jeanne d’Arc. Ausführlicher gestaltet sind dagegen die
Passagen über die italienischen Unternehmungen von Charles VIII und
Louis XII, deren Taten ja in die Zeit des Verfassers fallen. Die einzige
bedeutende inhaltliche Divergenz zu Riccio betrifft die französischen
Ursprünge, wo Sabino die Franken zu Rebellen gegen Julius Caesar
macht. 107
105
Riccio wird bei einigen Autoren als Beleg zitiert, wobei natürlich nicht immer sicher sein
kann, ob dabei die Bücher über Frankreich gemeint sind. Bestimmt ist das der Fall beim
Kommentar des Herausgebers Badius zu MANTUANO (1506), möglich auch bei CORROZET (1557),
195. In BARDI (1581) scheint er nur für die spanische Geschichte, bei SUMMONTE (1602) für die
neapolitanische und bei T. BOZIO (1591), 646, für die ungarische verwendet zu werden.
106
Die Angaben von COCHRANE (1981), 342, sind reine Hypothese aufgrund einer flüchtigen
Lektüre des Textes. SABINO (1525), 27, meint selbst, er beabsichtige, auch eine Epitome der
Kaiser und der Könige von Spanien und von Neapel zu verfassen; sie ist nie erschienen.
107
SABINO (1525), 2; cf. auch unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
172
Der Plagiator teilt hingegen Riccios Interesse für die institutionelle
und territoriale Entwicklung der Monarchie: Die entsprechenden Passagen sind übernommen, und in den einleitenden Worten bemerkt
Sabino, er wolle die Ursachen des Ansehens, der Grösse und des Reichtums von Frankreich ergründen, das ihm in seiner Gegenwart als
Inbegriff von «virtù» und «opulentia» entgegentritt. 108 Daneben
verfehlt er nicht, die Rechtmässigkeit der französischen Ansprüche auf
Mailand und Neapel historisch zu belegen. Um so mehr überrascht
dann im letzten Satz, dass der hochgelobte François Ier durch die
«virtù» und vor allem «clementia» eines anderen Herrschers in den
Schatten gestellt wird: durch Karl V., «Cesare augustissimo, invitissimo, ottimo». Dieser einsame Satz macht wahrscheinlich, dass das
Werk grösstenteils vor der Schlacht bei Pavia verfasst worden ist, wenn
nicht im Dienste, so doch im Interesse der Franzosen, aber an
einheimische Leser gerichtet, handelt es sich doch um die erste
gedruckte Geschichte der französischen Könige in italienischer
Sprache. Sie wäre dann, den schlagartig veränderten politischen
Rahmenbedingungen gemäss, mit einer Reverenz an den neuen Dominator Italiens herausgegeben worden – offenbar in der Einschätzung, es
bestehe eine von politischen Konjunkturen unabhängige Nachfrage
nach einer Geschichte Frankreichs.
c. Andrea Cambini
Ein weiterer Beleg für dieses italienische Interesse ist die Storia di
Francia 109 des Florentiners Andrea Cambini. Humanistisch gebildet,
ein Schüler Landinos und im Kreis der neuplatonischen Akademie
verkehrend, ist er ein typischer Repräsentant der Epoche Lorenzos, für
den er 1482/83 als Gesandter nach Ferrara geht und verschiedene
kirchliche Verwaltungsaufgaben erfüllt. Mit dem Sturz Pieros wird aus
ihm ein überzeugter Anhänger Savonarolas. Die Hinrichtung des
Dominikaners setzt dann allerdings seiner politischen Karriere ein
Ende: Sein Haus wird geplündert und niedergebrannt, er selbst zu 150
Tagen Gefängnis verurteilt. Bereits vorher hat er sich als Übersetzer
von Werken Ciceros, der Disputationes Camaldulenses Landinos und
108
SABINO (1525), 2; 10.
Die Titel der verschiedenen Handschriften varieren leicht; CAMBINI (1519), fol. 27, nennt
das Werk am Ende des ersten Buches: Della progenie del regnio de Franchi et vita de loro Re.
109
173
1491 von Biondos Dekaden hervorgetan. Eine gewisse Bedeutung
erlangt er mit Dell’origine de’ Turchi, das postum 1529 sowie 1541 im
Druck erscheint und noch 1560 die Grundlage für Sansovinos Werk
über die Türken liefert. 110
Der Florentiner hat also ein erfülltes politisches Leben hinter sich,
als er frühestens 1519 111 sein Werk verfasst, das in mindestens vier
Handschriften erhalten ist. 112 Seit seiner Jugend habe er alle «annali»
wie «historie» auf Latein wie auf Italienisch verschlungen, und nun, in
durch das schwächende Alter geforderter Musse sei ihm bewusst
geworden, welche Rolle das mächtige Frankreich in der jüngsten
Geschichte Italiens gespielt habe; ja, es sei das erste Reich seit dem
römischen Imperium, welches in ganz Europa dominiere.
… parendomi cosa admirabile che uno regnio o piutosto Republica
barbaro ma non barbaramente ordinato habbia trovato uno modo che
potendovi dificilmente nascere alterazione ne venendo per la morte del
Re ad vacare uno solo di del capo, tanto polyticamente è governato et
con tanta iustitia è administrato che per spatio di mille cento anni che
da Re e suto recto di cinquantanove Re che vi hanno regnato uno solo
di morte violenta è morto. 113
110
Zur Biographie M. Giansante im DBI XVII, 132-134; darauf beruhend COCHRANE (1981),
332f.
111
Giansante im DBI XVII, 133, schätzt, dass Cambini 1455/60 zur Welt gekommen ist; doch
CAMBINI (1519), fol. 3, gibt sein Alter selbst mit 75 Jahren an; selbst wenn er sein Vorwort kurz
vor dem am 5. März 1527 erfolgten Tod verfasst hat, ist er also spätestens 1452 geboren. Nach
demselben Zeugnis sei ihm die Idee zum Werk «la passata estate» gekommen (also spätestens
1526); dann sei ihm bewusst geworden, welche Rolle Frankreich in den vergangenen 25 Jahren in
Italien gespielt habe. Falls die «25 Jahre» nicht eine formelhafte oder flüchtige Wendung sind, was
an sich denkbar ist, so müsste man, angesichts der Bedeutung, die der Einfall von 1494 gerade für
Cambini gehabt hat, sein Werk auf 1519 oder wenig später datieren. In dem Fall wäre die Geburt
auf frühestens 1444 zurückzudatieren.
112
Auf die Handschrift aufmerksam macht COCHRANE (1981), 332; 565, Anm. 73; er hat den
Codex Case MS fF. 3910. 146 der Newberry Library in Chicago entdeckt, nach der ich ebenfalls
zitiere. Cochrane bemerkt, dass das Werk nirgends erwähnt ist, auch nicht im genannten Artikel
des DBI. In Florenz finden sich jedoch drei weitere Handschriften, nämlich auf der BNF der
(anonyme) Magliab. 24, 1 sowie der Magliab. 24, 166, die beide mit der Newberry-Version
übereinstimmen. Auf der BLF befindet sich zudem der Plut. 62, 22, auf den bereits LE
LONG (1769), IV, Supplément, 392, hinweist. Diese Fassung ist stellenweise leicht anders
formuliert als die Chicagoer Handschrift, inhaltlich jedoch ohne auffallende Differenzen;
allerdings fehlt das Vorwort, und der Text bricht nach fol. 140v mitten im Satz und in der
Schilderung der «Guerre du bien public» ab; der Rest ist vermutlich verlorengegangen. Es handelt
sich um ein Autograph; vermutlich stellt es die erste Redaktion dar, die danach stilistisch zu der
dreifach überlieferten umgearbeitet und mit dem Vorwort versehen worden ist.
113
CAMBINI (1519), fol. 3: «… es scheint mir bewundernswert, dass ein barbarisches, allerdings nicht barbarisch eingerichtetes Reich, oder vielmehr eine Republik, einen Weg gefunden
hat, so dass es, weil dort nur mit Mühe Änderungen entstehen können und selbst beim Tod des
Königs nicht einen Tag lang das Haupt fehlt, so politisch regiert und mit solcher Gerechtigkeit
verwaltet wird, dass im Laufe der eintausendeinhundert Jahre, in denen es von Königen gelenkt
174
Die Passage im Vorwort ist äusserst aufschlussreich für die Einstellung eines gebildeten Italieners zu Frankreich im allgemeinen, im
besonderen auch für die Antworten, die er sich aus der Geschichte
seines Nachbarlandes verspricht. Der humanistische Hochmut gegenüber den ausländischen Barbaren kann allenfalls noch auf kulturellem
Gebiet gelten, denn Frankreich hat zu einer hochzivilisierten
politischen Verfassung gefunden, die ihm Stabilität und Kontinuität
garantiert – in offensichtlichem Gegensatz zu den italienischen Staaten.
Deren Ursache liegen in einer fortlaufenden Königsreihe, die aber
wiederum einer «politischen» und gerechten Herrschaft zu verdanken
ist. Nur deshalb sinnen die Untertanen nicht auf Änderungen,
beabsichtigen sie nicht, ihren König zu stürzen. Die ständigen
Verfassungswandel, «Tyrannenmorde» und Volksaufstände in der
italienischen und – im besonderen – Florentiner Renaissance haben
offenbar Cambinis Interpretation geprägt. Auch die eher
überraschenden Begriffe «Republica» und «polyticamente» sind wohl
im Rahmen der florentinischen Verfassungsdebatten und beinahe
synonym zu verstehen. 114 Frankreich ist ein Land, wo das Wohl des
Gemeinwesens, der «Republica», im Mittelpunkt steht und mittels
«Iustitia» gepflegt wird: Entgegen dem gängigen Sprachgebrauch
liefert Cambinis «Republica» keinen Hinweis auf die Zahl der an der
Herrschaft Beteiligten, sondern es beschreibt die Qualität der
obrigkeitlichen Verwaltung.
Cambini deutet die gegenwärtige europäische Dominanz Frankreichs
über die historisch gewachsene Rolle seiner Könige: «intendere con che
arte et con quali principij quello regnio si fussi condotto alla grandeza
et sicurta». 115 Letztere beide sind Schlüsselbegriffe, die auch sonst
wiederholt werden: Macht gegen aussen und Stabilität im Inneren. Wie
oft ist deren Absenz in der italienischen Kleinstaatenwelt beklagt
worden! Der Florentiner behauptet, mit dieser Fragestellung sorgfältig
alle Autoren jeder Epoche gelesen zu haben, die sich mit Frankreich
beschäftigt hätten; es seien allerdings äusserst viele, zudem
widersprüchliche, so dass es schwer sei, die Wahrheit herauszuarbeiten.
wird, von den neunundfünfzig Königen, die dort geherrscht haben, nur ein einziger gewaltsamen
Todes gestorben ist.»
114
Vielleicht weist die auffällige, im Italienischen eigentlich unmögliche (und im Griechischen
falsche) «y»-Schreibung darauf hin, dass an die griechische Wurzel des Politischen gedacht ist, an
das, was die Polis, das Gemeinwesen betrifft – was ja genau «res publica» aussagt.
115
CAMBINI (1519), fol. 3: «… verstehen, mit welchen Mitteln und nach welchen Regeln dieses
Reich zur Grösse und Sicherheit gelangt ist …».
175
Manche seien populären Gerüchten aufgesessen; andere hätten, vom
Patriotismus getrieben, die Geschichte ihrer Heimat verklärt und
verfälscht, während englische und flämische Historiker wiederum die
Franzosen schlechtmachten. Daher habe er die folgenden Werke
ausgesucht: eine französisch verfasste und unter Charles VIII
veröffentlichte Cronica universale, vermutlich die 1493 von Vérard
dem König gewidmete Edition der Grandes Chroniques; «Antonio
monaco» (bis zu den Zeiten von Philippe II – wohl Aimoin und seine
Fortsetzung); Gregor von Tours; Paolo Emilio, der allerdings nur noch
wenig über Frankreich berichte, seitdem er den ersten Kreuzzug
behandle – offenbar kennt Cambini nur die erste Ausgabe des Werks,
welche die ersten vier Bücher enthält; 116 der «piu veridico et piu
autentico» sei aber Robert Gaguin. 117
Was folgt, ist allerdings nicht eine Synthese dieser Autoren oder
auch nur eine Zusammenstellung von Passagen verschiedener
Provenienz: Ohne es einzugestehen, liefert Cambini eine Übersetzung
von Gaguins Compendium in seiner ersten Redaktion von 1495, 118
lückenlos, aber auch ohne jede eigene oder fremde Ergänzung. Einige
Schwierigkeiten scheinen ihm allerdings die geographischen Bezeichnungen gemacht zu haben; jedoch nicht, wie er selbst glauben machen
will, weil die verwendeten Autoren (also Gaguin) für diese nur die
antiken Namen verwendet hätten, sondern ganz einfach, weil ihm selbst
die Geographie Frankreichs nicht vertraut ist. 119
Es ist schwer zu sagen, weshalb der Florentiner den Anschein
erwecken will, mehrere Werke verarbeitet zu haben; vermutlich nur,
um seine Belesenheit zu beweisen und sich einer gewaltigen Leistung
zu rühmen. Die sprachliche Überarbeitung des Autographen und die
insgesamt erhaltenen vier Handschriften zeigen ebenso wie das an ein
breites Publikum gerichtete Vorwort, dass an eine Verbreitung und
116
Da die ersten Ausgaben Emilios nicht datiert sind, lassen sich daraus keine näheren
Rückschlüsse auf die Abfassungszeit von Cambinis Werk ziehen; cf. unten p. 191.
117
CAMBINI (1519), fol. 5.
118
Ich bin Frank Collard für die Identifikation der Gaguin-Edition sehr dankbar.
119
CAMBINI (1519), fol. 6f.: «… ho havuto grandissima dificulta volendo per piu chiara notitia
exprimere li nomi per li quali modernamente et li provincie et le terre sono chiamate conciosia che
tutti li scriptori mi sono venuti alle mani le descrivino per li vocabuli antichi che sono tanto diversi
da quelli si usano al presente che è impossibile intendergli.» Cf. etwa ib., fol. 547: «… il Duca di
Borgogna si conteneva col Campo in Arthis fra Amiens [sic, Lücke] dove era in
mancamento …» und GAGUIN (1500), 268v: «burgundus castra in arthesio inter ambianos
bapammasque fecerat: …»; CAMBINI (1519), fol. 465: «… et havendo condotto lo exercito
fino [sic, Lücke] non la observando …» und GAGUIN (1500), 274v: «… dum eduardus in
arhesium venisset …».
176
vermutlich auch Drucklegung gedacht war. Offenbar hofft Cambini,
dass sein Werk nicht als Plagiat entlarvt wird, was angesichts der vielen
Auflagen Gaguins und ihrer Rezeption auch in Italien doch eher überrascht. Tatsache ist, dass Cambinis Übersetzung nie im Druck erschienen ist; so bleibt sie ein Beweis eines spezifisch italienischen
Interesses, eines Florentiners, der seinen Landsleuten, den «nostri»,
mittels der Geschichte zeigen will, wie das Nachbarland staatlich
organisiert und übermächtig geworden ist.
4. Paolo Emilio
a. Leben und historiographische Anfänge
Alle seine Vorgänger übertrifft Paolo Emilio, was Umfang, Ruhm und
Nachwirkung seiner De rebus gestis Francorum betrifft, von denen zu
Lebzeiten des Verfassers neun Bücher erscheinen; mit dem postum
veröffentlichten zehnten Buch führen sie bis ins Jahr 1488. 120 Dies ist
aber auch das Jahr, in dem Emilios erste Studie zu den gallischen
Anfängen abgeschlossen ist, und insofern ist er mit Candida der erste
Italiener, der sich exklusiv mit französischer Geschichte befasst. Von
Emilios Biographie ist wenig bekannt: Er stammt aus Verona 121 und
kommt unter Sixtus IV. vermutlich recht jung («adolescenter») an die
Kurie, dürfte also um 1460 geboren sein. 122 Im Jahr 1483 oder 1484
geht der Veronese nach Paris, wo er zuerst vier Jahre lang an der
Sorbonne Theologie studiert. 123 Schon bald arbeitet Emilio als Sekretär
120
Die bisher gründlichste Studie zu Emilio stammt von DAVIES (1954); pp. 159-174 sind zu
einem Aufsatz über die handschriftlichen Frühwerke Emilios ausgebaut, cf. DAVIES (1956).
121
In einem bereits für die ersten Manuskripte (die Gallica antiquitas) verfassten und in
späteren Ausgaben von De rebus gestis abgedruckten Epigramm schreibt Emilio von sich:
«Est mater Verona mihi: facunda parenti
Lingua fuit: fratres sunt duo, & una soror.
Aemyliana domus: studiosum pectus honesti.
Est sophiae, est superum cognitionis amor.
Pallidus ob studium: viret aetas: otia nulla:
Natura est facilis: sors gravis: hoste vaco.
Incolui Romam: retinet me Gallia: cardo
Carlus habet: Gallis condimus historias.»
122
Dafür spricht auch, dass Lefèvre d’Etaples seinen Griechischlehrer Georg Hermonymus als
«pater» bezeichnet und gleichzeitig Emilio als (geistigen) Bruder; dieser dürfte also etwa gleich alt
sein wie der um 1460 geborene Lefèvre; cf. LEFÈVRE (1505), oi [so paginiert].
123
EMILIO (1488), fol. 1v (hier wie im folgenden nach dem Manuskript der BNP, sofern nicht
anders angegeben): «Quartus peregrinationis mee Gallicane annus agebatur, ex quo nullus mihi
177
für den Kardinal Charles de Bourbon, den Bruder des Regenten Pierre
de Beaujeu; 124 möglicherweise hat er den Kardinal bereits in Rom
kennengelernt und ihn von dort nach Frankreich begleitet. Charles de
Bourbon wird ihm Mäzen und gleichsam Retter, indem er ihn über die
bescheidenen Verhältnisse seiner Herkunft erhebt; noch wahrscheinlicher dadurch, dass er dem Italiener nach einem konkreten Missgeschick wieder auf die Beine hilft. 125 Vor dem Tode des Kardinals im
September 1488 126 hat Emilio seine Gallica antiquitas 127 beendet, denn
ein Widmungsbrief richtet sich an Charles de Bourbon, das Prooemium
und eine Peroratio hingegen an Charles VIII. 128 Das Werk ist in drei
Handschriften erhalten; zwei davon sind illuminiert, nämlich das
Exemplar für den König und dasjenige für den Kardinal. Beim dritten,
das auch weniger sorgfältig geschrieben ist, dürfte es sich um eine
Kopie für Emilios eigenen Gebrauch gehandelt haben. 129
sacrarum litterarum liber dies preterfluxerat … me sacrarum litterarum gratia galliam petijsse.»
DAVIES (1956), 100, liest «in [?]» statt «mihi».
124
In der Glasgower Handschrift der Gallica antiquitas steht die Bemerkung: «Liber iste
pertinet Paulo Emilio Veronensi secretario olim domini Lugdunensis»; cf. DAVIES (1956), 100.
125
EMILIO (1488), fol. 1v: «… quum fortuna omnipotens et inexorabile fatum nihil preter
incredibilis humanitatis principem, as [sic; ac] hoc quicquid ingenij in me est reliquerit.» Weiter
unten spricht Emilio von sich als «tenuis sortis homo» und im oben zitierten Distichon von «sors
gravis». Dazu wohl richtig DAVIES (1956), 99: «… he implies that some misfortune had deprived
him of all resources …». Zur Mäzenenrolle des Kardinals cf. EMILIO (1488), fol. 1v (Brief an den
Kardinal): «… qui musae meae munificentissime sublevavit ac me in familiaritatem receptum …».
126
BEAUNE, Naissance (1985), 34, bzw. 358, Anm. 99, datiert die Gallica antiquitas auf 1485,
da sie unerklärlicherweise Charles de Bourbon mit dessen 1485 verstorbenen Onkel Jean de
Bourbon verwechselt; ebenso merkwürdig ist ihre an einen Druck gemahnende Zitierweise der
Gallica antiquitas: Lyon 1485 (ib., Anm. 100).
127
Der Titel ist unterschiedlich überliefert: Die Pariser Edition (BNP Lat. 5934) hat auf fol. 2v
Gallica antiquitas, und auf fol. 4 lautet die Überschrift Gallicae antiquitatis a prima gentis origine
repetitae liber; auf fol. 21 steht jedoch «secundum volumen antiquitatis gallicane».
DAVIES (1956), 101, nennt das Buch Gallica antiquitas; BEAUNE, Naissance (1985), 358,
Anm. 100 De antiquitate Galliarum.
128
THUASNE (1903), 152, denkt aufgrund der verschiedenen Widmungen an zwei Redaktionsschritte; demnach wäre das erste Buch vor dem Tode des Kardinals geschrieben, das zweite
danach und deshalb dem König zugeeignet. Da jedoch auch dem ersten Buch – wie dem zweiten –
ein eigenes Proemium ad Carolum octavum vorangeht und in keinem von beiden der Tod des
Kardinals beklagt wird, entbehrt seine These einer festeren Grundlage.
129
Das Exemplar aus der Bibliothek des Charles de Bourbon ist jetzt in der University Library
of Glasgow, MS Hunter S. 2. 11. Ich habe es nicht gesehen; möglicherweise fehlen die an den
König gerichteten Passagen. Das Manuskript für Charles VIII befindet sich in der BLL, MS
Egerton 880; die ungeschmückte Handschrift der BNP trägt die Signatur Lat. 5934 trägt. Letztere
beide sind inhaltlich weitgehend identisch; insbesondere haben sie beide sowohl den Brief an den
Kardinal wie auch das Prooemium an Charles VIII, eine Peroratio an diesen sowie verschiedene
Disticha, allerdings nicht in der exakt gleichen Reihenfolge. Vermutlich deshalb schreibt
DAVIES (1956), 100, Anm. 4, ein von ihr zitiertes Distichon fehle in der Pariser Handschrift; es
findet sich indessen auch dort auf fol. 30. Hingegen fehlt eine weitere Anrede Ad regem christianissimum, fol. 58v im MS Egerton 880.
178
Emilios Vorgehen ist zielbewusst und programmatisch zugleich:
Über Charles de Bourbon, den Taufpaten des Königs, 130 ist ihm der
Zugang zum kaum achtzehnjährigen Herrscher gewiss, und damit
eröffnet sich ihm die Aussicht einer langfristigen Anstellung. Der
Humanist scheint sich nicht ganz sicher gewesen zu sein, ob er nach
dem Abschluss der Studien in Frankreich bleiben oder in die Heimat
zurückkehren soll. 131 Gleichzeitig sieht er sich jedoch als Weltbürger
und schon beinahe als Wahlfranzosen, 132 und damit liegt es für ihn
nahe, seine schriftstellerische Begabung in einem Land zu suchen, wo
ihm weniger Konkurrenz und mehr Aufmerksamkeit sicher sind als in
Italien. So verfasst Emilio angeblich in einer vom Kardinal auferlegten
Studienpause, 133 aber keineswegs aus einer Zufallslaune heraus seine
Gallica antiquitas; allerdings hat er offenbar nur wenig Zeit, da ihn die
Studien wieder von der Geschichtsschreibung wegrufen, 134 und gleichzeitig merkt er auch, dass er für die (griechischen) Quellen zur Frühzeit
bessere Editionen abwarten und auch anderes noch überarbeiten
muss. 135 Vermutlich sind diese Begründungen für den recht
willkürlichen Abbruch nicht ganz ernstzunehmen 136 – ein unabsichtlich
unterbrochenes Buch wäre kaum in drei Handschriften aufbewahrt
worden, von denen zwei zudem noch illuminiert sind. Emilio hält dort
ein, wo die antike gallische Geschichte ihren Höhepunkt erreicht: bei
der Belagerung des Kapitols. So vermeidet er, dass der darauf folgende
ruhmvolle Sieg des Camillus diesem glorreichen Bild Abbruch tut.
Doch auch abgesehen von dieser Schwierigkeit hätte der Veronese
sein Werklein kaum fortgesetzt: Die Gallica antiquitas ist in erster
130
EMILIO (1488), fol. 58v (im MS Egerton 880, an den König gerichtet): «… ad illustrissimum
principem Carolum pontificem Cardinalem cesarem meum a primis fontibus parentem alterum
tuum …».
131
EMILIO (1488), fol. 1v: «Aut igitur Italiam natalem Gallia … permutandam, aut tandem
patrios penates post errores meos tali principe felicissimos mihi esse repetendos …».
132
EMILIO (1488), fol. 3: «… qui totum orbem mihi patriam esse concupisco»; ib., nach der
Londoner Handschrift, fol. 58v: «… me ut origine mundialem ita et fortuna et principe Gallum».
133
EMILIO (1488), fol. 31: «… dum me coelestis abesse | Pacifero princeps numine Cardo
iubet | Priscos descripsi primaque ab origine Gallos | Primus et invicta Gesa [sic; gesta] notata
manu …».
134
EMILIO (1488), fol. 30: «Nondum extrema novo manus est imposta libello, | In sacra me
quoniam Scotides antra vocant.» DAVIES (1956), 100, versteht die Stelle nicht; mit «Scotides»
(«Nachfahren des Scotus») sind bestimmt die Epigonen des Johannes Duns Scotus gemeint, der in
dieser Zeit das Lehrprogramm an der Sorbonne prägt.
135
EMILIO (1488), fol. 2.
136
BEAUNE, Naissance (1985), 34, begründet den Abbruch mit dem Tod des Kardinals von
Bourbon, was aber unmöglich ist, da nicht nur alle drei Handschriften den Widmungsbrief an ihn
enthalten, sondern diejenige in Glasgow sogar aus seinem Besitz stammt; cf. DAVIES (1956), 101.
179
Linie eine Stilübung und eine Bewerbungsschrift, ein Programm für ein
weit umfassenderes Werk. Ihr Hauptzweck ist es, dem König zu zeigen,
wie ein italienischer Humanist eine solche Aufgabe angehen würde, mit
kunstvollen Reden und geographischen Exkursen, belehrenden
Allgemeinplätzen und langen Perioden. Ausserdem soll der Entwurf
dem Herrscher oder anderen die Möglichkeit geben, ihre Kritik und
Verbesserungsvorschläge an dieser Vorgehensweise anzubringen.
Sollte Charles VIII zufrieden sein, so wäre das Vorgelegte nur ein ganz
kleiner Teil der in seinem Auftrag fertigzustellenden Geschichte Frankreichs, die bis zu seinen eigenen Grosstaten führen würde, wie Emilio
mit ambitionierten Worten verspricht. 137 Zwar hat er gerade seinen
Erstling beendet und bezeichnet sich selbst noch als «historicus
nascens», als angehenden Historiker, 138 wohl wissend, dass sein
Opusculum noch keinen höheren Ansprüchen genügt; doch der Humanist weiss offensichtlich bereits 1488, was er für ein gewaltiges
Programm anpacken will. Die gallische Geschichte sei noch von
niemandem geschrieben worden, der es wert sei, gelesen zu werden –
so der selbstsichere Emilio. 139 Entsprechend formuliert er bereits nach
den ersten historiographischen Gehversuchen seinen Anspruch: «Gallis
condimus historias» – ich begründe den Franzosen die Geschichtsschreibung! In der antiken Tradition betont er seine Erstmaligkeit
wiederholt und mit beträchtlichem Gründerstolz, aber auch etwas
Scheu: Dem ersten kann der Ruhm geneidet werden, zumal wenn er ein
Fremder ist. 140
Tatsächlich schlägt Emilio nicht nur stilistisch, mit seinem humanistischen Latein, ein neues Kapitel in der französischen Historiographie
auf, sondern auch, ja vor allem inhaltlich. Er selbst meint, die Idee zur
Gallica antiquitas sei ihm bei der Lektüre römischer Historiker
gekommen und er habe sie verwirklicht, um sich ein wenig von der
137
EMILIO (1488), fol. 30v: «Ad urbem usque Romam … Gallicas acies victrices auspicijs tuis
duxi. Maius opus superest: et maior tube clangor mihi est personandus. Si tibi, cui tantum te digna
placent, Antiquitas Galliae tue … opus Regium placebit, ad tua usque tempora: et res que virtute
duce et comite fortuna invictissime geres perpetuam historiam condam servato temporum
ordine: … Librum hunc etiam secundo volumine non absoluto magis materiam quam opus verius
tibi ostendo quam edo, ut si quid fuerit, quod quis quasi denuo conflandum arbitretur, non vereatur
id mihi onus utpote adhuc in manu opus habenti imponere … hec tantum sacrorum quedam
preludia sunt. Si sacerdotio dignus videbor. Ex aditis in spectaculum sacra Caroliana prodibunt.»
138
EMILIO (1488), fol. 2v; cf. auch ib.: «primicias meas».
139
EMILIO (1488), fol. 1v f.
140
EMILIO (1488), fol. 2v: «Vereor ne si primus ego atque externus Gallicam antiquitatem e
tenebris in lucem revocavero, ac … Romanae, hoc est omnium aetatum linguae conservavero, …
mihi autem parum sapienter consuluisse videar.» Cf. ib., fol. 31: «… descripsi … primus …»,
ausführlich zitiert oben, Anm. 133.
180
Theologie zu erholen. Tatsächlich stammt das meiste Material aus
Livius, der auch in Zukunft Emilios stilistisches Vorbild bleiben wird.
Neben weiteren lateinischen Autoren zieht der Humanist als erster auch
griechische Quellen über die Gallier heran (Diodor von Sizilien und
Strabo). 141 Emilio schreibt diese Quellen keineswegs einfach ab,
sondern komponiert eigenständig zu einem neuen Thema ein neues
Werk. Seine Wahl ist bedeutungsvoll und wirklich pionierhaft, wie es
bereits die Formulierung des Titels verspricht: Gallicae antiquitatis a
prima gentis origine repetitae liber. Held seiner Geschichte sind nicht
die Könige von Frankreich oder wenigstens seine Bevölkerung,
sondern das Land selbst, Gallien; dieser geographische Ansatz hat nun
aber zur Folge, dass die Anfänge Frankreichs und der französischen
Geschichte in der Antike liegen, bei den Skythen und Galliern, wie sie
von den heidnischen Historikern beschrieben werden, und nicht in
Troja, bei den Sicambriern, den Franken der Völkerwanderung und
Pharamund, wie es die mittelalterlichen Traditionen wollen. Diese vom
Humanisten postulierte Kontinuität ist durchaus nicht nur geographisch
zu verstehen: An Charles VIII gewendet, erzählt er «primordia gentis
tuae», es sind «maiores tui», 142 die unter Bellovesus und Brennus in
Italien einfallen, Städte gründen und die Römer besiegen. Angesichts
der gallischen Kampfkraft werden selbst die Römer zweitklassig, und
der grösste Held heisst Brennus, «cui pauci omnium aetatum
comparandi sunt» – eine Bewertung, die bei einem italienischen
Humanisten auch dann überrascht, wenn man seinen Diensteifer
gegenüber den französischen Gönnern berücksichtigt. 143 Möglicherweise ist Emilio damit, wie gleichzeitig Candida, Sprachrohr einer
interventionistischen Gruppe von Italienern; tatsächlich meint er in der
Peroratio zu Charles VIII:
Ad urbem usque Romam … Gallicas acies victrices auspicijs tuis
duxi. 144
141
Cf. BEAUNE, Naissance (1985), 34; Emilio liest sie in der lateinischen Übersetzung
(Bologna 1472 beziehungsweise Rom 1469).
142
EMILIO (1488), fol. 3f.
143
EMILIO (1488), fol. 17v: «… mit dem sich in der ganzen Menschheitsgeschichte nur wenige
vergleichen lassen»; cf. fol. 14, 17v; 25: «Galli juste stomachati in Romanos confligunt et in fugam
trepidos vertunt.» Cf. DAVIES (1956), 107: «… as in duty bound, he sacrifices the Romans to the
Gauls, imputing to them arrogance and bad faith and even lack of courage.»
144
EMILIO (1488), fol. 30v: «Bis zur Stadt Rom habe ich unter deinem Oberbefehl die siegreichen gallischen Truppen geführt.»
181
Auch die Beschreibung des Einfalls von Bellovesus «per Taurinos»
in Italien, der Übergang über den Alpenwall, von der Natur dazu
errichtet, die Gallier von der Welteroberung abzuhalten – das nimmt
beinahe die «Calata» von Charles VIII vorweg. 145 Solche sind also die
Vorfahren des gegenwärtigen Herrschers, von Emilio aus dem Grab der
Vergessenheit hervorgerufen, den jungen König zu ähnlichen
Grosstaten zu entflammen. 146
Doch die Frucht humanistischer Livius-Lektüre stösst offenbar am
Ende des 15. Jahrhunderts noch auf verschlossene Ohren – in den
folgenden Werken setzt Emilio immer später ein: zuerst, in Francie
antiquitas, bei Caesar, was immer noch eine bis dahin beispiellose und
offenbar selbst recherchierte Beschreibung des römischen Galliens
erlaubt; 147 in der endgültigen, gedruckten Version jedoch erst im
vierten Jahrhundert, wie es der französische Leser gewohnt ist. Sehr
wahrscheinlich ist ihm diese Konzeptänderung von autorisierten Lesern
nahegelegt worden, und der Hofschreiber hat sie gehorsam übernommen. 148
Ansonsten scheint aber das Erstlingswerk gut aufgenommen worden
zu sein, denn Emilio arbeitet von nun an bis zu seinem Tod am 5. Mai
1529 149 «hauptberuflich» an seiner Geschichte der Franzosen. Bereits
1489 erhält er als königlicher «orateur et chroniqueur lombart» eine
Pension von 180 Livres; 150 als er nach der Eroberung Neapels das
einträgliche Amt des Zolleinnehmers («mastrodazi») in Lecce übernimmt, wird er in der Ernennungsurkunde als «chroniqueur royal et
conseiller» bezeichnet. Möglicherweise leitet Emilio die Plünderung
der reichen aragonesischen Bibliothek, welche einen Grundpfeiler der
145
EMILIO (1488), fol. 10; cf. BEAUNE (1986), 42: «Brennus est en effet massivement utilisé
après 1490 par la propagande française des guerres d’Italie comme présage de victoire, fondateur
de cités et ancêtre d’une Franco-Italia …». Allerdings verzichtet sie darauf, diese Aussage auch
«massivement» zu belegen; selbst Emilios Werk, das sie kennt, ist nicht angeführt.
146
EMILIO (1488), fol. 3; cf. zur davor nur lokalen (Sens) oder pseudohistorischen (Geoffrey of
Monmouth-Adaptionen) Brennus-Tradition in Frankreich BEAUNE (1986), 34-41.
147
Cf. DAVIES (1956), 106; LA CROIX DU MAINE/DU VERDIER (1773), V, 175, erwähnen das
damals offenbar noch im Burgund liegende Manuskript auch, doch beginnt die Schilderung nach
ihnen erst bei Chlodwig. Ich habe die in Glasgow liegende Handschrift nicht einsehen können.
148
Zu den Anfängen des Stammes ausführlicher unten p. Fehler! Textmarke nicht
definiert.ff.
149
Die Grabinschrift ist zitiert nach J. du Breul/C. Malingre, Les Antiquitez de la ville de Paris,
Paris 1640, bei NICERON (1739), XL, 62f.; cf. auch das griechische Epitaph von Stephanus
Navirius und die lateinische Übersetzung im BNP Dupuy 810, fol. 149.
150
Cf. den Auszug aus der Rechnungskammer in BNP Dupuy 755, fol. 97v.
182
königlich-französischen Sammlung bilden wird. 151 Später erhält er 300
Livres für seine während der Expedition geleisteten Dienste, und im
Jahre 1497 nennt ihn Charles VIII «composeur de ses histoires» und
erhöht ihm gleichzeitig die Pension. 152 Möglicherweise arbeitet er im
Collège de Navarre; 153 auf Antrag von Louis XII erhält der geweihte
Priester 1511 als Kanoniker von Notre-Dame eine Pfründe; in derselben Kirche wird er auch begraben. 154 Emilio folgt dem König auf
Reisen, ist offenbar ein echter Höfling – «vir nimis aulicus» nennt ihn
mit wohlwollendem Spott 1510 sein Freund Girolamo Aleandro. Im
selben Brief spricht dieser Humanist vom Kanzler Jean de Ganay als
«Maecenas tuus» – offenbar ist dieser einflussreiche Förderer des
französischen Humanismus auch Emilios persönlicher Freund. 155 Das
gilt wohl auch von Guillaume Briçonnets Bruder Pierre, dessen Söhne
den Veronesen zum Geschichts- und Lateinlehrer haben. Emilio ist
zweifellos eine weithin anerkannte und führende Persönlichkeit in den
Humanistenzirkeln seiner Zeit; ausser mit Aleandro verkehrt er mit den
Franzosen Guillaume de la Mare und Symphorien Champier, dem
Gräzisten Johannes Lascaris und während dessen französischen Exils
mit dem berühmten neapolitanischen Bukoliker Iacopo Sannazaro. 156
Lefèvre d’Etaples berichtet, dass Emilio Guillaume Budé schätzt und
lobt; er selbst sehe im Italiener den Lehrer, Gebieter und zugleich
wohlwollenden Bruder. Mit Budé, Gaguin, Fausto Andrelini, Josse
Clichtowe, den Gebrüdern De Ganay und später Lascaris gehört der
Veronese zum bekannten und die französische Frührenaissance
151
Jedenfalls dankt der französische Humanist GUILLAUME DE LA MARE (1510), 5v, in einem
undatierten Brief an Emilio für den Bericht über den Sieg von Charles VIII «sine caede, sine
sanguine, sine iactura», also vermutlich in Neapel, und fügt hinzu: «Nec minorem mihi laetitiam
trophea illa librorum ex hostium rapta manubijs afferunt, quibus ut spero Galliam omnem
illustraturus es.»
152
LABANDE-MAILFERT (1975), 491, auch Anm. 719.
153
BAYLE (1699), VI, 141, unter Berufung auf Launoius.
154
Thuasne liefert in GAGUIN, Epistolae et Orationes (1476), II, 290, Anm., den urkundlichen
Nachweis; cf. auch GIOVIO (1544), 138; nach NICERON (1739), XL, 62, verdankt Emilio das
Benefiz von Notre-Dame dem Bischof von Paris, Etienne Poncher, andere Pfründen jedoch
Louis XII; aber Nicerons Angaben zu Emilio sind auch sonst weitgehend falsch.
155
Aleandro in einem Brief vom 5. Juni 1510; cf. dazu auch RENAUDET (1916), 475, und
PAQUIER (1900), 42-44.
156
Emilio stellt Aleandro seine eigene, offenbar sehr alte Sallust-Handschrift für dessen Edition
von 1513 zur Verfügung; Pyrrhus d’Angleberme, ein Schüler Emilios, ist es, der Aleandro nach
Orléans beruft, wo dieser in Begleitung Simones eintrifft, eines Neffen Emilios, cf.
PAQUIER (1900), 46f., 72, 80. Cf. weiter die Briefe bei GUILLAUME DE LA MARE (1514), 5v; 7; 11v
(wo er Emilio als «musarum decus» anspricht); CHAMPIER (1508), CV-CVII. Zu Sannazaro
RENAUDET (1916), 475, Anm. 3; zur Lehrertätigkeit RICE (1971), 693.
183
dominierenden Aristoteles-Kreis um Lefèvre. 157 Das Verhältnis zu
Gaguin ist vermutlich freundschaftlich geblieben, ungeachtet ihrer
historiographischen Konkurrenz und des vergeblichen Werbens des
Franzosen um offizielle königliche Unterstützung. Jedenfalls richtet
Gaguin zwei Epigramme an «mi Paule», über die Vergänglichkeit alles
Irdischen, der man allenfalls durch Tugend und «gesta perennia» ein
wenig entkommen könne. Die Distichen sind bestimmt nicht ironisch,
sondern aufrichtig freundschaftlich gemeint. 158 Noch als unbekannter
Student lernt schliesslich Erasmus bei seinem ersten Aufenthalt in Paris
(1495-1499) den bereits berühmten Emilio kennen, vielleicht durch die
Vermittlung Andrelinis oder Gaguins; jedenfalls bedankt er sich in
einem Brief von 1500 für «talium virorum in me benevolentia, tam
grave de me testimonium». 159 Wie anscheinend andere auch 160 sieht
Erasmus in einem Brief an Guillaume Budé der Erstausgabe von De
rebus gestis Francorum mit Ungeduld entgegen; bei einem «vir non
minus doctus quam diligens» (anderswo auch «quo viro nihil neque
doctius neque sanctius», «neque melius neque in bonos propensius»),
sei nach mehr als zwanzig Jahren Arbeit ein vollkommenes Werk zu
erwarten. Am 16. Januar 1518 schreibt Erasmus aus Löwen an Badius,
dass er das Buch endlich erhalten habe. Obwohl er bei Gelegenheit
über den Perfektionismus des Verfassers spottet, schätzt Erasmus den
Historiker hoch; so zählt er ihn 1519 neben Budé, Lefèvre d’Etaples
und einigen anderen Humanisten zu den hellsten Sternen Frankreichs.
Und im Ciceronianus von 1528 spricht er lobreich von Person, Stil und
157
Cf. LEFÈVRE (1505), oi [so paginiert]; ID. (1503), 78. Zur gesamten Problematik
RENAUDET (1916), 156f.; 285; 416; auf p. 468 ist die Buchwidmung eines Nicolas Dupuy an die
Gebrüder De Ganay angeführt, der das folgende Distichon als die bestmögliche Empfehlung seiner
Ausgabe der Nikomachischen Ethik ansieht: «Hunc [sc. librum] apud Hermonymum, Faustum,
Delphumque [sc. Gilles de Delft] poetas Budeumque Emilium comperiesque Fabrum [sc.
Lefèvre]».
158
GAGUIN (1498), s.p. (D8); das erste Distichon beginnt: «Et speculum vite et leges quas
pandis amoris | Mi paule inspexi ceu iubar ethereum.» THUASNE (1903), I, 149-152, stellt
aufgrund sehr diskutabler Indizien die Hypothese auf, Emilio sei der «exterus calumniator», gegen
den Gaguin im Vorwort der vierten Auflage seines Compendium polemisiere; cf. dessen Abdruck
bei GAGUIN, Epistolae et Orationes (1476), II, 289. Der sehr gewissenhafte Thuasne nennt aber
selbst als Zeugnisse der Freundschaft die zwei Epigramme Gaguins auf Emilio, cf. ib., I, 153,
Anm. 3; ib., I, 154, liefert er auch eine andere Deutung der Polemik Gaguins, dass er nämlich den
«calumniator» selbst konstruiert habe. Ganz abgesehen davon lässt das «exterus» jede Identifikation ebensogut zu wie diejenige mit Emilio, um so mehr als der allzu patriotische Gaguin in
England und Spanien auf Ablehnung stösst, cf. unten p. 208.
159
ERASMUS, Epistolae, I, 315 (9. Dezember 1500): «die mir von solchen Männern gewährte
Gunst, ihr so gewichtiges Urteil über mich».
160
DAVIES (1954), 223f., zitiert den Fortsetzer Gaguins, Pierre Desrey.
184
Werk des Italieners, der sich wohltuend von den prätentiösen Puristen
unter seinen Landsleuten unterscheide. 161
Emilio steht vermutlich während der ganzen vierzig Jahre seines
historiographischen Wirkens in königlichen Diensten. So verfasst er
auch einen bisher unbeachteten Panegyrikus auf Louis XII, als dieser
nach dem Sieg über die Venezianer nach Frankreich zurückkehrt. 162
Ebenfalls unbenutzt blieb bisher eine spätere Abschrift des gleich zu
besprechenden De rebus a recentiore Francia gestis; sie enthält im
Unterschied zum königlichen Exemplar auch einen Widmungsbrief an
den König, aller Wahrscheinlichkeit nach Louis XII kurz nach seinem
Herrschaftsantritt. Darin verspricht Emilio, dass die historiographische
Erhöhung der französischen Könige um so reicher ausfallen werde, je
mehr der König selbst ihn auszeichne 163 – der gewaltige Umfang von
De rebus gestis Francorum erlaubt kaum Zweifel an dessen Grosszügigkeit! Gleichzeitig verrät die Tatsache, dass Emilios gedrucktes
Werk nicht einem Gönner gewidmet ist, auch nicht dem König,
sondern mit einem allgemeinen Vorwort an die Leser beginnt, dass es
sich um ein offizielles, von der Krone abgesegnetes Geschichtsbild
handelt. In der Burgerbibliothek Bern befindet sich zudem ein Auszug
aus der Chronica universalis des Guillaume de Nangis, der von Nicolas
Gilles angefertigt worden ist; nach dessen Tod 1503 ist der Band und
mehrere andere, «avecq plusieurs anciens fragmens, instructions et
mémoires» im Auftrag von François Ier Paolo Emilio übergeben
worden, «pour dresser au vrai l’histoire de France». Bei diesem
Unterfangen werden ihm vom König und dessen Kanzler Du Prat der
Vicomte Marc Le Groing, «de la chambre du roi», und der Sieur de
Langay zur Seite gestellt. 164 Offensichtlich ist also Emilios Geschichtsdarstellung in einem steten Austausch mit hochrangigen Vertretern des
161
ERASMUS, Epistolae, II, 479 (21. Februar 1517): «ein ebenso gelehrter wie sorgfältiger
Mann»; ib., III, 149 (21. November 1517): «nichts Gelehrteres noch Ernsthafteres gibt es als
diesen Mann»; ib., III, 151 (November 1517): «und nichts Besseres noch den Guten Geneigteres»;
ib., III, 203 (16. Januar 1518); ib., III, 510 (März 1519); ID. (1528), 668. Sein Spott über die
Arbeitsgeschwindigkeit («… ut citius elephanti pariant quam ille quicquam edere posset.») bei
BAYLE (1699), VI, 141.
162
EMILIO (1510), in BNP Dupuy 606, fol. 33-48v; im gleichen Fonds, Dupuy 837, fol. 3, findet
sich auch ein angebliches Autograph, ein Freundschaftsgedicht Emilios in Distichen.
163
EMILIO (1500), in BNP Dupuy 272: «In me nominis eorum [maiorum tuorum] sacerdote
ornando potes illis de te bene meritis quam abs te unam taciti postulant gratiam referre, ut tam
honoratum me efficias, a quam ornato parente optarent illi, si eorum non iniusta vota audias,
Gallicas historias esse genitas quae vitam eam illis darent quam rebus gestis meruere.»
164
GUILLAUME DE NANGIS (1300), fol. 195v: «mit mehreren alten Fragmenten, Anweisungen
und Memoiren … , um die Geschichte von Frankreich wahrheitsgemäss darzustellen»; cf. zur
Überlieferungsgeschichte des Codex DELISLE (1896), 262-265.
185
Hofes vorangeschritten; inwieweit das auch zu Konflikten geführt
haben kann, lässt sich nicht sagen.
b. Die handschriftlichen Fassungen einer Geschichte der Franzosen
Das direkte Interesse des Königs erklärt auch die relativ zahlreichen
und schön illuminierten Handschriften, die aus der langen Periode vor
dem ersten, vermutlich 1516 oder 1517 erfolgten Druck stammen; auch
von letzterem ist ein Exemplar ausgemalt und dem König übereignet
worden. 165 Von den Handschriften sind zwei unter anderem mit königlichen Wappen geschmückt; sie haben Louis XII gehört. Insgesamt sind
es vier Manuskripte, die einen Eindruck von Emilios Vorgehen und
seiner Tätigkeit nach der Gallica antiquitas gewähren. Es handelt sich
um:
a) Francie antiquitas, drei reich geschmückte Bücher von Caesar bis
zur Kaiserkrönung Karls des Grossen. Heute in der Universitätsbibliothek Glasgow (MS Hunter T. 4. 15), stammt es vermutlich wie
das dort befindliche Exemplar der Gallica antiquitas aus der Bibliothek
des Kardinals Charles de Bourbon beziehungsweise seiner Erben;
gegen Ende findet sich ein Hinweis auf ein gegenwärtiges sarazenisches Königreich in Spanien, damit dürfte diese Passage spätestens
1491 entstanden sein. 166
b) A primordio Francie, zwei Bücher (liber IV/V), offenbar die
Fortsetzung von a), welche die Zeit von 800 bis 877 behandeln, bis
zum Ende von Ludwig dem Deutschen, Charles le Chauve und ihren
als «bella civilia» gedeuteten Konflikte; in der British Library London
(MS Harley 3711).
c) Francorum Imperium, ein Buch, als «liber quintus», von der
Kaiserkrönung Karls des Grossen zum Herrschaftsantritt von Charles le
Chauve; jetzt BNP Lat. 5936, anfangs im Besitz von Louis XII. Die
erste Seite ist mit Lilien illuminiert, was aber auch nachträglich geschehen sein könnte. Emilio erwähnt in seinem Vorwort zur Recentior
Francia auch die vorangehenden vier Bücher; 167 er hat sie also eben165
BAURMEISTER (1992), 230f.
Cf. DAVIES (1956), 101-104; ich habe die Handschrift nicht gesehen.
167
EMILIO (1500), Vorwort in Dupuy 272: «Primis enim quinque libris, quanta & virtute &
felicitate Franci toti ferme Europae iura dixerint ostendi.»; cf. auch EMILIO (1499), fol. 13: «ut
supra ostendimus» über die Schlacht von Roncesvalles «permultos annos antequam imperii nomen
susciperet Carolus»; die Handschrift beginnt jedoch gerade mit der Kaiserkrönung, also bezieht
sich Emilio auf ein früheres Buch.
166
186
falls niedergeschrieben, doch sind sie wahrscheinlich verlorengegangen.
d) De rebus a recentiore Francia gestis, als «liber primus»
bezeichnet, von den Söhnen Ludwigs des Frommen bis zum Übergang
der Herrschaft von Eudes de Paris auf Charles le Simple. Der Codex
stammt ebenfalls aus dem Besitz von Louis XII, jetzt BNP Lat. 5935;
die erwähnte Abschrift mit Widmung an den König BNP Dupuy 272.
Alle diese Handschriften sind jeweils als in sich geschlossene Texte
verfasst und sorgfältig konzipiert; es handelt sich also nicht um
Entwürfe, wenigstens nicht im eigentlichen Sinn, sondern um frühe
Fassungen eines «work in progress», das erst mit den gedruckten
Versionen endgültig wird. Die erhaltenen Handschriften stammen
offenbar aus zwei verschiedenen Phasen der Niederschrift:
a) und b) aus den Jahren um 1490; sie stellen die erste Version überhaupt dar und sind vermutlich schon bald nach Beendigung der Gallica
antiquitas begonnen worden.
c) und d) wohl aus den ersten Regierungsjahren von Louis XII, da
aus dem oben erwähnte Vorwort zur Recentior Francia hervorgeht,
dass sich der Humanist mit diesem Werk das Vertrauen des – vermutlich eben eingesetzten – Herrschers erst noch sichern muss, dass er ihm
aber andererseits eine prächtige Geschichtsdarstellung verspricht, wie
es De rebus gestis Francorum dann auch sein wird.
Die Handschriften widerspiegeln auch die Entwicklung von
Methode, Kenntnissen und Stil bei Emilio, sein jahrzehntelanges
Ringen um «eloquentia» und «veritas». Er folgt anfangs vorwiegend
seiner ersten und auch später wichtigsten Quelle, 168 den Grandes
Chroniques, die er fortlaufend anhand von neuem Material korrigiert
und überarbeitet. Dieses sammelt er offenbar bei jeder Gelegenheit,
etwa während eines Aufenthalts in Venedig; daneben benützt er auch
Dokumente und Denkmäler als Quellen, allerdings kaum systematisch. 169 In den Handschriften gibt der Humanist seine Vorlagen noch
viel häufiger und ausführlicher an als in der Endfassung, und auch
seine «quellenkritischen» Erörterungen sind hier genauer, wenn auch
umständlicher – dem Leser wird noch zugemutet, den Weg nachzuvollziehen, der zu Emilios Einsichten geführt hat. Im gewählten Stil des
endgültigen De rebus gestis Francorum haben solche Ausführungen
168
DAVIES (1956), 105.
EMILIO (1492), fol. 5v: «… dum Venetijs ista diligentius perscrutamur, meminimus …». Cf.
DAVIES (1956), 108f., für den «wider range of sources» der Handschriften.
169
187
keinen Platz mehr. Bei diesem handelt es sich unterdessen ja auch um
eine autorisierte, offizielle Fassung – die in den Handschriften vorgebrachten Argumente haben die einflussreichen Leser entweder überzeugt oder nicht, was gedruckt wird, steht jedenfalls nicht mehr zur
Diskussion. Das gedruckte Werk ist in den gemeinsamen und somit
vergleichbaren Teilen entsprechend straffer, klarer, besser aufgebaut
und flüssiger geschrieben als die Manuskript gebliebenen Texte. 170 Hat
die Darstellung des neunten Jahrhunderts von Karls des Grossen
Kaiserkrönung bis 877 beziehungsweise 898 in den Handschriften noch
je zwei Bücher beansprucht, nimmt sie in De rebus gestis nur die erste
Hälfte des dritten Buches ein, selbst unter Berücksichtigung des grösseren Gesamtumfangs deutlich weniger. Einige der ursprünglich sehr
ausführlichen Reden sind ganz gestrichen, andere gekürzt, und generell
ist die «brevitas» in allen Formulierungen strenger gehandhabt; selbst
wo Sätze teilweise abgeschrieben sind, folgen sogleich wieder neue
Formulierungen. Mit diesem Feilen am Stil geht auch die Verbesserung
kleiner sachlicher Fehler einher. 171
Offensichtlich hat sich auch das Konzept, ja die Periodisierung der
französischen Geschichte für Emilio im Laufe der Revisionsarbeit
geändert, was sich auch in der Bucheinteilung zeigt. 172 Offenbar hat der
Humanist eine Zeitlang das Ende der (west-)fränkischen Kaiserzeit als
einen epochalen Einschnitt verstanden und danach frisch eingesetzt.
Das erklärt einige inhaltliche Wiederholungen von Francorum Imperium und De rebus a recentiore Francia gestis liber primus sowie des
letzteren Titel: Es handelt sich um einen eigentlichen Neubeginn mit
einem neuen, «modernen» Frankreich als Protagonisten, wie es sich aus
170
DAVIES (1956), 109, spricht von einem «gain in competence of presentation», bedauert aber
die Einschränkungen in Thematik und Methodik als «undoubted losses». Emilio wird sie eher als
Gewinn angesehen haben, kommt er doch damit dem livianischen Vorbild näher.
171
Man vergleiche etwa die programmatische Rede des Guasconen Vasco in EMILIO (1492),
fol. 7; (1499), fol. 6v; und (1520), 77, sowie diejenige von Eudes de Paris bei EMILIO (1500),
fol. 33-36; (1520), 88. Die Rede von Eudes schliesst die Handschrift ab und liefert sicher bewusst
einen kleinen Fürstenspiegel; cf. auch unten p. 205. In der Endfassung ganz weggelassen ist die
Rede von Louis le Bègue in EMILIO (1500), fol. 21r/v. Straffungen und Korrekturen sind häufig,
etwa EMILIO (1500), fol. 12v: «Vercelis funeratus est: ac aliquanto post ad Dionysii translatus.
Regnavit annos quadraginta tres. Imperavit annos sex.»; EMILIO (1520), 85: «Vercellis funeratus
ad Dionysij aliquanto post transfertur. Regnavit annos triginta sex, Imperavit biennium.» Cf. auch
DAVIES (1956), 104f., die andere Verbesserungen anführt.
172
Die Kaiserkrönung Karls des Grossen steht bei EMILIO (1491) am Ende des (dritten)
Buches, in ID. (1499) und (1520) beginnt damit jedoch ein neues, kunstvoll eingeführtes Buch, das
fünfte beziehungsweise dritte. Die Zeit von Karls Kaiserkrönung bis zum Tode von Charles le
Chauve, die in allen drei Redaktionsschritten erhalten ist, bildet anfangs die Bücher vier und fünf,
dann die Bücher fünf des ersten Teils und eins des zweiten Teils und schliesslich in der
gedruckten Version die erste Hälfte des dritten Buches.
188
der Reichsteilung zwischen den Söhnen Ludwigs des Frommen
ergeben hat und auf das bereits am Ende des vorangehenden, als
«quintus liber» bezeichneten Buches über das noch viele Völker
umfassende Kaiserreich der frühen Karolinger hingewiesen wird. 173
Emilio selbst sagt in seinem Vorwort zur Recentior Francia, er habe es
den Historikern Roms nachgetan, von denen die einen den Triumph der
Urbs auf der ganzen Welt dargestellt hätten, die anderen aber die
«inclinatio imperii» – der Humanist denkt zweifellos an seine Modelle
Livius und Biondo, nennt sie aber nicht beim Namen. In den ersten fünf
Büchern – von denen nur das letzte erhalten ist – habe er gezeigt, wie
die Franzosen beinahe über ganz Europa herrschten; in den übrigen
werde er jetzt das «jüngere» Frankreich beschreiben, dessen Herrschaft
weniger umfassend sei als zuvor, dessen Frömmigkeit und militärische
Kraft aber weiterhin keiner anderen Epoche und keinem anderen Volk
nachstünden. 174
Emilios Sichtweise ist hier offenbar geprägt durch das Schicksal
seiner Heimat, Italiens, wo mit dem Zerfall des Karolingerreiches unter
den Söhnen Ludwigs des Frommen ein die folgenden Jahrhunderte
prägendes Machtvakuum entstehen konnte. Diese Erfahrung steht
jedoch in diametralem Gegensatz zur französischen Betonung der
ungebrochenen dynastischen und auch geographischen Kontinuität der
Nation, die eine – inhaltlich durchaus vertretbare – Aufteilung in ein
vorkaiserliches, ein (nur kurz) imperiales und schliesslich ein neues,
redimensioniertes, aber homogenes Frankreich nie vorgenommen hat.
Dass die jüngere, also vor allem die kapetingische Geschichte eine Zeit
der «inclinatio» sein soll, dürfte kaum die Begeisterung der französischen Leser hervorgerufen haben, ebensowenig die Feststellung, dass
Frankreich seit jenen unseligen Bürgerkriegen auf die gegenwärtige
«terrarum angustiae» zurückgeworfen sei. 175 Dass ausgerechnet von der
karolingischen Kaiserzeit zwei handschriftliche Redaktionen Emilios
erhalten sind, ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Deutung dieser
Epoche umstritten und von beträchtlicher ideologischer Bedeutung
bleibt, wofür der Ausländer erst ein Sensorium entwickeln muss. In De
rebus gestis vermeidet Emilio es jedenfalls, die Brüche in der franzö-
173
EMILIO (1499), fol. 31v, über das Reich von Charles le Chauve: «Id esse vocitarique Francie
Regnum placuit. Hec est recentior Francia. Illa quam superius scripsimus longior latiorque et fuit
et a nobis est perscripta. Reliqua deinceps ordiri pergam.»
174
EMILIO (1500), Vorwort in Dupuy 272.
175
EMILIO (1500), fol. 1.
189
sischen Geschichte zu betonen, und übernimmt so die herkömmliche
Sichtweise.
In den beiden Manuskriptgruppen gemeinsamen Teilen lassen sich
aber auch Unterschiede zwischen den ersten zwei Arbeitsphasen feststellen: Einige Reden und Kommentare von De primordio fallen in
Francorum imperium weg, dafür sind die Erörterungen etwa über die
Fälschungen des Pseudo-Turpin ausführlicher. 176 Im früheren Werk
macht sich der Humanist freimütig an die Zertrümmerung der Sage,
teilt er doch ausdrücklich die Skepsis spanischer Autoren gegenüber
den französischen Versionen; gegen diese «fabulamenta» liefere er
keine «coniectura», «sed indubitatum inditium». 177 Offenbar haben
diese Klarstellungen nicht überall Begeisterung hervorgerufen, so dass
sich Emilio in Francorum Imperium gezwungen sieht, die
mittelalterliche Legende präziser zu widerlegen und sich gegen
offenbar an ihm geübte Kritik zu verteidigen. Nach längeren Ausführungen kommt er zum Schluss, die Schlacht von Roncesvalles müsse
entsprechend den «veri Francorum annales» auf die Zeit vor der
Kaiserkrönung datiert und von ihrem dichterischen Beiwerk befreit
werden. 178 Die endgültige, gedruckte Version verzichtet schliesslich auf
offene Polemik: Die erste Spanienexpedition (von 778) wird
ausführlich beschrieben, kurz, aber historisch korrekt auch die
Vernichtung des Trosses durch die Basken; dabei folgt Emilio
«Vasconum veteres Annales» und erwähnt nur summarisch, dass
Autoren anderer Länder viele verschiedene Versionen liefern. 179 Diese
Niederlage nennt er jedoch nicht «Roncesvalles», welches er stattdessen – wie Pseudo-Turpin – erst am Ende von Karls Herrschaft
geschehen lässt, nach der letzten, ebenfalls historischen Spanienexpedition (von 811): «ut nullus locus clade Francorum nobilior, ac
176
Cf. DAVIES (1956), 102.
EMILIO (1492), fol. 20v/21; der angebliche Turpin könne sogar nach dem eigenen Zeugnis
erst einige Jahrhunderte nach dem historischen Turpin gelebt haben, und auch dieser habe die
letzten Herrschaftsjahre Karls (und damit das angebliche Datum der Schlacht) nicht miterlebt, was
aus Reimser Kirchenakten hervorgehe.
178
EMILIO (1499), fol. 12v, beschreibt zuerst die Niederlage ohne epische Ausschmückung am
Ende von Karls Herrschaft, meint aber doch mit «fama» und «auctores», Verrat sei mit im Spiel
gewesen. Mit «Turpini nomine circumfertur liber …» (ebenso bereits ID. (1492), fol. 21) folgt
jedoch gleich ein Abschnitt, dessen Argumentation am Anfang fast wörtlich der erwähnten aus «A
primordio Francie» abgeschrieben ist. Dann verwahrt sich Emilio gegen den offenbar an ihn
ergangenen Vorwurf, er leugne ein kuriales Zeugnis zugunsten Turpins; das beziehe sich auf den
historischen Erzbischof und belege keineswegs die Authentizität der angeblich von diesem, aber
tatsächlich von einem Späteren unter seinem Namen verfassten Geschichte Rolands.
179
EMILIO (1520), 62.
177
190
fama celebratior sit. Roncavallis vocitatur.» 180 In der gedruckten
Fassung bleibt also eine gewisse Ambivalenz bestehen: Entgegen
Emilios eigener Einsicht in Francorum Imperium ist «Roncesvalles»
auf das Ende von Karls Kaiserzeit datiert, was dazu führt, dass die
Schlacht eigentlich zweimal (778 und 811) beschrieben wird; andererseits fehlt jeglicher Hinweis auf den epischen Stoff, selbst der Name
Rolands, und Turpin ist auf seine – bescheidene – historische Funktion
beschränkt. Das scheint darauf hinzudeuten, dass der Italiener seine
Auftraggeber nicht noch einmal mit einer vehementen und kaum widerlegbaren Kritik des nationalen Mythos vor den Kopf stossen will, kann
aber auch bedeuten, dass er die eigentliche Legende nicht einmal mehr
der Rede wert hält. 181 Diese Feststellung gilt jedenfalls für Karls angebliche Reise nach Konstantinopel. In der ersten Handschrift erwähnt der
Humanist diese Meinung der «Galli» und überlässt dem Leser das
Urteil; in der zweiten beruft er sich in anderem Zusammenhang auf
zeitgenössische Annalisten, wonach Karl nie in Asien oder Afrika war;
und in De rebus gestis ist die ganze Problematik mit keinem Wort mehr
erwähnt. 182
Neben solchen Varianten 183 liessen sich auch zahlreiche Beispiele
weitgehender inhaltlicher Übereinstimmung anführen; dies gilt vor
allem für die unumstrittenen Passagen, die auch den zusehends
strengeren darstellerischen Kriterien des Humanisten standhalten. Es
finden sich indessen in der Endfassung keine längeren Passagen, die
wörtlich aus den Handschriften kopierten worden wären; selbst wo der
Inhalt praktisch unverändert bleibt, hat der Humanist für die Formulierung neu angesetzt, und es ist nicht einmal ganz sicher, ob er dabei
die früheren Fassungen immer direkt vor Augen hat. Dass sich die
Stellen auch so sehr ähnlich sein können, ist angesichts des prägenden
livianischen Vorbildes durchaus möglich.
180
EMILIO (1520), 78: «… so dass dank der Niederlage der Franken kein Ort berühmter, keiner
im Nachruhm häufiger besungen ist. Roncesvalles heisst er.»
181
Cf. DAVIES (1956), 110: «But it [sc. the rejections in the MSS] takes up valuable space in a
way which by implication gives these tales an importance which they do not deserve; and the
simpler and bolder course of omission from the De Rebus Gestis is upon the whole more
effective.»
182
EMILIO (1492), fol. 21v; (1499), fol. 4v.
183
Dazu gehört auch die Seeschlacht zwischen Venedig und Karls Sohn Pippin, cf.
EMILIO (1492), fol. 5v; ID. (1499), fol. 6; ID. (1520), 75. Die venezianische Version wird anfangs
mit ausführlicher Begründung als Verwechslung und patriotische Selbstüberschätzung erklärt; in
der zweiten Fassung neben der französischen und ohne abschliessendes Urteil referiert; in der
gedruckten Version ebenfalls, aber kurz abgetan: «Certiores authores nihil tale tradunt».
191
c. Die Ausgaben von «De rebus gestis Francorum»
Dank dem Zeugnis des Erasmus wissen wir, dass Emilio bis zum ersten
Teildruck seines Geschichtswerkes, der spätestens 1517 erscheint, mehr
als zwanzig Jahre daran gearbeitet hat. Also ist die Arbeit in den
neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts begonnen worden, und offenbar
gehören für Erasmus die frühen handschriftlichen Redaktionen zu
diesem Arbeitsprozess dazu. Man darf also annehmen, dass Emilio das
historische Material bereits früh recht vollständig zusammengetragen
hat, die Arbeit sich aber wegen häufiger Überarbeitungen, einzelner
Ergänzungen und sprachlichen Feilens über einen solchen Zeitraum
erstreckt. De rebus gestis Francorum erscheint erstmals undatiert bei
Josse Bade; diese Ausgabe umfasst die Bücher I-IV und stammt von
1516 oder 1517. 184 Die nächsten, ebenfalls undatierten Ausgaben
folgen rasch: Eine in sieben Büchern erscheint vielleicht bereits 1517
oder 1518, 185 und 1519 meldet Pierre Gilles dem Erasmus, dass Emilio
«reliquos libros formulis excudendos» bei Bade abgegeben habe. 186
Gemäss diesem Zeugnis und dem Druckerzeichen stammt die letzte zu
Emilios Lebzeiten erschienene Ausgabe in neun Büchern wohl spätestens von 1520. 187 Der Humanist dürfte also bis etwa 1515 den
184
Auf dem Titelblatt der entsprechenden Ausgabe der BNP steht handschriftlich: «emit
Antonius Papilio anno 1517 cal. junii. Vaenumdantur in aedibus Iodoci Badij Ascensi». Den
terminus ante quem liefert auch ERASMUS, Epistolae (21. Februar 1517), II, 479, der berichtet,
dass Emilios Buch bereits verkauft werde.
185
Sie führt in der von mir verwendeten Basler Ausgabe von 1601 bis EMILIO (1520), 239. LE
LONG (1769), II, 45; NICERON (1737), XL, 63, und CLÉMENT (1750), I, 63, erwähnen zudem eine
Ausgabe in sechs Büchern; cf. DAVIES (1954), 175. Sie ist jedoch nirgends belegt, weshalb es sich
mit aller Wahrscheinlichkeit um einen sorglos tradierten Fehler Le Longs handelt; tatsächlich ist
im alten Katalog der Bibliothèque de l’Arsenal eine undatierte Ausgabe (moderne Signatur: Fol.
H. 1616) mit «VI» Büchern angegeben; in der jüngeren Konkordanz ist die Zahl auf «VIII»
korrigiert; tatsächlich handelt es sich um die Ausgabe in sieben Büchern, deren Frontispiz
allerdings die «Libri IIII» der ersten Auflage beibehält!
186
ERASMUS, Epistolae (19. Juni 1518), III, 342: «die übrigen Bücher zum Drucken».
187
Die Ausgabe in neun Büchern führt bis EMILIO (1520), 314. RENOUARD (1969), 287-289,
und nach ihm MOREAU (1977), II, 426f., 473, 528, datieren die Edition mit sieben Büchern auf
etwa 1517, «d’après la marque de J. Bade»; diejenige in neun Büchern wäre in einer ersten
Version (Bibliothèque Mazarine) bereits 1518 erschienen, eine in drei verschiedenen Fassungen
erhaltene Neuauflage – «d’après l’encadrement au titre» – in der Zeit zwischen Juli 1519 und
Februar 1520. Die zuerst drei und dann fünf neuen Bände seien anfangs einfach zu den vier ersten
hinzugebunden und erst später – als Ausgabe in neun Büchern – neu gedruckt worden. Allerdings
lassen leichte Differenzen in den frühen Editionen vermuten, dass nicht einfach neue Bücher
hinzugebunden, sondern die Bände mindestens teilweise neu gesetzt worden sind; cf. etwa
fol. CXX (Fehlpaginierung); CXXIV (Korrektur «Domitiani» in «Vespasiani»); CXXII (erster Zeilenumbruch) in den folgenden Exemplaren: BNP Rés. L35-22 (vier Bücher); Arsenal Fol H. 1616
(sieben); Arsenal Fol. H. 1615 (erste mit neun); BNP Rés. L35-22.A (zweite mit neun). Die
192
gesamten Stoff (wohl noch ohne das 15. Jahrhundert) aufgearbeitet,
eine ziemlich endgültige Version erstellt und diese auch am Hof zur
inhaltlichen Prüfung vorgelegt haben. Nach dem Druck der ersten neun
Bücher hätte er dann seine letzten Lebensjahren vor allem auf das
zehnte verwendet, zu dem etwa in Form der 1524 erstmals gedruckten
Memoiren von Commynes auch neues Material erhältlich wird. Bei
Emilios Tod 1529 ist der Stoff weitgehend zusammengetragen und vermutlich auch verarbeitet; dementsprechend hätte sein Verwandter
Daniele Zavarizzi sich darauf beschränkt, den weit gediehenen Text
durchzusehen, allenfalls eine Reinschrift zu erstellen und diese 1539
mit den früheren Büchern zusammen in Druck zu geben. 188 Tatsächlich
sind im zehnten Buch keine grösseren stilistischen Unterschiede zu den
vorangegangenen zu fassen, dafür einige Schnitzer in den Details, die
bei einer Überarbeitung vermutlich bemerkt worden wären; es fehlen
jedoch längere und vor allem programmatische Reden, wie sie sich in
allen vorangegangenen Büchern finden und wohl noch eingefügt
worden wären. Auch das Ende des Buches mit dem Tod des Herzogs
der Bretagne im Jahre 1488 und der Ankündigung des «novarum rursus
rerum initium» ist bewusst gewählt und offensichtlich nicht durch das
Ableben des Historikers verursacht worden.
d. Methode
Emilios De rebus gestis Francorum ist eines der gelungensten Produkte
der humanistischen Geschichtsschreibung schlechthin, gerade was
deren eigenen Anspruch betrifft. Sprachlich vermag der Humanist dem
livianischen Vorbild weitgehend zu genügen, sein Text ist dank des
selbstsicheren Umgangs auch mit langen Perioden flüssiger und
abwechslungsreicher zu lesen als die Werke seiner Vorgänger, 189 aber
auch seine eigenen früheren. Die Gliederung in zehn Bücher von je
dreissig bis vierzig Seiten bezweckt wohl in erster Linie eine einigerDruckgeschichte müsste also leicht revidiert werden, doch das Hauptresultat wird damit nicht
beeinträchtigt: die Datierung der verschiedenen Auflagen auf die Jahre zwischen 1516 und 1520.
188
Zavarizzi selbst meint im Nachwort seiner Ausgabe von 1539, EMILIO (1539), 248:
«… particulas eius [sc. operis], membraque dispersa, pagellasque multis adhuc lituris obductas in
unum coegimus, sylvaeque illi confusae certam ordinem adhibuimus, atque in vulgus edendum
curavimus». Cf. auch DAVIES (1954), 233, die Zavarizzi aufgrund dieser Angaben einen grösseren
Anteil an der Ausformulierung zugesteht.
189
Cf. DAVIES (1954), 345-369, insbes. 352 f. den Vergleich von Stil und Sprache bei Emilio
und Gaguin, der eindeutig zugunsten des ersteren ausfällt.
193
massen gleichmässige Struktur; daneben folgt sie wenn auch nicht
zwingenden oder einheitlichen, so doch vertretbaren inhaltlichen Kriterien: Die Schlacht von Tours und Poitiers, Karls des Grossen Kaiserkrönung, der erste Kreuzzug, der Herrschaftsantritt von Louis VIII
beziehungsweise von Philippe IV mit einer langen Paraphrase aus
Aegidius Romanus und der Ausbruch des Hundertjährigen Krieges
1339 stehen jeweils am Anfang eines Buches, an deren Ende beispielsweise die Krönung Gottfrieds von Bouillon und die Eroberung Jerusalems durch Saladin. 190 Die Einheit der Darstellung bleibt dank
eingeschobener Exkurse bewahrt: Sie ermöglichen es dem Humanisten
etwa, die Vorgeschichte eines Ereignisses oder die Beschaffenheit einer
Landschaft darzulegen. Daneben finden sich auch längere Schilderungen parallel ablaufender Ereignisse, vor allem im Heiligen Land
und in Italien, die mit den üblichen Formeln wie «dum haec aguntur»
eingefügt werden. Emilio ist kein humanistischer Purist: Ziemlich
regelmässig, wenn auch unsystematisch liefert er Jahreszahlen als
Anhaltspunkte, und in der französischen Tradition gibt er meistens
auch beim Tode eines Königs das entsprechende Jahr oder die
Herrschaftsdauer an. 191 Ähnlich Biondo übt sich der Veronese in
möglichst nüchterner Darstellung; er bleibt sehr zurückhaltend im
Urteilen und fügt auch nur wenige belehrende Sentenzen oder
Kommentare ein. Doch seine Erklärungen historischer Zusammenhänge sind auch für den heutigen Leser meist sinnvoll und zeugen von
historischem und psychologischem Einfühlungsvermögen. 192 Wie es
der klassischen rhetorischen Tradition entspricht, dienen die den
Akteuren in den Mund gelegten Reden teils zum reinen Schmuck, teils
zur Darlegung der jeweiligen Motive; wie noch gezeigt werden wird,
haben sie aber auch programmatische Funktion und entwerfen Emilios
Fürstenspiegel. Die psychologische Interpretation einer Person, wie sie
durch eine Rede erfolgt, stellt auch einen der persönlichsten Beiträge
des Verfassers dar: Während er die historischen Fakten aus seinen
französischen Vorlagen zusammensuchen kann, findet er dort keine
längeren rhetorischen Übungen. Doch auch sonst zeigt sich Emilio in
Formulierung und Gewichtung sehr eigenständig: Er entwirft eine
eigentliche Neukonzeption, eine recht sorgfältig komponierte Synthese,
190
EMILIO (1520), 39, 68, 105, 138, 172, 205, 239, 277; allein der Beginn des zehnten Buches
(p. 315) mit Kriegshandlungen in der Bretagne wirkt eher zufällig, wäre aber möglicherweise bei
einer letzten Überarbeitung durch Emilio selbst abgeändert worden.
191
Jahresangaben bei EMILIO (1520) passim, so auf pp. 1, 3, 4, 18, 49, 78, 81, 83, 84, 90, 92.
192
Cf. dazu auch DAVIES (1954), 308-311.
194
die auf reicher und meist kritischer Quellenlektüre basiert, und – im
Unterschied zu den behandelten italienischen Vorgängern, aber auch zu
Gaguin – keiner Vorlage über weite Strecken folgt, von einem
eigentlichen Abschreiben ganz zu schweigen. 193
Da es Emilio nicht bei einer sprachlichen Aufbereitung mittelalterlicher Vorlagen bewenden lässt, gestaltet sich die Aufschlüsselung
seiner Quellen entsprechend schwierig. Nach den Untersuchungen von
Katherine Davies sind es die Grandes Chroniques für Frankreich und
Biondo für das übrige Abendland; zudem angeblich Sigebert de
Gembloux für das 9. bis 12. Jahrhundert, Antonino di Firenze für die
restliche Zeit und Commynes für Louis XI. 194 Von diesen Autoren
nennt der Humanist im Text nur die letzten beiden; daneben unter
anderem Gregor von Tours, André du Bois, den Abt von Marchiennes,
dessen Historia succincta de gestis et successione regum Francorum
bis 1196 führt, Paulus Diaconus, Anastasius (also den Liber
pontificalis), Aimoin, Yves de Chartres, Guillaume de Tyr, Robert de
Torigny, der Sigeberts Chronik weiterführt, Froissart und Piccolomini,
einmal auch «Gaguinus recentissimus rerum Francicarum scriptor»;
ausserdem häufig nur allgemein umschriebene Chronisten zur
Geschichte etwa der Normandie, Flanderns, Englands oder des Reiches.
Sehr wahrscheinliche, aber nicht namentlich genannte Quellen sind
Guillaume de Jumièges, Guillaume de Nangis, Villani, Platina und
andere mehr. 195
Es ist kein Zufall, dass Emilio seine Hauptvorlagen, also die
Grandes Chroniques und Biondo, nie nennt; umgekehrt ist die –
insgesamt ohnehin eher seltene – namentliche Erwähnung eines Autors
kein Hinweis auf eine intensive Verwendung, vielleicht eher im
Gegenteil. Der Humanist nennt seine Quellen nämlich nur in ganz
bestimmten Situationen:
1. In der Regel, wenn er seinem möglicherweise unkonventionellen
oder kontroversen Standpunkt durch eine ehrfurchtgebietende Autorität
Nachdruck verleihen will. 196
193
Cf. auch DAVIES (1954), 207; 297: «… he seems to have set about preparing his book much
as a modern historian would …».
194
DAVIES (1954), 206; «on a much lesser degree» auch Guillaume de Nangis, Villani,
Froissart, Guillaume de Tyr sowie flämische und normannische Chroniken. Zu der recht sorgfältigen Rezeption der Grandes Chroniques ib., 207-209, zu der teils wörtlichen, aber nie sklavischen
Biondos ib., 209-219.
195
DAVIES (1954), 178-206; Gaguin bei EMILIO (1520), 241.
196
EMILIO (1520), 28 (zu Brunhilde, cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.); 49
(Sigebert); 85 (Paraphrase Aimoins); 101 («Vasconum annales»); 103 (Yves de Chartres); 104
195
2. Wenn er, umgekehrt, seine Darstellung dadurch relativieren will,
dass er den Verantwortlichen für eine unsichere Nachricht nennt, was
noch unverbindlicher mit «sunt qui tradant» oder anderen allgemeinen
Wendungen geschehen kann. 197
3. Wenn er mehrere sich widersprechende Versionen wiedergibt und
dabei entweder a) meist mit Begründung eine von diesen übernimmt 198
oder b) kein eigenes Urteil abgibt. 199
4. Manchmal, wenn er eine inhaltliche Präzisierung oder Ergänzung
anfügt. 200
Obwohl Emilio nicht nur punktuell wie Gaguin, sondern durch sein
ganzes Buch hindurch der Überlieferung mit einer gesunden Skepsis
begegnet, 201 sind die Kriterien, welche ihn dazu bewegen, eine Quelle
zu bevorzugen, nicht immer nachvollziehbar: Manchmal geschieht es
ohne Angabe von Gründen, offenbar einfach aufgrund persönlicher
Einschätzung; 202 auch die summarische Berufung auf einen «gravis»
oder «certior author» ist nicht eben Beweis einer kritischen Grundhaltung. 203 Grundsätzlich unsicher scheinen dem Humanisten die Nachrichten über die Merowingerzeit zu sein. 204 Im übrigen und sehr häufig
gibt Emilio, wie andere Historiker auch, die zeitliche und örtliche Nähe
zum Berichteten als Kriterium für die Glaubwürdigkeit seiner Autoren
an. 205 Das kann ihn auch zu Fehlschlüssen verleiten, wenn er etwa den
(André de Marchiennes) 136, 169 (Guillaume de Tyr); 157 (Gottfried von Viterbo); 159 (Otto von
Freising); 173 (Robert de Torigny); 183 (Guillaume de Tournai), 214 (Stephan von Byzanz,
Johannes von Thwrocz); 235 («authores»); 255, 346 (Pius II.); 256 («authores non obscuri»); 290
(burgundische sowie französische Annalen); 328 (zu Jeanne d’Arc, cf. unten p. Fehler!
Textmarke nicht definiert.); 342 (Commynes).
197
EMILIO (1520), 34 (Genealogie der Karolinger); 92 (heiliger Nagel); 241 (Gaguin zum
Palais de Justice); cf. ib., 79; 302 («sunt qui»); 93 («nonnulli scriptores»).
198
EMILIO (1520), 29 (gegen Paulus Diaconus); 62 (für die «Vasconum annales»); 64 (für den
Bibliothecarius Anastasius); 75 (gegen die Venezianer); 76 (für die Griechen); 212 (gegen
Burchard von Ursperg); 347 (gegen Commynes).
199
EMILIO (1520), 102; 103: «… difficile est res gestas in suum quemque annum digerere»;
222 (Schlacht bei Benevent); 251: «Existimatio igitur libera sit …»; 257 (Schwiegertöchter von
Philippe IV); 298f. (Schisma); 311 (Charles de Navarre); cf. auch unten p. Fehler! Textmarke
nicht definiert. zu Philippe le Bel.
200
EMILIO (1520), 28 (Aimoin); 144 (Yves de Chartres).
201
Cf. DAVIES (1954), 296f., die Emilio mit Gaguin in dieser Hinsicht vergleicht.
202
EMILIO (1520), 29; 100; 347: «Nos hac in varietate famae potiorem authorem Cardinalem
Papiensem [sc. Ammanati] habuimus.»
203
EMILIO (1520), 75; 78.
204
EMILIO (1520), 49, aus Anlass von Pippins Herrschaftsantritt: «Sequitur … certior authorum
fides, quae ambigua initijs prodendis videri poterat.»
205
Cf. EMILIO (1520), 28, 163: «eius temporis aequalis» als Begründung, weshalb Emilio
Gregor den Grossen bzw. André de Marchiennes anderen Quellen vorzieht; ausserdem p. 173,
212; cf. auch ib. 157; 169; 263; 298: «Frossardus eius aetatis & ipse author memorie»; 299; 342:
196
Bibliothecarius Anastasius («nimius prope in recensendis illius
aetatis … rebus») den karolingischen Annales regni Francorum
vorzieht und deshalb Karls Aufenthalt in Florenz bestreitet. 206
Allerdings ist ein «temporis aequalis» keinesfalls per se eine
unbestrittene Autorität: Obwohl Zeitgenosse Friedrichs II., kommt
Burchard von Ursperg in seinem Lob des Kaisers gegen die
Verurteilung durch die papstfreundliche «fama frequentior & sensus
prope omnium conspirans» nicht an. 207 Ohne es ausdrücklich zu sagen,
scheint der Humanist hier die Quelle wegen ihrer von Nationalstolz
oder Loyalität gebotenen Parteilichkeit zu verwerfen, wie er das auch
an anderen Stellen tut, wenn er etwa im Streit um Aliénors Aquitanien
Robert de Torigny als einen Vertrauten des englischen Königs (und
damit Gegner Frankreichs) zugunsten von André de Marchiennes
ablehnt, den er zusätzlich als «eius temporis aequalis» qualifiziert; in
Wirklichkeit sind sie es alle beide. 208
Allerdings ergreift Emilio nicht automatisch für die französischen
Könige Partei, wenn sich die Quellen widersprechen. Weder im Vorwort noch am Ende des Buches, auch nirgends im Text finden sich die
anderswo – auch in Emilios älteren Werken – üblichen Lobpreisungen
der Franzosen und ihrer Könige. Der Humanist behält, soweit möglich,
die Distanz des Ausländers bei, und sein Standpunkt ist eher allgemein
christlich-abendländisch denn patriotisch, wäre das nun zugunsten
Italiens oder Frankreichs. Bezeichnenderweise heissen «nostri» die
Christen im allgemeinen: Die Franken werden erst durch Chlodwigs
Taufe zu solchen, und nachher finden sich «nostri» fast nur noch in der
Beschreibung der Kreuzzüge, in Abgrenzung der vereinten Christen
jeglicher Nation gegenüber den Falschgläubigen, den «veri hostes». 209
«Philippus Cominius qui hac pugna Carolesio affuit …». Vermutlich zieht Emilio auch auf p. 62
die «Vasconum veteres annales» wegen ihrer räumlichen und zeitlichen Nähe zu Karls Spanienexpedition den anderen Quellen vor. Cf. zu diesem Kriterium bei Biondo CLAVUOT (1990), 184f.;
bereits für das Mittelalter GUENÉE (1980), 141f.
206
EMILIO (1520), 64: «äusserst nahe beim Berichten der Ereignisse jener Zeit».
207
EMILIO (1520), 212: «die weitverbreitete Kunde und übereinstimmende Ansicht beinahe
aller».
208
EMILIO (1520), 163 («Robertus Abba historicus Henrici Regis familiaris»); cf. ib., 173, wo
Robert ebenfalls als Zeitgenosse bezeichnet ist. Auch die venezianische Version der Kämpfe
gegen Pippin sieht EMILIO (1520), 75, offenbar als patriotisch verfälscht an; cf. p. 298, die
Stellungnahme eines «a consilio Regis Franci» gegen Papst Urban VI. Cf. auch p. 102, von
normannischen und dänischen Annalen: «adeo non singulorum modo authorum, sed & gentium
monumenta inter se aberrant.»
209
EMILIO (1520), 148; cf. ib., 5f.: «Franci nondum nostra receperant sacra: … Consensu
optimatium redditus nostris calix [sc. der von einem fränkischen Soldaten geraubte Kelch] … Et
nostri sperare coepere Regem Christianum effici posse.» Mit «nostri» sind hier die christianisierten
197
Die Franzosen haben sich wohl sehr ausgezeichnet, gerade auf den
Kreuzzügen, doch daraus lässt sich kein grundsätzlicher und vor allem
kein dauernder Vorrang ableiten. 210 Obwohl die Gespaltenheit des
Abendlandes schlechte Werbung für das Christentum abgibt, 211 wird
gleichzeitig die Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Völkern
als unumgänglich betrachtet, ja beinahe als ritterliche Auseinandersetzung im Kampf um Ruhm und Ehre. Entsprechend fehlen despektierliche Urteile über die christlichen Gegner der Franzosen, die etwa
zu den Deutschen noch im 14. Jahrhundert ein brüderliches Verhältnis
(«fraternum nomen») haben. 212 Superiorität wird allenfalls gegenüber
den Mohammedanern geltend gemacht, doch selbst deren Kampfgeist
kann Anerkennung finden. 213 Wohl werden Untaten der Feinde Frankreichs angeprangert, aber ebensowenig sind Grausamkeiten oder Ungerechtigkeiten der Franzosen selbst übergangen. 214 Die uneinsichtige
Haltung von Philippe Ier ist genauso geschildert wie die «peccata» der
Franzosen, deretwegen Charles d’Anjou am Lebensende viel Unglück
erlebt. 215 Diese von der Biographie her verständlichen päpstlichitalienischen Relativierungen sind besonders deutlich bei Emilios
Behandlung des Schismas, wo seine grundsätzlichen Sympathien für
den Italiener Urban VI. deutlich spürbar werden: Dessen Reformversuche gegen den Widerstand der verweltlichten Kardinäle und sein
Rückhalt in der ganzen Christenheit sind ebenso betont wie die Tatsache, dass der Gegenpapst Clemens in Avignon vom offiziellen Frankreich und vom eigennützigen Anjou abhängig ist. 216 So ist die von
Gallier zu verstehen. Cf. ib., 142; 162; 190; 192 (im Gegensatz zu den Albigensern); 256;
ausserdem die ehrenvolle Aufzählung der Völker ohne Rangfolge während der Kreuzzüge, ib.,
107; 116; 130; 151; 177. Zur «Neutralität» Emilios auch DAVIES (1956), 107, sowie EAD. (1954),
326.
210
Cf. EMILIO (1520), 151 («praecipua gloria» der Franzosen); 287 (Trostrede des Schwarzen
Prinzen zu Jean II); besonders typisch die Rede eines französischen Gesandten vor Kaiser
Karl IV., ib., 296: «Fateor cum trophaeis Francorum Oriens Occidensque refertus sit, interdum nos
fortuna praelij inferiores discessisse.» Lobende Worte für alle Völker auf den Kreuzzügen etwa
ID. (1520), 137; 151.
211
Cf. etwa EMILIO (1520), 215, das traurige Bild, das den Tataren geboten wird.
212
EMILIO (1520), 98f.; 205; 294; zur ritterlichen Konkurrenz pp. 159 (Deutsche); 180
(Engländer); 288 (der Schwarze Prinz); die Gigantomachie des Hundertjährigen Krieges ib., 273.
213
Cf. etwa EMILIO (1520), 42: «superior virtute» von den Franken bei der Schlacht von Tours
und Poitiers; dagegen p. 227, wo die Mohammedaner bei der Verteidigung von Karthago gegen
Saint-Louis mit den alten Puniern verglichen werden (ib., 227).
214
EMILIO (1520), 52, 59 («crudelitas, indignitas, furor»); cf. auch ib., 73, 155f. (Vitry-leBrulé); 181 (die Vorwürfe an Philippe II); 192 (Albigenserkriege).
215
EMILIO (1520), 103, 235.
216
EMILIO (1520), 298f., 304. Eine lange Paraphrase des Juristen Baldus und ein Zitat aus
Froissart belegen, dass die Wahl Urbans VI. auch nach Aussagen des künftigen Clemens (VII.)
198
Emilio bekundete Neutralität in dieser Gewissensfrage nur scheinbar;
gleichwohl kann die entsprechende Aussage für weite Teile seines
Werkes Gültigkeit beanspruchen:
quo iustior nobis venia sit, si nudam rem, ut ab eius tempestatis
potissimum authoribus accepimus, prodendam simplici enarratione
summaque religione censuimus: inter discrepantia studia sententiasque
nihil nostri edentes: nisi quod Numine peccatis temporum succensente
id evenisse arbitramur. 217
Das Zitat belegt Emilios Anspruch, sein Geschichtswerk im antiken
Geist «sine ira et studio» zu verfassen. Die dabei nötige Distanz
beweist er jedoch nicht nur bei der Behandlung Frankreichs, sondern an
derselben Stelle auch gegenüber der Kirche, deren Verweltlichung er
zwar nicht lautstark geisselt, aber auch nicht verschweigt. Kritik an
kurialen Missständen in konkreten historischen Situationen findet sich
wiederholt in De rebus gestis, ohne dass deswegen grundsätzliche
Zweifel an der Institution aufgeworfen würden. 218
Hingegen gibt der Humanist recht rationalistische Erklärungen für
einzelne der zahlreichen Wundergeschichten, die er in den Grandes
Chroniques gefunden hat; die volkstümliche, auf Hinkmar von Reims
zurückgehende Visio Eucherii über das Grab und die Höllenqualen
Karl Martells wird sogar ausdrücklich mit der früheren Leichtgläubigkeit und der – vergangenen – Autorität der Kleriker erklärt. 219 Auch ein
wunderbarer und unbekannter Fürsprecher für die von Philippe II
verstossene Ingeborg von Dänemark findet eine eher nüchterne Erklärung.
Sunt qui numini id attribuant: sed consilio & arte Dana fieri potuit. 220
«consensu riteque» erfolgt sei; die Gegenposition des Abtes von Saint-Vaast wird zwar auch
referiert, aber durch seinen Titel «a consilio Regis Franci» ebenso in seiner parteiischen Haltung
relativiert wie die Nachrichten der «annales francici».
217
EMILIO (1520), 299: «Um so eher muss man uns verzeihen, wenn wir beschlossen haben, die
nackten Tatsachen, wie wir sie vor allem aus zeitgenössischen Autoren entnommen haben, in
nüchterner Nacherzählung und nach bestem Gewissen darzulegen, ohne angesichts der widerstreitenden Parteiungen und Meinungen etwas Eigenes hinzuzufügen, ausser dass wir glauben, dass
dies alles geschehen ist, weil Gott wegen der Sünden jener Zeit zürnte.»
218
Cf. etwa EMILIO (1520), 228, zum dreijährigen Konklave von Viterbo: «… ne qui a se
sanctitatis exemplum peti debere contendant, ij Duces perdendae deplorandaeque reliquae spei
nominis Christiani videantur». Möglicherweise stellt das «tunc» bei EMILIO (1520), 46, eine Kritik
an der gegenwärtigen Situation dar: «Ubi autem melius quam in urbe Roma, tunc virtutis
sanctitatisque seminario, rationem virtutis haberi posse?»; ebenso ib.: «huiusmodi tempora erant».
219
EMILIO (1520), 46; cf. p. 157 der Kommentar zu Johannes a Temporibus.
220
EMILIO (1520), 183: «Manche schreiben dies [sc. dessen Auftritt] Gott zu; aber es ist
möglich, dass es aufgrund eines raffinierten Planes der Dänen geschah.»
199
Die Wende in der Schlacht bei Tolbiac geschieht nicht eigentlich
durch Gottes Willen, sondern «velut coelesti numine rem Francicam
respiciente» – «wie wenn» eine Gottheit die Franken begünstigte. Von
der Taube, die Saint-Rémy das Salbungsöl herbeifliegt, findet sich kein
Wort, nachdem sie der Humanist in Francie antiquitas noch mit den
üblichen vorsichtigen Vorbehaltswendungen erwähnt hat: Jetzt handelt
es sich nur um «velut coelestis muneris chrisma». 221 Solche Auslassungen, wozu auch Karls Kreuzzug und Rolands Heldentod zählen,
sind für das nationale Selbstverständnis der Franzosen recht gravierend,
und entsprechende Empörung hat Emilios dreister Verzicht auf die
Taube noch viel später bei strammen Franzosen geweckt. 222
e. Intention und Geschichtsbild
Im Vergleich zu Candidas und vor allem Cattaneos Enthusiasmus bleibt
auch Emilios Erwähnung der guten Dienste der allerchristlichsten
Könige für Papst und Kirche im – bei ihm – gewohnt nüchternen Rahmen der reinen Beschreibung, obwohl er sie nie übergeht. 223 Hingegen
teilt Emilio mit seinen italienischen Vorgängern den vor allem auf die
Apenninenhalbinsel und die Kreuzzüge erweiterten Blick, der sich häufig auch noch weiter auf das Reich, England und Spanien erstrecken
kann. Das reiche zusätzliche Material führt dazu, dass De rebus gestis
Francorum – trotz der erwähnten Kürzungen gegenüber den Handschriften – einen Umfang annimmt, der alle Vorgänger weit in den
Schatten stellt. Die starke Berücksichtigung Italiens wird dem Veronesen denn später auch von französischer Seite zum Vorwurf gemacht. 224
Sie ist aber nicht nur angesichts der Biographie des Historiographen
und seines Vorbilds in Biondos Dekaden verständlich, sondern auch
wegen der zeitlichen Umstände der Redaktion – die Valois haben
Ansprüche in Süd- und Norditalien, und die Lombardei gehört längere
Zeit tatsächlich zur französischen Krone. Wenn Emilio diese
nachbarschaftlichen Beziehungen bis auf ihre Wurzeln zurückverfolgt,
221
EMILIO (1520), 7: «Salböl gleichsam als himmlische Gabe»; cf. ID. (1491), fol. 10, erwähnt
bei DAVIES (1956), 110.
222
Cf. unten p. 243.
223
EMILIO (1520), 45, von Karl Martell: «initium tutandi Pontificis maximi fecit, foelici ad
posteros exemplo»; cf. pp. 39 (Karl Martell); 52f. (Pippin: «religionis causa»); 56-58 (Karl der
Grosse); 141 (Philippe Ier); 146, 153f. (Louis VI); 197f. (Philippe II); 214 (Saint-Louis); 222
(Charles d’Anjou).
224
Cf. unten p. 209.
200
so entspricht das durchaus einem aktuellen Bedürfnis. Das gleiche gilt
für die auffälligsten und umfangreichsten Exkurse, diejenigen zu den
Kreuzzügen; sie überraschen allerdings selbst Zeitgenossen wie
Cambini, die eigentlich die allgegenwärtige Kreuzzugsrhetorik
gewohnt sein müssten. 225 Der erste Kreuzzug füllt das gesamte vierte
Buch (bis zur Krönung Gottfrieds) und den Anfang des fünften; im
Folgenden unterbricht nicht nur die Schilderung der eigentlichen
Kreuzzüge, sondern überhaupt der Kämpfe im Heiligen Land immer
wieder die französische Geschichte, häufig ohne eigentlichen
Zusammenhang mit dieser – insgesamt füllen die Handlungen der
Kreuzritter gute siebzig Seiten der Darstellung, also ein Fünftel des
gesamten Werkes! 226 So überrascht es auch wenig, dass insbesondere
der erste Kreuzzug gleichsam als goldenes Zeitalter der Christenheit
dasteht und die Königswahl in Jerusalem geprägt wird durch heiligenähnliche Umgangsformen, idealistische Selbstlosigkeit, persönliche
Bescheidenheit, Unbestechlichkeit und Gerechtigkeit. 227 Diese Verherrlichung hindert den Humanisten indessen nicht, anlässlich der Albigenserkriege die Perversion des Kreuzzugsgedankens anzuprangern: Der
hehre Namen dient nur noch der Kaschierung weltlicher Interessen, und
so benutzt Emilio eine an sich bedeutungslose Expedition gegen
Tripolis im Jahre 1289, um das Ende der Kreuzzugsbewegung zu
verkünden. 228 Emilio betreibt also – anders als seine Vorgänger – die
Werbung für den Kreuzzug recht diskret, durch die Schilderung der
vorbildlichen ersten Kreuzritter, aber ohne konkreten Aufruf an den
König oder die Franzosen.
So ist auch die Praefatio sehr allgemein gehalten: Sie preist die
Geschichte Frankreichs als besonders geeignet zum Verständnis der
wankelmütigen Fortuna und damit in antik-humanistischer Tradition
als «magistra vitae» und «sapientiae studii moderatrix», Lehrerin und
225
CAMBINI (1519), fol. 5, klagt, dass Emilio «poco o niente delle cose del regnio di Francia»
schreibt, nachdem er mit dem ersten Kreuzzug begonnen hat; offenbar liegt ihm erst die Ausgabe
in vier Büchern vor. Auch DAVIES (1954), 344, meint vom ersten Kreuzzug: «… its connection
with the history of France properly speaking is too remote to justify its inclusion at this length».
226
Die Ereignisse im Heiligen Land behandelt EMILIO (1520), 105-140 (1. Kreuzzug), 142,
147, 151f., 159-63 (2. Kreuzzug), 166-169, 171, 174-180 (3. Kreuzzug), 186-190 (4. Kreuzzug),
199-204 (Damiette 1219), 216-218 (Saint-Louis in Ägypten), 227f. (Saint-Louis in Tunis), 245
(Expedition gegen Tripolis).
227
EMILIO (1520), 137; cf. auch ib., 105, die Einleitung zum vierten Buch, das ganz dem ersten
Kreuzzug gewidmet ist.
228
EMILIO (1520), 199: «Ita bellum quod numinis causa susceptum gestumque praedicabatur,
finirique parcendo deditis, ac praeteritorum dissimulatione poterat, durius inclementer consulendo
factum.» Ähnlich ib., 224; 245f.: «Hic finis sacri belli statui potest. Nomen quidem mansit: ferrum
alijs bellis strictum»; cf. jedoch p. 263.
201
Lenkerin in Praxis und Theorie. Die Launen der Fortuna sind indessen
nicht nur topisch proklamiert, sondern bilden durchaus auch das
Movens des geschichtlichen Prozesses: Bereits unter Merowech ist der
«inclinatio rei Romanae» die «Galliae fortuna» gegenübergestellt, sie
lässt Chlodwig am Gelübde festhalten und sich zum Katholizismus
bekennen, sie begleitet den Aufstieg der Hausmeier; die letzten Merowinger müssen «fortuna parum foelices» abtreten, und ebenfalls
«fortuna inferior» unterliegt der letzte Karolinger gegen Hugues Capet;
Fortuna steuert die hoffnungsvoll angetretene Ehe des Louis VII mit
Aliénor in das folgenschwere Verhängnis und verdüstert die letzten
Tage von Charles d’Anjou. 229 Besonders stark manifestiert sie sich bei
Karl dem Grossen, dem die höchsten Ehren zuteil werden und der
gerade dank ihr an sich gleichwertige Stämme besiegen kann, aber wie
alle Menschen auch des Schicksals Ungunst erfahren muss – nichts
Irdisches bleibt sich gleich. 230 Auch den Franken ist das Kaiserreich,
ein «ludibrium fortunae», nicht auf ewig verliehen, und so tut Karl gut
daran, entgegen seinen ursprünglichen Plänen Frankreich nicht imperialen Gesetzen zu unterwerfen. 231 Beinahe in machiavellischem Sinn
schafft die Fortuna also Gelegenheiten zum Handeln, insbesondere im
politisch-gesetzgeberischen Bereich, setzt dem Spielraum der
Menschen aber gleichzeitig klare Grenzen. 232 Tendenziell ist sie mit der
Gottheit gleichgesetzt oder geht jedenfalls von ihr aus; diese ist aber
mit «numen» oder «superi» bezeichnet, und diese antiken
Bezeichnungen bedeuten auch, dass keineswegs ein heilsgeschichtlicher Plan die Geschichte regiert, sondern vielmehr ein steter und
229
EMILIO (1520), 3; 7; 36; 47; 67; 95; 155; 235.
EMILIO (1520), 67; 73: «Abroditi … ijdem mores, eadem instituta, idem armorum genus,
iidem ornatus, eadem prope virtus, non eadem fortuna.» Cf. ib., 74: «Et fortuna iuvit.»; sowie
p. 75, die böhmischen Gesandten zu Karls Sohn: «Dij nobiscum fuerunt, iam ad te evocati
transierunt. Non virtus nostra, sed fortuna tuae cedit. Utere, dum licet, coeli (quo nihil mobilius
rapidiusque est) beneficio. Dux foelix, fortissimos viros (quo quid fortunatius) in deditionem
accipe.»
231
Cf. die Rede «Vascos», bei EMILIO (1520), 77.
232
EMILIO (1520), 10, sagt Chrodechilde zu Chlodwig: «Fortunae nec tu, nec ullus mortalium
imperare potest: quando nec superis ullus nostrum potest.» Ib., 88, in der Rede von Eudes de Paris
an den Adel: «In primis optandam vobis foelicitatem publicam duco, quae neque invitis ipsa se
offert, neque quaerentibus se abdit. Praesto adest, tenetur, si publice petatur. Ut famem, ut
pestilentiam effugiamus, in manu nostra non posuit rerum creator: Talem vero ut habeamus
rempublicam, talesque leges, quales ipsi constituerimus, in potestate nostra est. Fortunam nullus
sibi creat. Sue quisque mentis institutorumque faber architectusque est. Regnum si affectes, non
tam facile adipiscare, quam si habeas amittas.» Cf. p. 301: «quoad per fortunam licuit»; 327: «Nec
fortunae se offerenti defuit Francus Rex …».
230
202
unberechenbarer Wandel, gerade im politischen Bereich. 233 Das können
der Herrscher und der Leser von Emilios Werk lernen: In diesem Auf
und Ab gewährt allenfalls die vorsichtige und mit echter
Herrschertugend bewirkte Verteidigung der Machtstellung Bestand und
Dauer. 234 Verhält er sich entsprechend seiner herrschaftlichen Aufgabe,
darf der Entschlossene und Tatkräftige auf die Gunst von Gott und
Fortuna hoffen, nicht aber darauf zählen. 235
Emilios Geschichtsbild ist also weitgehend säkularisiert: Die Fortuna
ist eine rational nicht zu erfassende und vor allem planlose Gebieterin. 236 Zwar verkündet Emilio anlässlich von Chlodwigs Sieg bei
Tolbiac, die Gunst der Götter vermöge mehr als «virtus, arsque Ducum
gentiumque ac nobilitas», 237 doch sind es häufiger gerade diese
menschlichen Eigenschaften, die im vom Schicksal gewährten,
beschränkten Freiraum den Erfolg der Franzosen begründen:
«nobilitas» und «religio» oder «virtus, pietas, perseverantia» 238 –
theoretisch die gesellschaftliche Harmonie, 239 in der eigentlichen
Darstellung jedoch fast ausschliesslich die militärische Schlagkraft,
also die «virtus». «Tua fortuna, & tuorum virtus» erklären die
Überlegenheit Karls des Grossen. 240 Ohne einen Vergleich mit dem in
der Terminologie ja durchaus zeitverhafteten Machiavelli strapazieren
zu wollen, lässt sich doch festhalten, dass der Gegensatz zwischen
«fortuna» und «virtù» bei Emilio ebenfalls spielt; die elementare
233
Cf. etwa EMILIO (1520), 88, die Rede von Eudes: «Mens nostra coeli aeternitatisque capax
est; Regna vero suspecta, infida, cruenta, incerta, serva, angusta, insatiabilia.»; p. 241, im Auszug
aus Aegidius Romanus: «… rerum inclinationibus temporumque communium mutationibus &
publicis casibus (qui summis imperijs, ubi aliquid labat, fere accidere, ut humanis corporibus
morbi, consuevere) …»; 248: «Nunc nihil amantius, mox nihil infensius». Zur Herkunft der
Fortuna cf. ib., 7: «fortuna Galliae numenque»; 73: «Eam [sc. fortunam] solum numen
praebet …».
234
EMILIO (1520), 37: «Adeo summis Imperijs nihil negligendum est, audaciaque ante quam
radices agat, in ipso exortu vindicanda: quando cum inveterarit, velut iure suo sevit: nec evertitur
nisi magna sua continentiumque ruina, saepeque oppressis ipsis vindicibus. haec magnis Regnis
Imperijsque sint documenta: frustraque conscriptio esset, & memoria rerum, nisi eam sequerentur
regnandi praecepta, sueque cuique reipublice Regiaeve exempla frugifera.» Cf. auch p. 146, vom
Ertrinkenstod der englischen Prinzen: «… tristi suis, sed salutari ad posteros exemplo, spem
Regiae simul universam, fortunae discrimini, ventorumque ludibrio credendam non esse.»
235
EMILIO (1520), 30: «… numen fortem virum, ut fere fit, iuvit».
236
EMILIO (1520), 261: «… aut libidine fortunae, aut divino mortalibusque ignoto consilio».
237
EMILIO (1520), 7: «Tapferkeit, die Begabung von Feldherren und Völkern sowie edles
Verhalten»; cf. auch p. 288: «Solum Numen Franciam texit»; 299: «… Numine peccatis temporum
succensente id evenisse arbitramur».
238
EMILIO (1520), 13, 151.
239
Cf. die oben, Anm. 232, zitierten Ausschnitte aus der Rede von Eudes de Paris bei
EMILIO (1520), 88.
240
EMILIO (1520), 68.
203
Manneszucht und Tapferkeit benötigt aber auch die – als Geistesadel
aufgefasste – mentale Qualifikation zum Herrschen. «Virtus» (und
«nobilitas») ist für Emilio ebensowenig wie für den Florentiner Kanzler
bleibende Errungenschaft eines Volkes oder einer Dynastie, sie ist im
Gegenteil dem historischen Wandel unterworfen – so geht die
Kaiserwürde von den schwächlichen Nachfolgern Karls des Grossen an
die Ottonen über, «ad novam virtutem nobilitatemque». 241 Dass
politische Opportunität und göttliches Gebot nicht immer
deckungsgleich sind, weiss auch Emilio 242 – doch im Unterschied zu
Machiavelli thematisiert er diesen Konflikt nicht weiter.
Die beinahe fatalistische Einsicht in die Bedeutung der Fortuna verhindert, dass Emilio die französische Geschichte als reine Kontinuität
oder gar stetes Voranschreiten auslegt. Auf die in den Handschriften
fassbare Deutung der Zeit nach den Karolingern als «inclinatio» hat er
zwar, wie geschildert, verzichtet, doch erlebt Frankreich unter Karl
dem Grossen gleichwohl seinen Höhepunkt, der mit dem Kaisertitel
gekrönt wird. 243 Auf ihn folgt, wie auf die andere Gründerfigur
Chlodwig, die Dekadenz seiner Nachfolger: Den Merowingern sind die
Landnahme, die Christianisierung und die kriegerische Behauptung
gegen innere und äussere Feinde zu verdanken, doch die früheren
Tugenden weichen der «segnities et inertia» der Epigonen, denen also
aus eigenem Verschulden die Zügel der Herrschaft langsam
entgleiten; 244 bei den Karolingern schildert Emilio schon ab Charles le
Simple (parallel zum Verlust der Kaiserkrone!) die Machtverlagerung
«per ignaviam socordiamque» zugunsten der Robertiner, der künftigen
Kapetinger, zuerst auf Eudes de Paris und seinen Bruder Robert Ier,
denen der Italiener mit einer gewissen Sympathie legitime Ansprüche
auf die Krone zuerkennt und die, als «magister equitum» bezeichnet,
den frühen Karolingern gleichgesetzt sind. Charles le Simple ist König
kraft seiner Herkunft, Robert Ier wird es hingegen dank seiner «virtus»
241
EMILIO (1520), 90; cf. 49, wo die Franken in Pippin die «invictae vires» und die «religio»
bewundern und ihn deshalb als Herrscher akzeptieren.
242
EMILIO (1520), 101, wo Edward the Confessor auf eine Eroberung verzichtet: «‹Absit ut
meum unius regnum tot millium [sic; milium] hominum morte ad me redeat. Praestat privatam &
incruentam agere vitam, quam per tantam carnificinam dominari.› Magis pia quam fortis haec
sententia in exule visa. Ab hominibus damnata, a numine probabitur.»
243
Cf. EMILIO (1520), 59: «Francia florebat domesticae pacis externaeque victoriae bonis
perfruens, ingensque. Nullum Regnum Christianum erat non multo Francis inferius virtute, gloria,
nobilitate, opibus. Gallia, Italia Germaniaque Carolo militabat. Ipse Rex summus Dux, & veterum
Imperatorum memoriae par.» Cf. ib., 90: «… eo [sc. Carolo Magno] Rege Augustoque Franci in
summo constitere …»; ausführlicher zitiert unten, Anm. 246.
244
EMILIO (1520), 46-49; cf. 37.
204
und seinem Kampf gegen die Deutschen, für die Freiheit der
Franzosen. 245
Mirum est robustissimorum hominum robustissimam fere prolem esse:
summorum virorum nobilissimorumque ingeniorum sobolem tandem
hebescere: utque singuli morituri nascimur, ita indolem stirpium,
sanguinisque ac familiarum suos velut natales incrementaque habere,
consenescereque. 246
Emilios humanistisches Geschichtsbild stellt also auch hier einen
entschiedenen Bruch mit der französischen Tradition dar, die wohl
unreflektiert auch von seinen italienischen Vorgängern beibehalten
worden ist. Die Dynastienwechsel sind keineswegs in mittelalterlichfranzösischer Perspektive als Legitimationsproblem betrachtet und
deshalb entweder (durch konstruierte Stammbäume) als Kontinuität
ausgelegt oder überspielt (durch die päpstliche Legitimierung von
Childerichs Absetzung beziehungsweise durch die Emporstilisierung
von Robert le Pieux, des Sohnes von Hugues Capet). Vielmehr gehören
sie zum steten Wachsen und Vergehen alles Menschlichen, das dem
unergründlichen Ratschluss des Schicksals gehorcht. In dieser
Sichtweise ist die – vermutlich jedoch auch auf einen Datierungsfehler
von André de Marchiennes zurückzuführende 247 – ansatzweise Vordatierung der kapetingischen Machtübernahme auf die Herrschaft von
Charles le Simple nur folgerichtig, denn die angeblichen Blutbande von
Hugues Capet zu den Karolingern sind für seine Legitimität
unbedeutend. 248 Es ist kaum übertrieben, auch hier in der italienischen
245
EMILIO (1520), 88-92.
EMILIO (1520), 90: «Es ist erstaunlich, dass die Nachkommenschaft bärenstarker Männer
fast bärenstark [etwas weniger kräftig] ist und dass der Spross hervorragender Männer und
edelster Geister schliesslich schwach wird; und wie wir als Individuen geboren werden um zu
sterben, so erlebt auch die Anlage der Nachkommen, des Blutes und der Familien gleichsam ihre
Geburtsstunde, Zuwachs und schliesslich ihre Vergreisung.» Die Aussage wird gleich anschliessend an den Karolingern exemplifiziert: «Pectoris vigor fuit in Pipino Crasso, ignea mens in
Carolo Martello, numen prope ipsum in Pipino Rege, animus Orbis terrarum ac coeli capax in
Carolo Magno: eo Rege Augustoque Franci in summo constitere. Ludovicus Pius paterna
magnitudine multo fuit inferior, Calvus propior adhuc laudi quam vituperationi. Balbus brevitate
Regni ac Imperij est obscurae memoriae. In Simplice consenuit maiorum gloria, & nova nobilitas
industria sibi viam in solium patefecit apud Francos: id quod apud Germanos accidit in alia
eiusdem Caroli magni progenie.»
247
Cf. WERNER (1952), 205; André datiert das Ende der Karolinger auf das Jahr 926.
248
Cf. dazu auch EMILIO (1520), 267, anlässlich der Nachfolge von Charles IV: «Secundum
Magnum Clodoveum parentem Francicae pietatis, semel atque iterum orbem rerum Francicarum
circumactum: primum cum ad Pipinum Caroli Magni patrem arbitria rerum translata sint: deinde
cum ad Roberti Andium Ducis, qui Odonis, alteriusque Roberti pater, idem Hugonis Regis
proavus fuerit, sobolem, Regium apud francos nomen devenerit: …».
246
205
Erfahrung der «virtuosen» Usurpatoren die Gleichgültigkeit gegenüber
der französischen Legitimationsproblematik zu sehen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Emilio keine ethischen Vorstellungen über die Rolle des Königs hat; vielmehr lässt er diese in
verschiedene Reden und mittels eines abgeschriebenen Exkurses
einfliessen. So erklärt Eudes de Paris auf seinem Totenbett dem Adel,
dass die Übereinstimmung der «membra Regni», also der Stände oder –
noch allgemeiner – der Franzosen überhaupt für die Gemeinschaft wie
für den Einzelnen Wohlergehen schafft. Daher liege es an jedem
einzelnen, im Eigeninteresse wie zum Nutzen aller, sich ganz dem
Gemeinwohl zu widmen, seinem Vaterland das zurückzugeben, was er
von ihm erhalten hat. 249 Besonders gilt dies für den Herrscher, der
gleichsam die Seele des gesellschaftlichen Körpers ist; er übt ein
öffentliches Amt aus und ist dafür Rechenschaft schuldig – was
einzelne Könige zu spät erkennen. 250 Saint-Louis dagegen ist das natürliche Vorbild für dieses Herrschaftsverständnis: Wichtiger als Kriegsruhm sind ihm «publica utilitas» und «decor communis», er organisiert
eine dienstbare Verwaltung, belohnt die echten Verdienste, fördert die
«studia» und entspricht gerade in seiner persönlichen Frömmigkeit
allen Ansprüchen: Vater des Volkes, Führer des Adels, Hüter des
Gesetzes, Beschützer der Religion – kurz, ein wahrer König Frankreichs. 251 Ein anderer, eher unerwarteter Modellherrscher ist
Charles IV, der alles «legum magistratuumque moderatione» lenkt. Der
König garantiert die Einheit der Gesellschaft, indem er, als Statthalter
Gottes mit sakralen Insignien versehen, dem Recht Achtung verschafft,
besonders unter den Adligen und Mächtigen; denn allein die (guten)
Gesetze und die Furcht vor ihnen gewähren einem Königreich
Bestand. 252 Diesem wohnen die Gesetze gleichsam inne; als sie Karl
der Grosse nach der Kaiserkrönung möglichst an diejenigen des antiken, imperialen Rom anpassen will, auf dass der ganzen Welt eine
Herrschaft und ein Recht sei, widersetzen sich die fränkischen Adligen,
und ein gewisser Vasco macht sich zu ihrem Wortführer: Frankreich
soll nicht in das Imperium eingegliedert werden, sondern eine
Körperschaft eigenen, das heisst: herkömmlichen Rechtes bleiben, weil
es sonst riskiert, unter späteren Kaisern seine Eigenständigkeit zu ver249
EMILIO (1520), 88; sehr ähnlich ib., 71.
Cf. EMILIO (1520), 155 (Louis VI); 158 (Bernard de Clairvaux und Louis VII); 262
(Enguerrand de Marigny).
251
EMILIO (1520), 210; ähnlich ib., 221; cf. auch unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
252
EMILIO (1520), 265; cf. auch p. 30 zu Dagobert.
250
206
lieren. 253 Selbst für einen Herrscher wie Karl den Grossen geht es also
laut Emilio nicht an, eigenmächtig Recht zu setzen oder auch Land
abzutreten; 254 er bleibt von der Zustimmung der anderen «membra»
abhängig, namentlich des Adels. Es ist kaum überraschend, dass die
gemeinhin Philippe Duplessis-Mornay und Hubert Languet zugeschriebene monarchomachische Streitschrift Vindiciae contra tyrannos
gerade diese Passage (und nur sie!) aus Emilio anführt. 255
Neben diesen in historisch konkret plazierten Reden eingefügten
Überzeugungen findet sich am Anfang der Herrschaft von Philippe IV
auch noch ein zweiseitiger Auszug aus De regimine principum, dem
Fürstenspiegel des Aegidius Romanus, der seinerzeit tatsächlich dem
jungen Philippe gewidmet worden ist und Emilios Prinzipien bestätigt.
Die wichtigste Herrschertugend ist die Gerechtigkeit, die alle anderen
umfasst, ja, deren Voraussetzung ist. Sie ist es auch, die den Herrscher
noch am ehesten des – allerdings unumgänglichen – Wandels der politischen Verhältnisse enthebt. 256
Unbestreitbar sind Emilios politische Ansichten konventionell, was
ja auch bei der Berücksichtigung eines Erzscholastikers wie Aegidius
nicht anders zu erwarten ist. Sie widerspiegeln klar das Selbstverständnis des französischen Königs, insofern also die herrschende,
traditionelle Ideologie und nicht etwa praktische Erkenntnisse, die aus
der Beobachtung der italienischen oder französischen Realität gewonnen wären – Emilio steht, wie die meisten gebildeten Zeitgenossen,
Erasmus näher als Machiavelli. Das grosse Gewicht, das in diesen eher
theoretischen Passagen der Iustitia zukommt, steht in einem gewissen
Gegensatz zur eigentlichen historischen Darstellung, wo vielmehr
«virtus» und «nobilitas» die staatserhaltenden Tugenden sind; «iustus»
im Sinn von «gerecht» kommt als königliches Adjektiv recht selten vor
und hat im allgemeinen eher die Bedeutung von «legitim». 257 Diese
Spannung ist vielleicht in der literarischen Gattung angelegt: In einem
253
EMILIO (1520), 77; mit ähnlichen Begründungen lehnen es auch die Verschwörer gegen
Ludwig den Frommen und die Anhänger des salischen Gesetzes ab, unter fremden Herrschern zu
dienen, cf. ib., 80; 268.
254
EMILIO (1520), 298f.; in der Rede des französischen Gesandten nach dem Bruch des
Friedens von Brétigny wird dargelegt, dass unveräusserlich ist, was dem «ius publicum regiumve»
gehört.
255
DUPLESSIS-MORNAY/LANGUET (1579), 148: «Conatus est aliquando Carolus Magnus,
Francicum regnum Germanico imperio subiicere. Franci verò, verba faciente Vascone quodam
principe, acriter restiterunt. Ac res ad arma prolapsa fuisset, si Carolus ulterius perrexisset.»
256
EMILIO (1520), 240f.
257
Cf. EMILIO (1520), 88; 92; 94; 193; 209; 296; häufig sogar pleonastisch «iustus ac
legitimus».
207
humanistischen Geschichtswerk liegt das Hauptgewicht ja auch auf den
Kriegen und der Machtpolitik des Herrschers; eine allenfalls
friedfertige Verwaltungstätigkeit wird wohl in allgemeinen Wendungen
gelobt, bietet sich aber nicht als Gegenstand einer brillanten
Darstellung an.
f. Aufnahme und Nachwirken
De rebus gestis Francorum wird augenblicklich als historiographische
Meisterleistung erkannt und erlebt einen anhaltenden Erfolg. Es stellt
für lange Zeit die umfassendste Geschichte Frankreichs dar; ausserdem
wird die Unparteilichkeit des Humanisten und sein kritischer Geist
ebenso bewundert wie die elegante Latinität. Schon nur ihretwegen ist
Emilios Werk gerade in nicht frankophonen Ländern warme Aufnahme
gewiss, was sich auch in verschiedenen Fortsetzungen niederschlägt.
Der Südfranzose Arnoul le Ferron führt die Darstellung bis zum Tode
von François Ier weiter, und in den Basler Ausgaben fügen Thomas
Freigius (bis 1569) und Jacob Henricpetri (bis 1600) die weiteren
Ereignisse bis in ihre Gegenwart hinzu. 258 Nachdem De rebus gestis
1539 in Paris bei Vascosan erstmals vollständig in zehn Büchern und
zusammen mit der kurzen lateinischen Chronik des Bischofs Jean du
Tillet erschienen ist, wird es auf Lateinisch in Paris siebenmal und in
Basel zweimal nachgedruckt. Auf französisch erscheint das Werk
schrittweise ab 1556, auf deutsch 1572, und bereits 1549 erscheint es in
Emilios Muttersprache bei Michele Tramezzino in Venedig als Historia
delle cose di Francia. 259
258
Zu den Fortsetzungen DAVIES (1954), 237-248.
DAVIES (1954), 400f., gibt eine Liste der «Probable Editions of the De Rebus Gestis»; cf.
auch ib., 174-177. Bei Vascosan erscheint das Werk 1539, 1544, 1548, 1550, 1555, 1565/66 und
1577; bei Parvus 1546 und 1548/49; in Basel 1569 und 1601 bei Henricpetri. Die französische
Übertragung durch S. des Monstiers von 1556 in Paris enthält nur zwei Bücher, diejenige von
J. Renart 1553 fünf und 1581 zehn Bücher. Die deutsche Übersetzung stammt von Christian
Wurstisen und wird 1572 bei Henricpetri in Basel gedruckt. Bis auf eine auch von ihr mit [?]
versehenen Pariser Edition von 1592 entnimmt Davies die Angaben aus CLÉMENT (1750), I,
62-65. Clément und Davies geben weitere Ausgaben an, doch sind diese zweifelhaft, da sie in den
Katalogen der BNP, BLL und NUC nicht zu finden sind. Dabei handelt es sich um lateinische
Pariser Editionen von 1550 (wohl Tippfehler von Davies, gemeint die erwähnte von 1555), 1560
und 1598, ausserdem Frankfurt 1596; französische in fünf Büchern Paris 1553, 1573/74, in zehn
Büchern 1597/98 (entspricht allerdings nach Clément der erwähnten von 1581), 1602, 1609,
1643. Bei der im Katalog der BNP (und danach von Davies) fälschlicherweise als s.l. 1515
aufgeführten italienischen Übersetzung handelt es sich um die Ausgabe von Venedig 1549.
259
208
So beeindruckend die Zahl der Drucke und Übersetzungen ist, so
schnell scheint sich Emilios Werk verbreitet zu haben. Die frühen
Kommentare von Erasmus und Cambini sind bereits erwähnt
worden. 260 Im Unterschied zu letzterem beanstandet Agostino Giustiniani in seiner Geschichte Genuas Emilios ausführliche Behandlung der
Kreuzzüge nicht, im Gegenteil, das «unico testimonio» über die
wackeren Genuesen bei der Eroberung Jerusalems freut ihn sehr; in
ausführlichen Paraphrasen zieht Giustiniani Emilio nicht nur dessen
ursprünglicher Vorlage vor, nämlich Guillaume de Tyr, sondern auch
den «annali nostri», weil der «scrittore delle cose di Francia» ausführlicher ist. 261 Ebenso empfiehlt Michele Bruto in De Historiae laudibus
den «luculentus imprimis Gallicae Historiae scriptor», «qui omnes
diligentissime excussit» nicht nur für die französische Geschichte,
sondern auch für die Kreuzzüge, gerade auch denjenigen, die des
Französischen nicht mächtig sind. 262 Francesco Rachio wird 1589 in
Turin La sacra impresa sogar gesondert herausgeben, seine Übersetzung der entsprechenden Abschnitte aus De rebus gestis Francorum. 263
Die zahlreichen anderen Historiker, die ihre Informationen über Frankreich aus Emilio beziehen, sind an anderer Stelle aufgeführt. 264 Aber
auch der staatstheoretische Exkurs des Aegidius Romanus wird rezipiert, in aller Ausführlichkeit auf Italienisch übertragen durch Marco
Guazzo, auf das Allerwesentlichste reduziert bei Giulio Barbarano. 265
Geradezu topisch wird das Lob von Emilios Unparteilichkeit, während
etwa Gaguin von Giovio, Vives, dem Flamen Meyer und englischen
Humanisten wegen seines Chauvinismus gerügt wird. 266 Tramezzino,
der Emilios Werk auf Italienisch übersetzt, rühmt die «nuda & schietta
verita», die weder Abneigungen kenne noch um Anerkennung buhle
260
Cf. oben pp. 183 bzw. 200.
A. GIUSTINIANI (1536), 128-139, 164-169. Giustiniani lehrt von 1518 bis 1522 Hebräisch an
der Sorbonne und dient anscheinend François Ier als königlicher Rat; die entsprechende
Empfehlung verdankt er Etienne Poncher. Giustiniani steht ausserdem unter anderem mit Erasmus
und More in Kontakt. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass er Emilio persönlich kennengelernt hat.
262
BRUTO (1582), 1029f., 1035: «der wie wenige andere zuverlässige Historiker Frankreichs»
«… der alle aufs sorgfältigste untersuchte …»; LANDO (1552), 443, lobt Emilios flüssigen Stil.
263
RACHIO (1589).
264
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.f. sowie vor allem die Tabellen IIIa/b auf
pp. Fehler! Textmarke nicht definiert.-Fehler! Textmarke nicht definiert..
265
GUAZZO (1553), 251v-252v; BARBARANO (1567), I, 9.
266
VIRGILIO (1534), meint im Entwurf seiner Anglica Historia, Gaguin sei «non testis sed
hostis Anglicarum rerum, ac odii magis quam veri memor»; die Passage fehlt jedoch im Druck, cf.
HAY (1952), 116; ausserdem GIOVIO (1544), 137f.; THUASNE (1903), 151, Anm. 2;
DAVIES (1954), 145; BIETENHOLZ (1985), II, 70.
261
209
und auf zuverlässigen Quellen beruhe. 267 Auch Bodin lobt den Veronesen, «nec hostis nec amicus»: Seine ausländische Herkunft habe ihm
erlaubt, «prudenter et moderate» über Louis XI zu urteilen, dies im
Unterschied zu den direkter Engagierten wie Commynes und dem
erwähnten Flamen Meyer; Gaguin tauge nichts im Vergleich zu ihm. 268
Im Urteil des Justus Lipsius hat Emilio beinahe als einziger die Lektion
der Alten begriffen, indem er präzise Sprache, kluge Sentenzen,
fleissige Forscherarbeit und strenges Urteil verband – kein Historiker
seines Jahrhunderts sei «magis liber ab affectu». Allenfalls bemängeln
könne man sprachliche Antiquismen und die Tatsache, dass die Struktur des Werks dessen Stoff nicht ganz zusammenhalte. Der Jesuit
Possevino folgt dem Lob von Lipsius und fügt noch höheres hinzu:
«Sane Catholicam religionem spirat ubique», denn sein Werk diene
nicht nur den Kenntnissen von Geschichte und Geographie, sondern sei
auch für die «pietas» von grossem Nutzen. 269 Gerade daran stösst sich
der Hugenotte François Hotman, der Emilio als «Italus quidam … non
tam Regum Gallorum quam Paparum historicus» abkanzelt. 270 Auch seine
Unparteilichkeit stösst patriotischen Franzosen auf: La Popelinière
hätte es lieber gesehen, wenn der Einheimische Gaguin Förderung
durch die Krone erfahren hätte, und Bernard de Girard du Haillan
schränkt sein Lob für den Stil insofern ein, als er die allzu ausführliche
Behandlung der Kreuzzüge, der Schismen und italienischer Ereignisse
kritisiert. 271 Aber auch La Popelinière bestätigt, dass De rebus gestis
Francorum in Frankreich noch lange Zeit die Grundkenntnisse und das
Modell für die Darstellung der nationalen Geschichte liefert; und
derselbe Girard du Haillan übernimmt in seiner Histoire générale des
Rois de France von 1576 einen grossen Teil der Erzählung und alle
Reden aus Emilio, ebenso den Auszug aus Aegidius Romanus, was ihm
Papire Masson 1578 nachtut, ohne allerdings den Veronesen in seinem
Quellenverzeichnis zu erwähnen; selbst Mézeray folgt 1643 für das
Mittelalter dem Humanisten in der französischen Übersetzung von
267
Tramezzino in der Widmung von EMILIO (1549).
BODIN (1566), 46.
269
LIPSIUS (1589), 22f.; POSSEVINO (1597), 118r/v, 131: «Er atmet wahrhaftig überall katholischen Geist».
270
HOTMAN (1573), 376 (Kap. 14 bzw. 17): «ein gewisser Italiener … weniger Geschichtsschreiber der französischen Könige als der Päpste».
271
GIRARD DU HAILLAN (1576), Préface. Cf. Thuasne in GAGUIN (1903), 289f., Anm. 3:
François Beaucaire bezeichnet Emilio 1625 als «Italorum buccinatorem potius quam Gallice
historiae scriptorem». La Popelinières Urteil und dasjenige weiterer französischer Kritiker Emilios
referiert BAYLE (1699), VI, 145-147.
268
210
1581. Emilios Werk gehört noch am Ende des 17. Jahrhunderts zu den
Standardgeschichten Frankreichs und findet Bayles uneingeschränktes
Lob. 272 Vermutlich trifft jedoch die Behauptung Augustin Thierrys zu,
dass es kein eigentlicher «succès populaire» wird 273 – der Verzicht auf
alles Mirakulöse und die umfassende, aber nüchterne Darstellung
lassen der Phantasie wenig Spielraum und ermöglichen auch kaum eine
Identifikation mit den entrückten Protagonisten, von der Barriere des
livianischen Lateins nicht zu reden. So bleibt Emilios Lebenswerk,
solange es gelesen wird, in den Händen derer, für die es wohl auch von
Anfang an bestimmt ist: eine einigermassen aufgeklärte und kritische,
abendländisch-internationale Elite.
5. Die Dichtung
Die stilistischen Ideale des italienischen Humanismus werden in
Frankreich nicht nur durch die Historiographie im eigentlichen Sinn
verbreitet, sondern wohl noch folgenreicher durch die Poesie. Nicht
selten wird dabei auch auf historischen Stoff zurückgegriffen, besonders in den zahlreichen Dichtungen, die in den Jahren um 1500 an die
französischen Monarchen gerichtet werden. 274 Der erfolgreichste und
bekannteste dieser Künstler ist Fausto Andrelini aus Forlì, der durch
die Vermittlung von Robert Briçonnet an den Hof gelangt und ab 1516
als «poète royal» eine feste Pension bezieht. Seine stilsicheren und
jeweils sofort gedruckten Gedichte verherrlichen die Expeditionen der
Könige Charles VIII und Louis XII; in gewisser Hinsicht können sie
sogar als zeitgeschichtliche Quellen Verwendung finden, aber die
französische Vergangenheit ist in ihnen nie thematisiert. 275 Gleiches gilt
272
BAYLE (1699), VI, 140-149; dort auch durchaus anerkennende Worte La Popelinières. Cf.
TYVAERT (1974), 255; DAVIES (1954), 222f. mit weiteren positiven Urteilen über den Veronesen;
MASSON (1577), 357. HUPPERT (1970), 17, Anm. 11, exemplifiziert an einem Beispiel die
Abhängigkeit Du Haillans und Mézerays; cf. auch FUETER (1936), 141; sowie KELLEY (1970),
234f., 237, für die Mängel von Emilios Nachfolgern und Du Haillans Epigonentum.
273
THIERRY (1839), 593.
274
PICOT (1918), 147-151, liefert für die Zeit von Louis XII und François Ier eine nicht ganz
vollständige Aufzählung italienischer Dichter in Frankreich.
275
Fausto Andrelini, Carmen panegyricum ad Carolum Francorum regem, Paris s.a.; Id., De
neapolitana fornoviensique victoria, Paris 1496; Id., De obitu Caroli VIII, Paris s.a.; Paris 1504;
Paris 1505; Id., De secunda victoria Neapolitana, Paris 1502; Id., De regia in Genuenses victoria,
Paris 1509; Id., In Annam Francorum reginam panegyricon, Paris 1515. Cf. zum Quellenwert
HAUSER (1909), VI, 44; BEAUNE, Naissance (1985), 27, zählt Andrelini neben Emilio und Riccio
zu denjenigen Autoren, die entsprechend der «nouvelle conception humaniste» «des histoires de
France» geschrieben hätten. Davon kann bei ihm nicht die Rede sein.
211
für den Römer Giovanni Michele Nagonio, der sechs Bücher mit
panegyrischen Gedichten De laudibus Galliae et rebus gestis per
Francos verfasst. Er überreicht sie in zwei über weite Strecken identischen, prächtig illuminierten Handschriften 1498 Louis XII und
möglicherweise bereits vorher Pierre de Beaujeu. Die meisten Gedichte
drehen sich um den Kampf gegen die Türken, zu dem die Fürsten
Europas aufgerufen werden – jedoch ebenfalls ohne weiter zurückreichende historische Reminiszenzen. 276 Solche finden sich indessen
bei zwei in Italien schreibenden Poeten, Giuliano Dati und dem
berühmten Baptista Mantuano.
a. Giuliano Dati
In Rom erscheint 1495 La storia di tutti i re di Francia e massime de
Re Carlo des Florentiner Dichters Giuliano Dati. Dabei handelt es sich
um eine der verbreiteten Dichtungen in «ottava rima», welche die
Zeitgeschichte zum Gegenstand haben – in diesem Fall die Invasion
Italiens bis zur Besetzung von Neapel im Februar 1495, welche in der
zweiten Hälfte des Werks dargestellt ist. Die Dichtung bestand vermutlich aus 109 Oktaven, doch sind im einzigen bekannten Exemplar
nur noch 69 erhalten. So fehlt ein grosser Teil der ersten Hälfte, die
eine kurze, aber anscheinend vollständige Übersicht über die französischen Könige von den trojanischen Anfängen bis zu Charles VIII
geliefert hat. Erhalten sind die ersten 30 Oktaven, von Francos Flucht
aus Troja bis zu Lothar, dem Sohn Ludwigs des Frommen, wobei die
meisten Könige kaum mehr denn genannt werden; etwas ausführlicher
behandelt ist nur Pippins Brief an Papst Zacharias. Dati erwähnt
wiederholt, dass er seinen Stoff aus «storiografi» zusammengetragen
habe; konkret nennt er als Quellen im Text selbst «Vincientio [sc. de
Beauvais] e piu prudenti dottor franciosi» an. 277 Offensichtlich handelt
es sich um ein rasch und nicht besonders sorgfältig zusammengestelltes
Dichtwerk, das wie die zahlreichen anderen – zeitgeschichtlichen und
exegetischen – Produkte Datis ein divulgatorisches und didaktisches
276
NAGONIO (1498) im BNP Lat. 8132; das Exemplar für Pierre de Beaujeu im BNP Lat. 8133.
Dazu SCHELLER (1985), 20-24; BAURMEISTER/LAFFITTE (1992), 183. De Maulde liefert im
Anhang von AUTON (1512), I, 396-404, die Titel der verschiedenen Gedichte.
277
Ich danke Francesco Senatore, der mir den Text von Giuliano DATI (1495) im einzigen
erhaltenen Exemplar in Neapel exzerpiert hat. Eine kurze Beschreibung des Buches findet sich
auch in BEER (1989), I, 29f. Zur Biographie und zum Charakter von Datis Werken P. Farenga et
al. im DBI XXXIII, 31-34.
212
Ziel verfolgt: Der Leser soll einen raschen Überblick über ein gerade
aktuelles Thema erhalten. Dati richtet sich also im Unterschied zu den
meisten anderen behandelten Autoren nicht an französische Leser und
Gönner, sondern ausschliesslich an seine Landsleute, volkstümlich in
Form und Sprache.
b. Giovanni Battista Mantuano
1447 in Mantua geboren und dort sowie in Bologna und Padua humanistisch ausgebildet, tritt Giovanni Battista Spagnuoli mit sechzehn
Jahren in den Karmeliterorden ein, zu dessen Generalprior er 1513
gewählt wird, drei Jahre vor seinem Tod; 1885 wird er seliggesprochen.
Spagnuoli verkehrt ebenso eng mit der Gelehrtenwelt von Pico della
Mirandola bis Pontano wie mit den Gonzaga, an deren Hof in Mantua
er meistens wirkt. Unter dem Namen Mantuano ist er einer der
produktivsten und weithin erfolgreichsten humanistischen Dichter
überhaupt, ein «Christianus Maro» in den Worten des Erasmus –
gerade in Frankreich wird er von den frühen Humanisten eifrig gelesen. 278 Neben seinen berühmtesten Dichtungen, etwa den Bucolica,
verfasst Mantuano etwa 1507 eine Exhortatio ad Reges Christianos,
mit der er sich in die breite Tradition humanistischer Kreuzzugsrhetorik
einreiht. Das Gedicht richtet sich der Reihe nach an die verschiedenen
Herrscher der Christenheit, unter anderem an Louis XII, der nach dem
Vorbild von Karl dem Grossen, Gottfried von Bouillon und Saint-Louis
als «tutela eterna Christigenarum» sein Volk in das heilige Land führen
soll. 279
In unserem Zusammenhang wichtiger ist die Vita Dionysii Areopagitae, formal eines unter Mantuanos hagiographischen Epen in klassischem Stil. Francesco Gonzaga ist 1495 der Anführer der vereinigten
italienischen Truppen, die sich am Taro dem sich zurückziehenden
Charles VIII entgegenstellen; doch 1500 tritt der Herzog in den Dienst
von Louis XII, und 1509 kämpft er auf französischer Seite bei Agnadello. In dieser neuen Konstellation verfasst der weltberühmte
Mantuano 1506 die Vita des französischen Nationalheiligen, die erstmals 1507 bei Josse Bade in Paris erscheint, versehen mit ausführlichen
Kommentaren und Erklärungen des Herausgebers. Das Werk ist
Iafredus Carolus (Geoffroy Charles?) gewidmet, dem Vizekanzler von
278
ERASMUS, Epistolae (7. November 1496), I, 163; cf. RENAUDET (1916), 125, 131, 226, 279,
382f., sowie zu Leben und Werk FACCIOLI (1962).
279
MANTUANO (1507), 83r/v.
213
Mailand; ihm zuliebe will Mantuano ein Jahr auf das Epos verwendet
haben. Daneben meint der Dichter aber auch, er habe Frankreich
ebenso liebgewonnen wie Italien und deshalb Saint-Denis als «tutelaris
Deus Galliarum» dargestellt, «ad propagandam gloriam Francorum
regum». 280 Die Verbindung zur Krone, zum König selbst ist also
eingestandenermassen gesucht; Iafredus Carolus vermittelt diesen
Kontakt, sofern er nicht überhaupt Mantuanos Auftraggeber ist, 281
indem er das Werk zusätzlich Etienne Poncher widmet. Poncher ist als
Kanzler von Mailand sein Vorgesetzter, aber vor allem die rechte Hand
von Georges d’Amboise bei der Behandlung der italienischen
Geschäfte, worauf Iafredus ebenfalls anspielt. Der Vizekanzler bekräftigt ferner, dass der Dichter den Kampf des Heiligen für die christliche
Religion und gegen grausame Tyrannen zwar in Hexametern, aber
nichtsdestoweniger wahrheitsgemäss dargestellt habe. 282
In dieses angeblich historisch zuverlässige Epos sind nach Vergils
Vorbild zwei Geschichtsvisionen eingebaut: Wie Anchises in der
Unterwelt Aeneas die Grösse Roms prophezeit und dessen Nachkommen präsentiert, so sagt Paulus dem schlafenden Dionysius den
Aufstieg Frankreichs voraus; und wie Juno von Jupiter über die Erfolglosigkeit ihrer Attacken damit getröstet wird, dass die exilierten Trojaner in den einheimischen Latinern aufgehen werden, so beruhigt in
einer eigentümlich durchmischten Götterwelt Christus persönlich
Venus und Mars, die ob der Ausbreitung des Christentums ihren
Einfluss schwinden sehen, indem er ihrem Volk, den – allerdings
christianisierten – Galliern, in den Kapetingern eine Renaissance
prophezeit. Paulus beschreibt, wie Dionysius die Gallier missionieren
wird, die fränkischen Eroberer unter Chlodwig ebenfalls zum Katholizismus gelangen und seine Nachfolger einander an Frömmigkeit übertreffen werden: Dagobert baut dem Heiligen seine Kirche, Karl der
Grosse unternimmt seinen Kreuzzug und erweckt das römische Reich
zu neuem Leben, errichtet die Universität in Paris und spricht selbst
Lateinisch, «Cicerone disertius». Im Hundertjährigen Krieg droht dem
Land der Untergang, doch wird Saint-Denis es dank den Wundertaten
der Jeanne d’Arc bewahren, und im neuen Aufschwung wird Louis XII
280
MANTUANO (1506), 193: «ein Schutzgott der [sc. beiden] Gallien», «um den Ruhm der
französischen Könige zu verbreiten».
281
Das könnte anklingen in den Worten bei MANTUANO (1506), 193: «… cuius [sc. tui] gratia
lucubrationi huic annum impendi. Accipe igitur mee servitutis annuum proventum.»
282
MANTUANO (1506), 192v.
214
die Herrschaft bis nach Italien ausdehnen. 283 Christus prophezeit, dass
die germanischen Franken nicht nur die Römer in der Herrschaft über
die Gallier ablösen, sondern sie bald einmal auch übertreffen und zur
grössten Stütze des Christentums werden. Die Könige germanischen
Ursprungs werden jedoch von Hugues Capet abgelöst, mit dem die
Gallier wieder zur Herrschaft gelangen, allerdings ihren Namen
zugunsten von «Franci» aufgeben. Als solche werden sie in Italien und
auf den Kreuzzügen grosse Taten vollbringen. 284
Spagnuolis Deutung der französischen Geschichte ist dem vergilianischen Muster stark verpflichtet; bis zu einem gewissen Grad ist auch
die Aufgabe beider Autoren ähnlich, nämlich die verschiedenen und
teilweise widersprüchlichen Traditionselemente in einer kontinuierlich
bis in die Gegenwart führenden Gesamtschau zu integrieren und über
die besungene Gründerfigur, hier Saint-Denis, dort Aeneas, die gegenwärtigen Herrscher, Louis XII beziehungsweise Augustus, zu erhöhen.
Wie bei anderen Autoren gezeigt, ist Mantuanos Versuch, die Gallier in
der französischen Geschichte weiterwirken zu lassen, ja Hugues Capet
zu einem der ihren zu machen, für einen italienischen Humanisten
ebenso bezeichnend wie im französischen Selbstverständnis heikel.
Allerdings braucht ein berühmter Poet darauf keine Rücksicht zu
nehmen, die dichterische Freiheit gilt für ihn erst recht.
6. Grundzüge der italienischen Geschichtsschreibung über
Frankreich um 1500: gesellschaftliches Umfeld und
konzeptionelle Erneuerung
Nach diesem kurzen Ausblick auf die poetische Aufarbeitung des
historischen Stoffes werden im folgenden die charakteristischen Züge
der in den letzten Kapiteln behandelten italienischen Historiker
zusammengefasst und dabei die Voraussetzungen und Ausgestaltungen
des literarischen Werks insbesondere bei Candida, Cattaneo, Riccio
und Emilio herausgearbeitet. 285
Alle beginnen ihre vielfältige Tätigkeit in französischen Diensten
bereits unter Charles VIII, unter dem sie ebenfalls alle mindestens ihre
ersten historiographischen Werke verfassen; Riccio ist der einzige, der
283
MANTUANO (1506), 208-209; cf. VERGIL, Aen. 6, 756-886.
MANTUANO (1506), 219v/220; cf. auch unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
285
PICOT (1918), 145-153, liefert kaum mehr als eine Aufzählung italienischer Künstler und
Dichter, wo er von der «Influence des italiens à la cour de France» handelt.
284
215
erst nach dem Einfall von 1494 mit dem König in Kontakt kommt. Mit
ihm finden Candida und Emilio in Frankreich eine neue Heimat, nachdem sie zuvor Unbilden (Emilios «sors gravis») erfahren haben, ja, es
in französischen Diensten auch weiterhin tun werden (Candidas
«calamitas») – alle üben sie nämlich höhere Ämter im vorübergehend
eroberten neapolitanischen Königreich aus. Alle drei finden sich als
«conseiller du roi» bezeichnet; Riccio ist tatsächlich auch im «Conseil
du roi» nachgewiesen, als einer der sehr seltenen Ausländer. Berücksichtigt man Cattaneos Wirken als Inquisitor und im Geheimrat
Lodovico Sforzas ebenfalls, so zeigt sich, dass die besagten Italiener
mindestens zeitweise ganz in der Vita activa stehen, in Diplomatie und
Administration wichtige Aufgaben erfüllen – besonders in Bereichen,
wo Frankreich in Italien Einfluss nimmt. Ein eigentlicher Gelehrter ist
allein Emilio, der jahrzehntelang an seinem Werk arbeitet; die anderen
Texte sind eher Gelegenheitsprodukte bescheideneren Umfanges, wie
etwa Riccios Gaguin-Adaption. Candida und Cattaneo stehen dazwischen, die behandelten Manuskripte machen ihr gesamtes literarisches Œuvre aus, doch betätigen sie sich in erster Linie nicht als
Schriftsteller, sondern als Künstler (Candida) und Diplomaten. Sie
beide und Emilio beweisen, dass das französische Interesse für die
humanistische Historiographie Italiens nicht eine Folge der militärischen Entdeckungsreise von 1494 in die italienische Renaissance ist;
vielmehr bereitet sie diese propagandistisch vor.
Soweit es sich sagen lässt, bewahren sich diese Italiener die königliche Gunst auch bei Louis XII; Emilio, der wohl allein alt genug dazu
wird, ebenso bei François Ier. Das ist auch bei anderen italienischen
Emigranten wie Fausto Andrelini der Fall. Der direkte Kontakt zum
König, der sich bei allen vier Historikern nachweisen lässt, ist indessen
nicht das einzige Kriterium für das anhaltende Wohlwollen des französischen Hofes. Die Liste derjenigen französischen Würdenträger, die
in Zusammenhang mit den Italienern genannt worden sind, liest sich
wie die Nomenklatur Frankreichs um 1500. 286 Die Kanzler von 1472
bis 1535 sind vollständig vertreten: 287 Pierre d’Oriole (1472 bis 1483,
noch vor dem Tode von Louis XI), Guillaume de Rochefort (bis 1492),
286
HARSGOR (1980) liefert einige Biographien zu den im folgenden behandelten Mitgliedern
des «Conseil du Roi», cf. pp. 520-526 (Charles de Bourbon); 1164-1184 (Guillaume de Rochefort); 1185-1223 (Jean de Ganay), 1895-1955 (die Briçonnet); 2056-2098 (die Bohier); 2099-2126
(die Robertet); cf. ausserdem die kürzeren Angaben bei LAPEYRE/SCHEURER (1978).
287
Von 1492 bis 1495 ist kein Kanzler ernannt, als Vizekanzler wirken die Grossiegelbewahrer
Adam Fumée (bis 1494), Jean de Ganay und Jean Fléard (beide kurz 1495); cf. LABANDEMAILFERT (1975), 507.
216
Robert Briçonnet (1495-1497), Guy de Rochefort (bis 1507), Jean de
Ganay (bis 1512), Antoine Du Prat (1515-1535); in den Jahren von
1512 bis 1515, in denen das Kanzleramt unbesetzt bleibt, wird es
faktisch von Etienne Poncher als Grossiegelbewahrer ausgeübt. Die
Kanzler scheinen von Amtes wegen für die offizielle Geschichtsschreibung zuständig gewesen zu sein. 288 Die zweitmächtigsten Männer
neben dem jeweiligen König, Guillaume Briçonnet beziehungsweise
Georges d’Amboise, verkehren ebenso freundschaftlich mit den
eingewanderten Historikern wie Charles de Bourbon und Jean de
Bilhères-Lagraulas – alles Träger des Kardinalpurpurs, wie ab 1527
auch Du Prat; zum hohen Klerus gehört weiter Poncher, seit 1503
Bischof von Paris und rechte Hand von Georges d’Amboise. Allesamt
gehören sie unter Charles VIII und Louis XII zum «Conseil du Roi»,
dem einflussreichsten Gremium an der Seite des Monarchen, ebenso
die erwähnten Florimond Robertet, Thomas Bohier und Guillaumes
Bruder Pierre Briçonnet; auch Jean Rabot nennt sich «conseiller du
roi». 1510 sind es Robertet und de Ganay, die faktisch die Stellung des
verstorbenen Kardinals d’Amboise einnehmen. Auch ein Blick auf ihre
Teilnahme an Sitzungen des «Conseil du roi» bestätigt, dass sie über
ein halbes Jahrhundert hinweg einen bestimmenden Teil der politischen
Elite stellen. 289 Viele von ihnen gelten als Spezialisten für die
politischen Verhältnisse Italiens (etwa Guillaume de Rochefort,
Bilhères-Lagraulas), propagieren energisch die Intervention im Nachbarland, wie insbesondere die Briçonnet, und organisieren vor Ort die
288
Cf. den Brief von GAGUIN, Epistolae et Orationes (1476), I, 252, an d’Oriole, der auch die
Abtei von Saint-Denis wieder mit den Grandes Chroniques beauftragt.
289
Cf. die Tabellen bei HARSGOR (1980); zu beachten ist, dass die entsprechenden Sitzungen
am Anfang der Regentschaft (bis Ende 1484) sehr häufig stattfinden, aber bereits unter
Charles VIII zusehends seltener werden, vor allem in den neunziger Jahren, und auch unter
Louis XII nicht oft vorkommen; insofern ist die Zahl der Teilnahmen weniger aussagekräftig als
der Zeitraum, über den sie sich erstrecken. Es finden sich von Guillaume de Rochefort bis zu
seinem Tod 122 Unterschriften, von Charles de Bourbon 39 (alle 1484), von Guillaume Briçonnet
47 (bis 1510), von Bilhères-Lagraulas 59 (bis 1494); die ersten beiden sind bereits unter Louis XI
im Rat, die anderen ab 1484; ab 1486 ist es auch Georges d’Amboise mit 50 Unterschriften,
natürlich vor allem unter Louis XII. Nach 1493 kommen unter Charles VIII noch Robert Briçonnet
(6), Guy de Rochefort (37), Jean de Ganay (27), Robertet (16) und Bohier (5) dazu, unter
Louis XII Poncher (13), Pierre Briçonnet (2) und Du Prat (2). Zum Vergleich seien die
entsprechenden Angaben einiger der wichtigsten übrigen Politiker angeführt, die alle bereits unter
Louis XI zum Conseil gehören: der Regent Pierre de Beaujeu, bis 1498 (200); Etienne de Vesc,
der Propagator der Italienexpedition, bis zum Tod 1501 (113); Marschall Pierre de Rohan, bis zu
seiner Entmachtung 1503 (67); Louis d’Amboise, Bischof von Albi, bis zu seinem Tod im selben
Jahr (126); Jean de Baudricourt, Gouverneur des Burgunds, bis zum Tod 1499 (84); Philippe de
Commynes, bis 1498 (42). Für die Herrschaft von François Ier liegen keine entsprechenden Zahlen
vor; cf. jedoch GUY (1986), 291f., nach Decrue; von den Genannten gehören Du Prat als Kanzler,
Robertet, Poncher und Thomas Bohier (Général des Finances) zum «Conseil».
217
Verwaltung in Neapel und Mailand, so Jean de Ganay, Jean Rabot,
Georges d’Amboise, Etienne Poncher, Florimond Robertet und der
nicht weiter identifizierbare Iafredus Carolus, vermutlich also ein
Geoffroy Charles.
In Bezug auf die soziale Herkunft entstammt nur Charles de Bourbon – ein Pair – dem Hochadel; die d’Amboise gehören zum niederen,
jedoch reichen Adel, 290 Bilhères-Lagraulas zum niederen Provinzadel
und die Rochefort zum Lokaladel («minor nobility») der Freigrafschaft.
Letztere sind aber in gewissem Sinn auch Arrivisten, haben sie doch
über den Tod von Charles le Téméraire hinaus am Burgunderhof
gedient. Die De Ganay haben im Parlament von Paris Karriere
gemacht, sind also Juristen: Jean trägt den Adelstitel erst in zweiter
Generation. Die Robertet («descendant de petits clercs foreziens») sind
und bleiben Bürgerliche, von denen mehrere im 16. Jahrhundert zu
hohen Ämtern in der (Finanz-)Verwaltung gelangen; gleiches tun
bereits im 15. Jahrhundert die Bohier aus der Issoire und vor allem die
bürgerlichen Briçonnet («de petit estant» in den Worten von
Commynes), die bereits unter Louis XI als Steuerpächter zu Vermögen
und Einfluss gekommen sind. In der königlichen Verwaltung der
Dauphiné haben sich die Vorfahren Jean Rabots emporgedient; er
selbst ist als Jurist zuerst im Parlament von Grenoble tätig. Du Prat
stammt aus einer Auvergnater Kaufmannsfamilie und macht ebenfalls
als Jurist und Parlamentarier Karriere; auch Etienne Poncher studiert
die Rechte, nachdem seine – bürgerliche – Familie aus Tours in der
Finanzverwaltung einflussreich geworden ist. Sie ist mit den Briçonnet
(und den Budé) verschwägert; andererseits heiratet Thomas Bohier,
Sohn einer Du Prat und Ponchers «old ally» im Landerwerb, Catherine,
die Tochter des Guillaume Briçonnet, während Antoine Du Prats
Mutter Jacqueline eine Bohier ist. Florimond Robertets Söhne Claude
und François werden eine Briçonnet beziehungsweise Jacqueline
Hurault, mütterlicherseits eine Poncher, heiraten. Sie alle exemplifizieren damit, was für den ganzen Führungskreis gilt, welcher den
«Conseil du roi» in diesen Jahrzehnten dominiert: Es handelt sich um
eine – dank bewusst aufgebauter Allianzen – «exceptionally homogenous group». 291 Nach dem Sturz des blaublütigen Duc de Rohan 1503
290
SCHELLER (1985), 55: «lesser nobility»; RENAUDET (1916), 291, spricht sogar von «riche
bourgeoisie»; doch die d’Amboise sind eine alte, anerkannte Familie und bestimmt adlig.
291
RICE (1971), 700; zur geschäftlichen Allianz Bohier-Poncher HUPPERT (1977), 36. Cf. die
genealogischen Tafeln im zweiten Band von LAPEYRE/SCHEURER (1978) zu den Bohier (XIX),
Briçonnet (XXII), Poncher (LXXIX), Robertet (LXXXV).
218
ist es das über vielfältige Querverbindungen geeinte Bündnis der
d’Amboise-Bohier-Briçonnet-Robertet-Du Prat, das die Geschicke
Frankreichs in die Hand nimmt. 292
Soweit es für uns erfassbar ist, bilden die erwähnten Franzosen den
Kreis, in dem sich die italienischen Humanisten bewegen, wie gezeigt
nicht immer nur mit literarischen Absichten. Ihre nachweisbaren
Förderer oder mindestens Adressaten ihrer Widmungen sind neben den
Königen selbst Charles de Bourbon, Georges d’Amboise, Guillaume
und Guy de Rochefort, die Briçonnet, Bilhères-Lagraulas, Etienne
Poncher und Jean de Ganay. Diese zeichnen sich auch bei anderer
Gelegenheit als Vermittler des italienischen Humanismus aus:
Guillaume und Robert Briçonnet fördern französische wie italienische
Künstler und Gelehrte; der Humanist Guillaume de la Mare ist ab 1494
Roberts Sekretär, und mit ihm verkehren ihrerseits Candida und
Emilio. 293 Die an Geschichte interessierten Rochefort gehören bereits
zu den ersten Pariser Humanistenzirkeln um Gaguin, Andrelini und
Angelo Cato, den italienischen Bischof von Vienne und Förderer von
Commynes; 294 es ist nicht belegt, aber sehr wohl denkbar, dass Candida
oder Emilio ebenfalls daran teilnehmen. Guillaume de Rochefort, der
Werke Andrelinis und Bonifazio Simonettas zugeeignet erhält, steht
wie Candida auch in Kontakt mit dem Florentiner Dichter Vieri, dem
Verfasser der Carliade. 295 Jean de Ganay verkehrt über seinen Bruder
Germain bereits früh schriftlich mit Humanisten in Italien, namentlich
mit Marsilio Ficino, den er nach dem französischen Einmarsch in
Florenz besucht. Er wie Robertet gehören zu denjenigen Franzosen, die
auf der Expedition von 1494 Kunstverstand beweisen und
entsprechende Ausbeute nach Hause tragen. 296 Georges d’Amboise
baut sich Renaissance-Residenzen, und Bilhères-Lagraulas lässt sich
die Pietà für sein Grab vom noch kaum bekannten Michelangelo
292
BUISSON (1935), 66-69.
LA TOUR (1895), 55f.
294
THUASNE (1903), I, 88; RENAUDET (1916), 118.
295
Cf. oben p. 70 und LAZZARI (1897), 45, zu Vieri; Andrelini widmet Rochefort seine
Elegien, cf. RENAUDET (1916), 124, 272. SIMONETTA (1492), X, vergleicht ihn mit Maecenas; auf
sein Werk wird unten eingegangen, cf. p. 249.
296
RENAUDET (1916), 150; LABANDE-MAILFERT (1975), 376; SIMONE (1968), 29, verwechselt
Jean mit Germain de Ganay. Robertet besitzt auch eine David-Statue von Michelangelo, und
Leonardo malt ein Bild für ihn, cf. HARSGOR (1980), 2604; SCHELLER (1985), 60, Anm. 221.
293
219
skulptieren. 297 Poncher ist es schliesslich, der sich darum bemüht,
Erasmus nach Paris zu berufen. 298
Obwohl sich in dieser Liste auch ältere Geschlechter finden, kann
man doch generell festhalten, dass sich gerade die Aufsteiger in der
königlichen Verwaltung um die Förderung des Humanismus im allgemeinen bemühen, 299 um die Verbreitung von Architektur und Kunst der
Renaissance, 300 und im besonderen auch um die italienischen
Historiographen. In Abgrenzung einerseits zur militärischen Tradition
und ritterlichen Ideologie des Geblütsadels (mit den damit einhergehenden Repräsentationskosten) und andererseits zum merkantilen
Krämergeist der eigentlichen Bourgeoisie verschafft das kulturelle
Interesse und das entsprechende Mäzenatentum der «noblesse de robe»
eine eigenständige Legitimität und Würde als «Geistesadel», nachdem
sie zuerst im Handel zu Wohlstand, dann in der Finanzverwaltung zu
Reichtum und in Iurisdiktion oder Kirchenhierarchie zu wohlklingenden Titeln gekommen sind. 301 Das kulturelle Modell ist aber zu
ihrer Zeit eindeutig Italien, was der häufig südfranzösische, städtische
und im wirtschaftlichen Kontakt mit dem Ausland stehende «peuple
gras» auch eher begreift als der traditionsbewusste Hochadel. Die
französische Historiographie schliesslich bewegt sich seit über zwei
Jahrhunderten in den ausgetretenen und durch das englandfreundliche
Zwischenspiel kompromittierten Bahnen der unzusammenhängenden
Kompilationen von Saint-Denis; auch in der Auflage von 1493
kommen diese zudem nicht über das Jahr 1461 hinaus. Das Bedürfnis
nach Erneuerung ist überdeutlich und wird offenbar auch in Frankreich
von manchen empfunden, besonders zu einem Zeitpunkt, da der Buchdruck die propagandistische Wirkung der Geschichte in ungeahntem
Mass verstärkt und diese wiederum im Vorfeld der italienischen Kriege
besonders gefragt ist – und zwar auf Lateinisch, der «lingua franca» der
abendländischen Elite. Entsprechend fordern der französische Kanzler
und der Abt von Saint-Denis Candida zu einem einheitlichen und
kontinuierlich in die Gegenwart führenden Werk auf, «ut Francorum
297
HARSGOR (1980), 2603.
Cf. ERASMUS, Epistolae (5. Februar 1517), II, 447; (14. Februar 1517), II, 454-458.
299
Guillaume und Guy de Rochefort, Pierre d’Oriole und Bilhères-Lagraulas stehen auch mit
Gaguin in freundschaftlichem Kontakt, cf. die Briefe bei GAGUIN, Epistolae (1476ff.), I, 252; 292;
296; 310; 319; 334; 361; 376; 392; II, 63; 65; 135.
300
Cf. HARSGOR (1980), 2597-2626: «Les membres du conseil pionniers de la Renaissance».
301
HUPPERT (1977), 41; 50; 57; 60f.; 81-86; 122-125, zum Interesse der «gentry» für die
«bonae litterae»; cf. auch RICE (1971), 701f., sowie HARSGOR (1980), 2414-2487, 2597-2626.
298
220
historiam, a variis varie conscriptam, meo modo ab origine
contexerem». 302
Dazu kommt das persönliche und auch sonst belegte Interesse gerade
von Charles VIII für die Geschichte schlechthin. 303 Diesem Bedürfnis
versucht – aufgrund eigener Initiative – Robert Gaguin ebenso zu
genügen wie Nicolas Gilles; auch Véards Edition der Grandes
Chroniques von 1493 ist in diesem Zusammenhang zu sehen. 304
Erasmus klagt in seinem Widmungsbrief zu Gaguins Compendium,
dass Frankreich Italien an Kriegsruhm ein- und jetzt sogar überholt
habe, jedoch «ob historici penuriam» an Ruhm hinterherhinke; erst sein
Freund Gaguin könne diesem Umstand abhelfen. 305 Doch die
sprachliche Meisterschaft, das klassische Latein, und die methodische
Gewandtheit, frische Kritik und neue Ansätze, finden sich eher bei
Italienern, wo die humanistische Ausbildung bereits Tradition hat.
Bekanntlich hat Commynes seine Memoiren auch nur als
Stoffsammlung für ein Geschichtswerk verstanden, das der Neapolitaner Angelo Cato «en langue latine» abfassen sollte. 306 Candida,
Cattaneo und Emilio werden denn auch nicht müde zu betonen, dass
ihre mittelalterlichen Vorgänger nichts taugen und sie als erste den
französischen Taten angemessene Geschichte schreiben; auch
Mantuano versteht sich als Herold der allerchristlichsten Könige und
ihres Ruhms.
Zu ihrer stilistischen Begabung hinzu bringen die Italiener natürlich
viel bessere Kenntnisse ihrer Heimat und überhaupt der ausserfranzösischen Geschichte und Gegenwart mit, die in dieser Zeit neuer Orientierung besonders gefragt sind. Die engen persönlichen Kontakte zur
neapolitanischen Emigrantenwelt bei Candida und Riccio, zur Kurie
und Mailand bei Cattaneo, zu italienischen Autoren bei Candida und
zur gesamten humanistischen Gelehrtenrepublik bei Emilio fördern
zusätzlich ihr Prestige, aber auch ihre Befähigung, französische
Ansprüche insbesondere in Neapel und Mailand historisch zu legitimieren. Sie belehren die Franzosen sowohl sachlich wie methodisch:
Candida beschreibt selbst, wie er den Kanzler De Rochefort über die
302
CANDIDA (1499), 472: «… dass ich die Geschichte der Franzosen, von verschiedenen
Autoren verschiedenartig dargestellt, auf meine Art von Anfang an zu einem Ganzen gestalte». Cf.
dazu bereits oben, p. 151.
303
Cf. LABANDE-MAILFERT (1975), 161-163; 491; BAURMEISTER/LAFFITTE (1992), 87-91.
304
Cf. etwa GAGUIN, Epistolae (1476), I, 253; ID. (1479), 280f.
305
ERASMUS, Epistolae (Okt. 1495), I, 149: «wegen des Mangels an Geschichtsschreibern».
306
COMMYNES (1491), I, 2 (Prologue).
221
Vergangenheit des neapolitanischen Königreichs aufklärt, und ebenso
dürfte mancher Leser auch die Fakten der französischen Geschichte
erstmals aus den gefälligen Werken dieser Italiener entnehmen;
zugleich demonstrieren Candida in seinem Traktat und Riccio in seinen
Reden, wie historisches Wissen zur Legitimierung von territorialen
Ansprüchen umgesetzt wird.
Für die Italiener ihrerseits ist es attraktiv, sich in Frankreich schriftstellerisch zu betätigen – die Konkurrenz ist so gering, dass auch
zweitrangige und «nebenamtliche» Stilisten, wie es Candida, Cattaneo
oder Riccio sind, durchaus auf Anerkennung hoffen dürfen, und der
Stoff liegt in den Grandes Chroniques und anderen Werken geordnet
zur Neubearbeitung da, ebenso die klassischen (Livius) und italienischen Modelle, insbesondere Biondo, dem Emilio und Cattaneo wie
viele andere Humanisten inhaltlich und formal folgen. In Italien selbst
wäre der Aufwand für entsprechende Werke viel grösser, und zudem ist
er häufig bereits geleistet. Wer möchte denn in einer Nationalgeschichte mit den Decades konkurrieren? Welche italienische Stadt
hat um 1500 nicht bereits ihre humanistische Lokalgeschichte, und wo
könnten sich auch nur annähernd so potente und interessierte Gönner
finden wie am französischen Hof? Und wo kann man gleichzeitig
hoffen, seine politische Karriere in der Heimat, in Neapel oder
Mailand, zu befördern, indem man sich der Historiographie widmet? So
ergibt sich beinahe zwangsläufig eine Symbiose von französischen
Höflingen, die ihr politisches Weiterkommen mit kulturellem Mäzenatentum fördern wollen, und italienischen Humanisten, deren literarische
Fähigkeiten bewundert und begehrt werden.
Damit stellt sich die Frage, wieweit die Italiener die Initiative
ergriffen haben oder aber französischen Rufen gefolgt sind, und ob ein
eigentlicher Wettbewerb zwischen Gönnern oder zwischen Historikern
geherrscht hat, der letztlich zugunsten der Krone und Emilios ausgegangen wäre. Ohne weiteres urkundliches Material lässt sich dazu
wenig Sicheres festhalten. Es fällt auf, dass alle Autoren ihre ersten
Werke zutreffend als knappe Kompendien präsentieren, gleichsam als
handwerkliche Eignungsprüfungen. Vermutlich aufgrund der ersten
dieser Epitomen hat ja Candida von Rochefort und Bilhères-Lagraulas,
dem Abt von Saint-Denis, einen zumindest halboffiziellen Auftrag in
der Tradition der Grandes Chroniques erhalten. Emilio sieht schon
1488 seine erste Skizze nur als Vorstufe eines umfassenden Werkes an,
und er rechnet bereits mit dem königlichen Interesse. Tatsächlich wird
er dann für seine Tätigkeit als Historiker von der Krone entlohnt;
222
vielleicht hat er den Auftrag von Candida «geerbt». Gleichzeitig ist es
angesichts der überschaubaren Verhältnisse und der vielen Gemeinsamkeiten der Autoren kaum denkbar, dass sie über die Tätigkeit der
potentiellen Konkurrenten nicht auf dem laufenden gewesen wären;
mindestens Emilios jahrelange Arbeit ist ja nach dem Zeugnis von
Erasmus ein kleines Politikum gewesen. Möglicherweise hat gerade
seine langatmige Gründlichkeit Cattaneo und Riccio die Gelegenheit
geschaffen, sich mit kleineren Werken zu empfehlen und die Ungeduld
von Herrscher und Mäzenen vorübergehend zu beruhigen. Unbestritten
ist jedenfalls, dass die meisten Manuskripte rasch in die königliche
Bibliothek gelangen; vermutlich sind sie auch auf ihre inhaltliche
Unbedenklichkeit geprüft und etwaige Vorbehalte den Autoren mitgeteilt worden.
Das jedenfalls scheinen die Änderungen in Cattaneos und Emilios
zweiten beziehungsweise späteren Redaktionen nahezulegen: Eine
allzu gründliche Erschütterung der trojanischen Gründungssage ist
nicht genehm, vor allem aber nicht ihre Ersetzung durch gallische
Vorväter, wie später noch ausführlich gezeigt werden wird. 307 Ebensowenig Anklang findet offenbar auch Emilios Ansatz zu einer neuen
Periodisierung der französischen Geschichte, nicht entsprechend den
konventionellen «trois races», sondern nach dem humanistischen
Modell von Aufstieg und Niedergang. Gleichwohl beschränkt sich der
italienische Beitrag zur einsetzenden neuzeitlichen Historiographie in
Frankreich nicht auf Sprache und Stil, obwohl das Bewusstsein der
diesbezüglichen Superiorität keinen geringen Teil hat am Selbstvertrauen Emilios und seiner humanistisch geschulten Landsleute. Ihre
Kritik an der Ursprungssage wird offiziell zwar nicht sogleich akzeptiert, setzt sich aber im kommenden Jahrhundert problemlos durch. Das
«dresser au vrai l’histoire de France», wie es François Ier Emilio aufgetragen hat, 308 ist nicht nur eine Floskel, sondern drückt die Unzufriedenheit der französischen Elite mit der herkömmlichen landeseigenen
Historiographie aus. In ihrer philologisch fundierten Detailkritik sind
die italienischen Humanisten ihren mittelalterlichen Vorfahren und
ausländischen Zeitgenossen unbestreitbar überlegen, und ein nicht
geringer Teil des ihnen vorauseilenden Ruhmes dürften sie gerade
daraus gezogen haben. Das zeigt sich insbesondere im Umgang mit der
reichen mythischen Überlieferung der – dionysianischen – franzö307
308
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.ff.
Cf. oben p. 184.
223
sischen Geschichtsschreibung, von der nur noch bei Cattaneo wenige
Spuren zu finden sind. Der ganze karolingische Sagenkranz fällt bei
Riccio ohne Angabe von Gründen weg, bei Emilio offensichtlich nach
ausführlichen Diskussionen und sorgfältigen Begründungen.
In allen diskutierten Fällen handelt es sich jedoch nicht um systematische Quellenkritik. Vielmehr sind Candida und auch Cattaneo
durchaus bereit, aus Rücksicht auf den König Niederlagen und andere
Schandflecke zu verschweigen. Die Italiener werden dort stutzig, wo
sich literarische Quellen untereinander widersprechen oder – eher
selten – mit zufällig berücksichtigten urkundlichen oder topographischen Dokumenten nicht übereinstimmen. In solchen Fällen versuchen sie die Quellen zu harmonisieren oder mit mehr oder weniger
folgerichtiger Begründung eine vorzuziehen; je geringer also die Zahl
der Vorlagen ist, desto weniger darf man kritische Einwände oder
Quellendiskussionen erwarten, was sich etwa bei Candida oder Riccio
zeigt. Neben dem Vergleich liefert jedoch auch, vielleicht sogar mehrheitlich der «gesunde Menschenverstand» den Anstoss zu Vorbehalten.
Dieser ist nicht unbedingt besser entwickelt als bei Autoren früherer
Jahrhunderte, aber er ist offenbar respektloser gegenüber der Tradition
und folgt neuen intellektuellen Moden: So ist die opferheischende
Idiosynkrasie gegen Gründungssagen oder die mittelalterliche Ritterepik zweifellos ein Erkennungsmerkmal in der Gelehrtenwelt, eine
Duftmarke, wie sie jede Historikergeneration auszeichnet.
224
Was die weiteren neuen inhaltlichen Akzente betrifft, ist die
folgende Tabelle I aufschlussreich: Sie gibt den prozentualen Anteil an,
den die verschiedenen Herrscher im Werk der jeweiligen Autoren
einnehmen. Auffällig ist das mit der Zeit stark abnehmende Gewicht
der Gründungszeit, also der wie auch immer interpretierten Jahrhunderte vor der fränkischen Einwanderung in Gallien; gleiches gilt für
Karl den Grossen, ja für die Karolinger im allgemeinen – in all diesen
Fällen ist wohl der sukzessive Verzicht auf zweifelhafte Überlieferungen und das Bemühen um Nüchternheit für die Reduktion verantwortlich. Die Verwendung einer Vorlage aus Saint-Denis widerspiegelt
sich im Raum, den Dagobert, der Stifter der Abtei, bei Cattaneo
einnimmt. Der Anteil der Merowinger insgesamt bleibt einigermassen
konstant, erhöht sich bei Riccio wegen der ausführlichen Behandlung
von Fredegunde und Brunhilde und geht bei Emilio markant zurück,
weil er zu den frühen und späten Merowingern wohl das wenige
erwähnt, was es zu sagen gibt, dies aber wenig mehr ist, als was die
anderen Autoren auch berichten, und damit im Verhältnis zum viel
umfangreicheren Gesamtwerk wesentlich weniger. Umgekehrt sind die
Kenntnisse für das 14. und 15. Jahrhundert dort viel umfassender, wo
nicht – wie bei Candida und Cattaneo – allein auf die alte dionysianische Geschichtsschreibung zurückgegriffen werden muss, sondern
auch deren Fortsetzungen beziehungsweise Froissart, Monstrelet und
225
Candida (1488)
Cattaneo (1494)
Cattaneo (1501)
Seiten
Prozent
Seiten
Seiten
Ursprünge
6
13
8,5
6
1,5
1,5
Chlodwig
1,5
3
5
4
1,5
1,5
Dagobert
Prozent
Prozent
0,5
1
5,5
4
3
3
Übrige Merowinger
4
9
9
6,5
11,5
12
Karl Martell
2
4,5
5
4
3
3
Pippin
3
7
6
4,5
2
2
Karl der Grosse
8
18
14
10
9
9
Ludwig der Fromme
2,5
5,5
4,5
3
4
4
Übrige Karolinger
2,5
5,5
4,5
3
7,5
8
Hugues Capet
0,5
1
1
1
2,5
2,5
1
2
1
1
1,5
1,5
Robert II
er
Philippe I
0,5
1
14,5
11
4
4
Louis VI-Louis VIII
4,5
10
18,5
14
16
16
Saint-Louis
2,5
5,5
12,5
9
6
6
Philippe III
0,5
1
1,5
1
2,5
2,5
Philippe IV
1
2
4
3
4,5
4,5
14. Jahrhundert
3,5
8
2
1,5
5,5
6
Charles VI und VII
0,5
1
1,5
1
4
4
1
2
6
4,5
4
4
11
8
5
5
Louis XI
Charles VIII
Total
Merowinger
45,5
100
135,5
100
98,5
100
14
13
28
21
20,5
20,5
Karolinger
16
40
34
25
22,5
22,5
Kapetinger
15,5
34
73,5
54
55,5
55,5
Exkurse insgesamt
davon:
3,5
7,5
31
22
6,5
6,5
Türken
2,5
5,5
Normannen
0,5
1
3
2
2
2
1. Kreuzzug
0,5
1
11
8
1
1
2. Kreuzzug
3
2
1
1
3./4. Kreuzzug
6
4,5
1,5
1,5
Kreuzzüge Louis IX
Kreuzzüge insgesamt
0,5
1
8
6
1
1
28
20
4,5
4,5
226
Tabelle I: Die Gewichtung der verschiedenen Herrscher, Dynastien
und Exkurse in den humanistischen Geschichten Frankreichs
Riccio (1505)
Emilio (1529)
Gaguin (1500)
Seiten
Prozent
Seiten
Prozent
Seiten
Ursprünge
2,5
4,5
3
1
12
2
Chlodwig
1
2
8
2
9
1,5
Prozent
Dagobert
0,3
0,5
2
0,5
7
1
Übrige Merowinger
10,7
18,5
26
7
42
7
Karl Martell
2
3,5
7
2
6
1
Pippin
1
2
10
2,8
5
1
Karl der Grosse
2
3,5
24
6,5
14
2,5
Ludwig der Fromme
1,5
3
4
1
20
3,5
Übrige Karolinger
3,5
6
13
3,5
28
5
Hugues Capet
Robert II
1
2
1
0,1
2
0,5
1,5
3
2
0,6
2
0,5
er
1,5
3
46
13
7
1
Louis VI-Louis VIII
6
11
65
18
48
8
Saint-Louis
2,5
4,5
21
5,5
18
3
Philippe III
1
2
11
3
10
2
Philippe I
Philippe IV
1
2
19
5
15
2,5
14. Jahrhundert
4,5
8
43
12
74
13
Charles VI und VII
5,5
10
38
10,5
168
29
Louis XI
3
5,5
18
5
78
14
Charles VIII
3
5,5
3
1
14
2
55
100
364
100
579
100
14,5
25,5
39
10
70
12
Total
Merowinger
Karolinger
10
18
58
16
73
13
Kapetinger
30,5
56,5
267
74
436
75
4
7
65
18
Normannen
7
2
1. Kreuzzug
36
10
2. Kreuzzug
4
1
3./4. Kreuzzug
13
4
Kreuzzüge Louis IX
5
1
Exkurse insgesamt
davon:
Türken
227
Kreuzzüge insgesamt
58
16
228
Commynes vorliegen, wie bei Gaguin (und damit Riccio) sowie
Emilio. 309 Sehr grosse Unterschiede finden sich auch bei den frühen
Kapetingern: Der gewaltige Raum, den die Herrschaftsjahre von
Philippe Ier einnehmen können, gilt natürlich nicht der französischen
Geschichte im eigentlichen Sinn, sondern dem ersten Kreuzzug, der in
Cattaneos erster Darstellung fast acht und bei Emilio zehn Prozent des
Gesamtumfangs einnimmt. Alle Kreuzzüge bis Louis IX zusammengenommen beanspruchen bei Cattaneo zuerst gegen zwanzig Prozent,
in der zweiten Redaktion dann noch 4,5; bei Emilio sechzehn Prozent,
und etwa zwanzig, wenn man die weiteren Ereignisse im Heiligen Land
dazuzählt. Auffällig ist der sehr starke Rückgang in Cattaneos zweiter
Redaktion, in der er sich viel stärker auf die französische Geschichte zu
beschränken weiss. Das tut Riccio ebenfalls, darin Gaguin getreu
folgend, der wie die Grandes Chroniques nur beiläufig auf die Kreuzzüge eingeht. Allerdings nehmen auch bei Riccio die verschiedenen
gelehrten Exkurse gute sieben Prozent der Darstellung ein; zudem
behandelt er die Geschichte der Königreiche von Neapel und von
Jerusalem (und damit die Kreuzzüge) in eigenen Büchern. Candida
schliesslich widmet den Kreuzzügen auch keinen überdimensionierten
Raum, jedoch etwa fünf Prozent des Werkes einem Exkurs zu den
Türken. Auch die Kreuzzugsrhetorik am Anfang und am Ende seines
Werkes passt durchaus zum Gesamteindruck, dass die vier behandelten
Historiker den Kampf gegen die Falschgläubigen als die hervorragende
historische Leistung der Franzosen ansehen – und daraus auch die
moralische Verpflichtung ableiten, Italien und der Kirche zu Hilfe zu
kommen, nachdem etwa die vorübergehende türkische Eroberung und
Plünderung von Otranto 1480 einen anhaltenden Schrecken verursacht
hat.
Insofern lässt sich die italienische Historiographie über Frankreich in
die bereits erwähnte und später ausführlicher zu behandelnde
humanistische Kreuzzugsrhetorik einreihen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass sich abgesehen davon die Werke Candidas und Riccios, in
etwas geringerem Masse auch Cattaneos, kaum durch grosse Originalität auszeichnen: Die beiden Neapolitaner geben ein recht nacktes
309
Frank Collard hat den Anteil verschiedener Epochen bei Gaguin mit den entsprechenden
Passagen in den Grandes Chroniques verglichen und mir seine Zahlen freundlicherweise
mitgeteilt. Viel kürzer ist bei Gaguin Karl der Grosse behandelt (sieben Prozent des Umfangs der
Grandes Chroniques, wo Turpin ausführlich wiedergegeben wird), deutlich länger dagegen
Charles VI (wegen der Benützung von Froissart), der mit Charles VII zusammen bei Gaguin den
meisten Raum einnimmt. Im übrigen entspricht sich der Anteil der einzelnen Könige in beiden
Werken recht stark.
229
Gerüst historischer Fakten, das sie wohl beide aus einer einzigen
Vorlage abschreiben; Cattaneo benutzt mindestens deren zwei, folgt
seinen Quellen aber auch recht unkritisch. Die lateinische Sprache
kennen sie alle sehr gut; aber die stilistischen Mittel humanistischer
Historiographie, die kunstreiche Verwebung verschiedener Handlungsstränge, die psychologische Deutung der Protagonisten oder die
Konstruktion ihrer Reden, beherrschen sie nur bedingt und setzen sie
jedenfalls kaum ein. Sie folgen in der Periodisierung, der Gewichtung
und in den – seltenen – Urteilen (etwa gegen die Engländer) bedenkenlos ihren französischen Vorlagen und beschränken ihren eigenen
Beitrag damit auf das Sprachlich-stilistische, den Verzicht auf mittelalterliche Wundergeschichten und die erwähnten inhaltlichen Zusätze.
Für sie gilt, was treffend auch von Gaguin gesagt worden ist: Ihnen ist
«Geschichtsschreibung vor allem ein Formproblem». 310
Allein Emilios Werk unterscheidet sich grundsätzlich von der
französischen Tradition und Gegenwart: Während selbst Gaguin noch
90-95 Prozent seiner Informationen aus der französischen Fassung der
Grandes Chroniques entnimmt, die er stellenweise fast wörtlich auf
Lateinisch übersetzt und eher kürzt denn erweitert, 311 trägt der Italiener
alle greifbaren Quellen zusammen und entwirft anhand von ihnen ein
neues, persönliches Bild der französischen Geschichte. Dieses wird von
einem einheitlichen Geschichtskonzept geprägt, und sei es auch
scheinbar simpel, wie der stete Wandel der von der Fortuna gelenkten
irdischen Dinge, in denen sich der Mensch allenfalls vorübergehend
kraft seiner «virtus» behaupten kann. Der Veronese kann ebensowenig
wie seine Landsleute umhin, die Darstellung gemäss französischem
Brauch nach den Königen zu gliedern, doch sind es nicht ihre Taten,
die den Gang der Geschichte bestimmen – sie sind Objekte des langfristigen Wandels, und die grossen Prozesse Völkerwanderung, karolingisches Imperium, Kreuzzüge und englisch-französische Kriege
schaffen die sinnvolleren und deutlicheren Blöcke als die Jahre vom
Herrschaftsanfang bis zum Tode eines Königs. Damit liefert Emilio
eine Interpretation der französischen Vergangenheit und macht sie sich
nicht – wie noch seine Vorgänger – nur zunutze, für die eigene Karriere
und das politische Anliegen. Wirken Candida und Cattaneo, vielleicht
auch der frühe Emilio und Riccio auf eine französische Intervention in
310
311
wird.
BODMER (1963), 113.
Mündliche Information von Frank Collard, die er in seiner Thèse ausführlicher darlegen
230
Italien hin, so hat sich nun die Situation geändert, das Ereignis ist
folgenreicher eingetreten als wohl vermutet. Jetzt erst wird versucht, zu
verstehen, was es mit diesem Frankreich auf sich hat, wie es entstanden
und zu solchem Einfluss gewachsen ist, dass Italien daneben
verschwindet – dies ist die Frage, welche Emilio zu seinem
fatalistischen Bild von Aufstieg und Verfall angeregt hat und die
Riccio, Cambini und Sabino unter Rückgriff auf Gaguin zu beantworten suchen. Die Letztgenannten schreiben für ein italienisches
Publikum und in Italien, was auch wieder für die im folgenden zu
behandelnden Autoren gilt.
C. Die französische Vergangenheit in der
italienischen Historiographie des
16. Jahrhunderts
Während die Franzosen in den Werken Riccios und Emilios erstmals
mit dem Verzicht oder doch einer entscheidenden Relativierung der
karolingischen Mythen konfrontiert sind, finden sich in Italien trotz der
blühenden Ritterepik nur noch wenige Spuren davon. Karls Kreuzzug
verschwindet um 1500 praktisch schlagartig aus der Historiographie. 1
Nicht ganz so schnell geht es bei Roland und Roncesvalles, wo ja ein
wahrer Kern die Klärung zwischen Mythos und Historie erschwert. Der
Heldentod des Paladins findet sich wiederholt vor allem in einem
historiographischen Seitenzweig, nämlich den Exempla-Sammlungen
in der Tradition des Valerius Maximus. 2 Als Ubaldino in seiner KarlsVita von 1581 endgültig klarstellt, dass erst die Dichter Roland, den
«governator» der Bretagne, in poetisch teilweise sogar gehaltvoller
Weise verewigt hätten, ist die Kritik an der chevaleresken Dichtung
schon lange ein historiographischer Topos wie es früher die Schilderung der Niederlage von Roncesvalles war. 3
Die humanistischen Bearbeitungen der französischen Geschichte,
dank dem Buchdruck in Italien leicht greifbar, haben zur Folge, dass
die Lokalhistoriker künftig einen fundierten Ausblick auf die französischen Implikationen werfen können, wo diese auf die kommunale
Geschichte Einfluss nehmen. Emilio, aber auch mittelalterliche, erstmals aufgelegte Autoren wie Sigebert de Gembloux liefern Informationen für Calchis Geschichte von Mailand, Agostino Giustinianis
1
STELLA (1503), unpaginiert, und CAVRIOLO (1510), 45, erwähnen ihn als letzte. UBAL(1581), 86, erklärt in seiner Biographie des Kaisers, wie diese «favole» entstanden sind.
2
SABELLICO (1507), 203f.; EGNAZIO (1553), 91v; DOMENICHI (1556), 361; cf.
MARENO (1545), 41-42; GUAZZO (1553), 173; ZENO (1557), 174; 175; 177. BUGATI (1569), 173;
177, lässt Karl einen angeblichen Vorfahren, Ambigato mit Namen, reich auszeichnen und diesen
noch höher schätzen als Roland. Zu den Exemplasammlungen ausführlicher unten p. 252ff.
3
UBALDINO (1581), 27. Cf. BOCCHI (1573), 39; BORGHINI (1580), I, 4f.; 16f.; SANSOVINO (1580), 45: «Orlando … del quale i Poeti moderni hanno fatto pazzamente molte favole»;
TORSELLINI (1598), 322; auch die eher teilnahmslose Diskussion der Datierung von Roncesvalles
bei BARONIO (1607), IX, 726.
DINO
232
Genueser Annalen oder Pignas Taten der Este. 4 Wie schon Candida
und Riccio gezeigt haben, liegt es in den Geschichten des neapolitanischen Reiches besonders nahe, bei der Übersicht über die verschiedenen Herrscherhäuser oder im Zusammenhang mit den Anjou einen
umfassenden Exkurs über die französische Genealogie zu liefern, wie
es der unbedarfte Notar Giacomo della Morte, Pandolfo Collenuccio
und fast wörtlich nach ihm Scipione Mazzella auch tun werden. 5
Ebenfalls von grundsätzlicher und andauernder Bedeutung sind die
französischen Entwicklungen für die Geschichte des historischen
Gegenspielers England. Das Pendant Emilios am englischen Hof,
Polidoro Virgilio aus Urbino, beweist mit seiner 1513 fertiggestellten,
aber erst 1534 gedruckten Anglica Historia eine erstaunlich objektive,
ja wohlwollende Haltung gegenüber Frankreich. 6 Virgilio weiss sehr
wohl, dass die Historiker der beiden Länder hinsichtlich der Ursachen
und Verantwortlichen der jahrhundertelangen Kriege nicht übereinstimmen, weil sie eher auf das Lob ihrer Heimat denn auf die Wahrheit
aus sind – unter den Franzosen meint er damit vor allem Gaguin. 7 Der
Urbinate bemüht sich dagegen stets um ein gerechtes Urteil: Louis VI,
der Gegner im ersten englisch-französischen Krieg, hat ein «sagax
ingenium»; der französische Sieg bei Bouvines über den gebannten
John Lackland ist als verdiente Strafe Gottes gedeutet; Charles V
reagiert auf die Katastrophe von Maupertuis mit «consilio, cura,
studio»; und erstaunlicherweise hat die Anglica Historia ausgerechnet
Charles VII, «vir consilij magni & virtutis», zu einem ihrer lichtesten
Helden, der, von allen verlassen, unerschrocken und einsam für
«patria» und «res publica» ficht und dank der heroischen Jeanne d’Arc
das Volk im Kampf für die «libertas» hinter sich bringt; 8 schliesslich
obsiegt er nach langen Kriegen, weniger wegen der militärischen
4
Im Text erwähnen die Vorlagen CALCHI (1517), 326; 359; 405-411; A. GIUSTINIANI (1536),
I, 128f.; 139; II, 191; PIGNA (1570), 229; 505; 548; 727; 746.
5
NOTAR GIACOMO (1511), 24-33; COLLENUCCIO (1498), 27-29; MAZZELLA (1594), 220:
«… per più chiarezza dell’historia brevemente la somma della detta loro origine diremo …».
6
VIRGILIO (1534), 581, zur Datierung; cf. zu Autor und Werk HAY (1952), insbes. 79-85 zur
Handschrift und den drei Editionen. KAUFMAN (1985), 512, vermutet als Grund für die späte
Drucklegung die fehlende Rücksichtnahme Virgilios auf patriotische Gefühle.
7
VIRGILIO (1534), 235, zum Streit zwischen Philippe II und Richard: «… magis patriae quam
veri amantes …»; cf. zu Gaguin oben p. 208.
8
VIRGILIO (1534), 356; 370f. (Crécy); 375-382 (Maupertuis, Gefangenschaft von Jean II);
445f. («Solus Carolus Delphinus patriae mala deflebat, solus in Rempublicam incumbebebat,
solus hostibus resistendum curabat …»); 447f. (Mord an Jean sans Peur als Strafe Gottes); 466
(«ad libertatem recuperandam»); cf. auch zu Jeanne d’Arc unten p. Fehler! Textmarke nicht
definiert..
233
Schlagkraft der Franzosen als wegen ihrer Moral, was Virgilio zu einer
Anleihe bei Ennius provoziert:
Caeterum Carolus Francorum decus & lumen, ac imperator fortissimus
unus fuit, qui suis pugnando restituit rem, atque iure belli auxit. 9
Der Kampf von Charles VII gegen die Engländer ist gerechtfertigt,
da er sein eigenes Land gegen einen fremden Invasoren beschützt. Mit
solchen Aussagen will Virgilio die unnötigen nationalistischen Exzesse
brandmarken, welche herrschaftliche Expansionsgier erzeugt; durch
den wie eingewurzelten Hass zwischen Franzosen und Engländern wird
ihre Blutsverwandtschaft, ja die «communis humani generis societas»
zerrissen. Er selbst steht diesem Gift in der doppelten Distanz des
Ausländers und des aufgeklärten Historikers fern, offensichtlich
geprägt vom christlichen Humanismus des Erasmus und seiner englischen Freunde. In seiner Eigenwilligkeit ist Virgilios Buch ein gutes
Beispiel für die Freiheiten, welche gelehrten Humanisten wie ihm und
Emilio an den ausseritalienischen Höfen zugestanden werden: Sie
sollen bei einem internationalen, gebildeten Publikum Anklang finden
und dürfen deshalb viel kritischer sein als die volkssprachliche, für den
Hausgebrauch bestimmte Historiographie. 10
Diese Aufmerksamkeit ist Emilio, wie angedeutet, beim italienischen
Publikum durchaus zuteil geworden, und gerade die an ihm gerühmte
Objektivität ist letztlich beste Werbung für die französische Sache.
1549 liegt sein Werk in der italienischen Übersetzung des Druckers
Michele Tramezzino vor, der das Werk dem einheimischen Leser ans
Herz legt, weil es die Franzosen als die «principali capitani» aller
Kreuzzüge und als Befreier Italiens und Beschützer der Päpste vor
Tyrannen beschreibe. Aus Tramezzinos Übersetzung übernimmt
Remigio Fiorentino zehn Reden für seine Sammlung von Orationi
militari, die er wie andere aus griechischen, lateinischen und modernen
Historikern auf ihren Erfolg hin kurz kommentiert: Sechs davon
9
VIRGILIO (1534), 491: «Im übrigen war Charles, Zierde und Leuchte der Franzosen und ein
äusserst tapferer Kriegsherr, der einzige, der [sc. allein] seinem Volk durch den Kampf die
staatliche Ordnung wiederherstellte und dank dem Kriegsrecht sogar ausdehnte.» Cf. auch
anlässlich des Todes von Charles VII, p. 497f.: «… qui se per crebras calamitates in omni
memoria celebravit, non enim is iuventutem suam in voluptatibus, sed in laboribus exercuit, qui
satis habuit avitum recuperare regnum. Hinc cognoscere licet calamitatem plerunque illustrem esse
ad gloriam, contra voluptatem nunquam.»
10
VIRGILIO (1534), 491: «die gewöhnliche Gemeinschaft des Menschengeschlechts»; der
entsprechende Passus fehlt im Manuskript noch, cf. HAY (1952), 195, Nr. 204. Ib., 116f. über
Virgilios Ablehnung des Nationalismus; 18-20 über die englischen Freunde; 172f.; 186 zum
Einfluss von Erasmus; 151 über die Freiheiten humanistischer Historiographie.
234
werden in der Auseinandersetzung mit den Mohammedanern gehalten,
in italienischen Augen offensichtlich der Franzosen Steckenpferd. 11
Neben solchen themenbezogenen Exzerpten aus Emilio besteht aber
auch das Bedürfnis, die zahlreichen neugewonnenen Erkenntnisse über
die Geschichte anderer Länder wieder handlich zusammenzufassen und
die veralteten humanistischen Übersichtswerke etwa Sabellicos oder
Volterranos zu ersetzen. Dabei wird wieder vorwiegend auf die
mittelalterliche Gattung der Weltchronik zurückgegriffen, die an die
konzeptionelle und kompositorische Fähigkeit eines Historikers viel
geringere Ansprüche stellt als die «Historia» humanistischer Tradition.
In der Nachfolge Forestis macht sich etwa Marco Guazzo mit der
Cronica del mondo von 1553 daran, den aktuellen Wissensstand
zusammenzufassen und chronologisch nach Herrschern zu ordnen, im
Falle Frankreichs meist nichts anderes als eine italienische Zusammenfassung von Emilio. 12 Die zahlreichen weiteren Weltchroniken, die in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erscheinen, beruhen nicht ganz
so offensichtlich, aber direkt oder indirekt ebenfalls auf dem Veronesen, wo sie von Frankreich handeln. Tarcagnota, Bugati, Bardi,
Sansovino, Torsellini, Doglioni und Dionigi da Fano oder auch
Lodovico Dolce und Costanzo Felici leisten damit keinen Beitrag zur
historischen Erkenntnis, wohl aber zur Divulgation des Stoffes, zumal
sie alle auf Italienisch erscheinen oder übersetzt werden und zum Teil
mehrere Auflagen erleben, wie der recht sorgfältige Tarcagnota, der
phantasievoll die Erhöhung seines Mailänder Geschlechtes betreibende
Bugati, der unkritische Doglioni mit seinen zahlreichen Rubriken und
vor allem der Jesuit Torsellini, dessen beinahe kanonische Historiarum
epitome noch im 18. Jahrhundert aufgelegt wird. 13 Sie dienen als Lehrund als Handbücher für einige Generationen, fassen den von anderen
11
Tramezzino in der Widmung von EMILIO (1549); FIORENTINO (1557), 804-826; SARA(1600), 354v; 383; 395r/v; 399, bringt verschiedene «fatti d’arme famosi» nach Emilio; auch
nach ihm einige längere historische Kommentare zu Giovio bei PASSI (1564), 3v-4v; 9-10; 17v-18v;
23v-24; 47r/v; 60-64v; 83v-84.
12
Cf. etwa GUAZZO (1553), 170-171; 200v, und EMILIO (1520), 55-78; 105ff. über Karl den
Grossen bzw. den ersten Kreuzzug; ebenso, wie erwähnt, die Stelle aus Aegidius Romanus bei
GUAZZO (1553), 251v-252v.
13
TARCAGNOTA (1562) erscheint 1562 und jeweils mit Fortsetzungen 1580 und 1592,
ausserdem angeblich auch 1573, 1585, 1588, 1598 und 1660; BUGATI (1569), ebenfalls erweitert
1587; DOGLIONI (1594) wird erstmals 1594 gedruckt, erweitert als DOGLIONI (1601) und
überarbeitet mit neuem Titel als DOGLIONI (1606); davon erscheint 1613 eine französische
Übersetzung. TORSELLINI (1598) erlebt über zwanzig Editionen bis 1731, zum Teil mit Fortsetzungen, ausserdem ebenfalls wiederholte Neuauflagen der französischen und italienischen
Übertragung. Bei den anderen Autoren handelt es sich um DOLCE (1571), FELICI (1577),
SANSOVINO (1580).
CENI
235
aufgearbeiteten Stoff knapp zusammen und koordinieren allenfalls die
chronologischen Angaben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten
italienischen Leser trotz der Schwierigkeit einer kontinuierlichen
Lektüre solcher Wälzer ihre Kenntnisse von Frankreich oder England
ihnen verdanken und nicht – oder nur indirekt über sie – den Humanisten Emilio und Virgilio. Ein Giardino di tutte l’historie piu notabili
del mondo, das Dionigi da Fano erst noch als «dilettevole e giovevole»
anpreist und welches Doglioni aus «buoni scrittori stampati» zusammenträgt, 14 entspricht den Lesegewohnheiten des barocken Zeitalters
eher als die anspruchsvoll und entsprechend umständlich formulierten
Nationalgeschichten.
Ein ähnlicher Zug zur übersichtlichen tabellarischen Kompaktheit
prägt diejenigen Schriften, die sich ausschliesslich oder nachhaltig mit
der Geschichte Frankreichs beschäftigen; 15 häufig greifen sie dazu
direkt auf französische Vorlagen zurück. Der erwähnte Venezianer
Verleger Michele Tramezzino gibt 1558 die französische Topographie
von Claude Champier und Gilles Corrozet ohne Verfasserangabe unter
dem Titel La historia di tutte le Città, Ville, Fiumi, Fonti, et altre cose
notabili della Francia, e di tutti i Re di quella heraus, wobei die Liste
der Könige ab Merowech und ihrer wichtigsten Taten eine exakte
Übersetzung der lateinischen Tabellen Jean du Tillets darstellt, die ja
häufig im Anhang zu Emilio gedruckt sind. Vorangestellt hat Tramezzino vermutlich selbst die Namen und Verdienste von 17 angeblich
antiken «Re dei Galli», die er aus Annio da Viterbo zusammengestellt
hat. In einem ähnlichen Werk mit dem Titel Cronica breve de i fatti
illustri de’ Re di Francia übernimmt der Venezianer Buchdrucker
Bernardo Giunti 1588 diese Gallier-Liste wörtlich, bringt dann aber die
Könige ab Pharamund anhand einer französischen Vorlage; es handelt
sich um Kupferstiche mit angeblichen Porträts («effigie del naturale»)
der Herrscher, jeweils eines pro Seite mit einer kurzen, französisch
verfassten Biographie innerhalb des Bildes. Darunter befindet sich eine
zweite knappe Lebensbeschreibung, diesmal aber auf Italienisch –
keine Übersetzung des französischen Textes, aber auch keine Übernahme aus Tramezzinos Katalog, sondern eine knappe Zusammen-
14
DIONIGI DA FANO (1606), Vorwort; DOGLIONI (1601), Vorwort.
Gleiches gilt auch für die recht exakten genealogischen Tafeln der europäischen Herrscherdynastien, wie sie etwa A. ALBIZZI (1600), LONIGO (1601) und die beiden Scipione Ammirato
ausarbeiten werden.
15
236
fassung Emilios. 16 Giuntis Buch ist André Herault gewidmet, dem
französischen Botschafter in Venedig und «consigliero di stato» des
Königs. Es ist durchaus denkbar, dass der Botschafter selbst die
Kupfertafeln nach Venedig mitgebracht hat und das Werklein dem
italienischen Publikum Henri III in der Tradition seiner katholischen
Vorgänger präsentieren soll, nachdem er mit dem Mord an den Guise
das altgläubige Europa und zuallererst die Kurie in helles Entsetzen
versetzt hat. Allerdings trifft Hérault dabei auch auf ein konkretes
verlegerisches Interesse Giuntis, sofern es nicht erst durch den Erfolg
der bereits 1590 unverändert nachgedruckten Edition der Re di Francia
geweckt worden ist: Jedenfalls erscheinen 1598 ähnlich konzipierte,
allerdings deutlich unsorgfältiger gestaltete und unvollständige Chroniken der habsburgischen Kaiser und der türkischen Sultane, und im
Jahr zuvor gibt der Venezianer Drucker die französischen Kupferstiche
alleine, ohne italienischen Text, Vorwort und gallische Könige, doch
dafür mit einem zusätzlichen, wohl in Italien gestochenen Porträt von
Henri IV und unter französischem Titel heraus. 17
Vermutlich ebenfalls politische Frankophilie motiviert Agostino
Ferentillis schwer einzuordnenden, in den 1570er Jahren beinahe
jährlich und insgesamt siebenmal aufgelegten Discorso universale,
welcher «tutte l’Historie … di tutti gl’Imperij, Regni, & Nationi»
verspricht. Ferentilli hängt mystizierendem, eher trivialphilosphischem
Gedankengut an und kombiniert Zahlensymbolik mit strenger Prädestination, vermutlich mit dem Ziel, den wohlgeordneten Ablauf der
ganzen Weltgeschichte zu demonstrieren. Seine historische Darstellung
integriert althergebrachte Muster wie etwa die vier Weltmonarchien
Daniels, will aber daneben auch «essempi» und «piacere» liefern und
dem vielbeschäftigten Leser als rasches Nachschlagewerk dienen. Das
Interessante bei diesem eklektischen Ansatz ist die Schilderung der
vierten Weltmonarchie, die traditionell mit dem römischen Imperium
identifiziert wird, hier aber nicht unter Karl dem Grossen auf das
westliche Kaiserreich übertragen wird, sondern im fünften Jahrhundert,
16
TRAMEZZINO (1558), 65-67; GIUNTI (1588). Porträts der Herrscher finden sich auch in
ähnlich konzipierten französischen Werken oder in verschiedenen Ausgaben Emilios, allerdings
aus einer anderen (und stets der gleichen) Bilderserie. Giuntis Kupferstiche kopieren ihrerseits
beispielsweise Jean Fouquets Darstellung von Charles VII (jetzt im Louvre) und das heute im
Genfer Musée d’Art et d’Histoire befindliche anonyme Bild von Louis XI. Das einzige französische Werk, das die gleiche Bilderserie – allerdings ohne den französischen Text im Kupferstich – enthält wie Giunti, ist der Receuil des Effigies des Roys de France, Paris (Desprez) 1567.
17
Cf. zu den verschiedenen Werken auch CAMERINI (1963), II, 480f., 484f.; die französische
Ausgabe, GIUNTI (1597), fehlt dort allerdings. Sie befindet sich in der British Library (10659.i.2).
237
während der Völkerwanderung, an die Franzosen übergeht und mit
ihnen bis ins Jahr 1569 führt. Das ist völlig unüblich, aber insofern
sinnvoll, als allein Frankreich – gerade auch im Unterschied zum
Imperium – eine direkte und ununterbrochene dynastische Kontinuität
seit der Spätantike aufweist. In inhaltlich konventioneller Manier und
vermutlich vor allem im Gefolge Volterranos ist ein König nach dem
anderen mit Angabe der Herrschaftsdauer und der wichtigsten in-, aber
auch ausländischen Ereignisse während seiner Herrschaft angeführt.
Die Darstellung führt hin zu Charles IX, «di singolare speranza» –
Hoffnung auf die rasche, gewaltsame Unterdrückung der hugenottischen Empörer. 18
Ferentillis Discorso ist in historiographischer Hinsicht belanglos,
weist jedoch interessante Gemeinsamkeiten auf mit einem beinahe
gleichzeitig Henri III gewidmeten Buch des zypriotischen, aber italienisch schreibenden Dominikaners Stefano Lusignano. Im zweiten von
fünf Discorsi prophezeit der Autor, «come un Re di Francia debbia
essere Imperator Romano, e distruggitor della setta de Maometani». 19
Lusignano verbindet mit akrobatischen Kombinationen Kreuzzugspläne, Fakten aus Emilio, die erwähnten Prophetien Telesforos di
Cosenza über einen französischen Endzeitkaiser und eine mystische
Geschichtsvision, in deren Mittelpunkt der König von Frankreich steht,
dessen Ursprünge in Annios Konstruktionen geortet werden. 20 Ferentilli und Lusignano sind offenbar charakteristisch für eine Venezianer
Denkrichtung, die sich in den Jahren um Lepanto in Frankreich und der
Kabbalistik Rettung vor der türkischen Bedrohung verspricht, vermutlich aber auch Erleichterung vor der erdrückenden Übermacht Spaniens
auf der Apenninenhalbinsel; vor diesem Hintergrund finden 1574 auch
die grossen Festivitäten der Serenissima beim Besuch von Henri III
statt. Die ausführlichen Genealogien der allerchristlichsten Könige
erinnern an die Fruchtbarmachung der französischen Geschichte für die
Kreuzzugspropaganda um 1500. Doch die letztlich historiographischnüchterne humanistische Erinnerung an die Heldentaten der Kreuzritter
18
FERENTILLI (1570), 3f. (Vorwort); 181-185 (Ursprünge); 228 (Charles IX). Auf p. 205 ist
der Catalogo de i Re di Francia eines Alemanio Fino als Quelle angegeben, der sich allerdings
nirgends gedruckt findet; an weiteren Vorlagen nennt Ferentilli ausser Volterrano auch Gottfried
von Viterbo und Emilio. Cf. zum angeblich philonischen Hintergrund die im übrigen unergiebige
Studie von BERRIOT (1977).
19
LUSIGNANO (1577): «… wie ein König von Frankreich römischer Kaiser und Zerstörer der
Mohammedaner-Sekte sein muss; …».
20
LUSIGNANO (1577), 1-17 (Ursprünge); 26v (Augustin-Prophetie); 30 (Telesforo); zu
letzterem bereits oben, p. 77.
238
unterscheidet sich stark von dem verzweifelten Aufguss
mittelalterlicher Geschichtsbilder mit prophetischen Visionen um ein
nacktes Datengerüst herum, wie er in Venedig gegen Ende des
16. Jahrhunderts üblich ist.
Offensichtlich sind informative, aber knappe und stilistisch
anspruchslose Königslisten zu dieser Zeit gefragt, weshalb Drucker wie
Tramezzino und Giunti persönlich die Initiative übernehmen und ohne
grossen redaktionellen Aufwand, durch Übersetzung oder durch
Kürzung bestehender Werke, die entsprechenden Schriften anfertigen.
Dagegen besteht in Italien zu dieser Zeit kein Bedürfnis nach umfassenderen Darstellungen der französischen Vergangenheit: Die lateinischen Werke auch jüngerer Autoren wie Papire Masson genügen
vollauf, und Emilios Monographie entspricht nach wie vor den höchsten Ansprüchen, die an eine Geschichte gestellt werden, zumal sie erst
noch in italienischer Übersetzung greifbar ist. Ausgiebiges Interesse
erfährt dagegen die Zeitgeschichte, vor allem die Religionskriege, wie
sie umfang- und auch in Frankreich selbst einflussreich vom Kardinal
Prospero Santacroce, von Omero Tortora aus Pesaro, dem Vicentiner
Alessandro Campiglia und Enrico Caterina Davila aus der Nähe Paduas
oder eher anekdotisch von Cirni, Capilupi, Pigafetta und Cavriana
geschildert werden. 21
Andererseits liefern auch besondere Fragestellungen Gelegenheit zu
Studien, die nicht nur in der Tradition der gelehrten humanistischen
Historiographie stehen, sondern diese auch weiterentwickeln. Einen
interessanten, aber unvollendeten Versuch hinterlässt bei seinem Tod
1555 der Florentiner Philologe Pier Francesco Giambullari, nämlich
eine umfassende Storia d’Europa ab 887. Für Frankreich vergleicht er
Gaguin und Emilio, den er stellenweise abschreibt; doch benützt er
sonst vorzugsweise zeitgenössische Chronisten wie Regino von Prüm
oder Liutprand von Cremona. 22 Verbreiteter ist in Italien die historiographische Beschäftigung mit der Völkerwanderung, die gleichzeitig
den Bruch mit der glorreichen Antike und den Eintritt mancher italienischen Stadt in die Geschichte bedeutet, was Niccolò Zeno bereits im
Titel seines 1557 erschienenen, anspruchslosen Werks zum Ausdruck
21
Cf. SANTACROCE (1562); TORTORA (1619); CAMPIGLIA (1617); zu ihnen gesamthaft DE
MATTEI (1982), I, 86; DAVILA (1630); zu ihm BENZONI (1974); ib., 387ff., allgemein zu venezianischen Werken über Frankreich. Cf. CIRNI (1567), CAPILUPI (1572); PIGAFETTA (1591); der
1606 verstorbene Cavriana soll nach BOZZA (1949), 88, einen lateinischen Commentario delle
Guerre civili di Francia geschrieben haben.
22
GIAMBULLARI (1555), 174, 396 (Gaguin und Emilio); 181 (Aufstieg und Niedergang der
Karolinger), cf. EMILIO (1520), 90.
239
bringt: Dell’origine de’ Barbari, che distrussero l’imperio di Roma,
ond’ebbe principio Venezia. Neben der Frühgeschichte der Lagunenstadt findet sich in insgesamt elf Büchern die Geschichte der verschiedenen Barbarenstämme, darunter die der Franken bis zu Karl dem
Grossen. Zeno folgt über weite Strecken Aimoin, kürzt ihn aber stark
und integriert auch den «Hunibald» des Trithemius und möglicherweise
Emilio. 23 Etwa der gleiche Gegenstand wird 1577 vom berühmten
Carlo Sigonio in De occidentali imperio ungleich sorgfältiger
abgehandelt: Neben erzählerischen Quellen beschafft er sich viel
Material aus Archiven und wertet auch Münzen und Inschriften aus;
unter diesen Umständen überrascht es wenig, dass er Gregor von Tours,
Adon de Vienne, Aimoin de Fleury, Einhard, Sigebert de Gembloux
und zahlreiche andere mittelalterliche Autoren nicht nur anführt,
sondern seine Darstellung vorwiegend auf sie, die Zeitgenossen, und
nicht auf die ihm ebenfalls bekannten humanistischen Aufarbeitungen
des 15. und 16. Jahrhunderts stützt. Entsprechend seinen Interessen
behandelt Sigonio die fränkischen Einfälle ins römische Reich und vor
allem Chlodwigs Herrschaft recht ausgiebig, 24 dagegen später von den
französischen Herrschern nur noch die Expeditionen der Karolinger
nach Italien, natürlich ohne jedes sagenhafte Beiwerk.
Die recht getreue Kopie Aimoins durch Zeno wie der kritische
Rückgriff Giambullaris und Sigonios auf die immer zahlreicher
gedruckt vorliegenden mittelalterlichen Autoren ist ein charakteristischer Zug der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der Drang «ad
fontes» führt über die humanistischen Autoren hinweg zu zeitgenössischen Quellen zurück – nicht nur für eine anspruchsvolle und kritische Historiographie, die nicht mehr versucht ist, die mittelalterliche
Geschichte in die rhetorische Zwangsjacke des antiken Modells einzupassen, und damit die Eigenarten der verschiedenen vergangenen
Epochen so angemessen zum Ausdruck bringt, wie es Sigonio musterhaft exemplifiziert; sondern auch für die gesamte gegenreformatorische
Bewegung, welche der protestantischen Geschichtsdeutung etwa der
Magdeburger Zenturien mit den – zwangsläufig katholischen – mittelalterlichen Originalquellen zu begegnen sucht. Ihren Höhepunkt
erreichen diese Bemühungen in den Annales ecclesiastici des Cesare
Baronio, einer gigantischen, ganz Europa einschliessenden Kirchen23
ZENO (1557), 163, zitiert Ammianus Marcellinus als Beleg für die Salier; sehr ähnlich
EMILIO (1520), 263.
24
SIGONIO (1577), 404-437, zu Chlodwig.
240
geschichte, die der Kardinal mit einem ansehnlichen Mitarbeiterstab ab
1588 herausgibt. Bis zu seinem Tod 1607 wird in zwölf Bänden das
Jahr 1198 erreicht; die weiteren Bücher, die bis in das Jahr 1572
führen, werden von Bzovio herausgegeben. Trotz ihrer apologetischen
Aufgabe vermeiden die Annales möglichst jede Geschichtsklitterung;
vielmehr sind sie sehr reich an Zitaten und präzisen Verweisen auf die
zitierten Autoren, für Frankreich etwa Gregor von Tours, Aimoin,
Hinkmar, Sigebert de Gembloux oder Raoul Glaber.
Solche Originalquellen werden auch in der Polemik gegen die
französischen Hugenotten und Politiques herangezogen; auf die
Funktion der französischen Vergangenheit in der italienischen gegenreformatorischen Publizistik wird im folgenden Teil der Untersuchung
näher eingegangen.
Zusammenfassung
Die vorangegangenen Kapitel haben sehr deutliche Konjunkturen und
Entwicklungslinien der italienischen Historiographie über Frankreich
aufgezeigt. Gewisse Herrscher, insbesondere die frühen Karolinger,
gehören auch zur italienischen Geschichte und sind stets präsent. Vom
Auftreten der Anjou an ist ein verstärktes Interesse an der französischen Vergangenheit im engeren Sinn spürbar, dem häufig mit Informationen aus Vincent de Beauvais Genüge getan wird; diese Fakten
dienen vorerst noch meist der Erklärung von italienischen Entwicklungen, in deren Kontext sie eher bruchstückhaft dargestellt sind. Im
15. Jahrhundert weitet sich der Blick, und Frankreich wird häufig im
Kontakt oder Konflikt mit seinen Nachbarn wahrgenommen, seine
Geschichte zusammenhängend und mit enzyklopädischen Absichten
skizziert – aber noch ohne dass sie zum exklusiven Gegenstand eines
Werkes würde. Doch sind es dann gleich mehrere Italiener, die in
Frankreich selbst die humanistische Geschichte ihres Gastlandes
schreiben, ohne darüber den Kontakt mit ihrer Heimat zu verlieren. Ihre
Tätigkeit wird gefördert durch die intensiven politischen und kulturellen Kontakte zwischen den beiden Völkern um 1500, durch das
Interesse führender französischer Staatsmänner an einer lateinischhumanistischen Landesgeschichte und durch die dank dem Buchdruck
immer zahlreicher vorliegenden Geschichtswerke, bald einmal auch
solche mittelalterlicher Autoren. Insbesondere Emilios De rebus gestis,
der einsame Höhepunkt der humanistischen Historiographie über
Frankreich, liefert dort selbst wie auch in Italien eine allgemein anerkannte Standarddarstellung, die im ganzen 16. Jahrhundert und darüber
hinaus gültig bleibt. In Italien wird Emilios Geschichte in vielen
Büchern verschiedener Genres ausgeschlachtet; daneben werden für
einen raschen Überblick kurze Übersichtswerke meist französischer
Provenienz übersetzt. Gegen Ende des Jahrhunderts treten aber auch in
der Historiographie neben diese jüngeren Produkte immer stärker direkt
die frühen Quellen wie Gregor von Tours, Aimoin oder Sigebert de
Gembloux, die nun nicht mehr wegen ihrer formalen Schwächen
geschmäht werden, sondern aufgrund ihrer Unverfälschtheit und
expressiven Katholizität willkommen sind. Allein die Zeitgeschichte
Frankreichs bleibt Gegenstand italienischer Darstellungen, die dem
Land exklusiv gewidmet sind; seine Vergangenheit wird nur noch im
gesamtabendländischen Kontext geschildert, im Wechselspiel der sich
242
ausbildenden Nationalstaaten, von der Völkerwanderung bis zum Ende
des Mittelalters.
In einen weiteren Zusammenhang hat erst die italienische Historiographie die französische Geschichte eingebettet; die dionysianische
Tradition hat sich kaum für Ereignisse interessiert, die nicht in direktem
Zusammenhang mit dem Königshaus (oder der Abtei) standen. Die
Italiener sehen das Nachbarland mit der Distanz ausländischer
Humanisten, geographisch als Teil des Abendlandes, chronographisch
in Kontinuität seit der Antike. Ausdruck findet dies etwa in der starken
Gewichtung der Kreuzzüge und im – letztlich missglückten – Versuch,
eine Brücke zwischen dem antiken Gallien und den Franken zu
schlagen. Voraussetzung dafür ist die Erschliessung zahlreicher neuer
Quellen und auch vereinzelter Hinweise bei Autoren, die bis anhin in
Frankreich gar nicht zur Verfügung gestanden haben oder als
Informanten zur eigenen Geschichte nicht in Betracht gezogen worden
sind. Dabei kann es sich um antike Autoren ebenso handeln wie um
jüngere italienische, aber durchaus auch um in Frankreich kaum
rezipierte Chronisten wie Yves de Saint-Denis oder André de
Marchiennes. Emilio geht in der Breite der Quellenbenutzung am
weitesten, aber sehr anschaulich ist auch Cattaneos Beispiel, der eine
traditionelle französische Geschichte (Yves de Saint-Denis) um die
jüngsten Resultate humanistischer Historiographie (Biondo) erweitert,
aus der er bezeichnenderweise vor allem die Kreuzzüge einfügt. Was
den Aufbau betrifft, folgt Cattaneo allerdings noch sehr stark der
herkömmlichen französischen Gliederung, wonach der Tod eines
Königs und der Antritt seines Nachfolgers einen entscheidenden Einschnitt bilden. Emilio, charakteristischerweise Verfasser von De rebus
gestis Francorum und nicht – wie alle anderen italienischen Werke
zutreffend betitelt werden könnten – von De regibus Francorum, ist der
einzige, welcher der dynastischen Abfolge wenig Gewicht beimisst
und so, wie es Biondo für die Italiener vorgemacht hat, eine Geschichte
des Volkes, der Franzosen im Mittelalter zu schreiben versucht, wobei
er die Bucheinschnitte nach möglichst allgemein wichtigen Ereignissen
wählt.
Emilios Konzept setzt sich allerdings nicht durch: Mit wenigen Ausnahmen wie Giambullari, der sich jedoch nicht exklusiv Frankreich
widmet, liefern italienische Autoren im 16. Jahrhundert streng nach
Königen gegliederte Darstellungen der französischen Geschichte. Diese
sind auch bei den Päpsten, Kaisern oder anderen Königshäusern üblich
und für einen raschen Überblick handlich. Sie sind aber auch typisch
243
für eine Identifikation des politischen Verbandes mit dem Herrscher,
wie sie im zunehmend von absolutistischen Fürsten dominierten Italien
auch üblich wird. Da gerade für kürzere Überblicke über die
französische Geschichte schon seit dem Mittelalter häufig französische
Vorlagen nur abgeschrieben oder übersetzt werden, finden sich bei der
Schilderung der Geschichte Frankreichs in der Regel kaum
eigenständige Bewertungen oder auch nur relevante inhaltliche
Unterschiede zu diesen Quellen. Nur wenige Humanisten bringen mehr
ein als einen gepflegten Stil, indem sie sich um Objektivität oder
zumindest Freiheit von patriotischen Vorurteilen bemühen, wie es
Emilio am vornehmsten demonstriert, aber grundsätzlich auch Riccio
mit seiner gerade im Vergleich zur gaguinschen Vorlage wertungsfreien «Faktographie»; besonders deutlich auch, von englischer Warte
auf Frankreich blickend, Polidoro Virgilio. Damit einher geht auch die
mehr oder weniger ausgeprägte kritische Beurteilung der – französischen – Überlieferung. Diese fällt bei den Gründungslegenden relativ
leicht, da sich als Autoritäten geltende antike Autoren für das respektlose Hinterfragen anbieten; aber auch die Roncesvalles-Episoden und
Karls Kreuzzug fallen ziemlich schnell aus der Historiographie, Opfer
zunehmender Skepsis und philologischer Analyse. Gerade die
Ursprungssagen werden von den Italienern mit Vorliebe benutzt, um
ihr überlegenes methodisches Instrumentarium vorzuexerzieren. In
diesen Diskussionen, und ganz generell im Verzicht auf Wunder und
unsichere Überlieferungen, in der Säkularisierung und Politisierung der
Geschichte liegt der Hauptbeitrag der Italiener zur Geschichtsschreibung über Frankreich.
Diese historiographischen Tugenden machen noch lange Schule:
1699 nimmt Pierre Bayle Emilio gegen den Vorwurf Claude du
Verdiers in Schutz, er habe bösartigerweise Traditionen vernachlässigt,
«quae ad Gallorum gloriam pertinerent», namentlich das Salböl und die
Lilien, welche Chlodwig vom Himmel gesandt werden. Und wenn
Jean-Jacques Chiflet 1651 in De ampulla remensi, einer prospanischen
Polemik gegen die französischen Könige, in der sonst kaum je ausländische Autoren auftauchen, seine Zweifel am salbungsvollen Taubenflug bei Chlodwigs Taufe anmeldet, führt er als Stützen zuerst einmal
fünf berühmte Italiener an: Petrarca, Piccolomini, Volterrano, Riccio
und Emilio. Sie alle schildern das Ereignis mit Wendungen, die Chiflet
zu Recht als skeptischen Vorbehalt interpretiert: «ut ajunt», «opinantur
Gallici», «rumor est», «dicitur», «velut coelestis muneris». Ähnliche
Formulierungen findet Chiflet bei französischen Autoren erst in der
244
zweiten Jahrhunderthälfte, so bei Girard du Haillan oder Masson. 1
Wenn umgekehrt der Neapolitaner Mazzella 1594 dasselbe Ereignis als
«grandissimo miracolo» beschreibt, so beruft er sich fast ausschliesslich auf französische Autoren: Guy Pape, Gaguin, Barthelemy Chasseneux und Charles de Grassaille. 2
Die zwei Beispiele illustrieren einerseits, wie gewichtig – methodisch und, wie gezeigt, auch umfangmässig – die italienischhumanistische Historiographie über Frankreich für die Franzosen selbst
ist, wie stark sie das dortige Geschichtsdenken für über ein Jahrhundert
prägt. Dass Mazzella wieder mittelalterliche, aber von modernen
Franzosen tradierte Legenden hervorholt, zeigt andererseits, wie die
italienische Historiographie in der Gegenreformation ihren innovativen
Zug verloren hat. Souveräne Urteiler und kritische Hinterfrager wie
Scipione Ammirato bleiben die Ausnahme. Die philologisch exakte
Arbeit der Mitarbeiter Baronios will nicht mehr als die unanfechtbaren
Grundlagen für die Polemik gegen die Falschgläubigen liefern, wozu
mit einer sorgfältigen Aufarbeitung der gut katholischen
mittelalterlichen Autoren gedient ist. Die begabteren Historiker wenden
sich der Zeitgeschichte Frankreichs zu, die brennend aktuell und noch
von niemandem gründlich behandelt ist. Im übrigen verliert sich die
Historiographie im allgemeinen und diejenige über Frankreich im
besonderen in astrologischen Spekulationen, belanglosen Auflistungen
und willkürlich ausgewählten Anekdoten. Das Interesse an der
französischen Vergangenheit äussert sich nicht mehr deskriptivhistoriographisch, sondern im Rahmen der politischen Publizistik.
1
BAYLE (1699), VI, 145; cf. DU VERDIER (1586), 88. CHIFLET (1651), 60f.; die von ihm
zitierten Sätze bei PETRARCA (1356), 458; PICCOLOMINI (1463), 384; RICCIO, De regibus (1505),
13; VOLTERRANO (1506), 36; EMILIO (1520), 7.
2
MAZZELLA (1594), 222; 224.
Teil III: Die Verwendung von Exempla aus
der französischen Geschichte
Nachdem die Aufarbeitung und die historiographische Gestaltung der
französischen Vergangenheit untersucht worden ist, soll im dritten Teil
die Verwendung dieser Kenntnisse in Italien näher betrachtet werden.
Exempla 1 aus der französischen Geschichte werden in der humanistischen Rhetorik aufgenommen und finden sich in der neu belebten
Gattung der Memorabiliensammlungen. Im Laufe des 16. Jahrhunderts
verlieren diese ihren rhetorischen Charakter einerseits zugunsten der
reinen Unterhaltung, während sie andererseits als Stoffsammlung für
die politischen Debatten dienen, die sich vor dem Hintergrund der
französischen Religionskriege und der katholischen Polemik gegen
Hugenotten, «Machiavellisten» und Politiques entwickeln. Historische
Beispiele aus Frankreich spielen dabei aus verschiedenen Gründen stets
eine wichtige Rolle, prägen sogar in gewissen Bereichen die
italienische Debatte, zeigen aber auch den Wandel von Interessen und
Anliegen der Autoren, die sie aufgreifen.
1
Zum Begriff SCHMITT (1982) und MOOS (1988), insbes. 173; 525ff. Exemplum ist im
folgenden in einem umfassenden Sinn verwendet, als didaktisches Belegbeispiel zur Illustration
einer – vorgefassten – Meinung ebenso wie als induktives Fallbeispiel, von dem aus die Argumentation erst entwickelt wird. Exempla sind stets und meistens recht präzis historisch lokalisiert und
werden als für die Gegenwart gültig, ja autoritativ angesehen. Im Unterschied zur reinen Anekdote
dienen sie nicht nur zur Charakterisierung einer geschichtsmächtigen Persönlichkeit, sondern
beanspruchen rhetorische Wirkung; eine Anekdote kann also dann zum Exemplum werden, wenn
sie im Rahmen einer Argumentation instrumentalisiert wird.
246
1. Die historische Verpflichtung zum Kreuzzug
Wie das Beispiel von Salutatis Staatsbriefen bereits gezeigt hat, erneuern und beleben italienische Humanisten die diplomatische Rhetorik
durch die systematische Verwendung historischer Beispiele und Präzedenzfälle. Ein ähnlicher Rekurs auf mythologische oder antike, aber
auch mittelalterliche Ereignisse fehlt in Frankreich selbst im
15. Jahrhundert noch lange. Wie Salutati in Florenz, so scheint an der
Kurie Pius II. als erster Exempla aus der ausseritalienischen mittelalterlichen Geschichte in die diplomatische Sprache eingeführt zu
haben. 2 Wie sich seine humanistische Rhetorik in dieser Hinsicht von
der französischen unterscheidet, zeigt sich 1459 auf dem Kongress zu
Mantua. Die Gesandten von Charles VII klagen mit einem sehr allgemeinen Hinweis auf die «Francorum in Apostolicam Sedem praeclara
et multa merita» Pius II. der Undankbarkeit an, da er in Neapel für den
Aragonesen Ferrante und gegen die Anjou Partei ergriffen habe. 3 Der
Humanistenpapst verwahrt sich gegen diese Anschuldigung; auch
verkenne er keineswegs die Leistungen der Franzosen, die Barbaren
gezähmt, Heiden bekehrt, Italien und das Heilige Land befreit und der
Kirche gegen alle Tyrannen geholfen hätten. Doch sei es nun auch
einmal an der Zeit, die Wohltaten aufzuzählen, welche Frankreich den
Statthaltern Petri verdanke. In erster Linie natürlich die Bekehrung
selbst, aber auch Weltliches: Zacharias hat den unfähigen Childerich
abgesetzt und Pippin zum König gemacht, Leo III. das römische Imperium Karl dem Grossen übertragen; viele Städte, Kirchen und Schulen
in Frankreich verdanken dem Papst Gründung und Privilegien; desgleichen Charles d’Anjou, ein Kandidat unter vielen denkbaren, das
2
Die verschiedenen Briefe seiner Vorgänger bei ACHERY (1723) enthalten jedenfalls bis
Nikolaus V. keine Rückgriffe auf die Geschichte. Erstmals sind Wohltaten der Vorgänger von
Charles VII in einem Brief von 1452 erwähnt, jedoch noch sehr allgemein und ohne konkrete
Beispiele; das gleiche gilt für die Zeit Calixts III. (ib., 790; 799f.). Dagegen verfasst Piccolomini
noch als kaiserlicher Sekretär 1453 einen Brief an Charles VII, der voller historischer Reminiszenzen ist (ib., 795f.).
3
PICCOLOMINI (1459), II, 41: «der Franken vielfältige leuchtende Verdienste um den
Heiligen Stuhl». Die Rede des Bailli von Rouen, dem Pius antwortet, ist nicht überliefert, aber ihr
Inhalt ergibt sich aus der päpstlichen Antwort. Die anderen in Mantua gehaltenen Reden der
Franzosen und des Papstes stehen auch bei ACHERY (1723), 807-820; cf. ib., 790-792; 798,
frühere Beispiele, wie die Franzosen allgemein auf die Taten ihrer Vorgänger hinweisen.
PICCOLOMINI (1463), 225-231, schildert mit einigen Gehässigkeiten das rhetorische Kräftemessen
in Mantua.
247
Königreich Sizilien. Kenntnisreich interpretiert Pius II. die Auseinandersetzung um Neapel als konsequente Parteinahme der Kurie für die
Anjou, um zu enden:
Illud exploratum manifestissimumque est, nulli unquam genti
praedecessores nostros majores honores favoresque praestitisse, quam
Francis. 4
Mit dieser Argumentation, wonach die Franzosen der Kirche
mindestens ebenso zu Dank verpflichtet sind wie umgekehrt, begründet
Piccolomini eine Tradition, die erst während der Glaubenskriege richtig
aufleben wird. Für seine eigene Zeit sehr bezeichnend ist der
Unterschied zwischen der von den Franzosen recht plump und generalisierend beanspruchten Sonderrolle ihrer Heimat und dem geschickt
eingesetzten historischen Wissen des Italieners, der offenbar seit den
Jahren am Basler Konzil einiges hinzugelernt hat. In den Commentarii
vermerkt Pius II. stolz, dass er das Lob der Franzosen viel besser
vorgetragen habe als diese selbst. Die Gesandten sind zwar anfangs
nicht mit allem einverstanden, aber gleichwohl tief beeindruckt und
fühlen sich geschmeichelt: Die Antwort des Papstes sei so elegant wie
nur möglich ausgefallen, und er habe das französische Königshaus mit
höchsten Preisungen geehrt. 5 Die humanistische Rhetorik verfehlt also
ihre Wirkung nicht, die französischen Einwände an der päpstlichen
Süditalienpolitik verpuffen wirkungslos.
Ähnlich geschickt ist die Rede, in der Pius II. 1462 der Gesandtschaft von Louis XI für die Aufhebung der Pragmatischen Sanktion
dankt, die er bereits in seiner Mantuaner Rede verlangt hat. Für die
Franzosen hat der Bischof von Arras bereits ein Loblied der eigenen
Nation vorgetragen, nach dem späteren Urteil von Pius «gallicas vanitates et aperta mendacia impudenti facie pro veris affirmans». 6 Der
Papst seinerseits stellt die Franzosen selbst über die Hebräer des Alten
Testaments, lobt ihre vornehme Abstammung, ihre Herrschaft im
Orient, dann ausdrücklich Chlodwig, Karl Martell, Pippin, Karl den
Grossen, Charles VII, die «Philippi, & Lotharii, & Arnoldi», vor allem
4
PICCOLOMINI (1459), II, 54: «Es ist also bewiesen und völlig offensichtlich, dass unsere
Vorgänger keinem Volk jemals grössere Ehren und Vorteile zukommen liessen als den Franken/
Franzosen.»
5
PICCOLOMINI (1463), 229; das Urteil der Gesandten bei BEAUCOURT (1864), 176; cf. auch
den Bericht des Nicolas Petit über die Reden bei ACHERY (1723), 806f.; ib., 820-822, die Antwort
der Franzosen.
6
PICCOLOMINI (1463), 455: «wobei er französische Eitelkeiten und offensichtliche Lügen
ohne mit der Wimper zu zucken für wahr ausgab».
248
aber die «Ludovici», eine lange Reihe von Ludwig dem Frommen bis
zum verklärten Louis XI, dem «singularis documentum pietatis», der
die Pragmatische Sanktion aufhebt. 7 Der Papst schätzt also die französische Selbstbeweihräucherung als eitles Geschwätz ein, schmeichelt
ihnen jedoch nicht weniger, nur raffinierter, mit seinen historischen
Kenntnissen, um sie von ihrem eigentlichen Anliegen abzulenken. Die
Rede ist nämlich dazu gedacht, die Oboedienzerklärung zu feiern, ohne
gleichzeitig auf die von französischer Seite vorgebrachten Forderungen
betreffend Neapel und Genua eingehen zu müssen. Auch dieses rhetorische Manöver hat offenbar sein Ziel erreicht, denn die geschmeichelten Franzosen tragen den Ruhm der ungewohnten Lobrede über die
Alpen zurück; ein anonymes französisches Gedicht erinnert an die
angeblich glorreiche Audienz, und auch Pius selbst wird sich in
Zukunft auf seine eigenen wohlklingenden Worte berufen, wenn Louis
XI ihm Vorwürfe machen will. 8
Für die humanistische Rhetorik der Italiener sind also ausführliche
und möglichst exakte Bezüge auf historische Fakten unabdingbar. Wie
schon wiederholt angedeutet, gelangt diese Technik in der humanistischen Kreuzzugsrhetorik erst recht zur Blüte; frühe typische
Beispiele sind etwa Talentis Appell an Charles VII oder Filelfos Brief
von 1551 aus Mailand an denselben König, in dem der Humanist eine
schon beinahe kanonische Liste französischer Heroen vorträgt, die es
nachzuahmen gilt: Karl Martell, Karl der Grosse, Ludwig der Fromme,
Gottfried von Bouillon (der in solchen Aufzählungen stets als Franzose
geführt wird), Saint-Louis und andere Kreuzritter. Beinahe identisch
zählt sie auch der Venezianer Gesandte Bernardo Giustiniani auf, als er
Louis XI zum Kampf gegen die Ungläubigen auffordert, von dem er
meint: «Francorum regum proprium, et quasi fatale est». 9 Solche
Wendungen werden im Umgang mit Charles VIII durch den Mythos
des «secondo Carlomagno» noch überhöht; dieser ist nicht nur in
Florenz verbreitet, sondern wird im Vorfeld der französischen Invasion
ebenso von den Gesandten Lodovico Sforzas oder Alexanders VI.
7
PICCOLOMINI (1462), II, 113.
Cf. LUCIUS (1913), 67-76, zur Oboedienzgesandtschaft, sowie die mailändischen Gesandtenberichte auf pp. 99-101 zur päpstlichen Taktik; v.a. p. 70 zur Rede von Pius II. Ib., Anm. 2,
zitiert Lucius nach Fierville aus dem französischen Gedicht.
9
B. GIUSTINIANI (1462), 200: «Es ist den französischen Königen eigen und gleichsam vom
Schicksal zugedacht.»; ähnlich sein Begleiter BARBO (1462). Zu TALENTI (1454) cf. auch
FOFFANO (1967); FILELFO, Epistole (17. Februar 1451), 55-59v, insbes. 56r/v. Als spätere Beispiele
finden sich bei LUC (1939), 352f., Briefe von Innozenz VIII. an Charles VIII sowie seine Instruktionen für den Nuntius Chieregato; cf. auch die Rede von CHIEREGATO (1488).
8
249
eingesetzt wie vom Gegenspieler des Borgia-Papstes, Giuliano della
Rovere. Der Kreuzzug lässt sich genauso gegen die Aragonesen uminterpretieren wie die karolingische Befreiung Roms von den Tyrannen
als Fanal einer Vertreibung Alexanders VI. aus der ewigen Stadt
deuten. 10
Karl der Grosse wird meistens nicht alleine genannt, sondern in die
ganze Reihe der ketzerbekämpfenden französischen Könige eingefügt.
Das zeigt sich auch in der eigentlichen Historiographie, wofür besonders Candidas und Cattaneos Widmungsbriefe charakteristisch sind;
dass in den Handschriften Cattaneos ohne weitere Änderungen am
Widmungstext der Name «Carolus» nachträglich in «Ludovicus»
korrigiert werden kann, verrät auch, wie formelhaft diese historischen
Argumentationen sind – der französische König schlechthin ist ein Hort
der Kirche, ja aller Italiener, aber auch der Reformer des Klerus. 11
Ganze historische Werke werden in Italien im Dienst der
Kreuzzugsrhetorik verfasst und Charles VIII gewidmet; im Falle von
Bonifazio Simonettas De christianae fidei et romanorum pontificum
persecutionibus überdies noch dem Kanzler Guillaume de Rochefort.
Weil die französischen Könige in all den Verfolgungen der Kirche
«ultimum pietatis honorisque levamen» gewesen sind, führt Simonetta
in seinen in aufdringlicher Gelehrsamkeit formulierten Widmungsbriefen den Kanon der frommen Könige Frankreichs auf, von Chlodwig
über Robert le Pieux bis Louis XI, ohne den Heldentod Rolands zu
vergessen; auch die frommen und kriegerischen Gallier werden als
Vorläufer des gegenwärtigen Herrschers betrachtet, der durch all diese
Vorbilder dazu angehalten wird, das Chaos und die Streitigkeiten
beizulegen, die überall herrschen. 12 Simonetta denkt vermutlich ebenso
an das mit der Kurie verfeindete sizilianische Königsreich der
10
Die Gesandten Sforzas bei F. GUICCIARDINI (1540), 32, verweisen auf «l’esempio de’ vostri
gloriosi predecessori»: «… i quali usciti tante volte armati di questo regno, ora per liberare la
chiesa d’Iddio oppressa da’ tiranni ora per assaltare gli infedeli ora per recuperare il sepolcro
santissimo di Cristo, hanno esaltato insino al cielo il nome e la maestà de’ re di Francia. Con questi
consigli, con queste arti, con queste azioni, con questi fini, diventò magno e imperadore di Roma
quello gloriosissimo Carlo; il cui nome come voi ottenete, cosí vi si presenta l’occasione
d’acquistare la gloria e il cognome.»; ib., 116f. zu Della Rovere. Vier Kardinäle Alexanders VI.
zitiert DE’ CONTI (1512), 91: «Denique Carolum illum magnum … tibi imitandum propone …»;
ähnlich referiert von GIOVIO (1552), I, 20. Cf. zum Kreuzzug als «secondo Carlomagno» auch
DENIS (1979), 63.
11
Cf. etwa CATTANEO (1494), fol. 2: «Nam pugnare cum turcis, et vincere, & terram sanctam
recuperare Francorum regum proprium est.» Zur Kirchenreform CANDIDA (1488), fol. 14v, und
CATTANEO (1494), fol. 33v; zu beiden auch oben pp. 149 bzw. 200.
12
SIMONETTA (1492), VIII; cf. auch unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert. zu seinem
Rekurs auf die Gallier.
250
Aragonesen wie an die Türken – sein Buch erscheint 1492 in Mailand,
wo Lodovico il Moro bereits eifrig neapelfeindliche Pläne betreibt.
Bei Louis XII ist es dann der Namensvetter Saint-Louis, den der
Neapolitaner Alfarabi als Modell für den Türkenkrieg vorstellt; auch
die bekannten Humanisten Mantuano und Sadoleto verfassen Aufforderungen zum Kreuzzuge. 13 Doch wie früher die Heroen der französischen Geschichte bemüht worden sind, um Charles VIII gegen
Neapel aufzuwiegeln, so können sie auch jetzt gegen italienische
Gegner dienen, etwa von mailändischer Seite gegen die Venezianer,
«nihil meliores Turcis». 14 Nach der Schlacht bei Agnadello gibt der
Humanist Mario Equicola sogar eine längere, Johannes Lascaris
gewidmete Pro Gallis Apologia heraus, in der auch er von den alten
Galliern her die wackeren Taten der verschiedenen Dynastien aufzählt,
aber auch Pippins angebliche Gründung des Parlaments in Paris, eine
weise Einrichtung zum Schutz des Volkes gegen etwaige Exzesse der
vom Naturrecht geforderten Monarchie. Dass die Franzosen ihre glorreichen Kreuzzüge nicht wiederholen können, liegt nicht an ihnen – die
Päpste, und insbesondere Julius II., wollen ihnen ebensowenig dabei
beistehen wie die uneinigen und neidischen Herrscher in Italien und
Europa. Gleichwohl ermahnt Equicola Lascaris und Louis XII, nach
dem Sieg über Venedig die französische Kampfkraft nun gegen die
Mohammedaner zu richten. 15
Die italienisch-humanistische Kreuzzugsrhetorik verschwindet
ähnlich wie die Florentiner Karlslegende im 16. Jahrhundert rasch aus
der diplomatischen Sprache, wohl ebenfalls im Gefolge der Institutionalisierung ständiger Vertretungen; 16 ausserdem ist der französische
Einfluss in Italien seit der Schlacht von Pavia stark reduziert, und
François Ier drängt sich als Adressaten von Kreuzzugsreden auch inso13
ALFARABI (1501), 170v-172 (gemäss der handschriftlichen Paginierung des Exemplars der
BNP); cf. dazu auch unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.. Zur Exhortatio von
MANTUANO (1507), v.a. 83r/v, auch kurz oben p. 212; SADOLETO (1510).
14
ANTIQUARI (1509), 373 (entsprechend der handschriftlichen Paginierung des Exemplars auf
der BNP): «Carolos: Ludovicos: Philippos: quid commemorem? … saepissime pro Romanis
presulibus certatum est.» Der Priester Antiquari stammt aus Perugia, wird aber Bürger von
Mailand und steht dort zuerst in Diensten der Sforza und später Frankreichs; seine Rede auf
Louis XII hält er nach dem französischen Triumph bei Agnadello.
15
EQUICOLA (1509), unpaginiert; Equicola gibt in Rom nach 1518 auch De Bello Turcis
inferendo suasoriae heraus; cf. KOLSKY (1991), 165-169. Seine Apologia wird 1550 auch ins
Französische übersetzt; diese Übertragung ist mitsamt dem Autographen und dem seltenen
Erstdruck 1990 von Carlo Vecce ediert und kommentiert worden, doch habe ich diese Ausgabe
leider nicht einsehen können.
16
Cf. die Nüchternheit der Acta Nunciaturae Gallicae, Roma/Paris 1961ff.
251
fern weniger auf, als er seine Kräfte im Konflikt mit den Habsburgern
verausgabt und dabei erst noch ein Bündnis mit der Pforte eingeht.
Abgesehen davon haben die geschichtsschwangeren Reden der
Humanisten auch bei den Franzosen nicht mehr den gleichen Effekt
wie zu den Zeiten von Pius II. Mittlerweile beherrschen sie die lateinische Rhetorik ebensogut und haben auch erkennen müssen, dass sich
hinter dem wortreichen Lob der französischen Vergangenheit sehr
konkrete und nicht immer lautere politische Interessen verschiedener
italienischer Potentaten verbergen. Gleichwohl haben die behandelten
Redner und Publizisten keinen unbedeutenden Beitrag zum historischen Selbstverständnis der Franzosen geleistet und diesen auch
sprachlich schön gefasst. In klassischer «Brevitas» ist gleichsam ein
Kanon von Verdiensten um Kult und Kirche entwickelt worden, der die
Superiorität der Franzosen gegenüber anderen Völkern und Herrschern
zur Folge hat. 17 Genau besehen beschränken sich die immer
wiederkehrenden Namen und Formeln auf lediglich zwei Aspekte der
französischen Geschichte, nachdem die Integrierung der antiken Gallier
unter die ruhmreichen Vorfahren aus später zu behandelnden Gründen
nicht gelungen ist: 18 Einerseits ist es ihre machtvolle Ausdehnung, die
häufig mit den Namen der unterworfenen oder bekehrten Völker
bezeichnet wird – dies ist insbesondere das Verdienst der frühen
Karolinger, ja fast ausschliesslich Karls des Grossen. Gleiches gilt für
die «tutela ecclesiae» und den Schutz der Kirche gegen die «tyranni».
Andererseits wird an viele Waffengänge im Orient erinnert, und die
entsprechenden Protagonisten von Gottfried von Bouillon bis SaintLouis sind alles Kreuzfahrer. Wie es der Zusammenhang nahelegt,
handelt es sich also in beiden Gruppen fast ausschliesslich um
Glaubenskrieger, welche die Mission ermöglichen und die Heiden
besiegen – ein nur frommer König, wie Robert II, oder eine (spätere)
Heilige, die gegen Christen kämpft, Jeanne d’Arc, haben in diesem
Zusammenhang nichts zu suchen. Mit solchen Schmeicheleien und
einem Katalog vorbildlicher Vorgänger wird der Krieg gegen die
17
Sehr bezeichnend diesbezüglich CANDIDA (1488), fol. 4, und CATTANEO (1494), fol. 5v,
also bei beiden unmittelbar an die Widmung anschliessend und am Anfang der eigentlichen
Geschichte: «… palma christianae religionis penes francos … pro christiana fide et defensione
catholice ecclesie plus ceteris gentibus decertaverint: Quorum rex sacer … solus christianissimus
cognominetur.»; bzw: «Soli Franci, soli francorum principes, ac reges in omni christianorum
numero ausi sunt christianae dignitati semper et utlilitati consulere.» Ähnlich der Widmungsbrief
Tramezzinos zur italienischen Übersetzung von EMILIO (1549).
18
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.ff.
252
Falschgläubigen gleichsam als historische Verpflichtung gedeutet –
und nahegelegt.
2. Von den Memorabilia zu den Detti e fatti
Die geschilderte rhetorische Reduktion der französischen Geschichte
auf Karolinger und Kreuzzüge findet ihren Niederschlag auch in einer
literarischen Gattung, die ab etwa 1500 neu in Mode kommt und auch
auf neuartiges Material angewiesen ist: die Exempla-Sammlungen in
der Tradition der – für die rhetorische Ausbildung verfassten und in
Mittelalter wie Renaissance sehr populären – De factis dictisque
memorabilibus libri IX, die Valerius Maximus Kaiser Tiberius gewidmet hat. Anders als bei einzelnen humanistischen Vorläufern wie etwa
Petrarca stammen die Beispiele nunmehr nicht mehr allein aus der
Antike oder allenfalls der Zeitgeschichte, sondern das eigentliche
«Mittelalter» wird ebenfalls ausgebeint und den verschiedenen, vorerst
noch von Valerius Maximus vorgegebenen Kategorien zugeteilt. Diese
erweiterte Perspektive ergibt sich einerseits daraus, dass nur neuer Stoff
das Schreiben solcher Werke rechtfertigen kann, andererseits aus dem
Wunsch, neben antiken Helden auch Christen zu sehen, zumal manche
Rubriken, in die Valerius Maximus seinen Stoff eingeteilt hat, die
Religion betreffen. In solchen Sammlungen werden die Lesefrüchte
geschichtsbewusster Humanisten zusammengetragen, und in äusserlich
nur leicht gewandelter Form liefern sie am Ende des Jahrhunderts
manche in der politischen Diskussion relevante historische Begebenheit, gerade auch aus der französischen Vergangenheit; daher ist ein
kurzer Blick auf ihre Entwicklung gerechtfertigt.
Battista Fregoso, ehemaliger Doge von Genua, tröstet sich nach
seinem 1483 erfolgten Sturz im französischen Exil damit, sein
ausdrückliches Modell Valerius zu ergänzen und so seinem Sohn eine
Sammlung von Geschichten «vel ad imitandum, vel ad evitandum» zu
hinterlassen, aufgeteilt in antike und «Recentiora» (ab der christlichen
Spätantike). 19 Als Quellen will Fregoso ausschliesslich «autores pro19
Der «terminus post quem» der letzten Überarbeitung ist Ende 1506 (p. 223: Julius II. erhält
Bologna zurück); dabei handelt es sich jedoch um Zusätze des Übersetzers Ghilini, denn Fregoso
ist bereits 1504 in Rom verstorben. Seine handschriftliche italienische Fassung (MS Harley 3878
der BLL), fol. 1v, ist auf 1501 datiert und enthält (276v) die im selben Jahr erfolgte Eroberung
Neapels durch Louis XII. Laut GASPARINI (1984), 401; 414; 418, arbeitet Fregoso bereits seit
1486 an seinem Buch; aus dem Jahre 1494 stamme das (erste) Vorwort. In diesem findet sich auch
der Hinweis auf Valerius: «… rationem illam secutus sum, ut Valerium Maximum, mihi quo ad
253
batae fidei» verwenden, und im Falle Frankreichs führt er neben der
neuesten, Gaguins Nationalgeschichte auch Vincent de Beauvais,
Enguerrand und Froissart sowie «Annales Gallorum» an, vielleicht die
Grandes Chroniques. Gewichtig ist die Präsenz von Exempla aus der
französischen Geschichte im ersten Buch, De cultu religionis: Zu den
Kreuzfahrern Louis VII, Philippe II und Louis IX stösst noch
Louis VIII (gegen die Albigenser); interessanterweise sind aber die
ersten beiden mit Philippe Ier auch noch angeführt, weil sie in ihren
Ehekonflikten dem päpstlichen Befehl nachgekommen sind. Betont
wird also die Frömmigkeit dieser Handlung, der dem Papst – zuletzt –
geleistete Gehorsam, und nicht etwa der anfängliche Widerspruch, was
eine an sich auch mögliche Einordnung in «de spreta religione» nötig
gemacht hätte. Neben der ritterlichen Eidestreue von Jean II findet sich
ein weiteres Lob in der generellen Rubrik De Gallorum regibus: Diese
halten es für eine angebrachte Weihung der Königswürde, wenn sie das
Leinengewand der Kanoniker überziehen und demütig gewandet den
kirchlichen Obliegenheiten nachgehen. 20 Diese Beispiele stimmen mit
den Topoi der humanistischen Kreuzzugsrhetorik überein, wobei
allerdings die grossen Karolinger mit zwei Rubriken deutlich zurücktreten, während die Vielfalt und Ausgefallenheit der Kategorien des
Valerius Maximus durchaus auch sekundäre Momente der französischen Geschichte einfliessen lassen. Die Merowinger liefern sieben
Exempla, die späten Karolinger vier, das Hochmittelalter elf, das
14. Jahrhundert fünf und das 15. Jahrhundert (ohne Charles VIII)
dreizehn. Von dieser letzten Gruppe entfallen allein sechs Rubriken auf
Louis XI, der somit bereits die erste italienische Sammlung dieser Art
dominiert; seine publizistische «Karriere» gilt es im folgenden im Auge
zu behalten.
Auch Sabellicos etwa gleichzeitige Exemplasammlung erinnert an
den Kanon der Kreuzzugsreden: Neben dem Paladin Roland (De
fortitudine) und König Robert II (De religionis affectu) stehen
Louis IX, die «galli duces» des ersten Kreuzzugs sowie die «Francorum
regum familia», die Karolinger und ihre Nachfahren als gleichsam
naturgegebene Beschützer der Päpste (De peculiari studio & moribus
diversarum familiarum). 21 Fregosos und Sabellicos Exemplarerum titulos capitáque ac numerum librorum proponerem, sed in exemplis rebùsque ea tantum
sumerem, quae vel ipsum praeteriissent, vel post eum gesta, nullo modo in eius noticia esse
potuissent.»
20
FREGOSO (1501), 7v-11v.
21
SABELLICO (1507), 112; 165; 181f.; 203f.; 377.
254
sammlungen haben einen grossen Erfolg und werden beide mehr als
zehnmal aufgelegt; in Venedig lässt Giovan Battista Egnazio ein ähnliches Werk folgen, wobei er gerade die Beispiele aus der französischen
Geschichte von Fregoso abschreibt. 22 Im Unterschied zu ihm nennt der
Portugiese Andreas Eborensis Fregoso und Sabellico im Vorspann
seiner Memorabiliensammlung als Vorlagen, und ebenso tut das 1557
der französische Polygraph Gilles Corrozet in seinen Propos
mémorables. 23 Daneben benützt Corrozet auch die Facetie eines
weiteren Italieners, des bekannten Übersetzers Lodovico Domenichi.
Für die folgende Entwicklung ist jedoch die umgekehrte Rezeption
entscheidend: Domenichi gibt 1556 eine Istoria de’ detti, e fatti
notabili di diversi Principi in zwölf Büchern heraus, die er 1564 um
zwei Bücher erweitert neu erscheinen lässt. Die neuen Anekdoten
übersetzt er, ohne seine Quelle zu nennen, weitgehend aus Corrozets
Buch. 24 Von Bedeutung ist dies vor allem deshalb, weil Corrozet unter
seinen Vorlagen Gaguin, Emilio und Commynes nennt – über ihn
macht Domenichi eine grosse Anzahl Exempla von Louis XI in Italien
bekannt.
Die drei Humanisten Fregoso, Sabellico und Egnazio werden zwar
häufig geplündert, unterscheiden sich aber klar von ihren italienischen
Nachfolgern der zweiten Jahrhunderthälfte. Sie bewegen sich noch
deutlich und bewusst in der antik-humanistischen Tradition rhetorischdidaktischer Exempla; diese Funktion tritt ab etwa 1550 zunehmend
hinter den reinen Unterhaltungscharakter zurück, was sich auch darin
zeigt, dass die Anekdoten nun auf Italienisch verfasst oder übersetzt
sind. Auch der Aufbau, soweit er überhaupt als solcher bezeichnet
werden kann, entfernt sich eindeutig vom Modell des Valerius
Maximus. Intention und Methode der im folgenden ausgewerteten
Autoren sind deshalb nicht unbedingt identisch. Allen gemeinsam ist
jedoch das formale Vorgehen: Die Taten und Sprüche der Protagonisten sind aus Primärquellen oder häufiger aus späteren Historikern
zusammengetragen, unter einem meist kurzen Titel einzeln oder auch
22
EGNAZIO (1553), 7; 21; 47v; 52v-53v; 91-94v; 110v; 163v/164; 178v; 192. Zum Verhältnis zu
Sabellico und zur Abfassungszeit cf. ROSS (1976), 538; ID., 536-556, auch zur Biographie.
23
ANDREAS EBORENSIS (1557), Vorspann; CORROZET (1557), 193-194; diese Ausgabe ist
leicht erweitert gegenüber einer früheren, undatierten, die jedoch auch schon alle Anekdoten über
Louis XI enthält.
24
Ebenfalls 1558 erscheint in Venedig zusammen mit den Königslisten von Du Tillet die
italienische Übersetzung eines anderen Buches von Corrozet, des zusammen mit Claude Champier
verfassten und oben, p. 235, erwähnten Le catalogue des Villes & Cites, Fleuves & Fontaines
assises des troys Gaules; cf. TRAMEZZINO (1558).
255
gruppenweise angeführt, aber nicht weiter eingeleitet oder kommentiert. Ungeachtet des offensichtlichen Mangels an inhaltlicher Struktur
und Durchdachtheit sind diese Florilegien offenbar beträchtliche Publikumserfolge, die regelmässig neu aufgelegt werden; ihre Breitenwirkung ist also nicht zu unterschätzen. Um ihre Bedeutung verstehen
zu können, sind im folgenden die vorherrschenden Charakteristika
dieser nach 1550 entstehenden Sammlungen und im besonderen ihrer
der französischen Vergangenheit entnommenen Denkwürdigkeiten
zusammengetragen.
1. Aus dem Exemplum ist die Anekdote geworden: Das Interesse gilt
nicht mehr der Illustration eines moralischen Anliegens, sondern dem
geistreichen Ausspruch, der Pointe, weniger den Taten der Protagonisten als ihrem Witz und ihren Worten, nicht der regelhaften Denkwürdigkeit, sondern der kuriosen Einmaligkeit. Bezeichnend sind
bereits die Titel, wie Domenichis Historia varia, nella quale si contengono molte cose argute, nobili e degne di memoria in der Neuauflage
von 1564. 25 Angesprochen ist nicht mehr der humanistische Rhetor, der
in lateinischer Eloquenz am politischen Leben teilhat, sondern der in
gesellschaftlichen Verpflichtungen eingebundene Leser, dem es das
Rüstzeug eines geistreichen, aber politisch unverbindlichen Gesprächspartners zu vermitteln gilt, wie Landos Untertitel (möglicherweise
ironisch) besagt: Opera utile molto alla historia, et da cui prender si po
materia di favellare d’ogni proposito che si occorra; letztlich eine
Sammlung von Sentenzen und Begebenheiten, die man sich sonst aus
vielen, umfangreichen Geschichtsbüchern zusammenlesen müsste. 26
2. Bei Domenichi und später bei Botero fallen antike Beispiele vollständig weg, bei den anderen Autoren (ausser Barbarano) treten sie im
Vergleich mit den älteren, humanistischen Werken stark zurück.
Zuweilen werden die Quellen der Exempla angegeben; 27 für Frankreich
ist es in der Regel Emilio, aber auch der fabulierfreudige deutsche Abt
Trithemius.
25
Ausserdem gehören zu dieser Gruppe: Ortensio LANDO, Cataloghi a’ varie cose appartenenti, Venedig 1552; Lodovico GUICCIARDINI, L’ore di ricreazione, Antwerpen 1568; Luigi
CONTARINI, Vago e dilettevole giardino, Venedig 1586; Giovanni Felice ASTOLFI, Scelta curiosa
et ricca officina di varie antiche e moderne istorie Venedig 1602; ernsthafter, aber formal ähnlich
Giuliano BARBARANO, Promptuarium rerum quamplurium, Venedig 1567, sowie die später zu
besprechenden Detti memorabili des Giovanni BOTERO, Turin 1608.
26
LANDO (1552): «Ein für die Geschichte sehr nützliches Werk, aus dem man den Stoff
entnehmen kann, um über jeden beliebigen Gegenstand zu plaudern.»
27
So von Barbarano, Luigi Contarini und Astolfi.
256
3. Obwohl sich die verschiedenen Autoren gegenseitig fleissig
abschreiben, entwickeln sich die Sammlungen in charakteristischer
Weise auseinander. Verschiedene Autoren tragen aus ihrer Lektüre nur
Kuriositäten zusammen: Die berühmtesten Pferde, die bekanntesten
Ehebrecher, «Ammazzati e lacerati da cavalli», überhaupt alle möglichen Todesarten werden vorgeführt. Wie die folgende Tabelle II
zeigt, bedeutet diese «Sensationsgier» im Bezug auf die französische
Geschichte, dass Epochen gefragt sind, die weder in der damaligen
noch in der heutigen Historiographie im Vordergrund stehen und auch
im humanistischen Frankreichlob gefehlt haben: in erster Linie die
blutrünstigen Merowinger, aber auch die Karolinger nach Karl dem
Grossen. Die kirchenfreundlichen Taten im allgemeinen, und im besonderen die frühen Karolinger bis zu Karl dem Grossen sowie die
verschiedenen französischen Kreuzfahrer sind für den höfischen Small
talk offensichtlich weit weniger wichtig, als sie es für die diplomatische
Konversation gewesen sind. Relativ gleichmässig und recht prominent
vertreten sind die Kapetinger bis zum 14. Jahrhundert, während die
Präsenz von Louis XI sehr stark differiert. Mit Domenichi und in
dessen Gefolge, doch deutlich später, Botero setzt dieser König zu
einem Triumphlauf an, der die ganze politische Theorie der Gegenreformation beeinflussen wird. 28 Kein Interesse weckt er dagegen bei
den Autoren, die mit bizarren Scheusslichkeiten ein breites Publikum
finden – aber auf die politischen Theoretiker der italienischen Gegenreformation keine Wirkung ausüben.
Epoche
LANDO
DOMENICHI
BARBARANO
CONTARINI ASTOLFI BOTERO
Merowinger
13
1
19
30
6
2
Frühe Karolinger
3
1
7
6
4
1
Spätere Karolinger
4
3
9
11
2
-
Kreuzfahrer
-
5
2
1
3
-
Hohes Mittelalter
5
7
10
9
1
3
14. Jahrhundert
2
12
12
12
1
1
15. Jahrhundert
2
8
3
5
-
1
Louis XI
-
22
1
2
1
7
Tabelle II: Aufgliederung französischer Exempla nach Epochen
28
Cf. die Detailuntersuchung unten pp. Fehler! Textmarke nicht definiert.-Fehler!
Textmarke nicht definiert..
257
4. Diese späteren politischen Publizisten, und nicht zuletzt auch
Botero, werden eine Methode weiterentwickeln, zu der sich die Ansätze
bereits beim Vicentiner Adligen Barbarano finden. Unter den Autoren
der zweiten Jahrhunderthälfte ist er noch am stärksten der
humanistischen Tradition verbunden, sein Promptuarium ist auch auf
Lateinisch verfasst. Zwar ist die rhetorische Lektüre der Humanisten,
welche auf die Verwendbarkeit des Gesagten in gelehrter politischer
Rede abzielte, im allgemeinen durch ein Interesse an Kuriositäten
abgelöst worden ist, das die Lesefrüchte spielerisch im ergötzlichen
Dialog einzusetzen gedenkt; doch aus der gleichen Tradition hat sich
auch der pragmatische Leser entwickelt, wie ihn Barbarano anschaulich
darstellt. Das Promptuarium soll seinen Söhnen die praktische
Weisheit mitgeben, um in der Vita activa bestehen zu können, seine
Lektüre soll ihrem Handeln den Rahmen schaffen. So stehen unter der
Überschrift Princeps zwanzig kurz eingeleitete Thesen («tituli»),
beispielsweise: «Principes necessarios esse», die aneinandergefügt
einen kurzen Fürstenspiegel ergeben; jede These ist belegt («Declaratio
praedictorum omnium per authoritates») mit einer Vielzahl weiterer
Sentenzen (wie «Vulgus sine rectore praeceps»), worauf die präzise
Quellenangabe (etwa «Aemilius 9, car. 405») folgt, die ein Nachlesen
des Zusammenhangs ermöglicht – in diesem Fall handelt es sich um
Frankreich während der Gefangenschaft von Jean II. 29 Die Exempla
sind also kaum mehr ausgeführt, sondern nur die Lehre, die aus ihnen
zu ziehen ist; für die historischen Details hat der Leser in der Quelle
nachzusehen. Weder um rhetorische Illustration geht es hier, wie bei
Valerius und seinen humanistischen Adepten, noch um Schaudern und
Erheiterung, wie bei Contarini und seinesgleichen, sondern um die
praktizierte (und nicht nur in Vorworten proklamierte) Verwendung der
Geschichte als «magistra politicae», um eine grobe Systematisierung
dessen, was sich an politisch grundsätzlich Relevantem aus der Historie
herauslesen lässt.
Wenn im vorangegangenen recht ausführlich vom wandelnden
Charakter der Exemplasammlungen die Rede gewesen ist und eher
wenig von Beispielen aus der französischen Geschichte, so hat das zwei
Gründe: Einerseits wird später in den Detailuntersuchungen auf
mehrere von ihnen eingegangen, und andererseits galt es vorzuzeichnen, auf welchen Interessen und Überlieferungen die politischen
29
BARBARANO (1567), 1: «Fürsten sind notwendig»; «Das gewöhnliche Volk ist ohne Führer
blind»; passim: «Erläuterung alles Vorangegangenen durch die Autoritäten».
258
Diskussionen der italienischen Gegenreformation aufbauen werden,
wenn sie der französischen Vergangenheit eine bedeutende Rolle
zumessen. Wohl gelangen viele entsprechende Kenntnisse durch die
humanistische Historiographie, vor allem Emilios, und durch nun
gedruckt vorliegende Originalquellen, insbesondere Commynes, nach
Italien; aber die für immer wieder neue Aufgabenbereiche dienstbare
literarische Gattung der «dicta et facta memorabilia», insbesondere die
auf Corrozet aufbauende Sammlung Domenichis, bildet ein wichtiges
Zwischenglied zwischen der Geschichtsschreibung und der politischen
Theorie.
3. Italienische Reaktionen auf die französischen
Konfessionskriege
Ein weiteres entscheidendes Element, das die staatstheoretischen
Debatten um 1600 vorbereitet, sind die konfessionellen und politischen
Entwicklungen in Frankreich, welche den besorgten und neugierigen
Blick vieler Italiener auf sich ziehen. Zur Zeit der italienischen Kriege
galt es, das Wachsen einer übermächtig hereinbrechenden Monarchie
zu verstehen, jetzt sieht man sich dem schnellen Auseinanderfallen
desselben Staates in ein Chaos religiöser und partikularistischer
Gegensätze gegenüber. In Auseinandersetzung mit dieser Realität
entwickeln Italiener insbesondere an der Kurie neue Vorstellungen von
Dokumentation, Auslegung und Verlauf der Geschichte.
a. Neue Aufgaben der Geschichte: Sperone Speroni
Der erste historisch argumentierende Versuch, von Italien aus auf die
französischen Entwicklungen Einfluss zu gewinnen, wird kurz vor dem
Ausbruch des offenen Religionskrieges 1562 vom Paduaner Gelehrten
Sperone Speroni verfasst; als Freund Carlo Borromeos lebt er in den
Jahren von 1560 bis 1564 in Rom. Speroni ist kein Historiker, sondern
ein Philosoph und Sprachtheoretiker; aber er beschäftigt sich noch in
seinem letzten, beim Tod 1588 unvollendeten Werk theoretisch mit der
«Ars historica». 30 Sein Dialogo della Storia richtet sich sowohl gegen
die humanistische Historiographie livianischer Tradition wie auch
30
Cf. zum Folgenden FOURNEL (1989); darauf beruhend ID. (1990), 225-247.
259
ausdrücklich gegen Guicciardini. Drei Punkte sind für Speroni
entscheidend:
1. Das Wissen um die historischen Fakten ist von höchster politischer Bedeutung – und ist daher den Herrschenden vorbehalten, den
Untertanen und Landesfremden dagegen zu verweigern. Dem Fürsten
liefert es einen «specchio, ove vede, quale la città fu, e quale esser
debba al presente». 31 Somit ist es die – von Speroni «Annales»
genannte – Vergangenheit des eigenen Landes, welche die Regeln für
das Verhalten in der Gegenwart bestimmt, also geradezu normativ wird
für ein zwangsläufig konservatives Regime. 32
2. Entsprechend ist Geschichtsschreibung grundsätzlich nicht einfach
eine literarische Gattung, sondern von grosser gesellschaftlicher
Relevanz. Sie ist «utile», und es besteht kein Bedürfnis, dass sie auch
schön und unterhaltend sei, der Inhalt geht über die Form. Diese
«utilità» liegt im Wissen der Herrschenden wie auch im Gebrauch, den
sie gegenüber den Untertanen davon machen. Denn neben den
(geheimen) «Annales» stehen allgemein zugänglich, ja mit beabsichtigter Breitenwirkung, die «Historie»; sie sollen das Volk erziehen und
erbauen. 33
3. Die «Historie» sind durch ihre Funktionalisierung für den Erhalt
der politischen und katholischen Gemeinschaft, von «città» und
«religione», nicht mehr an eine säkular verstandene «veritas» gebunden, die seit der Antike als Unterscheidungsmerkmal zwischen
Geschichtsschreibung und anderer Literatur gegolten hat. Gleichwohl
bleibt eine «veritas» entscheidend, nämlich die transzendentale,
geoffenbarte der Religion. Geschichte ist damit nicht mehr Geschäft
des Redners oder Politikers, sondern des Theologen oder Philosophen,
keine Forschung und literarische Gestaltung, sondern eine konforme
Auslegung. 34
Nach diesen Regeln ist die Orazione della pace col Re di Francia al
Re Antonio di Navarra zu deuten, auch wenn sie fünfundzwanzig Jahre
vor dem Dialogo della storia entstanden ist. Die Rede ist vermutlich
nie gehalten und auch dem Navarresen nie zugesandt worden; sie bricht
mitten in der Argumentation ab, vielleicht infolge des Todes von
31
SPERONI (1588), 353: «ein Spiegel, in dem er sieht, wie die Stadt gewesen ist und wie sie
gegenwärtig sein sollte»; cf. auch ID. (1562), 51.
32
Cf. auch SPERONI (1562), 52, wonach die Geschichte Frankreichs – und keine andere – die
beste Lehrmeisterin für dieses Land darstelle.
33
SPERONI (1588), 346-349; cf. ib., 230-234 sowie FOURNEL (1989), 145f.
34
SPERONI (1588), 315f.; cf. ID. (1562), 60.
260
Antoine de Navarre im Jahre 1562. 35 Als der Paduaner seine Rede an
den Gatten der 1560 zum Calvinismus übergetretenen Jeanne d’Albret
und Vater des späteren Henri IV richtet, protegiert Antoine die Hugenotten tatkräftig, in – vorübergehend – offener Rebellion gegen seinen
König Charles IX. Gemäss seiner später theoretisch formulierten
Einsicht richtet sich Speroni an Antoine, da er der König von Navarra
ist und ihm somit die Verantwortung für sein Volk obliegt, er es auch
alleine in der Hand hat, diesem «Wahrheit» weiterzuleiten oder nötigenfalls aufzuerlegen. 36 Speroni seinerseits begibt sich in die im
Discorso geschilderte Rolle des von Gott inspirierten Gelehrten, 37 der
die Geschichte für den Laien in ihre heilsgeschichtliche Dimension
einordnet, als Offenbarung von Gottes Willen deutet und die daraus zu
ziehenden Lehren vermittelt. Er liefert dem König im Labyrinth der
Wahrheiten und Lügen den Faden der Ariadne, «questa corda di utile,
honore, & religione». 38
Speroni schont den König persönlich weitgehend; 39 doch versucht er,
den Navarresen bei der Ehre in die Pflicht zu nehmen, bei einem
Selbstverständnis, das aus der katholischen Tradition des französischen
Königshauses hervorgehe. 40 Um dieses «testimonio del regno Franco»
auszubreiten, bedient sich Speroni der «auttorità delle vostre Croniche»
und im besonderen des Nicolas Gilles, eines Autors, den Antoine ohne
Schande für sein Haus nicht ablehnen kann, sind doch dessen Annalen
seinem Vater und Grossvater gewidmet und ihr Inhalt somit von diesen
35
Möglicherweise handelt es sich bei der Rede von SPERONI (1562) nur um einen Entwurf ,
welcher der Kurie die Eignung Speronis belegen soll; man vermutet, Ziel seines Aufenthalts in
Rom sei der – ihm jedoch vorenthaltene – Kardinalspurpur gewesen.
36
SPERONI (1562), 62: «… il vero intorno à questa materia, laquale dovrebbe esser intesa
generalmente da tutto il popolo, maggiormente dal Principe, lo error del quale non noce à lui
solamente, ma tira seco in perditione la semplicità de i soggetti, che lo secondano caminando, &
fanno quello, che far li veggono tuttavia, senza cercar del perche.». Cf. auch p. 51: «Son sicuro,
che voi sappiate da pueritia tutta la historia da me narrata, perche il saperla è da Re; … Tocca bene
à voi Sire piu che à gli Inglesi, ne à Tedeschi, & piu che à i sudditi del reame, il legger spesso, &
intentamente le historie intere de i Re di Francia …».
37
Bezeichnend für sein Selbstverständnis ist SPERONI (1562), 41: «… mi è aviso di essere
eletto à ministro della dottrina di Giesu Christo, & fatto nuncio dell’Evangelo, onde habbia ardire
di gloriarmene. Et veramente senza speranza di tale aiuto, & di cotal gratia, mal potrei scrivere à i
persuasi dall’altrui favole, piene d’arte, & vuote al tutto di verità …».
38
SPERONI (1562), 44: «Dieses Seil von Nutzen, Ehre und Religion».
39
Erst gegen Ende des (überlieferten) Textes klagt Speroni Antoine direkt an und nicht mehr
allein seine schlechten Ratgeber; cf. z.B. SPERONI (1562), 44: «… molto siete ingannato da chi
l’honor non apprezza, ne la verace religione …» und p. 101ff., wo Speroni von der bisher für die
Hugenotten verwendeten dritten Person zu «voi» überwechselt, um die Rebellion gegen den König
zu brandmarken.
40
SPERONI (1562), 45: «… specialmente col testimonio del regno Franco, alqual bisogna, che
voi crediate, se non negate voi stesso; io al presente ragionarò; però udite, & notate.»
261
anerkannt. 41 Ausdrücklich verteidigt Speroni die natürliche Einfachheit
französischer Chroniken und die darin zum Ausdruck kommende echte
Religiosität gegen die stilisierten Darstellungen der «moderni Latini &
Toschi» mit ihren literarischen Ambitionen und wenig Sinn für die
historische «Wahrheit». 42 Nicht nur deswegen trifft Speroni mit Gilles
eine gute Wahl: Im Unterschied zu Gaguin und Emilio schreibt Gilles
in der Volkssprache, in der ihn Speroni auch zitiert; vor allem aber ist
Gilles noch weitgehend unberührt von der Skepsis der beiden Humanisten gegenüber den zahlreichen Wundern, die er unbekümmert aus
den Grandes Chroniques übernimmt. 43 Und gerade die Verteidigung
von Wunderglauben und Reliquienkult beansprucht zwei Drittel des
ersten, allein überlieferten (und geschriebenen?) Themas der Rede, der
«religio»; das restliche Drittel gilt dem Wesen und den Anmassungen
der Hugenotten. 44
Ripetendo con la memoria … le cose antiche di questo regno
Christianissimo, io trovo ò Sire, che ogni sua impresa di pace, & guerra
sì conservando, come ampliando il suo stato, fù sempre mai cominciata
con pura, & viva religione, in virtù di Christo, & de’ Santi suoi, & à
favore di Santa Chiesa Romana, perseguitata … Trovo appresso, che
questo Regno cosi honorato, & si gentile, come egli è, non ha
ornamento, nè gloria alcuna, ne dignitade sì spiritale, come mondana,
che non si fondi in religione, non di Albigesi, ne di Ugonotti … onde
ogni male si è derivato; ma nella vera nostra Catholica, ove son giudici
i Santi Padri … & Concilij, & il Pontefice per Monarca. 45
Laut Speroni verdankt Frankreich alle irdischen wie spirituellen
Errungenschaften der Vergangenheit seiner Katholizität und seinem
Dienst für die Kirche. Mit dieser an Pius II. erinnernden These tritt der
41
SPERONI (1562), 41.
SPERONI (1562), 41; 59f.: «… Croniche, scritte da molti già molt’anni semplicemente, & in
tale stile, & maniera, che egli par bene, che fusser scritte per dire il vero de i Re di Francia, & non
per gloria di chi le scrisse.»
43
SPERONI (1562), 53, ist die Bedeutung der Wunder bei Gilles ausdrücklich betont: «… una
cronica de i Rè di Francia, che altro non tratta piu volentieri, che corpi santi, loro imagini, lor
reliquie, & lor miracoli, li monasterij, le Chiese fatte, & dotate [etc.] …».
44
SPERONI (1562), 46-86, bzw. 86-104.
45
SPERONI (1562), 45: «Wenn ich mir … die Vergangenheit dieses allerchristlichsten Reiches
in Erinnerung rufe, so finde ich, Sire, dass jedes seiner Unternehmungen, im Frieden wie im Krieg,
zur Bewahrung wie zur Erweiterung seines Status immer mit reiner und gelebter Religiosität
angegangen wurde, im Vertrauen auf Christus und seine Heiligen, und zum Vorteil der verfolgten
Heiligen Römischen Kirche … Ich finde weiter, dass dieses Reich, so ehrenvoll und liebenswert,
wie es sich darbietet, keinen einzigen Schmuck, noch Ruhm, noch geistliche oder irdische Würde
besitzt, die nicht auf der Religion beruht; nicht auf derjenigen der Albigenser oder der
Hugenotten …, woher alles Übel stammt; sondern auf unserer wahren katholischen, wo die
Kirchenväter, … die Konzilien und als Monarch der Papst Richter sind.»
42
262
Padovaner seinen Gang durch die französische Vergangenheit an, auf
der Suche nach frommen Taten und Wundern, Beweisen für Gottes
Wirksamkeit und die dadurch bewirkte Sakralität und weltliche Potenz
der französischen Krone. 46 Ausführlich kommt zuerst Chlodwig zum
Zug, in dem nicht nur ein König, sondern ein ganzes Volk einig und
katholisch wird, Vorkämpfer gegen die Heiden und Zeuge mancher
Mirakel – die Schilderung liest sich wie ein Fürstenspiegel. 47 An
Heiligkeit und Wundern gebe es Tausende von weiteren Beispielen,
welche selbst die Heiden beeindruckt hätten: Childebert I., Dagobert
und die Reliquien von Saint-Denis, (nur kurz) Karl der Grosse, Hugues
Capet, Robert II, die selbstlosen Kreuzritter, dann Louis VII, Philippe
Auguste, Simon de Montfort, «vostro Re San Loys, che era catholico,
come noi, non come voi Ugonotti» – alle dankbar für die ihnen zuteil
gewordenen Wunder. 48 Die richtig interpretierte Geschichte ist dem
Fürsten der Spiegel der – ewig gleichen – Schwächen und Verfehlungen des Menschen und liefert in Charles le Mauvais de Navarre den
Präzedenzfall eines verkommenen Herrschers und seines verdienten
traurigen Schicksals, zugleich aber auch das Modell des vom Kirchenfeind zum Heiligen gewordenen Guillaume d’Aquitaine. 49
Ausserdem verrät die Geschichte aber auch die weltliche Genealogie
der nur scheinbar modernen Hugenotten und ebenso ihr künftiges
Schicksal. Tatsächlich fügen sie sich ein in eine lange Reihe einzeln
aufgezählter Verschwörungen und Aufständen, bei denen oft auch die
Herrscher über Navarra ihre Finger im Spiel gehabt haben. 50 Die
Motive für die Revolte («superbia», «avaritia», «ira») bleiben sich stets
46
Etwa SPERONI (1562), 64: «… un Re, la cui Real potestà ò è da Dio veramente, se mai ne fu
nissun’altra; … ò vani sono tutti i miracoli, onde si vanta la vostra Cronica, & sopra quali è
fondata la conversion della Francia, con la Real dignità, & sue insegne, & suoi titoli.»
47
SPERONI (1562), 47: «Certo à me pare, che’l fondar Chiese, come egli fece, & dotarle,
battezzarsi una sola volta per sempremai, votarsi à Dio, & a’ Santi suoi, far consiglieri della
Corona li Sacerdoti, & voto à Christo non pur di credere, ma di far credere, & battezzare li suoi
popoli; comandando si come Re, & come Padre, & Pastor di tutti, desiderando egualmente la lor
salute, & la propria sia opra d’altra religione, che non è questa delli Ugonotti. Quella di Clovis fù
opra della Corona Christianissima, approvata con li miracoli delle imprese contra i Tedeschi … &
fu una sola religione di tutto il regno, che hebbe principio dalla Corona & dal Re …».
48
SPERONI (1562), 51: «Euer König Saint-Louis, der katholisch war wie wir, nicht wie ihr
Hugenotten».
49
SPERONI (1562), 61: «… morendo poi finalmente … nelli tormenti …; ma non morì la sua
infamia, che vive ancor più che mai ne i vostri annali, & ne i nostri animi; & perche è cosa da Dio
mandata per farne essempio alli posteri, puossi sperare per li Francesi che debba vivere in
sempiterno … voi leggendo le vostre Croniche trovarete, che tutti i mali, che hor commettono
gl’Ugonotti, fece egli ancora, da ciò in fuora, che non fu heretico come loro.»
50
Cf. SPERONI (1562), 77: «… un de i sateliti di Riccardo di Poitiers … vero Ugonotto in
effetto, benche tal nome non fusse all’hora in alcuna lingua …»; ausserdem ib., 86.
263
ebenso gleich wie die Bemühungen der Unbotmässigen, ihren Aufstand
«sotto specie di riforma» zu veranstalten. 51 Ebendies gilt für die Hugenotten, auf die Speroni zum Schluss näher eingeht: Die «simulata
religione» und die Selbstbezeichnung «riformatori» sind nur ein von
der «ragion di stato» diktierter Vorwand, um in Opposition zur katholischen Majestät treten zu können. Eine echte Reform würde friedfertig
im Rahmen der Kirche und in Zusammenarbeit mit dem König
angestrengt – und da die hugenottische dies nicht ist, wird sie wie alle
bisherigen bewaffneten Häresien Schiffbruch erleiden. 52
Durch den Rekurs auf die Geschichte Frankreichs sind also nicht nur
die eigentlichen Motive und das Wesen der «Reformatoren» entlarvt,
sondern auch ihr künftiges Schicksal wird offenbart. Denn Nicolas
Gilles hat alles bereits in seiner Beschreibung der Cotereaux von 1193
vorweggenommen, die sich mit Ketzern verbünden und schliesslich
allesamt von Philippe Auguste erschlagen werden. Entsprechen ihre
Sitten und Taten nicht genau den hugenottischen? Und ist damit für
Antoine de Navarre nicht eindeutig, welchen Weg zu wählen ihn die
Geschichte seines Landes lehrt?
Fu dunque il Gilles non pur historico di quei tempi, ma de i presenti
indovino; ne altro manca per far compiuta la profetia, se non che’l Re
Christianissimo, & voi con esso pacificato, purghiate un giorno con
l’armi in mano la vostra terra di cosi mala semenza … 53
Bei Speroni werden die Häretiker nicht nur in einer heilsgeschichtlichen Genealogie der widerstreitenden Mächte von Gut und Böse
gesehen, sondern in einer säkular-historischen von Revolten wider die
Obrigkeit. Die Geschichte analysiert dieses Phänomen und weist in
ihrer orthodoxen und konservierenden Auslegung auch den Weg der
Abhilfe; aus den Heroen der Kreuzzugsrhetorik werden die mahnenden
Beispiele zum Kampf gegen den inneren Feind. Die mittelalterliche
Wundergläubigkeit ist nicht Gegenstand des Spottes wie bei manchen
Humanisten; im Gegenteil, diese werden abgelehnt, weil sie, allein mit
formalen Problemen beschäftigt, die geoffenbarte Wahrheit nicht zum
51
SPERONI (1562), 87-95.
SPERONI (1562), 96-103.
53
SPERONI (1562), 88: «Gilles war also nicht nur Geschichtsschreiber jener Epoche, sondern
auch Prophet der gegenwärtigen; und nichts anderes fehlt, um die Prophezeiung wahr zu machen,
als dass der allerchristlichste König und Ihr, mit ihm versöhnt, eines Tages mit der Waffe in der
Hand Euer Land von dieser üblen Brut reinigt …». Unmittelbar davor: «… non vi pare egli, che’l
vostro Gilles in dipingendo les Costereaux, ritragga i Rhaitri del naturale? si veramente quanto à i
costumi, & alle opre loro, & alla protettion de gl’Heretici?»
52
264
Ausdruck gebracht haben, was – wie sich eben zeigt – gerade im Fall
Frankreichs so wichtig wäre. Speronis Misstrauen gegen moderne
Historiker wird an der Kurie von vielen Autoren geteilt, wie die
folgenden Kapitel zeigen.
b. Intensivierung der Publizistik und Revision des Quellenkanons
Die Religionskriege nehmen 1584 eine entscheidende Wende, als der
jüngste Bruder des kinderlosen Henri III, François d’Alençon, stirbt.
Präsumptiver Thronfolger ist damit Henri de Bourbon, der Nachfolger
seines Vaters Antoine als König von Navarra und Calvinist wie seine
Mutter Jeanne. Die Gefahr, dass ein – 1585 exkommunizierter – Häretiker über Frankreich herrschen könnte, stimuliert dort wie in Italien
eine rege Polemik. Einige Italiener, insbesondere Matteo Zampini aus
dem Gefolge der Caterina de’ Medici, melden sich in Frankreich selbst
wortreich auf der Seite der «Ligue»; auch Zampini verwendet in seinen
Streitschriften mit Vorliebe mittelalterliche Autoren. 54 An der Kurie
provoziert die gefährliche neue Situation eine intensive Beschäftigung
mit der französischen Vergangenheit. Das erste Resultat sind knappe
historische Exzerpte, wie sie wohl häufig in der Art der handschriftlich
aus Emilio, Gaguin und Du Tillet zusammengetragenen Meriti e
demeriti della Corona di Francia notiert worden sind. 55 Die ausgewählten Ereignisse handeln nicht nur von eigentlichen «Meriti» der
französischen Könige zugunsten von Papst und Kirche, sondern auch
von der ihnen seitens der Kurie zuteil gewordenen Gunst. Solche
relativ systematischen und knappen Exzerpte werden manchem der
Autoren vorgelegen haben, der sich in diesen Jahren mit Frankreich
beschäftigt; nicht zuletzt ermöglichen sie ihm auch ein rasches Auf54
Zampini schreibt für die Sache des liguistischen Thronprätendenten: Explicatio errorum
cujusdam scripti, cui incognitus author titulum fecit: Advertissement sur les lettres octroyées à
M. le cardinal de Bourbon, s.l., s.a. sowie De successione praerogativae primi principis Franciae,
morte Francisci Valesii … Carolo, cardinali Borbonio, per legem regni delata …, Paris 1588; als
Erwiderung auf eine Entgegnung darauf: De Successione praerogativae primi principis Franciae,
ab impugnantium injuria jure vindicata, propugnatore M. Z., Paris 1590; zuletzt Ad calumnias et
imposturas, a pseudo-parlamentis cathalaunensi et turonensi ac carnotensi conventiculo, ad
catholicae religionis perniciem populique deceptionem … impie conflictas in Gregorium XIII …
responsio, Paris 1591. Zu Zampini cf. RAYBAUD (1965), insbes. pp. 149-153 zu den Werken und
Quellen.
55
Cf. das Exemplar der BNP: Meriti (1585), Ital. 394, fol. 261-266, bzw. 273-275. Da das
letzte Beispiel der Demeriti aus dem Jahre 1585 stammt und die folgenden Jahre aus katholischer
Sicht zahlreiche weitere «Demeriti» (insbesondere die Ermordung der Guisen 1588) mit sich
bringen, dürfte der Text im selben Jahr verfasst worden sein.
265
finden der ausführlicheren Schilderung in den jeweiligen Kompendien.
Ferner gilt es nicht zu vergessen, dass ab 1588 die Annales des Kardinals Baronio erscheinen; auch hier sind nach annalistischem Prinzip die
Quellen der (Kirchen-)Geschichte aufgeführt – allerdings in ihrer
ganzen Ausführlichkeit, weshalb denn auch diese offizielle katholische
Geschichtsversion nur zögernd vorankommt. Generell wird die
Sichtung und Prüfung der Tradition mit historischem Sachverstand
angegangen: Antonio Ciccarelli, ein Verfasser von Papstviten, überarbeitet ab 1585 den Index; ebenfalls im päpstlichem Auftrag verfasst
Antonio Possevino den Apparatus ad omnium gentium historiam, einen
Wegweiser zur Historiographie, während Kardinal Bellarmino 1605
Bibliothekar des Vatikans wird und sieben Jahre später das schon
vierzig Jahre früher verfassten Werk De scriptoribus ecclesiasticis
gleichsam als Ergänzung zu Possevino herausgibt. Ausserdem erscheint
1612 in Rom Fabiano Giustinianis Index universalis alphabeticus, wo
der katholische Leser unter den Stichworten «Francia», «Francorum
Historia» und «Gallia» eine reiche Liste mit unbedenklichen Autoren
und Werken aller Jahrhunderte und aller Völker findet. 56
In diesen Jahren bildet sich also ein katholischer Kanon der für die
Geschichte Frankreichs wie auch anderer Länder gültigen Texte heraus,
wobei die den Ereignissen nahen, «authentischen» Quellen den
späteren Bearbeitungen vorgezogen oder ihnen mindestens gleichgestellt sind. Aufgrund dieser überprüften Vorlagen werden Streitschriften verfasst, bei denen verschiedene Anliegen zusammenfallen:
Die Stellungnahme für die katholische «Ligue» ist mit den Hauptpunkten der italienischen politischen Diskussion verwoben, einerseits
also mit dem gerade als Reaktion auf französische Vorwürfe und
Publikationen intensivierten Antimachiavellismus, andererseits mit der
dogmatischen Neudefinition der katholischen Kirche unter – nicht
unkritischer – Besinnung auf die mittelalterliche Ekklesiologie und in
bitterer Polemik gegen die gesamte protestantische Welt, aber auch
gegen die nationalkirchlichen Katholiken, welche die Religion als
innen- und aussenpolitisches Instrument ohne Verpflichtungen gegenüber dem Papst ansehen. Die Auseinandersetzung mit Frankreich und
seiner Geschichte ist also nur ein Aspekt im Rahmen weitreichender
56
Cf. die Passagen zu Frankreich in den folgenden Werken: POSSEVINO (1597), 171f.;
BELLARMINO (1612), passim; F. GIUSTINIANI (1612), 192-198; 605; cf. T. BOZIO (1591), 369.
266
Unterfangen und dominiert diese umfangmässig nicht, ist aber wegen
des Konflikts mit Henri IV besonders aktuell und prägend. 57
Hinsichtlich der erwähnten Anliegen sind zusehends weniger die
Hugenotten als die der Staatsraison verpflichteten, gallikanischen und
zu religiöser Toleranz neigenden Politiques Gegenstand kurialer
Polemik – Bodin wird mit Machiavelli weitgehend gleichgesetzt. Damit
wird auch eine ausführliche Beschäftigung mit der in der reichen
französischen Publizistik dieser Jahre häufig beigezogenen
Vergangenheit des Königreichs unumgänglich. So beruft sich der Jesuit
Antonio Possevino, der zehn Jahre in Frankreich gegen die Hugenotten
gepredigt hat, bei seinem Ruf nach einer totalen Rekatholisierung des
Landes auf die Politik von Saint Louis gegen die Albigenser und die
Erfolge von Philippe Auguste, Hugues Capet, Karl dem Grossen,
Pippin und Chlodwig, die ihr Reich aus anfänglichen Wirren gerettet
hätten, weil sie die Ungläubigen bekämpften, Häretiker vernichteten,
den Glauben verbreiteten, der Kirche ihre Rechte zurückerstatteten und
sie begünstigten. Immer hat es um den Ruhm und Erfolg Frankreichs
zum besten gestanden, wenn sich die Könige vollständig auf die
katholische Religion verliessen. Ihre eigene katholische Vergangenheit
wird dem von jahrzehntelangen Bürgerkriegen gebeutelten Land als
Modell und Ausweg vorgelegt. 58 Possevino nimmt damit
Argumentationsmuster auf, wie sie bereits Speroni angewendet hat und
die von Bellarmino und vor allem Tommaso Bozio systematisch
weiterentwickelt werden.
c. Papst und König von Frankreich bei Roberto Bellarmino
In drängenden Tagespolemiken wird der Kardinal Roberto Bellarmino
bis zu seinem Tod 1621 seine präzise Feder zur schärfsten und zuverlässigsten Waffe der Päpste ausformen. 1586 tritt Bellarmino mit einer
Responsio auf, die sich gegen die 1585 anonym erschienene Apologie
catholique des Pierre de Belloy richtet, eines katholischen Politique.
Nach diesem ist der exkommunizierte Henri de Navarre kein Ketzer,
57
Cf. auch BALDINI (1989), 318-324, mit Verweisen auf die Arbeiten von Anna Maria
Battista; zur Bedeutung der französischen Ereignisse für die Entwicklung des italienischen
Antimachiavellismus zuvor bereits DE MATTEI (1969).
58
POSSEVINO (1592), 72-76; 76: «Hae videlicet rationes fuêre, quibus sanatum est Regnum à
Regibus. Quas sane hoc quoque tempore iniri posse, saltem cùm sanis in fide Catholica Galliae
partibus, nemo non videt.»
267
und selbst wenn er das wäre, kann dies kein Hinderungsgrund für seine
Krönung sein, zumal er die Konfessionsfreiheit garantieren würde.
Bellarmino benutzt in seiner Entgegnung ursprüngliche Quellen
(Gregor von Tours, «Annales Francorum antiquissimi», Regino von
Prüm und andere) ebenso wie zeitgenössische Historiker (Emilio, aber
auch Albert Krantz). Letztlich entscheidend ist für ihn die Frage, ob das
päpstliche Gütesiegel eine Voraussetzung für die Thronfolge ist und
man somit einem von der Kirche abgesetzten Herrscher die
Gefolgschaft verweigern dürfe. Der Präzedenzfall lässt keine Zweifel
zu: Childerich III. war legitimer König der Franken, wurde aber von
Zacharias abgesetzt, was für Frankreich nur von Vorteil war, erlebte es
doch unter Pippin und Karl dem Grossen seine schönste Blüte. Wer das
bestreiten will, müsste die Legitimität der Karolinger in Frage
stellen 59 – was ein royalistischer Franzose nicht kann. Bellarmino legt
den Finger geschickt auf den wunden Punkt in der gesamten französischen Kontinuitätstheorie, die Usurpation des Thrones durch Karolinger (und Kapetinger). Die Frage, ob der Papst den Herrschaftsantritt
Pippins legitimiert habe, ist bereits in der mittelalterlichen Diskussion
um den Supremat erörtert worden. Bezeichnenderweise hat De Belloy
William of Occam zitiert, wonach Zacharias nur einen Ratschlag
(«consilium»), keinen Auftrag («mandatum») geschickt habe. Die
italienische Historiographie der vergangenen zwei Jahrhunderte hat
dagegen den Dynastiewechsel in der Regel «auctoritate pontificis» 60
geschehen oder Zacharias die Franken «sacramento solvere» lassen; 61
seltener ist seine Stellungnahme als «consilium» verstanden worden, 62
und nur wenige schildern wie Machiavelli den Übergang der Krone
59
BELLOY (1585); BELLARMINO (1586), 63f.: «Childericum legitimum Franc. Regem non
obstante lege naturalis successionis, & iuramento fidelitatis, & oboedientia quam divino iure
populi regibus debent, invitum deiectum de solio, & in eius locum regem alium substitutum … id
autem rite ac legitime factum esse non negant, qui regibus Francorum, qui in eo tempore in Gallis
imperarunt, iniuriam facere nolunt.» Eine ähnliche Argumentation bei CARIERI (1599), 46v.
60
PICCOLOMINI (1440), 759f., der gerade in dieser Kompetenz den Grund findet für die
Unterordnung des Papstes unter das Konzil; D. ACCIAIUOLI (1461), 102; FORESTI (1485), 188v;
RANZANO (1492), fol. 82v; 431v; CATTANEO (1501), fol. 14; BALBI (1530), 537; BUGATI (1569),
159; MAZZELLA (1594), 221. Daneben PICCOLOMINI (1459), 47: «Commisit»; RICCIO, De regibus (1505), 25: «Decreto»; ZENO (1557), 172: «Determinò»; FERENTILLI (1570), 198: «Favore»;
TORSELLINI (1598), 311: «Investì».
61
EMILIO (1520), 48; GUAZZO (1553), 168v; SIGONIO (1574), 136; BARDI (1581), 187;
CICCARELLI (1590), 492.
62
RICCOBALDO (1313), 231; CAMBINI (1519), fol. 27 (der allerdings nur den Franzosen
Gaguin übersetzt); UBALDINO (1581), 17; A. ALBIZZI (1600), I. Ähnlich SABELLICO (1504),
II, 301: «Consulto»; VOLTERRANO (1506), 39: «Adhortatione».
268
ohne päpstliches Zutun. 63 Als Pius II. in seiner erwähnten Mantuaner
Rede die Krönung Pippins als Gunstbeweis des Papstes darstellt, haben
sich allerdings die französischen Gesandten ausdrücklich dagegen
verwahrt und bestritten, dass dem Papst eine Verfügungsgewalt über
die Krone Frankreichs zukomme. 64 Gerade das beansprucht aber
Bellarmino, nachdem die Problematik wieder neue Aktualität erlangt
hat, und so führt er die älteren Quellen und «historici quamplurimi» an,
die alle «auctoritas apostolica» für die Krönung beanspruchen; er nennt
die – auch bei anderer Gelegenheit bewiesene – päpstliche Kompetenz
allerdings vage «ius aliquod». 65 Denn Bellarmino ist kein bedingungsloser Vertreter der päpstlichen Suprematie, im Gegenteil: In seinem ab
1586 erscheinendem dogmatischen Hauptwerk, den Disputationes,
illustriert er am Beispiel von Zacharias seine Theorie der «temperata
potestas indirecte» des Papstes – und ihretwegen werden die Disputationes 1590 für den Index vorgesehen, da sie die unbeschränkte weltliche Gewalt des Papstes bestreiten. 66 Wegen dieser grundsätzlichen
Problematik beschäftigt sich Bellarmino auch noch lange nach der
kirchlichen Anerkennung von Henri IV in der 1610 erschienenen
Streitschrift De potestate summi pontificis mit Childerich und Zacharias, der das päpstliche «ius dandi & auferendi regna» demonstriert –
also kein unmittelbares Herrschen, sondern die Ein- und Absetzung der
Herrschenden. 67 Implizit gegen die These des Hugenotten Hotman,
Childerich sei von den Generalständen abgesetzt worden, erklärt
Bellarmino, die Untertanen seien zu einer solchen Tat gegen ihren
Herrn nicht legitimiert. Allein die göttliche Gewalt – und als ihr Sachwalter der Statthalter Petri – ist dazu berechtigt, da sie den König auch
nach dem Naturrecht eingesetzt hat. 68
63
MACHIAVELLI (1525), 91: «per la riputazione del padre e virtù sua»; AMMIRATO (1600), 89:
«aveva preso la corona di quel regno Pipino»; PIGNA (1561), 44v: «fece eleggere Re se stesso».
64
PICCOLOMINI (1459), 47; die Antwort der Franzosen bei ACHERY (1723), 821.
65
BELLARMINO (1586), 78; auf p. 78f. als andere Beispiele die Wiedereinsetzung Ludwigs des
Frommen, die Eingriffe in die Aussenpolitik von Charles le Chauve oder die Bannungen von
Philippe II, Philippe IV und Louis XII.
66
BELLARMINO (1587), 907 (Tertia controversia, lib. 5, cap. 8). Cf. DE MATTEI (1982), I, 211,
zur Indizierung.
67
BELLARMINO (1610) richtet sich gegen William Barclay, der 1609 sein Buch De potestate
papae, an et quatenus in reges et principes seculares jus et imperium habeant veröffentlicht hat,
mit dem er wiederum auf De temporali ecclesiae monarchia et iurisdictione von Francesco Bozio
reagiert; F. BOZIO, 220f., hat im Falle Pippins ebenfalls die jeweils von Bellarmino angeführte
Quellenkette zitiert.
68
BELLARMINO (1610), 314-317; ebenso schon CARIERI (1599), 46v; anders der Hugenotte
HOTMAN (1573), 47, n. 16. Interessanterweise führen diese dogmatischen Klärungen nicht zu einer
eindeutigen «unité de doctrine», nicht einmal in den Papstviten von TEMPESTA (1596), 197f., der
269
Die Einsetzung des Karolingers ist für Bellarmino ein Präzedenzfall,
der weiterhin Gültigkeit beansprucht; einerseits grundsätzlich bei der
intensiven Erörterung von Wesen und Befugnissen des Papstes, andererseits wegen der Frage, ob Henri IV kraft seines dynastischen
Anspruchs thronfolgeberechtigt ist oder ob er gewisse Grundbedingungen erfüllen muss, über die der Papst wacht. Einen anderen Zugang
zur französischen Problematik wählt dagegen Tommaso Bozio: Bei
ihm ist es die Geschichte des Landes, nicht ein einzelnes, aus dem
historischen Zusammenhang abstrahiertes Ereignis, aus welchen Franzosen wie Italiener ihre Lehren ziehen sollen. Er liefert gleichsam «una
singolare mediazione tra l’apologetica dogmatica del Bellarmino e
quella storica del Baronio». 69
d. Das Geschichtsbild des Tommaso Bozio
Tommaso Bozio stammt aus Gubbio und tritt nach humanistischen und
juristischen Studien unter dem Einfluss des Filippo Neri den Oratorianern bei, denen auch Baronio angehört. Unter ihm arbeitet Bozio ab
1582 an den Annales ecclesiastici mit, was ihm aber genug Zeit lässt
für ein umfangreiches Werk, in dem er häufig auf seine historischen
Kenntnisse zurückgreift. Dies ist stets von den französischen Entwicklungen beeinflusst, wie bereits sein Opus maximum zeigt, die 24
Bücher und über 2500 Seiten De signis ecclesiae Dei, welche in zwei
Bänden 1591 und 1593 erscheinen. Man könnte es als apologetische
Enzyklopädie bezeichnen: Mit seinen hundert «Signa» (Qualitäten,
welche die Kirche von Christus erhalten hat) will Bozio empirisch
zeigen, was die katholische Kirche ist und – im Unterschied zu
anderen – vermag. 70 Aus seiner sehr breiten Belesenheit schöpfend,
führt er jedes der hundert Stichworte mit vielen historischen Beispielen
aus. Meistens sind die Quellen angegeben, im Falle Frankreichs wie
schon bei Bellarmino häufig die mittelalterlichen, daneben etwa Emilio
und Krantz, aber mehr noch als diese die 1577 erschienenen Annalen
des Papire Masson. So kann das Werk als historisch-apologetisches
Handbuch dienen, finden sich doch zu hundert möglichen Streitpunkten
den Papst nur bestätigen lässt («confirmavit»); CAMPIGLIA (1617), Vorwort, meint sogar, die
Absetzung sei «coll’autorità de gli stati» erfolgt.
69
P. Craveri im DBI XIII, 569.
70
T. BOZIO (1591), Vorwort an Papst Gregor XIV.: «… elucescit, quae, quantaque sit Ecclesia
nostra.»
270
ganze Argumentationsketten zugunsten des Katholizismus. Bozio selbst
wird in späteren Schriften wortwörtlich aus De Signis zitieren.
Inhaltlich am interessantesten ist dabei Bozios Neubewertung des
christlichen Mittelalters. Das Kulturmodell der heidnischen Antike, wie
es seit den Humanisten gilt, ist zwar bereits im 16. Jahrhundert
manchmal in stolzem Selbstverständnis dahingehend relativiert worden,
dass die eigene Gegenwart (etwa dank dem Buchdruck) den «Antiqui»
überlegen sei. Und selbstverständlich ist seit Petrarca auch von Humanisten den Alten der fehlende christliche Glaube grundsätzlich als
Defizit angerechnet worden – nur ist dieses disqualifizierende Moment
neben der Begeisterung für den kulturellen Standard, aber auch die
militärische «virtus» der Antike völlig in den Hintergrund getreten,
woraus sich die Vorstellung eines «medium aevum» der barbarischen
Kulturlosigkeit entwickelt hat. Bozio streitet nun nicht nur, wie manche
Zeitgenossen, für die Würde der Gegenwart, sondern er rehabilitiert mit
Nachdruck das christliche Mittelalter. Der christliche Glaube ist nicht
mehr ein Aspekt neben anderen (und der einzige, in dem die Heiden
inferior sind), sondern er ist der entscheidende Unterschied, und dank
ihm sind die Rechtgläubigen in jeder Hinsicht überlegen. Das gilt
schon für die «vis in armis»:
De Gallis autem quid dicemus? habuitne antiquitas ullum parem
Clodoveo, Dagoberto, Pipino, Carolo Magno, Roberto, Philippo
Augusto, Henrico II. aut Carolo Neapolis, Gottifredo Hier.[osolymae]
Regibus? Quid hic referamus tot duces, in quibus Carolus Martellus
Pippini pater principem locum tenet? 71
Scipio und Caesar stehen also hinsichtlich ihrer militärischen Fähigkeiten unter Dagobert und Robert le Pieux! Damit stellt sich Bozio
gegen Machiavellis Behauptung, die christliche Religion habe die
Männer verweichlicht. 72 Bozio geht aber noch weiter und lobt auch die
mittelalterlichen Kulturleistungen: Was wüssten wir von den Anfängen
der christlichen Völker ohne die Geschichtsschreibung der Mönche,
welche diese rohen Stämme – «ad humanitatem» geführt haben! Neben
71
T. BOZIO (1591), 631: «Was aber werden wir von den Galliern sagen? Besass die Antike
irgend jemanden, der den Königen Chlodwig, Dagobert, Pippin, Karl dem Grossen, Robert,
Philippe Auguste, Henri II, Charles d’Anjou in Neapel oder Gottfried von Bouillon in Jerusalem
gleichkäme? Wozu soll ich hier auch die vielen Heerführer aufzählen, unter denen Karl Martell,
der Vater Pippins, an erster Stelle steht?»
72
Deshalb wird T. BOZIO, De robore (1593), 76, in seinem antimachiavellistischen Traktat
nichts anderes machen als die zitierte Stelle aus De Signis abschreiben. Auch die dortige Passage
über Jeanne d’Arc (p. 88) ist identisch mit De Signis I, 640.
271
anderen Gelehrten zählt Bozio auch diejenigen Historiker auf, die er
selbst mit Vorliebe benützt. 73
Erst diese Neubewertung des christlichen Mittelalters erklärt die
teilweise eigentümliche Liste von insgesamt 21 Punkten, welche Bozio
in den Rubriken «prudentia politica/optima gubernatio» sowie «felix
posteritas regum Catholicorum» anführt. Sie bezeugen in seinen Augen
den säkularen Erfolg Frankreichs und umfassen manches Kriterium,
dem die Antike nicht genügen könnte: die dynastische Kontinuität über
1174 Jahre hinweg; heilige Könige und Bischöfe; das heilige Salböl,
die Oriflamme sowie die Gabe, Skrofeln zu heilen; die Kolonisation
und Zivilisierung Germaniens; dass kein König des Gesamtreichs von
Verwandten, Feinden oder Untertanen absichtlich ermordet worden ist
(ausser dem exkommunizierten Henri III); dass in Europa, Afrika und
Asien, im weströmischen Reich ebenso wie in Byzanz Franzosen
Könige oder Kaiser waren – kurz, sie sind gleichzeitig «pugnaces et
iusti», und dies mehr als die «Antiqui». 74
De Signis dient Bozio selbst als Stoffsammlung, aber auch als ideologisches Gerüst, um in den neunziger Jahren mit kürzeren und leichter
lesbaren Traktaten auf aktuelle konfessionelle und politische Fragen
einzugehen. Die ersten drei – alle vor Oktober 1593 verfasst, in den
folgenden Jahren gedruckt und wiederholt aufgelegt – kündigen bereits
im Untertitel an, dass sie sich gegen Machiavelli richten. 75 Dessen
Widerlegung ist jedoch nur ein Anliegen dieser Schriften, fällt doch
gerade in das Jahr 1593 der Triumph der Politiques, der französischen
Legitimisten, die von den Hugenotten wie von der Kurie in seltener
Einhelligkeit als Ausgeburt des «Machiavellismus» verschrieen
werden: Die Generalstände suchen den Ausgleich mit Henri de
Navarre, der im Juli konvertiert und in Saint-Denis als Henri IV
73
T. BOZIO (1591), 475 («Peritia Catholicorum in omnibus disciplinis») erwähnt Regino,
Marianus Scotus, Sigebert, Burchard von Ursperg, Hermannus Contractus, Adémar; ib., 667:
«… nisi … memoriae mandasset, Gregorius Turonensis, Ademarus, & Annonius Francicas [sc.
res], … istarum nationum facta in densissimis omninò tenebris laterent. Cùm verò populi isti &
cuncti Boreales antiquis temporibus non essent ulla doctrina, aut ullis moribus exculti ad humanitatem, per eosdem monachos ad hoc perducti fuerunt, ut è signo de innumeris gentibus ad humanitatem perductis constat …».
74
T. BOZIO, De signis (1593), II, 897-903. Die genealogischen Verbindungen von Merowingern, Karolingern und Kapetingern finden sich zweimal, ib., 863; 889. Die entsprechende Liste
im ersten Teil, ID. (1591), 561, ist um einiges kürzer. Höchstwahrscheinlich verdankt Bozio einige
der aufgelisteten Qualitäten der französischen Argumentation bei der Verteidigung ihres
diplomatischen Vorrangs vor Spanien, um den gerade an der Kurie gestritten wird.
75
Es handelt sich um De Imperio virtutis und De robore bellico, beide Rom 1593 sowie Köln
1594 und 1601; De Italiae statu, Rom 1594, 1595 und 1596 sowie Köln 1595 und 1601; cf. zur
historischen Einbettung die Aufsätze von Mastellone über Bozio, insbes. MASTELLONE (1970).
272
gekrönt wird. An der Kurie stehen sich zwei Parteien gegenüber: Bozio
gehört zur «spanischen», die an der Exkommunikation des französischen Königs unbedingt festhalten will und für die er bereits 1592 ein
(nie gedrucktes) Scriptum de non admittendo Navarro verfasst hat. 76
Ihr gegenüber steht eine zum Ausgleich tendierende Gruppe um den
Kardinal Pietro Aldobrandini; ihm sind zwei dieser Schriften gewidmet, die dritte einem Verwandten, dem seinerseits hispanophilen
Cinzio Aldobrandini, und alle drei jeweils auch einem weiteren
Aldobrandini, nämlich Papst Clemens VIII. – er hat den beiden
Nepoten die französische Problematik aufgetragen, und sie alle gilt es
gegen den Navarresen einzunehmen.
Wie Bozio sein Geschichtsbild weiterentwickelt, zeigt das wohl als
erste der antimachiavellistischen Schriften verfasste, jedoch erst 1595
gedruckte De Italiae statu antiquo et novo: Hat Bozio in De Signis
noch summarisch das christliche Zeitalter über das antike Heidentum
gestellt, so begräbt er jetzt endgültig das Konzept eines «Mittelalters»
und ersetzt es durch eine an Orosius gemahnende Aszendenztheorie.
Machiavelli hat die Kirche für die Schwäche Italiens verantwortlich
gemacht, wogegen Bozios These lautet, die Geschichtsentwicklung
nehme seit der Konstantinischen Schenkung einen günstigeren Verlauf.
Auch Frankreich beweist dies, wofür Bozio auf die Liste der französischen Güter zurückkommt, die er in De Signis geliefert hat. Aber er
ist einen Schritt weiter gegangen: Waren sie dort noch allgemein
Beweise für die Vorteile der Katholizität, so sind sie jetzt Gaben der
Päpste. Von diesen hängt denn auch das Wohlergehen Frankreichs viel
stärker ab als von den französischen Königen: 77 Sie haben Gallien
missionieren lassen; das Reich auf Chlodwig übertragen; Karl dem
Grossen die Möglichkeit gegeben, in Italien ein grosses Reich zu
erringen; die Franken zum Kreuzzug aufgefordert, der ihnen soviel
Ruhm eintrug, dass im Orient alle Kreuzritter schlicht «Franci»
hiessen; Balduin auf dem byzantinischen Thron und die Anjou in
Neapel eingesetzt. 78 Und – wieder an Machiavelli gerichtet – hätte der
Papst nicht durch Karl den Grossen die Langobarden besiegt, so hätte
Italien nie seine Freiheit und den Aufschwung der Kommunen erlebt;
76
Es befindet sich im Vatikan, Archivio Segr., Segn., 48.
T. BOZIO (1594), 329; identisch auch ID. (1600), 264, jeweils über die Bannung von
Philippe Ier: «… Regem Philippum ob illicitas nuptias excommunicasset, ut cunctis notum fieret,
Gallorum decus, ac maiestatem, ab unius Papae consilio multò magis pendere, quam ab ipsius
Regis …».
78
T. BOZIO, De Italiae statu (1594), 327-330; die Belehnung Chlodwigs auf p. 306.
77
273
die fehlende staatliche Einheit ist kein Problem, solange der Papst für
sein Italien sorgt. 79
Nach über einem Jahrhundert erklingen die selbstbewussten Worte
von Papst Pius II. wieder: Alle seine Erfolge verdankt Frankreich (wie
Italien) dem durch Gehorsam erworbenen Wohlwollen des Papstes! Die
Botschaft an die verunsicherten Generalstände in Paris ist eindeutig.
Eine weitere Verfeinerung seines Geschichtsmodells unternimmt
Bozio 1595 in De ruinis gentium et regnorum, seinem letzten, vergeblichen Fluch «adversus impios politicos», wie der Untertitel besagt –
der Bann über Henri IV wird am 17. September 1595 aufgehoben. Der
Priester aus Gubbio spürt genau, was der epochale Erfolg der Politiques bedeuten wird, und streitet deshalb auf über 500 Seiten für die
unzertrennbare Einheit von Politik und Religion – dem Staat kann die
Konfession des Einzelnen nicht gleichgültig sein, denn das Wohlergehen der Gemeinschaft, die gottgegebenen «bona temporalia», sind
direkt vom religiösen Ernst bei Volk und Herrscher abhängig, gleichzeitig aber auch wieder zur Pflege der Tugend und der «recta religio»
da. An einer Reihe von Staaten wird exemplifiziert, wie «felicitas» und
«calamitas» von guten Sitten und einem guten Verhältnis zur kirchlichen Autorität abhängen, dem «summum temporalis felicitatis
culmen». 80
Das ursprüngliche Gallien bietet ein tristes Bild dar: Zerissenheit,
Parteiungen, Menschenopfer, ein Leben in Strohhütten und Schlaf auf
dem nackten Boden, weder Kunst noch Literatur. Mit der Bekehrung
durch Saint-Denis beginnt sich das zu ändern: Die Bildung verbreitet
sich, das Land wird bebaut, Städte entstehen; nur die kaiserlichen
Christenverfolgungen verursachen noch manchen Schaden und viele
Martyrien. Mit Konstantin beginnt das «primum Galliarum tempus»,
eine Epoche des Friedens, der Blüte von Literatur und Städten; doch
die verschiedenen Häresien in Gallien führen dazu, dass das Land
wieder überfallen und unter Franken, Westgoten und Burgundern
aufgeteilt wird, womit die erste Epoche zu Ende geht. Es folgt das
«secundum tempus» und fünf weitere Epochen nach dem gleichen
Konzept von Aufstieg, Höhepunkt und Sündenfall, etwa Pippins Herrschaftsantritt nach der merowingischen Dekadenz, die Kaiserzeit und
der Zerfall des Reichs wegen weltlicher Übergriffe auf Kirchengut. Die
79
T. BOZIO, De Italiae statu (1594), 331; 418.
T. BOZIO (1595), Vorwort an Kardinal Benedetto Giustiniani. Ausser Frankreich behandelt
Bozio Rom, Byzanz, das Deutsche Kaiserreich, Spanien, England, Dänemark und Polen.
80
274
siebte und letzte Phase beginnt mit französischer Hilfe für
Clemens VII., erlebt ihre Klimax unter Henri II, worauf die französische Unterstützung für deutsche Protestanten und der fehlende
Respekt vor dem Heiligen Stuhl das Land in den Abgrund der Bürgerkriege stürzen. Auf diese Geschichtsdeutung folgen noch zehn einzelne
«Observationes», die zusammenfassend exemplifizieren, dass Frankreich unter frommen Herrschern am einflussreichsten war, dass Dauer
wie Verfall der jeweiligen Dynastien und der Erfolg französischer
Expeditionen von der Kirchentreue abhängig gewesen sind und dass
das Land selbst, Gallien, im Vergleich zu den mehr als vier Jahrtausenden vor seiner Bekehrung dank dem Katholizismus an Kultur,
Bildung, prächtigen Städten, Ruhm, Zahl der Kaiser, Päpste, Heiligen
und anderswo zur Macht gelangten Landessöhne einen einmaligen
Rang erlangt hat. 81
Nachdem Bozio in De Signis die Überlegenheit des christlichen
Mittelalters gegenüber der heidnischen Antike postuliert und diesen
Ansatz in De statu Italiae zu einem Aszendenzmodell entwickelt hat,
verbindet er es also in De ruinis genitum mit einer zyklischen Vorstellung, womit er die Geschichte Frankreichs nicht mühsam zu einem
kontinuierlichen Aufstieg emporstilisieren muss, sondern die offensichtlichen Tiefpunkte in der Geschichte Frankreichs und seiner
Kontakte mit Papst und Kirche integrieren kann – gerade auch die
hochaktuelle Exkommunikation von Henri IV. Dafür lässt sich immer
irgendwo mangelnde «pietas» lokalisieren – und umgekehrt zu einer
offensichtlich papstfeindlichen Haltung (Philippe IV) die Krise (Crécy)
in engen zeitlichen Zusammenhang zwängen oder sie einfach übergehen, wo sie das Konzept stört (die Albigenser, die neben Saint-Louis
nichts zu suchen haben). Diese Geschichtsklitterungen zeigen, dass es
sich weniger um eine Geschichtsdeutung denn um historisch gestützte
Propaganda handelt: Wie stets Prosperität von Observanz abhing, so
kann auch dem gegenwärtigen Frankreich nur Gehorsam gegenüber
dem Papst Gottes Wohlwollen neu verschaffen und das Ende seiner
Wirren, den Beginn eines achten Zyklus mit sich bringen. Das letztlich
statische Kreislaufmodell überdeckt also Bozios früheres Postulat eines
kontinuierlichen Fortschritts: Ein entscheidender qualitativer Sprung ist
nur einmal geschehen, mit der Missionierung Frankreichs. Obwohl das
81
T. BOZIO (1595), 455: «Haec igitur omnia si accipiantur, ac fiat comparatio novi Galliarum
status cum antiquo, dilucide cognoscemus, prius eas in universum fuisse instar dumeti horrentis, &
squalidi, e cuius tamen solo aliquid flosculi pulchrioris extaret, nunc instar horti amoenissimi, & in
omnibus omnino exculti.»
275
nirgends ausdrücklich gesagt ist, verknüpft Bozio möglicherweise hier
die Vorstellung eines bis in seine Gegenwart fortschreitenden Zivilisationsprozesses (etwa was die Verbreitung der Künste und
Wissenschaften betrifft oder die mit der Mission einhergehende Kolonisation Deutschlands) mit einer zyklischen Wiederkehr von «Religio»
und Verfall im öffentlichen Bereich der Politik und Kultur. Ein solches
Konzept entspräche auch seiner Intention: Das zivilisatorische Modell
des Katholizismus ist nicht nur der Antike überlegen, sondern seit der
Etablierung der Kirche hat es sich auch über die ganze Welt ausgedehnt
und entwickelt. Im engeren politischen Rahmen sind jedoch immer
wieder Gegenströmungen aufgetreten, welche die grundsätzliche
Aufwärtsbewegung nicht hindern konnten, aber im institutionellen
«Überbau» regelmässig zu Krisen geführt haben.
Ebensowenig wie Bellarmino greift Bozio exklusiv auf Begebenheiten der französischen Vergangenheit zurück, um seine Konzepte
auszuführen; der Befähigung, die Historie nach eigenen Bedürfnissen
zurechtzubiegen, widersteht auch die Geschichte anderer Länder nicht.
Doch mehr noch als bei Bellarmino dominiert in Bozios Schriften die
Besorgnis über die französische Thronfolge die Überlegungen und
Ausführungen, weshalb er die aktuellen Ereignisse in eine umfassenden
Geschichtsvision einbettet. Dabei fällt auf, wie sehr der Kleriker den
Lohn für papstgefälliges Verhalten in weltlichen Kategorien wie
«amplificatio & diuturnitas potestatis» bemisst. Es sind fast alles
Gunsterweise, die den Ruhm des Herrschers mehren und ihm
«felicitas» schaffen, ein zentraler Begriff in Bozios Denken – rein
irdisches Glück und Wohlergehen. Dagegen fehlen Begriffe, die zum
klassischen Bestand der Fürstenspiegel gehören: «Liberalitas», «pax»
oder «iustitia» sind nicht die Eigenschaften, welche nach Bozio Frankreich oder seinen König charakterisieren. 82 Bozio schreibt unter dem
Einfluss der in diesen Jahren erst richtig losbrechenden Diskussion um
die Staatsraison, wobei kirchlicherseits oft versucht wird, die Gebote
politischer Utilität und religiös fundierter Individualethik zu harmonisieren; gleichzeitig wird aber auch – implizit gegen Machiavelli –
diesseitiges Gedeihen für katholische Fürsten reklamiert, wobei die
Machtausdehnung nach innen und aussen zum entscheidenden Kriterium bei der Beurteilung eines jeden Herrschers wird.
82
So behandelt T. BOZIO (1591), 641, unter dem Signum «iustitia» die Legitimität der
Dynastiewechsel, nicht aber eine gottgefällige Gerechtigkeit des Landesherren.
276
4. Französische Lektionen für eine katholische
Staatsraison: Giovanni Botero
Giovanni Botero, der Verfasser von Della ragione di stato, ist gerade in
seiner letztlich beschränkten Originalität der typische Vertreter der
italienischen politischen Traktatliteratur. In ihm fliessen die verschiedenen Ansätze wieder zusammen, die in den bisherigen Kapiteln
nachgezeichnet worden sind: Botero zieht aus den überlieferten
Exempla und Anekdoten Lehren für die politische Praxis, veröffentlicht
sogar eine eigene entsprechende Sammlung; er bemüht sich in der
Auseinandersetzung mit Machiavelli um die Formulierung eines
katholischen Fürstenspiegels und begründet damit die Staatsraisonliteratur für Italien; Kirche und Papst sind ihm zentraler Orientierungspunkt der politischen Theorie; er beschäftigt sich mit den historischen
Bedingungen der Grösse vieler Länder und insbesondere Frankreichs,
das er selbst gut kennt; seine Schriften der neunziger Jahre sind unter
anderem Reaktionen auf die dortigen Vorkommnisse und engagieren
sich – im Dienst der Kurie – für die «Ligue» und gegen Henri IV und
die Politiques. 83
Der 1544 geborene Botero ist früh den Jesuiten beigetreten und hat
von 1565 bis 1569 als Rhetoriklehrer in Frankreich gewirkt, zuletzt in
Paris. Nachdem er die weltliche Herrschaft der Kirche in Frage gestellt
hat, muss er aus dem Orden austreten, worauf er zuerst Carlo Borromeo
und später dessen Neffen, Kardinal Federico Borromeo, als Sekretär
dient, weshalb sich Botero von 1588 bis 1599 vorwiegend in Rom
aufhält. Nachdem er bereits 1585, kurz nach dem Aufrücken des
Henri de Navarre in der Thronfolge, in savoyischem Auftrag eine
Geheimmission in das vom Bürgerkrieg zerrissene Frankreich unternommen hat, die seine Einschätzung des Landes stark prägt, wirkt er
bis zu seinem Tod 1617 in Turin als Erzieher der Herzogssöhne. 84
Botero sieht Frankreich gleichsam als das Experimentierfeld all
dessen, was er – mit negativer Konnotation – unter «ragione di stato»
versteht. 85 Er kennt nicht nur das Land und die verschiedenen Parteiungen aus eigener Anschauung, er hat auch die französische politische
83
Schon früh, im zweiten Buch von De regia sapientia, zitiert BOTERO (1583) aus einem
Gedicht, das er an den liguistischen Kardinal Charles de Lorraine gerichtet hat.
84
Zu Boteros Leben und Werk cf. CHABOD (1967); die im folgenden erwähnten Grundzüge
der politischen Lehre dort auf pp. 314-335; 332-340.
85
So BALDINI (1989), 321f.
277
Literatur studiert. Manche Einsicht entnimmt er Bodin, mit dem er auch
das Interesse für Ökonomie und Finanzen der Staaten teilt. Die Six
livres de la République, die 1586 erstmals auf Lateinisch und 1588 auf
Italienisch erscheinen, beeinflussen auch Boteros Argumentationsweise: Bodin entwickelt seine Theorien anhand aussergewöhnlich
vieler historischer Beispiele, worin ihm fortan Botero folgen wird.
Verschiedene Begebenheiten aus der französischen Vergangenheit
entnimmt Botero dem in Italien berüchtigten Juristen und macht sie
zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Allerdings unterscheidet er
sich vom Franzosen: methodisch, indem er sich – wie der geschmähte
Machiavelli – nur für die politische Praxis, die Regeln der Herrschaftsausübung interessiert, nicht aber für eine theoretische, staatsrechtliche
Erörterung oder gar Fundierung obrigkeitlicher Macht; und inhaltlich,
indem er den Politiques vorwirft, dass sie bereit sind, für das irdische
Wohl des Staates das Seelenheil hintanzustellen. Wie für die anderen
behandelten Autoren von Speroni bis Bozio sind für Botero die
entscheidenden Fürstentugenden der Gehorsam gegenüber dem Papst
und der Einsatz für die Kirche; ihnen verdankt Frankreich seine Grösse,
ihrer Vernachlässigung den Ruin. 86 Diese Überzeugung ist Analyse der
gegenwärtigen Wirren, Kurzdeutung der gesamten französischen
Geschichte und von jedem Fürsten zu beherzigende Lehre in einem:
Der Katholizismus ist die conditio sine qua non einer erfolgreichen, da
dauerhaften Herrschaft. Ist diese Grundbedingung erfüllt, so stellt
Botero keine allzu hohen Ansprüche an das sittliche Empfinden des
Herrschers – seine konkreten Erörterungen der zulässigen und der
verpönten Machtmittel gestehen kaum weniger zu als Machiavelli,
wenn es darum geht, die eigene Machtstellung und damit den Staat zu
erhalten. Den Vorsatz, Moral und politische Opportunität zu harmonisieren, löst Botero nicht ein.
Ungleich Bellarmino oder auch Bozio versucht Botero also nicht,
eine dogmatisch stimmige Theorie zu entwerfen. Vielmehr leitet er aus
dem reichen Schatz geschichtlicher Erfahrung Verhaltensregeln her,
belegt umgekehrt aber auch seine Aussagen möglichst nachhaltig mit
86
BOTERO (1591), 7: «La corona di Francia pervenne alla maggior potenza, ch’altra della
Christianità, con la protettione della Chiesa; con le guerre contra infedeli, co’l zelo della religione
Cattolica, con l’annobilir il regno di tempij magnificentissimi, e’l clero d’entrate ricchissime.
Eccovi le vie, che havevano condotto la casa di Francia, & i Francesi à somma grandezza; ecco
hora quelle, che gli hanno rovinati: Non far conto del Papa; tuor l’entrata al clero per darla à i
laici; conferir i Vescovati, e le Badie à i soldati, & a’ cortegiani, & à gente peggiore; far lega co’
Turchi, e guerra co’ Christiani: pace con heretici; inimicitia co’ Cattolici; proteggere per ragion di
stato, Geneva, e Sedeam, sentine d’ogni impietà, & sceleratezza.»
278
historischen Beispielen. Boteros Methode in seinen frühen Schriften
besteht darin, seine Doktrin in prägnanten Sätzen darzulegen und den
zwischen diesen liegenden Freiraum mit möglichst vielen Exempla
(«superiorum aetatum commemoratione») aufzufüllen. 87 Dieses an
Barbarano erinnernde Vorgehen wandelt sich unter dem Einfluss
Bodins in der Ragione di stato, indem die Beispiele nicht mehr nur
illustrieren, sondern den Problemfall bilden, bei dessen Kommentierung Botero politische Verhaltensregeln entwirft.
Pippins Beispiel zeigt, wie sich Boteros Hauptanliegen gegenüber
Bellarmino und Bozio verschoben hat: In seiner Relatione di Francia
vertritt er in ihrer Tradition den päpstlichen Primat, 88 aber für die
Ragione di Stato ist dieses dogmatische Problem von geringem Belang,
um so mehr aber die politische Grundfrage, wie ein Herrscher sein
Reich verliert und ein neuer an seine Stelle tritt. Mit der ihnen eigenen
«prudenza» usurpieren die Karolinger schleichend die Macht, ohne
durch überstürztes Handeln oder offene Gewalt die Franken von sich zu
stossen. Kraft ihrer militärischen «virtù» verteidigen sie Staat und
Religion und erwerben so die zur Machtübernahme nötige
«riputatione», was ähnlich auch für die Kapetinger gilt. 89 Botero ist
davon fasziniert, dass Frankreich – ungeachtet mancher Schwierigkeiten – als Staat stets fortbesteht: Das Land kann auf einen starken
Adel zählen, der es gegen äussere Feinde, etwa gegen England,
beschützt hat, und aus dem neue Herrscherpersönlichkeiten hervorgegangen sind, als den Merowingern und Karolingern die Macht entglitt.
Die einflussreichen Fürsten standen durchaus in einem gewissen
Spannungsverhältnis gegenüber der Krone, besonders wenn sie hohe
Ämter einnahmen oder versucht waren, ihre Apanagen zu verselbständigen; doch ist in den einzelnen Dynastien gleichwohl der Übergang zu
einem neuen König stets ohne Streitigkeiten und Anfechtungen verlaufen. 90 Boteros überspitzte Formulierung zeigt, welchen Eigenschaften
er die Stabilität Frankreichs zuschreibt: dem salischen Gesetz, das die
Nachfolge klar regelt; und beim Antritt einer neuen Dynastie der
«liberalitas», was Robert le Pieux und Karl der Grosse beweisen. 91 Das
87
BOTERO (1583), Vorwort an Carlo Emanuele I di Savoia: «durch die Schilderung früherer
Zeiten»; cf. zur Methode CHABOD (1967), 289f.
88
BOTERO (1591), 127f.
89
BOTERO (1589), 8; 29; 54.
90
BOTERO (1589), 57-60.
91
BOTERO (1589), 20; 22; 40; 45; 64; 70; 109; zu Robert II später identisch CASTIGLIONE (1628), 103.
279
bestätigt auch ein sonst in Italien kaum bekannter, aber von Bodin
geschätzter 92 König, den Botero wiederholt anführt: «Carlo il savio»,
Charles V. Allerdings verwechselt oder identifiziert ihn der Italiener
manchmal mit Charles VII: Dass sie nicht selbst, sondern durch ihre
Feldherren Krieg führen und das von ihren Vätern verlorene Land
zurückerobern, liesse sich ebenso auf beide münzen wie allenfalls ihr
«favore verso i letterati»; dagegen ist es natürlich Charles VII und nicht
Charles le Sage, der in Bourges auf die religiöse Begeisterung des
Volkes für Jeanne d’Arc zählt. 93 Die fehlende Differenzierung zeigt die
Grenzen der historischen Kenntnisse Boteros, zumal er «Carlo il savio»
in den höchsten Tönen lobt; es geht ihm offensichtlich weniger um die
konkreten Ereignisse der Jahre nach 1368 oder nach 1429, sondern um
die typische Situation, dass Frankreich in den Stunden grösster
Bedrohung durch England von einem weisen König dank der im Volk
verbreiteten «opinione della assistenza divina» gerettet wird. Vor dem
Hintergrund der ihrem Höhepunkt zusteuernden Religionskriege
beweist Botero einen starken Glauben in die Regenerationsfähigkeit
des Landes, das nichts in seinem Grundgefüge zu erschüttern scheint.
Bezeichnenderweise schreibt der Italiener dies nicht dem göttlichen
Beistand zu, sondern dem Glauben daran. Botero leugnet die
Möglichkeit nicht, dass Gott den katholischen Herrschern tatsächlich
beistehen kann; aber vom Standpunkt der Staatsraison betrachtet ist es
ausreichend, wenn die Untertanen dieser Überzeugung sind. Bereits
Machiavelli hat das am Beispiel der Jeanne d’Arc gezeigt; ihm steht
Botero nicht nur mit dieser Ansicht nahe. 94 Botero zeigt am Beispiel
Frankreichs nämlich auch die weniger vornehmen Techniken des
Machterhalts: Verstellung des Herrschers und Spaltung der Untertanen,
nach der Eroberung eines neuen Gebietes Exilierung der
Führungsschicht, Spionage und Bespitzelung des unterworfenen
Volkes und summarische Exekutionen beim Verdacht fehlender
Loyalität. 95
Diese Spannung zwischen dem politischen und dem sittlichen Gebot
bestimmt auch die Altersschriften Boteros: In den Principi christiani
92
Cf. etwa BODIN (1576), 908.
Cf. BOTERO (1589), 10; 24; 42; 53; 138; CARACCIOLO (1634), 577, übernimmt die
Unsicherheit.
94
BOTERO (1589), 138: «Überzeugung vom göttlichen Beistand», wobei die Oriflamme und
Jeanne d’Arc gemeint sind. Cf. MACHIAVELLI (1521), 441, und unten p. Fehler! Textmarke nicht
definiert. zu Jeanne d’Arc.
95
BOTERO (1589), 33; 77 (Louis XI); 73 (Karl der Grosse).
93
280
liefert er 1600 eigenständig formulierte und von Belehrungen durchzogene Biographien von 15 Königen, darunter die Franzosen Chlodwig,
Saint-Louis und Charles IX; sie sollen die «pratica e l’uso di essa
Ragione di stato» anhand historischer Beispiele aufzeigen. 96 Wie im
vierten Teil dieser Arbeit ausführlicher dargelegt werden wird, bleibt
Chlodwig trotz seines Eintretens für den Katholizismus und seiner
offensichtlichen Stärkung der Zentralgewalt doch ein grausamer und
tyrannischer Barbar, der für seinen Machttrieb auf nichts Rücksicht
nimmt, auch nicht auf sein Seelenheil. Genau das Gegenteil ist
Louis IX, an dem Botero auch das richtige Vorgehen gegen Verschwörer exemplifizieren kann; doch an ihm haftet der Makel, auf beiden
Kreuzzügen an den Falschgläubigen gescheitert zu sein. 97 Charles IX
schliesslich würde man kaum unter den Modellkönigen erwarten, und
tatsächlich mach ihn auch Boteros Biographie nicht dazu, um so
weniger, als er nach einer ausführlichen Darstellung des vaterländischen Kampfes der «Ligue» erst am Schluss etwas näher, aber kaum
positiv auf den König selbst eingeht: Er sei cholerisch, heftig und
impulsiv gewesen, misstrauisch, geheimniskrämerisch und verschlagen.
Dass er seine wahren Absichten verheimlicht, wird zwar ebenso
gerechtfertigt wie die Morde der Bartholomäusnacht; doch das Scheitern der Katholiken im Kampf mit den Hugenotten und den sie
begünstigenden «arti de i politici» lässt sich nicht leugnen und nur
notdürftig erklärt. 98
Botero bringt mit seinen Herrscherbiographien die ganze Problematik seiner Lehre zum Ausdruck; ohne dass er es eingesteht, scheint
sie ihm doch ein wenig bewusst zu sein. Die Auswahl seiner Modelle
begründet er selbst damit, dass sie «con più grido, e fama di virtù
Martiale, e di pietà Catolica hanno per lo più l’arme contra i Mahomettani, ò contra gli Heretici, e la potenza loro in prò, e in servitio della
Chiesa adoperato»; 99 diese Leistung allein ist jedoch offensichtlich
nicht ausreichend für eine vorbildliche und erfolgreiche Herrschaftsausübung – ganz entgegen der häufig von Botero selbst geäusserten
96
BOTERO (1600), Vorwort: «die Praxis und die Anwendung dieser Staatsraison».
Cf. zu Chlodwig und Saint-Louis unten pp. Fehler! Textmarke nicht definiert.
bzw. Fehler! Textmarke nicht definiert..
98
BOTERO (1600), 118-149, insbes. pp. 139 (Gründe für die Niederlagen der Katholiken); 142
(Bartholomäusnacht); 147 (Charakter des Königs, der auch in den folgenden Anekdoten nicht
sonderlich gut wegkommt).
99
BOTERO (1600), Vorwort: «… mit grösstem Ruf und Ruhm kriegerischer Tüchtigkeit und
katholischer Frömmigkeit am stärksten ihre Waffen gegen die Mohammedaner oder gegen die
Ketzer und ihre Macht zugunsten und im Dienste der Kirche verwendet haben».
97
281
Ansicht. Katholizität lässt sich ebensogut mit Grausamkeit und Gewinn
wie mit Frömmigkeit und Verlust kombinieren – aber das politische
Handeln lässt sich nicht konsequent aus ihr herleiten, wenn es pragmatisch sein soll. Das Interessante an Botero ist, dass er diesen Widerspruch nicht übertüncht, was etwa beim traditionell nicht so kritisch
geschilderten Chlodwig gut möglich gewesen wäre, oder andere
Beispiele wählt, insbesondere Karl den Grossen oder auch Philippe
Auguste. Vermutlich liegt es daran, dass Botero nicht von einem
theoretischen Gebäude ausgeht, sondern selbst noch sucht: Die
Geschichte liefert ihm keine perfekte Lösung, wie man es machen soll,
doch man kann aus den Leistungen wie aus den Fehlern illustrer
Herrscher gleichermassen lernen.
Wenn dies sein Vorgehen ist, dann ist allerdings eine kommentierende Biographie nicht die ideale formale Lösung; angemessener
sind einzelne Falldiskussionen. Diese liefert Botero 1608 mit seinen
Detti memorabili, in denen er die im zweiten Kapitel aufgezeigte
Tradition wiederaufnimmt, aber ihr einen neuen Aspekt abgewinnt.
Aus einem rhetorischen Werkzeug, welches ein beliebiges moralisches
Anliegen des Redners illustrieren soll, ist in der Mitte des
16. Jahrhunderts eine Sammlung ausgefallener Anekdoten und Witze
geworden; der teilweise identische Stoff wird bei Botero zum Ausgangspunkt für seine politische Handlungsanweisungen. Tatsächlich
entnimmt Botero viele seiner Beispiele dem oben behandelten Buch
Domenichis, fügt aber jeweils einen eigenen Kommentar hinzu; es
handelt sich also nicht um «tabulae exemplorum», welche zu einem
jeweiligen Thema Stoff auflisten, vielmehr wird die Lehre erst aus
diesem Stoff gewonnen, aus den «motti spettanti à guerra, à stato, e à
politica». An diesen können die Söhne des Herzogs von Savoyen, dem
das Buch gewidmet ist, «prontezza del ingegno» lernen. Botero lehnt
ausdrücklich die Manie ab, immer wieder die antiken Beispiele zu
wiederholen, zumal die «moderni» der Antike mehr voraushaben als
umgekehrt: «Ogni cosa ha la sua stagione.» Die Moderne in einem
weiteren Sinn, die Nicht-Antike also, hat ihre eigene Dignität, und zwar
vor allem deshalb, weil sie der gegenwärtigen politischen Problematik
viel angemessenere Lehren erteilen kann als das fremde, heidnische
Altertum. Botero stellt nicht nur die Antike hintan; auch die Beispiele
für «virtù morale» und «perfettione christiana» kommen ausdrücklich
282
erst an zweiter Stelle im Buch, da sie den Fürsten weniger
interessieren. 100
Diesmal, in der Tradition von Corrozet und Domenichi, illustriert
Botero seine Gedanken – was Frankreich betrifft – zwar auch an
einigen Anekdoten von Chlodwig und Saint-Louis, 101 doch im übrigen
an einer geeigneteren Figur als in den Vite, an einem französischen
Herrscher, den er allerdings bereits in früheren Werken gelobt hat und
der unterdessen zu einer der am meisten diskutierten Persönlichkeiten
der italienischen Traktatliteratur geworden ist: Louis XI. Sein publizistisches Schicksal ist in der entsprechenden Detailuntersuchung sorgfältiger untersucht. 102 Louis XI verdankt seine Beliebtheit nicht nur
Domenichi oder auch Bodin; viele Italiener lernen ihn direkt aus
Corrozets Quelle kennen, den Mémoires des Philippe de Commynes.
5. Die Rückkehr zu den Quellen im Gefolge des
Tacitismus
Wenn im folgenden die teilweise durchaus euphorische
(Wieder-)Entdeckung des Philippe de Commynes um 1600 behandelt
ist, gilt es zunächst – um die richtigen Proportionen zu sehen – auch auf
diejenige politische Traktatistik dieser Zeit hinzuweisen, die nicht auf
den französischen Hofmann zurückgreift. Zu einem beträchtlichen Teil
steht sie noch in der Tradition der mittelalterlichen Fürstenspiegel, ist
weitgehend theoretisch formuliert und verwendet Exempla nur, um
einzelne Tugenden zu illustrieren; diese sind beim Herrscher nicht
grundsätzlich andere als bei jedem Menschen, nur ist er noch viel mehr
gehalten, sie auszubilden, um in und aus der Gemeinschaft das traditionelle Ziel der Staatstheorie entstehen zu lassen: die Gerechtigkeit.
Neben dieser letztlich aristotelisch-scholastischen Problematik ist die
ebenfalls klassisch-antike Erörterung der besten Verfassung ein
100
BOTERO (1608), 189: «Jedes Ding hat seine Zeit»; nach Kohelet, 3, 1. Zum Verzicht auf die
überholten Vorbilder der Alten cf. das Vorwort, bzw. p. 187f. Zur Hintanstellung der christlichen
Tugenden ib., 188: «Mà perche, dirà alcuno, hai le cose temporali alle spirituali antiposto? perche
questa opera non è fatta per le persone spirituali, che poco bisogno hanno di esser con sì fatte
inventioni à far bene eccitate: mà per le secolari, che, per haver il gusto delicato, e l’appetito
spesse volte spogliato, si debbono con cibi leggierei, e quasi fanciulleschi, alle vivande sode, e
sostantiose allettare.»
101
BOTERO (1608), 218f.; 224 (Chlodwig); 52; 300; 307f. (Louis IX); sonst noch 224 (Karl der
Grosse); 66 (Charles VII).
102
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.-Fehler! Textmarke nicht definiert..
283
weiteres Thema, das eher auf theoretischer Ebene diskutiert wird und
auf jeden Fall kaum viel Raum lässt für Rückgriffe auf die französische
Vergangenheit. Ohnehin steht die ganze rhetorisch-literarische Ausbildung noch so selbstverständlich in humanistischer Tradition, dass
antike Exempla überwiegen – auch bei den Autoren, die «Tacitisten»
genannt werden. Und schliesslich liefern die reich dokumentierten
Geschehnisse der Zeitgeschichte nach 1494 in Italien, aber gerade auch
in Frankreich, viel Material zur politischen Auslegung, das in der
vorliegenden Arbeit nicht zur Sprache kommt. Angesichts dieses
Reichtums an methodischen und inhaltlichen Ansätzen ist es um so
erstaunlicher, dass nicht nur ein einzelner Autor wie Commynes bei
zahlreichen italienischen Autoren um 1600 zu grossen Ehren kommt,
sondern dass auch sonst immer wieder das französische Mittelalter
Orientierungshilfen liefert und sogar ein eigentlicher Chronist,
Froissart, zum Ausgangspunkt der Überlegungen gewählt werden kann.
a. Ciro Spontone und Froissart
Der Bologneser Ciro Spontone gibt nach wechselvollen Jahren als
Sekretär verschiedener Fürsten 1599 seinen Governo di stato heraus,
nicht einem bestimmten Herrscher gewidmet, sondern gleich allen
«potentissimi principi», mit der Aufforderung, ein jeder solle daraus
entnehmen, was ihm nütze. Dem Werk vorangestellt sind eine tabellarische systematische Übersicht über die verschiedenen Aspekte der
Herrschaftskunde, ein detailliertes Inhaltsverzeichnis, ein Personenund ein Sachindex sowie eine Liste von 26 verwendeten Autoren, von
Aristoteles und Platon abgesehen alles – meist antike – Historiker.
Unter den acht neuzeitlichen finden sich der Abt Trithemius, Girard du
Haillan und «Frossardo Francese». Der Aufbau des Buches ist also
recht systematisch: Spontone definiert – gegen Machiavelli – das
Wesen der Herrschaft, untersucht anhand geschichtlicher Beispiele die
verschiedenen Möglichkeiten «del nascimento, dell’accrescimento &
dell’eversioni de gli stati», 103 die Aufgaben verschiedener Staatsdiener,
den Umgang mit den Untertanen, Krieg und Frieden.
Interessant sind Spontones Ausführungen zum historischen Wandel
von Staaten. Ähnlich Bozio versucht er diesbezüglich Gesetzmässigkeiten zu fassen, wählt aber als Analogie den Menschen: Frankreich
103
SPONTONE (1599), 31: «des Entstehens, des Wachsens und des Untergangs von Staaten».
284
erlebt das Kindesalter unter den heidnischen Königen, die Pubertät mit
den entsprechenden Schwierigkeiten (die merowingischen Teilungen
und Schandtaten!) ab Chlodwig, die reife Jugend ab Pippin und die
Mannesjahre seit Hugues Capet. Frankreich, und jeweils auch jede neue
Dynastie, ist ein Produkt der «virtù», die Überlebtes besiegt und
«prosperità» schafft, welche den Staat erhält – darin besteht die
«felicità» des Landes, bedingt durch den Dienst an der Kirche, auch bei
Spontone die Hauptbedingung für erfolgreiches Herrschen. Dank dieser
Tugend rettet sich das Land auch in Zeiten grösster Bedrohung, so bei
Gefangenschaft und Tod von Saint-Louis, zu Zeiten der Jeanne d’Arc
und zuletzt unter Henri IV. 104 Doch Spontone erwähnt auch die «base
triangolare», das institutionelle Fundament, auf dem Frankreich ruht:
das salische Gesetz, die Generalstände und die Unveräusserlichkeit des
Territoriums. Sie hat Edward III nicht berücksichtigt, als er meinte, die
Thronfolge und – nach dem Frieden von Brétigny – einen grossen Teil
des Landes beanspruchen zu können. Der Staat Frankreich ist also nicht
an die Person des Herrschers gebunden; er kann, wie Jean II oder
François Ier, auch im Ausland gefangen sein, ohne dass deshalb die
Einheit des Landes gefährdet würde. So ist die Schlussfolgerung der
immer wieder aufgenommenen Erörterung von Froissarts Chronik
(zugleich auch der Abschluss des Buches in Form eines Kommentars
des in extenso vom französischen Chronisten übernommenen
Friedensvertrags von Brétigny), dass der englische König nur die Wahl
hatte zwischen einer grossherzigen Versöhnung der beiden Länder oder
einer konsequenten Eroberung Frankreichs, worauf er seinen Sohn zum
König hätte krönen müssen. 105 Gerade weil Frankreich als gegebene
Grösse gezeichnet wird, ja in Froissarts Bild als wachsendes
Individuum, dient es ausgezeichnet dazu, die Bedingungen zu
diskutieren, unter denen es seinen Herrscher wechseln könnte. Dabei
wird nicht nur gezeigt, inwiefern die Engländer trotz ihrer Siege unklug
vorgegangen sind (falscher Ehrgeiz, Landesabwesenheit des Regenten,
Plünderungen und zu hohe Abgaben der neuen Untertanen) und wie
Charles V, «che meritamente acquistossi nome di saggio», mit
geschicktem Taktieren schliesslich die Oberhand gewinnt, 106 sondern
wie es ihrerseits den Karolingern und Kapetingern gelang, die herr104
SPONTONE (1599), 15; 33-36; das Bild des alternden Menschen auch bei ID. (1600),
fol. 333f.
105
SPONTONE (1599), 384f.; cf. p. 54.
106
Der Hundertjährige Krieg ist behandelt von SPONTONE (1599), 52; 56f.; 124-129; 347-351;
357-359; 372-387.
285
schende Dynastie zu stürzen. Pippins Krönung ist endgültig nicht mehr
als Problem der päpstlichen Gewalt verstanden, sondern als die
schrittweise Entmachtung der Merowinger, historisch exakt und
ausführlich von Pippin dem Mittleren an nachgezeichnet; Religion und
Papst sind noch notwendig, um den Loyalitätskonflikt der Untertanen
zu lösen, aber bis auf diesen Schlusspunkt eines klug geführten Prozesses haben die Karolinger selbst mit raffinierter Machtpolitik alle
Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die unfähigen Vorgänger
abgelöst werden. Bei Hugues Capet kommt zur «arte» und reichlichen
Bestechungen auch handfeste Gewalt hinzu, und danach grosses
Geschick bei der Festigung der Macht, indem er seine – karolingischen – Gegner ausschaltet, die Herzogswürde abschafft, die ihm
selbst als Sprungbrett zur Macht gedient hat, und nicht mit unnötigen
Machtdemonstrationen die Untertanen vor den Kopf stösst. 107
Mit solchen Beschreibungen will Spontone allerdings nicht nur
zeigen, wie man ein Reich erwerben und behalten kann, sondern auch,
oder noch mehr, wie man sich – als etablierter Herrscher – gegen
mögliche Kontrahenten wehren kann, da einem jetzt deren Schliche
bekannt sind. Die Schilderungen der Gefahren für den Machterhalt
nehmen viel Platz ein, wobei Spontone zur Exemplifizierung wie auch
sonst für die französische Geschichte vor oder nach Froissart auf Girard
du Haillan zurückgreift. 108 Nach dem Index des Governo di Stato hat
Spontone 74 historische Personen aus Frankreich eingeführt, dagegen
nur 22 aus dem antiken Rom oder sieben aus Spanien. Auch in einem
weiteren, ungedruckt gebliebenen Fürstenspiegel mit dem
bezeichnenden Untertitel Raggionamenti Politici. Raccolta delle
Attioni de i Primi Re di Francia & Inghilterra alli ultimi de’ suoi
tempi … überwiegen die französischen Akteure bei weitem. 109
Spontone hat in den achtziger Jahren als Sekretär des Duc de Nemours
gedient und versteht sich offenbar als Vermittler der volkssprachlichen
Historiker und der Erfahrungen Frankreichs. 110 Wie Bozio und Botero
ist er geradezu fasziniert vom historisch gewachsenen Gebilde Frank107
SPONTONE (1599), 89-95.
Cf. auch SPONTONE (1599), 87f.; 150f. sowie unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.
zu Fredegunde.
109
SPONTONE (1600), auf der BNP MS Ital. 1457: «Politische Überlegungen. Sammlung von
Taten der Könige von Frankreich und England von den ersten bis zu den letzten in seiner Zeit».
Von den insgesamt 220 «Principi, che nella presente opera nominati sono», stammen 71 aus
Frankreich! Das Werk weist zahlreiche inhaltliche Parallelen zum Governo di Stato auf.
110
Cf. SPONTONE (1603), 52f.: «… dirò de’ Francesi, & de gl’Inglesi, non credendo, che per
non haver voi peravventura cognitione dell’idioma Francese, queste non habbiate veduto».
108
286
reich, das soeben seine schwerste Krise durchgemacht hat. Gerade die
Tatsache, dass die Monarchie aus ihr gestärkt hervorgegangen ist,
empfiehlt die Beschäftigung mit früheren französischen Krisenzeiten,
um den Adepten des Absolutismus unter den italienischen Duodezfürsten die notwendigen Lehren aus der Geschichte beizubringen.
Nach Spontone, mit zunehmender Distanz zu den Konfessionskriegen, nimmt das Interesse der Staatsraison-Autoren für die
geschichtlichen Bedingungen der ihnen bekannten französischen
Fakten rasch ab. Kaum denkbar ist bald schon ein Satz wie Spontones
«Si possono cavare trè considerationi da questo discorso historico», der
sich an das auf vier Seiten sorgfältig nacherzählte, stark divergierende
Handeln von Edward III und Charles V anschliesst. 111 Die französische
Vergangenheit liefert weiterhin Anschauungsmaterial für die Diskussionen und Lehren der Staatsraison, aber diese Exempla sind kaum
mehr in ihrer geschichtlichen Dimension erörtert; sie illustrieren
Verhaltensweisen eines Fürsten, aber tragen nichts zur Analyse oder
Deutung Frankreichs bei. Das beweist gerade das alles andere als
marginale Interesse an Commynes und Louis XI – es gilt einem weisen
Lehrer und einem Praktiker der Macht, beide zeitlos und letztlich sogar
vaterlandlos.
b. Die Commynes-Renaissance
Philippe de Commynes hat die ersten sechs Bücher seiner Memoiren,
welche die Herrschaft von Louis XI behandeln, zwischen 1489 und
1491 verfasst, die restlichen drei über Charles VIII zwischen 1495 und
1498. Die Editio princeps des ersten Teils stammt von 1524, und
weitere Auflagen mit beiden Teilen folgen rasch. 1545 erscheint die
lateinische Übertragung des ersten Teils durch den deutschen Protestanten Johannes Sleidan, die bis 1599 weitere neun Auflagen erleben
wird. Auch in Italien wird Commynes häufig in dieser Version rezipiert; selbst nach der Übertragung der ganzen Mémoires ins Italienische
werden sie von manchen Autoren noch auf Lateinisch zitiert – sogar
wenn der übrige Text in der Volkssprache verfasst ist. 112
111
SPONTONE (1599), 129: «Ausgehend von dieser historischen Ausführung lassen sich drei
Überlegungen anstellen.»
112
TASSONI (1612), 655 (7, 11); 678 (7, 12); 702 (8, 16). FREZZA (1617), «A i lettori», erwähnt
die lateinische Ausgabe von Hannover 1606. Cf. auch die unten p. 292 zitierte Polemik von
287
Die Commynes-Rezeption in Frankreich und in Europa ist stark und
anhaltend, gerade auch unter Fürsten. In den sechziger Jahren beginnen
die politischen Publizisten der französischen konfessionellen Parteien,
Commynes für ihre Zwecke zu studieren. Vor den aktuellen Konflikten
mit Charles IX und Henri III gilt ihr Hauptaugenmerk dem Ringen von
Louis XI mit den Generalständen, der Herausbildung absolutistischer
oder – in der Sprache der hugenottischen wie liguistischen Kritiker –
tyrannischer Herrschaftselemente; darauf wird später zurückzukommen
sein. 113
Wie bereits gezeigt, wirken die französischen staatstheoretischen
Debatten ebenso nach Italien zurück wie die politischen Entwicklungen. Wenn Commynes dadurch in den Mittelpunkt der Debatten
gerät, so handelt es sich allerdings weniger um eine Entdeckung denn
um eine «Renaissance» des Memorialisten in Italien. 114 Tatsächlich ist
er dort seit seinen Gesandtschaften im Vorfeld des Italienzuges von
1494 ein Begriff und wird etwa von Guicciardini aus diesem Anlass
erwähnt, aber auch als Quelle zur Beschreibung der Schlacht bei
Fornovo beigezogen. Auch Paolo Giovio benutzt Commynes als
Hauptinformanten für die Zeit der Könige Louis XI und Charles VIII,
nachdem er 1537 von Kardinal Trivulzio ein Exemplar der Mémoires
erhalten hat. 115 Giovio ist es auch, der den französischen Botschaftssekretär Nicolas Raince dazu auffordert, die ersten sechs Bücher der
Memoiren anhand der frühesten französischen Ausgabe von 1524 ins
Italienische zu übertragen. Das Buch erscheint 1544, noch vor Sleidans
Übersetzung, beim erwähnten, auch sonst an Publikationen über Frankreich interessierten Tramezzino in Venedig; wahrscheinlich handelt es
sich um die schlechthin erste gedruckte italienische Übersetzung eines
auf Französisch verfassten Buches. Die «Historia famosa di Monsignor
di Argentone» wird 1559 noch einmal aufgelegt – «Opera degna da
essere letta da ogni gran Principe» und von grossem Nutzen in den
«cose civili». Giovio selbst lobt die Chronik als «bella, soda, giusta e
VANNOZZI (1609), 33, gegen Sleidans Übersetzung, die sich offenbar an der verbreiteten
Benutzung dieser Ausgabe entzündet.
113
Cf. unten p. Fehler! Textmarke nicht definiert.f.; zum Nachleben von Commynes
allgemein BAUMANN (1981), 143-205, sowie CHARLIERS (1945), 116-126.
114
Die «prima fortuna» von Commynes in Italien behandelt SIMONE (1963), wobei er sich
weitgehend auf Giovio und die erste Übertragung durch Raince beschränkt. Umfassender ist der
Titel einer ungedruckten «tesi di laurea» seiner Schülerin Caterina Mollura, die SIMONE (1963),
109, erwähnt: «I Mémoires» di Commynes e la loro fortuna italiana nei secoli XVI e XVII. Es war
mir leider nicht möglich, die in Turin liegende Arbeit einzusehen.
115
GIOVIO (1552), I, 24, sagt von Commynes: «qui historiam Gallica lingua scite conscripsit»;
cf. ib., 22; 65.
288
grave» – also anhand stilistischer Kriterien, als ein Werk, das humanistischen Ansprüchen genügt. Trotz des Hinweises von Raince auf
«cose civili» ist also das Interesse an Commynes noch vor allem historisch, und auch sonst wird der Franzose gleichsam als Vorläufer
Giovios gesehen, dessen Sui temporis historia im Jahr 1494 einsetzt. 116
Lodovico Domenichi, der – wie gezeigt – in seinen Spruchsammlungen
über Corrozet auf Commynes zurückgreift, spricht in seiner Übertragung Giovios von 1551 bezeichnende Lobesworte:
E riputato questo historico francese molto veridico, & diligente
scrittore, della qual lode hanno participato poco gli altri scrittori di
quella natione. 117
Commynes gilt also wegen seiner Wahrheitsliebe als sehr zuverlässiger Geschichtsschreiber, womit er eine bemerkenswerte Ausnahme
darstelle unter seinen Landsleuten, die sonst kaum viel taugten.
Entsprechend sind es vorerst die Historiker, die ihn hin und wieder
heranziehen. 118
Gegen Ende des Jahrhunderts erwacht schlagartig ein neues, anders
geartetes Interesse für Commynes: Für Possevino ist er «cum antiquis
melioribus comparandus», und der belesene Hofmann Tassoni führt
den Franzosen mit Guicciardini und Giovio in der ersten Kategorie der
Historiker, die beweisen, dass die Moderne der Antike ebenbürtig ist;
selbst wenn man die zweite Kategorie hinzunimmt, bleibt Commynes
zeitlich der früheste von allen und der einzige Ausländer. 119 Diese neue
Wertschätzung hat seinen Ursprung in der Auseinandersetzung mit den
Werken Bodins und der 1589 erschienenen Politica des Justus Lipsius.
Bodin ist zugleich der erste Autor, der in der zweiten Jahrhunderthälfte
Tacitus für die politische Theorie wiederentdeckt, und Lipsius,
«sospitator Taciti», gibt ab 1574 die Werke des Römers in mustergül116
COMMYNES (1559), A’ Lettori: «die berühmte Geschichte des Monseigneur d’Argenton»,
«ein Werk, das es wert ist, von jedem grossen Fürsten gelesen zu werden». Zu Giovio und Raince
auch SIMONE (1963), 114-117. Die präzise Einleitung von Raince erläutert die historischen
Hintergründe der Konflikte Frankreichs mit England und Burgund, und in letzterem ist auch die
Wurzel der italienischen Kriege gesehen – der säkulare Gegensatz führt hier in einer Linie von
Louis XI zu François Ier und Henri II, dort von Charles le Téméraire zu seinem Urenkel Karl V.
117
Domenichi im Vorwort seiner Übersetzung der Istorie, nach SIMONE (1963), 116: «Man
sieht diesen französischen Historiker als einen sehr wahrheitsgetreuen und sorgfältigen Schriftsteller an, ein Lob, dessen die anderen Autoren derselben Nation kaum teilhaft geworden sind.»
118
So beruft sich etwa PIGNA (1570), 746, auf Commynes.
119
POSSEVINO (1597), 131v/132; TASSONI (1612), 868 (10, 13). In die zweite «schiera» zählt
Tassoni «il Mafei Gesuita, Sigonio, Bembo, il Macchiavelli, e’l Borghini». Auch VANNOZZI (1609), 111, stellt Commynes den Antiken gleich.
289
tigen Editionen heraus 120 – mit ihnen verlagert sich das Interesse der
späthumanistischen Gelehrten von den rhetorischen Qualitäten eines
Cicero oder Livius auf die praktische politische Erfahrung kommentierender Historiker wie Tacitus, dem aber Bodin auch Guicciardini und
Philippe de Commynes an die Seite stellt. Lipsius seinerseits hat am
Florentiner einiges auszusetzen («inter nostros, summus est Historicus:
inter veteres, mediocris») und sieht daher Commynes unbestritten als
besten Autor der Neuzeit an («ut nihil verear componere eum cum
quovis antiquorum»). 121 Für die von Bodin und Lipsius empfohlenen
Autoren erschöpft sich die Geschichte nicht in formvollendeter Nacherzählung der Vergangenheit, sondern sie suchen nach Ursachen und
wollen die «arcana imperii» erklären; sie lehren die politische Praxis,
oder mit den neustoischen Worten des Lipsius: die «prudentia». In
Italien ist es, wie bereits erwähnt, Giovanni Botero, der die Anregungen von Bodin und Lipsius aufnimmt und der Problematik mit
Della ragione di stato auch gleich einen Namen gibt. 122
Diese Zusammenhänge zeigen sich in der vollständigen Neuübersetzung der Mémoires durch Lorenzo Conti, denen der Herausgeber
Bordoni die lobenden Worte von Lipsius über Commynes voranstellt. 123 Conti hat unter anderem in Frankreich die Rechte studiert und
1583 als Gesandter in der Provence vom dortigen Gouverneur die Six
livres de la République erhalten, die er mit Begeisterung liest und 1588
in italienischer Übersetzung herausgibt. In seinem Vorwort zu den
Memorie beschreibt Conti, wie er darauf im Kreis um den Genueser
Kardinal Angelo Giustiniani zu seiner Übersetzung von Commynes
angeregt worden ist, wo der Memorialist ebenso geschätzt werde wie
Tacitus. Dem Genuss des Franzosen nicht förderlich sei jedoch die
sprachlich unzulängliche Übersetzung durch Nicolas Raince, vor allem
120
Cf. zum Tacitismus zuletzt SCHELLHASE (1976), hier 15, 109-119 (Bodin), 136-140
(Lipsius); zur Forschung ib., ix-xii.
121
LIPSIUS (1589), 22-24: «… unter den unseren ist er [sc. Guicciardini] ein ausgezeichneter
Historiker; im Vergleich zu den Alten ein mittelmässiger»; «… so dass ich mich nicht scheue, ihn
mit jedem beliebigen der Alten zu vergleichen»; als weitere Moderne erwähnt Lipsius nur noch
den ebenfalls geschätzten Emilio (cf. oben p. 209), den parteiischen Giovio und den als Historiker
wertlosen Bembo. Ähnlich BODIN (1566), 56f.; cf. SCHELLHASE (1976), 114.
122
Die Bezeichnung selbst ist älter, aber erst Botero führt sie im modernen Sinn ein, cf.
SCHELLHASE (1976), 124; ib., 123-128, zu Botero.
123
COMMYNES, trad. Conti (1594), Ai lettori, nach LIPSIUS (1589), 22 (ad I, 9): «… Comines
così laudabilmente, che io non dubiterei niente, paragonarlo à qualsivoglia de gli antichi. Egli è
incredibile, quanto egli veda ogni cosa, & penetri: come scuopra i segreti de’ consigli, & come poi
ci ammaestri con salutiferi, & rari precetti … il nostro Prencipe legga costui, & siagli il Comines
un’ottimo compendio.» So wörtlich abgeschrieben auch bei VANNOZZI (1613), 111; auf Lateinisch
bei POSSEVINO (1597), 132.
290
aber das Fehlen der Bücher über Charles VIII. Allerdings gilt auch im
Genueser Zirkel das Hauptinteresse Louis XI, der in ähnlichen Gefahren eine glücklichere Hand bewiesen habe als die zeitgenössischen
Könige von Frankreich. 124
Wie brennend aktuell Commynes’ Werk empfunden wird, zeigt der
bedauernswerte Fall des ansonsten unbekannten Florentiners Alberto
Luchi: Seine vollständige italienische Übersetzung der Mémoires liegt
handschriftlich in der Biblioteca Nazionale Centrale in Florenz. Wie er
in der Widmung an Grossherzog Ferdinando schreibt, hat Luchi auf
dessen ausdrücklichen Wunsch, ja mit seiner Hilfe die unzulänglichen
Übertragungen von Raince und Sleidan ersetzen wollen. Ferdinando ist
offenbar ungeduldig, denn Luchi schickt ihm «prima una copia in
penna, per non volere aspettare che si stampi». 125 Die Widmung ist auf
den 1. Februar 1594 datiert – Luchis Werk wird nie gedruckt werden,
da im selben Jahr Contis Übersetzung erscheint.
Anders als zu den Zeiten von Giovio und Raince ist es jetzt nicht
mehr in erster Linie der Historiker, der so stark interessiert. Welches
die neuen Erwartungen der Leser sind, zeigen vor allem die Neuauflagen von Contis Übertragung in den Jahren 1610, 1612 und 1640. Bei
Raince und in Contis erster Ausgabe haben die Register sich auf die
historischen Begebenheiten beschränkt; ab der Ausgabe von 1612 wird
ausserdem auch auf sentenziöse Weisheiten wie «Discordie paiono
necessarie nel mondo» verwiesen, oder es stehen im Anschluss an die
Grundregel «Abboccamente de’ Prencipi è dannoso» die verschiedenen
königlichen Unterredungen aufgelistet, die bei Commynes vorkommen.
Der Drucker der Mailänder Ausgabe von 1610, Girolamo Bordoni,
meint ausdrücklich, reine Geschichtsschilderung ohne das kommentierende Urteil des Verfassers sei dem Geschwätz einer Greisin gleich;
gerade die Exkurse von Commynes seien lehrreich, indem sie zu den
Ereignissen auch die Ursachen, die Pläne, die Ziele und die Folgen
angeben und daraus Sentenzen, Ratschläge und Warnungen ableiten.
Daher betrachtet Bordoni den Memorialisten als gleichwertige Ergänzung zum ebenfalls von ihm herausgegebenen Tesoro politico, einem
Lehrbuch politischer Verhaltensregeln. Mit unbestechlichem und
reifem Verstand gebe Commynes Anweisungen für alle Lebenslagen,
zeige die «ragione … con la quale si apprende come conservar qualun124
COMMYNES, trad. Conti (1594), Widmung an Ambrogio Spinola.
COMMYNES, trad. Luchi (1594), fol. 3v (moderne Paginierung): «… zuerst ein Manuskript,
um nicht abwarten zu müssen, dass es gedruckt wird».
125
291
que Dominio», lehre Fürsten und Untertanen, wie sie sich gegeneinander verhalten sollen – und führe schliesslich jede weltliche
Begebenheit auf Gottes Gerechtigkeit zurück, womit er nicht nur als
«politico» die «prudenza» verdeutliche, sondern auch als «cattolico»
die «eterna providenza». 126 Noch deutlicher wird die letzte italienische
Auflage von 1640:
… con gravi, & spesse sentenze, argute risposte, prudentissimi
consegli, & utilissime digressioni, ammaestra ciascuno bramoso della
vera vita Politica, & specialmente capitani, & Prencipi. 127
In die «vera vita politica» wird man also durch Commynes nicht nur
eingeführt, sondern geradezu eingeweiht – seine Memoiren dienen als
Handbuch der angewandten Politologie. Er selbst habe, ohne richtig
Lateinisch zu können, dem König mehr genützt als die Gebildeten
Frankreichs, da er auch so «atto al governo» gewesen sei. 128 Botero hat
bereits verkündet, dass nur ein Fürst oder einer seiner Vertrauten
Geschichte schreiben könne, «perche altri non può sapere pienamente,
e le cagioni, & i successi dell’imprese, e le circonstanze loro». 129
Gerade diese Authentizität eignet in italienischen Augen dem Memorialisten, der sie zudem mit dem Willen zur Wahrheit und einem reifen
Urteil zu verbinden weiss. Ein Hofmann ist als Augenzeuge der herrschaftlichen Praxis an sich der privilegierte Beobachter und denjenigen
Historikern weit vorzuziehen, die nur aus zweiter Hand berichten. 130
Allerdings läuft er wegen seiner politischen Verpflichtungen Gefahr,
parteiischen Bericht zu erstatten. Die das nicht tun, sind selten, meint
Bonifacio Vannozzi, und erwähnt als Beispiele die bekanntesten
antiken Autoren einschliesslich Tacitus. Doch Commynes übertreffe sie
alle: Er schreibe gut und halte sich gleichwohl an die Wahrheit,
verschone mit seinem freien Urteil selbst König und Fürsten nicht,
126
COMMYNES (1610), Ai lettori; Widmung an Ferdinando Riario: «… das Vorgehen, … mit
dem man jede beliebige Herrschaft zu bewahren lernt».
127
COMMYNES (1640): «… mit gewichtigen und bedeutenden Sentenzen, scharfsinnigen
Antworten, sehr klugen Ratschlägen und sehr nützlichen Exkursen lehrt er jeden, der begierig ist
nach der wahrhaft politischen Lebensführung, und besonders militärische Führer und Fürsten.»; cf.
COMMYNES (1612): «Dove, oltre l’eccellenza dell’Istoria, si comprendono diversissime sentenze
politiche, appartenenti ad ogni particolar trattamento Civile, ò Morale.»
128
CANONHIERO (1614), 279; cf. auch das Lob von UBALDINO (1595), 68, für seinen geschickten Umgang mit anderen Staatsmännern.
129
BOTERO (1589), 128: «… denn kein anderer kann die Gründe, den Ausgang und die
Umstände der Unternehmungen vollständig erfassen».
130
CAVRIANA (1600), 38: «… percioche e’ si trovava continuamente in persona appresso al Re
con la verità nella penna, e ne suoi scritti pieno di matura prudenza.»
292
durchschaue mit unglaublichem Scharfsinn die Kabinettsgeheimnisse
und belehre den Leser mit heilsamen Anweisungen – und sei schliesslich «pio & religioso». Um so stärker sei die Übersetzung des Protestanten Sleidan zu tadeln, der alle Aussagen dieses Schriftstellers, «così
buono, & Cattolico», zu Kult und Religion ausgelassen oder verfälscht
habe. Daher sollte jedermann diesen «benedetto autore» im Original
lesen. 131
Pieno di dottrina, pieno di precetti politici, ma Christiani, & in somma
tale, che insegna il bene, & condanna il male. Questo sia il nostro
Cornelio Tacito, & di questo affettionamoci. 132
Kein anderer politischer Theoretiker unterstreicht in diesem Mass die
Katholizität von Commynes, die seinen scharfsinnigen Analysen und
Anweisungen den letzten Schliff gibt und ihn sogar an die Stelle des
sonst die politischen Erörterungen leitenden Tacitus treten lässt. Dieser
ist mit seinem Zynismus in die Kategorie der «marci politici» verbannt,
zusammen mit den bereits von Possevino angegriffenen La Noue,
Bodin und dem Schlimmsten von allen, Machiavelli.
Vannozzis Suppellettile degli avvertimenti politici, morali et
christiani, Werkzeuge einer christlichen Politik, gedruckt ab 1609,
haben ihre Anfänge offenbar in den achtziger Jahren des vorangehenden Jahrhunderts, als der Verfasser als Kardinalssekretär an der
Kurie wirkt. Gefördert hat ihn Innozenz IX., der auch die Arbeiten
Baronios und Bozios angeregt hat; letzterer gehört ebenfalls zu
Vannozzis Gesprächspartnern, und wie dieser widmet Vannozzi ein
Buch dem Kardinal Benedetto Giustiniani. 133 Es handelt sich also um
eine besonders rigide Gruppierung innerhalb der Antimachiavellisten,
denen auch der Tacitismus katholischer Prägung suspekt bleibt; allein
auf Commynes ist Verlass. Er wie seine Protagonisten sind von unbestrittener Katholizität, unberührt von antikem Heidentum wie modernem Protestantismus, was ihrer Beispielhaftigkeit nur förderlich sein
kann. Commynes ist aber auch anderen gottesfürchtigen Autoren des
Mittelalters (etwa Spontones Froissart) vorzuziehen, da er den geschilderten historischen Ablauf ausführlich kommentiert und erst noch nach
131
VANNOZZI (1609), 33f.; cf. auch ib., 111, die oben (Anm. 123) zitierte Stelle aus Lipsius,
welche Vannozzi von Conti abschreibt.
132
VANNOZZI (1609), 34: «Voller Gelehrsamkeit, voller politischer Verhaltensanweisungen,
die aber christlich sind; kurz gesagt so, dass er das Gute lehrt und das Schlechte verurteilt. Dieser
soll unser Cornelius Tacitus sein, diesem wollen wir anhängen.»
133
VANNOZZI (1609), Widmung, zählt seine Kontakte selbst auf.
293
dem Kriterium der Staatsraison-Literatur beurteilt: Ist eine Handlung
gottgefällig? Und ist sie politisch sinnvoll und erfolgversprechend?
Sein Werk liefert die historischen Anweisungen im problematischen
Alltag eines Fürsten, der seine Macht zu erhalten sucht, ohne dass ihm
dabei religiöse Skrupel fremd sind. So wird Commynes, von Tacitus
abgesehen und neben Guicciardini, der meistzitierte Historiker der
Staatsraison-Literatur; und die Exempla von Louis XI und Charles le
Téméraire beanspruchen bei den Autoren, die häufig auf die französische Geschichte zurückgreifen, zwischen einem Drittel und der guten
Hälfte aller Beispiele aus Frankreich vor Charles VIII. 134
Mit diesem Gewinn an Autorität geht indessen ein gewisser Verlust
an Historizität einher: Für manche ist Commynes weniger ein Zeitgenosse von Louis XI und Charles VIII als ein Verkünder grundsätzlicher Wahrheiten der politischen Praxis. Formal kann das zu einem
weitgehenden Wegfallen historisch situierter Exempla führen, zu einer
Beschränkung auf die Maximen in den Mémoires, gleichsam auf eine
Extraktion der «Lehre» aus der historischen Darstellung. So finden sich
etwa bei Vannozzi wider Erwarten wenige Beispiele aus Commynes
(und ebensowenig aus anderen Historikern) – die von der Geschichte
ausgegangenen Anregungen sind theoretisiert worden und werden nun
in einem zeitlosen Rahmen diskutiert. Auch Lodovico Sèttala gibt seine
«Precetti politici della prudenza regia», ohne den Zusammenhang zu
schildern, in dem sie Commynes entwickelt hat. 135 Noch ausgeprägter
ist das bei Girolamo Frachetta der Fall – seine Seminari di Governi e
Stati sind eine ständig wachsende, gigantische Sammlung von
insgesamt 7980 «Masssime e Regole» aus siebzehn antiken Historikern
und Philosophen sowie Thomas von Aquin, Guicciardini, Du Bellay
und Commynes. Am häufigsten vertreten ist Tacitus mit 1312 vor
Livius mit 781 und Guicciardini mit 644 Sentenzen; Commynes steht
in dieser illustren Gesellschaft hinter Dio Cassius und Plutarch an
sechster Stelle. Von seinen 511 Zitaten stammen 420 aus den Büchern
über Louis XI, die übrigen aus denen über Charles VIII. Doch eine
konkrete historische Situation findet sich bei Frachetta nie beschrieben,
die Regeln sprechen für sich. 136
134
Etwa ein Drittel bei CASTIGLIONE (1628) und ZINANO (1626); ungefähr die Hälfte bei BOCCALINI (1610), CARACCIOLO (1634), CHIARAMONTI (1635), PAGLIARI (1611), TASSONI (1612),
VANNOZZI (1613).
135
SÈTTALA (1627), 71; ähnlich TASSONI (1612), 748 (8, 38).
FRACHETTA (1613); im Vorspann findet sich die genaue Auflistung, woher wie viele
Sentenzen stammen.
136
294
So weit wie Frachetta gehen indessen wenige Autoren; vielmehr
wiederholen sie die immer wieder gleichen Anekdoten aus den Memoiren, manchmal als Ausgangspunkt einer Überlegung, häufig auch zur
Exemplifizierung. Commynes hat die verschiedensten Anekdoten auf
Lager: ein herzoglicher Gesandter mit allen Vollmachten, der
landesunkundige König von Portugal oder der Duc de Guyenne, der in
seiner Heiratspolitik alles falsch macht. 137 Aber deutlich herrschen die
Beispiele vor, in denen Charles le Téméraire und vor allem Louis XI
die Protagonisten sind. Der französische König, auf den in der entsprechenden Detailuntersuchung genauer eingegangen ist, 138 wird zu einer
dominanten Figur der italienischen Staatsraisonliteratur. Die
Commynes-Rezeption geht diesbezüglich andere Wege als in Frankreich, wo institutionelle Fragen wie die Rolle der Generalstände im
Zentrum der Streitschriften gestanden haben. In Italien dreht sich
jedoch alles um politische Moral und Utilität. Was ist für einen Fürsten
zulässig, was nützlich, wenn es gilt, seine Herrschaft zu bewahren?
Commynes liefert in Louis XI den Modellfall eines katholischen
Einzelherrschers, der sich im politischen Dikicht zurechtfindet, wo
Moral und Erfolg so schwer aufeinander abgestimmt werden können;
weniger grausam, zynisch und gottlos als Machiavellis Cesare Borgia
und dazu noch ungleich erfolgreicher, aber ebensoweit entfernt von den
frommen und unrealistischen Idealfiguren mittelalterlicher und
humanistischer Fürstenspiegel.
Doch gerade indem Louis XI zum Bannerträger eines gemässigten
Machiavellismus oder eher des religiös unverfänglichen Tacitismus
wird, verliert er letztlich ebenfalls seine historische Gebundenheit. Die
Staatsraison-Autoren lesen nicht mehr Commynes, sie durchwühlen
ihre Vorgänger und schreiben ihren Louis XI dort ab; so wird er auf
einige wenige Charakteristika und Anekdoten reduziert, die sich auch
weitgehend von der französischen Situation abstrahieren lassen.
Umgekehrt ist der Valois aber auch ein fester Wert im politischen
Horizont der Italiener – er ist der König von Frankreich par excellence.
Louis XI werden Aussagen zugeschrieben, die zu diesem Bild passen,
aber bei Commynes oder anderen Autoren nirgends belegt sind; Anekdoten, die früher korrekt von Saint-Louis oder Louis XII erzählt
wurden, finden sich nunmehr in seinem Palmarès. Dieser unten genauer
137
GENTILE (1585), 128; PAGLIARI (1611), 51; 53; ZINANO (1626), 97f.; CARACCIOLO (1634),
551, zu Edward IV.
138
Cf. unten pp. Fehler! Textmarke nicht definiert.-Fehler! Textmarke nicht definiert.,
insbes. p. Fehler! Textmarke nicht definiert.ff.
295
beschriebene Prozess, dass gewisse Sentenzen oder Handlungen nur
noch mit Louis XI in Verbindung gebracht werden können, ist einer
historischen Lokalisierung seiner Person auch abträglich: Nicht ein
französischer Herrscher des 15. Jahrhunderts ist er, sondern ein beinahe
mythologisches Exemplum, ein katholischer Staatsgründer. In dieser
Ausgestaltung wird er wiederum nach Frankreich zurückexportiert, wo
im aufblühenden Absolutismus des 17. Jahrhunderts ein positives Bild
von Louis XI dominiert.
Was die französische Vergangenheit betrifft, so lässt die Faszination
für Louis XI den Italienern aber durchaus noch Platz für manche andere
Beispiele, die sie aus Emilio («accurato scrittore dell cose Francesi» in
den Worten Pagliari dal Boscos), 139 Gaguin, mittelalterlichen Autoren
oder den Exemplasammlungen des 16. Jahrhunderts entnehmen. Nach
dem Abflauen der Religionskriege und der Installation von Henri IV ist
die unmittelbare Betroffenheit durch die Entwicklungen in Frankreich
wohl gewichen. Dafür hat die Geschichte einen unbestrittenen Platz in
der politischen Traktatistik erlangt, ja der Sinn der Historie ergibt sich
erst eigentlich aus ihrem pragmatischem Nutzen. Früher häufig
postuliert, wird sie doch erst so zu einer «magistra vitae» oder
konkreter «artis politicae», indem sie kommentiert wird und selbst
exemplifiziert.
c. Die französische Vergangenheit zwischen Tacitus und Staatsraison
Die italienischen Traktatisten, welche im folgenden kurz behandelt
sind, haben – neben der sie charakterisierenden Abneigung gegen
Machiavelli und die allzu säkularen französischen Politiques um
Bodin – weitere auffallende Punkte gemeinsam. 140 Fast alle verfassen
sie Kommentare zu Tacitus (Ammirato, Boccalini, Pagliari dal Bosco,
Canonhiero, Muzio) oder Bücher, die bereits im Titel die Staatsraison
(ausser Botero auch Frachetta, Canonhiero, Zinano, Sèttala und
Chiaramonti), den Fürsten (Frachetta, Castiglione, Caracciolo) oder die
Monarchie, das «regno» (Albergati, Sammarco) thematisieren. Es
handelt sich also ausnahmslos um Autoren, welche sich an einen
Einzelherrscher richten, was sie selbst als zeitgemäss empfinden. 141
139
140
141
PAGLIARI (1611), 196.
Cf. zu ihren Biographien, wo nicht anders angegeben, BOZZA (1949), s.v.
Cf. DE MATTEI (1984), II, 19, über die Begründungen von Ammirato und Malvezzi.
296
Daher die Vorliebe für Tacitus, den Historiker des Prinzipats, daher
auch das Interesse an Frankreich, der ältesten Monarchie. In den
gleichzeitigen, durchaus virulenten politischen Debatten im republikanischen Venedig wird hingegen praktisch nie auf französische Begebenheiten zurückgegriffen. 142
Diese Theoretiker der Staatsraison sind in der Regel gut ausgebildete
Kleriker, die oft lange Jahre als Sekretäre bei Kardinälen dienen, wie
bereits Botero und in gewissem Sinne auch Bozio; so Girolamo
Frachetta, Bonifacio Vannozzi, Giorgio Pagliari dal Bosco und
Alessandro Tassoni. Fabio Albergati arbeitet häufig für die Päpste,
Traiano Boccalini wirkt ebenfalls an der Kurie, protegiert von einigen
hohen Prälaten, Pietro Andrea Canonhiero diskutiert mit Vannozzi über
Politik, und Pio Muzio schreibt seine Considerationi über Tacitus auf
Anregung des Kardinals Federico Borromeo. Manche Autoren arbeiten
auch für weltliche Herren: so Spontone, Frachetta am Lebensende in
Neapel, Gabriele Zinano ebenfalls in Süditalien, Valeriano Castiglione
in Savoyen und Lodovico Caracciolo in Piacenza. Privat- oder
Universitätsgelehrte sind Lodovico Sèttala in Mailand, Ottavio
Sammarco auf seinem Landgut in der Campagna sowie Scipione
Chiaramonti in Cesena. Ihre Tätigkeit besteht also zum überwiegenden
Teil aus Studium und Schreiben, sie üben selbst ausser Boccalini und
Spontone kaum politische Ämter aus, stehen aber – darin Commynes
nicht unähnlich – in einem Vertrauensverhältnis zu einflussreichen
Persönlichkeiten. Wie es zu ihrer Zeit kaum anders möglich ist, vertreten sie – mit der bekannten Ausnahme Boccalinis – eine spanienfreundliche Politik; direkte Kenntnisse Frankreichs, wie noch Botero,
Possevino und Spontone, besitzt sonst nur Frachetta, der unter anderem
ein als Manuskript erhaltenes Compendio delle cose di Francia dal
1568 al 1598 geschrieben hat. 143 Doch wie bereits erwähnt worden ist,
verzichtet gerade er auf konkrete historische Beispiele und beschränkt
sich auf die Sentenzen von Commynes.
142
Selbst Paolo Sarpi, der sich in seinem Kampf gegen den päpstlichen Suprematsanspruch
stark auf die gallikanischen Erfahrungen stützt und beispielsweise Gerson neu herausgibt, rekurriert nur selten auf die französische Vergangenheit (cf. etwa unten p. Fehler! Textmarke nicht
definiert., zu Philippe le Bel), dagegen häufig auf die Erfahrungen von Henri IV. Nur der 1610
verstorbene Patrizier P. M. CONTARINI (1602), 127; 196; 220; 231; 265, kommt im Kapitel
«Regimento e accrescimento di stato» auf nicht-republikanische Staaten zu sprechen, wobei er
Philippe II sowie Saint-Louis anführt und anhand französischer Beispiele zeigt, wie man
Usurpation und Revolten begegnet.
143
Cf. zur Biographie den weiterführenden Hinweis von BOZZA (1949), 81. Beim von
CHABOD (1967), 447-451, abgedruckten Brief Frachettas an Botero handelt es sich um eine
Fälschung, cf. BALDINI (1989).
297
Welches sind, von Louis XI abgesehen, die Themen, zu denen die
französische Geschichte beigezogen wird? Meistens handelt es sich um
Anweisungen an den Fürsten, was er tun und was er lassen soll. Gebildet und fromm wie Robert II hat er zu sein, unerbittlich gegen Ketzer
wie Louis IX, gehorsam gegenüber der Kirche wie gewisse Könige erst
nach ihrer Exkommunikation, auf Rechtspflege bedacht wie – oder
auch: nicht wie – Philippe le Bel, ebenso unduldsam gegen Schauspieler und Taugenichtse wie Philippe II und Saint-Louis, mässig
ungleich Fredegunde, lieber streng wie François Ier anstatt gütig wie
Charles le Simple. 144 Solche Beispiele liessen sich ebensogut in der
Geschichte anderer Länder finden, sie geben allerdings einen Eindruck,
welche Kenntnisse in Italien über die französische Vergangenheit
zirkulieren; die Fälle von Chlodwig, Fredegunde, Brunhilde, Louis IX,
Philippe IV und Jeanne d’Arc sind im nächsten Teil detailliert dargestellt. Schon eher als französische Eigenheit ist offenbar die Bereitschaft vieler Könige aufzufassen, Leute niederen Standes zu hohen
Ehren zu befördern. Dies wird in Italien abgelehnt, ja als gefährlich
verworfen, da damit die Vornehmen vor den Kopf gestossen würden. 145
Dieses italienische Urteil zeigt, wie das Gesellschaftsideal
aristokratisiert ist, weit entfernt vom einstigen Bürgerhumanismus; die
ja durchaus beschränkten sozialen Aufstiegschancen in Frankreich
werden für eine starr hierarchisierte Ordnung schon als Bedrohung
empfunden, ihre Ablehnung hingegen als legitim.
Die übrigen Probleme, die am Beispiel von Frankreich erörtert
werden, sind ebenfalls häufig bereits von Botero behandelt oder angedeutet worden: Die Stabilität der dortigen Monarchie trotz aller Krisen
ist dem salischen Gesetz zu verdanken, 146 aber auch ihrem sakralen
Gehalt, etwa in der Funktion von Saint-Louis als Schutzheiligen. 147 Nur
Carraciolo geht, im Jahre 1634, auch auf die institutionelle
Entwicklung des Staates ein, indem er die ursprünglichen Kompetenzen
der Generalstände, Pairs und Parlamente beschreibt, die jedoch
«successu temporis» nunmehr «ad solum regem» beziehungsweise an
seinen «Grand conseil» und den Geheimrat gefallen seien. 148 Die
rechtsgeschichtliche Untersuchung von Frankreichs Entwicklung, wie
144
BOCCALINI (1610), I, 127; VANNOZZI (1610), II, 219f.; 318; 353; TASSONI (1612), 718 (8,
21); 723 (8, 25); MATTEACCI (1613), 18; 158; CARACCIOLO (1634), 161; 249.
145
ZINANO (1626), 187; CARACCIOLO (1634), 124; 244.
146
VANNOZZI (1609), I, 326; CARACCIOLO (1634), 23f.; cf. 91.
147
BOCCALINI (1610), I, 387; 411.
148
CARACCIOLO (1634), 30.
298
sie insbesondere Bodin betrieben hat, bleibt den Italienern fremd; ihr
Staatsverständnis ist noch viel stärker von der Person des Herrschers
als von den obrigkeitlichen Institutionen geprägt.
Was sie deshalb besonders interessiert, sind die Mittel und Umstände
von Herrschaftswechseln oder mit dem Titel von Ottavio Sammarcos
Buch: Delle mutationi de’ regni. Am Beispiel des ein Jahrtausend alten
Königreiches lassen sich alle möglichen Formen der Gefährdung der
zentralen Macht aufzeigen: Minderjährigkeit des Königs, seine Gier
nach Einnahmen, städtische Revolten, Auflehnung der Adligen und
ihre Konflikte untereinander. 149 Ihnen gegenüber steht die «naturale
unità» Frankreichs, zu der das Land selbst nach Teilungen
zurückfindet, unter den Merowingern ebenso wie zuletzt unter
Henri IV. 150 Diese Wahrnehmung kontrastiert mit dem italienischen
Erlebnis nationaler Ohnmacht und anhaltender Zersplitterung unter
spanischer Dominanz. Die französischen Dynastiewechsel sind
deshalb, ähnlich wie bereits bei Spontone, meistens nicht als Usurpation gedeutet, sondern als eine gleichsam dem Lande innewohnende
«giustizia geometrica», wie Zinano in Anlehnung an Aristoteles
anführt: Der «disprezzo de’ tiranno» bringt die Karolinger und auch
Kapetinger an die Macht, nachdem ihre Vorgänger der «viltà» verfallen
sind und sich nicht mehr um die Einheit der Religion kümmern, wie
Zinano mit beabsichtigter Parallele zum letzten Valois vermerkt. 151
Diese Autoren sind keine Legitimisten – wessen Unfähigkeit zum
Herrschen offensichtlich ist, der verdient es, abgelöst zu werden. Das
ist auch der Grund, weshalb die Herrschaft gemäss der «ragione di
stato» dem Machtmenschen Pippin zukommt und nicht seinem Bruder,
dem kontemplativen Mönch Karlmann, «perche l’artefice si dee
contentare di conseguire il fine dell’arte, nella quale s’è esercitato». 152
Diese Ansichten führen in letzter Konsequenz zum Standpunkt Boccalinis, wie er ihn in seinem Kommentar zum Satz «Nullus cunctationi
locus est in eo consilio, quod non potest laudari nisi peractum» aus den
Historien des Tacitus zeigt. Karl Martell und der Duc de Guise hatten
die gleiche Absicht, nämlich die Usurpation der Krone, doch im Unterschied zu Karl (und Hugues Capet) hat der Guise bei seinem Versuch,
149
SAMMARCO (1629), 77; 88f.; 107; CARACCIOLO (1634), 458; 461; 502.
ZINANO (1626), 110.
151
ZINANO (1626), 114; 234; 252; SÈTTALA (1627), 124; SAMMARCO (1629), 59; CHIARAMONTI (1635), 305.
152
ZINANO (1626), 270f.: «… denn der Künstler muss sich damit begnügen, das Ziel in
derjenigen Kunst zu erreichen, in der er sich geübt hat».
150
299
einen unfähigen König abzusetzen, das Volk nicht hinter sich sammeln
können – dem Karolinger ist das Unterfangen gelungen, deshalb wird
er von allen gelobt, dem Liguisten missglückt, weshalb er aller Tadel
findet. 153
Boccalinis radikale und ungeschminkt machiavellistische 154 Einsicht,
dass in der Politik der Erfolg die Handlungsweise rechtfertigt, kann –
wie sein gesamtes Werk – nicht als repräsentativ für die StaatsraisonLiteratur angesehen werden; aber sie geht von den gleichen Problemen
aus und bedient sich des gleichen Materials wie diese. Die Staatskunst
ist für die behandelten Autoren eine Tätigkeit sui generis, mit eigenen
Regeln, die den Erhalt des – mit Herrschaft gleichgesetzten – Staates in
einer mindestens potentiell feindlichen Welt garantieren sollen; über
die Regeln wird debattiert, nicht aber über dieses Axiom. Nachdem es
sich allgemein durchgesetzt hat, wird die Debatte bald einmal steril,
und damit kommt die gesamte Publizistik über die Staatsraison in den
dreissiger Jahren des 17. Jahrhunderts recht schlagartig zum Erliegen.
Die allein auf die Figur des Herrschers konzentrierte politische Debatte
lässt sich nicht mehr fruchtbar weiterentwickeln und bleibt auf
Zustimmung und Widerspruch zu ethischen Anweisungen der
Vorgänger beschränkt, während die politische Philosophie in
Frankreich, Holland und England sich wegweisend auf die
(natur-)rechtlichen Bedingungen des Staates verlegt hat.
153
BOCCALINI (1610), II, 96; 180f.; 230; 180: «Es geht nicht an, zu zögern bei einem Plan, der
erst gelobt werden kann, nachdem er vollbracht ist.» Boccalini spricht fälschlicherweise von
Childerich, wo er Louis V meint. Ohne so deutlich zu werden wie er, vergleicht auch CHIARAMONTI (1635), 121, das Vorgehen der Guisen mit Hugues Capets Usurpation.
154
Cf. MACHIAVELLI (1513), 71-73 (cap. 18).
300
Zusammenfassung
Der Rekurs auf die französische Vergangenheit durch italienische
Staatstheoretiker entspricht weitgehend dem Konzept, das Sperone
Speroni theoretisch formuliert hat: Die Interpretation geschichtlicher
Fakten obliegt einer gebildeten und selbstverständlich bedingungslos
rechtgläubigen Elite, die sie «ad maiorem Dei gloriam» einsetzen kann,
und sie richtet sich an den Fürsten und seine Berater, die anhand von
Fehlern und Leistungen ihrer Vorläufer «prudentia» lernen sollen. Das
Anliegen und auch die Form der behandelten Schriften verschiebt sich
allerdings zwischen 1560 und 1635, von Speroni bis Chiaramonti.
Zuerst handelt es sich häufig um Apologien, welche die Überlegenheit
des Katholizismus historisch beweisen wollen – die französische
Geschichte ist gegen die Hugenotten instrumentalisiert. Deren Bewegung wird von Speroni in der Tradition feudaler Revolten gedeutet, da
sie sich noch monarchomachisch gegen Charles IX richtet; unter
Henri III und vor allem unter Henri IV sieht Bozio ihre Ursache in der
zyklischen Häresieanfälligkeit und Unbotmässigkeit der Krone gegenüber der Kurie. Nach dem Ende der Religionskriege verliert die
konfessionelle Komponente für das Verständnis der französischen
Geschichte rasch an Bedeutung: Wohl werden Katholizität und Papsttreue gegenüber Machiavelli und den Politiques als unabdingbare
Voraussetzungen erfolgreichen Herrschens postuliert, doch nunmehr
ohne Polemik gegen den – wieder orthodoxen – König von Frankreich.
Die zentralen Fragen der staatstheoretischen Debatte: Erwerb, Erhalt
und Verlust der Herrschaft, werden letztlich unter Ausklammerung der
konfessionellen Problematik diskutiert – die Option für den Katholizismus ist praktisch vorausgesetzt, doch damit ist die Frage noch nicht
gelöst, welche Grenzen die christliche Ethik der Staatsraison setzt.
Mögliche Antworten darauf finden sich in der Geschichte – nicht nur
Frankreichs. Doch Philippe de Commynes ist unter den Historikern, die
auf der Suche nach Lehren und Regeln für den Politiker durchforstet
werden, eigentlich der Idealfall: Anders als bei Tacitus ist sein Held
Louis XI ein Katholik, anders als bei Guicciardini ist er der
Einzelherrscher einer etablierten Monarchie – und vereinigt damit die
beiden Haupteigenschaften der italienischen Fürsten um 1600, an die
sich die Autoren der Staatsraison richten. Dazu kommt der seltene
Glücksfall, dass ein Augenzeuge nicht nur die Geschehnisse aus nächster Nähe schildert, sondern auch die wahren Motive der Herrschenden
darzulegen, zu kommentieren und zu kritisieren weiss. Allerdings
301
beschränken die Italiener ihr Interesse an der historiographisch reich
dokumentierten französischen Vergangenheit nicht auf Louis XI:
Commynes ist wohl der wichtigste, aber nicht der einzige französische
Autor, der in diesen Jahren wieder entdeckt wird. Die unverfälschte
(Wunder-)Gläubigkeit mittelalterlicher Chronisten ist daran schuld
gewesen, dass Bozio und seinesgleichen auf Nicolas Gilles und Gregor
von Tours, Aimoin und andere zurückgegriffen haben, und auch das
Bedürfnis nach Authentizität hat Vorbehalte gegenüber den stilisierten
Geschichtswerken der Humanisten geweckt. Wenn ein Paolo Emilio
gleichwohl seinen Rang behält, und auch Papire Masson zu einer gern
zitierten Quelle wird, so nicht nur wegen ihrer Katholizität, sondern
auch deshalb, weil gewisse Epochen der französischen Geschichte stets
aktuell bleiben, auch wenn sie nicht von erstrangigen Zeugen überliefert werden: Wie gezeigt gilt das vor allem für die Dynastiewechsel,
einerseits als Parallele zu Henri IV, andererseits als Musterbeispiel
staatlicher Kontinuität trotz des Sturzes eines Herrschers. Frankreich ist
ein fester Wert im nachantiken Europa, der einzige neben dem
Papsttum, was gerade seine Geschichte zeigt – diese Stabilität in allen
Krisen, ein scheinbar unerschöpfliches Potential an geschichtsmächtigen Protagonisten und die Etablierung einer modellhaften Monarchie
wecken in Italien immer wieder die Bewunderung und das Bedürfnis
nach Analyse.
Das zeigt abschliessend ein Panegyricus Le glorie de’ Francesi, mit
dem Ottavio Rossi aus Brescia 1629 die Eroberung des hugenottischen
La Rochelle durch die königlichen Truppen feiert. Der brillante Rhetor
Rossi spricht das Lob der französischen Könige, das sich im oft
wiederholten «Religione, Maestà, Valore» zusammenfassen lässt. Karl
der Grosse ist «archetipo di tutte le Virtù», doch die schon oft begegneten französischen Kreuzfahrer sind ebenfalls vollständig aufgelistet
und finden ihren Abschluss in Saint-Louis:
La morte de’ Re di Francia non hà mai cagionato interregno. I Rè sono
naturali, lo scettro sempre Francese. 155
Rossi verbindet die Faszination und das historische Verständnis für
die politischen Besonderheiten der französischen Monarchie, die für
seine Zeit eine Selbstverständlichkeit geworden sind, mit der am
Anfang dieses Abschnitts untersuchten humanistischen Rhetorik,
155
ROSSI (1629), 22: «Der Tod der Könige von Frankreich hat nie ein Interregnum zur Folge
gehabt. Die Könige sind naturgegeben, das Szepter bleibt immer französisch.»
302
welcher die französische Vergangenheit reichlich Stoff für schöne
Reden, aber kaum Anregung für staatstheoretische Grundsatzdebatten
bot. Gleichwohl hat ein manchmal gewundener Pfad von Enea Silvio
Piccolominis früher Nutzbarmachung seiner Kenntnisse bis in die
dreissiger Jahre des 17. Jahrhunderts geführt. Am Anfang haben
mythisch verklärte Figuren wie Karl der Grosse und die Kreuzritter
dazu gedient, den Kreuzzug zu propagieren, aber auch die französischen Herrscher anhand solcher Vorgänger in die Pflicht zu nehmen.
Das schmeichelhafte Bild gottesfürchtiger und papsttreuer Könige ist in
humanistische Exemplasammlungen aufgenommen und durch andere
Lesefrüchte bereichert worden. Aus ihnen haben sich einerseits
Sammlungen von Kuriositäten entwickelt, zu denen die Geschichte vor
allem der Merowinger einiges beizutragen hatte; andererseits haben sie
als Ausgangspunkt oder als Exemplifikationsmaterial für politische
Ausführungen gedient. So sind die zum höfisch-literarischen Selbstzweck gewordenen Detti e motti eines Domenichi von Botero wieder
aufgenommen und im Rahmen seiner Theorien kommentiert worden,
so fliesst manche Anekdote über Louis XI in die Staatsraison-Literatur
ein.
Die Technik der Staatraison-Autoren, von historischen Präzedenzfällen auszugehen oder umgekehrt anhand von solchen ihre Anweisungen zu exemplifizieren, ihre Überzeugung, dass angesichts der
anthropologischen Konstanz die Geschichte politisches Verhalten
lehren kann, ihre Historisierung der politischen Debatte führt interessanterweise gleichzeitig zu einer Enthistorisierung ihrer Exempla. Sie
haben Gültigkeit qua Vergangenheit, nachdem sie einmal aus dem
geschichtlichen oder historiographischen Kontext herausgelöst worden
sind; diskutiert werden sie im Rahmen der praktischen Problematik
dieser Autoren, meist ohne Berücksichtigung ihrer jeweiligen
geschichtlichen Bedingtheit. Die Diskussion gehorcht gegenwärtigen,
italienischen Imperativen, die anfangs noch stark die politischen und
geistigen Entwicklungen in Frankreich spiegeln, sich dann aber bald
verselbständigen. Um 1630 dürfte man Louis XI weniger aus
Commynes denn aus früheren staatstheoretischen Schriften kennen;
deshalb wird auch Louis XI zu einem französischen König, dem alle
möglichen Eigenschaften und Anekdoten untergeschoben werden
können. Er ist der ideale Gegenstand, an dem sich die Fragen der
Staatsraison erörtern lassen; daneben gibt es aber auch Versuche,
politische Probleme in Form der eher traditionellen christlichen
Fürstenspiegel anzugehen, etwa in Form einer Biographie von Saint-
303
Louis. Die folgenden Detailuntersuchungen werden aufzeigen, wie sich
die Darstellung der wichtigsten Gestalten aus der französischen
Vergangenheit im Spannungsfeld zwischen mittelalterlicher Überlieferung, humanistischer Historiographie und gegenwartsbezogener
politischer Betroffenheit entwickelt.
Teil IV: Französische Protagonisten im
italienischen Urteil:
Detailuntersuchungen zu einzelnen
Traditionen
Im folgenden werden anhand verschiedener Protagonisten der französischen Geschichte die in den vorangegangenen zwei Teilen grob
nachgezeichneten Entwicklungen genauer ausgeführt. Die Repräsentativität der ausgewählten Beispiele ergibt sich bereits aus den wiederholten Verweisen im bisherigen Text; die Mehrzahl von ihnen prägt
auch heute – mit den im Vorangegangenen bereits gebührend behandelten Karolingern zusammen – das verbreitete Bild der mittelalterlichen Geschichte Frankreichs. Eine Ausnahme bilden allenfalls
Brunhilde und Fredegunde, die aber neben Chlodwig gerade in Frankreich die volkstümlichsten Figuren der sonst kaum bekannten Merowingerzeit geblieben sind und an denen sich charakteristische Züge der
Darstellung aufzeigen lassen, die ähnlich für viele andere Merowinger
gelten. Umgekehrt könnte man sich auch andere Studien vorstellen,
entsprechend der mittelalterlichen historiographischen Tradition in
Frankreich etwa über Dagobert oder Robert II oder, nach heutiger
Interessenslage, über Hugues Capet, Philippe Auguste oder die Herrscher zur Zeit des Hundertjährigen Krieges. Für sie alle gilt, dass sie
keineswegs a priori von dieser Untersuchung ausgeschlossen wurden;
allein, sie sind wohl in der Geschichtsschreibung behandelt, teilweise
sogar ausführlich, aber kaum kontrovers, und auch in den politischen
Debatten um 1600 finden sie selten Berücksichtigung. Eine genauere
Untersuchung ihrer Darstellung verspricht somit kaum zusätzliche
Ergebnisse.
Hingegen sind in einem tabellarischen Überblick die zum Teil
bereits im Text erwähnten Quellen zusammengestellt, die den Italienern
bei der Behandlung von Frankreichs Vergangenheit zur Verfügung
stehen. Diese Zusammenfassung erleichtert die Einordnung der sich
anschliessenden historiographischen Traditionen.
1. Die Quellen der französischen Geschichte
Die folgenden Tabellen III a/b geben eine Übersicht über die bekannten
Quellen zur französischen Geschichte, welche die in der vorliegenden
Untersuchung behandelten italienischen Autoren benutzt haben. Die
Tabellen sind aus verschiedenen Gründen methodisch nicht
unproblematisch; doch ihre Aussagekraft bei einer vorsichtigen Inter-
pretation rechtfertigt gleichwohl ihre Verwendung. Die folgenden
Überlegungen müssen dabei berücksichtigt werden:
1. Die Tabellen sind unvollständig. Sie enthalten Quellen, welche die
Autoren selbst angeben, welche sich in der Sekundärliteratur finden
oder welche im Laufe der vorliegenden Untersuchung entdeckt worden
sind. Umgekehrt fehlen also diejenigen Quellen, welche ein Autor
selbst nicht nennt (in der behandelten Epoche eher die Regel als die
Ausnahme), welche sich auch nicht in der Sekundärliteratur (soweit
herangezogen) finden und welche schliesslich auch nicht von mir
ermittelt wurden. Es sind auch nicht alle Italiener aufgeführt, die im
vorangegangenen Text behandelt sind; abgesehen von den nicht
wenigen Autoren, deren Vorlagen unbekannt geblieben sind, fehlen
auch viele der Staatstheoretiker um 1600, die ja – wie gezeigt – fast alle
Commynes benützen.
2. Die Angaben über die Quellen sind unterschiedlich zuverlässig.
Deshalb ist auch die Herkunft der Angabe durch die entsprechende
Minuskel in der Tabelle ausgedrückt. Grundsätzlich gibt ein «h» neben
der Provenienz an, dass es sich um die oder eine Hauptquelle handelt,
zumindest für den Frankreich betreffenden Teil (so etwa bei Riccio
oder Bardi). Sekundärliteratur («s») und die Resultate der eigenen
Forschung («f») betreffen naturgemäss eher wichtige Quellen und
sollten zuverlässig sein; letzteres gilt im allgemeinen auch für Angaben
des Autors im Text («t»), seien dies generelle Erwähnungen («ut ait
Blondus») oder eigentliche Zitate, wie sie ab der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts häufiger auftreten. 1 Allerdings bedeutet ein Zitat – wie
auch heute noch – keineswegs immer direkte Kenntnis: Wenn Platina
den «Bibliothecarius» Anastasius als Gewährsmann angibt, dann
schreibt er eine Passage aus Piccolominis Epitome ab, die wiederum
Biondos Dekaden zusammenfasst! 2 Ebenfalls ab der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts finden sich meistens im Vorspann eigentliche
Namenslisten, in denen die angeblich verwendeten Vorlagen aufgeführt
sind – ähnlich dem heutigen Literaturverzeichnis. Auch hier gilt, dass
damals wie heute eine Erwähnung keine Gewähr bietet, dass der
1
Es ist klar, dass diese Minuskeln nur Aufschluss darüber geben, wie ich die Quelle ausfindig
gemacht habe; ein «s» schliesst ein «t» keineswegs aus, im Gegenteil, es kann sehr gut sein, dass
eine Quelle in der Sekundärliteratur erwähnt ist, weil sie im Text selbst angeführt wird. Das «s»
heisst also nur, dass ich meine Information der Sekundärliteratur und nicht dem Text entnehme.
Analoges gilt für die anderen denkbaren Fälle.
2
PLATINA (1474), 136; cf. BIONDO (1453), 157, 163. Anders ALBERTI (1541), A. D. 800, der
für die Karolingerherrschaft in Italien Biondo, Platina und Sabellico angibt: «… inducendo per
loro autorità il Bibliothecario, che auctor hò io veduto nella libreria del Papa in Roma».
7
entsprechende Autor tatsächlich benutzt worden ist, und keinen
Aufschluss gibt über die Intensität der Verwendung, die sich nur durch
Zitate im Text messen liesse. Manche und zum Teil kaum zu erwartende Übereinstimmungen zwischen solchen Listen lassen durchaus
vermuten, dass sie abgeschrieben sind. 3 Doch die Berücksichtigung
eines Buches in einer Bibliographie zeigt mindestens, dass der Verfasser der Ansicht ist, es gehöre dorthin, sei also für das Thema so
relevant, dass er es nicht unerwähnt lassen kann, will er seriös
scheinen. In unserem Fall geben diese Literaturlisten («l») einen
Eindruck von den Autoren, welche um 1600 zur französischen
Geschichte vorliegen und gemeinhin als wesentlich angesehen werden.
Von noch grösserer Bedeutung sind diejenigen Listen, die sich in den –
vor allem wegen der Einführung des Index notwendig gewordenen –
kommentierenden Bibliographien der Panvinio, Bellarmino und
Giustiniani finden, wo meistens eine eigene Rubrik die Historiographie
über Frankreich behandelt. Die von Bellarmino in seinen anderen
Werken ab 1586 meist im Textzusammenhang eingefügten Autoren
zeigen ihrerseits, dass die aufgelisteten Quellen durchaus auch
Verwendung finden.
3. Es lässt sich häufig, gerade bei allgemeinen Literaturlisten oder
unpräzisen Angaben der Sekundärliteratur, gar nicht sagen, was jeweils
genau aus einer Quelle übernommen wird. Im vorliegenden Fall kann
man dann davon ausgehen, dass es jeweils Informationen über die
französische Vergangenheit sind, wenn sie aus Quellen der ersten und
vierten Gruppe der Literaturliste übernommen sind, also aus französischen Autoren des Mittelalters und des 16. Jahrhunderts. Die Historiker der zweiten und der fünften Gruppe, italienische und deutsche aus
dem Mittelalter sowie deutsche der Neuzeit, werden wiederholt für die
merowingische und karolingische Epoche beigezogen, aber bei der
weiten Thematik ihrer Werke, in der Regel Weltchroniken, ist das
natürlich nicht selbstverständlich. Das gilt erst recht für die dritte
Gruppe, Italiener des 15. und 16. Jahrhunderts, wo diese sich nicht wie
Emilio auf die französische Geschichte beschränken. In aller Regel
steht bei ihnen die italienische Geschichte im Vordergrund, die französische ist Beiwerk. Es mag daher als kühn erscheinen, dass etwa
Sigonios Verwendung von Villani angeführt ist, obgleich es kaum
3
So stützt sich BARDI (1581) fast ausschliesslich auf Emilio und Du Tillet, obwohl er unter
Historici di Francia über dreissig Autoren aufführt.
Tabelle III a: Quellen der Italiener zur französischen Geschichte
(1317-1557)
9
Tabelle III b: Quellen der Italiener zur französischen Geschichte
(1561-1632)
11
anzunehmen ist, dass ersterer in seinen verhältnismässig bescheidenen
Passagen zur französischen Vergangenheit den nicht umfangreicheren
des Florentiner Chronisten folgt. Dies gilt es bei der Interpretation zu
berücksichtigen. Andererseits ist die Aufnahme dieser Autoren in die
Liste durch ihren Erfolg und ihre breite Verfügbarkeit gerechtfertigt –
so verdanken bestimmt viel mehr Italiener ihre Kenntnisse von
Philippe IV dem immer wieder aufgelegten Platina als dem viel
ausführlicheren, aber bis 1572 nur auf Französisch erschienenen
Nicolas Gilles. Und selbst die deutschen Humanisten folgen in ihrer
Darstellung Karls des Grossen meistens Piccolomini, Platina, Biondo
und Acciaiuoli, alles Autoren, die auch Gaguin beeinflussen. 4
Die Tabellen beweisen die recht lang anhaltende Verwendung der
hochmittelalterlichen Summen, obwohl Salutati bereits 1392 die
«modernorum nugas» verspottet, nämlich das Speculum historiale des
Vincent de Beauvais, die Chronik des Martinus Polonus und andere
Werke der vergangenen zwei Jahrhunderte. 5 Martin wird 1474, 1476
und 1477 gedruckt, kommt dann jedoch ziemlich bald ausser Gebrauch.
Noch früher bricht die Verwendung des zuvor recht erfolgreichen
Tolomeo da Lucca ab, der erst dank Muratori im Druck erscheinen
wird; das gleiche gilt für Riccobaldo da Ferrara.
Anders Vincent, obwohl auch sein editorischer Erfolg mit etwa zehn
Ausgaben (davon drei in Venedig) vor der Jahrhundertwende liegt; im
Unterschied zu Martin wird er jedoch in der Gegenreformation wieder
hervorgenommen, mindestens zweimal gedruckt (1591 wieder in
Venedig) und von einflussreichen Klerikern wie Bellarmino und Bozio
auch wieder zitiert. In dieselbe Zeit fallen auch viele Verweise auf
zuvor kaum benutzte hochmittelalterliche Chronisten, die nun gedruckt
vorliegen, etwa Otto von Freising (Erstausgabe 1515), Lambert von
Hersfeld (1525) und Hermannus Contractus (1536); auch der in Italien
im Spätmittelalter breit rezipierte Gottfried von Viterbo (1559) erlebt
jetzt eine kleine Renaissance. In dieser Hinsicht bildet Sigebert de
Gembloux eine Ausnahme, da er bereits vor der ersten Drucklegung
recht kontinuierlich verwendet wird, auch von Erzhumanisten wie
Biondo und Platina, und bereits 1513 in Paris erscheint, um sich weiterhin einer hohen Wertschätzung zu erfreuen, vermutlich wegen seiner
recht exakten Chronologie. Eine ähnlich stete Rezeption erlebt Aimoins
4
FOLZ (1950), 549.
SALUTATI, Epistolario (1392), II, 299 (7, 11); SABELLICO (1504), II, 393, nennt Vincent
einen «historiarum scriptor magis copiosus quam elegans».
5
13
französische Geschichte – neben Vincent dürften diese beiden Werke
den stärksten direkten Einfluss auf die übergreifende Darstellung der
französischen Geschichte gehabt haben, während andere Historiker wie
Adon de Vienne, Yves de Chartres, Yves de Saint-Denis und – falls
überhaupt – die Grandes Chroniques eher zufällig benutzt werden. Bei
der angeblich 1476 in Paris erschienenen italienischen Ausgabe der
Grandes Chroniques handelt es sich um einen frühen und unverdrossen
weiter kopierten Bibliographierfehler. 6 Die Verwendung Adémars
durch Biondo und Bozio und seine Erwähnung in Panvinios
Literaturliste zeigen, dass die entsprechende Handschrift der Vaticana
(heute Vat. lat. 1795) für die Berechtigten greifbar bleibt; die erste
vollständige Edition wird jedoch erst 1897 erscheinen.
Von den französischen Autoren, welche einzelne Epochen behandeln, werden die Historiae Francorum des Gregor von Tours 1512
erstmals gedruckt; Aleandro erwirbt diese Ausgabe während seines
Aufenthalts in Paris, 7 und später gehört Gregor auf alle Literaturlisten
und dient auch der katholischen Polemik als Quelle. Ähnlich sieht es
bei Einhard aus, der handschriftlich schon früh in Italien verbreitet
gewesen ist; wie gezeigt, werden jedoch nicht nur die Annales regni
Francorum, sondern mindestens von Pulci auch die Vita Caroli Magni
unter dem Namen «Alcuinus» geführt. 8 Überraschend ist der Erfolg
von Froissarts Chronik: Zuvor kaum bekannt, findet sie gleich nach
ihrer undatierten ersten Edition bei Fregoso Verwendung, Aleandro
ersteht die zweite, bei G. Eustache ab 1503 erscheinende Auflage, und
Guicciardini ergänzt die Cose fiorentine mit Marginalien aus dem
Chronisten; in Florenz sind Teile einer italienischen Übersetzung handschriftlich erhalten, und 1537 erscheint erstmals Sleidans lateinische
Übersetzung, die später wiederholt mit Commynes zusammen herausgegeben wird. 9 Spontones Rekurs auf Froissart steht also nicht für sich
6
LENGLET DU FRESNOY (1761), 305, und LE LONG (1769), 43f., sprechen von Croniche di
Francia, e cronica di San Dionigi von 1475, die nach Lenglet «très rare et singulière» sei. Ihnen
folgt vermutlich SCHEFFER-BOICHORST (1874), 17, diesem wiederum VILLARI (1905), 46f.
GUENÉE (1985), 206, sieht dagegen die französische Edition der Grandes Chroniques von 1477
als das erste in Paris gedruckte Buch an, und eine italienische Ausgabe – wo auch immer
gedruckt – findet sich in keinem der modernen Kataloge. Vermutlich ist der Eintrag bei Lenglet
und Le Long ursprünglich aus einer italienischen Bibliographie übernommen, welche jedoch die –
früher auf 1475 datierte – erste französische Ausgabe meinte.
7
ALEANDRO (1516), 44.
8
Cf. oben pp. Fehler! Textmarke nicht definiert. (Biondo und andere); Fehler! Textmarke
nicht definiert. (Pulci); Fehler! Textmarke nicht definiert. (F. Guicciardini).
9
ALEANDRO (1516), 44; F. GUICCIARDINI (1530), 55; 76; 86; 101f.; die Übersetzung
Froissarts auf der BNF II, IV, 342.
allein. Von der Rezeption und der grossen Popularität von Commynes
ist bereits gehandelt worden. Seine Sonderstellung zeigt sich darin,
dass von den erwähnten Werken ausser den Mémoires nur noch
Vincents Speculum in Italien selbst aufgelegt wird, jedoch allein die
Memoiren in Übersetzung. Diese Wertschätzung erfahren sonst nur
diejenigen französischen Historiker, die von den Kreuzzügen handeln,
einem Thema also, das beinahe zur italienischen Nationalgeschichte
gehört und vor allem brennend aktuell geblieben ist. 10
Was die aus Italien stammenden Autoren betrifft, so zeigt sich bei
der Historia Romana des Paulus Diaconus (1471 erstmals gedruckt,
sehr viele weitere Ausgaben im 15. und 16. Jahrhundert) und bei
Giovanni Villani, dass die Popularität dieser bereits handschriftlich
sehr reich überlieferten Autoren anhält – sie werden von den inhaltlich
ähnlich gelagerten und stellenweise auf ihnen aufbauenden humanistischen Werken nicht verdrängt. Doch zeigt die Liste auch, dass
Biondo, Platina, Sabellico und Volterrano mit ihren humanistischen
Synthesen durchaus einen Kanon bilden, der für das ganze
16. Jahrhundert Bestand hat; daneben finden sich aber auch viele
Bezugnahmen auf Foresti und – für den heutigen Leser überraschend
lang – auf die unübersichtliche Summe des S. Antonino. Inwieweit
diese Autoren tatsächlich für die französische Vergangenheit und nicht
für andere Nachrichten beigezogen werden, lässt sich wie gesagt kaum
feststellen. Unbestritten ist das hingegen für Acciaiuoli und vor allem
Emilio, der immer wieder erwähnt und abgeschrieben wird.
Von den eigentlichen Historiographen Frankreichs hält sich Robert
Gaguin recht gut neben Emilio, nicht nur in den Jahren, da der
Veronese gar nicht oder nur unvollständig vorliegt. Wenig genannt ist
hingegen Riccio, von den nur handschriftlich überlieferten Autoren
oder Sabino nicht zu reden, und ähnlich selten auch die eher tabellarischen Zusammenstellungen Tramezzinos und Giuntis. Dagegen erlangen auch verschiedene auf Französisch schreibende Historiker einen
gewissen Bekanntheitsgrad; jedenfalls sind sie regelmässig in den
Literaturlisten aufgeführt. Zitate im Text stammen dann allerdings doch
meistens aus auf Lateinisch verfassten Büchern, so der – häufig im
10
Auf Italienisch erscheinen Robert de Saint-Rémy 1552 in Florenz, Guillaume de Tyr 1562 in
Venedig und ebendort Villehardouin 1604; die dieser Übertragung zugrundeliegende lateinische
Bearbeitung Villehardouins durch Paolo Ramusio ist bereits 1573 beendet, erscheint jedoch erst
1634, cf. RAMUSIO (1573). Auf Guillaume de Tyr baut weitgehend Benedetto Accoltis De bello
contra Saracenos auf, das, ursprünglich Piero de’ Medici gewidmet, im 16. Jahrhundert je dreimal
auf Lateinisch und in italienischer Übersetzung erscheint.
15
Anschluss an Emilio gedruckten – Chronik Du Tillets (die ja auch
Tramezzinos italienischer Königsliste zugrundeliegt) oder Massons
Annalen, beziehungsweise, unter den deutschen Autoren, aus den
Chroniken von Nauclerus und Krantz sowie den erstaunlich lange
angeführten Fälschungen des Johannes Trithemius. Seltener findet sich
Annio zitiert, und kaum im Zusammenhang der französischen
Geschichte, während die französisch verfassten Konstruktionen von
Lemaire des Belges überhaupt nicht rezipiert werden.
Wie die Listen, aber auch die eigentlichen Zitate zeigen, hat sich in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein recht grosser Kanon von
gedruckt vorliegenden Texten herausgebildet, der ein facettenreiches
Bild der französischen Vergangenheit ermöglicht. Neben den wichtigsten mittelalterlichen Quellen und Weltchroniken oder Summen
stehen die Klassiker der italienischen humanistischen Geschichtsschreibung, aber auch eher traditionelle Autoren wie Foresti und
Nauclerus. Wie kaum anders zu erwarten, wird Emilios De rebus gestis
Francorum am häufigsten herangezogen, daneben aber auch manches
Werk französischer Provenienz, vor allem Gaguin. In der politischen
Traktatliteratur wird zwischen den zeitgenössischen Quellen und der –
wie wir sagen würden – Sekundärliteratur des 16. Jahrhunderts kaum
unterschieden, obwohl der Hinweis, ein Autor stehe der von ihm
behandelten Epoche zeitlich nahe, nicht selten als Empfehlung ausgesprochen wird. Eigentlich ist aber nicht die praktizierte Gleichwertigkeit jüngerer Vorlagen auffällig, sondern die Tatsache, dass die
häufig (allerdings nicht immer) sprachlich unzulänglichen mittelalterlichen Autoren ihren Rang neben den geschliffenen humanistischen
«definitive histories» zurückerobern. Der Grund dafür liegt, wie bereits
gezeigt, in ihrer grösseren Zuverlässigkeit – weniger hinsichtlich der
objektiven «veritas», als was die «fides» des Verfassers betrifft.
2. «Galli», «Franci», «Francesi» – Bezeichnungen des
Wandels oder der Kontinuität?
Im Herrschaftsbereich des französischen Königs ist im Hochmittelalter
die Bezeichnung «Galli» für die Landesbewohner noch verbreitet,
allerdings als eher gelehrter Name für die im geographischen Sinn auf
dem Gebiet der antiken «Gallia» lebenden Menschen. Im Laufe der
französischen Territorialbildung wird «Galli» jedoch allmählich durch
«Franci» abgelöst, das vom Namen eines Stammes und seines
ursprünglichen Siedlungsgebiets zur Bezeichnung des Staatsvolks wird,
ebenso wie die geographische Vorstellung «Gallia» allmählich durch
die politische eines «Regnum Franciae» und dann durch die Kurzform
von «Francia» verdrängt wird. Die volkssprachliche Entwicklung
verläuft einigermassen parallel. 11 So bleibt etwa die offenbar bewusst
antikisierende Wendung «Reges Gallorum» bei Richer de Reims im
10. Jahrhundert ebenso auffällig wie einmalig. 12 Trotz einiger
Widerstände oder Differenzierungsversuche etwa bei Otto von
Freising, Gottfried von Viterbo oder Alexander von Roes wird «Rex
Francorum» allmählich auf den französischen Herrscher beschränkt,
während der deutsche Kaiser den Titel «Imperator» oder «Rex
Romanorum» trägt. In einem weiteren Schritt wird seit dem
13. Jahrhundert aus dem «Rex Francorum» des Personenverbands der
«Rex Franciae» eines territorialen Gebildes. 13
In Italien werden die beiden Begriffe schon früh weitgehend gleichgesetzt: Villani baut auf der traditionellen Etymologie Isidors von
Sevilla auf, 14 wenn er erklärt: «Galli, overo Gallici, perch’erano
biondi». Der gleiche Stamm sei von Kaiser Valentinian in «Franchi»
umgetauft worden, woraus sich später «Franceschi» entwickelt habe.
Die beiden Namen bezeichnen also denselben Gegenstand zu
verschiedenen Zeiten: «Galli, detti oggi Franceschi»; gleichzeitig aber
auch auf verschiedenen Stilebenen, mindestens, was das Land betrifft:
«E per lo loro nome in latino fu chiamata Gallia, e in comune volgare
Francia». Im Text selbst kommt ebenso «Franceschi» und «Francia» für
die antiken Gallier vor wie «Galli» für die Franzosen des
9. Jahrhunderts. 15 Die Bezeichnungen werden also von Villani einigermassen synonym verwendet, obwohl an sich klar ist, worin sie sich
unterscheiden. Fazio degli Uberti setzt «Galli» und «Franchi» in seiner
11
Cf. hierzu die Untersuchung von SCHNEIDMÜLLER (1987), etwa 118; 281f.; synonyme
Verwendung von «Franci» und «Galli»: ib., 44 (Richer); 83 (Orderic Vital).
12
Cf. EHLERS (1992), 70, mit dem Hinweis auf die Kapitel 4, 60 und 95, der von Latouche
besorgten Ausgabe Richers (Bd. II, 246 bzw. 304).
13
RIDÉ (1977), 96; SCHRAMM (1960), 111.
14
Cf. ISIDORUS (636), 338 (Etym. 9, 2, 104), nach Hieronymus und unter Bezug auf VERGIL,
Aen. 8, 660.
15
G. VILLANI (1333), I, 63 (2, 2): «Franceschi» als Gegner Caesars; dort ebenso «Tedeschi»,
«Alamagna», «Inghilterra»; p. 191 (5, 19): «Galli» im 9. Jh.; p. 24 (1, 18): «‹Galli› oder ‹Gallici›,
weil sie blond waren»; p. 25 (1, 18): «Und wegen ihres Namens wurde es auf Lateinisch ‹Gallia›
genannt, und in der Volkssprache ‹Francia› …»; p. 73 (2, 7): «… die Gallier, die heute
‹Franceschi› heissen …».
17
geographischen Enzyklopädie sogar ausdrücklich gleich, verwendet
aber sonst im Text nur «Franchi». 16
Im Lateinischen ist herkömmlich neben «Francus» und «Francia»
auch «Gallia» im Gebrauch, doch «Gallus» tritt erst mit Petrarca hinzu.
In seiner bekannten Polemik contra Gallum quendam stehen sich nicht
länger Franzosen und Italiener gegenüber, sondern «Galli» und
«Romani»; alle Argumente für die Inferiorität der Franzosen stammen
aus der antiken Geschichte und von antiken Autoren, doch postuliert
Petrarca diese Unterlegenheit auch für seine Gegenwart. 17 Dass sich
aber die Humanisten bei ihrem freudigen Spiel mit antiken Termini und
Texten des historischen Wandels bewusst sind, beweist etwa
gleichzeitig Salutati: Nachdem er sich in einem Staatsbrief abschätzig
über die «Gallici» geäussert hat, entschuldigt er sich beim erbosten
Charles V, er habe damit nicht die Franzosen, sondern die Bewohner
des Limousin gemeint, welche im Auftrag des avignonesischen Papstes
den Kirchenstaat verwalteten – die «Francia» sei ja nur ein Teil der
antiken «Gallia». Tatsächlich braucht Salutati auch sonst «Galli(cus)»
meistens in abschätzigem Sinn. 18
Als allgemeine Regel lässt sich also festhalten, dass im politischen
Sinn und damit besonders in der diplomatischen Sprache Wendungen
wie «Francorum rex», «Rex Franciae» oder «regnum Francorum» 19
gleichsam einen «terminus technicus» darstellen. Dagegen wird zur
rein ethnischen Bezeichnung der (antiken wie modernen) Landesbewohner häufig «Galli» oder «Gallici» (manchmal mit «natione»
präzisiert) beigezogen und entsprechend im geographischen Sinn für
das Land auch «Gallia». 20 Diese sprachliche Unterscheidung zwischen
(jüngerer und territorial begrenzter) Staatsgewalt und (in die Antike
zurückreichender, sprachlich definierter) Bevölkerung zeigt sich
bezeichnend in einer brieflichen Wendung Piccolominis: «Rex Francie
totaque Gallia». Wie andere Humanisten setzt er das ethnische «Galli»
und das politische «Rex Francorum» nebeneinander im gleichen
16
UBERTI (1367), 310: «Una gente son, disse, i Galli e i Franchi …».
PETRARCA (1373), passim; cf. ID. (1367), 844ff. (Seniles 9, 1); zu Petrarcas Polemik
MOMBELLO (1979), 164f., mit weiterer Literatur.
18
SALUTATI, Staatsbriefe (15. Mai 1376), 124: «… nos nichil in Francorum contumeliam
scripsisse cognovimus, sed illis, quos in Italia prefecerat ecclesie presulatus, detraxisse … confitemur.» Cf. ib. (1375-1376), 95; 99-106; 112f.; 119f.
19
Cf. etwa BOCCACCIO (1360), 748; 752; NATALI (1372), 109; SALUTATI, Staatsbriefe,
passim; DE MONACIS (1428), 35; 269; 307; P. BRACCIOLINI (1448), 45ff.
20
BOCCACCIO (1360), 838ff., über die Vorfahren Gauthiers de Brienne; ID. (1372), 306, über
Vincent de Beauvais.
17
Zusammenhang. 21 Liegt aber das Gewicht weniger auf der Volkszugehörigkeit als auf dem Wirken im politischen oder militärischen
Rahmen, so heissen die Einwohner auch im Lateinischen meistens
«Franci»: Acciaiuoli schreibt in der italienischen Fassung der Vita
Caroli «Francia» und «Franzesi», übersetzt dann aber selbst mit
«Gallia» und «Franci». 22
Die Unterscheidung wird jedoch nicht streng durchgehalten. Ein
Autor wie Piccolomini, differenziert zwar in der Europa anhand Ottos
von Freising sehr genau zwischen der Urbevölkerung der «Galli», die
den Eroberern noch lange Widerstand leisten, den germanischen
«Franci», nach denen das Reich neu benannt wird, und den modernen
Franzosen, die nur dessen Westteil bewohnen und eigentlich
«Francigenae» heissen müssten, doch spricht er im selben Buch von
letzteren meistens pauschal als «Franci» und vom Land als «Francia».
Um so mehr ist das der Fall, wenn er als Pius II. offiziell zu den französischen Gesandten spricht. 23 Gleiches gilt für italienische Autoren, die
sich streng an französische Vorlagen wie Vincent de Beauvais halten;
das sieht man besonders deutlich an Cattaneo, der von Yves de SaintDenis «Franci» übernimmt, aber in den Passagen, wo er Biondo folgt,
«Galli» schreibt. 24 In Frankreich hingegen kommen selbst Humanisten
nicht auf die Idee, in einem Geschichtswerk ihre Landsleute als «Galli»
zu bezeichnen. In einer polemischen Auseinandersetzung mit dem
französischen Humanisten Symphorien Champier hält Hieronymus
Papiensis am Anfang des 16. Jahrhunderts fest, dass auch «Gallia» in
Frankreich gemeinhin kaum mehr Verwendung finde; selbst ein Stilist
wie Gaguin schreibe lieber «Francia». Ihm selbst sei es sogar passiert,
Franzosen zu beleidigen, indem er sie als Gallier ansprach. 25 Es ist also
21
PICCOLOMINI, Briefwechsel (1447), III, 263; ID. (1450), 185: «Franciae rex» bzw. «Gallia»
und «Gallici»; ID. (1464), 741, cf. auch 643f. Cf. den entsprechenden Sprachgebrauch bei
BOCCACCIO (1360), 818-820; 838ff.: «Galli origine»; 748-750; 812; 834: «Francorum rex»;
PLATINA (1474), 82; 111; 241: «Galli» bzw. «Franciae rex»; BOSSIO (1492), passim; RANZANO (1492), fol. 434v: «et franci omnes et universi galliarum gentes»; SABELLICO (1504), II, 468:
«Franci» bzw. «Gallica gens».
22
Cf. die sich entsprechenden Passagen bei D. ACCIAIUOLI (1461), 80-82 und 99-101;
ausserdem BIONDO (1453), 19ff.; P. BRACCIOLINI (1448), 46.
23
PICCOLOMINI, Europa (1458), 433f.; 440-2; ID. (1459), 48 und passim; ID. (1462), passim;
ID. (1463), 369, 376.
24
ANTONINO (1459), passim; CATTANEO (1494), fol. 51v; auch oben p. Fehler! Textmarke
nicht definiert..
25
HIERONYMUS PAPIENSIS (17. Januar 1519), s.p. (d7): «Tantumque coaluit inter vos Francorum nominis appellatio: ut si aliqui ex vestris sentiant se nominari gallos (vidi ego experimento)
indignantur, ringunt, fluctuant huc atque illuc: quasi moleste ferentes illud antiquum nomen:
maluntque se dici francos quam gallos: tantum eis placet huius sane adventiciae modernaeque
19
durchaus möglich, dass «Gallus» in französischen Ohren eine pejorative Konnotation hat; im italienischen Sprachgebrauch lässt sich das
allerdings nur bei Salutati nachweisen.
So ist denn die Anrede «Rex Gallorum» in Frankreich kaum denkbar, und auch in Italien schreibt ein sonst die Namen konsequent
antikisierender Autor wie Bruni immer nur «Rex Francorum». 26 Sein
Amtsvorgänger Salutati hütet sich ebenfalls davor, in den Staatsbriefen
einen anderen Titel zu wählen; aber in einem dichterischen Epigramm
auf Karl den Grossen nennt er diesen «Rex Gallorum». In einem
Panegyrikus auf Charles VII wendet sich dann Piccolomini als erster
mit dieser Wendung direkt an den französischen König. Der König der
Gallier findet sich insbesondere bei humanistischen Autoren um 1500
wiederholt, häufig in poetischen oder rhetorischen Texten, aber durchaus auch in der Historiographie. 27 So braucht sie ein Klassizist wie
Bartolomeo Scala in seiner Geschichte von Florenz, und einmal richtet
er sogar ein Missive an den «Rex Gallorum». Mit dem gleichen Titel
heisst Ficino Charles VIII in Florenz willkommen. 28 Noch auffallender
ist die Übertragung der Formel ins Italienische, wo die Verwendung
von «gallo» auch sonst viel seltener ist als im Lateinischen; in meist
poetischen Texten wird vor allem François Ier als «Rè de’ Galli»,
«Gallico Rè» oder «Rege Gallo» bezeichnet. 29
Neben der stilistischen Antikenimitation spielt vermutlich auch der
Einfall von 1494 eine Rolle bei der kurzen Konjunktur dieser Titel:
Wie einst Brennus, so ist jetzt ein weiterer Gallier, Charles VIII, von
den Alpen hinuntergestiegen, um die Italiener zu überfallen. Zudem
und in Verbindung damit hat der Titel «Gallorum rex» seine Parallelen
in den im nächsten Kapitel behandelten humanistischen Bemühungen,
eine Kontinuität von den Galliern zu Franken und Franzosen herzuappellationis innovatio.» Cf. zum Duellum epistolare JODOGNE (1972) und COOPER (1991),
237-240.
26
BRUNI (1416), 59; 146; 245, nennt den König konsequent «Rex Francorum» obwohl er
sonst regelmässig auch die modernen Franzosen als «Galli» bezeichnet, cf. ib., 8f.; 68; 163; 191;
210; 215.
27
Salutatis Epigramm zitiert nach HANKEY (1959), 365; PICCOLOMINI (1453), 672. Cf.
SIMONETTA (1492), VIv; BENEDETTI (1496), 74; CAVRIOLO (1510), 42; FREGOSO (1501), 11v:
«Gallorum rex»; seltener, z.B. p. 8v von Louis VI «Francorum rex»; RICCIO, De regibus (1505), 3;
6; MANTUANO (1507), 83; BELLAFINO (1532), 19; GIOVIO (1544), 385; BRUTO (1562), 24;
SCARDEONE (1560), 28; DELLA CHIESA (1598), 15; CARACCIOLO (1634), 141.
28
SCALA (1482), 6; ASF, Signori, Missive, Reg. 45, fol. 69v (8. April 1466), in der Anrede; im
Text ausserdem auch Reg. 49, fol. 28v (31. Mai 1477); 35v (11. Oktober 1477); 169 (1. August
1486); FICINO (1494).
29
ALAMANNI (1532), 258ff., passim; ALBICANTE (1539), passim; LANDO (1552), 224; 335;
398.
leiten. Am stärksten ausgeprägt ist dieses Bedürfnis in den raffinierten
Fälschungen Annios da Viterbo, bei dem die Gallier bereits bei der
Sintflut Ureinwohner ihres Landes sind. Fortan wechseln sie – jeweils
ihren eponymen Herrschern entsprechend – häufig den Namen, nicht
aber ihre Identität: So werden – in freier Assoziation nach Stammesbezeichnungen Caesars – aus den anfänglichen «Samothei» Druiden,
Barden oder Kelten, dann Belger, Allobroger und zuletzt unter Hektors
Sohn Francus die Franken beziehungsweise Franzosen, die sich aber
nicht grundsätzlich von den Galliern unterscheiden. 30 In späteren
Königslisten finden sich Annios «Re de’ Galli antichi» den authentischen Herrschern vorangestellt, um eine möglichst weit zurückreichende Genealogie zu erhalten. 31
Bei solchen stilistisch wie ideologisch bedingten Identifikationen
erstaunt es wenig, wenn nicht nur «Galli» 1513 bei Novara mit
«Helvetii» streiten, 32 sondern umgekehrt Vercingetorix zum «franzese»
wird. 33 Wie seit Petrarca schon verschiedene Humanisten 34 kennt
insbesondere Machiavelli keine Hemmungen, die klassischen Urteile
eines Livius oder Caesar über die Gallier auf die zeitgenössischen
Franzosen zu übertragen und umgekehrt die antiken Gallier als
«franzesi» oder «franciosi» zu bezeichnen. Im Gefolge Machiavellis
wird diese Identifikation gerade von den Venezianer Gesandten regelmässig übernommen. 35
30
ANNIO (1498), 120-151v; zu ihm ausführlicher unten p. 38.
TRAMEZZINO (1558), 65-67; LUSIGNANO (1577), 1ff.; GIUNTI (1588), Vorspann;
DOGLIONI (1606), Vorspann zum 1. Buch; mit scharfer Kritik an Annio VOLTERRANO (1506), 34.
32
MARLIANO (1513), 602. Noch BEMBO, Lettere (1533), III, 96, verteidigt sich dafür, dass er
Landsknechte als «Francesi» bezeichnet habe, weil sie aus linksrheinischem Gebiet stammen, das
nach Caesar eben die «Gallia», also heute «Francia» sei.
33
MACHIAVELLI (1521), 370; ib., 370-510, häufig «Franzesi» oder «Franciosi» für die Gallier.
In der Übersetzung von Forestis Weltchronik wird aus der Lombardei, der «Gallia cisalpina», die
«Francia cisalpina»; Brennus, «Gallorum dux», zum «capitaneo de’ Franciosi Senonesi», ein
spätantiker «Galliarum imperator» gar «Re de’ Franzosi», und auch Kaiser Aurelian erobert eine
«Franza» ante litteram zurück; cf. FORESTI (1535), 96r/v; 159.
34
P. BRACCIOLINI (1457), 62, über Hawkwood im Jahre 1391: «Noverat enim Gallorum
naturam pronam ad certamen esse, saepiusque impetu quodam praecipiti, quam ratione ad
pugnandum ferri.» Das Zitat stammt aus CAESAR, Bell. Gall. 1, 3. Es findet sich ebenfalls bei
CRIVELLI (1464), 33; cf. auch SIMONETTA (1492), VII; CATTANEO (1494), fol. 7, die Caesar
folgen, wo sie über die traditionelle Religiosität der «Galli» handeln.
35
MACHIAVELLI (1517), 483 (3, 36), angeblich nach LIVIUS, Dec. 5, 28: «Le cagioni perché i
Franciosi siano stati e siano ancora giudicati nelle zuffe, da principo piú che uomini e dipoi meno
che femine.» Die Stelle findet sich wörtlich bei den Gesandten BARBARO (1563), 18;
A. CONTARINI (1572), 240; und sinngemäss beim Botschafter SORIANO (1562), 397, damit auch
im Tesoro politico (1589); ausserdem bei SANSOVINO (1561), 14r/v. Die Passage bei LIVIUS, Dec.
1, 5 mit «Francesi» zitiert MAZZELLA (1594), 268. Weitere antike «Francesi» etwa bei
BARTOLI (1549), 167; GUAZZO (1553), passim, «Franciosi» und «Franzesi» synonym; PORCAC31
21
Dei costumi e natura dei francesi in universale, è veramente cosa degna
di ammirazione che quasi tutte quelle qualità, che si legge negli autori
antichi di 1500 e più anni, che in quei tempi aveva la nazion francese,
le medesime si vede essersi conservate fino al presente … 36
Der Sprachgebrauch bleibt bis zum Ende der Untersuchungsperiode
uneinheitlich und teilweise widersprüchlich. Im Lateinischen findet
sich weiter das generelle «Gallus» beziehungsweise «Gallia» in der
späthumanistischen Tradition; 37 ebenso die Differenzierung zwischen
ethnographischem «Gallus» und geographischer «Gallia» einerseits und
politischem «Francus» andererseits 38 – beides jedoch zusehends
seltener. Häufig bleibt im Lateinischen ein undifferenzierter Gebrauch
von «Franci» wie «Galli», allenfalls mit einer bewussten Gleichsetzung. 39 Aber bereits sorgfältige Humanisten wie Collenuccio,
Volterrano und insbesondere Emilio unterscheiden wenigstens stellenweise sehr genau: Zu der ursprünglichen Bevölkerung des Landes, die
nur «Galli» genannt wird, stossen die «Franci» erst später hinzu. 40
Zuweilen begegnet auch das Bild von zwei lange nebeneinander herlebenden, potentiell gegnerischen Stämmen; so behauptet etwa
Mantuano, nach Jahrhunderten römischer und dann germanischer
Unterdrückung seien die Gallier wieder an die Macht gekommen, dank
Hugues Capet «non genus a Francis ducens: sed origine Gallus». 41
(1566), 81 und passim. BARDI (1581), 48v, unterscheidet nur «Francesi antichi» und
«moderni» und führt das Parlament auf die Druiden und die französischen Ritter auf die gallischen
Krieger zurück; MORIGIA (1592), 267: «da Galli trasalpini, cioè da francesi»; GHIRARDACCI (1596), I, 36; SPONTONE (1599), 287; L. CONTARINI (1586), 24; CALDERINI (1597), 23,
und CHIARAMONTI (1635), 370, mit demselben Zitat über den Kampf der «Francesi» gegen
Caesar; ähnlich VANNOZZI (1609), 338, und CANONHIERO (1614), 77.
36
A. CONTARINI (1572), 240: «Was die Bräuche und die Natur der Franzosen im allgemeinen
betrifft, so ist es eine wahrhaft erstaunliche Tatsache, dass beinahe alle Eigenschaften, welche –
wie man bei antiken Autoren von vor 1500 und mehr Jahren lesen kann – damals das französische
Volk besass, sich genau gleich bis heute erhalten haben …».
37
Cf. GIOVIO (1552), passim; POSSEVINO (1592), passim.
38
EMILIO (1520), 92; 109; 130; 177; 254; CAVITELLI (1588), etwa 1270-1275; MAUROLICO (1562), 268.
39
So VIRGILIO (1534), 194: «Stephanus homo Francus sive Gallus …», und T. BOZIO (1600),
263: «Gallos, seu Francos: ijdem namque nunc quidem sunt Galli, & Franci». Bei wechselndem
Gebrauch schreibt EGNAZIO (1553) überwiegend «Franci», BIZZARRI (1579) dagegen «Galli»;
ausgeglichen DELLA CHIESA (1598) und CARACCIOLO (1634). Im Italienischen ist die analoge
Synonymie von «Gallo» und «Franco» sehr selten und weitgehend auf die Antike beschränkt, cf.
BUGATI (1569), 657; DOGLIONI (1601), 87.
40
EMILIO (1520), Vorwort: «… primordijs rerum Franci non erant Galliarum Indigenae,
incolaeve …»; ib., 7, zu Chlodwig: «Franci nondum nostra receperant sacra: … Galli iam vulgo
CHRISTUM agnoscebant: …»; zum Übergang Galli-Franci auch p. 4f. Cf. COLLENUCCIO (1498),
27f.; VOLTERRANO (1506), 34f.
41
MANTUANO (1506), 208; 219v: «nicht von den Franken abstammend; sondern hinsichtlich
seiner Herkunft ein Gallier». Vielleicht handelt es sich dabei um eine französische Tradition, cf.
CHI
Im Italienischen überwiegt generell, selbst für die antiken Bewohner
Galliens, «Francesi» (und in etwas geringerem Masse «Francia»)
deutlich, doch ist auch in der Volkssprache die Bereitschaft gewachsen,
die verschiedenen Termini historisch angemessen zu verwenden: 42 Die
«galli» sind die ursprünglichen (und bereits katholischen) Landesbewohner, 43 die «franchi» das germanische Eroberervolk, deren Name
übernommen, 44 aber später zu «francesi» abgeändert wird, 45 was diese
nicht nur von ihren eigenen Anfängen in der Völkerwanderung,
sondern zugleich von den deutschen Franken abgrenzt und auch die
gallische Urbevölkerung einschliesst. 46 Die Vermischung von Urbevölkerung und Eroberern wird etwa auf das 6. Jahrhundert datiert.
… condusse Sigisberto Re di Franchi con grandissimo esercito di
Galli, & di Germani passare in Italia. Per inanzi potremo chiamare i
Franchi Francesi, & anco i Galli, che forono generatione separata da
questa. Similmente alla Gallia Transalpina potremo dare il nome di
Francia … 47
ZAMPINI (1581), 69v, unter Berufung auf Du Tillet: «Tilius vero dicit illum Gallum». Möglicherweise eine Reminiszenz daran bei MARENO (1545), 47v: «Hugo per natione Gallo». Cf. ausserdem
ib., 43, zur Reichszuteilung an Charles le Chauve: «… che da hora avanti colui che a Celti dominasse fosse intitulato Re di Franchi …». Sogar für das 14. Jahrhundert stellt FORESTI (1485), 242,
(belgische) Gallier den Franzosen gegenüber: «Belgii gallorum infimae conditionis populi qui … a
francis defecerant …»; cf. ausserdem RANZANO (1492), fol. 467f.: «modo franci, modo Galli fuere
superiores»; es handelt sich um die Zeit nach der Verbrennung der Jeanne d’Arc und
möglicherweise um ein Versehen, ist der Konflikt doch sonst immer zwischen Franzosen und
Engländern oder Burgundern dargestellt. Eine ähnliche Funktion wie Mantuanos Hugues Capet
erfüllt bei VIRGILIO (1534), 236, Richard Lionheart, in dem die Königsherrschaft von den französischen Eroberern wieder zu den Engländern zurückgekehrt sei.
42
So, abgesehen von den Autoren in den folgenden Anmerkungen, NOTAR GIACOMO (1511),
24; CAVALLI (1546), 128v; SACCO (1557), passim; ZAMPINI (1581), passim; SANSOVINO (1580),
passim; BOTERO (1589/1591/1600/1608), passim; T. BOZIO (1595), 441f.; ZAPPULLO (1609),
passim; ZINANO (1626), passim.
43
BOTERO (1600), 75.
44
SORANZO (1558), 402; TARCAGNOTA (1562), 128v; MALAVOLTI (1574), 19v.
45
ZENO (1557), 161: «Franchi, hoggi detti Francesi»; BOTERO (1600), 80f., von Chlodwigs
Taufe: «i Franchi, che d’hora innanzi Francesi, chiamaremo»; ähnlich PIGNA (1570), 49, und
UBALDINO (1581), 7.
46
FERENTILLI (1570), 184: «Franchi … quelli poi che si unirono co’ Teutonici, sono propriamente detti Franchi: ma quei che facendo parentela co’ Galli, & dipoi nacquero nella Gallia, sono
propriamente detti Francigene.» Im folgenden gebraucht er selbst für diese «Francesi». Cf.
GIAMBULLARI (1555), 108, sonst aber nicht immer kohärent.
47
LOCATI (1576), 116v, zum Jahr 591: «… zog Sigisbert, der König der Franken, mit einem
sehr grossen Heer von Galliern und Germanen nach Italien. Von nun an können wir die Franken
Franzosen nennen, und so auch die Gallier, die anderen Ursprungs waren. Gleichermassen können
wir der Gallia Transalpina den Namen Frankreich geben …». Für LONIGO (1601), A4, entscheidet
die Taufe Chlodwigs: «… dal qual tempo il nome de Galli & de Franchi gia per innanzi distinto si
confuse, onde poi & Galli & Franchi indistintamente si nominarono tutti gl’habitatori di questo
felicissimo Regno.» Cf. bereits EMILIO (1520), 7f.; auch PIGNA (1570), 41.
23
Vincenzo Borghini zeigt, wie ein Philologe in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts die Begriffsproblematik erklärt und zur Quellenkritik
einsetzt. Einerseits wendet er sich gegen Pedanten und gesteht den
Dichtern zu, Caesar in Frankreich gegen Franzosen kämpfen zu
lassen – wohl habe das Land damals nicht diesen Namen getragen, aber
es handle sich faktisch um dieselbe Sache, welche vom modernen Leser
unter dem aktuellen Begriff besser verstanden werde als unter dem
antiken. Andererseits entlarvt Borghini durch eine historische
Einordnung der Volksbezeichnung das bereits behandelte 48 «Decretum
Desiderii» als eine Fälschung Annios. In der vorgeblich aus dem
8. Jahrhundert stammenden Inschrift steht nämlich unter anderem: «nos
apud Gallos accusat Hadrianus Papa»; mit «Galli» sind die Franzosen
und insbesondere Karl der Grosse gemeint. Nach Rücksprache bei
Panvinio legt nun Borghini dar, dass der antike Name «Galli» nach der
Völkerwanderung für die Unterworfenen wohl noch eine Zeit Bestand
haben konnte, aber bestimmt nie auf die neuen Herrscher übertragen
worden ist. In den Quellen finde man diese immer als «Franchi» – der
türkische Sultan werde ja auch nicht Grieche genannt! Erst mit der
Wiedererweckung der «buone lettere» kurz vor 1400 hätten gewisse
Autoren sich auf den wohlklingenden antiken Sprachgebrauch
zurückbesonnen, was in gewissen literarischen Gattungen durchaus
zulässig sei. Bei der Desiderius-Inschrift könne man daher sicher sein,
dass ein ungeschickter «moderno» seine Hand im Spiel habe und dem
Langobarden Worte in den Mund gelegt habe, die dieser selbst nie hätte
verwenden können. 49
Wie gezeigt worden ist, hat von Villani an ein mehr oder weniger
ausgebautes Sensorium dafür bestanden, dass «galli», «franchi» und
«francesi» mit den jeweiligen lateinischen und topographischen
Entsprechungen verschiedenen historischen Stadien angehören, selbst
wenn sich dieses Wissen nur bedingt im aktiven Sprachgebrauch
niedergeschlagen hat. Mit Borghini ist am Ende der Renaissance aber
erstmals thematisiert worden, dass der Sprachgebrauch selbst dem
historischen Wandel unterworfen ist und dass der Humanismus eine
vom Mittelalter abweichende Terminologie entwickelt hat.
48
Cf. oben p. Fehler! Textmarke nicht definiert.f.
BORGHINI (1580), I, 353; II, 313-317: «… non harebbe Desiderio ancor volendo potuto dire
quella parola non saputa, o non conosciuta da lui, o da altri per di que’ popoli; ne hebbe mai un
pensiero al mondo de’ Galli, de’ quali allora come io dico, non si ritrovava appena spirito vivo: ma
tutta la paura sua, e tutto il pensiero era de’ Franchi, e Re de’ Franchi si chiamarono sempre così
que’ della prima stirpe di Clodoveo, come di questa nuova, che uscì di Carlo Martello, e si dice
ordinariamente de’ Carolinghi.»
49
Zusammenfassend lässt sich festhalten:
1. Das Latein kennt aus dem mittelalterlichen Sprachgebrauch wohl
«Gallia» für das Land, aber meist nur «Franci» für seine Bewohner; das
gilt gerade auch in der formellen Diplomatensprache. «Gallus» findet
sich erst bei den Humanisten und bleibt auch dort vorwiegend auf die
Ethnographie beschränkt: «Galli» sind die Bewohner der «Gallia»,
«Franci» die politisch und militärisch Agierenden im Nachbarland. Die
Unterscheidung ist nicht immer konsequent, aber «Gallus» findet sich
im politisch-militärischen Bereich verbreitet nur in den Jahrzehnten um
1500, wofür die Wendung «Rex Gallorum» ein guter Indikator ist.
2. Da dem Latein für Franken und Franzosen nur der eine Begriff
«Franci» zur Verfügung steht, ist ein nach historischen Kriterien differenzierter Sprachgebrauch zusätzlich erschwert. Umschreibungen der
Franzosen – etwa mit «Francigenae» 50 oder dem von Hotman eingeführten, bei den behandelten Autoren jedoch nicht belegten
«Francogalli» – setzen sich nicht durch, und selbst dort, wo die Unterschiede bewusst sind und erklärt werden, bleibt der praktische Sprachgebrauch widersprüchlich und missverständlich. 51
3. Das Italienische kennt hingegen wie die anderen Volkssprachen
drei Namen: Gallo, Franco, Francese (in verschiedener Schreibweise).
Letztere zwei scheinen schon seit dem Mittelalter synonym verwendet
worden zu sein, «Francese» jedoch häufiger. «Gallo» verbreitet sich
erst unter dem Einfluss des Humanistenlateins, bleibt aber relativ
selten, während «Francese» häufig auch von den eigentlichen, antiken
Galliern gesagt wird. Solche Nachlässigkeiten nehmen gegen Ende des
16. Jahrhunderts ab; die meisten Autoren haben ein historisches
Verständnis der Termini gewonnen.
4. Ohnehin ist ein unkohärenter Sprachgebrauch keineswegs automatisch ein Zeichen von Ignoranz. Auch heute gelingt es problemlos,
im Kontext «Amerika» und «Amerikaner» auf die Vereinigten Staaten
zu reduzieren, «Engländer» auf die Briten zu erweitern, unter «Russen»
alle Bewohner der ehemaligen Sowjetunion zu verstehen oder
«Ceylon» und «Sri Lanka» zu identifizieren. So können auch die
50
Erstmals bei NATALI (1372), 160v; später dann bei PICCOLOMINI, Europa (1458), 434;
CARACCIOLO (1634), 50; im Italienischen bei FERENTILLI (1570), 184. Zur mittelalterlichen
Verwendung cf. die Belege bei SCHNEIDMÜLLER (1987), etwa pp. 74; 107 (synonym für
«Franci»).
51
Cf. Piccolominis Terminologie, oben p. 18; BELLARMINO (1589), 275, unterscheidet für das
10. Jahrhundert «Germanos, seu Francos Orientales, & Francos Occidentales, seu Gallos», aber
ebenfalls ohne Konsequenzen für seinen sonstigen Sprachgebrauch.
25
italienischen Autoren in den behandelten drei Jahrhunderten sehr wohl
zwischen verschiedenen Begriffen wechseln, weil sie damit rechnen,
dass die Leser sie richtig verstehen. So besehen ist die Terminologie
vor allem ein stilistisches Problem, um so mehr, je grössere literarische
Ambitionen ein Text hat: «Gallus» wie «Gallo» entsprechen in humanistischem Verständnis einer höheren Stilebene. Pejorative Konnotationen von «Gallus» mögen vorkommen, prägen den Begriff aber
offensichtlich nicht.
5. Schliesslich hat die auffällige Erscheinung, dass die antikrömische Ethnographie über die als «Francesi» bezeichneten Gallier
wiederholt auf die zeitgenössischen Franzosen angewandt wird, ihren
Grund wohl darin, dass die zeitgenössische Anthropologie aus der
geographischen Position eines Volkes mehr Aufschluss über seinen
Nationalcharakter erwartet als aus seinen historischen Wurzeln. 52
3. Origo gentis
Entstehung, Verbreitung und Wandel der trojanischen Ursprungssage
sind für das französische Mittelalter und das 16. Jahrhundert gründlich
erforscht und interpretiert worden; das gleiche gilt für die Entdeckung
von «Nos ancêtres les gaulois» ab dem 16. Jahrhundert. 53 Die Gründungssage findet sich erstmals im 7. Jahrhundert bei Pseudo-Fredegar
und ausführlicher im Liber Historiae Francorum; am Anfang des
11. Jahrhunderts kombiniert Aimoin de Fleury die beiden Darstellungen, welche bereits die prägenden Merkmale beinhalten, wie sie sich
später etwa bei Vincent de Beauvais oder in den auf Aimoin
52
Cf. BODIN (1566), 91f.: «Statuendum nobis est in universum quae qualisque sit omnium, aut
maxime illustrium populorum natura, ut historiarum veritatem iustis ponderibus examinare, ac de
rebus singulis rectius iudicare possimus. … illa quae a natura ducuntur, quaeque stabilia sunt, nec
unquam nisi magna vi, aut diuturna disciplina mutantur, & mutata nihilominus ad pristinam
redeunt naturam.»
53
Jüngere Synthesen liefern FOLZ (1984); JOUANNA (1985); BEAUNE, Naissance (1985),
19-54; damit weitgehend identisch EAD., L’utilisation politique (1985), 331-355; GRAUS (1975),
81-89; ID. (1989); in diesem Aufsatz findet sich auch die ältere Literatur (p. 32f., Anm. 39 und
41). Als Sammlung der entsprechenden Quellen (ohne höhere interpretatorische Ansprüche) ist
KLIPPEL (1936) hilfreich. Ausserdem sind für das 16. Jahrhundert hinzuzufügen HUPPERT (1965);
ausgebaut in ID. (1970), 72-87; ASHER (1969); DUBOIS (1972); ID. (1982); RICHTER (1983). Vom
deutschen Standpunkt aus, aber mit Ausblick auf das übrige Europa schreiben MELVILLE (1987)
und GARBER (1989). Die jüngere französische Forschung ist zusammengefasst bei DESAN (1984),
insbes. 270ff.; bis ins 18. Jahrhundert führt MAS (1990) weiter. Noch nicht greifbar war ASHER
(1993).
beruhenden Grandes Chroniques finden. 54 Gemäss diesen Synthesen
flieht eine Gruppe von Trojanern nach der Zerstörung der Vaterstadt
unter der Führung von Francus oder Antenor nach Pannonien, wo sie
die Stadt Sicambria gründen. Die Sicambrier unter einem König
Priamos helfen dem Kaiser Valentinian im Krieg gegen die Alanen und
erhalten dafür Steuerimmunität auf zehn Jahre; dazu gibt der Kaiser
ihnen den Namen «Franci», was attischen Ursprunges sein und je nach
Autor «stolz», «wild», «frei» oder «adlig» bedeuten soll. 55 Nach Ablauf
von zehn Jahren verweigern die Franken neue Steuerleistungen und
müssen sich daher nach Germanien, an den Rhein zurückziehen. Von
dort aus fallen sie im 4. Jahrhundert unter Herzog Marcomir in Gallien
ein; sein Sohn Pharamund wird im Jahre 420 zum König gewählt, er
erlässt die «lex salica» und ist der Stammvater der französischen
Könige – auf ihn folgt Clodio, der erste historische, bei Gregor von
Tours belegte König von Frankreich.
In Italien sind Kenntnisse der französischen Gründungssage schon
früh fassbar: So erlebt Guido de Columnis einen grossen Erfolg mit
seiner 1287 beendeten lateinischen Bearbeitung des Troja-Romans des
Benoît de Sainte-Maure, in der er die trojanische Herkunft der Franken
und anderer Völker erwähnt. 56 Diese behandelt schon ein Jahrhundert
zuvor der in Italien wirkende deutsche Bischof Gottfried von Viterbo
an zwei entscheidenden und weitgehend identischen Passagen seines
Pantheon, wobei er im allgemeinen dem Bischof Otto von Freising
folgt. Im Unterschied zu seinem Vorgänger konstruiert jedoch
Gottfried, ein überzeugter Verfechter der imperialen Sache, eine durchgehende Genealogie der – ausnahmslos als Deutsche betrachteten –
«Reges Francorum», die von Adam über Noah, Saturn und Jupiter nach
Troja, von dort über Antenor, die Sicambrier, Pharamund, Karl den
Grossen – bis zu Kaiser Heinrich VI. führt! 57 Gottfrieds «germani54
PSEUDO-FREDEGAR (658), 45f., 93; Liber Historiae Francorum (727), 241-246;
AIMOIN (1000), 637-639; VINCENT (1244), 197 (16, 3); nur kurz ib., 24 (2, 66); Grandes
Chroniques (1274), 9-20.
55
Zum Namen zuerst ISIDORUS (636), 338 (Etym. 9, 2, 101); Grandes Chroniques (1274), 13:
«fierté»; VINCENT (1244), 197 (16, 3): «feroces»; GAGUIN (1500), 2: die einen «feroces», andere
«liberi»; ähnlich zuvor PICCOLOMINI, Europa (1458), 433: «… Franci appellati, quod Attica
lingua sive feroces sive nobiles sonat, Itali Francos liberos vocant.»
56
GUIDO DE COLUMNIS (1287), 11.
57
GOTTFRIED VON VITERBO (1187), 201 (vor der Translatio imperii auf Karl den Grossen),
300f. (am Schluss des Werkes); cf. OTTO VON FREISING (1146), 56f. (1, 25); 224f. (4, 32). Im
folgenden Jahrhundert schafft Alexander von Roes in De translatione imperii die theoretische
Grundlage für diesen Kontinuitätsanspruch, welcher die deutschen Kaiser in direkter Deszendenz
von Troja und den Franken herleitet; dies mit ausdrücklicher Unterscheidung von den Franzosen,
die eigentlich «francigenae» heissen müssten.
27
sierte» Gründungssage wird in Italien ausführlich vom Cremoneser
Bischof Sicardus und knapper vom Pataviner Mussato übernommen;
Brunetto Latini überträgt sie wörtlich in seinen Trésor. 58 Bereits in
diesen frühen Texten ergeben sich gegenüber den französischen Texten
einige interessante Nuancen: So wird der fränkische Aufstieg mit dem
Niedergang Roms in Zusammenhang gebracht. 59 Noch auffälliger ist,
dass Gottfried und nach ihm Sicardus sowie Latini behaupten, die
trojanischen Auswanderer hätten zur Zeit des römischen Imperiums, bis
zu Valentinians Umbenennung, «Germani» geheissen – damit wird die
dynastische Hinleitung zu den deutschen Kaisern vorweggenommen. In
bewusster Opposition dazu nennt Giovanni Villani – dessen
«Französisierung» der fränkischen Geschichte schon behandelt worden
ist 60 – die Flüchtlinge bis ins 4. Jahrhundert «Galli»; dann habe sie
Valentinian zu «Franchi» befördert, «onde derivò il nome de’
Franceschi». 61 Durch diese Variante gelingt es Villani, die antiken
Bewohner Frankreichs wenigstens anhand des Namens in die fränkische Gründungssage zu integrieren, was nördlich der Alpen noch
niemand versucht hat.
Die Kontinuität im Volkscharakter von den Galliern zu den Franzosen wird in Italien noch häufig postuliert werden. 62 Gleichwohl bleibt
Villanis Version der Ursprungssage vorerst ohne Nachahmer, und auch
die deutsche Fassung verschwindet: Die Trojalegende wird mit
verschiedenen Nuancen nach französischen Vorlagen geschildert. 63
Allerdings geschieht dies mit wenig Emphase – bereits Boccaccio
meldet mit dem auch für die späteren Humanisten bezeichnenden
Misstrauen gegen Gründungslegenden seine Zweifel ganz deutlich an,
während der von ihm exzerpierte Paolino da Venezia die trojanischen
Ursprünge noch bedenkenlos bei Vincent de Beauvais abgeschrieben
hat. 64 Boccaccio fügt diese bei der Behandlung Antenors ein, wobei er
58
SICARDUS (1215), 151; LATINI (1265), 46f. (1, 39); MUSSATO (1313), 506; nach Sicardus
vielleicht auch die drei Sätze bei RICCOBALDO (1318), 614f.
59
GOTTFRIED VON VITERBO (1187), 201: «His temporibus, Francia crescere, Roma autem
minui coepit …», nach OTTO VON FREISING (1146), 224 (4, 32); cf. SICARDUS (1215), 151;
LATINI (1265), 46; auch G. VILLANI (1333), I, 25 (1, 18).
60
Cf. oben, p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
61
G. VILLANI (1333), I, 24 (1, 18): «… wo der Name ‹Franzosen› herkommt».
62
Cf. dazu das vorangegangene Kapitel, insbesondere pp. 17 und 20.
63
UBERTI (1367), 305 (4, 18); 310 (4, 20); in drei verschiedenen, sich aber gegenseitig nicht
ausschliessenden Fassungen bei Filippo VILLANI (1397), BLF 89 inf., 39, fol. 2; der Text ist
bekanntlich Philippe d’Alençon gewidmet. Ebenfalls in der diplomatischen Sprache SALUTATI,
Epistolario (1381), II, 24 (5, 6).
64
PAOLINO (1335), fol. 79v: De origine regum Francorum.
voranstellt: «Insuper Vincentius Gallicus hystoriographicus velle
videtur …». Am Ende der Paraphrase spricht er seine kaum verhüllte
Absage an diese Version aus.
Quod etsi multum non credam, absit ut omnino negem, cum omnia sint
possibilia apud deum. 65
Für die Humanistengeneration um 1450 besteht dann bereits kein
Zweifel mehr, dass die Franken ein aus «Franconia», dem deutschen
Franken, eingewanderter germanischer Stamm sind. 66 Biondo geht auf
die Ursprungssage mit keinem Wort ein, obwohl er sie aus Adémar de
Chabannes sehr wohl kennt; wo der Franzose die Benennung der
Franken («hoc est feros») durch Valentinian erwähnt, notiert sich der
Humanist am Rand seines Manuskripts: «Franci unde dicti per huius
somnium». 67 Piccolomini verdankt sein historisches Wissen zu einem
grossen Teil Biondo, den er ja exzerpiert; was aber die trojanischen
Wurzeln der Franken betrifft, sehr wahrscheinlich auch direkt einem
Franzosen, Martin le Franc. 68 Allerdings scheint dessen Version Piccolomini nicht recht zu überzeugen: In der Historia Bohemica von 1458
sowie der Asia von 1461 hält er fest, dass viele Völker sich von Troja
herleiten, um dadurch vornehmer zu erscheinen, namentlich die
Engländer und die «Franci qui & Germani fuerunt». Während Piccolomini die trojanischen Ursprünge Roms ausdrücklich bestätigt, da sie
von zuverlässigen Autoren überliefert seien, ist er bei den anderen
Völkern offensichtlich skeptisch, ja leicht spöttisch; doch er bestreitet
ihre Sagen nicht ausdrücklich, wie er sich das bei den – ketzerischen –
Böhmen erlaubt. 69
Diese Vorsicht hat wohl ihre diplomatischen Gründe; jedenfalls ist
der Kardinal Piccolomini und dann Papst Pius II. durchaus bereit, im
65
BOCCACCIO (1372), 306f.: «Darüber hinaus will der gallische Geschichtsschreiber Vincenz
offenbar, dass … [es folgt die Trojalegende] … auch wenn ich das nicht recht glaube, so will ich
es doch nicht völlig leugnen, da vor Gott alles möglich ist.»
66
BIONDO (1453), 12; P. BRACCIOLINI (1448), 43; nach Biondo PLATINA (1474), 137;
B. GIUSTINIANI (1489), 125 (cf. dort aber auch p. 3f.).
67
Vat. lat. 1795, fol. 10v, nach CLAVUOT (1990), 325: «Woher nach dessen [sc. des Autors]
Träumereien die Franken ihren Namen haben sollen.» Cf. zur Handschrift und Biondos Marginalien oben p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
68
PICCOLOMINI (1440), 756f.; cf. zu Le Franc oben p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
69
PICCOLOMINI (1463), 3; 10; ID., Bohemica (1458), 84; ID. (1461), 348. GUENÉE (1971), 129,
meint ohne Quellenangabe, Piccolomini glaube ab 1443 nicht mehr an die «origine troienne»;
seither geistert diese Ansicht in der französischen Sekundärliteratur herum, cf. SCHMIDTCHAZAN (1977), 274; JOUANNA (1985), 305. Es ist jedoch unklar, auf welches Werk Piccolominis
Guenée seine Aussage stützten kann.
29
richtigen Moment die Ursprungslegende aus der Mottenkiste hervorzuholen. In der Europa gibt er sie sehr ausführlich und ohne Einschränkung wieder, beginnend mit: «Franci quidem Troiani ab origine
fuerunt» – allerdings spricht der ehemalige kaiserliche Sekretär und
Kenner Ottos von Freising hier von den deutschen Franken, bei
ausdrücklicher Ablehnung des französischen Alleinanspruchs auf das
fränkische Erbe. 70 Das hindert ihn als Papst Pius II. allerdings keineswegs, gegebenenfalls auch Louis XI unter Bezug auf die trojanischen
Anfänge die höchsten Reverenzen zu erweisen. In der Dankesrede nach
der Aufhebung der pragmatischen Sanktion vergleicht er die Franzosen
mit dem Volk Gottes, wobei erstere in jeder Hinsicht mehr Ruhm
beanspruchen können – auch was die «origo gentis» anbetrifft. Die
jüdischen Könige stammen von Hirten ab, die französischen wie die
Römer von Troja, worauf der Papst fast wörtlich seine Darstellung aus
der Europa wiederholt, allerdings ohne ausdrücklich auf den germanischen Charakter des Volkes hinzuweisen. 71 Offensichtlich ist es aus
politischen Gründen durchaus möglich, ja geboten, den französischen
Mythos auch in Italien in Erinnerung zu behalten – nicht weil man
noch daran glaubt, sondern weil die Könige von Frankreich darauf
bestehen.
Die frühen Humanisten haben also ihre Skepsis oder Ablehnung
angemeldet, es jedoch nicht für nötig befunden, die Trojalegende
kritisch zu diskutieren oder zu widerlegen. Vermutlich ist Ranzano der
erste Italiener überhaupt, der die Überlieferung mit anderen Quellen
vergleicht. Er referiert sie zuerst nach Vincent und «alij francarum
rerum scriptores», die allerdings ungenannt bleiben.
Ego autem non facile auderem singula quae memorant pro certis
proponere. 72
Selbst wenn die Geschichte an sich wahr sein sollte, so fänden sich
die Franken schon lange vor der angeblichen Benennung durch Valentinian als solche belegt – Ranzano verweist konkret auf Eutrop, den er
70
PICCOLOMINI, Europa (1458), 434: «Die Franken waren nämlich ursprünglich Trojaner.»
PICCOLOMINI (1462), 107f.; ID. (1453), 672, hat bereits in seinem frühen Gedicht auf
Charles VII in vergilscher Manier von der «stirps Troiano a sanguine creta» gesprochen; cf.
VERGIL, Aen. 4, 191.
72
RANZANO (1492), fol. 431v/432: «Ich dagegen möchte mich nicht ohne weiteres erkühnen,
die Einzelheiten, wie sie sie schildern, als gesichert vorzubringen.»
71
vermutlich in der römischen Edition von 1471 kennt. 73 Und da bereits
Caesar erwähnt habe, dass die Sicambrier am Rhein wohnten, könnten
sie nicht erst nach der Vertreibung durch Valentinian dorthin gelangt
sein; ebenso unmöglich sei ihre Benennung nach Francio, Hektors
Sohn, denn ein solcher sei nirgends belegt. Daher bevorzugt Ranzano
diejenigen – erneut ungenannten – französischen Historiker, die
zugeben, dass sie nicht genau sagen können, wann und weshalb diese
Benennung erfolgt sei, aber gleichwohl an eine Auswanderung unter
Antenor und den späteren Einfall aus Germanien glauben. 74 Diese
Stelle ist wie diejenigen bei Piccolomini typisch für die humanistische
Kritik an der Gründungslegende: Ihr werden antike Autoren gegenübergestellt, und diejenigen Elemente, die diesen Autoritäten widersprechen, fallen weg. Dagegen gilt eine Figur wie Antenor (und damit
Vergils römischer Ursprungsmythos) eben deshalb weiterhin als
authentisch, weil die antiken Schriftsteller sie erwähnen.
Dass eine kritische Einstellung gegenüber Ursprungssagen selbst
dann zum guten Ton gehört, wenn man sie verteidigen oder gar ausbauen will, beweist Candida. Er polemisiert gegen Autoren, die auf der
Suche nach den Anfängen bis auf Adam zurückgehen; ihm genügt
dagegen Saturn, kein Gott, sondern ein hervorragender König, um zu
beweisen, dass die französische Dynastie bei weitem die älteste und
vornehmste ist. Von Saturn leitet Candida die ursprünglich von
Homer 75 entworfene Genealogie nach Troja hin; von dort gelangen die
künftigen Franken auf der Flucht nach Thrazien und dann nach
Pannonien. Martial wird als Beleg für die Existenz der Sicambrier
zitiert, die angeblich nach einem ihrer Anführer so heissen; und
Candida berichtet, er selbst habe erst kürzlich in der Nähe von Budapest die Ruinen Sicambrias besichtigt, «ne quis fabulam putet». Valentinian habe das Volk «franch hons» getauft, was auf Deutsch (nicht,
wie sonst, auf Griechisch) «homo liber» bedeute. Anschliessend folgt
eine weitere Polemik, diesmal gegen diejenigen, welche («ut sapere
videantur») behaupten, diese Geschichte sei bei den bekannten Autoren
nicht belegt und deshalb eine Fabel – wie gezeigt, ist das der Ansatzpunkt der humanistischen Kritik. Doch, so fragt Candida, sind denn
sonst etwa alle historischen Ereignisse von unbestrittenen Autoritäten
73
RANZANO (1492), fol. 432, schreibt: «Ex libro praeterea primo eorum quos paulus diaconus
adiecit decem eutropij voluminibus …». Cf. EUTROPIUS (364), 9, 21; 10, 3 (beides etwa um
300 n. Chr.); in der Ausgabe von 1471 folgt Paulus Diaconus auf Eutrop.
74
RANZANO (1492), fol. 432-433.
75
HOMER, Ilias 20, 206ff.
31
belegt? Und woher sollen die Franzosen sonst stammen, wenn man der
gängigen und keineswegs obskuren Überlieferung nicht folgen will? 76
Candidas Dilemma ist charakteristisch – er und die anderen Italiener,
welche Geschichtswerke an französische Leser richten, können sich
den kritischen Ansätzen ihrer humanistischen Landsleute nicht
entziehen; sie wollen das auch gar nicht, sondern exportieren geradezu
die Diskussion der Ursprungslegenden zu einem Publikum, das diesen
noch recht unkritisch gegenübersteht und den humanistischen
Scharfsinn erstaunt bewundern soll. Doch gleichzeitig stellt sich die
Frage, was an die Stelle derjenigen Elemente zu treten hat, die als
fabulös erkannt und verworfen werden. Eine glorreiche trojanische
Herkunft lässt sich nicht ersatzlos streichen. 77
So verwirft ein im übrigen unbekannter Franziskaner, Giovanni
Angelo Terzone da Legonissa, in seinem Opus Davidiacum die trojanischen Ursprünge wie die Valentinian-Geschichte als «frivola et
fantastica» zugunsten einer nicht weniger kühnen «isdraelitica genealogia», die Charles VIII auf König David zurückführt, so die Franzosen
zum auserwählten Volk stilisiert und verhindert, dass sie mit den
Türken im gleichen Topf landen – diese sind nämlich aus der «mala
parentela» des «infidelissimus Priamus» hervorgegangen. 78 Der auch
sonst historisch unexakte Text gehört offenbar in den Zusammenhang
der millenaristischen Prophetien um den französischen König, die auch
nach dem Einfall von 1494 weiter kursieren.
Häufiger und erfolgversprechender ist jedoch der Versuch, aufgrund
der territorialen Kontinuität zu den gallischen Wurzeln des modernen
Frankreichs vorzustossen. In den verbreiteten französischen
Geschichtswerken kommen sie nicht vor; allein Aimoin de Fleury stellt
vor die trojanische Legende einige aus Caesar übernommene Kapitel
über Gallien und die Bräuche der antiken Gallier. Aber auch er kommt
nicht auf die Idee, eine Verbindung zwischen diesen alten Landes76
CANDIDA (1488), fol. 4-7v; BEAUNE, Naissance (1985), 28f., meint unter anderem: «Il hésite
fortement sur l’origine des Francs.» Ihre auch sonst greifbare, recht eigenwillige Interpretation von
Candidas Schilderung der Ursprünge ist vermutlich auf eine eilige Lektüre zurückzuführen.
77
Die Erörterung vor allem der gallischen Frühgeschichte durch die im folgenden behandelten
Autoren wird von Patrick Gilly in einem demnächst erscheinenden Aufsatz untersucht: L’histoire
de France vue d’Italie à la fin du Quattrocento, nach einem Vortrag im Rahmen des Kolloquiums
Histoires de France, Historiens de la France, 14. und 15. Mai 1993 in Reims. Zu
unterschiedlichen Ergebnissen gelangen wir insbesondere hinsichtlich der Gründe, weshalb die
gallischen Ursprünge beim französischen Publikum auf Ablehnung stossen.
78
LEGONISSA (1497), fol. 2; 25-26. Cf. zum Werk LINDER, Ex mala parentela (1978); ID.,
L’expédition (1978), wo auf p. 182, Anm. 20, eine meines Wissens nie erfolgte kritische Edition
der Handschrift versprochen wird.
bewohnern und den Franken herzustellen. Italienische Humanisten
gehen schon früh weiter: Filelfo erinnert Charles VII in einer Aufforderung zum Kreuzzug einerseits daran, dass es seine «vetus patria»,
nämlich das Troja Francos, von den Türken zu befreien gelte; andererseits erwähnt er aber auch die entbehrungsreichen Expeditionen,
welche die antiken Gallier bis zu den Skythen gebracht haben. Damit
werden die zwei möglichen Wurzeln der Franzosen – wenn auch
unverbunden – nebeneinandergestellt, Charles VII in beiden Traditionen geortet. Bonifazio Simonetta, der sein Werk dem «Rex
Gallorum» Charles VIII sowie dessen Kanzler Guillaume de Rochefort
widmet und um Hilfe für die verfolgte Kirche bittet, preist anhand
antiker Autoren die militärische Schlagkraft und sogar die Frömmigkeit
der Gallier («numinum cultores»), welche gleichermassen den
modernen Franzosen eigne. 79
Jetzt gilt es nur noch, diese postulierte Linie von den Galliern zu den
gegenwärtigen Herrschern historiographisch nachzuzeichnen. Das ist
offensichtlich Emilios Anliegen in seinem ersten Werk, den Gallicae
antiquitatis a prima gentis origine repetitae libri duo. 80 Mit Petrarca
teilt er die Überzeugung, die modernen Franzosen seien den Galliern
wesensgleich; doch in offensichtlichem Widerspruch zu diesem beabsichtigt Emilio, ein positives Bild von ihnen zu entwerfen. 81 Die Parallelen zu Simonetta fallen auf: Die Trojaner und Sicambrier werden erst
gar nicht erwähnt, dagegen ist das antike Gallien aus den gleichen
Gründen gelobt wie sonst häufig das moderne («pietate factisque
insignis Gallia»), und die alten Gallier um den heldenhaften Brennus
werden zu «maiores» von Charles VIII. In der Abschrift der Gallica
antiquitas, die als Geschenk für den König illuminiert worden ist, hält
auf der Frontseite eine «Mater Gallia» das Lilienwappen! 82 Angesichts
der drei erhaltenen Handschriften kann man annehmen, dass Emilios
Erstling mindestens am Hof eine gewisse Bekanntheit erlangt hat. Doch
offenbar ist seine «gallische» These schliesslich auf Ablehnung
gestossen. Ein Indiz dafür ist die allerdings von einer deutlich jüngeren
Hand vorgenommene Streichung der wiederholten Anrede «Heracli79
FILELFO, Epistole (17. Februar 1451), 59r/v; SIMONETTA (1492), V/VV; VIV.
Cf. zum Inhalt oben p. Fehler! Textmarke nicht definiert..
81
EMILIO (1488), fol. 9: «Contra nonnullos auctores qui Gallos indignissime infamabant, vini,
olei et aristarum [?] suavitate Italiam petiisse» bezieht sich auf Petrarcas Polemiken im bekannten
Brief an Urban V.; cf. PETRARCA (1367), 849 (Seniles 9, 1), der seinerseits auf LIVIUS, Dec. 5, 33
beruht.
82
EMILIO (1488), im MS Egerton 880 der British Library.
80
33
des» für Charles VIII in einem Exemplar der Gallica antiquitas – die
Herleitung der Franzosen von den Galliern, die nach antiker Theorie
von Herakles und seinem eponymen Sohn Galates abstammen, darf die
trojanisch-fränkischen Wurzeln nicht verdrängen. 83 Vor allem aber
beginnt die endgültige, 1517 erstmals gedruckte Fassung von Emilios
französischer Geschichte erst mit der fränkischen Landnahme im
4. Jahrhundert. Emilio gibt nicht mehr vor, die Geschichte eines
geographischen Raumes (Gallica antiquitas) zu schreiben, sondern
diejenige eines Volkes (Res gestae Francorum); diese Franken seien
aber, wie er im Vorwort seines Opus magnum schreibt, «non Galliae
indigenae incolaeve». Bevor er die glaubwürdigeren Ereignisse
behandle, werde er deshalb kurz vorausschicken, was die Franzosen
selbst von ihrer Herkunft erzählen, ebenso die damit zusammenhängende Vorgeschichte ausserhalb Galliens, soweit man sie nicht
übergehen könne – vielleicht meint er: «nicht dürfe». 84 Die ersten drei
Sätze des Buches gelten der Legende: «Franci se Troia oriundos esse
contendunt», worauf in einer längeren Periode die Herkunft von Troja
bis Pharamund zusammengefasst wird. 85 Ohne eigentliche Polemik
wird jedoch gleich anschliessend eine von Gaguin abgeschriebene
Erwähnung der Franken in einem Brief Ciceros zitiert; 86 damit ist die
Benennung durch Valentinian hinfällig. Hieronymus dient dann als
Beleg für die Siedlungsgebiete in Franken, zwischen Sachsen und
Alemannen – auch für Emilio, wie für die anderen italienischen
Humanisten, sind die Franken ein germanischer Stamm. Ihre Ursprünge
lässt er im Ungewissen: Der Glanz Roms habe eben lange Zeit alle
anderen Völker derart überstrahlt, dass man von ihnen nichts wisse. So
83
Die Handschrift, welche die Korrekturen im Codex BNP Lat. 5934 der Gallica antiquitas
angebracht hat, stammt frühestens aus dem späten 16. Jahrhundert. Die Distanz zur Abfassungszeit
wird auch aus einer Marginalie neben einer längeren gestrichenen Passage ersichtlich,
EMILIO (1488), fol. 2v: «non ita scripserat paulus aut aberravit a lege historiarum scribendarum.»
Die Galates-Herkunft findet sich beispielsweise beim 1474 erstmals im Druck erschienenen
AMMIANUS MARCELLINUS, Res Gestae 15, 9, 3-6. Wahrscheinlich entnimmt sie Emilio jedoch
Poggios Übersetzung des Diodor von Sizilien, die zwischen 1472 und 1481 drei Auflagen erlebt.
DIODORUS SICULUS, Bibliotheca historica 5, 24, übernimmt den «Hercules Lybicus» aus
HERODOT, Historiae 2, 43f., datiert ihn aber vor den griechischen; cf. JUNG (1966), 41f. Herakles
ist als allegorische Gestalt durchaus in der königlichen Selbstdarstellung präsent, jedoch nicht als
ein Ahn der herrschenden Dynastie; cf. die Beschreibung der «Entrées royales» von 1490 und
1491 bei JUNG (1966), 38f.
84
EMILIO (1520), Praefatio: «non ante propiora certioraque dicere ordiar, quam & quae ipsi de
primis originibus suis produnt, paucis praefatus fuero: & quae externa illis adeo cohaerent, ut
silentio praeteriri nequeant, recensuero.»
85
EMILIO (1520), 1: «Die Franzosen behaupten, sie hätten ihren Ursprung in Troja.»
86
Die in CICERO, Att. 14, 10 erwähnten «Frangones» sind allerdings keine Franken; diese
finden sich erstmals im dritten Jahrhundert belegt; cf. RE VII1, 82.
fängt die Schilderung der fränkisch-französischen Geschichte bei
Emilio erst mit der Völkerwanderung tatsächlich an; auch Marcomir
und sein Sohn Pharamund, beide in authentischen Quellen nicht belegt,
sind nur in der einleitenden Zusammenfassung der Legende erwähnt,
während ihre authentischen Nachfolger Clodio und Merowech anhand
der kargen Quellen im Auflösungsprozess des Imperiums dargestellt
sind. 87 Emilio löst sich also ohne ausdrückliche Widerlegung von der
französischen Tradition: Seine offensichtliche Distanzierung liegt in
der Formulierung («Franci contendunt»), positiven Zeugnissen für die
frühe Existenz der Franken (Cicero) und ihre germanische Herkunft
(Hieronymus) sowie der Erklärung, weshalb man über ihre Anfänge
nichts wisse. Sapienti sat – aber gleichzeitig kann niemand mehr
Emilio vorwerfen, die Legende eliminiert oder geleugnet zu haben.
Wenig früher hat der französische Humanist Robert Gaguin seine
Vorbehalte noch viel vorsichtiger formuliert; dass er 1500 in der
gegenüber 1495 erweiterten Fassung seines Compendium vor allem die
Diskussion der Ursprünge ausbaut, zeigt aber, dass diese Frage inzwischen auch die Franzosen selbst bewegt. 88 Michele Riccios Plagiat des
Franzosen geht bei den Anfängen ausnahmsweise eigene Wege,
kaschiert aber ebenfalls mit gelehrten Zitaten seine Scheu, klar Stellung
zu beziehen. Der erste Satz in Riccios Buch gilt Galates und den
Galliern; der zweite erwähnt die Dreiteilung Galliens nach Caesar; der
dritte fasst mit «sunt qui dicant» äusserst kurz die Herkunft aus Troja
zusammen. Riccio selbst findet zwar in Homer und Euripides keinen
Franco, bleibt aber nachsichtig gegenüber denen, die – wie Livius
87
EMILIO (1520), 1f.
Die Anfänge sind behandelt bei GAGUIN (1495), 2r/v (erste Auflage) beziehungsweise
GAGUIN (1500), 2-5 (in der Ausgabe von 1514, nach der ich zitiere; so seit der Edition von 1500);
beide beginnen mit: «Franci ut pleraeque aliae nationes a troianis prodiisse gloriantur»; seit der
Edition von 1500 heisst es am Ende des Abschnitts, ID. (1500), 5: «Mihi quidem vera francorum
origo minime comperta est.» Dazugekommen ist unter anderem die erwähnte Stelle im AtticusBrief (p. 2), die allerdings viel zurückhaltender eingeführt wird als später bei Emilio; ausserdem
eine Nachricht über den Triumphzug des Aurelian bei Flavius Vopiscus, also in der Historia
Augusta, und eine des Paulus Diaconus über Valentinian. Gaguin gibt die offizielle Herkunftssage
trotz gewisser Vorbehalte viel ausführlicher wieder als Emilio. Auch spricht er sich vorsichtig für
einen eponymen Helden «Franco» und bedenkenlos für Marcomir und Pharamund aus, um dann
ab der Auflage von 1500 gleichwohl festzuhalten, dass Gregor von Tours von den Anfängen
nichts erzählt und ihm diesbezüglich auch sonst kein «certus auctor» bekannt sei. Gaguins Kritik
bleibt also zweifelndes Stückwerk. Eine eigentliche Polemik erlaubt sich der französische
Humanist nur gegen einen ungenannten Chronisten, («rerum & temporum non satis gnarus»),
womit wohl die Grandes Chroniques in der Edition von 1493 gemeint sind; dieser Autor habe
Charles VIII eine Geschichte Frankreichs zugeeignet, in der die Franken Paris im Jahre 395 vor
Christus errichtet hätten!
88
35
sage – ihre Anfänge auf Heroen zurückführen, um sich so zu adeln. 89
Riccio führt also die Gallier ein, vermeidet aber jede Anspielung auf
eine Kontinuität von ihnen zu den Franken, zeigt seine Zweifel an der
Trojasage deutlich, aber so, dass man ihm keinen Vorwurf machen
kann, und sieht den eigentlichen Beginn der französischen Geschichte
offenbar in der von Valentinian erzwungenen Wanderung des
fränkischen Volkes.
Dichterisch ausgenutzt und damit ineinander integriert finden sich
die verschiedenen Ursprungstheorien in Mantuanos Epos auf SaintDenis. Der Heilige wird zu den keltischen Galliern gesandt, die – wie
er – griechischen Ursprungs seien; sie bleiben lange unter römischer
Herrschaft, bis die germanischen Franken trojanischen Ursprungs das
Land erobern. Bis zum letzten Karolinger herrscht die «Germanica
proles», doch unter Hugues Capet, «non genus a Francis ducens, sed
origine Gallus», wird das Land wieder an die «Ureinwohner» zurückfallen! Allein die Namen «Franci» und «Francia» werden beibehalten. 90
Mit diesem Kunstgriff beruhigt der Dichter nicht nur die heidnischen
Götter, die ihre antiken Schützlinge wieder an der Macht sehen,
sondern er verknüpft auch die vielfältigen Wurzeln und Mythen der
modernen Franzosen in einer reichen, dabei doch nachvollziehbaren
und nicht einmal allzu falschen Synthese: Der Grieche Dionysios ist
der Apostel der stammverwandten Gallier, die dank dem Christentum
die trojanisch-germanischen Franken allmählich ebenso integrieren wie
die Weisheit der antiken Griechen und die Herrschaftsgewalt der alten
Römer. Frankreich wird gleichsam zum Schmelztiegel der
abendländischen Geschichte. Daran nimmt wenigstens Josse Bade, der
das Epos ediert und kommentiert, keinen Anstoss; allerdings beziehen
sich seine Glossen weniger auf die Herkunft Hugues Capets als auf
seine Usurpation.
Ein letztes Beispiel für die in diesem ideologisch heiklen Bereich
waltende Vorsicht liefern die zwei Versionen von Cattaneos Geschichte
der französischen Könige. Die erste beginnt mit einer aus Caesar
übernommenen Beschreibung Galliens, woran sich die verschiedenen
antiken Theorien über die Herkunft der Gallier anschliessen – etwa von
Galates oder den Phöniziern. Es folgt eine wieder Caesar entnommene
89
RICCIO, De regibus (1505), 9-11.
MANTUANO (1506), 208r/v; 219v: «nicht von den Franken abstammend; sondern hinsichtlich
seiner Herkunft ein Gallier».
90
Beschreibung der religiösen Bräuche der Gallier, insbesondere der
Druiden, die bereits an die Unsterblichkeit der Seele geglaubt hätten.
Ita omnium Gallorum natio religionibus semper fuit dedita. 91
In seinem Eifer, den Franzosen als allerbesten Christen zu schmeicheln, postuliert Cattaneo wie schon Simonetta die Kontinuität in der
Tradition der heidnischen, aber ihren Glauben streng ausübenden
Gallier; und im Bemühen, die Kriegstaten der Franzosen zu loben,
schildert er wie der junge Emilio die Stadtgründungen in Norditalien
sowie die Kriegszüge des Brennus und anderer bis nach Griechenland.
Dann leitet er nur mit einem «autem» zu den «Franci» über, erzählt
kurz und mit der üblichen Vorbehaltsformel («nonnulli scriptores
tradidere») die trojanischen Ursprünge, die er bei Yves de Saint-Denis
gefunden hat, fügt aber noch die von Caesar berichteten germanischen
Siege über die Römer in Gallien in den Palmarès der Franken, um sie
dann freiheitsdurstig in Valentinian das «iugum servitutis Romanae»
abwerfen zu lassen. 92
Cattaneo versucht also, die antike Überlieferung der Gallier mit der
mittelalterlichen der Franken zu verknüpfen, indem er sie beide aufeinanderfolgend darstellt und die trojanischen Franken auch noch im
caesarianischen Gallien wirken lässt – die Identität besteht, recht
erstaunlich für einen «protonotarius apostolicus», im pausenlosen
Freiheitskampf gegen das antike Rom und im nicht nur katholisch
verstandenen Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und entsprechendem Religionseifer. Doch offenbar erfährt auch Cattaneo, dass die
Gallier in der französischen Geschichte nichts zu suchen haben – die
zweite, gerade für die frühere Geschichte stark veränderte Fassung
seiner Epitome erwähnt sie mit keinem Wort, dafür konventionell und
eher kurz die trojanische Herkunft – «si antiquis annalibus & auditis
fides abroganda non est». 93
Wie es scheint, ist es um 1500 kein politisches Problem, neben der
trojanischen Herkunft auch die «germanische» aus Franken zu unterstreichen, die sich ja ohne grosse Widersprüche miteinander vereinbaren lassen; auch ist es kein Staatsverbrechen, mit den gewohnten
Formeln Vorbehalte gegen die Glaubwürdigkeit derjenigen Autoren
91
CATTANEO (1494), fol. 7: «So war das ganze Volk der Gallier immer den Religionen
ergeben.»
92
CATTANEO (1494), fol. 7-9; cf. YVES DE SAINT-DENIS (1317), fol. 122-123.
93
CATTANEO (1501), fol. 3v-4: «… sofern den alten Annalen und dem Hörensagen die
Zuverlässigkeit nicht abgesprochen werden muss».
37
anzumelden, welche die trojanischen Ursprünge überliefern. Aber auch
die italienischen Historiker sind gehalten, diese mindestens in einer
groben Zusammenfassung zu erwähnen, und sie müssen bei all ihrer
Freude über die neuentdeckten antiken Quellen darauf verzichten, die
Gallier in eine kontinuierliche französische Nationalgeschichte einzubeziehen. Die französischen Humanisten erliegen dieser Versuchung
offenbar erst gar nicht: Die Gemeinsamkeiten ihrer Heimat mit der
antiken «Gallia» beschränken sich für sie auf die Geographie und
allenfalls auf eine kulturelle Opposition gegenüber Rom beziehungsweise Italien. Der vage Stolz auf die Expeditionen der Gallier führt in
Frankreich ungeachtet der Reklamation der «Gallia cisalpina» in
panegyrischen Schriften nicht dazu, eine historische oder gar dynastische Kontinuität vorzuschlagen. 94 Die Ursachen dieser französischen
Empfindlichkeit liegen wohl weniger in der Legitimitätsfrage,
inwiefern nämlich das fränkische Eroberervolk überhaupt Anspruch auf
die «Gallia» erheben kann – mit über tausend Jahren ist Frankreich
längst das älteste Reich in ganz Europa. Doch ein Verzicht auf die
trojanischen Ahnen und die freiheitsdurstigen Sicambrier ist nicht
aufzuwiegen mit Galliern, die ein halbes Jahrtausend durch die Römer
geknechtet worden sind und – ungeachtet der versuchten Stilisierung
Emilios oder Cattaneos – gerade in den antiken Quellen doch vorwiegend als unzivilisierte Rauhbeine erscheinen. 95 Als Louis XI von der
englischen Königin schmeichelhaft als Heraklesspross tituliert wird,
verwahrt er sich dagegen mit der Bemerkung, er sei ein Abkomme
Karls des Grossen, dem keiner der alten Heroen vorzuziehen sei. 96 Die
mittelalterliche Geschichte hat aus offensichtlichen Gründen für die
Franzosen einen ganz anderen, viel positiver beurteilten Stellenwert als
für die Italiener: So bleibt ein «Rex christianissimus», der sich als
Beschützer von Religion und Kirche versteht, auch eher zurückhaltend,
wenn italienische Humanisten im Kult dieser Heiden freudig Parallelen
zur französischen Frömmigkeit ausmachen. Vor allem aber ist die
94
Anders SCHMIDT-CHAZAN (1977), 266f.; 276f., was Gaguin betrifft, der auf eine Einfügung
der gallischen Geschichte in sein Compendium nur verzichtet habe, weil er sie bereits mit seiner
Caesar-Übersetzung als abgedeckt betrachtet habe. Für diese These gibt es keine Anhaltspunkte;
vielmehr zeigen die beiden Werke Gaguins, dass das antike Gallien und das mittelalterliche
Frankreich als zwei genetisch verschiedene Stoffe betrachtet werden. Cf. zur «Gallia cisalpina»
SCHELLER (1985), 6.
95
DUBOIS (1972), 24. Gilly insistiert im oben, Anm. 77, erwähnten Vortrag allzu stark auf
dem angeblich negativen Gallierbild der antiken Quellen; wie einfach positive Aspekte hervorgehoben werden können, zeigen gerade Simonetta, Cattaneo und Emilio.
96
PICCOLOMINI (1463), 528 (9, 9).
Geschichte Frankreichs bisher stets als Geschichte der französischen
Könige verstanden worden, nicht als die des Landes oder der Bevölkerung – die herrschende Dynastie ist es, die ihre Wurzeln in Troja hat,
und kein Livius oder Caesar vermag eine «gallische» Königsgenealogie
zu liefern, nicht zu reden von einer, deren Ruhm sich mit der trojanischen vergleichen liesse.
Wo die römischen Historiker diese gleichwohl ärgerliche Lücke
belassen haben, da springt der Chaldäer Berosus ein – Annio da
Viterbo spielt den Demiurgen und erfindet die fehlende Genealogie in
seinen Antiquitates variae von 1498. Zu den angeblich wiederentdeckten Texten fügt Annio noch eigene Kommentare hinzu; beide
zeugen von grosser Belesenheit und einigem Geschick, indem immer
wieder Querverbindungen zu bekannten und unbestrittenen Autoren
Authentizität vorspiegeln. Anhand des tatsächlich belegbaren Berosus
will Annio sein Publikum über die langen Jahrhunderte informieren,
welche zwischen der Sintflut und den ersten abendländischen Überlieferungen liegen. Dazu konstruiert er Königsdynastien, womit er einerseits den gegenwärtigen Nationen eine bis auf Noah zurückreichende,
eigenständige Ahnengalerie verschafft, andererseits aber nicht nur mit
altbekannten und teilweise kühn identifizierten Figuren – wie einem
auch unter den Namen Cham, Zoroaster, Pan und Sylvanus bekanntem
Saturn – die disparaten mythologischen Überlieferungen in ein
zusammenhängendes Bild verwebt, sondern auch die verschiedenen
Geschlechter mit Seitenlinien und Einheiratungen untereinander
verbindet. So ist Galliens erste König, Samothes, ein Enkel Noahs und
Sohn Japhets; sein neunter direkter Nachkomme Celtes hat eine
Tochter Galatea, mit welcher der bereits von Emilio aus den antiken
Ethnographen hervorgesuchte Herakles den Galates zeugt, in dessen
Geschlecht später wiederum durch Einheirat der trojanische Flüchtling
Francus als 22. König aufgenommen wird. Wo «Berosus» im Text
Francus behandelt, «a quo primo Franciae nomen», verweist sein
angeblicher Kommentator Annio auf Vincent de Beauvais («diligentissimus historiarum scriptor»), der aber die Geschichte nie so präsentiert hat. Durch die Erfindung zahlreicher eponymer Herrscher gelingt
es Annio, all die widersprüchlichen antiken und mittelalterlichen
Mitteilungen zur «Gallia» (nach Galates) und späteren «Francia» (nach
Francus) in seine Konstruktion zu integrieren: Von einem Dryus sind
die dank Caesar berühmten Druiden abgeleitet, ein Celtus bringt die
39
Bezeichnung «Celti» ein, Paris gründet die gleichnamige Stadt. 97 Nicht
genug damit: Dank Annio gehen die Einwohner Galliens bis auf die
Sintflut zurück und damit lange vor die Zeit Trojas; tatsächlich entsteht
die kleinasiatische Stadt erst einiges später aus einem ebenfalls vom
erwähnten Herakles abstammenden Geschlecht. Griechenland und
Kleinasien sind nicht mehr die Wiege das Abendlandes, sondern das
bevorzugte Opfer von Annios Polemik und Geschichtsklitterung – ihre
kulturellen Errungenschaften sind ursprünglich gallische Exportware,
wurden sie doch von Galates erobert, der so die «Gallograeci» begründete. 98 So geht die trojanisch-fränkische Wurzel Frankreichs ursprünglich aus Gallien selbst hervor und wird bereits in früher vorchristlicher
Zeit dorthin zurückgeholt.
In einer Zeit, da auch echte Entdeckungen verschollener antiker
Autoren durchaus keine Seltenheit sind, ist Annios Konstruktion trotz
früher Kritiken etwa Volterranos oder Sabellicos ein grosser und
anhaltender Erfolg gewiss; im Unterschied zu mittelalterlichen
Fälschungen und Legenden – wie der fränkischen Ursprungssage –
widersprechen sie ja gerade nicht den als Autoritäten gesetzten antiken
Autoren, sondern sind vielmehr mit diesen sorgfältig abgestimmt. Was
Frankreich im besonderen anbetrifft, so löst Annio – bewusst oder
unbewusst – das Dilemma, an dem seine italienischen Vorgänger
gescheitert sind: Der Übergang von der gallischen zur fränkischen
Geschichte muss nicht mühsam im 4. oder 5. Jahrhundert konstruiert
werden, sondern die Verwebung erfolgt schon lange vor Christi Geburt.
Zudem hat sie ihren eigentlichen Ursprung in einem glorreichen
Gallien, dessen Kulturleistungen nicht mit der Herablassung der
antiken Römer geschildert sind, sondern sogar die Grundlage für die
Blüte Griechenlands liefern. Andererseits beruht die Kontinuität von
der «Gallia» zur «Francia» nicht nur auf der Geographie, sondern sie
schliesst den heiklen, von Emilio wie Cattaneo zwangsläufig
umgangenen Punkt ein: die Dynastie. Nicht der barbarische, von Rom
unterworfene Gallierhaufen steht am Anfang der Nation; vielmehr führt
von Noah bis zu den Königen der Gegenwart ein kontinuierlicher
Strang von Herrschern, die allesamt in Gallien beheimatet sind. Allein
die Bezeichnung ihrer Untertanen wechselt von Zeit zu Zeit
(ihretwegen!), nicht aber die Substanz: Samothei, Celti, Galatii, Belgae,
97
ANNIO (1498), 110-151; cf. zu Herakles im besonderen JUNG (1966), 42-50.
Cf. ANNIO (1498), 121v; 126v: «Neque Galli a Graecis; sed potius a Gallis Asia et Graecia
…»; ib., 137-138v: «Galathos omnem Asiam & Graeciam occupasse … [usw.].»
98
Galli und Francigenae sind letztlich ein Ding, ähnlich wie drei
Jahrhunderte zuvor bei Gottfried von Viterbo. Tatsächlich bestehen die
jeweiligen Blutauffrischungen nicht in der Einwanderung ganzer
Völker, sondern allein in der Einheiratung eines prominenten neuen
Herrschers. Zwar ist die Dynastie nach dem 22. König, Hektors Sohn
Francus, nicht mehr fortgeführt und so auch die komplizierte Integration der sicambrischen Wanderungssage in ein in Gallien stationäres
Königsgeschlecht umgangen; da aber Francus einen unbestrittenen
Platz in der französischen Überlieferung innehat (daher auch der
Verweis auf Vincent!), ist das Bindeglied zur herrschenden Dynastie
sicher genug etabliert, um der Obrigkeit aus ihrer Verlegenheit angesichts zuverlässiger, aber inopportuner antiker Autoren (etwa Diodor)
und unzuverlässiger, aber für die Legitimität wichtiger mittelalterlicher
Quellen (wie Vincent) herauszuhelfen.
Zu diesem Zweck wird Annio in Frankreich nicht nur häufig
gedruckt, 99 sondern noch weiter ausgebaut, und zwar von Jean Lemaire
des Belges, der eine Zeitlang als offizieller Historiograph wirkt. In
seinen zwischen 1509 und 1512 entstandenen Illustrations de Gaule et
singularités de Troie übernimmt er die nachsintflutliche Königsfolge
Annios, 100 doch integriert er, wie schon der Titel zeigt, die trojanische
Herkunftssage und den sicambrischen Umweg ausführlich, womit die
dynastische Kontinuität lückenlos aufgezeigt ist. 101 Die Rezeption von
Lemaires Buch beschränkt sich aus sprachlichen Gründen weitgehend
auf Frankreich, wo es am Anfang der Gallier-Renaissance des
16. Jahrhunderts steht; doch darf man nicht übersehen, dass er sich für
99
In Paris erscheinen die Werke von «Berosus» beziehungsweise die Annales Antiquitatum
1509, 1510, 1512 und 1515.
100
Eher widersprüchlich bedauert BEAUNE, Naissance (1985), 36, Lemaires Anleihen bei
Annio («malheureusement»), um dann (p. 38, cf. auch p. 29f.) vom «renouvellement astucieux»
Lemaires zu sprechen, der die Gallier zu Vorfahren der Trojaner-Franken gemacht habe; gerade
das ist aber nicht Lemaires, sondern Annios Leistung! Beaune hat offenbar Annio und die
Sekundärliteratur zu Lemaire etwas flüchtig gelesen, denn auch die weiteren (p. 37) aufgezählten
«Innovationen» Lemaires gehen weitgehend auf Annio zurück. Die meist wörtlichen Anleihen
weist schon DOUTREPONT (1934), 13-26 bzw. 403-425 nach; er unterstreicht auch sonst (pp. 26;
272) den dominierenden Einfluss Annios, der beinahe ausschliesslichen Quelle für die ersten 18
Kapitel. Zur Annio-Rezeption ferner JUNG (1966), 51-55, und DUBOIS (1972), 25-39.
101
LEMAIRE (1512); auf p. 2 die genealogischen Tafeln, auf p. 12f. die Grundkonzeption des
Werks. Die Integration der Wanderungssage hat eine gewisse Zweigleisigkeit zur Folge, lässt sich
doch – nach Annio – Francus gleich nach der Zerstörung Trojas in Frankreich nieder, während
eine andere Gruppe von gallo-trojanischen Flüchtlingen erst über den sicambrischen Umweg und
als Franken nach Frankreich zurückfindet. Da es Lemaire darum geht, die Kräfte Frankreichs mit
dem Kaiserreich im Kampf gegen die Türken zu einen, sind ihm die «germanischen» Implikationen der fränkischen Wanderung allerdings durchaus genehm – die Stammverwandtschaft der
beiden Herrscherhäuser dient ihm als Argument zur Überwindung bestehender Gegensätze.
41
sein Geschichtskonstrukt auch abgesehen von Annio beinahe
ausschliesslich moderner italienischer Autoren bedient hat –
offensichtlich sind sie es, welche die Diskussion um die französischen
Ursprünge nicht nur beleben, sondern bestimmen. 102
Ungefähr gleichzeitig mit Annio und Lemaire des Belges unternimmt in Deutschland der Abt Johannes Trithemius eine ähnliche
Geschichtsfälschung, im Unterschied zu den anderen jedoch aufgrund
engerer nationaler Interessen. Ursprünglich ist es seine Absicht, die für
Kaiser Maximilian und das Haus Habsburg postulierte merowingische
Abkunft zu belegen; doch versteigt er sich dann dazu, einen Historiker
Hunibald zu erfinden, einen angeblichen Zeitgenossen Chlodwigs, der
von einem ersten Marcomir (angeblich 410 v. Chr.) an eine lange Liste
von insgesamt – bis Pharamund – 42 fränkischen Herrschern aufzählt
und ihre sagenhaften Kämpfe schildert. Die Einwanderung der trojanischen Flüchtlinge nach Germanien wird ins 5. vorchristliche
Jahrhundert zurückdatiert und ihr Stamm damit entschieden germanisiert – «Franci» und «Germani» werden fast synonym verwendet und
in der Tradition Gottfrieds von Viterbo klar von den feindlichen
«Galli» geschieden. Trotz früher Kritik an Hunibald, etwa durch Beatus
Rhenanus, vermag Trithemius auch ausserhalb Deutschlands eine
ansehnliche Gefolgschaft zu gewinnen; Hunibald bleibt noch
Jahrzehnte später aktuell. 103
Am Anfang des 16. Jahrhunderts bieten sich also für die interessierten Italiener fünf Varianten für die französischen Ursprünge an:
1. Die traditionelle trojanische Herkunftssage
2. Ihre um eine ausführliche Genealogie erweiterte Fassung bei
Trithemius
3. Die gallo-fränkische Genealogie von Annio (und Lemaire des
Belges)
4. Die direkte Überleitung aus der gallischen in die französische
Geschichte, wie von Emilio oder Cattaneo versucht
102
DOUTREPONT (1932), 26, zählt Boccaccio, Riccio, Sabellico, Volterrano, Biondo, Piccolomini, Platina und Foresti sowie – als Franzosen – Gaguin auf; Emilio kann Lemaire noch nicht
bekannt sein; cf. auch ib., 275-298. Zur Gallier-Renaissance cf. v.a. DUBOIS (1972). Zur Wichtigkeit der Italiener für die Traditionskritik auch in Frankreich cf. ausserdem oben, p. Fehler!
Textmarke nicht definiert., das Beispiel des heiligen Salböls.
103
TRITHEMIUS (1515) beruft sich auf Hunibald als Hauptquelle, ID. (1574 auf lateinisch),
ursprünglich 1522 auf deutsch, soll einen Auszug aus dessen Geschichtswerk darstellen. Zum
Werk vor allem RIDÉ (1977), 1033-1041 (Zusammenfassung) bzw. 1043-1050 (Interpretation);
fast nur Zusammenfassung BORCHARDT (1971), 143; für die Rezeption des Trithemius in
Frankreich RICHTER (1983), 119f. Noch BODIN (1566), 454, führt Hunibald unter den Historikern
Frankreichs an.
5. Die humanistische Einsicht etwa Biondos, dass die Franken ein
eingewanderter germanischer Stamm sind
Das weitere Schicksal dieser Deutungsmuster soll nun abschliessend
zusammengefasst werden.
1. Die traditionelle Trojasage verschwindet selbst in Italien keineswegs vollständig. Sie steht nicht nur in den zahlreichen Neuauflagen
von Forestis Weltchronik; auch ein keineswegs liederlicher Humanist
wie Sabellico übernimmt sie noch recht ausführlich und ohne Kritik
von Gottfried von Viterbo, obwohl er an anderer Stelle nach Biondo
die «Franconia» als «prima origo» der Franken erwähnt. 104 Meistens
wird die Sage eher beiläufig wiederholt – manchmal auch mit dem
Hinweis, dass es die Franzosen selbst seien, die diese Geschichte
erzählen, was einen deutlichen Vorbehalt ausdrückt. 105 Doch ein
Guazzo, der sonst für Frankreich meist Emilio folgt, bietet sie bedenkenlos, und Niccolò Zeno, Sansovino und Doglioni erzählen sie – wie
auch Annios Genealogien – trotz gewisser Einschränkungen mindestens als eine der möglichen Theorien. 106 Im rhetorischen Gebrauch
kommt die Herkunftssage noch im 17. Jahrhundert vor, wenn etwa
argumentiert wird, die Franzosen müssten gegen die Türken ziehen, um
so ihre ursprüngliche Heimat Troja aus der Hand der Ungläubigen zu
befreien. 107 Aber unter all diesen Autoren findet sich kein überzeugter
und beredter Verteidiger der Sage, und es darf füglich bezweifelt
werden, dass einer von ihnen tatsächlich noch an sie glaubt. Allein
Ferentilli unternimmt 1570 einen etwas ernsthafteren Versuch in diese
Richtung, vermutlich weil er das «Regno di Francia», welches als
Nachfolger Roms die Weltgeschichte lenkt, in vornehmstem Licht
erscheinen lassen will. Ferentilli gibt zu, dass verschiedene Theorien
verbreitet sind, hält aber diejenige von Eusebius für die sinnvollste und
«communemente approvata dalla maggior parte de’ Chronografi»,
worauf er ausführlich die traditionelle Gründungssage anbringt. 108
104
FORESTI (1485), 48v; SABELLICO (1504), II, 310 (Franconia); 467 (Troja); BEAUNE, Naissance (1985), 26, begeht einen Lapsus, wenn sie ausgerechnet Sabellico (und nur ihn!) als Beleg
für die folgende Behauptung anführt: «Les autres œuvres historiques italiennes de la deuxième
moitié du XVe siècle observent un silence prudent [sc. was die Trojasage betrifft].»
105
MANTUANO (1506), 208 («troiana propago»); PRATO (1519), 231; PASSI (1564), 3v-4.
106
GUAZZO (1553), 40v; ZENO (1557), 161-162; SANSOVINO (1561), 1v; ID. (1580), 132v: «Il
nascimento, l’origine, & i successi di costoro, sono molto difficili ad intendersi per l’antichità
loro»; DOGLIONI (1594), 41; 184; ID. (1606), 53-55; 260.
107
So VANNOZZI (1610), II, 179 (eigentlich 177); der rhetorische Gebrauch findet sich auch bei
G. B. STROZZI (1630), 22.
108
FERENTILLI (1570), 181-185; 185: «gemeinhin gebilligt von der Mehrzahl der Chronisten».
43
Diese findet sich natürlich nirgends bei Eusebius von Caesarea, wohl
aber bei Sigebert de Gembloux, der die Chronik des Eusebius beziehungsweise Hieronymus fortsetzt. Doch vermutlich unterläuft Ferentilli
kein Missverständnis, sondern er versucht mit der anerkannten
Autorität des Kirchenvaters und einigen pseudogelehrten Quellenvergleichen seiner Variante grössere Glaubwürdigkeit zu verschaffen.
2. Trithemius profitiert davon, dass sein zweites Werk De origine
gentis Francorum compendium auf Lateinisch erst 1574 erscheint und
damit seinen Hunibald noch einmal frisch belebt. Einen gelehrigen
Schüler hat der deutsche Abt jedoch schon früher in Pietro Mareno
gefunden, der ebenfalls zur genealogischen Erhöhung des Kaisers den
Stammbaum klar zusammenfasst und weiter ausbaut, in der Deszendenz hin zu Karl V., in der Aszendenz über Troja hinaus zu – Annios! –
Tuscus, selbstverständlich einem Nachkommen Noahs, und seinerseits
Stammvater der Toskana, die also im Zeichen des mediceischkaiserlichen Bündnisses die Ahnenschaft für Karl den Grossen und
Karl V. beanspruchen kann. 109 Dass Trithemius zirkuliert, beweist auch
Giambullari, der die Trojasage ausführlich nach Hunibald wiedergibt,
um sie dann als «favole» zu entlarven und ihr die «verità», nämlich die
Einwanderung aus Germanien nach Beatus Rhenanus und Piccolomini
entgegenzustellen. 110 Dessenungeachtet ist Contarinos populärer
Giardino von 1589 voll von den Kreaturen des Trithemius: Antenor,
Bassano und wie sie alle heissen. Auch wo er die Ursprungsgeschichte
behandelt, zieht Contarino den deutschen Abt ausdrücklich Vincent de
Beauvais vor. 111 Allerdings beweist gerade Contarinos Sammlung, dass
das Machwerk des Trithemius in Italien doch eher als Kuriosum
weiterwirkt und keine mit Deutschland vergleichbare Rezeption
erlebt. 112
3. Wenig besser ergeht es Annio, dessen Elaborat zwar regelmässig
Neuauflagen erlebt und von Sansovino auch übersetzt, aber mindestens
für die französischen Anfänge kaum mehr herangezogen wird. Eine
109
MARENO (1545), 2; 10f.; 32ff. (2. Buch: Chlodomir und karolingische Nachkommen bis
Karl V.); 58ff. (3. Buch: Genebald und merowingische Nachkommen); cf. TRITHEMIUS (1515),
41-49; 92f.
110
GIAMBULLARI (1555), 108-110; wohl nach ihm MAZZELLA (1594), 220.
111
CONTARINO (1589), 62; 95; 157; 189; 363f.; 367; 375; ID., Aggiunte (1590),
192. ZAMPINI (1581), 36-49, versucht in Frankreich, die Authentizität der Trojasage nach
Hunibald zu retten, wobei er eine Liste von insgesamt 28 «clarissimorum virorum autoritates»
anführt, von denen aber einige sich gar nicht zustimmend zum Herkunftsmythos geäussert haben.
112
Zum allmählichen Verschwinden des Troja-Mythos in Deutschland zugunsten der Autochthonie der Germanen cf. RIDÉ (1977), 1056-1111; auch BUSCHMANN (1930), 21f.
bezeichnende Ausnahme machen eigentliche genealogische Werke,
welche den französischen Königskatalog präsentieren: So stellt
Tramezzino seiner aus Du Tillet übersetzten Königsliste eine Kurzfassung von Annios gallischen Königen voran; allerdings ist die
Überleitung zu den mittelalterlichen Herrschern nicht fugenlos, denn
der Herausgeber meint, zur Zeit der Römer habe es keine Könige von
Frankreich mehr gegeben. Der Drucker Giunti übernimmt diesen
Vorspann wörtlich für seine Königschronik von 1588, während den
darauf folgenden Viten der französischen Könige eine andere Quelle
zugrunde liegt. Annios Genealogien finden sich auch bei Lusignano
und Doglioni. 113 Dieses Nachwirken Annios kann als genusbedingt
angesehen werden. Charakteristisch dafür ist Giuntis Bekenntnis, er
habe alle Könige zusammengetragen, die er habe finden können, und
sie möglichst exakt nach den besten Quellen geordnet; aber die Überlieferung sei wirr, und so könne er vor Pharamund nicht für die
Datierung und die Abfolge garantieren. 114 Vor die Entscheidung
gestellt, zieht der Genealoge also unsicheres Material einer Lücke in
der dynastischen Kette vor.
4. Während in Frankreich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
die Debatte erst richtig losgeht, ob die Gallier die eigentlichen Vorfahren der Franzosen sind, 115 stimuliert diese These, obwohl anfangs ja
von italienischen Humanisten eingebracht, die italienischen Autoren
allenfalls noch zu Beginn des Jahrhunderts. Volterrano, der in seiner
Geographia von der territorialen Kontinuität ausgeht, steht noch
durchaus in der humanistischen Tradition: Er zählt in einem ersten
Kapitel über «Gallorum reges ac gesta» die Könige des Berosus auf,
aber nur um zu zeigen, dass er diese neue Quelle kennt, sie aber nicht
für authentisch hält. 116 Es folgt, anhand antiker Autoren, die gallische
Geschichte bis zu Caesars Eroberung Galliens. Inhaltlich unverbunden
schliessen «Francorum origo ac successiones» an; Volterrano beginnt
mit Pharamund als erstem König und der Eroberung Galliens durch die
Franken, deren Troja-Mythos ausdrücklich verworfen wird und die als
germanischer Völkerwanderungsstamm präsentiert sind. Damit ist
gezeigt, dass die Gallier und die Franken dasselbe Land bewohnen und
113
TRAMEZZINO (1558), 65-67; GIUNTI (1588), unpaginierter Vorspann; LUSIGNANO (1577),
1-17; DOGLIONI (1594), 6; ID. (1606), 7, 10f.; vorweg zudem eine Liste der «Re de’ Galli antichi».
114
GIUNTI (1588), unpaginierter Vorspann; ähnlich bereits TRAMEZZINO (1558), 67.
115
Cf. dazu vor allem DUBOIS (1972).
116
VOLTERRANO (1506), 34: «… priscos quidem Galliae reges ab ipso qui fertur Berosi libello,
ne nescius tantum praeterire videar, mutuabor».
45
insofern etwas miteinander zu tun haben, aber gleichzeitig deutlich
gemacht, dass sie verschiedener Herkunft sind. 117 Equicola verwirft in
seiner Apologie Frankreichs die trojanische Sage als «non minus
puerile quam ridiculum» und verteidigt die französischen Zeitgenossen
mit antiken Zitaten über die Gallier. Er beschreibt jedoch im Unterschied zu Volterrano, wie sich die Gallier mit den einwandernden
Franken vermischen und allmählich deren Namen annehmen, diese
umgekehrt alles übrige von den Galliern: Die Kontinuität bleibt
gewahrt! 118 Im übrigen steht jedoch das gallische Erbe der Franzosen
unverbunden neben dem fränkischen; sie haben zwar etwas miteinander
zu tun, aber die Italiener präzisieren nicht, was genau es denn ist. So
etwa Sabino, der sich von seiner Vorlage Riccio nur bei den
Ursprungsmythen abgrenzt: Er beginnt mit der «origine secondo antichi
scrittori» und setzt zeitlich parallel die Unterwerfung der Gallier durch
Caesar und den angeblich ebenfalls ihm verweigerten Tribut der
Franken – so erhält die Geschichte Frankreichs zwei Wurzeln, doch
bleibt unklar, wo sie zum Stamm zusammenfinden. 119 Der Übergang
von der gallischen zur französischen Geschichte findet sich nur ein
einziges Mal konsequent durchgeführt, und einmal mehr ist Bozio der
unorthodoxe Exeget. Da seine heilsgeschichtliche Sichtweise es darauf
anlegt, zu beweisen, dass der Völker Heil und Verderben allein von
ihrer Katholizität abhängt, muss sein historischer Abriss der «Gallicana
natio» mit der Christianisierung Galliens einsetzen, womit das zuvor
heidnisch-barbarische Land eine erste Zivilisationsstufe erreicht; doch
verfallen viele Gallier im 5. Jahrhundert der Ketzerei, und die lokale
kirchliche Hierarchie verweigert dem Papst den Gehorsam, worauf das
Land von fremden Völkern erobert und unter Burgunder, Westgoten
und Franken aufgeteilt wird. Mit Chlodwigs Bekehrung verschwindet
die Ketzerei, und das Territorium wird unter fränkischer Herrschaft
wieder geeint. Das Land also, nicht ein Volk oder eine Dynastie, ist die
Einheit, an der sich Busse und Lohn des Herrn vollziehen; und da die
Geburtsstunde der Nation faktisch zur Christianisierung zurückverlegt
wird, kann die Geschichte nicht auf das spätere Eroberervolk und seine
117
VOLTERRANO (1506), 34-36.
EQUICOLA (1509), unpaginiert: «… nostre se subtraxit ditioni regesque sibi creavit …
Evanuit fere hoc nomen gallus, subrepitque latenter francho; seu mavis francus … At ut fieri solet
intra primam aetatem Gallos & lingua & habitu effectos … abolita esse caetera nomen tantum
francorum remansisse».
119
SABINO (1525), 2. NOTAR GIACOMO (1511), 24, beginnt seine Aufzählung der französischen
Könige mit der gallischen Besiedlung der Lombardei und der Gründung Mailands; cf. PRATO
(1519), 230f.
118
heidnischen Wurzeln reduziert werden. 120 Mit der Ausnahme Bozios
und der behandelten, auf Annio beruhenden Königslisten bemüht sich
jedoch kein Autor mehr, die Kontinuität von den Galliern zu den
Franzosen zu propagieren – die Identität des besiedelten Landes reicht
dazu nicht aus, durch die fränkische Einwanderung hat sich eben doch
das Wesen der Bevölkerung geändert. 121
5. So wird denn in Italien die Geschichte Frankreichs meistens nicht
weiter als zur Einwanderung germanischer Stämme zurückverfolgt. Am
Anfang des 16. Jahrhunderts ist es noch nötig, gegen die «cose
favolose» (also die Trojalegende) zu polemisieren, wenn man auf die
Erörterung der Anfänge verzichtet. 122 Doch bald ist es unbestritten, dass
«popoli tedeschi di Franconia» am Anfang des französischen
Herrscherhauses und damit der französischen Geschichte stehen. 123
Damit ist auch erklärt, so drückt es wenigstens Malavolti aus, wie
«quella provincia di Gallia è diventata Francia; e quei populi … di
Galli diventaron Francesi». 124 Die Nachrichten des Gregor von Tours
gelten um 1600 als das früheste authentische Zeugnis zur französischen
Geschichte; damit scheidet auch der mythische erste König Pharamund
ohne viel Aufhebens aus der Königsliste aus – Gregor hat nur Clodio
genannt. 125
120
T. BOZIO (1595), 439-442; ähnlich LONIGO (1601), A4.
Cf. dazu oben pp. 18 und 23, wie sich Hieronymus Papiensis und Borghini – anhand der
Terminologie – zum historischen Wandel in Gallien äussern.
122
VOLTERRANO (1506), 35; COLLENUCCIO (1498), 27; nach ihm noch CARNEVALE (1591),
65f.
123
CAVALLI (1546), 229; cf. MANTUANO (1507), 83: «postquam franconia regnum Gallorum
accepit»; BALBI (1530), 537; Tramezzinos Vorwort zur italienischen Übersetzung von
EMILIO (1549): «… partirono da la piu bella contrada de la Germania, che è la Franconia»;
SACCO (1557), 706; GIAMBULLARI (1555), 108-110; SANSOVINO (1561), 1v; TARCAGNOTA (1562), 158; 210; PASSI (1564), 3v-4v; MALAVOLTI (1574), 19v; LOCATI (1576), 111v;
SIGONIO (1577), 16 (erwähnt die Franken erstmals für das Jahr 287); SANSOVINO (1580), 132v;
T. BOZIO (1591), 235; MAZZELLA (1594), 220; BOCCHI (1597), 10: «gente tedesca»;
BOTERO (1600), 73; DIONIGI DA FANO (1606), 74.
124
MALAVOLTI (1574), 20: «… wie die Provinz Gallien Frankreich geworden ist; und wie die
Völker der Gallier Franzosen».
125
Bereits EMILIO (1520), 1-4, erwähnt Pharamund nur in seiner skeptischen Paraphrase der
Herkunftssage, Clodio dagegen allein im Gregor von Tours folgenden, historischen Teil; wo
BEAUNE, Naissance (1985), 284, bei Emilio die «phrase obligatoire» über Pharamunds «Lex
Salica» gefunden haben will, ist mir nicht klar. SIGONIO (1577), 337, und T. BOZIO, De
signis (1593), II, 886 (nach MASSON [1577], 4), erwähnen Pharamund nur noch mit Vorbehalt,
MAZZELLA (1594), 220, beginnt seine Liste mit Clodio, und BARONIO (1607), VI, 277, sagt über
diesen und Merowech: «quinam autem hos antecesserint, obscurum est». In Frankreich scheint
Pharamund noch bis ins 18. Jahrhundert zu überleben; so Chantal Grell in ihrem Vortrag über
L’histoire de France et les mythologies nationales aux XVIIe et XVIIIe siècles am erwähnten
Kolloquium Histoires de France, Historiens de la France, 14. und 15. Mai 1993 in Reims.
121
47
Offensichtlich lässt sich nicht behaupten, dass die französischen
Ursprünge oder gar Pharamund im Italien des 16. Jahrhunderts noch
grössere Debatten ausgelöst hätten. Die Problematik ist von italienischen Humanisten insbesondere um 1500 aufgeworfen worden, da sie
ihnen Gelegenheit bot, ihren kulturellen Führungsanspruch zu
illustrieren: durch die Integration ihrer neuen, auf den «bonae litterae»
beruhenden Kenntnisse über die antiken Gallier einerseits und andererseits durch den Beweis ihres methodischen Geschicks bei der Kritik der
trojanischen Herkunft, die sie nur für das alte Rom gelten lassen
wollen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird die Ursprungsfrage zu einem rein französischen, auch fast ausschliesslich volkssprachlich abgehandelten Binnenproblem von höchster ideologischer
Relevanz – aber eben nur für die Betroffenen. Vereinfacht gesagt,
messen sich hier die generell eher bürgerlichen oder protestantischen
Apologeten einer germanisch-fränkischen Herkunft der Franzosen mit
den katholisch-aristokratischen einer gallischen. 126
So beschränkt sich der italienische Beitrag zur Frage nach den
französischen Anfängen auf das 15. Jahrhundert – wo er allerdings sehr
gewichtig ist. In ihrer Kritik der Herkunftssage, die aus dem Vergleich
mit antiken Quellen hervorgeht, sind die Humanisten tatsächlich nicht
nur dem Mittelalter, sondern dem in mancher Hinsicht nachsichtigeren
16. Jahrhundert methodisch überlegen. Und die mit überraschender
Insistenz immer wieder versuchte Einbringung der antiken «Gallia» in
die französische Geschichte erweist sich für das französische
Nationalbewusstsein bis zum modernen Asterix als sehr wichtig. Bei
diesen Versuchen stossen die Italiener aber offenbar auf den
Widerstand höchster Kreise, weil im spätmittelalterlichen Frankreich
die Kontinuität und politisch formulierte Identität des Landes nicht an
die Nation, sondern an die herrschende Dynastie gebunden ist, während
die als kulturell empfundene Identität Italiens gerade in der glorreichen
römischen Antike wurzelt. Betont man hier die Kontinuität, um einer
machtpolitisch relativierten Rolle einen antiken Nimbus zu verleihen,
so leugnet man sie dort, um das gegenwärtige, aber fragile Prestige
nicht durch eine suspekte Vergangenheit in Frage zu stellen und
Angriffen wie denjenigen Petrarcas auszusetzen. Auch als die
Franzosen allmählich ihr gallisches Element akzeptieren, bleibt doch
die Frage, wann und wie sich dieses mit dem fränkischen vereint hat;
126
Cf. zur französischen Diskussion JOUANNA (1982), 62-70; sowie generell DUBOIS (1972);
MAS (1990).
dieser Übergang von den beiden Völkern zu einer neuen Nation ist von
den – nicht nur italienischen – Humanisten nicht als kritischer Punkt
erkannt und dementsprechend behandelt worden. Historisch unrichtig
lautet im 16. Jahrhundert die Alternative immer noch: entweder
Germanen – oder Gallier. Nur selten ist das Aufgehen der beiden
Völker ineinander thematisiert; so etwa von Emilio, der versucht,
diesen Gegensatz auf eigentlich naheliegende Weise aufzuheben: Mit
der Taufe Chlodwigs und seiner Franken werden die alten und neuen
Bewohner Galliens eins im rechten Glauben.
4. Chlodwig
Wie in Frankreich 127 aufgrund der frühen Zeugnisse eines Gregor von
Tours oder Pseudo-Fredegar hat sich auch in Italien im Spätmittelalter
ein einigermassen kanonisches Bild der Taten des «primo re cristiano»
durchgesetzt. Tolomeo da Lucca nennt diesbezüglich Aimoin und
Vincent (die beide auf Gregor beruhen) als seine Quellen. Meist kurz
werden – bestenfalls – Chlodwigs Eroberungen, das lange Drängen der
Gattin Chrodechilde bis zur Bekehrung, der mirakulöse Alemannensieg, die Taufe durch Saint-Rémy und das von der Taube herbeigeflogene Salböl erwähnt. 128 Dass die entsprechende Ampulle in Reims
aufbewahrt wird, unerschöpflich sein soll und für die Königskrönung
unabdingbar bleibt, wissen die Italiener bereits vor der aufsehenerregenden Salbung von Charles VII – wohl aus Vincent de Beauvais, aber
auch aus Hinkmars Remigius-Vita. 129 Nach Biondo, der auf Adémar
fusst, soll Chlodwig Paris zur Hauptstadt Frankreichs erklärt haben;
diese Kür der Hauptstadt durch den ersten christlichen König findet
sich auch bei späteren italienischen Autoren, fehlt aber nicht nur bei
Vincent oder in den Grandes Chroniques, sondern auch bei Gaguin. 130
Aufgrund der Nachricht bei Gregor von Tours, dass Kaiser Anastasios
127
Zu Frankreich cf. BEAUNE (1977), 139-156; die Resultate weitgehend übernommen im
entsprechenden Kapitel von BEAUNE, Naissance (1985), 55-74.
128
G. VILLANI (1333), I, 26 (1, 19); TOLOMEO (1317), 869; UBERTI (1367), 305 (4, 18);
SALUTATI, Epistolario (1381), II, 24 (5, 6).
129
PETRARCA (1356), 458; NATALI (1372), 129v; anlässlich der Krönung von Charles VII bei
PICCOLOMINI (1463), 384: «opinantur Gallici …»; cf. VINCENT (1244), 281 (21, 6).
130
BIONDO (1453), 36; PICCOLOMINI (1464), 29; PLATINA (1474), 82; FORESTI (1485), 205f.;
ID. (1503), 172; SABELLICO (1504), II, 237: «regia sedes»; EMILIO (1520), 12: «arx caputque
regni»; noch bei GIUNTI (1588), s.v., DIONIGI DA FANO (1606), 120, und PICO (1622), 273, sowie
ausführlich bei BOTERO (1600), 88f., der eine Beschreibung der vorteilhaften Lage von Paris
beifügt.
49
Chlodwig «codecilli de consolatu» hat zukommen lassen, lässt ihn
Biondo die Titel «consul» et «patricius» tragen, worauf die heimische
«multitudo» Chlodwig sogar als «Augustus» akklamiert habe – Biondo
sieht den Frankenkönig als engen Verbündeten des römischen Kaisers
und Vorkämpfer gegen die Goten. Sabellico folgt ihm, und Foresti geht
noch weiter, indem er behauptet, der Franke sei zum «imperator»
ernannt worden sei. Diese kaum beabsichtigte Beförderung des
Frankenkönigs wird von französischen und deutschen Humanisten
willig übernommen, da sich auf diese Weise die Legitimität der eigenen
Dynastien auf eine antik-imperiale Investitur zurückführen lässt. 131 Um
die Translationsgewalt des Papstes zu verteidigen, wird dann 1589
Kardinal Bellarmino gegen Flacius Illyricus darauf hinweisen, dass die
frühen Quellen in dieser Hinsicht zurückhaltend sind und erst die
«posteriores», nämlich Foresti und Sabellico, von einer Kaiserernennung durch Anastasios sprechen. Zur Stützung seines Standpunktes
zitiert Bellarmino neben mittelalterlichen Autoren, Gaguin und dem
Deutschen Krantz auch Biondo und Emilio. 132 Das Beispiel zeigt das
grosse Gewicht, das den italienisch-humanistischen Historikern selbst
am Ende des 16. Jahrhunderts noch zukommt, als die wichtigen
mittelalterlichen Quellen längst gedruckt vorliegen – in dieser
Detailfrage der frühen fränkischen Geschichte sind von Flaccius
Illyricus und Bellarmino zusammen acht mittelalterliche Quellen zitiert
worden, dazu je ein jüngerer Deutscher und Franzose sowie vier
Italiener. 133
Die recht umfassende Darstellung des ersten katholischen Frankenkönigs in der spätmittelalterlichen wie der humanistischen Historiographie bringt es mit sich, dass die Schilderung von Chlodwigs
Taten auch später kaum grosse Varianten kennt. 134 Für Italien wird er
insofern als wichtig empfunden, als er mit dem Sieg über Syagrius den
Schlussstrich unter die römische Herrschaft in Gallien zieht. Damit
wird Chlodwig zu einem Scharnier zwischen der – in ihm beendeten –
131
BIONDO (1453), 36f.; FORESTI (1485), 205; SABELLICO (1504), II, 237. Cf. CHAM(1537), Diii; FLACIUS ILLYRICUS (1566), 35-43, zitiert als Beleg für die deutschen Prätentionen Gregor von Tours, Adon de Vienne, Aimoin, Yves de Chartres, Sigebert sowie Sabellico
und Foresti.
132
BELLARMINO (1589), 177f.
133
Cf. in diesem Zusammenhang auch das bereits oben, p. Fehler! Textmarke nicht definiert.,
behandelte Beispiel der Taube bei Chlodwigs Taufe.
134
Cf. ausser den genannten ANTONINO (1459), II, 49r/v (11, 2, 7-9), der inhaltlich exakt
VINCENT (1244), 280v-282 (21, 4-13) folgt, aber die Kapitelreihenfolge durcheinanderbringt;
PICCOLOMINI, Europa (1458), 433f.; CANDIDA (1488), fol. 9-10; SABELLICO (1504), II, 235f.
PIER
Antike und der – in ihm wurzelnden – Gegenwart, aber auch zu einer
Person von nationaler Bedeutung, die, etwa bei Sigonio, eine ausführliche Behandlung im Zusammenhang der nationalen Geschichte
verdient. 135 Als eigentlichem Begründer Frankreichs werden ihm
ausserdem alle monarchischen Symbole des Nachbarlandes zugeschrieben, eine Tendenz, wie sie sich im Spätmittelalter auch in Frankreich durchsetzt. 136 Die Nation erwächst aus den «undae», die Salbung
und Taufe in einem sind und auch poetisch eingesetzt werden. 137 Die in
Frankreich vermehrt hervorgehobenen Attribute wie das Lilienwappen,
die Oriflamme und Skrofelheilungen werden nun auch in Italien als
Chlodwigs Errungenschaften erwähnt, obwohl selbst ein Franzose wie
Gaguin Lilie und Oriflamme «nullo certo auctore» referiert. 138
Diese religiösen Attribute erleichtern eine Interpretation Chlodwigs,
die im 16. Jahrhundert zunehmendes Gewicht erhält, in ihren Ansätzen
aber zu den frühesten Quellen zurückreicht. Aus ihnen haben bereits
Biondo und Antonino di Firenze übernommen, dass der getaufte
Chlodwig «propter Arrianam labem» gegen Alarich und die Westgoten
vorgeht, also um Gallien von der Häresie zu befreien. 139 Bei den
Humanisten, die sich an französische Leser richten, häufen sich
Lobesworte wie «orthodoxae fidei protectio» bei Cattaneo, «conditor
Francicae religionis» oder «parens Francicae pietatis», ja «iustus
sanctusque rex» bei Emilio; auch Simonetta lobt die «sanctitas»
Chlodwigs, dessen Begünstigung von Kirche und Klerus als archetypisch für alle Könige von Frankreich dasteht. 140 Allerdings ist diese
«sanctitas» nicht als «Heiligkeit» zu verstehen, sondern als
135
FORESTI (1485), 205; RANZANO (1492), fol. 435; FERENTILLI (1570), 189: «… sotto questo
medesimo Re i Francesi del tutto sottrassero il collo dal giogo de’ Romani»; SIGONIO (1577), 404,
439; GIUNTI (1588), s.v.; A. ALBIZZI (1600), I; BOTERO (1600), 72, 93.
136
Cf. zu Frankreich BEAUNE, Naissance (1985), 59-64, z.T. nach KRYNEN (1981), 220-227;
zu den Symbolen im allgemeinen SCHRAMM (1960), 139f., 145-155, 204-217.
137
VIERI (1480), fol. 74v; MANTUANO (1506), 208; RICCIO, De regibus (1505), 13; VOLTERRANO (1506), 36; SABINO (1525), 2f.; MARENO (1545), 62v; BUGATI (1569), 105; FERENTILLI (1570), 188; BARDI (1581), 127.
138
GAGUIN (1500), 9; EMILIO (1520), 7, schildert die Übernahme des Lilienwappens ohne
Wundergeschichte. Cf. dagegen PORCACCHI (1574), 14v; BUCCIO (1576), 12