ACTA UNIVERSITATIS UPSALIENSIS 45 Studia Germanistica Upsaliensis

ACTA UNIVERSITATIS UPSALIENSIS 45  Studia Germanistica Upsaliensis
ACTA UNIVERSITATIS UPSALIENSIS
Studia Germanistica Upsaliensis
45
Den Schatten hab’ ich, der mir angeboren,
Ich habe meinen Schatten nie verloren.
Adelbert von Chamisso
I pity the poor immigrant
Who wishes he would’ve stayed home...
Bob Dylan
„wer bist du hier in dieser stadt, in diesem
land, in dieser neuen welt“
Die Identitätsbalance in der Fremde in ausgewählten
Werken der deutschsprachigen Migrantenliteratur
von
Petra Thore
Akademische Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde an der Universität Uppsala 2004
ABSTRACT
Thore, P. (2004): „wer bist du hier in dieser stadt, in diesem land, in dieser neuen welt“. Die
Identitätsbalance in der Fremde in ausgewählten Werken der deutschsprachigen
Migrantenliteratur./ The „identity-balance“ in a foreign country as shown in selected texts,
taken from immigrant literature in Germany and Switzerland. Acta Universitatis Upsaliensis.
Studia Germanistica Upsaliensia 45. 174 pp. Uppsala. ISBN 91-554-5907-2.
The central concern of this thesis is to investigate the development of the personal identity of
the main characters in four novels, a novella, and a short-story, written in German by authors
from different countries who have immigrated to post World War II Germany and
Switzerland. Earlier research concerning these identity processes is reviewed with emphasis
on the relevance of the different theoretical models of development of personal identity used.
A model called “identity-balance”, first described by the German sociologist Lothar
Krappmann, is used in analysing the changes in personal identity. This model is preferred
because of Krappmann’s strong emphasis on interaction, process, and openness. Based upon
the results of the interpretations a modification of Krappmann’s model is suggested in order to
better shed light upon identity processes following migration. As languages are shown to play
a great role in these processes, aspects concerned with multilingualism and the part languages
play in the “identity-balance” are discussed throughout the thesis. The textual interpretations
reveal the connection between three lines of change: changes in personal identity, changes in
society following migration, and changes in the field of literature.
Keywords: contemporary immigrant literature in Germany and Switzerland, Biondi,
Demirkan, Florescu, Tekinay, Tschinag, Wodin, identity-balance, interaction, multilingualism, migration and globalization.
Petra Thore, Department of Modern Languages, Uppsala University, Box 636,
751 26 Uppsala, Sweden
© Petra Thore 2004
ISSN 0585-5160
ISBN 91-554-5907-2
Typesetting: Editorial Office, Uppsala University
Printed in Sweden by Elanders Gotab, Stockholm 2004
Distributor: Uppsala University Library, Box 510, SE-751 20 Uppsala, Sweden
www.uu.se, [email protected]
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort......................................................................................................... 9
Vorbemerkung zur Migration ...................................................................... 11
Kapitel 1
Einleitende Überlegungen über die Stellung der Migrantenliteratur
in Deutschland .............................................................................................15
Ziele der Arbeit............................................................................................17
Zur Ästhetik der Migrantenliteratur.............................................................20
Zur Methode ................................................................................................21
Struktur der Arbeit .......................................................................................22
Kapitel 2
Die Forschungslage......................................................................................23
Die Forschung in den 1980er Jahren ...........................................................24
Die neuere Forschung seit den 1990er Jahren .............................................27
Zusammenfassung .......................................................................................34
Migrantenliteratur – ein umstrittener Begriff in der deutschen
Gegenwartsliteratur......................................................................................35
Die Wahl der Bezeichnung Migrantenliteratur in der vorliegenden
Arbeit ...........................................................................................................38
Anfang und Ende der Migrantenliteratur.....................................................41
Kapitel 3
Die sprachliche Polyphonie der Migrantenliteratur .....................................43
Die Sprachbewältigung aus der Sicht der Rezeption ...................................46
Die Sprachbewältigung als Problem der Autorinnen und Autoren..............48
Soziolinguistische und sozialpsychologische Perspektiven.........................49
Überlegungen zur Bedeutung der Sprachwahl für die persönliche
Identität ........................................................................................................50
Ergänzende Einfallswinkel der Zweisprachigkeitsforschung ......................52
Das Leben in der Mehrsprachigkeit.............................................................53
Kapitel 4
Zur Identität in der Migrantenliteratur.........................................................55
Bisherige Untersuchungen zur Identitätsproblematik in der
deutschsprachigen Migrantenliteratur..........................................................58
Lothar Krappmann und Wolfgang Kraus ....................................................61
Die Ich-Identität bei Erik H. Erikson und Lothar Krappmann ....................62
Identität und Rolle, Rollenhandeln, Rollendistanz ...................................... 65
Die Brauchbarkeit der psychologischen und sozialpsychologischen Kategorien für die Interpretation der Migrantenliteratur ...................67
Überlegungen zur nationalen und kulturellen Identität im
Querschnitt der Forschungsliteratur.............................................................69
Ein kollektives multinationales Projekt und ein Projekt zur Erhaltung
der ethnischen Identität................................................................................71
Nationale Identität als kollektives Konstrukt...............................................73
Nationale Identität als Bestandteil der persönlichen? ..................................73
Kapitel 5
Interpretationen............................................................................................77
Einleitende Vorbemerkungen ......................................................................77
Authentizität und Betroffenheit ...................................................................78
Der Emanzipationsanspruch in der Migrantenliteratur................................79
Franco Biondis Novelle Abschied der zerschellten Jahre ...........................81
Der Inhalt der Novelle .................................................................................83
Mamos Interaktionsgeflecht ........................................................................85
Mamos „Täuschen“ – eine Überlebensstrategie, die scheitert .....................87
Alev Tekinays Erzählung Der Todesengel .................................................. 90
Die Erzählung ..............................................................................................92
Das Scheitern der Lebensentwürfe ..............................................................93
Einheimische und migrierte Jugendliche .....................................................94
Die Gestaltung der Rollenproblematik in den Figuren Melek
und Erhan.....................................................................................................97
Nataschas Wodins Roman Die gläserne Stadt............................................100
Struktur und Inhalt des Romans – ein Überblick........................................101
Die frühe Sozialisation und das Heranwachsen der Ich-Erzählerin............103
Sprache als Vortäuschung von Heimat .......................................................104
Das Pendel ..................................................................................................106
Nataschas Identitätsbalance ........................................................................109
Catalin Dorian Florescus Roman Der kurze Weg nach Hause ...................111
Der Inhalt des Romans................................................................................111
Drei Erinnerungsstrategien .........................................................................112
Die unmögliche Rückkehr ..........................................................................116
Renan Demirkans Roman
Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker .........................................................119
Der Inhalt des Romans................................................................................120
Der Entwurf einer Zukunft mit verwischten Grenzen ................................123
Galsan Tschinags Roman Die graue Erde..................................................126
Dshurukuwaas neuntes Lebensjahr.............................................................128
Identitätsentwicklung im Kreuzfeuer der Widersprüche ............................132
Die Widmung „Für Dshokonaj“ ................................................................134
Verschiedene Lesarten des Romans ...........................................................135
Abschließende Bemerkungen zur im deutschen Kontext
fremden Sprache .........................................................................................137
Kapitel 6
Die Identitätsbalance:
Zusammenfassung und Ergebnisse ............................................................142
Die Identitätskrise in der Jugend und die Loslösung
von den Eltern.............................................................................................142
Die Identitätsbildung im Verlauf der Zeit und unter
interkulturellen Vorzeichen ........................................................................144
Die Gewinnung und Wahrung von Identität...............................................146
Die Identitätsbalance in der Fremde und die fremde Sprache ....................148
Literatur als Medium der Verständigung....................................................151
Literaturverzeichnisse
Primärliteratur.............................................................................................154
Ungedruckte Quellen ..................................................................................154
Deutschsprachige Migrantenliteratur in Auswahl ......................................154
Wissenschaftliche Literatur ........................................................................159
Anhang
Suleman Taufiq: „Die Frage“ .....................................................................173
VORWORT
Für die sachverständig-wissenschaftliche und die menschlich geduldige und
ermunternde Betreuung im Laufe der Jahre, in denen die vorliegende Arbeit
entstanden ist, möchte ich an erster Stelle meinem ‚Doktorvater’, Professor
Sture Packalén danken. Unsere Gespräche über die entstehende Arbeit und
deren im Bereich der Interkulturalität liegende Problematik haben mich
immer wieder inspiriert, und ein Zweifel an der Bedeutsamkeit der damit
zusammenhängenden Fragen konnte nie wach werden.
Danken möchte ich auch den Kolleginnen und Kollegen und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Seminare am deutschen Institut der
Universität Uppsala, deren reges Interesse und Gesichtspunkte einen Teil des
Dialoges ausmachten, der jeden Schreibprozess im Idealfall begleiten sollte.
Für die sachkundige Leitung des richtungsweisenden ersten Seminars sei an
dieser Stelle Herrn Professor Gernot Müller gedankt. Besonders möchte ich
auch die Zusammenarbeit mit meiner Kommilitonin Frau Dr. Bärbel
Westphal erwähnen. In zahlreichen Gesprächen war sie eine ausdauernde
und stets konstruktive Kritikerin. Ihr und Herrn Professor Helmut Müssener
sei nochmals für die Übernahme der Opposition bei mehreren
entscheidenden Seminaren gedankt, durch welche die Dissertation jedes Mal
ein Stück näher zum Abschluss gebracht werden konnte.
Der finanziellen Unterstützung durch das Geisteswissenschaftliche
Institut an der Mälardalens Högskola verdanke ich die Möglichkeit, das in
meiner Freizeit begonnene Doktorandenstudium fortzusetzen und abzuschließen. Ein Reisekostenzuschuss vom Deutschen Institut der Universität
Uppsala ermöglichte mir die Teilnahme an einer Konferenz zur Migrantenliteratur in Berlin, die mir wertvolle Impulse gab. Für beides bin ich sehr
dankbar.
Zu allerletzt gilt mein Dank meiner Familie, die meine Arbeit auf
unterschiedliche Art und Weise unterstützt hat. Unsere Tochter Sophia hat
mich geduldig und liebevoll auf meiner Reise ins Literaturarchiv Marbach
begleitet, und unser Sohn Mathias hat im Laufe der Jahre und bei der
abschließenden Vorbereitung der Arbeit zum Druck aufmerksam die
entscheidende computertechnische Verantwortung übernommen. Ganz
besonders aber danke ich meinem Mann Magnus, ohne dessen Ermutigung
ich dieses Projekt nie begonnen, geschweige denn jemals abgeschlossen
hätte.
Västerås, im April 2004
Petra Thore
9
10
VORBEMERKUNG ZUR MIGRATION
Migration ist schon lange nicht mehr vorstellbar als eine freie Bewegung von
Menschen, die aus welchen Gründen auch immer einen Ortswechsel durchführen möchten. Innerhalb einer Nation und innerhalb eines Sprachraums
vollziehen sich diese Bewegungen als Binnenmigration, werden gegebenenfalls statistisch erfasst und im Übrigen als selbstverständliche Äußerungen
der Inanspruchnahme des Rechts auf Freizügigkeit hingenommen. Ganz
selbstverständlich will es dahingegen aber auch erscheinen, dass die hier
interessanten Wanderungsbewegungen, um die es im 20. Jahrhundert ging
und die im 21. Jahrhundert fortsetzen, mit Grenzüberschreitungen zwischen
Nationen verbunden sind, die von den jeweiligen Staaten strikt reguliert
werden. Grenzen aber werden dann und wann neu definiert, gezogen und
ungültig gemacht, was z.B. der deutsche und der europäische Einigungsprozess anschaulich illustriert. Für das Zusammenleben der Völker hat
Migration schon immer durchgreifende Folgen gehabt, und alles deutet
darauf hin, dass es auf unabsehbare Zeit so bleiben wird.
Eine literaturwissenschaftliche Arbeit wie die vorliegende soll und kann
nicht der Ort sein, die historisch, soziologisch und politisch zu untersuchende Erscheinung der Migration wissenschaftlich auszuloten. Dennoch ist
es unerlässlich, sich nicht nur mit der Feststellung zu begnügen, dass die
Migration in die Bundesrepublik Deutschland seit der Nachkriegszeit als das
soziale Phänomen gesehen wird, wodurch die deutsche Migrantenliteratur,
gesehen als Teil der Gegenwartsliteratur, ausgelöst wurde. Einige Überlegungen zur Migration nach Deutschland sollen hier deshalb diesen sozialen
und politischen Hintergrund unter besonderer Berücksichtigung der letzten
50 Jahre kurz erhellen.
Migration lässt sich auf vielfältige Weise erklären, und bei der
Entscheidung für die Migration kommen verschiedenste so genannte Pushoder Expulsionsfaktoren und Pull- oder Attraktionsfaktoren zum Tragen.1
Für verschiedene, auch in sich heterogene Gruppen von Migranten galten
und gelten weiterhin ungleiche gesetzliche und menschliche Bedingungen:
es ist ein Unterschied, ob Migrantinnen und Migranten das Ankunftsland
Deutschland als Vertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge, Asylbewerber, Gastarbeiter oder durch den so genannten Familiennachzug erreichen.2
Die Geschichte der Migration nach Deutschland – damit ist hier
hauptsächlich die Arbeitsmigration gemeint – fängt nicht erst nach dem
Zweiten Weltkrieg an, sondern hat eine lange, großteils wenig ruhmreiche
Vorgeschichte, die in vergangene Jahrhunderte zurückreicht. Die darauf
1
Vgl. Amodeo 1996, S. 45.
Durch den Familiennachzug kamen hauptsächlich die Kinder von Migranten, aber auch
ältere Angehörige nach Deutschland.
2
11
zurückgehende Problematik der „billigen und willigen“3 Arbeitskraft, auch
bekannt unter Bezeichnungen wie „Zwangsarbeiter“ und „Gastarbeiter“,4
wird noch heute unter aktuellen Vorzeichen diskutiert. Die Debatte um die
Ausländerpolitik, die seit mehreren Jahrzehnten „die innenpolitische
Auseinandersetzung in Deutschland wie kein anderes Thema“5 bestimmt,
wird jedoch oftmals unter der Unterstellung der Voraussetzungslosigkeit
geführt.
Die beispiellos feste Haltung der wechselnden Bundesregierungen der
Nachkriegsmigration gegenüber hat immer wieder in Versicherungen wie
„Wir wollen und können kein Einwanderungsland werden“,6 ihren Ausdruck
gefunden. An dieser Einstellung verwundert nicht nur die mangelnde Anerkennung der tatsächlichen Verhältnisse, sondern auch der Verzicht auf die
Erprobung erforderlicher Handlungsalternativen, um die bereits bestehenden
Sachverhalte zu steuern und ihre Folgen sozial verträglich zu machen und zu
mildern.
In der einschlägigen Literatur wird wiederholt die Leistung gewürdigt,
die die deutsche Bevölkerung in der Nachkriegszeit mit der – sicher nicht
immer reibungslosen – Integration von mehr als dreizehn Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen vollbrachte.7 Erst nach dem Bau der Berliner Mauer,
1961, wurde diesen Migrationsprozessen ein Ende gesetzt, und die Bedeutung der ausländischen Arbeitskraftmigration nahm zu.
Die bundesdeutschen Grenzen wurden bereits ab 1955 für Arbeiterinnen
und vor allem Arbeiter durchlässig gemacht. Infolge der ab 1955 geschlossenen Verträge zwischen Deutschland und einer Vielzahl von Ländern
strömten Migranten unter der Bezeichnung „Gastarbeiter“ nach Deutschland.
Beabsichtigt war ausdrücklich keine Einwanderung, denn Staat und Industrie
erhoben zunächst die „Rotation“8 zum Prinzip. Demgemäß sollten die
Arbeiter und Arbeiterinnen nach dem Ablauf des von vornherein zeitlich
beschränkten Aufenthalts das Land wieder verlassen, um von frisch angeworbener Arbeitskraft ersetzt zu werden. Das Rotationsprinzip, das ziemlich
schnell auf Widerstand in der Industrie stieß, hatte bis zum Anwerbestop von
1973 offizielle Gültigkeit. Von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen hatte
sich allerdings gleichzeitig unter den Betroffenen die Tendenz entwickelt,
nach einer gewissen Zeit aus dem vorübergehen Arbeitsaufenthalt einen
Dauerzustand entstehen zu lassen.
3
Herbert 2001, S. 16.
Vgl. Herbert 2001, Titel.
5
Herbert 2001, S. 9. Dazu lässt sich feststellen, dass diese behauptete Dominanz der Debatte
dennoch nicht die erwünschten dauerhaften Ergebnisse erzielt hat, die in Ablösung der
Gesetze, die Ausländer betreffen, zu einer modernen Einwanderungsgesetzgebung geführt
hätten.
6
Helmut Schmidt, 1979, zitiert nach Thiele 1984, S. 76-90, hier: 81f.
7
Vgl. Herbert 2001, S. 339 und Engelmann 1984, S. 282.
8
Vgl. z.B. Yano 2000, S. 2ff.
4
12
Seit der Zeit des Anwerbestops erhielt die Migration nach Deutschland
zunehmend eine andere Prägung. Nach einer kürzeren Unterbrechung
nahmen die Zuzugszahlen bald wieder zu. Dabei spielte der Familiennachzug der ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter zunächst eine große Rolle,
später stiegen die Zahlen der Asylsuchenden aus Ländern, in denen politischer Terror, Verfolgung und Krieg herrschten.9 Trotz der gegenteilig ausgerichteten Absichtserklärungen ermöglichten die großzügigen Asyl- und
weiteren einschlägigen Gesetze der Bundesrepublik also die Zunahme des
Ausländeranteiles an der bundesdeutschen Bevölkerung. Diese hat nach dem
Auseinanderfallen der Sowjetunion ab Anfang der 1990er Jahre auch durch
den Zuzug von Aussiedlern zugenommen.
In der Ausländerpolitik wurden Integrationswünsche gleichzeitig und
widersprüchlich mit der Förderung der Rückkehrbereitschaft und dem
Wunsch nach Verhinderung weiteren Zuzugs gepaart.10 In der Zeit von 1960
bis 2000 stieg der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung dennoch von 1,2 auf 8,9 Prozent.11 Im Januar 2000 trat ein neues
Staatsangehörigkeitsrecht in Kraft, das die Entscheidung für die Einbürgerung erleichtern soll. Die Lebensbedingungen von Ausländern werden
jedoch weitgehend durch Ausländergesetze geregelt.
Die Angaben der deutschen Ausländerstatistik enthalten ab 1991 gesamtdeutsche und für die Zeit davor bundesdeutsche Ergebnisse, offizielle Angaben über die Ausländerpolitik oder -statistik aus der DDR liegen nicht vor.
Für das Jahr 1989 kann davon ausgegangen werden, dass etwa 190 000 Ausländer in der DDR lebten, was einen Anteil an der berufstätigen
Bevölkerung von weniger als einem Prozent ausmachte.12
Die Einwanderung nach Deutschland, von offizieller Seite in Umgehung
dieses Terminus mit dem Begriff „Zuwanderung“ bezeichnet, hat das Land
seit nunmehr beinahe 50 Jahren nachhaltig beeinflusst und verändert. Dabei
erscheint als eines der größten Probleme, die diesen Veränderungsprozess
begleitet haben, die fortbestehende Weigerung der Politik, die Tatsache der
stattgefundenen Einwanderung anzuerkennen.
Auch die Verurteilung der rassistischen Abwehrreaktionen Migranten
gegenüber, besonders in den vergangenen 15 Jahren, kann noch an Kraft
gewinnen durch eine verstärkte politische Anerkennung der tatsächlichen
Migrationsverhältnisse in Deutschland. In einer Zeit, in der mehrere euro9
Ein Anstieg der Asylbewerberzahlen macht sich bereits ab 1980 bemerkbar und nimmt
besonders Anfang der 1990er Jahre sprunghaft zu, siehe Tabelle in Herbert 2001, S. 263.
10
Vgl. z.B. das „Geleitwort“ von Dr. Josef Stingl, dem damaligen Präsidenten der
Bundesanstalt für Arbeit, in: Bade 1983, S. 7: „Angesichts der sehr akuten Probleme ist es
höchste Zeit für eine konstruktive Ausländerpolitik, die einerseits auf umfassende
Eingliederung derer gerichtet sein muß, die ständig in unserem Lande bleiben wollen, die
andererseits eine möglichste Reduzierung der Ausländerzahl in unserem ohnehin sehr dicht
bevölkerten Lande anzustreben hat.“
11
Available: 2003-01-30. http://www.integrationsbeauftragte.de/daten/tab1.pdf
12
Vgl. Herbert 2001, S. 296.
13
päische Staaten ihre Einstellung zur Einwanderung neu überdenken und
durch neue Gesetzgebung gestalten wollen und in der in vielen Ländern
erneut über Arbeitskraftanwerbung nachgedacht wird, bleibt der Wunsch
nach politischer Einflussnahme auf diese globalen Prozesse, soweit sie
Deutschland betreffen, weiterhin bestehen.
14
KAPITEL 1
Einleitende Überlegungen über die Stellung
der Migrantenliteratur in Deutschland
Die deutsche Migrantenliteratur, die hier im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht, ist ein Teil der Gegenwartsliteratur, und, wie die Gegenwart,
unabgeschlossen.13 Als Teil der gesamten literaturgeschichtlichen Zeit sind
die knapp fünfzig Jahre deutscher Nachkriegszeit, die noch als Gegenwart
gelten können, ein nur kurzer Zeitraum. Alle Aussagen über diese bewegten
Jahre und die in ihr entstandenen literarischen Werke müssen daher auch als
vorläufige gelten, ihre Dauerhaftigkeit wird erst die Zukunft bestätigen oder
entkräften können.
Im Laufe der Zeit sind wiederholt Versuche unternommen worden, die
deutsche Migrantenliteratur in Teilbibliographien zum Beispiel nach der
Nationalität ihrer Autorinnen und Autoren zusammenzufassen. Andere
Verzeichnisse wieder wollten die Aufgabe übernehmen, eine Gesamtdarstellung der Werke auszuarbeiten. Carmine Chiellinos „als
abgeschlossene Bilanz der letzten fünf Jahrzehnte (1955-2000) der bundesrepublikanischen Literaturgeschichte“14 zu verstehendes Handbuch führt mit
diesem Anspruch eine Geschichtsschreibung bis zum Erscheinungsjahr
seines Handbuchs durch. Dabei ist erstaunlich, dass eine Zählung der in
diesem Handbuch unter der Überschrift „Interkulturelle Lebensläufe –
Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur“15 näher vorgestellten oder
nur erwähnten Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht mehr als knapp 250
Namen ergibt.16
13
Heidi Röschs kontinuierlich über das Internet abrufbare Bibliografie Migrationsliteratur.
AutorInnenporträts, Primär- und Sekundärliteratur, unterrichtspraktisches Material
Available: 2001-12-06. http://www.tu-berlin.de/fb2/fadi/hr/hr.html enthält den Abschnitt
„Eventuell noch aufzunehmende AutorInnen“ und weist damit auf die Unabgeschlossenheit
der Entwicklung hin. Röschs Nutzung dieses modernen Kommunikationsmittels wird zum
Sinnbild von Prozesshaftigkeit an sich.
14
Chiellino 2000, V.
15
Chiellino 2000, S. 447-523.
16
Zum Vergleich sei erwähnt: In Schweden (Einwohnerzahl 2000: knapp 9 Millionen,
Migranten ca 1 Million) rechnet das Immigranten-Institut im Jahr 2000 mit 700 Migrantenund Minoritätsautorinnen und -autoren, wobei der schwedische Schriftstellerverband von
einer noch höheren Zahl ausgeht, siehe Gröndahl 2002, S. 42.
15
Obwohl sich feststellen lässt, dass auch unter anderem mit dem
Chamisso-Preis17 ausgezeichnete Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie
Natascha Wodin, Marian Nakitsch und Dragica Rajcic nur auf der
Preisträgerinnen- und Preisträgerliste und nicht im Überblick über interkulturelle Lebensläufe erwähnt werden, ist unklar, ob eine Ergänzung mit
diesen und anderen ausgelassenen Namen die Liste erheblich verlängern
würde. So handelt es sich, bei der relativ großen Zahl von Migrantinnen und
Migranten vor allem in die Bundesrepublik Deutschland, aber auch in die
Schweiz und nach Österreich, um eine eher geringe Zahl von Autorinnen
und Autoren, die ihren Reihen entsprungen sind.
Literatursoziologische Fragen etwa danach, wie die Bibliographien
zustande kommen und wie die auffälligen Ergebnisse des nur angedeuteten
internationalen Vergleichs zu interpretieren sind, stellen sich hier. Auch
andere Überlegungen tauchen bei der historischen Betrachtung der
Bibliographien bis hin zu Chiellinos Arbeit von 2000 auf: In welchem Maße
haben sich die Namen der Autorinnen und Autoren in den Bibliographien
verändert, in welchem Maße handelt es sich immer wieder um dieselben
Personen? Interessant wäre eine derartige Untersuchung in Anerkennung der
Tatsache, dass bibliographische Verzeichnisse Sachlagen festschreiben und
den Anschein des Endgültigen und Vollständigen erwecken, ohne eigentlich
je in der Lage zu sein, diese Versprechen einzulösen. Eine weitere
grundsätzliche Überlegung ist, welche ästhetischen Wertungen vorgenommen wurden, oder ob und wie durch Erwähnungen und Auslassungen von
Namen und Werken politische und genusabhängige Machtstrukturen produziert und reproduziert oder in Frage gestellt werden. Die Untersuchung
dieser und ähnlicher Probleme sprengt allerdings den Rahmen der vorliegenden Arbeit und muss weiterer Forschung überlassen werden.
Bibliographien sind aber nicht nur im negativen Sinne kritisch zu rezipieren. Sie stellen einen hervorragenden Ort der Wahrnehmung von Literatur
dar, der im Fall der Migrantenliteratur von ganz besonderer Bedeutung ist.
Chiellinos Handbuch von 2000, in dem die Begriffswandlung zur Interkulturellen Literatur vollzogen werden soll, kann an sich als ein Akt der Selbstbehauptung der Migrantenliteratur aufgefasst werden, denn in herkömmlichen
Werken zur deutschen Literatur wird Migrantenliteratur, wenn überhaupt,
dann meist nur am Rande berücksichtigt.18
17
Der Chamisso-Preis zeichnet seit 1985 alljährlich deutschschreibende Autoren nichtdeutscher Herkunft und Muttersprache aus. Angeregt von Harald Weinrich wurde er von der
Robert Bosch Stiftung gestiftet und wird von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
in München verliehen.
18
Im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur lässt sich eine steigende
Zahl von Migrantenautorinnen und -autoren finden. Zur Entstehungszeit dieser Dissertation,
bis Anfang des Jahres 2004, waren von den hier berücksichtigten Schriftstellerinnen und
Schriftstellern allerdings nur Franco Biondi und Galsan Tschinag im KLG vertreten.
16
In seiner einleitenden Formulierung lässt Chiellino nun nicht die Migrantenliteratur in der deutschen, sondern die deutsche Literatur in der interkulturellen Literatur aufgehen.19 Die den literaturwissenschaftlichen Diskurs
über die Migrantenliteratur stets begleitende Frage danach, ob deutsche
Migrantenliteratur als integrativer oder eigenständiger Teil der deutschen
Literatur aufzufassen sei, ist damit nicht beantwortet, sondern umgangen. Es
fragt sich, ob die Migrantenliteratur in diesem begrifflichen Gleiten nicht
doch wieder dem Risiko ausgesetzt wird, unkenntlich gemacht und in der
Verlängerung ignoriert zu werden. Chiellino, der in früheren Arbeiten so
scharfsinnig darauf hingewiesen hat, wie die Produktionsbedingungen der
Literatur von herrschenden Machtstrukturen abhängen, scheint hier von
diesen Strukturen abzusehen: Es muss als unsicher erscheinen, ob die germanistische Literaturwissenschaft sich von der Argumentation der Komparatistik überzeugen und dadurch vereinnahmen lassen wird.
Migrantenliteratur entsteht unter spezifischen Bedingungen, die stark mit
soziopolitischen Faktoren verknüpft sind. Ihre Existenzberechtigung, ja,
Existenz überhaupt ist nicht allgemein anerkannt,20 auch ihre Rezeption ist
problematisch, wobei letztere bisher noch nicht erschöpfend untersucht
worden ist. Einzelne Bemerkungen und Überlegungen zur Rezeption finden
sich in verschiedenen Arbeiten aber immer wieder eingestreut. Vorläufig
zusammenfassend kann festgestellt werden, dass unter den Beurteilerinnen
und Beurteilern darüber Einigkeit besteht, dass Migrantenliteratur bis Ende
der 1980er Jahre nur einen kleinen Kreis von Leserinnen und Lesern erreicht
hatte.21 Dabei kommt es zu unterschiedlichen Erklärungsansätzen für diese
Auffassungen, die aber eher persönliche Ansichten offenbaren als eine
Präsentation von Forschungsergebnissen darstellen. Auch Ende der 1990er
Jahre ist diese Situation – mit Ausnahme einzelner Migrantenautorinnen und
-autoren, die sich auf dem deutschen Buchmarkt durchgesetzt haben und
deren Bücher sich auch heute gut verkaufen – unverändert. So stehen auch
im Bereich der Rezeptionsforschung weitere Aufgaben bereit.
Ziele der Arbeit
Trotz des relativ geringen Umfanges der deutschen Migrantenliteratur wird
sie fortlaufend von Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftlern in Deutschland und anderen Ländern beobachtet, was an sich eine
Hervorhebung dieser Literatur zur Folge hat.22 Besondere Aufmerksamkeit
ist dabei den ästhetischen Qualitäten der Migrantenliteratur gegenüber
gefordert. Speziell im Anschluss an Einsichten in Immacolata Amodeos
Arbeit von 1996 sollten heute eventuelle Beweggründe, Texte der Migran19
Siehe Zitat in dieser Arbeit auf Seite 15, Chiellino 2000, V.
Vgl. hierzu die Begriffsdiskussion in der vorliegenden Arbeit, S. 35-41.
21
Vgl. Pommerin 1989, S. 28-34, Şenocak 1992, S. 65, Tekinay 1997, S. 27-33.
22
Siehe Forschungsübersicht in der vorliegenden Arbeit.
20
17
tenliteratur nicht vorrangig als ästhetische Gegenstände zu betrachten und zu
bewerten, keine Legitimität mehr besitzen. Auch die vorliegende Arbeit
macht es sich zum Teilziel, die Bedeutung der Migrantenliteratur als solche
unter gleichzeitiger Würdigung ihrer ästhetischen Qualitäten hervorzuheben.
Der Auslöser der Migrantenliteratur ist die Migration, verstanden als eine
Bewegung zwischen Ländern, wobei ein herausragendes Merkmal die
Tatsache ist, dass es sich um eine Wanderung zwischen unterschiedlichen
Sprachräumen handelt. Hier ist nicht Migration als uraltes, menschliches,
kulturelles Phänomen, sondern die Migration in die Bundesrepublik
Deutschland seit ca. 1955 bis zum Entstehungszeitpunkt der vorliegenden
Arbeit interessant. Wenn auch in dieser Arbeit der Eindruck vermieden
werden soll, dass die deutsche Migrantenliteratur als Illustration der
gleichgültigen Zahlen der Migrationsstatistik dient, geht die Arbeitsweise
von der Einstellung aus, dass diese Literatur einen Beitrag zur Verständigung liefern kann. Dabei wird ausdrücklich nicht an Völkerverständigung
gedacht, denn die Produktion und Rezeption von Literatur werden primär als
individuelle Vorgänge vorgestellt und Völkerverständigung ist hauptsächlich
eine Aufgabe für Politiker. Das Aufzeigen des Verständigungspotentials der
Migrantenliteratur, das sie mit anderer Literatur im Allgemeinen verbindet
und im Besonderen von ihr unterscheidet, ist dementsprechend ein weiteres
Ziel und Anliegen dieser Arbeit.
Für die Mitglieder der von der Migration betroffenen Gesellschaften
ergeben sich Begegnungen, die existentielle Fragen wecken. So wurde schon
früh die Identitätssuche von Gino (Carmine) Chiellino als „Thema schlechthin“23 der Migrantenliteratur erkannt. Chiellino postulierte: „Man kann über
Heimatverlust und -verbot, Mangel an Zukunft, Unbehagen an der Gegenwart, Erfolg in der Fremde schreiben, schließlich wird sich alles als Suche
nach einer Identität in der Fremde erweisen“.24
Migrantin und Migrant treffen in der Ankunftsgesellschaft auf die
Fremde und werden dabei – oft schmerzlich – zu der Erkenntnis gezwungen,
dass sie in deren Augen als fremd und das essentiell Fremde wahrgenommen
werden. Die Wahrnehmung dieser ihnen entgegengebrachten Auffassungen,
auch die eigenen Einsichten lösen unterschiedliche Reaktionen aus, wobei
Abwehr, projizierende Zustimmung, lebenslange Reflexion über die Frage
nach der Zugehörigkeit, Eingewöhnung und gleichzeitige Entfremdung von
der Ursprungsgesellschaft häufig erzeugte Muster sind. Auch unter der
Bedingung der Migration lassen sich diese Fragen mit den uralten Fragen
nach der persönlichen Identität wiedergeben: Wer bin ich? Woher komme
ich? Wohin gehe ich?
Natürlich sind die Mitglieder der Ankunftsgesellschaft, zumindest theoretisch, denselben Begegnungen ausgesetzt. Daher könnten und sollten diesel23
24
Chiellino 1989, S. 37.
Chiellino 1989, S. 37.
18
ben Fragen in die existentiellen Überlegungen jedes einzelnen Menschen, ob
migriert oder nicht, mit einbezogen werden. Gefragt werden müsste auch:
Wodurch sind wir (Mitglieder der Ankunftsgesellschaft) a priori dazu
berechtigt, uns selber als Vertraute und die als unsere definierte Lebenswelt
als das Eigene interpretativ festzulegen, wodurch alles andere ausgegrenzt
werden und als fremd gelten muss? Was wird in die jeweiligen Welten
inkludiert, wie werden welche Rahmen abgesteckt, welches sind die
Bedingungen für ihre Durchlässigkeit?
Prozesse der persönlichen Identitätsbildung und -wahrung, so betont die
psychologische Literatur, vollziehen sich normalerweise unbewusst.25 Die
Entfernung von der Ursprungsgesellschaft, der Dauerkontakt der Migrantin
und des Migranten mit der Fremde, auch die Sprachkontaktsituation und die
Erosion der Muttersprache, die sie auf ihre eigene Fremde in unterschiedlichen Kontexten unerbittlich aufmerksam machen, zwingen die Migrantin
und den Migranten zur verstärkten Bewusstwerdung dieser Prozesse, die
Vorteile und Entwicklung, aber auch Verluste und Leiden beinhalten
können. Bedingt durch die zahlenmäßige Unterlegenheit und umschlossen
von der politischen Situation der Machtlosigkeit, in der sich Migrantinnen
und Migranten in der deutschen Ankunftsgesellschaft befinden, können sie,
anders als deren Mitglieder, sich diesen Prozessen nicht entziehen. Auch
eine Remigration löst diese Probleme keinesfalls, fügt ihnen nur andere
Eigenschaften hinzu.
Nur zu deutlich hat sich auf den gesellschaftlichen und politischen
Ebenen Deutschlands gezeigt, dass die Bereitschaft, auf Fragen nach der
veränderten Identität des Individuums und der Gemeinschaft im Zeitalter der
globalen Migrationsbewegungen einzugehen, nicht immer sehr groß gewesen ist. Hier bietet sich der Vergleich mit der von einheimischen Autorinnen
und Autoren im selben Zeitraum geschaffenen deutschen Literatur an, in der
„Migration und ihre Folgen“ nur spärlich thematisiert werden. Dagegen ist
die Migrantenliteratur heute in nicht unerheblichem Maße der Ort für diese
bedeutungsvollen Auseinandersetzungen auf der individuellen Ebene, die
zum Aufbrechen fest gefügter, dichotomischer Vorstellungen vom Eigenen
und Fremden führen könnten. Wenn also Chiellinos Feststellungen über das
„Thema schlechthin“26 der Migrantenliteratur vielleicht von vornherein einer
reduktionistischen Zuschreibung gefährlich nahe kamen, wird dennoch in
der vorliegenden Arbeit die Auffassung vertreten, dass migrantische Identitätsentwicklungen, die in der Migrantenliteratur gestaltet werden, noch heute
einen ihrer bedeutungsvollsten Schwerpunkte ausmachen.
Ein Hauptziel dieser Arbeit ist demgemäß die Beobachtung und Interpretation von Prozessen der Bildung und Wahrung von persönlicher Identität, die in der Migrantenliteratur dargestellt werden. Ein weiteres Ziel dieser
25
26
Siehe z.B. Erikson 1998 und 2000, Haußer 1983.
Chiellino 1989, S. 37.
19
Arbeit ist neben der Hervorhebung der literarischen Gestaltungen dieser
Auseinandersetzungen auf der individuellen Ebene auch die Ausarbeitung
und Anerkennung ihres zukunftsweisenden, emanzipatorischen Gehalts mit
der Funktion eines Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen.27
Hier drückt sich die Erwartung aus, zeigen zu können, wie die Literatur eine
Entwicklung abbilden kann, bei der die Anerkennung der und des Anderen
als Gleiche und Gleichen einen Schritt weiter macht auf dem Weg zur
gleichzeitigen Anerkennung der und des Anderen als Fremde und Fremden,
die sie neben sich duldet und bestehen lassen kann – ohne Zwang zur spurlosen Einebnung.
Migrantenliteratur ist jedoch auch als Akt der Selbstverständigung der
Autorinnen und Autoren zu sehen. Die oben beschriebene Ausgangsposition
nun erlaubt die Wahrnehmung der Migrantenliteratur, nicht als Spiegel der
Gesellschaft im Allgemeinen, sondern eher als Medium der Spiegelung von
Prozessen, denen das Individuum schon immer ausgesetzt gewesen ist. Die
in dieser Arbeit zu belegende These ist, dass Migration und ihre Folgen als
Erklärung dafür gesehen werden können, dass Fragen nach Identitätsbildung
und -bewahrung in der Migrantenliteratur besonders dringlich zum Ausdruck
kommen, und dass sich – stets vorläufige – Beantwortungsansätze in dieser
Literatur finden.
Zur Ästhetik der Migrantenliteratur
Die Anerkennung von Redevielfalt, Heterogenität, Dynamik und Synkretismus in unhierarchischer Gleichzeitig- und grundsätzlicher Gleichwertigkeit, die Amodeo auf das Rhizom-Modell von Deleuze/Guattari gestützt
bei der Betrachtung der Migrantenliteratur fordert, ist der bisher einzige
umfassendere Versuch, die eventuell „andere“28 Ästhetik der deutschen
Migrantenliteratur theoretisch beschreibbar zu machen. In dieser Beschreibung liegt das versuchte Aufbrechen bisheriger implizit verstandener Beurteilungskategorien von Literatur, die sich an dichotom determinierten Kriterien orientierten. Diese drängten nicht selten einen Vergleich zwischen deutscher Migrantenliteratur und deutscher Nationalliteratur nach einer Werteskala auf, an der die eine an der anderen gemessen wurde. Die Unterlegung
der Charakteristika des Rhizom-Modells bei der Literaturbetrachtung
erlaubt, dem „Anderen“ der Migrantenliteratur einen Eigenwert einzuräumen
und dadurch defizitäre Ergebnisse bei der Einordnung dieser Literatur zu
vermeiden. Der Begriff der Ästhetik wird demgemäß verständlich als
deskriptiver Terminus ohne normative Implikationen.
27
Vgl. Ackermann 1997, S. 60-71.
Amodeo 1996, S. 22, kursiv im Original. In diesem Modell sind auch Bachtinsche
Komponenten enthalten vgl. Amodeo 1996, S. 107ff.
28
20
Zur Methode
Im Hinblick auf die für die Interpretation ausgewählten Texte soll die oben
skizzierte Ästhetik der Migrantenliteratur unter anderem konkret durch möglichst große Variation der nationalen Herkunft der Autorinnen und Autoren
berücksichtigt werden. Derselbe Leitgedanke beeinflusste den Entschluss,
Werke von Autorinnen und Autoren auszuwählen und dadurch Texte von
Autorinnen, also Vertreterinnen des bei der Produktion der Literatur unterrepräsentierten Geschlechts, möglichst gleichwertig „zu Worte kommen“ zu
lassen. Diese beiden Kriterien verdeutlichen von vornherein, dass die Auswahl jeden Anschein von Repräsentativität vermeiden will: Hier wird keine
Rücksicht genommen auf die Größe der jeweiligen Migrantengruppen aus
den vorkommenden Ländern (Nationen) oder auf die Tatsache, dass es weit
weniger Migrantenautorinnen als -autoren gibt. In diesem Verfahren drückt
sich die bewusste Absicht aus, Ethnisierung zu vermeiden: Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit ist also eher von einer Perspektive geleitet, die auf das
im deutschsprachigen Raum entstandene „Dazwischen” abzielt, als von einer
Rückführung auf den national konnotierten Ursprung von Personen, Kulturen und Literaturen. Dass Besonderheiten und Einflüsse, die durch nationale
und kulturelle Herkunft und außerdem den Genus der Autorinnen und
Autoren bedingt sind, bei der Entstehung der Literatur mit wirken, wird
anerkannt, in der vorliegenden Arbeit aber nicht näher untersucht.
Nach der extensiven Lektüre der deutschen Migrantenliteratur, wobei das
Hauptinteresse den längeren Prosatexten galt, wurden unter Berücksichtigung folgender Kriterien die zu interpretierenden Werke herausgefiltert:
1) migrantische Herkunft der Autorin und des Autors
unterschiedlicher Herkunftsnationalitäten und -sprachen
2) Gebrauch des Deutschen als Literatursprache und als eine
von mehreren Sprachen des alltäglichen Gebrauchs
3) Durch Interaktionen gestaltete thematische Zugehörigkeit
des Textes zum Bereich „Identitätsproblematik“.
Die für die Fallstudien gewählten Texte wurden mittels des Close-Reading
vor allem auf die Identitätsproblematik hin untersucht. Dass und wie in der
deutschsprachigen Migrantenliteratur die Untersuchung der literarischen
Gestaltung von Fragen, die mit der persönlichen Identität, der Suche nach
ihr, mit Identitätsproblemen und deren Lösung zu tun haben, von Erkenntnissen der Psychologie und denen der Sozialwissenschaften profitieren kann,
soll die vorliegende Arbeit versuchen, zu zeigen. Dabei wurde als Ergänzung
zur hermeneutischen Methode und zur interkulturellen hermeneutischen
Verstehensrolle29 der Versuch unternommen, das von Lothar Krappmann30
Siehe z.B. Weinrich 1990: „Es hängt jedoch mit der Entstehung der Hermeneutik aus dem
Geist der Philologie und theologischen Exegese zusammen, daß sich die Aufmerksamkeit
29
21
entwickelte interaktionistische Identitätsmodell, die Identitätsbalance, für die
Interpretation fruchtbar zu machen.
Struktur der Arbeit
Nach den einleitenden Überlegungen des ersten Kapitels wird im zweiten die
Forschungslage in einem gerafften historischen Überblick beschrieben.
Größere Arbeiten aus der wissenschaftlichen Sekundärliteratur werden unter
Hervorhebung ihrer Interessenschwerpunkte und Arbeitsperspektiven inhaltlich und thematisch zusammengefasst. Die daran anschließende Darstellung
des Terminologiediskurses, der die Migrantenliteratur seit ihrer Entstehung
begleitet, ergänzt und verdeutlicht die Wissenschaftsgeschichte dieses
Bereichs, und die Wahl des Terminus „Migrantenliteratur“ für die vorliegende Arbeit wird begründet.
Als eines der Hauptmerkmale der hier untersuchten Migrantenliteratur
wird die reale Mehrsprachigkeit ihrer Autorinnen und Autoren im dritten
Kapitel näher betrachtet, wonach ergänzende Erkenntnisse der linguistischen
Zwei- und Mehrsprachigkeitsforschung einen erweiterten Blickwinkel auf
die literarischen Werke ermöglichen.
Ein zentrales Thema der Migrantenliteratur und das Hauptforschungsinteresse dieser Arbeit ist die Frage nach der Bildung und Bewahrung von
Identität. Im vierten Kapitel findet sich die Darlegung von diesbezüglichen
Modellen aus der Psychologie, Soziologie und Sozialpsychologie, deren
Bestandteile bei der Interpretation der ausgewählten Texte möglichst fruchtbar zum Einsatz gebracht werden sollen. Überlegungen zur nationalen und
kulturellen Identität schließen dieses Kapitel ab.
Im fünften Kapitel finden sich die Interpretationen der ausgewählten
Texte. Zu den Auswahlkriterien soll hier noch erwähnt werden, dass das
Kriterium literarischer Qualität und literarischen Charakters als selbstverständliche Voraussetzung für das Lesevergnügen gesehen werden, die die
Rezeption überhaupt erst auslösen und nur deshalb bisher unerwähnt geblieben sind. Von der reduktiven Sichtweise, die in schöner Literatur, die von
Migrantinnen und Migranten verfasst worden ist, hauptsächlich Sozialdokumentationen sieht, wird hier also ausdrücklich Abstand genommen.
Im abschließenden sechsten Kapitel werden die Ergebnisse der
Interpretationen zusammengefasst und diskutiert, wonach einige
Überlegungen über das Verständigungspotential der Literatur die gesamte
Arbeit beenden.
dieser Disziplin bisher vorwiegend auf die Fremdheit in der Zeit konzentriert hat und vor
allem der Frage nachgegangen ist, wie eigentlich ein heutiger Leser nichtheutige Texte
verstehen kann. Erst neuerdings findet im methodischen Rahmen der Hermeneutik auch die
räumliche und interkulturelle Fremdheit stärkere Beachtung (Dietrich Krusche, Alois
Wierlacher)”. S. 48-50, hier 49.
30
Krappmann 2000. Siehe Kapitel 4 in dieser Arbeit.
22
KAPITEL 2
Die Forschungslage
Im folgenden Überblick, der die Forschungslage zusammenfasst, wird von
einer Diskussion der zahlreichen kürzeren Artikel, die den Diskurs über die
deutsche Migrantenliteratur eingeleitet haben, abgesehen.31 Hier werden nur
größere Arbeiten berücksichtigt. Dabei soll, soweit sinnvoll, chronologisch
vorgegangen werden; wo es zweckmäßig erscheint, werden Arbeiten ein und
derselben Wissenschaftlerin oder ein und desselben Wissenschaftlers, die in
verschiedenen Jahren erschienen sind, im selben Abschnitt zusammengefasst.
Die wissenschaftliche Rezeption der Migrantenliteratur begann in
Artikeln und Vor- bzw. Nachworten in Anthologien mit migrantenliterarischen Texten. Eine wesentliche Rolle spielten dabei Wissenschaftler, deren
Blick für die Wahrnehmung dieses neuartigen Phänomens auch durch ihre
Tätigkeit in der Auslandsgermanistik oder in der Interkulturellen Germanistik geschärft worden war. Das Hauptinteresse der Interkulturellen Germanistik, vertreten durch Wissenschaftler wie Alois Wierlacher und Dietrich
Krusche (und anderen), war jedoch auf die ‚fremdkulturelle’ Rezeption
deutscher und deutschsprachiger Texte im nichtdeutschsprachigen Ausland
ausgerichtet,32 was auf ihre ursprüngliche Gegenstandsbegrenzung auf die
methodische Lehr- und Lernsituation zurückzuführen ist.
Als einer der größten Verdienste der Interkulturellen Germanistik wird
anerkannt, dass sie das „Problem der Fremdheit und kulturellen Fremderfahrung, [...] als einen wichtigen Gegenstand und Kontext literarischer Texte
und ihrer kulturspezifischen Rezeption aufgeworfen hat, [...]“.33 Dietrich
Krusches Feststellung, nach welcher „Fremde“ ein „Sammelbegriff für eine
bestimmte relationale Erfahrung“ ist,34 ist besonders hervorzuheben. Fremde
– Krusche zieht die Begriffe „Differenzrelation oder Kontrastfunktion“ vor –
ist uneindeutig und eine mit Ambivalenz bewertete „Form von Andersheit“,
wobei es sich um „Geschlechterfremde, Es-Fremde (dem eigenen Unbewussten gegenüber)“35 oder anders kulturell markierte Andersheit handeln
kann. Ein derart offen definierter Fremdheitsbegriff lässt sich auch bei der
31
Für zusammenfassende Übersichten dieser Art siehe Michel 1992, besonders Chiellino
1995 und Amodeo 1996, Photong-Wollmann 1996 und Öztürk 1999.
32
Siehe. z.B. Krusche 1985, Krusche/Wierlacher 1990, Wierlacher 1985, Wierlacher 1987.
33
Bachmann-Medick 1996, S. 7-64, hier S. 12.
34
Krusche 1987, S. 99-112.
35
Krusche 1987, S. 103.
23
Erfassung der Migrantenliteratur verwenden, wenn er von vornherein von
Vorstellungen festgeschriebener räumlicher, zeitlicher, sprachlicher, kultureller und nationaler Fremdheit befreit ist und dadurch die Relationalität
dessen, was er bezeichnet, in den Mittelpunkt des Interesses stellt.
Die Forschung in den 1980er Jahren
Die ersten längeren wissenschaftlichen Untersuchungen deutscher Migrantenliteratur erscheinen ebenfalls in den 1980er Jahren. Heimke Schierloh
lässt sich in ihrer Untersuchung, Das alles für ein Stück Brot. Migrantenliteratur als Objektivierung des „Gastarbeiterdaseins“, hauptsächlich von
soziologischen Überlegungen über Migranten und Migration leiten und
versucht, dem Titel ihrer Arbeit getreu, den Texten die Rolle von Sozialdokumenten zuzuteilen, die „nicht mit dem Maßstab mitteleuropäischer
Bildung und traditionellem Stilempfinden zu beurteilen sind“.36 Sie sieht den
Schreibakt als Befreiungsakt, nach dem die „Suche nach einer eigenen
Kultur der Gastarbeiter erst möglich“ wird.37 Schierlohs Textbeispiele stammen hauptsächlich von Autorinnen und Autoren italienischer Abstammung.
Auch Monika Frederking bemüht sich im Schreiben gegen Vorurteile 38
ausführlich um die Einbettung der Migrantenliteratur in ihren gesellschaftlichen und soziopolitischen Rahmen. Obwohl Frederking selber vor Festlegungsversuchen warnt, zielt ihre eigene Forschungsperspektive in diese
Richtung, da aus ihr „ein sinnvoller Gebrauchswert“39 der Migrantenliteratur
festgelegt werden soll. Frederking untersucht ausschließlich Literatur von
türkischstämmigen Autorinnen und Autoren.
Andrea Zielke geht in ihrer Standortbestimmung der „GastarbeiterLiteratur” in deutscher Sprache in der bundesdeutschen Literaturszene aus
dem Jahre 198540 davon aus, dass die Migrantenliteratur „seit Anfang der
70er Jahre einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Integration der ausländischen Arbeitnehmer leistet“.41 Da in dieser Literatur statt gegenüber
formal-ästhetischen Ansprüchen eher den Inhalten deutlich der Vorrang zu
geben sei, begnügt sich Zielke über weite Strecken ihrer Arbeit hinaus damit,
ihren dokumentarischen Charakter zu betonen und ihren ästhetischen
Charakter aussparen zu können. Zielke unternimmt Überlegungen über literarisch dargestellte Identitätsentwicklungen, die sie jedoch kaum zu ergiebigen Ergebnissen führen. Zielkes Hauptinteresse innerhalb desselben Forschungsbereichs führt in ihrer Dissertation von 1993 zur Beschäftigung mit
dem Thema Migrantenliteratur im Unterricht. Der Beitrag der Migrantenli36
Schierloh 1984, S. 22.
Schierloh 1984, S. 38.
38
Frederking 1985.
39
Frederking 1985, S. 2.
40
Zielke 1985.
41
Zielke 1985, S. 5.
37
24
teratur zum Kulturdialog zwischen deutschen und ausländischen Schülern.42
Sie plädiert für die Aufnahme von Migrantenliteratur in den Schulkanon und
nähert sich der von ihr untersuchten Literatur vor allem mittels erzähltheoretischer Kriterien. In ihrer dritten, bisher letzten größeren Arbeit, die
unter dem Titel Frauenfiguren in den Erzählungen türkischer Autorinnen.
Identität und Handlungs(spiel)räume 1996 erschienen ist,43 soll die Authentizität der von ihr untersuchten Texte herausgearbeitet werden. ZielkeNadkarni gelangt in dieser Arbeit zu einigen fragwürdigen Behauptungen
über reale soziokulturelle Phänomene, von denen sie meint, sie ließen sich
aus der Literatur erschließen und unterscheidet nicht zwischen Texten, die
vor und nach der Migration der Autorinnen entstanden sind. Im Gegensatz
zur Arbeitsweise in ihren erstgenannten Arbeiten, in denen Texte von
Autorinnen und Autoren verschiedenster Herkunft berücksichtigt werden,
beschränkt sich Zielke-Nadkarni nunmehr auf Autorinnen die, wie im Titel
angekündigt, als türkische eingeordnet werden, was im Einzelfall nicht
immer durch die ursprüngliche Sprachform der Texte oder den Aufenthaltsort der Autorinnen motiviert werden kann.
Kulturvermittlung, Kultursynthese und multinationale Verständigung
ähneln Frederkings Themen und stehen in Hartmut Heinzes Arbeit Migrantenliteratur in der Bundesrepublik Deutschland. Bestandsaufnahme und
Entwicklungstendenzen zu einer multikulturellen Literatursynthese von 1986
im Zentrum des Interesses. Trotz der im Titel angekündigten Bestandsaufnahme gilt Heinzes Interesse vornehmlich der Literatur von Migrantenautorinnen und -autoren türkischer Herkunft. 44
Horst Hamms Fremdgegangen – freigeschrieben. Einführung in die
deutschsprachige Gastarbeiterliteratur,45 1988 erschienen, ist die erste Dissertation in diesem Forschungsbereich. Hamm scheint von einem
Literaturverständnis auszugehen, nach dem es sich bei den literarischen
Darstellungen um reine Spiegelungen gesellschaftlicher Verhältnisse
handelt. Die Autorinnen und Autoren der von ihm so genannten ersten
Generation sieht er als Chronistinnen und Chronisten der Missachtung und
Ausbeutung in der Minderheitssituation, die mit ihren doppelten kulturellen
Erfahrungen mittels einer Gruppenliteratur einen anderen Umgang mit den
Einwanderern anmahnen sollen. Den Autorinnen und Autoren der zweiten
Generation bescheinigt er Identitätsprobleme und wirft ihnen vor, dass ihnen
der Blick für die Gesetze des kapitalistischen Marktes fehle, was zu einem
thematischen Rückzug in die Innerlichkeit geführt habe.
Ebenfalls 1988 erschienen ist Ulrike Reegs Dissertation Schreiben in der
Fremde. Literatur nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutsch42
Zielke 1993.
Zielke-Nadkarni 1996.
44
Heinze 1986.
45
Hamm 1988.
43
25
land.46 Reeg zeichnet die Geschichte der Migrantenliteratur der italienischen
Migrantinnen und Migranten nach. Hier findet sich eine akribisch untersuchte und dargestellte Entwicklung von den ersten, unorganisierten schriftstellerischen Anfängen an, über verschiedene Organisationsformen und
Publikationsformen bis hin zur Gründung des – gerade nicht mehr auf
Italienerinnen und Italiener beschränkten – PoLiKunstvereins und dessen
Selbstauflösung im Jahre 1987. Reeg zeigt anhand von beispielhaften
Textinterpretationen die thematischen Entwicklungsphasen in der Literatur
auf, die sich von der Rückwärtsgewandtheit über die Auseinandersetzung
mit der Bundesrepublik Deutschland bis zur Forderung nach einer
Protestliteratur bewegen. Schließlich ahnt Reeg die sich anbahnende Eingliederung der Migrantenliteratur in den deutschen Literaturbetrieb und äußert
die Befürchtung, dass diese dem oppositionellen Charakter der Migrationsliteratur, den sie für wünschenswert hält, abträglich sein werde. Obwohl in
dieser Untersuchung auch einige Migrantenautoren bzw. -autorinnen anderer
Herkunft am Rande behandelt werden, wird hier besonders die seinerzeit
hervorragende literarische, politische und organisatorische Bedeutung
italienischer Migrantenautorinnen und -autoren in vorbildlicher Weise
festgehalten.
Gino (Carmine) Chiellinos Text Literatur und Identität in der Fremde:
Zur Literatur italienischer Autoren in der Bundesrepublik erscheint im
darauf folgenden Jahr in der zweiten Auflage.47 Dass aus seinem
Blickwinkel anders als in den bisher erwähnten Arbeiten für die migrierten
Schriftstellerinnen und Schriftsteller die Fremde das Ankunftsland Deutschland ist, das für Einheimische ja die Heimat und das Eigene, Vertraute
bedeutet, lässt sich vermutlich auf die Tatsache zurückführen, dass der
Literaturwissenschaftler Chiellino sich selber als Migrant und Schriftsteller
in der Fremde befindet. In dieser Arbeit werden mehrere der wichtigsten
Grundprobleme angerissen, die auch weiterhin zu den Ausgangspunkten der
Forschung zur deutschen Migrantenliteratur gehören: erstens die Fremde,
zweitens die Identitätsentwicklung und drittens eine Kombination beider
Problembereiche. Für die vorliegende Arbeit gingen von diesem Text von
Chiellino wertvolle Impulse aus, die durch seine weiteren Arbeiten noch
verstärkt wurden.
46
47
Reeg 1988.
Chiellino 1989.
26
Die neuere Forschung seit den 1990er Jahren
Die erste der bisher zwei Dissertationen, die sich mit der Migrantenliteratur
griechischer Autorinnen und Autoren beschäftigt, ist 1992 erschienen:
Herbert Michels Arbeit trägt den Titel: Odysseus im wüsten Land. Eine
Studie zur literarischen Verarbeitung des Identitätsproblems in der
griechischen Migrantenliteratur.48 Michel hält das Problem der Identität für
das Zentralproblem der Migrantenliteratur überhaupt, was mit einer Grundannahme der vorliegenden Arbeit übereinstimmt und eine ausführlichere
Diskussion seiner Dissertation deshalb hier angebracht erscheinen lässt. Er
zitiert Edith Ihekweazus Metapher der „Brücke des interkulturellen
Dialogs“,49 den er in der Migrantenliteratur verwirklicht sieht und meint,
„der eigentliche existentielle Sinn der Beschäftigung mit Migrantenliteratur
und mit deren griechischer Variante ganz besonders“ sei „Eigenes, scheinbar
Gesichertes, durch das Andere in neuem Lichte zu sehen“.50 Im Begriff der
„philhellenischen Blindheit“,51 die nach Michels Vermutung der bisher
ausgebliebenen adäquaten Rezeption griechischer Migrantenliteratur in
Deutschland im Wege stehe, kommt diese Zuweisung in umgekehrter Weise
zum Ausdruck, indem die griechisch konnotierte Fremde in gefährliche
Nähe der Fremde an sich gerückt wird. Der Fremde und den Fremden die
Aufgabe als Erkennungsfolie für das Eigene zuzuweisen ist außerdem eine
Vorgehensweise, die eine nicht ausreichend reflektierte Ethnozentrizität
enthüllt.
Für die Gewinnung eines Identitätsbegriffs stützt sich Michel auf das
Lebensweltkonzept von Habermas. Zur Beschreibung des Migrantenbewusstseins bildet er den Begriff „elliptisches Bewußtsein“,52 ein
Bewusstsein des Hier- und Dortseins, den er mit der zeitlichen Dimension in
der sich „Ich-Festigkeit [...] vollzieht“53 zu einem anspruchsvollen Analysemodell zusammenfügen will. Ein weiteres zu untersuchendes Problem ist das
komplementäre Verhältnis zwischen der Ich-Identität des Einzelnen und der
kollektiven Identität,54 eine Vorstellung, die Habermas in Geschichtsbewußtsein und posttraditionale Identität von 1987 entwickelt hat. Weiter
weist Michel darauf hin, dass die Ordnungen und Objektivationen, die in der
Mutter- oder Herkunftssprache des Migranten erworben wurden, in der
zweitsprachlich strukturierten Lebenswelt des Migranten ungenau oder sogar
48
Michel 1992.
Michel 1992, S. 6.
50
Michel 1992, S. 4.
51
Michel 1992, S. 34.
52
Michel 1992, S. 83.
53
Michel 1992, S. 40.
54
Michel 1992, S. 39.
49
27
irreführend sein können. Die Identität des Migranten könne dadurch gefährdet und erschüttert werden, eine Erschütterung, in der aber auch eine emanzipatorische Chance liege, wie Michel unter Verweis auf Kristeva feststellt.
Michel diskutiert seine wichtigen Überlegungen hauptsächlich im Hinblick
auf Migranten, wodurch eine dauernde Unsicherheit erzeugt wird, inwieweit
sie sich auf die Literaturinterpretation applizieren lassen, bzw. wie dies
geschehen soll.
Michel behandelt in seiner Studie hauptsächlich Texte, die von Autorinnen und Autoren griechischer Herkunft auf Griechisch, und dadurch in erster
Linie für eine griechische Rezeption geschaffen worden sind.55 Diese
Migrantenliteratur scheint stark abhängig zu sein vom besonderen politischen Charakter der modernen griechischen Migration, der auch für die
griechische Remigration vorauszusetzen ist, Überlegungen, die Michel allerdings nicht anstellt. Zu seinen interessanten Ergebnissen zählt die Schlussannahme, dass für migrantisches Bewusstsein nicht „das Erlebnis gradlinigen Übergangs von Dort nach Hier“ konstitutiv sei, „sondern die Erfahrung, gleichzeitig und unüberwindbar im Hier und im Dort zu sein“.56
Mit dem Hinweis auf diejenige moderne europäische Literatur, „die das
Erlebnis des Ich-Verlustes, der Entpersönlichung, der ‚Alienation’ zu ihrem
Thema gemacht hat“ und auf das Fremdsein als jene Erfahrung, „in der nicht
eine als fremd empfundene Welt dem Ich gegenübersteht, sondern in der
dieses selbst als fremd und als mit sich selbst uneins empfunden wird“,57
wird schließlich die Öffnung vollzogen, die Michels bisherige Einschränkung seiner Überlegungen auf Migranten und migrantisches Bewusstsein
überwindet.
Michels Arbeit enthält eine Reihe von Annahmen und Fragen, die denen
in der vorliegenden Arbeit ähneln. Ein größerer Unterschied lässt sich im
Hinblick auf die Frage nach dem „komplementären Verhältnis“ zwischen
persönlicher und kollektiver Identität feststellen. Von vornherein wird in der
vorliegenden Arbeit von einer derartigen Vorstellung nicht ausgegangen,
vermag diese Formulierung doch eine ähnliche Starrheit und Determiniertheit zu implizieren, die Krappmann am Eriksonschen Identitätskonzept58 kritisiert hat und überwinden will. Michels Postulat: „fortgeschrittene Zweisprachigkeit korrespondiert deshalb oft einem tiefen Riss in
der Biographie des Migranten, einer Gespaltenheit auch der Lebenswelt,
deren Teile unverbunden und oft unversöhnt nebeneinander existieren“, wird
55
Interessant ist, dass Michel auch Texte von Theodor Kallifatides behandelt. Kallifatides lebt
in Schweden und seine Werke entstehen hauptsächlich in schwedischer Sprache.
56
Michel 1992, S. 235.
57
Michel 1992, S. 225.
58
Vgl.: „Der Begriff ‚Identität’ drückt also insofern eine wechselseitige Beziehung aus, als er
sowohl ein dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein wie ein dauerndes Teilhaben an
bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen umfaßt.“ Erikson 2000, S. 124; auch
Eriksons Vorstellung, die Gesellschaft stelle neue und spezifische Möglichkeiten bereit für
den sich entwickelnden Menschen, S. 144.
28
von Michel mit dem Fehlen der wirklich integrativen Leistung „einer
Sprache“59 erklärt. Diese Feststellung dürfte eher von einer intuitiven
Beurteilung und Michels eventuell nicht ganz reflektierter Einstellung der
Mehrsprachigkeit gegenüber als z.B. auf Ergebnissen der modernen Mehrsprachigkeitsforschung oder der Psycholinguistik aufbauen. In der vorliegenden Arbeit wird der Tatsache der Zwei- und Mehrsprachigkeit der
Migrantenautorinnen und -autoren ebenfalls eine Bedeutung zugemessen.
Die Annäherung an diese Problematik geht hier allerdings von einer Sichtweise aus, die darin nicht einen defizitären Zustand sieht, sondern die
positive Einstellung der Majorität der Zweisprachigen ihrer eigenen Zweisprachigkeit gegenüber zur Kenntnis nimmt.60 Auf literarischer Ebene wird
die Zwei- oder Mehrsprachigkeit der Migrantenliteratur als eine auslösende
Komponente der Vielstimmigkeit und der Dialogizität und dadurch ihrer
besonderen Ästhetik gesehen, wie weiter unten im Zusammenhang mit der
Diskussion von Amodeos Arbeit beschrieben wird.
Ebenfalls 1992 erschienen ist Heidi Röschs Dissertation Migrationsliteratur im interkulturellen Kontext. Eine didaktische Studie zur Literatur
von Aras Ören, Aysel Özakin, Franco Biondi und Rafik Schami. Rösch zeigt
hier ihr fortgesetztes Interesse an der Migrantenliteratur – bereits 1989 war
sie Herausgeberin einer Tagungsdokumentation zum selben Thema. Außerordentlich wichtig ist auch Heidi Röschs im Internet veröffentlichte „Bibliografie Migrationsliteratur“, auf die bereits in der Einleitung hingewiesen
worden ist. Röschs vordringliches Anliegen ist die interkulturelle Erziehung
und die Rolle, die die Migrantenliteratur in diesem Zusammenhang spielen
kann. Die von Rösch dabei erprobte Behandlung von Texten der Migrantenliteratur in der Lehrerausbildung ist – auf dieser höheren Ausbildungsebene
– eine Entsprechung zu Zielkes Forderung nach Aufnahme von Migrantenliteraturtexten in den Schulkanon. Beides wären Maßnahmen, die der
Sichtbarmachung und Hervorhebung der Migrantenliteratur dienen könnten,
was auch ein erklärtes Ziel dieser Arbeit ist. Obwohl didaktische Fragen in
der vorliegenden Arbeit nicht bearbeitet werden, sollten einige wichtige
Beiträge61 der Forschung auf diesem Gebiet hier zumindest erwähnt und
grundsätzliche Zustimmung auch folgender Aussage über das interkulturelle
Lernen erteilt werden: „ [...] in Wahrheit betrifft es das gesamte curriculum
vitae von Menschen, die in multikulturellen Gesellschaften leben“.62
Große Bedeutung kommt Carmine Chiellinos umfangreichem Werk Am
Ufer der Fremde. Literatur und Arbeitsmigration 1870-199163 zu, das nach
59
Michel 1992, S. 83, Hervorhebung im Original.
Mehr zu diesem Thema im Kapitel 3 dieser Arbeit.
61
Hierzu gehört auch Ruß 1996.
62
Pommerin-Götze/Jehle-Santoso/Bozikake-Leisch 1992, S. 9-17, hier S. 13.
63
Chiellino 1995.
60
29
zehnjähriger Forschungsarbeit erschien.64 Die drei Teile der Arbeit handeln
von italienischer Migrantenliteratur, hauptsächlich im Zusammenhang mit
der Emigration/Remigration zwischen Italien und den Vereinigten Staaten,
behandeln die Gastarbeiter in der bundesdeutschen Literatur zwischen 1965 1975 mit sporadischen Ausblicken auf ältere und neuere deutsche Literatur
und die Literatur ausländischer Autorinnen und Autoren in der Bundesrepublik. Chiellinos Arbeit erfüllt zu ihrem Erscheinungszeitpunkt das Desiderat
einer umfassenden Bestandsaufnahme der Migrantenliteratur und eines
Überblicks über die relevante Forschung. Im vorliegenden Zusammenhang
sind vor allem die Untersuchungsergebnisse der letzten zwei Teile interessant. Wichtige Erkenntnisse Chiellinos sind das spärliche Vorkommen von
migrantischen Protagonisten in der bundesdeutschen Literatur und der
Hinweis auf den Ethnozentrismus der deutschen wissenschaftlichen Rezeption der Migrantenliteratur, die, wie auch obige Zusammenfassung gezeigt
hat, oftmals die Selbständigkeit der Literatur anderen Prioritäten unterordnet.
Bei seinem Versuch, den Forschungsgegenstand in seiner Ganzheit zu
erschließen, sind vor allem Chiellinos klare Postulate zukunftsweisend, dass
zu enge Eingrenzungen zu vermeiden und die Heterogenität der Forschungsgegenstände zu berücksichtigen sind.
Die Frage nach der Ästhetik der Literatur ausländischer Autoren in der
Bundesrepublik ist in Immacolata Amodeos ,Die Heimat heisst Babylon’.
Zur Literatur ausländischer Autoren in der Bundesrepublik Deutschland von
1996 vordringlichstes Anliegen.65 Um die eventuell „andere Ästhetik“66 der
Migrantenliteratur beschreibbar zu machen, schlägt Amodeo die Anerkennung der Heterogenität, der Dynamik und des Prozesshaften dieser Literatur
vor, Eigenschaften, die im von Deleuze/Guattari entwickelten RhizomModell67 dargestellt werden. Amodeo hält fest, dass die rhizomatische
Ästhetik eine interkulturelle Ästhetik ist, „in der allerdings eine klare
Unterscheidung zwischen den kulturellen Ebenen – zwischen Fremdem und
Eigenem – wegen der vielfältigen und unberechenbaren Verflechtungen
kaum möglich ist“.68 Den von Amodeo aufgedeckten Merkmalen des
Diskurses der deutschen Literaturwissenschaftler wie Entfiktionalisierung,
Psychologisierung, Trivialisierung, Stereotypisierung, Exotisierung, Einschließung und Ausschließung werden die Merkmale des Diskurses der
ausländischen Autorinnen und Autoren selber: Politisierung, Demarkation,
thematische Kanonisierung, Enthierarchisierung, Entexotisierung, Fiktionalisierung, Ästhetisierung und Differenzierung gegenübergestellt. Wiederholt
64
Die umfangsreiche bibliographische Dokumentation des Anhangs wird fünf Jahre später
fortgeführt und verleiht dadurch beiden Arbeiten den Charakter von Standardwerken des
Forschungsbereichs, vgl. Chiellino 2000.
65
Amodeo 1996.
66
Amodeo 1996, S. 22, kursiv im Original.
67
Deleuze/Guattari 1977.
68
Amodeo 1996, S. 109.
30
hebt Amodeo ihre Auffassung hervor, dass es sich bei der Migrantenliteratur
um einen Teil einer Randkultur in der Fremde handelt. Der Werteskala, die
in den Begriffen Rand/Zentrum impliziert ist, wird im Rhizom-Modell
entgegengewirkt, handelt es sich doch dabei um „ein nicht zentriertes, nicht
hierarchisches und nicht signifikantes System ohne General, organisierendes
Gedächtnis und Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation
der Zustände definiert“.69
Migrantenliteratur als Teil der Randkultur in der Fremde entsteht „in
einem Grenzraum zu den Nationalkulturen, von denen sie sich nicht unbedingt immer radikal absetzt, in die sie aber nicht eindeutig einzuordnen
ist“.70 Sicher ist die Fremde, wie Amodeo argumentiert, einer der frequentesten und wichtigsten Begriffe in vielen Primär- und Sekundärtexten dieses
Forschungsbereichs. Nicht zutreffend ist allerdings, dass sich alle Autoren
nicht in ihrem Herkunftsland aufhalten und keine Staatsangehörigen des
Landes sind, in dem sie leben. Fremde und Fremdheit, Ausgeschlossensein
und Außenseitertum sind dennoch Erfahrungen, die über die rein geographischen und politischen Implikationen der Fremdheitsbegriffe hinaus infolge
der Migration, die über Generationen hin wirkt, als Grundkonstituenten der
Migrantenliteratur zu sehen sind.
Amodeos Charakteristik der Ästhetik der Migrantenliteratur betont ihre
grundsätzliche Mehrsprachigkeit und die latente oder explizite Dialogizität
der Sprache. Eine kontaminierte Literatursprache entsteht aus der Notwendigkeit, die Fremde in ihr einschreiben zu können. Der „gespaltene Blick“,71
die Folge der ersten Fahrt in die Fremde, kann nie mehr aufgegeben werden,
und auch auf sprachlicher Ebene drückt sich in der Migrantenliteratur ein
Schweben, ein Oszillieren zwischen Fremdem und Vertrautem, dem Eigenen
und dem Anderen, was sich einer letztgültigen Festlegung entzieht, aus.
Amodeos Versuch, im Bezug auf die Ästhetik der deutschen Migrantenliteratur der einebnenden Homogenisierung entgegenzuwirken, ist der
bislang einzige. Zu den wichtigen Impulsen, die davon für die vorliegende
Arbeit ausgegangen sind, zählt die Einsicht, dass im Folgenden bei der
Beschäftigung mit dieser Literatur davon ausgegangen werden muss, dass
sie in einer Umbruchsituation entsteht, die die unreflektierte Rede von
Nationalliteraturen unangemessen erscheinen lässt. Ein Begriffswechsel von
der statischen und homogenen Identität zur heterogenen und prozesshaften,
der sich z.B. in Chiellinos Lyrik ankündigt,72 korrespondiert mit dieser
Vorannahme auf der Ebene des Einzelwerks und der der persönlichen
Identität, was die Verwendung eines Identitätsmodells mit ausreichender
Offenheit nahe legt.
69
Deleuze/ Guattari 1977, S. 35.
Amodeo 1996, S. 83.
71
Amodeo 1996, S. 126.
72
Siehe Amodeo 1996, S. 191.
70
31
Pimonmas Photong-Wollmanns Arbeit, auch 1996 erschienen, mit dem
Titel Literarische Integration in der Migrationsliteratur anhand der
Beispiele von Franco Biondis Werken, ist eine der wenigen Dissertationen,
die sich mit ausgewählten Werken eines einzigen Autors beschäftigen.73 Hier
werden bei der Auseinandersetzung mit Migrantenliteratur und Integration
literarische und soziologische Bereiche kombiniert und das Schreiben auf
Deutsch als eine Teilhabe am deutschen Literatursystem und die damit
erreichte Integration im literatursoziologischen Sinne gesehen. Nach dem
Verständnis von Photong-Wollmann ist Integration auf der literar-ästhetischen Ebene eine Synthese zwischen fremden und eigenen Elementen, die
sie in Biondis Werken herauspräpariert, wonach sie Biondis derartige Integration für vollzogen erklärt. Diese Arbeit eröffnet wenig neue Perspektiven,
referiert den bisherigen Diskurs eher deskriptiv als kritisch und ist mit
demselben Problem belastet wie viele der anderen Arbeiten mit literatursoziologischen Ansätzen, in denen die Begriffe Migranten, Autoren und
Protagonisten nicht strikt voneinander unterschieden und getrennt werden,
was zu allerlei Unklarheiten führt.
Eine weitere Dissertation von 1996 ist die von Annette Wierschke.74 Wie
der Titel Schreiben als Selbstbehauptung. Kulturkonflikt und Identität in den
Werken von Aysel Özakin, Alev Tekinay und Emine Sevgi Özdamar. Mit
Interviews ankündigt, gilt ihr Forschungsinteresse der Frage nach der
Bedeutung der ethnischen Identität und ihrer literarischen Darstellung in den
Werken dreier ursprünglich türkischer Autorinnen,75 wobei jegliche „Kategorisierung als Repräsentationen der Türkei (oder des Orients allgemein)
oder Deutschlands [...] dabei vermieden, der fiktive Charakter hervorgehoben”76 werden sollen. Wierschkes in den Vereinigten Staaten, Minnesota, entstandene Arbeit reiht sich ein in die moderne amerikanische Forschungstradition, in der unter Bezugnahme auf u.a. Edward Saids und Homi
Bhabhas Theorien Diskurse entstanden sind, die in der europäischen
Germanistik noch nicht ihre volle Wirkungskraft entfaltet haben und auch in
der vorliegenden Arbeit keineswegs voll ausgeschöpft werden. Eine nähere
73
Photong-Wollmann 1996. Erwähnt sei hier auch Autorkategorie und Gedächtnis. Lektüren
zu Libuše Moníková von Antje Masbrügge 2002. Masbrügges literaturtheoretische
Untersuchung schenkt dem Migrantenautorinnenstatus von Moníková wenig Beachtung und
das Erkenntnisinteresse der Verfasserin zielt nicht auf Fragen ab, die in der vorliegenden
Arbeit behandelt werden.
74
Wierschke 1996.
75
Beinahe als Gegenstück zu Wierschkes Arbeit kann die Dissertation von Öztürk 1999
gesehen werden. Auch Öztürk untersucht Texte von Özdamar, Tekinay und Özakin,
außerdem wird von ihr Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker von Renan Demirkan berücksichtigt. Die Perspektive, die in dieser Arbeit zum Ausdruck kommt, lässt Fragen und
Antworten vor dem Hintergrund einer türkischen Germanistik anders als gewohnt erscheinen.
Da in der vorliegenden Arbeit eine Auseinandersetzung mit dem Orientalismus oder der
Orientalismusdebatte kein Anliegen ist, wird diesen Fragen hier aber nicht weiter nachgegangen.
76
Wierschke 1996, S. 24.
32
Auseinandersetzung mit Wierschkes Gedanken über kulturelle Identität
findet sich in der vorliegenden Arbeit im Abschnitt Überlegungen zur
nationalen und kulturellen Identität im Querschnitt der Forschungsliteratur. 77
Die letzte Arbeit, die in dieser Forschungsübersicht erwähnt werden
kann, ist Aglaia Blioumis Interkulturalität als Dynamik. Ein Beitrag zur
deutsch-griechischen Migrationsliteratur seit den siebziger Jahren.78
Blioumis Forschung ist der Imagologie zuzuordnen, einer Subdisziplin der
Komparatistik. Blioumi geht es um die Untersuchung von literarischen
Bildern des Eigenen und des Fremden, wobei das Ausbleiben einer Erläuterung der Bildmetapher zu monieren ist. In ihr Korpus nimmt Blioumi Werke
griechischer und deutscher Autorinnen und Autoren in Griechenland und
Deutschland unter der von ihr bevorzugten Bezeichnung Migrationsliteratur
auf. Sie liefert einen umfassenden Umriss der Imagologie, von deren völkerverständigenden Intentionen sie allerdings ausdrücklich abrückt, und setzt
ihn mit einem partiellen Umriss der Interkulturellen Germanistik in Verbindung. Im Anschluss an die referierte Kritik der Ethnozentrik der Interkulturellen Germanistik gegenüber stellt Blioumi aber auch die jüngere Akzentverschiebung von den deutschen Literaturen auf die verschiedenen Kulturen
fest,79 wodurch sich eine Annäherung zwischen der Imagologie und der
Interkulturellen Germanistik ergeben habe. Methodologisch sei das Konzept
der Interkulturellen Germanistik für Blioumis Arbeit allerdings ungeeignet.
Obwohl Blioumi in ihrem eigenen Ansatz von einer Interkulturalität ausgeht,
die, „wie bereits mehrfach betont, neue Wahrnehmungsmöglichkeiten
zwischen den Kulturen, um essentialistische Denkweisen und objektivistische Normen des Eigenen zu überwinden“80, sucht, kommt sie ohne eine
‚nationale Einteilung’ nicht aus, „um die Reaktion auf das Phänomen der
Migration einmal aus deutscher und einmal aus griechischer Sicht
beleuchten zu können“.81 Diese Argumentation bewegt sich in der kritischen
Zone, die bereits von Amodeo als ein Problem nicht nur der Nationalphilologien, sondern teilweise auch der Komparatistik angegeben wurde:
auch Blioumis Verwendung des Begriffs ‚nationale Einteilung’ „operiert
unweigerlich mit (nationalen) Ausgrenzungsregeln, welche Heterogenität
nicht zulassen“.82
Mit einer anderen Gruppierung der Texte, von Blioumi kurz diskutiert,
aber abgelehnt, hätte diese Kategorisierung in der zusammenfassenden
Tabelle und dadurch die ‚nationale Einteilung’, die im Hinblick auf Texte
ohnehin nicht einleuchtet, vermieden werden können. In Blioumis kurzge77
S. 69-71.
Blioumi 2001.
79
Siehe z.B. Wierlacher/Wiedenmann 1996, S. 23-64.
80
Blioumi 2001, S. 240.
81
Blioumi 2001, S. 240.
82
Amodeo 1996, S. 90, Klammer im Original.
78
33
fasster Diskussion der aktuellen Entwicklungstendenzen, die unter der
Bezeichnung „kulturwissenschaftliche Wende der Literaturwissenschaft“83
bekannt geworden sind, gelangt sie zu dem Ergebnis, dass ihre Arbeit, trotz
der fruchtbaren Kombination von Elementen aus der Kulturwissenschaft mit
solchen aus der Literaturwissenschaft, ihrer Auffassung nach dennoch als
Beispiel für die „integrative Einbindungskraft“ der Literaturwissenschaft zu
sehen sein soll.84
Blioumi hält sich strikt an die von ihr propagierte Arbeitsweise der
werkimmanenten Interpretation und vertritt einen Literaturbegriff, in dem
Literatur eine doppelte Funktion besitzt: „Literatur ist Ausdruck der
Wirklichkeit, aber sie bildet auch die Wirklichkeit, die gerade nur im Werk
existiert“.85 Ein gewisses Bedauern hinsichtlich der dadurch ausgeschlossenen Möglichkeit, dass Literatur in ihrer dritten Funktion zugestanden
werden muss, die außerliterarische Wirklichkeit auch beeinflussen zu
können, wobei zumindest ein Resultat dieser Beeinflussung Verständigung
sein kann, wenn auch nicht gerade Völkerverständigung, bleibt nach Lektüre
dieser in ihrem Bereich beispielhaften Arbeit zurück.
Zusammenfassung
Aus obiger Forschungsübersicht gehen implizit die unterschiedlichen Blickwinkel, von deren Ansatzpunkt das Forschungsobjekt betrachtet wird,
hervor. Die ersten in Deutschland entstandenen Arbeiten (Schierloh 1984,
Frederking 1985, Zielke 1985, Heinze 1986, Hamm 1988, Reeg 1988, auch
Chiellino 1985/89) bemühen sich noch hauptsächlich um die Verortung der
Migrantenliteratur auf einen Platz innerhalb der deutschen Literatur, wobei
unterschiedliche Funktionszuweisungen vorgenommen werden: von der
Literatur erstrebt werden sollten Objektivierung, Bekämpfung von Vorurteilen oder Kulturvermittlung bis zur Kultursynthese, wobei der ethnozentrische Ursprung des Blickwinkels noch relativ unreflektiert war. Dagegen
zeichnet sich in Chiellinos Arbeit von 1995 und besonders bei Amodeo 1996
eine neue Sichtweise ab. Die Variationsbreite der literarischen Erscheinungsformen und Inhalte kann seitdem nicht mehr mit hierarchisierenden
und homogenisierenden Begriffen beschrieben werden. Ihre charakteristischen Merkmale der Heterogenität oder Hybridität, des Oszillierens im
„Dazwischen“ müssen wahrgenommen und als Anteile ihrer besonderen
Ästhetik anerkannt werden. Wenig erstaunlich ist dabei, dass diese Eigenschaften von denjenigen Wissenschaftlern zuerst beschrieben wurden, die
durch ihre persönliche Migrationserfahrung für diese Wahrnehmung sensibilisiert wurden (Chiellino 1995, Amodeo 1996). Wichtige Denkanstöße zu
83
Blioumi 2001, S. 258.
Blioumi 2001, S. 258.
85
Blioumi 2001, S. 258.
84
34
diesen neuen Betrachtungsweisen gehen auch von den Theorien der Interkulturellen Pädagogik aus, deren Hauptanliegen im Hinblick auf Migrantenliteratur sich logischerweise auf die Aufnahme derselben in Schul- und
Ausbildungskanon beschränkt.
Unter den bestehenden wissenschaftlichen Strömungen, deren Teilgebiete sich mit deutscher Migrantenliteratur beschäftigen, besteht keine
Einigkeit: Komparatistik, Germanistik und Interkulturelle Germanistik
stehen einander in dieser Frage teilweise sogar gegnerisch gegenüber.86 Ob
die Umorientierung der germanistischen Literaturwissenschaft in Form einer
„kulturwissenschaftlichen Wende in der Literaturwissenschaft“,87 mit ihrer
gleichzeitig bewussten Bereitschaft für die Wahrnehmung von Texten, die in
eine „deplazierte Lage“88 gekommen sind, als allgemein vollzogen angesehen werden soll, kann hier nicht entschieden werden. Eine intensivierte
Auseinandersetzung mit der deutschen Migrantenliteratur aus dieser Richtung hat sich bisher allerdings noch nicht bemerkbar gemacht. Die vorliegende Arbeit will sich nicht ausdrücklich in eine einzige der bisherigen Traditionslinien einreihen. Dagegen wird der Versuch einer kritischen Verwertung der sinnvollen Impulse aus der bisherigen Forschung als Arbeitsweise
gesehen, die dem heterogenen Charakter der Migrantenliteratur am meisten
entspricht.
Migrantenliteratur – ein umstrittener Begriff in der deutschen
Gegenwartsliteratur
Die Bezeichnungen für die Migrantenliteratur, die sich in der Nachkriegszeit
in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in der DDR89 entwickelt hat,
haben im Laufe der Zeit gewechselt und bis heute gibt es keinen einzigen
Begriff, der sich wirklich durchgesetzt und damit alle anderen ersetzt hätte.
So hat die Namensgebung, die notwendig ist, um das zu Erforschende sichtbar zu machen und sinnvoll bezeichnen zu können, ihre eigene Entwicklungslinie. In ihr zeichnen sich, ähnlich wie in der Forschungsgeschichte, die
unterschiedlichen Positionen und Motivationen der Rezeption ab. Um den in
dieser Arbeit verwendeten Begriff „Migrantenliteratur“ zu begründen und
inhaltlich abzugrenzen, ist es daher wichtig, die bedeutendsten Begriffe kurz
vorzustellen.
Die deutsche literaturwissenschaftliche Rezeption der Migrantenliteratur
wurde ab Anfang der 1980er Jahre eingeleitet im Zusammenhang mit den
86
Vgl. Chiellino 2001, S. 165.
Bachmann-Medick 1996, S. 7-64, hier S. 49.
88
Bachmann-Medick 1996, S. 40.
89
Hervorzuheben sind hier die Autoren Adel Karasholi und Galsan Tschinag. Über den
allgemeinen Hinweis auf die besonderen Verhältnisse, unter denen sich Literatur in der DDR
zu entwickeln hatte, hinaus, soll dieser Entwicklung und ihrer Geschichte im aktuellen
Zusammenhang nicht weiter nachgegangen werden.
87
35
Preisausschreiben für Angehörige anderer Nationen, die Deutsch als eine
Fremdsprache gelernt hatten und nun in dieser Sprache schriftstellerisch tätig
waren. Harald Weinrich, ab Wintersemester 1978/79 Ordinarius für
„Deutsch als Fremdsprache“ an der Ludwig-Maximilians-Universität
München und Irmgard Ackermann, zur selben Zeit Akademische Direktorin
des Instituts, waren bedeutende Initiatoren dieser Preisausschreiben. Zusammen mit vielen anderen Wissenschaftlern bemühten sie sich in den Vor- und
Nachworten der daraus resultierenden Anthologien mit ausgewählten Beiträgen90 und in zahlreichen literaturwissenschaftlichen, linguistischen und
didaktischen Artikeln auch darum, eine passende Bezeichnung für dieses
Teilgebiet der deutschen Literatur zu finden. Bei der Namensgebung kamen
Termini wie Ausländerliteratur, Literatur ausländischer Autoren, Literatur
von außen, Gastliteratur und Gastarbeiterliteratur zur Anwendung, wobei
sich Überschneidungen mit den auch von den Autorinnen und Autoren und
Wissenschaftlern nicht-deutscher Herkunft benutzten Bezeichnungen
ergaben.
Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Artikel
Literatur der Betroffenheit. Bemerkungen zur Gastarbeiterliteratur zu, der
bereits 1981 zu ersten Mal erschien.91 In ihren Überlegungen äußerten
Biondi et alii die Forderung nach einer in der deutschen Sprache verfassten
Literatur,92 um damit der praktischen Bedeutung einer Lingua franca gegenüber der sprachlichen Vielfalt der Migrantenliteratur den Vorrang zu geben.
Hier wurde auch die Verknüpfung des Begriffs der Betroffenheit, aufzufassen als produktionsästhetisches und rezeptionsästhetisches Postulat, mit dem
der Gastarbeiterliteratur durchgeführt, bei dem Versuch, an Traditionen der
deutschen Arbeiterliteratur anzuschließen. Gleichzeitig enthüllten die Autoren des Artikels den ihrer Ansicht nach ironischen Gehalt der Bezeichnung
‚Gastarbeiter’ – Gäste lässt man normalerweise nicht arbeiten. Klar wurde
durch die im Artikel zum Ausdruck gebrachte Ironie auch, dass alle in
diesem Zusammenhang benutzten Begriffe mit dem Wortteil ‚Gast’ –
absichtlich oder unabsichtlich – unverhüllt ethnozentrisch sind, die Nichtzugehörigkeit betonen und ausgrenzen.
Obwohl Harald Weinrich bereits 1983 postulierte, dass wir Deutschen
allen Grund hätten, „vom Konzept der Nationalliteratur im nationalstaatlichen Sinne ein für allemal Abstand zu nehmen”,93 gelang es auch ihm
nicht, ausgrenzende Differenzierungen bei der Begriffsfindung zu vermeiden
und den Begriff der Nationalliteratur ernstlich in Frage zu stellen. Auch 20
Jahre später kann von einer allgemeinen Anerkennung des interkulturellen
Charakters jeder deutschen Literatur trotz Chiellinos derartigem Definitions90
Ackermann 1982, Ackermann 1992, Esselborn 1987.
Biondi, Schami, Naoum, Taufiq 1984, S. 136-150.
92
Auf Franco Biondis noch frühere Forderungen dieser Art weist auch Reeg 1988, S. 45, hin.
93
Weinrich 1983, S. 911-920, hier 920.
91
36
versuch und seiner Propagierung der übergreifenden Bezeichnung ‚Interkulturelle Literatur’ nicht die Rede sein.94
Emigrantenliteratur, Exilliteratur, Literatur von innen, Brückenliteratur,
kleine Literatur oder Randliteratur, Literatur in der Fremde, Migrationsliteratur, Minderheitenliteratur sind weitere Begriffe, die eine Zeitlang
benutzt worden sind und teilweise weiterhin Verwendung finden. An ihnen
wird deutlich, welche literaturwissenschaftlichen Wahrnehmungsprobleme
im Spannungsfeld zwischen Inklusion und Exklusion entstehen, Probleme,
die auf gesellschaftlicher Ebene ihre Entsprechung im Bereich der Debatte
über Integration und Assimilation kontra Diskriminierung und Segregation
finden. Insgesamt gilt für sämtliche terminologische Versuche, denen eine
gute Absicht unterstellt wird, dass sie den Willen spiegeln, einen Terminus
zu finden, der das Nötige beschreibt, ohne es festzuschreiben, der das Überflüssige ausschließt, ohne Wichtiges auszugrenzen, der das Wichtige sagt,
ohne etwas auszulassen oder zu verschweigen. An diesen Terminus stellt
nicht nur die Literaturwissenschaft ihre berechtigten Ansprüche, die Politikund Sozialwissenschaften verfolgen auch ein Interesse hierbei. Handelt es
sich doch, wie bereits festgestellt, um eine literarische Erscheinung, die mit
soziologischen Phänomenen und politischen Beschlüssen ganz besonders
eng verbunden ist.
An die verschiedenen Termini wurden im Verlauf der Zeit Erwartungen
geknüpft, die sich nicht erfüllten. Ziemlich schnell zeigte sich zum Beispiel,
dass die Literatur ausländischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur in
Ausnahmefällen tatsächlich von Arbeiterinnen und Arbeitern geschrieben
wird,95 dass die Bezeichnung ‚Gastarbeiterliteratur’ also viele Autorinnen
und Autoren ausschloss, obwohl sie aufgrund anderer Kriterien, wobei
Migrationserfahrung und die nicht-deutsche Muttersprache wohl als die
bedeutungsvollsten anzusehen sind, eigentlich dazugehörten. Die Deutschsprachigkeit dieser Literatur ist ein weiteres Kriterium, das in Wirklichkeit
auch nur von einem Teil der Autorinnen und Autoren erfüllt wird.
Noch 1995 unternimmt Carmine Chiellino unter Verwendung des
Begriffes Gastarbeiterliteratur den Versuch, durch eine Einteilung in fünf
„Stimmen” der sprachlichen Polyphonie dieser Literatur gerecht zu werden.
Chiellinos Einteilung sieht ihren Ausgangspunkt im Sprachverhalten der
Autorinnen und Autoren, wobei Stimme 1 diejenigen bezeichnet, die ihre
Literatur in ihrer Muttersprache schreiben, Stimme 2 diejenigen, die auf
Deutsch, ihrer Nicht-Muttersprache schreiben, Stimme 3 diejenigen, die
Deutsch als eine Art Muttersprache und Literatursprache, aber nicht in der
eigenen Framilie, benutzen, Stimme 4 diejenigen, die nicht den klassischen
Gastarbeitergruppen entstammen und auf Deutsch schreiben und schließlich
Stimme 5 diejenigen, die wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Hiermit
94
95
Vgl. Chiellino 2000, V.
Vgl. Hamm 1988, S. 49f.
37
soll statt einer „Literatur der Autoren” eine „Literatur der Werke” beschrieben werden.96
Diese neue Sichtweise öffnete nachdrücklich den Blick für die Wahrnehmung auch der sprachlichen Polyphonie der Migrantenliteratur. Unter
Rücksichtnahme darauf und auf die in ihr zum Ausdruck kommende
kulturelle Vielfalt weist Chiellino deshalb fünf Jahre später darauf hin, dass
es verfehlt wäre, „nach einer einheitsstiftenden Homogenität in dieser
Literatur zu suchen”.97 Er lehnt es ab, der Deutschsprachigkeit einen besonderen Stellenwert einzuräumen und meint, dass die Bezeichnung Interkulturelle Literatur diesen Verhältnissen gerecht wird.
Die Wahl der Bezeichnung Migrantenliteratur in der vorliegenden
Arbeit
Der Terminus Migrantenliteratur ist nicht frei von Mängeln. Ihm wird von
Ilja Trojanow, der in Bulgarien geboren ist, im Vorwort der Anthologie
Döner in Walhalla. Texte aus der anderen deutschen Literatur eine „fast
schon allumfassende Unschärfe” bescheinigt,98 die ihn bei Organisatoren
von Seminaren und Akademikern beliebt mache. Auch hebt der Begriff auf
die politische Sonderstellung des Migranten ab, und Werner Nell ist zuzustimmen, wenn er von dem Unbehagen spricht, das zu erkennen ist, wenn
der Passbesitz, bzw. „der Nichtbesitz eines deutschen Passes zum Klassifikationsmerkmal literarischer Texte erhoben” wird.99
Über die Herkunftssprache und/oder das sprachliche Verhalten der damit
bezeichneten Autorinnen und Autoren besagt der Terminus nichts, auch über
ihr Abreise- und Ankunftsalter und die Gründe für die Migration, die z.B. in
der Arbeitskraftanwerbung der frühen Bundesrepublik, in politischer Verfolgung und der Suche nach Asyl, in Abenteuerlust und Lust auf Erfahrungen
mit der Fremde oder der Tatsache zu suchen sein mögen, dass man als Kind
dem Auswanderungswillen der Eltern zu folgen hatte, wird keine Aussage
gemacht. Über die Verweildauer und -absichten der Betroffenen wird durch
den Terminus Migrantenliteratur auch keine Information geliefert – allerdings soll hierin auch kein bewusstes Verschweigen relevanter Tatsachen
gesehen werden. Letztlich wird hier auch keine bündige Aussage über den
Passbesitz oder -nichtbesitz gemacht. Ein Pass kann gegen einen anderen
ausgetauscht werden; die in der letzten Zeit unter der sportlichen
Bezeichnung ‚Doppelpass’ apostrophierte neue Erscheinung im
Ausländerrecht der Bundesrepublik Deutschland eröffnet bisher ungeahnte
(Un-)Möglichkeiten im Hinblick auf die nationalstaatliche Vereindeutigung
und Verortung von Personen. Über den Aufenthaltsort der durch irgendeinen
96
Chiellino 1995, S. 305-307.
Chiellino 2000, S. 51-62, hier 57.
98
Trojanow 2000, S. 14.
99
Nell 1997, S. 34-48, hier S. 37.
97
38
Pass ausgewiesenen Autorinnen und Autoren (oder anderer Personen) lassen
sich nämlich auch nur Vermutungen anstellen: sie sind im wahren Sinne des
Wortes nicht festlegbar.
Der Begriff Betroffenheit wird bei Biondi et alii100 hauptsächlich benutzt,
um die von unwürdigen Arbeitsverhältnissen und den davon abhängigen
Lebensverhältnissen Betroffenen zu bezeichnen, die aus Sicht der Artikelverfasser zunächst in der multinationalen Gruppe der Gastarbeiter in ihrer
Gesamtheit, dann aber auch unter deutschen Arbeitern, die sich mit ihnen
solidarisch erklären, zu finden sind. Wenn auch bereits dieser Text mit der
schwer zu vereindeutigenden Bedeutungsvielfalt des Wortes Betroffenheit
spielt, ist seine Hauptintention produktionsästhetisch aufzufassen. Erst in der
Folgezeit ist der Begriff, dessen Unschärfe auch geradezu exemplarisch ist,
hauptsächlich durch Vereindeutigungsversuche etlichen Um- und Fehlinterpretationen ausgesetzt gewesen. Für die Abgrenzung der für die vorliegende
Untersuchung aktuellen Literatur gegen andere hat er dennoch eine gewisse
Relevanz und soll als wichtige Begründung für die Wahl des Terminus’
Migrantenliteratur gesehen werden. Ein Kriterium von Migrantenliteratur,
das im Begriff anklingt, ist im Sinne dieser Untersuchung nämlich die
Betroffenheit der Autorinnen und Autoren dieser Literatur durch die eigene
Migration in den deutschsprachigen Raum. Dies schließt aus diesem Zusammenhang deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus, die sich mit
migrationsverwandten Themen beschäftigen oder über Migranten schreiben.
Ausgeschlossen sind auch solche, die im anderssprachigen Ausland leben
und auf Deutsch schreiben, weil ihnen die deutsche Mutter- oder Fremdsprache als besonders geeignetes Instrument erscheint, ihnen die Migrationserfahrung in den deutschsprachigen Raum aber fehlt.
In der Migrantenliteratur ergreifen Migrantinnen und Migranten das
Wort, beziehen sich selber in das gesamtgesellschaftliche Geschehen und
damit in die Geschichte und Literaturgeschichte ein, machen auf sich
aufmerksam, rütteln auf. In der deutschsprachigen Literatur von NichtMigranten ist Migration kaum ein Thema, sind Migrantinnen und Migranten
so gut wie unsichtbar. Für die Zugehörigkeit literarischer Texte zur Migrantenliteratur im oben definierten Sinne ist die Migration der Autorinnen und
Autoren die Voraussetzung, für die Thematik der Werke wird eine nur im
aktuellen Forschungszusammenhang relevante Abgrenzung vorgenommen.
Dies verdeutlicht gleichzeitig eine andere Perspektive als Blioumis,101 die
die Auffassung vertritt, dass nur der Begriff Migrationsliteratur die Texte
selbst – statt der Autorinnen und Autoren – in den Vordergrund treten lasse.
Unabhängig von der Begriffswahl müssen natürlich in einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung literarische Texte im Mittelpunkt stehen.
100
101
Biondi, Schami, Naoum, Taufiq 1984, S. 136-150.
Blioumi 2000, S. 597.
39
Um Missverständnissen vorzubeugen, soll nun auch noch auf die häufig
durchgeführte Verknüpfung von Betroffenheit und Authentizität102 aufmerksam gemacht werden. Authentizität und Betroffenheit wurden in der neuen
Frauenliteratur, die in den 1970er Jahren zu entstehen begann, zu den hauptsächlichen Kriterien erklärt.103 Spätestens seit Amodeos Entlarvung und
Ablehnung der der Rezeption angelasteten „Entfiktionalisierung”104 der
Literatur ausländischer Autoren in der Bundesrepublik und beispielsweise
ihrer Charakterisierung der Texte von Aysel Özakin als einer „Gratwanderung zwischen Authentizität und Fiktionalität, zwischen Maskierung und
Demaskierung”, ist eine derartige automatische Verknüpfung abzulehnen.
Literatur hat vielfältige eigene Spielregeln, wobei die Betonung eher auf
dem Wortteil „Spiel” als auf dem Wortteil „Regeln” liegen dürfte.
In der vorliegenden Untersuchung soll es um deutschsprachige, im Original auf Deutsch verfasste Literatur, genauer gesagt, längere Prosatexte von
Schriftstellerinnen und Schriftstellern gehen, die aufgrund ihrer eigenen oder
der Erfahrung ihrer Eltern von der Migration betroffen sind und für die
Deutsch infolgedessen entweder eine Fremdsprache oder die Zweitsprache
ist, anders ausgedrückt, eine von zwei oder mehr Sprachen des alltäglichen
Gebrauchs. Eine der Vorannahmen bei der Auswahl von Werken, denen
diese Kriterien gerecht zu werden versuchen, ist der durch den Sprachwechsel bedingte Entfremdungs-Effekt, der mindestens in zwei Richtungen
zielt.105 Dabei handelt es sich nicht nur – wenn überhaupt – um Entfremdung oder Befremdung auslösende inhaltliche oder formale Eigenschaften
der Texte, wobei mit diesen Reaktionen eher etwas negativ Besetztes
bezeichnet wird, sondern auch um einen besonderen sprachlichen ästhetischen Reiz, der den Texten positive Qualitäten verleiht. Die Inszenierung
von Sprache, sei es in Form von nicht-deutschen Textpassagen, sei es in
Form von deutscher Interimsprache, bewusst oder unabsichtlich verwendet,
macht in vielen Texten einen großen Teil ihrer Aussage und Ästhetik aus.
Diese Arbeitsweise will sich dennoch nicht dem Vorwurf des Exotisierungsversuchs aussetzen. Denn die sprachlich bedingte Abgrenzung wird
auch vorgenommen, um die sowohl literaturwissenschaftlich als auch
sprachwissenschaftlich bedingte Problematik, die übersetzte und fremdsprachige Literatur betrifft, auszuklammern. Chiellinos Begriff Interkultu102
Siehe z.B. Frederking 1985, S. 44 und S. 49 und S. 51ff, auch Schierloh 1984, S. 33, und
Hamm 1988, S. 48f.
103
Siehe beispielsweise Richter-Schröder 1986, S. 138; vgl. auch die Einleitenden
Vorbemerkungen im Kapitel 4 der vorliegenden Arbeit.
104
Amodeo 1996, S. 41f und S. 138ff.
105
Vgl. Baumgärtel 2000, S. 318. Am Beispiel von E. S. Özdamars Das Leben ist eine
Karawanserei... diskutiert Baumgärtel eine „Distanz, von der aus das Fremde der türkischen
Kultur innerhalb der dem Leser vertrauten deutschen Sprache sichtbar werden kann. Die
Gegenberechnung verläuft hier also nicht allein entlang einer Transformation von Elementen
der türkischen Kultur in den deutschen Sprachraum, sondern auch umgekehrt in einer
Einpassung des Deutschen in einen mitgedachten türkischen Kontext.“
40
relle Literatur bezieht auch Migrantenliteratur, die in einer Vielzahl von
Sprachen entstanden und nicht ins Deutsche übersetzt worden ist, mit in sein
Forschungsgebiet ein. Eine derartige Arbeitsweise ist aus hauptsächlich
sprachlichen Gründen in der Untersuchung einer Germanistin nicht möglich
und muss somit der Komparatistik überlassen werden.
Anfang und Ende der Migrantenliteratur
Im literaturwissenschaftlichen Diskurs über Migrantenliteratur besteht Uneinigkeit nicht nur über die adäquate Bezeichnung, sondern auch über ihren
Entstehungszeitpunkt. Für die vorliegende Untersuchung soll die Zeit ab der
Entstehung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR berücksichtigt
werden, es handelt sich also um eine Erscheinung im Rahmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Dabei scheint eine letztgültige Klärung, in
welchem Jahrzehnt oder gar Jahr der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der genaue Entstehungszeitpunkt der Migrantenliteratur zu finden
ist, eigentlich weniger dringlich.
Aber in der wissenschaftlichen Literatur über Migrantenliteratur werden
auch immer wieder Vorhersagen über das zu erwartende Ende des
Phänomens gemacht. Bereits bei Biondi et alii106 findet sich in der Forderung
nach Aufhebung der Gründe für die Betroffenheit der Autoren eine implizite
Ankündigung des voraussichtlichen und sogar erwünschten Verschwindens
auch der durch die Betroffenheit motivierten Literatur. Chiellino, der früh,
1985, das Thema der Identitätssuche zum eigentlichen Thema der
Migrantenliteratur erklärte, warnt die Autorinnen und Autoren gleichzeitig
davor, die damit verbundenen Probleme zu lösen, da „die Lösung dieser
Frage dem Ende dieser Literatur gleichkommen würde,[...]”.107 Überlegungen, ob die Migrantenliteratur ähnlich wie der Prozess der Migration mit
der „dritten Generation” – ein noch zu diskutierender Begriff – in der
Mehrheitsliteratur aufgegangen und damit die Migranten wie auch ihre
Literatur verschwunden sein werden, finden sich bei Weigel108 und
Wierschke.109 Natürlich drückt auch der Wunsch nach Beendigung der
Hervorhebung von Migrantenliteratur, ausgedrückt durch den Vorschlag von
Bezeichnungen, die diese unsichtbar, übersehbar machen, implizit einen
Wunsch nach Beendigung des Phänomens als solchen aus.
In der Immigrationssoziologie findet sich die Annahme, dass der Prozess
der Migration mit der dritten Generation ein Ende gefunden hat. Wie aus
obigen Überlegungen hervorgeht, werden derartige Fragen auch im Hinblick
auf die Migrantenliteratur gestellt, und in den meisten einschlägigen sekundärwissenschaftlichen Texten ist die Rede von Migrantenautorinnen und autoren der ersten, zweiten und dritten Generation. Über diese Art der
106
Biondi, Schami, Naoum, Taufiq 1984, S. 136-150.
Chiellino 1989, S. 37f.
108
Weigel 1992, S. 182-229, hier 228.
109
Wierschke 1996, S. 34.
107
41
Kategorisierung schrieb Franco Biondi bereits 1986: „Ganz zu schweigen
von dem Begriff ‚zweite Generation’. Aus der Perspektive der Arbeitsemigranten sind die eigenen Kinder keine ‚zweite Generation’, sondern
einfach eine weitere Generation in der langen Generationenreihe, deren
Wurzeln im Herkunftsland liegen”.110 In der vorliegenden Arbeit soll gemäß
dieser Überlegung eine parallele Einteilung der Migrantenschriftstellerinnen
und Migrantenschriftsteller in Generationen keine Rolle spielen und wird
nicht vorgenommen.
Darüber, dass Migration als gesellschaftliches Phänomen nicht mehr nur
ein Hauptthema des gerade ausgegangenen 20. Jahrhunderts war, sondern
seine Aktualität für überschaubare Zeiten behalten wird, dürfte inzwischen
kein Zweifel mehr bestehen. So besteht auch Hoffnung auf immer neue
Autorinnen und Autoren von deutschsprachiger Migrantenliteratur, die mit
ihrer Literatur, im Sinne Irmgard Ackermanns, die Funktion des Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen übernehmen wollen, als der
Literatur unter anderem gesehen werden kann.111 Sicher verdient noch
einmal festgehalten zu werden, dass zwar Migrantinnen und Migranten und
die aus ihren Reihen hervorgegangenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller
weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne auf ihren Aufenthaltsort,
ihr Sprachverhalten und Ähnliches festzulegen sind. Ihre in deutscher
Sprache entstandene Literatur ist aber ein unauslöschlicher Abdruck ihrer
Existenz in der Fremde, der von deutschsprachigen Rezipienten direkt
wahrgenommen werden kann, ja, sich vornehmlich an diese richtet. Es bleibt
zu hoffen, dass weder zeitliche noch räumliche Entfernung diesen Abdruck
völlig verwischt.
110
111
42
Biondi 1986, S. 31f.
Vgl. Ackermann 1997, S. 60-71, hier S. 70.
KAPITEL 3
Die sprachliche Polyphonie der
Migrantenliteratur
In Carmine Chiellinos erstem ausführlichem Überblick über die deutsche
‚Gastarbeiterliteratur’112 versucht er, die in ihr vorhandene sprachliche Vielfalt und die verschiedenen Arten des Sprachverhaltens der Migrantenautorinnen und -autoren durch seine Einteilung in fünf Stimmen übersichtlich
darzustellen und richtet dadurch die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass
diese Literatur keineswegs nur deutschsprachig ist. Noch einen Schritt weiter
geht Chiellino im Handbuch, das im Jahre 2000 erschien, wenn er nunmehr
im expliziten Widerspruch zur Einstellung der germanistischen Literaturwissenschaft, „die die Deutschsprachigkeit zum Kernauslöser der gesamten
Bewegung erhoben hat [...]“,113 die Perspektive umdreht und die vielsprachige Migrantenliteratur in ‚Interkulturelle Literatur’ umbenennt. Dadurch
werden Methoden der Komparatistik für die in diesem Zusammenhang
einzig zuständigen erklärt und der germanistischen Literaturwissenschaft ihr
Forschungsgebiet strittig gemacht.
Dennoch dürfte die zuerst von Irmgard Ackermann festgestellte Unübersehbarkeit und eigenständige Existenz der Migrantenliteratur ab Ende der
1970er Jahre einerseits mit ihrem Umfang, andererseits vor allem mit der
Tatsache zu erklären sein, dass sie von dieser Zeit ab in vermehrtem Maße in
deutscher Sprache produziert wurde und sich dadurch auf den Dialog mit
dem – erhofften – deutschen Publikum einließ.114 Zwei unterschiedliche
Positionen offenbaren sich hier deutlich: wo die germanistische literaturwissenschaftliche Rezeption anfangs die Tatsache, dass die Autorinnen und
Autoren Deutsch als Fremdsprache erlernt und nunmehr als Literatursprache
verwendet hatten, (siehe zum Beispiel Harald Weinrich115), zum Kriterium
für deutsche Migrantenliteratur erhob, wird dieses Kriterium aus der Sicht
der Komparatistik heute abgelehnt. Zwischen diesen beiden auf das Sprach112
Chiellino 1995.
Chiellino 2000, S. 57.
114
Siehe Ackermanns Feststellung, dass „eine relativ neue Erscheinung in der literarischen
Landschaft, als eigenständige Literaturform kaum älter als vier, fünf Jahre [zu einem]
unübersehbaren Faktor geworden ist”, Ackermann 1983, S. 56-64, hier S. 56.
115
Weinrich 1982, S. 9-11. Interessant ist die hierin enthaltene Doppelperspektive auf den
einerseits fremden, andererseits deutschen Autor, deren Widersprüchlichkeit zu dieser Zeit
einfach übergangen wird.
113
43
verhalten bezogenen Postulaten liegen mehr als 20 Jahre, in denen politische
und gesellschaftliche Prozesse stattgefunden haben, die auch die germanistische Literaturwissenschaft stark berührt haben.
Die Wahrnehmung der Migrantenliteratur aus der Perspektive der germanistischen Literaturwissenschaft ab Ende der 1970er Jahre stellte eine Neuerung dar. Ihre im sekundärwissenschaftlichen Diskurs beschriebenen und
kritisierten116 Fehlurteile, falschen Einschätzungen und Zuweisungen sind
teils tatsächlich erfolgt, teils sind sie als ein Resultat eher böswilliger
Interpretation zu sehen. Hält man beispielsweise, um noch einmal die
bekanntesten zu nennen, die Bemühungen von Irmgard Ackermann und
Harald Weinrich in ihrer Eigenschaft als Wegbereiter dagegen, sollten allerdings auch ausdrücklich die Verdienste ihrer Arbeit für die Wahrnehmung
und Anerkennung der deutschen Migrantenliteratur gewürdigt werden. Die
historische Perspektive erleichtert dabei das Verständnis dafür, dass die Zeit
für einen interkulturell ausgerichteten Blickwinkel bei der Literaturbetrachtung noch nicht reif war. Im geteilten Deutschland war man allzu sehr damit
beschäftigt, deutsche Literaturen zu verzeichnen und zu zählen. Die auch
heute noch ungelöste Frage nach der Zugehörigkeit der Migranten,117 mit der
sich die Politik auch im Jahre 2004 weiterhin schwer tut und abmüht, verstellte der deutschen Literaturwissenschaft außerdem den Blick.
Deutsche literaturwissenschaftliche Forschung im Inland oder, von den
sogenannten Auslandsgermanistiken118 im Ausland betrieben, braucht allerdings die Auseinandersetzung mit der deutschen Migrantenliteratur nicht zu
scheuen. Besonders die Migrantenliteratur, die tatsächlich auf Deutsch
entsteht und die sich dadurch in erster Linie an das deutschsprachige Publikum wendet, dürfte ein selbstverständliches Forschungsgebiet germanistischer Literaturwissenschaft sein. Auch diese Wissenschaft befindet sich
unter Einfluss von sich zunehmend multikulturell gestaltenden Veränderungsprozessen in Gesellschaft und Kultur und darf nicht als statische
Konstante betrachtet werden. Sie dürfte damit auch zunehmend in der Lage
sein, Phänomene der Interkulturalität ohne Vereinnahmungsversuche wahrzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt wurden
Mittel hierfür von der Interkulturellen Germanistik erarbeitet und bereitgehalten; weitere wertvolle Impulse gehen von der „kulturwissenschaftlichen
Wende“ in der Literaturwissenschaft aus.
Dass die Texte der Migrantenliteratur aus Weinrichs Perspektive – sein
Name wird hier stellvertretend für die deutsche literaturwissenschaftliche
Rezeption jener Zeit benutzt – daher zunächst als „Beitrag zur deutschen
116
Vgl. z.B. Heinze 1986, Zielke 1985 oder Amodeo 1996, auch Chiellino 1995 und 2000.
Trotz auch in jüngster Zeit wiederholter Versuche der bundesdeutschen Politiker hat eine
Neuregelung des Zuwanderungsrechts bis zum März 2004 noch nicht stattgefunden.
118
Der Plural dieses Begriffs versucht der Beobachtung gerecht zu werden, dass die
Auslandsgermanistik eines Landes der eines anderen nicht gleich sein kann, vgl. Blioumi
2001, S. 77f.
117
44
Literatur“119 verstanden wurden, ist nicht verwunderlich. Weniger einverstanden damit war verständlicherweise die multikulturell zusammengesetzte
literaturwissenschaftliche Rezeption der deutschen Migrantenliteratur, die
sich relativ schnell in Deutschland und auch außerhalb Deutschlands, z.B. in
den Heimatländern der Migranten, entwickelte.120
Parallel mit der Rezeption der Migrantenliteratur in Deutschland, auch
unter der vorläufigen Bezeichnung ‚Ausländerliteratur’, und der gleichzeitigen Selbstdarstellung der damaligen Hauptmenge dieser Literatur als ‚Gastarbeiterliteratur’ durch die Schriftstellerinnen und Schriftsteller selber wurde
die Frage nach der Bedeutung der deutschen Sprache für die Produktion von
Migrantenliteratur in Deutschland also von den verschiedenen Teilnehmern
des Diskurses teils gleich, teils unterschiedlich beantwortet.
Das Kriterium des von den Autorinnen und Autoren vollzogenen Sprachwechsels,121 – zur deutschen Sprache – galt für die germanistische Literaturwissenschaft als hervorragendstes Kennzeichen der deutschen Migrantenliteratur. Bei der Zählung der deutschen Literaturen meinte Weinrich nun
auch die Behauptung aufstellen zu können, dass hier „zweifellos eine neue
Provinz der deutschen Literatur, durch die unser literarisches Leben
bereichert wird”,122 entdeckt worden sei.
Aus der Sicht der Schriftstellerinnen und Schriftsteller nichtdeutscher
Muttersprache, die Mitglieder des PoLiKunstvereins waren, bedeutete derselbe Sprachwechsel zunächst die pragmatische Einigung auf eine ‚Lingua
franca’ zur Verständigung der polynationalen Autorinnen und Autoren
untereinander. In diesem Sprachwechsel, den sie selber forderten, erkannten
Biondi et alii aber auch den Preis, den die dem Klassenkampf verpflichteten
Gastarbeiterschriftstellerinnen und -schriftsteller zu zahlen hätten, um zum
deutschen Publikum Brücken schlagen und dort Solidarität und Betroffenheit
erzeugen zu können.123 Zwei Gefahren nämlich barg der Sprachwechsel auch
aus der Sicht derer, die ihn hier einforderten: „Wir meinen nicht das vermutbare Problem der Sprachbewältigung, wenn wir davon sprechen, wie schwer
es für einen Türken, Italiener, Araber, Spanier oder Jugoslawen ist, in
Deutsch zu schreiben – vielmehr begibt sich der Autor schon hier auf eine
Konfliktebene mit seiner Identität“. 124
Fragen der Sprachbewältigung interessieren sowohl die deutsche
Rezeption als auch Migrantenschriftstellerinnen und -schriftsteller.
Außerdem wurde der Zusammenhang zwischen Sprachwechsel und Identität
119
Weinrich 1985, S. 14.
Vgl. Forschungsübersicht und Begriffsdiskussion in der vorliegenden Arbeit.
121
Die Widerrufbarkeit und Prozesshaftigkeit dieser Wahl wird weiter unten in diesem
Kapitel diskutiert.
122
Weinrich 1985, S. 15.
123
Vgl. auch Biondis diesbezügliche frühzeitige Forderungen nach Aufgabe des Italienischen
als Literatursprache aus dem Jahre 1976, siehe Reeg 1988, S. 45f.
124
Biondi, Schami, Naoum,Taufiq 1984, S. 136-150.
120
45
von den Schriftstellerinnen und Schriftstellern selber hergestellt. Damit sind
wichtige Ebenen der durch die Sprachsituation entstandenen Problematik
angesprochen, die nun näher untersucht werden sollen. Erhellende
Einfallswinkel hierzu finden sich in der linguistischen Zwei- oder
Mehrsprachigkeitsforschung, weshalb einige Argumente ihrer in diesem
Zusammenhang interessanten Beiträge hier Verwendung finden werden.
Die Sprachbewältigung aus der Sicht der Rezeption
Für die germanistische Rezeption war die bei den Migrantenautorinnen und
Migrantenautoren vorausgesetzte Sprachbewältigung immer wieder ein
Thema und Anlass zu unterschiedlichen Bewertungen. Die wohlwollend
eingestellte Wahrnehmung der deutschsprachigen Migrantenliteratur durch
Ackermann und Weinrich verbindet sich bisweilen mit romantischen Vorstellungen von literarischer Erbschaft als „Chamissos Enkel“125 und
Mitgliedschaft in einer Chamisso-Familie oder einer Existenz als „Gast in
der deutschen Sprache“,126 was zusammen mit anderen nicht sehr ergiebigen
Beobachtungen zu Vereinnahmung und ausgrenzender Exotisierung führen
kann.127 Hierdurch wird die Dichotomie des Außen/Innen hergestellt und
befestigt und den Migrantenautorinnen und -autoren und ihrem Werk ein
Platz in der Außenposition zugewiesen. Noch bis ins Goethe-Jahr 1999
zeigte Weinrichs weniger geglückte Formulierung von 1983 Spätfolgen,128
als unter der Rubrik: „Um einen Goethe von außen bittend“129
Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt aufgefordert wurden, sich
in einem persönlichen Beitrag dazu zu äußern, ob und wie ihr Schaffen von
Goethe beeinflusst sei. Unter den Beiträgen dominierten die von deutschen
Migrantenautorinnen und -autoren: Texte von SAID, Rafik Schami, Yoko
Tawada und Zafer Şenocak wurden vom Goethe-Institut ins Internet gestellt.
125
Friedrich 1986, Titel.
Elias Canetti zitiert und diskutiert bei Weinrich 1982, S. 9-11.
127
Hierbei sei besonders an eine Vorstellung gedacht, die im Zusammenhang mit der
behaupteten Bereicherung der deutschen Literatur durch die Literatur der Migrantinnen und
Migranten schon ganz früh und immer wieder zum Ausdruck gebracht wird. Sie baut auf der
Annahme einer starken mündlichen Tradition in den Ursprungsländern der Migrantenschriftstellerinnen und Schriftsteller, an die sich diese angeblich anlehnen. Auch einige
Autorinnen und Autoren von Migrantenliteratur betonen einen derartigen Zusammenhang und
die daraus abzuleitende größere Volkstümlichkeit, auch Frische und Bildhaftigkeit ihrer literarischen Einflüsse und Werke. Die entweder als negativ oder positiv aufzufassenden Einflüsse von oralen Traditionen sind bisher noch kaum wissenschaftlich untersucht worden und
die Gefahr einer Exotisierung ist offensichtlich. Untersuchungen derartiger Fragen werden
künftiger Forschung überlassen und sind für die vorliegende Arbeit nicht von großer Tragweite.
128
Weinrich 1983, S. 911-920. Titel: „Um eine deutsche Literatur von außen bittend“.
129
Goethe-Institut: Um einen Goethe von außen bittend - Einleitung. Available: 1999-10-05.
http://www.goethe.de/z/11/aussen/einleit.htm
126
46
Andrea Zielke spricht, weniger wohlwollend, einer Gruppe der Schriftstellerinnen und Schriftstellern von Migrantenliteratur ganz einfach die
sprachliche „Vollkommenheit“ ab, die zum Verfassen von ‚großer Literatur’
benötigt wird,130 und auch Horst Hamm betont die mangelhafte sprachliche
Ausdrucksfähigkeit oder den Sprachverlust und die damit verbundenen
Identitätsschwierigkeiten der ausländischen Schreibenden.131 Dennoch geht
er von einer Bereicherung – nicht nur der Literatur, sondern auch – der
deutschen Sprache durch Einführung von sprachlichen Wendungen, Bildern
und Stilelementen aus den Traditionen der jeweiligen Herkunftsländer aus,
eine Einstellung, die der von Weinrich und Ackermann ähnelt, die Einflussmöglichkeiten der Migrantenliteratur aber wahrscheinlich bei Weitem überschätzt. Im Gegensatz zum allgemein erkennbaren Einfluss der englischen
Sprache auf die deutsche ist ein derartiger Einfluss der Sprachen der großen
Migrantengruppen auf das Deutsche kaum wahrnehmbar.
Dass auch fortgeschrittene Zweisprachigkeit des Migranten mit der
„Gespaltenheit auch der Lebenswelt, deren Teile unverbunden und oft
unversöhnt nebeneinander existieren“, korrespondiere, ist ein Hinweis von
Herbert Michel.132 Hier wird die Tatsache übersehen, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit in vielen Ländern der Welt eine als normal empfundene Realität
ist. Es geht sicherlich zu weit, ein Gespaltensein aller ihrer Sprecherinnen
und Sprecher anzunehmen, und die Annahme, dass die Befindlichkeiten der
Migranten und Migrantenautorinnen und -autoren auch in dieser Hinsicht
individuell äußerst verschieden sind, ist glaubhafter.
Die bisher fruchtbarsten Überlegungen zur Frage nach der Sprachästhetik
in der Migrantenliteratur stellt Immacolata Amodeo an.133 Sie verdeutlicht,
dass es sich bei der Verwendung von „Gastarbeiterdeutsch“ in der Literatur
um eine „Inszenierung von Sprache“ handelt und nicht etwa um die unfreiwillige Zurschaustellung einer defizitären Interimsprache. Die literaturwissenschaftliche Betrachtung muss davon ausgehen, dass Sprache nicht nur ein
Kommunikationsmittel ist, sondern auch eigene ästhetische Werte besitzt,
die den künstlerischen Gehalt des literarischen Textes mit konstituieren. Bei
der Beschreibung der sprachlichen Charakteristika der Migrantenliteratur
hebt Amodeo Mehrsprachigkeit, Dialogizität und Synkretismus hervor, was
konkret auf die sprachlichen Erscheinungsformen der Literatur bezogen
werden soll und auf die Sprachbedingungen, unter denen sie entsteht.
130
Zielke 1985, S. 99f.
Vgl. Hamm 1988, S. 99.
132
Michel 1992, S. 83.
133
Amodeo 1996, S. 107-136.
131
47
Die Sprachbewältigung als Problem der Autorinnen und Autoren
Von Seiten der Schriftstellerinnen und Schriftsteller des PoLiKunstvereins
wurden im Anfangsstadium die Sprachbewältigung und der Identitätskonflikt in den Brennpunkt des Interesses gestellt.134 Obige Beispiele haben
gezeigt, dass auch die anfängliche wissenschaftliche Rezeption tatsächlich
schon im Hinblick auf die Sprachbewältigung mehr oder weniger wohlwollend reagierte. Auf der Erfahrungsebene der Autorinnen und Autoren korrespondieren die ablehnenden Überlegungen zum Beispiel mit den Erlebnissen
von Franco Biondi, die in seinem Briefwechsel mit dem Lektor Karl Corino
dargestellt werden.135 Hier tauchen Fragen nach dem „Geist einer
Sprache“136 auf und danach, wessen „Besitz“137 sie ist, auch die Offenheit
der deutschen Sprache für Einflüsse von außen wird diskutiert. Biondi weist
die Vorstellung einer Bereicherung der deutschen Sprache und Literatur
„von den Rändern her“ ab.138 Von Corino ist hiermit die Literatur der
Rumäniendeutschen, der deutsch schreibenden Türken, Italiener, Spanier
usw. gemeint, Biondi aber führt dagegen an, dass sich in der Vorstellung der
Bereicherung eine kolonialistische Denkweise in der Sprache offenbare.
Dadurch deckt Biondi die dieser Betrachtungsweise zugrunde liegende
Machtasymmetrie, die auch durch die dichotomische Vorstellung eines
Zentrums und seiner Ränder zum Ausdruck kommt, auf. Im deutschen Kontext nun werden Definitionen und Aus- und Eingrenzungen von Vertretern
der deutschen Majoritätsgesellschaft vorgenommen. Dass dies unter
Umständen bedeuten kann, dass Sprachspiele, Neologismen und andere
Innovationen auf der literarischen Ebene von den deutschen Lektoren als
Fehler eingeschätzt und wegkorrigiert werden, hat sicherlich nicht nur
Biondi erfahren müssen. Andererseits darf auch die Existenz von
Migrantenschriftstellerinnen und -schriftstellern, die in Deutschland in
anderen Sprachen als Deutsch schreiben und deren Texte übersetzt werden,
die dennoch mit deutschen Literaturpreisen und anderen deutschen Anerkennungen ausgezeichnet werden, nicht übersehen werden. Hier zeigen sich
deutliche Öffnungen in der von Biondi angeprangerten „kolonialistischen
Denkweise“ in der Sprache und in der Literatur. Für Migrantenschriftstellerinnen und -schriftsteller besteht demnach in vielen Fällen eine
relativ gute Möglichkeit, die Literatursprache zu wählen. Fällt ihre Wahl
dabei auf eine andere Sprache als Deutsch, gehören ihre Werke aber nicht
mehr ohne weiteres in die Forschungsdomänen der Germanistik.
134
Siehe Biondi, Schami, Naoum,Taufiq 1984, S. 136-150.
Biondi 1995 a), S. 15-19.
136
Biondi 1995 a), S. 16 in Corinos Brief vom 26. August 1994.
137
Biondi 1995 a), S. 15 in seinem Brief an Corino vom 24. August 1994.
138
Biondi 1995 a), S. 17.
135
48
Soziolinguistische und sozialpsychologische Perspektiven
Jede Sprache ist ein Kommunikationsmittel und unter Berücksichtigung der
Tatsache, dass es verschiedene Sprachen gibt, auch ein wichtiges Merkmal
von Gruppenidentität. Weitere derartige Merkmale sind zum Beispiel Alter,
Geschlecht, Zugehörigkeit zu einer Sozialgruppe oder Klasse, Geographie,
Religion, wobei die eventuelle und jeweilige Hervorhebung und empfundene
Bedeutung unterschiedlicher Merkmale situationsabhängig ist. Darauf, dass
die jeweilige Sprache nicht unbedingt das wichtigste Gruppenmerkmal ist
und dass Minoritäten ihre kollektive Identität auch nach einem Sprachwechsel beibehalten können, hat besonders John Edwards hingewiesen: „As
an objective marker of groupness, language is highly susceptible to change;
despite its obvious claims on our attention, its continuation is not necessary
for the continuation of identity itself“.139
Der Kontakt einer Minorität mit der fremden Sprache einer umgebenden
Majoritätsgesellschaft lässt diese Sprache aber, meint Smolicz, oft als Kernwert dieser Gesellschaft erscheinen.140 Verstärkt wird diese Art der Wahrnehmung besonders, wenn die Minorität sich in irgendeiner Weise von der
Majoritätsgesellschaft unter Druck gesetzt oder bedroht fühlt. Die gemeinsame fremde Herkunftssprache kann in Migrantengruppen dann den Wunsch
entstehen lassen, diese Sprache im Ausland weiter zu erhalten und zu
pflegen. Einesteils kann die herkunftssprachliche Kommunikation innerhalb
der Gruppe ohne Sprachprobleme stattfinden, was praktisch und auch
emotional attraktiv ist und in einer Übergangssituation üblich. Das Beharren
auf der eigenen im Kontext einer anderen dominanten Sprache kann aber
auch auf Erzeugung und Erhalt von dauerhafter Gruppenidentität abzielen,
wie zum Beispiel der Schriftsteller Aras Ören postuliert: „Andererseits muß
man bedenken, daß es hier mittlerweile eine große türkische Minderheit gibt,
und es ist wünschenswert, daß diese ethnische Minderheit auch ihre eigene
Sprache bewahrt“.141
In der sozialpsychologischen Forschung, die sich mit Sprachfragen
beschäftigt, wird – wenn auch nicht unwidersprochen – behauptet, dass allzu
gute Sprachkenntnisse in der fremden Sprache von anderen Mitgliedern
derselben unterprivilegierten Gruppe oder Gruppen mit Argwohn und
Feindseligkeit betrachtet werden können, weil sie als Verrat an der Gruppe
bewertet werden. Dadurch käme eventuell auch eine als Bedrohung empfundene Assimilation zustande und demzufolge das Verschwinden dieser
Gruppe.142
Den Fürsprechern der Erzeugung von Betroffenheit und Solidarität, zu
denen Biondi und alii gehörten, war wahrscheinlich gleichzeitig klar, dass
139
Edwards 1985, S. 169.
Vgl. Smolicz 1992, S. 277-306.
Ören 1988, S. 169. Vgl. auch Baker und Prys Jones 1998, S. 105.
142
Vgl. Liebkind 1999, S. 140-151.
140
141
49
sie durch den Wechsel zum Deutschen als Literatursprache ihre eigenen
nationalen Gruppen eventuell schwächten und selber auf eine durch die
Herkunftssprache symbolisierte Möglichkeit dieser Identifikation, etwa als
Zugehörige zur Gruppe der Italienischsprachigen, der Griechischsprachigen
usw., verzichteten. Denn die oben angeführten Forderungen nach Sprachwechsel oder Spracherhalt entstanden in einer Zeit, in der viele Migrantinnen
und Migranten nach ihrer Ankunft in Deutschland immer noch in äußerst
schwierige soziale Verhältnisse gerieten, die in zahlreichen soziologisch,
psychologisch, pädagogisch und politisch ausgerichteten Arbeiten beschrieben und diskutiert werden, und sprachspezifische Gruppenidentitäten
konnten zumindest in einer Übergangsperiode die Vereinzelung der Migrantin und des Migranten mildern.143 Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller
der PoLiKunstzeit waren aber gewillt, dieses Konfliktrisiko einzugehen,
wenn es ihnen dadurch gelingen konnte, eine multinationale, „effektive“,144
in der ‚Lingua franca’ Deutsch verfasste Gastarbeiterliteratur zu schaffen
und Betroffenheit und Solidarität untereinander und auch im deutschen
Publikum zu erzeugen.
Für alle Migrantenschriftstellerinnen und -schriftsteller innerhalb und
außerhalb des PoLiKunstvereins gilt die Tatsache gleichermaßen, dass sie
sich infolge der Migration in einer Sprachkontaktsituation befinden.145
Abgesehen davon, in welchem Ausmaß die Migrierten die neue Sprache
lernen und benutzen und die mitgebrachte Sprache weiterbenutzen, leben sie
vom Zeitpunkt der Migration an in einer Situation, in der die ständige
Sprachwahl zu einer nicht mehr wegzudenkenden Grundbedingung ihrer
Existenz geworden ist. Welche Sprache Schriftstellerinnen und Schriftsteller
für die Herstellung ihrer Texte wählen, steht ihnen zunächst frei, ihre
Entscheidung hat aber Folgen unter anderem auch für die Erscheinungsmöglichkeiten ihrer Werke.
Überlegungen zur Bedeutung der Sprachwahl für die persönliche
Identität
Eine nicht geringe Anzahl von Migrantenschriftstellerinnen und -schriftstellern hat sich für den Gebrauch der deutschen Sprache entschieden und
wendet sich damit in erster Linie an deutschsprachige Rezipienten. Dabei ist
diese Entscheidung für den Sprachwechsel unter Umständen widerrufbar,
eine Rückkehr zur Muttersprache oder auch eine Hinwendung zu einer
143
Die soziale Lage von Migrantinnen und Migranten beschreiben und diskutieren z.B. Aziz
1992, Cohn-Bendit und Schmid 1993, Leggewie 1990, Meinhardt 1984.
144
Biondi, Schami, Naoum, Taufiq 1984, S. 142.
145
Autoren und Autorinnen, die als Angehörige deutschsprachiger Minoritäten aus
verschiedenen Ländern nach Deutschland immigriert sind, sollen hier auch erwähnt werden,
ihre besondere Sprachproblematik wird allerdings in der vorliegenden Untersuchung nicht
berücksichtigt.
50
weiteren Fremdsprache – zum Beispiel bei weiterer Migration – möglich.146
Sprachwechsel vollzieht sich in diesem Zusammenhang auf der
individuellen Ebene unter Rückgriff auf mehrere Sprachen.
Die Begegnung mit der Fremde ist in den meisten Fällen auch eine
Begegnung mit der fremden Sprache, und im Werk fast aller Migrantenschriftstellerinnen und -schriftsteller lassen sich Texte finden, in denen
dadurch ausgelöste Reflexionen über Sprache zum Ausdruck gebracht
werden. Thematisiert wird der gesteuerte oder ungesteuerte Erwerb der
deutschen Sprache oft, meistens mit viel Humor und Ironie. Auch eine
gesteigerte Aufmerksamkeit auf die Muttersprache ist zu vermerken, wobei
das Verhältnis zu ihr oft besonders innig, aber manchmal voller Enttäuschung und Ablehnung ist, wenn sie erfahrene Unterdrückung und
Erniedrigung im Leben der Betroffenen symbolisiert.147 Die häufige
Beschäftigung mit derartigen Fragen in der Migrantenliteratur deutet darauf
hin, dass Spracherwerb und Sprachbewältigung, Sprachwandel und drohender Sprachverlust Prozesse sind, zu denen die Schriftstellerinnen und
Schriftsteller immer wieder Stellung nehmen müssen. Das dürfte für einheimische wie migrierte Autorinnen und Autoren gleichermaßen gelten, obwohl
es bei den einheimischen vorausgesetzt wird, selten der expliziten Feststellung bedarf oder künstlerisch verarbeitet wird. Schließlich stellt auch der
Erwerb der Muttersprache bis hin zu ihrer Verwendung als künstlerisches
Gestaltungsmittel die Bewältigung einer nie abgeschlossenen Aufgabe dar.
An dieser Aufgabe arbeiten Migrantenschriftstellerinnen und Migrantenschriftsteller unter den Augen einer kritischen Rezeption, die ihnen auf allen
Ebenen immer wieder bescheinigt, dass sie auch durch die Sprache definiert
Nichtdeutsche, Fremde sind. Das durch die Lebensgeschichte bedingte
Verhältnis zur deutschen Sprache wird dadurch immer wieder zum Ausgrenzungsmechanismus gemacht und als solcher empfunden.148
Die Verlegung des Lebenszentrums nach Deutschland hat Folgen auch
für die Beibehaltung von Kenntnissen und Geläufigkeit in der Ursprungssprache. Diese Folgen werden besonders in Texten der Anfangsphase der
deutschsprachigen Migrantenliteratur auch thematisiert und heben auf die
Spracherosion im Ausland ab, die alle Ebenen des linguistischen Systems
betreffen kann.149 Beide sprachlichen Phänomene: Erwerb und Bewältigung
146
Die türkischstämmige Schriftstellerin Aysel Özakin hat Werke hauptsächlich auf Türkisch,
später auf Deutsch und noch später auf Englisch verfasst. Im Band Die Tinte und das Papier.
Dichtung und Prosa italienischer AutorInnen in Deutschland. Anthologie. Mit einer
Einführung von Gino Chiellino. Aachen 1999, finden sich deutsche und italienische Poesie
und Prosa von zehn Autorinnen und Autoren, deren Bibliographien durch die Jahrzehnte
hindurch Werke in beiden Sprachen verzeichnen.
147
Vgl. u.a.: Ackermann 1992, und Tschinag 1992, auch Chiellino 1988 und von Saalfeld,
Lerke 1998, außerdem Gahse 1993, auch Özdamar 1998.
148
Siehe zum Beispiel Jean Apatrides Äußerung: „Mein Akzent war meine Negerhaut“, zitiert
nach Domin 1993, S. 83-84.
149
Vgl. Koen/Kroon 1992, S. 139.
51
der neuen Sprache und Einfluss der neuen Lebenssituation auf die Muttersprache, tragen zum Erlebnis von Fremdheit und Beheimatung in Ursprungsland und Ankunftsland und deren gegenseitiger Vermischung bei, was das in
der Migrantenliteratur zum Ausdruck kommende Oszillieren oder Pendeln
mit verursacht.
Ergänzende Einfallswinkel der Zweisprachigkeitsforschung
Wie in François Grosjeans grundlegender Einführung zum Thema Zweisprachigkeit dargestellt, lassen sich in den Einstellungen von einsprachigen
und zwei- oder mehrsprachigen Personen der Zwei- oder Mehrsprachigkeit
gegenüber große Unterschiede feststellen.150 Grosjean stützt sich hier auch
auf eine ältere Untersuchung von Vildomec (1971) und schränkt ein, dass
diese Befragungen bezüglich der Einstellungen zwar wegen ihrer Begrenztheit nicht repräsentativ seien, sich aber von fast allen bisherigen dadurch
unterschieden, dass hier die mehrsprachigen Personen selber in einer Frage
zu Worte kommen, die sonst von meist einsprachigen Erziehern, Linguisten,
Psychologen und Soziologen beurteilt worden sei.151 Obwohl eine Minorität
der Sprecherinnen und Sprecher durchaus auch von vereinzelten Nachteilen
ihrer Mehrsprachigkeit berichteten, überwogen die angegebenen Vorteile bei
Weitem, ja, in Grosjeans Untersuchung gaben sämtliche Befragte an, dass
die Mehrsprachigkeit Vorteile habe.
Besonders hervorgehoben wird von Grosjean die Feststellung der befragten Mehrsprachigen, dass sie sich im Vergleich mit Einsprachigen nicht
„anders“ fühlten. Dieser angenommene „Unterschied“ sei eine Illusion der
Einsprachigen: „Many bilinguals feel that the apparent difference between
them and monolinguals is a figment of the imagination of monolinguals“.152
Die hier angesprochene und unterstellte „Andersheit“ wird nicht näher
definiert und stellt sinngemäß einen sehr vagen Begriff dar, dessen Reziprozität eine Parallele zum noch zu diskutierenden Verhältnis des „Eigenen“
zum „Fremden“ bildet.153 Ein Kriterium zur Unterscheidung von Personen
und die Zuschreibung einer Andersheit, die einzig durch die Tatsache ihrer
vielfältigen Sprachkenntnisse begründet wären, leuchtet ohnehin nicht ein.
Abgesehen davon, dass individuelle Mehrsprachigkeit global gesehen ein
Mehrheitsphänomen darstellt, muss auch im aktuellen Zusammenhang
bezweifelt werden, dass es eine reine Einsprachigkeit überhaupt noch gibt.
Unterricht in mehreren Fremdsprachen wird heute in Deutschland und Europa überall angeboten, der damit zusammenhängende Kulturschock und der
Eingriff in die Identitätsbalance sind auch schon früh anerkannt worden.154
150
Grosjean 1982.
Vergl. Grosjean 1982, S. 268ff.
152
Grosjean 1982, S. 273.
153
Siehe in der vorliegenden Arbeit S. 146.
154
Siehe De Florio-Hansen/Hu 2003, XI.
151
52
Die Einstellung einsprachiger Personen gegenüber mehrsprachigen
rangiert zwischen sehr negativ und sehr positiv, wie andere Untersuchungen
gezeigt haben,155 wobei sich die positive Hervorhebung und Betonung
sprachlicher Homogenität bisweilen politisch für nationalistische Zwecke hat
instrumentalisieren lassen. Ein stark wertender Begriff wie „halbsprachig“
für die Klassifizierung von mehrsprachigen Personen und ihre Interimsprachen hatte seit den 1960er Jahren weite Verbreitung gefunden. Die
moderne Forschung stellt aber die Existenz der Halbsprachigkeit in Frage
oder weist diese Vorstellung auch ganz ab.156 Heute konzentriert sich das
Forschungsinteresse eher auf Fragen, die Zwei- und Mehrsprachigkeit
betreffen.
Von den unter Mehrsprachigen zu beobachtenden Sprachverhaltensweisen setzt sich Grosjean vor allem mit dem Code-Switching auseinander.
Er hält die Annahme für unnötig, dass es sich hierbei um etwas anderes
handele als beim Register-Switching innerhalb einer Sprache, ein Sprachverhalten also, was bei allen Sprechern durch eine Reihe von Umständen veranlasst wird, wobei bei Mehrsprachigen die Möglichkeit der Sprachwahl nur
ein weiterer ist. Wichtig ist aber auch der Hinweis, dass Einsprachige dem
Code-Switching zwischen verschiedenen Sprachen gegenüber oft negativ
eingestellt sind, was in den Bezeichnungen „halbsprachig“ oder „nullsprachig“ für die Sprecherinnen und Sprecher dieser Varietät zum Ausdruck
kommt.157 Dem Einsprachigen mögen die Verhaltensweisen des CodeSwitching, des Code-Mixing und der Wortanleihen, die unter Zwei- und
Mehrsprachigen häufig zu beobachten sind, sogar als Faulheit, Dummheit
oder Versnobtheit vorkommen.158
Das Leben in der Mehrsprachigkeit
Die sprachliche Kontaktsituation, von deren zahlreichen Facetten hier nur
einige angedeutet worden sind, bildet bei Migrantenautorinnen und -autoren
einen Teil ihrer soziokulturellen, sozio-, psycho- und neuro-linguistischen
Lebensgrundlagen.159 Wie alle zwei- oder mehrsprachigen Personen sind
auch sie in diesem Prozess den Einstellungen und Reaktionen der Ange155
Vgl. Grosjean 1982, S. 273ff.
Siehe z.B. Wande 1988, S. 402-408.
157
Grosjean 1982, S. 146f: ”Those who code-switch extensively are often said to know
neither language well enough to converse in either one alone and they are termed ’semilingual’ or ’nonlingual’”.
158
Vgl. Grosjean 1982, S. 330.
159
Die weit gefächerte Forschung in diesem Bereich beschäftigt sich mit Mehrspracherwerb
und Mehrsprachigkeit im Verlauf des Lebens, ihrer Entwicklung und Reife bis zu ihrem
Verlust unter dem Aspekt des Alterns und der Pathologie. Siehe hierzu z.B. Hyltenstam und
Obler 1989. Hyltenstam 1999 fasst ältere und neuere Ergebnisse der Mehrsprachigkeitsforschung, bezogen auf die sieben einheimischen Sprachen in Schweden zusammen, wobei
auch sprachpolitischen Gesichtspunkten besonderes Interesse gilt.
156
53
hörigen der Majoritätsgesellschaft, die in diesem Falle deutsch ist, und ihren
eigenen Empfindungen ausgesetzt. Nicht zu unterschätzen ist als Ausgangspunkt, dass gerade das Sprechen einer im Kontext fremden Sprache den
Menschen als Fremden identifiziert. Weiter erfahren diese Autorinnen und
Autoren am eigenen Leibe und in der eigenen Seele die Wandlungsprozesse,
denen ihre sprachlichen Fähigkeiten sich nicht entziehen können. Dabei
handelt es sich um Verlust und Gewinn von Mutter- und Fremdsprache, von
Erhaltung oder Verfall von Kenntnissen und Geläufigkeit auf allen sprachlichen Ebenen. Traditionsgemäß hat die Mehrsprachigkeitsforschung diese
Prozesse auf den Ebenen der sprachlichen Äußerungen und des von außen zu
beobachtenden Sprachverhaltens der Sprecherinnen und Sprecher untersucht.
Die allerneueste Forschung weist darauf hin, dass „die wissenschaftliche
Betrachtung des Zusammenhangs von Mehrsprachigkeit und Identität erst
am Anfang“ steht,160 und will nun ausdrücklich Einblicke eröffnen in die
engen „Wechselbeziehungen zwischen Identität und Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit“ aus der Perspektive des mehrsprachigen Subjekts.161 Auffällig
ist, dass in dieser Forschung auch die Sprachreflexionen deutschsprachiger
Migrantenschriftstellerinnen in den Mittelpunkt des Interesses geraten.162
Für das Individuum scheint die Kenntnis einer fremden Sprache als
Zweit- oder Fremdsprache meist mit positiven Gefühlen und einem Erlebnis
der Bereicherung verbunden zu sein, wobei Phasen beim Erlernen dieser
Fremdsprache allerdings mit Problemen einher gehen können. Da für jede
Art von Sprachproduktion auch eine geistige Anstrengung vorauszusetzen
ist, die sich im Fall der Mehrsprachigkeit vervielfacht, kann man davon
ausgehen, dass im Leben der Menschen, die nach Deutschland migriert sind,
ihre individuelle Mehrsprachigkeit als solche eine ständige Erinnerung daran
darstellt, dass sie sich in der – auch sprachlichen – Fremde befinden. Die
Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft wirken auch durch ihre Einstellungen der Mehrsprachigkeit und den Mehrsprachigen gegenüber daran mit,
dass diese Tatsache nicht in Vergessenheit gerät. Im Prozess der Identitätsbalance der Migrantin und des Migranten stellt die konstant gegenwärtige
Sprachkontaktsituation daher eine Größe dar, die jede Interaktion mit
konstituiert. Die Auswirkungen dieser Situation lassen sich in der individuellen Sprachgeschichte, Lebensgeschichte und im Werk von Migrantenautorinnen und -autoren feststellen und sollen von Fall zu Fall bei der
Interpretation der Texte mit berücksichtigt werden.
160
De Florio-Hansen/Hu 2003, S. X.
De Florio-Hansen/Hu 2003, S. VII.
162
In ihrem Artikel „Mehrsprachigkeit, Identitäts- und Kulturtheorie” nimmt Hu diesbezügliche Äußerungen von Özdamar, Özakin und Tekinay in ihr Untersuchungsmaterial auf.
Siehe Hu 2003, S. 12-13.
161
54
KAPITEL 4
Zur Identität in der Migrantenliteratur
In der wissenschaftlichen Literatur zur Migrantenliteratur lässt sich wiederholte Male die Feststellung finden, dass „Identität” eines der zentralen
Themen dieser Literatur sei. Ohne zunächst auf eine nähere Klärung des
Begriffes und seiner Perspektiven einzugehen, muss als erstes auf die
Arbeiten von Chiellino von 1985163 und die stark erweiterte Version von
1989164 und auf deren Leistung bei der Entdeckung dieser zentralen Bedeutung des Phänomens hingewiesen werden. Hier handelt es sich um Texte, die
in der Anfangszeit der literaturwissenschaftlichen Rezeption der deutschen
Migrantenliteratur entstanden sind. Daher sollen in der vorliegenden Arbeit
Chiellinos Feststellungen aus den 1980er Jahren bezüglich der Bedeutung
der Frage nach der Identität in der Migrantenliteratur zum Ausgangspunkt
für die Behauptung genommen werden, dass sich diese Relevanz in der
Migrantenliteratur tatsächlich hat feststellen lassen und weiterhin feststellen
lässt.
Da „Identität” und damit verbundene Termini wie etwa Rolle, Rollenerwartung und Rollendistanz für das Anliegen dieser Arbeit von zentraler
Bedeutung sind, muss nun allgemein und für den hier aktuellen Zusammenhang die Klärung dieser Begriffe vorgenommen werden.
Nachdem mit Dieter Henrich165 die Unterscheidung des philosophischen
vom sozialpsychologischen Identitätsbegriff durchgeführt worden ist, soll
auch, gleichfalls mit Henrich, der Begriff der ‚Identitätsprobleme’ eingeführt
und die Verbindung zur Literaturwissenschaft hergestellt werden:
„Es ist aber offenkundig, daß insbesondere die Literatur auch viele ihrer Themen
aus Identitätsproblemen zu ziehen vermag. Die Dekomposition von Charakteren, der
Gang des Lebens durch konkurrierende Entwürfe der Lebensintegration, der
Konflikt von inkompatiblen Identitätsansprüchen ist sicher eines der thematischen
Felder, in denen sich die moderne Literatur entfaltet hat. Bei der Verständigung über
das, was die Literatur auf diesem Feld erreicht und was sie mit seiner Erkundung
163
Chiellino 1985.
Chiellino 1989.
165
Henrich 1979, S. 133-186.
164
55
geleistet hat, muß aber vor allem der sozialpsychologische und nicht der
philosophische Identitätsbegriff ins Spiel gebracht werden”.166
Der nicht-literarischen Untersuchung der Fragen nach der persönlichen
Identität widmen sich vor allen anderen Wissenschaften die Soziologie und
die Psychologie, die beide implizit bereits im obigen Henrich-Zitat angesprochen sind. War eines von Henrichs Anliegen in dem von ihm als
„möglicher Monographie” bezeichneten Grundriss über den Identitätsbegriff
die Frage, ob die philosophischen Probleme und Positionen „zur Aufklärung
über Prämissen und Problemhorizonte beitragen können, in denen sich die
sozialpsychologische Konzeption bewegt”,167 so ist in der vorliegenden
Arbeit die Nutzbarmachung psychologischer und soziologischer Forschung
und Begriffe für die Aufgaben der Literaturwissenschaft gefordert.
Wie unter anderen Lothar Bluhm feststellt, habe die Beschäftigung der
Literaturwissenschaft mit der Suche nach Identität ihrerseits eine inflationäre
Diskussion herbeigeführt, wobei die Klage über die ausufernde IdentitätsDiskussion zu einem durchaus verbreiteten Topos der Diskussion selbst
geworden sei.168 Sollte diese Feststellung auch eine Berechtigung besitzen,
ist es dennoch wichtig festzuhalten, dass es sich bei dem großen Interesse
der bisher erwähnten Wissenschaften für die Reflexion über persönliche
Identität wie bei den Wissenschaften selber – mit Ausnahme der Philosophie
– um noch relativ junge Phänomene handelt.
In seinem Aufsatz „Identität, persönliche Rolle und Rollendistanz” stellt
der Soziologe Thomas Luckmann plausibel dar, dass erst in modernen,
industriellen Gesellschaften persönliche Identität keine unreflektierte
Selbstverständlichkeit individuellen Daseins ist und dass auch auf Veränderungen in der gesellschaftlichen Ordnung zurückgegriffen werden muss,
um diese Tatsache zu erklären.169 Wenn der gemeine Mensch dachte, so
Luckmann, war es bis ins Hochmittelalter so, dass er über Probleme zu
denken hatte, die sich seinem Leben stellten, und nicht über sich selbst –
von einzelnen Ausnahmen wie Dichtern und Philosophen abgesehen, und
das, obwohl persönliche Identität „im größeren Teil der Menschheitsgeschichte“ für den überwiegenden Teil der Menschen eine allgemeine
„gesellschaftliche Gegebenheit menschlichen Lebens“ gewesen sei. Im
Hinblick auf den Gegenwartsmenschen allerdings haben sich die
Verhältnisse
geändert,
und
die
„Reflexionswürdigkeit
und
Reflexionsbedürftigkeit des Ich ist heutzutage zu einem Gemeinplatz
geworden”.170
166
Henrich 1979, S. 184, kursiv im Original.
Henrich 1979, S. 136.
168
Bluhm 1994, S. 17-38.
169
Luckmann 1979, S. 293-313.
170
Luckmann 1979, S. 294.
167
56
Die Erforschung eines Problembereiches, die erst spät begonnen hat,
kann leicht zu einer scheinbaren Inflation des Interesses führen. Es gilt,
Vieles aufzuarbeiten, wobei unter anderem auch Fragen, die man erst in
allerjüngster Zeit zu stellen begonnen hat, zum Tragen kommen müssen.
Eine dieser neueren grundlegenden Fragen ist beispielsweise die nach der
Bedeutung des Geschlechts bei der Suche nach, bei der Bildung und
Wahrung von Identität, bei den Identitätsproblemen und deren Lösung.
Mindestens eine weitere, hier relevante Frage ist die nach der Bedeutung des
gesamten Spektrums von migrationsspezifischen Phänomenen bei denselben
identitätsrelevanten Prozessen.
Chiellino hat bezüglich der Relevanz des Identitätsthemas in der Migrantenliteratur eine Reihe von Behauptungen aufgestellt, wobei sich seine
Forschungsergebnisse bis auf wenige Ausnahmen auf die Untersuchung der
Literatur von italienischen Ausländern in der Bundesrepublik stützen. So
bleibe die literarische Beschäftigung mit der eigenen Identität in der Fremde
vorerst das Thema schlechthin der Ausländerliteratur in der Bundesrepublik,
es erweise sich als unerschöpflich und allein deswegen als ausreichend für
die Schaffung einer Literatur der Ausländer. Kein Autor in der Fremde
könne ohne das Thema auskommen, ja, die Autoren würden sich sogar
hüten, konkrete Lösungen anzubieten, da die Lösung der Frage dem Ende
dieser Literatur gleichkäme.171 Dem Vorwurf, reduktionistische Zuweisungen vorzunehmen, versucht Chiellino zuvorzukommen, indem er
postuliert, dass, gleichgültig worüber ein Migrantenschriftsteller auch immer
schreibe, sich alles als Suche nach einer Identität in der Fremde erweisen
werde. Daher scheint die indirekt angesprochene Warnung vor dem
Anbieten einer Lösung der Identitätsfrage eigentlich überflüssig. Dass sie
dennoch ausgesprochen wird, kann vielleicht als Ausdruck dafür aufzufassen
sein, dass sich Chiellino selbst dessen, was er hier behauptet, nicht so sicher
ist, wie es seine Wortwahl erscheinen lassen soll. Es hat sich gezeigt, dass in
der Migrantenliteratur auch andere Themen neben und außer der Suche nach
Identität in der Fremde gestaltet werden, aber auch, dass die Suche nach
Identität durchaus weiterhin in den Nationalliteraturen ihre Gestaltung
findet. Die bisherige Forschung zur Migrantenliteratur hat die Identitätsproblematik zwar berührt, aber keineswegs erschöpfend untersucht, wie
unten gezeigt werden soll. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage ist
unter den vielfältigen Aufgaben, die sich für die Forschung im Bezug auf die
deutsche Migrantenliteratur stellen, weiterhin aktuell.
Der Identitätsbegriff ist im bisherigen Text im Vertrauen auf eine
angenommene alltagssprachliche Übereinstimmung bezüglich seiner Bedeutung benutzt worden. Chiellinos Verwendung des Begriffs ist dabei keine
Ausnahme, obwohl er in seinen oben erwähnten Abhandlungen kurze
171
Vgl. Chiellino 1989, S. 37f.
57
Definitionsversuche unternimmt. Weitere Ansätze sollen hier kurz umrissen
werden.
Bisherige Untersuchungen zur Identitätsproblematik in der
deutschsprachigen Migrantenliteratur
Wie im Untertitel von Herbert Michels Dissertation von 1992 angegeben,
richtet sich sein Erkenntnisinteresse vornehmlich auf die literarische „Verarbeitung des Identitätsproblems in der griechischen Migrantenliteratur“.172
Sein Modell macht die Vorstellung eines komplementären Verhältnisses
zwischen der Ich-Identität des einzelnen und der kollektiven Identität zum
Ausgangspunkt.173 Neben der Zeit und dem Raum sieht Michel die Sprache
als dritte Dimension der Lebenswelt. In und mit der Sprache „können die
beiden Beziehungsformen Raum und Zeit gefasst werden“174, und sie enthält
ein System typisierender Erfahrungsschemata, das den Einzelnen weitgehend von selbständiger Typenbildung entlaste. Infolge dieser Überlegungen spricht Michel von Ordnungen und Objektivationen, die durch die
Herkunfts- und Muttersprache gesetzt sind, die nun von Migranten mit
transportiert werden und in der zweitsprachlich strukturierten, und damit
objektivierten Lebenswelt des Migranten ungenau oder sogar irreführend
sein können.
Hier lassen sich als Ausdruck für eine ungewöhnliche Haltung Michels
den Sprachen und ihren Möglichkeiten gegenüber indirekte Zweifel an jeder
Übersetzbarkeit von Texten ablesen. Mehrsprachigkeit wird nun von Michel
als Defizit und Gefährdung gesehen, wobei er jedoch, beeinflusst von
Kristeva, „die emanzipatorische Chance, allzu einengende normative Typisierungen, die die Muttersprache enthält, hinter sich zu lassen“,175 nicht
völlig verschweigt. Mit dem von ihm entworfenen Begriff des „elliptischen
Bewußtseins“, das nichts anderes sei „als der Reflex auf eine zweipolige
Lebenswelt, eine des „Hier und Jetzt“ und des „Dort und Damals“,176 soll
dieser Mangelzustand beschrieben werden. Wichtige Begriffe für Michel
sind Ich-Festigkeit, fest gefügte Identität, Kontinuität und Konsistenz, und er
gelangt zu der Feststellung: „Ausgeschlossensein aus dem normalen Gang
der Dinge gibt exakt auch die Befindlichkeit des Migranten wieder“.177
Michel gelangt in der Diskussion seiner Ergebnisse zu der Feststellung,
dass die Texte der Migrantenliteratur nicht das Muster einer letztlich gelungenen affirmativen Einbindung der individuellen in die kollektive Identität
bieten, „sondern sie legen Zeugnis ab von einem tiefen und radikalen
172
Michel 1992.
Siehe dazu unten in diesem Kapitel die wichtige Überwindung der vorgestellten Komplementarität bei Krappmann.
174
Michel 1992, S. 71.
175
Michel 1992, S. 80.
176
Michel 1992, S. 83, Unterstreichung im Original.
177
Michel 1992, S. 87.
173
58
Zweifel an der Möglichkeit solcher Komplementarität überhaupt“,178
wodurch er sich vom Habermasschen Begriff der Lebenswelt entfernt und
den Krappmannschen Vorstellungen annähert, ohne letztere jedoch zu
erwähnen. An Michels Arbeitsweise zu kritisieren ist die das Verständnis
erschwerende, unklare Abgrenzung zwischen den Kategorien Migrantin
/Migrant und Migrantenautorin/-autor einerseits und Migrantenautorin/-autor
und Protagonistin/Protagonist andererseits. Unbefriedigend ist auch die
Verwendung eines undefinierten Begriffs wie „kollektive Identität“, der
Starrheit impliziert und der im vorliegenden griechisch/deutschen Kontext
ohne Erklärung Gefahr läuft, in „nationale Identität“ umgedeutet zu werden.
Annette Wierschke kündigt im Titel ihrer Arbeit die Absicht an, sich
innerhalb des Migrantenliteraturkontextes mit dem Thema „Identität”
beschäftigen zu wollen.179 In ihrer Arbeit, die die Verbindung zwischen
Literatur und ethnographischem Schreiben herstellen und untersuchen will,
geht sie von einem Identitätsbegriff aus, der die Konstitution des Individuums durch seine Kultur und durch die Positionierung des Individuums
dieser Kultur gegenüber voraussetzt. Darauf fußend will Wierschke untersuchen, wie sich diese Konstruktion in literarischen Texten auffinden lässt.
Wierschke bringt die Begriffe ‚kulturelle’ und ‚nationale Identität’ ins
Spiel, ohne klarzustellen, dass es sich dabei um Begriffe handelt, die kollektive Befindlichkeiten bezeichnen, und ohne dazu in der Lage zu sein, überzeugend darzustellen, dass es derartige Bestandteile der persönlichen
Identität überhaupt gibt und wie sie beschaffen sein könnten. Um ihre literarischen Untersuchungen der deutschsprachigen (oder übersetzten) Texte der
drei Schriftstellerinnen aus der Türkei (Özakin, Tekinay und Özdamar) in
diesem Sinne überhaupt durchführen zu können, ist sie dazu gezwungen, die
Bedeutung der kulturellen Prägung allen anderen denkbaren Bestandteilen
der Identität über- und vorzuordnen. Dass dies ihre Einstellung tatsächlich
ist, wird auch durch die von Wierschke in Frage gestellte Möglichkeit, dass
ein Teil des Selbst sich wirklich der strukturierenden Prägung der eigenen
Kultur, ihrer Normen und Werte entziehen könne,180 angedeutet. Die weitere
Frage nach der Möglichkeit, bei einer Betonung universaler kultureller
Gemeinsamkeiten nicht in Kulturrelativismus zu verfallen, erweckt den
Eindruck eines bei Wierschke zumindest latent vorhandenen Kulturdeterminismus. Besonders die Festlegung auf national definierte kulturelle
Prägung droht wieder zur Zementierung der Dichotomie des Eigenen und
des Fremden beizutragen, ohne auf die nötige und tatsächlich existierende
Dynamik und Offenheit einer Pendelbewegung zwischen beiden hinzuweisen.
Für „eine sozialpsychologisch-soziologische Perspektive auf das Problem
der Identität in der deutschsprachigen Migrantenliteratur” plädiert Bettina
178
Michel 1992, S. 225.
Wierschke 1996.
180
Wierschke 1996, S. 14.
179
59
Baumgärtel in ihrem Aufsatz, der 1997 erschienen ist.181 Ihrer gleichzeitigen
kritischen Beurteilung von Zielkes Arbeit von 1985 im Hinblick auf deren
Beitrag zur Schaffung eines theoretischen Rahmens für ein literaturwissenschaftlich brauchbares Identitätskonzept ist zuzustimmen.182 Zielke stellt
die Kategorien des symbolischen Interaktionismus, wobei sie sich zunächst
auf Erving Goffman und Anselm Strauss stützt, zwar vor, gibt allerdings
Lothar Krappmanns Konzept der balancierenden Ich-Identität, die zu einem
Leitbegriff in den Sozialwissenschaften geworden ist, verkürzt wieder und
schöpft deren Implikationen bei ihren Interpretationen nicht aus. Dasselbe
lässt sich bezüglich Zielkes Dissertation von 1993 feststellen, bei der es sich
um eine narratologisch ausgerichtete Untersuchung mit der Zielsetzung,
Texte der Migrantenliteratur für den Schulgebrauch zu didaktisieren,
handelt.183 Selbst in ihrer dritten Arbeit, deren Titel die Identitäts-Thematik
ankündigt,184 ist weiterhin von einer „stabilen Identität“ die Rede, und neue,
verwertbare Erkenntnisse für diesen Zusammenhang werden kaum vermittelt.
Baumgärtels Beitrag seinerseits will als der explizite Versuch gesehen
werden, sich den Fragen nach dem Problem der Identität in der Migrantenliteratur mit Hilfe des Identitätskonzeptes von Krappmann, wie es in seiner
Arbeit von 1969 vorgestellt wird, anzunähern.185 Baumgärtel stützt sich bei
diesem Vorschlag auf die Sozialpsychologen Potter, Stringer und Wetherell,
die „das Verhältnis von Sozialpsychologie und Literatur als Austausch
zwischen zwei Diskursen” betrachten.186 „Social psychology, literary theory,
literary criticism and the objects of that criticism are all involved with
‘sense-making’. This similarity provides the connection”.187 Eine
gegenseitige Fruchtbarmachung der jeweiligen Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen wird nahe gelegt.
Bei der Literaturinterpretation handelt es sich weder um Psychoanalyse
der Autorinnen und Autoren oder ihrer Protagonistinnen und Protagonisten,
noch um soziologische Studien ausgewählter Populationen. Soweit Literatur
aber von Menschen handelt, wie dies in den hier interessanten Werken der
Migrantenliteratur der Fall ist, sollten die in ihr dargestellten, fiktiven
Erfahrungs- und Gefühlswelten in denselben Kategorien verstanden werden
können, die in den einschlägigen Wissenschaften zum Einsatz kommen. Bei
Potter, Stringer und Wetherell findet sich neben der Feststellung, dass
psychologische Theorien heute in den Alltagsdiskurs einer Kultur
181
Baumgärtel 1997, S. 53-70, hier S. 53.
Zielke 1985.
183
Zielke-Nadkarni 1993.
184
Zielke-Nadkarni 1996.
185
Krappmann 2000.
186
Baumgärtel 1997, S. 58.
187
Potter, Stringer, Wetherell 1984, S. 1.
182
60
eingeschlossen sind, auch ein darauf abzielender Hinweis: „[...]social theory
will enter criticism whether it is invited in or not”.188
Dass für die Erforschung des sozialpspsychologisch-soziologisch zu definierenden Konzeptes der persönlichen Identität sozialpsychologisch-soziologische Kategorien bemüht werden müssen, ist in den Sozialwissenschaften
selbstverständlich. Dass und wie in der deutschsprachigen Migrantenliteratur
die Untersuchung der literarischen Gestaltung von Fragen, die mit der
persönlichen Identität, der Suche nach ihr, mit Identitätsproblemen und
deren Lösung zu tun haben, von den Erkenntnissen der Psychologie und
denen der Sozialwissenschaften profitieren kann, soll in der vorliegenden
Arbeit zu zeigen versucht werden.
Lothar Krappmann und Wolfgang Kraus
In den Sozialwissenschaften ist Lothar Krappmanns Begriff „balancierende
Ich-Identität”, den er in seiner Arbeit von 1969 entwickelt hat, zu einem
Leitbegriff geworden. Bereits im Titel der Arbeit, Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen, wird deutlich gemacht, dass Krappmann der Bedeutung
der soziologischen Dimensionen der Identität die größte Aufmerksamkeit
schenkt, wobei er deren strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an
Interaktionsprozessen hervorheben will.189 Die im Zusammenhang mit der
vorliegenden Untersuchung relevanten Krappmannschen Begriffe sollen
dargestellt und ihre Verwendbarkeit im Hinblick auf die Literaturwissenschaft diskutiert werden. Außerdem ist es erforderlich, auch einige der
bedeutungsvollen Beiträge zur Klärung des Identitätsbegriffs, auf die sich
Krappmann stützt und die sowohl in der Psychologie als auch in der
Soziologie beheimatet sind, vorzustellen. Auch auf Wolfgang Kraus, der mit
seiner Arbeit Das erzählte Selbst. Die narrative Konstruktion von Identität
in der Spätmoderne von 1996 zur aktuellen psychologischen Forschung zur
Identitätsentwicklung beigetragen hat, und seine in diesem Zusammenhang
wichtigen Erkenntnisse soll als Beispiel für eben diese modernsten
Strömungen hingewiesen werden. Unter anderem hebt Kraus die Bedeutung
der Narration bei der Konstruktion des Selbst hervor. Obwohl sich literarische von Alltagsnarrationen unterscheiden, sind bei der Interpretation
letzterer die Benutzung von Methoden der Sprach- und Literaturwissenschaft
durchaus gefragt. Auch hier wird also wieder für einen interdisziplinären
Blickwinkel plädiert, der die Psychologie mit der Philologie verbindet.
188
189
Potter, Stringer, Wetherell 1984, S. 58.
Krappmann 2000.
61
Die Ich-Identität bei Erik H. Erikson und Lothar Krappmann
„Wer über Identität nachdenkt, ist in guter Gesellschaft, wenn er mit dem
Ansatz von Erik H. Erikson beginnt [...]”190 – mit diesen Worten beginnt
Wolfgang Kraus seine Arbeit zur Identitätsforschung. Unter anderem in den
drei unter dem Titel Identität und Lebenszyklus191 zusammengefassten
Aufsätzen von Erik H. Erikson finden sich grundlegende Überlegungen zum
Thema Ich-Identität.192
Besonders wichtig bei Erikson ist die Betonung des Lebenszyklus, der
eigentlich nie abgeschlossenen Entwicklung der Ich-Identität: „Denn der
Mensch muss, um im psychologischen Sinne am Leben zu bleiben,
unaufhörlich solche Konflikte lösen, [d.h. die speziellen kritischen
psychologischen Konflikte, P.T.] genauso wie sein Körper unaufhörlich
gegen die physische Dekomposition kämpfen muss”.193
Vergleicht man das Hauptinteresse Eriksons mit dem von Krappmann,
lässt sich deren unterschiedliche Gewichtung der Problematik durch folgendes Zitat erhellen: „Das bewußte Gefühl, eine persönliche Identität zu
besitzen, beruht auf zwei gleichzeitigen Beobachtungen: der unmittelbaren
Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der
damit verbundenen Wahrnehmung, daß auch andere diese Gleichheit und
Kontinuität erkennen”.194 Der Psychologe Erikson legt in seinen Schriften
dar, wie das Individuum sich dem Ablauf und Verlauf der typischen
Entwicklungsphasen und Krisen stellt, wobei seine Darstellungen den
Schwerpunkt auf den Anteil des Ich und den daraus folgenden Konsequenzen für die Ich-Identität unter besonderer Beachtung der Komplementarität zwischen Individuum und Gesellschaft verlegen. Krappmanns
Augenmerk ist dahingegen in größtem Maße auf die interaktiven Prozesse
mit offenem Ausgang gerichtet, in denen Ich-Identität durch die Existenz
und das Agieren der anderen Interaktionsteilnehmer sozusagen eigentlich –
im Krappmannschen Sinne – erst entsteht: „Identität zu gewinnen und zu
präsentieren ist ein in jeder Situation angesichts neuer Erwartungen und im
Hinblick auf die jeweils unterschiedliche Identität von Handlungs- und
Gesprächspartnern zu leistender kreativer Akt”.195 Anders ausgedrückt
verknüpft Krappmanns Modell das größere Interesse der Psychologie an
einer Innenperspektive mit dem Interesse der Soziologie an einer Außenperspektive, wobei sich bei Krappmann auch eine gesellschaftskritische
Komponente erkennen lässt.
190
Kraus 1996, S. 13.
Erikson 2000.
192
In ihrer amerikanischen Originalausgabe erschienen sie unter dem Titel Identity and the
Life Cycle bereits im Jahre 1959, in deutscher Übersetzung zum ersten Mal 1966.
193
Erikson 2000, S. 56.
194
Erikson 2000, S. 18
195
Krappmann 2000, S. 11.
191
62
Krappmann kritisiert bei Erikson unter anderem, dass dessen Identitätsbegriff eine gewisse Starrheit suggeriere, wenn als Resultat eines gelungenen
Sozialisationsprozesses eine gefestigte Identitätsstruktur erscheinen soll, in
deren (nunmehr unveränderlichem) Rahmen das Individuum sich mit
diskrepanten Erwartungen auseinandersetzt. Sollte dies dem Individuum
nicht gelingen, ist es von Identitätsdiffusion bedroht, die die Gestalt
schwerer pathologischer Störungen annehmen kann. Der Eriksonschen Starrheit stellt Krappmann sein eigenes Konzept gegenüber, in dem sich das Individuum mit divergierenden Anforderungen und Erwartungen in einer
„Identitätsbalance” auseinandersetzt und auch Teilbefriedigung und Ambiguitäten erträgt. Krappmann betont nämlich immer wieder die prinzipielle
Offenheit und Unabgeschlossenheit dieser Prozesse, die in seinem Begriff
der „Identitätsbalance” metaphorisch ausgedrückt werden.
Ähnlich wie bei Krappmann setzt auch Wolfgang Kraus’ Kritik bei
Eriksons Vorstellung einer auf Dauer angelegten Identitätsbildung an, deren
Rahmen bei den Auseinandersetzungen des weiteren Lebens nicht mehr
verändert werden können. Kraus will dies teilweise damit erklären, dass das
Hauptwerk von Erikson in der Zeit, die Kraus die organisierte Moderne
nennt, entstanden ist.196 Kraus hält Eriksons modellhafte Beschreibung der
Identitätsbildung, die als Vollzug eines biologischen Programms aufzufassen
ist, für veraltet. Er erklärt sie unter anderem mit der Struktur der amerikanischen Gesellschaft, in der Eriksons Modell entstanden ist, einer Gesellschaft nämlich, die für die heranwachsenden Jugendlichen einen Platz bereithielt, die sie im Anschluss an den zwar mühevollen, aber, wie Kraus meint,
dem Gelingen verschriebenen Prozess der adolenszenten Identitätsbildung
einzunehmen hatten.
Wenn anerkannt wird, dass Identitätsprozesse mit gesellschaftlichen
Entwicklungen verbunden sind und gleichzeitig die Historizität auch
soziologischer und psychologischer Konzepte berücksichtigt wird, muss
„Identitätsdiffusion”, bei Erikson der negative Pol zur Identitätsbildung, im
Anschluss an moderne Forschungsergebnisse neu definiert werden.197 Kraus
diskutiert die These, dass eine neue Form von Diffusion aus der Sicht des
Subjekts sinnvoll ist, dort, wo die gesellschaftlichen Bedingungen Unverbindlichkeit und Indifferenz nahe legen. Identität wird von Kraus zum
Projekt erklärt, womit die Eriksonsche Vorstellung eines zu erreichenden
Zieles und die der Identität als eines Besitzes durch einen Prozessbegriff
abgelöst wird. Weiterhin strebe das Individuum zwar danach, sich kohärent
zu erleben, aber es falle ihm in der spät- und postmodernen Gesellschaft, in
der sich eine Vielzahl von sozialen, relativ autonomen und disparaten
Gruppen nebeneinander ausdifferenziert hat, zunehmend schwerer. Kraus
lässt diese Überlegungen in folgender Reflexion gipfeln:
196
197
Vgl. Kraus 1996, S. 22.
Vgl. Kraus 1996, S. 34ff.
63
„Kohärenz als ontologisches Bedürfnis des Menschen ist möglicherweise eine
Schimäre. Vielmehr ist es die Gesellschaft, die Kohärenz fordert, um die Verortung
in sozialen Matrixen und die Erfüllung sozialer Kodes garantiert zu bekommen. Das
subjektive Bedürfnis nach Kohärenz wächst erst in dem Maße, wie die
gesellschaftlichen Statuszuweisungen und Rollenangebote sie nicht mehr bieten
können”.198
Krappmanns soziologisches Konzept ist ebenfalls als der Versuch zu werten,
der Eigenart gesellschaftlicher Dynamik Rechnung zu tragen. Bedingt durch
widersprüchliche Elemente, die zu den strukturellen Eigenschaften des
Systems gehören, dem die Interaktionsbeteiligten angehören, so Krappmann,
bedingt also dadurch, dass in der Gesellschaft vielfach miteinander
konkurrierende Normen, Erwartungen und Interpretationen für Personen
und Situationen existieren, ist das Individuum gezwungen, bei dem Versuch
der Wahrung seiner Identität zu verdeutlichen, dass es die Fähigkeit besitzt,
je nach Interaktionssystem verschieden auftreten zu können. Widersprüchliche, logisch nicht zu vereinbarende Elemente können auf diese
Weise auch Bestandteil der zu wahrenden Identität werden. Im Laufe eines
Lebens, in einer rückblickenden Biographie, werden auch vergangene
Handlungen in diese aufgenommen, mit denen sich das Individuum nicht
(mehr) voll identifiziert. Das Individuum kann sie sich als Jugendsünde,
Versagen oder heute nicht mehr verständliches Ereignis zurechnen, um die
Darstellung eines einheitlichen Lebenslaufes nicht zu gefährden.
Eine grundlegende Aufgabe bei der Wahrung der Identität ist für das
Individuum, die Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit seiner Identität zu
manifestieren. Dies geschieht dadurch, dass es interpretativ zwischen sich
und den angesonnenen Erwartungen eine Distanz herstellt, die ihm erlaubt,
eigene Intentionen zu verdeutlichen. Unter anderem hindert die notwendige
Rücksichtnahme auf die Teilnahme an unterschiedlichen Interaktionsprozessen das Individuum daran, Erwartungen der anderen zu entsprechen.
Gleichzeitig muss das Individuum zur Ermöglichung kommunikativen
Handelns, z.B. im Medium gemeinsamer Sprache, an der Gemeinsamkeit
mit den Interaktionspartnern festhalten und sich so darstellen, dass es die
Anerkennung und Zustimmung seiner Handlungs- und Gesprächspartner
erlangt.
Die in der Gesellschaft nebeneinander bestehenden widersprüchlichen
Erwartungen und konkurrierenden Normen drohen das Individuum zu
zerreißen.199 Die Bedrohungen an den Extrempunkten dieses Balanceakts
sind die isolierte Einzigartigkeit und das widerstandslose Aufgehen des
Individuums in den Erwartungen der anderen, wobei letzteres in totalen
Institutionen wie Gefängnissen, Krankenhäusern und Internaten vorkommen
198
199
64
Kraus 1996, S. 63.
Vgl. Krappmann 2000, S. 8.
kann. Übertragen auf die Ebene einer ganzen Gesellschaft meint
Krappmann, obwohl er vor Optimismus im Hinblick auf totale Gesellschaften warnt, dennoch: „Aber in jeder Gesellschaft, die noch nicht total ist,
finden sich Widersprüche, an denen sich ansetzen lässt, um das System der
Repression in Frage zu stellen. Schon der Versuch einer Identitätsbalance ist
wegen des kritischen Potentials, das er enthält, ein Angriff auf bestehende
Verhältnisse”.200 Krappmanns Verweis auf G. Orwells 1984 als bestes
Beispiel der Darstellung einer totalen Gesellschaft drückt auch die Auffassung aus, dass die in diesem Roman dargestellte Liebe der Unterdrückten zu
ihren Unterdrückern der Ausdruck für das Gelingen dieser totalsten Gesellschaft zu sehen ist, wohingegen Leiden der Menschen als ein Misslingen
dieser totalen Steuerung zu sehen sei.
Identität und Rolle, Rollenhandeln, Rollendistanz
Da das Konzept der „Rolle” und die damit verbundenen Begriffe für die
vorliegenden Interpretationen von Texten aus der Migrantenliteratur bedeutungsvoll sind, sollen diese im nächsten Schritt anhand der Konzepte von
Krappmann und seinen Vorgängern genauer vorgestellt werden.
Für das kommunikative Handeln in unterschiedlichen Interaktionsprozessen stehen dem Individuum Normen und Schemata, die Allgemeingut
sind, kurz als „Rollenhandeln” bezeichnet, zur Verfügung. An diese Rollennormen, die außerhalb der aktuellen Situation festgelegt wurden, lehnt das
Individuum sich an.
Der in der Alltagssprache oft benutzte, aber selten deutlich definierte
Rollenbegriff bezeichnet bei genauerem Hinsehen auch in der Soziologie
Bedeutungsinhalte, die nicht als eindeutige Beschreibungen oder etwa
Vorschriften betrachtet werden dürfen. Durch Verordnungen oder Gesetze
vorgeschriebenes Rollenhandeln kommt in der Gesellschaft zwar vor, dabei
dürfte es sich allerdings um Ausnahmen handeln. So gibt es zum Beispiel
Vorschriften, die das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, Ärzten und
Patienten regeln. Obwohl in vielen anderen Fällen und Situationen alltagssprachlich wie soziologisch beispielsweise über die Rolle der Frau und
eventuell darüber gesprochen wird, ob oder wie oder dass sie neu zu gestalten sei, besteht keine Übereinstimmung darüber, was und wie sie nach
heutigem Dafürhalten sozusagen ‚eigentlich’ ist. Krappmann verweist hier
auf Untersuchungen älteren Datums, ihm ist dennoch zuzustimmen, da auch
hierdurch ein Hinweis auf die Nicht-Festlegbarkeit von Rollen und auf deren
Abhängigkeit vom historischen Kontext gegeben wird.
Rollen entstehen beispielsweise aus der Arbeitsteilung der Gesellschaft,
und an diesen Rollen orientiert das Individuum sich. Entscheidend in der
Interaktion ist allerdings nicht die etwa angenommene präskriptive Qualität
200
Krappmann 2000, S. 31.
65
von Rollen, sondern die Tatsache, dass Rollennormen der subjektiven
Interpretation, in der auch Spontaneität und Kreativität einen Platz haben
können, bedürfen. Damit ist auch schon die Rollendistanz beschrieben, ein
Begriff, den Krappmann von Erving Goffman übernimmt. Die Fähigkeit zur
Rollendistanz bedeutet demnach die Fähigkeit, in Bezug auf Rollenanforderungen auswählen, negieren, modifizieren und interpretieren zu
können, und sie ist als eine wichtige identitätsfördernde Fähigkeit zu
werten.201
Krappmann geht in seinem eigenen Konzept von der Beobachtung der
Tatsache aus, dass Repression und Konflikte in der Gesellschaft existieren
und dass Rollenhandeln die Bedürfnisse des Individuums nicht immer –
völlig – befriedigt. Das Individuum muss sich damit auseinandersetzen, es
muss auch Teilbefriedigung, Ambivalenz und Ambiguität auszuhalten
gelernt haben, wenn die Ich-Identitätsbalance aufrecht erhalten werden soll.
Krappmann betont auch, dass die verschiedenen Rollen, die ein Individuum
hat, beim Auftreten in jeweils nur einer bestimmten Rolle Einfluss ausüben
und nicht völlig unterdrückt werden oder irrelevant sind.202 Krappmann
macht deutlich, dass Rollen eigentlich erst in der Interaktion entstehen und
als Leistung der an ihr Beteiligten zu sehen sind. Die subjektive Rolleninterpretation wird zusammen mit den Interaktionspartnern ausbalanciert, ein
Vorgang, der an die Identitätsbalance erinnert. Aber auch nach diesem
Vorgang, in dem Flexibilität und Offenheit, Antizipation von Erwartungen
anderer – auch als Empathie bezeichnet –, Interpretation von Normen und
Präsentation eigener Erwartungen, Toleranz für Erwartungsdiskrepanzen und
unvollständige Bedürfnisbefriedigung benötigt werden, ist ein „totaler
Konsens über die Definition von Situation und Rollen”203 niemals möglich.
Ja, ein solcher wäre nach Krappmann als Ausdruck totalitärer Gesellschaftsstrukturen zu sehen.204
Aus diesen Erörterungen über das Rollenhandeln geht schließlich auch
noch die Frage hervor, woraus denn der Anteil des „Selbst” am rollenhandelnden Individuum eigentlich besteht. Handelt es sich um eine Art
Sediment der Biographie des Individuums oder um ein Selbstbild, das sich
201
Vgl. Krappmann 2000, S. 133.
Ein Beispiel aus der international bekannten Fernseh-Werbung zeigt die Einsicht in diese
Zusammenhänge: „Ich bin nicht nur Zahnarztfrau [in Schweden: ‘Zahnärztin’], sondern auch
Mutter”.
203
Krappmann 2000, S. 122.
204
So diskutiert Krappmann auch nach A.W. Gouldner, dass in den Rollensystemen, in denen
Interaktionsprozesse ablaufen, das Prinzip der Reziprozität herrsche (eher als die
beispielsweise bei Habermas vorausgesetzte Komplementarität): „Im Falle von
Komplementarität hat der Interaktionspartner A ein Recht x, dem eine Verpflichtung -x
seines Gegenübers B entspricht. Im Falle von Reziprozität hat A ein Recht x und eine Pflicht
y, B hingegen ein Recht a und eine Pflicht b. [...] Da jedes Individuum auf Beteiligung an
Interaktion angewiesen ist, muß es sich auch an Interaktionen beteiligen, in denen
gegenseitige Bedürfnisbefriedigung nicht in vollem Umfange gewährleistet ist, folglich nur
Reziprozität im Handeln besteht, nicht aber Komplementarität.“ Krappmann 2000, S. 123f.
202
66
aus den Erfahrungen des Individuums mit Gegenständen, seinem Körper und
mit anderen Personen entwickelt? Handelt es sich dabei um eine kognitive
Struktur, um einen Besitz des Individuums?205 Krappmanns Antwort stützt
sich wieder auf Goffman und besagt, dass dieses „Selbst” als Ergebnis aller
sozial bestimmter Rollenanteile, über welche das Individuum verfügt, zu
sehen ist. Rollendistanz wird, so gesehen, zu einem Korrelat der Bemühung
um Ich-Identität, denn: „Wo Rollendistanz sichtbar wird, tritt ein Individuum
auf, das Ich-Identität wenigstens in gewissem Ausmaße bereits errichtet hat;
und wo ein Individuum sich um Ich-Identität bemüht, kann es nicht umhin,
sich zu seinen verschiedenen Rollen distanziert zu verhalten”.206
Es ist nicht die Aufgabe dieser Untersuchung, zu entscheiden, welches
der denkbaren Identitäts- und Rollenkonzepte das richtige sein könnte. Für
die Interpretation der Migrantenliteratur sollen die Begriffe der Identität und
der Identitätsdiffusion, der Identitätsbalance, der Rolle und der Rollendistanz
im hier wie bei Kraus und Krappmann definierten Sinne benutzt werden.
Dabei muss die Einschränkung auf eine eventuell vorläufige Richtigkeit und
Gültigkeit dieser Begriffe hingenommen werden.
Die Brauchbarkeit der psychologischen und sozialpsychologischen
Kategorien für die Interpretation der Migrantenliteratur
Das Fehlen eines für die Interpretation von Migrantenliteratur brauchbaren
Identitätsbegriffs war der Ausgangspunkt für obige Überlegungen. In Befolgung von Baumgärtels Vorschlag207 will die vorliegende Arbeit Anteile der
Sichtweisen von Erikson und Krappmann, ergänzt durch Kraus, soweit
sinnvoll, bei der Interpretation ausgewählter Werke der Migrantenliteratur in
diesem Sinne benutzen. Sinnvoll scheint diese Vorgehensweise, da die
bisherigen Untersuchungen des Identitätsproblems in der Migrantenliteratur
weitgehend entweder allein von einem alltagssprachlichen Verständnis des
Identitätsbegriffs oder von jeweils verkürzten Sichtweisen ausgegangen
waren.208 Ohne dass dies immer explizit gemacht würde, scheinen diese
verkürzten Betrachtungsweisen ehestens von Eriksons Vorstellung der
starren Identität auszugehen, innerhalb derer das Individuum sich mit
diskrepanten Erwartungen auseinanderzusetzen hat, was dann mehr oder
weniger gelingt und mit immer wieder bescheinigten unüberwindbaren
Brüchen, Entwurzelungen, Verletzungen, Leiden und als negativ bis
pathologisch aufzufassenden Identitätskonflikten oder gar Identitätsverlust209
205
Vgl. Krappmann 2000, S. 134f.
Krappmann 2000, S. 137f.
207
Baumgärtel 1997, S. 53-70.
208
siehe Zielke 1985, auch Heinze 1986, Hamm 1988 und Michel 1992.
209
Siehe dazu auch Haußer 1983, S. 144: „Im Zusammenhang mit Identitätskrisen und ihrer
Bewältigung werde ich des weiteren den Begriff des ‚Identitätsverlusts’ meiden, der auf dem
Denkschema des Habens und Besitzens beruht und sträflich darüber hinweggeht, dass
206
67
– der den Kontrast zum als Ideal angenommen Identitätsbesitz bildet –
einhergeht. Aus einer derartigen Perspektive ist eine eigentliche Veränderung der einmal fest gefügten, stabilen Identität210 nicht möglich, sondern
nur noch Selbstaufgabe, Anpassung, Resignation.
In seiner Rede anlässlich der Verleihung des ersten Chamisso-Preises (an
Aras Ören) bringt Werner Ross, ehemaliger Leiter des Goethe-Instituts und
Professor für vergleichende Literaturgeschichte in München, zum Ausdruck,
dass Identität „[...] sich erst Schritt für Schritt dem erschließt, der sie tastend,
horchend, planend, nachdenkend, wagend und wägend, als großes
Lebensziel
verfolgt”.211
Diese
poetischere
Umschreibung
der
Krappmannschen Identitätsbalance schließt von vornherein nicht aus, dass
dieser Prozess auch Schmerzhaftes beinhalten kann. Sie gilt natürlich, wie
auch Krappmanns Konzept, für jedes Individuum und ist keine
Sonderaufgabe für Migrantinnen und Migranten oder Migrantenautorinnen
und -autoren.
Es soll nun ein Identitätsbegriff angenommen werden, der eher davon
ausgeht, dass das Subjekt zum aktiven Gestalter seiner Biographie, dass
Identität zum Projekt geworden ist. Weiterhin wird davon ausgegangen, dass
das Subjekt um Kontinuität und Kohärenz bemüht ist, wobei beides keine
Selbstverständlichkeit mehr ist, weder bei der Selbstwahrnehmung noch bei
der Wahrnehmung durch andere. Diese nun nicht mehr unmittelbar gegebene
Wahrnehmung kann vom Subjekt ausgehalten werden, wenn es mit
Ambiguitätstoleranz und der Fähigkeit ausgerüstet ist, die eigene Biographie
kontinuierlich neu in Narrationen zu fassen und zu interpretieren. Nach
Kraus „betonen die Ansätze zur narrativen Identität die Offenheit und
Unabgeschlossenheit des Sich-Erzählens. Kohärenz und Kontinuität müssen
immer wieder von neuem erkämpft werden”.212 Weiterhin soll davon
ausgegangen werden, dass das Konzept des Prozesses der Identitätswahrung,
den Krappmann mit dem Begriff Identitätsbalance beschreibt, sich in einem
Interpretationsmodell für Texte der Migrantenliteratur und die in ihnen
reflektierte Offenheit, das Pendeln und Oszillieren213 verwenden lässt und
dafür geeignete Kategorien, besonders bezüglich des Rollenhandelns, zur
Verfügung stellt. Ganz besonders bietet sich das Konzept für die Interpretation von Texten an, in denen Interaktionen gestaltet werden, was vornehmlich in der Prosa der Fall ist.
Eine Verbindung von psychologischen mit sozialpsychologischen
Sichtweisen auf die Identitätsbildung sollte einen interpretatorischen Blick
Identität ein Konstrukt aus mehrdimensionalen Variablen darstellt [...]. Ein Mensch kann
keine einzige Identitätsvariable ‚verlieren’, wohl aber können sich seine Ausprägungen [...]
durch die Erfahrung und Verarbeitung eines kritischen Lebensereignisses radikal verändern.”
210
Vgl. Hamm 1988, S. 88-96.
211
Ross 1986, S. 103-110.
212
Kraus 1996, S. 169.
213
Vgl. Amodeo 1996, S. 123.
68
aber auch auf literarische Texte ermöglichen, in denen der Handlungs- und
Gesprächspartner das jeweils fiktive Ich ist, wie es besonders in der Lyrik
und in monologischen Texten der Fall sein kann. Allein die empirische
Leserin oder der empirische Leser und die Interpretin oder der Interpret
leisten in diesen Fällen den Protagonistinnen und Protagonisten Gesellschaft
und von einer soziologisch zu erfassenden Interaktion kann dabei wohl kaum
die Rede sein. Hingegen kommen gerade in derartigen Texten innere
Spannungsverhältnisse zur Beschreibung, bei deren Interpretation eine
psychologisch oder psychoanalytisch ausgerichtete Betrachtungsweise den
Texten besonders gerecht zu werden verspricht.
Überlegungen zur nationalen und kulturellen Identität im Querschnitt
der Forschungsliteratur
„Gerade die Literatur hat die Chance, klarzumachen, daß es überhaupt nicht klar ist,
was Europa ist und was Europäer sind. Es ist auch nicht notwendig, diese Art der
Identität zu haben, um zu leben. Identität braucht man, aber es darf keine nationale
Identität sein, das ist überflüssig. Die Literatur kann zum Beispiel dadurch, daß sie
nicht Klischeebilder, sondern genauere Beobachtungen schildert, und die einzelnen
Menschen ganz konkret darstellt, diese Klischeebilder brechen, und dieses Bedürfnis
nach Scheinidentität aufheben. Deshalb wird gerade in der heutigen Situation die
Literatur immer wichtiger”.
Yoko Tawada214
In den bisherigen, relativ wenigen Untersuchungsansätzen, die die Frage
nach dem Aufbau und der Aufrechterhaltung der Identität oder der Suche
nach ihr in der deutschsprachigen Migrantenliteratur fokussieren, wird nicht
nur der Identitätsbegriff kaum klargelegt, sondern auch die Art der von ihm
bezeichneten Inhalte wird selten genau dargestellt.
Wird nun Identität als Prozess aufgefasst, ist allenfalls dieser beschreibbar. Ein Interpretationsmodell, das auf den im vorhergehenden Abschnitt
umrissenen Vorstellungen bei Krappmann und Kraus aufbaut, muss auch
von vornherein klarstellen, dass feste Vorannahmen über Beschaffenheit und
Inhalte der Identität, wenn überhaupt, nur dann gemacht werden dürfen,
wenn sie als jederzeit revidierbar deklariert werden, da sie, aus der Perspektive dieses theoretischen Ansatzes, in ständigen Interaktionen neu ausgehandelt werden. Diese Aushandlungen und die darin ausgehandelten Inhalte,
die sich in den Texten finden, können dann beschrieben und interpretiert
werden.
Eine Interpretationsperspektive, die Identität eher als – wie auch immer
gearteten – Besitz der Person betrachtet, muss sich allerdings gefallen lassen,
214
Tawada 1998, S. 205.
69
dass ihr eine Beschreibung der aktuellen Identität oder Identitäten abverlangt
wird, die auch in diesem Fall aus dem Text belegbar sein muss. Diese
zentralen Überlegungen sollen die Perspektive auf die Arbeit von Annette
Wierschke verdeutlichen, die als eine der wenigen bisher der Identitätsfrage
größte Aufmerksamkeit geschenkt hat.
In Wierschkes Arbeit findet sich ein ausführlicher Erklärungsansatz zur
Frage nach der (von ihr stillschweigend vorausgesetzten) kulturellen
und/oder nationalen Identität und danach, welche Bedeutung sie in der
deutschsprachigen Migrantenliteratur hat. Sie spricht von einer „Prägung
durch kulturelle, ethnische/nationale, geschlechts-, schichtenspezifische und
religiöse Werte, [...]”215 und warnt vor einem universalistische Werte
betonenden Kulturrelativismus. Die dynamische Prozesshaftigkeit und der
ständige Wandel von Kultur werden bei Wierschke erwähnt, auch der
Kulturschock, der beim Kollidieren mit einer anderen Kultur ausgelöst wird.
Bis hierher ist Wierschke zu folgen und größtenteils zuzustimmen, so auch
der Einsicht, dass die Werte und Normen der eigenen Kultur die Basis zur
Betrachtung von Fremdkultur bilden. Auch dass die Begegnung mit einer
fremden Kultur dem Individuum die eigene Kultur und die Kultur als solche
erst bewusst machen, ist eine überaus wichtige Feststellung.
Nicht mehr zu folgen ist Wierschke allerdings in ihren Versuchen, Kultur
als solche ethnisch und national zu identifizieren, wenn damit gemeint sein
soll, dass es sich dabei um einen alles übergreifenden Einfluss auf die
Persönlichkeit handele. Da Wierschke die von ihrer Quelle in Gestalt der
Theorien des französischen Philosophen Merlau-Ponty unterstrichene
Möglichkeit kulturtranszendentierenden Verstehens abweist, räumt sie der
national definierten kulturellen Prägung der Identität eine determinierende
Funktion ein. Der Platz für Prozesshaftigkeit und Wandel wird durch diese
Festlegungen stark eingeschränkt.
Von Wierschke ebenfalls angestellte Überlegungen bezüglich der grundsätzlichen Pluralität, Heterogenität, Vermischung und Gleichzeitigkeit kultureller Erscheinungen, auf deren Möglichkeit, bei der Prägung der Persönlichkeit mitzuwirken, hingewiesen werden muss, lassen sich nicht mit dem
Versuch der Beschreibung einer national definierten und dadurch homogenisierten Identität vereinen. Wierschke geht von der Behauptung aus, dass
sich Themen wie „kulturelle oder ethnische Identität” in den von ihr
untersuchten Werken von Özakin, Tekinay und Özdamar spiegeln216 und
postuliert, dass die von ihr untersuchten Texte von diesen drei aus der Türkei
stammenden Autorinnen die literarische Thematisierung der Verwurzelung
des Individuums in der eigenen Kultur und die Auseinandersetzung mit der
(deutschen) Fremdkultur zeigen. Wenig überraschend stellt sie später selber
fest, dass sich Identität bei Tekinay nicht auf nationale, ethnische oder
215
216
70
Wierschke 1996, S. 3.
Wierschke 1996, S. 22.
kulturelle Aspekte reduzieren lässt und dass einer nationalen und ethnischen
Selbstdefinition in Özakins Werk nur eine sehr untergeordnete Rolle
zukommt. Im Zusammenhang mit der Analyse von Özdamars Werk gelangt
sie zu dem Ergebnis, dass Özdamar in ihren Erzählungen und Theaterstücken ihren Leserinnen und Lesern vermittelt, dass es keine authentische
Kultur oder kulturelle Identität gibt.217
Obwohl Wierschke selber davor warnt, erzeugt auch ihre Vorgehensweise eher das Bild einer starren, homogenen, deutschen Gesellschaft als
impliziten Hintergrund für die Entstehungswelt der Migrantenliteratur: das
Bild einer Gesellschaft, die aus Individuen ohne Identitätskonflikte und
-entwicklung besteht.218
Mit Hilfe ihres Ansatzes führt Wierschkes Untersuchung zwar zu der
Erkenntnis, dass die Bedeutung der kulturellen und nationalen Bestandteile
der Identität in der von ihr untersuchten Literatur untergeordnet oder gering
bis nicht-existent ist. Gleichzeitig wird die Möglichkeit eines alternativen
theoretischen Erklärungsansatzes, der zu positiven Ergebnissen führen
könnte, indem er diese Erkenntnisse in seinen Ausgangspositionen mit
berücksichtigt, nicht ergriffen.
Fragen nach der Bedeutung von Nation und Kultur im Allgemeinen und
für die persönliche Identität im Besonderen drängen sich im hier aktuellen
Zusammenhang immer wieder auf, und im Diskurs über die Migrantenliteratur haben weitere Beantwortungsversuche stattgefunden. Sie führten
häufig zu stark gegensätzlichen Ergebnissen, wie im Folgenden gezeigt
werden soll.
Ein kollektives multinationales Projekt und ein Projekt zur Erhaltung
der ethnischen Identität
Gerade nicht um einzel-national zuzuordnende Züge ging es im Zusammenhang mit der Literaturproduktion in der Zeit des PoLiKunstvereins (19801987), sondern um ein kollektives multinationales Projekt. Die auch vom
PoLiKunstverein empfohlene und erstrebte Benutzung der deutschen
Sprache in den Werken der in diesem Zusammenhang entstehenden Literatur
war eine produktionsästhetische Empfehlung, die die Gemeinsamkeiten des
Aufenthaltes in der deutschsprachigen Fremde und die mit den „eingeborenen” Deutschsprachigen betonte. Literatur ist allerdings nur in seltenen
Fällen eine kollektive Erscheinung, wenn auch die sich anfänglich als
„Gastarbeiterliteratur” bezeichnende Migrantenliteratur derartige Ziele
verfolgte. Dabei war auch eine alternative Positionierung im Verhältnis zu
217
Vgl. Wierschke 1996, S. 227f.
Siehe Wierschke 1996, S. 169, wo Wierschke z.B. von einer Homogenisierung des
Türkenbildes als einem Ausdruck deutscher Ignoranz spricht, gegen welche sich Özakin
wendet, und davon, dass Özdamar an „unsere Vorstellungen vom Orient” anknüpft. Siehe
dazu auch Stölting 1989, S. 42-54.
218
71
einheimischen Kulturbewegungen beabsichtigt. Kein weiterer Versuch, den
kollektiven Charakter beizubehalten, wurde allerdings nach Beendigung
jener Phase unternommen, an den sich nach Reeg die Entwicklung
anschloss, in der Autoren „ein gewisses eigenes Profil“219 zu entfalten
begannen, und neue derartige Trends sind nicht wahrzunehmen.
Bei Aras Ören, der, außerhalb des PoLiKunstvereins stehend, in seiner
ganzen schriftstellerischen Schaffensperiode seine Werke auf Türkisch
verfasst, ist eine völlig andere Auffassung zu finden. In einem Gespräch, das
Carmine Chiellino mit ihm führte, spricht er von der dynamischen
europäischen Entwicklung zur multikulturellen Gesellschaft und meint: „Um
unsere ethnische Identität nicht zu verlieren, müssen wir hier unsere Kultur
schaffen”.220 Dabei spricht Ören von verschiedenen, durch die Sprache definierten Minderheiten, die durch die Sprache zusammengehalten werden und
unterscheidet in dieser Äußerung Migrantenschriftstellerinnen und Migrantenschriftsteller nicht von Migrantinnen und Migranten. In wieweit die
fremde Sprache eine Voraussetzung für die Identität der Minorität ist, ist
allerdings weniger sicher.221 Sicherer ist, dass die Einheimischen die
Fremden besonders mittels der im Kontext fremden Sprachen als Fremde
definieren und dadurch Ausgrenzungen vornehmen.
Die kulturelle Identität von Minderheiten, die in Deutschland leben,
taucht hier nun als weitere Kategorie auf, wobei jedoch darauf hinzuweisen
ist, dass diese gerade nicht identisch ist mit der des Herkunftslandes, denn es
handelt sich hier um eine – wie auch immer geartete – Identität in der
(deutschen) Fremde. Örens Äußerung ist allerdings auch nur als sein
Wunsch oder Postulat zu sehen, dem zu folgen oder nicht selbstverständlich
jeder einzelnen Autorin, jedem einzelnen Autor überlassen ist. Die
Hervorhebung der Bedeutung der Sprache für die Identität ist dahingegen
wichtig, wenn auch hier nicht klar dargestellt werden kann, welcher Art
diese Bedeutung ist. Zumindest zwei Möglichkeiten bieten sich an, wobei
die eine ethnisch/ national konnotiert sein könnte und die zweite die
Sprecherin und den Sprecher einer im Kontext fremden Sprache eben
einfach nur als „Fremde” oder „Fremden” – sich selber und den anderen
gegenüber – ausweist.
219
Reeg 1988, S. 137.
Ören 1988, S. 168.
221
Vgl. S. 49 in der vorliegenden Arbeit und die Fortsetzung bei Edwards 1985, S. 169: „As
an objective marker of groupness, language is highly susceptible to change; despite its
obvious claims on our attention, its continuation is not necessary for the continuation of
identity itself. There is evidence to suggest that the communicative and symbolic aspects of
language are separable during periods of change, such that the latter can continue to exercise a
role in group identity in the absence of the former”.
220
72
Nationale Identität als kollektives Konstrukt
Auch der bisher unproblematisiert benutzte Begriff der „Nation“ kann heute
nicht einfach mehr als eindeutig zu verstehender benutzt werden. Ein vorausgesetzter Konsens über das, was er heute bezeichnet und bedeutet, kann
leicht in die Irre führen, denn neuere Ansätze der vergleichenden Nationenforschung halten „die Nation für eine zwar geschichtsmächtige, aber
keineswegs unausweichliche Form der kollektiven Identität, die nicht
naturgegeben ist, sondern als Ergebnis unterschiedlicher geschichtlicher
Bedingungen und unter unterschiedlichen kulturellen Bezügen sozial
konstruiert wird“.222 Hier ist auch der Hinweis wichtig, dass Identitäten,
zumal nationale Identitäten, nur „durch Abstraktionen gebildete Konstrukte
sind, [...]“ und nicht „direkt meßbare Wirklichkeitssegmente“.223 Von
Thadden gelangt nach der Diskussion der Thesen des französischen
Historikers Fernand Braudel zu drei, wie er meint, verallgemeinerungsfähigen Sätzen über den Identitätsbegriff, die auch im hier aktuellen Zusammenhang von Interesse sind. Die Ideen Braudels hält von Thadden für u.a.
„ungeheuer integrationskräftig und dabei offen für Neues und Fremdes“.224
In ihnen lassen sich unschwer Gedankengänge erkennen, die an die
Offenheit der Identitätsprozesse bei Krappmann erinnern. So hält von
Thadden fest:
1.
2.
3.
Es gibt keine abgeschlossenen Identitäten. Diese sind vielmehr Größen, die
nach vorne hin offen sind und dem geschichtlichen Wandel unterliegen.
Identitäten sind ablösbar von geographischen Räumen. Auch wenn in ihnen
regionale Bindungen und Länderprägungen wirken, sind sie nicht
unauflöslich an diese gebunden.
Es gibt keine einfachen Identitäten. Sie sind vielmehr immer komplex und
drücken Zugehörigkeiten auf allen Ebenen der menschlichen Existenz
aus.225
Bei der Beschreibung der Identität einer Nation müssen die historischen,
geographischen und im Übrigen komplexen Faktoren berücksichtigt werden.
Erst dann könnte die Frage folgen, ob und in wieweit die Untersuchungsergebnisse im Bereich der persönlichen Identität relevant sind.
Nationale Identität als Bestandteil der persönlichen?
Die Begriffe „nationale” oder „kulturelle Identität” bezeichnen kollektive
Vorstellungen. An denen hat jedes Individuum als jeweiliger Angehöriger
einer oder mehrerer Nationen auf seine Art und Weise teil und identifiziert
sich mit Teilaspekten davon, wogegen der kollektive Begriff eine Gesamt222
Giesen 1991, S. 11f, kursiv im Original.
Von Thadden 1991, S. 493-510, hier: S. 496.
224
Von Thadden 1991, S. 495.
225
Von Thadden 1991, S. 496f.
223
73
heit bezeichnet, als deren Repräsentant ein Individuum nicht zu sehen sein
kann.
Eine behauptete, außerdem nicht problematisierte „nationale Identität“
als Bestandteil der persönlichen stellt eine Homogenisierung unzähliger
unterschiedlicher Einzelheiten so dar, dass auf diese Weise das Bild „des
Türken”, „des Deutschen” oder „des Russen” entsteht, in dem sich tatsächliche Individuen nicht mehr wieder erkennen.226 So entstehen Stereotype und
Vorurteile.
Eine ethnische/nationale Zuordnung von Personen schränkt die Möglichkeit der Wahrnehmung dieser Personen als eigenständige stark ein. Erhard
Stölting weist darauf hin, dass die Minderheiten, die sich im fremden
Kontext bilden, dem einzelnen zwar die Chance bieten, innerhalb der
Minderheit als Person statt als durch Stereotypisierung kategorisierter Repräsentant erkannt zu werden. Stöltings gleichzeitiger Behauptung, dass diese
Minderheiten von einer Vielzahl von Konflikten durchzogen sind,227 ist
jedoch eher zuzustimmen als Aras Örens idealisierendem Bild von durch die
Sprache zusammengehaltenen ethnischen Minoritäten. Auch ist nicht von
einer allgemeingültigen Ansicht über die identitätsstiftende und zusammenhaltende Funktion einer gemeinsamen Sprache auszugehen, von der Ören
überzeugt zu sein scheint.
Beachtet werden muss nämlich auch, dass eine Gleichsetzung von Nation
und Sprache nicht ohne genaue Untersuchung vorausgesetzt werden darf.
Offizielle Mehrsprachigkeit innerhalb einer Nation ist nichts Ungewöhnliches, dies ist auch beispielsweise für die Türkei gültig, wo außer den
Hauptsprachen Türkisch und Kurdisch noch eine Vielzahl weiterer Sprachen
in unterschiedlich großen Minoritätsbevölkerungsgruppen gesprochen wird.
Inoffizielle Mehrsprachigkeit ist heutzutage in vielen Gesellschaften eine
Tatsache.
Stölting setzt sich – als einer der ersten im Migrantenliteraturdiskurs,
wenn auch aus soziologischer Sicht – mit der Frage nach kultureller
und/oder nationaler Identität auseinander und kommt zu dem Ergebnis, dass
Kultur, gleichbedeutend mit historisch gewachsenen geistigen und
künstlerischen Traditionen, in einem lebenslang andauernden Lernprozess
angeeignet wird. Auch eingewurzelte Werte, religiöse und normative
Auffassungen, Weltbilder, Lebensstile und Sprachformen werden erlernt,
teilweise verinnerlicht und prägen die Persönlichkeit. Dieser Lernprozess
resultiert, so Stölting, aber nicht in Identität, sondern in Kompetenz, und
Kompetenz ist den verschiedenen Anforderungen mehr oder weniger
gewachsen.228 Konflikte, die dadurch entstehen mögen, dass man in unge226
Vgl. Stölting 1989, S. 42-54, hier S. 45f.
Stölting 1986, S. 4-16, hier S. 8.
228
Siehe Stölting 1986, S. 12: „Wenn auch die Wege unterschiedlich sind – lernen muß
sowohl derjenige, der sich einer ihm fremden Kultur nähert, wie derjenige, der in der
‚eigenen’ aufstrebt. Das Resultat aber ist Kompetenz und nicht Identität.“
227
74
wohnter Umgebung plötzlich nicht mehr isst wie gewohnt, anderen
Beleidigungen und Schuldgefühlen ausgesetzt wird als gewohnt oder sich
aus anderen als den bisher erwartungsgemäßen Gründen mit seinen Zeitgenossen zankt, sieht Stölting als „Kulturkonflikte”.
Es ist leicht einzusehen, dass jede Gesellschaft in sich in eine Fülle von
derartigen Kulturkonflikten gespalten ist.229 Außerdem ist es sicher
sinnvoller, ausgehend von der Tatsache, dass Kulturen miteinander in
Kontakt und Austausch stehen, eher von großen Ähnlichkeiten und der
Vorannahme der gegenseitigen Durchdringung verschiedener Kulturen
auszugehen als von einer Dominanz feststellbarer absoluter Unterschiede
und Trennlinien. In unterschiedlichen Kulturen finden sich unterschiedliche
Hierarchisierungen von Eigenschaften, die es auch in anderen Kulturen gibt.
Diese Eigenschaften sind mehr oder weniger stark ausgebildet und haben im
jeweiligen Kontext einen anderen Stellenwert.230 Die Vorprägung des
Individuums durch die Ursprungskultur lässt es die andere Kultur identifizieren, wobei die eigene durch den Kulturvergleich ebenfalls identifiziert
werden kann. Dabei ist hier neben nationalen oder ethnischen Kontexten
auch an die Tatsache gedacht, dass jeder Mensch im Laufe des Lebens
bereits allein aus Altersgründen mit verschiedenen Kulturbereichen in
Kontakt kommt und für sich erschließt.
Auch der sich beschleunigende gesellschaftliche Wandel, der aber nicht
alle Gesellschaftsschichten oder Individuen gleichermaßen erfasst, und die
widersprüchlichen Elemente innerhalb des Interaktionssystems, auf die ja
auch Krappmann hinweist, lassen sich nicht auf einen homogenen, stabilen
Kulturbegriff reduzieren, der dazu noch national konnotiert sein soll.
Die Betrachtung des Ausländers im deutschen Kontext, die in ihm die
Verkörperung eines fremden Wesens sieht, „zwingt ihm eine leere Identität
auf”,231 die durch Attribute wie „national” und „kulturell”, durch die oben
angedeutete Stereotypisierung noch mehr entleert wird, führt zu Yoko
Tawadas „Scheinidentität”.232 Kulturelle Identität, soweit sie überhaupt
interessant ist, soll aber in der vorliegenden Untersuchung ähnlich gesehen
werden wie persönliche Identität und als Bestandteil letzterer: als – immer
vorläufiges – Resultat des Aushandelns von Rollen in der sozialen
Interaktion. Auch dabei geht es nicht um einen Besitz, sondern um ein
Projekt, ähnlich dem der persönlichen Identität bei Kraus.
Die Teilnahme an – in diesem Fall kulturell konnotierten – Interaktionsprozessen ist allerdings nur eine Möglichkeit. Hervorzwingen lässt
sie sich nicht, denn Verweigerung und Rückzug sind immer vorstellbar.
Dabei bleibt die Frage offen, wer sich in der gegenwärtigen Situation der
229
Vgl. Stölting 1986, S. 13f.
Vgl. Zielke-Nadkarni 1993, S. 269.
231
Stölting 1986, S. 16.
232
Tawada 1998, S. 205.
230
75
Interaktion verweigert. Es ist anzunehmen, dass es sich dabei auch um eine
Frage nach der Verteilung der gesellschaftlichen Macht handelt, bei der die
Mehrheits- und Minderheitspositionen der Beteiligten eine entscheidende
Rolle spielen. Die heute in vielen Gesellschaften tatsächlich zu
beobachtenden Auseinandersetzungen über den Umgang mit ausgeprägten
Kulturäußerungen mangeln nicht an Brisanz und deuten auf eine starke und
lebenskräftige Verknüpftheit von Identität und kulturellen Kompetenzen hin.
Den Mitgliedern der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft gibt die
Auseinandersetzung mit der Migrantenliteratur auch die Chance, sich über
ihre eigene Heterogenität genauer klar zu werden, die eingewanderten
Mitglieder der deutschen Gesellschaft betrifft diese Behauptung natürlich
ebenfalls.
Dem in Teilen der wissenschaftlichen Literatur zur Migrantenliteratur
behaupteten stets drohenden Identitätsverlust – im Hinblick auf die Autorinnen und Autoren und im Hinblick auf die Protagonistinnen und Protagonisten – ist durch obige Überlegungen hoffentlich noch einmal die Bedrohlichkeit genommen worden. Behauptungen über national und ethnisch
konnotierte kulturelle Identität sind als unzulässige Zuschreibungen, die in
Stereotypen resultieren, entlarvt worden. Für die sinnvolle Interpretation von
Migrantenliteratur bieten diese ohnehin eher keine Grundlage, da es hier um
die genaue Betrachtung von individuellen literarischen Werken geht, deren
Protagonistinnen und Protagonisten außerdem einer fiktiven Welt angehören.
76
KAPITEL 5
Interpretationen
Einleitende Vorbemerkungen
Im nun folgenden Interpretationsteil werden vier Romane, eine Erzählung
und eine Novelle interpretiert. Es handelt sich um die Novelle Abschied der
zerschellten Jahre von Franco Biondi,233 die Erzählung Der Todesengel von
Alev Tekinay234 und die Romane Die gläserne Stadt von Natascha Wodin,235
Der kurze Weg nach Hause von Catalin Dorian Florescu,236 Schwarzer Tee
mit drei Stück Zucker von Renan Demirkan237 und Die graue Erde von
Galsan Tschinag.238 Sie wurden nach den eingangs dargelegten Kriterien
ausgewählt, wobei ein äußeres Textmerkmal die Wahl des Deutschen als
Literatursprache war. Gewählt wurden jeweils drei Texte von Autorinnen
und Autoren, was dem Anschein genusmäßiger Repräsentativität sowohl
genügen als auch entgegenwirken soll. Denn obwohl die Zahl der
Autorinnen von Migrantenliteratur geringer ist als die der Autoren, ist auch
diese Tatsache kein sicherer Hinweis auf die dementsprechend geringere
Rezeption ihrer Texte. Allein die relativ große Zahl beispielsweise der
türkischen Autorinnen, ihr Bekanntheitsgrad und ihre kommerziellen Erfolge
sowie die herausragenden Erfolge weiterer Autorinnen aus anderen
Herkunftsländern lassen erkennen, dass von einfachen statistischen und
kausalen Verknüpfungen abgesehen werden muss.239
Textinterne Merkmale, die für die Auswahl entscheidend waren, waren
die thematische Zugehörigkeit zum Bereich „Identitätsproblematik“, ergänzt
mit der „Fremde“, in der sich die Autorinnen und Autoren aufgrund der
Migration – ihrer eigenen oder der ihrer Eltern – befinden. Das Forschungsinteresse an der Gestaltung dieser Problematik in Interaktionen war
entscheidend für die ausschließliche Beschäftigung mit Prosatexten.
233
Biondi 1984 a).
Tekinay 1990 a).
235
Wodin 1994.
236
Florescu 2002.
237
Demirkan 1993.
238
Tschinag 1999.
239
Hier wird z.B. an Auflagenhöhen und Neuauflagen, Literaturpreise und Übersetzungen in
fremde Sprachen gedacht. Übersichtliche Informationen zu einigen dieser Fragen finden sich
bei Chiellino 2000, genauere Untersuchungen stehen aber noch aus und bieten eine Möglichkeit für künftige Forschung.
234
77
Die hier formulierten Kriterien räumen zwei außerliterarischen Faktoren,
nämlich dem Status der Autorinnen und Autoren als Migrantinnen und
Migranten und ihrer Geschlechtszugehörigkeit, eine ausschlaggebende
Bedeutung ein. Vor der Interpretation der Texte ist es daher notwendig,
einige grundlegende Annahmen zu den Fragen der Authentizität von Texten
und zur Bedeutung des Genus zu klären.
Authentizität und Betroffenheit
Ursula Krechels Feststellung: „Als authentische Literatur gilt, was aus den
Randbezirken einer noch nicht literarisierten Gegenwart eindringt in den
Kanon des Beschreibbaren“,240 scheint für einen großen Teil der Migrantenliteratur in gewisser Weise zutreffend. Noch sind die Veränderungen der
gesellschaftlichen Realitäten im Zuge der Migrationsprozesse nicht proportional in die literarisierte Gegenwart eingedrungen, was besonders für die
Wahrnehmung und Verarbeitung dieser Prozesse in der einheimischen
deutschen Literaturproduktion gilt. Wodins, Demirkans, Tschinags und
Florescus Romane tragen nicht zu übersehende autobiographische Züge, die
hauptsächlich die Konstituierung der Hauptperson, der Erzählerin oder des
Erzählers durch Angaben über ihre Herkunft und Namen, ihren Sprachhintergrund und Beruf betreffen. Dadurch wird nahe gelegt „daß das sorgsam
herauszupräparierende Ich weitgehend identisch ist mit dem Ich des Autors,
daß beide sich übereinanderschieben wie Doppelgänger“.241 In allen diesen
Texten finden sich Jahreszahlen und andere genaue Zeit- und/oder Ortsangaben, die sich auf reale Fakten zu beziehen scheinen, dadurch authentisch
wirken und zu dem literarischen Text zumindest andeutungsweise Elemente
eines Tatsachenberichts fügen. In der Novelle von Biondi und in Tekinays
Erzählung wird der Schein von Authentizität mit ähnlichen Mitteln erzeugt,
ohne dass sich autobiografische Bezüge herstellen ließen.
Die Reflexion über das eigene Schreiben, besonders bemerkbar in
Wodins Roman,242 stellt eine weitere authentizitätssteigernde Erscheinung
dar, wobei es sich um eine Verengung des Erzählgegenstandes „von der
Realität über das Ich zum Schreibprozeß“243 zu handeln scheint. Handelt es
sich bei dieser und anderen authentizitätserzeugenden Schreibweisen
tatsächlich um missglückte Rettungsstrategien, die beim Versuch, der
Literatur Authentizität zu verleihen, ihren eigenen inszenatorischen
Charakter enthüllten, also um ein Vorgehen, dessen Verwendung in der
Literatur der zweiten Hälfte der 70er und zu Beginn der 80er Jahre als
inflationär bezeichnet wird?244
240
Krechel 1979, S. 80-107, hier 83.
Krechel 1979, S. 80-107, hier 82.
242
Siehe z.B. Wodin 1994, S. 71.
243
Förster 1999, S. 53.
244
Vgl. Förster 1999, 29-57, wo die „Lust am Authentischen” untersucht und diskutiert wird.
241
78
Das von der Autorin und vom Autor eines authentischen Textes benutzte
oder als bekannt vorausgesetzte Muster nicht des „So war es“, sondern des
„So habe ich es erlebt“245 hat im Zusammenhang mit den hier relevanten
realen biographischen Tatsachen der Migration und der Mehrsprachigkeit
bei den Autorinnen und Autoren deutschsprachiger Migrantenliteratur eine
besondere Aussagekraft. Über diese Tatsachen hinaus soll aber das Kriterium der Nachprüfbarkeit, was bei der Beurteilung der Qualität von etwa
wissenschaftlichen und anderen authentischen Texten unverzichtbar ist, trotz
der angenommenen relativ großen Bedeutung biographischer Einflüsse auf
die Texte der Migrantenliteratur der literarischen Wirklichkeit der Texte
gegenüber nicht angelegt werden. Diese Sichtweise macht sich auch den
Hinweis zu eigen, dass es plausibler erscheint,
„davon auszugehen, daß der Begriff der Authentizität letztlich keine unmittelbare
und eindeutige Referenz außerhalb der Literatur – ob Wirklichkeit oder Wahrheit –
hat, sondern immer schon eine Inszenierung des Textes ist. Denn auch wenn sich
keine unmittelbare und eindeutige Referenz außerhalb der Literatur angeben läßt, so
muß es dennoch Referenzen geben, auch wenn diese mittelbar und vieldeutig sein
sollten. Andernfalls wäre nicht vorstellbar, wie eine kommunizierbare Welt
entstehen und das Verstehen oder Mißverstehen eines Textes überhaupt möglich
wäre. Anders ausgedrückt: Ohne Fremdreferenz kann es keine Selbstreferenz
geben“.246
Der inszenatorische Charakter schöner Literatur kann also kein Scheitern der
Texte sein. Die Konstruiertheit und Inszeniertheit literarischer Texte stehen
im Austausch mit Wirklichkeitsbezug und Phantasie und beeinflussen sich
auf nicht immer eindeutig erkennbare Weise gegenseitig. Literarische
Spiegelbilder haben daher auch eher die Eigenschaften von – manchmal
maskierten – Zerrbildern als die von Abbildungen mit Fotoqualität.
Die Kriterien der frühen „Gastarbeiterliteratur“, Authentizität und
Betroffenheit, fallen mit denen der neuen Frauenliteratur zusammen.247 Auch
deshalb ist hier noch klarzulegen, inwieweit die in dieser Arbeit untersuchten
Texte von Autorinnen als Beiträge der Migrantenliteratur zu einer neuen
deutschen Frauenliteratur eingestuft werden sollen.
Der Emanzipationsanspruch in der Migrantenliteratur
Fragen nach dem theoretischen Instrumentarium einer feministischen Literaturwissenschaft und den damit verfolgten Zielen bilden im Rahmen dieser
Arbeit kein Hauptanliegen. Auch die Untersuchung ihrer Entwicklung, vor
245
Krechel 1979, S. 80-107, hier 83.
Förster 1999, S. 32, kursiv im Original.
247
Richter-Schröder 1986, S. 138.
246
79
allem bis hin zu den heute eher akzeptierten Sichtweisen der Gender Studies,
die nicht nur in der Literaturwissenschaft wirksam werden, sondern den
kontextabhängigen Konstruktcharakter von Geschlechterverhältnissen in
verschiedensten Bereichen thematisieren, muss anderer Forschung überlassen werden. Wie im Bezug auf die Authentizität allgemein ist jedoch zusätzlich an Folgendes zu erinnern: „Wer literarische Texte untersucht, kann nur
über Bilder, Imaginationen und Zuschreibungen reflektieren, nicht über
‚authentische’ Geschlechtlichkeit“.248 Die Gegebenheit eines biologischen
Sexes wird gleichzeitig mit der Einsicht anerkannt, dass geschlechtsgebundene Rollenmuster sozial und kulturell erworben werden, und
folgender Feststellung von Jutta Osinski kann nun zugestimmt werden:
„Geschlechterbewußtes Lesen ist heute allgemein in professionelle Lektüren
integriert. Zur Literaturinterpretation bedarf es keines besonderen Instrumentariums, um geschlechtsspezifische Themen, Motive, Handlungsgefüge oder
Erzählperspektiven aufzudecken“.249
Die von Richter-Schröder aufgefundene Dominanz autobiographischer
Schreibmuster in der neuen Frauenliteratur korrespondiert mit deren
häufigem Vorkommen in der Migrantenliteratur, wo sie allerdings keinesfalls den Schriftstellerinnen vorbehalten ist. So trifft auch Richter-Schröders
Feststellung über die Frauenliteratur: „Die Literarisierung subjektiver
Erfahrungen ist zugleich Medium der Auseinandersetzung mit dem eigenen
Ich und Ausgangspunkt der erhofften gesellschaftlichen Wirkung der
Texte“,250 gleichzeitig auf den entsprechenden Teil der Migrantenliteratur
von Autoren und Autorinnen zu.
Erwägenswert ist die Überlegung, dass : „[...]auch im 20. Jahrhundert
sicherlich nicht alle Schriftstellerinnen zugleich auch Vertreterinnen des
weiblichen Emanzipationsanspruchs” sind.251 Eine Zuordnung der hier interpretierten Romane von Wodin und Demirkan und der Erzählung von
Tekinay zur Frauenliteratur im Sinne von Richter-Schröders Definition ist
also nicht ohne Weiteres vorzunehmen, nicht sichergestellt ist auch, ob sie
hauptsächlich von Frauen rezipiert werden. Von einer heute noch stattfindenden kollektiven Rezeption im Sinne der neuen Frauenliteratur der 70er
Jahre (z. B. in Lesezirkeln und Diskussionsgruppen) dürfte eher nicht auszugehen sein.
Die Schreibweisen der ausgewählten Texte werden durch die
geschlechtsgebundenen Wahrnehmungsmuster ihrer Autorinnen und Autoren mit geprägt. Ausdrückliche Auseinandersetzungen mit Fragen nach der
inhärent dargestellten patriarchalischen Gesellschaftsordnung finden
allerdings in den Texten nicht statt. Implizit finden jedoch sich Auseinan248
Osinski 1998, S. 77.
Osinski 1998, S. 174.
250
Richter-Schröder 1986, S. 3.
251
Richter-Schröder 1986, S. 28.
249
80
dersetzungen mit den eher privaten Folgen der Aufteilung der Welt in zwei
Geschlechter mit asymmetrischem Zugang zur Macht in den geschlechtsspezifischen literarischen Bewusstseins- und Wahrnehmungsmustern, explizit auch in vielen dargestellten Episoden.
Für die Einordnung der von Autorinnen geschaffenen Texte kann die
Erwägung der bei Sigrid Weigel beschriebenen Folge der gleichzeitigen
Beteiligung und Ausgrenzung der Frau in der männlichen Ordnung, genannt
der „schielende Blick“,252 erinnert werden. Von Frauen geschaffene Migrantenliteratur als Beitrag zur Frauenliteratur zu sehen macht nur Sinn, wenn
diese Sichtweise die doppelte Marginalisierung nicht verstärkt, sondern dazu
beiträgt, sie auf zwei Arten produktiv zu überwinden: in der literaturwissenschaftlichen Wahrnehmung, Deutung und ästhetischen Aufwertung der
Texte der Autorinnen und Migrantinnen samt ihrer Einbeziehung in die
Gesamtheit der in Deutschland entstandenen und entstehenden Literatur
ohne entfremdende Zuschreibungen oder Vereinnahmungen. Ein Emanzipationsanspruch mit allgemeinerer Geltung, nicht allein auf „das Weibliche“
bezogen, soll sämtlichen Texten außerdem zugebilligt werden.
Franco Biondis Novelle Abschied der zerschellten Jahre
„freudig kann ich hier
ausländergesetz und paragrafen befolgen“253
Franco Biondi ist einer der deutschsprachigen Migrantenschriftsteller, in
dessen Gesamtwerk sich die Entwicklung und Positionen der modernen
Migrantenliteratur deutlich ablesen lassen. Zusammen mit seinem Vater kam
der 18-jährige 1965 aus Forli, Italien, in die Bundesrepublik. Sein
beruflicher Werdegang führte ihn über verschiedene Tätigkeiten und die
Fortbildung auf dem zweiten Bildungsweg zum Abschluss als DiplomPsychologen, Schriftsteller ist nur einer seiner Berufe.
Biondis Bedeutung als deutschsprachiger Schriftsteller nicht-deutschsprachiger Herkunft ist außerordentlich groß und nicht allein bedingt durch
die Anzahl, Art und Qualität seiner literarischen Werke, sondern auch durch
sein Engagement für die theoretische Grundlegung einer Ästhetik der
Migrantenliteratur, worum er sich in zahlreichen Aufsätzen und Artikeln
bemüht hat.
Dass sich Biondis Engagement auch in seiner politischen Überzeugung
gründet, ist klar erkennbar in zahlreichen Veröffentlichungen der 1980er
Jahre.254 Seine Novelle Abschied der zerschellten Jahre255 ist nach der
252
Weigel 1988, S. 83-137.
biondi 1979, S. 25. (Kleinschreibung im Original)
254
Ein informatives Werkverzeichnis findet sich bei Chiellino 1995, S. 470.
253
81
Veröffentlichung einer Vielzahl von Gedichten und Erzählungen sein erster
längerer Prosatext. In mehreren literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die sich
– ausschließlich oder unter anderen – mit Biondis Werken beschäftigen, ist
auch diese Novelle behandelt worden, wobei das Interesse jeweils auf
unterschiedliche Hauptfragen ausgerichtet war.
In ihrer Dissertation, einer didaktischen Studie von 1992 rubriziert Heidi
Rösch256 ihre Behandlung von zwei Novellen von Biondi mit den Worten:
„Franco Biondis Literatur als Anlaß, über Antirassismus in der Literatur
nachzudenken“.257 Rösch untersucht die Frage nach der Identitätsentwicklung Mamos (Mamo ist die Hauptfigur der Novelle Abschied der
zerschellten Jahre) zwar nicht ausdrücklich, auf ihre dahingehende Feststellung: „Sein Problem ist vielmehr die Diskrepanz zwischen Fremd- und
Selbstwahrnehmung“,258 wird dennoch zurückzukommen sein.
Bei Chiellino findet sich keine inhaltsbezogene Interpretation. Er interessiert sich hauptsächlich für die autorenbezogene Sprachproblematik, die
Rezeption und die zur Entstehungszeit des Werks aktuelle bundesdeutsche
Politik und deutet den provokanten Inhalt und den sprachlichen Stil der
Novelle als „Schrei der eigenen ethnischen Anwesenheit“.259
Pimonmas Photong-Wollmann260 versucht in ihrer Dissertation einen
literaturtheoretischen Beweis dafür zu führen, dass Biondi (auch) mit
Abschied der zerschellten Jahre durch Verwendung der Gattung Novelle als
einer deutschen literarischen Form unter gleichzeitiger Bezugnahme auf
italienische Literaturelemente eine Integration auf kultureller Ebene
gelingt.261 Durch den Inhalt der Novelle werde allerdings mittels Mamos
Schicksal dargestellt, wie die Integration der Migranten in der aktuellen
soziopolitischen Situation scheitert.
Ulrike Reeg sieht in dieser Anlehnung an das literarische Gattungsvorbild
eher eine von Biondi beabsichtigte „ironische Brechung“,262 wobei sie die
Möglichkeit der „Festlegung distinktiver Novellenmerkmale“,263 noch dazu
normativer Art, in der Moderne verwirft. Reegs nur bruchstückweise durch255
Biondi 1984 a). Die eingeklammerten Seitenangaben in diesem Teilabschnitt beziehen sich
auf diese Ausgabe.
256
Rösch 1992.
257
Rösch 1992, S. 148.
258
Rösch 1992, S. 161.
259
Chiellino 1995, S. 361. Kursiv im Original.
260
Photong-Wollmann 1996.
261
Eine deutliches Beispiel der Intertextualität findet sich im zweiten Kapitel im Abschied der
zerschellten Jahre, das mit den Worten eingeleitet wird: „Plötzlich schob sich Dagmar durch
die Menschenmenge und ergatterte zwei Plätze am Festtisch, die gerade frei geworden
waren.“ Vgl. mit dem berühmten einleitenden und abschließenden Satz in der Novelle von
Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Frankfurt am Main, 1980, S. 9 und S. 151: „Plötzlich
drängte Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an
dem noch niemand saß.“
262
Reeg 1988, S. 122.
263
Reeg 1988, S. 123.
82
geführte Interpretation des Textes berücksichtigt als eine der wenigen etwas
ausführlicher die Figur des Costas (Costas ist ein älterer Migrant, der in
Mamos Nachbarschaft wohnt), der Reeg strukturell die Rolle eines zweiten
Erzählers zuerkennt.264 Auch Reeg hebt, ähnlich wie Rösch, das aufklärerische Potential der Novelle hervor.
Der kurze Überblick über die bisherigen Analysen und Interpretationen
lässt die Art der Mehrschichtigkeit von Biondis Novelle erkennen. Hinter der
migrantenspezifischen Handlungsebene erscheint ein zeitgeschichtlich festgelegter Hintergrund: dafür sorgt nicht allein die genaue Angabe von Mamos
Ausweisungstag im April 1983, sondern auch der Bericht über den im Fernsehen übertragenen Auftritt des neuen Bundeskanzlers Helmut Kohl, der
sein Amt im Jahr zuvor angetreten hat. Die globale Perspektivierung der
Erzählung stellt eine Realisierung von Biondis Postulaten hinsichtlich der
Parteilichkeit der Gastarbeiterliteratur dar. In der Schilderung derjenigen die
Gastarbeiter betreffenden Umstände, die als authentisch gelten können und
die sich hauptsächlich auf die Abhängigkeit vom Ausländergesetz beziehen,
bringt die Novelle eine klare politische Anklage zum Ausdruck.265
Die zweite, weitaus umfangreichere Ebene ist die erzählerische Entfaltung des Innenlebens und der Sozialisation Mamos. Sie wird durch die
Wiedergabe seiner Erinnerungen und der inneren Monologe gestaltet, in
denen er die Haupthandlung kommentiert, die die Retrospektiven immer
wieder unterbricht.
Der Inhalt der Novelle
Mamo ist der älteste, in Deutschland geborene Sohn einer Gastarbeiterfamilie. Er bleibt allein zurück, als die Eltern und jüngeren Geschwister in
die Heimat seiner Eltern ausgewiesen werden. Ausweisungsgründe nach
20jährigem Deutschlandaufenthalt sind die zu kleine Wohnung und die
Arbeitslosigkeit des Vaters. Das Leben von Mamos Familie gestaltete sich in
der bundesdeutschen Wirklichkeit der 1960er bis 1980er Jahre wie viele
vergleichbare Schicksale. Die Eltern arbeiten in Deutschland, um mit erspartem Geld in der Heimat eine bessere Zukunft aufbauen zu können. Für
Mamo ist es unverständlich, dass die Eltern, insbesondere der Vater, ihren
‚Gast’-Status nicht in Frage stellen: „Wir sind Gäste, wir haben uns als
solche zu verhalten [...]“ (122). Selbst die Ausweisung wird ergeben hingenommen. Die Heimat, in die sie zurückkehren, ist jedoch Mamos Fremde.
Mamo weigert sich, seinen politischen Ausländerstatus und die ihm
daraus erwachsenden Folgen anzuerkennen und beschließt, im Falle einer
264
Siehe Reeg 1988, S. 124.
Vgl. Rösch, Heidi: 1992, S. 163: „Angeklagt wird in dieser Novelle die Einwanderungsgesellschaft, die keine sein will.“ Dies ist nur einer der sechs Anklagepunkte bei Rösch, der
übergreifend die anderen inkludiert.
265
83
handgreiflichen Abschiebung bewaffneten Widerstand zu leisten. Verschanzt
in seine Dachwohnung, mit Kaffee und Lebensmitteln aus dem Aldi-Laden,
versehen mit einem Gewehr, einem gestohlenen Browning, den er einem
amerikanischen Soldaten abkauft, und auf den Einsatz von Tränengas mit
einer Gasmaske vorbereitet, wartet Mamo auf das Abschiebungskommando,
eine gute Woche nachdem seine Aufenthaltsgenehmigung ungültig
geworden ist. Seine Beobachtungsposition von oben, wobei ihm ein
geschickt am Fenster angebrachter Mofaspiegel die Perspektive erweitert,
nimmt er an diesem letzten Tag in der Dämmerung ab ca. 05.30 Uhr ein.
Viele Stunden später wird die bedrohliche Situation ihre gewaltsame Auflösung finden, als Mamo einen der Abschiebungspolizisten erschießt und sich
auf weitere Morde vorbereitet. Sein eigener Tod ist mit einkalkuliert, er lässt
sich aus dem Text der Novelle aber nur erahnen, nicht ablesen.
Mamo hat sich innerlich bereits von seinen Freunden und von seiner
Freundin Dagmar, die nichts von seinen Plänen wissen, verabschiedet. In
den langen Stunden des Wartens auf die „Zwangsvollstreckung“ (91)
registriert Mamo alle Geräusche im Wohnhaus, er sieht dessen Bewohner
kommen und gehen und erinnert sich an die einschneidenden Ereignisse
seines zwanzigjährigen Lebens. Die Haupthandlung wird immer wieder von
Rückblicken durchbrochen, die, in zwei Erzählsträngen, die sich nach und
nach miteinander verflechten, stufenweise Mamos Kindheitserlebnisse und
seine und Dagmars Liebesgeschichte wiedergeben.
Außer Mamos Stimme lässt sich eine weitere Stimme vernehmen: die des
alten Migranten Costas, auch er ohne nationale Zuordnung. Costas
verschwand aus Mamos Leben, als Mamo noch ein Kind war. Seine symbolischen Erzählungen, die in den Text eingestreut werden, kann das Kind
Mamo kaum verstanden haben. Ob Costas Erzählungen tatsächlich als
Gedächtnisberichte des Mamo anzusehen sind, lässt sich nicht eindeutig
feststellen. Eher freistehend vom Erzählungszusammenhang handeln sie von
einem Leben in tiefster Übereinstimmung mit der Natur, was durch die
räuberische Ausbeutung durch den Kapitalismus, über Umweltzerstörung
und Tourismus in Verschuldung und Abhängigkeit beendet wird und die
Bewohner einer Fischeridylle (erwähnt werden nur Männer und ihre
Tätigkeiten), darunter Costas, schließlich in die Emigration treibt. Vielleicht
sind sie, in ihrem archaischen Gestus, eher als allgemeingültig beabsichtigtes, unverkennbar rückwärtsgewandtes „Raunen“ eines Weisen von der
Vertreibung aus dem Paradies aufzufassen, denn als Mamos Erinnerung an
die Märchen seiner Kindheit. Ein Dialog zwischen Costas und Mamo findet
nicht statt, Mamo setzt sich nicht mit dem Inhalt der Erzählungen auseinander, und Costas ausdrückliche Warnung: „Denn, du darfst es nicht vergessen, mein Sohn, weil es für das Leben wichtig ist, der Hass ist die Waffe der
Schwachen“, (127) hindert Mamo nicht an seinen Wahnsinnstaten.
84
Costas zu Mamos „Ersatzvater“266 zu erklären, wie Reeg es tut, macht
wenig Sinn. Mamo lehnt die Rollenübernahme als Costas Sohn nachdrücklich ab, Costas moralische Ratschläge finden in Mamos Daseinsrealität
keinen Widerhall.267 Costas märchenhafte Erzählungen deuten zwar eine
erklärende Verbindung zwischen der Zeit vor der Emigration und in der
Emigration an, sie verweisen aber nicht auf konstruktive Handlungskonzepte, die die verführerische Nostalgie überwinden können und zukunftsträchtig sind. Keinesfalls liegt Mamos Zukunft in Costas Vergangenheit.
Mamos Interaktionsgeflecht
Von Kindheit an bewegt sich Mamo in einem Umfeld, in dem Gastarbeiter
verschiedenster nationaler Herkunft und auch Deutsche leben.268 Er ist ein
frühreifer Junge, der für Haushalt und Familie viel Verantwortung übernehmen muss. Sein Verhältnis zu den Eltern ist nicht besonders eng und wird im
Laufe der Zeit immer distanzierter. Mamo hat erkannt, dass die Rückkehrillusion des Vaters nicht allein durch Heimweh zu erklären ist, sondern
immer dann besonders zunimmt, „wenn in der Bundesrepublik die Lage
schwieriger wurde“ (57). So deutet der Vater die Situation der Zwangsausweisung in die eigene Entscheidung zur Rückkehr um, was er nach Mamos
Auffassung tut, um „das Gesicht als Familienoberhaupt zu wahren“ (57). Die
Heimat der Eltern aber bedeutet für Mamo die Fremde. Seine Zukunft kann
nicht in der Vergangenheit seiner Eltern liegen, insbesondere nicht im Dorf
seiner Eltern, das er nur bei Urlaubsreisen kennen gelernt hat. Dort fand er es
„schrecklich“, er fühlte sich „eingeengt, überall kontrolliert“ (106). Die
Entfremdung zwischen den Familienmitgliedern führt anlässlich der
Abschiebung bei Mamo bis zu Gefühlen der Wut und des Ärgers auf seine
Familie, „die die Beiseiteschieberei so hingenommen hatte“ (137).
Mamos Schulzeit verläuft unauffällig. Er ist ein guter Schüler, der auch
von den Lehrern gerecht und verständnisvoll behandelt wird. Die Opferrolle,
die Ausländerkindern und Gastarbeiterkindern in den Büchern zur
Ausländerfrage zugeteilt wird, aus denen er „für die Schule pauken mußte“
(40) lehnt er allerdings, auf sich selbst bezogen, voller Unverständnis und
heftig ab.
Einer der deutschen Jugendlichen des Umfeldes, mit dem bedeutungsschwangeren Vornamen Volker,269 entpuppt sich im Berufsschulalter als
266
Reeg 1988, S. 124.
„... ich bin nicht dein Sohn! Du bist nicht mein Vater, hörst du?” Biondi 1984 a), S. 34.
268
Die Aufteilung in Deutsche und Nicht-Deutsche wird erkennbar besonders an der
klischeehaften Verteilung von als typisch zu erachtenden Vornamen. Deutsche Vornamen im
Text sind Dieter, Helmut, Volker, Dagmar, Heiner, Namen von Migrantinnen und Migranten
sind Costas, Aischa, Rahma, Ali, Demir, Pasquale.
269
Volkers spätere Berufswahl, die ihn zum Vollstrecker der Beschlüsse macht, die von den
Volksvertretern gefasst werden, soll wohl auch rückblickend seine Handlungen als
repräsentativ für zumindest einen Teil des Volkes erscheinen lassen. In der Darstellung der
267
85
aggressiver Rassist, der in Mamo den von ihm verhassten Türken zu sehen
meint, ihn verbal angreift und mit einer Schusswaffe bedroht. Fremdwahrnehmung und reduktive Rollenzuweisung als Gastarbeiter oder Gastarbeiterkind werden Mamo später vor allem durch die Vollstrecker der Paragraphen
des Ausländergesetzes zuteil. Die Perspektive der Behörden reduziert seine
Anwesenheit in Deutschland auf Fragen nach der Gültigkeit seiner Aufenthaltsgenehmigung und der durchzuführenden Ausweisung.
Die rassistische Einschüchterung, der Mamo infolge seiner Fremdheit
ausgesetzt ist, entwickelt sich in Kombination mit seinem Ausländerstatus zu
einer existentiellen Bedrohung. Dadurch dass der erwachsene Volker eine
Laufbahn als Polizist mit Spezialinteresse für Ausländerfragen wählt,
verschmilzt diese Figur zur Verkörperung dessen, was Mamo schon immer
bedrängt hat: Ausgrenzung, fremdenfeindliche Gewalt und Rassismus,
Behördenwillkür. Schließlich wird Volker zum (angenommenen und von
Mamo erhofften) Vollstrecker der Abschiebung, die potentiell jedem
Ausländer droht. Boten sich also im Zusammenhang mit dem Terror, der
vom rassistischen jugendlichen Volker ausging, durchaus noch Verhandlungsmöglichkeiten, die von Mamo mit Unterstützung seines Freundes
Dieter erfolgreich genutzt werden, hat Mamo dem Druck der Behördenbeschlüsse nun nur noch brachiale Gewalt entgegenzusetzen, denn seine
Entscheidung, sich diesen Beschlüssen nicht zu fügen, steht seit langem fest.
Überdeutlich ist hier eine Situation mit fast absoluter Machtasymmetrie
dargestellt. Mamo ist daran gewöhnt, von den Eltern geschlagen, von
fremdenfeindlichen Personen tyrannisiert und von den Behörden verfolgt zu
werden, und das reibungslose Funktionieren der deutschen Behördenmaschinerie nimmt in Mamos Vorstellung kafkaeske Züge an. Die Umkehrung
dieser Vorstellung demonstriert jedoch eher das Ausmaß von Mamos
empfundener Machtlosigkeit: der Druck, unter dem Mamo steht, lässt
sämtliche denkbaren Handlungsalternativen verloren gehen.
Durch seinen konkreten Rückzug aus allen Interaktionen, hinein in die
Dachwohnung, die er von seinen Eltern übernommen hat, und dadurch, dass
er auf den Sozialarbeiter, der ihn in der Sprache der Landsleute seiner Eltern
zur Aufgabe seiner mörderischen Pläne überreden will, ganz einfach nicht
hört, blockiert Mamo jede denkbare Offenheit, die die Voraussetzung für
Darstellung von Identität und von Interaktion sind. Gegen die Monostrukturiertheit der Interaktion, die ihn auf die Rolle des Ausländers reduziert,
protestiert Mamo in seiner Verzweiflung aufrührerisch, indem er nach
anfänglichem innerem Monolog seine Worte aus dem Fenster
hinunterschleudert: „Ich bin kein Ausländer! Ich will kein Ausländer sein!“
Erklärung für Volkers berufliche Spezialisierung werden aus Volkers Perspektive allein
Gründe angegeben, die den Gastarbeitern einen Objektstatus als Einkommensquelle
zuschreiben.
86
(122f, kursiv im Original).270 Ihm wird in dieser extremen Zwangslage
weder ermöglicht, seine Identität, die über den nun dominanten Rollenanteil
des gesetzesbrüchigen Ausländers hinausgeht, darzustellen, noch ist er in der
Lage, zwischen den ihm angesonnenen Rollenverhalten und seinen eigenen
Intentionen die Distanz herzustellen, die zur Aufrechterhaltung seiner
Identität, ja seines Lebens nötig wäre. Die Stimmen der auf der Straße
versammelten Schaulustigen bringen zum Ausdruck, dass ihm nunmehr
einzig die Identität eines Mörders zugestanden wird.
Mamos „Täuschen“– eine Überlebensstrategie, die scheitert
Mamos Erscheinung und seine Sprachkenntnisse lassen ihn als
Einheimischen erscheinen, das Stigma seiner fremden Staatsangehörigkeit
ist nicht ohne weiteres erkennbar. In seinem Streben nach Unauffälligkeit
geht er soweit, in Erwägung zu ziehen, seinen Namen zu ändern: „Ich habe
Freunde, ich denke wie sie, kleide mich wie sie, nur mein Name ist anders,
und der lässt sich leicht ändern, was ist schon dabei“ (10, kursiv im
Original).271 Er muss sich dennoch die Frage nach seiner Nationalität schon
früh und immer wieder gefallen lassen, weigert sich aber vehement, sich mit
derartigen Fragen überhaupt zu befassen. Mamo will als „normal“ betrachtet
werden, will „dazugehören“. Zu einer offenen Auseinandersetzung mit den
Faktoren, die ihn aus der ihn umgebenden und von ihm homogenisierend
wahrgenommenen „Normalität“ der Einheimischen ausschließen, ist er nicht
bereit. Statt diese Tatsachen zuzugeben und sie in die Interaktionen
einzubringen, wählt er den Weg, diese, wie er meint, diskreditierenden
Informationen über sich selber zu verweigern, er wählt das „Täuschen“.272
Diese Haltung der Umwelt gegenüber beeinflusst auch Mamos Haltung sich
selber gegenüber, führt zur Selbsttäuschung, deren extremste Form, die
270
Thematik und exklamatorische Ausdrucksweise finden sich auch in Biondis Übersetzung
des Gedichts von Roberto Mazzotta Der Antiausländer, in Chiellino 1989, S. 44ff. Siehe auch
Biondis Gedicht „Niemand wird mich zum Metallstück machen“ in: Schaffernicht 1984, S.
57.
271
Die intuitiv eingesehene Bedeutung des Vornamens einer Person für den „Menschen und
alle seine Interaktionspartner“ als „eindeutiges Identitäts- und Erkennungskürzel“ wird von
der Soziologie bestätigt. Die durch die Umgebung entstandene und als fremd empfundene
Auffälligkeit des Namens zwingt Mamo zu einer Stellungnahme zum „Verhältnis zum
eigenen Namen“, die vorausgesetzte selbstverständliche Verbindung des Namens und der „als
für die eigene Identität als typisch erachteten Merkmale“ ist erschüttert worden. Vgl.
Gerhards 2003, S. 27.
272
„Täuschen“ ist die deutsche Entsprechung des Goffmanschen Fachterminus „passing“. Der
Begriff zielt auf das Management nicht offenbarter diskreditierender Informationen über sich
selbst ab. Es wird aktualisiert durch die Wahl zwischen „Eröffnen oder nicht eröffnen; sagen
oder nicht sagen; rauslassen oder nicht rauslassen; lügen oder nicht lügen; und in jedem Fall
wem, wie, wann und wo“. Goffman 1999, S. 56.
87
Fiktionalisierung der ihn umgebenden Wirklichkeit,273 ihn zur Ausführung
seiner gewaltsamen, mörderischen Taten erst befähigt. Die Selbsttäuschung
ist zu Mamos zweiter Natur geworden.
Mamos nur geträumte Blicke in den Spiegel, mit deren Hilfe er über
seine Zugehörigkeit Aufschluss erlangen will, sind Ausdruck für die Suche
nach seiner persönlichen Identität. Der tatsächliche Blick in den Spiegel,
wozu ihn die Aggressivität des sich spiegelnden Kanarienvogels seiner
Schwester anregt, erzeugt in Mamo nicht die gewünschte Wut und Angriffslust. Stattdessen führt er zur körperlichen Bestrafung durch die Mutter, einer
brutalen Erziehungsmaßnahme, die in keinem leichtverständlichen Verhältnis zur Geringfügigkeit des Vergehens zu stehen scheint und zu deren
Verständnis der Text keine deutlichen Anhaltspunkte bietet.
Sein Ebenbild im Mofaspiegel, der ihm bei der Beobachtung der Straßenszene hilft, erschreckt ihn und macht ihn nervös. Letztlich reflektiert dieser
Spiegel auch nicht Mamo, sondern die anderen. So offenbaren selbst die
Spiegelbilder Mamos Ausgeschlossenheit vom wirklichen Geschehen.
Mamo ist aber noch jung, zu einer echten Auseinandersetzung mit der
„Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung“,274 mit den
Prozessen also, die in ihrer identitätsbildenden Funktion normalerweise
unbewusst verlaufen,275 ist er noch nicht fähig. Solange wie möglich wird er
seine Unruhe und seine Zweifel verdrängen und nicht versuchen, sie zu
verstehen oder erklären.
Auch aus seiner engsten Beziehung, der Liebesbeziehung mit der
deutschen Dagmar, kann Mamo das Täuschen nicht ausschließen, wobei er,
wenn auch ungern, in Ausnahmefällen sogar direkte Lügen benutzt. Dagmar
und Mamo lieben sich und begegnen einander mit viel Zärtlichkeit, und
unter normalen Bedingungen wäre dies ein Extremfall, in dem „auf die
Vermittlung von Erwartungen über sozial definierte Symbole – jedenfalls in
einigen Situationen – verzichtet werden kann“.276 Mamo jedoch schämt sich
des ihm zugewiesenen Status als Ausländer, der Grund für den Ausweisungsbeschluss ist, und erzählt Dagmar erst von diesem Beschluss, als seine
eigenen Pläne unabänderlich fest liegen. Die zugewiesene Rolle als Abzuschiebender hat Mamo akzeptiert und verinnerlicht, seine Identität als
Ausländer lehnt er ab – in dieser Frage ist er zu keinerlei Aushandlungen
bereit.
Dagmars Geschichte, die in dieser Novelle die einzig ausführlich
gestaltete Geschichte einer deutschen Jugendlichen und Angehörigen der
Mehrheitsgesellschaft ist, zeigt deutliche Parallelen zu Mamos Sozialisation.
273
Um die Situation überhaupt ertragen zu können, redet sich Mamo ein, er stehe am
Spielautomaten, dem so genannten Shoot-Player, und die Wirklichkeit sei nur ein –
gewaltsames – Spiel.
274
Rösch 1992, S. 161.
275
Vgl. Erikson 2000, S. 141.
276
Krappmann 2000, S. 97.
88
Mit Mamo verbindet sie ähnliche Erfahrungen von einem unguten
Familienleben, auch Dagmar erlebt Schulstress und Ungewissheit im
Hinblick auf die berufliche Zukunft. Mamo aber fehlt die Kraft, Dagmars
Problemen gegenüber Empathie zu zeigen, und er empfindet sie einzig als
Bedrohung ihres von ihm idealisierten Verhältnisses. In ihrer Liebe zu
Mamo will Dagmar von den Machtmitteln, die ihr als Angehörige der
Majoritätsgesellschaft zur Verfügung stehen, Gebrauch machen: Da Mamo
nicht zusammen mit ihr in die Heimat seiner Eltern ziehen will, schlägt sie
die Eheschließung vor, um dadurch eine Aufhebung des Abschiebungsbeschlusses herbeizuführen. Mamo lehnt Dagmars realistische Rettungsangebote aber ab.
Mamos Ablehnung von Dagmars Rettungsangebot und seine Weigerung,
sich mit der Frage der Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit auch nur
versuchsweise auseinanderzusetzen, sind die widersprüchlichsten Punkte der
Novelle. Einerseits drücken sie die Ablehnung aus, politische Probleme auf
persönlicher Ebene lösen zu müssen. In der Annahme der Verantwortung für
seine Liebe zu Dagmar bei gleichzeitiger Umdeutung der hauptsächlich
privaten Handlung, die die Eheschließung unter Einheimischen ausmacht,
und in der Anerkennung der politischen Dimension, die sie unter Personen
verschiedener Nationalität immer auch (noch) besitzt, hätte Mamos Rettung
liegen und von ihm angenommen werden können. Eine Portion Distanz den
vorgestellten „allzufesten Bindungen“ (111) gegenüber hätte der damit
einhergehenden Rolle des Ehepartners die erstickende, panikerzeugende
Bedrohlichkeit nehmen können. Andererseits hätte die Lösung des akuten
Problems der drohenden Ausweisung durch Naturalisierung oder Ehe mit
einer Deutschen von Mamo gefordert, seinen Ausländerstatus innerlich und
äußerlich zuzugeben, ehe er ihn dann hätte überwinden können. In seinem
Gefühlschaos ist Mamo mit diesem Ansinnen überfordert. Um sich selber
zum Festhalten an seinen Wahnsinnsplänen zu überreden, klammert er sich
in der letzten Zuspitzung der Ereignisse zum wiederholten Mal an den
Spruch: „Du hast keine Chance, aber nutze sie“ (141; auch 93), der seinem
widersprüchlichen Lebensgefühl Ausdruck verleiht.
Der Handlungsspielraum des Gastarbeitersohnes war von vornherein
durch die Regelungen des Ausländergesetzes und die Rollenzuweisungen
der Umgebung dramatisch eingeschränkt. Auch lässt er sich durch das
untaugliche Vorbild der tristen Ehe seiner Eltern daran hindern, sich auf das
Wagnis der Ehe mit Dagmar einzulassen. Der schon lange auf Mamo
liegende Druck der Verhältnisse, den er mit niemandem teilen kann und von
dem ihn niemand entlastet, hat seine Fähigkeit, Unbefriedigtheit und
Ambiguität zu ertragen, Letzteres „die für die Identitätsbildung mutmaßlich
entscheidendste Variable“,277 zerstört. Mamos „Versuch einer Identitätsbalance“, der „wegen des kritischen Potentials, das er enthält, ein Angriff auf
277
Krappmann 2000, S. 167.
89
bestehende Verhältnisse”278 hätte darstellen können, findet nun nicht statt.
Für Mamo bedeutet diese Entscheidung wahrscheinlich den Tod, wobei
Mamos eindringlicher Wunsch, den deutschen Polizisten Volker mit in den
Tod zu nehmen, neben reinen Rachegelüsten den Wunsch nach Beendigung
der Konfrontation zwischen Einheimischen und Ausländern mit ausdrückt.
In der demokratischen, heterogenen Bundesrepublik, die den authentischen zeitgeschichtlichen Hintergrund der Novelle bildet, hätte Mamo sich
nicht opfern, hätte nicht zum Mörder werden müssen. Auch für die Gesellschaft bedeutet die tragische Entwicklung einen Verlust. Dass die Gesellschaft nicht total ist, verdeutlichen die durchaus unterschiedlichen Arten des
Umgangs mit dem Fremden, die Mamo auf der persönlichen Ebene durch
seine – vor allem deutschen – Freunde und Dagmar und durch Volker
erfährt. Die von ihm nicht wahrgenommene Möglichkeit, mit Dagmars Hilfe
in Deutschland zu bleiben, hätte im gegenteiligen Fall dazu beitragen
können, das durch das Ausländergesetz manifestierte „System der
Repression in Frage“279 zu stellen und zu einer Verbesserung der
Verhältnisse beizutragen.
Mamos Verzweiflungstat ist nicht, wie auf dem Klappentext der Originalausgabe der Novelle behauptet, „die notwendige Folge dieser
Erfahrungen“.280 Die genaue Untersuchung der Interaktionen und des
Interaktionsgeflechts des Protagonisten Mamo hat über die in der Novelle
enthaltenen Anklage gegen den Rassismus und den aufklärerischen Gehalt
hinaus Mamos eigenes Rollenverhalten als unbedingt veränderungsbedürftig
aufgedeckt. Mamos konsequent ausgeübtes „Täuschen“ und der Rückzug
aus allen Interaktionen haben sich mit allem Nachdruck als nicht situationsgemäß erwiesen. Es ist die Gestaltung einer Opferrolle, die nicht angenommen werden soll, sondern dringend zur Schaffung neuer Rollen für alle
Beteiligten auffordert.
Alev Tekinays Erzählung Der Todesengel
Die Schriftstellerin Alev Tekinay ist 1951 in der Türkei geboren und ist seit
den 1980er Jahren schriftstellerisch tätig. Für ihr auf Deutsch verfasstes
Werk erhielt sie 1990 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Trotz dieser
und weiterer Auszeichnungen und eines gewissen kommerziellen Erfolges
finden sich in der Sekundärliteratur eher wenige Beiträge, die sich mit
Tekinay beschäftigen, wobei außerdem eine teilweise stark kritische Haltung
ihren Texten gegenüber zu bemerken ist.
278
Krappmann 2000, S. 31.
Krappmann 2000, S. 31.
280
Biondi 1984 a). Klappentext.
279
90
Annette Wierschke weist in ihrer Dissertation im Zusammenhang mit der
Diskussion des literarischen Kitsches281 auf eine erotische Regungen gestaltende Textstelle bei Tekinay hin und zieht daraus weitgehende Schlüsse über
Tekinays „Komplexitätsreduktion gesellschaftlicher Wirklichkeit“282 und
ihre Auflösung soziopolitischer Probleme als individuelle Identitätsprobleme
infolge mangelnder Wahrnehmung der „Möglichkeit eines sozialkritischen
Ansatzes“.283 Wie immer ist es problematisch, wenn die Literaturkritik sich
besonders über die fehlenden Komponenten in Texten auslässt, d.h. wenn
der Text nicht in allerhöchstem Maße als das, was er ist, betrachtet und
bewertet wird, sondern eher im Hinblick darauf, ob in ihm die Erfüllung
eines wie auch immer gearteten Rezeptionsanspruches gefunden wird. Eine
Literaturkritik und -interpretation, die, wie bei Wierschke, nach ethnografischem Schreiben und nach analytischer Darstellung soziopolitischer
Probleme aus allgemeingültiger Perspektive Ausschau hält, muss bei
Tekinay auf Schwierigkeiten stoßen, die zu Urteilen wie dem obigen führen.
Tekinays große Bedeutung innerhalb der Migrantenliteratur ist trotz aller
teilweise auch berechtigter Kritik284 dennoch und eher darin zu sehen, dass
sie durch ihre zahlreichen kürzeren und längeren Erzählungen und Romane
den Leserinnen und Lesern eine variiertes, differenziertes und individualisiertes Bild vom Leben türkischstämmiger Migrantinnen und Migranten in
Deutschland anbietet. So findet sich hier eine Übereinstimmung mit der
Äußerung des ebenfalls aus der Türkei stammenden Aras Ören im Interview mit Carmine Chiellino: „Ich wollte in meinen Schriften auch unterstreichen, daß diese Masse keineswegs keine Masse ist, sondern daß sie sich
genauso aus Individuen zusammensetzt wie die anderen Völker, wie die
Deutschen”.285
In Tekinays Erzählbänden Die Deutschprüfung286 und Es brennt ein
Feuer in mir287 werden zahlreiche Momentaufnahmen von großer Prägnanz
entworfen, die insgesamt einen facettenreichen Eindruck der dargestellten
Migrantengruppe und vieler ihrer Lebenssituationen im Minoritäten- als
auch im interkulturellen Kontext in Deutschland entstehen lassen. Es handelt
sich hierbei nun nicht um dem sozialkritischen Realismus verpflichtete
Reportagen, sondern zum großen Teil um gefühl- und phantasievolle
Kurztexte.
281
Wierschke 1996, S. 121f.
Wierschke 1996, S. 122.
283
Wierschke 1996, S. 122.
284
Hier sei beispielsweise hingewiesen auf Karin Yeşiladas Beitrag in Howard 1997, S. 95114. Eine nähere Präsentation des von Yeşilada diskutierten „Suleikalismus“ ist im
Zusammenhang mit der Besprechung des Todesengel aber nicht relevant.
285
Ören 1988, S. 166.
286
Tekinay 1990 a.
287
Tekinay 1990 b.
282
91
Die Erzählung
Tekinays Erzählung Der Todesengel288 aus dem Erzählband Die Deutschprüfung, der 1989 zum ersten Mal erschien, gestaltet eine Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe von türkischen und einer Gruppe von
deutschen, jeweils männlichen Jugendlichen. Streitobjekt ist das nicht näher
definierte Nutzungsrecht des Territoriums „ [...] um den ganzen See herum”
(15), wobei es sich um den Starnberger See handeln soll. Die Jugendlichen
aus den Familien türkischer Migranten erheben gleichermaßen einen
Anspruch auf diesen Besitz wie die deutschen Jugendlichen, mit den Worten
des blonden und blauäugigen Gökhan: „Wir sind doch hier aufgewachsen,
[...] dieser Boden gehört uns genauso, wie er euch gehört.” (15) Dieses
Streitobjekt braucht auch nicht näher definiert zu werden, den Jugendlichen
ist klar, dass es sich nicht um einen realen Besitz handelt. Sie verbergen
ihren Streit und den damit zusammenhängenden „Kriegsrat” (16) der in
einem „richtigen Kampf” (16) resultieren soll, vor der Erwachsenenwelt, die
sich bei dem Treffen der Jugendlichen in der Eisdiele „Kormoran” in der
Person des Sozialarbeiters und Bewährungshelfers Klaus-Dieter Wörishofer
offenbart. Sollte die Rennfahrt über die Autobahn nach München mit dem
Sieg der türkischen Jungen enden, würden die deutschen Jugendlichen sie
künftig akzeptieren. Hier soll also ein Ritual des Revierkampfes mit dem
Ziel der Festlegung der sozialen Rangordnung in der Subkultur der Jugendlichen stattfinden. Die deutschen Jugendlichen sind als Vertreter der
Mehrheitskultur diejenigen, die die Vorherrschaft über das Streitobjekt
besitzen. Die Methode für die Auseinandersetzung wird dennoch von beiden
Gruppen gemeinsam ausgehandelt. Schließlich wird der Vorschlag der
türkischen Jugendlichen angenommen, der Einwand mit dem Hinweis auf
das schlechte Wetter, der aus der deutschen Gruppe kommt, wird
abgewiesen.
In diese, trotz der Nationalitätsunterschiede, durch die gemeinsame
Kampfabsicht vereinigte Gruppe, tritt in der Person des jungen, türkischen
Punkmädchens eine Störung ein. Sie wird von Tamer, der sich in der
Peripherie der türkischen Gruppe befindet, in diese Gruppe eingeschleust,
und er gibt ihr auch den Namen, Melek, mit der deutschen Bedeutung
„Engel”, da sie sich weigert, ihren eigentlichen Namen zu nennen. Melek ist
geheimnisvoll und anziehend. Ihre Person drückt Unbestimmtheit aus: auf
die Welt kam sie „irgendwo in der Südtürkei” (11), ihre Eltern leben
„irgendwo in einem Kaff zwischen Dortmund und Duisburg” (11), sie will
in den Süden und vielleicht mal „ausnahmsweise” in der Türkei leben (12).
Sie ist pleite, von zuhause abgehauen und hat in München keine Bleibe. Sie
hat Deutschland und das Leben satt, und sie spricht von ihrer Sehnsucht nach
dem Tod. Ihre Haare sind papageienfarben, und ihre Kleidung ist die eines
288
Tekinay 1990 a), S. 9-29. Im folgenden Teilabschnitt wird fortlaufend aus dieser Ausgabe
zitiert.
92
Punkmädchens. Alle jungen Männer sind von Melek fasziniert, aber eine
Verliebtheit entsteht zwischen Melek und Erhan, dem älteren Bruder von
Gökhan. Erhan nimmt an der am Abend der Verabredung stattfindenden
Rennfahrt nur gezwungenermaßen teil. Er ist einige Jahre älter als die
anderen Jugendlichen, studiert bereits Betriebswirtschaftslehre und schreibt
in seiner Freizeit schwärmerische Gedichte. Sein etwas höheres Alter und
sein wahrscheinlich anders geartetes Naturell haben bei ihm zur Anpassung
an die ihn umgebende Gesellschaft geführt. Gökhan appelliert an den großen
Bruder und dessen Loyalität, was Erhan nicht von sich weisen kann, obwohl
ihn dieser Appell in einen Konflikt mit der von ihm bereits erreichten
größeren Reife des nahezu Erwachsenen bringt. Melek und Erhan kommen
bei dem Unfall, der sich auf der Rückfahrt von München auf der Autobahn
ereignet, ums Leben. Beide sind anfänglich nicht an der Situation beteiligt,
sondern geraten in eine Konfrontation hinein, in der sie eigentlich
Außenseiter sind und müssen dabei ihr Leben lassen.
Das Scheitern der Lebensentwürfe
Diese Todesfälle können als Scheitern zweier Lebensentwürfe gesehen
werden. Melek ist eine junge Frau ohne genau klärbare Herkunft, ohne klare
Gegenwart und ohne eigentliche Zukunft mit starken Todeswünschen, ihre
Dimension ist die Unbestimmtheit und die Unbestimmbarkeit. Ihr Lebensentwurf muss scheitern, weil er gar keiner ist, und der von ihr erwünschte
Tod tritt ein. Durch den Titel der Erzählung, die „Todesengel” heißt und
nicht nur „Engel”, wird ein derartiges Ende von Beginn an angedeutet.
Erhans Tod erscheint aber weit tragischer und zunächst auch unverständlicher, wenn eine derartige Relativierung des Todes überhaupt erlaubt ist.
Oberflächlich erklärt werden kann er vielleicht durch die starke Attraktion,
die Melek durch ihr geheimnisvolles Wesen auf alle jungen Männer ausübt,
und durch die aufkeimende Verliebtheit zwischen Melek und Erhan. Nicht
jede Liebe ist glücklich und findet Erfüllung, nicht jede Verliebtheit führt zu
einem „Happy End”. Die beiden Liebenden, wie Wierschke sie nennt, sind
„melodramatisch im Tode vereint”,289 was nach Wierschke die Sinnlosigkeit
von Gewalt und Brutalität demonstrieren soll. Die Liebe von Erhan und
Melek ist allerdings noch so wenig entwickelt, dass der Gedanke an eine
Vereinigung sich nicht unmittelbar aufdrängt, und der Tod ist bei der Art
von Rennfahrten, wie sie hier stattfindet, ein mit einkalkuliertes Risiko.
Erhan kann sich gegen Gökhans Argument, es ginge um Gökhans Ehre,
nicht zur Wehr setzen, und gepaart mit der von Melek auf ihn ausgehenden
unwiderstehlichen Attraktion sind diese Kräfte zu stark. Sie werfen ihn aus
291
Wierschke 1996, S. 121.
93
der Bahn der beginnenden Reife eines Erwachsenen und der Angepasstheit
und kosten ihn das Leben.
Die Erzählung besitzt mehrere, lose miteinander verbundene Ebenen,
wodurch eine starke Spannung entsteht. Die äußere Ebene wird durch ihre
realistisch anmutende Rahmenhandlung und ihren Aufbau erzeugt. Die
einzelnen Abschnitte tragen Überschriften mit Orts- und (minuten-)genauen
Zeitangaben, wodurch die Erzählung mit den formalen Merkmalen eines
Reiseberichts oder einer Reportage versehen wird. Diese Stilelemente, die
dem authentischen Schreiben verpflichtet sind, deuten darauf hin, dass es der
Autorin daran gelegen ist, bei der Leserin und dem Leser den Eindruck
entstehen zu lassen, dass es sich, wenn nicht um ein reales, so doch um ein
realistisches Ereignis handelt, das hier in einem fiktionalen Text verarbeitet
wird. Der Rahmen, der durch die Beschreibung der verspäteten Ankunft des
Jungen Tamer in der Schule gebildet wird, wird durch die wörtliche Wiedergabe eines fiktiven Zeitungstextes geschlossen, in dem die dramatischen
äußeren Umstände des Verkehrsunfalls mit tödlichem Ausgang dargestellt
werden. Der Rahmen kann in dieser Erzählung als die Sicht aus deutscher
Perspektive interpretiert werden, aus der die Ereignisse durch den deutschen
(fiktiven) Zeitungsartikel eindeutig ausgrenzend zusammengefasst werden:
„Es handelt sich ausschließlich um türkische Staatsbürger” (28).
Die innere Ebene, die Ebene der Binnenerzählung, auf der sich die
eigentliche Handlung abspielt, wird durch Personen und Ereignisse
charakterisiert, die hauptsächlich der türkischen Migrantenminorität
angehören. Hier spielen die Jugendlichen die Hauptrolle, sowohl in ihrem
Familienleben zusammen mit der Elterngeneration als auch in ihrem sich
entwickelnden Eigenleben. Der Hintergrund der an der Handlung beteiligten
deutschen Jugendlichen wird nicht dargestellt, die Beschreibung konzentriert
sich auf die türkischen Migrantinnen und Migranten und ihre Kinder.
Einheimische und migrierte Jugendliche
In den türkischen Familien gibt es den strengen, autoritären und strafenden
Vater und die relativ stille Mutter, die nie als erste das Wort ergreift, die
gleichzeitig gläubige Mutter, die daran erinnert, dass man Allah zu gefallen
habe. Eltern anderer Nationalitäten werden nicht dargestellt. Dass es sich bei
den jugendlichen Protagonisten um junge Angehörige der deutschen
Majoritätsgesellschaft und der türkischen Migrantengruppe handelt, wird im
Text auf auffällige Weise mittels der Namen der Jugendlichen verdeutlicht:
Die Namen der türkischen Protagonisten sind Tamer, Erhan, Gökhan,
Ahmet, Öner, und dem namenlosen Mädchen wird der Vorname Melek mit
der Bedeutung „Engel“ zugeteilt. Die deutschen Jugendlichen heißen Nicky,
Rolf und Gerd, der deutsche Sozialarbeiter heißt Klaus-Dieter. Dieses
Nebeneinander von Personen, deren deutsche oder fremde Namen vor dem
Hintergrund der deutschen Gesellschaft zu trennenden Unterscheidungs94
merkmalen werden, ist als Hinweis des Textes auf die sich entwickelnde
Multikulturalität der Bundesrepublik bei fortdauernder Segregation zu sehen.
In den beiden Jugendgruppen zeigen sich große Gleichheiten zwischen
Deutschen und Türken. Obwohl nicht vergessen werden darf, dass die
jungen Deutschen der dominanten Mehrheitsgesellschaft und die jungen
Türken der von ihnen selber ironisierten so genannten zweiten Generation
einer unterprivilegierten Migrantenminorität angehören, findet sich eine
Bereitschaft zur gegenseitigen Anerkennung, die allerdings nicht kampflos
errungen werden kann. Die gewaltsame Methode, die sie für den Entscheidungskampf wählen, kann von der Erwachsenenwelt, gleich welcher
Nationalität, natürlich nicht zugelassen werden und wird daher vor ihr
geheim gehalten. An den beschriebenen Reaktionen ist abzulesen, dass die
Jugendlichen selber zu empfinden scheinen, dass sie sich bei diesem Kampf
einer großen Gefahr aussetzen.
Mehrere Erwachsene ahnen, was sich hier zusammenbraut. Das unter
Androhung von Strafe ausgesprochene Verbot von Tamers Vater, dem
Tamer von dem Vorhaben erzählt, hindert Tamer daran, sich an dem Rennen
zu beteiligen. Tamer überlebt die Nacht unversehrt und erhält dadurch die
Funktion des Zeugen, der der Außenwelt Bericht erstatten wird, wodurch
eine Verbindung zwischen der äußeren und der inneren Ebene geschaffen
wird. Der deutsche Sozialarbeiter und Bewährungshelfer, Klaus-Dieter
Wörishofer, merkt die Brisanz der Lage, die auf ihn wie eine Vorbereitung
zum Krieg wirkt. Er ist verzweifelt darüber, dass die Jugendlichen sich nicht
bei der Lösung ihrer Konflikte helfen lassen wollen. Schließlich muss er die
schwere Aufgabe übernehmen, die beiden tödlich verunglückten Jugendlichen zu identifizieren und schafft dabei die zweite Verbindung zwischen
den Ebenen. Da er Melek nicht kennt, bleibt die Frage nach ihrer Identität
für das deutsche Umfeld unbeantwortet.
Die Jugendlichen, um die es in dieser Erzählung geht, befinden sich in
einem dynamischen Lebensabschnitt: in der Phase der Entwicklung der und
des Jugendlichen zur und zum Erwachsenen. Dieses Phänomen wird unter
anderem bei Erikson mit „Identitätsbildung” bezeichnet, und die Zeit der
Adoleszenz, zwischen Kindheit und Erwachsensein, wird von Erikson unter
dem Namen „Karenzphase“ als psychosoziales Moratorium charakterisiert.
Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die normative Identitätskrise, die die
Adoleszenz abschließt, von den traumatischen und neurotischen Krisen zu
unterscheiden ist.290 Mit anderen Worten muss der Krise hier ihre oft ohne
weiteres unterstellte und dadurch missverstandene Bedeutung des
ausschließlich Pathologischen genommen und im Gegenteil darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie ein mehr oder weniger bemerkbarer Anteil
jeder Identitätsbildung ist.
290
Erikson 2000.
95
Die Suche der Jugendlichen nach ihrer Identität und damit auch nach
ihrem künftigen Platz in der Gesellschaft verursacht innere und äußere
Auseinandersetzungen, die von den Erwachsenen sorgenvoll beobachtet
werden. Zwischen den deutschen und türkischen Jugendlichen kommt es
dabei auch zu Annäherungen, die auf eine gemeinsame Zukunft in
gegenseitiger Anerkennung deuten können. Die jungen Deutschen sind nach
einleitendem Zögern in der Unfallsituation auf der Autobahn bereit, alle
mögliche Hilfe zu leisten, obwohl sie selber Angst vor der Polizei haben, die
sie nun rufen müssen. Hier findet sich die Hoffnung ausgedrückt, dass die
deutsche Gesellschaft die bereits existierende Situation im Hinblick auf die
Migranten nach anfänglichem Zögern anerkennen wird, wenn zunächst auch
Widerstand, Hindernisse und Kampf nicht völlig unumgänglich sind.
Die gemeinsame Sprache wird als deutliches Kennzeichen für die den
türkischen Jugendlichen gemeinsame Andersartigkeit eingesetzt. Die türkischen Jugendlichen in dieser Erzählung sprechen auch Deutsch fast
akzentfrei und zeigen dadurch ihre Fähigkeit, sich in der Mehrheitsgesellschaft zumindest sprachlich weitgehend unerkannt bewegen zu
können. Damit geben sie Beweise für ihre als interkulturell zu bezeichnende
Mehrfachkompetenz. Zur Stärkung ihrer gemeinschaftlichen Andersartigkeit
mit türkischem Hintergrund bewegen sie sich aber auch in türkischsprachigen Kontexten und das nicht nur innerhalb der Familie. In der
türkischen Kneipe am Starnbergersee sitzen die Jugendlichen beim Tee, der
nach türkischer Art aus Gläsern getrunken wird, es erklingt türkische Musik
aus der Musikbox und unübersetzte Textfetzen aus türkischen Schlagern
werden von allen mitgesungen – man fühlt sich offensichtlich in dieser
Kultur zu Hause.
Die harmonisierenden Tendenzen, die Irmgard Ackermann in Texten von
Tekinay aufgefunden hat, finden sich in der Erzählung Der Todesengel
nicht.291 Tekinay stellt die Schwierigkeiten der Beziehungen der türkischen
Jugendlichen zu den Deutschen dar und scheut auch vor Darstellung der
gewaltsamen Auflösung des Konflikts nicht zurück. Soll dies – wie
Wierschke interpretiert – „die Sinnlosigkeit von Gewalt und Brutalität”292
demonstrieren? Eine Deutung, die diese gewaltsame Auflösung auch als
folgerichtig anerkennt, erscheint sinnvoller. So lässt sich auch nicht sagen,
dass Erhan und Melek mit der Brutalität der Auseinandersetzung, die
Wierschke als „Bandenkrieg”293 bezeichnet, am wenigsten zu tun haben. Die
291
Ackermann 1997, S. 60-71. Ackermann bemerkt Tekinays romantisch verklärende Doppelgänger- und Identitätsaustauschkonstruktionen zur Aufhebung der Fremdheit in den
Erzählungen Jakob und Yakup und Die Heimkehr oder Tante Helga und Onkel Hans und im
Roman Der weinende Granatapfel, siehe S. 65.
292
Wierschke 1996, S. 121.
293
Wierschke 1996, S. 121. Bei den Gruppen handelt es sich auch nicht um „autoritär
strukturierte“ Banden, sondern eher gegenteilig um Beziehungsgeflechte, die durch „Muster
der Freundschaft“ zusammengehalten werden, siehe hierzu Schiffauer, 1983, S. 123.
96
Erzählung zeigt gerade, dass jeder einzelne an den Ereignissen beteiligt ist
und mit ihnen zu tun hat. Eine Wahlsituation ist nicht vorhanden, nur eine
Situation, die bewältigt werden muss. Dies gilt für die deutschen
Jugendlichen gleichermaßen. Sie sind zunächst in den Verkehrsunfall nicht
verwickelt, können sich schließlich aber nicht „unbeteiligt” verhalten. Sie
haben die Situation mit verursacht und gehen mit dem Herbeirufen der
Polizei ein gewisses Risiko ein, um trotzdem die aus humanitären Gründen
notwendige Hilfe zu leisten.
Die Gestaltung der Rollenproblematik in den Figuren Melek und Erhan
Die Handlungen der Titelfigur Melek und die des Erhan sollen nun wegen
der durch sie verdeutlichten Rollenproblematik abschließend noch genauer
untersucht und interpretiert werden. Über ihr Innenleben ist aus der
Erzählung nicht viel zu erfahren, dahingegen weist beider Verhalten klare
Stellungnahmen zum Bündel gesellschaftlicher Verhaltenserwartungen in
der Lebenswelt eines Menschen durch entweder Rollenübernahme oder
Rollendistanz den ihnen gegenüber angesonnenen Rollen auf.294
Melek zeigt mit ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Verhalten ihre
extreme Weigerung, sich rollenkonform zu verhalten. Da ihr Aussehen nicht
den Erwartungen entspricht, die die jungen Männer an das Aussehen einer
jungen (Deutsch-)Türkin haben, kann sie sich bei ihrer ersten Begegnung mit
Tamer allein dadurch als Türkin zu erkennen geben, dass sie die mit ihm auf
Deutsch begonnene Unterhaltung auf Türkisch fortführt. Wenn Melek lacht,
sieht sie aus, als ob sie weint, und Tamer kann diese Mengen von Widerspruch nicht verarbeiten. Er gerät ins Schwitzen, ihr geheimnisvolles Wesen
erregt Gefühle in ihm, die er nicht deuten kann, weder jetzt noch später, und:
„Der Rauch aus ihrem halboffenen Mund legte sich als bläulicher Schleier
über ihr Gesicht” (11). Melek macht sich unkenntlich, sie wird ihr
Geheimnis mit in den Tod nehmen. Hier kommt doppelte Rollendistanz zum
Ausdruck: Melek ist als Punkmädchen verkleidet, und der Rauch verhüllt sie
wie eine Orientalin der Schleier, sie ist jedoch weder das eine noch das
andere.295
Melek, die „dufte Biene”, der „steile Zahn” (18) ist nach Gökhans
Meinung ein „türkisches Punkmädchen”(18), und als sie von ihrer Todessehnsucht spricht, ist erneut die Fähigkeit der Jugendlichen, Ambiguität zu
ertragen, überfordert: die durch Meleks Ankunft erzeugte Spannung in der
türkischen Jugendgruppe, in die Tamer Melek mitgebracht hat, entlädt sich
in schallendem Lachen. Sie überredet die jungen Männer, bei der Rennfahrt
mitmachen zu dürfen, obwohl diese der Meinung sind, dass so eine Sache
294
Vgl. Haußer 1983, zum Rollenbegriff S. 21.
Um diese doppelte Rollendistanz ausüben zu können, muss Melek die von vornherein von
ihr abgewiesene Rollenzuweisung wieder evozieren: ein intrikates Spiel!
295
97
„nix für Mädchen” (19) sei. Meleks poetischer Kommentar zu den Ereignissen der bevorstehenden Nacht lässt sie in Gökhans Augen als Dichter (!)
in der Art seines Bruders erscheinen, und in Tamers Wahrnehmung ändert
Melek ihr Aussehen von dem eines Punkmädchens, sie wird zu einem
anatolischen „Mädchen an einem Hirtenbrunnen” (20), ebenso wird sie auch
von Erhan gesehen (22 f). Für Tamer ist Melek ein Engel. Auch die
deutschen Jugendlichen reagieren mit Gelächter auf den unvereinbaren
Widerspruch, der für sie in der „Türkin ohne Kopftuch”, die „noch dazu ein
Punkmädchen” ist, (25) verkörpert wird, als Melek ihnen in der Diskothek in
München vorgestellt wird. Alle Rollenzuweisungen an Melek scheitern an
ihrer Weigerung und so lässt sich abschließend, nach dem tödlichen Unfall,
auch ihre Identität – „noch“ (29) – nicht feststellen.
Melek verkörpert als einziges Mädchen in dieser Erzählung die Rolle der
(jungen, heranwachsenden) Frau. Durch die ausgesprochene Rollendistanz,
mit der diese Gestalt in der Erzählung gezeichnet wird, entzieht sie sich
jeglicher Festlegung auf eine konventionelle Frauenrolle und jeglicher
klischeehaften nationalen Verortung. Sie fordert Rollenzuweisungen heraus,
stellt sie in Frage und verweigert sich ihnen. Keineswegs ist „die Erfüllung
männlicher Bedürfnisse vornehmstes Ziel”296 für Melek, aber über ihre
eigenen Bedürfnisse ist sie sich auch nicht im Klaren. Melek ist
gekennzeichnet durch die Merkmale einer Situation, in der alte
Vorstellungen von Weiblichkeit und nationaler Zugehörigkeit für das Finden
von Identität und Rolle nicht mehr ausreichen und neue Alternativen noch
nicht klar genug erkennbar sind. Ihre Todessehnsucht und ihr schließlicher
Tod sind die tragische Lösung in einer aussichtslosen Lage – die
Gesellschaft hält noch keine neue Rollendefinition und -gestaltungsmöglichkeiten für junge Mädchen in Meleks Situation bereit. Tekinay macht
in der Figur Melek deutlich, wie die Suche nach einer neuen weiblichen
Identität über die Zerstörung des bisher bekannten Bildes der Frau, zumal
des Bildes der Migrantin in der deutschen Gesellschaft, gehen muss.
Gleichzeitig wird hier die dringende Notwendigkeit der Überprüfung der
bisher vorhandenen (Vor-)Bilder deutlich. Wie weit haben sie eigentlich
jemals mit der Wirklichkeit übereingestimmt? Der Wunsch nach Zerstörung
des alten Bildes, ausgedrückt durch Meleks Todeswunsch, führt
zwangsläufig zum Scheitern mit tödlichem Ausgang in dieser Situation, wo
es – noch – keine Entwürfe für eine neue Frauenrolle mit ausreichendem
Platz für Migrantinnen, egal welcher Herkunft, gibt. Dass dieser Wunsch zu
dem Zeitpunkt in Erfüllung geht, wo Melek die Remigration in Erwägung
zieht, kann auch der Rückkehrillusion gegenüber, die in Migrantenkreisen
häufig zu beobachten ist, als Aufkündigung gesehen werden. Eine neue
Frauenrolle und neue Rollen für Migrantinnen und Migranten müssen
296
98
Richter-Schröder 1986, S. 17.
gefunden werden – dass eine Hoffnung darauf besteht, wird, wenn auch
schwach, durch das winzige Wort „noch” (29) ausgedrückt.
Erhans Rolle ist die eines fast erwachsenen, angepassten, integrierten
türkischen Migranten. Er hat die Wünsche seiner Eltern erfüllt, das Abitur
geschafft und studiert Betriebswirtschaftslehre (vgl. 14). Sogar Erhans
Aussehen unterstützt sein Aufgehen in die Mehrheitsgesellschaft. Er hat
blaue Augen, die nicht wie Gökhans Augen voller Hass, sondern träumerisch, sanft und voller Schwermut sind. Die Eigenschaften, die Erhans
Person derart in Einklang mit der ihn umgebenden Mehrheitsgesellschaft
bringen, deuten eine Assimilierung an, die bis zur Selbstaufgabe zu gehen
scheint. Er verschließt sich nicht dem Wunsch seines Bruders nach Unterstützung bei der Durchführung des Entscheidungskampfes zwischen den
Jugendgruppen, folgt Gökhan allerdings zu dem Treffen der Jugendlichen
allein in der Absicht, sie zu versöhnen (vgl. 23). Erhans größere Reife lässt
ihn nach anderen Lösungen als denen des Kampfes suchen. Nach dem Urteil
aller anderen Jugendlichen führt sich Erhan „schulmeisterlich wie der Sozius
Wöri-Bubi” (25, gemeint ist der Sozialarbeiter Klaus-Dieter Wörishofer;)
auf, als er Melek in Schutz nimmt und versucht, die Jungen in der Münchner
Diskothek unter Hinweis auf die bevorstehende Rückfahrt über die Autobahn daran zu hindern, zu viel zu trinken. Erhans Tod als Scheitern seines
Lebensentwurfes wird verständlich als eine Aussage darüber, dass auch das
Unsichtbarwerden der Migrantinnen und Migranten in der deutschen
Gesellschaft, erreicht durch (Über)-Anpassung und Assimilation keine
Antwort auf die Frage nach einer angemessenen Rolle in dieser Gesellschaft
für sie und ihre Kinder ist.
An den Jugendlichen als Vertretern des Bevölkerungsanteiles, der alltagssprachlich schon immer als die Verkörperung der Zukunft des Landes
bezeichnet wird, könnten sich Voraussagen über diese Zukunft ablesen
lassen. Unterwegs in eine mehrkulturelle Gesellschaft mit größerem Spielraum für gegenseitige Anerkennung, Emanzipation und Toleranz stellen sich
für alle Beteiligten mehr Fragen, als fertige Antworten vorhanden sind.
Da sowohl Erhans Lebensentwurf durch die versuchte Assimilation und
Meleks Lebensentwurf, der stärker einem Todesentwurf gleicht, in dieser
Erzählung zum Scheitern verurteilt werden, hält auch die Autorin keine
Antworten auf die dringlichen Fragen der Beteiligten nach ihrer künftigen
Identität und nach ihren Rollen bereit. Die abschließenden Worte der
Erzählung: „Sachdienliche Hinweise werden von jeder Polizeidienststelle
entgegengenommen...” (29, Auslassungszeichen im Original) fordern jede
und jeden auf, ihren Beitrag zur Beantwortung durch ihre Teilnahme an der
Entwicklung zu leisten.
99
Natascha Wodins Roman Die gläserne Stadt
Der Beamte am Paßschalter mustert lange meinen Paß. Dann blickt er auf mit dem
Anflug eines Lächelns: „Sind Sie Deutsche, Russin oder beides?“ „Tja“, antwortete
ich, „wenn ich das wüßte“ (123).
Die Schriftstellerin Natascha Wodin ist 1945 als Kind russisch-ukrainischer
Migranten in Fürth geboren und in Nürnberg und Forchheim aufgewachsen.
Russisch ist ihre Muttersprache, sie erwarb ihre ersten Deutschkenntnisse
erst, als sie in die Schule kam.297 Ehe sie in den 1980er Jahren völlig zur
freien Schriftstellerinnenexistenz überging, war sie mehrere Jahre lang unter
anderem als Übersetzerin und Dolmetscherin tätig.
Natascha Wodins erster Roman Die gläserne Stadt erschien 1983 zum
ersten Mal und wurde mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet.298 Daran
schlossen sich ein Gedichtband und weitere Romane an. Wodins Romane
sind in mehrere Sprachen übersetzt worden. Sie erhielt 1998 den ChamissoPreis und lebt heute in Berlin. Trotz aller dieser Auszeichnungen und der
Tatsache, dass einige Romane in mehreren Auflagen erschienen sind, ist
Wodin in der deutschen Sekundärliteratur bisher kaum behandelt worden. In
Chiellinos Handbuch Interkulturelle Literatur in Deutschland wird einzig
festgestellt, dass Wodin dadurch, dass sie auf Deutsch schreibt, als
Ausnahme unter den russischen Autor/innen zu betrachten sei.299 Die zweite
Erwähnung von Wodins Namen findet sich auf der Liste der ChamissoPreisträgerinnen und -Preisträger. Damit sind auch bereits alle auffindbaren
Angaben über diese Schriftstellerin aufgezählt – weder Werkverzeichnis
noch biographische Angaben finden sich im Handbuch. In Anbetracht des
Umfanges des Handbuches Interkulturelle Literatur in Deutschland ist
anzunehmen, dass es für lange Zeit eine Art Standardwerk im Bereich dieser
Literatur darstellen wird, weshalb ein Fast-Verschweigen der
schriftstellerischen Bedeutung von Wodin, welches sich durch die bisher
ausgebliebene literaturwissenschaftliche Rezeption ausdrückt, besonders
folgenschwer werden könnte. Es bliebe zu untersuchen, ob sich hier ein
doppelter Versuch der Marginalisierung bemerkbar macht: zur Marginalisierung der Frau und der Frauenliteratur addiert sich die soziale Randposition als Migrantin. Eine genauere Untersuchung der Gründe dafür, dass die
Untersuchung von Wodins Texten in der Forschung bisher ausgespart
worden ist, sprengt allerdings den Rahmen der vorliegenden Arbeit und wäre
eine Angelegenheit für künftige Forschung.
In Natascha Wodins Texten wird das Thema der Identitätssuche vor dem
mehrkulturellen Hintergrund auf immer neue Art variiert. Wenn die Texte in
297
Ich danke Frau Wodin für ihre ausführliche Beantwortung meiner diesbezüglichen
Briefanfrage in ihrem E-Post-Schreiben vom 15. Juni 2002.
298
Wodin 1994. Aus dieser Ausgabe wird im folgenden Teilabschnitt zitiert.
299
Walter 2000, S. 189-198.
100
mehreren Romanen (besonders Die gläserne Stadt, Einmal lebt ich, Die Ehe)
und in den Erzählungen im Sammelband Das Singen der Fische (2001) auch
vorverweisend und rückverweisend gegenseitig aufeinander Bezug nehmen,
haben die Protagonistinnen und Protagonisten jeweils andere (Vor-)Namen,
was eine Rezeption der verschiedenen Texte als Fortsetzungsromane oder
Serie verhindert. Obwohl sie also inhaltlich und thematisch miteinander
verbunden sind, werden durch die unterschiedlichen Namen der zumindest
teilweise offenbar wiederkehrenden Protagonistinnen und Protagonisten
Brüche und auch jeweils ein Neubeginn und eine neue Perspektive gekennzeichnet. Diese Vorgehensweise kann außerdem als Mittel zu sehen sein, mit
dem die Schriftstellerin die Distanz zwischen realer und abstrakter, auch
zwischen realer und fiktiver Autorin verdeutlicht,300 möglicherweise um der
behaupteten Verunklärung dieses Verhältnisses entgegenzuwirken.301 Die
konsequente Schreibweise der Ich-Erzählung und die Einbettung der Erzählerin in dieselbe ursprungsfamiliäre Situation stellen eine Konstante und ein
Bindeglied zwischen den Romanen dar und könnten leicht zu der Auffassung führen, es handele sich bei diesen Texten um Autobiographien, die
verschiedene Lebensabschnitte schildern.302
Der Roman Die gläserne Stadt wird aus der zeitlichen Perspektive
erzählt, in der die Ich-Erzählerin die Lebensphasen der Kindheit, Jugend und
der ersten gescheiterten Ehe bereits hinter sich hat. Der Roman erhält
dadurch den Charakter eines Panoramas, dessen Einzelheiten teils angedeutet, teils ausgearbeitet werden. Von den hier erwähnten drei Romanen
umrahmt Die gläserne Stadt das größte Ausmaß der erzählten Zeit. Weil
darin die Biographie der Ich-Erzählerin von den Anfängen an bis zur angenommenen Lebensmitte berichtet wird, eignet er sich für eine Interpretation
der darin dargestellten Identitätsentwicklung besonders gut.303
Struktur und Inhalt des Romans – ein Überblick
In dem kompliziert zusammengesetzten Mosaik des Romans tritt die Lebensgeschichte der Ich-Erzählerin in Abschnitte unterteilt hervor, die sich erst
nach dem abgeschlossenen Lesen zu einem Ganzen verbinden, in dem die
Zusammenhänge sich erschließen lassen. Einen äußeren Erzählrahmen bildet
300
Die Bezeichnungen für die Autorinstanzen sind übernommen aus Link 1976.
Siehe die Überlegungen über das Authentische in der Gegenwartsliteratur bei Krechel
1979, S. 80-107.
302
Die sorgfältige Trennung des Fiktiven vom Authentischen wird durch folgenden Hinweis
der Ich-Erzählerin in Form einer Fußnote erschwert: „Ich wollte dieses Buch unter meinem
russischen Mädchennamen Natascha Wdowin veröffentlichen. Der Verlag bestand darauf,
daß ich diesen Namen eindeutsche, leicht lesbar und aussprechbar für Deutsche mache. Ich
verstehe das als Teil der Geschichte, die ich in diesem Buch niederschreibe“. Wodin 1994, S.
30.
303
Wodins Romane Einmal lebt ich (1989) und Die Ehe (1997) vertiefen einzelne, in der
Gläsernen Stadt nur angedeutete Lebensphasen durch den erzählerischen Rückblick.
301
101
ihr katastrophales Liebesverhältnis zum russischen Dichter und Übersetzer
L, den sie in Deutschland bei seiner Lesereise kennen lernt. Dieses
Verhältnis wird sie im Zeitraum von gut anderthalb Jahren zum unentschlossenen Hinundherreisen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
der Sowjetunion, zwischen ihrem deutschen Freund Helmut und dem Russen
L zwingen. Der Tod von L wird der Pendelbewegung ein vorläufiges Ende
setzen, und die Erzählung kann beginnen (Kapitel 1). Der äußere Erzählrahmen schließt sich im fünfzehnten, dem letzten Kapitel, das mit denselben
Worten eingeleitet wird wie das erste, nämlich mit der Rückreise der IchErzählerin nach Deutschland.
In diesem als Ich-Erzählung gestalteten Roman, in dem sich die Pendelexistenz der Erzählerin als das Wechseln zwischen den zwei Erzählsträngen
konkretisiert, wird die Position der Außenseiterin auch durch die von der
Ich-Erzählerin ausgehend extrem fokalisierte Erzählperspektive reflektiert,
aus der das Erzählte trotzdem durchgehend kommentiert wird, mehrmals in
Form von Kommentaren einer fiktiven Autorin. Bewusstseinsvorgänge und
Handlungen vollziehen sich in Räumen und werden in einem Text
beschrieben, in dem Dialoge eine Seltenheit sind, was die Ausgeschlossenheit der Ich-Erzählerin von echter Kommunikation mit der Umwelt
widerspiegelt. Nataschas Erzählung stellt dar, welche Folgen auf der
persönlichen Ebene ihre existentielle Position der gleichzeitigen Beteiligtheit
an und Ausgegrenztheit der Migrantin von der sie umgebenden Gesellschaft
hat.
Innerhalb des Erzählrahmens bildet die Erinnerung der erwachsenen Frau
an ihre Lebensgeschichte einen weiteren Erzählstrang. Sie erzählt Episoden
von ihrer Geburt, Kindheit und Jugend als Tochter russischer Flüchtlinge,
die in Deutschland im Lager leben, wo auch das Kind seine ersten Lebensjahre verbringt. Zu Hause lernt sie Russisch, in der Schule Deutsch gierig
und schnell, später auch Englisch mit großem Erfolg. Ihre Sprachbegabung
schenkt ihr einzelne Glücksmomente, ist aber gleichzeitig ihre Verurteilung
zur späteren Wahl ihres ungeliebten Berufs als Dolmetscherin.
Die jahrelange Schwerstarbeit als Dolmetscherin, während der sich ihre
unbearbeiteten Traumas vertiefen und neue Verletzungen hinzukommen,
führt sie in den körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Auf dem Weg
zurück in ein halbwegs normales Leben wird sie von ihrem deutschen
Freund Helmut begleitet. Ihr Verhältnis ist nicht unkompliziert, stellt aber
den schwankenden Boden dar, von dem aus die Ich-Erzählerin versucht, sich
langsam wieder in die Normalität zurück zu begeben. Die verschiedenen
Erzählstränge verweben sich ineinander parallel zur Aufarbeitung der verschiedenen Lebensphasen, mit der die Ich-Erzählerin intensiv beschäftigt ist.
Bei der nun folgenden Untersuchung der Identitätsbildung der IchErzählerin soll der Versuch unternommen werden, die Prozesshaftigkeit der
Identität der Ich-Erzählerin unter Berücksichtigung ihres mehrsprachlichen
und mehrkulturellen Hintergrundes besonders mit Hilfe der sozialpsycho102
logisch-soziologischen Sichtweise der „Identitätsbalance“304 zu erfassen.
Dieses Vorgehen räumt einer eher auf psychoanalytischen Erklärungsmodellen fußenden Interpretation, die sich wegen der besonderen Problematik der frühkindlichen Sozialisation und deren Folgen für die Entwicklung
der Ich-Erzählerin anbieten würde, lediglich eine unterstützende Rolle ein
und verspricht dem migrationsspezifischen Gehalt des Textes gerechter zu
werden.
Die frühe Sozialisation und das Heranwachsen der Ich-Erzählerin
Natascha wächst in der starken Empfindung und im Bewusstsein von Heimweh auf. „Ich weiß: Heimweh. Ich weiß nur nicht, wonach. Heimweh ist ein
Bestandteil der Luft.“ (189) Beschrieben als Bestandteil der Luft konstituiert
diese Sehnsucht ihre eigene existentielle Grundlage und die Lebensbedingungen der sie im Flüchtlingslager umgebenden Menschen. Der
genauere Inhalt der Sehnsucht entzieht sich jedoch einer festlegenden
Beschreibung.
Heimweh wird normalerweise als große Sehnsucht nach der fernen
Heimat definiert, wobei das, was Heimat bedeutet, der Geburtsort oder
Wohnort, der Ort, an dem es Freunde und Familie gibt, sein kann.305
Natascha wird jedoch dazu erzogen, ihren Geburtsort, ihren Wohnort und
den ihrer Familie, also ihre Heimat als Nicht-Heimat, jede auch nur geringfügige Behaustheit als Nicht-Behaustheit zu empfinden, ohne die Gründe
dafür zu verstehen: Sie empfindet Heimweh als eines der mit der Mutter
verbundenen Worte, die sich in sie eingeätzt haben und ihr „trotzdem fremd
sind, stereotyp, für immer unentschlüsselt“ (78).
Nataschas im Roman beschriebenes Leben und Streben besteht aus
qualvollen Anstrengungen, den bewusst oder unbewusst empfundenen, aber
nicht verstandenen Mangel zu erkennen und auszugleichen. Bei
wiederholten Rückzügen aus den verschiedenen Lebenslagen riskiert sie
immer wieder zu verkennen, was ihr eigenes Identitätsprojekt sein könnte,
wenn es ihr gelänge, ihre tatsächlichen Voraussetzungen durch Reflexion
und Fragen an sich selbst positiv anzuerkennen, statt sich nur negativ und in
Ausdrücken des Mangels zu definieren.
Wie sich die grundlegende „Ungleichheit zwischen Eltern und Kind“306
im Leben der Ich-Erzählerin äußert, wird in aller Deutlichkeit dargestellt.
Der Vater misshandelt sie, die Mutter kann sich, infolge ihrer eigenen
Krankheit, nicht genügend um sie kümmern und nimmt sich schließlich das
Leben. Das nahe Umfeld des Kindes ist voller Gefahren, Gewalttätigkeit,
Tod, Mord und Selbstmord. Liebe und Fürsorge der Eltern, die zur
304
Vgl. Krappmann 2000.
Vgl. Schlink 2000, S. 23ff.
306
Erikson 2000, S. 95.
305
103
Entwicklung von Selbstvertrauen und Zuversicht führen könnten, erfährt sie
kaum, dahingegen Traumas, Erniedrigungen, Verletzungen. Sie sieht sich als
„ein unerschrockenes, abgehärtetes, an einen brutalen Alltag gewöhntes
Kind. Dieser Alltag ist nichts Besonderes, nichts Erschreckendes für mich,
ein anderer ist gar nicht denkbar“ (79), was eine Übernahme der Einstellungen der Umwelt für ihre eigene Sicht auf sich selber ausdrückt.
Der versuchte soziale Aufstieg der noch sehr jungen Frau durch die Ehe
mit einem Deutschen und die Überanpassung an das, was sie für deutsch
hält, gelingen nicht. Sich selbst immer mehr entfremdet nach „acht Jahren
mörderischen Zweikampfs“ (23) ist sie bei der Scheidung aber immer noch
ohne Einsicht in ihre Probleme. Die Scheidung bedeutet zwar einen
Abschied von der unüberlegt übernommenen Rolle der sich assimilierenden
Ausländerin, die „die Perspektiven, Urteile und Vorurteile des Assimilierenden“307 ganz übernommen hatte, ihre nächste Entwicklungsphase vollzieht sich in der Übernahme einer Protestrolle aber gleichfalls unbedacht nur
im Aufsuchen und Ausprobieren von Gegenwelten, wodurch sich ihre
Position als Außenseiterin vervielfacht. Die Ausübung des Dolmetscherinnen-Berufs in diesem Lebensabschnitt verstärkt diese Position, und der
Zusammenbruch lässt nicht lange auf sich warten.
Die Identitätsbildung des Individuums, so beschreibt Erikson, ist ein
Prozess, der „für das Individuum und seine Gesellschaft weitgehend
unbewußt verläuft“.308 Bei der Identitätskrise der Ich-Erzählerin handelt es
sich aber um eine pathologische, für Individuum und Gesellschaft tatsächlich
wahrnehmbare Krise, die eventuell mittels therapeutischer Behandlung, aber
auch durch Reflexion, Entwicklung von Bewusstsein und Handlungsbereitschaft überwunden werden kann. Die Ich-Erzählerin stellt sich diesen
Aufgaben, indem sie ihre bisherigen Lebenserfahrungen erinnernd zu
verstehen sucht und gleichzeitig versucht, sich Fähigkeiten für Entwurf und
Durchführung ihres weiteren Lebens anzueignen.
In ihrer Existenz als Migrantenkind und in ihrem späteren Leben haben
Nataschas Sprachbegabung und ihre Kenntnisse vor allem der russischen
und deutschen Sprachen eine entscheidende Rolle gespielt. Ihre Sprachbiographie gibt daher wichtige Hinweise für ihre Identitätsentwicklung und soll
nun näher untersucht werden.
Sprache als Vortäuschung von Heimat
Als Flüchtlingskind mit russischer Muttersprache im Lager, als Deutsch
lernende Ausländerin in der deutschen Schule kämpft Natascha um einen
Platz in beiden sprachlichen und kulturellen Kontexten. Erst als Erwachsene
wird Natascha zu der Einsicht gelangen, dass diese Tatsachen ihrer
307
308
Şenocak 2000, S. 249-262, hier S. 251.
Vgl. Erikson 2000, S. 141.
104
Sprachbiographie die Zersplitterung ihrer Lebenserfahrungen in unintegriert
nebeneinander bestehende Teile verdeutlichen: „[...] alles war deutsch,
soweit ich schauen und hören konnte, aber das war das Draußen. Drin war
Russisch“ (39). Ihre Russisch-Kenntnisse werden beim Eintritt in die
deutsche Schule total entwertet – hier wird Deutsch gesprochen. Diese
Sprache schnell und hervorragend zu lernen, bereitet dem Schulkind aber
keine Schwierigkeiten. Im Anschluss daran entwickelt sich der Zwang zum
Übersetzen, die Notwendigkeit, alles Gedachte und Verbalisierte für sich
selber von der einen Sprache in die andere, vom einen Ich ins andere Ich zu
übersetzen (vgl. 39), aber auch das Ansinnen der Umgebung, vor allem das
lebenslang bestehen bleibende Ansinnen des Vaters, der nie Deutsch lernen
wird, das sie von nun an in eine Übersetzerinnenrolle zwingt. Ein Versuch,
dieser Rolle gegenüber auf Distanz zu gehen, wird durch Nataschas
Entdeckung und Verwendung der Lüge ermöglicht. Die Reichweite dieser
Überlebensstrategie ist aber nur kurz, da die meisten ihrer kindlichen Lügen
schnell entlarvt werden und die, die unentdeckt bleiben, die Entstehung
übersteigerter Schuldkomplexe in der Seele der Heranwachsenden
verursachen.309
In die Gemeinschaft der deutschen Mitschülerinnen und Mitschüler wird
sie nicht aufgenommen, sondern man weist ihr eine Außenseiterposition zu,
wobei der Hinweis auf ihre Zugehörigkeit zu einer anderen Nation und
Sprachgemeinschaft als demütigendes Ausgrenzungsmittel benutzt wird. Die
Lehrerin hat den Schulkindern „die Wahrheit über die Russen“ (184) gesagt:
es sei ein Volk von Mördern und Barbaren, wobei Natascha zugemutet wird,
diese Beschreibung als Identifikationsangebot aufzufassen. Klein, wie sie ist,
ist sie noch nicht in der Lage, die Verdrehung der historischen Tatsachen zu
entdecken bzw. auf ihre Nichtbeteiligung an begangenen Kriegsverbrechen
hinzuweisen. Offiziell wird die Demütigung durch die deutsche Schule auf
der ersten Beurteilung außerdem mit der Formulierung unterstrichen, sie
habe, „wider Erwarten ausgezeichnete Lernerfolge“ (75) erzielt.
Die mütterliche Zuwendung in Nataschas ersten Lebensjahren, so ungenügend wie sie infolge der bis zum Selbstmord führenden seelischen
Krankheit der Mutter sein mag, findet in russischer Sprache statt. Beide
Eltern betonen immer wieder, dass die Familie nicht deutsch ist, sondern
dass sie Russen sind. Da die Mutter auch ihre eigenen unerfüllbaren Sehnsüchte und ihr Heimweh auf ihr Kind projiziert, entwickelt Natascha die
309
Die gläserne Stadt, im Roman einzig erwähnt in einer von der Mutter auf Russisch
erzählten Geschichte, wird vom Kind Natascha als Metapher für das von ihr ersehnte
Deutschland aufgefasst. Handelt es sich dabei um das neue Jerusalem in den Offenbarungen
des Johannes, um „die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas“? Dann wäre Nataschas
Untergang besiegelt, dann kann sie zu Deutschland nie Zutritt gewinnen, denn „ [...] nichts
Unreines wird hineinkommen und keiner, der Greuel tut und Lüge, sondern allein, die
geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes.“ – Der Bibeltext findet sich in Johannes
Offenbarung, Kapitel 21, Vers 18, vgl. auch Vers 21.
105
Phantasievorstellung, dass Russland auch die Heimat aller ihrer unerfüllten
Sehnsüchte und ihre „innere Fluchtmöglichkeit“ (86) sei. Ihr Versuch,
dieses Land über die Ausübung des Dolmetscherinnenberufs zu erreichen,
muss aber scheitern, da das offizielle, geographische und politische Gebilde
Russland, das sie während ihrer Berufstätigkeit kennen lernt, keine
Ähnlichkeiten mit ihrer utopischen Vorstellung davon hat. Denn Russland,
die Utopie und der erträumte Ort der Erfüllung aller Sehnsüchte, ist ein
Gebilde aus Sprache, im wahrsten Wortsinne aus Mutter-Sprache, das sie
allein „aus Büchern, Liedern, Gedichten“ (22) und von der elterlichen
Ansprache her kannte.
Bereits beim Schulanfang entwickelt Natascha eine Magersucht.
Deutsche Eigenschaften, die das Kind definiert – Hunger haben, essen
können, deutsch Schlafen unter einer deutschen Federdecke, „Schlafen auf
Biegen und Brechen“ (139) und während des Mittagsschlafes im Kinderheim
„Nicht-aufs-Klo-müssen“ (140) – kann sie sich nicht aneignen. Als
erwachsene Frau in ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin aber empfindet sie sich
zum Wechselautomaten reduziert und bezeichnet ihre Arbeit als Ausspucken
von Sprache, was eine metaphorische Parallele zu den Symptomen ihrer
lebenslangen Magenkrankheiten bildet. Die Gier, mit der sie Essen und
Sprachen in sich aufnimmt, entspricht den heftigen körperlichen und seelischen Erschütterungen, mit denen sie beides unverdaut wieder von sich gibt.
Die Aufnahme und Verwertung von Nahrung auf körperlicher Ebene und die
Aufnahme und Verwertung von Sprache auf seelischer Ebene sind und
bleiben aber auch für Natascha eine Lebensnotwendigkeit.
Sprachkenntnisse allein haben nicht das Gefühl von Heimat, Identität und
Dazugehörigkeit wachsen lassen. Als Kind verschaffen ihre Deutschkenntnisse ihr nicht die Aufnahme in die Schulgemeinschaft, wobei ihre
Muttersprache sie gleichzeitig stigmatisiert. Bei ihrer Arbeit als Dolmetscherin müssen Nataschas Sprachkenntnisse allein dazu dienen, fremde
Inhalte, von denen sie selber ausgeschlossen war und die sie ausschlossen,
zu transportieren. Diese Versuche, eine Heimat zu finden, die das Heimweh
stillt, sind gescheitert, und die Frage danach, wo diese Heimat zu finden sein
mag, stellt sich nachhaltiger denn je.
Nach ihrem Zusammenbruch, der das Ende von Nataschas bisher relativ
ziel- und planloser Lebensführung markiert, muss ein neuer Anfang auf dem
Kern ihrer Persönlichkeit aufbauen, der durch die Krise nicht ausgelöscht
worden ist: auf der Identifikation mit ihrer Weiblichkeit und ihrer Liebe zur
russischen und deutschen Sprache.
Das Pendel
Die Gleichsetzung von Literatur und Dichtern, von russischer Dichtung und
russischer Wirklichkeit, die Natascha bei der gemeinsamen Ankunft mit L in
Moskau zum Ausdruck bringt, ist folgenschwer. Denn auch die privilegierte
106
Welt der russischen Literaten, denen die harten Lebensbedingungen
normaler Russen durch staatliche Eingriffe großteils erspart bleiben, stellt
eine Außenseiterposition dar, in der das Verhältnis zwischen Fiktion und
Realität auf einer konkreten Ebene reflektiert wird. Nataschas – offizielle
und inoffizielle – Arbeitsaufgabe besteht in der Übersetzung literarischer
Texte, denen sie sich viel näher und weniger entfremdet fühlt als früheren
Dolmetscherinnenaufgaben in der Schwerindustrie. Dennoch handelt es sich
weiterhin um fremde Texte, bei deren kunstvoller Übersetzung die
Originalität der Autorinnen und Autoren zu bewahren die äußerste
Herausforderung für die Übersetzerin bedeutet. Damit ist gleichzeitig
angedeutet, dass das Unsichtbarwerden der Übersetzerin im übersetzten Text
das höchste anzustrebende Ziel wäre. Nataschas persönliche Bedürfnisse
müssen hierbei wieder zu kurz kommen, wenn sich keine anderen befriedigenden Ausdrucksmöglichkeiten für eine autonome Existenz anbieten.
Auch bei dieser Ankunft in Moskau findet die Ich-Erzählerin wieder kein
Russland, dass sie so, wie es ist, als wirklich anerkennen will, und es ist auch
nicht die echte Entsprechung ihrer Traumvorstellungen. L, in seiner
Tätigkeit als Dichter und Übersetzer von Poesie zwischen der russischen und
deutschen Sprache, muss zunächst auf Natascha den Eindruck der
Verkörperung aller ihrer Wunschvorstellungen machen und eine unwiderstehliche Attraktionskraft auf sie ausüben. Beim näheren Kennenlernen von
L und den anderen russischen Literaten, beim Kennenlernen des Russlands
der Privilegierten und der gleichzeitigen Wahrnehmung der teils widrigen
Umstände, unter denen die Normalbevölkerung lebt, gerät Natascha aber in
einen neuen Zwiespalt. Auch die fehlenden demokratischen Rechte der
russischen Staatsbürger werden von ihr bemerkt. Besonders stört sie der
Mangel an Freizügigkeit, den sie drastisch beschreibt als „Versklavung, das
Eigentumsrecht an Menschen immer dann, wenn es um ihre physische,
räumliche Entfernung geht“ (119).
Eine ausdrückliche Analyse der Gesellschaftsverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland und in Russland findet im Roman nicht statt, Kritik
wird eher in Andeutungen und Ausrufen vorgetragen. Obwohl die IchErzählerin ja in Deutschland geboren und groß geworden ist, hat sie diese
Gesellschaft immer nur von ihrer Position als Außenseiterin aus sehen
können. Ihre Beschreibung von Deutschland als einem Land mit makelloser
Fassade, hinter der seine schaurige Geschichte nur schlecht versteckt ist, im
Kontrast zu Russland als einem Land, wo Mängel und Katastrophen für
jeden ersichtlich offen liegen, (vgl.128f) bildet eine Art der Widerspiegelung
ihrer eigenen Existenz. Die Ausübung eines anerkannten Berufs sichert ihr in
Deutschland die bürgerliche Fassade, hinter der sie ihr Seelenchaos lange
verbirgt. Im Moskau der 1980er Jahre dagegen sind die Fassaden durchschaubar, und Chaos ist für niemanden eine überraschende Tatsache,
weshalb auch das Seelenchaos der Erzählerin keine Besonderheit darstellt,
um die sich jemand kümmern müsste.
107
Natascha erhofft sich von einem Lebensentwurf in Russland das
Verständnis der Umgebung und die Bestätigung des Anteils von ihr, den sie
als den russischen definiert hat. Die russischen Freunde teilen ihr aber auch
die Rolle der Fremden zu, die sie lieben und bewundern und gleichzeitig
ausnutzen. Natascha akzeptiert diese Rollenzuschreibung, da ihr darin
enthaltene Anteile ein Gefühl der Einmaligkeit und des Auserwähltseins
sowie der Zugehörigkeit geben. Immer noch idealisiert sie den Teil ihrer
Persönlichkeit, der sie als vermeintliche Russin von Kindheit an über ihre
Herkunft, ihren Nachnamen und ihre Muttersprache im deutschen Kontext
stigmatisiert hat. Indem sie versucht, diesen Anteil zu betonen und
aufzuwerten, wobei sie gleichzeitig andere Persönlichkeitsanteile, die sich
nicht als russisch definieren lassen, zu unterdrücken sucht, erhofft sie, sich in
die Gemeinschaft der neuen, russischen Freunde Eintritt zu verschaffen und
eine von ihnen zu werden. Über die allzu offenbaren Ungleichheiten
zwischen ihr und den sie umgebenden Menschen, auch ausgedrückt im
extrem gegensätzlichen Liebesverhältnis zwischen L und ihr, können sie und
ihre Umgebung sich jedoch nur kurze Zeit hinwegtäuschen.
Zu ihren eigenen Einwänden gegen Deutschland und den Westen
gesellen sich nun die gegen die russische Legende von ihm. Die ideologische
Aufteilung der Welt in freien Westen und unfreien Osten entspricht auf
keiner Ebene ihren persönlichen Erfahrungen, die Umkehrung der Attribute
kommt der Wahrheit auch nicht näher. Ein großer Unterschied zwischen ihr
und den russischen Freunden sind Nataschas persönliche Erfahrungen beider
Systeme, was eine immer deutlicher werdende Ahnung in ihr wachruft, dass
beide komplex sind und sich nicht in dichotomische Zuschreibungen fassen
lassen. Ihre Position ist nun das Sitzen „zwischen allen Stühlen“ (104), eine
Position, aus der sie die Menschen in Deutschland, die sie nicht liebte und
das, was sie dort als kalt, borniert, künstlich erfahren hatte, gegen die neuen
Freunde in Russland, die sie liebt, verteidigen muss.
Nataschas erneuter Versuch der Überanpassung stößt diesmal an seine
Grenzen. Ein Kern des Widerstands in ihr macht sich bemerkbar, sie ist nicht
mehr, wie bei ihren früheren Versuchen, zur völligen Selbstaufgabe bereit.310
Auch sind die Erwartungen und Anforderungen der Umgebung an sie
widersprüchlich und nicht klar erkennbar, was ihre Aushandlungsmöglichkeiten vermehrt. In Nataschas Einsicht, dass sie, metaphorisch ausgedrückt, nur eine Rolle in einem Stück von L unter seiner unentrinnbaren
Regie spielt, lässt sich der Keim für ihren letzten Aufbruch aus dieser
Abhängigkeit ahnen.311 Wieder wird ihr eine Rolle zugeteilt, wieder soll sie
zur Wahl zwischen Alternativen gezwungen werden, an deren Inhaltsbe310
Vgl. mit Nataschas frühen Assimilationsbestrebungen z.B. durch die Ehe mit einem
Deutschen.
311
Auch die Übersetzung eines so genannten „Samisdat“-, also eines von einem Dissidenten
verfassten Textes, mit der Natascha insgeheim beschäftigt ist, deutet ein beginnendes
Aufbegehren gegen die empfundene Unterdrückung an.
108
stimmung sie – wenn überhaupt – nicht gleichberechtigt beteiligt war, und
die nicht ihre eigenen sind.
Die Überlegung: „[...] und ich selbst hänge an diesem Pendel und
schwinge zwischen den Polen, werde zerrieben zwischen Himmel und Hölle,
ich bin das Pendel, [...]“ (212, kursiv im Original) drückt Nataschas Einsicht
aus, dass sie nie zur Ruhe kommen wird und dass es bei ihrem
Entscheidungskampf um einen Ort für ihr Leben um die Lösung einer
buchstäblich existentiellen, ja einer „Menschheitsfrage“ (213) geht. Sie
empfindet sich als haltloser Körper, als Körper, der sie nicht festhalten kann,
als „fallender Stern im Raum“ (213) ohne Ort und Richtung und weiß, dass
das Auffangen ihrer Haltlosigkeit in der Konkretisierung der Wahl zwischen
L und Helmut oder zwischen Russland und der Bundesrepublik nur eine
Scheinlösung ist. Es ist aber die einzig greifbare Lösung, wenn auch von
vornherein feststeht, dass auch sie nur von begrenzter Reichweite und Dauer
sein wird. Das, was in ihr aufblitzt wie Wetterleuchten, zu flüchtig, als dass
sie es erkennen könnte, nämlich: „das klare Bild meiner selbst“ (213) ist die
keimende Einsicht, dass die Bedingung für ihre Existenz nicht durch den
begrenzenden Rahmen der Wahl zwischen zwei Männern oder zwischen
zwei Ländern oder Sprachen gefasst werden kann. Eine derartige
Entscheidung hätte den Anspruch einer Ausschließlichkeit, den zu erfüllen
Natascha nicht mehr bereit ist. Unter der Belastung dieser Einsichten droht
Natascha zu zerbrechen.
Nataschas Identitätsbalance
Nataschas Zusammenbruch im Alter von etwa dreißig Jahren markiert den
Abschluss ihrer Existenz in der Abhängigkeit der heranwachsenden Frau,
der in normaler verlaufenden Biographien etwa mit dem Ende der Pubertät
zusammenfällt.312 Für Natascha ist die weitere Suche nach Identität zwischen
zwei Ländern, zwei Sprachen, zwei Männern durch ihre früheren Lebenserfahrungen als Kind von Migranten im Voraus bestimmt. Die ihr zugewiesene Rolle der Übersetzerin hat sie unhinterfragt übernommen und verinnerlicht. Diese Rolle droht sie zu ersticken, da sie bereits in Nataschas
Jugend, aber vor allem, verstärkt durch ihre Berufswahl im Lebensabschnitt
als junge Erwachsene, alle anderen Rollen dominiert und zu überdecken
droht.
Die Pendelbewegung ihres ersten eigentlichen Selbstentwurfes zwischen
Russland und Deutschland, zwischen L und Helmut, stellt, charakterisiert als
eine Reihe von sozialen Interaktionsprozessen,313 eine drastische Konkreti312
Erzählte biographische Gegebenheiten wie die Kindheit im Flüchtlingslager,
Misshandlung durch den Vater, Selbstmord der Mutter, sexueller Missbrauch können nicht als
allgemein-typische Beispiele für Auslöser normativer Krisen gesehen werden, vgl. Erikson
2000, S. 144f.
313
Vgl. Krappmann 2000, z.B. S. 11.
109
sierung der Identitätsbalance der Ich-Erzählerin dar. Das Scheitern dieses
Projekts ist allerdings gleichzeitig vorprogrammiert, da unter anderem weder
sie selber noch die neuen Freunde inklusive L sich klarmachen, dass die
jeweiligen gegensätzlichen Erwartungen dem jeweils anderen nicht verständlich sein und daher kaum mehr als zufällig erfüllt werden können. Alle für
eine erfolgreiche Interaktion notwendigen Deutungen der Interaktionsabläufe bereiten den Beteiligten große Schwierigkeiten. Die glatt verlaufende sprachliche Kommunikation trägt – im Gegenteil zu weniger komplizierten Situationen – zur Verschleierung des Nicht-Verstehens bei. Sprache
allein erweist sich erneut als unzuverlässiges Mittel zur Erzeugung von
Heimat.
Die geplante Eheschließung mit L empfindet Natascha als drohende
Auslöschung ihrer Existenz als eigenständige Person. Dass sie sich dennoch
dazu entschließt, deutet darauf hin, dass ihre Bereitschaft, diesen
Widerspruch zu ertragen, größer ist, als es ihrer seelischen Gesundheit
zuträglich ist. Natascha war schon immer dazu gezwungen, unvereinbare
Erwartungen auszuhalten und in sich nebeneinander existieren zu lassen. Sie
benutzt selber den Begriff „Diffusion“ (126) zur Beschreibung ihres Verwirrungszustandes, der dadurch entsteht, dass es ihr schließlich nicht mehr
gelingt, sich erfolgreich, unter Anerkennung und Durchsetzung dessen, was
ihr Persönlichkeitskern sein könnte und sollte, mit den diskrepanten
Erwartungen der Umwelt auseinanderzusetzen.314 Das Festhalten an der
einseitigen Übersetzerinnenrolle, deren Unzulänglichkeit als beinahe
ausschließliche Persönlichkeitskomponente sie nicht deutlich genug einsieht,
hindert die Ich-Erzählerin wie bisher daran, aus der Zwangssituation der
Wahl zwischen Russisch oder Deutsch, Helmut oder L, Deutschland oder
Russland auszubrechen. Dass das Über-Setzen der eigenen Person durch
ihren versuchten Umzug ins Heimatland ihrer Eltern nicht gelingt, dürfte
zum größten Teil daran liegen, dass Natascha noch weit davon entfernt ist,
sich selber im Dazwischen, das sich in Spalten und Ritzen, Rissen und
Blitzen andeutet,315 aufgespürt zu haben. Die Anerkennung ihres gescheiterten Über-Setzungsversuches bezeichnet den Beginn einer neuen Lebensphase, in der sie „noch einmal ganz von vorn anfangen“ (10) muss.
In der genaueren Erforschung und Anerkennung des Dazwischen, in der
bewussteren Wahrnehmung neuer Möglichkeiten und bisher ungeprüfter
Rollenanteile, auch im Wagnis der größeren Rollendistanz liegen Nataschas
314
Vgl. hierzu die Kommentare zum Begriff der Identitätsdiffusion bei Erikson, Krappmann
und Kraus in Kapitel 4 dieser Arbeit. Wird die Diffusion bei Erikson vor allem aus der
Perspektive der Gesellschaft noch einzig als zu bekämpfende Bedrohung beschrieben,
diskutieren Krappmann und Kraus, ob ihr eine für das Individuum eventuell nötige und
produktive Bedeutung beizumessen sei. Dass auch das Individuum diesen Prozess als
bedrohlich und unangenehm empfinden mag, stellen die Beschreibungen der inneren Kämpfe
der Protagonistin auf überzeugende Weise dar.
315
Vgl. Wodin 1994, z.B.: S. 9, S. 42f., S. 141, S. 213.
110
weitere Lebenschancen. In einem Oszillieren, dass ertragen werden muss,
liegt die Möglichkeit, die eigenen Ansprüche und die der Umgebung auf
eine ausschließliche Entscheidung für das Eigene oder das Fremde zu überwinden.
Das Schreiben ihres eigenen Textes, das in der vorliegenden Erzählung
thematisiert wird und sich durch dieselbe konkretisiert, stellt einen ersten
derartigen Versuch dar. Dass auf der fiktiven Ebene für diese Erzählung die
deutsche Sprache gewählt wird, ist bedeutungsvoll. Es braucht noch nicht
auszudrücken, dass es sich dabei um die Sprache handelt, „in der auch eine
Zukunft angestrebt wird“,316 wenn auch die erzählte kurz bevorstehende
Rückkehr der Erzählerin nach Deutschland diese Vermutung nahelegt. Dass
die reale, zwei- bzw. mehrsprachige Erzählerin für diesen Roman die
deutsche Sprache wählt, macht ihn zu einem wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Migrantenliteratur.
Catalin Dorian Florescus Roman Der kurze Weg nach
Hause
Am ersten Tag hier in Zürich war die Kindheit vorbei gewesen. Nur die Kulissen
waren ausgetauscht worden, doch das hatte gereicht. Heute hier, morgen dort, das
hatte gereicht. Seitdem fiel mir täglich etwas von früher ein (35).
Catalin Dorian Florescu gehört einer jüngeren Generation von Schriftstellern
an, die in gängigen Bibliographien der Migrantenliteratur (Chiellino, Rösch)
noch nicht erfasst sind. Florescu ist 1967 in Timişoara, Rumänien geboren.
Seit der Flucht der Familie im Jahre 1982 lebt er in Zürich, seit 2001 als
freier Schriftsteller. Florescu erhielt 2002 den Adelbert-von-ChamissoFörderpreis. Von seinen bisher zwei Romanen erschien Wunderzeit im Jahre
2001. In diesem Roman erzählt der Autor seine wohlbehütete Kindheit in
Rumänien auf nostalgisch verklärte Weise nach. Die Erzählung endet an
dem dramatischen Wendepunkt, an dem die Familie mittels einer als Reise
getarnten Flucht Rumänien verlässt. Die Migration ist in diesem Roman
noch nicht verarbeitet, einzig die Wahl des Deutschen als Literatursprache
ist ein Hinweis darauf, dass das Fluchtziel im deutschsprachigen Raum lag.
Der Inhalt des Romans
Auch der zweite Roman, Der kurze Weg nach Hause317 trägt autobiographische Züge. Hier setzt das Geschehen acht Jahre später an, der
316
317
Chiellino 2001, S. 92.
Florescu 2002. Aus dieser Ausgabe wird im folgenden Teilabschnitt zitiert.
111
Protagonist befindet sich im Studium.318 Die Züricher Freunde des IchErzählers namens Ovidiu sind Toma, der Drogen missbraucht, dessen
Freundin Lara und ihr gemeinsamer Freund Luca, der auch Ovidius erster
Schulfreund war. 319 Die Beziehungen zwischen ihnen sind kompliziert und
teilweise unehrlich. Ovidiu trägt die autobiographischen Züge des
Schriftstellers Florescu. Er ist das Kind von Migranten aus Rumänien,
konnte beim Schulanfang in Zürich noch kein Deutsch und spricht es jetzt
mit fremdartigem Akzent. An den Konflikten, Verleumdungen und
Treulosigkeiten in seinem Freundeskreis ist er nicht beteiligt, sondern nimmt
die Rolle des Beobachters ein.
Luca will auf Ovidius Anregung hin nach Rumänien reisen. Er kommt
nur bis Budapest, wo er wegen eines Verhältnisses mit Ildikó bleibt. Ein Jahr
nach Lucas Abreise aus Zürich fährt Ovidiu ihm hinterher. Sein Auto ist voll
beladen mit Geschenken, die ihm sein Vater als Bestechungsmittel für
beschwerliche Situationen, zum Beispiel bei Grenzübergängen oder anderen
Kontakten mit Beamten und Behörden, und für die Freunde und Verwandten
in Timişoara mitgibt.
Auf seiner langen Reise in Richtung Osten wird Ovidiu Wien besuchen
und mehrere Monate lang in Budapest bleiben. Nachdem sich Ovidiu und
Luca in Budapest wiedergefunden haben, wird Lucas Überredungskraft
dafür sorgen, dass sie danach gemeinsam das vermeintliche Ziel der Reise,
Timişoara, anstreben und erreichen. Aber Luca hält es in Timişoara nicht
aus, und die Fahrt nach Osten geht fünf Wochen lang weiter. In Mangalia an
der rumänischen Schwarzmeerküste ist der Punkt erreicht, wo die jungen
Männer sich einer Entscheidung nicht mehr entziehen können: ihre Wege
trennen sich nun. Luca will nach Odessa weiterreisen, Ovidiu aber
entschließt sich, zuerst zu den Verwandten in Timişoara und dann zu seiner
Freundin Szófia in Budapest, die er nicht vergessen kann, zurückzukehren.
Drei Erinnerungsstrategien
Die Protagonisten des Romans sind drei junge Männer, die infolge der
Migration ihrer Eltern oder eines Elternteils zu jeweils verschiedenen Zeitpunkten ihrer Kindheit nach Zürich gezogen sind. Keine freie, persönliche
Entscheidung führte also zu ihrem Migrantenschicksal.
318
Zeitgeschichtlich handelt es sich um das Jahr 1990. Ovidius Leben in der Schweiz seit der
Flucht und die Züricher Gegenwart werden in der Erzählung weitgehend ausgeklammert, was
erzählerisch seinem Verhalten der Gegenwart und seinen Erinnerungen gegenüber entspricht.
319
Die Namensgleichheit mit dem römischen Dichter Ovid (geboren 43 v. Chr., gestorben in
der Verbannung in Tomi, dem heutigen Constanţa, südlich von Mangalia, etwa 17 n. Chr.)
wird als beabsichtigt begriffen: er ist bekannt als Dichter der Liebe und als Verfasser der
Metamorphosen, d.h. der Verwandlungen. Entscheidende Unterschiede zwischen den Schicksalen der Namensvettern sind natürlich die Tatsachen der Freiwilligkeit der Reise des Protagonisten und dass der Aufenthalt in Constanţa für den Protagonisten Ovidiu nicht den Tod
bedeutet, sondern die Umkehr in ein neues Leben.
112
In ihrem noch jungen Erwachsenenalter haben sie das Stadium der Identitätskrise, die mit dem Ende der Adoleszenz erreicht wird,320 noch nicht
überwunden und stehen nun vor der Aufgabe, Positionen für die nächste
Lebensphase zu finden und einzunehmen. Sie leben und verkehren gemeinsam in einer jugendlichen Subkultur der Stadt Zürich und unterscheiden sich
durch ihre jeweilig andere Strategie, mit der sie sich zu ihrer Herkunft,
Vergangenheit und zu ihren Erinnerungen, die sie entscheidend geprägt
haben, verhalten.
Toma, Sohn eines italienischen Bildhauers, wuchs bei der Mutter in
Zürich auf und wurde zu Ferienaufenthalten zur Erhaltung des Kontaktes mit
dem Vater immer wieder nach Italien verschickt. Die Familie ist zerrüttet,
der Vater trinkt und lässt sich durch die Besuche des Sohnes in seinem
ausschweifenden Liebesleben nur wenig stören. Was an seinem Elternhaus
in Italien für Toma Heimat war, wird durch die traumatischen Aufenthalte
beim Vater deformiert zu qualvollen Erfahrungen und Erinnerungen, die in
Tomas Dasein eine Art Spuk produzieren. Toma ist entwurzelt und gesellschaftsunfähig. Auch nach dem Tod seines Vaters kann er sich seinen
Erinnerungen nicht stellen, wieder und wieder betäubt er sich mit den im
asozialen Milieu zur Verfügung stehenden Drogen, um sie zu verdrängen.
Luca ist Sohn eines italienischen Gastarbeiters.321 Als Siebenjähriger wird
er gezwungen, seine Großeltern in Italien zu verlassen. Seitdem lebt er bei
seiner Familie in der Schweiz, die das klischeehafte Bild eines Gastarbeiterschicksals verkörpert.322 Luca aber verstummte nach seiner Ankunft in
Zürich. Beschrieben wird er als Meister des Vergessens. Zu seiner glücklichen frühen Kindheit in Süditalien verhält er sich so, als hätte es sie nie
gegeben, in der Schweiz aber hat er nie Fuß gefasst. In seinem Leben hier
scheint „nichts von Bedeutung und alles ein einziges Jetzt“ (33) zu sein.
Mit beiden befreundet ist der Erzähler Ovidiu. Er identifiziert die Flucht
aus Rumänien, zusammen mit seinen Eltern, als das einschneidende
Erlebnis, das seine Kindheit beendete, eine Entwicklungsstufe, die altersmäßig etwa auch erreicht war. Orientierungslos wie seine beiden Freunde ist
Ovidiu nicht. Aber auch ihm fällt es schwer, die tatsächlichen Verhältnisse
in der Schweizer Realität produktiv anzuerkennen, zu reifen, erwachsen zu
werden.
320
Vgl. Erikson 2000, S. 140.
Der Anteil der ausländischen Bürger an der Schweizer Bevölkerung pendelt heute um
20%. Die besonderen Umstände im Zusammenhang mit der Migration im Schweizer Kontext
werden in dieser Arbeit jedoch nicht weiter untersucht.
322
Hoffnungen auf ein besseres Leben in der Fremde lassen seinen Vater als Gastarbeiter in
die Schweiz kommen und dort bleiben. Luca, das jüngere Kind, bleibt zunächst in der Heimat
und wird den Eltern entfremdet. Der Vater wird arbeitslos, und die harte Arbeit hat seinen
Körper zerstört. Die Mutter kocht italienisch und hat wenig zu sagen. Die Eltern haben
Heimweh, träumen von der Rückkehr und vom eigenen, noch zu bauenden Haus im
Herkunftsland.
321
113
Vor allem mit Luca verbindet Ovidiu eine enge Freundschaft vom ersten
Schweizer Schultag an. Luca akzeptiert Ovidiu auch ohne Sprachkenntnisse
und mit Sprachfehlern, aber ohne sich für seine Vorgeschichte sonderlich zu
interessieren. Ihre Jugendfreundschaft überdauert die Jahre und reicht bis ins
Erwachsenenalter. Ovidiu sieht Luca durchaus kritisch, ist ihm gegenüber
aber weiterhin zutiefst dankbar dafür, dass er ihm in der ersten Zeit nach der
Flucht in der Fremdheit des frisch Migrierten Gesellschaft geleistet hat. In
Lucas Lebensweise erkennt er Egoismus, aber auch eine gewisse Sanftheit
und Leichtigkeit, die er an ihm liebt und bewundert. Das Gefühl einer tiefer
gehenden Zusammengehörigkeit besteht zwischen den jungen Männern
allerdings nicht.
Ovidiu hat zu seinen Eltern, besonders zum Vater, ein vertrauensvolles
Verhältnis. Er respektiert ihre Gründe für die Flucht aus Rumänien, die ihn
als Kind nur indirekt mit betrafen. Über Ovidius Züricher Alltagsleben wird
wenig bekannt. Er lebt für die „Möglichkeiten der Nacht“ (33), die für ihn
hauptsächlich die Gelegenheit bedeuten, sich seinen sehnsuchtsvollen Erinnerungen an die heile und vollkommene Welt seiner Kindheit hinzugeben.
Unter seinen Freunden ist er ein Betrachter, dem jede Beobachtung von
Dingen und Ereignissen nur Anlass ist, völlig in Assoziationen und
Geschichten von Vergangenem zu versinken. Dadurch wie gelähmt nimmt er
an den Vorgängen um sich herum so gut wie nicht teil, seine einzige
eigentliche Aktivität ist das Filmeschauen, Erinnern, auswendig Lernen.
Diese Tätigkeit beruhigt ihn und bietet ihm, dem „Kinojunkie“ (47),
gleichzeitig die Gelegenheit, das Leben zumindest auf der Leinwand zu
verstehen und dadurch das richtige Leben abzuwehren und zu ersetzen.
Die Gründe, die Ovidius Eltern zur Flucht aus Rumänien veranlasst
haben, sind für ihn selber weder verständlich gewesen, noch haben sie für
ihn Gültigkeit gehabt. In seiner Erinnerung ist die Heimatstadt Timişoara
„groß, schön und magisch geblieben“ (35), dort war er eingebettet in die
Liebe und Fürsorge seiner Eltern, Freunde und Verwandten. Die beschriebenen Erinnerungen an diese glückliche Kindheit (vgl. auch mit dem Titel
Wunderzeit) nehmen allgemeingültige, aber isolierte und rein private Züge
an und sind jedes gesellschaftlichen oder politischen Zusammenhangs und
Verständnisses enthoben. Klar wird daher auch, dass Ovidiu nach der Flucht
und der Ankunft in Zürich sein neues Leben nicht als Verbesserung empfinden kann, da er es nie als verbesserungsbedürftig empfunden hat.
In den ausgetauschten „Kulissen“ (35) seiner neuen Züricher Welt
werden Ovidius Erinnerungen durch „eine leichte Brise, ein besonderes
Licht in der Stadt, eine besondere Ruhe an Sonntagen“ ausgelöst und
schieben sich zwischen ihn und eine echte Wahrnehmung der Realität.
Ovidiu gibt sich seinen Tagträumen hin, die für andere Menschen
unzugänglich sind. Selbst seinem Vater wird er unverständlich als „Mensch,
114
der sich nur an das erinnert, woran die anderen sich nicht erinnern“,323 und
dadurch jemandem gleicht, der etwas sieht, was die anderen nicht sehen.
Wenn sie miteinander von früher sprechen, wird deutlich, dass der
Rückblick sich auf so stark unterschiedliche Lebensabschnitte bezieht, dass
trotz der Zeitgleichheit fast keine Ähnlichkeiten bestehen im Hinblick
darauf, was mit „früher“ gemeint ist – jeder hat sein eigenes Früher.
Die Angst, die Erinnerungen könnten ihm entgleiten, da „das Intervall
zwischen dem einstigen Abschnitt“ seiner „Existenz und der Gegenwart mit
dem Ablauf der Zeit größer“ geworden ist, und die Tatsache, dass die
Zeugen, die ihm „vergangene Ereignisse wieder in Erinnerung hätten rufen
können“324 fast alle verschwunden sind, lassen Ovidiu sich krampfhaft daran
festklammern. Intuitiv sieht er ein, dass seine bisherige Lebensgeschichte
von großer Bedeutung für sein weiteres Leben und die Grundlage für das
Bilden seiner Identität ist.
Luca ist orientierungslos und nicht fähig, echte und stärker verpflichtende
menschliche Beziehungen einzugehen. Dennoch nehmen die Jugendlichen
gegenseitig eine Vorbildfunktion ein: Ovidius Erzählungen von der harmonischen Kindheit haben Luca auf Rumänien neugierig gemacht.325 Vor allem
aber geht es ihm um die Abreise von Zürich, weil dort „alles langweilig“
(37) ist, die Zielangabe dient hauptsächlich zur Abwehr weiterer Fragen.
Luca hat nämlich noch einen anderen Grund, den er aber verschweigt: er ist
auf der Flucht vor der Rache des mit Lara hintergangenen Freundes Toma.
Ovidiu weicht den Fragen nach Gründen für die Abreise, die ihm seine
Eltern und er sich selber stellen, aus. Er gibt an, seinem Freund Luca folgen
zu müssen, und kann seine eigenen Motive weder sich selber noch anderen
eigentlich erklären. Luca dagegen will alle Verbindungen zu anderen
Menschen und Orten, auch die zu seiner Züricher Vergangenheit, abbrechen.
Er befindet sich in einer Vorwärtsbewegung, die den Weg zum Ziel macht
und dem, was er erlebt und berichtet, den Charakter einer Road-MovieErzählung gibt.326 Obwohl sie ab Budapest gemeinsam reisen, ist Ovidius
Richtung und Ausrichtung die umgekehrte: Ovidiu ist auf der Suche nach
sich selber und nach seiner Verortung, die er mit Hilfe einer Rückwärtsbewegung zurück zum Ursprung seiner Erinnerungen und zu seinem eigenen
Ursprung ermitteln will.
Ovidiu hat beim Erwachsenwerden seine Erinnerungen nicht reifen
lassen, sondern er hat sie in einer Art mentalen Museums konserviert. Das
Jetzt: Erwachsensein, Zürich – und das Vorher: Kindheit, Timişoara –
323
Halbwachs 1966, S. 229.
Halbwachs 1966, S. 49f.
325
Ovidius Erzählungen bieten ihm gleichsam eine Ersatzkindheit an anstelle seiner eigenen,
der er sich verweigert.
326
Der aus der Filmtheorie stammende Begriff „Road-Movie“ bezeichnet eine filmische
Erzählung, die vom Unterwegssein ohne Ankommen erzählt. Aussteiger und Außenseiter sind
häufig vorkommende Protagonisten.
324
115
spalten ihn gleichsam in zwei Teile, zwischen denen er keine Verbindung
herstellen kann. Eine Hauptursache für das Unbehagen, für die Unzufriedenheit in seinem Leben liegt in Ovidius Schwierigkeiten, diese beiden
durchgreifenden Gegensätzlichkeiten seines Lebens als zusammengehörig zu
verarbeiten, trotz der Widersprüche nebeneinander bestehen zu lassen und
dadurch in seiner Lebensgeschichte Kohärenz herzustellen. Um die Wahrheit
seiner Erinnerungsbilder zu überprüfen, begibt er sich auf die Reise. Er
hofft, seine Kindheit unverändert wieder auffinden zu können.
Die unmögliche Rückkehr
Rückständigkeit, Verfall und Verkommenheit, Not und Leid, wirtschaftlicher Mangel und menschliche Hartherzigkeit sind unwiderlegbare Realitäten im Rumänien des Jahres 1991, das Ovidiu und Luca bei ihrem Eintreffen
dort vorfinden. Die Wohnung, in der Ovidiu seine Kindheit verbracht hat
und in der sich in seinen Erinnerungen „nichts verändert“ (35) hatte, erweist
sich in Wirklichkeit nicht nur als „enger, tiefer, dunkler“, sondern auch „wie
ein kleiner Käfig für Menschen“ (205).
Die Jahre haben die Dinge und die Menschen verändert. Auch Ovidiu ist
verändert, und die aufgefundene rumänische Realität entspricht nicht
wirklich der erinnerten. Trotzdem gelingt es ihm einige Zeit lang, seine Erinnerungen wie einen Film vor die Tatsachen zu projizieren und dadurch für
sich selber das Trugbild und Gefühl einer alten Vertrautheit und Geborgenheit zu erzeugen. Mit geschlossenen Augen könnte er „herumlaufen,
ohne anzustoßen“ (181). Lucas Anwesenheit zwingt ihn indes dazu, die
Augen zu öffnen, und die unangenehme Kollision mit der Wirklichkeit, die
Entlarvung des Scheinwahrheit der „Emigrantenzauberei“ (181) bahnt sich
an.
Luca ist lange Ovidius geduldiger Wegbegleiter und erhebt nur vagen
Einspruch gegen gewisse von ihm als Zumutungen empfundene Umstände
der rumänischen Wirklichkeit. Zu Ovidius Erinnerungen kann er keine
Stellung beziehen, die aktuelle Umgebung aber nimmt er unverhüllt wahr, da
sie ihn nicht seelisch verletzen kann. Als beinah unerträgliche Einsichten in
die aktuelle rumänische Realität in voller Schwere auf Ovidiu niedergehen,
wünscht er sich intensiv, den Zeugen Luca los zu sein: „Ich wollte aus der
Wohnung raus und weit weg von Luca“ (208). Denn dass auch Luca die
Diskrepanz zwischen dem ihm Erzählten und nun von beiden Erfahrenen
empfinden muss, ist Ovidiu wiederholt und qualvoll bewusst geworden.
Lucas Gegenwart hat eine katalysierende Wirkung auf Ovidiu und zwingt
ihn dazu, die Dinge ohne Ausschmückung so zu sehen und zu begreifen, wie
sie sich darstellen. Nicht allein muss er das Aufeinanderprallen von Realität
und Erinnerung geschehen lassen und innerlich verkraften, sondern er muss
auch Luca als seinem nächsten Interaktionspartner gegenüber eine Identität
präsentieren, die diese neuen Erfahrungen und Einsichten integriert. In der
116
Phase des Schocks, die die Erzählungen des neuen Wohnungsmieters Tudor
von den Ereignissen im Zusammenhang mit der Revolution in Timişoara in
Ovidiu auslösen, muss er sich eine Atempause verschaffen. Er belügt Luca
kurzfristig beim Übersetzen von Tudors Bericht, um in einem letzten
Rettungsversuch seine eigenen Erinnerungen und Geschichten mit Tudors
Erzählungen in bessere Übereinstimmung zu bringen.
Ovidiu muss nun eine bisher lange versäumte „Aufarbeitung der Lebensgeschichte für die aktuelle Situation“327 vornehmen, was ihm eine extreme
Anstrengung abverlangt. Seine neun Jahre lang unverändert reproduzierten
Erinnerungen müssen auf grundlegend neue Art mit Hilfe einer „Denkbemühung“328 rekonstruiert werden, wobei Ovidiu vor der Wahl steht, sie
zwecks größerer Kohärenz zu deformieren, oder sie als Teil einer widersprüchlichen Lebensgeschichte bestehen zu lassen, ohne sich voll mit ihnen
zu identifizieren.329
Ovidius Befriedigung, die ihm das lang ersehnte Wiedersehen der Heimat
schenkt, ist heftig gestört worden durch die eigenen Wahrnehmungen, die er
nun aus dem neuen Blickwinkel des jungen Erwachsenen macht. Begegnungen mit alten Bekannten und Verwandten bestätigen ihn liebevoll und
stoßen ihn gleichzeitig ab. Die Menschen in der ehemaligen Heimat nehmen
ihn als Fremden und Vertrauten wahr, eine Erfahrung, die Ovidiu genießt
und die ihn gleichermaßen anstrengt.
Die selbst wahrgenommenen verschlimmerten Zustände in Rumänien in
Kombination mit den Erzählungen Tudors und anderer Personen über die
dramatischen und tragischen Ereignisse beim Zusammenbruch der
rumänischen kommunistischen Diktatur lassen Ovidiu die ihm bisher
vertrauten Orte und Menschen fremd werden. Allmählich, in der Romanhandlung fünf Wochen später, ist er aber zu der Erkenntnis gelangt, dass er
dennoch an den abstoßenden, erbärmlichen Verhältnissen und Erscheinungen in seiner ehemaligen Heimat durch „Geburtsrecht“ (10) teilhat, dass
„die glitschigen Frauen, die Männer mit dem Alkohol im Gesicht“ (11) ihm
trotz allem vertraut sind. In ihnen sieht Ovidiu Spuren einer Kindheit, die
anders war. Sie ist nunmehr vergangen, aber sie hat stattgefunden und in die
kollektive Gegenwart ist die individuelle Vergangenheit als Bestandteil der
kollektiven Vergangenheit mit eingeflossen.330
In seiner schweren Krise will Ovidiu nicht nur die äußeren Erlebnisse,
sondern auch seine widersprüchlichen Gedanken und Gefühle mit Luca
327
Krappmann 2000, S. 11.
Halbwachs 1966, S. 382.
329
Die hier zusammengefassten Prozesse in Ovidius Innerem sind deutliche Beispiele dafür,
wie die „Ambiguitätstoleranz” bei der Identitätsbildung auftritt, siehe Krappmann 2000, S.
150ff.
330
Argumentation und Terminologie stützen sich auf Halbwachs’ These, dass wir unsere
Erinnerungen ergänzen, „indem wir uns – zumindest teilweise – des Gedächtnisses der
anderen bedienen“. Halbwachs 1966, S. 49.
328
117
teilen. Aber er kann sich schließlich nicht länger der Einsicht gegenüber
sträuben, dass er Luca letztlich genau so egal ist wie alle anderen Menschen,
dass ihre oberflächliche Kinderfreundschaft nicht zu einer tieferen
Beziehung gereift ist. Luca, der weiterhin ausschließlich in einem vergangenheits- und zukunftslosen „Jetzt“ lebt, müsste einen ähnlichen Prozess der
Vergangenheitsbewältigung durchstehen, um sich selber und Ovidiu
verstehen zu können. In seiner Persönlichkeit gestärkt durch die neuen
Einsichten, kann sich Ovidiu endlich aus dem Dankbarkeitsgefühl Luca
gegenüber befreien und lässt ihn allein weiterreisen.
Die bisherigen Erinnerungs- und Lebensstrategien der Freunde Ovidiu,
Toma und Luca, die die problematischen Bestandteile ihres Lebens
idealisieren oder verdrängen, haben sich als gegenwarts- und zukunftsunfähig erwiesen. Sie führten zu unterschiedlichem Verhalten und dazu, dass
die Wege der drei jungen Männer sich nun trennen. Tomas Wahl der totalen
Verdrängung hat ihn in die Misere des Drogenmissbrauchs geführt, wo er
zunächst stecken bleibt. Lucas Weigerung, das Vorhandensein einer
Vergangenheit überhaupt anzuerkennen, führt ihn zur ziellosen Flucht durch
Europa und die Welt, wobei der Ausgang unsicher ist. Allein Ovidiu wird
einen Strategiewechsel vornehmen und seine Erinnerungen ruhen lassen
können. Er wird sie sich als relevanten Teil seiner Biographie zurechnen,
den Anspruch aber aufgeben, seine Kindheit wie in einem Film wieder
aufleben zu lassen.
Beim Wiedersehen der Heimat hatten sich Ovidius innere Bilder im Kopf
„plötzlich berühren, schmecken, hören“ (171f.) lassen und seine Kindheitserinnerungen zunächst scheinbar bestätigt. In Lucas beobachtender Gegenwart aber hat Ovidiu sich zu einem jungen Mann gewandelt, der seine
persönlichen Erinnerungen nicht mehr idealisiert, sondern sie respektiert. Er
wird versuchen, ihnen in einer als verändert erkannten Wirklichkeit durch
„Umdeutung“331 einen neuen Stellenwert als Anteil seiner Identität zu geben.
Er hat erfahren, dass Vertrautheit und Fremdheit nebeneinander ertragen
werden und bestehen können, dass ein Anteil seiner Identität die gelebten
und vergangenen Jahre sind, deren Erinnerungen in die Gegenwart und in
die Zukunft einfließen und deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit ändern
wird.
Ovidiu kann anfangen, in einer Gegenwart zu leben, in der seine Erinnerungen nunmehr in bearbeiteter und gewandelter Form in seine Identität integriert werden. Seinen weiteren Lebensweg blockieren sie nicht mehr. Er fährt
zu seiner Freundin Szofia in Budapest zurück, die er in der falschen Annahme, sein wahres Lebensziel sei die Rückkehr in die Kindheit, verlassen hatte.
Diese Reise zurück wird zu Ovidius erster absichtsvoller Reise vorwärts.
331
Vgl. Krappmann 2000, S. 52.
118
Renan Demirkans Roman Schwarzer Tee mit drei Stück
Zucker
Die Autorin Renan Demirkan wurde 1955 in Ankara geboren und lebt seit
ihrem siebenten Lebensjahr infolge der Migration ihrer Eltern in Deutschland. Ihr erster Roman, Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker,332 ist seit
seinem ersten Erscheinen 1991 mehrmals verlegt worden und aufgrund relativ hoher Auflagezahlen durchaus als Bestseller zu bezeichnen. Autobiographische Züge sind im Schwarzen Tee wieder zu erkennen: die Autorin ist
wie die Erzählerin in der Türkei geboren, ab dem siebenten Lebensjahr in
Deutschland aufgewachsen und nun dort als Schauspielerin tätig. Die
Erzählerin des Romans ist aber namenlos, was eventuell einer automatischen
Identifikation zwischen Protagonistin und realer Autorin entgegenwirken
soll.
In der vorliegenden Untersuchung ist Demirkan die einzige Autorin, die
bisher nicht mit einem Chamisso-Preis ausgezeichnet worden ist. Sicher hat
aber ihre Bekanntheit als Schauspielerin für Film, Theater und Fernsehen
zum Verkaufserfolg des Romans beigetragen, der seinerseits nicht nur zu
positiven Beurteilungen geführt hat.
Die kritische wissenschaftliche Einordnung dieses Textes und anderer
Texte von Demirkan wird bisher aus diametral entgegengesetzten Positionen
vorgenommen. Eine davon ist die Charakterisierung ihrer Texte als „eher
dilettantische Schreibversuche“,333 mit Sprachfehlern, die vor allem einem
oberflächlichen Lektorat angekreidet werden.334 Schwarzer Tee mit drei
Stück Zucker wird von derselben Wissenschaftlerin als „leicht lesbares literarisches Dokument türkischer Migration“335 eingestuft, das ein bundesdeutsches „Chiffre für leicht zugängliche Migrantenkultur“ darstellt.336 Aus
der Sicht anderer Wissenschaftler dagegen handelt es sich z.B. um eine
exemplarische Gestaltung der Spaltung der Ich-Identität als Folge eines
deutsch-türkischen Kulturkonfliktes.337 Öztürk etikettiert die türkischstämmige Autorin Demirkan als türkische Autorin, die Deutsch schreibt. Dann
arbeitet Öztürk mit nicht näher definierten Begriffen wie türkische Mentalität, türkische Werte, türkische Kultur und türkisch bestrafen (!), wobei sie
meint, Beispiele dafür in Demirkans Romangestaltung aufzufinden. Diese
Arbeitsweise evoziert die kontrastive Vorstellung deutscher Entsprechungen
der genannten Erscheinungen, die allerdings weder beschrieben noch überprüft werden.
332
Demirkan 1993. Aus dieser Ausgabe wird im folgenden Teilabschnitt zitiert.
Vgl. Şölçün 2000, S. 135-152, hier S. 143.
334
Siehe Yeşilada 1997, S. 95-114, hier S. 111.
335
Yeşilada 1997, S. 111.
336
Yeşilada 1997, S. 108.
337
Vgl. Öztürk 2000, S. 115ff.
333
119
Irmgard Ackermann dagegen betont den Ansatz zur eher individuellen
Gestaltung der Charaktere der Romanfiguren und ihrer Beziehungen
zueinander in Demirkans Roman.338 Die Artikel von Elizabeth Boa339 und
Petra Fachinger340 weisen auf die im Text gestalteten Grenzüberschreitungen
der Erzählerin hin, wobei Boa die sich wandelnde und gleichzeitig
kontinuierliche persönliche Identität der Erzählerin betont und Fachinger das
Augenmerk vornehmlich auf die „Porösität der Grenzen“341 und
Gesellschaften richtet.
Der Inhalt des Romans
Die Rahmenhandlung des Romans beschreibt eine hochschwangere Frau, die
in der Entbindungsklinik auf den operativen Eingriff wartet, der ihre Tochter
ins Licht der Welt befördern soll.342 Mit siebzehn minutengenauen Zeitangaben und dazugehörigen kurzen Situationsbeschreibungen aus der Klinik
wird ein authentisch anmutender Krankenbericht gestaltet, der gleichzeitig
den Charakter eines Countdowns annimmt: Anfang und Abschluss der
Wartezeit sind bekannt, der auf 10.00 Uhr festgesetzte Operationstermin
wird offensichtlich trotz der spannungssteigernden späten Ankunft des
Narkosearztes eingehalten. Rückblicke und Anekdoten, die zwischen den
Lageberichten aus der Klinik erzählt werden, machen den Hauptteil des
Romans und seines Gehalts aus.
Die Erzählerin hat sich bewusst zu dem Schritt entschlossen, Mutter zu
werden. Obwohl ihr viele mit Schwangerschaft und Entbindung verbundene
Gefahren aus den Erzählungen ihrer Großmutter und Mutter bekannt waren,
drückt diese Entscheidung vorrangig aus, dass sie den Punkt im Leben
erreicht hat, an dem sie bereit ist „Verantwortung zu tragen“ (13). Der
Entschluss schenkt ihr das angenehme Gefühl, „nicht austauschbar und
überflüssig“ (13-14) sondern „zugehörig, ‚normal’“ (14) zu sein.
Die Erzählerin hat sich mit diesem Schritt auch dem Diktat der Zeit
unterworfen. Bisher hatte sie „die Einteilung des Lebens nach Uhr und
Dienstplan als einen nicht zulässigen Eingriff in ihre Selbstbestimmung“
(10) empfunden. Die ausgezählten Wochen der Schwangerschaft schreiben
ihr ein neues Verhalten dem Ablauf der Zeit gegenüber vor, was in der von
ihr selber in Minutenabschnitte eingeteilten Wartezeit auf den Narkosearzt
zum Ausdruck kommt. Ihre nacherzählten Erinnerungen dagegen werden nur
andeutungsweise chronologisch wiedergegeben.343 Inhaltliche Sprünge und
338
Vgl. Ackermann 1997, S. 67.
Boa 1997, S. 115-138.
340
Fachinger 1997, S. 139-151.
341
Fachinger 1997, S. 145.
342
Die Erzählerin erklärt ihr Wissen mit folgenden Worten: „Ein Mädchen bist du! Einen
ovalen Kopf hast du! Der Ultraschall machts möglich.“ Demirkan 1993, S. 75.
343
Diese Sichtweise steht im Widerspruch zur Behauptung bei Boa 1997, S. 132.
339
120
ein Mangel an Zusammenhang machen sich im Text bemerkbar, wobei der
anekdotenhafte Charakter der unverbunden erzählten Episoden einen
Eindruck von mangelnder Kohärenz der Erzählung zu verursachen droht.
Statt, wie Boa, diese Tatsache großzügig zu vernachlässigen, um damit die
als Ideal erstrebte „Kontinuität in der persönlichen Identität der Hauptfigur“344 nicht in Frage zu stellen, soll diesen Sprüngen und Inkonsistenzen
auf der Textoberfläche in der zu beschreibenden Entwicklung der persönlichen Identität der Erzählerin ein anderer Stellenwert eingeräumt werden.
In ihren Rückblicken lässt die Erzählerin nicht nur Szenen aus ihrem
Leben, sondern auch aus dem ihrer Eltern, Großeltern und anderer
Verwandten und dem einiger Freunde und Freundinnen Revue passieren.
Der Text sucht erfolgreich durch Auslassung von Attributen wie „deutsch“
oder „türkisch“ die Gegenüberstellung von national konnotierten
Charakteristika und die darauf folgende Erzeugung von Stereotypen zu
vermeiden. Dennoch wird in Demirkans Text eindeutig erkennbar, dass die
Eltern der Erzählerin zusammen mit zwei kleinen Töchtern aus Anatolien
nach Europa auswandern, ein Umstand, der sie in den frühen 1960er Jahren
mit vielen realen Migranten aus verschiedenen Ländern und weiteren
Romanfiguren verbindet.
Beide Eltern träumen den Traum von der Rückkehr nach Ankara, wo eine
kleine Wohnung für sie bereit steht. In dieser Rückwärtsgewandtheit kann
eine Teilerklärung dafür zu sehen sein, dass sie ihre Töchter in der Pubertät
und beim Erwachsenwerden allein lassen und nicht dazu beitragen, ihren
Weg in die Gesellschaft des Ankunftslandes zu erleichtern. Mit dem westdeutschen Umbruch nach 1968, seinen Errungenschaften und sich anbahnenden gesellschaftlichen Veränderungen finden sie sich außerdem nicht
zurecht. Die Eltern der Erzählerin reagieren auf den Auszug ihrer 18jährigen Tochter in eine eigene Wohnung aber auch nicht – wie die Tochter
in ihren schlimmsten Befürchtungen kalkuliert –, indem sie die Tochter zur
Heirat gegen ihren Willen in die Türkei zurück schicken oder sie
„krankenhausreif schlagen“ (58), sondern sie verstummen und werden selber
krank.
Eine Geschichtslehrerin am Gymnasium trägt maßgeblich zum Erwachen
eines politischen Interesses der Erzählerin bei. Nach dem Wegzug von den
Eltern macht sie mit ihrer ersten Liebe eine Reise in die Türkei. Sie kann
diesen Besuch nur in Verkleidung durchführen, da die „sündige Schande“
(62) ihrer vorehelichen Verbindung im Heimatdorf nicht bekannt werden
darf.
Die schicksalsschwere Reise in die Heimat ihrer Kindheit wird zum
Auslöser vieler liebevoller Erinnerungen an diese Zeit. Ihre persönliche
Entscheidung, im Ankunftsland der Migration ein Leben in Eigenverantwortung in einem freien Liebesverhältnis ohne Ehering zu leben, zwingt
344
Boa 1997, S. 132.
121
sie beim Besuch im Land ihrer Herkunft zum Versteckspiel, ihre Identität
muss sie „mit Sonnenbrille und Kopftuch“ (62) verhüllen. Das Dorf mit
seinen Plätzen und Gebäuden darf sie nun nur noch von außen sehen und
ihrem Begleiter zeigen. Interaktionen, die zur Klärung der Bedeutung der
Einflüsse und Prägungen ihrer Kindheit hätten beitragen können, können
nicht stattfinden. Die Ausgeschlossenheit von der Gemeinschaft mit ihren
türkischen Angehörigen in Anatolien verdoppelt die Empfindung der
Ausgeschlossenheit, die sie bei den Versuchen, in die Gemeinschaft der
gleichaltrigen Mädchen in der Schule aufgenommen zu werden, erfahren
hatte.
Eine spezielle Episode der Erzählung im Zusammenhang mit dieser Reise
hat zu stark unterschiedlichen Deutungen geführt und verdient daher,
genauer diskutiert zu werden: auf der Rückreise aus der Türkei wird die
Erzählerin bei einer Übernachtung in Istanbul Opfer eines Vergewaltigungsversuches, den ein junger Türke unternimmt. Ihr deutscher Freund verteidigt
sie nicht, und nach der Reise trennt sich das Pärchen.
Eine Art der Gefahr, die bei der Interpretation dieser Szene mit
Ausgangspunkt von national konnotierten Eigenschaften entsteht, wird
besonders deutlich in Öztürks Ansicht, nach der dem Freund „die türkischtraditionelle männliche Beschützerhaltung“ fehle.345 Diese wenig schlüssige
Art der Argumentation ist allerdings kaum verständlich, da sie keine
Antwort auf die Frage gibt, welche Haltung denn dann dem türkischen
jungen Mann fehlt, der versucht, die Erzählerin zu vergewaltigen, bzw. was
an ihm traditionell türkisch ist. Im Text finden sich außerdem keine Hinweise auf eine deutsche Tradition, Frauen in Not nicht zu helfen.
Im Gegensatz auch zur Kritik bei Yeşilada, die besonders in dieser
Episode des Romans in der Erzählerin ein Beispiel für die zwar wehrhafte,
aber dennoch geschundene Suleika und damit für eine Reproduktion von
Bildern des auf Frauen bezogenen Orientalismus, von ihr auch „Suleikalismus“ genannt, sieht,346 ist die Hervorhebung des kriminellen Charakters der
gegen die Erzählerin verübten Straftat ertragreicher. Im Zentrum der
Erzählung stehen weibliche Sexualität und die Bedingungen und Konsequenzen der Reproduktion aus weiblicher Sicht. Ihre Austragung geht im
weiblichen Körper vor sich und sie beinhaltet Lebens- und Gesundheitschancen und -risiken. Sexuelle Gewalt kann sich jedoch gegen beide
Geschlechter richten und von beiden Geschlechtern ausgehen, der Gebrauch
national definierter Kategorien zur Erklärung dieses Geschehens leitet in die
Irre.
345
346
Öztürk 2000, S. 115.
Yeşilada 1997, S. 95-114.
122
Der Entwurf einer Zukunft mit verwischten Grenzen
Die Persönlichkeit des Migrantenkindes, das die Erzählerin einmal war,
wurde in den ersten sieben Jahren stark durch religiöse Vorstellungen und
Riten des Islam und durch den bäuerlichen Hintergrund der Großeltern
mütterlicherseits mitgeprägt. Die Beheimatung des früh verwaisten Vaters in
der „Kultur“ ohne nationale Attribute bildete zu dieser Sozialisation ein
entscheidendes Gegengewicht. So darf die Erzählerin auch selbständig ihre
Wege in die neue Gesellschaft des Ankunftslandes Deutschland suchen.
Zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester nimmt sie neugierig und
intensiv alle neuen Eindrücke in sich auf. Für die Mädchen verwischen sich
die Grenzen zwischen „wir“ und „den anderen“ (114) nach kurzer Zeit. Sie
empfinden die Gewohnheiten der Einwohner des Dorfes, das der erste
Wohnort der Familie in der Migration ist, als natürlichen Teil ihres Lebens.
Es gelingt ihnen auch, eine Reihe von neuen Sitten in den Familienalltag der
Migranten einzubringen, obwohl die Mutter sich zunächst dagegen sträubt.
Durch diese kindlichen Aushandlungen mit den Eltern bezüglich der
gemeinsamen Lebensweise beeinflussen die Töchter das Selbstverständnis
der ganzen Familie. Die Bemerkung des Vaters: „Heimat kann auch der Ort
sein, den man erst finden muss“ (49) charakterisiert ihn als verständnisvollen, wandlungsfähigen Menschen.
Aber seine Toleranz und die seiner eher rückwärtsgewandten, immer
frommer werdenden Frau werden durch das Freiheitsverlangen der großen
Tochter auf eine Zerreißprobe gestellt, die sie nicht ohne Verletzungen
bestehen können. Dennoch dürfte es gerade diese Toleranz des akademisch
gebildeten, kulturbeflissenen Vaters sein, der den so frühzeitigen Auszug der
Erzählerin aus der gemeinsamen Wohnung und dadurch die Loslösung von
der repressiven Familie überhaupt möglich macht. Für die Tochter sind
nicht nur Freiheit und das Verfügungsrecht über das eigene Leben, auch
Schmerz und Schuldgefühle, schwere Vorwürfe sich selbst gegenüber Preis
und Ergebnisse dieses drastischen Schrittes.
Die Erzählerin ignoriert ihren Ursprung nicht, bemüht sich aber um ein
persönliches Verhältnis dazu, das sie sich nicht von den Eltern aufzwingen
lassen will. Im Zusammenhang mit ihrem Engagement in verschiedenen
politischen Gruppen distanziert sie sich ausdrücklich vom Ansinnen, sich
besonders mit den Problemen der Türken zu beschäftigen. Um dieser von
außen an sie herangetragenen Rolle entgehen zu können, definiert sie sich
als „Kosmopolitin“ (57). Repräsentanten der Einheimischen, der „anderen“,
von denen die weniger positiv Gesinnten sie als „Kümmeltürken“ und
„Knoblauchfresser“ (21) verunglimpfen, versuchen also auch unter Vorgabe
einer guten Absicht ihre Entfaltungsmöglichkeiten durch monostrukturierende Festlegungen zu beschneiden.347 Heimlich versucht die Erzählerin,
347
Hier kann auf die Überlegungen von Strauss 1968, S. 73-80 hingewiesen werden: Interaktion ist im soziologischen Sinne strukturiert. Häufig ist sie multistrukturiert, weil den
123
Äußerungen türkischer Kultur näher kennen zu lernen, indem sie türkische
Musik hört, türkische Literatur liest und Ausstellungen mit Kunst von türkischen Künstlern besucht. Durch dieses Verhalten, einen Ausdruck von
gelebter Rollendistanz, weist die Erzählerin auch die Zumutung ab, die
eigene türkische Herkunft zu allererst als Problem zu begreifen.
Der Mutter der Erzählerin waren schon bei der ersten Ankunft in
Deutschland abweisende Ausgrenzung und Fremdheit schmerzhaft klar
gemacht worden. Beim Spaziergang durch den neuen Wohnort erschreckt sie
ein quietschendes Auto: „’Du nix sehen? Ampel rot!’ brüllte ein Gesicht aus
dem heruntergedrehten Fenster“(19). Ungefähr zur gleichen Zeit, wie sich
die Erzählerin für die Mutterschaft entscheidet, versuchen die Eltern die lang
erträumte Rückkehr nach Ankara. Das in der Migration nie erloschene
Fremdheitsgefühl macht sich aber nun auch im Herkunftsland bemerkbar,
und im Gegensatz zu ihren Erwartungen führt diese Rückreise zur Entscheidung beider Eltern, nun vielleicht für immer nach Deutschland zurückzukehren.348 Die auf sie zukommende Rolle der Großeltern, auf die sie sich
freuen, dürfte dabei auch ein starkes Argument sein – wieder beeinflussen
die Stellungnahmen der Tochter das Verhalten der Eltern.
Die namenlose Erzählerin hat in der Erzählung auch die Erwähnung
anderer Personennamen vermieden. Bedeutungsvoll erscheint daher, dass die
werdende Großmutter den Vater des erwarteten Kindes, einen Nicht-Türken,
durch Verwendung eines türkisch anmutenden Namens in ihre Vorstellungswelt integriert. „’Ali’ fällt ihr leichter, und es läßt sie in der Illusion,
etwas Türkisches an ihm zu finden“ (132). „Dem Ali“ (139) wollen die
künftigen Großeltern auch dieselben lustigen Geschichten von Hacivat und
Karagöz erzählen wie der erwarteten Enkeltochter. Die Entscheidung der
Tochter zur Mutterschaft hat auch für ihre Eltern Möglichkeiten für die reziproke Integration unterschiedlicher kultureller Merkmale in der Migration
eröffnet.
Wie alle Eltern will die Erzählerin die Fehler ihrer eigenen Eltern vermeiden. Die Traumvorstellungen, die in den – wahrscheinlich nur im Kopf
geführten – direkten Ansprachen an die noch ungeborene Tochter der
Erzählerin zum Ausdruck kommen, bilden Mosaike. Statt ihr erwartetes
Kind im Voraus auf die eine oder andere Identität oder Rolle festzulegen,
drückt die werdende Mutter ihre Sehnsucht nach größtmöglicher Freiheit,
Liebe, Unbeschwertheit und Lebensfreude für ihr Kind aus. Mit Worten
werden Bilder von einer künftigen multikulturellen Welt erzeugt, in der
soziale, geographische und religiöse Zwänge und Trennungen konfliktfrei
überwunden sind und in der sich jeder Mensch – oder zumindest die noch zu
Interaktionsteilnehmern im Interaktionsverlauf gleichzeitig und kontinuierlich mehrere
Rollenanteile (bei Strauss: Status) unterlegt werden. Die Aktualisierung von nur einer der
vielen möglichen „Statusbeziehungen“ erzeugt „monostrukturierte Interaktion“.
348
Vgl. „Die eigene Veränderung versperrt den Rückweg in die arkadische Heimat.” Stölting
1986, S. 4-16, hier S. 15.
124
gebärende Tochter – die besten Anteile aussuchen und zu einem fröhlichen
und harmonischen Leben zusammensetzen kann. Allerdings ist die bevorstehende Entbindung nicht komplikationsfrei und muss wegen des für Mutter
und Kind lebensgefährlichen Status’ einer Plazenta praevia als Kaiserschnitt
durchgeführt werden. Symbolisch drückt sich hier in Ergänzung zum
Wunschtraum der Erzählerin ihr Wissen aus, dass der Weg zur Erfüllung
ihrer Träume in der Realität mit Konflikten und Gefahren verbunden sein
wird, Lösungen sich aber finden lassen müssen.
Die unzusammenhängend erzählten Episoden der Erzählung stehen im
starken Widerspruch zum strikten Ablauf der Rahmenerzählung und stellen
dadurch den Versuch dar, Ungleichzeitiges und Gleichzeitiges miteinander
in Verbindung zu bringen und auf untereinander bestehende Abhängigkeiten
und Einflüsse von Wissen, Erfahrungen, Gefühlen und Reflexionen
aufmerksam zu machen.349 Kausale Zusammenhänge bestehen dabei nicht
immer, die dargestellte Kontinuität der Identität der Erzählerin aber kann
durch diese Art der Erzählung nicht gefährdet sein. Vielmehr kommt hier
zum Ausdruck, dass die Relevanz von Erlebnissen für die Persönlichkeit
weniger von ihrer chronologischen Reihenfolge als von anderen Faktoren
abhängt. Hier ist auch eine Darstellungsart zu anzuerkennen, die nicht die
gewohnten Schreibmuster verfolgt, und den Text nicht glättet, um „einer
teleologischen Entwicklung hin zum heute schreibenden ‚Ich’“ gerecht zu
werden.350 Auch die hier und heute schreibende Erzählerin lässt – wirklich
oder scheinbar – Unvereinbares mit großer Ambiguitätstoleranz und uneingeebnet, aber in lebendiger Auseinandersetzung, nebeneinander bestehen.351
Die Rückwärtsbewegung der erzählten Erinnerungen wird durch den sich
nähernden Kaiserschnitt beendet und in eine Bewegung nach vorne
umgewandelt: „Heute. Jetzt. Nicht morgen, nicht gestern. Nicht mehr abwarten, nicht mehr konservieren. Heute leben“ (133). Die existentielle Schwellensituation der Frau und des Kindes erlaubt eine einzige Lösung: das Kind
will geboren werden, die Frau wird Mutter. Zu ihren Rollen, die die
Erzählerin im Leben und am Theater bisher eingenommen und gespielt hat,
kommt eine weitere hinzu. Die Erzählerin nimmt sie an und wird sich
ändern, dadurch unverwechselbar sich selber gleich bleibend. Diese Schilderung persönlicher Erfahrungen wirft ein erhellendes Licht auf die im
nachgestellten Zitat von Peter Weiss angesprochenen „grundlegenden
349
In der bildenden Kunst bricht die Collage auf ähnliche Art Statik und Einheitlichkeit von
Kunstwerken zugunsten der Darstellung von Heterogenität und Additivität auf. Im Film
werden ähnliche Effekte etwa durch Schnitte, Schwenks, Überblendungen und Kamerafahrten
erzeugt.
350
Weigel 1987, S. 66.
351
„Die Ambiguitätstoleranz ist die für die Identitätsbildung mutmaßlich entscheidendste
Variable, weil Identitätsbildung offenbar immer wieder verlangt, konfligierende Identifikationen zu synthetisieren.” Krappmann 2000, S. 167.
125
Veränderungen“,352 machen sie, auch bezogen auf einen größeren
gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem Migranten und Nicht-Migranten
in gegenseitiger Wahrnehmung und Anerkennung miteinander leben
müssen, sichtbar, verständlich und nachvollziehbar.
Galsan Tschinags Roman Die graue Erde
Ich bin ein Stein, der bewegt worden ist; unmöglich wird sein für mich,
zurückzukehren dorthin, wo ich hingefallen war, als es anfing, mich zu geben (39).
Galsan Tschinag ist einer der wenigen Migrantenschriftsteller, die ihre
Laufbahn in der DDR begannen. Die Angaben über Tschinags Geburtsjahr
variieren. Der Anfang der vierziger Jahre geborene, jüngste Sohn einer
Nomadenfamilie aus Tuwa in der Westmongolei zog nach dem Studium der
mongolischen Sprache und Literatur in Ulaanbaatar nach Leipzig, wo er
Deutsch lernte und ab 1962 Germanistik studierte. Daran schloss sich Ende
der sechziger Jahre in der Mongolei die Lehrtätigkeit für Deutsch an, die
durch ein politisch motiviertes Berufsverbot 1976 unterbrochen wurde. Seit
1991 ist Tschinag freier Schriftsteller mit wechselndem Wohnsitz.
Tschinag schreibt seine Texte vor allem auf Deutsch. Nicht allein seine
Herkunft und sein Bildungsgang muten ungewöhnlich, ja exotisch an;
besonders auch die Wahl des Deutschen als Literatursprache ist bemerkenswert. Sie wird zumindest teilweise dadurch verständlich, dass die Tuwa mit
dem Tuwinischen nicht über eine Schriftsprache verfügen.
Den Chamisso-Preis erhielt Galsan Tschinag im Jahre 1992 zusammen
mit Adel Karasholi, dessen deutschsprachige Lyrikerlaufbahn ebenfalls in
der DDR begann. Dass Galsan Tschinag sich als „Zeitzeuge, Dokumentarist
und Verteidiger einer kulturellen Minderheit“353 sieht, bedingt seine offensichtlich autobiographische Schreibhaltung. Heidi Röschs Behauptung, dass
Tschinags Roman Zwanzig und ein Tag der Versuch sei, das kleine
„Hirtenvolk der Tuwa dem Vergessen im Fluss der Menschheitsgeschichte
zu entreißen und ihm ein Denkmal zu setzen“,354 ist nicht nur zuzustimmen:
allgemein gültiger ausgedrückt trifft diese Aussage auf Tschinags Gesamtwerk zu. Trotz dieses umfangreichen Gesamtwerks und obwohl Tschinag
durch die Auszeichnung mit mehreren Literaturpreisen auch Anerkennung
zugekommen ist, sind seine Texte in literaturwissenschaftlichen Arbeiten
dennoch bisher wenig berücksichtigt worden.
352
„Zwei Wege sind gangbar / Zur Vorbereitung / Grundlegender Veränderungen. / Der eine
Weg ist / Die Analyse der konkreten / Historischen Situation. / Der andere Weg ist / Die
visionäre Formung / Tiefster persönlicher Erfahrung. – Peter Weiss“. Nachsatz ohne
Seitenangabe.
353
Reeg 2000, S. 267.
354
Rösch, Available: 2001-12-06. http://www.tu-berlin.de/fb2/fadi/hr/hr.html
126
In Tschinags bisherigen Texten werden seine persönlichen Erfahrungen,
die er im Zusammenhang mit der Migration in die DDR gemacht hat, wenig
verarbeitet. Obwohl aber seine Herkunft, verglichen mit Lebensverhältnissen
im deutschsprachigen Raum, kaum exotischer sein könnte, vermitteln die
Texte dennoch Erfahrungen, die für deutschsprachige, oder, im
Übersetzungsfall auch anderssprachige Leser nachvollziehbar sind und
wieder erkannt werden. Besonders muss beachtet werden, dass die „gewisse
exotische Alterität“, „das Ungewöhnliche, das Merkwürdige, das
Fremde“,355 von dem Tschinags Texte auch handeln, bei der Rezeption nicht
außerdem von der gängigen Vorstellung des Gegensatzpaares von positiv
konnotierter Ursprungskultur kontra negativ konnotierter post-industrieller
Zivilisation überlagert wird.
Tschinags Texte sind dabei besonders deutlich und schon an der Textoberfläche Auslöser einer Entfremdung, die in verschiedene Richtungen
zielt.356 Dem deutschen Leser wird mit Hilfe der deutschen Sprache die tuwinische Fremde zugänglich gemacht, wobei die deutsche Sprache in den
mitgedachten fremden – in diesem Fall tuwinischen – Kontext, eingepasst
wird. Tschinag verwendet in seinen literarischen Texten eine Reihe von
tuwinischen Wörtern, Ausdrücken und Textzitaten. In seinen Büchern findet
sich jeweils ein Anhang mit Worterklärungen, die die angesprochenen
Phänomene manchmal auch ausführlicher erklären.
Die alltäglichen Voraussetzungen des herkömmlichen tuwinischen
Nomadenlebens werden im Roman Die graue Erde357 allerdings nur
angedeutet. In diesem Text stehen die zeitbedingten, sich anbahnenden
Veränderungen, die das Nomadenvolk im Innersten berühren und bedrohen,
im Mittelpunkt des Geschehens. Vorausgesetzt und dem Leser nahe gebracht
wird die dahinter liegende nomadische Normalitätsfolie hauptsächlich durch
Reflexionen und Äußerungen des fiktiven kleinen Galsan, der bei der Wahrnehmung der Gegebenheiten der städtischen Welt, mit denen er konfrontiert
wird, die Fremdheit dieser Wahrnehmungen langsam und schrittweise in
Relation zu dem ihm bisher Vertrauten, Eigenen setzt. Bei dem Roman
handelt es sich somit um die geradezu beispielhafte literarische Darstellung
von Prozessen, die mit den Worten: „Das Fremde ist demnach Teil einer
kulturdistinktiven Beziehungsdefinition, die erst Selbstdefinition ermöglicht,
da jede Selbstbeschreibung Alterität, von der sich das Selbst abgrenzend
profiliert, in Anspruch nehmen muss“,358 grundsätzlich und zutreffend
zusammengefasst werden. Tschinags Erzählung wird nun zum Ort, wo diese
Prozesse durch die Selbstreflexion des erwachsenen Autors gefiltert und
weiterentwickelt und wo ihre vorläufigen Ergebnisse dargestellt werden.
355
Amodeo 1996, S. 46.
Vgl. Baumgärtel 2000, S. 318, siehe auch Fußnote 105 in der vorliegenden Arbeit.
357
Tschinag 1999. Aus dieser Ausgabe wird im folgenden Teilabschnitt zitiert.
358
Gutjahr 2002, S. 345-369, hier S. 354.
356
127
Parallel zu den beschriebenen Ereignissen in der ihn umgebenden
Gesellschaft verläuft die Entwicklung des Ich-Erzählers vom jüngsten und
deshalb privilegierten Kind der Nomadenfamilie bis zum beinahe Jugendlichen, der langsam seine Unabhängigkeit von der elterlichen Befehlsgewalt
gewinnt. Tatsächlich umfasst die Handlung des linear erzählten Romans den
Zeitraum eines Jahres. An die ersten acht Frühlinge des Jungen hat sich zum
Ende der Erzählung ein neunter gereiht.
Dass der Autor im Roman Die graue Erde versucht, die Beobachtungen
so wiederzugeben, als seien sie mit Kinderaugen gemacht worden, erfüllt
dabei verschiedene rezeptionslenkende Zwecke. Beim einheimischen
deutschen Leser ist weder eine Kenntnis der tuwinischen Nomaden noch der
sich im Prozess der Sowjetisierung befindenden Welt der Sesshaften in der
Mongolei vorauszusetzen. Da jedem Kind erlaubt wird, sich über den
Zustand der Welt ausgiebig zu wundern, wird der unkundige Leser durch
Galsans fiktiven Kinderblick entlastet und informiert. Verdoppelten Effekt
haben Tschinags Darstellungen der quasi doppelten Exotik: Galsans
primärer Erfahrungshorizont mit Ausgangspunkt im tuwinischen Hirtenleben
ist für die deutschen Leserinnen und Leser nur geringfügig exotischer als die
neue Normalität des Lebens im mongolischen Internat der 1950er Jahre, die
Galsan als erste Fremdheitserfahrung seine Eigenart zu Bewusstsein bringt.
Die von Tschinag mit viel Witz und Humor genutzte Anziehungskraft des
Fremden darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in diesem
Roman eher darum geht, der Leserin und dem Leser die eigene Fremdheit
bewusst zu machen, als die Tuwa dem Missverständnis und der fälschlich
angenommenen impliziten Überlegenheit des zivilisierten Europäers preiszugeben. Gleichzeitig muss allerdings vor der Neigung der europäischen
Rezipientinnen und Rezipienten gewarnt werden, das weit Entfernte und
ursprünglich Naturnahe gleichsam durch rosafarbene Brillengläser zu
betrachten. Möglicherweise ist auch eine mongolische Kindheit die private
Idylle des nostalgischen erwachsenen Individuums, auf das harte Leben der
Nomaden trifft dies keinesfalls zu.
Die Wahl des Präsens als Erzähltempus unterstreicht die einfache Direktheit des Erlebens und Erzählens und verleiht dem Roman eine zeitlose,
allgemein gültige Note. Die mit nachempfundener kindlicher Naivität
beschriebenen Wahrnehmungen regen den Leser des Weiteren dazu an, seine
eigene Normalität neu in Frage zu stellen. Eine derartige Selbstbefragung
könnte Prozesse in Gang bringen, mit deren Hilfe alte, verkrustete Selbstverständlichkeiten aufgebrochen und neue Einsichten in den sich stets verändernden und erneuernden Zustand der Welt errungen werden.
Dshurukuwaas neuntes Lebensjahr
Es ist Herbst, als Dshurukuwaa, das jüngste Kind einer tuwinischen Nomadenfamilie, plötzlich von seinem großen Bruder namens Dshokonaj von zu
128
Hause abgeholt und ins Internat gebracht wird. Der große Bruder ist der
Direktor der Schule und zwei weitere Geschwister befinden sich bereits dort:
der Bruder Galkaan und die Schwester Torlaa. Der kleine Dshurukuwaa wird
mit dem zwangsweisen Aufbruch seiner unreflektierten Normalität im Dorf
und in der Jurte seiner Eltern entrissen und in eine Fremde geführt, die ihn
einen intensiven Kulturschock erleben lässt. Dieser Übergang in eine neue
Welt wird durch die Anwesenheit der Geschwister nur wenig gemildert,
denn die Geschwister selber sind durch ihren bereits kürzer oder länger
dauernden Aufenthalt dort bereits in einen starken Veränderungsprozess
geraten.
Dshurukuwaa befindet sich nun plötzlich in einer Umgebung, deren
Sprache er weder versteht noch spricht. Eine Mitschülerin darf schließlich
dolmetschen, um ihm die neuen Lebensregeln mitzuteilen. Denen zufolge ist
das Sprechen der tuwinischen Sprache in der Schule verboten, seinen tuwinischen Namen muss er ablegen, da er rückständig sei. Dafür muss er „die
kultivierte mongolische Sprache erlernen, die uns zum lichten Gipfel des
Wissens führen wird“ (35), und sein neuer Name ist Galsan.
Nach anfänglich enormen Schwierigkeiten findet sich Galsan aber bald in
seiner neuen Lebenswelt zurecht. Galsan strebt danach, wie sein großer
Bruder, den „Weg des Wissens“ (23) zu gehen, denn von ihm hat er erfahren: „Im Wissen wohnt das Feuer, das unsere finstere Welt aufleuchten und
die Rückständigkeit niederbrennen wird!“ (24). Galsan wird ein ausgezeichneter Schüler. Auch die mongolische Sprache lernt er schnell, gleichzeitig
wie Sprachwechsel und Code-Switching: selbst die Lehrer übertreten das
Sprachverbot, wenn sie es für nötig halten, und die Kinder in der Schulpause
tun es ohnehin.
Seit früher Kindheit hat Galsan mit seinem Wunsch, Schamane zu
werden, den Zorn und die Ablehnung seiner Umgebung, auch die seiner
Eltern, hervorgerufen. Als dieser Wunsch beim Eintritt in die Schule allgemein bekannt wird, droht man, ihn wegen seines auffälligen Verhaltens und
wegen seines Zukunftswunsches ins Kindergefängnis zu stecken. Erst unter
der Androhung, dass man andernfalls seine Eltern ins Gefängnis schicken
würde, bittet Galsan um Vergebung und verspricht Gehorsam.359
Die Entwicklung zum Musterschüler kann nur stattfinden, wenn Galsan
alle Gebote und Verbote kennen lernt und sich dann vorbildlich danach
richtet. Er nimmt die Rolle des gehorsamen Kindes an, um seine Eltern und
Geschwister, darunter vor allem den geliebten großen Bruder, nicht weiter
zu gefährden und um seine eigene Schulkarriere zum Gelingen zu führen.
Als der Sekretär der Kreisparteizelle die Schule besucht, wird „Genosse
Galsan“ (86) vor der versammelten Schülerschaft und den Lehrern erneut
zum Widerruf gezwungen. Der Erstklässler Galsan behauptet, nun nicht
mehr Schamane werden zu wollen, und erklärt seinen Sinneswandel: „Das
359
Vgl. Tschinag 1999, S. 68-73.
129
habe ich wohl gesagt, damals. Da war ich noch ein primitiver Mensch, ein
Landjunge. Inzwischen jedoch bin ich ein kultivierter Mensch, ein Schüler
geworden, und nun will ich Lehrer werden!“ (88)
Der Heizer der Schule, Arganak, Parteimitglied und späterer Ehrenpionier, verkörpert die repressive Gewalt des sowjetischen Systems. Er
kommandiert und bespitzelt Schüler und Lehrer und droht, alle – auch die
vermeintlichen – Rechtsbrüche der Kreisleitung zu melden. Dadurch ist der
große Bruder wegen Galsans Verhalten bereits in weitreichende Schwierigkeiten geraten. Man erteilt ihm eine Rüge und eine Bewährungsfrist von
sechs Monaten, in denen er unter Androhung der anderweitigen Amtsenthebung seine Arbeit als Schulleiter verbessern muss.
Galsan erfährt im Kreise seiner Geschwister, wie man sich mit derartigen
Verhältnissen arrangiert. Die Älteren beschließen, von Konfrontationen
soweit wie möglich abzusehen. Nach Dshokonajs Vorschlag einigen sie sich,
dem Heizer Arganak gegenüber keinen Widerstand zu leisten und sogar
seine Vorkämpferrolle anzuerkennen.
Nach dem Dafürhalten der Partei ist die Bekämpfung des Aberglaubens
in der Bevölkerung eine der dringlichsten Aufgaben der politischen Führung.
Im Zuge des Sowjetisierungsprozesses wird verlangt, dass man die sowjetische, also die christliche Zeitrechnung einführt, und statt der bisher verehrten Natur sollen nun die großen Führer Lenin, Stalin und vor allen anderen
der „sonnengleiche Führer“ (97) der Mongolen, Genosse Marschall
Horloogijn Tschoibalsan verehrt werden. Die Trauerfeiern, die auf den Tod
dieses Mongolenführers folgen, lassen sich bloß noch als Trauerorgien
bezeichnen, aber Galsan empfindet trotz der vielen Widersprüche, die ihm
störend auffallen, auch ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit in der
Gemeinschaft der Trauernden.
Die von Arganak geleiteten Arbeitseinsätze an den Wochenenden, an
denen sich Schüler und Lehrer beteiligen müssen, haben eine Doppelfunktion: sie sollen die Versorgung des Internats soweit wie möglich aus
eigenen Kräften sichern, wobei Schüler und Lehrer sich als patriotische und
kultivierte Menschen gleichzeitig „arbeitend ausruhen sollen“ (172). Den
kleinen Galsan erfüllt der Abmarsch ins Holz, der unter Gesang,
militärischen Formen und unter der Bezeichnung „Offensive“ (vgl.169)
abläuft, mit einem „beglückenden und berauschenden Gefühl“ (154). Desto
größer ist Galsans Entsetzen, als er einsieht, dass die Holzfälleroffensive
einhundertacht heiligen Lärchen gilt und aus sowjetischer Sicht eine Kriegserklärung dem Aberglauben gegenüber darstellt. Unter Schülern und Lehrern
wird vorsichtiger Protest laut. Arganaks politische Argumente und seine
Androhung fürchterlichster Strafen bis zur Hinrichtung für „konterrevolutionäre Tätigkeit“ (158) verdeutlichen allen die allgegenwärtige
totalitäre Bedrohung, und das Abholzen kann beginnen. Ein lähmender
Schrecken erfasst alle Anwesenden, als „ein geheiligter Schamanenbaum“
(157) das erste Opfer der Äxte und Sägen ist.
130
Das Fällen der Lärchen markiert einen Prüfstein für das Verhältnis der
Geschwister der herkömmlichen Religion und den Ansprüchen der neuen
Zeit gegenüber. Galsan empfindet es eindeutig als Schlachtung und Mord
(vgl. 160), obwohl sich auch zaghafter Stolz über die vollbrachte
Arbeitsleistung in seine Gefühle mischt. Schwer fällt allen, zu verstehen,
dass die „himmlische wie die irdische“ Strafe ausbleibt. Die drei älteren
Geschwister beschließen daraufhin individuell eine neue, pragmatische
Haltung den Eltern und den Schamanen einerseits, den Lehrern, der Partei
und Arganak andererseits gegenüber. Allein Galsan erholt sich noch lange
nicht von der durch die Ereignisse ausgelösten Erschütterung. Er gerät in ein
Gefühlschaos, aus dem er erst langsam wieder herausfinden wird.
Alle weiteren Aktionen, die in den Arbeitseinsätzen durchgeführt werden
sollen, dienen der gleichzeitigen Bekämpfung dessen, was von offizieller
Seite „Aberglaube“ genannt wird, und der Lobpreisung der revolutionären
Umgestaltung der Mongolei. So beginnt der Bau eines Gemüsekellers unter
einem mitgeführten Spruchband, dessen Parole schlicht postuliert: „Wir
wissen, du bist nicht heilig, und darum haben wir auch keine Angst, dir den
Bauch aufzureißen und bis in deine fette Niere einzudringen, Erde!“ (173,
kursiv im Originaltext).
Galsans großem Bruder ist nichts weiter übrig geblieben, als sich der
Übermacht der Partei zu beugen, und er wird dazu gezwungen, es öffentlich
bekannt zu geben: „Natürlich steht das gesamte Schulkollektiv, ich, der
Direktor, miteingeschlossen, unter Ihrer Führung, Genosse Arganak!“ (178)
Unangefochten können nun Arganaks Offensiven fortschreiten, eine
bedrohliche Spannung braut sich jedoch parallel zusammen. Indem er dem
Direktor demütigende, weil unerfüllbare Aufträge gibt, schafft sich Arganak
Anlässe für die Eskalation einer Wut, die zur Entfernung des Direktors aus
dem Amt führen soll. Verhaftungen, Gerüchte, Träume, Vorzeichen und
Voraussagen kündigen unheilvolle Entwicklungen auf mehreren Ebenen an.
Das für den Gemüsekeller vorbereitete Erdloch bricht in sich zusammen,
drei Schüler und Arganak kommen darin um.360
Der kleine Galsan erleidet einen schweren Nervenzusammenbruch. Als
seine Geschwister ihn im Krankenhaus besuchen, wird der große Bruder ins
selbe Zimmer gelegt. Ein unerklärliches und auch im Text unerklärt bleibendes Geschoss, „Etwas aus der Luft war es, als wenn es ein Habicht oder gar
ein Adler im Flug gewesen sei“ (232), hat ihn tödlich verletzt. Die Schwester
bereitet seine sterblichen Überreste für eine rituelle Bestattung vor.
Bei den Bestattungsritualen fehlt der Weihrauch, was einzig Galsan
aufzufallen scheint. Das hält er auch für die Erklärung dafür, dass die Vögel
und wilden Tiere sich nicht der sterblichen Hülle Dshokonajs erbarmen. Erst
Monate später, nach einem Opferritual, das ein Bestattungs-Lama in Anwe360
Die Interpretation des gewaltsamen Todes von Arganak findet sich am Ende dieses
Teilabschnittes unter der Überschrift: Verschiedene Lesarten des Romans.
131
senheit von Galsan und Teilen seiner Familie zelebriert, machen sich
Elstern, Milane, Krähen und Raben über die Leiche her und lassen
Dshokonajs Familie zum Abschluss der ersten Trauerphase und zur Ruhe
kommen.
Identitätsentwicklung im Kreuzfeuer der Widersprüche
Der thematische Mittel- und Ausgangspunkt des Romans ist Galsans Überzeugung, zum Schamanen berufen zu sein. Mit dieser inneren Überzeugung
steht der noch recht kleine Junge zwischen allen Fronten: seine Eltern beunruhigt dieser Wunsch ebenso wie die meisten übrigen Bewohner des Nomadendorfs. Gemessen an der sowjetischen Werteskala im Internat verkörpert
eine derartige Vorstellung eine extreme Form von Aberglauben, Rückständigkeit und Finsternis: sowohl deren Ausübung als auch nur der Wunsch
nach Ausübung müssen notfalls mit dem Tod bestraft werden. Im Bezug auf
seine Berufung ist Galsan aber unbeirrbar. Er beugt sich der repressiven
Gewalt unter Druck, aber nur zum Schein.
Der Junge wird beim Eintritt ins Internat unter Androhung von Strafe
daran gehindert, Identität zu präsentieren,361 es wird ihm im Gegenteil strikt
verboten, sich so zu zeigen, wie er sich bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt
hat. Er muss seine Kleidung und seine Sprache ablegen, die Zuteilung eines
neuen Namens markiert eine Trennung von der alten Identität und einen
Neubeginn, einen von außen aufgezwungenen Bruch, den Galsan ohne
größere Schwierigkeiten duldet.362 Im Verlauf der Erzählung begleiten
ständige Namensvariationen und Namensänderungen seine Rollenübernahmen und Entwicklungen und die der ihn umgebenden Menschen. Galsans
souveränes Akzeptieren aller denkbaren Namen zeigt das Selbstwusstsein
des Protagonisten, der trotz seines geringen Alters intuitiv empfindet und
weiß, dass der Kern seiner Identität durch die Namenswechsel nicht bedroht
ist. Auch drückt dieses Verhalten Galsans Rollendistanz aus und beweist,
dass er „Ich-Identität wenigstens in gewissem Ausmaße bereits errichtet
hat“, denn „wo ein Individuum sich um Ich-Identität bemüht, kann es nicht
umhin, sich zu seinen verschiedenen Rollen distanziert zu verhalten“.363
Im Internat, einer potentiell totalen Institution, herrscht ein rigides
Normensystem. In dieser unheilvollen Atmosphäre erfahren sowohl Schüler
als auch Lehrer die Forderung, widerstandslos in den Erwartungen der
361
Vgl. Krappmann 2000, z.B. S. 7, S. 11 und S. 168.
Namenswechsel, die einen Bruch in der persönlichen Identität markieren, sind zum
Beispiel die Annahme eines neuen Namens beim Eintritt ins Kloster, die Annahme des
Familiennamens der Ehepartnerin oder des Ehepartners, auch per Antrag erworbene neue
Namen beispielsweise von Migranten, um in der Empfangsgesellschaft weniger aufzufallen.
Auch Künstler- und andere Berufs- oder Spitznamen bezwecken die Hervorhebung gewisser
und das Verhüllen anderer Persönlichkeitsanteile. Galsans Namenswechsel ist allerdings
weder eine freiwillige noch eine rituelle Handlung im eigentlichen Sinne.
363
Krappmann 2000, S. 137f.
362
132
Machthaber aufzugehen. Galsans persönliche Identität ist aber nicht nur
dadurch bedroht, sondern auch durch das Gefühl der Einsamkeit, dass sich
im Zusammenhang mit der von ihm so tief empfundenen Berufung zum
Schamanen einstellt.
In seiner Position des so gut wie machtlosen Kindes stellt sich ihm die
Aufgabe, diese beiden Hauptbedrohungen seiner sich gerade erst konstituierenden Identität auszuhalten. Diese kindliche, noch unbewusste Identitätsbalance wird als Ergebnis der Reflexionen des realen, erwachsenen
Erzählers verständlich gemacht. Galsan hat auch zum Abschluss der
Erzählung noch nicht das Alter, die Reife und die Position erreicht, wo er
nicht mehr der Autorität und Machtausübung der Erwachsenen unterstellt
und zu eigentlicher Selbstreflexion fähig wäre.
In der beinahe aussichtslosen Situation des Kindes, die es mit den
Mitschülern und Lehrern teilt, bietet das sprachliche Code-Switching ein
Schlupfloch. In mehreren äußerst brenzligen Situationen übertreten außerdem sogar die Lehrer das für Galsan so existentielle Verbot: sie nehmen
seine Schamanen-Dienste in Anspruch, um mit seiner Hilfe extreme
Probleme glimpflich zu lösen. Auch die Haltung des großen Bruders und die
der anderen Geschwister den Geboten der neuen Zeit gegenüber ist ambivalent. Sie trennen dabei jedoch erkennbar ihre Stellungnahmen den Geboten gegenüber von denen Galsan gegenüber: im Interesse aller liegt es, die
durch Galsans auffälliges Verhalten hervorgerufenen Gefahren zu bannen.
Galsan gerät in einen Zwiespalt, der zu einem Kampf auf verschiedenen
Ebenen führt. Auch er will gegen die Rückständigkeit kämpfen und steht
allem Neuen aufgeschlossen und neugierig gegenüber. Dabei bedeutet ihm
die angestrebte Ausübung der Schamanentätigkeit gerade das Gegenteil von
Rückständigkeit, obwohl er fühlt, dass dieses Streben gleichzeitig sein
wichtigstes Vorbild und seinen Garanten für Liebe, Schutz und Geborgenheit, den großen Bruder nämlich, in Gefahr bringt. Dieselbe Umgebung,
sogar dieselben Personen, die ihm das Präsentieren seiner Identität als Tuwinisch sprechender, im Werden begriffener Schamane verbieten, erlauben
ihm dennoch bei besonderen Gelegenheiten die Ausübung beider
Tätigkeiten. Galsan entwickelt für das Überleben in der einerseits totalitären,
andererseits ambivalenten Situation im Internat die für seine Identität
überlebensnotwendige Rollendistanz.364 Er lernt, mit der Ambivalenz umzugehen, und zum Abschluss des ersten Schuljahres vereint er, ohne darüber
nachzudenken, geschickt diese beiden großen Persönlichkeitsanteile mit den
anderen, ihm unter Strafe abverlangten Beweisen seines Gehorsams. Diese
Leistung verlangt ihm zeitweilig das Äußerste an Kräften ab, lässt ihn große
Ängste, Schuldgefühle und einen Zusammenbruch erleiden.
364
Vgl. Krappmann 2000, z.B. S. 137f.
133
Die Widmung
Für Dshokonaj
meinen Bruder und Lehrer
der wohl gehen mußte
damit ich blieb (6)
Aufgrund der unverkennbar autobiographischen Züge der Erzählung gewinnt
diese den Roman einleitende Widmung eine besondere Bedeutung, indem
sie die authentische mit der fiktionalen Ebene verknüpft. Der entscheidende,
vorbildliche Einfluss des großen Bruders auf die Entwicklung des kleinen
Galsan reicht über Dshokonajs eigenen Tod hinaus, ihm wird eine ausschlaggebende Kraft zuerkannt. Die Opferfunktion von Dshokonajs Tod wird in
der Erzählung durch das Opferritual des Lamas auf religiöser Ebene kenntlich gemacht, angenommen und bestätigt. Der Roman errichtet dadurch dem
großen Bruder ein Denkmal, und die Bedeutung seiner Geschichte, die in
Galsans Erzählung bruchstückhaft miterzählt und mittels der Widmung
explizit postuliert wird, ist unübersehbar.
Dem großen Bruder wird die Erziehung des kleinen Galsan von den
Eltern widerspruchslos überlassen. Den Kultur- und Sprachschock, den er
den Jungen bei der Überführung ins Internat erleiden lässt, mildert
Dshokonaj trotz eigener, gleichartiger Erfahrungen nicht ab. Erst in der
Folgezeit entwickelt sich eine große, liebevolle Nähe zwischen dem ältesten
und dem jüngsten Kind der Familie. Galsan gegenüber vertritt er die Elternrolle unter den dem Kind fremden Lebensbedingungen im Internat, und auch
Dshokonajs emotionale Bedürfnisse werden durch Übernahme dieser Rolle
befriedigt. In seiner beruflichen Situation wird er dagegen unter unmenschlichen Druck gesetzt. Auf ihn, als den Direktor des Internats, konzentriert
sich die Aufmerksamkeit der Kreisparteizelle und des Spitzels. Für das
Verhalten seiner Geschwister, besonders Galsans, zieht man ihn, in der
Tradition der Sippenhaftung, zur Verantwortung.
Noch auf dem Sterbebett ermahnt Dshokonaj seine Geschwister, „den
Weg des Wissens“ (233) nie zu verlassen. Erst in der Todesstunde gesteht er
seine Ambivalenz dem schamanischen Glauben gegenüber ein, dem er
bisher öffentlich abgeschworen hatte, und bittet die Geschwister um die
Einhaltung religiöser Rituale bei seiner Bestattung. Den jüngsten Bruder,
Galsan, kann er dadurch von einem Teil seiner Schuldgefühle befreien, sein
eigenes Schicksal ist nicht mehr zu ändern.
Dshokonajs Tod kann unter den gegebenen totalitären Umständen als ein
Zerbrechen an eben diesen ausweglosen Umständen gedeutet werden. Durch
den Tod entkommt Dshokonaj seiner Bestrafung für die ihm vorgeworfenen
kriminellen Handlungen, einer Bestrafung, die nach dem Dafürhalten des
134
auch unter der Last des totalitären Systems geknechteten Galsan ebenfalls
Dshokonajs Tod hätte bedeuten können. Das einschränkende „wohl“ (6) der
Widmung, zusammen mit der rätselhaften Todesursache, lässt jedoch zumindest einen Restzweifel bestehen: wie kann es sein, dass der Tod des einen
die Voraussetzung für das Überleben des anderen ist?
Obwohl Galsan derselben totalitären Bedrohung ausgesetzt ist wie sein
Bruder, zerbricht er nicht an den extrem widersprüchlichen Ansprüchen, die
seine Umgebung an ihn stellt. Liebe und Geborgenheit, die sein großer
Bruder ihm bieten, auch Galsans geringes Alter erzeugen einen gewissen
Schutz für seine Person. Die schließliche Rückkehr des großen Bruders zu
den Glaubensvorstellungen ihrer gemeinsamen Herkunft, seine zögernde
Anerkennung von Galsans Berufung zum Schamanen bei gleichzeitiger
Aufforderung an ihn, auf der Hut zu sein und „den Weg bis zum Ende [zu]
gehen, den ich nun verlassen muß“ (234), schenken Galsan die Gewissheit,
dass dieser Weg voll von Widersprüchen sein mag, die zu ertragen er aber
lernen muss. Die familiäre Bindung mit dem ihr zugehörigen, in zwei
Richtungen zielenden Verantwortungsgefühl ist durch Dshokonajs Tod
aufgelöst worden. Die Lebensweisheiten des großen Bruders und seine
eigene innere Wirklichkeit aber kann und muss Galsan weiter in Einklang zu
bringen versuchen mit den ihm angesonnenen Erwartungen einer repressiven
Umgebung. Den großen Bruder können seine konfliktreichen Verhandlungen nun nicht weiter gefährden.
Die Anklage dem repressiven System gegenüber ist ausgesprochen
deutlich und kommt unverhüllt auch in Dshokonajs letzten Worten zum
Ausdruck: „Geht mit den Menschen, und nicht gegen die Menschen“ (233).
Dshokonajs Vermächtnis wird dadurch zum Mahnmal der Verteidigung
einer Zukunft, die freie Menschen in freier Selbst- und Identitätsfindung
gestalten werden. Galsan lässt keine Zweifel daran bestehen, dass er dieses
Vermächtnis mit all seinen physischen und psychischen Kräften verwalten
und durchsetzen wird. Wissbegierig und mutig bewegt er sich weiter
zwischen und in der runden Welt der Nomaden und der eckigen der Sesshaften, zwischen und in verschiedenen Sprachen, sozialen, religiösen und
politischen Systemen.365
Verschiedene Lesarten des Romans
Tschinag lässt bei der Gestaltung der Geschehnisabläufe offen, ob sich diese
tatsächlich so, wie es im Roman geschieht, vorzugsweise mit den
Erklärungsweisen des werdenden Schamanen Galsan deuten lassen. Im Text
365
„Es gibt zwei Typen der Kulturen: Die runde Kultur des Nomadentums und die eckige
Kultur der Städte. Die runde ist die erstere. Alle Völker hatten diese Kultur in ihren Kindheitsjahren. Dann kam die Stadt, und der Städter brauchte Linien, Ecken“. Tschinag im
Gespräch mit von Saalfeld 1998, S. 85-108, hier 101.
135
lassen sich Vorausdeutungen des erzählenden Galsan finden, deren Erfüllung
er kraft seiner zunehmenden schamanischen Fähigkeiten zu späteren Zeitpunkten zu verstehen meint. Gleichzeitig finden sich aber auch Deutungsangebote für Leser, die metaphysischen Erklärungen eher skeptisch gegenüberstehen.
Diese Schreibweise ermöglicht mehrere Lesarten, wovon eine als
Plädoyer für das Schamanentum gesehen werden kann. In einer weiteren
Lesart, für den intendierten deutschsprachigen Leser vorgesehen, lassen sich
für die meisten als übernatürlich gekennzeichneten Ereignisse aber auch
weniger kontroverse, rationale oder naturwissenschaftliche Erklärungen im
Text selber finden. Die prozesshafte Auseinandersetzung des Erzählers mit
den Umständen, die er im Zusammenhang mit Binnenmigration und erzwungenem Sprachwechsel erfährt und erleidet, gerät dadurch in den Vordergrund, und die aufgezeigten Lösungsmodelle erweisen sich als vorläufige
Vorschläge.
Universal wiedererkennbare Prozesse und Phänomene machen dementsprechend den eigentlichen Gehalt des Romans aus. In dieser Teilbiographie
von Tschinag dürfte besonders die Erfahrung von Fremdheit, zu sehen als
„ein konfliktreich definierter sozialer Status, bei dem zwei Partner sich
darüber verständigen, wer ‚zu Hause’ und wer ‚in der Fremde’ ist“,366 und
der Versuch ihrer Überwindung in mehr oder weniger totalitär strukturierten
Verhältnissen der Macht und Ohnmacht eine große Rolle spielen.
Nostalgisch verklärte Behauptungen der Art, es handle sich bei Tschinags
Herkunft, dem Altai, um eine „für unser Empfinden noch heile Welt“,367 und
in seinen Geschichten tue sich diese uns fremde Welt auf, müssen als stark
verkürzte Sicht und Beurteilung von Tschinags literarischen Intentionen
abgewiesen werden. Geradezu gegenteilig macht der Text klar, dass die
beschriebenen Menschen in ihren Lebensverhältnissen starken destruktiven
Zwängen unterworfen sind, die sich in nur geringem Ausmaß beeinflussen
lassen. Die verehrte, angebetete Natur ist die bedrohliche und schwer kalkulierbare Konstante des Nomadenlebens, der nur mit Schamanismus beizukommen zu sein scheint. Im Text wird diese Lebenshaltung, verkörpert
durch den Wunsch eines Kindes, als gefährlich und unreif, fortschrittsfeindlich und überholt gekennzeichnet. Ebenso wenig stellt aber die Sowjetisierung, die mit Schikanen und Zwangsmaßnahmen durchgeführt wird, eine
Alternative dar.
Das Verhalten des Parteimitglieds Arganak, der die Parteibeschlüsse in
die Praxis umsetzen soll, ist zum instrumentellen Rollenhandeln erstarrt. Er
ist weder zu Verhandlungen noch zu Aushandlungen irgendeiner Art bereit
und sein auf gesellschaftliche und politische Vorteile ausgerichtetes
Verhalten kommt einer Preisgabe des Anspruchs auf eine persönliche Identi366
367
Gutjahr 2002, S. 359, Apostrophierungen im Original.
Taube 1992, S. 91.
136
tät gleich.368 Arganaks Führungsrolle beruht einzig auf seiner proletarischen
Herkunft und seiner Parteizugehörigkeit und nicht auf Fähigkeit oder
Wissen. Die Aufgabe der persönlichen Identität zugunsten eines Anteils an
der politischen Macht hat sich für Arganak nicht gelohnt. Das Scheitern
seines Lebensentwurfs deutet darauf hin, dass für wahre gesellschaftliche
Veränderungen mehr benötigt wird als Gewalt und Gehorsam. Die echte
Teilnahme und Teilhabe aller Beteiligten wäre dafür sicherlich eine wesentliche Voraussetzung.
Tschinag hat den bisherigen Großteil seines Lebens in realsozialistischen
Gesellschaften verbracht. Nicht übersehen werden sollte daher eine weitere
Lesart, die in diesem Roman von Tschinag auch eine verspätete Auseinandersetzung mit dem repressiven System der DDR wahrnehmen kann. Ohne
den Text für Zwecke zu vereinnahmen, die vom Autor eventuell nicht
beabsichtigt waren, ist eine kritische Auslegung, bezogen z.B. auf politische
und soziale Verhältnisse, wie sie in der DDR herrschten, für die deutschsprachigen, insbesondere die deutschen Leserinnen und Leser dennoch nicht
wegzudenken.
Tschinags Literatur, in der Folge der Migration entstanden, macht tuwinische Erlebnisse interkulturell zugänglich für deutsche Leserinnen und
Leser, die das Beschriebene auf dem Resonanzboden ihrer eigenen Erfahrungen von Unterdrückung und Terror im vergangenen 20. Jahrhundert identifizieren und verstehen können.
Abschließende Bemerkungen zur im deutschen Kontext
fremden Sprache
Eine unmittelbare Erfahrung bei allen Interaktionen in der Fremde ist der
Kontakt mit der fremden Sprache. Dass sich die Identitätsbalance der Protagonistinnen und Protagonisten mindestens ab ihrer Ankunft im neuen Land
auch über die Zweit- oder Fremdsprache vermittelt vollzieht, ist in einigen
der obigen Texte bereits auf der Textebene zu beobachten und führt dort zu
sprachlicher Polyphonie und Dialogizität variierenden Grades. Mit ihrer
Mehrsprachigkeit gehen die Protagonisten in den hier untersuchten Texten
auf unterschiedliche Weise um.
Die sprachlichen Verhaltensweisen der Protagonisten in Biondis
Abschied der zerschellten Jahre und Tekinays Todesengel kennzeichnen
eine hauptsächliche Verortung des Textgeschehens in einem deutschen
Kontext, in dem keine bewusste Auseinandersetzung mit der Herkunftssprache stattfindet. Biondis Mamo legt Wert auf die Feststellung, dass er
„sprach wie die Einheimischen“,369 und hält es für einen Witz, dass der
368
369
Vgl. Krappmann 2000, S. 55.
Biondi 1984 a), S. 82.
137
Sozialarbeiter mit ihm in der Landessprache seiner Eltern spricht, die er
gerade nicht als seine eigene anerkennt. Sprachlich ist er in der deutschen
Umgebung nicht als Fremder erkennbar, seine guten Kenntnisse des
Amerikanischen lassen ihn Vokabeln und Phrasen in dieser Sprache in den
deutschen Sprachkontext einstreuen und Texte aus der Popmusik zitieren.
Auch bei seinen Kontakten mit einem amerikanischen Soldaten tritt er wie
jeder x-beliebige junge Nachkriegsdeutsche mit guten Fremdsprachenkenntnissen auf. Zusammen mit der Nichtangabe der elterlichen Ursprungssprache steht Mamos Verhalten derart in Übereinstimmung mit seiner
trotzigen Behauptung, Deutscher zu sein. Seine Täuschungsstrategie zwingt
ihn dazu, den Anteil seiner Mehrsprachigkeit, den die Muttersprache
ausmacht, zu verheimlichen und zu leugnen.
In Tekinays Todesengel werden die Protagonisten mit Hilfe der Sprache
in eine deutsche und eine klar erkennbare türkische Gruppe eingeteilt. In der
türkischen Kneipe demonstrieren die türkischen Jugendlichen ihre Gruppenzusammengehörigkeit und die Verbundenheit mit ihren Eltern durch das
Mitsingen von Liedern aus der Musikbox in der Sprache ihres Herkunftslandes, und selbst die Figur der Melek, deren Haupteigenschaft die Unbestimmbarkeit ist, gewinnt gerade durch ihre Kenntnisse der türkischen
Sprache Zugang und Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Die türkischen
Jugendlichen sprechen ferner Deutsch fast akzentfrei, miteinander und mit
den deutschen Interaktionspartnern. Sie befinden sich in einer Sprachkontaktsituation und im Besitz sprachlicher Kenntnisse, die diesen Kenntnissen
der deutschen Jugendlichen bei Weitem überlegen ist. Eine Nachfrage nach
dieser Kompetenz von Seiten der deutschen Gesellschaft ist allerdings nicht
erkennbar. Die Sprachkenntnisse der türkischen Jugendlichen werden ihnen
zwar nicht als Mangel angekreidet, aber ein Interesse an der türkischen
Sprache unter den jungen Deutschen existiert auch nicht.
Die Un-Position des Dazwischen wird in Wodins Roman Die gläserne
Stadt durch die Gestaltung der qualvollen Unentschlossenheit der Protagonistin auch im Hinblick auf ihr Verhalten den zwei wichtigen Sprachen ihres
Alltagslebens gegenüber verdeutlicht. Ihr permanentes Übersetzen aller
sprachlichen Äußerungen legt den Grund zu einer Zwangsneurose und lässt
sie gleichzeitig dadurch zum Ausdruck kommen. Die russische Sprache, in
der sie Mutterliebe und Heimat erfahren hat, stigmatisiert sie unter den
Deutschen, unter denen sie ja leben muss. Durch diese Sprache und aus
weiteren biographischen Gründen wird sie zum Streben nach einer Heimat
als einem Gebilde aus reiner Sprache verführt. Paradoxerweise verhindert
ihre sprachliche Perfektion aber die echte Kommunikation zwischen der
Erzählerin und den Menschen in der durch die jeweilige Sprache definierten
deutschen oder russischen Umgebung. Diese Perfektion weckt bei Nataschas
Interaktionspartnern vereindeutigte Rollenerwartungen, bei deren Erfüllung
ihr nun keine Interpretationsmöglichkeit mehr zugestanden wird. Lebenswichtige Erfahrungsanteile ihrer Persönlichkeit, die mit der jeweils anderen
138
Sprache verbunden sind, werden bei der Verwendung der jeweils anderen
Sprache täuschend verdeckt. Sprachlich ist Natascha zu ihrem eigenen
Schaden dazu bereit, im deutschen und russischen Kontext den „Erwartungen unter Mißachtung aller subjektiven Identitätsprobleme zu entsprechen“.370 Nataschas perfekte Sprachkenntnisse stellen in ihrer Eindeutigkeit als Erfüllung sprachlich vorgegebener Normen eine Ausnahme dar.
Dass diese „Konformität [...] keine durchschaubaren Verhältnisse“371 schafft,
ist in der Interpretation bereits hervorgehoben worden.
Florescus Protagonist Ovidiu im Roman Der kurze Weg nach Hause ist
sich trotz seiner guten deutschen Sprachkenntnisse eines Akzents bewusst,
der ihm beim Sprechen anhaftet. Dadurch wird er unter anderen Sprechern
der deutschen Sprache als Fremder identifiziert. Als er auf seiner langen
Reise in Richtung Osten die Grenze zum Ursprungsland Rumänien überschritten hat, mischen sich in die Erzählung zunehmend rumänische Wörter,
die teilweise unübersetzt bleiben und dadurch im deutschen Textzusammenhang fremd erscheinen. Die deutsche Sprache reicht offensichtlich nicht
aus, um die emotionalen Inhalte, um die es hier in erster Linie geht, zu
vermitteln. Die der deutschen Leserin und dem deutschen Leser fremden
Wörter werden verständlich als Träger starker positiver Gefühlsinhalte und
Erinnerungen an Kindheit und Geborgenheit. Diese Gefühle sind allgemein
bekannt und erkennbar, weshalb man sie auch ohne lexikalisches Verständnis nachempfinden kann. Die Intensität der Empfindung liegt im wahrsten
Sinne ‚zwischen den Zeilen’. Die ihm seit der Migration anhaftende
Fremdheit hat Ovidiu über die eigene Wahrnehmung seines Akzentes
kennen gelernt. Diese Erfahrung, unter der er nicht leidet, bereitet den Weg
für seine weiteren Einsichten in Fremdheit und Vertrautheit, die er gleichzeitig empfinden und aushalten lernt.
Ganz anders als Ovidiu verhält sich die in die Heimat zurückreisende
Protagonistin in Demirkans Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker. Demirkan
lässt keinen Zweifel daran, dass für diese Migrantin das Sprechen der
deutschen Sprache völlig selbstverständlich ist. Zwei türkische Wörter,
„Merhaba“ und „Amin“,372 die auch in Deutschland als allgemein verständlich vorausgesetzt werden können, stehen gewissermaßen isoliert im Text,
der im Übrigen bis auf einzelne Phrasen in englischer und französischer
Sprache einheitlich deutsch ist. Rein sprachlich hat sich die Protagonistin für
die Schilderung ihrer bikulturellen Erinnerungen für die deutsche Sprache
entschieden, in ihr werden „Zeit und Raum aus zwei Kulturen“ in Einklang
gebracht und durch den Textinhalt wird plausibel dargestellt, dass in ihr
„auch eine Zukunft angestrebt wird“.373
370
Krappmann 2000, S. 117.
Krappmann 2000, S. 117.
372
Demirkan 1993, S. 25.
373
Chiellino 2001, S. 92.
371
139
Der reale Autor Tschinag benutzt auf der Textebene der Grauen Erde374
wie in den meisten seiner Texte die Gelegenheit, Leserinnen und Leser auch
durch die fleißige Verwendung von Wörtern, Ausdrücken und Phrasen aus
der Sprache der Tuwa und dem Mongolischen auf die in deutscher Sprache
dargestellte Fremde aufmerksam zu machen. Im Anhang beigefügte Glossare
fügen zu dem literarischen Text dadurch eine Art Vermittlungs- oder Aufklärungscharakter. Die nomadische Herkunft von Tschinags Protagonisten
Galsan ist auch in sprachlicher Hinsicht folgenreich. Dem diktatorischen
Verbot, seine Muttersprache zu sprechen, widersetzt er sich und lernt früh,
dass Sprachwechsel und Code-Switching normale Verhaltensweisen sind.375
Der noch kindliche Protagonist Galsan macht sich über Mehrsprachigkeit
keine Gedanken. Er lernt die Sprachen, die er lernen muss, um in verschiedenen sozialen Kontexten verbal kommunizieren zu können, ein Verhalten,
dass auch die ihn umgebenden Personen weitgehend zeigen. Die soziale
Umgebung und Galsans Interaktionen darin entscheiden über den Umfang
der Kenntnisse und den Grad der Geläufigkeit, die er in den verschiedenen
Sprachen erreichen will. Die sichtbare Dialogizität seiner Sprachen ist ein
Indiz dafür, dass sich seine Identität unter Inanspruchnahme mehrerer
Sprachen weiter entfalten wird. Sprache ist für Galsan keine festlegende
Tatsache, sondern erkennbar als eine von mehreren Variablen des Wandels.
Nur in Demirkans und Tschinags Texten finden sich deutliche Zeichen
für eine gewisse Heterogenität der sprachlichen Umgebung ihrer Protagonisten. Im Schwarzen Tee spricht die Hebamme in der Entbindungsklinik mit
holländischem Akzent, und die Sprache des werdenden Vaters ist ein mit
österreichischem Dialekt eingefärbtes Deutsch. In der Umwelt des kleinen
Galsan ist das Sprechen verschiedener Sprachen ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Sprachschwierigkeiten oder Akzente werden von ihm kaum
problematisiert, sondern als überwindbar oder irrelevant vorausgesetzt.
Der Sprache bzw. den Sprachen wird in sämtlichen Texten eine erkennbare Rolle und Bedeutung als Bestandteil und Übermittler von Identität
zugestanden. Nirgendwo erkennbar ist allerdings die identitätsstiftende Qualität einer einzigen Sprache für die Sprecherinnen und Sprecher selber oder
eine von den Protagonisten empfundene Bedrohung, zum Beispiel in Form
einer Persönlichkeitsspaltung, die durch das Sprechen mehrerer Sprachen
ausgelöst würde. Im Gegenteil werden selbst die drastischen Identitätsprobleme der Protagonistin Natascha durch die versuchte Festlegung auf
eine einzige Sprache noch stärker akzentuiert.
Die Akzente der Sprecherinnen und Sprecher lassen sie vor allem in den
Ohren der anderen, der Einheimischen, als Fremde erkennen und wirken
374
Tschinag 1999.
Vgl. hierzu die Diskussion bei Grosjean 1982, der den Sinn der Unterscheidung zwischen
dem Code-Switching und dem Register-Switching in ein- und derselben Sprache in Frage
stellt, S. 254f.
375
140
dabei an der projektiven Übernahme dieses Selbstbildes mit. Krappmanns
Postulat, dem zufolge das Individuum die Manifestation von Einmaligkeit
und Unwiederholbarkeit seiner Identität mit Hilfe einer Sprache leistet, die
Inkompatibles in sich aufnimmt, ist nun aus der Sicht der konkreten
Fremdsprachensprecherinnen und Fremdsprachensprecher zu ergänzen.
Denn für das Gelingen der Identitätsbalance sind offensichtlich auch auf
sprachlicher Ebene besondere Bedingungen erforderlich, damit Sprecherinnen und Sprecher der Landessprache als einer fremden Sprache nicht dazu
gezwungen werden, die in anderen Sprachen gemachten Erfahrungen und
die Sprachen selbst zu verdrängen oder auszuschalten. Auch kann im
Verlauf des Spracherwerbs das Gelingen der Identitätsbalance auf Dauer
gefährdet sein, wenn die von den Sprecherinnen und Sprechern der Majoritätssprache angesonnene reduktive Rolle des „defective communicator[s]“
ins Selbstbild übernommen wird.376 Die lebhafte explizite literarische
Auseinandersetzung mit dieser Zuweisung fand besonders in den frühen
Texten der Migrantenliteratur statt, Spuren davon finden sich aber immer
wieder auch in neueren Texten.
Traditionsgemäß wird in der deutschen Gesellschaft Monolingualität als
Normalfall gesehen, was im Monolingualen Habitus zur Gleichsetzung von
Einsprachigkeit mit Normalität geführt hat.377 Im individuellen Verhalten
der Protagonistinnen und Protagonisten offenbaren sich je nach Veranlagung
und Vorrat an Ambiguitätstoleranz unterschiedliche Strategien, mit dieser
Herausforderung an die Sprache des Ankunftslandes und ihre mitgebrachte/n
Sprache/n umzugehen. Grundsätzlich haben die durch die Migration von
realen Migrantinnen und Migranten ebenfalls eingewanderten Sprachen
dieses sprachliche „Reinheitsgebot[]“378 bereits aufgebrochen.
376
Hu 2003, S. 15, kursiv im Original.
Siehe hierzu Hu 2003, S. 17f.
378
Hu 2003, S. 17.
377
141
KAPITEL 6
Die Identitätsbalance: Zusammenfassung und
Ergebnisse
Die Identitätsproblematik wurde seit der Anfangszeit der wissenschaftlichen
Rezeption der deutschsprachigen Migrantenliteratur in den 1980er Jahren als
ihr thematischer Kern gesehen. Ohne die Frage entscheiden zu wollen, ob es
sich hier tatsächlich um einen einzigen, identifizierbaren Kern dieser
gesamten literarischen Erscheinung handelt, lässt sich zumindest feststellen,
dass diese Problematik auch in neueren und neuesten Texten weiterhin ihre
Gestaltung findet. Dieser Umstand wird dahingehend gedeutet, dass die
einschneidende biographische Erfahrung der Migration im Leben der
Autorinnen und Autoren als einer der Auslöser für die intensive literarische
Beschäftigung mit diesen Fragen angenommen werden kann.
Die Identitätskrise in der Jugend und die Loslösung von den Eltern
Die Entstehungsbedingungen der im vorangegangenen Kapitel interpretierten Romane, der Novelle und der Erzählung sollten im Rahmen der Auswahlkriterien einen möglichst großen Variationsreichtum spiegeln, um
dadurch die gesamte Vielfältigkeit der deutschsprachigen Migrantenliteratur
zumindest anzudeuten. Dennoch verfügen diese heterogenen Texte über die
in ihnen gestaltete Identitätsproblematik hinaus über ein weiteres verbindendes Merkmal: Sämtliche Protagonistinnen und Protagonisten, deren
Identitätsbalancen ausführlich gestaltet werden, sind Migrantenkinder, sie
haben ihren Geburtsort im Zusammenhang mit der Migration ihrer Eltern
verlassen oder sind bereits im Ankunftsland der Migration geboren. In
Tschinags Grauer Erde sind die politischen und persönlichen Umstände
anders, aber auch Galsan wird zum Verlassen seiner Jurte gezwungen und
migriert nicht freiwillig.
In der Phase der schrittweisen Ablösung von den Eltern suchen die
Jugendlichen nach eigenen Positionen für das Erwachsenenleben ihrer
Zukunft, wollen und müssen ihre Selbständigkeit in neuen Bindungen
erproben. Diese auch unter idealisierten, monokulturellen Verhältnissen des
Öfteren drastisch verlaufenden Prozesse unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den hier dargestellten. So erleben nicht nur migrierte Eltern
Phasen der Entfremdung von ihren Kindern, auch einheimische Jugendliche
142
nehmen bisweilen vorübergehend oder auf Dauer Abstand von den Eltern.
Die zusätzlichen interkulturellen Komponenten jedoch verstärken die
Brisanz dieser Prozesse, denn ihre sehr besonderen Lebensvoraussetzungen
der fremden Staatsangehörigkeit und/oder der fremden Sprachherkunft im
deutschen Umfeld zwingen diesen Migrantenkindern Konflikte auf, denen
einheimische Jugendliche so nicht ausgesetzt sind. In keinem dargestellten
Fall aber zeigt das Verhalten der Eltern oder anderweitig Erziehungsberechtigten in der Umgebung der Jugendlichen spezifisches Verständnis für
die besondere, interkulturell konnotierte Situation, in der sich ihre Kinder
befinden und in der sich die normativen Krisen ihrer „Karenzzeit zwischen
Kindheit und Erwachsenenleben“ abspielen.379
Die verschiedenen migrierten Eltern, die in den interpretierten Texten
vorgestellt werden, verlangen auf sehr ähnliche Art Respekt und Gehorsam
von ihren Kindern. Dass dabei in mehreren Fällen Erziehungsmethoden
verwendet werden, die auch vor heute nicht mehr vertretbaren und teilweise
sogar verbotenen, körperlichen Bestrafungen nicht zurückscheuen, ist in den
Einzelinterpretationen bereits bemerkt worden. Schwer wiegt auch die Tatsache, dass die Eltern ihren Kindern keine zufrieden stellenden Identifikationsangebote machen. Im Gegenteil lässt sich bei allen diesen Eltern das
Fehlen einer adäquaten Wahrnehmung des Identitätskonflikts ihrer Kinder
und der Bereitschaft zu einer Auseinandersetzung mit ihm und seiner
besonderen, durch die Migration entstandenen Problematik feststellen. Der
Wunsch der Eltern, dass ihre Kinder sich wie sie selber an die Migrations-,
Gastarbeiter- oder Flüchtlingssituation anpassen (Biondi, Tekinay, Demirkan, Florescu, Tschinag), ein damit zusammenhängendes spezifisches
Fremdheitsgefühl kultivieren und auch die Rückkehrillusion übernehmen
(Demirkan, Florescu), gepaart mit dem auf die Kinder projizierten Heimweh
(Wodin), zeigt das gleichermaßen bei allen Eltern fehlende Verständnis
dafür, dass und wie die Lage der im Zuge der Migration Geborenen sich von
ihrer eigenen unterscheidet.
Aus den Texten ist über die Identitätskrisen der Eltern wenig zu erfahren.
Das mangelnde Verständnis ihren Kindern gegenüber und ihr Streben nach
Anpassung bis zum Unsichtbarwerden, das für sie selber und gleichermaßen
für ihre Kinder gilt, legt allenfalls die Annahme nahe, dass es ihnen bisher
nicht gelungen ist, diese Krisen fruchtbar zu verarbeiten. Damit aber diese
Überlegung nicht als Vorwurf lediglich den Eltern gegenüber aufgefasst
wird, kann daran erinnert werden, dass nicht sie allein alle Verantwortung
tragen. Es geht beim Erwachsenwerden um einen, im Idealfall von Liebe und
Fürsorge durchdrungenen, Gesamtprozess der Identitätsbildung und Sozialisation, der „die individuellen Lebenszyklen, die Generationenfolge und die
Gesellschaftsstrukturen gleichzeitig reguliert“. Wenn nun diese gemeinsam
wirksam werdenden Bedingungen nur greifen, weil alle drei „sich zusammen
379
Erikson 2000, S. 137.
143
entwickelt“380 haben, impliziert diese Beschreibung auch eine gewisse
Abschottung gegen von außerhalb kommende Veränderungen. Die Gefahr
der Ausgrenzung dessen und derer, die an diesen Entwicklungen nicht schon
vorgängig beteiligt waren, wird hierdurch offenkundig.
In den literarisch dargestellten Identitätsbalancen macht sich tatsächlich
das Fehlen der für diese Entwicklungen vorausgesetzten Gleichzeitigkeit
und Beteiligungsmöglichkeiten bemerkbar. Dass die Gesellschaftsstrukturen
und einzelne Mitglieder der Majoritätsgesellschaft diese Entwicklungen in
entscheidender Weise verzögern, beeinträchtigen oder verhindern, wird
besonders in Biondis, Tekinays, Demirkans und Tschinags Texten deutlich.
Je nach Stärke der repressiven Mächte, die auf die Protagonistinnen und
Protagonisten einwirken, nimmt die Dramatik im Verlauf ihrer Identitätsbalancen extreme Formen an. In den drastischsten Fällen führt das Misslingen der Identitätsbalancen zur Auslöschung der Personen als solche. Eine
dringende Forderung nach Öffnung der undurchlässigen Verhältnisse, die
nur Mitgliedern der Majoritätsgesellschaft ein Gelingen dieser Balancen
ermöglicht und für alle anderen die Lösung schier unmöglicher Aufgaben
bei der Identitätsbalance und in extremen Fällen ein Scheitern vorprogrammiert, wird hier zum Ausdruck gebracht.
Die Identitätsbildung im Verlauf der Zeit und unter interkulturellen
Vorzeichen
Jede Identitätsbildung ist ein lebenslanger Prozess, und in ihrem Verlauf
müssen wiederholte Male Krisen bewältigt und Veränderungen kontinuierlich integriert werden. In dieser fortlaufenden Identitätsbildung stellt die
Identitätskrise der Adoleszenz aber einen frühen Wendepunkt, eine
„entscheidende Periode vermehrter Verletzlichkeit und eines erhöhten
Potentials“, dar.381 Die Allgemeingültigkeit und die Dynamik dieser
Prozesse gewinnen ihre signifikante Bedeutung, wenn in ihnen eine der
besonderen Kraftquellen des gesellschaftlichen Wandels anerkannt wird. Die
jugendlichen Protagonistinnen und Protagonisten in den interpretierten
Texten verkörpern die Hoffnungen auf diesen Wandel in ihren individuell
unterschiedlichen Identitätsbalancen mit interkulturellen Vorzeichen auf
exemplarische Weise.
Die Prozesse der Identitätsbildung verlaufend zum größten Teil unbewusst, führen aber auch über „Selbstwahrnehmungen und Selbstbewertungen bis zur Herausbildung generalisierter Selbstkonzepte, Selbstwertgefühle und Kontrollüberzeugungen“,382 was die Beobachtungskonzepte der
persönlichen Identität in psychologischer Terminologie beschreibt. Identi380
Erikson 1998, die beiden letzten Zitate S. 144.
Erikson 1998, S. 96.
382
Haußer 1983, S. 142.
381
144
tätstheoretisch relevant sind alle subjektiv bedeutsamen und betroffen
machenden Erfahrungen, wobei die Feststellung zu beachten ist, „daß ein
Mensch nicht von seiner gesamten Lebenswelt, von all seinen Gegenstandsbeziehungen gleichermaßen stark betroffen sein kann“.383 Gerade die Migration als existentielle Erfahrung des Individuums bedeutet jedoch eine Zäsur,
die die Biographie unwiderruflich in ein „Vorher“ und ein „Nachher“
einteilt.384 Die dem Migranten infolgedessen abverlangte Integrationsleistung
auf persönlicher Ebene führt zu dem Prozess, den die Metapher „der gespaltene Blick“385 zutreffend zusammenfasst. Die Intensität und Relevanz dieser
Erfahrungen in der Migration sind auch als Anlässe für die ursprünglich
verwandte Charakterisierung der durch sie ausgelösten Migrantenliteratur
unter der Bezeichnung „Literatur der Betroffenheit“ zu sehen.386
Fragen nach der persönlichen Identität lassen sich, bedingt durch die
Gegebenheit des menschlichen Lebensablaufes in der Zeit, chronologisch
ordnen. „Wer bin ich? und: Wer bin ich in der Zeit? Wie bin ich verbunden
mit dem Gestern und dem Morgen?“387 sind dabei auftauchende Orientierungslinien, die auch an den Texten der Migrantenliteratur ablesbar sind. Die
Ablösung der Vorstellung einer nach Beendigung der Adoleszenz als Besitz
empfundenen Identität durch die Vorstellung eines lebenslang unabgeschlossenen Identitätsprozesses mit offenem Ausgang aktualisiert die signifikanten Fragen nach dem zeitlichen Ablauf dieser Prozesse auf eine neue Art
und macht verständlich, dass die Reichweite jedes individuellen Konzeptes
von persönlicher Identität jeweils nur von begrenzter Dauer sein kann und
von Zeit zu Zeit umformuliert werden muss.
Auch den im vorangegangenen Kapitel interpretierten Texten sind die
drei Ebenen des heute, gestern und morgen inhärent, ihre vertiefte Gestaltung hat in den jeweiligen Texten allerdings unterschiedliches Gewicht. Eine
dadurch angeregte Art der Einteilung führt zu dem Ergebnis, dass Biondis
Abschied der zerschellten Jahre und Tekinays Todesengel sich im Jetzt und
Hier des Ankunftslandes Deutschland verorten lassen, wogegen Tschinags
Die Graue Erde und Demirkans Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker einer
starken Bewegung vorwärts in die Zukunft Ausdruck verleihen. Wodins Die
383
Haußer 1983, S. 39.
Eine plastische Beschreibung des die Migration einleitenden, mehr oder weniger
erschütternden Schocks findet sich bei Lüdi 2003, S. 53: „Die vertrauten Fixpunkte geraten
ins Wanken, die bisherigen Informationskanäle werden verschüttet, der Migrant findet sich in
seinem Alltag nicht mehr zurecht, kann seinen Erfahrungen keinen Sinn mehr zuordnen, fühlt
sich in keiner Gruppe mehr solidarisch aufgehoben, fühlt sich von lauter Fremden umgeben.
Dieses Phänomen – welches man durchaus auch innerhalb einer Sprachgemeinschaft
antreffen kann – erklärt sich teilweise aus der Tatsache, dass die Migration das
Bedeutungspotential der sprachlichen Elemente, die in der Herkunftsregion unhinterfragt als
identitäre Markierungen funktionieren – Regionalismen, Stereotype, ein Akzent, ein
bestimmter Dialekt usw. – nachhaltig verändert.“
385
Vgl. Amodeo 1996, S. 126f.
386
Biondi, Schami, Naoum, Taufiq 1984, S. 136-150.
387
Kraus 1996, S. 1.
384
145
gläserne Stadt und Florescus Der kurze Weg nach Hause schließlich
gestalten den schwer zu beschreibenden und kaum zu verortenden Bewegungszustand des Dazwischen, zeitlich sowohl als auch räumlich.
Zusammen mit Tschinags Text tragen diese zwei Romane bestimmte Merkmale des interkulturellen Romans am stärksten: erkennbar wird, dass in
ihnen „die Hauptfigur oder der Ich-Erzähler bestrebt ist, das eigene interkulturelle Gedächtnis aufzuspüren, oder es weiterzugeben, oder es vor der
Auflösung zu bewahren“.388
Alle hier untersuchten Texte besitzen eine weitere interkulturelle Eigenschaft, die darin zu sehen ist, dass in ihnen Erfahrungen aus unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Kontexten zusammengefügt werden.389
Mit diesem besonderen Erkennungszeichen der interkulturellen Literatur ist
gemeint, dass in ihren Texten der Versuch beobachtet werden kann, „das
Eigene und das Fremde paritätisch zu erforschen und zu vermitteln. Dies
geschieht in erster Linie dadurch, daß das Fremde von jeder Funktionalisierung gegenüber dem Eigenen befreit wird. Das Fremde ist nicht da, um das
Eigene zu erkennen, wie die berühmte utilitaristische Spiegelmetapher
betont“.390 Klar wird hier, dass „das Fremde“ und „das Eigene“ keine
Eigenschaften sind, die jemand oder etwas hat. Es handelt sich um relative
Größen, die sich erst durch ein Inbeziehungsetzen zwischen dem Eigenen
und dem Fremden ergeben. Die damit beschriebene Austauschbarkeit des
Fremden mit dem Eigenen weist auf die Übereinstimmung und
Gleichwertigkeit der Eigenschaften beider Signifikanten und Signifikate hin,
die im Prozess des Vergleichs zuerst deutlich werden, um sich später wieder
zu verwischen und sich zu einem unentflechtbaren „Dazwischen“ zu
entwickeln.
Für die nun folgende Zusammenfassung und Diskussion der Interpretationsergebnisse soll diese Wahrnehmung der Reziprozität des Fremden und
des Eigenen übernommen werden. Von einem ethnozentrischen Definitionsvorrecht wird in der hier applizierten Sichtweise auch ausdrücklich Abstand
genommen. Die Inanspruchnahme eines derartigen – ohnehin anzufechtenden – ethnozentrischen Vorrechts kann dieser Arbeit als Forschungsbeitrag einer der Auslandsgermanistiken sowieso nicht zugebilligt werden,
sondern stellt sie durch ihren eigenen Blickwinkel in Frage.
Die Gewinnung und Wahrung von Identität
Das Streben des Individuums nach immer neuer Stabilisierung seiner Identität ist unter der Bezeichnung „Identitätsbalance“ in einem theoretischen
Modell beschrieben worden, in dem der „Wahrung der Identität keine
388
Chiellino 2001, S. 108.
Vgl. Chiellino 2001, S. 108.
390
Chiellino 2001, S. 119.
389
146
Einschränkungen durch Machtausübung auferlegt werden“.391 Krappmanns
Identitätsbalance ist folglich ein idealtypisches Modell herrschaftsfreier
Interaktion und „stellt eine Utopie dar“.392 Die Berücksichtigung einer der
Grundannahmen des Interaktionismus, die feststellt, dass „die Gesellschaft,
das Geflecht interagierender Individuen mit ihren Werten und Normen,
genetisch dem Individuum vorausgeht“393 muss im Hinblick auf die konkrete
Situation von Migrantinnen und Migranten ergänzt werden. Denn neben der
Gesellschaft des Abfahrtlandes geht ihnen nun auch die des Ankunftslandes
voraus. Aus dem in die Ursprungsgesellschaft als per definitionem integriert
verstandenen Individuum wird im Zuge der Migration eines, das sich mit
einer völlig neuartigen Integrationsaufgabe in gänzlich neuen Kontexten
konfrontiert sieht. Wahrgenommen durch den gespaltenen Blick tauschen
das Eigene und das Fremde oszillierend ihre Plätze miteinander und
vermischen sich zu nicht mehr eindeutig entflechtbaren Geweben.
Abgesehen jedoch von dieser besonderen Situation der Migrantin und des
Migranten, in der die zu bewältigende Problematik sich vervielfältigt, bedarf
jede Interaktionsteilnehmerin und jeder Interaktionsteilnehmer einer Reihe
von Bedingungen und Fähigkeiten für das Gelingen von Interaktionen, in
denen Identität ausbalanciert werden soll. Auf einige diesbezügliche Grundannahmen aus Krappmanns Identitätsmodell soll hier noch einmal kurz
hingewiesen werden.
Für die Befriedigung seiner Bedürfnisse benötigt das Individuum Interaktionen. Bedingt durch die Verschiedenheit der Erwartungen und Bedürfnisse der Interaktionspartner muss es aber ertragen, dass in den Interaktionen
stets nur ein Teil seiner Bedürfnisse bei gleichzeitiger Erzeugung von Unbefriedigtheit befriedigt wird. Krappmann sieht in der damit beschriebenen
Ambiguitätstoleranz die für die Identitätsbildung „mutmaßlich entscheidendste Variable, weil Identitätsbildung offenbar immer wieder verlangt,
konfligierende Identifikationen zu synthetisieren“.394
Am Beginn jeder Interaktion stehen das Hinhören auf die Erwartungen
des/der anderen und die Darstellung der eigenen Identität, letztere ist
„Voraussetzung und Folge der Ich-Identität zugleich“.395 Individuen
benötigen für ihre Individualität die Zustimmung ihrer Gesprächs- und
Handlungspartner. Sie müssen bei der Präsentation ihrer Identität auf
verschiedenartige Partner eingehen und gleichzeitig ihre individuelle Besonderheit darstellen können, um in verschiedenen Situationen als dasselbe
Individuum erkennbar zu sein. In einem offenen Interaktionsprozess werden
daher Ansprüche an die Antizipation und die auf die Interaktion folgende
Interpretation des Geschehens aller Interaktionsteilnehmer gestellt.
391
Krappmann 2000, S. 25.
Krappmann 2000, S. 27.
393
Krappmann 2000, S. 21.
394
Krappmann 2000, S. 167.
395
Krappmann 2000, S. 168.
392
147
Wichtig für die Gewinnung und Wahrung von Identität ist die Fähigkeit
zur Rollendistanz. Rollendistanz beschreibt die Fähigkeit des Individuums,
zu verdeutlichen, dass es die ihm angesonnenen Rollen interpretiert und sich
nicht nur an ihnen, sondern auch an der Notwendigkeit, „die Balance einer
Ich-Identität aufrecht zu erhalten“, orientiert und außerdem „also an allen
Rollen, die es zur Zeit einnimmt, und an seiner Lebensgeschichte“.396
Mit den Begriffen Ambiguitätstoleranz, Darstellung der eigenen Identität
und Rollendistanz sind in aller Kürze einige entscheidende Komponenten
von Krappmanns Identitätsbalance erwähnt. Denkbare und tatsächlich auftauchende Probleme bei der Bewältigung der damit zusammenhängenden
Aufgaben in jeder Interaktion müssen dabei jederzeit in Betracht gezogen
werden, und es muss festgehalten werden, dass „alle Mittel der Identitätspräsentation wie die Identität selbst auf einem Grat balancieren, bedroht
von Unverständlichkeit auf der einen und von Entleerung auf der anderen
Seite“.397
Die Identitätsbalance in der Fremde und die fremde Sprache
In der Migration vollziehen sich Bildung und Wahrung von Identität,
gesehen als Aufgabe und Projekt des Individuums, unter spezifischen und
vielfältigen Bedingungen. Bei der dabei zu bewältigenden Problematik, die
in den im vorigen Kapitel interpretierten Texten aus der Migrantenliteratur
ihre Gestaltung findet, ist besonders ihre nicht-exemplarische Individualität
zu beachten. Dennoch ist gleichzeitig als einer der am stärksten hervortretenden gemeinsamen inhaltlichen Züge der Texte die explizite Auseinandersetzung mit der Fremde zu sehen. In Episoden der einzelnen Texte werden
diese Auseinandersetzungen besonders über das gemeinsame Fremdheitsmerkmal der Sprachen gestaltet.
Der Augenblick der Grenzüberschreitung stellt im Leben der Migrantin
und des Migranten den Moment dar, der das Verständnis vom Eigenen und
Fremden zum ersten Mal umkehrt. Die Reise in die Fremde konfrontiert die
Wandernden mit einer Umdeutung: die Fremden sind plötzlich sie selber.
Allen künftigen Interaktionen ist die Auseinandersetzung mit dieser
Erfahrung inhärent, eine Tatsache, deren Wahrnehmung bei der konkreten
Grenzüberschreitung der und des Wandernden erst beginnt.
Jede soziale Interaktion beginnt damit, dass die Interaktionspartner
gegenseitig Zuweisungen vornehmen, die die anderen oder den anderen typisierend festzulegen versuchen. Bei den Vorgängen, die hier ihren Anfang
nehmen, müssen gleichzeitig ihre Prozesshaftigkeit und die Vorläufigkeit
ihrer Ergebnisse für die sich stets aufs Neue vollziehende Identitätsbalance
beachtet werden.
396
397
Krappmann 2000, S. 119.
Krappmann 2000, S. 171.
148
Wie die Zusammenstellung der literarisch dargestellten Fremdheitsmerkmale der fremden Sprachen gezeigt hat, wird den migrantischen
Protagonistinnen und Protagonisten unmittelbar die Identifikation mit der
Fremdheit angesonnen. Das Hinhören auf diese Erwartungen ihrer Interaktionspartner zwingt die Interagierenden zu einer Stellungnahme diesem
Ansinnen gegenüber, wobei Ablehnung oder Zustimmung gleichermaßen
denkbare Reaktionen sind. In der Migration, einer durch Mehrheits- und
Minderheitsverhältnisse charakterisierten Situation, ist jedoch die
Möglichkeit, sich einer idealtypischen herrschaftsfreien Interaktion auch nur
anzunähern, nicht mehr gegeben. Die Wahrnehmung der und des Anderen
als Fremder und Fremden gerät in die gefährliche Nähe der Ausgrenzung
und der Reduktion, denn eine echte Reziprozität liegt aufgrund der ganz
offiziell unterschiedlich verteilten gesellschaftlichen Macht nicht mehr
vor.398 Diese Art der Machtausübung, die in ihrer Forderung auf
Ausschließlichkeit die Identität des Individuums über den Weg der
verhinderten Identitätsbalance zerstört, wird in Biondis Novelle Abschied
der zerschellten Jahre drastisch dargestellt – die Anklage gegen existierende
und institutionalisierte Ungleichverhältnisse zwischen Migranten und
Einheimischen kann kaum deutlicher formuliert werden. Auch die Strategien
von Tekinays Figuren, ihre Identitätsprobleme durch Überanpassung oder
Verschwinden zu lösen, führen letztlich zur Zerstörung ihrer Identität und
der Individuen selbst. Der Konstruiertheit fiktionaler Texte werden die
tödlichen und mörderischen Ausgänge geschuldet, die die Abläufe und
Ergebnisse der Zerreißproben bei Biondi und Tekinay darstellen.
Allgemeiner aufgefasst kommt dadurch jedoch nicht nur eine Anklage gegen
Rassismus zum Ausdruck, sondern gegen alle derartigen Exklusionsmechanismen, die das jeweils Fremde vom jeweils Eigenen ausgrenzen und
ausschließen, statt sich damit auseinanderzusetzen. Deutlich wird dadurch
gleichzeitig, dass echte Interaktionen keinesfalls stattfinden können, da die
dazu benötigte Hauptvoraussetzung des sich miteinander Inbeziehungsetzens
nicht erfüllt ist.
Krappmanns Rangordnung der an der Identitätsbildung und -bewahrung
beteiligten Variablen muss bezüglich der Identitätsbalance in der Fremde
umgestellt werden. Um überhaupt in die Lage zu kommen, in der das
„fremde“ Individuum demonstrieren kann, dass es zu Ambiguitätstoleranz
und Rollendistanz fähig ist, muss es als erstes seine Identität präsentieren
dürfen. In den untersuchten Texten ist erkennbar, dass viele Versuche, diese
Aufgabe auf sich zu nehmen und zu erfüllen, im Kontakt mit Vertretern der
Mehrheitsgesellschaft durch reduktive Wahrnehmung der Fremden und die
destruktive Reaktion auf diese Zuweisungen immer wieder vereitelt werden.
398
Vgl. hierzu das bei Chiellino diskutierte Lösungsmodell in der juristischen Tradition des
Abendlandes „ubi maior, minor cessat”, Chiellino 1995, S. 363f.
149
In den Textinterpretationen zeigte sich aber vor allem die Eignung der
interaktionistischen Identitätsbalance als Modell zur Untersuchung der Prozesse, die bei der Gewinnung und Wahrung von Identität wirksam werden.
Dabei wurde die grundsätzliche Offenheit des Ausgangs der Interaktionsprozesse und ihre Bedeutung für die Identität postuliert, eine Offenheit,
deren Fehlen in den fiktiven Aushandlungen auch dargestellt wird. Die
fatalen Folgen der einengenden Zuweisungen in den Texten, die das Hier
und Jetzt gestalten, symbolisieren die Einsicht in dieses Fehlen und die
davon ausgehenden Gefahren. Die Protagonisten in den Texten, deren Narrationen hauptsächlich im Dazwischen angesiedelt sind, haben ihre größten
Schwierigkeiten beim Auffinden eines Selbstkonzeptes, in dem sie ihre noch
widerstreitenden Persönlichkeitsanteile im Sinne der Ambiguitätstoleranz
ertragen bzw. diese Widersprüche miteinander in Einklang bringen könnten.
Die als Reise gestaltete Suche nach Identität von Florescus Hauptfigur
Ovidiu wird demgemäß als fast allen seinen Interaktionspartnern unverständlich dargestellt, und bei Wodin haben sich die Sprachen, von denen sie
meint, dass sie ihre Identität konstituieren, völlig des Sinns entleert. Beide
Erzählungen gestalten den Ausgang dieser Gratwanderungen auch am Ende
der Romane als noch relativ offen, die abschließenden Entscheidungen der
Protagonisten werden als vorläufige aufgefasst. Das zum Schluss gesteigerte
Selbstbewusstsein beider Protagonisten gibt allerdings zu der Hoffnung
Anlass, dass ihre Voraussetzungen für künftig gelingende Identitätsbalancen
sich verbessert haben.
Zur Vorbereitung von Identitäten, deren Interaktionen noch in ungewisser
Zukunft liegen, wählen Demirkan und Tschinag unterschiedliche Strategien.
Demirkans Erzählerin bedient sich eines genau und gründlich untersuchenden Blicks und nimmt dabei viele heterogene Einzelheiten wahr, die sie
selber und die sie umgebenden Menschen und Geschehnisse betreffen.
Rollendistanz ist eine Fähigkeit, für die sie auch bei ihrer Berufsausübung
als Schauspielerin geschult worden ist. Für ihre persönlichen Interaktionen
strebt sie dennoch eher nach eingeebneter Unauffälligkeit als nach
Selbstbehauptung und verlegt damit die echte Austragung von Konflikten,
die beim interagierenden Inbeziehungsetzen aufkommen, in den Bereich
ihres Privat- und Innenlebens und in die Interaktionen der Zukunft.
So mag Tschinags Galsan, der als Protagonist die Eigenschaften und die
Herkunft besitzt, die am exotischsten und archaischsten anmuten, erstaunlicherweise die Figur sein, die für die Anforderungen einer neuen, multikulturellen Zeit am besten ausgerüstet ist. Die Perspektive seines forschenden Kinderblicks ist in der Nomadenwelt des Tuwa-Volkes geprägt worden.
Aber obwohl die Interaktionen, die auf den unfreiwilligen Umzug aus der
Jurte seiner Eltern folgen, durchaus qualvoll sind und ihn an den Rand des
seelischen Abgrunds führen, übersteht er sie jedes Mal mit regenerierter und
reorganisierter Identität, Willenskraft und neugieriger Lebenslust. Infolge
seiner außerordentlich großen Ambiguitätstoleranz besitzt er die Fähigkeit,
150
mit einer schier unendlichen Zahl von Zuweisungen in einer beispielhaft
oszillierenden Identitätsbalance spielerisch umgehen und erfolgreiche Aushandlungen bei gleichzeitiger Bereicherung seiner persönlichen Eigenschaften durchführen zu können.
Im Text lassen sich keine genauen Anhaltspunkte dafür finden, warum
die Figur Galsan die nötigen Voraussetzungen für eine neue Zeit mit starken,
interkulturellen Dispositionen mitbringt. Auch Galsan geringes Alter ist
keine zufrieden stellende Erklärung, da auch die noch ungefestigte Persönlichkeit eines Kindes keine unbegrenzten Möglichkeiten flexiblen Fühlens,
Denkens und Handelns bei gleich bleibender seelischer Gesundheit besitzt.
Im Gegenteil deuten Erkenntnisse der Erziehungswissenschaften darauf hin,
dass Kontinuität und Vorhersagbarkeit, möglichst gleich bleibende
Verhältnisse und Geborgenheit als für das Heranreifen nötige Bedingungen
gesehen werden müssen. So besitzt die schillernde Figur Galsan wohl auch
eher idealisierte fiktive als reale Züge. Gleichwohl regt gerade sie zur
Erprobung neuer Gedankengänge an, auf denen beschriebene und angedeutete Entwicklungen zumindest vorstellbar sind.
Literatur als Medium der Verständigung
In der versuchsweise im Hier und Jetzt verorteten untersuchten Novelle und
Erzählung bleiben Berührung und Veränderung, „Schlüsselwörter einer
multi-kulturellen Gesellschaftsperspektive“,399 noch weitgehend aus. Diese
bedeutungsvollen Begriffe benennen Angelegenheiten, die alle an der
Situation Beteiligten, entweder als Angehörige der Ankunftsgesellschaft
oder in ihrer Eigenschaft als Migrantinnen und Migranten, betreffen.
Deutlicher gestalten die vier Romane versuchtes und gelungenes
Inbeziehungsetzen, Annäherungsversuche und Auseinandersetzungen, wobei
unterschiedliche Phasen dieser dynamischen Prozesse im Blickpunkt stehen.
Selten jedoch wird Fremdsein bisher als „eine ganz positive Beziehung, eine
besondere Wechselwirkungsform“400 dargestellt, die sich daraus erklärt, dass
der Fremde nicht zu sehen ist „als der Wandernde, der heute kommt und
morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt – [...]“,401
nämlich als die- und derjenige, die sich in Beziehung setzen und mit denen
sich die Umgebung in Beziehung setzt. In diesem Prozess ist die Inanspruchnahme der Alterität, „von der sich das Selbst abgrenzend profiliert“ eine
Notwendigkeit.402 Als noch zu erfüllendes Postulat muss gleichwohl gelten,
dass „Alterität die Vorstellung von einem, in Bezug auf das Eigene,
gleichursprünglich Anderen“ umfasst.403
399
Şenocak 1992, S. 12.
Simmel 1908, S. 685-691, hier S. 685f, kursiv im Original.
401
Simmel 1908, S. 685-691, hier S. 685, kursiv im Original
402
Gutjahr 2002, S. 354.
403
Gutjahr 2002, S. 354.
400
151
Dass nach Auffassung moderner Konzepte Identität zurecht als ein
Gebilde bezeichnet wird, das sich auf mehreren Ebenen im fortwährenden
Umbruch befindet, verdeutlichen die Perspektiven der Migrantenliteratur.
Um sich der Dynamik auch der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse
annähern zu können, müssen Entwürfe des Eigenen und Fremden auf Seiten
aller Beteiligten überprüft, relativiert und durchlässiger gestaltet werden. Mit
Instrumenten aus Krappmanns dynamischem und offenem Identitätsmodell
wird ein genauerer Blick auf Homi K. Bhabhas third space ermöglicht, den
Raum der Hybridität und Vermischung. Dabei wird mit Bhabha die
Hauptbedeutung der Hybridität nicht darin gesehen, „daß man sie auf zwei
Ursprungselemente zurückführen könnte, aus denen das dritte entsteht“,
sondern dass aus diesem ‚dritten Raum’ „andere Positionen entstehen
können.“404 Dass die Identität der Gesellschaft sich als Folge der vielen
veränderten individuellen Identitäten ändert, ist eine Einsicht, die sich aus
der Wahrnehmung und Anerkennung dieser anderen Positionen ergibt.
Die Identitätsbalance jedes Individuums enthält schmerzhafte Phasen, ihr
Ausgang ist ungewiss. Die Bedeutung und das Verständigungspotential von
Literatur im Allgemeinen und von Migrantenliteratur im Besonderen zeigen
sich deshalb erneut auch in ihrer Funktion als Simulationsmedium, denn
„weil er nur fiktive Risiken eingeht, kann der Leser den Schutz seiner
Gewohnheiten verlassen und neue Erfahrungen machen einschließlich der
negativen Veränderungen, die er sonst um jeden Preis vermeiden würde. Die
Simulationstechnik der Literatur erlaubt es ihm, fremde Verhaltens- und
Denkweisen in seinen Erfahrungsspielraum mit einzubeziehen, also weniger
borniert zu sein und in bezug auf den gesellschaftlichen Zusammenhang
weniger normenkonform”.405 Denn die Identität der Literatur als Teil der
gesamtgesellschaftlichen Wirklichkeit ist bereits verändert, obwohl die
Wahrnehmung dieses Umstandes der Realität hinterher hinkt.
In der deutschen Gegenwartsliteratur, die von einheimischen Autorinnen
und Autoren geschaffen wird, lässt sich nämlich noch heute die geringe und
fehlende Wahrnehmung und künstlerische Verarbeitung der im Zuge der
Migrationsprozesse veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit Deutschlands bemerken.406 Immer noch sorgen die Werke der Migrantenliteratur
hauptsächlich allein für die besondere literarische Vielfalt, die diesen
Veränderungsprozessen gerecht zu werden versucht. Der seismographische
Charakter der deutschen Migrantenliteratur und die emanzipatorische, weil
404
Originalversion Bhabha im Interview mit Rutherford 1990, S. 211, hier zitiert nach
Chambers 1996, S.78.
405
Wellershoff 1969, S. 23.
406
Chiellinos Hoffnung, Sten Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede von 1994 möge einen
Neuanfang in der bundesdeutschen Literatur auf der „Basis gemeinsamer Vergangenheit
zwischen Einheimischen und Fremden“ markieren, hat sich bisher eher nicht erfüllt. Siehe
Chiellino 1995, S. 282.
152
selbstbehauptende Rolle, die diese Literatur durch ihre Existenz an sich
übernimmt, behalten auch dadurch weiterhin ihre besondere Bedeutung.
Die Veränderungen der Gesellschaft, gleichgültig, ob zunächst als positiv
oder negativ empfunden, gehen alle an. Ausgedrückt in der Sprache der
Krappmannschen Identitätsbalance scheint die Ankunftsgesellschaft die ihr
durch die Einwanderung zugewiesene Rolle jedoch hauptsächlich so zu
interpretieren, als gäbe es diese Ankunftsgesellschaft, nämlich als Einwanderungsgesellschaft, in diesem Sinne nicht. Die Umkehrung dieser Rollendistanz, ausgeübt auch von Seiten der Migrantinnen und Migranten, führt zu
polarisierenden und potentiell gefährlichen Entwicklungen auf gesellschaftlicher Ebene, die unter den Bezeichnungen Abschottung, Segregation
und Parallelgesellschaften wahrgenommen werden.
Im Bereich der Literatur leistet die deutsche Migrantenliteratur mit ihren
variationsreichen Gestaltungen der komplizierten Aushandlungen von
Identität einen nicht zu verkennenden Beitrag für die künstlerische Wahrnehmung aktueller gesellschaftlicher Veränderungsprozesse, indem sie deren
Austragung auf individueller Ebene literarisch darstellt. Zu wünschen ist,
dass ihr, unabhängig von terminologischen Problemen und bei gleichzeitigem Widerstand gegen Einebnungstendenzen, weiterhin ein selbstverständlicher Platz im Ensemble der Literaturen sicher bleibt.
153
Literaturverzeichnisse
Primärliteratur
Biondi, Franco: Abschied der zerschellten Jahre. Kiel 1984 a).
Demirkan, Renan: Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker. München 1993.
(Erstausgabe Köln 1991).
Florescu, Catalin Dorian: Der kurze Weg nach Hause. Zürich 2002.
Tekinay, Alev: „Der Todesengel“. In: Die Deutschprüfung. 2. Auflage
Frankfurt am Main 1990 a), S. 9-29.
Tschinag, Galsan: Die graue Erde. Frankfurt am Main und Leipzig 1999.
Wodin, Natascha: Die gläserne Stadt. Leipzig 1994. (Erstausgabe Reinbek
bei Hamburg 1983).
Ungedruckte Quellen
E-Post-Brief von Natascha Wodin an Petra Thore vom 15. Juni 2002, im
Besitz der Adressatin.
Deutschsprachige Migrantenliteratur in Auswahl
Ackermann, Irmgard (Hg.): Als Fremder in Deutschland. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München 1982.
Ackermann, Irmgard (Hg.): Türken deutscher Sprache. Berichte, Erzählungen, Gedichte. München 1984.
Ackermann, Irmgard (Hg.): In zwei Sprachen leben. Berichte, Erzählungen,
Gedichte von Ausländern. 3. Auflage München 1992.
Ackermann, Irmgard (Hg.): Fremde AugenBlicke. Mehrkulturelle Literatur
in Deutschland. Bonn 1996.
Al-Mozany, Hussain: Der Marschländer. Bagdad Beirut Berlin. Frankfurt
am Main 1999.
Billich, Katharina: Die Tür zum Hof. Berlin 1986.
biondi, franco: nicht nur gastarbeiterdeutsch. Klein-Winterheim 1979.
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neuen Land. Bremen 1980.
Biondi, Franco: Passavantis Rückkehr. München 1985.
Biondi, Franco: Die Unversöhnlichen oder Im Labyrinth der Herkunft.
Tübingen 1991.
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Biondi, Franco: In deutschen Küchen. Frankfurt am Main 1997.
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das Papier. Dichtung und Prosa italienischer AutorInnen in Deutschland.
Aachen 1999.
Bodrožić, Marica: Tito ist tot. Frankfurt am Main 2002.
Cirak, Zehra: Vogel auf dem Rücken eines Elefanten. Köln 1991.
Cirak, Zehra: Fremde Flügel auf eigener Schulter. Köln 1994.
Csiba, Laszlo: Gleichgewichtsstörung. Tübingen 1995.
Dal, Güney: Janitscharenmusik. Aus dem Türkischen von Carl Koß. Veränderte Neuausgabe München 1999.
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Demirkan, Renan: Die Frau mit Bart. Köln 1994.
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Türkischen von Cornelius Bischoff. Reinbek 1987.
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von Hanne Egghardt. Hamburg 1983.
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wurde von Dina Ceyisakar übersetzt. Hamburg 1982.
Özdamar, Emine Sevgi: Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen
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Anhang
Suleman Taufiq
Die Frage
vor neun jahren kam ich in diese stadt, in diese neue welt
ich kam allein, ohne begleitung
in meinem kopf nur ein paar fragen
aber eine besondere frage verfolgte mich
und verfolgt mich immer noch
begleitet mich bei allen sachen, die ich tue
schläft mit mir, ißt mit mir, trinkt mit mir
nur eine frage und nicht mehr verfolgt mich
wer bist du?
wer bist du hier in dieser stadt, in diesem land, in dieser neuen welt
vor neun jahren drang in meinen körper der duft der erde ein
hinter mir stehen jahre meiner kindheit
voller sonne, träume, kinderschrei und mutteraugen
hinter mir stehen geschichten, lieder, musik und tanz
hinter mir eine welt, die anders ist als diese welt
als ich vor neun jahren in diese neue welt eintrat, stieß mein
gesicht auf wälder von eisen und beton
wurden meine ohren von schreien, bellen und lärm gestopft
sahen meine augen eisenkisten, die sich bewegten
gesichter, die nicht lachen konnten und gelbe blätter, geklebt
auf die wände dieser stadt
ich fand berge von beschriebenen blättern, wo ich früher meine
schulbücher mit anderen schülern teilen mußte
dann fing ich an, alle diese blätter lesen zu lernen
ich ging in die cafes, kneipen, bars und tanzlokale
wie alle menschen hier, um leute kennenzulernen, mit denen
ich reden und diskutieren konnte (sie nennen es kommunikation)
ich bekam eine kontonummer auf der bank
ich bekam freunde und freundinnen und alles mögliche
ich mußte meinen namen überall eintragen
ich mußte oft was unterschreiben
ich bekam eine neue welt, die das land und die dörfer
nicht kannte, sondern haßte alle diese dörfer und ihre bewohner
173
aber, trotz alledem, verfolgt mich diese frage immer
noch – komisch –
diese frage stößt auf mich jeden abend vor dem schlaf
jeden morgen, wenn ich wach werde, und meine
neue welt sehe
die schatten meiner kinderjahre
die schatten meiner alten stadt
die schatten meiner mutter
und die idyllen meiner alten welt
tanzen immer noch in meiner erinnerung
und die frage sticht mich im inneren wie eine stecknadel
ich trage die qualen dieser frage jeden tag
bis zum wochenende
bis zum monatsende
bis zum jahresende
und wenn ich mich frage wie lange noch?
ich weiß es nicht!!!
ich sehe diese frage auf meinem bett, im bus, in der bahn
auf der straße, in den gesichtern der leute, die ich
getroffen habe und noch treffe, in meinem zorn, meiner liebe, in den
glücklichen momenten
die krankheiten dieser neuen welt haben mich erreicht
in meinen augen steht eine lila farbe, die mich hindert
klar zu sehen
auf meinen ohren wachsen schichten von fett, die mich
hindern zu hören
174
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