Internetnutzung in der arabischen Welt: öffentliche und private Dynamik

Internetnutzung in der arabischen Welt: öffentliche und private Dynamik
Internetnutzung in der arabischen Welt:
öffentliche und private Dynamik
Albrecht Hofheinz
Associate Professor of Arabic, University of Oslo
[email protected]
1.
Einführung: Visionen und Ängste
1990er Jahre:
o Basisdemokratische Visionen
o Moralische / kulturelle / politische Ängste
o (global)wirtschaftliche Zwänge
=> Internet (IN) schließlich überall eingeführt – aber deutliche Kontrollversuche
(Zensur/Überwachung/Schikanierung/Verhaftung), die aber ein Katz- und Mausspiel bleiben.
2.
Verbreitung
— Nahost/Nordafrika (MENA) 2008: 100 Mill. = 15% der Bevölkerung (2000: 5 Mill. = 1%)
— Arabische Länder 2008: 40 Mill. = knapp 12% der Bev. (2000: 3 Mill. = 1%)
(vgl. Welt 2008: ca. 22%)
Sozioökonomische Hürden => Obergrenze für Verbreitung wurde früher mittelfristig auf 15%
geschätzt; diese Schwelle jetzt erreicht => zukünftige Entwicklung spannend
Mobiltelephonie deutlich weiter verbreitet
o IN war zunächst Medium für professionals (die aber Meinungsmacher u.
Entscheidungsträger sind); aber schnellstes Wachstum unter Jugendlichen und Frauen;
wird auch in ländlichen Kleinstädten bekannter
 Immer mehr selbstverständliches Medium für städtische Jugend, professionals und
Aktivisten.
o Saudi-Arabien + Ägypten (ca. 1/3 der User) & VAE dominieren arabisches Web
(Nachfrage & Angebot)
3.
Hauptnutzungsformen
(1) Kontakt mit Freunden & Familie; social networking
(2) Unterhaltung (Sport,
Mobilklingeltöne, …)
Musik,
Filme,
Games,
Filesharing,
Porn,
Autos,
(3) Nachrichten und Informationsbeschaffung (inkl. aus Blogs, Video-Sites, Wikipedia)
A. HOFHEINZ
(4) Diskussion über ‚Gott und die Welt’
•
sind die wichtigsten Gründe, warum MENA-Bewohner online gehen. Außerdem:
Börse und Wirtschaftsinformationen, Computer, Heiratsanzeigen, Bildung.
= ähnlich wie im Rest der Welt.
•
>30% des Verkehrs (wahrscheinlich sogar deutlich mehr) werden primär über die
Portale der großen Global IT Player abgewickelt (Google, Yahoo!, Microsoft/MSN,
Facebook): Freunde, Chat, E-Mail, Unterhaltung, Filesharing … Filme, Musik und
Games sind der größte Wachstumssektor und ziehen die meisten Neuinvestitionen an.
Das reflektiert die Teilhabe der arabischen Jugend an globalen Konsumkulturmustern.
•
Social Networking Sites (Facebook u.a.) sind auch in arabischen Ländern in den
letzten beiden Jahren extrem beliebt geworden.
•
V.a. in den Golfstaaten ist die Popularität der konservativ-familienorientierten FrauenPortale Hawaaworld.com und Lakii.com seit Einführung des IN konstant hoch.
•
Nachrichten-Sites: Popularität auf mittlerem Niveau stabil, fällt aber (wie weltweit
auch) relativ zu Social Networking/Unterhaltung deutlich zurück. Etablierte OfflineMedien (al-Jazeera, al-Arabiyya, Asharq Al Awsat, Al-Hayat, …) wurden zunächst
von IN-Neugründungen wie Elaph (im Netz populärer als al-Hayat), durch das
Nachrichtenangebot der Portale (wie Moheet, Masrawy u.v.a.), sowie durch
unabhängige Zeitungsneugründugen (wie Almasry Alyoum) stark herausgefordert,
haben ihre Positition jedoch inzwischen gefestigt. Online-Auftritte nationaler Medien
waren zunächst v.a. an die Diaspora gerichtet, werden inzwischen aber zunehmend
lokal rezipiert. M.a.W.: ‚Normalisierung’ des Mainstreams.
•
‚Alternative’ Nachrichten: Blogs (seit 2005), Vlogs (YouTube u.a.) und
Diskussionsforen (seit Ende der 1990er) bleiben wichtige ‚alternative’ Nachrichtenund Vernetzungsmedien für Aktivisten islamistischer und säkularer Ausrichtung
(neben der Hauptfunktion dieser Plattformen für nicht direkt politischen Ausdruck und
Austausch: sozial/kulturell/individuell).
≠ Im internationalen Vergleich fallen v.a. zwei Dinge auf:
 Religion stärker vertreten; aber Anteil sinkt (um 2003 waren ca. 10% der Top100 des
arabischen IN explizit islamische Seiten; in anderen Sprachen schaffte das keine
einzige Religionsseite, auch auf Türkisch und Persisch nicht). Mit der stärkeren
Ausbreitung des IN sinkt dieser Anteil (2008: 5%), m.a.W.: Je mehr ‚normale’
Jugendliche online gehen, und je mehr Broadband und sinkende Kosten schnellere
und längere IN-Nutzung ermöglichen, desto ‚normaler’ wird das User-Verhalten.
Islam Online und Amr Khaled führten die Beliebtheitsskala lange klar an; d.h.
‚moderate’, sich auf ‚moralische Erneuerung’ konzentrierende ‚NeoFundamentalisten’. Seit 2005 (Broadband!) sind sie vom salafitischen IslamWay.com
und von dem vom Religionsministerium in Qatar betriebenen IslamWeb.net
überflügelt worden — beide bieten v.a. islamisches Multimedia: Audio/Video von
Koran, Predigten, fromme Gesänge. Multimedia sowie eine umfassende Bibliothek
klassischer islamischer Texte haben auch dem pro-saʿudischen, konservativwahhabitischen Saaid.net zu starker Beliebtheit verholfen. Stärker politisch
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A. HOFHEINZ
ausgerichtete salafitische Seiten, die gegen das etablierte System (weltweit und auf der
jeweiligen nationalen Ebene) agitieren, haben dagegen seit 2007 deutlich die
Bedeutung eingebüßt, die sie seit 2001 und nicht zuletzt seit der US-Invasion im Iraq
2003 gespielt hatten. Die wichtigsten dieser Seiten (wie islammemo.cc oder
islamtoday.net) unterstützen bewaffneten Widerstand (Jihad) nur jeweils im Ausland
(Irak, Afghanistan, Palästina), nicht gegen das jeweils eigene Regime.
 Diskussionsforen stärker vertreten: Politik, Religion, Geschlechterbeziehungen/Sex –
die drei großen Tabus des öffentlichen Diskurses in der arabischen Welt sind die
Themenbereiche, über die im Internet am liebsten diskutiert wird. Darin zeigt sich klar
ein Bedürfnis, diskursive Schranken zu überwinden. Das Internet bietet weit mehr als
andere Foren die Möglichkeit, dies zu tun.
=> IN hilft, Grenzen zu überwinden:
•
sozial: zwischen den Geschlechtern
•
geographisch (wo physische Überschreitung unmöglich: „Festung Europa“ →
amour.fr)
•
Tabuthemen öffentlich diskutiert (Sex, Religion, Politik)
•
Umgehung von Zensur (verbotene Zeitungen gehen online; unterdrückte Nachrichten
werden via Diskussionforen, Blogs, E-Mail verbreitet)
4.
Wandel der Öffentlichkeit? Zw. Populismus und Individualisierung
•
Hauptnutzung wie dargelegt: privat.
•
Mobilisation der Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat mittels IN: nach wie vor
mäßig und oft über Umweg über internationale Öffentlichkeit. Auf nationaler Ebene
bleiben SMS/Telefon und F2F (face-to-face) Kontakte wichtiger, auch wenn die
Bedeutung von Blogs/Vlogs seit 2005 wächst. Beispiele: 2003: die ersten großen,
staatlich nicht sanktionierten Straßendemos in Ägypten seit 1977 (gg. Irakkrieg): etwa
3000 Teilnehmer wurden per E-Mail und SMS alarmiert; 3-10-mal soviel kamen dann
per F2F oder spontan dazu. 2007: erste gerichtliche Verurteilung ägyptischer
Polizeioffiziere wg. Folter aufgrund von Blog/YouTube-Öffentlichkeit. 2008:
Facebook-Gruppen helfen mit, Sympathie für Arbeiterstreiks zu verbreiten (die aber
von Arbeitern offline organisiert werden)
•
Diskussionsforen führten eher zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeiten; nach
‚Internet-Kriegen’ gründeten Minderheiten meist eigene Foren (gleich und gleich
gesellt sich gern; Spaltung nach offline bekannten ethnischen/ideologischen Mustern).
Mediatisierung kann diese Spaltungen verstärken (z.B. Sunna-Shiʿa)
•
Während Öffentlichkeit im arabischen Internet sich bis 2001 immer stärker
fragmentierte, wächst seither die Bedeutung großer Portale, die versuchen,
Besucherströme (und damit tendenziell auch Öffentlichkeiten) zu bündeln. Die Portale
spiegeln (und stärken) oft populäre u. populistische Anschauungen und Gefühle:
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o Moralisch konservativer Islam (Einfluss der Golfstaaten, ‚Petro-Islam’)
o Antiamerikanische und antijüdische Gefühle
o Kaum direkter Angriff auf etablierte Regierungen in der Region, aber
o Hoffnung auf mehr politische Teilhabe (selbst wenn in Hinsicht auf die
Wahrscheinlichkeit von Reformen eher Pessimismus vorherrscht)
o Allgemeines Eintreten für innenpolitische Mitbestimmung und außenpolitische
Selbstbestimmung eint ‚islamische’ und ‚liberale’ Kräfte
•
Individuelle Wahl (illā anā / elaana.com: „Nur ich“):
o Pluralität und Vielfalt der Stimmen im IN => Verlust der traditionellen
sozialen ‚Selbstverständlichkeit’; Notwendigkeit, die eigene Position
gegenüber anderen, aber auch gegenüber sich selbst ständig im Hinblick auf
konkurrierende Angebote/Interpretationen zu rechtfertigen; Religion wird
stärker ein Angebot unter vielen.
o Rolle individueller Wahlentscheidung wächst tendenziell (individueller
Zugang; individuelles Verständnis des gebotenen Materials). Dabei:
o Ständige Spannung zwischen individuellem Zugriff und dem Versuch der
Portale, die Individualitäten massenweise zu kanalisieren (‚My Islam’ wird aus
wenigen vorgestanzten Angeboten zusammengesetzt). =>
o Individualität des Zugangs; nicht Individualismus der Meinung
•
Die im IN gegebene Möglichkeit der Individualität des Zugangs wird zunehmend als
individuelles Recht zur Wahl und zur Beteiligung an Debatten etc. gesehen. Das mag
langfristig nicht ohne Folgen auch dafür bleiben, welche Rolle die so geprägten
Nutzer auch in der breiteren Öffentlichkeit für sich einfordern und kann so politische
Folgen haben.
•
Dieser Wandel in Richtung auf mehr öffentliche und politische Partizipation wird sich
wahrscheinlich nicht so sehr kurzfristig, sondern viel eher im Ergebnis der
Generationenfolge einstellen, indem Menschen, die mit dem Internet sozialisiert
wurden, in Führungs- und Meinungsbildungspositionen in ihren Gesellschaften
hineinwachsen (und es sollte klar sein, dass das IN bei dieser Sozialisation nur eine,
wenn auch wichtige, Rolle spielt).
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