E Schwedenhäppchen u Ein Forschungsreisebericht

E Schwedenhäppchen u Ein Forschungsreisebericht
u
E
Schwedenhäppchen
Ein Forschungsreisebericht
Steffen Ahl
Bauhaus Universität Weimar
CERUM
Report 9: 2001
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CERUM
Centrum för regionalvetenskap
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Inhalt
1.Kapitel
Anlaß und Ziel
......................................................... 3
1.1 Anlaß und Ziel
5
1.2 Gesellschaftliche Raumproduktion
7
1.3 Warum Stockholm?
9
1.4 Städte lesen
10
2. Kapitel
Zum Thema ...................................................................... 15
2.1 Geschichte der Stadt
16
2.2 Die Peripherie und das Fremde
19
3. Kapitel
Schweden
......................................................................
3.1 Siedlungsgeschichte und Einwohnerzahlen
3.2 Gesellschaftsgeschichte
3.3 Land und Gesellschaftsreformen
3.4 Parteiengeschichte
3.5 Wirtschaftsgeschichte
3.6 Protestantismus und Ethik
3.7 Krise der Wohlfahrtsmentalität
3.8 Protest und Demokratisierung
3.9 Stadtplanungsprogramme
3.10 Integrationspolitik
23
24
26
30
33
39
46
48
55
58
68
4. Kapitel
Case studies (Fallstudien)
.............................................
1. Farsta, Vällingby, Årsta
2. Farsta
3. Norrmalm, Södermalm, Gamla Stan
4. Norrmalmstorg
5. Flemingsberg
6. Huddinge Zentrum
7. Kista, Husby, Akalla
8. Rinkeby, Tensta
9. Midsummar Latino
10. Skärholmen
11. Botkyrka: Fittja, Alby, Hallunda, Norsberg
12. Myrstuguberget
13. Brommaplan
14. Globen
15. Djursholm, Täby, Grindtorp
16. Upplands Väsby
75
79
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92
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131
133
137
5. Kapitel
Fotodokumente
....................................................... 141
Konsultierte Literatur
.......................................................
Nachweis der Abbildungen
...........................................
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Masterstudiengang EUROPÄISCHE URBANISTIK, BauhausUniversität Weimar und
Center for Regional Science, Universität Umeå, Schweden
Dank
Der vorliegende Reader ist ein MODELLPROJEKT EUROPÄISCHE
URBANISTIK - Herzstück des postgradualen Masterstudiengangs
EUROPÄISCHE URBANISTIK an der Bauhaus-Universität Weimar. Er
verdankt seine Entstehung der Kooperation zwischen der BauhausUniversität Weimar und dem MÜHL-FORUM EUROPÄISCHE URBANISTIK. An dieser Stelle sei den Professoren und Assistenten des
Studiengangs sowie der Mühl-AG Thüringen für ihre Unterstützung
herzlich gedankt.
Weiterhin danke ich dem schwedischen Partner dieses Forschungsprojektes - dem Center for Regional Science an der Universität von
Umeå, an dem ich im Mai 2000 zu Gast sein durfte. Besonderer Dank
gilt dem Direktor Lars Westin und Nils Häggström.
Gleichfalls Dank sei verschiedenen Institutionen und Persönlichkeiten, die mich freundlich aufnahmen, unterstützten und stets interessierten Anteil an der Arbeit zeigten:
Abb. 1
Louise Nyström, Professorin an der Städtabaufakultät von Karlskrona,
engagierte Vorsitzende des Urban Environment Council of Sweden
sowie Autorin und Herausgeberin mehrerer sozio-urbanistischer Bücher über Schweden,
Straße in Jämtland
MA Frank Eckardt, mein Projektbetreuer und Soziologe an der Bauhaus-Universität Weimar,
Elisabeth Lilja, Dozentin an der Fakultät Soziologie der Universität von
Stockholm,
Albin Gaunt, Politologe in Stockholm,
Nora Räthzel, Gastdozentin an der Fakultät Soziologie der Universität
von Umeå,
Hans Akerlind, langjähriger Stadtarchitekten von Umeå,
Irene Molina, Soziologin an der Universität von Uppsala,
Göran Cars, Professor an der Kungl Tekniska Högskolan, Stockholm,
Jan Nyström, Professor an der Södertörns Högskola, Stockholm,
Ulf Stahre, Universität Göteborg
... und vielen anderen, mit denen ich interessante Gespräche führte
und die mir auf meiner abenteuerlichen Reise durch die schwedische
Landschaft, die Dörfer und Städte begegnet sind.
Die Studien wurden im Sommer des Jahres 2000 durchgeführt und
niedergelegt.
Sprachliche Anmerkung:
Personenbezogene Substantive (Plural wie Singular) in maskuliner
Form beinhalten automatisch die feminine Form.
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1. Kapitel
Anlaß und Ziel
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1.1 Anlaß und Ziel
Das Thema dieser Studie dreht sich um ein Jubiläum: 50 Jahre
Peripherisierung von Stadt und Leben. Es geht um die immer noch als
„neue“ bezeichneten Stadtteile an der Peripherie von Stockholm. Die
Wohnquartiere sind in die Jahre gekommen. Vor dem Hintergrund des
sich wandelnden Wolstandslandes Schweden, in dem sie entstanden
sind, geben die Wohnquartiere Anlaß für eine kritische Revue und
Bestandsaufnahme.
Angesichts der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, besonders der
letzten fünfzehn Jahre, hat sich die Gültigkeit der für die Quartiere
damals getroffenen Planungsaussagen in der Zwischenzeit relativiert
oder gar völlig verkehrt. Die Zukunft von damals ist bereits das Gestern
von heute. Wenn wir eine Rechnung aufmachen, unterscheidet sich
unser Gestern (geschweige denn unser Heute...) von so mancher
Zukunftsvision der damaligen Planer. Der höchste Standard erwies sich
schnell als zu kurzlebig für das Leben, das über ihn hinwegging. Tatsachen haben sich oft frühzeitig gegen die ursprüngliche Planungsintention gewandt. Einige isolierte Großwohngebiete sind Schmelztiegel sozialer Mißstände geworden, wo sie doch die bessere Zukunft
hätten darstellen sollen. Im gesellschaftlichen Durchschnitt niedrigere
Einkommen, eine höhere Arbeitslosigkeit, höhere Krankheitsziffern1
und eine frühere Pensionierungsrate zählen zu den Charakteristika
vieler peripherer Stadtquartiere. Die Peripherie wurde zum Seismographen und zum primären Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte.
Die folgende kann als zentrale Hypothese der Untersuchung gelten:
Abb. 2
Blick über den Strömmen auf Gamla Stan
Die „Zwischenstadt“ (Th.Sieverts), deren Geschichte in Europa mit dem
wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit begann, ist heute etwa
ein halbes Jahrhundert alt - Zeit genug, um selbst einer starken Veränderung und instabilen Entwicklung unterlegen, ebendiese Instabilität
zum vorherrschenden Prinzip der Gesellschaft im allgemeinen und des
privaten Lebens im besonderen erklärt zu haben. Spätestens ab den
1980er Jahren prägt die schwedische Gesellschaft nicht mehr eine
tendenziell fortschreitende Gesamtordnung, sondern die Ordnung ist
dabei, in Teilordnungen aufzusplittern. Neue, prekäre Ordnungen bilden heute die Defacto-Lebensgrundlage der meisten Menschen. Darin
liegt eine neue Qualität des städtischen und metropolitanen Lebens.
Der überwiegende Teil der Einwohner Stockholms wohnt außerhalb
des Teils der Stadt, der im allgemeinen als „historischer“ bezeichnet
wird. Im Kommunegebiet hat Stockholm 743 703 Einwohner; im
metropolitanen Raum (Greater Stockholm) dagegen 1 643 3662. Das
sind mehr als 220% „draußen“. Für das Jahr 2005 wird ein entsprechendes Verhältnis von 773 645 in der City zu 1 695 739 des
metropolitanen Raums prognostiziert (gleichbleibend 220%).
Wohlfahrtsstaat
Schweden galt und gilt als Wohlfahrtsstaat.
Das Wohlfahrtsmodell basiert auf einer Idee des 19.Jahrhunderts. Es
erreichte Ende der 1970er und in der ersten Hälfte der 1980er Jahre
seinen Kulminationspunkt. Nicht neidlos blickte die europäische und
internationale Öffentlichkeit auf die wirtschaftlichen und sozialen Leistungen des schwedischen Staates. Architektonische und die städtebaulichen Schöpfungen des öffentlichen Raumes in Schweden wurden
im Hinblick auf ihre sozialen Qualitäten international als Musterbeispiele studiert. Auch Deutschland blickte auf Schweden, wenngleich
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den Konservativen das schwedische Modell zu linkslastig ausfiel und
den Linken suspekt war, wie sozial Kapitalismus sein konnte. Die verhärteten Fronten des Klassenkampfes der bleiernen 70er Jahre erregten den Argwohn, das politische Schwarz-Weiß-Schema ad absurdum zu führen.
Nachdem heute fast der gesamte Westen Europas sozialdemokratisch regiert wird, stellt sich aber nicht erneut die Frage nach einem
Sozialstaatsmodell des Dritten Weges, auch wenn Schweden zeigt,
daß es weiterhin produktiv und modern ist.
Wenn Schwedens Ministerpräsident Göran Persson konstatiert: „Es
bleibt jedem die Chance zur Teilnahme. Es kommt nur auf die richtige
Realisierung der Idee und auf ein effizientes Management an.3 " macht
sich Zweifel auf zwei Ebenen breit:
1) in der Praxis der Kapitalisierung von Sozialdemokratie. Nicht mehr
imperialistische Wirtschaftsliberalität plus christdemokratischer
Politikkonservatismus konkurriert mit sozialdemokratischem Gedankengut, sondern die „neue Sozialdemokratie“ versucht den Spagat, sich den Wirtschaftskapitalismus (der eigentlich ihren ethischen Rahmen sprengen müßte) einzuverleiben.
Daraus resultiert der zweite Zweifel,
2) die Befürchtung, Kultur und Gesellschaft im 21.Jahrhundert seien
nur noch denkbar, wenn sie streng marktwirtschaftlich geführt würden...
1
besonders bei lang anhaltenden Krankheiten
„Stockholm ’00 Data Guide“, Statistics Stockholm, Faltblatt
3
Göran Persson: „Mut durch Sicherheit“, in: DIE ZEIT, Nr.4 vom 21.1.1999
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1.2 Gesellschaftliche Raumproduktion
Im Mittelpunkt der nachfolgenden Betrachtung steht die Gesellschaft
der Stadtbewohner und Stadtbenutzer in der baulich-räumlichen Umwelt von Stockholm. Das Augenmerk richtet sich auf die Schnittstelle,
an welcher der Mensch mit Architektur und Städtebau zusammentrifft
und vice versa. Die Schnittstelle ist ein subtiler Grat dialektischer Natur (er ist auch Negation) - ein Grat, auf dem wie bei einer Phasenverschiebung die physische Umwelt einerseits nicht bedingungslos
das Leben determiniert, das sich in ihr artikuliert und andererseits die
faktische Gesellschaft nicht zur Gänze Entsprechung in ihren baulichräumlichen Schöpfungen findet. Der französische Stadthistoriker und
-kritiker Henri Lefebvre spricht in diesem Zusammenhang von Leben
als einer „räumlich praktizierten Gesellschaft1 ".
Diese Arbeit
Praktisch gesehen bedeutet das für diese Arbeit, einen Blick auf die
Geschichte des Landes und die Geschichte des Städtebaus zu werfen, auf die Eigenheiten der schwedischen Mentalität und die kulturpolitischen Ziele der Regierung, denn letztlich sind es das in schwedischem Milieu sozialisierte Individuum und die Zugereisten, die die
Stadt bevölkern und sie an der Skala ihrer verschiedenen Angebote
entlang benutzen.
Zweifellos hat jeder Raum einen Ort und jeder Ort Qualitäten. Da bei
jedweder städtebaulichen Idee von einer gesellschaftlichen Raumproduktion gesprochen werden kann, mußte aus dem Angebot eine
Auswahl getroffen werden. Sie fiel auf die staatlichen und kommunal
gesteuerten Bauaufgaben des „neihgbourhood-Modells“.
Explizite „Zeichen der Zeit“, die das Entwicklungsniveau der Gesellschaft ausdrücken, setzt die Raumproduktion bei staatlichen und kommunalen Bauaufgaben, denn dort ist Planung programmatisch. Die
Untersuchung der Wohnverhältnisse, um an derer Hand auf ein
Gesellschaftsbild rückzuschließen, liegt in Schweden nahe, da die
private Wohnsituation immer gesellschaftliche und parteipolitische
Prioritäten genoß. Das „neihgbourhood-Modell“ (das einheitlich entstandene, große Wohngebiet), das in Schweden in den 1940er Jahren
zum konzeptionellen Modell für Stadterweiterungen wurde, fand in der
Nachkriegszeit inflationäre Verbreitung. Es fand auf die Planung der
meisten an den Rändern der Städte entstandenen Wohngebiete Anwendung. An den so entstandenen Wohnsiedlungen lassen sich die
Gesellschaftsideen über verschiedene Zeiten in Bezug auf gesellschaftliche Raumproduktion am deutlichsten ablesen und dekodieren.
Der öffentliche Wohnungsbau zeigt die bürgerstaatliche Demokratie in
der Wahrnehmung ihrer Sorgepflicht für das Wohl ihrer Bürgerinnen
und Bürger. Er zeigt in Schweden das gesellschaftspolitische Ziel des
Staates, ein bauliches Umfeld von Chancengleichheit zu schaffen.
Dahinter steckt der Wunsch, alle Bürger am gesellschaftlichen Leben
möglichst schrankenlos und unabhängig vom sozialen Status teilnehmen zu lassen.
Freilich sind die Wohnkomplexe, die in Deutschland unter „sozialer
Wohnungsbau“ laufen würden (und den es in Schweden als solchen
nie gegeben hat) nicht alles, wenn es um ein Profil der Stadt Stockholm geht, das die Absicht dieser Arbeit ist. In der Studie fällt das
Licht einer Gegenüberstellung sowohl auf soziale Erscheinungen am
Stadtrand wie auch auf diejenigen ausgewählter Bereiche der Innerstadt, die der Autor für charakteristisch hält.
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Die Sichtweise
Die stadträumliche Umwelt gilt als offenes Gefäß.
Sie ist die euklidische Größe für das, was die Menschen in ihr veranstalten. Wie es die Art eines Gefäßes ist, weist es mittelbar Grenzen
auf, die den Inhalt konditionieren und gefangen halten. Raum, Idee und
Leben stehen in einem dialektischen, autopoietischen Wechselverhältnis. Einerseits von den Menschen geschaffen, sind die Menschen andererseits von ihm betroffen. Der physische und kulturell
konnotierte Raum, wirkt verhaltensgenerierend - ein Verhalten, an das
vor der physischen Existenz des entsprechenden Raumes noch gar
nicht zu denken war. In soziologischem Verständnis trägt die komplexe Einheit der künstlichen Stadtwelt dazu bei, die Verhaltensformen
der Bewohner entstehen zu lassen. Der amerikanische Stadtgeschichtler Lewis Mumford konstatierte 1938 dazu: „Mind takes from
the city; and in turn, urban forms contition mind...2 “. In dem dialektischen Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft
bewegen sich Individuen vergesellschaftet und nicht frei (anarchisch).
Sie bewegen sich im Spiegel des Funktionierens des apodiktischen
Systems.
Mit der „Haussmannisierung von Paris“ zur Mitte des 19.Jahrhunderts
begann ein Prozeß, innerhalb dessen der in Mitteleuropa vorherrschende mittelalterliche Stadttypus in einigen Fällen in Metropolen
umgebaut wurde. Mit der Qualität Großstadt, wurde die Stadtsoziologie
geboren, die ihr Forschungsfeld bis heute darin sieht, sich mit modernen Lebensweisen zu beschäftigen. Und es gilt: ohne urbane Lebensweise keine Metropole! Der deutsche Soziologe Georg Simmel (18581918) studierte die Lebensgewohnheiten der Spezies des Großstädters und widmete ihm um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20.Jahrhundert als einer der ersten wissenschaftliche Aufmerksamkeit.
In der Moderne stellt die Stadt nicht mehr die Frage nach dem Wozu
oder dem Grund (Warum), sondern nach dem Wie. Wie-Fragen sind
subjektive, egozentrische Fragen; die anderen, älteren Fragetypen richteten sich auf Objekte außerhalb des eigenen Ich. Wie-Fragen sind
Verbraucherfragen, keine Schöpferfragen. Die Frage nach dem Stil ist
eine solche postmoderne Frage nach der Art und Weise der Benutzung oder Verwendung 3.
Die Stadt bringt Lebensstile hervor. Aber auch Verhaltensmuster (Lebensstile) ihrerseits bringen erst Orte zum Vorschein. Der Entstehung
von Ort will diese Arbeit nachspüren.
1
H.Levebvre: „The Production of Space“, gefunden in N.Räthzel, „Living Differences“,
S.138
2
L.Mumford: „The Culture of Cities“
3
siehe V.Flusser: „Nachgeschichte“, S.34
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1.3 Warum Stockholm?
Im Unterschied zu den zwei anderen Agglomerationsräumen
Schwedens, Göteborg und Malmö / Lund, wirft die Hauptstadt eines
Landes - hier Schwedens - eine zusätzliche Komplexität in die Waagschale, denn:
1) in den Hauptstädten werden Modelle erarbeitet und exemplarisch
für das ganze Land vorexerziert - die oft so genannte „Hauptstadtfrage“,
2) die Wege und Zeitrahmen von der politischen Beschlußfassung bis
zu ihrer Umsetzung sind vergleichsweise kurz, denn Parteien sind
vor Ort bemüht, Zeichen zu setzen, um die Gunst der Wähler zu
erhalten und
3) zur Präsenz administrativer Instanzen, die überwiegend in der Hauptstadt versammelt sind, kommen die kosmopolitischen Kultureinflüsse internationaler Vertretungen hinzu, die auf die kulturelle Gesinnung der Stadt ausstrahlen und diese formen.
So ist die Hauptstadt auch immer schon per se und schneller als
andere Verwaltungs- und Dienstleistungsstadt. Sie zeichnet sich durch
eine Alternanz zwischen Innovationsentwicklung und -aussendung aus.
Was für die Politik gilt, gilt gleichermaßen für das Städtebaulich-Räumliche. Stockholm ist in schwedischem Kontext hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Protagonistenrolle prädestiniertes Objekt für diese
Untersuchung.
Abb. 3
Stockholm um 1850
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1.4 Städte lesen
Dieser Reader unternimmt den Versuch, die sozialräumliche Realität
der Stadt wie einen verschlüsselten Text zu lesen. Er folgt damit einem hermeneutischen, auf Ganzheitlichkeit gerichteten Ansatz, der
gleichermaßen Grundlage der Soziologie ist.
„Stadt“ lesen ist trotz aller Brüche kohärent; „Peripherie“ lesen dagegen wie ein Wildern im Fragmentarischen, dessen erzählerische Kontinuität etwa das Niveau von Comicstrips hat. Das periphere Leben
kennt städtische Kategorien wie Planen und Warten nicht. Die Peripherie lebt im Augenblick; sie hat keine Zeit zu verlieren. Sie kennt
keine Geschichte, sondern nur den allgegenwärtigen Alltag. Wenn der
Begriff „Urbanität“ nicht auf die historisch dichte Stadt beschränkt bliebe, sondern - in Ermangelung eines anderen - weiter gefaßt wird als
bisher und „Neue Urbanität“ (H.Häußermann, W.Siebel) in der für die
Peripherien typischen Widersprüchlichkeit einschließt, läßt sich an
den Diskurs anknüpfen, der zu unserem heutigen Selbstverständnis
beiträgt.
Dort, wo sich Leben ereignet...
Abb. 4
Wohnkomplex im Stadtteil Helenelund
Ich erinnere mich an eine Teenagergruppe hinter dem Einkaufszentrum von Flemingsberg2 (da, wo normalerweise die Müllcontainer stehen), wie sie miteinander Spielchen trieben und dazu laute, arabische
Musik aus dem Recorder hörten. War es das? - Ein neues Lebensbedürfnis, das sich außerhalb der alten Strukturen seinen alternativen
Raum sucht? Suchen muß? Die Formulierung allein scheint mir überzogen dramatisch. Etwas qualitativ Neues der Peripherie konnte ich
darin nicht erkennen. Vielmehr das Gegenteil: Die kleine Grenzüberschreitung unterstrich eher die große Grenze. In Schweden, scheint
es, läuft alles in geordneten Bahnen - auch nach und mit den Turbulenzen seit der Öffnung. Nach wie vor sind so richtig weder Notwendigkeit
noch Bereitschaft zur Transgression vorhanden oder zu spüren. Trotz
der Aufspaltung der sozialen Homogenität unter der Bevölkerung und
trotz der kürzlichen Ankunft vieler Zuwanderer hat die Idee des schwe-
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Begibt man sich auf die Suche nach Artikulationsformen von Lebensstilen in der Stadt, ist man darauf angewiesen, Menschen zu finden.
Das ist nicht überall der Fall und in der Peripherie ungleich schwieriger
als in der City. Zum einen liegt das an der inhomogenen, relativ dünnen
Besiedlungsdichte des metropolitanen Raums als solcher: Während
im Stockholmer Kommunegebiet im Durchschnitt knapp 4000 Menschen auf ein Quadratkilometer Fläche zusammenkommen, fällt die
Besiedlungsdichte in Richtung Außenbereich auf 475 Einwohner / km2
ab1.
Zum anderen liegt das an der schwedischen Lebensart. Nicht nur, daß
Jugendliche sich an ihren alternativen Treffpunkten schwer beobachten ließen, wenn es sie denn gäbe... - aber es gibt sie einfach nicht!
Weder gibt es alternative Treffpunkte noch gibt es alternative Jugendliche (oder wenn, dann nur in zu vernachlässigenden Größen). Freilich
muß ich einräumen, in Stockholm nur als Uneingeweihter zu Gast
gewesen zu sein und daß mir geheime Treffs oder ähnliches, besonders in der Peripherie, eventuell verborgen geblieben sein mögen. Das
halte ich aber für unwahrscheinlich. Wenn ich danach urteile, was für
eine Atmosphäre die Stadt und die Peripherie atmen, scheint mir die
bloße Annahme der Existenz von autonomen Artikulationsräumen für
alternative, vielleicht marginalisierte Lebensstile recht absurd. Bis auf
eine Ausnahme sah ich nie Gruppen von Menschen oder von diesen
hinterlassene Spuren, die auf aus Eigeninitiative heraus angeeignete
Bereiche hindeuteten.
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dischen „Volksheims“ in den Köpfen der Menschen keinen großen
Schaden genommen. Wurde der Idealzustand im 20.Jahrhundert weitgehend zur schwedischen Realität, ist es jetzt dabei, wieder zum Ideal (stilisiert) zu werden. Und Ideale besitzen eine weit stärkere Wirkkraft als deren Umsetzung in die Realität. Obwohl kritische Stimmen
die Grenzen der Gesellschaftsvision des Wohlfahrtsheims aufzudekken dabei sind, gibt es keine wirklichen Alternativen zum bewährten,
bürgerlichen Lebensmodell. Die homogene schwedische Gesellschaft
hat keine Alternativen. Alternativen waren immer schon inexistent oder, wenn vorhanden, dann unsichtbar (gehalten). Dadurch, daß alle
Schweden zur rationalen Vernunft erzogen werden und ein von Mythen
befreites Leben führen, kommt niemand auf die Idee, die Grenzen des
Systems in Frage zu stellen oder gar zu verletzen... Stellte er sie in
Frage, gälte er als hinter dem erreichten Entwicklungsstand der Gesellschaft zurückgeblieben. Wenn wir uns der schwedischen Mentalität zuwenden, wird uns klar werden, warum Wohlstandskritik so kompliziert ist.
Aber zurück zu den Probanden...
Wenn wir Menschen beobachten wollen, müssen wir uns die Zonen
vornehmen, wo Menschen Angebote vorfinden, die gesellschaftlich
vorbestimmt sind. In erster Linie zählen die Wohnquartiere und die
Wohnquartierszentren zu solchen Angeboten. Lebensstile, die hier zu
beobachten sind, können in den vorgegebenen Grenzen mitunter sogar einen alternativen oder gar neuen Touch annehmen. Aber sie verlassen nie die Grenzen der Norm! Fast pasolinisch ist der totale Charakter der Normalität3. Ich halte für recht unwahrscheinlich, daß sich
die Schweden inspiriert sähen, einer Eingebung außerhalb der bestehenden Angebote zu folgen - sagen wir zum Beispiel das Situationstheater der Anarchie zu spielen in den desolaten Zwischenräumen jungfräulicher, von der Kultur verschont gebliebener Räume. Nicht definierte Räume (in der Peripherie) werden allenfalls mit dem Auto durchfahren - oder in Schweden alternativ(!) mit dem Fahrrad. Da halten sich im
Prinzip keine Menschen für länger auf. Auf der Suche nach Angeboten
wird die Stadtautobahn überfahren, denn das Auto ist das Angebot.
Das Problem ist nicht das Nichtvorhandensein von offenem, nicht determiniertem Raum - denn den gibt es -; das Problem ist die allgemeine Abwesenheit der Inspiration ohne schon vorgefaßtes Angebot. Dafür hat die Gesellschaft schon gesorgt...
Abb. 5
Stadtautobahn
Also nichts an neuer Expressivität außerhalb der Grenzen des großen, offenen Gefäßes... Ich richtete das Augenmerk meiner Außenperspektive auf die systeminhärente Affizienz des Alltagslebens: auf
die Befangenheit schwedisch-bourgeoiser Komplexe in neurotischer
Langeweile und auf den Einbruch nicht-schwedischer Kulturen in den
Campus.
Die großen Wohngebiete bieten den geeigneten Hintergrund für Beobachtungen, wie Leben heute dort stattfindet. Es ist nach dem Verhältnis von fester Hülle (Ort, Hardware) und losem Inhalt (Stil, Software) zu
fragen oder ob und wie der physische Rahmen fester Orte stilistische
Veränderungen zuläßt - aufnimmt oder abstößt.4 Oder die Kehrseite:
das neue Aufblühen von Erscheinungen in der städtischen Peripherie,
wovon man die Stadt glaubte schon längst befreit zu haben, gerade
an, in und durch die Peripherie! Denn nicht in der alten City, sondern in
den Peripheriewohngebieten artikulieren sich Diskriminierung, unterschwellige Hierarchien, subtile Machtkämpfe oder Gewalt. In Stockholm liegt der paradoxe Fall vor, daß es eigentlich die modernistischen
Komplexe des 20.Jahrhunderts sind, die in Sachen Lebensstil heute
nicht (mehr) avantgardistisch daherkommen, wie sie das zur Entstehungszeit vielleicht einmal getan haben mögen; sie sind zu Horten
konservativer Stereotype mutiert.
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Die Methode ist die Beschreibung
Die Publikationen über Prozesse, die sich an den Peripherien der großen Städte abspielen, sind mannigfaltig. Viele der Ausführungen schöpfen die kenntnisreiche Darstellung der Phänomene aus. Seismographisch werden gesellschaftliche Befindlichkeiten am Wandel des Lebens „da draußen“ deutlich. Es wird behauptet, in der Peripherie hätten Orte die Qualität von Nichtorten (Mark Augé). Sie seien anonym
und zumeist ohne Identität, so daß Beschreibungen im Prinzip überall
zu passen scheinen, denn Peripherie sei ja überall gleich.
Dem möchte diese Studie widersprechen. Jede Peripherie ist anders!
Jede Stadt hat ihre ganz spezifische Peripherie! Deren physische Artikulation ist das Spiegelbild des Landes, seines Ideenreservoires und
dessen Umsetzung durch gesellschafts- und wirtschaftspolitische Maßnahmen. Die konkreten Besonderheiten der Peripherien zu erkennen,
ist man gezwungen, auf einen lokalen Maßstab zu fokussieren und
sehr genau hinzuschauen, denn das Leben und der Alltag der meisten
Menschen spielt sich dort unter ganz präzisen Konditionen ab. Aber
man müßte sich die Mühe machen und für ein Jahr oder länger an den
Ort ziehen, um das Leben am eigenen Leibe zu studieren...
Der Rahmen dieser Studie
Auch diese Studie muß letztendlich resignieren vor einer analytischen
Tiefe, welcher die zur Verfügung stehende Zeit von nur gut einem Monat Dauer in Stockholm (Juni 2000) widersprach. Resignieren und auch
wieder nicht...
Die Studie entstand im Rahmen der MODELLPROJEKTE EUROPÄISCHE URBANISTIK an der Bauhaus-Universität Weimar. Als solche
hat sie das Ziel verfolgt, aus der Perspektive eines Gastes Beobachtungen in der Stadt anzustellen, in fragmentarischen Augenblicksnotizen festzuhalten wie sie im Tagebuch üblich sind, die Beobachtungen zu „lesen“ und die Erfahrungen in Form eines Readers „zu Fall“ zu
bringen, wie Ludwig Wittgenstein sagte. Es sollen Atmosphären beschrieben werden, die Inhalte atmen.
Fallstudien
Die 16 Fallstudien (case studies) schlagen in textlicher und fotografischer Beschreibung zu Buche. Der Untersuchungsgegenstand erscheint darin zerlegt, um dann - unter anderem in einem historischen
Spektrum - wieder zusammengesetzt zu werden, wie es die Soziologie als empirische Wissenschaft (G.Simmel) tut. Das vorliegende Ergebnis ist ein Amalgam interpretierter und gewerteter Beobachtungen.
Interpretieren heißt Vergleichen, denn Unvergleichbares ist unverstehbar,
wie der französische Philosoph und Mathematiker René Descartes
(1596-1650) meinte, der übrigens ab 1629 auf Betreiben Chistines von
Schweden in Stockholm wirkte und dort auch starb. Nicht zuletzt mag
es Descartes geschuldet sein, dem machanistisch-systematischen
und rationalistischen Denken der Neuzeit („Ich denke, also bin ich.“)
gerade in Schweden zum Durchbruch verholfen zu haben.
Das 3. Kapitel hat den Sinn, die Fallstudien mit Hintergrundbetrachtungen zu Schweden, den Menschen und Stockholm abzupolstern.
Sofern Peripherisierung mit der Auflösung von traditionellen Eigenschaften zu tun hat, lösen sich diese nicht einfach in Luft auf oder
werden innovativ durch Neuerfindungen ersetzt; in der Regel werden
sie reformuliert. Alte Begriffe, mit denen wir den Dingen Bedeutung
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geben haben, übernehmen neue Signifikanz. Begriffe haben mit Texten zu tun. Das Motto dieses MODELLPROJEKTES hieß „Städte lesen“ - und zwar lesen, wie dem Beobachter der soziale Inhalt der Alltagsgegenwart einer Stadt und ihrer Bewohner entgegentritt.
Die Erfahrungen müssen fragmentarisch bleiben. Peripherie ist offenes Abenteuer. Peripherie ähnelt dem Erfahren eines unentdeckten
Landes vor der eigenen Haustür. Der Reader ist das Resultat einer
unvollständigen Perzeption von Phänomenen und einer unvollständigen Reflexion, die sich - wie der Verfasser hofft - aufgrund von Unvollständigkeit den Vorteil der Offenheit bewahrt.
1
„Stockholm’00 Data Guide“, Statistics Stockholm, Faltblatt
siehe 2. case study
3
siehe P.P.Pasolini: „Freibeuterschriften“
4
Paradox scheint, daß die Struktur der dichten, mittelalterlichen Altstadt über Jahrhunderte bewiesen hat, in der Lage zu sein, Veränderungen aufzunehmen.
2
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2. Kapitel
Zum Thema
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2.1 Geschichte der Stadt
Bis zur Auflösung der kompakten oder - in Schweden - relativ kompakten Stadt durch die Formen des modernen Bauens gab es viele historische Vorstufen, so daß die Geschichte der Stadt, in die sich Stockholm einreiht, die Geschichte ihrer Auflösung ist. Die moderne Stadtplanung hat Stockholm zur Protagonistin dieser Entwicklung gemacht.
Versuche, die Stadt zu reformulieren oder wiederzuerfinden widersprechen dieser Aussage nicht - ganz im Gegenteil: sie unterstreichen
ihre Auflösung per Sinnentzug.
Hier der Versuch, in fünf Schritten die Geschichte der europäischen
Stadt zu fassen:
Abb. 6
Abb. 7
Straße in der Altstadt von Gävle
Storgatan in Kalmar
1) Die Erfindung der Perspektive in der Renaissance schnitt in die
dichte Packung des mittelalterlichen Stadtbestandes einzelne Objekte ein, die nach den optischen Maßen der Proportionslehre kalkulierte Zusammenhänge eingingen. Die Einzelobjekte nutzten den
historischen Baubestand geschickt aus, um ihre Wirkung zu entfalten. Der italienische Humanist, Künstler und Gelehrte Leon
Battista Alberti (1404-1472) gehörte zu den ersten Architekten, der
diese Auffassung auch theoretisch erarbeitete und in der Fassade
des Palazzo Rucellai (1446-1451) in Florenz praktizierte. Durch
Albertis Eingriff wurde die alte Umgebung des Palazzo Rucellai
gleichsam modifiziert, denn der mittelalterliche Altbestand - ehedem selbstgenügsam - schien nun eine Bedeutung in Funktion des
renaissancenen Eingriffs, von diesem gewissermaßen infiziert, zu
übernehmen.
Gleichzeitig begann das Einzelobjekt (der Adelspalast, die Kirche
oder der Garten) autoreferenziell zu werden - das heißt, von Menschen in neuem Bewußtsein reflektierte, göttliche Idealwelten wie
Inseln der Zivilisation zu bilden. Es gab ganze Stadtneugründungen auf der Basis zu einem Ganzen zusammengefügter Einzelteile.
2) Der Barock schleifte die mittelalterlichen Stadtmauern, legte Esplanaden an und erweiterte den Siedlungsteppich über die engen Grenzen der mittelalterlichen Stadt hinaus. Der Klassizismus verfuhr
ähnlich, nur sparsamer, denn zwecks Stadterweiterung stand ihm
zwar das offene Feld zur Verfügung, aber Klassi-zismus und Neostile beschäftigten sich qualitativ zu sehr mit sich selbst, als daß
auf quantitativem Wege experimentiert wurde.
3) Ab der Jahrhundertmitte des 19.Jahrhunderts hatten Architekten
mit einer Vielzahl neuer und großer Bauaufgaben zu tun, für die in
der alten Stadt kein Platz zur Verfügung stand. Fabrikanlagen,
Bahnhöfe, Häfen (zuerst für Schiffe, dann auch für Flugzeuge) und
Ausstellungshallen entstanden im Umfeld der alten Stadt, an die
sie andockten und auf die sie bezogen blieben. Die positivistische
Planung einer „funktionellen Ausstattung der Stadt“ hängte den urbanen Kern gleichermaßen an den Nabel der Peripherie. Die Zwischenräume wurden mit Wohnblöcken und Parks gefüllt. Die Stadt
expandierte auf diesem Wege konzentrisch.
Abb. 8
Strandgata in Mosjøen, Norwegen
4) Erst das Ende des 19.Jahrhunderts theoretisierte Modelle, wie Städte
planvoll zu erweitern wären. Die wichtigste Neuerung war die Gartenstadt - eine abseits gelegene Siedlungsneugründung im Grünen, oft in Beziehung zu einer Fabrik - eine Anlage, welche die
Bezeichnung „Stadt“ im historischen Sinne eigentlich nicht mehr
verdiente. Peripherie bedeutete da noch Qualität. Die meisten Gartenstädte gelangten zu keiner autarken Eigenständigkeit, sondern
stellten Appendizes jenseits des äußeren Gürtels der anhaltend
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konzentrisch wachsenden Stadt dar. Dieses englische Modell sollte in Schweden weiterentwickelt zur Grundlage der planmäßigen
Stadterweiterungen ab der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts werden.1
5) Mit dem Aufblühen der Wirtschaft und des Baugeschehens in der
Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa, nach 1945, setzte sich
das Wachstum der Städte in Schweden in eigenständigen Stadtsatelliten durch. Die Satelliten waren weit genug entfernt, um sich
auf eine gemeindliche Autonomie zu gründen. 1970 waren in der
unmittelbaren Umgebung von Stockholm 27 neue suburbane Einheiten komplett 2.
Flächen zwischen Satellitenstadt und eigentlicher Stadt wurden
von Bebauung zunächst freigehalten. Radiale Zubringerkorridore und
die Untergrundbahn (in Stockholm: „Tunnelbana“) stellten die Verbindung her. Die Straßen wandelten sich in den 1980er Jahren dann
zu Expansionslinien, an denen entlang sich die Stadt ausdehnte.
Mit der Durchsetzung der Industrialisierung um 1900 erfuhren in Schweden die drei Ballungsräume des Landes - Stockholm, Göteborg und
Malmö / Lund - eine Differenzierung in einen historischen, relativ dichten Stadtbereich und den Großraum des weniger dichten Hinterlandes.
Die geographischen Wohnlagen von Stockholm separieren sich in drei
Kategorien:
1) Innenstadt (Maria-Gamla stan, Kungsholmen, Norrmalm, Östermalm,
Södermalm, Södra Hammarbyhamnen (= Katarina Sofia)),
2) inner suburb (Kista, Rinkeby, Spånga-Tensta, Hässelby-Vällingby,
Bromma, Enskede-Årsta, Skarpnäck, Farsta, Vantör, Älvsjö, Liljeholmen, Hägersten, Skärholmen)3 und
3) outer suburb (21 Kommunen von Greater Stockholm: Ekerö, UpplansBro, Sigtuna, Vallentuna, Österåker, Upplands-Väsby, Järfälla,
Sollentuna, Täby, Danderyd, Vaxholm, Sundbyberg, Solna, Lidingö,
Nacka, Värmdö, Salem, Botkyrka, Huddinge, Tyresö und Hanninge).
Abb. 9
Täby Centrum, Stockholm
Dabei muß von vorn herein berücksichtigt werden, daß der Dichtraum
Stadt im ursprünglichen Agrarland Schweden bis auf Ausnahmen nie
wirklich dicht war. Erst im Zuge der Industrialisierung setzte in schwedischen Städten ein Maß an Wohnverdichtung ein - und so zum Teil
überhaupt erstmals eine Urbanisierung. Als die Besiedlung des Stadtrandes expandierte, begann das locker besiedelte Umland der Städte
seine eigenständigen Qualitäten zu verlieren, die es bislang von der
inneren Stadt unterschied: es wurde zur Peripherie des Zentrums. Auf
Stockholm bezogen bedeutete das 1999: 8,4% aller Einwohner
Schwedens(!) wohnten im Stadtkerngebiet der Hauptstadt Stockholm
und 18,5% in deren Großraum 4.
Obwohl die Einwohnerzahlen der Kernstädte anhaltenden Schwankungen unterliegen, die vorübergehend sogar rückläufig sein konnten
(Stockholm, 1970er / 80er Jahre), übertrifft der Anstieg der Einwohnerziffern durch Geburten im, bzw. durch Zu- und Umzug in den Großraum die absoluten Ziffern für die Stadtkerne bei weitem.
In der Zeitspanne von zehn Jahren (zwischen 1971 und 1981) sank die
Einwohnerzahl für das Stadtzentrum Stockholms um ziemlich exakt
Einhunderttausend von 744 911 auf 647 214, während die Zahl für den
Großraum um ca. 37 000 von 1 349 173 auf 1 386 980 anstieg. Die
Abwendung von der Stadt hin zum traditionellen schwedischen Ideal
charaktervoller Holzhäuser in der Landschaft dramatisierte einen vermeintlichen Exitus des Städtischen.
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In regelmäßigen Abständen seit dem 18.Jahrhundert mit hoher Präzision durchgeführte Bevölkerungszählungen ergaben im folgenden
Jahrzehnt (1981-1991) jedoch wieder einen Anstieg der Einwohnerzahlen im Stadtzentrum um 27 000. Im anschließenden Zehnjahreszeitraum (bis 2001) wird der Anstieg 85 000 überschreiten. Im selben
Zehnjahreszeitraum der 1980er Jahre (1981 bis 1991) stieg die Einwohnerzahl des metropolitanen Großraums von Stockholm (Greater
Stockholm) um knapp 150 000 - mit anhaltender Tendenz, denn bis
2001 soll der Großraum um mehr als 180 000 Menschen bevölkerungsreicher werden 5.
1
siehe 13. und 16. case studies
Stockholms Stadsbyggnadskontor: „Stockholm - byggdmiljö, urban environment,
milieu urbain“, S.11
3
1) und 2) gehören zur Kommune Stockholm.
4
„Stockholm ’00 Data Guide“, Statistics Stockholm, Faltblatt
5
alle Zahlen aus: „Information from Statistics Stockholm“, http://www.usk.stockholm.se
2
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2.2 Die Peripherie und das Fremde
Aussichten auf den Bürgerkrieg...?
Veröffentlichungen zu den „kulturellen Perspektiven“ der gesellschaftlichen Entwicklung äußern sich vielfach pessimistisch. Der zeitgenössische deutsche Publizist Hans Magnus Enzensberger zum
Beispiel bescheinigt der Großstadt in großer Polemik „Aussichten auf
den Bürgerkrieg“; der französische Soziologe Jean Baudrillard bringt
„Stadt und Haß“ miteinander in Zusammenhang und charakterisiert
die Vorstädte als Problematik des Abfalls1 und der Film „La Haine“
(Der Haß) des französischen Regisseurs Mathieu Kassowitz2 versucht,
das Gewalttätige des Alltags Jugendlicher in den Pariser banlieus zu
erklären. In der Schlußszene von La Haine wird der Hoffnungsschimmer, den der Film sachte aufbaut, ad absurdum geführt: Während der
Protagonist letztendlich bereit ist, seine Waffe abzulegen, wird er in
einem Amoklauf vom Sozialarbeiter(!) erschossen.
Aus vielen Gründen greifen solche verzweifelten Bilder für die Stockholmer Peripherie nicht. Auch deshalb: Stockholm ist im Gegensatz
zu anderen Metropolen mit nur alles in allem 1,6 Millionen Einwohnern
sehr klein. Weiterhin kreiste das schwedische Gesellschaftsmodell
eines „Wohlfahrtsstaates für alle“ beständig um die Bemühung, Extreme zu temperieren, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen
und Entscheidungen nicht über die Köpfe hinweg, sondern partizipatorisch zu fällen. Soziale Leistungen wurden ausgleichend und ausgeglichen allen Mitgliedern der Gesellschaft zukommen gelassen, die
am System aktiven Anteil haben. Darüber herrscht in Schweden viel
Zufriedenheit und nicht unberechtigter Stolz, um den es auch geht,
wenn Schweden sich in den internationalen Vergleich stellt. Den Konsens von Gleichberechtigung und Wohlstand unterminieren einige Entwicklungen, die erst kaum mehr als 15 Jahre alt sind, als damit begonnen wurde, am gewohnten schwedischen Standard Abstriche zu machen.
Die Peripherie als Seismograph
Es ist kein Zufall, daß bislang in Schweden unbekannte (oder ignorierte) Erscheinungen gesellschaftlicher Phänomene zuerst in den großen Städten und Ballungsräumen in Erscheinung traten.
Puffert das relativ stetige Leben der kleinen und historischen Städte
die Amplituden gesellschaftlicher Schwankungen ab, macht die dauerhaft der Peripherie eingeschriebene Labilität sie zum ersten Seismographen. Das Leben an der Peripherie hat eigene Werte entwickelt,
die sich von den traditionellen Werten der Stadt unterscheiden. Die
Werte der Peripherie sind banaler in ihren Verflechtungen, konservativer, gegenwärtiger und präsenter im gesellschaftlichen Denken der
Nation, denn sie haben von der Peripherie aus in den Wertehorizont
der gesamten Gesellschaft Einzug gehalten. An vorderer Stelle steht
zum Beispiel der Konsum als unmittelbare Befriedigung spontan aufkommender Bedürfnisse 3.
Die Gesellschaft wandelt sich mit den Städten, die Städte mit der
Gesellschaft. Häuser wechseln Besitzer, werden abgerissen und wiederaufgebaut. Das hält so lange an, bis die Stadt über den Lauf der
Zeit so etwas wie das Niveau einer eigenen inneren Wirklichkeit „wie
eine Wassermarke“ erreicht hat4 . Die Tag für Tag zu bewältigenden
Aufgaben der Menschen einschließlich der Routine, konturieren sich
auf dem inhaltsdünnen Untergrund der Peripherien schärfer als inner-
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halb der kulturdichten Verflechtungen, die sich um den Innenstadtbewohner spinnen.
Das Eigene und das Fremde
In der Stadt erzwingt die permanente Anwesenheit des Fremden in
seiner mannigfaltigen und deshalb unausweichlichen Varianz die lapidare Begegnung mit ihm. Diese Begegnungen gehören zum gewöhnlichen Bestandteil der Erfahrungswelt jedes Großstädters und
machen aus ihm einen Kosmopoliten, dem es leicht gelingt, Fremdem
gegenüberzutreten und es auszuhalten. Der deutsche Schriftsteller
Walter Benjamin (1892-1940) sah seinerzeit in der großen Stadt den
alten Menschentraum vom Labyrinth Wirklichkeit geworden, denn täglich geht man halb ängstlich ins Unbekannte, um das Neue zu treffen,
wie Benjamin schrieb. Das Konterfei des alltäglich neuen Fremden hat
wesentlichen Anteil an der Persönlichkeitsprofilierung des Eigenen.
Jeder Person steht unter den vielen Möglichkeit auch die offen, das
Fremde zu ignorieren oder ihm aus dem Weg zu gehen. Georg Simmel
hat das Fremde als eines der wesentlichsten Merkmale des Städtischen in seiner erziehenden Wirkung zu Toleranz herausgestellt. Und
der polnische, in London lehrende Soziologe Zygmunt Bauman sieht
mit seinem amerikanischen Kollegen Erving Goffman gar ein grundlegendes Verhaltensmuster dafür, daß viele Menschen auf dem engen
Raum der Stadt überhaupt in der Lage sind, sich gegenseitig auszuhalten, in dem sogenannten „Gesetz der höflichen Nichtbeachtung“,
das mich immer fasziniert hat 5 .
Unter den qualitativ anderen als „urban“ zu nennenden Umständen der
Peripherie tritt das Fremde dagegen unverhüllter zutage. Es ist weniger integriert. Das Fremde in seiner personifizierten Erscheinung als
„der oder die Fremde“ (der oder die Ausländerin6 ), hat angesichts des
ungleich dünneren Kontextes der Peripherie weitaus weniger Chancen
unterzugehen - im Gegenteil, es fällt auf in seiner Nacktheit, denn es
absorbiert scheinbar alle ungelösten Gesellschaftsprobleme. Wenn im
Falle einer Konfrontation das, der oder die Fremde als das unvermeidlich „Andere“ gegen das „Eigene“ abgewogen wird, ist die Wahrscheinlichkeit einer konfliktuellen Begegnung gegeben. Konflikt muß in diesem Sinne nicht nur eine negative Bedeutung besitzen! Städtischer
Alltag heißt ja Konflikte haben, mit ihnen umgehen und sie austragen.
Der deutsche Arzt und Psycologe Alexander Mitscherlich (1908-1982)
nahm auf Georg Simmel Bezug, wenn er konstatierte, Stadt sei
Gruppenausdruck, die Geschichte der Gruppenbildung, ihrer Machtentfaltung und Untergänge: „Der Stadtbürger großer Tradition fand seine Identität durch den Zwang..., den Kanon vom Kollektiv zugelassener Selbstdarstellung einhalten und variieren zu müssen.7 "
Wer in die Peripherie der Städte europäischer Nationalstaaten fährt,
sieht sich unvermittelt mit der Präsenz ethnischer Minderheiten konfrontiert. Das gilt auch für Stockholm und dort in besonderem Maße,
da das hohe Maß an Segregation Einwanderer heute ganze Neubauviertel nahezu allein bewohnen läßt. Im Großwohnquartier Rinkeby zum
Beispiel wohnen noch etwas mehr als zehn schwedische Familien.
Auf die Arbeitsplätze vor Ort verteilen sich dort lediglich 3% gebürtiger
schwedischer Nationalität8. Auch diese Untersuchung kann das Problem der Immigrantenintegration nicht umgehen.9
Die Einwanderung in Land und Hauptstadt hat in Schweden eine lange
und junge Geschichte. Die junge Geschichte der Einwanderung erhielt
erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 Auftrieb. Da sich der
Lebens- und Wohnstandard der schwedischen Gesellschaft in den
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1970er und 1980er Jahren so weit entwickelt hatte, daß er nach wie
vor zu den höchsten Standards in Europa zählt, kam es in Bezug auf
Wohnumfeld und Wohnlage zu Erscheinungen der Segregation.10
Was die Segregation betrifft, gingen selbstverständlich als erstes die
Einwohnerzahlen in den Wohngebieten mit den mangelhaftesten Umfeldqualitäten zurück. Am Ende der Vermarktungsskala angekommen,
standen jene Gebiete einkommensschwachen Bevölkerungsschichten und Immigranten zur Verfügung. Die südlichen Kommunen des
Stockholmer Großraums Botkyrka und Huddinge weisen beispielsweise einen sehr hohen Anteil an Finnen und Türken auf, in FrescatiEkhagen der benachbarten Kommune Solna und in Sundbyberg haben sich vorrangig Iraner und Einwanderer aus mediterranen Gegenden niedergelassen 11.
1
J.Baudrillard: „Die Stadt und der Haß“, in: U.Keller (Hrsg.): „Perspektiven
metropolitaner Kultur“, S.130ff.
2
Mathieu Kassowitz: „La Haine“, Spielfilm, Frankreich, 1985
3
M.Ilardi: „La cittá senza luoghi“, S.9
4
P.Wästberg: „The Landscape under the Stone“, in: L.Nyström, „City and Culture“,
S.76
5
Z.Bauman: „Vom Nutzen der Soziologie“, S.96
6
Aufgrund der schwedischen Immigranten-Gesetzgebung gibt es in Schweden
eigentlich keine dort dauerhaft lebenden „Ausländer“. Ausländer sind deshalb als
Einwanderer oder Immigranten zu bezeichnen. Siehe auch Punkt 3.10
7
A.Mitscherlich: „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“, S.35
8
„Miljonprogram i Stockholm“, Ausstellung im Stadtmuseum
9
Es wird unter Punkt 3.10 ausführlich betrachtet.
10
siehe Punkt 3.9
11
S.Musterd u.a.: „ Multi-Ethnik Metropolis: Patterns and Policies“, S.134
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3. Kapitel
Schweden
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In diesem Kapitel sollen einige Tatsachen über Schweden zur Sprache kommen, um einen weiteren Verständnishintergrund zu schaffen.
3.1 Siedlungsgeschichte und Einwohnerzahlen
Schweden zählte stets zu den in Europa am dünnsten besiedelten
Ländern. Die Bevölkerung ist zudem ungleichmäßig über das Land
verteilt. Die Besiedlungsdichte des Landes sinkt nach Norden hin stark
ab. Aufgrund der ungünstigen Klimaverhältnisse und des sich in der
Urzeit nur langsam zurückziehenden Festlandeises fanden Menschen
auf das schwedische Territorium überhaupt einen recht späten Zugang.
1) Im Mittelalter, um 1350, zählte das Gebiet von Schweden nicht
mehr als eine halbe Million Einwohner, die zur Zeit der großen Pest
(1349/50) um ein Drittel dezimiert wurde 1.
Abb. 10
Abb. 11
Steinsetzung bei Anundshög, 7.Jh.
Bootshäuser bei Barsta
2) Seit der Freiheitszeit, ab 1721, stieg die Einwohnerzahl allmählich
aber kontinuierlich an. Zählte Schweden um 1680 ca. 750 000 Einwohner, stieg die Einwohnerzahl in den darauffolgenden 40 Jahren
auf 1,5 Millionen. Ab 1750 sind die Zahlen genau belegt, da Schweden 1749 als erstes europäisches Land die Volkszählung einführte.
Im Jahr 1750 also hatte Schweden 1,8 Millionen und 1772 2,04
Millionen Einwohner.
Im gesamten 18.Jahrhundert kam es nur zu einer Stadtgründung:
1780, Öresund - aus wirtschaftspolitischen Gründen.
3) Um 1800 betrug die Einwohnerzahl des Landes 2 347 000. Davon
lebten nur 10% in lediglich 84 Städten. Auch 60 Jahre später hatte
sich die Verteilung der Bevölkerung auf Stadt (11,3%) und Land
noch nicht wesentlich geändert. In sechs Städten wohnten mehr
als 5000 Menschen, in Stockholm 75 000.
Die Einwohnerzahl des Landes verdoppelte sich innerhalb über das
19.Jahrhundert auf 5 136 000. Die seit 1814 währende Kriegslosigkeit(!) sowie die Einführung des Kartoffelanbaus und der Pokkenimpfung erklären diesen Bevölkerungszuwachs.
4) Bis in die 1930er Jahre überwog in Schweden der Anteil der Landbevölkerung gegenüber der Stadtbevölkerung.
Heute leben 8,84 Millionen Einwohner in Schweden. Das entspricht
nur 1,6% aller Einwohner Europas - in einem Land, das flächenanteilig jedoch das drittgrößte in Europa ist. In Greater Stockholm
leben ca. 1,643 Millionen Einwohner (2000).
Abb. 12
Linnés Hammarby
Besiedlung und Urbanität
Die Besiedlung in Schweden wird nach „Dichtorten“ (tätort) und „Streusiedlung“ (glesbygd) unterschieden. Als „dicht“ gelten Ansiedlungen
von über 200 Menschen, die in Häusern wohnen, die weniger als 200
Meter voneinander entfernt stehen. Lediglich 1,2% der Fläche
Schwedens ist von solchen Dichtorten besetzt - also inklusive aller
Städte, Großstädte und Agglomerationsräume -, in denen 83,4% der
gesamten Bevölkerung lebt 2.
Durch die lose Besiedlung mangelt es Schweden traditionell an einer
ausgeprägten städtischen Kultur - aber nicht nur aus der Sicht des
Städtebauers, sondern auch aus soziologischer Sicht: städtisches
Leben basiert hier historisch auf einer nur äußerst dünnen Schicht
„urbaner“ Qualitäten; städtische Dichte und Urbanität wie in der historischen Altstadt von Stockholm sind Ausnahmen.
Das quantitative Problem hat qualitative Konsequenzen. Es wird überdies noch kombiniert mit dem allgemeinen, nordischen Bedürfnis nach
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Einsamkeit. Das Alleinleben ist in Schweden weit verbreitet, auch unter Studenten. 1990 lebten 16% der über 15jährigen schwedischen
Bevölkerung allein (in Stockholm 32%). 36% der Haushalte in Schweden sind Single-Haushalte (44% in der Stockholmer Innenstadt) 3.
Abb. 13
Boda Kyrkby
1
alle hier folgenden Zahlen aus: E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.235f.
ebda., S.225
3
Zahlen aus: Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.68
2
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3.2 Gesellschaftsgeschichte
Die schwedische Gesellschaft ist eine große Sozialdemokratie. Aber
wie hängen Sozialdemokratie und nationale Identität miteinander zusammen? Um dieses Phänomen darzulegen, muß etwas weiter in die
Landesgeschichte geblickt werden. Die moderne Geschichte Schwedens läßt sich in drei wesentliche Abschnitte gliedern. Wie wir im
folgenden, kurzen geschichtlichen Überblick sehen werden, ist Schweden ein Land mit einem Volk ohne viel kulturellem Ballast1 :
1) Feudalismus
Ab etwa 1200 lassen sich auf schwedischem Territorium erste, damals sogenannte hausdominierte Handelsplätze nachweisen. Im Landesinnern entfaltete sich ab dem 14.Jahrhundert der Feudalismus. Der
Adel - meist Nachfahren mächtiger Wikingergeschlechter - rang den
schwachen Fürsten mehr und mehr Rechte ab. Darin verlief die skandinavische Entwicklung mit der mitteleuropäischen in etwa parallel.
Bauern allerdings waren - anders als auf dem Kontinent - nie Leibeigene.
Die zweckgerichtete Verbündung schaut in Skandinavien auf eine lange Tradition zurück. Bereits 1389 schlossen sich die Reiche Dänemark, Norwegen und Schweden in Kalmar zur Kalmarer Union zusammen, um dem wachsenden Einfluß Deutschlands entgegenzuhalten.
Die dänisch-norwegerische Königin Margarete (1353-1412) dominierte
diese Union. Nach mehreren mißlungenen Ausbruchversuchen
Schwedens, gelang es Gustav Wasa, die Souveränität Schwedens zu
erringen. 1523 wurde er zum ersten König des Landes gekrönt.
Das schwedische Territorium ist im 9.Jahrhundert von Deutschland
aus zu christianisieren begonnen worden. Die Christianisierung
Schwedens setzte England im 11.Jahrhundert dann fort. Im Jahre 1527
- lediglich 10 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers in Wittenberg führte König Gustav I. Wasa (1523-1560) in seinem Reich die Reformation durch und erklärte 1540 die evangelisch-lutherische zur schwedischen Staatskirche. Kirchliche Güter und Ländereien fielen damit an
die Krone. Mit Hilfe eigenbewirtschafteten oder aus Verpachtung des
säkularisierten Kirchenbesitzes eingenommener Finanzen konnte der
König die Staatsmacht zentralisieren, zu einer gefestigten Monarchie
ausbauen und den Einfluß des Adels zurückdrängen. Die Ära
Schwedens als Großmacht setzte ein.
2) Großmachtzeit
Der Nachfolger Gustav I. Wasa, König Gustav II. Adolf (1594-1632),
der 1611 den Thron bestieg, siegte im Dreißigjährigen Krieg (18181848) über Christian IV. von Dänemark, eilte 1630 den preußischen
Protestanten zu Hilfe und fiel 1632 gegen Wallensteins Truppen auf
dem Lützener Schlachtfeld bei Leipzig. Da die Krone in Schweden an
ein Erb- und Wahlkönigtum gebunden war, das sie stets den Händen
ein und derselben Familie beließ, setzte der Kanzler Gustav II. Adolfs,
Axel Oxenstierna (1583-1654), die Politik des verschiedenen Königs
in Form einer Vormundschaftsregierung fort, denn Gustav Adolfs Tochter Christine (1626-1689) war beim Tode ihres Vaters erst 6 Jahre alt.
Wie es das Erbkönigtum vorschrieb, wurde sie noch im selben Jahr
inthronisiert.
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Die schwedische Königin Christine versetzte der protestantischen Tradition, für die ihr Vater in der Schlacht fiel, einen herben Rückschlag,
als sie sich 1654 kurzerhand entschloß, zum Katholizismus zu konvertieren und zurückzutreten. Nach Christines Rücktritt hatte König
Karl X. Gustav (1622-1660) den Thron bestiegen und ein Nichtduldungsedikt gegen Vertreter mit katholischer Konfession erlassen,
um die Krone vor polnischen Ansprüchen zu schützen. Unter das Edikt
viel auch die ehemalige Königin. Ihr blieb nichts anderes, aus der Not
eine Tugend zu machen und nach Rom zu gehen.2
Ab etwa der 2.Hälfte des 17.Jahrhunderts bereicherte Schweden sein
Reichsterritorium in mehreren Schritten um Provinzen, die bis dato zu
Dänemark gehörten und seitdem Bestandteile des heutigen Schwedens
sind. Im Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg 1648
abschloß, kamen Teile Norddeutschlands und Polens und im Friedenspakt von Roskilde (1658) große Teile des heutigen Südschwedens (vorher ebenfalls dänisch) unter schwedische Hoheit 3.
1680 setzte das Königtum den Absolutismus durch. Hatte dem Adel
vorher etwa drei Viertel des Grund und Bodens gehört, wurden dessen
Besitztümer nun auf ein Drittel reduziert. König Karl XII. (1682-1718)
führte Expansionskriege für die Großmacht. Am Ende des Großen
Nordischen Krieges (1700-1721) gegen Sachsen, Polen und Rußland
wurde er erschossen. Der Friede von Nystad beendete 1721 die
Großmachtzeit und führte zum Verlust der Gebiete südlich der Ostsee.
3) Freiheitszeit
Nach dem Tode Karls XII. wurde die Macht des schwedischen Königshauses rigoros beschnitten. Der Reichstag (das Parlament) bildete
fortan die Regierung. Schweden kann also auf fast 300 Jahre freiheitlichen Parlamentarismus zurückblicken. Nur König Gustav III. (17461792) führte per Staatsstreich vorübergehend (zwischen 1771 und 1792)
wieder die absolute Monarchie ein, mußte dies aber in einer Verschwörung mit dem Leben büßen. Die Freiheitszeit wurde von einer Blüte der
Wissenschaften und der Kunst begleitet. 1739 wurde die Akademie
der Wissenschaften an der Universität von Uppsala gegründet.
Der Nachfolger Gustavs III., König Gustav IV. Adolf (1778-1837), wurde
1809 per Staatsstreich abgesetzt, da er befahl, gegen Rußland um die
Rückeroberung Finnlands Krieg zu führen. Das war die letzte militärische Auseinandersetzung, in der Schweden aktiv gewesen ist! Im Prinzip hatte es sich um eine Selbstschutzmaßnahme gehandelt, denn
im Jahr zuvor hatte der russische Zar Alexander I. (1777-1825) Finnland mit der Absicht unter seine Kontrolle gebracht, weiter nach Westen vorzudringen, um das schwedisch-englische Bündnis zu beenden.
Die territorialen Landesgrenzen im Norden Schwedens waren bis dahin nie so festgelegt gewesen wie die im Süden. 1808 einigte man
sich auf das Gewässer des Tornälv als schwedisch-finnische Grenze
unter Einschluß von etwa 30 000 Finnen in nun schwedisches Hoheitsgebiet. Erst 1917 erlangte Finnland seine staatliche Souveränität
von den russischen Okkupanten.
Abb. 14
Foyer der Universität von Uppsala
Am Vorabend der Befreiungskriege gegen Napoleon (1813-1815) hatte
sich Schweden bereits 1805 auf die Seite Englands geschlagen. England gehörte auch aus diesem Grund später zu den wichtigsten Handels- und Wirtschaftspartnern Schwedens. Aus den Befreiungskrie27
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gen ging Schweden siegreich und unblutig hervor, da Napoleon Bonaparte 1810 den französischen Marschall Jean Baptist Bernadotte (17631844) in der schwedischen Provinz des französidchen Imperiums eingesetzt hatte. Bernadotte ließ sich 1818 zum schwedischen König
Karl XIV. Johan krönen.
1815 wurde Europa im Wiener Kongreß neu geordnet. Pommern fiel
zurück an Preußen, aber dafür Norwegen an Schweden, obwohl Norwegen zu dem Zeitpunkt bereits eine eigene Verfassung hatte. König
Karl XIV. Johan erkannte die norwegische Verfassung an, blieb aber
König über Norwegen und Schweden. Erst ein knappes Jahrhundert
später erlangte Norwegen 1905 auf friedlichem Wege seine völlige Eigenständigkeit.
Neutralitätspolitik und Mitschuld
Schon 1814 - ein Jahr vor dem Wiener Kongreß - deklarierte Schweden seine strikte „Bündnisfreiheit im Frieden zwecks Neutralität im
Kriege“.
Seit 200 Jahren hat Schweden selbst die Zeit des Faschismus in Europa bündnisfrei überstanden. 1972 noch lehnte die Regierung eine
EU-Vollmitgliedschaft ab, unterzeichnete aber ein Freihandelsabkommen mit ihr und arbeitet verschiedene Assoziierungsverträge aus.
Knapp die Hälfte aller schwedischen Ausfuhren gehen in EU-Länder.
1994 wurde erneut ein Kompromiß zur EU-Mitgliedschaft gefunden;
und 1995 konnte sich Schweden um den Beitritt zur EU nicht mehr
drücken.
Die Bündnisfreiheit gehört in Schweden zu den wesentlichsten Konstituenten des Nationalbewußtseins und des Natioalstolzes. Fragen aus
dem Ausland, die erst in den letzten Jahren um die Verantwortung
Schwedens gestellt wurden, dem Hilferuf Finnlands, das 1939 von russischen Truppen überfallen wurde, mit Ignoranz begegnet zu sein und
an der deutschfreundlichen Neutralitätspolitik festgehalten zu haben,
auch als 1940 die Nachbarländer Dänemark und Norwegen von den
Deutschen besetzt wurden, künden vom Überdenken des schwedischen Vorbildstatus in der Geschichte, denn „zu lange ist über diese
Grenzfragen der Ethik geschwiegen worden.4 “
1941 gestattete Schweden den Transit einer deutschen Kampfdivision
von Norwegen nach Finnland. Vom eisfreie Hafen von Narvik in Norwegen wurde schwedisches Eisenerz zur Kriegsgüterproduktion des
Deutschen Reiches verschifft. Das faschistische Deutschland gehörte
in den 1930er / 40er Jahren zu den wichtigsten Außenhandelspartnern
Schwedens. Nach Deutschland exportierte Schweden vorwiegend Eisenerz und Kugellager. „1940 hatte Hermann Görings Staatssekretär
Neumann die Deutsche Bank beauftragt, „deutsche Anleihen in Schweden aufzukaufen und dafür Gold anzubieten... Im Verlauf des Krieges
wurde immer häufiger mit Goldbarren gezahlt, um Rohstoffe (auch) in
... Schweden... kaufen zu können.5 " Die Holocaust-Konferenz im Januar 2000 in Stockholm thematisierte erstmals „das Schweigen über
den Holocaust“ und „die historische Lebenslüge der Sozialdemokratie
von einer sauberen Neutralitätspolitik während des Zweiten Weltkriegs.6 "
Angesichts der jüngsten Terrorakte schwedischer Neonazis sollte die
Konferenz eine Wissens-lücke schließen, „ehe die in Schweden seit
längerem besonders aktiven Holocaust-Leugner und HerrenmenschenIdeologen sie mit ihren Lügen füllen können.7 “
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Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.3
Als Dank für das religiöse Votum für die katholische Kirche in der Zeit des Kampfes
zwischen Reformation und Gegenreformation hieß Papst Alexander VII: Chigi
(Pont.Max. 1655-1667) Christine von Schweden in Rom nicht nur mit dem Neubau
des Triumpftores der Porta del Popolo (Entwurf von Michelangelo) willkommen;
letztendlich wurde ihr 1689 sogar die Ehre zuteil, im Petersdom die letzte Ruhestätte zu finden.
3
1638 gründete sich die schwedische Kolonie Neu Schweden in Nord-Amerika, die
kurze Zeit später aber unter holländische Herrschaft gezwungen wurde.
2
4
Werner A.Perger: „Verjährt und vergessen“, in: DIE ZEIT, Nr.05 vom 27.1.2000,
http://www.archiv.ZEIT.de/daten/pages/200005.schweden_.html
5
Christian Tenbrok; Mario Müller, in: DIE ZEIT, Nr.25 vom 10.61998
6
Werner A.Perger: „Verjährt und vergessen“, in: DIE ZEIT, Nr.05 vom 27.1.2000
7
ebda.
29
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3.3 Land- und Gesellschaftsreformen
Als der Franzose Bernadotte 1818 schwedischer König wurde, verabschiedeten Parlament und König eine Verfassung mit Gewaltenteilung.
Schweden wurde zur konstitutionellen Monarchie mit parlamentarischer
Regierungsform. Von da ab nahm eine Vielzahl von Reformen ihren
Ausgang.
Die grundlegendste Reform des sozialen Gefüges in Schweden war
wohl die:
Bis zum Zweiten Weltkrieg war Schweden ein Agrarland mit einerseits
für Landwirtschaft eher nachteiligen klimatischen Verhältnissen, andererseits dem niedrigen technischen Standard der Landbewirtschaftung geschuldeter Rückständigkeit. Schweden war eines der ärmsten
Länder Europas.
Schon im 18.Jahrhundert wurden Landreformen durchgeführt, die im
19.Jahrhundert fortgesetzt wurden. Insgesamt gab es drei Bodenreformen mit dem Ziel, die Effektivität des Landbaus zu erhöhen. Sukzessive wurden die kleinen zu immer größeren Parzellen zusammengelegt. Die Parzellierung verstreute die Dorfform in Einzelhäusern über
das Land. Die unmittelbaren Sozialkontakte und -bindungen unter der
Bevölkerung wurden aufgelöst. Das heutige Landschaftsbild aus Streusiedlungen und größeren Feldern ist also nicht natürlich entstanden,
sondern Ergebnis administrativer Entscheidungen. Erst die politische
Einrichtung des „Folkets Hus“ (Volkshaus - eine Art Gemeindesaal)
übernahm im 19.Jahrhundert soziale Qualitäten, wie sie anderswo Cafés,
Pubs und Kneipen hatten 1.
In Bezug auf Recht und Besitz bildeten sich mit den Landreformen
ländliche Unterschichten heraus. Viele arbeitslose Bauernfamilien litten Hunger, so daß ihnen nichts anderes übrigblieb als auszusiedeln.
Zwischen 1840 und 1914 verließen 1,1 Millionen Schweden das Land
- vorrangig nach Nordamerika 2.
Die Lasten der Reformen wälzte die Regierung auf die Kommunen ab.
1862 wurden die im Mittelalter entstandenen Kirchspiele per Verordnung kurzerhand in politische Gemeinden sich selbst verwaltender
Kommunen umgewandelt. Die ursprünglich 2500 Kommunen wurden
in zwei Schritten auf 286 reduziert, die sich auf 24 sehr verschieden
große Provinzen verteilen. Seitdem gilt auch die Unterscheidung zwischen Land- und Stadtgemeinde nicht mehr.
Auf administrativer Ebene wurde 1866 das parlamentarische Zweikammersystem eingeführt. Seit 1971 verfügt der Reichstag aber nur
noch über eine Kammer. Der König übt seit 1974 nur noch rein repräsentative Funktionen aus.
Reformen - das „Update“-Mittel der Gesellschaft
Wie Kai Böhme feststellte, ist Schwedens politisches Erbe arm an
utopischem Ideengehalt, denn „in Schweden überwog immer das hohe
Niveau an pragmatischem Realismus.3 "
Wie erwähnt, war Schweden bis um 1900 eines der rückständigsten
Agrarländer Europas. Mit Hilfe des Pragmatismus, der Reformen eigen ist, wurde das Land innerhalb von weniger als einem halben Jahrhundert zu einem der wirtschaftlichsten Industriestaaten Europas umgestaltet. Die sozialdemokratische Regierung setzte fort, die Gesellschaft unablässig per Reformen zu modernisieren. Daß die Herrschaft
der schwedischen Sozialdemokratischen Partei (SAP) im 20.Jahrhundert fast ununterbrochene siebzig Jahre lang andauerte, hat darin seine Ursache.
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Kontinuität besteht in Schweden in der Permanenz von Veränderungen. Oder wie es Jan Olof Nilsson 1994 ausdrückte: „Placing everything
in motion was one of the (Swedish) modernity’s primary principles.
That which stood still represented stagnation in a culture which set
forward progress as ist highest value.4 " Da die Partei selbst die Initiatorin der Reformen war, sicherte sie sich die Fäden der Steuerung und
Kontrolle der Entwicklung in ihren eigenen Händen.
Reformen erfordern einen breiten politischen Konsens und einen starken Rückhalt unter den Wählern und Wählerinnen. So lange Reformen
Sicherheiten nicht bedrohten, wurden sie widerspruchsfrei akzeptiert.
Die Verantwortung der Erhaltung der Sicherheiten trotz Reformen trugen in der Praxis die Kommunen.
Erarbeitete Modelle sind nicht wie externe Kostüme, die man die Freiheit hat, je nach Bedarf und Zweck zu benutzen, sondern sie sind
darauf angelegt, zu integralen Bausteinen der Gesellschaft zu werden.
Reformen produzierten Diskussionen, Hoffnungen, aber auch
Hypokrisie5. Bisweilen kam es dazu, daß Stukturveränderungen ein
Eigenleben gewannen und sich von den Zielen, zu denen sie herbeigeführt worden waren, loslösten. Kleinere Begleiterscheinungen und Nebeneffekte großer Reformen gerieten bei aller Fortschrittsorientierung
zuweilen aus dem Blickfeld6 oder wurden einfach vom beständigen
Vorwärtsrollen der Entwicklungswalze platt gemacht. Nonkonformisten,
Widersacher oder sozialer Randgruppen hatten kaum Möglichkeiten,
Einfluß geltend zu machen, ohne ihrer Identität abhold zu werden.
Zum Teil wurden sie als nicht repräsentativ stigmatisiert und nicht unabsichtlich von Macht und Einfluß ferngehalten, obwohl - bzw. weil ihre Lebensbedingungen durchaus bekannt waren 7.
Mit etwas spitzer Zunge kann man von einem hochgezüchteten, perfekten, quasitotalitären System sprechen, das die Gesellschaft in den
1980er Jahren in eine Art pathologischen Zustand führte. In diesem
Zusammenhang tauchte in der Zeit des ökonomischen Booms nach
dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal Kritik am Wohlstand auf. Kritiker monierten das dialektische Gegenüber von Hochkultur aber kultureller Spannungslosigkeit, Reichtum und Wohlstand aber Erlebnisarmut; die Reibungslosigkeit des Funktionierens des Systems aber
das Ende der Erzählung. Als schlechten „Nachgeschmack von Volksgemeinschaft“ stellt Jan Roß „die Gefahr von Harmoniezwang und
Normalitätsterror“ am Beispiel des Gegenteils heraus: „Soziale Ungleichheit ist ja auch eine Spielart von Verschiedenheit, Differenz, Vielfalt ... (, denn) wo der Egalitarismus seine stärksten Bastionen hat,
(ist) das Leben für Fremde zugleich am ungemütlichsten...8 “ Oder an
anderer Stelle W.A.Perger: „Die größten Schwierigkeiten hat, wer wie
die Linke, die sich weitende Kluft zwischen Arm und Reich nicht für
ein Zeichen sozialer Vielfalt, sondern für ungerecht hält und dagegen
primär politisch - (und) nicht subsidiär karitativ - vorgehen will.9 “
Erst als die SAP 1976 bis 1982 erstmals die Regierungsgeschäfte an
die konservative Partei abgeben mußte, war das ein Zeichen dafür,
daß es auch andere Kräfte in der Gesellschaft gab, welche die sozialdemokratischen Auffassungen nicht blindlings teilten und darüber hinaus in der Lage waren, sich Gehör zu verschaffen. Das tut der Tatsache keinen Abbruch, daß Reformen bis heute in Schweden als Hauptausdruck von Modernität schlechthin angesehen werden. Man könnte
behaupten, Reformen als solche besäßen einen gewissen Selbstwert.
Der jetzige Ministerpräsident Göran Persson dazu: „Sollte die Situation heute angesichts von Krisenerscheinungen Sanierungsmaßnahmen
verlangen ..., werden wir davor nicht zurückschrecken.“ 10
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1
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.206
E.Gäßler (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.236
3
K.Böhme: „Schweden - ein Modell für Konsens und Rationalität?“, S.338
4
Jan Olof Nilsson in: „Alva Myrdal...“, gefunden in: T.O’Dell: Culture unbound“, S.126
5
A.Khakee u.a. (Hrsg.): „Remarkong the Welfare State“, S.75
6
ebda., S.75
7
ebda., S.77
8
Jan Roß: „Die Rückkehr der Gleichheit“, in: DIE ZEIT, Nr.03, 14.1.1999,
http://www.archiv.ZEIT.de./daten/pages/199903.gleichheit_.html
9
Werner A.Perger: „Vom Norden lernen?“, in DIE ZEIT,, Nr.04, 21.1.1999,
http://www.archiv.ZEIT.de./daten/pages/199904.wohlfahrtsstaat_.html
10
Göran Persson: „Mut durch Sicherheit“, in: DIE ZEIT, Nr.4, 21.1.1999
2
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3.4 Parteiengeschichte
Mit der Etablierung des Zweikammer-Reichstages 1866 bildeten sich
die wesentlichen parlamentarischen Strömungen heraus, welche die
Parteienlandschaft Schwedens bestimmten: Liberale, Konservative und
Bauern. Mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion im Zuge
der Industrialisierung erstarkten die Liberalen und Sozialdemokraten
gleichermaßen. Traditionell sind in Schweden die Konservativen
schwach und die Liberalen stark.
Die 1880 gegründete Sozialdemokratische Partei Schwedens (SAP)
sog die Bauernrepräsentanz auf und in ihrem linken Flügel formierten
sich die Kommunisten. Von Anbeginn an koalierten die Sozialdemokraten mit den Liberalen. 1902 wurde die SAP mit Unterstützung
der Liberalen in den Reichstag geholt.
Die Sozialdemokratie begann ihre Karriere als Intellektuellenvereinigung. 1897 hatte sich die SAP nach dem Vorbild des Erfurter
Programms der SPD (1891) ihr Statut gegeben. Aus dem Programm
marxistischer Prägung strich die SAP alsbald die Passage des Klassenkampfes der Arbeiter.
Das humanistische Gedankengut, dem sich die Mitglieder der Partei
verpflichtet fühlten, also die Visionen von sozialer Gerechtigkeit und
Demokratie, genossen Sympathie unter der Bevölkerung. Im Zusammenhang mit den sozialen Umwälzungen und Brüchen, die von der
Agrar- zur Industriegesellschaft erfolgten, sehnten sich die Menschen
nach einer sozial sicheren Zukunft. Auch die Arbeiter fühlten sich von
der Sozialdemokratie am besten vertreten. 1914 konnte die SAP bereits 36,4% aller Wählerstimmen auf sich vereinen 1.
1928 präsentierte der Protagonist der Bewegung, der Sozialdemokrat
Per Albin Hansson (1885-1946) seine Vision vom „schwedischen Modell des Volksheims“: ein Mittelweg zwischen kapitalistischer Wirtschaft und sozialistischen Vorstellungen. In der Philosophie des Volksheims wurden die Bürger nicht mehr als Untertanen angesehen, sondern als „Familienangehörige“, für die der Staat zu sorgen hatte.2 " das war der Sinn des Staates; in seiner Gerechtigkeit bestand seine
Berechtigung. Die institutionelle und formale Gerechtigkeit stellt einen
eminent wichtigen Wert in den Köpfen der schwedischen Menschen
dar.
Der griechische Philosoph Platon (427 -347 v.Chr.) brachte Staat und
Gerechtigkeit in eine enge Verbindung zueinander: der ideale Staat
fuße auf dem Wesen der Gerechtigkeit3. Die Entwicklung von Gerechtigkeitssinn (eines jeden Einzelnen) und die tatsächlich ausgeübte
Gerechtigkeit (durch den Staat) orientiere sich dabei, so Platon, am
seelischen Urbild (Idee) von Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit, das
außerhalb und unabhängig vom menschlichen Subjekt existiere. In
der Tendenz strebe nun die Entwicklung jedes Elements auf der Welt
die Übereinstimmung mit seinem idealen Urbild an. Platon nannte das
Selbstverwirklichung. Die Sozialdemokratie steckte sich das politische
Ziel, das gesellschaftliche Realbild dem Selbstentwurf eines entsprechenden Idealbildes nahekommen zu lassen.
Durch ihren entscheidenden Anteil am Krisenmanagement zur Überwindung der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 konnten
die Sozialdemokraten erstmals überzeugen. 1932 gewann der linksliberale sozialistische Block die Wahl mit der Hälfte aller Wahlstimmen4 .
Per Albin Hansson, der Vater des „Volksheims“, führte die Regierung
über zehn Jahre lang als Ministerpräsident bis zu seinem Tode 1946.
Nachdem sich die Kommunisten offiziell 1920 von der SAP abgespalten hatten, den Schritt gemeinsam mit den Bauern aber eigentlich erst
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Abb. 15
Per Albin Hansson
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nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen, war eine innere Homogenisierung der SAP erfolgt - eine wichtige Voraussetzung zur einheitlichen
Steuerung der Gesellschaft.
Bei den Wahlen im Jahr 1945 lagen die Sozialdemokraten etwa gleich
mit den Bürgerlichen. Durch ihre Koalition mit den Kommunisten aber,
konnten die Sozialdemokraten die Regierung bilden. Ab diesem Zeitpunkt kam es kaum noch zu Fluktuationen der Wählerstimmen zwischen den Blöcken. Die Blöcke hatten sich polarisiert, stabilisiert und
waren eingefroren 5.
Bis heute wurde die Regierungsperiode der SAP nur zweimal unterbrochen, ohne daß beim ersten Mal - von 1976 bis 1982 - die politische Kontinuität unterbrochen worden wäre. Als 1991 zum zweiten
Mal bürgerliche Parteien die Regierung übernahmen, erklärten sie das
„schwedische Modell“ für gestorben. Die neue Regierung verabschiedete ein Notprogramm zur Bekämpfung der Finanzkrise und unternahm Bemühungen, die Schwedische Währung (SEK) vor der Spekulation zu bewahren. Sparmaßnahmen legte die Regierung auf die Kommunen um. Bis sie 1994 wieder von der Sozialdemokratie abgelöst
wurden, hatte sich jedoch grundsätzlich kaum etwas geändert. Im Herbst
1998 mußten die Sozialdemokraten eine Wahlniederlage mit einem
Stimmenverlust von um 8,8% hinnehmen. Die heutige Regierung setzt
sich aus einer Minderheitenkoalition aus SAP, der ex-kommunistischen
Linkspartei und den Grünen zusammen. Sie wird gegenwärtig vom
sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Göran Persson geführt.
Das Erfolgsrezept der Sozialdemokratischen Partei Schwedens bestand in einer engen Verflechtung ihrer gesellschaftspolitischen Ziele
mit der privaten Wirtschaft.
Dem englischen Ökonomen Adam Smith (1723-1790) schon waren
seinerzeit die katastrophalen sozialen Auswirkungen der immer weiter
vorangetriebenen Effektivierung der Arbeit in England nicht verborgen
geblieben. Er forderte daher die enge Verknüpfung von Wirtschaft und
sozialen Leistungen. Zur Fortentwicklung der Gesellschaft als Ganze
und zum blühenden Wohlstand einer Nation könne es nicht kommen,
wenn die Mehrheit arm bleibe, so Smith. Um die Folgen der Arbeitsteilung erträglicher zu machen und dem Leben des einzelnen Inhalt zu
geben, stellte Smith ökonomischen Fortschritt in Verbindung mit einer
Volksbildung für alle6, was später auch zum gesellschaftspolitischen
Prinzip Schwedens werden sollte.
Vilfredo Pareto (1848-1923) entwickelt die Erkenntnis Smith’s im sogenannten Pareto-Optimum weiter. „Das Pareto-Optimum ... (ist) jener Zustand (der Ausgeglichenheit, d.A.), bei dem kein Mitglied einer
Gruppe oder Gesellschaft besser gestellt werden kann, ohne daß zumindest ein anderer schlechter gestellt werden müsste.7 “
Staatliche Eingriffe ebneten das Feld für ökonomische Prosperität.
Der Wohlfahrtstheoretiker Arthur Cecil Pigou (1877-1959) arbeitete in
seinem 1920 erschienen Buch „Economics of Welfare“ die wichtige
Gesellschaftsverpflichtung heraus, nachhaltig für die gesunde Existenz
künftiger Generationen zu sorgen. Die Wohlfahrtsökonomie stellte für
Pigou die Richtschnur dar, die Lebensbedingungen der Menschen vor allem der sozial Schwachen - zu verbessern. Staatliche Eingriffe
verstand er als Nachhilfe, da Marktwirtschaft nicht automatisch zu mehr
Gleichheit und Gerechtigkeit führe. Pigou schuf die theoretische Basis für eine staatliche Wirtschaftspolitik 8.
Als Gegenleistung dafür, daß der Staat den Unternehmen das Feld
bereitete, schöpfte der Staat einen Großteil der Unternehmensgewinne
in durch Steuern ab. Eine restriktive Steuerpolitik erwies sich ab den
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1940er Jahren als wirksamstes Mittel der Einflußnahme der Regierung auf die Lenkung der ökonomischen Entwicklung des Landes. Auf
der Basis einer leistungsfähigen Qualitätsgüterwirtschaft wurde systematisch das breite und dichte Netz gesellschaftlicher Institutionen
geschaffen, zu dem alle Bürger und Bürgerinnen uneingeschränkten
Zugang haben sollten9. Die Wirtschaftspläne erarbeitete die Regierungspartei Hand in Hand mit den Vertretern der Industrie. Durch Steuereinnahmen akkumulierte der Staat Kapital, mit Hilfe dessen er wiederum
die Industrie mit Krediten versorgen konnte. Der Staat steuerte das
wirtschaftliche Investitionsgeschehen, stellte eventuelle Niedrigbesteuerung in Aussicht und konnte darüber hinaus die sozialpolitischen Ziele der Partei umsetzen.
Zu den wesentlichen innenpolitischen Zugeständnissen an die Wirtschaft gehörte die Kontrolle der Arbeiter durch die Gewerkschaften.
Darum kümmerte sich der rechte Flügel der Sozialdemokratischen
Partei.
In Schweden gibt nur die Körperschaftssteuer und keine Unternehmensbesteuerung. Gegen Ende der 1980er Jahre rief die Hochbesteuerung von Privatpersonen zunehmende Proteste, besonders von
Spitzenverdienern hervor und provozierte eine Welle der Steuerflucht
nach Monaco. Die Regierung lenkte ein, indem sie die Spitzensteuersätze senkte, dafür aber die allgemeine Besteuerungsgrundlage erweiterte.
Im Rahmen der Wirtschaft unter den Bedingungen des Krieges in Europa sah sich ab 1943 auch die schwedische Regierung zur strengen
Wirtschaftsplanung veranlaßt. Von einer Planwirtschaft konnte aber
keine Rede sein, sondern eher von einer Planung anhand von Prognosen, die auf Trendanalysen basierten, auf in Ansätzen vorhandenen
Entwicklungstendenzen und auf entsprechender Koordinierung von
Wirtschaftszweigen.
Zu den prononcierten Zielen der Wirtschaftspolitik der SAP gehörten:
1) Vollbeschäftigung,
2) Preisstabilität,
3) eine aktive Arbeitspolitik zur Bereitstellung der notwendigen Anzahl von Arbeitskräften sowie
4) der Ausgleich der Einkommensentwicklung.
Der Hintergrund für die aktive Arbeitsmarktpolitik ist nicht nur ein altruistischer. In die Wirtschaftsmaschinerie zurückgeführte Arbeitslose
bedeutet, die Menschen wieder in den Konsumkreislauf zu reintegrieren
und so die Produktion antreiben.
Eine ausgeglichene Einkommensentwicklung erfolgte in zweierlei Hinsicht: zum einen unter dem Motto „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“
und zum anderen „geringe Lohnstreuung in allen Branchen“. In Stockholm herrschte die größte Streuung. Aber auch hier überschritt sie bis
zum Anfang der 1990er Jahre 16% nicht 10.
Positivismus
Das effektive Verfolgen von gesellschaftlichen Zielen basiert auf einer
materialistischen, problemlösenden Weltanschauung. Das schwedische Gesllschaftsgebilde hat zwei Wurzeln: eines ist der Positivismus, das andere der Rationalismus.
Die Philosophie des Positivismus geht von der prinzipiell Erkennbarkeit der Welt durch den Menschen aus11. Das menschliche Erkennt-
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nisstreben ist auf zwei Erscheinungen der objektiven Realität gerichtet:
1) auf das Sein (im Gegensatz zu ihrem Wesen) und
2) auf die Beziehungen, welche die verschiedenen Erscheinungen
untereinander eingehen.
Die Welt teilt sich demzufolge in den materiellen Bereich und die immateriellen Beziehungen. Besonders deutlich wird das in der Figur
des Menschen und seinem interaktiven, gesellschaftlichen Zusammenspiel. In der Hypothese des französischen Begründers der positivistischen Auffassung als soziologisches Phänomen, Auguste Comte
(1798-1857), ist allen Beziehungen gemeinsam, Gesetzmäßigkeiten
zu gehorchen. Daraus folgt: die gesamte Welt unterliegt einer
Gesamtzusammenhänglichkeit, auf welche schon die Hermeneutiker
pointierten. Beide Aspekte der Erscheinungen der Realität - materielle
wie immaterielle - seien, so Auguste Comte, enzyklopädisch erfaßbar. Das erklärt unter anderem die Statistikbeflissenheit der Schweden. Gesellschaftswissenschaft in Schweden ist oft interpretierte Buchhaltung.
Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der schwedischen Gesellschaft scheint mir das Werk Auguste Comtes an die Hand zu geben,
weshalb ich hier etwaqs näher darauf eingehen möchte.
Vor dem anarchischen Hintergrund der Auswirkungen und offenen Fragen an die Zukunft einer neuen Gesellschaft nach der Französischen
Bürgerlichen Revolution visionierte Comte die Abschaffung der Anarchie, womit er die Abschaffung der Anarchie verschiedener Meinungen
meinte. Aber wie konnte man das erreichen? Comtes Antwort: unter
der unbedingten Voraussetzung, das menschliche Erkenntnisstreben
sich ausschließlich auf die Erscheinungen der Seinswelt beziehen zu
lassen! Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard setzte später fort
darüber nachzurätseln, wie sich Meinungsvielfalt objektivieren ließe.
Auguste Comte vorerst war der Auffassung, die Einschränkung des
Erkenntnisstrebens auf die Seinswelt würde konsequent zu einer für
alle Mitglieder der Gesellschaft gültigen Basis gereichen, welche die
Tür für eine vernunftgesteuerte und wirksame Umgestaltung der Gesellschaft öffne, und zwar ohne revolutionäre Erschütterungen! Das lag
ihm angesichts des Revolutionsterrors in Frankreich sehr am Herzen.
Der Politik komme dann nämlich die Rolle zu, die Forschung zu animieren, um die Gangart der Gesellschaft zu erkunden und in die Zukunft zu extrapolieren. So könnten Tendenzen gesellschaftlicher Entwicklung nicht nur erkannt, sondern auch Ziele aufgestellt werden. Die
reale Entwicklung der Gesellschaft brauche dann nur noch in Funktion
der Erreichung dieser Ziele gestaltet werden.
Der zeitgenössische französische Philosoph Jean-François Lyotard
arbeitete die Triebwirkung von Bedürfnissen in Erwartung ihrer Erfüllung als wesentliche Komponente funktionierender Systeme heraus.
Er schrieb: „Der wahrhafte Zweck des Systems, jener für den es sich
selbst als Maschine programmiert, ist die Optimierung des globalen
Verhältnisses seiner In- und Outputs, das heißt seine Leistungsfähigkeit.12 "
In der Wissenschaftslehre machte Comte eine Entwicklungslinie auf,
die nach dem Stadium der (1.) theologischen und (2.) metaphysischen,
(3.) das Tatsachenstudium als entwickeltste und höchste Form wissenschaftlichen Studiums darstellt. Im Tatsachenstudium der Seinswelt trete an die Stelle des Glaubens die nüchterne, wissenschaftliche
Einsicht von Fachleuten und Spezialisten, die - in die Praxis umgesetzt - zum bestimmenden Element für die Gestaltung der Gesellschaft durch programmierten Wandel werde.13
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Voraussetzung für den Erfolg des Comte’schen Modells ist seine
Omnipotenz. Alle Menschen müssen sich an „das Ganze“ hingeben;
Altruismus („die ganze Menschheit“) sei dabei die Grundlage des Denkens und Handelns aller Menschen nach den drei Geboten:
1) Liebe als Prinzip,
2) Ordnung als Grundlage,
3) Fortschritt als Ziel.
Fortschritt sei eine ethische Verpflichtung, meinte Comte. Dessen großes Ziel bestehe im Erreichen einer sog. „positivistischen Endgesellschaft“, die sich dadurch auszeichne, daß gesellschaftliche
Phänomene wie Geschichte und Politik nur noch dann von Bestand
sein werden, wenn sie streng rational und wissenschaftlich behandelt
würden. Sämtliche unwissenschaftliche Erscheinungen wie Religion
und Metaphysik müssen demzufolge beseitigt werden.
Homogenisierung der Gesellschaft
Schweden ist in den positivistischen Prinzipien Auguste Comtes, sehr
weit vorangeschritten. Die methodische Ausrichtung gesellschaftlicher
Ziele auf soziale Aspekte führte Schweden verstärkt in die Richtung
der Comteschen Vision.
Fortschritt durch Bewegung...; aber Stillstand durch Bewegung? Fortschritt führt zu Stillstand. In Bezug auf die schwedische Gesellschaft
befinden sich Bewegung und Stillstand in einem paradoxen Wechselverhältnis.
Der Ausblick auf die „positivistische Endgesellschaft“ stellt sich folgendermaßen dar: es gibt Anzeichen gesellschaftlichen Stillstandes
bei ständig angeheizter Bewegung (z.B. der reformfreudigen Ausweitung der Ratio). Letztendlich bedeutet der rational-funktionale Fortschritt
der Gesellschaft deren Auflösung.
Institutionen arbeiten in Schweden in Funktion der sozialdemokratischen Vision von einer harmonisierten Endgesellschaft - selbst die
institutionalisierte Opposition. Nicht das immer wieder verhandelnde
Lösen von Widersprüchen begleitete den schwedischen Entwicklungsweg, sondern die Auflösung des Widerspruchs an sich. Hier das Beispiel der Gewerkschaften.
Bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts waren etwa 90% der schwedischen Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglieder. Jeder Gewerkschaftsbeitritt war mit dem Beitritt zur SAP verbunden, bis 1911 diese Regelung aufgehoben wurde. Das erklärt den frühzeitigen Aufstieg der SAP
zur Massenpartei. Die Gewerkschaftsführer rekrutierten sich zum Großteil aus der Arbeiteraristokratie. An Widerstand innerhalb des Arbeitsprozesses wenig interessiert, veranlaßte die Arbeiteraristokratie, daß
die Gewerkschaft 1938 die Friedenspflicht in ihr Statut schrieb. Die
Friedenspflicht schloß Maßnahmen des aktiven Arbeitskampfes als
politisches Druckmittel aus! Streiks, Agitation am Arbeitsplatz,
Zeitungsverkauf und das Verteilen von Flugblättern gehörten auch nicht
zu den im schwedischen Grundgesetz verbürgten Rechten 14.
Abb.16
Demokratische Gesellschaft
Die SAP-Politik zielte auf die Abschaffung des Klassenkampfes, denn
ein Klassenkampf hätte die Gefahr in sich geborgen, dem geradlinig
sozio-ökonomischen Voranschreiten der Gesellschaft unter sozialdemokratischer Hegemonie entgegenzuwirken! Im Gegenteil: Klassenkampf sollte durch Klassenkollaboration beseitigt werden! Bereits ab
den 1930er Jahren gehörte eine solidarische Lohnpolitik zum politischen Programm der Partei. Das heißt, bei Lohnverhandlungen waren
Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gleichermaßen darauf be-
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dacht, mit den Tarifabschlüssen die Unternehmensrentabilität nicht zu
gefährden.
Branchen geringer Rentabilität wurden in einer Art natürlicher Auslese
ganz dem Markt geopfert, indem ihnen Subventionen gestrichen wurden. Durch die frühzeitige Einbeziehung von Gewerkschaften in Verhandlungen wurden eventuelle Proteste gegen Entlassungen verhindert und statt dessen auf soziale Ausgleichs- und Umschulungsmaßnahmen orientiert. Gewerkschaftspolitik war nur innerparlamentarisch legitimiert. Wichen die Interessen der Arbeitgeber trotz aller
integrativen Maßnahmen dennoch von denen der Arbeitnehmer ab,
zählten die Gewerkschaftsführer zu den ersten, die Arbeiter zu beschwichtigen, um Streiks zu verhindern. Wenn Streiks - wie in den
1970er Jahren der Umstrukturierung der Produktions- in die Dienstleistungsgesellschaft - absolut nicht zu verhindern waren, unterstützten
die Gewerkschaften die Streikforderungen der Arbeiter nicht, sondern
versuchten zu schlichten und nach Kompromissen zu suchen. Neben
den niedergehenden Wirtschaftszweigen wurden hingegen diejenigen
finanziell gefördert, deren Wirtschaftlichkeit Aussicht auf Rentabilität
besaß. Zwischen 1965 und 1991 verdoppelte sich in Schweden so die
Produktivitätsrate 15.
Die Zusammenarbeit zwischen Partei und Gewerkschaften bewährte
sich, so daß die SAP diese Kooperation mehr und mehr institutionalisierte. Die Apparate verbürokratisierten rasch und die Gewerkschaftsarbeit spielte sich fortan auf einer hoch formalisierten Ebene ab.
1
Ch.Fenner: „Parteiensysteme und politische Kultur“, S.69
W.Heinrichs: „Schweden“, S.88
3
W.Weihschedel: „Die Philosophische Hintertreppe“, S.39ff.
4
Ch.Fenner: „Parteiensysteme und politische Kultur“, S.70
5
ebda., S.70
6
Thomas Fischermann: „Die Bibel der Liberalen“, in: DIE ZEIT, Nr.20, 12.5.1999,
http://www.archiv.ZEIT.de
7
Andreas Laukat: „Friedhof der Eliten“, in: DIE ZEIT, Nr.36, 2.9.1999,
http://www.archiv.ZEIT.de
2
8
Anja Müller: „Der Staat als Helfer. Arthut Cecil Pigou: Wealth and Welfare“, Artikel in
DIE ZEIT, Nr.35 vom 26.8.1999,
http.://www.archiv.zeit.de/daten/pages/199935.biblio_serie_15_.html
9
K.Böhme: „Schweden - ein Modell für Konsens und Rationalität?“, S.338
10
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.243
11
hier verarbeitet: Michael Bock: „Auguste Comte“, in: D.Kaesler (Hrsg.): „Klassiker
der Soziologie“, S.39ff.
12
J.F.Lyotard: „Das postmoderne Wissen“, S.44
13
Die Logik des gesunden Menschenverstandes, der gesellschaftliche Ziele aufstelle, sei dabei selbst keine wissenschaftliche Disziplin, sondern (ähnlich wie die
Psychologie) nur an den Einzelwissenschaften und Methoden studierbar.
14
W.Großjohann: „Klassenkämfe“, S.103
15
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.244
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3.5 Wirtschaftsgeschichte
Industrialisierung
Die Zerstörung der ländlichen Sozialbindungen unter der Bevölkerung
schuf günstige Voraussetzungen für die äußerst rasche Industrialisierung Schwedens. Staatliche Eingriffe in die im Entstehen befindliche
private Wirtschaft ließen das schwedische politisch-ökonomische
Modell eines staatsmonopolistischen Kapitalismus mit einer sehr hohen Arbeitsproduktivität entstehen1 - in den 1970er Jahren eine der höchsten in Europa.
Die Phase der nachteiligen Auswirkungen eines brutalen Konkurrenzkapitalismus, wie ihn zum Beispiel England in der ersten Hälfte des
19.Jahrhunderts erlebt hatte, hatte Schweden sowohl zeitlich, wie auch
inhaltlich übersprungen. Um 1910 erst bildete sich das Industrieproletariat zu einer erkennbaren Klasse heraus. In der Schwer- und
der Holzindustrie kam es mit den rapide ansteigenden Löhnen rasch
zu einer breiten Oberschicht unter der Arbeiterschaft - der bereits erwähnten Arbeiteraristokratie -, die etwa ein Drittel aller Werktätigen
umfaßte. Mit dem Aufstieg zur Aristokratie war die Arbeiterklasse
schnell verbürgerlicht und hatte ein großes Interesse an der Stabilität
und an der stetigen Verbesserung ihrer Verhältnisse. Ein Widerstandspotential gegen Ausbeutung und Unterdrückung war kaum vorhanden.
Die in Schweden um die Wende des 19. / 20.Jahrhunderts im Entstehen begriffene private Wirtschaft ging in weiten Teilen sofort in eine
Art staatsmonopolistisches Kooperationsmodell ein. Wie erwähnt,
hatten Korporationen eine lange Tradition. Die Deutschen hatten sie
bereits im Mittelalter in Schweden eingeführt.
1916 unterstützte ein Gesetz die Einschränkung von Niederlassungsmöglichkeiten ausländischer Unternehmen, was zu einem Vormarsch
der nationalen Monopole führte. Waren zum Beispiel um 1970 in schwedischen Firmen im Ausland 180 000 Menschen beschäftigt, waren es
lediglich 60 000, die in sämtlichen in Schweden ansässigen ausländischen Firmen tätig waren 2.
Ressourcen
Bis auf Kohle verfügt Schweden über umfangreiche eigene Rohstoffe,
bei denen an vorderer Stelle Erze und der regenerierbare Rohstoff Holz
stehen. Aber auch mit Wasserkraft ist das Land reich ausgestattet,
besonders der Norden.
Durch die Allianz Schwedens mit England in den Befreiungskriegen
gegen Napoleon entwickelten sich die Handelsbeziehungen zwischen
beiden Ländern gut. England und andere Länder traten als Kapitalinvestoren in die schwedische Nationalökonomie ein.
Schweden setzte früh auf zwei Schwerpunkte wirtschaftlichen Fortschritts:
1) den Außenhandel - in erster Linie mit England und Deutschland,
2) Innovationsintensität - neben anderen Erfindern geht die Erfindung
des Tischtelefons auf L.M.Ericsson zurück und die des Dynamits
auf Alfred Nobel (1833-1869).
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Montanindustrie
In der ältesten Bergbauregion Schwedens, Falun (Provinz Koppaberg),
wird seit dem 11.Jahrhundert Kupfer abgebaut. 1284 wurde zu diesem
Zweck die älteste Aktiengesellschaft ins Leben gerufen. Im 16. und
17.Jahrhundert war die Provinz Koppaberg der weltgrößte Kupferproduzent und Falun die zweitgrößte Stadt Schwedens.
1750 trug das Land bereits 40% zur Welteisenerzeugung bei. Der Eisenexport machte 75% des Gesamtexportvolumens aus. England nutzte
im dort 1784 erfundenen Puddelverfahren einheimische Kokskohle zur
Eisenschmelze, über die Schweden nicht verfügte. Erst knapp 100
Jahre später gelang es 1878 mit der Erfindung des Thomasverfahrens
das phosphathaltige Erz Nordschwedens zu verwenden. Eisenbahnlinien, die am Ende des 19.Jahrhunderts gebaut wurden, verbanden die
Erzförderstätten des Nordens mit dem eisfreien Hafen von Narvik. Der
Export erfuhr dadurch einen enormen Aufschwung. Erst in den 20er
Jahren des 20.Jahrhunderts wurde die Eisenerzförderung unrentabel.
1924 gingen die Eisenbergwerke auf Buntmetallgewinnung über 3.
Zwischen England und Schweden entwickelte sich ab der Mitte des
18.Jahrhunderts eine exemplarische Arbeitsteilung, die schon Adam
Smith als Motor der Weltwirtschaft erkannt hatte. Die durchgreifende
Industrialisierung Schwedens begann aber erst nach 1865. Arbeiteten
1850 lediglich 9% der Schweden in der Industrie, waren es 50 Jahre
später bereits 28% 4.
Holz
Der Beginn der Holzindustrie geht der Eisenindustrie um knapp 20
Jahre voraus. Die Holzindustrie brauchte dann aber ein Jahrhundert
länger, bis 1880 / 90 dampfmaschinengetriebene Sägen gestatten, von
einer industriellen Holzproduktion zu sprechen. Vordem hatten bereits
wasserkraftgetriebene Sägen an den Flüssen zur Leistungssteigerung
in der Holzverarbeitung beigetragen. In sogenannter Kombinationswirtschaft konnten die Bauern im Winter im Forst und in den Sägemühlen arbeiten und im Sommer wie gehabt der Feldarbeit nachgehen. Diese Kombinationswirtschaft bestimmte das schwedische
Landwirtschaftsprofil bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Kombinationswirtschaft wurde erst zerstört, als aus den meisten Sägewerken an
Flußmündungen Zellulosefabriken entstanden.
Etwa die Hälfte des eingeschlagenen Holzes gelangt bis heute in Sägewerke, die andere Hälfte in der Zellstoffindustrie, wovon ein Drittel
exportiert und zwei Drittel zu Papier und Pappe weiterverarbeitet wird.
Mehr als die Hälfte der Landesfläche Schwedens sind von Wald bedeckt. Holz gehört zu den wichtigsten Exportprodukten des Landes.
Betrug der Holzexport 1950 noch 42% am Gesamtexpotvolumen, waren es 1990 nur noch 19%.
Durch eine umsichtige Forstwirtschaftspolitik verfügt Schweden heute
über den größten Holzvorrat seiner Geschichte, denn bei vorwiegendem Kahleinschlag besteht ein Wiederaufforstungsgebot innerhalb von
drei Jahren.
Landwirtschaft
Schweden versorgt sich aus eigenem Anbau weitgehend selbst mit
Nahrungsmitteln. Nur 9% der Landesfläche als Ackerflächen und Viehweiden reichen dafür aus. Die fruchtbarsten Böden befinden sich in der
klimatisch günstigen, da am weitesten nach Süden reichenden Provinz Schonen. War um 1910 noch die Hälfte der Menschen in der
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Landwirtschaft tätig, sind es heute nur noch 3%. Exporte werden nicht
mehr subventioniert, wohl aber umweltfreundliche Produktionsweisen.
Pestizide kommen in Schweden nur in sehr geringem Umfang zum
Einsatz. Regionale Ausgleichssubventionen halten eine landwirtschaftliche Produktion in nördlicheren Gegenden aufrecht, in denen
sie anderenfalls ganz aufgegeben werden müßte. Nichts desto trotz
müssen viele Bauern komplementäre Zweige der Land- oder anderer
Wirtschaft auf ihre Farm mit hinzunehmen, um zu überleben. Während andere Länder den Bestimmungen von Maastricht mit Protest
begegnen, begeben sich die Schweden auf die Suche nach Lösungen
zur widerspruchsfreien Erfüllung der Normen.
Strom
Wie wesentlich im 20.Jahrhundert die Elektoenergierversorgung für
wirtschaftliches und gesellschaftliches Vorankommen war, hatte Lenin bereits im 2.Jahrzehnt für die Sowjetunion erkannt und die Elektrifizierung des ganzen Landes an die Spitze der Wirtschaftsziele gestellt. Schweden stimmte Lenin zu. Da die schwedische Natur über
riesige Flüsse verfügte, entstanden viele Wasserkraftwerke. Bereits
1921 verfügten die schwedischen Wasserkraftwerke über eine solche
Leistungsfähigkeit, die es gestattete, über Hochspannungskabel Fernstrom zu liefern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Strom zum dritten innerschwedischen Exportrohstoff des Landesnordens in den Süden.
Bis auf vier sind alle großen Flüsse des Landes ausgebaut und die
schönsten Wasserfälle versiegt. Fließendes Wasser ohne Verwertung
scheint der fordistischen Gesellschaft Ausdruck nutzloser Vergeudung
zu sein. Eine Vielzahl riesiger Staubecken sammeln heute das Wasser im Frühjahr und im Frühsommer, um es im Winter an die Wasserkraftwerke abzugeben. In den Wintermonaten steigt der schwedische
Energiebedarf rapide an, denn besonders den Norden Schwedens beherrscht dann auch tagsüber eine deprimierenden Dunkelheit, die eine
lokale Sonnenenergienutzung als Alternative ausschließt. Trockengelegte Flüsse leiten ihr Wasser in Turbinen. An nur einem Tag eines
jeden Jahres werden einige Ströme wiederbelebt - als Touristenattraktion. Das zerstörte landschaftliche Potential wird so noch sentimental rückverwertet.5
Ethnische Minderheiten und Industrialisierung
Große Stauseen begruben die besten Rentierweiden des ethnischen
Volksstammes der Sami (Lappland) unter Wasser.
Die Sami waren ursprünglich Nomaden, denn die Stämme mußten
den Rentierherden hinterherziehen. Die Christianisierung im 17. /
18.Jahrhundert und die Industrialisierung haben die kulturellen Grundlagen der Sami zurückgedrängt. Ihr angestammtes Recht an Boden
und Wasser gilt heute nur noch für die Rentierzüchter, die ihre Herden
mittlererweile stationär halten. Viele Sami mußten in die Industrieregionen des Südens oder in die Städte migrieren, um dem Zwang
nachzukommen, ihre Lebensunterhaltung innerhalb regulärer Arbeitsverhältnisse zu erwirtschaften. Die Politik der Regierung ab den 1970er
Jahren zum Schutz des Volksstammes der Sami konnte dessen kulturellen Exodus nicht aufhalten. Samisch in entsprechenden Schulen
sowie die Etablierung guter Kunsthandwerksschulen gehören zu den
einzigen Rettungsankern. Ungefragt hatten die Sami den Preis für die
durchgreifende Industrialisierung des Landes zu bezahlten.
Die Kultur ethnischer Minderheiten hat in der Industriegesellschaft keine
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Überlebenschance. Was überlebt, sind zur Institutionalisierung geeignete, aus der Kultur herausgelöste Teilaspekte, wozu sich zum Beispiel der Zweig des Kunsthandwerkes eignet. Die kulturellen Reste
sind unauthentisch, da bar jedem Gesamtzusammenhang.
Devisenwirtschaft
Ab 1900 gab es Holdings, die zu nichts anderem dienten, als der Bündelung und Verwaltung von Aktien verschiedener Unternehmen. Seit
langem ist der Zweig der Kapitalwirtschaft in Schweden präsent. Obwohl bis etwa 1910 Kapital vorwiegend importiert wurde, wurde Geld
auch exportiert - bereits ab 1870 nach Rußland und in verschiedene
westliche Länder6 . 1910 war die Nationalökonomie des Landes so weit
erstarkt, daß das Verhältnis von Kapitalexport und -import zugunsten
des Exports umkippte. Schwedisches Kapital gelangte jedoch nicht
nur in Form von Krediten ins Ausland. Schon frühzeitig kamen Direktinvestitionen zustande.
Die staatlich unterstützte Kapitalkonzentration sicherte dem Land einen konkurrenzfähigen Platz auf dem Weltmarkt. Schon frühzeitig stellten Aktiengesellschaften die verbreitetste Unternehmensform dar. Ab
1910 hatten sich industriellen und im finanzwirtschaftlichem Sektor
etwa 200 Kartelle und Trusts herausgebildet.
1863 gründete sich in Göteborg die Skandinaviska Kreditaktiebolag7 ,
die viele kleine Banken und Kreditgeber aufkaufte. Die Entscheidung
um Kreditgewährungen seitens der Banken erwies sich als entscheidendes Steuerungsinstrument der industrie- und finanzökonomischen
Entwicklung Schwedens. 1921 beschloß eine Trust-Gesetzgebung eine
stärkere Überwachung von Kartellen und Trusts durch staatliche Kontrolle. Aufsichtsräte, Industrie- und Handelsgesellschaften, Großbanken und Versicherungsinstitutionen traten häufig in Personalunionen auf 8.
Die extensive Politik des Kapitalexports, die Krise in der Eisen- und
Stahlindustrie sowie das hohe Lohnniveau führten zwischen 1965 und
1970 zum Absinken der Beschäftigungsrate, ohne daß Migration und
Immigration zum Stillstand kamen. Die Regierung wertete mehrfachen
die schwedische Krone (SEK) ab und setzte eine gemäßigte Lohnpolitik durch, um ökonomischen Turbulenzen gegenzusteuern. Zum Ende
der 1970er Jahre erholte sich die Wirtschaft und es kam wieder zum
Aufschwung, was sich 1983 in der Rückkehr einer positiven Handelsbilanz niederschlug 9.
Als ein wichtiges Instrument der gerechten Umverteilung des Volkseinkommens wurde in Schweden neben der Steuerpolitik die Politik
der Teilhaberschaft gehandhabt.
Aktien finden eine breite Resonanz unter der Bevölkerung. Mit dem
Vorantreiben der Öffnung Schwedens zum europäischen und internationalen Markt gesellte sich zu der ehemaligen Aktienkonzentration in
den wenigen Händen von Großaktionären und den Holdings der Großbanken - meist in Form von Investmentfonds - eine weites Feld von
Kleinaktionären. Heute „ist fast jeder zweite Einwohner im Besitz von
Dividenden. In Deutschland sind es gerade mal rund sechs Prozent.10 "
Investmentfonds dienen als Puffer: in Zeiten der Hochkonjunktur wird
in sie eingezahlt, in Zeiten ökonomischer Regression dagegen können
mit dem Kapital aus den Fonds Löcher gestopft und so - verbunden
mit Steuervergünstigungen - das Investitions-geschehen aufrecht erhalten werden.
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Migration
Zur Bereitstellung von Arbeitskräften betrieb die SAP in den 1950er
Jahren eine Umsiedlungspolitik, die eine große Migrationswelle vom
Landesnorden in die Industriegebiete Mittel- und Südschwedens auslöste. Administrative Maßnahmen wie der Ausbau der Infrastruktur,
bezuschußter Wohnungsbau und gute infrastrukturelle
Begleitmaßnahmen des öffentlichen Sektors unterstützten diese Politik in den 1960er Jahren. Gemeinsam mit der nordischen Paßunion
wurde 1954 der gesamtnordische Arbeitsmarkt eingeführt. Die Migration aus Gründen der Arbeit erlebte in den 1970er Jahren einen Höhepunkt - sie wirkte bis nach Finnland und Norwegen hinein -, kam dann
aber fast zum Stillstand.
Seit 1955 gestattet das nordische Sozialabkommen jedem Nordeuropäer, die Sozialleistungen seines jeweiligen Aufenthaltslandes in
Anspruch zu nehmen. 1951 wurde das interparlamentarische Beratungsorgan Skandinaviens - der Nordische Rat - gebildet. Am 1.1.1995
trat Schweden der EU bei und im Jahr 2000 bezogen die skandinavischen Länder gemeinsam einen Botschaftskomplex in Berlin.
Umbau der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft
Die 1969 / 70 trotz der gewerkschaftlichen Friedenspflicht stattfindenden Arbeitskämpfe und Massenstreiks in den Erzgruben Nordschwedens, der Auto- und Elektroindustrie, dem Berg- und Schiffbau
sowie dem Transportwesen zersplitterten die SAP stark, woraufhin die
Parteispitze 1972 ein „Gleichheits- und Wirtschaftsprogramm“ beschloß. Die Zusammenbrüche traditioneller Industriezweige sollten
durch neue Industrien, hauptsächlich im aufstrebenden Tertiärbereich,
kompensiert werden. In Anbetracht der vollen Leistungsfähigkeit der
schwedischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und der Belieferung der kriegsverwüsteten Länder Europas verzeichneten die Unternehmen höchste Gewinnraten. Die florierende Wirtschaft der Nachkriegszeit legte damit den Grundstein für die Wohlstandspolitik. In den
1970er Jahren versetzte der wirtschaftliche Aufschwung die SAP in
die Lage, eine Revision und Korrektur nachteiliger Auswirkungen ihrer
Politik vorzunehmen. Der funktionellen Ballung in Stockholm steuerte
sie ab 1967 mit einer Dezentralisierungspolitik und ab 1972 mit Regionalreformen entgegen.
Schon in den 1960er Jahren beförderte eine regressive Steuerpolitik
den Niedergang traditioneller schwedischer Zweige der Primär- und
Sekundärindustrie. Ab den 1970er Jahren führten Reformen zu einem
schnellen Abbau international nicht mehr wettbewerbsfähiger Betriebe, wie der Textilindustrie und des Schiffbaus.
Dabei wurde Wert gelegt:
a) kurzfristig: auf sozialverträgliche Prämissen,
b) langfristig: auf den Ausbau von Dienstleistungsunternehmen, eine
rationell strukturierte Forschungs- und Entwicklungsbranche sowie
c) auf die Intensivierung der Kapitalwirtschaft.
Der englische Ökonom John Meynard Keynes (1883-1946) hatte wirtschaftliche Attraktivität als Spiel zwischen Angebot und Nachfrage
definiert. Keynes stellte einen direkten Zusammenhang zwischen Einkommen und Ausgaben her: je höher das Einkommen, desto höher
die Konsumausgaben. Jedoch erkannte Keynes auch die Grenze der
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Proportionalität zwischen beiden Seiten, über die hinaus Verdiener mit
steigenden Einkommen freiwillig nicht mehr bereit sind, in ihren Ausgaben adäquat mitzuhalten11. Der schwedische Staat mußte sich also
etwas einfallen lassen, um die Ausgaben seiner Einwohner zu schüren, wenn keine „natürliche“ Regression eintreten sollte. Über eine
Wirtschaftspolitik von Investitionsanreizen hinaus bestanden die effektivsten Mittel in einer Hochsteuerpolitik und in der massiven Einführung von Service- und Dienstleistungen, auf deren immaterielle Wertproduktion - anders als bei Konsumartikeln - jeder aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus angewiesen war.
Die Wirtschaft Schwedens vollzog planmäßig den Umbau in eine
Dienstleistungsgesellschaft. Zwischen 1970 und 1990 fiel die Zahl der
im Primärsektor beschäftigten Erwerbspersonen auf 3,3% und in der
Montanindustrie auf 21,1%. Im gleichen Zeitraum fanden frei-werdende Kräfte aber nicht der staatlichen Verwaltung Unterschlupf, denn
auch hier wurden massiv Stellen abgebaut. Vielmehr standen sie der
kommunalen Verwaltung und dem Dienstleistungssektor zur Verfügung.
Der Dienstleistungssektor wuchs zwischen 1965 und 1970 überproportional um 50%. Aktien erfuhren angesichts der Potentials, das im
Ausbau von Dienstleistungen schlummerte, einen Wertzuwachs bis
zu 400%.
Frauen in der Dienstleistungsgesellschaft
Die meisten Frauen fanden dank des Aufblühens der Dienstleistungsbranche in den 1970er Jahren Anstellungen im öffentlichen und im
Tertiärsektor. In der kommunalen Verwaltung, zu dem ja das gesamte
Schulwesen zählt, arbeiten heute über ein Viertel aller Schweden;
66,5% sind im Dienstleistungsgewerbe tätig12. 75% der Gemeindebediensteten sind heute Frauen, die meistens die Vorzüge der Im Dienstleistungsbereich stehen viele Arbeitsplätze Frauen zur Verfügung. Teilzeitarbeit genießen. Die Provinzen sind für den gesamten Sektor der
Gesundheitsfürsorge und der Krankenpflege zuständig. In diesem Sektor sind 84% der Beschäftigten Frauen 13.
Die Emanzipation der Frau auf dem schwedischen Arbeitsmarkt und
damit in der Gesellschaft hat dazu geführt, das Schweden seit den
1960er Jahren zu den Ländern mit der in Europa höchsten Scheidungsrate gehört. Vollbeschäftigung, ein langer Arbeitstag und Berufstätigkeit von Frauen und Männern gleichermaßen beherrschen das Bild
des schwedischen Alltags. 20% der Frauen besetzen Führungspositionen. Der Mehrzahl der Frauen stehen in der Dienstleistungsgesellschaft allerdings monotonere, nicht unabhängige und schlechter
bezahlte Jobs als den Männern zur Auswahl. Seit 1981 dürfen sie
sogar Militärdienst leisten 14.
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1
W.Großjohann: „Klassenkämpfe“, S.6
ebda., S.16
3
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.227
4
ebda., S.236
5
Aber die Hydroenergie reichte nicht aus, den Elektroenergiebedarf des industrialisierten Landes zu decken. Zwischen 1972 und 1985 entstanden zwölf Atomkraftwerke. Nach den Atomstromdiskussionen der 1970er Jahre sollen bis 2010
alle Kernreaktoren vom Netz genommen werden. Nach der Katastrophe von
Tschernobyl 1988, von deren unmittelbaren Auswirkungen Schweden nicht verschont blieb, wurden 1995 und 1996 zwei erste Reaktoren abgeschaltet. Zwischen 1992 und 1995 ging die Atomenergieerzeugung von über 50% auf 15%
zurück. Ähnliches trifft aus Umweltschutzgründen für die Energie aus Öl zu: ein
Rückgang von 77% auf 43%.
6
diese und weitere hier vorgefundene Fakten in: W.Großjohann: „Klassenkämpfe“,
S.6
7
Kreditaktiengesellschaft
8
ebda., S.7f.
9
A.Härtling: „Regionalpolitische Maßnahmen in Schweden“, S.33
10
Infographik „Internationale Börsenplätze“, in: DIE ZEIT, Nr.35, 22.8.1997
11
Sven Afhüppe, Markus Fasse: „Lehrbuch gegen die Krise“, in: DIE ZEIT, Nr.39 vom
23.9.1999
12
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.238
13
ebda., S.238
14
ebda., S.238
2
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3.6 Protestantismus und Ethik
Das Hauptaugenmerk des deutschen Soziologen Max Weber (18641920) galt der religiösen Ethik und Wirtschaftssoziologie. Im Europa
der Neuzeit sah Weber die asketischen Tugenden des Protestantismus, wie Enthaltsamkeit, Verbot von Luxusleben und Konsumverzicht im ungeheuren Willen protestantischer Arbeitsamkeit aufgehoben. Historisch betrachtet, verhalf die Ethik des Protestantismus
der Großindustrie zum Durchbruch, so Weber, während der Katholizismus an das Schaffen kleiner Handwerksbetriebe geknüpft ist und
freilich jegliche Anstrengungen unterließ, darüber hinauszugehen. Protestantische Arbeitsamkeit aber schafft zwangsläufig Reichtum ein Reichtum, der dem Askeseideal widersprechen müßte. Der schweizerische Reformator Johannes Calvin (1509-1564) legte es anders aus:
„Nicht sündhaft ist reich zu sein, sondern nur, wer sich auf seinem
Vermögen ausruht und es verschwendet zur Befriedigung seiner lasterhaften Begierden.1 "
Abb. 17
Interieur im Hospiz in Aviken
Bildung in Schweden ist beflügelt vom Willen zur Aufklärung. Aufklärung ist die Säkularisation der protestantischen Ethik. Die christlichprotestantische Ethik leistete einen wichtigen Beitrag in der Geschichte
der Homogenisierung der schwedischen Gesellschaft. Der Wertekodex
der christlich-lutherische Staatskirche wurde in der schwedischen Zivilgesellschaft aufgehoben.
Er besteht aus den Komponenten:
1) Konfrontationsvermeidung,
2) Konsensstreben und
3) Kompromißbereitschaft.2
Im Ideal der Gleichbehandlung aller Gemeindemitglieder, unabhängig
von Geld und Ansehen, das die protestantischen Bibelexegeten ernst
nahmen, liegt eine der Wurzeln für das Fehlen einer sozial breiten
Fächerung unter der Bevölkerung - ein Ideal der Theoretiker des schwedischen „Volksheims“.
Auch das Solidaritätsprinzip - das Wohl des Einzelnen als Anliegen
aller - ist religiös motiviert und hielt Einzug in die Theorie des Wohlfahrtsstaates. Der Einzelne sollte nicht den Kräften des Marktes ausgesetzt werden, sondern in gesellschaftlicher Obhut sein - ein Motiv,
das bis in die Politik der humanitären und Entwicklungshilfe hinein
reicht3. Dessen Urbild finden wir in der Kirche (und Jesus) als Hüter,
wie Vilém Flusser herausgearbeitet hat 4.
Das heutige Schweden ist von einer geringen Religiosität geprägt.
Dennoch bleibt das Handeln stark ethisch-moralisch, quasi religiös
gefiltert. Lust gilt zwar nicht mehr als Sünde, muß sich aber verdient
werden.
Wer mit den Protestanten das unglückliche Bewußtsein einer Angst
vor der Lust und dem Vergnügen teilt, ist nicht zuletzt der moderne
Stadtplaner. Diese Angst trieb die Planer und Bewohner dazu, die
Lebenswelt so neutral wie möglich zu gestalten. Der amerikanische
Soziologe Richard Sennett konstatierte dazu: „Der moderne Städteplaner steht im Banne einer protestantischen Raum-Ethik.5 "
Die christliche Religion zeichnet sich durch die Veranlagung aus, allen
Lebenssituationen moralische Werte beizugeben6. Die Verlegung der
katholisch-korporativen Tugenden („der gute Mensch“, „die weise Regierung“) auf im Protestantismus unpersönliche, platonische Werte
(Ehrlichkeit, Fleiß) machte die Überführung dieser Werte in die Zivil-
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gesellschaft leicht. Die unverblümte Ehrlichkeit nimmt dabei eine zentrale Stellung in der moralischen Werteskala ein. Sie ist eine protestantisch-lutherische Kategorie. Das protestantische Denken nimmt
das atheistische Denken vorweg.
Das Selbst-Image schwedischer Modernität pointiert auf die Unabhängigkeit von traditionellem, religiösem Denken. Genau das ist es,
was August Comte vorschwebte. Da ein solches Denken nicht von
irrationalen Denkschlaufen gefangengenommen ist, ist die protestantische Lebenshaltung im Grunde a-religiös (und leer).
1
Sven Afhüppe: „Gottgewollter Reichtum“, in: DIE ZEIT, Nr.34 vom 19.8.1999
Eine historisch wichtige Funktion auf dem Weg in die Demokratie, die religiösen Ursprung hat, hat die gesellschaftliche Instanz des sogenannten „Ombudsman“ inne.
Der Ombudsman vermittelt zwischen Individuen und Institutionen und ist von Bedeutung bei der Justiz, dem Verbrauscherschutz, der Presse der Gleichstellung der
Geschlechter und in anderen Konfliktbereichen.
3
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.244
4
V.Flusser: „Nachgeschichte“, S.28
5
R.Sennett: „Civitas“, S.64
6
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.150
2
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3.7 Krise der Wohlfahrtsmentalität
Krise des Wohlfahrtsstaates
Die Krise des Wohlfahrtsmodells hat sowohl außen- wie innenpolitische Ursachen. Das Wohlfahrtsmodell bezog seinen Nährboden aus
der Uniformität der Gesellschaft; andererseits förderte es diese. Wachsende Uniformität gerät aber mit einer heute zunehmend differenzierten Welt in Widerspruch. Von allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen, die sich global in allen hochentwickelten, postfordistischen Systemen eingestellt haben, blieb auch Schweden nicht verschont, und
das um so mehr, als es mit dem Fall des Eisernen Vorhangs gezwungen war, sich gegenüber Europa und der Welt stärker zu öffnen. Besonders dort, wo unmittelbare Handlungsrahmen über die Landesgrenzen hinausreichten, tauchten Sachlagen auf, in denen das schwedische Modell auf Inkompatibilität stieß. Die Asylbewerberfrage gehört
zu den Beispielen, die das schwedische Volksheim erodieren ließen,
denn das Volksheim ist der Natur nach ein hermetisches Modell. Der
einzige Ausweg, das Wohlfahrtsmodell zu retten, scheint darin zu bestehen, dessen Standard zurückzuschrauben.
Außenpolitisch führte die Ölkrise 1973 zum Wegbrechen von Importund Exportmärkten. Ein Land wie Schweden, das durch seine geringe
Einwohnerzahl und entsprechend beschränkte Quantität durch Eigenkonsum auf den Auslandsabsatz von Erzeugnissen und Dienstleistungen angewiesen ist, mußte das besonders hart treffen. Die Arbeitslosigkeit stieg rapide an - besonders im privaten Bereich. 1996
lag die Arbeitslosenrate in Schweden bei 8,1%1. 22% der Einwanderer
sind arbeitslos - 1990 dagegen, vor Konjunkturrückgang, waren es nur
5%. Durch strenge Rationalisierungsmaßnahmen wurden besonders
niedrigere Arbeiten wegrationalisiert - Beschäftigungsbereiche, in denen viele Immigranten tätig waren.
Innerhalb nur kurzer Zeit hatte sich die Arbeitslosigkeit vervierfacht.
Die neue Arbeitslosigkeit drohte den Rahmen zu sprengen, innerhalb
dessen sie noch durch die aktive Beschäftigungspolitik in der Verantwortung der Gemeinden bewältigt werden konnte. Es stieg die Beantragung passiver Unterstützung (Arbeitslosengeld). Aber schlimmer:
nicht nur, daß Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nicht mehr ohne weiteres finanzierbar waren, sondern - noch schlimmer - sie waren sinnlos, da immer mehr Branchen niedergingen 2.
Einen Anteil am Nachdenken über den Sinn von Wohlstand hatte die
ökologische Revolution.
Im Zuge der Erweiterung ökologischen Denkens, in dem nicht mehr
nur Umweltschutz eine Rolle spielt, ging es jetzt verstärkt um Ressourcenhaushalt; nicht mehr nur um Umweltverträglichkeit, sondern um
Einsparung a priori. Wozu gibt es zum Beispiel ein perfektes, immer
vollumfäglich auf Hochtouren laufendes und äußerst kostenintensives
Krakenpflegesystem, das für den einzelnen ja nur im Krankheitsfall
interessant wird? Müssen Überlandstraßen über weite Strecken breit
ausgebaut und nachts beleuchtet werden, die - zumal im Landesnorden
- ohnehin nur von sehr wenigen befahren werden. Oder: Warum sollte
der Wohnungsstandart durch Sanierungsprogramme der Wohnungsbaugesellschaften weiter erhöht werden, wo Betroffene dagegen opponierten - nicht zuletzt um Mieterhöhungen aus dem Wege zu gehen.
Angesichts von Widersinnigkeiten erlahmte in den 1980er Jahren das
öffentliche Interesse an weiterem Wohlstandszuwachs 3.
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Einheitlichkeit durch Integration und Demokratie
Statistisch gesehen waren die Lebensverhältnisse überall in Schweden bereits in den 1970er Jahren gleichwertig - eine stabile Basis dafür, daß sich das Land verstärkt gesellschaftlichen Werten zuwenden
konnte4 : dem Ausbau der Demokratie - zumal sich die schwedische
Nationalökonomie in der weltweiten Hochkonjunktur der 1980er Jahre
wieder erholen konnte.
Die demokratische und pluralistische Einbindung von Organisationen
in frühe Formen der Entscheidungsfindung schaltete die Artikulation
von Widerspruch aus - ja es wurde die Idee des Widerstandes konträrer Meinungen als solche ad absurdum geführt. Zum schwedischen
Pragmatismus eines kühlen, unemotionalen Herangehens an Probleme herrscht folgende Auffassung: „wenn lauter intelligente Köpfe gemeinsam Lösungen finden, gibt es praktische keinen Grund, mit den
Lösungen nicht konform zu gehen.5 " Einer ernsthaften Opposition wird
damit jegliche Existenzberechtigung entzogen.
Die Nähe von Politik und Bürgern machten die Umsetzung politischer
Beschlüsse und Reformen im Spiegel einer tendenziell widerspruchsfreien Gesellschaft leicht. Entscheidungen kollektiv zu fällen bedeutete im einzelnen, Entscheidungen der zentralen Autoritäten fällen. Die
in Diskussionen herbeigeführten Lösungen waren (und sind) in Schweden stets temperiertes, „vernünftiges Mittelmaß“ (schwedisch: lagom
- das zum gflügelten Wort wurde) - ein Mittelmaß, das der gesellschaftliche Konsens für „gesund“ erachtet. 1936 bereits hatte die amerikanische Journalistin Marquis W Childs das Buch „Sweden - the
middle way“ veröffentlicht. „Mehr Gleichheit geht ... in Schweden einher mit weniger Differenzierung. Diese Form der Dienstleistungsgesellschaft hat zu einer Normierung und Standardisierung von Lebensstilen geführt, die zunehmend als Beeinträchtigung individu-eller
Freiheit erlebt werden und einer der Gründe für die Erosion des »schwedischen« Modells sind.6 "
Das nordische Individuum
Wenn es um das Individuum der schwedischen Gesellschaft geht, halte
ich es für bezeichnend, auf den schon erwähnten dänischen Theologen und Philosoph Søren Kierkegaard zu sprechen zu kommen. Mit
Kierkegaard wird uns die Furcht des Skandinaviers vor der Gemeinschaft wie seine Sehnsucht nach ihr verständlich, seine Angst vor einem zu Viel an Rationalität und der Zunahme der Ordnung als
Fortschrittsdiktum, ohne sich scheinbar dagegen wehren zu können.
Søren Kierkegaard (1813-1855) konzentrierte sein philosophisches
Wirken auf den Menschen und postulierte, alles wesentliche Erkennen betreffe die Existenz des Menschen7.8 Anders als Auguste Comte
erwies er sich als Subjektivist, denn ob für jemanden etwas wahr sei
oder nicht, hänge allein davon ab, ob diese oder dieser Jemand mit
voller Leidenschaft die Wahrheit als seine persönliche Wahrheit begreifen könne. Der Sinn des Strebens nach der Erkenntnis subjektiver
Wahrheit liege darin, so der Philosoph weiter, die Existenz des Menschen zu berühren und zu verwandeln - darin mit Comte übereinstimmend. Auf dem Wege der Selbsterfahrung sei das Menschtum begleitet von der Erfahrung seiner eigenen Fremdheit in der Welt. Einerseits
stecke darin die Quelle seiner Angst, Zerrissenheit und Verzweiflung,
andererseits liege aber genau darin die ungeheure Möglichkeit der Wahl
- also die Freiheit.
Wer zu sehr reflektiere, stellte Kierkegaard fest, sei im Handeln gelähmt und wenn keiner mehr entscheide, dann seien alle gleich öde
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nivelliert. Aus dem Miteinander der Menschen entstünde nicht Gesellschaft, sondern das Miteinander degradiere die Einzelnen zum Publikum, zur ungreifbaren, anonymen Öffentlichkeit. Kierkegaard erhob
daraus (im Gleichklang mit Max Stirner, Schopenhauer und Nietzsche)
die Forderung, jeder soll ein „Einzelner“ werden, gleichwohl es entsetzlich sei, sei es großartig, wie der Philosoph am eigenen Leibe
erfahren mußte 9.
Seine erbittertsten philosophischen Schlachten schlug Kierkegaard
mit der Kirche, was ihm schließlich den Ruf einbrachte, das Christentum verraten zu haben. Schließlich hielt er aber doch die Erneuerung
des Gottesglaubens für das Mittel, mit dem die Menschen dem inneren Überdruß entfliehen können und der Angst, nur zu existieren, statt
wirklich zu leben...10
Das alles scheint mir äußerst symptomatisch für das nordische Individuum zu stehen.
Planung
Der Planung in Schweden kam immer ein zentraler Stellenwert zu,
denn in der schwedischen Lebensphilosophie ist nur Planung in der
Lage, die physischen Bedingungen für alle Bürger zu arrangieren. Die
unablässige Schaffung besserer Bedingungen für jeden einzelnen ist
keine Kosmetik an der Oberfläche, sondern strukturelles Arbeiten. Sie
bleibt aber in dem befangen, was mit pragmatischen Lösungen erreichbar ist. Das war schon Kierkegaards Verzweiflung.
In keinem anderen europäischen Land genossen staatliche Planer eine
so große Autorität wie in Schweden11. Rahmenbedingungen, in denen
sich die schwedische Gesellschaft entwickelten und wandeln konnte,
wurden immer perfekter und spezifischer organisiert - und zwar in erster Linie, um die Bedürfnisse gebürtiger Schweden und deren Interessen zu befriedigen12. Der moderne schwedische Lebensstil hat zu einem nicht geringen Grad eine ethnozentrische Ausprägung erfahren13.
Unter Schweden ist er deshalb so beliebt, weil er so gut bekannt ist 14.
Sofern Planungen allein rational und auf die Seinswelt gerichtet sind,
wie es Auguste Comte vorschwebte, reduzieren sie sich auf die Organisation der Mittel ihrer Durchführung. Das Ergebnis ist garantiert. Dieser materialistische Ursache-Wirkung-Ansatz hat nicht zuletzt der
sozialdemokratischen Partei an der schwedischen Regierung ein so
langes Leben beschert, denn die geplanten Ziele verbesserter Lebensumstände konnten sicher erreicht und als Beweis effektiver Politik zur Schau gestellt werden. Damit Wünsche auch in Erfüllung gingen, mußte sich die Planung auf alle Bereiche des Lebens aller Menschen erstrecken. Huntford stellte darin 1971 die „totalitäre Tendenz
politischer Indoktrinierung“ fest15, die in Schweden selbst erst seit zwei
Jahrzehnten enttabuisiert und öffentlich diskutiert wird.
Sozialdemokratien haben die Tendenz, jedes einzelne Individuum von
der Wiege bis zur Bahre zu begleiten. Der in Schweden effektiv durchorganisierte, omnipräsente Sozialapparat wirkt stark schwedisierend.
In gewissem Sinne ist ein solches System imperialistisch, da es verachtend in Besitz nimmt, was dem keinen Widerstand entgegensetzt16.
Immigranten sehen sich dem Angebot der schwedischen Gesellschaft
gegenüber, Rollen wie jeder gute schwedische Bürger auszuführen,
um sich das Recht zu erwerben, vom gesellschaftlichen Reichtum
mitzuprofitieren17. Imperialistisch bedeutet hier einverleibende Inbesitznahme in die materielle und die herrschende Vorstellungswelt. Wer
gegen die gesellschaftlich festgesetzte Norm verstößt, dem wird mit
harter Aversion begegnet und das Recht entzogen, am Wohlstand teilzuhaben 18.
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Die durchschnittliche Elite
Auf dem Gebiet der Sozialforschung wurde von der schwedischen als
einer „Elitedemokratie“ gesprochen19. Das einzelne Gesellschaftsmitglied kann sich nur bei Gruppenzugehörigkeit Gehör verschaffen.
Will man demokratisch mitbestimmen, unterliegt die oder der einzelne
dem Gruppenzwang. Die Fähigkeit zum Teamwork ist in Schweden
eine sehr hoch bewertete persönliche Qualität20. Die Teilhabe am
Gruppenprozeß hängt ab von einer guten Zugänglichkeit des Interessenten zu Informationen - und diese wiederum vom Anschluß an Netzwerke und der Verfügung über professionelle Kommunikationswerkzeuge. Die Partizipation ist bei einem hohen Entwicklungsstadium der Demokratie an Voraussetzungen gebunden, wie die persönliche Befähigung. Werden Persönlichkeiten auf der öffentlichen Bühne
aktiv, sind sie also meist schon völlig systemintegriert und alles andere als streitbaren Protagonisten. Marginalisierte Gruppen oder Einzelkämpfer, die mit gesellschaftlich sanktioniertem Verhalten brechen,
haben kaum eine Chance. An ihrer Chancenlosigkeit trägt die sozialdemokratische Regierungsgewalt entscheidenden Anteil.
Ein Beispiel, mit dem Schweden international Aufsehen und Empörung erregt hat, und das in diesem Zusammenhang erwähnt werden
soll, ist der Mythos vom „reinen Schweden“. Der Autor Wolfgang Matl
konstatierte 1997 in einem Artikel in der ZEIT21 : Zeit-gleich mit den
Nationalsozialisten folgte die schwedische Sozialdemokratie der Ideologie von der Rassenhygiene. Bis 1976 hatte in Schweden ein Gesetz
Geltung, das verhinderte, daß sich geistig Behinderte, Lernschwache
und Außenseiter fortpflanzten. Damit der Wohlfahrtsstaat nicht zu teuer
würde, ließen seine Verfechter die Schwächsten der Gesellschaft sterilisieren. Matl schreibt weiter: „Nie hätten die Schweden damit gerechnet, daß sie sich je Fragen über die eigene jüngste Geschichte
würden stellen müssen, Fragen über menschenverachtende, staatlich
abgesegnete Kollektivdelikte. Mehr als 60 000 Menschen - überwiegend Frauen - sollen in Schweden von den dreißiger bis Mitte der
sechziger Jahre aus rassenhygienischen Gründen zwangsweise sterilisiert worden sein ... Trotzdem das Thema mehrfach seit 1970 von
schwedischen Ärzten und Journalisten aufgegriffen worden war, gelang es dem Regierungsapparat immer wieder, die unangenehme Geschichte totzuschweigen. Altväter der schwedischen Sozialdemokratie wie Hjalmar Branting, Alva und Gunnar Myrdal, Per Albin Hansson
und Tage Erlander sind dafür verantwortlich, daß Zwangssterilisierungen
Teil des politisch-administrativen Systems des „Volksheims“ wurden.
Die Rassenhygiene war für die führenden Sozialdemokraten Teil eines
großen Programms, welches auch die Hygiene des Arbeitsplatzes,
der Wohnstätten(!) und so weiter umfaßte. Ein ausgeprägter
Entwicklungsoptimismus, starkes Vertrauen in Rationalität und wissenschaftlichen Fortschritt sowie die Betonung der Politik als Funktion des Wollens, die Auffassung, daß Mensch und Gesellschaft veränderbar seien und verbessert werden müssen, habe die Führer der
schwedischen Sozialdemokratie für Rassenideen empfänglich gemacht“, so der Kolumnist Björn Linell. Sie suchten technisch-administrative Lösungen für gesellschaftliche Probleme.
Die sozialdemokratischen Intellektuellen Gunnar und Alva Myrdal griffen 1934 eine neue Gesetzgebung auf. Zwei Zielrichtungen kreuzten
einander in der Sterilisierungsfrage - eine rassenhygienische und eine
sozialpädagogische. Die Sterilisierungen Imbeziler seien gerechtfertigt, weil es kaum verantwortbar sei, so die Myrdals, daß Kinder zur
Welt kämen, die bei schwachsinnigen Eltern aufwachsen müßten. Die
Myrdals führten vor allem finanzielle Motive für ihre Vorschläge ins Feld.
Während in früheren Zeiten leicht Sinnesschwache einen Platz in der
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Gemeinschaft finden konnten, um ihren eigenen Unterhalt zu verdienen, gebe es in der industriellen Gesellschaft keinen Platz mehr für
sie. Die Gesellschaft habe ein rein wirtschaftliches Interesse daran,
die Fortpflanzungsfreiheit geistesgestörter Menschen einzuschränken.
1922 wurde in Schweden ein Institut für Rassenhygiene gegründet.
Schweden war damit das erste Land der Welt, das der Pseudowissenschaft Eugenik offiziellen Status einräumte. Mit dem untrüglichen Sinn für Sparsamkeit zog der Sozialdemokrat und Arzt Alfred Petrén die Konsequenz: „Es käme die Gesellschaft teuer zu stehen, wenn alle Abkömmlinge der Schwachsinnigen versorgt werden
müßten. Eine Möglichkeit wäre deshalb, geistig behinderte Kinder zu
töten. Doch stoße man dabei auf ein praktisches Hindernis: oft hätten
diese Eltern, die sie liebten.“ In einem Gutachten forderte die oberste
Sozialbehörde, auch die Sterilisation von sozialen Abweichlern per
Gesetz zuzulassen, da die Verfassung(!) nicht zulasse, daß der Staat
seine eigenen Bürger mißhandle. Nichts desto trotz wurde das Gesetz 1935 vom Reichstag angenommen. Es unterschied sich nur wenig von jenem in Nazideutschland. Schon 1935 wurden mehrere hundert Eingriffe vorgenommen. Erst die Erkenntnis, daß viele Geisteskrankheiten nicht vererbbar sind, führte zum Umdenken, so daß 1941
das Sterilisierungsgesetz um den neuen Indikator „asoziale Lebensweise“ erweitert wurde.
Die Initiative zu Sterilisierungsoperationen ging meist von der jeweiligen Wohngemeinde der Betroffenen aus. Die Auffassung von der „Stadt
als kurierbarer Korpus / Organismus“ - eine Idee des 19.Jahrhunderts
- führte letztendlich zur Übertragung des medizinischen Hygienebegriffs
in den sozialräumlichen Kontext. Schlagworte wie Wohn-, Rassenund Sozialhygiene wurden zu wichtigen Aspekten der schwedischen
Wohnungspolitik. Im Zentrum der Wohlfahrtsfürsorge wurde die Kleinfamilie der höheren Mittelschicht protegiert22. Opfer der Auffassung
wurden alleinstehende Mütter und andere Mitglieder der Gesellschaft,
die nicht den Vorstellungen ihrer Umgebung einem sittsamen Leben
entsprachen. Mit der gesellschaftlichen Aussicht auf ein sittsames
bürgerliches Leben wurde die Arbeiterklasse diszipliniert. Die Zielgruppe
änderte sich in den 1960er Jahren: aus den durch Integration zu disziplinierenden Arbeitern wurden die Zuwanderer.
Identität
Die schwedische Rationalität auf der Basis der Logik führte zu einem
gewissen Antiintelektualismus. Extreme oder individualistische Attitüden, Auffassungen von Sachlagen und Sichtweisen sind der schwedischen Gesellschaft fremd. Gerät der praktische Nutzen, der einen
hohen Stellenwert besitzt, mit anderen Werten in Diskussion, siegen
meist die pragmatischen Argumente23. Auf den Gebieten der Kunst,
wird die ästhetische Ausformulierung in erster Linie an ihrem praktischen Wert gemessen. Architektur und Städtebau sind „Beispiele für
die praktische Veranlagung der Schweden und selten Kreationen von
eigener Note“, wie der schwedische Kunsthistoriker Rudolf Zeitler feststellte24. Weil die Schweden - anders als in der Kunst - bei mechanisch-technischen Erfindungen so erfolgreich waren, begannen sie die
Überzeugung zu gewinnen, auch gesellschaftliche Mechanismen so
mechanisch aufzufassen und wie eine konstruierte Maschine zu behandeln 25.
Das Ideal der Moderne von einer klassenlosen Gesellschaft (Marx) im
machtfreien Raum kommt der schwedischen Wirklichkeit scheinbar
nahe. Ein kategorisches Denken in „Wir“ und „die da“ scheint beseitigt
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zu sein. Seit 1960 zum Beispiel reden sich alle Schweden mit „Du“ an
(per sogenannter Du-Reform) und die schwedische Nation mit „Wir“.
Wird dem „Wir“ aber die Definition einer eigenen Identität über die Abgrenzung von „denen da“ genommen, resultiert daraus statt einer starken und sicheren eine nur schwache Gruppenidentität, wie der Soziologe Zygmunt Bauman meint26. Im übertragenen Sinne gilt das ähnlich
für das schwedische Nationalimage. Wie der schwedische Soziologe
Å.Daun feststellte, erblassen die Schweden oft vor Ratlosigkeit, Unverständnis und Perplexität ob der Veraltetheit anderer im Vergleich
zur eigenen Kultur. Das bringt ihnen das Urteil von außen ein, langweilige und flache Persönlichkeiten zu sein, sozial verschlossen und spirituell leer27. Jean Phillips-Martinsson konstatierte, „die Schweden seien alle ausnahmslos einfach zu verstehen.28 "
Schweden sind immer ehrlich - in dem was sie tun und in dem was sie
sagen.
Die Ehrlichkeit der Aussage (das Diktum), kann sich auf nichts anderes beziehen als auf die von Mythen befreite Nacktheit objektiver Tatsachen (wie bei Comte), denn Tatsachen sind frei von jeglicher Transzendenz. Ehrlichkeit heißt Eindeutigkeit, ohne Haken, Widerhaken
und ohne Winkelzüge. In einem philologischen Kontext bedeutet Ehrlichkeit Eindeutigkeit. Wie Åke Daun schreibt, gibt es in Schweden
keine sprachlichen Doppeldeutigkeiten, keine Sprachspiele, kein der
Interpretation bedürfenden Andeutungen, kein Lesen zwischen den
Zeilen und deshalb auch nur eine schwach ausgeprägte, nicht verbale
Kommunikation (kein Deuten von Mimiken, Gesten, kleinen Signalen). Die Menschen bringen keinen virtuosen Einfallsreichtum auf, mit
dem sie versuchen, Interesse im anderen zu erregen. Oft spricht man
sich vor lauter Reserviertheit gar nicht erst an oder, sollte die Courage
ausreichen, dann ohne Umschweife in sehr direkten Worten 29.
Da die Menschen so unkompliziert sind, kam mir die schwedische
Gesellschaft immer licht, heiter und sehr transparent vor wie erstrahlt
im Gegenlicht des nordischen Nachthimmels an Sommerabenden.
Dennoch führt das Maß an Unbeschwertheit - vielleicht aufgehoben in
der Melancholie des Winters - nicht dazu, keine Hemmungen zu zeigen, auf den Andern zuzugehen - ganz im Gegenteil. Aufgrund der
beflissenen Vermeiden von Auseinandersetzungen und der resultierenden Ungeschultheit am Konflikt halten viele Ausländer Schweden
im allgemeinen von Scheu und Kommunikationsangst geprägt.
1
alle folgenden Zahlen aus: „Einwanderer und Einwanderungspolitik in Schweden“,
S.1
2
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.244
3
A.Khakee u.a. (Hrsg.): „Remarkong the Welfare State“, S.72
4
A.Härtling: „Regionalpolitische Maßnahmen in Schweden“, S.33
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5
David Jenkins: 1968, in: Å.Daun, „Swedish Menthality“, S.137
H.Häußermann, W.Siebel: „Dienstleistungsgesellschaften“, S.17
7
W.Weihschedel: „Die Philosophische Hintertreppe“, S.232
8
Kierkegaard schloß da seine eigene Existenz als Erkenntnisgegenstand mit ein.
9
ebda., S.236
10
R.Sennett: „Civitas“, S.159
11
Jan Morris, 1984, in: Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.137
12
ebda., S.13
13
ebda., S.5
14
ebda., S.13
15
Huntford, in: ebda., S.138
16
V.Flusser: „Gesten“, S.53
17
Gunnar Alsmark: „When in Sweden...“ in: J.Frykman, Ö.Löfgren (Hrsg.), „Force of
Habit“, S.100
18
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.15
19
A.Khakee u.a. (Hrsg.): „Remarkong the Welfare State“, S.74
20
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S107
21
Wolfgang Matl: „Ein Alptraum vom reinen Schweden“, in: DIE ZEIT, Nr.37 vom
9.5.1997, Dossier, S.13
22
I.Molina: „Stadens rasifiering. Etnisk boendesegregation i folkhemmet“, englische
Zusammenfassung
23
Å.Daun: „Swedish Menthality“., S.137
24
Rudolf Zeitler, in: ebda., S.137
25
ebda., S.17; 200
26
Z.Baumann: „Vom Nutzen der Soziologie“, S.56ff.
27
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.17; 31
28
J.Phillips-Martinson, 1981, in: ebda., S.22
29
ebda., S.99
6
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3.8 Protest und Demokratisierung
Bürgerbewegungen
In Stockholm waren die zwei Wellen der Protestbewegungen (1968er /
1970er und 1990er Jahre) voneinander verschieden.
In der ersten Welle fanden sich Bürger unabhängig von ihrer sozialen
Zugehörigkeit unter alle Engagierten einigenden Zielen zusammen. Die
ersten Proteste besaßen eine überwiegend kulturelle Intention. Sie
waren Bestandteil der 1968er Bewegung, die ganz Europa erfaßte. In
Schweden war die Bewegung jedoch weniger stark als in Westeuropa,
denn viele Forderungen waren hier schon von Staats wegen erreicht
oder man befand sich auf dem besten Wege. Schweden hatte zum
damaligen Zeitpunkt keine Schuldfrage an die Elterngeneration in Bezug auf deren faschistische Vergangenheit oder gar Kriegsverwicklung
zu klären, denn das Land hatte nicht aktiv am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. Bereits 1932 hatte die Übernahme der Regierung durch
die Sozialdemokraten die Weichen für die Entwicklung einer Volksdemokratie gestellt. Die Kritik der Studentenbewegung 1968 richtete sich
daher vorrangig auf Formfragen der demokratischen Praxis, wie die
Forderung von mehr Bürgerpartizipation und der Gleichstellung der
Frauen.
Die ’68er Forderungen nach mehr direkter Demokratie veranlaßten die
Parteien, ihre repräsentative Demokratie zu reformieren und Zugeständnisse an eine Basisdemokratie zu machen. Etablierte Arbeitsmethoden wurden hinterfragt und geändert. In Betrieben und Instituten wurden Workshops eingerichtet und an runden Tischen gemeinsam um
die Lösungen von Problemen gerungen. Entscheidungen sollte nur noch
in demokratischem Einvernehmen gefällt werden können. Im Falle von
Nichteinigung bei gegensätzlichen Ansichten entschied ein Schiedsausschuß nach den „objektiven“ Kriterien höherer Effektivität 1.
Abb. 18
Cykeltur
Vielfältige politische Aktivitäten brachten eine ganze Gruppe von halbprofessionellen Aktivisten hervor, die eine Verbesserung der Arbeitsund Sozialverhältnisse zu einer jeden einzelnen tangierenden Alltagsgegebenheit machten. Aktive Partizipation gehörten von da an dauerhaft, ja selbst Streiks - wenngleich nur vorübergehend - zur neuen
Alltagserfahrung der Schweden. 1971 unterstützte die SAP die Wandlungsprozesse mit einem Programm zur „Unternehmensdemokratie“,
auf dessen Grundlage alle Parteien im Arbeitsprozeß nicht mehr als
Konfliktträger, sondern „Arbeitsmarktpartner“ wurden. Volksbewegungen, Interessenorganisationen und Vereine mit Vereinsleben bildeten
die Grundlage eines erneuerten schwedischen Demokratieverständnisses unter Führerschaft der Sozialdemokratie, welche die
Idee vom Wohlfahrtsstaat in den 1970er Jahren zur verbreiteten Volksidee werden ließ.
Die Aktivisten verstanden sich als Anwälte derer, die sie mobilisierten.
Die nationale Reformpolitik auf administrativer Basis ging über in eine
direkt von Fachleuten angeführte, soziale Mobilisierung. Zunehmend
gerieten alle traditionellen Modelle in die Kritik. Es blieb nicht aus,
daß kulturelle Auseinandersetzungen, Rivalitäten, Machtkämpfe und
Unterschiede in den Lebensstilen zwischen den Aktivisten und den
Gruppen, die sie unterstützten, aufgrund der Radikalität der Vorschläge zu verfehlten Projekten und planerischer Desillusionierung führten2.
Oft genügte schon ein als solcher gewerteter, wenngleich geringer
Mißstand einer Minderheitengruppe oder irgendein nicht befriedigtes
Bedürfnis, um auf die Barrikaden zu gehen und entsprechende politische Maßnahmen zu reklamieren.
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Ideologiekritik
Im Zusammenhang mit Gesellschaftsprotesten weitaus schwieriger
anzubringen war Kritik an der ideologischen Schule der SAP, gegen
die Unterwerfung unter den gleichschaltenden Massenintegralismus
zu opponieren und statt dessen Antiautoritarismus zu fordern. Schwierig, denn die SAP sah sich nie als autoritär an und wurde nie von
außen als autoritär eingeschätzt. Auch ihre demokratische Praxis
schien alles anderer als autoritäre Züge aufzuweisen. Und doch sind
totalitäre Charakteristika nicht von der Hand zu weisen. Die Darlegungen und Begründungen waren mühsam und mußten in einer Tiefe schürfen, die die üblichen rationalen Vorstellungs- und Erklärungsgewohnheiten verließen, um überhaupt artikulierbar zu sein. Große
Teile der Öffentlichkeit hatten dafür wenig Verständnis.
Die politische Praxis hielt derweil fest, die Lösbarkeit sozialer Probleme nur bei parteien- und gruppenübergreifendem Einvernehmen zu
suggerieren. Nur unter einer subtilen, jedoch starken staatlichen Führung postulierte sie die Möglichkeit der Schaffung einer starken Gesellschaft, sofern Mittel (Staatsgewalt) und Ziel (Wohlfahrt) verschmolzen3. Olof Palme (1927-1986) kam das Verdienst zu, die offizielle, von
der Bürgermobilisierung gewissermaßen unterwanderte sozialdemokratische Politik auf entsprechendes Niveau zu heben, indem er die
Sozialdemokratie basisdemokratisierte und noch enger an die Wirtschaftspolitik knüpfte.
Politiker bauten rege Kontakte zu den Bürgerorganisationen aus. Die
intensive Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Organisationen ließ Grenzen mehr und mehr verschwimmen und die kooperierenden Seiten verschmelzen. Minderheiten erhielten die Chance, sich in Gruppen zu organisieren, um ihre Belange politisch zu
vertreten. Das Partizipationsmodell ließ Ärmere und Unterdrückte zu
Wort kommen, denen andere Gruppen Solidarität und Toleranz bezeugten sowie ihr Integrationsangebot unterbreiteten, ohne jedoch mit
Sonderlösungen auf spezifischen Bedingungen und Forderungen von
Minderheiten aus den „allgemeinen demokratischen Prinziplösungen
für alle“ auszubrechen. Statt ein Patchwork aus Inseln vielfältiger kultureller Identitäten zu gestatten, übernahm das Partizipationssystem
eine stark homogenisierende Wirkung. Es stand ein System als Angebot, in dessen Grenzen Minderheiten im öffentlichen Bewußtsein
erträglich waren4 . Darüber hinaus war es die An-gelegenheit der Staatsmacht, die Auswahl zu treffen, welche Organisationen zugelassen
wurden, am Partizipationsmodell teilzunehmen 5.
Zu entsprechenden Kriterien der Auswahl gehörten:
1) das schwedische Modell als solches zu fördern (Lobbyismus),
2) die Beurteilung unterschiedlicher Vorschläge aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus vorzunehmen,
3) Problemrelevanz (Probleme, die auch für solche gehalten wurden),
4) die Fähigkeit zu rationaler Argumentation und deshalb
5) ausreichende Sachkenntnis und Fachwissen.
Der Staat bediente sich der vielen kleinen Organisationen, wie Clubs,
freiwilligen Assistenzen, Studiengruppen und Vereinen, um seine Politik auszuformulieren und an den Mann / die Frau zu bringen. Die
Basisorganisationen filtrierten parteipolitische Ziele auf einen lokalen
Maßstab, dienten der Kohäsion unter der Bevölkerung und der Harmonisierung. Sie gewährten die Garantie, daß zentrale politische Beschlüsse auch unten ankamen. Bei der Lösung von lokalen Problemen führte
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anders herum kein Weg an den politischen Instanzen vorbei, die in der
Regel pragmatisch, unbürokratisch und effektiv, zurückhaltend und
strategisch vorgingen. Ab den 1970er Jahren übernahm der Staat mehr
und mehr die Rolle des Akteurs im Hintergrund. Der Staat wurde zur
Serviceeinrichtung der Gesellschaft - ganz im Gegensatz zum restlichen Europa, in dem sich Staat und Gesellschaft üblicherweise verhandelnd gegenüberstehen.
Gruppenkoalitionen
In den 1990er Jahren traten erneut außerparlamentarisch zustandekommende Oppositionen - im Gegensatz zu den Bürgerbewegungen
der 70er Jahre -, jetzt in zahlreiche kleinen Gruppen zersplittert auf.
Die Zusammensetzung der Gruppen war nicht mehr so gemischt wie
zur Zeit der Bürgerbewegungen, sondern viel homogener. Die Gruppen
der 1990er Jahre setzten sich aus Freunden, Kollegen oder per World
Wide Web Zusammengefundenen zusammen. Überhaupt machte das
Internet jetzt auch internationale Kontakte und Erfahrungsaustausche
in relevanten Angelegenheiten möglich. Auch ethnische Gruppen hatten in einem solchen Spektrum eine größere Chance, eigenen Interessen zu artikulieren und sie gleichwertig neben andere zu stellen.
Die Bündelung der Kräfte im Hinwirken auf ein gemeinsames Ziel gestaltete sich allerdings ungleich schwieriger. Zwar gelang keine
Sammelbewegung aller Engagierten mehr, jedoch kam es zur Bildung
von Koalitionen zwischen verschiedenen Gruppen. Diese Koalitionen
konnten äußerst heterogen sein, zum Beispiel von Gruppen aus etablierten Personen bis zu Anarchisten6. Es mußte über Möglichkeiten
und Interessen verhandelt werden. Eine solche Kommunikation trugt
vorübergehend Modellcharakter, denn sie zeigte, wie nicht nur ein Zusammenleben, sondern auch ein Zusammenwirken möglich ist, ohne
Identitätsverlust durch Integrationszwang. Urbane Konflikte wurden so
schon erfolgreich gelöst7. Extremer waren Auswirkungen auf persönliche Identitäten, die Gefahr liefen, in eine Krise haltloser Nichtexistenz
zu geraten.
Normale Schweden tun oft das gleiche, da Freunde, Klassenkameraden und Arbeitskollegen es auch tun 8.
Ließ zur Zeit der Bürgerbewegung Ende der 1960er/1970er Jahre noch
der demokratischen und humanistischen Sicht auf gesellschaftliche
Werte Spielraum, sich mit seiner eigenen Identität zu engagieren, rebellierten in den 1980er/1990er Jahren hauptsächlich Jugendliche gegen die als Wahlangebot getarnte Aufoktruierung einer alle gleich behandelnden und damit gleichmachenden Homogenität. Die Herausbildung von Stil-, Mode- und Label-Identitäten unter Jugendlichen war
allerdings kein aktiver, sondern vielmehr passiver Protest, sich nicht
vereinnahmen zu lassen und möglicherweise lieber durch Indifferenz
gegenüber der Massengesellschaft abzuschotten.
1
W.Großjohann: „Klassenkämfe“, S.98
A.Khakee u.a. (Hrsg.): „Remarkong the Welfare State“, S.71
3
Kai Böhme: „Schweden - ein Modell für Konsens und Rationalität“, S.338
4
A.Khakee u.a. (Hrsg.): „Remarkong the Welfare State“, S.70
5
die hier folgenden Aussagen aus: Kai Böhme: „Schweden - ein Modell für Konsens
und Rationalität“, S.340
6
U.Stahre: „The alternative City“, S.12
7
ebda., S.12
8
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.13
2
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3.9 Stadtplanungsprogramme
Kommen wir nun zum Bereich Gesellschaft und Städtebau.
Die schwedische Stadtentwicklung ist stark an die Zunahme des
Wohlstandes und die Vision von einem guten Leben gebunden. Zu
Anfang des 20.Jahrhunderts entstand in Schweden die Bewegung „Besitze dein eigenes Heim“ als nationale schwedische Initiative gegen
die anhaltende Auswanderung. Die Initiative sollte die Ansiedlung von
Landarbeitern und die Entwicklung der Landwirtschaft zur Eigenversorgung des Landes in einem Zeitraum von 25 bis 50 Jahren bewirken. Das Modell des „Kleinhofs in Eigenversorgung“ hielt nach der
Jahrhundertwende in die Stadtplanungen Einzug. Das bis heute für
Schweden typische und sehr beliebte Haus mit Garten war Bestandteil der Idee des „Volksheims“, mit dem Landarbeiter und Arbeiter in
den Mittelstand aufsteigen sollten 1.
Seit 1904 führte die Kommune von Stockholm im Hinblick auf eine
künftige Entwicklung Eingemeindungen durch und kaufte Land, auf
dem Wohnsiedlungen spekulationsfrei entstehen konnten. Die kompakte Stadt (Lindhagens2 ) schien eine Lektion erteilt zu haben, nämlich verachteter Nährboden für die Immobilienspekulation zu sein, denn
staatlicherseits unkontrollierbare, freie Kräfte der Wirtschaft widersprachen dem Ziel einer gerechten Wohlstandsregelung für alle auf dem
Gebiet der Stadtplanung. Der Spekulation wollten die Stadtväter durch
den Aufbau einer kommunalen Domäne an Bauland ent-kommen. Komplementär stellten Funktionalität und Rationalität der Planung Wege in
Aussicht, Stadtentwicklung beherrschbar zu halten 3.
Funktionalismus
Städtebau und Architektur haben in Schweden einen militärbautechnischen Ursprung. Eine vom Militär unabhängige Berufsgruppe der Architekten gab es in Schweden erst seit der Mitte des 19.Jahrhunderts. Sie profilierte sich im Bauboom der Industriegesellschaft
gegen Ende des 19.Jahrhunderts, in erster Linie in Zusammenhang
mit Bauaufgaben der Infrastruktur (Bahnhöfe, Post- und Telegrafenämter, Verwaltungsgebäude und Hospitale). Um 1900 gab es etwa 300
Architekten 4.
1930 trug die Funktionalismus- und Industriehandwerksausstellung auf
der Stadtinsel Djurgarden dazu bei, der Moderne in Stockholm zum
Durchbruch zu verhelfen, bedenkt man, daß „Moderne“ in Schweden
„Funktionalismus“ meint5 . Im Zusammenhang mit der Ausstellung verabschiedeten führende schwedische Architekten die Deklaration
„Acceptera“ - ein Bekenntnis zu moderner Architektur und Antwort auf
kritische Stimmen gegenüber der Ausstellung. Die funktionalistische
Architektur fand ihre Verankerung in der Sozialdemokratie. Beide kamen zeitgleich zum Vorschein und ergänzten sich komplementär: politisches Ziel war die neue Gesellschaft, das Mittel dazu der Funktionalismus.
Bevor der Funktionalismus in Schweden zum alles beherrschenden
Prinzip wurde, begann er in der Architektur als Elitebewegung der Mittelschicht. Der US-Amerikaner Tom O’Dell stellte in seiner Untersuchung über amerikanistische Tendenzen in der schwedischen Kultur
fest: Mit der Ausstellung sollte den Massen eine ästhetische Botschaft
vermittelt werden - saubere, glatte Linien, große Planglasfenster und
offene, fließende Räume. Hinter allem steckte der einfache Slogan der
Volkserziehung von der „Schönheit des Praktischen.6 " Der Funktionalismus wurde zur Doktrin, die erst im Zuge der Bürgerproteste der
1960er Jahre zurückgenommen wurde. Bis dahin jedoch war die
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Modernitätsverpflichtung klassen- und politisch übergreifend. Doktoren, Ingenieure, Lehrer und Sozialdemokraten sahen sich in die Pflicht
genommen aufzuklären, als Missionare einer neuen Ära zu wirken und
mit eigenem Beispiel voranzugehen. Handlungen in gesamtesellschaftlichem Kontext, Produktivität, Mobilität, Selbstdisziplin,
Moderation, Wissenschaftsgläubigkeit, Kosmopolitismus und Rationalität wurden zu Stereotypen der Modernität. Provinzialität galt dagegen immer als schwedisches Bekümmernis, dem mit besonderer Internationalität beizukommen versucht wurde 7.
Wohnungsbau
Mit der Demokratisierung der Wahlen 1920 erhielt der Wohnungsbau
mehr Schwergewicht. In den 20er Jahren erprobte Schweden verschiedene Finanzierungs-, Bauerstellungs- und -unterhaltungsvarianten. In
den 30er Jahren gründeten sich viele öffentliche Baugesellschaften (z.B.
die HSB, 1923; Svenska Bostäder) als non-profit-Organisationen, die
zur Voraussetzung für einen Wohnungsbau in großem Maßstab und
auf der Grundlage industrieller Fertigung wurden. Svenska Bostäder
baute zwischen 1947 und 1957 ca. die Hälfte der in Stockholm neu
entstehenden Wohnungen.
Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Wohnungsbau in Schweden auf Sparflamme weiterbetrieben, wenngleich die Wohneinheiten
an Größe zunahmen, da sich große Einheiten als wesentlich effektiver
erwiesen. 1943 stellte die Regierung finanzielle Mittel für ein Nationales Wohnungsbauprogramm bereit, das vorerst aufgrund von Materialengpässen - Europa führte Krieg - aufgeschoben werden mußte. Man
nutzte indes die Zeit zum Planen und um weiteres Land zu akquirieren. 1953 gestattete ein Gesetz dem Planungsstab der Kommunen,
nicht erschlossenes Land zu enteignen. 1967 setzte sich diese Rechtsgabe fort, als ein Gesetz in Kraft trat, das der Kommune Vorkaufsrecht
bei privatem Landverkauf einräumte. Um 1970 befanden sich ca. 70%
des Baulandes in den Vorstadtbereichen Stockholms in kommunalem
Besitz 8.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die SAP die Wohnungsfrage an
eine der ersten Stellen ihres politischen Programms. Die modernen
Stadtplanungsvorhaben wurden in Übereinstimmung mit den Liberalen
und Konservativen ausgearbeitet. Im Prinzip gab es keine oppositionellen Stimmen im Parlament. Die liberalen Politiker vertraten die Interessen von großen Bauunternehmen, die mit den sozial- und wirtschaftlichen Programmen Hand in Hand gingen. 1947 sorgten Beschlußfassungen dafür, die Verantwortung für Bauvorhaben in die Kompetenz
örtlicher kommunaler Vertreter abzugeben.
Die Umgestaltung des Stadtzentrums von Stockholm
Die grundlegende Transformation der Stockholmer Innenstadt ist verbunden mit dem Namen des sozialdemokratischen Politikers Hjalmar
Mehr9. 1945 wurde ein Planungsteam um den Stadtarchitekten Sven
Markelius (1889-1972) gebildet, das 1946 den ersten NachkriegsBabauungsplan für die City von Stockholm vorlegte10 . Mit dem CityPlan von 1946 nahm eine lange Umgestaltungsphase des Stadtzentrums ihren Ausgang. Ziele bestanden in der Erhöhung der Verkehrsdurchlässigkeit und der Schaffung eines kommerziellen und
Verwaltungsdestriktes - der sogenannten „Hötorgcity“ (um den Platz
Hötorget).
1932 war dem ein Umgestaltungswettbewerb für das Stadtzentrum
unter Beteiligung Le Corbusiers vorausgegangen 11.
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Abb. 19
links: Sven Markelius
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Die Wohnbedingungen der Massen an der Peripherie standen in der
Kritik von Protesten. Aber nicht nur: gerade unter der progressiven,
sozialen Orientierung Schwedens fielen in den 1960er / 70er Jahren
die meisten baulich-kulturellen Identitäten zum Opfer. Argumente, auf
den Erhalt des kulturellen Erbes Wert zu legen, wurden als rückwärtsgewandt abgetan. Erst im Baugesetz von 1975 wurde das den gültigen
Standard für Wohnungsbau festlegende Gesetz von 1965 mit dem
Zusatz des Bestandsschutzes von kulturellem Erbe versehen.
1959 wurde der kommerzielle Bereich der Hötorgcity eröffnet.
Aber dabei blieb es nicht. In den 60er und 70er Jahren wurde das
gesamte Stadtzentrum von Stockholm in ein hochgradig verkehrserschlossenes und kommerzielles Zentrum umgewandelt - das damals größte innerstädtische Umbauprojekt Europas! In einem herrschte
politischer und gesellschaftlicher Konsens: die schwedische Hauptstadt sollte Modellcharakter tragen. Sie sollte nicht nur auf landesinterne, sondern auf internationale Konkurrenzfähigkeit ausgebaut
werden. Proteste richteten sich nicht gegen die kosmopolitische Intention, sondern gegen die Abrißmaßnahmen.
Nicht nur am Stadtrand hatte die Kommune die Politik des Flächenaufkaufs verfolgt. Als 1953 begonnen wurde, den Bebauungsplan umzusetzen, war die Stadt bereits zu 50% Eigentümerin der beplanten
Flächen und hatte freie Hand. Von der historischen Bausubstanz der
Altstadt wurden 16012 aus dem Standard herausgefallene Wohngebäude nicht durch Gebäudesanierung wieder einer Benutzbarkeit zugeführt, sondern einfach abgerissen.
Konnte man in Schweden fortfahren, um den Preis des Neuen die
geschichtliche Identität des Alten opfern? Als die Proteste in den 1960er
Jahren aufkamen und sich in der Öffentlichkeit Gehör verschafften,
dort auch Rückhalt erlangten und sich gegen die Ignoranz politischer
Hardliner durchsetzen konnten, war bereits ein Großteil des Altbaubestandes von Norrmalm verschwunden13. 1971 kulminierte der Widerstand im sogenannten „Kampf um die Ulmen“, die im Kungsträdgården
einem Straßenbauprojekt weichen sollten. Um sie zu erhalten, hängten sich Demonstranten in die Bäume, so daß die Polizei intervenieren mußte. Die Ulmen stehen heute noch. Aber damals ging von dem
Kampf um die Ulmen ein Schock der Ratlosigkeit durch die politische
Kultur Schwedens, der die politische Struktur erschütterte 14.
Verkehrsplanung
Der voranschreitende, vorbildliche Ausbau des Netzes öffentlicher Nahund Fernverkehrsmittel, bestehend aus Untergrund- und Straßenbahnen, Bussen und Bahnen, führte nicht zu einer alternativen Verkehrsplanung. Angesichts des enormen Wirtschaftsfaktors der nationalen
Automobilkonzerne Volvo, Saab und Scania wurde die Verkehrsplanung des Landes und der Städte auf das private Kraftfahrzeug ausgerichtet. Die Übernahme des amerikanischen Motorisierungsideals eines jeden Bürgers in die schwedischen Wohlfahrstvorstellungen machte
die Straßenplanung zum Schwerpunkt des Stadtumbaus. Schweden
gehört in Europa zu den Ländern mit dem höchsten Autobesitz pro
Kopf 15.
1960 bereits wurde der Plan eines innerstädtischen Schnellstraßensystems vorgelegt, denn schon damals kam in Schweden etwa ein
Auto auf drei Einwohner. Hochrechnungen, die für 1990 von einem Kfz.
je zwei Personen ausgingen, beeinflußten entscheidend das stadtplanerische Denken16. Als funktionstüchtig galt die Stadt der 1970er
Jahre erst, als alle wichtigen Orte problemlos mit dem Auto erreichbar
waren. Das galt besonders für eine Dienstleistungs- und Verwaltungs60
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stadt wie Stockholm. 1965 wurde ein Autobahnring vorgeschlagen,
der aber von Bürgerprotesten in die Kritik genommen wurde und nur
zum Teil realisiert wurde.
Zwar hat Schweden nicht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und
keine Kriegsschäden erlitten; die moderne Planung und das private
Kfz. jedoch haben die schwedischen Städte so zerstört, wie anderswo
der Krieg17. Im Rahmen der Umbaumaßnahmen waren 1967 siebzehn
Parkhäuser im Stadtzentrum geplant - eine Planung, die in diesem
Punkt allerdings nicht mehr umgesetzt wurde, da sich die Sicht auf
die Verkehrsplanung im Angesicht der vielen Straßentraßen und der
ökonomischen Regression, besonders im Schatten der Ölkrise 1979
allmählich zu wandeln begann 18.
Das 1-Millionen-Programm
Die ersten Großwohnsiedlungen außerhalb der Städte entstanden in
ganz Schweden etwa zeitgleich. Zur Zeit der Proteste 1968 waren erst
drei Jahre vergangen, nachdem die sozialdemokratische Regierung
1965 damit begonnen hatte, das sogenannte 1-Millionen-Programm19
umzusetzen: eine Million Wohnungen sollten entstehen für ein Volk,
bei dem die Planung der 60er immer davon ausging, daß es zum Ende
der 70er Jahre auf 25 Millionen angewachsen sein würde20. Das war
eine grandiose Überschätzung, denn noch heute wohnen in Schweden kaum mehr als acht Millionen Menschen! Das Programm trug
wesentlich dazu bei, daß heute die Hälfte der Einwohner von Stockholm in Häusern wohnt, die nach 1965 entstanden sind. Der im 1Millionen-Programm entstandene Hausbestand macht heute ein Viertel des schwedischen Wohnungsbestandes aus.
Neben Wohn-Hochhäusern umfaßte die Planung ein Drittel Terrassenund Einfamilienhäuser, Schulen, Tageszentren, Freizeit- und Dienstleistungseinrichtungen. Da es bis zum Ende der 1970er Jahre fast
keine Spekulation gab, war es recht einfach, in das Programm weiträumige Grünanlagen und Erholungsgebiete zu integrieren. Die Kosten entstanden erst später in Folge von Unterhaltung und Pflege.21
Zwar nicht als Sozialwohnungsbauprogramm entstanden, ist das 1Millionen-Programm dazu geworden. Die sozialökonomische Segregation nahm ab den 1980er Jahren rassistische Aspekte an 22.
Protestbewegung
Als sich mit den Umgestaltungsmaßnahmen in der Stockholmer Innenstadt Stimmen gegen geplante und in Ausführung begriffene Abrißmaßnahmen wertvollen Altbaubestandes erhoben, zeigten sich die
Politiker auf außerparlamentarische Aktionen wenig eingestellt, denn
die hatte es ja selbst in Form von Arbeitskampf nur äußerst selten
gegeben. Bei aller moderner Programmatik mußten egal wie geartete
Proteste zwangsläufig als kulturkonservativ stigmatisiert werden - und
Konservativismus galt als dunkel reaktionär, ja dem gesellschaftlichen
Fortschritt umtrieblerisch entgegengerichtet. Protestler monierten die
rationalistischen, industriell gefertigten, stereotypen Satellitenstädte
der Massen, die dabei waren, an der Peripherie um Stockholm herum
zu entstehen. Bei den Protesten der 60er Jahre ging es den Akteuren
um die Hinterfragung der Art des für die Massen vorgesehenen Wohlstandes. Eine schwierige Frage, denn der Standard sowohl der
Wohnungsversorgung wie der Wohnstandard selbst bewegte sich in
Schweden im europäischen Vergleich auf überdurchschnittlichem Niveau. Wirkliche, grundsätzliche Opposition schien da ohne jede Berechtigung.
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Aber dahinter verbirgt sich ein Erkenntnisproblem, wie Bengt
O.H.Johansson, Professor am Institut für Denkmalpflege an der Universität Göteborg feststellt: Wenn man die einzelnen Gebäude betrachtet, ist an ihnen nicht viel auszusetzen, aber alle zusammen genommen sind in vielen städtebaulichen Fällen katastrophal23 ! Durchaus
positive Planungsintentionen endeten oft mit ärmlichen Ergebnissen.
Erst durch soziologische Studien, wie die Bewohner ihr Wohnumfeld
benutzen, kamen Fragen auf - zögerliche Fragen. In der Anfangszeit
der Kritik mußten sie auf Unverständnis stoßen. Nur wenige Vertreter
des kulturellen und politischen Lebens führten das Wort. Als sich die
Proteststimmen in der Öffentlichkeit langsam mehrten, zeigten sich
die gesellschaftlichen Entscheidungsträger wie immer nicht
kompromißunwillig oder uneinsichtig, so daß im Endeffekt die Proteste durchaus eine Humanisierung der Planung bewirkten 24.
Die Protestbewegung entwickelte und wandelte sich. Aus den ersten
Protagonistenprotesten waren Bürgerbewegungen entstanden. Zwei
Kerngruppen nannten sich „aktiver Dialog“ und „alternative Stadt“; entsprechend unterschiedlich setzten sie die Schwerpunkten ihrer Betätigungsfelder. Die Bürgerbewegungen nahmen Abstand von der abstrakten, kulturtheoretischen Ausrichtung der Proteste der ’68er Jahre. Proteste um die Stadtplanung richteten sich nun konkret gegen die unmittelbar absehbaren Nachteile von städtebaulichen Vorhaben, in sofern
diese das eigene Wohnumfeld betrafen. Die Schaffung von Kinderspielplätzen, Anwohnerstraßen, Fahrradwegen, Grünräumen, Fußgängerzonen und der Umbau von Büro- und Parkhäusern zu Wohngebäuden
wurden genauso gefordert wie die Eintunnelung besonders verkehrsbelasteter Straßen und die Zurücknahme von Ausbauprojekten für Stadtzu Schnelltrassen.
Zwischen 1969 und 1973 kam es zur Umbildung und Neuschaffung
verschiedener Bürgerrechtsgruppen. Sie bildeten nun ein nach Stadtbezirken organisiertes Netzwerk, das jetzt den Vorteil bot, über ganz
Stockholm verbreitet arbeiten zu können. Aber die technische und
ökonomische Entwicklungen der Jahre brachten grundlegende Veränderungen für die Struktur der Bürgerbewegungen mit sich, welche die
öffentlichen Interessen der Bürger allmählich erlahmen ließen. Neue
Kommunikationsmittel führten dazu, daß unmittelbarer Kontakt zwischen Menschen nicht mehr erforderlich war. Und das angestiegene
Durchschnittseinkommen stellte die Befriedigung von Grundbedürfnissen sicher, zu denen auch die Wohnungsfrage zählte. Überdies war
zur Mitte der 70er Jahre das 1-Millionen-Programm erfüllt - ja, es gab
sogar plötzlichen einen Überschuß von 40 000 Wohnungen(!), die innerhalb des 1-Millionen-Programms entstanden waren, die meisten
davon in Großwohnblöcken25. Aber schon in den kommenden zwanzig
Jahren stieg die Einwohnerzahl Stockholms um 220 000 auf 1,4 Millionen an und der Überschuß brauchte sich rasch auf.
Segregation
Mit der vorläufigen Lösung des Wohnungsproblems konnte die Segregation beginnen. Die Gegenden der Gebäude des 1-Millionen-Programms avancierten zu Protagonisten der Segregation. Anders als die
Zentren unterlagen die Suburbs einem raschen Degradierungsprozeß,
der die Segregation förderte. Die meisten Mängel treten bis heute besonders bei den schnellen Planungen der 1970er Jahre zutage. Gleich
mit dem Ende des 1-Millionen-Programms wurde 1975 eine Kommission ins Leben gerufen, die sich mit den negativen Auswirkungen des
Programms beschäftigen sollte.
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Zwischen 1965 und 1975 verdoppelten sich die Mieten für Neubauwohnungen26. Infolge der starken Progression der Lohn- und Lohnnebenkosten stieg ab 1950 das allgemeine Preisniveau in Schweden
von Jahr zu Jahr, denn die Lohnkosten wurden auf die Verbraucherpreise umgelegt. Lohnerhöhungen wurden so im Prinzip von der Preissteigerungsrate wieder aufgefressen. Hinzu kamen Steuererhöhungen
von 30 bis 50%. Da es bis in die 70er Jahre keine Immobilienspekulation
gab, gestalteten sich die Mietpreise dennoch recht übersichtlich.
Ein Viertel der Wohnungen entstand damals kommunal, zwei Viertel
durch Wohnungsbaukooperativen, die mit den kommunalen Institutionen eng zusammenarbeiteten, und ein Viertel privat. Alle Wohnungen
waren unabhängig vom Einkommen im Sinne des Gleichheitsanspruchs
der Gesellschaft uneingeschränkt allen zugänglich. Das ist der Grund,
weshalb es in Schweden keinen „sozialen Wohnungsbau“ gab. Die
Egalitätspolitik der sozialdemokratischen Regierung gewährte wenigverdienenden Familien Mietzuschüsse, es entstanden keine Slums,
sondern durchgehend moderner Standard in weitgehend sozial homogenen Quartieren. Der Standardgleichheit der Wohnungen hat allerdings zu einer Segregation nach qualitativen Kriterien geführt: Wohnungssuchende evaluierten in ihren Entscheidungen stärker die Randfaktoren der Wohnbedingungen als in den Ländern, in denen die
Wohnungsverteilung primär an die finanzielle Lage der Bewerber geknüpft war oder Wohnungen zentral zugewiesen wurden. In Stockholm dagegen hängt Segregation stärker mit der Anbindung an das
Netz öffentlicher Verkehrsmittel zusammen, an den Angeboten für die
Entwicklungschancen der Kinder (Qualität von Kindereinrichtungen und
Schulen), an den Entfernungen zu Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten, am Kulturangebot und dem vermeintlichen Potential kommunikativer Nachbarschaftskontakte.
Die Mietpreise begannen nicht unerheblich zu differieren, als sich zwischen 1960 und 1975 das allgemeine Preisniveau in Schweden um
inflationäre 80%27 erhöhten - die Mietpreise eingeschlossen.28 Familien mit höherem Einkommen konnten sich jetzt grundsätzliche Veränderungen leisten und dem Massenwohnungsbau endgültig den Rükken kehren. Die Wohngebiete spalteten sich auf in attraktive und abstoßende29. Attraktive Wohngebiete entwickelten sich zu exklusiven,
die anderen stiegen ab zu Polen sozialer Benachteiligung, in denen
Niedrigverdiener, Ältere, alleinerziehende Mütter und Einwanderer hängenblieben. Menschen, die in verruchte Quartiere zogen, stigmatisierte allein die Adresse. Jeder, der da wegziehen konnte, tat das auch.
Aus politischer Perspektive wurden Armut und Segregation in Schweden immer als verhinderbares oder lösbares Gesellschaftsproblem
angesehen. Die Auffassung von der administrativen Gestaltbarkeit der
Gesellschaft ging davon aus, daß es sich hierbei lediglich um ein
Kontroll- und Verteilungsproblem handle, das auf dem Verhandlungswege mit den Hauseigentümern zu lösen wäre30. Diese Annahme hat
sich als falsch erwiesen. Aus dem Dilemma der Segregation, die aus
dem gesellschaftlichen und politischen Gleichheitsideal resultierte, zog
die offizielle Wohnungspolitik Konsequenzen: 1974 wurde ein Beschluß
verabschiedet, Haushalte in Wohngebieten umfassend zu mischen.
1980 wurden einige Revitalisierungsprojekte gestartet, und neben anderem Maßnahmen Großwohneinheiten zurückgebaut.
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Wohlstandskritik
Die wirtschaftliche Regression der 1970er Jahre trug dazu bei, die Einwohnerzahlen stagnieren zu lassen. Die Episode der Bürgerrechtsbewegungen endete, wenngleich einige Bewegungen, wie zum Beispiel
die „Alternative Stadt“, bis heute weiterbestehen. Im Angesicht der
Regression kam die Frage nach dem Sinn auf, am ungehemmten Fortschritt um jeden Preis festzuhalten. In viele Bereichen mehrten sich
Anzeichen, daß grenzenloses Wachstum nicht mehr garantiert war
und daß Fortschritt auch Zerstörung mit sich brachte. Kritische Stimmen klagten am Ende des 1-Millionen-Programms über die physisch
isolierten Menschen- und Wohnballung am ausfransenden Stadtrand,
über Monotonie, Unästhetik und Unterversorgung der Gebiete mit
Serviceeinrichtungen. Dem Rückgang von Angeboten in den Quartieren folgte oft der Wegzug der Menschen, in erster Linie junger Leute
und von Familien. 1976 ist dann auch das Jahr, in dem die SAP von
einer Mitte-Rechts-Regierung abgelöst wurde.
In den 1980er Jahren stand die modernen Planungsschematas in der
Kritik. Sehnsucht kam auf nach kontextueller Planung, Identität, kultureller Bedeutung und nach Besonderheiten. Die Planung reagierte
mit der Revitalisierung historischer Stadtzentren durch Fußgängerzonen, Verkehrsberuhigung und Beschränkung des Angebotes an Stellplätzen bei gleichzeitigem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.
In den 1990er Jahren etablierten sich neue Bewegungen, die sich aber
von den ehemaligen Bürgerbewegungen stark unterschieden. Zu Beginn der 90er betrafen spontane Gruppenproteste wieder in erster Linie
Vorhaben des Stadtumbaus. Protest erweckte der neue Maßstab, in
dem die Stadtplanung jetzt dachte, denn Stockholm sollte den Übergang schaffen von einer europäischen Hauptstadt zur Global City. Darin waren sich - wie schon in den 1950er Jahren - Sozialdemokraten,
Konservative und Liberale einig.
In der Regel bedurfte es auch in den 90er Jahren Protestformen, die
Politiker auf Bürgerbelange aufmerksam machten. Gruppenanliegen
endeten meist damit, zuerst von wichtigen politischen Einzelvertreten
aufgegriffen, um dann von allen drei großen Parteien unterstützt zu
werden. Auf diese Art und Weise wurde der Ostteil des Autobahnrings
verhindert, der andernfalls über die Schärenlandschaft des Stockholmer Archipels hinweggegangen wäre. Anderen Teile der Autobahn sind
im Zuge von Überarbeitungen der Projekte in Tunnel verlegt worden.
Die Bahntrassenerweiterung auf der Westseite der Stadt wurde vorerst auf Eis gelegt und verschiedene Bürohausprojekte in Gebieten
mit historischer Bausubstanz (z.B. Brunnsviken) ganz aufgegeben 31.
Mit dem Zusammenbruch der öffentlichen Wohnbaufinanzierung zu
Anfang der 1990er Jahre gingen Bauaktivitäten in ganz Schweden zurück. Ein Drittel der Bauindustrie verschwand binnen kurzem32. Auch
die Planungsprämissen änderten sich: der aktuelle Bebauungsplan
von 1998 weist die meisten Baugebiete auf Brachflächen aus.
Die neuen Prämissen hießen:
1) Entwicklung der Peripheriegebiete und Industriebrachen zu urbanen Distrikten,
2) Entwicklung der Satellitenstädte,
3) Entwicklung der Wohngebiete mit gutem Verkehrsanschluß an
den öffentlichen Transport und
4) Verdichtung innerstädtischer Bereiche.
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Innenstadtprojekte in Stockholm
Als in den 1990er Jahren Liberalisierungsmaßnahmen dem Aufkommen urbaner Lebensqualitäten in schwedischen Städten starken Vorschub leisteten, setzte ein großer Zustrom vor allem jüngerer Leute in
die Stockholmer City ein.33
Die absolute Bewohnerzunahme34 liegt auf das Stockholmer Stadtzentrum gerechnet prozentual heute wieder höher als die Bewohnerzunahme in der Peripherie. Über die zahlreichen alten und neuen Vorzüge und eine neue Vielfältigkeit der Lebenswelt des Stadtzentrums
in unmittelbarer Wohnungsnähe zu verfügen, ist allerdings vornehmlich einer einkommensstärkeren Bürgerschicht vorbehalten, da Wohnen in der Innenstadt zu einem wiederentdeckten kommerziellen Faktor avancierte. Attraktivitätszuwachs bedeutet auch Fortschreiten der
Segregation.
Überhaupt eine Wohnung in Stockholm zu finden, ist problematisch.
Besonders die Innerstadt leidet gegenwärtig an einem großen Wohnungsmangel. Nach dem exzessiven, fast ausschließlich peripheren
Wohnungsbau der vergangenen fünf Jahrzehnte, rückte mit den Wohnanlagen auf der zur Kernstadt zählenden Insel Södermalm (Projekt
Södra stationsområdet, 1981-1992) die City wieder in das öffentliche
Interesse. Seit 1992 ist das Stadtplanungsbüro (Stockholms Stadsbyggnadskontor) dabei, das städtebaulich umfangreichste Wohnungsbebauprojekt an der Ostflanke von Södermalm - die sogenannte
Hammarby-Hafencity - zu realisieren. Der Planer Jan Inghe-Hagström
entwickelte den entsprechenden Masterplan. Jährlich entstehen hier
600 Wohnungen auf den brach gefallenen Flächen der Kleinindustrieund Hafenanlagen am Hammarby-Kanal, bis am Ende die Zahl 8 000
erreicht sein soll35. 1994 bis 1997 ist der erste Bauabschnitt komplettiert worden. Der sich bis heute im Bau befindliche Komplex der
Hammarby-Hafencity zählt zur Sparte exklusiver Wohnlagen. Bereits
die städtebaulich wie architektonisch konservative Sprache läßt auf
das soziale Spektrum der Bewohnerschaft rückschließen.
Eine vorerst letzte Statistik.
Auf Altersgruppen aufgeschlüsselt wohnen im Vergleich zu StockholmStadt im Großraum ca. 4% mehr Jugendliche unter 20 Jahre36, hingegen 3% weniger 20- bis 44jährige37. In der Altersgruppe der 45- bis
64jährigen differiert der Unterschied mit ca. 2% ähnlich wenig38 wie bei
den über 65jährigen mit etwas über 2%39. Halten sich die Geburts- und
Sterbezahlen im Innenstadtgebiet etwa die Waage, erzielte der Stockholmer Großraum 1998 im Vergleich zur Sterbezahl 5 000 Geburtenüberschüsse. Vergleicht man hingegen soziale Sachverhalte wie Eheschließungen und Scheidungsraten miteinander, halten sich die prozentualen Anteile an den auf Zentrum und Peripherie aufgeschlüsselten Einwohnerzahlen jeweils in etwa die Waage.
Abb. 20
Sergels Torg, Planung von 1952
Abb. 21
Sergels Torg
Stadtplanung heute
1987 verteilte ein Gesetz die Planungskompetenz der Regionalplanung auf lokale Autoritäten40. Von der klassischen Planung wurde abgegangen und statt dessen auf der Grundlage von Richtlinien ein zentrales Strategiepapier in drei Szenarien aufgestellt.
Die Szenarien waren:
1) ein wirtschaftliches,
2) ein soziales und
3) ein umweltorientiertes.
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In einer breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit wurden die betroffenen
Kommunen mit umfangreichem Informationsmaterial, kostenlosen Broschüren und Büchern versorgt, damit sie sich eine systematische Diskussionsbasis erarbeiten konnten. Dann wurde die Diskussion der
Szenarien angeleitet. In Schulen zum Beispiel mußten Jugendliche
Aufsätze über die Zukunft der Region schreiben. Alle sollten gewonnen werden, die sich für die Zukunft der Region interessierten. Vorschläge und Anregungen flossen in die kommunale Planungsarbeit
ein. Aus den Szenarien wurden regionale Strategien entwickelt und
die Planung so bei den Menschen der Region und den kommunalen
Akteuren breit verankert. Die kommunalen und zentralen Behörden
sammelten, faßten zusammen, werteten aus und verbreiteten Stellungnahmen. Der Regionalplan berücksichtigt individuelle Vorstellungen im Rahmen von Variationsdimensionen. Dieses Verfahren garantierte eine gerechte Behandlung des Einzelnen seitens der Autoritäten; der Erfolg einer Umsetzung ohne Widerstand ist wahrscheinlich.
Abb. 22
Regionalplan von Stockholm
1
T.O’Dell: „Culture unbound“, S.87f.
siehe 3. case study
3
K.Åström: „City Planning in Sweden“, S.34
4
R.Waern: „Architektur in Schweden“, S.1
5
O.Hultin u.a.: „The Complete Guide to Architecture in Stockholm“, S.286
2
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6
T.O’Dell: „Culture unbound“, S.127
ebda., S.129
8
Stockholms Stadsbyggnadskontor: „Stockholm“, S.11ff.
9
„The Record Breaking Years“, http://www.holmiensis.net/main_e_record1.html
10
siehe 1. case study
11
O.Hultin u.a.: „The Complete Guide to Architecture in Stockholm“, S.287
12
ebda., S.287
13
U.Stahre: „The alternative City“, S.2
14
O.Hultin u.a.: „The Complete Guide to Architecture in Stockholm“, S.288
15
Peter Hall: „Reflections on Swedish Planing“ in L.Nyström(Hrsg.), „City and Culture“,
S.31
16
K.Åström: „City Planning in Sweden“, S.51
17
Louise Nyström: „Urban Culture and Environmental Sustainability“ in: C.G.Guinchard
(Hrsg.): „Swedish Planning“, S.26
18
U.Stahre: „The alternative City“, S.2
19
Auf dem Kommuneterritorium und in Greater Stockholm sind folgende Quartiere im
1-Millionen-Programm entstanden: Rinkeby, Husby, Akalla , Spånga by, Tensta,
Hjulsta, Hästa, Skärholmen, Smista, Kymlinge, Ärvinge, Vårby, Vårby Gård, Granby
und Östberga.
20
M.Andersson: „Stockholm’s Annual Rings“, S.181
21
Trotz des Baufortschrittes des Wohnungsbauprogramms waren 1973 noch
400 000 Haushalte in zu engem Wohnraum untergebracht, 250 000 Wohnungen
wiesen gravierende Mängel - meist in der Sanitärausstattung auf - und 100 000
Bürger warteten auf Wohnraumzuweisung bei gleichzeitig 30 000 leerstehenden
Wohnungen.
7
22
I.Molina: „Stadens rasifiering. Etnisk boendesegregation i folkhemmet“, englische
Zusammenfassung
23
Bengt O.H.Johansson: „The Cultural Environment as a Ressource in a Sustainable
Urban Culture“ in: C.G.Guinchard (Hrsg.): „Swedish Planning“, S.119
24
U.Stahre: „The alternative City“, S.1
25
O.Hultin u.a.: „The Complete Guide to Architecture in Stockholm“, S.288
26
W.Großjohann: „Klassenkämfe“, S.103
27
ebda., S.101
28
Heute liegt das durchschnittliche schwedische Preisniveau um 20% über dem
europäischen Durchschnitt.
29
Eva Öresjö: „Neighbourhood and Mobilization“ in: C.G.Guinchard (Hrsg.): „Swedish
Planning“, S.43
30
A.Khakee u.a. (Hrsg.): „Remarkong the Welfare State“, S.75
31
U.Stahre: „The alternative City“, S.11
32
O.Hultin u.a.: „The Complete Guide to Architecture in Stockholm“, S.289
33
Um zum Beispiel einen Pub zu eröffnen hatte man bis dato den Nachweis zu
erbringen, zu gastronomischem Gewerbe befähigt zu sein. Als Nachweis galt ein
bereits etablierter Pub und so konnte nichts von Grund auf Neues entstehen,
sondern allenfalls Filialen von schon Bestehendem. Mit der Aufhebung dieser
Bestimmung schossen nach 1990 neue Lokale wie Pilze aus dem Boden. Vorher
ist es zum Beispiel auch aus hygienischen Gründen verboten gewesen,
Kaffeehaustische auf den Trottoirs und Plätzen aufzustellen. Aber die reisenden
Schweden hatten in südlichen Ländern gelernt, wie man Stadt anders als daheim
benutzt und welche Atmosphäre hinter Straßenkaffees stecken kann - eine lebendige Atmosphäre, die man für den kurzen Sommer auch in Stockholm und
anderen nordischen Städten etablieren wollte. Um 1995 etwa sah man zuerst in
Stockholm und danach in Umeå Stühle und Tische auf den Straßen. Von da ab
belebten sich die schwedischen Stadtzentren sprunghaft, wurden bunter, chaotischer und attraktiver.
34
das heißt Immigranten minus Emigranten
Norstad, Elander Graphic Systems: „Major Nordic Cities and Regions“, S.91
36
jeweils Stockholm-Stadt zu Großraum: (20,1% zu 23,7%)
37
(40,8% zu 37,8%)
38
(21,9% zu 24,1%)
39
(17,1% zu 14,5%)
40
K.Böhme: „Schweden - ein Modell für Konsens und Rationalität?“, S.344
35
67
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3.10 Integrationspolitik
Traditionell ist die schwedische Kultur stark vom Ausland mitgeprägt
worden. Dem Solidaritätsbegriff kommt in Schweden ein hoher Stellenwert zu. Ursprünglich war solidarisches Verhalten unter den Menschen notwendig, um den Unwirtlichkeiten der nordischen Natur zu
trotzen. Hauptsächlich um wirtschaftliche Ziele zu erreichen, scheuten sich die Könige nicht, zum Teil ganze Volksgruppen nach Schweden zu holen, die auf speziellen Gebieten besondere Fähigkeiten aufwiesen. So trugen im 17.Jahrhundert wallonische Schmiede aus Belgien ihr Wissen zu Bergbau und Eisenherstellung nach Schweden. Zu
den traditionellen Ausländern in Schweden zählen Finnen, Juden, Zigeuner und deutsche Händler. In der Architektur des 19.Jahrhunderts
wirkten zahlreiche deutsche Architekten in Schweden. Die Hauptkirche der Stockholmer Altstadt ist bis heute die Heimstatt der deutschen Gemeinde.
Im 20.Jahrhundert wurde Solidarität zum politischen Kriterium. Emigrierten Juden aus den faschistischen Staaten gewährte Schweden
Asyl. Flüchtlinge kamen damals aus Dänemark, Finnland, Norwegen
und den anderen baltischen Staaten in das neutrale Schweden1. Die
Steigerung der schwedischen Wirtschaftskraft des bevölkerungsarmen
Landes konnte seit den 1950er Jahren nur mit Hilfe von Gastarbeitern
gelingen. Um 1965 kamen Einwanderer aus Griechenland, Jugoslawien und der Türkei. Italienischen Arbeitern gelang in den 50er Jahren
eine recht problemlose Integration in die Gesellschaft. 1968 gesellten
sich Tschechen zu den politischen Flüchtlingen, die in Schweden eine
neue Heimstatt fanden. 1968 nahm Schweden zum Ärgernis der USRegierung amerikanische Kriegsdienstflüchtlinge des Vietnamkrieges
auf. Olof Palme machte sich gegen den amerikanischen Widerspruch
dafür stark.
Allgemein wurden seit den 1970er Jahren Immigranten und Flüchtlinge akzeptiert. Ethnische Gruppen blieben jedoch bis auf weiteres in
der Minderzahl. Die Schweden waren in ihrem eigenen Land im Prinzip lange „unter sich“. Zu einer größeren ethnischen Vielfalt kam es
erst gegen Ende der 1980er Jahre als der Eiserne Vorhang fiel. Der
Zustrom von Arbeitskräften ebbte in den 70er Jahren ab und es setzte
die Flüchtlingsimmigration ein. Inklusive die skandinavischen Länder
sind heute 18% der Einwohner Schwedens Einwanderer oder haben
zugewanderte Eltern 2.
Seit dem Ende der 1980er Jahre änderte sich die Ausländerpolitik der
schwedischen Regierung. Im Rahmen der westeuropäischen Konsolidierung macht Schweden keine Anstalten eines Sonderweges in der
Flüchtlingsfrage. Staatsbürger, die nicht Mitglieder der Europäischen
Union bzw. der Europäischen Freihandelsassoziationen sind, müssen
vor der Einreise eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis beantragen,
auch diejenigen, die in Schweden studieren wollen3. Flüchtlinge, die
der Staat bereit ist aufzunehmen, müssen den Bestimmungen der
Genfer UN-Flüchtlingskonvention von 1951 genügen. Ist das nicht der
Fall, werden sie abgeschoben. So geht es vielen Armutsflüchtlingen,
die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs aus dem ehemaligen Ostblock nach Schweden gelangten. Wurden 1989 zum Beispiel noch nur
ein Viertel aller Asylanträge abgelehnt, waren es in den letzten der
1990er Jahre jährlich über 60%. Im Jahr 1996 bewarben sich knapp
6000 Asylanten um eine Aufenthaltsgenehmigung. Sie kamen überwiegend aus dem Irak, Jugoslawien und Somalia. Im selben Jahr erhielten 31 660 Einwanderer eine Aufenthaltsgenehmigung, davon 90%
die schwedische Staatsbürgerschaft. Staatsangehörige der nordischen
Länder haben das Recht, innerhalb von zwei Jahren die schwedische
Staatsbürgerschaft zu erlangen, alle anderen auf Antrag innerhalb von
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fünf Jahren. 1996 lebten insgesamt 526 600 Ausländer in Schweden
und dazu 670 500 Eingebürgerte - von letzteren die Hälfte aus dem
skandinavischen Raum 4.
Die generelle Zustimmung zur Einwanderungspolitik ist nicht ungeteilt. Besonders unter Jugendlichen mehren sich Zeichen der Ablehnung gegenüber Ausländern. Damit Immigranten schwedischen Arbeitsuchenden nicht die Jobs wegnehmen, würden einer Umfrage von
1998 zufolge 10 bis 15% rechts wählen 5.
Geduldeten Ausländern und Ausländerinnen stehen viele staatliche
Möglichkeiten offen, sich in die schwedische Gesellschaft zu integrieren. Alle drei Jahre finden Gemeinderats-, Landtags- (Provinz-) und die
Wahl des Reichstages statt. Seit 1976 genießen Ausländer, die mehr
als drei Jahre in einer Gemeinde leben, sowohl aktives wie passives
Wahlrecht.
Integration und praktische Demokratie
Das Wohlfahrtsmodell beruht auf Integration in Form einer gut organisierten Vertrauens-Gemeinschaft. Eine ausgeprägt homogene
soziale Schichtung hat von Natur aus eine stark integrative Wirkung
und läßt nichts anderes zu. Aus dem Gruppenfeeling beziehen die
Schweden in der Arbeits- und organisierten Freizeit ein Gefühl von
Stärke.
Da sich die tatsächliche Kommunikation in der Praxis eher bescheiden ausnimmt, gründet der Einzelne sein Stärkegefühl auf das „Gefühl“ von Gleichheit oder Ähnlichkeit mit den anderen. Dabei ist das
Fühlen von Verwandtschaft mit den anderen stärker als es sich in der
Wirklichkeit darstellt. Der Einzelgänger wird dagegen eher mit dem
Begriff der Schwäche assoziiert. Ihm kann es leicht passieren, von der
Gruppe ignoriert zu werden6. Nichts desto trotz geben sich die Schweden sehr hilfsbereit. In der Regel empfinden sie Bedauern und fühlen
sich niedergeschlagen, wenn jemand anders ein Problem hat und wollen helfen7. Das Syndrom des Helfenwollens wird aber oft von dem
Nicht-wissen-Wie konterkariert - Resultat aus Konflikt- und Diskussionsscheu, persönlicher Introvertiertheit und sozialer Unsicherheit, was
die Niedergeschlagenheit nur noch erhöht und die tatsächliche Hilfeleistung lähmt.
Abb. 23
Integriert?
Gegen innere Spannungen ist ein gesellschaftliches System wie das
schwedische recht anfällig, Differenzen kann es nicht gut aushalten.
Der Impetus einer bedingungslosen Integration als einzige staatlich
legitimierte Variante, stößt nicht immer auf ungeteilte Gegenliebe,
besonders wenn Vertreter verschiedener kultureller Hintergründe aufeinandertreffen. Die schwedische Integrationsintention zielt darauf ab,
andere Kulturen zur Teilnahme am System aus Rollen und Normen bei
Hegemonie der schwedischen Kultur „einzuladen“8. Die politische Haltung in Schweden geht von folgendem aus: je mehr Menschen interagieren, um so mehr teilen sie eine gemeinsame Identität. Es sollte
jedoch zur Kenntnis genommen werden, daß die Bereitschaft zur Integration in das herrschende System nicht zum kulturellen Bestandteil
jeder ethnischen Gruppe gehört.
Die Praxis der Erarbeitung von Gruppenentscheidungen an runden Tischen oder das übliche stillschweigende Einvernehmen tragen auf lokaler Ebene zu gegenseitiger Erziehung und Kontrolle bei, zu Konformität von Meinungen und Verhalten und letztendlich zu einem homogenen Milieu der gesamten Gesellschaft. Nahezu alle Bereiche des
öffentlichen Sektors sind in Schweden von kollektiven Einheitslösungen
gekennzeichnet, die auf Gleichbehandlung aller ordentlichen Durch-
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schnittsbürger und -bürgerinnen abzielen9, denn Wohlstand als gesamtgesellschaftliches Ziel kann - siehe J.M.Keynes - nur Wohlstand für
alle bedeuten. Der hohe technische Formalisierungsgrad der Zugänglichkeit sozialer Leistungen findet darin seine Entsprechung. Es befreit die Menschen von persönlichem Engagement, sich um den Bezug der Leistungen zu bemühen. Charaktereigenschaften wie der Besitz von Streitfähikeit, Durchsetzungsvermögen, Charme und Aggression haben in der schwedischen Ge-sellschaft keinen Nährboden und
sind kaum anzutreffen, ja werden sogar negativ bewertet. Der
Formalisierungsgrad macht die Bürger unabhängig von informellen
Kontakten, so daß wirklich notwendig lediglich nur ein Minimum an
Sozialkontakten ist10. So kommt es wohl auch, daß Ausländer die
Schweden für steif, unflexibel, oberflächlich freundlich und arrogant
halten 11.
Wie wir festgestellt haben, ist das schwedische Leben rationalitätsund vernunftgeprägt. Die Zuwanderer dagegen stoßen mit einem viel
breiteren Fächer kultureller Gepräge dazu. Integration sollte davon lernen und vom Imperativ abkommen, in Schweden müsse sich jeder in
die geltenden Regeln des Landes einfügen. Vielmehr muß sich ein
Verständnis von Urbanität entwickeln, das da heißt, Konflikte nicht zu
beseitigen, sondern auszuhalten. Stadt und Einwohner Schwedens
müßten sich befähigen, Wege zu diskutieren, die „akzeptable Kompromisse für die meisten Partner“ darstellen. Der bisherige Entwicklungsweg, stets eine einheitliche Lösung für alle anzubieten, muß im
Sinne einer fruchtbaren Integration zurückgenommen werden. Für
Schweden bedeutete genau das gesellschaftlicher Fortschritt und nicht
Rückschritt.
Das ist ein schwieriger Prozeß.
Die Forderung nach gleichen, demokratischen Rechten bedeutet für
Einwanderer „Schwedisierung“. Mit der Einladung zur Integration ist
die Vorahnung von Identitätsverlust verbunden. Erwachsene Zuwanderer reagieren oft blockiert, sich in öffentlichen Belangen auf die in Schweden etablierten, demokratischen Gepflogenheiten zu engagieren, wozu
die Teilnahme an Gruppendiskussionen gehört, die Organisationszugehörigkeit (in den Organisationen ist man Statuten verpflichtet) und
daraus resultierende Formen der Delegiertenrepräsentanz. Aus der
Geschichte lehrt die Minderheitenpolitik, welche die Regierung - wenngleich in wohlgemeinter Absicht - den Sami zuteil werden ließ, daß es
am Ende die ethnische Gruppe ist, die mit der Aufgabe ihrer kulturellen Integrität bezahlt 12.
Wichtig ist jedoch hervorzuheben: grundsätzlich sind die aus dem
Ausland zugereiste Einwohner bereit, aktiv Politik mitzugestalten,
Verantwortung zu übernehmen und sich in Bereichen zu engagieren,
die über die unmittelbaren Fragen der Ausländerpolitik hinausgehen!
Das sehen die schwedischen Politiker nicht immer gern.
Kommunikationsprobleme sind äußerst subtil.
Auch bei gutem Willen gibt es sie auf ganz vielfältige Art und Weise:
oft deckt die gute Absicht grundsätzliche Verständnisfragen zu, noch
bevor man an sie heranragt. Die schwedische Politik beruht auf dem
Erreichen von Konsens und nicht von Kompromissen. Lösungen sind
deshalb in der Regel eindeutig schwarz oder weiß. Klippen von Konflikten werden durch allzu schnelle Herbeiführung von Konsens in praktischen Fragen umschifft, noch bevor man zur Wurzel der Mißstände
vordringen kann.
Hier ein konstruiertes Beispiel, das verdeutlichen soll, worin die subtilen Verständnisprobleme in Zusammenhang mit der demokratischen
Praxis in Schweden bestehen. (Das Beispiel könnte Bezug nehmen
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auf die Wohnumfeldverbesserung in Gebieten mit hohem Zuwandereranteil):
Es taucht ein Problem auf. - Bürgerversammlung mit allen Interessierten und politischen Entscheidungsträgern. - Nur konkrete Dinge werden zur Sprache gebracht. - Es wird sich nicht gestritten, denn alle
sind doch vernunftbegabte Wesen... - Anschließend wird ein Fond
bereitgestellt. - ... - Die Arbeiten sind ausgeführt, die Ergebnisse genügen dem höchsten schwedischen Standard (Stichwort Gleichberechtigung). Die Diskussionen vollzogen sich demokratisch korrekt (sogar
mit Erziehungseffekt: Üben von direkter Demokratie), denn es gab viele Gespräche an runden Tischen. Das effektive Resultat ist progressiv
und erfüllt alle Wünsche. - Fazit: Das, was erreicht wurde, gibt es
sonst nirgends in der Stadt - nicht mal in vergleichsweise wohlhabenden, überwiegend schwedischen Wohnquartieren! Demzufolge sind die
Minderheiten die Privilegierten der schwedischen Integrationspolitik. Gibt es weitere Wünsche? ...
Warum hinterläßt diese typische Verfahrensweise trotz Korrektheit bei
den an der Partizipation Teilhabenden den Geschmack von Enttäuschung? Vielleicht deshalb: die tatsächlichen Probleme der Integration werden mit Oberflächendesign immer unsichtbarer; sie werden nicht
gelöst, sondern zerpulvert. Es handelt sich hier nicht um ein schwedisches, sondern um ein generelles Theorieproblem der westlichen Kultur. Soziale Benachteiligung von Minderheitengruppen wird nicht wirklich beseitigt, sondern therapiert, um sie auf höherer Stufe immer dauerhafter zu zementieren. Die Politiker konzentrieren alle Aufmerksamkeit auf die gründliche Beseitigung materieller Mißstände. Die Kontrahenten werden auf das Niveau kleiner Fragen festgenagelt. Ist die eingeklagte Lösung erst einmal herbeigeführt, bleibt die große Enttäuschung, ein eher spirituelles Integrationsbedürfnis ad absurdum geführt zu haben.
Es ist von daher überlegenswert, ob nicht das angloamerikanische
Modell einer Parallelexistenz ethnischer Gruppen für eine metropolitane
Kultur der Vielfalt mit „Lust an der Freiheit und am Konflikt13 “ langfristig verträglichere integrative Wirkungen zeigt. Die Akzeptanz der Andersartigkeit des Anderen kann fruchtbarer Boden für eine lang anhaltende Kommunikation sein, denn nur das Unpraktische ist das Praktische auf Dauer. Und überhaupt: wenn Menschen unterschiedlicher
Kulturen miteinander kommunizieren, passiert das ohnehin nur auf
fruchtbare Art und Weise vor dem Hintergrund kultureller Integrität der
Person 14.
Sprache
Sprache dient als Filter. Zwar sprechen die Schweden fast ausnahmslos gutes englisch, um jedoch als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu werden und also die Aussicht zu haben, im öffentlichen wie im privaten Leben nicht nur gehört, sondern auch ernst genommen zu werden, gilt die schwedische Sprache als Grundlage. Jedem Nicht-Muttersprachler, der sich in Schweden niederlassen will,
ist also auferlegt, Schwedisch zu lernen, und zwar so perfekt wie möglich. Dem Gesetz nach steht Zuwanderern nach Schweden dafür ein
kostenloser Sprachunterricht von 700 Stunden innerhalb der ersten
zwei Jahre während der Arbeitszeit(!) zur Verfügung. Oft widerspricht
dem Gesetz aber seine praktische Umsetzung. Erstens ist freilich
nicht jeder sprach- oder lernbegabt und zweitens können die Kandidaten oft aus verschiedenen Gründen das Freistundenangebot nicht wahrnehmen. Zum Teil sind die Gründe objektiv und es ist zum Beispiel
unmöglich, den Arbeitsplatz während der Arbeitszeit zu verlassen.
Einwanderer sehen sich bei der Jobfindung größeren Schwierigkeiten
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Abb. 24
Kommunikationsproblem
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ausgesetzt als Schweden15 - unter anderem auch aus dem Grunde,
da der potentielle Arbeitgeber damit rechnen muß, daß der Bewerber
auf sein Recht besteht, für die Zeit des Sprachunterrichtes der Arbeit
fern zu bleiben.
Egal zu welcher Meisterschaft es die oder der Einzelne in Sachen
Sprachbeherrschung bringen mag, letztendlich wird man immer heraushören, ob jemand schwedischer Muttersprachler ist oder sich der
Sprache angenommen hat; und je nach dem erfolgt die Gewichtung
des Wertes, welcher den Artikulationen beigemessen wird - ganz unabhängig vom Inhalt. Das ist eine Form von schleichendem, ganz normalem Rassismus, der kein typisch schwedisches Problem ist, sondern ein Problem aller europäischen Nationalstaaten. Allerdings verhält es sich so: die auf Perfektion orientierte schwedische Gesellschaft
muß daran arbeiten, etwas Unperfektes - wie zum Beispiel unperfekt
gesprochenes Schwedisch - zu akzeptieren, ohne(!) den Wert der
Äußerung an den Grad sprachlicher Perfektion zu knüpfen. Erst wenn
das möglich ist, kann man auch darüber nachdenken, inhaltliche Belange mit anderen Maßen als an der vorherrschenden Skala der Rationalität zu messen.
In vielen Berufen wird eine englische Sprachkenntnis verlangt. Einige
höhere Berufe sind in Schweden sogar englischsprachig. An Universitäten kommt es häufig vor, daß Gastvorlesungen und Seminare in
englisch gehalten werden. Will man die Bildungs- und Berufschancen
von Einwanderern vor allem in Bereichen mit höheren Bildungsabschlüssen verbessern, sollte nicht dem Zugang zur schwedisch Sprache alleinige Priorität beigemessen werden, sondern mindestens gleichermaßen der englischen. Schwedisch benötigt man sonst in allen anderen Berufen und selbstverständlich zur alltäglichen Kommunikation,
wobei letztere aber auch in englisch kein großes Problem aufwirft, nur,
daß man mit englisch als In-Schweden-Lebender noch mehr Gast bleiben wird als ohnehin schon.
Mehr noch als Sprache dient die Arbeit als Filter. Das gleiche Recht
aller schwedischen Staatsbürger und akzeptierter Immigranten, Sozialleistungen zu beanspruchen, regelt sich über die vertraglich fixierte
Erwerbsarbeit, denn nur wer Arbeit hat, ist umgekehrt auch in der Lage,
zu den teuren Kosten der Sozialleistungen beizutragen und davon zu
profitieren. Im Umkehrschluß folgt daraus: wer keine Arbeit hat oder
von der Zugänglichkeit zum Arbeitsmarkt ausgeschlossen ist - wie es
gegenwärtig zum Beispiel für 100% der somalischen Minderheit zutrifft -, kommt nicht in den Genuß von Sozialleistungen. Wer in Schweden ohne Arbeit außerhalb der Programme der aktiven Beschäftigungspolitik steht (oder sich selbst stellt), steht schnell überhaupt völlig außerhalb des Systems.
Davon sind besonders zugewanderte Frauen betroffen. Wie bereits festgestellt, ist der Anteil der Frauen an der Beschäftigungsrate in Schweden mit 82% im europäischen Vergleich äußerst hoch. Aber auch hier
gilt es, feiner zu differenzieren. Während Schwedinnen im Einkommen
prozentual den Männern etwa gleichgestellt sind, verdienen Frauen
mit ausländischem Familienhintergrund viel weniger als ihre Männer.
Schlecht bezahlte Arbeit und Arbeitslosigkeit schlagen besonders unter
ihnen zu Buche.
Schule
Der Grundstock für das spätere eigene Einkommen hängt hauptsächlich von der Qualität und dem Grad der Schulbildung ab.
In Schweden können Eltern die Schule für ihre Kinder frei wählen. Die
Wahl ist allerdings einkommensabhängig. In diesem Zusammenhang
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werden die physischen Rahmenbedingungen der Schulgänger wichtig, wie Mobilität, Wohnumfeld und Verfügbarkeit über lokale und kommunale Serviceleistungen.
In europäischem Vergleich führte das schwedische Schulwesen bislang zu durchschnittlich zu sehr guten Leistungen. Die Schule ist der
Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft, besonders der Kinder ausländischer Familien. Diese Kinder erfahren in der Schule das schwedische
Wertesystem, durch das ihnen im Alltag vieles viel selbstverständlicher gelingt als noch ihren Eltern, denn sie hängen loser an den Wurzeln mitgebrachter Traditionen.
In den letzten Jahren wurde das schwedische Schulsystem viel diskutiert. Es ist seiner Art nach ein enges Mittelschichts-Nadelöhr-System,
das sehr stark auf die Anforderungen der rationalen Gesellschaft orientiert. Dadurch wirkt auch die Schule als Filter: wer nicht durch die
Prüfungen kommt, erweist sich im Grunde als nicht geeignet, in der
schwedischen Gesellschaft zu leben. Die Diskussionen um formelle
Fragen, die wie üblich recht problemlos zu Reformen führen, treffen ins
Leere, so lange nicht auch inhaltliche Fragen diskutiert werden. Mit
inhaltlich-methodischen Fragen tun sich die Pädagogen allerdings
schwer.
Die Gemeinden geben sehr viel Geld für Kinder aus. Meist Kindern
immigrierter Familien gelingt es dennoch nicht, in der Schule so erfolgreich zu sein ihre schwedischen Klassenkameraden. Die Frage,
die dahintersteckt, muß nicht lauten: Warum haben Kinder mit ausländischem Familienhintergrund im Durchschnitt weniger Erfolg in der
Schule als schwedische Kinder, sondern: Warum haben sie weniger
Erfolg als Gleichaltrige in ihren Heimatländern? Von den jungen Immigranten, die in Schweden leben, besucht fast niemand nach der Schule die Universität; in der Türkei, dem Iran oder anderen Ländern tun das
aber sehr viele. Im Gegenteil, überdurchschnittlich viele Kinder mit
ausländischem Familienhintergrund scheiden sogar frühzeitig aus dem
Schulsystem aus.
Universität
In Schweden kostet der Universitätsbesuch keine Studiengebühren.
Nach dem Einkommen der Eltern werden an Studierende staatliche
Kredite bewilligt, die nach dem Universitätsabschluß zu 70% zurückgezahlt werden müssen. Die Rückzahlungsrate liegt automatisch bei
4% des Jahreseinkommens nach der Berufsaufnahme. Um die staatliche Kreditierung während des Studiums von Semester zu Semester
aufrechtzuerhalten, ist der jeweilige Erwerb von mindestens 15
Leistungspunkten nach dem schwedischen Punktesystem nachzuweisen. Formal stehen ausländischen Universitätsanwärtern die selben Rechte zu, ohne aber auf ihre persönlich ungleich schwierigeren
Randbedingungen einzugehen. Wohlhabende Eltern beispielsweise hat
meist niemand von ihnen - im Gegenteil: oft sind gerade die Jugendlichen eingewanderter Familien im hochschulfähigen dazu angehalten,
ihre Eltern finanziell unterstützen müssen. Das erfordert Erwerbsarbeit
und steht in der Regel der Aufnahme eines Studiums entgegen. Bei
anderen stehen die oben geschilderten schwächeren Schulleistungen
einem Hochschulbesuch entgegen.
Wir haben es mit einem Endloskreislauf zu tun, denn werden die Kinder erwachsen und nehmen eine Arbeit ohne höheren Bildungsgrad
auf, ist ihr Einkommen im Durchschnitt niedriger. In einem Land, in
dem über 90% der Schüler und Schülerinnen nach neun Jahren Grundschule in das drei Jahre dauernde Gymnasium wechseln16, um in der
Regel mit einer universitären Bildung anzuschließen, liegt die mit nor-
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maler Erwerbstätigkeit verglichene Einkommensdifferenz weit auseinander. Die soziale Stufe, welche die Eltern fähig sind zu erreichen,
überträgt sich somit immer wieder auf die Kinder. Und die Höhe des
Einkommens ist ein sehr wichtiger Schlüssel zur praktischen Teilnahme an der teuren schwedischen Gesellschaft, wenn man bedenkt,
daß das Preisniveau in Schweden 20% über dem europäischen Durchschnitt liegt.
Der Schlüssel für die Lösung des Problems mag darin liegen: Um den
Kreislauf zu durchbrechen, muß einer tiefgreifenden Auffächerung der
Lehrinhalte stattgegeben und das Spektrum erweitert werden, in dem
nicht nur die schwedische, eindimensional rational orientierte Geisteshaltung als Leistungsmaßstab gilt, sondern ganz verschiedene Ausdrucksformen von Intelligenz.
1
„Einwanderer und Einwanderungspolitik in Schweden“, S.1
ebda.
3
ebda.
4
ebda.
2
5
S.Musterd u.a.: „Multi-Ethnik Metropolis: Patterns and Policies“, S.140
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.107
7
ebda., S.151
8
G.Cars: „Tensta from a European Perspective“, S.8
9
Å.Daun: „Swedish Menthality“, S.137
10
ebda., S.205
11
ebda., S.22
12
siehe unter Punkt 3.5: „ Ethnische Minderheiten und Industrialisierung“
13
Jan Roß, „Die Rückkehr der Gleichheit“, in: DIE ZEIT, Nr.03, 14.1.1999,
http://www.archiv.ZEIT.de./daten/pages/199903.gleichheit_.html
14
Richard Sennett: „The Challenge of Urban Diversity“, in: L.Nyström, „City and
Culture“, S.133
15
S.Musterd u.a.: „ Multi-Ethnik Metropolis: Patterns and Policies“, S.140
16
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, 1992, S.238
6
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4. Kapitel
Case studies
(Fallstudien)
Es schmeichelte mir der Gedanke,
hier in einem Zentrum der Ausschweifung
zu sitzen, und mit »hier« war nicht etwa
die Stadt, sondern der kleine, nicht sehr
ereignisreiche Fleck gemeint, auf dem ich
mich befand. Aber die Ereignisse kamen
eben so zustande, daß die Erscheinung mich
mit einem Zauberstab berührte und ich in
einen Traum von ihr versank.1
Walter Benjamin
1
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W.Benjamin: „Denkbilder“, S.115
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Abb. 25
Skeppsbrokalen 1901
Dann betrachtete ich die Leute näher. Es war die scharf bestimmte, einander eng verbundene Einwohnerschaft des Quartiers, und weil es ein kleinbürgerliches war, sah man niemand aus den höheren Ständen, geschweige
denn Fremde. Wie ich da saß, hätte ich nach Kleidung und Aussehen von
rechtswegen auffallen müssen. Aber seltsam - mich streifte kein Blick. Bemerkte mich keiner, oder schien der ganz an die Süßigkeit des Weines
Verlorene, der ich mehr und mehr wurde, ihnen allen hierher zu gehören?
Bei diesem Gedanken erfaßte mich Stolz; eine große Beglückung kam über
mich. Nichts sollte mich von der Menge mehr unterscheiden. Ich tat die
Feder weg.1
Walter Benjamin
1
W.Benjamin: „Denkbilder“, S.77
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Beobachtet man im 21.Jahrhundert...
Beobachtet man in hoch entwickelten Industrieländern des 21.Jahrhunderts das Leben auf Straßen und Plätzen, begegnet man einem
generellen Problem: Dasjenige, was man bei aller Aufmerksamkeit
wahrnehmen kann, ist wenig expressiv, ja wenig überhaupt. Wenn in
Stockholm „Leben pulsiert“, passiert das an erster Stelle am Freitagund am Samstagabend, wenn sich Jugendliche auf die Suche nach
Vergnügen begeben. Das hohe Niveau der gesellschaftlichen Entwicklung hat aus Stockholm eine recht snobistische Stadt gemacht.
Beobachtet man heute die jugendlichen Vergnügungssüchtigen in
Stockholms öffentlichem Raum, hat man kaum Mühe, durch bloße
Beobachtung abzulesen. Ihr Verhalten liegt auf der Hand. Es ist oberflächlich und banal. Man sieht, was ist; was man nicht sieht, gibt es
nicht. Es genügt, subjektive Erfahrungen in die Körpersprachen hineinzuprojizieren.
Einst dienten die Straßen und Plätze über Tag tätigen Zwecken des
Handels und vieler anderer Gewerbe. Zahlreiche Bildbände mit Titeln
wie „Stockholm einst und heute“ publizieren sepiafarbene Fotos von
früher, die ein Gewirr vertäuter Segelschiffsmasten am „Skeppsbrokajen“ und in den Schleusen („Slussen“) zeigen. Wie man da sehen
kann, lagen am Kai unzählige Gegenstände, jedoch geordnet: Fässer,
Kisten, Säcke, Taue, Fischernetze. Neben Männern mit Zylindern
Kutschen mit Pferden und dampfende Straßenküchen - eine in der
sogenannten „Gatukök“ bis heute erhaltene Tradition.
Abb. 26
Das waren Zeiten, in denen sich das vielfältige Leben geradezu auf
den Straßen exhibitionierte. Aufmerksame Flaneure konnten in der
Stadt wie in Bilderbüchern blättern. Soziale Stellungen und Rollenverteilungen, ja selbst ob jemand glücklich oder unzufrieden war, konnte
man den Individuen vom Körper ablesen, so, wie es die Pariser Romanciers um die Mitte des 19.Jahrhunderts taten. Für sie schmolzen
im Großstadttiegel die dispersen Welten Einzelner zu einem universalen Amalgam zusammen. Alles hing irgendwie mit allem zusammen
und selbst die Brüche, welche die Industrialisierung anfangs im städtischen Leben provozierten, mischten sich mit unter. Erst der Futurismus einer radikal umzugestaltenden Lebensumwelt des 2.Jahrzehnts
des 20.Jahrhunderts begannen - unter der Prämisser der Verbesserung der Lebensumstände(!) - die europäischen Städte zu fragmentieren.
Abb. 27
Schiffe am Nybrokajen
Blick über den Ladugårdslandsviken
auf Blasieholmen
Innenräume
Im Gegensatz zum europäischen Süden verlegt die Strenge des nordischen Arbeitsalltags und das das Jahr bestimmende kühle Klimaverhältnis einen Großteil sozialer Aktivitäten in Innenräume, welche
mit immer höherem Standard versehen wurden. Die schwedische Kultur ist eine innenräumliche; „draußen“ dagegen ist nicht Stadt, sondern Natur! Das allein macht die nordische Tradition es Hauses deutlich: sie ist die des Heims! Und - wie Walter Benjamin schrieb - ist der
Mittelpunkt des nordischen Heims der behütete Schlaf 1.
Abb. 28
Carl Larsson-Gården, Sundborn
Die modernen Gebäude mit ihren Innenräumen bieten in Schweden
alle technischen Annehmlichkeiten von Lichte und Luxus. Hinter anspruchslosen Fassaden verbergen sich oft überraschend interessante
Raumlösungen2. Schon das Eintreten in öffentliche Gebäude, Schulen
und überall ist ein Sog von der Straße weg, denn es gibt per Knopfdruck zu bedienende elektrische Türöffner, welche den Widerstand der
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Türschwelle ausschalten. Das bedeutet gesellschaftlicher Fortschritt
und der Traum der Urbanisten und Soziologen von einer pulsierenden
Urbanität wurde immer traumhafter...
1
2
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W.Benjamin: „Denkbilder“, S.15
R.Waern: „Architektur in Schweden“, S.4
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1. case study
Montag, 5.6.2000, Vormittag
Abb. 29
Vällingby Torg, 1950er Jahre
Farsta, Vällingby und Årsta
Farsta ist eine der typischen Trabantenstädte Stockholms.
Die erste dieser Art war Vällingby, die zweite Farsta. Beide wurden
1948 etwa zeitgleich von Backström & Reinius geplant und 1952 / 53
auf jungfräulichem Grund und Boden zu bauen begonnen.
Vällingby und Farsta gehen auf die strategische Planung für die Stadterweiterung Stockholms zurück, die der damalige Direktor für Stadtplanung Sven Markelius 1952 unterbreitete. Etwa entfernungsgleich
zur historischen Stadt stellte Vällingby eine Erweiterung nach Westen
und ausgleichend Farsta nach Süden dar. Die Trabantenstädte sollten
ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Lebendigkeit besitzen. Sie
waren nie als Schlafstädte geplant.
Zu Beginn des 20.Jahrhunderts hatten unter dem Stadtarchitekten von
Stockholm Per Olof Hallman neue Ideen in die Planungskultur Einzug
gehalten. Hallman war an Camillo Sitte geschult, interpretierte internationale Trends und übertrug sie auf den schwedischen Kontext. Sven
Markelius setzte diese Tradition fort. Aus dem englischen
neighbourhood-Modell, das der amerikanische Soziologe Arthur Perry
1929 als solches formuliert hatte, entwickelte Markelius den
neighbourhood-Gedanken auf der Grundlage der Studien von Lewis
Mumford weiter. Die klassische neighbourhood bestand aus Wohngebäuden für die Gemeinschaft, Schule, Kindergarten, Gemeinschaftszentrum und Grünflächen. Die Bewohnergemeinschaft sollte
klassenkooperaiv und harmonisch zu Sozialpartnern sozialisiert werden, was dem Gedanken des schwedischen Volksheims entsprach1,
der politischer Leitfaden war.
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Abb. 30
Vällingby Torg, 2000
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Die neighbourhood-Idee entwickelte die Gartenstadtidee weiter. Stockholm sollte durch Trabantenstädte komplett mit einem Angebot an
Arbeitsplätzen als sogenannte ABC-Städte auf kommunalem Bauland
erweitert werden.2 Die Satellitenstadtidee entwickelte sich zur schwedischen Strategie der Stadtplanung. Konkret verbarg sich dahinter ein
statistisch-quantitatives Programm, das so aussah: Im Umkreis von
500 Metern sollten Wohngebäude zu Gruppen zusammengefaßt werden (neighbourhoods), um eine U-Bahn-Haltestelle mit kommerziellem Zentrum kreisen und insgesamt einen Radius von einem Kilometer mit kleinen Häusern am Rande nicht überschreiten. Diese Idee
feierte in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt. Qualitativ wandte sie
sich ab von der bürgerlichen Gartenkultur und hin zu Projekten für eine
Bewohner-Gemeinschaft - eine Volksgemeinschaft der Arbeiter! Das
Bauen für die Arbeiterklasse war innovativ. Das in allgemeiner Zunahme begriffene Lohnniveau der Berufstätigen erklärte zudem den Eigenversorgergarten für überflüssig, denn breite Schichten der Gesellschaft
begannen über Einkommen zu verfügen, das eine Zentralversorgung
gestattete3. Vällingby Centrum zum Beispiel spricht diese Sprache.
Das Zentrum sollte aber nicht nur sich selbst versorgen, sondern
gleichzeitig fünf benachbarten neighbourhoods4 mit ihrerseits insgesamt 60 000 Einwohnern.
Das Verdienst Sven Markelius’ ist es, das Prinzip der nachhaltigen
Stadtentwicklung in den Bebauungsplan eingeführt zu haben. Sehr
sorgfältig wurde nachgedacht über die Angemessenheit und Dimensionierung der Wohngebietsausstattung mit Sekundärfunktionen. Um
1950 waren Satellitenstädte für 50 000 Einwohner ins Auge gefaßt, mit
durchschnittlich 20 000 Einwohnern jeweils5. Die Bewohner sollten
wohnen, ihre kommerziellen und kulturellen Bedürfnisse befriedigen
können und arbeiten - alles vor Ort. Das erwies sich recht bald als
große Illusion. In Farsta wurden Arbeitsplätze für die Hälfte der arbeitsfähigen Einwohner geplant. Heute pendeln zwecks Arbeit hingegen mehr als ein Drittel meist mit dem Auto in andere Bereiche der
Stadt.
Vällingby
Abb. 31
Vällingby Torg
Abb. 32
Bibliothek Treppan, Vällingby
Vällingby Centrum, 1959
1949 hatte die Kommune das Land hier gekauft.
Vällingby wurde zügig direkt über eine U-Bahn-Haltestelle gestellt. 1941,
im Jahr des Kriegsausbruchs in Europa, hatte der Stadtrat den Beschluß gefaßt, eine U-Bahn zu bauen. Damit sich ein U-Bahn-System
trage, sollte Stockholm seine Einwohnerzahl auf eine Million verdoppeln. 1951 wurde die Metrostrecke Slussen-Hökarängen eröffnet, 1952
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Abb. 33
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der Abschnitt Hötorget-Vällingby. Die zwei Linien wurden 1957 mit der
neuen Station T-Centralen (Hauptbahnhof) verbunden.
Kaum zwei Jahre nach Baubeginn, 1954, wurde das Vällingby Centrumeröffnet, zu dem die Bibliothek „Treppan“ und das Kino „Fontänen“
gehören. Erik Glemme hatte die Gestaltung des Pflastermusters des
Bodens mit großen Ringen übernommen.
In der Nähe des U-Bahnhofs Vällingby und des weitläufigen kommerziellen Zentrums war die Besiedlungsdichte am höchsten geplant (20%
Hochhäuser). Nach außen sollten die Einwohnerzahlen in sechs Sektoren mit je 2000 bis 3000 Bewohnern abnehmen. Wohngebäude wurden zu Terrassen- (70%) und Einfamilien-Reihenhäusern (10%). Die
Einfamilienhäuser entstanden als private Häuser auf privatem Grundstück. Zum Rand hin wurde die quasistädtische Mitte immer dörflicher; private und öffentliche Freiflächen wurden immer intimer, um am
Rande mit dem Naturraum zu verzahnen.
Abb. 34
Vällingby Centrum
Abb. 35
Straße im Vällingby Centrum
Abb. 37
Farsta Centrum, 1990er Jahre
Heute macht der Bewohneranteil mit ausländischem Familienhintergrund im Stadtteil Hässelby-Vällingby 18% aus6. 25 000 Einwohnern in arbeitsfähigem Alter standen 9000 Arbeitsplätze vor Ort zur
Verfügung. Die Rechnung ging nicht auf, denn schon Ende der 60er
Jahre pendelten 80% der Berufstätigen in das Stadtzentrum oder in
andere Bereiche: die Metro-Haltestelle wurde zum eigentlichen Herzstück Vällingbys.
Farsta
Bei Farsta kam der Baufortschritt trotz zeitgleichen Baubeginns der
Gebäude und der U-Bahn-Linie nicht so schnell voran, so daß das
Wohngebiet erst 1961 eingeweiht werden konnte - sieben Jahre später
als Vällingby. Auch die Arbeitsmethode der Architekten unterschied
sich in den zwei Projekten. Entwarf Sven Backström (1903-1992) die
wesentlichen Gebäude des Vällingby Torg und Leif Reinius (1907-1995)
die städtebauliche Anordnung Vällingbys, arbeiteten Planer und Architekt in Farsta ohne Aufgabentrennung zusammen.
Abb. 36
Farsta Torg, 2000
Ca. 15 Kilometer südlich der historischen Stadt gelegen, bildet die
Fußgängerzone des Farsta Torg den funktionellen Kern der Satellitenstadt. Der „Torg“ (schwedisch für Platz) schließt die drei dominierenden Wohnhochhäuser an der Westseite mit dem Riegel des FolksamVersicherungsgebäudes (Yngve Tegnèr, 1965) und an der Ostflanke in
Form einer Spange zusammen, so daß das Zentrum der Anlage die
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Abb. 38
Farsta Centrum, Plan von 1960
Abb. 39
Farsta, Entwicklungsplan von 1957
Abb. 40
Farsta Torg
Abb. 41
Pflanzhügel auf dem Farsta Torg
Heute, am Montagvormittag, ist es ausgesprochen ruhig auf dem Farsta
Torg. Es ist 10.30 Uhr. Ich vermute, das sei der Normalzustand: ein
Tag wie der andere.
Um einen mit Blumen bepflanzten, in der Sonne gelb leuchtenden,
Erdkegel herum sitzen ältere Menschen auf Bänken im Schatten
kleinwüchsiger Linden, die einen Kreis beschreiben und den Blumenhügel in ihre Mitte nehmen. Was erwartet man auch sonst von einem
Montagvormittag als Rentnerinnen und Rentner, die der Langeweile
ihrer Neubauwohnungen entfliehen? - halb, um vielleicht einfach
kommunikationslos in der Gesellschaft anderer Menschen zu sitzen,
mit denen man, wenn nichts anderes, so doch die Gemeinschaft der
gleichen Lage teilt; halb, um für ein Stündchen mit Bekannten zu plaudern oder aber sich von dem Herrn einwickeln zu lassen, der stehend
an eine vor ihm sitzende Dreiergruppe Zettel austeilt, als handle es
sich um ein Spiel, das es nun zu spielen gelte. Farsta ist ein Stadtteil
der Trägheit.
Oder es gehen ältere Damen oder Paare vorüber, um kleine Einkäufe
zu tätigen. Die täglichen Einkäufe wären eigentlich nicht weiter der
Rede wert, würde sich ihre Belanglosigkeit (handle es sich um Kleinigkeiten, die fehlen, zum Beispiel frisches Obst von den paar Marktständen unter orangefarbenen Schirmen) nicht zum dringlichen Tagesereignis in der stillen, sauberen und ereignislosen Alltagseintönigkeit
aufblasen.
Dabei steht Farsta bis heute in vergleichenden Kritiken gut da: als
komplettes, funktionstüchtiges, fast autonomes Wohngebiet mit gut
ausgestattetem, ästhetisch ansprechendem, charmantem Zentrum.
Dennoch kommen mir diejenigen beneidenswert vor, die morgens zur
Arbeit Farsta verlassen.
Ältere Menschen beherrschen die Szene.
Das Alter der Leute kann man auch noch an etwas anderem ablesen:
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städtebauliche Form eines H bilden. Die niedrigen Gebäude von zwei
bis drei Geschossen formen den Torg mit der Architektursprache einer
volksnahen Ästhetik. Volksnah, da niemand Furcht haben sollte, den
Platz zu überschreiten7 ! Da liegt er wie eine bauchig aufgeweitete Straße, wie eine langgestreckte Wanne - eine Sargform...
Am Ostende ist die Fußgängerspange des Farsta Torg mit einem UBahn-Anschluß ausgestattet, der mit einem ÖPNV-Bahnhof gekoppelt ist. Das „H“ von Farsta Centrum bildet eine Insel, die von einem
vierspurigen Straßenring umfahren wird. Auf diesen wiederum münden
Zubringerkorridore. Auf den jeweils rückwärtigen Seiten der „Spange“
befinden sich großflächige Parkplätze, deren Kapazität auf Besucher
von größerem Einzugsradius als dem fußläufigen des unmittelbaren
Wohnumfeldes schließen läßt.
Außerhalb des Verkehrsrings schließen die Wohnbereiche an, die
bauabschnittsweise entstanden sind. Anhand der Geschossigkeit und
der Architektursprache sind die Abschnitte leicht voneinander zu differenzieren. Unter den Wohngebäuden befinden sich 17-geschossige
Wohntürme (in Vällingby hatte man maximal 12 Geschosse gewagt),
4-geschossige Laubenganghäuser und zahlreiche Zwischenformen. In
die Wohnsektoren sind nur vereinzelt Gewerbefunktionen zu finden,
wie zum Beispiel eine Zahnarztpraxis, ein Mountainbike-Laden oder
ein Geschäft mit asiatischen Lebensmitteln - jeweils im Erdgeschoß.
Ansonsten breiten sich weite und äußerst gepflegte Wiesenhügel mit
Bäumen und asphaltierten Fahrradwegen zwischen den Wohnblocks
aus. Autos parken auf Sammelstellplätzen am Ende von Wendeschlaufen, denn die Planung vermied Durchgangsstraßen zwischen
den Wohngebäuden. Zum Zentrum gelangt man aus den Wohnsektoren
durch Unterführungen und über Fußgängerbrücken, ohne daß Fußgänger Straßen überqueren müssen.
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an der Art des Schrittes. Die Mehrzahl derer, die nicht zu den Rentnern gehören, durchschreiten den Platz in geraden Linien, als steuerten sie auf imaginäre Ziele zu. Ausnahme bildet nur die Eis essende
Mutter mit Kinderwagen, die schlendernd die Auslagen in den Vitrinen
anschaut. Teenager sieht man um diese Zeit (mittlerweile ist es 12.00
Uhr) fast gar keine - und wenn, kommen sie gerade aus der Schule sie tragen Schul- und Sporttaschen - und gehen nach Hause.
Und noch eine Besonderheit: Viele Rentnerinnen und Rentner stützen
sich auf einen fahrbares Gestell mit vier Rädern auf - „Tango“ genannt,
1952 von Morgan Fern designt. Man kann das türkisgrüne Wägelchen
schieben (und bremsen!), Tragetaschen an ihn hängen, sich mit der
Klingel Platz verschaffen oder drauf sitzen, denn Tango ist mehr als
ein Krückstock auf Rädern - er ist ein Wohlstands-Komfortschlitten!
Ich ließe das unerwähnt, würden nicht gut die Hälfte der Alten, die ich
sehe, mit „Tango“ unterwegs sein, so daß es ins Auge springt.
Gegen Mittag gesellen sich für eine Stunde junge zu den alten Leuten.
Ich vermute, daß sie in den umliegenden Büros und Dienstleistungseinrichtungen arbeiten und setzen sich zur Mittagspause an die
Straßentische der Restaurants auf der sonnenbeschienenen Seite des
Torgs. Alle gastronomischen Einrichtungen befinden sich auf der Sonnenseite - bis auf Burgher King, das auf der Seite gegenüber liegt
(wahrscheinlich weil Jugendliche sind nicht so wählerisch sind und
Tische hat dieser Fastfood sowieso nur drin). Im Restaurant dagegen
speist man lange und ausgiebig wie in allen schwedischen Restaurants zur Mittagszeit, redet und beschließt die Mahlzeit mit dem unvermeidlichen, starken Kaffee.
An meinem Nachbartisch sitzen zwei Aufzug-Monteure (auf ihren
Arbeitsjacken ist ein entsprechendes Zeichen aufgenäht). Sie sitzen
da jetzt schon über eine Stunde und werden nicht müde, miteinander
zu erzählen. Die säuselnde Geräuschdecke aus den Gesprächen der
Monteure und der drei jungen Leute an meinem Tisch, der akustische
Hintergrund aus Besteckklimpern auf Tellern, Wasserplätschern in die
Brunnenbecken und aus Schritten Vorbeigehender wird nur durch die
Signalmelodie eines Mobiltelefons durchbrochen. An den Marktständen unter den Schirmen wird nicht laut gerufen, vor Fahrzeuggeräuschen
schirmen die Gebäude ab und nicht einmal von Fahrrädern wird die
Entspannung gemildert, denn Fahrradfahren ist in der Fußgängerzone
nicht gestattet.
Lautlos umstehen mehrstöckige Einkaufspassagen den Platz mit im
Innern geräuschlos gleitenden Rolltreppen und vielen leeren Cafés. Die
Kapazität der Cafés scheint auf den Einkaufssamstag ausgelegt zu
sein, aber nicht auf den Montagvormittag, der den Rentnern gehört.
Die großen Geschäfte in den Passagen - alle über zwei Verkaufsetagen - führen Markenware. Ein Zuschnitt des Angebotes auf niedrigere Einkommen ist nirgends auszumachen. Trotz der Größe verbreitet Farsta ein äußerst wohlsituiertes Image.
Farsta Centrum bedient mehrere ältere Stadtbezirke am damaligen
südlichen Stadtrand8. In diesem Zusammenhang wurde ein Teil der
nördlichen Parkfläche abgesenkt, um von dort aus mehrere Supermärkte im Tiefgeschoß zu erschließen und Einkäufe direkt von den
Einkaufswagen ins Auto einladen zu können. Beständig waren die
Bemühungen der Kommune, einem Degradierungsprozeß entgegenzuwirken - und zwar nicht nur in Form von Konservierung oder Therapie
des Bestandes, sondern mit durchgreifenden Maßnahmen, die an neueste Komfortstandards anpassen sollten. In den 1980er Jahren wurde
Farsta Centrum (zusammen mit Skärholmen9 ) und 1997 erneut renoviert. Anfang 1999 erhielt es den „ICSC European Shopping Centre
Award“ für Europas bestes Einkaufs-zentrum des Jahres - und zwar in
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Abb. 42
Café in einer Passage im
Zentrum von Farsta
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jeder Bewertungskategorie:
1) hinsichtlich des Projekts, der Lage, Erschließung und Architektur,
2) hinsichtlich der Auswahl des Warensortiments, der Verkaufszahlen, Kundenakzeptanz, Umsätze etc.10
Abb. 43
Abb. 44
Wohngebaüde in Farsta
Tunnelbana in Farsta
Das differenzierte Wohnangebot und der schwedenübliche, hohe
Wohnstandard macht Farsta für eine gemischte Bewohnerschaft attraktiv. Das Warenangebot, die architektonisch anspruchsvolle Gestaltung mit ihrem sympathischen Charme von 60er-Jahre-Betonformteilfassaden u.ä., der gute Erhaltungs- und Modernisierungszustand der Wohngebäude, die üppige Durchgrünung und der Zugang zu
geographisch reizvollen Naturräumen mit Wäldern und Gewässern in
unmittelbarer Nähe prädestinieren dieses Wohngebiet für eine
Einwohnermischung innerhalb der oberen Grenzen der Einkommensskala - im Durchschnitt bei 173 400 SEK pro Jahr11. Sozial ist Farsta
gekennzeichnet von dem schwedischen Durchschnitt, wie ihn die sozialdemokratischen Visionäre für die gesamte bür-gerliche Gesellschaft
vorsahen - mit Hang zum Elitären. Grenzüberschreitungen (egal welcher Natur) oder gar ausländisch aussehende Menschen fallen mir
nicht ins Auge. Der Anteil von Bewohnern mit ausländischem Familienhintergrund beträgt 23%12. Ein Junge mit dunkler Hautfarbe trägt modische Sportkleidung. Er wird von Gleichaltrigen begrüßt und alle vier
verwickeln sich in ein etwa viertelstündiges Gespräch. Nein, im Gegenteil: die Menschen, die sich in Farsta begegnen, sehen sich untereinander recht ähnlich - um einiges ähnlicher als die Leute in der Altstadt. Auch gibt es hier selbstverständlich keine Touristen.
Ich drehe meine Runden.
Zwischen den Wohnblöcken ist bis auf ein paar Passanten niemand
zu sehen. Es gibt sechs kleinere Gruppen von Wohneinheiten zu 5000
bis 7000 Einwohnern - jede groß genug für eine eigene Schule, einen
Spielpark, eine Tagesschwester, Sporteinrichtungen und ein paar lokale Geschäfte. Zum Zentrum überschreitet kein Gebäude die Grenze
des 900-Meter-Radius’.
Ein Hausmeister beschäftigt sich mit der Pflege der Blumen- und Grünrabatten und fegt die Auffahrt zu einem der drei nördlich des Zentrums
stehenden 17-geschossigen Punkthochhäusern, die 1959 entstanden
sind. Dem Hausmeister ist es zu verdanken, daß der optische Eindruck des Wohnumfeldes von penibler Gepflegtheit ist. Die Sträucher
sind frisch gegossen, das Unkraut gejätet. Jedwede Spur individueller
Aneignung - und sei es nur unordentlich abgestelltes Utensil oder Fahrräder - ist nicht auszumachen. Graffiti sah ich im gesamten Quartier
lediglich am rückwärtigen Eingang zur U-Bahn.
Mit Bewohnern, die das Gebäude verlassen, wechselt der Haus-meister
kurze Worte. Bedenkt man die normalerweise Wohnhochhäusern eigene Anonymität, ist erstaunlich, daß die Hochhaus-bewohnern ihren
Hausmeister kennen und grüßen.
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Der „Award“ wird an Shopping Center mit Modellcharakter verliehen.
Auf einer Homepage ist Farsta Centrum sogar mit all seinen Einzelhandels- und Dienstleistungsangeboten im Internet präsent. Zu den
kulturellen Angeboten zählen Büros, eine Bibliothek und ein Theater in
einer Seitenstraße, ein Fitneßstudio, die Centrums-Kirche und Filialen von Banken. In den städtebaulichen Zwischenräumen der
Wohnareale gibt es mehrere Kindergärten, Schulen, Sportstätten und
ein Krankenhaus. Die nächste U-Bahn-Haltestelle nennt sich „Farsta
Strand“, was in der Tat Badestrand bedeutet. Auch Farsta Strand ist in
erster Linie ein Wohngebiet, liegt jedoch in unmittelbarer Nähe zum
Magelungen-See mit Campingplatz, Freibad und einem kleinen
Segelboothafen.
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14.00 Uhr. Bis auf seltene Ausnahmen ist weiterhin niemand zu sehen
- nicht auf den Straßen, nicht auf den Wegen, nicht auf den sechzehn
übereinandergestapelten Balkons der Hochhäuser.
Jemand fährt seinen SAAB in die Garage. Ein älterer Herr zieht schleppenden Ganges sein Einkaufswägelchen hinter sich her. Dann verschwindet auch der SAAB-Fahrer im Eingang des Hochhauses. Vogelzwitschern, das periodisch für Momente ratternde Geräusch der hinter
einer Garagenreihe vorbeifahrenden U-Bahn, hin und wieder das Auf
und Ab der Motoren einzelner Fahrzeuge auf der Straße hinter den
Bäumen, das ferne Summen eines Rasenmähers - sonst nichts als
Stille, Ruhe, Leere, Vogelgezwitscher und Wind in den Blättern.
Alle Bedenken, mit der Neuplanung von Massenwohnquartieren oft deren
Ablehnung durch die Bewohner, soziale Probleme und Kriminalität gleich
mitgeplant zu haben, scheinen mir obsolet. Von neuen Lebensstilen
an der Peripherie kann keine Rede sein... Der Alltag in einem randstädtischen Wohngebiet, denke ich, zählt heute zu den ganz normalen Grunderfahrungen. Jeder Städter - ob Klein- oder Großstädter,
Bewohner des historischen Stadtkerns oder der Peripherie - ist seit
nunmehr einem halben Jahrhundert an künstliche Stadtteile gewöhnt und sei es, daß er sie nur per Auto zum Einkaufen aufsucht. Wie
schon erwähnt, wohnt schließlich die Hälfte der Einwohner von Greater
Stockholm in Häusern, die nach 1965 entstanden sind - die meisten
von ihnen in den Suburbs13.
Es ist unwahrscheinlich, daß es den Bewohnern oder Zuzüglern in
Wohngebiete am Stadtrand heute noch genauso geht, wie den Erstbewohnern, die in den 1960er und 70er Jahren massenhaft in 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernte Hausblöcke aus Beton zogen und
sich damit auf einen Schlag einer ganz neuen Lebenswelt ausgesetzt
sahen. Einst erkaufte man sich den unmittelbaren Komfort von in Funktionen festgelegten Bestimmungen der Modernität mit dem Verlust der
Geschichte und all dessen, für das die Planer keinen Platz vorgesehen hatten. Ecken, in denen sich der Zufall einnisten könnte, sieht die
rationalistische Planung nicht vor. Immer nur das Bekannte, Logische,
Praktische und Funktionelle ist planbar - und zwar nebeneinander! Die
Konsequenzen einer solchen Alltagswelt lagen sicher außerhalb dessen, was die Betroffenen damals vermocht hätten, sich vorzustellen.
Die Härte des Neuen - in positiver wie negativer Hinsicht - prallte auf
jeden Einzelnen unvermittelt ein. Konflikte mit dem Gewohnten oder
der Tradition gehörten zur Alltagserfahrung, die Lösung der Konflikte
oder deren Assimilation als neue Randbedingung des Lebens auch.
Gegebenheiten, an die man sich anzupassen hatte, gewannen schnell
Dominanz - zuerst für den Einzelnen, dann in gesamtgesellschaftlichem
Maßstab. Der typische Bewohner der Stockholmer Großstadt lebt heute
irgendwo in Greater Stockholm und fährt morgens zur Arbeit - meist in
Richtung Stadtzentrum. Die Lebensgewohnheiten und gleichförmigen
Lebensstile, die die Bewohner Farstas an den Tag legten und legen,
ist in seiner geordneten Dumpfheit völlig normal geworden, vielleicht
sogar zu einer zu idealen Realität, denn bis heute sind sie den Idealen
der Epoche des schwedischen Wirtschaftsbooms verpflichtet.
Abb. 45
Wer zur Entstehungszeit von Farsta in den 1960er Jahren Arbeit hatte, der war voll integriert in das aufblühende Wohlfahrtssystem. Jungen Familien wurde die Einlösung ihres Rechts auf modernen, hygienischen Wohnraum garantiert. Die Wohnraumfrage hatte politische
Brisanz und trug ab den 1960er Jahren für zwei Jahrzehnte die
Wählkämpfe. Eine der ersten Neubauwohnungen zugewiesen zu bekommen, galt als Privileg. Einige der älteren Damen und Herren, die
heute noch in Farsta wohnen, sind hier alt geworden, haben das Wohngebiet wachsen und sich verändern sehen und mögen es wohnsitzlich
seitdem nie verlassen haben. Das spricht für die Qualität der Planung
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Wohnhochhaus in Farsta
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und die Akzeptanz unter den Bewohnern über Jahrzehnte hinweg. Das
Quartier hat die Bewohner homogenisiert. Das Quartier ist heute überaltert. Aufgrund der Überalterung hätte der kommerzielle Kern Schwierigkeiten gehabt zu überleben, wäre nicht ständig modernisiert und
erweitert worden.
Årsta
Abb. 46
Årsta Centrum, Planskizze
Abb. 47
Årsta Torg, 1990er Jahre
Ein unter diesem Gesichtspunkt extremeres Beispiel ist das Wohngebiet Årsta am Südrand der ersten Peripherie von Stockholm. Årsta
machte eine Entwicklung vom Kinderquartier zum Pensionärsstadtteil
durch. Es liegt auf halbem Weg nach Farsta und ist noch älter, denn
es gehört zu den Pioniersiedlungen der ersten Nachkriegszeit. Årsta
ist zwischen 1947 und 1953 von der 1940 gegründeten RiksbyggenWohnbaugesellschaft gebaut worden.
Vor dem Krieg hatte die Kommune von Stockholm 1932 einen Wettbewerb für Kleinwohnungen in billigen Häusern („für das Existenzminimum“) ausgelobt, deren städtebauliche Anordnung sich - wie bereits in den 1920er Jahren - Licht, Luft und Sonne zuwenden sollten.
Die praktische Erprobung allerdings mußte aufgrund wirtschaftlicher
Engpässe in den folgenden gut zehn Jahren ausbleiben. Während sich
Europa in Faschismus und Krieg stürzte, wurden in Schweden die
Konzepte weiterentwickelt und nach Kriegsende erstmals in Årsta
umgesetzt. Bevor sich die Satellitenstadt das Grundprinzip der schwedischen Stadterweiterungsplanung durchsetzte, avancierte Årsta zum
Wohnmodell für den Stadtrand: Auf halbem Wege zum losgelösten
Satelliten wurden die Gebäude mittelbar an die Ausläufer des historischen Stadtbestandes angegliedert, denn der Vorort sollte „am kommerziellen und kulturellen Angebot der Großstadt teilhaben.14 " Bis 1950
entstanden auf diese Weise etwa 9000 Wohnungen in Årsta, Björkhagen und Västertorp. Erst mit dem Satellitenstadt stieg die Effektivität des Bauens und in den 1960er Jahren verdreifachte sich die Anzahl
der Wohnungen 15.
Schon in Årsta kreisten die Wohnhäuser um eine kulturelle und kommerzielle Mitte. Die Brüder Erik und Tore Ahlsén hatten hier 1943 auf
der Basis der Beschreibung des Lebens in mittelalterlichen Städten
durch Lewis Mumford mit der Projektierung einer „kleinen, kompletten
Kommune rund um einen kommerziellen, kulturellen und sozialen
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Nukleus16 " begonnen. Die Planung ging sensibel auf die Topographie
ein. Den sauber proportionierten Platz umgaben Gebäude in asketischer, aber architektonisch individueller Gestaltung mit einer Vielzahl an verschiedenen Funktionen. Dazu gehörten Funktionen des Handels, eine Post, eine Apotheke, ein Restaurant, Auditorium, Kapelle,
zwei Theater (eins unter freiem Himmel), Klub- und Studienräume, Einrichtungen der medizinischen Versorgung, Büros, Atelies, eine Schule etc. Die Dimensionen wurden so bemessen, daß sich die Funktionen tragen konnten. Die Serviceangebote stellten kulturelle und humanistische Werte in den Mittelpunkt, statt die Werte des Konsums.
Wenige Jahre später bereits hielten sich in Vällingby das Angebot an
kulturellen und kommerziellen Funktionen die Waage 17.
Årsta atmet noch heute den Geist dörflicher Kollektivität.
Entsprechend groß gestaltete sich der soziale Zusammenhalt unter
den Nachbarn in Årsta. Das kam ihnen zu Gute: Anfang der 1970er
Jahre hatten die Bewohner eine Bürgerversammlung ins Leben gerufen, die gegen einen neuen Verkehrsring um Stockholm kämpfte, dessen südlicher Zubringer mitten durch ihr Wohngebiet führen sollte. Mit
Erfolg! 1974 wurde der Beschluß zurückgenommen18. Die Nachbarschaft schweißte sich noch einmal zusammen und band sich noch
stärker und dauerhafter das Quartier. 1980 etablierten sich der Verein
„Årstablick“ für Freizeit und Kultur sowie das „Årsta Kulturkafé“, das
mittlerweile nur noch Veranstaltungen für ältere Menschen im Programm
hat.
Abb. 48
Årsta Torg, 2000
Das überdurchschnittlich hohe Durchschnittsalter der Bewohner ist
heute das gravierendste Problem Årstas. Die Überalterung des Quartiers verursachte in den letzten Jahren viele Geschäftsschließungen,
denn alte Leute haben relativ wenig kommerzielle Nöte. Im Zuge des
stark zurückgehenden Warenangebotes, zogen die meisten jungen
Leute weg, was die Situation zusätzlich dramatisierte. Ursprünglich
für 25 000 Einwohner errichtet, wohnen dort heute noch knapp 14 000
Menschen 19.
Seit seiner Entstehung hat sich Årsta baulich nicht verändert. Optisch
ver-sprüht das Wohnviertel noch heute den authentischen Charme der
1950er Jahre und erzählt von konfliktloser Gemütlichkeit, Einfachheit,
Sparsamkeit und rechtschaffender Arbeitsamkeit. Die Wohnungen sind
mit zwei bis drei Zimmern bescheiden klein - zu klein für heutige Ansprüche! Die Stadt versucht gerade der Entwicklung gegenzusteuern,
indem sie in Årsta attraktiv große und familiengerechte Wohnungen
baut.
An dieser Stelle sei noch ein anderes Planungsproblem zur Sprache
gebracht: Die in Stockholm forschende Soziologin Elisabeth Lilja verwies auf den Zusammenhang zwischen Geschlechterrolle und Planung: Årsta, Vällingby und Farsta seien Planungen von Männern für
Frauen. Sowohl die Wohnung, die dazugehörenden Serviceeinrichtungen, die im Wohnumfeld zur Verfügung stehenden Dienstleistungen, besonders der Kindererziehung wie Kindergärten und Schulen, die Einkaufsmöglichkeiten für Artikel des täglichen Bedarfs und
die Räume für sinnvolle Freizeitbeschäftigungen wie Zirkel, Vereine
und andere Aktivitäten legen Zeugnis davon ab, wie sich Männer (die
Planer) die geordnet funktionierende Gesellschaft vorstellten. In der
Familie waren sie es, die der Alltagswirklichkeit der Quartiere den
Rücken kehrten und zur Arbeit gingen, während die familienfürsorgende
Tätigkeit der Ehefrau (auch im Falle der Beschäftigung in der
Dienstleistungsbranche) an den Ort gebunden waren. Von anderen
Quartieren und der City blieben sie auf diese Art und Weise - wenngleich unbeabsichtigt - fern gehalten. Spätestens mit dem rapiden
Anstieg der Frauenbeschäftigung in Schweden wurde die soziale und
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funktionelle Kettung der Frau und Mutter an das jeweiliges Wohngebiet zur Mehrfachbelastung, denn auch Frauen hatten nun weite Wege
zur Arbeit zurückzulegen. Der absolute Lebensmittelpunkt im System
des Wohnquartiers wuchs aus zum „Widerspruch einer paradoxen
Verortung“ 20.
Ausblick
Konnte die und der einzelne Bewohner durch die Arbeitstätigkeit der
Wohnsiedlungen noch entfliehen, werden sie bei Abnahme der Mobilität spätestens mit zunehmendem Lebensalter mehr und mehr zu
zwangsläufigen Lebensmittelpunkten. Årsta, Vällingby und Farsta sind
die Orte, an denen die Alten bisher ihre Ideale an ihre Kinder und
Enkel weitergegeben haben. Das Herz von Farsta Torg schlägt im
Rhythmus der braven Arbeitern und Angestellten der zweiten Hälfte
des 20.Jahrhunderts. Das ist es wohl, warum Farsta Centrum heute
noch eine irgendwie sozialistische Aura umweht und was die einstige
50er-Jahre-Modernität unter den veränderten und vor allem erweiterten
Umständen der heutigen Realität verstaubt aussehen läßt.
Die Trabantenstädte sind geplant für ein Leben in geordneten Bahnen.
Sie machen nicht den Eindruck, als wären die Vorgaben der Planer
bislang durch sich verändernde Umstände ad absurdum geführt worden. Was passiert jedoch, wenn Wohngebiete wie Farsta gewissermaßen „übergeben“ werden an die nächste Generation, die nicht mehr
die Ideale der Arbeitsgesellschaft mit auf den Weg bekommt? Das
bleibt abzuwarten... In ihrer strengen Funktionalität ist es den Planstädten nur schwer möglich, Flexibilität und Chaos einer unsteten Lebensführung auszuhalten - es sei denn, man müßte sie falsch benutzen. Der Zwang, eine in die Gesellschaft zurückkehrende Widersprüchlichkeit austragen zu müssen und sich an der herrschenden
Lebensdeterminiertheit zu stoßen, hat aber nicht nur eine negative
Nuance - im Gegenteil: Farsta wird möglicherweise eine belebende,
konfliktuelle Urbanität beschieden. Vielleicht haben sich aber auch
gerade die Planstädte zu einer Art einfachem, stabilem Rückgrat entwickelt, das den Unwirren des Alltags eine gewissen Halt verleiht.
Nachmittag
Abb. 49
Umwelttag auf dem Farsta Torg
Abb. 50
Als ich am Nachmittag noch einmal zum Farsta Torg zurückkomme,
steht eine Schülerband in weißen T-Shirts in der Mitte des Platzes.
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Farsta Torg
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Ein breit lächelndes Mädchen, das auf mich zukommt als ich mich an
den Tresen eines Zeltstandes neben der Band stelle, erklärt mir worum es hier gehe. Heute sei Internationaler Umwelttag und ich könne
mich von den Broschüren bedienen, die überall ausliegen. Da ich kein
schwedisch lesen und verstehen kann, zeigt sie mir eine Wanderkarte
auf der Rückseite einer Broschüre und lädt mich ein, wenn ich Lust
hätte, doch den Naturwanderweg aufzusuchen, der nur eine U-BahnHaltestelle entfernt ist. Auf der Karte sind viele Höhenlinien eingezeichnet. Das sieht nach einer interessanten Landschaft aus. In der oberen
Ecke der Karte sehe ich den Grundriß einer hufeisenförmigen Gartensiedlung. Aber ich habe keine Lust...
Am Stand kann man ausliegende Postkarten beschreiben und an irgend jemanden in der Welt gratis verschicken. Zwei ältere Damen
machen erheitert von diesem überraschenden Angebot Gebrauch. Sie
bestellen noch zwei Pappbecher mit Kaffee, den es aus gegebenem
Anlaß auch umsonst gibt. Die Schülerband spielt „Yellow Submarine“
von den Beatles. Das Orchester besteht ausnehmlich aus Blasinstrumenten; die Drums kommen vom Tonband. Als besonderen Höhepunkt
intoniert die Band die Titelmelodie aus „Titanik“ und ich denke mir, es
gibt wohl niemanden - auch die älteren Damen nicht -, der nichts von
dem Titanik-Film gehört hätte. Ein kaum hörbares Raunen geht durch
das Publikum, Blicke wechseln, Gesichter erheitern sich. Das bestätigt meinen Eindruck. Die Band spielt bedächtig, fast ehrfürchtig, wenngleich es sich im Grunde auch schrecklich anhört.
Je determinierter sich Raum artikuliert, desto weniger spielt sich in
ihm ab.
Gibt es irgend welche Aktivitäten auf dem Platz, müssen sie organisiert und institutionalisiert sein. Weit mehr als im Stadtzentrum grenzt
der rationale öffentliche Raum Spontaneität aus. Beim besten Willen
gelingt es mir nicht, das plötzliche Auftauchen zum Beispiel eines
fahrenden Spielmanns vorzustellen, der den Menschen aus dem Hut
Kunststücke darbietet wie Zuckerwürfel. Fremdes außerhalb der beschriebenen Organisationsformen scheint mir undenkbar!
Abb. 51
Kapelle
1
R.Waern: „Architektur in Schweden“, S.4
„ABC“ steht für die Initiale der schwedischen Worte Arbeiten, Wohnen und Gemeinschaft
3
Lars Nyberg: „Suburban Identity and Cultural Ressources“, in: L.Nyström: „City and
Culture“, S.187
4
Råcksta, Grimsta, Hässelby Gård, Hässelby Strand und Blackeberg
5
Stockholms Stadsbyggnadskontor: „Stockholm“, S.14
6
Zahl von 1999, USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
7
O.Hultin u.a.: „The Complete Guide to Architecture in Stockholm“, S.230
8
unter anderem Gubbängen, Hökarängen und Sköndal
9
siehe 10. case study
10
http://www.farstacentrum.se/pm990422.html
11
Zahl von 1999, USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
12
ebda.
13
Ausstellung „Miljonprogram i Stockholm“, Stockholms Stadsmuseum, Juni 2000
14
R.Waern: „Architektur in Schweden“, S.4
15
O.Hultin u.a.: „The Complete Guide to Architecture in Stockholm“
16
G.Lundahl: „Recent Developments in Swedish Architecture“, S.20
17
Kurze Zeit später (bis 1966) mußten in Vällingby die kommerziellen, Verwaltungsund Parkplatzflächen jeweils verdoppelt werden. 1967 arbeiteten allein im Zentrum von Vällingby 2000 Beschäftigte.
18
U.Stahre: „The alternative City“, S.5
19
E.Lilja: „Den infrågasatta förorten“, S.60
20
in einem Interview mit dem Autor
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2. case study
Donnerstag, 8.6.2000, Abend
Farsta
Abb. 52
Farsta Torg am Abend
Auch Farsta Torg hat seinen kleinen Rhythmus.
Es ist Donnerstag, 20.00 Uhr. Die Wanne des Torgs liegt im Schatten
der Abendsonne, die nur noch auf die höheren Gebäude im Hintergrund fällt. Bis auf wenige Passanten ist der Platz jetzt wie leergefegt.
Weiter hinten allerdings, am Eingang zur U-Bahn, ist eine Handvoll
Leute zu sehen. In den Geschäften ringsum und in den Passagen sind
die Lamellenjalousien heruntergelassen. Allein der offene Markt hat
seine Spuren hinterlassen: Reste von Blättern, ein Rosenstängel ohne
Blüte, Plastiktüten. Alles liegt regennaß verstreut auf dem Boden. Das
Geräusch der Brunnen dringt deutlich an mein Ohr und statt die Stille
zu durchbrechen, unterstreicht es sie nur noch. Drei Herrschaften trinken Bier und erzählen laut miteinander, denn sie sitzen zueinander auf
Distanz - jeder an einem anderen der Straßentische des Restaurants.
Ihre Worte sind von ausgiebigem Biergenuß verzerrt.
Ich hocke am Rande des Platzes unter einem ausladenden Vordach.
Hin und wieder spuckt die Drehtür der Passage ein paar Meter links
von mir einzelne Personen aus, die kurz darauf schlendernd aus meinem Gesichtsfeld verschwinden In der Passage ist allein McDonald’s
noch geöffnet. Zwei Frauen, die vorübergehen, unterhalten sich auf
russisch. Als ich die Sprache höre, scheinen sie mir auch russisch
auszusehen. Sie könnten Mutter und Tochter sein. Die ältere von beiden trägt eine große graue Plastiktüte mit roten Mustern, die jüngere
einen mit blauen Kordeln geschnürten Computertower, den sie des
Gewichts wegen alle zwanzig Meter für Minuten absetzen muß. Dann
wenden sich die beiden wie kommandiert einander zu und knüpfen die
Fäden des Gesprächs dichter, die sie beim langsamen Gehen gesponnen haben. Ein mit Lederjacke bekleideter junger Mann spricht
gestikulierend auf der anderen Platzseite mit sich selbst, als ginge er
konzentriert noch einmal die Punkte eines in Kürze zu haltenden Referats durch. Die Konzentration auf den Gegenstand seiner Introvertiertheit macht seinen Gang unstet. Als er für Sekunden stehenbleibt, breitet er die Arme aus mit nach oben gerichteten Handflächen
und erhobenen Kopfes scheint es, als fordere er Allahs Beistand.
Meine Erwartung, daß um diese Zeit Jugendliche mit Turnschuhen,
Walkman und Skatern die abendliche Leere des planen Farsta Torg für
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sich erobern, sehe ich enttäuscht. Nur deswegen bin ich eigentlich
noch einmal hierher zurückgekehrt. Mein Vorhaben, auch nachts zu
beobachten, gebe ich hiermit auf. Alle scheinen zu Hause zu sitzen
oder in die City aufgebrochen zu sein - dorthin, wo was los ist und wo
man fremden Menschen begegnen kann. In Stockholm unten könnte
man sich auch unterhalten, ohne etwas Konkretes zu tun. Das ist in
Farsta nicht möglich. Will man sich in Farsta „unterhalten“, ist man
auf mehr oder weniger sinnvolle Einfälle angewiesen - und die tauchen
hier nicht so leicht auf.
21.00 Uhr. Auf den Parkplätzen hinter den Gebäuden des Platzes stehen nur noch wenige, wie nach Zufallsprinzip verstreute Autos, als
wären sie vergessen worden. Der Abendhimmel ist hellblau und regenrein. In Schweden sind alle Abende und Sonnenuntergänge schön! Die
Sonne ist jetzt noch ein Stück tiefer hinter den Torg gesunken. Neonbuchstaben gleißen rote Werbeschriftzüge in die Spiegel einander gegenüberliegender Schaufenstervitrinen und das Wasser der Brunnen
plätschert in langen Fäden in die Muschelbecken.
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3. case study
Sonntag, 10.6.2000, Spätnachmittag / Abend
Um den Unterschied des Geschehens zwischen Peripherie und Stadtzentrum zu verdeutlichen, sei hier mit zwei Beschreibungen der Eindrücke fortgesetzt (case studies 3 und 4), die sich mir auf meinen
endlosen Spaziergängen zu jeder Tages- und Nachtzeit durch das historische Stockholm einstellte.
Gamla Stan
Stockholms Herz ist nicht da, wo „Gamla Stan“ liegt - die historische
Altstadt auf „Stadsholmen“, der Stadtinsel, denn geht man „in die Stadt“,
heißt das nach „Söder“ oder nach „Norrmalm“ - also der südliche der
Altstadt liegenden Insel oder dem nördlichen Festland. Der Stadtbezirk Norrmalm ist die eigentliche spirituelle Mitte der Stadt. Schon zu
Beginn des 17.Jahrhunderts befanden sich im Norden oder im Süden
der Stadtinsel mehr Haushalte als in der Altstadt1. Obwohl im Mittelalter geboren, ist Stockholm im Grunde erst im 19.Jahrhundert entstanden. Stockholm ist die Stadt des 19.Jahrhunderts!
Norrmalm
Abb. 53
Neuhaus Panorama, 1870er Jahre
Abb. 55
Kungsgatan, 1911
In den Stureplan münden die Straßen mit ihren eklektizistischen Häusern des 19.Jahrhunderts spitz ein. Über den Stureplan verläuft die
Grenze der Stadtbezirke Östermalm, der als einer der nobelsten Wohngegenden gilt, und Norrmalm.
Abb. 54
Bausubstanz Stockholm, 1944
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Der Stadtgrundriß von Norrmalm, geht auf Albert Lindhagen (18231887) zurück.
In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts verdreifachte sich die Einwohnerzahl von Stockholm und es herrschte plötzlich ein sehr großer
Wohnungsmangel. Lindhagen entwarf 1866 einen Generalplan für die
Erweiterung des Wohnbaubestandes Stockholms, mit der Intention,
„den Stockholmern ein Stück vom Überfluß an Land und Luft zu geben“ und „die Landschaft in die Stadt zu hinein zu holen.2 " Lindhagens
Plan wurde zum „großzügigsten schwedischen Planungsprojekt des
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19.Jahrhunders3 ". Mit einigen Veränderungen bildet Lindhagens Vision die Grundlage für drei Teilpläne, die 1879 / 80 in die Realität umgesetzt wurden4. Für Norrmalm legte der Teilplan ein System aus Esplanaden5 über das aus dem 17.Jahrhundert stammende, militärische
Straßenraster. Den Verlauf der Drottninggatan, die 1637 gezogen worden war, behielt Lindhagen bei. Auch die Straßen Nybrogatan und
Storgatan von 1639-1640 gingen in die Planung ein. Die Esplanade
Sveavägen sollte zur Champs Élysées Stockholms werden und geraden Weges vom Nordtor der Stadt zum Schloß führen6. Östermalm
wurde nach Lindhagens Plan ab 1880 bebaut.
In Verbindung mit Bahnlinie und Hafen entstanden Industrieareale, 1872
die erste Stockholmer Gartenstadt Djursholm als Siedlung von Hauseigentümern und ein Jahr später die exklusive Suburb Saltsjöbaden im
Archipel.
Ohne Ziel durch die baumflankierten, breiten, blauen Straßen an
Frühlingsabenden zu ziehen, wird zu Stockholms Offenbarung. Offenbarung von Wohlhabenheit, Romantik, Charme und Dekadenz. Das
ausgehende 19.Jahrhundert legte alle Gestaltungsfreude in die Kapriolen, welche die Planer veranstalten mußten, um unterschiedliche
Straßenniveaus verkehrsgerecht zusammenzuführen. Für Fußgänger
winden sich in der Birger-Jarls-Gatan Treppen und Stiegen mit Aussichtsplattformen auf halber Höhe an hohen Stützmauern zwischen
gewaltigen Gebäudekuben empor. Am Fuß der Treppen ergeben sich
romantische Buchten, in denen Tresen und Tische von Cafés unter
Schirmdächern stehen wie am Montmatre.
Stureplan und Birger Jarls Gatan sind um 1890 entstanden.
Nirgends finden sich am Freitagabend Menschen gedrängter als auf
dem Stureplan. Daß hier so viele vergnügungssüchtige junge Leute
unterwegs sind, nimmt nicht Wunder, denn ein Diskoklub reiht sich an
den andern. Es genügt, sich treiben zu lassen, um im Vorbeigehen auf
den Bürgersteigen die Abfolge verschiedene Musikangebote zu hören
und bei Bedarf auszuwählen. Vor deren Eingängen der Lokale bilden
sich lange Schlangen, die von Ordnungsdiensten schubweise eingelassen werden. Auf den Jacken der Ordnungskräfte prangen goldene
Plaketten mit der Aufschrift „Ordnings vakt“. Bei entsprechender Kleiderordnung finden sich auch einige Farbige unter den Diskobesuchern.
Über einem der Lokale schaukelt der schwere Seidenstoff einer übergroßen US-Flagge seicht hin und her wie Damokles’ Schwert. Schlangen bilden sich nicht nur vor Lokalen, sondern auch vor den Geldautomaten. Stockholm ist teuer - besonders in einer Freitagnacht.
Autos blenden mit ihren Scheinwerfern. Aus heruntergefahrenen Fensterscheiben dröhnen die Bässe von Reggaemusik. Nichts scheint
mir fremder als Reggae in Stockholm! Auf den Straßen, die sich im
Umfeld von Stureplan und Norrmalmstorg aufspannen, schickt sich
der kühle Norden sommers zum Beweis an, durchaus zu mediterraner
Lebendigkeit fähig zu sein. Nur geht es geordneter zu. Leute haben
Ziele, auch in der Freizeit. Sie sitzen an den Straßentischen der Restaurants um zu essen, suchen Clubs auf, um Darbietungen von
Lifemusik zu erleben oder Diskotheken, um zu tanzen. Sehe ich Gruppen junger Menschen auf dem Platz herumstehen und erzählen, tun
sie dies lediglich, um Wartezeit zu überbrücken und dann auf das
eigentliche Ziel des Amüsements zuzusteuern. Ich wähne mich in nur
spärlicher Gesellschaft von Flaneuren, die sich damit begnügen, dem
Straßengeschehen beizuwohnen - allein höchstes Ziel.
Alle erzählen miteinander was das Zeug hält, ohne daß einzelne Stimmen aus dem Geräuschteppich hervortreten, weder durch Schrille noch
durch Lautstärke. Schneidend ist lediglich die Tonlage von Amerikanerinnen. Alles hat den Anschein, als gelte es mit dem Stereotyp aufzu-
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Abb. 56
Tunnelgatan in Norrmalm
Abb. 57
Danelinska huset von 1910, Stureplan
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räumen, das besagt, die Schweden seien für gewöhnlich schüchtern
und schweigsam. Wäre die gesamte Szenerie im Grunde nicht recht
hohl, könnte man sich glatt von dem Eindruck übermannen lassen,
hier spiele sich das wirkliche, urbane Leben der nordischen Großstadt
mit seiner alltäglichen Kommunikation und lapidaren Dramatik ab. Aber
die Vergnügungsabende von Freitag und Samstag gehören nicht zum
Stockholmer Alltag...
Abb. 58
Abb. 59
die schwedische Gesellschaft um 1900
Man geht auch aus, um zu trinken. Auf den Straßen fahren überwiegend Taxis.
Die Hürden, die der Staat auf einen Gesetzesbeschluß 1914 in die
private Alkoholbeschaffung einbaute, führten zwar dazu, den Alkoholkonsum unter der Bevölkerung einzugrenzen, aber bei weitem nicht zu
gänzlichem Verzicht. Die Schweden sind trinkfest. An den zwei Tagen
der Woche, die am folgenden Tag nicht gearbeitet werden muß, geben
sie sich ungehemmt. Heute abend sind viele nicht mehr nüchtern. Ein
Mädchen liegt von aufgeregten Freundinnen umgeben auf den Treppenstufen eines Hauseingangs. Es geht ihr nicht gut. Eine ihrer Begleiterinnen telefoniert mit dem Handy nach Hilfe. Torkelnde Männer
um die fünfzig kommen mir würdelos vor.
Wie ein Flaneur schaue ich in Interieurs, ohne mich lange aufzuhalten.
Im Becken eines großen Springbrunnens vor dem traditionsreichen
Lifemusikklub „Berns Salonger“ (1862-1863) schwimmen vier Gasflammen. Unter der Musik, die von der Dachterrasse des Clubs im
Berzeliipark auf mich rieselt - heutzutage allerdings vom Band kommt
-, scheint mir plötzlich die Differenz im Vergleich zur Zeit vor einhundert Jahren klar zu werden: viele Frauen in langen Kleidern und breit
gekrempten Sommerhüten, Männern im Frack untergehakt, müssen
damals nur spazieren gegangen sein um des Spazierens willen - plaudernd im trüben Schein der Gaslaternen, die warme Flammen an den
blaunordischen Nachthimmel setzten - so, wie sie der Malerprinz Eugen (1865-1947) in seinen impressionistischen Bildern um 1906 zu
malen liebte7. Vielleicht genügte es der sensiblen Empfindsamkeit weiblicher Seelen, sich an den Atmosphären wie in den Bildern Eugène
Johansson (1862-1915) zu begeistern. Johansson war ganz vom irre
leuchtenden Blau des Himmels um Mitsommernacht gefangengenommen.
Berns Salonger
Stadterweiterung und -umbau
Abb. 60
Abb. 61
Bauarbeiten am Sergels Torg,
Trumpetstötarna, 1961 und 1967
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Engelbrektskyrka
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Endete im europäischen Durchschnitt die architektonische Kontinuität mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, endete sie in Stockholm
bereits fast ein Jahrhundert früher. Während sich Deutschland zum
Beispiel auf die Suche nach der historisch gültigen Form für neue Bauaufgaben begab, und zwar europaweit, pflegte man in Schweden lediglich eine selbstbezügliche Wikingerromantik. Israel Wahlmanns Engelbrektskyrka (1909-1914) in Norrmalm ist dafür beredtes Beispiel. In
ihrer Kompaktheit ähnelt sie einem auf einem Fels zusammengeschobenen Dorf, das sich um ein phallisches Totem - den Turm - gruppiert.
Mit der Fußgängerzone „Sergelgata“ und ihrer baulich „charakteristischen Reihung freiplastischer Bürohäuser“ vollzogen Politiker und Planer
gegen Ende der 1950er / Anfang der 60er Jahre gravierende Eingriffe
im gründerzeitlichen Stadtteil rings um den Hötorget.
1945 war eine nahezu dreihundertjährige Diskussion beendet worden,
in Norrmalm einen zentralen Verwaltungsdestrikt anzulegen. Zuerst
wollte man noch Sveavägen bis zum Schloß durchführen, nun jedoch
auf halbem Wege halten, bei Sveaplatsen, aus dem später der Sergels
Torg wurde 8.
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Die Sergelgata galt in den 1960er Jahren „als Muster für städtebauliche Sanierung unter Ausweitung des Geschäftszentrums9 “ der Stadt.
Ihre gestalterische Authentizität hat sie bis in die Stadtmöblierung und
Straßenlampen auf dem Hötorget hinein erhalten. Die Sergelgata umweht bis heute ein Hauch von ABBA! Nach Süden mündet sie in den
Sergels Torg - ein Platz, der Fahrverkehr und Fußgängerbereich auf
unterschiedlichen Niveaus voneinander trennt. Am Torg steht ein architektonischer Höhepunkt der schwedischen Nachkriegsmoderne: das
gläserne „Kulturhuset“ (1968-1976) von Peter Celsig. Celsig trug mit
dem Kulturhaus eine Hauptschuld an den verheerenden Abrissen in
der Stockholmer Innenstadt 10.
Abb. 63
ABBA-Ausstellung
Nordiska Museet
Abb. 64
Katarinahissen, Slussen
Abb. 65
Medboegarplatsen, Söder
Södermalm
Abb. 62
Einkaufszentrum Medborgarplatsen
„Söder“ (Södermalm) war die traditionelle Arbeitergegend Stockholms.
Heute ist sie das selbstverständlich nicht mehr, obwohl sich etwas
vom wohltuend unharmonischen Flair erhalten hat. Anders als das
Festland in Norrmalm, hat Söder eine bewegte Topographie. Die Nordkante der Insel fällt steil ab, so daß Aufzüge gebaut werden mußten,
um die Fracht von den Schiffen, die hier festmachten, hoch oben auf
die Insel zu transportieren. „Maria-“ und „Katarinahissen“ (1885 und
1936) sind die berühmtesten, noch erhaltenen Beispiele. Auch das
traditionelle städtebauliche Rückgrat von Söder, die Götgatan (um 1640
angelegt), ist noch immer die Wirbelsäule der Insel.
Viele übrige Bereiche dagegen haben ihr Gesicht stark verändert.
Unter den anhaltenden Maßnahmen sozialdemokratischer Stadtplanung mutierte Södermalm von einer armen Arbeitervorstadt zu einem genrifizierten11 Wohn-, Büro- und Verwaltungsdistrikt, besonders
durch die Umsetzung der Bebauungsplanung des Stockholmer
Stadsbyggnadskontor12 (Stadtplanungsbüro) von 1981 bis 1990. Die
städtebauliche Beplanung nur einzelner Bereiche homogenisierte die
städtebauliche Struktur von Söder nicht, sondern unterstreicht am Ende
nur eine Atmosphäre aus fragmentarischen Situationen.
Ein Patchwork aus räumlichen Versatzstücken gab es bei „Slussen“
bereits in der Zeit der Arbeiterhäuser und Industriegebäude. Architektonisch setzte sich das Gemisch in der leblosen und ästhetisch zweifelhaften Architektur fort, den ungelenken Proportionen weiterer Plätze
(Medborgarplatsen), Parks (Fatbursparken) und Verkehrsschneisen,
wie zum Beispiel der Achse der Götgatan bis hin zur Kuppel von Globen 13.
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Abb. 66
Birger-Jarl-Passage
Abb. 68
Tanzberanstaltung in den Fifties
Abb. 69
Sergels Torg
Abb. 71
Kungsgatan
Abb. 70
Sergelsgatan im Sommer, 1969
Abb. 72
Sergelsgatan heute
Bürohäuser
am Sergels Torg
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Abb. 67
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Abb. 73
Abb. 75
Abb. 77
Stadsbiblioteket von
G.Asplund, 19201928
Abb. 74
Kulturhuset von P.Celsing, 1968-1073
Abb. 76
Slussen, 1935
Slussen
Haré-Krishna-Gruppe auf dem Hötorget
Abb. 78
Abb. 79
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Skulpturengruppe von Carl Milles
auf dem Hötorget
Markt auf dem Hötorget
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Abb. 80
Fatbursparken, Söder
1981 schrieb ein Wettbewerb unter der Überschrift „the urban block
city“ die Schaffung von über 2600 Wohnungen auf einem brach gefallenen Eisenbahngelände im Herzen Söders aus. Die realisierten Gebäude sind ein zusammengewürfeltes Sammelsurium aus internationalen
Einflüssen nach dem Muster der Berliner IBA von 1984. Sogar dem
katalanischen Architekten Ricardo Bofill(!) wurde gestattet, ein Gebäude (1988-1992) zu errichten. In Form eines monumentalen Halbbogens umarmt es die südliche Hälfte des Fatbursparken.
Zwar orientierten sich die Gebäude an den Bebauungsplan des Stadtplanungsbüros, sind jedoch nicht in der Lage, ein urbanes Gesamtbild
zu schaffen. Das mag so zwar nicht erklärtes Planungsziel gewesen
sein, für Södermalm ist es jedoch nicht fremd, denn es besitzt die
eigenwillige und spröde Qualität von Fabrikgeländen. Södermalms
Straßenszenen sind bis heute wilder und bohemehafter als die von
Norrmalm. Jugendliche haben ein alternativeres Outfit als die Kleidungskonformisten vom Stureplan. Sie fahren hier auch Skateboard...
Gamla Stan
Abb. 81
Prästgatan, Altstadt (Gamla Stan)
Der Mälarsee, der das westliche Altstadtufer umspült14, ist über 100
Kilometer lang. Das steinerne Stockholm entstand hier am Ende des
13.Jahrhunderts an einer strategischen Stelle - dort, bevor das Festland in die 25 000 Schäreninseln des Archipels zerstäubt.
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Wenden wir uns der historischen Altstadtinsel zu.
Der atmosphärische Bruch ist gewaltig: kommt man von Nord oder
Süd über die Brücken nach Gamla Stan (schwedisch für Altstadt), fällt
man wie in eine samtene Muschel, deren Halbschalen sich über einem schließen. Der Besucher taucht ein in die steinerne, enge Stadt
„zwischen den Brücken“, wo die Insel vom Wasser des Mälaren umspült wird, das sich mit dem salzigen Wasser der Baltischen See
vereinigt. Während die Ostseewasser im Winter gefrieren, bleibt der
„Strömmen“ stets eisfrei. Durch das Eigenleben der zusammenfließenden Gewässer erhalten die Straßen und Plätze der Altstadt eine
innere Dramatik, die das Gekrächze der Möwen und das Tuten der
großen Schiffe draußen auf dem Strömmen bis in ihre innersten Winkel hineinträgt. Innere Dramatik ist schwedischen Städten für gewöhnlich fremd. Die Enge der Straßen, die beachtliche Höhe der steinernen
Gebäude und die aus den Gassen auf Fluchtpunkte konvergierenden
Perspektiven erreichen in Stockholms historischem Kern hingegen
bisweilen mediterrane Qualitäten. Sogar Rufe von Fenster zu Fenster
hallen in den Gassen wider.
Die Straßen haben Gerüche; sie riechen nach Fisch. Der leuchtend
blaue Mitternachtshimmel taucht die Fassaden mit ihren kleinen Fenstern in ein irreales Mondlicht. Wie im sagenhaften Vineta scheint
alles unter Glas zu liegen. Die erdig gelben Hauswände widersetzen
sich dem kühlen Leuchten. Mit ihrer tektonischen Schwere im Auf und
Ab gepflasterter Straßenprofile widersetzen sie sich nämlich, vom
magischen Licht entrissen zu werden.
Viele Gebäude erstrahlen noch im verblichenen Glanz einer reichen
nordischen Seehandelsmetropole. Das Dekor der Häuser erzählt von
Schiffahrt und Handel. Fenster haben Formen, die weit gereiste Kaufleute einst von anderen Kulturen mitgebracht haben. Die deutsche
Kommune baute sich 1642 die größte und bis heute die Silhouette der
Altstadt bestimmende Kirche, „Tyska Kyrkan“, in der nach wie vor
Gottesdienste in deutscher Sprache gehalten werden. 1671 wurde der
Stralsunder Nicoemus Tessin d.Ä. (1615-1681) erster Stadtarchitekt
von Stockholm. Schon sein Vater arbeitete als Baumeister in Stockholm.
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Wie der Schriftsteller Per Wästberg treffend feststellte, befindet sich
in Stockholm „Landschaft unter dem Stein“, welche die Idee des Ländlichen von Wäldern, Erhebungen und Senken, Seen, Felsen und Einschlüssen ins Städtische transportierte. Eher bestimmten die Gaben
der Natur das Wesen der Stadt, als die feinsinnigen Kunstschöpfungen
der Menschen und eine daran hängenden Geschichte, so Wästberg15.
Die Altstadtinsel und der Insel Riddarholmen prägen historische Stadtflairs. Zu einem wesentlichen Teil bezieht ganz Stockholm aus diesen
zwei Inseln bis heute ihre gesamte Kraft und Anziehung - besonders
für Touristen. Die kleine, nur 42 Hektar16 umfassende historische Altstadt ist Stockholms Sinnquelle.17
Bis auf Vertreter ausländischer Firmen, Botschafts- und ähnliches
Personal in höheren Anstellungen haben sich wohnsitzlich heute Ausländer in der Stockholmer City nur vereinzelt angesiedelt. In Norrmalm
machen Bewohner ausländischer Herkunft 7% aus. Iranische Einwanderer gehören zur einzigen Ethnie, die sich konzentrierter als andere
in größerer Zentrumsnähe niedergelassen hat. Jedoch ist ihr Anteil an
den Einwohnern erst in Danderyd und Upplands Vasby (nördlich des
Stadtzentrums) bemerkbar - mit höchstens 2%18. In einer Straße Östermalms fallen mir überraschenderweise mehrere afrikanische Friseurund andere Läden auf.
1
M.Andersson u.a.: „Stockholm’s Annual Rings“, S.33
ebda., S.54
3
P.Hall: zitiert in: G.Albers, „Zur Entwicklung der Stadtplanung in Europa“, S.93
4
ebda., S.93
5
Karla-, Narva-, Valhalla-, Ringvägen, Karlaplan u.a.
6
K.Åström: „City Planning in Sweden“, S.32
7
siehe Kunstsammlung in der Villa Eugens in Waldemarsudde, Djugården und das
Fresko von 1911-1923 im „Stadshuset“ (schwedisch für Stadthaus), Kungsholmen
8
M.Andersson u.a.: „Stockholm’s Annual Rings“, S.155
9
G.Albers: „Zur Entwicklung der Stadtplanung in Europa“, S.95f.
10
R.Waern: „Architektur in Schweden“, S.5
11
siehe: L.Gustafsson: „Tanz über dem Wasser“, in: DIE ZEIT, Nr.35, 1998,
http://www.archiv.ZEIT.de/daten/pages/199835.stockholm_.html
12
O.Hultin u.a.: „Guide to Architecture in Stockholm“, S.156
13
siehe 14. case study
14
heute von Straße, Bahn- und U-Bahn-Gleisen abgetrennt
15
P.Wästberg: „The Landscape under the Stone“, in: L.Nyström, „City and Culture“,
S.70
16
einschließlich Riddarholmen
17
Das Kommuneterritorium umfaßt 21 519 Hektar.
18
S.Musterd u.a.: „ Multi-Ethnik Metropolis: Patterns and Policies“, S.134
Abb. 82
Deutsche Kirche (Tyska kyrkan)
Abb. 83
Tyska Brinken, Gamla Stan
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4. case study
Sonntag, 18.6.2000
Norrmalmstorg
Abb. 84
Abb. 85
Schaufenster in der
Biblioteksgatan
Norrmalmstorg
Je früher man herkommt, um so mehr hat man die Stadt für sich.
Der Sonntagmorgen auf dem Norrmalmstorg ist wie eine Fermate im
Wochenrhythmus. Auf den Straßen sind nur hin und wider Leute zu
sehen. Ein Bierbüchsensammler durchstöbert die Müllbehälter nach
Büchsen, denn die werden in Schweden bepfandet - jede mit fünfzig
Ören. Nach einem Samstagabend ist eine solche Sammelaktion sehr
lohnend. Der Sammler sieht nicht besonders schwedisch aus, genauso wenig wie die zwei Straßenfeger weiter hinten. Ansonsten sind
Schaufensterpuppen die einzigen Gestalten.
Am Sonntag kommt die Stadt zu sich selbst.
Es geht auf 10.00 Uhr zu. Geschäfte, Cafés und Restaurants haben
noch geschlossen. (Ja, auch die Geschäfte öffnen am Sonntag - aber
erst später als üblich.) Einige Bohemiens wissen um Eos’ Gunst der
frühen Stunde, in der einzigen geöffneten Bar zu frühstücken und alle
Gedanken der vergangenen Woche und an die kommenden Tage in
die kühle Luft zu rauchen.
Im Gegensatz zu den Orten an der Peripherie ist selbst die leere Stadt
nie wirklich leer, denn sie steckt voller Gedanken. Die Gedanken von
Menschen fallen nicht auf sie selbst zurück, sondern richten sich vielmehr nach außen. Wenn man zu dieser Zeit am Rande der Stadt
stünde, würde nichts ablenken, immer nur an und über sich selbst
nachzudenken. Die City dagegen, die jetzt müßig auf den eigenen
Nabel schaut, räumt Platz ein für Gedankenspiele. Ich denke, das
meint „Urbanität“.
Kein Vergleich mit anderen Tagen, an deren die teuren Geschäfte in
den Erdgeschossen der Biblioteksgatan und die Büroetagen darüber
alle Aufmerksamkeit beanspruchen. Die Biblioteksgatan verbindet den
Norrmalmstorg mit dem Stureplan, der noch am Abend zuvor vor Menschenmassen zu bersten drohte. Die Menschenleere jetzt dagegen
läßt die weißen Muster der Straßenpflasterung ihr eigenes Leben führen. Das niedrige Streiflicht zeichnet die Konturen der schmuckreichen,
aufrechten Gründerzeitfassaden mit harten Schatten nach. Ihre Plastizität läßt sie einen Schritt nach vorn machen, um den Betrachter zu
berühren. Die Stunde der Gunst, in der die Stadt ganz frisch ist, ist
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kostbar und flüchtig. Wenn die Sonne später hier alles hell ausfüllt,
verflachen die Fassaden wieder und zerbrechen den Moment der erzählenden Erinnerung. Diejenigen Orte sind von einer durchdringenden Stille, die zu anderer Zeit besonders stark belebt sind. Der Kontrast hat die Amplituden von Sinuskurven.
Zu drei Seiten flankieren den Norrmalmstorg kleine Straßen; eine größere zur vierten, offenen Seite hin zum Berzeliipark. Nur diese Straße
darf befahren werden und eine weitere ist lediglich für Buslinien und
Taxis frei. Vom Norrmalmstorg fährt auch die Straßenbahn 7 nach
Waldemarsudde ab, der damit für viele zum Ausgangspunkt sonntäglicher Spaziergänge im Park von Djurgården werden läßt. Die Straßenbahn 7 hat zwei Waggons. Im hinteren gibt es Eis, Kaffee und
Kuchen an kleinen Tischen mit gelb glimmenden Schirmlämpchen.
Mit Kindern, Kinderwagen und Hund am Sonntag zum Picknick in den
Volkspark aufzubrechen, gehört zu den ursprünglichsten Stockholmer
Vergnügen. Ein anderes dieser Sonntagsvergnügen wäre eine Dampferfahrt im Archipel.
Der träumerische Morgen beginnt nun allmählich seine meditativen
Eigenschaften an den wachen Tag abzugeben. Die ersten, die dazu
beitragen, sind die Fahrgäste des Busses 46, die an der Haltestelle
aussteigen. Kaum ausgestiegen, schlägt das Verhalten jedes Einzelnen mit kleinen Hämmern an den kupfernen Kessel, in dem die Stille
gefangen ist, um sie zu zerbeulen. Ein Mädchen mit hochgesteckten
Haaren fingert gesenkten Blickes eine Zigarette aus ihrer Handtasche
und zündet sie an. Ein seriöser Herr, ganz klassisch mit dunkelblauem Anzug gekleidet und mit einer zusammengeschlagenen Zeitung
unter dem Arm bleibt stehen und sieht sich um, als müsse er die
Richtung seiner Schritte erst noch bestimmen. Zwei Jungen in T-Shirt
und Shorts - einer von ihnen mit dunkler Hautfarbe - schultern ihre
Skateboards und verschwinden schlendernd in einer Seitenstraße.
Selbst Ziele treiben am Sonntagmorgen nicht zur Eile.
Eine blonde Dame in beigefarbenem Lederkostüm, der man den Rollenkoffer behilflich war, aus dem Bus zu heben, bleibt ebenfalls für Minuten wie irritiert stehen, als wolle sie sich vergegenwärtigen, endlich am
Ziel ihrer beschwerlichen Reise angekommen zu sein. Ich dichte ihr
die Geschichte an, vom Flughafen ohne Rast geradewegs hierher auf
den Norrmalmstorg gekommen sein - in den Teil der Stadt, den sie für
ihr Stockholm hält. Der Charakter des Norr-malmstorgs paßt zu ihren
Sachen, denn beide atmen Nobilität und Weiblichkeit - im Gegensatz
zu seinem Pendant, den Stureplan, den das spitze Einmünden der
Straßen eher maskulin macht.
Abb. 86
Das rollende Café der Straßenbahn 7
Am späten Vormittag setzen sich Menschen mit Sonnenbrillen auf die
Bänke. Einige warten auf die Straßenbahn nach Djugården, andere
lesen Zeitung, die am Kiosk erhältlich ist (der „Dagens Nyheter“ erscheint auch am Sonntag). Der Sonntag auf dem Norrmalmstorg gehört dem Müßiggang.
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5. case study
Donnerstag, 8.6.2000, Nachmittag
Flemingsberg
Abb. 87 Station Stockholm Syd/ Flemingsberg, im Hintergrund: die Wohnblöcke
Abb. 88
Abb. 89
Quartier Flemingsberg, Hof
Diagnosvägen, Flemingberg
Die Planung des Wohnquartiers, die vermutlich aus den 1980er Jahren
stammt, beruht auf einer sauberen, sehr rationalistischen Planungsüberlegung - zu rationalistisch! Das Quartier sieht so artifiziell und
abstrakt aus wie ein hochkopiertes Architekturmodell. Alle Funktionen stehen fein säuberlich nebeneinander, ohne irgendwie beieinander
„versammelt“ zu sein und miteinander in Kommunikation zu treten.
Flemingsberg ist von erschreckender Planungstotalität - sie ist das
eigentliche Problem der Wohnanlage! Allein die Wege tragen hier Namen wie „Diagnosvägen“ und „Terapivägen“, was ich für ein schlechtes
Omen halte. (Ihre Herkunft erkläre ich mir später aus dem HuddingeStadtbezirkskrankenhaus in der Nähe.) Aber meine Befürchtungen,
es hier mit nur noch zu diagnostizierenden und zu therapierenden
Sozialfällen zu tun zu haben, sollen sich noch zurücknehmen...
Suchen wir das Positive: Die zwar banale, aber doch irgendwie versuchte architektonische Gestaltung und sparsame Variation der Baublöcke offeriert ein Minimum an Heiterkeit. Während die oberen Geschosse mit weißen oder farbigen, wie emailliert aussehenden Platten
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Flemigsberg ist ein großes Wohngebiet in städtebaulicher Kammstruktur. Die Wohngebäude haben acht Geschosse und dominieren
die Skyline der Umgebung. Den „Kamm“-Rücken bilden Blöcke in langer Reihe mit jeweils sechs Aufgängen. Zusammen mit den „Zinken“
des Kamms entstehen nebeneinanderliegende, U-förmige Höfe, deren
offene Seite von 3-geschossigen Terrassenhäusern begrenzt werden.
Von den Höfen her sind die Terrassenhäuser allerdings nur 2-geschossig, denn der gesamte Komplex ist von einem Garagengeschoß unterkellert. Das Niveau der Höfe ist praktisch um ein Geschoß angehoben.
Von der offenen Seite des Kamms fällt das Gelände ab, so daß man
von dem breiten Fußgängerweg, der dort entlangführt, gut die Sekundäreinrichtungen des Wohngebietes weiter unten überblicken kann. Von
dem Weg wiederum führen Stufen um die Höhe des Basisgeschosses
auf die Höfe, die dadurch ein gewisses Maß an Intimität erhalten. Zu
den Sekundäreinrichtungen zählen Sport- und Spielplätze, ein Kindergarten und eine Schule.
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verkleidet sind, sind die Erdgeschosse gemauert. Flemingsberg leuchtet
schon von weitem, da die ansonsten weißen Fassaden an den Stirnseiten kräftige Farben haben (genau wie die Rückfront der Höfe): rot,
orange, türkis, aquamarin, ocker. Die Erdgeschoßwohnungen haben
ebenerdige Terrassen, die von niedrigen Mauern mit abgerundeten Ecken
und Bepflanzungen eingefaßt sind. Die oberen Geschosse dagegen
haben Balkons, von denen jeweils die zwei obersten vorspringen, zusammengefaßt als Wintergärten verglast sind und eine zeichenhafte
Wirkung ausstrahlen.
Die Höfe sind begrünt. Asphaltflächen wechseln mit Rasenstücken
und Hecken ab. Vom Tiefgeschoß führen breite Aufgänge in die Höfe.
Kleinwüchsige Bäume schützen Sitzbänke mit fest installierten Tischen
unter Pergolen.
In der Mitte jedes Hofes befindet sich ein Gemeinschaftshaus
(„Gårdshus“) aus Holz. Die meisten davon stehen leer. Gårdshus 6 ist
für Gebete eingerichtet. Durch die geöffnete Tür erkenne ich dunkelbunte Teppiche an den Wänden und auf dem Fußboden. Im Gårdshus
1 befindet sich das Internet-Café „Café Mix“, dessen fünf Computer von
Kindern im Schulalter in Beschlag genommen sind. Am Aufsichtstresen sitzt ein freundliches Mädchen mit Kopftuch, das mich meine
e-mails checken läßt.
Nach Flemingsberg gelangt man mit der J-Bahn (der U-Bahn ähnlich)
und muß in Stockholm Syd / Flemingsberg aussteigen. Direkt am
Bahnhof liegt der Namensgeber der Straßen in Flemingsberg: das große Huddinge Stadtbezirkskrankenhaus. Zum Wohngebiet dagegen
muß man ca. zwei Kilometer über eine lange Fußgängerbrücke laufen, die breite Verkehrstrassen überspannt, als gelte es, den Styx zu
überqueren. Am Ende der Brücke kommt man am kommerziellen Zentrum Flemingsbergs vorbei. Von oben kommend muß man da in einer
Art Foyer eine gewendelte Treppe nach unten steigen, um die Läden
zu erreichen, als setze man konsequent den Wege zur Unterwelt fort.
War hier der Mythos Planungsidee? Flemingsberg Zentrum liegt unter
Tage - so jedenfalls hat es den Anschein, auch wenn dieser trügt: ein
unterer Ausgang führt direkt auf die Straßentrasse, die unter der Brükke hindurchläuft.
Alle kommerziellen Einrichtungen des Quartiers sind in diesem Komplex zusammengefaßt. Die gewendelte Treppe mündet auf einen quadratischen, unterirdischen Platz. Läden umgeben den Platz zurückgesetzt im Halbdunkel. Die suburbane Geschäftswelt sieht improvisiert
aus. Auf den Schildern über den Eingängen prangen leuchtend rote
Buchstabenfolien auf weißen oder gelben Untergrundplatten.
Leuchtstoffröhren illuminieren sie von hinten. Natürlich gibt es einen
ICA1 -Supermarkt und sogar eine Postfiliale. Sie scheinen aber wie
vom niedrigen Niveau der Umgebung mitgerissen worden zu sein.
Ein Video-Verleih hat an diesem Donnerstagnachmittag den größten
Besucherverkehr. Ein Restaurant mit Spielautomaten am Eingang hat
zwar geöffnet, ist aber drin völlig dunkel, so daß ich nichts außer die
leuchtenden Augen der Spielboxen in der Finsternis erkennen kann.
Es gibt sonst noch einen Blumen-, einen Friseur -, einen Zeitungsund Tabakladen. Ein Textilgeschäft stellt Kleider aus. Vor dem Geschäft stehen Kleiderständer auf dem Platz. Aus Pappkartons gucken
Plastiktüten. Drinnen hängen Kleidungsstücke von der Decke und an
den weißgrauen Wänden. Die schrillen Farben der Stoffe lassen keinen Zweifel daran, daß das Angebot nicht auf eine schwedische Kundschaft ausgerichtet ist. Der Verkäufer sitz auf der obersten Stufe einer
niedrigen Trittleiter und studiert die Zeitung im Schein der
Leuchtstoffröhren, die leise summen.
Meine eigentliche Entdeckung dagegen ist ein türkischer Gemüse-,
Gewürz- und Lebensmittelhändler mit arabisch beschrifteten Büchsen,
Couscous und verschiedene Sorten abgepackten Reis’, sehr preis-
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Abb. 90
Flemingsberg Centrum, unterer Platz
Abb. 91 Wohngebäude Flemingsberg
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werten Tees und auf Wunsch zugesägtem Fleisch von Lamm oder
Hammel. Das Blätterteiggebäck und die Baklawa-Röllchen mit Füllungen aus gerösteten Mandeln, die vom Backblech herunter verkauft
werden, sind süß und delikat wie für Prinzessinnen aus Tausendundeiner Nacht. Das Café gleich daneben hat nur spärlich gefüllte Vitrinen
aus den 80ern. Ein älteres Ehepaar sitz am Tisch und raucht.
Die wenigen Menschen, die ich sonst noch sehe, sind meist keine
Schweden. Ihre Besorgungen erledigen sie eilig, denn der unterirdische Ort ist unwirtlich. Wird die stille Öde für Minuten von einem gewissen Treiben unterbrochen, liegt das an den zwei Kindern, die ihrer
mit Tüten bepackte Mutter über den glatten Fußboden davonlaufen.
Die arme Frau ist ständig damit beschäftigt, hinter ihrem Nachwuchs
her zu sein.
Junge Männer haben ein arabisches oder asiatisches Aussehen; Frauen
dagegen sieht man nur arabische. Weiter hinten im Café sitzen zwei
Uniformierte eines Sicherheitsdienstes mit jungen Männern am Tisch.
Plötzlich springen sie auf und rennen nach draußen, während ihr Funkgerät plappert. Aber schon nach kurzer Zeit kommen sie ruhig zurück
und setzen sich wieder auf ihre angestammten Plätze. Sie geben eine
kurze, abfällige Erklärung über den Vorfall.
Abb. 92
Flemingsberg, Eisverkauf im Wohnhof
Ich setze mich an einen Tisch in eine abgeschirmte Sitzecke und
mache mir Notizen. Nach einer kurzen Weile kommen drei Kinder auf
mich zu, sagen „hej“ und der eine setzt sich direkt vor mir auf den
Tisch. Ich sage auch hej und als sie mit mir weitersprechen, erkläre
ich auf englisch, leider kein schwedisch zu verstehen. Ohne ihr Alter
in Betracht zu ziehen, füge ich hinzu, daß wir, wenn wir uns unterhalten wollen, also englisch miteinander sprechen müssen. Ich frage, ob
sie englisch können. Einer sagt gleich ja, der andere vor mir auf dem
Tisch zögert und verneint eher. Wir veranstalten Ratespiele: wie alt wir
seinen und woher wir kämen. Aber die Jungen verraten sich gleich und
sagen, daß sie türkisch seien. Auf die Frage nach meinem Alter frage
ich zurück, was sie denn schätzen würden. (Mir wird wieder einmal
bestätigt, jünger auszusehen, als ich eigentlich bin...) Auch der
Englischschüchterne, der genau vor mein Gesicht sitzt, hat mittlerweile seine Zurückhaltung abgelegt. Er geht englischsprachige Länder
durch, um meine Herkunft zu erraten: Irland, Schottland etc. Ich schüttle
den Kopf und spitze die Rätselaufgabe zu wie der Geist aus Aladins
Wunderlampe. Ich sage, ich könne zwar ein bißchen englisch sprechen, aber eigentlich spreche ich eine ganz andere Sprache. Der nächste
Tip fällt dann sofort auf „from Tyskland“, als hätten es alle im Prinzip
geahnt und waren der Sprache wegen nur verunsichert. Ich lobe den
Ratesieger und will wissen, wie er drauf gekommen sei. Da keine Antwort kommt, schiebe ich es wie immer auf Augen, die durch Brillen
gucken...
Einer der drei rattert sofort die Namen deutscher Fußballspieler herun-
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Eine Rolltreppe bringt mich wieder ans Tageslicht.
Ich durchstreife die Wohnblöcke. Nach dem Regen am Vormittag ist
die Atmosphäre entspannt. Die Dramatik der Witterung löst sich langsam auf. Der graublaue Himmel, der übriggeblieben ist, schafft eine
großartige Kulisse, vor der sich die in der Sonne grell leuchtenden
Fassaden kräftig plastisch abzeichnen.
Erwachsene begegnen mir nur wenige. Dafür wird die Szenerie von
Kindern beherrscht. Viele von ihnen haben einen dunklen Teint und
pechschwarze Haare. In den Höfen zwischen den Gebäuden spielen
sie unbeaufsichtigt, fahren auf Kinderfahrrädern, Mädchen schieben
Puppenwagen und schleudern deren Insassen bisweilen hoch durch
die Luft - eine Sitte, die mich verwundert... Sandkästen und Kinderspieleinrichtungen werden allesamt ignoriert.
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ter. Ich zeige mich beeindruckt. (Selbst von Fußball keine Ahnung,
sind mir zum Glück wenigstens die Namen geläufig, was meinen Gesichtsausdruck vor allzu großer Leere rettet...) Der vor mir sitzt und
die Namen aufgezählt hat, springt dann mit einem Satz vom Tisch
herunter und macht sich daran, mir mit dem Ball eine Probe seines
Könnens zu geben. Ich verweise auf ein Schild an der gegenüberliegenden Hauswand, das Ballspiele hier zwischen den Häusern verbietet (... das liest sich in schwedisch so ähnlich wie im Deutschen). Die
Szene kommt mir jetzt wie Situationskomik vor. Ich amüsiere ich mich
glänzend! Die drei bestätigen mit langen Gesichtern und entgegnen,
sie spielen normalerweise unten in der Nähe des Sportplatzes - da sei
es erlaubt. Ich frage noch, ob sie zur Schule gingen, ob sie schwedisch können und als sie ja sagen, frage ich angesichts meiner Sprachunkenntnis ob es schwer sei, schwedisch zu lernen. Sehr schwer,
meinen sie.
Als ich mich dann zu geizig zeige, ihnen ein Eis zu spendieren, verlieren sie das Interesse und gehen weg - einer nach dem anderen, aber
nicht, ohne sich mit „bye bye“ zu verabschieden. Mit dem, der am
besten englisch gesprochen hat, reiche ich mir die Hand und frage,
wie er heiße, sage meinen Namen und will noch wissen, ob er jetzt
nach Hause gehe. Er sagt „yes“ und „hej då“ (tschüß auf schwedisch).
Ich fühle mich gut gelaunt. Die in der Tat ganz unschwedische Neugier, Unerschrockenheit, Direktheit und Sprachgewandtheit der drei
hat mich beeindruckt. Ich denke so etwas Komisches wie: das ist
Europas Zukunft...
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ICA = schwedische Supermarktkette
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6. case study
Montag, 5.6.2000, Nachmittag
Huddinge Centrum
Abb. 93
Huddinge Centrum
Huddinge ist ein Wohngebiet, das etwa 17 Kilometer südwestlich der
Stockholmer Kernstadt liegt. In ganz Huddinge wohnen 80 000 Menschen. Das Wohngebiet verfügt über den Anschluß an die U-Bahnähnliche J-Bahn und über Busanschluß. Auch Huddinge ist eine Trabantenstadt mit Stadtteilzentrum, an das ein Park angrenzt, wie überhaupt das Zentrum von den Wohnkomplexen durch Grünbereiche distanziert ist. In der Nachbarschaft befindet sich die bescheidene barocke Kirche der historischen Ansiedlung Huddinge mit ummauertem
Friedhof. Von der alten Siedlung sind nur noch einzelne Gebäude erhalten; alles andere ist verschwunden. Die Kirche und der Kirchhof
sind nicht mit in die Planung des neuen Stadtteils integriert worden.
Abb. 94
Straße im Zentrum von
Huddinge
„Huddinge Centrum“ besteht aus einem rechreckigen Hauptplatz, dem
„Sjödal Torget“, von dessen Ecken Fußgängerstraßen in unterschiedlichen Winkeln und in ihrem Verlauf geknickt abführen, so daß man ihr
Ende nicht sehen kann. Das irritiert angenehm. Die Wohngebäude
haben acht bis zehn Geschosse. Von städtebaulicher Dominanz ist
ein 16-geschossiges Wohnhochhaus, das den Blick aus Richtung
Sjödal Torget abfängt. In eine andere Richtung begrenzt ein 10Geschosser mit zeichenhaft modelliertem obersten Geschoß den Blick.
Alle mit Sichtmauerwerk verblendeten Bauten, zu denen auch das 5geschossige Parkhaus zählt, sind streng gegliedert. Die Wohn- und
Geschäftshäuser bestehen aus einer Geschäftszone im Erdgeschoß
und drei Wohngeschossen darüber. Den Ziegelfassaden der in der Höhe
zwischen drei und vier Geschossen variierenden Gebäude sind weiße
Stahlbalkons vorgehängt. Die Geschäfte im Erdgeschoß führen Waren hohen Standards.
Die Planer und Architekten haben sich auf keine Experimente eingelassen. Der städtebauliche Grundriß wie auch die Architektur folgen
formal postmodernen Schemata. Offensichtlich wollten die Planer mit
der Dichte der relativ engen Straßen optische Überschneidungen erzeugen und so die Illusion eines „Stücks urbaner Stadt“ schaffen. Das
ist ihnen irgendwie gelungen.
Was das Zentrum von Huddinge wesentlich von anderen Zentren unterscheidet, ist, daß die Menschen auf den Straßen hier auch unmit-
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telbar wohnen. Hin und wieder verschwinden einige Jugendliche in den
Hauseingängen zwischen der Geschäftstüren, nachdem sie sich von
ihren Inline-Skatern befreit haben. Die in die Straßenräume hineinragenden Balkons der Wohngeschosse lassen die Wohnungen am
Geschehen des öffentlichen Raumes teilhaben. So ist die soziale Kontrolle des öffentlichen Raumes auch abends nach Geschäftsschluß
um 18.30 Uhr (nur McDonald’s schließt erst um 21.00 Uhr) kein Problem.
Es ist Spätnachmittag und die Sonne steht tief. Alle Straßen sind
verschattet. Da der Sjödal Torget auf der einen Seite von einem natürlichen Hügel begrenzt wird, liegt er in einem natürlichen Tal eingebettet. Viele Menschen beleben die Szene, vermehrt um die Feierabendheimkehrer, die von der J-Bahn her kommen und das Zentrum durchqueren müssen, bevor sie sich anschließend in den Grünräumen zwischen den Wohnblöcken verlieren. Die Enge der verkehrsfreien Straßen erhöht das Gefühl von dichter Menschenmenge. Schon eine Stunde
später, gegen 18.00 Uhr, ebbt der Strom merklich ab.
Marktverkäufer schieben auf Rollen montierte Blumenregale weg. Die
allmorgentliche Vorbereitung und allabendliche Schließung des offenen Marktes bringt so etwas wie einen Lebensrhythmus in den Platz.
Zeichen nicht vorgegebener Aneignung fallen mir nicht ins Auge.
Selbst in der hellen Gleisunterführung gibt es keine Grafitti-Spuren
oder ähnliches. Die Präsenz von Ausländern ist mir ebenfalls nicht
aufgefallen, wenngleich ich am Tisch bei McDonald’s Laute arabischer
Sprache vernehme, ohne einen der zwei Jugendlichen dem Augenschein nach für arabischer Herkunft zu halten. Das verblüfft mich etwas. Die allgemeine kleinstädtische Entspanntheit wird nur von Kinderrufen durchbrochen und vom Rattern der Räder der Marktkarren auf
dem Betonpflaster.
Abb. 95
Straße in Huddinge Centrum
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7. case study
Freitag, 9.6.2000, Vormittag und Nachmittag
Kista, Husby, Akalla
Abb. 96
Järvafältet (Blick Richtung Stockholm); links: Akalla-Kista, rechts: Rinkeby
Das Järva-Feld am Nordwestrand von Stockholm war die letzte große
Reservefläche an kommunalem Bauland. 1966 schon akquirierte die
Stockholmer Kommune hier 24 000 Hektar Land, das aber erst bebaut
werden konnte, nachdem 1970 die hier stationierten Militäreinheiten
abgezogen waren.
Das große Wohngebiet Kista ca. acht Kilometer in nordwestliche Richtung vom historischen Stadtkern Stockholms entfernt, ist mit 29 000
Menschen1 Teil eines der größten Neubaukomplexe der Stadt. Der
Verwaltungsbezirk Kista besteht aus drei Teilen, die sich in den Abschnitten Kista2 , Husby und Akalla hintereinanderreihen. Mit Akalla
endet die Stadt und es schließen die Hügel, Seen und Wälder des
Järva-Naturreservats an.
Kommt man mit der U-Bahn aus der Innenstadt nach „hier draußen“,
trennt ein breiter Grünstreifen Kista vom Stockholmer Stadtteil
Sundbyberg.
Sundbyberg gehört noch zum wohlhabenden Norden der Stockholmer
Stadterweiterungen mit vielen Ein- und Mehrfamilienhäusern. Dann läßt
die Tunnelbana Sundbyberg im wörtlichen Sinne mit einem Tunnel hinter sich. Sobald sie schlagartig ins Tageslicht tritt, sieht man für Momente nichts als saftig grüne Täler und Wälder ohne ein einziges Haus,
als flüge man über Land wie im Märchen. Und in der Tat ist es, als
käme man in eine andere Stadt: das Panorama der einheitlichen, wie
hingewürfelt verteilten Häuser Kistas, die moderaten Wohnblöcke
Husbys mit Fußgängerbrücken und die aufgereihten Hochhäuser
Akallas. Auch nach Norden und nach Süden ist Kista wie eine Insel
von den Nachbarbezirken durch breite Grünflächen isoliert.
Es kann kein planungspolitischer Zufall gewesen sein, gerade im Norden Großwohngebiete in einer derartig hermetischen Isolierung geplant zu haben, da gerade dort der Kontrast zwischen ärmeren und
wohlhabenderen Wohngegenden besonders groß zu erwarten war. Die
Entstehungszeit fällt zudem in das Europa der 1970er Jahre, in denen
auch Schweden nicht von Klassenkämpfen verschont blieb. Die eilig
hochgezogenen Wohngebäude fingen damals einen Teil der anhaltenden Zuwanderungswelle von Arbeitern nach Stockholm ab. Die städte-
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baulichen und architektonischen Mängel prädestinierten die Neubauten von Anfang an für untere sozialen Schichten. Man hatte mit möglichen sozialen Problemgebieten einer hohen Arbeiterkonzentration lieber auf Distanz zu gehen.
Zur Entstehungszeit lagen Kista und Akalla noch weit auseinander vermutlich ebenfalls aus Gründen der Sicherheit. Erst 1974 setzte man
das Quartier Husby dazwischen und aus den zwei kleinen Inseln wurde eine Megainsel. Fünf Kommunen arbeiteten bei der Planung zusammen: Stockholm, Solna, Sundbyberg, Sollentuna und Järva. Aufgrund der ungewöhnlichen Größe des Bauvorhabens auf 13 000 Hektar
Land ließen sich Folgen absehen, die bis in die Nachbarkommunen
hinein zu spüren sein würden. Die Planung sah in erster Linie Wohnungen vor, wenngleich sie im Järvatal gleichfalls Flächen für Gewerbe, Industrie, Wissenschaft und Erholung ausgewies3, die jedoch bis
auf das Kista-Technologiezentrum nicht in die Realität umgesetzt wurden.
Die entfernte Lage zur Stadt machte Kista gut kontrollierbar.
Das gesamte Quartier hängt am seidenen Faden der Tunnelbana mit
Akalla als Endhaltestelle. In der letzten U-Bahn-Station, die weit unter
Tage liegt und der Ästhetik eines Bergwerkes nahekommt, findet sich
in den Fußbodenplatten der Schriftzug eingelassen: „Remember, today
starts the rest of your life...“ Zynisch? Mit dem letzten Häuserblock
von Akalla scheint Stockholm in der Tat zu enden!
Die U-Bahn stellt das Hauptverkehrsmittel dar, mit dem das Stadtzentrum erreicht werden kann. Ergänzende Stadtbuslinien verkehren
nur horizontal zwischen den Quartieren Kista, Botkyrka und Vällingby
sowie zur Expansionslinie Stockholm-Sollentuna-Arlanda, aber nicht
zu verschiedenen Punkten des Stadtzentrums. Das enge Netz an Querverbindungen unter diesen peripheren Wohngebieten macht deutlich,
daß viele, die in Kista wohnen, auch in der Gegend arbeiten (denn
kaum denkbar, daß die Busse nur Shoppingshuttles sein sollten) und
auch, daß vergleichsweise wenige der Pendler über ein Einkommen
verfügen, welches ihnen gestattet, ein eigenes Auto zu unterhalten.
Es kann passieren, daß nie in Stockholm gewesen ist, wer hier wohnt.
Als sich das Einkommen der Familien in der Dekade der 1970er Jahre
gebessert hatte, zogen viele auf der Suche nach besseren Alternativen weg von hier. Wohnungen gerieten in Leerstand4. Die leeren Wohnungen von Husby und Akalla standen politischen Flüchtlingen zur
Verfügung, die Schweden in den 1970er Jahren bereit war auzufnehmen.
Kista
Mehrheitlich wohnen auf der Kista-Akalla-Linie Schweden heute nur
noch in Kista. Das zu erkennen ist allein an der städtebaulich-architektonischen Gestaltung nicht schwer: im Gegensatz zu den Gebäuden von Husby und Akalla sind die von Kista mit zwei bis fünf Stockwerken niedriggeschossig und deuten so etwas wie Dächer an. Ein
Hinweisschild weist den Weg zu einer Alten- und Rehabilitationswohnanlage.
Abb. 97
Das Quartier geht auf einen 1973 ausgelobten Wettbewerb5 für mehr
als 2500 Wohneinheiten zurück6 ;7. Der Wettbewerb machte deutlich,
daß man aus den Fehlern der umfeldlosen Großwohnblöcke vom benachbarten Rinkeby gelernt hatte, denn in Kista wurden drei Typen von
Häusern in Gruppen gemischt. Terrassiert staffeln sie sich hintereinander, um optische Dichte bei weniger tatsächlicher Bewohnerdichte
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Kista
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zu erzeugen. Der öffentliche Raum in Plätzen, Straßen, Höfen und
parkähnlichen Grünanlagen ist sowohl optisch wie auch im Grundriß
durch viele Vor- und Rücksprünge differenziert. 1977 wurde das Wohngebiet Kista von Königin und König eröffnet.
Von 1976 bis 1980 dauerten die Ausführungsarbeiten einer Planung
nach allen Regeln der Kunst moderner Stadtplanung an: Motorverkehr
wurde vom Fußgängerverkehr getrennt, der öffentliche Raum wurde
reich mit Sitzgruppen ausstattet, mit Spielplätzen, Unterständen für
Spielsachen und Fahrräder. In den Erdgeschossen der Wohnhäuser
befinden sich Waschküchen, Räume für Tagesschwestern, Hobbyräume und vereinzelt Büroräume. In der Nachbarschaft hatte der Plan die
Schaffung von Arbeitsstätten ausgewiesen. Für die „Kista arbetsplatsområde“ (schwedisch für Gewerbegebiet) legte die Plaungsabteilung
des Stadtplanungsamtes 1973 den Bebauungsplan vor, denn auch das
gehörte zum Lerneffekt von Tensta-Rinkeby, die als reine Wohngebiete entstanden waren. Das Kista-Gewerbegebiet liegt verkehrsgünstig
an der Ausfallstraße von Stockholm zum Arlanda Airport.
Abb. 98
Kista galleria
Abb. 99
Kista Torg
Heute befindet sich hier eines der größten Technologiezentrum der
Stadt8 - das schwedische Silicon Valley mit Niederlassungen von IBM,
Hewlet Packard und Ericsson9. Der beabsichtigte Effekt, Arbeitsstätten und Wohnungen eng zusammenzulegen, wurde allerdings schnell
zur Illusion, da dauerhafte Arbeitseinstellungen der Bewohner vor Ort
immer seltener wurden.
Das Wohngebiet erhielt eine große Mitte - den „Kista Torg“. Der Torg
ist ein weitläufiger, rechteckiger Platz, der schräg in Richtung U-BahnEingang abfällt. Er verbreitet ein Gefühl von Leere, denn zu keiner Jahres-, Tag- oder Nachtzeit könnten ihn die Bewohner je füllen. Das eigentliche kommerzielle Zentrum befindet sich zudem witterungsunabhängig in einem verzweigten Passagensystem, dem der Torg zum
Anhängsel geworden ist. Die Geschäfte in den Passagen führen Artikel, die auf eine schwedische Kundschaft ausgerichtet sind. Immigranten erspähe ich nur als Kellner eines der Cafés und als Reinigungspersonal.
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Husby und Akalla
In dieser Fallstudie wird das Integrationsmodell kritisch beleuchtet.
Vorweg jedoch dies: Wie ich in einer Ausstellung im Stadtmuseum
Videointerwievs entnehmen konnte, fühlen sich die Zuwanderer in den
Großsiedlungen am Stadtrand von Stockholm nicht unwohl10. Je nach
Länge ihres Aufenthalts verwurzeln sie mit ihrem Quartier, in welchem
sie ihren neuen Lebensmittelpunkt konstruieren. Eine Trauer etwa darüber, keinen Zugang zur schwedischen Gesellschaft zu finden, habe
ich in den Interviews niemanden äußern hören.
In Husby, und Akalla mit ihren 10-geschossigen Wohnhochhäusern
leben heute nur noch nur einige ältere Schwedinnen und Schweden.
Als das Land in den 1970er Jahren politische Flüchtlinge aufnahm,
waren 1978 Flüchtlinge aus Chile die ersten, die im benachbarten
Tensta11 angesiedelt wurden. Iranisch Flüchtlinge vor dem fanatischen
Ayatollah-Regime kamen in Schüben 1980, 1982 und 1984. Die meisten von ihnen landeten in Husby. Bis 1986 war Husby von schwedi-
Abb. 100
Abb. 101
Husby Centrum
Abb. 102
Plakatwand in Husby
Husby Centrum
schen Migranten bewohnt12. Dann kippte das Einwohnerverhältnis zugunsten der Einwanderer um.
Der Anteil der Ausländer an der Bewohnerschaft Husbys liegt bei 61%13.
Junge schwedische Leute oder gar Familien findet man hier nur noch
sehr wenige, trotzdem sich der unmittelbare Wohnstandard und der
allgemeine Pflegezustand des öffentlichen Wohnumfeldes in den vergangenen Jahren entscheidend verbessert hat. Wohl aber findet man
Alte. Der Stadtrat investierte 1995 besonders in armen Bezirken mit
mehr als 100 000 Einwohnern, die alle ähnliche Mißstände aufwiesen.
500 Millionen Schwedische Kronen (SEK) wurden auf 13 Wohngebiete verteilt. 120 Millionen SEK entfielen allein an die sehr aktive Gemeinde von Husby.
An die Investition war die Verpflichtung zur demokratischen Einbeziehung der Bewohner in Wohngebietsfragen geknüpft. Die Bewohner
sollten dazu angehalten werden, über die Art der Investitionen zu diskutieren und eigenverantwortlich Entscheidungen herbeizuführen. Zur
ersten Einwohnerversammlung 1995 in Husby erschienen kaum 30
Interessierte. Dann stieg die Ziffer von Mal zu Mal. 1996 / 96 wurde das
von den Einwohnern viel diskutierte Badehaus eingeweiht. Darüber hinaus wurden die Pausenhöfe der Schulen verbessert, Sporteinrichtungen
geschaffen und die Gestaltung eines Parks in Angriff genommen 14.
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Abb. 103
U-Bahn-Station in Akalla
Abb. 104
Sibeliusgången in Akalla
Die Wohnungen in Husby weisen einen guten Standard auf und sind
sogar teuer. Es ist nur schwer an sie heranzukommen. Im Schnitt
bezahlt eine Mietpartei 3500 SEK. Kaum stehen Wohnungen leer. In
den älteren Häusern des sogenannten Nobelwohnquartiers Östermalm
zum Vergleich kann es dagegen passieren, daß die Mieten billiger
sind als in Husby, nur daß man da ranzukommen eine noch geringere
Chance hat, denn der Wohnungsmarkt in Citylage wird überwiegend
auf informellem Wege oder über teure Immobilienagenturen abgewikkelt. Informelle Wege bestehen in Husby nicht, denn hier zählen nur
offizielle Anträge und man wartet. Das Gerücht, aufgrund des gestiegenen Standards würden neuerdings Anzeichen einer schwedischen
Rückzugswelle in diese Quartiere bestehen, wird von meinem Gesprächspartner Mohammed Derakhshan, Projektleiter in Husby, nicht
bestätigt. Dafür befände man sich hier einfach zu umfeldlos weit draußen und wäre die Ausländerkonzentration den meisten Schweden zu
unerträglich hoch, so Derakhshan.
Orientalische Lebensmittelgeschäfte und andere von Ausländern geführte Geschäfte, Marktstände, Cafés, Restaurants, Falafel- und KebabImbißstuben sind in Husby Centrum nicht die Ausnahme, sondern die
Regel. Selbst der nicht fehlen dürfende ICA-Supermarkt hat sein Angebot angepaßt: er führt in PVC-Tüten abgepackten Reis, Kardamom
und arabisch beschriftete Dosenprodukte. Die Passanten schätze ich
zu mindestens 90% auf nicht schwedischer Herkunft. Frauen tragen
Kopftücher oder lange Soutanen, die nur das Antlitz frei lassen. Männer haben mehrheitlich dunklen Teint. Unter ihnen befinden sich viele
Afrikaner.
Die sympathische Situation von Husby Centrum gehört Jugendlichen
im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Von Aggression oder Konfrontation keine Spur, nur die Hautfarben und die auffallenden Gewänder
sind bunter als anderswo in Stockholm. Obgleich die Anzahl der Menschen, die vormittags über das Wohngebietszentrum bevölkern, konstant hoch ist, herrscht kein Gedränge. Kinder schieben Fahrräder
(nie sehe ich Inlineskater), Frauen ziehen Einkaufs- oder schieben
Kinderwagen. Auch sehe ich keine Polizisten, wie übrigens in ganz
Stockholm sehr selten.
Beschäftigungsverhältnisse
Abb. 105
Im Wohngebiet von Akalla
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Im Verhältnis von Akalla / Husby zu Kista wiederholt sich in lokalem
Maßstab, was auch für das Verhältnis zwischen Peripherie und Zentrum im Maßstab der gesamten Metropole gilt: In Akalla lag 1997 die
Beschäftigungsrate der Einwohner im arbeitsfähigen Alter (zwischen
20 und 64 Jahren und Männer + Frauen zusammen) bei ca. 63%, in
Husby dagegen nur bei 49,5% der Männer und 43% der Frauen. Von
den Bewohnern Kistas dagegen arbeiteten 76,3% der Männer und 73,2%
der Frauen 15.
Der überwiegende Anteil der Bewohner von Akalla und Husby mit ausländischem Familienhintergrund arbeitet vor Ort oder pendelt in die
Nachbargebiete. Ihre Jobs siedeln sich hauptsächlich in den Branchen Handel und Verkehr (ÖPNV, Taxis) an, gefolgt von der Güterproduktion und dem Finanzwesen16 . Die berufstätigen Frauen, die in
Husby wohnen, arbeiten in erster Linie im Gesundheits- und Pflegedienst und an zweiter Stelle im Handel und in Verkehrseinrichtungen.
Weit zurück in den Zahlen liegen bei beiden Geschlechtern Beschäftigungen in der Ausbildung und bei Personaldienstleistungen. Das Durchschnittseinkommen in der Altersspanne lag 1997 in Akalla bei 174 200
SEK und in Husby bei 138 000 SEK.
Wer hingegen in Kista wohnt (Männer und Frauen gleichermaßen), ist
in der Regel in gut bezahlten Anstellungsverhältnissen der Produktion
tätig, im Bereich Handel / Kommunikation und im Finanzwesen. Das
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Durchschnittseinkommen liegt dort bei 207 400 SEK. Aber auch in
Kista liegt die Anzahl von Beschäftigungsverhältnissen in der Ausbildung, dem Gesunheits- und Pflegedienst (mehr Frauen natürlich) und
bei Personaldienstleistungen weit zurück 17.
Auf Arbeitsuche machen Zuwanderer oft die Erfahrung, daß ihre Berufsqualifikation eine weitaus geringere Rolle spielt als die Tatsache, einen ausländischen Familienhintergrund zu besitzen. Dabei kann es
durchaus zutreffen, daß sie eine ganz normale, ja zum Teil hoch qualifizierte Berufsausbildung und -erfahrung mitbringen. Aber davon unabhängig; alles was Ausländern und Immigranten im Stadtzentrum(!)
zur Verfügung steht, sind Jobs der niedrigen Kategorie in der Dienstleistung o.ä. Das Stadtzentrums ist in diesem Sinne rassistisch.
Man kann diese These ganz praktisch am Pendelverkehr studieren.
Die meisten Bewohner, die Akalla und Husby morgens in Richtung
Stadtzentrum verlassen, sind als Reinigungskräfte, in Hotels, Restaurants, an Kiosken, als Köche, Taxi- und Busfahrer oder als Fahrkartenverkäufer in der Metro tätig. Diese schlechter bezahlten Jobs beginnen
eine Stunde früher (Arbeitsbeginn 7.00 Uhr) als die übrigen (8.00 Uhr).
Steht man zwischen sieben und acht Uhr auf dem U-Bahnhof von Kista,
bewegt sich vor 7.00 Uhr ein Strom von Nichtschweden in das Stadtzentrum; eine Stunde später kommen hier in Kista schwedische Bürger aus der Gegenrichtung auf dem Weg zur Arbeit in das Kista-Technologiezentrum eingependelt.
Die Chancen für diejenigen Einwohner Stockholms, die einer anderen
als der schwedischen Ethnie zugehören, ihre Aussichten also einer
normalen, dem schwedischen Durchschnitt nahekommenden Berufsausübung entsprechend der Qualifikation nachzugehen, stehen in der
Peripherie günstiger als im Zentrum! Der überwiegende Teil derer, die
zwecks Arbeit in der nahen Umgebung von Akalla und Husby verbleiben, übt zwar in Schnitt immer noch niedriger bezahlte Jobs als schwedische Mitbürger aus, fügt sich aber eher in den Rahmen durchschnittlicher und angemessener Arbeitsverhältnisse ein.
Während also das Stadtzentrum nicht nur nach Bewohner-, sondern
auch nach Berufsgruppen segregiert ist, haben sich in der Peripherie
teilweise Verhältnisse etabliert, welche Einwanderern und ihren Familien eine stärkere Chancengleichheit auf beruflicher Ebene und (in dieser Hinsicht) Lebensnormalität gestatten. Integration zugewanderter
Bürger in die etablierte schwedische Gesellschaft hingegen bedeutet
in der Praxis oft, sich dauerhaft mit Zweitklassigkeit und Diskrimination zu frieden geben zu müssen.
Abb. 106
In Husby
Integrationspolitik
Von Husby Centrum führen Wegeverbindungen verkehrsfrei in die
Wohnbereiche, denn befahrbare Straßen liegen auf einem tieferen
Geländeniveau. Manchmal verstehen Bewohner diese streng separierte Benutzungsplanung des öffentlichen Raums nicht und ziehen Trampelpfade über Rasenstücke anstatt sich an die vorgeschriebenen rechtwinkligen Wege zu halten. Für andere ist es schwer einzusehen, wieso man nicht mit dem eigenen Auto (wenn man schon eins besitzt) vor
die Haustür fahren dürfe, um die Einkäufe auszuladen. Zuweilen geraten sie daraufhin in Konflikt mit Ordnungskräften.
Mein Interviewpartner Mohammed Derakhshan, der für Fragen des
Wohngebietes Husby zuständig ist, gibt zu bedenken: man müsse
sich vorstellen, daß einige Neue aus unvorstellbar armen Regionen
hierher nach Stockholm-Husby kommen, wo sie geradezu mit dem
hohen Lebens- und Regelstandard überschüttet werden. Anweisungen, die ihnen nicht zuletzt der rationale Städteau diktiert, überfordern
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sie im ersten Moment. Wenn der Eingewöhnungsprozess dann fortgeschritten ist und die Neuankömmlinge zu mehr Selbstbewußtsein
gelangen, opponieren sie gegen einige Regeln, die sie nicht bereit
sind zu akzeptieren. Das sei ganz normal.
M.Derakhshan bemüht sich um direkte Demokratie, in der jeder einzelne als Individuum dasteht. Aber die schwedische Demokratie, so
sagt er, sei eine repräsentative: sie denke in Kollektiven! Wenn die
schwedischen Politiker Immigranten nicht ethnischen Gruppen zuordnen können, können sie nicht kommunizieren. Das widerspricht dem
Alltagsleben von Husby und Akalla, denn ethnische Zugehörigkeiten
sind hier so gut wie irrelevant. Jeder kann hier mit jedem sprechen.
Wenn Probleme auftauchen, sind diese meist persönlicher Natur und
knüpfen sich nicht an Herkunft, Konfession und Hautfarbe. Nur die
Afrikaner, so Derakhshan, verstecken sich manchmal hinter ihrer
schwarzen Farbe. Bisweilen gingen sie Konflikten aus dem Weg, indem sie verbale Angriffe mit den Worten abwehren: „He doesn’t like
us, because we are black.“
Verständigungsschwierigkeiten offenbaren sich, wenn es zu offiziellen
Begegnungen zwischen Poltitikerdelegationen und Einwohnerversammlungen kommt. Ein Beispiel: Mit den Stadtpolitikern über das
Schicksal des Husby-Treffs zu beraten, unterlagen die Versammlungsteilnehmer dem Zwang, Gruppen zu bilden, damit sie sich aus der
Gruppe heraus artikulieren konnten. Es wurden so sieben ethnische
Gruppen gebildet. Im Protokoll standen dann Name und Herkunftsland
der jeweiligen Sprecher, wonach die Beiträge sondiert wurden. Darum
muß diese Gruppendenken verschwinden, sagt Derakhshan, jeder muß
sich als autonome, gleichwertige Persönlichkeit einbringen können das bedeute direkte Demokratie. Es müssen die Schranken fallen, die
das System aufrechterhält. Das geht los, bei der Erreichbarkeit von
Derakhshans Person im Büro für Wohn-gebietsfragen, zu dem man
verschlossenen Türen und die Wache passieren müsse.
1
Zahl von 1999, USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
Achtung bei den Namen: Der gesamte Komplex als Verwaltungsbezirk nennt sich
Kista. Das ist die „große Megainsel“ des nördlichen Järvafältet. Als solche besteht
sie aus dem namensidentischen Teil Kista sowie Husby und Akalla.
3
Stockholms Stadsbyggnadskontor: „Stockholm“, S.15
4
Als erstrebenswerteste Alternative galt damals aber nicht die Stadt, sondern das
weitere Umland. In den 1980er Jahren griff eine allgemeine Welle der Stadtflucht
um sich. Stieg bis Ende der 1960er Jahre die Bevölkerungszahl im innenstadtnahen
Bereich Stockholms jährlich um 15-20 000 Einwohner an, sank sie in den 70er
Jahren ab4. Die erworbenen Land- und Wochenendhäuser im Umfeld der Stadt
mutierten schubweise zu permanenten Wohnsitzen4.
5
von Höjer & Ljungquist Arkitektenkontor gewonnen
6
G.Lundahl: „Recent Developments in Swedish Architecture“, S.36
7
O.Hultin u.a.: „Architecture in Stockholm“, S.252
8
http://www.kista-centrum.se
9
O.Hultin u.a.: „Architecture in Stockholm“, S.248
10
Ausstellung „Miljonprogram i Stockholm“, Stockholms Stadsmuseum, Juni 2000
11
auf der Rinkeby-Hjulsta-Linie, siehe 8. case study
12
Interview mit Mohammed Derakhshan, Projektleiter in Husby, geführt am 9.6.2000
13
Zahl von 1999, USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
14
Stand Juli 2000; alle Angaben von M.Derakhshan
15
USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
16
siehe konkrete Zahlen in der Statistik des USK Utredningsstatistikkontor,
http://www.usk.stockholm.se
17
ebda.
2
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8. case study
Samstag, 9.6.2000, Nachmittag
Rinkeby, Tenesta
Abb. 107
Rinkeby und Tensta, 1981
Nach Süden grenzt das Järvafeltet Kista von zwei weiteren großen
Wohngebieten ab: Rinkeby und Spånga-Tensta - geplant für 30 000
Einwohner mit 4500 Arbeitsplätzen1. Die Planungsprämissen waren
hier ganz ähnlich wie bei Kista-Husby-Akalla: die drei Stadtteile - Rinkeby, Tensta und Hjulsta - liegen an der Trasse der Tunnelbana hintereinander wie Perlen auf einer Kette. Die Quartiere beruhen auf einer
Masterplanung aus dem Jahr 1964 und wurden innerhalb des 1-Millionen-Programms zwischen 1967 und 1973 gebaut. Sie sind gleichfalls
nach allen Richtungen von den Nachbarbebauungen abgeschnitten.
Der gute innere Standard der Wohnungen und der U-Bahn-Anschluß
können nicht über die isolierte Lage des Wohngebietes hinwegtäuschen. Obwohl man mit der U-Bahn nur 15 Minuten bis zum Zentrum
benötigt, liegt es im Stockholmer Kontext am Ende der Welt. Ein Grüngürtel mit Schnellstraßen umgibt es in alle Richtungen. Hinter den
letzten Häuserzeilen von Hjulsta mit nur drei bis maximal sechs Geschossen, den Erdgeschoßwohnungen vorgelagerten Gärten, Terrassen und Laubengängen in den Obergeschossen erstreckt sich ein Tal
mit Kleingärten in der flirrenden Sonne. In der Ferne begrenzt ein Gewerbe- und Dienstleistungscenter die Kulisse.
Abb. 108
Das Ende von Hjulsta
Aus Richtung Innenstadt kommend, hält die Metro zuerst in Rinkeby.
Der U-Bahn-Anschluß wurde erst zehn Jahre nach der Fertigstellung
der Quartiere hier rausgelegt.
Die drei Stadtteilzentren dünnen sich eins nach dem anderen schrittweise aus: In Rinkeby gibt es noch einen Platz, den „Rinkeby Torg“
und in Tensta noch eine Passage, die 1970 - drei Jahre nachdem die
ersten Bewohner hier eingezogen waren - eröffnet wurde. Bis auf einen
Supermarkt und einen Zeitungs- und Zigarettenkiosk direkt am U-Bahnhof finden sich dann in Hjulsta keine Einkaufseinrichtungen mehr. Die
Bewohner von Hjulsta sind gezwungen, zu Einkäufen entweder eine
Station nach Tensta oder zwei nach Rinkeby vorzufahren.
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Rinkeby
Rinkeby ist in Stockholm als Ghetto stigmatisiert, in dem nur Immigranten wohnen. Die Einwohnerschaft von Rinkeby setzt sich zu einem Großteil aus ärmeren Immigrantenschichten zusammen - vor-
Abb. 109
Abb. 110
Auf dem Rinkeby Torg
wiegend ex-Jugoslawen, Nordafrikaner und Irakener2. In Rinkeby werden über einhundert verschiedene Sprachen gesprochen. 99% der
Schulkinder haben eine andere als die schwedische zur Muttersprache3. Mit 5000 in den 1960er Jahren gebauten Wohnungen
und 13 500 Einwohnern gehört Rinkeby zu den problematischsten
Großwohngebieten von Stockholm.
Auf der anderen Seite dieser problematischen Sicht auf Rinkeby verbirgt sich aber auch ein großes Potential multiethnischen Zusammenlebens. Besonders Jugendliche haben daran Anteil, mit kulturellen Aktivitäten den Stadtteil aus den Negativschlagzeilen der Tagespresse
herauszuholen. Nur in Rinkeby gibt es nämlich die Samba School for
Experimental Music and Theater und das Rinkeby Youth Center, in
dem vor allen Hiphop gepflegt wird. In der Volkshalle findet jährlich das
nationale Poesie-Festival statt. Wie die Soziologin Eva Örebrö wertet,
übernimmt gerade die Theater- und Musikbewegung ähnlich wie in den
1968er Jahren eine wichtige Funktion im Kampf gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit in der Gesellschaft 4.
Rinkeby Torg
Seit einer Stunde sitze ich am Tisch eines Kebab-Lokals am Kopfende des Rinkeby Torgs. Vor mir hat ein Gemüsehändler Kisten und
Kartons mit in der Hitze ermüdeten Kohlköpfen unter ein Schirmdach
gestapelt. Das Dachgestell ist fest im Boden verankert. Am Samstagvormittag sind zahlreiche Menschen unterwegs um einzukaufen, aber
nicht nur: sie sitzen auf Bänken, Männer gehen schlendernd nebeneinander her und erzählen, lachen, Zigaretten aus Packungen ziehend,
stehen einfach nur herum und stützen ihre Ellenbogen auf die Deckel
hoher Abfalltonnen. Sie rauchen im Schatten der Trauerweiden, die
ein dem Platz einbeschriebenes Rechteck markieren. Korpulente Frauen schieben Kinderwagen und tragen Einkaufskörbe.
Mir kommt es vor, als begännen sich Situationen zu wiederholen. Und
doch ist Rinkeby um Nuancen anders als Husby zum Beispiel - nicht
nur die räumliche Situation! Der Torg ist ein rechteckiger Platz, dem
die Sorge der Planer nur das allernotwendigste Maß an Gestaltung
angedeihen ließ.
Die Peripherie ist horizontal! Der Platz wird von 2-geschossigen Ge116
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schäftsgebäuden umgeben, die Mühe haben, ihn zu fassen. An den
Längsseiten des Platzes sind Vordächer an die Fassaden geschraubt.
Sie verschatten die Schaufenster und sollen Passanten bei Regen
Schutz bieten. Aber auch sie helfen nicht, den Platz besser zu artikulieren.
Die Baumkronen überragen die Gebäude. Mit nur dünnen Lanzettblättern
(der Weiden) belaubt, besitzen sie ebenfalls keine Kraft, den Rinkeby
Torg zu charakterisieren, denn dazu ist ihr Grün zu blaß und zu spärlich. Die langen Aststrähnen schwenken in den Windböen hin und her
wie Quallententakel im blau-weißen Himmelsmeer vorüberziehender
Wolken.
Das Publikums ist gemischt auf dem Torg. Die einzige Ethnie, die
stark unterrepräsentiert ist, ist die schwedische. Eine ältere Lady kann
ich nicht zuordnen, denn sie sieht aus wie eine Britin: weiße Sportschuhe, rosafarbene Hose, grellbuntes T-Shirt, beige Lederhandtasche
unter dem angewinkelten Arm, neonvioletter Lippenstift im künstlich
gebräunten Gesicht, weiße Haare und goldfarbene, lange Kettenschlaufen, die ihr um den Hals baumeln. Sie kommt hastig aus der Tür
der U-Bahn-Haltestelle und geht, ohne sich um den Markt zu kümmern, in Richtung der Wohnblöcke ab.
Beim Anblick der farbigen Menschen unter den zwei wehenden Zeltdächern der Marktstände drängt sich mir das Bild improvisierter Handelsplätzen in der Wüste auf. Ich ermahne mich, mir Stockholm vorzustellen. Das ist nicht einfach! Der Brunnen in der Mitte des Platzes
versprüht sein Wasser, als zelebriere er den Existenzgrund dieser Oase.
Wasser kommt mir wie Verschwendung vor. Die Frauen am Marktstand haben ihre Taschen auf den Boden gestellt. Mit vor den Mund
gehaltenem Taschentuch beugen sie sich über die Früchte und die
Obstkisten des Händlers. Spielerisch zucken die staubigen Frühlingswinde an ihren Umhängen und Kopftüchern. Ich erinnere mich an die
surrealistischen Bilder Dalís, in denen langbeinige Phantasiegestalten
über Dünen staksen und Uhren zerfließen. War das auch die Assoziation der Planer?
Nicht das Wasser des Brunnens bildet den fliegenden Teppich, auf
dem die Oase schwebt, sondern das beständige Gemurmel der in
Gruppen zusammenstehenden Männer. Die dunklhäutigen Männer
mögen um die vierzig Jahre sein. Sie haben schwarzes, mit Pomade
nach hinten gelegtes Haar, Rastalocken oder Glatze und tragen goldgefaßte Sonnenbrillen in Tropfenform. Diese Männer sind die eindeutigen Bestimmer der Szene, auch wenn ihnen die Lässigkeit, mit der
sie schlaksige Handbewegungen hervorzaubern, jede Ernsthaftigkeit,
wer weiß was zu bestimmen, abspricht. Mir geht auf, warum sie die
Szene beherrschen: ihre Körper stecken fest wie Pflöcke im Rinkeby
Torg, während sie die Wellenbewegungen der anderen Menschen, der
Frauen, Jugendlichen und des Windes mit leisem Klatschen umspülen.
Unmittelbar vor dem Gartenzaun der Kebab-Terrasse schneidet ein
breiter Weg den Platz. In den am Weg liegenden Erdgeschossen der
Gebäude haben sich außerhalb der Planvorsehung Kleider- und
Schmuckgeschäfte nahöstlichen Modegeschmacks eingenistet und
ihre Waren auf Tischen ausgebreitet, als hätten sie sich auf die Fahnen geschrieben, gegen die strenge Regelmäßigkeit der Monotonie
zu opponieren. Ein Second-hand-Händler gar hat seine Güter in einer
geschützten Ecke auf den nackten Boden gelegt und wirbt die Vorbeigehenden doch stehenzubleiben und zu schauen. Unter Kleidern, Bügeleisen, Kaffeekannen aus Blech und Lederjacken befindet sich ein
Computermonitor, dem ich glatt jedes Vertrauen in seine Fuktionstüchtigkeit entziehe.
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Tensta
Es ist früher Samstagnachmittag. Hinter der kleinen Passage mit Glasdach, die im „Tensta Centrum“ den kommerziellen Bereich der Straße
- von Platz kann hier nicht die Rede sein - mit den grünen Flieder-
Abb. 111
Abb. 112
Plakatwand in Tensta
Tensta Centrum
hügeln auf der Seite des rückwärtigen Ausgangs der Passage verbindet, überrascht mich eine Woodstockszene: eine Gruppe älterer Frauen und Männer mit weißen Haaren sitzt auf dem Rasenstück vor dem
Flieder, dessen Tausende Blüten in prallen, leuchtenden Trauben prangen. Ausländer sind hier nur Passanten, denn die schwedische Gesellschaft auf dem Rasen ist unter sich.
Alle sind sie betrunken. Jede Frau und jeder Mann hält eine Bierbüchse
in der Hand. Eine Frau kollert auf dem Rasen herum und lallt. Überhaupt höre ich nur die schrillen Frauenstimmen, denn die tiefere Tonlage der Männer wird vom Rauschen der Bäume verschluckt. Es dringen
Schnitte von Flaschenklirren durch. In der Passage habe ich auch die
Quelle des Übels entdeckt: einen „Systembolaget5 “.
Einer der Männer hat eine Gitarre. Wenn seine Rechte in die Saiten
haut, wirft er seinen Kopf mit übertriebener Geste zurück. Seine Hand
bewegt sich energisch auf und ab. Die Expressivität der Geste steht in
schroffem Gegensatz zur Gedämpftheit der Akkorde, die er in der Lage
ist, der Gitarre zu entlocken. Das gekrächzt gelallte Wutschwedisch,
wie es der Wind zu mir trägt (ich sitze in einiger Entfernung), erheitert
mich. Ich wundere mich, daß mir betrunkenes deutsch und betrunkenes schwedisch ähnlicher als die nüchternen Sprachen vorkommen.
Ich frage mich, was wohl der bärtige Mulatte denken mag, der steif auf
seinem Fahrrad sitzt und langsam an dem Gelage der Alten vorbeifährt? Er hat nur eine Hand für den Lenker frei; die Rechte wird von
einer Tragetüte nach unten gezogen. Er läßt seinen irgendwie verständigen Blick für Momente nicht ab von den Damen und Herren im Flieder.
Als ich gegen 15.00 Uhr auf den Rinkeby Torg zurückkehre, sitzen drei
farbige Mädchen und ein Junge einer Musikgruppe unter dem niedrigen Vordach des Supermarktes auf dem Rinkeby Torg. Einige Passanten nehmen schon mal Aufstellung um zuzuhören, falls die Musik
losgeht. Ich warte. Nichts passiert. Ein Mädchen schlägt auf die Membran einer hohen, afrikanischen Trommel und entlockt ihr wie beiläufig
Klangrhythmen, die das Treiben und mich davontragen.
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1
K.Åström: „City Planning in Sweden“, S.109
E.Glässer (Hrsg.) u.a.: „Nordeuropa“, S.243
3
Eva Öresjö: „Neighbourhood Integration and Mobilization“, in: C.G.Guinchard (Hrsg.):
„Swedish Planning“, S.45
4
ebda., S.45
5
schwedisches Alkoholgeschäft mit Getränken über 3,5 Vol.%
2
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9. case study
Samstag, 24.6.2000, Abend
Midsummar Latino
Abb. 113
Abb. 114
Festwiese
Abb. 115
Jahrmarkt
Salsa
Heute ist Mitsommer.
Mitsommer gehört zu den wichtigsten Nationalfesten Schwedens. Ich
verbrachte zwei Tage mit provozierten Zufallsbekannten in der Nähe
von Värmdö und kam gegen Abend nach Stockholm zurück - rechtzeitig, um einem Plakat zu folgen, das einen „Midsommar Latino“ im
Eggeby gård, ankündigte. Da ich nicht genau wußte, wo sich der
Eggeby gård befindet, fuhr ich bis zur U-Bahn-Haltestelle Rinkeby und
stieg aus. Von hier folge ich einfach den Menschen-massen, die alle
nur das eine Ziel zu haben scheinen. Ich nehme an, daß es auch mein
Ziel sei und liege natürlich richtig.
Der Troß arbeitet sich in kleinen Gruppen vorwärts. Man plaudert miteinander, lacht hin und wieder und schlendert eher als daß man zielstrebig ginge, denn heute ist Festtag. Der Weg führt durch die Grünanlagen zwischen den Wohnblöcken zuerst von Rinkeby, dann von Tensta.
Es ist eine weite Strecke. Die Nacht ist dem Ereignis wohlgesonnen:
mild, warm, hellblau. Es ist noch nicht sehr spät - 21.00 Uhr. Vögel
zwitschern wie nach Regen und die Straßenlaternen tauchen den Asphalt der Wege in tiefes Schwarz. Dann nehmen wir den letzten Hügel
und vor uns breitet sich hügelab ein weites Kornfeld aus. Gegen den
Abendhimmel erkenne ich weiter hinten die Silhouette einer Hochstraße und darunter die Lichter auf der Festwiese. Am rechten Ende glänzen die Lichter einer Bühne.
Die Menschen, die ich begleite, zerstreuen sich beim Heruntergehen
des Hügels über das Feld. Unten werden sie aufgefangen von einer
unbefestigten Straße, auf der viele Autos parken. Bis zur Festwiese
müssen wir einen schmalen, geraden Feldweg nehmen, auf dem sich
die Menschen drängen. Staub steigt auf. Da ausnahmslos alle, die ich
sehe, nicht nach gebürtigen Schwedinnen und Schweden aussehen,
entsteht ein Bild von Afrika, das ich aus Fernsehdokumentationen
kenne: Flüchtlingskolonnen quälen sich über die staubigen Weg der
Savanne... Am Horizont die einsamen Wohnblöcke der Stadt. Als wir
die Hochstraße unterqueren, fällt von da hoch oben der leise summende Faden von Fahrgeräuschen herab. Wenn die Reifen die Stoßkanten
der Fahrbahn überrollen, hämmern sie im Doppelrhythmus. Von hier
unten kann man die Autos nur hören, bis auf die Lichtkegel von Scheinwerfern, die an den Leitplanken reflektiert werden, nicht aber sehen.
Wie könnte es auch anders sein?: sämtliche Jahrmarktsbuden auf der
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Festwiese sind in nicht-schwedischer Hand. Ich denke: Die Jahrmarktsbuden passen genau zu dem lebendigen, freundlichen Bild der
gesamten Szene. Sie wirken ärmlich und improvisiert und sind spärlich mit bunten Glühlampen beleuchtet. Vor der sehr sparsamen Dekoration werden die einschlägigen Jahrmarkt-Klassiker offeriert:
Büchsenwerfen, Luftballonschießen mit Dartpfeilen, Hau-den-Lukas in
Miniformat, eine Losbude, Stände mit Zuckerwatte, kandierten Nüssen und anderen Süßigkeiten, Modeschmuck und Tüchern aus Kunstseide, CDs und Kassetten mit arabischer Musik, Einrichtungsgegenstände wie Wohnzimmerlampen und Blumenbänke auf spillrigen Holzfüßen, Fernsehlampen mit Wasserfällen und knallbuntes, in
PVC-Verpackungen eingeschweißtes Kinderspielzeug aus Plast. Auf
einem Karussell mit blauen Elefanten und grünen Bären kann man im
Zeitlupentempo Runden reiten. Das Karussell dreht sich in einer Art
Mikrokosmos aus leiernder Musik vom Tonband und blinkenden
Glühlämpchen, die es zum hellsten Objekt der gesamten Szene machen.
Vor der einzigen Bierschenke sammelt sich die längste Schlange und
ich muß ewig warten, bis ich endlich an der Reihe bin. Um mich herum
sitzen manche auf mitgebrachten Campingstühlen und Kissen. Die
Improvisiertheit der Szene üben auf mich eine belebende Wirkung aus.
Die ungekünstelte Atmosphäre hat etwas spontan Menschliches und
löst in mir ein Gefühl von Zärtlichkeit aus. Ich werde mir plötzlich bewußt, daß ich eine solche Atmosphäre in ganz Stockholm bis jetzt
vermißte. In der Warteschlange hinter mir spricht eine Gruppe spanisch. Die Frauen (vielleicht Mutter und Tochter) reden miteinander
ohne Luft zu holen und lachen aus dem Redefluß heraus. Der Mann
steht irgendwie mißgelaunt daneben und schweigt. Die Frauen machen Witze über ihn und fangen an, ihn zu sticheln bis ihm Anflüge von
Lächeln entwischen. Vor mir hat sich ein großer Afrikaner eingereiht.
Er trägt ein Sportshirt, dessen große, blau glitzernde Acht auf dem
Rücken dicht vor meinen Augen steht. Er trägt eine Goldkette und
eine Base-ballmütze mit nach hinten gedrehtem Schirm.
Ich stelle mich dicht an die Konzertbühne, wie ich es üblicherweise
bei Konzerten zu tun pflege. Tausende Menschen verschiedener Nationalitäten umgeben mich. Keine Schweden zu sehen - außer mir...
Obwohl ich niemanden kenne, kommt es mir vor, als sei es mein schwedisches Aussehen, dem freundliche Blicke gelten, als ich mit dem
Fotoapparat die Musikband und das Publikum fotografiere. Die Stimmung gefällt mir und die guter Laune überträgt sich leicht. Der spanische Showmaster auf der Bühne versucht die Stimmung immer wieder
anzuheizen und geht nacheinander die lateinamerikanischen Geburtsländer der Zuhörerinnen und Zuhörer durch. Nach der Lautstärke der
Rufe aus dem Publikum zu urteilen, ist Chile am stärksten vertreten.
Gleich danach kommt Peru.
Ich frage mich, warum sich die Stockholmer dieses stimmungsvolle,
emotionale Fest mit lateinamerikanischer Musik vor ihrer eigenen Haustür so leicht entgehen lassen? Der Mitsommertradition folgend, vermute ich, daß die meisten die Stadt verlassen haben und auf ihre Sommerhäuser aufs Land gefahren sind. Wie langweilig! Zur Salsa hingegen, mit der die kubanische Band aufwartet, wird getanzt! Apropos,
auch die Schweden tanzen und singen in der Mitsommernacht - freilich ihre eigenen Lieder...
Abb. 116
Als gegen Mitternacht das Konzert vorüber ist, setzt der Rückstrom
über den Getreideacker in Richtung der Silhouette von Tensta ein. Ein
Mann trägt eine riesige Tüte mit leeren Büchsen. Haupt- oder Nebenverdienst? Neben ihm schiebt seine Frau einen Kinderwagen und hält
ein anderes Kind am Arm. Und über allem leuchtet die Nacht.
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10. case study
Dienstag, 21.6.2000, Abend
Skärholmen
Abb. 117
Abb. 118
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Skärholmen, 1968
Skärholmstorget, 2000
Skärholmstorget mit Aufgang zum Wohnbereich
Ich sitze auf dem „Skärholmstorget“. Der Tag geht zu Ende.
Um mich herum fährt eine Kehrmaschine, die den großen, rechteckigen Platz von den Überresten des Markttages reinigt. Zwei Seiten des
Platzes werden von höheren Fassaden begrenzt. Eine sieht aus, wie
die eines Verwaltungsgebäudes, die andere gehört zu einer großen
Einkaufspassage mit 75 000 km2 kommerzieller Fläche. Das Passagengebäude ist ein Bauwerk aus Betonplatten in der Ästhetik der späten
1960er Jahre. 1984 wurde das Zentrum renoviert und verglast. Das
hohe, weit ausladenden Dach macht im Zusammenhang mit weiteren
Gebäuden den Versuch, Straßenräume zu bilden, an denen Geschäfte liegen und eine Bibliothek.
Die Dimension des kommerziellen Zentrums sind auf weit mehr als auf
die knapp 8000 Einwohner in unmittelbarer Fußgängerentfernung ausgelegt. Aber schon in ganz Skärholmen wohnen 300 000 Menschen
und dazu kommen noch die Bewohner der Bezirke der sogenannten
Skärholmen-Gruppe Bredäng1, Sätra und Vårberg. Der Bebauungsplan von 1959 wies Skärholmen als Regionalzentrum für das gesamte
südliche Vorstadtgebiet aus mit Einzugsbereichen bis Huddinge im
Osten und Botkyrka im Südwesten. An einem weit über Skärholmen
hinausgehenden Kundeneinzugsradius lassen allein die vier mehrgeschossigen Parkpaletten mit 4000 Stellplätzen auf der Rückseite der
Anlage keinen Zweifel.
Skärholmen Centrum wurde in den Jahren 1961 bis 1963 geplant und
1968 (im Jahr der Studentenbewegungen!) eröffnet. Die Einweihung
geriet damals zum Stein des Anstoßes und erntete harsche Kritik ob
dem hohen Maß an städtebaulicher Rationalität und ihrer brutalen
Monumentalästhetik, die eine menschliche Würde zu erdrücken drohte.
Auf der dritten Seite des Skärholmstorget steht eine moderne Kirche
aus dunkelbraunen Ziegeln; auf der vierten Seite beherbergt ein Flachbau aus Sichtbeton verschiedene kleinere und große Geschäfte und
den Eingang zur Tunnelbana. Auf dem Flachdach befinden sich Kinderspielplätze, Sitzgruppen, kleine Bäume in Pflanztrögen und Rasenrabatten. Dahinter staffeln sich 6- 8-geschossige Wohnblöcke hang-
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aufwärts. Zu den Wohnblöcken führen breite Treppen hoch. Jeweils
von den Treppenpodesten gehen nach beiden Seiten Arkaden in die
Wohnblöcke ab, welche sich sanft mit dem Verlauf der Höhenlinien
des Geländes biegen, so daß man nie ein Ende sieht. Die Arkaden
sind dunkel. Wenn man aus den Haustüren heraus unter sie tritt, genießt man jedoch im Halbschatten eine recht gute Aussicht in die
Sonne. Als ich die Arkaden entlanggehe, höre ich durch die offenen
Fenster neben mir das sausende Geräusch von Waschmaschinen,
Schleudern und Wäschetrocknern.
Ich war jetzt mehrere Tage nicht „draußen“, sondern hatte in der Stadt
zu tun. Fast hatte ich darüber vergessen, welche Potenzen in der Peripherie stecken können. Hier, auf dem Skärholmstorget glaube ich,
daß sie mir spontan vor Augen treten: Die dichte Stadt ist anstrengend; Tausende Menschen, die sich durch die Straßen drängen, hektisch ihren Geschäften nachgehen und dem Goffmannschen „Gesetz
der höflichen Nichtbeachtung“ Folge leisten. Oder Touristen, die fußlahm immer dieselben Routen entlangtrotten und die Straßencafés
bevölkern. Der Skärholmstorget macht dagegen einen restlos entspannten Eindruck. Von Touristen keine Spur. Wie überall in diesen geplanten Trabantensiedlungen findet hier nicht mehr statt, als nicht auch
von den Planern geplant wurde. Skärholmen ist der Ort städtischer
Rekonvaleszenz...
Die Kehrmaschinen läßt ihre Besen rotieren und zieht breite, nasse
Streifen über den Plattenbelag. Nachdem sie abgedreht ist, höre ich
Wasserplätschern aus Fontänen in der Mitte zweier großer, flacher
Becken vor dem U-Bahn-Eingang. Hinter mir läuft in einer nur mäßig
besuchten Kneipe die Fernsehübertragung eines Fußballspiels. Die
Stimme des Kommentators überschlägt sich und erstirb endlich, als
in der Halbzeit Werbespotts laufen.
Einige Männer an den Tischen haben nach Feierabend noch ihre Arbeitskleidung an - wie in Britannien, denke ich. Einer der Männer trifft
sich mit einer Frau, die ich für „seine“ halte und die am Tisch des
Lokals auf ihn wartet. Die Nationalitäten der wenigen Menschen um
mich herum, scheinen zwischen Schweden und Nichtschweden gleich
verteilt zu sein. Ein gemischtes Paar unterhält sich in englisch. Normale Kommunikation ohne ethnische Grenzen? Wenn sie auch im
Stadtzentrum nur schwer zustande kommt, hier ist es offensichtlich
möglich. Aber dazu die Wohngebiete müssen bestimmte Qualitäten
aufweisen, zum Beispiel geographische Randbedingungen. In Skärholmen gibt es keine Extreme, denn das Quartier liegt in mittlerer
Entfernung zur Innenstadt. Es ist noch nicht zu entlegen, als daß
schwedische Bewohner schleunigst nach einer annehmlicheren
Wohnalternative Ausschau hielten, denn das Stadtzentrum ist binnen
Kurzem mit der Tunnelbana erreichbar. Die Einwohner teilen ein soziales Niveau auf mittlerer Stufe, egal welcher Herkunft sie sind - zumindest scheint das so. Laut Statistik besitzt etwa die Hälfte der Bewohner von Skärholmen einen ausländischen Familienhintergrund; 1999
waren nur 5,4% von ihnen arbeitslos. Im Durchschnitt verdienen sie
hier 155 000 SEK pro Jahr und 64% wählen Mitte-Links 2.
1
2
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Abb. 120
Bredholmsgatan in Skärholmen
Abb. 121
Einkaufspassage in Skärholmen
Abb. 122
Parkhaus hinter der Passag
mit allein 17 000 Einwohnern
Zahlen von 1999, USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
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11. case study
Mittwoch, 22.6.00, Mittag
Botkyrka: Fittja, Alby, Hallunda, Norsborg
Abb. 123
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Planausschnitt: Alby, Fittja, Hallunda
Abb. 125
Fittja Centrum
Abb. 126
Im Fittja Centrum
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Im Wohnquartier Fittja
Botkyrka ist die südwestliche Nachbarkommune von Stockholm. Die
Grenze zwischen den beiden Kommunen bildet der Albysjön, ein Ausläufer des Mälaren-Sees. Die Territoriumskarte von Botkyrka zeigt überwiegend Naturland, Dörfer und kleine Siedlungen, die zum Wandern,
Sport, Tourismus und anderer Erholung einladen. Eine Informationsbroschüre unterstreicht dieses Image - ein anderes als jenes, das sich
für viele in Schweden und Stockholm mit dem Namen Botkyrka verbindet, denn der steht für ein riesiges Neubauwohngebiet, das in zahlreichen Negativstatistiken der Tagesnotizen den Rang anführt. Geht es
in den Nachrichten und in der Tagespresse um Wohnmißstände, eine
überdurchschnittliche Kriminalitätsrate, um Probleme mit ethnischen
Minderheiten und um die Asylbewerberfrage, kommen sie meist schnell
auf den physischen Sammelherd all dieser Unannehmlichkeiten Botkyrka1. Zumindest medial ist Botkyrka Problemschwerpunkt Nummer eins in der Stockholmer Peripherie.
In den 1970er Jahren wurde hier begonnen, Wohnungen in mehreren
Bauabschnitten zu errichten, die sich auf die vier Teile Fittja, Alby,
Hallunda und Norsborg verteilen. Jeder Teil ist freilich mit eigener UBahn-Haltestelle ausgestattet. Da man sich außerhalb des Stockholmer Kommuneterritoriums befand, verfuhren die Planer eiliger und ohne
den Grad an Sorgfalt, den sie in der Regel den Stockholmer Neubaugebieten angedeihen ließen. Die Qualität der Architektur und des öffentlichen Raumes ist um einiges schlechter als in vergleichbaren
Wohngebieten Stockholms. Positive Aspekte, die Trabantenstädte mit
komfortabel ausgestatteten Wohngebietszentren an sich haben können, finden sich in Botkyrka nur spärlich. In den vier Abschnitten gibt
es zwar jeweils eine kommerzielle Mitte, jedoch sind sie auf Sparflamme gekocht und stehen in krassem Mißverhältnis zu den schätzungsweise hohen Einwohnerzahlen2. Auch sind die unmittelbaren Einkaufsmöglichkeiten der vier Sektoren nicht auf größere Einzugsbereiche
dimensioniert, sondern orientieren ihrerseits auf das Zentrum von
Skärholmen3, vier Metrohaltestellen von Fittja entfernt - im Stockholmer Kommunegebiet. Stockholm ist es auch, das das Arbeitskräftepotential der hiesigen Bewohner abschöpft. Da sich soziale Probleme
hingegen in der Regel weniger mit dem Arbeitsplatz verbinden, son-
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dern im Wohnviertel hängen bleiben, profitiert Stockholm, während es
die soziale Last an die Nachbarkommune Botkyrka deligiert.
Die Zentren aller vier Sektoren beschränken sich auf eine Geschäftszeile (Alby) oder sehr kleine Passagen direkt am Eingang zur Tunnelbana (Fittja, Hallunda), auf den Busbahnhof und auf die Wendeschleifen
des Kraftverkehrs, ohne die Qualität von Plätzen oder sonst irgendwie
identifizierbare Orte zu besitzen. In Fittja ist die Frequenz der Linienbusse niedrig und ich muß lange auf Anschlüsse warten. Während ich
auf den Bus warte fällt mit auf, daß überdurchschnittlich viele Frauen
rauchen.
Alby
Die kommerziellen Einrichtungen haben den Anschein von Provisorien. In Fittja werden teilweise die leerstehenden Erdgeschosse der Wohnblöcke für Geschäfte fremdgenutzt. Der offene Marktstand mit Frischgemüse und Obst in Alby zwängt sich zwischen die Betonstützen
unter einer Hochstraße, die man zu unterqueren hat, wenn man die
Passage betreten will.
Auf den Stützen im U-Bahnhof annoncieren Plakate arabische Musikdarbietungen, kubanische Rhythmen und weitere, in englisch geschriebene Veranstaltungen. Chilenische Plakate älteren Datums haben
politische Inhalte. Eingangs überfliege ich ein Marxzitat, das in spanisch - soweit ich verstehe - zu Wahlboykott und Bürgerkrieg aufruft.
Ob Noah Alby mit in seine Arche genommen hätte, wie ein gemaltes
Bild auf einer Stützmauer unter der Hochstraße zeigt, wage ich zu
bezweifeln. Wahrscheinlicher und irgendwie missionarisch kommt mir
dagegen das Motiv auf der Wand um die Ecke vor: Das Gemälde auf
dem Betonuntergrund zeigt ein gemaltes Loch in der Mauer mit aus
dem zerbrochenen Betonrand ragenden Bewährungsstählen. Durch die
gemalte Öffnung schaut man auf die paradiesische Landschaft der
glatten Spiegelfläche des Meeres, über dem die Sonne aufgeht - oder
untergeht. Als ich den Gemüsestand unter der Hochstraße fotografiere, ruft mich ein Mann an. Mein Verhalten wird beobachtet und beargwöhnt. Vielleicht ist der Stand illegal und der Herr glaubt, ich fotografiere im Auftrag der Steuerfahndung. Ich wehre gereizt ab, daß ich
nichts verstehe und gehe weiter.
Auf die Gestaltung intimer öffentlicher Räume wurde fast völlig verzichtet. In Alby dominieren asphaltierte Flächen zwischen den Wohnblocks.
Auf den riesigen Asphaltflächen navigieren hölzerne Pflanzbassins mit
verkümmerten Blumen. Daneben schwimmen umzäunte Plattformen
mit Bänken und gemauertem Grillplatz, als wären sie verlorene Barken im schwarzen Meer. So wie die Architektur in Erscheinung tritt,
gehen Bewohner auch mit ihr um. Nicht die kommunal gepflegten Grünflächen sind verwahrlost, sondern der wohnungsnahe Freibereich, der
in eigenverantwortlicher Pflege steht, obwohl hin und wider Schülereinsätze die Gegend von grobem Unrat sauberhalten4. Überall schlägt mir
Uringeruch entgegen. Die Unästhetik und die Baumängel des
Plattenbaus lassen mich einschätzen, wer in Botkyrka gelandet ist,
befinde sich auf der untersten Stufe der sozialen Leiter. Das tut der
Tatsache keinen Abbruch, daß sich Bewohner mit ihrem Wohngebiet
identifizieren oder sogar wohl fühlen, wie ich mich an das Interview
einer Frau aus Botkyrka auf der Ausstellung „Miljon-program i Stockholm5 " erinnere.
Abb. 127
Im Wohngebiet Fittja
Abb. 128
Eingang zur Einkaufspassage von Alby
Abb. 129
Wandbild am Eingang zur Passage in
Alby
Dabei stecken in der städtebaulichen Struktur zum Teil keineswegs
uninteressante Ideen. Zum Beispiel bilden in Alby die 10-geschossigen Hochhäuser zusammen mit 3-geschossigen Laubenganghäusern
Hofsituationen. Da die Höfe jedoch, wie bereits erwähnt, keinerlei Inti-
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mität besitzen, sieht diese städtebauliche Struktur eher nach Polizeikontrolle aus, anstatt nach schief gegangenem Wohnmilieu. Nachbarschaftliche Sozialkontakte zwischen den Bewohnern verkehren sich
ins Gegenteil, denn die Wohnungen sind für Einbrecher o.ä. über die
offenen Laubengänge direkt zugänglich. Im Erdgeschoß führen
Wohnungseingänge unvermittelt auf das Asphaltmeer des Hofes. Die
Eingangstüren der Hochhäuser stehen aufgrund defekter Schließeinrichtungen offen.
Der mangelnde Standard begründet nicht nur die Berührungsängste
von schwedischer Seite, sondern zieht nach sich, daß sich die Bewohner auch untereinander mit Skepsis und Vorbehalt begegnen. Die
hohe Kriminalitätsrate schürt Ängste unter den Bewohnern des Viertels selbst. Es verwundert nicht, wenn sich die Bewohner unbehaglich
fühlen und mehr Polizeipräsenz und präventive Sicherheitsmaßnahmen fordern, obwohl bereits eine zivile Polizei- und Jugendhilfe in
Botkyrka operiert. Allerdings kommen auf die ca. 35 000 Einwohner
lediglich sieben Polizisten. 1999 verzeichneten die Polizeiakten in
Botkyrka 6500 Straftaten 6 .
Ethnische Mischung
Abb. 130
Wandbild in Alby
Nach der Beschreibung der Wohnbedingung erübrigt sich nahezu anzufügen, wer in Botkyrka wohnt. Einwohner finnischer Abstammung
machen den Hauptteil aus, gefolgt von Türken, ex-Jugoslawen und
Griechen7. Über ein Fünftel der Türken und Türkinnen, die in Stockholm leben, wohnen in Botkyrka. Der türkische Anteil unter den Bewohnern liegt bei etwa 4,5%. Ähnlich ist der Anteil Tükischstämmiger
in der östlich angrenzenden Kommune von Huddinge.
Im allgemeinen ist nur die Konzentration der traditionellen finnischen
Einwanderer höher. Über fast den gesamten metropolitanen Großraum
Stockholms sind die Finnen mit 2,5% bis 6% verteilt. Stärker konzentriert sind sie allerdings lediglich in Botkyrka, wo ihr Anteil an der gesamten Einwohnerschaft ca. 8,8% ausmacht.
Menschen, die ich beobachte, sind in der Regel einzeln unterwegs.
Anzeichen von Interaktionen sind nur sehr sporadisch wahrzunehmen.
Ihre Wege gehen sie schlendernd und gelangweilt. Botkyrka bedeutet
Tristesse! Da es Bänke nur in den Passagen gibt, setzen sich die
Älteren hin um auszuruhen, wo auch immer sich die Möglichkeit dazu
bietet - auf Betonmäuerchen, die Rasenflächen einfassen, oder auf
große Steine, die neben den Wegen liegen.
1
z.B. Dagens Nyheter vom Fr., 12.05.2000
Leider kann ich nicht mit Zahlen auwarten, da sie - anders als für die Kommune
Stockholm - nicht dokumentiert sind - bzw. ich sie nicht gefunden habe.
3
siehe 10. case study
4
ebda.
5
Ausstellung „Mijonenprogram i Stockholm“, Stockholms Stadsmuseum, Juni 2000
6
alle Daten hier aus: Dagens Nyheter vom Fr., 12.05.2000
7
alle hier aufgeführten Zahlen aus: S.Musterd u.a.: „ Multi-Ethnik Metropolis: Patterns
and Policies“, S.134ff.
2
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12. case study
Donnerstag, 22.6.2000, Nachmittag
Myrstuguberget
Abb. 131
Blick von Myrstuguberget öber den Albysjön nach Fittja
Ich warte darauf, daß Leben eintritt in Myrstuguberget.
Bis jetzt sind alle Straßen, Wege, Plätze und Plätzchen, Balkons,
Erker, Veranden und Terrassen leer als herrsche die Pest. Spielzeug
liegt wie eben hingeworfen vor den Türen der kleinen Holzhäuser, Roller und Kinder-fahrräder stehen da wie gerade eben noch benutzt. Aus
offenen Balkontüren wehen Gardinen heraus, ein Springbrunnen blubbert im Vorgarten hinter dicken Hecken, Schwedenfähnchen bewegen
sich schlaff in der trüben Schwüle.
Unterhalb des Wohnquartiers breitet sich der Mälarensee aus. Die
städtebauliche Anordnung der Gebäude umarmt das Gewässer Myrstuguberget auf dem Felsen! Zu erraten, wo ich mich befinde, war
schon bei meiner allerersten Zufallsbegegnung mit Myrstuguberget
(Stadtbezirk Huddinge), nicht schwer: öffentlicher Raum und Architektur verrieten die Handschrift von Ralf Erskine. Der aus Schottland stammende Architekt Erskine (geb. 1914) ist in Schweden und international durch seine soziologisch einfühlsamen städtebaulichen Planungen bekannt geworden. Myrstuguberget (errichtet 1985-1986) ist dafür
ein Beispiel. Aus Kostengründen mußten allerdings Kompromisse zum
ursprünglichen Entwurf eingegangen werden. Seitens der Baufirmen
wurden Details vereinfacht1, ohne daß die Änderungen der Qualität der
Wohnlandschaft großen Abbruch getan hätten, wie ich finde.
Ästhetisch zweifelhaft wirkt sich nur die konsequente Asphaltierung
sämtlicher Wege aus. Verschlungenen führen sie an den Höhenlinien
des Geländes entlang, Treppen schlängeln sich über verschiedene
Niveaus, Sitzecken ducken sich in den Schutz von Hecken, Nebengelässe aus Holz schaffen Situationen von Enge und Weite. Kiefern
und Laubbäume, Kinderspielplätze und Gartenzäune (meist nachträglich angebracht) komplettieren das Gesamtbild der Wohnanlage.
Zwischen den Häusern steht roher Fels an. Romantische Aussichtsplattformen hoch über dem See machen den sorgsamen Umgang mit
dem Gelände deutlich und verzahnen die Siedlung mit der natürlichen
Gegebenheit, für das Erskines Name steht. Ähnlich wie in seinem
Projekt „Byker“ in Newcastle umfaßt eine Rückwand aus hohen Häusern schützend die kleineren Gebäude in der Mitte. Phantasievoll sind
die Balkons an den Fassaden zur Seeseite hin versetzt unter weit
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überstehenden Schrägdächern angeordnet, welche die Gebäudeformen
bestimmen - typisch Erskine.
Hier stehen sie sich gegenüber: Myrstuguberget auf der Ostseite der
Klippen des Mälaren, die noch zum Stockholmer Kommunegebiet
gehören - und die stereotypen Wohnsilos der Nachbarkommune
Botkyrka2 auf der anderen Seite des Albysjön. Die Kontraste könnten
größer kaum sein.
Wer Erskines wilde Müsli-Architektur nicht mag, kann wenigstens die
hohen sozialen Qualitäten des öffentlichen Raumes studieren. Der
Raum erweckt den Anschein, als würden sich Nachbarn hier kennen augenscheinlich überprüfen kann ich das nicht, denn ich bin hier fast
der einzige weit und breit. Dennoch riecht man förmlich die lebendige
Atmosphäre.
Hin und wider gehen ein paar sauber herausgeputzte Kinder vorbei.
Auf dem Spielplatz sah ich vorhin eine betreute Kindergruppe; ein älteres Ehepaar saß auf einer Terrasse. Die restlichen Bewohner scheinen auf Arbeit zu sein und mir wird für einen Moment unklar, warum
hier alles so schön, romantisch und inspirierend ist, wenn die meisten
Menschen, die hier wohnen mögen, den größten Teil des Tages nichts
davon haben. Nur 4,6% der etwa 8000 Einwohner hier sind arbeitslos.
44% haben mindestens einen Gymnasialabschluß3. Paradox: je attraktiver das Wohnambiente, um so anspruchsvoller die Bewohner und
je anspruchsvoller die Bewohner, um so beruflich engagierter, ergo desto
weniger zu Hause. Die allermeisten Bewohner schätze auf schwedische Herkunft und höheren Berufsgruppen zugehörig.
Myrstuguberget ist ein ausschließliches Wohngebiet. Andere als unmittelbar dem Wohnen dienende Funktionen (dazu gehören Vereinsund Waschhäuser, Kindereinrichtungen und eine Schule) gibt es hier
oben nicht. Ein Erskine kommt selbst ohne das klassische Wohngebietszentrum aus! Die Einwohner von Myrstuguberget tätigen ihre
Einkäufe und Besorgungen wahrscheinlich auf dem Rückweg von der
Arbeit per Auto im Megazentrum von Skärholmen4. Parkplätze für private Kraftfahrzeuge befinden sich außerhalb des äußeren Ringes der
Bebauung in schnell erreichbarer, verkehrsfreier Zugänglichkeit über
Fußgängerbrücken. Auch der U-Bahn-Anschluß (Haltestelle Masmo)
liegt außerhalb, als wäre die Bahn für Transportzweke weniger wichtig, denn hier macht man alles mit dem Auto. Ist man andererseits
erst einmal nach der Arbeit zu Hause angekommen, kann man es
auch gut aushalten hier und will vielleicht so schnell nicht wieder weg,
denn schön ist es in Myrstuguberget. Nur die Autobahn, die im Tal
über den See führt, stört die Ruhe.
Selbst Menschen stören sie ja nicht...
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O.Hultin u.a.: „Guide to Architecture in Stockholm“, S.225
siehe 11. case study
Zahl von 1999, USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
siehe 10. case study
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13. case study
Freitag, 30.6.2000, Nachmittag
Brommaplan
Abb. 132
Gemüsemarkt auf dem Brommaplan
Menschen kommen mir in Hunderterschüben aus dem Ausgang der
Tunnelbana, Station Bromma, entgegen, so daß ich auch wenn ich
still stehenbleibe das Gefühl habe, gegen einen Strom anzuschwimmen. Es ist 17.00 Uhr - Feierabend auf dem Brommaplan.
Über den Plan führen zwei parallele Betonbrücken hinweg, auf denen
die Tunnelbana fährt. Die meisten Menschen um diese Tageszeit kommen von der Arbeit. Nur 1,4% der Einwohner in diesem Stadtteil sind
arbeitslos1. Sie steigen aus der U-Bahn aus Richtung Stadtzentrum
aus. Am Spätnachmittag nehmen noch nicht viele den Zug in die Gegenrichtung. Ich vermute, daß erst später am Abend ein gewisser Strom
Jugendlicher einsetzen wird, der am Freitagabend in der City sein Vergnügen sucht.
Alle mir Entgegenkommenden sehen gleich aus, egal welchen Alters.
So sehr ich auch darauf achte, kann ich keine Unterschiede feststellen. Wenn sich Personen im äußeren Erscheinungsbild unterscheiden, so tun sie dies lediglich um Nuancen. Sehr viele telefonieren mit
ihren Handies - das macht sie noch gleicher. Das Durchschnittseinkommen der knapp über 2000 Einwohner von Bromma ist mit 288 600
SEK im Jahr ziemlich hoch2. Über die Hälfte(!) der Erwachsenen besitzen einen Hochschulabschluß und 80% wählen Mitte-Rechts 3.
Nie sehe ich Menschen, die nicht Schwedinnen oder Schweden sein
könnten, nie mischen sich extreme Gestalten unter sie, nie Ausländer
(bis auf die Verkäufer an dem offenen Marktstand gleich rechts vom UBahn-Eingang). Nur 9% der Einwohner haben hier einen ausländischen
Familienhintergrund4 . Schweden unter sich...
Ein paar Jungen warten auf Mädchen, die jeden Moment aus der Tür
des U-Bahnhofs kommen müssen. Dann kommen sie und die Paare
gehen schweigend ab - ohne Kuß, ohne Händedruck. Wo bin ich hier?
In Stockholm! Eine blonde Frau spricht freundlich und ganz ungeniert
mit einem dunkelhäutigen Mann in Lederjacke. Neben ihm steht eine
Frau mit Kopftuch. Blicke von Vorbeigehenden streifen die Dreiergruppe mißtrauisch. Aber alle gehen wortlos und in geheimer Eile. Sie
zerstoben in sämtliche Richtungen, denn die Wohnhäuser liegen im
Umfeld, aber nicht am Platz selbst.
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Ich setze mich auf eine Bank am Rande in der Sonne. Es dauert nicht
lange bis sich eine Frau neben mich setzt. Das wundert mich, denn es
ist mir bis jetzt nie vorgekommen, daß sich jemand auf eine schon
besetzte Bank neben jemand Fremden setzt. In der Hand hält sie eine
zerbeulte Büchse „Starköl“ (Bier) und mir ist alles klar. Sie wendet den
Kopf zu mir und sagt etwas auf schwedisch. Ich entgegne ihr, kein
schwedisch zu verstehen und sie wendet den Kopf wieder ab. Ein
aufgeregt gestikulierender Brillenträger, der die ganze Zeit mit sich
selber spricht, setzt sich, von der Frau herangewunken, ebenfalls auf
die Bank - zwischen uns. Mir wird unheimlich. Wieder angesprochen,
sage ich, leider nichts zu verstehen. Das scheint den Brillenträger
nicht weiter zu stören, denn er legt mir ein paar Mal den Arm um die
Schulter, erzählt und erzählt, steht dann abrupt auf und geht. Kommunikation auf schwedisch... Auch ich gehe jetzt und denke, nur solche
Bromma-Bewohner wie diese zwei kommen eigens auf den Platz, um
sich dort auch aufzuhalten, in der Sonne zu sitzen und zu erzählen.
Ich bin froh, daß Ausnahmen die Regel bestätigen.
Bromma ist 1913 als Gartenstadt auf kommunalem Grund und Boden
entstanden. Die Kommune hatte schon Jahre zuvor (zu Beginn des
20.Jahrhunderts) hier Land für spätere Bauabsichten aufgekauft. Mit
der Eingemeindung zahlreicher Nachbarkommunen zu Stockholm und
der Einrichtung eines Straßenbahnsystems wurde das Land zu Bauland. 1918 folgte die Gartenstadt Enskede diesem Modell 5 .
Die Häuser haben bis heute das ursprüngliche Gartenstadtprinzip nicht
zunichte gemacht. Die Orientierungskarte am U-Bahnhof zeigt das
Land westlich der Bahngleise in hunderte von Parzellen geteilt. Auf
jeder Parzelle steht ein Einfamilienhaus, das von der Straße so weit
um einen üppig begrünten Vorgarten zurückgesetzt ist, damit kein
Zweifel an der Gartenstadtidee bestehe.
Der Grundtypus der meisten Häuser ist bis heute bescheidenen und
aus Holz. Altbauten wurden um Anbauten ergänzt, die Grundstücke
haben nachträglich Carports oder Garagen erhalten und die Straßen
Asphaltbelag. Wenn man in Bromma zu Hause ist, fährt man kleine
Wege mit dem Fahrrad. Die Gärten sehen wunderbar aus. Sie machen keinen Hehl daraus, welchen Umfang an liebevoller Pflege ihnen
ihre Besitzer angedeihen lassen. Rasenflächen sind gemäht - aber
irgendwo auf dem Grundstück gibt es auch - zumindest ein Stück wucherndes Wiesenbiotop. Springbrunnen plätschern und es gibt kleine, schilfgesäumte Teiche mit Seerosenblättern, Goldfischen und Fröschen. Aus der Ferne höre ich „The Winner takes it all“ von ABBA.
Recht hatten sie! In den Auffahrten stehen blanke BMW, aber auch
alte Volvos, denen der Rost zugesetzt hat. Eine Frau öffnet mit einer
Aktentasche in der Hand eine Gartentür, während ihr Mann (schon) im
Freizeitlook mit den Kindern auf der Hollywoodschaukel schaukelt.
1
Zahl von 1999, USK Utredningsstatistikkontor, http://www.usk.stockholm.se
ebda.
3
ebda.
4
ebda.
5
O.Hultin u.a.: „Guide to Architecture in Stockholm“, S.285
2
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14. case study
Samstag, 1.7.2000, Spätnachmittag
Globen
Abb. 133
Globen City
Globen schließt gleich südlich der Insel Södermalm auf dem Festland an.
Mit dem „Globen Shopping-, Sport- and Entertainmentcenter“ wollte
sich Stockholm ins dritte Jahrtausend katapultieren und aufschließen
im europäischen Vergleich. Seit den 1990er Jahren ist es Mode geworden, Städte untereinander auf ihre Ausstattung und Leistungsfähigkeit für Großveranstaltungen hin zu vergleichen. Europa wächst
zusammen, die Hauptstädte globalisieren sich - Stockholms Globen
ist dafür sichtbarer Ausdruck.
Globen ging aus einem 1984 ausgelobten Wettbewerb unter Bauträgern hervor, in dem gleichermaßen Vorschläge für Architektur und Finanzierung gemacht werden sollten1. Erst in den 1980er Jahren setzte
in Stockholm die Immobilienspekulation in beachtenswertem Ausmaß
ein. Auch für Großprojekte gaben öffentliche Bauträger das Feld an
private Baufirmen ab. Besonders innerstädtische Projekte gerieten in
die Hände von Developern. 1986-1988 wurde hier die Planung des
Wettbewerbssiegers Berg Arkitektenkontor realisiert. Zur HockeyWeltmeisterschaft 1989 wurde der Komplex eröffnet.
Der Name „Globen“ erinnern nicht umsonst an „Globus“, denn eine
den bisherigen Maßstab der Stadt sprengende, riesige Veranstaltungshalle in Form einer weißen Kugel (110 Meter Durchmesser, 16 000
Plätze) ist es unmöglich, aus der Stadtsilhouette auszublenden - und
mittlerweile vielleicht sogar wegzudenken. Neben der weißen Mehrzweckkugel gibt es am sogenannten „Arenavägen“ noch das SöderSportstadion und eine Sporthalle, Ausstellungs- und Messehallen,
Parkgaragen sowie 143 000 m2 für Büros, Hotels, ein Kon-ferenz- und
Kongreßzentrum und Restaurants. Globen bietet ca. 5000 Arbeitsplätze.
Abb. 134
Arenatorget, Globen
Abb. 135
Arenavägen
Anekdote: Hörte ich doch neulich eine deutsche Touristin mit der Ansichtskarte einer Luftaufnahme von Globen in der Hand eine Kellnerin
fragen, ob es sich da um ein „nuclear plant“ handle... Ohne mit der
Wimper zu zucken (während ich meinen halben Kaffee vor Lachen
verschüttete), verneinte die Kellnerin korrigierend: es fände da Konzer131
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te statt und so...
Es ist Samstag, später Nachmittag. Hätte ich nicht vorher von der
Existenz einer „Shoppingmall in europäischen Dimensionen“ gelesen,
hätte ich sie glatt nicht gefunden, da ich von einer anderen als der
Haupteingangsseite (T-Haltestelle Globen) hier angekommen bin. Von
außen jedenfalls und zum „Arenatorget“ hin sind - vermutlich aus Sicherheitsgründen - keine Geschäfte zu sehen und auch der Eingang
zur Mall nicht. „All is indoor“ wirbt ein Plakat. Richtig! Bis auf McDonald’s
scheinen im Außenbereich auch Restaurants nur im Fall von Veranstaltungen aktiv zu werden. Nichts stört, was den öffentlichen Raum
des 21.Jahrhunderts beleben könnte. Eine Öde hier wie fünf Minuten
vor high noon!
Dann finde ich sie - die Shoppingmall. Sie ist vermutlich nicht nur die
europäischste Stockholms, sondern auch die langweiligste Europas!
Der Weg der Mall ist schnurgerade, breit und erdrückend flach. Er wird
rhythmisiert von den quadratischen, 6-geschossigen Lichthöfen der
Büroblöcke, die sich über ihm aufbauen. Die überwiegende Anzahl der
Läden gehören solchen Warenketten, die in ganz Schweden vertreten
sind - keine Individualität, keine Besonderheiten, immer gleich. Globen ist also ein Shopping-Ziel, das man aufsucht, wenn man garantiert
mainstream ist - passend zum Massenpublikum, auf welches die Veranstaltungen hier ausgerichtet sind.
Wenn es eine Liste trister Orte in Stockholm gäbe, gebührt Globen ein
Spitzenplatz. Auch die Plakatwerbung für ein Stockholmer Handelshaus erkannte das richtig: „This place sucks! Dear Tourist, the Globe
Arena is just an empty shell!“ Die Stadt als Stofflieferant für Witze2 das gefällt mir!
Was den öffentlichen Raum betrifft, sieht die gesellschaftliche Raumproduktion am Ende des 20.Jahrhunderts am Beispiel Globen so aus:
riesige, leer designte Betonflächen, die in Erwartung großer Menschenmassen auf Augenblickskapazitäten bemessen sind. Mittlerweile ist
es Samstagnachmittag gegen 17.00 Uhr. Die Massen bleiben aus.
Leere McDonald’s-Tüten knäueln über den Platz. In einem Dreieck
gepflanzte kleine Bäume dörren in der Sonne. Viele Ecken stinken
nach Urin - keine Zeichen von Vandalismus, eher von Vernachlässigung. Die Gebläsetechnik der Tiefgarage brummt im Hintergrund. Die
Atmosphäre drinnen wie draußen ist gähnend wie in Antonionis „Roter
Wüste“ 3, nur schöner...
Ich erinnere mich an einen anderen Film, in dem die Leere von den
Geräuschen und Stimmen ausgefüllt wird, die es gibt, wenn es voll ist,
und wie sie widerhallen von Fassade zu Fassade wenn es leer ist Echo mit Zeitverzug. Wenn keine Veranstaltungen angesetzt sind, hat
in diesem Stück Stadt eigentlich niemand etwas verloren. Geht ein
Mensch verloren über den Betonfußboden, steigert sich die Leere zur
Beängstigung. Der Normalfall ist der: hier passiert nichts und hier ist
niemand. Nicht das Ereignis ist der Normalfall, sondern das Ausbleiben von Ereignissen. Der ganze Sinn der immensen Anlage von Globen mit ihren großen Volumina liegt im Sonderfall. Das ist paradox! Im
Normalfall existiert dieser Ort einfach nicht.
1
B.Lanesjö: „The Development of Stockholm“, S.68
Es gab verschiedene Plakate dieser Serie. Kommentar zum Fernsehturm: „Ridicolous
Building! Dear Tourist, the architect behind the Kaknäs Tower must have been
kidding. ...(We instead) don’t fool around...“ oder zum Rat- und Stadthaus: „Not
worth visiting! Dear Tourist, why you go to City Hall and be disappointed? Come to
...(us) for real bargains instead!“...
3
Michelangelo Antonioni: „Die rote Wüste“, Spielfilm, Italien 1963/64
2
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15. case study
Freitag, 30.6.2000, früher Nachmittag
Um in Stockhoms nördliche Nachbarkommune Täby zu gelangen, fährt
man mit der Vorortbahn vom Bahnhof Stockholm Östra (Nähe KTH)
ab. Die Fahrt führt am Gelände der Universität in Frescati vorbei, dann
über Wiesen und durch die Wälder von Djursholm, in denen Einfamilienhäuser lose verstreut liegen.
Djursholm
Djursholm hat bis heute Gartenstadtcharakter.
Daß die Gartenstadtbewegung in Stockholm so frühzeitig und ausufernd um sich greifen konnte, erkläre ich mir aus ihrer strukturellen
Verwandtschaft mit den kleinen, traditionellen schwedischen Ortschaften, die aus weit zueinander entfernt stehenden Häusern bestehen.
Eine urbane Dichte war den schwedischen Dörfern und den wenigen
Städten fremd und ist es bis heute geblieben. Durch viele Stadtbrände
vernichtet, mußten die niedergebrannten Städte im 19.Jahrhundert neu
aufgebaut werden. Die neuen Planstadtgrundrisse mit ihren rechtwinkligen Straßenrastern nahmen das Modell der „durchgrünten und aufgelockerten“ Stadt vorweg.
Hinzu kam, daß die elitäre Freizeitkultur des Adels im 17. und 18.Jahrhundert, sich sommersüber in kleinen Schlössern oder Landhäusern
aufzuhalten, im 19.Jahrhundert vom Bürgertum adaptiert wurde. Die
„Sommerfrische“ wurde zu einer beliebten, bis heute verbreiteten und
geliebten Volkstradition - mit Ausnahme der Zuwandererfamilien selbstverständlich. Eine Ansiedlung von Gartenhäusern, ein wenig zusammengeschoben und in eine städtebauliche Form gebracht - fertig war
die Gartenstadt. Freilich: eine bourgeoise Erfindung und nicht der Arbeiter. Djursholm wurde 1873 als erste Gartenstadt von Stockholm
errichtet, deren Häuser als Privathäuser errichtet worden sind. Ein Jahr
später, 1874, folgte dann die zweite, weitaus herrschaftlichere Gartenstadt Stockholms - Saltsjöbaden.
Die Holzhäuser, die auf meiner Zugfahrt durch Djursholm an mir vorbeifliegen, besitzen Jugendstilduktus. Sie haben große, rote Walmdächer wie gekenterte Schiffsrümpfe; andere haben oval geformte Hauseingänge. Bei Holz- und Massivhäusern ist die gelbe Farbe auffallend
verbreitet (und nicht das für schwedische Holzhäuser klassische
Fallunrot). Große, üppig grüne Gärten mit Blütensträuchern und hohen Bäumen prägen die ländliche Idylle. Fahrräder fahren auf schmalen Asphaltwegen.
In der Nähe der Bahnstationen, die im Prinzip nichts anderes als Haltepunkten auf offener Strecke sind, versammelt sich die Unordnung
von Bauarbeiten. Große Flächen mit Rissen und Schlaglöchern im
Asphalt, parkende Autos, am Bahnhofsgebäude dann ein Kiosk mit
Pressbyrån (Zeitungskiosk), Betonzäune und Mauern, die auf der Seite der Bahntrasse mit Graffiti besprüht sind, Oberleitungsmasten, Hinweisschilder - dann wieder Idylle: Wald und Gärten und anheimelnde
Holzhäuser. Keine Produktionshallen, keine Gewerbegebäude, keine
ICA-Supermärkte. Kaum ein Mensch zu sehen, weder auf den Wegen
noch in den Gärten.
Abb. 136
Saltsjöbaden
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Täby
Auf die einschlummernde Ruhe folgt „Täby Centrum“ wie eine Erscheinung. Der Koloß einer glasgewölbten Shoppingmall gerät ins Bild. Einen Platz oder ähnliches gibt es gar nicht, denn alle Funktionen befinden sich „indoor“. Das Zentrum ist auf die Versorgung von 150 000
Abb. 137
Täby und Näsbydal
Einwohnern ausgelegt. Gleich hinter der Shoppingmall steht ein 24geschossiger Crescent. Weiter setzt sich die Wohnanlage mit dem
sogenannten „Grindtorp“ fort (der eigentliche Grund meines Ausflugs)
und den Punkthochhäusern des Nesbytals. 1964-1966 entwickelte das
VBB Arkitektenkontor den Masterplan.
Abb. 138
Abb. 139
Abb. 140
Shopping-Passage in Täby
Gäbe es nicht die hohe Wohnverdichtung in unmittelbarer Umgebung,
gäbe es auch keine so große und luxuriöse Einkaufsgalerie auf mehreren Etagen. Der Galerie können moderne Aufenthaltsqualitäten nicht
abgesprochen werden. Der Haupttrakt, der ein einfaches Einkaufszentrums der 1980er Jahre aus Beton erweitert, wird von einer langen,
filigranen Glastonne überdeckt.
Täby Centrum wurde groß dimensioniert, entsprechend mit einer Vielzahl von Parkplätzen und einem Busterminal ausgestattet (ich sehe
sogar einen Flughafenbus), um den gesamten Norden des Großraums
von Stockholm zu versorgen - einschließlich der Siedlungshäuser in
Djursholm.
Bis auf das Dienstpersonal in der WC-Anlage sind hier augenscheinlich keine Einwanderer beschäftigt, auch unter der Kundschaft sehe
ich keine, und es ist recht voll an diesem Mittwochnachmittag in der
Urlaubszeit. Die Kellnerin an einer Café-Bar aber höre ich mit einer
Kollegin, die von irgendwo anders herübergekommen ist, russisch sprechen.
Täby Centrum
Wohnblocks nahe des Täby Centrum
Beim Herumgehen in den Wohnbereichen gleich hinter dem Zentrum
treffe ich wie üblich nur auf sehr wenige Menschen, egal wohin ich
gehe oder blicke. Niemand macht von den Angeboten der Bänke und
Sitzgruppen Gebrauch, die zahlreich herumstehen; niemand liegt auf
dem Rasen in der Sonne, was sonst eine typische schwedische
Pausenangewohnheit ist. Diejenigen, die mir entgegenkommen, überbrücken gerade die kürzeste Strecke zwischen Einkaufszentrum und
Wohnung.
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Grindtorp
Hinter Bäumen nur schwer zu finden, steht er - der Grindtorp. Das
VVB Arkitektenkontor (Sune Lindström) begann 1958 mit der Planung
und 1964 mit der Realisierung, bis der öffentliche Bau-träger HSB übernahm und den Komplex 1966 fertigstellte, also unmittelbar vor dem
Abb. 141
Der Grindtorp gespiegelt
1-Millionen-Programm. Zur damaligen Zeit herrschte in Stockholm ein
eklatanter Wohnungsmangel und es entstanden immer größere Blökke auf immer größeren Flächen, immer weiter draußen.
Der Grindtorp besteht aus vier Gebäudesegmenten nach der Art der
„Crescents“ 1. Kreissegmente bilden Ringe und beschreiben zwei ineinandergeschobene, aber offene Kreise. Verfolgt man einen Ring komplett nach, besteht ein Segment aus Gebäuden mit acht Geschossen,
das andere besteht aus vier Geschossen. Dadurch, daß beide Kreise
ineinandergeschoben sind, wechseln sich die Gebäudehöhen hintereinander ab. Die Planästhetik läßt den Grindtorp zeichenhaft wirken.
Die Nordfassaden der Crescents sind monoton flach, die Südfassaden
dagegen expressiver in ihrer fast barocken Verspieltheit versetzt angeordneter Balkons. Angesichts der groß dimensionierten Planglasfenster
denke ich mir, die Wohnungen besitzen mit Sicherheit ein modernes
Flair, denn sie sind extrem gut belichtet.
In der Mitte der Wohnanlage ist anstehender Fels belassen worden.
Auf dessen glatten Rundungen wächst Moos und liegen umgestürzte
Bäume. In anderen Bereichen des grünen Zentrums stehen Bäume
auf Hügeln dicht wie Wälder. Der Grindtorp nimmt einen regelrechten
Urwald in seine Mitte. In einigen Bereichen, und besonders zwischen
den Ringen, gibt es in Hecken eingefaßte Sitzecken unter Pergolen,
Kinderspielplätze, blumenbepflanzte Betonbottiche, auch Parkplätze
und befestigte Flächen, die mir allerdings überdimensioniert erscheinen. Die intensive Freiraumgestaltung, die zwischen Bereichen wilder
Natur und gepflegten Anpflanzungen abwechselt, ist interessant.
Natürlich sehe ich keinen Menschen, der sich hier im grünen Hof aufhalten würde. Was sollte also die Frage? Das Grün dient eher als
Ansichtsgrün, auf das Tausende Balkons herabblicken. Die großen
Bäume bringen den Vorteil mit sich, den gesamten Komplex nie in der
vollen Größe seiner kreisenden Endlosigkeit wirken zu lassen. Zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch und über Rasenhügel hinweg
nimmt man immer nur Ausschnitte der Gebäudebögen wahr. Als großen Nachteil empfinde ich dagegen, daß es nur wenige Querverbindungen durch die Gebäude hindurch gibt. Zumal wäre es kein
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Abb. 142
Grindtorp von außen
Abb. 143
Grindtorp von innen
Abb. 144
Fassade Grindtorp
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Problem gewesen, Durchgänge im Erdgeschoß einzufügen, da sich
dort sowieso nur die Hauseingänge, Garagen und wenige anderweitigen Nutzungen (wie z.B. Gemeinschaftsräume) befinden. Durch die
Nicht-Wohnnutzung des Erdgeschosses enthält der Grindtorp seinen
Bewohnern vor, ein direktes Verhältnis zum Boden aufzubauen. Alle
Freiflächen im Grindtorp sind öffentliche Freiflächen und im Prinzip
ungenutzt.
An die Ringe des Grindtorp schließen in einiger Entfernung acht 17geschossige Punkthochhäuser an, die im Oval angeordnet sind. Nach
den Balkons zu urteilen, haben fünf von ihnen acht und drei Gebäude
vier Wohnungen je Etage. Sollte diese Interpretation stimmen, gibt es
allein im Bereich der Solitärhochhäuser 832 Wohnungen2 mit überschläglich 2700 Einwohnern. Alle Gebäude versinken im Grün. Öffentliche Einrichtungen, die nicht unmittelbar mit dem Wohnen in Zusammenhang stehen, gibt es hier keine.
Zwei Mädchen fahren auf Mofas die Asphaltwege entlang, denn Entfernungen sind hier weit und trotz des Grüns monoton.
Abb. 145
Fassade
1
Jhon Nash hatte den Crescent in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts als bürgerliches Wohnmodell in Bath erfunden.
2
bei freiem Erdgeschoß
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16. case study
Mittwoch, 14.6.2000, Mittag
Upplands Väsby
Komischer Tag heute.
Ich mußte früh aufstehen, um zum Flughafen nach Arlanda rauszufahren. Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu tun: 1) mit dem unverschämt teuren Arlanda-Expresszug oder 2) mit der Vorortbahn nach
Märsta, für die man normale ÖPNV-Tarife zahlt (und ich gar nichts
extra, da ich eine Monatskarte besitze). Ich entscheide mich folglich
für Variante zwei, auch wenn ich da umsteigen muß. Die Rückfahrt
nutze ich, um an einigen Stationen auf dem Weg auszusteigen und
meine Runden zu drehen.
Die Fahrt durch die Vororte der Stadt kommt mir endlos vor. Der Flughafen befindet sich in der nördlichen Stockholmer Nachbarkommune
Sollentuna. Die Zugstrecke flankieren Hallengebäude mit riesigen
Werbetafeln, Schotterberge, parkende Schwerlastfahrzeuge,
Maschendrahtzäune und Lärmschutzmauern parallel zu den Schienen - nicht meines Zuges wegen, sondern wegen des Arlanda-Express’,
der in regelmäßigen Intervallen donnernd mit Hochgeschwindigkeit jeweils in die eine und nach ein paar Minuten in die andere Richtung
vorbeirauscht. Auf den Lärmschutzwänden sehe ich meine ersten großflächigen Graffiti von Stockholm.
Wenn mich nicht vereinzelt hinter Bäumen hervorguckende Häuser
zweifeln ließen, würde ich sagen, hier wohnt niemand, hier gibt es nur
Gewerbegebiete. Die Strecke Stockholm-Arlanda hat sich zur Industieund Gewerbeachse entwickelt. Wenn auch die Gebäude vom Zugfenster
aus keinerlei Zusammenhang erkennen lassen, müssen sie doch eins
gemeinsam haben: eine Straße. Die wichtigste nördliche Ausfallstraße ist die E4 über Arlanda nach Uppsala, die streckenweise dicht
neben der Bahnlinie entlangführt.
Ich entscheide mich auszusteigen.
Bis ich in „Väsby Centrum“ bin, muß ich weit laufen. Zuerst halte ich
den bunten, postmodernen Wohnkomplex gleich links in Bahnhofsnähe für das Zentrum. Als ich einen Durchgang durchschreite, auf den
mich die Arkaden von der Straße hin zuführen und den ich mit dem
Eingang zu einer Passage verwechsle, sehe ich mich getäuscht, denn
irritiert stehe ich in einem Wohnhof. Wie ehrlich waren da die 60er und
70er! Wenn auch vielleicht heute etwas öde oder unästhetisch grob
oder häßlich gar, den Eingang zu Wohnhöfen konnte man immer gut
von denen zu Einkaufszentren unterscheiden. Von den Fassaden, die
mich umgeben, starren mich Dutzende Balkons an. Eine sonnengebräunte, ältere Frau schiebt einen Elektrorasenmäher hin und her, dessen brummendes Geräusch mich noch Minuten weiterverfolgt. Es
schlägt mir gleich auf den Magen und ich verlasse schnell den Hof zur
anderen Seite.
Die Straße gegenüber gehe ich in ein nächstes Gebäude mit Klinkerfassade hinein, da ich an der Fassade in großen, weißen Lettern das
Wort „Centrum“ lese. Ich falle auf, denn ich bin der einzige hier. Komisches Centrum! Als ich um eine Ecke im Innern der Halle biege, höre
ich hinter mir herrufen und werde gestoppt. Ich sage, daß ich dachte,
ich fände hier die Bibliothek. Der tieferliegende Teil des Foyers nämlich steht voller runder Tische und Stühle, die den Eindruck eines Lesesaales machen, wie er in jeder schwedischen Stadtbibliothek üblich
ist. An einem Tisch sitzt eine alte Frau. Irgend etwas an ihren Proportionen stimmt nicht, bis ich mitkriege, daß es sich um eine Puppe
handelt. Der Oberkörper ist zu lang und zu steif aufgerichtet und die
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Arme, die sie vor sich regungslos auf den Tisch stützt, setzen zu tief
an. Man hat der Puppe Sackleinen angezogen und ein schwarzes
Kopftuch umgebunden. Das hat etwas Gespenstisches. Die Bibliothek jedenfalls würde ich, glaubt der Wärter, im Väsby Centrum finden
und das wäre noch ein Stück die Straße runter. Hätte er nicht noch
hinzugefügt, die Häuser von Väsby Centrum hätten eine blaue Farbe,
wäre ich glatt an ihnen vorbeigelaufen. Obwohl es gleich hinter dem
Parkplatz, den ich diagonal überschreite, direkt vor mir liegt, finde ich
den Eingang nicht gleich. Schließlich schätze ich ihn dort, wo die
Busse halten und liege richtig.
Da haben wir die Passage - Väsby Centrum besteht aus nichts anderem, kein Platz, keine Geschäftsstraße, nur dieser Parkplatz mit Einkaufspassage. Die dafür ist groß und hat mehrere Ausgänge (leider
nur einen versteckten Eingang, wie ich finde). Stadtpassagen haben
Flair, sagt man. Sie sind jedesmal wie ein eigener Kosmos, der sich
ganz plötzlich vor einem auftut. In Sockholm City kenne ich nur die
Birger-Jarl-Passage in der Nähe des Norrmalmstorg - ein Beispiel wie
aus dem Passagenwerk. Aber die hier? Das Luftbild würde einen Parkplatz an einem eingeschossigen Kasten zeigen, auf dem zwei höhere
Büro- und Verwaltungsgebäude zu stehen gekommen sind, bekieste
Flachdächer mit Plexiglastonnen. Darin befinden sich ein ICA-Supermarkt (was auch sonst?), mehrere Textilgeschäfte mit Einheitsware,
ein Uhrmacher und ein Goldschmied, ein Süßigkeiten-, Zeitungs- und
Tabakladen, im Kreuzungspunkt zweier Passagenwege ein Café- und
Kuchenstand unter einer Glaskuppel - nahezu klassisch banal! Ich
beginne mich zu langweilen, bin auch fast der einzige hier am Mittwochvormittag um 10.00 Uhr. Aus den Lautsprechern höre ich „Killing
me softly“ und denke mir, das haben die mit Absicht ausgewählt...
Vor dem Haupteingang folgen die Busse in sehr kurzen Intervallen aufeinander. Auf den Fahrzeitenplänen lese ich immer nur ein Ziel: Upplands
Väsbys Bahnhof. Keiner der Fahrgäste scheint ein anderes Ziel zu
haben, als von hier abzufahren. Um mich herum stehen Bäume auf
einer großen, mit Gehwegplatten befestigten Fläche. Gelbe EinfamilienHolzhäuser mit Garage und enormen Gärten stehen auf der anderen
Straßenseite und wie zufällig verstreute Mehrfamilienhäuser mit Balkons oder Laubengängen. Menschen ausländischen Aussehens kann
ich nicht sehen; Schwedens Volksheim ist wieder mal unter sich...
Zum Glück muß ich nicht lange auf den nächsten Bus warten.
Am Bahnhof zurück befinden sich Kiosk, Pressbyrån (Zeitungskiosk),
Fußgängerbrücken, Lampenmasten, Oberleitungen über den Gleisen,
Lärmschutzwände. Ich habe Hunger. Öde macht hungrig! Und als ich
auf dem Bahnsteig in meine mitgebrachten Brote beiße, leistet mir
wieder die schöne, arme und gleichfalls hungrige Giuliana (alias Monica
Vitti) Gesellschaft in einer der ersten Szenen von Antonionis „Roter
Wüste“.
Häggvik
In Häggvik ist alles ähnlich, nur gibt es statt der Holzhäuser verputzte
Mietshäuser, keine Passage, aber selbstverständlich einen ICA-Supermarkt - diesmal als freistehender Flachbau.
Das kommerzielle Zentrum von Häggvik ist im Erdgeschoß eines langgestreckten, abgetreppten Mehrfamilienhauses untergebracht, dem so
etwas wie Arkaden vorgelagert sind. An einem Durchgang sehe ich ein
Fahrverbotsschild für Radfahrer. Ein Pedikürtstudio scheint mir gemeinsam mit der Fahrschule daneben eine logische Einheit zu bilden, denn
wenn man sich hier nicht auf Dauer die Füße plattlaufen will, ist man
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gut beraten, schleunigst seinen Führerschein zu machen. Ich überquere die Straße, die in die Ferne führt: Strommasten, Verkehrsschilder, Wegweiser, Asphaltglimmern. In der Ristorante-Pizza-Bar „San
Marco“, Ecke Häggviksvägen, bestelle ich einen Kaffee. Der Kellner
versteht mein Englisch nicht gleich und reagiert unwirsch. Ist auch
nicht mein Tag heute...
Ein paar Tage später reise ich ab... und nehme die Fähre, die die
deutsche, vertrackte von der lichten, schwedischen Kultur trennt...
Abb. 146
Fähre in Trelleborg
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5. Kapitel
Fotodokumente
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Abb. 147
Abb. 150
U-Bahn-Station Globen
Abb. 151
U-Bahn-Station
Abb. 153
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Gebäude in der Folkungagatan
Abb. 155
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Abb. 148
Stadsgårdsleden
Abb. 149
Abb. 152
Tunnelbana
Abb. 154
Wohnblocks am Fartsa Centrum, gespiegelt
Årstafältet
Fahren, fahren, fahren... (P.Viriglio)
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Klarastandsleden
Abb. 157
Abb. 161
Abb. 163
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Wohnblock in Helenelund
Abb. 158
Abb. 156
Restaurantboot am Munkbroleden
Abb. 159
Schaufenster am Norrmalmstorg
Abb. 160
Gasverksvägen
Abb. 162
Tanks im Freihafen
Abb. 164
Bauarbeiten in der Hammarby Sjöstad
Café in der Fjällgatan
Vergnügungspark Gröna Lunds Tivoli auf Djurgarden
Södra Hamnvägen
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Konsultierte Literatur
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O’Dell, Tom: “Culture unbound”, Nordic Academic Press, Lund, 1997
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Pasolini, Pier Paolo: „Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur
des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft“, herausgegeben von Peter
Kammerer, Wagenbach Taschenbuch 317, Neuausgabe 1998, Verlag
Klaus Wagenbach, Berlin, 1998
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Waern, Rasmus: „Architektur in Schweden“, Schriftenreihe: Kultur in
Schweden, Schwedisches Institut (Hrsg.), TS 109a, April 1998
Weihschedel, Wilhelm: “Die Philosophische Hintertreppe”, dtv 1280,
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH&Co.KG, München, 22.Auflage, 1992
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Nachweis der Abbildungen
Abb. 3
Lithographie von Gustav Dorés
Gullberg, A.; Sidenbladh, G.; Holm, L..; Westman, T.;
Claesson, Å.; Kallstenius, P.: “Stockholm blir Stor Stad.
Tiden 1948-1998”, Kulturhuvudstadsåret 1998, Byggforlaget, Stockholm, 1998, S.232
Abb. 15
Heinrichs, Werner: “Schweden. Vielfalt von Kunst und
Landschaft im Herzen Skandinaviens”, DuMont Buchverlag, Köln, 2.Auflage, 1995, S.88
Abb. 16
Werbung einer Telefongesellschaft
Abb. 18
Foto von Gunnar Lundh, 1939, Nordiska Museet
Abb. 19
Mit H.C.Carlsson
Sax, Ulrika: “Vällingby. Ett levande drama”, Monografier
utgivna av Stockholms stad 136, Stockholmia Förlag,
Stockholm Boras, 1998, S.29
Abb. 20
Åström, Kell: “City Planning in Sweden”, The Swedish
Institut, Victor Pettersons Bokindustri AB, Stockholm,
1967, S.139
Abb. 23,24 Dagens Nyheter vom 14.06.2000
Abb. 25
Okänd Fotograf/ Albert Lamms Sammling/ Stockholms
Stadsmuseum
Abb. 28
Foto: Carl och Karin Larssins Släktförening, Sundborn
Abb 29
Sax, Ulrika: “Vällingby. Ett levande drama”, Monografier
utgivna av Stockholms stad 136, Stockholmia Förlag,
Stockholm Boras, 1998, S.124
Abb. 33
Sax, Ulrika: “Vällingby. Ett levande drama”, Monografier
utgivna av Stockholms stad 136, Stockholmia Förlag,
Stockholm Boras, 1998, S.40f.
Abb. 37
Gullberg, A.; Sidenbladh, G.; Holm, L..; Westman, T.;
Claesson, Å.; Kallstenius, P.: “Stockholm blir Stor Stad.
Tiden 1948-1998”, Kulturhuvudstadsåret 1998,
Byggforlaget, Stockholm, 1998, S.66
Abb. 38, 39 Åström, Kell: “City Planning in Sweden”, The Swedish
Institut, Victor Pettersons Bokindustri AB, Stockholm,
1967, S.74
Abb. 46
Åström, Kell: “City Planning in Sweden”, The Swedish
Institut, Victor Pettersons Bokindustri AB, Stockholm,
1967
Abb. 47
Andersson, Magnus (Text); Monastra, Nino (Fotos):
„Stockholm’s Annual Rings. A glimpse into the development of the City“, Stockholmia Förlag, Stockholm, 1998,
S.162
Abb. 53
Högberg, Steffan: “Stockholms Historia”, Vol.2, Bolmier
Fakta, Stockholm, 1981, S.162f.
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Abb. 54
Johansson, Ingemar: “Stor Stockholms bebyggelsehistoria. Marktpolitik, Planering och Byggande under Sju
Sekler”, Gidlunds-Verlag, Värmdö, 1987, S.479
Abb. 55
Högberg, Steffan: “Stockholms Historia”, Vol.2, Bolmier
Fakta, Stockholm, 1981, S.211
Abb. 61
Högberg, Steffan: “Stockholms Historia”, Vol.2, Bolmier
Fakta, Stockholm, 1981, S.311
Abb. 68
Foto, Stadsmuseet
Abb. 70
“Stockholm under femtio år. Stockholms stads fastighetsnämad 1919-1969”, Stockholm, 1969, S.89
Abb. 74
Järbe, Bengt: “Sagornas och sägnernas Stockholm”,
Tidens förlag Stockholm, 1969, S.300
Abb. 76
“Stockholm under femtio år. Stockholms stads fastighetsnämad 1919-1969”, Stockholm, 1969, S.87
Abb. 96
Andersson, Magnus (Text); Monastra, Nino (Fotos):
„Stockholm’s Annual Rings. A glimpse into the development of the City“, Stockholmia Förlag, Stockholm, 1998,
S.17
Abb. 97
Gullberg, A.; Sidenbladh, G.; Holm, L..; Westman, T.;
Claesson, Å.; Kallstenius, P.: “Stockholm blir Stor Stad.
Tiden 1948-1998”, Kulturhuvudstadsåret 1998, Byggforlaget, Stockholm, 1998, S.92f.
Abb. 107
Johansson, Ingemar: “Stor Stockholms bebyggelsehistoria. Marktpolitik, Planering och Byggande under Sju
Sekler”, Gidlunds-Verlag, Värmdö, 1987, S.595
Abb. 118
Gullberg, A.; Sidenbladh, G.; Holm, L..; Westman, T.;
Claesson, Å.; Kallstenius, P.: “Stockholm blir Stor Stad.
Tiden 1948-1998”, Kulturhuvudstadsåret 1998, Byggforlaget, Stockholm, 1998, S.68
Abb. 133
Postkarte
Abb. 137
Johansson, Ingemar: “Stor Stockholms bebyggelsehistoria. Marktpolitik, Planering och Byggande under Sju
Sekler”, Gidlunds-Verlag, Värmdö, 1987, S.565
Sämtliche nicht aufgeführte Abbildungen sind Fotografien des Autors.
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Cerum Report
1 Lars-Olof Persson och Erik Sondell, Från Lantbruksföretag till lanthushåll, 1990.
2 Folke Carlsson, Mats Johansson, Lars-Olof Persson och Björn Tegsjö,
Creating Labourmarket Areas and Employment Zones. New Regional
Divisions in Sweden Based on Commuting Statistics, 1993.
3 Ulf Wiberg (ed), Marginal Areas in Developed Countries, 1994.
4 Erik Bergkvist och Lars Westin, Värderas godstransporter rätt vid järnvägsinvesteringar? En granskning av Banverkets investeringsmodell, 1994.
5 Lars Westin, En modell för integrerad analys av regional struktur och
transportflöden, 1995.
6 Erik Bergkvist och Lars Westin, Estimation of gravity models by OLS
estimation, NLS estimation, Poisson, and Neural Network specifications,
1997.
7 Svenerik Sahlin och Aurora Pelli, Euroreg, Förstudie, 2000.
8 Peter Hall, Urban Development and Research Needs in Europe, 2001.
9 Steffen Ahl, Schwedenhäppchen, 2001.
Cerum Working Paper
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