participants and objectives
PRE ROLL
RECORDING
SET
PANNING
ZOOM
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FLASHBACK
EDITING
I PRE ROLL 5'
Damit Kamera und Mikrofon das aufzeichnen können, was wissenschaftlich und
filmisch "gemeint" ist - hier die musikalische und darstellende Aktion müssen beide nicht nur "spielfertig" sein, bevor die Aktion beginnt, sie
müssen auch schon aufnehmen, um den Beginn des Gemeinten nicht zu verpassen.
Auf diese Weise entsteht Bild- und Tonmaterial, das in den fertig
geschnittenen Filmen oft eliminiert ist, weil es zu viel verrät über das
profane Vorher und Nachher der musikalischen Aktion: die letzten
Vorbereitungen, Absprachen, aber auch die Entscheidungen des Filmers über die
Auswahl des Bildausschnitts, mit der er die Bühne der Aktion bestimmt und
räumlich beschneidet.
In order for the camera and microphone to record what is scientifically and
cinematically “intended” – here, the musical and performative action – both
must not only be “ready to roll” before the action begins, they must also be
already recording so as not to miss the beginning of what is intended. In this
way, image and sound material is created that is eliminated in the edited film
because it discloses too much about the mundane “before and after” of the
musical event: the last preparations, agreements, but also the decisions of
the filmmaker on the choice of the shot, with which he defines the stage of the
action and frames it spatially.
Example – Zambia
Beispiel - Sambia
The filmmaker has chosen the stage, camera and microphone are recording.
What we see is an open plot of land with sandy, dusty ground, houses or huts are
not to be seen. A village square?
Der Filmemacher hat die Bühne gewählt, Kamera und Mikrofon nehmen auf.
Zu sehen ist ein offenes Grundstück mit sandig, staubigem Boden, Häuser oder
Hütten sind nicht zu sehen. Ein Dorfplatz?
Menschen stehen herum oder passieren das Blickfeld der Kamera, überqueren die
noch nicht oder nicht mehr von der Darbietung definierte Bühne, manche von
ihnen tragen Kostüme, jemand sitzt auf einer Trommel und starrt in die Kamera.
Ein anderer, der von hinter der Kamera auftritt, stößt offenbar gegen das
Stativ und bringt das Bild für einen Moment ins Schwanken. Einige der Personen
entdecken die Bühnenrahmung der Kamera und beginnen, sich vor der Kamera zu
positionieren, Grimassen zu schneiden. Eine informelle Aufführung jenseits
der eigentlichen Darbietung. Ob diese bereits zu Ende ist, noch gar nicht
begonnen hat oder nur unterbrochen wurde, bleibt offen.
Die Kamera zeigt nicht die ganze Situation. Das, was das Mikrofon aufzeichnet,
läßt aber Vermutungen zu: Man hört Stimmen einer größeren Zahl von Menschen.
Ein hinter der Kamera versammeltes Publikum? Dorfbewohner, die aus Neugier
zusammengekommen sind, um dem Ethnologen beim Filmen zuzusehen?
Ist die Kamera hier, weil sie eine Darbietung vor Publikum filmt oder ist das
Publikum hier, weil es die Kamera gibt?
The camera does not show the whole situation. What the microphone records,
however, invites speculation: One hears the voices of a larger number of
people. An audience assembled behind the camera? Villagers who have come
together out of curiosity to watch the ethnologist filming?
Is the camera here because it is filming a performance in front of an audience
or is the audience here because there’s a camera?
Einer ruft das wort "white" aus dem off. Die einzige Information, die wir über
den Menschen erfahren, der vermutlich gerade die Kamera bedient, dabei jedoch
stumm und unsichtbar bleibt, bezieht sich auf seine Hautfarbe. Plötzlich wird
die informelle Situation formell: eine Stimme bittet um Ruhe und beginnt mit
einer Ansprache. Nach einer gewissen Zeit entscheidet sich der Filmemacher,
den gewählten "Bühnenausschnitt" zu verlassen und den Sprecher sichtbar zu
machen: Schwenk. Im Hintergrund sind jetzt Rundhütten zu sehen. Dann Zoom und
vertikale Korrektur des Bildausschnitts: das Gesicht des Sprechers wird ins
Zentrum gesetzt. Während der Ansprache ist immer wieder die Zustimmung der
Anwesenden zu hören. Ein mehrfach wiederholtes Wort bleibt im Ohr, auch den
Sprachunkundigen: Mzungu, der "Fremde", direkt übersetzt: der "Weiße". Man
spricht also über den- oder diejenigen, die unsichtbar und unhörbar hinter der
Kamera bleiben. Die Gemeinten entscheiden, dass ein Dokument über sie selbst
nicht mehr Teil des von ihnen "Gemeinten" ist: die Kamera wird abgeschaltet.
Someone yells the word “white” from off camera. The only information that we
receive about the person who is probably running the camera at the moment, but
who remains mute and invisible, refers to his skin color. Suddenly the informal
situation becomes formal: a voice asks for quiet and begins with a speech.
After a certain time, the filmmaker decides to leave the chosen “stage frame”
and make the speaker visible: pan. In the background, we now see round huts.
Then a zoom and a vertical correction of the frame: the face of the speaker is
set in the center. Again and again during the speech, the approval of those
present is heard. A word that is repeated several times sticks in the ear, also
for those who don’t understand the language: “mzungu”, the “foreigner”,
directly translated: the “white one”. One is speaking, therefore, about the
one, or about those, who remain, invisible and inaudible, behind the camera.
The intended decide that a document about themselves is no longer part of what
they “intended”: the camera is turned off.
participants and objectives
8 takes on filming music
People stand around or pass the camera’s field of view, cross the stage that is
not yet, or no longer, defined by the performance, many of them wear costumes,
someone sits on a drum and stares into the camera. Someone else, who enters from
behind the camera, apparently bumps against the tripod and causes the image
waver for a moment. Some of the people discover the stage framed by the camera
and begin to position themselves in front of the camera, to make faces. An
informal performance, removed from the actual presentation. Whether this has
already finished, not yet begun, or was only interrupted, remains open.
Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
raumlaborberlin Axel Timm, Manfred Eccli, Ulli Hofmann, Samuel Perea and Lucyle Wagner
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RECORDING
SET
PANNING
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FLASHBACK
EDITING
II RECORDING
2'
Das Video- und Film-Archiv würde nicht existieren ohne die entsprechende
Aufnahmetechnik für Bild und Ton. Das musikethnographische Filmemachen profitierte,
als in den 1950er und 60er Jahren die Entwicklung der Aufnahmetechnik so weit
fortgeschritten war, dass die dafür benötigten Geräte transportabel, beweglich und
flexibel genug waren, um damit "ins Feld" zu ziehen und auf die komplexen räumlichen
Musizier-Ereignisse reagieren zu können, statt wie zuvor die Welt von draußen in ein
Aufnahmestudio holen zu müssen.
The video and film archive would not exist without the corresponding recording
technology for image and sound. Music-ethnographic filmmaking profited when, during
the 1950s and 60s, the development of recording technique became so advanced that the
necessary devices were transportable, mobile and flexible enough to go out into the
field and able to react to complex, spatial, music-making events instead of having to
bring the outside world into a recording studio as before.
Lektion 1 - Nigeria
Lesson 1 - Nigeria
Die Kamera zeigt einen weiten Platz, im Hintergrund steht dicht gedrängt eine große
Anzahl von Zuschauern. In schwarzem Gewand steht, mit dem Rücken zur Kamera, gestützt
auf einen Stock, eine Gestalt. Plötzlich kommt jemand, weiß gekleidet, von links ins
Bild gelaufen. Die Kamera erkennt in ihm einen weiteren Akteur des Geschehens und folgt
ihm mit einem Schwenk nach rechts. Der Akteur postiert sich mit einigen Metern Abstand,
Auge in Auge, gegenüber einem dritten Mann, so als würden beide zu einem Western-Duell
antreten. Der zweite Akteur hebt das schwarze Gerät, das er in den Händen hält, vor
seinen Kopf wie eine Waffe, die er auf seinen Gegenüber richtet. Die Kamera erkennt
ihren Irrtum, schwenkt zurück nach links und just in dem Moment, wo der Fotograf rechts
aus dem Bildrahmen verschwindet, sieht man den Blitz, der den Moment der Aufnahme
markiert.
The camera shows a wide space, in the background, standing crowded together, a large
number of spectators. In a black garment, with his back to the camera is a figure,
propped on a cane. Suddenly another figure, dressed in white, comes running from the
left into the picture. The camera recognizes him as another protagonist of the
happening and follows him with a pan to the right. The actor positions himself at a
distance of a few meters, eye to eye, opposite a third man, as if both might be stepping
up to a duel as in the old West. The second actor lifts the black device that he holds in
his hands in front of his head like a weapon, which he points at his opponent. The
camera recognizes its misinterpretation and pans to the left and just at that moment,
when the photographer disappears from the frame to the right, one sees the flash that
marks the moment of the recording.
Lektion 2 - Sichtbare Kameras
Lesson 2 – Visible Cameras
Immer dann, wenn die ethnographische Kamera eine andere Kamera filmt, absichtlich oder
unabsichtlich, filmt sie nicht mehr nur das Musizieren, sondern auch das Filmen des
Musizierens.
Der Filmemacher ist nicht mehr der erste und einzige, der ein Interesse an der
bildtechnischen Aufzeichnung der musikalischen Darbietung hat. Die Präsenz anderer
Kameras läßt vermuten, dass hier das Ereignis zu mehr als nur wissenschaftlichen
Zwecken festgehalten werden soll: Ein eigens engagierter Kameramann filmt die
Hochzeitsfeierlichkeiten zur Erinnerung für das Brautpaar, ein Journalistenteam dreht
Material für einen TV-Beitrag, ein Dorfbewohner erstellt den nächsten Clip für seinen
Youtube-Account.
Die Funktion des ethnologischen Blicks ändert sich, wenn die
Verfügbarkeit von Aufnahmegeräten auch denjenigen die Bildproduktion ermöglicht, die
bisher nur dem Kamerablick ausgesetzt waren, wenn also der Aufgenommene zum
Aufnehmenden wird. Teilnahme und Beobachtung werden neu verteilt.
Every time the ethnographic camera films another camera, intentionally or
unintentionally, it no longer films just the music making, but also the filming of the
music making.
The filmmaker is no longer the only one who has an interest in the visual recording of
the musical performance. The presence of other cameras leads one to suspect that here,
the event is to be captured for more than just scientific purposes: a specially hired
cameraman films wedding festivities as a remembrance for the wedding couple, a team of
journalists shoots material for a television report, a villager creates the next clip
for his YouTube account. The function of the ethnological perspective changes when the
availability of recording devices makes video production possible also for those who,
until now, were only subject to the camera perspective, when, that is, the one recorded
becomes the recorder. Participation and observation are apportioned anew.
Lektion 3 - Sichtbare Mikrofone
Lektion 3 – Visible Microphones
Die Kunst des Tonangelns beim Filmdreh besteht konventioneller Weise darin, so nah wie
möglich mit dem Mikrofon ans Geschehen zu kommen, ohne dass das Mikrofon selber ins
Sichtfeld der Kamera ragt. Wenn im Bildmaterial des Archivs immer wieder Mikrofone
sichtbar sind, dann verweist das nicht notwendigerweise auf die mangelnde Sorgfalt des
Filmemachers, denn in der musikethnologischen Feldforschung ist die Kamera dem
Mikrofon naturgemäß nachgeordnet. Das Mikrofon im Bild erinnert uns vielmehr daran,
dass zur audiovisuellen Bildproduktion immer zwei Geräte benötigt werden:
Bildrekorder und Tonrekorder.
The art of capturing sound during a film shoot conventionally consists in getting as
close as possible to the action with the microphone, without the microphone itself
jutting into the camera’s field of view. If, in the film material of the archives,
microphones are often visible, this does not necessarily indicate a lack of care on the
part of the filmmaker, for in music-ethnological field research, the camera is
naturally subordinate to the microphone. The microphone in the picture reminds us,
instead, that for audio-visual film production, two devices are always needed: image
recorder and sound recorder.
The function of the microphone that we see in the picture is not always clear. Does it
have to do with a microphone that the ethnologist has installed for the purpose of
scientific recording? Or did another participant set it up for private or commercial
purposes? Or should it amplify the musical performances for the attending audience? Is
the singing man brandishing the microphone an ethnologist, a musician, a sound
technician – or in fact all in one?
Die Funktion der im Bild sichtbaren Mikrofone ist dabei nicht immer eindeutig. Handelt
es sich um Mikrofone, die der Ethnologe zum Zweck der wissenschaftlichen Aufnahme
installiert hat? Oder
hat sie ein anderer Teilnehmer zu privaten oder gewerblichen Zwecken aufgebaut? Oder
sollen sie dem anwesenden Publikum das musikalisch Dargebotene verstärken? Ist der
Mann, der singend das Mikrofon schwingt, Ethnologe, Musiker, Tontechniker - oder gar
alles in einem?
participants and objectives
8 takes on filming music
Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
raumlaborberlin Axel Timm, Manfred Eccli, Ulli Hofmann, Samuel Perea and Lucyle Wagner
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EDITING
III SET 18' + 13'
Beobachtung
Die feststehende Stativ-Kamera entspricht vermeintlich dem wissenschaftlichen
Bedürfnis nach Objektivität, weil sie unabhängig von spontan subjektiven
Entscheidungen eines Kameramanns das Geschehen an seinem Ort festhält. Die
Aufnahmeapparatur ist bei sich und benötigt nicht einmal mehr den Menschen, der
sie bedient, ist sie einmal angeschaltet.
Der ausgewählte Kamera-Frame legt dabei fest, welcher Teil der Wirklichkeit
zur Musik-Bühne wird und welcher Teil des Raums von der Aufnahme ausgeschlossen
bleibt.
Das ethnographische Kamera-Auge beobachtet nicht selten auch die private
Umwelt der Musiker und erklärt auf diese Weise selbst den Raum privater
Hausmusik zum öffentlichen Filmstudio, lange vor der Erfindung von youtube.
Die Weltkarte an der Wand, das Aquarium, die Ledersessel bilden so unfreiwillig
die Elemente einer Filmkulisse.
Teilnahme
Nicht alle musikalischen Darbietungen fügen sich der gegenüberstellenden
Aufteilung von Zuschauer- und Bühnenraum, wie die statische Kamera ihn
reproduziert. Aufmärsche, Paraden, Feste, szenische Ereignisse im dörflichen,
städtischen und Natur-Aussenraum verlangen die aktive Teilnahme der "gehenden
Kamera", um das kontingente Geschehen einzufangen: Der Kamermann/Ethnologe
ist nicht mehr räumlich von dem Ereignis getrennt; nicht der Musiker platziert
sich in dem von der Kamera vorgegebenen Sichtfeld sondern die Kamera selber
muss ihren separaten Standpunkt aufgeben und sich in Bewegung versetzen.
Observation
The stationary tripod-mounted camera supposedly conforms to the scientific
need for objectivity, because, independent from the spontaneous, subjective
decisions of a cameraman, it records the happenings at its location. The
recording apparatus is autonomous and does not even need a person to operate it
once it has been turned on. The selected camera frame determines what part of
reality becomes the music-stage and what part of the space is excluded from the
recording. Not infrequently, the ethnographic camera eye also observes the
private sphere of the musicians and, in this way, declared even the domain of
private house music as a public film studio, long before the invention of
YouTube. The map of the world on the wall, the aquarium, the leather chair,
unintentionally make up the elements of a film set.
Participation
Not all musical performances follow the contrasting division of spectator and
stage space the way the static camera reproduces it. Marches, parades,
festivals, and scenic events in rural, urban and natural outdoor space require
the active participation of the “walking camera” to capture the contingent
action: The cameraman/ethnologist is no longer separated from the event
spatially; it is not the musician who positions himself in the field of view
prescribed by the camera, rather, the camera itself must give up its separate
standpoint and move.
participants and objectives
8 takes on filming music
Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
raumlaborberlin Axel Timm, Manfred Eccli, Ulli Hofmann, Samuel Perea and Lucyle Wagner
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SET
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EDITING
IV PANNING 11'
Der Schwenk repräsentiert das Ungenügen an einem einmal gewählten
Bildausschnitt, er kompensiert die im Vergleich zum Mikrofon mangelhafte
Fähigkeit der Kamera, das choreographisch und sozial komplexe Ereignis einer
musikalischen Darbietung in seiner räumlichen Ausbreitung simultan zu
erfassen.
Der Schwenk folgt den Akteuren, die den vom Kameramann gewählten Frame mit
ihren Aktionen sprengen, er stellt Beziehungen her, zwischen der musikalischen
Hauptaktion und ihrem sozialen Kontext, zwischen den einzelnen Musikern, oder
zwischen Musiker und Publikum, zwischen "spectator" und "actor". Nur eines
bringt auch ein 360° Schwenk nicht zustande: denjenigen ins Bild zu setzen, der
den Zuschauern wiederum zuschaut, den Kameramann selbst, der sich hinter und
mit der Kamera dreht.
The pan represents the insufficiency of a once chosen shot, it compensates, in
comparison to the microphone, the poor ability of the camera to simultaneously
capture the choreographic and socially complex event of a musical performance
in its spatial breadth.
The pan follows the subjects who, with their actions, go outside the frame
chosen by the cameraman, it creates relationships between the main musical
action and its social context, between individual musicians, or between
musician and audience, between “spectator” and “actor”. There is only one
thing that even a 360° pan cannot accomplish: putting the one in the picture
who, in turn, watches the spectators, the cameraman himself, who turns behind
and with the camera.
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Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
raumlaborberlin Axel Timm, Manfred Eccli, Ulli Hofmann, Samuel Perea and Lucyle Wagner
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SET
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FLASHBACK
EDITING
V ZOOM
6'
Die Technik des optischen oder digitalen Zooms beruht eigentlich auf einer
(Vor-)Täuschung: Man kommt dem Objekt näher, ohne den Abstand zu ihm zu
verringern. Von vielen Filmemachern ästhetisch abgelehnt, bildet der Zoom für
den Ethnologen Chance und Dilemma zugleich. Denn der Abstand zwischen
Kameraobjektiv und gefilmter Aktion ist gleichzeitig der Abstand zwischen
Beobachtung und Teilnahme, zwischen Voyeurismus und Austausch. Je näher die
Kamera dem Darsteller kommt, umso stärker wird sie Einfluss nehmen auf das
Gefilmte, umso mehr wird der Gefilmte sich bewußt, aufgenommen zu werden, und
sein Verhalten darauf abstimmen. Die wissenschaftliche Objektivität steht auf
dem Spiel. Der Zoom dagegen bewahrt den Filmenden in der Distanz einer
Beobachterposition und verleiht zugleich die Illusion, unmittelbar am
Geschehen teilzuhaben. Jede Annäherung bleibt jedoch technisch und
hypothetisch: Der Körper des Kamerasubjekts wird auf diese Weise nie beim
Körper des gefilmten Objekts ankommen.
The technique of the optical or digital zoom is actually based on a (pretense)
illusion: One gets closer to the object without reducing the distance to it.
Aesthetically dismissed by many filmmakers, the zoom is at once an opportunity
and a dilemma for ethnologists. For the distance between camera lens and filmed
action is, at the same time, the distance between observation and
participation, between voyeurism and communication. The closer the camera
comes to the actor, the stronger it affects what is filmed, the more the one
being filmed will become aware of being recorded, and gear his behavior to it.
Scientific objectivity is at risk. The zoom, on the other hand, keeps the
filmmaker at the distance of an observer position and, at the same time, gives
the illusion of directly taking part in the action. Each attempt to approach,
however, remains technical and hypothetical: In this way, the body of the
camera subject will never coincide with the body of the filmed object.
participants and objectives
8 takes on filming music
Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
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RECORDING
SET
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FLASHBACK
EDITING
VI CLOSE UP
11'
Am Ende der Kette Totale-Schwenk-Zoom steht das Close-up, jener nahe Blick auf
das Detail, bei dem "visual anthropology", das Interesse an der musizierenden
Person und ihrem sozialen Kontext, umkippt in das technische Interesse am
Handwerk des Musizierenden, an der Choreographie der arbeitenden Hände. Die
Montage trügt hier, denn selten hält die Kamera es länger als ein paar Sekunden
aus mit dem Partialobjekt . Schon bald wird sie wieder aus-zoomen, um sich der
sie umgebenden Situation wieder zu vergewissern.
At the end of the sequence long-shot – pan – zoom, is the close-up, that close
look at the detail, in visual anthropology, the interest in the person making
music and his social context, upended into the technical interest in the craft
of making music, in the choreography of the moving hands. The montage is
deceptive here, for seldom does the camera dwell longer than a couple of
seconds on a partial object. Very soon, it will zoom out again, to reassure
itself of the situation surrounding it.
participants and objectives
8 takes on filming music
Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
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FLASHBACK
EDITING
VII FLASHBACK
2'
Der Gegenüber der Kamera blickt zurück, mal verunsichert, mal kokett, mal
interessiert, mal gleichgültig. Momente, in denen der Aufgenommene in seiner
Tätigkeit kurz innehält und sich des Aufgenommenwerdens gewahr wird.
Die wenigsten der Aufgenommenen werden wissen, was man unter "Musikethnologie"
oder "visual anthropology" versteht. Die wenigsten werden wissen, wohin das
Bild, das in diesem Moment von ihnen gemacht wird, getragen und wie es
vervielfältigt wird. Kaum einer der in dieser Ausstellung gezeigten Menschen
wird eine Ahnung davon haben, hier Jahrzehnte nach dem Moment des
Aufgenommenwerdens von einem künstlerisch und wissenschaftlich interessierten
Publikum betrachtet zu werden. Welches Bild die Blickenden selber von diesem
Augenblick der Begegnung zwischen Auge und Kameralinse weitergetragen haben,
entzieht sich dem Blickfeld des archivierten Films und damit dieser
Ausstellung.
Die
Produzenten
dieser
Bilder
sind
vorwiegend
europäischer
und
nordamerikanischer Herkunft. Die Menschen dagegen, die hier zurückblicken,
die Produzierten also, stammen aus Asien, Afrika und Südamerikaner. Niemand
von ihnen hat die Kamera auf den Ethnographen gerichtet.
The one opposite the camera looks back, sometimes uncertain, sometimes coy,
sometimes interested, sometimes indifferent. Moments in which the recorded
subject pauses briefly in his activity and becomes aware of being recorded.
Very few of those recorded will know what “music ethnology” or “visual
anthropology” mean. Very few will know where the image that is being made of
them at this moment will be carried, and how it will be duplicated. Hardly any
of the people shown in this exhibition will have an inkling, decades after the
moment of being recorded, of being observed here by an audience interested in
arts and sciences. Whatever image the beholders themselves have carried forth
from this moment of encounter between eye and camera lens, is beyond the field
of vision of the film archive and hence, of this exhibition.
The producers of these images are mainly of European and North American origin.
In contrast, the people who look back, the “produced”, if you will, come from
Asia, Africa, and South America. Not one of them pointed a camera at the
ethnographers.
Jean Rouch schrieb 1974 über das noch zu erfindende Kino-Auge-Ohr:
In 1974, Jean Rouch wrote of the yet to be invented cine-eye-ear:
The dreams of Vertov and Flaherty will be combined into a mechanical "cine-eyeear" which is such a "participant" camera that it will pass automatically into
the hands of those who were, up to now, always in front of it. Then the
anthropologist will no longer monopolize the observation of things. Instead,
both he and his culture will be observed and recorded. In this way ethnographic
film will help us "share" anthropology. (Rouch, The camera and man)
Technisch sind die Mittel zu wechselseitiger Teilnahme statt einseitiger
Beobachtung längst verfügbar. Die Institutionen, welche die Erfüllung des
Traums auch ermöglichen würden, harren noch der Erfindung.
participants and objectives
8 takes on filming music
The dreams of Vertov and Flaherty will be combined into a mechanical "cine-eyeear" which is such a "participant" camera that it will pass automatically into
the hands of those who were, up to now, always in front of it. Then the
anthropologist will no longer monopolize the observation of things. Instead,
both he and his culture will be observed and recorded. In this way ethnographic
film will help us "share" anthropology. (Rouch, “The Camera and Man”)
Technically, the means for mutual, interactive participation in lieu of onesided observation have been available for a long time. The institutions that
would also make the fulfillment of the dream possible still await invention.
Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
raumlaborberlin Axel Timm, Manfred Eccli, Ulli Hofmann, Samuel Perea and Lucyle Wagner
PRE ROLL
RECORDING
SET
PANNING
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FLASHBACK
EDITING
VIII EDITING
Hier haben Sie die Gelegenheit, einen eigenen Blick in das Bildmaterial des
Archivs zu werfen, die für diese Ausstellung aus dem Zusammenhang gerissenen
Bildschnipsel wieder in ihren BIldkontext einzuordnen, nach Belieben vorwärts
und rückwärts zu spulen.
Here you have the possibility of having a look at the films of the archives for
yourself, to rearrange the snippets of images that were torn out of their
context for this exhibition and put them back in order, to wind forward or
backward as desired.
participants and objectives
8 takes on filming music
Artistic direction, videos, texts: Daniel Kötter/ Artistic direction, dramaturgy: Julian
Klein/ Research, dramaturgy: Juliane Beck / Spatial concept and exhibition design:
raumlaborberlin Axel Timm, Manfred Eccli, Ulli Hofmann, Samuel Perea and Lucyle Wagner
Was this manual useful for you? yes no
Thank you for your participation!

* Your assessment is very important for improving the work of artificial intelligence, which forms the content of this project

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