Beiträge Anforderungen an ein linkes feministisches

Beiträge  Anforderungen an ein linkes feministisches
Beiträge
zur Programmdiskussion
Anforderungen an ein
linkes feministisches
Projekt heute
Ergebnisse einer
internationalen Umfrage
3
Vorwort
Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
bei der Gründung der LINKEN waren wir
uns einig, wie wir uns unsere neue Partei
vorstellen und wie wir sie uns bauen wollen:
Als »eine Partei, wie es sie in Deutschland
noch nicht gab – Linke einigend, demokratisch und sozial, ökologisch, feministisch und
antipatriarchal, offen und plural, streitbar und
tolerant, antirassistisch und antifaschistisch,
eine konsequente Friedenspolitik verfolgend«
(Programmatische Eckpunkte, Vorbemerkung).
Vor uns liegt die Aufgabe, diese Ziele mit Leben
zu füllen und im Rahmen der Programmdiskussion ein Bild von der Gesellschaft zu
erstellen, für die wir streiten – als Utopie,
aber auch in Form alltagstauglicher politischer
Konzepte und wirksamer Strategien.
Feministisch soll sie auch sein, DIE LINKE.
Doch was heißt das konkret? Welche Anforderungen stellen sich heute an ein linkes
feministisches Projekt? In mehreren frauenpolitischen Tagungen der LINKEN haben
Frauen um diese Fragen diskutiert und
gestritten. Es wurde deutlich, dass die
Vorstellungen sehr unterschiedlich sind,
um strategische Antworten und politische
Praxis wird noch gerungen.
Nach den Wahlen im Superwahljahr nimmt
die Debatte um das zukünftige Programm
der LINKEN an Fahrt auf. Es ist Aufgabe der
Programmkommission, diese Debatte mit
eigenen Vorschlägen anzuregen, den Diskussionsprozess zu strukturieren und zu organi-
sieren. Begleitend dazu haben die beiden
Vorsitzenden Lothar Bisky und Oskar
Lafontaine Frigga Haug beauftragt, einen
feministisch-wissenschaftlichen Beirat
einzurichten. Dieser soll sich mit einem
externen Blick einmischen und Vorschläge
machen, wie das Feministische in das Programm eingearbeitet werden kann. In der
zunächst angedachten Form ließ sich dieser
Beirat jedoch nicht einrichten, da es kaum
gelang, feministische Wissenschaftlerinnen
aus Deutschland zur Mitarbeit zu gewinnen.
Wir verdanken es Frigga Haugs zähem
Engagement und ihrer Verankerung bei
den internationalen feministischen Sozialistinnen, dass sich jetzt, trotz der anfänglichen Schwierigkeiten, linke Wissenschaftlerinnen und politisch tätige Frauen zu Wort
gemeldet haben und das sogar weltweit.
Mit dieser Broschüre können wir eine
überraschend große Zahl solidarischer
und kritischer Beiträge zu den Anforderungen
an ein linkes feministisches Projekt in der
Programmatik der Partei Die LINKE präsentieren. Einige sind grundsätzlich, andere
sehr konkret in ihren Vorstellungen, wie
diese Politik aussehen könnte. Das Lesen
dieser Broschüre regt an zur Selbstkritik
und Nachdenklichkeit und macht gerade
deshalb viel Spaß. Vielen Dank an alle
Frauen, die ihre Ideen beigesteuert haben.
Es liegt an uns, sie für die Programmdiskussion fruchtbar zu machen.
Ulrike Zerhau
stellvertretende Parteivorsitzende
4
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Ulrike Zerhau
Vorwort
3
Montserrat Galceran
Madrid, Spanien
41
Frigga Haug
Einleitung
6
Lena Gunnarsson
Örebro, Schweden
44
Vorgeschichte
6
46
Der erste frauenpolitische
Kongress der Frauen der Linken
in Esslingen November 2007
Frigga Haug
Esslingen, Deutschland
7
Rosemary Hennessy
Houston, Texas, USA
53
Der Parteivorstand
8
55
Der Auftrag
11
Maria Joó
Budapest, Ungarn
Feministischwissenschaftliche Beratung
56
12
Larissa Krainer
Klagenfurt, Österreich
Die erste Runde
14
Birge Krondorfer
Wien, Österreich
58
Flucht nach vorn
14
Jo Labanyi
New York, USA
61
Die Briefe
17
62
Mari Paz Balibrea
London, Großbritannien
und Murcia, Spanien
17
Christine Lehmann
Stuttgart, Deutschland
Elisabeth List
Graz, Österreich
64
Abigail Bray
Perth, Australien
18
Isabel Loureiro
Sao Pãolo, Brasilien
65
Christel Buchinger
Gries (Pfalz), Deutschland
19
Susanne Maurer
Marburg, Deutschland
65
Judith Butler
Berkeley, USA
22
Sara Mills
Sheffield, Großbritannien
67
Cynthia Cockburn
London, Großbritannien
26
Liv Mjelde
Oslo, Norwegen
67
Bronwyn Davies und
Susanne Gannon,
Sydney, Australien
28
Maxine Molyneux
London, Großbritannien
70
Hester Eisenstein
New York, USA
32
Gisela Notz
Berlin, Deutschland
71
Judith Ezekiel
Dayton Ohio, USA
32
Claudia Pinl
Köln, Deutschland
74
Rose Baaba Folson
Accra, Ghana
35
Nora Räthzel
Umeå, Schweden
75
Harriet Fraad
New York, USA
38
María Ruido und
Virginia Villaplana
Valencia, Spanien
76
5
Inhaltsverzeichnis
Helke Sander
Köln, Deutschland
79
Birgit Sauer
Wien, Österreich
79
Antje Schuhmann
Johannesburg, Südafrika
Frigga Haug
111
Und weiter … Anschlussüberlegungen
Einige Absagen
112
82
Ingrid Galster
Paderborn, Deutschland
112
Sarah Schulman
New York, USA
90
Sabine Hark
Berlin, Deutschland
112
Terri Seddon
Melbourne, Australia
91
Ingrid Kurz-Scherf
Marburg, Deutschland
112
Lynne Segal
London, Großbritannien
96
Birgit Mahnkopf
Berlin, Deutschland
113
Ruth Seifert
Regensburg, Deutschland
98
Andrea Maihofer
Basel, Schweiz
113
Gayatri Chakravorty Spivak
New York, USA
100
Karin Priester
Münster, Deutschland
113
Sybille Stamm
Stuttgart, Deutschland
101
Christina Thürmer-Rohr
Berlin, Deutschland
114
Janna Thompson
Melbourne, Australien
103
Susanne Völker
Potsdam, Deutschland
114
Renate Ullrich
Berlin, Deutschland
104
Die Autorinnen
115
Christa Wichterich
Köln, Deutschland
108
Nira Yuval-Davis
London, Großbritannien
110
6
Einleitung – Frigga Haug
Frigga Haug
Einleitung
Ein knapper Bericht soll die Entstehungsgeschichte dieses Bandes dokumentieren.
Doch wo beginnen? In der Versuchung, meine
politische Biographie zurückzudenken, bei der
vieles auf diesen Punkt zusteuerte, nämlich
wie ein linkes feministisches Projekt zu fassen
ist, das im Umkreis der Partei DIE LINKE sich
verortet, drängen sich immer mehr Stationen
und Ereignisse nach vorn, wollen einbezogen
sein in die politischen Eingriffe der letzten
drei Jahre 2007 bis 2009. Nach den stürmischen
Zeiten der Frauenbewegung und nach den
Zeiten der Abgrenzungen und Kämpfe mit den
Organisationen der Arbeiterbewegung, nach
der Selbstaufgabe der staatssozialistischen
Länder markiert die Gründung der linken
Partei als Verbindung linker Kräfte aus
der ehemaligen DDR und der in der WASG
zusammengeschlossenen vielfältigen linken,
insbesondere gewerkschaftlichen Gruppierungen aus dem Westen, einen Punkt, einen
politischen Einschnitt, bei dem ich, die
ich in den 70 Jahren meines Lebens keiner
Partei angehörte, den Augenblick einer
neuen Politik auch für mich gekommen sah.
Schon im Vorgefecht zum Gründungsparteitag
war ich als feministische LINKE mehrfach
zu Vorträgen eingeladen und vor allem von
Frauen, die den Parteitag mit vorbereiteten,
um Stellungnahmen gebeten worden,
gewissermaßen um feministische Beratung,
wie sie garantieren könnten, dass die Belange
von Frauen ausreichend berücksichtigt
würden. Sie schickten mir lange Texte in
programmatischer, also auch bürokratischer
Sprache, durch die ich mich mit dem schlechten Gewissen, nicht genug Zeit und Arbeit
darauf zu verwenden, hindurcharbeitete und
Anmerkungen zurückschickte, was unbedingt
geändert und ergänzt werden müsse, dass
Frauenfragen nicht bloß »als Petersilie«,
gewissermaßen als Garnierung in den einzelnen Punkten genutzt würden. Neben anderem hat diese Bemerkung nachhaltig Eingang gefunden in die politische Sprache der
militanten Frauen. Meine Vorschläge wurden
in die verschiedenen Vorlagen erkennbar
eingearbeitet, und ich fühlte mich nützlich.
Dann kam der Gründungsparteitag im Juni
2007. Wolf Haug und ich waren als Ehrengäste
geladen. Ich bekam eine zusätzliche Aufforderung »der Frauen«, dorthin zu kommen.
Wir gingen hin und fühlten uns, wie immer
bei solchen linken Großveranstaltungen
zugleich fremd und zuhause. Wir beantragten,
eine Grußbotschaft sprechen zu dürfen, um
uns besser einzureihen. Dies wurde wegen
des Massenandrangs solcher Botschaften
abgelehnt. Ich wurde von einzelnen Frauen
glücklich begrüßt und gedrängt, doch eine
solche Botschaft zu sprechen und vor allem,
auf ein spontan einberufenes Frauenplenum
zu kommen, das in einem Extraraum die dringlichen Fragen »für uns« beraten wollte. Ich
war froh, eine Aufgabe zu haben. Das Frauenplenum mit mir wurde öffentlich ausgerufen
und wir zogen ab. Das Fernsehen folgte uns
und machte schnell öffentlich, was in der
Folge geschah. Wir – also die versammelten
Frauen – besprachen gedrängt die wichtigsten
Punkte, dass die neue Partei schon wieder
männerdominiert und was dagegen zu tun sei,
wie wir es mit der Quote halten wollten, wie
wir uns als Frauen zusammenfügen könnten
innerhalb der Partei, dass wir sie feministisch
wenden könnten. Schon zu diesem Zeitpunkt
wurde deutlich, dass wir nicht nur das Problem
einer Männerdominanz in der Partei haben
würden, sondern auch eines, die unterschiedlichen Frauenerfahrungen aus Ost und West
zusammenzubringen. Wir vereinbarten eine
Konferenz schon am Ende des Jahres, um alle
Fragen zu klären und unsere Politik gemeinsam zu entwerfen. Im Plenum zurück, war ich
schon an der Reihe, meine Grußbotschaft zu
sprechen. Und obwohl wir, Wolf und ich uns
das schon zuvor vorgenommen hatten, schien
mir plötzlich, als sei dies eben jetzt mein
Entschluss, im Frauenauftrag Mitglied dieser
Foto: Michael Brie
1. Vorgeschichte
Als Allegorie zu lesen. Die Aufgabe, den Feminismus in die
Partei Die Linke zu tragen, ist zu groß für die kleinen Kräfte –
dennoch werden wir es tun, weil es notwendig ist.
7
Partei zu werden. So konnte ich unter großem
Beifall verkünden, dass ich diese Parteigründung wie die Erfüllung eines langen Traums
von einer möglichen Einheit der Linken
begrüße, sie aber mit drei Männern an der
Spitze zu patriarchal fände und eintrete,
um dies zu ändern. Es schien mir in diesem
Moment, als ob ich das tun müsste und
könnte.
Ich stolperte vom Podium und fand mich in
den Umarmungen vieler Frauen, gerührt und
glücklich. Dann kamen die Mühen der Ebene.
2. Der erste frauenpolitische
Kongress der Frauen der Linken
in Esslingen November 2007
Obwohl zur Vorbereitung und auch sonst zu
dieser Tagung viel zu berichten wäre, seien
hier nur symptomatisch für die Schwierigkeiten und Erfolge des feministisch politischen
Lebens vier Ereignisse hervorgehoben.
Der Name
Wiewohl wir (vor allem Ulrike Zerhau vom
Parteivorstand) mit viel Energie, mit Telefonkonferenzen über Länder hinweg, mit
vielen Fragen und großem Stolz diesen
ersten Kongress der Frauen auch schon so
genannt hatten, um ihn gewissermaßen als
historisches Ereignis in die Geschichtsbücher
zu schreiben, stieß nicht das Vorhaben als
solches auf Widerstand, auch nicht seine
Finanzierung, sondern es wurde uns untersagt, dies als einen Kongress zu bezeichnen.
Allenthalben fanden auch innerhalb der Partei
und von verschiedenen Gruppen Kongresse
statt, wir aber sollten »unser Maß« kennen,
und dies ein Seminar nennen oder vielleicht
am Ende einen »Workshop«. Letzteres konnte
ich mit einer Allergie gegen die Überwucherung unserer Sprache mit Anglizismen verhindern. So war es schließlich eine »Werkstatt«,
der wir auch nicht mit eigenem Entwurf eines
Flugblattes zur Bekanntheit verhelfen durften,
sondern selbst dieses verkleinerte Vorhaben
bekam das Parteilogo als »Flyer« verpasst.
Das Ringen um die Gestaltung und Benennung unserer Vorhaben dauert an.
Die Frauen
Wir hatten mit 70 Frauen gerechnet – fast 100
waren gekommen. Obwohl ich alle nur durch
eine Fieberwand von mehr als 39 Grad
wahrnehmen konnte, war ich glücklich und
liebte sie alle als Menschen, die sich daran
machten, ihr eigenes Schicksal auch in dieser
Partei in eigene Hände zu nehmen. Unbelehrt
hatte ich angenommen, dass sich alle diese
Frauen darin einig seien und keine feindlichen
Gegensätze, nur Unterschiede gemeinsam zu
bearbeiten seien. Man hatte mir gesagt, dass
es verschiedene »Strömungen« gebe in Ost
Einleitung – Frigga Haug
und West, und ich wusste schon, dass in der
Frage von Feminismus einiges aufzuarbeiten
war – aber ich hatte dies alles als gemein­
same Aufgabe aufgefasst, die Frauen als
Kollektiv wahrgenommen, mich darin als links­sozialistisch und wurde auf dieser Tagung
ganz unsanft in eine zerreißende Wirklichkeit
geholt. Schmerzhaft war für mich, dass aus­gerechnet der feministisch-sozialistische Teil
der Frauen, dem ich mich spontan zugehörig
dachte, eine Führung beanspruchte, die ich
als absolut dishegemonial empfand. Sie fühlten
sich lautstark als nicht genug berücksichtigt,
während ich mich und alle anderen, die der
Gruppe nicht offiziell zugehörten, als ausgeschlossen empfand. So stellte sich mir die
Gruppe LISA vor, auf deren Liste und Forum
ich mich schon einige Monate zuhause gefühlt
hatte, und deren historische Vorgängerin –
die LISA aus der DDR – ich seit Gründung des
unabhängigen Frauenverbands einige Jahre
begleitet hatte.
Das Projekt
Von Rosa Luxemburg hatte ich gelernt, dass
die Partei den Mitgliedern und dem Volke
nicht zu sagen habe, was sie tun sollten,
sondern dass die aus der kapitalistischen
Produktionsweise im Klassenkampf geborene
Partei die kapitalistische Produktionsweise
nur insoweit mit regeln könne, als sie darin
Lebensbedingungen aushandelt und die Rolle
der Kritik übernimmt. Sie müsse »Zielbewusstsein und Zusammenhang in die verschiedenen örtlichen und zeitlichen Fragmente des Klassenkampfes […] bringen« (GW 4,
S.124 ). – Ich hatte mich also daran gesetzt,
ein solches »Zielbewusstsein«, also eine
Perspektive und politische Losung für die
Frauen der Linken zu erarbeiten. Diese ist
vom Frauenstandpunkt zu schreiben und in
der Perspektive allgemeinmenschlich zu
fassen. Für die Eröffnung im alten Esslinger
Rathaus, das für uns festlich war, hielt ich als
Vortrag, was ich später als Buch[1] ausarbeitete und was seither unsere feministischen
politischen Kämpfe in der Linken zunehmend
bundesweit bestimmt: Die Vier-in-einemPerspektive. Sie wird diese Broschüre wie
auch unzählige weitere Vorträge, Konferenzen
und Initiativen als Vorschlag für ein linkes
feministisches Projekt heute durchziehen.
Broschüren
Auf dieser Tagung verabredeten wir in verschiedenen Gruppen, drei Broschüren zu
erarbeiten: Zur Politik um Familie, die damals
viele in großen Aufruhr brachte wegen der
medial stark gestützten Vorschläge von Christa
[1]Frigga Haug, Die Vier-in-einem-Perspektive.
Eine Politik von Frauen für eine neue Linke.
Hamburg 2008, 2A 2009
Einleitung – Frigga Haug
Müller; eine zum Verhältnis von Frauen zum
Geld, mit der wir die subjektive Seite der
Frauenlohndiskriminierung angehen wollten;
eine zur Kindlichkeit einer Partei, die einen
charismatischen Führer braucht, in der wir von
Macchiavelli lernen wollten. Wir wollten dieses Erarbeiten von Broschüren für die tägliche
Politik der Frauen in der Partei als ein Mittel
installieren, die eigene politische Schulung
von unten voranzutreiben. Alle sollten beim
Schreiben Denken und die Kunst der Politik
lernen. Die erste Broschüre zur Familienpolitik wurde nach eineinhalb Jahren fertig
und erscheint nach der Wahl im September.
Die anderen beiden schlummern unter dem
Berg guter Vorsätze. Die Aufgabe war sehr
schwierig – die Vorgehensweise aber dennoch
notwendig, wenn alle ins politische Leben
einbezogen werden wollen.
3. Der Parteivorstand
Männerdominanz in der Partei heißt nicht
einfach, dass die Spitze männlich besetzt
ist oder dass Frauen im Programm oder bei
Wahlkämpfen eben schnell noch nachzutragen wären. Männliche Dominanz äußert
sich vielmehr gleichsam atmosphärisch in
der Weise, wie gesprochen wird, in welcher
Lautstärke, welche Themen aufgenommen
werden, wer wann sich langweilt und nicht
zuhört, welche Spannung in der Luft liegt,
wie viel Unterwerfung von Seiten der Frauen
eingeübt ist, welche Strukturen bürokratisch
lähmen, wie viele Männer bereit sind, eine
andere politische Kultur zu wagen, und ein
Wissen darum haben, wie blockierende Männerstrukturen beschaffen sind, und eine Vision davon, wie es anders sein könnte. An und
für sich hat die neue Linke alle guten und
alle schlechten Voraussetzungen, feministisch
in Bewegung zu geraten. Die Quote ist in der
Satzung festgeschrieben. Der Vorstand ist
8
zur Hälfte weiblich – ebenso sollten es die
Organe in den Ländern sein. Die Partei nennt
sich feministisch, was nicht nur unzutreffend
ist, sondern auch einen Raum eröffnet, in
dem auf Verwirklichung dieses Anspruches
gedrängt werden kann. Die Bürokratisierung
ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass
nicht unordentliche Strukturen und Interventionen gemacht werden können, in die viele
einbezogen sind, zu denen sie also nicht
extra »delegiert« werden müssen. Das sind
die guten Voraussetzungen. Aus der Westlinken erbt sie die gewöhnliche Frauengeringschätzung aus der Arbeiterbewegung und
die gleiche aus den versprengten Linksgruppen; aus der DDR erbt sie eine eingefahrene
Nichtwahrnehmung patriarchaler Strukturen
und also eine geringe Bereitschaft zu feministischer Offensive.
Also musste auf allen Ebenen zugleich vorgegangen werden: in Tagungen mit allen Frauen,
in Vorträgen und Diskussion in allen Ländern,
in Kooperation mit den Funktionärinnen, und
mit einer Intervention im Vorstand und in der
Bundestagsfraktion – also auch von oben.[2]
Am 25. Februar 2008 war es soweit. Ich wurde
in eine Vorstandssitzung geladen, um eine
Rede zu halten, welche das Ziel hatte »die
frauenpolitische Kompetenz der Partei zu
erhöhen«. Die Begründung war in einem
kontinuierlichen E-Mail-Wechsel ausgearbeitet worden. Sie baut auf den schon vor dem
Gründungsparteitag in verschiedenen Gruppen und auch in Zusammenarbeit mit mir
erstellten Vorschlägen auf. Sie ist erstaunlich
und historisch interessant genug, um an dieser Stelle aufgehoben zu werden.
[2]Einen Bericht über meine Politik in der LINKEN
schrieb ich für das Jubiläumsheft der Zeitschrift das
Argument: »Feministisches Engagement in der LINKEN –
eine selbstkritische Bilanz«, Argument 280, S. 71 bis 75
9
Einleitung – Frigga Haug
Dokument 1
Vorlage für die Sitzung des Parteivorstandes am: 25. Februar 2008
Tagesordungspunkt: Frauenpolitik/innerparteiliche Maßnahmen
Einreicher/innen: Ulrike Zerhau, Katja Kipping, Anny Heike, Heidi Scharf
Thema: Steigerung der frauenpolitischen Kompetenz
der LINKEN – innerparteiliche Gleichstellung sichern
Beschlussvorschlag:
1. Der Parteivorstand beauftragt die Bundesgeschäftsstelle erstens eine Bestandsaufnahme
zu erstellen über den Anteil der Frauen in allen
Vorständen der Partei sowie über den Anteil,
mit dem Frauen für die Partei Mandate in Parlamenten, Aufsichtsräten und ähnlichen wahrnehmen. Zweitens wird parteiweit ermittelt,
wie die weiblichen Parteimitglieder die vorhandenen Rahmenbedingungen für ihre aktive Teilnahme am Parteileben beurteilen.
n Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit: Veröffentlichung des Beschlusses auf der Homepage und über den Newsletter
n Finanzielle Mittel/Kostenstelle: 10 000 Euro
Die Vorlage wurde abgestimmt mit: Karl Holluba
n Zur Behandlung der Vorlage sind einzuladen:
Frigga Haug, Christiane Reymann
n Den Beschluss sollen erhalten: entsprechend
der GO des Parteivorstandes
n Unterschrift: Ulrike Zerhau, für die Einreicher/
innen
2. Der Parteivorstand legt dem Parteitag 2008
einen Plan vor, wie es gelingen soll, dass mehr
Frauen in der Partei aktiv und politisch ge­
staltend arbeiten. Die Bundesgeschäftsstelle
wird beauftragt, unter Hinzuziehung weiterer
Repräsentantinnen und Repräsentanten aus
der Partei (und nahestehenden Bewegungen)
einen Vorschlag auszuarbeiten, wie der Anspruch der Partei, »feministisch und antipatriarchal« zu sein, mit Leben gefüllt werden
kann.
Begründung:
Frauen haben den Anspruch und das Recht auf
ein gleichberechtigtes, selbst bestimmtes Leben. Ihre Interessen müssen Frauen in einer
sowohl kapitalistisch als auch patriarchal strukturierten Gesellschaft durchsetzen.
DIE LINKE muss diesen Anspruch sowohl in ihrem Programm als auch in ihrem parteiinternen Alltag glaubwürdig und authentisch vertreten. Dazu gehört auch eine offene, selbstkritische
Auseinandersetzung mit der eigenen inner‑
parteilichen Praxis. Dem Gründungsparteitag
lag ein Antrag »Einbeziehung von Frauen in die
Parteiarbeit« vor, der eine umfassende Bestandsaufnahme der Situation von Frauen innerhalb der Partei forderte (siehe Anlage). Der
Antrag wurde vom Parteitag nach einer lebhaften, zum Teil kontroversen Debatte dem Parteivorstand zur Bearbeitung überwiesen. Unmittelbarer Anlass und Hintergrund des Antrags
war die Feststellung, dass es der Partei nicht
gelingt, Frauen im gleichen Umfang wie Männer als Neumitglieder und für die aktive Mitarbeit in Parteigremien zu gewinnen. Die Frauenquote wird insbesondere im Westen nur unzu­reichend und teilweise widerwillig erfüllt. Eine
Tendenz, die es auch im Osten gibt. Ebenfalls
und aktuell zeigen die Ergebnisse der Bundestags- wie der Landtagswahlen, dass DIE LINKE
signifikant weniger von Frauen als von Männern gewählt wird. Anscheinend gelingt es unserer Partei nicht ausreichend genug, unsere
politischen Forderungen und Ziele sozialer Gerechtigkeit so zu erarbeiten, zu formulieren oder
zu vermitteln, dass Frauen sie als für sich relevant erkennen. Dies ist umso bemerkenswerter, als gerade Frauen seit Jahren Leidtragende
unsozialer Regierungsentscheidungen sind.
3. Der Vorstand stellt fest: DIE LINKE verfügt
nicht über eine hinreichende Analyse der Geschlechterverhältnisse der heutigen Zeit. Dies
ist aber für Theorie, Programmatik und Praxis
der Partei unverzichtbar. Er prüft, welche noch
offen bleibenden Fragen aus 1. und 2. einer Aufarbeitung bedürfen und welche personellen
und finanziellen Ressourcen zur Aufarbeitung notwendig sind.
4. Die Geschäftsstelle wird beauftragt, ein »Frauenpolitisches »A bis Z-Paket« zu erstellen, das
anhand von Daten und Beispielen die Situation
von Frauen im Arbeits- und Lebensalltag verdeutlicht.
5. Im Herbst wird ein Frauenplenum/Frauenkonferenz einberufen.
6. Im Zuge der Programmdiskussion findet mindestens eine öffentliche Konferenz statt, in der
Ansprüche an ein linkes Programm aus feministischer und gleichstellungspolitischer Sicht
zusammengetragen werden. Diese Konferenz
ist partizipativ anzulegen. Dazu werden gezielt
Vertreterinnen sozialer Bewegungen, von Fraueninitiativen und Frauen aus Gewerkschaften
angesprochen. Die Ergebnisse dieser Konferenz sollen dokumentiert und in die Arbeit der
Programmkommission einfließen.
Das soll anders werden!
Der Vorstand übernimmt die Verantwortung
für die Arbeit an einer Frauen ansprechenden,
10
Einleitung – Frigga Haug
programmatischen sowie organisatorischen
Profilierung der Partei. In einem ersten Schritt
erfordert dies eine umfassende, detaillierte
Be­standsaufnahme über die Einbeziehung von
Frauen in die Alltagsarbeit der Partei. Die Frauen der LINKEN erwarten einen eigenen Vorschlag des Vorstandes zur besseren Ansprache
und tatsächlichen Einbeziehung von Frauen in
die politische Arbeit. Der Vorschlag orientiert
sich daran, dass dieses Ziel nicht auf Gleichbehandlung reduziert wird, sondern bis auf Weiteres affirmative Ungleichbehandlung notwendig ist. Der Vorstand setzt sich aktiv für die
Durchsetzung von Programm und Satzung ein.
In einem ersten Schritt erfordert dies, die
Gründe für eine Ablehnung der Quote zu erforschen und zu dokumentieren. Ein systematischer Plan zur sozialgerechten Umgestaltung
der Geschlechterverhältnisse und ihrer Demokratisierung auch innerhalb der Partei kann ein
deutliches Signal für die Entschlossenheit des
Vorstandes sein, Frauen ihren Einfluss auf die
Politik der Partei zu sichern. Dort, wo Fragen
offen bleiben, ist zu klären, ob und mit welchen
Zielen der im Antrag formulierte Wunsch nach
wissenschaftlicher Analyse sinnvoll ist. Als Argumentationshilfe zur Unterstützung der Kreise und aktiven Gruppen ist umgehend aus vorhandenen Datenmaterialien ein Überblick über
die Situation von Frauen zu erstellen. Unsere
Kampagnen sind so zu führen, dass sie die Interessen von Frauen erkennbar aufnehmen.
Das heißt vor allem, dass auch Interventionsmöglichkeiten von Frauen deutlich werden und
dass Engagement von unten gefördert wird. In
den Zeiten des neoliberalen Kapitalismus setzt
die Regierungspolitik auf Selbstbestimmung
und Freiheit der einzelnen, meint damit aber
Vereinzelung im Wettbewerb zwischen Ungleichen. Jede kann Unternehmerin werden und
untergehen. Dagegen muss linke Politik von
Anfang an unterstützen, dass (Frauen-)Netze
geknüpft werden, sich Gruppen bilden und gemeinsam politisch handeln. Darin liegt die
Stärke der Linken und ebenso die Stärke der
Frauen.
So eine Vorstandssitzung bearbeitet eine
ganze Menge vielfältiger Punkte viele
Stunden lang. Ich ging früh hin, um mich an
den Sprech- und Auseinandersetzungsstil zu
gewöhnen und hielt dann nach etwa 3 Stunden einen frei gesprochenen Vortrag, in dem
ich die bisherige Frauenpolitik negierte, eine
andere an ihre Stelle setzte, dies mit Marx,
Luxemburg, Brecht begründete und dann
noch knapp die Vier-in-einem-Perspektive
als künftigen Leitfaden für alle vorschlug.
Die Diskussion war lebhaft und aufgeregt.
So war ich der festen Überzeugung, einen
großen Schritt nach vorn für uns alle getan
zu haben. Im Sitzungsprotokoll fand sich
Unerkennbares. So schrieb ich eine eigene
Zusammenfassung als Protokollthesen,
die tatsächlich im Newsletter der Linken
gedruckt wurden. Weil sie in klarer Sprache
das politische Ziel und seine Begründung
wiedergeben, sind sie hier als zweites
Dokument eingeschoben:
11
Einleitung – Frigga Haug
Dokument 2
Frigga Haug
8 Thesen zur Erhöhung der frauenpolitischen
Kompetenz in der Parteipolitik
1. Bertolt Brecht empfahl, dass die Parteileitung nicht das Volk über seine Interessen aufkläre, weil die Interessen der Massen divergieren (etwa Arbeitslose und Arbeitsplatzbesitzer);
daher blockiere eine solche Politik die freie
Diskussion und spalte das Volk. Dagegen sei
»das Operieren können mit Antinomien nötig«.
2. Ein solcher Widerspruch ist, dass die Partei
explizit feministisch im Anspruch ist, Frauen
aber das so nicht erfahren, die Partei weniger
wählen, weniger Neueintritte zu verzeichnen
sind. Ein weiterer Widerspruch, dass bei aller
Bereitwilligkeit Frauenpolitik zu fördern, diese
von allen, einschließlich der Frauen als langweilig empfunden wird.
3. Ein anderer Widerspruch, mit dem umzugehen ist, ist die Quote. Sie ist von ständiger Unterhöhlung bedroht, weil an vielen Orten die
geringe Zahl bereitwilliger Frauen den Quotenanspruch prekär macht. Hier ist zu studieren,
dass nicht die Ziele das Frauenvolk hindern,
die Partei zu stützen, sondern die Unmöglichkeit, zu sehen, wie sie selbst in einer solchen
Partei von unten streiten könnten. Dafür ist die
Quote der Weg, nicht das Ziel.
4. Die Langeweile in der Frauenfrage, die Minder­bedeutung der Probleme verglichen zur »großen
Politik«, die seit über 100 Jahren wenig sich ändert, legt nahe, sich von Frauenpolitik zu trennen und statt dessen ins modische englisch zu
flüchten: genderpolitics.
5. In dieser Flucht wird unsichtbar, dass der eigentliche Skandal darin liegt, dass die Fragen
des Lebens und seiner Erhaltung zu Frauen­
4. Der Auftrag
Noch auf dieser Vorstandssitzung erhielt
ich den Auftrag, die Programmdebatte
der Partei feministisch-wissenschaftlich
zu begleiten. Ich sollte dafür einen kleinen
Kreis von Wissenschaftlerinnen einberufen,
der in entsprechender Diskussion den Stand
der Programmdebatte verfolgen und kommentieren sollte. Es wurden Mittel für solche
Treffen (Fahrtkosten und Hotel) zugesichert,
fragen mutiert sind. Die allgemeine Marginalisierung ist somit ein Effekt der kapitalistischen
Produktionsweise.
6. Frauen müssen nicht überzeugt werden, dass
diese Partei die richtige Politik macht, sondern
sie müssen sich selbst überzeugen, dass sie in
ihr politisch tätig sein können. Politik von Frauen, nicht für sie, wollen wir als Politik von unten
feministische Politik nennen, die vom besonderen Standpunkt Politik für alle ist – dies ist eine
weitere Antinomie.
7. Rosa Luxemburg formulierte als Aufgabe für
die Partei: »Zielbewusstsein und Zusammenhang in die verschiedenen örtlichen und zeitlichen Fragmente des Klassenkampfes zu bringen« (GW 4, 124). Statt des Jammerberichts über
die vielen Benachteiligungen von Frauen gilt
es, deren Zusammenhang zu erforschen und
Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse zu erkennen.
8. Dies ist keine Frage der Arbeitsteilung, nicht
durch Gleichstellung zu ändern, sondern die
Teilung der Bereiche von Lebens- und Lebensmittelproduktion ist das Problem. Dafür habe
ich einen Kompass, eine perspektivische Politik entwickelt, die die vier Bereiche – Erwerbsarbeit, Reproduktionsarbeit, Entwicklungschancen und Politik zusammenfügt und eine
Politik ermöglicht, die zugleich alltägliche Reformpolitik ist wie leitende Utopie: Die Vier-inEinem-Perspektive. (Vgl. mein gleichnamiges
Buch, Februar 2008). Sie ist vom Frauenstandpunkt gesprochen und zeigt auch, dass linke
Politik feministisch sein muss oder nicht radikal ist.
ein Mitarbeiter im Karl-Liebknechthaus für
organisatorische Fragen und Begleitung des
Projekts genannt, und schließlich Vera Vordenbäumen als Bundes­frauenreferentin, die
das Ganze initiiert hatte, mir zur Seite gestellt.
Ich versprach, den Versuch zu wagen unter
der Voraussetzung, dass unsere Arbeiten
nicht für den Papierkorb seien, sondern wir
eine Zusicherung der tatsächlichen Einflussnahme auf das Programm bekämen. Dieser
Auftrag ist aufgehoben als Dokument 3.
Einleitung – Frigga Haug
Dokument 3
Liebe Frigga Haug,
als unmittelbare Konsequenz aus der MärzSitzung des Parteivorstandes, auf der die Erhöhung der frauenpolitischen Kompetenz debattiert wurde, möchten wir Dich bitten, einen
feministischen Beirat einzurichten. Damit stellen wir Dich und uns vor eine arbeitsreiche
Herausforderung. Wir verbinden mit einem
feministischen Beirat die Unterstützung der
5. Feministisch-wissenschaftliche
Beratung
Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass die Arbeit
am Programm für viele Feministinnen neben
ihrer Arbeit zu viel wäre und umgekehrt, dass
die Programmkommission nicht begeistert
wäre, wenn wir tatsächlich zu grundsätzlichen
Vorschlägen, Probleme zu verschieben und
die Frauenfrage grundlegend in das Programm
einzubauen, kämen. Schon hatte ich begonnen, als Ausweg aus solchem Dilemma ein
eigenes Frauenprogramm anzudenken,
welches dem allgemeinen Programm hinzuzufügen sei. Aber es kam ganz anders. Ich wollte
fünf namhafte feministische Wissenschaftlerinnen gewinnen. Das stellte ich mir leicht
vor. Ich schrieb 30 an, legte den Brief von
Als Dokument 4 hier das Anschreiben, das auf
kurzem Raum möglichst viel Inhalt transportieren sollte.
Liebe …
Mit diesem Brief möchte ich Dich einladen – zusammen mit anderen fünf politisch und wissenschaftlich engagierten Frauen – den Versuch zu
unternehmen, die Programmdebatte der Partei
DIE LINKE beratend zu begleiten. Die Worte hören sich für mich ziemlich trocken an, so schreibe ich lieber die Vorgeschichte und die Menge
der Ziele, die dieses Projekt hat.
Ich habe im Februar auf Verlangen von Frauen
im Parteivorstand, die sich Sorgen machten,
weil die Partei immer »männlicher« wird, da immer weniger Frauen als Männer unter den Neueintretenden (unter 20 Prozent) sind, im Vorstand einen Vortrag zur Erhöhung der frauen­politischen Kompetenz dieser Partei gehalten.
Ich hänge ihn an. In ihm schlage ich unter anderem vor, die »Vier-in-einem-Perspektive« zur
Leitlinie im Programm zu machen (dazu später). Ich habe dann eine Woche später in der
Fraktion zu Luxemburgs revolutionärer Real­
politik gesprochen und dies wiederum mit der
»Vier-in-einem-Perspektive« verknüpft – was
verkürzt gesprochen dahin zielt, die jetzigen
gesellschaftlichen Problematiken mit einem
12
konkreten Programm- und Politikentwicklung
unserer Partei, zugleich eine belebende Durch­­lässigkeit zur gesellschaftlichen Linken. Die
Arbeitsfähigkeit des Beirates sollte unter tatkräftiger Unterstützung durch unser Büro,
durch die Bundesfrauenreferentin Vera Vordenbäumen und den Sekretär der Programmkommission, Bernd Ihme, schnell in Gang
kommen.
Mit freundlichen Grüßen
Lothar Bisky, Oskar Lafontaine
Bisky und Lafontaine dem Anschreiben
bei und schickte sogleich meinen eigenen
Entwurf – eine Kurzfassung zur Vier-in-EinemPerspektive bei, um meine eigene Position in
dieser Frage kenntlich zu machen und auch,
weil ich dachte, der Text würde die Frauen
ermuntern, ihre eigenen Vorschläge dagegen
oder erweiternd, kurz kritisch einzubringen.
Insgeheim hatte ich wohl auch gehofft, dass
die Zusage bei allgemeiner Arbeitsüberlastung leichter fallen würde, wenn die Frauen
sähen, dass schon Vorarbeit getan ist. Und
ganz allgemein war ich sicher, dass politisch
einzugreifen, feministische Wissenschaftlerinnen begeistern würde. Nach meiner
Einschätzung habe ich alle bekannteren
linken Feministinnen in der BRD und in
Österreich angeschrieben.
anderen Zeitregime anzugehen – damit zugleich
eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, eine Verallgemeinerung der Reproduktionsarbeitszeit, eine Einforderung von Zeit zur
individuellen Entwicklung und die Zeit für Politikgestaltung für alle – zum Rahmen unserer
Politik zu machen. (Den Text gibt es in einem
ebenfalls im Februar erschienenen Buch mit
die einzelnen Bereiche fundierenden Extrabeiträgen.)
Eine zweite Vorgeschichte ist die vor einigen
Jahren zur Programmdiskussion der PDS außerhalb der Partei geführte mehrtägige Diskussion von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen
Disziplinen, die wir in einem Buch »Unterhaltungen über den Sozialismus nach seinem Verschwinden« veröffentlicht haben. Ziel war, die
Perspektiven linker Politik im High-tech-Kapitalismus zu eruieren. (Dieses Buch ist noch in
einigen Exemplaren vorhanden und könnte uns
verfügbar gemacht werden.)
Beide Diskussionen vor Augen haben die beiden Vorsitzenden mich beauftragt, einen Kreis
feministischer oder an Frauenpolitik interessierter Wissenschaftlerinnen zusammenzurufen, und die Möglichkeiten eines feministischen
Programms für die Partei zu erarbeiten. (Ich
hänge den Brief an.) Ironischerweise nennt
sich diese Partei feministisch, ohne es bislang
13
Einleitung – Frigga Haug
zu sein – aber immerhin ist auch hier eine Perspektive zum Weiterbauen.
Derzeit wird eine Programmdiskussion geführt
– die Kommission ist paritätisch besetzt, was
aber für die Inhalte nicht unbedingt etwas aussagen muss. Die bisherigen Überlegungen lassen nicht etwa Widerstand vermuten, sondern
einfach Unwissen und auch fehlende Fantasie.
Es gibt unterschiedliche Hoffnungen und Ziele –
aber das Wichtigste ist zunächst, dass wir selbst
herausfinden, wie wir vorgehen können. Die
Gesamtdiskussion ist auf mehr als ein Jahr geplant. Wir haben ein kleines Budget, um Reisekosten und Unterbringung erstatten zu können.
Organisatorisch ist die Idee, dass wir uns innerhalb eines Jahres etwa drei Mal einen Tag
lang treffen und diskutieren und in der übrigen
Zeit emailig verkehren können, soweit das
wichtig wird. Wir bekommen Hilfe durch die
Bundesfrauenreferentin Vera Vordenbäumen
und den Sekretär der Programmkommission
Bernd Ihme im Liebknechthaus. (Im Fall des
Unterhaltungsbuches hat er die Diskussionen
mitgeschnitten und abschreiben lassen. Wir
könnten dann unsere Beiträge überarbeiten
und ein gemeinsames Produkt erstellen, soweit
wir das möchten.)
Die Ziele und Hoffnungen an uns sind:
Die Programmkommissionsarbeit so zu begleiten, dass vor allem die Frauen in der Kommission mit uns zusammenarbeiten können. Das
würde bedeuten, die Diskussion zu verfolgen
und sich zeitnah einzumischen.
Oder ein eigenes Programm zu entwickeln, es
scharf und literarisch gelungen zu schreiben
und es der Programmkommission und öffentlich zur Verfügung zu stellen. Oder wie die »Unterhaltungen« in der gegebenen Zeit die Möglichkeiten links-feministischer Politik zu eruieren
und dazu beizutragen, dass das Partei-Frauenvolk sich einigen kann und an Kraft gewinnt,
wie auch die Akzeptanz unter Frauen außerhalb der Partei wachsen kann. Da es erst ein
Anfang ist und wir austesten müssen, ob wir
gemeinsam arbeiten können und dies auch
wollen, und das ganze wichtig genug finden,
also es für eine historische Chance halten, sollten wir den ersten Termin recht bald ansteuern.
Ingrid Kurz-Scherf, die ich als erste fragte, weil
sie in solchen Programmen am meisten Erfahrung hat, schlägt den 4. oder 7. Juli in Berlin vor.
Ich kann an beiden Terminen, aber der 7. ist mir
erheblich lieber. Außerdem habe ich noch gefragt: Christina Thürmer-Rohr, Birgt Mahnkopf,
Susanne Voelker, Irene Dölling. (Die Idee, gerade diese Frauen zu fragen, ist es, möglichst
unterschiedliche Zugänge innerhalb eines politischen Feminismus zu versammeln, also Wider­spruch und Vielfalt zusammenzubringen.)
Ich weiß, dass es eine Indiskretion ist, so viele
Informationen zu streuen, ohne zu wissen ob
Du mitmachen wirst und auch, Namen weiterzugeben, ohne wiederum zu wissen, ob diese
Frauen einverstanden sind.[3] Aber ich kenne
keine Möglichkeit, voranzukommen und diese
Indiskretionen zu vermeiden. Bitte antworte
sogleich, ob Du mitmachst und zu den Terminen kommen könntest.
Sehr herzlich
Frigga Haug
Dokument 5
Schein von zu wenig Arbeit verdankt sich der
offiziellen Nichtwahrnehmung der meisten notwendigen Tätigkeiten in der Gesellschaft, weil
sie keinen Profit bringen.
Dazu gehören fast alle Arbeiten, die zwischenmenschlich geschehen, und die wir als Reproduktionsarbeit zu bezeichnen pflegen. Diese
werden meist unentgeltlich und von Frauen getan. Sie betreffen alle Fragen, wie wir miteinander umgehen, mit Kindern, mit Alten, mit Kranken usw. Hinzu kommen alle Tätigkeiten, die wir
zur Entwicklung unserer menschlichen Fähigkeiten benötigen. Darin ist lebenslanges Lernen ebenso eingeschlossen, wie die Entwicklung aller Sinne und der Kultur. Schließlich geht
es um uns als politische Wesen, darum, die wir unsere Gesellschaft gestalten wollen und müssen.
Wenn wir die vier Bereiche in etwa zu gleichen
Teilen in unser Leben denken, kommt ein etwa
ist die Kurzfassung der Vier-in-einem-Perspektive hier eingeschoben, wie sie in der Einladung
mitgeschickt wurde:
Die Vier-in-einem-Perspektive. Eine Utopie
von Frauen, die eine Utopie für alle ist. Dies
ist ein Politikvorschlag an die neue Linke. Es
geht dabei um Gerechtigkeit bei der Verteilung
von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen. Lange
Zeit wurden politische Projekte in diesen vier
Bereichen getrennt verfolgt. Funktion der Verknüpfung ist es, einen Kompass zu liefern, der
für die unterschiedlichen Projekte auf einen
Zusammenhang orientiert und in dieser Bündelung wahrhaft kritisch, ja revolutionär ist,
während jedes für sich genommen früher oder
später zu versanden pflegt. Dabei wird davon
ausgegangen, dass wir nicht zu wenig Arbeit
haben, wie dies offiziell politisch verkündet
wird und praktisch auch als Arbeitslosigkeit
von so vielen gelebt wird, sondern dass wir
umgekehrt in Arbeit geradezu ersticken. Der
[3]Um fünf zu gewinnen, musste ich viele anschreiben
und gleichwohl in jedem Brief nur weitere vier nennen,
um nicht unglaubwürdig zu sein – ein zweifelhaftes
Verfahren, aber mir fiel kein Besseres ein.
14
Einleitung – Frigga Haug
16-stündiger Arbeitstag heraus. Dies aber nur
dann, wenn wir die so genannte Erwerbsarbeit
rigoros auf 4 Stunden verkürzen. Perspektivisch
erledigen sich auf diese Weise Probleme von
Arbeitslosigkeit (wir haben dann weniger Menschen als Arbeitsplätze) mitsamt Prekariat und
Leiharbeit – so gesprochen gehen alle einer Teil­zeitarbeit nach, bzw. der Begriff hat aufgehört,
etwas sinnvoll zu bezeichnen, und wir können
uns konzentrieren auf die Qualität der Arbeit,
ihre Angemessenheit an die menschliche Verausgabung ihrer Fähigkeiten.
Es versteht sich von selbst, dass alle einzelnen
über ein ausreichendes Einkommen zum Leben
verfügen und dass sie ebenso in jedem der vier
Bereiche sich betätigen: in der Erwerbsarbeit,
in der Sorgearbeit um sich und andere, in der
Entfaltung der in ihnen schlummernden Fähigkeiten, schließlich im politisch-gesellschaftli-
chen Engagement. Probeweise kann man dies
auch so ausdrücken, dass jeder Mensch in die
Lage versetzt wird, sein Leben so einzurichten,
dass er oder sie je vier Stunden in jedem dieser Bereiche pro Tag verbringt.
Die politische Kunst liegt in der Verknüpfung
der vier Bereiche. Keiner sollte ohne die anderen verfolgt werden, was eine Politik und
zugleich eine Lebensgestaltung anzielt, die
zu leben umfassend wäre, lebendig, sinnvoll,
eingreifend, und lustvoll genießend. Dies ist
kein Nahziel, nicht heute und hier durchsetzbar, doch kann es als Kompass dienen für die
Bestimmung von Nahzielen in der Politik, als
Maßstab für unsere Forderungen, als Basis unserer Kritik, als Hoffnung, als konkrete Utopie,
die alle Menschen einbezieht und in der endlich
die Entwicklung jedes einzelnen zur Voraussetzung für die Entwicklung aller werden kann.
6. Die erste Runde
und übernahm die Diskussionsleitung, so dass
ich genug Gelegenheit zur Einmischung hatte.
Trotz angeregter Diskussion stellte sich bald
heraus, dass die Frage, was eigentlich ein
linkes feministisches Projekt heute sein könne,
auf eine Leerstelle stieß. Daher brachte ich
noch einmal die schon schriftlich gestellte
Frage ein, ob mein Vorschlag zur Vier-ineinem-Perspektive ein möglicher Ansatzpunkt
sein könne. Was hätte ein Anfang sein sollen,
war zugleich das Ende. Ingrid Kurz-Scherf
erklärte das Projekt für illusorisch, auch weil
es ganz ungesichert sei, was eigentlich ein
linkes feministisches Projekt im 21. Jahrhundert
sein solle. Es gelang uns, die Wogen ein wenig
zu glätten durch Vertagung und Verschiebung:
Wir beschlossen, eine ganze Tagung zu machen, die dazu dienen sollte, eine Antwort auf
die Frage nach einem linken feministischen
Projekt heute zu geben. Wir haben diese
Tagung tatsächlich im Oktober 2008 in Erkner
genau unter diesem Titel veranstaltet.[5]
130 Frauen kamen, von denen aus der ersten
Runde nur noch Sybille Stamm erschien,
Claudia Pinl und Birgit Sauer waren interessiert aber verhindert. Ingrid Kurz-Scherf
antwortete nicht mehr.
Ich mache es kurz: Auf diese 30 Anfragen erhielt ich 10 explizite und begründete Absagen,[4]
16 antworteten gar nicht und vier schließlich
erklärten sich auf Drängen bereit zu einer
solchen wissenschaftlich beratenden Runde
im Februar 2008 nach Berlin zu kommen.
Ingrid Kurz-Scherf unter Vorbehalt (vgl. ihren
Brief im Anhang), Birgit Sauer, Claudia Pinl,
Sibylle Stamm. Sowohl das Schweigen, vor
allem aber die Absagen trafen mich unvorbereitet. Die meisten wollten mit einer Partei
nichts zu tun haben, schon gar nicht mit der
Linken. Andere waren von Arbeit überhäuft
und konnten sich nichts Zusätzliches aufladen. Wieder andere hielten den gesamten Vorgang für falsch und ebenso meine Rolle darin.
Kurz, es war illusionär von mir zu glauben, die
Partei DIE LINKE habe unter den Linken ein
gutes Ansehen und ebenso falsch zu denken,
Feministinnen wollten überhaupt politisch
Eingreifendes tun. So schrieb Helke Sanders,
die Filmemacherin, die ich wie viele mehrfach
bat, es sei wohl falsch, ein linkes feministisches Projekt unter Wissenschaftlerinnen zu
suchen. Es könne heute nur aus Bewegungen
kommen.
Schon ein wenig gedämpft begannen wir am
7. Februar 2008 mit der ersten Runde. Vera
Vordenbäumen hatte einen hellen Raum im
Liebknechthaus mit Obst und Kaffee versehen
[4]Am Ende der Broschüre sind diejenigen Absagen
abgedruckt, die kein Veto gegen die Veröffentlichung
einlegten. Es war mir wichtig, diese Absagen zu veröffentlichen, weil sie auch eine Lehre an die Partei sind,
dass selbst linke Wissenschaftlerinnen nicht zu einer
Kooperation bereit sind, und zugleich unvollständiger
Nachweis, weil er die Schweigenden nicht nennt, wie
viele der heute noch feministisch sich Nennenden eingeladen waren. Die komplette Liste abzudrucken würde
denunziatorisch wirken.
7. Flucht nach vorn
Nachdem ich eine Weile versucht war, den
Auftrag einfach wieder zurückzugeben und
mich anderen Aufgaben vermehrt zu widmen
statt dessen, erkannte ich erst jetzt, nachdem
ich die Lage des politischen Feminismus in
Deutschland auch in Bezug auf die Partei
[5]Mein Einführungsvortrag unter dem Titel: Feminismus – wer versteht was darunter und was bedeutet
er uns? findet sich in verknappter Form alphabetisch
eingeordnet unter den anderen Beiträgen in dieser
Broschüre.
15
Einleitung – Frigga Haug
DIE LINKE ernsthaft wahrnehmen musste,
wie provinziell ich dieses Projekt angelegt
hatte. Ich erinnerte eine ähnlich depressive
Lage im Postmarxismus der 1980er-Jahre, in
denen es als marxistische Feministin fast
unmöglich war, Mitstreiterinnen zu gewinnen und erinnerte auch die so erleichternde
Strategie von damals. Wir (die letzten, die
sich öffentlich als marxistische Feministinnen
bezeichneten) hatten damals ein europäischsozialistische Forum gegründet, das neun Jahre
hielt und sich jährlich in den Hauptstädten
Europas traf und mit großem Gewinn Netze
knüpfte und gemeinsam veröffentlichte. Aus
dieser Erfahrung galt es zu lernen. Ich schrieb
100 engagierte weibliche Intellektuelle in aller
Welt an, Thesen zu einem linken feministischen
Projekt heute zu schreiben, in Australien,
Chile, USA, Kanada, Afrika, England, Spanien,
Frankreich, Norwegen, Finnland, Schweden,
Österreich, Schweiz, Niederlande, Dänemark,
Indien, Italien und Deutschland. Das Echo
war überwältigend. Etwa die Hälfte der Angeschriebenen sagte innerhalb weniger Tage zu.
Dokument 6
tere Diskussion veröffentlichen und allgemein
zur Verfügung stellen.
Wir versprechen uns davon, den Diskussionsprozess selbst, der dringlich ist, voranzubringen und durch die bei einer so großen Zahl mit
Sicherheit zu erwartende Vielfalt auch eine
stärkende Lebendigkeit und wechselseitige
Erinnerung nach vorn ermöglichen zu können.
Vieles spricht dafür, dass Feminismus nicht
nur konservativ angeeignet wird, sondern auch
auf ein großes Interesse in der nachwachsenden Generation trifft. Es bilden sich Gruppen
von Studierenden, von Jugendlichen und in anderen Initiativen. Zugleich gibt es FeminismusMüdigkeit und Wiedereinrichtung eines alltäglichen Patriarchats, Grund allenthalben, sich
auf den Weg zu machen.
Bitte mache/machen Sie mit und schicken uns
die Notizen noch bis Ende September. Sie dienen gleichzeitig der Vorbereitung des 2. Frauenkongresses der Linken am 3. und 4. Oktober
in Erkner bei Berlin, auf dem um ein mögliches
linkes feministisches Projekt weiter gestritten
werden wird.« [6]
Das Anschreiben:
»In diesem Jahr wird in der Partei DIE LINKE das
neue Programm diskutiert. Von vielen Frauen
ermutigt, von den Vorsitzenden schließlich eingeladen, einen feministisch-wissenschaftlichen
Beirat einzuberufen, der von außen begleitend
diskutiert, wie Feministisches in ein Programm
mit Zukunft eingehen müsste, stellte sich bei
einem ersten Treffen schnell heraus, dass keine gemeinsame Klarheit vorhanden ist, wie ein
linkes feministisches Projekt derzeit überhaupt
konzipierbar ist. So kamen wir überein, unsere
Diskussion auf breitere Füße zu stellen.
Mit diesem Brief bitte ich 100 feministische
Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland sehr herzlich und zugleich dringlich, aufzuschreiben, wie sie sich ein linkes feministisches Projekt heute vorstellen. Es können
kurze Thesen sein oder auch längere Überlegungen von drei bis maximal fünf Seiten. Wir
wollen diese Notizen recht schnell in einer
Broschüre zusammenfassen und für die wei­
Zunächst hatte ich gehofft, das kleine Buch
für den Kongress fertig stellen zu können.
Aber von den vielen Zusagen waren bis Ende
August 2008 erst 21 fertige Texte eingegangen.
So änderten wir den Plan. Auf dem Kongress
wurden 13 der bis dahin gekommenen – die
englischen in Rohübersetzung – als Kopien
verteilt. Das mehrfach Besondere ist:
Während das Echo in Deutschland eher
zaghaft und kleinteilig war, die Partei nicht als
Chance, sondern überwiegend als Hindernis
gefasst wurde, war die Wirkung im Ausland
enorm. Es war, als hätte sich ein Ventil
geöffnet; es gibt Lust auf Bewegung; es ist
an der Zeit; wir machen mit. Es gibt Erstaunen und Freude, dass es in Deutschland eine
neue Partei gibt, in der Diskussionen über
Feminismus möglich sind, gar unterstützt
werden. Es scheint wie ein neuer Anfang.
Viele äußern die Hoffnung, es würde ein
Projekt auf Dauer, in das sie eingeschrieben
wären mit Rückwirkung auf ihre eigene
Politik. Wöchentlich gingen über mehrere
Monate neue Meldungen ein und Fragen
nach der Möglichkeit mitzumachen. Es will
ein Projekt werden, das meine beschränkten
Arbeitskräfte bei weitem überfordert.
Ich beschloss, die Vorsitzenden um weitere
Hilfe zu bitten und zugleich den übernommenen Auftrag zu revidieren, dieses internationale Projekt also an die Stelle der geplanten
Wissenschaftlerinnenrunde zu setzen.
[6]Ich schickte ebenso eine Kurzfassung der Vier-ineinem-Perspektive mit, die von Miriam Boyer, der besonders zu danken ist, ins Englische übersetzt ist und
in der Zeitschrift Socialism and Democracy, März 2009
abgedruckt ist unter dem Titel: For a Life More Just
16
Einleitung – Frigga Haug
Dokument 7
Einschätzung:
Ich halte es für einen großen Glücksfall, dass
unsere erste Runde mit einem Erweiterungsan-
trag endete. Auf diese Weise können wir zugleich das Projekt eines linken Feminismus
voranbringen und damit überall DIE LINKE ins
Gespräch bringen, in deren Kontext diese Umfrage explizit stattfindet.
Dass wir den Kreis der Diskutierenden bis nach
Australien, USA und Afrika ausdehnen, eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Kleinmütigkeit
der deutschen Feministinnen herauszufordern.
Sie werden sich in der geplanten Broschüre
nicht blamieren wollen, wenn das internationale
feministische Gedankengut präsent ist und
daher sich selbst auch als besser und politischer wahrnehmen, als wenn sie unter sich
blieben.
Zudem hat diese Einbeziehung der internationalen Diskussion den Effekt, dass die Wissenschaftlerinnen aus anderen Ländern höchst
fasziniert sind, dass es in Deutschland eine
Partei geben soll, die sich für Feminismus nachweislich interessiert. In Australien wurde sogar
die Methode, eine solche Umfrage zu machen,
wegen ihres allgemein politisierenden Effekts
übernommen. Ich bin überzeugt, dass diese
positive Haltung von Außen dazu führen wird,
dass auch nach Innen die Frauen mehr wahrnehmen, dass diese Partei auch eine Chance
für sie ist.
Die Vorstellung dieser Positionen auf dem Kongress ermöglicht es, die Frauen der Partei DIE
LINKE einzubeziehen und die feministische
und frauenpolitische Kompetenz der Partei zu
erhöhen. Es ist leider verdammt viel Arbeit.
Aber es lohnt sich. Bislang kamen schon 30
Rückläufe der namhaften linken Feministinnen
aus aller Welt.
Herzlich
Frigga Haug und Vera Vordenbäumen
Die fertige Broschüre sollte bis zum Jahres­
ende 2008 vorliegen. Einige Gründe für die
Verspätung seien genannt. Ich hatte nach
dem großen Echo die Frist bis zum Januar
2009 erweitert und weitere 50 Wissenschaftlerinnen angeschrieben. Unglücklicherweise
wurde Vera Vordenbäumen mit anderen
Aufgaben ausgelastet und zog sich nach
der Oktoberkonferenz aus der Arbeit um
die Broschüre zurück. So saß ich allein vor
inzwischen 50 Texten, von denen ein größerer
Teil zwar in Rohübersetzung vorlag, letztendlich aber in wochenlanger Arbeit ins Deutsche
erst überführt werden musste. Mein Dank
an dieser Stelle gilt Katja Kipping und Ulrike
Zerhau, die sich dem Gelingen des Projektes
annahmen und einen Werkvertrag besorgten,
mit dem dann Sabine Zürn als Lektorin
betraut werden konnte. Dank gilt vielen
Frauen in der Linken und auch von Außen,
die halfen, diskutierten, interessiert waren,
ermutigten. Sie alle hier zu nennen, würde
unweigerlich das Problem aus Dornröschen
mit der 13. Fee heraufbeschwören. Ich würde
jemanden vergessen. Also belasse ich es hier
mit der Hoffnung, dass die Broschüre den
vielen engagierten Frauen nützen möge und
sie stärkt.
Lieber Lothar, Lieber Oskar,
21. 8. 2008
Erster Zwischenbericht zum Projekt:
Feministisch-wissenschaftliche Begleitung
der Programmdiskussion
Inzwischen hat ein Kreis von Wissenschaftlerinnen – Ingrid Kurz-Scherf (Frankfurt), Claudia
Pinl (Köln), Birgit Sauer (Wien), Sybille Stamm
(Stuttgart) – entschuldigt war Andrea Maihofer
(Basel) mit Vera Vordenbäumen und mir – am
7. Juli zum ersten Mal ganztags diskutiert. Wir
waren uns einig in der Lagebestimmung, mussten jedoch die Fragen nach einem aktuell möglichen oder gar schon wirklichen linken Feminismus zunächst offen lassen. Daher beschlossen
wir, nicht in dieser Runde weiter zu tagen, sondern unser Projekt zunächst auf viel breitere
Füße zu stellen. Öffentlich wollten wir diskutieren, wie ein linkes feministisches Projekt für
das 21. Jahrhundert aussehen kann. Dem stellte ich eine breite Umfrage voran. Per E-Mail
schrieb ich 100 Wissenschaftlerinnen aus aller
Welt an, ihre Gedanken für ein solches Projekt
zu schicken. Dies wollen wir in einer Broschüre
zusammenfassen und als Grundlage für die
weitere Diskussion verbreiten. Danach folgt
eine Diskussion in einer Runde von vielleicht
10 Frauen auf dem Frauenkongress der Frauen
der LINKEN am 3., 4. Oktober in Erkner (»Ohne
Frauen ist kein Programm zu machen«), in die
alle Kongressteilnehmerinnen in anschließenden Workshops einbezogen sind.
17
Die Briefe – Mari Paz Balibrea
Die Briefe
Mari Paz Balibrea
London, Großbritannien und Murcia, Spanien
Linker Feminismus heute
Einige grundsätzliche Voraussetzungen
für linken Feminismus aus meiner Sicht:
n Linker
Feminismus zielt auf grundlegende
Veränderungen. Es geht darum, die Strukturen oder den Status Quo der Frauenunterdrückung in jeder gegebenen Gesellschaft
zu erkennen und folgerichtig die Strukturen
zu verändern, welche Form sie im jeweiligen
Kontext auch immer annehmen. Weiter geht
es darum, die grundlegenden Veränderungen
zu erhalten und weiter voranzutreiben. Linker
Feminismus ist daher eine »tiefgreifende«
gesellschaftliche und politische Bewegung,
nicht eine »oberflächliche« oder konjunkturelle.
n Links-feministische
Projekte sind einschließend, nicht ausschließend. In anderen
Worten: Sie erkennen an, dass Unterdrückung
komplex und niemals auf die Unterwerfung
entlang einer Kategorie (in diesem Fall
Geschlecht) beschränkt ist. Daher zielen sie
darauf ab, ihre Kämpfe mit denen anderer zu
verknüpfen (nicht, sie ihnen unterzuordnen),
um eine Veränderung für mehr Gerechtigkeit
für alle Unterdrückten, nicht nur für Frauen,
zu bewirken.
n Die
Ausgangsbedingungen für einen linken
Feminismus sind stark davon abhängig, über
welchen Teil der Welt wir reden und wie es
um Bestimmungen wie Klasse, Ethnie und
Religion von Frauen steht. Für manche Frauen
ist es noch notwendig, für die Anerkennung
grundsätzlicher Gleichheitsrechte zu kämpfen,
während andere Frauen seit Jahrzehnten wenigstens nominell institutionelle und gesellschaftliche Anerkennung dieser Grundrechte
genießen. Zum Beispiel wird ein Opferdiskurs
und die Ablehnung von Lebensweisen als
»falsches Bewusstsein«, wie es für die erste
Welle der Frauenbewegung charakteristisch
war, im aufgeklärten Kontext der sogenannten
»Ersten Welt« wahrscheinlich eine gegenteilige
Wirkung entfalten. Dies besonders bei den
jungen Generationen, die unter Bedingungen
von Gleichheit und Wahlmöglichkeit aufgewachsen sind und sie als etwas Selbstverständliches und für ihr Leben sehr Reales
betrachten. Eine nachteilige Wirkung könnte
so ein feministischer Diskurs auch deshalb
haben, weil er einer reaktionären puritanischen
Politik in die Hände spielt, die Frauen weiter-
hin unterjochen möchte statt sie zu befreien.
In anderen Zusammenhängen jedoch ist das
Benennen der Viktimisierung von Frauen absolut
notwendig, auch innerhalb jener im Kern aufgeklärten Länder: in der Arbeitswelt nämlich,
in den privaten Sphären oder der Lebenswelt
randständiger, gefährdeter Gemeinschaften:
Soviel Feinsinn und Aufmerksamkeit in der
Analyse sind absolut notwendig für eine linksfeministische Agenda, um Frauen übergreifend
ansprechen zu können und nicht nur die üblichen weißen Mittelschichtsfrauen, die dem west‑
lichen Feminismus den Weg bereitet haben.
n Angesichts der Unmöglichkeit eines einzigen
linken Feminismus, der für alle Frauen sprechen sollte, muss Feminismus als globales
Projekt in jedem realistischen Konzept, das
ihn entwirft, in erster Linie als Rahmenpolitik
gedacht werden. Diese Politik wird nur in dem
Maße funktionieren, wie sie einem Dialog der
Stimmen aus verschiedenen Ecken des feministischen Spektrums zum Ausdruck verhilft
und ihm Anschub gibt.
n Darüber
hinaus bedarf es dringend einer
eingrenzenden Bestimmung dessen, was
einen linken Feminismus ausmacht. Diese
Eingrenzung abzulehnen, würde dem Relativismus in die Hände spielen; würde unter der
Vorgabe, Differenz zu respektieren, jegliche
Frauenpolitik als feministisch und progressiv
anerkennen.
n In
diesem Zusammenhang ist zu begründen, warum es auch sinnvoll ist, von einem
einzigen linken Feminismus statt einer
Mehrzahl linker Feminismen zu sprechen.
Linker Feminismus ist das Ergebnis einer
globalisierten Welt, in der die Folgen des
Handelns nicht nur lokal, sondern über den
ganzen Planeten hinweg Wirkung zeigen.
Das Sprechen von einem linken Feminismus
ergibt sich aus der Überzeugung, dass wir
eine für alle Beteiligten vorteilhafte globale
Koordinierung links-feministischer Forderungen für notwendig halten. Linker Feminismus
steht dafür, dass die Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten immer mit einbezogen
werden in die Diskussionen über das gemeinsame feministische Programm. Linker Feminismus hält sich von den Täuschungen des
liberalen Pluralismus fern, der zwar behauptet, die Positionen aller zu respektieren,
dadurch aber jeden zu Vereinzelung, Egoismus und Gleichgültigkeit gegenüber den
Bedürfnissen anderer verdammt. Mit dem
Vorschlag, linken Feminismus als Rahmen
zu begreifen (und nicht als Versuch, eine
Die Briefe – Mari Paz Balibrea – Abigail Bray
bestimmte Politik zu ungunsten anderer
durchzusetzen), möchten wir in allen ein
Gefühl von »Anteilschaft« an diesem Begriff
erzeugen. Gemeinsam gerät uns die Präsenz
der Vielen nicht aus dem Blick.
Als Spanierin möchte ich auf folgende besonderen Notwendigkeiten in Spanien hinweisen:
n Eine
Vertiefung von Gleichheit und Respekt
gegenüber Frauen. Im Recht und in der Politik
wurde in dieser Hinsicht viel erreicht, besonders in den vergangenen fünf Jahren unter
der sozialdemokratischen Regierung von
Rodríguez Zapatero. Doch vieles bleibt zu tun.
Wirkliche Gleichheit kann paradoxerweise
nur mit der Anerkennung von Verschiedenheit
entstehen. Der biologische Unterschied der
Frau, ihre Fähigkeit, Kinder zu empfangen,
wird in Spanien nach wie vor zur Rechtfertigung herangezogen, sie in der Arbeitswelt zu
diskriminieren. Diese weit verbreitete Praxis
wird durch die rechtlich geförderte neoliberale Einstellungspraxis unterstützt. In der Tat
bleibt Mutterschaft der die Frauendiskriminierung strukturierende Faktor. Sexistische
Praktiken gegen Frauen im gebärfähigen
Alter reichen von unverhohlener Kündigung
schwangerer Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen bis zur subtileren Form der mangelnden Anerkennung der Familienverantwortung von Frauen. Diese Verantwortlichkeit
bestimmt immer noch radikal, und zwar zum
Schlechteren, die Berufskarrieren von Frauen.
Sie sehen sich außerstande, den von Männern geschaffenen und für Männer bequemen Vorgaben an Arbeitszeiten und -plätze
Abigail Bray
Perth, Australien
Liebe Frigga,
es tut mir Leid, dass ich so spät erst antworte. Es ist schwer zu sagen, was ein feministisches Projekt wäre, ohne die schon in der
Vergangenheit lang gehegten Anliegen zu
wiederholen. Deine Idee vom vierstündigen
(Erwerbs-) Arbeitstag ist inspirierend und
berücksichtigt, dass Arbeit sich in der postfordistischen Wirtschaft weiterhin radikal
verändern wird.
Aus meiner Sicht müsste ein linkes feministisches Projekt die wirtschaftliche und soziale
Erniedrigung von Müttern und Kindern
ansprechen, die auf fast jeder Ebene der
westlichen Kultur zum Ausdruck kommt. An
allen Universitäten sollten kostenlose Kinderbetreuungseinrichtungen für Angestellte und
Studierende angeboten werden. Tatsächlich
sollte an allen Arbeitsplätzen zur Kenntnis
18
zu genügen, es sei denn, sie verzichten auf
andere Lebensinhalte. Weitere Gesetze und
eine andere Wirtschaftsweise sind nötig, um
effektiv und im vollen Sinne die Rechte von
Frauen am Arbeitsplatz zu verteidigen und
sie nicht dafür zu bestrafen, dass sie Zeit für
reproduktive, soziale und gemeinschaftliche
Aufgaben aufwenden. Dieses sind wesentliche Tätigkeiten für die Aufrechterhaltung
und das Wohlergehen jeder Gesellschaft, und
sie sollten weder direkt noch indirekt unter
Ausbeutungsbedingungen ausgeübt werden.
Wenn das doch geschieht, haben nicht nur
Frauen den Nachteil, sondern das Gesellschaftsgefüge als Ganzes hat beklagenswerte
Konsequenzen zu tragen.
n Es ist notwendig, in der immer noch
von Sexismus durchdrungenen Gesellschaft
zu Gleichheit und Respekt für Unterschiede
zu erziehen. Sehr ernsthaft zeigt sich dieses
Erfordernis an der Gewalt gegen Frauen.
Mindestens 70 Frauen sind 2008 von Männern meist aus dem sozialen Umfeld umgebracht worden. Kürzlich sind neue Gesetze
erlassen und neue Mittel zu ihrer Durchsetzung geschaffen worden, um diese Art von
Gewalt zu bestrafen, zu vermeiden und ihre
Opfer zu schützen. Es handelt sich jedoch
hierbei nicht nur um ein rechtliches Problem,
sondern um ein Vorhaben, das die gesamte
Gesellschaft umschließt. Links-feministische
Analysen von Sexismus und Gewalt in der
Alltagspraxis können eine wichtige Rolle
dabei spielen, auf allen Ebenen ein kritisches
Bewusstsein zu fördern.
genommen werden, dass die Arbeitenden
Eltern sind. ErzieherInnen und LehrerInnen
sollten angemessene Bezahlung erhalten,
eine, die ihre Arbeit sowie die von ihnen
Betreuten und Unterrichteten nicht herabsetzt
und degradiert. Sozialhilfen für allein erziehende Mütter sollten erhöht werden, um
ihnen die Entwürdigung der Armut zu ersparen. Frauen sollten vom Staat nicht länger
dafür bestraft werden, wenn sie sich weigern,
unterdrückerische heterosexuelle Beziehungen zu ertragen. Frauenhäuser sollten
angemessen finanziert werden. Sexuelle,
physische und psychische Gewalt gegen
Frauen und Kinder sollte offen angesprochen
werden als anhaltende Form der Unterdrückung, welche die zukünftige Produktivität der
Gesellschaft zerstört.
Um die Kommerzialisierung und Sexualisierung
von Kindern durch Unternehmen zu vermeiden,
sollten strenge ethische Richtlinien entwickelt
werden, welche zum Beispiel die Ausstellung
von Mädchenkörpern zu Werbezwecken unter
19
Die Briefe – Abigail Bray – Christel Buchinger
Zensur stellen. Härtere Gesetze gegen
Pornografie, insbesondere Kinderpornografie,
würden auch die Entwicklung einer Politik der
Kommunikationsmedien wie des Internets
bedeuten.
Ebenfalls untersucht werden müsste die
Psychiatrisierung sozialer Ungleichheit.
Derzeit erfinden große Pharmakonzerne und
pharmazeutische Unternehmen neue Formen
psychischer Störungen und behandeln immer
mehr Frauen und Kinder. Die wirtschaftliche
Ausbeutung der Not von Frauen durch
Pharmaunternehmen sollte als politisches
Thema in den Blick genommen werden.
In Amerika haben sich zahlreiche Gruppen
gegen die Präsenz der Psychiatrie in Schulen,
gegen das übertriebene Diagnostizieren bei
Kindern und die schädlichen Wirkungen von
Medikamenten gewandt. Die Bildung starker
Gemeinschaften, die Arbeit gegen Isolierung
und Entfremdung sowie die Stärkung von
Erwerbstätigen und Müttern – an Stelle ihrer
Medikamentierung – ist die gesündere
Bekämpfung der sogenannten psychischen
Epidemien.
Kostenlose Bildung und Gesundheitsvorsorge
für alle Kinder wird nicht nur zu psychischer
Gesundheit und zum Glück der zukünftigen
Generation beitragen, sondern auch die
wirtschaftlichen Belastungen der benach­
teiligten Eltern mindern. Der Ersatz von Fast
Food und Automaten in den Schulen durch
kostenlose gesunde Mahlzeiten ist ein
Beispiel für eine wichtige Verschiebung der
sozialen Wertigkeiten. Die Erhöhung der
Mindestlöhne wird sich positiv auf jüngere
Arbeiterinnen auswirken. Die Rechte arbeitender Kinder müssen verteidigt werden.
Insgesamt sehe ich ein linkes feministisches
Projekt als eine Radikalisierung von familiären
Werten, die das politische Gewicht des
Kinderthemas heute anerkennt und versteht,
dass eine Verbindung der Kinderthemen und
der feministischen Themen nicht nur strategisch ist, sondern die Basis für eine gesunde
und nachhaltige Gesellschaft auf der Grund­
lage von Modellen der Gegenseitigkeit und
Partnerschaft zwischen Frauen und Männern.
Ich hoffe, eure Partei ist erfolgreich. Kennst
du die Kommunistische Partei in Griechenland? Sie sind sehr lebendig und haben eine
starke Gefolgschaft unter den Jugendlichen.
Beste Grüße
Abigail Bray
Christel Buchinger
Gries (Pfalz), Deutschland
Rassismus hervorrufen. Gegenüber Frauen ist
das alles möglich und wird weithin auch von
jenen geduldet, die nicht aktiv an diesem
Klima mitwirken.
Nun finden Frauen für diese Verhaltensweisen
vielfältige Erklärungen. Sie gelten als Charakter-­
schwächen (»sind halt Machos«), als Ausdruck
von Bildungslücken (»er hat es noch nicht
verstanden«) und persönlichen Handicaps
( »lernresistent« oder drastischer »zu blöd«).
Gesehen wird auch, dass in einer Partei, in der
Mann wegen der Quote an Frauen schlecht
vorbei kommt, sich der Konkurrenzkampf mit
all seinen männlichen Schönheiten auch
gegen Frauen richtet und oft mit besonderer
Wut, denn die Quote wird als Hindernis für
das verdiente Fortkommen gesehen.[2] Mit der
Mutmaßung, solches Verhalten sei insofern
interessengeleitet, kommen wir der Wahrheit
aber schon nahe. Denn es handelt sich tat­sächlich, das ist meine These, um ein Handeln
und um Haltungen, die eigenen Gruppeninteressen dienen, wenn auch nicht (nur) denen
um Fortkommen innerhalb der Linken.
Fragen an ein linkes
feministisches Projekt
Feministinnen oder auch einfach Frauen,
die heute in der alten BRD auf Gruppen-,
Kreis- oder Landesebene der Partei DIE LINKE
Politik machen wollen, sind überrascht über
die überall anzutreffende Frauenfeindlichkeit,
den offenen Sexismus und Antifeminismus.[1]
Die Erlebnisse, die wir uns berichten, gleichen sich. Wir erleben eine politische Kultur,
die auf Großspurigkeit, Lautstärke und
Aggressivität gründet, wir erleben persön­
liche Anmache, Beleidigungen und Versuche,
uns lächerlich zu machen, wir erleben
ständiges Übergangenwerden, Unterbrechungen un­serer Rede, Abwertungen und das
ganze Arsenal von Handlungen und Haltun­
gen, die seit 100 Jahren von Feministinnen
angeklagt werden. Die Angriffe sind umso
dreister und aggressiver, je mehr es um die
Themen Gleichberechtigung, Feminismus,
Gender, Quote und allgemein »Frauenthemen« geht. Solche Verhaltensweisen gegenüber Menschen anderer Hautfarbe oder
Türken würde sofort den Vorwurf des offenen
[1 ]In der Ex-DDR ist das Problem nicht so ausgeprägt,
aber auch vorhanden.
[2]Kleine Anekdote: In einem saarländischen Kreisverband wurde diskutiert, dass ein Beschluss gefasst
werden solle, dass Frauen, die (über die Quote) für den
Kreisvor­stand kandidieren wollen, zuerst einen Nachweis ihrer politischen Kompetenzen erbringen müssen.
Selbstredend käme niemand dieser Männer auf die
Idee, einen solchen Nachweis auch nur vom größten
Dummbeutel des Landes zu fordern.
Die Briefe – Christel Buchinger
Um dies zu erklären, muss ich etwas weiter
ausholen. Eine verbreitete Erklärung für die
Zerstörung des Sozialstaats ist die sogenannte »Neoliberale Revolution«. Dabei wird
unterstellt, der Sozialstaat hätte bis heute
überlebt, wenn diese nicht stattgefunden
hätte, man müsse also nur zur Rettung
und Wiederherstellung des Sozialstaats
die Neoliberalen zurück kämpfen. Dies ist
der Gründungskonsens der Partei DIE LINKE.
Die Krise des Sozialstaats ist aber nicht nur
politischer Willkür gezollt, sondern eine
objektive Entwicklung.
Aus den sozialen Kämpfen und Revolutionen zu
Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Zwillingsbrüder Sozialismus und fordistischer [3] Sozialstaat hervorgegangen – der eine als Ergebnis
der russischen und folgenden Revolutionen,
der andere als Versuch, Revolutionen zu verhindern. Mit dem fordistischen Wohlfahrtsstaat
modernisierte sich der Kapitalismus selbst.
Grundlage war ein recht lange tragfähiger
Klassenkompromiss zwischen den stärksten
Gruppen des Kapitals (Rüstungs-, Metall-,
Fahrzeug-, Elektro-, Energie- und Chemieindustrie) und den dort beschäftigten (männlichen)
Arbeitern. Dieser Klassenkompromiss wurde
Grundlage der Sozialpolitik. An den Löhnen
dieser Kerngruppe des Proletariats orientierten
sich die Einkommen aller abhängig Beschäftigten – in der Regel mit Abschlägen.
Der Kompromiss war für beide Seiten vorteilhaft. Er versprach durch höhere Löhne, durch
die Massenkaufkraft der schnell wachsenden
Bevölkerung die Ausweitung der kapitalistischen Konsumgüterproduktion. Die Beschäftigten erlebten ei­nen Wohlstand, wie ihn
der konkurrierende Sozialismus nicht in der
Lage war zu bieten. Der soziale Friede war
gesichert. Der Lohn versprach, die Familie
zu ernähren und vergrößerte dadurch die
Abhängigkeit vom sicheren Arbeitsplatz.
Die Familie, als Keimzelle des Staates definiert, war ausersehen, Disziplinierungs- und
Bildungsaufgaben wahrzunehmen, flankiert
durch Schule, Kirche und Militär sowie Vereine und Wohlfahrtsorganisationen. Die Familienarbeit wurde den Frauen zugewiesen. Das
fordistische Familienmodell sah jene strikte
Trennung der Geschlechterrollen vor, wie sie
im Westen Deutschlands dem Idealbild der
kleinbürgerlichen Kleinfamilie der fünfziger
Jahre entsprach. Da die Familienväter die einzige ökonomische Stütze der Familie waren,
war die Sicherung der Vollbeschäftigung, der
Vollerwerbstätigkeit und der möglichst ununterbrochenen Erwerbsbiografien notwendig.
Frauen verdienten allenfalls hinzu, ihre Löhne
[3]Benannt nach Henry Ford, der ihn vehement
forderte und im übrigen ein Anhänger der Nazis war.
20
waren deutlich geringer, die Sicherheit ihrer
Arbeits­plätze und ihre Ausbildung nachrangig,
ihre Vollbeschäftigung unerwünscht. Sie übernahmen die Rolle der industriellen Reservearmee nahezu alleine.
Was wir heute erleben an Abbau sozialer
Dienste und Sicherheiten, ist die Demontage,
die Zerstörung dieses fordistischen Wohlfahrtsstaates, ist die Aufkündigung des Klassenkompromisses durch die Kapitalseite. Die Gründe
dafür sind vielfältig. Die vielleicht wichtigsten:
1. Als Gegenkonzept zum Sozialismus wird
der Wohlfahrtsstaat nicht mehr gebraucht.
Die entfesselten Finanzmärkte gieren nach
Geld, das dem Sozial- oder Wohlfahrtsstaat
entzogen wird. Der Wohlfahrtsstaat muss
ausgenommen werden, weil in ihm viel Geld
gebunden ist, Geld, das auf den Finanzmärkten Zinsen und Zinseszinsen verspricht. Das
ist der Hintergrund der Priva­tisierung von
Altersversorgung, Gesundheitswesen, öffentlichem Wohnungseigentum, Bildung, Wasser,
Bahn, Post, Telekommunikation, Strom, Gas
etc. Die viel diskutierte Umverteilung von
unten nach oben hat nur einen Zweck: die
oben mit frischem Geld zu versorgen.
2. Aber es gibt auch eine Krise des Sozialstaats. Er erodiert von innen. Die Automation
und die Informations- und Kommunikationstechnologien haben menschliche ProduktionsArbeit in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern in nie da gewesenem Umfang
unnötig gemacht. Weil es dem Kapitalismus
nicht gelingen kann und er kein Interesse
daran hat, die verbleibende Arbeit gleichmäßig
zu verteilen, wurde die Massenarbeitslo­sigkeit
ein unlösbares Problem.
3. Die Zahl der Träger des Klassenkompromisses auf Seiten der Arbeit und damit ihr
politisches Gewicht in Gestalt der Gewerkschaften sinkt durch die galoppierende
Rationalisierung. Die soziale Basis schrumpft.
Dies wird dadurch verstärkt, dass sich die
Tätigkeiten der Menschen aus der unmittelbaren Produktion in die Bereiche der Entwicklung und Steuerung, in das Überwachen, Vorbereiten, Planen, Verkaufen, Transportieren …
verlagern, in so genannte Dienstleistungstätigkeiten. Viele dieser produktionsnahen
Dienstleistungen werden »outgesourct«.
4. Des Weiteren wurde der fordistische Wohlfahrtsstaat durch Emanzipationsbestrebungen
vor allem von Frauen, aber auch von Jugendlichen, Ho­mosexuellen und Transidenten als
Gefängnis empfunden und die Überwindung
der Unterordnung und der Rollenzuweisungen
auf die Tagesord­nung gesetzt. Frauen sind
massenhaft auf den Arbeitsmarkt gedrängt.
Der gegenwärtige Demografieknick, über den
21
so ausgiebig gejammert wird, ist Ausdruck
der Krise des fordistischen Systems, der
Überlebtheit der Ernährerfamilie.
5. Die chronische Unterbezahlung der weib­
lichen Erwerbsarbeit war zwar immer Grund
für linke Kritik, aber Linke und Gewerkschaften haben nie Strategien und Kampfkraft für
ihre Überwindung entwickelt. So weckt sie
neoliberale Begehrlichkeiten. Denn Frauen
bringen nicht nur neue und interessante
Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale
mit auf den Arbeitsmarkt, sondern auch den
Gender-Lohnabschlag.
6. Und zuletzt wird die Endlichkeit der
Ressourcen und die Energieknappheit das
zentrale Moment des Fordismus, den Massenkonsum, in Frage stellen. Der Linken insgesamt fehlt diese Analyse, sie nimmt sie nicht
zur Kenntnis, sie ignoriert sie. Und das ist kein
Zufall. Wichtige soziale Basis der neuen Partei
DIE LINKE (nicht unbedingt der alten PDS),
eingebracht vor allem durch die WASG, sind
gerade die Träger des fordistischen Klassenkompromisses auf der Seite der Arbeit. Sie
hatten Vorteile nicht nur durch ihre höheren
Löhne, sondern auch durch die Bequemlichkeiten einer Versorgerehe, die die finanzielle
Versorgung zwar ihnen auferlegte, die praktische aber ihren Ehefrauen. Ihr Teil war die
finanzielle Unabhängigkeit, der ihrer Frauen
die Abhängigkeit. Ihnen wurde eine Machtposition in der Familie zuteil, Grundlage
für jene Verachtung, die einige den Frauen
entgegen bringen. Sie hatten Freiraum für
Engagement in der Gesellschaft, der Politik,
dem Verein, denn sie waren von Familienpflichten weitgehend freigestellt. All diese
Vorteile wollen sie keinesfalls aufgeben, alle
diese Vorteile verteidigen sie auch mit ihrem
Kampf gegen die Rente mit 67, der sich um
Altersarmut von Frauen ja gar nicht kümmert.
Jener westdeutsche Aufstand, der sich in
der WASG-Gründung manifestierte, fußte auf
einem Verarmungsschub der männlichen Arbei-­
ter. Arme Frauen, arme Mütter, arme Witwen
haben jahrzehntelang nicht ausgereicht.
Erst der in die Hartz-IV-Armut abrutschende,
Die Briefe – Christel Buchinger
30 Jahre lang malochende Arbeiter machte
ein Gerechtigkeitsproblem sichtbar, nicht die
sich zwischen Arbeit, Kindererziehung und
Geldmangel aufreibende, schon immer arme
alleinerziehende Frau.
Das Festhalten der Partei DIE LINKE an
der Verteidigung des fordistischen Klassen­
kompromisses, das Festhalten an der NichtAnalyse, die Verweigerung einer Strategie,
die sowohl den Neoliberalismus als auch
den alten Wohlfahrtsstaat überwindet, bietet
jenen Kräften eine Basis, die in den Gruppen,
im Kreisverband und im Land ihren alten
»HerrimHauseStandpunkt« vertreten, den
ihnen der alte Wohlfahrtsstaat zubilligte.
Dieser »HerrimHauseStandpunkt« gebiert
immer wieder neu antiemanzipatorische
Positionen und Verhaltensweisen. Er ist
Emanzipation insge­samt abgeneigt. Er ist
der Schöpfer aller autoritären Wege der
Arbeiterbewegung seit ihrem Bestehen.[4]
Das Festhalten am fordistischen Klassen­
kompromiss, den die Kapitalseite längst aufgekündigt hat und den auch die eigene Ehefrau
kritisiert, erklärt auch die Gleichgültigkeit
gegenüber den schlechten Ergebnissen der
Partei DIE LINKE bei den Wählerinnen. Es
erklärt, warum bei allen Programmentwürfen
mit Mühe und Not noch die feministische
Petersilie untergebracht werden kann, aber
eine durchgehende Berücksichtigung der
Geschlechterverhältnisse in der Programmatik
nicht nur nicht verstanden, sondern eben
auch abgelehnt wird. Es erklärt, warum das
Erziehungsgehalt, das Christa Müller in die
Diskussion brachte, als sozialer Fortschritt
gesehen werden kann, aber der emanzipatorische Rückschritt nicht. Es erklärt, warum
dies auch von Oskar Lafontaine so gesehen
wird. Sein Populismus ist Interessenvertre­
tung. Insofern haben wir es mit einer Linken
zu tun, die, wenn sie nicht lernt, feministisch
zu werden, nicht links wird.
[4]Auch der Schöpfer aller realsozialistischen
Varianten.
22
Die Briefe – Judith Butler
Judith Butler
Berkeley, USA
In Prozesse der Prekarisierung [1]
eingreifen
Das Linkssein ist immer das, was neu zu
durchdenken ist. Demnach ist das neue
Durchdenken Teil dessen, was es heißt, links
und in der Linken zu sein. Ich denke dazu:
Es ist zwingend erforderlich, die Prozesse der
Minderheitenbildung im Licht der gegenwärtigen Kriege in Afghanistan und im Irak und
der israelischen Angriffe auf die palästinensische Bevölkerung neu zu durchdenken und zu
verstehen, wie diese Kriege die politische Diskussion über Einwanderung, den Zustand des
Rechts, die Moral der Folter sowie die über
Sexualpolitiken und auch den Feminismus in
Europa und den USA strukturieren. Dabei gehe
ich davon aus, dass Denkmuster weithin akzep­
tiert worden sind, die Minderheiten gegen­
einander ausspielen und die in der Linken
das Gefühl einer Ausweglosigkeit erzeugen.
Ich behaupte, dass die Linke dadurch gestärkt
wird, dass sie ihre kritische Aufmerksamkeit
auf den Staat, insbesondere auf staatlichen
Zwang richtet und auf die Macht staatlicher
und nichtstaatlicher Institutionen über Fragen
der Staatsbürgerschaft zu entscheiden und
damit darüber, welche Art Leben als recht­
mäßig zu betrachten ist und welche nicht.
Das schließt ein zu verstehen, weshalb und
in welcher Weise bestimmte Teile der Bevöl­
kerung in Bedingungen ernster Prekarität
geworfen werden, und Analysen und Bünd­
nisse zu suchen, die uns über die gewohnten
Konzepte von Multikulturalismus und Identitätspolitik hinausbringen. Ich möchte des
Weiteren behaupten, dass Bündnisse, um
lebendig, einschließend und zielgerichtet zu
bleiben, innere Antagonismen, den offenen
Streit über Glauben und Praxis, bejahen
können müssen. Das wird meines Erachtens
möglich, wenn die Linke sich auf staatliche
Gewalt, staatlichen Zwang und die verschie­
denen Formen radikal ungleicher Verteilung
der Prekarität auf unterschiedliche Teile der
Bevölkerung konzentriert. Minderheitenbildung ist ein Prozess, der auf sehr spezielle
Weisen funktioniert, aber Bedingungen für
Bündnisse hervorbringt, besonders wenn
überkommene Bezugssysteme im Dienst
einer Kritik zunichte gemacht werden, die
[1]Was im deutschen Sprachgebrauch der letzten Jahre
als Prekarität auf Formen der ungesicherten Beschäftigung beschränkt war, dehnt Butler aus, sei es auf
Formen der Ungesichertheit und Verletzlichkeit des
Lebens schlechthin, sei es bestimmter sozialer Gruppen. Übersetzt ist precarity mit Prekarität, precariousness mit Prekärsein und precarious mit prekär. (FH)
sich auf die Verknüpfung der gegenwärtigen
Kriege mit den selbstverständlichen
politischen Denkformen konzentriert.
Über Bündnisse nachzudenken ist nicht
einfach, und Bündnisse selbst sind nichts
Einfaches. Manche glauben, dass wir einfach
nur die Diskurse über Rechte stärken und
Verbands- und Gruppenrechte durchsetzen
müssen. Einige haben Argumente für Verbandsrechte lokaler religiöser Gemeinschaften geliefert, dass der Entzug solcher Rechte
zur Entmündigung solcher Gemeinschaften
führe oder sogar zu ihrer Entwurzelung
(Woodhead 2008). Natürlich müsste ein
solches Projekt Gemeinschaften örtlich
festlegen und sie als stabile und selbständige
Einheiten behandeln können, was zu komplizierten Entscheidungen über die Bestimmung
von Gruppenzugehörigkeit führen würde. Der
Vorteil eines solchen Ansatzes ist zwar, dass
er einen gewissen Individualismus durch
die Vorstellung von Gruppenrechten ergänzt,
die Beschränkung liegt aber darin, dass
die »Gruppe« oder die »Gemeinschaft« als
vereinheitlichtes Subjekt wirkt, wo doch
gerade jetzt neue gesellschaftliche Formationen erfordern, dass wir über solche mutmaßlichen Einheiten hinaus oder gegen sie denken.
Die Strategie, ein Bündniskonzept von Staatsbürgerschaft als auch von Verbandsrechten zu
entwickeln, mag der Ausweitung bestehender
demokratischer Normen zu mehr Inklusion
und zur Überwindung von Pattsituationen zwischen individuellen und religiösen Ansprüchen
und Rechten dienen. Zweifellos bergen solche
Strategien Stärken und Versprechen. Ich
möchte nur auf das Spannungsverhältnis aufmerksam machen, zwischen einer Ausweitung
bestehender normativer Begriffe von »Bürger«,
»Anerkennung« und »Rechten« einerseits, um
die gegenwärtige Ausweglosigkeit zu fassen
und zu überwinden, und andererseits dem Ruf
nach einem alternativen Vokabular, der in der
Überzeugung gründet, dass die normativen
Diskurse aus Liberalismus und Multikulturalismus gleichermaßen untauglich sind, um neue
Subjektbildungen und neue Formen sozialer
und politischer Antagonismen zu erfassen.
Obwohl ich die Bedeutung sozialer und kultureller Konflikte in der gegenwärtigen Politik
nicht unterschätzen möchte, will ich »Ausweglosigkeit« nicht als unumgängliche Struktureigenschaft von Multikulturalismus ansehen, wie
verbreitet diese Deutung einer »Pattsituation«
zum Beispiel zwischen religiösen und sexuellen Minderheiten auch ist. Es gibt zahlreiche
religiöse Schwulen- und Lesbengruppen, von
denen einige für Teile der Homoehen-Kampagnen in den USA verantwortlich waren. Es gibt
Koalitionen zwischen »Queeren« und »illegalen
23
Einwanderern« oder sans papiers in den USA
und Europa, die zusammenarbeiten, ohne im
Vorfeld ihrer Bündnisbemühungen in Konflikte
über sexuelle Identität und religiösen Glauben
zu geraten. Es gibt zahlreiche Netzwerke von
muslimischen Lesben und Schwulen (etwa
im Club SO36 in Berlin Kreuzberg), die zeigen,
dass der Gegensatz kein notwendiger ist.[2]
Wenn wir bedenken, welch negativen Einfluss
der Status der HIV-Infizierung auf die Möglichkeit von Individuen hat, zu migrieren oder
angemessene Gesundheitsversorgung zu bekommen, wird deutlich, wie Gemeinschaften,
die für Rechte kämpfen und durch Zusammenschluss von Identitäten gekennzeichnet sind,
unter dem Dach der Einwanderungspolitik
gebildet werden können. Wenn die Begriffe
Multikulturalismus und Anerkennungspolitik
die Reduktion des Subjekts entweder auf
eine einzige definierende Eigenschaft oder
die Konstruktion eines mehrschichtig bestimmten Subjekts verlangen, dann sind wir
noch nicht in der Lage, uns der Herausforderung der kulturellen Metaphysik zu stellen,
die sich durch die Bildung neuer globaler
Netzwerke und Institutionen ergibt und die
verschiedene dynamische Bestimmungen
gleichzeitig durchkreuzt und anregt.
Wenn solche Netzwerke Grundlage politischer Bündnisse sind, sind sie weniger durch
»Identität« oder allgemein akzeptierte Anerkennungsformen zusammengehalten als
durch Formen politischer Opposition gegen
staatliche oder andere Regulierungspolitik,
die dazu führt, dass Menschen ausgeschlossen oder ausgestoßen werden, teilweise oder
vollständig ihre Staatsbürgerschaft verlieren,
untergeordnet oder erniedrigt werden und
dergleichen. In diesem Sinne beruhen Bündnisse nicht notwendigerweise auf Subjekt­positionen oder darauf, Unterschiede zwischen Subjektpositionen zu versöhnen; sie
können gewiss auf sich vorläufig teilweise
deckende Ziele gegründet werden und können
– müssen vielleicht – aktive Antagonismen
darüber enthalten, was sie sein wollen und
wie sie das am besten erreichen. Sie sind
lebendige Felder von Differenzen in dem Sinn,
dass »durch andere bewirkt zu sein« und »auf
[2]Organisationen, die muslimische und arabische
sexuelle Minderheiten repräsentieren: Imaan ist eine
britische Organisation für muslimische Schwule, Lesben, Zweigeschlechtliche und Transgender, die soziale
Dienste und Kontakt mit der Community anbietet:
www.imaan.org.uk. Siehe auch www.al-bab.com,
eine Webseite mit diversen Ressourcen für arabische
Lesben und Schwule, einige mit religiösem Inhalt,
andere ohne; siehe »The International Initia-tive for
the Visibility of Queer Muslims«; queerjihad.blogspot;
www.alfatihia.com, eine internationale Organisation
für muslimische Lesben, Schwule, Zweigeschlechtliche
und Transgender.
Die Briefe – Judith Butler
andere einzuwirken« Teil der sozialen Ontologie des Subjekts ist, sodass »das Subjekt«
weniger eine eigenständige Substanz als eine
aktive und veränderliche Menge von Wechselbeziehungen ist.
Ich bin keineswegs überzeugt, dass es einen
»vereinigenden« Begriff gibt, der alle Formen
der Enteignung abdeckt, die Minderheitenpolitiken verbinden, noch dass man einen solchen
für die strategischen Zwecke politischer
Bündnisbildung braucht. Aber es ist notwendig, dass alle, die an einem solchen Bündnis
mitarbeiten, sich aktiv daran beteiligen,
die Kategorie »Minderheit« und wie sie die
Grenzen durchkreuzt, die Staatsbürger vom
Nichtstaatsbürger trennen, zu durchdenken.
Durch den Fokus auf Staat und Regulierungsmächte und darauf, wie sie die Debatte
inszenieren und die Begriffe für politische
Ausweglosigkeiten fertigen, überschreiten
wir den Denkrahmen, der binäre Gegensätze
unterstellt oder aus einer komplexen Forma­
tion einen »Konflikt« derart gewinnt, dass
die Inszenierungs- und Zwangsdimensionen
normativer Rahmen verdeckt werden. Indem
die Machtfrage ins Zentrum der Debatte
gebracht wird, müssen sich die Begriffe
ändern und tatsächlich politisch antworten.
Wie inszenieren also Machtformen einschließlich der Staatsmacht das Feld der binären
Gegensätze, die zwei getrennte, durch einzelne oder mehrere Eigenschaften bestimmte
und sich gegenseitig ausschließende Subjekte
erfordern? Solche Subjekte als gegeben zu
unterstellen heißt, die kritische Aufmerksamkeit von den Operationen der Macht selbst,
einschließlich der »Inszenierungseffekte«
der Macht in der und auf die Subjektbildung,
wegzulenken. Folglich warne ich vor den
Erzählungen von fortschreitender Geschichte,
in denen der binäre Konflikt entweder durch
umfassendere und einschließende liberale
fortschrittliche Bezugsrahmen überwunden wird oder die Fortschrittsillusion selbst
zum definierenden Element des Kampfs zur
Verteidigung des Liberalismus wird. Im ersten
Fall entwickeln wir einschließendere Bezugsrahmen, um den Antagonismus aufzulösen. Im
zweiten Fall behaupten wir, dass die säkulare
und fortschrittliche Alternative das sine qua
non liberaler Demokratie ist, und erklären
allen Bemühungen, die Notwendigkeit, Zulänglichkeit und den Wert dieses Rahmens neu
zu überdenken und in Frage zu stellen, den
Krieg. Die erste charakterisiert dialektische,
pragmatistische und fortschrittliche Auffassungen von Geschichte, die zweite macht das
»Fortschrittliche« zu einem Pol eines Konflikts
und verwirft jedes nichtsäkulare und anti­
fortschrittliche Vokabular als Bedrohung für
den Liberalismus, einschließlich aller Bemü-
Die Briefe – Judith Butler
hungen, ein anderes Vokabular zu entdecken
oder zu entwickeln, in dem die entstehenden
Subjekte und wirksame Sprachen, Medien
und Ausdrucksweisen für politische Rechte
gedacht werden können.
Ich stelle mir gewiss kein »nahtloses« Bündnis
von religiösen und sexuellen Minderheiten
vor. Es gibt Bündnisse, also ist es sinnvoll zu
fragen, wie sie gebildet sind. Und es ist auch
sinnvoll anzunehmen, dass der Antagonismus
durchaus eine bleibende Eigenschaft solcher
Bündnisse sein kann. Vielleicht schließen
Bündnisse gewisse Brüche, Misserfolge, fortbestehende Antagonismen ein. Und wenn ich
»einschließen« sage, möchte ich damit nicht
behaupten, dass das Bündnis solche Antagonismen kittet oder auflöst. Im Gegenteil
möchte ich mit Laclau und Mouffe (1991) daran
festhalten, dass der Antagonismus das Bündnis offen hält und die Idee einer Versöhnung
als Ziel aufhebt. Was ein Bündnis zusammenhalten kann, ist eine andere Frage, als was es
beweglich hält. Und was es beweglich hält,
ist meines Erachtens der dauernde Fokus auf
die Machtformationen, die über die scharfe
Identitätsdefinition der im Bündnis Beteiligten
hinausgehen. In diesem Fall müsste sich das
Bündnis auf Zwangsmittel des Staates (von
Einwanderungstests bis zur direkten Folter)
und die Anrufungen (und Herabsetzungen)
von Subjekt, Natur, Kultur und Religion konzentrieren, die den ontologischen Horizont
hervorbringen, in dem staatlicher Zwang
notwendig und gerechtfertigt erscheint.
Die Staatsmacht agiert innerhalb eines ontologischen Horizonts, der mit Macht gesättigt
ist, die der Staatsmacht vorausgeht und sie
übersteigt. Folglich können wir Macht nicht
richtig verstehen, wenn wir immer den Staat
im Zentrum ihres Wirkens sehen. Der Staat
greift auf nichtstaatliche Machtoperationen
zurück und kann selbst nicht ohne diese Macht­
reserve funktionieren, die nicht durch ihn
organisiert wird. Außerdem – und das ist nicht
sonderlich neu – produziert und erfordert er
gewisse Machtoperationen, die hauptsächlich
durch Schaffung einer Reihe »ontologischer
Gegebenheiten« arbeiten. Unter diesen
Gegebenheiten sind eben die Auffassungen
von Subjekt, Kultur, Identität und Religion,
die unbestritten bleiben und innerhalb besonderer normativer Bezugsrahmen auch nicht
bestritten werden können. Wenn wir also in
diesem Zusammenhang von »Bezugsrahmen«
sprechen, reden wir nicht bloß über theoretische Perspektiven, die wir in die Politikanalyse bringen, sondern über Sinnverständnisweisen, die für das Funktionieren des Staats
förderlich sind und damit selbst Machtausübung darstellen, auch wenn sie den spezifischen Bereich der Staatsmacht überschreiten.
24
Vielleicht wird die »Ausweglosigkeit« am
besten wahrnehmbar, nicht wenn sie zwischen dem Subjekt einer sexuellen Minderheit und dem einer religiösen auftritt, sondern
zwischen einem normativen Bezugsrahmen,
der solche in gegenseitigem Widerstreit
befindliche Subjekte erfordert und produziert,
und einer kritischen Perspektive, die in Frage
stellt, dass und wie solche Subjekte außerhalb
dieses mutmaßlichen Antagonismus – oder
in anderem Verhältnis dazu – existieren.
Das hieße dann zu bedenken, wie mit jenem
Bezugsrahmen als seine Voraussetzung und
Folge eine Weigerung verbunden ist, die
Komplexität der historischen Entstehung
religiöser/sexueller Bevölkerungen und
Subjektbildungen zu verstehen, die nicht auf
eine der Identitätsformen reduzierbar sind.
Einerseits kann man sagen, dass solche
Reduktionen, wie verfälschend auch immer,
notwendig sind, weil sie normative Urteile in
einem festgelegten und als Wissen verfügbaren Bezugsrahmen ermöglichen. Das Verlangen nach epistemologischer Gewissheit und
sicherem Urteil bringt eine Reihe ontologischer Verbindlichkeiten hervor, die wahr oder
falsch sein können, die aber für notwendig
erachtet werden, um an bestehenden epistemologischen und ethischen Normen festzuhalten. Andererseits richten die Praxis der Kritik
und die Praxis der Bereitstellung adäquateren
historischen Wissens ihr Augenmerk auf die
von den normativen Bezugsrahmen erzeugte
normative Gewalt und bieten damit eine
alternative Bedeutung der Normativität selbst
– eine, die weniger auf vorgefertigten Urteilen
als auf einer Art vergleichenden auswertenden Schließens beruht, zu dem man durch die
Praxis des kritischen Verstehens gelangt.
Trotzdem muss jedes kritische Verstehen sich
auf das Prekärsein des Lebens einstellen, daher
möchte ich zur Vorstellung der »Prekarität« als
einem nachdrücklich nicht-identitären Begriff
zurückkehren, der linke Politik stützt. Wenn wir
das Prekärsein des Lebens als Ausgangspunkt
nehmen, gibt es kein Leben ohne Bedarf an
Obdach und Nahrung, kein Leben ohne Abhän­
gigkeit von größeren Netzwerken von Gemeinschaft und Arbeit, kein Leben, das Verletzlichkeit und Sterblichkeit überschreitet. Wir könnten
dann einige der kulturellen Folgen der militärischen Macht heute als Versuch analysieren, das
Prekärsein für andere zu maximieren, während
das Prekärsein der betreffenden Macht mini­miert wird. Diese ungleiche Verteilung der Pre-­
karität ist zugleich eine materielle Frage und
eine der Wahrnehmung, denn jenen, deren Leben
nicht als potenziell betrauerbar und dementsprechend wertvoll »betrachtet« wird, wird die
Last des Verhungerns, der Unterbeschäftigung,
der legalen Entrechtung und des ungleich grö­ßeren Risikos von Gewalt und Tod aufgebürdet.
25
Diese verallgemeinerte Bedingung von Prekärsein und Abhängigkeit wird in bestimmten
politischen Formationen ausgebeutet und in
Abrede gestellt. Kein noch so großer Wille
oder Reichtum kann die Möglichkeit ausschließen, dass ein lebender Körper krank
wird oder einen Unfall hat, auch wenn beide
im Dienste einer solchen Illusion mobilisiert
werden können. Diese Gefahren gehören
eben zur Vorstellung des als endlich und prekär angesehenen körperlichen Lebens selbst;
sie implizieren, dass der Körper immer dem
Gemeinwesen und der Umwelt überantwortet
ist, die seine individuelle Autonomie begrenzen. Aus der von allen geteilten Bedingung
des Prekärseins folgt, dass der Körper konstitutiv gesellschaftlich und in wechselseitiger
Abhängigkeit ist. Und doch versuchen die
gegenwärtigen Kriege, genau diese unumkehrbare wechselseitige Abhängigkeit zu leugnen.
Die Logik und Praxis ungezügelter politischer
Herrschaft – wie wir sie im Bush-Regime sahen – strebt nach der Herstellung eines nationalen Subjekts, das sich selbst als undurchdringlich, unabhängig vorstellt, seine eigenen
Verfassungsrechte aussetzt und die Souveränität anderer Nationen missachtet. Erinnern
wir uns, dass die von den USA errichteten und
unterhaltenen Kriegsgefängnisse Orte sind,
an denen kein legitimes Recht herrscht, an
denen Staatsbürgerrechte und internationaler
Schutz aufgehoben sind. Die Begründungen
für diese Kriege waren ebenso außerrechtlich
und haben eine endlose Verwirrung gestiftet,
ob diese Kriege dem Terror, der Tyrannei oder
dem Islam selbst gelten. Das Ergebnis davon
ist, dass die Produktion des »islamischen
Extremisten« als Repräsentant des Islam
nicht nur als Teil jener Ideologie fungiert,
die die Fortführung des Krieges begründet,
sondern auch als Gespenst in der Einwanderungspolitik wiederkehrt, in der, besonders
in Frankreich und den Niederlanden, strenge
Richtlinien der Zugehörigkeit und »kulturellen
Integration« geltend gemacht werden. Die
Einwanderungspolitik bildet die heimische
Entsprechung zu diesen aktuellen Kriegen,
sodass Europa verstanden wird als mit der
Verteidigung seiner Grenzen gegen mögliche
Invasoren befasst, gegen Verunreinigung nicht
nur seiner zukünftigen, sondern gegen die
kulturelle und »rassische« (racial) Verwicklung
seiner gegenwärtigen Bevölkerung.
Aber die offizielle Begründung, die für solche
Kriege gegeben wird, macht oftmals einen
unberechtigten Gebrauch von fortschrittlicher
Politik. Im Krieg gegen Afghanistan gab es
unberechtigte Beschwörungen von »Feminismus«, als die USA für sich in Anspruch nahmen, afghanische Frauen aus ihrer Unterdrückung zu befreien. Dass jüngst Ayaan Hirsi Ali
gefeiert wird, stellt eine ähnliche Bemühung
Die Briefe – Judith Butler
dar, Feminismus als antiislamisch zu definieren und den »Westen« als sicheren Hafen für
Frauen zu feiern. Ähnlich behaupteten die
niederländischen Staatsbürgerschaftstests,
die Verteidigung von Homosexuellenrechten sei Zeichen ihrer Modernität. In diesen
Fällen werden sowohl Feminismus als auch
fortschrittliche Sexualpolitiken dazu instrumentalisiert, religiöse und ethnische Minderheiten zu dämonisieren und herabzusetzen.
Im Ergebnis können wir in der Kriegsrhetorik
und der Einwanderungspolitik den Versuch
des Staats erkennen, sexuelle Minderheiten
und Frauen von neuen und jüngeren religiösen
Minderheiten zu trennen. Mit anderen Worten
versucht der Staat, die Möglichkeit eines
Bündnisses, das aus sich teilweise deckenden
Prozessen der Minderheitenbildung entstehen kann, zu untergraben. Diese Fassung der
gegenwärtigen Situation übersieht, dass diese
verschiedenen Identitäten einander bereits
kreuzen und wichtige Verbindungen zwischen
ihnen bestehen: Es gibt muslimische feminis­
tische Bewegungen, arabische Schwulenorganisationen und -bars und verschiedene
Formen der Bündnispolitik, in denen eine Reihe von Leuten aus all diesen Gruppen zusammenarbeitet, um sich gegen Diskriminierung,
gesetzliche Entrechtung, Polizeischikane und
staatlichen Zwang zu wehren.
Ich möchte mit zwei Punkten schließen.
Der erste ist, dass ein neues Verständnis
der Linken auf einer neuen und komplexen
Reflexion über die Prozesse der Minderheitenbildung beruht, die Auswirkungen auf die
Bildung und die Auslöschung verschiedener
Gruppen haben. Zweitens müssen wir die
wichtige Frage der Prekarität einbeziehen.
Diejenigen, deren Leben Hunger, Obdachlosigkeit, Armut, gesetzlicher und politischer
Entrechtung und mangelnder Gesundheitsversorgung ausgesetzt ist, bilden prekäre Bevölkerungen, es sind die, deren Leben ernsten
Bedingungen von Prekarität unterworfen ist.
Auch wenn wir sagen könnten, dass jedes
Leben prekäres Leben ist, bleibt dennoch
wahr, dass manches Leben in die Prekarität
gestoßen wird, nicht als schützenswert, nicht
als wertvoll angesehen wird, ja nicht einmal
als betrauernswert, wenn es verloren wird.
Das nicht betrauerbare Leben ist das Leben,
das nie als Leben angesehen wurde, und ist
somit auch das unlebbare Leben. Wir müssen
die konventionellen Modelle des Multikulturalismus überschreiten, um zu verstehen, wie
Prekarität ungleich verteilt ist.
Der Widerstand gegen die ungleiche Verteilung der Prekarität ist ein wichtiger Punkt
für jedes zukünftige Bündnis. Entsprechend
müssen Vereinigungen und Bündnisse sich
weiter dem Kampf sowohl gegen Rassismus
Die Briefe – Judith Butler – Cynthia Cockburn
26
als auch gegen Homophobie verpflichten,
sowohl gegen einwanderungsfeindliche Politik
als auch gegen mannigfaltige Formen von
Frauenfeindlichkeit. Eine starke Bewegung
auf der Linken muss Bündnisse zwischen
religiösen und sexuellen Minderheiten
gleichermaßen suchen und aufrechterhalten
und sich auf die Kritik von staatlichem Zwang
und staatlicher Gewalt konzentrieren. Diese
letzte Kritik würde auch zu einem Argument
gegen die gegenwärtigen Diskurszwänge im
politischen Denken, die Minderheitenpositionen und -interessen polarisieren.
Unmöglichkeit, das Subjekt als Grundlage für
Politik zu nehmen, ist, dass es ständig im Prozess der Formung ist. Es wird nicht nur von
und durch Macht geformt, sondern auch im
Verhältnis zu anderen Subjektformierungen.
Das Subjekt wird etwas anderes kraft seiner
politischen Aktivität, was bedeutet, dass
das Subjekt kein fester Ausgangspunkt ist.
Und es strebt auch nicht einfach oder immer
danach, zu sich zurückzukehren. Was, wenn
es keine Rückkehr zum früheren Selbst gibt?
Was, wenn wir alle als Folge neuer politischer
Herausforderungen, denen wir begegnen,
Veränderungen durchmachen müssen?
Das Subjekt, das in ein Bündnis eintritt, ist
dann nicht dasselbe wie das Subjekt, das
durch das Bündnis transformiert wurde. Und
die politische Praxis transformiert das Subjekt
der Politik. Das bedeutet auch, dass dort
nicht die Ordnung, die wir erhoffen, wiederhergestellt wird, sondern nur die Aufgabe, in
neuer Unordnung einen Sinn zu finden, der
uns mehr oder weniger zusammenhält.
Ich will nicht behaupten, dass Bündnisse
immer glücklich sind oder dass sie immer
funktionieren. Ich denke vielmehr, dass es
Antagonismen gibt, die zum Bündnis dazugehören, und dass der Antagonismus Bündnisse offen, selbstkritisch und dynamisch
hält. Die Frage ist, wie man im Rahmen von
Bündnissen Antagonismen aufrechterhalten
kann, und das bedeutet, den temporären
und unbeständigen Charakter dieser sozialen
Form zu akzeptieren. Wie denken wir einen
Kampf, in dem Subjekte durch die politischen
Ziele des Kampfes und durch ihre Zusammenarbeit verändert werden? Wird das Subjekt
auf diese Weise zum Gemeinwesen? Und wie
denken wir diese Transformation selbst als
Ziel der Bewegung selbst? Ein Grund für die
Cynthia Cockburn
London, Großbritannien
Die feministische Agenda in
die Linke tragen – geht das?
Für mich wie für viele Frauen, die in den
1960er und 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts politisch wurden, war der erste Schritt
in Richtung Feminismus eine Marx-Lektüregruppe. Wir entdeckten das Kapital, Band 1
und die Deutsche Ideologie (oder entdeckten
sie wieder, falls wir sie schon gekannt hatten).
Wir lasen mit Bewunderung, kritisierten aber
auch mit einem neu erwachten Frauenbewusstsein. Da war Arbeit – aber wo war
unbezahlte Arbeit, Ausbeutung von Frauen?
Da waren Klassenunterschiede – aber wo
war Geschlechterdiskriminierung? Da war die
Reproduktion kapitalistischer Klassenverhältnisse – aber wo war die biologische Repro­
duktion? Diese (Neu- )Lektüre war für viele
von uns ein Sprungbrett für Forschung über
Arbeit und Arbeitsprozesse. Sie half auch
denen von uns, die wie ich an Geschlecht,
Fähigkeiten und technologischer Entwicklung
(Produktivkräften) interessiert waren.
Ein Verständnis von Herrschaft zu entwickeln
Literatur
Laclau, Ernesto, Chantal Mouffe: Hegemonie
und Radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion
des Marxismus, Wien 1991
Woodhead, Linda, Secular Privilege, Religious
Disadvantage, in: British Journal of Sociology
59.1, 2008, 53 bis 58
bedeutete für uns als Feministinnen jedoch
mehr als marxistische Theorie zu erweitern.
Wir verlangten die Klärung des Verhältnisses
zwischen kapitalistischer Klassenherrschaft
und Patriarchat beziehungsweise männlicher
Herrschaft über Frauen. Wir Feministinnen
trugen interne Kämpfe aus. Sollten wir
Kapitalismus als kapitalistisches Patriarchat
(patriarchaler Kapitalismus) betrachten, also
als ein einziges System mit zwei verschiedenen Auswirkungen? Oder als zwei Systeme
in unheilvoller Interaktion (dies nannten wir
»dual economy«) ?
Die Fragen blieben unbeantwortet, denn
in den späten 1980ern hatte uns der Thatcherismus (Neoliberalismus) im Griff und ent­
legitimierte das Ziel des Sozialismus, die
Möglichkeiten der Gemeinschaft und das
Medium der Öffentlichkeit. Das war ein
schwerer ideologischer Schlag gegen uns.
Trotzdem gab es für mich und vielleicht auch
für andere in den späten 1980ern gute und
heilende Gründe, darüber nachzudenken, was
Sozialismus für uns bedeutete. Um autobiografisch zu werden … 1987 lernte ich auf einer
Konferenz in Moskau meine erste wirklich
feministische sowjetische Freundin kennen.
27
Wir gingen Arm in Arm, glücklich, einander
gefunden zu haben. Gleichzeitig weinten wir
über den Schmerz, den wir einander antun
mussten. Sie genoss ihren neu entdeckten
»Individualismus«, etwas, das vom Sowjet­
regime erstickt worden war. Ihre Augen
glänzten, als sie dieses Wort sagte, aber
meine verengten sich zu argwöhnischen
Schlitzen. Ich nannte mich Sozialistin. Sie
verzog das Gesicht. Ich verstand immer
besser (was ich natürlich schon vorher
gewusst hatte), dass mein Sozialismus in der
Zeit des »Glasnost« mehr denn je versprechen, ja, garantieren musste, nie, niemals
etwas wie Stalinismus zuzulassen.
Zwischen 1989 und 1991 versagte die sowjetische Systemreform und die UDSSR brach
unter dem Druck des kapitalistischen Westens
zusammen. Ihr Untergang entriss unserem
Vokabular die Wörter Sozialismus und Kommunismus und veränderte die Diskussions­
kultur. Es ist nicht verwunderlich, dass sich
zu dieser Zeit in der akademischen, sozialen, kulturellen und politischen Analyse die
bekannte poststrukturalistische/postmoderne
Wende vollzog. Ich sah die Eleganz und Cleverness dieser neuen Art, Dinge zu beschreiben und schätzte einige Einsichten, die sie mit
sich brachte. Es schien mir sogar, als hätte
der Feminismus selbst zur Neuordnung linken
Denkens beigetragen. Aber die wesentliche
Empfindung war, zum Schweigen gebracht
worden zu sein. Nicht nur war Marxismus als
große Geschichte abgeschrieben und Materialismus zu einer nebensächlichen Idee geronnen. Auch das Patriarchat war zusammen
mit dem Kapitalismus und anderen solchen
»Strukturen« abserviert. Der Feminismus veränderte sich radikal. In manchen Bereichen
wurde er schnell zum Postfeminismus.
In den letzten Jahren nehme ich bei manchen Feministinnen das Bedürfnis wahr, den
Kampf um ein Verständnis kapitalistischer und
patriarchalischer Herrschaft wieder aufzunehmen und neuen Respekt für den historischen
Materialismus als Methode zu entwickeln.
Vielleicht ist es eine perverse Art von Appetit,
auf alten Knochen herumzukauen, aber was
auch immer diese Lust ist, ich teile sie und
ich bin erfreut, wenn ich andere Frauen treffe,
denen es auch so geht. Dieser Aufruf, sich zu
einem linken feministischen Projekt zu äußern
ist so ein Fall.
Trotzdem … Ich sehe mich schon wieder
in Opposition zu manchen der neu-alten
sozialistisch-feministischen Vorstellungen.
In einem Artikel, etwa Mitte der 1980er
geschrieben und 1988 publiziert, beklagte
ich, dass diejenigen von uns, die wir uns
sozialistische Feministinnen nannten und
Die Briefe – Cynthia Cockburn
weiterhin aktiv in der Linken waren, dazu
unseren Feminismus auf stumm schalteten.
Wir forderten zwar von der Linken, Frauen­
arbeit, bezahlte und unbezahlte, und die
geschlechtsspezifischen Wege der Ausbeutung durch den Kapitalismus zu berücksichtigen. Aber wir versäumten es, unsere Politik
des Körpers – Themen, die Sexualität und
physische Gewalt einbezogen – einzubringen.
Ich schrieb: Zu den (überaus materiellen)
Benachteiligungen und Ängsten normaler
Frauen, zu »den objektiven Bedingungen«
gehört heute, so würde ich behaupten, eine
umfassende und sehr gerechtfertigte Angst
vor Männern und Männlichkeit. Frauen
fürchten Männern ausgeliefert um ihre eigene
Sicherheit. Sie fürchten das, was Männer
ihren Söhnen antun: Teil ihrer Erfahrung ist
die Lust mancher Kerle, eine Waffe zu besitzen, ein schnelles Motorrad zu fahren oder
in die Armee einzutreten. Und sie fürchten,
was Männer ihren Töchtern antun könnten:
Tägliche Nachrichten von vergewaltigten und
ermordeten Mädchen (und Jungen) treibt
die Angst der Frauen um ihre Kinder in die
Höhe, wann immer sie außer Sichtweite sind.
Frauen untereinander sind wegen Männern in
der gleichen Weise besorgt wie sie es wegen
Arbeitslosigkeit, Armut und Krankheit sind.
In ihren Träumen stellen sich diese Frauen
ganz sicher eine Welt vor, in der Geschlecht
ebenso wie die Kontrolle von Produktion und
Reproduktion anders organisiert sind. Es wird
Zeit, dass »materiell« und »materialistisch«
erweitert wird um diese objektiven Lebens­
bedingungen der Frauen aus der Arbeiterklasse
und anderer Frauen. (Cockburn 1988:307).
Auch wenn mein Artikel etwas unvorsichtig
war und Schmerz und Ärger bei manchen
geschätzten Freundinnen auslöste – habe ich
meine grundlegenden Überzeugungen in den
seither vergangenen zwei Jahrzehnten nicht
verloren. Genaugenommen wurden sie gestärkt, als sich mein Forschungsschwerpunkt
von »Geschlecht in Arbeitsprozessen« zu »Geschlecht in Militarismus und Krieg« verschob.
Die beengenden und ausgrenzenden Effekte
der sozialen Konstruktion von Männlichkeit
und Weiblichkeit als gegensätzliche Formen
sowie die Kontrolle und Beschränkung weiblicher Autonomie durch Männer (nicht einfach
Kapitalismus) ist noch immer Realität.
Nehmen wir nur ein paar der Fakten, die
genau in dieser Woche im Internet diskutiert
wurden. Human Rights Watch in Baluchistan
bestätigt, dass kürzlich sechs weibliche
Teenager hingerichtet wurden. Sie wurden
von Männern ihrer Familie und Gemeinschaft
durch Schüsse verwundet und dann lebendig
begraben, weil sie sich geweigert hatten, von
ihren Eltern gewählte Männer zu heiraten.
Die Briefe – Cynthia Cockburn – Bronwyn Davies – Susanne Gannon
In der krisengeschüttelten Republik Kongo
appellierten 71 Frauen-NGOs an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Frauen vor
Vergewaltigungen zu schützen. Sie zitierten
88 UN-dokumentierte Fälle in einem normalen
Monat und schätzten, dass diese ein Zehntel
der tatsächlichen Zahl ausmachten. Die Folgen
von Vergewaltigungen werden hier wie in
vielen anderen Ländern durch die nachfolgende Ausstoßung der Opfer durch Ehemänner,
Familien und Gemeinschaften noch verschlimmert. Wenn es so scheint, als stammten diese
Fälle aus ausgeprägten Patriarchaten, wie sie
in westlichen »Demokratien« lange überwunden sind, sollten wir bedenken, dass in
England und Wales in den letzten Jahren
durchschnittlich zwei Frauen pro Woche
durch die Hand ihrer Ehemänner und Partner
starben. In den USA wurde eine Frau des
Mordes an ihrem Baby schuldig gesprochen.
Sie steckte es in die Mikrowelle. Warum? Einer
Zellengenossin sagte sie, sie tat es, »weil sie
fürchtete, ihr Freund würde sie verlassen,
wenn er herausfände, dass das Kind nicht
von ihm sei.« (Guardian, 30. August 2008).
Diese wenigen, nicht einzigartigen Fälle
erinnern daran, dass es eine Dimension von
Herrschaft in menschlichen Gesellschaften
gibt, die sich von ökonomischer Klassenherrschaft und rassistischer Herrschaft der
weißen Vormacht unterscheidet. Es ist die
patriarchale Macht männlicher Herrschaft
über Frauen. Wenn ich mich nun wieder in
der Linken engagiere, will ich, dass wir mehr
tun als nach den Geschlechtereffekten des
Kapitalismus und der Klassenverhältnisse zu
fragen, und sogar mehr als die Dimensionen
des Rassismus mit einzubeziehen. Ich will,
dass anerkannt wird, dass systematische
männliche Herrschaft, also das Patriarchat,
kein Werk unser fiebrigen feministischen Einbildungen, sondern historische Realität war
und immer noch ist. Es funktioniert global,
überschneidet sich mit kapitalistischen und
weißen, rassistischen Herrschaftsverhältnissen in jedem Land und in jeder bekannten
Institution – Aktiengesellschaften, Universi­
täten, Militär, Kirchen, Synagogen und Moscheen, Gemeindebehörden und politischen
Bronwyn Davies und Susanne Gannon,
Sydney, Australien
Feminismus und Poststrukturalismus
Feministische poststrukturalistische Analyse ist
ein Ansatz zur Erforschung gelebter Erfahrung,
welcher Frauen darin unterstützen kann, sich
über die Dichotomien hinaus zu bewegen, die
28
Parteien (die linken eingeschlossen). Jede/r
von uns als Individuum, Mann oder Frau, weiß
oder schwarz, Eigentümer oder Besitzloser,
ist – neben – andern durch diese Macht­
dimensionen formiert.
Das bedeutet meines Erachtens, dass wir in
unserem Engagement diesmal mehr tun
müssen als die Mehrwerttheorie aufzuarbeiten und verausgabte Zeit und deren Entlohnung aufzurechnen, so dass (diesmal) die
unbezahlte Arbeit, Pflegearbeit, Beziehungsarbeit, persönliche Dienstleistung, reproduk­
tive Arbeit und der Einsatz für die Gemeinschaft berücksichtigt werden. Das ist
selbstverständlich. Aber diesmal müssen wir
zusätzlich eine weitere Dimension mensch­
licher Beziehungen in Betracht ziehen, die
zuvor, in den 1970ern und 1980ern, außerhalb
des sozialistisch-feministischen Arbeitsfeldes
verbleiben konnte und in den separaten
Bereich des radikalen Feminismus fiel. Ich
meine Triebbesetzung (Verlangen und Hass)
und Gewalt (Zwang, Kontrolle und Töten). Ist
es denn unmöglich, von Männern Verantwortlichkeit für ihren Anteil an der Fortschreibung
patriarchaler Macht zu verlangen? Viele
Frauen der besitzenden Klasse sind in
der Linken aktiv. Sie wissen um ihr eigenes
Verhältnis zur Klassenherrschaft und für
dessen Veränderung. Viele Weiße beider
Geschlechter haben es geschafft, die rassis­
tischen Strukturen weißer Vorherrschaft
anzuerkennen und für ihre Überwindung
einzutreten. Ich glaube, es ist nicht undenkbar, dass Männer, als Männer, in fortschritt­
lichen sozialen Bewegungen die patriarchalen
Herrschaftsverhältnisse erkennen und auf
ihre Veränderung hinarbeiten können, sowohl
analytisch als auch programmatisch in ihren
politischen Aktivitäten, und individuell in
ihren politischen Beziehungen.
Literatur
Cynthia Cockburn: Masculinity, feminism and
the Left in: R. Chapman and J. Rutherford
(Hg), Male Order: Unwrapping Masculinity;
Lawrence and Wishart, 1988
Dies., Die Herrschaftsmaschine, Hamburg,
Argument-Verlag 1988
unserem Denken über Macht, Geschlecht
und soziale Verän­derung zugrunde liegen.
Der Schwerpunkt dieser Analyse liegt auf dem
Diskurs und diskursiven regelhaften Praktiken
und erkennt an, dass, obwohl das menschliche
Subjekt auf bestimmte Weise seine eigene
Unterdrückung unterstützt, es Möglichkeiten
des Widerstandes und des aktiven Handelns
gibt. Sie erwachsen aus der gründlichen
29
Reflexion des täglichen Lebens. Die feministische poststrukturalistische Analyse versucht,
individuelle und soziale Schranken zu überwinden und die Welten, in denen wir leben,
und die Möglichkeit der Existenz darin in ihrer
Besonderheit bewusst zu machen.
Der zentrale Schwerpunkt der feministischen
poststrukturalistischen Theoriebildung liegt
auf der geschlechtsspezifischen »Subjektifikation« (Subjektwerdung). Der Begriff
»Subjektifikation« beinhaltet die spezifischen
historischen Prozesse, in welchen der
Mensch den diskursiven Regimen und
Regelwerken unterworfen wird und durch
welche die Geschlechter und auch ihre
sozialen Kontexte konstruiert werden.
Feministischer Poststrukturalismus macht
erkennbar, analysierbar und veränderbar, wie
sich die binären Paare männlich/weiblich und
heterosexuell/lesbisch konstituieren. Er zeigt
auf, wie Machtverhältnisse konstruiert und
beibehalten werden, indem sie der dominanten Hälfte des binären Paares Normalität,
Rationalität und »Natürlichkeit« zugestehen
und im Gegensatz dazu die andere Hälfte als
»anders«, mangelhaft und irrational kennzeichnen. Indem man aufzeigt, wie das Soziale sich
in das Individuum einschreibt und indem man
das Konstrukt »Individuum«, wie es in den
zentralen Begrifflichkeiten humanistischer
Theorien auftaucht, in Frage stellt, zeigt die
poststrukturalistische Theorie auf, wie Machtverhältnisse funktionieren, indem sie uns nicht
nur zwingen, auf bestimmte Art zu existieren,
sondern diese Form der Existenz als absolut
erstrebenswert erscheinen lassen, so dass wir
sie ganz aktiv als unsere eigene annehmen.
Dieser sehr andere Ansatz eröffnet die
Möglichkeit einer anderen Art des Handelns.
Das weibliche Subjekt ist »inskribiert«, nicht
nur durch äußere Einflüsse, sondern durch
aktive Verinnerlichung der Werte, Normen und
des Begehrens, die das weibliche Subjekt zu
einem wieder erkennbaren, legitimen Mitglied ihrer eigenen sozialen Gruppe machen.
Wenn sie (das weibliche Subjekt) aktiv und
reflektiert an diesem Prozess teilnimmt, kann
sie diesen Prozess, der ihre Persönlichkeit
konstituiert, dekonstruieren.
Aktives Handeln, wie es der feministische
Poststrukturalismus eröffnet, geht nicht davon
aus, dass das Selbst frei ist vom herrschenden
gesellschaftlichen Diskurs und seiner Reglementierung. Es geht aber von einer Fähigkeit
aus zu erkennen, dass dieser Diskurs historisch spezifisch und sozial reglementiert ist
und daher auch in Frage gestellt werden kann.
Aktives Handeln in poststrukturalistischem
Ansatz wird deshalb nicht verstanden als eine
Die Briefe – Bronwyn Davies – Susanne Gannon
Existenz außerhalb der sozialen Strukturen
und Prozesse oder ihnen entgegengesetzt.
Das Handeln besteht stattdessen darin, die
Machtstrukturen innerhalb des Diskurses und
die eigene Eingebundenheit und Verhaftetheit
in diesen Strukturen zu erkennen und eine
Zuneigung zur Gestaltung neuer Lebensformen
zu gewinnen, Lebensformen, die in der Lage
sind, alte Geschlechtszuschreibungen in Frage
zu stellen, sie potenziell sogar zu überschreiben oder in den Hintergrund zu drängen.
Feministische poststrukturalistische Forschung legt ihren Fokus auf die Möglichkeit,
über das hinaus zu gehen, was bisher bekannt
und verstanden ist. Ihre Aufgabe ist nicht,
den Unterschied zwischen Mann und Frau zu
dokumentieren, sondern mehr Sichtweisen zu
eröffnen, bei denen die Kategorien »männlich«
und »weiblich« aufgeweicht werden – mit der
Möglichkeit mit Subjektivität zu spielen, die
beides und weder noch ist – und Machtverhältnisse als durch den Diskurs konstruiert
zu verstehen. Die folgenden Prinzipien liegen
der feministischen poststrukturalistischen
Analyse von Texten zugrunde:
1. Daten liefern kein exaktes Abbild der Realität. Erzählungen, Beschreibungen und Darstellungen vergeschlechtlichten Seins legen offen,
wie das Geschlecht als sinnvoll erfahren wird
oder in diesem spezifischen Text dargestellt
wird – sie offenbaren keine tiefe wesentliche
Wahrheit über sex oder gender.
2. Wie das Geschlecht in Erzählungen, Beschreibungen oder Darstellungen zusammengereimt wird, ist nicht von Interesse,
da es lediglich etwas über den individuellen
Sinnstifter (Autor) offenbart, oder über seine
Motive und Absichten. Das Interesse liegt
eher beim Prozess der Subjektwerdung und
bei der geschlechtsspezifischen Subjektivität,
die innerhalb eines bestimmten Diskurses
wahrnehmbar ist.
3. Vergeschlechtlichte Diskurse sind weder
transparent noch »unschuldig«. Die Wahrnehmung des Subjektes offenbart lediglich,
wie die Außenwelt dieses Subjekt zwangsweise geformt hat. Die Interpretation unserer
Realität kommt nicht aus uns selbst, sondern
wurde von außen an uns herangetragen. Zur
selben Zeit und durch denselben Prozess
identifizieren wir sie als unsere eigene, erstreben wir ihren Erhalt, verstehen uns selbst in
ihren Begrifflichkeiten. Subjektwerdung beinhaltet sowohl die Formierung als auch das
aktive Aufnehmen der vergeschlechtlichten
Existenzbedingungen (Butler, 1997).
4. Sprache, wie sie uns in Texten präsentiert
wird als Gegebenheit, wird nicht anerkannt,
30
Die Briefe – Bronwyn Davies – Susanne Gannon
als würde sie Realität offenbaren. Sie kann
dekonstruiert und aufgebrochen werden, um
aufzuzeigen, wie Realität konstruiert wird,
zum Beispiel durch binäre Gegensatzpaare.
Gegen die einschränkenden Effekte des
Binären werden Wege vorgeschlagen, darüber
hinaus zu gehen – insbesondere durch die
Methode der Dekonstruktion.
5. WissenschaftlerInnen existieren nicht
getrennt von ihren Gegebenheiten und sollten
dies auch nicht. Die Komplexität der Bewegung zwischen Wissen, Macht und Subjekti­
vität verlangt, dass Forscherinnen Geschlecht
von innen heraus erheben. Sie benutzen ihre
eigenen Körper und Gefühle, als seien sie
Texte, wie in kollektiver Erinnerungsarbeit,
oder sie lesen die vergeschlechtlichten Texte
von anderen um zu sehen, wie Geschlecht
durch und im Verhältnis zu solchen Texten
produziert wird.
6. Wissenschaft wird wahrgenommen als
Diskurssysteme, die Wissen auf bestimmte
Weise produzieren, und nicht als sakrosankter
Diskurs, der unbedingt besser ist als andere
(Haraway 1991). Die Psycho-Wissenschaften
sind in die Produktion des liberal und humanistisch vergeschlechtlichten Subjekts bereits
verwickelt (Henriques u. a., 1984).
7. Weder das vergeschlechtlichte Subjekt,
welches die zu lesenden Texte produziert,
noch der Forscher ist der schließliche
Gebieter über die Bedeutungen jeden Textes,
der gelesen wird. Es ist Aufgabe derer, die mit
der poststrukturalistischen Theorie arbeiten,
die Konzepte, die sie in vergeschlechtlichten
Texten finden, als Quelle kreativer Möglich­
keiten zu entwickeln.
8. Das Ziel einer feministischen poststrukturalistischen Analyse ist nicht, die geheime
Wahrheit von Geschlecht/Gender in all ihrer
Einfachheit heraus zu stellen, sondern das
auseinanderzubrechen, was als stabile/
unhinterfragbare Wahrheit aufgefasst wird.
9. Vergeschlechtlichte Subjekte existieren
an den Punkten, wo sich vielfältige diskursive
Praxen überkreuzen – man denke etwa an
eine schwarze katholische Mutter. Wir
nennen diese Punkte Subjektpositionen.
Das Individuum ist nicht an diese Punkte
oder Orte gebunden. Nicht nur das Individuum verändert seine Positionen oder Orte,
sondern auch die Bedeutung der einzelnen
Positionen verändert sich durch zeitliche und
räumliche Kontexte. Dieses Verständnis ist
zentral für die Flüssigkeit und Vielfältigkeit
von Subjektivitäten, dies kennzeichnet das
feministische poststrukturalistische Denken
über Veränderung und Handlungsfähigkeit.
10. Vergeschlechtlichte Erfahrung wird
begriffen als konstituiert durch vielfältige
Diskurse, welche ambivalentes Verstehen und
Gefühle hervorbringen. Vergeschlechtlichte
Erfahrung zu verstehen – die eigene und die
von anderen – geschieht sehr häufig durch
das Erkennen von Ambivalenz und Widerspruch. Das Beharren darauf, Interpretationen von Mehrdeutigkeit, Oppositionen und
Vielfältigkeit zu säubern, ist eine Strategie,
durch welche die Illusion des rationalen
Subjekts hergestellt wird.
11. Macht wird als Kraftlinien begriffen.
Sie sind nicht im Besitz eines Geschlechtes.
Ihre Strategien, ihre Manöver, ihre Taktiken
und Techniken sind zufällig und unsicher
(Deleuze 1988, Foucault 1980).
12. Feministische poststrukturalistische
Theorie ist interessiert daran, wie Geschichte sich entfaltet in der Bewegung von einer
Gestaltung von Feminismus (Kristeva) oder
von Gender (Davies) zu einer anderen in den
Fluchtlinien, die neue Wirklichkeiten hervorbringen. WissenschaftlerInnen, die mit poststrukturalistischer Theorie arbeiten, können
zu diesen Fluchtlinien beitragen statt bloß
BeobachterInnen von anderen Fluchtlinien
zu sein (Deleuze 1988).
Konsequenzen für die Forschung
Feministische poststrukturalistische
Forschende stellen Fragen, die selbstverständliches Wissen unsicher machen. Sie
könnten fragen: Wie wiederholen und realisieren feministische Erzählungen den Gegensatz
von männlich und weiblich? Wie schließen
sie die imaginierten Subjekt-Positionen, die
diskursiven Praxen und das Begehren auf? Wie
wird über transsexuelle Identitäten im Verhältnis zum männlich/weiblich-Gegensatz gesprochen? Wie ist das begehrende transsexuelle
Subjekt konstituiert und wieder neu gebildet,
wenn er/sie sich unter Männlichkeiten und
Weiblichkeiten bewegt? Wie überkreuzen sich
Geschlechterdiskurse mit solchen über Rasse,
Ethnizität, Religion und Multikulturalismus
Innerhalb einer bestimmten Institution wie
etwa der Schule? Wie arbeiten diese Diskurse
als eine abwesende Gegenwart selbst, wenn
sie nicht gesprochen sind?
Jeder Schauplatz, auf dem Diskurse, sei es in
Sprache oder in Schrift, bewegt werden, kann
für die Forschung ausgewählt werden. Wo
eine bestimmte Subjektkategorie interessiert,
kann jeder Schauplatz, auf dem dieses Subjekt spricht oder schreibt oder diese Kategorie auftaucht, gewählt werden. Wo Sprache
das bevorzugte diskursive Medium ist, können
die Subjekte bereitwillig mit dem Forscher in
31
Die Briefe – Bronwyn Davies – Susanne Gannon
eine Untersuchung über ihre eigenen Diskurse
und Subjektivitäten eintreten; oder sie können
für einen anderen Zweck bereits Diskurse
produziert haben, etwa für eine Dokumentation, ein Radiointerview, eine Erzählung.
Die Forschenden können auch ihre eigenen
Subjektivitäten hinterfragen und/oder ihren
eigenen Sprachgebrauch.
einanderfolgende Tage. Sie sprechen über ein
Thema ihrer Wahl, indem sie ihre eigenen, für
das Thema relevanten Geschichten erzählen
und aufschreiben. Die Beziehung zwischen
den Teilnehmerinnen, den erstellten Texten
und den Erinnerungen entstehen durch eine
bestimmte Art anteilnehmender Aufmerksamkeit an den jeweiligen Geschichten.
Die Informationen können Darstellungen über
den Gegenstand der Forschung enthalten,
die die Interviewten bereits hervorgebracht
haben; jede Art gesprochenen oder geschriebenen Textes ist für die zu erforschende Kategorie relevant, auch die Beobachtung von sozialen Szenen, in denen das zu erforschende
Subjekt diskursiv oder in anderer Praxisform
produziert wird. Informationen werden nicht
aufgefasst als würden sie eine unabhängig
existierende wirkliche Welt beschreiben oder
erklären, sondern als grundlegende Arbeit,
die selbst in die Produktion »der Wirklichkeit«
verwickelt ist. Die Informationen werden hinsichtlich binärer Kategorien und der Diskurs­
regime im Spiel analysiert. Die Forschende
könnte fragen: Wie konstruiert sich die
Interviewerin oder Sprecherin im Text? Wir
konstruiert sie die anderen? Wie konstruieren
sie den Forschungsgegenstand? Welche Ordnungsregeln haben welche Wirkung? Welche
diskursiven Strategien werden gewählt? Wie
wird Unterwerfung oder Selbstermächtigung
erreicht? Die Analyse soll nicht das individuelle Subjekt preisgeben, sondern den Prozess
der Subjektwerdung erforschen.
Durch das einander Zuhören und Fragen zu
dem Erinnerten, »Verkörperten«, Detail der
jeweiligen Gefühle, wird jede Geschichte
vorstellbar in der Psyche und dem Körper
jeder teilnehmenden Frau. Nach dem Erzählen
von Geschichten und dem Zuhören, nachdem wir über diese Geschichten gesprochen
haben, schreiben wir sie auf, wir versuchen
Klischees und Erklärungen zu vermeiden. Jede
Geschichte wird daraufhin laut der Gruppe
vorgelesen.
Feministische poststrukturalistische Praxis
erfordert in der Forschung wie auch in der
Politik die Entwicklung von Fähigkeiten der
Selbstkritik und Selbstveränderung. Dies
geschieht durch eine Analyse der Wirkungsweise des Diskurses auf die Einzelnen sowohl
auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. Ein sehr wirkungsvoller Weg dies zu tun,
besteht in der Methode der »Erinnerungsarbeit«, welche von Haug und anderen in ihrem
bahnbrechenden Buch über die Sexualisierung der Körper (1983) entwickelt wurde. Es
erschien 1987 in englischer Sprache. Selbstkritik und Selbstveränderung ist nach dieser
Auffassung ein kollektiver und relationaler
Prozess. Wir nutzen diese Methode, die wir
Kollektive Biographie genannt haben (Davies
und Gannon 2006), indem wir unsere eigenen
autobiographischen Geschichten als Grundlage nehmen, von der aus wir ein neues persönliches und kollektives Verständnis dafür
entwickeln, wie der Diskurs uns formt und
wir ihn, um uns als historisch bestimmte
Subjekte hervorzubringen.
Bei der von uns entwickelten Kollektiven
Biographie treffen sich Frauen für einige auf-
Wir wählten den Begriff »mo(ve)ment«
(»Bewegung« und »Moment«), um klar zu
machen, dass es sich beim kollektiven Geschichtenerzählen und Aufschreiben um einen
zweigleisigen Prozess handelt: Einerseits verweilen wir bei bestimmten Momenten unserer
Existenz und andererseits streben wir einer
Bewegung zu, einer neuen Offenheit, die uns
neue Wege der Erkenntnis und der Existenz
offenbart. Die Methode der Kollektiven Biographie schärft die Fähigkeit des Zuhörens und
verhilft zu einem neuen Verständnis menschlicher Beziehungen. Gleichzeitig beseitigt
sie die scheinbare Unausweichlichkeit des
Konstituiert-Seins durch jene Diskurse, die
uns von anderen auferlegt werden und die wir
ohne bewusste Überlegung in unser alltägliches Leben integrieren.
Kollektive Biographie bringt Frauen zusammen,
die sich intensiv in die Bearbeitung des
Gewebes ihres eigenen Lebens einlassen
wollen. Der Arbeitsprozess befähigt sie,
gemeinsam die diskursiven Fäden zu identi­
fizieren, durch welche sie sich selbst – im
Verhältnis zu anderen sozialen Subjekten
und konstitutiven Kategorien – als bestimmte
vergeschlechtlichte Subjekte aufnehmen.
Mit einem feministisch-poststrukturalistischen
Rahmen hilft uns die Kollektive Biographie,
die vielfältigen Kräfte – einschließlich jener,
die unserem eigenen Begehren entstammen
oder aus gewohnten Verhaltensweisen
stammen – anzufechten.
Literatur
Butler, Judith: The Psychic life of power.
Stanford 1997
Davies, Bronwyn und Gannon, Susan:
Feminism/Poststructuralism; In: C. Lewin
und B. Somekh (Eds.), Research Methods
in the Social Sciences (pp. 318 bis 325).
Die Briefe – Bronwyn Davies – Susanne Gannon – Hester Eisenstein – Judith Ezekiel
32
Thousand Oaks 2005
Deleuze, Gilles: Foucault. London 1988
Foucault, Michel: Power/knowledge.
Brighton 1980
Haraway, Donna: Simians, cyborgs and
women: The reinvention of nature.
New York 1991
Haug, Frigga et al.: Female Sexualization.
London 1999. (1st edn. 1987)
Henriques, Julian, Hollway, Wendy, Urwin,
Cathy, Venn, Couze and Walkerdine, Valerie
Changing the subject: Psychology, social regulation and subjectivity. 2nd edn. London 1998
Hester Eisenstein
New York, USA
n das Recht, sich künstlerisch und
kreativ voll auszuleben.
Ich fühle mich geehrt, dass meine Worte in die
Sammlung internationaler Äußerungen über ein
linkes feministisches Projekt heute eingehen.
Kollektive Rechte für Frauen als ein
Teil der Gemeinschaft
n Das Recht, mit den Nachbarn in Frieden
zu leben, die eigene Sprache zu sprechen
und die eigene Kultur frei von Rassismus,
Verfolgung und Verhöhnung zu leben.
n Das Recht auf Essen, Obdach und
Sicherheit im Alter.
n Das Recht, sich in jedem Land und über
die Grenzen frei und ohne Verfolgung zu
bewegen.
n Das Recht, sich gegen Militarismus,
Imperialismus und Krieg zu wehren und
durch Gerechtigkeit zum Frieden zu gelangen.
n Das Recht auf eine ökologisch nachhaltige
Wirtschaft, welche eine Alternative zur
kapitalistischen Globalisierung darstellt, auf
einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, der
Armut, Rassismus, Homophobie und Patriarchat ein für alle Mal beseitigt.
Welches sind die wesentlichen Punkte
für feministische Politik im politischen
Programm einer linken Partei?
Ich würde dafür vorschlagen:
Individuelle Rechte für Frauen
n Das Recht auf Bildung und auf Arbeit,
auf volle Beteiligung am politischen Leben;
n auf die Wahl, Kinder zu haben
oder nicht, zu heiraten oder nicht;
n die sexuelle Orientierung zu wählen
(und zu ändern!);
n das Recht, frei zu sein von sexuellem
Missbrauch und sonstiger Gewalt aller Art
inklusive des Inzests;
Judith Ezekiel
Dayton Ohio, USA
Linker Feminismus und ein
Feminismus für die Linke:
Eine franko-amerikanische Sicht
Als internationale Feministin, Frauenforscherin und Aktivistin kann ich die gestellte Frage
nicht aus einer Perspektive innerhalb nationaler Grenzen ansprechen; als Historikerin jedoch sollten meine Antworten konkret Bezug
nehmen. Der Blick auf die beiden Länder, die
ich am besten kenne, Frankreich und die Vereinigten Staaten, führt mich in unterschied­
liche Richtungen.
Doch beginne ich mit ein paar allgemeinen
Aussagen auf der Grundlage meiner internationalen Erfahrungen einschließlich des Studiums der Frauenbewegung in verschiedenen
Ländern, internationaler feministischer Politik
und der Organisation europäischer und weltweiter Vereinigungen für Frauenforschung.
Zunächst habe ich noch immer das Bedürfnis,
zu unseren Wurzeln und Debatten aus den Anfängen der Frauenbewegung zurückzugehen.
Ein grundlegendes Thema war und ist die Anerkennung der Legitimität und Notwendigkeit
autonomer feministischer Organisationen und
reiner Frauenräume. Ein zweites Thema ist
die Erkenntnis, dass bei aller systematischen
Gesellschaftsanalyse Männer – ob einzeln
oder als Gruppe – als Verantwortliche und
Profiteure von Sexismus auszumachen sind.
Damit entsteht die Notwendigkeit, Privilegien
und die Unterdrücker ebenso zu sehen und zu
verstehen wie die Opfer der Unterdrückung.
Drittens muss die Kritik der Geschlechterverhältnisse von Anfang an quer durch alle
Bereiche in die Politik einbezogen werden,
nicht nur als separater oder untergeordneter
Teil des Ganzen.
Weitere allgemeine Grundlagen sind:
n Die
Erkenntnis, dass Frauen eine Art
»Gruppe« bilden, und auch, dass diese
33
Gruppe durch andere soziale Verhältnisse wie
Rasse, Ethnie und Klasse geteilt ist. An den
Schnittstellen dieser Hierarchien entstehen
spezifische Formen der Unterdrückung, die
nicht nach einer arithmetischen oder einer
»Sandwich«-Logik verstanden werden können.
n Verständnis
dafür, dass andere Gruppen das
Bedürfnisses haben, sich autonom zu organisieren und sich miteinander zu verbünden.
n Verstehen,
dass Sexismus – wie andere
Formen der Unterdrückung – innerhalb
nationaler Grenzen weder verstanden noch
beendet werden kann.
n Unbedingte
Unterstützung körperlicher
Selbstbestimmung einschließlich reproduk­
tiver Selbstbestimmung (wir müssen die
Terminologie der »Wahlfreiheit« über Bord
werfen). Keine ausweichenden Formulierungen
von Abtreibung als »Problem« oder »tragisches letztes Mittel«. Diese Art des Zurück­
ruderns hat nur die Agenda der radikalen
Rechten gefüttert und die Debatte auf ihr
Gebiet verschoben.
n Verstehen,
dass »Differenz« ein Produkt
materieller und historischer, nicht etwa gött­
licher oder natürlicher Umstände ist, und
dass Essentialismus und Differenzialismus
am Ende keine Befreiung bringen werden.
Andererseits die Tatsache anerkennen,
dass diejenigen, die Unterdrückung erfahren –
vor allem, wenn sie sich an den Schnittpunkten verschiedener Formen systematischer
Unterdrückung befinden – die Welt mit großer
Wahrscheinlichkeit anders sehen als andere,
und dass sie gehört werden müssen.
n Strukturelle
Bedingungen schaffen, damit
alle oben genannten Forderungen erfüllt
werden, was die Präsenz und Beteiligung der
Betroffenen einschließt. Parität reicht faktisch
nicht aus. Geeigneter wäre eine Logik historischer Wiedergutmachung, also 95 Prozent
Frauen in Führungspositionen statt fünfzig/
fünfzig-Verhältnisse nach einer essentialistischen Logik von »gleicher Repräsentation«.
n Lernen
aus den feministischen Experimenten
in radikaldemokratischen Organisationsstrukturen, um Beteiligung und nicht-unterdrücke­
rische Führungsstile derjenigen sicherzustellen, die normalerweise ignoriert und zum
Schweigen gebracht werden. Die Selbsterfahrungsgruppe bleibt für mich ein entscheidendes Element der Bewegung. Nicht nur, um den
Prozess neu anzufachen, Frauen als Gruppe zu
definieren, Solidarität zu schmieden, Wissen zu
hinterfragen und neue Theorien zu entwickeln,
sondern auch als Keimzelle einer utopischen
Organisationsstruktur.
Die Briefe – Judith Ezekiel
Nun zu den Details und meinen
nationalen Situationen …
In den USA ist das wichtigste Thema aus meiner Sicht das des sogenannten Kulturkrieges.
Viele Liberale und Radikale, zumeist weiße
Männer und in manchen Fällen frühere Führer
der neuen Linken, argumentieren im Kern für
eine Abkehr von der »Geschlechterpolitik«
oder was sie als »Identitätspolitik« bezeichnen. Sie fordern eine Rückkehr zu »Grundlagen«, welche überwiegend ökonomischer
Natur seien (siehe Thomas Frank, The Liberal
Manifesto und andere). Klassenfragen sind in
der politischen Kultur auch der Linken in den
USA weitgehend ignoriert und ausgelöscht
worden. Doch auch die Vernachlässigung
weiterer Fragen ist gefährlich und nicht nur
ein argloser Fehler.
Erstens ist es mindestens herablassend,
das abzuwerten, was so vielen Millionen
Menschen so viel bedeutet. Es erinnert an
die ultra-linken Überzeugungen, dass »wir«
es besser wissen als »die Massen«. Aus strate­
gischer Sicht: Wenn Millionen an die Urnen
strömen um gegen Abtreibung, Schwulenehe
oder ähnliche Themen zu stimmen und gleichzeitig die radikalen Republikaner des rechten
Flügels wählen, sieht man, wie katastrophal
es ist, das Feld der Opposition zu überlassen.
Zweitens sind die neu auftauchenden
ökonomischen Kategorien reduktionistisch
(dabei beginnt selbst die OECD, Geschlecht
einzubeziehen und ihre Definition von Arbeit
zu erweitern). »Zu argumentieren, dass die
eigenen materiellen Interessen ausschließlich
mit der Klassenzugehörigkeit zu tun haben,
bedeutet«, so Ellen Willis in ihrer letzten
Veröffentlichung, »dass sexuelle Erfüllung
oder Frustration, körperliche Integrität,
Autonomie oder deren Fehlen im sexuellen
und reproduktiven Bereich, dass Glück oder
Unglück in unserem Leben als LiebhaberInnen
und Eheleute, Eltern und Kinder »himmlische«
Angelegenheiten sind, die keinen Einfluss auf
unser physisches Dasein haben.«[1]
[1]Ellen Willis, Escape from Freedom, radicalimagination.com. Der Kulturradikalismus der 1960er war nicht
der erste Ausbruch seiner Art. Willis argumentierte,
dass er mit einer vorausgehenden Welle aus dem
späten 19. Jahrhundert bis in die 1920er Jahre verwandt
ist, die »den Bezugsrahmen für die kulturelle Moderne
bildete: Feminismus, sexuelle Reform und Geburtenkontrolle-Bewegungen, Jugendbewegungen, selbstbewusste Homosexualität, Psychoanalyse, künstlerische
Avantgarde und die damit verbundene unkonventionelle
Lebensstil, die russische Revolution mit ihrem kurzlebigen Ausbruch sexueller, häuslicher und erzieherischer
Reformen, soziales und kulturelles Ferment der Weimarer Republik.« Auch die aktuelle Rückwärtsbewegung
ist nicht neu: »Die erste große rechts-populistische
Rückwärtsbewegung war der Nationalsozialismus.«
Die Briefe – Judith Ezekiel
Zudem fühlt sich die Marginalisierung von
Gruppen mit einer bestimmten Zugehörigkeit
verdächtig danach an, als wollten hier die
alten (oder neuen?) Garden der männlich
dominierten neuen Linken an Boden gut­
machen, den sie an die neuen sozialen
Bewegungen – unter anderem Feministinnen,
Schwule und spätere LGBT (Lesbian Gay
Bisexual Transgender)-AktivistInnen –
verloren hatten, weil sie sich der Heraus­
forderung nicht stellten, ihre Analyse,
ihre Aktivitäten und ihren Führungsstil zu
verändern.
Immer wieder habe ich den Eindruck, dass die
Frauenbewegung sehr viele der so genannten
persönlichen Fragen als kollektive Themen in
die Öffentlichkeit gebracht hat, ohne selbst in
vollem Umfang politisch zu werden, jedenfalls
nicht als breitere fortschrittliche Bewegung.
Deswegen können sie heute von Relativisten,
Neomarxisten und Liberalen gleichermaßen
als »kulturelle« Bewegung umschrieben und
somit potenziell marginalisiert werden (wenn
auch nicht »reprivatisiert« im Sinne der Individualisierung). Auf diese Art ist das Thema
Abtreibung – obwohl zur Privatangelegenheit
erklärt – Teil des »Kulturkrieges« und nicht
politischer Gefechte geworden.
Die Wiederkehr von »Befreiung« in die Frauenbewegung ist weder eine rein rhetorische
Frage noch eine Kursabweichung, sondern
ein wesentlicher Aspekt der Erneuerung der
Bewegung und – breiter – der Linken.
Meine Blick auf Frankreich ist komplizierter.
Tatsächlich ist »kompliziert« das richtige Wort,
wenn man eine Situation beschreiben will,
in der das Wort »links« nicht mehr viel Sinn
macht und eigentlich von Grund auf neu
erarbeitet werden müsste.
Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe,
hatte ich bei meiner Ankunft in Frankreich
im Jahr 1975 das Gefühl, im französischen Teil
einer internationalen Bewegung und in einem
Land willkommen zu sein, in dem Radikale
ihre eigene Kultur und Regierung ebenso
kritisierten wie ich meine. Dieses Gefühl habe
ich nicht mehr. Einerseits artikuliert ein Teil
der Linken einen starken Neo-Nationalismus,
der die französische Republik als Modell
darstellt, nicht Demokratie oder grenzenlo-
34
sen Sozialismus, und damit mich und viele
andere marginalisiert und viele postkoloniale
»Einwanderer« und Farbige zurückweist. Diese
Linke ist es, die das Verbot des Hidschab
(muslimisches Kopftuch für Frauen) unterstützt, während sie in den meisten Fällen
nicht gegen Verletzungen der Trennung von
Kirche und Staat durch den Katholizismus
eintritt. Sie will Religion komplett in den
Privatbereich verbannen, obwohl »Arabischsein« oder »Muslimisch-sein« so stark auf
eine »Rassenzugehörigkeit« bezogen wird,
dass es nicht allein als Frage des persönlichen Glaubens verstanden werden kann.
Die Linke flirtet gefährlich mit der Ideologie
des »Kampfes der Kulturen«.
Auf der anderen Seite gibt es einen stark
antiamerikanischen Teil der Linken (dieser
Antiamerikanismus hat nur wenig mit der Kritik
einer bestimmten Politik oder bestimmter kultureller Aspekte zu tun), der auf dem Weg über
die Sozialforen und den Widerstand gegen das
Kopftuch-Verbot in die Nähe von Antisemiten
und islamische Fundamentalisten gerückt ist.
Ihre ultralinken Positionen (die mit dem Rassismus und der nationalistischen Engstirnigkeit der Rechten übereinstimmten) trugen zur
Ablehnung einer Europäischen Verfassung bei.
Zusammen mit vielen meiner FreundInnen
und GenossInnen, insbesondere einem Kreis
»farbiger« Feministinnen, habe ich keine
politische Heimat mehr.
Die Frauenbewegung bot ihren Mitgliedern
einst, weit mehr als die neue Linke, Unterstützung und Schutz. Die in Selbsterfahrungsgruppen entwickelte Frauensolidarität, die alternativen Institutionen und die institutionalisierten
Formen des Feminismus sorgten dafür. Der
radikale gesellschaftliche Wandel hat jedoch
die Lebensbedingungen stark verändert und
Bedürfnisse geschaffen, die weit über die gebotene Unterstützung hinausgehen. Inmitten
des Zusammenbruchs meiner politischen Heimat in Frankreich und im Rückzug von einer
utopischen Kultur in den USA führen viele von
uns den Kampf gegen Alter, Armut und Krankheit isoliert voneinander. Wir müssen der
Wiederbelebung tragfähiger Gemeinschaften
viel Aufmerksamkeit schenken und politische
Ideen entwickeln, die eine beständige und
nachhaltige Mobilisierung fördern.
35
Rose Baaba Folson
Accra, Ghana
»Ohne Frauen ist kein
Programm zu machen«
Anforderungen feministischer Politik
an ein Programm der Linken
Die Briefe – Rose Baaba Folson
Position ein bisschen sicherer ist« (nach der
Promotion, nach der Habilitation, nach der
Beförderung, wenn ich diese Forschungs­
förderung bekomme und so weiter).
Dies alles verunsichert Frauen weltweit.
Redliche Frauen und Feministinnen sind
irritiert, rechtschaffen wütend, enttäuscht,
ausgelaugt und krank:
»… there was no safe way to discuss the
Woman Problem without risking professional
opprobrium.« [1] (»Es gab keinen Weg, die
Frauenfrage zu diskutieren, ohne kollegiale
Schmach zu riskieren.« )
n Irritiert
»Four years ago [in 1969], one of the authors
gave a pro-Women’s Liberation speech at
a professional meeting. Afterward, a senior
woman in the field pulled her aside and warned
her, »If you keep talking like that, you’ll ruin
your career chances« [2] »Vor vier Jahren hielt
eine der Autorinnen bei einer Arbeitstagung
eine Rede für die Frauenbefreiung. Anschließend nahm sie eine ältere Kollegin beiseite und
warnte sie: »Wenn Sie weiter so reden, verderben Sie sich Ihre Karrierechancen.«)
n bestürzt
Fünfunddreißig Jahre nach dem oben zitierten
Drama und nach Jahrzehnten, in denen zahlreiche Frauen im Kampf um Menschenrechte
für Frauen psychosomatische Erkrankungen
erlitten und sogar für diese Ziele starben,[3]
haben Frauen und Feministinnen immer noch
berechtigte Angst vor Sanktionen, wenn sie
offen Kritik an Geschlechter- und Rassendiskriminierung üben.
Wir nähern uns dem 22. Jahrhundert. Nach
wie vor sind viele Frauen im Berufsleben sehr
entmutigt, da ihre Arbeit und ihre Forschung –
die sich (glücklicherweise) meist nicht an den
üblichen Vorgaben orientieren – weiterhin
abgewertet werden. Viele Frauen haben keine
Chance, ein erfülltes und ausgeglichenes
Leben zu führen. Für Menschen in Machtpositionen ist es offenbar einfach, jede
Mitverantwortung für diese Ungerechtigkeit
abzustreiten, weil diese ja von »Strukturen«
verursacht wird, für die sich die Einzelnen
nicht unmittelbar verantwortlich fühlen.
Viele Frauen und Feministinnen haben den
Mut verloren, für soziale Gerechtigkeit im
Allgemeinen und Frauenbefreiung im Besonderen zu kämpfen oder diesen Mut nie
entwickelt. Wir hören oft: »Ich verspreche
für Gerechtigkeit zu kämpfen, sobald meine
[1 ]Leffler, Ann; Gillespie, Dair L.; Lerner Ratner, Elinor:
Academic Feminists and the Women’s Movement, 1973
[2]ebd.
[3]Dworkin, Andrea: Heartbreak: The Political Memoir
of a Feminist Militant, 2002
über Frauen in Machtpositionen,
die in Fernsehinterviews von ihren großartigen
Erfolgen bei der Förderung sozialer Gerechtigkeit und dem Vorantreiben von Geschlechter- und Rassengleichheit berichten und zum
Schluss auf die Frage, ob sie Feministin seien,
antworten: »Nein, ich denke nicht«, oder
bestenfalls: »Ja, aber …«;
über das beständige Abstreiten
der Existenz von sexistisch und rassistisch
motivierter Gewalt;
n irritiert
über Rassen- und Frauenunter­
drückung durch Mitglieder unterdrückter
Gesellschaftsgruppen.
Ich habe viele mutige Frauen gesehen,
die gegen soziale Ungerechtigkeit und die
Verletzung von Frauenrechten kämpften
und auf die Frage, ob sie Feministinnen
seien, peinlich berührt reagierten. Eine der
wenigen Frauen in der ghanaischen Öffentlichkeit (geschäftsführende Direktorin des
Menschenrechtskomitees), die unerbittlich
gegen die Verletzung von Menschen- und
Frauenrechten gekämpft hat, war völlig
verwirrt von der Frage, ob sie Feministin sei.
Wovor haben diese Frauen Angst? Was ist
mit Feministinnen und dem Begriff Feminismus geschehen, dass es so vielen Frauen so
leicht fällt, sich von feministischen Positionen zu distanzieren?
Zukunftskonzepte und nachhaltige
Strukturen zur Entwicklung von
Grundlagen feministischer Politik
Viele Frauen und Männer haben auf verschiedensten Wegen soziale Ungerechtigkeit und
Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen
angeprangert. Auf die Wissenschaft hatte das
wenig Einfluss. Häufig wurden die Glaubwürdigkeit der Forschung und der Forscherinnen
selbst in Zweifel gezogen anstatt ihre Arbeit
zu nutzen, um die Situation zu verbessern.
Ein Ziel des Feminismus war und ist es,
Verständnis für die Tatsache zu wecken, dass
feministische Anliegen die Anliegen der gesamten Menschheit sind und dass Fortschritte
in so genannten »Frauenfragen« gesellschaft­
liche Verbesserungen für alle bedeuten.
Leider sind wir davon weit entfernt.
Die Briefe – Rose Baaba Folson
In ihrem Artikel The Quiet Desperation of
Academic Women [4] stellt Kristen Monroe
anhand von Beispielen vor, wie Strukturen
soziale Ungerechtigkeit fördern und wie dies
zu ändern sein könnte. Ich möchte etwas ausführlicher auf Monroes Erkenntnisse eingehen
und Anregungen geben, wie Frauen und Femi­
nistinnen soziale, politische, rechtliche und
kulturelle Strukturen verändern können.
Auf der Grundlage eines neuen fortschrittlichen
Denkens sollten in Zukunft alle Handlungsansätze und Maßnahmen so gestaltet sein, dass
sie die Verletzung der Menschenrechte von
Frauen verhindern und soziale Gerechtigkeit
für alle benachteiligten gesellschaftlichen
Gruppen von Grund auf gesetzlich verankern.
Geschlechtsspezifische Abwertung/
Dienstleistungen und Geschlecht
Wir müssen überprüfen, wie Frauen und andere »Minderheiten« für bestimmte Aufgaben
gewonnen werden, und uns die Strukturen
und Bereiche noch einmal genau anschauen,
für die sie gewonnen werden. Die Arbeit von
Gleichstellungsbeauftragen und »Diversity«Stellen in Institutionen und Unternehmen
muss sorgfältig überwacht werden.
In der Vergangenheit war die Einführung
einer Quote, welche die Zahl der Menschen
aus benachteiligten gesellschaftlichen
Gruppen in einflussreichen Positionen
erhöhen sollte, eine gängige Antwort auf
Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht,
ethnischer Zugehörigkeit oder Behinderung.
Die Geschichte hat uns jedoch gelehrt, dass
das bloße Innehaben von Positionen nicht
ausreicht, um Veränderungen zu gewährleisten. Bereits in den 1970er Jahren waren sich
Frauen darüber im Klaren, dass mehr Frauen
und andere Menschen aus benachteiligten
Gruppen in Machtpositionen zu haben nicht
notwendig zu mehr Gerechtigkeit führt.[5]
Ein Beispiel von vielen: Als vor hundert
Jahren Männer in das Feld der Pflegeberufe vordrangen, gewannen diese Berufe an
Ansehen. Dies spiegelte sich in steigenden
Gehältern wieder – die allerdings wieder
sanken, als Männer den Berufszweig allmählich verließen. Kristen Monroe beobachtet:
»Die Tatsache, dass eine Frau diese Position
innehat, entwertet oder bagatellisiert sie
irgendwie und schiebt sie in die Nähe von
Dienstleistung, nicht von Macht.« (Kristen
Monroe 2008:2). Monroe nannte dieses Phä-
[4]Kristen Monroe, The Quiet Desperation
of Academic Women, In: Inside Higher Ed., June 2008
[5]Folson, Rose Baaba: Frauenabhängigkeit hat viele
Muster, in: Das Argument, 266/2006
36
nomen – entsprechend dem Ausdruck »racial
devaluation (»ethnische Entwertung«), den
ich in den 1990ern prägte, um den Wertverfall
von Grundstücken in teuren Wohngegenden
der westlichen Welt zu beschreiben, sobald
dort Farbige hinziehen – »gender devaluation« (»geschlechtsbezogene Entwertung«).
Monroe beschreibt »gender devaluation« als
»… den subtilen Prozess, durch den Verwaltungspositionen ihre Aura von Status, Macht
und Autorität verlieren, wenn Frauen sie
innehaben. Diese Positionen werden häufig
als reine Service- oder Assistenzstellen angesehen – bis sie von Männern übernommen
werden … Den Posten einer Institutsleitung
kann man als Machtposition wie auch als
Dienstleistungsstelle betrachten. Wenn eine
Frau Institutsleiterin wird, scheinen Macht und
Status zu sinken und die Dienstleistungsdimension tritt in den Vordergrund … Wurden Frauen
an eine wissenschaftliche Hochschule, in ein
Amt in einem wissenschaftlichen Verband oder
einer internationalen Gesellschaften berufen,
ja selbst wenn sie Stellenangebote von außen
erhielten, wurde dies von den männlichen
Kollegen regelmäßig als bloße Folge von Frauenfördermaßnahmen abgewertet und nicht
als Folge der Leistung der Frauen anerkannt.«
(Kristen Monroe, 2008:3). Noch ein Beispiel:
Im Jahr 2003 erhielt ich als eine von zwölf
Professorinnen ein angesehenes Stipendium
des deutschen niedersächsischen Bildungsministeriums. Dieses Stipendium entging
bequemerweise der Aufmerksamkeit des
männlichen Vorsitzenden meines Instituts –
während ich mir (leider viel zu lange) Gedanken darüber gemacht hatte, welchen Aufwand
die Männer wegen ihrer eigenen manipulierten, zweitklassigen Preise betrieben.
Wenn eine Frau, der Diskriminierung und
Ungerechtigkeit widerfährt, sich um institutionelle oder staatliche Wiedergutmachung
bemüht, stellt sich die Frage, wie effektiv die
bestehenden politischen und gesetzlichen
Mechanismen sind, wenn es darum geht
Frauen zu schützen.
Frauen wird oft nachgesagt, dass sie schnell
den Rechtsweg einschlagen, um ein Problem
zu lösen. Oft legen Vorgesetzte, Partner und
Familien ihnen individuelle Lösungen nahe.
Wenn Frauen tatsächlich den Rechtsweg
wählen, sind ihre Vorteile oft minimal und
die mit der Ausschöpfung des Rechtswegs
verbundenen Kosten extrem hoch, weil es
viele habgierige, mittelmäßige Anwälte gibt,
die nur darauf warten, sich an der Not von
Frauen zu bereichern. Nachdem ich dreizehn
Jahre lang ohne Freisemester oder Sabbatjahr
gearbeitet hatte, beschwerte ich mich bei
meiner Institutsleiterin (einer überzeugten
37
Feministin) an der Universität von Toronto
und verlangte eine Überprüfung. Sie bot mir
als individuelle Lösung ein Freisemester an,
ohne die Frage generell zu beantworten, wie
zukünftig in ähnlichen Fällen gehandelt werden sollte. Während meiner Promotion einige
Jahre später reichte ich eine Menschenrechtsbeschwerde gegen die Universität ein, weil sie
meine Rechte als Frau und als schwarze Frau
verletzte. Man hätte meinen können, dass
meine KollegeInnen, die zum Thema soziale
Gerechtigkeit arbeiteten und forschten, diesen couragierten praktischen Schritt begrüßt
hätten. Die Kosten dieser Beschwerde waren
extrem hoch und mein Einkommen reichte
letztlich nicht dafür aus. Ich habe Kolleginnen
getroffen, die ihre Häuser verkaufen mussten
um sich für die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze
einzusetzen.
Wie also schaffen wir nachhaltige Strukturen,
in denen Ungerechtigkeit bekämpft werden
kann und die uns davor schützen, den Weg der
individuellen Lösungen gehen zu müssen, der
viele Frauen in den finanziellen Ruin stürzt? [6]
Erlernte Hilflosigkeit
Die von mir geschilderten Erfahrungen
können zu »erlernter Hilflosigkeit« führen,
die sich definieren lässt als »… psychologische Situation, in der ein Mensch oder Tier
gelernt hat, in bestimmten Situationen hilflos
zu verhalten, selbst wenn er die Fähigkeit
hätte, unangenehme oder gar schädliche
Bedingungen zu verändern. Die Theorie der
erlernten Hilflosigkeit sieht klinische Depres­
sion und damit zusammenhängende psychische Krankheiten als Folge eines erwarteten
negativen Ausgangs einer Situation und eines
Verlusts an Kontrolle.« [7]
Viele Frauen und viele Farbige lernen aus
Erfahrung, dass es keine Rolle spielt, wie
intensiv sie arbeiten und wie sehr sie sich
anstrengen: Ihre Leistung schlägt sich nicht
im Einkommen nieder. Sollten sich Situation
und Einflussfaktoren dann irgendwann verändern und der Weg zu einem angemessenen
Einkommen offen sein, sind sie es leid, sich
nach vielen erfolglosen Versuchen noch einmal zu bemühen. Wie kommen wir aus dieser
Falle heraus? Es ist Zeit, Mentoringprogramme
[6]Hoffman, Leonore and DeSole Gloria, Rocking
the Boat: Academic Women and the Academic
Processes, 1981
[7]Learned helplessness: wikipedia.org/wiki/
Learned_helplessness, 19. August 2008
[8]Michael Albert & Robin Hahnel, Looking
Forward: Participatory Economics for the Twenty
First Century, 1991
Die Briefe – Rose Baaba Folson
zu überarbeiten, sie professioneller und
effektiver zu gestalten und sie an vorderster
Stelle in jedem politischen Programm gegen
soziale Ungerechtigkeit und Benachteiligung
von Frauen zu verankern, um bei den Verantwortlichen gerechtes Handeln und fortschrittliches Denken zu stärken. Währenddessen
können die Benachteiligten sich erholen
und ihr Leben und ihre Karriere vorantreiben,
idealerweise in einer Participatory Economy
(Mitbestimmungswirtschaft) [8].
Mitbestimmungswirtschaft
Hierbei handelt es sich um das Modell der
Ökonomen Michael Albert und Robin Hahnel.
Das Modell baut auf einer freiheitlichen
sozialistischen Tradition auf: Es zeigt, wie
ProduzentInnen und KonsumentInnen als
echte demokratische Einheit kooperieren
können. Es erlaubt Männern und Frauen,
verschiedene Arten von Arbeit fair zu teilen
und dabei die Werte Solidarität, Gleichheit in
der Verschiedenheit und Selbstverantwortung
zu fördern.
Die Tatsache, dass ich der oberen Mittelschicht meiner Gesellschaft angehöre, machte mir eines klar: Es gibt keine Möglichkeit,
nichts über die Unterdrückung der benachteiligten Gruppen in unseren Gesellschaften zu
wissen! Mitglieder dieser Gruppen arbeiten
in den Haushalten der Mittelschicht und die
verschiedenen Formen von Ausbeutung und
Unterdrückung, die sie erfahren, passieren
genau vor unseren Augen. Sich auf Nichtwissen herauszureden ist damit unglaubwürdig.
Der plötzliche Tod meines Vaters machte
mich zu einem extrem wachsamen Mädchen
von zehn Jahren. Meine Reise durch den
Feminismus begann und führte mich hin
zum Kampf für soziale Gerechtigkeit, egal
wo ich gerade bin. Ich lernte, anstelle von
kurzfristigen Einzellösungen strukturelle
Veränderung anzustreben. Individuallösungen
werden nicht nur zum Ausnahme-Normalfall,
sondern stellen auch eine Bedrohung für die
Gesundheit dar: Durch sie verschwenden
Frauen Zeit und Energie, was bereits zum
Tod zahlreicher linker Feministinnen geführt
hat. Viele unserer feministischen Schwestern
starben an Krankheiten im Zusammenhang
mit »gebrochenem Herzen«. Mit ansehen zu
müssen, wie all die Veränderungen, für die
sie so energisch gekämpft hatten, vor ihren
Augen zerstört wurden, wie Rückschläge und
Vergeltungsmaßnahmen die dünne Grundlage gefährdeten, auf der Politik und Gesetze
zur sozialen Gerechtigkeit aufgebaut waren,
hinterließ tiefe Enttäuschung. Und die Individuallösungen zerbrachen besonders leicht.
Die Briefe – Rose Baaba Folson – Harriet Fraad
Der Slogan »Das Private ist politisch« begleitet uns seit fast fünf Jahrzehnten und sollte
auch heute für mehr Frauen ein Ansporn
sein, Mut zu zeigen und das persönlich
Erlebte zu öffentlichen Kämpfen zu machen.
Ein Entwurf feministischer Politik in einem
fortschrittlichen neuen Bürgerrechtsansatz
sollte die Rechte von Frauen auf allen
Ebenen sichern und Strukturen stärken,
die soziale Gerechtigkeit weiter voran bringen. Er sollte auf strukturelle und systema­
tische Veränderungen anstatt auf individuelle
Lösungen setzen. Ein neuer Politikansatz
Harriet Fraad
New York, USA
Vorschläge für eine marxistischfeministische politische Basis
Zumindest in den USA muss sich eine linke
Partei, die Erfolg haben will, mit den Anliegen
von Frauen beschäftigen. Allzu lange hat sie
einige Grundthemen des Alltags, nämlich
Hausarbeit und emotionale Arbeit, ignoriert.
Der eine Bereich umfasst die Produktion,
Zuteilung und Verteilung dessen, was traditionell als Hausarbeit bezeichnet wird: Einkaufen, Kochen, Saubermachen und so weiter,
mit anderen Worten: Das Zuhause aufrecht
zu erhalten, in dem jede/r von uns lebt. Der
andere wichtige Bereich ist die emotionale
Arbeit, welche die Produktion, Zuteilung und
Verteilung emotionaler Leistungen zugunsten
anderer umfasst. Emotionale Arbeit bezeichnet
die kognitiven, körperlichen und seelischen
Aktivitäten, mit denen Bedürfnisse anderer
analysiert und auf diese eingegangen wird.
Diese Kategorie ist neu in der linken Analyse. Traditionellerweise sind Frauen für diese
emotionale Arbeit, also für das Aufrechterhalten von Beziehungen, zuständig. Frauen
werden in einem klassisch marxistischen Sinn
in der häuslichen und emotionalen Arbeit
ausgebeutet, nämlich in dem Sinn, dass sie
in persönlichen Beziehungen und zu Hause
Gebrauchswerte herstellen und Dienstleistungen verrichten. Diese werden von Männern
genutzt und verteilt, ohne dass die Frau anerkannt und bezahlt wird für ihre Leistung.
Ich werde mich hauptsächlich auf die Analyse
häuslicher Arbeit konzentrieren, in zweiter
Linie auf emotionale Arbeit und nur indirekt
auf sexuelle Arbeit eingehen. Die Frage nach
der sexuellen Ausbeutung der Frauen ist zu
kontrovers, um an dieser Stelle ausführlich
behandelt zu werden.
38
sollte die Vorstellung beruflichen Erfolgs
neu interpretieren, so dass alternative
Konzepte das lineare Modell des traditionellen Vollzeitjobs und des ebenso traditionellen karriereorientierten Fehlens familiärer
Verantwortlichkeiten ablösen können.
Mitbestimmungswirtschaft ist dabei eines
der Konzepte, die feministische Politik
einbeziehen sollte.
Vor allem aber sollte sich feministische Politik von überkommenen Denkweisen befreien,
die viele EntscheidungsträgerInnen auch
heute noch ersticken und gefangen halten.
Der Bereich der emotionalen Arbeit ist ein
neues Thema für die marxistische Analyse.
Sie zu leisten würde es der Linken ermög­
lichen, entscheidende feministische Elemente in ihr Programm aufzunehmen, nämlich
Konzepte für eine zukünftige Gestaltung von
Hausarbeit und emotionaler Arbeit.
Wie können diese grundlegenden Aspekte
in ein politisches Programm eingearbeitet
werden? Der erste Schritt ist die Anerkennung
und Wertschätzung dieser wichtigen Bereiche. Sie wurden bisher so sehr entwertet,
dass wir nicht einmal die passenden Begriffe
haben, um sie zu beschreiben und noch weniger, ihren Beitrag für das (Über-)Leben der
Menschen wirklich kenntlich zu machen. Teil
der Wertschätzung ist nun, herauszuarbeiten,
dass Frauen an ihren »unsichtbaren« Arbeitsplätzen wichtige Mehrarbeit leisten. An jeden
dieser Arbeitsplätze können wir grundsätzliche Fragen der marxistischen Analyse stellen:
Wird die Mehrarbeit zu Hause und in persön­
licher Beziehungsarbeit geleistet?
Wer leistet die Mehrarbeit?
Wer hat den Nutzen davon?
Wer verteilt die Mehrarbeit und zu wessen
Gunsten?
Beginnen wir damit, diese vier Fragen an den
ersten Arbeitsplatz, den im traditionellen
Haushalt, zu stellen: Die Antworten sind:
Ja, in einem traditionellen Haushalt wird
Mehrwert geschaffen. Eine Hausfrau leistet
Gebrauchswert-Mehrarbeit. Sie arbeitet, um
Ordnung und Sauberkeit zu schaffen, Essen
zuzubereiten, sich um die Kinder zu kümmern
und emotionale Zuwendung zu geben. Der
Ehemann nutzt und verteilt diese Leistungen.
Die Ehefrau macht nicht nur ihre Seite des
Bettes, sondern auch die des Mannes. Sie
kocht nicht nur für sich, sondern auch für
ihren Mann und seine Kinder. Nicht nur für
sich selbst hält sie Ordnung und so weiter.
In der marxistischen Terminologie gesprochen
reproduziert die Frau ihre eigene Arbeits-
39
kraft, indem sie sich – durch Mahlzeiten,
Ordnung, Sauberkeit, emotionales Wohlbefinden – selbst versorgt. Sie leistet außerdem
Mehrarbeit, die traditionell der Ehemann nutzt
und aufteilt. Es kann sein, dass der Mann
Mehrarbeit seiner Ehefrau mit Freunden teilt,
die ihn besuchen, mit ihm Sport im Fernsehen
schauen und dabei essen und trinken. Es kann
sein, dass er seine kranken Eltern aufnimmt
und die Ehefrau für diese sorgt und so fort.
All diese Arbeit wird normalerweise in der
Analyse der Arbeit unberücksichtigt gelassen.
Die Klassengesetze, die in solchen Haushalten
herrschen, sind die gleichen wie in anderen
Bereichen der Arbeit: Es existiert die Rolle des
Arbeiters, übernommen von der Frau, die im
Haushalt ein Zusätzliches an Gebrauchswerten schafft; es gibt die Rolle derer, die selbst
nichts produzieren, aber die Produktion von
Haushalts-Mehrarbeit ermöglichen. Grundlage
dieser Produktionsweise sind ideologische
Kräfte, die die traditionellen Geschlechter­
rollen so definieren, dass die Frau verantwortlich für die Hausarbeit, für das Aufziehen der
Kinder und die emotionale Arbeit ist. Ideologische Kräfte können in Gestalt von politisch
Rechten auftreten, als religiöse Fundamentalisten oder als Theoretiker aus den Bereichen
Psychologie oder Soziobiologie, welche die
traditionellen Rollen der Geschlechter als
natürlich, unausweichlich oder genetisch
bedingt betrachten. Die Rolle der Nutzer oder
»Konsumenten« und »Distributoren« im tradi­
tionellen Haushalt wird vom Ehemann gespielt, der häuslich und emotional von seiner
Frau versorgt wird.
Die marxistischen Kategorien erleichtern uns
das Verstehen eines unglaublich komplexen
Schauplatzes wie den des Haushalts, in dem
Klassen- und Nicht-Klassen-Prozesse sich
gegenseitig beeinflussen und in dem die
Arbeitskraft der Frau ausgebeutet wird und
unsichtbar bleibt. So nützlich die Analyse der
Klassenausbeutung im Haushalt auch ist, so
kann sie doch nicht zur Gänze erfassen, was
im Haushalt geschieht – so wie ein einzelner
Aspekt niemals die Totalität des Ganzen begreiflich machen kann. Klassenprozesse sind
geformt und formen selbst politische, ethnische oder ideologische Nicht-Klassenprozesse
wie Geschlechterkonzepte, die von Religion,
Medien, Familientraditionen, Regierungs­
programmen, Job-Ausschreibungen, Gesetzes­
beschlüssen und so weiter getragen und
geformt werden.
Ein Beitrag zur Stärkung von Frauen in der
Linken kann sein, sowohl Männern als auch
Frauen bewusst zu machen, dass das eben
beschriebene Funktionieren der traditionellen
Hausarbeit dem entspricht, was Marx den
»feudalen Klassenprozess« genannt hat. Die-
Die Briefe – Harriet Fraad
ser wird als »feudal« bezeichnet, weil – wie
in der Rollenverteilung zwischen Leibeigenen
und Herren im mittelalterlichen Europa –
Frauen Mehrarbeit leisten, die der Herr/
Ehemann nutzt und verteilt. Das Anrecht des
Herrn auf die Arbeit des Leibeigenen wurde
durch die katholische Ideologie abgesegnet,
welche die Geburt Jesu Christi als »Herrn«
(Lord) als Begründung dafür ausgab, dass die
Nutzung von Bedienstetenarbeit durch den
»Herrn« legitim sei. Dieselbe katholische Ideologie vereinigt sich – genau wie jede andere
fundamentalistisch-religiöse Ideologie – mit
soziobiologischen Ideologien, die behaupten,
die Frau habe eine von der Natur oder von
Gott gegebene genetische Mission, dem Mann
zu dienen. Es gibt eine psychologische »Theorie«, die Frauen ein angeborenes Begehren
unterstellt, ausgewählten Männern zu dienen.
Eine weit verbreitete Ideologie definierte
weibliche Liebe als den Wunsch der Frau, für
den Mann dienend da zu sein. Man sieht, dass
schon Ideologien verschiedenster Prägung im
Einsatz waren, um die häusliche und emotionale Arbeit der Frau für den Mann zu legitimieren. Solche feudalen Ideologien sollten
keinen Platz haben in einer Gesellschaft, die
Feudalismus als überkommenes System von
Leibeigenschaft und Ausbeutung ablehnt. In
den USA jedoch – obgleich sie angeblich in
ausdrücklicher Ablehnung des Feudalismus
gegründet sind – arbeiten Frauen im Haushalt
in einem feudalen, durch entsprechende Ideologien gerechtfertigten Klassenverhältnis. Drei
Viertel der US-Amerikanerinnen arbeiten auf
dem kapitalistischen Arbeitsmarkt außerhalb
des eigenen Heims. Trotzdem werden siebzig
Prozent der Hausarbeit und zweiundachtzig
Prozent der Betreuungsarbeiten für Kinder
von Frauen verrichtet. Wir müssen auch im
Kopf behalten, dass sich durch die häusliche
Ausbeutung der Frau ihre Ausbeutung auf
dem Arbeitsmarkt vergrößert. Teilzeitberufe
sind die am schlechtesten abgesicherten und
am schlechtesten bezahlten Jobs. Frauen
stellen eine überproportional hohe Zahl an
Teilzeitkräften. Sie nehmen eine Auszeit von
ihrem Beruf, um sich um häusliche Belange
zu kümmern, dafür verlieren sie Altersvergünstigungen und Rentenansprüche. Wenn
Frauen aus dem Beruf aussteigen, um Kinder
groß zu ziehen, kommen sie später wieder
herein ohne aktuelle berufliche Weiterbildungen oder berufliche Verbindungen. Frauen,
die im Beruf bleiben, müssen nach der Arbeit
Haushalt und Kinder versorgen. Sie können
daher keine Überstunden machen, nicht an
Seminaren oder Konferenzen teilnehmen oder
informell Geschäftsverbindungen herstellen,
die ihren beruflichen Aufstieg unterstützen
würden. Häuslicher Feudalismus ist aktuell –
in US-amerikanischen wie auch in deutschen
Haushalten.
Die Briefe – Harriet Fraad
Die Linke sollte erstens genau darlegen, was
Hausarbeit umfasst, zweitens ihre immense
Wichtigkeit betonen und drittens Programme
schaffen, welche die häusliche Last für Frauen
verringern.
Einige Vorstellungen, die aus den Erkenntnissen über die Ausbeutung der Frau kommen
und die ihre Situation verbessern könnten:
preisgünstige Familienrestaurants;
Möglichkeiten für preiswerte und
gesunde Mahlzeiten »zum Mitnehmen«;
n subventionierter Putz- und
Wäschereinigungsservice;
n Kinderversorgung nach dem
französischen Modell;
n gute Angebote in Erziehung, Sport
und Kunst nach der Schule.
n
n
Weiter stellt sich die Frage, welche Programme helfen könnten, die Last der notwendigen
emotionalen Arbeit für Frauen zu verringern –
zusätzlich zur Anerkennung der Mühe und
der Kompetenz, die emotionale Fürsorge für
andere erfordert. Hier einige Ideen:
n Bereitstellung eines Extra-Einkommens in
Berufen, die emotionale Fürsorge erfordern;
ausdrücklich sollte dabei die emotionale
Arbeit gewürdigt werden. Solche Berufe – zum
Beispiel die Versorgung von Kranken, Sozialarbeit oder das Unterrichten von Kindern im Alter
von fünf bis acht Jahren – werden zumeist
von Frauen ausgeübt und sind derzeit die am
schlechtesten bezahlten Berufe in den USA.
n Ein bewusst zugestandener finanzieller
Anreiz soll Arbeiten zukommen in Berufen,
die emotionale Anstrengungen im Hinblick
auf Kundschaft erfordern. Diese Anreize
sollten für Berufe wie Kellnerin, Verkäuferin,
Sekretärin oder Empfangspersonal geschaffen
werden. Das gesamte Personal im Gesundheitswesen, alle helfenden Berufe sowie
Rechtsanwältinnen sollten einen zusätzlichen
Verdienst erhalten, da sie in ihrem Beruf auch
emotionale Fürsorge leisten.
n Kostenfreie Beratungseinrichtungen für
Paare und Familien, in denen die Fähigkeiten
des Verstehens und des Emotional-für-andereSorgens gelehrt und wertgeschätzt wird.
n Man sollte dafür sorgen, dass die ZwölfSchritte-Programme der Anonymen Alkoholiker (und der Anonymen Spielsüchtigen, der
Anonymen Opfer von sexueller Gewalt und
anderer Gruppen dieser Art) noch einen drei-
40
zehnten Schritt hinzu nehmen, welcher sich
auf die Ursachen des Entstehens der Sucht in
repressiven und autoritären Familien bezieht
und die Verantwortung der Industrie heraus­
stellt, die Alkohol, Mode, Pharmazeutika, Porno­
graphie und »junk food« produziert. Andere
Teile eines linken Parteiprogramms auf der
hier skizzierten Grundlage könnten sein:
n Das Beenden von Geschlechterdiskriminierung bezogen auf jede Art von Arbeit,
ob im Berufsleben oder zu Hause;
n angemessene und gleiche Bezahlung
von Männern und Frauen;
n keine berufliche Diskriminierung von Frauen
mehr auf dem Arbeitsmarkt unter besonderer
Berücksichtigung von Müttern;
n schulischer Unterricht, der Kindern schon
früh beibringt, respektvolle und verantwortungsvolle Entscheidungen bezüglich der
Geburtenkontrolle zu treffen. Männern sollte
vermittelt werden, dass sie ebenso große Verantwortung für das werdende Leben tragen
wie Frauen. In Skandinavien gibt es bereits
umfassende schulische »GeburtenkontrollKurse«, die in den ersten Klassen beginnen.
Dabei wird zuerst die Reproduktion von
Pflanzen angeschaut.
n In den höheren Schulklassen könnte die Be-­
tonung auf persönlichen Beziehungen und sexueller Verantwortung liegen. Im Weiteren sollte Sexualerziehung auch auf die Bedürfnisse
des werdenden Lebens eingehen und darauf,
was bei einer Familiengründung wichtig ist.
n Die linke Bewegung könnte über die ganze
Lebensspanne Lernangebote für Kinder und
Erwachsene bereitstellen, in denen sie – egal
ob Kinder oder Erwachsene – den Umgang
mit Beziehungskonflikten und gegenseitigen
Respekt erlernen. So ließen sich vielfältige
Ansätze und Strategien vermitteln, um
egalitäre und kommunistische emotionale
Beziehungen zu gestalten.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass es
entscheidend für die Linke ist, eine Sprache und eine Wertschätzung für die Arbeit
der Frauen und die Arbeit aller Menschen,
die sich emotional um andere kümmern, zu
finden. Eine Analyse dessen, was Arbeit alles
umfasst, ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Situation der Frauen zu Hause und
am Arbeitsplatz. Die Klassenanalyse ist eine
Basis, auf welcher diese Sprache entwickelt
werden kann. Mit ihr wird eine Klärung und
Würdigung der traditionell unsichtbaren Arbeit
der Frauen möglich sein.
41
Montserrat Galceran
Madrid, Spanien
Was kann linker Feminismus
heute bedeuten?
Mit dem nachfolgenden Text nehme ich
die Einladung von Frigga Haug an, über ein
linkes feministisches Projekt nachzudenken.
Ich möchte vorausschicken, dass ich mich
nicht berufen fühle, ein Programm aufzustellen und dass das Folgende einige allgemeine
Reflexionen sind über die Entwicklung des
Feminismus in Spanien, darüber wie ihn die
spanische PSOE-Regierung kooptiert hat
und über seine Neubelebung im Rahmen der
aktuellen alternativen Bewegungen, wobei er
sich deutlich vom klassischen europäischen
Feminismus der sechziger und siebziger Jahre
unterscheidet.
Frauenbewegung und
institutioneller Feminismus
Ich schreibe aus der Sicht der spanischen
Halbinsel, wo sich der Feminismus zunächst
rasch entwickelte und Fragen der Frauenunterdrückung – geschlechtsspezifische Gewalt,
Diskriminierung bei der Arbeit oder Doppelbelastung – in das Zentrum institutioneller
Politik rückte. Eine allgemeine Stärkung der
weiblichen Subjektivität hatte das allerdings
nicht zur Folge.
Während auf der einen Seite die feministische Bewegung nach dem Ende des FrancoRegimes (span.: franquismo) recht stark
wurde und in der so genannten »Transición«[1]
eine beachtliche Rolle übernahm, wurde
sie als Bewegung durch denselben Prozess
geschwächt: Die Zahl der offiziellen und
halb-offiziellen Einrichtungen für Frauenfragen
wuchs außerordentlich und beanspruchte
viele Frauen, die sich zuvor als Aktivistinnen
verstanden hatten. Die Zahl der Vermittlerinnen und Expertinnen vergrößerte sich enorm,
während sich die Zahl der feministischen
Basisgruppen stark verringerte.
Das zeigt nach meiner Auffassung, dass sich
die Stärke der Bewegungen nicht umstands­
los in Regierungspolitik übersetzen lässt.
Denn mit dem Übergang von den Frauennetzen in die Regierungseinrichtungen verlieren
die Bewegungen an Fähigkeit zur Mobilisierung und zur Schaffung von Subjektivität,
auch wenn sie Wirksamkeit in der Abwehr
und Norm setzenden Universalismus hinzugewinnen mögen. Für die Frauenbewegungen
scheint es mir wichtig zu überlegen, welche
[1 ]Übergangsphase von der Herrschaft Francos zur
parlamentarischen Demokratie in Spanien
Die Briefe – Montserrat Galceran
Forderungen und Ziele wir selbst durch unsere
Bewegungen und Netze voranbringen können
und müssen, ohne sie der Vormundschaft des
Staates zu unterstellen, und welche anderen
Fragen den institutionellen Einrichtungen
überlassen werden müssen, wie zum Beispiel
Rechtsentscheide.
Zweifellos geht die Frage nach der Beziehung
zwischen sozialen Bewegungen und staat­
lichen Institutionen über die Frauenbewegung
hinaus, doch hat sie in ihr eine ihrer zentralen
Bezugspunkte, und zwar präzise wegen der
Kraft der Frauenbewegungen und der Schwierigkeiten, die sie durch ihre Aufnahme in
institutionelle Prozesse aufwerfen.
Daraus folgt nach meiner Auffassung, dass
eine linke Politik sehr geringe technokratische Züge haben sollte und im Gegenzug sich
bemühen müsste, die Kraft der sozialen Bewegungen zu verstärken, ihre Unabhängigkeit
zu respektieren und ihre Selbstverwaltung
zu unterstützen. Gleichzeitig müssten diese
Bewegungen ihre Beziehungen zu den staat­
lichen Institutionen sehr genau überprüfen.
Frauenpolitik
Wir Frauen stellen in vielen Gesellschaften
eine »mehrheitliche Minderheit« dar. Wir
werden wie eine Minderheit behandelt, das
heißt als eine Gruppe von Subjekten mit
spezifischen Merkmalen, auf Grund derer
wir als etwas Verschiedenes vom »typischen
Bürger« betrachtet werden. Diese Kategorie
aber ist nach männlichen Merkmalen gebildet.
Gleichzeitig sind wir Frauen zumindest die
Hälfte der Bevölkerung und in vielen Fällen
noch mehr. So sind wir arithmetisch in der
Mehrheit, werden aber im sozialen Verhältnis
als Minderheit angesehen. Im Unterschied zu
anderen sozialen Gruppen weisen wir aber
keine anderen spezifischen Merkmale als die
Geschlechtsdifferenz und die von ihr abgeleitete unterschiedliche Stellung in den sozialen
Verhältnissen auf. Diese Bedingung durchdringt daher, wie wir zu sagen pflegen, alle
anderen (span.: »es transversal«) und reicht
nicht aus, um Identität zu stiften. Die Verschiedenheiten unter Frauen sind mindestens
so relevant wie die, die uns als ganze Gruppe
von den Männern unterscheiden.
Dies erklärt vielleicht, warum jedweder »Identitäts-Feminismus«, der die Kategorie »Frau«
zum Schlüssel der Analyse erhebt, scheitern
muss. Wir bevorzugen es, uns in Vereinigungen, Kollektiven, Gruppen zu organisieren, die
sich durch Bildung offener Netzwerke informell verbünden, welche sich jeweils mit ihren
spezifischen Angelegenheiten befassen. Ich
glaube, dass diese Form der Organisation und
des politischen Handelns, die auch andere
42
Die Briefe – Montserrat Galceran
alternative Gruppen kennzeichnet, einige nützliche Lehren enthält: besonders den Verzicht
auf eine Macht von oben nach unten, die uns
in Identitätskategorien einsperrt – unsere
Zugehörigkeit zu einem besonderen Kollektiv,
das unserem Leben Sinn verleiht und unsere
Kämpfe rechtfertigt – und die Öffnung für
eine bewegliche Bündnispolitik zugunsten der
vorgeschlagenen Ziele, deren situationsspezifische Konturen in jedem besonderen Fall
detailliert analysiert werden müssen.
Folglich denke ich nicht, dass man unter
Frauen-Politik verstehen sollte, soziale
Maßnahmen für Frauen zu fordern und auch
nicht, traditionelle Politik zu machen, deren
handelnde Subjekte nun eben weiblichen
Geschlechts sind. Es geht um eine Weise politisch zu handeln, die uns Frauen, insbesondere unseren Kollektiven und Gruppen, volle
Autorität in den Themen, mit denen sich diese
Vereinigungen vorrangig befassen, zuerkennt.
Dieser Politikstil mag vielleicht einen korporativen Anstrich haben, doch sein positives
Ergebnis ist, dass er kollektive Stärke zum
sozialen Eingreifen aufbaut.
Politik nah am gemeinschaftlichen Leben
Abseits von jedem Essentialismus richten die
Lebensbedingungen von Frauen uns darauf aus, die Ansprüche des Lebens, sowohl
unsere eigenen als auch die von denen, die
uns umgeben, im Sinn zu haben und uns in
vielen Fällen auch darum zu kümmern. Es ist
diese Situation, die uns vermutlich sensibler
dafür macht, die Folgen, ob pervers oder zuträglich, der vorgegebenen Regierungspolitik
wahrzunehmen, welche oft die Auswirkungen
der eigenen Maßnahmen nicht angemessen
abwägt.
Ich denke, es ist äußerst wichtig, die Dimen­
sion des »Lebens« in der öffentlichen Politik zu bedenken, welches ihre Effekte für
den Unterhalt der sozialen Netze – oder im
Gegenteil für ihre Zersetzung – sind. Maßnahmen zur Gleichstellung mit den Männern, so
wichtig sie sind, genügen nicht, denn in ihnen
ist meist der Mann Vorbild: In seiner Unabhängigkeit von den alltäglichen Beziehungen
und in seiner vermeintlichen Unabhängigkeit
bezüglich der Beschränkungen des gemeinschaftlichen Lebens. Diese Haltung macht
unsichtbar, dass Männer oft in einer Umwelt
leben, für deren Voraussetzungen sie unsensibel sind, und die nur möglich ist, weil ein
Frauenheer hinter ihnen sich um die Bedingungen dieser Selbsterhaltung kümmert. Anstrengung, Arbeit, Vorsorge und auch Vorstellungskraft, die nötig sind, ihn zu erhalten, sind
das Werk unsichtbarer Ensembles von Frauen
in allen Bereichen »sozialer« Beschäftigun-
gen, von der Hausarbeit über Gesundheit und
Erziehung, den Unterhalt der Infrastruktur bis
zur Verwaltung. Meiner Meinung nach haben
die Frauenbewegungen beste Voraussetzungen, die gewaltige Anstrengung, welche die
Vergesellschaftung gemeinsamen Lebens in
den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften erfordert, nicht aus dem Blick zu verlieren.
Und wir müssen das geltend machen angesichts eines heute hegemonialen Diskurses,
der individuelle Unabhängigkeit und Entfremdung untereinander an die erste Stelle setzt.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig
hervorzuheben, dass es in Fragen der Lebensreproduktion unverzichtbar ist, die Stimme
der Frauen wiederzugewinnen, in der unser
Körper und unsere Arbeit aktiv sind. Dies ist
auch relevant für Fragen der Abtreibung, der
Sorge um den eigenen Körper, Ernährung,
Medizin und andere mehr.
Patriarchat und Kapitalismus
Wenn wir Patriarchat als Situation der Herrschaft der alten Männer über die Frauen und
die jungen Männer bestimmen, welche in
der Familie einen ihrer vorrangigen Zellkerne
hat und sich auf weitere Bereiche wie Schule oder Unternehmen erstreckt, ist es nicht
schwer zu verstehen, dass sich diese Struktur
mit kapitalistischer Herrschaft und Ausbeutung verbindet, welche durch Eigentum und
Befehlsgewalt über fremde Arbeit aufrecht
erhalten. Der Zusammenhang bedeutet nicht,
dass alle Männer einen Herrschaftsplatz einnähmen, sondern dass beide Strukturen sich
verbinden und buntscheckige und manchmal
widerspruchsvolle Erscheinungen hervorbringen. Eins aber ist sicher: Antikapitalistische
Denkansätze dürfen diese Verbindung nicht
außer Acht lassen. Wenn sie das dennoch
tun, wenn sie also keine Sozialisationsform
fördern, die nicht auf der Unterdrückung einer
ganzen gesellschaftlichen Schicht – die der
Frauen und besonders der ärmsten Frauen
– beruht, werden sie nicht über den engen
Rahmen der Mittelklasse hinaus kommen, in
der Frauenemanzipation und ihr Eintritt in den
Bereich der bezahlten Arbeit und ihre Teilhabe
am öffentlichen Leben mit der Unterordnung
so vieler armer Einwanderinnen bezahlt wird,
die jetzt für ihre Heime und Familien sorgen. Daher ist diese Befreiung per Definition
nicht erweiterbar auf die gesamte weibliche
Bevölkerung, eben weil sie das unabwendbare
Wesen all jener Aufgaben nicht berücksichtigt.
Die Verwandlung der heutigen Familien
schwächt in gewisser Weise die soziale
Basis des klassischen Patriarchats, denn die
Familien entsprechen in ihren vielen Facetten
nicht mehr dem Modell der heterosexuellen
43
Familie mit Kindern. Es entstehen unzählige
neue Formen: Ein-Eltern-Familien, viele von
ihnen unter Verantwortung von Frauen, Familien Homosexueller, Familien mit mehr als
einem Vater und/oder einer Mutter als Folge
von vorangegangenen Scheidungen, Familien, die durch die Migration einer oder mehrerer ihrer Mitglieder erweitert sind, Lebensgemeinschaften usw. In diesen folgen die
Herrschaftsformen, sofern vorhanden, nicht
dem klassischen patriarchalischen Muster,
sondern verschiedenen Verbindungen, die
Ergebnis von Persönlichkeitsmerkmalen,
sozialer Stellung, Einkommen, verschiedenen
Traditionen sind. Nach dem oben Gesagten
muss daher festgestellt werden, dass die Zerstörung der traditionellen Familie nicht dazu
führt, Herrschaftsstrukturen völlig auszumerzen, sondern sie durch verschiedene Modelle
zu ersetzen. Deren Kritik und Überprüfung ist
ein weiteres Politikgebiet der Gegenwart.
Eine linke feministische Politik sollte solchen
Veränderungen große Aufmerksamkeit schenken, um jede Form der Diskriminierung zu
vermeiden, die sich aus mangelnder Aufmerksamkeit und Kenntnis der vielfältigen Formen
zeitgenössischen alltäglichen Lebens ergeben
könnte; denn die heterosexuelle Familie, die
wichtigster Adressat der öffentlichen Politik
ist, ist nicht mehr die Norm ist, sondern hat
sich fast in eine Ausnahme verwandelt.
Viele junge Frauen sind durch diese besondere Situation mit einem hoch prekären
Umfeld konfrontiert, nicht nur, weil sie zu
den zuerst von ökonomischen Schwierigkeiten Betroffenen gehören, sondern auch, weil
mit der Auflösung der klassischen Familie
zusammen mit der Unterdrückung auch einige Schutzmechanismen verschwinden. Die
öffentliche Politik sollte die Probleme dieser
sozialen Gruppe stärker berücksichtigen mittels einer nicht paternalistischen Politik, die
sie entschlossen in ihrem sozialen Handeln
unterstützt.
Neue Subjektivitäten
Größte Bedeutung hat nach alledem für mich,
dass jede Politik, die man verfolgt, die Stärkung der Subjektivität von Frauen zum Ziel
hat. Sie soll den Weg für die direkte Teilhabe
der Frauen bereiten und ihnen die Kontrolle
über ihr Leben übergeben, zumindest soweit
dieses im gegenwärtigen sozialen System
möglich ist. Unsere Erfahrung lehrt uns,
dass einige Maßnahmen, die der Staat unter
dem Vorwand Frauen zu schützen, in Angriff
Die Briefe – Montserrat Galceran
nimmt, sie zu Opfern machen oder zurücksetzen. Es passiert auch, dass die Abhängigkeit
vom Ehemann und der Familie durch die
Abhängigkeit vom Staat und seinen Einrichtungen ersetzt wird. Ich denke, dass der Weg
genau in die Gegenrichtung gehen muss:
nämlich die Eingriffsmöglichkeiten für Frauen
verstärken und Hindernisse ausräumen. Der
Maßstab dafür sollte die Lage der am meisten
benachteiligten Frauen und die Aufmerksamkeit für ihre Forderungen sein, anstatt ein
Frauenideal zu entwerfen, an das wir alle uns
anpassen sollen.
Migrantinnen (Einwanderungspolitik)
Ein Brennpunkt in der aktuellen Politik der
Europäischen Union ist die (Im-) Migration
und ihre Regulierung. Sie hat schwerwiegende
Folgen für arme Frauen, besonders in jenen
Fällen, in denen sie sich am Rande der Illegalität bewegen, zum Beispiel in der Prostitution,
bei nicht anerkannter Hausarbeit, bei fehlenden Aufenthaltsgenehmigungen usw.
Das ist ein weites Feld, an dem aber, wie
ich meine, keine feministische Politik vorbei
gehen kann, da ein Großteil der armen
Frauen des Planeten in den Kreislauf der
Aus- oder Einwanderung eintritt und dabei
großes Leid erlebt, wie zum Beispiel täglich
fremde Kinder zu versorgen, ohne die eigenen je zu sehen, oder ein zwei- oder dreifaches Leben in verschiedenen Kontinenten
zu führen. Im Unterschied zu den männlichen
Migranten früherer Epochen verlieren Migrantinnen die Bindungen zu ihren Herkunftsländern nicht, vor allem wenn sie Ehemänner
oder Kinder dort zurücklassen. Deshalb
sollten sie auf öffentliche Hilfen rechnen
können, die ihnen erlauben, die harten
Lasten besser zu ertragen.
Dasselbe ist mit Blick auf die ausländischen
Frauen in der Prostitution zu sagen. In ihrem
Fall verstärkt eine Marginalisierung die andere: Sie arbeiten im Verborgenen und Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung werden ihnen
vorenthalten. Andererseits stürzt das Fehlen
von Papieren Frauen in die Arbeit als Prostituierte oft erst hinein.
In all diesen Fällen müssen umfängliche
Analysen der anstehenden Fragen sowie das
Eingreifen der Frauen selbst und ihrer Organisationen die Grundlage von Politik bilden.
In manchen Fragen könnte es ein sinnvolles
politisches Kriterium sein, die am schlechtesten Gestellten nicht weiter zu schädigen.
44
Die Briefe – Lena Gunnarsson
Lena Gunnarsson
Örebro, Schweden
Ist die Linke bereit für die Liebe?
Die schwedische Linkspartei
und der Feminismus
Im Jahr 2006 arbeitete ich für die schwedische
sozialistische Wochenzeitung »Flamman«. Ich
bekam den Auftrag, ein Interview mit Lothar
Bisky zu führen, dem Vorsitzenden der neuen
linken Partei DIE LINKE in Deutschland. Er
hielt sich in Stockholm auf, um Lars Ohly zu
treffen, den Vorsitzenden der schwedischen
Linkspartei »Vänsterpartiet«.
Ich wusste, dass Ohly nicht gerade begeistert
war von Biskys Standpunkt in der hitzigen
Debatte über Prostitution im Zusammenhang
mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Teil der WM-Vorbereitungen in Deutschland war, neue Bordelle zu bauen, was den
(männlichen) schwedischen Gleichberechtigungsbeauftragten, wenn auch ohne Erfolg,
dazu veranlasst hatte, einen Boykott der
WM zu fordern. Obwohl sich die schwedische
Linkspartei dem Boykottaufruf nicht angeschlossen hatte, stand eine entschiedene
Verurteilung der deutschen Unterstützung von
Prostitution außer Frage. Die schwedische
Linkspartei hatte 1996 den Feminismus auf
gleicher Ebene mit dem Sozialismus zur Grund­
lage ihrer Politik erklärt und ins Programm
aufgenommen. Ich war schockiert, dass zehn
Jahre später ein deutsches Äquivalent dieser
ernsthaft feministischen schwedischen Linkspartei die Ausweitung des Bordellgeschäfts im
eigenen Land nicht einmal verurteilte.
Natürlich bin ich bei meinem Treffen mit Bisky
auf dieses Thema eingegangen. Im Verlauf des
Interviews wurde mir klar, dass die deutsche
Linke irgendwie dem feministischen Druck
hatte ausweichen können, den ich für weltweit
und zwingend gehalten hatte. Bisky berichtete
stolz, dass seine Partei im Zusammenhang mit
der Fußball-WM härtere Maßnahmen gegen
erzwungene Prostitution gefordert hatte.
Er sah jedoch kein Problem in »freiwilliger«
Prostitution. Ich sagte, dass in Schweden die
Unterscheidung zwischen erzwungener und
freiwilliger Prostitution stark hinterfragt würde,
nicht nur von Feministinnen und Linken.
Bisky erwiderte, dass er in dieser Hinsicht
sehr gern mehr von der schwedischen Linkspartei lernen würde. Er machte jedoch klar,
dass er nichts von der schwedischen Kriminalisierung von Sex-Käufern hielt; das eigentliche
Problem sei für ihn die Armut der Frauen.
Nach dem Treffen mit Bisky fragte ich mich,
wie es zu so gravierenden Unterschieden
zwischen der schwedischen und der deut-
schen Linken kommen konnte. Und ich staunte
über meine eigene Überraschung angesichts
dieser Unterschiede. Bedeutete das nicht,
dass die deutschen linken Feministinnen
ähnlich überrascht sein würden von den
feministischen Überzeugungen und Positionen
der schwedischen Linken? Was wissen wir
eigentlich voneinander? Meine Schlussfolgerung war, dass wir über die feministischen
Kämpfe in unserem jeweiligen linken Kontext
mehr wissen müssen, wenn wir gemeinsam
als globaler, linker Feminismus vorankommen
wollen. Im Folgenden möchte ich zu diesem
Projekt ein wenig beitragen, indem ich zu
beschreiben versuche, wo die schwedische
Linkspartei im Bezug auf den Feminismus
heute steht. Ich werde zu dem Schluss kommen, dass ihr feministischer Standpunkt von
Widersprüchen durchzogen ist, die weitere
theoretische Klärung erfordern. Und ich frage
mich, ob diese Klärung vermieden wird, weil
verborgene, tief verwurzelte Konflikte sichtbar
werden könnten.
Die feministische Geschichte
der »Vänsterpartiet«
Wenn wir uns das Programm der »Vänsterpartiet« auf seine Aussagen zum Feminismus hin
ansehen, stellen wir fest, dass es aus einer
Mischung unterschiedlicher feministischer
Paradigmen besteht. Was das Patriarchat,
ganz abstrakt gesprochen, ist, wird in wenigen
Sätzen zum Ausdruck gebracht, die ich so
übersetzen würde: Das Patriarchat hat seine
wesentliche Basis in der Reproduktion. Es übt
seine Macht auf dem Wege der Kontrolle über
weibliche Sexualität und Schwangerschaft aus
und bestimmt die Arbeit der Frauen in Familie
und Gesellschaft. Einerseits werden Frauen an
der Nutzung wichtiger produktiver Ressourcen
gehindert, die ihnen ein eigenes Einkommen
und ein unabhängiges Leben erlauben würden,
andererseits sind sie des Rechts auf den eigenen Körper beraubt.
Es wird sofort deutlich, dass die feministische
Analyse der »Vänsterpartiet« nicht die marxistisch-feministische ist, welche die Frauenunterdrückung auf ihre Funktion im Kapitalismus
reduziert. Obwohl die Kontrolle von Frauenarbeit als wichtig erwähnt wird, orientiert sich
die Analyse nicht an der arbeitsfixierten Form
des sozialistischen Feminismus, sondern
betrachtet Reproduktion und Sexualität als
Basis des Patriarchats.
Während der Satz »Das Patriarchat hat seine
eigene Basis in der Reproduktion« einer
historisch-materialistischen Forschungstradition entspringt, hat der Satz »Das Patriarchat
übt seine Macht auf dem Wege der Kontrolle
weiblicher Sexualität und Schwangerschaft
45
aus« einen deutlich radikalfeministischen
Bezug – nicht nur wegen seiner Betonung
der Sexualität, sondern auch hinsichtlich der
Analyse, die den Begriff der Kontrolle verwendet und nicht den der Ausbeutung. Der letzte
Satz im obigen Zitat bringt die Zweigleisigkeit
der Erklärungsansätze noch deutlicher auf
den Punkt: Frauen werden wichtiger produktiver Ressourcen (historischer Materialismus/
Ausbeutung/Wirtschaft) und ihrer Körper
beraubt (radikaler Feminismus/Kontrolle/
Unterdrückung/Sexualität).
Wie beeinflusst nun diese Zweigleisigkeit die
praktische Politik der Partei? Ich behaupte,
dass die »Vänsterpartiet« politisch ein Gleichgewicht zwischen dem Schwerpunkt auf
ökonomischer Sicherheit und gleicher Verantwortung für die Kinderbetreuung auf der einen
und dem Schwerpunkt auf sexueller Freiheit
und Freiheit von sexueller Gewalt auf der
anderen Seite gefunden hat. Die Jugendorganisation der Partei war die treibende Kraft, als
es darum ging, Handlungsansätze zu politischen Themen zu finden, die sich den ökonomischen Definitionen entzogen. Vor allem ihr
Programm der feministischen Selbstverteidigung erweiterte das klassisch-sozialistische
Spektrum von Politik. Interessanterweise litt
jedoch auch die Jugendorganisation unter tiefgreifenden Widersprüchen, die unter anderem
auf unterschiedlichen Herangehensweisen bei
der Analyse des Patriarchats beruhten.
Die außerhalb der sozialistischen Bewegung
entwickelten feministischen Standpunkte
scheinen einigen linken Feministinnen Probleme zu bereiten, zumal in einer Zeit, da dem
Klassenstandpunkt gesellschaftlich wenig Bedeutung zugesprochen wird. Während Feministinnen der zweiten Generation gegen eine
marxistische Sichtweise zu kämpfen hatten,
in welcher die Geschlechterverhältnisse nicht
als eigenes und fundamentales Machtverhältnis anerkannt wurden, ist für die Linken in der
heutigen dritten Generation des Feminismus
zusätzlich entscheidend, sich gegen starke
bürgerliche Strömungen zu behaupten.
Obwohl die Verankerung feministischer Politik
in der »Vänsterpartiet« recht weit gediehen
ist, gibt es immer noch Unstimmigkeiten,
die intensive Überlegungen zum Zusammenhang von Theorie und Praxis erfordern. Das
feministische Programm der »Vänsterpartiet«
basiert heute auf einem etwas altmodischen
ökonomistischen sozialistischen Feminismus,
angereichert mit ein bisschen radikalem und
liberalem Feminismus. Die zwei Pole sind
aus meiner Sicht nicht zu einem stimmigen
Ganzen zusammengeführt worden, welches
mehr als die Summe seiner Teile ergäbe. Eine
Folge ist, dass Ausbeutung und Wertschöp-
Die Briefe – Lena Gunnarsson
fung zumeist ausschließlich in ökonomischen
Begrifflichkeiten analysiert werden, der Bereich der Sexualität sich aber nicht so einfach
in diese Begriffe fassen lässt. Das »Versagen«
der »Vänsterpartiet« spiegelt ein allgemeineres theoretisches Problem wieder, das seine
Ursache zum Teil in der poststrukturalistischen Wende innerhalb der feministischen
Theoriebildung hat: Da strukturtheoretische
Erklärungen »out« sind, baut außer ein paar
tapferen und eigensinnigen Wissenschaftlerinnen niemand mehr auf die beeindruckenden,
aber vergeblichen Mühen von Feministinnen
der zweiten Generation, zu erklären, was Frauen unter patriarchalen Verhältnissen wirklich
angetan wird.
Mich wundert dabei, dass die »Vänsterpartiet«
nicht viel mehr von jenen neuen theoretischen
Ansätzen aufgenommen hat, die in ihrer unmittelbaren Umgebung entstanden sind. Eine
der wenigen zeitgenössischen Wissenschaftlerinnen, die sich mit der Zusammenführung des
historischen Materialismus und des radikalen
Feminismus befasst, Anna G. Jónasdóttir, lebt
tatsächlich in Schweden. Und Jónasdóttir hat
die interessanteste und stimmigste Theorie
des gegenwärtigen westlichen Patriarchats
geschaffen, die ich kenne. Sie ist die einzige,
die es wirklich geschafft hat, die theoretische
Kluft zwischen dem asexuellen historischen
Materialismus und dem ahistorischen radikalen Feminismus zu überwinden, indem sie
eine historisch-materialistische Konzeption
von Sexualität und Liebe vorlegte. In Jónasdóttirs theoretischem Bezugsrahmen ist die
sexuelle/»reproduktive« Sphäre nicht nur in
einem Zusammenhang mit Ökonomie, Arbeit oder Biologie zu verstehen, sondern die
sozio-sexuellen Liebesfähigkeiten der Frauen
sind selbst als Produktivkraft anzusehen und
können als solche von Männern ausgebeutet
werden – und werden es auch. Liebe schafft
Menschen als Personen, nicht nur im Sinne der
biologischen Erzeugung, sondern auch hinsichtlich ihrer sozialen Existenz und Erhaltung, und
wenn wir die Liebe nicht als fundamentale und
Geschichte machende Antriebskraft ansehen,
werden wir nicht in der Lage sein, Patriarchat
zu erklären (Jónasdóttir 1994, 2008; Ferguson
1989, 1991 entwickelt eine ähnliche Theorie).
In einer berühmten Rede auf dem Parteitag
der »Vänsterpartiet« im Jahre 2002 stellte
deren damalige Vorsitzende, Gudrun
Schyman, Jónasdóttirs Konzept der Liebeskraft vor. Die Rede löste eine intensive Debatte aus, vor allem Schymans Position, dass
der Frauenunterdrückung in Schweden trotz
unterschiedlicher Ausdrucksweisen dieselbe
Struktur wie der in Afghanistan zugrunde
liege (die Rede ist noch heute bekannt als
»Taliban-Rede«). Die meiste Empörung aber
Die Briefe – Lena Gunnarsson – Frigga Haug
rief Schymans Einführung von Jónasdóttirs
Patriarchatskonzept hervor: »Männer als
Gruppe beuten die Liebeskraft von Frauen
systematisch aus. Männer bekommen mehr
als sie geben. Frauen geben mehr als sie
bekommen. Eine interessante Überlegung,
die uns helfen kann, die Frauenunterdrückung
in der gleichen dynamischen Weise zu verstehen, in der wir bereits den Klassenkonflikt
begreifen.« Anwesende berichteten, dass
die Rede ihrer Vorsitzenden unter den
Parteitags-Delegierten einiges an mehr oder
weniger differenziert vorgetragenen negativen
Reaktionen hervorrief. Abgesehen von diesem
viel beachteten öffentlichen Versuch, Jónasdóttirs Theorie in die Debatte einzubringen,
war ihre Abwesenheit in den theoretischen
Diskussionen der »Vänsterpartiet« bemerkenswert. Wie kann eine sozialistische und
feministische Partei im Ringen um ein Verständnis der Beziehung zwischen Marxismus
und Feminismus eine Theorie ignorieren, die
sowohl marxistische als auch feministische
Kategorien überschreitet und weiterentwickelt? Das Schweigen war unverständlich.
Aus einer anderen Perspektive betrachtet
wird es jedoch begreiflich: Jónasdóttirs Er-
Frigga Haug
Esslingen, Deutschland und Los Quemados,
La Palma, Spanien
Feminismus – wer versteht was
darunter und was bedeutet er uns?
Auf dem Feminismus-Kongress in
Erkner im Oktober 2008
Ich habe mir vorgenommen, auf ein gemeinsames Verständnis von Feminismus hinzuarbeiten. Dabei stoße ich sogleich auf die
Schwierigkeit, dass wir, die wir hier im Raum
versammelt sind, von sehr verschiedenen
Voraussetzungen und Vorannahmen ausgehen. Diese gilt es, ins Offene zu bringen.
Mein bisheriger Gang durch die Partei zeigt
mir, es gibt als Echo auf das Wort Feminismus
Faszination, Selbstsicherheit, Stolz, Gleichgültigkeit, Abwehr, Langeweile, kurz durchaus
entgegen gesetzte Gefühle und Einstellungen.
Auf unserer ersten gemeinsamen Tagung
in Esslingen im November 2007 übernahm
ich die Aufgabe, das Feld Feminismus so
durchzuarbeiten, dass wir gemeinsam absehen können, ob und wie wir mit Feminismus
vorankommen.
Dabei gibt es eine große Schwierigkeit, an
der wir noch lange werden arbeiten müssen.
Feminismus ist ein Begriff aus der westli-
46
weiterung des Materialismus um den Bereich
zwischenmenschlicher Liebe und Zuneigung
ist so radikal, dass ein ernsthaftes Begreifen
wahrscheinlich tief verwurzelte Konflikte zum
Vorschein bringen würde, mit denen umzugehen die Partei sich schwertäte. Das ist jedenfalls meine Vermutung. Einen Versuch wäre
es trotzdem wert.
Anmerkungen
Jónasdóttir, Anna G.: Why Women are
Oppressed. Philadelphia 1991
Jónasdóttir, Anna G.: Feminist Questions,
Marx’s Method and the Theorisation of »Love
Power« In Jónasdóttir, Anna G. und Jones,
Kathleen B. (Hg.), The Political Interests
of Gender Revisited: Redoing Theory and Research with a Feminist Face. Manchester 2008.
Schyman, Gudrun: Congress Speech at the
congress of Vänsterpartiet 2002; retrieved on
October 28, 2008 at: http://www.helgo.net/
enar/politik/talibantalet.html.
Vänsterpartiet: Feminism und socialism –
principprogram, 1997, retrieved at October 28,
2008: http://www.vansterpartiet.se/images/
stories/media/dokument/politiskaprogram/
feminism_och_soc_princip.pdf.
chen Frauenbewegung – als solcher wird er
hier von mir erarbeitet, um eine gemeinsame Grundlage zu haben, was wir davon für
ein gemeinsames linkes Projekt aufheben
wollen. Der Begriff ist zugleich eine wichtige
umkämpfte Größe im gemeinsamen Deutschland nach 1989. Notwendig werden dabei die
Erfahrungen der Frauen aus den staatssozialistischen Ländern und ihre Errungenschaften
und Mängel bei der Emanzipation des weiblichen Geschlechts nicht aufgenommen. Sie gehören aber in das gemeinsame Erbe. Um die
Kolonisierung der staatssozialistischen Länder
nicht bis in die Erfahrungen der Frauen hinein
ungeprüft zu verdoppeln, wird eine eigene
Tagung, die wir vielleicht Erinnerungsarbeit
und Frauenerfahrungen oder ähnlich nennen
könnten, erforderlich sein. Ich bitte also um
Nachsicht oder Aufschub.
1.
Für meine Arbeit mit Begriff und Praxis von
Feminismus schien es mir das Beste, zunächst historisch vorzugehen. Aber gerade
jetzt gibt es ein aktuelles Beispiel, an dem
wir uns abarbeiten können. Nehmen wir den
Fall Sarah Palin als Lehrstück. Dabei gehe
ich davon aus, dass eine jede hier weiß, dass
sie die fast am Ende des Wahlkampfes um
die US-amerikanische Präsidentschaft herbei
geholte Kandidatin für die Position einer Vize-
47
präsidentin für die Republikaner ist, und dass
es eine Weile so scheint, als ob es mit diesem
Überraschungscoup gelingen könne, dem
demokratischen Kandidaten Barack Obama
genügend Stimmen wegzunehmen. Sie hätte
das Dynamit sein können neben dem eher
liberaleren McCain, das der Wahlkampf gegen
Obama brauchte.[1]
Konnte man noch kürzlich scharfsinnige feministische Analysen lesen, dass die USA eher
einen Schwarzen als Kandidaten akzeptieren
– als Gestalt aus ihrer Unterdrückungsgeschichte – als eine Frau (also nicht Hillary
Clinton), tritt hier eine mit Siegermiene auf.
Das Foto verdichtet Mutterliebe und Schutz
der Schwachen und Behinderten auf eine
Weise, dass sich kaum jemand solcher Anrührung entziehen kann. Es ist wie aus einem
dieser Heimatfilme, mit denen Hollywood das
Land kolonisierte. Die Gefühle, die sie anspricht, sind uralte Sehnsüchte nach Geborgenheit und Menschenliebe. Zugleich verkör-
Palins politisches Programm ist: Mutterschaft.
[1 ]Im Oktober auf unserem Kongress war die Sache
noch ganz offen, Verzweiflung kam von den Feministinnen aus den USA, die durchaus mit dem Erfolg dieses
Schachzugs rechneten. Inzwischen ist dies schon
Geschichte, Sarah Palin rückt ins Vergessen, mir bleibt
die Unsicherheit, ob ich die Verben in die Gegenwart
des Möglichen oder in die Vergangenheit des schon
Gescheiterten rücke. – Aber nichts bleibt, wie es ist.
Im August 2009 taucht Palin wieder auf, um die Opposition gegen die Gesundheitsreform von Obama zu
stärken und sich als Kandidatin weiter zu empfehlen.
Die Abtreibungspolitik ist ferner weiter ein wesentliches Kampffeld, das unbearbeitete Gefühle auf allen
Seiten mobilisiert.
Die Briefe – Frigga Haug
pert sie strahlend das Nein zu den meisten
unserer Ziele, wie uneinig wir uns auch sonst
sein könnten. Sie ist gegen Abtreibung,
auch nicht bei Vergewaltigung oder »Föten
mit Defekten«, sie hat selbst fünf Kinder, ist
unbedingt religiös, ist Vormacht der traditio­
nellen Familie, ist gegen Sexualkunde bzw.
gegen sexuelle Aufklärung, für Creationismus
und rigide Moral und für die Abhängigkeit des
Staates von der Individualentscheidung. Sie
hält Klimaveränderung für abwesend, bzw. für
eine Fügung Gottes.
Sie ist »eine von uns« rufen die einen – einer
ihrer Söhne kämpft bereits im Irak. Einer, der
kleinste auf ihrem Arm, den sie wie ein Zeichen ins Öffentliche trägt, hat erkennbar ein
Downsyndrom. Sie ist nicht wie die anderen
Politiker, sie hat kein Elitestudium vorzuweisen, jubeln die anderen.
Uns, die wir für Frauenrechte streiten, wirft
sie um Jahrzehnte zurück. Wir ziehen daraus
mehrere Lehren:
1. Frau an sich ist nicht genug, im gegenwärtigen Stand der Geschlechterverhältnisse kann
sie, je subalterner sie ist, desto besser der
Festigung des Reaktionären dienen.
2. Wo immer sie den Frauenforderungen ins
Gesicht schlägt, erscheinen auf der Gegen­
seite die alten Forderungen in einfacher
Verneinung ebenfalls als falsch.
3. Was sie anruft – Schutz der Schwachen,
liebende Fürsorge auch für die Behinderten
– ist ja nicht an sich falsch. Daher ist es
wirksam als Auftreffstruktur.[2]
Der Gegensatz treibt Feministinnen ins
Abseits: In der Abtreibungsfrage erscheinen
Feministinnen als Abtreibungsbefürworterinnen und schon sieht man sie, im Blute abgetriebener Föten watend, als seien sie mordlustig und gegen das Leben selbst ihrer
eigenen potenziellen Kinder. Aber nichts ist
falscher als dies – denn es geht ja auch um
Leben, um selbstbestimmtes von Frauen, es
geht auch um Fürsorge und um Liebe. Die einseitige Fixierung erzeugt auch falsche Gegnerschaften. So gilt es, die Schlachten doppelt zu
führen, gegen die reaktionären Vorhaben und
gegen die Verwendung unserer Gegnerschaft
gegen uns im Namen des Lebens. Es gilt,
dialektisch vorzugehen.
Erschwerend kommt bei alledem hinzu, dass
nicht wenige meinen, Palin, das sei der neue
Feminismus, verführerisch und populistisch,
wie etwa El Pais, am 11. September 2008 titelt.
[2]Der Begriff Auftreffstruktur aus der Ethnopsychiatrie scheint geeignet, um die für Hegemoniegewinnung
wichtige Analyse der Gefühls- und Bewusstseinslage in
der Bevölkerung aufs knappste zu benennen.
Die Briefe – Frigga Haug
2.
Vor solch aktuellem Hintergrund will ich jetzt
historisch vorgehen. Die Frage lautet: Was
wollte Feminismus, oder besser, was waren
feministische Forderungen? Ich werde das
knapp nur in großen Linien darstellen, um
nicht längst Gewusstes zu wiederholen. Dass
wir uns jetzt die Geschichte wieder vor Augen
führen, ist notwendig, weil nichts als falsche
Mythen und Legenden die Geschichte der
Frauenbewegungen verdecken.
Die erste Frauenbewegung war keineswegs
»eine proletarische«, wie ich dies in einem Beitrag zu diesem Kongress las. Die Feministinnen stritten für Frauenrechte, die Bewegung
ging in die Geschichte ein als bürgerliche,
weil es um Wahlrecht, Recht auf Bildung und
Recht auf Teilhabe am Reichtum ging. Virginia
Woolf, die für sich die Bezeichnung Feministin ablegte, als das Wahlrecht erkämpft war,
etwa begriff, dass Frauenunterdrückung in der
Struktur, der Arbeitsteilung, den ungerechten
Bedingungen in Geld und Bildung usw. besteht
– aber in dieser Konstellation von Frauen
mitgemacht wird. Sie erarbeitete dies in ihrem
Essay Die drei Guineen (1938) und vor allem
in dem großen Roman The Years, in dem sie
sorgfältig die Verklammerung vorführt, in der
Frauen an jeder persönlichen Entwicklung gehindert werden, dafür aber sich rächen, indem
sie auch ihren Männern ihre hochfliegenden
Träume austreiben. Übrig bleibt der »Tanz
ums Eigentum«. Ihr Fazit: Wir brauchen eine
andere, nicht-kapitalistische Gesellschaft, in
der Frauen ihre Sprache erst finden müssen,
ihre eigenen Methoden, eigne Bildung usw. Es
geht nicht einfach um Gleichstellung, weil das
Männliche kein positiver Maßstab ist, sondern
Träger von Kapitalismus, Krieg, und Eigennutz.
Bei der Frauenbefreiung geht es um anderes,
um eine lebbare Alternative, in der alle sich
entfalten können.
In der Arbeiterbewegung hielt man damals
nicht viel von der Frauenbewegung. Klassenkämpferisch spricht Rosa Luxemburg gegen
sie, hält deren Forderungen für eine »Posse«,
weil die Bürgerinnen keine ökonomische Funktion in der Gesellschaft hätten, also parasitär
von dem von ihren Männern angeeigneten
Profit lebten, brauchten sie ihrer Auffassung
nach auch keine politischen Rechte. Politische Rechte, zu denen das Wahlrecht zählt,
brauchen diejenigen, die eine »wirtschaftliche
Funktion in der Gesellschaft ausüben«
(GW 3, 411)[3] – die »bürgerliche Frau« also
nicht, die »Proletarierin« wohl, gleich »wie der
männliche Proletarier«. Aus dieser Bestimmung folgt für Luxemburg, dass »das Frau[3]Die Luxemburgzitate beziehen sich auf
die Werkausgabe.
48
enwahlrecht nur zusammen mit dem ganzen
Klassenkampf des Proletariats« siegen oder
unterliegen kann.
»Bürgerliche Frauenrechtlerinnen wollen politische Rechte erwerben, um sich dann im politischen Leben zu betätigen«, diagnostiziert sie
distanziert. Aber die »proletarische Frau kann
nur der Bahn des Arbeiterkampfes folgen, der
umgekehrt jeden Fußbreit tatsächlicher Macht
erringt, um dadurch erst die geschriebenen
Rechte zu erwerben. Im Anfang jedes sozialen
Aufstiegs war die Tat« (412). Mit anderen Worten: Luxemburg vertritt die Auffassung, dass
auch innerhalb der bürgerlichen Klasse (auf
der Basis des Eigentums) die Frau in Bezug
auf ihre politischen Rechte zwar benachteiligt
ist, und der Kampf darum sich für sie daher
lohnt, er aber auch »possenhaft« ist, weil die
bürgerliche Frau »die fertigen Früchte der
Klassenherrschaft genießt« (411). »Die Forderung nach weiblicher Gleichberechtigung ist,
wo sie sich bei bürgerlichen Frauen regt, reine
Ideologie einzelner schwacher Gruppen, ohne
materielle Wurzeln, ein Phantom des Gegensatzes zwischen Weib und Mann, eine Schrulle.« (ebd.) Die Mehrheit der Frauen jedoch
muss überhaupt erst das Fundament erkämpfen, von dem aus sie um politische Rechte
streiten kann. Das Primat liegt also auf dem
Klassenkampf. Luxemburg schreibt selbst
dort, wo sie ausdrücklich allein über Frauen
spricht, mit starken Worten immer vom Klassenkampf: »Die Werkstatt der Zukunft bedarf
vieler Hände und heißen Atems. Eine Welt
weiblichen Jammers wartet auf Erlösung. Da
stöhnt das Weib des Kleinbauern, das unter
der Last des Lebens schier zusammenbricht.
Dort in Deutsch-Afrika in der Kalahariwüste
bleichen die Knochen wehrloser Hereroweiber, die von der deutschen Soldateska in den
grausen Tod von Hunger und Durst gehetzt
worden sind. Jenseits des Ozeans, in den
hohen Felsen des Putumayo, verhallen, von
der Welt ungehört, Todesschreie gemarterter
Indianerweiber in den Gummiplantagen internationaler Kapitalisten. Proletarierin, Ärmste
der Armen, Rechtloseste der Rechtlosen, eile
zum Kampfe um die Befreiung des Frauengeschlechts und des Menschengeschlechts von
den Schrecken der Kapitalherrschaft.« (GW
1/1, 412f) Auch wo sie sich positiv zum Kampf
ums Frauenwahlrecht äußert, geht es ihr um
die Unterstützung des Klassenkampfes: »Auch
durch den Kampf um das Frauenwahlrecht
wollen wir die Stunde beschleunigen, wo die
heutige Gesellschaft unter den Hammerschlägen des revolutionären Proletariats in Trümmer stürzt.« (GW 3,165) Luxemburg erwähnt im
Kontext des Frauenstimmrechts den Zusammenhang von Frauenunterdrückung und geistigem Zustand der Partei und kritisiert dabei
die Zustimmung der männlichen Mitglieder
49
zur Einhegung ihrer Frauen in die bürgerliche
Familienform. Die Belege aber sind äußerst
karg. Auch wenn sie verschiedene Male, so im
Spartakusaufruf (1918), die »völlige rechtliche
und soziale Gleichstellung der Geschlechter«
(GW 4, 446) fordert und an anderer Stelle [4]
»von der Benachteiligung der Frauen durch
die Herrschaft des männlichen Geschlechts«
spricht, die im Sozialismus überwunden sein
müsse (GW 2, 43), kann man sie im historischen Sinn kaum als Feministin bezeichnen.
Was in der Geschichtsschreibung von der ersten Frauenbewegung blieb, war ein horrendes
Bild von Feministinnen – Suffragetten, wild
und sich an Laternen kettend, ungehörig. Ihr
Bild wurde auf eine Weise überliefert, dass zumindest die Bürger sicher sein konnten, dass
diese Frauen nicht »unsere Töchter, Schwestern oder Mütter« sein konnten. Und in den
Konversationslexika (etwa dem Brockhaus)
steht bis zur Mitte der 1980er unter Feminismus: ein Name für das Auftreten weiblicher
Eigenschaften beim Tier oder Mann (vgl.
Pusch 1983). Bei genauerer Relektüre bleibt
für uns Heutige von dieser ersten Frauen­
bewegung folgendes aufzubewahren:
n Der Mut aus dem Privaten ins Öffentliche
zu treten und für Befreiung zu kämpfen.
n Die frühe Erkenntnis, dass mehr Frauenrechte nicht einfach heißen kann, die gleiche
Bildung, Erziehung, Position, Karriere usw. zu
erlangen, wie sie die Männer haben. Schon
damals, ausgesprochen vom bürgerlichen
Standpunkt, war klar, dass es um eine alter­native Gesellschaft gehen muss, wenn
Frauenbefreiung wirklich werden soll.
n Schließlich auch, dass dennoch für gleiche
Rechte gekämpft werden muss, um eine
andere Gesellschaft möglich zu machen,
dass wir uns also im Vorzimmer des
Gewollten bewegen müssen.
n Und als späte Lehre begegnet uns, dass
die Kämpfe ums Wahlrecht, um Bildung sowie
um Teilhabe am Eigentum zwar bürgerliche
Kämpfe waren, die mit Verspätung die
Errungenschaften aus der französischen
Revolution auch für Frauen einforderten,
dass aber auch wir Heutigen in historischen
Ungleichzeitigkeiten eben als Frauen und
daher ebenso Nachhutgefechte leben müssen, wie sie in allen Bereichen, in denen
Frauen gewissermaßen anachronistisch
benachteiligt sind – in Löhnen, Berufswahl,
Bildung, Positionen usw. – anfallen. Unser
Weg – nicht das Ziel – ist daher in solchen
Fällen und also allgemein: die Quote.
[4]Was wollen wir? Kommentar zum Programm der
Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens,
1906.
Die Briefe – Frigga Haug
3. Die zweite Frauenbewegung
ging in den Schuhen der ersten. Sie begann
aus der Studierendenbewegung weltweit (bis
auf die sozialistischen Länder) und der Menschenrechts- und der Schwarzenbewegung in
den USA (nicht aus der Friedensbewegung,
wie ich kürzlich in einem anderen Text aus
unseren Reihen las). Ihre erste Losung war:
Wir wollen eine andere Gesellschaft, in der
Frauen gerne leben können, schon hier und
heute (vgl. dazu die sogenannte TomatenRede von Helke Sanders auf der Delegiertenkonferenz des SDS 1968). In der Bundesrepublik Deutschland war die Lage mehrfach
schwierig. Es gab weniger Hoffnung, weil
der Antikommunismus wegen der Nähe zum
anderen Deutschland eine große Verbreitung
hatte. Es gedieh die Stickluft der Adenauerregierung, so dass der weltweite Ruck, der
durch die westlichen Länder ging, zugleich
gewaltiger war. Es herrschte das Gefühl, nicht
zu wissen, wer man ist, und wozu man in der
Welt ist, und wohin man gehen könnte. Die für
jede einzelne erfahrbare große Unsicherheit,
ob sie vielleicht nicht normal sei und dies
verbergen müsse, wich der plötzlichen Entdeckung, dass alle Frauen »nicht normal« waren.
Der Protest richtete sich gegen die Normalität,
da in ihr Unterdrückung fortdauert. Der Protest
sprach gegen alles im Alltag, im Persönlichen.
Alle kennen den Slogan: Das Persönliche ist
politisch. Er bedeutete, dass im Alltag die
Kämpfe zu führen waren. Es begann eine
kulturelle Revolution in der Sprache, in
Symbolen, aber auch in Strukturen: Alternatives wurde aufgebaut in Frauenhäusern,
Gesundheitswesen, in Medien, Cafés, Buch­
läden, Kinos, Krimireihen usw. Überall gab es
Frauenzusammenschlusse, es gründeten sich
reine Frauen-Wohngemeinschaften. Schon früh
hatte Olympe de Gouges (in der französischen
Revolution) erkannt, dass Unterdrückung auch
Subalternität hervorbringt, also zunächst
eigene Frauenorte geschaffen werden müssen,
in denen Frauen ihre Sprache, ihre Einsichten,
ihre Fähigkeiten entwickeln können.
Dieser Westfeminismus brachte Selbstvertrauen, Bildungsschübe, Wertschätzung
untereinander, Frauensolidarität, Freude, Genuss – und bedeutete umgekehrt auch, dass
die Frauen sich losreißen mussten aus alten
Haltungen und Gewohnheiten, wie Alexandra
Kollontai dies forderte. Sie hatte in der russischen Revolution dafür gestritten, die Frauen
aus dem Liebesgefängnis zu befreien, dass
sie »frei« wären »wie der Wind« und »einsam
wie das Steppengras«. Frauen mussten das
Heraustreten aus dem Haus und das Kämpfen
als ihre tägliche Praxis begreifen.
50
Die Briefe – Frigga Haug
Halten wir auch aus dieser zweiten Frauenbewegung erste Erkenntnisse fest: Frauen
wollten im Alltag die Unterdrückung, die
wie ein dichter Ring um sie unbegriffen lag,
sprengen. Sie wollten aus ihren Erfahrungen
lernen, sich zu Schülerinnen der eigenen
Erfahrungen machen. Dafür mussten sie sie
erst artikulieren lernen, eine Sprache und
Orte für sich finden. Dafür entwickelten sie
Erinnerungsarbeit. Insofern war die zweite
Frauenbewegung kulturrevolutionär. Ihr
Anti-Kapitalismus hieß auch die Suche nach
einer anderen Gesellschaft, in der Frauen aus
Subalternität befreit, aufrecht und mit Glück
leben können. Es lohnt sich, die Geschichte
dieser Frauenbewegung zu studieren. (Vgl.
dazu das Stichwort Frauenbewegung im
Historisch-kritischen Wörterbuch des Feminismus, Hamburg 2003)
Diese sogenannte zweite, dann in der Arbeiterbewegung als »kleinbürgerlich« bezeichnete Frauenbewegung von 1968 bis in die späten
1970er Jahre stritt also kulturrevolutionär für
eine andere Lebensweise. Gleichstellung und
Quote waren dabei Kampfmittel nicht Ziele
an sich. Immer ging es gegen Gewalt und um
eine alternative Gesellschaft, die nicht nach
Profitgesichtspunkten, also nicht kapitalistisch organisiert war. Das führte zur Erkenntnis, dass Geschlechterverhältnisse nicht
als bloße Mann-Frau-Beziehungen zu sehen
waren, sondern als Verhältnisse der Produktionsweise selbst. Da in den herrschenden
Produktionsverhältnissen alle Kraft auf das
Ziel, Geld und mehr Geld zu bringen, gerichtet
ist, fallen alle jene Bereiche unter den Tisch,
in denen es um Sorge und die Entfaltung der
einzelnen geht, in denen es darum geht, dass
Menschen ihre Möglichkeiten verwirklichen
und dabei auch allen anderen nützen.
Folglich schlug die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit gegen die Entwicklung der
Menschen aus. Der Reichtum machte viele
arm. Frauen rückten an die Stelle, wo durch
Umsonstarbeit noch Menschlichkeit und
Fürsorge gedeihen sollten, in die Familie. Die
Produktion der Lebensmittel hatte sich über
die Produktion des Lebens gestellt, weil nur
in der ersten Profite gemacht werden können.
[5]Frauenbewegung heißt nicht Frauenorganisation.
Aber der Geist der Bewegung ging in die verschiedenen Organisationen ein. Er ergriff die Frauen in den
Gewerkschaften, schärfte ihren weiblichen Blick; er
ging in die Gründung der Partei die Grünen ein, die 1986
mit einer 100 Prozent Frauen-Quote in die Hamburger
Bürgerschaft einzogen. Diese Initiative hatte Folgen für
die Frauen der anderen Parteien und wäre nicht nur
ohne Frauenbewegung undenkbar gewesen, es war
ein Erbe aus der Bewegung selbst, das bei den Grünen
noch einige Zeit zu neuem Leben erwacht war.
Die Feministinnen der zweiten Frauenbewegung rebellierten folgerichtig gegen Familie,
gegen den männlichen Ernährer mit entsprechender häuslicher Herrschaft, sowie auch
gegen die gesellschaftliche Blindheit in Bezug
auf die Arbeit der Frauen im Haus, gegen
ihre Unsichtbarkeit in allen gesellschaftlich
relevanten Bereichen, gegen Geschichtsschreibung, Wissenschaft, Sprache, wo immer Frauenunterdrückung dingfest gemacht
werden konnte.[5]
4. Drei Hauptwellen verschlangen
diese zweite Frauenbewegung
1. Die eine war die Verstaatlichung von Frauenfragen. Auf Druck der Bewegung finanzierte
der Staat, wenn auch auf bescheidenem
Niveau, Frauenstellen in Frauenhäusern, in
der Sozialarbeit überhaupt, in der Universität und setzte die vormaligen feministischen
Initiativen in Konkurrenz zueinander. Dabei
kam etwas auf, was »Professionalität« genannt wurde. Andere Maßstäbe mussten zur
Bewertung eigner Arbeit angeeignet und nach
innen genommen werden. Konkurrenz wurde
so auch als Selbstveränderung etabliert. Ein
Mittel dafür waren die Evaluationsberichte,
die die Frauen schreiben mussten.
2. Alice Schwarzer als Medien- und Bankgestützte Inkarnation des Hauptgedankens, dass
Feminismus im Wesentlichen männerhassend
sei. Es ist klar, dass diese Schöpfung Feminismus ebenso allgemein bekannt machte,
also sehr populär daherkam, wie auch in
Verruf brachte. Mit bloßem Männerhass lässt
sich keine alternative Gesellschaft denken.
Es ist hier nicht der Ort, dem im Einzelnen
nachzugehen. Jedoch notieren wir die Hauptsache für uns: Dieser Schwarzer-Feminismus
war von Anbeginn explizit antisozialistisch
und im Bündnis mit allem, was außerhalb
dessen weiblich war – Leni Riefenstahl z. B.
oder andere reaktionäre Frauen. Die Grenze
wurde scharf und klar nur gegen sozialistische Feministinnen gezogen. Sie galten nicht
als Schwestern. In dieser Weise haben Alice
Schwarzer und ihre Zeitschrift Emma dafür
gesorgt, dass das Befreiungsverlangen, das
sich auf eine andere Gesellschaft richtet, aus
dem verbreiteten Feminismus gelöscht wurde.
Kaum jemand erinnert sich noch daran.
3. Die dritte Welle war die Krise des Fordismus,
die paradoxerweise dazu führte, den eman­
zipatorischen, den linken Feminismus zu
Grabe zu tragen. Das Ende der fordistischen
Produktionsweise mit Fließband und Massenproduktion, bedeutete auch Abbau des
Wohlfahrtsstaats und Verringerung der
Möglichkeit, eine Familie mit eigener Haus-
51
frau auch für Arbeiter zu haben. Es war das
Ende der kulturellen Dominanz der hetero­
sexuellen Kleinfamilie, wonach »jeder Mann
eine eigene Hausfrau« hat, die für Moral,
Disziplin, Ordnung, ein gemütliches Zuhause
sorgt, in dem die Kräfte für die Fabrikarbeit
wieder hergestellt werden konnten. Dies aber
war genau die Enge, gegen welche die
Frauenbewegung protestierte. Die ersten
Siege, die erreicht wurden, fielen zusammen
mit dem Ende dieses Produktionsweisemodells. Das neue Modell, der globale neoliberale High-Tech-Kapitalismus, hat den »Ernährer« abgeschafft; es gibt keinen lebenslangen
Arbeitsplatz mehr, der es erlauben würde,
in der alten Form »eine Familie zu gründen«.
Es gibt neue Frauenrechte. Auch Frau kann,
ja, sie sollte, Unternehmerin werden. Die
moralischen Zwangsgesetze werden gelockert. Heteronormativität ist kein großer
Kampfpunkt mehr und vor allem die Kämpfe
um Anerkennung der Hausarbeit als Arbeit
werden aufgenommen ins neoliberale
Projekt. Solch einen Vorgang, in dem Forderungen von »unten« von »oben« ins Herrschaftsprojekt aufgenommen werden, nennt
Antonio Gramsci eine »passive Revolution«.
Dies ist die Eingangssituation für die Entwicklung heute. Damit wir uns besser ein Bild
machen können, skizziere ich noch einmal in
großen Linien: Die drei Hauptwellen, die die
zweite Frauenbewegung begruben:
1. Die Hilfe des Staates, Frauenforderungen
mit Geld und Stellen zu versorgen, um beides
später abzuschaffen – der sogenannte Staatsfeminismus.
2. Alice Schwarzer, die Feminismus ebenso populär machte wie einseitig durch die
Erfindung, Feminismus sei im Wesentlichen
Männerhass. Gestützt durch Banken, Medien,
Geld erstickte sie jede sozialistische Regung.
Sie erhielt mehrere Orden u. a. das Bundesverdienstkreuz.
3. Das Wesentliche: Krise des Fordismus
als Ende einer Produktionsweise – mit
Kleinfamilie, Ernährer und Hausfrau, gegen
welche die zweite Frauenbewegung wesentlich protestiert hatte.
Wir sind Zeitzeuginnen des Versickerns,
Erlöschens und Verschwindens der Frauen­
bewegung durch Brüche und Beweggründe
von außen und innen. Feminismus war einst
ein Projekt, die Gesellschaft so zu gestalten,
dass auch Frauen aufrecht und sinnvoll darin
leben wollen. Der daraus folgende Anspruch,
dass es notwendig nicht Gleichstellung,
sondern eine andere Gesellschaft braucht,
rutscht zunehmend ins Abseits.
Die Briefe – Frigga Haug
5. Die Erben der Frauenbewegung
Frauenbewegung als Wirklichkeit und als
etwas, worüber die Medien berichteten,
verschwand vor über 20 Jahren. Ab und an
gab es einen Artikel – besonders in den USA,
dass der Feminismus tot sei. Das fid-syndrom
(feminism is dead) tauchte in Deutschland
plötzlich im Jahre 2006, just als die Linken ins
Parlament gekommen waren, wieder auf. Der
totgesagte Feminismus wurde erneut hervorgezerrt (in den großen Medien, vor allem im
Spiegel als Stichwortgeber, in Bild, im Fernsehen, in der Zeit) und alsdann als Karikatur
seiner selbst ein weiteres Mal begraben. Die
Methoden sind lehrreich zu studieren:
In einer ersten Welle wurden die Zerrbilder produziert: Männerhass als dominante
Regung, die Vertreterinnen von Feminismus
grau, frustriert, lesbisch, nicht aus den lila
Latzhosen herausgewachsen dargestellt. Vor
allem seien diese Feministinnen lustfeindlich
und beanspruchten eine Opferrolle.
Die Hauptbotschaft lautete: Der Feminismus
ist nicht nur tot, sondern er ist vor allem auch
nichts für junge, genießende, aufbrechende
Frauen, die Erfolg wollen. Er ist der Apfel, den
man nicht essen sollte.
Kurz darauf – nur wenige Wochen später –
wendete sich die Kampagne. Jetzt hieß es:
Frauen haben die Macht bereits übernommen.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) las
man: Dienstmädchen, Erzieherinnen, Stewardessen – man bemerke die Verachtung für alle
diese Berufe – regieren das Volk in Talkshows,
in Verlagen, kurz die gesamte Öffentlichkeit ist
in Frauenhand. Männer müssen sich wehren.
Wenn es nicht so lächerlich wäre, hätte man
das Muster früher erkennen können: Sowohl
in der jubiläumsgerechten 68-Verfolgung und
Verdrehung ihrer Impulse als auch im zweiten
und dritten Totschlag der Frauenbewegung
geht es darum, jeden Keim von sozialistischer
Hoffnung, der noch aufleben und Mut machen
könnte, zu vernichten. Es muss reiner Tisch
gemacht werden.
Auf der sozialismusfreien Leerstelle nach
1989 kann endlich ein neuer Feminismus,
können am besten gleich mehrere errichtet
werden. Da auch das Neue sich nährt vom
Stoff des Alten, und da auch wir antreten,
um die Notwendigkeit von Feminismus aus
seiner Geschichte zu gewinnen und nach vorn
zu wenden, skizziere ich holzschnittartig die
bisherigen drei Haupt-Erbinnen.
1. Am stärksten ist der »konservative Feminismus« der Ursula von der Leyen. Sie verspricht
52
Die Briefe – Frigga Haug
Kindertagesstätten und die Vereinbarkeit von
Beruf und Familie und stützt sich somit auch
auf die Bewegungs-Forderung nach Anerkennung von Hausarbeit und die nach dem Recht
auf Erwerbsarbeit.
2. Konservativ auch die Linie des Mütter­
gehalts der Eva Herman, aufgenommen von
Christa Müller. Ohne Zweifel sieht man die
Forderungen nach Anerkennung der Erziehungsarbeit aus der Frauenbewegung und
auch das Bestehen darauf, dass die Beziehungen zwischen Menschen ein Potenzial an
Zukunft haben – selbst wenn Eva Herman
behauptet, die Frauenbewegung hätte die
Frauen um die lohnenden Jahre der Mutterliebe beraubt.
3. Schließlich der mit Thea Dorn verknüpfte
Elite-Feminismus, auch als Alphamädchen
vom Spiegel vermarktet, der auf die Leistungsfähigkeit von Frauen setzt. Auch Frauen
können Präsidentinnen usw. werden, wenn sie
nur nach unten treten und sich nicht gemein
machen, sondern alle Kräfte nach vorn aufs
Erklimmen der Karriereleiter richten – passend zur Selbstbestimmung und Individualisierung im Neoliberalismus. Aber auch dies
kann noch auf die Energie setzen, mit der in
der Bewegung versucht wurde, der systematischen Geringschätzung von Frauen weibliche
Kompetenz und Leistungsfähigkeit entgegenzusetzen. Insofern erhält dieser Feminismus
durch die Tatsache einer weiblichen Bundeskanzlerin ein solides Fundament. Auch von
ihrem Regierungsstil ist zu lernen.
Alle drei Erben der Frauenbewegung, der
konservative der Ursula von der Leyen (Vereinbarkeit von Beruf und Familie), der ebenfalls konservative der Mütterlinie, sowie der
Elitefeminismus, setzen sich explizit von der
Bewegung ab – übrigens immer mit falschen
Behauptungen über deren Impulse. Niemals
wird von der Sehnsucht nach alternativer
Gesellschaft gesprochen, statt dessen immer
behauptet, die Frauen der Bewegung hätten
sich allesamt als Opfer bejammert. Neu sei,
selbst eingreifen zu wollen. So entledigen
sich die drei in ihrer Verstückelung des Erbes
auch jeglicher sozialistischen Perspektive.
Dass sie sich das Erbe teilen, macht, dass
keine zusammenfassende Befreiungshoffnung entsteht. Dass Vergessen sich legt über
das Wollen, den Aufbruch, dass nur Spuren
bleiben in der Gleichstellungskomponente, in
derjenigen, die Frauen sichtbar machte und
ihre Verdienste in der Geschichte als einzelne hervorholte und vor allem derjenigen, die
darauf bestand, dass Geborgenheit, Glück im
menschlichen Miteinander und Zusammenleben aus den Praxen von Frauen zu bergen sei.
Das Problem, wie Rosa Luxemburg uns schon
einschärfte, besteht in der Vereinseitigung,
im Auseinanderreißen, in der Vereinzelung –
jedes für sich wird auf lange Sicht reaktionär.
6. Was tun?
Für uns gilt es, das Erbe zurückzugewinnen,
uns wieder anzueignen und zusammenzufügen
zu dem, was wir feministisch nennen könnten
und bejahen, und was zumindest mit radikaldemokratischer Politik, also Gesellschaftsgestaltung von unten, einhergehen muss.
Warum überhaupt? Sehen wir die Lage der
Frauen weltweit. Die neueste Umfrage von
Unifem zum Fortschritt in der Lage der Frauen
der Welt 2008/9 gibt uns die Daten: Auf vier
Männer in den Regierungen weltweit gibt es
eine Frau – also 25 Prozent. Weltweit erzielen
sie 17 Prozent weniger Einkommen bei gleicher Arbeit. Zwei Drittel aller Frauen werden
irgendwann in ihrem Leben Opfer sexueller
Gewalt. Jede Zehnte stirbt als Folge von Geburt oder Abtreibung. Die Schlussfolgerung:
Frauenbefreiung bleibt eine Utopie (El Pais,
19. September 2008).
Meine rohe Begründung (ausführlich belegt
und historisch-kritisch analysiert im Stichwort
Geschlechterverhältnisse im Historisch-kritischen Wörterbuch des Feminismus) lautet: Im
Laufe der Geschichte hat sich die Produktion
der Lebensmittel über die des Lebens selbst
gesetzt; letztere wurde marginal, beiher,
unwichtig. Die kapitalistische Produktionsweise erzielt Profit auf Kosten der Arbeitenden – und der Erde (wie Marx dies im Kapital
formulierte). Auch Frauen gehen als Rohstoff
ein in die kapitalistische Entwicklung.
Wie also weiter mit der offenkundigen gesellschaftlichen Notwendigkeit eines feministischen Standpunktes, der sich der Sache der
Frauen gesondert annimmt, wenn auch mit
allgemeiner Befreiungsperspektive und der
ebenso offenkundigen Besetzung des feministischen Feldes mit konservativen und mit
Herrschaftsinteressen? Was an solchen Stellen, wo die Dinge festgefahren scheinen, unbedingt Not tut, ist dialektisches Denken. Wo
alles in Bewegung ist, sich stets ändert, hilft
das gewohnte metaphysische Denken, das
sich am »Wesen« einer Sache oder auch eines
Verhältnisses festhält, statt auf Veränderung
und Veränderbarkeit zu setzen, nicht. Was
gestern gut war und richtig, wendet sich heute
schon gegen uns. Oder was schlecht schien,
hat zugleich gute Seiten usw. Dies im Fall des
Feminismus zu studieren, erweist sich auch in
unserem Fall als lehrreich. Die einzelnen Teile
des »neuen Feminismus« sind nicht einfach
abzulehnen, sondern vielmehr zusammenzubauen, zusammenzufügen. Der Wunsch nach
53
Die Briefe – Frigga Haug – Rosemary Hennessy
Geborgenheit, nach Heimat ist nicht für sich
»seinem Wesen« nach reaktionär; er kann verknüpft werden mit dem politischen Einsatz für
eine andere Gesellschaft, mit dem Anspruch
und der Verwirklichung eigener Entwicklung,
mit dem Recht auf einen Erwerbsarbeitsplatz,
der den Zugang zur Gesellschaft im Großen
bedeutet und von persönlicher Abhängigkeit
befreit.
Parteiprogramm einbringen. Dabei bleibt
die schwierige Aufgabe, gerade im konkret
Einzelnen die Verknüpfung zu denken, etwa
nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf zu fordern oder abzulehnen, sondern
die Vereinbarkeit beider mit Selbstentwicklung und Politik usw. zusammenzubringen.
Wir wollen die Grenzüberschreitungen als
Fantasieschub nutzen und dabei auch die
Erfahrung machen, dass kein Bereich geändert werden kann, ohne dass die anderen
drei sich zugleich ändern, dass also jede
gesellschaftliche Maßnahme in einem
Bereich Rückwirkungen auf die anderen hat.
Um auf eine eingreifende, dialektische,
feministische Politik zu orientieren, habe
ich in Esslingen auf unserer Konferenz 2007
die Vier-in-einem-Perspektive vorgestellt. Sie
umfasst ein anderes Zeitregime, indem sie
alle Tätigkeiten in Gesellschaft zusammenfügt
in einen Lebensplan. Sie schlägt ein anderes Verständnis von Gerechtigkeit vor, in der
enthalten ist, die Produktion von Leben und
von Lebensmitteln, also die gesellschaftliche
Gesamtarbeit auf alle zu verteilen. Sie fasst
als Menschenrecht, die eigenen Fähigkeiten,
das eigene Vermögen zu entwickeln, ebenso
wie die Politik. Damit schlägt sie auch ein
anderes Verständnis von Demokratie vor, als
Gesellschaftsgestaltung von unten.
Dabei ist immer wieder einzuschärfen:
Die Kunst besteht in der Verknüpfung der
vier Bereiche menschlichen tätigen In-derWelt-seins. […]
Wir wollen diese Elemente in konkrete
Forderungen übersetzen und ins neue
Rosemary Hennessy
Houston, Texas, USA
Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ging
die Entwicklung in nahezu allen 190 Ländern
der Erde dahin, dem Privateigentum in Fragen
des wirtschaftlichen Wachstum, weitgehend zu
vertrauen und den Einfluss des Staates als ausgleichende Kraft bei der Kapitalakkumulation
zu verringern. Gleichzeitig wuchs die Kluft zwischen arm und reich. Die Folgen der Entwicklung trafen die strukturell Unterprivilegierten
am härtesten. Die meisten davon sind Frauen.
Die Formulierung »Geschlechter-Ungleichheit«
erklärt dabei nicht annähernd, welche Rolle
das Geschlecht bei der Reproduktion der Benachteiligung für die Mehrheit der Weltbevölkerung spielt und erfasst, auch keineswegs die
spezifische Art, in der dies Frauen betrifft.
Frauenarbeit ist unverzichtbar für die Reproduktion menschlichen Lebens. Frauen nähren
und pflegen Kinder, kümmern sich um Kranke
und stützen die Alten. Dennoch sind ihre Zeit
und Fürsorge unsichtbar und entwertet. Wenn
Das Programm
Wie können wir unsere Überlegungen und
Anstrengungen, unsere Vorschläge in das
Parteiprogramm bringen? Alle wissen, dass
es Frauenforderungen in der Linken, in der
Arbeiterbewegung schwer haben, selbst
von Wohlmeinenden regelmäßig fast systematisch übersehen werden.
Wir müssen also gemeinsam alle Kräfte
anstrengen, die feministische Dimension
grundlegend und nicht bloß als bedeutungsloses Anhängsel ins neue Programm zu
bringen. […] Es bleiben zunächst zwei Fragen
offen: Könnten wir das Vier-in-einem-Konzept
so anreichern, konkretisieren und übersetzen,
dass es als Leitlinie dient? Und zweitens, wie
können wir das feministische Erbe aufnehmen
und anders zusammenfügen.[…]
die Tätigkeit armer Frauen sowie ethnischer
und sexueller Minderheiten »feminisiert« ist,
heißt das, ihre Löhne sinken und ihre Arbeit
wird als entbehrlich, ungelernt und schnell
ersetzbar abgewertet. Feminisierte Arbeit
bedeutet Profitmaximierung für die Reichen.
Gewalt gegen Frauen verstärkt strukturelle
Benachteiligung. Es gibt sie in jedem Land der
Welt und sie nimmt viele Formen an, von der
Vergewaltigung als Kriegswaffe über häusliche
Gewalt bis zum Ausschluss von Frauen und
Mädchen aus Gesundheitsfürsorge, Wahlfreiheit, Bildung und öffentlichem Leben. Ein Ausschluss, der ihre Chancen weiter beschränkt
und ihnen die Möglichkeit nimmt, ihre Rechte
einzufordern.
Feminismus ist eine – in Generationen des
Kampfes verfeinerte – Praxis zur Beseitigung
eines Geschlechtermodells, welches in ökonomische, politische und kulturelle Benachteiligungen eingelassen ist. Diese sind die
Ursache dafür, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung ein Leben voller unbefriedigter
Bedürfnisse, Demütigungen und Missachtung
Die Briefe – Rosemary Hennessy
führen muss. Als kritisches Wissen ist der
Feminismus von entscheidender Bedeutung
für eine Politik, die darauf abzielt, den heutigen allgegenwärtigen Mangel in die Möglichkeiten dessen zu überführen, was sein kann.
Mehr denn je sollte dies ein zentrales Merkmal
jeder links-sozialistischen politischen Partei
sein, deren Ziel die Abschaffung der wachsenden neoliberalen Ungerechtigkeiten ist.
Angesichts der Schlüsselrolle des
Geschlechterkonzepts bei der Reproduktion
von struktureller Benachteiligung sollte es
nicht überraschen, dass eines der Marken­
zeichen des Neoliberalismus ein Gegenschlag gegen den Feminismus ist. Man hört
es in den Beteuerungen liberaler und konservativer Kreise, aus dem Munde von jung und
alt: Die Gleichstellung der Geschlechter sei
erreicht, da die Frauen jetzt in den Arbeitsmarkt integriert seien. Man hört es an der
Art, wie das »F«-Wort in öffentlichen Reden
als Tabu gebranntmarkt wird; in der Zurückweisung feministischer Wissenschaft und
Politik, und am heimtückischsten in einer
linken Rhetorik, die von Feminismus spricht,
ohne einen feministischen Weg zu gehen.
Angesichts eines Kapitalismus, der auf Kosten
armer Frauen und Mädchen Siege feiert, besteht für linkssozialistische politische Parteien
weltweit die Gefahr, dass sie in die Fallen des
neoliberalen Rückschritts tappen. Die Herausforderungen sind vielfältig. Es ist notwendig
zu begreifen, wie Geschlechterverhältnisse
im kapitalistischen Klassenkampf funktionieren. Feministinnen haben hier viel anzubieten
zur Aufdeckung des Warum, Wie und Wo der
Aneignung feminisierter Arbeit und der Gewalt
gegen Frauen, die entlang der transnationalen
Kreisläufe von Migration, Handel und Arbeit
stattfindet. Politische Ansätze, in denen es
nur um die Belange Berufstätiger geht, sind
ebenfalls als neoliberale Falle zu meiden.
Selbst in diesen Zeiten postfeministischen
Rückschritts gibt es viele tapfere Frauen und
ein paar Männer, die in unabhängigen Gruppen gegen eine Geschlechterungleichheit
kämpfen, auf der die neoliberale Enteignung
wächst und gedeiht. Es muss sichergestellt
sein, dass die Analysen dieser Gruppen und
Organisationen von Anfang an in die politische Planung einbezogen werden, statt sie als
nachträgliche »Einfälle« anzuhängen. Eine weitere Herausforderung für linkssozialistische
54
Parteien im derzeitigen antifeministischen
Klima ist es, an einem politischen Programm
der Umgestaltung festzuhalten und eine
politische Praxis zu entwickeln, in der sich die
Hoffnung auf politischen und sozialen Wandel
in die Richtung einer sozialistischen Perspektive artikuliert.
Das UN-Statement zu Gender Mainstreaming
ist keine vollkommene Vorlage für die Umsetzung von Prinzipien in die Praxis, aber es
ist ein Anfang. Gender Mainstreaming wird
verstanden als »Prozess der Folgenabschätzung jeder geplanten Aktivität auf Frauen und
Männer, einschließlich Gesetzgebung, Maßnahmen und Programmen in allen Bereichen
und auf allen Ebenen. Als Strategie soll Gender
Mainstreaming die Belange und Erfahrungen
von Frauen gleichermaßen wie die der Männer
zum integralen Bestandteil der Entwicklung,
Implementierung, Überwachung und Bewertung von Maßnahmen und Programmen in
allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Bereichen machen. Frauen und Männer sollen
gleichermaßen profitieren, damit Ungleichheit
nicht fortgeschrieben wird. Das Ziel ist es,
Geschlechtergleichheit zu erreichen.«
(ECOSOC 1997/2).
Die meisten SozialistInnen haben verstanden, dass Geschlechtergleichheit nicht nur
eine Frage gleicher Rechte ist und dass für
die strukturelle Benachteiligung, welche
die kapitalistische Ausbeutung braucht,
Geschlechterstereotype wesentlich sind.
Bewähren aber tun sich die sozialistischen
Grundsätze erst an der Frage, ob sie in Taten
umgesetzt werden. Eine linkssozialistische
Politik, die gesellschaftlichen Wandel anstrebt, darf keine Lippenbekenntnisse zu
Geschlechtergleichheit und Feminismus ablegen. Sie muss das Ziel einer sozialistischen
Zukunft wagen, das sich auf die Erkenntnisse
der Basisbewegungen und Gemeindeprojekte
stützt und eine öffentliche Ordnung und
Gesetzgebung einsetzt, die das Geschlechterkonzept strukturellen Mangels bricht. Sie
muss zudem eine soziale Bewegung anregen,
die Alternativen zu existierenden Staats- und
Wirtschaftsformen sucht, um Alternativen
in Kraft zu setzen, die die Entwicklung aller
Fähigkeiten, die Freiheit von der Not, Würde
und Wertschätzung von Frauen und Mädchen
sichern und, indem sie dies tun, auch die
menschlichen Fähigkeiten von Jungen und
Männern erweitern.
55
Die Briefe – Maria Joó
Maria Joó
Budapest, Ungarn
einfachen LeserInnen kaum erreichbar
oder/und sprachlich zugänglich sind.
Nach der Befreiung der Frau.
Butler oder Beauvoir in der
postsozialistischen Situation?
Die gesellschaftliche Akzeptanz von Feminis­
mus bei uns ist gering. In der öffentlichen
Meinung ist ein Maskulinismus vorherrschend, der vom naiven Prä- oder Postfeminismus bis zum ausgeprägten Antifeminismus reicht. In dieser Situation finde ich
kritische humanistische Feministinnen wie
Beauvoir besonders wichtig: Sie liefern eine
umfassende Analyse unserer androzentrischen Kultur und rücken die ethische Verantwortung des Individuums für die eigene und
die gesellschaftliche Freiheit der Frau in den
Vordergrund.
Ich habe neulich einen Aufsatz über die
postsozialistische Aktualität von Beauvoirs
philosophischem Ansatz der gesellschaft­
lichen und persönlich-moralischen Befreiung
der Frau in ihrem Werk Das andere Geschlecht
geschrieben.[1] Meine Hypothese war, dass die
historische Erfahrung von geschlechtsegali­
tärem Sozialismus in den postsozialistischen
Ländern eine eigene, situationsgebundene
Interpretation begründet, die sich von anderen Interpretationen unterscheidet.
Ich nenne die Situation der Frauen bei uns
postsozialistisch. Eine Erfahrung aus unserer
Vergangenheit ist, dass die gleichberechtigte
Teilhabe am Produktionsprozess nicht
ausgereicht hat, um die Frau dem Mann
vollkommen gleichzustellen, also die gesellschaftliche Emanzipation der Frau zu erreichen. Die veränderten gesellschaftlich-ökonomische Verhältnisse konnten die Macht der
kulturellen Tradition nicht brechen, die
in der privaten Sphäre von Ehe, Familie und
Sexualität weiterlebte. Um das zu verstehen,
können wir heute nicht länger nur Materialistinnen sein. Wir brauchen den individualistischen Existenzialismus von Beauvoir und
einen durch Butler vermittelten Foucaultianismus, um die körperliche Macht der sexuellen
Diskurse zu begreifen. Butlers performatives
Genderkonzept ist zu subtil ohne Beauvoirs
Konzept einer gesellschaftlich-moralischen
Verantwortung für die Freiheit der Frau. Ich
sehe also die Verortung unseres postsozialistischen feministischen Diskurses nicht als
eine Wahl zwischen einem humanistischen
und einem postmodernen Feminismus,
zwischen Beauvoir oder Butler. Beide haben
Bedeutung für uns und ergänzen sich. Seit
etwa fünfzehn Jahren gibt es bei uns eine
eigenartige Rezeption der vielfältigsten
feministischen Theorien: Wir können gleichzeitig Judith Butler und Germaine Greers
Klassiker Der weibliche Eunuch lesen, Elisabeth Badinter und Donna Haraway, Madonna
Kolbenschlag und viele andere.[2] Über die
meisten wird allerdings kaum ein Wort
geschrieben – außer in der akademischen
Genderforschung, deren Ergebnisse in
Konferenzbänden vorliegen, die für die
Die Rezeption von Beauvoir ist durch den verbreiteten Antikommunismus in unseren postsozialistischen Ländern erheblich erschwert.
Butlers Werke hingegen könnte eigentlich
durch die herrschende Foucault-Mode einen
günstigeren Wind haben. Butler wird jedoch
als weltbekannte Starfeministin betrachtet
und als solche ignoriert und kritisiert in der
Hoffnung, mit ihr den Feminismus als solchen vernichten zu können. Dieser Tage ist
in der renommierten ungarischen Wochenzeitschrift »Leben und Literatur« die erste
Attacke gegen den postmodernen Feminismus – gleichgesetzt mit Butler und Cixous –
erschienen. Butler ist seit einigen Jahren mit
zwei übersetzten Büchern und einem Aufsatz
(Contingent Foundations) präsent, Cixous’
Das Lachen der Medusa ebenso. Fast alle
Bücher von Beauvoir sind in den 1960ern und
1970ern erschienen.[3] Nach Jahrzehnten sind
nun auch ihre Briefe an ihren amerikanischen
Freund Nelson Algren übersetzt worden.
[1]Der Vortrag wird 2010 im Querelles-Net Sonderband
Beauvoir veröffentlicht; ein weiterer Beitrag ist im
Konferenzband der Internationalen Assoziation von
Philosophinnen A Passion for Freedom ed. Birules,
Pena Aguado, Barcelona 2004 erschienen unter dem
Titel Beauvoir in the post-socialist condition.
[2]S. dazu Maria Joó Nice feminis Philosophy in:
Teaching Gender Studies in Hungary ed. Andrea Petö
Budapest 2006 S. 40 bis 50.
[3]Die ungarische Übersetzung von Das andere
Geschlecht ist 1969 erschienen und war damals sehr
populär; nach zwei Jahren folgte eine zweite Auflage.
Es handelt sich dabei um eine gekürzte, von Beauvoir
authorisierte Ausgabe von etwa 600 Seiten, von dem
Philosophen und Sartre-Experten Zador Tordai durchgesehen und um ein Glossar der existentialistischen
Begriffen ergänzt.
Die Briefe – Larissa Krainer
Larissa Krainer
Klagenfurt, Österreich
Praktischer Feminismus –
feministische Praxis
Eigentlich gäbe es gute Gründe, keine Thesen
zur Frage zu verfassen, was ein feministisches
Projekt heute sein kann und wie ein solches
zu gestalten wäre.
Zunächst, weil ich der Auffassung bin, dass
es in so grundlegenden Fragen wie: »Was ist
links?« oder »Was ist feministisch?« eigentlich
nicht darum gehen kann, Definitionsmacht
(normative Autorität) zu gewinnen und damit
festzuzurren, festzulegen, was in Bewegung
sein – und bleiben – soll. Für mich handelt
es sich um Prozessbegriffe, die zu verhandeln
sind und zwar immer wieder, von politischem
Fall zu politischem Fall aufs Neue.
Dann, weil ich bestreiten will, dass es das
eine, linke, feministische Projekt geben kann
oder soll – zu pluralistisch ist die feministische Gesellschaft, zu bunt die linken Teile
dieser Welt. Ich finde vielmehr, dass Pluralität
der Sichtweisen erhalten bleiben sollte und
dass es viele feministische Projekte geben
sollte – und zwar tatsächlich solche, die in der
Praxis erprobt werden und die in der Empirie
zeigen sollen, was aus einer feministischen
Praxis gesellschaftlich zu lernen ist.
Zum Dritten bergen Aufforderungen zur
breiten Diskussion so grundlegender Fragen
einen heiklen Widerspruch in sich. Wiewohl
das Partizipieren und Mitgestalten von
möglichst Vielen (potenziell Allen) Teil linker
Politik- und Partizipationsmodelle sein mag,
bezweifle ich ernsthaft, dass es linkes oder
feministisches Denken (wie jedes politische
Handeln mit dem Ziel der Veränderung) automatisch erlaubt, die Frage des zu Gestaltenden jenen zu überlassen, für die, in deren
Namen oder zu deren Gunsten gestaltet
werden soll. Die breitestmögliche Einbeziehung bewirkt unweigerlich das Gegenteil
des Angestrebten, nämlich die potenzielle
Ungestaltbarkeit, zumindest eine breite
Lähmung (wie sie etwa aus basisdemokratischen Organisationen bekannt ist). Ich nenne
das die politische Gestaltungsaporie. Insofern
sind alle Partizipationsmodelle zunächst
einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen.
Zu entscheiden ist von Fall zu Fall, welche
Materie geeignet erscheint, Entscheidungsmacht aus der Hand zu geben (an Betroffene
zu delegieren, eigentlicher: zu re-delegieren)
und welche demgegenüber nicht. Geeignet
erscheinen mir primär jene Themen- und
Fragestellungen, in denen Betroffene bereits selbst Gestaltungsmacht haben (daher
sind Mediationen in bestimmten Bereichen
56
vermutlich auch so erfolgreich). Dort, wo
dies nicht der Fall ist oder aber es um die
Frage der Sicherung des Gemeinwohls und
der öffentlichen Güter geht, halte ich das von
jeher für sehr bedenklich.
Wenn wir die Linke und den Feminismus als
Gesamtinitiativen verstehen wollen, denen es
letztlich um die Sicherung solcher Güter geht,
finde ich es viertens fatal, ihre eigene Definition zur Disposition zu stellen. Zum einen
aufgrund der schon genannten Definitionsproblematik, zum anderen aber auch deshalb, weil doch eigentlich Politikerinnen und
Politiker beschreiben sollten, was sie darunter
verstehen und welches politische Handeln
sie daher setzen wollen, und zum Dritten, weil
die Sicherung des Gemeinwohls just jene ist,
aus der sich das größte hetzerische Kapital
schlagen lässt (gegen AusländerInnen, RaucherInnen, zu dicke Menschen, sogenannte
SozialschmarotzerInnen und so weiter). Das
ist kein Ruf nach falschen Autoritäten oder
gar überkommener Hierarchie, wohl aber
einer nach Strukturen, die klug eingerichtet
sind und die Steuerung durch Einzelne auf
Basis demokratischer Spielregeln sicher stellen (eine bessere ist bislang nicht bekannt)
und die es zugleich ermöglichen, Programme
zu entwickeln und zu vertreten, die ferner
Aussicht haben, mit ihnen realpolitische
Gestaltungsmacht zu erlangen.
Welche Konsequenzen folgen daraus für das
Formulieren linker, feministischer Thesen?
Zunächst eine andere Zugangsweise zum
Definitionsvorhaben, wofür ich statt einer
normativ-ontologischen eine transzendentalphilosophische vorschlage. Dann der Vorschlag, Politik als Widerspruchsmanagement
zu denken, zu leben und auch transparent zu
machen. Schließlich der Vorschlag, Strukturen, Verfahren und Projekte einzurichten, die
politische Modelle in der Praxis überprüfbar
machen und Mitsprache – in Form von konsequentem Feedback – ermöglichen.
Zwei Grundannahmen sind aus meiner Sicht
als Bedingungen der Möglichkeit für gelingende Demokratie und daher auch für linke und
feministische Politik zu nennen: Neben der
Sicherung von Freiheit ist dies der dialektische (und daher widersprüchliche) Charakter
aller politischen Materie. Die Herausforderung lautet also, in Widersprüchen denken
zu lernen – auch und gerade im Abendland,
das seine größten Erfolge der Logik und dem
Ausschluss von Widersprüchen verdankt.
Wir beginnen erst zu lernen, wo Logik ihren
sinnvollen Platz hat (zum Beispiel in Naturwissenschaften und Technik) und wo sie demgegenüber an ihre Grenzen stößt (zumindest im
Politischen und im Alltagsleben, das freilich
selbst politisch ist).
57
Politische Konzepte sind Antworten auf
Widersprüche (jenem der Geschlechter, jenem
zwischen Generationen, jenem zwischen
Arm und Reich etcetera). Allerdings machen
sie leider zumeist weder den Charakter ihrer
Antworten (die auch anders ausfallen hätten können) noch die Widersprüche selbst
transparent. Das verleiht ihnen zum einen
den Charakter von (logischen) Wahrheiten
und setzt sie zum anderen dem Verdacht aus,
entweder totalitär oder naiv zu sein (oder beides). Insofern wäre ein erster Schritt getan,
wenn jene Widersprüche, die mit politischen
Antworten balanciert werden sollen, als solche sichtbar würden und wenn ferner die Antworten so formuliert sein könnten, dass klar
wird, dass es sich dabei jeweils um zeitweilige
und veränderbare Antworten handelt. (Dann
könnten wir es auch leichter hinnehmen, dass
sich zunächst klug anmutende Ideen wie der
Biosprit in fatale Konzepte verwandeln, die
dazu führen, dass das Brot der Ärmsten in den
Auspuffen der Reichsten landet; oder dass
Monoedukation in bestimmten Lebensphasen
vielleicht doch sinnvoll sein kann.)
Politische Antworten bedürfen der praktischen
Erprobung. Wenn wir uns darauf verständigen
könnten, dass wir klug anmutenden Ideen die
Chance geben wollen, erprobt zu werden, um
in der Erprobungsphase zu klären, ob sie sich
bewähren, und die Entscheidung über ihre
weitere Umsetzung zugleich daran knüpfen
würden, wäre ebenfalls schon viel gewonnen
und wir könnten viel rascher gegensteuern.
Dazu wären aus meiner Sicht zwei Instrumente besonders geeignet: zum Einen eine
umfassende Projektstruktur, zum anderen
die Entwicklung und Etablierung einer ausgeprägten Feedbackkultur, die sich konsequent
mit der Frage befasst, ob wir das, was wir
veranstalten, so auch wollen, was nicht, was
anders. Darin sehe ich den größten Sinn von
Partizipation. Die Sicherung von solchen
Strukturen und Verfahren wäre zugleich die
Sicherung der Möglichkeit, dialektische Materien zu thematisieren, transparent zu machen
und schließlich verschiedene Antwortmöglichkeiten auf sie praktisch zu überprüfen (wozu
wir ein Modell der Prozessethik entwickelt
haben).
Als linke und feministische Projekte würde
ich solche bezeichnen wollen, die anhand
bestimmter Themen- und Fragestellungen gedachte Antworten diesem Praxis-Check unterziehen. Welches die Themen- und Fragestellungen sind, ist dabei zunächst unwesentlich.
Viel wichtiger wäre es mir, den Charakter der
Die Briefe – Larissa Krainer
Projekte als solche deutlicher transparent zu
machen und klar zu benennen, dass es darum
geht, zu überprüfen, ob die Konkretisierung
der Ideen mit den gedachten Mitteln sich bewähren kann. Insofern brauchen wir nicht ein
linkes, feministisches Projekt, sondern viele.
Quasi an jeder politischen Ecke eines. Ein
solches Vorgehen verdiente die Bezeichnung
»praktischer Feminismus« und wir hätten die
Chance, viel öfter eine feministische Praxis
auszuprobieren, zu erleben, zu loben, zu
kritisieren (darüber lohnte es sich aus meiner
Sicht sogar zu streiten, vor allem dann, wenn
es um die Budgets zur Finanzierung der Projekte und deren Folgeprojekte ginge).
Linker Feminismus und eine feministische
Linke könnten sich dann von ihrer jahrzehntelangen Tradition der Dekonstruktion verabschieden (oder sie denen überlassen, die
ohnedies nicht gestalten wollen), müssten
auch nicht länger um theoretisch-abstrakte
Definitionen ringen, sondern könnten dialektische Politik oder eine Politik der Dialektik
betreiben. Dies wird in Anbetracht der vorhandenen Logik der Medien (mit ihrem Ruf nach
kurzen, klaren, eindeutigen und unwiderrufbaren Antworten) kein einfaches Unterfangen
sein. Die Emanzipation des Geistes und der
Vernunft aus den logischen Denkmustern des
Verstandes halte ich allerdings für das dringendste politische Unterfangen. Links
und feministisch.
P. S. Eine Anmerkung zu einem möglichen
Missverständnis: Projekte (wie auch Projektstellen) gelten als unsichere Sache, mitunter
ein prekäres Geschäft, von Kurzzeitperspektive geprägt. Sind sie auch. Dennoch sind sie
ein gutes Instrumentarium, um Praxisfälle zu
erproben und danach zu entscheiden, was
auf Dauer gestellt werden soll und was nicht.
Das bedeutet aber nicht, dass die Stellen
derer, die in den Projekten und für diese
arbeiten, reine Projektstellen sein müssen
oder gar sollen – im Gegenteil. Wo ökonomische Existenz an das Vorhandensein von
Projekten geknüpft wird, wird die Existenz
selbst zu einer Projektphase erklärt, die nicht
selten auch korrumpierbar wird (um laufende
Projekte zur bestmöglichen Zufriedenheit
von AuftraggeberInnen durchzuführen oder
um neue existenzsichernde Projekte zu
generieren). Ich halte die statthabende
Praxis der Verknüpfung von Projektarbeit
mit existenzieller Absicherung daher für
äußerst problematisch, nicht zuletzt deshalb,
weil sie Projektarbeit selbst in Verruf geraten
lassen hat.
Die Briefe – Birge Krondorfer
Birge Krondorfer
Wien, Österreich
Feministische Notizen
zu einem linken Projekt
Es ist heute ein gängiges Vor- oder Nachurteil
zu behaupten, dass ein politisches Wollen
entweder dem Feld des Vorpolitischen angehöre oder gefährliche Ideologie sei. Es ist zu
vermuten, dass dies der hyperkapitalistischen
Mentalität entspringt, die es verweigert, sich
in Kategorien einer politischen Ökonomie zu
reflektieren. Das spiegelt sich im Mainstream
durch das Verdikt aufs Ganze gehender Kritiken, die bedenkenlos eines Fundamentalismus beziehungsweise mangelnder Einsicht in
Bezug auf die Sachzwänge bezichtigt werden.
Dem entspricht die proklamierte Alternativ­
losigkeit zu einem universell gewordenen
System und damit einhergehend das Verwerfen von Handlungsmöglichkeiten. Auch lässt
das hegemoniale Paradigma der effizienten
Ökonomisierung der inneren und äußeren
Lebensbedingungen und -verhältnisse niemanden aus, auch uns nicht. Leben wir doch
nolens volens in der Wohlstandszone dieser
Welt, auf einer Insel, in der sich leicht beim
Kaffee Latte über die eigene Prekarisierung
jammern und über das Unglück der anderen
plaudern lässt – solange man/frau nicht
selbst ums schiere Überleben laufen muss.
Anstandsdiskurse (à la political correctness)
haben insofern mit Wohlstand wesentlich
zu tun.[1]
Jedoch und deshalb: Wir (wenn das heutzutage überhaupt noch erlaubt ist zu sagen),
die den (nicht nur etymologischen) Zusammenhang von Kritik und Krise noch wahrzunehmen vermögen, sind befangen in einem
Zustand wachsender Ratlosigkeit. Es ist wie
mit der Geschichte vom Hasen und vom Igel:
Ein jegliches Engagement im Sinne der Hinterfragung des kapitalistischen Systems wird
von eben diesem geschwind beantwortet mit
»Ich bin schon da«. Was wäre also ein »nach
vorne zu Entwerfendes«[2], das weder der
reinen Illusion noch dem Anspruch auf eine
umgekehrte Totalität auf den Leim gegangen
sein wird?
[1]Es mangelt u. a. an einer politischen Ökonomie des
Konsums, an einer lauten Kritik der Refeudalisierung
der postdemokratischen Gesellschaften, an einer kollektiven Scham über unser »gutes Leben« angesichts
des ausgelagerten Fordismus in die sog. 3. Welt.
[2]Projekt: Entwurf, Plan, Vorhaben (aus lat. proiectum
»das nach vorn Geworfene«), nach: Duden Herkunftswörterbuch 1989
[3]Dieses Jahr 100. Geburtstag, nächstes Jahr 60 Jahre
»Le Deuxième Sexe«.
58
Dazu möchte ich aus der Perspektive langjähriger Erfahrungen in selbstorganisierten
politischen Frauenkontexten und feministischer Theoriearbeit besonders den Aspekt
der Vermittlung zwischen Sache und Person,
dem Allgemeinen und dem Besonderen, also
der Kritik der Organisation zur Diskussion
stellen. Und hinzufügen, dass ein linkes
feministisches Projekt heute mich als Nieparteigängerin neuerdings (und vornehmlich auf
transnationaler Ebene) interessiert, weil die
politische Frauenbewegung sich maßgebend
nicht mehr bewegt, da sie einerseits in staatliche Instanzen beziehungsweise EU-Direktiven (Stichwort »Gender Mainstreaming«)
aufgegangen und andererseits subkulturell
selbstgenügsam geworden ist. Ersteres hat
seinen ambivalenten historischen Weg genommen und letzteres hat seine Wichtigkeit
dort, wo noch avantgardistische und anarchische Momente auftauchen; nur erscheint
mir die Fokussierung auf die Beschäftigung
mit (luxuriösen) Identitätsfragen zu wenig
angesichts einer Weltlage, die von produzierten Hunger- und Gewaltkatastrophen derart
strotzt, dass einer täglich übel werden kann.
Und da mit »links« das Motiv und die Motivation sozialer Gerechtigkeit verbunden sind und
noch kein neues übergreifendes »Label« dafür
gefunden wurde, ist das einen Versuch wert.
Und klingt nicht die Feststellung Simone de
Beauvoirs[3] von vor über dreißig Jahren zum
Verwandtschaftsverhältnis von »links« und
»feministisch« noch sehr aktuell?
Frauen aus der Rechten wollen keine Revolution. Sie sind Mütter, Ehefrauen, ihrem Mann
ergeben. Oder, wenn sie sich überhaupt für
etwas einsetzen, dann nur, um ein größeres Stück vom Kuchen abzubekommen. Sie
wollen mehr verdienen, mehr Frauen ins
Parlament wählen oder eine Frau als Staatspräsidentin sehen. Grundsätzlich sind sie von
der Ungleichheit überzeugt, sie bevorzugen
jedoch ganz oben, statt unten auf der Gesellschaftsleiter zu stehen.
Sie passen jedoch gut in das System so wie
es ist oder wie sie es verändern werden, um
ihren Ansprüchen zu genügen. Der Kapitalismus kann sich natürlich erlauben, Frauen in
die Armee eintreten zu lassen, Frauen in die
Polizei aufzunehmen. Der Kapitalismus ist
intelligent genug, Frauen an der Regierung
teilhaben zu lassen. Der Pseudosozialismus
kann einer Frau sicher auch erlauben, Generalsekretärin der Partei zu werden. All das
sind nur Reformen …
Eine Feministin, ob sie sich als links bezeichnet oder nicht, ist per definitionem eine
Linke. Sie kämpft für die totale Gleichberechtigung, für das Recht, genauso wichtig und
59
relevant zu sein wie ein Mann. Dieser Kampf
beinhaltet automatisch ihre Forderung nach
Gleichheit der Klassen. (…) in einer Gesellschaft also, in der die Erfahrungen jeder
einzelnen Person genauso viel wert sind
wie diejenigen jeder anderen, gibt es automatisch Gleichberechtigung, das heißt
wirtschaftliche, politische Gleichberechtigung
und vieles mehr. Also: Geschlechterkampf
bedeutet gleichzeitig Klassenkampf, Klassenkampf bedeutet dagegen nicht automatisch
Geschlechterkampf. Deshalb sind Feministinnen echte Linke.«
Klassenkampf in engerer Bedeutung macht ja
heute zumindest im Westen nicht mehr sehr
von sich reden. Über den Geschlechterkampf,
dem allerdings die Kämpferinnen abhanden
gekommen sind, muss hingegen – weltweit
– nach wie vor gesprochen werden. In dem
Entwurf (16. September 2008) zur Wahlplattform der Europäischen Linken (EL) ist in einer
Passage zu lesen:
»Wir Parteien der Europäischen Linken fordern, dass dieses Europa ein friedliches und
ziviles Europa ist, dessen Wirtschaftssysteme
sozial und ökologisch nachhaltig sind; wir
wollen ein feministisches Europa, das sich auf
der Grundlage von Demokratie und Solidarität entwickelt. Dies benötigt Ideen, Initiativen
und beharrliche Arbeit der politischen Akteure, demokratischen Kräfte, Gewerkschaften,
sozialen Bewegungen und Vertretern der
Zivilgesellschaften. Alternativen sind möglich
– durch den gemeinsamen Kampf auf den
Straßen als auch in den Parlamenten.«
Dies klingt ja gut und schön. Doch was fällt
nebst der Nichtexistenz politischer Akteurinnen und zivilgesellschaftlicher Vertreterinnen
sowie dem Verschwinden der Fraueninitiativen in den sozialen Bewegungen ins feministisch sensibilisierte Auge? Meines Erachtens
die absurde Formulierung des Wollens eines
»feministischen Europa«. Was bitte soll das
heißen? Feminismus in Begriff, Sache und
Tätigsein zielt ab auf Prozesse der Veränderungen mit dem Ziel geschlechtergerechter
Verhältnisse und Strukturen und kann selbst
nicht Totalität von Staatengemeinschaften
oder einer Gesellschaft sein. Feminismus
als Hegemon wäre ein Widerspruch in sich.
Dieses Beispiel zeigt nicht nur ein grundsätzliches Missverstehen auf, sondern auch eine
absolut irreale Utopie, deren Ort tatsächlich
nur den (wörtlichen) Nichtort darstellt.
Es braucht mehr als die Akklamation von
Forderungen, mehr als plakative »SollFormeln«. Dazu bedarf es in erster Linie
kritischer Selbsteinsichten, wofür die feministischen Theorien und Praxen Vorbild abgeben
Die Briefe – Birge Krondorfer
könnten – in guter wie in schlechter Hinsicht,
deren sie sich aber zumeist nicht bewusst
sind. Die westlichen Frauenbewegungen haben in Relation zu anderen sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts immensen Einfluss
auf gesellschaftliche Prozesse gehabt. Dieser
wird allgemein so nicht anerkannt und die
feministischen Wissenschaften sowie politischen Akteurinnen waren und sind sich selbst
gegenüber wesentlich kritischer als andere
bewegende Kontexte. Doch die Grenze zwischen konstruktiver Kritik und Selbstde(kon)
struktion sind derart fließend, dass sie die
Früchte ihrer Bemühungen zu oft nicht wahrnehmen können. Damit wurden die Vermittlung von politischen Inhalten und die Tradierung feministischer Ethiken schwer gemacht
sowie eine öffentlich wahrnehmbare Kontinuität verunmöglicht. Die massenmediale
Meinungsbildung hat diese Leerstelle besetzt
und prolongiert eine neues (?) Patriarchat –
»New Feminism« included. Es ist also eine
hohe Bereitschaft der gegenseitigen Selbsthinterfragung zu konstatieren, deren Negativ
eine Verhinderung von gemeinsamen politischen Organisationsformen darstellt. Gerade
Frauen scheinen untereinander ein immenses
Abgrenzungsbedürfnis zu haben, was mit
dem Mangel an Anerkennung im öffentlichen
(und damit auch politischen) Raum ebenso zu
tun hat wie mit der historisch gewachsenen
psychischen Disposition zur Konkurrenz, die
nicht bloß mit den (realen wie symbolischen)
heterosexuellen Abhängigkeiten (von imaginiert oder tatsächlich mächtigen Männern)
zusammenhängen, sondern mit der langen
Geschichte des weiblichen Existierens als
»privatisiertes« (wörtlich »beraubtes«) Dasein
als Nichtsubjekt. Das Abendland hat die Geschlechterdifferenz nur gedacht in Form von
Über- und Unterlegenheit.
Faktisch stellt sich das immer noch so dar:
Frauen stehen weiterhin ihren Mann, indem
sie doppelt so lang und härter arbeiten als
Männer, als ob sie an sich selbst bestrafen, dass sie vorhanden sind. In der Familie
unbezahlt und im Beruf unterbezahlt, sind
sie die letzten, die eingestellt und die ersten,
die gefeuert werden, obwohl neuerdings das
Gegenteil versichert wird. Dennoch stellen
Frauen fast zwei Drittel aller Erwerbslosen,
Sozialhilfeempfänger, Teilzeitarbeitenden und
nicht sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die mehrheitlich Alleinerziehende sind:
Sie aber nehmen jede Doppelbelastung in
Kauf, auch wenn sie ausschließlich auf ihre
Kosten geht. Zwar zielen Frauen dabei auf
einen Gewinn ihres Selbstwerts ab, aber er
ist (…) nicht zu realisieren. Denn er wird in
dem Maß negiert, wie nichts profitabler ist
als jemand ohne Wert, der Werte produziert,
ohne dass er – sprich: sie – wenigstens das
Die Briefe – Birge Krondorfer
Äquivalent gesellschaftlicher Anerkennung
dafür erhält. Auch im Hinblick darauf wird
inzwischen das Gegenteil versichert: Frauen
seien, obwohl noch unterrepräsentiert, auf
allen Ebenen der Gesellschaft präsent, auch
in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Doch
eben dieses »auch« drückt die Verweigerung
dieser Anerkennung aus.«
Eine feministische Linke, die diese Bezeichnung verdient, hätte zu allererst sich mit dem
Geschlechter(miss)verhältnis als Grundwiderspruch allgemein und in den eigenen
Reihen auseinanderzusetzen. Dazu gehört
die Selbsteinsicht, dass alle uns bekannten
Organisationsformen – und da machen Linksparteien überhaupt keine Ausnahme – auf
Männerbündnissen basieren. Es lässt sich
von der Dominanz männlicher Triebstruktur
in der und als Organisation sprechen, die
vom Frauen-Ein- und Ausschluss lebt. Appelle
an Verstand und Moral nützen da gar nichts!
Denn feministische Anliegen beispielsweise
an ein »Europa« zu delegieren, ohne dass die
Anforderungen einer Geschlechterdemokratie auf sich selbst appliziert werden, ist leeres Gerede. Die Linken waren schon immer
schlecht damit beraten, die Leidenschaften
der Menschen zu ignorieren, also auf eine
Rationalitätsökonomie zu setzen und damit
die Sphäre der Emotionen und Bedürfnisse
den Rechtskonservativen zu überlassen. Und
sie waren und sind schlecht damit beraten,
jeglicher kritischen Selbstreflexion abhold zu
sein, und damit sind nicht immanente marx­
istische Theoriedebatten gemeint, sondern
Struktur- und Machtfragen in der eigenen
Organisation. Die Einsicht, dass Form und
Inhalt immer dialektisch verwoben sind, hat
sich auch hier noch nicht herumgesprochen.
Ein wahrhaftiger Prozess einer geschlechtergerechten Reorganisierung wäre in der
Tat eine schmerzhafte Prozedur – für alle
Beteiligten. Die Herrenriegen in den Parteien müssten ihre Positionen (inhaltlich wie
strukturell) abgeben wollen, und die Frauen
müssten der Verführung der Identifikation
mit den Mächtigen widerstehen wollen, ihre
gegenseitig unwohlgesonnene Klüngelwirtschaft aufgeben wollen und die Adaption
neoliberalistischer Attitüden einer bloß
individuellen Selbstbestimmung gründlich
überdenken wollen.
60
Das geht nicht ohne konfliktuöses Durcharbeiten, das geht nicht, wenn Widersprüche
neutralisiert werden und Dialektik zum pluralistischen Addieren von Differenzen verkümmert, und das geht nicht, wenn interpretiert
statt konfrontiert wird. Eine linksorientierte
Demokratie, die das Soziale nicht nur
unter Aspekten der Ökonomie, sondern
als umfassende kollektive Organisation von
Unterschieden und Gemeinsamen reflektiert, bedeutet – nicht nur aus feministischer
Perspektive – unendliches Aushandeln von
Antagonismen und Streiten um Hegemonie
bei gleichzeitiger Ablehnung hierarchischer
Gestaltung. Diesen Widerspruch zwischen
Haltung und Enthaltung gilt es aushalten zu
lernen.[4]
Frauenpolitische Agenden innerhalb der Europäischen Linken können nur wahrgenommen
werden, wenn die unterschiedlichen Protagonistinnen (Generationen, Ost-Westherkünfte,
Migrantinnen, Nichtfeministinnen, unorganisierte Feministinnen und feministische Frauenorganisationen) über ihre eigenen Schatten
springen, Differenzen aushandeln – statt sie
zu übergehen – und lernen zusammen zu
arbeiten. Parteien waren noch nie eine gute
Partie [5] für feministische Politik, weshalb die
Dringlichkeit des Zusammenhalts innerhalb
dieser Vereinigungen sowie die kooperative
Auseinandersetzung mit parteizugehörigen
politisch engagierten Feministinnen um so notwendiger ist. Das wäre aus bisheriger männlich
dominierter Parteigeschichte und -gegenwart
ebenso zu lernen wie aus der Frauenbewegung
– um diesmal anders tätig zu werden.
[4]Eine Anmerkung zum »Lernen«: mein Beitrag
»Egalität der Geschlechter?« in transform! Europäische
Zeitschrift für kritisches Denken und politischen Dialog
02 2008 (»transform« ist die Bildungsorganisation der
EL und das Journal wurde publiziert mit Unterstützung
der Rosa-Luxenburg-Stiftung) gipfelt in der Aufforderung zur Selbstaufklärung durch eine »Institutionalisierung von politischen Bildungsprozessen, die Selbstbestimmung und Selbstentwicklung in der »Trialektik« von
Sachverhalten, kollektiven Verhältnissen und subjektiven Verhältnismäßigleiten fordern und fördern.« (S. 40)
[5]»Partei« ist identisch mit dem später entlehnten
»Partie«. Beide stammen aus frz. partie »Teil; Anteil;
Abteilung; Gruppe; Beteiligung«, das von frz. partir‚
teilen, trennen abgeleitet ist, nach: Duden Herkunftswörterbuch 1989
61
Jo Labanyi
New York, USA
Die Ethik des Rechts durch
eine Ethik der Sorge ersetzen
Ich habe keine Vorschläge für konkrete
politische Forderungen, möchte mich aber
einigen feministischen Theoretikerinnen
(hauptsächlich aus Psychologie, Psycho­
analyse und Rechtswissenschaft)[1] anschließen, die für eine feministische Politik streiten, in der die Auffassung von individuellen
Rechten – Grundpfeiler der westlichen
Moderne – überdacht wird. Es geht dabei
nicht um die übliche marxistische Kritik an
der liberalistischen Betonung des Individuums, sondern um ein politisches Denken, das
Gefühle einbezieht, statt allein auf verstandesmäßige Abstraktionen zu gründen.
Es liegt in der Natur der Sache, dass durch
die Gleichsetzung von Freiheit mit den
Rechten des autonomen Individuums in der
westlichen Philosophie jede soziale oder
persönliche Beziehung zu einer möglichen
Störung der Freiheit wird und damit zu etwas,
das abzuwehren oder zu fürchten ist. Die
Arbeit Sartres ist ein Musterbeispiel für die
Schwierigkeit, individuelle Freiheit (als Auto­­
nomie verstanden) und soziale/politische
Verbindlichkeit miteinander zu versöhnen
(auch zu erkennen in dem berühmt-berüchtigten Ausspruch »Die Hölle, das sind die
anderen« aus seinem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft). Die feministische Psycho­
analytikerin Jessica Benjamin hat gezeigt,
wie diese Idee der (von Freud, wie er zugab,
nur in männlicher Begrifflichkeit angemessen
theoretisierbaren) Autonomie des Individuums als höchstem Gut Freuds Begriff des Ödipuskomplexes durchdringt: Demzufolge setzt
die Reifung des Individuums die Trennung von
der Mutter voraus, welche das Kind mit ihrer
Liebe zu verschlingen droht (Freud beschrieb
bekanntermaßen seinen eigenen Schrecken
vor dem Verschlungenwerden durch die
Mutter als »dieses ozeanische Gefühl«). Wenn
das Bedürfnis nach Bestätigung individueller
Autonomie durch Trennung von der mütterlichen Seite als richtig akzeptiert wird, bringt
es nach Benjamin notwendigerweise Männer
hervor, die Frauen herabsetzen und als Bedrohung für ihre Unabhängigkeit wahrnehmen.
[1 ]Zum Beispiel Carol Gilligan, Die andere Stimme:
Lebenskonflikte und Moral der Frau; München 1982;
Jessica Benjamin, Die Fesseln der Liebe: Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht; Basel
u. a. 1991; Nicola Lacey, Unspeakable Subjects: Feminist
Essays in Legal and Social Theory; Oxford 1998; Virginia
Held, The Ethics of Care: Personal, Political, and Global;
Oxford 2006
Die Briefe – Jo Labanyi
Und es bringt Frauen hervor, die sich selbst
herabsetzen, da der Ödipuskomplex verlangt,
dass sie das von ihnen selbst verkörperte
Weibliche ablehnen. Benjamins Vorschlag
ist, die präödipale Bindung zwischen Mutter
und Kind als Grundlage einer Ethik, die sich
auf Beziehung und gegenseitige Sorge stützt,
hervorzuheben. Sie merkt an, dass jede Mutter weiß, dass das Kind keineswegs durch die
Liebe der Mutter verschlungen wird, sondern
von Geburt an in einer wechselseitigen Beziehung zu ihr steht.
Passend dazu stellt Carol Gilligan auf der
Grundlage ihrer psychologischen Experimente
mit jungen Frauen und Männern fest, dass
Mädchen und Jungen in moralischen Fragen
tendenziell unterschiedlich denken, wobei
Mädchen Beziehungen und Sorge für andere
höher stellen als moralisches Denken auf
Grundlage abstrakter Prinzipien. Man muss
aufpassen, die Ergebnisse solcher Experimente nicht im Sinne essenzialistischer Sichtweisen auf Weiblichkeit und Männlichkeit (als
binäre Opposition) zu interpretieren, sondern
als Folge der Sozialisierung von Jungen und
Mädchen. Laut Gilligan geraten infolge dieses
geschlechtsspezifischen moralischen Denkens die ethischen Ansichten von Frauen
häufig in Widerspruch zu den Gerechtigkeitsvorstellungen im herrschenden Recht.
Dieses beruht in westlichen liberalen Demokratien auf dem Prinzip der Unverletzlichkeit
individueller Rechte, also dem Recht des
Individuums, »seine« Autonomie gegen alle
Formen des Eindringens und der Einmischung
zu verteidigen. In diesem männlich konstruierten Szenario ist Sorge notwendigerweise
eine Form von Eindringen oder Einmischen,
die bestenfalls das Urteil des individuellen
Subjekts trübt (Frauen wurde traditionell
wegen ihrer Unfähigkeit zur Unparteilichkeit
der Gerechtigkeitssinn abgesprochen) und
schlimmstenfalls die Freiheit anderer verletzt. Es überrascht kaum, dass westliche
Traditionen auf dem Konzept der höfischen
und, da­rauf folgend, der romantischen Liebe
aufbauen, welche per Definition verhinderte
Liebe ist; eine Liebe also, die sich selbst als
unmöglich konstruiert, um ein »Verschlingen«
durch den anderen zu vermeiden.
Feministische Rechtstheoretikerinnen (zum
Beispiel Lacey oder Held) haben darauf
hingewiesen, dass ein auf individuellen
Rechten basierendes Rechtskonzept nur
funktioniert, wenn alle Subjekte in erster Linie
gleich sind. Praktisch sind allerdings viele
Menschen in der Gesellschaft abhängig und
verletzbar, sei es aufgrund von Geschlecht,
Klasse, Alter oder Gesundheit (und es gibt
keine Möglichkeit, die alters- und gesundheitsbezogene Abhängigkeit aufzuheben).
62
Die Briefe – Jo Labanyi – Christine Lehmann
Eine Ethik der Rechte kommt notwendigerweise jenen Individuen zugute, die unabhängig
sein können, und gefährdet solche, die es
nicht können. Folglich produziert eine Ethik
der Rechte faktisch Ungerechtigkeit wie zum
Beispiel im Vertragsrecht, das auf der Fiktion
der Gleichheit beider Partner der Vereinbarung aufbaut (was selten der Fall ist und
niemals bei Lohnarbeitsverträgen).
Eine Ethik der Sorge beruht dagegen auf
Beziehungen als unantastbarem Grundsatz:
Gerechtigkeit ist demnach nicht das, was
individuelle Autonomie störungsfrei macht,
sondern das, was die Beziehung erhält und
befördert. Die Ethik des Rechts streitet dafür,
private Beziehungen zu Hause aus dem Bereich des Rechts auszuschließen, weil es für
den Umgang mit Beziehungen und Gefühlen
nicht geeignet ist. Das Ergebnis ist natürlich,
dass die Arbeit der Frauen aus der Geldökonomie ausgeschlossen ist und dass Männer
zu Hause Frauen missbrauchen können,
ohne dass das Recht eingreift (es sei denn
es findet Körperverletzung statt, die verletzt
die individuelle Autonomie und ist als Straftat
definiert).
Der Ausschluss von Frauen aus dem öffent­
lichen Bereich war ein Ausschluss von Gefühl
und Beziehung, die man in einer über individuelle Autonomie definierten Rechtsstaatlichkeit
als fehl am Platz und als Gegensatz zu einem
auf Unparteilichkeit basierenden Gerechtigkeitskonzept ansah. Praktisch bestimmt die
Ethik des Rechts alle Emotionen – nicht nur
destruktive – als negativ und hinderlich für
die so verstandene Autonomie und Unparteilichkeit. Wenn menschlich zu sein aber heißt,
Christine Lehmann
Stuttgart, Deutschland
Überlegungen zu einem
modernen Feminismus
Je älter ich werde, desto unerträglicher erscheint mir die Brutalität, die überall auf der
Welt herrscht, ungebremst, uneingeschränkt,
kaum von der Politik bekämpft, sehr oft von
der Politik geduldet und unterstützt. Und
die Täter sind fast ausschließlich Männer.
Sie bestimmen, wann und wo Kriege geführt
werden, wie viele dabei sterben. Sie bestimmen, wie viel Freiraum Frauen haben können. Sie herrschen unbehelligt über Frauen,
bestimmen, wie sie sich anziehen, wie sie
sich benehmen, ob sie Auto fahren, ob sie
sich frei bewegen, ob sie Berufe ausüben
dürfen. Viele Frauen versuchen mit großer
Gefühle zu haben, dann ist ihr »Ausschluss«
erklärtermaßen unmenschlich.
Wenn ich für eine Politik eintrete, die Ethik
in Begriffen von Beziehung und Gefühl – also
von Sorge – definiert, dann meine ich nicht
eine Art Differenzfeminismus, der Beziehung
und Gefühl für ein Vorrecht von Frauen hält.
Es ist ermutigend, dass die letzte akademische »Wende« in den Geisteswissenschaften
eine »Gefühlswende« ist. Auch das philosophische Interesse hat sich (mit dem Spätwerk
Derridas und der Wiederentdeckung Levinas
und Blanchots) von der modernen Begeisterung für das Selbst als autonomen Akteur
abgewandt und der Erforschung einer, wie
Derrida es nennt, »Politik der Freundschaft«
zugewandt. Dennoch arbeiten all diese männlichen Philosophen noch mit der Vorstellung
von »Brüderlichkeit«, welche die Grundlage
des liberalen Gesellschaftsvertrags ist und
die, wie Carole Pateman in ihrer feministischen Kritik der Vertragstheorie [2] angeführt
hat, genau das bedeutet, was sie aussagt:
Einen Bund zwischen Brüdern, also zwischen
Männern. Sie mögen die »Brüderlichkeit« vom
Markt ablösen und an die Ethik heften, aber
sie fragen nicht, was es hieße, Beziehung so
zu denken, dass sie der Erfahrung von Frauen
ebenfalls angemessen wäre. Was fehlt, ist
eine Politik, die Beziehungen als ein Sorgen
im Sinne von »Mütterlich-Sein« versteht. Das
Mütterliche ist dabei kein fürsorgliches Erdrücken (Freud nannte es »smothering«), sondern ein Hegen. Eine Politik also, die Gerechtigkeit mit der Pflege der Wechselbeziehung
(da Mutter und Kind aufeinander angewiesen
sind) verknüpft und nicht mit der Aufrechterhaltung von Autonomie.
Tapferkeit, ihre Freiräume zu nutzen und
weitere zu erkämpfen, stellen aber die Terrorherrschaft des Mannes nicht grundsätzlich in
Frage. In Deutschland (als Beispiel für eine
Nation als Teil der kapitalistisch orientierten
demokratisch aufgestellten Industriestaaten)
findet die Gewalt subtiler statt. Gewalttätige
Väter, vergewaltigende Onkel oder Stiefväter,
die Frauen in Gefangenschaft halten, sind
manifeste Auswüchse einer auf allen Ebenen
existierenden Erlaubnis zur Geringschätzung
und Unterdrückung von Frauen und ihren
Interessen. Ich nenne das sexuelles Mobbing.
Wenn eine junge Frau heute beispielsweise an
einer Uni zu studieren anfängt, wird sie irgend[2]Carole Pateman, The Sexual Contract;
Cambridge 1988
63
wann dem Professor begegnen, der sie mit
sexuellen Anspielungen (Verbalexhibitionis­
mus) in Verlegenheit bringt, und nichts dagegen tun können. Sie wird keine offizielle Stelle
finden, wo sie sich beschweren kann und die
den Professor relegiert. (Er hat es doch nur
witzig gemeint.) Sie wird später im Betrieb
oder in einer kulturellen Einrichtung oder wo
auch immer sie mit Männern zusammenarbeiten muss, immer auf Männer treffen, die
sexistische Witze erzählen, über ihren Penis
sprechen, sie anmachen, sie auf ihre sexuelle
Existenz reduzieren. Bis dahin hat sie gelernt,
schlagfertig zu reagieren und die Kollegen an
Zotigkeit noch zu übertreffen. Denn auch dort
gibt es niemanden, bei dem sie sich beschweren könnte, der oder die dafür sorgen könnte,
dass die Männer zur Ordnung gerufen werden.
Keine einzige Frauenbeauftragte ist den subtilen Formen des Sexismus (und sexuellen Mobbings) gewachsen. Es gibt keinerlei Programme an Universitäten oder in Betrieben, die den
Verbalsexismus, rhetorische Aggressionen und
männliche Unterwerfungsstrategien thematisieren, anprangern, mit Frauen Gegenstrategien besprechen und üben oder gar Männer zu
Trainingsprogrammen verpflichten, in denen
sie lernen, sich weniger aggressiv zu verhalten.
An ihrem Ausbildungsplatz, an den Hochschulen, in den Betrieben, überall wird die junge
Frau auf Strukturen treffen, die mehrheitlich
von Männern bestimmt und an den Entscheidungspositionen von Männern besetzt sind.
Die Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte
wird sie ebenso belächeln und bespötteln
lernen wie ihre Kollegen und Kolleginnen
das tun, denn sie will sich nicht nachsagen
lassen, dass sie einem Geschlecht angehört,
das Schutz und Unterstützung braucht, das
schwach ist. Sie wird die Meinung vertreten,
dass bei uns jede Frau erreichen kann, was
sie erreichen will. Und wenn eine Frau den
Chefposten doch nicht bekommt, wird es an
ihrer »biestigen« oder »zickigen« Art (an ihrem
Mangel an Sozialkompetenz) gelegen haben.
Dass gleichzeitig viele Männer Chefs werden
ohne jegliche Sozialkompetenz, ist ein Missverhältnis, das sich ganz offensichtlich leicht
ignorieren lässt. Sie wird auch nicht merken,
dass sie selbst eine bestimmte Machtposition
nicht mehr anstrebt, weil ihr der Ton dort zu
rau ist. Sie wird glauben, es reize sie nicht.
Sie wird, egal, ob sie Kinder bekommt oder
nicht, wenn sie Interesse hat, schnell den
ersten Karriereschritt machen, danach aber
keinen mehr. Es sei denn, sie schafft es, sich
vollständig den Regeln unterzuordnen, die
Männer für Karrierefrauen vorgeben: Kleiderordnung, Gesprächsthemen, Gelassenheit bei
Geringschätzung für ihr Geschlecht und Beleidigungen, Unempfindlichkeit gegen väterliche
Die Briefe – Christine Lehmann
Herablassung oder aggressive Verachtung
und so weiter. Sie wird wiederum niemanden
haben, bei dem sie sich darüber beschweren
kann. Gleichstellungsbeauftragte sind nicht
dafür ausgerüstet, sich um Umgangsformen,
Tonfälle und den Stil im Unternehmen zu
kümmern, schon gar nicht in der mittleren
und höheren Führungsebene.
Unsere Gesellschaft ist auf allen Ebenen
von den Regeln, den Umgangsformen, der
Sprache und dem männlichen Blick auf die
Dinge durchtränkt. Männer bestimmen alles,
sie sind überall mehrheitlich präsent: in den
Medien, an den Hochschulen, in Theatern
und Opern, in Kultureinrichtungen, in den
Kirchen, in den Banken und Parlamenten, in
Krankenhäusern, in Sportvereinen, an den
Stellen, wo das Geld verteilt wird, an denen,
wo es verdient wird, und in der Familienpolitik. Beispielsweise kümmert sich die aktuelle
Frauen- und Familienpolitik nur darum, dass
Frauen etwas bequemer die Kinder kriegen
und aufziehen können, die die Industriegesellschaft zu brauchen meint.
Die junge Frau, die heute ihren Lebens- und
Berufsweg beginnt, wird es schnell verlernt
haben, die männliche Gewalt, die sie täglich erlebt, zu benennen und anzuprangern.
Sie wird nicht merken, dass Gewalt immer
von Männern ausgeht und zu über neunzig
Prozent von Männern begangen wird. Sie
sieht bald nicht mehr, dass in der Talkshow
fünf Männer und eine Frau sitzen (die Alibifrau
gibt es immer noch, manchmal braucht es
nicht einmal mehr die, und niemand regt sich
auf). Unsere junge Frau wird, wenn sie älter
geworden ist, verkünden, auch Frauen seien
keine Engel. Und sie wird fordern, dass mehr
für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
getan werde, dass es fürs Kindererziehen
Geld geben solle, dass sie schließlich in der
Gesellschaft eine wertvolle Aufgabe erledige,
wenn sie Kinder großzieht. Sie wird vergessen
haben, dass sie ihre Kinder bekommen hat,
weil sie welche haben wollte, aus egoistischen
Gründen, nicht um die Rente zu sichern. Das
aber wird sie behaupten.
Vielleicht kann sie aber keine Kinder bekommen oder will keine, und dann wird sie
anfangen, sich dafür zu rechtfertigen und sich
als Frau zweiter Klasse vorkommen. Sie wird
spüren, dass sie eine weibliche Leistung nicht
vollbracht hat. Wenn sie klug ist, wird sie
sich darüber ärgern, dass in Deutschland die
Interessen von Frauen automatisch in einen
Zusammenhang gestellt werden mit ihrer
Mutterrolle. Denn es scheint nur eine einzige
Forderung zu geben, bei der alle nicken:
Die Forderung nach Vereinbarkeit von Beruf
und Familie. Eine zutiefst bürgerlich-patriar-
Die Briefe – Christine Lehmann – Elisabeth List
chalische Forderung, keine feministische.
(Es gibt unendlich viele Kinder auf der Welt
und sie sterben in so rasantem Tempo und in
so unvorstellbar hoher Zahl schon nach wenigen Jahren, dass es zynisch und naiv ist zu
meinen, es sei irgendwie schlimm, wenn das
deutsche Volk aussterbe.)
Wenn ich mir das so überlege, dann habe
ich an einen modernen Feminismus folgende
Erwartungen: Ohne Zweifel muss er sich um
die offensichtlichen Strukturen und Formen
der Unterdrückung von Frauen kümmern:
Genozid, Abtreibung weiblicher Föten, Genitalbeschneidung von Mädchen, Zwangsehen,
Gewalt, Tötung von Frauen. Und er darf sich
nicht ins Bockshorn jagen lassen durch von
Männern behauptete kulturelle oder weltanschauliche Identitäten. Wo Frauen keinen
Zugang zur Schulbildung und zu Berufen ihrer
Wahl haben, wo sie nicht unverschleiert auf
die Straße können und von der Bestimmung
über ihr Leben ausgeschlossen sind, muss ein
moderner Feminismus Worte finden, eine klare Analyse und kompromisslose Forderungen.
Immer wieder und unentwegt.
Er muss Gewalttaten gegen Frauen anprangern und sich um die Benachteiligten auch in
unserer Gesellschaft kümmern. Er muss dafür
sorgen, dass es Bildungsprogramme und
Chancen für Frauen gibt, die aus gewalttätigen Familien stammen und vielleicht selbst
gewalttätig geworden sind.
Elisabeth List
Graz, Österreich
Links oder sozialistisch?
Es geht in der von Frigga Haug gestellten Frage nicht darum, »freischwebend« theoretisch
zu ergründen, was »links« ist, sondern darum,
was in das Programm einer Partei, die sich so
nennt, hineinkommen sollte. Aber »links« ist
ein schwammiger Begriff. Wie kann man ihm
eine klarere Kontur geben?
Ist »links« etwas anderes als
»sozialistisch«?
Das ist ein sehr grundlegendes Thema. Was
die Entwicklung der feministischen Theorie
betrifft, so konnte man eine Zeit lang das
Verschwinden des sozialistischen Impulses
bemerken – der muss in das politische Selbstverständnis von Feminismus wieder rein.
Ich würde gerne diskutieren, warum man das
Wort »sozialistisch« durch »links« ersetzt hat.
64
Aber er muss auch prägnante und intelligente Analysen (Gutachten, Untersuchungen)
vorlegen können, welche die stets vorhandenen alltäglichen Zumutungen für Frauen in
westlichen Gesellschaften benennen. Er muss
fordern, dass Ämter, Positionen, Posten und
Stellen in Entscheidungsfunktionen tatsächlich hälftig mit Frauen besetzt werden. Er
muss ernsthaft und unermüdlich benennen,
anprangern und fordern, auch dort, wo es
subtil, schwierig und kompliziert ist. Das gilt
genauso für den Kopftuchstreit (das Kopftuch ist in jedem Fall eine Einschränkung der
Bewegungs- und Aktionsfreiheit von Frauen,
auch dann, wenn sie es selbst befürworten)
wie für den Verbalsexismus innerhalb einer
scheinbar friedlichen Gesellschaft. Das gilt
auch für alle Formen, weibliche Belange
lächerlich zu machen oder zu übergehen.
Ein moderner Feminismus besinnt sich
außerdem auf jeden verfügbaren historischen
Jahrestag, der mit weiblichen Politikerinnen,
Protestaktionen und emanzipatorischen
Ereignissen zu tun hat und feiert ihn. Denn ein
moderner Feminismus muss den Weg in die
Medien finden. Er braucht eine historische
Verankerung und moderne Schlagworte, eine
moderne Sprache und sympathische Gesichter, die ihn vertreten – unaufhörlich, besonnen
und nachdrücklich, unterstützt von wissenschaftlicher Genauigkeit und kreativen
Vorschlägen, Programmen und Fortbildungsprojekten.
In der österreichischen Landschaft sind aus
Sozialisten Sozialdemokraten geworden, die
wie A. Giddens einen »dritten Weg« propagieren. Aber »links« ist nicht ein solcher »dritter
Weg«. Es ginge eigentlich um eine sozialistische Demokratie, das heißt, die Verfahren
der Demokratie mit sozialistischen Inhalten
zu verbinden. Es geht primär um diese Inhalte, aber es wäre fatal, Inhalte und Verfahren
gegeneinander abzuwägen. Die Werthaltung
und Prinzipien des Sozialismus müssten
klarer definiert werden als es gemeinhin der
Fall ist:
1. Die Forderung, die Situation der sozial
Schwachen zu verbessern. Das ist, sozialistisch gedacht, nicht christliche »Caritas«,
sondern gebunden an die Forderung gleicher
Rechte, auf Leben, Lebenschancen. Das wäre
die Idee sozialistischer Gerechtigkeit, die
anders als John Rawls »soziale Gerechtigkeit«
nicht allein mit der Forderung verbindet, keine
Verschlechterung der Situation der sozial
Schwachen zuzulassen, sondern ihnen ein
angemessenes Maß an Gütern und Leistun-
65
Die Briefe – Elisabeth List – Isabel Loureiro – Susanne Maurer
gen zuzugestehen, das ihnen, gemessen an
den Standards der Zeit, ein würdiges Leben
ermöglicht.
des Südens betont, gehören zur Realisierung
dieser Rechte nicht nur materielle Güter, sondern auch immaterielle Güter wie Bildung.
2. Die Festlegung von Standards »guten
Lebens«, die sich nicht ahistorisch und
situationsunabhängig festschreiben lassen,
sondern Thema eines auf Dauer gestellten
Prozesses des demokratischen Aushandelns
wären.
3. Heute gibt es Gründe, solche Standards
an die ökologischen Lebensbedingungen
zu binden.
Marx wusste um die Kulturgebundenheit
von Standards angemessenen Lebens. Als
elementaren Maßstab kann man die Menge
an materiellen Gütern ansehen, die für eine
angemessene Lebensfristung notwendig
sind. Wie A. Sen für die Situation der Länder
Isabel Loureiro
Sao Pãolo, Brasilien
Was ich sagen kann, was aus einer brasilianischen Sicht sehr wichtig für die Frauen
ist: Die Gewalt gegen Frauen ist immer ein
Susanne Maurer
Marburg, Deutschland
»Soziale Phantasie« – Feminismus
und Herrschaftskritik heute
Eine Gesellschaft, die ihre Anstrengungen
darauf richtet, den Menschen, die in ihr leben,
ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen,
hat sich mit dem Problem der Ungleichverteilung von materiellen und symbolischen
Ressourcen auseinanderzusetzen. Sie hat sich
damit auseinanderzusetzen, dass zu wenige
Menschen über die Lebensbedingungen aller
bestimmen (Klima, Umwelt, Ausbeutung natürlicher Ressourcen) und dass gesellschaft­
liche, medial vermittelte Öffentlichkeiten
heute zu wenig als demokratische Öffentlichkeiten fungieren.
Ob innerhalb einer Gesellschaft oder in gesellschaftsübergreifender Perspektive muss es
kritischen Kräften heute nicht nur um einen
gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen der
Existenzsicherung, zu demokratischer Teilhabe und aktiven Mitgestaltungsmöglichkeiten
gehen, sondern auch um einen gleichberechtigten Zugang zu Anerkennung und Wertschätzung. Soziale Bewegungen mit ihren vielfältigen, auch kulturellen Praxen haben in der
Vergangenheit immer wieder deutlich gemacht,
dass herrschaftskritische politische Kämpfe
4. Die Rückbindung der Standards eines
»guten Lebens« an die globale Situation
krasser Ungleichheit zwischen den Menschen
des zivilisierten Nordens und des Südens.
5. Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenslagen von Frauen und Männern in der Sorge
um die Generation der Alten und der nachwachsenden Generation.
großes Problem. (Der Staat muss Maßnahmen dagegen treffen; die vorzeitige
Schwangerschaft (junge arme Mädchen
werden schwanger), dafür braucht man
öffentliche Politiken (Erziehung/
Aufklärung usw.).
nicht nur Gruppeninteressen befördern dürfen,
sondern dass es hier um ein radikales NeuDenken, eine tiefgreifende Transformation der
bestehenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse gehen muss. Die Aufgabe
von Kritik und Sozialen Bewegungen besteht
nicht zuletzt im Entwerfen anderer männlicher
Formen gesellschaftlicher Organisation. Darin
zeigt sich ihr utopisches Potential, und dafür
braucht es eine gewisse Vorliebe für experimentelles Denken – und auch Handeln.
Es braucht ein »Denken der Macht«, mit dem
gesellschaftliche Ordnungsprinzipien und
-prozesse angemessen analysiert und bessere Alternativen konzipiert werden können.
»Macht« ist dabei auch im Sinne von Kräfteverhältnissen, von Einflussmöglichkeiten, von
Ermöglichung zu verstehen. Es braucht auch
ein »Denken der Veränderung«, mit dem Voraussetzungen, Bedingungen und Ausrichtungen verändernden Handelns wahrgenommen,
reflektiert und artikuliert werden können.
Es braucht also das Denken einer kritischen,
gegenüber dem Gegebenen immer wieder
skeptischen, dabei doch auch hoffnungsvol­
len politischen und alltäglichen Praxis! Ein
solches Denken bezeichne ich als »soziale
Phantasie« – als Mittel der Gesellschaftskritik,
aber auch der Selbstkritik; als Aufmerksamkeit für die Anstrengungen und Leistungen
konkreten Überlebens in widrigen Verhältnis-
66
Die Briefe – Susanne Maurer
sen; als Mittel, mit dem die Fluchtlinien der
Sehnsucht der Menschen immer wieder neu
ausgerichtet werden können; als Mittel für die
Rekonstruktion von Handlungsfähigkeit.
Wenn eine tatsächlich verändernde »Arbeit am
Sozialen« stattfinden soll, lohnt es sich, die
Erfahrungen Sozialer Bewegungen zu nutzen.
So haben gerade feministische Bewegungen,
die immer auch Bewegungen der (Herrschafts-)Kritik waren und sind, gleichzeitig
zum Entstehen veränderter Kulturen und
Lebensmöglichkeiten für viele beigetragen.
Aus den Erfahrungen mit den Kämpfen um
eine neue, nicht-hierarchische Geschlechterordnung kann aber auch gelernt werden, wie
in sich widersprüchlich und mehrdeutig
Veränderungsbestrebungen grundsätzlich
sind, und welche unerwarteten – und auch
unerwünschten! – Effekte dabei entstehen
können. Das verweist auf die Komplexität von
Ungleichheits- und Abhängigkeitsverhältnissen
(zu denken ist hier etwa an die neue Dienstbotinnen-Frage) – und zeigt, dass Errungenschaften in einem Feld der Politik (oder des Alltags)
sich in einer anderen Hinsicht als durchaus
problematisch erweisen können!
menhänge sollten öffentliche Kontroversen
und auch Dissens ermöglichen, ohne auszuschließen, sollten Verschiedenheit prinzipiell
anerkennen, ohne die gemeinsame Arbeit an
der Entwicklung von Zukunftsperspektiven
aufzugeben. Sie sollten einen »gemeinsamen
und gleichberechtigten Ort für Verschiedene«
darstellen – eine für uns immer noch wenig
vertraute Qualität von Demokratie.
Die Entwicklung neuer Praxen von
Solidarität angesichts von Heterogenität
Heterogenität aushalten und – auch gegenüber Unvertrauten – solidarisch handeln,
halte ich derzeit für eine der größten politischen Herausforderungen. Hier müssen große
Widerstände und Gegenimpulse überwunden
werden. Welches Wissen, welche Sicherheit
und welche Unterstützung brauchen Menschen, um neue Praxen der Solidarität entwickeln zu können?
Damit ist gemeint, dass sich – ob im Internet,
in Zeitungen oder in Medien wie Fernsehen
und Radio – Kräfte kontinuierlich darauf
richten müssen, öffentlich demokratische
Meinungsbildungs- und Willensbildungsprozesse zu befördern – jenseits von plakativen,
allzu schnellen Beurteilungen, und jenseits
von Effekthascherei. So etwas braucht Ruhe,
Zeit, Sorgfalt und Aufmerksamkeit – muss also
auch gegen den heftigen Sog von Geschwindigkeits- und Aktualitätsfetischismus gewagt,
praktiziert und verteidigt werden.
Ob es um Konflikte im Kontext von Einwanderung geht, um problematische Effekte einer
globalisierten Wirtschaft oder um die Gestaltung sozialer Politiken im »Landesinneren« (das
ja kaum noch jenseits internationaler Bezüge
gedacht werden kann) – es stellt sich immer
wieder die Frage nach der Möglichkeit von
Solidarität, auch und gerade jenseits der eigenen Bezugsgruppe. Orientierungspunkt ist hier
die Würde des Menschen, die nicht verletzt
werden darf. Solidarität unter Bedingungen
sozialer Ungleichheit, die letztere nicht einfach
fraglos hinnimmt, sondern für einen problematischen Zustand hält, verbindet sich mit dem
Bemühen um (mehr) Gerechtigkeit. Feministische Analysen haben dazu beigetragen, die
vielschichtigen Voraussetzungen für ungerechte Verhältnisse besser erkennen zu können.
Vor diesem Hintergrund wird zum einen die
Neugestaltung gesellschaftlich notwendiger
Arbeit (und der darauf bezogenen Anerkennungsverhältnisse ) gefordert, zum anderen die
grundsätzliche Anerkennung menschlicher Verletzlichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit, die
Solidarität notwendig machen und begründen.
Die Ermöglichung von Kollektivität
Die Arbeit an der politischen Kultur
Wir können sicherlich nicht einfach zu alten
Formen und Ausgangspunkten von Kollektivität zurückkehren, wie sie etwa die früheren
Arbeiterbewegungen oder auch Frauenbewegungen noch kannten und kultivierten. Vielmehr ist mit Verschiedenheit (der Erfahrung,
der Auffassung, der Perspektive) immer zu
rechnen. Und dennoch braucht es die Schaffung von Zusammenhängen, in denen gemeinsam nachgedacht werden kann, in denen
gemeinsam an Strategien und Problemlösungen gearbeitet werden kann. Solche Zusam-
Dazu gehört für mich – neben der Arbeit
an einer verantwortungsvollen und wertschätzenden Kultur politischer Kommuni­
kation – insbesondere die Arbeit an einem
»gesellschaftlichen Gedächtnis«, damit die
Streitfragen der Zeit nicht völlig abgelöst
von ihrer Geschichte betrachtet werden.
Wie haben sich bestimmte Problemstellungen
und Kontroversen entwickelt, welche Akteure
haben sich an den Auseinandersetzungen
beteiligt, welche Interessen waren dabei
im Spiel – aber auch: welche ernsthaften
Vor dem Hintergrund feministischer Reflex­
ionen erscheinen mir heute für eine herrschaftskritische Perspektive folgende Aspekte
zentral:
Die Rekonstruktion
demokratischer Öffentlichkeiten
67
Die Briefe – Susanne Maurer – Sara Mills – Liv Mjelde
Versuche, Lösungen zu finden, gesellschaft­
liche Verhältnisse konstruktiv zu »überarbeiten«? Eine kritische Auseinandersetzung
mit solchen Fragen kann viele aktuelle
Situationen in interessanter Weise erhellen.
Die Erfahrungen aus dem Kontext Sozialer
Bewegungen zeigen, dass politische Ideen
und praktische Versuche der Veränderung
aus der Vergangenheit in ihrem Potential
noch lange nicht ausgeschöpft sind. Ohne
kritische Erinnerungsarbeit keine politische
Kultur!
Sara Mills
Sheffield, Großbritannien
studiengänge sind geschlossen worden),
andererseits ist feministische Theorie in alle
Lehrveranstaltungen integriert. Während wir
das früher immer wieder deutlich machten,
ist es heute eher stillschweigend so und das
ist vielleicht problematisch. Es scheint auch
eine gewisse Spaltung zwischen dem akademischen Feminismus und der restlichen
Bevölkerung zu geben. Während die meisten Frauen die feministische Botschaft von
gleicher Bezahlung, Wahlfreiheit für Frauen
und so weiter verinnerlicht zu haben scheinen, würden sie sich vermutlich selbst nicht
als Feministinnen sehen. Ganz sicher besteht
zudem eine gewisse Kluft zwischen älteren
feministischen Wissenschaftlerinnen und der
jüngeren Bevölkerung insgesamt.
Ich hoffe, dieses kurze Statement ist von
Nutzen: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der
Feminismus in Großbritannien sehr im Wandel
begriffen. Es gibt starke Rückschritte, die es
Leuten erlauben, sexistische Scherze und
Äußerungen von sich zu geben und diese gegebenenfalls als Ironie verstanden wissen zu
wollen. Ironie ist eine Waffe, die immer dann
gezogen wird, wenn sexistische Äußerungen
angegriffen werden. An den Universitäten ist
Feminismus derzeit ein etwas schmutziges
Wort, obwohl es Bestandteil der Lehre vieler
Wissenschaftlerinnen ist. Es gibt nur wenige
Frauenseminare (die MA- und BA-Frauen-
Liv Mjelde
Oslo, Norwegen
Neue Herausforderungen und neue
Anforderungen an die Geschlechterfrage
Nachdem in den skandinavischen Ländern
40 Jahre lang die vorherrschenden Denk­
weisen zu Geschlecht, Biologie und Schicksal
hinterfragt wurden, steht die Gleichberechtigung heute vor neuen Herausforderungen. Die
Forschung hat sich seit den 1970ern modernisiert und radikalisiert, »Women’s Studies« und
»Genderforschung« haben sie verändert. In
den späten 1980er Jahren entstand eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um den
Wohlfahrtsstaat, aus der ein umfangreiches
Forschungsfeld einschließlich zahlreicher quantitativer und qualitativer Studien sowie ausgedehnte theoretische Debatten um Bürgerrechte, Wohlfahrtsstaat und Frauenrepräsentanz
erwuchs. Auch im interdisziplinären Feld
nehmen Forschungen über Gleichberechtigung
theoretisch und methodisch breiten Raum ein.
Beim Einsatz für Gleichberechtigung in
Skandinavien in den vergangenen 30 Jahren
ging es hauptsächlich um die Synergieeffekte
von politischer und sozialer Staatsbürgerschaft von Frauen auf der einen Seite [1] und
der Interaktion zwischen der Mobilisierung
der Frauen von unten und den Reaktionen
des politischen Systems von oben auf der
anderen Seite. Das Recht der Frauen auf
gleiche Arbeit und gleiche Bildungschancen waren die wichtigsten Forderungen
der 1970er Jahre. In allen wirtschaftlichen
Bereichen stieg der Anteil der Frauen an der
Erwerbsbevölkerung. Das Recht auf Bildung
und bezahlte Arbeit wird heute als Teil des
Gesellschaftsvertrags und der »natürlichen
Ordnung« angesehen.
In den letzten 20 Jahren haben die skandinavischen Länder eine Familien- und Arbeitsmarktpolitik betrieben, die auf die Beseitigung von
Hindernissen bei der Vereinbarkeit von Familie
und Beruf abzielte. Die Umgestaltung von
Mutterschaft, initiiert durch berufstätige und
politisch aktive Mütter, und die Einrichtung
staatlich unterstützter Kinderbetreuungseinrichtungen verliefen nicht von Anfang an parallel. Insgesamt aber bewirkten die Forderungen
von Frauenbewegung und politischen Parteien
tiefgreifende Veränderungen der öffentlichen
Meinung, was die staatliche Verantwortung
für Kinderbetreuung und Altenpflege betrifft.
Frauenrechte auf gleiche Chancen am Arbeitsmarkt sowie eine Förderung der Beteiligung
von Männern an Haushalt und Kindererziehung
[1]Hernes, G. K. Knudsen: Om utdanning og ulikhet.
Levekårsundersøkelsen. Oslo 1976
Die Briefe – Liv Mjelde
wurden zentrale politische Ziele. Norwegen
und Schweden hatten offiziell eingesetzte
Kommissionen zur Einschätzung der Männerrolle. Diese Kommissionen sind international
einzigartig.[2] Die Norwegische Kommission
veröffentlichte ihren Abschlussbericht im Jahr
1991. Darin findet sich das Folgende:
»Gleichstellungsarbeit ist insofern ein deut­
liches Signal von gesellschaftlicher Fürsorge
und Pflege, als sie die Chancen von Mädchen
und Frauen auf Bildung und Arbeit einseitig
verbessert. Dies schließt sowohl die Fürsorge durch familiäre und soziale Netzwerke als
auch die durch öffentliche Institutionen ein.
Eine besondere Herausforderung besteht nun
darin, den Blick auf die Verantwortlichkeit von
Männern für Pflege und Fürsorge zu richten.
Einerseits im Sinne einer Rekrutierung für verschiedene gesellschaftlich notwendige Pflegeberufe, andererseits durch die Beseitigung der
Tradition, Arbeitsbelastungen nach Geschlecht
zu verteilen.«
Erziehungsurlaub weitete sich in den 1980er
und 1990er Jahren beträchtlich aus.[3] Derzeit
beträgt die Beurlaubung 52 Wochen mit
achtzigprozentiger Gehaltszahlung oder
42 Wochen bei voller Fortzahlung. Ein Teil der
Elternzeit – drei Wochen vor und sechs Wochen nach der Geburt – zielt auf den Schutz
der biologischen Mutterschaft ab. Ferner gibt
es einen Väteranteil von vier Wochen, der den
Eltern verlorengeht, wenn der Vater ihn nicht
nimmt. Den Rest der Elternzeit können Eltern
nach Bedarf aufteilten.
Ein zentrales Vorhaben der skandinavischen
Gleichstellungspolitik in den letzten 20 Jahren
war, dass Väter Erziehungsurlaub nehmen
sollten. Studien zeigten in den 1980er Jahren
diesbezüglich große Unterschiede in den
nordeuropäischen Ländern: 1986 nutzte jeder
siebte Vater in Finnland die Möglichkeit, eine
enge Beziehung zu seinem neugeborenen
Kind aufzubauen, während es in Dänemark
und Island nur jeder 33. Vater tat. In Schweden
erlebte jedes fünfte Kind eine Phase, in der
der Vater zu Hause blieb. Zur gleichen Zeit
war es für Männer in Norwegen die Ausnahme, Erziehungsurlaub zu nehmen – heute
gehört er für die meisten zur »natürlichen Ordnung«. 80 Prozent der neuen Väter nehmen ihren Anteil an der Elternzeit. Vaterschaft ist auf
ganz neue Weise Teil der politischen Agenda
[2]Tallaksen, Dag Willy: From Housework and factory
to Oil and Caring. Men in Nursing? in Philip Gonon et al
(eds.). Gender Perspectives on Vocational Education;
Bern 2001
[3]Ellingsæter, Anne-Lise: Dual Breadwinners between
State and Market in R. Crompton (Hg.) Restructuring
Gender relations and Employment. The Decline of the
Male Breadwinner; Oxford 1999.
68
in Norwegen geworden. Heute gibt es mehr
Möglichkeiten, Vaterschaft zu praktizieren als
noch vor 20 Jahren.[4] Es ist eine Leitidee der
skandinavischen Politik geworden, dass Elternzeit für Väter die Gleichstellung in der Familie fördert. Während Arbeitsmarktchancen
für Frauen die zentrale politische Forderung
der 1980er Jahre war, ist es heute der betreuende Vater, mithin die »Häuslich-Werdung«
der Männer. Dem Pflichtanteil für Väter an der
Elternzeit liegt die Annahme zugrunde, dass
Männer einen milden strukturellen Zwang
benötigen, um fürsorglich tätig zu werden.
In den vergangenen Jahrzehnten bewegte
sich die norwegische Gleichstellungspolitik
zwischen Forderungen nach gemäßigten und
nach radikalen Quotensystemen. Die regierende Linkskoalition von 2008 besteht zu 50
Prozent aus Ministerinnen, eine Frau aus der
Sozialistischen Volkspartei ist Finanzministerin. Aktuelle Studien zeigen Fortschritte in der
gerechteren Erwerbsbeteiligung sowie in der
politischen Repräsentation von Frauen und
Männern.
Auch das Bildungssystem steht, bezogen
auf die Geschlechterfrage, vor einer neuen
Situation: [5] Aktuelle Studien besagen, dass
Mädchen in der Schule besser abschneiden
als Jungen und in prestigeträchtigen Studiengängen wie Medizin, Pharmazie, Zahnmedizin
und Bauingenieurwesen in der Mehrheit sind.
Bezogen auf die Geschlechter hat sich also etwas verändert. Es hat sich aber gezeigt, dass
die soziale Herkunft der wichtigste Einflussfaktor für den Erfolg auf dem Bildungsmarkt
ist. So sind Frauen aus der Mittelschicht auf
der Universitätsebene am erfolgreichsten.
Das norwegische Bildungssystem hat sich
in den letzten Jahrzehnten stark verändert:
1976 wurden Berufsschulen, Handelsschulen
und die alten Gymnasien zu einer Einheit
zusammengefasst. Das Ideal und erklärte Ziel der umfassenden Schulreform war
Chancengleichheit hinsichtlich Klassen- und
Geschlechtszugehörigkeit sowie Gleichheit zwischen praktischen und allgemeinen
Fächern, also zwischen berufsbildenden und
akademischen Ausbildungsgängen.[6]
Studien in Skandinavien und in anderen Ländern der westlichen Welt haben gezeigt, wie
[4]Lykke, Per Are: Farsrevolusjonen: Fedre og
maskulinitet i en ny tid. Oslo: Pax
[5]Bjerrum Nilsen, Harriet 2008: Nye kjønn, andre krav?
In Centre for Gender Research: Bulletine no. 1, 2000
[6]Mjelde, Liv: From Factory and Housework to Oil and
Caring: Changes in Girls’ Education in the Vocational
Fields during the Years of Reform 94, in: Philip Gonon et
al (eds.). Gender Perspectives on Vocational Education.
Bern 2001
69
sich die Reproduktion der Ungleichheit mit
der Trennung von beruflicher und allgemeiner
Bildung wie auch mit der Trennung zwischen
männlichen und weiblichen Berufsfeldern im
Bildungssystem fortsetzt. Obwohl alle Bildungsprogramme die jungen Menschen für
den Arbeitsmarkt vorbereiten sollen, umfasst
bekanntlich der traditionelle gymnasiale
Lehrplan auch akademische Inhalte, die nicht
direkt auf die Arbeitswelt abzielen. Stattdessen öffnen sie den Weg zu Universitäten und
Colleges und folglich zu einem prestigeträchtigeren Sektor des Arbeitsmarktes.
Die alte Berufsschule für die Handwerksund Industrieberufe war traditionell eine
Arbeiterklassenschule, welche die Schülerinnen und Schüler direkt auf praktische Arbeit
und Familienleben vorbereitete. Sie übten die
klassische Trennung der Geschlechter ein,
indem sie Jungen vor allem auf den Produktionsprozess orientierten und Mädchen auf den
häuslichen Bereich. So stellten Berufsschulen
für Industrie und Handwerk überwiegend eine
Männerwelt dar. Den meisten Frauen wurde in
den Berufsschulen traditionell ein halbes Jahr
Hauswirtschaft angeboten. Nur wenige
Gewerbe – FriseurInnen, KöchInnen, KellnerInnen, FotografInnen und ZahntechnikerInnen
– richteten sich an beide Geschlechter. Von
den 1970er Jahren an gab es eine Bewegung
für mehr Mädchen in Männerberufe und in
den 1980ern wurde die Integration von Frauen
in männerdominierte Bereiche in Norwegen
wie in den meisten anderen skandinavischen
Ländern ein bildungspolitisches Thema. Diese
Bewegung hat jedoch keine bemerkenswerten
Durchbrüche erzielt. Der Frauenanteil in
beruflichen Männerdomänen beträgt weniger
als fünf Prozent und 90 Prozent der Lernenden in Sozial- und Gesundheitsberufen sind
Mädchen.[7]
Eine vieldiskutierte Frage ist heute, ob nicht
die anhaltende Geschlechterhierarchie und
-trennung auf dem Arbeitsmarkt ein wesent­
licher Faktor zur Aufrechterhaltung der nor­
wegischen Klassengesellschaft ist.
Ein weiterer grundlegender Wandel des
Arbeitsmarktes entstand mit der Verlagerung
von Arbeiten aus der privaten Sphäre der
Familie hinaus in den öffentlichen Sektor.
[7]Mjelde, Liv 2004: Changing Work, Changing
Households. New Challenges to Masculinity and
Femininity in Norwegian Vocational Education in Lakes:
Richard und Patricia Carter: Globalising Educaiton for
Work. Comparative Perspectives on Gender and the
New Economy. New Jersey: Lawrence Erlbaum
Associates Girls’ Education in the Vocational Fields
during the Years of Reform 94, in Philip Gonon et al
(eds.). Gender Perspectives on Vocational Education.
Bern: Peter Lang.
Die Briefe – Liv Mjelde
Der Bedarf an ausgebildeten Kräften in einem
expandierenden Pflegebereich und die Professionalisierung der Kinder- und Jugendarbeit
schufen neue Chancen für Mädchen. Heute
werden Frauen für eine ganze Reihe von Pflegeberufen in Berufsoberschulen ausgebildet,
die zwei Jahre Schulbildung und zwei praktische Lehrjahre anbieten. Die Maßnahmen
für Chancengleichheit und Vielfalt (Diversity)
haben ihre Spuren hinterlassen.
Welche persönliche Entwicklung während
einer Ausbildung in Industrie und Handwerk
stattfindet, ist natürlich von der Branche
abhängig. Auch in dem neuen Dienstleistungssektor, der junge Menschen in Kindergärten,
Krankenhäusern und Altenheimen beschäftigt,
gibt es Lerntraditionen. Doch die Ausbildung
hat hier noch weitere Dimensionen: In den
Pflegeberufen bilden soziale Beziehungen
sozusagen das Herzstück. In der Ausbildung
bedeutet das, das Miteinander mit anderen
Menschen zu lernen: Mit Kindern in der Kindertagesstätte, mit PatientInnen im Krankenhaus oder älteren Menschen im Altenheim.
Die Entwicklung des Bildungssystems und das
Verhältnis zwischen Klasse und Geschlecht
haben Widersprüche sichtbar gemacht und
den Blick geöffnet für eine Bildung der Zukunft, wie sie Karl Marx und Friedrich Engels
entwarfen (vgl. Mjelde 2006: Kapitel 10). Marx
forderte den polytechnischen Unterricht, um
ein grundlegendes Verständnis für die verschiedenen Formen moderner Produktion zu
vermitteln. Mit Marx können wir sagen, dass
ein Bildungssystem, das in die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion eingebettet ist und ein Verständnis dieser Prozesse
vermittelt, voll entwickelte Persönlichkeiten
ausbilden wird. Oder, um es mit Frigga Haug
(2008) zu sagen: »… die Chance (zu) geben, die
Möglichkeiten, die in uns allen schlummern,
zu entfalten.«
Herausforderungen für das linke
feministische Projekt heute?
Abhandlungen über den skandinavischen
Wohlfahrtsstaat und über Sozialpolitik betonen häufig das Prinzip der Verallgemeiner­
barkeit als eines der Hauptsäulen der Modernisierung skandinavischer Sozialpolitik. Durch
die Einführung des allgemeinen Zugangs
zu den staatlichen Leistungen haben diese
Länder sicherlich Gleichheit und Solidarität
zwischen Klassen und speziell zwischen den
Geschlechtern gefördert.
Herausforderung A1
Kann man von allgemeinen und gemeinsamen Interessen von Frauen als einer Gruppe
sprechen und in welcher Weise haben Unter-
70
Die Briefe – Liv Mjelde – Maxine Molyneux
schiede zwischen Generationen, sozialen und
ethnischen Gruppen in der Vergangenheit die
Strategien der Frauengleichstellung in den
skandinavischen Staaten beeinflusst?
Herausforderung A2
Ist das skandinavische Wohlfahrtsstaatsmodell durch die heutigen neoliberalen Privatisierungstendenzen bedroht? Wie werden sich
diese auf die Situation von Frauen auswirken?
Herausforderung B
In welchem Verhältnis steht die Lage der
Menschen im wirtschaftlichen Norden zu der
im wirtschaftlichen Süden und wie kann diese
Kluft im Rahmen eines globalen Prozesses
überbrückt werden, der die verschiedenen
Stimmen von Frauen aus den unterschiedlichen Klassen im Norden und Süden mit
einbezieht?
Herausforderung C
Feministische Wissenschaftlerinnen haben
die herrschende Sozialwissenschaft und die
gesellschaftlichen Möglichkeiten des Wissenserwerbs grundlegend hinterfragt. Sie haben
auch den europäischen Ethnozentrismus
kritisiert, der mit einer bestimmten historischen und geopolitischen Beteiligung an
Kolonialismus und Imperialismusverbunden
ist. Er wirkt unbewusst und »objektiviert« im
alltäglichen Denken und hat Ähnlichkeit mit
dem männerorientierten, leidenschafts- und
körperlosen Ethos der »Verwalter« aus der
Maxine Molyneux
London, Großbritannien
westlichen Welt. Indigene Völker in Nord und
Süd greifen auch aus diesem Grund oftmals
eher Ungerechtigkeiten auf, die auf geopolitischen denn auf klassen- oder geschlechtsbezogenen Zusammenhängen beruhen.[8]
Herausforderung D
Wie kann die Kritik der linken Frauenbewegung an Hierarchien und kapitalistischen
Machtbeziehungen zwischen Männern und
Frauen angesichts neuer Anforderungen auf
alle gesellschaftlichen Beziehungen ausgeweitet werden, um neue Sichtweisen in ein politisches Programm der Zukunft einzuarbeiten?
Wer repräsentiert das linke
Feministische Projekt in Norwegen?
Feministische Politik ist heute in die
Programme der wichtigsten politischen
Parteien und Organisationen integriert.
Die Universitäten haben ihre Zentren für
Frauen- und Geschlechterforschung und es
gibt Seminare mit geschlechtsspezifischen
Themen. Der 8. März ist ein Tag der Kund­
gebungen in Norwegen und die Veranstaltungen werden gemeinsam organisiert. Ein neues
Magazin, »Fett«, wird von jungen Feministinnen
herausgegeben, deren Ziel die Beseitigung
der Schranken zwischen der akademischen
und der »aktivistischen Welt« ist. »Kvinner
på tvers« (Frauen gegen den Strom) ist eine
Organisation, die jährliche Meetings zu
feministischen Fragen organisiert.
Wie du weißt, habe ich gezögert, eine Antwort für die Publikation zu schicken, weil ich
Bedenken habe, wie ich auf deine Bitte um
Programme und Strategien als Anregung für
deutsche Feministinnen antworten könnte.
Deine vier Bereiche geben einen Nachhall auf
die historischen Forderungen des Feminismus
und ich kann sie ohne Weiteres unterstreichen. Aber ich frage mich, welche politischen
Strategien, Allianzen und Rechtsinstrumente
am besten geeignet wären, diese Vorstellungen in Deutschland voranzutreiben.
dafür gearbeitet habe, Frauenrechte auszudehnen, und während ich dies immer
als globales Unterfangen angesehen habe,
glaube ich dennoch, dass die Strategien,
um solche Ziele zu erreichen, in dem Kontext erarbeitet werden müssen, in dem sie
Anwendung finden sollen, mit den entsprechenden Akteurinnen und in voller Kenntnis
dessen, was wir »die Umstände« nennen.
Die langen Kämpfe für soziale Veränderung –
Ende rassistischer Diskriminierung, Ausweitung von Bürgerrechten, Menschenrechten
und sozialer Gerechtigkeit – scheinen immer
dann erfolgreich zu sein, wenn die Zeit reif
ist, wenn die Strategien gut durchdacht sind
und wenn es eine soziale Bewegung gibt, die
in der Lage ist, Unterstützung auf nationaler
oder internationaler Ebene zu mobilisieren.
Die Kämpfe der Frauen auf der südlichen
Halbkugel haben gezeigt, welche Bedeutung
Lass mich erklären, warum ich dir keine Thesen im eigentlichen Sinne schicke. Während
ich fast mein ganzes Lebens als Erwachsene
[8]Daly, Richard: On Ida Hjelde’s Eurocentrism and
Scandinavian Sociology. In Sosiologisk årbok no. 1, 2008
Liebe Frigga,
vielen Dank für deine Anfrage – ich bin sehr
interessiert, mehr über das Projekt und eure
Lage in Deutschland zu erfahren.
71
für den Erfolg kontextbezogene Kenntnisse
über Gesetze, kulturelle und diskursive Kons­
truktionen sowie Machtverhältnisse haben,
denen Feminismus begegnet. Dies ist der
Kern sorgfältiger Strategieentwicklung. Und
das führt mich zurück zu der Frage, warum
ich keine Thesen für dich habe. Ich bin leider
nicht hinreichend eingebunden in euren
Kontext, um in irgendeiner Weise nützlich für
die gegenwärtigen Bemühungen zu sein, und
du und deine MitstreiterInnen sind in feministischer Theoriebildung und ihren Debatten so
erfahren wie man nur sein kann. Alles was ich
tun kann, ist, euch alles Gute zu wünschen für
die Wiederbelebung des Feminismus, der gegenwärtig in vielen Teilen der Welt Rückschläge hinnehmen muss, in anderen jedoch sehr
lebendig ist. Ich hoffe sehr, dass ihr im neuen
Deutschland Fortschritte macht bei der Errichtung einer neuen feministischen Tagesordnung, die attraktiv ist für junge Frauen in
Gisela Notz
Berlin, Deutschland
Ohne Utopien wird Frau
dumm und hässlich
Meine Vorstellungen für ein linkes, feministisches Projekt sind nicht neu, richten sich
nicht an eine Partei, sondern an Menschen
aus allen gesellschaftlichen Zusammenhängen und sie beziehen sich auch nicht nur –
aber auch – auf das Thema »Arbeit«.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts
habe ich vor nunmehr 17 Jahren Frauen und
Männer ermuntert, über die Zukunft nachzudenken. Ich habe ihre Vorstellungen und
Wünsche ausgewertet und daraus ein Bild
für eine zukünftige Gesellschaft ohne Macht
und Unterdrückung entwickelt. Entstanden
ist eine reale Utopie, die sich nicht auf eine
Traumgesellschaft, die auf einer fernen Insel
am Rande des kapitalistischen Patriarchats
lebt, richtet, sondern auf das Leben hier und
jetzt. Den Befragten ging es um eine Neuverteilung, aber auch um eine Neudefinition
des gesamten Systems gesellschaftlicher
Arbeiten: »Jeder und jedem muss das Recht
auf selbständige Reproduktion der eigenen
Person und der Kinder zugebilligt werden.
Das schließt die patriarchalische Verteilung
der Arbeit aus, es schließt aber auch aus,
Frauen weiterhin als »zusätzlich Arbeitende«
zu definieren und ihnen flexible Arbeitsformen
anzubieten, durch die sie durch die Hintertür
wieder auf die Haus- und Sorgearbeiten festgenagelt werden und ein bißchen mitverdie-
Die Briefe – Maxine Molyneux – Gisela Notz
immer stärker multiethnischen Kontexten, die
teilweise vor den gleichen, teilweise vor anderen Herausforderungen stehen als Frauen
früherer Generationen. Zu den neueren zählt
sicherlich die fehlende Kritik an den aktuellen
Verhältnissen mit ihrer Promi-Kultur, ihrem
Hyper-Konsumdenken und ihrer unerbitt­
lichen Wichtigkeit physischer Vollkommenheit
übersexualisierter Körper. Dies in Kombination mit dem Fehlen einer Frauenbewegung,
die nicht nur Kritik übt, sondern auch Solidarität bietet, die Nahrung jeder Bewegung für
soziale Veränderung, ist das Charakteristikum
der modernen westlichen Welt. Kein Wunder,
dass die Selbstverletzungen bei den jungen
Frauen zunehmen. Dies sind nur ein paar
Gedanken zu einem komplizierten Thema.
Ich hoffe, es geht dir gut, und sende dir meine
herzlichsten Grüße und besten Wünsche für
eine anregende Debatte und gute Ergebnisse.
nen dürfen«. In dieser Gesellschaft »sollte
es aber auch möglich (sein), sich ohne Dis­
kriminierungen und ständige Bevormundungen
für ein Leben ohne (eigene) Kinder zu entscheiden«. Es ging also auch um sexuelle
und reproduktive Rechte, den Zugang zu
Verhütungsmitteln, um Selbstbestimmung
über den eigenen Körper. Es ging um eine
Reform des Bildungssystems, damit Kinder
und Erwachsene nicht nur lernen, »mit dieser
Welt voller Bedrohungen und Zumutungen
zurecht zu kommen, sondern auch, wo und
wie man darauf Einfluss nehmen und auf
welche Art und Weise kollektiv Widerstand
geleistet werden kann«. Männer und Frauen
sollten eine existenzsichernde, selbstbestimmte und sinnvolle, gesellschaftlich
nützliche Arbeit haben. Sie wollten nicht
in Berufen arbeiten, die mit »Todesplätzen«
(Jungk) zu verbinden sind. »Eigene Gesundheit, kein Krieg und keine Umweltkatastrophen« waren oft genannte Wunschvorstellungen. Der Wohnungsbau sollte alternative
Wohn- und Lebensformen zulassen, »dass
mehr Beziehungen der Bewohner unterei­
nander möglich sind als den Nachbarn guten
Morgen zu sagen«, oder »dass eine Gruppe
von Leuten eine Gruppe von Kindern gemeinsam aufzieht«.
Deutlich wurde aus den Interviews:
Wir brauchen nicht nur Alternativen zum
so genannten »Normalarbeitstag«, sondern
auch zur so genannten »Normalfamilie«.
Die gibt es längst, schon damals forderten
die Frauen und Männer, dass die vielfältigen
Lebensformen akzeptiert und keine bevor-
72
Die Briefe – Gisela Notz
zugt oder benachteiligt wird, so lange dort
niemand gewalttätig behandelt oder unterdrückt wird.
Neben die Problematisierung inhumaner
fremdbestimmter Arbeitsbedingungen in der
Produktionsarbeit muss auch die Problematisierung der Haus- und Sorgearbeit in den
Küchen und Kinderzimmern treten. Sie ist –
ebenso wie viele Formen der »Eigenarbeit«,
des bürgerschaftlichen Engagements, der
Subsistenzarbeit und anderer nicht marktvermittelter Versorgungsarbeit – nicht schon
deshalb demokratischer und humaner, weil sie
nicht bezahlt geleistet wird. All diese Arbeiten
sind ebenso abhängig von der kapitalistischen
Wirtschaftsweise wie die Arbeiten in der großen und kleinen Fabrik und in der Verwaltung.
Nun zum Arbeitsbegriff [1]
Der »erweiterte« Arbeitsbegriff umfasst alle
Formen von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit. Er schließt auch jene Aktivitäten ein, die
Hannah Arendt in »arbeiten«, »herstellen« und
»handeln« unterteilt, also die Aktivitäten zur
Sicherung der Gattung und des Am-LebenBleibens, die Produktion einer künstlichen
Welt von Dingen, »die unserem flüchtigen
Dasein Bestand und Dauer entgegenhält«
(= herstellen), und das Handeln, das »der
Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient«. Jede Aktivität greift gestaltend
und kulturbildend in unsere Verhältnisse ein,
zwar nicht jede mit gleichem Gewicht, aber
keine ohne Bedeutung. Sowohl im Bereich der
(jetzt) bezahlt geleisteten Arbeiten als auch
im Bereich der (jetzt) unbezahlt geleisteten
Arbeiten werden gesellschaftlich notwendige
und nützliche Tätigkeiten verrichtet. Umgekehrt fallen in beiden Bereichen Tätigkeiten
an, die diesen Kriterien nicht entsprechen.
Soll (zunächst) die Trennung zwischen Produktions- und Reproduktionsarbeit beibehalten
werden, so wäre unter »Produktionsarbeit« die
instrumentell gebundene, zielgerichtete, gesellschaftlich nützliche Tätigkeit in Produktion
und Dienstleistung zu verstehen. Tätigkeiten
jenseits der Lohnarbeit (oder einer anderen
das Einkommen sicherstellenden Erwerbsarbeit), die zur Erhaltung der menschlichen
Arbeitskraft und des menschlichen Lebens
notwendig sind, wären dann »Reproduktionsarbeiten«. Produktions- wie Reproduktionsarbeiten können sowohl mit Mühsal verbunden
[1]Dazu: Gisela Notz: Von der notwendigen Arbeit und
dem »Reich der Freiheit«. Auch »erweiterte Arbeitsbegriffe« verlangen eine feministische Kritik. In: Dagmar
Baatz/Clarissa Rudolph/Ayla Satilmis (Hg.): Hauptsache
Arbeit? Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2004,
S. 137 bis 151; sowie: Gisela Notz: Arbeit – Mehr als eine
Beschäftigung, die Geld einbringt. Berlin: verdi 2005.
sein wie auch Befriedigung, Lust und Selbstbestätigung verschaffen.
Arbeit ist danach sowohl selbständige
Arbeit als auch abhängig geleistete bezahlte
Erwerbsarbeit. Diese ist zu unterteilen in
ungeschützte (meist sozialversicherungsfreie)
Erwerbsarbeit, Teilzeitarbeit (mit und ohne
tarifliche Absicherung), tariflich abgesicherte
»Normal«-Arbeit. Arbeit ist auch Haus- und
Sorgearbeit, Erziehungsarbeit, Pflegearbeit
für Alte, Kranke und Behinderte, unbezahlte
Konsumarbeit, Subsistenzarbeit, ehrenamt­
liche politische und kulturelle Arbeit, bürgerschaftliches Engagement, »freiwillige« soziale
Arbeit, unbezahlte Arbeit in Selbsthilfegruppen und neuerdings auch »Arbeitsgelegen­
heiten« im Sinne von 1-Euro-Jobs.
Ein Arbeitsbegriff, der sich auf die Analyse
des gesamten Spektrums von Arbeit bezieht,
unabhängig von der Entlohnung, muss auch
von verschiedenen Arbeitsorten ausgehen:
Neben Industriebetrieben, kleinen und mittleren Unternehmen, Verwaltungen, Projekten
und Betrieben aus der Alternativökonomie
sind das Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitsbereich, Wohlfahrtsorganisationen,
Vereine und Verbände, die bürgerschaftliches
Engagement und ehrenamtliche Arbeit organisieren, Projekte der sozialen Bewegungen und
freilich auch Familien oder andere Wohn- und
Lebensgemeinschaften, in denen Haus- und
Sorgearbeit organisiert wird. Es geht also
nicht nur um einen neuen Arbeitsbegriff,
sondern um einen Begriff von Wirtschaft, der
alle ökonomischen Bereiche beinhaltet, den
Zusammenhang zwischen Reproduktion und
Produktion herstellt sowie die Trennung zwischen ökonomischen und (scheinbar) außer­
ökonomischen Bereichen überwindet.
Die bestehenden Geschlechterverhältnisse
sind so strukturiert, dass die in der Familie
und anderen Lebensformen sowie sozialen
Organisationen geleistete unbezahlte Arbeit
Marktaktivitäten überhaupt erst möglich
macht. Andererseits sind die bezahlt geleisteten Marktaktivitäten Voraussetzung für die
angebliche Unbezahlbarkeit der Haus-, Sorgeund Fürsorgearbeiten. Wesentliche wirtschaftliche Zusammenhänge können daher nicht verstanden werden, wenn der Blick nicht auf die
gesamte Ökonomie und die Arbeit als Ganzes
gerichtet wird und wenn die unterschiedlichen
Arbeits- und Lebenssituationen von Frauen
und Männern in den verschiedenen Bereichen
nicht in Betracht gezogen werden. Auch die
Auseinandersetzung zwischen Kapital und
Arbeit fand nie nur im Inneren der Fabrik statt.
Die beiden Hauptkategorien (Produktionsund Reproduktionsarbeiten) lassen sich ohne-
73
hin nur analytisch trennen. Geht man bei der
Definition von Produktionsarbeit allein von der
Tätigkeit des Produzierens aus, so müssten
auch viele Arbeiten außerhalb der Lohnarbeit
dazu gezählt werden, weil auch dort produziert wird. Faktisch müssen Hausarbeitsverhältnisse den Produktionsverhältnissen
zugerechnet werden, wenn sie von Putzfrauen,
Hausangestellten oder Kinderfrauen gegen
Entgelt geleistet werden. Für sie wird die Arbeit im »trauten Heim« meist schlecht bezahlt,
die meisten kommen aus anderen Ländern,
haben einen geringen sozialen Status und
sind abhängig von den Hausherrinnen und
Hausherren. Auch leisten »reine Hausarbeiterinnen« Arbeiten, die zu den Produktions­
arbeiten gehören; nämlich dann, wenn sie
zum Beispiel stundenweise unterbezahlte Aushilfsarbeiten verrichten oder selbstge­fertigte
Produkte gegen Entgelt veräußern.
Erst die Aufhebung der Trennung beider Arbeitsbereiche macht auch die Neubewertung
und Neuverteilung möglich. Ziel ist eine Gesellschaft, in der die »freie Entwicklung eines
jeden die Bedingung für die freie Entwicklung
aller ist«.[2]
Angesichts der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung, verbunden mit Erwerbslosigkeit, Orientierungslosigkeit und Armut,
aber auch angesichts der gewachsenen
Bedürfnisse der Menschen an gesellschaftlicher Teilhabe und eigenständiger Existenzsicherung durch sinnvolle, gesellschaftlich
nützliche und möglichst selbstbestimmte
Arbeit, kommt es darauf an, Konzepte zu
entwickeln, wie die begrenzt vorhandene bezahlte sinnvolle und gesellschaftlich nützliche
Arbeit auf mehr Menschen verteilt werden
kann. Das bedingt aber auch Überlegungen
für eine gleichmäßige Verteilung der massenhaft vorhandenen, jetzt unbezahlt geleisteten
gesellschaftlich nützlichen Arbeit. Und es
bedingt ebenso Überlegungen, wie die gesellschaftlich notwendigen Arbeiten, die aufgrund
der Erwerbstätigkeit der Frauen und wegen
der veränderten demografischen Verhältnisse
eben nicht mehr unbezahlt geleistet werden
(können), künftig auch in den regulär bezahlten Bereich übergehen können.
Allein die Verkürzung der »Normalarbeitszeit«
im Bereich der Vollzeit-Produktionsarbeit
(Sechs- oder Vier-Stunden-Tag) für Menschen,
die sie jetzt ausfüllen, wird nicht ausreichen,
auch wenn sie dringend notwendig wäre und
es absurd ist, dass gegenwärtig – trotz hoher
Erwerbslosigkeit – Arbeitszeiten verlängert
werden. Auch eine Aufwertung der im Bereich
[2]Marx/Engels, MEW 4, S. 482.
Die Briefe – Gisela Notz
der Reproduktion geleisteten Arbeit ohne
eine Veränderung der Arbeitsteilung und der
Arbeitsorganisation sowohl des ökonomisierten Teils als auch des nicht ökonomisierten
Teils von Arbeit wird nicht ausreichen. In allen
Bereichen menschlicher Arbeit werden Veränderungen hin zu humanen, demokratischen,
persönlichkeitsförderlichen und existenz­
sichernden Arbeitsbedingungen notwendig.
Notwendig wird auch die Bereitstellung
pädagogisch und pflegerisch wertvoller
Infrastruktur und bildungspolitische und gesellschaftliche sowie normative Regelungen,
die geeignet sind, die Verweigerungshaltung
der Männer im Blick auf die (individuelle und
kollektive) Übernahme von unbezahlter Hausund Sorgearbeit und der damit verbundenen
Verantwortung zu brechen.
»Neue« Dienstbotinnenmodelle, die weiße
Deutsche aus den oberen und mittleren
Schichten auf Kosten von Frauen, die illegalisiert in Deutschland leben, begünstigen, sind
keine Lösung der Probleme. Sie führen zu neuen Unterschichtungen (auch) unter Frauen und
sind ein völlig ungeeignetes Mittel zur Aufhebung der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung. Es gilt, Menschenrechte – weltweit
– für alle einzufordern. Es geht um gesetzlich
festgelegte Mindestarbeitsbedingungen und
Mindestlöhne, weltweite Ethikcodes und
um eine Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, die
alle Menschen als eigenständige Individuen
behandelt.
Für eine feministische Arbeitspolitik ergibt sich
für die Zukunft die Notwendigkeit, sich dem
ungeheuer weiten Feld der Arbeit als Ganzem
zuzuwenden. Menschen aus großen und kleinen Fabriken, aus Verwaltungen, »neue Selbständige«, die meist weder Produktionsmittel
besitzen noch andere für sich arbeiten lassen,
Menschen aus Schatten- und Alternativwirtschaft und lokaler Ökonomie wie auch aus
Hauswirtschaft, bürgerschaftlichem Engagement und ehrenamtlicher Arbeit müssen in die
Konzeptentwicklungen und Handlungsstrategien zur »Zukunft der Arbeit« einbezogen werden. Ohne Allianzen zwischen verschiedenen
gesellschaftlichen Kräften wie Politik, Gewerkschaften, Unternehmen, sozialen Bewegungen
und feministischen Zusammenschlüssen werden Veränderungen im Sinne einer Aufhebung
der sozialen und geschlechterspezifischen
Ungleichheit schwer zu erreichen sein.
Anders leben und arbeiten
Positive Beispiele eines anderen Lebens
und Arbeitens finden wir im Bereich der
alternativen Ökonomie, auch in Genossenschaften und kommunitären Arbeits- und
Die Briefe – Gisela Notz – Claudia Pinl
74
Lebensgemeinschaften.[3] In solchen Projek­
ten schließen sich Menschen zusammen,
die selbstbestimmt und ohne patriarchale
Hierarchien ressourcenschonend arbeiten
und konsumieren wollen. Sie versuchen,
die Trennung von Arbeit und Leben zu überwinden und mit sich und ihren Mitmenschen
sowie mit der Umwelt pfleglich und vorsorgend umzugehen. Solche Projekte sind ein
Versuch, um mit der Aufhebung der Ent-
fremdung, der Neuverteilung von Arbeit und
Verantwortung und der Möglichkeit der ebenbürtigen Teilhabe von Frauen und Männern
am ganzen Leben ernst zu machen. Sie sind
ein Fenster zu einer wirtschaftlich, ökologisch
und sozial nachhaltigen Gesellschaft. Indem
sie auf die Kraft des Experiments setzen,
werden sie vielleicht immer weitere Gebiete
erschließen und ihre Konzepte und Ideen in
immer weitere Kreise tragen.
Claudia Pinl
Köln, Deutschland
wahrgenommen. Die Behauptung der intellektuellen Unabhängigkeit, die sich ja auch körperlich manifestiert, ist von ähnlicher Wirkung.«
(Pierre Bourdieu)
Was heißt feministische Politik heute?
Vorrede
Ich benutze den Begriff »linkes feministisches
Projekt« nicht. Feminismus ist nach einer
Definition von Mechtild Jansen die »Beanspruchung des Rechts auf eigene Würde und
Selbstbestimmung des Menschen in Gestalt
einer Frau auf Freiheit, Gleichheit, Solidarität
und Gerechtigkeit«, also Herrschaftskritik
und schon deshalb »links«. Allerdings ist nicht
überall Feminismus drin, wo Feminismus
drauf steht.
Kulturmacht Patriarchat
»Die männliche Herrschaft, die die Frau als
symbolisches Objekt konstituiert, dessen Sinn
(esse) ein Wahrgenommen-Sein (percipi) ist,
hat den Effekt, dass die Frauen in einem Zustand ständiger körperlicher Unsicherheit oder
besser symbolischer Entfremdung versetzt
sind. Ihr Sein ist ein Erscheinen, und so werden
sie ohne explizite Aufforderung dazu gebracht,
sich mit der Art, wie sie ihren Körper halten
und präsentieren (Aufmachung, Kleidung,
Kosmetik usf.) den Männern gegenüber als
disponibel (in vergeschlechtlichter und even­
tuell sexueller Hinsicht) zu zeigen … Vom
Mann aus gesehen werden diejenigen, die
sich in gewisser Weise ihr Körperbild wieder
aneignen (zum Beispiel durch Sport) und die
unterstellte Disponibilitätsbeschreibung zer­
stören, als nicht »feminin«, ja als lesbisch
[3]Kooperative Arbeits- und Lebensformen haben eine
lange Tradition. Genossenschaften entstanden mit der
Formierung der Arbeiter-bewegung im 19. Jahrhundert
und in den 1920er Jahren als Gegenbewegung gegen
die zum Teil zerstörerische Ökonomie im ersten Sektor.
In den 1970er Jahren wurden viele selbstverwaltete
Betriebe, Genossenschaften und kommunitäre Arbeitsund Lebensformen gegründet. Sie stellen heute einen
eigenständigen Sektor der Alternativökonomie dar.
Vgl. Gisela Notz u. a.: Selbstverwaltung in der Wirtschaft,
Köln 1991.
Allen »Alpha-Mädchen« und »neuem Feminismus« zum Trotz betreibt der Mainstream nach
wie vor fröhlich und wie selbstverständlich die
patriarchale Zurichtung von Frauen, physisch
und psychisch.
Kein Tag ohne nackte Frauen in eindeutigen
Posen auf den Titelblättern der Boulevardpresse; kaum eine Firmenwerbung ohne
mindestens halbnackte Frauen. Pornografie ist schick. Und sie ist so gut wie immer
sexistisch: Frauen sind diejenigen, denen
es besorgt wird. Ihre Posen, ihre Gesten
sind solche der Unterwerfung. Kritik an der
allgegenwärtigen frauenverachtenden Pornografisierung wird als »unsexy« abgetan. »Sexy«
ist dagegen die Präsentation des weiblichen
Körpers als jederzeit verfügbares Objekt.
Junge Mädchen inszenieren ihre Geschlechtlichkeit freizügig und modebewusst und sind
der festen Überzeugung, dass sie selbstbestimmt über ihre Körperpräsentation entscheiden. Ebenso wie erwachsene Frauen. Von
hohen Absätzen über Brustimplantationen,
Fettabsauge-OPs, Rasur von Körperhaaren,
Gesichtsstraffungen bis hin zu Magersucht.
Frauen immer wieder an ihre im Patriarchat
primäre Funktion als Sexualobjekt zu erinnern,
über das er verfügen kann, zumindest symbolisch, ist möglicherweise der Preis, der einge­
fordert wird für die vielen Freiheiten, die Frauen
sich inzwischen heraus nehmen (dürfen) und
für die beruflichen Erfolge einiger. Dominanz
und Unterordnung sollen wenigstens auf
diesem primären Gebiet stabilisiert werden.
Ob die hohen Auflagen von Charlotte Roches
»Feuchtgebiete« den Willen einer Mehrheit
von Frauen nach selbstbestimmter lustvoller
Aneignung des eigenen Körpers außerhalb der
heterosexistischen Norm zeigen? Damit fängt
die Emanzipation schließlich an.
75
Forderungen an die Parteien
im Wahljahr 2009
Bis es soweit ist und vor dem Wahljahr 2009
habe ich einige feministische Forderungen an
die Parteien, damit wenigstens die Strukturen
geändert werden, auf die Politik Einfluss hat,
und die bisher zuverlässig dazu beitrugen, die
herkömmliche Männlichkeit und Weiblichkeit
zu reproduzieren:
n Im Steuerrecht Individualbesteuerung statt
Ehegatten-Splitting – ohne jede Ausnahme.
n Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung
vom ersten Euro an. Weg mit Mini- und
Midi-Jobs.
n Gesetzlicher Mindestlohn in einer Höhe,
die eine eigenständige Lebensführung
ermöglicht.
n Hohe öffentliche Investitionen in die
Erziehung und Bildung von Kindern von der
Ganztags-Kita bis zur Ganztagsschule und in
die qualifizierte Ausbildung und entsprechende Entlohnung von BildungsarbeiterInnen auf
allen Ebenen.
n Subventionierung der Ausgaben
für Kinder: Freie Fahrt in öffentlichen
Verkehrsmitteln von Erwachsenen in
Begleitung von Kindern, Schul- und
Lernmittelfreiheit, kostenloser Zugang
zu Sportvereinen für Kinder und
Jugendliche, halber Mehrwertsteuersatz
Nora Räthzel
Umeå, Schweden
Liebe Frigga,
Der Grund, dass ich noch nicht auf deine
Einladung geantwortet hab ist, dass ich, glaub
ich, nix zu sagen habe zum Thema linkes feministisches Projekt. Vielleicht liegt das daran,
dass die feministische Politik in Schweden
so langweilig ist, weil es da nur darum geht,
Frauen in alle möglichen höheren Positionen
zu bringen. Das funktioniert so nach dem
Motto: Hallo, wir wollen auch unseren Anteil
am Kuchen, dürfen wir bitte auch genauso viel
ausbeuten wie die Männer, genauso viel Blödsinn in der Politik machen und genauso viel
sinnloses Fliegenbeinzählen in der Forschung
betreiben? Das andere riesige Problem, das in
zahllosen Forschungen und in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ist: Machen die Männer
wirklich ganz genauso viel Hausarbeit und in
exakt den gleichen Bereichen wie die Frauen?
Antwort: Nein, machen sie immer noch nicht.
Wie kann das sein, wo doch der Staat so
viele Anreize gibt und Schweden die höchste
Geschlechtergleichberechtigung der Welt hat
(das kann man nämlich messen an der Zahl
Die Briefe – Claudia Pinl – Nora Räthzel
auf Kinderkleidung, Spielsachen etc.
Gegenfinanzierung durch Abbau von
Transferleistungen wie Kindergeld,
Kinderfreibeträge etc.
n gesetzliche Beschränkung der
täglichen Arbeitszeit für Eltern kleiner
Kinder mit Lohnausgleich (statt Elterngeld).
n
Im »Überbau«:
n Entrümpelung sexistischer Vorgaben
in Schulbüchern und Materialien der
Berufsorientierung;
n Geschlechtertrennung in
»gendersensiblen« Fächern wie Informatik,
Sport, Haushaltstechniken, Berufsvorbereitung;
n Straf- und Ordnungsrecht einsetzen
gegen sexistische und gewaltverherrlichende Darstellungen und Texte in
allen Medien;
n Bestrafung von »Hate Crimes«
gegenüber Minderheiten;
n Aufsichtsregularien für Privatsender.
n Maßnahmen gegen die exorbitanten
deutschen Waffenexporte;
n Einsatz der BRD für faire
Handelsbedingungen;
n Konsequente Klimapolitik.
Das müsste für eine Legislaturperiode
erst einmal reichen.
der Abgeordneten etcetera)? Antwort: Das
liegt daran, dass alles so furchtbar schwierig
ist für die Paare. Die Paare, die mehr Gleichberechtigung im Haushalt praktizieren, sind
viel gestresster, haben viel mehr Konflikte als
die Paare, in denen der Haushalt traditioneller
gehandhabt wird. Wobei man/frau dazu sagen
muss, dass ein Konflikt in Schweden was
ganz Schreckliches ist, was man unbedingt
vermeiden sollte. Er beginnt aber schon dort,
wo zwei Leute unterschiedlicher Auffassung
darüber sind, ob man den Besen jetzt von
links nach rechts oder besser von rechts
nach links führen sollte. Hinzu kommt, dass
der feministische Diskurs hier auf einer Auffassung von Gleichheit beruht, die so simplifizierend ist – jedenfalls meiner Meinung nach
– dass ich mich im Nachhinein fast mit den
Differenzfeministinnen aus unseren damaligen Debatten solidarisiere. Gleichheit heißt
hier »sameness« (im Deutschen kann man
diesen Unterschied zwischen »equality« und
»sameness« leider auch nicht machen … naja,
eigentlich doch, wenn man zwischen Gleichheit und Gleichberechtigung unterscheidet).
Das heißt, Unterschiede zwischen Männern
und Frauen zu sehen, gilt per se als antifemi­
nistisch, was natürlich im Endeffekt dazu
Die Briefe – Nora Räthzel – María Ruido – Virginia Villaplana
führt, dass die männliche Lebensweise zum
Maß aller Dinge wird und Gleichberechtigung
heißt, dass Frauen wie Männer sein müssen
– abgesehen vom Haushalt natürlich, wo’s
umgekehrt ist.
76
Du kannst dir vorstellen, dass mich diese
Diskussionen nicht besonders vom Hocker
reißen und ich deshalb mehr oder weniger
aufgehört habe, mich für feministische Politik
zu interessieren.
stellen und zu kritisieren; sich dabei mit allen
gesellschaftskritischen Kräften verbünden;
sich zu fragen beginnen, was eine genuin
feministische Sichtweise auf und Politik für
die großen Widersprüche unserer Zeit wäre:
neoliberale Globalisierung, Umweltzerstörung, Abbau von Demokratie im Kontext der
Terrorbekämpfung (wozu auch Verschärfung
der Asylpolitik gehört), Normalisierung von
Kriegen, Instrumentalisierung von Frauen »für
reaktionäre Politik«.
Beim Nachdenken, was ich wohl schreiben
würde, wenn ich deinem Aufruf folgen würde,
fallen mir deshalb immer nur so Dinge ein wie:
Feministinnen müssen wieder anfangen, die
Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Sexismus produzieren, in Frage zu
Du siehst, das ist alles wieder nicht so
spezifisch feministisch, was mir da einfällt und
deshalb, kurz gesagt: Ich wäre interessiert an
dem, was andere Feministinnen auf der Welt
schreiben, damit ich mich wieder mehr für die
feministische Frage interessieren kann.
María Ruido und Virginia Villaplana
Valencia, Spanien
Als feministische Frauen, die mit Bildern
arbeiten, sind wir uns bewusst, welches
Gewicht Bilder bei den gegenwärtigen sozia­
len Kämpfen haben können. So fragen wir
uns: Wie sollen wir heute die Darstellungen
der kulturellen und Medienproduktion inner­
halb eines globalen sozio-ökonomischen
Systems analysieren, das die Definitionen
und die Bereiche der traditionellen Arbeit
herausfordert? Wie können wir herausar­
beiten, welchen Einfluss diese Darstellungen
im Spiel der Politik haben?
Und schließlich in der Bewertung der neuen
und alten Arbeitsformen?
Notizen zur Debatte um Beziehungen
zwischen Kunst und Politik
Das Interesse dieses Beitrags ist es insbesondere, einen Ort zu finden, von dem aus die
Darstellung von Identität und ihren Brüchen
möglich ist. Einen Ort, der Fragen erlaubt und
der zur gleichen Zeit ein Ort des Austausches
wird, der eine Möglichkeit der Interpretation
öffnet, politische Handlungen zu situieren, der
offene Wege vorschlägt, Gegensätze aufzeigt,
fern einer geschlossenen Definition. Es geht
uns auch um die Rolle der Arbeit und ihrer
bildlichen Darstellung als Element der Reproduktion von Frauenunterdrückung.
Feministische Theoretikerinnen haben
systematisch nicht nur die Widerstände
gegen den Zugang der Frauen zu bezahlter
Arbeit – indem man sie mit der »Ethik der
Sorge« und mit der Reproduktionsarbeit
verband – skandalisiert, sondern auch
die Einengung des Arbeitsbegriffs auf den
»Arbeitsplatz«, die die Arbeit der Frauen
im Haus unsichtbar macht und entwertet.
Frauen im Erwerbsleben haben nicht nur
prekäre Arbeitsplätze, sondern auch solche
mit weniger Verantwortung, geringeren
Löhnen, Zeitverträgen, etc., die zur Hausarbeit noch hinzukommen, also einen doppelten Arbeitstag. Oder sie sind ganz aus dem
Arbeitsleben ausgeschlossen. Erinnern wir
uns, dass zum Beispiel im Fall Spanien die
Arbeitslosigkeit der Frauen doppelt so hoch
ist wie die der Männer. Die Unmöglichkeit,
die Unter­drückung der Frauen unter die
Klassenfrage zu subsumieren, bleibt weiterhin ein kontroverses Problem.
Drei Schwerpunkte wollen wir knapp in Bezug
auf die Fragen zum Thema Gender andenken.
Der erste betrifft die kulturelle Produktion als
Aktivierungs­achse der Kunstpraxis. Der zweite
erstreckt sich auf den Gebrauch von Kunst
als Mittel zur Darstellung des gesellschaftlichen Lebens und der Arbeit. Und als drittes
arbeiten wir daran, die Bedeutung der großen
Erzählungen zu verringern, indem wir mit fragmentarischen Berichten experimentieren.
Im spanischen Kontext gibt es drei Argumente, die die Beziehungen zwischen feminis­
tischer Politik und kultureller Produktion
geprägt haben:
1. Die wesentlichen Bezüge aus der Vielfalt
feministischer Beiträge zur bildenden Kunst
sind diejenigen, die einen Widerstand gegen
die Integration und Normalisierung durch den
institutionellen und jede Differenz ausbügelnden Diskurs bedeuten und die man weiterhin
immerhin als Teil des historischen Substrats,
auf den man nicht verzichten kann, betrachten kann. Sie sind im Rahmen jeder gegenwärtigen oppositionellen Praxis feministisch
77
neu zu durchdenken. Viele dieser Beiträge
kommen aus der angelsächsischen kulturellen
Produktion und müssen in unseren Zusammenhang eingearbeitet werden. Der Ausbruch
der sogenannten »Identitätspolitik« in den
1980er Jahren – ursprünglich im angelsächsischen Bereich – musste die Korrektur erfahren, dass Gegensätze nicht durch Subsumtion
des einen Bereichs unter den anderen gelöst
werden können. Linke Politik, die an der
Identitätspolitik kritisierte, es gäbe eine fragmentarische und schwächende Zerstreuung
der sozialen Kämpfe, hatte nicht nur Unrecht.
Dennoch haben die Beiträge und Anklagen,
die durch die »Identitätspolitik« betrieben
wurden, es ermöglicht, die Politik der linken
Parteien neu zu bewerten und zur Feststellung
geführt, dass viele Aufrufe zur »Einheit der
Linken« auf der Grundlage einer Vertagung
der vielfältigen Fragen aus den Kollektiven,
die als »andere« bezeichnet wurden, gemacht
wurden.
Die Bedeutung der Ideen und der Praxis der
Linken in der Vergangenheit ist bis heute
groß. Ebenso wichtig sind die engen Beziehungen, die die verschiedenen Feminismen über
zahlreiche Aktionen und Wissensstrukturen
zur Linken bis heute haben. Dennoch fragen
wir uns, ob es noch einen Sinn hat von links
zu sprechen und/oder es in Bezug auf eine
Parteistruktur zu tun.
In unserer Generation fühlen wir uns weit
weg von diesen Formen und politischen Strukturen, obwohl es für uns klar ist, dass wir in
Zeiten eines triumphierenden Neoliberalismus
und einer Neugründung des globalen Kapitalismus eine Strategie »gemeinsamer Fronten«
fahren müssen. Dennoch müssen wir auch
daran erinnern, dass viele der Kollektive und
sozialen Bewegungen, zu denen wir uns zugehörig fühlen, in der Vergangenheit und auch
heute durch Parteien, Gewerkschaften und
andere Gruppierungen aus der »traditionellen
Linken« ausgeschlossen werden (und besonders in unserem demokratischen Rahmen seit
der spanischen Wende bis heute).
2. Zweitens geht es um das Verständnis vom
Gegenstand der Kunst und des Selbstbildes
als kulturelles Artefakt und der künstlerischen
Aktivitäten als soziale und ökonomische
Aktivitäten, die historisch festgelegt sind.
So geht es auch um die Betrachtung der
Lehre als Teil des Produktionszyklus des
Wissens. In der Praxis der universitären
Lehre halten wir fest, dass 53 Prozent der
Studierenden der spanischen Universitäten
Frauen sind, aber nur 34 Prozent als
Professorinnen an den Universitäten wirken.
Außerdem sind die Stellen, die wir Frauen
besetzen, Hilfs- und Vertretungsprofessuren,
Die Briefe – María Ruido – Virginia Villaplana
also Stellen, die am wackligsten sind, schlechter bezahlt werden und weniger Anerkennung
im Universitätskörper erhalten. Eine andere
Zahl zeigt, dass ca. 65 Prozent der Mitglieder
des Verwaltungspersonals der Universität
weiblich sind.
In diesem Zusammenhang diskutieren wir
Nancy Frasers Ausführungen [1] zur Notwendigkeit, Strategien der sozialen Gerechtigkeit
zu entwickeln, die auf Umverteilung und auf
Anerkennung zielen. Als Antwort auf den
Vorschlag von Fraser entwickelte sich eine
fruchtbare Debatte, in der zum großen Teil die
verschiedenen theoretischen und politischen
Positionen zur sozialen Gerechtigkeit ausgemacht werden können.[2] Daher interessiert
es uns, diese Debatte als Artikulierungsachse
darzustellen, die Prozesse der Differenzierung
zu analysieren, die Hierarchisierungen und
Ausschlüsse, die ihnen innewohnen, sowie
ihren Einfluss auf die sozialen und Arbeitsbeziehungen in Formen, die nicht nur auf die
wirtschaftliche Ausbeutung reduziert werden
können, zur Kenntnis zu nehmen.
3. Schließlich verweisen wir auf einige relevante Aspekte der feministischen Kritik der
Darstellung und der Sichtbarkeit sowie einige
ihrer Gegensätze und Paradoxien in der Gegenwart. Da ist etwa die »Nicht«-Darstellbarkeit des immateriellen Arbeiters und anderer
Arbeiten, die nicht als solche betrachtet werden, weil sie nicht als Teil der traditionellen
Produktion gesehen werden oder als Teil der
Sphäre der Reproduktion im Gegensatz zu
der der Produktion zu stehen scheinen. Eine
doppelte Fragestellung, die in das Feld des
Demokratischen und des Gewerkschaftlichen
führt.
Wenn die materialistischen Praxen der Siebziger darauf zielten, ein gegen-hegemoniales
Modell zu zeichnen, das die historische und
bürgerliche Funktion der institutionellen
Räume angriff, um kulturelle Diskurse einzu[1]Siehe dazu: Fraser, Nancy: Heterosexismo, falta de
reconocimiento y capitalismo: Una respuesta a Judith
Butler, New Left Review, 2 (Mai/Juni): 123-136; 2000, und
Fraser, Nancy: Recognition without ethics? Theory,
Culture and Society 18 (2-3): 21-42. New Left Review,
222 (Mrz/Apr): 147-160; 2001
[2]Siehe dazu: Butler, Judith: La cuestión de la trans­
formación social, in Elisabeth Back-Gernheim, Judith
Butler, Lidia Puigbert: Frauen und soziale Umgestaltung, Barcelona: El Roure: 7-30; 1997,
Butler, Judith: El marxismo y lo meramente cultural,
New Left Review, 2 (Mai/Juni): 109-121; 2000
Featherstone, Mike und Lash, S. M. (Hg.) Recognition
and Differences: Politics, Identity, Multiculturalism,
(monográfico), Theory, Culture and Society; 2001
Young, Iris Marion: Unruly categories: A critique on
Nancy Fraser’s dual system theory, New Left review,
222 (Mrz/Apr): 147-160; 1997
78
Die Briefe – María Ruido – Virginia Villaplana
führen, die bisher marginalisiert wurden, so
geht es in den letzten Jahren um eine Suche
nach neuen Möglichkeiten der Produktion,
Repräsentation, Aufnahme und Verbreitung
des Kunstwerkes, das immer durch die
Kulturindustrie vereinnahmt zu werden droht.
Schließlich hat die Kultur eine dominante
Rolle in den Strategien der wirtschaftlichen
Umbildung unter dem Banner der »politischen
Korrektheit« erhalten.
In diese Richtung zu arbeiten bedeutet
für uns, Formen der Repräsentation und
kodifizierter Sichtbarkeit zurückzuweisen
als Formen, die durch die Konsumvorbilder
wieder angeeignet werden können und daher
zur Schaffung des industriell erwirtschafteten
Mehrwerts dienen. Auf diese Weise ist unser
eigener Arbeitsprozess in ständiger Veränderung; so empfinden wir die Stätte unseres
Schaffens als ungewissen Raum, der sich in
stetiger Neudefinition befindet.
Wir legen eine Arbeitsmethodologie fest, die
den Primat auf die Praxis der sozialen Umgestaltung legt (und dabei die Praxis theorisiert),
und betrachten den Prozess der Wissensproduktion als Teil des Prozesses der Produktion
von Subjektivität.
Wir weisen auf zwei Schlüsselachsen
unserer Überlegungen hin:
Die Arbeit und die Arbeiten der Geschichte:
Es geht uns um einige Eingriffe in die
Geschichtsschreibung durch politische
feministische Theorie im Zusammenhang
mit postmarxistischen Wendungen und die
gegenwärtige Linke. Schon lange vor der
Kritik an den »großen Erzählungen« war
und bleibt der Feminismus eine der wich­
tigsten kritischen Theorien für eine andere
Geschichtsschreibung (plural, breiter,
unterschiedlich) auf der Grundlage der
Wiedergewinnung anderer Berichtsformen
(die mündliche Überlieferung, die Subjektivität, die Nicht-Linearität, die Unsichtbarkeit
oder die flüchtige Sichtbarkeit …) und auf der
Grundlage, Erfahrung selbst als Generieren
von Geschichte zu sehen und den Körper
als politischen Raum von Subjekten, die
geschlechtlich bestimmt sind.
Die Geschichte und die Geschichten der Arbeit:
Die Darstellung der Arbeit muss ausgehen von
den letzten Umbrüchen und von der Auflösung des traditionellen Klassenbegriffs.
Weit weg von den traditionellen Bildern der
Geschichte der Arbeiter (verbunden mit
einer fordistischen Arbeit, im Lohnverhältnis, männlich und geregelt) nähert sich die
immaterielle Produktion produktiven Formen
(dereguliert, flexibel, diffus …), die mit der
sogenannten »weiblichen Arbeit« assoziiert
wurden. Die audiovisuellen Arbeiten einiger
Frauen und Männer haben in den letzten
Jahren dazu geführt, dass einige dieser neuen
Positionen in Bezug auf die Produktion und
die verschiedenen Formen der Formalisierung
eines Imaginären dieser neuen immateriell
arbeitenden Klasse und ihrer konstruierten
Empfindungen begegnen.
In diesem Sinne wollen wir an etwas sehr
Grundlegendes erinnern, das uns nicht wider­spricht, sondern noch unterstreicht: Das ist
die Notwendigkeit, kritische Darstellungen zu
schaffen, die das System der Produktion, in
das sie eingefügt sind, übersetzen: »Sichtbar
zu machen« bedeutet nicht unbedingt zu
»werten«, nicht einmal dazu zu verhelfen, die
wirklichen Bedingungen der neuen Arbeiter
und Arbeiterinnen zu verbessern. Wie wir
schon vor einiger Zeit geschrieben haben:
»Es scheint uns klar, dass die Sichtbarkeit nicht
immer in Aufwertung übersetzt werden kann
(zumindest nicht in eine kollektive und wirksame
Aufwertung), und noch weniger, wenn diese
Sichtbarkeit den Prozess nicht deutlich macht,
sondern ihn erneut mystifiziert und seinen
Themen neues Leben gibt, indem sie den
Gegen­stand in eine scheinbar spielerische
und aufregende Aus­führung auflöst, und dies
utilitaristisch auf perverse Weise. (…) Kann die
Darstellung als solche die Prozesse der Auf­wertung der kulturellen Arbeit ändern? Die
Antwort scheint ein Nein zu sein, da wir voraus­setzen, dass es nur möglich ist, die Bilder zu
verändern, wenn wir gleichzeitig die allgemeinen Produktionsbedingungen verändern.« [3]
[3]Rowan, Jaron und Ruido, María: In the mood for
work; Y Producciones (eds.): Producta50. Barcelona:
CSAM; 2007
79
Helke Sander
Köln, Deutschland
Liebe Frigga,
danke für die Anfrage. Ich kann nichts versprechen, weil ich bis über die Ohren über
einem anderen schwierigen und sich schon
lange hinziehenden Text sitze. Sollte mir was
einfallen, dann lasse ich von mir hören. Aber
das ist eher unwahrscheinlich.
Die Richtung wäre: Alles rund ums Kind.
Dazu gehört auch ein einheitliches Schul­
system. Wie kann man mobil sein – was
heute verlangt wird – wenn von einer
Stadt in die nächste vollkommen unterschiedliche Schultypen herrschen. Schulessen, Musikunterricht für alle, also ganz
Birgit Sauer
Wien, Österreich
Femifest. Ein feministisches Manifest?
– Plädoyer für eine linke feministische
Politik
»Wir sind viel zu verliebt in den Feminismus.
Wir finden junge Frauen cool, die sagen ›Wir
sind Feministinnen‹ und zeigen den Bedenkenträgern lieber den Mittelfinger.« (Meredith
Haaf/Susanne Klingner/Barbara Streidl:
Wir Alphamädchen)
Feminismus ist plötzlich wieder »in« – zumindest in den gebildeten Zirkeln des liberalen
deutschen Feuilletons. Dort tummeln sich
»Alphamädchen« (Meredith Haaf/Susanne Klingner/Barbara Streidl) in den Tiefen
sexuell-ekliger »Feuchtgebiete« (Charlotte
Roche) oder auch wahlweise in den Luxus­
karossen einer »neuen F-Klasse« (Thea Dorn).
Diese neu-feministische Deutungsrichtung,
die keineswegs homogen ist, steht freilich im
Kontext ganz anderer öffentlich diskutierter
Vorstellungen über Geschlechterverhältnisse,
nämlich des Mutterkreuzgefasels von Eva
Hermann und dem – ebenfalls im liberalen
Feuilleton, aber auch im rechten politischen
Spektrum schicken – Diskreditieren von
Gender Mainstreaming. Nun muss man keine
Verteidigerin von Gender Mainstreaming
sein, um das ostentative Missverstehen und
den Unverstand zum Beispiel von Volker
Zastrow (Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) gegenüber dieser politischen
Strategie für lächerlich und peinlich, vor
allem aber politisch gefährlich zu halten. Die
Unterstellung eines Menschenexperiments
und zwangsweiser Geschlechtsumwandlung
Die Briefe – Helke Sander – Birgit Sauer
viel Geld in allgemeine Einrichtungen, nichts
in private Hände. Außerdem verstärkter Einsatz für die Trennung von Kirche und Staat.
Vielleicht Zusammenarbeit mit all diesen
Gruppen: ibka, bfg, = Bund für Geistesfreiheit,
Giordano-Bruno-Stiftung …
Und große Diskussion über Militär und
Grundgesetz. Ich finde es unglaublich,
wie die alte Doktrin, sich nie an Angriffen
zu beteiligen, praktisch ohne Diskussion
abgeschafft wurde. Obwohl die Doktrin
ja der Grund war, weswegen die meisten
Parteien damals doch noch widerwillig
ihre Zustimmung zur Wiederbewaffnung
gaben. Und die neuen Angriffe werden
auch noch mit feministischen Anliegen
begründet …
durch Gender Mainstreaming und Gender
Studies zielt auf die Diskreditierung emanzipativer Politik.
Der Kampf um das, was Gleichstellung von
Mann und Frau, was Befreiung und Emanzi­
pation von Frauen ist und sein soll, der Kampf
um Hegemonie und Deutungshoheit in der
Geschlechterpolitik ist wieder präsent. Frau
kann also den Begriff Feminismus wieder in
den Mund nehmen. Es hat lange 20 Jahre
neoliberaler verschärfter Benachteiligung,
eines Klassen- und Geschlechterkampfes
von oben – Benachteiligung von Frauen im
Erwerbsleben, bei der Verteilung von Haus­
arbeit und Reichtum, in den Hochschulen,
in politischen Machtpositionen –, es hat des
Aufkündigens des politischen Konsenses
eines sozialdemokratisch angehauchten
Neoliberalismus bedurft und zunehmender
zwanghaft-disziplinierender Zugriffe auf das
Leben von Frauen, sei es in den Hartz-Gesetzgebungen, sei es in einem verschärften
demographischen Diskurs, bis Ansätze gegenhegemonialer Thematisierung zu größerer
publizistischer Öffentlichkeit kommen.
Allerdings fehlt dem »neuen« Feminismus
eine explizit gesellschaftskritische Verortung,
dieser neue Feminismus ist ein Oberschichtsfeminismus, ein Feminismus für die Reichen
(Iris Novak), ein Feminismus, der die »Alten«
(die »Opferfeministinnen«, so Thea Dorn)
ebenso ausgrenzt oder dethematisiert wie
Migrantinnen. Kurz: Der »neue« Feminismus
läuft Gefahr, gesellschaftliche Widersprüche
zu ignorieren – er ist weiß, bildungsbürgerlich und heterosexistisch. Wenn das »Neue«
am Feminismus nicht mehr die »alte« Opfer­
haltung ist, sondern die selbstbewusste
Die Briefe – Birgit Sauer
Selbsterfindung als »Alphamädchen« oder
»F-Klasse«, dann klingt das sehr nach neoliberaler Selbsterfindung, ja mehr noch nach
Instrumentalisierung des Feminismus für eine
neoliberale Rationalität. Die Unterordnung
des feministischen Projekts unter die Maxi­
men der Selbstführung, der Effizienz und
Effektivität (eben als Frau und Feministin alles
zu können, zu wollen und vor allem besser zu
sein) in einer sich zunehmend prekär gestaltenden Arbeitswelt, in einer zunehmend ungerechten Gesellschaft mit steigender Armut
und schamloser Umverteilung von unten nach
oben, der Ausgrenzung von MigrantInnen und
anderer »Anderer«.
Angesichts neuer Polarisierungen von Ungleichheitsstrukturen, von Klasse, Ethnizität,
Nationalität und Geschlecht gilt es aber in
der Tat, ein linkes feministisches Projekt zu
formulieren, eines, das die Diskurseröffnung
des »neuen« Feminismus anerkennt, das also
die Debatte um den »neuen« Feminismus
durchaus als Teil politischer Thematisierung
und Mobilisierung begreift, das aber in dieser
Debatte das herrschaftskritische Moment
betont.
Es stellt sich also die Frage, wie Feminismus
als ein Projekt der Gleichstellung, der AntiDiskriminierung, der Gewaltfreiheit, aber
auch der Autonomie und Befreiung, gestaltet
werden kann, wie ein radikales Projekt der
Überwindung heteronormativer, ethnisierter
und hierarchischer Geschlechterverhältnisse
auf den Weg gebracht werden kann.
Nach wie vor bildet ein heteronormativer
Geschlechtervertrag die Grundlage nationaler und internationaler Politik. Ökonomische
Globalisierung, politische Internationalisierung und neoliberale Reorganisationen auf
nationaler und internationaler Ebene basieren
ebenso auf diesen ungleichen Verhältnissen wie die EU-Gleichstellungs- und AntiDiskriminierungspolitik. Der heteronormative
hegemoniale Geschlechtervertrag wird durch
klassistische und ethnozentrische Settings
gestützt, also durch Ungleichheits- und Diskriminierungsformen auf der Basis sozialer
Positionierung und ethnischer oder nationaler
Zugehörigkeit.
Soziale Ungleichheit und Ausbeutung,
Homophobie, Rassismus und Sexismus – ein
links-feministisches Projekt kann mithin jede
dieser Problemstellungen zum Ausgangspunkt
nehmen und die Geschlechterverhältnisse
darüber »revolutionieren«. Nicht dass Feminismus alle Probleme der Welt lösen muss oder
gar kann, das höre ich die KritikerInnen schon
sagen. Ich denke vielmehr, dass angesichts
globaler Entwicklungen diese Perspektive
80
radikal eingenommen werden muss, um eine
gerechte Gesellschaft fantasieren und realisieren zu können. Dies geht nicht mehr auf
nationalstaatlicher Ebene allein, dazu braucht
es internationale Regulierung und Solidarität – und die ist ja gar nicht weit, denn durch
Migration ist das Internationale schon längst
im Nationalen angekommen.
Ein links-feministisches Projekt muss zunächst an der Verteilung von Arbeit und
Generativität und der daran geknüpften
Ungleichheiten ansetzen. Über die Definition
von Arbeit – nämlich bezahlte Erwerbsarbeit
und unbezahlte »Care«-Arbeit – und den daran
geknüpften Zugang zu Ressourcen stellt sich
vornehmlich geschlechtsspezifische Ungleichheit her. Aber auch Klassengruppierung und
-unterschiede werden über die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung immer wieder
hergestellt. Ein schon vielfach eingeklagter
»neuer« Geschlechtervertrag zielt auf Gerechtigkeit bei der Verteilung von Arbeit, von Careund Pflegearbeit im weitesten Sinne (nicht nur
für enge Angehörige) und von Erwerbsarbeit.
Ein neuer Arbeitsbegriff muss neue Inhalte
von Arbeit und Tätigkeit integrieren. Es geht
dabei auch um die Neuverteilung von Zeit, von
Arbeits- und Lebenszeit jenseits eines seichten Geredes von »Work-Life-Balance«, also
gegen eine prekarisierende Ent- bzw. Begrenzung von Arbeitszeit und Arbeitsmärkten.
Neben dieser Neuverteilung von Arbeit und
Tätigkeit, aber auch von Reichtum, müssen
die neuen Polarisierungen von Ungleichheit,
das, was ich »politische Intersektionalität«
nenne, skandalisiert werden, ist doch die
Integration von Frauen in den Erwerbsbereich
mehr denn je klassenmäßig und ethnisch
selektiv. Einer weißen weiblichen gebildeten
Schicht in Deutschland beispielsweise gelingt
der Aufstieg, wenn auch durch eine gläserne
Decke gebremst, in gut dotierte Arbeitsverhältnisse; einer schlecht gebildeten, oft
migrantischen Gruppe von Frauen bleibt der
prekäre, schlecht bezahlte, informelle, wenn
nicht gar illegalisierte, Arbeitsmarkt. Manch ein
westeuropäischer Haushalt wurde inzwischen
zum ungesicherten Niedriglohnsektor für
MigrantInnen mit starken Zügen von Abhängigkeit und Ausbeutung. Auch die Gestaltung des
bundesdeutschen Erziehungsgeldes hat einen
deutlich klassenmäßigen Bias – gut verdienende Eltern, Mütter, Väter bekommen nach
der Reform mehr Erziehungsgeld, schlechter
verdienende hingegen müssen mit deutlichen
Einbußen leben.
Arbeit sollte demgegenüber ein gutes Leben
sichern, freilich darf sich ein gutes Leben
nicht notwendig und allein über Erwerbsarbeit
herstellen. Auch die Gleichstellung von
81
Migrantinnen muss zentraler Aspekt eines
linken feministischen Projekts sein – die
legalen, die von einem Ehemann ökonomisch
abhängigen, aber auch die vielen illegalisierten Frauen in der Hausarbeit, in der Pflege
und in der Sexarbeit. Nicht zuletzt bedarf
es der Dekonstruktion, der Aufweichung
von herrschaftlichen Subjektivierungsweisen, sei es der Existenz als Supermutti, als
erfolgreiche Unternehmerin oder als HartzIV-Empfängerin. Dies impliziert einerseits
Bewusstseinsarbeit, aber auch das aktive
Zur‑Verfügung-Stellen neuer Lebensoptionen.
Es impliziert aber andererseits auch die Ermöglichung alternativer Praxen zum Beispiel
der Solidarisierung zwischen Frauen wie auch
der Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Gruppen. Dies kann als Maßnahmen
gegen neoliberale Subjektivierung, als ein
Projekt post-neoliberaler Subjektivierung
begriffen werden, in dem die Unterwerfung
durch Macht (= Subjektivierung) ihre Ambivalenz wieder gewinnt, also nicht nur Unterwerfung ist, sondern auch die Erlangung von
Handlungsmöglichkeit und Widerstand gegen
Machtverhältnisse aus dieser Unterwerfungsgeste unter die Macht heraus (= Subjektwerdung). Dies bedeutet beispielsweise ein
gemeinsames Wehren gegen die Zumutung
von Konkurrenz und Wettbewerb, gegen die
Reduzierung des Lohneinkommens, gegen
Entlassungen, gegen Disziplinierung durch
Sozialleistungen, gegen den Zwang zur
unternehmerischen Selbstbestimmung und
»freien Wahl«. Wahlverweigerung hieße mehr
Empathie, Solidarität und mehr Abhängigkeit zeigen und zur Grundlage gemeinsamen
Handelns machen. Dazu bedarf es staatlicher
Ressourcen und Rechte, vor allem für minorisierte und marginalisierte Frauengruppen.
Was kann ein linkes feministisches Projekt
nun vom nationalen beziehungsweise vom
internationalen Staat erwarten? Um diese
Frage zu beantworten, bedarf es kurz der
Erläuterung, wie ich Staat und Staatlichkeit
begreife. Aufgabe des patriarchalen Staates
ist auf der einen Seite die Stabilisierung und
Aufrechterhaltung von Zweigeschlechtlichkeit,
von heteronormativen Geschlechterkräfteverhältnissen, von Spaltungen entlang der Achse
Ethnizität und Nationalität. Die nationalen und
internationalen Ausprägungen von Staatlichkeit basieren nämlich auf Geschlechterungleichheit, auf kapitalistischer Ausbeutung
und ethnischer Ausgrenzung und Unterdrückung. Die Zunutzemachung, die Vernutzung
von Arbeit – von bezahlter, schlecht und gar
nicht bezahlter Arbeit sowie von Generativität
– sind die Grundlagen kapitalistischer Vergesellschaftung und patriarchaler Staatlichkeit,
mitsamt der Externalisierung der Kosten für
Kindererziehung.
Die Briefe – Birgit Sauer
Aber aus dem Staat heraus können sich auch
neue Kräftekonstellationen entwickeln, die
Veränderungen ermöglichen und herbeiführen
können. Wenn der Staat im Sinne von Nicos
Poulantzas die Verdichtung sozialer Kräfteverhältnisse ist, wenn er also jene Arena ist, wo
sich die Machtverhältnisse überkreuzen und
strategisch je neu positionieren müssen, dann
ist auch ein feministisches Projekt Teil dieses
staatlichen Machtspiels und trägt im Guten
wie im Schlechten zur Aufrechterhaltung von
Macht und Herrschaft in Staat und Gesellschaft bei – freilich auch zur Überwindung. Es
gibt also kein »feministisches Außen« zum patriarchalen, kapitalistischen und ethnozentristischen Staat. Also muss sich ein feministisches
Projekt auf die Staatsmacht, die materielle
Grundlage von Staatlichkeit wie auch auf den
Staatsapparat beziehen und beides verändern.
Die Veränderung staatlicher Politik ist ein
Test für ein gesellschaftspolitisches feministisches Projekt. Unternehmen und Banken ist
es beispielsweise in den vergangenen Jahren
gelungen, das Staatsprojekt zu verändern und
neoliberale Praktiken zum common sense
zu machen. Plötzlich wollten alle den Gürtel
enger schnallen, da Schlanksein und Fitsein
als Bedingungen für ein gelungenes und gutes
Leben galten und akzeptiert waren. Und erneut scheint es – im Angesicht der Finanzkrise
– wieder so zu sein, dass das Staatsprojekt
redefiniert wird, wieder entsprechend der
Bedürfnisse von Banken und Unternehmen:
Verstaatlichung, staatliche Marktsteuerung
sind wieder gewünscht und akzeptiert und
nicht länger als verfehlte Eingriffe in das
Marktgeschehen, als verfettete Staatszumutungen diskreditiert.
Ob eine solche Neudefinition des Staatsprojekts auch einem feministischen Politikprojekt
gelingt? Mehr staatliche geschlechtersensible
Umverteilung tut Not – Quoten auch in der
»Privatwirtschaft«, Umverteilung von Arbeit
und Zeiten zwischen Privatwirtschaft und
»Privathaushalt« sind erforderlich. Und warum
bei der staatlichen Bankenunterstützung nicht
auch zugleich fordern, dass Frauen einen
quotierten Zugang zu den Führungsgremien
der Banken bekommen und dass zukünftig ein
Teil des Gewinns Frauenprojekten zugute
kommen muss?
Gerade auf der Ebene internationaler Staatlichkeit und Regulierung hat sich in den
letzten Jahren einiges getan, so zum Beispiel
in der UNO oder in der EU. Deshalb muss
die internationale Ebene auch weiterhin ein
Terrain feministisch-linker Intervention sein.
Doch auch auf der internationalen Ebene sind
die geschlechtsspezifischen und ethnisierten
Ungleichheitsstrukturen in ein macht- und
Die Briefe – Birgit Sauer – Antje Schuhmann
herrschaftsvolles Setting integriert, welches
die nationalen Verknüpfungen von Geschlecht, Ethnizität und Klasse in ihrer Herrschaftsförmigkeit nicht einfach aufhebt, sondern rekonfiguriert: Weißsein, Mannsein und
die Zugehörigkeit zur weltweit agierenden
neuen Klasse der »Hyperbourgeoisie« (Denis
Duclos) wurden im Prozess der Transformation der internationalen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zur sozialen Grundlage
von Macht im internationalisierten Staat.
Es bleibt die Frage: Wie aber lassen sich
neue gesellschaftliche Kräfteverhältnisse
gestalten? Wie lassen sich strategische
Konstellationen herstellen, die eine Verände-
Antje Schuhmann
Johannesburg, Südafrika
»Hey Feminismus, Let’s go Party?«
Gegen den Marsch durch die Institutionen
Johannesburg. Während ich am Fenster sitze
und abwechselnd auf die roten Lilien draußen und meinen Bildschirm vor mir schaue,
denke ich über Friggas Frage nach: Welche
feministischen Perspektiven ich gerne in
einem Parteiprogramm finden würde. Nicht
in irgendeinem, sondern in dem Manifest der
neuen Partei Die Linke, die sich als Fusionspartei in Deutschland formiert und manch
einer als Hoffnungsträgerin in Zeiten der
globalen Krise mit Kurzarbeit, Entlassungen,
und massiven finanziellen Frischzellenkuren
aus öffentlicher Hand für das Bankensystem
gilt. Hoffnungsträgerin? Ich überlege, welche
feministischen Richtlinien im Falle eines Wahlsieges umgesetzt werden sollten und stelle
wieder mal fest: Die Antwort auf diese Frage
fällt mir schwer.
Nicht weil ich nicht wüsste, was ich gerne anders hätte, sondern viel mehr, weil ich die der
Frage zu Grunde liegenden Annahmen nicht
teile: Feministische Theorie und Praxis im
Verbund mit maximal möglicher Staatsmacht,
dem Endziel einer Partei, die zur Wahl aufruft,
schafft die gewollte tiefgreifende soziale und
politische Veränderung. Veränderung – ja;
aber ich zweifle, ob es jene sein würde, die
ich mir wünsche.
Vom südafrikanischen Frühling zum deutschen Herbst. Das Jahr 2009 ist von nationalen Wahlen in Südafrika und Deutschland
geprüft und vor mir ziehen all die neuen und
altbekannten Wahlversprechen vorbei. Mit
gemischten Gefühlen frage ich mich, wie ein
nachhaltiger Kampf erfolgreich sein könnte,
82
rung in Richtung Gleichheit und Emanzipation
in Gang setzen? Aktuell – und vielleicht sehr
allgemein – lässt sich sagen: Die Veränderungen durch die Finanzkrise gilt es zu nutzen,
die neue veränderte Rolle von Staatlichkeit
gilt es zu nutzen, also beispielsweise den
zurückgekehrten Keynesianismus für ein feministisches Projekt der Umverteilung anwenden. Schließlich können Bündnisse in dieser
Krisensituation aktiv gebildet werden – mit
Gewerkschaften und mit anderen marginalisierten Gruppen, auch mit Umweltschutz­
aktivistInnen, denn auch die Klimafrage kann
als feministische Frage formuliert werden,
um Bündnisse sichtbarer und möglicher zu
machen.
ein Kampf für substanziellen Wandel, für
soziale Gerechtigkeit, gegen Rassismus –
und hier meine ich staatlichen Rassismus, wie
beispielsweise die Teilhabe an der weltweiten
und nationalstaatlich organisierten Camp- und
Abschiebemaschinerie, als auch gesellschaftlich verankerten Rassismus, wie ein Kampf
für die volle Gleichberechtigung von Frauen
und gegen die verbale Aufgeschlossenheit
bei weitgehender Verhaltensstarre. So nämlich beschreibt der Soziologe Ulrich Beck das
Verhalten vieler Männer. Wie dem Terror der
Zweigeschlechtlichkeit und heterosexuellen
Norm begegnen, welcher uns alle, aber ins­
besondere jene bedrängt, die nicht in die
engen Kategorien »entweder Mann oder
Frau mit gegengeschlechtlichem Begehren«
passen? Meine Wunschliste ist endlos und
je länger und komplexer, desto größer wird
meine Ambivalenz, sie etablierten Institutionen anzuvertrauen. Was kann mit dem Marsch
durch die Institutionen erreicht werden? Wie
stelle ich mir eine links geführte Ausländerbehörde vor? Mein deutscher Pass, der mir mein
Privileg garantiert, weltweit Grenzen zu überqueren, ohne Visa erbetteln zu müssen – von
einer linken Botschaft ausgestellt? Eine linke
Abtreibungsgesetzgebung sowie die Kontrolle
von deren Einhaltung von links?
Im Angesicht meiner eigenen politischen
Hoffnungen und Enttäuschungen sowie der
Erfahrungen befreundeter Aktivistinnen in verschiedenen Ländern oder von einer anderen
Generation fühle ich mich hin- und hergerissen: Zwischen meinem Unwillen, weiterhin an
»Vater Staat« zu appellieren mit der Hoffnung
ihn zu reformieren, und jenen Fragen, die wir
uns hier gerade letzte Woche wieder stellten.
Im Kontext eines Prozesses wegen homophober Gruppenvergewaltigung mit anschließendem Mord fragten sich Aktivistinnen: Was tun
mit diesen staatlichen Strukturen und den
83
ihnen inhärenten Gewaltformationen? Aber vor
allem: Was tun ohne jene autoritären, staatlichen Institutionen wie Justizapparat, Polizei,
Ausländerbehörde, das medizinische System
und so weiter? Institutionen, die überall
dafür bekannt sind, marginalisierte Gruppen,
Flüchtlinge, Obdachlose, ImmigrantInnen und
Frauen je nach Status, Herkunft, Staatsbürgerschaft, zugeschriebener Kultur/race [1] auf
die eine oder andere Weise zu diskriminieren
oder gar direkte Gewalt auszuüben. Gewalt,
die oftmals politisch gewollt und sanktioniert
ist, aber auch geschieht, weil Menschen in
entsprechenden Positionen wissen, sie sitzen
am längeren Hebel, und oft zu recht annehmen, dass sie die schweigende Masse hinter
sich haben. Bessere Gesetze verabschieden versus, wie Mobilisierung, Aktivismus,
Gerechtigkeit jenseits des Staatsapparates
aussehen könnte?
Ähnlich wie Deutschland nach 1945 hat
Südafrika 1994 eine der fortschrittlichsten
Verfassungen weltweit verabschiedet – die
Gesetze sind nicht schlecht, jedoch fehlt die
Umsetzung. Weltweit lässt sich eine Tendenz
hin zu verfassungsorientiertem, juridisch
ausgerichteten Aktivismus feststellen. Die
Frage, wie diese Veränderung von politischer
Kultur mit der weltweiten Durchsetzung von
neoliberalen Prinzipien und mit den daraus
resultierenden veränderten Beziehungen von
Staat und Gesellschaft sowie mit anderen
Faktoren zusammenspielt, bleibt zu diskutieren. Jenseits der Gesetze lieber ein größeres
Augenmerk auf Weiter- und Fortbildung
legen, Marke »re-education« anti‑rassistisch/
-sexistisch/-homophob? Meine Zweifel am
Prinzip Rationalität (wussten es die Deutschen 1933 nicht besser? Ist es jedem vierten
Mann in Südafrika nicht klar, dass eine
Vergewaltigung eine traumatische Erfahrung
und kein Kavaliersdelikt ist?) sind nicht
sonderlich originell. Schon Adorno, Horkheimer, Arendt und viele andere haben diese
Kritik der Aufklärung gewandter und pointierter formuliert und doch scheint es bis heute
nur wenig alternative Formen zu geben, wie
»wir« analysieren und »uns« politisch engagieren, organisieren und mobilisieren. Ich
erinnere eine Schlagzeile kurz vor der Wahl
von Jacob Zuma, die sinngemäß lautet: »Wir
wollen ihn als Präsidenten, sollte er korrupt
sein – wir wollen ihn mit seinen Schwächen
und seiner Bestechlichkeit«. Gehe ich weiter
zurück, fällt mir der Münchner Taxifahrer ein,
[1 ]Ich verwende statt des deutschen Begriffes Rasse,
welcher noch immer stark von einer Diskurstradition
geprägt ist, die biologische Differenz vorraussetzt,
das englisch Wort race um den gesellschaftlichen
Konstruktionscharakter zu betonen.
Die Briefe – Antje Schuhmann
der über den Nachfolger von Franz Joseph
Strauß im Angesicht von bayerischer SpezelWirtschaft sagte: »Ach ja mei, des bisserl
Schmäh – dann weiß er wenigstens, wie es
geht und kann für uns hier das beste bei de
Preußen rausholen.« Aufklärung?
In Südafrika ist ein Erstarken des sogenannten
linken Flügels des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) zu beobachten. Links ist hier
als traditionelle Klassenrhetorik und weniger
im Sinne von alternativen politischen, kulturellen und sozialen Lebensweisen verstanden.
Der zur Zeit prominenteste Vertreter der
Old-School-Linken, Jacob Zuma, setzt eine
populistische Rhetorik der sozialökonomischen Gerechtigkeit ein, wenn dies im
Umgang mit den Massen in den Townships
dienlich scheint. Eine andere Sprache pflegt
er beim Dinner mit Investoren. Seine Verbündeten im ANC, die Kommunistische Partei
(SACP) und COSATU, der größte Zusammenschluss der Südafrikanischen Gewerkschaften, versprachen ein Ende neoliberaler Politik
und booteten so den distanzierten, im Exil
ausgebildeten Thabo Mbeki, ehemals Präsident des ANC und von Südafrika, im Vorfeld
der nationalen Präsidentschaftswahlen aus.
Mit dem neuen Parteichef Zuma wurde nun
ein Mann zum südafrikanischen Präsidenten
gewählt, der neben seiner heroischen Befreiungskampfgeschichte und links gefärbten
Volkstümlichkeit einiges mehr zu bieten hat:
Korruptionsvorwürfe, einen Prozess wegen
Vergewaltigung mit fragwürdigem Freispruch,
eine Art Popstarkult gewürzt mit ethnisierten
Zulutraditionen vom Leopardenfell bis zu drei
polygamen Ehen (und x nicht anerkannten
außerehelichen Kindern, von denen man weiß,
aber nicht spricht) und seiner öffentlichen
Darbietung alter Kampfeslieder. »Give me my
machine gun« hat er mit sexy Hüftschwung
während seines Vergewaltigungsprozesses für
seine vor dem Gerichtsgebäude jubelnden Unterstützer gesungen, während diese Puppen
der lesbischen und HIV-positiven Anklägerin
verbrannten und riefen »Burn the Bitch«. Ein
Mann des Volkes, hundert Prozent Zulu-Boy.
Zuma fährt eine Partei, die sich ausdrücklich
ein nicht-sexistisches, nicht-rassistisches
und nicht nach Stammeszugehörigkeiten
unterscheidendes Programm gegeben hat.
Er wird ein Land regieren, das über eine der
fortschrittlichsten Verfassungen der Welt und
eine etablierte umfassende staatliche natio­
nale Gender-Maschinerie verfügt. Dies sind
Institutionen innerhalb des Staates, welche
idealerweise Geschlechteregalität unter
Einbezug der Zivilgesellschaft fördern sollen.
Allerdings wird deren Ineffektivität von Autor­
innen wie Shireen Hassim, Sheila Meintjes
und anderen stark kritisiert.
Die Briefe – Antje Schuhmann
Das Zuma-Vergewaltigungsverfahren hat
die traditionelle Linke hier trotz der klaren
Antisexismusklauseln in ihren Manifesten als
schlichte Verschwörung des anderen ANCLagers abgetan. Seine homophoben Äußerungen verhallen weitgehend unsanktioniert,
seine heiße Dusche nach der Tat, welche ihn
vor einer HIV-Infektion schützen sollte, ist für
linke Cartoonisten ein gefundenes Fressen,
aber unterminiert nicht seine Qualifikation als
politischer »Führer«. Das Verfahren hat, wie es
scheint, die allgemeine Solidarität mit Zuma
(auch unter Frauen) eher gestärkt und einen
gesamtgesellschaftlichen Backlash zu Folge:
Genossen erlauben es sich (wieder), mehr
oder weniger unzensiert mit frauenfeindlichen
Sprüchen zu polarisieren, die aber nicht sexistisch gemeint sind – siehe Parteiprogramm.
Ein Land der Widersprüche.
Südafrika hat die weltweit höchste bekannte
Rate an Gewalt gegen Frauen. 33 Prozent aller
Frauen zwischen 20 und 34 Jahren sind
HIV-infiziert (BBC, 9. Juni 2009). Zwei Wochen
nachdem ich 2007 hier ankam, nahm ich an
der Beerdigung einer jungen Aktivistin in
Soweto teil. Sie war in ihrem Leben drei Mal
vergewaltigt worden. Beim zweiten Mal wurde
sie mit HIV infiziert. Sie verstarb mit nur
23 Jahren an AIDS. Zufolge einer jüngsten
repräsentativen Studie hat jeder vierte Mann
schon eine oder mehrere Frauen vergewaltigt.
Südafrika: Ein Land, in dem Homosexuelle
heiraten und adoptieren dürfen und eine
50-Prozent-Repräsentation von Frauen in
offiziellen Ämtern angestrebt wird – ein Land,
in dem Frauen in manchen Townships öffentlich ausgezogen werden, weil sie Hosen oder
Miniröcke tragen. Manche WissenschaftlerInnen sprechen von einer Krise der Männlichkeit als Folge der Apartheid in einem Land,
das von Übergangsprozessen geprägt ist, die
sowohl mit veränderten Geschlechterbeziehungen als auch verschärften ökonomischen
Verhältnissen einhergehen.
Kurz bevor das deutsche Feuilleton eine Renaissance von Marx-Lesezirkeln diagnostizierte und der Sieg von Obama den afrikanischen
Kontinent berauschte, kamen Ende 2008
ungefähr hundert Genossen aus ganz Südafrika in Johannesburg zusammen. Braucht
Südafrika eine »Neue Linke« im Angesicht des
reaktionären Linkspopulismus mit sozialdemokratischem Anstrich? Was könnten
alternative Formen des politischen Eingreifens
und Organisierens sein? Die sogenannte Krise
der Männlichkeit, welche Gesellschaft wie
politische Führung gleichermaßen plagt, war
kein Thema. Diskutiert wurden die kapitalis­
tische Ausbeutung, neoliberale Deregulierung,
Privatisierung, Militarisierung, Armut, Recht­
losigkeit und Verletzung der Menschenrechte.
84
Organisiert wurde das Treffen von
»AMANDLA! 100 Prozent People’s Power«
(www.amandlapublishers.co.za), einem pro­
gressiven und landesweit arbeitenden Kollektiv, das wesentlich von der Rosa-LuxemburgStiftung gefördert wird. Die Anwesenden
diskutierten kritisch, ob die neue Splitterpartei »Congress of the People« (COPE) wirklich
so viel anders als der ANC, der ehemaligen
politischen Heimat der meisten COPE-Mitglieder als auch der im Saal Anwesenden, sein
würde. Wie ist die Regierungskoalition aus
ANC, SACP und COSATU unter Zuma einzuschätzen? Der ANC sei nicht mehr, was er
mal war: Klüngelei, Korruption, teils autoritärer Führungsstil und stalinistischer Umgang
mit GenossInnen. Losgelöst von den Bedürfnissen der Menschen leidet Afrikas älteste
Befreiungsbewegung, welche mit der eigenen
Parteiwerdung nie ganz zurecht gekommen
zu sein scheint, an einem Realitätsverlust,
der vor allem der Obsession mit internen
Ränken, Verschwörungen und dem Bedienen
von »old boys networks« zugeschrieben wird.
Populistisch wird der Erhalt von Massenunterstützung dieser Tage nun gerne auch mit der
Darstellung von »authentischer« schwarzer
Männlichkeit abgesichert.
Daheim wird die Verbindung von Moderne und
Tradition im bayerischen Slogan »Laptop und
Lederhosen« vereinigt. Hier wird verbale Militanz, welche auch mal homophob oder frauenfeindlich über die Stränge schlagen darf, eine
Art Aufmerksamkeitsdefizitstrategie, welche
gerade bei politischen Jungspunden des
ANC beliebt ist (um so zumindest verbal die
Militanz des nie erlebten Befreiungskampfes
zu evozieren) gerne mit einem Bekenntnis zu
einem modernen, liberal-egalitärem Verfassungspatriotismus gepaart. Diese inhärenten
Widersprüche werden an der Basis ausgelebt,
aber selten von Genossen in öffentlichen
Ämtern, geschweige denn von Zuma himself,
angeprangert. Im Falle eines Falles folgt eine
halbherzige Entschuldigung bei unverändert
fortgesetztem Verhalten.
Nicht nur Feministinnen befürchten, dass hier
wieder mal eine Revolution ihre Kinder frisst.
Auch die Genossen des AMANDLA-Treffens
diskutieren Südafrikas Gegenwart als Verrat
an ehemaligen Prinzipien. Folgende Themen
finden Gehör:
Wie gehen wir mit dem Zusammenhang von
lokalen und globalen Entwicklungen um, wie
positionieren wir uns zu einem backlash, der
sich als anti-neoliberal und als links verkauft,
aber im besten Falle das Projekt einer weiteren Sozialdemokratisierung vorantreibt? Die
Suche nach beispielhafter Veränderung und
alternativer politischer Organisation führt in
85
andere Kontinente, und Augenzeugenberichte
von weitgereisten Genossen unter anderem
aus Venezuela, Kerala, Kuba … beflügeln das
Treffen. Doch obwohl das Thema Lateinamerika der große Hit war, waren weder das
Vordringen von indigenen Frauen in politische
Schlüsselpositionen in Bolivien noch Equadors
nationaler Plan der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung, welcher Aspekte wie den
Schutz der Vielfalt sexueller Orientierungen
zur nationalen Aufgabe erklärt, der Rede
wert. Auch Venezuelas Frauen-EntwicklungsBank oder aber die Möglichkeit in Kuba,
sein Geschlecht selbst zu definieren und zu
registrieren, wurden nicht lobend erwähnt.
Geschlechtsspezifische Veränderungen zum
Besseren aber auch die damit einhergehenden Herausforderungen und Konflikte sowie
deren teils exemplarischer Charakter stießen
auf diesem Treffen der »neuen Linken« – ganz
im Stile der alten Linken – kaum auf Interesse.
Mit diesem Lapsus steht dieses an sich wertvolle und äußerst nötige Treffen zur Formierung einer progressiven Oppositionsbewegung
keineswegs alleine. Der Widerspruch, dem
sich lateinamerikanische Feministinnen zur
Zeit stellen müssen, nämlich wie die ehemals
oppositionelle Bewegung in nun neu übernommene Regierungsstrukturen überführt werden
kann, ohne aber andererseits das kritische
Momentum zu verlieren, scheint universell.
Übrigens ebenso dessen weitgehende Ignorierung, wenn die Möglichkeit näher rückt, nach
dem staatlichen Gewaltmonopol zu greifen.
Zurück zur Ausgangsfrage: Schreibe ein linkes
Parteiprogramm mit feministischer Perspektive, ein feministisches Parteiprogramm mit
linker Perspektive und da fällt mir ein, dass
in unserem Johannesburger AMANDLA-Treffen
neben Lateinamerika auch Deutschland
als positives Beispiel genannt wurde:
»Die Linke«, eine neue Partei, konnte sich
erfolgreich etablieren. »Könnte dies eine wegweisende Entwicklung sein, braucht Südafrika
eine weitere neue und diesmal wahrlich linke
Partei?« fragen die einen, oder aber, so fragen
die anderen, brauchen wir nicht vielmehr
endlich auch eine »neue Linke« im Sinne eines
lose verbundenen, flexibel agierenden, un­
hierarchisch verbundenen Netzwerkes starker
sozialer Bewegungen? Geht es nicht vielmehr
darum, Macht neu zu denken und Ermächtigung auf andere Weise zu kollektivieren und
immer wieder herzustellen, sie als einmalig zu
ergreifen, um sie dann, koste es was es wolle,
nicht mehr loszulassen? Sollten wir nicht die
situationsbedingten und kontextuell vielfältigen Bedeutungen von »Ermächtigung auf
andere Weise denken und tun« diskutieren?
Was könnte Ermächtigung, kollektive Ermächtigung, in einer Situation bedeuten, wo Frau-
Die Briefe – Antje Schuhmann
en, speziell arme, schwarze Frauen in Townships sich den Luxus der Ware »Sicherheit«
im Sinne von privatem Transport (anstelle von
in-dunklen-Straßen-laufen), Alarmanlagen,
Wachschutz, dem prügelnden Partner im Familienferienhaus statt in überfüllten Frauen­
haus entkommen – nicht leisten können?
»Unser« Verständnis des Zusammenhangs
von katastrophalen Lebensbedingungen und
struktureller Gewalt mit Geschlechter- sowie
sexuellen und racial- Identitäten ist nach wie
vor ebenso ungenügend wie die Überlegungen
zum ambivalenten Verhältnis zwischen der
eigenen Investition in den Kampf um Veränderung einerseits und den eigenen Privilegien
im Angesicht von Ausbeutung und Diskriminierung andererseits. So erscheint die Formulierung einer Myriade von kleinen und großen
Utopien, die das Mosaik von »eine andere Welt
ist möglich« legen könnten, als weiterer Stolperstein auf dem Weg hin zu substanzieller,
kollektiver Veränderung. Insbesondere wenn
wir Politik als Aufbau von Massenbewegungen
denken, im Sinne einer eher klassisch fortschrittsorientierten Akkumulation von Wachsen, Überzeugen, Wachsen, Überzeugen …
Was, wenn wir von universellen Strategien der
mechanistischen Addierung von Sympathisanten und Aktivisten – im Sinne von »Massenbasis aufbauen« – absehen und die Perspektive
hin zum lokal Spezifischen wechseln: Wie eine
zutiefst zerrüttete Community organisieren –
mit Menschen, die nicht nur seriell traumatisiert sind, sondern in einem Szenario von
andauernder physischer Gewalt ihren Alltag
zwischen Arbeitslosigkeit, Hunger und Perspektivlosigkeit organisieren müssen? Wo internalisierte Formen der Selbstzerstörung den
Ethos von klassischem Aktivismus, Zuverlässigkeit, Permanenz, Beständigkeit, Strategie,
Mittel- und Langzeitplanung sabotieren? Im
Kontext dieser Beobachtungen erscheint mir
die kontinuierliche (Selbst-) Reflektion, wie
ein Kollektiv, wie eine Bewegung, letztlich wie
jede und jeder individuell und wir als Ganzes,
das vom Gestern beschädigt, mit dem Heute
unzufrieden und das Morgen nicht entwerfen
kann, sich/uns bewegen sollten, als die größte
Herausforderung.
Glaube ich tatsächlich, dass jener tiefgreifende und umfassende gesellschaftliche Wandel,
der mir nötig erscheint, aus den Strukturen
einer Partei heraus initiiert und mediatisiert
werden kann? Nein. Bin ich gegen Parteipolitik
und habe eine andere Lösung zu bieten? Nein.
Ich habe keine holistische Lösung im Ärmel,
aber ich habe, wie ich finde, berechtigte Zweifel, dass die Strategie, sich erst den scheinbar
neutralen Staatsapparat anzueignen und ihn
dann von innen heraus zu verändern, die Art
von gesellschaftlicher Veränderung bringt, die
Die Briefe – Antje Schuhmann
ich gerne sehen würde. Die Vorstellung, alles
würde besser, wenn der Souverän endlich nur
aus jenen besteht, die die richtigen Wertvorstellungen haben und wissen, wie man
es richtig macht, scheint mir auf Annahmen
zu gründen, die ich nicht teile. Neu ist diese
Kritik nicht wirklich, haben doch schon viele
radikale Feministinnen lange vor mir zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen
Orten solch positivistisches Verhältnis zum
Staat dekonstruiert. Auch ein Blick zurück
und rundum mag hier helfen:
Die deutsche Geschichte bietet in nur hundert
Jahren eine reichhaltige Palette von liberal bis
radikal wohlmeinenden Projekten. Versuche,
die alle in der einen oder anderen Weise
daran scheiterten, Vergangenheit in eine
substanziell bessere, egalitärere Gegenwart
transformieren zu wollen – zumindest wenn
man sie an ihren ursprünglichen Visionen
misst. Verschiedene Zeiten, verschiedene
Probleme, verschiedenes politisches Personal
– von den Sozialdemokraten im frühen
20. Jahrhundert zur jungen postfaschistischen
BRD, hinüber in die sozialistische DDR hin zu
der Wandlung einer relativ erfolgreichen
radikalen ökologischen Bewegung in eine
Regierungspartei in den 1980ern bis hin zu
jenen Kompromissen, zu welchen sich die
neue Partei DIE LINKE inzwischen schon hat
hinreißen lassen. Verurteilt die Liebelei mit
Papa Staat jeden »radikalen Wandel« zum
Scheitern? Liegt es an der Unfähigkeit von
konkreten, ersetzbaren Individuen oder ist es
ein systemisches und spezifisch deutsches
Problem? Weder noch.
Schaue ich mich um, sehe ich Zimbabwe,
wo ein ehemaliger Befreiungskämpfer zu
einer tödlichen Bürde wurde; beobachte ich
ANC-Kader, die sich um jeden Preis an die
Macht klammern; denke ich an Nicaragua,
wo die Sandinisten früher Frauenemanzipation propagierten und heute das Recht auf
Abtreibung einschränken wollen. Nord/Süd/
West/Ost – ich sehe nicht ein reformistisches
oder gar revolutionäres Projekt, das in der
Lage wäre, aus dem Regierungssitz heraus
die Gesellschaft substantiell so zu verändern,
wie sie es als soziale und/oder Befreiungsbewegung visualisierten und möglicherweise
teils im Kleinen oder temporär realisierten. Im
Moment sieht es so aus, als ob AktivistInnen
in Südafrika mehr und mehr erkennen, dass
die Herstellung von substanzieller Gerechtigkeit nach einem »long walk to freedom«
mit Übernahme und Umgestaltung »unseres«
postkolonialen/Post-Apartheid-Staates eine
relative Illusion ist.
Trotzdem. Anders als in Deutschland brauchen Marxlesezirkel in Südafrika keine
86
Renaissance, denn sie sind nie außer Mode
gewesen. Nach wie vor herrscht ein traditionell linkes Politikverständnis. Inventarliste:
Fortschritt, Linearität, Avantgarde, die die
Massen anführt, historischer Materialismus,
und Klassenkampfrhetorik, welche versucht,
Arbeitsverhältnisse zu verbessern oder abzusichern, dabei aber den radikalen Umbau von
Arbeitswelten außer Acht lässt. Der weltweite
Abbau von fordistischen Produktionsverhältnissen und deren gesellschaftliche Konsequenzen führen das sozialdemokratische
Modell des befriedenden weil moderat umverteilenden Wohlfahrtsstaates mit erstarkter
schwarzer Mittelklasse und Vollbeschäftigung
ad absurdum. Das Denken von grundlegendem gesellschaftlichen Wandel hat in diesen
Zusammenhängen weder Platz noch Personal.
Letzteres nämlich hat sich von ehemaligen
BefreiungskämpferInnen in die politische Klasse von heute transformiert. Südafrika ist hier
keine Ausnahme.
Das bevorzugte politische Design von postkolonialen und postfaschistischen Gesellschaften ist in der Regel der allmächtige
Nationalstaat mit bürgerlich liberaler repräsentativer Demokratie. Was bleibt auch
sonst? Selbst jene wohlmeinenden »nationbuilding«-Projekte, welche sozialistische Ideen
willkommen heißen, ignorieren, dass Marx
nicht nur eine Kritik der Ökonomie sondern
eine Kritik der Ökonomie UND des Staates
formuliert hat. Die Kritik der politischen Ökonomie beinhaltete für Marx immer auch eine
Kritik des Souveräns. So stellt sich die Frage:
Ist der Staat an sich neutral und damit potentiell antagonistisch zum Projekt der neoliberalen Restrukturierung, welches angeblich
inhärent pro laissez-fair und Anti-Staat ist?
Diese Auffassung lässt außer Acht, dass für
die Realisierung weitgehender Deregulierung,
Privatisierung und die Organisierung des
gesellschaftlichen Prekariats eine gehörige
Portion Staat nötig war.
Es scheint, als ob der Staat in modernen
»nation-building«-Projekten in der Regel als
potenziell neutrale Form gesehen wird, die
es mit guten Gesetzen, den richtigen Leuten
und amtlichen Bestimmungen zu füllen gilt.
Seltener wird der Staat als komplexer Ort von
teilweise widersprüchlichen, nicht kohärenten
Praktiken und Machtkämpfen theoretisiert;
als ein Verhältnis, das originär auf der Organisation von Ein- und Ausschlüssen beruht,
welche in der Regel Geschlecht, race, sexuelle
Orientierung, Klasse und andere hierarchisch
angeordnete Kategorien in Stellung bringen.
In einem schematischen oben/unten Machtverständnis erscheint der Staat konsequenterweise als zumindest potenziell geschlechts-/
race-/sexuelle-Orientierung- usw. neutraler
87
Vermittler in einem klar zu umreißenden
Klassenkonflikt und als verantwortlich für die
Realisation von kollektiv angestrebter Gerechtigkeit und Gleichheit. Doch Macht verläuft
hier niemals klar von oben nach unten und
so werden oft genau jene diskriminierenden
Konzepte und ihre gesellschaftliche Materialisation verstärkt, welche zugleich mit bester
Intention abgeschafft werden sollen.
Es ist viel gesagt worden über die Zusammenhänge der Ursachen, Ziele und Mobilisie­
rungsformen verschiedener Kämpfe sowie
über die möglichen Schnittmengen der
jeweilig Involvierten. Poltische Ermächtigung
durch eine Parteistruktur anzustreben, ist nur
sinnvoll, wenn diese Partei eine möglichst
große Massenbasis hinter sich weiß. Wenn
aber die Mehrheit der Mitglieder wie auch
der potenziellen WählerInnen keine Probleme
haben mit der Verschärfung von, sagen wir
mal, Abtreibung, Einwanderungsregelungen,
Ablehnung von Homosexuellen-Ehe oder aber
der Deportation von sogenannten Illegalen,
Flüchtlingen und Immigranten – Menschen,
die oft als Konkurrenten am Arbeitsmarkt
wie auch in den Betten »unserer« Frauen
wahrgenommen werden – was bleibt einer
Partei übrig? Wie solche Massen ansprechen,
ohne sich mit ihnen in rechter Kameraderie
zu verbrüdern? So geschehen, als Lafontaine,
von den eigenen Genossen nahezu unkritisiert, von »Fremdarbeitern« sprach. Mensch
könnte daraus schlussfolgern, dass es also
nicht nur darum geht, wie die Massen hinter
sich zu scharen wären, ohne irgendwann
vom Mob plötzlich rechts überholt zu werden
(externe Vorsicht), sondern auch darum, in
den eigenen Reihen reaktionäre Anbiederung
zu vermeiden oder aber zu sanktionieren
(interne Vorsicht). Gegenfrage: Lassen sich
so Massen gewinnen und ist diese doppelte
Vorsicht überhaupt realistisch, da sich extern
und intern eben nicht trennen lassen?
Sind in der politischen Arena »Kompromisse«
rund um Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und so weiter überhaupt
vermeidbar, wenn wir anerkennen, dass ihren
Konzepten Vorstellungen von Reinheit und
Homogenität, vom Schutz von Grenzen aller
Art, von einer Gefährdung des Innen durch
das Außen sowie von einer Bedrohung durch
Mischung und Transgression usw. zugrunde
liegen und dass all diese Wertungen auf vielfältige Weise und zutiefst in unsere Gesellschaft eingeschrieben sind?
Es wäre wünschenswert, wenn eine radikale
und breit ausgelegte feministische Position
solch antiegalitären Prinzipien, welche traditionell Privilegien sowie Ein- und Ausschlüsse
organisieren, kritisieren würde und zugleich
Die Briefe – Antje Schuhmann
den Prozess der Entwicklung gesellschaftlicher Alternativen jenseits staatlicher Regulation ins Unendliche vorantreiben würde. Um
ein paar der üblichen problematischen Organisationsprinzipien zu nennen: Geschlechterdifferenz, verstanden als binäre Logik (Mann/
Frau), welche flexible Geschlechtsidentitäten
tabuisiert; sexuelle Orientierung, aufgeteilt in
heteronormative Privilegien, welche heterosexuelle Lebensweisen über Homo-, Bi- und
andere Sexualitäten erheben; Rassismus
basierend auf der Annahme von essenziellen
Differenzen, welche früher biologisch und
heute oft kulturell legitimierte, negative oder
auch exotisierende »positive«, immer aber
wesenhaft statische und generalisierende Zuschreibungen und Diskriminierung zur Folge
haben; Staatsbürgerschaft als Prinzip, das
mit Rechten einhergeht, welche nur jenen,
die die deutsche Staatsbürgerschaft haben,
zugänglich sind. Diese Idee gründet sich auf
Vorstellungen von Loyalität zu nur einem Souverän und diskriminiert jene, die unter uns
leben und beispielsweise noch ein anderes
Heimatland haben. Die deutsche Staatsbürgerschaft privilegiert »uns« international und
basiert grundsätzlich auf der Vorstellung von
Nationalstaaten, territorialen Grenzen und
in diesen Grenzen lebenden, klar zu definierenden und abzugrenzenden Kollektiven.
Diese Vorstellung an sich ist problematisch,
weshalb beispielsweise die Doppelte Staatsbürgerschaft letztlich nur eine, wenn auch für
viele wünschenswerte, Reform des an sich
problematischen Grundgerüsts Nationalstaatlichkeit bleibt.
Eine aus meiner Sicht feministische Per­
spektive müsste sich erstens zu diesen, Einund Ausschluss organisierenden, Prinzipien
kritisch ins Verhältnis setzen, zweitens ihre
wechselseitigen Bedingtheiten und Überschneidungen rund um race, Geschlecht, Klasse und Sexualität analysieren und destabilisieren, sowie drittens jede Form von Aneignung
feministischer Positionen zur Legitimierung
antiemanzipativer, hegemonialer Politik (beispielsweise Krieg mit imperialen Implikationen
im Namen von Frauenbefreiung oder Immigrationsbeschränkung im Namen der Nichttolerierung von Homophobie) bekämpfen. Gerade
mein dritter Punkt wurde in letzter Zeit in
postkolonial inspirierter, westlicher feministischer Theorie und Praxis immer relevanter.
Eine Entwicklung, die ich im Folgenden als
Kritik an »imperialem Feminismus« bezeichne.
Spätestens seit dem »9/11« und den darauf
folgenden »Kriegen gegen den Terror«, welche
gerne auch als humanitäre Interventionen im
Namen der Menschenrechte schöngefärbt
werden, gibt es eine Debatte darüber, dass
Frauenrechtsargumente für antilibertäre Ziele
»gekidnappt« werden können. Pumla Dineo
Die Briefe – Antje Schuhmann
Gqola beschreibt dies für südafrikanische
Innenpolitik und Zillah Eisenstein für die internationale Arena.
Klassische feministische Studien zum Verhältnis von Geschlecht und Nationalstaat
werden zur Zeit mit verschiedenen Disziplinen
gekreuzt. Darunter sind Postcolonial Studies,
Critical Race Relations Theory, Critical Whiteness Studies, Queer Studies und eine erneuerte antiimperalistische Kritik zu nennen. Die
verschiedenen kolonialen Erbschaften, die
unsere Sprache, Alltagkultur und Bilderwelt,
unser Denken und unsere Texte, Analysen
und Konzept durchziehen, werden so langsam
transparent. Beispielsweise ist die Vorstellung, der Westen war und sei die Wiege der
Zivilisation, eine hochgradig rassisch und
geschlechtsspezifisch aufgeladene Erzählung,
welche endlich zunehmend in die feministische Kritik gerät. Dass westlicher Kultur
Frauenemanzipation quasi wesenhaft innewohnen solle, während andere Kulturen qua
Mentalität immer schon diskriminierend waren und sein werden, wird problematisiert.
Dies gründet sich unter anderem auf Arbeiten
von Historikerinnen wie Carol Coulter, welche
die Kapitalakkumulation durch Kolonialismus
und Sklaverei und den damit einhergehenden
veränderten Produktionsbedingungen, der
Urbanisierung mit der Entstehung von frühen
Reform-/Protestbewegungen – also letztlich
den Bedingungen der europäischen Aufklärung – in Zusammenhang bringt und damit
wiederum die ambivalenten Grundlagen der
frühen Frauenrechtsbewegungen im Westen
problematisiert.
Für viele Befreiungsnationalismen des
20. Jahrhunderts in den Ländern des Südens
war die Gleichsetzung von Frauenemanzipation mit Modernität von Bedeutung. Oft
lange bevor die Gleichberechtigung der Frau
in westlichen Industrienationen Eingang in
politische Programme fand und die Frauenbewegung die politische und vor allem die
gesellschaftliche Durchsetzung von veränderten Geschlechterrollen einforderte, war
Frauenemanzipation erklärtes post-koloniales-, post-Apartheidsziel in den Kämpfen des
Südens. Trotzdem – dieser bewegungsinterne
und auch visionär proklamierte Kampf um Geschlechtergleichheit hat global nie denselben
symbolischen Status erreicht wie das westliche Narrativ, in dem Zivilisation, Moderne
und kulturelle Überlegenheit im Namen von
Frauenemanzipation verschmelzen. Die engen
Verbindungen zwischen »nation building«, der
Neuerfindung einer nationalen post-kolonialen
und/oder post-Apartheidsidentität und der
neuen Rolle von Frauen in Staat und Gesellschaft finden sich in vielen Post-Konflikt-
88
Gesellschaften des Südens. Im heutigen
Südafrika lässt sich 15 Jahre nach dem Ende
der Apartheid und der Einführung von Demokratie eine zunehmende Desillusionierung mit
den Ergebnissen der symbolischen wie auch
organisatorisch-praktischen Verbindung von
modernem Nationalstaat, staatlichen Institutionen und Frauenemanzipation feststellen.
Die ideologisch überhöhte neue »Rainbow
Nation«, symbolisiert durch Gleichheit der
Rassen/Geschlechter usw. wurde auf der institutionellen Ebene ehrgeizig umgesetzt, doch
die faktische Situation von Frauen scheint
sich durch die juridische, in politischen
Mechanismen, staatlichen Institutionen und
symbolischen Akten abgesicherte Gleichberechtigung nicht grundlegend verbessert zu
haben. Aktivistinnen jener starken Frauenbewegung in Südafrika, welche erfolgreich
sicherstellten, dass in der Transformation von
1994 die Belange von Frauen Gehör fanden,
und die sich sodann in den neu geschaffenen
Ministerien, Kommissionen, Kontrollgremien,
Direktoraten sowie Vorständen von Staat,
Partei und entstehenden Nicht-RegierungsOrganisationen verloren, fragen sich heute
zunehmend, ob die Strategie, primär auf die
Reformierung »ihres« neuen Post-ApartheidStaates zu setzen, weiter aufrecht erhalten
werden sollte. Ist der »neue« Staat von innen
heraus veränderbar? Ist die zunehmend
juridische Auseinandersetzung mit dem
Staat (ihn bezüglich seiner nicht eingelösten
Versprechen und Widersprüche vor Gericht
zur Verantwortung zu ziehen) und der damit
einhergehende Profiaktivismus wirklich dem
Aufbau und Erhalt von multiplen starken sozialen Bewegungen vorzuziehen?
Die Realität von exzessiver Gewalt gegen
Frauen, insbesondere arme, schwarze
Frauen und hier nochmals arme, schwarze,
lesbische Frauen in Südafrika beschreibt
Wendy Isaack als Leben im permanenten
Ausnahmezustand. Dies korrespondiert mit
Elvira Arriolas Begriff des sexuellen Terrors,
mit dem sie die Situation im mexikanisch
US-Amerikanischen Grenzgebiet beschreibt.
Einschneidende gesellschaftlich Transformationsprozesse gehen oftmals mit erhöhter
geschlechtsspezifischer Gewalt einher. In
Südafrika wird dies teilweise in einer an
evolutionäre Entwicklungslogik erinnernden
Weise erklärt: Mit dem Um- und Aufbau des
Landes, das in einem Entwicklungsstadium
sei und eben noch nicht dem in der Verfassung angestrebten Idealzustand entspreche.
Der Staat, seine Organe, Institutionen und
sein Personal müssten noch lernen, wie
dieses Ideal am besten umgesetzt werden
könne und dazu seien Dialog, Expertise,
Aufklärung nötig. Dies lässt verschiedene
89
Aspekte außer Acht: Südafrika erscheint als
junge Demokratie, die noch entwickelt werden muss – folgt man dieser Logik jedoch,
sollten ältere Demokratien solche Probleme
schon längst gelöst haben. Denkt man aber
an die steigenden Zahlen antisemitischer,
rassistischer und sexistischer Gewalt im wiedervereinten Deutschland, so erscheint diese
Annahme fraglich. Ein weiteres Argument
des »Entwicklungs-Narratives« ist die notorische »Schlamperei« bei der Umsetzung von
an sich guten Gesetzen und Anordnungen
– man lernt halt noch. Die »Schlamperei« hat
jedoch komplexe Hintergründe, wie beispielsweise eine aus der Apartheid und durch die
Wahrheitskommission hindurch gerettete
Kultur der Vetternwirtschaft und der kollektiven Konsequenz- beziehungsweise Verantwortungslosigkeit. Auch hier lassen sich
Parallelen zum post-faschistischen (West-)
Deutschland ziehen und auch das wiedervereinigte Deutschland ist von Polizeikameraderie, inhumaner Justiz und Wegschauen
geprägt – insbesondere wenn es um rassistische Gewalt geht. Interne Widersprüche
zwischen Anspruch und Realität sind letztlich
nicht länderspezifisch und doch offenbaren
sie sich im Lokalen und Konkreten: Wir befürworten Frauenemanzipation und Opfer­
schutz, doch eine sogenannte illegale Migrantin, welche Opfer sexueller Gewalt wurde,
kann den Schutz eben jenes Staates, der
sich Frauenrechte auf seine Fahnen geschrieben hat, nicht in Anspruch nehmen, ohne
abgeschoben zu werden. Deutsche Praxis,
welche nicht die Schuld einzelner Personen
in entsprechenden Positionen, sondern einen
systemimmanenten Widerspruch belegt.
Von einer postkolonialen feministischen und
antirassistischen Perspektive aus betrachtet,
stellte ich mir angesichts transnationaler Ähnlichkeiten – trotz aller historisch bedingten
Spezifika und Unterschiede – folgende Frage:
Ist Gewalt gegen Frauen, insbesondere gegen
jene, die am Rande der Gesellschaft leben,
sozioökonomisch benachteiligt und/oder
nicht der heterosexuellen Norm entsprechen
und/oder rassistisch diskriminiert werden,
ist Gewalt gegen all jene Menschen, welche
gesellschaftlich als auch durch den Staat und
seine hegemonialen Diskurse als Andere,
als objekte Außenseiter definiert werden, ist
all diese Gewalt nicht ein »Betriebsunfall«,
sondern viel mehr konstitutiv für nationale
staatlich organisierten Kollektive, wie wir sie
kennen? Ein Organisationsprinzip nationaler
Rede und Ikonographien und unterschiedlicher, widersprüchlicher Interessen verschiedener staatlicher Institutionen und ihres
jeweiligen Personals? Ist der starke Fokus auf
Gesetzesreform und Parteistrukturen, auf die
Die Briefe – Antje Schuhmann
Veränderung des Systems von innen durch
konstruktiven Dialog mit den Repräsentanten
des post-kolonialen/post-Apartheid/postfaschistischen Staates wirklich eine erfolgversprechende Strategie? Wie weit lassen
sich solche Reformprozesse der »neutralen«
Struktur Staat innerhalb einer kapitalistischen, neoliberalen und bürgerlich-repräsentativen Demokratie vorantreiben? Fraglich bleibt aber auch: Wie weit lassen sich
Jahrhunderte alte gesellschaftlich verankerte
Diskriminierungs- und Privilegiensysteme auflösen? Wie weit lassen sich liberal-bürgerliche
Demokratien reformieren? Keine Reform,
sondern lieber Revolution? Was geschieht
mit einer post-revolutionären neuen Ordnung
nachdem der Hauptwiderspruch das Kapital,
rassische Segregation, Frauenunterdrückung
usw. aufgelöst sind – eine post-revolutionäre
Ordnung, welche erneut mit der »neutralen«
Form Nationalstaat und all dem damit einhergehenden Trödel operiert?
Es bleibt die Frage: Ist eine Oppositionspartei, welche später sogenannte Regierungsverantwortung übernimmt, eine attraktive
Option, um feministische Theorie in Praxis
umzusetzen? Vielleicht ist die Frage falsch
gestellt. In der Regel gibt es nicht nur einen
Ort der Auseinandersetzung, sondern
multiple, zeitgleiche Konfliktlinien, welche
innerhalb von etablierten Strukturen ebenso
wie innerhalb von sich als alternativ oder
gar oppositionell verstehenden Kontexten
im Zickzack verlaufen. Wir wählen unseren
Ort der Auseinandersetzung. Frigga Haug
bezieht sich auf Rosa Luxemburg, wenn sie
argumentiert, dass es nicht darum geht das
»richtige« Ziel festzulegen, um es dann zu
realisieren; vielmehr bestehe die Kunst von
Politik darin, Verbindungen und Raum für
Orientierung zu schaffen, um fragmentierte
Kämpfe in Zusammenhang zu stellen. Wenn
es also nicht um die Definition des Wahren
und Guten gehen kann, das dann, wenn
wir – die Wahren und Guten – endlich die
Macht haben, es umzusetzen – worum geht
es dann? Beispielsweise um einen stetigen
Prozess der Ermächtigung, in dem wir Verbindungen nicht länger trotz, sondern wegen
unsere Unterschiedlichkeiten herstellen. Dies
beinhaltet auch jene Ambivalenz anzuerkennen, dass wir manchmal Teil dessen sind,
was wir zu ändern suchen, und ermöglicht
uns die ständige Rekontextualisierung der
von uns gewählten Kämpfe, sprich die Anerkennung dessen, wer wir sind und wer wir
werden. All das birgt neue Möglichkeiten und
Verantwortlichkeiten sowie die Notwendigkeit einer größeren Genauigkeit im Umgang
mit anderen und uns selber. Begreifen wir
Veränderung weniger als lineare Entwicklung,
90
Die Briefe – Antje Schuhmann – Sarah Schulman
sondern vielmehr den Prozess hin zu etwas
Anderem als das Andere selbst, so gewinnt
die stetige Praxis der Herstellung dessen
eine Bedeutung, die jene des Ankommens in
Frage stellt. In diesem Sinne ist Engagement
nicht so sehr als temporäre (Über-)Anstrengung sondern eher als möglichst gut erlebbares Dauerverhältnis gedacht.
Meines Erachtens sollte feministische Theorie
und Praxis, welche Weise und welchen Ort
der Auseinandersetzung wir auch wählen,
immer auch die Kompromisse, die mit unserer
Sarah Schulman
New York, USA
Liebe Frigga,
die Frage nach den Anforderungen an ein
linkes feministisches Projekt ist für US-AmerikanerInnen sehr schwierig zu beantworten
in einer Zeit, da ihr Land so korrupt ist wie nie
zuvor in seiner Geschichte. Das krümmt natürlich den Geist von jedermann und macht es
uns schwer, wahrhaftig über das zu denken,
was wir erleben und tun.
Wie du weißt, war der McCarthyismus in
den USA erfolgreich darin, jeden Gedanken
an Sozialismus als Möglichkeit aus den
Köpfen der Menschen zu tilgen. International
firmierten zwei Arten von Sozialismus unter
dem gleichen Namen: Die totalitären Staaten
und die Vorstellung von gesellschaftlicher
und ökonomischer Verantwortlichkeit.
Im US-amerikanischen Diskurs sind sie
gleichgesetzt.
Obwohl der Feminismus erfolgreich Wahlmöglichkeiten und Denkweisen verändert hat, blieben diese Veränderungen ins kapitalistische
System eingeschlossen und bleiben so wichtige, aber sehr begrenzte Reformen. Leider
hat der Propagandafeldzug der Massenunterhaltung die Geschichte des Feminismus und
der Kämpfe für Veränderungen ausradiert. Die
erfolgreichsten Verbesserungen sind: Gestiegene Bildungserwartungen für Frauen, ein
neues gesellschaftliches Selbstverständnis,
dass häusliche Gewalt falsch ist und der Staat
eingreifen sollte; dass Geburtenkontrolle und
Abtreibung legal bleiben trotz enormer Widerstände. Was sich nicht verändert hat, sind:
Die Einstellung, dass Frauen minderwertiger
seien als Männer, dass ihre Fähigkeit, Geld
zu verdienen geringer ist, dass sie in unserer
Medienkultur nicht getreu repräsentiert sind
sowie an der Entwicklung von Kultur, Politik
und Meinungsbildung nicht teilhaben. Familie
Wahl einhergehen, mit berücksichtigen. Das
heißt, immer wieder erneut und aktiv einen
konstruktiven Umgang mit unserer Komplizinnenschaft mit dem Status quo, gepaart mit
unserer Überzeugung für den Kampf um eine
andere Welt, zu finden. Für mich bleibt diese
Anerkennung unserer individuellen als auch
kollektiven Verkörperung von gesellschafts­
politischen Antagonismen eine der größten
und spannendsten Herausforderungen,
welche vermutlich zugleich auch eines der
größten Potentiale für substanzielle Veränderung beinhaltet.
und Mutterschaft bleiben sehr konfliktreiche
Felder für Frauen. Lesben werden immer
noch zweitrangig behandelt.
Kurz, US-amerikanische Frauen haben
keinen Zugang zum Reichtum der Nation
und keine Kontrolle über die Perspektive,
in der nationale kulturelle Entscheidungen
fallen. Die gegenwärtige Immobilienkrise
betrifft Frauen aufgrund ihrer geringeren
ökonomischen Macht in stärkerem Maße.
Der zunehmende Trend der Reichen, Menschen ohne Vermögen mit unmoralisch
hohen Verleihpraxen auszubeuten, zum
Beispiel durch hohe Kreditzinsen, Hypotheken, Schuldenmachen wegen des Mangels
an Krankenversicherung betrifft deutlich
mehr Frauen als Männer. Kurz gesagt ist
der Kapitalismus, der aktuell die Erfolge
von Frauen verwaltet, zunehmend ein
System von Männern, die Frauen Geld
verweigern oder es ihnen nehmen.
Für die Zukunft habe ich das Gefühl, dass
mit der Kandidatur von Obama ungeheuer
große Hoffnungen verbunden sind. Erwartungen, die er nie erfüllen kann, zum einen
wegen seiner eigenen tatsächlichen Politik
als auch wegen der Art, wie fortschrittliche
Präsidenten in den wirklichen Machtstrukturen in den USA matt gesetzt werden.
Ich hoffe, dass sich die Enttäuschung, die
angesichts nicht erfüllter Erwartungen durch
Obama einsetzen wird, in soziale Bewegungen verwandeln wird. So wie der politische
Aufstand der 60er Jahre zum Teil eine Folge
der gebrochenen Versprechen der KennedyRegierung war. Meine Voraussage ist eine
erneuerte Volksbewegung, die um die zweite
Amtsperiode von Obama herum einsetzt –
also 2012 – und von da an wächst.
Meine eigene Erfahrung mit der politischen
Geschichte der USA ist, dass Avantgardismus
keine Wirkungskraft hat, und dass fortschrittliche Perioden vom »Zeitgeist« bestimmt
91
sind. In der Zwischenzeit ist es wichtig,
Informationen und Praxen des Widerstands/
der Aktion lebendig zu halten. Mein aktueller
Beitrag dazu ist das ACT-UP-Projekt »Erzählte
Geschichte« (www.actuporalhistory.org).
Wie immer hat eine lange fortschrittliche
Phase in Europa viel positive Wirkung auf
Terri Seddon
Melbourne, Australien
An einer »Politik des Wir« arbeiten
Vier soziale Bewegungen haben in der Vergangenheit für eine Politik des Lebens gestritten.
Frigga Haug behauptet, dass wir diese Kämpfe
weiterentwickeln müssen. Einerseits indem
wir aus der Frauen- und aus der Arbeiterbewegung lernen und dies zusammenbringen
und andererseits indem wir die Möglichkeiten
individueller Entwicklung und des Lernens auf
allen Ebenen verbessern, da dies allen nutzt
und den Boden für basisdemokratische Entscheidungsfindung bereitet. Dann müssen wir
die durch neoliberale Politik fragmentierten
und zerstreuten Kämpfe wieder zusammenführen, indem wir die vier Bereiche – Reproduktion, Arbeit, Kultur und Politik – in einen
neuen »Orientierungsrahmen« stellen.
Was heißt das aber genau, einen Orientierungsrahmen zu schaffen? Was bedeutet das
Konzept praktisch? Wie können wir es alltäglich leben und wie tragen alltägliche Praxen zu
einer Erneuerung der Politik bei? Mit Blick auf
mein eigenes Navigieren im Feld neoliberaler
Politik unterstütze ich Friggas Forderung nach
einer Politik der Zeit, füge aber hinzu, dass sie
durch eine »Politik des Wir« ergänzt werden
muss. Diese Politik, deren Ziel ein Leben
in Gerechtigkeit und kollektivem Glück ist,
schafft die Voraussetzungen und Bedingungen
für eine praktische Politik und verankert sie.
Mein Beitrag bezieht sich auf Erfahrungen in
einer Reihe kollektiver Projekte, die eine solche »Politik des Wir« beschreiben. Sie benennen, wie kollektive Kräfte auf die gesteckten
Ziele hin orientiert werden können. Die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen
diese Projekte stattgefunden haben, helfen zu
erkennen, welche Strategien und Ressourcen
in einem politischen Programm zur Überwindung des Neoliberalismus mobilisiert werden
könnten.
Eine Reflexion
Ich lebe in Australien. In diesem Land erblühte der Neoliberalismus aufgrund der »frucht-
Die Briefe – Sarah Schulman – Terri Seddon
die US-Amerikaner. Obama wird der erste
Präsident sein, der sich nicht in erster Linie
an Europa orientiert, sondern dessen Ausrichtung weitblickender und durchdachter sein
wird. Es wird faszinierend sein, zu beobachten,
ob dadurch der Einfluss von globalen linken
Strömungen auf die US-amerikanischen
sozialen Bewegungen zunehmen wird.
baren« sozialen und kulturellen Bedingungen
für eine weiße Siedlergesellschaft, welche die
Ureinwohner des Landes enteignet hat. Meine
Wurzeln jedoch liegen in Europa. Ich bin in
England geboren (ebenfalls ein fruchtbarer
Boden für Neoliberalismus) und mein berufliches Leben baut auf Theorie und Praxis von
überwiegend europäischen WissenschaftlerInnen auf. Ich bin in den letzten fast fünfzehn Jahren jedes Jahr nach Europa gereist,
gemeinsam mit anderen, die verfochten, dass
Bildung Voraussetzung für Demokratie und
Gerechtigkeit sei. Als Reisende habe ich nach
und nach Wege gefunden, die kulturellen
Grenzen zwischen der angelsächsischen und
der übrigen europäischen Welt zu überwinden. Die daraus entstandenen Ressourcen
haben mir geholfen, durch den Neoliberalismus hindurch zu einer Form kollektiver Politik
zu finden.
Meine politische Geschichte beginnt mit
einer sozialdemokratischen Hinwendung zur
Bildung, die mich Lehrerin und aktiv in der
Frauen- und Arbeiterbewegung werden ließ.
Ich gehöre nicht der 1968er Generation an –
zu diesem Zeitpunkt war ich noch Schülerin.
Meine Welt war bis in die späten 1970er Jahre
durch die stillschweigende Klassenpolitik bestimmt, welche die englische Kultur formt und
befriedet. Als ich Frigga Haug Mitte der 1980er
begegnete, las ich allerdings »schon« Marx,
um die Erfahrung des Umzugs von England
in eine weiße Siedlerkolonie und die Hinwendung von den Naturwissenschaften zu den
Bildungs- und Sozialwissenschaften besser
zu begreifen.
In den späten 1990er Jahren verlor ich mich
im Neoliberalismus. Die Gesellschaft war
geprägt von einem rücksichtslosen politischen
Programm und trotz Demonstrationen von
100 000 Frauen und ArbeiterInnen in Melbourne wurden 8.000 LehrerInnen in Victoria
entlassen. Diese Maßnahme war möglich
geworden aufgrund von jahrelangen primitiven
Medienangriffen auf das australische Bildungssystem. Eine Überschrift war: Die Vipern
in den Klassenzimmern des Landes (Sheridan,
1985). Diese Kritik der Bildung hält auch heute
noch an, trotz Veränderungen in der Regierung. Sie wurde umgesetzt durch intensivierte
92
Die Briefe – Terri Seddon
Rechenschaftspflichten und Kürzungen der
Finanzierung als Disziplinierungsmaßnahme
für Angestellte im Bildungswesen. Mitte
der 1990er Jahre war meine Universität zu
90 Prozent öffentlich finanziert – heute liegt
die Zahl bei unter 40 Prozent.
Ich erinnere mich an die Mischung aus Ambivalenz, Trauer und Erleichterung, die ich bei
der Einfügung in den Neoliberalismus empfand. Erleichterung darüber, dass es einen
Weg gab, den Widerspruch zwischen meinem
Bildungsengagement und den neuen Regierungsanordnungen mit weniger persönlichen
Ängsten zu leben. Der Moment fiel zusammen
mit der Übernahme von mehr organisatorischer Verantwortung in meinem Arbeitsbereich, wo ich an der Schnittstelle zwischen
Lehre und Management saß. Damals sah
ich diesen Schritt nicht als Unterwerfung,
sondern als Wechsel praktischer Politik auf
ein anderes Gebiet. Ich konnte den Schritt
rechtfertigen, weil die institutionelle Arbeit
notwendig war, um Räume für eine breite kritische und kulturelle Erziehungspraxis offen zu
halten. Im Rückblick sehe ich, wie zwiespältig
diese Einwilligung war. Die Rechtfertigung war
eine Rationalisierung, aber auch eine Folge der
Individualisierung des Arbeitslebens, in dem
sich mehr und mehr meiner KollegInnen zum
Schutz gegen ausufernde Arbeitsbelastung ins
Private zurückzogen. Auf diese Zeit trostloser
Entfremdung zurückblickend lernte ich – ganz
praktisch am eigenen Leibe –, dass eine
Einzelne oder ein Einzelner nicht allein gegen
strukturelle Veränderungen angehen kann.
Der Weg zur mehr Klarheit über die neoliberale Klassen- und Geschlechterpolitik war
schwierig, aber belebend. Er begann mit
einem Schlussstrich an meinem Arbeitsplatz:
»Nein« zu sagen zu unzumutbarer Arbeitsbelastung war ein vollkommen unerwarteter Akt.
Der Bruch war eine Überraschung für mich
und viele andere, bei der Arbeit und zu Hause.
Der Preis war eine Art von Exil. Dennoch half
mir die Loslösung, die Kosten dieses inhumanen neoliberalen Arbeitsregimes für Familie,
FreundInnen, KollegInnen sowie für meine
eigenen Hoffnungen und meine Gesundheit zu
erkennen. Sie zwang mich, über den Arbeitsplatz hinaus nach Beziehungen und Sinn zu
suchen. Ich erinnerte mich an meine eigenen
moralischen Ansprüche und fing an, einen
sozialen Raum als Basis meiner eigenen Orientierung in Bezug zu anderen und der Welt
neu zu definieren. Ich fing an, eine »Politik des
Wir« zu entwickeln.
Zeit-Politik – deren Sinn in einer historischen
Bewegung erfasste ich erst später. Was
waren die Voraussetzungen für die Übertragung eines Unwohlseins mit der Zeit in eine
politische Sensibilität, die auch praktische
Politik stärken kann? Meine These ist, dass
praktische alltägliche Politik das »Wir« als Voraussetzung und Bedingung anerkennen und
stärken muss. Wir müssen Gefühlsstrukturen
ansprechen, das moralische Selbst bejahen
und Zeiträume an den wichtigsten Zielen
ausrichten.
Gefühlsstrukturen ansprechen
Frigga hat Recht, eine Zeit-Politik ist ein zen­
traler Prüfstein für moderne Politik. Das wissen
auch Werbeleute, Personalmanager und Regierungen. Wir sehen ihre Warnungen überall:
Wir sollen eine Balance zwischen Arbeit und
Leben finden, den Duft der Rosen genießen
und Zufriedenheit anstreben. Diese neoliberalen Stimmen wollen einen Rahmen für ein
ausbalanciertes Leben stecken, in dem es
ausschließlich Arbeit und Leben gibt. Er unterstützt ein binäres Leben, aufgeteilt zwischen
der Disziplin des Arbeitsvertrages und der
Disziplin der individuellen Lebenserhaltung.
Diese binäre Struktur, die uns als atomisierte
Individuen konzipiert und menschliches Leben
auf Disziplin für das Notwendige reduziert,
muss aufgebrochen werden. Friggas Vier-inEinem-Perspektive bietet einen alternativen
Diskurs. Sie bildet den Alltag so ab, dass die
Notwendigkeiten menschlichen Lebens berücksichtigt sind: Die Reproduktion, die soziale
Eingebundenheit der Menschen, eingebettet in
lange historische Zeiträume, das Angewiesensein auf Freiräume, auf gerechtes Leben; die
Voraussetzungen des Menschen für menschliche Entwicklung, politisches Engagement und
demokratische Entscheidungsmöglichkeiten.
Förderung des moralischen Selbst
Eine »Politik des Wir«
Die politische Herausforderung besteht
darin, den Vier-in-Einem-Diskurs in einer Welt
anzustoßen, die ihr Unwohlsein mit der Zeit
als Problem der Balance von Arbeit und Leben
formuliert hat. In diesem neoliberalen Diskurs
werden die Erfahrungen der Einzelnen mit der
Neoliberalisierung als eine Art persönlicher
Unzulänglichkeit angesehen. Die Expansion
der Arbeitswelt wird als persönliche Schuld
gelebt: Dass ich nicht genug Zeit für meine
Familie habe, dass ich nicht sozial genug bin,
dass ich meine Freundschaften nicht genug
pflege und Spaß habe, dass ich nicht gut
genug bin.
»Nein« ist ein kleines Wort. In meiner Geschichte wurde es ausgelöst durch die
Persönliche Schuld und die Anforderung
individueller Besserung sind grundlegend für
93
den neoliberalen Diskurs. Sie verschieben
die Anbindung des menschlichen Lebens
an eine historische und praktische Ethik hin
zu rationalen Prinzipien. Dieser rationalistische Diskurs beinhaltet eine Verschiebung
von »Das ist meine Art zu leben« hin zu der
Frage »Wie sollte ich leben?« und fördert eine
Lebensweise, die auf der Annahme beruht,
es könne eine Art argumentierenden Beweis
für das richtige Verhalten und das gute Leben
geben. Im Zuge dessen etabliert sich auch
eine Idee des Lernens, welche darin besteht,
dass wir unser ganzes Leben lang, jederzeit,
über alles, erschöpfend und mühselig lernen
müssen.
Die Förderung des moralischen Selbst unterbricht diesen rationalistischen Impuls. Der
neoliberale Bann begann sich aufzulösen,
als mir klar wurde, dass diese Expansion der
Erwerbsarbeit Dinge negierte, die mir etwas
bedeuteten. Meistens waren es Kleinigkeiten
wie Spaziergänge in der Natur oder Gespräche zu Hause. Ich begann, banale Arbeiten
wie das Wäscheaufhängen für meine Familie
als Geschenk und sinnliche Erfahrung zu genießen. Es waren seltene Momente, in denen
ich die Zeit in einem guten Rhythmus leben,
die Sonnenstrahlen in einer blau-goldenen
Welt spüren und Pflanzen, Erde und feuchte
Wäsche riechen konnte.
Neben diesem Genuss empfand ich eine tiefe
moralische Überzeugung: Es fühlte sich richtig an, diese Arbeit für mich und für andere
zu tun, für meine Familie, aber auch für einen
weiteren Kreis von Menschen, die diese Welt
ausmachen. Dieses »Sorgen« war nicht nur
in reproduktive Arbeit eingebunden, es gab
auch in meiner bezahlten Arbeit Situationen,
wo die Pflichten durchdrungen waren von
Momenten der Freiheit. In der Lehre erlebte
ich, wie Menschen lebendig wurden und eingreifende Ideen entwickelten. Ich erkannte,
dass meine Forschung eine Quelle für andere
darstellte. In der Organisationsarbeit schuf
ich Zeit für Soziales und machte demokratische Entscheidungsprozesse als selbstverständliche Notwendigkeit im Arbeitsleben
wieder geltend.
Mit Anderen zusammenarbeiten
Die Zeit-Politik ist entscheidend für diese Wiederentdeckung eines moralischen Selbst. Sie
erfordert die Durchbrechung des neoliberalen
Zeitrhythmus, der die sinnlose Tretmühle unzumutbarer Arbeitsbelastungen, endloser Veränderung und Überverantwortung für KollegInnen, Familie und FreundInnen diktiert. Der
Bruch mit der neoliberalen Disziplin erlaubt
eine zeitliche Großzügigkeit, die das »Wir«
schafft und Raum für Teilhabe, gemeinsame
Die Briefe – Terri Seddon
Projekte, Fürsorge, Lachen und die Arbeit an
neuen Einsichten.
Das Projekt »Disturbing Work« (»Gestörte
Arbeit«) dokumentierte diesen Prozess der
Wir-Bildung in ganz bestimmten Zeiträumen.
Es untersuchte neoliberale Störungen in
sozialen Dienstleitungsberufen (Pflege, Lehre,
Sozialarbeit) und wie diese das Arbeitsleben
zersetzen. Die neoliberalen Arbeitsplätze benötigen Teams, Projekte, geteiltes Wissen und lebenslanges Lernen. Nichteinwilligung wird mit
Sanktionen wie Missbilligung oder Ausschluss
begegnet. Parallel zu den disziplinierenden
Formen bildeten die Angestellten jedoch
kollektive Kompetenz aus. In der Regel nahm
diese jedoch nicht klassische Form an (Gewerkschaftspolitik oder Engagement in Berufsgruppen), sondern bestand in einem Kommen
und Gehen von Zusammenschlüssen in den
Arbeitszusammenhängen. Unsere Aufzeichnungen (Seddon, Henriksson und Niemeyer, 2008)
halten diese aktiven und ambivalenten Prozesse kollektiver Produktion und Destruktion fest:
n Entstehung von Gruppierungen,
Clustern, Projektgruppen,
Bereichsgruppen und Netzwerken.
n Verschiebung von Bedingungen, die Identitäten (Individuen, Aufgaben, Organisationen)
zusammenbringen, selbst wenn diese sich
selbst nicht als Kollektive wahrnehmen.
n Persönliche Entscheidungen mit dem Gefühl
der Nicht-Entscheidung (z. B. die Übernahme
von Teilzeitbeschäftigungen, einerseits
gewählt, andererseits genommen, weil
es keine anderen Optionen gab).
n Privatisierung des Lebens, Depression,
aber auch Gesundheit und Wohlbefinden,
Lebensstil, Spiritualität, Personalisierung
des Arbeitsplatzes.
n Ängste und Phantasien über einen
Mittelpunkt, wo es keinen Mittelpunkt gibt,
über das Innen- oder Außensein, wo es
mannigfache Felder und Grenzen gibt.
n Belastungen rund um Position und
Prioritäten: Was sollte man haben? Wo
sollte man sein? Wie sollte man seine Kraft
einsetzen? Wie kann man Prioritäten setzen?
n Ethische Dilemmata bei der Arbeit, weil
etablierte Werte und das, was Wertschätzung
erfährt, angezweifelt und problematisiert
werden.
n Veränderungen in Arbeitsabläufen,
Arbeitsorganisation: Hierarchien einerseits,
neue Herausforderungen andererseits.
n Netzwerkmuster auf der Basis von
Aufgabe und Funktion, aber auch von
Zugehörigkeit, externer Kollegialität
und Nutzung sozialer Räume.
n Strategien, die Produktion und Destruktion
ermöglichen: Wie werden sie genutzt,
von wem, mit welchen Effekten?
94
Die Briefe – Terri Seddon
n Wirtschaftliche, kulturelle, soziale,
politische, räumliche, zeitliche und,
Wissensressourcen, die in diesen Strategien
für und gegen Produktion und Destruktion
genutzt werden.
Diese Verschmelzungsprozesse ermöglichten
es vereinzelten Individuen, »Wir« zu sagen. Sie
konnten sich selbst im Verhältnis zu anderen
sehen. Sie akzeptierten Ich-Wir-Identitäten
sowohl alleine als auch in Gruppen. Diese
Verschmelzungen waren flüchtig, oft für
Außenstehende schwierig zu erkennen. Sie
hielten nicht immer an, kamen und gingen.
Aber sie schufen vorübergehende kollektive
Verankerung.
Zeit-Räume schaffen
Während im neoliberalen Diskurs nur das
Profane und Eindimensionale sichtbar ist,
schaffen die Verschmelzungen in Zeit-Räumen, die wir in »Disturbing Work« dokumentieren, eine Art »heilige Räume«. Hier
war Zeit wie ein Feiertag: Arbeit tat gut. An
neoliberalen Arbeitsplätzen entgehen die
Zeit-Räume dem Radar. Alles was dort zählt
ist die erbrachte Leistung. Wenn die Arbeit
an kostbaren Zeit-Räumen in RechenschaftsSystemen überhaupt spürbar wird, dann als
wahrgenommene Abwesenheit, als spürbares
»ein-Auge-zudrücken«, als eine Art erleichterter Anerkennung, dass das Leben irgendwie
weitergeht.
Dennoch bieten diese Zeit-Räume keine
politischen Garantien. »Wir« ist ein »gefähr­
liches Pronom« (Sennett, 1998), weil es sich
auf Formen bezieht, die ein kollektives Hinterfragen des Status Quo erlauben. Es schafft
Mitgliedschaften und Zugehörigkeit, parallel
zu Einbeziehung und Ausschluss. Es treibt
Bewegungen an, aber mit unterschiedlichen
sozialen und kulturellen Effekten. Die
Demokratisierung des einen Mannes ist die
strukturelle Gewalt gegen die andere Frau.
Drückende Bevormundung durch Manager
kann an einer Stelle Individualisierung und
Entfremdung bewirken, an einer anderen Konflikte und wiederum an anderen Stellen Formen der Zusammenarbeit und des Dialogs.
Die politische Herausforderung besteht nun
darin, die voneinander abhängigen Ordnungen
von Raum und Zeit auf eine Weise zu formen, die Gerechtigkeit und kollektives Glück
befördern. Das bedeutet die Begrenzung von
Extremismus im Alltag: In geheiligten und profanen Zeit-Räumen, in den in Kirche und Staat
verankerten Machtverhältnissen, in überkommenen Traditionen und Begründungen und
in gelebter Erfahrung als Geschlechts- und
Klassenkörper.
Die Richtung einer »Politik des Wir«
Die Orientierung der Zeit-Räume an den
Zielen eines gerechten Lebens und kollek­
tiven Glücks erfordert kritische Kulturarbeit;
das folgere ich aus vielen neueren Projekten
einschließlich »Disturbing Work«. Das
Charakteristische an den speziellen ZeitRäumen war, dass sie kollektive Handlungs­
fähigkeit in Richtung auf ein gerechtes
Leben mobilisierten. Erreicht wurde das
durch eine Stärkung einer Kultur der Fürsorge innerhalb definierter Grenzen, durch
die Nutzung von Vorstellungen und Erzählungen, die den Alltag mit Sinn erfüllten und
durch Praktiken, die nachhaltig auf soziale
Gerechtigkeit abzielen.
Grenzen beschreiben
Die »Politik des Wir« basiert auf der Definition
von Grenzen. Die Demontage von Hierarchien
und zeiträumlichen Ordnungen in neoliberalen
Arbeitsstrukturen macht das Arbeitsleben
unvorhersehbar. Sie schaffen das, was
Sennett ein »undurchschaubares Macht­
regime« nennt. Darin ist es schwer zu wissen,
wie man sich positionieren soll, wie agieren,
wen akzeptieren. Solche Verunsicherung
schürt das Unwohlsein und vermittelt das
– schwächende – Gefühl, im grenzenlosen
Raum, in globaler Verbundenheit eingeschlossen zu sein.
Im Projekt »Disturbing Work« war die Defini­
tion von Grenzen ein wesentlicher Schritt. Wir
erkannten, dass wir in nationale, berufsbezogene und intellektuelle Kulturen eingebunden
sind. Das Wissen um unsere Herkunft schuf
eine Basis für Kommunikation. Die Anerkennung geteilter feministischer Geschichte
brachte uns zusammen. Aus der Erkenntnis
der Orte, von denen aus wir sprachen, ergaben sich Positionen, von denen aus wir die
Welt beobachten und befragen konnten: Die
Eskapaden der KollegInnen, die Schwächungen, mit denen die Neoliberalisierung der Arbeitswelt einher geht. Wir bewegten uns von
der Unsicherheit weg, hin zu einem fundierten
Wiedererkennen vertrauter Klassen- und
Genderpolitik.
Kulturelle Ankerpunkte identifizieren
Kulturelle Ankerpunkte waren eine weitere
Schlüsselressource in unserer »Politik des
Wir«. Zunächst erschienen uns unsere nationalen und beruflichen Verschiedenheiten sehr
groß zu sein. Als wir aber über unsere konkreten Leben sprachen, wurden gemeinsame Erfahrungen in Machtverhältnissen klarer. Aber
Anekdoten und Nörgelei sind keine praktische
Politik. Um diese Erfahrungen politisch zu
95
wenden, mussten wir die Störungen unseres
alltäglichen Arbeitslebens historisch und im
Zusammenhang betrachten. Der Feminismus
bot eine erste Plattform.
Reflexionen nationaler Kontexte und ihrer
Traditionen und Kulturen führten uns weiter.
Ein Blick in Konzepte mittlerer Abstraktion
gab uns eine Sprache, die half, die starren
und verhärteten Formen sozialer Organisation
und politischer Ordnung zu bedenken. Wir
gingen zeitlich zurück, reflektierten alltäg­
liche Erfahrung mit Hilfe des soziologischen
Konzepts des »flexiblen Kapitalismus«, der
Analyse privater Sorgen und öffentlicher
Themen durch unsere gemeinsame feminis­
tische Geschichte, bis hin zu den klassischen
Themen »Arbeit«, »Identität« und »Politik« in
den Arbeiten von Everett Hughes und Andrew
Abbott.
Diese Konzepte mittlerer Abstraktion boten
Denkweisen über Veränderung in Arbeit und
Arbeitsleben aus der Sicht verschiedener historischer Momente. Sie halfen uns, Narrationen
so einzuordnen, dass sie Sinn ergaben und verankerten unsere Lesart neoliberaler Störungen
als historische Realitäten. Wir nutzten sie als
Werkzeuge zum Verständnis von Neoliberalismus als Intervention in etablierte historische
Prozesse. Wir konnten individuelle Reaktionen
auf diese Störungen zurückverfolgen und
gleichzeitig sehen, in welcher Weise diskursive
Politik und soziale Praxen mobilisiert wurden,
um Handlungsfähigkeit in vertrauten kollek­
tiven Bezugssystemen wie Gender, Klasse,
Beruf wieder geltend zu machen.
Diese Dokumentation privater Sorgen öff-­
nete das Fenster zur praktischen Politik. Die
Definition von Grenzen und die Definition der
Konzepte, von denen wir sprachen, boten eine
Plattform, von der aus wir die Welt kannten.
Diese Aktivitäten sagten »Nein« zur Behauptung neoliberaler Grenzenlosigkeit, praktisch
und intellektuell. Sie verorteten und verankerten uns in etablierten intellektuellen Traditionen. Wir bauten auf die intellektuelle Arbeit
vorangegangener Generationen von Gelehrten, um unsere Ansprüche zu behaupten.
Die Erkenntnis unserer eignen Einbettung in
intellektuelle Kulturen und Traditionen gaben
uns das Selbstbewusstsein, als »Wissende«
zu sprechen, nicht als »Lernende«. Beim
Schreiben und Sprechen über diese Prozesse
konnten wir erkennen, dass diese Worte
Menschen berührten und gehört wurden.
Macht verantwortlich gebrauchen
»Stimme« ist eine kollektive Praxis. Es geht
nicht um individuelles Sprechen, sondern um
institutionelle Unterstützung. Friktionen im
Die Briefe – Terri Seddon
Neoliberalismus sind nicht aushaltbar, es sei
denn, es gibt eine Art kollektiver Wahrnehmung und Anerkennung dieser Brüche. Meine
eigene Erfahrung, bei der Arbeit und beim
Wäscheaufhängen im Garten, könnte kein
moralisches Selbst in Gegenwehr zum Neoliberalismus stützen. Die Nachhaltigkeit der
Einzelnen beruht auf der Unterstützung durch
das Kollektiv. Das Projekt Disturbing Work
schuf Zeit-Räume, die uns erlaubten, kollektive Handlungskapazitäten herauszubilden.
Es bot Voraussetzungen und Bedingungen für
die Autorisierung von Wissen außerhalb der
neoliberalen Konventionen.
Autorität ist verkörpert in Institutionen.
Die Neoliberalisierung des Alltagslebens
stört die historisch verankerte Politik institutioneller Ordnungen und die Weisen des
Wissens, die öffentliches Handeln einen
Bezugsrahmen geben. Dennoch ist es ein
Fehler, solche diskursiven Politiken zuzulassen. Warum sollen wir auf unsere historisch
eingebettete Autorität verzichten? Wir nutzten also unsere Positionen als akademische
Autoritäten, um in bereits institutionalisierten
Räumen über Disturbing Work zu sprechen:
auf wissenschaftlichen Konferenzen, in professionellen Netzwerken, in Universitäten und
Klassenzimmern. Wir reichten Beiträge bei
Förderinstitutionen mit Gutachterverfahren
ein und stimmten ihren Anfragen zur Nutzung
unserer Arbeiten zu. Wir nutzen die Marktverhältnisse, um unsere Stimme zu verstärken:
Wir versuchten, Bücher zu vermarkten und
gaben bezahlte Lehrveranstaltungen.
Das Ziel des Ganzen war nicht, Erklärungen
zu diktieren, sondern Dialoge zu eröffnen,
die Ideen stiften. Es war ein Mini-Beitrag von
unten zur demokratischen Entscheidungs­
findung durch die Orientierung auf praktische
Politik.
Orientierungsräume
Frigga fordert einen »Orientierungsrahmen«
für eine »Vier-in-einem«-Politik der Zeit. Ich
habe angeregt, dass dieser Orientierungs­
rahmen in den einfachen, alltäglichen ZeitRäumen bestehen kann, die ohnehin das
Kommen und Gehen kollektiver Handlungs­
fähigkeiten durch Produktion und Zerstörung
aufrechterhalten. Die politische Herausforderung besteht darin, die destruktive Dynamik
zu brechen. Parallel zu Friggas »Vier-ineinem«-Politik der Zeit brauchen wir eine
»Politik des Wir«. Sie erforscht und benennt
das Unwohlsein in einer neoliberalen Welt
und entwickelt die Voraussetzungen und
Bedingungen einer kollektiven und demo­
kratischen Politik über alle Zeit-Räume des
alltäglichen Lebens hinweg.
96
Die Briefe – Terri Seddon – Lynne Segal
Lebenslanges Lernen ist die widersprüchliche
Ausgangsbasis für unsere Arbeit. Wir richten
neue Aufmerksamkeit auf die Widersprüche
des Lebens, auf die beruflichen Rollen und
die zur Förderung des Lernens notwendige
Sachkenntnis. Und wir suchen die
Voraussetzungen und Bedingungen,
unter denen eine kritische kulturelle
Arbeit über die ganze Spanne eines
Arbeitslebens hinweg stattfinden kann.
Lynne Segal
London, Großbritannien
Es ist das Ineinandergreifen der diskursiven,
ökonomischen und politischen Strukturen,
welches Gegenstand feministischer Forschung bleiben muss, wenn wir das aktive
und permanente Tun zur Konstruktion der
Geschlechter erkennen wollen, unabhängig
davon, ob dieses zum Zwecke der Erhaltung,
der Untergrabung oder der Wiederherstellung
alter Geschlechterhierarchien geschieht.
Erneuerungen des Feminismus
In Großbritannien ist nicht vielen Leuten,
die ich kenne, zum Feiern zumute, jedenfalls nicht, wenn sie in irgendeiner Weise
fortschrittlicher Politik oder fortschrittlichen
Ideen verbunden sind. Klagen und Trübsinn
– diese Stimmungslage kam in den 1990er Jahren mit dem zweiten Thatcherismus-Jahrzehnt
hier und der allgemeinen Rezession weltweit
auf. Sie wurde kurz unterbrochen von dem
Leuchtsignal des Blair-Sieges und kehrte mit
erhöhter Alarmbereitschaft zu Beginn des
21. Jahrhunderts angesichts imperialistischer
Militärinterventionen, offizieller Duldung
von Folter durch den Westen, eskalierender
ethnischer Konflikte und globaler Fluchtbe­
wegungen wieder.
Mein eigenes linkes, feministisches Feld im
Bereich Frauenforschung oder Gender Studies
ist in den letzten Jahren wiederholt für tot
erklärt worden. Die Wiederholung selbst weist
natürlich auf gewisse Kontinuitäten hin, aber
auch auf Brüche. (Wie oft sind zum Beispiel
Freud und die Psychoanalyse für tot erklärt
worden, um wie ein Phönix immer und immer
wieder aus der Asche aufzuerstehen?) Sicher,
ich werde immer wieder von gehobenen Magazinen und Zeitungen gebeten, den Niedergang von Gender Studies zu kommentieren.
Ich antworte immer: Was, schon wieder tot?
Trotzdem: In gewisser Weise ist viel feministisches Denken und Publizieren von einer Art
düsterer Wolke umgeben.
Feministische Wissenschaft, die ich als Hauptmotor von Frauenforschung und natürlich
auch von Gender Studies ansehe, beginnt
weder noch endet sie mit unserem Wissen
über die Beschränkungen und Widersprüche
von Standpunkten zum Thema Identität. Es ist
mir klar, dass das Hinterfragen geschlechtsbezogener Identitäten und die Enthüllung verfälschenden dualistischen Denkens für sich
genommen dessen symbolisches Gewicht und
psychologische Einimpfung nicht beseitigt.
Auch die verschiedenen sozioökonomischen
und politischen Hierarchien nicht, die – trotz
fortwährender Brüche an allen Fronten – den
Geschlechtsidentitäten gegenüberstehen.
Nirgends ist diese Arbeit offensichtlicher
als in den Äußerungen und Aktivitäten im
Zusammenhang mit der sogenannten »Krise
der Männlichkeit«. Einer Krise, die – selbst
wenn wir dieses Etikett akzeptieren – nur für
einige Männer gilt und überformt ist durch
Klasse, Ethnie und andere Formen der Armut.
Dennoch ist es einfach, Hinweise darauf zu
finden, dass Männer von der Wiege bis zur
Bahre Benachteiligte sind: Mit schlechteren
Schulleistungen, weit (vier Mal) höheren
Suizidraten im Jugendalter, schwächerer
Gesundheit, mehr Drogenabhängigkeit,
steigender Rate psychischer Erkrankungen,
größeren Problemen nach Scheidung oder
Witwerschaft im Alter, weniger Besuch von
den Kindern, früherem Tod und so weiter. Die
gleichen widersprüchlichen Hinweise zeigen
sich in allen aktuellen Studien über Frauen,
in denen wir Beweis finden für was immer wir
suchen, insbesondere dann, wenn sich die
überbewerteten und zwiespältigen Prozesse
der Geschlechtsentwicklung innerhalb einer
Lebensspanne überlagern.
Medienforscherinnen wie Ros Gill oder Angela
McRobbie behaupten, dass jeder Hinweis auf
»Mädchenpower« oder »Top(Karriere)Mädchen« ziemlich ungut wirkt angesichts der
epidemischen Ausmaße von Magersucht unter
jungen Frauen und der sexistischen Demütigungen, die erfolgreiche Frauen erleben,
sobald sie einen Fehler machen (Gill, 2006,
McRobbie, 2008). Nach McRobbie, die über
dreißig Jahre lang die Kultur und das Verhalten
junger Frauen in Großbritannien untersucht
hat, wird die Geschlechterungleichheit in
westlichen Demokratien derzeit gerade durch
die fälschliche Behauptung existierender
Geschlechtergleichheit wiederhergestellt.
Sie geht einher mit der Mahnung an Frauen,
jede Lehre aus dem Feminismus fallen
zu lassen. Als McRobbie diese These bei
einem Vortrag aussprach, wurden allerdings
97
auch junge Feministinnen im Saal ziemlich
unruhig, besonders jene, die sich in eigenen
feministischen Blogs austauschen. Es gibt
genügend Gründe, die fortwährenden sexistischen und einschränkenden Einflüsse im
Leben von Frauen im Blick zu behalten. Einfaches Aufsummieren aber ist nicht sinnvoll,
denn dadurch tun sich nur riesige und breiter
werdende Klüfte zwischen den Schicksalen
von Frauen einer bestimmten Gruppe und denen einer anderen Gruppe auf. Es ist meines
Erachtens dumm, mit einer Gender-Brille zu
versuchen, die Lage eines der Geschlechter
zu vereinheitlichen. Wir wissen doch, dass das
die Vielfalt der Dinge aushöhlt und verflacht.
Ich möchte schließen mit dem Hinweis,
dass es meiner Ansicht nach heute keinen
sinnvollen Weg gibt, feministisch zu denken,
ohne global zu denken. Jede vereinfachende
Darstellung der Erfolge (oder Misserfolge) von
Frauen in einer scheinbar postfeministischen
Welt trägt dazu bei, die Vorstellung von der
reichen westlichen Frau zu separieren von
der unbemerkten Existenz anderer Frauen,
deren Leben in den Tretmühlen der Fabriken
in der so genannten Dritten Welt oder bei
dem Versuch, als Gastarbeiterinnen irgendwo
anders zu überleben, hinweggefegt werden.
In den USA haben altgediente Feministinnen
wie Barbara Ehrenreich und Arlie Hochschild
die Stimmen derer aufgenommen, die sie als
»global woman« bezeichnen, insbesondere die
spezifisch geschlechtsbezogenen Erfahrungen von Immigrantinnen als Hausangestellte,
Nannies und Kinderbetreuerinnen, die durch
wirtschaftliche Notwendigkeiten gezwungen
werde, ihre eigene Heimat und ihre Kinder zu
verlassen, um den persönlichen Bedürfnissen
anderer woanders zu dienen. Diese Frauen
sind heutzutage unverzichtbar, um dem »Pflegenotstand« in reicheren Ländern zu begegnen, wo Frauen, ganz wie Männer, den immer
länger werdenden Arbeitstag in konkurrenzförmigen und unsicheren bezahlten Arbeitsverhältnissen zu bewältigen haben. Neu an
der heutigen Hausangestellten, die natürlich
gewisse Ähnlichkeiten zu Dienerinnen früherer
Zeiten offenbaren (die als im Hause lebende
Dienstmädchen oder gar als Ammen für vornehme Müßiggängerinnen ihr Leben fristeten)
ist, dass sie heute in so großer Entfernung von
der zurückgelassenen Welt und der Familie
leben. Rosie Cox weist darauf hin, dass es
allein in Großbritannien deutlich über zwei
Millionen Hausangestellte gibt, mehr als zu
Viktorianischen Zeiten. Zudem sitzen viele von
ihnen in der Falle von Einwanderungsgesetzen, die es ihnen nur so lange erlauben, nach
Großbritannien einzureisen und zu bleiben,
wie sie in den Familien bleiben, von denen sie
angestellt wurden. Mit kaum mehr Bezahlung
als ihrer kargen Unterkunft und Verpflegung,
Die Briefe – Lynne Segal
und ohne Regelung ihrer Arbeitsbedingungen
enden viele dieser Frauen als einsame Au
Pairs, fast ohne soziale Kontakte und allzu
häufig mit wenig oder keinem Schutz vor
massiver Ausbeutung ihrer Arbeit. Die Lage
der neuen Hausangestellten ergibt sich aus
vielen Faktoren – inklusive dem hohen Niveau
globaler Ungleichheit, den langen Arbeitstagen zusammen mit der Unangemessenheit
öffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen.
Es ist allerdings ebenso eine Folge der fortgesetzt ungleichen Beteiligung von Männern an
Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit.
Somit bestimmen traditionelle Geschlechts­
identitäten und -praxen trotz der Aktualisierung durch zeitgenössisch-globale Momente
weiterhin viele Aspekte unseres Lebens.
Wie sprunghaft und flüchtig auch immer
geschlechtsbezogene und sexuelle Identitäten sein mögen, sie kollidieren mit aktueller
geschlechtsbezogen gelebter Erfahrung und
den kulturellen Ressourcen, ihren Sinn zu
verstehen. Das traditionelle Bild der Frau als
zweitklassig und verletzlich lebt nicht nur
durch die postkoloniale Arbeitsmigration von
den ärmeren in die reicheren Länder auf, sondern auch durch professionelle Armeen von
Männern und Söldnern, die, ausgerüstet mit
den neuesten Vernichtungswaffen, aus den
reicheren in die ärmeren Länder ziehen und
ziemlich historisch männlich-imperialistische
Muskeln spielen lassen. Sobald man Gender
in seinen globalen Zusammenhängen sieht,
ist Optimismus bezogen auf die Verbreitung
neuer, egalitärerer Geschlechterbilder anzuzweifeln. Auch hier verstärken sich die
Widersprüche allerdings, da immer mehr
Frauen in die Armeen eintreten und sogar
ihre eigenen Weisen der Folter und Erniedrigung männlicher Gefangener entwickeln
(man denke an Abu Ghuraib). Außerdem
weist die Militärhistorikerin Joanna Bourke
darauf hin, dass Kriegseinsätze auf lange
Sicht zerstörerische Wirkung auf männliche
Identitäten haben. Auf diese Weise kann die
Enthüllung der körperlichen Verletzlichkeit
von Männern, einschließlich der Möglichkeit,
dass auch sie vergewaltigt werden können,
ein weiterer Weg sein, Geschlechterpolaritäten zu untergraben. Unsere Gemeinsamkeit
als Individuen ist, wie Butler betont, gerade
diese Hilflosigkeit. Darüber wäre noch viel
mehr zu sagen, insbesondere über die neuen
globalen Überschneidungen von Gender und
Ethnie in Konfrontation mit der neuen, von
den USA angeführten, globalen wirtschaftlichen und militärischen Hegemonie. Zum
Beispiel gibt es heute islamische Frauen,
die als Zeichen einer trotzigen und selbstbewussten persönlichen Wahl den Schleier
tragen, insbesondere dort, wo sie die Freiheit
haben, ihn abzulegen. Auch diese Frauen
Die Briefe – Lynne Segal – Ruth Seifert
nehmen Differenz wieder als machtvolle
Identität wahr. Nilüfer Göle, die den zeitgenössischen Islam untersucht, weist deshalb
darauf hin, dass es eher ihre Nähe, nicht ihre
Distanz zum modernen Leben ist, die eine
Rückkehr zu religiöser Identität unter muslimischen Migrantinnen in Europa hervorruft.
Bezogen auf Frauen, die einst vollkommen
säkulare, westliche Lebensstile pflegten,
bemerkt Göle heute die Herausbildung einer
gegensätzlichen Bewegung, in der das islamische Kopftuch von islamischen Frauen eher
freiwillig angeeignet statt passiv getragen
wird: »Es wird von einer neuen Generation von
Frauen beansprucht, die Zugang zu höherer
Bildung hatten … Statt sich dem säkularen
Regime der Frauenemanzipation anzupassen,
drängen sie auf die Verkörperung der Differenz (islamische Kleidung) und ihre öffentliche
Sichtbarkeit« (Göle, 2002). Hier, so scheint es,
finden wir Frauen, die Differenz wieder als
machtvolle Identität beanspruchen, diesmal
im Angesicht eines häufig feindseligen Westens und eines geteilten, verwirrten Islam. So
Ruth Seifert
Regensburg, Deutschland
Geschlecht und Klasse und der »liberale
Friede« in der Nachkriegsrekonstruktion:
Vorläufige Überlegungen
Das erklärte Ziel der »internationalen Gemeinschaft« in post-Konflikt-Szenarien ist
die Etablierung eines »liberalen Friedens«,
verstanden als die Rekonstruktion der betroffenen Gesellschaften nach dem Modell
einer neoliberalen Marktwirtschaft, einer
so genannten demokratischen »good governance«, einer »fortgeschrittenen«, westlich
orientierten Zivilgesellschaft, und die Verankerung der Menschenrechte (die allerdings keine
nennenswerten sozialen Rechte beinhalten).
Diese Ziele sollen erreicht werden durch die
Steuerung und Regulierung ökonomischer,
politischer und sozialer Prozesse. Darüber
hinaus benötigt der »liberale Frieden« spezifische Subjektivitäten, insbesondere das »freie
Individuum«, das auf kreative und eigenständige Weise sein oder ihr ökonomisches Interesse verfolgt und dabei möglichst wenig von
kollektiven Bindungen und Verpflichtungen
behindert wird. Benötigt werden Individuen,
denen man nicht mehr zu sagen hat, was sie
tun sollen, sondern die die erforderlichen
Eigenschaften aus eigenem Willen heraus
entwickeln. Das neoliberal domestizierte und
disziplinierte Individuum ist eine unerlässliche Bedingung für das Funktionieren des
liberalen Friedens. So betont die Weltbank
98
schwierig das zu übertragen ist: Sicher ist,
dass es Wege gibt, neue Sichtweisen auf die
traditionelle Konstruktion der Geschlechter
zu entwickeln, gerade da, wo sie sich mit den
Herausforderungen westlicher Ideen von Modernität und Globalisierung überschneiden.
Die Geschlechterverhältnisse sind eine der
explosivsten Kategorien, die wir haben, und
unsere Identität wird nach wie vor wesentlich
durch die Geschlechterdifferenz begründet –
wenn auch heute in überaus komplexer und
verschachtelter Weise. Angesichts dieser
Tatsachen haben wir also allen Grund, die
Geschlechterverhältnisse weiterhin zu untersuchen und Wege zu Gerechtigkeit und Inte­
gration und gegen Ausbeutung zu finden. Dafür
sollten wir nicht nur in den Nationalstaaten
Anhaltspunkte suchen, sondern an den Orten
des Widerstands der sozialen Bewegung weltweit. Denn selbst wenn die alten Geschlechterbilder sich fortwährend verändern, gibt es
doch ziemlich vertraute Polarisierungen, die
immer wieder neu Fuß fassen.
– eine der einflussreichsten Organisationen
in der post-Konflikt-Rekonstruktion – dass es
darum ginge, »Mentalitäten« auf eine Weise
zu verändern, die es den Betroffenen erlaubt,
unter den gegebenen sozio-ökonomischen
Bedingungen friedlich und konfliktfrei zusammen zu leben und ökonomische Notlagen
hinzunehmen, ohne dass ein Sicherheitsrisiko daraus entsteht (World Bank and Carter
Center 1997, 3f). Worum es nicht geht, ist, die
sozio-ökonomischen Bedingungen auf eine
Art und Weise zu verändern, die existentielle
Absicherung bieten, eine Planung und Gestaltung des Lebens möglich machen und somit
die Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben schaffen würden. Die Agenda des
liberalen Friedens präsentiert sich als ein
Programm der individuellen Emanzipation,
der Partnerschaft mit dem Westen und des
Selbstmanagements. Hervorstechend ist dabei die Betonung individueller Rechte und der
Menschenrechte bei gleichzeitiger Ausblendung sozialer Rechte und die Entfaltung eines
im Foucaultschen Sinne disziplinären Regimes, in dem die ökonomischen Anforderungen die Messlatte sind, an der sich sämtliche
anderen Entwicklungen auszurichten haben.
Die Subjekte in post-Konflikt-Szenarien sind
allerdings »gendered« und die Bedingungen
zur Neuformierung von Subjektivität sind für
Männer und Frauen (von anderen »gendered« Positionen nicht zu sprechen) durchaus
verschieden. Darüber hinaus hat »Gender« in
post-Konflikt-Szenarien spezifische Funktionen.
99
Wie von Braun und Auga betonen, besteht bei
der Neukonstituierung politischer Ordnungen
erhebliches Interesse an der Gestaltung der Geschlechterordnung; mehr noch: Machtansprüche werden häufig über die Proklamierung einer
bestimmten – überlegenen – Geschlechterordnung legitimiert (von Braun/Auga 2006, 2).
Die von den beiden Autorinnen angesprochenen Machtansprüche werden in postKonflikt-Szenarien von verschiedenen Akteuren abgesteckt. Einer dieser Akteure ist die
internationale Gemeinschaft, die ein klares
Programm der Geschlechtergleichstellung
verfolgt, das sich in der Regel auf den liberalen, stark an rechtlichen Zielsetzungen ausgerichteten westlichen Feminismus bezieht.
Das schlägt sich nieder in CEDAW (der UN
Convention for the Elimination of all kinds of
Discriminatin Against Women) und der Politik
des Gender Mainstreamings, die in allen postKonflikt-Szenarien programmatisch verfolgt
wird. Schließlich ist auf die UN-Resolutionen
1325 und 1820 zu verweisen. Frauenspezifisch
arbeitende und feministische NGOs richten
sich in aller Regel ebenfalls an diesen Vorstellungen aus.
Ein etwas genauerer Blick enthüllt allerdings
Widersprüchlichkeiten und Unstimmigkeiten. In Sachen Geschlechterpolitik sind in
post-Konflikt-Regionen konfligierende und
widerstrebende Mächte am Werk. Diejenige
Agenda, die die Produktion des unabhängigen, unternehmerischen und individualisierten
Subjekts verfolgt und Individuen hervorbringen soll, die eine liberale Marktwirtschaft
benötigt, ist nicht notwendigerweise in
Harmonie mit der Geschlechterpolitik, die
in offiziellen Programmen verfolgt wird, und
diese wiederum sind nicht unbedingt vereinbar mit den Strategien des nation-building
(wobei die Herstellung von Nationen ebenfalls
eine notwendige Voraussetzung des globalen
Marktes ist). Schließlich sind Dynamiken an
der Basis von post-Konflikt-Gesellschaften zu
berücksichtigen. Im Folgenden soll sich der
Blick speziell auf die Verschränkung von Klassen- und Geschlechterdynamiken richten.
Frauen werden in post-Konflikt-Gebieten von
der offiziellen Politik charakteristischerweise
aufgefordert, sich zu individualisieren, ihre
Menschenrechte in Anspruch zu nehmen,
unabhängige Akteurinnen auf dem Markt zu
werden. Gegenläufig dazu sind allerdings die
sozialen Bedingungen, die einer weiblichen
Individualisierung wenig zuträglich sind, sondern, wie aus einer Vielzahl von Regionen berichtet wird, traditionelle Geschlechterrollen
erzwingen, konsolidieren und neue Verpflichtungen für Frauen schaffen. Die neoliberale
Nachkriegsrekonstruktion beinhaltet typi-
Die Briefe – Ruth Seifert
scherweise den Abbau sozialer Rechte und
sozialer Schutzmechanismen und die Zerstörung staatlicher Sozialsysteme. Das bedeutet,
dass Pflegeaufgaben zum Beispiel für Kinder
und Alte wieder an die Familien zurückfallen.
In diesem Prozess werden traditionelle Geschlechterrollen revitalisiert und »klassische
weibliche Aufgaben« an Frauen zurück verwiesen. An der Basis der Gesellschaft wirken sich
also die sozio-ökonomischen Entwicklungen,
die mit Strategien des liberalen Friedens in
die Wege geleitet werden, auf eine Art und
Weise aus, die den offiziell proklamierten Zielen in der internationalen Geschlechterpolitik,
aber auch den Zielen eines liberalen Feminismus, zuwider laufen.
Allerdings zeichnet sich hier eine soziale
Spaltung ab. Während es einerseits Frauen
gibt, die von den neuen Bedingungen profitieren und sie als Sprungbrett für emanzipatorische Bestrebungen nutzen können, werden
diejenigen, die ökonomisch und damit in der
Regel in Bildung und Ausbildung unterprivilegiert sind, in ein Geschlechtersystem zurück
verwiesen, in dem sie sowohl aufgrund ihrer
Geschlechts- als auch aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit doppelter Ungleichheit,
Chancenlosigkeit, ökonomischer Ausbeutung
und Exklusion aus dem politischen Prozess
ausgesetzt sind.
Der liberale Feminismus, wie er sich im
»liberalen Frieden« darstellt, verfolgt in erster
Linie Geschlechtergleichheit und blendet
dabei soziale Unterschiede zwischen Frauen
weitgehend aus. Gerade in post-KonfliktGebieten wird augenfällig, dass das Ausblenden der sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen aus den geschlechterpolitischen
Debatten ein klassengebundenes Projekt der
Geschlechtergleichheit zur Folge hat. Feministische Organisationen, die sich diesem
Problem nicht stellen, unterstützten letztlich
die Klasseninteressen einer weiblichen Minorität. In einer harschen Kritik der klassenblinden Policies feministischer AkteurInnen in
Bosnien, die sich auf die Fahnen geschrieben
hatten, progressive Geschlechterkonzepte
in einen zurückgebliebenen, patriarchalen
und frauenfeindlichen Kontext zu bringen
(Pupavac 2005, 402), weist Pupavac zunächst
darauf hin, dass im Nachkriegs-Bosnien
niemals das Ausmaß politischer Partizipation
erreicht wurde, wie es die Frauen im sozialistischen Jugoslawien hatten. Darüber hinaus
hätten Frauen in Positionen, in denen die
Ausübung eines gewissen politischen Einflusses möglich gewesen wäre, nichts getan,
um die sozialen Rechte unterprivilegierter
Frauen zu verteidigen. Stattdessen hätten sie
die neoliberale Agenda der internationalen
Politik kritiklos übernommen. Auf der Basis
Die Briefe – Ruth Seifert – Gayatri Chakravorty Spivak
von Pupavac’ Analysen der bosnischen Situation stellt sich die Geschlechterpolitik der
internationalen Gemeinschaft als frauenspezifisches »class-building« dar. Die Geschlechterpolitik der internationalen Gemeinschaft
hat in Bosnien in erster Linie Frauen aus der
städtischen Elite genutzt. Anzunehmen, dass
diese neu eröffneten Chancen die durchschnittliche Bosnierin erreichen könnten,
sind aus Pupavac’ Sicht illusionär. Ähnliches
wurde in einer Analyse der sozialen Kämpfen
in Kirgisistan und seiner Geschlechterdimensionen festgestellt. Auch hier hatte der
Zustrom internationaler, feministischer Ideen
eine mobilisierende und emanzipatorische
Wirkung für einige Frauen. Auch hier erhoben
frauenspezifisch arbeitende NGOs keinen
Widerspruch gegen das neoliberale Projekt
und konzentrierten sich auf die Förderung
der Menschenrechte, der Bildung und Aus­
bildung, der politischen Partizipation und
der ökonomischen Emanzipation (zum Beispiel durch Mikrokredite), ohne den Abbau
sozialer Rechte und des sozialen Schutzes
zu thematisieren.
Man kann vorläufig schlussfolgern, dass
internationale Strategien der Geschlechterpolitik Klassendynamiken befördern und
unter anderem eine neue Klasse zivilgesellschaftlicher Akteure und Akteurinnen produzieren, die in hohem Maße von den aktuellen
Entwicklungen profitieren, während die
Gayatri Chakravorty Spivak
New York, USA
Jedes linke feministische Projekt muss sich
heute mit dem Abbau des Wohlfahrtsstaates
auf der nördlichen Erdhalbkugel und dem Abbau der Möglichkeit eines Wohlfahrtsstaats in
der südlichen Hemisphäre auseinandersetzen.
Die Änderung gesellschaftlicher Herrschaftsund Machtverhältnisse durch bewaffneten
Kampf kann nicht mehr die Hauptlinie linker
Politik sein. Da die Verlagerung von Produktion und Dienstleistungen ein Ergebnis der
Aufteilung der Welt in einen globalen Norden
und einen globalen Süden ist und ebenso ein
Ergebnis der tief verwurzelten Diskriminierung
von Frauen, kann der Schwerpunkt linker
feministischer Politik nicht auf einer arbeitsplatzsichernden Politik liegen, wie es bei den
Gewerkschaften der Fall ist. Der einzige Weg,
Globalisierung zu bekämpfen, ist, zu begreifen, dass das Kapital weltweit zu fairen Bedingungen für alle geschaffen und zum sozialen
Nutzen der Gemeinschaft eingesetzt werden
muss – Sozialismus als Wohlfahrt (wir sind
nicht in einer post-staatlichen Welt).
100
Situation unterprivilegierter Frauen (und
natürlich auch Männer), die über wenig
soziales und kulturelles Kapital verfügen,
ausgeblendet wird.
Das Endresultat, so bleibt zu resümieren, ist
nicht »Geschlechtergleichheit« als ein Projekt,
das in feministische Theorie und Praxis eingebettet ist und im klassischen Verständnis
feministischer Bestrebungen auch soziale
Gerechtigkeit beinhaltet, sondern ein Projekt,
bei dem einige privilegierte Frauen den privilegierten Männern in der Gesellschaft gleich­
gestellt werden sollen. Man mag dies für ein
legitimes Projekt halten und darauf verweisen,
dass diejenigen, die sich für soziale Gleichheit einsetzen, oft blind gegenüber Fragen
der Geschlechterungleichheit sind. Es bleibt
allerdings festzuhalten, dass dabei ein Projekt
verfolgt wird, das mit den politischen und
moralischen Positionen in der feministischen
Theorie und Praxis nur mehr wenig zu tun hat.
Darüber hinaus ist zu diskutieren, welche Art
von Geschlechtergleichheit dabei produziert
wird und wie sich Geschlechtergleichheit
unter Bedingungen sozialer Differenzierung
und gleichzeitiger Kommodifizierung von
Weiblichkeit gestaltet.[1] Schließlich werfen
gerade die Beobachtungen in Krisengebieten
die Frage auf, welche neuen Klassenakteure
entstehen, wie sie zu beschreiben und zu
theoretisieren sind und wie sich »Gender«
zu diesen Entwicklungen verhält.
Das Modell eines Wohlfahrtsstaates, wie
ihn sich Feministinnen vorstellen, muss alle
Kämpfe zur Gleichstellung der Geschlechter
aufgreifen und gleichzeitig die Verschiedenheit der Geschlechter bewahren, wie dies
ausgehandelt wurde. Faschismus und Nationalismus, die meist auf zerstörerischen
Geschlechterideologien basieren, müssen
bekämpft werden. Der feministische Wohlfahrtsstaat muss künstliche Staatsgrenzen
ignorieren und regional arbeiten. Wenn
dies ein linkes feministisches Projekt sein
soll, kann es sich nicht mit einem Bündnis
zwischen Linken im Norden und feudalen
ideologischen Elementen im Süden, die
massiv abhängig von der Finanzierung durch
Konzerne sind, zufrieden geben. Eine solche
Allianz würde die soziale Leistungsfähigkeit
des Kapitals betonen, während sie gleichzeitig
[1]Wie sie sich in der in Krisengebieten explodierenden Prostitution und dem Trafficking darstellt, aber
auch in der Einführung neuer, marktorientierter Weiblichkeitsvorstellungen, wie sie Blagojevic für Serbien
beschreibt (Blagojevic 2004).
101
Die Briefe – Gayatri Chakravorty Spivak – Sybille Stamm
die täglich sichtbaren zerstörerischen Wirkungen des Kapitalismus vollständig ignoriert.
Wenn wir unsere politische Arbeit sofort
beginnen wollen, müssen wir uns – wegen der
überaus starken Opposition der einflussreichsten geopolitischen Mächte – in gewisser Weise
als Avantgarde sehen, wie es die Linke zu
allen Zeiten tun musste. Ergänzend zu diesem
Avantgardismus müssen sich linke Feministinnen in einer breiten Basisbewegung in der
Wissensproduktion engagieren, in der wir das
Einmaleins nichtsexistischen Zugangs zur Welt
vorbereiten. Dafür verwenden wir Zeit und
Fähigkeiten und lernen aus der historischen
und kulturellen Situation »von unten« statt
das Problem allein mit der Überzeugung eines
überlegenen Wissens anzugehen.
Hier ist es wichtig, die Rolle der Sprache von
unten zu lernen, dies nicht allein, um in der
kulturellen Infrastruktur eine epistemologische [1] Änderung durchzusetzen, sondern auch
um die Orte der Lüste und der Gewalt im Feld
sexueller Differenz und Vergeschlechtlichung
zu begreifen, die in der rechtsförmigen Struktur von Wohlfahrt nicht erfasst werden können,
sondern Bereiche unseres Seins berühren
müssen, die nicht allein von der Vernunft regiert werden. Ebenso wie UmweltarbeiterInnen
die Vielfalt des Lebens nicht wenigen Monokulturen opfern können, dürfen feministische
epistemologische und politische Arbeiterinnen
die sprachliche Vielfalt nicht einigen wenigen
wichtigen Sprachen opfern.
Bei der Nutzung des Internets, ist höchste
Vorsicht geboten. Es ist ein Instrument von
Sybille Stamm
Stuttgart, Deutschland
Anforderungen an ein linkes
feministisches Projekt und die Frage
nach dem richtigen Zeitpunkt
Als wir 1984 in der Metall- und Druckindustrie
für die 35-Stunden-Woche streikten, ging es
vorrangig um die Umverteilung der Arbeit –
alle sollten das Recht auf einen Arbeitsplatz
haben. Es ging aber um mehr: Für uns Frauen
ging es um eine geschlechterdemokratische
Verteilung der Erwerbs- und Reproduktionsarbeit; uns ging es um »das ganze Leben«,
das sich nicht in bezahlter Erwerbsarbeit
erschöpft.
Die baden-württembergischen Frauen haben im Arbeitskampf die Losung »Mehr Zeit
zum Leben, Lieben, Lachen« entwickelt und
großem Nutzen und sollte sicherlich für praktische Zwecke gebraucht werden. Aber Cyberliteratur ohne Vermittlung kann nicht für eine
geschlechtergerechte Welt sorgen. Der Zugang
zum Internet muss begleitet werden von ethischer und epistemologischer Schulung gegen
die Annehmlichkeiten des bloßen Kapitalismus.
Und weil auch die Phantasie schlussendlich die
Formen des Internets sprengt, können wir uns
auf das »world-wide-web« für grundlegendes,
substanzielles Networking nicht verlassen. Ich
sehe täglich eine Menge Internetmaterial zu
Geschlechterfragen und bemerke, wie dieses
kontinuierlich das Organisieren für die Veränderung der Welt ersetzt und wie unkritisch
avantgardistisch es bleibt. Es ist nicht meine
Stärke, Verallgemeinerungen über Aktivismus
zu formulieren, weil ich denke, dass Arbeit in
ihrem Arbeitsein, in ihrer Arbeit selbst, text­
gebunden ist. Deswegen schließe ich hier und
fahre mit der praktischen Arbeit fort, die ich in
den letzten 20 Jahren getan habe und die, weil
sie sowohl die Fähigkeit zum Lernen von unten
als auch das Lernen der Sprache von unten
erfordert, nicht so viele Mitarbeiterinnen findet,
wie ich mir wünschen würde. Ich bin froh, dass
Frigga uns gebeten hat, unsere Stimme zu erheben und hoffe, mit dieser Gruppe in Solidarität
verbunden zu bleiben.
Ein Nachsatz zur Diskussion: Dem Unterschied
zwischen links und rechts ist die Bedeutung
des Verständnisses von Geschlechtergerechtigkeit in den Zweideutigkeiten der reproduktiven
Heteronormativität vorgeschaltet. Dies gehört
aber eher in die Diskussion, statt als eigner
Abschnitt in eine kurze Darlegung einbezogen
zu sein.
manchmal wurde ein »Lernen« angehängt,
denn auch dafür wollten wir mehr Zeit. Weil
diese Dimension heimlicher Kernpunkt des
Arbeitskampfes war, ging es um mehr als
Arbeitszeitverkürzung. Es ging auch um die
Hegemonie über die Zeit. Ein bekanntes Bild
– der 35-Stunden-Wochen-Zug von Gertrude
Degenhardt – zeigt ganz vorn einen kleinen
Trommler, der die 30 auf seiner Trommel trägt.
Der Sechs-Stunden-Tag war das feministische
Ziel der Gewerkschaftsfrauen, um zu einer
annähernd gerechten Verteilung der Arbeit zu
kommen: der Erwerbsarbeit, der Sorgearbeit
und der zivilgesellschaftlichen Arbeit.
[1]Epistemologie lässt sich als eine »Problematik
charakterisieren, die bestimmt, was in diesem Feld als
ein Problem gilt und welche Mittel verfügbar sind, um
es zu lösen«. (W.A.L. Suchting, in Historisch kritisches
Wörterbuch des Marxismus 3, 1997, S. 638)
102
Die Briefe – Sybille Stamm
Dass die Kraft nicht reichte, um den
Sechs-Stunden-Tag durchzusetzen, macht die
gesellschaftliche Konzeption nicht obsolet.
Gerade weil es derzeit keine Perspektive für
eine radikale Umgestaltung der Arbeitsgesellschaft und des Sozialstaates gibt, streiten wir
über bedingungsloses Grundeinkommen oder
entwickeln Frauen rückwärts gewandte
Vorschläge wie das Erziehungsgeld, das
allenfalls geeignet ist, das Recht der Frauen
auf Erwerbsarbeit zu verletzen.
»Eine demokratische Weiterentwicklung
moderner Arbeitsgesellschaften kann nicht
jenseits der Erwerbsarbeit liegen. Eine
Erneuerung zivilgesellschaftlichen Engagements kann nicht an die Bevölkerungsgruppen
adressiert werden, denen die Integrationschancen in den Arbeitsmarkt verweigert
werden. Vielmehr muss das Beschäftigungssystem selbst mit den Zielen der Neuverteilung
von Arbeit und Einkommen und gleichberechtigter Teilhabe von Männern und Frauen an
Erwerbs-, Familien- und öffentlicher Arbeit
umgebaut werden.« (Brigitte Stolz-Willig 2001)
Frigga Haug hat diesen Anspruch in der
»Vier-in-einem-Perspektive« neu formuliert:
Frauen und Männer sollen ein Recht auf
bezahlte Erwerbsarbeit bekommen, sich
gleichberechtigt Sorge- oder Familienarbeit
teilen, Zeit für sich selber, für kulturelle und
geistige Fähigkeiten und Interessen sowie für
Muße haben und – viertens – gleichberechtigt Politik machen.
Als Kompass schlägt Haug vier mal vier
Stunden vor, also vier Stunden Erwerbsarbeit,
die existenzsichernd sein muss, vier Stunden
Familienarbeit, vier Stunden für sich selbst
und vier Stunden Zeit, um partizipativ
Gesellschaft und Politik mitgestalten zu
können. Und was der Architektin der »Vier-ineinem-Perspektive« wichtig ist: Die vier Teile
der Perspektive sind gleichgewichtig, ja
bedingen sich gegenseitig. Das ist gewissermaßen die »Zentralperspektive«.
Das könnte ein neues linkes feministisches
Projekt werden.
Es hat drei Voraussetzungen:
das Leben als Ganzes denken,
radikale Geschlechterdemokratie und
Zeit als die wichtigste Dimension im Leben.
n
n
n
Die Umsetzung der »Vier-in-einem-Perspektive«
erfordert einen radikalen Umbau der Arbeitsgesellschaft und des Sozialstaates. Das ist
machbar, allerdings eine Machtfrage:
n Wenn alle Arbeit haben, werden
große finanzielle Ressourcen frei;
n die Abschaffung des
Alleinernährermodells, insbesondere
des Ehegattensplittings, bringt allein schon
jährlich 23 Millliarden Euro in die Kassen;
n der Steuerhaushalt muss umgebaut,
der Spitzensteuersatz erhöht, die
Vermögenssteuer wieder eingeführt
werden – das bringt 21 Milliarden jährlich.
Mit diesen Geldern müsste der Ausbau
öffentlicher Dienstleistungen – Kinder­
betreuung, Bildung, Pflege älterer und
kranker Menschen – als professionelle
Dienstleistungen finanziert werden.
Auch könnte das hunderttausende
neuer Arbeitsplätze schaffen.
Zudem müsste eine radikale
tägliche Arbeitszeitverkürzung erkämpft
werden.
n
Bedenkt man, dass zum Beispiel in
der Metallindustrie 1962 die 40-StundenWoche eingeführt wurde, seither die
durchschnittliche gesamtwirtschaftliche
Produktivität um etwa zwei Prozent jährlich
gestiegen ist und dieser Produktivitäts­
fortschritt wenigstens zum Teil in
Arbeitszeitverkürzung umgewandelt
worden wäre, hätten wir längst die
20-Stunden-Woche.
Antoine de Saint Exupéry riet, die
Männer Sehnsucht nach dem endlosen
Meer zu lehren, wenn man ein Schiff
bauen will. Unserer Zeit sind die Utopien
ausgegangen und »wenn die utopischen
Oasen austrocknen, breitet sich eine
Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus«
(Jürgen Habermas 1984).
Der Neoliberalismus lässt keinen
Raum für Lebensentwürfe jenseits der
Diktatur des Marktes. Jetzt befindet er
sich in einer außerordentlichen Krise.
Das ist auch eine Chance für reale
Utopien, zum Beispiel für ein neues
linkes feministisches Projekt.
103
Janna Thompson
Melbourne, Australien
Gedanken zu einer feministischen Politik
Es gibt nicht eine Gestalt, die feministische
Politik annehmen sollte. Kürzlich führte Nancy
Fraser aus, dass Feministinnen gegen zwei
Arten der Unterdrückung zu kämpfen hätten:
Einerseits gegen Androzentrismus und die
Abwertung von Tätigkeiten, die mit Frauen
in Verbindung stehen, und andererseits
gegen Diskriminierung und Ungleichheit am
Arbeitsplatz, in Wirtschaft und Politik. Diese
beiden Kämpfe – der eine, dessen Ziel die
Aufwertung der Stellung der Frauen ist, der
andere, der die Überwindung der Ungleichheit
der Geschlechter anstrebt – sind schwer in
Einklang zu bringen. Ich glaube kaum, dass
sich alle Feministinnen unter einer politischen
Weltanschauung zusammenfinden. Dennoch
kann man gesellschaftliche Institutionen und
Methoden benennen, die eine Schlüsselrolle
bei der Aufrechterhaltung beider Unterdrückungsformen spielen. Sicher sind sich viele
Feministinnen einig, was die Ziele bezogen
auf diese Institutionen betrifft. Wenn feministische Aktionen auch die Aufmerksamkeit
solcher Frauen anziehen, die sich nicht mit
Feminismus identifizieren, dann besteht eine
reale Chance, den gesellschaftlichen und
politischen Status quo anzugreifen.
Meine Gedanken darüber, wie der Feminismus
in Zukunft vorankommt, sind stark durch Entwicklungen in meinem Land (Australien) beeinflusst und mögen an anderen Orten weniger
bedeutsam sein. Im vergangenen Wahlkampf
(Ende 2007), den die »Labor Party« gewann,
betonte deren Vorsitzender wiederholt seinen
Willen zur Unterstützung der »arbeitenden
Familien«. Diese klug gewählte Formulierung,
in ihrer Bedeutung alles andere als eindeutig, wurde in Reden der »Labor Party« so oft
wiederholt, dass sie zur Zielscheibe für Witze
wurde. Offensichtlich waren die ParteistrategInnen der Überzeugung, dass eine Fokussierung auf Familien WählerInnen anziehen
würde, und sie hatten ohne Zweifel Recht. Eine
weitere Besonderheit in dieser Wahlkampagne
war eine relativ neue politische Partei namens
»Familienpartei«, der es mit dem Versprechen, eine familienfreundliche Gesetzgebung
zu unterstützen, gelang, genügend Stimmen
für einen Sitz im Senat auf sich zu vereinen.
Faktisch handelt es sich um eine rechte Partei,
und ihr Vorsitzender (ein Mann) wird ganz sicher eine konservative und neoliberale Politik
machen, auch dann, wenn ihre Auswirkungen
auf Familien nachteilig sind.
Aus diesen Erfahrungen ziehe ich zwei Schlüsse: Erstens, dass Politik, die auf Familien
Die Briefe – Janna Thompson
fokussiert oder wenigstens so tut als ob, bei
vielen Menschen Gehör findet. Es ist natürlich
nicht überraschend, dass das Familienleben
große Bedeutung für die Menschen hat, und
dass das Wohlergehen der Familie häufig ihre
größte Sorge ist. Feministinnen wie ich, deren
Aufmerksamkeit vor allem ihrem Beruf gegolten hat, neigen dazu, die Rolle der Familie
herunterzuspielen.
Meine zweite Schlussfolgerung ist, dass Feministinnen eine familienorientierte Politik nicht
dem rechten Flügel überlassen sollten. Meiner
Erfahrung nach tendiert Politik, die die Familie
aufwertet, dazu, traditionelle »Familienwerte«
zu stärken, diese aber zugleich zu unterminieren, indem sie das ökonomische Programm
der Rechten unterstützt. Es gibt aber keinen
Grund, warum eine familienorientierte Politik
nicht Sache von Feministinnen und Linken
sein sollte.
Viele feministische Theorien basieren auf der
Kritik der Familie und betonen ihre zentrale
Rolle für die Unterdrückung von Frauen.
Die Fortschritte des Feminismus in kapitalis­
tischen Demokratien haben die Probleme,
welche sich für Frauen in und mit der Familie
ergeben, nie gelöst. In den Massenmedien
erzählt uns ein Kommentator nach dem anderen, der Feminismus habe die Frauen verfehlt,
entweder weil er ihnen die Befriedigung eines
glücklichen Familienlebens versagt habe, oder
weil er Bestrebungen unterstützte, die mit
einem glücklichen Familienleben unvereinbar
waren. Diese Vorwürfe zeigen, dass Frauen in
ihrem Verhältnis zur Familie einer Vielzahl an
Problemen gegenüberstehen, die sie bei allen
Mühen allein nicht befriedigend lösen können.
Ich denke, es gibt hervorragende Chancen für
eine familienorientierte feministische Politik
– eine Politik, die das Potenzial hat, Frauen
anzusprechen, die sich marginalisiert und angreifbar fühlen, deren Verantwortlichkeit nicht
angemessen gewürdigt und unterstützt wird,
und die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen. Eine feministische Familienpolitik kann
die Bedingungen für Frauen verbessern, ihnen
eine Stimme geben sowie die Geschlechterrollen und Verhältnisse am Arbeitsplatz in
Frage stellen. Sie kann die Aufmerksamkeit
auf ökologische und ökonomische Bedingungen lenken, die für Familien Probleme mit sich
bringen. Eine Familienpolitik könnte sich mit
dem Wohlergehen zukünftiger Generationen
beschäftigen und gesellschaftliche Bedingungen schaffen, die das Leben der Menschen
in Zukunft verbessern. Wenn Menschen
ernsthaft über diese Themen nachdenken,
beginnen sie nach meiner Erfahrung auch, die
politische und wirtschaftliche Lage kritisch zu
hinterfragen.
104
Die Briefe – Janna Thompson – Renate Ullrich
Hier einige Ziele, die eine feministische Familienpolitik sich geben sollte. Ich weise nochmals darauf hin, dass diese Liste vor dem
Hintergrund der Verhältnisse in meinem Land
formuliert ist und einige der Ziele in anderen
Ländern nicht von Bedeutung sein mögen.
1. Anerkennung und angemessene Unterstützung für Familien in all ihren Formen: EinElternfamilien, Großfamilien, gleichgeschlechtliche Paare, Familien der Einheimischen und
der Menschen unterschiedlicher ethnischer
Zugehörigkeit.
2. Anerkennung und Unterstützung der
Arbeit, die (normalerweise von Frauen) in
Familien geleistet wird: Löhne und Hilfestellung für Familienmitglieder, die älter werdende Eltern oder behinderte Kinder betreuen,
Nachbarschaftsnetzwerke ins Leben rufen,
das Problem der Gewalt in Familien in
Angriff nehmen; bezahlbare und hoch­wertige Kinderbetreuung.
3. Familie und Arbeitsplatz: Zusammenarbeit
mit Gewerkschaften und anderen Organisationen, um das Bewusstsein der Arbeitgeber
zu stärken, dass ihre Angestellten (sowohl
Männer als auch Frauen) oft Familienpflichten haben; großzügige Elternzeiten mit
Bezahlung (Australien hat nicht einmal
das Erstere); Möglichkeiten für beide Eltern,
Arbeit und Familienleben zu vereinbaren;
gleiche Bezahlung für Frauen und keine
Diskriminierung gegenüber Frauen mit
Kindern; Möglichkeiten der Rückkehr nach
einer Kindererziehungsphase ohne Nachteile
für beide Elternteile.
Renate Ullrich
Berlin, Deutschland
4. Kinder: Anerkennung von Kinderrechten;
Kampf gegen die Ausbeutung von Kindern.
5. Politik: Eingriffe auf den verschiedensten
politischen Ebenen im Kampf für die oben
genannten Themen; Mitspracherechte für Frauen, in deren Leben die Familie im Mittelpunkt
steht und Unterstützungssysteme für die, die
politisch aktiv werden wollen; Kampf gegen
Gesetze mit negativen Folgen für Familien.
6. Weitergehende Themen: Für die Erkenntnis
arbeiten, dass Umwelt- und andere soziale
Probleme – etwa der Ausbau des Militärs –
Probleme für Familien sind. Menschen ermutigen, darüber nachzudenken, wie die Welt für
unsere Kinder aussehen soll, und zum Kampf
für diese Welt aufrufen.
Es ist offensichtlich, dass die hier aufgelisteten Ziele und Vorschläge nicht die Gesamtheit
feministischer Politik umfassen. Feministinnen
haben viele weitere Anliegen und eine linke
politische Partei braucht Raum für verschiedene Programme und Zugriffe. Dennoch wäre
eine Konzentration auf das Thema Familie ein
Schritt auf dem Weg, den Kampf um Wertschätzung und den Kampf für soziale Gerechtigkeit zusammenzubringen. Feministinnen
könnten zudem mit Frauen zusammenarbeiten,
die sich selbst nicht als Feministinnen sehen,
einschließlich derer, die zunächst eine feindselige Einstellung dem Feminismus gegenüber
haben. So könnten Feministinnen und Frauen,
die andere Vorstellungen von der Bedeutung
des Feminismus haben, zusammen für Ziele
kämpfen, die das Leben von Frauen verbessern
und den Kapitalismus in Frage stellen.
Vor kurzem habe ich ein Buch gelesen, das
der so genannten dritten feministischen Welle
zugerechnet wird: »Neue deutsche Mädchen«.[1]
Im Nachhinein bin ich sehr zufrieden, dass
ich mich durch die Medienkampagnen nicht
davon habe abschrecken lassen. Denn da gibt
es mehr zu entdecken, als die Medien erzählen. Zu entdecken gerade für Linke, die – nach
meinem Verständnis – so viele Quellen wie
möglich nutzen sollten, um herauszufinden,
was Leute denken, brauchen und suchen.
und Elisabeth Raether, Lektorin und Übersetzerin, geboren in Heidelberg. Beide sind
um die 30, beide sind Scheidungskinder. Zur
Zeit der feministischen Bewegung in der BRD
waren sie Säuglinge, zur Zeit der Wende etwa
12 oder 13 Jahre alt. Vom demokratischen
Aufbruch in der DDR hat Elisabeth Raether
in Heidelberg so gut wie nichts mitgekriegt.
Jana Hensel erinnert sich an Montagsdemos
in Leipzig. Beide »Mädchen« haben also das
Hochgefühl nie empfunden, das jede wirkliche
Bewegung hervorzurufen vermag. Wir haben
erlebt, in welche Begeisterung Frigga Haug
gerät, wenn sie über die Erfahrungen der
Frauenbewegung erzählt. In eine ähnliche Begeisterung geraten Frauen und Männer, die die
Die »neuen deutschen Mädchen« sind Jana
Hensel, Journalistin und Schriftstellerin, geboren in Thüringen, aufgewachsen in Leipzig,
[1]Jana Hensel/Elisabeth Raether: Neue deutsche
Mädchen. Rowohlt 2008
Neuer Feminismus?
105
berühmte Demo vom 4. November [2] im Herbst
1989 auf dem Berliner Alexanderplatz organisiert, gestaltet oder auch »nur« mitgemacht
hatten. Und wenn Frauen über die Gründungsversammlung des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV) in der Berliner Volksbühne am
Rosa-Luxemburg-Platz vom Anfang Dezember
1989 erzählen, geraten sie in ähnliche Begeisterung. Walfriede Schmitt, die Schauspielerin,
welche die Westfrauen kaum, die Ost-Frauen
aber noch gut kennen, sagte dazu sinngemäß:
Es war toll, einmal diese ungeheure Energie zu
spüren, die in uns Frauen steckt! Auch wenn
wir letztlich verloren haben – solche gemeinsamen Aufbrüche sind Erlebnisse, aus denen
die, die sie mitgemacht haben, ihr Leben lang
Ermutigung und Kraft ziehen können.
Die beiden »neuen deutschen Mädchen«, ihr
Jahrgang und alle folgenden, haben solche
historischen Phasen nicht erlebt. Sie verfügen
nicht über diesen »Fundus« an Erfahrungen,
etwas außerhalb von sich selbst verändern
zu können. Wir können ihnen davon erzählen, aber die Erlebnisse und die Hochgefühle
vererben – das können wir nicht.
Jana Hensel und Elisabeth Raether haben
heutzutage ganz andere Probleme. Sie sind
hochqualifiziert, flexibel, mobil, auslandserfahren und stehen damit nicht nur für eine
große, sondern ständig wachsende Bevölkerungsgruppe. Sie sind kritisch, selbstkritisch,
beobachten scharf. Sie haben ein Buch darüber geschrieben, »wie es heute ist, eine Frau zu
sein. Ein ehrliches Buch, ein persönliches mit
allem, was wichtig ist« (16). Sie sprechen also
ausdrücklich für und über sich selbst, allerdings kaum für und über andere Frauen, gar
nicht für und über solche, die nicht zu der gleichen sozialen und, wie es neudeutsch heißt,
bildungsnahen Schicht gehören wie sie selbst.
Das sollte uns nachdenklich machen.
Nachdenklich sollte uns auch machen, warum
diese beiden dieses Buch geschrieben haben.
Jana Hensel hatte, anlässlich des 30. Geburtstages der »Emma« Alice Schwarzers Rede
gehört und war empört, dass diese nicht über
ihre, das heißt Probleme der heutigen jungen
Frauen, gesprochen hatte. Sie beschloss mit
ihrer Freundin Elisabeth zusammen, die
Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dass
diese Generation sich selbst vertritt, ist sehr
zu begrüßen. Aber: Man mag zu Alice Schwarzer und ihren politischen Intentionen stehen,
wie man will – in dieser Rede hatte sie über
Unterdrückung der Frau im Islam, Beschneidungen in Afrika und Europa, Magersucht,
Frauenhandel, Prostitutionstourismus und
Mütterwahn gesprochen, also vor allem über
krasse Symptome moderner, patriarchal
fundierter Gewalt gegen Frauen und damit
Die Briefe – Renate Ullrich
über global stattfindende Menschenrechtsverletzungen. Doch alles das sind Janas und
Elisabeths Probleme nicht. Sie kommen in
dem Buch nicht vor. Auch Solidarität kommt
nicht vor – weder als Begriff noch als Tätigkeit. Und das halte ich für alarmierend.
Andrerseits. Sie schildern ihre Realität konsequent in der Ich-Form. Eine so subjektive
Realitätssicht war Linken lange suspekt.
Deshalb polemisierte Christa Wolf bereits
1977: »Rückhaltlose Subjektivität kann zum
Maß werden für das, was wir (ungenau, glaube
ich) ›objektive Wirklichkeit‹ nennen – aller­dings nur dann, wenn das Subjekt nicht auf
leere Selbstbespiegelung angewiesen ist,
sondern aktiven Umgang mit gesellschaftli­chen Prozessen hat.« [3] Gerade weil dieser
Gedanke noch immer nicht zum gedanklichen
Allgemeingut der Linken gehört, sollten wir
ihn uns einprägen. Er ist eine Lesehilfe, eine
Brille, die den kritischen, den »politischen
Blick« schärft, den man beim Rezipieren von
Kunstwerken und besonders von Medien­
produkten immer haben sollte.
Dass sich die jungen Frauen durch Alice
Schwarzer nicht repräsentiert fühlen, finde ich in Ordnung. Problematisch finde ich
allerdings, dass sie von der zweiten Welle des
Feminismus nur Alice Schwarzer (zu) kennen
(scheinen), sie als deren Repräsentantin
nehmen und in dieser einen Person die ganze
Bewegung abkanzeln: Sie sei von der Zeit
eingeholt worden, hätte längst von der Bühne
abtreten sollen, ihre Rhetorik sei alt, ihre Sache sei ihr entglitten. Wenn schon diese beiden hochqualifizierten Frauen so vereinfacht
denken und urteilen, wie mag es dann um die
Geschichtskenntnisse und das Geschichtsbewusstsein dieser und der nachfolgenden
Generation insgesamt bestellt sein?
Alice Schwarzer, so schreiben sie auf den
ersten Seiten ihres Buches, gehe von einer
falschen Realität aus. Die Realität sei:
»Gleichheit der Geschlechter ist nicht mehr
ein fernes Ziel. Eine selbstverständliche
Gleichberechtigung wollen wir und versuchen,
sie zu leben. Die Normalität ist zu unserer
größten Sehnsucht geworden.« (15) Gleichheit, Gleichberechtigung der Geschlechter
als Normalität, als gelebter Alltag – das ist
ihre Sehnsucht. Wenn wir das als Maßstab
[2]Diese Demo wurde – das ist wohl ebenso einzigartig für die deutsche Geschichte wie typisch für die
DDR – von Theaterleuten vorbereitet, organisiert und
einberufen. Und Theaterleute mit gelbgrünen Schärpen
sorgten auch für Sicherheit.
[3]Christa Wolf: Berührung. In: Christa Wolf:
Fortgesetzter Versuch. Aufsätze Gespräche Essays.
1977; Reclam Leipzig, S. 283.
Die Briefe – Renate Ullrich
im Kopf behalten, dann entdecken wir in den
subjektiven Beschreibungen eine Menge
Informationen über Lebens- und Denkweisen
junger intellektueller Frauen von heute, über
Qualitäten von Geschlechterverhältnissen
und -spannungen, über zwischenmenschliche
Beziehungen. Und diese Informationen sind
durchaus politisch relevant.
Wenn Elisabeth Raether schreibt: »Seit ein
paar Jahren erst versuchen wir (damit meint sie
ihre Generation! RU), uns eine Familie vorzustellen, die statt einer Versorgungseinheit eine
tatsächliche Gemeinschaft ist, beruhend nicht
nur auf ökonomischen Abhängigkeiten, sondern
auf Verbundenheit« (96), so hat mich das, die
ich mehr als doppelt so alt, aber DDR-sozialisiert bin, geradezu umgehauen. Elisabeth
Raether hat studiert, hat Arbeit, ist nicht reich,
aber finanziell unabhängig. Wieso kommt ihr
dieser Gedanke so spät? Ihr Thema ist das
Missverhältnis zwischen ihrer Sehnsucht
nach Liebe und ihren realen Beziehungen zu
Männern. Das Leitmotiv in den Kapiteln, die
sie geschrieben hat, ist die freiwillige und
vorauseilende Anpassung an Verhaltensweisen, die ihrem Ich widerstreben, von denen
sie aber meint, dass Männer sie erwarten. Sie
beschreibt Variationen dieser vorauseilenden
Anpassung: Den Versuch, Liebe ebenso zu
machen wie sie an ihren Männern beobachtet,
»cool«, ohne etwas von sich selbst preiszugeben. Den Wunsch, die Männer mögen die
Verantwortung für die Beziehung übernehmen
»Er steckte das Terrain unserer Beziehungen
ab. Er zog die Grenzen, ich überschritt sie nie.«
(58) und die Dates organisieren, denn einen
gemeinsamen Alltag haben sie kaum. Das
trügerische Gefühl, trotz permanenter Nutzung der Kreditkarte eines Mannes, autonom
zu sein. Und last not least das Kalkulieren
mit Gefühlen, als wären es Aktien: »Ich wollte
auf keinen Fall mehr geben, als ich am Ende
zurückerhalten würde. Das war mir schon zu oft
passiert.« (190) In dem Maße, in dem Elisabeth
die selbstzerstörende Wirkung dieses Verhaltens spürt und erkennt, verachtet und hasst
sie es. Aber sie beginnt erst, es zu überwinden, als sie einen Mann kennen lernt, den sie
und der sie, wie sie schreibt, nicht anzulügen
braucht! Diese glückliche Partnerschaft ist die
private Lösung eines Problems, dessen gesellschaftliche Ursachen Elisabeth Raether eher
ahnen und vermuten als analysieren kann.
Jana Hensel, die geborene Ossi, schreibt nicht
nur über ihre »Beziehungen« zu Männern. Sie
setzt andere Akzente. Im Unterschied zu Elisabeth, die die Implosion der DDR nicht einmal
erwähnt, sind für Jana die Wende – sie sagt
immer: Mauerfall – und deren Folgen einschneidende Erlebnisse. Die Scheidung ihrer
Eltern erlebte sie weniger als private Tragödie
denn als Teil des großen Umbruchs.
106
Ende der 1990er Jahre kommt Jana aus Leipzig
nach Berlin, erlebt es anfangs als spannendes Chaos, als Hoffnung für ein anderes
Zusammenleben der Menschen, später als
Abblättern der Illusionen: »Aus einer Zeit, die
sich gerade noch im Verlauf befand, ist eine
Episode geworden«. Als Ankommen in der
Konsumgesellschaft: »Das Leben hat sich aus
den Hinterhöfen in die Schaufenster verlagert.
Aus Berlin ist die Zukunft gewichen«. Und
schließlich als Angekommensein in einer
verfestigten Gesellschaft: »Jeder ist an seinem
Platz angekommen, und so bewegt man sich
wieder in den Grenzen, die für eine strukturierte Gesellschaft da sind und die ihre sozialen
Räume definieren.« (45).
In Berlin entdeckt sie merkwürdige neue Verhaltensweisen an sich selbst. Sie beginnt Affären genau nach den Mustern, die, wie sie sagt,
in den Zirkeln junger Intellektueller jeder kennt
und durchschaut. Und dann einer jener Sätze,
die mich nachdenklich machen: »Das Ende der
Affäre ist die Voraussetzung der Begegnung.«
(40) Die allseits geforderte Flexibilität und
Mobilität schlagen offenbar auch hier durch.
Merkwürdige Verhaltensweisen entdeckt
Jana auch am Partner: David verweigerte den
Zutritt zu seiner Wohnung, als ginge es um
Zutritt zu seinem Leben. Als sie sie betreten
darf, stellt sie fest: Die Wohnung war teuer
und groß, aber auf Jana wirkten die Räume
wie eine Kulisse, sie blieben stumm, erzählten
nichts. Die Wohnung war nicht großzügig, bloß
leer. Und David selbst war immer auf Wirkung
aus, nicht nur auf Wirkung auf die jeweilige
Partnerin, sondern: »Was immer er tat, er
schenkte es einem Publikum.« (35) Es war kein
Austausch von Vertrauen gegen Vertrauen,
von Liebe gegen Liebe. Jana interpretiert dieses Verhältnis als eine »Suche nach Ankunft,
die derart rastlos war, dass sie sich für keinen
Zustand entscheiden konnte.« (38)
In ihrer Rastlosigkeit, die zunehmend in
Orientierungslosigkeit übergeht, fragt Jana
ihre Mutter nach der Welt, in der sie, Jana,
Kind war und in die sie nie mehr zurückkehren kann, weil es sie nicht mehr gibt.[4]
Die von der Mutter beschriebenen damals
festgelegten Koordinaten des Alltags und ganz
besonders die Verbindung von privatem und
gesellschaftlichen Leben – Jana meint hier
nicht nur Vereinbarkeit von Beruf, Familie,
Kindern – rufen in ihr Sehnsüchte hervor.
»Betrachte ich dagegen meinen unübersichtlich kleinen, nur nach eigenen Maßstäben
[4]Das Verschwinden der DDR hat Jana Hensel bereits
ausführlich in ihrem Buch »Zonenkinder« beschrieben;
Rowohlt 2002
107
entworfenen Alltag, der in einer Gegenwart
stattfindet, die mir oft ziellos erscheint, und
der sich jeden Tag mit allen nur denkbaren
Optionen vor mir aufrichtet, dann beneide ich
meine Mutter um jenen Zustand der Alternativlosigkeit, um den man normalerweise niemanden beneidet.« (103)
Dann tut Jana etwas, was junge Leute heute
kaum noch tun. Sie liest DDR-Literatur, »Guten Morgen, du Schöne«, die Frauenprotokolle
von Maxie Wander, die ein Jahr nach Janas Geburt erschienen sind, damals in der DDR viel
gelesen, viel diskutiert wurden und für viele
noch heute als ein ermutigendes Erlebnis
darstellen. In der DDR gab es keine Frauenbewegung, aber es gab eine Frauenemanzipation
und in deren Rahmen ab Beginn der siebziger
Jahre viele Kunstwerke und Diskussionen
darüber. Und auch das hatte emanzipierende
Wirkung. Über dieses Thema könnten wir eine
ganze Tagung bestreiten!
Heute entdeckt Jana in den Protokollen
neidvoll »eine engagierte Direktheit der Worte«
(104), eine Sprache, die ohne Stereotype auskommt, und Frauen, »die offen und ohne Rechtfertigungsgebärden über ihren sogenannten
Platz in der Kette der Gesellschaft reden. Wie
viel defensiver argumentieren Frauen heute.
Wie viel weniger selbstbewusst, wie viel abhängiger treten wir heute auf … Ich kann mich nicht
erinnern, in den letzten Jahren je Angst gehabt
zu haben, mit dieser oder jener Handlung eine
Kette in Gefahr gebracht zu haben … Ich fühle
mich nicht als Teil eines Ganzen und bin es, genau betrachtet, auch nicht.« (106f.) Das macht
nachdenklich. Und auch, dass sie die bedenkenswerte Frage anfügt: Bedeutete die formale
Gleichberechtigung der Geschlechter, dass sie
alle Menschen in gleichem Maße reduzierte?
Als Jana ihr Frau-Sein, ihr soziales Frau-Sein
entdeckte, war das wie ein Schock für sie. Sie
entdeckte es weniger in »Affären« als vielmehr
ganz altmodisch: »auf Arbeit«; genauer: Erwerbs­arbeit; und noch genauer: während eines
unbezahlten Praktikums, das sie mit viel Glück
erobert hatte (Generation Praktikum!). Sie entdeckte es in einer Berliner Zeitungsredaktion
in Form des Mangels an Frauen, der Hierarchie,
des Konkurrenzverhaltens und der subtilen
Zensurmaßnahmen durch männliche Kollegen.
Der Schock war, dass sie das Frau-Sein als
Einschränkung entdeckte. »Und die Einschränkung schien größer als die Entscheidung zwischen Kind und Karriere: Eine Frau
sollte im Leben nur zuschauen dürfen. An den
wichtigen Punkten war für mich kein Platz. Die
Wirklichkeit definierten andere, Karriere hin
oder her.« (176) Definitionsmacht ist gerade
in den Berufen, mit denen wir es hier zu tun
haben, ein wichtiger Arbeitsinhalt. Karriere
Die Briefe – Renate Ullrich
ohne Definitionsmacht bedeutet da so viel
wie: einen Arbeitsplatz haben. Diejenigen, die
einen Arbeitsplatz haben, lasse »man (wer ist
man? RU) mitspielen«, um ihnen das Gefühl
zu geben, »dazuzugehören«. (181) Das treffe,
so sagt sie, auch auf die Männer dieser ihrer
»entmutigten Generation« zu. Dazugehören –
das Verb kommt oft vor in diesen Texten, aber
bemerkenswerter Weise immer ohne Objekt.
Wozu dazugehören? Über die Beschreibung
von Geschlechter- und Generationskonflikten
kommt Jana nicht hinaus.
Auf der Arbeit entdeckt Jana ihr Frau-Sein
als Gegensatz zum Mann-Sein. Aber in dem
Kapitel »Alte Mütter. Über die neuen Väter«
(147–168) beobachtet sie alte und neue
Verhaltensweisen und zwar sowohl bei
Frauen wie bei Männern. Sie berichtet von
zwei Vätern, die nach der Scheidung keineswegs »verschwunden« sind, sondern trotz
arbeitsplatzbedingter großer Entfernungen
ihre Leben ganz im Hinblick auf die Kinder
eingerichtet haben, was auf einer Fete laute
Bewunderung hervorruft. Als einer der Väter
dann aber zugibt, er habe eine neue Partnerin
und plane auch Kinder mit ihr, deshalb
untersage seine Exfrau, ihm den Kontakt zu
ihren/seinen Kindern, da stellen sich alle
Anwesenden – Frauen und Männer – abrupt
auf die Seite der Exfrau. Und sie kramen
allerlei tradierte Argumente über leibliche
Mütter und Mütterlichkeit hervor. Aber Jana,
die soeben ihr Frau-Sein begriffen hat,
konstatiert: Diese beiden jungen Männer sind
in den letzten Jahren weite Wege gegangen,
erheblich weitere als viele Frauen. Dahinter
steckt, meine ich, eine gewichtige Fragestellung für feministische Linke: Warum halten
sich die alten Vorurteile gegen Männer/Väter,
auch wenn diese sich auf ganz neue Weise
verhalten? »Neu« und »Alt« sind Kategorien,
die in der Arbeiterbewegung oft diskutiert
wurden. Aber was ist heute alt und was neu?
Und woran soll man das messen?
Zu Recht hält Jana das Modell Hausfrau und
Mutter für überholt, das Modell von Alice
Schwarzer – beruflicher Erfolg als Synonym
für Gleichberechtigung – für eine unakzeptable Anpassungsleistung an die Männerwelt,
das DDR-Modell der Geschlechtergleichberechtigung wegen des Mangels an Demokratie
für nicht machbar. Sie schlussfolgert: »Wir
müssen von vorn beginnen« (108) und meint
damit ihre entmutigte Generation. Diesen
Vorschlag halte ich für unhistorisch gedacht
und für nicht machbar.
Besser gefällt mir da schon ihre andere Idee:
Frauen sollten die Bedingungen an Teilhabe
neu definieren! Aber an Teilhabe, so finde
ich, für alle – für Frauen, Kinder und Männer!
Wenn das kein Auftrag an die Linken ist!
Die Briefe – Christa Wichterich
Christa Wichterich
Köln, Deutschland
Das Projekt linker Feminismus
im 21. Jahrhundert – eine Skizze
Nach der Phase, in welcher sich der Feminismus auf Identitätspolitiken und Anerkennung
konzentriert hat, sollte er jetzt – wie Nancy
Fraser sagt – auf Umverteilungspolitik
refokussieren. Aus einer feministischen Kritik
des neoliberalen Wirtschaftsparadigmas
muss er emanzipatorische Ansätze für ein
faires, bedürfnisorientiertes, geschlechtergerechtes Wirtschaften aufzeigen.
Erster Schritt ist, die gesellschaftliche Hege­
monie im Denken in Bezug auf Ökonomie, Arbeit und soziale Sicherheit aufzubrechen, um
Visionen aufmachen zu können. Dies wird im
folgenden aus zwei Blickwinkeln versucht.
1. Aus einer feministischen Perspektive, die
auf Geschlechtergerechtigkeit orientiert und
deren analytischer Ansatzpunkt ist, dass die
neoliberale Globalisierung sich auf Grundlage
internationaler und geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung vollzieht.
2. Aus einer internationalistischen globalisierungskritischen Perspektive, die auf globale
soziale Gerechtigkeit orientiert.
Feministische Ökonomie hat immer das
Ganze der Wirtschaft und das Gesamt von
Arbeit, nämlich alle ihre gesellschaftlich
notwendigen produktiven und reproduktiven Formen als wertschöpfend in den Blick
genommen. In der neoklassischen Theorie
und der marktwirtschaftlich kapitalistischen
Praxis zählt nur die Arbeit, die als Lohnarbeit
den Marktverträgen von Verkauf und Gewinn
und den Kriterien von Effizienz, Wachstum
und Konkurrenz untersteht. Arbeit, die
anderen, eher moralischen Prinzipien folgt,
nämlich der Vorsorge und Fürsorge, der
Kooperation, Wechselseitigkeit und Solidarität wird aus der Ökonomie ausgegliedert
und als unproduktiv abgewertet. Die Versorgungsrationalität von Arbeit wird von der
Effizienzrationalität von Arbeit abgespalten.
Trotzdem wird unbezahlte und ehrenamtliche
Sorge-, Subsistenz- und Reproduktionsarbeit
als quasi natürliche und unendliche dehnbare
Ressource für das Funktionieren der Wirtschaft vorausgesetzt – wie auch die natürliche Umwelt und die Selbstregenerierung
natürlicher Ressourcen.
Das hat zum einen die Zerstörung der
moralischen oder solidarischen Formen
von Ökonomie zur Folge, zum anderen die
Entbettung der Ökonomie aus den sozialen
108
Bezügen, zum dritten eine Externalisierung
von sozialen und ökologischen Kosten aus
der Marktökonomie.
Die Kosten und Schäden, die die Ökonomie
durch Nutzung von unbezahlter Sorgearbeit
und der Natur verursacht, erscheinen nicht in
den kapitalistischen Kalkülen. Sie bleiben versteckt und werden externalisiert. Sie werden
aus dem Markt verschoben in die Umwelt, wo
sie sich als Naturzerstörung oder Klimawandel manifestieren, oder in die Privathaushalte,
wo sie von den Individuen, in der Mehrzahl
von Frauen, durch unbezahlte Mehrarbeit, vor
allem Sorgearbeit, geschultert werden. Auch
die Sorgeverantwortung, die soziale Sicherheit und die Krisen, die das System in seiner
Widersprüchlichkeit produziert, werden ins
Private hinuntergeladen und dort der »Eigenverantwortung« überlassen. Dadurch findet
neoliberaler Paradigmenwechsel statt: Das
Solidarprinzip, das bisher individuelle und gesellschaftliche Risiken aufgefangen hat, wird
ersetzt durch eine Privatisierung des Risikos
und eine Individualisierung der Versorgung
und der Verantwortung.
Wenn Schäden und Kosten aus dem Wirtschaftsprozess ausgelagert werden, wird
auf Kosten anderer gewirtschaftet. Dies
geschieht zum Beispiel, wo mit jeder Melone Bodenfruchtbarkeit und Wasser von den
Feldern des Südens in die Supermärkte des
Nordens exportiert werden, oder wo Pflegeund Sorgearbeit an Kranken und Alten vom
bezahlten Arbeitsbereich in den unbezahlten
oder schlecht bezahlten Arbeitsbereich meist
von Frauen verlagert wird. Wo die einen –
Länder, Wirtschaftssektoren, Unternehmen,
Leistungseliten – effizienter auf Kosten anderer wirtschaften, ist dies strukturell ungerecht
und muss zu immer neuen sozialen Ungleichheiten führen.
Aus einer feministischen Perspektive gilt
es, den Zusammenhang zwischen der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung und
der internationalen Arbeitsteilung in der Produktion und Reproduktion zu entschlüsseln.
Feministische Kritik muss die »Sachzwänge«
des globalen Marktes und neoliberaler Politik
wie zum Beispiel Kostenexternalisierung und
Krisendownloaden mit den Veränderungen
der Mikroebene der Arbeitsverhältnisse,
sozialer Reproduktion und Geschlechterverhältnisse in Beziehung setzen. Aufgrund der
neoliberalen Globalisierung können weder
die Krise von Arbeit und sozialer Reproduktion noch ihre Lösung in einem nur nationalstaatlichen Rahmen gedacht werden. Hierzu
gehört vielmehr eine globalistische weltbürgerliche Perspektive. Dabei muss die Kritik
der Herrschaftsverhältnisse auf den Märkten
109
und in den Verteilungsmechanismen und die
Entwicklung von Alternativen an den Rändern
ansetzen, bei den VerliererInnen, den Marginalisierten, den MigrantInnen, den Frauen,
den Indigenen, dem globalen Süden.
Wiederherstellung der fordistischen Sozialund Wohlfahrtsstaatlichkeit ist aus einer
feministischen und internationalistischen
Perspektive weder wünschenswert noch
möglich, weil das Wohlstands- und Konsumniveau der Mittelklassen im globalen
Norden nur auf Kosten des Südens und
der Umwelt möglich ist und deshalb nicht
verallgemeinerbar ist. Ebensowenig ist
Vollbeschäftigung wiederherstellbar, zum
einen weil aufgrund der Produktivitäts­
steigerung und der technologischen Entwicklung immer weniger Arbeitskräfte benötigt
werden, um immer mehr Güter zu produzieren, zu handeln und Dienste zu leisten. Zum
anderen aber, weil Vollbeschäftigung des
weißen Ernährermannes auf Kosten seiner
unbezahlt Sorgearbeit leistenden und aus
dem Erwerbsmarkt ausgegrenzten oder
marginalisierten »Hausfrau« ging.
Es geht um eine Repolitisierung der Ökonomie, von Arbeit und sozialer Sicherheit aus
feministischer Perspektive. Dabei rückt die
Verteilungsfrage als mehrdimensionale Frage
ins Zentrum, denn es geht nicht nur um die
Verteilung von Lohnarbeit und unbezahlter
Arbeit, sondern auch um die Verteilung von
Ressourcen, Einkommen, Wertschätzung,
Zeit und natürlich Macht.
Die Briefe – Christa Wichterich
2. Eine nicht-neoliberale Wirtschaft
muss das Soziale, die Vorsorge, die
soziale Reproduktion von Anfang an
integrieren. Das Wirtschaften muss
wieder in die sozialen Zusammenhänge
eingebettet werden und dem Zweck der
Bedürfnisbefriedigung und sozialen
Sicherung dienen, statt an eine profit­
orientierte, auf Ungleichheit aufbauende
Wirtschaft soziale Auffangnetze anzu­hängen. Diese soziale Wiedereinbettung
ist ein Element der Remoralisierung von
Wirtschaft: Versorgung statt Profit, Koope­
ration statt Konkurrenz. Das kann nur
durch eine bürgerschaftliche Demokratisierung der Wirtschaft geschehen, die zum
einen das Soziale, sprich: soziale Verant­
wortung und Kooperation neu erfindet und
lebt, und zum anderen darauf orientiert,
die internationale und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und auch die Ressourcen- und Wohlstandsverteilung wieder­
anzueignen. Dies ist ein Gegenprinzip zu
der Tendenz, alle Lebensbereiche wie
auch das öffentliche und das Gemeinwohl
durch Privatisierung zum Beispiel des
Gesundheits- und Bildungswesens dem
Markt zu übereignen.
3. Dazu geht auch eine Repolitisierung des
Konsums (nicht nur des Energiekonsums).
Wieviel Konsum, wie viele Ressourcen brauchen wir für ein gutes Leben?
Wir wissen, dass es kein universelles Rezept
und keinen Königinnenweg in die richtige
Richtung geben kann, sondern ein je lokal
spezifisch sortiertes Paket von Bauelementen, die folgendes einschließen sollten:
4. Der Kampf von Frauenbewegungen und
Frauenpolitiken für ein bedingungsloses
Recht auf Rechte als vollwertige Bürgerinnen
muss ausgeweitet werden zu einem Kampf
für ein bedingungsloses Recht auf Rechte
jenseits von Staatsbürgerlichkeit, damit es
als weltbürgerliches Konzept MigrantInnen
nicht länger ausschließt.
1. Aus feministischer Sicht hatte die Forderung nach Umverteilung von Arbeit stets
mehrere Dimensionen, nämlich eine quantitative Neuverteilung und eine qualitative
Neubewertung von bezahlter und unbezahlter,
marktförmiger und sorgeorientierter Arbeit.
Eine solche Umverteilung und Umbewertung
von Arbeit müsste demokratisch ausgehandelt werden, zwischen den AkteurInnen auf
lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
Der Feminismus sollte in den entsprechenden Diskursen und politischen Auseinandersetzungen eine denkführende Rolle übernehmen und emanzipatorische Ansatzpunkte
für eine gerechtere solidarische Ökonomie
identifizieren, die sich nicht über soziale und
Geschlechterungleichheit vermittelt und in
Ungerechtigkeit resultiert, sondern globale
soziale Gerechtigkeit zum handlungsleitenden Ziel des Wirtschaftens macht.
110
Die Briefe – Nira Yuval-Davis
Nira Yuval-Davis
London, Großbritannien
Liebe Frigga,
Danke für die Ehre, als eine von hundert internationalen Feministinnen auf die wichtige
Frage nach der Dringlichkeitsliste für feministische Politik im kommenden Jahrzehnts
angesprochen zu werden. Unglücklicherweise
habe ich selbst so viele eigene Projekte auf
dem Plan, dass ich dem Thema in der zur
Verfügung stehenden Zeit nicht den erforderlichen Raum widmen kann. Es wird von mir
deshalb keinen Beitrag geben.
Aber auf jeden Fall ist es ganz wichtig für
Feministinnen, nicht irgendeiner Art von Identitätspolitik zu erliegen, sondern staatliche
und andere Politik in einer umfassenden intersektionalen Weise anzugehen. Wir müssen
über Abgrenzungen und Grenzen hinweg
und im Dialog gemeinsam Perspektiven
zu allen Themen entwickeln. Was Differenz
umgreift, statt sie durch Gleichheit zu
unterdrücken.
Vor einigen Jahren gewannen die »Southall
Black Sisters« hier vor Gericht einen wichtigen Kampf gegen die lokalen Behörden, welche ihnen im Namen von »Integration« und
»sozialem Zusammenhalt« Mittel entziehen
wollten. Der Richter meinte, dass wahrer
»Zusammenhalt« nicht ohne Gleichheit erreicht werden könne und wirkliche Gleichheit
die Möglichkeit beinhalten müsse, den besonderen Bedürfnisse einzelner Gruppierungen
in der Gesellschaft Rechnung zu tragen. Wir
müssen Kämpfe austragen, von denen wir
dachten, wir hätten sie bereits in den 1970er
Jahren gewonnen. Ich frage mich, ob das
auch in Deutschland so ist.
111
Frigga Haug
Und weiter …
Anschlussüberlegungen
Die vorliegende Broschüre ist erst ein Anfang.
Das Projekt hat kein Ende: Die meisten Autor­
innen arbeiten weiter und schicken weitere
Texte.[1]
Es ist an der Zeit, in der globalisierten Welt
den Internationalismus von Frauenbewegung
wieder zu beleben. Die Fragen müssen auch
gestellt werden vor dem Hintergrund der
transnationalen Kapitale, die wiederum die
Frauenschicksale in aller Welt mit sich reißen,
so wie eben jetzt in der Weltwirtschaftskrise.
Sozialismus (alle in der Umfrage sprechen
von Sozialismus) ist als besseres Leben zu
begreifen. Politik ist auf verschiedenen Ebenen anzupacken – von unten als »GraswurzelPolitik« und links-feministisch-sozialistisch
zugleich. Der Kampf um den Wohlfahrtsstaat
muss zugleich als Kampf gegen seinen Abbau
in den westlichen kapitalistischen Ländern
und mit dem Kampf für seinen Aufbau in den
Dritt-Weltländern verknüpft werden.
Gegen sexistische Gewalt ist bis in die Kommunikationsstrukturen hinein zu streiten –
dafür müssen wir eine Sprache finden, die uns
für den Umbau fehlt. Sie fehlt ebenso weitgehend in marxistischen Analysen. Die Gewalt
besteht in jedem Land der Welt fort und
nimmt viele Formen an, von Vergewaltigung
als Waffe im Krieg über häusliche Gewalt und
dem Ausschluss von Frauen und Mädchen von
Gesundheitsfürsorge, Wahlfreiheit, Bildung
und öffentlichem Leben, ein Ausschluss, der
ihre Chancen weiter beschränkt und ihnen die
Möglichkeit nimmt, ihre Rechte einzufordern.
Die außergewöhnlich große Rolle, die der
gesamte Reproduktionssektor für die Erhaltung des Systems, für die Art der Erwerbsarbeit, für die Lebensweise spielt, gilt es zu
erforschen und zu begreifen. Dies reicht bis in
Fragen der Ökologie, den Umgang mit Natur
umfassend und verbietet eine Konzentration auf den bloß gewerkschaftlichen Kampf.
Nicht bloß auf Berufstätige ist zu orientieren.
Vielmehr ist die sozialistische Perspektive
zu übersetzen in heutige Praxen mit aller
Erfahrung aus feministischen Kämpfen, aus
Gemeinwesenarbeit, in der alle Stereotypen
abgebaut werden. Wir streiten für eine Welt,
[1 ]Die erweiterte und überarbeitete Textsammlung
wird zu Beginn des kommenden Jahres 2010 im
Argumentverlag erscheinen: Frigga Haug (Hg.).
Feministische Briefe aus der Ferne
Und weiter … Anschlussüberlegungen
in der Individuen beiderlei Geschlechts aufrecht leben können.
Daher ist die Frage von Familienpolitik absolut
zentral für ein linkes Projekt. In ihr stellt sich
die Hegemoniefrage. Es ist die Masse der
Frauen betroffen. Gegen die konservative
Rechte ist zu streiten, die sich Familienpolitik
auf Kosten von Frauen und Familien zunutze macht. Noch machen wir Politik in einer
Linken, die darauf keine wirklichen Antworten
hat. Es muss für die Erkenntnis gearbeitet
werden, dass Umwelt- und andere soziale Probleme – etwa der Ausbau des Militärs – auch
Familienprobleme sind. Wir wollen zur Frage
ermutigen, welche Art von Welt wir für unsere
Kinder wollen und wir wollen zum Kampf für
diese Welt antreten.
Wichtige Dimensionen und Kämpfe gelten
der Frage von Selbstveränderung, der
Wiederentdeckung des eignen Standpunktes
und der Herstellung einer »Politik des Wir«,
also kollektiver Handlungsfähigkeit. Gegen
die neoliberale Vereinzelung ist explizit zu
streiten. Gegen die Gefangennahme der Begriffe in die neoliberale Agenda ist bewusste
Rückeroberung zu vollziehen. Aus den täglichen Grenzüberschreitungen sind alternative
Erfahrungen zu schöpfen.
Ein Hauptergebnis aus dieser internationalen
Umfrage ist auch eine Lehre und ein Wegweiser: Ein möglicher Einschluss feministischer
Dimensionen in ein linkes Programm wird
weltweit als aufregend diskutiert. Diese
Diskussion ist selbst ein Politikum. Dies
verändert das Klima um die Partei, gibt
Feministinnen Auftrieb. Dass es nicht fertig
ist, dass keine Rezepte herauskommen,
kann uns nicht entmutigen, sondern an die
Arbeit setzen. Wie zum Beispiel nimmt man
die notwendige Globalität eines aktuellen
Feminismus in ein Programm? Oder die
Notwendigkeit, gegen Gewalt und gegen
alltäglichen Sexismus einzuschreiten? Wir
brauchen eine Diskussionskultur, wonach
wir alle Fragen immer öffentlich machen,
uns weltweit beteiligen. Dies ist selbst das
Politische, das wir feministisch ins Programm
bringen. Wir wollen nicht fertige Antworten
auf einzelne nationale Punkte. Wir lernen
aus dem Internationalismus der Arbeiterbewegung, der selbst eine große Kraft ist. Dies
ist das Format, das wir brauchen. Es braucht
Strukturen, in denen diese Diskussionen
geführt werden können, Räume. Linker Feminismus ist ein Projekt, das von uns stets neu
lebendig geschaffen wird, wozu wir beweglich dialektisch denken lernen müssen, alles
stets in Veränderung begreifen und doch
handlungsfähig werden.
Einige Absagen – Ingrid Galster – Sabine Hark – Ingrid Kurz-Scherf
112
Einige Absagen
Ingrid Galster
Paderborn, Deutschland
Thesen zu einem linken
feministischen Projekt heute
Von Frigga Haug gebeten, ihr mitzuteilen,
wie ich mir ein linkes feministisches Projekt
heute vorstelle, begann ich mir Gedanken
zu machen, als ich am 5. August 2008 im
Radio hörte, DIE LINKE werde für die Wahl
zum Bundespräsidentenamt die Kandidatur
Gesine Schwans nicht unterstützen und eine
eigene Kandidatin oder einen eigenen Kandidaten aufstellen. Da diese Kandidatur nur
Sabine Hark
Berlin, Deutschland
Liebe Frigga Haug,
herzlichen Dank für die Anfrage, am Programm der LINken feministisch mitzuarbeiten. Das ehrt mich. Dennoch möchte ich diese
Ehre ausschlagen. Nicht nur, weil ich genau
dies schon einmal getan habe, nämlich feministisch am Grundsatzprogramm der GRÜNEN
mitgearbeitet zu haben und es Dinge gibt, die
Ingrid Kurz-Scherf
Marburg, Deutschland
Liebe Frigga,
es wird Dir nicht entgangen sein, dass ich
von dem Projekt einer feministischen
Assistenz (ich weiß, so siehst Du das nicht,
aber andere und ich) für die Programm­
debatte der LINKEN auch nicht so ganz
überzeugt war/bin. Die Tatsache, dass Dir
nun alle absagen, hat sicher viele Gründe –
aber auch den, dass das Projekt einfach
nicht reizt. Ich fürchte, das wird auch so
bleiben: Das heißt, Du wirst keinen Kreis
zusammenbekommen, der wirklich unterschiedliche Positionen abdeckt. Letztendlich
werden es einige SchülerInnen/AnhängerInnen von Dir sein. Aber ich werde und kann
mich nicht auf Dein und dann durch andere
verstärktes marxistisches Fundament stellen,
weil ich dem Marxismus sehr viel kritischer
gegenüber stehe als Du. Ich betrachte den
Marxismus als eine Quelle der Inspiration,
Symbolcharakter haben kann, wird damit,
soweit ich sehe, Horst Köhler der Weg für die
Verlängerung seiner Amtszeit geebnet. Wenn
die politische Praxis so aussieht, halte ich es
für überflüssig, hehre Ziele in das Programm
aufzunehmen. Um die Geschlechtergerechtigkeit voranzubringen, muss bei bestimmten
Gelegenheiten auch überparteilich gedacht
und agiert werden. In diesem Sinne habe
ich mich gegenüber zwei namhaften französischen Feministinnen geäußert, die bereit
waren, ihre Vorstellungen zu einem linken
feministischen Projekt an Frigga Haug weiterzugeben. Sie werden – wie ich selbst –
darauf verzichten.
eine nur einmal im Leben braucht/sollte. Sondern vor allem, weil mir durch diese Erfahrung
deutlich geworden ist, dass ich für solcherart
(parteipolitische) institutionelle Prozesse nur
begrenzt Energien zur Verfügung habe – und
diese verbrauche ich leider schon im täglichen
Windmühlenkampf an der Universität.
Ich wünsche Ihnen dennoch gutes Gelingen
damit und bin gespannt auf das Ergebnis.
Mit den besten Grüßen
Sabine Hark
aber auch als Objekt meiner Kritik. In den
nächsten Tagen wird Dich eine Einladung
hierher nach Marburg erreichen (oder hat
sie schon?) und ich hoffe sehr, dass wir dann
ein paar Kontroversen, die sich aus dem
unterschiedlichen Bezug auf den Marxismus
ergeben, ansprechen können.
Das heißt, ich will gern mit Dir diskutieren,
zu zweit oder auch zu mehreren. Aber mit
Dir und anderen, die Deine Sicht der Dinge
und auch der LINKEN teilen, einen gemein­
samen programmatischen Text verfassen
zu wollen, geht, glaube ich, nicht. Andere
werden aber nicht dazukommen, weil ihre
Skepsis gegenüber der LINKEN noch größer
ist als meine. Ich schlage deshalb vor, dass
Du mich entweder sofort aus dem Projekt
entlässt oder aber Dir einen Kreis zusammensuchst, der mit Dir ein feministisches
Manifest zwecks Einspeisung in die Programmdebatte der LINKEN verfassen will,
ihr verfasst einen allerersten Entwurf und
ich werde sehen, ob ich mich da einklinken
113
Einige Absagen – Ingrid Kurz-Scherf – Birgit Mahnkopf – Andrea Maihofer – Karin Priester
kann oder nicht. Wenn nicht, werde ich
das aber ausführlich begründen und auch
mit Euch diskutieren. Ich kenne einfach
niemanden, von dem ich glaube, dass
er/sie sich zur Zeit feministisch bei den
LINKEN einklinken will.
Ich hoffe, du bist einverstanden. Wir können
uns trotzdem gern am 7. Juli irgendwo am
späten Vormittag oder am späten
Nachmittag zu einem Schwätzchen treffen.
Ich grüße Dich herzlich
Ingrid
Birgit Mahnkopf
Berlin, Deutschland
vorbereiten, bevor ich (hoffentlich durch
einen Erholungsaufenthalt unterbrochen)
Mitte September an der Sommerschule der
»Global Labour University« teilnehme und
Beiträge für die Brüssler Tagung, eines ein
EU-Projekt zu »Privatisation and the European
Social Model«, fertig bekommen muss. Ende
September finden dann Prüfungen an der
FHW Berlin statt und es beginnt eine neues,
kaum weniger hartes Semester. Kurzum: Da
ich noch nicht einmal eine »Sommerpause«
identifizieren kann, will ich in meiner verdichteten Restlebens-Arbeitszeit nicht weitere
Aktivitäten unterbringen – für die andere
Frauen auch möglicherweise viel geeigneter
wären, als ich es bin.
Liebe Frigga,
Dein Anliegen ist mir höchst sympathisch,
doch wäre es schlichtweg unverantwortlich, wenn ich Dir eine Mitarbeit zusagte.
Weil ich es kaum noch schaffe, den bereits
eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen, wäre es mehr als unvernünftig, mich
für weitere Projekte zu engagieren. Es fängt
schon bei Deinen Terminvorschlägen an: Ich
habe bis Ende Juli einen dichten Semesterbetrieb (könnte daher an keinem der von
Dir vorgeschlagenen Termine), Ende Juli bis
Mitte August muss ich nicht nur Hunderte
von Seminarpapieren lesen und begutachten
und viele englischsprachige Masterarbeiten
betreuen, sondern auch etwas auf der Attac
Sommerakademie anbieten und schon wieder
mindestens zwölf Semesterwochenstunden in
englischer Sprache für das im Wintersemester
Andrea Maihofer
Basel, Schweiz
Liebe Frigga,
wegen des Textes. Eigentlich würde ich
den seeeeeeeeeehr gerne machen, denke
auch immer wieder dran. Nur derzeit bin ich
dabei, mehrere Forschungsanträge zu Ende
zu stellen und weiß einfach nicht, wie ich das
noch einschieben soll. Ich bin keine Schnell-
Karin Priester
Münster, Deutschland
Liebe Frigga Haug,
danke für die Anfrage, aber ich bin wohl die
falsche Adresse. Die Linkspartei wird auch
ohne mich ihren Weg gehen. Und zu meiner
Kompetenz in Sachen Feminismus habe ich
leider nur mein Geschlecht vorzuweisen.
Daher bitte ich Dich ganz herzlich um
Verständnis dafür, dass ich bei Deinem/
Eurem Projekt leider nicht mitmachen kann.
Mit den besten Wünschen fürs
Gelingen und herzlichen Grüßen
Birgit Mahnkopf
schreiberin und würde mir auch gerne
etwas Zeit nehmen, nachzudenken.
Ich komme also frühestens Ende der
nächsten Woche, Anfang der übernächsten
dazu. Aber auch nur, wenn die Forschungs­
anträge mich nicht bis zur letzten Minute
beanspruchen. Sonst eben in der ersten
Oktoberwoche, aber dann ist es wohl zu
spät? Also habe bitte noch etwas Geduld
mit mir.
Herzlich, Andrea
Manchen, wie Christa Müller, scheint das
ja zu genügen, aber ich habe es mir zur
Regel gemacht, nur über Themen zu
schreiben, von denen ich halbwegs etwas
verstehe. Wenn die Linkspartei sich
solche Eva Hermanns vom Leibe halten
könnte, wäre schon viel gewonnen.
Nichts für ungut und gutes Gelingen!
Beste Grüße
Karin Priester
Einige Absagen – Christina Thürmer-Rohr – Susanne Völker
Christina Thürmer-Rohr
Berlin, Deutschland
Liebe Frigga,
bitte entschuldige, dass ich auf deine Anfrage erst heute antworte und dir ausdrücklich
dafür danke. Ich musste erst mal etwas
überlegen. Denn einerseits ist die Anfrage ja
verlockend und die gefragte Beratungstätigkeit sinnvoll und wichtig und könnte vielleicht
auch produktiv sein. Andererseits bin ich
meines Erachtens grundsätzlich für Partei­
arbeit und die dafür notwendigen Grenz­
ziehungen ziemlich schlecht geeignet. Bisher
hat es mir gereicht, Wählerin der Linkspartei
zu sein, bin aber bei näheren persönlichen
Kontaktnahmen aus bekannten Gründen
wieder etwas auf Distanz gegangen. Und
schließlich ist mir die sogenannte Frauenfrage schon länger zu eng geworden –
Susanne Völker
Potsdam, Deutschland
Liebe Frigga Haug,
tut mir Leid, dass ich erst so spät auf Ihre
Anfrage reagiere, ich war drei Wochen
verreist und schiebe gerade eine Bugwelle
Arbeit vor mir her und – um es ehrlich zu
sagen – ich bin in meiner Antwort hinund hergerissen. Konkret: Ich habe großes
Interesse mich politisch einzumischen und
zugleich befinde ich mich persönlich in einer
schwierigen – zeitgemäß »prekären« –
Umbruchsituation.
114
ein Feminismus als Patriarchats- und Gewaltkritik, der »Frauen« in die Kritik einbezieht.
Das ist alles gesagt und geschrieben, aber
weitestgehend vergessen. Und weil man nur
einmal lebt, ist es nicht sonderlich inspirierend, sich ständig zu wiederholen. Ich werde
zwar immer wieder angefragt, und die gegenwärtigen Geschichtsverdrehungen sind natürlich Anlass, dass ich mich dazu äußere. Aber
die Vehemenz von früher bringe ich nicht
mehr auf. Wie gesagt, ich glaube, ich bin für
die Arbeit in einer Partei einfach ungeeignet
und wäre für dich/euch kein wirklicher
»Gewinn«.
Liebe Frigga, ich bitte dich also sehr um Verständnis und Entschuldigung, hoffe aber trotzdem, dass wir Gelegenheit finden zu Kontakt
und Diskussion, öffentlich oder halböffentlich.
Das finde ich immer interessant. Herzliche
Grüße, alles Gute und alle guten Wünsche
Christina
Beruflich ist ab Beginn nächsten Jahres alles
offen (um es positiv zu formulieren) und ich
muss dringend meine Habil beenden, d. h. ich
bin zeitlich völlig eingedeckt mit hoffentlich
irgendwann mal »existenzsichernden« Dingen.
Insofern kann ich momentan – obgleich der
linken durchaus (kritisch) verbunden – nicht
zusagen bzw. mich verbindlich einklinken. Das
mag in einem dreiviertel Jahr anders sein …
In diesem Sinne vielen Dank für die Anfrage,
ich muss aber noch einen (bislang noch nicht
sichtbaren) Weg finden, mich freizuschaufeln!
Herzliche Grüße
Susanne Völker
115
Die Autorinnen
Die Autorinnen
Dr. María José Balibrea Enriquez
London, Großbritannien und Murcia, Spanien
Professorin für spanische Literatur- und
Kulturwissenschaft am Institut für Spanisch,
Portugiesisch und Lateinamerika-Studien der
University of London.
Gerente Respuestas Solidarias Fundación
para la Comunicación Social (COSO),
Universidad de Piura
Dr. Cynthia Cockburn
Professorin im Fachbereich Soziologie an der
City Universität London, Großbritannien
Literaturhinweis: Die Herschaftsmaschine,
Hamburg 1988
The Space Between Us: Negotiating Gender
and National Identities in Conflict. London 1998
Literaturhinweis: Tiempo de exilio:
una mirada critica a la modernidad
espanola desde el pensiamiento republicano
en el exilio, Montesinos 2007
Dr. Bronwyn Davies
Professorin an der Western Universität
Sydney, Australien; Leiterin des Bereichs
»Narrative Discourse and Pedagogy«, eines
interdisziplinären Bereichs, der an der
Hochschule für Kunst angesiedelt ist.
Dr. Abigail Bray
Forschungsassistentin an der Murdoch Universität in Pearth, Australien; Leitung eines
Gemeinschaftsprojekts zwischen dem Bereich
Women’s Studies und dem »Centre for the
Vulnerable Child« zum Thema sexueller
Missbrauch von Kindern.
Literaturhinweise: Judith Butler in Conversation:
Analysing the texts and talk of everyday life.
(Ed), New York 2008; Davies, B. and Gannon,
S.: Doing Collective Biography, 2006
Literaturhinweis: Emotional Problems:
On Child Sexual Abuse Moral Panics,
Feminist Media Studies 2009
Dr. Hester Eisenstein
Professorin für Soziologie an der QueensUniversität New York; sie leitete dort lange
Zeit den Bereich Women’s Studies.
Christel Buchinger
Diplom-Biologin, LISA-Frau, im Bereich
Feminismus und Mentoring tätig.
Literaturhinweise: How Global Elites
Use Womens Labor and Ideas to Exploit the
World (erscheint 2009); Inside Agitators:
Australian Femocrats and the State
(Temple University Press, 1996)
Literaturhinweise: Humankapital, ein
Plädoyer für die ernsthafte Beschäftigung
mit einem Phänomen;
http://www.westpfalz-journal.de/Seiten/
100politikallgemeinseiten/Buchinger/
humankapital.htm
Dr. Judith Butler
Professorin für Rhetorik und vergleichende
Literaturwissenschaft an der European
Graduate School und an der University of
California, Berkeley, USA.
Literaturhinweise: Das Unbehagen der
Geschlechter, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2003;
Sprache, Politik, Zugehörigkeit (zusammen mit
Gayatri Spivak), diaphanes, Zürich/Berlin 2007
Dr. Judith Ezekiel
Professorin im Ruhestand, Womens Studies,
Wright State University, Dayton Ohio, USA
Literaturhinweis: Feminism in the Heartland,
Ohio State University Press 2002
116
Die Autorinnen
Dr. Rose Baba Folson
Bis 2007 Dozentin an der Universität von
Toronto, dann wieder in Ghana, wo sie das
RBF CONSULTING and RESEARCH Institute
aufbaute Accra, Ghana
Literaturhinweis: Frauenabhängigkeit hat
viele Muster, in: Das Argument 266/2006
»Expatriates« and »Labour Migrants«; In:
Thomas Geisen (Hrsg.) Arbeitsmigration.
WanderarbeiterInnen auf dem Weltmarkt
für Arbeitskraft. Frankfurt a. M. 2005
(1994b). Zur Geschichte Ghanas und zum
Leben der Frauen aus unterschiedlichen
Schichten: Ihre Macht und Ohnmacht. In
Afrikanisch-Asiatische Studentenförderung
e.V., Göttingen. (Eds.) Frauen und Entwicklung. Frankfurt/Main: IKO Verlag, pp. 99-124.
[Exemplary History of Ghana and Women of
different Social Backgrounds: Their Power and
its Limitation, in Women and Development]
(1997a). Ausländische Studentinnen und
Wissenschaftlerinnen in der Bundesrepublik
Deutschland – Probleme und Perspektiven. In
Hosseini-Zadeh, A. (Ed.) Studium Internationale.
Marburg: Schüren Verlag, pp. 189-210.
[»The Situation of Non-German Students
and Scholars in Germany – Problems and
Perspectives«, in: International Studies]
Folson, Rose Baaba, Interkulturelle Zusammenarbeit, In Differenz und Differenzen:
Zur Auseindersetzung mit dem eigenen
und dem Fremden im Kontext von Macht
und Rassismus bei Frauen. Bielefeld, 1994a:
149 bis 156
Dr. Harriet Fraad
Psychotherapeutin, in New York und in der
Frauenbewegung aktiv. Sie ist Präsidentin der
»Association for Psychohistory«
Literaturhinweis: Stephen Resnick, and
Richard Wolff: Bringing It All Back Home:
Class, Gender and Power in the Modern
Household, London and Boulder 1994
Susanne Gannon
Dozentin für Literatur und Englisch an der
Western Universität in Sydney, Australien
Literaturhinweise: Davies, B. and Gannon, S
(Eds.): Doing collective biography: Investigating
the production of subjectivity. Open University
Press/McGraw Hill 2006 Gannon, S.: Messing
with memory. In A. Hyle and J. Kaufman (eds)
Dissecting the Mundane: International Perspectives on Memory Work; University Press
America 2008
Dr. Montserrat Galceran
Professorin für Philosophie an der
Complutense Universität, Madrid, Spanien
Literaturhinweis: La invención del marxismo –
estudio sobre la formación del marxismo en la
socialdemocracia alemana de finales del s. XIX
by Dr. Montserrat Galceran Huguet –
veröffentlicht in 1997, IEPALA (Madrid)
Deseo [y] Libertad, Madrid, Traficantes de
sueños, 2009.
»Producción y reproducción en Marx« und
»Identidad de género y sujeto político«, in
Laboratorio Feminista de Madrid, Transformaciones del trabajo desde una perfectiva
feminista, Madrid, Tierradenadie ed., 2006.
Dr. Ingrid Galster
Professorin für Sprach- und Literaturwissenschaften an der Universität Paderborn
Literaturhinweis: Beauvoir dans tous ses états.
Paris: Tallandier, 2007
Lena Gunnarsson
Doktorandin am Bereich Gender Studies
an der Örebro Universität Schweden, Vorstandsmitglied im CMS (Centre for Marxist
Studies), und Mitglied der schwedischen
»Vänsterpartiet« (Linkspartei)
Literaturhinweise: Lena Gunnarsson, Anna
G Jónasdóttir, Gunnel Karlsson (eds): GEXcel
Work in Progress Report, Volume II Gender,
Sexuality and Global Change Fall 2007;
Lena Gunnarsson(ed): GEXcel Work in
Progress Report, Volume III Gender,
Sexuality and Global Change
Lena Gunnarsson und Anna Jonasdottir (eds):
GEXcel Work in Progress Report, Volume IV
Gender, Sexuality and Global Change
Conference of Workshops 22-25 May 2008
»Accumulated Worthiness? Women and Men,
Love and Authority.« In Gender and the
Interests of Love: Essays in Honour of
Anna G. Jónasdóttir, edited by Kathleen B.
Jones and Gunnel Karlsson.
Örebro: Örebro University, 2008.
117
Dr. Sabine Hark
Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung/Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der TU Berlin
Literaturhinweise: Was ist und wozu Kritik?
Über die Möglichkeiten und Grenzen feministischer Kritik heute in Feministische Studien.
Zeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung. Kritik Üben – Übungen in Kritik
27. Januar 2009; Dissidente Partizipation.
Eine Diskursgeschichte des Feminismus,
Frankfurt am Main: Suhrkamp (stw) 2005
Dr. Frigga Haug
Professorin im Ruhestand für Soziologie
und Sozialpsychologie an der Universität für
Wirtschaft und Politik, Hamburg; Vorsitzende
des Berliner Instituts für Kritische Theorie und
Mitherausgeberin des Historisch-kritischen
Wörterbuchs des Marxismus und der
Zeitschrift Das Argument.
Literaturhinweise: Zuletzt: Die Vier-in-einem
Perspektve Politik von Frauen für eine neue
Linke, 2008, 2 A 2009; Rosa Luxemburg und
die Kunst der Politik, Hamburg 2007;
Dr. Rosemary Hennessy
Professorin für Englisch und Direktorin
an der Albany, SUNY-Universität in
New York, USA; Leiterin des »Center for the
Study of Women, Gender, and Sexuality«,
Syracuse University, Houston Texas
Literaturhinweise: Materialist Feminism
and the Politics of Difference. New York 1993;
Stichwort: Feminismus im Historisch-Kritischen
Wörterbuch des Marxismus. Ed. Wolfgang Fritz
Haug. Berlin: Argument, 1997
Maria Joó
Eötvös Universität, Institut für Philosophie,
Budapest, Ungarn
Literaturhinweis: Beitrag Brüche. Geschlecht.
Gesellschaft. Gender Studies zwischen Ost und
West in der BMBWK-Reihe »Materialien zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft« 2003
Die Autorinnen
Dr. Larissa Krainer
Professorin am Institut für Interventionsforschung und Kulturelle Nachhaltigkeit in
Klagenfurt, Österreich; Mitglied der Fakultätskonferenz der Fakultät für Interdisziplinäre
Forschung und Fortbildung
Literaturhinweis: Krainer, Larissa:
Österreichische Frauenzeitschriften.
Zwischen Kommerz- und Alternativmedien.
Mit einem Vorwort von Frigga Haug.
Drava-Verlag, Klagenfurt/Celovec 1995.
Krainer, Larissa: Medien und Ethik.
Zur Organisation medienethischer Entscheidungsprozesse. KoPäd-Verlag, München 2001.
Krainer, Larissa: Nachhaltige Entscheidungen.
Zur Organisation demokratisch-partizipativer
Entscheidungsfindungsprozesse.
In: Krainer, Larissa/Trattnigg, Rita (Hg.):
Kulturelle Nachhaltigkeit. Konzepte,
Perspektiven, Positionen. Oekom.
München 2007, S. 169-199
Dr. Birge Krondorfer
Politische Philosophin. Lehrbeauftragte beim
Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien
Klagenfurt; lebt als freie Lehrende und Autorin
in Wien.
Literaturhinweis: Zeitreisen. Die Geschichte
des ÖH – Frauenreferats an der Universität
Klagenfurt, Alpen – Adria – Universität
Klagenfurt 2003
Texte zur Theorie und Praxis der Geschlechter­
differenzen. Hg. u. a.: Frauen und Politik.
Nachrichten aus Demokratien, Wien 2008;
Gender im Mainstram? Kritische Perspektiven,
Wien 2007;
Frauen und Ökonomie. oder: Geld essen Kritik
auf, Wien 2000
Dr. Ingrid Kurz-Scherf
Professorin für Politikwissenschaft mit
dem Schwerpunkt »Politik und Geschlechterverhältnis« an der Universität Marburg.
Literaturhinweis: »Arbeit neu denken, erforschen, gestalten« – ein feministisches Projekt.
In: dies./Correll, Lena/Janczyk, Stefanie
(Hg.): In Arbeit: Zukunft: Die Zukunft der
Arbeit und der Arbeitsforschung liegt in ihrem
Wandel, Münster 2005 und Ingrid Kurz-Scherf
u. a. (Hg.): Reader feministische Politik und
Wissenschaft. Positionen, Anregungen,
Perspektiven. Königstein/Ts., 2006
118
Die Autorinnen
Dr. Jo Labanyi
Professorin für Spanisch an der New York
University; Gründerin des Journal of Spanish
Cultural Studies.
Dr. Birgit Mahnkopf
Professorin für »Europäische Gesellschaftspolitik« an der Fachhochschule für Wirtschaft
(FHW) in Berlin.
Literaturhinweise: The politics of the
everyday and the eternity of ruins: two
women photographers in Republican
Spain (Margaret Michaelis 1933-7,
Kati Horna 1937-8), in C. Burdett and
D. Duncan (eds) Cultural Encounters:
European Travel Writing in the 1930s.
Berghahn Books, 2002; Gender and
Modernization in the Spanish Realist Novel.
Oxford University Press, Oxford 2000
Literaturhinweis: »Die Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in
der Weltgesellschaft« (mit Elmar Altvater,
1. Auflage 1996, 7. Auflage im Jahr 2007
Dr. Christine Lehmann
Journalistin, Schriftstellerin und
Literaturwissenschaftlerin; lebt in Stuttgart
Literaturhinweis: Vergeltung am Degerloch –
Kriminalroman zur Frauenbewegung,
Hamburg August 2006 weitere
Kriminalromane, von denen zwei auf der
Krimiweltbestenliste waren
Dr. Elisabeth List
Professorin für Philosophie an der
Universität Graz, Österreich;
Literaturhinweis:
Denkverhältnisse. Frankfurt/Main 1989
Grundlagen der Kulturwissenschaften –
Interdisziplinäre Kulturstudien von
Dr. Elisabeth List und
Mag. Dr. Erwin Josef Fiala, 2004
Die Präsenz des Anderen. Theorie und
Geschlechterpolitik, Frankfurt am Main 1993
Grenzen der Verfügbarkeit. Die Technik, das
Subjekt und das Lebendige, Wien 2001
Vom Darstellen zum Herstellen. Eine
Kulturgeschichte der Naturwissenschaften,
Weilerwist 2007
Ethik des Lebendigen, Weilerwist 2009
Dr. Isabel Loureiro
Professorin für Philosophie; Vorsitzende
der Rosa Luxemburg Stiftung, São Paulo,
Brasilien.
Literaturhinweis: Rosa Luxemburg und
die Bewegung der Landlosen in Brasilien.
In: UTOPIE kreativ Nr. 185, März 2006
Dr. Andrea Maihofer
Professorin für Geschlechterforschung und
Leiterin des Zentrum Gender Studies an der
Universität Basel, Schweiz.
Literaturhinweis: Geschlechterforschung als
innovative Wissenspraxis. In: B. Liebig/M.
Dupuis/Th.-H. Ballmer-Cao/A. Maihofer (Hg.):
Gender Studies in der Ausbildung und auf dem
Arbeitsmarkt. Eine Studie zur Schweiz und
Europa, Zürich 2008
Dr. Susanne Maurer
Professorin für Erziehungswissenschaft/
Sozialpädagogik an der Philipps-Universität
Marburg
Literaturhinweis: Genderzukunft. Zur Transformation feministischer Visionen in der Science
Fiction; zusammen mit Karola Maltry, Barbara
Holland-Cunz, Nina Köllhofer und Rolf Löchel,
Königstein/Taunus 2008
Dr. Sara Mills
Professorin am »Humanities Research Centre«
der Universität Sheffield, Großbritannien
Literaturhinweise: Language and Sexism,
Cambridge University Press 2008
Gender and Colonial Space, Manchester
University Press, Manchester 2005
Discourses of Difference: Womens Travel
Writing and Colonialism, Routledge, London
(reprinted) 2003
Dr. Liv Mjelde
Professorin am Institute of Vocational
Pedagogy des Akershus College in Oslo,
Norwegen
Literaturhinweis: The magical properties of
workshop learning, Bern 2006
119
Die Autorinnen
Dr. Maxine Molyneux
Professorin für Soziologie am Institut
für Lateinamerikanische Studien der
Universität von London, Großbritannien
Dr. María Ruido
Professorin an der Universität Barcelona und
an der Polytechnischen Universität Valencia,
Spanien; Filmemacherin und Autorin
Literaturhinweise: The Politics of Rights:
Dilemmas for Feminist Praxis (ed. with
A. Cornwall) Routledge, 2007; Womens
Movements in International Perspective.
ILAS/Macmillan 2003
Literaturhinweis: Plan Rosebud. Sobre imaxes,
lugares e politicas de memoria, Centro
Galego de Contemporanea, Santiago
de Compostela, 2008
Dr. Gisela Notz
Wissenschaftliche Referentin bei der
Friedrich-Ebert-Stiftung bis 2007,
jetzt freiberuflich tätig in Berlin.
Literaturhinweis: Arbeit, Arbeit, Arbeit,
www.all4all.org/2005; Hausarbeit,
Ehrenamt, Erwerbsarbeit, In: Ruth Becker/
Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauenund Geschlechterforschung. Wiesbaden 2004
Helke Sander
Filmregisseurin, Autorin, Schauspielerin und
Aktivistin; Professur an der Hochschule für
Bildende Künste Hamburg;
Filmtipp: 1980/81 »Der subjektive Faktor«
(Berliner Studentenbewegung und die
entstehende Frauenbewegung); Mitten
im Malestream – Richtungsstreits in der
neuen Frauenbewegung (92 min.)
Claudia Pinl
Politologin, Journalistin und Autorin; Köln
Dr. Birgit Sauer
Professorin am Institut für Politikwissenschaft
der Universität Wien;
Literaturhinweise: Vom kleinen zum
großen Unterschied. Hamburg 1993;
Das Biedermeier-Komplott. Hamburg 2007
Literaturhinweis: Birgit Sauer und
Sabine Strasser (Hg.): Zwangsfreiheiten.
Multikulturalität und Feminismus; Wien 2008
Dr. Karin Priester
Professorin für politische Soziologie
an der Universität Münster.
Dr. Antje Schuhmann
Dozentin für Politikwissenschaft an der
Witwatersrand-Universität, Südafrika
Literaturhinweis: Populismus, Historische
und aktuelle Erscheinungsformen; Frankfurt/
Main 2007
Literaturhinweise: Exoticizing the Erotic:
White on White via the Black Body. Collecting
Artefacts within German Dominant Culture.
Blackness and Sexualities. Eds. Wright,
Michelle M., and Antje Schuhmann. Hamburg,
Berlin, Münster, London: LIT Verlag, 2007
Battling Hate Crimes Against Black Lesbians
in the Rainbow Nation. Discussing the Limitations of an US American Concept and Exploring the Political Horizon beyond Law Reform
in State Accountability for Homophobic
Violence in South Africa. Ed. Wendy Isaack.
Johannesburg: POWA (People Opposing
Womens Abuse), 2009
Dr. Nora Räthzel
Professorin an der Soziologischen Fakultät
der Universität Umeå, Schweden
Literaturhinweis: Gender Relations and the
Politics of Time and Space. In Räthzel, N (Ed.)
Finding the Way Home. Young Peoples Stories
of Gender, Ethnicity, Class, and Places in
Hamburg and London; 2008
Sara Schulman
Schriftstellerin, Bühnenautorin und
Journalistin, lebt in New York, USA
Literaturhinweis: Schimmer. Roman;
Argument-Verlag Hamburg 2001
120
Die Autorinnen
Dr. Terri Seddon
Professorin an der Monash University,
Clayton, Australia
Literaturhinweis: Fragen: Ozga, J. Seddon,
T. and Popkewitz, T.S. (Eds) 2006 Education
Research and Policy: Steering the KnowledgeBased Economy, Abingdon, Oxon, Routledge.
ISBN10: 0-415-35934-1, ISBN13: 978-0-415-35934-4;
Seddon, T. and Angus, L. (Eds) 2000
Reshaping Australian Education: Beyond
Nostalgia Camberwell, ACER, pp. xxii+233.
Note: See book review by Pat Thomson
www.literacy.unisa.edu.au/jee/Papers/
JEEVol2No1/BookReview.pdf
(Accessed 6/6/05)
Dr. Lynne Segal
Professorin für Psychology and Gender
Studies in Birkbeck, University of London.
School of Psychosocial Studies
Literaturhinweise: (Making Trouble: Life and
Politics, Serpent’s Tail 2007 Slow Motion:
Men and Masculinities (new edition);
Palgrave Press 2007
Dr. Ruth Seifert
Professorin für Soziologie an der Hochschule
Regensburg. Autorin mehrerer Artikel zu
Gender und Militär, Gender und Krieg,
Gendertheorie sowie der Nachkriegsentwicklung im Kosovo. Durchführung eines
Forschungsprojekts des Österreichischen
Ministeriums für Bildung, Wissenschaft
und Kultur mit dem Titel »Gender, Identität
und kriegerische Konflikte«. Seit 2005 DAADKooperationsprojekt mit der Universität
Prishtina im Rahmen des Programms
»Akademischer Wiederaufbau Südosteuropa«.
Im Sommersemester 2007 Gastprofessorin
an der Universität Prishtina.
Dr. Gayatri Chakravorty Spivak
Professorin für Literaturwissenschaft und
Direktorin des Center for Comparative
Literature and Society an der Columbia
University, New York
Literaturhinweis: Can the Subaltern Speak?
Wien 2007
Sybille Stamm
Landesvorstand der Partei DIE LINKE
Baden-Württemberg, Landesarbeitsgemeinschaft Betrieb und Gewerkschaft und
Landesarbeitsgemeinschaft der Frauen
der Partei DIE LINKE Baden-Württemberg;
Von 2001 bis 2007 Verdi Landesbezirksleiterin
in Baden-Württemberg; lebt in Stuttgart,
Deutschland
Dr. Janna Thompson
Professorin für Philosophie an der
La Trobe Universität, Australien;
Literaturhinweis: Discourse and Knowledge:
Defence of a Collectivist Ethics, Mobipocket
eBooks 1998
Dr. Christina Thürmer-Rohr
Professorin an der Technischen Universität
Berlin, Deutschland
Literaturhinweise: Hoffnungslosigkeit.
In: Wolfgang Fritz Haug (Hrsg.):
Historisch-kritisches Wörterbuch des
Marxismus, Bd. 6/1 (Hegemonie bis
Imperialismus), Hamburg 2004, S. 470-479;
Was heißt »globalisiertes Bewußtsein?«
In: Rosa Luxemburg-Stiftung (Hsg.):
Globalisierung und Geschlecht. Anforderungen
an feministische Perspektiven und Strategien,
Bd.5, Berlin 2000
Dr. Renate Ullrich
Theaterwissenschaftlerin, Mitarbeiterin am
Institut für Sozialdatenanalyse Berlin (isda)
e.V., Schwerpunkt: Frauen, Bildung, Kultur.
Literaturhinweise: PDS und Feminismus –
Politische Akteurinnen und Feministische
Politikenansatze in der PDS. Institut für
Sozialdatenanalyse Berlin 1998; DDR-Frauen
zwischen Emanzipation und Patriarchat,
UTOPIE kreativ, Heft 209 März 2008
121
Dr. Virginia Villaplana
Schriftstellerin und Professorin an der
Universität Valencia, Fachbereich
Wissenschaften und Kommunikation
Literaturhinweise: Cine infinito e Carcel de
amor. Relatos culturales sobre la violencia de
género; Ausstellungen in London, München,
Antwerpen, Brüssel und Barcelona
Dr. Susanne Völker
Professur für Frauen- und Geschlechterforschung/Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der Universität Potsdam.
Literaturhinweis: Hybride Geschlechterpraktiken. Erwerbsorientierungen und
Lebensarrangements von Frauen im
ostdeutschen Transformationsprozess.
Wiesbaden 2004
Die Autorinnen
Dr. Christa Wichterich
Soziologin, freiberufliche Publizistin,
Buchautorin, Lehrbeauftragte an
Universitäten und als Beraterin in der
Entwicklungszusammenarbeit; Köln.
Literaturhinweis: Gleich, gleicher, ungleich:
Paradoxien und Perspektiven von Frauenrechten in der Globalisierung; Helmer-Verlag,
September 2009
Dr. Nira Yuval-Davis
Professorin für »Gender and Ethnic Studies«
an der University of Greenwich in London
Literaturhinweis: Yuval-Davis, Nira; Anthias,
Fiona; Kofman, Eleonore (2004, i. E.):
Secure Borders – White Haven: The White
paper and the gendered politics of migration
and belonging. In: Ethnic and Racial Studies;
Nationalism, Feminism and Gender Relations,
in J. Hutchinson and M. Guibernau (eds.),
Understanding Nationalism, Polity Press, 2001
E-Mail-Adresse
Ort und Datum
Unterschrift
Die Angaben dienen der Nachweisführung und der statistischen Auswertung der Mitgliederentwicklung sowie der Verbesserung der Kommunikation. Sie werden im Parteivorstand,
den Landesverbänden und in den Gliederungen der Partei DIE LINKE entsprechend den
Bestimmungen des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) gespeichert, verarbeitet, übermittelt
und aufbewahrt.
Telefonnummer
Wohnanschrift (Straße, Hausnummer, Postleitzahl, Ort)
Beruf
Geburtsdatum
Weitere Angaben zu meiner Person
Ich bekenne mich zu den Grundsätzen des Programms der Partei DIE LINKE, erkenne die
Bundessatzung an und bin nicht Mitglied einer anderen Partei im Sinne des Parteiengesetzes.
meinen Eintritt in die Partei DIE LINKE, Mitglied der Partei der Europäischen Linken (EL).
Vorname
Name
Hiermit erkläre ich,
Eintrittserklärung
Impressum:
Beiträge zur Programmdiskussion der LINKEN.
Anforderungen an ein linkes feministisches
Projekt heute.
Im Auftrag der Programmkommission
der Partei DIE LINKE
Herausgeberin: Frigga Haug
Lektorat: Sabine Zürn, Karlsruhe
Autorinnen u. a.: Judith Butler, USA;
Cynthia Cockburn, Großbritannien;
Montserrat Galceran, Spanien;
Rosemary Hennessy, USA; Maria Joó,
Ungarn; Elisabeth List, Österreich;
Susanne Maurer, Marburg; Liv Mjelde,
Norwegen; Claudia Pinl, Köln; Nora
Räthzel, Schweden; Birgit Sauer,
Österreich; Antje Schuhmann,
Südafrika; Sarah Schulman, USA;
Terri Seddon, Australien; Lynne Segal,
Großbritannien; Gayatri Chakravorty
Spivak, USA und Indien; Sybille Stamm,
Stuttgart; Janna Thompson, Australien;
Renate Ullrich, Berlin
Übersetzt haben: Ulrike Behrens,
Miriam Boyer, Sonia Fath, Daniel Fastner,
Frigga Haug, Sabine Plonz, Britta Siemens,
Sabine Zürn
V.i.S.d.P.: Ulrike Zerhau
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