Enterprise Architecture, BPM und SOA für Business Analysten

Enterprise Architecture, BPM und SOA für Business Analysten
In diesem Buch finden Sie ein integriertes Konzept zur betriebswirtschaftlichen und
fachlichen IT-Modellbildung in Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Sie
erfahren, wie Sie die Basis für ein zentrales Unternehmensmodell entwickeln und
dafür einsetzen, um die Herausforderungen bei der Einführung und Verwaltung von
IT-Lösungen zu bewältigen.
Die Autoren bieten Ihnen einen Leitfaden mit Arbeitshilfen und Praxistipps zum
Aufbau eines eigenen integrierten Fach- und IT-Modells. Die Umsetzung zeigen sie
konkret am Beispiel der Oracle BPA Suite. Neben der effizienten Gestaltung einzelner
Modellierungsaspekte können Sie damit vor allem eine redundanzfreie Beschreibung
verschiedener Modellierungsszenarien erreichen.
AUS DEM INHALT // Integrierte Modellierung für Enterprise Architecture, BPM und
fachliche SOA // Aufbau des Metamodells // Die Umsetzung des Metamodells //
Das Grundmodell // Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme //
Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA // Der prozessgetriebene SOA-Ansatz // Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Dirk STÄHLER ist Direktor für Strategie und Innovation und Rolf SCHEUCH
ist geschäftsführender Gesellschafter bei der OPITZ CONSULTING GmbH.
Ingo MEIER, Christian SCHMÜLLING und Daniel SOMSSICH sind Berater
beim gleichen Unternehmen.
www.hanser.de/computer
ISBN 978-3-446-41735-9
Business Analysten, Unternehmensplaner
IT-Architekten, Entwickler
9
783446 417359
STÄHLER u.a.
ENTERPRISE ARCHITECTURE,
BPM UND SOA
ENTERPRISE ARCHITECTURE, BPM UND SOA // In einer idealen Welt sind die
Inhalte der Enterprise Architecture, der Geschäftsprozesse, des IT-Fachkonzepts
und der Service-orientierten Architektur in einem einzigen Modell integriert. Doch
die Realität sieht leider anders aus. Modelle entstehen in Unternehmen immer noch
auf verschiedenen Ebenen, weisen Redundanzen und Widersprüche auf und können meist nur mühsam miteinander in Einklang gebracht werden.
Systemvoraussetzungen für eBook-inside: Internet-Verbindung, Adobe Acrobat Reader Version 6 oder 7 (kompatibel mit Windows ab Windows 2000 oder Mac OS X). Ab Adobe Reader 8 muss zusätzlich der eBookreader Adobe Digital Editions installiert sein.
PRAXISLEITFADEN FÜR BUSINESS-ANALYSTEN //
■ Erläutert, wie ein integriertes Gesamtmodell für Enterprise Architecture,
Business Process Management und SOA erstellt wird
■ Beschreibt den Weg vom Meta-Modellentwurf bis zur Werkzeugumsetzung
mit ausführlichen Anleitungen und zahlreichen Praxistipps
■ Anleitung zur praktischen Umsetzung am Beispiel der Oracle BPA Suite
und der ARIS-Methode
dirk STÄHLER
ingo MEIER
rolf SCHEUCH
christian SCHMÜLLING
daniel SOMSSICH
R
PIEL DE
AM BEIS BPA
ORACLE
g
SUITE 11
R
E
UND D
THODE
ARIS-ME
ENTERPRISE
ARCHITECTURE,
BPM UND SOA
FÜR BUSINESS-ANALYSTEN
LEITFADEN FÜR DIE PRAXIS
Stähler/Meier/Scheuch/Schmülling/Somssich
Enterprise Architecture, BPM und SOA
für Business-Analysten
v
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Dirk Stähler
Ingo Meier
Rolf Scheuch
Christian Schmülling
Daniel Somssich
Enterprise Architecture,
BPM und SOA
für Business-Analysten
Leitfaden für die Praxis
Dirk Stähler, Gummersbach, [email protected]
Ingo Meier, Köln, [email protected]
Rolf Scheuch, Bergisch Gladbach, [email protected]
Christian Schmülling, Overath, [email protected]
Daniel Somssich, Köln, [email protected]
Alle in diesem Buch enthaltenen Informationen, Verfahren und Darstellungen wurden nach bestem
Wissen zusammengestellt und mit Sorgfalt getestet. Dennoch sind Fehler nicht ganz auszuschließen.
Aus diesem Grund sind die im vorliegenden Buch enthaltenen Informationen mit keiner Verpflichtung oder Garantie irgendeiner Art verbunden. Autoren und Verlag übernehmen infolgedessen keine
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) – auch nicht für Zwecke der
Unterrichtsgestaltung – reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
© 2009 Carl Hanser Verlag München (www.hanser.de)
Lektorat: Margarete Metzger
Herstellung: Irene Weilhart
Umschlagdesign: Marc Müller-Bremer, www.rebranding.de, München
Umschlagrealisation: Stephan Rönigk
Datenbelichtung, Druck und Bindung: Kösel, Krugzell
Ausstattung patentrechtlich geschützt. Kösel FD 351, Patent-Nr. 0748702
Printed in Germany
ISBN 978-3-446-41735-9
Inhalt
Vorwort................................................................................................................................IX
Die Autoren ........................................................................................................................................XI
1
1.1
1.2
1.3
1.4
1.5
1.6
1.7
Einleitung ................................................................................................................. 1
Warum Modellierung? .............................................................................................................1
Was ist eigentlich ein Modell? .................................................................................................2
Warum Standards und Regeln? ................................................................................................2
Was Sie in diesem Buch finden................................................................................................3
Was Sie in diesem Buch nicht finden.......................................................................................4
Welches Vorwissen sollten Sie besitzen?.................................................................................4
Das integrierte Beispiel ............................................................................................................5
2
2.1
2.2
Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA.................................... 7
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet.....................................................................................7
Management, Fachbereiche und IT – jeder ist anders ..............................................................7
2.2.1 Inhalte für die Enterprise-Architecture-Modellierung ..............................................11
2.2.2 Inhalte für die BPM-Modellierung ...........................................................................14
2.2.3 Inhalte für die fachliche SOA-Modellierung ............................................................16
Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells ..........................................................18
2.3.1 Artefakttypen der Modellierung ...............................................................................19
2.3.2 Schnittmengen und symmetrische Differenz der Modellierungsbereiche.................21
2.3.3 Semantische Zuordnung verschiedener Inhaltstypen................................................26
2.3.4 Dynamische und statische Unterteilung ...................................................................28
2.3.5 Horizontale und vertikale Unterteilung ....................................................................29
Zusammenfassung..................................................................................................................30
2.3
2.4
3
3.1
3.2
Aufbau des Metamodells....................................................................................... 33
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet...................................................................................33
Der werkzeugneutrale Modellentwurf....................................................................................33
3.2.1 Modellierungsgrundsätze und deren Bewertung.......................................................34
3.2.2 Ermittlung und Bewertung essenzieller Fragestellungen..........................................37
V
Inhalt
3.2.3
3.2.4
3.2.5
4
4.1
4.2
4.3
4.4
4.5
4.6
Die Umsetzung des Metamodells ......................................................................... 57
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet .................................................................................. 57
Die Oracle BPA Suite als Modellierungswerkzeug ............................................................... 57
Methodische Einschränkungen der Oracle BPA Suite ........................................................... 58
Analyse der Oracle BPA Suite Methode................................................................................ 62
Vorgehensweise zur Ermittlung Ihrer individuellen Oracle BPA Suite-Methode.................. 66
Analyse und Bewertung der semantischen Abdeckung ......................................................... 76
5
5.1
5.2
Das Grundmodell................................................................................................... 79
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet .................................................................................. 79
Aufbau des Grundmodells ..................................................................................................... 79
5.2.1 Ermittlung der Übersichtsartefakte der Prozessarchitektur ...................................... 80
5.2.2 Modellierung dynamischer Inhalte in der Oracle BPA Suite ................................... 83
5.2.3 Die Instanzgranularitäten 1 bis 3 im Zusammenhang............................................... 95
5.2.4 IT-neutrale Detaillierung der Prozesse und ihrer Aktivitäten................................... 96
5.2.5 Die statischen Objektbibliotheken des Grundmodells.............................................. 99
5.2.6 Aufbau der Grundstruktur eines integrierten Modells in der Oracle BPA Suite..... 111
6
6.1
6.2
6.3
Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme..................... 117
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet ................................................................................ 117
Die Bedeutung fachlicher Anforderungen ........................................................................... 117
Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht ...................................................... 121
6.3.1 Modellierung und Analyse der Ist-Prozesse ........................................................... 123
6.3.2 Entwicklung und Modellierung der Soll-Prozesse ................................................. 125
6.3.3 Systemablauf – Das fachliche Systemverhalten ..................................................... 127
6.3.4 Beschreibung statischer Systemkomponenten........................................................ 130
Vom Modell zum Fachkonzept............................................................................................ 137
6.4.1 Anforderungen an ein Fachkonzept........................................................................ 137
6.4.2 Nicht modellierte Bestandteile eines Fachkonzepts ............................................... 138
6.4.3 Gliederungsvorschlag für ein Fachkonzept ............................................................ 139
Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite.................................................... 140
6.5.1 Fachprozess............................................................................................................ 140
6.5.2 Systemablauf .......................................................................................................... 142
6.5.3 Statische Systemkomponenten ............................................................................... 146
6.4
6.5
7
7.1
7.2
VI
Entwurf einer Domain-Level-Matrix........................................................................ 40
Erstellung eines Metamodells .................................................................................. 45
Abschätzung des Modellumfangs und Erstellungsaufwands.................................... 53
Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA ....................... 153
Zentrale Fragen dieses Kapitels ........................................................................................... 153
Services und SOA ................................................................................................................ 153
7.2.1 Was ist ein Service? ............................................................................................... 154
7.2.2 Missverständnis Service ......................................................................................... 155
7.2.3 Atomare und zusammengesetzte Services.............................................................. 156
7.2.4 Was ist eine SOA? ................................................................................................. 156
Inhalt
7.3
7.4
7.5
7.6
8
8.1
8.2
8.3
8.4
9
9.1
9.2
9.3
9.4
9.5
7.2.5 SOA und Services im Prozessmodell .....................................................................157
7.2.6 Services in der BPA Suite ......................................................................................162
7.2.7 Der Nutzen einer SOA............................................................................................167
Aufbau eines Serviceportfolios ............................................................................................170
7.3.1 Aufgaben des Serviceportfolios..............................................................................171
7.3.2 Nutzen und Herausforderungen eines Serviceportfolios.........................................173
7.3.3 Die BPA Suite als Serviceportfolio ........................................................................174
Serviceidentifikation ............................................................................................................176
7.4.1 Verschiedene Wege der Serviceidentifikation........................................................176
7.4.2 Serviceidentifikation über den prozessorientierten Ansatz.....................................177
Serviceklassifikation und Servicespezifikation ....................................................................181
7.5.1 Struktur durch die Domänendekomposition ...........................................................182
7.5.2 Arten der Serviceklassifikation...............................................................................183
7.5.3 Vervollständigen der Servicebeschreibung durch die Servicespezifikation...........186
Das Wichtigste in Kürze ......................................................................................................189
Der prozessgetriebene SOA-Ansatz................................................................... 191
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet.................................................................................191
BPM, SOA: Teamwork in der Prozessautomatisierung .......................................................191
8.2.1 Fachliche SOA-Ansätze: Autobahn oder Sackgasse?.............................................191
8.2.2 Gründe für das Team „BPM und SOA“ .................................................................192
8.2.3 Serviceorientierte Prozessautomatisierung .............................................................193
Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle ...................................................................195
8.3.1 Begrifflichkeiten definieren....................................................................................195
8.3.2 Zielsetzung klären und festlegen ............................................................................198
8.3.3 Zielgruppen und Zuständigkeiten abgrenzen..........................................................200
8.3.4 Informationsbedarf der Zielgruppen ermitteln........................................................201
8.3.5 Methodik und Notation auswählen .........................................................................205
SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite............................................................208
8.4.1 Stets zu Diensten: Fachliche Services im Prozessablauf ........................................208
8.4.2 Vorstufe zum automatisierten Prozess: Das fachliche IT-Modell...........................212
8.4.3 Überblick Objekttypen der SOA-Prozessmodellierung ..........................................219
Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme ....................... 221
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet.................................................................................221
Die Herausforderung im Process Controlling ......................................................................221
Die zentralen Begriffe ..........................................................................................................224
9.3.1 Process Controlling ................................................................................................225
9.3.2 Abgrenzung ............................................................................................................228
Ziel des Process Controlling ................................................................................................229
9.4.1 Anforderungen an die IT-Systeme..........................................................................229
9.4.2 Rollen .....................................................................................................................230
9.4.3 IT-Systeme für das Process Controlling .................................................................232
Architektur ...........................................................................................................................232
9.5.1 IT-Systeme zur Extraktion und Transformation .....................................................232
9.5.2 IT-Systeme für die Analyse....................................................................................234
VII
Inhalt
9.6
9.7
9.8
Prozesskennzahlen ............................................................................................................... 235
9.6.1 Ermittlung von Prozesskennzahlen ........................................................................ 236
9.6.2 Prozessdurchlaufzeit (PDauer) ............................................................................... 237
Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite........................................ 237
9.7.1 Modellierung der statischen Inhalte ....................................................................... 241
9.7.2 Prozesse für das Process Controlling...................................................................... 245
9.7.3 Modellierung der IT-Systeme für das Process Controlling .................................... 251
Fazit ..................................................................................................................................... 258
Literatur ........................................................................................................................... 261
Register............................................................................................................................ 263
VIII
Vorwort
Die erste Idee zu dem vorliegenden Buch entstand bereits vor rund drei Jahren. Kurz nachdem die OEM-Vereinbarung zwischen Oracle und IDS Scheer bekannt wurde, dachten
Rolf Scheuch und ich darüber nach, unsere Erfahrungen, die wir in 10 Jahren gemeinsamer
Nutzung der Werkzeuge von Oracle und IDS Scheer gemacht haben, einem breiteren Kreis
zugänglich zu machen.
Also begannen wir Material zu sammeln und zu strukturieren, während die ersten Versionen der Oracle BPA Suite auf den Markt kamen. Im Verlauf unserer „Orientierungsarbeiten“ zeigte sich immer mehr, dass wir kein weiteres Benutzerhandbuch schreiben wollten,
sondern dass es uns vielmehr darum ging, eine Methode zur Verbindung der klassischen,
eher betriebswirtschaftlichen Modellierungswelt der IDS Scheer und der eher technischen
Welt von Oracle vorzustellen. Mehr noch stellten wir fest, dass auf dem deutschen Markt
bisher kein Buch verfügbar war, das eine einfache Methode zum Aufbau eines integrierten
Modells, und damit zur Verbindung beider Modellierungswelten, beschrieb.
Kurz vor Beendigung der Arbeiten an diesem Buch erreichte uns die Nachricht, dass die
Software AG beabsichtigt die IDS Scheer AG zu übernehmen. Wir haben uns natürlich
direkt gefragt, welche Auswirkungen diese Übernahme auf unser Buch haben würde. Nach
Bewertung der ersten Reaktionen von Oracle und IDS Scheer können wir sagen, dass kurzund mittelfristig keine Änderungen auf Seiten der Hersteller zu erwarten sind. Oracle verwendet die ARIS Produktlinie an verschiedenen zentralen Stellen des eigenen Produktportfolios und plant nach aktuellen Aussagen daran nichts zu ändern.
Parallel zu unseren Überlegungen und den Ereignissen rund um Oracle nahm das grundsätzliche Interesse an den Zusammenhängen von Enterprise Architecture, Business Process
Management und SOA in den Jahren 2007 und 2008 ständig zu. Deshalb haben wir uns
entschieden, diese Aspekte bei der Verbindung der Modellierungswelten in den Mittelpunkt zu stellen. Genau an der Schnittstelle dieser Modellierungswelten arbeitet heute zunehmend der Business Analyst. Er muss die Verbindung zwischen ihnen herstellen und
zwischen den jeweiligen Sichten vermitteln.
IX
Vorwort
Entstanden ist ein Buch, welches sowohl ein werkzeugneutrales Vorgehen für den Modellierungsteil der Arbeit des Business Analysten aufzeigt und gleichzeitig dem Praktiker
konkrete Beispiel einer Modellierung innerhalb eines Werkzeuges näherbringt.
Wir möchten uns besonders für die Unterstützung der Oracle Corp. Bedanken, insbesondere bei Meera Srinivasan und Wolfgang Mücke, die uns jederzeit mit Rat zur Seite gestanden haben.
Auch danken wir den Kollegen bei OPITZ CONSULTING, die durch Anregungen und
Verbesserungsvorschläge ebenfalls maßgeblich zum Gelingen dieses Buches beigetragen
haben. Besonders erwähnen möchten wir an dieser Stelle Danilo Schmiedel, der uns mit
seinen kritischen, aber immer konstruktiven Anmerkungen unterstützt hat.
Weiterhin gilt unser Dank dem Hanser Verlag für die hervorragende Unterstützung bei der
Erstellung des Buches. Besonders danken wir Margarete Metzger und Irene Weilhart für
die redaktionelle und technische Unterstützung.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Lesen des Buches und freuen
uns über jede Form von Rückmeldungen. Schreiben Sie uns Ihre Ideen und Anmerkungen!
Gummersbach im August 2009
Dirk Stähler
[email protected]
X
Die Autoren
Die Autoren
Dirk Stähler
ist Direktor für Strategie und Innovation bei dem Gummersbacher Beratungshaus OPITZ CONSULTING GmbH. Im Rahmen seiner Tätigkeit
verantwortet er die strategische Entwicklung des Unternehmens in den
Bereichen Enterprise Architecture, BPM und fachliche SOA. Er ist bekannt durch diverse Veröffentlichungen und arbeitet in Projekten bei
nationalen und internationalen Konzernen.
Dirk Stähler hat die Kapitel 1, 2, 3, 4 und 5 verfasst.
Ingo Meier
berät rund um das Thema Prozessmanagement. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Prozessautomatisierung in der IT und der Verbindung fachlicher Prozesse mit den methodischen Ansätzen serviceorientierter Architekturen. Er verfügt über mehrjährige Praxiserfahrung
in Prozessmanagement- und SOA-Projekten.
Ingo Meier hat das Kapitel 8 verfasst.
Rolf Scheuch
ist einer der Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Opitz
Consulting GmbH. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen IT Strategiemanagement, Prozess-Controlling und -steuerung. Er
hat langjährige Erfahrung in der Abwicklung komplexer IT Projekte
und berät IT Führungskräfte namhafter deutscher Konzerne.
Rolf Scheuch hat das Kapitel 9 verfasst.
Christian Schmülling
ist Berater und Trainer im Bereich SOA. Er arbeitet aktiv in IT Projekten und verfügt dadurch über eine hohe fachliche und technische Kompetenz in der Analyse, Konzeption und Implementierung von serviceorientierten Architekturen und Individualsoftware.
Christian Schmülling hat das Kapitel 7 verfasst.
Daniel Somssich
ist Berater bei der OPITZ CONSULTING GmbH. Er verfügt über mehrjährige Projekterfahrung in den Bereichen Geschäftsprozessmanagement und Business-IT-Alignment, in deren Rahmen er Fachkonzepte
für individuelle IT-Systeme nach modellbasierten Ansätzen entwirft.
Daniel Somssich hat das Kapitel 6 verfasst.
XI
1
1 Einleitung
1.1
Warum Modellierung?
Unsere Welt ist komplex! Sie zu verstehen, erfordert neben dem Vorhandensein eigenen
Wissens auch die Abstimmung individueller Sichten der „Wahrheit“ zwischen Menschen.
Zur sicheren Kommunikation darüber benötigen wir eine gemeinsame Grundlage.
Jeder von uns hat individuelle Vorstellungen von der Realität. Gelegentlich decken sich
diese nicht mit den Meinungen anderer. Welche individuelle Wahrheit richtig ist, lässt sich
nicht so einfach bestimmen. Wir möchten an dieser Stelle keine philosophische Diskussion
über Wahrheit beginnen, doch liefert deren Definition einen Hinweis darauf, warum wir
modellieren.
Unter dem Begriff „Wahrheit“ versteht man die Übereinstimmung einer Erkenntnis
mit dem ihr zugrunde liegenden Gegenstand. Da es sich dabei um einen eindeutig
bestimmbaren Gegenstand handeln muss, kann die existierende Übereinstimmung
immer nur durch den direkten Vergleich und nicht nach einer allgemeinen Regel
erfolgen. Etwas kann niemals alleine per Definition wahr sein.
Leider können wir nicht alle Gegenstände der realen Welt zu jeder Zeit mit uns herumtragen, um sie gemeinsam mit anderen auf Übereinstimmung mit unseren Erkenntnissen zu
überprüfen. Jederzeit den Kölner Dom mit sich zu tragen, um über bestimmte Ausführungen seiner Architektur mit anderen zu diskutieren, gestaltet sich in der Praxis als schwierig.
Welche Basis zur Kommunikation wählt man aber, wenn es nicht möglich ist, einen betreffenden realen Gegenstand zur Erkenntnisüberprüfung permanent im Zugriff zu haben? Wie
ermöglicht man den Vergleich komplexer Objekte?
Seit Jahrtausenden nutzen Menschen die Technik der Modellierung, um dieses Problem zu
lösen. Darunter verstehen wir die Erstellung eines Abbildes der realen Welt, welches festgelegten und bekannten Regeln folgt, so dass das Ergebnis verbindlichen und kommuni-
1
1 Einleitung
zierbaren Strukturen entspricht. Wir modellieren also, um eine komplexe Welt in handhabund kommunizierbare Teile zu zerlegen und damit beschreibbar zu machen. Das Ergebnis
dieser Tätigkeit ist ein Modell.
1.2
Was ist eigentlich ein Modell?
Der Ursprung des Begriffes „Modell“ liegt im italienischen Begriff „modello“ und bedeutet frei gesprochen in den Naturwissenschaften „Abbild der Natur“. Unter einem Modell
verstehen wir also ein Abbild der realen Welt.
Dabei erzeugt man im Allgemeinen keine genaue Kopie des darzustellenden Gegenstandes
– sonst hätte man ihn ja nachgebaut –, sondern eine reduzierte Beschreibung. Rob Davis
definiert in [Davi01] die Eigenschaften eines Modells. Ein Modell ist demnach:
eine Repräsentation eines realen Objektes,
erstellt in einem bestimmten Maßstab,
erstellt bis zu einem bestimmten Detaillierungsniveau,
erstellt, um einen bestimmten Gesichtspunkt darzustellen,
die Beschreibung eines Objektes der realen Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt und
erstellt, um einem bestimmten Zweck zu erfüllen.
Zur Diskussion der Architektur des Kölner Doms könnten wir ein Modell im Maßstab
1:400 erstellen. Es wäre dann rund 40 cm hoch und deutlich einfacher zu transportieren als
das Original. Zur Darstellung der grundsätzlichen Charakteristika gotischer Architektur
wäre es ausreichend.
Genauso verhält es sich mit dem integrierten Enterprise Architecture, Business Process
Management und fachlichen serviceorientierten Architekturmodell, das wir in diesem
Buch behandeln. Um über existierende oder zukünftige IT-Lösungen mit anderen Menschen sprechen zu können, benötigen alle Beteiligten ein möglichst gleiches Vorwissen.
Auch in diesem Fall gilt, dass man den realen Diskussionsgegenstand nicht zu jeder Zeit
mit sich „herumtragen“ kann. Insbesondere bei zukünftigen, noch nicht existierenden Lösungen stellt dies ein Problem dar. Ein Modell unterstützt uns an dieser Stele optimal,
wenn die oben aufgeführten Eigenschaften während der Erstellung berücksichtigt wurden.
1.3
Warum Standards und Regeln?
Der Maschinenbau ist seit mehr als 100 Jahren Vorbild einer gelungenen Standardisierung.
Normen schaffen dort die Plattform zur Kommunikation und versetzen uns weltweit in die
Lage, Wissen zu kombinieren. Kann man das erfolgreiche Konzept der Maschinenbauer
auf die Schnittstelle zwischen betriebswirtschaftlicher und technischer Standardisierung in
der Informatik übertragen, und wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Die
2
1.4 Was Sie in diesem Buch finden
IT-Branche neigt dazu, schnell in technischen Kategorien zu denken. Als Beispiel aus dem
Standardisierungsbereich möchten wir an dieser Stelle die UML anfügen, welche zunächst
zur technischen Modellierung von IT-Systemen gedacht war und erst im späteren Entwicklungsverlauf näher an die fachliche Modellierung herangerückt ist. Einige Leser werden
anmerken, dass die UML doch bereits von Beginn an fachliche Modellierungsfunktionalitäten wie z.B. die Use-Case-Beschreibungen angeboten hat. Genau hier entsteht immer
noch eines der größten Missverständnisse zwischen betriebswirtschaftlich und technisch
orientierten Modellierern. Die Modellierungswelten von Betriebswirtschaftlern unterscheiden sich erheblich von denen der Informatiker.
Diese Unterschiede haben in der Vergangenheit zu interessanten Diskussionen und noch
unterhaltsameren Meetings geführt, in denen Fachbereich und IT vollständig aneinander
vorbeiredeten. Wir sind uns sicher, dass jeder Leser eine Anekdote dazu beisteuern kann.
Konnte man sich bei der Entwicklung von Modellierungsstandards in der Vergangenheit
noch relativ einfach von diesem Missverständnis lösen, in der Regel am „effizientesten“
realisiert durch Ignorieren der anderen Bereiche, so ist dieser machiavellistische Ansatz
auf beiden Seiten heute nicht mehr tragfähig. Eigentlich ist er nie tragfähig gewesen, zunehmend erkennen aber beide Seiten, dass es von Vorteil wäre, besser miteinander zu
kommunizieren.
Die Verbesserung der Kommunikation ist das Ziel der Standards und Regeln zur Modellierung innerhalb dieses Buches.
1.4
Was Sie in diesem Buch finden
Das vorliegende Buch stellt eine Methode zum Aufbau eines integrierten EA-, BPM- und
fachlichen SOA-Modells vor. Es betrachtet allgemeine Inhalte, die unabhängig von einem
Modellierungswerkzeug eines bestimmten Herstellers verwendet werden können, um ein
integriertes Modell zu erstellen, und zeigt deren Umsetzung am Beispiel des Werkzeuges
Oracle BPA Suite.
Weite Teile können Sie analog mit dem ARIS Business Architect der IDS Scheer AG
realisieren. Lediglich die automatisierungsrelevante Modellierung ist auf die Oracle BPA
Suite beschränkt. Dies betrifft insbesondere Kapitel 7 und Kapitel 8.
Das Buch bietet Ihnen einen Überblick über den grundsätzlichen Aufbau eines integrierten
EA-, BPM- und fachlichen SOA-Modells. Es zeigt Ihnen,
welche EA-, BPM- und fachlichen SOA-Inhalte in einem Modell vereint werden müssen;
wie ein werkzeugneutrales Meta-Modell entworfen und bewertet werden kann;
wie ein individuelles Meta-Modell in der Oracle BPA Suite umgesetzt wird;
wie ein Grundmodell als Basis für die Modellierung erstellt wird;
mit welchem Ansatz ein modellgestützter fachlicher Entwurf von IT-Systemen aufgebaut werden kann;
3
1 Einleitung
wie fachliche Services für eine SOA-Modellierung identifiziert werden können;
einen Vorschlag zur Erstellung eines fachlichen SOA-Modells mit der Oracle BPA
Suite und
wie sich die fachliche Konzeption eines Prozesscontrollings im Modell integrieren lässt.
Viele Wege führen nach Rom. Nutzen Sie das vorliegende Buch als Anregung für Ihre
individuelle Gestaltung. Auch wir mussten Kompromisse bei der Ausgestaltung des integrierten Modells machen. Unser Ansatz wird mit Sicherheit nicht jede individuelle Fragestellung abdecken. Wenn Sie ihn dabei als Ausgangspunkt für Ihre individuelle Modellstruktur verwenden, wird er wertvolle Dienste leisten. Ergänzen Sie ihn dort, wo erforderlich, und reduzieren Sie ihn, wo immer es sinnvoll erscheint.
1.5
Was Sie in diesem Buch nicht finden
Das vorliegende Buch ist keine detaillierte Einführung in die Managementkonzepte Enterprise Architecture, Business Process Management oder Service orientierte Architekturen.
Wir empfehlen zur Einarbeitung in die jeweiligen Gebiete die Bücher [Hans09], [Schm07]
und [Math07].
Wir erläutern einen pragmatischen Ansatz zur Erstellung eines integrierten EA-, BPM- und
fachlichen SOA-Modells. Dabei ist unser Ziel, Ihnen die Vorgehensweise beim Aufbau
integrierter Modelle näherzubringen. Aufgrund vielfältiger spezifischer Fragestellungen in
Organisationen ist es aber nicht möglich, einen für alle Anwendungsfälle passenden generischen Ansatz zu beschreiben. Auch haben wir kein technisches SOA-Buch geschrieben.
Vielmehr betrachten wir die Modellierungsebenen vor der technischen SOA-Modellierung.
Auf keinen Fall ersetzt das Buch die bestehenden Dokumentationen der Oracle BPA Suite
oder der ARIS Process-Plattform. Betrachten Sie es als Ergänzung zur Dokumentation der
vorgestellten Werkzeuge. Es enthält keine Beschreibung der technischen BPEL-Automatisierungsmodellierung mit der Oracle BPA Suite und der Verbindung mit dem Oracle
JDeveloper oder anderen Werkzeugen der Oracle Fusion Middleware.
1.6
Welches Vorwissen sollten Sie besitzen?
Sie sollten als Leser Grundlagenwissen in der Erstellung von Enterprise-Architekturen,
Business-Process-Management-Modellen und Service-orientierten Architekturen besitzen.
Dieses Wissen ist hilfreich, um die Vereinigung der Inhalte der drei jeweiligen Einzeldisziplinen zu überblicken. Diese Voraussetzung sollte Sie aber nicht abschrecken. Wir haben
das Buch so geschrieben, dass auch Leser, die in den oben genannten Gebieten nicht so
versiert sind, einen leichten Zugang finden werden.
4
1.7 Das integrierte Beispiel
1.7
Das integrierte Beispiel
Um Ihnen die angewendete Modellierungsmethodik vorzustellen, haben wir ein durchgehendes Beispiel in das Buch aufgenommen. Abgebildet wurde der Prozess der Wareneingangskontrolle in einem produzierenden Unternehmen. Abbildung 1.1 zeigt die grundsätzlichen Zusammenhänge des Prozesses der Wareneingangskontrolle.
Materialeinkauf
Wareneingang
Kreditoren-Buchhaltung
Wareneingangskontrolle
Lieferung prüfen
(allgemein)
Lieferpositionen
prüfen
Wareneingang
buchen
QS Prüfung
durchführen
Abbildung 1.1 Schematische Darstellung der Wareneingangskontrolle
Diesen Beispielprozess werden wir im Verlauf des Buches immer wieder heranziehen, um
die erläuterten theoretischen Ansätze zu verdeutlichen.
5
2
2 Integrierte Modellierung für EA,
BPM und fachliche SOA
2.1
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet
Welchen Informationsbedarf muss ein integriertes Modell für EA, BPM und SOA
abdecken?
Was ist der Informationsbeitrag der EA-Modellierung im integrierten Modell?
Was ist der Informationsbeitrag einer BPM-Modellierung im integrierten Modell?
Was ist der Informationsbeitrag einer SOA-Modellierung im integrierten Modell?
Nach welchen Kriterien kann man ein integriertes Modell für EA, BPM und SOA unterteilen?
2.2
Management, Fachbereiche und IT – jeder ist anders
„Jede Jeck ist anders – Jet jeck simmer all“ lautet ein bekanntes Sprichwort in Köln. Damit
bringen unsere kölnischen Landsleute zum Ausdruck, dass wir alle verschieden sind und
jeder auf seine Weise etwas Besonderes. Für die des kölnischen Dialektes mächtigen Leser
unter uns ist anzumerken, dass es sich um eine recht freie und positive Übersetzung handelt. Sie drückt aber sehr gut aus, worum es geht. Je nachdem, welche Rolle ein Mitarbeiter im Unternehmen einnimmt, sei es Management, Fachbereich oder technische IT, immer
hat er genaue Anforderungen, wie bestimmte Fragestellungen oder Sachverhalte zu beschreiben sind.
Problematisch ist häufig, dass die jeweils anderen Rollen von dieser Sichtweise mehr oder
weniger stark abweichen. Vielleicht kennen Sie die Situation: Sie sitzen in einem Meeting
mit Teilnehmern aus dem Management, den Fachbereichen und der Informatik, in dem der
7
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Nutzen, die fachlichen Auswirkungen und die technische Umsetzung einer IT-Lösung
besprochen werden soll. Jede Seite trägt ihre Sichtweise vor, aber irgendwie haben Sie
latent das Gefühl, dass die anderen den Sachverhalt noch nicht so ganz verstanden haben.
Jedenfalls nicht so wie Sie.
Gehen wir einmal davon aus, dass alle Beteiligten guten Willens sind, ihr Fachgebiet beherrschen und konstruktiv an einem positiven Beitrag mitarbeiten. Dennoch scheint man
eine unterschiedliche Sprache zu sprechen:
Das Management interessiert sich in der Regel nur für die grundsätzlichen Fragen eines
IT-Problems. Häufig beschränkt auf Zeit und Kosten.
Die IT-Abteilung betrachtet gerne technische Detailprobleme und deren möglichst
elegante Lösung.
Das „Gebiet“ des Business-Analysten ist irgendwo dazwischen angesiedelt. Häufig
kommt ihm die Aufgabe zu, zwischen der globalen Sicht des Managements und der
technischen Sicht der IT zu vermitteln.
An dieser Stelle werden einige Leser protestieren. Uns ist bewusst, dass die Darstellung
einseitig und pointiert ist. Aber Sie werden uns zustimmen, dass irgendwo zwischen Management und den Niederungen der Informatik erhebliche Kommunikationslücken bestehen, deren Schließung man vom Business Analyst erwartet. Gelingt ihm das nicht, äußert
sich das im besten Fall in gestiegenen Projektkosten und im schlimmsten Fall in komplett
fehlgeschlagenen Projekten.
Was kann man an dieser Stelle also tun, um Risiken zu vermindern? Die Antwort ist auf
den ersten Blick ganz einfach: Jeder muss den anderen besser verstehen. Das ist in der
Praxis aber gar nicht so leicht umzusetzen. Schauen wir uns zunächst einmal an, in welchen Situationen eine Kommunikation zwischen Management, Fachbereichen und ITAbteilungen in Projekten erforderlich ist:
Management
Kommunikation der aus der Unternehmensstrategie abgeleiteten IT-Strategie
Bewerten und Priorisieren von IT-Projekten
Abnahme und Freigabe der Projektaufträge (inkl. Projektbudget und Zeitplan)
Überwachung der Projekte und Eingriff bei Unklarheiten im Rahmen eines Lenkungsausschusses
Abschließende Bewertung der Projekte für die Unternehmung und Entlastung des
Projektteams
Business Analyst
Ermittlung und Detaillierung der fachlichen Anforderungen eines Projektes
Analyse der Auswirkungen des Projektes auf die IT-Strategie
Definition der zu realisierenden IT-Unterstützung aus fachlicher Sicht (Fachkonzept)
Test und Abnahme der entwickelten Lösung (ggf. auch Teillösungen) hinsichtlich
fachlicher Vollständig- und Richtigkeit
8
2.2 Management, Fachbereiche und IT – jeder ist anders
Technische IT
Überführung der fachlichen Anforderungen in eine technische Konzeption (DVKonzept)
Verifizierung der technischen Umsetzbarkeit und ggf. Kommunikation möglicher
Risiken
Selbstverständlich sind diese Rollen im Unternehmen noch für eine Vielzahl anderer Aufgaben zuständig, die genannten Aktivitäten beschreiben aber die wesentlichen Tätigkeiten,
die eine Kommunikation mit den anderen Rollen erfordern. Dabei kommt es auch heute
immer noch zu Problemen. Auslöser sind verschiedene Sichtweisen und „Sprachen“ der
beteiligten Personen.
Seit es IT-Projekte gibt, wird versucht, ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten zu
erreichen. Die Kommunikation in IT-Projekten zwischen allen Beteiligten zu verbessern,
ist deshalb auch keine neue Herausforderung. Der Maschinen- und Anlagenbau hat darin
beispielhafte Perfektion und Qualität erreicht. Dort existiert ein etabliertes System an Methoden, Standards und Normen, welche weltweit Gültigkeit haben und zu einem allgemeinen Verständnis über Unternehmens- und Fachgebietsgrenzen hinweg beiträgt. Wenn Sie
eine Maschine bauen, ist es unerheblich, ob eine dafür benötigte Schraube in Deutschland
oder den USA hergestellt wurde. Entspricht sie den allgemein anerkannten Normen, passt
sie überall.
Die Informatik ist bei weitem noch nicht so weit, trotz erheblicher Fortschritte in der Standardisierung und Normierung. Denken Sie nur einmal an die Probleme vieler Unternehmen
mit Off-Shore-Dienstleistungen. Dort hängt der Erfolg besonders von einer guten Kommunikation und einem gemeinsamen Verständnis der Projektinhalte ab. Wenn das gemeinsame Verständnis aber bereits auf Unternehmensniveau nicht vorhanden ist, wie soll es
dann erst in einem globalen Maßstab funktionieren?
Zur Verteidigung muss man allerdings auch berücksichtigen, dass die Informatik als Querschnitttechnologie nahezu alle Bereiche moderner Unternehmen durchdrungen hat und
somit enorm komplexe Zusammenhänge entstanden sind. Das erschwert den Aufbau allgemein akzeptierter Normen. Dennoch sind in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte
erzielt worden. Dies zeigt sich vor allem in einer – teilweise internationalen – Definition
von Standards zur Modellierung von IT-Systemen.
Es liegt auf der Hand, dass in einem IT-Projekt unzählige Informationen verwaltet werden
müssen. Selbst wenn sich Ihr Projekt nur auf einen kleinen Unternehmensbereich beschränkt, werden Sie dennoch schnell eine Vielzahl konzeptioneller Informationen erzeugen. Um diese Informationsvielfalt in den Griff zu bekommen, bietet es sich an, einzelne
Aspekte zu modellieren. Dabei hängt die Form der Modellierung stark von den jeweiligen
Einsatzgebieten des Modells ab. Zum Beispiel finden Sie in der Praxis unterschiedliche
Modellierungsstandards zur Abbildung fachlicher und zugehöriger technischer Sachverhalte. Der Grund dafür ist, dass fachliche und technische Modelle auf sehr unterschiedliche
Weise genutzt werden. Betriebswirtschaftler und Informatiker verfolgen bei der Modellierung verschiedene Ziele.
9
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Stellen Sie sich einen Qualitätsmanagementprozess in einem produzierenden Unternehmen
vor. Die Beschreibung der Prozesse im Qualitätsmanagement-Handbuch unterscheidet sich
erheblich von der Modellierung, die ein IT-Analyst für den Entwurf einer Software zur
Unterstützung des Qualitätsmanagementprozesses erstellt. Erstere dient als Information für
die Prozessausführenden, Letztere zur Entwicklung prozessunterstützender Lösungen.
Gleichzeitig stehen beide Beschreibungen aber in einem sachlichen Zusammenhang. Jede
Seite benötigt Informationen des anderen Modellierungsbereiches, wenn auch die EDVAbteilung in der Regel mehr Informationen von den Fachbereichen benötigt als umgekehrt.
Häufig erstellen Fach- wie auch IT-Abteilung jedoch eigene Modelle, ohne diese miteinander abzugleichen. Nur in seltenen Fällen werden sowohl fachliche als auch technische
Inhalte in einem Modell zusammengefasst. Die Argumente beider Seiten, warum das nicht
erfolgt, klingen ähnlich:
Die Unterschiede in der Beschreibung sind zu groß.
Das Modell wird von der anderen Partei nicht verstanden.
Es steht nicht genügend Zeit zur Verfügung um beide Sichten zu verbinden.
All das ist nicht neu, und wir sind sicher, dass Sie von einem oder mehreren dieser Argumente auch in Ihrem Unternehmen gehört haben.
Ein integriertes Modell bringt aber nicht nur Vorteile. Um die positiven und negativen
Aspekte integrierter und nicht integrierter Modellen abwägen zu können, zeigt Tabelle 2.1
die Vor- und Nachteile beider Ansätze.
Tabelle 2.1 Vor- und Nachteile eines integrierten/nicht integrierten Modells
Integriertes Modell
Vorteile
Nachteile
Synergien durch Wiederverwertbarkeit der Modellinhalte
Initial erhöhter Strukturierungs- und
Erstellungsaufwand
mittel- bis langfristig Einsparungen
im Modellmanagement
Abstimmung zwischen allen beteiligten Organisationsbereichen während
der Modellerstellung erforderlich
gute Ausgangsbasis für zukünftige
Erweiterungen
Nicht integrierte
Modelle
umfassendere Informationsbasis
für Auswertungen
Einschränkungen beim abbildbaren
Inhalt im integrierten Modell nicht
vollständig vermeidbar
kurzfristiger Zeitvorteil bei der
initialen Erstellung
langfristig erhöhter Pflegeaufwand
durch redundante Modellinhalte
keine Notwendigkeit, methodische
Kompromisse in der Modellstruktur einzugehen
unzureichende Wiederverwertbarkeit
durch fehlende Integration der Inhalte
übergreifende Analysen und Weiterverwendung nahezu unmöglich
10
2.2 Management, Fachbereiche und IT – jeder ist anders
Zum erfolgreichen Aufbau eines integrierten Modells müssen Sie demnach:
einen für alle Beteiligten tragbaren Kompromiss bei den abbildbaren Inhalten
erreichen;
den initialen Strukturierungs- und Erstellungsaufwand minimieren.
Bei beiden Punkten hilft Ihnen das vorliegende Buch. Wir zeigen Ihnen, wie Sie
schnell und einfach den Einstieg in ein integriertes EA, BPM und fachliches SOAModell finden.
2.2.1
Inhalte für die Enterprise-Architecture-Modellierung
Das Konzept, eine Organisation mit Hilfe einer Enterprise Architecture zu beschreiben, ist
nicht neu. Bereits in den achtziger Jahren wurden die grundlegenden Konzepte eines Enterprise Architecture Management unter anderem von John Zachman definiert. Aktuell
erhält die Modellierung einer Enterprise Architecture in Verbindung mit Business Process
Management und SOA neue Bedeutung. Häufig wird eine Enterprise Architecture dabei
als Voraussetzung für ein erfolgreiches Business Process Management und die SOAEinführung gesehen. Leider hat sich bis heute kein allgemeingültiges Verständnis entwickelt, das verbindlich festlegt, was eine Enterprise Architecture überhaupt ist. Es existieren
Definitionen unterschiedlicher Gremien, wie zum Beispiel dem American National Standards Institute (ANSI), dem Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), dem
Zachman Institute for Framwork Architecture oder der Open Group. Die Liste lässt sich
noch fortführen, was nochmals unterstreicht, dass die Fachwelt zum Thema Enterprise
Architecture keine einheitliche Meinung hat.
Entwurfsmuster für Enterprise-Architekturen werden häufig als Frameworks bezeichnet.
Dabei handelt es sich um Rahmenwerke, die eine systematische Sammlung von Strukturen
und manchmal auch Methoden und Werkzeugen bereitstellen. Die meisten EA Frameworks
kann man nach einer primär statischen oder dynamischen Ausrichtung unterscheiden.
Statische Frameworks definieren Artefakte und Strukturen zum Aufbau eines EA-Modells.
Ein Beispiel für ein statische EA Framework ist das bekannte Zachman Framework. Es
wurde 1987 entwickelt und war das erste EA Framework, das in einem größeren Maßstab
publiziert und verbreitet wurde. Sie können es als Blaupause eines Modells zur Beschreibung einer Organisation betrachten. Abbildung 2.1 zeigt die Bestandteile und den Aufbau
des Zachman Frameworks.
Das Zachman Framework betrachtet eine Organisation unter den sechs Perspektiven Daten, Funktionen, Architektur, Organisation, Zeiten und Motivation. Jede Perspektive ist
unterteilt in sechs Ebenen mit unterschiedlicher Detaillierung der Inhalte. Ausgehend von
der globalen Beschreibung der Zielsetzung jeder Perspektive, über das betriebswirtschaftliche Modell, die erforderliche IT-Unterstützung, das zugehörige Technologiemodell, eine
Beschreibung der daraus resultierenden typisierten Ausprägungen und der Auflistung der
existierenden Instanzen. Für die Verwendung und „Füllung“ des Frameworks mit Inhalten
11
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Abbildung 2.1 Struktur und Inhalt des Zachman Frameworks
existiert keine offizielle Methodik, so dass der Anwender bei der Nutzung der jeweiligen
Matrixfelder auf sich selbst gestellt ist.
Damit liefert das Zachman Framework eine Blaupause, die als Ausgangspunkt für den
Strukturentwurf Ihres individuellen EA-Metamodells verwendet werden kann. Sie müssen
aber selber festlegen, mit welchen Artefakten Sie Inhalte beschreiben möchten und in
welcher Form diese miteinander in Beziehung stehen.
Eine zweite Gruppe sind die stärker dynamisch orientierten Frameworks. Sie bieten Phasenmodelle und Arbeitsanweisungen zur Abwicklung eines EA-Projektes. Eines der bekanntesten Beispiele für ein dynamisches Framework ist „The Open Group Architecture
Framework“ (TOGAF). Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Vorgehensweise zur
iterativen Entwicklung einer Enterprise Architecture anhand eines Phasenmodells mit
genauen Angaben zu den Eingangsvoraussetzungen und Ergebnissen jeder Phase. Eine
genaue Darstellung der Vorgehensweise finden Sie unter [Toga09].
Statische und dynamische Frameworks können in der Anwendung miteinander kombiniert
werden.
Aus unserer Sicht haben die am Markt verfügbaren Standard-EA-Frameworks aber den
Nachteil, dass sie entweder nicht genug oder viel zu umfangreich ausgestaltet sind. Dadurch sind Sie als Anwender von Standardframeworks entweder gezwungen, benötigte
Erweiterungen ohne Unterstützung selber zu entwickeln oder, was aus unserer Sicht noch
viel schlimmer ist, aus einem Überangebot an Möglichkeiten die für Sie richtigen zielsicher auszuwählen. Das ist ohne intensive Beratungsunterstützung nahezu unmöglich. Es
muss also einen besseren Weg geben, um schnell zu einer individuellen Enterprise Architecture zu gelangen.
Da Enterprise Architecture Frameworks häufig zu oberflächlich oder zu umfangreich gestaltet sind, empfehlen wir den Entwurf Ihrer eigenen Vorgehensweise
und Ihres eigenen Metamodells. Orientieren Sie sich dabei zunächst nicht an
Standardframeworks, sondern nutzen Sie diese nur zur Verifikation Ihrer individuellen Lösung und als Ideenquelle.
12
2.2 Management, Fachbereiche und IT – jeder ist anders
2.2.1.1 Unsere Definition einer Enterprise Architecture
Eine Enterprise Architecture ist ein konzeptioneller Entwurf, welcher die Struktur und
Arbeitsweise einer Organisation beschreibt. Ziel einer Enterprise Architecture ist es,
zu ermitteln, wie die betrachtete Organisation möglichst effektiv aktuelle und zukünftige
Ziele erreichen kann.
Die Definition ist in ihrer Ausrichtung offen. Sie legt nicht fest, für welchen Zweck eine
EA gestaltet werden sollte. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass eine Enterprise Architecture in der Regel zur Dokumentation und Planung der informationstechnologischen Unterstützung einer Organisation eingesetzt wird.
Folgende Sichten sind, wenn auch gelegentlich anders benannt, in nahezu jedem EA-Konzept enthalten:
Geschäfts-Architektur
Daten-Architektur
Anwendungs-Architektur
Infrastruktur-Architektur
Danach wird eine EA zur transparenten fachlichen Überblicksbeschreibung einer Organisation und deren informationstechnologischen Unterstützung eingesetzt. Der Schwerpunkt
liegt auf einer überblicksartigen Betrachtung, die keine Details beleuchtet, sondern das
Wirken der Informationstechnologie im gesamten Unternehmen im Blick hat.
Die Geschäfts-Architektur
Die Geschäfts-Architektur beschreibt eine abstrakte Sicht auf die fachlichen, betriebswirtschaftlichen Aktivitäten und Beziehungen innerhalb einer Organisation. Es handelt sich
dabei um eine überblicksartige Beschreibung der betriebswirtschaftlichen Sicht auf das
Unternehmen.
Die Daten-Architektur
Die Daten-Architektur beschreibt die im Rahmen der Geschäftstätigkeit des Unternehmens
anfallenden bzw. beteiligten Geschäftsobjekte, Informationen und Daten. In der gemeinsamen Betrachtung von Geschäfts- und Anwendungs-Architektur ist sie die Schnittstelle
zwischen fachlichen Inhalten und der Informationstechnologie.
Die Anwendungssystem-Architektur
Die Anwendungs-Architektur zeigt auf, welche informationstechnologische Unterstützung
benötigt wird, um das betriebswirtschaftliche Ziel des Unternehmens zu erfüllen. Sie beschreibt auf hoher Ebene die in der betrachteten Organisation vorhandenen Softwarelösungen und deren Beziehungen untereinander.
13
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Die Infrastruktur-Architektur
Die Infrastruktur-Architektur beschreibt die erforderliche IT-Infrastruktur zum Betrieb der
Anwendungssystem-Architektur und damit das IT-technische Fundament einer Organisation. Häufig taucht in diesem Zusammenhang die Frage auf, wie Anwendungssystem- und
Infrastruktur-Architektur voneinander abgegrenzt werden können. Gehört zum Beispiel
eine Datenbanksoftware zur Anwendungs- oder Infrastrukturarchitektur? Wir ordnen aus
diesem Grund alle Softwareprodukte, die nicht direkt an der Wertschöpfung der Geschäftsarchitektur beteiligt sind, der Infrastruktur-Architektur zu.
2.2.1.2 EA im Kontext dieses Buches
Sie erkennen an den verschiedenen Architekturebenen, dass eine Enterprise Architecture
einen breiten Bereich an Informationen rund um das betrachtete Unternehmen abbilden
kann. Um uns nicht in der Modellierung zu verlieren, müssen wir die Enterprise Architecture im Einsatzbereich einer BPM- und SOA-Modellierung deutlich eingrenzen. Für die
Erstellung eines integrierten Modells sind insbesondere die Teile einer Enterprise Architecture von Bedeutung, die wesentliche Informationen für die nachfolgende Modellierung
von BPM- und SOA-Inhalten liefern. Bei der Auswahl der EA-Modellinhalte beschränken
wir uns auf diesen Anwendungsfall.
2.2.2
Inhalte für die BPM-Modellierung
Auch Business Process Management (BPM) hat sich in den letzten Jahren zu einem Thema
mit vielen Facetten entwickelt. Je nachdem, wen man befragt, erhält man zu BPM sehr
unterschiedliche Definitionen.
Für BPM existiert in den USA eine andere Definition als in Europa. In den USA wird
unter BPM im Wesentlichen die Automatisierung von Prozessen mit Hilfe der Informationstechnologie verstanden. Rein fachliche Betrachtungen ohne informationstechnologischen Inhalt werden in der Regel nicht dem BPM zugeordnet, sondern stärker im Bereich
„Business Process Reengineering“ (BPR) gesehen. Damit erhält BPM in den USA seine
Bedeutung hauptsächlich durch die Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen.
Anders als in dieser stark technologischen Sichtweise wird BPM in Europa zunächst mit
der fachlichen, betriebswirtschaftlichen Gestaltung von Geschäftsprozessen in Verbindung
gebracht. Dabei handelt es sich um eine neutrale, von technischen Inhalten weitgehend
befreite Sicht. Diese umfasst neben der Analyse von Geschäftsprozessen auch deren fachliche Optimierung, Dokumentation und Kommunikation. Erst in nachfolgenden Schritten
berücksichtigt man auch in Europa die Automatisierung von Geschäftsprozessen mit Hilfe
der Informationstechnologie. Diese Definition vergrößert den inhaltlichen Umfang des
BPM beträchtlich. In der europäischen Sicht auf BPM stehen rein fachliche und technische
Inhalte gleichgewichtet nebeneinander.
14
2.2 Management, Fachbereiche und IT – jeder ist anders
Die unterschiedliche Sicht auf BPM führt in Deutschland häufig zu Verständigungsschwierigkeiten zwischen zumeist US-amerikanischen Herstellern von Werkzeugen zur Prozessautomatisierung und fachlich ausgerichteten Anwendern.
Aufgrund dieses unterschiedlichen Verständnisses hat sich in Europa eine eigene Industrie
für BPM-Softwarelösungen entwickelt und im Markt etabliert. Erst in jüngster Zeit, nicht
zuletzt forciert durch SOA, zeigen sich Tendenzen, die BPM-Lösungen US-amerikanischer und europäischer Hersteller miteinander zu verbinden.
Business Process Management wird in den USA und in Europa unterschiedlich
definiert. Die USA betrachten beim BPM im Wesentlichen die Automatisierung
von Prozessen mit Hilfe der Informationstechnologie. In Europa stehen fachlich
organisatorische und technische Inhalte gleichgewichtet nebeneinander.
2.2.2.1 Unsere Definition von BPM
Eine Beschränkung auf die Automatisierung von Geschäftsprozessen, ohne deren fachliche
Dimension zu berücksichtigen, ist für ein ganzheitliches BPM jedoch unzureichend. Aus
diesem Grund verwenden wir im Rahmen dieses Buches die folgende BPM-Definition:
Business Process Management umfasst alle Aktivitäten zur effektiven Organisationsgestaltung und -weiterentwicklung und zur Bearbeitung und Messung fachlicher
Prozesse sowie die dazu eingesetzte informationstechnologische Unterstützung.
Grundsätzlich unterscheiden wir die folgenden Sichten:
Fachliches BPM
Technisches BPM
Fachliches BPM
Fachliches BPM befasst sich mit der betriebswirtschaftlichen Gestaltung von Geschäftsprozessen. Berücksichtigt werden fachliche Aspekte der Prozessstrategie, der Prozessgestaltung, der Prozessimplementierung und der Prozessüberwachung.
Die Prozessstrategie dient zur Bestimmung der strategischen Ausrichtung und Zielsetzung
des Prozessmanagements. Ziel ist es, sicherzustellen, dass im Rahmen der Prozessgestaltung ein an den fachlichen Bedürfnissen des Unternehmens ausgerichteter Prozessentwurf
entsteht.
Die Prozessgestaltung dient der fachlich inhaltlichen Ausgestaltung einzelner Prozesse
eines Unternehmens. In diesem Bereich des fachlichen BPM werden mit Hilfe einer Geschäftsprozessanalyse die Abläufe ermittelt bzw. an fachlichen Bedürfnissen ausgerichtet,
entworfen und optimiert.
Die Prozessimplementierung befasst sich anschließend mit der organisatorischen Implementierung der Prozesse sowie Governance und Qualitätssicherungsmaßnahmen zur Sicherstellung einer gleichbleibenden Prozessdurchführung.
15
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Abschließend werden im Rahmen des Prozesscontrollings Maßnahmen zur permanenten
Beobachtung und Bewertung der Geschäftsprozesse eingeführt sowie Handlungsanweisungen zur kontinuierlichen Leistungssteigerung festgelegt.
Allen vier Phasen ist im Rahmen des fachlichen BPM gemein, dass eine informationstechnologische Unterstützung nicht Bestandteil ist.
Technisches BPM
Demgegenüber befasst sich das technische BPM mit der informationstechnologischen
Unterstützung der fachlichen Prozesse. Betrachtet werden die IT-Aspekte der Prozessstrategie, der Prozessgestaltung, der Prozessimplementierung und der Prozesssteuerung, aufbauend auf den Ergebnissen des fachlichen BPM.
Im Rahmen der Prozessstrategie wird die technologische Unterstützung strategisch bewertet und festgeschrieben. Ziel ist es, sicherzustellen, dass im Rahmen der Prozessgestaltung,
-implementierung und -steuerung eine an den fachlichen Bedürfnissen des Unternehmens
ausgerichtete Technologievorgabe vorliegt.
Der Prozessgestaltung kommt im technischen BPM eine stärker unterstützende Bedeutung
zu. Im Wesentlichen geht es hier um den Einsatz der zur fachlich inhaltlichen Ausgestaltung der einzelnen Prozesse des Unternehmens genutzten Informationstechnologie. Dies
umfasst hauptsächlich Prozessmodellierungswerkzeuge.
Stärkere Bedeutung gewinnt das technische BPM wieder in der Phase der Prozessimplementierung und -überwachung. Dabei geht es besonders um den Einsatz von Werkzeugen
zur Prozessautomatisierung und Prozessmessung.
2.2.2.2 BPM im Kontext dieses Buches
Technisches BPM baut immer auf einem fachlichen BPM auf und hängt deshalb vom
Vorhandensein eines fachlichen BPM ab. Demgegenüber ist ein fachliches BPM auch
ohne technisches BPM denk- und umsetzbar.
Aus diesem Grund betrachten wir im Rahmen des Buches beide Spielarten des BPM, trennen sie aber klar in eine fachliche und technische Sicht. Neben dieser Unterteilung beschränken wir uns auf die Modellierungsaspekte des BPM, die im Kontext mit einer EAund fachlichen SOA-Modellierung relevant sind.
2.2.3
Inhalte für die fachliche SOA-Modellierung
Wenn Sie versuchen, eine fachliche SOA zu definieren, so erhalten Sie gänzlich unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem, wen Sie befragen. Die Einordnung reicht dabei von
einem allgemeinen Management-Konzept bis zur Reduzierung auf ein Konzept zur Integration von Anwendungssystemen.
Mittlerweile nimmt das Thema serviceorientierte Architekturen aber zunehmend Platz in
vielen Unternehmen ein und gewinnt damit an Sichtbarkeit und Bedeutung. Unternehmen
16
2.2 Management, Fachbereiche und IT – jeder ist anders
implementieren die Konzepte serviceorientierter Architekturen sowohl fachlich als auch
technisch und ziehen konkrete Vorteile und Nutzen aus dem Ansatz.
Wir möchten uns an dieser Stelle nicht an der Diskussion beteiligen, was SOA denn nun
wirklich ist und wie allgemeinverbindlich man eine SOA definieren kann. Vielmehr geht
es uns darum, die Anforderungen einer fachlichen SOA-Modellierung im Kontext der
Modellbildung zusammen mit EA und BPM zu beschreiben. Dennoch kommen wir um
eine kurze Beschreibung von SOA aus unserer Sicht nicht herum.
In der Welt der Informatiker besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass zur Einführung
einer SOA Kenntnisse über die Prozesse, die sie unterstützen soll, vorhanden sein müssen.
An dieser Stelle erkennen Sie die Verbindung mit dem fachlichen und technischen BPM.
Diese Betrachtung ist aber noch nicht hinreichend.
Ein umfassender Blick auf SOA muss darüber hinaus aber weitere Aspekte wie zum Beispiel die SOA-Strategie, SOA-Governance und -Organisation, Service Portfolio Management, SOA-Technologien und -Implementierung sowie SOA-Infrastrukturen umfassen.
SOA ist demnach mehr, als wir zwischen zwei Buchdeckeln beschreiben können. Um im
vorliegenden Buch nicht die Orientierung zu verlieren, müssen wir „unser“ SOA enger
definieren.
SOA ohne Kenntnisse und Berücksichtigung der Geschäftsprozesse eines Unternehmens führt nicht zu wirklich prozessorientierten Lösungen. Deshalb sollte bei
der umfassenden Einführung einer SOA auch BPM berücksichtigt werden. SOA
ohne BPM ist nur eine technische Integration, die nicht die vollen Potenziale beider Konzepte ausschöpft.
2.2.3.1 Unsere Definition von SOA
Die von uns verwendete Definition von SOA stammt von OASIS (Organization for the
Advancement of Structured Information Standards).
„Service Oriented Architecture (SOA) is a paradigm for organizing and utilizing distributed capabilities that may be under the control of different ownership domains.“
[Oasi06]
Die OASIS-Definition ist IT-neutral. Es gibt keinen Zwang, Services mit IT zu realisieren.
Dementsprechend ist es auch möglich, eine rein fachliche SOA zu erstellen. In der Praxis
haben wir diese Bestrebung jedoch noch nicht sehen können. Oft wird sogar nicht nur eine
SOA angestrebt, sondern direkt das aufbauende Konzept der Prozessautomatisierung ins
Visier genommen. Damit baut sie konzeptionell auf den zu unterstützenden fachlichen
Geschäftsprozessen auf und unterstützt diese durch automatisierte (technische) Geschäftsprozesse.
SOA aus fachlicher Sicht
Unter SOA aus fachlicher Sicht verstehen wir zunächst die Zerlegung fachlicher Geschäftsprozesse in Aktivitäten, die servicebasiert unterstützt werden können. In einer wei-
17
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
ter gefassten Betrachtung werden dem Bereich der fachlichen SOA noch das Service Level
Management und Governance-Themen rund um die Verwaltung der eingesetzten Services
zugeordnet. Zu beachten ist dabei, dass eine „SOA aus fachlicher Sicht“ eine IT-neutrale
Beschreibung eines fachlichen Sachverhalts darstellt.
SOA aus technischer Sicht
Die technische Perspektive befasst sich mit den informationstechnologischen Bestandteilen
einer SOA. Dies beinhaltet im Wesentlichen Fragen zur technischen Architektur von SOALösungen, zur eingesetzten Infrastruktur und natürlich zur Entwicklung erforderlicher
Software. Eine SOA aus technischer Sicht betrachtet damit primär die technische Umsetzung.
2.2.3.2 SOA im Kontext dieses Buches
Im Rahmen des Buches beschränken wir uns auf die prozessbezogenen fachlichen Modellierungsinhalte einer SOA und wie diese mit einer EA- und BPM-Modellierung in Verbindung stehen. Nicht berücksichtigt werden Service Level Management, SOA-Governance
und alle weiteren Themen, die sich mit der technischen Implementierung einer SOA befassen. Diese finden Sie in diversen Publikation zur Implementierung technischer SOALösungen.
2.3
Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells
Der zentrale Erfolgsfaktor eines Modells kann ganz einfach benannt werden. Es muss in
der Lage sein, Antworten auf die Fragen zu liefern, zu deren Beantwortung es erstellt wurde. Wie sieht das aber bei einem integrierten Modell aus? Auch dort ist der Erfolgsfaktor
derselbe, mit der Ergänzung, dass unterschiedliche Interessengruppen erwarten, dass das
Modell ihnen mitunter recht unterschiedliche Fragestellungen beantwortet. Für Sie als
verantwortlichen Modelldesigner ergibt sich dadurch natürlich eine besondere Herausforderung. Sie müssen Ihr Modell bereits von Anfang an so strukturieren, dass es möglichst
flexibel genutzt werden kann.
Grundsätzlich können die Inhalte eines Modells nach
den Artefakttypen, denen sie zugeordnet sind,
der semantischen Zuordnung,
ihrem dynamischen oder statischem Charakter sowie
der horizontalen und vertikalen Einordnung
typisiert und unterschieden werden.
18
2.3 Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells
2.3.1
Artefakttypen der Modellierung
Enterprise Architecture, BPM und die fachliche SOA-Modellierung befassen sich vielfach
mit ähnlichen Informationsinhalten. Zum Beispiel benötigt der Informatiker zur Umsetzung eines IT-Projekts Informationen über die fachlichen Zusammenhänge, für die er eine
passende Lösung erstellen soll. Der Business Analyst muss diese fachlichen und technischen Informationen ermitteln und beschreiben und das Management muss in der Lage
sein, diese in die gesamte Unternehmensstrategie einzuordnen und zu bewerten.
Fachliche Informationen müssen deshalb so dokumentiert werden, dass sie kommuniziert
und von den Beteiligten auf Management, Fach- und EDV-Abteilungsseite verstanden
werden. Welche Informationstypen sind dabei besonders wichtig?
Als Erstes fallen Ihnen bestimmt Geschäftsprozesse und Objekte der realen Welt ein. Im
Umfeld einer kombinierten EA, BPM- und SOA-Modellierung sind dies Organisationseinheiten und Rollen, Geschäftsobjekte und Daten, Anwendungssysteme sowie fachliche und
technische Dienste und zuletzt Infrastrukturen. Sowohl das Management, Fach- wie auch
EDV-Abteilungen haben eigene Vorstellungen, wie diese zu beschreiben sind. Grundsätzlich gilt jedoch, dass alle drei Gruppen mehr oder weniger auf die Informationen der jeweils anderen Bereiche angewiesen sind. Damit existieren Schnittmengen des Informationsbedarfs, welche sich lediglich in der jeweiligen Detailtiefe der Modellierung unterscheiden. Abbildung 2.2 zeigt beispielhaft, welche Artefakttypen in der Schnittmenge
eines integrierten Modells berücksichtigt werden müssen.
EA
Geschäftsprozesse
Organisationsstrukturen
Infrastrukturen
Geschäftsobjekte
Anwendungssysteme
BPM
SOA
Abbildung 2.2 Artefakttypen der Schnittmenge eines integrierten EA, BPM- und SOA-Modells
Die Schnittmenge des Informationsbedaprfs so zu gestalten, dass sie alle drei Gruppen
zufriedenstellend bedienen, ist die Herausforderung bei der Erstellung eines integrierten
Modells. Um die unterschiedlichen Zielsetzungen von Management, Fach- und EDVAbteilung bei der Modellbildung zu verbinden, müssen die Schnittmengen des Informationsbedarfs bekannt und zwischen den beteiligten Personengruppen abgestimmt werden.
19
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Die im Folgenden vorgestellte Einteilung hilft Ihnen, die Artefakttypen der Schnittstellen
zu erkennen und eine Struktur für ein integriertes Modell zu entwerfen.
2.3.1.1 Geschäftsprozesse
Unter Prozessen versteht man eine von einem oder mehreren Ereignissen ausgelöste, zeitlich logische Abfolge von Tätigkeiten (Funktionen) mit dem Ziel, ein bestimmtes Ergebnis
zu erzielen. Sowohl in der EA-, der BPM- und der fachlichen SOA-Modellierung spielen
Geschäftsprozesse und Funktionen eine zentrale Rolle, wenn auch mit jeweils unterschiedlicher Detaillierung. Betrachtet man bei der EA-Modellierung primär die Geschäftsprozesse und ihre Beziehungen zueinander, so wird bei der BPM-Modellierung zusätzlich Wert
auf die detaillierte fachliche Beschreibung der einzelnen Funktionen gelegt, aus denen sich
ein Geschäftsprozess zusammensetzt. Die fachliche SOA-Modellierung legt ihren Schwerpunkt dagegen auf die Geschäftsprozesse und Funktionen aus technischer Sicht, d.h. ausgerichtet auf die Anforderungen einer Automatisierung.
2.3.1.2 Organisationsstruktur
Auch die Modellierung der Organisationsstruktur wird unterteilt in fachliche und technische Inhalte. Die Modellierung der fachlichen Organisationsstruktur betrachtet alle Inhalte
die zur Beschreibung organisatorischer Zusammenhänge im Rahmen der EA und des BPM
erforderlich sind. Diese berücksichtigen im Wesentlichen die Beschreibung von Organisationseinheiten, Stellen und geographischen Strukturen wie zum Beispiel Regionen, Länder,
Gebäude etc. sowie deren Beziehungen untereinander.
Neben einer rein organisatorischen Betrachtung werden im Zusammenhang mit der fachlichen SOA-Modellierung auch Rollen betrachtet. Rollen sind definiert als Zusammenfassung verschiedener Stellen einer Organisation, die alle die gleiche Eigenschaft aufweisen.
In dem Modellierungskontext des integrierten EA,BPM- und fachlichen SOA-Modells ist
diese Eigenschaft das Recht, bestimmte Funktionalitäten eines Anwendungssystems oder
eines Dienstes zu nutzen.
2.3.1.3 Geschäftsobjekte
Der Begriff Geschäftsobjekt stammt ursprünglich aus der objektorientierten Softwareentwicklung. Unter einem Geschäftsobjekt verstehen wir ein Objekt der realen Welt, das
durch einen Geschäftsprozess oder eine Funktion erzeugt, bearbeitet oder verbraucht werden kann. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Datenobjekte oder Roh-, Hilfs- und
Betriebsstoffe. Geschäftsobjekte ermöglichen die allgemeine Beschreibung von Ressourcen im Modell, die nicht zu den Gruppen Organisationsstruktur, Anwendungssysteme oder
IT-Infrastrukturinhalten gehören.
Für die stärker informationstechnologische Modellierung im fachlichen SOA-Teil des
Modells werden die Geschäftsobjekte zur Abbildung in IT-Systemen detaillierter als Daten
beschrieben. Daten stehen immer in einer Beziehung zu einem Geschäftsobjekt, wogegen
Geschäftsobjekte nicht zwingend ein zugeordnetes Datenobjekt besitzen müssen. Zum
20
2.3 Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells
Beispiel muss das fachliche Geschäftsobjekt „Kundenauftrag“ in ein Datenobjekt „Kundenauftrag“ detailliert werden, um es in einem IT-System abbilden zu können. Daten repräsentieren innerhalb von IT-Systemen Geschäftsobjekte und sind im Kontext eines integrierten EA, BPM- und SOA-Modells ausführlicher zu modellieren als Geschäftsobjekte.
2.3.1.4 Anwendungssysteme
Anwendungssysteme beschreiben Softwareprogramme, die in einer direkten Interaktion
mit einem fachlichen Benutzer stehen oder eine Aufgabe in einem fachlichen Prozess erfüllen. Sie dienen immer der Unterstützung bzw. Ausführung des wertschöpfenden Geschäftsprozesses. Durch das Konzept der serviceorientierten Architekturen wurden neben
klassischen Anwendungssystemen zusätzlich fachliche Services aufgenommen. Sie beschreiben keine über ein bestimmtes Softwareprogramm identifizierbare Anwendung
mehr, sondern stellen nur „virtuelle“ IT-Leistungen dar, die einen wertschöpfenden Geschäftsprozess informationstechnisch unterstützen können. Dabei ist es weder erforderlich
noch gewünscht, die dahinter stehenden Softwarelösungen genau zu kennen. Vielmehr
dient das Konzept der „Verschleierung“ der eigentlichen IT-Lösung und fokussiert „nur“
auf die fachliche Aufgabenerfüllung. Zusätzlich zu den fachlichen Services finden wir
technische Services. Sie unterscheiden sich von fachlichen Services dadurch, dass sie in
keiner direkten Beziehung zum Wertschöpfungsprozess stehen, sondern von fachlichen
Services als „Hilfsservices“ in Anspruch genommen werden.
2.3.1.5 Infrastrukturen
Die Beschreibung der Infrastrukturen umfasst im Rahmen der EA,BPM- und SOA-Modellbildung alle physischen Objekte der Informationstechnologie, die zur Abwicklung der
Geschäftsprozesse erforderlich sind, sowie nicht direkt an der fachlichen Wertschöpfung
beteiligte Software. Dies sind zum Beispiel die physisch vorhandenen Objekte Server und
Netzwerke und im Bereich der Software Datenbanken, Virenscanner etc.
2.3.2
Schnittmengen und symmetrische Differenz
der Modellierungsbereiche
2.3.2.1 Erstellung eines hierarchisch gegliederten integrierten Modells
Mit der Erstellung eines integrierten Modells verfolgen wir das Ziel, eine EA,BPM- und
fachliche SOA-Modellierung in einem einzigen Modell zusammenzufassen. Es ist nicht
einfach, die Inhalte einer integrierten Modellierung voneinander abzugrenzen. Abbildung
2.2. zeigt, dass zwischen den Modellen inhaltliche Schnittmengen bestehen. Betrachten wir
aber zunächst die EA,BPM- und SOA-Modellierung unabhängig voneinander.
Würden Sie nur ein EA Modell erstellen, so wären in ihm Inhalte modelliert, die auch in
einem BPM und SOA Modell enthalten sein müssten. Gleiches gilt für ein einzelnes BPM
oder fachliches SOA Modell, natürlich für unterschiedliche Inhalte. Da wir Redundanzen
vermeiden wollen, müssen wir bei dem Zuschnitt des integrierten Modells diesen Sachver-
21
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
halt besonders berücksichtigen. Bei der Erstellung der Struktur eines integrierten Modells
müssen Sie deshalb genau festlegen, welche Inhalte zu welchem Modellbereich (EA, BPM
und fachliches SOA) gehören.
Orientieren Sie sich bei der Zuordnung von Inhalten in Ihrem Gesamtmodell immer an den
folgenden Kriterien:
Der Enterprise Architecture-Modellteil beinhaltet die abstrakte, überblicksartige Beschreibung einer Organisation oder Unternehmung. Es werden im Wesentlichen Zusammenhänge und Abhängigkeiten im groben Überblick dargestellt. Eine Detailmodellierung einzelner Aspekte erfolgt nicht.
Der BPM-Modellteil fokussiert auf das Ablaufverhalten und die Tätigkeiten der Wertschöpfung in der betrachteten Organisation oder Unternehmung. Es wird im Einzelnen
beschrieben, wie eine Tätigkeit durchgeführt wird. Dabei werden auch die beteiligten
Ressourcen betrachtet. Unterschieden werden Modelle mit ausschließlich fachlichem
und informationstechnischem Inhalt.
Der SOA-Modellteil dient zur Beschreibung der Inhalte, die man zum Entwurf, zur
Implementierung und zum Betrieb einer SOA Lösung benötigt. Er richtet sich grundsätzlich immer an den Dokumentations- und Beschreibungsanforderungen einer SOA
aus.
informationstechnologische
Modellinhalte
fachliche
Modellinhalte
Abbildung 2.3 zeigt, wie die drei Modellbereiche im integrierten Gesamtmodell aufeinander aufbauen.
Umfang des Modellbereichs
Abbildung 2.3
Unterteilung des integrierten Modells in Bereiche für
EA, BPM und fachliches
SOA
Welche Inhalte im integrierten Modell den Bereichen EA, BPM und fachliche SOA zugeordnet werden, wird im Folgenden definiert. Außerdem legen wir fest, welche Strukturen
zu deren Beschreibung sinnvoll anzulegen sind und wie detailliert die Inhalte zu den Artefakttypen erfolgt.
22
2.3 Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells
2.3.2.2 Detaillierung des EA-Modellbereichs
Geschäftsprozesse
Innerhalb des EA-Modellteils werden Prozesse meistens nur sehr grob beschrieben. Eine
EA nutzt Prozessmodelle zur Darstellung grundsätzlicher Zusammenhänge meistens in
einem unternehmensweiten oder sogar unternehmensübergreifenden Kontext. Detailinformationen über die genaue Ausführung einzelner Prozesse spielt im Rahmen der EA-Modellierung in der Regel keine Rolle.
Organisationsstruktur
Im Rahmen des EA-Modellteils werden aufgrund der stärker überblicksartigen Modellierung nur übergeordnete organisatorische Strukturen beschrieben. Wie schon bei den Prozessen erfolgt in der EA-Modellierung die Erfassung von Detailinformationen zur organisatorischen Struktur in der Regel nicht.
Geschäftsobjekte
Innerhalb des EA-Modellteils berücksichtigen wir aufgrund der stärker überblicksartigen
Darstellung der EA nur allgemein beschreibende Geschäftsobjekte. Detailliertere Datenbeschreibungen sind im integrierten Modell im EA-Modellbereich nicht vorgesehen.
Anwendungssysteme
Innerhalb des EA-Modellteils werden Anwendungssysteme überblicksartig beschrieben.
Unterschieden wird dabei zwischen unternehmensweiten Softwaresystemen (z.B. ERPSystemen), die in der Regel mit ihren teilweise komplexen Architekturen genauer und
Einzelplatzanwendungen (z.B. WORD), die meistens nur typisiert für einen Unternehmensbereich erfasst werden.
Infrastrukturen
Sämtliche Infrastrukturobjekte werden in der integrierten Modellierung im EA-Modellbereich erfasst. Dies schließt sowohl die IT-Infrastruktur (z.B. Server und Netzwerke) wie
auch die nicht IT-bezogene Infrastruktur (z.B. Maschinen) ein.
2.3.2.3 Detaillierung des BPM-Modellbereichs
Geschäftsprozesse
Im BPM-Modellteil werden zusätzlich detailliertere Beschreibungen der jeweiligen Prozesse bis hin zu den fachlichen Funktionen und Aktivitäten erfasst. Sie stellen das Herzstück eines BPM-Modells dar. In der Praxis ist es jedoch strittig, ob neben den fachlichen
auch technische Funktionen wie zum Beispiel ausschließlich durch ein IT-System ausgeführte Arbeitsschritte modelliert werden sollen. Wir legen für unsere Modellierung fest,
dass eine Beschreibung des fachlichen Verhaltens eines IT-Systems (z.B. die Bedienreihenfolge einer Maske) noch Bestandteil des BPM-Modellbereichs ist.
23
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Organisationsstruktur
Die Organisationsmodellierung wird im BPM-Modellteil um ausführlichere Beschreibungen der jeweiligen Organisationseinheiten und Stellen ergänzt.
Geschäftsobjekte
Der BPM-Modellteil enthält zusätzlich fachliche Datenbeschreibungen, welche die ermittelten Geschäftsobjekte aus Sicht der Informationstechnologie konkretisieren. Fachliche
Datenobjekte beschreiben damit Geschäftsobjekte, die zukünftig von IT Systemen verarbeitet werden sollen, genauer.
Anwendungssysteme und Infrastrukturen
Der BPM-Modellteil enthält keine Inhalte zu Anwendungssystemen, fachlichen oder technischen Services oder Infrastrukturen.
2.3.2.4 Detaillierung des SOA-Modellbereichs
Geschäftsprozesse
Die Prozessmodellierung im SOA-Modellteil befasst sich hauptsächlich mit automatisierten Prozessen und den darin enthaltenen technischen Funktionen. Wie beim BPM ist auch
im SOA-Umfeld strittig, bis zu welchem fachlichen Niveau ein Prozess und dessen Funktionen beschrieben werden müssen. Dabei nähert man sich dieser Frage im Vergleich zum
BPM aus der entgegengesetzten Richtung. Wie weit die Modellierung auch fachliche Prozesse beinhaltet, hat sich in der Praxis noch nicht allgemeinverbindlich etabliert. Allgemein anerkannt ist, dass technische Prozesse Bestandteil des SOA-Modellteils sein müssen. Wir beschränken uns beim fachlichen SOA-Modellbereich auf die Modellierung technischer Prozesse zur Automatisierung.
Organisationsstrukturen
Die Modellierung organisatorischer Inhalte im SOA-Modellteil beschränkt sich auf die zur
Implementierung der SOA erforderlichen Artefakte. Besonders wichtig ist die Beschreibung aller beteiligten Rollen innerhalb des zu automatisierenden Prozesses.
Geschäftsobjekte
Weiterhin erfolgt im SOA-Modellteil eine Verfeinerung der fachlichen Datenobjekte zu
technischen Datenobjekten. Sie werden um technische Inhalte angereichert, die für die
Bearbeitung in IT-Systemen erforderlich sind.
Anwendungssysteme
Innerhalb des fachlichen SOA-Modellteils werden nur solche Services modelliert, die der
direkten Unterstützung fachlicher Funktionen dienen.
24
2.3 Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells
Infrastrukturen
Auch der fachliche SOA-Modellteil enthält keine Inhalte zu Infrastrukturen.
2.3.2.5 Schnittmenge des integrierten Modells
Im vorhergehenden Abschnitt haben wir gesehen, welche Artefakttypen in einer integrierten EA,BPM- und SOA-Modellierung vorkommen. Dabei konnten Sie erkennen, dass
einige davon in unterschiedlicher Detaillierung in mehreren Modellbereichen beschrieben
werden. Zum Beispiel finden Sie Geschäftsprozesse im EA-, dem BPM- und im fachlichen
SOA-Modellteil.
Um zu verhindern, dass Redundanzen im Gesamtmodell entstehen, müssen Sie für Ihr
Modell festlegen, welche Inhalte wo beschrieben werden. Es muss vermieden werden, dass
Modellinhalte mit gleicher Bedeutung in mehr als einem Modellbereich des integrierten
Modells abgelegt werden.
Tabelle 2.2 zeigt eine Empfehlung zur grundsätzlichen Einteilung der Artefakttypen in die
Modellbereiche EA, BPM und SOA und deren Detaillierung im jeweiligen Modellbereich.
Sie dient Ihnen als Orientierungspunkt zur Strukturierung des späteren Gesamtmodells und
der Modellierungsmethodik.
Tabelle 2.2 Zuordnung und Detaillierung des Artefakttypen zu den Modellbereichen
Artefakttyp
Geschäftsprozesse
Funktionen
Organisationseinheiten
Stellen
Geographische Strukturen
Rollen
Geschäftsobjekte
EA
BPM
SOA
abstrakt
–
–
–
detailliert (fachlich)
detailliert (technisch)
abstrakt
detailliert
–
–
detailliert
–-
abstrakt
detailliert
–
–
detailliert
–
abstrakt
–
–
–
detailliert
detailliert
Anwendungssysteme
detailliert
–
–
Fachliche Services
abstrakt
detailliert
–
–
–
detailliert
detailliert
–
–
Daten
Technische Services
Infrastrukturen
Wichtig ist zu beachten, dass im integrierten Modell nicht alle Artefakttypen modelliert
werden müssen. Berücksichtigen Sie bei der Auswahl immer Ihre individuellen Gegebenheiten und Anforderungen. Außerdem helfen Ihnen die in den nachfolgenden Kapiteln
beschriebenen Heuristiken beim weiteren Aufbau Ihrer individuellen Modellierungsstruktur.
25
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Jeder Artefakttyp, der in mehr als einer Spalte in Tabelle 2.2 zugeordnet ist, befindet sich
in der Schnittmenge zweier Modellbereiche. Für diese Artefakttypen müssen wir eine
genaue Abgrenzung definieren, in welchem inhaltlichen Kontext er in welchen Modellbereich gehört.
Die Artefakttypen Funktionen, Organisationseinheiten, geographische Strukturen,
Daten und fachliche Services lassen sich je nach Grad der Detaillierung in unterschiedlichen Modellbereichen zuordnen. Für das integrierte Modell muss genau
festgelegt werden, bei welcher inhaltlichen Detaillierung die Artefakttypen in welchen Modellbereich gehören.
2.3.3
Semantische Zuordnung verschiedener Inhaltstypen
Grundsätzlich können die Inhalte der EA, BPM und fachlichen SOA-Modellbereiche unterteilt werden:
Fachliche Inhalte umfassen alle ausschließlich betriebswirtschaftlichen Inhalte des
Gesamtmodells. Dies sind neben einer Beschreibung der fachlichen Prozesse häufig Informationen über die am Prozessablauf beteiligten Organisationseinheiten und Geschäftsobjekte. Inhalte, welche zusätzliche Informationen für besondere betriebswirtschaftliche Fragestellungen enthalten, zum Beispiel Compliance und Geschäftsstrategien, werden ebenfalls hier zugeordnet. Wesentliches Kriterium zur Identifizierung fachlicher Inhalte ist deren Neutralität gegenüber jeglichem (informations-)technologischen
Bezug. Stellen Sie sich zur Identifizierung fachlicher Inhalte die Frage ob diese vollständig IT-neutral beschrieben sind? Beispielweise müssen Prozessbeschreibungen dieses Inhaltstyps immer so formuliert sein, dass ihnen nicht entnommen werden kann, ob
der Prozess manuell, mit Papier und Bleistift oder mit einem Computer bearbeitet wird.
Fachliche IT Inhalte verbinden IT neutrale Inhalte mit technischen Beschreibungen
von IT-Systemen. Man kann sie sich als eine Art Klebstoff zwischen den beiden anderen Inhaltstypen vorstellen. Um fachliche IT-Inhalte zu identifizieren, stellen Sie sich
die Frage, ob diese direkt mit einem IT-System in Verbindung stehen, dabei aber einen
fachlichen Charakter für den Anwender des IT-Systems haben. Ein Beispiel ist die Beschreibung eines Maskenflusses zur Bedienung einer Anwendungssoftware. Es liegt in
diesem Fall eine direkte Beziehung der Inhalte zu einem IT-System vor, gleichzeitig
beschreibt der Maskenfluss aber auch die Arbeitsschritte eines Anwenders zur Umsetzung eines fachlichen Prozesses.
(Informations-)Technische Inhalte beschreiben, wie IT-Systeme, die zur Unterstützung eines fachlichen Prozesses benötigt werden, intern arbeiten. Bei der Identifizierung dieser Inhalte müssen Sie darauf achten, dass es sich ausschließlich um Inhalte
ohne direkte Verbindung zum Anwender des beschriebenen IT-Systems handelt. Beispielweise kann man die Beschreibung der modularen Architektur einer Anwendungssoftware nennen.
26
2.3 Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells
Abbildung 2.4 zeigt den abgestuften Zusammenhang zwischen fachlichen, fachlichen ITund (informations-)technologischen Modellinhalten. Es besteht keine direkte Verbindung
zwischen den rein fachlich orientierten und den (informations-)technologischen Inhalten.
Beziehungen zwischen diesen beiden werden immer über dazwischen liegende fachliche
IT-Inhalte hergestellt. Wenn Sie Ihr Gesamtmodell auf diesem Weg erstellen, erhalten Sie
eine lose Kopplung. Der besondere Vorteil dieser Struktur liegt in der klaren Trennung der
Inhalte, bei gleichzeitiger loser Verknüpfung. Auf diese Weise erhalten Sie ein Gesamtmodell, das sehr flexibel auf verschiedene Fragestellungen regieren kann. Ein Modell mit
dieser Grundstruktur kann einfach analysiert werden, ohne auf Informationen anderer
Inhaltsbereiche Rücksicht nehmen zu müssen. Beispielsweise lassen sich Informationen
über den fachlichen Prozessablauf unabhängig von dessen technischer Realisierung in
einer Anwendungssoftware gewinnen.
Fachliche Inhalte
Prozessübersicht „Wareneingang“
und detaillierte Prozessbeschreibung
des fachlichen Prozesses
Fachliche IT-Inhalte
Beschreibung der Warenverbuchung
durch den Mitarbeiter im
Lagerverwaltungssystem
Informationstechnische
Inhalte
Beschreibung der internen Verarbeitung
einer Warenverbuchung in einem
Lagerverwaltungssystem
Abbildung 2.4 Semantische Zuordnung von Inhaltstypen
Gleichzeitig kann über die lose Kopplung zu jeder Zeit aber zusätzliche Information hinzugefügt werden, ohne dabei die saubere Trennung aufzuheben. Würde man dagegen die
fachlichen, fachlichen IT und (informations-)technischen Inhalte miteinander vermischen,
so wäre eine automatisierte Trennung zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich. Sie
würden dann die Fähigkeit verlieren, Ihr Modell nach verschiedenen fachlichen und technischen Perspektiven auszuwerten. Kein Algorithmus der Welt könnte diese Leistung
heute erbringen.
Achten Sie bei dem Entwurf Ihres integrierten Modells unbedingt auf eine Trennung
der fachlichen Inhalte, fachlichen IT-Inhalte und technischen Inhalte.
Daraus ergeben sich einige Anforderungen an ein integriertes Modell:
Die Modellstruktur für alle drei Inhaltstypen muss eindeutig und redundanzfrei festgelegt werden. Damit kann jeder Inhalt eindeutig einem der Modellbereiche zugeordnet
27
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
werden. Die doppelte Ablage gleicher Inhalte in mehr als einem Modellbereich ist nicht
zulässig.
Die Schnittstellen zwischen den einzelnen Inhaltstypen sind klar zu definieren. Es
müssen Regeln festgelegt werden, die den Übergang beschreiben und Vorgaben zur
Abbildung enthalten. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Verbindung zwischen den einzelnen Inhalten im gesamten Modell immer auf die gleiche Art erfolgt.
Es ist klar festzulegen, welche Inhalte die Modellstruktur aufnehmen kann. Dadurch
definiert man, welche Inhalte im Modell abgebildet werden können und welche nicht
mehr Bestandteil des integrierten Modells sind.
2.3.4
Dynamische und statische Unterteilung
Die Unterscheidung zwischen Statik und Dynamik beruht auf einem unterschiedlichen
zeitlichen Verhalten.
Dynamische Inhalte beschreiben das zeitlich logische Verhalten eines Prozesses. Ziel einer
dynamischen Modellierung ist es, die Veränderung der Umwelt innerhalb eines Ablaufs
darzustellen. Stellen Sie sich beispielsweise den Ablauf des Wareneingangsprozesses vor.
Im Rahmen der dynamischen Modellierung wird dort beschrieben, wie Waren angenommen, verbucht und eingelagert werden.
Demgegenüber beschreibt die Statik Sachverhalte, die über einen längeren Zeitraum stabil
bleiben. In einem Organigramm ist zum Beispiel der organisatorische Aufbau der Abteilung „Wareneingang“ beschrieben. Sicher, auch statische Inhalte unterliegen einer zeitlichen Veränderung; sie ist in der Regel aber nur längerfristig zu erkennen und liegt nicht im
Fokus der Darstellung. Statische Inhalte beschreiben demnach Ressourcen, die in Prozessen erzeugt, genutzt oder verbraucht werden.
Zwischen Dynamik und Statik besteht also ein Zusammenhang. Bei der Abbildung innerhalb eines Modells ist es dennoch empfehlenswert, die Inhalte zu trennen. Dies geschieht
vor dem Hintergrund, dass die Modellierung beider Bereiche theoretisch getrennt erfolgen
sollte. Idealtypisch würden Sie bei der Modellierung folgendermaßen vorgehen:
Beschreiben Sie zunächst alle statischen Inhalte komplett losgelöst voneinander.
Anschließend modellieren Sie ausschließlich die Aktivitäten zur Durchführung eines
Prozesses, wobei darauf zu achten ist, dass keine statischen Informationen (zum Beispiel beteiligte Personen etc.) in die Formulierung der Aktivitäten einbezogen werden.
Im abschließenden Schritt ordnen Sie die statischen Inhalte den passenden Aktivitäten
des Prozesses zu.
Wenn Sie sich diesen Ablauf ansehen und bereits Erfahrung mit der Modellierung von
Prozessen haben, werden Sie schnell erkennen, dass dieses Vorgehen in der Realität nur
eingeschränkt funktioniert. Vielmehr ist es so, dass alle drei genannten Schritte iterativ
während der Modellierung durchgeführt werden. Es ist nicht möglich, alle statischen Objekte, die an einem Prozess beteiligt sind, vor der Modellierung der Aktivitäten und deren
28
2.3 Grundsätzliche Gliederung eines integrierten Modells
zeitlichem Zusammenhang final zu kennen. Dennoch sollten Sie versuchen, sich dem oben
genannten Ablauf so weit wie möglich anzunähern. Er hilft Ihnen dabei, Ihre Modellierung
an einem roten Faden zu orientieren.
Durch die Trennung innerhalb Ihres Modells erreichen Sie eine Strukturierung, mit der Sie
auch bei iterativer Modellierung leichter den Überblick behalten. Doch damit nicht genug:
die Trennung der Bereiche hilft nicht nur bei der Erstellung des Modells, sondern noch viel
mehr bei der Weiterverwendung der Modellinhalte in späteren Phasen. Auswertungen und
Analysen der Inhalte sind mit jedem Modellierungswerkzeug deutlich einfacher durchführbar, wenn eine klare und eindeutige Trennung in statische und dynamische Inhalte
vorliegt.
2.3.5
Horizontale und vertikale Unterteilung
vertikale Detaillierung
Modelle, egal, ob fachlich oder technisch, sind in der Regel hierarchisch strukturiert, d.h.,
sie werden ausgehend von einer abstrakten Beschreibung zunehmend detaillierter. Dies gilt
für alle oben genannten Artefakttypen, wird hier aber besonders am Beispiel von Prozessmodellen erläutert. Stellen Sie sich dazu nochmals den oben erwähnten Wareneingangsprozess vor. Eine vertikale Detaillierung dieses Prozesses führt zum Beispiel zur weiteren
Unterteilung des Prozesses „Wareneingang“ in die Unterprozesse „Wareneingangskontrolle“, „Warenverbuchung“ und „Wareneinlagerung“. Abbildung 2.5 zeigt die Zusammenhänge.
Wareneingang
Wareneingangskontrolle
Warenbuchung
Wareneinlagerung
Abbildung 2.5 Beispiel einer vertikalen Detaillierung des Prozesses „Wareneingang“
Neben dieser „in die Tiefe“ gerichteten Strukturierung werden Prozessmodelle weiterhin
horizontal unterteilt. Dabei handelt es sich um eine Abgrenzung der beschriebenen Inhalte
gegeneinander. Meistens erfolgt die Trennung der Inhalte anhand besonderer Gruppierungskriterien wie zum Beispiel nach fachlich unterschiedlichen Bereichen. Um bei dem
Beispiel zu bleiben: so kann der „Wareneingangsprozess“ von anderen horizontalen Prozessen wie „Materialeinkauf“ oder „Kreditorenbuchhaltung“ horizontal abgegrenzt werden
(s. Abbildung 2.6).
29
2 Integrierte Modellierung für EA, BPM und fachliche SOA
Die horizontale Abgrenzung der Inhalte im integrierten Modell ist von besonderer Bedeutung, da sie wesentlich höhere Anforderung stellt als die vertikale Gliederung. Überprüfen
Sie dies einmal selbst. Es fällt Ihnen sicher deutlich leichter, die genannten horizontalen
Prozesse zu detaillieren, als klare Regeln für deren Abgrenzung untereinander aufzustellen.
Materialeinkauf
Wareneingang
Kreditorenbuchhaltung
horizontale Segmentierung
Abbildung 2.6 Beispiel einer horizontalen Segmentierung
Die vertikale Detaillierung beschreibt die Vertiefung eines einzelnen Inhaltsbereiches,
wogegen sich die horizontale Segmentierung mit der inhaltlichen Abgrenzung verschiedener Bereiche zueinander befasst.
Um in einem Modellierungsprojekt sicherzustellen, dass das Gesamtmodell konsistent
aufgebaut und die horizontale Unterteilung und vertikale Detaillierung einheitlich sind,
müssen vor Beginn der Modellierung eindeutige Kriterien zur Unterscheidung definiert
werden.
Bei der Strukturierung ist es wichtig, dass die Unterteilungskriterien einerseits eine eindeutige und klare Abgrenzung erlauben, andererseits aber möglichst einfach sind, um den
Aufwand zur Abgrenzung in vertretbaren Grenzen zu halten. Ausgangspunkt für die Unterteilung sollte immer die horizontale Segmentierung vor der vertikalen Detaillierung sein.
Leider wird in vielen Projekten zu schnell mit einer vertikalen Detaillierung begonnen,
was im weiteren Projektverlauf in der Regel zu erheblichen Anpassungs- und Nacharbeiten
führt.
2.4
Zusammenfassung
Die Struktur eines integrierten Enterprise Architecture, BPM- und fachlichen SOA-Modells
können Sie nach den folgenden Kriterien gliedern:
ihrer semantischen Einordnung;
ihrem dynamischen oder statischen Charakter;
dem Artefakttyp, dem sie zugeordnet sind;
ihrer horizontalen und vertikalen Einordnung.
Jeder Inhalt des integrierten Modells kann nach diesen vier Kriterien eindeutig zugeordnet
werden. Bei der Erstellung der Struktur Ihres Modells müssen Sie darauf achten, dass
Inhalte eindeutig und überschneidungsfrei im Modell abgelegt werden können. Um die
30
2.4 Zusammenfassung
Überschneidungsfreiheit sicherzustellen, bauen Sie die Modellstruktur und die Regeln zur
Ablage der Inhalte in folgenden Arbeitsschritten auf:
1. Bilden Sie die semantische Struktur Ihres Modells. Unterteilen Sie das integrierte Modell dabei zunächst nach
einem Modellbereich für „fachlichen Inhalte“,
einem Modellbereich für „fachliche IT-Inhalte“ und
einem Modellbereich für „IT-technische Inhalte“.
2. Unterteilen Sie anschließend jeden semantischen Modellbereich für
dynamische Modellinhalte und
statische Modellinhalte.
3. Legen Sie danach fest, welche Artefakttypen in den dynamischen und statischen Bereichen abgelegt werden sollen. Beschreiben Sie genau die jeweils erforderlichen Artefakttypen. Die genaue Ermittlung der Artefakttypen besprechen wir im folgenden Kapitel.
4. Legen Sie fest, wie Sie die Inhalte horizontal und vertikal im betrachteten Modellbereich einordnen. Die Regeln zur horizontalen und vertikalen Einordnung erläutern wir
in den folgenden Kapiteln näher.
31
3
3 Aufbau des Metamodells
3.1
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet
Wie identifizieren Sie den individuellen Fokus Ihrer Modellierung?
Wie stellen Sie die unterschiedlichen Anforderungen an ein integriertes Modell kommunizierbar dar?
Welche typischen Fragestellungen soll Ihr integriertes Modell beantworten?
Wie strukturieren Sie Ihre Fragestellungen für den Metamodellentwurf?
Welche Beziehungen bestehen zwischen verschiedenen Fragestellungen, die Ihr Modell
beantworten soll?
Wie entwerfen Sie ein werkzeugneutrales Metamodell?
Wie können Sie den Modellierungsaufwand Ihres Modells grob abschätzen?
3.2
Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Das Konzept einer Enterprise Architecture ist nicht neu. Bereits in den achtziger Jahren
wurden die grundlegenden Ideen zum Enterprise Architecture Management unter anderem
von John Zachman beschrieben. Heute erhält das Konzept im Zusammenhang mit Business Process Management und SOA neue Bedeutung. Die Existenz einer Enterprise Architecture wird häufig als Voraussetzung für ein erfolgreiches Business Process Management
und die SOA-Einführung gesehen.
Egal, ob Sie „nur“ eine Enterprise Architecture erstellen oder diese mit einem BPM- oder
SOA-Modellteil verbinden möchten: Sie sollten Ihr Modell grundsätzlich zunächst werkzeugneutral entwerfen. Ziel ist es, den Informationsbedarf Ihrer Organisation zu ermitteln,
ohne sich bereits in dieser frühen Phase durch die Restriktionen eines Werkzeuges einzuschränken. Auf diese Weise erhalten Sie ein Metamodell, welches zunächst ausschließlich
den fachlichen Bedarf Ihrer Organisation an ein integriertes Modell darstellt. Natürlich ist
33
3 Aufbau des Metamodells
in einem späteren Arbeitsschritt das ideale Metamodell an die Möglichkeiten des einzusetzenden Werkzeuges anzupassen. Dies geschieht dann in einem Prozess, der vorhandene
werkzeuginduzierte Einschränkungen klar aufzeigt. Sollten Sie sich noch nicht auf ein
Modellierungswerkzeug festgelegt haben, können Sie mit dem beschriebenen Vorgehen
auch diese Auswahl gezielter angehen.
3.2.1
Modellierungsgrundsätze und deren Bewertung
Bevor Sie mit der Erstellung des integrierten Modells beginnen, müssen Sie sich einige
grundsätzliche Gedanken über Ihre Modellierung machen. Es ist immer wieder erstaunlich,
wie viele Unternehmen eine Modellierung beginnen, ohne über die Ziele und Fragestellungen des Modells nachzudenken.
Um diesen Fehler zu vermeiden, müssen Sie zunächst festlegen, wo Ihnen das Modell helfen soll. Betrachten Sie die Sichten Business-, Application-, Information- und Infrastructure-Achitecture als Ausgangspunkt. Zu jeder dieser Sichten formulieren Sie Grundsätze, die
zur Gestaltung Ihres Modells herangezogen werden. Die Grundsätze beschreiben übergeordnete Ziele, deren Erreichung die Informationen aus dem Modell unterstützen sollen.
Tabelle 3.1 zeigt eine Auswahl möglicher Grundsätze, die mit Hilfe der Sichten verfolgt
werden können. Die Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll Ihnen
vielmehr als Startpunkt für Ihre eigenen Überlegungen dienen. Alle Grundsätze müssen
neutral formuliert sein und keine konkreten methodischen, technologischen und organisatorischen Ausprägungen enthalten. Zum Beispiel wäre der Grundsatz „Anwendungsentwicklung grundsätzlich mit JAVA“ nicht zulässig. Neutral formuliert, müsste es heißen:
„Die Anwendungsentwicklung soll technologische Unternehmensstandards einhalten.“
Stellen Sie Ihrer Organisation die Frage, welche Herausforderungen sie gerade hat und bei
welchen aktuellen Themen mehr Transparenz benötigt wird.
Tabelle 3.1 Beispiele von Modellierungsgrundsätzen
Modell-Sicht
Grundsätze
Geschäfts-Architektur
Sicherstellung eines kontinuierlichen Geschäftsbetriebs
Erfüllung und Einhaltung gesetzlicher Vorschriften
Klare Zuweisung fachlicher Verantwortlichkeiten
Klare Zuweisung technischer Verantwortlichkeiten
Übergreifende Nutzung von Anwendungssoftware in verschiedenen
Unternehmensbereichen
…
Anwendungs-Architektur
Sicherstellung technologischer Unabhängigkeit
Durchsetzung von Standardapplikationen
Gewährleistung einer guten Bedien- und Anwendbarkeit
…
34
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Modell-Sicht
Grundsätze
Informations-Architektur
Unternehmensübergreifende Nutzung von Informationen
Sicherstellung des jederzeitigen Informationszugriffs
Klare Zuordnung von Informationsverantwortlichen
Etablierung von Standards im Informationsmanagement
Sicherung der Informationen der Organisation gegen Verluste
…
Infrastruktur-Architektur
Steuerung verwendeter Technologien
Sicherstellung von Interoperabilität
…
Es empfiehlt sich, für die Ermittlung der Grundsätze zunächst eine heterogene Teilnehmergruppe aus verschiedenen Bereichen Ihrer Organisation im Rahmen eines Brainstormings zu befragen. Die Gruppengröße sollte zwischen 10 und 20 Personen betragen. Erstellen Sie zusammen mit der Gruppe eine möglichst vollständige Liste der Grundsätze für
jede Sicht.
Legen Sie die für Ihre Organisation relevanten Grundsätze der Modellierung fest.
Formulieren Sie diese neutral ohne methodische, technologische oder organisatorische Einschränkungen. Die Grundsätze beschreiben die Leitlinien des Modells
für Ihre Organisation. Listen Sie die Grundsätze für alle Teilnehmer sichtbar auf.
Nachdem Sie die relevanten Grundsätze ermittelt haben, führen Sie eine Bewertung der
Ergebnisse durch. Jeder Teilnehmer des Brainstormings vergibt für jeden Grundsatz Punkte und drückt damit die Bedeutung aus, die der Grundsatz für ihn hat. Zur Berechnung der
maximal von jedem Teilnehmer zu vergebenden Punkte teilen Sie die Summe der Grundsätze durch 2. Haben Sie eine ungerade Zahl an Grundsätzen identifiziert, so wird nur der
ganze Anteil der oben genannten Division verwendet. Es ist jedem Teilnehmer freigestellt,
die Punkte entweder gleichverteilt auf die Grundsätze zu vergeben, alle Punkte einem
Grundsatz zuzuordnen oder individuell zwischen verschiedenen Grundsätzen zu gewichten. Wichtig ist, dass die Gesamtzahl möglicher Punkte nicht überschritten wird. Zur Erfassung der Ergebnisse des Brainstormings können Sie eine Aufstellung (siehe Tabelle 3.2)
verwenden.
Im Anschluss an die Vergabe der Punkte tragen Sie die Ergebnisse innerhalb eines Kiviatgraphen auf. Abbildung 3.1 zeigt das Ergebnis für das obige Beispiel.
Sortieren Sie anschließend die Grundsätze nach ihrer Bewertung in absteigender Reihenfolge, und gruppieren Sie diese anschließend nach Schwerpunkten. Sie können Modellierungsgrundsätze mehreren Gruppen zuordnen, wenn sie nicht eindeutig zu einer Gruppe
gehören.
In den meisten Fällen ist es für den Metamodell-Entwurf ausreichend, das obere Drittel der
bewerteten Grundsätze weiterzuverfolgen.
35
3 Aufbau des Metamodells
Tabelle 3.2 Auswertung eines Brainstormings zur Ermittlung der Modellierungsgrundsätze (Beispiel)
Brainstorming zur Erfassung der Modellierungsgrundsätze bei …
Teilnehmeranzahl
15
max. pro Teilnehmer zu vergebende Punkte
7
Grundsätze
erreichte Summe
Sicherstellung eines kontinuierlichen Geschäftsbetriebs
12
Erfüllung und Einhaltung gesetzlicher Vorschriften
5
Klare Zuweisung fachlicher Verantwortlichkeiten
9
Klare Zuweisung technischer Verantwortlichkeiten
10
Übergreifende Nutzung von Anwendungssoftware in verschiedenen
Unternehmensbereichen
2
Sicherstellung technologischer Unabhängigkeit
0
Durchsetzung von Standardapplikationen
15
Gewährleistung einer guten Bedien- und Anwendbarkeit
8
Unternehmensübergreifende Nutzung von Informationen
15
Sicherstellung des jederzeitigen Informationszugriffes
4
Klare Zuordnung von Informationsverantwortlichen
4
Etablierung von Standards im Informationsmanagement
10
Sicherung der Informationen der Organisation gegen Verluste
4
Steuerung verwendeter Technologien
3
Sicherstellung von Interoperabilität
4
Sicherstellung eines kontinuierlichen
Geschäftsbetriebs
Sicherstellung von Interoperatibilität
16
14
Steuerung verwendeter Technologien
12
10
Erfüllung und Einhaltung gesetzlicher
Vorschriften
Klare Zuweisung fachlicher
Verantwortlichkeiten
8
Sicherung von Informationen der
Organisation gegen Verluste
6
Klare Zuweisung technischer
Verantwortlichkeiten
4
2
0
Übergreifende Nutzung von
Anwendungssoftware in
verschiedenen…
Etablierung von Standards im
Informationsmanagement
Klare Zuordnung von
Informationsverantwortlichen
Sicherstellung des jederzeitigen
Informationszugriffes
Unternehmensübergreifende Nutzung
von Informationen
Sicherstellung technologischer
Unabhängigkeit
Durchsetzung von
Standardapplikationen
Gewährleistung einer guten Bedienund Anwendbarkeit
Abbildung 3.1 Auswertungsvorschlag der Modellierungsgrundsätze (Beispiel)
36
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
In unserem Beispiel liegen die Schwerpunkte der Teilnehmer in den nachfolgenden Bereichen:
Informationsmanagement
Unternehmensübergreifende Nutzung von Informationen
Etablierung von Standards im Informationsmanagement
Standardisierung
Durchsetzung von Standardapplikationen
Etablierung von Standards im Informationsmanagement
Betriebsorganisation
Klare Zuweisung technischer Verantwortlichkeiten
Sicherstellung eines kontinuierlichen Geschäftsbetriebs
Auf den ersten Blick mag Ihnen die Auswertung trivial erscheinen. Sie liefert aber einen
nicht zu unterschätzenden Startpunkt für die strukturelle und inhaltliche Ausrichtung Ihres
integrierten Modells und hilft, dieses zu fokussieren, um zielgerichtet Auswertungen liefern zu können.
Im dargestellten Beispiel muss das integrierte Modell besonders auf die Bereiche Informationsmanagement, Standardisierung und Betriebsorganisation ausgerichtet werden. Das
bedeutet, dass im Rahmen der weiteren Detaillierung der Modellteilinhalte Informationen
zu den oben genannten Schwerpunkten zwingend enthalten sein müssen.
Außerdem gelingt es Ihnen mit dieser Fokussierung, die am Entwurfsprozess beteiligten
Personen auf die individuellen Fragestellungen im Unternehmen zu fokussieren.
3.2.2
Ermittlung und Bewertung essenzieller Fragestellungen
Nachdem die Modellierungsgrundsätze definiert sind, ermitteln Sie die zugehörigen essenziellen Fragestellungen, die das Modell beantworten muss. Essenzielle Fragestellungen
spezifizieren die Informationen, die ein integriertes Modell Ihrem Unternehmen liefern
soll. Sie drücken den Informationsbedarf der beteiligten Personen aus, die in die Erstellung, Nutzung und Wartung des Modells eingebunden sind. Damit liefern sie das Fundament für den Entwurf des Metamodells.
Es empfiehlt sich, die Ermittlung der essenziellen Fragestellungen in zwei Stufen vorzunehmen:
Brainstorming zur Identifizierung der Fragestellungen
Zerlegung, Klassifizierung und Bewertung der Fragestellungen
3.2.2.1 Identifizierung der Fragestellungen
Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass in Organisationen häufig verschiedene Sichtweisen existieren, welche Fragestellungen ein Modell beantworten soll. Meistens liegt die
Ursache darin, dass im Vorfeld keine Einigkeit über die grundsätzliche Ausrichtung erzielt
wurde. Genau um dieser Situation vorzubeugen, haben wir im vorhergehenden Schritt
37
3 Aufbau des Metamodells
Grundsätze aufgestellt und bewertet. Damit können Sie bereits deutlich fokussierter in die
Ermittlung der wichtigen Modellfragestellungen starten. Richten Sie aus diesem Grund das
Brainstorming zur Identifizierung der individuellen Fragestellungen an den für Ihre Organisation wichtigen Modellgrundsätzen aus.
Bringen Sie alle Personen, die zukünftig in irgendeiner Form mit dem Modell oder den
Daten aus dem Modell arbeiten, zusammen. Bitten Sie alle Beteiligten, ihre Fragen an das
zukünftige Modell im Rahmen der ermittelten Schwerpunkte zu erfassen. Dazu bieten sich
verschiedene Kreativtechniken an (z.B. 6-3-5-Methode, freies Brainstorming etc.). Welche
Technik Sie in Ihrem Unternehmen anwenden, sollten Sie individuell abwägen. Es kommt
in dieser Phase zunächst darauf an, möglichst viele Fragen zu identifizieren. Eine Bewertung der einzelnen Fragen erfolgt in diesem Schritt noch nicht.
Wir führen die Ermittlung essenzieller Fragestellungen gerne in einem offenen Brainstorming durch und dokumentieren die Ergebnisse direkt auf einem Flip-Chart. Diese Art der
Erfassung hat den Vorteil, dass die Teilnehmer ständig in den Prozess der Fragensammlung eingebunden und die Ergebnisse allen Teilnehmern jederzeit transparent sind. Sinnvoll ist ein offenes Brainstorming bis zu einer Gruppengröße von max. 10 Personen. Größere Gruppen sollten Sie entweder aufteilen oder auf Kreativitätstechniken ausweichen, die
größere Gruppen effizient moderieren.
Abbildung 3.2 zeigt das Teilergebnis eines solchen Brainstormings, dokumentiert mit Hilfe
eines Flip-Charts.
Abbildung 3.2 Flip-Chart-Beispiel der Ermittlung essenzieller Fragestellungen
Wiederholen Sie diesen Arbeitsschritt so lange, bis Sie ca. die dreifache Anzahl an Fragen
gesammelt haben, wie Teilnehmer in der Runde sind. Aus Erfahrung können wir sagen,
dass Sie dann in der Regel die möglichen essenziellen Fragestellungen dieser Gruppe identifiziert haben.
38
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Ordnen Sie anschließend alle Fragen den ermittelten Grundsätzen zu. In unserem Beispiel
sind dies:
Fragen zum Informationsmanagement:
Welche Daten werden von welchen Anwendungen verarbeitet?
In welchen Formaten liegen gleiche Daten in welcher Abteilung vor?
…
Fragen zur Standardisierung:
Welche Datenbanken nutzen welche Server?
Welche Anwendung nutzt welchen Server?
Welche Applikationen unterstützen gleiche fachliche Prozesse?
…
Fragen zur Betriebsorganisation:
Welche Aktivitäten sind betroffen, wenn eine Anwendung nicht mehr zur Verfügung steht?
Welche Personen sind für welche Applikationen verantwortlich?
…
3.2.2.2 Zerlegung und Bewertung der Fragestellungen
Nachdem die essenziellen Fragestellungen erfasst wurden, werden sie zerlegt und bewertet. Dabei geht es darum, die gesammelten Fragen nach ihren Anteilen an den Sichten zu
zerlegen, zu ordnen und hinsichtlich der Bedeutung für Ihr Modell zu bewerten. Ziel ist es,
zu erkennen, in welcher Sicht der Schwerpunkt Ihres Modells liegt.
Um die Fragen nach den zugehörigen Sichten zu zerlegen, empfehlen wir zunächst, jede
Sicht eindeutig zu kennzeichnen. Dies kann zum Beispiel ein graphisches Symbol oder
eine Farbe für jede Ebene sein. In unserem Beispiel verwenden wir die folgenden Kennzeichnungen für: 1
Objekttypen der Geschäfts-Architektur
Objekttypen der Daten-Architektur
Objekttypen der Anwendungs-Architektur
Objekttypen der Infrastruktur-Architektur
Markieren Sie in jeder Frage die zentralen Objekttypen einer Sicht mit der zugeordneten
Kennzeichnung. Beachten Sie dabei, dass Sie nur Hauptwörter (Substantive) markieren.
Betrachten wir zum Beispiel folgende Frage:
Welche Aktivitäten sind betroffen, wenn eine Applikation nicht mehr zur Verfügung
steht?
1
Selbstverständlich können Sie die Ebenen auch farblich kennzeichnen, worauf wir im Buch aus drucktechnischen Gegebenheiten verzichtet haben.
39
3 Aufbau des Metamodells
In dieser Frage sind die zwei Sichten Geschäftsarchitektur und Anwendungsarchitektur
enthalten. Wir markieren deshalb Aktivitäten und Applikationen.
Welche Aktivitäten sind betroffen, wenn eine Applikation nicht mehr zur Verfügung
steht?
Wiederholen Sie diesen Vorgang für alle Fragen, die im Rahmen des Brainstormings ermittelt wurden. Anschließend ordnen Sie jede Frage der entsprechenden Sicht zu. Fragen,
in denen mehrere Sichten adressiert werden, wie in unserem Beispiel, werden jeder betroffenen Sicht zugeordnet. Dies kann ebenfalls an einem Flip-Chart durchgeführt werden.
Abbildung 3.3 zeigt den Zusammenhang zwischen den Sichten und unserer Beispielfrage.
Geschäfts-Architektur
Daten-Architektur
Anwendungs-Architektur
Welche Aktivitäten
sind betroffen, wenn
eine Applikation nicht
mehr zur Verfügung
steht?
Infrastruktur-Architektur
Abbildung 3.3
Zuordnung der Objekttypen
der essenziellen Fragen zu
den Modellsichten
Bewerten Sie anschließend das Ergebnis der Zuordnung unter Berücksichtigung der Grundsätze. Sie müssen sicherstellen, dass die Fragestellungen zu den festgelegten Grundsätzen
passen.
Sollten Sie an dieser Stelle erhebliche Abweichungen zwischen den Schwerpunkten der
Grundsätze und den den Sichten zugeordneten Fragestellungen feststellen, so müssen Sie
dieses Ergebnis kritisch hinterfragen. In diesem Fall haben noch nicht alle beteiligten Personen das gleich Bild von den Zielen und dem Nutzen des integrierten Modells für Ihre
Organisation.
Diskutieren Sie dann unbedingt nochmals die Grundsätze und die abgeleiteten Fragestellungen mit den Teilnehmern, und wiederholen Sie die vorhergehenden Arbeitsschritte so
lange, bis die ermittelten Fragestellungen zu den festgelegten Grundsätzen passen.
Ermitteln Sie, welche Fragen das integrierte Modell in Ihrer Organisation beantworten muss. Halten Sie diese Fragen schriftlich fest, und richten Sie die Modellstruktur daran aus.
3.2.3
Entwurf einer Domain-Level-Matrix
Nachdem Sie einen stabilen Stand hinsichtlich der Fragestellungen erreicht haben, können
Sie mit dem Entwurf einer Domain-Level-Matrix beginnen. Die Domain-Level-Matrix ist
40
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
die Vorstufe des Metamodells. Sie hilft Ihnen, die erforderlichen Entitäten des Metamodells zu ermitteln, deren Granularität zu bestimmen und diese in Beziehung zu setzen.
Gruppieren Sie zunächst die ermittelten Objekttypen nach den Sichten. Zum Beispiel werden „Anwendungen“ und „Applikationen“ der Sicht „Anwendungs-Architektur“ zugeordnet.
Tabelle 3.3 enthält die Zuordnung für unsere Beispielfragen. Wenn Sie die Tabelle genau
betrachten, wird Ihnen auffallen, dass nur drei der bisher bekannten Sichten enthalten und
zwei neue Sichten hinzugekommen sind.
Dies ist darauf zurückzuführen, dass wir jetzt die Sicht Geschäftsarchitektur in einen dynamischen und einen statischen Teil aufspalten, die Sicht „Organisationsarchitektur“, die
alle Inhalte rund um aufbauorganisatorische Beschreibungen enthält, und die Sicht „Prozessarchitektur“, in der die dynamischen Inhalte beschrieben werden.
Es stellt sich natürlich die Frage, warum wir diese Trennung nicht bereits am Anfang vorgenommen haben. Das liegt zum einen daran, dass die Unterteilung der Sichten Geschäfts, Anwendungs-, Informations- und Infrastrukturarchitektur sehr verbreitet ist, unter anderem in der Enterprise-Architecture-Modellierung. Das möchten wir bei den initialen Entwurfsschritten nicht verändern.
Wichtiger ist aber unserer Erfahrung nach, dass die Trennung der Sichten „Prozess-“ und
„Organisationsarchitektur“ in einer frühen Phase des Entwurfsprozesses bei dem beteiligten Personenkreis, der in der Regel sehr heterogen zusammengesetzt ist, zu Verwirrung
führt. Prozessurale und organisatorische Inhalte werden häufig in engem Zusammenhang
gesehen. Im Gegensatz dazu können anwendungs-, informations- und infrastrukturbezogene Inhalte von den meisten Beteiligten bereits während der ersten Entwurfsschritte gut unterschieden werden.
Die vorgenommene Trennung basiert demnach hauptsächlich auf Erfahrungen, die wir im
Laufe der Jahre bei der Konzeption von Metamodellen gesammelt haben.
Tabelle 3.3 Zuordnung der gefundenen Objekttypen zu den Sichten
Zentrale Objekttypen
Sicht (erweitert)
Prozesse
Prozess-Architektur
Aktivitäten
Standort
Organisations-Architektur
Unternehmen
Abteilung
Person
Anwendungen
Anwendungs-Architektur
Applikationen
Daten
Daten-Architektur
Datenbank
Infrastruktur-Architektur
Server
41
3 Aufbau des Metamodells
Anschließend erstellen Sie die Domain-Level-Matrix. Wir empfehlen, dass Sie dazu eine
Metaplan-Tafel nutzen, da ein Flip-Chart für diese Arbeit in der Regel zu klein ist. Abbildung 3.4 zeigt die Vorlage für eine Domain-Level-Matrix, die Sie direkt auf eine Metaplan-Tafel überführen können.
Abbildung 3.4 Domain-Level-Matrix
Ordnen Sie die identifizierten Objekttypen eindeutig einer Sicht zu, und sortieren Sie diese
in jeder Sicht nach ihrer Detaillierung. Das erfolgt innerhalb jeder Spalte der DomainLevel-Matrix nach zunehmender Detaillierung von oben nach unten. Wiederholen Sie den
Vorgang so lange, bis alle innerhalb der essenziellen Fragestellungen ermittelten Objekttypen in der Domain-Level-Matrix eingeordnet sind. Abbildung 3.5 zeigt das Ergebnis für
unser Beispiel.
Bei der Durchführung werden Sie merken, dass sich die meisten Objekttypen leicht nach
ihrer Granularität sortieren lassen. Gelegentlich werden Sie aber auf verschiedene Ansichten zur richtigen Reihenfolge stoßen. Zum Beispiel kann man die Objekttypen Unternehmen und Standort je nach Sichtweise unterschiedlich zuordnen. Nimmt man für den Begriff Standort eine allgemeine Sichtweise an, so ist es möglich, an einem Standort mehrere
Unternehmen vorzufinden. Bei dieser Definition ist der Standort dem Unternehmen übergeordnet. Betrachtet man das Unternehmen aber als organisatorisches Ganzes, das an mehreren Standorten präsent ist, so kehrt sich die Reihenfolge um.
Weiterhin ist es möglich, dass in den essenziellen Fragen die gleichen Objekttypen mit
verschiedenen Begriffen bezeichnet werden. Natürlich nehmen Sie nur einen dieser synonymen Begriffe in die Domain-Level-Matrix auf.
42
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Sie müssen bei der Einordnung der Objekttypen in die Domain-Level-Matrix:
unterschiedliche Interpretationen der Über- und Unterordnung sowie
synonyme Begriffe
unterscheiden.
Diskutieren Sie in diesen Fällen die unterschiedlichen Standpunkte, und definieren Sie
während der Anordnung die Bedeutung jedes Objektes verbindlich.
Damit ergibt sich für unser Beispiel die in Abbildung 3.5 dargestellte Domain-LevelMatrix. Wir sehen den Objekttyp „Unternehmen“ als dem Objekttyp „Standort“ übergeordnet an und die Objekttypen Applikation und Anwendung als synonym.
Abbildung 3.5 Domain-Level-Matrix mit zugeordneten Objekttypen (Beispiel)
Nachdem Sie die Objekte zu jeder Architektursicht zugeordnet und nach Granularität sortiert haben, tragen Sie die Beziehungen zwischen den Objekten in die Domain-LevelMatrix ein. Diese haben Sie bereits mit den essenziellen Fragestellungen ermittelt.
Betrachten wir beispielhaft die Frage: Welche Aktivitäten sind betroffen, wenn eine Anwendung nicht mehr zur Verfügung steht? Sie erkennen, dass eine Beziehung zwischen
dem Objekt Aktivität und Anwendung erforderlich ist, um aus dem Modell heraus die Frage
zu beantworten. Definieren Sie deshalb eine Beziehung zwischen den Objekten der jeweiligen Sicht, die eine ausreichende Granularität zur Beantwortung der Frage bietet und tragen Sie diese Beziehung in der Domain-Level-Matrix ein. Typisieren Sie die Beziehung
weiterhin hinsichtlich der Information, die Sie ausdrücken möchten. Achten Sie dabei darauf, dass alle Beziehungstypen als Verben ausgedrückt werden.
43
3 Aufbau des Metamodells
Im vorliegenden Fall möchten Sie zum Beispiel die Unterstützung der fachlichen Aktivität
durch eine Applikation anzeigen. Ein möglicher Beziehungstyp wäre demnach „unterstützt“.
Versuchen Sie möglichst wenige Beziehungen über Architektursichten hinweg zu erzeugen. Dadurch verringern Sie bereits an dieser Stelle die Komplexität Ihres zukünftigen
Modells 2.
Darüber hinaus müssen Sie darauf achten, dass Objekttypen, die über unterschiedliche
Sichten hinweg verbunden werden, von ihrer Granularität her zueinander passen.
Welche Objekttypen Sie verknüpfen, hängt von Ihrem individuellen Informationsbedürfnis
und dem Aufwand, den Sie zur Datenerfassung betreiben können, ab. Grundsätzlich gilt
die Regel, dass die Komplexität und damit der Erstellungs- und Pflegeaufwand des Modells ansteigt, je detaillierter die verknüpften Objekte sind.
Wiederholen Sie diesen Vorgang so lange, bis Sie zu jeder essenziellen Fragestellung innerhalb der Domain-Level-Matrix eine entsprechende Beziehung abgebildet haben.
Abbildung 3.6 zeigt die für unser Beispiel vollständig ausgefüllte Domain-Level-Matrix.
12
ProzessArchitektur
OrganisationsArchitektur
Prozesse
Unternehmen
7
12
AnwendungsArchitektur
DatenArchitektur
InfrastrukturArchitektur
11
8
Aktivitäten
Standort
4
2
9
5
Abteilung
Anwendung
Daten
Server
1
3
10
Person
6
Datenbank
Abbildung 3.6 Domain-Level-Matrix mit zugeordneten Objekt- und Beziehungstypen
Nachdem Sie die Domain-Level-Matrix um die Beziehungen zwischen den erforderlichen
Objekttypen ergänzt haben, ist es ratsam, diese nochmals gesondert aufzulisten. Tabelle
3.4 zeigt die in unserem Beispiel dargestellten Beziehungstypen.
2
44
Diese Beschränkung ist besonders für die Modellierung innerhalb der Oracle BPA Suite wichtig, weil
das Werkzeug über ein geschlossenes Metamodell verfügt. Je weniger Sichten-übergreifende Beziehungen Sie definieren, desto einfacher wird später die Umsetzung im Werkzeug.
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Tabelle 3.4 Beziehungstypen der Domain-Level-Matrix
Nummer
Leserichtung der Beziehung
Beziehungstyp
1
Anwendung bearbeitet Daten
bearbeitet
2
Abteilung greift zu auf / bearbeitet Daten
greift zu auf / bearbeitet
3
Datenbank liegt auf Server
liegt auf
4
Anwendung läuft auf Server
läuft auf
5
Anwendung unterstützt Aktivität
unterstützt
6
Person ist verantwortlich für Anwendung
ist verantwortlich für
7
Prozess ist zusammengesetzt aus Aktivitäten
ist zusammengesetzt aus
8
Unternehmen befindet sich an Standort
befindet sich an
9
Abteilung befindet sich an Standort
befindet sich an
10
Person ist zugeordnet zu Abteilung
ist zugeordnet zu
11
Unternehmen ist zusammengesetzt aus Abteilung
ist zusammengesetzt aus
12
Prozess ist Vorgänger von Prozess
Ist Vorgänger von
Es handelt sich bei den Beziehungstypen aber noch nicht um Beziehungen des Metamodells. Wir befinden uns immer noch in einer fachlich geprägten Vorstufe, die hilft, das geplante integrierte Modell möglichst einfach zu entwickeln.
Die Fokussierung auf relevante Grundsätze, die Formulierung essenzieller Fragestellungen und der Entwurf einer Domain-Level-Matrix sollten grundsätzlich werkzeugneutral erfolgen. Konzentrieren Sie sich dabei ausschließlich auf die fachlichen Fragestellungen Ihrer zukünftigen Enterprise-Architektur.
3.2.4
Erstellung eines Metamodells
3.2.4.1 Ermittlung der Metamodell-Entitäten
Mit der Fertigstellung der Domain-Level-Matrix sind Sie Ihrem individuellen Metamodell
bereits einen großen Schritt nähergekommen. Fachlich haben Sie nun einen guten Überblick, welche Fragen Ihr Modell in Zukunft beantworten soll und welche Informationen
dazu erforderlich sind. Jetzt geht es darum, die fachlichen Anforderungen in ein passendes
Metamodell zu überführen, das innerhalb eines Werkzeugs abgebildet werden kann. Zunächst behalten wir die werkzeugneutrale Perspektive aber noch bei. Der Grund dafür liegt
in zwei grundsätzlich unterschiedlichen Metamodellkonzepten auf Seiten der Werkzeughersteller.
Die eine Gruppe der Werkzeuge bietet ein offenes, was bedeutet: durch den Anwender
vollständig frei konfigurier- und veränderbares Metamodell. Die andere verfügt über ein
geschlossenes Metamodell, das keine oder nur sehr geringe Anpassungen erlaubt.
45
3 Aufbau des Metamodells
Generell kann man nicht sagen, welches Konzept besser ist. Beide haben für den Anwender Vor- und Nachteile, deren wichtigste wir in Tabelle 3.5 darstellen.
Tabelle 3.5 Vor- und Nachteile von Werkzeugen mit geschlossenem und offenem Metamodell
Metamodell-Konzept
Vorteil
Nachteil
Offenes
Metamodell
Anpassbar an die individuellen
Informationsbedürfnisse einer
Organisation
Erfordert mehr Know-how bei der
Einführung
Schnelle Einsetzbarkeit
Je nach Einsatzszenario ist mit Einschränkungen bei der Informationsabbildung zu rechnen.
Geschlossenes
Metamodell
Rückgriff auf Know-how des
Herstellers ohne zusätzliches
Consulting
Einführungsphase ist mit zusätzlichem Aufwand zur Metamodellanpassung verbunden.
Aufbau einer vollständig eigenen
(Hersteller-unabhängigen) Modellierungsmethodik nur sehr eingeschränkt möglich.
Um zu verhindern, dass Ihr Metamodellentwurf bereits durch die Einschränkungen eines
Werkzeuges beeinflusst wird, behalten wir die werkzeugneutrale Betrachtung zunächst bei.
So stellen Sie sicher, dass Sie bei dem Entwurf Ihres Metamodells die bestmögliche Beantwortung Ihrer essenziellen Fragestellungen im Auge behalten. 3
Betrachten Sie zunächst die Domain-Level-Matrix, und fassen Sie in jeder Architektursicht
Objekttypen gleicher Gattung zu einer Entität zusammen. Objekttypen gleicher Gattung
erkennen Sie daran, dass unabhängig von ihrer jeweiligen Detaillierung alle zugehörigen
Objekttypen mit Hilfe eines gemeinsamen Satzes an Attributen eindeutig beschrieben werden können.
Beispielsweise gehören die Objekttypen der Prozessarchitektur häufig zu derselben Gattung. Es handelt sich in der Regel um Beschreibungen von Arbeitsabläufen, die sich lediglich in ihrer Detaillierung voneinander unterscheiden.
Anders verhält es sich bei den Objekten der statischen Architektursicht. Diese unterscheiden sich meistens deutlich voneinander.
Aus Erfahrung kann man sagen, dass für ca. zwei Drittel der Objekte einer Domain-LevelMatrix eine eigene Entität im Metamodell anzulegen ist. Achten Sie dabei auf eine möglichst allgemeine Beschreibung der Entitäten, insbesondere dann, wenn Sie mehrere Objekttypen zu einer Entität zusammenfassen. Abbildung 3.7 zeigt die Gruppierung der Objekttypen unseres Beispiels zur Ableitung der Entitäten des Metamodells.
3
46
Für unser Buch hat dieses neutrale Vorgehen eine weitere Bedeutung. Da wir im Folgenden die Beispielumsetzung der EA, BPM- und fachlichen SOA-Modellierung anhand der Oracle BPA Suite zeigen,
die ein geschlossenes Metamodell besitzt, ist es wichtig zu zeigen, wie Sie mit eventuell auftretenden
Konflikten bei der Überführung eines neutralen Metamodells in ein Werkzeug mit geschlossenem Metamodell vorgehen können.
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Prozess
Organisationseinheit
ProzessArchitektur
OrganisationsArchitektur
Prozesse
Unternehmen
AnwendungsArchitektur
DatenArchitektur
InfrastrukturArchitektur
Geschäftsobjekt
Standort
Aktivitäten
Abteilung
Person
Hardwareressource
Standort
Anwendung
Daten
Person
Anwendungssystem
Server
Datenbank
Softwareressource
Abbildung 3.7 Identifizierte Entitäten auf Basis einer vorhandenen Domain-Level-Matrix (Beispiel)
Die Objekttypen Prozesse und Aktivitäten werden zu einer Entität Prozess und die Objekttypen Unternehmen und Abteilung zu einer Entität Organisationseinheit zusammengefasst, da sie Inhalte gleicher Gattung abbilden.
Die Objekttypen Anwendung, Daten, Server und Datenbank werden allgemeiner formuliert in jeweils eine eigene Entität übertragen. Durch die allgemeinere Form der Beschreibung dieser Entitäten wird unser Metamodell flexibler. Beispielsweise kann eine
Entität Hardwareressource ein breiteres Spektrum an Inhalten aufnehmen, als eine Entität Server es könnte.
Die Objekttypen Person und Standort übernehmen wir unverändert.
An dieser Stelle müssen wir besonders darauf hinweisen, dass die vorgenommene Umsetzung der Objekttypen in Entitäten des Metamodells nur exemplarisch ist. In Ihrer individuellen Domain-Level-Matrix kann es durchaus erforderlich sein, andere Entitäten zu bilden.
Beispielsweise könnten Sie argumentieren, dass die Entität Hardwareressource, die in unserem Fall neben Servern auch Inhalte zu Routern, Massenspeichern und so weiter enthält,
nicht ausreichend auf serverspezifische Inhalte eingehen kann, ohne in Konflikt mit anderen dort abgelegten Inhalten zu geraten.
Je allgemeiner Sie die Entitäten des Metamodells beschreiben bzw. zusammenfassen, desto allgemeiner werden zwangsläufig auch die möglichen Attributierungen der Entitäten. Dadurch verringert sich die Komplexität Ihres Metamodells,
doch nimmt gleichzeitig auch die Detailgenauigkeit der Inhalte ab. Wichtig ist, dass
Sie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Detailtiefe und Modellierungsaufwand
erzielen. Entscheiden Sie sich im Zweifel immer für die geringere Komplexität.
47
3 Aufbau des Metamodells
Sie erkennen, dass es unmöglich ist, für alle individuellen Fälle eine allgemeine Lösung
zur Umsetzung der Domain-Level-Matrix in ein Metamodell vorzugeben. Hier müssen Sie
als Business-Analyst die vorliegenden Gegebenheiten bewerten.
Nachdem Sie die Entitäten definiert haben, erstellen Sie das Metamodell inklusive Beziehungen. Dabei unterscheiden Sie Beziehungen zwischen zusammengefassten und nicht
zusammengefassten Objekttypen.
Beziehungen zwischen zusammengefassten Objekttypen führen zu einer Selbstreferenz
der betroffenen Entität. Zum Beispiel wird die Beziehung zwischen den Objekttypen
Unternehmen und Abteilung der Domain-Level-Matrix in der Entität Organisationseinheit im Metamodell mit der Selbstreferenz des Typs „ist zusammengesetzt aus“ dargestellt. In diesen Fällen handelt es sich in der Regel um eine 1-n-Beziehung. Das bedeutet: es kann jeweils ein übergeordnetes Objekt mit mehreren untergeordneten Objekten verbunden werden, um eine hierarchische Struktur auszudrücken.
Beziehungen zwischen nicht zusammengefassten Objekttypen der Domain-Level-Matrix werden in das Metamodell als 1-n- oder m-n-Beziehung zwischen den betroffenen
Entitäten übertragen. Zum Beispiel führt die Beziehung „läuft auf“ zwischen Server
und Anwendung aus der Domain-Level-Matrix zu einer Beziehung „läuft auf“ zwischen den Entitäten Anwendungssystem und Hardwareressource.
Zentrale Objekttypen der Domain-Level-Matrix, die in einer Entität im Metamodell
zusammengefasst werden, führen immer zu einer Selbstreferenz bei der betroffenen Entität. Beziehungen zwischen nicht zusammengefassten Objekttypen der
Domain-Level-Matrix werden im Metamodell als 1-n- oder m-n-Beziehung abgebildet.
Abbildung 3.8 zeigt den Metamodellentwurf, der auf Basis der Domain-Level-Matrix erstellt wurde. Aus Gründen der vereinfachten Darstellung empfehlen wir Ihnen, nur die Aktivbezeichnung, zum Beispiel „Anwendungssystem unterstützt Prozess“ in das Metamodell
aufzunehmen. Die Leserichtung können Sie durch einen Pfeil über dem Beziehungstyp
anzeigen. Auf die Darstellung der Passivbezeichnungen, zum Beispiel „Prozess wird unterstützt durch Anwendungssystem“ für die Entitäten Prozess und Anwendungssystem,
wird aus Gründen einer übersichtlichen Darstellung verzichtet.
Diejenigen unter Ihnen, die sich auch mit klassischer Daten- und ER-Modellierung befassen, werden unseren Ansatz als stark vereinfacht empfinden. Unser Ziel ist es aber nicht,
eine nach den Anforderungen der Datenmodellierung exakte Beschreibung zu erstellen.
Vielmehr möchten wir mit unserem Vorgehen dem Business-Analysten ein einfaches Verfahren an die Hand geben, um Metamodelle zu entwerfen. 4
4
48
Da es nicht Ziel ist, das Metamodell automatisiert in ein Werkzeug zu überführen, ist der vereinfachte
Ansatz an dieser Stelle zulässig. Dennoch weisen wir darauf hin, dass zur Umsetzung eines Metamodells
in einem Modellierungswerkzeug mit offenem Metamodell weitergehende Kenntnisse in der Datenmodellierung durchaus hilfreich sind.
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
ist zusammengesetzt aus
ist zugeordnet zu
Person
ist Vorgänger von
Organisationseinheit
ist verantwortlich für
Prozess
unterstützt
befindet sich an
Standort
greift zu auf /bearbeitet
Anwendungssystem
bearbeitet
Geschäftsobjekt
läuft auf
ist zusammengesetzt aus
1:n Beziehung
Softwareressource
Hardwareressource
nutzt
n:m Beziehung
Abbildung 3.8 Entitäten und Beziehungen, zusammengefasst im Metamodell (Beispiel)
Tabelle 3.6 Beziehungen der Entitäten im Metamodell
Zentrale
Objekttypen
Entität im EA Prozess
Metamodell
Prozesse
Prozess
Aktivitäten
Standort
Standort
Unternehmen
Abteilung
Organisationseinheit
Person
Person
Geschäftsobjekte
Datenbank
Softwareressourcen
Server
Hardwareressourcen
Organisations- Person Anweneinheit
dungssystem
Geschäfts- Software- Hardwareobjekt
ressource ressource
befindet
sich an
ist zusammengesetzt aus
greift zu/
bearbeitet
ist zusammengesetzt
aus
Anwendungen/ Anwendungsunterstützt
Applikationen system/
Service
Daten
Standort
ist zugeordnet
zu
ist verantwortlich für
bearbeitet
läuft auf
nutzt
49
3 Aufbau des Metamodells
Wir empfehlen Ihnen, zusätzlich eine tabellarische Beschreibung der Beziehungen zwischen den Entitäten des Metamodells anzulegen (siehe Tabelle 3.6). Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Zusammenhänge des Metamodells sich auf diesem Weg besser
kommunizieren lassen.
3.2.4.2 Festlegung der Attribute zu den Metamodell-Entitäten
Nachdem Sie die Beziehungen zwischen den Entitäten das EA-Metamodell festgelegt haben, fehlt noch die Möglichkeit, weiterführende Informationen zu den Instanzen einer Entität hinzuzufügen. Das vorliegende Metamodell stellt bisher nur Objekte und deren Beziehung untereinander dar. Wir haben noch nicht festgelegt, welche weitergehenden Informationen hinterlegt werden können.
Versehen Sie deshalb jede Entität mit Attributen zur detaillierteren Beschreibung. Berücksichtigen Sie dabei die essenziellen Fragestellungen, und leiten Sie daraus die für Ihr Metamodell erforderlichen Detailinhalte zu jeder Entität ab. Häufig geben Ihnen diese bereits
Hinweise auf erforderliche Attribute.
Die Attribute Name und Beschreibung werden für jede Entität erfasst. Die weiteren Attribute wechseln stark von Entität zu Entität. Grundsätzlich lassen sich folgende Arten von
Attributen unterscheiden:
Textattribute (Freitext): dienen zur freien Erfassung von Informationen und bieten
Ihnen den größten Spielraum bei der Formulierung von Inhalten zu einem Objekt, beispielsweise zur ausführlichen Beschreibung eines Prozesses.
Wertattribute (Wertelisten): um einem Attribut vordefinierte Werte zuzuweisen. Dabei handelt es sich um Wertelisten, aus denen ein einzelner Wert einem Attribut zugeordnet werden kann.
Nummerische Attribute (Ganzzahl und Fließkommazahl): um zu einem Objekt quantitative Spezifikationen anzulegen, beispielsweise zur Beschreibung der Speicherkapazität einer Hardwareressource.
Wahrheitsattribute: um richtige oder falsche Aussagen zu einem Objekt zu hinterlegen, beispielsweise zur Beschreibung des Status aktiviert/deaktiviert einer Hardwareressource.
Datums- und Zeitattribute: um Informationen über das zeitliche Verhalten eines Objektes zu hinterlegen, beispielsweise das Aktivierungs- und Deaktivierungsdatum einer
Hardwareressource.
Verweisattribute (Links): um Inhalte im integrierten Modell und darüber hinaus miteinander zu verbinden. Beispielsweise bilden Sie auf diese Weise einen Hyperlink ab.
Achten Sie bei der Attributierung darauf, alle Attribute so zu wählen, dass diese sich eindeutig und ausschließlich nur auf die betrachtete Entität beziehen. Sie müssen vermeiden,
dass Attribute einer Entität Ihres Metamodells zugeordnet werden, die eigentlich zu einer
anderen Entität des Modells gehören. Es wäre zum Beispiel falsch, die Entität Anwendungssystem mit einem Attribut „Verantwortlicher Betreuer“ zu versehen, da diese Infor-
50
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
mation bereits über die Entität Person und die Beziehung „ist verantwortlich für“ zur Entität Anwendungssystem abgebildet ist.
Bei der Überlegung, wie Sie die Attributierung einer Entität des Metamodells vornehmen
können, unterstützen Sie die in Abbildung 3.9 dargestellten Fragen. Betrachten wir das
Beispiel einer Attributierung der Entität Hardwareressource hinsichtlich der für die Instanzen der Hardwareressourcen verantwortlichen Personen.
Die Frage, ob es sich bei dem Attribut um ein nur die betrachtete Entität beschreibendes
Attribut handelt, dessen Information im Metamodell an keiner anderen Stelle vorkommt,
muss mit nein beantwortet werden. Die Beschreibung einer Person ist im Metamodell bereits als eigene Entität vorhanden.
Jetzt müssen Sie prüfen, ob die geforderte Information mittels einer zusätzlichen Beziehung im Metamodell zwischen den Entitäten Hardwareressource und Person erzeugt werden kann oder erzeugt werden soll.
Handelt es sich bei dem Attribut um ein nur die betrachtete Entität
beschreibendes Attribut, dessen Information im Metamodell an keiner
anderen Stelle vorkommt?
NEIN
JA
Kann bzw. soll die abzubildende Information
über eine Beziehung zu einer bereits
bestehenden Entität im Metamodell hergestellt
werden?
NEIN
JA
Erweitern Sie die
Attributierung der
betroffenen Entität
um die zus.
Information
(Ausnahmefall!)
Erzeugen Sie eine
Beziehung zwischen
den betroffenen
Entitäten im
Metamodell
Legen Sie das
Attribut wie geplant
an
Abbildung 3.9 Vorgehensweise zur Auswahl der Entitätsattributierung im Metamodell
Im vorliegenden Beispiel könnten Sie sich sowohl für als auch gegen die Abbildung einer
neuen Beziehung entscheiden. Sie erkennen an diesem Beispiel, dass Sie bei der Attributierung der Entitäten des Metamodells immer das gesamte Metamodell im Blick haben
müssen.
Die in Abbildung 3.9 aufgeführten Fragen weisen Ihnen bei der Attributierung des Metamodells den Weg. Tabelle 3.7 zeigt die Argumente für oder gegen eine Modellierung mittels eines neuen Beziehungs- oder Attributtyps.
51
3 Aufbau des Metamodells
Tabelle 3.7 Bewertung Beziehungs- oder Attributtypmodellierung
Vorteil
Nachteil
Erstellung eines neuen
Beziehungstyps
Inhaltliche Redundanzen bei
Entitäten und Attributen werden
vermieden
Die Modellierung erfordert mehrere zusätzliche Arbeitsschritte
zur Verbindung der betroffenen
Entitäten
Anlage eines eigenen
Attributtyps
Einfach Pflege direkt bei der
betroffenen Entität möglich,
wodurch die Modellierung vereinfacht wird
Die Informationen des betroffenen Attributes müssen ggf. an
mehreren Stellen redundant
gepflegt werden.
Auswertungen, die sich auf den
Inhalt des betroffenen Attributes
beziehen, sind unter Umständen
nicht vollständig.
Es ist nicht möglich, für jede individuelle Modellierung allgemeingültige Regeln
zur Abbildung der Attributierung anzugeben. Vielmehr müssen Sie als Business
Analyst von der Ermittlung der Prinzipien bis zur Attributierung des Metamodells
jeden einzelnen Arbeitsschritt der Modellerstellung kritisch hinterfragen und gegebenenfalls iterativ überarbeiten.
Für die Entitäten unseres Metamodellbeispiels legen wir die in Tabelle 3.8 aufgelisteten
Attribute fest. Sie können diese als Startpunkt für eigene Attributierungen eines EAMetamodells verwenden. Bitte beachten Sie aber, dass es sich um eine beispielhafte Definition von Attributen handelt, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Tabelle 3.8 Mögliche Attribute für Metamodell-Entitäten (Bespiel)
Entität im Metamodell
Attribute
Attributtyp
Anwendungssystem
Name
Text
Langbezeichnung
Text
Beschreibung
Text
Geschäftsobjekt
52
Hersteller
Text
Version
Text
Betriebsphase (Start)
Datum
Betriebsphase (Ende)
Datum
Systemstatus
Wahrheitswert
Verfügbarkeit
Wert
Dokumentation
Verweis
Name
Text
Beschreibung
Text
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Entität im Metamodell
Attribute
Attributtyp
Geschäftsobjekt (Forts.)
Gültig ab
Datum
Gültig bis
Datum
Name
Text
Beschreibung
Text
Hersteller
Text
Gewährleistung bis
Datum
Betriebsphase (Start)
Datum
Betriebsphase (Ende)
Datum
Name
Text
Beschreibung
Text
Person
Name
Text
Prozess
Name
Text
Beschreibung
Text
Name
Text
Langbezeichnung
Text
Beschreibung
Text
Hersteller
Text
Version
Text
Betriebsphase (Start)
Datum
Betriebsphase (Ende)
Datum
Systemstatus
Wahrheitswert
Verfügbarkeit
Wert
Dokumentation
Verweis
Name
Text
Hardwareressource
Organisationseinheit
Softwareressource
Standort
3.2.5
Abschätzung des Modellumfangs und Erstellungsaufwands
Nachdem das Metamodell inklusive der erforderlichen Attribute definiert ist, stellt sich
meistens die Frage, welchen Aufwand die „Füllung“ des Modells mit Inhalten wohl erzeugen wird. Auch wenn meist eine genaue Aussage hinsichtlich der erforderlichen Personentage für die Erstellung des Modells nur mit größerem Aufwand zu ermitteln ist, so kann
man dennoch mit Hilfe einer Näherung gut abschätzen, welche Größenordnung zur initialen Erstellung voraussichtlich zu erwarten ist.
Dazu müssen Sie zunächst bestimmen, welches Volumen Ihr Modell annehmen wird. Ermitteln Sie dazu für jede Entität und jede Beziehung zwischen den Entitäten die Anzahl
der zu modellierenden Instanzen. Dafür schätzen Sie beispielsweise für die Entität Soft-
53
3 Aufbau des Metamodells
wareressource ab, wie viele Instanzen Sie in Ihrer Organisation erfassen müssen und wie
viele Beziehungen diese zu Instanzen der Entität Hardwareressourcen besitzen.
Anschließend legen Sie fest, welcher durchschnittliche Aufwand zur Ermittlung der Inhalte je Entität bzw. Beziehung erforderlich ist. In der Regel ist bei den meisten Instanzen
einer Entität mit einem annähernd gleichen Ermittlungs- und Pflegeaufwand zu rechnen,
weshalb von einer kleinen Varianz bei den Zeiten zur Informationsbeschaffung ausgegangen werden kann. Geben Sie den Aufwand zur Ermittlung der Inhalte zu einer Instanz in
Stunden an. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass die angegebenen Stunden den Aufwand
zur Ermittlung und Abstimmung der Inhalte in Ihrer Organisation einschließen. Dies umfasst unter anderem erforderliche Recherchen und Abstimmungsarbeiten zur Verifizierung
und Validierung der Inhalte, die sich im Rahmen des Aufbaus eines Modells als sehr umfangreiche Tätigkeiten herausgestellt haben. Die Praxis zeigt, dass die Abbildung im Werkzeug gegenüber der Suche nach den richtigen Informationen im Unternehmen verschwindend gering ist und deshalb nicht zwingend berücksichtigt werden muss.
Lassen Sie die Schätzung zu jeder Entität und Beziehung einzeln durch die Mitarbeiter in Ihrer Organisation durchführen, die auch für die Bereitstellung der
Inhalte verantwortlich sind. So erhalten Sie für jede Entität und Beziehung möglichst realistische Werte.
Diese Vorgehensweise zur Abschätzung des Modellumfangs ist unter folgenden Voraussetzungen zulässig:
Der betrachtete Modellteil beschränkt sich auf abstrakte, überblicksartige Beschreibungen.
Die benötigten Informationen zu den Instanzen der Entitäten können jeweils an einer
zentralen Stelle beschafft werden.
Um Unsicherheiten in der Schätzung zu berücksichtigen, definieren Sie für jede Entität
des Metamodells einen Faktor zwischen 1 und 3.
Wählen Sie den Faktor 1, wenn beide oben aufgeführten Punkte bei einer Entität zutreffen.
Wählen Sie den Faktor 2, wenn einer der oben aufgeführten Punkte bei der betrachteten
Entität nicht zutrifft.
Wählen Sie den Faktor 3, wenn beide oben aufgeführten Punkte bei der betrachteten
Entität nicht zutreffen.
Berechnen Sie anschließend den erforderlichen Erstellungsaufwand je Entität und Beziehung als Produkt aus:
Erstellungsaufwand je Entität = Anzahl × Aufwand zur Ermittlung je Entität o. Beziehung × Faktor
Der initiale Erstellungsaufwand Ihres Modells ergibt sich dann als Summe aus:
Erstellungsaufwand Modell = ∑ Erstellungsaufwand je Entität
54
3.2 Der werkzeugneutrale Modellentwurf
Tabelle 3.9 zeigt eine mögliche Darstellungsform und Berechnung für das exemplarische
Metamodell. Starten Sie beim Aufbau der Tabelle mit den Entitätstypen, und erfassen Sie
erst nach deren vollständiger Ermittlung die Beziehungen.
Tabelle 3.9 Schätzung des Modellumfangs und Modellerstellungsberechnung (Beispiel)
Entität/Beziehung
Anzahl
Aufwand zur
Ermittlung
je Entität
oder Beziehung
Faktor zur
Berücksichtigung
der Ungenauigkeit
Erstellungsaufwand je Entität
oder Beziehung
Anwendungssystem
10
0,2
1
2,0
Hardwareressource
30
0,2
1
6,0
Geschäftsobjekt
300
0,1
2
60
Organisationseinheit
31
0,1
1
3,1
Person
40
0,1
1
4
Prozess
150
0,1
3
45
Softwareressource
50
0,25
1
12,5
Standort
2
(annähernd) 0
1
0
Anwendungssystem
unterstützt Prozess
30
0,2
2
12
Anwendungssystem
bearbeitet Geschäftsobjekt
250
0,05
2
25
Anwendungssystem
läuft auf Hardware
10
0,25
1
2,5
Organisationseinheit
ist zusammengesetzt
aus Organisationseinheit
30
0,1
1
3
Organisationseinheit
greift zu auf/bearbeitet
Geschäftsobjekt
600
0,05
2
30
Organisationseinheit
befindet sich an
Standort
2
0,1
1
0,2
Person ist zugeordnet
Organisationseinheit
40
0,1
1
4
Person ist verantwortlich für Anwendungssystem
10
0,1
1
1
55
3 Aufbau des Metamodells
Entität/Beziehung
Anzahl
Aufwand zur
Ermittlung
je Entität
oder Beziehung
Faktor zur
Berücksichtigung
der Ungenauigkeit
Erstellungsaufwand je Entität
oder Beziehung
Prozess ist zusammengesetzt aus
Prozess
50
0,25
3
37,5
Prozess ist Vorgänger
von Prozess
400
0,05
3
60
Softwareressource
nutzt Hardwareressource
50
0,1
1
5
Geschätzter zeitlicher Aufwand zur Erstellung des EA-Modells [Stunden]
312,8
In unserem Beispiel ergibt die Schätzung zum Aufbau und zur inhaltlichen „Füllung“ des
vorliegenden Metamodells einen geschätzten Umfang von ca. 40 Personentagen (312,8 h/8h
pro Tag = 39,1 Tage).
Verwenden Sie diese Berechnung nur als Näherung. Sie kann eine detaillierte Aufwandsschätzung, zum Beispiel für vertragliche Zwecke, nicht ersetzen, bietet aber eine gute Basis zur Abschätzung, was bei Ihrem Modellierungsprojekt auf Sie zukommt.
Sie können mit diesem Vorgehen sehr schnell und einfach den voraussichtlichen Aufwand
zur initialen Erstellung eines Modells ermitteln.
Beachten Sie, dass Sie mit der Ermittlung der oben genannten Inhalte die Struktur für Ihr gesamtes Modell festlegen. Dies bedeutet: Sie betrachten bei dem
Metamodellentwurf bereits alle relevanten Ebenen der Modellierung (Prozess-,
Organisations-, Daten-, Anwendungs- und Infrastruktur-Architektur). Damit legen
Sie das Fundament für die weitere Konkretisierung des Modells in den Bereichen
EA, BPM und fachliche SOA.
Insbesondere die zeitlich umfangreiche Modellierung von Inhalten zu Prozessen
und Geschäftsobjekten liefert für die Modellierung der Geschäftsprozesse und
der fachlichen SOA-Teilmodelle wesentliche Ausgangsdaten.
56
4
4 Die Umsetzung des Metamodells
4.1
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet
Wie bilden Sie ein werkzeugneutrales Metamodell in der Oracle BPA Suite ab?
Welche methodischen Einschränkungen liegen bei der Oracle BPA Suite vor?
Wie identifizieren Sie die methodischen Einschränkungen und passen Ihr individuelles
Metamodell an?
Wie werten Sie die Modellierungsmethode der Oracle BPA Suite aus?
Wie bewerten Sie den Abdeckungsgrad der Metamodellumsetzung innerhalb der Oracle
BPA Suite?
4.2
Die Oracle BPA Suite als Modellierungswerkzeug
In der ersten Augustwoche des Jahres 2006 gab die Oracle Corporation bekannt, die Fusion Middleware Plattform um das Prozessmanagementwerkzeug ARIS zu erweitern. Oracle
beabsichtigte damit, die bis zu diesem Zeitpunkt bestehende Lücke im Portfolio fachlicher
Modellierungswerkzeuge zu schließen.
Gartner positioniert die ARIS Process Platform seit vielen Jahren regelmäßig im „Leaders
Quadrant“ als ein führendes Werkzeug zur Modellierung und Verwaltung von Prozessmodellen. Der Schwerpunkt liegt auf der betriebswirtschaftlichen Modellierung, auch
wenn der Name ARIS, der für „Architektur integrierter Informationssysteme“ steht, einen
starken IT-Bezug vermuten lässt.
Oracle verfügt mit der Fusion Middleware, insbesondere mit dem integrierten BPEL Process Manager, über leistungsfähige Werkzeuge zur Orchestrierung und Ausführung von
Web-Services und automatisierten Prozessen im SOA-Umfeld.
57
4 Die Umsetzung des Metamodells
Die ARIS-Werkzeuge sind primär im fachlichen Business Process Management
angesiedelt, die BPM-Werkzeuge der Oracle Fusion Middleware primär im technischen BPM. Beide Hersteller decken mit den genannten Werkzeugen für die
Modellierung komplementäre Bereiche ab.
Bisher haben wir den Metamodellentwurf komplett werkzeugneutral erstellt, damit er
möglichst genau die fachlichen Anforderungen Ihrer Organisation abdeckt.
Das zugehörige Modell selber erstellen und pflegen Sie aber nicht mit Papier und Bleistift.
Auch wenn dies grundsätzlich möglich wäre, so werden Sie zustimmen, dass eine effiziente und kostengünstige Modellierung und Auswertung des Modells dann nur schwer zu
realisieren ist.
Spätestens jetzt kommt in jedem Modellierungsprojekt die Frage nach einem Werkzeug
auf. Ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl eines Werkzeugs ist die Manipulierbarkeit des zugrundeliegenden Metamodells. In Kapitel 3.2.4.1 haben wir die Vor- und Nachteile von offenen und geschlossenen Metamodellen erläutert. Das geschlossene Metamodell der Oracle BPA Suite 1 bringt methodische Einschränkungen mit sich, denen wir bei
der Umsetzung des werkzeugneutralen Metamodells gerecht werden müssen.
4.3
Methodische Einschränkungen der Oracle BPA Suite
Eine Methode beschreibt eine Vorgehensweise zur Lösung einer Fragestellung oder eines
Problems. Die BPA-Suite-Methode legt fest, wie die Struktur eines Modells erstellt und
mit Inhalt gefüllt werden kann. Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei der eingebauten
Methode um graphische Beschreibungsartefakte inklusive einer Anleitung, wie diese eingesetzt werden, um Teile der realen Welt im Modell zu beschreiben. Der vorgegebene
Methodeninhalt der Oracle BPA Suite ist sehr umfangreich, weshalb genau festgelegt
werden muss, wie Sie Ihr individuelles integriertes EA-, BPM- und SOA-Modell erstellen
wollen. Ihnen stehen die folgenden Beschreibungsartefakte zur Verfügung:
Modelltypen 2
1
Zur Abbildung unseres Beispiels nutzen wir die Oracle BPA Suite. Diese ist bis auf wenige methodische
Unterschiede identisch mit dem IDS Scheer ARIS Business Architect, der im Rahmen einer OEMVereinbarung als Grundlage für das Oracle-Produkt dient. Beide Werkzeuge verfügen über ein geschlossenes Metamodell. Oracle hat bei der Anpassung der BPA Suite methodische Veränderungen im Vergleich zum Standard ARIS Business Architect vorgenommen. Auf Seiten der implementierten ARISMethodik wurden von Oracle die im IDS-Scheer-Produkt vorhandenen SAP-Inhalte weitgehend entfernt
und durch spezifische Oracle-Methodeninhalte ergänzt.
2 Der Begriff Modelltyp ist von der IDS Scheer AG falsch gewählt, hat sich aber im Verlauf der Zeit
etabliert. Korrekt wäre die Bezeichnung Diagrammtyp. Bei einem Diagramm handelt es sich um die
graphische Darstellung eines Sachverhaltes oder einer Information. Je nach Zielsetzung nutzt ein Diagramm unterschiedliche graphische Darstellungen. Ein Modell ist hingegen eine abstrakte Repräsentation von Struktur, Funktion oder Verhalten eines Systems. Im vorliegenden Fall der Modellierung mit der
Oracle BPA Suite ist demnach eine gesamte BPA-Datenbank als Modell zu betrachten. Wir werden im
58
4.3 Methodische Einschränkungen der Oracle BPA Suite
Objekttypen
Symbole
Kantentypen
Attributtypen
Attributsymbole
Modelltypen (Diagrammtypen)
Modelltypen, besser Diagrammtypen, definieren das Fundament der Modellierung. Sie
werden genutzt, um Aspekte des Gesamtmodells innerhalb der Oracle BPA Suite zu beschreiben. Die Methode legt fest, welche Artefakte (Symbol- und Beziehungstypen) auf
einem Diagrammtyp angezeigt werden können. Stellen Sie sich einen Diagrammtyp vereinfacht als ein Blatt Papier vor, auf dem Sie fest vorgegebene Symbol- und Beziehungstypen darstellen und miteinander verbinden können.
Beispielsweise können Sie auf einem Diagrammtyp Netzwerkstrukturen abbilden und auf
einem anderen Prozessabläufe. Die freie Kombination von Inhalten ist wegen des geschlossenen Metamodells nicht möglich. Als Anwender müssen Sie mit den Darstellungsmöglichkeiten der Methode leben, so wie sie vom Hersteller festgelegt wurden.
Die Oracle BPA Suite bietet in der Version 11g 117 Diagrammtypen 3 (z.B. ereignisgesteuerte Prozesskette (EPK) und Business Process Diagram (BPMN)). Sie können bestehende
Diagrammtypen duplizieren, diesen eigene Namen geben und die ausprägbaren Symbolund Beziehungstypen des „neuen“ Diagrammtyps, basierend auf den vom Ursprungsmodelltyp maximal erlaubten, einschränken. Eine individuelle Erweiterungsmöglichkeit durch
die Erzeugung vollständig neuer Diagrammtypen ist nicht möglich, auch wenn dies durch
die Benennung der Funktionalität im Werkzeug suggeriert wird. Aus diesem Grund kann
man bei der Oracle BPA Suite auch nicht ernsthaft von einer Erweiterbarkeit der Diagrammtypen oder gar der Methode sprechen.
Wir empfehlen grundsätzlich, nur in begründeten Einzelfällen von der Standardmethode
abgeleitete Modelltypen zu erzeugen.
Objekttypen
Objekttypen legen fest, welche Inhalte mit der Oracle BPA Suite modellierbar sind. Sie
sind das Herz der Modellierungsmethodik und bestimmen die grundsätzliche Semantik, die
mit dem Werkzeug ausgedrückt werden kann. Objekttypen erscheinen auf keinem Diagramm, sondern werden in der Methode genutzt, um Inhaltstypen zu definieren.
In der Version 11g der Oracle BPA Suite stehen 228 Objekttypen zur Verfügung (z.B.
Hardwarekomponente und Informationsträger). Es können keine neuen Objekttypen erweiteren Verlauf bevorzugt den Begriff Diagrammtyp verwenden. Ausnahmen ergeben sich jedoch immer dort, wo auf Bezeichnungen im Werkzeug Bezug genommen wird.
3 Die angegebene Anzahl der Methodeninhalte orientiert sich an der Oracle BPA Suite Version 11g. Es
bestehen an dieser Stelle Abweichungen zum ARIS Business Architect der IDS Scheer AG. Dies gilt
analog für die Bereiche Objekttypen, Symbole, Kantentypen, Attributtypen und Attributsymbole.
59
4 Die Umsetzung des Metamodells
zeugt, sondern lediglich bestehende umbenannt werden. Wir raten von einer Umbenennung der Objekttypen ab, da sie sich stark auf den methodischen Gesamtzusammenhang in
der Oracle BPA Suite auswirken.
Symbole
Die Bezeichnung Symbole ist, analog zu den Modelltypen, vom Hersteller des Werkzeuges nicht korrekt gewählt. Die richtige Bezeichnung für diesen Bereich der Methode wäre
Symboltypen, da es sich auch hier um typisierte Inhalte handelt. Symboltypen repräsentieren graphisch die Objekttypen der Methode. Als Modellierer verwenden Sie Symbole, um
Inhalte auf Diagrammen darzustellen.
Die Version 11g der Oracle BPA Suite bietet 696 Symboltypen zur graphischen Darstellung (zum Beispiel Wertschöpfungskette und CD-ROM). Symboltypen können ähnlich
wie Modelltypen kopiert werden. Auf diese Weise lassen sich zusätzliche Symboltypen
anlegen, die aber wie Modelltypen die Eigenschaften des Ausgangssymbols erben. So
erstellte Symboltypen unterliegen denselben methodischen Bedingungen wie ihre Quellsymboltypen. Es ist lediglich möglich, kopierten Symbolen eine eigene graphische Ausprägung zu geben. Auch hier kann man deshalb nicht von einer Erweiterung der Methode
sprechen.
Wie bereits bei den Diagrammtypen empfehlen wir die Nutzung dieser Funktionalität nur
in begründeten Ausnahmefällen.
Kantentypen
Kantentypen bestimmen, welche Beziehungen zwischen Symboltypen auf Diagrammen
modelliert werden können.
Die Version 11g der Oracle BPA Suite bietet 465 Kantentypen, die jedoch teilweise redundant sind. Wie Objekttypen können auch Kantentypen nur umbenannt werden. Es besteht keine Möglichkeit, neue Kantentypen zu erzeugen oder von bestehenden als Kopie
abzuleiten.
Wir raten von einer Veränderung der Kantentypbezeichnungen ab, da sich Änderungen
ebenfalls stark auf den methodischen Gesamtzusammenhang der Oracle BPA Suite auswirken.
Attributtypen
Attributtypen legen fest, welche zusätzlichen Informationen zu Diagramm-, Objekt- und
Kantentypen hinzugefügt werden können. Das bestehende Metamodell der Oracle BPA
Suite ordnet jedem Diagramm-, Objekt- und Kantentyp bereits individuell Attribute zu.
Die Version 11g der Oracle BPA Suite verfügt im Standard über 1268 Attributtypen. Ähnlich wie die Kantentypen sind diese teilweise redundant, und nicht jeder Attributtyp ist bei
jedem Diagramm-, Objekt- bzw. Kantentyp verfügbar.
Attributtypen können umbenannt werden. Von der Nutzung dieser Möglichkeit raten wir
aber aus denselben Gründen wie bei Kanten- und Objekttypen ab.
60
4.3 Methodische Einschränkungen der Oracle BPA Suite
Im Unterschied zu Kanten- und Objekttypen ermöglicht die Oracle BPA Suite-Methode
die Erzeugung neuer Attributtypen. An dieser Stelle finden Sie die einzige Funktionalität
zur Erweiterung des Metamodells, die diesen Namen verdient. Sie können Attributtypen
für Mehrzeiler (Text), Bool (Wahrheitswerte), Werte (Wertelisten), Ganzahlen, Fließkommazahlen, Datum, Zeit, Zeitpunkt, Zeitdauer und Links (Verweise) individuell ohne
Beschränkung erstellen. 4
Attributsymbole (Attributsymboltypen)
Attributsymboltypen zeigen graphisch Werte von Attributen auf Diagrammen an. Die
Version 11g der Oracle BPA Suite verfügt im Standard über 80 Attributsymboltypen, die
Sie individuell Attributen zuordnen können.
Wir empfehlen die Nutzung dieser Funktionalität nur in begründeten Ausnahmefällen,
obwohl durch ihren Einsatz keine gravierende Beeinflussung der methodischen Zusammenhänge entsteht.
Abbildung 4.1 zeigt die Zusammenhänge der Oracle BPA Suite-Methode (ohne Attributsymboltypen) und deren Verwendung in einer Modellinstanz.
Oracle BPA Suite-Methode
Modell
Diagrammtypen
(Oracle BPA Suite Datenbank)
Diagramm (Instanz)
ist Teil eines Modells
Symboltyp ist erlaubt
in Diagrammtyp
Symboltypen
Symbol 1
(Instanz)
Symbole (Instanz)
werden dargestellt auf
Diagramm (Instanz)
Attribute werden
inhaltlich gefüllt
bei Diagramm (Instanz)
Objekttyp kann dargestellt
werden mit Symboltyp
Objekttypen
Attributtyp wird verwendet
bei Objekttyp
Attribute werden inhaltlich
gefüllt bei Symbol (Instanz)
Attribut typen
Kantentyp definiert
Beziehung zwischen
Symboltypen
Symbol 2
(Instanz)
Kanten verbinden
Symbole (Instanz)
auf Diagrammen (Instanz)
Attributtyp wird
verwendet
bei Diagrammtyp
Attributtyp
wird verwendet
bei Kantentyp
Kantentypen
Attributsymboltyp kann
verwendet werden
bei Attributtyp
Attributsymboltypen
Abbildung 4.1 Bestandteile und Zusammenhänge der Oracle BPA Suite Methode
4
Die individuelle Erweiterung der Attributtypen existiert erst ab der Oracle BPA Suite Version 11g bzw.
ARIS 7.1. Frühere Versionen der Werkzeuge waren noch auf fest vorgegebene „Freie Attribute“ beschränkt und konnten nicht in der beschriebenen Form erweitert werden.
61
4 Die Umsetzung des Metamodells
Innerhalb der Oracle BPA Suite ist die Modellierungsmethode in einem geschlossenen Metamodell abgebildet. Als Benutzer des Werkzeugs können Sie nur sehr
eingeschränkte individuelle Erweiterungen vornehmen. Die zur Verfügung gestellten Anpassungsmöglichkeiten stellen keine Erweiterung im eigentlichen Sinn dar,
sondern sind (bis auf die Erweiterung von Attributtypen) ausschließlich Kopien bestehender Methodeninhalte. Diese Kopien erben alle Restriktionen der Quellen und
können in ihrer Nutzung im Modell eingeschränkt, aber nicht erweitert werden. Aus
diesem Grund empfehlen wir, Anpassungen nur in begrenztem Umfang und nach
genauer Prüfung der methodischen Auswirkungen vorzunehmen.
4.4
Analyse der Oracle BPA Suite Methode
Während des Entwurfs des werkzeugneutralen Metamodells wurden die methodischen
Beschränkungen von uns bewusst nicht berücksichtigt. In den meisten Fällen ist davon
auszugehen, dass Sie Ihr individuelles Metamodell nicht direkt in die Oracle BPA Suite
übertragen können.
Aus Sicht eines integrierten EA-, BPM- und fachlichen SOA-Modells ist es erforderlich,
alle Inhalte in einem Repository abzubilden. Es gilt also, einen Kompromiss zwischen den
werkzeugneutralen Anforderungen Ihres individuellen Metamodells und den vorhandenen
Fähigkeiten des Metamodells der Oracle BPA Suite zu finden.
Damit Sie das vorhandene werkzeugneutrale Metamodell mit den Möglichkeiten der Oracle BPA Suite-Methode effizient abgleichen können, empfehlen wir die Nutzung einer
Excel-basierten Methodenanalyse. Sie ermöglicht Ihnen, schnell und einfach passende
Modellartefakte zu bestimmen, alternative Modellierungsmöglichkeiten zu finden und
nicht lösbare Konflikte zu identifizieren.
Das erforderliche Excel-Sheet erstellen Sie mit Hilfe der Oracle BPA Suite selbst. Führen
Sie dazu die folgenden Arbeitsschritte innerhalb der Oracle BPA Suite durch:
1. Wechseln Sie zum Modul Administration.
2. Öffnen Sie den Bereich Konfiguration / Konventionen und markieren dort den Unterordner Filter.
3. Markieren Sie im Reiter Inhalt die Gesamtmethode.
4. Öffnen Sie mit einem rechten Mausklick das zugehörige Kontextmenü, und wählen Sie
Auswerten / Report starten…
Abbildung 4.2 zeigt die entsprechenden Schritte zur Erzeugung des Excel-Sheets innerhalb
der Oracle BPA Suite.
Nachdem Sie Report starten… aktiviert haben, startet ein Assistent, der Sie zunächst auffordert, den gewünschten Report auszuwählen (Abbildung 4.3). Aktivieren Sie den Report
Filterinformationen ausgeben, und drücken Sie Weiter.
62
4.4 Analyse der Oracle BPA Suite Methode
3 Auswählen
3.
Gesamtmethode
2. Auswählen
Konventionen / Filter
1. Auswählen des
Moduls Administration
4 Auswählen
4.
Auswerten / Report
starten…
Abbildung 4.2 Erstellung einer Methodenanalysedatei in der Oracle BPA Suite
Abbildung 4.3 Auswahl des Reports Filterinformationen ausgeben
Der nächste Bildschirm des Assistenten fordert Sie unter anderem auf, das gewünschte
Ausgabeformat anzugeben (Abbildung 4.4). Als Ausgabeformat für den Report wählen Sie
63
4 Die Umsetzung des Metamodells
Abbildung 4.4 Auswahl des Auswertungsformats, Speicherpfads und Dateinamens
Microsoft Excel (*.XLS). Damit erzeugen Sie eine Excel-Datei, die eine schnelle und
komfortable Analyse der Inhalte ermöglicht. Des Weiteren müssen Sie einen Ablageort für
die zu erstellende Excel-Datei angeben. Alle anderen Einstellungen lassen Sie unverändert.
Legen Sie einen separaten Ordner ausschließlich für die Konfiguration und Analyse der Oracle BPA Suite-Methode an, und speichern Sie dort alle Auswertungen
zur Methode der Oracle BPA Suite. Achten Sie darauf, innerhalb des Dateinamens bei jeder Analyse einen Zeitstempel anzulegen. Auf diese Wiese können
Sie Änderungen der Methode jederzeit nachvollziehen. Der Zeitstempel der Excel-Datei ist dafür nicht ausreichend, da er sich bei jedem Öffnen der Datei leicht
durch unbeabsichtigtes Speichern verändern kann.
Durch Drücken von Fertig stellen starten Sie den Report. Während des Reportablaufs
werden Sie aufgefordert, die auszugebenden Methodeninhalte genauer zu spezifizieren. Sie
können die Ausgaben auf die Modelltypen (Diagrammtypen), Modellattribute (Diagrammattribute), Symboltypen, Objektattribute, Hinterlegungen, Beziehungstypen und Beziehungsattribute beschränken. Aktivieren Sie für die Excel-Methodenkonfigurationsdatei alle
Optionen (Abbildung 4.5). Sollte die Ausgabe der Gesamtmethode bei Ihnen mit einem
Fehler abbrechen, so deaktivieren Sie nacheinander die Optionen Beziehungsattribute und
Beziehungstypen, Objektattribute und zuletzt Modellattribute. Gelegentlich kommt es
aufgrund des großen Methodenumfangs bei der Reportausführung zu einer Fehlermeldung.
Durch das schrittweise Deaktivieren der auszugebenden Methodeninhalte schränken Sie
den Umfang der Auswertung zunehmend ein, bis Sie sicher ein Ergebnis erhalten.
Je nach Rechenleistung Ihres Computers kann die Auswertung einige Zeit in Anspruch
nehmen.
64
4.4 Analyse der Oracle BPA Suite Methode
Abbildung 4.5 Auswahl der auszuwertenden Methodeninhalte
Nachdem die Report-Erstellung abgeschlossen ist, öffnen Sie die erstellte Excel-Datei
(Abbildung 4.6). Der Report hat jeweils eigene Arbeitsblätter erzeugt für:
Modelltypen beschreiben die vorhandenen Diagrammtypen in der Oracle BPA Suite
sowie die Sichten des zugrunde liegenden ARIS-Konzepts 5.
Modellattributtypen beschreiben die Standardattribute zu jedem Diagrammtyp.
Symboltypen zeigen, welche Symboltypen auf welchen Diagrammtypen verwendet
werden können, sowie den zugehörigen Objekttyp (vgl. Abbildung 4.1). Dieses ExcelArbeitsblatt ist der Ausgangspunkt für die Anpassung der Oracle BPA Suite-Methode
an Ihre individuellen Anforderungen. Es beschreibt mit den Symboltypen einen wesentlichen Teil der semantischen Ausdruckmöglichkeit des Werkzeugs.
Objektattributtypen beschreiben die Standardattribute zu jedem Objekttyp.
Hinterlegungen geben an, welche Diagrammtypen welchen Objekttypen hinterlegt
werden können.
Beziehungstypen legen fest, welche Beziehungen zwischen Symboltypen auf welchen
Diagrammtypen zulässig sind.
Beziehungsattributtypen beschreiben, welche Standardattribute zu Beziehungstypen
vorhanden sind.
Diese Excel Liste dient als Ausgangspunkt für den Entwurf Ihrer individuellen Oracle
BPA Suite-Methodik innerhalb eines integrierten Modells. Aktivieren Sie zur einfachen Ver5
Weiterführende Informationen über die Sichten des ARIS-Konzepts finden Sie im Methodenhandbuch
der Oracle BPA Suite.
65
4 Die Umsetzung des Metamodells
Filterfunktion
Arbeitsblätter für die
Methodeninhalte
Abbildung 4.6 Excel-Analysedatei mit ausgewählten Arbeitsblatt-Symboltypen
Mit Hilfe des Filteranalysereports können Sie detaillierte Auswertungen der Oracle
BPA Suite-Methode und daraus abgeleiteter Teilmengen ausgeben. Wir empfehlen die Darstellung als Excel-Datei. Das Excel-Format erlaubt die individuelle Filterung und Darstellung der Methodeninhalte. Sie haben sich mit der durchgeführten
Methodenanalyse ein einfaches, aber wirkungsvolles Werkzeug erstellt, das neben
dem Metamodellentwurf auch für weitere Fragestellungen im Umfeld des Einsatzes
der Oracle BPA Suite verwendet werden kann.
4.5
Vorgehensweise zur Ermittlung Ihrer individuellen
Oracle BPA Suite-Methode
Um ein individuell entworfenes Metamodell in die Oracle BPA Suite zu übertragen, müssen Sie möglichst genau die passenden Methodeninhalte ermitteln.
Wir empfehlen, dass Sie die folgenden Kriterien zur Erstellung eines transparenten und
leicht zu pflegenden Metamodells unbedingt beachten:
Verwenden Sie so wenig Diagrammtypen wie möglich.
Nutzen Sie die verfügbaren Diagrammtypen, Symboltypen und Beziehungstypen so
genau wie möglich, entsprechend ihrer methodisch festgelegten Semantik.
Passen Sie nur in begründeten Einzelfällen die Methode der Oracle BPA Suite an. Im
Zweifelsfall verzichten Sie auf die Abbildung eines methodisch nicht abbildbaren Teils
des Metamodells.
66
4.5 Vorgehensweise zur Ermittlung Ihrer individuellen Oracle BPA Suite-Methode
Start
Auswahl
Entität – Beziehung – Entität
Gruppe
Ermittlung
semantisch
passender
Symboltypen
Nur ein oder kein
passender
Symboltyp identifiziert
Symboltypen mit
vergleichbarer
Semantik prüfen
Zwei passende
Symboltypen identifiziert
Ermittlung eines
gemeinsamen
Diagrammtyps
Alternative(n) Symboltyp(en)
gefunden
Keinen gemeinsamen
Diagrammtyp gefunden
Alternative 1
Keinen passenden
Beziehungstyp
gefunden
Diagrammtyp zur gemeinsamen
Ausprägung gefunden
Ermittlung eines
semantisch
passenden
Beziehungstyps
Alternative 2
Keinen passenden
Beziehungstyp gefunden
Beziehungstyp zum semantisch passenden
Ausdruck der
erforderlichen Beziehung gefunden
Keine(n) alternative(n)
Symboltyp(en) gefunden
Prüfung
vorhandener
Objektattribute
Vorhandene
Modellattribute
nicht ausreichend
Weitere
Entität – Beziehung – Entität
Gruppe bearbeiten
Festlegung
individueller
Objektattribute
Vorhandene Modellattribute ausreichend
Keine weiteren
Entität – Beziehung – Entität
Gruppen vorhanden
Festlegung
erforderlicher
Diagrammattribute
Abbildung 4.7
Vorgehensweise zur Durchführung
einer BPA Suite-Methodenanpassung
Individuelle Abbildung über Methodenanpassung prüfen
(nur wenn unbedingt erforderlich)
Ende
67
4 Die Umsetzung des Metamodells
Der in Abbildung 4.7 dargestellte Ablauf hat sich als pragmatisches Vorgehen für den Abgleich zwischen einem individuellen und dem geschlossenen Metamodell der Oracle BPA
Suite bewährt.
Auswahl der „Entität-Beziehung-Entität“-Gruppe
Zunächst legen Sie einen Ausgangspunkt innerhalb Ihres individuellen Metamodells fest.
Dazu wählen Sie die umzusetzende „Entität-Beziehung-Entität“-Gruppe. Abbildung 4.8
zeigt das erstellte individuelle Metamodell und die exemplarisch ausgewählte Gruppe
„Softwareressource-nutzt-Hardwareressource“.
Ausgewählte
Entität-Beziehung-Entität-Gruppe
Abbildung 4.8 Individuelles Metamodell mit ausgewählter „Entität-Beziehung-Entität“-Gruppe
Ermitteln Sie einen semantisch passenden Objekttypen mit Hilfe der erstellten ExcelAnalysedatei. Aktivieren Sie dazu das Tabellenblatt Symboltypen, öffnen den Filter der
Spalte Symboltyp und wählen einen semantisch passenden Symboltyp für die umzusetzende Metamodell-Entität aus. In unserem Beispiel wählen wir Typ HW-Komponente für die
Entität Hardwareressource (Abbildung 4.9).
Anschließend suchen Sie einen passenden Symboltyp für die zweite Entität der ausgewählten Entität-Beziehung-Entität-Gruppe des Metamodells. In unserem Fall ist die Suche nach
einer Softwareressource nicht erfolgreich. Diesen Symboltyp stellt das Oracle BPA SuiteModell nicht zur Verfügung. Deshalb müssen wir prüfen, ob ein Symboltyp mit vergleichbarer Semantik im Oracle BPA-Metamodell existiert. Im vorliegenden Fall möchten wir mit
68
4.5 Vorgehensweise zur Ermittlung Ihrer individuellen Oracle BPA Suite-Methode
Ausgewählter
Symboltyp für die
umzusetzende Metamodell-Entität
Hardwareressource
Abbildung 4.9 Einschränkung der angezeigten Methodeninhalte mittels Excel Filer
der Entität Softwareressource primär Software beschreiben, die nicht direkt an der operativen Prozessausführung beteiligt ist, sondern unterstützend im Hintergrund genutzt wird.
Dies können zum Beispiel Betriebssysteme, Datenbanken, Servicebus und Webserver sein.
Für die Betriebssysteme und Datenbanken (DBMS) finden wir in der Methode passende
Symboltypen. Servicebus und Webserver können nicht mit bestehenden Symboltypen abgebildet werden. Welche Auswirkungen sich dadurch ergeben, sehen wir bei der Bewertung der methodischen Abdeckung.
Sie erkennen an diesem Beispiel aber bereits sehr gut, dass Sie bei der Umsetzung eines
individuellen Metamodells in die Oracle BPA Suite Kompromisse bzgl. der eingesetzten
Symboltypen eingehen müssen.
Die Oracle BPA Suite-Methode ermöglich in der Regel keine Eins-zu-eins-Umsetzung eines individuellen Metamodells. Durch das geschlossene Metamodell
der Oracle BPA Suite müssen Sie Kompromisse in der Abbildung von Inhalten
eingehen. Mitunter lassen sich dabei nicht alle geforderten Inhalte des individuellen Metamodells abbilden.
In unserem Beispiel wählen wir die in Abbildung 4.10 markierten Symboltypen „Typ Betriebssystem“ und „Typ DBMS“.
69
4 Die Umsetzung des Metamodells
Ausgewählte
Symboltypen für die
umzusetzende
Metamodell-Entität
Softwareressource
Abbildung 4.10
Selektion passender Methodeninhalte im Excel-Filter
Ermittlung eines gemeinsamen Diagrammtyps
Nachdem Sie für die Entitäten des Metamodells passende Symboltypen ausgewählt haben,
schließen Sie das Filterauswahlmenü. Sie erhalten dann eine selektierte Liste der Diagrammtypen, auf denen Sie die gewählten Symboltypen graphisch ausprägen können. Für
unsere Bewertung sind nur jene Diagrammtypen relevant, die alle selektierten Symboltypen gemeinsam enthalten. Dies ist eine notwendige Bedingung, damit Beziehungen zwischen diesen Objekten hergestellt werden können. Hinreichend ist sie aber noch nicht,
weshalb zur Ermittlung eines passenden Beziehungstypen (Kantentypen) weitere Prüfungen der Methode erforderlich sind.
In dem gewählten Beispiel enthalten die Diagrammtypen Matrixmodell, Netztopologie,
Programmablaufdiagramm und Zugriffsdiagramm alle Symboltypen gemeinsam, die restlichen nicht.
Diagrammtyp
Matrixmodell
Diagrammtyp
Netztopologie
Diagrammtyp
Programmablaufdiagramm
Diagrammtyp
Zugriffsdiagramm
Abbildung 4.11 Reduzierte Darstellung der Methodeninhalte in der Excel-Analysedatei
70
4.5 Vorgehensweise zur Ermittlung Ihrer individuellen Oracle BPA Suite-Methode
Wenn mehr als ein Diagrammtyp alle erforderlichen Symboltypen enthält, wählen Sie
einen Diagrammtyp aus, der semantisch die Intention der Modellierung am besten ausdrückt. Im vorliegenden Beispiel wählen wir den Diagrammtyp Zugriffsdiagramm. Abbildung 4.11 zeigt die Selektion der Symboltypen innerhalb der Excel-Analysedatei.
Damit haben wir einen Kandidaten für die Modellierung der ausgewählten „Entität-Beziehung-Entität“-Gruppe festgelegt. Ob er wirklich geeignet ist, wird erst die Betrachtung der
möglichen Beziehungstypen zeigen.
Ermittlung eines semantisch passenden Beziehungstyps
Innerhalb der Oracle BPA Suite existieren zwei Arten von Beziehungen. Je nach gewählter
Modellierungsvorgehensweise erstellen Sie im Werkzeug:
direkte Beziehungen zwischen Objekten graphisch auf einem Diagramm oder
indirekte Beziehungen zwischen Objekten über eine Hinterlegung eines anderen Diagramms (implizite Beziehung).
In der Regel verwenden Sie direkte Beziehungen durch graphische Verknüpfung von Objekten auf einem Diagramm. Dazu müssen ausprägbare Beziehungstypen vorhanden sein,
mit deren Hilfe Symboltypen graphisch auf dem gewählten Diagrammtyp verbunden werden können.
Zur Ermittlung graphisch ausprägbarer Beziehungstypen wechseln Sie auf das Arbeitsblatt
Beziehungstypen in der Excel-Analysedatei. Schränken Sie dort die Inhalte mit der Filterfunktion auf den gewählten Modelltyp und die gewählten Quell- und Zielsymboltypen ein.
Mit Hilfe der Pfeile zur Symbolisierung der Leserichtung einer Beziehung innerhalb Ihres
individuellen Metamodells können Sie die Quell- und Zielsymboltypen einfach ermitteln.
Nachdem Sie das Selektionsfenster geschlossen haben, zeigt Ihnen Excel eine Liste möglicher Beziehungstypen zwischen den gewählten Symboltypen an.
Abbildung 4.12 zeigt die zugehörigen Beziehungstypen der selektierten Diagramm- und
Symboltypen der gewählten Beispielkombination Zugriffsdiagramm Typ Betriebssystem /
Typ DBMS Typ HW-Komponente.
Untersuchen Sie anschließend, ob die verfügbaren Beziehungstypen die gewünschte Semantik der Beziehung aus dem Metamodell ausdrücken. Im vorliegenden Beispiel muss
die Beziehung Softwareressource nutzt Hardwareressource abgebildet werden. Die Oracle
Für die gewählte Kombination aus
Modelltyp und Symboltyp zulässiger
Beziehungstyp
Abbildung 4.12 Identifizierung passender Beziehungstypen in der Excel-Analysedatei
71
4 Die Umsetzung des Metamodells
BPA Suite ermöglicht für die gewählte Diagrammtyp-Symboltyp-Kombination die Beziehung Typ DBMS - kann laufen auf - Typ Hardwarekomponente bzw. Typ Betriebssystem kann laufen auf - Typ Hardwarekomponente. Beide entsprechen semantisch der gewünschten Aussage und können verwendet werden.
Sollten Sie keinen passenden Beziehungstyp finden, so untersuchen Sie zunächst die anderen Diagrammtypen, in denen die betrachten Symboltypen gemeinsam auftreten, auf semantisch passende Beziehungstypen (Alternative 1 in Abbildung 4.7). Sollten auch dort
keine passenden Beziehungstypen enthalten sein, so müssen Sie in der Oracle BPA SuiteMethode nach anderen Objekttypen mit vergleichbarer Semantik suchen und die Methodenanalyse wiederholen (Alternative 2 in Abbildung 4.7). 6
Prüfung vorhandener Objektattribute
Abschließend prüfen Sie zu den gewählten Symboltypen die im Standard vorhandenen
Attributtypen. Dazu nutzen Sie wieder die Excel-Analysedatei. Wie Sie in Abbildung 4.1
erkennen, sind Attributtypen der Oracle BPA Suite nicht direkt den Symboltypen, sondern
den Objekttypen zugeordnet. Aus diesem Grund müssen Sie zunächst herausfinden, welche Objekttypen sich hinter den gewählten Symboltypen verbergen.
Betrachten Sie dazu auf dem Arbeitsblatt Symboltypen der Excel-Analysedatei die letzte
Spalte (vgl. Abbildung 4.6). Dort wird Ihnen der zugehörige Objekttyp zu jedem Symboltyp angezeigt.
Wählen Sie anschließend den Reiter Objektattributtypen, und selektieren Sie die ermittelten Objekttypen.
In unserem Beispiel können die in Kapitel 3.2.4.2 für die Metamodell-Entität Hardwareressource festgelegten Attribute Name, Beschreibung und Hersteller direkt mit Standardattributen abgebildet werden. Die Attribute Gewährleistung bis, Betriebsphase (Start) und
Betriebsphase (Ende) müssen individuell erzeugt werden, weshalb eine Erweiterung des
Oracle BPA Suite-Metamodells um diese Attribute vorzunehmen ist 7. Abbildung 4.13
zeigt die Liste der verfügbaren Attributtypen zum Objekttyp Hardwarekomponente, welcher dem Symboltyp Typ Hardwareressource zugrunde liegt.
6
Die zweite Möglichkeit, Beziehungen zwischen Objekten der Oracle BPA Suite aufzubauen, basiert auf
indirekten Verknüpfungen durch Hinterlegung eines Diagramms zu einem Objekttyp. Dadurch wird
immer eine Beziehung übergeordnete Objekte und übergeordnete Modelle im hinterlegten Diagramm
erstellt. Sie können diese Beziehung im Eigenschaftsfenster der Oracle BPA Suite anzeigen. Zusätzlich
erstellt die Oracle BPA Suite bei einigen Objekt- und Diagrammtypen automatisch eine typisierte Beziehung zwischen dem Ausgangsobjekt und den im untergeordneten Diagramm ausgeprägten Objekten.
Beispielsweise erzeugt die Hinterlegung einer EPK zu einem Wertschöpfungskettenobjekt implizite Beziehungen zwischen dem Wertschöpfungskettenobjekt und den Funktionen der EPK. Dieses Verhalten
ist aber nicht bei jeder Hinterlegung vorhanden, sondern existiert nur bei einigen Hinterlegungen. Weitergehende Informationen zu automatisch angelegten impliziten Beziehungstypen finden Sie im Oracle
BPA Suite-Methodenhandbuch bzw. der Online-Hilfe.
7 Die zur Erzeugung individueller Attribute erforderlichen Schritte entnehmen Sie bitte dem Handbuch
oder der Online-Hilfe des Werkzeugs.
72
4.5 Vorgehensweise zur Ermittlung Ihrer individuellen Oracle BPA Suite-Methode
Abbildung 4.13 Identifizierung passender Objekt-Attributtypen mit der Excel-Analysedatei
Wiederholen Sie diesen Vorgang so lange, bis alle möglichen „Entität-Beziehung-Entität“Gruppen des Metamodells bearbeitet wurden.
Festlegung erforderlicher Diagrammattribute
Im letzten Schritt legen Sie zu jedem gewählten Diagrammtyp die benötigten Attribute
fest. Dazu wählen Sie den Reiter Modellattributtypen der Excel-Analysedatei und selektieren mit der Filterfunktion die ausgewählten Diagrammtypen. Sie erhalten alle verfügbaren
Attribute zu den ausgewählten Diagrammtypen angezeigt (vgl. Abbildung 4.14).
Ausgewählter
Diagrammtyp
Verfügbare
Diagrammattribute
Arbeitsblatt
Modellattributtype
Abbildung 4.14 Identifizierung passender Diagramm-Attributtypen in der Excel-Analysedatei
73
4 Die Umsetzung des Metamodells
Dokumentation der individuellen Oracle BPA Suite Methode
Wir empfehlen, die ausgewählten Methodeninhalte in Form einer Tabelle zu dokumentieren. Auf diese Weise stellen Sie alle wesentlichen methodischen Zusammenhänge Ihrer
individuellen Oracle BPA Suite-Anpassung zusammengefasst dar.
Verwenden Sie zur Dokumentation ein Tabellenkalkulationsprogramm, wie zum
Beispiel Microsoft Excel, und schreiben Sie die individuell genutzte Methode
innerhalb dieser Datei kontinuierlich fort. Zusätzlich zu den bereits erwähnten
Excel-Analyse-dateien verfügen Sie damit jederzeit über eine aktuelle Darstellung
Ihrer individuellen Oracle BPA Suite-Methode.
Die Excel-Analysedateien zeigen den Zustand der Gesamtmethode innerhalb der Oracle
BPA Suite-Datenbank, die individuell gepflegte Methodentabelle den davon genutzten
Ausschnitt. Selbstverständlich können Sie nach erfolgter Filteranpassung 8 Ihre individuelle
Methode ebenfalls mit Hilfe des Filteranalysereports ausgeben lassen.
Für das Beispiel aus Kapitel 3.2 ergibt sich das in den Tabellen 4.1 und 4.2 dargestellte
angepasste Oracle BPA Suite-Metamodell. Aus Gründen der Übersichtlichkeit haben wir
auf die Darstellung der Attributtypen verzichtet.
Nutzen Sie Tabelle 4.1 und 4.2 als Startpunkt für die Ausgestaltung Ihrer individuellen
EA-BPM-SOA-Methode.
Tabelle 4.1 Darstellung der individuellen Oracle BPA Suite-Methode (direkte Beziehungstypen)
Entität-BeziehungEntität-Gruppe
Diagrammtyp
Quell_
symbol
Zielsymbol
Beziehung
Softwareressource
nutzt Hardwareressource
Zugriffsdiagramm
Typ
Betriebssystem
Typ HW-Komponente
kann laufen auf
Zugriffsdiagramm
Typ
DBMS
Typ HW-Komponente
kann laufen auf
Anwendungssystem
läuft auf Hardwareressource
Zugriffsdiagramm
Typ
Anwendungssystem
Typ HW-Komponente
kann laufen auf
100%
Anwendungssystem
unterstützt Prozess
EPK
Typ
Anwendungssystem
Funktion
unterstützt
100%
Prozess ist Vorgänger
von Prozess
EPK
Funktion
Funktion
ist Vorgänger
von
100%
8
74
Semantische
Abdeckung
50%
Innerhalb der Oracle BPA Suite wird die individuell genutzte Methode in einem Methodenfilter eingestellt. Die beschriebene Vorgehensweise der Filteranalyse kann natürlich auch auf einen individuell erstellten Methodenfilter angewendet werden. Weitergehende Informationen zur Erstellung individueller
Methodenfilter finden Sie im Handbuch und der Online-Hilfe zum Werkzeug.
4.5 Vorgehensweise zur Ermittlung Ihrer individuellen Oracle BPA Suite-Methode
Entität-BeziehungEntität-Gruppe
Diagrammtyp
Quellsymbol
Zielsymbol
Beziehung
Semantische
Abdeckung
Anwendungssystem
bearbeitet Geschäftsobjekt
Zugriffsdiagramm
Typ Anwendungssystem
Fachbegriff
verwendet
100%
Person ist verantwortlich für Anwendungssystem
Aufgabenzuordnungsdiagramm
Person
(intern)
Typ
Anwendungssystem
ist für Entwicklung
verantwortlich für
100%
Person ist zugeordnet
zu Organisationseinheit
Organigramm
Person
(intern)
Stelle
besetzt
100%
Organisationseinheit ist
zusammengesetzt aus
Organisationseinheit
Organigramm
Organisationseinheit
Organisationseinheit
ist übergeordnet
100%
Organigramm
Organisationseinheit
Stelle
wird gebildet durch
Organigramm
Organisationseinheit
Standort
befindet sich an
Organisationseinheit
befindet sich an Standort
100%
Tabelle 4.2 Darstellung der individuellen Oracle BPA Suite-Methode (indirekte Beziehungstypen)
Entität-BeziehungEntität-Gruppe
Quellsymbol
Hinterlegter
Diagrammtyp
Implizite
Beziehung
Prozess ist zusammengesetzt aus Prozess
Wertschöpfungskette
WKD
keine
Wertschöpfungskette
EPK
ist prozessorientiert
übergeordnet
Semantische
Abdeckung
50%
Tabelle 4.1 und 4.2 beschreiben die Ausgangsstruktur unseres integrierten EA-BPM-SOAModells. Damit könnte bereits das individuelle Metamodell aus Kapitel 3.2 vollständig
modelliert werden. Ziel ist es aber, ein integriertes EA-BPM-SOA-Modell zu erstellen, das
weitere Modellierungsanforderungen berücksichtigt.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die vorliegende Ausgangsstruktur sukzessive ergänzt. Sie können natürlich, in Abhängigkeit von Ihren individuellen Modellierungszielen,
eigene Erweiterungen mit der beschriebenen Systematik vornehmen.
Die Erweiterungen der von uns eingesetzten Oracle BPA Suite Methode erläutern wir in
den folgenden Kapiteln.
75
4 Die Umsetzung des Metamodells
4.6
Analyse und Bewertung der semantischen Abdeckung
Aufgrund des geschlossenen Metamodells der Oracle BPA Suite werden Sie bei der Überführung Ihres individuellen Metamodells meistens gezwungen sein, Kompromisse in der
semantischen Abbildung einzugehen. Wie groß diese sind, hängt ausschließlich davon ab,
wie genau Ihre individuellen Informationsanforderungen in Symbol- und Beziehungstypen
abgebildet werden können. Methodische Restriktionen durch vorgegebene Diagrammoder Attributtypen spielen bei der Bewertung der semantischen Abdeckung keine Rolle.
Diagrammtypen können individuell erweitert werden, wenn die Auswirkungen auf die ursprüngliche Oracle BPA Suite-Methodik beachtet werden. Individuelle Attributtypen lassen sich ohne jede Beeinträchtigung ergänzen.
Die semantische Qualität der Umsetzung eines individuellen Metamodells in die
Oracle BPA Suite kann man ausschließlich durch die Abdeckung passender
Symbol- und Beziehungstypen bewerten.
Zur Beurteilung der Qualität der semantischen Überführung des Metamodells in die Oracle
BPA Suite bewerten Sie jede abzubildende „Entität-Beziehung-Entität“-Gruppe. Ermitteln
Sie den Abdeckungsgrad zwischen den tatsächlich abbildbaren und den geplanten Informationstypen.
War zum Beispiel geplant, innerhalb der Metamodell-Entität Softwareressource die folgenden Softwarekomponenten DBMS, Betriebssystem, Servicebus und Webserver zu beschreiben, so erlaubt die ausgewählte Oracle BPA Suite-Methode nur die Modellierung der
ersten beiden Softwareressourcen.
Der Beziehungstyp kann laufen auf entspricht vollständig der gewünschten Semantik nutzt.
Die semantische Abdeckung graphisch ausgeprägter (GA) „Entität-Beziehung-Entität“Gruppen berechnet sich dann aus den Symboltypen (ST) und den verfügbaren Beziehungstypen (BT):
ܵ݁݉ܽ݊‫݃݊ݑܾ݇ܿ݁݀ܣ݄݁ܿݏ݅ݐ‬ሺ‫ܣܩ‬ሻሾΨሿ ൌ σ ‫ܶܵ݁݀݊݁ݏݏܽ݌݄ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬
σ ‫ܶܤ݁݀݊݁ݏݏܽ݌݄ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬
ൈ
ൈ ͳͲͲΨ
σ ‫ ݄݈ܶܵ݁ܿ݅ݎ݁݀ݎ݋݂ݎ݄݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬σ ‫ܶܤ݄݈݁ܿ݅ݎ݁݀ݎ݋݂ݎ݄݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬
Die semantische Abdeckung implizit modellierter (IM) „Entität-Beziehung-Entität“Gruppen berechnet sich aus den ermittelten Hinterlegungen (HL) und den abbildbaren
impliziten Beziehungstypen (IBT):
ܵ݁݉ܽ݊‫݃݊ݑܾ݇ܿ݁݀ܣ݄݁ܿݏ݅ݐ‬ሺ‫ܯܫ‬ሻሾΨሿ ൌ σ ‫ܮܪݎ݁݀݊݁ݏݏܽ݌݄ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬
σ ‫ܶܤܫݎ݁ݎܾ݈ܾܾ݄ܽ݀݅ܽܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬
ൈ
ൈ ͳͲͲΨ
σ ‫ܮܪݎ݄݈݁ܿ݅ݎ݁݀ݎ݋݂ݎ݄݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬
σ ‫ܶܤܫݎ݄݈݁ܿ݅ݎ݁݀ݎ݋݂ݎ݄݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬
Basierend auf der semantischen Abdeckung der graphisch ausgeprägten (GA) und implizit
modellierten (IM) „Entität-Beziehung-Entität“-Gruppen errechnet sich die gesamte semantische Abdeckung (GSA):
‫݃݊ݑܾ݇ܿ݁݀ܣ݄݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ݁ݐ݉ܽݏ݁ܩ‬ሺ‫ܣܵܩ‬ሻሾΨሿ ൌ 76
σ ‫݃݊ݑܾ݇ܿ݁݀ܣ݄݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬ሺ‫ܣܩ‬ሻሾΨሿ ൅ σ ‫݃݊ݑܾ݇ܿ݁݀ܣ݄݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ‬ሺ‫ܯܫ‬ሻሾΨሿ
‫݊݁݃݊ݑܾ݇ܿ݁݀ܣ݄݊݁ܿݏ݅ݐ݊ܽ݉݁ݏ݈݊݁݊݁ݖ݊݅݁ݎ݈݄݁݀ܽݖ݊ܣ‬
4.6 Analyse und Bewertung der semantischen Abdeckung
Im aufgeführten Beispiel ergibt sich eine gesamte semantische Abdeckung von 90%.
Mit Hilfe der in Tabelle 4.3 dargestellten Bewertung können Sie einschätzen, wie gut das
individuelle Metamodell in die Oracle BPA Suite umgesetzt wurde und welche Verwendung die erreichte semantische Abdeckung ermöglicht.
Tabelle 4.3 Bewertung der semantischen Qualität des umgesetzten Metamodells
Semantische Abdeckung
Bewertung
mögliche Verwendung
90 % ≤ GSA ≤ 100 %
gut bis sehr gut
Metamodell kann als Basis für eine integrierte
EA-BPM-SOA-Modellierung verwendet werden.
75 % ≤ GSA < 90 %
durchschnittlich
Metamodell kann als Basis genutzt werden, wenn
nach einer ausführlichen Analyse der semantisch
unzureichend abgedeckten Bereiche durch alle an
den Ergebnissen der Modellierung interessierten
Gruppen die Einschränkungen akzeptiert werden.
50 % ≤ GSA < 75 %
mangelhaft
Metamodell in der vorliegenden Form nicht nutzbar. Eine Überarbeitung kann ggf. eine Verbesserung bringen.
0 % ≤ GSA < 50 %
ungenügend
Metamodell grundsätzlich nicht nutzbar.
Die Oracle BPA Suite ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geeignet, die Modellierungsfragestellungen abzubilden.
77
5
5 Das Grundmodell
5.1
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet
Welche Inhalte werden im Grundmodell erfasst?
Wie erfolgt die vertikale und horizontale Strukturierung im Modell?
Wie unterteilt man die fachliche Prozesshierarchie im Modell?
Wie gliedert man die Organisationsmodellierung?
Welche Struktur ist zur Modellierung von Geschäftsobjekten sinnvoll?
Wie modelliert man die Basis zur Applikationsbeschreibung?
Welchen Umfang sollte eine Infrastrukturbeschreibung im integrierten Modell erhalten?
Wie organisiert man die Ablage der Modellinhalte in der Oracle BPA Suite?
5.2
Aufbau des Grundmodells
Nachdem Sie das Metamodell erstellt, den zu erwartenden Aufwand zu dessen Füllung
bestimmt und Ihre Oracle BPA Suite-Methodik eingerichtet haben, beginnen Sie mit dem
Aufbau der Grundmodellstruktur. Beispielsweise haben wir zur Abbildung der Prozessarchitektur des Metamodells in der Oracle BPA Suite die Diagrammtypen Wertschöpfungskette und Ereignisgesteuerte Prozesskette festgelegt (siehe Tabelle 4.1 und 4.2). Für ein
integriertes Prozessmodell müssen Sie über die Form der Notation hinaus festlegen, wie
Sie Inhalte nach ihrer Semantik gegliedert ablegen. Im Bereich der Prozessarchitektur
müssen für die IT-neutrale Modellierung beispielsweise Kernprozesse, Hauptprozesse,
Unterprozesse und fachliche Detailprozesse als weitere Unterteilung der Entität Prozess
berücksichtigt werden. Gleiches gilt für die anderen Architekturebenen und Entitäten des
Meta-Modells.
79
5 Das Grundmodell
Diese Struktur aufzubauen, ist vor Beginn der inhaltlichen Modellierung zwingend erforderlich. In Kapitel 2 wurden zur Strukturierung eines integrierten Modells die folgenden
Kriterien definiert:
die semantische Einordnung
die dynamische oder statische Einordnung
die Artefakttypen
die horizontale und vertikale Einordnung.
Wie in Kapitel 2.3.1 erläutert, ist die eindeutige und semantisch überschneidungsfreie
Zuordnung von Artefakttypen nur schwer möglich. Um aber die Ordnung im Repository
zu gewährleisten, müssen Sie festlegen, wo welche Inhalte abgelegt werden. Wir ordnen
deshalb jeden Artefakttyp des integrierten Modells als Vorschlag einem der drei Bereiche
fachliche, fachliche IT- und informationstechnische Inhalte zu. Es ist uns bewusst, dass zu
einigen Artefakttypen auch Argumente für eine andere Zuordnung vorliegen. Betrachten
Sie unsere Einteilung deshalb als Vorschlag, den Sie innerhalb Ihres Modells durchaus
variieren können.
5.2.1
Ermittlung der Übersichtsartefakte der Prozessarchitektur
5.2.1.1 Die Instanzgranularität als Kriterium zur vertikalen Dekomposition
Haben Sie schon einmal versucht, Prozessinhalte hierarchisch zu strukturieren? Wenn ja,
ist Ihnen sicher aufgefallen, dass es sich dabei um keine leichte Aufgabe handelt. Grund
dafür ist, dass die Prozessbeschreibung stark von der Semantik abhängt und daher verschiedene Personen Prozessgranularität schnell unterschiedlich interpretieren. Um die
eindeutige und weitgehend unmissverständliche Zuordnung von Prozessen und Aktivitäten
in einer hierarchischen Struktur zu ermöglichen, benötigen wir ein Unterscheidungsmerkmal, welches neben der Über- und Unterordnung die Identifizierung gleichartig detaillierter Inhalte ermöglicht. Dabei sollen so weit wie möglich individuelle Interpretationen ausgeschlossen werden.
Dieses Unterscheidungsmerkmal ist die Instanzgranularität. Unter der Instanzgranularität
verstehen wir ein Maß für den Detaillierungsgrad eines Prozesses oder einer Aktivität. Es
handelt sich dabei aber nicht um eine eindeutig quantifizierbare Messgröße, sondern um
ein qualitatives Maß zur Orientierung.
Die Prozessinstanz betrachtet den eindeutig durch einen Start- und Endpunkt
gekennzeichneten Durchlauf eines Prozesses. Dabei umfasst sie alle Aktivitäten,
die zur vollständigen Bearbeitung einer Instanz des Prozesses erforderlich sind.
Eine Prozessinstanz ist in der Regel eindeutig durch die Bearbeitung eines Eingangsobjektes zu einem Ausgangsobjekt gekennzeichnet.
Ausgangspunkt der Ermittlung gleichartig detaillierter Inhalte ist immer der den betrachteten Prozessen oder Aktivitäten übergeordnete Prozess.
80
5.2 Aufbau des Grundmodells
Die ersten drei Ebenen bilden die Übersicht der dynamischen Modellierung. Diese sind die
1. Unternehmensinstanz-Ebene
2. Kernprozessinstanz-Ebene
3. Hauptprozessinstanz-Ebene
Die ersten drei Ebenen werden erstellt, um dem Nutzer eine einfache Navigation innerhalb
des Modells zu ermöglichen. Ausgangspunkt ist die zentrale Unternehmensinstanz, vielfach auch Prozesslandkarte genannt. Auf ihr sind die Kernprozesse des Unternehmens
modelliert, und sämtliche Verzweigungen in detailliertere Modellierungsstrukturen nehmen auf der Prozesslandkarte ihren Anfang.
Daran schließt sich die Kernprozessinstanz-Ebene an. Sie dient zur Detaillierung der ermittelten Kernprozesse der Prozesslandkarte. Abschließend zählt man noch die HauptprozessEbene zur Übersicht der dynamischen Modellierung. Letztere dient zur Detaillierung der
Hauptprozesse. Darauf basierend, können Richtgrößen zur Strukturierung der dynamischen
Modellstruktur angegeben werden:
1. Instanzgranularität „Unternehmensinstanz“ (Prozesslandkarte): 6–12 Kernprozesse
2. Instanzgranularität Kernprozessinstanz: 5–6 Hauptprozesse
3. Instanzgranularität Hauptprozessinstanz: 3–5 Unterprozesse
vertikale Dekomposition
1. Instanzgranularität
„Unternehmensinstanz“
U t
h
i t
“
2. Instanzgranularität
Kernprozessinstanz
3. Instanzgranularität
Hauptprozessinstanz
3-5
erprozesse
e
Unte
5-6
e
Hauptprozesse
6-12
2
Kern
nprozesse
horizontale Dekomposition
1
2
3
Fachliche
Übersichtsdiagramme
Abbildung 5.1 Horizontale und vertikale Dekomposition der 1. bis 3 Instanzgranularität
Abbildung 5.1 zeigt die empfohlene Vorgabe zum Aufbau der dynamischen Struktur der
Ebenen 1 bis 3. Auf der x-Achse sehen Sie die empfohlene Aufteilung der horizontalen
Struktur eines Prozessmodells, angegeben ist die empfohlene Anzahl an Prozessen jeder
Modellierungsebene.
Auf der y-Achse sind die empfohlenen Modellierungsebenen dargestellt. Auf jeder Modellierungsebene müssen die Inhalte eine einheitliche Instanzgranularität aufweisen. Das heißt,
81
5 Das Grundmodell
jeder Modellinhalt, der auf einer dieser Ebenen erzeugt wird, muss zu allen anderen Inhalten auf derselben Ebene ein möglichst gleiches Instanzverhalten zeigen.
Innerhalb der Übersichtsmodelle betrachten wir in der Prozessarchitektur Kern-, Hauptund Unterprozesse. Bei allen drei Prozesstypen handelt es sich um rein fachliche Modellierungen ohne IT-Bezug.
5.2.1.2 Geschäftsobjektbasierte horizontale Segmentierung
Zur Abgrenzung der horizontalen Modellinhalte eignen sich geschäftsobjektbasierte Ansätze. Dazu werden die horizontalen Bereiche nach den von ihnen bearbeiteten zentralen
Geschäftsobjekten unterteilt. Für jedes horizontale Segment identifizieren Sie maximal 3
oder 4 zentrale Geschäftsobjekte je nach Ebene (s. Abschnitt 5.2.5.2). Bei einem zentralen
Geschäftsobjekt handelt es sich um ein Objekt der realen Welt, welches für die Durchführung des betrachteten Prozesses zwingend erforderlich ist. In einem Wareneingangsprozess
kann dies zum Beispiel die „Materiallieferung“ sein. Zentrale Geschäftsobjekte werden
durch folgende Kriterien eindeutig bestimmt:
Wesentliche Bearbeitung des Geschäftsobjektes durch den betrachteten Bereich. Das
Geschäftsobjekt kann in anderen Prozesssegmenten eine weitere Verwendung finden,
erfüllt dort aber nicht die beiden folgenden Kriterien.
Das Geschäftsobjekt ermöglicht die Messung der Leistung des betrachteten Bereiches.
Anhand der Anzahl der bearbeiteten Geschäftsobjekte ist es möglich, zu bestimmen,
wie effektiv und effizient das betrachtete Prozesssegment arbeitet.
Das zentrale Geschäftsobjekt ist nicht das Prozessergebnis des betrachteten Prozesssegmentes. Geschäftsobjekte, die durch Aktivitäten im betrachteten Segment entstehen,
können nur in nachfolgenden Bereichen zentrale Prozessobjekte darstellen.
Gehen Sie zur horizontalen Segmentierung in den folgenden Schritten vor:
1. Ermitteln Sie die Geschäftsprozesse der betrachteten Modellierungsebene (siehe auch
vertikale Dekomposition).
2. Ermitteln Sie für jeden Geschäftsprozess das/die zentrale(n) Geschäftsobjekt(e) (maximal 4).
3. Überprüfen Sie, ob die festgelegten Geschäftsobjekte nur im zugeordneten Geschäftsprozess als zentrale Objekte Verwendung finden. Sollte diese Eindeutigkeit nicht gegeben sein, müssen die Geschäftsprozesse anders geschnitten werden.
4. Wiederholen Sie die Schritte 1 bis 3 so oft, bis alle Geschäftsprozesse einer horizontalen Ebene ermittelt sind.
Die horizontale Grenze zwischen zwei Prozessen ist genau an der Stelle zu ziehen, an der
eine Veränderung des oder der zentralen Prozessobjekte erfolgt.
82
5.2 Aufbau des Grundmodells
5.2.2
Modellierung dynamischer Inhalte in der Oracle BPA Suite
5.2.2.1 Die 1. Instanzgranularität – Die Unternehmensinstanzebene
Jedes hierarchisch aufgebaute Prozessmodell benötigt einen Ausgangspunkt. Dieser Ausgangspunkt ist die 1. Instanzgranularität des dynamischen Teils Ihres Modells und wird
meistens durch ein zentrales Diagramm als „Wurzel“ der gesamten dynamischen Modellierung ausgeprägt. Bevor Sie mit der Erstellung einer Prozesslandkarte für Ihr Unternehmen
beginnen, sollten Sie die folgenden Fragen klären:
Welche Kernprozesse besitzt Ihr Unternehmen?
Welches sind die primären Geschäftsobjekte, die von diesen Kernprozessen bearbeitet
werden?
Im Rahmen der Festlegung der Kernprozesse Ihres Unternehmens sollten Sie nicht mehr
als 12 Prozesse definieren. Diese Vorgabe gilt für die Summe der primären und sekundären Kernprozesse. Es hat sich gezeigt, dass auch in größeren Modellierungsprojekten eine
Beschränkung der Unternehmenskernprozesse zu einer deutlich besseren prozessorientierten Darstellung des Unternehmens führt.
Um die Kernprozesses eines Unternehmens zu ermitteln, ist es hilfreich, sich von der herkömmlichen funktional-orientierten Betrachtung eines Unternehmens zu lösen. Moderne
Organisationsstrukturen setzen nicht mehr auf funktionale Silos, sondern betrachten Prozesse durchgehend von einem Initiator bis zum Abnehmer der Leistung des Prozesses.
Dies gilt auch für interne Prozesse, die keinen direkten Bezug zum Endkunden eines Unternehmens haben, d.h., auch interne Stellen, die an der gesamten Prozessleistung beteiligt
sind, sollten immer als (Prozess-)Kunden betrachtet werden [Schm07].
Zur Orientierung, welche Kernprozesse in Ihrem Unternehmen vorhanden sind, bietet es
sich an, Referenzprozesse als Hilfestellung zu nutzen. In der Regel beschreiben solche
Sammlungen die Prozessstruktur jedoch nur sehr grob. Detaillierte Inhalte bis hin zu einer
Beschreibung der einzelnen Abläufe und Aktivitäten werden Sie nur in wenigen Einzelfällen finden und müssen meistens käuflich erworben werden. Frei verfügbare Referenzmodelle sind meistens sehr generisch und werden in Ihrem speziellen Anwendungsfall in der
Regel keine ausreichende Tiefe bieten. Als Ausgangspunkt für ein Brainstorming zu den
Kernprozessen des Unternehmens sind sie aber sehr zu empfehlen.
Aber auch mit Referenzmodellen werden Sie nicht um die individuelle Identifizierung und
Abstimmung der Kernprozesse in Ihrem Unternehmen herumkommen. Die folgenden Fragen sind bei der Ermittlung der Kernprozesse hilfreich:
Welche externen Berührungspunkte hat das Unternehmen mit Lieferanten und Kunden?
Diese Frage liefert Antworten bezüglich der Schnittstellen Ihres Unternehmens zu
Marktpartnern.
Welche Leistungen bietet das Unternehmen in den Bereichen Innovation, Produktion
und Kundenbeziehungsmanagement?
Diese Frage liefert Antworten, welche Geschäftsobjekte Ihr Unternehmen mit seinen
Marktpartnern austauscht.
83
5 Das Grundmodell
Durch welche besonderen Leistungen grenzt sich das Unternehmen von seinen Wettbewerbern ab?
Diese Frage gibt Auskunft über Alleinstellungsmerkmale Ihres Unternehmens und
identifiziert besonders wichtige primäre Prozesse.
Grundsätzlich können Sie davon ausgehen, dass die primären Kernprozesse Ihres Unternehmens immer bei einem externen Kunden beginnen oder enden. Nur in wenigen Ausnahmen treten Kernprozesse auf, die in keiner direkten Beziehung zu einem externen Kunden stehen. Sollte eine größere Anzahl vermeintlicher Kerngeschäftsprozesse Ihres Unternehmens diese Regel nicht erfüllen, ist es sehr wahrscheinlich, dass entweder eine funktionale Gruppierung oder bereits eine zu feine Prozessdetaillierung vorliegt.
Demgegenüber sind die sekundären Kernprozesse eines Unternehmens in der Regel nicht
direkt mit den Kundenprozessen verbunden. Sie dienen vielmehr zur internen Steuerung
des Unternehmens oder zur Bereitstellung von Leistungen, die nicht direkt im wertschöpfenden Ablauf des Unternehmens benötigt werden, dessen Funktionsfähigkeit aber sicherstellen. Ob Sie Ihre Prozesslandkarte hinsichtlich der primären und sekundären Kernprozesse ausgewogen erstellt haben, können Sie mit folgendem Verhältnis bewerten:
Primäre Kernprozesse 4:1
Kernprozesse mit direktem Bezug zum externen Kunden zu Kernprozessen
ohne direkten Bezug zum externen Kunden.
Sekundäre Kernprozesse 1:4
Kernprozesse mit direktem Bezug zum externen Kunden zu Kernprozessen
ohne direkten Bezug zum externen Kunden.
Neben den Kernprozessen sind zur vollständigen Erstellung einer Prozesslandkarte noch
die Geschäftsobjekte zu identifizieren, die zwischen den Kernprozessen ausgetauscht werden.
Jeder Geschäftsprozess erstellt, bearbeitet oder verändert Geschäftsobjekte. Der Begriff
„Objekt“ ist im Rahmen der Modellierung der Ebenen 1 bis 3 sehr weit zu fassen, d.h.,
nicht nur auf Daten, die zwischen den Kernprozessen ausgetauscht werden, zu beschränken. Es handelt sich also um alle Objekte, die in einem Prozess erzeugt, genutzt, bearbeitet und verbraucht werden oder anderweitig beteiligt sind, um eine bestimmte Zielsetzung
zu erreichen oder eine Leistung zu erstellen.
Unter der Annahme, dass die Prozesslandkarte die erforderlichen Kernaktivitäten zur Erfüllung des Unternehmenszweckes beinhaltet, beschreiben die durch Kernprozesse erstellten bzw. zwischen den Kernprozessen ausgetauschten und bearbeiteten Objekte die im
Rahmen der wertschöpfenden Tätigkeiten bearbeiteten Objekte der realen Welt.
Aus diesem Grund ist für jeden identifizierten Kernprozess mindestens ein Geschäftsobjekt
zu bestimmen, das durch den zugehörigen Kernprozess komplett bearbeitet wird. Mit Hilfe
dieser Geschäftsobjekte können Sie beispielsweise die Prozessleistung der einzelnen
Kerngeschäftsprozesse ermitteln.
84
5.2 Aufbau des Grundmodells
Zur Identifizierung der primären Geschäftsobjekte stellen Sie sich die folgenden Fragen:
Welche Geschäftsobjekte werden in den identifizierten Kernprozessen erstellt oder
bearbeitet?
Anhand welcher Kriterien kann die Leistung der identifizierten Kernprozesse gemessen
werden?
Mit welchen Geschäftsobjekten stehen diese Kriterien in Beziehung?
Die Erstellung einer Prozesslandkarte kann einen nicht zu unterschätzenden Aufwand
verursachen. Auf den ersten Blick scheint es, als sei diese Arbeit einfach und in kurzer Zeit
zu erledigen. Da es sich bei der Prozesslandkarte aber um die zentrale Stelle zur Navigation innerhalb des gesamten dynamischen Teils des Modells handelt und durch die Unterteilung des Unternehmens in Prozessbereiche entscheidende Vorgaben für die nachfolgende
Modellierung gemacht werden, sollte man an dieser Stelle nicht zu schnell eine „endgültige“ Version verabschieden. Aufgrund von Erfahrungen empfehlen wir, den Wert einer
guten und stabilen Prozesslandkarte nicht zu unterschätzen. Sie ist Ausgangspunkt diverser
Detaillierungen des Modells, insbesondere für die Prozessautomatisierung oder IT-Systemkonzeption. Mit Hilfe einer gut durchdachten und stabilisierten Prozesslandkarte werden
bereits in dieser frühen Phase viele Probleme der Modellierung in späteren Phasen vermieden oder bei schlechter Umsetzung erst geschaffen.
sekundäre
Geschäftsprozesse
primäre
Geschäftsprozesse
Abbildung 5.2 zeigt eine vereinfachte Prozesslandkarte, die mit Hilfe dieses Vorgehens erstellt wurde inklusive der Unterteilung in primäre und sekundäre Geschäftsprozesse. 1
Service
Vertrieb
Produktentwicklung
Auftragsabwicklung
Personalmanagement
Finanz und
Rechnungswesen
Beschaffung
Unternehmensentwicklung
Marketing
Controlling
Abbildung 5.2 Abbildung einer exemplarischen Prozesslandkarte
1
Primäre Geschäftsprozesse dienen der originären Wertschöpfung im Unternehmen. Sekundäre Geschäftsprozesse stellen Unterstützungsleistungen für primäre Geschäftsprozesse bereit und sind damit
nur indirekt an der Wertschöpfung beteiligt.
85
5 Das Grundmodell
Wichtig ist, dass Sie bereits auf der Prozesslandkarte auf eine möglichst gleiche
Granularität der beschriebenen Prozesse achten. Bestimmen Sie für jeden Prozess der Prozesslandkarte die zugehörige Instanz, und überprüfen Sie, ob alle
ermittelten Instanzen der Prozesslandkarte in einem ausgewogenen Verhältnis
zueinander stehen.
Die betrachteten Geschäftsprozesse Ihrer Prozesslandkarte sollten
sich auf eine abgegrenzte fachliche Domäne beziehen;
in ihrer Größe und Komplexität ausgewogen zueinander sein;
die Bereiche der primären und sekundären Leistungserbringung des Unternehmens abdecken.
Es hat sich als hilfreich herausgestellt, zum Vergleich der Granularität der Prozesse und
Aktivitäten einer Ebene aus der Menge der identifizierten Prozesse einen Referenzprozess
zu bestimmen, der als Bewertungsgrundlage für alle anderen Prozesse der betrachteten
Ebene herangezogen wird.
Wir empfehlen, für die zu modellierenden Prozessebene 1 bis 3 eine Auflistung analog der
Tabelle 5.1 zu erstellen. Beschreiben Sie darin klar jeden Prozess und wie Sie die zugehörigen Prozessinstanzen definieren. Wichtig ist, dass Sie eindeutig festlegen, wann eine
Instanz beginnt und endet.
Sie erkennen, dass es schwerer ist, eindeutige Prozessinstanzen für sekundäre als für primäre Kernprozesse zu definieren. Das liegt in der Natur der Sache, da es sich bei sekundären Kernprozessen in der Regel um kreative oder nur eingeschränkt formalisierte Prozesse
handelt, vom Finanz- und Rechnungswesen einmal abgesehen. Besonders deutlich wird
dieser Effekt beim Kernprozess Unternehmensentwicklung und Controlling.
Außerdem können zu einem Kernprozess auch mehrere unterschiedliche Prozessinstanztypen vorhanden sein. Wählen Sie in einem solchen Fall immer den Prozessinstanztyp mit
der größten Häufigkeit.
Bewerten Sie anschließend die ermittelten Kernprozesse hinsichtlich ihrer Instanzgranularität. Stellen Sie dabei die folgenden Fragen:
Haben alle ermittelten Prozesse einen annähernd gleichen Umfang?
Sind alle relevanten Bereiche der Leistungserbringung in Ihrem Unternehmen berücksichtigt?
Liegt eine durchgängige und lückenlose Dokumentation der Leistungserbringung in
Ihrem Unternehmen vor?
Bestehen zwischen den beschriebenen Bereichen der Leistungserbringung keine Überdeckungen?
Haben Sie alle sekundären Kernprozesse, die zur Leistungserbringung in Ihrem Unternehmen erforderlich sind, beschrieben?
Wenn Sie alle Fragen für die ermittelte Prozesslandkarte mit ja beantworten, können Sie
davon ausgehen, einen tragfähigen Entwurf erstellt zu haben.
86
5.2 Aufbau des Grundmodells
Tabelle 5.1 Tabelle zur Ermittlung und Strukturierung von Prozessinstanzen (Beispiel 1. Instanzgranularität)
Prozess/Aktivität Prozessinstanz
Beschreibung der
Prozessinstanz
Beginn
Ende
Beschaffung
ein Beschaffungs- Beschaffungsvorgang für ein
vorgang
konkretes Gut (bzw. zusammengefasst mehrere Güter)
innerhalb einer Bestellung
Eingang einer
Bestellanfrage
Einlagerung des bestellten
Gutes
Vertrieb
ein Vertriebsvorgang
Vertriebsvorgang für eine
konkrete Kundenanfrage zu
einer oder mehreren zusammengefassten Leistungen des
Unternehmens
Eingang der
Kundenanfrage
Juristisch verbindlicher
Abschluss oder Beendigung der Verkaufsverhandlungen
Service
eine Serviceanfrage
Eingang einer
Erbringung einer konkreten
Serviceanfrage
Serviceleistung für ein durch
das Unternehmen hergestelltes
Gut oder eine Gruppe von
Gütern innerhalb einer Serviceanfrage
Abschluss der Serviceleistung durch Lösung
des Kundenproblems
Produktentwicklung
eine Produktentwicklung
Durchführung einer konkreten
Eingang eines
Produktentwicklung für ein Gut, Produktentwicklungswelches durch das Unternehauftrags
men hergestellt werden soll
Bereitstellung aller für die
Produktion erforderlichen
Produktspezifikationen
Auftragsabwicklung
ein Auftragsabwicklungsvorgang
Durchführung eines konkreten
Produktionsauftrages zu einer
Bestellung
Eingang eines
Produktionsauftrages
Versand des produzierten
Gutes an den Kunden
Marketing
ein Marketingprojekt
Durchführung eines Marketingprojektes für eine klar abgrenzbare Werbeaktion
Erteilung eines internen
Vermarktungsauftrages
für ein neues oder
modifiziertes Produkt
oder eine Dienstleistung
Platzierung der zum
Vermarktungsauftrag
gehörenden Marketingleistungen außerhalb des
Unternehmens
Finanz- und
Rechnungswesen
eine Rechnungserstellung
Erstellung einer Rechnung zu
einem Kundenauftrag
Benachrichtigung über
den Warenversand
(Rechnungsdaten)
Versand der Rechnung
an den Kunden
Personalmanagement
ein Einstellungsvorgang
Durchführung der Einstellung
für eine benötigte Personalressource
Eingang einer Personalbedarfsanfrage
Einstellung eines neuen
Mitarbeiters
Unternehmensentwicklung
ein Strategieplanungszyklus
Durchführung einer Strategieplanung für einen definierten
Zeitraum
Zeitlich- oder ereignisinduzierter Start eines
Strategieplanungszyklus
Vorlage einer Strategieplanung zum betroffenen
Planungszyklus
Controlling
Für das Controlling ist die Angabe einer sinnvollen Instanz auf der Ebene der Kernprozesse nahezu
unmöglich.
87
5 Das Grundmodell
Abbildung 5.3 Exemplarische Darstellung einer Prozesslandkarte in der Oracle BPA Suite (Wertschöpfungskettendiagramm)
Betrachtet man die in Abbildung 5.3 dargestellte Prozesslandkarte, so erkennt man für den
Kernprozess „Beschaffung“ die Geschäftsobjekte „Lieferantenangebot“ und „Materialbestellung“ als Input- und „Lieferantenanfrage“ sowie „Materialbestellung“ als Output-Objekte. Das „Lieferantenangebot“ und die „Materiallieferung“ ist ein Output eines externen
Kundenprozesses. Eine weitere Detaillierung des externen Prozesses ist für die Erstellung
des Gesamtmodells nicht erforderlich. Die Schnittstellen zu externen Prozessen werden
deshalb als Schnittstellen zu einem Blackbox-Prozess betrachtet. Das von einem externen
Kundenprozess generierte Geschäftsobjekt „Lieferantenangebot“ und „Materiallieferung“
wird an den Kernprozess „Beschaffung“ übergeben. Der Output des Beschaffungsprozesses wird dann an nachfolgende interne oder externe Prozesse übergeben.
88
5.2 Aufbau des Grundmodells
Sekundäre Kernprozesse stehen mit der Umwelt außerhalb der betrachteten Organisation
deutlich seltener in Beziehung. Zum Beispiel kann man für den Marketingprozess nur sehr
schwer eine feste Vorgabe machen, wann und wie Marktanforderungen von externen Parteien zu erheben sind. Ein weiteres Beispiel ist die Unternehmensentwicklung, welche fast
nicht mit einer prozessorientierten Beschreibung erfasst werden kann. Ausnahmen bilden
meistens nur kleine Bereiche der sekundären Kernprozesse wie zum Beispiel detaillierte
Bilanzierungsabläufe in der Finanzbuchhaltung oder ITIL-basierte Wartungsprozesse in
Rechenzentren. Genauso verhält es sich mit Geschäftsobjekten, die durch sekundäre Kernprozesse erstellt oder bearbeitet werden. Ein Beispiel dafür sehen wir bei der Modellierung
der Personalressourcen. Selbstverständlich nehmen alle Kernprozesse des Unternehmens
Personalressourcen ab. Ob die Modellierung dieser Beziehung jedoch sinnvoll ist, sei dahingestellt.
Sekundäre Kernprozesse folgen nur zu einem kleinen Teil einer festen prozessorientierten Struktur. Vielmehr handelt es sich bei ihnen häufig um individuelle
Abläufe. Welche Geschäftsobjekte und Beziehungen Sie innerhalb Ihres Modells
den sekundären Kernprozessen zuordnen müssen Sie individuell festlegen.
Beachten Sie dabei unbedingt den Modellierungskontext Ihres Gesamtmodells.
Im Zweifel gilt hier: weniger ist mehr.
Bitte betrachten Sie die von uns vorgestellte Prozesslandkarte nur als Beispiel für die Gestaltung in Ihrem Unternehmen. Es gibt keine allgemein verbindliche Vorgabe die an dieser Stelle auf jedes Unternehmen passt. Vielmehr ist es wichtig, dass Sie bei der Erstellung
Ihres Prozessmodells eine für Ihre Fragestellung angemessene Lösung finden. Die in den
Tabellen 5.2, 5.4 und 5.5 genannten strukturellen Vorgaben sollten Sie so weit wie möglich einhalten.
Tabelle 5.2 Inhalt und Abgrenzung der Unternehmensinstanzebene (1. Instanzgranularität)
Benennung der
1. Instanzgranularität
In der Regel erhält die Unternehmensinstanz-Ebene als Bezeichnung die Unternehmens- oder
Unternehmensbereichsbezeichnung
Inhalt
Zentrales Diagramm zur Beschreibung der dynamischen Inhalte des Modells.
Genutzte
Objekttypen
Prozess- oder Aktivitätsobjekt
Das Prozess- oder Aktivitätsobjekt beschreibt dynamische
Vorgänge.
Geschäftsobjekt
Das Geschäftsobjekt beschreibt die im Rahmen der Prozessdurchführung (Dynamik) bearbeiteten statischen Objekte.
Beziehungsobjekt
Das Beziehungsobjekt beschreibt die Beziehung zwischen Prozessoder Aktivitätsobjekten und Geschäftsobjekten. Die Beziehungen
können entweder Input- oder Output-Beziehungen sein.
Abgrenzung/Granularität
der auf den Diagrammen
ausgeprägten Objekte
Jeder einzelne Kernprozess bearbeitet vollständig ein Geschäftsobjekt.
Die Geschäftsobjekte werden zwischen den einzelnen Kernprozessen ausgetauscht.
Die Kernprozesse gliedern ein Unternehmen in Prozessdomänen.
Maximal 4 Geschäftsobjekte pro Kernprozess
89
5 Das Grundmodell
5.2.2.2 Die 2. Instanzgranularität – Die Kernprozessebene
Die 2. Instanzgranularität (Kernprozessebene) detailliert die Kernprozesse der Prozesslandkarte. Auf ihr werden zu jedem ermittelten Kernprozess die untergeordneten Hauptprozesse dargestellt.
Welche Kernprozesse weiter detailliert werden, hängt immer von der individuellen Fragestellung ab, die Ihr Modell beantworten soll. Es gibt keine Vorgaben, die festlegen, welche
Kernprozesse der Prozesslandkarte zwingend weiter zu beschreiben sind. Sollten Sie im
vorliegenden Beispiel detailliertere Informationen über alle primären Kernprozesse benötigen, so entstehen 10 Diagramme auf der Kernprozessebene, die zu jedem Kernprozess die
jeweils untergeordneten Hauptprozesse beschreiben.
Welche weitergehende Detaillierung Sie für Ihr Projekt benötigen, können Sie also frei festlegen.
Zur Identifikation der Hauptprozesse ermitteln Sie für jeden Kernprozess die Aktivitäten,
die erforderlich sind, um den Prozess vollständig auszuführen. Diese Verfeinerung führt in
der Regel zu dem Ergebnis, dass viele einzelne Aktivitäten beschrieben werden, die nicht
alle derselben Granularität entsprechen. Deshalb sollten Sie in einem weiteren Schritt die
ermittelten Aktivitäten hierarchisch gliedern. Ziel ist es, abzugrenzen, welche der ermittelten Aktivitäten sinnvoll die Hauptprozesse unterhalb des Kernprozesses bilden.
Bei der Durchführung der Abgrenzung kann man zunächst von den Geschäftsobjekten des
übergeordneten Kernprozesses ausgehen. Diese markieren als Input und Output des Kernprozesses die an der Schnittstelle des zu detaillierenden Kernprozesses liegenden Hauptprozesse.
Im Regelfall sind zusätzlich noch weitere Aktivitäten bekannt. Diese müssen Sie in einem
nachfolgenden Schritt daraufhin untersuchen, ob sich unter ihnen Aktivitäten der gleichen
Granularität wie die bereits identifizierten Hauptprozesse befinden. Ist dies der Fall, so hat
man weitere Hauptprozesse gefunden. Dieser Prozess wird so lange wiederholt, bis keine
weiteren Hauptprozesse mehr identifiziert werden können.
Betrachten wir zur Verdeutlichung die dem Kernprozess Beschaffung untergeordneten
Prozesse. Einer dieser untergeordneten Prozesse ist der Wareneingang. Eine Instanz dieses
Prozesses wäre zum Beispiel die Bearbeitung einer Sendung eines Spediteurs. Nach der
Vorgabe, dass alle Aktivitäten des Prozesses eine annähernd gleiche Instanzgranularität
aufweisen sollen, müssen Sie in diesem Schritt untersuchen, ob die im Rahmen der horizontalen Strukturierung gefundenen Prozesse der gleichen Modellierungsebene dieser
Vorgabe entsprechen.
Wenn wir uns die identifizierten Hauptprozesse der horizontalen Strukturierung des Beschaffungsprozesses anschauen, so kommen wir zu dem in Tabelle 5.3 dargestellten Ergebnis.
Wenn man sich die unterschiedlichen Granularitäten der einzelnen Aktivitäten des Beschaffungsprozesses ansieht, erkennt man folgende Besonderheiten:
Die Lieferantenauswahl passt nicht in die gewählte Instanzgranularität der anderen
Aktivitäten. Eine Lieferantenauswahl erfolgt in der Regel nur einmal, wohingegen Lie-
90
5.2 Aufbau des Grundmodells
Tabelle 5.3 Ermittelte Hauptprozesse zum Kernprozess „Beschaffung“
Übergeordneter
Prozess
Beschaffung
Identifizierte
Prozesse
Beschreibung der Prozessinstanz
Abweichung der
Instanzgranularitäten
voneinander
Wareneingangsprozess
Eine Instanz beinhaltet einen kompletten Wareneingang oder eine Teillieferung unter einer Bestellnummer.
gering
Materialbestellung
Eine Instanz beinhaltet einen kompletten Bestellvorgang für ein oder mehrere Artikel bei einem Lieferanten unter einer Bestellnummer.
gering
Lieferantenauswahl
Eine Instanz beinhaltet die Auswahl, Bewertung und Anlage eines neuen
Lieferanten für zukünftige Bestellungen.
hoch
Rechnungsprüfung
Eine Instanz beinhaltet die Prüfung einer eingegangenen Rechnung mit
einer Rechnungsnummer zu einem Bestellvorgang mit einer Bestellnummer.
gering
Materiallogistik
Eine Instanz beinhaltet die logistischen Aktivitäten zur Einlagerung bzw.
Weiterverteilung eines Wareneingangs innerhalb des Unternehmens.
gering, jedoch Benennung missverständlich
ferungen eines Lieferanten die Aktivitäten Wareneingang oder Rechnungsprüfung bei
jeder Sendung durchlaufen. Aus diesem Grund ist zu prüfen, ob die Aktivität „Lieferantenauswahl“ nicht grundsätzlich anders im Prozessmodell einzuordnen ist.
Bei der Aktivität Materiallogistik ist mit Hilfe der Beschreibung erkennbar, dass es sich
um einen Vorgang handelt der zur gewählten Instanzgranularität passt. Betrachtet werden zum Beispiel immer die logistischen Aktivitäten eines einzelnen Wareneingangs.
Die gewählte Benennung der Aktivität deutet aber auf einen generelleren Prozess hin.
In diesem Fall sollte über eine Umbenennung der Aktivität nachgedacht werden.
Anschließend bestimmen Sie zu jedem definierten Hauptprozess die zugehörigen Geschäftsobjekte. Dabei gelten die gleichen Kriterien wie bei Geschäftsobjekten der Prozesslandkarte. Jedem Hauptprozess muss mindestens ein zentrales Geschäftsobjekt zugeordnet
werden. Jeder Hauptprozess erzeugt wenigstens ein Geschäftsobjekt als Ergebnis. Alle
Geschäftsobjekte sollten dabei eine annähernd gleiche Granularität besitzen.
Abschließend wird überprüft, ob alle wertschöpfenden Hauptprozesse wirklich zum übergeordneten Kernprozess gehören und alle beteiligten Geschäftsobjekte identifiziert worden
sind.
Abbildung 5.4 zeigt exemplarisch die Kernprozessinstanzebene für den Beschaffungsprozess. Neben den Hauptprozessen und den bearbeiteten Geschäftsobjekten sind weiterhin
die Geschäftsobjekte (Rechnungsdaten und Material) erkennbar, die mit den anderen
Kernprozessen (Finanz- und Rechnungswesen und Auftragsabwicklung) korrespondieren.
Verwenden Sie bei der Modellierung der 2. Instanzgranularität die Vorgaben aus Tabelle
5.4.
91
5 Das Grundmodell
Abbildung 5.4 Exemplarische Darstellung einer Kernprozessinstanzebene (Wertschöpfungskettendiagramm)
Tabelle 5.4 Inhalte und Abgrenzung der Kernprozessebene (2. Instanzgranularität)
Benennung der
2. Instanzgranularität
Name des übergeordneten Kernprozesses. Die Benennung sollte als substantiviertes Verb
erfolgen
Inhalt
Beschreibung der Hauptprozesse eines Kernprozesses.
Genutzte Objekttypen
Prozess- oder Aktivitätsobjekt
Das Prozess- oder Aktivitätsobjekt beschreibt
dynamischen Vorgänge
Geschäftsobjekt
Das Geschäftsobjekt beschreibt die im Rahmen
der Prozessdurchführung (Dynamik) bearbeiteten
statischen Objekt
Beziehungsobjekt zwischen Prozessoder Aktivitätsobjekt und Geschäftsobjekten
Das Beziehungsobjekt beschreibt die Beziehung
zwischen Prozess- oder Aktivitätsobjekten und
Geschäftsobjekten. Die Beziehungen können
entweder Input- oder Output-Beziehungen sein.
Abgrenzung/Granularität
der auf den Diagrammen
ausgeprägten Objekte
Alle Hauptprozesse auf den erstellten Diagrammen müssen zur Bearbeitung der
Geschäftsobjekte des übergeordneten Kernprozesses erforderlich sein.
Untereinander tauschen sie Geschäftsobjekte aus. Ein Geschäftsobjekt wird immer nur von
einem Hauptprozess vollständig bearbeitet.
Die Geschäftsobjekte, die dem übergeordneten Kernprozess zugeordnet sind, müssen
jeweils eindeutig als Input oder Output durch die Hauptprozesse an den Schnittstellen der
Kernprozessebene erstellt bzw. bearbeitet werden.
Maximal 4 Geschäftsobjekte pro Hauptprozess
92
5.2 Aufbau des Grundmodells
5.2.2.3 Die 3. Instanzgranularität – Die Hauptprozessebene
Die 3. Instanzgranularität (Hauptprozessinstanzebene) detailliert die Hauptprozesse der
Kernprozessebene. Dabei werden zu jedem ermittelten Hauptprozess die zugehörigen
Unterprozesse dargestellt.
Zur Identifikation der Unterprozesse verfahren Sie genau wie bei den Kern- und Hauptprozessen. Es sind alle Unterprozesse zu ermitteln, die zur vollständigen Ausführung des
betrachteten Hauptprozesses benötigt werden.
Auch in diesem Schritt müssen Sie wieder alle ermittelten Aktivitäten darauf hin untersuchen, ob es sich tatsächlich um Unterprozesse handelt oder ob bereits zu detaillierte Aktivitäten beschrieben wurden.
Starten Sie dazu ebenfalls wieder an den Schnittstellen des Hauptprozesses. Sehen Sie sich
zunächst die eingehenden und ausgehenden Geschäftsobjekte an. Auch in diesem Fall
markieren die Geschäftsobjekte die Unterprozesse an der Schnittstelle des zu detaillierenden Hauptprozesses. Bestimmen Sie auf diese Weise die erforderliche Granularität der
Unterprozesse.
Wie bereits auf den übergeordneten Ebenen werden auch hier weitere Aktivitäten der Unterprozessebene ermittelt. Diese müssen Sie daraufhin untersuchen, ob sich unter ihnen
Aktivitäten der gleichen Granularität wie die bereits identifizierten Unterprozesse an den
Schnittstellen befinden. Ist dies der Fall, so hat man weitere Unterprozesse gefunden. Wiederholen Sie diesen Vorgang so lange, bis keine neuen Unterprozesse mehr ermittelt werden können.
Für den Wareneingangsprozess wurden beispielsweise im Rahmen eines Brainstormings
die untergeordneten Aktivitäten Warenreklamation, Wareneingangskontrolle und Warenverbuchung identifiziert.
Anschließend bestimmen Sie zu jedem definierten Unterprozess die zugehörigen Geschäftsobjekte. Auch dabei gelten die gleichen Kriterien wie bei den vorhergehenden
Schritten. Jedem Unterprozess muss mindestens ein zentrales Geschäftsobjekt zugeordnet
werden. Jeder Unterprozess erzeugt wenigstens ein Geschäftsobjekt als Ergebnis. Die
Geschäftsobjekte eines detaillierten Kernprozesses sollen dabei eine annähernd gleiche
Granularität besitzen.
Abschließend wird überprüft, ob alle wertschöpfenden Unterprozesse wirklich zum übergeordneten Hauptprozess gehören und alle beteiligten Geschäftsobjekte identifiziert worden sind.
Abbildung 5.5 zeigt exemplarisch die Hauptprozessinstanzebene des Wareneingangsprozesses. Neben den Unterprozessen und den bearbeiteten Geschäftsobjekten sind weiterhin
die Geschäftsobjekte (Warenbegleitpapiere und Material) erkennbar, die mit anderen
Hauptprozessen korrespondieren (Rechnungsprüfung und Materiallogistik).
Verwenden Sie bei der Modellierung der 3. Instanzgranularität die Vorgaben aus Tabelle
5.5 .
93
5 Das Grundmodell
Abbildung 5.5 Exemplarische Darstellung einer Hauptprozessinstanzebene (Wertschöpfungskettendiagramm)
Tabelle 5.5 Inhalt und Abgrenzung der Hauptprozessebene (3. Instanzgranularität)
Benennung der
3. Instanzgranularität
Name des übergeordneten Hauptprozesses. Die Benennung sollte als substantiviertes Verb
erfolgen.
Inhalt
Beschreibung der Unterprozesse eine Hauptprozesses.
Genutzte Objekttypen
Prozess- oder Aktivitätsobjekt
Das Prozess- oder Aktivitätsobjekt beschreibt
dynamische Vorgänge
Geschäftsobjekt
Das Geschäftsobjekt beschreibt die im Rahmen
der Prozessdurchführung (Dynamik) bearbeiteten
statischen Objekte
Beziehungsobjekt zwischen Prozessoder Aktivitätsobjekt und Geschäftsobjekten
Das Beziehungsobjekt beschreibt die Beziehung
zwischen Prozess- oder Aktivitätsobjekten und
Geschäftsobjekten. Die Beziehungen können
entweder Input- oder Output-Beziehungen sein.
Abgrenzung/Granularität
der auf den Diagrammen
ausgeprägten Objekte
Alle Unterprozesse auf den erstellten Diagrammen müssen zur Bearbeitung der
Geschäftsobjekte (Input und Output) des übergeordneten Hauptprozesses erforderlich
sein.
Untereinander tauschen sie Geschäftsobjekte aus. Ein Geschäftsobjekt wird immer nur
von einem Unterprozess vollständig bearbeitet.
Die dem übergeordneten Hauptprozess zugeordneten Geschäftsobjekte müssen als Input
oder Output durch die Unterprozesse an der Schnittstelle der Hauptprozessinstanz-Ebene
erstellt bzw. bearbeitet werden.
Maximal 4 Geschäftsobjekte pro Unterprozess
94
5.2 Aufbau des Grundmodells
5.2.3
Die Instanzgranularitäten 1 bis 3 im Zusammenhang
Alle Objekte der fachlichen Überblicksmodelle stehen in engem Zusammenhang. Abbildung 5.6 zeigt, welche Beziehungen zwischen den ersten drei Ebenen des dynamischen
Teils bestehen. Bei der Erstellung dieses Modellteils sollten Sie die folgenden Punkte berücksichtigen:
1. Externe Prozesse (EP) werden als Black-Box betrachtet. Eine Detaillierung unterhalb
der Prozesslandkarte erfolgt nicht. Sie werden lediglich als Kernprozesse (KP) einer
externen Organisation als Objekt in der Prozesslandkarte aufgenommen, um zu zeigen,
welche Geschäftsobjekte (GO) mit externen Parteien ausgetauscht werden.
2. Bei der Detaillierung eines Prozesses werden die Vor- und Nachfolgeprozesse des übergeordneten Prozessmodells als initiierende und nachfolgende Prozesse übernommen.
3. Geschäftsobjekte werden bei der Modellierung der fachlichen Übersichtsmodelle nicht
hierarchisch gegliedert. Sie können auf jeder Ebene in Prozessmodellen verwendet
werden. Achten Sie dabei auf eine zu den Prozessen und Aktivitäten passende Granularität.
4. Achten Sie darauf, die Geschäftsobjekte an den Schnittstellen einzelner Aktivitäten so
zu wählen, dass die untergeordneten Prozesse zu diesen Aktivitäten eine abgegrenzte
Domäne zur Beschreibung darstellt.
5. Die Beziehungen zwischen einzelnen Prozessen werden immer über ein Geschäftsobjekt hergestellt.
1. Instanzgranularität – Unternehmensebene
1
5
GO1
EP
KP1
GO2
KP2
GO3
GO4
KP3
EP
6
GO7
GO8
KP4
2. Instanzgranularität – Kernprozesseben
2
2
4
GO1
EP
HP1.1
GO5
3
HP1.2
GO2
KP2
3. Instanzgranularität – Hauptprozessebene
4
2
2
3
HP1.1
GO5
UP1.2.1
GO6
UP1.2.2
GO2
KP2
Abbildung 5.6 Schematische Darstellung der Zusammenhänge „Fachliche Übersichtsmodelle“
95
5 Das Grundmodell
6. Sekundäre Kernprozesse haben in der Regel keinen direkten Bezug zu einem externen
Kunden des Wertschöpfungsprozesses. Unabhängig davon können sie jedoch Geschäftsobjekte mit primären Geschäftsobjekten austauschen.
5.2.4
IT-neutrale Detaillierung der Prozesse und ihrer Aktivitäten
Nachdem Sie die Übersichtmodelle der ersten drei Instanzgranularitäten modelliert haben,
folgt mit den Ebenen der Instanzgranularitäten 4 und 5 die IT-neutrale Detaillierung der
Prozesse und ihrer Aktivitäten. Ziel dieses Modellbereiches ist es, die fachlichen Arbeitsabläufe der ermittelten Unterprozesse darzustellen. Wir verlassen an dieser Stelle die überblicksartige Modellierung und wenden uns der Detailmodellierung zu.
Zur Orientierung können Sie eine Trennung des überblicksartigen und detaillierten dynamischen fachlichen Modellteils anhand der bearbeiteten Geschäftsobjekte und der beteiligten Organisationseinheiten vornehmen. Erfolgt zwischen den
Kern-, Haupt- und Unterprozessen der fachlichen Übersichtsmodelle in der Regel
eine Änderung der beteiligten Organisationseinheiten und der bearbeiteten zentralen Geschäftsobjekte, so bearbeiten die Prozessaktivitäten der Unterprozessund Detailprozessinstanz in der Regel dasselbe zentrale Geschäftsobjekt und
werden durch Mitglieder derselben Organisationseinheit ausgeführt.
Wurde die Modellierung auf den Ebenen 1 bis 3 zur grundsätzlichen Strukturierung der
dynamischen Inhalte Ihres Modells verwendet, so dient die dynamische Modellierung auf
den Ebenen 4 und 5 der fachlichen Detaillierung.
Abbildung 5.7 zeigt die Erweiterung des Modellteils um die Unterprozessinstanz- und Detailprozessinstanz-Ebene.
1. Instanzgranularität
„Unternehmensinstanz“
vertikale Dekomposition
2. Instanzgranularität
Kernprozessinstanz
96
3. Instanzgranularität
Hauptprozessinstanz
optional:
20-40
Prozessaktivitäten
1
2
Fachliche
Übersichtsmodelle
3
4. Instanzgranularität
Unterprozessinstanz
5. Instanzgranularität
Detailprozessinstanz
(optional)
20-40
Prozessaktivitäten
3-5
Unterprozesse
5-6
Hauptprozesse
6-12
Kernprozesse
horizontale Dekomposition
4
Fachliche Detailmodelle
5
Abbildung 5.7
Horizontale und
vertikale Dekomposition der 1. bis 5.
Instanzgranularität
5.2 Aufbau des Grundmodells
Für die fachlichen Detailmodelle beschreiben Sie die einzelnen Arbeitsschritte zur Bearbeitung des übergeordneten Unterprozesses. Dabei sollten Sie nicht mehr als 20 bis 40
Prozessaktivitäten verwenden. Ermitteln Sie zur Identifizierung der relevanten Prozessaktivitäten zunächst alle Arbeitsschritte zur Durchführung des Unterprozesses. Achten Sie
dabei auf möglichst gleiche Granularität und eine IT-neutrale Beschreibung. Es bietet sich
an, hierfür in einem Brainstorming zunächst die zum betrachteten Unterprozess zugehörigen Aktivitäten zu identifizieren. Sortieren Sie diese anschließend nach ihrem zeitlich
logischen Zusammenhang. Bewerten Sie anschließend für jede ermittelte Aktivität, ob sie
zu der zugehörigen Prozessinstanz der Hauptprozessebene die passende Granularität besitzt. Was bedeutet, dass jede Aktivität der beschriebenen Unterprozessinstanz direkt einen
Teilarbeitsschritt zur Bearbeitung der übergeordneten Hauptprozessinstanz leistet. Darüber
hinausgehende Detaillierungen der Aktivitäten sind nicht zulässig.
Betrachten wir exemplarisch den in Abbildung 5.8 dargestellten Prozess „Wareneingangskontrolle“. Eine Instanz der Hauptprozessebene ist ein Wareneingang. Das bedeutet die
Anlieferung von Ware unter einer Bestellung, meistens klar identifizierbar durch eine
Bestell- oder Liefernummer. Die zur Bearbeitung einer solchen Prozessinstanz erforderlichen Aktivitäten „Lieferung prüfen“, „Lieferungspositionen prüfen“, „Wareneingang
buchen“ und „QS Prüfung durchführen“ wurden im Rahmen eines Brainstormings ermittelt. Abbildung 5.8 zeigt den zeitlich logischen Zusammenhang der Aktivitäten der 4. und
5. Instanzgranularität.
Wichtig ist, darauf zu achten, dass sich jede beschriebene Aktivität immer auf die Instanz
des übergeordneten Prozesses oder der übergeordneten Aktivität bezieht – im Fall unseres
Beispiels: der Wareneingangskontrolle an der eingegangenen Gesamtlieferung.
An dieser Stelle dürfen Sie keine Beschreibungen in den Prozessfluss aufnehmen, die sich
nur auf einzelne Bestandteile der übergeordneten Prozessinstanz beziehen. Es wäre demnach falsch, eine Aktivität „Lieferposition zurücksenden“ bei einer nicht der Bestellung
entsprechenden Lieferung in den Prozessfluss der betrachteten Ebene 4 aufzunehmen, da
sich diese nur auf einen Teil der Wareneingangskontrolle einer Gesamtlieferung beziehen
würde.
Diese feine Unterscheidung mag auf den ersten Blick akademisch wirken. Da bei der Modellierung von Prozessen aber die Semantik eines Ablaufes so genau wie möglich beschrieben werden muss, sind Sie an dieser Stelle gefragt, sehr präzise zu arbeiten und Ihre
Modellierung immer wieder kritisch zu hinterfragen.
Bei der Modellierung der Detailprozessinstanz-Ebene verfahren Sie analog. Achten Sie
darauf, diese Ebene nur optional zu verwenden, wenn Sie feststellen, dass Sie zur eindeutigen Beschreibung der fachlichen Hintergründe eine weitere Detaillierung benötigen.
97
5 Das Grundmodell
Lieferung
entspricht nicht
Bestellung
Lieferungsposition
überprüfen
Wareneingang
Liefermenge
zu hoch
Liefermenge
zu gering
Lieferposition
falsch
Lieferung
prüfen
Teillieferung
prüfen
Rücklieferung
prüfen
Lieferung
Lieferung entspricht
entspricht nicht
Bestellung
Bestellung
Lieferposition
ist Teillieferung
Lieferposition
ist keine
Teillieferung
Lieferposition
annehmen
Lieferungspositionen
prüfen
Lieferposition
nicht annehmen
Nachlieferung
prüfen
Lieferung
überprüft
Rücklieferung
Nachlieferung
erforderlich
Wareneingang
buchen
Nachlieferung
nicht
erforderlich
Nachlieferung
initieren
Wareneingang
gebucht
Bestellposition
ändern
QS Prüfung
durchführen
Wareneingangskontrolle
abgeschlossen
Detailprozess
Wareneingangskontrolle
(4. Instanzgranularität)
Auf weitere
Artikel prüfen
Alle Artikel
geprüft
Bestellung
aktualisieren
Lieferung
überprüft
Weitere Artikel
zu prüfen
Detailprozess
Lieferungsposition prüfen
(5. Instanzgranularität)
Abbildung 5.8 Ereignisgesteuerte Prozesskette der 4. und 5 Instanzgranularität (ereignisgesteuerte
Prozesskette)
98
5.2 Aufbau des Grundmodells
Tabelle 5.6 Inhalt und Abgrenzung der Detailprozessebenen (4. und 5. Instanzgranularität)
Benennung der
4. und 5. Instanzgranularität
Name des übergeordneten Unterprozesses. Die Benennung sollte als substantiviertes
Verb erfolgen.
Inhalt
Beschreibung der fachlichen Aktivitäten, die innerhalb des Unterprozesses anfallen.
Genutzte Objekttypen
Aktivitätsobjekt
Das Aktivitätsobjekt beschreibt dynamische Vorgänge
im Detail.
Beziehungsobjekt zwischen
den Aktivitätsobjekten
Das Beziehungsobjekt beschreibt die Beziehung
zwischen den Aktivitätsobjekten. Die Beziehungen
stellen eine Vorgänger-Nachfolger-Beziehung dar.
Abgrenzung/Granularität
der auf den Diagrammen
ausgeprägten Objekte
Alle Aktivitäten auf den erstellten Diagrammen müssen zur vollständigen Bearbeitung
des übergeordneten Unterprozesses erforderlich sein.
Die modellierten Aktivitäten beziehen sich direkt auf die ihnen übergeordnete Prozessinstanz.
Maximal 20–40 Aktivitäten pro Unterprozess
5.2.5
Die statischen Objektbibliotheken des Grundmodells
5.2.5.1 Erstellung der Organisationsbibliothek
Ziel der Organisationsbibliothek ist es, alle für die Modellerstellung relevanten organisatorischen Objekte in strukturierter Form zu erfassen. Wir verstehen darunter das hierarchische Gerüst einer Organisation. Es beschreibt im Wesentlichen die Über- und Unterstellungsstrukturen innerhalb der betrachteten Organisation. Abbildung 5.9 zeigt die empfohlene Struktur zum Aufbau des Organisationsmodellbereichs.
Ausgangspunkt zur Modellierung der Aufbauorganisation ist ein zentrales Objekt, welches
die betrachtete Organisation als Ganzes darstellt. In Abbildung 5.9 finden Sie diesen Ausgangspunkt in der linken oberen Matrixecke, bezeichnet als „Unternehmen/Geschäftsbereich“. Betrachten Sie dieses zentrale Objekt als den Ausgangspunkt Ihres gesamten Organigramms, z.B. Ihr Unternehmen.
Auf der y-Achse wird die vertikale Dekomposition der Organisationsstruktur, ausgehend
von dem zentralen Objekt, abgebildet. Sie orientiert sich an der bereits vorgestellten Aufteilung der ersten drei Instanzgranularitäten der Prozesssicht. Dies bedeutet: Zu jedem
identifizierten Kernprozess bestimmen Sie eine Organisationseinheit. Sie erhalten dadurch
immer genauso viele Organisationseinheiten auf der 1. Instanzgranularität, wie Kernprozesse identifiziert wurden. Analog verfahren Sie mit den Hauptprozessen der 2. Instanzgranularität.
Die Ebene der 3. Instanzgranularität wird bei der disziplinarischen Organisationsmodellierung optional betrachtet. Dies bedeutet, dass eine Detaillierung der Organisationsstruktur
in dieser Ebene nicht zwingend erforderlich ist. Stellen Sie sich die Frage, ob die weitere
Unterteilung der Organisationsstruktur auf der Ebene der Unterprozesse für Ihr Modellierungsziel sinnvoll und notwendig ist.
99
5 Das Grundmodell
Stellen Personen
1-15
Personen
3-5
Orga.eht
5-6
Orga.eht.
6-12
Orga.eht.
horizontale
Detaillierung
Unternehmen /
Geschäftsbereich
1. Instanzgranularität
„Unternehmensinstanz“
2. Instanzgranularität
Kernprozessinstanz
3. Instanzgranularität
Hauptprozessinstanz
je Kernprozess eine
Orga.eht.
optional
vertikale Dekomposition
1
Orga.eht.
horizontale Dekomposition
1 leitende Stelle
0 bis 5
ausführende
Stellen
Organisationseinheiten
individuell
angepasste
Orga.eht.
(optional)
je Unterprozess eine
Orga.eht.
Abbildung 5.9 Horizontale und vertikale Gliederung eines Organisationsmodells
Auf der x-Achse haben wir, korrespondierend zu der empfohlenen Anzahl von Kern-,
Haupt- und Unterprozessen, die mögliche Anzahl an Organisationseinheiten angegeben,
die auf jeder Ebene definiert werden sollten.
Die Empfehlung zur Anzahl der Organisationseinheiten wird ergänzt durch einen Vorschlag zu den maximal zuzuordnenden Stellen und Personen je Organisationseinheit. Erfahrungen haben gezeigt, dass pro Organisationseinheit 1 bis 5 Stellen zugeordnet werden
sollten, die jeweils mit maximal 15 Personen besetzt werden können. Organisationsmodelle, die diesem Mengengerüst folgen, haben sich als sehr stabil erwiesen.
Betrachten wir zur Verdeutlichung unser Beispielunternehmen, zu dem bereits die Kern-,
Haupt- und Unterprozesse definiert wurden. Abbildung 5.10 zeigt die direkte Übertragung
der Prozessstruktur auf die Organisationseinheiten der 1. bis 3. Instanzgranularität am
Beispiel des Wareneingangsprozesses.
Zu jedem Kern-, Haupt- und Unterprozess wurde eine Organisationseinheit mit gleichem
Namen definiert. Für die 1. Instanzgranularität entsteht auf diesem Weg eine sinnvolle und
stimmige Struktur. Bei der zweiten Instanzgranularität, der Detaillierung der Organisationseinheit „Beschaffung“, ist das Bild weniger einheitlich. Die Bereiche Materiallogistik
und Wareneingang sind direkt als Organisationseinheiten zu erkennen. Schwieriger verhält
es sich bei den Organisationseinheiten Rechnungsprüfung, Materialbestellung und Lieferantenauswahl. Hier bietet es sich an, diese drei Bereiche zusammenzufassen zu einer
Organisationseinheit „Material- und Bestellverwaltung“.
100
5.2 Aufbau des Grundmodells
Vertrieb
Lieferantenauswahl
Produktentwicklung
Materialbestellung
Wareneingangskontrolle
Beschaffung
Wareneingang
Warenverbuchung
Auftragsabwicklung
Rechnungsprüfung
Warenreklamation
Service
Materiallogistik
Muster AG
Unternehmensentwicklung
Finanz- und
Rechnungswesen
Marketing
Personalmanagement
Abbildung 5.10
Organigramm abgeleitet aus Kern-,
Haupt- und Unterprozessen
Controlling
Weiterhin ist die Unterteilung der Organisationseinheit „Wareneingang“ in Wareneingangskontrolle, Warenverbuchung und Warenreklamation nicht sinnvoll, da sie eine zu
feine Strukturierung und unnötige Abteilungsbildung verursachen würde.
Eine Überarbeitung führt zu der in Abbildung 5.11 dargestellten angepassten Struktur der
Organisationseinheiten unseres Musterunternehmens.
Vertrieb
Produktentwicklung
Material- und Bestellverwaltung
Beschaffung
Materiallogistik
Auftragsabwicklung
Wareneingang
Service
Muster AG
Unternehmensentwicklung
Finanz- und
Rechnungswesen
Marketing
Personalmanagement
Controlling
Abbildung 5.11
Angepasstes Organigramm,
abgeleitet aus Kern- und
Hauptprozessen
101
5 Das Grundmodell
Nachdem Sie die Organisationseinheiten bestimmt haben, ist die Dekomposition der Organisationsbibliothek abgeschlossen. Sie können jetzt eine Ergänzung um Stellen und Personen hinzufügen, die jedoch keine weitere Dekomposition, sondern lediglich eine Detaillierung darstellt.
Ordnen Sie jeder Organisationseinheit eine leitende Stelle zu. Die Anzahl ausführender
Stellen je Organisationseinheit kann, wie in Abbildung 5.9 gezeigt, zwischen 1 und 5 variieren. Jeder Stelle können Personen zugeordnet werden, welche diese besetzten. Dieser
letzte Schritt ist nicht immer möglich, da es ggf. rechtliche Einschränkungen bei der Modellierung personenbezogener Daten innerhalb eines integrierten Gesamtmodells geben
kann. Beachten Sie an diesem Punkt bitte die individuelle Situation in Ihrem Unternehmen.
Abbildung 5.12 zeigt für unser Beispiel „Wareneingang“ ein erstelltes Organigramm.
Vertrieb
Produktentwicklung
Material- und Bestellverwaltung
Beschaffung
Materiallogistik
Auftragsabwicklung
Wareneingang
Leiter Wareneingang
Peter Müller
Michael Meier
Lagerist
Dieter Marx
Service
Muster AG
Wareneingangskontrolleur
Jörg Vogel
Unternehmensentwicklung
Finanz- und
Rechnungswesen
Marketing
Personalmanagement
Controlling
Abbildung 5.12 Angepasstes Organigramm inklusive Stellen und Personen
Sie erkennen an diesem Beispiel, dass eine prozessorientierte Darstellung sehr gut als Ausgangspunkt für die Gestaltung der Aufbauorganisation einer Organisation genutzt werden
kann. Voraussetzung ist aber immer, dass die entstehende Organisationsstruktur kritisch
hinterfragt und an praktischen Kriterien ausgerichtet wird.
Wie bei der Prozessstruktur existiert im Bereich der Organisationsmodellierung keine
allgemeinverbindliche Vorgabe, die jedes bestehende Modellierungsproblem eindeutig
löst. Die hier vorgestellte Vorgehensweise liefert eine einfache und praktische Vorgehensweise, um individuelle Projekte zu strukturieren.
102
5.2 Aufbau des Grundmodells
Tabelle 5.7 Inhalt und Abgrenzung der Organisationsbibliothek
Benennung der
Organisationsbibliothek
Name des Unternehmens inklusive der Rechtsform. Sollte ein Diagramm
zur Abbildung der Organisationsbibliothek nicht ausreichen, so werden
die benötigten Unterdiagramme nach der Organisationseinheit benannt,
die als Ausgangspunkt des zusätzlichen Diagramms gewählt wurde.
Inhalt
Beschreibung der Organisationsstruktur der betrachteten Organisation
bzw. eines ausgewählten Teilbereiches. Die Bibliothek dient als zentraler
Platz zur Dokumentation aller organisatorischen Inhalte.
Genutzte
Objekttypen
Organisationseinheit
Innerhalb einer Organisationseinheit werden fachlich zusammenhängende Stellen und Personen
zusammengefasst. Eine Organisationseinheit folgt dabei bestimmten
Ordnungskriterien. In unserem Fall
orientiert sie sich an der vorgegebenen Prozessstruktur.
Stelle
Eine Stelle ist die kleinste organisatorisch sinnvolle Einheit innerhalb einer Organisation.
Personen
Real existierende Mitarbeiter, die
einer Stelle zugeordnet sind.
Beziehung zwischen Organisationseinheit, Stelle und Person
Eine Organisationseinheit wird
durch die Zusammenfassung einer
leitenden und einer variablen
Anzahl ausführender Stellen gebildet. Jede Stelle wird mit mindestens einem Mitarbeiter besetzt.
Abgrenzung/Granularität der auf den
Diagrammen ausgeprägten Objekte
Ordnen Sie jedem Kernprozess der Prozesslandkarte eine Organisationseinheit zu.
Verfahren Sie analog mit den Hauptprozessen der 2. Instanzgranularität,
und prüfen danach kritisch die entstehenden Organisationseinheiten.
Fassen Sie die entstandenen Organisationseinheiten – wo sinnvoll –
zusammen.
Verfahren Sie analog mit den Unterprozessen der 3. Instanzgranularität.
Prüfen Sie besonders, ob die ermittelten Organisationseinheiten benötigt
werden. Im Zweifel verzichten Sie komplett auf die Bildung von Organisationseinheiten in dieser Granularität.
Ordnen Sie jeder Organisationseinheit eine leitende Stelle und ggf. untergeordnete Stellen zu. Wenn Sie keine Organisationseinheiten auf der
3. Instanzgranularität erstellt haben, können die Unterprozesse dieser
Ebene zur Identifizierung der erforderlichen Stellen dienen.
Ordnen Sie bei Bedarf jeder Stelle einen oder mehrere Personen zu.
103
5 Das Grundmodell
Abbildung 5.13 zeigt die Modellierung des Organigramms innerhalb der Oracle BPA
Suite. Wir empfehlen, für jede Hierarchieebene ein separates Diagramm zu erstellen. Die
horizontale Detaillierung der Stellen und ggf. Personen erfolgt auf der letzten betrachteten
Hierarchieebene. Außerdem können Sie erkennen, dass geographische Informationen ebenfalls in den Organigrammen der Oracle BPA Suite enthalten sein können.
Muster AG
befindet sich an
Organigramm
Muster AG
(1. Instanzgranularität)
Frankfurt
wird gebildet durch
Vertrieb
Produktentwicklung
Beschaffung
Auftragsabwicklung
Service
Unternehmensentwicklung
Finanz- und
Rechnungswesen
Marketing
Personalmanagement
Controlling
ist fachlich vorgesetzt
Beschaffung
Leiter Beschaffung
Organigramm
Beschaffung
(2. Instanzgranularität)
wird gebildet durch
Material- und
Bestellverwaltung
Materiallogistik
Wareneingang
ist fachlich vorgesetzt
Wareneingang
wird gebildet durch
Organigramm
Wareneingang
(3. Instanzgranularität)
Leiter
Wareneingang
Lagerist
besetzt
besetzt
Peter Müller
Michael Meier
Dieter Marx
wird gebildet durch
Wareneingangskontrolleur
besetzt
Jörg Vogel
Abbildung 5.13 Organisationsmodellierung in der Oracle BPA Suite (Organigramm)
5.2.5.2 Erstellung der Geschäftsobjektbibliothek
Unter einem Geschäftsobjekt verstehen wir jede Form von Eingangs- und Ausgangsobjekten eines Prozessschritts. Geschäftsobjekte werden von wertschöpfenden Aktivitäten verbraucht, bearbeitet oder erzeugt. Ziel der Geschäftsobjektbibliothek ist es, alle Eingangsund Ausgangsobjekte im Bereich der IT-neutralen Modellierung zentral zu erfassen. Dabei
unterscheiden wir nicht zwischen physischen Objekten (wie zum Beispiel Material) oder
nicht physischen Objekten (wie zum Beispiel Informationen).
Im Rahmen der Modellierung der ersten drei Ebenen wurden zu den Kern-, Haupt- und
Unterprozessen die sie verbindenden Geschäftsobjekte identifiziert. Die Geschäftsobjekte
104
5.2 Aufbau des Grundmodells
der ersten drei Modellierungsebenen müssen dabei keine hierarchische Struktur bilden.
Vermeiden Sie, die Geschäftsobjekte auf den ersten drei Ebenen bereits nach hierarchischen Kriterien oder ihrer physischen Ausprägung in der realen Welt auszurichten. Es ist
durchaus erwünscht, auf den ersten drei Modellierungsebenen eine Mischung aus Objekten
zu haben, die entweder physikalische Ressourcen oder Informations-Ressourcen beschreiben. Die Ebenen 1 bis 3 dienen ausschließlich der groben Strukturierung Ihres Modells. Es
wäre falsch, bereits an dieser Stelle zu versuchen, eine genaue Trennung der statischen
Inhalte herbeizuführen. Betrachten wir dazu nochmals das Beispiel der Wareneingangskontrolle. Diese erzeugt sowohl das Geschäftsobjekt „Wareneingangsprotokoll“ und bearbeitet das Geschäftsobjekt „Material“. Wenn wir davon ausgehen, dass das Wareneingangsprotokoll als physisches Objekt, zum Beispiel als Papierausdruck, vorliegt, könnte
man es sowohl der Kategorie physikalische Ressource, bei ausschließlicher Betrachtung
des Informationsinhaltes aber auch in die Kategorie „informationstechnologische Ressource“ einordnen. Im Gegensatz dazu werden Sie sicher das Geschäftsobjekt „Material“ eindeutig dem Bereich „physikalische Ressource“ zuordnen.
Abbildung 5.14 zeigt den Gliederungsvorschlag zur Strukturierung von Informationsobjekten innerhalb des IT-neutralen Teils des integrierten Modells. Ausgehend von der empfohlenen Anzahl an Geschäftsobjekten je Kern-, Haupt- und Unterprozess ergibt sich die theoretische Anzahl von 1476 Geschäftsobjekten innerhalb der IT-neutralen Modellierung. Diese
Zahl basiert auf der Multiplikation der empfohlenen maximalen Anzahl an Kern-, HauptInstanzgranularität 1
max. Anzahl Geschäftsobjekte 1. Instanzgranularität = max. 12 KP x 3 GO je KP => 12x3 = 36 GO
Instanzgranularität 2
max. Anzahl Geschäftsobjekte 2. Instanzgranularität
max. 12 KP x max. 6 HP x 4 GO je HP
=> 12x6x4 – 36 = max. 252 GO
Instanzgranularität 3
max. Anzahl Geschäftsobjekte 3. Instanzgranularität
max. 12 KP x max. 6 HP x max. 5 UP x 4 GO je UP
=> 12x6x5x4 – 252 = 1188 GO
…
max. ergeben sich 1476 GO
Instanzgranularität
4 und 5
Ausschließliche Verwendung der max. 1476 GO innerhalb des IT neutralen Modellbereichs
Jedes dieser GO muss in sich abgeschlossen und von anderen GO klar abgrenzbar sein.
Legende:
GO: Geschäftsobjekt(e)
KP: Kernprozess(e)
HP: Hauptprozess(e)
UP: Unterprozess(e)
Abbildung 5.14 Aufbau der Geschäftsobjektbibliothek im IT-neutralen Modellteil
105
5 Das Grundmodell
Haupt- und Unterprozessen mit der auf den betrachteten Ebenen maximalen Anzahl an
Geschäftsobjekten und anschließender Addition. Auch wenn die Anzahl der Geschäftsobjekte pro Kern-, Haupt- und Unterprozess gering erscheint, die maximal mögliche Anzahl
von mehr als 1400 Geschäftsobjekten reicht in der Regel aus, um eine IT-neutrale fachliche Modellierung vollständig aufzubauen.
Bei der Erstellung des Grundmodells legen Sie die Geschäftsobjekte bitte ohne Beziehung
zueinander in der Oracle BPA Suite in einem Diagramm ab.
Eigentlich wäre es ausreichend, die Geschäftsobjekte ausschließlich im Repository zu definieren, ohne sie graphisch auf Diagrammen auszuprägen. Bei der
Durchführung einer Datenbankreorganisation innerhalb der Oracle BPA Suite
würden diese Objekte aber verloren gehen, weshalb grundsätzlich eine graphische Ausprägung jedes Objektes sinnvoll ist.
Legen Sie aus diesem Grund im Rahmen der Erstellung des Grundmodells ein Containerdiagramm für die Geschäftsobjekte an. Die Bezeichnung „Containerdiagramm“ verwenden
wir für Diagramme, die lediglich zur Sicherung der Objekte gegen Datenverlust bei einer
Reorganisation benötigt werden. Es empfiehlt sich, die Objekte zur besseren Übersicht
innerhalb dieses Diagramms alphabetisch zu sortieren. Diese Funktion kann schnell mit
Hilfe eines Reports automatisiert werden. Abbildung 5.15 zeigt ein solches Containerdiagramm für Geschäftsobjekte.
Abbildung 5.15 Geschäftsobjektmodellierung mit Hilfe eines Containerdiagramms (Fachbegriffsdiagramm)
5.2.5.3 Erstellung der Anwendungssystembibliothek
Die Modellierung der Anwendungssystembibliothek erfolgt je nach dem Informationsbedürfnis im Unternehmen heterogen. Sie kann ausgehend von der reinen Beschreibung
vorhandener Anwendungssystemtypen bis hin zu einer detaillierten Aufgliederung der
106
5.2 Aufbau des Grundmodells
Systemmodule und Masken erfolgen. Grundsätzlich empfehlen wir, in diesem Modellbereich nur Anwendungssysteme und deren Bestandteile aufzunehmen, die in einem direkten
Zusammenhang mit dem Endbenutzer stehen. Dies bedeutet: es sollten hier nur für die
betriebliche Wertschöpfung 2 oder deren Unterstützung relevante Anwendungssysteme
aufgeführt werden. Hierzu zählen wir unter anderem PPS und Buchhaltungssysteme.
Abbildung 5.16 zeigt eine mögliche Unterteilung Ihrer Anwendungssystemlandschaft.
Anwendungssysteme
Administrative und
Operative Systeme
Querschnittssysteme
Domainspezifische
Systeme
Management-Systeme
Zwischenbetriebliche
Systeme
FührungsInformationsSysteme
Planungssysteme
Anwendungssystem-Typ
Anw.System,
Anwendungssystem-Typ
Anw.System
Anwendungssystem-Typ
Anw.System
Anwendungssystem-Typ
Anw.System
Anwendungssystem-Typ
Anw.System
Modul-Typ
Modul
Modul-Typ
Modul
Modul-Typ
Modul
Modul-Typ
Modul
Modul-Typ
Modul
Maske-Typ
Maske
Maske-Typ
Maske
Maske-Typ
Maske
Maske-Typ
Maske
Maske-Typ
Maske
Abbildung 5.16 Vorschlag zur Unterteilung der Anwendungssystemlandschaft
Wir unterscheiden dabei zunächst administrative und operative Systeme von den Management-Systemen. Stehen die Ersteren in einer direkten Beziehung zu den wertschöpfenden
Prozessen und den zur Aufrechterhaltung des operativen Betriebs erforderlichen sekundären Prozessen, so dienen die Management-Systeme der Planung und Führungsinformation.
Die Beschreibung eines Systems innerhalb Ihres Modells kann darüber hinaus entweder
typisiert oder als Instanz erfolgen. Typisiert bedeutet, dass Sie nur die abstrakten Einheiten
eines Systems beschreiben. Zum Beispiel das Vorhandensein von Oracle Applications als
ERP-System, ohne auf eventuell vorhandene Mandanten des Systems einzugehen. Die
Instanzmodellierung geht über die abstrakte Beschreibung hinaus und identifiziert jedes
vorhandene Oracle Applications-System mit Lizenznummer. Sie können sich vorstellen,
dass je nach betrachtetem System die instanzbasierte Modellierung zu einer großen Anzahl
modellierter Artefakte führen kann. Dies ist unter anderem der Fall, wenn Sie beispielsweise versuchen, lokale Client-Installationen von Anwendungssystemen auf Instanzbasis
zu modellieren. Wägen Sie aus diesem Grund immer kritisch ab, ob das angestrebte Modellierungsziel diese Detaillierung erfordert.
2
Je nachdem, mit wem Sie in einem Unternehmen sprechen, werden zu den Anwendungssystemen auch
Softwareprodukte gerechnet, die nur indirekt an der betrieblichen Wertschöpfung beteiligt sind. Dies
sind zum Beispiel Datenbanken und Middleware, die zwar zum Betrieb der mit wertschöpfenden Prozessen des Unternehmens verbundenen Anwendungssysteme erforderlich sind, aber keine direkte Verbindung zu den (fachlichen) wertschöpfenden Prozessen haben. Diese ordnen wir dem Bereich der Infrastrukturbibliothek zu.
107
5 Das Grundmodell
Darüber hinaus können Sie die Modellierung um Inhalte zu Modulen (Komponenten) der
Anwendungssysteme und Masken erweitern. Beide Erweiterungen können ebenfalls typisiert oder als Instanz erfolgen.
Tabelle 5.8 Inhalt und Abgrenzung der Anwendungssystembibliothek
Benennung der
Anwendungssystembibliothek
Name des Anwendungssystems im Unternehmen
Inhalt
Innerhalb der Anwendungssystembibliothek werden die (relevanten) Anwendungssysteme
des betrachteten Unternehmens/Unternehmensbereichs beschrieben. Dazu wird zu jedem
Anwendungssystem eine eigene Unterbibliothek angelegt.
Genutzte
Objekttypen
Anwendungssystemtyp
Ein Anwendungssystemtyp beschreibt ein abstraktes Anwendungssystem, das zur betrieblichen Wertschöpfung eingesetzt wird.
Anwendungssystem
(optional)
Ein Anwendungssystem ist eine konkrete Ausprägung eines Anwendungssystemtyps. In der Regel kann ein Anwendungssystem eindeutig
(zum Beispiel mit Hilfe einer Lizenznummer) identifiziert werden.
Modultyp
Ein Modultyp ist ein abstrakter Bestandteil eines Anwendungssystemtyps. Die Modellierung eines Modultyps erfordert immer das Vorhandensein eines übergeordneten Anwendungssystems und von mindestens zwei voneinander unabhängigen, dem Anwendungssystemtyp
untergeordneten Modultypen.
Modul (optional)
Ein Modul ist die konkrete Ausprägung eines Modultyps. In der Regel
kann ein Modul eindeutig identifiziert werden.
Maskentyp
Ein Maskentyp beschreibt eine abstrakte Maske eines Anwendungssystem- oder Modultyps.
Maske (optional)
Eine Maske beschreibt die konkrete Ausprägung einer Maske eines
Anwendungssystems oder Moduls.
Abgrenzung/Granularität
der auf den Diagrammen
ausgeprägten Objekte
Erzeugen Sie für jedes Anwendungssystem ein eigenes Bibliotheksdiagramm.
Legen Sie fest, ob Sie die Anwendungssysteme auf Typ- oder Instanzebene beschreiben wollen.
Die Typenebene empfiehlt sich immer dann, wenn Sie viele gleichartige Anwendungssysteme
betrachten. Dadurch verringert sich Ihr Modellierungsaufwand. In den meisten Fällen ist eine
Modellierung auf Typenebene ausreichend.
Modellieren Sie entsprechend Ihrer Wahl die typisierten oder instanziierten Unterstrukturen
(Modultypen oder Module und Maskentypen oder Masken).
Die Modellierung der Anwendungssystemlandschaft innerhalb der Oracle BPA Suite erfolgt im Grundmodell unter Verwendung der beiden Diagrammtypen Anwendungssystemtypen- und Zugriffsdiagramm.
Das Anwendungssystemtypendiagramm enthält Informationen zu der ggf. vorhandenen
Modulstruktur und den verfügbaren Masken des betrachteten Systems. Legen Sie für jedes
Anwendungssystem ein eigenes Diagramm an. Abbildung 5.17 zeigt ein vereinfachtes
Anwendungssystemtypendiagramm zur Beschreibung des Einkaufssystems „Procurement
XT“.
108
5.2 Aufbau des Grundmodells
Abbildung 5.17
Modellierung eines
Anwendungssystems
(Anwendungssystemtypendiagramm)
Zusätzlich zur Modellierung der Module und Masken eines Anwendungssystems können
im Rahmen der Erstellung der Anwendungssystembibliothek noch die technischen Beziehungen eines Anwendungssystems modelliert werden. Die Oracle BPA Suite bietet aufgrund des geschlossenen Metamodells keine Möglichkeit, umfangreiche Erweiterungen
hinsichtlich der Infrastrukturmodellierung vorzunehmen. Abbildung 5.18 zeigt eine exemplarische Modellierung der Hardware-, Betriebssystem- und Datenbankbasis des Anwendungssystems „Procurement XT“. Außerdem ermöglicht diese Form der Modellierung die
Verbindung mit Objekten der Organisationsmodellierung, so dass organisatorische Verantwortlichkeiten für System und Hardware ebenfalls dargestellt werden können.
Abbildung 5.18 Modellierung der Hardware-, Betriebssystem- und Datenbankbasis (Zugriffsdiagramm)
109
5 Das Grundmodell
Beachten Sie, dass die Objekte der Hardware-, Betriebssystem- und Datenbankbasis innerhalb der Infrastrukturbibliothek definiert und ebenfalls auf einem Containerdiagramm
ausgeprägt werden sollten.
5.2.5.4 Erstellung der Infrastrukturbibliothek
Die Beschreibung der theoretischen Möglichkeiten zur Modellierung der Infrastruktur
könnte ein ganzes Buch füllen. Grund dafür ist die extreme Heterogenität der unter dem
Begriff „Infrastruktur“ zusammengefassten Inhalte. Diese reichen von IT-Infrastruktur mit
den Bestandteilen Software-Infrastruktur – z.B. Datenbanken, Middleware, Security etc. –
Hardwareinfrastruktur – z.B. Hardwareserver, Storage-Lösungen, Netzwerke etc. – bis zu
den Betriebsmitteln, Maschinen und Anlagen, die man im Rahmen der wertschöpfenden
Tätigkeit des Unternehmens benötigt.
Selbstverständlich können Sie basierend auf Ihrem individuellen Metamodell-Entwurf
viele dieser Strukturen erfassen und modellieren. Wir betrachten bei unserem Vorschlag
zur Strukturierung der Infrastrukturbibliothek exemplarisch nur die IT-Infrastrukturinhalte:
Server (Hardware und virtualisierte Server) und
Datenbanken
Das geschlossene Metamodell der Oracle BPA Suite ermöglicht nur eine eingeschränkte Modellierung der IT-Infrastruktur, die für die überblicksartige Darstellung innerhalb
des integrierten EA-BPM-SOA-Modells jedoch ausreichend ist.
Die Erstellung einer Infrastrukturbibliothek kann sehr umfangreich werden. Wir
beschränken uns in unserem Ansatz auf die für das integrierte EA-BPM-SOAModell erforderliche minimale Struktur. Selbstverständlich können Sie die von uns
vorgeschlagene Auswahl bei Bedarf ergänzen, um einen breiteren Bereich der
Infrastrukturbeschreibung abzudecken.
Server (Hardware und virtualisierte Server)
Die Modellierung der Serverhardware und gegebenenfalls virtueller Server wird benötigt,
um im integrierten Modell darzustellen, welche Hardwareplattformen zum Betrieb der ITAnwendungen erforderlich ist. Legen Sie die Objekte zur Beschreibung der Serverinfrastruktur analog zur Modellierung der Geschäftsobjekte in einem Containerdiagramm vergleichbar der Abbildung 5.19 ab.
Zur eindeutigen Kennzeichnung der Serverhardware ist es alternativ zur Angabe der Servernamen (in unserem Beispiel Rechner 1…n) auch möglich, deren IP-Adressen anzugeben.
110
5.2 Aufbau des Grundmodells
Abbildung 5.19 Servermodellierung mit Hilfe eines Containerdiagramms (Beispiel)
Datenbanken
Datenbanken stellen im Kontext des integrierten Modells eine besondere Komponente dar.
Sie dienen als Quellen und Senken für digital verarbeitete Informationen. Im Rahmen
eines integrierten EA-BPM-SOA-Modells sind Datenbanksysteme ein wichtiger Bestandteil. Damit digitalisierte Prozesse tatsächlich das von ihnen erwartete Ergebnis erzeugen,
ist die Verfügbarkeit, Vollständigkeit und Richtigkeit der Daten von besonderer Bedeutung. Besonders im fachlichen SOA-Teil des integrierten Gesamtmodells werden Informationen über die von Services verarbeiteten Daten benötigt. Deren Quellen und Senken
innerhalb der betrachteten Organisation zu kennen, ist aus diesem Grund besonders relevant. Modellieren Sie die verfügbaren Datenbanken bei der Erstellung des Grundmodells
ebenfalls in einem Containerdiagramm. Auch die Datenbanken innerhalb Ihres integrierten
Modells können Sie selbstverständlich eindeutig mit ihrem Namen benennen und so klar
identifizieren.
5.2.6
Aufbau der Grundstruktur eines integrierten Modells
in der Oracle BPA Suite
Um die Inhalte des integrierten Modells in der Oracle BPA Suite geordnet abzulegen,
benötigen Sie eine Ordnerstruktur. Möglich wäre die Strukturierung der Inhalte nach der
Prozess-, Organisations-, Daten-, Anwendungs- und Infrastruktur-Architektur oder nach
den Hauptmodellbereichen EA, BPM und SOA. Beide Strukturierungen halten wir nicht
für empfehlenswert.
Die Strukturierungen nach den Architekturebenen würden dazu führen, dass Inhalte unterschiedlicher Detaillierung innerhalb eines Modellbereiches abgebildet werden müssten.
Zum Beispiel würden im Bereich der Prozessarchitektur fachliche und automatisierungsrelevante Inhalte zusammen erfasst werden.
Die Gruppierung nach den Hauptmodellbereichen EA, BPM und SOA würde dazu führen,
dass eine Zuordnung von Artefakten zum EA,BPM- oder SOA-Modellteil erforderlich
111
5 Das Grundmodell
wäre. Wie wir bereits erläutert haben, ist diese aufgrund der hohen Überdeckungen der
Bereiche nicht leicht vorzunehmen, wodurch ein großer Interpretationsspielraum bei der
Modellierung entstehen würde.
Die Strukturierung des Modells nach dem Grad der Beziehung der Inhalte zur
Informationstechnologie führt zu den besten Modellierungsergebnissen.
Wir empfehlen aus diesem Grund die Unterteilung des Repositorys in die Hauptbereiche
Fachliche Inhalte
Fachliche IT-Inhalte und
Informationstechnische Inhalte
Ein weiterer Grund für die Wahl dieser Gliederung ist das Rechtekonzept der Oracle BPA
Suite. Durch die Unterteilung in Fachliche, Fachliche IT- und Informationstechnische
Inhalte kann der Zugriff auf die jeweiligen Inhalte genau mit Berechtigungen belegt werden. Beispielsweise können Prozessmodellierer durch diese Teilung lesend auf Objekte
der Anwendungs- und Infrastrukturmodellierung zugreifen, diese jedoch nicht verändern.
Neben der erforderlichen aufgeräumten Ablage Ihrer Modellinhalte ergeben sich erste
Governance-Strukturen Ihrer Modellierung.
Wir erstellen zunächst die Ordnerstruktur, wobei bereits jetzt einige Ordner angelegt werden, die erst im weiteren Verlauf der Modellierung benötigt werden. Bisher nicht beschriebene Inhalte werden wir im weiteren Verlauf des Buches erläutern (siehe die jeweilige
Kapitelangabe in Tabelle 5.9).
Fachliche Inhalte
Innerhalb dieses Modellbereiches werden alle betriebswirtschaftlichen Modellierungsinhalte zusammengefasst. Dies umfasst die IT-neutrale Modellierung der Prozesse, der Geschäftsobjekte, der Organisationsstruktur und der Prozesscontrollinginhalte.
Fachliche IT-Inhalte
Innerhalb dieses Modellbereiches werden alle Informationen abgelegt, die genau an der
Schnittstelle zwischen fachlicher und IT-Modellierung liegen. Wesentliches Kriterium zur
Einordnung in diesen Bereich ist, dass die beschriebenen Inhalte bereits einen IT-Bezug
haben, gleichzeitig aber immer noch relevant sind für die fachlichen Nutzer des Modells.
Beispielsweise stellt ein fachlicher IT-Prozess bereits klar einen IT-Bezug her, ist gleichzeitig aber auch relevant für einen fachlich orientierten Nutzer, da dieser später mit dem
IT-Prozess – zum Beispiel einer Bedienungsanweisung für ein IT-System – in Berührung
kommt. In diesem Modellbereich werden IT-Anwendungsfälle, IT-Prozesse, IT-Geschäftsobjekte, IT-Rollen, IT-Services, Maskendefinitionen und Maskenflüsse abgelegt.
112
5.2 Aufbau des Grundmodells
Informationstechnische Inhalte
Innerhalb dieses Modellbereiches werden alle Informationen abgelegt, die eindeutig ITspezifisch und für einen fachlich orientierten Nutzer des Modells in der Regel nicht relevant sind. Er enthält generierte BPEL-Diagramme, die IT-Architektur, SOA- und XSDProfile.
Dynamische und statische Unterteilung
Anschließend unterteilen Sie jeden Hauptbereich in einen Modellteil für dynamische und
statische Inhalte. Ersterer fasst alle Inhalte, die das zeitlich logische Verhalten eines Prozesses beschreiben, zusammen. Statische Inhalte beschreiben Ressourcen, die in Prozessen
erzeugt, genutzt oder verbraucht werden.
Tabelle 5.9 zeigt den von uns empfohlenen Grundaufbau der Ordnerstruktur unterhalb der
genannten Hauptbereiche. Sie können diese Struktur ergänzen, je nachdem, welche zusätzlichen Artefakte Sie in Ihrem Modell aufnehmen möchten. Folgen Sie dabei aber immer
der vorgestellten Grundgliederung.
Tabelle 5.9 Empfohlene Gliederung der Oracle BPA Suite-Ordnerstruktur im integrierten Modell
Ebene 1
Ebene 2
Ebene 3
Fachliche
Inhalte
Dynamische …
Inhalte
Beschaffungsprozesse
Controllingprozesse
Statische
Inhalte
Beschreibung
…
Ablage rein betriebswirtschaftlicher Prozessbeschreibungen ohne IT-Bezug. Jeder Kernprozess und alle untergeordneten Prozesse
erhalten jeweils einen eigenen Ordner.
…
…
Geschäftsobjekte
Ablage aller Geschäftsobjekte, die auf den
Instanzgranularitätsebenen 1 bis 5 ermittelt
und modelliert wurden.
Organigramme
Ablage aller aufbauorganisatorischen Inhalte.
Prozesscontrolling
Fachliche
IT Inhalte
Ebene 4
Dynamische IT-Anwendungsfälle
Inhalte
IT-Prozesse
Kennzahlen
Ablage der betriebswirtschaftlichen Kennzahlendefinitionen für ein Business Activity Monitoring
(s. Kapitel 9).
Ziele und Erfolgsfaktoren
Ablage der Ziele und Erfolgsfaktoren zur Bewertung der Prozessergebnisse und -qualität
(s. Kapitel 9).
Ablage der IT-Anwendungsfälle, welche die ITtechnische Unterstützung fachlicher Prozesse
bereitstellt
(s. Kapitel 6, 7 u.8).
Ablage der Prozessbeschreibungen zu MenschMaschine-Interaktionen zwischen Anwender und
IT-Systemen sowie durch IT-Systeme automatisierte Prozesse
(s. Kapitel 6, 7, 8 u. 9).
113
5 Das Grundmodell
Ebene 1
Ebene 2
Ebene 3
Fachliche
IT Inhalte
(Forts.)
Statische
Inhalte
IT-Geschäftsobjekte
Ablage von detaillierten Beschreibungen zu
Geschäftsobjekten, die in IT-Systemen abgebildet werden
(s. Kapitel 6, 7, 8 u. 9).
IT-Rollen
Ablage der an IT-Prozessen beteiligten Rollen
(s. Kapitel 6, 7, 8 u. 9).
IT-Services
Ablage der fachlichen IT-Services zur Verwendung innerhalb einer SOA
(s. Kapitel 7 u. 8).
Maskendefinitionen
Ablage der in Mensch-MaschineInteraktionsprozessen genutzten IT Masken
(s. Kapitel 6).
Maskenflüsse
Ablage der Maskenflüsse analog zu den
Mensch-Maschine-Interaktionsprozessen
(s. Kapitel 6).
Informationstechnologische Inhalte
Ebene 4
Dynamische Generierte BPEL
Inhalte
Diagramme
Statische
Inhalte
IT-Architektur
Beschreibung
Ablage der automatisch generierten BPELProzesse als Containerbereich für die Anbindung der Oracle SOA Suite.
Anwendungssysteme
Ablage der Informationen zu verfügbaren
Anwendungssystemen
(s. Kapitel 6).
Datenbanken
Ablage der Informationen zu verfügbaren
Datenbanken.
Server (Hardware
Ablage der Informationen zu verfügbaren
und virtuelle Server) Servern.
SOA-Profile
Ablage der automatisch erzeugten SOA-Profile
zur Anbindung der Oracle SOA Suite.
In der Oracle BPA Suite ergibt sich daraus die in Abbildung 5.20 dargestellte Ordnerstruktur. Betrachten Sie diese Ordnerstruktur nur als Ausgangspunkt für Ihre eigenen Überlegungen. Je nach individueller Zielsetzung werden Sie Ergänzungen und Detaillierungen
vornehmen müssen.
114
5.2 Aufbau des Grundmodells
Abbildung 5.20 Grundstruktur zur Ablage der Modellinhalte in der Oracle BPA Suite
115
6
6 Modellgestützte fachliche
Konzeption individueller IT-Systeme
6.1
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet
Warum sollte die IT in der Regel den Geschäftsprozessen folgen und nicht umgekehrt?
Welche Vorteile bringt eine strukturierte Anforderungserhebung auf Basis eines durchgängigen Fachprozesses?
Wie nehme ich am besten Fachprozesse im Rahmen einer Fachkonzepterstellung auf?
Wie stelle ich Fachprozesse, Systemverhalten und statische Systemkomponenten im
Modell dar?
Welche Teile eines Fachkonzepts sollte ich im Modell darstellen und welche nicht?
Wie funktioniert eine modellgestützte Fachkonzeption mit der Oracle BPA Suite?
6.2
Die Bedeutung fachlicher Anforderungen
Es existieren zahlreiche Studien zu den Gründen des Scheiterns von IT-Projekten. Dabei
kann mit dem Begriff „Scheitern“ sowohl gemeint sein, dass ein IT-Projekt abgebrochen
wird, als auch, dass der Projektzeitplan nicht eingehalten oder das finanzielle Budget überzogen worden ist. Auch die Realisierung eines Systems, das sich anschließend in der Praxis als untauglich herausstellt, muss als gescheitertes IT-Projekt angesehen werden. Die
große Anzahl solcher Studien lässt bereits vermuten, dass das Scheitern von IT-Projekten
ein häufiges Problem in Unternehmen darstellt. Dies wiederum ist für den Business-Analysten eine große Chance, Unternehmen einen Mehrwert anzubieten, indem ein Vorgehen
entwickelt wird, das dem Scheitern von IT-Projekten entgegenwirkt. Ein solches Vorgehen
zur fachlichen Konzeption individueller IT-Systeme wird in diesem Kapitel vorgestellt.
117
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Nicht nur die Anzahl der Studien, auch ihr Inhalt bietet eine interessante Erkenntnis: Als
wichtigster Grund für das Scheitern von IT-Projekten wird fast durchgehend die unklare
Definition bzw. das unzureichende Verständnis der fachlichen Anforderungen identifiziert.
Dies wiederum resultiert aus der in Kapitel 2 beschriebenen Problematik der unterschiedlichen Sichten, die die verschiedenen an einem IT-Projekt beteiligten Personenkreise haben.
Das in diesem Kapitel vorgestellte Vorgehen sieht diese fachlichen Anforderungen als Basis für die Konzeption eines IT-Systems und hilft bei deren Identifikation, Beschreibung
und Kommunikation zwischen allen an einem IT-Projekt Beteiligten.
Unternehmen haben über die letzten Jahre hinweg gelernt, dass ihre Geschäftsprozesse und
deren Qualität entscheidenden Einfluss auf den Unternehmenserfolg haben. Die eigentlich
logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis, auch die IT nach den Geschäftsprozessen auszurichten, ist dagegen noch nicht sehr verbreitet. Besonders in der Vergangenheit wurde
häufig der Fehler gemacht, Systeme einzuführen, die bestimmte Arbeitsabläufe (Fachprozesse) vorgeben. An dieser Stelle sei zunächst gesagt, dass ein solches Vorgehen nicht
immer falsch sein muss. Je standardisierter die Prozesse sind, um die es geht, desto sinnvoller kann die Einführung einer Standardsoftware sein. Für Standardprozesse wie Rechnungsprüfung oder Finanzbuchhaltung wird es in den wenigsten Fällen sinnvoll sein, eine
vollständige Individuallösung zu entwickeln. In solchen Fällen ist der Aufwand, der bei
der Einführung einer Standardsoftware anfällt, sicherlich geringer als der Entwicklungsaufwand einer neuen Lösung. Dennoch ist es wichtig zu wissen, dass eine Softwareeinführung, durch die neue Fachprozesse vorgegeben werden, bestimmte Konsequenzen für alle
am Projekt Beteiligten und darüber hinaus mit sich bringt: Ein solches Vorgehen hat zur
Folge, dass die Mitarbeiter in der Fachabteilung ihre ggf. seit Jahren praktizierten und bis
ins kleinste Detail beherrschten Abläufe aufgrund einer neuen Standardsoftware grundlegend ändern müssen. Dies erhöht nicht gerade die Akzeptanz der neuen Lösung. Tatsächlich unterschätzen Unternehmen den enormen Aufwand einer solchen organisatorischen
Veränderung. Organisatorische Veränderungen stellen in sich eigene Change-Management-Projekte dar, deren Umsetzung über die technischen Aspekte einer Systemeinführung
weit hinausgeht. Grundlegende Veränderungen in den Arbeitsabläufen sollten also genauestens auf ihre Notwendigkeit geprüft werden. Ein IT-Projekt wird in den meisten Fällen
keine Verbesserung dadurch erzielen, dass man den Mitarbeitern (Experten auf ihrem
Fachgebiet) vorschreibt, wie sie ab sofort ihre Arbeit zu erledigen haben. Es muss vielmehr darum gehen zu definieren, wie IT die Arbeit der Experten unterstützen und somit
verbessern kann.
In den allermeisten Fällen kann man sagen: Nicht die Geschäftsprozesse
müssen der IT folgen, sondern die IT folgt den Geschäftsprozessen.
Die zugrunde liegende These hatte Nicholas Carr bereits im Mai 2003 im Harvard Business Review [Carr03] festgestellt, als er erläuterte, dass Wettbewerbsvorteile nicht mehr
durch IT als solche (IT besitzt heute jedes Unternehmen), sondern durch deren optimalen
Einsatz im Rahmen der Unterstützung der Geschäftsprozesse zu erreichen sind. Geht man
davon aus, dass diese Feststellung zutrifft, stellt sich die Frage, warum bis heute bei einem
118
6.2 Die Bedeutung fachlicher Anforderungen
Großteil der IT-Projekte, die abgebrochen oder zumindest nur über Zeit- und Finanzbudget
fertiggestellt werden, die unklare Definition bzw. das fehlende Verständnis der Anforderungen den Grund für die unbefriedigende Qualität darstellen. Konkret bedeutet dies, dass
die fachlichen Anforderungen der späteren Anwender des Systems nicht gründlich und
umfassend genug erfasst und dokumentiert bzw. nicht von den Entwicklern verstanden
werden und die Entwicklung des Systems daraufhin in der Regel an den Anforderungen
aus der Fachabteilung vorbeigeht. Das Resultat sind fehlende Systemakzeptanz und eine
ganze Reihe von Change Requests, deren Umsetzung um ein Vielfaches teurer ist als die
von bereits in der Konzeptionsphase identifizierten Anforderungen.
Die vollständige Erfassung sowie das umfassende Verständnis der Anforderungen des Fachbereichs stellen die wichtigste Grundlage für ein erfolgreiches ITProjekt dar.
Der Grund für dieses Problem ist wieder einmal der sog. „Engineering Gap“, also die bereits beschriebene Sprachbarriere zwischen Fachabteilungen und IT-Welt. Während in der
fachlichen Welt Fachprozesse und organisatorische Strukturen Gegenstand einer Unternehmensbeschreibung sind, zählen in der IT-Welt Programmabläufe, Maskendesigns und
Datenmodelle. Um den (zugegebenermaßen etwas hochtrabend ausgedrückten) Übergang
zwischen den Welten im Rahmen der Konzeption und Entwicklung eines IT-Systems sauber und fließend zu gewährleisten, wird ein ganzheitlicher Ansatz zu einer geschäftsprozessorientierten, integrierten Systementwicklung von der Erfassung der fachlichen Abläufe
über die Detaillierung und Erweiterung dieser um IT-relevante Inhalte bis hin zur Übergabe an entsprechende Realisierungstools benötigt. Die Grundlage stellt dabei die Erfassung
und Dokumentation der fachlichen Prozesse dar. Nur wenn die fachlichen Abläufe in der
Fachabteilung vollständig und korrekt beschrieben werden, lässt sich auf Basis dieser Beschreibung ein System konzipieren, das diese Abläufe optimal unterstützen kann. Wichtig
ist dabei zunächst wiederum die Unterscheidung zwischen der fachlichen und der technischen Sicht. In der fachlichen Sicht werden die Fachprozesse unabhängig von technischer
Unterstützung dargestellt. Es ist sicherlich einleuchtend, dass ein korrekt dokumentierter
fachlicher Ablauf sich nicht dadurch verändern sollte, dass ein IT-System ausgetauscht
wird. In der technischen Sicht wird dagegen dargestellt, was im IT-System passiert, um die
fachlichen Aufgaben zu unterstützen. Nachdem die beiden Sichten also gegeneinander abgegrenzt sind, besteht die Herausforderung darin, diese beiden Sichten zu verbinden und
damit den „Engineering Gap“ zu überbrücken.
Sehen wir uns noch einmal die bereits bekannte Abbildung 6.1 der horizontalen und vertikalen Modelldekomposition an, so lässt sich der Übergang zwischen der fachlichen Sicht
und der IT-Sicht zwischen den Ebenen 5 und 6 einordnen. Während wir auf Ebene 5 also
fachliche Sachverhalte darstellen, bilden wir auf Ebene 6 die technische Unterstützung der
fachlichen Aktivitäten als Interaktion eines Benutzers mit einem IT-System ab.
119
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
1. Instanzgranularität
Unternehmensinstanz
2. Instanzgranularität
Kernprozessinstanz
3. Instanzgranularität
Hauptprozessinstanz
vertikale Dekomposition
7‘. Instanzgranularität
implementierte
IT-Prozessinstanz
IT-Automatisierungsobjekte
(implementiert)
IT-Automatisierungsobjekte
(generiert)
5-40
IT-Aktivitäten
2
Fachliche
Übersichtsmodelle
3
4
Fachliche Detailmodelle
6. Instanzgranularität
IT-Interaktionsinstanz
7. Instanzgranularität
IT-Prozessinstanz
optional:
20-40
Prozessaktivitäten
1
4. Instanzgranularität
Unterprozessinstanz
5. Instanzgranularität
Detailprozessinstanz
(optional)
20-40
Prozessaktivitäten
3-5
Unterprozesse
5-6
Hauptprozesse
6-12
Kernprozesse
horizontale Dekomposition
5
6
Fachliche IT-Modelle
Ausführbare IT-Modelle
7
7‘
Abbildung 6.1 Horizontale und vertikale Dekomposition
Durch die Orientierung an den relevanten Fachprozessen lassen sich die Anforderungen,
die sich daraus an die IT ergeben, strukturiert und in einem Gesamtkontext erheben, und
die Wahrscheinlichkeit, dass wichtige Anforderungen vergessen oder nicht ausreichend
verstanden werden, wird minimiert. Auch in Bezug auf die be- und verarbeiteten Informationen bringt die Orientierung an einem durchgängigen Prozess Vorteile mit sich: Anstatt
nur die Daten zu beschreiben, die ein System zur Verarbeitung benötigt, ist es sinnvoll,
nachzuvollziehen, wo diese Daten herkommen. Wenn Daten bereits in einem anderen System vorliegen, ist die Realisierung einer Systemschnittstelle eine bessere Variante als eine
Eingabemaske zur manuellen Erfassung, die neben dem Risiko von Eingabefehlern auch
dazu führt, dass die gleichen Informationen in unterschiedlichen Systemen vorgehalten
werden, wodurch sich Inkonsistenzen im Datenbestand ergeben können.
Es ist unbestritten, dass bei einer prozessorientierten modellbasierten Vorgehensweise zur
Erstellung von Fachkonzepten stets auch Informationen aufgenommen werden, die für die
Konzeption eines IT-Systems weniger relevant sind. Die Praxis zeigt jedoch, dass der Modellierungsaufwand, der zur vollständigen Identifikation der fachlichen Anforderungen
betrieben wird, in keinem Verhältnis zum Aufwand steht, der notwendig wird, wenn Anforderungen vergessen bzw. missverstanden werden und aus diesem Grund nach der Systemeinführung Anpassungen durchgeführt werden müssen.
Kommen wir noch einmal zurück auf die Frage, warum man nicht grundsätzlich Standardsoftware einführen und die Fachprozesse vorgeben lassen sollte. An dieser Stelle sei ge-
120
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
sagt, dass auch für die Auswahl einer Marktlösung die Anforderungen aus dem Fachbereich, die sich aus den Arbeitsabläufen ergeben, zumindest grob identifiziert werden müssen. Andernfalls ist die Frage, ob am Markt überhaupt passende Lösungen existieren, nicht
zuverlässig zu beantworten. Zumindest besteht die Gefahr, dass eine ausgewählte Standardlösung notwendige Spezialprozesse der Fachabteilung gar nicht abbilden kann.
Für die systematische und strukturierte Identifikation der Anforderungen an ein
IT-System (egal, ob Individualentwicklung oder Standardsoftware) ist es in jedem
Fall notwendig, die betroffenen Fachprozesse zu analysieren.
Abbildung 6.2 (nächste Seite) zeigt das in diesem Kapitel vorgestellte Vorgehen bei der
modellgestützten Fachkonzepterstellung. Die einzelnen dargestellten Arbeitsschritte werden im Folgenden erläutert.
6.3
Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
Abbildung 6.2 zeigt das in diesem Kapitel vorgestellte Vorgehen zur modellgestützten
Fachkonzeption. Es umfasst die folgenden Schritte:
1. Aufnahme und Analyse der aktuellen Fachprozesse (Ist-Prozesse)
2. Entwicklung der idealen Fachprozesse (Soll-Prozesse)
3. Identifikation und Beschreibung der relevanten statischen Fachprozess-Komponenten
4. Modellierung des gewünschten Systemverhaltens (Systemablauf)
5. Modellierung der statischen Systemkomponenten
6. (Automatisierte) Überführung der Modellinhalte in das Fachkonzept
7. Bearbeitung nicht modellierter Fachkonzeptteile
Natürlich unterliegt sowohl die Modellierung (wie in Kapitel 2 erläutert) als auch die Bearbeitung eines Fachkonzepts fortlaufender Überarbeitung, so dass Sie die einzelnen
Schritte in der Praxis nicht vollständig voneinander getrennt und streng in der oben beschriebenen Reihenfolge bearbeiten werden. Dennoch unterliegt zumindest die Unterteilung in die folgenden Arbeitspakete einer entscheidenden Logik:
Bearbeitung der Fachsicht
Verknüpfung mit und Bearbeitung der IT-Sicht
Überführung ins und Bearbeitung des Fachkonzepts
Grundlage eines Fachkonzepts ist die Fachsicht, da sich aus ihr die Anforderungen ergeben, die in der IT-Sicht abgebildet werden müssen.
121
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
FACHSICHT
2
Systemablauf
Fachprozess(Soll)
Ereignis
Rolle
Maske
1
ITͲSICHT
4
Ereignis
Funktion
Organisation
seinheit
Informationsdie
nstleistung
Fachbegriff
Funktion
Fachprozess(Ist)
Fachbegriff
Maske
Fachbegriff
Fachbegriff
Funktion
Fachbegriff
Ereignis
Organisation
seinheit
Ereignis
Typ
Anwendung
ssystem
Ereignis
Funktion
Fachbegriff
Organisation
seinheit
Fachbegriff
Rolle
Maske
Funktion
Funktion
Ereignis
Fachbegriff
Fachbegriff
Organisation
seinheit
Ereignis
Funktion
Fachbegriff
Fachbegriff
Ereignis
Ereignis
Ereignis
5
Ereignis
Organisation
seinheit
Anwendungssystem
Funktion
Modul 1
Statische
Systemkomponenten
Maske 1
Fachbegriff
Maske 2
Ereignis
Maske 3
Modul 2
Maske 1
Zurück
OK
Abbrechen
Maske 2
Maske 3
Maske 4
Systemstruktur
3
Externes
System 1
StatischeFachprozessͲKomponenten
Externes
System 2
Schnittstelle
Organisation
seinheit
Externes
System 3
Schnittstelle
Organisation
seinheit
Organisation
seinheit
Fachbegriff
Fachbegriff
Stelle
Kunde
Fachbegriff
Stelle
Kundennummer
Fachbegriff
Stelle
Name
Stelle
Adresse
Strasse
Stelle
Fachbegriffe
(Informationen)
Organigramm
Organisation
seinheit
Rolle
Stelle
Rolle
Systemschnittstellen
Fachbegriff
Stelle
Organisation
seinheit
Maskenflüsse
Schnittstelle
Anwendungssystem
Beschreibungund
Zuordnung
Benutzerrollen
Hausnummer
PLZ
Ort
Land
Status
Datenbeschreibung
6
X
SonstigeFachkonzeptͲTeile
7
Fortlaufende
Überarbeitung
Fachkonzept
Abbildung 6.2 Vorgehen zur modellgestützten Fachkonzeption
122
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
6.3.1
Modellierung und Analyse der Ist-Prozesse
Das Erstellen eines Fachkonzepts beginnt also stets mit der Beschreibung der Fachprozesse. Diese Beschreibung ist in eine Phase zur Beschreibung der Ist- und eine Phase zur Beschreibung der Soll-Prozesse unterteilt.
Grundsätzlich sind bei der Beschreibung von Fachprozessen folgende Fragestellungen zu
beantworten:
Welche Aktivitäten sind im Rahmen des Prozesses durchzuführen?
Wie ist der zeitlich-logische Ablauf dieser Aktivitäten (wann wird was gemacht)?
Wer führt welche Aktivitäten aus?
Welche fachlichen Informationen werden zur Durchführung der Aktivitäten benötigt
(Input)?
Welche fachlichen Informationen werden bei der Durchführung der Aktivitäten bearbeitet und neu erzeugt (Output)?
Welche Aktivitäten werden mit IT-Unterstützung durchgeführt?
Sie werden nun zu Recht anmerken, dass insbesondere der letzte Punkt nicht ganz dem in
den vorangegangenen Kapiteln beschriebenen Vorgehen entspricht, in dem die Fachsicht
unabhängig von IT-Unterstützung modelliert werden sollte. Dies ist natürlich weiterhin
gültig. Dennoch ist es im Rahmen einer Fachkonzeption wichtig zu wissen, welche Prozessschritte bereits im Ist-Zustand durch IT unterstützt werden, um notwendige Systemschnittstellen für die neue Lösung rechtzeitig zu erkennen.
Nehmen Sie die Ist-Prozesse gemeinsam mit der Fachabteilung auf. Sie beschreiben die
aktuellen Abläufe, wie sie in der Fachabteilung täglich gelebt werden. Sie können diese in
Interviews und Workshops, über Fragebögen oder unter Zuhilfenahme bereits existierender
Dokumentationen aufnehmen.
Interviews und Fragebögen
Interviews haben den Charakter eines Frage- und Antwortspiels, in dessen Rahmen Sie
durch Ihre Fragen den Ablauf entscheidend vorgeben. Interviews sollten im Idealfall mit
nur einer Person auf einmal durchgeführt werden, da der Frage-und-Antwort-Charakter
keine langen Diskussionen vorsieht. Die Qualität der Fragen ist dabei ausschlaggebend für
die Qualität des Ergebnisses. Der Interviewer lässt sich von seinem Interviewpartner aus
dem Fachbereich die Prozesse erläutern und schreibt die Antworten entweder mit oder
zeichnet sie auf Tonband auf. Die Modellierung der Prozesse erfolgt später durch den Interviewer. Im Gegensatz zu Fragebögen haben Sie im Interview die Möglichkeit, bei Unklarheiten nachzufragen.
Workshops
Nach unserer Meinung sollten Prozessaufnahmen idealerweise im Rahmen von Workshops
erfolgen. Workshops haben ein klares Arbeitsziel, der Ablauf ist aber nicht fest vorgegeben, und das Ergebnis wird im Rahmen der Veranstaltung von allen Teilnehmern gemein-
123
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
sam erarbeitet. Prozessworkshops sollten Sie in Kleingruppen (2 bis 4 Personen aus der
Fachabteilung) durchführen. Je größer die Anzahl der Teilnehmer, desto mehr Diskussionen müssen Sie erwarten. Diskussionen sind dabei nicht zwingend als destruktiv zu bewerten, da nur in den seltensten Fällen ein Mitarbeiter einen gesamten Prozess bis ins kleinste
Detail kennt. Dennoch dürfen die Diskussionen ein notwendiges und produktives Maß
nicht übersteigen, so dass die Gruppe nicht beliebig groß werden sollte. Zur Erfassung von
Fachprozessen ist es sinnvoll, mit Mitarbeitern verschiedener Hierarchieebenen zu sprechen, da mit zunehmender Hierarchiehöhe zwar die Kenntnis und das Verständnis des Gesamtprozesses steigen, Detailwissen über kleine Arbeitsaktivitäten jedoch verloren geht.
An dieser Stelle ist wiederum zu beachten, dass bei Mitarbeitern auf niedrigen Hierarchieebenen häufig Hemmungen bezüglich der Beschreibung ihrer tatsächlichen Arbeit bestehen, wenn Vorgesetzte anwesend sind, so dass die eigenen Prozesse in dieser Situation
gerne besser dargestellt werden, als sie es in Wirklichkeit sind. Tatsächlich ist es jedoch
insbesondere bei der Aufnahme der Ist-Prozesse absolut notwendig, die Realität mit all
ihren Schwachstellen abzubilden, da gerade diese für die Konzeption einer neuen IT-Lösung interessant sind. Schließlich sollen die Prozesse durch die neue Lösung verbessert
werden.
Die Frage, ob Sie die beschriebenen Prozesse direkt während eines Workshops modellieren sollten, lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Die beschriebenen Prozesse müssen in jedem Fall für alle am Workshop Beteiligten sichtbar abgebildet oder skizziert werden, so dass die Mitarbeiter noch einmal kontrollieren können, ob ihre Beschreibung einerseits korrekt und vollständig und andererseits auch richtig verstanden wurde. Die direkte
Modellierung in einem entsprechenden Tool nimmt zwar ein wenig mehr Zeit in Anspruch
als eine Skizzierung auf einem Flipchart oder Smartboard, hat jedoch den Vorteil, dass das
erarbeitete Ergebnis einerseits sofort weiterverwendet werden kann und die beteiligten
Mitarbeiter aus der Fachabteilung andererseits die verwendete Modellierungsmethodik
kennen lernen. Die Mitarbeiter müssen die fertigen Prozessmodelle ohnehin verstehen, da
die Prozessbeteiligten die Inhalte nach der Modellierung als fachlich korrekt freigeben
müssen.
Prozesse sollten Sie im Rahmen von Prozessworkshops in Kleingruppen von
2 bis 4 Personen aus unterschiedlichen Hierarchieebenen der Fachabteilung aufnehmen.
Existierende Prozessdokumentationen
Mit bereits existierenden Prozessdokumentationen sind in diesem Fall natürlich keine Prozessmodelle in der Form gemeint, wie sie gerade aufgenommen werden sollen, sondern
bestehende Prozessaufzeichnungen, die in beliebiger Form zu beliebigen Zwecken zu einem früheren Zeitpunkt einmal erstellt wurden. In aller Regel wird das ursprüngliche Ziel
nicht darin bestanden haben, die Grundlage einer Fachkonzeption darzustellen. Daher wird
die dargestellte Sicht und die darin abgebildeten Informationen von dem, was Sie nun darstellen möchten, abweichen. Darüber hinaus können sich Prozesse über die Zeit verändern,
124
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
so dass Sie, abhängig vom Alter der Dokumentationen und der Art ihrer Pflege über die
Zeit, davon ausgehen müssen, dass die dargestellten Prozesse ggf. nicht mehr aktuell sind.
Solche Dokumentationen lassen sich zwar für den ersten Entwurf eines Prozessmodells
verwenden, werden in der Regel aber immer Fragen an die Fachabteilung offen lassen, so
dass sich ein entsprechender erster Entwurf als Diskussionsgrundlage für einen Prozessworkshop verwenden lässt, um die Arbeit ein wenig zu steuern und insofern zu beschleunigen.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass eine Aufnahme der Ist-Prozesse natürlich nur dann
erfolgen muss, wenn noch kein aktuelles Modell der relevanten Prozesse vorliegt. Wenn
Sie also bereits im Rahmen des BPM ein solches Modell erstellt haben, können Sie sofort
mit dessen Analyse beginnen.
Analyse der Ist-Prozesse
Nach der Dokumentation der Ist-Prozesse folgt deren Analyse. Dabei müssen Sie gemeinsam mit der Fachabteilung die Schwachstellen in den aktuellen Abläufen herausarbeiten.
Die Analyse kann teilweise bereits während der Dokumentation erfolgen, zumal die Detailtiefe, in der Fachprozesse dokumentiert werden, zumindest ausreichen muss, um die
Schwachstellen zu verdeutlichen. Schwachstellen können dabei zum Beispiel hoher manueller Aufwand, Medienbrüche, redundante Arbeiten oder Ineffizienz (bspw. Bedingt durch
schlechte Aufgabenverteilung) sein. Zur Identifikation solcher Schwachstellen, müssen
neben der Beschreibung des Prozessablaufs ggf. auch relevante Informationen zu den verschiedenen, am Ablauf beteiligten Objekten (Aktivitäten, Organisationseinheiten, Informationen, IT-Systeme) erfasst werden. So kann es bei den Informationen, die in Prozessschritten (Aktivitäten) verarbeitet werden, sinnvoll sein zu beschreiben, wo sie herkommen
(bspw., wo sie erstellt werden oder von welcher Abteilung sie stammen). Solche Informationen können hilfreich sein, wenn es darum geht, im nächsten Schritt einen sinnvollen
Soll-Prozess zu definieren, in dem die Information dann beispielsweise in digitaler Form
direkt aus dem System geholt wird, in dem sie ursprünglich erzeugt oder erfasst wird. Dem
Fachbereich bereits bekannte Schwachstellen können auch sofort bei der Ist-Aufnahme für
einzelne Aktivitäten oder ganze Prozesse erfasst werden.
Wenn Sie als Business Analyst den Auftrag erhalten haben, ein Fachkonzept für ein ITSystem zu erstellen, ist ein Teil dieser Ist-Analyse natürlich bereits abgeschlossen und hat
zu dem Ergebnis geführt, dass ein bestimmter Prozess überhaupt erst durch Einführung
einer neuen technischen Lösung verbessert werden soll. Die Prozessanalyse und -optimierung ist fester Bestandteil eines funktionierenden BPM.
6.3.2
Entwicklung und Modellierung der Soll-Prozesse
An die Analyse der Ist-Prozesse schließt sich die Erarbeitung der Soll-Prozesse an. Ziel
dieser Phase ist die Erarbeitung der optimalen Arbeitsabläufe mit speziellem Fokus in Bezug auf die zur Erreichung dieses optimalen Zustands benötigte IT-Unterstützung. Zur Erarbeitung der optimalen Soll-Situation sollte auf den im Rahmen der Ist-Analyse identifi-
125
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
zierten Schwachstellen aufgesetzt und erarbeitet werden, wie diese Schwachstellen zu beseitigen sind. Dabei ist es wichtig, einen optimalen Wunschzustand zu beschreiben und
sich nicht durch vermutete Restriktionen beeinflussen zu lassen. Selbst wenn man fest davon ausgeht, dass eine benötigte IT-Unterstützung nicht realisierbar ist, sollte diese Unterstützung formuliert werden. Wenn sich diese Anforderung im Nachhinein tatsächlich als
nicht erfüllbar herausstellt, kann sie noch immer gestrichen werden.
Was Sie nicht als Anforderung formulieren, das werden Sie auch nicht bekommen.
Die Detailtiefe bei der Modellierung der Soll-Prozesse sollte der Detailtiefe der Ist-Prozesse entsprechen und muss so gewählt werden, dass die Stellen, an denen der fachliche Prozess durch die neue IT-Lösung unterstützt werden soll, identifiziert und aufgezeigt werden
können. Die IT-Unterstützung wird an diesen Stellen an den Fachprozess modelliert und
als eine funktionale Anforderung an das neue System beschrieben.
Als Ergebnis der Phase „Soll-Prozessentwicklung“ liegt also eine möglichst optimale Variante der Arbeitsabläufe in der Fachabteilung, inkl. Beschreibung der zu ihrer Unterstützung erforderlichen Systemfunktionalitäten vor. Obwohl die vorliegende Beschreibung explizit als Vorgehen für Individualentwicklungen vorgestellt wird, ist eine derartige prozessorientierte Erhebung von Anforderungen bei jeder Art von Softwareentwicklung und auch
-beschaffung sinnvoll. Wie zu Beginn des Kapitels erwähnt, kann je nach Aufgabenstellung auch die Auswahl einer Marktlösung den richtigen Weg zur IT-technischen Unterstützung eines Fachprozesses darstellen. Doch auch in einem solchen Fall müssen die groben Anforderungen an die Lösung, die sich aus den optimalen Prozessen in der Fachabteilung ergeben, bekannt sein, um überhaupt entscheiden zu können, ob passende Lösungen
am Markt existieren. Ohne eine derartige Analyse ist die Gefahr sehr groß, dass die ausgewählte Lösung spezielle Anforderungen der Fachabteilung gar nicht abbilden kann oder
zumindest entscheidend angepasst und erweitert werden muss. Und auch in diesem Fall
werden die Kosten für nachträgliches Customizing bzw. nachträgliche Erweiterungen höher sein als für eine gründliche Anforderungsanalyse zu Beginn.
Da wir uns auch bei der Entwicklung der Soll-Prozesse noch in der Fachsicht befinden, sei
an dieser Stelle angemerkt, dass Sie einen solchen Soll-Fachprozess nur in den Fällen entwickeln müssen, in denen der Fachprozess sich durch die Einführung der neuen IT-Lösung
tatsächlich ändern soll. In vielen Fällen soll ein bestehender Fachprozess durch die Einführung einer IT-Unterstützung verbessert werden, ohne dass sich der fachliche Ablauf ändert.
So kann es sein, dass eine Fachabteilung bestimmte Arbeitsschritte (Funktionen) durchführen muss und dabei noch immer mit Papier und Bleistift vorgeht. Nun soll ein IT-System
entwickelt werden, das dieselben Funktionen unterstützt und damit erleichtert oder beschleunigt, am fachlichen Ablauf an sich jedoch gar nichts ändert. In diesem Fall stellt der
fachliche Ist-Prozess gleichzeitig bereits den fachlichen Soll-Prozess dar, und es kann sofort mit der Beschreibung der IT-Sicht gestartet werden. Durch die Trennung zwischen
Fach- und IT-Sicht bei der Modellierung kann eine technische Lösung unabhängig von der
Darstellung des betroffenen Fachprozesses entwickelt werden, wobei dieser und insbeson-
126
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
dere die Schwachstellen (im oben genannten Beispiel der hohe manuelle Aufwand durch
die Arbeit mit Papier und Bleistift) natürlich die Anforderungen an die IT-Sicht vorgibt.
Ein fachlicher Soll-Prozess ist nur in den Fällen zu entwickeln, in denen der Fachprozess sich durch die Einführung einer neuen IT-Lösung tatsächlich ändert.
6.3.3
Systemablauf – das fachliche Systemverhalten
Die Fachprozesse sind nun modelliert und die Stellen, an denen Unterstützung durch ein
IT-System benötigt wird, sind identifiziert und an den entsprechenden Stellen im Fachprozessmodell eingefügt. Diese Stellen werden als direkte Verbindung der Fach- mit der
IT-Sicht verwendet. Die benötigte IT-Unterstützung kann nun an den benötigten Stellen im
Fachprozess weiter detailliert und modelliert werden, wobei diese Detaillierung nun die
technische bzw. IT-Sicht darstellt. In dieser IT-Sicht wird das dynamische Systemverhalten in Form eines Programmablaufs dargestellt, analog zum Prozessablauf in der fachlichen Sicht. Während in der Fachsicht jedoch die fachliche Aktivität unabhängig von ggf.
bestehender IT-Unterstützung beschrieben wird, wird in der IT-Sicht die Interaktion zwischen dem Benutzer und dem System zur erfolgreichen Durchführung der fachlichen Aktivität dargestellt (siehe Abbildung 6.3). In der IT-Sicht sind durch die entsprechende
Darstellung folgende Fragen zu beantworten:
Welche Verarbeitungsschritte sind im Rahmen des Programmablaufs durchzuführen?
Wie ist der zeitlich-logische Ablauf dieser Verarbeitungsschritte (wann wird was gemacht)?
Wer darf welche Verarbeitungsschritte durchführen bzw. welche Verarbeitungsschritte
führt das System automatisch durch?
Welche Daten werden für die Verarbeitungsschritte benötigt (Input)?
Welche Daten werden in den Verarbeitungsschritten bearbeitet und neu erzeugt (Output)?
Wie sieht die Benutzerschnittstelle (Bildschirmmaske) für die Verarbeitungsschritte
aus?
In welchen Verarbeitungsschritten werden Schnittstellen zu anderen IT-Systemen verwendet?
Der Detaillierungsgrad bei der Modellierung des Systemablaufs ist stark abhängig vom jeweiligen Projektkontext sowie von den Anforderungen der späteren Systembenutzer aus der
Fachabteilung. Für den an dieser Stelle nicht betrachteten Fall, dass ggf. auch eine Standardlösung zur Unterstützung des Fachprozesses beschafft werden soll, ist es sicherlich einleuchtend, dass eine konkrete Beschreibung des Systemablaufs oder von Bildschirmmasken
nicht sinnvoll ist. Es ist auch durchaus denkbar, dass der Fachbereich selbst bei der Konzeption einer Individuallösung keine konkreten Anforderungen an eine bestimmte Verarbeitungsreihenfolge, ein bestimmtes Maskenlayout oder eine konkrete Programmlogik hat. In
diesen Fällen genügt es den späteren Anwendern, wenn das System eine bestimmte Funktio-
127
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Abbildung 6.3
Beispiel eines Systemablaufs
nalität zur Unterstützung einer fachlichen Aktivität bereitstellt. Die muss natürlich in jedem Fall ausreichend beschrieben sein. Diese Situation kann insbesondere in Fällen auftreten, in denen ein Fachbereich neue Prozesse durchführen muss, bei deren Durchführung er
noch keine bis wenig praktische Erfahrungen gemacht hat. In der Regel wird eine Individualentwicklung jedoch zur Unterstützung von Fachprozessen durchgeführt, die auf fachlicher Seite bereits etabliert sind und praktiziert werden. In solchen Fällen weiß ein Fachbereichsmitarbeiter sehr genau, wie und mit welchen Informationen er eine bestimmte fachliche Aktivität durchführt. Was bedeutet: er kennt die „Verarbeitungslogik“, selbst wenn er
diese bislang manuell und ohne IT-Unterstützung durchgeführt hat. Er kann genau spezifizieren, welche Verarbeitungsschritte er in welcher Reihenfolge durchführen muss, welche
Daten er wann benötigt und wie die Verarbeitungsschritte und Daten voneinander abhängen. Er weiß auch, wie und aus welchen Daten er neue Daten erzeugt und welche Berechnungen und Prüfungen er wie und wann durchführen muss. Ausgehend von diesem Wissen
kann man einen Systemablauf entwerfen, der der fachlichen Verarbeitungslogik entspricht.
Es kann weiterhin spezifiziert werden, welche Verarbeitungsschritte (Berechnungen, Prüfungen, Abfragen) das System automatisch durchführen kann und welche Daten wo benötigt, bearbeitet und erzeugt werden. Diese Möglichkeiten zur Spezifikation des Systemablaufs sollten unbedingt genutzt werden, um sicherzustellen, dass das System den Mitarbeiter bei der Durchführung seiner fachlichen Aufgaben optimal unterstützt und er seine
128
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
bekannte und etablierte Arbeitsweise beibehalten kann. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass das System von der Fachabteilung nicht nur akzeptiert, sondern gerne genutzt
wird, weil man eine direkte Arbeitserleichterung erreicht und die Fachabteilung das Gefühl
hat, an der Entwicklung der IT-Lösung direkt beteiligt gewesen zu sein.
Je enger Sie den Fachbereich in die Konzeption des Systems einbeziehen, desto
größer wird die Akzeptanz der neuen IT-Lösung sein, da die Mitarbeiter das Gefühl haben, an der Entwicklung der Lösung beteiligt zu sein.
Auf Seiten der IT-Abteilung bzw. des IT-Dienstleisters, der das System später realisieren
soll, liegt eine sehr gute (weil genaue und vollständige) Implementierungsgrundlage vor,
über die mit dem Fachbereich direkt gesprochen werden kann, da sie von beiden Seiten
verstanden wird. Abbildung 6.4 zeigt den Zusammenhang zwischen der Fach- und der ITSicht.
Der Use Case stellt die
Verbindung zwischen
Fach- und IT-Prozess dar.
Use Case
Ereignis
Organisationseinheit
Ereignis
Use Case
Rolle
Maske
Funktion
Funktion
Fachbegriff
Fachbegriff
Fachbegriff
Fachbegriff
Maske
Funktion
Ereignis
Ereignis
Fachbegriff
Die Ein- und Ausgabedaten aus
dem Systemablauf müssen den
Ein- und Ausgabeinformationen
des Fachprozesses entsprechen
oder Detaillierungen dieser
darstellen.
Typ
Anwendungssy
stem
Rolle
Maske
Funktion
Fachbegriff
Ereignis
Abbildung 6.4
Zusammenhang zwischen Fach- und IT-Sicht
129
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Durch das beschriebene Vorgehen entsteht ein Gesamtmodell, das den Anforderungen sowohl der Fach- als auch der IT-Abteilung gerecht wird und somit als gemeinsame und für
beiden Seiten verständliche Diskussionsgrundlage verwendet werden kann. In diesem Gesamtmodell finden sich die Fachprozesse mit den dazugehörigen relevanten Informationen
ebenso wieder wie die Systemabläufe mit den für eine Realisierung des Systems benötigten Informationen. Die Systemabläufe sind darüber hinaus genau an den Stellen mit dem
Fachprozess verknüpft, an denen sie eine bestimmte fachliche Aktivität unterstützen. Die
Verknüpfung der beiden Sichten lässt sich auch unterhalb der Ablaufebene an den dargestellten Objekten weiter verdeutlichen. Eine fachliche Aktivität wird durch eine bis mehrere Verarbeitungsschritte eines Systemablaufs abgebildet. Die für die Durchführung einer
fachlichen Aktivität benötigten bzw. bei der Durchführung erzeugten Informationen werden in der IT-Sicht durch konkrete Daten detailliert, die in den fachlichen Informationen
enthalten sind und in der IT-Sicht einzeln angezeigt und bearbeitet werden können. Ferner
wird eine organisatorische Einheit (z.B. Abteilung oder Stelle), die eine fachliche Aktivität
ausführt, in der IT-Sicht durch bestimmte Benutzerrollen dargestellt, die im System bestimmte Berechtigungen besitzen und von Abteilungen oder Stellen wahrgenommen werden können.
6.3.4
Beschreibung statischer Systemkomponenten
Nachdem das dynamische Systemverhalten beschrieben und modelliert worden ist, müssen
die in den Ablaufbeschreibungen verwendeten statischen Systemkomponenten (Bildschirmmasken, Daten, Benutzerrollen) beschrieben werden.
6.3.4.1 Maskenbeschreibung
Bei der Beschreibung von Masken sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Die
wichtigste Frage ist, wie detailliert die Masken beschrieben werden sollten. Die Antwort
auf diese Frage ist natürlich abhängig vom jeweiligen Projektkontext, genauer gesagt von
den Anforderungen der Fachabteilung. Diese können in einem Spektrum variieren zwischen:
keine konkreten Anforderungen an Masken
konkrete Anforderungen an die Maskenstruktur
konkrete Anforderungen an das Maskenlayout
In den seltensten Fällen werden wirklich gar keine Anforderungen an Masken bestehen.
Zumindest unkonkrete Anforderungen wie „Microsoft-orientierte Benutzeroberfläche“
werden meist vorliegen.
Konkrete Anforderungen an die Maskenstruktur liegen vor, wenn die späteren Systembenutzer zumindest vorgeben, welche Aktionen auf einer Maske ausgeführt werden können
und welche Daten auf einer Maske angezeigt und bearbeitet werden. Es wird also die Frage
beantwortet, WAS auf einer Maske dargestellt wird (siehe Abbildung 6.5).
130
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
Maske
Sektion 1
Eingabe 1
Eingabeparameter
Textfeld
Eingabe 2
Eingabeparameter
Textfeld
Auswahl 1
Auswahlparameter
Sektion 2
Maskentabelle
Pull-down-Liste
Tabelle
Abbildung 6.5 Maskenstruktur – ein Beispiel
Liegen konkrete Anforderungen an das Maskenlayout vor, so hat der Fachbereich nicht nur
sehr genaue Vorstellungen, was auf einer Maske angezeigt werden soll, sondern auch, wie
die Darstellung zu erfolgen hat. Bei der Beschreibung eines Maskenlayouts wird ein Bild
der Maske erstellt, in dem zu erkennen ist, welche Daten, Schaltflächen, Grafiken und
sonstigen Objekte wo auf der Maske anzuordnen sind und wie diese Objekte dargestellt
werden sollen. Liegen konkrete Anforderungen in dieser Form vor, so stellt ein Modell des
Maskenlayouts eine gute Diskussionsgrundlage für Gespräche mit dem Fachbereich dar, in
denen die Anforderungen direkt überprüft und ggf. noch einmal geändert oder ergänzt werden können (siehe Abbildung 6.6).
131
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Daten
Layout
Funktionen
.
Eingabe 1
Fachbegriff
Eingabe 2
Fachbegriff
Auswahl 1
Fachbegriff
Spalte 1
Spalte 2
Fachbegriff
Abbrechen
OK
Funktion
Abbildung 6.6 Maskenlayout – ein Beispiel
Weil die Benutzeroberfläche die Schnittstelle zwischen System und Benutzer darstellt, hat
sie nach der Funktionalität den größten Einfluss auf die spätere Akzeptanz des Systems,
denn sie stellt den Teil des Systems dar, den der Benutzer direkt sieht und auf dem er seine
Arbeit ausführt.
Für den System-Realisierer stellt jede Beschreibung der Benutzerschnittstelle eine Hilfe
bei der Realisierung dar. Neben der Frage nach der Detaillierung der Maskenbeschreibung,
die vor allem aus Sicht des Fachbereichs relevant ist, interessiert er sich jedoch auch für
die Frage bezüglich der Umsetzung und des Werkzeugs zur Maskenbeschreibung. Standardmodellierungsmethoden, die für die Prozessmodellierung eingesetzt werden, bieten in
der Regel Methoden zur Modellierung einer ganzen Unternehmensarchitektur, so auch zur
Modellierung von Masken, bis hin zur Modellierung eines vollständigen Maskenlayouts.
Viele Softwareentwickler verwenden jedoch andere Tools zur grafischen Modellierung
von Masken, die häufig den Vorteil haben, dass sie das grafische Modell sofort in ein entsprechendes Gerüst aus Quellcode umwandeln können. Die Frage nach der Umsetzung
der Maskenbeschreibung kann also abhängig von den spezifischen Anforderungen beantwortet werden, darf jedoch auf die wesentlich wichtigere Frage nach Art und Detaillierung
der Maskenbeschreibung keinen einschränkenden Einfluss nehmen.
132
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
6.3.4.2 Fachliche Systemarchitektur
Neben der Beschreibung einzelner Masken lässt sich der interne Aufbau eines Systems gut
durch die Modellierung einer Systemarchitektur im Sinne einer fachlich sinnvollen Zusammenfassung von Masken zu Modulen abbilden. Module kapseln dabei bestimmte fachliche Funktionalitäten und können so bspw. unabhängig von anderen Modulen implementiert und getestet werden. Eine solche fachliche Zusammenfassung von Masken zu Modulen kann später auch als sinnvolle Menübaumstruktur verwendet werden. Darüber hinaus
kann durch den Aufbau einer solchen Gesamtsystemstruktur die Gefahr verringert werden,
dass Masken vergessen werden, die nicht direkt die aus dem Fachprozess abgeleiteten
Funktionalitäten unterstützen, sondern bspw. zur Systemadministration benötigt werden.
Abbildung 6.7 zeigt ein Beispiel für die Modellierung einer Systemstruktur.
Anwendungssystem
Modul 1
Maske 1
Maske 2
Maske 3
Modul 2
Maske 4
Abbildung 6.7
Systemstruktur – ein Beispiel
6.3.4.3 Maskenflüsse
Ein weiteres Beispiel für eine Systemkomponente, die sich zur Darstellung durch ein Modell eignet, ist die Übersicht der Maskenflüsse. Diese stellen die möglichen Navigationspfade innerhalb des Systems dar. Dabei sollten sich die Maskenflüsse bei der systemseitigen Bearbeitung der Fachprozesse bereits aus dem Systemablauf ergeben. Darüber hinaus
müssen Maskenflüsse jedoch auch notwendige Rücksprünge und Abbrüche bei der Systemnutzung abbilden.
Insbesondere in Fällen, in denen ein Maskenlayout modelliert worden ist und den Masken
somit auch einzelne Schaltflächen zugewiesen worden sind, lassen sich die möglichen
Maskenflüsse in einem Modell zeigen, in dem alle Masken dargestellt und durch die jeweiligen Schaltflächen verbunden werden. Auf diese Weise lassen sich auch fehlende Schaltflächen im Maskenlayout identifizieren. Maskenflüsse kann man auch ohne Schaltflächen
modellieren, indem man Masken direkt oder über logische Regeln miteinander verbindet
(siehe Abbildung 6.8).
133
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Maske 1
Maske 2
Maske 1
Zurück
OK
Abbrechen
Maske 2
Maske 3
Maske 3
Abbildung 6.8 Maskenflüsse – ein Beispiel
6.3.4.4 Systemschnittstellen
Die Beschreibung der Schnittstellen, die ein neues System mit anderen Systemen verbindet, ist ein wichtiger Teil eines Fachkonzepts. Ob diese Schnittstellen modelliert werden
sollten, ist dabei abhängig von den Rahmenbedingungen des Projekts. Im Rahmen einer
Enterprise Architecture sollten alle vorhandenen Systeme inkl. ihrer Beziehungen zueinander bereits Teil des Unternehmensmodells sein, und auch das neue System wird spätestens
nach der Realisierung Teil des Unternehmensmodells, so dass in diesem Fall sowohl die
Notwendigkeit zur Schnittstellenmodellierung vorliegt, als auch eine entsprechende Methodik und Notation definiert ist. Dies sollten Sie im Rahmen einer Fachkonzepterstellung
ausnutzen. Je nachdem, wie detailliert die benötigten Schnittstellen beschrieben werden
sollen, kann eine Modellierung auch in Fällen sinnvoll sein, in denen kein größerer Modellierungsrahmen im Sinne einer EA vorliegt. Abbildung 6.9 zeigt ein Beispiel für die Modellierung von Systemschnittstellen. Neben der reinen Aufzählung und einfachen Darstellung von Schnittstellen kann diese Darstellung weiter detailliert werden, um nicht nur das
Vorhandensein einer Schnittstelle zu zeigen, sondern auch die konkreten Daten, die über die-
Externes
System 1
Externes
System 2
Schnittstelle
Schnittstelle
Anwendungssystem
Externes
System 3
Schnittstelle
Abbildung 6.9 Systemschnittstellen – ein Beispiel
134
6.3 Die IT-Sicht und ihr Zusammenhang mit der Fachsicht
se Schnittstelle fließen. Auf dieser Ebene kann also eine Verbindung zur Beschreibung der
Daten hergestellt werden, die bereits zur Darstellung des Systemablaufs verwendet worden
sind. Unabhängig davon, wie die Beschreibung von Schnittstellen für ein Fachkonzept
letztlich geartet ist, sollten folgende Informationen zu einer benötigten Schnittstelle angegeben werden:
Welche Daten fließen über die Schnittstelle?
In welche Richtung fließen Daten (ggf. auch in beide)?
Von welchem System wird die Datenübertragung angestoßen?
Wie wird die Datenübertragung angestoßen (durch das System/ durch den Benutzer)?
6.3.4.5 Benutzerrollen
Durch die Modellierung von Benutzerrollen lassen sich zwei Sachverhalte in der Darstellung eines Systemablaufs sehr einfach und strukturiert darstellen:
Durch die direkte Verknüpfung bestimmter Benutzerrollen mit Verarbeitungsschritten
des Ablaufs lässt sich automatisch eine Rechtematrix erzeugen, die die Zugriffsberechtigungen der einzelnen Benutzerrollen bezogen auf den Systemablauf darstellt.
Vom System automatisch durchgeführte Verarbeitungsschritte werden gekennzeichnet,
indem ihnen keine Benutzerrolle anmodelliert wird.
Die Beschreibung der verwendeten Benutzerrollen sollte verdeutlichen, warum man die
jeweilige Benutzerrolle benötigt, warum sie definiert wurde und wie sie sich von den anderen Benutzerrollen abgrenzt. Sofern möglich und sinnvoll, lässt sich darüber hinaus in der
Beschreibung eine Verbindung zur fachlichen Organisationssicht herstellen, indem man
beschreibt, welche Mitarbeiter, Stellen oder Abteilungen etc. die jeweilige Benutzerrolle
wahrnehmen sollen. Diese Zuordnung kann auch in einem Modell dargestellt werden, wie
Abbildung 6.10 zeigt. Bei der Beschreibung von Benutzerrollen gilt es darauf zu achten, dass
Organisationseinheit 1
Organisationseinheit 2
Systemrolle 1
Organisationseinheit 3
Stelle
Systemrolle 2
Abbildung 6.10 Rollenzuordnung – ein Beispiel
135
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
neben den an der fachlichen Systemfunktionalität orientierten Rollen ggf. auch Administratorrollen benötigt werden, zu deren Aufgaben bspw. Benutzerverwaltung oder Stammdatenpflege gehören.
6.3.4.6 Datenbeschreibung
Wie bereits erwähnt, werden bei der Modellierung des Systemablaufs für jeden Verarbeitungsschritt auch die be- und verarbeiteten Ein- und Ausgabedaten dargestellt. Diese Daten
lassen sich nun aus fachlicher Sicht näher beschreiben. Die Art der Beschreibung muss
auch hier vom jeweils aktuellen Kontext und den aktuellen Anforderungen abhängig gemacht werden und kann von einer kurzen fachlichen Beschreibung über eine einfache Darstellung der Zusammenhänge zwischen verschiedenen Daten (siehe Abbildung 6.11) bis
hin zu einem vollständigen Datenmodell (z.B. ERM (Entity-Relationship-Modell)) reichen. Wichtig sind Unterscheidungen zwischen Stammdaten, die an zentraler Stelle gepflegt und von dort in das System übernommen und im Systemablauf bearbeitet oder erst
erstellt werden. Angaben zum benötigten Format und bestehenden Abhängigkeiten zwischen Daten sind ebenfalls eine hilfreiche Information für den Realisierer. An dieser Stelle
ist auch der Zusammenhang zwischen der Beschreibung der Daten und der Masken zu beachten, da bei der Beschreibung der Masken spezifiziert werden kann, welche Daten auf
der Maske angezeigt und bearbeitet werden können. Ferner muss auch der Zusammenhang
mit dem Fachprozess berücksichtigt werden, weil die fachlichen Informationen, die man
zur Durchführung einer fachlichen Aufgabe benötigt, die bei der IT-technischen Unterstützung der fachlichen Aufgabe verarbeiteten Daten enthalten müssen.
Kunde
Kundennummer
Name
Adresse
Straße
Hausnummer
PLZ
Ort
Land
Status
136
Abbildung 6.11
Datenbeschreibung –
ein Beispiel
6.4 Vom Modell zum Fachkonzept
6.4
Vom Modell zum Fachkonzept
Der vorige Abschnitt hat gezeigt, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, die Komponenten
eines Systems als Modell darzustellen. Natürlich erzeugt Modellierung Aufwand, so dass
man sich grundsätzlich immer die Frage stellen muss, ob durch die Modellierung eines
Sachverhalts ein Mehrwert für die Qualität des Fachkonzepts entsteht. Ist dies nicht der
Fall, sollte auf eine Modellierung verzichtet werden, um unwirtschaftlichen Aufwand zu
vermeiden.
6.4.1
Anforderungen an ein Fachkonzept
Denn fest steht, dass das relevante Arbeitsergebnis letztlich keine Sammlung von Modellen, sondern ein Fachkonzept in Form eines geschriebenen Dokuments ist, das dem Realisierer des beschriebenen Systems ein möglichst gutes Bild von den Anforderungen der
späteren Systembenutzer geben soll. Dabei bestehen bestimmte Anforderungen an dieses
Fachkonzept sowohl inhaltlicher als auch formeller Natur.
6.4.1.1 Inhaltliche Anforderungen an ein Fachkonzept
Die inhaltlichen Anforderungen sollten teilweise durch die Modellierung erfüllt werden,
indem durch Vorgabe einer bestimmten Modellierungsmethodik
die Verständlichkeit bei allen Beteiligten,
die Vollständigkeit,
die Klarheit sowie
die Strukturiertheit bestimmter Anforderungen verbessert wird.
Das Ganze jedoch, wie erwähnt, unter der Voraussetzung der Wirtschaftlichkeit.
Der letzte Satz macht deutlich, dass es in einem Fachkonzept stets Inhalte gibt, die sich
entweder nicht sinnvoll modellieren lassen oder deren Modellierung zumindest nicht mehr
wirtschaftlich ist.
6.4.1.2 Formelle Anforderungen an ein Fachkonzept
Ausgehend von der Feststellung, dass ein Fachkonzept ein geschriebenes Dokument ist,
muss neben einer Modellierungsmethodik auch ein Vorgehen entwickelt und implementiert werden, das festlegt, wie die modellierten Inhalte in das Fachkonzept-Dokument übertragen werden. Zu diesem Zweck wird das so genannte Reporting genutzt, das jedes Modellierungswerkzeug zur Verfügung stellen muss. Dabei wird in Skripten festgelegt, welche Inhalte aus der Modellierungsdatenbank abgefragt werden und wie diese Inhalte in
einem bestimmten Ausgabeformat (z.B. doc, xls, html etc.) dargestellt werden. Hier ist die
Verbindung zu den formellen Anforderungen an ein Fachkonzept: Weil ein Fachkonzept
bestimmte (unternehmensspezifische) Kriterien bzgl.
137
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Layout und
Schriftformaten
erfüllen muss, sollten die entsprechenden Skripte die modellierten Inhalte möglichst mit
den geforderten Formatierungen ausgeben, um nachträglichen Bearbeitungsaufwand bzgl.
Formatierungen zu vermeiden.
Eine weitere entscheidende formelle Anforderung an ein Fachkonzept ist die Notwendigkeit, einen durchgehenden Lesefluss im Sinne eines „roten Fadens“ zu gewährleisten. Um
einen solchen Lesefluss zu erreichen, ist eine Gesamtbearbeitung im Ergebnisdokument
notwendig, was ebenfalls deutlich macht, dass eine vollständige Modellierung aller Inhalte
eines Fachkonzepts schon aus formellen Gründen keinen Sinn ergibt.
6.4.2
Nicht modellierte Bestandteile eines Fachkonzepts
Im Folgenden beschäftigen wir uns mit den wichtigsten Teilen eines Fachkonzepts, die aus
den oben genannten Gründen üblicherweise nicht modelliert werden sollten.
Wie schon erwähnt, muss ein Fachkonzept alle aus Sicht der Fachabteilung relevanten Anforderungen an ein zu realisierendes System enthalten. Ein modellbasierter Ansatz, wie er
in diesem Kapitel beschrieben wird, unterstützt dabei vor allem bei der Identifikation und
Spezifikation der funktionalen Systemanforderungen, indem, ausgehend vom zu unterstützenden Fachprozess, die benötigten Systemabläufe inkl. der relevanten statischen Systemkomponenten beschrieben werden.
6.4.2.1 Nicht funktionale Systemanforderungen
Neben diesen bestehen auch immer nicht funktionale Anforderungen an ein neues System,
die sich nicht zwingend aus dem Fachprozess ergeben und oft auch übergreifend für das
gesamte System gültig sind. Typische Arten nicht funktionaler Systemanforderungen sind:
Zuverlässigkeit (Systemreife, Wiederherstellbarkeit, Fehlertoleranz)
Aussehen und Handhabung
Benutzbarkeit (Verständlichkeit, Erlernbarkeit, Bedienbarkeit)
Leistung und Effizienz (Antwortzeiten, Ressourcenbedarf)
Wartbarkeit/Änderbarkeit (Analysierbarkeit, Stabilität, Prüfbarkeit)
Portierbarkeit/Übertragbarkeit (Anpassbarkeit, Installierbarkeit, Konformität, Austauschbarkeit)
Sicherheitsanforderungen (Vertraulichkeit, Datenintegrität, Verfügbarkeit)
Funktionale und nicht funktionale Systemanforderungen sowie Systemschnittstellen sind
die Kernbestandteile eines guten Fachkonzepts für ein zu realisierendes IT-System.
Funktionale und nicht funktionale Systemanforderungen sowie Systemschnittstellen sind die Kernbestandteile eines guten Fachkonzepts für ein zu realisierendes
IT-System.
138
6.4 Vom Modell zum Fachkonzept
6.4.2.2 Begriffsabgrenzung Lastenheft, Pflichtenheft, Fachkonzept
Die Begriffe „Fachkonzept“ und „Lastenheft“ werden häufig synonym verwendet. Laut
DIN 69905 (Begriffe der Projektabwicklung) beschreibt ein Lastenheft die „vom Auftraggeber festgelegte Gesamtheit der Forderungen an die Lieferungen und Leistungen eines
Auftragnehmers innerhalb eines Auftrages“. Dies bedeutet, dass ein Lastenheft für eine
Ausschreibung verwendet werden kann, da alle für den Auftragnehmer (den System-Realisierer) relevanten Informationen darin enthalten sind. Ein Fachkonzept beschreibt ganz allgemein ein Konzept auf einem bestimmten Fachgebiet. Bezogen auf IT-Systeme wird der
Begriff meist zur Beschreibung der funktionalen Systemanforderungen sowie den Nutzen
des Systems bezogen auf das entsprechende fachliche Anwendungsgebiet verwendet. Da
im Rahmen eines IT-Projektabwicklungsprozesses meist nur die Begriffe „Lastenheft“ und
„Pflichtenheft“ verwendet werden und es keine einheitliche Definition des Begriffs „Fachkonzept“ gibt, bestehen auch keine konkreten formellen Anforderungen an ein Fachkonzept. Nach den oben genannten Definitionen und Begriffseinordnungen könnte man ein
Fachkonzept jedoch als Teil eines Lastenheftes bzw. ein Lastenheft als ein Fachkonzept
verstehen, das um notwendige Informationen für eine Ausschreibung ergänzt ist.
Der Begriff Pflichtenheft ist ebenfalls in der DIN 69905 definiert und beschreibt die „vom
Auftragnehmer erarbeiteten Realisierungsvorgaben aufgrund der Umsetzung des vom Auftraggeber vorgegebenen Lastenhefts“. Dies zeigt bereits den üblichen Projektabwicklungsprozess, in dem der Auftraggeber ein Lastenheft erstellt, in dem er beschreibt, was und
wofür er etwas haben möchte. Basierend auf diesen Vorgaben, erstellt der Auftragnehmer
ein Pflichtenheft, in dem er spezifiziert, wie er die Anforderungen aus dem Lastenheft umzusetzen gedenkt. Den Anforderungen aus dem Lastenheft stehen dabei jeweils Leistungen
aus dem Pflichtenheft gegenüber.
Da wir ein Fachkonzept als eine vollständige Anforderungsbeschreibung für ein IT-System
verstehen, sollte es neben den funktionalen Systemanforderungen und Systemschnittstellen
auch die bereits erläuterten nicht funktionalen Systemanforderungen umfassen. Grundsätzlich sollten alle bestehenden und bekannten Anforderungen beschrieben werden. Diese
können bspw. auch spezielle Anforderungen an die Sicherheit (z.B. Datenschutz, Analyse
von Risiken, die auf das System wirken), an das Administrationskonzept, an den Testbetrieb (z.B. Bereitstellung von Testdaten), an die Inbetriebnahme (z.B. Erstellung von Dokumentationen, Erstellung eines Schulungskonzepts) und an den Betrieb des Systems umfassen.
6.4.3
Gliederungsvorschlag für ein Fachkonzept
Nachdem nun die Bestandteile eines vollständigen Fachkonzepts beschrieben und erläutert
worden sind, schlagen wir folgende grobe Gliederung zur Orientierung vor:
1. Allgemeine Rahmenbedingungen (insbesondere Beschreibung der Ziele, inhaltliche
Abgrenzung, Einordnung in den Gesamtprojektplan)
2. Analyse der Ist-Fachprozesse (insbesondere Beschreibung der zu behebenden Schwachstellen)
139
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
3. Beschreibung der Soll-Fachprozesse (insbesondere Beschreibung der Stellen im Prozess, an denen das neue IT-System unterstützen soll)
4. Funktionale Systemanforderungen (inkl. Beschreibung des Systemablaufs)
5. Nicht funktionale Systemanforderungen
6. Systemschnittstellen (Schnittstellen zu anderen IT-Systemen inkl. Datenflüsse)
7. Beschreibung statischer Systemkomponenten (Benutzeroberfläche, Daten, Rollenkonzept)
8. Beschreibung sonstiger Anforderungen (bspw. Sicherheit, Administration, Testbetrieb,
Inbetriebnahme, Abnahme, Betrieb)
Abgesehen von den beschriebenen formellen Aspekten und der Anforderung eines durchgehenden Leseflusses wird auch durch diese Beispielgliederung noch einmal eines deutlich:
Es sollten niemals alle Teile eines Fachkonzepts unter Verwendung einer Modellierungsmethodik und eines entsprechenden Werkzeugs erstellt werden.
6.5
Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite
Nach der theoretischen Darstellung der modellgestützten Fachkonzeption folgt in diesem
Abschnitt exemplarisch eine praktische Anwendung der Methodik. Ausgangsbasis ist dabei der bereits vorgestellte Fachprozess der Wareneingangsbearbeitung.
6.5.1
Fachprozess
Grundlage unseres Fachkonzepts ist der Wareneingangsprozess. Dabei wird Ware durch
einen Lieferanten angeliefert. Zur Lieferung erhält der Mitarbeiter im Wareneingang vom
Lieferanten auch den Lieferschein und die Warenbegleitpapiere. Im ersten Schritt wird nun
überprüft, ob die Informationen auf dem Lieferschein (insbesondere die Artikelmengen)
mit dem tatsächlich gelieferten Wareneingang übereinstimmen. Sofern Differenzen zwischen dem physischen Wareneingang und dem Lieferschein auftreten, werden diese auf
dem Lieferschein zur weiteren Bearbeitung vermerkt. Darüber hinaus wird der Wareneingang mit der Bestellung abgeglichen. Bei Abweichungen zwischen der Bestellung und der
Lieferung wird eine Prüfung der einzelnen Lieferpositionen durchgeführt. Dieser Prozess
ist in Abbildung 6.12 dargestellt.
Der erste Schritt wird manuell, also ohne Systemunterstützung durchgeführt. Dabei wird
für jeden abweichenden Artikel die Art der Abweichung zwischen Lieferung und Bestellung geprüft. Drei verschiedene Abweichungen sind jeweils möglich:
Die gelieferte Artikelmenge ist kleiner als die bestellte Menge.
Die gelieferte Artikelmenge ist größer als die bestellte Menge.
Der falsche Artikel ist geliefert worden.
140
6.5 Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite
Abbildung 6.12
Fachprozess „Lieferungspositionen
prüfen
141
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Für unser Fachkonzept ist der erste Fall, also die Mindermenge, interessant. Es ist möglich,
dass mehr als eine Lieferung zu einer Bestellung gehört, dass also nicht alle bestellten
Artikel in einer einzigen Lieferung, sondern in mehreren Teillieferungen enthalten sind.
Diese Möglichkeit muss im Fall einer Mindermenge geprüft und das Ergebnis der Prüfung
im System erfasst werden. Dieser Arbeitsschritt „Teillieferung prüfen“ wird durch den
Wareneingangsmitarbeiter in einer Interaktion mit dem System durchgeführt (siehe Abbildung 6.13).
Abbildung 6.13
Fachliche Aktivität
„Teillieferung prüfen“
Wir gehen für unser Beispiel davon aus, dass der Fachprozess vorgegeben ist, es sich also
entweder bereits um einen entwickelten Soll-Fachprozess oder einen Ist-Fachprozess, der
nicht verändert, sondern lediglich IT-technisch unterstützt werden soll, handelt. Zur
Durchführung der Aktivität „Teillieferung prüfen“ werden die Informationen auf dem Lieferschein sowie die Warenbegleitpapiere benötigt. Das Ergebnis der Prüfung wird im System erfasst und kann in Form eines Wareneingangsprotokolls ausgegeben werden. Die
Abteilung Warenannahme ist für die Durchführung der fachlichen Aktivität zuständig. Die
IT-Unterstützung wird durch das Use-Case-Objekt „Auf Teillieferung prüfen“ dargestellt,
das direkt an die fachliche Funktion „Teillieferung prüfen“ modelliert wird, die IT-technisch unterstützt werden soll. Dieses Use-Case-Objekt stellt eine Systemfunktionalität,
also eine funktionale Systemanforderung an das neue System dar und bildet die Schnittstelle zur IT-Sicht, indem es nun mit einem IT-Prozess hinterlegt wird, der den Systemablauf abbildet.
6.5.2
Systemablauf
Der Systemablauf stellt das dynamische Systemverhalten der Funktionalität „Auf Teillieferung prüfen“ in Form einer EPK dar (siehe Abbildung 6.14).
Der Systemablauf besteht aus verschiedenen Verarbeitungsschritten, die jeweils entweder
durch einen Benutzer oder automatisch vom System durchgeführt werden. Ferner wird
jeder Verarbeitungsschritt auf einer bestimmten Maske abgebildet, benötigt Ein- und/ oder
erzeugt Ausgabedaten.
142
6.5 Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite
Abbildung 6.14 Systemablauf „Teillieferung prüfen“
143
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Die Verarbeitungsschritte vom Objekttyp „Funktion“ werden im Attribut „Beschreibung/
Definition“ kurz beschrieben und können so direkt aus der Oracle BPA Suite ausgewertet
werden:
Bestellung auswählen
Beschreibung/Definition
Auf Basis von Bestellnummer, Lieferantennummer, Bestelldatum,
Bruttobetrag (jeweils und/ oder) können passende Rechnungen
aus dem System aufgerufen werden. Die Rechnung zum aktuell zu
bearbeitenden Lieferschein kann in einer neuen Maske vollständig
angezeigt und bearbeitet werden.
wird aktiviert durch
Auf Teillieferung prüfen START
Ereignis
ist Vorgänger von
Liefermenge eingeben
Funktion
steht unter DV-Verantwortung
von
Mitarbeiter Warenannahme
Personentyp
wird repräsentiert durch
Bestellung suchen
Maske
hat Input
Bestellnummer
Fachbegriff
hat Output
Materialbestellung
Fachbegriff
Liefermenge eingeben
Beschreibung/Definition
Zu jeder Position der Bestellung wird die tatsächliche Liefermenge
eingegeben. Dabei werden die Felder zunächst mit der Bestellmenge gefüllt, so dass eine Änderung nur für die Artikel durchgeführt werden muss, bei denen die tatsächlich gelieferte Menge von
der Bestellmenge abweicht. Dabei kann eine Abweichung nur darin
bestehen, dass die Liefermenge kleiner als die Bestellmenge ist.
Den Fall Liefermenge > Bestellmenge muss das System nicht abdecken, da dieser Fall auf andere Weise bearbeitet wird (siehe
Fachprozess).
folgt auf
Bestellung auswählen
Funktion
ist Vorgänger von
Teillieferung identifizieren
Funktion
steht unter DV-Verantwortung
von
Mitarbeiter Warenannahme
Personentyp
wird repräsentiert durch
Bestellung
Maske
hat Input
Menge
Fachbegriff
Artikelnummer
Fachbegriff
hat Output
144
6.5 Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite
Teillieferung identifizieren
Beschreibung/Definition
Wird zu einem Artikel eine kleinere Liefermenge eingegeben als
die Bestellmenge, öffnet sich eine neue Maske, auf der der Grund
für die Abweichung angegeben werden muss. Dabei muss der
Benutzer diesen Grund den Warenbegleitpapieren entnehmen, auf
denen der Lieferant weitere Informationen zu Lieferung und Lieferschein angeben kann. Auf Basis dieser Informationen muss der
Benutzer entscheiden, ob es sich um eine Teillieferung handelt
oder ob tatsächlich eine falsche Menge geliefert worden ist.
folgt auf
Liefermenge eingeben
Funktion
führt zu
(unbenannt)
Regel
steht unter DV-Verantwortung
von
Mitarbeiter Warenannahme
Personentyp
wird repräsentiert durch
Teillieferung
Maske
hat Input
Anmerkung zur Lieferung
Fachbegriff
hat Output
Artikel als Teillieferung markieren
Beschreibung/Definition
Ist die Liefermenge kleiner als die Bestellmenge, da es sich bei
der Lieferung nur um eine Teillieferung handelt, so wird dieser Fall
auf der Maske angewählt und die Information zur entsprechenden
Bestellposition im Wareneingangsprotokoll im System gespeichert.
wird aktiviert durch
Teillieferung
Ereignis
führt zu
(unbenannt)
Regel
steht unter DV-Verantwortung
von
Mitarbeiter Warenannahme
Personentyp
wird repräsentiert durch
Teillieferung
Maske
Wareneingangsprotokoll
Fachbegriff
hat Input
hat Output
Artikel als falsch markieren
Beschreibung/Definition
Ist die Liefermenge kleiner als die Bestellmenge, weil es sich um
keine Teillieferung handelt, sondern tatsächlich um eine Falschlieferung handelt, so wird dieser Fall auf der Maske angewählt
und die Information zur entsprechenden Bestellposition im Wareneingangsprotokoll im System gespeichert.
wird aktiviert durch
keine Teillieferung
Ereignis
führt zu
(unbenannt)
Regel
145
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
steht unter DV-Verantwortung
von
Mitarbeiter Warenannahme
Personentyp
wird repräsentiert durch
Teillieferung
Maske
Wareneingangsprotokoll
Fachbegriff
hat Input
hat Output
Das Beispiel zeigt, dass bei einem gut modellierten Systemverhalten die relevanten Informationen für das Fachkonzept komplett aus der BPA Suite generiert werden können.
6.5.3
Statische Systemkomponenten
Nachdem wir nun den Systemablauf konstruiert haben, der den Fachprozess unterstützen
soll, fehlt noch die Beschreibung der statischen Systemkomponenten. Hier beginnen wir
bei der Betrachtung der verarbeiteten Daten.
6.5.3.1 Datenbeschreibung
Während die im Rahmen eines Prozesses verarbeiteten oder erzeugten Informationen in
der Fachsicht in Form von Geschäftsobjekten dargestellt werden, müssen wir in der ITSicht einen Schritt weiter ins Detail gehen und die konkreten Daten beschreiben, die das
System zur Verarbeitung benötigt und erzeugt. Im ersten Schritt stellen wir den Zusammenhang zwischen den Geschäftsobjekten und den Daten her, die in den Geschäftsobjekten enthalten sind. Dazu erstellen wir mit der Oracle BPA Suite ein Fachbegriffsmodell, in
dem wir auf der linken Seite die Geschäftsobjekte der Fachsicht anordnen und auf der
rechten die Daten der IT-Sicht. Über die Kante „umfasst“ wird deutlich gemacht, welche
Daten in welchen Geschäftsobjekten enthalten sind. Die Geschäftsobjekte und Daten werden ferner im Attribut „Beschreibung/ Definition“ kurz beschrieben. Eine Übersicht über
die im Modell dargestellten Objekte und deren Beschreibung lässt sich so automatisch aus
der Oracle BPA Suite generieren. Vom Objekttyp her sind alle Geschäftsobjekte in unserem Beispiel Fachbegriffe, was sinnvoll ist, weil die IT-Geschäftsobjekte normalerweise in
den fachlichen Geschäftsobjekten enthalten sind und lediglich eine Detaillierung darstellen. So stellt das IT-Geschäftsobjekt „Artikelnummer“ grundsätzlich auch eine fachliche
Information dar, die einer Material-Bestellung oder einem Lieferschein auch ohne IT-Unterstützung entnommen werden kann. Lediglich der Detaillierungsgrad erlaubt eine direkte
Abbildung als ein Datum in einem System. Zur Unterscheidung zwischen fachlichen und
IT-Geschäftsobjekten im Modell aus Abbildung 6.15 sind die fachlichen Geschäftsobjekte
als weiße Kästchen dargestellt.
146
6.5 Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite
Abbildung 6.15
Zusammenhang zwischen fachlichen
und IT-Geschäftsobjekten
147
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
6.5.3.2 Maskenbeschreibung
Nachdem die von unserem System be- und verarbeiteten sowie neu erstellten Daten nun
beschrieben sind, konzipieren wir die Bildschirmdialoge, die das System zur Interaktion
mit dem Benutzer verwendet. Bei der Spezifikation eines Maskenentwurfs sollten Sie sich
immer im Klaren darüber sein, dass die einzelnen Masken der für die späteren Systembenutzer sichtbare Teil des Systems sind. Daher sollten Anforderungen der späteren Benutzer
(sofern sie bestehen) auch in die Konzeption mit einbezogen werden, um die spätere
Akzeptanz des Systems zu erhöhen. Wie bereits in Abschnitt 6.3.4.1 erläutert, kann der
Detaillierungsgrad einer Maskenbeschreibung zwischen einer rein textlichen Beschreibung
der dargestellten Informationen und möglichen Benutzeraktionen über ein Maskendiagramm, das die Struktur einer Maske darstellt, bis hin zu einem Maskendesign variieren,
abhängig von den konkreten Anforderungen der späteren Systembenutzer aus dem Fachbereich. In unserem Beispiel haben diese eine sehr genaue Vorstellung des Maskenlayouts,
so dass wir uns für den Modelltyp Maskendesign entschieden haben. Der Zusammenhang
zu den in der Maske dargestellten und bearbeiteten Daten wird im Maskendesign ebenfalls
klar. Im Attribut „Beschreibung/Definition“ haben wir dabei beschrieben, welche Aktionen der Benutzer auf der Maske ausführen kann:
Bestellung suchen (siehe Abbildung 6.16)
Beschreibung/Definition
Die Maske dient der Suche nach im System vorhandenen Bestellungen
anhand definierter Suchkriterien:
– Lieferantennummer
– Bestellnummer
– Bestelldatum
– Bruttobetrag
Dabei kann eine beliebige Zahl an Feldern ausgefüllt werden. Alle Bestellungen, die allen ausgefüllten Suchkriterien entsprechen, werden nach
Betätigung der Schaltfläche „Bestellungen anzeigen" angezeigt. Wenn
kein einziges Suchkriterium angegeben wird, werden alle Bestellungen im
System angezeigt. Durch Betätigung der hinter jeder gefundenen Bestellung angezeigten Schaltfläche „Bestellung anzeigen" wird die entsprechende Bestellung in einer neuen Maske geöffnet.
Abbildung 6.16 Maske „Bestellung suchen“
148
6.5 Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite
Bestellung (siehe Abbildung 6.17)
Beschreibung/Definition
Auf dieser Maske wird eine bestimmte Bestellung angezeigt. Das einzige
Feld, das der Benutzer verändern kann, ist die gelieferte Menge zu jeder
Artikelposition der Bestellung. Dabei wird dieses Feld vor der Bestellungsbearbeitung mit der bestellten Menge gefüllt, die auch in der Spalte „Bestellmenge" angezeigt wird. Der Benutzer muss also nur Änderungen vornehmen, sofern es bei einem Artikel eine Abweichung zwischen bestellter
und tatsächlich gelieferter Menge gibt. Dabei erlaubt das System nur den
Fall Liefermenge < Bestellmenge. Wird eine Liefermenge > Bestellmenge
eingegeben, ignoriert das System die Eingabe und füllt das Feld wieder
mit dem vorher gespeicherten Wert (vor der ersten Bearbeitung also die
Bestellmenge). Gibt der Benutzer eine Liefermenge < Bestellmenge ein,
so öffnet sich automatisch eine neue Maske, in der der Grund für die
Abweichung angegeben werden muss. Dieser Grund wird für die Artikelposition gespeichert. Über das Feld „Bemerkung" kann der Benutzer im
Freitext eine Bemerkung zur Bestellung erfassen. Nach Beendigung der
Bearbeitung kann der Benutzer seine Änderungen über die Schaltfläche
„Änderungen speichern" sichern und über die Schaltfläche „Wareneingangsprotokoll drucken" ein Protokoll ausdrucken, das die angezeigten
Informationen inkl. der bei abweichenden Liefermengen angegebenen
Gründe enthält. Dabei muss das System den Benutzer darauf hinweisen,
dass nur gespeicherte Änderungen ausgedruckt werden, so dass der
Benutzer Änderungen erst speichern muss, bevor er das Wareneingangsprotokoll ausdruckt.
Abbildung 6.17 Maske „Bestellung“
149
6 Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme
Teillieferung (siehe Abbildung 6.18)
Beschreibung/Definition
Gibt der Benutzer zu einer Artikelposition einer Bestellung eine kleinere
Liefermenge als die bestellte Menge ein, muss er auf dieser Maske den
Grund für die Abweichung angeben. Es kann sich bei der gelieferten
Menge entweder um eine Teillieferung handeln, so dass die Differenz zur
bestellten Menge in einer weiteren Lieferung nachkommen wird, oder die
gelieferte Menge ist tatsächlich falsch. Der gewählte Grund wird zur Artikelposition gespeichert, und die Maske wird geschlossen, so dass der
Benutzer wieder auf die Bestellungsmaske gelangt.
Abbildung 6.18
Maske „Teillieferung“
6.5.3.3 Maskenflüsse
Nachdem die Masken für unser System beschrieben sind, kann die Navigation zwischen
diesen in einem Extra-Modell dargestellt werden, um sicherzustellen, dass keine notwendigen Navigationspfade vergessen werden. Bereits die Darstellung des Systemablaufmodells zeigt, dass der Benutzer von der Maske „Bestellung suchen“ auf die Maske „Bestellung“ und im Falle einer zu geringen Liefermenge auf die Maske „Teillieferung“ gelangen
muss. Um weitere Artikel zu bearbeiten, ist also auch ein Rücksprung auf die Maske „Bestellung“ notwendig. In unserem sehr überschaubaren Beispiel, in dem nur ein Ausschnitt
eines Systems betrachtet wird, bringt die Maskennavigation aufgrund der sehr geringen
Komplexität des Systems möglicherweise wenig Mehrwert. Stellen Sie sich nun jedoch ein
System vor, das zahlreiche Funktionalitäten mit hinterlegten Systemabläufen auf mehreren
Masken beinhaltet (siehe Abbildung 6.19). In diesem Fall stellt eine Darstellung des Zusammenhangs und der Navigation zwischen den verschiedenen Masken eine große Hilfe
dar, sowohl für den Ersteller des Fachkonzepts als auch für den Realisierer:
Abbildung 6.19
Maskenflüsse
6.5.3.4 Benutzerrollen
Das dargestellte Beispiel macht sicherlich kein komplexes Rollenkonzept notwendig. Aus
dem Systemablauf kann nur eine Benutzerrolle „Mitarbeiter Warenannahme“ entnommen
werden. Auch hier gilt jedoch, dass bei einem komplexeren System auch das ggf. notwen-
150
6.5 Erstellung eines Fachkonzepts mit der Oracle BPA Suite
dige Rollenkonzept berücksichtigt werden muss. Es empfiehlt sich dabei, die Zuordnung
der notwendigen Benutzerrollen zu den entsprechenden Organisationseinheiten aus den
Fachprozessen darzustellen und die Benutzerrollen kurz zu beschreiben (siehe Abbildung
6.20).
Abbildung 6.20
Organisatorische Zuordnung der Benutzerrolle
„Mitarbeiter Warenannahme“
Mitarbeiter Warenannahme
Beschreibung/Definition
Die Benutzerrolle „Mitarbeiter Warenannahme“ hat die Berechtigung, im
System vorhandene Bestellungen zu bearbeiten, um die Bestelldaten mit
den Daten, die sich aus Wareneingängen ergeben, abzugleichen.
Die Rechte einer Benutzerrolle lassen sich bei korrekter Modellierung der Systemabläufe
direkt in Form einer Matrix aus der Oracle BPA Suite generieren, indem die Beziehungen
der einzelnen Rollen (Objekte vom Typ „Personentyp“) zu den einzelnen Funktionen aus
den Systemabläufen ausgegeben werden (siehe Abbildung 6.21).
Abbildung 6.21
Rechtematrix für die Benutzerrolle
„Mitarbeiter Warenannahme“
Wie bereits bei der Konzeption notwendiger Masken muss auch beim Rollenkonzept die
Administration des Systems mit berücksichtigt werden. Verfügt ein System über ein Rollenkonzept, so muss bspw. eine Administratorrolle definiert werden, die Benutzer einrichten und diesen die entsprechende Rolle zuordnen kann. Auch die Zuordnung bestimmter
Rechte zu einer Rolle ist eine notwendige Administrationsfunktionalität, die auf einer entsprechenden Maske ausgeführt werden muss.
151
7
7 Identifizierung und Modellierung
fachlicher Services für SOA
7.1
Zentrale Fragen dieses Kapitels
Was ist ein Service?
Welchen Nutzen generiert die Verwendung von Services?
Wie werden Services im Unternehmen nutzbar gemacht?
Wie werden Services identifiziert und modelliert?
7.2
Services und SOA
SOA hat den Sprung vom Hype in die Realität geschafft. Immer mehr Unternehmen haben
damit begonnen, SOA zu etablieren. Insbesondere prozessorientierte Unternehmen erkennen, dass sie über eine gute Grundlage für SOA verfügen und versprechen sich Vorteile
von der Einführung einer SOA, wie zum Beispiel, flexiblere Geschäftsprozesse oder eine
erhöhte Innovationsfähigkeit leichter umsetzen zu können.
Ein Grundgedanke von SOA ist es, ausgehend von fachlichen Anforderungen ein durchgängiges Konzept bis zur Implementierung in der IT bereitzustellen. Oftmals wird dieser
Ansatz durch eine allzu ambitionierte IT oder nicht genügend Kapazitäten auf Seiten der
Business-Analysten torpediert, und man beschäftigt sich in erster Linie mit reinen ITThemen einer SOA. In der Praxis lässt sich beispielsweise oft beobachten, dass die Infrastruktur vor dem Beginn der Anforderungsanalyse gekauft wird.
Dieses Kapitel vermittelt, wie fachliche Anforderungen an SOA in Form von Services erstellt und dokumentiert werden können. Außerdem wird in diesem Kapitel ein grundlegendes Verständnis für SOA und Services geschaffen, soweit es für dieses Buch notwendig
ist.
153
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Die Begriffe „Service“ und „SOA“ wurden in den letzten Jahren häufig sehr unterschiedlich interpretiert und verwendet. Die Ursachen sind vielfältig. Zum Teil liegt es am Marketing der verschiedenen Beratungsdienstleister und Systemanbieter, die den SOA Hype zur
Verkaufsförderung genutzt haben.
Dies ist ein noch nicht behobenes Manko. Es gibt noch immer keine umfassende und allgemein anerkannte Definition von SOA. Das Standardisierungsgremium OASIS hat einen
ersten Schritt in diese Richtung unternommen und ein SOA-Referenzmodell veröffentlicht.
In diesem Modell wird primär der Begriff Service beschrieben. In dieser Form reicht es als
ausschließliche Definition für eigene SOA-Vorhaben noch nicht aus. So muss unternehmensintern eine einheitliche Definition geschaffen werden.
Mindestens vor Beginn des ersten SOA-Vorhabens müssen die Begriffe „Service“
und „SOA“ einheitlich definiert werden. Im Idealfall gibt es eine unternehmensweite Definition. Diese Definition muss für alle beteiligten Mitarbeiter gelten und
im Projektverlauf eingehalten werden, um Reibungsverluste in der Kommunikation zu vermeiden.
Um in diesem Buch Methoden und Ziele rund um SOA richtig einordnen und verstehen zu
können, definieren wir zunächst einige grundlegende SOA-Elemente.
7.2.1
Was ist ein Service?
Ein Service kann aus zwei Perspektiven betrachtet werden: der fachlichen und der technischen. Je nach Blickwinkel werden einem Service unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Die folgenden Eigenschaften gelten allgemein für jeden Service:
Ein Service bietet einem Konsumenten einen Nutzen.
Ein Service kapselt fachliche Funktionalität.
Ein Service besitzt wohldefinierte Schnittstellen.
Ein Service ist unabhängig von Kontext und Struktur anderer Services.
Ein Service ist wiederverwendbar.
Ein Service bietet dem Konsumenten einen Nutzen
Ein Service bietet eine Leistung an. Die Leistung wird von einem Konsumenten in Anspruch genommen. Der Nutzen liegt also auf Seiten des Konsumenten und nicht primär auf
Seiten des Service-Anbieters.
Diese Eigenschaft sorgt für eine der größten Hürden, wenn Services identifiziert und nutzbar gemacht werden sollen. Der Aufwand, diesen Service zu erstellen, liegt beim Anbieter.
Die Frage „Wer bezahlt die Implementierung?“ wird meist mit „Der Anbieter!“ beantwortet. Aus Sicht eines potenziellen Anbieters besteht unter Umständen kein Interesse, seine
Leistungen als Services anzubieten. Er müsste Zeit und Geld investieren, um Konsumenten
eine Leistung anbieten zu können. An dieser Stelle ist Managementunterstützung nötig, um
den unternehmensweiten Nutzen über Verantwortungsgrenzen hinweg zu realisieren.
154
7.2 Services und SOA
Ein Service kapselt fachliche Funktionalität
Services besitzen ein fachliches Aufgabengebiet. Ein Service kapselt die in diesem Aufgabengebiet erbrachten Leistungen und bietet sie Konsumenten an. Ein „TelefonbuchService“ könnte zum Beispiel die Leistung anbieten, zu einem Namen die entsprechende
Telefonnummer zu suchen. Der gleiche Service kann auch die Leistung anbieten, zu einer
bestimmten Telefonnummer den Nummerninhaber zu suchen. Beide Leistungen fallen fachlich in das gleiche Aufgabengebiet und sollten über einen Service angeboten werden.
Services verfügen über eine wohldefinierte Schnittstelle
Wenn ein Service genutzt werden soll, braucht er eine definierte Schnittstelle, wie diese
Leistung in Anspruch genommen werden kann. In der Regel beinhaltet eine Schnittstellenbeschreibung die Leistungen, Nachrichtenbeschreibungen (eingehende und ausgehende
Nachrichten) und den Kommunikationskanal. Diese Schnittstelle ist aus Sicht des Konsumenten das Einzige, was er kennen muss, um den Service zu nutzen. Die eigentliche Realisierung der Leistung ist hinter der Schnittstelle verborgen.
Services sind unabhängig
Aus Sicht eines Konsumenten sind Services immer unabhängig. Ein Konsument muss nur
genau den Service anfragen, dessen Leistung er nutzen möchte. Zur Erlangung dieser Leistung ist kein weiterer Service notwendig. Jeder Service besitzt seine eigene Schnittstellenbeschreibung und dementsprechend auch eine eigene Nachrichtenstruktur in dieser Schnittstelle. Auch wenn der Konsument aus der Komposition mehrerer Services einen höherwertigen Service erstellt, sind die verwendeten Services immer noch unabhängig.
Services sind wiederverwendbar
Die vom Service bereitgestellte Leistung soll sich in verschiedenen Anwendungsfällen
nutzen lassen. Der Service stellt in der Regel keine Leistungen bereit, die so speziell sind,
dass sie lediglich in einem Anwendungsfall verwendet werden können.
7.2.2
Missverständnis Service
Werden Services in der IT realisiert, spricht man auch hier von einem „Service“. Wenn
Services implementiert werden sollen, werden sie häufig als Web Services implementiert.
Die Ähnlichkeit der Namen führt oft zu einer falschen Gleichsetzung. Mit Web Services ist
eine Technologie gemeint. Insbesondere wenn IT und Fachbereich miteinander sprechen,
wird schnell von Seiten der IT angenommen, dass der Fachbereich von Web Services
spricht, wenn sie über Services sprechen. Diese Interpretation gilt es zu vermeiden. Ein
fachlicher Service muss nicht zwangsläufig in der IT realisiert werden! Ein ähnliches
Missverständnis tritt auch andersherum auf. Wenn der IT-Bereich über Web Services
spricht, müssen diese nicht immer einen fachlichen Hintergrund haben. Die Web-ServiceTechnologie ist insbesondere in Integrationsprojekten weit verbreitet und bietet der IT eine
einfache Methode, Systemgrenzen zu überwinden.
155
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Ein Ziel von SOA ist es, diesen Bereich, in dem sich Fachwelt und IT-Welt überschneiden,
zu vergrößern. Es wird jedoch auch mit SOA noch rein fachliche und rein technische Services geben. Wenn Sie versuchen, fachliche Services möglichst ähnlich in der IT abzubilden, bringt das die Herausforderung mit sich, die verschiedenen Servicearten auseinanderzuhalten, wenn Fachbereiche und IT-Bereiche miteinander kommunizieren.
7.2.3
Atomare und zusammengesetzte Services
Eine wichtige Unterscheidung für Serviceanbieter ist auch die Art, wie der Service seine
Leistung erbringt. Aus Sicht des Konsumenten ist nicht ersichtlich und auch nicht wichtig,
ob es sich um einen atomaren oder zusammengesetzten Service handelt. Von atomaren
Services spricht man, wenn der Service die Leistung alleine bereitstellt. Von zusammengesetzten Services spricht man, wenn der Service zur Erstellung seiner Leistung andere Services verwendet. Diese Unterscheidung ist für einen Serviceanbieter deswegen wichtig,
weil der zusammengesetzte Service von den genutzten Services abhängig ist. Eine Änderung an den verwendeten Services wirkt sich also direkt auf den zusammengesetzten Service aus.
7.2.4
Was ist eine SOA?
Services bieten dem Konsumenten einen Nutzen. In diesem Abschnitt wird beschrieben,
wie Services nutzbar gemacht werden. Dies verbirgt sich hinter den drei prominenten
Buchstaben SOA.
Die unserer Ansicht nach beste Definition von SOA stammt von OASIS (Organization for
the Advancement of Structured Information Standards), welche es sich unter anderem zur
Aufgabe gemacht hat, die Begriffswelt rund um SOA zu standardisieren:
„Service Oriented Architecture (SOA) is a paradigm for organizing and utilizing
distributed capabilities that may be under the control of different ownership domains.“
[Oasi06]
Die OASIS-Definition ist frei von IT. Es gibt keinen Zwang, Services in der IT realisieren
zu müssen. Dementsprechend ist es auch möglich, eine rein fachliche SOA zu erstellen. In
der Praxis haben wir diese Bestrebung jedoch noch nicht sehen können. Oft wird sogar
nicht nur eine SOA angestrebt, sondern direkt das aufbauende Konzept der Prozessautomatisierung ins Visier genommen.
An die Frage „Was ist SOA?“ schließt sich meist direkt die Frage „Wie funktioniert es?“
an. Beschäftigt man sich mit den Definitionen und Beschreibungen zu SOA, stößt man
immer wieder auf ein Grundkonzept:
Es gibt einen Service, den ein Anbieter bereitstellt.
Es gibt einen Konsumenten, der diesen Service nutzt.
Es gibt ein Verzeichnis, über welches der Service gefunden werden kann.
156
7.2 Services und SOA
ServiceVerzeichnis
1
2
3
5
ServiceAnbieter
4
ServiceKonsument
Abbildung 7.1
Architektur der SOA
Das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten ist in Abbildung 7.1 dargestellt und wird
im Folgenden erläutert:
1. Der Serviceanbieter publiziert seinen Service (die Schnittstellenbeschreibung) in einem
Serviceverzeichnis.
2. Konsumenten können das Verzeichnis durchsuchen.
3. Konsumenten holen sich aus dem Verzeichnis die benötigten Informationen zur Nutzung des Service.
4. Der Konsument stellt an den Anbieter eine Serviceanfrage.
5. Der Anbieter liefert eine Serviceantwort.
Auch hier lässt sich erkennen, dass diese Architektur absolut IT-neutral ist. Es ist durchaus
möglich, eine rein fachliche SOA mit einem Serviceverzeichnis aus rein fachlichen Services zu realisieren. In der IT kann man diese Architektur exakt genau so realisieren und alle
Schritte aus der Grafik automatisiert durchführen.
Das Verständnis von Fach- und IT-Bereichen ist an dieser Stelle fast deckungsgleich. Ziel einer SOA ist es, genau ein Serviceverzeichnis zu erstellen, in dem
rein fachliche Services, in der IT realisierte fachliche Services und rein technische
Services enthalten sind. In Diskussionen mit Fach- und IT-Bereichen muss darauf
geachtet werden, dass alle Beteiligten die drei Servicearten unterscheiden können.
Bei einem gemischten Personenkreis führen Diskussionen über rein fachliche
oder rein technische Services meist zu keinen Ergebnissen.
7.2.5
SOA und Services im Prozessmodell
In unserer Definition von Enterprise Architecture haben wir gesagt „Eine Enterprise Architecture ist ein konzeptioneller Entwurf, welcher die Struktur und Arbeitsweise einer
Organisation beschreibt“ (siehe Kapitel 2.2.1.1). Hierzu gehören natürlich auch Services
und ihre Verwendung. Es sollte somit Ziel sein, ein einheitliches Prozessmodell zu erstellen, in dem alle unternehmensrelevanten Informationen verbunden sind.
In Unternehmen, in denen Services nicht nur konsumiert, sondern auch bereitgestellt werden, müssen wir aus Sicht der Enterprise Architecture zwei Arten von Services im Modell
unterscheiden:
157
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
1. Services, die in unserem Prozessmodell verwendet werden.
2. Services, die wir in unserem Prozessmodell „zusammensetzen“.
Verwendung von Services
Services sind im Prozessmodell mit Prozessschritten verbunden. Diese Verbindung sagt
aus, dass dieser Schritt durch den Service realisiert wird. In diesem Fall wird der Service
vom Prozess verwendet, der Prozess nimmt die Rolle des Konsumenten ein. Abbildung 7.2
zeigt eine grobe Skizze des Prozessmodell-Aufbaus. Auf jeder Ebene des Prozessmodells
können Services modelliert werden.
Ähnlich der Prozessgranularität auf den einzelnen Ebenen verhält es sich mit der Servicegranularität. Auf Ebene der Unternehmensinstanz können die Kerngeschäftsprozesse mit
(Kerngeschäfts-)Services verbunden sein. Die Prozesse der obersten Ebenen haben eine
eher strukturierende Aufgabe. Ähnlich verhält es sich mit den Services auf dieser Ebene.
Die Menge der Services in einem Unternehmen ist ohne Struktur nicht handhabbar. Aus
diesem Grunde werden auch Services strukturiert. Im Modell ist ein Service auf Ebene der
Unternehmensinstanz der zusammenfassende Service für die Services der tieferen Ebenen.
Auf den oberen Ebenen des Prozessmodells sind ausschließlich fachliche Services zu finden. Die Ebene der Übersichtsmodelle ist für eine Realisierung in der IT zu grob. Auf den
darunter liegenden Ebenen (fachliche Detailmodelle, fachliche IT-Modelle und ausführbare IT-Modelle) sind in der IT realisierte Services zu finden. Die Ebene der fachlichen Detailmodelle stellt in diesem Zusammenhang eine Besonderheit dar. Services auf dieser Ebene sind in der Regel nur dann in der IT realisiert, wenn es sich um einen zusammengesetzten Service handelt. Zusammengesetzte Services werden im folgenden Abschnitt behandelt. Auf Ebene der fachlichen IT-Modelle können auch rein technische Services modelliert werden. Auf Ebene der ausführbaren IT-Modelle sind sie teilweise zwingend notwendig.
In einem Prozessmodell steht jedoch der Prozess im Vordergrund und nicht die Servicemodellierung. Prozessmodelle sind unter dem Gesichtspunkt erstellt worden, Abläufe abzubilden. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine Prozesshierarchie etabliert, und Prozesse werden, entlang ihres Ablaufes, in detailliertere Prozesse heruntergebrochen. Abbildung
7.2 zeigt die Ebenen eines Prozessmodells und die Ausrichtung entlang von Prozessen.
Services sind leistungsorientiert. Sie stellen innerhalb eines fachlichen Themengebietes
Leistungen bereit. Diese Leistungen sollen prozessübergreifend konsumiert werden. Beide
Problemstellungen – zu hohe Komplexität in der Prozesswelt und zu hohe Komplexität in
der Servicewelt – sollen mit der gleichen Methode gelöst werden, nämlich der Komplexitätsreduktion durch Strukturierung. Je tiefer die Hierarchieebene ist, umso stärker wird
eine andere Aussage verfolgt. In der Prozesswelt ist es die Detaillierung eines Ablaufes, in
der Servicewelt die Detaillierung einer Leistung. Die Hierarchisierung der Prozesse kann
aus diesem Grunde nicht zur Strukturierung der Services genutzt werden.
158
7.2 Services und SOA
1. Instanzgranularität
Unternehmensinstanz
vertikale Dekomposition
7. Instanzgranularität
IT-Prozessinstanz
7‘. Instanzgranularität
implementierte
IT-Prozessinstanz
IT-Automatisierungsobjekte
(implementiert)
IT-Automatisierungsobjekte
(generiert)
5-40
IT-Aktivitäten
optional:
20-40
Prozessaktivitäten
2
Fachliche
Übersichtsmodelle
3
4. Instanzgranularität
Unterprozessinstanz
5. Instanzgranularität
Detailprozessinstanz
(optional)
6. Instanzgranularität
IT-Interaktionsinstanz
20-40
Prozessaktivitäten
3-5
Unterprozesse
1
2. Instanzgranularität
Kernprozessinstanz
3. Instanzgranularität
Hauptprozessinstanz
5-6
Hauptprozesse
6-12
Kernprozesse
horizontale Dekomposition
4
Fachliche Detailmodelle
5
6
7
Fachliche IT-Modelle
7‘
Ausführbare IT-Modelle
Abbildung 7.2 Ebenen eines Prozessmodells
Prozesse
Übersichtsmodelle
Fachliche
Detailmodelle
Services
unterstützt
unterstützt/
realisiert
Fachliche
IT-Modelle
realisiert
Ausführbare
IT-Modelle
realisiert
Abbildung 7.3
Prozess- und
ServiceHierarchien
Möchte man Services strukturieren, wird man die bestehenden Prozessdiagramme nicht
wieder verwenden können und muss neue Ordnungskriterien (und Diagramme) erstellen.
Werden Prozessschritte mit Services verbunden, bedeutet dies auf oberster Hierarchieebene eher eine „Unterstützung“. Z.B. Könnte ein Kerngeschäftsprozess „Wareneingang“
durch einen (Kerngeschäfts-)Service „Ware“ unterstützt werden. Das bedeutet jedoch
nicht, dass alles, was sich hinter dem „Ware“-Service verbirgt, nur dazu dient, den Prozess
„Wareneingang“ zu unterstützen. Die Verbindung zwischen dem Kerngeschäftsprozess
und dem Service ist vielmehr der Hinweis darauf, dass hier eine oder mehrere Leistungen
aus dem „Ware“-Service verwendet werden (vgl. Abbildung 7.3).
159
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Weil Verbindungen zwischen Service und Prozess auf oberster Ebene nicht viele
Informationen für den Modellbenutzer transportieren, ist es empfehlenswert, sie
hier eher sparsam zu nutzen. Services sollen prozessübergreifend genutzt werden. Würde man alle Prozesse mit allen Services verbinden, sobald sich eine
Verbindung in einer der darunter liegenden Ebenen ergibt, dann leidet darunter
die Übersichtlichkeit des Diagramms sehr.
Hat man sich entschieden, zu einer Servicenutzung auch eine Servicehierarchie zu modellieren, kann es durchaus sinnvoll sein, eine andere Anzahl an Ebenen als im Prozessmodell zu haben. Deswegen gibt es auch keinen Zwang, nur Service mit Prozessschritten auf
gleicher Ebene zu verbinden.
Services besitzen in ihrer Schnittstellenbeschreibung Eingangs- und Ausgangsnachrichten.
Damit wird beschrieben, was der Service benötigt, um die angeforderte Leistung realisieren zu können. Im „Telefonbuch“-Service könnte die Eingangsnachricht der Name sein,
nach dem wir suchen wollen. Die Ausgangsnachricht beschreibt das Ergebnis, das der Service liefern kann. Um im Beispiel zu bleiben, könnte die Ausgangsnachricht hier die Telefonnummer zum Namen sein. Diese Informationen sollten zusätzlich mit in das Prozessmodell aufgenommen werden. Ein ähnliches Vorgehen hat sich auch in der Prozessmodellierung durchgesetzt. Hier dienen Geschäftsobjekte als Eingangs- und Ausgangsnachricht
für Prozesse und Prozessschritte.
Zusammengesetzte Services im Prozessmodell
Im vorigen Abschnitt wurden Services verwendet. Das heißt, sie wurden im Prozessmodell
mit einem Prozessschritt verbunden und haben somit den Prozessschritt realisiert oder unterstützt. Der Prozess hat hier die Rolle des Servicekonsumenten eingenommen. Umgekehrt können wir genauso definieren, dass wir unseren Prozess als Service sehen. Bevor
der Prozess als Service publiziert wird, muss er jedoch mindestens die Anforderungen erfüllen, dass er einem Konsumenten einen Mehrwert bietet und eine wohldefinierte Schnittstelle besitzt (siehe auch Abschnitt 7.2.1). Nicht jeder Prozess sollte als Service publiziert
werden! Der Konsumentennutzen muss klar im Vordergrund stehen.
Soll ein Prozess auch als Service publiziert werden, gib es drei Arten zu unterscheiden:
Manueller Prozess
Teilautomatisierter Prozess
Vollautomatisierter Prozess
Im Falle eines manuellen Prozesses befinden wir uns in einer rein fachlichen SOA ohne
IT-Unterstützung. In diesem Fall ist keiner der Prozessschritte mit technischen Services
verbunden, und jeder Schritt muss von einem Menschen manuell durchgeführt werden.
Dennoch besitzt dieser Service eine definierte Schnittstelle mit Eingangs- und Ausgangsnachrichten, damit ihn der Konsument nutzen kann. Ein Service dieser Art ist häufig die
erste Evolutionsstufe, bevor er weiter automatisiert wird.
160
7.2 Services und SOA
Beispiel
Die Spesenabrechnung wurde bisher in jeder Niederlassung direkt durchgeführt. Jetzt wird
der Service „Spesenabrechnung“ von der Zentrale angeboten. In der Schnittstellenbeschreibung ist beschrieben, dass ein Spesenformular an Frau Müller geschickt werden muss und
diese eine Genehmigung oder Ablehnung zurückschickt. Der von Frau Müller durchgeführte
manuelle Prozess bleibt für die Konsumenten verborgen.
Ein teilautomatisierter Prozess nutzt IT bereits zur Erbringung der Leistung, doch wird
entweder nicht jeder Prozessschritt durch einen in der IT realisierten Service unterstützt –
der Prozess ist nicht automatisiert ablauffähig –, oder es sind manuelle Entscheidungen im
Prozessverlauf notwendig. Häufig findet man unter den teilautomatisierten Prozessen folgende evolutionäre Reihenfolge:
1. Einzelne Schritte sind durch technische Services realisiert.
2. Alle Schritte sind durch technische Services realisiert (wenn keine manuellen Entscheidungen nötig sind).
3. Zusätzlich zu 2. Alle manuellen Entscheidungen werden durch Workflowsysteme realisiert. Die Ablaufsteuerung ist in einem IT-System realisiert.
Wird ein Prozess schrittweise in einen IT-gestützten Service überführt, dann wird letztlich
auch die Prozessschnittstelle in der IT realisiert.
Beispiel
Die Spesenabrechnung wurde nahezu komplett automatisiert. Frau Müller bekommt die
Spesenformulare nicht mehr per Post geschickt, sondern diese werden direkt elektronisch
in den Prozess überführt. Nach einer technischen Validierung muss Frau Müller die Spesen
freigeben, um den Prozess weiterlaufen zu lassen.
Die vollautomatisierten Prozesse laufen ohne Benutzerinteraktion. Sie sind von der IT
komplett realisiert. Eingriffe in den Prozessablauf sind lediglich administrativer Natur.
Beispiel
Die Spesenabrechnung wurde komplett automatisiert. Alle Regeln zur Genehmigung oder
Ablehnung eines Spesenantrages wurden in der IT implementiert.
Den Übergang von einem fachlichen Prozess zu einem teilautomatisierten oder vollautomatisierten Prozess beschreiben wir in Kapitel 8.
Achtung
Nicht jeder Prozess im Prozessmodell ist auch ein Service! Es muss immer
geprüft werden, ob der Prozess die Eigenschaften eines Service erfüllt.
Nicht jeder Service ist ein Prozess! Atomare oder eingekaufte Services werden nicht detaillierter im Prozessmodell modelliert.
161
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Verzeichnis
Ein wesentlicher Teil von SOA ist das Service-Verzeichnis. Hier werden alle Services
publiziert, damit sie auffindbar sind. Ähnlich wie ein Telefonbuch hilft das Verzeichnis
dabei, den aktuellen Service unter der aktuellen Schnittstelle mit seinem aktuellen Funktionsumfang zu finden. Man betrachtet das Verzeichnis häufig als Teil eines Serviceportfolios (siehe auch Abschnitt 7.3). Im Verzeichnis können rein fachliche Services, in der IT
realisierte fachliche Services und rein technische Services gefunden werden. Das Serviceportfolio hat noch umfassendere Aufgaben, die Abschnitt 7.3.1 beschreibt.
7.2.6
Services in der BPA Suite
In diesem Abschnitt stehen wir am Anfang der Modellierung von Services in der BPA Suite. Wir beginnen mit den grundlegenden Fragen zur Servicemodellierung:
Wie wird ein Service in der BPA Suite modelliert?
Welche Modelle und Objekte benötigt man?
Wie stehen Services mit Prozessen in Verbindung?
Eine Eigenschaft von Services besteht darin, fachliche Funktionalität zu kapseln. Ein Service bietet somit verschiedene Leistungen an. Ähnlich ist es mit vielen Technologien. Weil
sich Web Services als De-facto-Standard durchgesetzt haben, wird in diesem Kapitel ein
Web Service als technische Realisierung angenommen. Ein Web Service kann mehrere
Operationen besitzen. Die Operationen stellen somit eine Leistung des Web Service dar.
Beide Informationen – die fachlichen und technischen – lassen sich im Modell abbilden
und miteinander verknüpfen.
Übersichtsmodelle/
Fachliche Detailmodelle
(CIM)
‚Prozess‘
Fachliche
IT-Modelle
(PIM)
Geschäftsservice
(strukturierend)
Ausführbare
IT-Modelle
(PSM)
Softwareservice
Web Service
SoftwareserviceOperationstyp
Web Service
Operation
Fähigkeit
Funktion
Geschäftsservice
Messages
Fachbegriff
Entitytyp
Attribute
Abbildung 7.4 BPA-Sichten auf Services
162
XSD
7.2 Services und SOA
Die Sichten aus Abbildung 7.4 (Übersichtsmodelle, fachliche Detailmodelle, fachliche ITModelle und ausführbare IT-Modelle) kann man in unsere Ebenen eines Prozessmodells
einordnen (siehe auch Abbildung 7.2). Die verschiedenen Sichten werden in der Hilfe der
BPA Suite entsprechend der bekannten Modellierungsebenen der Model Driven Architecture benannt (MDA). Die fachliche Sicht wird Computation Independent Model (CIM)
genannt und ist eine reine Beschreibungsebene ohne technischen Fokus. Die technische
Sicht in der BPA Suite entspricht dem Platform Independent Model (PIM). Hier wird mit
einer technischen Ausrichtung modelliert, ohne sich auf eine konkrete Technologie festzulegen. Es werden nur Konstrukte verwendet, die in vielen Technologien umsetzbar sind.
Als weitere Verfeinerung gibt es das Platform Specific Model (PSM), welches sich auf
eine konkrete Technologie bezieht. In der BPA Suite sind dies in der Regel Modelle von
Web-Service-Schnittstellenbeschreibungen.
Die Abbildung zeigt alle Verbindungen, die in der BPA Suite modelliert werden können.
Je nach Zielrichtung unseres Modells können wir auf einige Objekte und Verknüpfungen
verzichten. Wir verfolgen an dieser Stelle das Ziel, Services aus der fachlichen Perspektive
in unseren fachlichen Modellen zu nutzen. Ein Generierungsansatz wird nicht verfolgt.
Insbesondere die Ebene der ausführbaren IT-Modelle wird in diesem Kapitel nicht behandelt. Somit beschränken wir uns auf die grau hinterlegten Objekte.
Bei einigen Modellierungsschritten wird von der BPA Suite eine besondere Toolunterstützung angeboten. Diese Unterstützung setzt jedoch häufig voraus, dass das Modell in einem
bestimmten Format aufgebaut ist. Wir wollen in unserem Modell die besondere Toolunterstützung weitestgehend erhalten und müssen uns dementsprechend an einigen Stellen an
ein vorgegebenes Format halten.
Übersichtsmodelle und fachliche Detailmodelle
Die fachliche Sicht von Abbildung 7.4 zeigt, was fachlich im Modell abgebildet werden
kann. Wir wollen auf dieser Ebene eine Servicenutzung modellieren. Es soll eine Verbindung zwischen der Funktion und einem Service hergestellt werden. Fachliche Services
werden in der BPA Suite mit dem Objekt Geschäftsservice modelliert. Geschäftsservices
kapseln eine Menge an Fähigkeiten. Damit lehnen sich die Namen an das SOA-Referenzmodell von OASIS an. Diese Fähigkeiten entsprechen den fachlichen Funktionalitäten, die
wir in einem Service kapseln wollen. Der Zusammenhang zwischen Geschäftsservice und
Fähigkeiten wird in einem Service-Zuordnungsdiagramm modelliert.
In unserem Serviceverständnis ist der strukturierende Geschäftsservice ein fachlicher Service. Er umfasst eine Menge an Fähigkeiten und Geschäftsservices. Ein Geschäftsservice
stellt eine Einzelleistung dar. Somit sind sich Geschäftsservice und Fähigkeit an dieser
Stelle sehr ähnlich. Dieses Vorgehen scheint auf den ersten Blick überflüssig. Wir möchten
an dieser Stelle jedoch nicht auf die Fähigkeiten und auch nicht auf die Geschäftsservices
verzichten. Die Fähigkeiten stellen in der BPA Suite eine Art „Kleber“ dar und sind aus
diesem Grunde auf der Abbildung zwischen den fachlichen Detailmodellen und den fachlichen IT-Modellen aufgeführt. Die BPA Suite nutzt unter anderem die Fähigkeiten, Suchergebnisse sinnvoll einzuschränken. Eine Fähigkeit ist jedoch ein beschreibendes Merk-
163
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
mal. Es kann vorkommen, dass eine Fähigkeit von zwei strukturierenden Geschäftsservices
bereitgestellt wird. In einem solchen Fall ist die Verknüpfung zwischen Funktion und Fähigkeit nicht ausreichend, da nicht eindeutig ist, welcher strukturierende Geschäftsservice
die Leistung für die Funktion bereitstellt. Die Geschäftsservices werden benötigt, um eine
eindeutige Serviceverwendung zu modellieren.
Ein Geschäftsservice ist mit mindestens einer Fähigkeit verbunden, die der strukturierende
Geschäftsservice umfasst.
Soll eine Funktion im Prozess durch einen Service unterstützt werden, wird sie mit dem
Geschäftsservice und der Fähigkeit verbunden. Generell gilt: Mehrere Funktionen können
sich auf die gleiche Kombination von Fähigkeit und Geschäftsservice beziehen. Die Funktionen dürfen unterschiedlich heißen, müssen jedoch inhaltlich das Gleiche tun. Die Verbindung zwischen Funktion, Fähigkeit und Geschäftsservice kann direkt in der EPK oder
in einem Funktionszuordnungsdiagramm modelliert werden.
Funktionen und Geschäftsservices nutzen die gleichen Geschäftsobjekte als In- und Output. Die Zuordnung wird in einem Service-Zuordnungsdiagramm modelliert.
Ein Prozess kann als Service gesehen und publiziert werden. Die Verbindung Prozess /
strukturierender Geschäftsservice kann nicht direkt modelliert werden. Ein Prozess ist auf
einer höheren Ebene im Prozessmodell meist durch eine Funktion realisiert. An diese
Funktion können ebenfalls Fähigkeit und Geschäftsservice modelliert werden. Ein genaueres Modellierungsvorgehen stellt Kapitel 8 dar.
Fachliche IT-Modelle
Fachliche IT-Modelle stellen die technische Verfeinerung von fachlichen Prozessen dar.
Sind alle Funktionen eines Prozesses mit technischen Services verbunden, kann dieser
auch automatisiert werden. Auf dieser Ebene des Modells werden wir unsere technischen
Services in Form von Softwareservicetypen modellieren. Softwareservicetypen dienen uns
als Verbindungsstück zwischen fachlichen und technischen Services. Strukturierende Geschäftsservices, die mit einem Softwareservicetyp verbunden sind, sind unsere in der IT
realisierten fachlichen Services. Nur mit einem Web Service verbundene Softwareservices
stellen rein technische Services dar.
Ein Softwareservicetyp ist die Kapsel für mehrere Operationen, die der Service bereitstellt.
Operationen sind vom Typ Softwareservice-Operationstyp und werden mit Softwareservicetypen auf Anwendungssystemtypdiagrammen über eine Kante vom Typ Umfasst modelliert.
Wird ein Softwareservice mit einem strukturierenden Geschäftsservice verknüpft, erbt der
Softwareservice in der Ansicht im Service Repository (siehe auch Abbildung 7.7) die Fähigkeiten, die der strukturierende Geschäftsservice bereitstellt. Ein Softwareservice muss
mindestens die Fähigkeiten unterstützen, die der strukturierende Geschäftsservice bereitstellt. Weitere Fähigkeiten können z.B. nicht funktionale Fähigkeiten beschreiben.
Ein Softwareservice-Operationstyp wird mit einer Fähigkeit verbunden. Es muss genau
eine der „geerbten“ Fähigkeiten des Softwareservice sein. Die Verknüpfung Funktion, Fä-
164
7.2 Services und SOA
higkeit und Softwareservice-Operationstyp sollte relativ häufig eindeutig sein. Besitzt die
Fähigkeit eine zweite Implementierung, kann die Eindeutigkeit über den Geschäftsservice
an der Funktion hergestellt werden. (Der Geschäftsservice ist mit genau einem strukturierenden Geschäftsservice und dieser mit dem Softwareservice der Operation verbunden.)
Die In- und Outputdaten können auf dieser Ebene deutlich feiner über Entitäten modelliert
werden. Entitäten sind vom Typ Entitytyp und lassen sich auf Zugriffsdiagrammen mit
Softwareservice-Operationen verbinden. In unserem Modell verzichten wir an dieser Stelle
auf die Datenmodellierung, da wir kein unternehmensweites Datenmodell erstellen und
auch keine Serviceschnittstellen generieren wollen.
Existiert kein fachlicher Service, und der technische Service soll verwendet werden, kann
man eine Funktion mit einer Softwareservice-Operation verbinden. Dies kann in einer EPK
oder in einem Funktionszuordnungsdiagramm modelliert werden.
Ausführbare IT-Modelle
In ausführbaren IT-Modellen werden immer technischere Informationen verwendet. Dies
sind in der Regel in die BPA Suite importierte technische Schnittstellenbeschreibungen.
Ziel dieser Ebene ist es meist, einen fachlichen Prozess in Software zu generieren. Dieses
Ziel verfolgen wir mit unserem Modell nicht. Dennoch ist das Modell so strukturiert, dass
ein Ausbau zu einem generierungsfähigen Modell immer noch möglich ist.
Schritte zur Servicemodellierung
Wenn Sie die oben genannten Modellierungsschritte in der folgenden Reihenfolge ausführen, gelangen Sie zu einem modellierten und verwendeten Service in der BPA Suite.
1. Modellieren des strukturierenden Geschäftsservice.
2. Modellieren der Fähigkeiten des strukturierenden Geschäftsservice (1..n Fähigkeiten).
Empfohlen werden nicht mehr als 10 Fähigkeiten.
3. Geschäftsservices zum strukturierenden Geschäftsservice modellieren.
4. Geschäftsservices mit Fähigkeiten verbinden (i.d.R. handelt es sich um eine Eins-zueins-Verbindung aus der Menge der Fähigkeiten vom strukturierenden Geschäftsservice).
5. Geschäftsservices mit Input/Output-Fachbegriffen versehen.
6. Softwareservice modellieren (ggf. durch Import einer technischen Servicebeschreibung).
7. Modellieren der Fähigkeiten des Softwareservice. (Fähigkeiten können auch beim Import einer technischen Servicebeschreibung angegeben werden. Wird ein Softwareservice mit einem strukturierenden Geschäftsservice verbunden, erbt dieser im Service
Repository die Fähigkeiten des strukturierenden Geschäftsservice.)
8. Softwareservice-Operationen zum Softwareservice modellieren.
9. (Wurde eine technische Servicebeschreibung importiert, kann die technische Operation
leicht mit dem Softwareservice-Operationstyp verbunden werden; „Operationen zuordnen“ im Kontextmenü eines Softwareservice.)
165
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
10. Der strukturierende Geschäftsservice wird mit dem Softwareservice verbunden. (Die
von der BPA Suite angebotene Suche nutzt auch die Fähigkeiten, um die Servicezuordnung zu erleichtern.)
11. Modellieren der Fähigkeit an einer Funktion.
12. Suchen und Modellieren des Geschäftsservice an der Funktion. (Die von der BPA Suite
angebotene Suche nutzt auch die Fähigkeiten und Fachbegriffe, um die Servicezuordnung zu erleichtern.)
Die aufgeführten Schritte können verschiedenen Phasen zugeordnet werden, die wiederum
von unterschiedlichen Rollen (siehe auch Abbildung 7.6) durchgeführt werden. Teilweise
kann auch parallel gearbeitet werden. Beispiele dafür zeigt Tabelle 7.1.
Tabelle 7.1 Phasen und Rollen in der Servicemodellierung
Phase
Ablauf T1
Servicemodellierung
Rolle: Business Analyst
Schritte: 1, 2
Ablauf T2
Servicekonkretisierung
Rolle: Business Analyst
Schritte: 3, 4, 5
Softwareservicemodellierung
Rolle Architekt
Schritte: 6, 7, 8, 9
Fach/IT-Verknüpfung
Rolle: Architekt
Servicenutzung
Rollen: Fachbereich,
Business Analyst
Ablauf T3
Ablauf T4
Schritt: 10
Schritte: 11, 12
Defizite in der BPA Suite
Die BPA Suite bietet die Möglichkeit, alle relevanten Informationen zu modellieren.
Schwächen zeigt sie jedoch bei ihrer Verknüpfung. Es gibt keine Diagramme, die eine
Übersicht über alle servicerelevanten Informationen bieten. Sollen alle Informationen verknüpft werden, muss über viele verschiedene Diagramme „gesprungen“ werden.
Theoretisch ist eine Verknüpfung mit Objekten auf der Ebene der fachlichen IT-Modelle
mit Objekten der ausführbaren IT-Modelle möglich. Der Pflegeaufwand, die detaillierten
technischen Informationen mit anderen Modellinhalten zu verknüpfen, ist sehr hoch und
steht, ohne das Ziel ausführbare Prozesse zu generieren, in keinem akzeptablen Nutzenverhältnis. Kleinste technische Änderungen würden zu einer umfassenderen Aktualisierung in
der BPA Suite führen. Kanten müssen ggf. neu modelliert, alte Elemente ersetzt und nicht
mehr benötigte Elemente gelöscht werden. Um diesem Aufwand zu entgehen, aber dennoch die Informationen zur technischen Schnittstelle zu erhalten, wird ein Attribut am
Softwareservice gepflegt, welches auf die technische Schnittstelle verweist.
Um den Pflegeaufwand geringer zu halten, werden nicht alle möglichen Verbindungen
modelliert. Abbildung 7.5 zeigt noch mal eine Einschränkung auf alle relevanten Verbin-
166
7.2 Services und SOA
dungen. Die technischen Informationen der ausführbaren IT-Modelle sind innerhalb der
technischen Artefakte verknüpft. In der BPA Suite ist lediglich ein Link auf diese Dokumente gepflegt.
Übersichtsmodelle /
Fachliche Detailmodelle
(CIM)
‚Prozess‘
Fachliche
IT-Modelle
(PIM)
Geschäftsservice
(strukturierend)
Ausführbare
IT-Modelle
(PSM)
Softwareservice
Web Service
SoftwareserviceOperationstyp
Web Service
Operation
Fähigkeit
Funktion
Geschäftsservice
Messages
Fachbegriff
Entitytyp
XSD
Attribute
Abbildung 7.5 Reduzierte Modellierung von Services
Die hier getroffene Auswahl müssen Sie in Ihrem SOA-Vorhaben Ihren Zielen
anpassen! Soll das Modell später Software generieren, werden mehr Informationen (Verknüpfungen) benötigt als in dieser Auswahl.
7.2.7
Der Nutzen einer SOA
Eine SOA bringt vielfältigen Nutzen. Häufig ergibt sich der Nutzen einer SOA nicht direkt
aus der SOA selbst, sondern aus den auf ihr aufbauenden Konzepten (Z.B. der Prozessautomatisierung.). Diese Aspekte sind hier dennoch zusammengetragen, da SOA die Grundlage dafür ist.
Nutzen für die Fachabteilungen
Reduktion von Redundanzen
Durch Publizieren der Services ist das Risiko geringer, Services doppelt zu implementieren.
Einheitliche Services verhindern auch eine unterschiedliche Implementierung der
gleichen Leistung, z.B. Berechnung von Kennzahlen. Die Kennzahlen sind so besser miteinander vergleichbar.
167
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Agilere und flexiblere Geschäftsprozesse und dadurch erhöhte Innovationsfähigkeit
Technologisch implementierte Prozesse im Sinne einer SOA sind „einfach“ und
„flexibel“ umzustellen. Dies ist wichtig für die Innovationsfähigkeit. Z.B. müssen
Marketing-Ideen schnell umsetzbar sein. Die Produkteinführungszeit (auch „time to
market“ genannt) kann verkürzt werden.
Durch die Entkopplung der einzelnen Prozessschritte aus einem Anwendungssystem können diese auch in anderen Prozessen wiederverwendet werden. Durch die
Nutzung oder Wiederverwendung der Bausteine geht es weg von der üblichen
Anwendungsentwicklung hin zur Prozessimplementierung. Die Bausteine können
schneller und leichter im Prozess neu positioniert oder in ganz neuen Prozessen
verwendet werden.
Sind Services auch eigenständige Systeme, kann z.B. eine Wartung oder Erweiterung aufgrund der geringeren Abhängigkeiten schneller erfolgen.
Reduktion von Medienbrüchen
Durch die weitestgehend standardisierten Protokolle in der IT können Prozesse
leichter miteinander verbunden werden. Die Papierschnittstelle lässt sich einfacher
ablösen. Durch weit verbreitete Sicherheitsmechanismen ist es auch möglich, über
Unternehmensgrenzen hinweg Prozesse zu verbinden oder Leistungen anderer Unternehmen in eigenen Prozessen zu nutzen.
Die Reduktion von Medienbrüchen ist eine Voraussetzung zur Prozessautomatisierung.
Transparenter Prozessstatus auf Basis von BPEL (Business Process Execution Language)
Durch die deutlichen Ähnlichkeiten zwischen Fachprozess und IT-Prozess wird der
realisierte Prozess für Fachbereiche transparenter.
Der Prozessfluss und der aktuelle Prozesszustand einer Prozessinstanz kann leichter
eingesehen werden.
Erleichterung von Prozesskostenrechnung, -controlling und Abrechnungsmodellen
Es ist transparenter, welcher Prozess welche Leistungen in Anspruch nimmt.
Die Verwendung eines Service kann ggf. direkt einer Kostenstelle zugeordnet werden.
Services können als Einheiten hinsichtlich ihrer Kosten betrachtet werden.
Die Einzelkosten der Services können zu einer Gesamtkostenrechnung des Prozesses verwendet werden.
Kennzahlen für das Controlling lassen sich leicht aus den Prozessen extrahieren.
Andere Systeme können diese Kennzahlen in Echtzeit auswerten, z.B. BAM (Business Activity Monitoring).
168
7.2 Services und SOA
SOA und BPM: Risikominimierung durch Erfüllung gesetzlicher Vorgaben (Basel II,
SOX)
Compliance-Themen wie Basel II oder SOX müssen nach Vorgabe des Gesetzgebers vom Unternehmen umgesetzt werden.
Durch die vollständige Dokumentation aller Prozesse bis hin zu den beteiligten
Services kann dies in einer SOA vereinfacht werden.
Prozessautomation lässt sich zur Risikosteuerung nutzen (z.B. Implementierung von
Eskalationsmechanismen oder B2B mit Rating-Agenturen).
Prozessdokumentation
Ein Prozess ist vollständig dokumentiert, und sein Ablauf kann von jedem Beteiligten nachgelesen werden.
Die vollständige Dokumentation ermöglicht die Durchgängigkeit bis zur IT, in dem
die Prozessdokumentation mit den IT-relevanten Dienstleistungen des Prozesses
angereichert wird.
Prozessdokumentationen können für Einarbeitung, Schulung etc. genutzt werden.
Nutzen für die IT-Abteilung
Wiederverwendung von Funktionalität
Wiederverwendung führt zu schnellerer und einfacherer Entwicklung und beschleunigtem „time to market“ z.B. bei Anforderungen der Fachabteilungen.
Kapselung von Komplexität und erhöhte Abstraktion
Durch die Kapselung der Services wird die Komplexität handhabbarer. Im besten Fall
ist ein Service ein Anwendungssystem. Im Gegensatz zum oftmals bestehenden Monolithen lassen sich hier Auswirkungen von Anpassungen leichter einschätzen.
Verbesserte Interoperabilität, ERP-Integration, B2B, Fusionen und Aufkäufe
Erhöhte Integrationsfähigkeit z.B. von Alt-Systemen bzw. Zusammenspiel von Individual- und Standardsoftware.
Die Interoperabilität von Business zu Business wird vereinfacht.
Die eigene IT-Architektur kann Aufkäufe von Fremdunternehmen leichter aufnehmen. Systeme können verbunden oder je nach Leistungsfähigkeit auch ersetzt werden.
Bestandschutz von Alt-Systemen: Integration vs. Neuentwicklung
Alte Systeme müssen nicht zwangsweise neu implementiert werden. Sie können
u.U. mit Service-Wrappern versehen werden. So bieten diese Alt-Systeme ihre
Leistung über eine Serviceschnittstelle an. Diese kann man in Prozessen verwenden.
Die Anbindung externer Dienstleistungen oder Outsourcing wird vereinfacht.
Funktionalitäten können ggf. günstiger eingekauft und in die eigene Systemlandschaft integriert werden.
169
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
In B2B-Szenarien müssen eventuell fremde Services genutzt bzw. eigene angeboten
werden.
Sauber beschriebene eigene Services können leichter durch Outsourcing ersetzt
werden. Servicegrenzen sind gleichzeitig die Verantwortungsgrenzen.
Dokumentierte IT-Dienstleistungen (unternehmensweites Service-Portfolio; siehe auch
Abschnitt 7.3)
Die IT weiß exakt, welche Leistungen sie im Unternehmen anbietet.
Vor einer Neuimplementierung von Funktionalität kann der Bestand auf bestehende
Funktionalitäten durchsucht werden.
Bei der Änderung von Funktionalitäten lassen sich die Auswirkungen auf abhängige Services oder Prozesse ermitteln.
Reduzierte Wartungskosten
Eine SOA kann die eigentlichen Wartungskosten der Software-Systeme reduzieren,
da mehr Services und weniger monolithische Anwendungsblöcke gepflegt werden
können. Durch die dokumentierten Schnittstellen lässt sich die Konzeptphase von
Wartungsprojekten verkürzen.
Schnittstellen können, im Gegensatz zu Monolithen, leichter getestet werden.
Zukunftssichere Architekturen
Durch die durchgängige Verwendung von Standards reduziert sich die Abhängigkeit
von proprietären Herstellerlösungen. Beispiele: BPMN, BPEL, Web Services, WSDL,
SCA, SDO, JCA …
7.3
Aufbau eines Serviceportfolios
Das Serviceportfolio ist die zentrale Sammelstelle, an der alle Informationen zu den Services hinterlegt werden. Das Portfolio umfasst alle Services des eigenen Unternehmens und
die Services, auf die es zugreifen kann (z.B. eingekaufte Services).
Zusätzlich zu den im Serviceverzeichnis aufgeführten Services (rein fachliche Services, in
der IT realisierte fachliche Services und technische Services) enthält ein Serviceportfolio
Servicekandidaten. Anders als im Serviceverzeichnis werden hier auch Informationen über
den Servicelebenszyklus gespeichert.
Die BPA Suite kann als fachliches Serviceverzeichnis und als Serviceportfolio verwendet
werden. Aus technischer Sicht ist eine Zusammenlegung noch nicht sinnvoll. Die BPA
Suite unterstützt nicht die Anforderungen an ein technisches Serviceverzeichnis. Es können zum Beispiel keine Services automatisiert aufgefunden werden. Ferner ist es nur
schwer möglich, die technischen Schnittstellendokumente aus der BPA Suite abzurufen.
Deshalb ist eine Trennung von Serviceverzeichnis und Serviceportfolio in ein technisches
Serviceverzeichnis (z.B. eine UDDI Registry) und die BPA Suite als Serviceportfolio
sinnvoll.
170
7.3 Aufbau eines Serviceportfolios
Ein Servicelebenszyklus im Portfolio kann folgendermaßen aussehen:
1. Es wurde ein Servicekandidat gefunden und in das Portfolio aufgenommen.
2. Der Servicekandidat wird als manueller Service aufgenommen, und die Schnittstelle
wird publiziert. In dieser Phase wird die Leistung noch komplett durch einen Mitarbeiter erbracht. Die Schnittstellenbeschreibung darf aus diesem Grunde noch gewisse Ungenauigkeiten aufweisen.
3. Der Service soll langfristig als IT-Service angeboten werden. Im ersten Schritt bekommt der Service eine technische Schnittstelle, die jedoch noch auf ein Workflowsystem verweist. Die technische Schnittstelle kann bereits in anderen Prozessen und
Systemen verwendet werden. Die Leistung wird jedoch immer noch manuell erbracht.
Der Mitarbeiter erhält die Serviceanfrage lediglich auf einem anderen Weg. In diesem
Fall: über eine Worklist. Das Serviceportfolio wird um die technischen Informationen
angereichert.
4. Der Service wird in der IT realisiert. Die Schnittstelle nach außen kann beibehalten
werden. Jetzt wird jedoch kein Task in eine Worklist eingestellt, sondern eine Anwendung aufgerufen. Es ist keine manuelle Tätigkeit notwendig.
5. Der Service wird erweitert und die neue Schnittstelle im Serviceportfolio hinterlegt.
6. Der Service geht in den Ruhestand.
7.3.1
Aufgaben des Serviceportfolios
Als zentrale Sammelstelle für alle Belange, die sich um Services drehen, hat das Serviceportfolio im Wesentlichen folgende Aufgaben:
Informieren
Unterstützung bei servicebezogenen Entscheidungen
Unterstützung in der Serviceerstellung (Design, Konzept, Implementierung)
Unterstützung in der Administration der Services
Die verschiedenen Aufgabengebiete deuten schon darauf hin, dass es verschiedene Gruppen im Unternehmen gibt, die das Serviceportfolio benutzen. Abbildung 7.6 können die
Gruppen entnommen werden.
Als Informationsquelle nutzen alle Gruppen aus Abbildung 7.6 das Serviceportfolio. Der
Manager nutzt das Serviceportfolio lediglich als Informationsquelle und fügt nur in Ausnahmefällen Informationen im Serviceportfolio ein. Die anderen Gruppen nutzen das Portfolio in den abgebildeten Phasen nicht nur lesend, sondern auch schreibend. Durch eine
einheitliche Dokumentation der Services im Portfolio werden Services besser vergleichbar.
Diese Vergleichbarkeit kann sich die Managergruppe zu Nutze machen. Z.B. kann ein Manager die Servicekandidaten vergleichen und entscheiden, welcher als Erster in der IT realisiert werden soll.
171
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Business Analyst
Manager
Konzept
Design
Service
im
Portfolio
Fachbereich
Betrieb
Administrator
Architekten
Implementierung
Entwickler
Abbildung 7.6
Beteiligte Gruppen am Serviceportfolio
Bauplan eines Serviceportfolios
Um ein Serviceportfolio zu erstellen und mit „Leben“ zu füllen, gilt es folgende Schritte
durchzuführen:
Grundlagen für das Serviceportfolio schaffen
Serviceidentifikation
Serviceklassifikation
Servicespezifikation und Implementierung
Die Schritte Serviceidentifikation, Serviceklassifikation und Servicespezifikation können innerhalb der BPA Suite durchgeführt und realisiert werden.
Grundlagen für das Serviceportfolio schaffen
Mit Grundlagen für das Serviceportfolio sind an dieser Stelle keine Systeme gemeint. Eher
benötigt das Serviceportfolio Governance und Organisation. Beides soll nicht Inhalt dieses
Buches sein, doch möchten wir hier ansprechen, warum Governance und Organisation nötig sind.
Ist das Serviceportfolio noch klein und beschäftigen sich lediglich eine Handvoll Mitarbeiter damit, sind relativ wenig Regeln nötig. Alles kann miteinander abgesprochen werden,
und alle haben einen ausreichenden Überblick über die Services im Portfolio. Je größer die
Zahl der Services und der beteiligten Personen, desto schwerer fallen aber Absprachen.
Auswirkungen können sein, dass Services doppelt oder ähnlich ins Portfolio eingefügt und
implementiert werden, dass die Dokumentationspflicht nur mangelhaft erfüllt wird oder
dass keine Anpassungen an bestehenden Services durchgeführt werden. Tendenziell wird
der Weg des geringsten Widerstandes gewählt, ohne auf den Wert eines sauberen Serviceportfolios zu achten.
Um solche Probleme zu vermeiden, müssen Regeln entworfen und die Einhaltung der Regeln überwacht werden. Meist übernimmt das der so genannte Serviceportfolio Manager.
172
7.3 Aufbau eines Serviceportfolios
Eine Beispielregel könnte sein: Wann wird ein Service neu implementiert?
Gibt es einen ähnlichen Service?
Dann wird dieser verwendet oder um die neuen Anforderungen erweitert.
Gibt es keinen eigenen Service, aber könnte er eingekauft werden?
Management-Entscheidung; Kaufen vs. Selberbauen.
Gibt es einen vergleichbaren Service?
Entwicklungsauftrag einreichen.
Je größer Ihre SOA wird, umso stärker müssen Sie sich um die GovernanceThemen kümmern! Vermeiden Sie unbedingt Wildwuchs in Ihrem Serviceportfolio.
Serviceidentifikation
Die Serviceidentifikation ist einer der wichtigsten Punkte beim Aufbau eines Serviceportfolios. Hier gilt es, die Services im Unternehmen zu finden und richtig zu kapseln. In diesem Buch gehen wir auf die Serviceidentifikation über Prozessmodelle ein (siehe Abschnitt 7.4). Andere Methoden starten häufig „auf der grünen Wiese“. In diesem Buch gehen wir davon aus, dass entweder ein Prozessmodell zur Verfügung steht oder dass eines
geplant ist. Prozessmodelle enthalten viele detaillierte Informationen über Unternehmen.
Diese Informationen kann man nutzen, um Services zu identifizieren. Ein Identifikationsansatz, der bei null startet, würde mehr Aufwand bedeuten, da Informationen doppelt ermittelt werden.
Serviceklassifikation
Durch die Serviceklassifikation wird das Serviceportfolio strukturiert. Ordnet man die Services verschiedenen Klassen zu, kann über die Service navigiert werden. Eine dieser Strukturierungen können z.B. „atomarer Service“, „zusammengesetzter Service“ sein. Auf die
Serviceklassifikation gehen wir in Abschnitt 7.5 genauer ein.
Servicespezifikation und Implementierung
Bei der Servicespezifikation werden die Services im Serviceportfolio mit immer mehr Detailinformationen angereichert. Wurde ein Service z.B. in der IT realisiert, dann wird in der
Servicespezifikation die technische Schnittstelle dem Serviceportfolio hinzugefügt. Auf
die Servicespezifikation geht Abschnitt 7.5 genauer ein.
7.3.2
Nutzen und Herausforderungen eines Serviceportfolios
Welchen Nutzen ein Serviceportfolio bringt und welche Herausforderungen damit verbunden sind, geht zum Teil aus dem bisher Gesagten hervor. Hier geben wir Ihnen noch einmal einen Überblick über Nutzen und Herausforderungen.
173
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Nutzen
Wiederverwendbarkeit wird erhöht.
Nur was gefunden werden kann, lässt sich auch wieder verwenden. Eine saubere Dokumentation aller Services im Serviceportfolio macht die Wiederverwendung möglich.
Reduzieren von Redundanzen
Services werden nur neu implementiert, wenn sie noch nicht existieren. Auf diesem
Wege wird auch verhindert, dass eigentlich gleiche Leistungen unterschiedlich implementiert werden. Dieses Phänomen kann häufig in großen Unternehmen beobachtet
werden, in denen abteilungsübergreifende Absprachen schwerfallen, z.B. die Berechnungen von Kennzahlen.
Reduzieren des Engineering Gaps
Fachliche und technische Services sind über das Serviceportfolio verbunden. Beide
großen Interessengebiete haben Zugriff auf die gleichen Informationen, und beide pflegen diese Informationen weiter.
Das Portfolio kann bei der Entscheidungsfindung zu Services unterstützen.
Durch die einheitliche Dokumentationsform und die Serviceklassifikation können Services miteinander verglichen werden. Die Vergleichbarkeit erleichtert Managemententscheidungen zu Services.
Herausforderungen
Mehr Beteiligte = mehr Anforderungen = mehr Aufwand an Service
Wiederverwendbarkeit und Reduzieren von Redundanzen bedeuten auch, dass die Anforderungen weiterer Nutzer erfüllt werden müssen. Ein Service muss ggf. öfters angepasst werden, um die Anforderungen aller erfüllen zu können.
Es müssen verschiedene Zielgruppen im Serviceportfolio unterstützt werden.
Reduzieren des Engineering Gaps bedeutet auch, dass das Serviceportfolio mit rein
fachlichen und rein technischen Services umgehen können muss. Das Serviceportfolio
soll nicht nur für die Schnittmenge der Services gelten, die fachlich modelliert und
technisch realisiert wurden. Die diversen Zielgruppen verwenden die gleiche Arbeitsplattform. Eine gute Strukturierung des Serviceportfolios ist nötig.
Ein Serviceportfolio als zentrale Instanz bedeutet auch „Bürokratie“.
Z.B. Wiederverwendung oder Erstimplementierung eines Service sind stärker reglementiert. Diese Entscheidungen kosten Zeit. Zeit ist in Projekten oft Mangelware.
7.3.3
Die BPA Suite als Serviceportfolio
Wenn Sie die BPA Suite als Serviceportfolio nutzen, ist der größte Vorteil die Verknüpfungsmöglichkeit aller Informationen. Aufbauend auf einem bestehenden Prozessmodell
kann die BPA Suite die Schritte „Serviceidentifikation“, „Serviceklassifikation“ und „Servicespezifikation“ unterstützen und hält dabei alle Informationen in einem Repository.
174
7.3 Aufbau eines Serviceportfolios
Services werden in der BPA Suite in zwei große Kategorien eingeteilt: Geschäftsservices
und Softwareservices. Zu beiden Kategorien existieren Übersichtsbäume. Gefunden werden können die Übersichten bei eingeschalteter Navigation (Ansicht > Navigation) auf den
Reitern Servicetypen und Softwareservices. Wurden alle Elemente im Modell wie in Abbildung 7.4 verknüpft, so erhält man die umfangreichste Ansicht der Serviceübersichten.
Ein einfaches Beispiel für die reduzierten Serviceansichten zeigt Abbildung 7.7.
Abbildung 7.7 Übersicht für Geschäftsservices und Softwareservices
Einen Service findet man über eine Textsuche in der Navigation. Auch über das Kontextmenü können Services gesucht werden. Auf einer Funktion kann via Rechtsklick das Kontextmenü geöffnet werden, und unter dem Punkt SOA > Servicetypen suchen kann man
eine Serviceauswahl einsehen. Dabei handelt es sich um eine eingeschränkte Ansicht auf
die Serviceübersicht. Zur Einschränkung werden Modellinhalte an der Funktion genutzt.
Z.B. werden bei modellierten Fähigkeiten und Fachbegriffen nur jene Services angezeigt,
die die gleichen Fähigkeiten oder Fachbegriffe nutzen.
Wird ein Service in der Serviceübersicht neu angelegt, wird man durch einen Wizzard geführt und hat zum Beispiel die Möglichkeit, bestehende Fähigkeiten und Geschäftsobjekte
schrittweise hinzuzufügen.
175
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
7.4
Serviceidentifikation
Bei der Serviceidentifikation müssen die vorhandenen Informationen aus dem Prozessmodell neu betrachtet, Services abgeleitet und richtig gekapselt werden. Um von einem Prozessmodell zu Services zu kommen, gibt es kein automatisiertes Verfahren. Es gibt jedoch
Methoden, die die Serviceidentifikation erleichtern. Auf eine dieser Methoden gehen wir
in diesem Abschnitt genauer ein.
7.4.1
Verschiedene Wege der Serviceidentifikation
In der Serviceidentifikation können verschiedene Ansätze unterschieden werden: Top-down,
Bottom-up und Middle-out.
Top-down
Die Top-down-Ansätze starten aus der Vogelperspektive eines Unternehmens. Hierzu zählen die Serviceidentifikation über Prozessmodelle und die Domänendekomposition. Beide
Ansätze betrachten auf oberster Ebene das Kerngeschäft und brechen dieses immer detaillierter herunter. In diesem Buch werden wir primär auf den Prozessmodellansatz eingehen.
Die Domänendekomposition setzen wir zusätzlich ein, um die gefundenen Services zu hierarchisieren (siehe auch Abbildung 7.3).
Bottom-up
Bottom-up-Ansätze starten am anderen Ende und haben zum Ziel, viele Detailinformationen schrittweise zu aggregieren. Oft starten diese Ansätze auf der Ebene von Datenbanken
bzw. Tabellen oder auf Systemebene. In diesem Buch gehen wir nicht weiter auf den Bottom-up-Ansatz ein. Wird er im Anschluss an den Top-down-Ansatz durchgeführt, kann er
sehr gut als Gegenprobe verwendet werden. Services, die über einen Bottom-up-Ansatz
identifiziert wurden, müssen auch in einem Top-down-Vorgehen gefunden werden.
Middle-out
Als dritte Gruppe gibt es die Middle-out-Ansätze. Hierzu zählen wir z.B. das Business
Process Tracing. In diesem Ansatz werden lediglich Prozesse und keine Prozessmodelle
beleuchtet. Man startet also nicht aus der Vogelperspektive, doch auch nicht auf einer so
detaillierten Ebene wie beim Bottom-up-Ansatz. Hier werden die Ereignisse in der Geschäftsumgebung gesammelt und aggregiert. Über die Aggregate können Servicekandidaten abgeleitet werden. Da wir in diesem Buch von einem Prozessmodell ausgehen, beschreiben wir diesen Ansatz nicht genauer. Wir würden sonst auf die Informationen, die in
einem Prozessmodell zusätzlich hinterlegt sind, verzichten.
176
7.4 Serviceidentifikation
7.4.2
Serviceidentifikation über den prozessorientierten Ansatz
Bei der Serviceidentifikation über den prozessorientierten Ansatz gehen wir von einem
vorhandenen Prozessmodell aus. Damit stehen bereits viele Informationen in strukturierter
Form zur Verfügung. Folgende Informationen sind besonders interessant:
Prozesshierarchie
Durch Prozesshierarchien ist die Komplexität des Unternehmens besser handhabbar.
Informationen über Prozesse
Ein Prozess existiert nicht „zum Spaß“. Er erfüllt eine Aufgabe und soll dem Unternehmen einen Nutzen bringen. Die Aufgabe des Prozesses ist ebenfalls im Modell beschrieben.
Prozesse
Prozesse enthalten detaillierte Informationen über die Abläufe und Zusammenhänge im
Unternehmen. Ein Prozess kapselt eine Menge an Einzelaufgaben.
Funktionen
Funktionen sind einzelne Prozessschritte. Sie enthalten sehr detaillierte Informationen
über die Aufgabe, die dieser Schritt erfüllt.
Globale Objekte und Geschäftsobjekte
Geschäftsobjekte werden genutzt, um Objekte zu beschreiben und um sie als Eingabe
und Ausgabe von Prozessen und Funktionen nutzen zu können.
Gruppen, Rollen, Stellen oder Personen
In einem organisatorischen Zweig eines Prozessmodells sind Prozesse oder einzelne
Funktionen mit der Unternehmensorganisation verbunden.
Methoden und Konventionen
Ein Prozessmodell wurde unter einer bestimmten Methode mit Konventionen erstellt.
Herausforderungen
Bestehende Prozessmodelle konzentrieren sich primär auf Prozesse. Da wundert es nicht,
dass einige Herausforderungen überwunden werden müssen, wenn über Prozessmodelle
Services identifiziert werden sollen. Eine Herausforderung ist der Detaillierungsgrad. Das
Prozessmodell wurde in verschiedene Hierarchieebenen unterteilt. Je tiefer die Ebene, umso detaillierter sind die darin enthaltenen Informationen. Aus Sicht der Serviceidentifikation wird man sich häufig genau eine Zwischenebene wünschen, da die Informationen auf
der höheren Ebene zu grob und die auf der tieferen Ebene zu fein sind. Eine weitere Herausforderung ist die Strukturierung in Prozesse. Ein logischer Ablauf wurde als Prozess
zusammengefasst. Services sollen jedoch prozessübergreifend verwendet werden. Ein
Identifikationsweg, der lediglich einzelne Prozesse betrachtet, ist nicht empfehlenswert.
Diese Herausforderungen existieren einfach. Als Business Analyst muss man sich dessen
bewusst sein. Die nachfolgenden Methoden werden dabei unterstützen, diese Herausforderungen zu meistern.
177
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Grundsätzliches Vorgehen der Identifikationsmethoden
Die nachfolgenden Methoden haben etwas miteinander gemeinsam. Sie schränken die Gesamtmenge der Informationen auf einen Ausschnitt ein, der klein genug ist, um ihn als
Mensch erfassen zu können. Wie er gewählt wird, hängt von der speziellen Methode ab.
Wurde er gewählt, werden innerhalb dieses Ausschnittes Servicekandidaten identifiziert.
Dabei müssen im Anschluss an eine Ausschnittbetrachtung die Ergebnisse in ein Gesamtergebnis, in diesem Fall unser Serviceportfolio, überführt bzw. zusammengeführt werden.
Letztlich muss bei jeder Methode eine kreative Eigenleistung erbracht werden. Ein vollständig automatisiertes Vorgehen zur Serviceidentifikation existiert nicht.
Identifikation über Namen
Bei der Identifikation über Namen machen wir uns die Konventionen zu Nutze, mit denen
das Prozessmodell erstellt wurde. Häufig kann für Funktionen die Namenskonvention
„Substantiv + Verb“ gefunden werden, z.B. Bestellung reservieren. Nach beiden Begriffen
kann man im Prozessmodell suchen Das Suchergebnis muss nun auf Servicekandidaten
untersucht werden. Gehören die gefundenen Funktionen fachlich zusammen, kann dies ein
Servicekandidat sein. Z.B. wurden bei einer Suche nach Bestellung die Funktionen Bestellung reservieren, Bestellung verschicken und Bestellung stornieren gefunden. Ein erster
Servicekandidat ist hier ein Bestellservice, der die gefundenen Prozessschritte als Leistungen kapselt und anbietet.
Identifikation über ein Repository
Viele Prozessmodelle verwenden ein Repository, in dem alle Elemente eines Modells hinterlegt sind. Ziel ist es, alle Elemente nur einmalig zu erstellen, um sie dann mehrfach in
Diagrammen verwenden zu können. Schaut man sich eine Funktion in einem Diagramm
an, dann kann exakt die gleiche Funktion auch in anderen Diagrammen vorkommen. Wird
eine Funktion in mehreren Diagrammen verwendet, ist dies für uns ein Hinweis auf einen
Servicekandidaten.
Identifikation über Geschäftsobjekte
Funktionen besitzen Eingabe- und Ausgabeobjekte. Über den Repository-Ansatz können
auch die Funktionen gefunden werden, die auf anderen Diagrammen mit dem Objekt verbunden sind. Auf diesem Wege erhält man eine übersichtliche Anzahl an Funktionen, die
man ebenfalls auf ihre Servicetauglichkeit hin betrachten kann. Diese Methode eignet sich
besonders, um prozessübergreifende Services zu identifizieren.
Identifikation über Systeme
In Prozessmodellen werden ebenfalls IT-Systeme modelliert. Die Aussage einer Verbindung zwischen Funktion und IT-System besteht meist darin, dass die Funktion durch das
IT-System unterstützt oder realisiert wird. Dabei folgen die modellierten IT-Systeme häufig schon dem Servicegedanken. Wenn z.B. die Schritte Versandinformationen ermitteln,
Versandinformationen an Spediteur übermitteln und Versandinformationen an Ausgangs-
178
7.4 Serviceidentifikation
logistik übermitteln mit dem System Versandplanung verbunden sind, sollte auch über
einen Service Versandplanung nachgedacht werden. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass
sich eine Wiederverwendungsmöglichkeit direkt erkennen lässt. Der Service existiert bereits, doch wurde er noch nicht als Service publiziert.
Ein Business Analyst könnte den Eindruck gewinnen, dass mit dieser Methode auch ein
Bottom-up-Identifikationsvorgehen durchgeführt werden kann. Ein Bottom-up-Ansatz
startet jedoch in einer noch tieferen Detailebene und kann nicht ausschließlich über die
modellierten Systeme erfolgen. Das Modell lässt sich jedoch als zusätzliche Informationsquelle bei einem Bottom-up-Vorgehen verwenden.
Identifikation über organisatorische Gruppen
Häufig werden an Funktionen auch organisatorische Informationen modelliert, z.B. die
Stelle oder Rolle, die diese Funktion durchführt. Ähnlich den Geschäftsobjekten kann man
hier über das Repository erkennen, welche Funktionen ebenfalls über diese Stelle oder
Rolle realisiert werden. Die gefundenen Funktionen lassen sich wieder auf ihre Servicetauglichkeit hin betrachten.
Servicegranularität
Bei der Serviceidentifikation tritt immer die Frage auf, welche Granularität die Services
besitzen sollen. Von den extremen Varianten, bei denen ein Service alles kann oder bei
denen es Millionen feingranularer Services gibt, ist abzuraten. Als grobe Empfehlung hat
sich bewährt, dass ein Service nicht mehr als zehn Fähigkeiten bereitstellen soll. Weil die
Erfahrungswerte in der Servicegranularität noch jung sind, kann sich dies in Zukunft ändern.
Die Servicegranularität hat Auswirkungen auf unser Serviceportfolio. Je feingranularer ein
Service modelliert wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Leistung andere
Konsumenten wieder verwenden. Auch die Flexibilität wird verbessert, da Services schnell
in einer anderen Reihenfolge verwendet werden können. Die Nachteile liegen in der höheren Komplexität und dem Pflegeaufwand. Fachlich und technisch sind Personen damit beschäftigt, den Service im Serviceportfolio zu pflegen (siehe auch Abbildung 7.6). Werden
viele feingranulare Services technisch verwendet, senkt dies ebenfalls die Performance.
Mehr Serviceaufrufe bedeuten mehr Kommunikation, und mehr Kommunikation bedeutet
mehr technischen Aufwand.
Serviceidentifikation mit der BPA Suite
Die beschriebenen Identifikationsmethoden lassen sich alle in der BPA Suite realisieren.
An dieser Stelle zeigen wir zwei exemplarisch.
Die Identifikation über Namen erfolgt durch eine Suche im Repository. Rechtsklick auf
dem Modell > Suchen … In der Maske können anschließend die Suchwerte eingegeben
werden. Ein mögliches Vorgehen wäre:
179
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
1. Wir suchen eine Funktion in einem Prozess aus, die ggf. ein Servicebestandteil werden
kann, z.B. Nachlieferung initiieren
2. Wir suchen nach dem Muster *lieferung* mit der Einschränkung, nur Funktionen finden zu wollen.
3. Das Ergebnis stellt einen kleinen Ausschnitt des Unternehmens dar, in dem wir entscheiden können, welche Funktionen wir ggf. zu einem Servicekandidaten zusammenfassen.
Abbildung 7.8 Serviceidentifikation über die Namenssuche in der BPA Suite
Im Suchergebnis finden wir verschiedene Funktionen, die irgendwie mit dem Thema
Lieferung zusammenhängen. In der Auswahl passen z.B. die Funktionen Teillieferung
initiieren und Zusätzliche Lieferung initiieren zu einem Servicekandidaten Lieferung
initiieren. Die verschiedenen Varianten der Lieferungsprüfungen ergeben einen Servicekandidaten Lieferungsprüfung. Ob die Kandidaten auch zu einem Service werden,
muss anhand der Gesamtbetrachtung des Serviceportfolios erfolgen.
Die Identifikation über Geschäftsobjekte erfolgt nicht über die Suche, sondern über die
Eigenschaftenanzeige in der BPA Suite (Ansicht > Eigenschaften). Wurde ein Objekt im
Modell ausgewählt, werden auf verschiedenen Reitern Informationen zum Objekt angezeigt. Haben wir beispielsweise das Geschäftsobjekt Materialbestellung markiert, können
wir über den Reiter Beziehungen alle Objekte sehen, die eine Kante zwischen sich und der
Materialbestellung besitzen.
180
7.5 Serviceklassifikation und Servicespezifikation
Abbildung 7.9
Beziehungen zu einem
Geschäftsobjekt
Die in Beziehung stehenden Objekte können auf Servicekandidaten hin betrachtet werden.
Im Beispiel sind die verbundenen Objekte überwiegend dem Thema Bestellung zuzuordnen. Daraus können wir einen Servicekandidaten Bestellung ableiten.
7.5
Serviceklassifikation und Servicespezifikation
Die bisher identifizierten Services befinden sich noch unstrukturiert und ohne Dokumentation in unserem Serviceportfolio. Durch die Serviceklassifikation und Servicespezifikation
sollen die Services strukturiert und dokumentiert werden. Erst in einer strukturierten Form
kann das Serviceportfolio richtig genutzt werden. Bei einer kleinen Serviceanzahl ist eine
saubere Strukturierung noch nicht so wichtig. Anders sieht es bei einem gewachsenen Serviceportfolio aus. Ohne weitere Strukturierung und Spezifikation können Services lediglich über ihren Namen aufgefunden werden. Ein Servicename ist jedoch nicht eindeutig
genug. Konsumenten können Services ohne Detailinformationen nicht finden, und wird der
Service doch gefunden, sind die Informationen zu dürftig, um ihn nutzen zu können. Genau dieser Zustand soll durch die weitere Anreicherung mit Informationen vermieden werden. Die Vorteile liegen nicht nur auf Konsumentenseite. Aus Anbietersicht machen wir
unsere Services immer besser vergleichbar, was eine Entscheidungsfindung bei Servicefragen deutlich erleichtert.
181
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
7.5.1
Struktur durch die Domänendekomposition
Die Domänendekomposition ist ursprünglich eine eigenständige Methode zur Serviceidentifikation. Sie startet jedoch bei null und nutzt dementsprechend nicht die Informationen,
die bereits im Prozessmodell hinterlegt sind. Ein Vorteil dieser Methode ist jedoch die gute
Strukturierung der Services, die wir uns jetzt zunutze machen wollen. Da wir lediglich beabsichtigen, die Struktur zu übernehmen, werden wir eine vereinfachte Form der Domänendekomposition durchführen.
Bei der Domänendekomposition wird das Unternehmen aus der Vogelperspektive betrachtet. Auf oberster Ebene werden die Kerngeschäftsservices modelliert. Die Fragestellung
lautet hier: Was sind die Kernleistungen des Unternehmens? Was ist zentraler Bestandteil
des Unternehmens? Durch diese Fragen werden die Domänen gefunden, in die sich das
Unternehmen aufteilt. Die Ebene der Domänen wird auch Ebene 0 genannt. Anschließend
werden die Services auf Ebene 1 identifiziert. Jede Domäne wird jetzt für sich betrachtet.
Die Services auf Ebene 1 haben eine eher strukturierende Aufgabe. Die Fragestellung lautet hier: Welche Kernleistungen werden in dieser Domäne angeboten? Das Vorgehen wird
über mehrere Ebenen durchgeführt. Als grobe Richtlinie kann angenommen werden, dass
ein Unternehmen in drei bis vier Ebenen modelliert wird.
Weil wir unsere Services schon über das Prozessmodell identifiziert haben, können wir die
Domänendekomposition verkürzen. Wir müssen nur die strukturierenden Teile identifizieren und können anschließend unsere bereits gefundenen Services zuordnen.
Business-Analysten denken bei einer Domänendekomposition sehr schnell
wieder an Prozesse. Achten Sie jedoch darauf, dass hier Leistungsbereiche bzw.
Services identifiziert werden sollen.
Vergleicht man die obersten Ebenen unserer Modelle (die Kerngeschäftsprozesse) und die
Ebene 0 der Domänendekomposition, wird man viele Ähnlichkeiten feststellen. Auf dieser
Ebene können jedoch nicht nur die Kerngeschäftsprozesse in ähnlicher Form wiedererkannt werden, sondern auch die globalen Objekte. Z.B. kann es eine Domäne Kunde geben, in welcher alle Services rund um Kunden enthalten sind.
Mit den Domänenmodellen haben wir jetzt eine prozessunabhängige Strukturierung und
Hierarchisierung der Services (siehe auch Abbildung 7.3). Über diese Modelle können
Servicekonsumenten navigieren, bis sie ihren gesuchten Service gefunden haben. Aus
Sicht der Serviceanbieter bieten sich die gleichen Vorteile, die auch aus der Prozessmodellierung bekannt sind. So kann zum Beispiel ein Service einer Person zugeordnet werden,
welche dann für den Service bzw. für alle Subservices verantwortlich ist.
Domänendekomposition in der BPA Suite
Ein Domänendekompositionsmodell lässt sich auch in der BPA Suite erstellen. Auf einem
Service-Architekturdiagramm kann die Struktur mit den bekannten Geschäftsservices abgebildet werden.
182
7.5 Serviceklassifikation und Servicespezifikation
Abbildung 7.10 Domänendekomposition in der BPA Suite und geänderte Serviceübersicht
Im Beispiel aus Abbildung 7.10 wurden die Domänen Produktion, Entwicklung und Finanzen modelliert. Die Domäne Produktion haben wir exemplarisch durch zwei Services
verfeinert: Bestellung und Service Y. Der Service Bestellung wird ein weiteres Mal verfeinert und enthält den Service Nachlieferung. Beim Einfügen eines neuen Service auf einem
bestehenden wird eine Kante vom Typ umfasst modelliert. Diese Kante ist wichtig, damit
unsere Serviceübersicht ebenfalls die neue Struktur enthält. In der Serviceübersicht kann
jetzt ein Produktionsservice gefunden werden, der einen Bestellservice umfasst.
7.5.2
Arten der Serviceklassifikation
Mit der Serviceklassifikation sollen den Services weitere beschreibende Informationen
hinzugefügt werden. Hierbei handelt es sich um strukturierte Informationen, die man auch
bei Auswertungen verwenden kann. Aus Sicht von Entscheidern wird das Serviceportfolio
besser vergleichbar, da alle Services in den gleichen Kategorien klassifiziert werden. Die
folgenden Klassifikationsarten sind Beispiele. Welche Klassifikationen im Unternehmen
sinnvoll sind, muss individuell betrachtet werden.
Servicestatus
Der Servicestatus beschreibt, in welchem Lebensstatus sich der Service aktuell befindet.
Servicekandidat
Bei der Serviceidentifikation wurde ein Service gefunden. Es wurde jedoch noch nicht
entschieden, den Service auch als solchen bereitzustellen.
Manueller Service
Der Service wird von Menschen realisiert. Es gibt keine technischen Schnittstellen.
Technischer manueller Service
Der Service besitzt technische Schnittstellen und kann in Anwendungssystemen verwendet werden. Die Leistung wird jedoch manuell erbracht. Z.B. bearbeitet der Mitarbeiter Tasks aus seiner Worklist, die über die Serviceschnittstelle eingestellt wurden.
183
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Automatisierter Service
Der Service wird vollständig in der IT realisiert.
Funktional orientierte Klassifikation
Funktional kann man verschiedene Klassen unterscheiden. Im Prozessmodell können fachlich folgende Klassen interessant sein:
Daten-Service
Services, die Daten zur Verfügung stellen. Es ist keine besondere Geschäftslogik hinter
dem Service verborgen.
Geschäftslogik-Service
Der Service lagert eine Geschäftslogik aus. Der Service verfügt über keine eigene Datenbasis und kennt nur seine Eingabeinformationen.
Prozesskontroll-Service
Z. B. ein Genehmigungsprozess
Informationssystem-Service
Meistens eine Mischung aus Daten-Service, Geschäftslogik-Service und Prozesskontrollfunktionalitäten, z. B. eine gekapselte Funktionalität eines ERP-Systems.
Rein technische Services können ebenfalls klassifiziert werden. Aus Sicht des Business
Analysten erscheinen diese Services vielleicht im ersten Augenblick überflüssig. Im Sinne
einer Enterprise Architecture sind technische Services aber sehr interessant. So kann erkannt werden, welche Prozesse betroffen sind, wenn dieser technische Service ausfällt.
Technische Klassifikationen können sein:
Infrastruktur-Service
Services, die durch Netzwerk- und EDV-Infrastruktur bereitgestellt werden, z. B. ein
Druckservice.
Versorgungsservice
Z. B. ein Enterprise Service Bus, der technisch dazu verwendet wird, alle Services lose
miteinander zu verbinden.
Oberflächen-Service
Der Service kann in einem Anwendungssystem auf der Benutzeroberfläche angezeigt
werden und Benutzerdaten entgegennehmen.
Laufzeit
Die erwartete Servicelaufzeit kann klassifiziert werden. Eine Einordnung in kurz, mittel
und lang sollte vermieden werden. Besser geeignet sind Zeitangaben wie „weniger als 10
Sekunden“ oder „weniger als eine Woche“.
Nutzenorientierte Klassifikation
In einer vereinfachten nutzenorientierten Klassifikation werden die Klassen hoher Nutzen,
mittelmäßiger Nutzen und geringer Nutzen ausreichen. Eine schwierigere, aber zielgerichtetere Klassifikation führt über die Erstellung von unternehmensspezifischen Nutzenklas-
184
7.5 Serviceklassifikation und Servicespezifikation
sen. Diese Nutzenklassen werden in eine Reihenfolge gebracht und definieren somit, welche Klasse den höchsten und welche den geringsten Nutzen liefert. Die folgenden Klassen
stellen ein Beispiel dar:
Wettbewerbsvorteil
Sichern oder Erlangen eines Wettbewerbsvorteils stellt wahrscheinlich in vielen Unternehmen die höchste Nutzenkategorie dar. In diesem Beispiel besitzt es den höchsten
Nutzen.
Return on Investment (ROI) erhöhen.
Kosten
Kosten senken ist eine der klassischen Nutzenkategorien. Die Kosten sollen gesenkt
werden, Leistung und Qualität sollen jedoch gleich bleiben.
Service Level Agreements (SLA)
Die Verbesserung der Service Level Agreements kann einen Nutzen für das Unternehmen darstellen. Z.B. kann eine höhere Verfügbarkeit gewährleistet werden. In diesem
Beispiel besitzt es den geringsten Nutzen.
Gegenüberstellungen
Die klassifizierten Services können jetzt leichter einander gegenübergestellt werden. Wurden z. B. zu den Services schon erste Kostenschätzungen abgegeben, lassen sich mühelos
Entscheidungsmatrizen erstellen. Abbildung 7.11 zeigt ein Beispiel.
hohe
Kosten
2
1
Sektor C
3
4
Sektor A
Sektor B
5
geringe
Kosten
geringer Nutzen
hoher Nutzen
Abbildung 7.11
Servicegegenüberstellung Kosten/Nutzen
Die Gegenüberstellung kann z.B. die Entscheidungsfindung unterstützen, welcher Service
zuerst implementiert werden soll. In diesem Beispiel ist der Sektor A am interessantesten.
Die Services in diesem Sektor bieten einen hohen Nutzen und verursachen geringe Kosten.
Dabei liegt die individuelle Definition der Sektoren beim Unternehmen.
185
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
7.5.3
Vervollständigen der Servicebeschreibung
durch die Servicespezifikation
In der Servicespezifikation werden die Services mit immer mehr Detailinformationen angereichert. Unter anderem werden auch mehr technische Informationen gepflegt. Im Gegensatz zur Serviceklassifikation sind diese Informationen schwerer über Reports oder
andere Automatismen auszuwerten, da die Informationen teilweise unstrukturiert (z.B. in
Freitext) vorliegen.
Ziel der Servicespezifikation ist es, die Services im Serviceportfolio nutzbar zu machen.
Servicekonsumenten sollen alle nötigen Informationen vorfinden, um den Service nutzen
zu können. Alle Beteiligen (siehe auch Abbildung 7.6) nutzen und pflegen die Informationen der Servicespezifikation.
Welche Informationen spezifiziert werden, ist für jedes Unternehmen individuell zu entscheiden. Beispiele können sein:
Allgemeine Informationen zum Service
Information
Beschreibung
BPA Suite
Name
Name des Service
Attribut Name auf dem Objekt Geschäftsservice.
Servicetyp
z.B. die funktionale
Klassifikation
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut auf dem
Objekt Geschäftsservice angelegt werden. /
Attribut Service-Kategorie auf dem Objekt
Softwareservicetyp.
186
Serviceanbieter
Informationen zum Serviceanbieter. Dabei kann es sich
um einen internen oder einen
externen Anbieter handeln.
Verbindung zwischen Geschäftsservice und
einem organisatorischen Objekt (z.B. Stelle).
Die Verbindung ist vom Typ stellt bereit.
Beschreibung
Beschreibung zum
Service
Attribut: Beschreibung/Definition auf dem Objekt
Geschäftsservice
Servicestatus
z.B. Servicestatus
Klassifikation
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut auf dem
Objekt Geschäftsservice angelegt werden.
Schlagworte
Stichworte, die zum Service
passen und ggf. gesucht
werden könnten
Die Schlagworte werden zum Großteil von den
Fähigkeiten abgedeckt. Sollten mehr Schlagworte
nötig sein, können neue Attribute auf dem Objekt
Geschäftsservice angelegt werden.
Dokumentation
Hinweis/Link zu einer Service- Attribut Quelle auf dem Objekt Geschäftsservice
dokumentation
Projekt
Hinweis auf das Projekt,
das den Service entwickelt
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut auf dem
Objekt Geschäftsservice angelegt werden.
Nutzungsfreigabe
Wo darf der Service genutzt
werden?
Intern, extern?
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut auf dem
Objekt Geschäftsservice angelegt werden. /
Attribute Extern und Intern auf dem Objekt
Softwareservicetyp.
7.5 Serviceklassifikation und Servicespezifikation
Kaufmännische Informationen
Information
Beschreibung
BPA Suite
Nutzungsgebühr
Informationen zur internen oder
externen Kostenrechnung
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Geschäftsservice angelegt werden.
Nutzungshäufigkeit
Einschränkung, wie häufig der
Service genutzt werden darf
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Geschäftsservice angelegt werden. /
Attribut Ausführungshäufigkeit auf dem
Objekt Softwareservicetyp.
Entwicklungskosten
Schätzung / Dokumentation der
Entwicklungskosten
Attribut Entwicklungsaufwand und
Entwicklungskosten auf dem Objekt
Softwareservicetyp.
Business Case
Meist werden Services in Verbindung mit einem umfassenderen
Geschäftsziel entwickelt. Hier kann
ein Hinweis/Link zum Business
Case hinzugefügt werden.
Der Business Case kann in einem
neuen Modell beschrieben werden.
Organisatorische Informationen
Information
Beschreibung
BPA Suite
Servicebesitzer
Verantwortliche Person oder Rolle.
Verbindung zwischen Geschäftsservice
und organisatorischem Objekt
(z.B. Stelle). Die Verbindung ist vom
Typ ist verantwortlich für.
Servicedesigner
Business-Analysten, die den
Service designt haben
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Geschäftsservice angelegt werden.
Serviceentwickler
Serviceentwickler, Entwicklungsabteilung oder Dienstleister
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Softwareservicetyp angelegt werden.
Servicekonsumenten
Liste mit Konsumenten. Wenn die
Konsumenten bekannt sind, ist
eine Liste mit den Konsumenten
zu empfehlen. So können Änderungen am Service rechtzeitig
kommuniziert werden.
Verbindung zwischen Geschäftsservice
und einem organisatorischen Objekt
(z.B. Stelle). Die Verbindung ist vom
Typ kann Anwender sein.
Domäne
Domäne, in der sich der Service
befindet
Wird durch die Domänendekomposition
abgebildet. Die Verbindung ist vom Typ
umfasst.
187
7 Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA
Information
Beschreibung
BPA Suite
Domänenbesitzer
Verantwortliche Person oder Rolle
der Domäne
Die Domäne wird durch ein Objekt vom
Typ Geschäftsservice repräsentiert.
Verbindung zwischen Geschäftsservice
und einem organisatorischen Objekt
(z.B. Stelle). Die Verbindung ist vom
Typ ist verantwortlich für.
Ansprechpartner
Betrieb
Person, Rolle oder für betriebsrelevante Dinge zuständige Abteilung
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Softwareservicetyp
angelegt werden.
Input/Output
(Geschäftsobjekte)
Geschäftsobjekte, die als Input und
als Output verwendet werden
Werden im Modell als Geschäftsobjekte
mit dem Geschäftsservice verbunden.
Technologische Informationen
Information
Beschreibung
BPA Suite
Service ID
Technische ID des Service, mit der
der Service auch in einem technischen Service-Repository gefunden werden kann
Attribut Identifizierer auf dem Objekt
Softwareservicetyp
Aufrufadresse des Service;
Attribut Quelle auf dem Objekt Softwareservicetyp
URI
besser geeignet ist ein Link zu
einem technischen Schnittstellendokument.
188
Anwendungssystem
Das Anwendungssystem, welches
den Service realisiert
Wird im Modell durch eine Verbindung
mit einem Anwendungssystem dargestellt.
Plattform
Auf welcher Plattform ist der Service realisiert.
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Softwareservicetyp
angelegt werden.
Technologie
In welcher Technologie ist der
Service realisiert.
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Softwareservicetyp
angelegt werden.
Einschränkungen
Ggf. Einschränkungen, die zu
beachten sind
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut
auf dem Objekt Softwareservicetyp
angelegt werden.
7.6 Das Wichtigste in Kürze
Allgemeine und technische Informationen zu Serviceoperationen
Ein Service kann mehrere Operationen besitzen. Diese Informationen werden je Operation
gepflegt.
Information
Beschreibung
BPA Suite
Operationsname
Name der Operation
Attribut Name auf dem Objekt SoftwareserviceOperationstyp
Operationsbeschreibung
Beschreibung zur
Operation
Attribut Beschreibung / Definition auf dem
Objekt Softwareservice-Operationstyp
Prozessaktivität
Funktion im Prozessmodell, welche durch diese
Operation realisiert wird
Ist über die Verbindungen im Modell mit der
Funktion verbunden.
Input/Output
(Datenobjekte)
Technische Repräsentation
der Input- und OutputObjekte.
Werden im Modell als Entitäten mit dem
Softwareservice-Operationstyp verbunden.
Besser geeignet ist ein Link
zu einem technischen
Schnittstellendokument.
7.6
Vorbedingungen
Voraussetzungen für die
Ausführung der Operation
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut auf
dem Objekt Softwareservice-Operationstyp
angelegt werden.
Nachbedingungen
Auswirkungen der Operation
Es muss ein benutzerdefiniertes Attribut auf
dem Objekt Softwareservice-Operationstyp
angelegt werden.
Das Wichtigste in Kürze
Services kapseln Leistungen und machen sie für Konsumenten – über Abteilungs- oder
Unternehmensgrenzen hinweg – nutzbar. Durch die Kapselung entstehen unternehmensweit Bausteine, die einzeln verwendet (wiederverwendet) oder in Prozessen zu höherwertigen Services ausgebaut werden können (siehe auch Kapitel 8).
Die erste Herausforderung besteht im Finden der bestehenden Services. Durch eine Serviceidentifikation auf Grundlage der bestehenden Prozessmodelle können bestehende Services gefunden und als solche gekapselt werden.
Die Grundlage, um Services unternehmensweit nutzen zu können, ist das Serviceportfolio.
Es ermöglicht Konsumenten, benötigte Bausteine zu finden. Der Erfolg einer SOA hängt
davon ab, ob Services gefunden werden. Die Serviceklassifikation und die Servicespezifikation stellen bei der Serviceportfolioerstellung wichtige Schritte dar, um potenziellen
Konsumenten ausreichend Informationen über die Services bereitstellen zu können.
Hat ein Konsument einen Service gefunden, findet er alle nötigen Informationen zur Nutzung des Service im Serviceportfolio. Alle wichtigen Informationen sind im Portfolio hinterlegt oder referenziert.
189
8
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
8.1
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet
Was ist ein prozessbasierter SOA-Ansatz?
Welchen Mehrwert bieten Prozessmodelle und ein methodisches Vorgehen für die Gestaltung serviceorientierter Architekturen und umgekehrt?
Wie hängen Prozesse und Services aus fachlicher und technischer Sicht zusammen?
Wie sieht ein mögliches Vorgehen für die Modellierung und IT-Spezifikation serviceorientierter Prozesse aus?
Welche Zielgruppen, welchen Informationsbedarf und welche Ebenen hat eine prozessbasierte SOA-Modellierung?
Wie kann die serviceorientierte Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite umgesetzt werden?
8.2
BPM, SOA: Teamwork in der Prozessautomatisierung
8.2.1
Fachliche SOA-Ansätze: Autobahn oder Sackgasse?
Das Thema serviceorientierte Architekturen (SOA) ist seit einigen Jahren allgegenwärtig.
Viel diskutiert, entwickelte es sich zunächst zu einem regelrechten „Hype“, bevor dann
eine gewisse Ernüchterung aufkam. Anwender und SOA-willige Unternehmen mussten
feststellen, dass es alles andere als trivial ist, eine serviceorientierte Architektur zielführend
aufzubauen. Außerdem waren die Versprechungen vieler Softwarehersteller, die mit ihren
SOA-Infrastruktur-Lösungen um die Gunst der Kunden werben, oftmals nicht einzuhalten
oder aber nur mit hohem Zusatzaufwand umzusetzen. Die bestehenden und auf dem Markt
erhältlichen Infrastrukturlösungen decken mittlerweile die Anforderungen an eine techni-
191
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
sche Implementierung einer SOA – beispielsweise auf der Basis von Web Services (WS-*)Standards – recht umfangreich ab. Bei methodischen Vorgehensweisen – wie beispielsweise der Frage, worin die wirklichen fachlichen Dienste im Unternehmen bestehen oder wie
man anwendbare Konzepte für die Implementierung fachlicher Prozesse bereitstellt – gibt
es jedoch nach wie vor hohen Informations- und Strukturierungsbedarf.
8.2.2
Gründe für das Team „BPM und SOA“
Die Frage, ab wann ein Unternehmen wirklich eine serviceorientierte Architektur hat –
bereits mit den ersten als Web Services implementierten Softwarekomponenten oder erst
mit einem unternehmensweit dokumentierten Serviceportfolio und möglichst hohem Grad
an Wiederverwendung –, soll hier nicht vertiefend diskutiert werden. Die praktischen Erfahrungen aus realen Projekten zeigen jedoch mittlerweile, dass serviceorientierte Ansätze,
die im Unternehmen wirklichen Nutzen bringen sollen, ohne methodisches Vorgehen und
strukturiertes Aufarbeiten der Informationen wenig Erfolg versprechend sind. In diesem
Umfeld gilt es insbesondere, den Fokus auf die fachlichen Aspekte einer SOA zu lenken
und die technische Implementierung in der IT bewusst auf diese fachlichen Anforderungen
hin auszurichten.
Einen vielversprechenden und mittlerweile praxiserprobten Ansatz stellt dabei die Kombination der Serviceorientierung mit einem fachlichen Business Process Management (BPM)
dar. Die systematische Analyse und Modellierung der fachlichen Prozesse im Unternehmen liefert vielfältige Informationen und methodische Ansätze für
das Übertragen der wertschöpfenden Aktivitäten eines Unternehmens auf die IT(-Systeme) in Form implementierter Prozesse;
das Identifizieren und Dokumentieren der erforderlichen fachlichen Dienste (vgl. Kapitel 7);
das Erkennen gleichartiger Dienste über Domänen-, Bereichs- und Organisationsgrenzen hinweg und somit einen Indikator für mögliche Wiederverwendung (vgl. Kapitel
7);
den Aufbau eines domänenbasierten Servicemodells und somit eine Grundlage für Taxonomie der Unternehmens- und Servicelandschaft und die Formulierung realistischer
Service Level Agreements (SLA);
die Sichtbarkeit der IT-Prozesse in den teilweise heterogenen Anwendungslandschaften, z. B. auf der Basis von Prozessautomatisierungssprachen wie BPEL 1;
das systematische Übertragen fachlicher Anforderungen in die IT-Implementierung,
das eine Reduktion der Kluft zwischen fachlich geforderten und technisch realisierten
Anforderungen (Engineering Gap) anstrebt.
1
192
Business Process Execution Language; Erläuterung siehe Kasten in Abschnitt 8.3.2.2.
8.2 BPM, SOA: Teamwork in der Prozessautomatisierung
8.2.3
Serviceorientierte Prozessautomatisierung
Dieses Kapitel befasst sich mit dem Thema Prozessautomatisierung, deren Zielsetzung –
oder zumindest Vision – die verlustfreie Abbildung der wertschöpfenden Prozesse des Unternehmens in der Anwendungslandschaft ist. Prozesse oder Prozessfragmente sollen nach
dem Muster der fachlichen Vorlage in der IT implementiert und als dedizierte Prozessinstanzen dort auch wieder erkennbar und auffindbar sein.
Abbildung 8.1
system
Prozessautomatisierung – vom Fachprozess zum prozessbasierten Anwendungs-
Diesen Ansatz veranschaulicht Abbildung 8.1 grafisch: Auf der obersten der drei dargestellten Ebenen werden fachliche Prozesse im Rahmen eines Business Process Managements analysiert, modelliert, gestaltet und ggf. optimiert. Die Zielsetzung besteht nun darin, diese Prozesse auf die mittlere Ebene der Anwendungssysteme zu übertragen und somit
die optimale IT-technische Unterstützung der wertschöpfenden Abläufe einer Unternehmung zu gewährleisten. Im Sinne der Serviceorientierung bestehen die Anwendungssysteme aus Komponenten, die als Bausteine zu Prozessen zusammengesetzt werden. Jede
Komponente erfüllt eine definierte fachliche Funktionalität und hat darüber hinaus eine
entsprechende Implementierung in der IT. Hier kommen Begrifflichkeiten wie Prozessorchestrierung – das Zusammensetzen einzelner fachlicher Dienste durch darüber laufende
193
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Prozesse zu sinnvollen, wertschöpfenden Abläufen –, Workflow oder Integration in die
Diskussion. Auf der dritten und untersten Ebene ist die erforderliche Infrastruktur abgebildet, die mit Application-Server, Datenbanken und anderen ähnlichen Komponenten das
Rückgrat dieser Anwendungslandschaft bildet. Neben dem Weg „top down“ von Prozessen zu Anwendungssystemen kommt der Rückkopplung von Informationen eine hohe Bedeutung zu: Die implementierten Komponenten und Prozesse der Anwendungsebene liefern Messwerte, die die Basis für die Ermittlung fachlicher Kennzahlen darstellen und auf
der obersten Ebene der fachlichen Prozessgestaltung wertvollen Input für das Prozesscontrolling und die Prozessoptimierung bieten.
8.2.3.1 Gründe für Serviceorientierung in der Prozessautomatisierung
Wenngleich sich Prozesse auch ohne Serviceorientierung auf IT-Systeme übertragen lassen, weisen die modularen, dienstebasierten Artefakte einer SOA hohes Potenzial auf, die
fachlichen Anforderungen besser zu strukturieren. Darüber hinaus wird auch die spätere
Umsetzung der Servicelandschaft in der IT konsequent vorbereitet. Architekturparadigmen
wie lose Kopplung und Virtualisierung, aber auch die vielbeschworene und sicherlich teilweise überbewertete Wiederverwendung werden konsequent von fachlicher Seite vorbereitet und unterstützt. Der in diesem Kapitel aufgezeigte Ansatz verfolgt speziell das Ziel,
prozessbasierte SOA-Lösungen zu schaffen. Andere Teilgebiete des umfassenden Themas
SOA – wie beispielsweise servicebasierte Enterprise-Application-Integration-Ansätze, Enterprise-Service-Bus-Konzepte oder die Spezifikation und Entwicklung elementarer Basisservices (z. B. in Java, .NET usw.) – werden nicht behandelt.
8.2.3.2 Anspruch und Wirklichkeit: Werkzeugunterstützung
Den Reiz der Idee einer prozessmodellbasierten Softwarespezifikation haben auch viele
Softwarehersteller erkannt und Softwareprodukte auf den Markt gebracht, die durchgängige BPM-Lösungen meist auf der Basis serviceorientierter Ansätze versprechen. Wenngleich die aktuelle Produktlandschaft von dieser Vision der Implementierung ohne Programmierung noch ein gutes Stück entfernt ist, bieten Prozessmodell-basierte Ansätze
dennoch einen erheblichen Mehrwert. Für die systematische Analyse und Modellierung
fachlicher Prozesse – auch in Verbindung mit technischen Artefakten – existiert bereits
eine beachtliche Zahl ausgereifter und praxistauglicher Werkzeuge mitsamt der erforderlichen Notationsstandards und Modellierungsmethoden.
8.2.3.3 Inhaltliche Abgrenzung dieses Kapitels
Im Folgenden wird gezeigt, wie ein methodisches Vorgehen zur Weiterverwendung eines
fachlichen Business Process Managements bei der Implementierung prozessbasierter Anwendungssysteme ausgestaltet werden kann. Es wird dargestellt, wie die fachlichen Prozessinformationen in serviceorientierte Anwendungsbausteine überführt werden können.
Dabei gilt es, korrekte und relevante Informationen zu erfassen und diese redundanzfrei in
geeigneten Modellen aufzubereiten. Dies bildet die Basis für die Entwicklung technischer
194
8.3 Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
Prozessanwendungen in der Unternehmens-IT und erhebt den Anspruch, dem SOA-Entwickler (zum Rollenverständnis vgl. Abschnitt 8.3.3) wesentliche implementierungsrelevante Informationen in modellbasierter Form zur Verfügung zu stellen.
8.3
Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
Vor dem Modell: Konzeption und Planung
Ein sinnvolles und zielführendes Vorgehen bei der Modellierung der serviceorientierten
Prozesse erfordert eine strukturierte Vorbereitung. Welche Aspekte dabei betrachtet werden sollten, wird zunächst allgemein erläutert und dann konkret mit Beispielen definiert.
Im Rahmen einer strukturierten Vorbereitung bei der Modellierung der serviceorientierten
Prozesse sollten die in Abbildung 8.2 gezeigten Schritte beachtet werden.
●
●
Begrifflichkeiten definieren und klar
abgrenzen
Glossar erstellen
●
●
●
Begrifflichkeiten
abgrenzen
Zielsetzung
und Vorgehen
festlegen
●
●
Zielgruppen ermitteln
Rollen und
Zuständigkeiten
abgrenzen
Informationsbedarf der
Zielgruppen ermitteln
Informationsbedarf
ermitteln
Zielsetzung beschreiben und festlegen
Vorgehen erarbeiten
Methodik
definieren
●
●
Methodik für die SOA-Modellierung
definieren
Notation für die SOA-Modellierung
auswählen
Abbildung 8.2 Konzeption und Planung serviceorientierter Prozessmodellierung
8.3.1
Begrifflichkeiten definieren
Was genau ist der Unterschied zwischen einem fachlichen und einem technischen Service?
Muss ein Service im Sinne einer SOA immer eine technische Implementierung in der IT
haben? Und was ist ein Servicekandidat? Bei der Diskussion einer methodischen Vorgehensweise im Projekt werden Antworten auf derartige Fragestellungen und eine detaillierte
Definition der Begriffe unweigerlich benötigt. Da sie (bislang) nirgends eindeutig definiert
wurden, ist es sinnvoll, sie im Vorfeld der Diskussionen voneinander abzugrenzen.
195
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Nutzen Sie in Ihrem Projekt ein Wiki 2, in dem die Projektbeteiligten gemeinsam
die Definition der Begriffe erarbeiten, diskutieren, zentral veröffentlichen und jederzeit nachlesen können.
Nachfolgend grenzen wir die Begriffe fachliches Detailmodell, fachliches IT-Modell, ausführbares IT-Modell, fachlicher Service und technischer Service voneinander ab. Dabei
werden wesentliche Eigenschaften der Begriffe aufgelistet, um ähnliche Begriffe klarer
voneinander zu unterscheiden. Diese Definitionen dienen uns als Basis für die folgenden
Abschnitte. Die Abgrenzung der Begrifflichkeiten nimmt Bezug auf die in Abbildung 8.3
gezeigte Darstellung der Prozessdekomposition.
1. Instanzgranularität
Unternehmensinstanz
vertikale Dekomposition
7. Instanzgranularität
IT-Prozessinstanz
7‘. Instanzgranularität
implementierte
IT-Prozessinstanz
IT-Automatisierungsobjekte
(implementiert)
IT-Automatisierungsobjekte
(generiert)
5-40
IT-Aktivitäten
optional:
20-40
Prozessaktivitäten
20-40
Prozessaktivitäten
2
Fachliche
Übersichtsmodelle
4. Instanzgranularität
Unterprozessinstanz
5. Instanzgranularität
Detailprozessinstanz
(optional)
6. Instanzgranularität
IT-Interaktionsinstanz
3-5
Unterprozesse
1
2. Instanzgranularität
Kernprozessinstanz
3. Instanzgranularität
Hauptprozessinstanz
5-6
Hauptprozesse
6-12
Kernprozesse
horizontale Dekomposition
3
4
Fachliche Detailmodelle
5
6
Fachliche IT-Modelle
Ausführbare IT-Modelle
7
7‘
Abbildung 8.3 Horizontale und vertikale Prozessdekomposition
Fachliches Detailmodell:
Beschreibt die betriebswirtschaftlichen Abläufe im Unternehmen auf einer operativen Ebene aus fachlicher Sicht.
Ist den Ebenen 4 und 5 „Fachliche Detailmodelle“ der vertikalen Prozessdekomposition (s. Abbildung 8.3) zuzuordnen.
Enthält keine IT-spezifischen Detailinformationen.
2
196
Hypertext-System, in dem Benutzer Einträge lesen und online ändern können
8.3 Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
Enthält fachliche Services, wenn Prozessschritte durch Dienste unterstützt werden.
Wird idealerweise als EPK- oder BPMN-Modell modelliert (zu den Notationen vgl.
Abschnitt 8.3.5).
Fachliches IT-Modell:
Beschreibt aus fachlicher Sicht die im ausführbaren IT-Modell zu automatisierenden Prozessschritte.
Ist den Ebenen 6 und 7 (optional) „Fachliche IT-Modelle“ der vertikalen Prozessdekomposition (s. Abbildung 8.3) zuzuordnen.
Idealerweise als EPK- oder BPMN-Modell abgebildet.
Enthält Informationen über die in den einzelnen Prozessschritten verwendeten technischen Services.
Unterscheidet i. d. R. zwischen vollautomatisch ablaufenden und manuellen Prozessschritten.
Die detaillierte Prozessbeschreibung eines fachlichen Service, wenn dieser IT-technisch umgesetzt wird.
Ausführbares IT-Modell:
Ein von einer Process Engine ausführbares Prozessmodell.
Der Ebene 7’ „Ausführbare IT-Modelle“ der vertikalen Prozessdekomposition (s.
Abbildung 8.3) zuzuordnen.
In einer ausführbaren Prozesssprache modelliert bzw. implementiert, z. B. BPEL,
XPDL 3, diverse proprietäre Formate.
Verwendet (z. B. orchestriert) technische Services zur Erbringung seiner Leistung.
Fachlicher Service (Business Service):
Beschreibt eine (Dienst-)Leistung im Unternehmen.
Über das Serviceportfolio (vgl. Kapitel 7) durch potenzielle Konsumenten auffindbar und nutzbar.
Kann IT-technisch realisiert (vgl. Zielsetzung und Vorgehen dieses Kapitels) oder
rein fachlicher Natur sein, also aktuell manuell erbracht werden.
Wird im Vorgehen dieses Kapitels als fachliches IT-Modell spezifiziert und als ausführbares IT-Modell umgesetzt.
Wird im fachlichen Prozess als Service auf Ebene 4 bzw. 5 „Fachliche Detailmodelle“ der vertikalen Prozessdekomposition (s. Abbildung 8.3) an die Prozessmodelle modelliert.
Kann mehrere Fähigkeiten bzw. Operationen zu einem Fachgebiet bereitstellen.
3
XML Process Definition Language der Workflow Management Coalition (http://www.wfmc.org)
197
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Technischer Service:
Eine als IT-Komponente realisierte Funktionalität, die als Service (z. B. Web Service) bereitgestellt wird.
Leistet elementare Dienste, die für sich alleine keinen fachlichen Service im Sinne
der von einer Domäne nach außen zur Verfügung gestellten Dienste darstellt (enthält keine betriebswirtschaftliche Logik).
Kann mehrere Operationen haben.
Bildet beim ausführbaren IT-Modell im Zusammenspiel mit anderen technischen
Services die Leistung des fachlichen Dienstes ab.
Wird in einer für die gewählte Programmiersprache geeigneten Notation spezifiziert
(z. B. UML für objektorientierte Entwicklung).
Konkret ein in Java, .NET o. ä. implementierter (Web) Service.
8.3.2
Zielsetzung klären und festlegen
Bei einer fachlichen Prozessmodellierung hat die mit dem Modellierungsprojekt und den
dabei erstellten Modellen verfolgte Zielsetzung Einfluss auf verschiedene Parameter der
Projekte. Dies betrifft beispielsweise die Gestaltung der Modellierung, den Grad der Detaillierung oder eingesetzte Methoden und Modelle. So wird die Modellierung für eine
fachlich-organisatorische Prozessdokumentation anders ausgestaltet sein als eine Modellierung mit der Zielsetzung der Prozessoptimierung oder eben der Prozessautomatisierung.
Wichtig für die Wirtschaftlichkeit und Übersichtlichkeit eines Projektes ist letztlich ein
pragmatisches Vorgehen, das die relevanten Informationen erfasst und nicht benötigte Details ausblendet. Dies erfordert die Kenntnis der Zielsetzung des Modellierungsansatzes.
Auch bei der Modellierung serviceorientierter Prozessmodelle gibt es Unterschiede in der
konkreten Ausgestaltung der Modellierung. Daher sollte zunächst geklärt werden, welche
Zielsetzung die serviceorientierte Modellierung in dem vorliegenden Projekt verfolgt. Unterschiedliche Zielsetzungen können beispielsweise sein:
Einsatz der Prozesse zur Identifikation fachlicher Services (vgl. Kapitel 7)
Zusammenführen der fachlichen und technischen Unternehmenssicht bzw. -modelle
auf der Basis von Services
Spezifikation technischer Services
Technische Implementierung fachlicher Services in der IT
Dieses Kapitel verfolgt das Ziel, fachliche Services auf der Basis prozessbasierter
Spezifikationen technisch zu implementieren.
198
8.3 Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
8.3.2.1 Vorgehen zur prozessbasierten Implementierung fachlicher Services
In dem hier dargestellten Vorgehen wird ein fachlicher Service analog zu der in Abschnitt
8.3.1 definierten Begrifflichkeit (auch Business Service) als Baustein verstanden, der einen
Schritt oder eine Funktion in einem fachlichen Geschäftsprozess unterstützt bzw. IT-technisch umsetzt. In der Regel wird dieser fachliche Dienst selber aus mehreren zusammengehörigen Einzelschritten bestehen. Daher wird vorausgesetzt, dass der Inhalt (oder die
Leistung) des Business Service als Abfolge von Schritten in Form eines Prozesses dargestellt werden kann. Darüber hinaus besteht die ausdrückliche Zielsetzung, diesen Service
technisch zu implementieren und als IT-Komponente zur Verfügung zu stellen.
8.3.2.2 Zusammenhang und Hierarchie der SOA-Modelle
Abbildung 8.4 verdeutlicht diese Zusammenhänge und stellt das methodische Vorgehen
dieses Ansatzes grafisch dar. Die einzelnen Schritte dieses Vorgehens, die dabei genutzten
Modelle und ihre Details werden in den nächsten Abschnitten vorgestellt. Im fachlichen
Detailmodell werden an diejenigen Prozessschritte, die von Services unterstützt sein sollen, fachliche Services modelliert. Diese fachlichen Services werden jeweils als Prozess
spezifiziert und anschließend in der IT – in BPEL, XPDL o. ä. – umgesetzt. Die ersten beiden Schritte dieses Vorgehens, die Erstellung des fachlichen Detailmodells und des fachlichen IT-Modells, sind Fokus dieses Kapitels. Zwischen diesen beiden Modellen verläuft
darüber hinaus auch die Grenze zwischen den Zuständigkeiten der Rollen SOA-BusinessAnalyst und SOA-Entwickler (zum Rollenverständnis vgl. Abschnitt 8.3.3).
Fachliches Detailmodell
Fachlicher Service
(Business Service)
Fachliches IT-Modell
Technischer Service (WSDL)
Rolle: Business Analyst
Rolle: SOA-Entwickler
Ausführbares IT-Modell
BPEL, XPDL, …
(wird in diesem Buch nicht betrachtet)
Abbildung 8.4 Methodisches Vorgehen des prozessbasierten SOA-Ansatzes
199
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Da grundsätzlich verschiedene Prozessausführungssprachen zur Verfügung stehen (z. B.
BPEL oder XPDL) und diese im Detail unterschiedliche Implementierungsansätze verfolgen, sei darauf verwiesen, dass dieses Kapitel eine Implementierung in BPEL (vgl. Kasten)
verfolgt. Die Unterscheidung zwischen verschiedenen technischen Zielsprachen wird allerdings nur bei der absolut implementierungsnahen Modellierung auf unterster Ebene relevant. Die übrigen vorgestellten Modellierungsansätze abstrahieren von der konkreten
Ausführungssprache – was auch als klare Empfehlung für die Modellierung gelten kann.
Exkurs: Business Process Execution Language (BPEL)
Spezifikation einer Sprache zur Definition ausführbarer Prozesse im XMLFormat
Web Service (WS-*)-Standard, standardisiert bei OASIS
Nutzt Web-Service-Aufrufe zum Zugriff auf implementierte Funktionalitäten
Ausführungskomponenten (Process Engines) für BPEL von verschiedenen
Softwareanbietern verfügbar
Spezifikation und weitere Informationen unter http://www.oasis-open.org
8.3.3
Zielgruppen und Zuständigkeiten abgrenzen
Nun gilt es, die relevanten Informationen zur Erreichung der Zielsetzung zu ermitteln, diese anschließend zu sammeln und in Form von Modellen zielgruppengerecht aufzubereiten.
Im ersten Schritt werden dazu die relevanten Zielgruppen benannt und bezüglich ihrer Zuständigkeiten und Aufgabengebiete voneinander abgegrenzt.
Welche Sachverhalte muss ein SOA-Modell enthalten, das die Zielsetzung verfolgt, fachliche Services prozessbasiert zu implementieren, und wie können diese zielführend und
wirtschaftlich in Modellen abgebildet werden? Die Antwort auf diese Frage liefert die
Überlegung, welche Zielgruppe mit dem Modell arbeiten wird und welche Inhalte diese
Zielgruppe beim Einsatz des Modells erwartet und benötigt. Für ein Modell, das bei der
technischen Implementierung fachlicher Services eingesetzt werden soll, besteht die Zielgruppe aus zwei Anwenderkreisen: SOA-Business-Analysten und SOA-Entwickler.
8.3.3.1 SOA-Business-Analyst
Erstellt und gestaltet wird das Modell vom SOA-Business-Analysten, einem fachlich orientierten Modellierer. Der SOA-Business-Analyst interessiert sich vorwiegend für die
fachliche Leistung des abzubildenden Prozesses und der unterstützenden Dienste. Bei den
Diensten (fachliche Services) interessiert er sich also für die Funktionalität, die diese später einmal technisch implementierten Services zur Verfügung stellen. Wichtig sind hier
folglich fachliche Attribute wie die Beschreibung des Dienstes, Leistung und Inhalt, wesentliche In- und Outputs in Form von Geschäftsobjekten und die Verbindung der fachlichen Services zu den Geschäftsprozessen im Unternehmen. Die vom SOA-BusinessAnalysten erstellten Modelle werden in der Regel von Fachbereichen im Unternehmen
200
8.3 Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
genutzt. Daher sollten sie so gestaltet sein, dass sie die fachlichen Abläufe korrekt und
möglichst intuitiv verständlich abbilden.
8.3.3.2 SOA-Entwickler
Die zweite Zielgruppe stellt der SOA-Entwickler dar, der den fachlichen Service technisch
implementiert. Die Anforderungen, die dieser an das serviceorientierte Prozessmodell
stellt, sind stärker (IT-) technisch orientiert. Nicht alle Informationen, die für die Umsetzung eines Service in der IT erforderlich sind, lassen sich angemessen und sinnvoll in
einem fachlichen IT-Modell abbilden. Wichtige, jedoch technisch spezialisierte Aspekte –
wie beispielsweise Anforderungen an transaktionales Verhalten der Prozesse und Services
oder die Performanz zur Laufzeit – sind dem Zuständigkeitsbereich des SOA-Entwicklers
bzw. IT-Architekten zuzuordnen. Sie können und sollen im fachlich orientierten Modell
vom SOA-Business-Analysten nicht berücksichtigt werden.
8.3.4
Informationsbedarf der Zielgruppen ermitteln
Die konkreten Informationen über die Prozesse und Dienste im Unternehmen, die im
Rahmen der Modellierung erfasst werden, müssen verschiedene Anforderungen erfüllen:
sie sollen korrekt, vollständig, aktuell und redundanzfrei sein. Die Modellbildung und insbesondere das Erstellen eines Metamodells, welches die zu ermittelnden Informationen
und deren Darstellung in Modellen festlegt, helfen, diese Anforderungen zu erfüllen. Um
den Aufwand der Modellierung überschaubar zu halten und eine wirtschaftliche Modellierung durchzuführen, empfiehlt sich ein pragmatischer Ansatz. Hinterfragen Sie immer
wieder, ob zur Modellierung vorgesehene Informationen wirklich benötigt werden. In der
Praxis findet man häufig Modellierungsansätze, bei denen Informationen erfasst werden,
die im aktuellen Projektkontext gar nicht relevant sind. Das erhöht den Aufwand, ohne
einen Mehrwehrt zu bieten.
8.3.4.1 Informationsbedarf des SOA-Business-Analysten
Die Aufgaben, die der SOA-Business-Analyst im Rahmen SOA-Modellierung wahrnimmt,
beginnen auf der vierten Ebene mit den fachlichen Detailmodellen (vgl. Abbildung 8.3).
Die darüber liegenden Übersichtsmodelle sind grundsätzlich für unsere Zielsetzung optional. Dies bedeutet, dass die SOA-Modellierung durchaus mit den operativen Prozessketten
begonnen werden kann. Die Analyse der darüberliegenden Wertschöpfungsketten, in die
sich diese Prozesse einordnen, empfiehlt sich dennoch. Auf diesem Wege lassen sich die
Modelle in den Unternehmenskontext einordnen sowie bereichs- und domänenübergreifende Prozesse, Services und deren Abhängigkeiten darstellen. Im günstigsten Falle werden diese Modelle bereits durch das integrierte Enterprise-Architecture-Vorgehen (vgl.
Kapitel 2) vorgegeben.
Der SOA-Business-Analyst entwirft zunächst ein fachliches SOA-Prozessmodell. Dieses
Vorgehen ist weitgehend identisch mit der Modellierung allgemeiner fachlicher Prozess-
201
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
modelle. Unterschiede gibt es – nicht weiter verwunderlich – bei der Abbildung der Dienste, die die fachlichen Prozessschritte als Services unterstützen und umsetzen sollen. Abbildung 8.5 zeigt die Informationen, die es auf dieser Ebene der Modellierung zu erfassen
gilt.
Organisation
(Rollen)
In- / Outputs
(Geschäftsobjekte)
Fachlicher
Prozessfluss
Fachliche
Services
Abbildung 8.5
Schematische
Darstellung des
Informationsbedarfs für das
fachliche Detailmodell
Fachlicher Prozessfluss
Im Kern besteht der fachliche SOA-Prozess wie alle anderen Prozesse aus dem fachlichen
Prozessfluss. Dieser beinhaltet die fachlichen Prozessschritte, die zur Abarbeitung des
Vorgangs durchlaufen werden müssen (Beispiel: Lieferungsposition überprüfen). Hinzu
kommt der so genannte Kontrollfluss des Prozesses, der die Abfolge der fachlichen Prozessschritte – beipielsweise sequentiell, parallel oder alternativ – beschreibt.
Organisation
Da ein fachliches SOA-Prozessmodell in den seltensten Fällen vollständig automatisiert
abläuft, sollen auch die organisatorischen Aspekte berücksichtigt werden. Dazu wird in
Form von Rollen die organisatorische Zuordnung der Verantwortlichkeiten erfasst.
Fachlicher Service
Die von einem Service im Sinne der SOA unterstützten Prozessschritte erhalten im fachlichen Detailmodell eine Verbindung zu eben diesem Service. Der Business Service beschreibt die fachliche Leistung, die er erbringt und die zur Bearbeitung des fachlichen Prozessschrittes erforderlich ist. „Hinter“ der symbolischen Darstellung des fachlichen Services liegt in dem hier beschriebenen Vorgehen wieder ein Prozess, der beschreibt, wie die
Leistung des Service konkret erbracht wird. Er entspricht damit dem fachlichen IT-Modell
(vgl. Abbildung 8.3). Ein fachlicher Service stellt in der Regel mehrere zusammengehörige
Leistungen zur Verfügung. Beispiel aus dem Anwendungsfall dieses Buches: Der Service
„Wareneingang“ bietet die Operationen „Lieferungsposition überprüfen“ und „Wareneingang verbuchen“ an.
202
8.3 Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
Ein sauberes fachliches SOA-Modell sollte außerdem von den IT-Systemen des Unternehmens, welche gewiss einen Teil der im Prozess benötigten Funktionalitäten beinhalten,
abstrahieren. Daher werden im fachlichen Detailmodell keine Anwendungssysteme modelliert. Das Modell abstrahiert an dieser Stelle bewusst im Sinne einer serviceorientierten
Kapselung der Funktionalität von den eingesetzten IT-Systemen.
Hinweis: Die in den IT-Systemen implementierten Funktionalitäten werden später aus dem
implementierten fachlichen IT-Modell über technische Serviceschnittstellen aufgerufen.
Messpunkte
Optional können im fachlichen Detailmodell (und später auch im fachlichen IT-Modell)
noch wesentliche Messpunkte als Basis für die Berechnung von KPIs modelliert werden
(vgl. Kapitel 9).
8.3.4.2 Informationsbedarf des SOA-Entwicklers
Im nächsten Schritt gilt es, die fachlichen Services, die im fachlichen Detailmodell einzelne Prozessschritte unterstützen, modellbasiert mit weiteren technischen Details zu spezifizieren (vgl. Abbildung 8.4). Diese technischen Prozessmodelle sind die Basis, auf der der
SOA-Entwickler die IT-seitige Implementierung der fachlichen Services vornimmt. Die
hier erstellten Modelle werden den Ebenen 6 und (optional) 6’ „Fachliche IT-Modelle“
(vgl. Abbildung 8.3) zugeordnet. Grundsätzlich ist die Gestaltung dieser Modelle Aufgabe
des SOA-Business-Analysten, weil die Prozesse fachliche Abläufe darstellen und eine
fachliche Leistung zur Unterstützung der Prozesse erbringen.
Für die Definition der fachlichen IT-Modelle ist Grundlagenwissen über technische Aspekte einer SOA – wie beispielsweise Kenntnisse über Web Services,
BPEL, ESB – von Vorteil, da die im Modell zu erfassenden Informationen die
Arbeit des SOA-Entwicklers möglichst weitreichend vorbereiten sollen.
Wegen der Verknüpfung fachlicher und technischer Kenntnisse fällt die Gestaltung dieser Modelle für den Service ggf. einer neu zu definierenden Rolle zu
(situiert zwischen der des klassischen Business-Analysten und der des Entwicklers).
Abbildung 8.6 zeigt die in fachlichen IT-Modellen zu erfassenden Informationen. Grundsätzlich muss ein solches IT-Modell vollständig automatisierbar sein, wobei manuelle Tätigkeiten trotzdem vorkommen können und dann beispielsweise von Human-WorkflowLösungen abgebildet werden.
203
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Datenobjekte
(In- / Output)
Technischer
Prozessfluss
Technische
Services
Abbildung 8.6
Schematische Darstellung des Informationsbedarfs für das fachliche IT-Modell
Technische Prozessschritte (Aktivitäten) und technische Services
Die Prozessschritte des fachlichen IT-Modells erbringen ebenso wie die des Fachprozesses
eine Leistung im Sinne des Prozesses. Sie sind dabei in der Regel durch die Aufrufe technischer Services (z. B. über WSDL 4-Schnittstellen) realisiert. Als Spezifizierung dieser
Service-Aufrufe dienen dem Entwickler die Angabe der Lokation (z. B. URI) sowie der
aufzurufenden Serviceoperation und die erwarteten In- und Output-Parameter des technischen Service. Diese Zusammenhänge werden in Abschnitt 8.4 an einem konkreten Modellierungsbeispiel für die Oracle BPA Suite vertieft.
Im idealtypischen SOA-Modell sollte nicht unterschieden werden, wie die Leistung des
Service erbracht wird – ob also beispielsweise ein vollautomatisierter Systemzugriff erfolgt
oder hinter dem Service-Aufruf eine manuelle Tätigkeit liegt. Eine manuelle Tätigkeit
könnte dem Benutzer etwa über eine Human-Workflow-Anwendung zugewiesen werden.
Dieses Abstrahieren vom WIE der Serviceumsetzung stellt ein wichtiges Paradigma der
Serviceorientierung dar. Generell erfolgt jeder Zugriff auf implementierte Funktionalität
über Services, weshalb auch die Abbildung von IT-Systemen im fachlichen IT-Modell nicht
erforderlich ist, da deren Funktionalität in Services gekapselt wird. So weit die Theorie.
In Praxisprojekten zeigt sich jedoch häufig, dass die Unterscheidung zwischen automatischen und manuell ausgeführten Prozessschritten für die spätere Umsetzung in der IT
pragmatisch und zielführend ist. Auch das Ergänzen des Modells um die IT-Systeme, die
ihre Funktionalität in Form von Services bereitstellen, kann sinnvoll sein, um einen besseren Überblick zu gewährleisten oder Zusammenhänge zu verdeutlichen. Beide Ansätze
unterstützt die Oracle BPA Suite durch entsprechende Objekte in der Modellierung.
4
204
Web Services Description Language, Schnittstellenbeschreibung für Web Services im XML-Format
8.3 Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
Technischer Kontrollfluss
Der Kontrollfluss legt die Abfolge der Aktivitäten fest und kann wie im fachlichen Detailmodell beispielsweise sequentielle, parallele und alternative Pfade enthalten. Bei der
Abbildung der Kontrollflüsse gilt es nun aber die Fähigkeiten der Prozessimplementierungssprachen bezüglich bestimmter Kontrollflüsse zu beachten. Häufig lassen sich nicht
alle in fachlichen Modellen (z. B. EPK, BPMN) möglichen und erlaubten Kontrollflüsse
auf die Implementierung in der IT (z. B. BPEL) übertragen. Eine Hilfestellung zum Abgleich der Prozesssprachen bieten die Workflow Patterns von van der Aalst et al. (vgl.
Kasten und [Aals00]). Im Vorfeld der Modellierung vereinbarte Modellierungskonventionen helfen, die Prozesse so zu gestalten, dass eine Übertragung in die IT möglich ist.
Datenfluss (In-/Outputs)
Auch auf technischer Ebene kommen Datenflüsse zum Tragen – als In-/Outputs sowohl für
den gesamten IT-Prozess wie auch beim Aufruf der technischen Services aus dem ITProzess heraus. Das Modell soll hier eine möglichst gute Vorlage für die technischen Datenstrukturen liefern. Bei Web-Service-basierten Implementierungen wie BPEL werden die
Datenobjekte im XML-Format abgebildet und basieren auf XML-Schema-Definitions
(XSD). Ideal ist der Einsatz eines unternehmens- oder projektweit gültigen Datenmodells
(Business Object Model) und ggf. die Anlehnung an branchenspezifische, standardisierte
Datenmodelle.
Organisation
Wird im fachlichen IT-Modell zwischen automatisch ausgeführten und manuellen Prozessschritten unterschieden, empfiehlt sich die organisatorische Abbildung auf der Basis von
Rollen: Den manuellen Tätigkeiten werden im fachlichen IT-Modell die ausführenden Rollen zugewiesen. Diese Information kann vom Entwickler bei der Umsetzung der HumanWorkflow-Lösung genutzt werden.
Workflow Patterns (Control Flow Patterns)
Entwickelt und veröffentlicht von Prof. v. d. Aalst et al.
Jedes Pattern beschreibt einen Kontrollfluss, der in Prozessen vorkommen
kann.
Patterns sind strukturiert von einfach bis komplex.
Patterns werden u. a. zur Bewertung der Kontrollflusseigenschaften von Prozessnotationen eingesetzt.
Dokumentation und Beispiele unter http://www.workflowpatterns.com.
8.3.5
Methodik und Notation auswählen
Wenn die zu erfassenden Informationen bekannt sind, kann auf dieser Basis die Auswahl
der geeigneten Modellierungsmethodik und -notation erfolgen. Die eingesetzte Modellie-
205
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
rungsnotation muss die Abbildung der erforderlichen Informationen aus Sicht der jeweiligen Zielgruppe unterstützen. Im Falle der SOA-Modellierung bedeutet dies, dass in den
relevanten Modellen alle im vorigen Abschnitt gelisteten Informationsanforderungen abbildbar sein müssen. Die Oracle BPA Suite bietet zur Prozessmodellierung die Notationen
„Ereignisgesteuerte Prozesskette“ (EPK) und die „Business Process Modeling Notation“
(BPMN) an. Unterschiede sowie Vor- und Nachteile dieser Notationen können auszugsweise der folgenden Aufstellung entnommen werden:
Ereignisgesteuerte Prozesskette
Gut geeignet zur Darstellung und
Diskussion fachlicher Abläufe
Einfache, intuitiv verständliche
Notation
Sichtenmodell zur Strukturierung
der Informationen (ARISMethodik)
Business Process Modeling
Notation
Gut geeignet zur Modellierung
vielfältiger (auch technischer)
Details
Detaillierte Modelle haben ggf.
höhere Komplexität.
Keine abstrakten Übersichtsmodelle verfügbar
Überblicksmodelle für abstrakte
betriebswirtschaftliche Modellierung vorhanden (WKD)
Strukturierung der modellierten
Inhalte über Swimlane-Darstellung
Eingeschränkte Unterstützung der
IT-Modellierung (vgl. Workflow
Patterns)
Zukünftig ggf. direkt ausführbar
Proprietäres Format (ARIS)
IT-nahe Prozesssprache
Offener Standard der Object
Management Group (OMG)
Die aus der ARIS-Methodik stammende EPK-Notation bietet den Vorteil, dass die Modellierung der fachlichen Detailmodelle mit den darüber liegenden Überblicksmodellen verknüpft und somit ein sauberer Top-down-Ansatz in der Modellierung realisiert werden
kann. Zudem eignet sich die intuitiv verständliche Notation sehr gut zur Diskussion fachlicher Abläufe mit den Vertretern der Fachbereiche.
Der im amerikanischen Raum weit verbreitete Modellierungsstandard BPMN setzt sich im
Bereich der technisch orientierten Prozessmodellierung auch in Europa immer stärker
durch. Die BPMN ist für die Modellierung der fachlichen IT-Modelle interessant, da sie
mehr technisch relevante Prozessszenarien abbilden kann als die EPK-Notation (vgl. Abbildung 8.7). So bietet die BPMN beispielsweise standardmäßig Symbole, die die wiederholte Ausführung von Aktivitäten (Loop) ausdrücken. Auch komplexe Entscheidungen
lassen sich zusätzlich zu den standardmäßigen OR und XOR-Entscheidungen im Prozessfluss abbilden, es existieren viele verschiedene Arten von Ereignissen (Events), und bei
Datenobjekten kann modelliert werden, ob diese gelesen, geschrieben oder bearbeitet werden. BPMN bietet somit eine bessere Unterstützung beim Übergang vom fachlichen zum
ausführbaren Modell.
206
8.3 Modellierung SOA-geeigneter Prozessmodelle
EPK
BPMN
BPEL
Sequence
Parallel Split
Synchronization
Exclusive Choice
Simple Merge
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
Advanced Branching and Synchronization Patterns
Multiple Choice
Synchronizing Merge
Multiple Merge
Discriminator
N-out-of-M Join
+/+/-
+
+
+
+
+
+
+
-
BPMN
BPEL
MI without synchronization
MI with a priori known
design time knowledge
MI with a priori known
runtime knowledge
MI with no a priori known
runtime knowledge
-
+
+
-
+
+
-
+
-
-
-
-
-
+
-
+
+/-
-
+
+
+
+
State-based patterns
Deferred Choice
Interleaved Parallel Routing
Milestone
Cancellation Patterns
Structural Patterns
Arbitrary Cycles
EPK
Multiple Instances Patterns
Basic Control Patterns
+
+
-
Cancel Activity
Cancel Case
Abbildung 8.7 Gegenüberstellung der Umsetzbarkeit von Workflow Patterns in EPK und BPMN, basiert
auf „Standard Evaluations“ auf der Website www.workflowpatterns.com
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden die beiden Notationen für die SOA-Prozessmodellierung kombiniert eingesetzt: die EPK auf der Ebene der fachlichen Detailmodelle
und die BPMN für die fachlichen IT-Modelle. Dieses Vorgehen wird von der Oracle BPA
Suite unterstützt und bietet die Möglichkeit, die Stärken der Notationen ideal auszunutzen.
Zudem kann sich der Leser selber ein Bild von der Arbeit mit den beiden unterschiedlichen
Notationen machen. Dies soll bei der Bewertung und Auswahl für eigene Projekte helfen.
Gegen den kombinierten Einsatz unterschiedlicher Modelle und Notationen lässt sich einwenden, dass hierdurch kein durchgängiges Modell von der fachlichen Modellierung bis
zur Umsetzung in der IT zur Verfügung steht. Ein in diesem Sinne durchgängiges Modell
würde Änderungen am fachlichen Modell direkt auf das IT-Modell übertragen und umgekehrt. Diese Kritik ist durchaus berechtigt, lässt sich aber bezogen auf das hier dargestellte
Vorgehen entkräften. Zum einen stellt die Methodik jeder Zielgruppe das für sie passende
Modell in einer optimalen Form und Notation zur Verfügung. Zum anderen entkoppelt die
in Abbildung 8.4 dargestellte Hierarchiebildung über das Konstrukt der fachlichen Services die fachlichen und IT-technischen Anforderungen voneinander. Die Anforderungen an
die Umsetzung in der IT werden in den fachlichen Services gekapselt und als separates
Prozessmodell detailliert. Daher wirken sich Änderungen am fachlichen IT-Modell nicht
auf das fachliche Detailmodell aus und umgekehrt.
Letztlich obliegt die Entscheidung für die Notation(en) Ihrem Projektvorhaben. Dabei ist
es natürlich auch möglich, beide Ebenen (fachliches Detailmodell und fachliches IT-Modell)
in nur einer Notation zu modellieren.
207
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
8.4
SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite
Nachdem in den vorigen Abschnitten der konzeptionelle Ansatz und das Vorgehen einer
prozessgetriebenen SOA-Modellierung allgemein und eher theoretisch erläutert wurden,
soll es nun konkreter werden. Im Mittelpunkt steht fortan die Frage, wie die Hierarchie der
serviceorientierten Prozessmodelle und die relevanten Informationen in der Modellierung
der SOA-Prozesse mit dem Werkzeug Oracle BPA Suite abgebildet werden können. Während die Modellierung auf der Ebene der fachlichen Detailmodelle (vgl. Abbildung 8.4)
nahezu immer einem einheitlichen Schema folgt, bieten sich auf den darunter liegenden
Ebenen der fachlichen IT-Modelle alternative Ansätze der Modellierung an. Dazu später
mehr.
8.4.1
Stets zu Diensten: Fachliche Services im Prozessablauf
Die SOA-Prozessmodellierung beginnt – wie bereits zuvor erwähnt – auf der vierten Ebene (vgl. Abbildung 8.4) mit dem so genannten fachlichen Detailmodell. Für dieses Modell
empfiehlt sich in der Oracle BPA Suite der Einsatz der Ereignisgesteuerten Prozesskette
(EPK) als Notation (vgl. Abschnitt 8.3.5). Die einzelnen fachlichen Prozessschritte haben
auf dieser Ebene der Modellierung noch einen recht groben Detaillierungsgrad. Zusätzlich
zu den in der Oracle BPA Suite als Funktionen modellierten Prozessschritten werden die
in Abschnitt 8.3.4.1 genannten relevanten Informationen erfasst. Der Fokus aus Sicht der
SOA-Prozessmodellierung liegt hierbei auf den fachlichen Services. Die zusätzlichen Informationen können direkt im EPK-Prozessmodell ergänzt werden. Alternativ können sie –
wie hier dargestellt – auf einer „Zwischenstufe“ in einem Funktionszuordnungsdiagramm
(vgl. Abbildung 8.9) modelliert werden. Dies bietet den Vorteil, dass das EPK-Modell
nicht mit den zusätzlich modellierten Informationen überfrachtet und dadurch unübersichtlich wird. Außerdem lassen sich bei der automatisierten Auswertung des integrierten EAund SOA-Modells die unterschiedlichen Ebenen der Modellierung sauber voneinander
trennen.
Fachlicher Prozessfluss
Abbildung 8.8 zeigt den rein fachlichen Prozessfluss der „Lieferungspositionsprüfung“ aus
unserem Beispiel der Wareneingangsprozesse. Darin erfasst ist neben den Prozessschritten
(BPA-Objekt: Funktion) auch der fachliche Kontrollfluss. Dieser wird in der EPK dargestellt durch die Verbindungen (Kanten) zwischen den Funktionen und Ereignissen und die
so genannten Konnektoren (AND, OR, XOR), die über parallelen oder alternativen Ablauf
der Prozessschritte entscheiden. Wie bereits erwähnt, werden die weiteren relevanten Informationen in einem gesonderten Modell (Funktionszuordnungsdiagramm, vgl. Abbildung 8.9) erfasst. Am Beispiel der Funktion „Nachlieferung prüfen“ ist dies für Organisation, In-/Outputs und fachliche Services gezeigt.
208
8.4 SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite
Abbildung 8.8 Fachliches Detailmodell als EPK in der Oracle BPA Suite
Organisation
Verantwortlichkeiten werden als Rollen im Modell erfasst (BPA-Objekt: Personentyp).
Dabei kann im fachlichen Modell die Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen der
Verantwortlichkeit, wie etwa ausführende Verantwortung oder Ergebnisverantwortung,
interessant sein. Dies lässt sich über unterschiedliche Kantentypen („führt aus“, „ist fachlich verantwortlich“, „wirkt mit bei“, „muss informiert werden über“) im Sinne einer RACI 5-Darstellung abbilden. Wird der Prozessschritt durch einen Service unterstützt und
dementsprechend in einem fachlichen IT-Modell als Prozess detailliert, wird in diesem
Modell auch die Detaillierung der Rollen und Verantwortlichkeiten abgebildet. Die Modellierung der organisatorischen Verantwortung auf dieser Ebene ist trotzdem empfehlenswert, um einen schnellen Überblick über organisatorische Aspekte aus fachlicher Sicht zu
gewährleisten.
5
Vorgehen zur Darstellung von Verantwortlichkeiten (Responsible, Accountable, Consulted, Informed)
209
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Datenfluss (In-/Outputs)
Informations- bzw. Datenflüsse werden als Geschäftsobjekte modelliert (BPA-Objekt:
Fachbegriff). Die Geschäftsobjekte entsprechen häufig real existierenden Objekten. Sie
sind auf dieser Ebene nur grob zu erfassen (vgl. „Materialbestellung“, „Bedarfsplanung“).
Ggf. können noch die einzelnen Attribute der Geschäftsobjekte aus einer rein fachlichen
Sicht mit aufgeführt werden. Eine detaillierte Auflistung der Attribute, Merkmale und Datentypen erfolgt auf einer feineren Ebene der Modellierung, wenn es an die Abbildung von
IT-Datenobjekten geht. Zusätzlich zu den Geschäftsobjekten kann die Erfassung wichtiger
Dokumente als In- oder Output der Funktionen erfolgen (BPA-Objekt: Dokument). Häufig
werden in diesen Dokumenten die verwendeten Geschäftsobjekte abgebildet. Der „Bestellschein“ wäre ein konkretes Beispiel für ein in unserem Prozess eingesetztes Dokument. Im
Dokument Bestellschein sind dann Geschäftsobjekte wie Kunde, Produkt usw. aus Sicht
der Bestellung abgebildet.
Die In- und Outputs des fachlichen Prozessschrittes werden auch als Parameter für den
fachlichen Service und somit für das dahinter liegende fachliche IT-Modell genutzt. Der
als Prozess detaillierte fachliche Service erhält als ein- und ausgehende Parameter die Geschäftsobjekte des Prozessschrittes, den er unterstützt.
Fachliche Services
Die aus Sicht der Serviceorientierung wichtigsten Informationen in diesem Modell sind
natürlich die Services. Zur Erinnerung: Die identifizierten fachlichen Services sollen als
Prozess (fachliches IT-Modell) spezifiziert und anschließend in der IT implementiert werden.
ist fachlich verantwortlich für
Materialbestellung
Artikelliefermenge
Bedarfsplanung
führt aus
Nachlieferung
prüfen
Leiter
Disposition
Dispositionsbeauftragter
Geschäftsservice
(Operation)
Nachlieferung
überprüfen
Use Case
(Operation)
Nachlieferung
überprüfen
Abbildung 8.9 Detaillierung des fachlichen Detailmodells im Funktionszuordnungsdiagramm
Der SOA-Business-Analyst erfasst im Modell fachliche Services, welche die Prozessschritte durch Leistungen ihrer Operationen unterstützen (vgl. Abschnitt 8.3.4.1). Dazu
greift er idealerweise auf das fachliche Serviceportfolio zurück und verwendet die dort aus
einer statischen Sicht modellierten Services. Abbildung 8.9 zeigt in Form eines Funktionszuordnungsdiagramms die Modellierung der fachlichen Detailinformationen zum Prozessschritt „Nachlieferung prüfen“ (BPA-Objekt: Funktion). Für die Abbildung der fachlichen
210
8.4 SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite
Serviceunterstützung wird das Geschäftsservice-Objekt „Nachlieferung überprüfen“ mit
dem Prozessschritt „Nachlieferung prüfen“ verbunden. „Nachlieferung überprüfen“ ist eine
Operation des Geschäftsservice „Lieferungskontrolle“ (vgl. Abbildung 8.10).
Dem Geschäftsservice können in der BPA Suite in Form von Attributen verschiedene Eigenschaften zugeordnet werden: Typ, Beschreibung, Daten (In-/Output), Verantwortliche,
KPI-Instanzen. Die Modellierung der Geschäftsservices, ihrer Operationen und Fähigkeiten aus einer statischen Sicht erläutert Kapitel 7.
Die Modellierung der Services über das Objekt „Geschäftsservice“ hat jedoch eine Schwäche in Bezug auf das angestrebte Vorgehen, in dem fachliche Services durch Prozessmodelle spezifiziert werden sollen: dem Objekt „Geschäftsservice“ kann in der Oracle BPA
Suite kein Prozessmodell hinterlegt werden. Daher bedient sich die abgebildete Modellierung eines zusätzlichen Objekts vom Typ „Use Case“, das redundant zur Operation des
Geschäftsservices modelliert wird (vgl. „Nachlieferung überprüfen“ in Abbildung 8.9).
Weil das Use Case-Objekt vom Typ „Funktion“ ist, können Prozessmodelle sowohl als
Ereignisgesteuerte Prozesskette (EPK) als auch als Business Process Diagram (BPD) der
BPMN in der Oracle BPA Suite hinterlegt werden. Mit diesem Modellierungsansatz lässt
sich das hier geschilderte Vorgehen umsetzen.
Ein Service soll in der Regel nicht nur eine einzelne Funktionalität anbieten, sondern über
Operationen mehrere zusammengehörige Dienstleistungen kapseln. Diesen Zusammenhang zeigt das Servicezuordnungsdiagramm in Abbildung 8.10. Der Service „Lieferungskontrolle“ bietet die Operationen „Nachlieferung überprüfen“ und „Nachlieferung reklamieren“ an. Der Service „Lieferungskontrolle“ könnte darüber hinaus weitere Operationen
wie „Teillieferung prüfen“ oder „Rücklieferung prüfen“ bereitstellen und würde somit
vielfältige fachliche Funktionalität zur Prüfung einer Lieferung kapseln.
Geschäftsservice
(Service)
Lieferungskontrolle
Nachlieferung
überprüfen
Geschäftsservice
(Operation)
Geschäftsservice
(Operation)
Nachlieferung
reklamieren
Abbildung 8.10
Geschäftsservice mit Operationen
im Servicezuordnungsdiagramm
Damit ist die SOA-Prozessmodellierung auf der Ebene des fachlichen Detailmodells abgeschlossen. Eine weitere Detaillierung der identifizierten fachlichen Services und deren Operationen ist vorbereitet. Die modellierten Services und Operationen sollten darüber hinaus
in den Attributen der BPA-Objekte fachlich detailliert in Textform beschrieben sein, was
wiederum den Ansatz eines fachlichen Serviceportfolios unterstützt (vgl. Kapitel 7).
211
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
8.4.2
Vorstufe zum automatisierten Prozess: Das fachliche IT-Modell
Die im fachlichen Modell identifizierten und grob beschriebenen fachlichen Services und
deren Operationen sollen im nächsten Schritt weiter detailliert werden. Dies erfolgt wieder
in Form eines Prozessmodells und geschieht auf der sechsten Ebene der Prozessdekomposition als so genanntes fachliches IT-Modell (vgl. Abbildung 8.3).
In unserem Vorgehen erzeugt das fachliche IT-Modell einen neuen fachlichen
Service durch die sinnvolle Verknüpfung (Orchestrierung) mehrerer elementarer
Funktionalitäten (technische Services). Die technischen Services unterstützen
mit ihren Operationen die einzelnen Prozessschritte im fachlichen IT-Modell.
Die fachlichen IT-Modelle können in der BPA Suite grundsätzlich wieder als Ereignisgesteuerte Prozesskette (EPK) oder als Business Process Diagram (BPD) in BPMN modelliert werden. Wegen der in Abschnitt 8.3.5 diskutierten Stärken der BPMN bei der Abbildung technisch orientierter Prozessmodelle wird in dem nachfolgend vorgestellten Ansatz
die BPMN eingesetzt.
Zur Automatisierung der fachlichen Services lassen sich in der Oracle BPA Suite unterschiedlich detaillierte Modellierungsansätze realisieren. Die Entscheidung, wie das fachliche IT-Modell ausgestaltet wird, obliegt dabei dem jeweiligen Projekt und wird sich entsprechend der gewählten Zielsetzung voneinander unterscheiden. Im Wesentlichen hängt
die Unterscheidung davon ab, wie stark sich die Modellierung an der später in der ITImplementierung genutzten Produktplattform und deren Eigenschaften orientiert. Dieses
Kapitel konzentriert sich auf einen Modellierungsansatz in der Oracle BPA Suite, der von
der IT-Produktplattform abstrahiert. Die BPA Suite bietet über diesen Ansatz hinaus zusätzliche Funktionalitäten, die eine Modellgestaltung für die Übertragung in die Oracle
SOA Suite ermöglichen. Auf diese Möglichkeiten wird abschließend kurz eingegangen.
8.4.2.1 Das pragmatische fachliche IT-Modell
Das pragmatische fachliche IT-Modell dient in erster Linie dazu, dem SOA-Entwickler die
benötigten Informationen für die Umsetzung des abgebildeten Prozesses in der IT zur Verfügung zu stellen. Die in Abschnitt 8.3.4.2 allgemein vorgestellten relevanten Informationen sollen dabei so weit wie möglich in Prozess- und Servicemodellen abgebildet werden.
Technische Prozessschritte (Aktivitäten) und technische Services
Die Prozessschritte werden in BPMN als Task-Objekte modelliert (BPA-Objekt: Funktion). Der SOA-Entwickler benötigt für die Implementierung des ausführbaren Modells die
Information, welche elementaren Services in den einzelnen technischen Prozessschritten
aufzurufen sind. Das fachliche IT-Modell gibt die Anordnung (Orchestrierung) dieser
technischen Services vor.
212
8.4 SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite
Warenhaus
Erforderliche Menge
der Nachlieferung
ermitteln
Freier
Lagerbestand
ist nicht
verfuegbar
Dispositionsbeauftragter
Pruefauftrag
entgegennehmen
Liefermenge
ist unterschritten
Lagerhaltungssystem
Nachlieferung
ist erforderlich
Freier Lagerbestand
ist verfuegbar
Artikelnummer
Freien
Lagerbestand
verfuegen
Nachlieferung
ist nicht erforderlich
Nachlieferung
initiieren
Nachlieferung
ist initiiert
Nachlieferung ist
nicht erforderlich
Lagermenge
Verfuegbare
Lagermenge
ermitteln
LagerServiceTechnisch
ermittleLagerbestand
Artikelnummer
Bestellsystem
Reservierte Menge
Reservierungen
ueberpruefen
Abbildung 8.11 Fachliches IT-Modell in BPMN-Notation in der Oracle BPA Suite
Wie bereits bei den fachlichen Services in Abschnitt 8.4.1 gesehen, gibt es auch hier wieder einen Bezug zur Modellierung des Serviceportfolios (vgl. Kapitel 7). Dort werden die
in der IT umgesetzten technischen Services aus einer statischen Sicht als Softwareservices
mit Softwareservice-Operationen im Modell abgebildet.
Funktion
(= BPMN Task)
Verfuegbare
Lagermenge
ermitteln
SoftwareserviceOperationstyp
ermittle
Lagerbestand
Abbildung 8.12
Verknüpfung technischer Prozessschritte mit
Serviceoperationen im Funktionszuordnungsdiagramm
Ziel ist nun, die Prozessschritte im Business Process Diagram der BPMN (vgl. Abbildung
8.11) mit den aufzurufenden Softwareservice-Operationen zu verbinden. Diese Verknüpfung stellt im Modell die Information zur Verfügung, welche Serviceoperation zur Automatisierung des Prozessschrittes genutzt wird. Da das Business Process Diagram (BPMN)
in der Oracle BPA Suite keine entsprechenden Objekte vorsieht, können die Softwareservice-Operationen nicht direkt auf diesem Diagrammtyp modelliert werden. Alternativ kann
aber ein Funktionszuordnungsdiagramm als Hinterlegung am technischen Prozessschritt
(BPMN: Task, BPA-Objekt: Funktion) erzeugt werden (vgl. Abbildung 8.12). In diesem
Diagramm kann die Verbindung des Prozessschrittes mit der aufzurufenden Softwareservice-Operation im Modell abgebildet werden. Nun fehlt lediglich noch die Verknüpfung
213
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Lager
Service
Technisch
Softwareservicetyp
ermittle
Lagerbestand
reserviere
Lagerbestand
SoftwareserviceOperationstyp
SoftwareserviceOperationstyp
Abbildung 8.13
Modellierung eines technischen Service mit Operationen im Zugriffsdiagramm
der Softwareservice-Operation zu ihrem Softwareservice. Dieser Zusammenhang kann in
einem Zugriffsdiagramm (vgl. Abbildung 8.13) modelliert werden. Hierin werden dem
technischen Service (Softwareservicetyp) seine Operationen (Softwareservice-Operationstyp) zugeordnet, was wiederum Bestandteil der statischen Servicemodellierung (vgl. Kapitel 7) ist. In diesem Diagramm wird darüber hinaus ersichtlich, welche Operationen der
technische Service kapselt.
Der Modellierungsaufwand dieses Vorgehens ist relativ groß und benötigt zudem Konventionen und eine Qualitätssicherung, um eine einheitliche Modellierung zu gewährleisten.
Wird kein modellbasiertes Serviceportfolio in der BPA Suite gepflegt oder erscheint der
Aufwand zu hoch, kann alternativ ein pragmatischer Ansatz genutzt werden. Bei automatisiert ablaufenden Prozessschritten können die Informationen zur technischen Schnittstelle in den Attributen der BPA-Objekte erfasst werden. In den Attributen des BPA-Objekts
Technischer
Service
Serviceoperation
Abbildung 8.14 Pflege von Service und Serviceoperation in den Attributen einer Funktion
214
8.4 SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite
„Funktion“ lassen sich der zu nutzende Service und die zugehörige Operation hinterlegen
(vgl. Abbildung 8.14). Diese Informationen können in der BPA Suite auch auf dem Diagramm angezeigt (vgl. „Verfuegbare Lagermenge ermitteln“ in Abbildung 8.11) oder in
Form eines Reports zusammen mit der Grafik des Prozessmodells als Dokument ausgegeben werden.
Technischer Kontrollfluss
Der technische Kontrollfluss wird, ähnlich wie bei der EPK, über die Verbindungen zwischen den Prozessschritten (Tasks) abgebildet. In BPMN wird der Hauptprozessfluss als
„Sequence Flow“ bezeichnet. Zusätzlich stehen auch hier Konnektoren zur Abbildung des
Kontrollflusses zur Verfügung. In BPMN werden die Konnektoren „Gateway“ genannt,
neben paralleler (AND) und alternativer (OR, XOR) Verarbeitung erlaubt die BPMN auch
so genannte „Complex Gateways“, denen – wie der Name schon sagt – komplexe Bedingungen zugeordnet werden können. Außerdem existieren spezielle BPMN-Symbole, die
beispielsweise eine wiederholte Verarbeitung (Loop) oder das Erzeugen einer erst zur
Laufzeit definierten Anzahl von Instanzen eines Tasks erlauben (Multiple Instances). Detaillierte Informationen über Elemente und Notation der BPMN finden sich in [BPMN09].
Bei der Gestaltung des Kontrollflusses im BPMN-Modell kann die Unterstützung
des Kontrollflusses in der gewählten technischen Zielumgebung wichtig sein.
Für den Abgleich der in BPMN möglichen Kontrollflüsse mit den Fähigkeiten ausführbarer Prozesssprachen wie BPEL empfiehlt sich der Einsatz der in Abschnitt
8.3.5 erwähnten „Workflow Patterns“.
Datenfluss (In-/Outputs)
Bei der Bearbeitung der technischen Prozessschritte werden Daten benötigt. Die Datenflüsse können in BPMN mit dem Objekt „Data Object“ abgebildet werden (vgl. Abbildung
8.11). Die Pfeilrichtung der Kanten, die die Datenobjekte mit den Prozessschritten verbinden, sagt aus, ob das Datenobjekt gelesen, geschrieben oder bearbeitet wird. Aus technischer Sicht wäre auf dieser Ebene eine detaillierte Abbildung der Datenobjekte wünschenswert, so dass der SOA-Entwickler sein technisches Datenmodell daraus ableiten
kann (z. B. als XML-Schema Definition). Allerdings bieten sowohl die BPMN-Notation
als auch das Werkzeug Oracle BPA Suite aktuell nur eingeschränkte Möglichkeiten zur
Abbildung technischer Datenmodelle. Hier kann die Pflege der technischen Daten in UML
und ein entsprechender Verweis auf diese Modelle – beispielsweise in den Attributen der
Objekte in der BPA Suite – sinnvoll sein.
TIPP: Nutzen Sie bei der Abbildung der Datenstrukturen ein einheitliches, unternehmens- oder projektweit gültiges Datenmodell (Business Object Model). Häufig
können diese Datenmodelle auf offiziell verfügbaren Branchenreferenzmodellen
basiert werden. Dies erhöht die Austauschbarkeit und das Potenzial bei der Integration „fremder“ Services.
215
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Organisation
In BPMN werden Verantwortlichkeiten und Rollen über die Konstrukte „Pool“ und „Lane“
abgebildet. Dies ergibt das für BPMN typische Swimlane-Layout, bei dem die Schwimmbahnen jeweils für eine ausführungsverantwortliche Organisationseinheit bzw. Rolle oder
auch für ein IT-System stehen.
Das in Abbildung 8.11 dargestellte Prozessmodell enthält eine BPMN-Lane für die Rolle
des Dispositionsbeauftragten, welcher für die abgebildeten Prozessschritte ausführungsverantwortlich ist. Andere Schritte in diesem Prozess werden von den IT-Systemen „Lagerhaltungssystem“ oder „Bestellsystem“ ausgeführt, die ebenfalls in BPMN-Lanes abgebildet
sind.
Nutzen Sie diesen Modellierungsansatz, wenn
Sie eine mit wesentlichen IT-relevanten Details angereicherte Vorlage für den
SOA-Entwickler erstellen wollen;
Sie ein bezogen auf die IT-Umsetzung plattformneutrales Modell benötigen;
Sie im fachlichen IT-Modell die Abgrenzung zwischen ausführungsverantwortlichen Rollen und IT-Systemen darstellen möchten;
Sie die in der BPA Suite erfassten technischen Services mit dem Prozess im
Modell verbinden wollen.
8.4.2.2 Das fachliche IT-Modell für Oracle BPEL
Der zweite Modellierungsansatz abstrahiert nicht mehr vollständig vom in der IT-Implementierung genutzten Produkt. Vielmehr nutzt er die von Oracle in der BPA Suite bereitgestellten Funktionalitäten zur Spezifikation eines Modells für die Oracle Laufzeitumgebung Oracle BPEL Process Manager (BPEL PM). Der BPEL PM ist die Laufzeitkomponente für ausführbare BPEL-Prozesse von Oracle und Bestandteil der Oracle SOA Suite.
Die nach diesem Ansatz in der BPA Suite modellierten Prozesse können über einen Generierungs- und Importmechanismus in die Entwicklungsumgebung Oracle JDeveloper übertragen und dort weiterbearbeitet werden. Nach der Implementierung durch den SOAEntwickler kann der BPEL-Prozess per Deployment in den BPEL PM übertragen und anschließend dort ausgeführt werden.
Dieser Modellierungsansatz erfasst, verglichen mit der zuvor erläuterten Vorgehensweise,
deutlich mehr technische Details. Das WIE der Umsetzung wird hierbei ausführlicher betrachtet und im Modell abgebildet. Daher benötigt der SOA-Business-Analyst einerseits
für die Erstellung dieser Form des fachlichen IT-Modells deutlich mehr technisches Hintergrundwissen. Dies betrifft beispielsweise Kenntnisse des BPEL-Standards und die
Struktur von BPEL. Insbesondere bei der automatisierten Übertragung der Modelle von
EPK oder BPMN nach BPEL in der Oracle BPA Suite dürfen Prozesse nur Konstrukte
(z. B. Kontrollflüsse) enthalten, die der BPEL-Standard unterstützt (vgl. hierzu die Ausführungen zu Workflow Patterns in Abschnitt 8.3.5). Andernfalls ist die Generierung eines
BPEL-Modells nicht möglich. Der Modellierer sollte darüber hinaus auch die Oracle-
216
8.4 SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite
spezifischen Erweiterungen des BPEL-Standards kennen. Beispiel: die Human WorkflowAnwendung, die Bestandteil des Oracle BPEL PM ist und die im fachlichen IT-Modell als
„Manuelle Aufgabe“ modellierten Prozessschritte umsetzt.
Andererseits wächst bei diesem Ansatz der Pflegeaufwand, da Änderungen an den erfassten technischen Details im Modell nachgezogen werden müssen. Die Stabilität des Modells
wird entsprechend geringer. Ein automatischer Abgleich der Änderungen im Modell des
SOA-Entwicklers (BPEL im JDeveloper) mit dem Modell des SOA-Business-Analysten
(BPMN oder EPK in der BPA Suite) ist vom Werkzeughersteller Oracle vorgesehen. Der
Einsatz dieses Vorgehens sollte jedoch sorgfältig überdacht werden. Dies gilt beispielsweise für die Fragestellung, ob der SOA-Entwickler Einfluss auf die Gestaltung des fachlichen
Prozesses nehmen können soll. Grundsätzlich stellt die Spezifikation der für den SOAEntwickler relevanten Informationen in Form eines (Prozess-)Modells unbestritten einen
zielführenden und in der Praxis bewährten Ansatz dar.
Die wichtigsten Informationen werden im fachlichen IT-Modell für Oracle BPEL wie folgt
abgebildet:
Technische Prozessschritte (Aktivitäten)
Auch in diesem Modell sind die technischen Prozessschritte Funktionen in der Oracle BPA
Suite. Mit Blick auf die Zielumgebung Oracle BPEL PM bietet die Oracle BPA Suite allerdings die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Ausprägungen einer Funktion zu unterscheiden. Wie in Abbildung 8.15 zu erkennen, werden durch unterschiedliche Symbole
beispielsweise manuelle Tätigkeiten (Manuelle Aufgabe) und vollständig automatisierte
Prozessschritte (Automatisierte Aufgabe) voneinander abgegrenzt.
Warenhaus
Manuelle
Aufgabe
Dispositionsbeauftragter
Nachlieferung
initiieren
Freier
Lagerbestand
ist nicht
verfuegbar
Erforderliche Menge der Nachlieferung ermitteln
Nachlieferung
ist erforderlich
Pruefauftrag entgegennehmen
Liefermenge
ist unterschritten
Freier Lagerbestand
ist verfuegbar
Freien Lagerbestand verfuegen
Nachlieferung
ist nicht erforderlich
Lagerhaltungssystem
Nachlieferung
ist initiiert
Artikelnummer
Nachlieferung ist
nicht erforderlich
Lagermenge
Verfuegbare Lagermenge ermitteln
LagerServiceTechnisch
ermittleLagerbestand
Bestellsystem
Automatisierte
Aufgabe
Artikelnummer
Reservierte Menge
Reservierungen ueberpruefen
Abbildung 8.15 Fachliches IT-Modell für Oracle BPEL in BPMN-Notation in der Oracle BPA Suite
217
8 Der prozessgetriebene SOA-Ansatz
Eine als „Manuelle Aufgabe“ modellierte Funktion wird in der Oracle BPEL-Implementierung als Aufgabe abgebildet, die in die Aufgabenliste („Postkorb“) der definierten Rolle
eingestellt wird. Eine „Automatisierte Aufgabe“ setzt BPEL als Aufruf eines Web Service
um. Hierzu kann bereits im fachlichen IT-Modell die Web-Service-Schnittstelle (WSDL)
mit der Funktion verknüpft werden. Darüber hinaus stehen weitere Implementierungsmöglichkeiten für Funktionen zur Verfügung, die im Rahmen dieses fachlich orientierten Vorgehens nicht näher betrachtet werden. Weitere Informationen dazu enthält die Hilfe der
Oracle BPA Suite.
Technischer Kontrollfluss
Die Modellierung des technischen Kontrollflusses entspricht der des „pragmatischen“
fachlichen IT-Modells (vgl. Abschnitt 8.4.2.1).
Datenfluss (In-/Outputs)
Die Modellierung der Datenflüsse entspricht der des „pragmatischen“ fachlichen IT-Modells (vgl. Abschnitt 8.4.2.1).
Organisation
Die organisatorischen Verantwortlichkeiten werden wie im „pragmatischen“ Modell in
Form von BPMN-Pools und -Lanes dargestellt. Zusätzlich wird durch die zuvor erläuterte
Symbolik der Funktionen in der Oracle BPA Suite ausgedrückt, ob es sich um „Manuelle
Aufgaben“ oder automatisierte Service-Aufrufe handelt (Automatisierte Aufgabe).
Modellieren Sie im fachlichen IT-Modell als Vorlage für die Implementierung in
Oracle BPEL fachlich abgegrenzte Prozessschritte (Beispiel „Reservierungen
überprüfen“ in Abbildung 8.11). Die konkrete Implementierung dieses Prozessschrittes, die unter Umständen mehrere Web-Service-Aufrufe, Datentransformationen usw. beinhalten kann, sollte dem SOA-Entwickler überlassen werden.
Bei Einsatz des Generierungsmechanismus in der Oracle BPA Suite können die
fachlichen abgegrenzten Prozessschritte in BPEL-Scope-Aktivitäten übertragen
werden. Den Inhalt dieser Scope-Aktivitäten kann der SOA-Entwickler dann entsprechend seinen technischen Anforderungen füllen, ohne Einfluss auf das fachlich spezifizierte Modell zu nehmen.
Nutzen Sie diesen Modellierungsansatz, wenn
Sie ein Modell als Vorlage für die IT-technische Umsetzung im Oracle BPEL
Process Manager erstellen möchten;
Sie implementierungsspezifische Details wie Web-Service-Schnittstellen oder
Konfigurationen für die Workflow-Anwendung (Human Task) in der Oracle
BPA Suite hinterlegen möchten;
Sie den Generierungsmechanismus „BPMN zu BPEL“ (oder alternativ „EPK
zu BPEL“) in der Oracle BPA Suite nutzen möchten.
218
8.4 SOA-Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite
8.4.3
Überblick Objekttypen der SOA-Prozessmodellierung
Die folgende Übersicht (vgl. Tabelle 8.1) listet abschließend die im vorgestellten Vorgehen zur serviceorientierten Prozessmodellierung in der Oracle BPA Suite genutzten Objekte auf. Die Tabelle gibt auch Auskunft über die eingesetzten Diagrammtypen und die Verbindungen (Kanten), die Objekte miteinander verbinden. Grundsätzlich ist der Einsatz anderer Objekte und Kanten möglich, was je nach Zielsetzung der Modellierung angebracht
und erforderlich sein kann.
Tabelle 8.1 Diagramm- und Objekttypen der SOA-Prozessmodellierung
Diagrammtyp
Quellsymbol
Zielsymbol
Beziehung
Funktionszuordnungsdiagramm
Fachbegriff
Funktion
ist Input für
Funktionszuordnungsdiagramm
Personentyp
führt aus
Funktion
Funktionszuordnungsdiagramm
Personentyp
ist fachlich
verantwortlich für
Funktion
Funktionszuordnungsdiagramm
Personentyp
wirkt beratend mit
Funktion
Funktionszuordnungsdiagramm
Personentyp
muss informiert
werden über
Funktion
Funktionszuordnungsdiagramm
Geschäftsservice
(Operation)
unterstützt
Funktion
Funktionszuordnungsdiagramm
Use Case
(Operation)
unterstützt
Geschäftsservice
(Operation)
Business Process Diagram
(BPMN)
Data Object
(Typ Informationsträger)
liefert Input für
Funktion
Business Process Diagram
(BPMN)
Funktion
erzeugt Output
auf
Data Object
(Typ Informationsträger)
Business Process Diagram
Diverse weitere laut BPMN-Spezifikation und BPA Suite
zugelassene Verbindungen
Funktionszuordnungsdiagramm
SoftwareserviceOperationstyp
unterstützt
Funktion
Zugriffsdiagramm
Softwareservicetyp
ruft auf
SoftwareserviceOperationstyp
Fachliches Detailmodell
Fachliches IT-Modell
219
9
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
9.1
Fragen, die dieses Kapitel beantwortet
Was ist Process Controlling überhaupt?
Aus welchen Komponenten bestehen die IT-Systeme für das Process Controlling?
Wie sieht die Systemarchitektur aus?
Welche Schritte müssen Sie für eine erfolgreiche Modellierung durchführen?
Wie erfolgt eigentlich die Modellierung?
Was sind typische Lessons-Learned aus Projektbeispielen?
9.2
Die Herausforderung im Process Controlling
In der Fachpresse tauchen häufig Begriffe wie „Corporate Performance Management“,
„Enterprise Performance Management“ oder „Process Excellence“ auf. Sie beziehen sich
auf einen bislang vernachlässigten Bereich der operativen Exzellenz des Unternehmens –
die Geschäftsprozesse.
Geschäftsprozessmanagement wurde in den letzten Jahren von den Unternehmen als
Chance erkannt, um ihre Effektivität und Effizienz der wertschöpfenden Prozesse zu steigern. Dies bestätigt Rolf Schumann, Director Customer Advisory Office, SAP AG: „Das
Problem der Unternehmen heute besteht oftmals darin, dass sie in ihrer IT gefangen sind.
Die Flexibilität, die nötig ist, um beispielsweise auf äußere Einflüsse rasch reagieren und
Prozesse anpassen zu können, ist größtenteils nicht gegeben. Prozessanpassungen sind viel
zu aufwändig.“ Die Organisationsstrukturen wurden häufig auch auf eine Prozessorganisation ausgerichtet, um die notwendige Agilität zu erreichen, aber die Ermittlung von Daten
221
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
und Kennzahlen zu den Prozessabläufen – und das auch noch in Echtzeit – wurde häufig
vernachlässigt. Eine besondere Bedeutung in diesem Zusammenhang wird dem Process
Controlling zuteil.
Im Rahmen der organisatorischen Implementierung des Process Controlling werden mit
Hilfe von IT-Systemen Kennzahlen für die Prozesse ermittelt, um die Prozesse transparenter und steuerbarer zu machen. Je nach Grad der Realisierung des Process Controlling
können sogar Kennzahlen in „Echtzeit“ für die operativen Prozesse ermittelt und somit der
Ansatz des „Real Time Enterprise“ unterstützt werden.
Die Herausforderung liegt in der technischen Implementierung der Messung der benötigten
Prozesskennzahlen und somit in einem Aufbau einer konsolidierten Datenbasis für die
„Real Time“-Steuerung (IT-System „Process Monitoring“) und der Prozessanalyse (IT-System „Process Mining“).
Reifegradmodell für das Process Controlling
Das Process Controlling kann in unterschiedlichen Unternehmen verschiedene
Reifegrade haben.
Abbildung 9.1 Reifegradmodell des Process Controlling
Die tatsächliche Realisierung des Process Controlling beginnt in diesem Modell
auf Stufe 3 „Defined“. Im Folgenden werden die Stufen „Defined“ und „Managed“
und teilweise die Stufe „Optimizing“ betrachtet. Das Befinden auf Stufe 3 bedeutet, dass Kennzahlen strategischer und operativer Art im Unternehmen schon
identifiziert wurden und dass auch bekannt ist, an welchen Stellen der Prozesse
die Kennzahlen ermittelt werden können [Schm03, S. 194 ff.].
222
9.2 Die Herausforderung im Process Controlling
Dieses Kapitel liefert einen Überblick zum Themengebiet Process Controlling und legt den
Schwerpunkt auf die Modellierung der benötigten Kennzahlen auch hinsichtlich der Anforderungen für eine Implementierung. Unterwegs geben wir einige praktische Tipps und
Best-Practices, um den Einstieg in die Modellierung zu vereinfachen. Das genutzte Vorgehen bei der Modellierung lehnt sich an die in Abbildung 9.2 dargestellten unterschiedlichen Ebenen der Modellierung an. Wir beschreiben das Vorgehen bei der Modellierung
der Ziele, Maßnahmen, Kennzahlen und der Organisation. Anschließend verfeinern wir die
Modelle für die eigentlichen Prozesse zur Etablierung der organisatorischen Maßnahmen
beim Process Controlling. Abschließend erfolgt die Modellierung der notwendigen IT-Systeme zur Unterstützung der Prozesse des Process Controlling.
1. Instanzgranularität
Unternehmensinstanz
2. Instanzgranularität
Kernprozessinstanz
3. Instanzgranularität
Hauptprozessinstanz
vertikale Dekomposition
7. Instanzgranularität
IT-Prozessinstanz
IT-Automatisierungsobjekte
(implementiert)
IT-Automatisierungsobjekte
(generiert)
5-40
IT-Aktivitäten
optional:
20-40
Prozessaktivitäten
1
2
Ziele, Maßnahmen,
Kennzahlen,
3
Organisation
4. Instanzgranularität
Unterprozessinstanz
5. Instanzgranularität
Detailprozessinstanz
(optional)
6. Instanzgranularität
IT-Interaktionsinstanz
20-40
Prozessaktivitäten
3-5
Unterprozesse
5-6
Hauptprozesse
6-12
Kernprozesse
horizontale Dekomposition
4
Prozess zur Etablierung der
Maßnahmen
5
6
IT-Systeme zur Berechnung
der Kennzahlen
7‘. Instanzgranularität
implementierte
IT-Prozessinstanz
7
7‘
Abbildung 9.2 Übersicht der unterschiedlichen Detail-Stufen bei der Modellierung
Ferner zeigen wir die Methoden und Vorgehensweisen am Beispiel des Prozesses der Wareneingangskontrolle (WEK) auf. In Abschnitt 9.6 gehen wir intensiv auf die Modellierung
ein und nutzen hierfür den geschilderten WEK-Prozess (siehe Kapitel 1).
223
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Vision und Realität
Wie könnte die Zukunft aussehen?
Unternehmen implementieren in Zukunft verstärkt die Prozessabläufe flexibel in
ihren IT-Systemen. Die fachlichen Prozessmodelle werden schrittweise um die
IT-spezifischen Inhalte zur Steuerung der Prozesse durch IT-Systeme verfeinert.
Diese Prozessmodelle werden mit einer Workflow-/Prozess-Engine implementiert
und die IT-Komponenten aus dem „geführten“ Prozess heraus automatisch angesprochen. Der wesentliche Vorteil liegt hierbei in den generischen Sonden/Adaptern innerhalb der Workflow-/Prozess-Engine, die die Prozesskennzahlen und
Fakten unabhängig von einem Eingriff in die untergelagerten operativen Systeme
liefern können. Die benötigten Informationen (Fakten) liegen bei den WorkflowSystemen und Systemen zur Prozessautomatisierung im so genannten „Payload“
bereits vor (Daten, die von einem Prozessschritt zum nächsten übermittelt und
aktualisiert werden). In der Spezifikation „Audit und Monitoring (INTERFACE5)“
des Referenzmodells der Workflow Management Coalition (WfMC, seit 1993, 220
Mitglieder) liegt eine Spezifikation des Audit-Trails des Workflow-Systems vor
[WFMC95]; damit ist das Monitoring von Workflows in einem Unternehmen unabhängig von speziellen Implementationen des Workflowmanagementsystems möglich. In der Spezifikation werden die wesentlichen Statuswechsel, Zeitstempel und
involvierten Ressourcen festgehalten.
Wie sieht die Realität aus?
Die Realität sieht jedoch meist anders aus. Der notwendige Grad an Prozessautomatisierung für die geschilderten generischen Ansätze ist bei vielen Unternehmen nicht gegeben, da die genutzten Anwendungssysteme überwiegend noch
funktional ausgerichtet und oft von Medien-Brüchen durch Systemwechsel geprägt sind. Gleichwohl ist es zielführend, auch in heterogenen Systemlandschaften mit vielen Systemwechseln und „Medienbrüchen“ ein Process Controlling für
ausgewählte Kernprozesse, die einen wesentlichen Beitrag zur Wertschöpfung
leisten, zu implementieren.
9.3
Die zentralen Begriffe
Durch den Einsatz des Process Controlling soll die Lücke im Regelkreis des Geschäftsprozessmanagements (GPM) beim Übergang von der Prozessimplementierung zur Prozessoptimierung geschlossen werden. Ziel des Process Controlling ist die kontinuierliche Verbesserung der Qualität und Effizienz der ablaufenden Geschäftsprozesse wie auch die NearReal-Time-Steuerung der aktuell laufenden Prozesse. Im Rahmen des Process Controlling
werden zwei unterschiedliche Aufgabenstellungen betrachtet, die nebeneinander existieren
und unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen:
224
9.3 Die zentralen Begriffe
das Process Monitoring mit dem Ziel der operativen Steuerung der aktuell ablaufenden Geschäftsprozesse und
das Process Mining mit dem Ziel der Ex-post-Analyse der abgelaufenen Geschäftsprozesse.
Diese Zusammenhänge werden in Abbildung 9.1 dargestellt.
Das Process Controlling mithilfe von IT-Systemen ist eine neue Disziplin. Dies erkennt
man leider daran, dass es in der Literatur keine allgemein gültigen Begriffsdefinitionen
gibt. Im Folgenden definieren wir die zentralen Begriffe entsprechend ihrer Verwendung
im vorliegenden Kapitel.
9.3.1
Process Controlling
Process Controlling
Definition „Process Controlling“:
Beschaffung, Aufbereitung und Analyse von Daten zur Vorbereitung zielsetzungsgerechter Entscheidungen zur Verbesserung von Geschäftsprozessen. [Riep96]
Im Folgenden sollen die Komponenten des Process Controlling kurz erläutert werden:
Die Beschaffung beschäftigt sich mit der Erschließung, Evaluation und Auswahl der
benötigten Datenquellen. Hierbei stehen letztlich die Prozessmodelle und -repositories,
die Datenquellen der operativen Anwendungssysteme sowie die Audit Trails/Log-Files
der eingesetzten Workflow- oder BPM-Engines (Oracle BPEL Process Manager, IBM,
SAP, Inubit etc.) im Mittelpunkt.
Die Aufbereitung erfolgt unter Einbeziehung der Metadaten aus den Prozessmodellen
in Form eines klassischen ETL-Prozesses (Prozess der Datenbewirtschaftung eines
Data Warehouse, der aus den Phasen Extraktion/Transformation/Laden (ETL) besteht).
Der Schwerpunkt liegt hier in der Zusammenführung der Prozessdaten mit den Informationen zu den referenzierten Geschäftsobjekten.
Die Analyse beruht auf den Auswertungen zur Ermittlung von Schwachstellen, SollIst-Vergleichen, Erkennung von Mustern und Wirkungsmechanismen (Process Mining)
und Analyse von Key Performance Indikators (KPI’s).
In den obigen Aufgaben spiegeln sich bereits die wesentlichen Kernaufgaben des „klassischen“ Data-Warehouse-Projektes wider: ein ETL-Prozess und eine Oberfläche für flexible
Auswertungen. Die grundlegende Architektur eines Data Warehouse wird in Abschnitt 9.5
aufgegriffen und hinsichtlich der Anforderungen des Process Controlling ausgestaltet
[Sche02].
In Abbildung 9.3 erkennt man, dass das Process Controlling Teil des Regelkreises des Geschäftsprozessmanagements ist. In der Regel setzt man mit der Prozessanalyse auf. Die
Prozessanalyse versucht durch Zerlegen einer Prozesskette in seine einzelnen Vorgänge
und Analyse dieses Prozesses Schwachstellen und Verbesserungspotenziale zu erkennen.
225
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Process
Analyse
optimieren
implementiere
eren
Feedback
Process
Controlling
messen
Prozess
Mining
Process
Design
Prozess
Monitoring
Process
Ausführung
verbessern
Abbildung 9.3
Regelkreis Geschäftsprozessmanagement
Optimierungspotenziale werden an das Prozessdesign übergeben. Hier erfolgen Modellierung bzw. Reengineering des Prozesses, anschließend die Implementation des Prozesses in
der Organisation.
Dies hat neben den organisatorischen Konsequenzen auch technische Implikationen hinsichtlich der unterstützenden IT-Systeme. Das Process Controlling hat nun die Aufgabe,
Daten zu liefern, die Entscheidungen zur Verbesserung von Geschäftsprozessen unterstützen. Hiermit schließt sich der Regelkreis des Geschäftsprozessmanagements.
Process Monitoring
Das Process Monitoring und seine Umsetzung mittels IT-Lösungen (häufig auch Business
Activity Montoring (BAM) genannt) wird bewusst vom Process Mining abgegrenzt. Das
liegt zum einen daran, dass das Process Monitoring die aktuelle Prozessinstanz betrachtet
und das Process Mining eine Analyse der abgelaufenen Prozesse ist. Der zeitliche Bezug
der Nutzung ist hier ein wichtiges Kriterium für den Aufbau der benötigten IT-Syste-me
und der Implementierung von unterstützenden organisatorischen Strukturen und Prozessen.
Definition „Process Monitoring“
Die Aufbereitung von Kennzahlen und Darstellung von Daten für die Leistungsmessung und die Beobachtung des zeitlich aktuellen Ablaufgeschehens von
Prozessen.
Die technische Implementierung von IT-Lösungen zur Abbildung der Process MonitoringFunktionen wird üblicherweise als Business Activity Monitoring (BAM) bezeichnet. Somit
ergibt sich folgende Definition:
Definition Business Activity Monitoring (BAM)
Beschaffung, Aufbereitung und Speicherung von Daten in Echtzeit, um notwendige Kennzahlen und Indikatoren für das Process Monitoring zu erhalten.
226
9.3 Die zentralen Begriffe
In der Definition wurde bewusst auf eine implizite technologische Empfehlung verzichtet,
weil die BAM-Implementationen im Markt recht unterschiedlich sind. Die Datenhaltung
reicht von XML-Datenbanken über Ablagen in RDBMS bis zu In-Memory-Datenhaltung,
um dem Anspruch auf „Echtzeit“ mit dem notwendigen Datendurchsatz gerecht zu werden
[Crum06], [Koch05].
Process Mining
Der Begriff „Process Mining“ wird in der Literatur in unterschiedlichen Bedeutungen genutzt. Das Process Mining soll hier analog zum Data Mining als Methode zur Gewinnung
von Einsicht über die verfügbaren Prozessdaten verstanden werden. Somit werden beim
Process Mining vordefinierte Performance-Indikatoren gebildet und nach Zeitbezug und
Dimensionen flexibel analysiert. Ziel ist die Erkennung von Trends, Wirkungsanalysen
oder strukturellen Schwachstellen. Diese Ergebnisse fließen als strategische Aspekte der
Prozessoptimierung in die Geschäftsprozessmodellierung ein [Aals03].
Definition Process Mining:
Aufbereitung von Performance-Indikatoren und Analyse von Prozessdaten nach
Zeitbezug und Dimensionen zur Analyse der abgelaufenen Geschäftsprozesse.
Process Controlling
Kernaufgaben
Process Warehouse
Beschaffung
Process Monitoring
Aufbereitung
Process Mining
Analyse
Abbildung 9.4
Kernaufgaben und Bausteine
des Process Controlling
Process Warehouse
Die Aufgabenbereiche Process Monitoring und Process Mining und deren IT-Lösungen
müssen aus IT-technischer Sicht zusammengefasst werden. Die Zusammenfassung aller
IT-Komponenten für das Process Controlling soll als „Process Warehouse“ verstanden
werden. Oft wird das „Process Warehouse“ als die Ablage aller Prozess-relevanten Informationen für die Organisation betrachtet. Diese Aufgabe bezieht sich eher auf die interne
Prozessdokumentation und Publizierung der Prozessmodelle nebst den abgeleiteten Arbeitsanweisungen. Eine weitere Definition bezieht das Process Warehouse nur auf das
227
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
zugrunde liegende Data Warehouse: „The Process Warehouse is a separate read-only analytical database that is used as the foundation of a process-oriented decision support system, which aims to analyze and improve business processes continuously “ [List00].
Wir fassen den Begriff des Process Warehouse deutlich weiter:
Definition „Process Warehouse“
Beschaffung, Aufbereitung und Speicherung von Daten in einem IT-System, die für
die Aufgaben des Prozess Controllings, bestehend aus Process Monitoring und
Process Mining, benötigt werden.
9.3.2
Abgrenzung
Tabelle 9.1 verdeutlicht die unterschiedlichen Ansätze und Anforderungen von Process
Monitoring und Process Mining.
Tabelle 9.1 Process Monitoring und Mining im Vergleich (Tabelle ist angelehnt an die Kriterien und
Darstellung von [zMüh00]).
Kriterium
Process Monitoring
Process Mining
Zeitbezug
Real-Time
Ex-Post
Präsentation
aktive Benachrichtigung
Ex-post-Analysen
Ziel
Behebung aktueller operativer
Schwachstellen
Analyse von Optimierungspotenzial
Scope
Einzelsatz: Prozessinstanz, Aktivität
Mengen: Prozesskette, -gruppen
Prozessstatus
laufende Prozesse
abgelaufene Prozesse
Aggregation
Prozessinstanz
Hierarchien, Dimensionen
Datenmodell
objektorientiert
MOLAP
Dimensionen
nein
ja
Daten Scope
aktuelle Prozessinstanz
Prozess, Business-Objekte
Zusammenfassend lässt sich das Process Monitoring als Echtzeit-Überwachung der aktuell
ablaufenden Prozessinstanzen sehen. Wesentliche Aufgabe ist es, zeitnah auftretende bzw.
potenzielle Probleme und Engpässe (proaktive Alerts) zu erkennen. Hier können sodann
Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, sofern das BAM-System keine automatisierten Regeln (etwa automatisierte Reallokation der Ressourcen) vornimmt.
Im Gegensatz dazu werden im Process Mining vordefinierte Performance-Indikatoren gebildet und nach Zeitbezug und Dimensionen flexibel ausgewertet. Ziel ist die Erkennung
von Trends, Wirkungsanalysen oder strukturellen Schwachstellen. Diese Ergebnisse fließen im Rahmen der strategischen Aspekte der Prozessoptimierung im Rahmen des Regelkreises des Geschäftsprozessmanagements (GPM) ein.
228
9.4 Ziel des Process Controlling
9.4
Ziel des Process Controlling
Das strategische Ziel des Process Controlling ist die Steigerung der Anpassungsfähigkeit
des Unternehmens an Veränderungen in der Um- und Innenwelt. Dieses übergeordnete
Ziel wird im Folgenden nicht weiter vertieft. Wir konzentrieren uns auf die wesentlichen
operativen Ziele. Das Process Controlling wird betrachtet
als wesentlicher Bestandteil des Prozessmanagements und
als Lieferung von Analysen und Daten zur Sicherstellung, dass die Unternehmensprozesse effizient ausgeführt und die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizient genutzt werden.
Im Folgenden leiten wir aus Aufgaben des Process Controlling die Anforderungen für die
unterstützenden IT-Systeme ab. In Abschnitt 9.7 greifen wir diese Anforderungen im
Rahmen der Modellierung auf.
9.4.1
Anforderungen an die IT-Systeme
Die wesentlichen Anforderungen an ein Process Warehouse (siehe auch: Definition des
Process Warehouse als die „Beschaffung, Aufbereitung und Speicherung von Daten in
einem IT-System, die für die Aufgaben des Process Controlling benötigt werden“) lassen
sich hieraus ableiten und decken sich mit den folgenden Funktionen:
Beschaffung, Sammlung und Aufbereitung der aktuellen Prozessdaten
Das IT-System muss in der Lage sein, die aktuellen Prozessinstanzen zu „kennen“. Insbesondere bedeutet dies, dass die Informationen zum Prozess-Status und den Daten zu den
behandelten Business-Objekten aus den Quellesystemen „beschafft“ werden müssen. Die
Datenbewirtschaftung muss anschließend diese Informationen sammeln und persistent ablegen. Damit die entsprechenden Analyse- und Berichtsysteme performant und für den
Anwender verständlich sind, müssen die Informationen für die jeweilige Zielgruppe aufbereitet werden.
Schaffung eines Zusammenhangs zwischen den aktuellen Prozessdaten
und den angesprochenen Geschäftsobjekten
Die aktuelle Prozessinstanz kennt in der Regel nur das Ablaufregelwerk der einzelnen Prozessschritte und den aktuellen Status des Prozesses. Für Analysen bzgl. des Status der Prozesse mag diese Information kurzfristig ausreichen. Für weiterführende Analysen der Kosten, eingesetzter Produktionsmittel/Ressourcen und beteiligter Organisationseinheiten
müssen Informationen der im Prozess angesprochenen Business-Objekte gesammelt werden. Diese Informationen benötigt man auch für die Bildung von Dimensionshierarchien.
229
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Transformation, Berechnung und Aggregation der Prozessdaten
zu Prozessindikatoren
Bei der Sammlung und Aufbereitung der Prozessdaten muss das IT-System parallel die
geforderten Kennzahlen ermitteln. Diese Kennzahlen haben eine unterschiedliche Komplexität hinsichtlich der Aufbereitung. Für Kennzahlen zu Prozesskosten werden weitere
Systeme als Quelle herangezogen. Für Kundenzufriedenheits-Indikatoren im Zusammenhang mit den Prozessdaten wird man die Kennzahlen erst mit einem erheblichen zeitlichen
Versatz ermitteln, da erst die Kundendaten erhoben werden müssen.
Bereitstellung von Werkzeugen zur flexiblen, multidimensionalen Analyse
und Navigation innerhalb des Process Warehouse
Das IT-System muss neben der Bereitstellung der konsistenten Daten auch die Werkzeuge
zur Analyse bereitstellen. Unterschiedliche Akteure werden unterschiedliche AuswertungsTools nutzen. Dies geht über Monitoring und Alerting Cockpits für eine „Near-Real-Time“Überwachung bis hin zu Tools, die die qualitativen Datenanalysen in Sinne des Data
Mining unterstützen, um „verborgene“ Wirkungsketten zu erkennen.
Verteilung, Präsentation und Verwertung der Analyseergebnisse
Die Analyseergebnisse sind für eine Vielzahl von Beteiligten in der Organisation relevant.
Die spezifische Präsentation und Verteilung legt die Nutzung von Prozessportalen oder
entsprechenden Portalen angereichert mit Prozessauswertungen nahe.
9.4.2
Rollen
Als Nächstes betrachten wir die unterschiedlichen Rollen im Rahmen des Process Controlling. Jede Rolle hat unterschiedliche Anforderungen an die Process Controlling-Komponente des Process Warehouse.
Diese Rollen wollen wir in das Modell mit einbeziehen, um organisatorische Zuständigkeiten und auch notwendige System-seitige Zugriffsbeschränkungen zu implementieren.
Im Folgenden werden die wesentlichen drei Rollen mit ihren Anforderungen beschrieben:
Top-Management: Senior-Management bzw. der C-Level;
Prozess-Owner: Abteilungs-/Bereichsleiter bzw. Personen, die für den Prozess übergreifend verantwortlich sind, und
Prozessverantwortliche: für die aktuelle Prozessinstanz Verantwortliche.
Einen Überblick über Anforderungen der einzelnen Rollen an die Processcontrolling-Komponente zeigt Tabelle 9.2.
230
9.4 Ziel des Process Controlling
Tabelle 9.2 Anforderungen der unterschiedlichen Rollen
Anforderung
Top-Management
Prozess-Owner
Prozess-Verantwortliche
Zeitbezug
Ex-Post
Ex-Post
Real-Time
Präsentation
Aggregierte Kennzahlen
Berichte, Analysen
Alerts
Monitoring
Ziel
Überblick operativer
Stand der Prozesse
Analyse von Optimierungspotenzial
Behebung operativer
Schwachstellen
IT-Lösungen
KPI–Cockpits
Ad-hoc-Analysen
BAM, Alerting
Einordnung
EPM, Dashboards
Process Mining
Process Monitoring
TOP-Management
Das Top-Management fordert einen Überblick über die operativen Prozesse in Form von
aggregierten Kennzahlen. Als IT-Unterstützung wählt man in der Regel ein „ProzessCockpit“, in dem die wesentlichen Indikatoren über Ampelfunktionen oder ähnliche grafische Elemente dargestellt werden. Diese IT-Systeme lassen es in der Regel zu, aus einer
Übersicht heraus die einzelnen grundlegenden Datensätze zu betrachten. Hierdurch wird
die Analyse durch Einbeziehung von Detailsichten verbessert. Diese Anwendergruppe
muss nicht die einzelne Prozessinstanz überprüfen können. In Einzelfällen wird sie den
Bedarf haben, Informationen über Ad-hoc-Analysemöglichkeiten zu hinterfragen und zu
analysieren.
Prozess-Owner
Prozessorientierte Organisationen verfügen über die Rolle des „Process Owner“. Er ist für
die Effektivität und Effizienz eines gesamten Prozesses (end-to-end) verantwortlich, auch
wenn die Prozessabwicklung mehrere Abteilungen oder sogar externe Partner betrifft. Diese verantwortlichen Personen müssen nicht die aktuellen Prozesse überwachen, wohl aber
in der Lage sein, ex-post die Qualität der operativen Prozesse messen, bewerten und verbessern zu können. Die Analyse von Optimierungspotenzial ist eine wesentliche Aufgabe.
Dies erfolgt über Ad-hoc-Analysen und Data-Mining-Verfahren bezüglich der konsolidierten Prozessdaten.
Prozessverantwortliche
Der für bestimmte Prozessinstanzen verantwortliche Prozessbeteiligte benötigt eine Nearreal-time-Überwachung „seiner“ Prozesse. Hier sendet in der Regel das Process Monitoring-System über „Alerts“ (systemseitig generierte Nachrichten) die kritischen Prozessdaten an den Anwender als SMS, E-Mail oder Voice-Mail. Diese Nachrichten machen den
Prozessverantwortlichen auf mögliche Eskalationen aufmerksam. Sodann erfolgt eine Analyse des Problems durch die Detailansicht der jeweiligen Prozessinstanz. Die fachliche
Lösung nehmen dann, basierend auf dem definierten Regelwerk, die Prozessverantwortlichen vor.
231
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
9.4.3
IT-Systeme für das Process Controlling
Die Systeme zur Darstellung und Analyse der Prozessinformationen lassen sich hinsichtlich der Anwendergruppen und ihrer Aufgaben in drei Gruppen unterteilen:
Monitoring und Alerting (Process Monitoring):
Aufgabe/Anforderung: Client-orientierte Implementierungen von Systemen, die
operative Daten im Rahmen des Process Monitoring „Near-Real-Time“ in Form
eines Prozessleitstandes anzeigen und Nachrichten bei Eskalationen an die Verantwortlichen übermitteln.
Anwenderkreis: Operative Prozessverantwortliche
Ad-hoc-Analysen (Process Mining):
Aufgabe/Anforderung: schwergewichtige, meist clientseitige Implementation von
Ad-hoc-Analyse-Tools, teilweise Nutzung von statistischen Methoden zur explorativen Datenanalyse; komplexe, leistungsfähige Systeme für Spezialisten.
Anwenderkreis: Process Owner, Prozessanalytiker
Berichte und Dash-Boards (Prozess-Cockpits)
Aufgabe/Anforderung: meist Web-basierende Prozessportale zur Anzeige gezielter
Kennzahlen, meist entsprechend grafisch aufbereitet; einfache Bedienung, aber eingeschränkte Flexibilität bei der Anzeige und Auswahl der Daten. Möglichkeit eines
Benchmarks über die interne Verbesserung.
Anwenderkreis: Management
9.5
Architektur
Der Architekturentwurf für ein Process Warehouse entspricht im Wesentlichen den klassischen Architekturmodellen im Business-Intelligence-Umfeld. In den Abbildungen 9.5 und
9.6 wird die Systemarchitektur dargestellt. Die einzelnen Bereiche der Architektur sehen
wir uns im Folgenden näher an und legen dabei den Schwerpunkt auf das Process Warehouse.
9.5.1
IT-Systeme zur Extraktion und Transformation
Bei der Extraktion der Zustandsdaten der Prozesse benutzt man so genannte „Sonden“.
Diese Sonden sind spezifische IT-Komponenten, die zu wohldefinierten Zeitpunkten Daten
über den Zustand eines Prozesses extrahieren und an nachfolgende Systeme weiterleiten.
Die Sonden werden in den IT-Systemen (Datenquellen) implementiert, welche die Zustandsdaten zu den Prozessen liefern müssen. Die Extraktion der Daten kann entweder
durch ein PULL- oder ein PUSH-Verfahren erfolgen:
232
9.5 Architektur
Enterprise Service Bus (ESB)
...
...
...
Transformation
...
Transformation
Datenbank
Transformation
auf BAM Model
Process
Monitoring
Business
Rule Engine
Adapter
AnwendungsKomponente
Adapter
Laden der Daten
Process
Mining
POM (XML)
(ProcessObjectModel)
SAP
Log-File
Process
Cockpit
SAP
Log-File
Analyser
Abbildung 9.5 Architekturmodell des Process Warehouse (1) – Extraktion/Transformation
Beim PUSH-Verfahren werden Informationen aus einzelnen Transaktionen von den
operativen Systemen an das Process Warehouse gemeldet. Dies ist sinnvoll, wenn ein
Echtzeit-orientiertes Monitoring erwünscht ist. Das Datenvolumen pro Transformation
ist erheblich geringer als beim Pull-Verfahren, weil nur die Daten der Transaktion übertragen werden; die Frequenz ist aber deutlich höher.
Das Pull-Verfahren ist der klassische Ansatz der Datenbewirtschaftung in einem Data
Warehouse. Hier werden die benötigten Daten zeitversetzt aus den Quellsystemen exportiert und in einem mengenorientierten Verfahren in das Data Warehouse eingespielt.
Dabei nutzt man in der Regel die Bulk-Inserts der Datenbanksysteme.
Die Sonden übermitteln die Daten an einen Enterprise Service Bus (ESB). Hier erfolgen
die notwendigen Transformationen und die Aufbereitung auf ein Schnittstellenformat, das
zum Aufbau eines Process Warehouse benötigt wird. Im Wesentlichen muss ein eindeutiger Schlüssel gebildet werden, der die Prozessinstanz beschreibt und den Prozessschritt
festhält. Das System ermittelt ferner den Vorgänger dieser Prozessinstanz und speichert
diese Information ab, damit eine Serialisierung der Prozessschritte möglich ist.
In unserem Beispiel brauchen wir einen Datensatz für jeden zu messenden Event im Prozess der Wareneingangskontrolle (WEK), insbesondere den eindeutigen Startpunkt und das
eindeutige Ende. Hieraus können wir die Kennzahl PDauer WEK (= Prozessdurchlaufzeit
bei der WEK) berechnen.
Diese Sonden benötigen wir später bei der Modellierung in Abschnitt 9.7.3.4, um einen
Zusammenhang der IT-Komponente mit den fachlichen Kennzahlen herzustellen.
233
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
9.5.2
IT-Systeme für die Analyse
Auf Grundlage der Extraktion und der Transformationen werden nun pro Prozessinstanz
die „Messwerte“ in die Datenbank für das „near-realtime“-Process Monitoring gespielt.
Das „Echtzeit“-Process Monitoring, also die Situationsanalyse der in Abarbeitung befindlichen Geschäftsprozesse, wird über BAM-Ansätze verfolgt. Die Daten werden kurzzeitig
(meist nur bis zum Ende des Prozesses) vorgehalten und dienen der Überwachung der ablaufenden Prozesse.
Enterprise Service Bus (ESB)
...
...
Transformation
Transformation
auf BAM Model
Extraktion
Transformation
Laden über
BAM-System
Laden über
spezielle
Routinen
Datenbank
Datenbank
Staging Area
Enterprise Model
Process
Monitoring
Process
Mining
Anzeige KPI
über spezielle
Routinen
Process
Cockpit
Abbildung 9.6 Architekturmodell des Process Warehouse (2) – Anwendungssysteme
Die Daten fließen – anders als bei den klassischen, eher mengenorientierten ETL-Prozessen – transaktionsbezogen in „Echtzeit“ in das System für das Process Monitoring (in
der Praxis meist BAM-Systeme). Es erscheint sinnvoll, die Datenablage des Process Monitoring-Systems als spezifische Staging-Area 1 für das eigentliche Process Warehouse zu
betrachten [STA07]. Hierfür werden in letzter Zeit verstärkt In-Memory-Datenbanken genutzt, um den geforderten Durchsatz hinsichtlich der Transaktionsdaten zu gewährleisten.
Das Ex-post-Process Mining setzt auf dem Enterprise-Modell oder auf entsprechenden
subjektbezogenen Datensammlungen (so genannten Data Marts) auf. Das EnterpriseModell hält Prozessinformationen mit der normalisierten und hinsichtlich der Zeitbezüge
1
234
Staging-Area: Dieser Begriff entstammt dem Umfeld von Business Intelligence/Data Warehouse und
bezeichnet einen Sammelplatz der extrahierten Daten in der feinsten Granularität. Die Daten werden
meist „gereinigt“, d.h. hinsichtlich der Datenqualität untersucht und Korrekturen vorgenommen. Von
dieser Stelle aus erfolgt die Aggregation der Daten in die spezifischen Datenstrukturen für (meist) multidimensionale Analysen.
9.6 Prozesskennzahlen
optimierten Datenablage fest. Dieses Modell eignet sich für die klassischen Ad-hoc-Analysen oder einen eher explorativen Ansatz zur Datenanalyse (Data Mining).
Bei Bedarf kann man Daten in einen themenspezifischen Data Mart – meist mit einem geeigneten multidimensionalen Datenmodell (MOLAP-Modell) implementiert – überführen.
Dies ist immer dann sinnvoll, wenn bestimmte Fragestellungen und fachliche Anforderungen durch spezifische Systeme gut gelöst werden können, aber das – eher schwergewichtige – Datenmodell im Enterprise-Modell diese Fragestellungen nicht oder nur unzureichend
unterstützt.
Das Prozess-Cockpit ist meist Teil einer Unternehmensportallösung. Die Darstellungskomponente für das Prozess-Cockpit berechnet aus dem Datenpool die relevante Kennzahl
zur Prozessdurchlaufzeit der Wareneingangskontrolle. Diese aggregierte Kennzahl wird
sodann im Dashboard meist in einer visuell ansprechenden Form dargestellt.
9.6
Prozesskennzahlen
Prozesskennzahlen dienen im Wesentlichen dazu, die Effektivität und Effizienz der operativen Geschäftsprozesse zu messen. Hieraus lassen sich die Auswirkungen auf das wirtschaftliche Ergebnis ablesen. Darüber hinaus können Messgrößen der Prozessausführung
auch zur Unterstützung von Führungsentscheidungen und zur kontinuierlichen Prozessverbesserung herangezogen werden. Nach Kaplan und Norton [Kapl97] sollten prozessorientierte Kennzahlen möglichst direkt mit übergeordneten strategischen Unternehmenszielen
in Verbindung stehen. Tabelle 9.3 listet die grundlegenden Prozesskennzahlen [Schm03,
S. 153 ff] für die Bewertung eines Prozesses sowie deren fachliche Bedeutung auf.
Tabelle 9.3 Problemkreise und deren Kennzahltypen
Kennzahltypisierung
Problemkreis/Fragestellung
Kundenzufriedenheit
Wie zufrieden sind die (externen und/oder internen) Kunden mit dem
Ergebnis des Prozesses?
Die von den Kunden geforderte Leistung bedingt die Termintreue, Qualität und Effizienz der Prozesse. Über direkte oder auch indirekte Messungen wird die Zufriedenheit gemessen und an den Prozessen überprüft.
Prozessqualität
Wie effizient werden die Kundenanforderungen und -erwartungen erfüllt?
Die Messung der Prozessqualität erfolgt durch die Ermittlung der Fehlerraten und der hierdurch verursachten Mehrkosten.
Prozesskosten
Welche Kosten (bzw. Ressourcenaufwand) fallen für die Erstellung der
Leistung an?
Die Prozesskostenrechnung dient der kaufmännischen Bewertung des
Prozesses durch Verbindung von Leistung, Ressourcen und wirtschaftlichem Ergebnis.
235
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Kennzahltypisierung
Problemkreis/Fragestellung
Termintreue
Wie gut werden die vereinbarten Termine eingehalten?
Die Termintreue spiegelt eine mangelhafte Planung, Überlastung oder
mangelnde Prozesseffizienz wider. Die Kennzahl muss in Verbindung
mit der Prozesszeit bewertet werden.
Prozesszeit
Wie hoch/niedrig sind die Durchlaufzeiten des Prozesses?
Analyse und Optimierung der Prozesszeiten dienen der Verbesserung
von Prozesseffektivität und -effizienz.
9.6.1
Ermittlung von Prozesskennzahlen
Die Kennzahlen Kundenzufriedenheit, Prozesskosten und Prozessqualität lassen sich in der
Regel weder aus einem einzigen operativen System noch zeitnah zur Prozesslaufzeit ermitteln. Für die Ermittlung der meist komplexen Kennzahlen Kundenzufriedenheit und Prozesskosten benötigen wir Informationen aus weiteren operativen Systemen (siehe Abbildung 9.7). Die Berechnung dieser beiden Kennzahlen kann erst bei der Übertragung in den
Ex-post-Datenbestand des Enterprise-Modells im Process Warehouse stattfinden.
Messung
Kundenzufriedenheit
Rechnungswesen
Kundenzufriedenheit
Prozesskosten
Termintreue
Prozessqualität
Datenbank
Operative
Systeme
Workflow
BPM-Systeme
Prozesszeiten
Termintreue
Enterprise
Model
Datenbank
Staging Area
Real-TimeProcess
Monitoring
Ex-postProcess Mining
Abbildung 9.7
Informationssysteme
für die Ermittlung der
Prozesskennzahlen
Im Gegensatz dazu können und müssen die Kenndaten zur Termintreue und Prozesszeit
(Durchlaufzeit) zeitnah ermittelt werden. Diese Kennzahlen werden zur Überwachung der
laufenden Prozessinstanzen im Rahmen des Process Monitoring benötigt. Die Berechnung
und Ablage der Kennzahl erfolgt zur Laufzeit und mit der Beziehung zum identifizierenden Business-Objekt (Auftrag, Wareneingang, Bestellung etc.), um einen Verweis auf die
„reale“ Prozessinstanz zu haben.
236
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
Die Prozesskosten inkl. der finanziellen Bewertung der benötigten Ressourcen sind entscheidende Kennzahlen, da diese die Verbindung der operativen Geschäftsprozesse mit
dem Geschäftsergebnis herstellen, lassen sich aber nur ex-post berechnen. Für eine genauere Beschreibung der Prozesskennzahlen und Methoden der Ermittlung sei auf [Schm03]
verwiesen.
9.6.2
Prozessdurchlaufzeit (PDauer)
Eine wesentliche Kennzahl für das Process Monitoring ist die Durchlaufzeit. Grundlegend
lassen sich unterschiedliche Zeiten messen, um hieraus (je nach Anforderung) unterschiedliche Prozesslaufzeiten zu ermitteln. Abbildung 9.8 gibt dazu einen Überblick.
Quelle: zur Mühlen (2003)
Abbildung 9.8 Mögliche Zustandsübergänge einer Aktivität
Diese einzelnen Zeitintervalle werden auf der Ebene einer zu messenden Aktivität festgehalten und bilden einzeln oder aggregiert die Basis der Kennzahl Prozessdauer.
9.7
Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle
BPA Suite
Bislang haben wir uns recht detailliert mit der Definition eines Process Warehouse, mit
dem Begriff des Prozess Controlling, den unterschiedlichen Anforderungen der beteiligten
Rollen und sinnvollen Kennzahlen-Typen für das Process Controlling beschäftigt. Und
präsentierten einen „Architektur-Blue-Print“ der IT-Systeme für das Process Controlling.
Im nächsten Schritt gilt es die folgenden Objekte in Modellen transparent und zusammenhängend zu pflegen:
die Geschäftsziele und abgeleiteten Kennzahlen;
die zu steuernden Prozesse inkl. ihrer Prozessmodelle;
237
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
die Regeln zur Ermittlung der spezifischen Kennzahlen und die Bedeutung der Kennzahlen;
die Sonden zur Ermittlung der Zustandsdaten der Prozessinstanzen;
den Zusammenhang der Sonden mit den Geschäftsobjekten und
die IT-Systeme zur Beschaffung der Zustandsdaten (Sonden).
Diese Modelle machen die Analyse der Auswirkungen und Abhängigkeiten möglich. Außerdem werden die Modelle durch IT-Objekte angereichert und dienen somit als Grundlage für die eigentliche Implementierung. Wir empfehlen, diese Modellinformationen in
einem Repository (etwa dem Produkt Oracle Suite) zentral abzulegen und somit konsistent
zu halten.
Abbildung 9.9 stellt diese Zusammenhänge dar und soll uns als Leitfaden für die Modellierung in der Oracle BPA Suite dienen.
Geschäftsziele
Prozesse
Verbesserung der
Prozesseffizienz
….
Verkürzung
Durchlaufzeit WEP
….
Implementierung Sonden
Controlling
(sekundär)
Process
Mining
Monitoring
(primär)
Process
Cockpit
….
Monitoring
WEP
Wareneingang
WEP
Beginn
Kennzahlen
IT-Systeme
Durchlaufzeit
(Pdauer)
….
Spezialisierung
….
Durchlaufzeit WEP
(Pdauer WEP)
Process
Controlling
….
ETL-Systeme
Process
Controlling
Process
Monitoring
Organisation
….
Sonde
Start Pdauer
WEP
Sonde
Stop Pdauer
WEP
Process
Mining
Rolle/Stelle
Process
Cockpit
Abbildung 9.9 Zusammenhänge der unterschiedlichen Domänen bei der Modellierung
238
Ende
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
Wir verfolgen bei der Modellierung der Kennzahlen einen klassischen Top-down-Ansatz,
damit wir die notwendige Ausrichtung (neudeutsch: „Alignment“) der IT-Systeme an den
Geschäftszielen erreichen können.
Als Beispiel modellieren wir folgende Anforderung:
Die Geschäftsleitung will die operative Excellence erhöhen und setzt als Ziel,
den Durchsatz bei der Wareneingangskontrolle (WEK) um 20% zu erhöhen.
Als Kennzahl soll die „durchschnittliche Prozessdurchlaufzeit“ dienen.
Hieraus leiten sich einige Erfolgsfaktoren (Initiativen und Maßnahmen zur Erreichung der
Ziele) ab:
1. Probleme in einer Prozessinstanz sollen schneller erkannt und behoben werden (Process Monitoring).
2. Es soll die Möglichkeit der Analyse des WEK geschaffen werden, um Optimierungspotenzial zu erkennen (Process Mining).
3. Über ein Dashboard sollen die relevanten Kennzahlen dargestellt werden, um über ein
Benchmark für die Verbesserungen beim WEK zu verfügen (Prozess-Cockpit für einen
Benchmark).
Wir empfehlen die in Abbildung 9.10 dargestellte Vorgehensweise für die Modellierung
der relevanten Inhalte für das Process Controlling.
6.1. Ziele und
Kennzahlen
6.2. Prozesse für das
Process Controlling
6.3. IT-Systeme für das
Process Controlling
6.1.1 Modellierung der
Ziele/Erfolgsfaktoren
6.2.1 Process Monitoring
6.3.1 Process Monitoring
6.1.2 Modellierung der
Kennzahlenhierarchie
6.2.2 Process Mining
6.3.2 Process Mining
6.1.3 Modellierung der
Fachbegriffe
6.2.3 Process Benchmark
6.3.3 Process Benchmark
6.3.4 Sonden und
Datenbewirtschaftung
6.1.4 Rollen und Stellen
Fachliche Übersichtsmodelle
Fachliche Detailmodelle
Fachliche IT-Modelle
Abbildung 9.10 Vorgehensweise bei der Modellierung
239
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Im Folgenden werden wir die einzelnen Schritte erläutern und die Modellierung in der
Oracle BPA Suite beschreiben. Wir folgen dabei der bereits ausführlich erläuterten Vorgehensweise: Modelle über fachliche Übersichtsmodelle zu fachlichen Detailmodellen zu
verfeinern, um anschließend die IT-Modelle aus der fachlichen Sichtweise zu modellieren.
Vorbereitung: Einen organisatorischen Rahmen schaffen
Als Vorbereitung empfehlen wir, einen organisatorischen Rahmen für die Modellierung zu
schaffen. Im Navigator der Oracle BPA Suite fügen wir dafür eigene „Strukturknoten“ zur
übersichtlichen Gliederung der Process Controlling-Modelle hinzu. Abbildung 9.11 beschreibt eine Gliederung, die sich an den Strukturen der vorangegangenen Kapitel orientiert.
Fachliche
IT-Inhalte
Fachliche
Fachliche
Inhalte
Inhalte
Statische
Dynamische
Inhalte
Controlling
WEK
Process
Controlling
Process
Controlling
Process
Benchmarking
Kennzahlen
IT Inhalte
Geschäftsobjekte
Dynamische
Inhalte
Statische
Inhalte
Datenglossar
...
Ziele und
Erfolgsfaktoren
Technische
Inhalte
Fachliche
Inhalte
Controllingprozesse
Informationstechnische Inhalte
IT Rollen
Dynamische
Inhalte
...
Rollen
Controlling
Process
Mining
Statische
Inhalte
IT Architektur
Anwendungssysteme
Systeme
Controlling
Process
Monitoring
ETL System
Mining System
Monitoring
System
Benchmark
System
Abbildung 9.11 Organisatorischer Rahmen für die Ablage der Modelle in der Oracle BPA Suite
240
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
9.7.1
Modellierung der statischen Inhalte
In einem ersten Schritt erstellen wir die fachlichen Übersichtsmodelle für die statischen
Inhalte. Neben den grundlegenden Prozessen legen wir bei der Prozessmodellierung Wert
auf die Beschreibung der statischen Elemente. Als Orientierung halten wir uns an Abbildung 9.10, die die benötigten Domänen zeigt. Im Wesentlichen sind dies die Unternehmensziele und Kennzahlen sowie die Fachbegriffe und der notwendige Ausschnitt aus dem
Organigramm.
9.7.1.1 Modellierung der Ziele
Nun gehen wir auf die Modellierung der für das Process Controlling relevanten Ziele und
Sub-Ziele ein. Ohne die betriebswirtschaftlichen Grundlagen hinsichtlich der Festlegung
betrieblicher Grundsatzentscheidungen und deren Ausprägung in Unternehmenszielen
(und natürlich Sub-Zielen) näher ausführen zu wollen [Schm03], können wir festhalten,
dass wir uns in diesem Beispiel auf ein einziges Ziel im Bereich der Produktivität beschränken wollen:
Das Geschäftsziel ist die Senkung der Durchlaufzeiten für den Wareneingangsprozess um
20%.
Der Vollständigkeit halber haben wir in Abbildung 9.12 die grundlegenden Leistungsparameter [Schm03, S. 153 ff] für die Bewertung eines Prozesses als Zieldiagramm aufgenommen und die „Reduktion der Durchlaufzeit“ verfeinert.
Im rechten Diagramm aus Abbildung 9.12 erkennt man die Bildung von „Erfolgsfaktoren“.
Diese Erfolgsfaktoren sind als geplante Initiativen zu verstehen, die zur Erreichung des
Ziels durchgeführt werden sollen. Diese Erfolgsfaktoren müssen in der späteren Modellierung aufgegriffen werden und bilden die Basis für die Implementierung organisatorischer
Maßnahmen sowie die Grundlage der Konzeption und Implementierung von IT-Systemen
zur Bildung der relevanten Kennzahlen („Alignment“ mit den Geschäftszielen). In Tabelle
9.5 werden die benötigten Oracle BPA Suite-Methodenobjekte aufgeführt.
In unserem speziellen Fall wiederum erkennt man bereits jetzt, dass diese Erfolgsfaktoren
sich auf die geschilderten drei unterschiedlichen Ansätze abbilden lassen (s. Tabelle 9.4).
Tabelle 9.4 Zusammenhang zwischen den Erfolgsfaktoren und den benötigten Anwendungssystemen
Monitoring und Alerting (Process Monitoring)
Erfolgsfaktor: Eskalation schneller beheben
Ad-hoc-Analysen (Process Mining)
Erfolgsfaktor: Optimierungspotenzial aufdecken
Dash-Board (Prozess-Cockpits)
Erfolgsfaktor: Benchmarking
Tabelle 9.5 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Geschäftsziele PC, Reduktion der Durchlaufzeit der WEK um 20%
Diagrammtyp
Zieldiagramm
Symbol
Ziel, Erfolgsfaktor
241
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Geschäftsziele PC
(Zieldiagramm)
Reduktion der
Durchlaufzeit der
WEK um 20%
Verbesserung
Prozesseffizienz
gehört zu
gehört zu
gehört zu
Reduktion der Durchlaufzeit
WEK um 20%
(Zieldiagramm)
Verbesserung der
Prozessqualität
ist Erfolgsfaktor für Eskalation schneller
beheben
Erhöhung der
Kundenzufriedenheit
ist Erfolgsfaktor für
Optimierungspotenzial aufdecken
Termintreue
ist Erfolgsfaktor für
Benchmarking
gehört zu Senkung der Prozesskosten
gehört zu Reduktion der Durchlaufzeit
gehört zu
Reduktion der
Durchlaufzeit der
WEK um 20%
Abbildung 9.12 Modellierung der Ziele und Erfolgsfaktoren
Für eine Einarbeitung in die Methodik zur Bestimmung von Erfolgsfaktoren aus definierten Unternehmenszielen empfehlen wir die Ausarbeitung in [SER04] oder auch mit praktischen Beispielen für die Modellierung bei [Schi09, S. 89ff].
9.7.1.2 Modellierung der Kennzahlenhierarchie
Begleitend erfolgt nun die Modellierung der Kennzahlen und ihrer Hierarchien. Die Kennzahlen sollen sich aus den spezifischen Zielen des Process Controlling ableiten und dienen
als Maßzahl für die Erfüllung eines Ziels.
In unserem Fall nutzen wir die zielunabhängige Meta-Kennzahl „Prozessdurchlaufzeit“
und wenden diese auf die Messung der Durchlaufzeit des Prozesses „Wareneingangskontrolle“ an. Dies ergibt die Kennzahl „Prozessdurchlaufzeit der Wareneingangskontrolle“,
die wir mit „PDauer WEK“ definieren. Die Kennzahlen sollte man so modellieren, dass sie
in einer Hierarchie strukturiert sind. Abbildung 9.13 zeigt die Hierarchie für unser Beispiel: Pdauer WEK „wirkt auf“ die spezifischen Ausprägungen der Kennzahl bzgl. der
Verfeinerung auf unterschiedliche Sichten.
242
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
Kennzahlen PC
(Kennzahlenzuordnungsdiagramm)
Reduktion der
Durchlaufzeit der
WEK um 20%
Kennzahlenerfassung PDauer WEK
(Kennzahlenzuordnungsdiagramm)
PDauer WEK
wird gemessen durch
ist Input für
PDauer WEK
MP WEK-Start
wirkt auf
PDauer pro
Prozessinstanz
wirkt auf
PDauer
pro Region
wirkt auf
PDauer pro
Produkttyp
wirkt auf
PDauer pro
Lieferant
wirkt auf
PDauer
gesamt
ist Input für
MP WEK-Ende
Abbildung 9.13
Modellierung der Kennzahlen
und deren Zuordnungen
Hierbei ist für uns jede Ausprägung der Durchlaufzeit für eine (oder mehrere) Dimensionen eine unabhängige Kennzahl. Neben der Beschreibung der Kennzahlenhierarchien versuchen wir bereits an dieser Stelle die Beziehungen („Hooks“) zu den IT-Systemen zu setzen. Bei der Definition der „PDauer WEK“ halten wir bei der Modellierung die Regeln zur
Bildung der Kennzahl fest sowie in einem Kennzahlenzuordnungsdiagramm den benötigten Input zur Bildung der Kennzahl. In diesem Fall sind es die Endpunkte des WEK-Prozesses.
Im ersten Schritt weisen wir der Kennzahl „PDauer WEK“ den Erfolgsfaktor zu, den sie
messen soll. Hierdurch ist das „Alignment“ mit den Geschäftszielen erreicht. Im nächsten
Schritt wird die Kennzahlenhierarchie erstellt. Alle benötigten Ausprägungen der Kennzahl werden mit der „Wirkt auf“-Kante in einer Hierarchie zusammengefasst. Damit wir
im Folgenden einen Verweis der Kennzahl auf den zu messenden Prozess haben, weisen
wir als „ist Input zu“ das Objekt MP WEK-Start und WEK-End als „ERM-Objekt“ zu.
Tabelle 9.6 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Kennzahlen PC, Kennzahlenerfassung PDauer WEK
Diagrammtyp
Kennzahlenzuordnungsdiagramm
Symbol
Kennzahlinstanz, Strategisches Ziel, ERM-Attribut
243
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Für eine Einarbeitung in die Methodik empfehlen wir die Ausarbeitung in [Sche04] und
[Sche05] sowie für das Thema der Kennzahlenhierarchie und der Vererbung der Kennzahleneigenschaften [Mele05] und [Mott08].
9.7.1.3 Modellierung der Fachbegriffe
Das Fachbegriffsmodell eignet sich zur verbindlichen Beschreibung der betriebswirtschaftlich relevanten Daten. Jedes Geschäftsobjekt wird durch ein plattformunabhängiges Objekt
vom Typ „Fachbegriff“ dargestellt. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden in Abbildung 9.14 lediglich einige Geschäftsobjekte aus dem Bereich des Process Controlling aufgeführt. Für den Grad der Detaillierung der Fachbegriffsmodelle kann keine allgemeingültige Regel angegeben werden. Er richtet sich nach der jeweiligen Domäne und den Rahmenbedingungen des Projektes. Komplexe fachliche Aufgabenstellungen setzen dementsprechend detaillierte Modelle voraus. Liegt hingegen die Schwierigkeit eher in der technischen Realisierung als im fachlichen Umfeld, so sind wenige einfache Fachbegriffsmodelle ausreichend. Die Fachbegriffsmodelle sollten dabei immer klar strukturiert und leicht
verständlich sein [Schi09, S. 94].
Entscheidend ist somit die modellübergreifende Zusammenzufassung der genutzten Fachbegriffe. Insbesondere bei den Kennzahlen ergibt dies einen Sinn, da in den Unternehmen
oft Kennzahlen bereichsübergreifend unterschiedlich verstanden werden.
Datenglossar
(Fachbegriffsmodell)
Aggregierte
Darstellung der KPI
Grafikdarstellung der
Prozessinstanz WEK
Multidimensionale
Analysen
Prozessdaten WEK
Prozessinstanzdaten WEK
Systemnachricht
Abbildung 9.14
Modellierung der Fachbegriffe
Tabelle 9.7 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
244
Modellname
Datenglossar
Diagrammtyp
Fachbegriffsmodell
Symbol
Fachbegriff
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
9.7.1.4
Modellierung der Rollen
Zur organisatorischen Implementierung des Process Controlling benötigen (siehe Kapitel
9.7.2) wir eigene Prozesse. Bei der Modellierung der erforderlichen Prozesse für das Process Controlling brauchen wir später „Auszuführende“ bzw. „Verantwortliche“ sowie die
„User“ der Systeme (siehe Abbildung 9.15).
Rollen PC
(Organigramm)
Top Management
Process Owner
Prozessverantwortlicher
Abbildung 9.15
Modellierung der Stellen und Rollen
Die festgelegten Rollen im Modell Organigramm bilden hierfür die Basis. Ferner können
wir aus den beschriebenen Rollen die Zugriffsrechte der Benutzergruppen ableiten.
In der Praxis wird sich zeigen, dass man die benötigten Rollen teilweise bei der Prozessmodellierung erkennt und diese dann im Organigramm „nachtragen“ muss.
Tabelle 9.8 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Rollen PC
Diagrammtyp
Organigramm
Symbol
Stelle
Praktische Tipps für eine vertiefende und komplexere Modellierung der Organisation erhält man bei [Schi09, S. 90ff].
9.7.2
Prozesse für das Process Controlling
Im nächsten Schritt modellieren wir nun die benötigten „dynamischen“ Elemente – die
Prozesse für das Process Controlling. Dies sind (gemäß Abbildung 9.10) die Prozesse, die
wir zur Erreichung der Ziele durch die Erfolgsfaktoren (Initiativen) benötigen. Wir verankern diese Initiativen in der Prozesslandkarte unter dem sekundären Kernprozess „Controlling“ (siehe Abbildung 9.16).
Hier fließen die Kennzahlen als Input ein und führen zu einer Bewertung und/oder zu entsprechenden Maßnahmen zur Erreichung der definierten Geschäftsziele. Das „Controlling“
in einem Unternehmen besteht natürlich aus den unterschiedlichsten Aktivitäten. Stellver-
245
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Externe Prozesse
Externe Geschäftsobjekte
Interne Prozesse
Interne Geschäftsobjekte
Primäre Kernprozesse
Serviceanfrage
Servicelösung
Service
Kundenauftrag
Kundenprozesse
Externe Prozesse
Externe Geschäftsobjekte
Kundenauftrag
Kundenanfrage
Entwicklungsauftrag
Kundenangebot
Produktspezifikation
Produktentwicklung
Vertrieb
Auftragsabwicklung
Fertigware
Kundenprozesse
Lieferantenanfrage
Lieferantenangebot
Lieferantenprozesse
Materialbestellung
Rechnungsdaten
Beschaffung
Material
Rechnung
Materiallieferung
Rechnungsdaten
Unternehmensstrategie
Geschäftschancen
Unternehmensentwicklung
Marktanforderungen
Finanz- und
Rechnungswesen
Abschlussergebnisse
Marketingergebnisse
Marketing
Externe Prozesse
(ohne Kundenund
Lieferantenprozesse)
Externe Prozesse
(ohne
Kundenprozesse)
Maßnahme
Kennzahlen
Controlling
Bewertung
Personalangebot
Personalmanagement
Personalressourcen
Sekundäre Kernprozesse
Abbildung 9.16 Einbettung Kernprozess „Controlling“ in die Prozess-Landkarte
Controlling
(Wertschöpfungskettendiagramm)
Controlling
Finanzcontrolling
Process
Monitoring
Process
Mining
Process
Benchmarking
Abbildung 9.17
Modellierung der Prozesse
zum Process Controlling
246
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
tretend haben wir das Finanz-Controlling aufgeführt. In Abbildung 9.17 wird das Controlling in einem Wertschöpfungskettendiagramm verfeinert. Hierbei haben wir uns auf den
Bereich des Process Controlling fokussiert und das Finanz-Controlling als „Platzhalter“
weiterer Controlling-Prozesse (Vertriebscontrolling, Personalcontrolling etc.) modelliert.
Wir möchten uns nun auf das Process Controlling für die Durchlaufzeit des WEK konzentrieren. In Anlehnung an die drei Erfolgsfaktoren sollen organisatorische Maßnahmen als
Prozesse implementiert werden. Im Folgenden werden wir diese im Wertschöpfungskettendiagramm aufgeführten Prozesse untersuchen.
Tabelle 9.9 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Prozess-Landkarte, Controlling
Diagrammtyp
Wertschöpfungskettendiagramm (WKD)
Symbol
Wertschöpfungskette
Eine praktische Anleitung der Modellierung der WKD findet man bei [Schi09, S. 109].
9.7.2.1 Modellierung des Process Monitoring
Das Monitoring der laufenden WEK-Prozesse benötigen wir, um eine Eskalation rechtzeitig zu erkennen, zu managen und kurzfristig eine Optimierung vornehmen zu können. Dieser eigenständige Prozess im Process Controlling muss modelliert werden. Hierdurch unterstützen wir die Initiative A) „Eskalation bei Problemen in einer Prozessinstanz sollen
schneller erkannt und behoben werden“.
Dies ist eine Aufgabe, die von den Organisationseinheit(en) durchgeführt wird und in der
Prozess-Landkarte erscheinen muss. Ferner benötigen wir den Prozess als einen „Hook“
für das IT-System „Process Monitoring“ in die Prozesswelt. Dies ermöglicht uns die lose
Koppelung der Modelle der IT-Komponenten mit den Prozessen.
Das Process Monitoring setzt sich aus zwei Schritten zusammen: der Identifikation eines
möglichen Problems und der Problemanalyse inkl. Einleitung notwendiger Schritte zur
kurzfristigen Verbesserung einer laufenden Prozessinstanz.
Problemidentifikation
Bei der Modellierung nutzen wir nun die bereits bestehenden statischen Elemente. So fließen die Kennzahlen pro Prozessinstanz ein und werden zu einer Kennzahl „PDauer pro
Prozessinstanz“ verdichtet. Die Prüfung, ob ein Schwellenwert überschritten wurde, übernimmt das IT-System „Monitoring-System“, das im Folgenden noch betrachtet wird. Wir
haben mit „XOR“ modelliert, da im Falle der Überschreitung eines Schwellenwertes der
eigentliche Prozess zum Eskalationsmanagement angestoßen wird.
Achtung: Dieser Prozess läuft ohne „Human-Interaction“ ab. Die Kennzahlen werden vom
System erstellt und auch verteilt.
247
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Process Monitoring
(Wertschöpfungskettendiagramm)
Prozess-Monitoring
Problemidentifikation
Monitoring
WEK
Problemidentifikation
(EPK)
Monitoring WEK
(EPK)
Daten zur
Prozessinstanz
erhalten
Prozessinstanzdaten WEK
Problemidentifikation
Prüfung des
Prozessablaufes
PDauer pro
Prozessinstanz
MonitoringSystem
Schwellenwert
überschritten
Prozess OK
Systemnachricht
senden
Problemmeldung
durch
Beteiligten
Systemnachricht
gesendet
Prozessverantwortlicher
Prozessinstanzdaten WEK
Eskalation
analysieren
Grafikdarstellung der
Prozessinstanz WEK
Systemnachricht
MonitoringSystem
PDauer pro
Prozessinstanz
Systemnachricht
gesendet
MonitoringSystem
Eskalation
beheben
Monitoring
WEK
Eskalation
ist behoben
Abbildung 9.18 Modellierung des Prozesses zum Process Monitoring
Monitoring WEK
Bei der Analyse und Behebung der Eskalation übernimmt das IT-System eine unterstützende Funktion. Die wesentliche Leistung erfolgt durch den „Prozessverantwortlichen“ für
die Instanz. Wir beschreiben das eigentliche Eskalationsmanagement bewusst nicht ausführlicher, da es sehr komplex ist und individuell deutlich unterschiedliche Ausprägungen
im Detail besitzt.
Tabelle 9.10 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
248
Modellname
Process Monitoring, Problemidentifikation Monitoring
Diagrammtyp
Wertschöpfungskettendiagramm (WKD), EPK
Symbole
Ereignis, Funktion, Typ Anwendungssystem, Fachbegriff, Kennzahlinstanz,
Personentyp, Prozessschnittstelle
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
9.7.2.2 Modellierung des Process Mining
Losgelöst von dem eher operativen Prozess des Monitorings der laufenden Prozessinstanzen des WEK benötigen wir nun den Prozess „Process Mining“ mit dem Arbeitsauftrag
„Analyse des WEK“. Hierdurch unterstützen wir die geschilderte Initiative B) „Analyse
des WEK zur Erkennung von Optimierungspotenzial“.
Process Mining
(Wertschöpfungskettendiagramm)
Process Mining
Analyse WEK
Analyse WEK
(EPK)
Analyse WEK
notwendig
Process Owner
Prozessdaten WEK
Optimierungspotenzial
identifizieren
PDauer pro
Lieferant
Multidimensionale
Analysen
MiningSystem
PDauer pro
Produkttyp
PDauer
gesamt
PDauer
pro Region
Optimierungspotenzial
identifiziert
Abbildung 9.19
Modellierung des Prozesses
zum Process Mining
Analyse WEK
Bei der Modellierung nutzen wir nun die bereits bestehenden statischen Elemente. So fließen in diesem Falle die unterschiedlichen Daten (Abhängig von den zu betrachtenden Dimensionen) ein. Dies erkennt man in der Abbildung 9.19, wo ein Input in den Prozess
fließt und der Output (die multidimensionalen Analysen) als eigentliche Leistung des Prozesses festgehalten wird. Die Kennzahlen sind nun „ex-post“ nach Beendigung der einzelnen Prozessinstanzen und dienen zur Analyse und Aufdeckung eines möglichen Verbesserungspotenzials.
249
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Tabelle 9.11 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Process Mining, Analyse WEK
Diagrammtyp
Wertschöpfungskettendiagramm (WKD); EPK
Symbole
Ereignis, Funktion, Typ Anwendungssystem, Fachbegriff, Kennzahlinstanz,
Personentyp, Prozessschnittstelle
9.7.2.3 Modellierung des Process Benchmarking
Losgelöst vom operativen Prozess des Process Monitoring und der analytischen Arbeit
beim Process Mining benötigen wir einen Prozess für den Benchmark des Status des WEK
hinsichtlich der gesamten durchschnittlichen Durchlaufzeit. Dieser Prozess unterstützt den
Erfolgsfaktor C) „Dashboard für einen Benchmark für die Verbesserung beim WEK“.
Process Benchmarking
(Wertschöpfungskettendiagramm)
Process Benchmarking
Benchmark WEK
Benchmark WEK
(EPK)
Benchmark
erforderlich
Top Management
Prozessdaten WEK
Benchmarkfür
WEK abfragen
PDauer
gesamt
Durchlaufzeit
nicht verbessert
250
Aggregierte
Darstellung der KPI
ProzessBenchmark
Durchlaufzeit
verbessert
Abbildung 9.20
Modellierung des Prozesses zum Process
Benchmarking
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
Benchmark WEK
Bei der Modellierung nutzen wir wiederum die bereits bestehenden statischen Elemente.
So fließen in diesem Falle zur Bildung der Kennzahl sämtliche Prozessdaten ein, um die
durchschnittliche „PDauer“ über alle abgelaufenen Prozessinstanzen eines Zeitintervalls
bilden zu können.
Abbildung 9.20 stellt den notwendigen Prozess für das „Process Benchmarking“ dar. Das
„Top-Management“ betrachtet diese Kennzahl und erhält den momentanen Status der
„Prozesseffizienz des WEK“. In diesem Fall ist das Prozess-Cockpit eine Möglichkeit der
Darstellung dieser Kennzahl. Die Publizierung der Kennzahl sollte in einem Bereich des
Unternehmensportals erfolgen. Für die eigentliche Darstellung sollte man eine „AmpelFunktion“ oder ähnlich übersichtliche grafische Darstellungen wählen. Der Wert könnte
auch über eine Benachrichtigung (SMS, E-Mail etc.) übermittelt werden.
Tabelle 9.12 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Process Benchmarking, Benchmarking WEK
Diagrammtyp
Wertschöpfungskettendiagramm (WKD), EPK
Symbole
Ereignis, Funktion, Typ Anwendungssystem, Fachbegriff, Kennzahlinstanz,
Personentyp, Prozessschnittstelle
9.7.3
Modellierung der IT-Systeme für das Process Controlling
Nachdem wir nun die die fachlichen Anforderungen an das Process Controlling modelliert
haben, wenden wir uns den notwendigen IT-Systemen zu und beschreiben diese Systeme
mit ihren Anforderungen aus der fachlichen Sicht heraus.
Ein kurzes Resümee: Die Ziele wurden beschrieben, und wir haben die notwendigen Prozesse zur Erreichung der Ziele (siehe Erfolgsfaktoren) abgeleitet. Es fehlen nun die ITSysteme und die eigentliche Beziehung der Kennzahlen zum Prozess WEK: die Sonden,
welche die Daten zu den Events „werfen“ und die Basis für die Ausprägung der Kennzahlen bilden.
Wir fassen sämtliche für das Process Warehouse nötigen IT-Komponenten in einem Anwendungssystemtypdiagramm zusammen, um eine Dekomposition der benötigten IT-Komponenten durchführen zu können. Wie in Abbildung 9.21 beschrieben, fassen wir die unterschiedlichen „Sub-Systeme“ selber wiederum als Module in der Anwendung „Process
Warehouse“ zusammen.
Tabelle 9.13 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Process Warehouse
Diagrammtyp
Anwendungssystemdiagramm
Symbole
Typ Anwendung, Typ Modul
251
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Process Warehouse
(Anwendungssystemtypdiagramm)
Process Warehouse
ETL-Systeme
Monitoring-System
Mining-System
Process Benchmark
Abbildung 9.21
Modellierung der Anwendungssysteme des Process Controlling
Achtung:
Dies ist kein Modul-Design bzw. Modell zur Komponentenbildung im Rahmen
des Software-Designs für die Realisierung. Das Modell dient ausschließlich der
fachlichen Beschreibung und Zusammenfassung der fachlichen Anforderungen
zu logischen IT-Systemen. Jedoch hat man im Sinne einer „losen“ Kopplung die
Möglichkeit die tatsächlichen implementierten IT-Komponenten diesen logischen
IT-Systemen zuzuordnen.
9.7.3.1 Modellierung der IT-Systeme zum Process Monitoring
Eine Maßnahme war „Die Eskalation bei Problemen in einer Prozessinstanz soll schneller
erkannt und behoben werden“. Diese Maßnahme lässt sich über ein System für das Process
Monitoring umsetzen.
Das IT-System besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten, wie auch in Abbildung 9.22
beschrieben:
1. Der Import von Events und die Aufbereitung von Kennzahlen. Obwohl es für diese
IT-Komponente keinen „human-workflow“ gibt, ist dies das „Herz“ der IT-Lösung.
2. Das System für die Benachrichtigung (Notifications) über unterschiedliche Kanäle
eines möglichen Problems bei einer Prozessinstanz.
3. Eine Oberfläche zur Analyse einer Prozessinstanz und für das Einleiten von Maßnahmen.
Das übergreifende „Blue-Print“ haben wir bereits in Abschnitt 9.4 beschrieben und ein
Muster definiert. Somit können wir nun „gegen“ dieses Muster modellieren.
252
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
Process Monitoring
(Anwendungssystemtypdiagramm)
Process Monitoring
Import und
Aufbereitung
Kennzahl
Notification
Analyse
Prozessinstanz
Abbildung 9.22
Modellierung der IT-Systems Process Monitoring
In der Regel wird man an dieser Stelle Standardprodukte für das „Business Activity Monitoring“ (BAM) einsetzen. Diese Systeme haben bereits wohldefinierte, meist XML-basierende Schnittstellen für den Import der Daten. Die Kennzahlen können meist deklarativ
beschrieben und somit ohne Programmierung instanziiert werden. Ein Beispiel für ein
BAM-System ist das Produkt Oracle Business Activity Monitoring (BAM) [Orac06].
Tabelle 9.14 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Process Monitoring
Diagrammtyp
Anwendungssystemdiagramm
Symbol
Typ Anwendung
Mehr Informationen zur Modellierung der fachlichen Anforderungen an ein IT-System
finden Sie in Kapitel 6.
9.7.3.2 Modellierung der IT-Systeme zum Process Mining
Eine weitere Maßnahme war „Es soll die Möglichkeit der Analyse der Wareneingangskontrolle geschaffen werden, damit man Optimierungspotenzial erkennen kann“. Das lässt sich
über ein System für das Process Mining umsetzen. Wie aus Abbildung 9.23 ersichtlich ist,
besteht das IT-System im Wesentlichen aus zwei Komponenten (eigentlich in Analogie
mit klassischen Datawarehouse-Lösungen):
253
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
1. Der Import von Daten, die Transformation der Daten und Ablage in einer „Analysefreundlichen“ Datenstruktur (siehe Einschub 9.4: Multidimensionale Datenmodelle für
das Process Warehouse).
2. Das interaktive und oberflächenlastige System für das Ad-hoc-Reporting bzw. die Analyse der Daten nach den unterschiedlichen Dimensionen („Slice-and-dice“ bzw. Pivotierung der Daten zur Analyse nach unterschiedlichen Sichten).
Das übergreifende „Blue-Print“ haben wir bereits in Abschnitt 9.4 beschrieben und ein
Muster definiert. Somit können wir nun „gegen“ dieses Muster modellieren.
Process Mining
(Anwendungssystemtypdiagramm)
Process Mining
Import und
Transformation
(Star Schema)
Analyse-System
Abbildung 9.23
Modellierung eines IT-Systems
zum Process Mining
Tabelle 9.15 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
Modellname
Process Monitoring
Diagrammtyp
Anwendungssystemdiagramm
Symbol
Typ Anwendung, Typ Modul
Für eine eingehende Beschreibung und Vorgehensweise für die Modellierung der fachlichen Anforderungen an ein IT-System möchten wir auf das Kapitel 6 dieses Buches verweisen.
254
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
Multidimensionale Datenmodelle für das Process Warehouse
Die Datenmodellierung für das Enterprise-Modell des Process Warehouse entspricht im Wesentlichen den gängigen Modellierungskonventionen für multidimensionale Datenmodelle (Star-/Snowflake-Schemata) in einem Data Warehouse oder
Data Mart. Anders als bei klassischen OLTP 2-lastigen Anwendungssystemen
steht hier die Abarbeitung komplexer Analysevorhaben im Vordergrund. Diese
Abfragen benötigen meist große Datenmengen und komplexe relationale Operationen, um die gewünschten Ergebnisse zu berechnen. Durch eine flexible und
multidimensionale Betrachtung der Daten sollen entscheidungsunterstützende
Analysen gewonnen werden.
Die diesem spezifischen Datenmodell zugrunde liegende Struktur ist ein OLAP 3Cube, der aus der operationalen Datenbank erstellt wurde. Dieser ist meist nach
dem Sternschema aufgebaut, mit einer Faktentabelle und den jeweiligen Dimensionstabellen.
•
•
•
•
Gruppen
Prozesstyp
Zeit
Produkt
Produktgruppe
Geschäftsbereich
Business Objekt
Kennzahlen
Prozessinstanz
•
•
•
•
Status
•
•
•
•
•
•
Begonnen
Beendet
In Arbeit
Unterbrochen
Fehlerfall
Abgebrochen
Aktivitätstyp
•
Gruppen
Aktivität
Prozessschritt
Organisation
•
•
•
•
Org.einheit
Bereich
Abteilung
Rolle
Laufzeit
Qualität
Termintreue
Kundenzufriedenheitsindex
Prozesskosten
•
Business Objekt
•
•
•
Produkt
Produktgruppe
Geschäftsbereich
Abbildung 9.24 Das Multidimensionale Informationsmodell für das Process Mining
2
3
OLTP = Online Transaction Processing
OLAP = Online Analytical Processing
255
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Sehen wir uns den Zusammenhang an dem allgemeingültigen Beispiel für die
Modellierung genauer an:
Es gibt im Wesentlichen zwei grundlegende Faktentabellen: die Aktivität bzw. der
Prozessschritt und die Prozessinstanz. Aus den Anforderungen an das Process
Controlling bzw. den benötigten Kennzahlen leiten sich die benötigten Dimensionen ab.
In Abbildung 9.24 sind einige typische Dimensionen, z.B.: Organisationseinheiten/
Rollen, Zeit, Produkt-/Artikelhierarchien, Produktions-/Standorte und Klassifizierung von Prozessen/Aktivitäten zu Gruppen/Typen aufgeführt. Weitere Dimensionen lassen sich aus der Struktur der unterlagerten Business-Objekte bei Bedarf
bilden.
9.7.3.3 Modellierung des IT-Systems zum Process Benchmarking
Eine weitere Maßnahme war „Über ein Dashboard sollen die relevanten Kennzahlen dargestellt werden, damit man ein Benchmark für die Verbesserung hat“. Diese Maßnahme lässt
sich über ein „Prozess-Cockpit“ umsetzen, das in der Regel eine Teilkomponente des bestehenden Unternehmensportals ist. In diesem Cockpit muss eine Teilkomponente (Ampel,
Tacho) existieren, welche den Wert des KPI zum Status des WEK transparent darstellt.
Wie Abbildung 9.25 zeigt, modellieren wir das IT-System „Prozess-Cockpit WEK“ als
einen Anwendungssystemtyp. Durch diese Modellierung können wir diese IT-Komponente
zur Darstellung der Kennzahl bei der fachlichen Modellierung an einer anderen Stelle wiederverwenden (man könnte dies auch als einen „oberflächenlastigen“ Service verstehen).
Process Benchmark
(Anwendungssystemtypdiagramm)
Process Benchmark
Process Cockpit
WEK
Abbildung 9.25
Modellierung des IT-Systems „ProzessBenchmark“
Tabelle 9.16 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
256
Modellname
Prozess-Benchmark
Diagrammtyp
Anwendungssystemdiagramm
Symbol
Typ Anwendung, Typ Modul
9.7 Modellierung des Prozess Controlling mit der Oracle BPA Suite
9.7.3.4 Modellierung von ETL-Systemen inklusive Sonden
Das IT-System für die Aufbereitung der Rohdaten aus den unterschiedlichen Prozessinstanzen stellt die eigentliche Herausforderung bei der Implementierung und Wartung dar.
In Abschnitt 9.4.1 haben wir die Hintergründe beschrieben.
Diese spezifischen Sonden der unterschiedlichen Anwendungssysteme übermitteln die
Daten an ein zentrales System für die Datenintegration (Stichwort: Enterprise Service
Bus). Hier erfolgen die notwendigen Transformationen und die Aufbereitung auf das benötigte Schnittstellenformat, welches zum Aufbau eines Process Warehouse benötigt wird.
Im Wesentlichen wird ein Schlüssel gebildet, der die Prozessinstanz eindeutig beschreibt
und später für die Zuordnung der einzelnen Prozessinformationen dient. Das System ermittelt ferner den Vorgänger dieser Prozessinstanz und speichert diese Information ab, damit
eine Serialisierung der Prozessschritte möglich ist.
In unserem speziellen Fall brauchen wir einen Datensatz für jeden zu messenden Event
(hier: eindeutiger Start- und Endezeitpunkt) im Prozess der Wareneingangskontrolle (WEK).
Hieraus können wir die Kennzahl PDauer WEK (= Prozessdurchlaufzeit bei der WEK)
berechnen. Bei der Modellierung müssen wir nun beginnend beim WEK-Prozess dem entsprechenden Ereignis einen „Event“ (Symbol: b-Attribut ERM) zuweisen. Dieses ist als
der Auslöser für die Aktivierung der Sonde zu verstehen, welche die benötigten Daten extrahiert. Wir nutzen das Zugriffsdiagramm, um die Sonde mit dem Event in Beziehung zu
setzen. Anschließend weisen wir dem Anwendungssystem die benutzten Sonden zu.
Sonden im WEK
Sonde X.16/15
ETL-Systeme
(EPK)
(Zugriffsdiagramm)
(Anwendungssystemtypdiagramm)
Wareneingang
MP WEK-Start
Lieferung
prüfen
MP WEK-Start
Lieferung entspricht
Bestellung
Sonde X1.5
ETL-Systeme
Sonden
Lieferung
entspricht nicht
Bestellung
Lieferungspositionen
prüfen
Sonde X1.5
Lieferung
überprüft
Sonde X1.6
Wareneingang
buchen
Wareneingang
gebucht
MP WEKEnde
Sonde X1.6
QS Prüfung
durchführen
Wareneingangskontrolle
abgeschlossen
MP WEK-Ende
Abbildung 9.26 Modellierung der ETL-Systeme und Sonden
257
9 Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Abbildung 9.26 beschreibt die Zusammenhänge der Sonden im WEK-Prozess mit den
IT-Komponenten bei den ETL-Systemen durch ein Zugriffsdiagramm, welches die Start/
Ende-Events des Prozesses den entsprechenden Sonden zuordnet.
Durch unsere Vorarbeit können wir nun die Sonde mit der Kennzahl verknüpfen und damit
die fachlichen Anforderungen für die Implementierung der Regeln nutzen. Durch die Verknüpfung der prozessorientierten Events mit den relevanten Prozessschritten des WEK
wissen wir, an welchen IT-Anwendungssystemen die Sonden ansetzen müssen.
Tabelle 9.17 Benutzte Methodenobjekte der Oracle BPA Suite
9.8
Modellname
ETL-Systeme, Sonden, Sonden im WEK
Diagrammtyp
Anwendungssystemdiagramm, Zugriffsdiagramm, EPK
Symbol
Typ Anwendung, Typ Modul, b-Attribut (ERM), Ereignis, Funktion
Fazit
Die schrittweise Umstellung der bestehenden Softwarearchitektur auf serviceorientierte
Architekturen mit wiederverwertbaren Anwendungskomponenten in Verbindung mit dem
Einsatz von Systemen zum Business Process Management (BPM) wird die Implementierung von Systemen zum Process Monitoring/ Mining unterstützen [Peis06]. Systeme zur
Messung der operativen Effizienz werden eine stetig steigende Bedeutung erhalten, da die
Kosten zur Implementierung in den nächsten Jahren beständig sinken werden. Im Markt
etablieren sich bereits BAM-Lösungen für das Process Monitoring, und auch die Anbieter
von Lösungen rund um das Corporate Performance Management (CPM) entwickeln Lösungen für das Process Mining.
Aus unserer Sicht liegt ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Implementierung eines Process Warehouse in der Modellierung der fachlichen Zusammenhänge und der Implementierung der Datenbewirtschaftung. Die „Anreicherung“ der Prozessmodelle mit Informationen zu den benötigten Kennzahlen bildet den ersten Schritt für die Definition klarer
Transformationsregeln. Diese Regeln garantieren erst die Umwandlung von Informationen
aus den operativen Systemen in serialisierte Prozessinformationen. Die durch PUSHKonzepte implementierte Datenbewirtschaftung transformiert und lädt die benötigten Data-Warehouse-Tabellen im Rahmen des Process Warehouse.
Die Modellierungskonventionen der Oracle BPA Suite unterstützen die vorgestellte Methode. Die Modelle lassen sich in einem gemeinsamen Repository ablegen und erzeugen
die benötigte Transparenz der komplexen Zusammenhänge. Wichtig ist uns hier die lose
Kopplung der Objekte innerhalb der Modelle. Dies ermöglicht die Innovation und Veränderung einzelner Prozesse oder IT-Systeme, ohne die komplette Modellierung „umschreiben“ zu müssen. Außerdem sorgt es dafür, dass fachliche Beschreibung und Implementierung sauber voneinander getrennt bleiben.
258
9.8 Fazit
Durch das Process Controlling mit einem Process Warehouse schließt sich der oft theoretisch beschriebene Regelkreis des Geschäftsprozessmanagements. Das Process Warehouse
liefert nun systemseitig valide Kennzahlen für Prozessanalysen und die begleitende Prozessoptimierung. Der Druck vieler Unternehmen, ihre Geschäftsprozesse flexibel auf neue
Geschäftsmodelle umzustellen, wird dazu führen, dass sich die geschilderten Ansätze eines
Process Monitoring und Process Mining mittelfristig durchsetzen werden.
259
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Register
A
Anwendungssystem 21
Anwendungssystem-Architektur 13
ARIS 57
Attributsymboltyp 61
Attributtyp 60
Ausführbares IT-Modell 197
Auswahl Modellierungswerkzeug 58
Diagrammtyp 59
Domain-Level-Matrix 40
Beziehung 43
Einordnung der Objekttypen 43
Domänendekomposition 182
Dynamische Frameworks 12
siehe auch Framework
Dynamische Modellierung 28
B
E
Benutzerrolle 135
BPM 14
Business Activity Montoring 226
Business Analyst 8
Business Object Model 215
Business Process Execution Language (BPEL)
200
Business Process Management 7, 193
Business Process Modeling Notation 206
Enterprise Architecture 7, 11
Enterprise Performance Management 221
Ereignisgesteuerte Prozesskette 206
Essentielle Fragestellung 37
Betriebsorganisation 39
Informationsmanagement 39
Standardisierung 39
Zerlegung und Bewertung 39
C
Fachkonzept 137
Fachliche Anforderung 117
Fachliches BPM 15
Fachliches Detailmodell 196
Fachliches IT-Modell 197
Fachlicher Service (Business Service) 197
Fachliche SOA 16
Fachliche Systemstruktur 133
Fachsicht 121
Fähigkeit 163
CIM 163
Computation Independent Model 163
Corporate Performance Management 221
D
Data Warehouse 225
Daten-Architektur 13
Datenbeschreibung 136
Detailmodell, fachlich 163
F
263
Register
Framework 11
Fusion Middleware Plattform 57
G
Geschäfts-Architektur 13
Geschäftsobjekt 20
Geschäftsprozess 20
Geschäftsservice 163, 211
Grundmodell 79
Aufbau 79
Grundsätzliche Identifikationsmethode 178
H
Hauptprozess 90
Horizontale Modellierung 29
Horizontale Segmentierung 82
I
Individualentwicklung 121
Infrastruktur 21
Infrastruktur-Architektur 14
Instanzgranularität 80
Detaillierung eines Prozess 96
Hauptprozessebene 93
Kernprozessebene 90
Unternehmensinstanzebene 83
Zusammenhang 95
Integriertes Modell 10, 18
Anforderung 27
Artefakttyp 19
Erfolgsfaktor 18
Gliederung 18
Grundstruktur 111
Inhalt 22
Schnittmenge 25
Zielsetzung 21
IT-Modell
ausführbar 163
fachlich 163
IT-Projekt 117
IT-Sicht 121
IT-Unterstützung 127
264
K
Kantentyp 60
Kennzahl 222, 235 siehe auch Prozesskennzahl
Kennzahlenhierarchie 242
Kernprozess 83
primär 84
sekundär 84
Kommunikationslücke 8
M
Management 8
Maske 130
Maskenfluss 133
Maskenlayout 130
Maskenstruktur 130
Meta-Modell 33
Attribut 50
Erstellungsaufwand 53
geschlossen 45
offen 45
Semantische Abdeckung 76
Umfang 53
Umsetzung 57
Metamodell-Entität 45
Methode 58
Modellierungsgrundsatz 34
Modelltyp 59 siehe auch Diagrammtyp
N
Nicht funktionale Systemanforderung 138
O
OASIS 17
Objekttyp 59
Oracle BPA Suite
Methodische Einschränkungen 58
Modellierung dynamischer Inhalt 83
Ordnerstruktur 111
Oracle BPA Suite Methode
Analyse 62
Dokumentation 74
Individuelle Anpassung 66
Zusammenhang 61
Register
Oracle SOA Suite 216
Orchestrierung 212
Organisationstruktur 20
P
PIM 163
Platform Independent Model 163
Platform Specific Model 163
Process Controlling 222, 224
IT-Systeme 232
Modellierung 239, 245
Rollen 230
Ziel 229
Process Excellence 221
Process Mining 225, 227
Process Monitoring 225, 226
Modellierung 247
Process Warehouse 227
Architektur 232
IT Anforderung 229
Prozessarchitektur 80
Prozessautomatisierung 160, 193
Prozessgranularität 86
Prozesskennzahl 235
Ermittlung 236
PSM 163
siehe auch Platform Specific Model
PULL-Verfahren 232
PUSH-Verfahren 232
S
Schnittstelle 155
Semantische Zuordnung 26
Fachlicher Inhalt 26
Fachlicher IT Inhalt 26
Informationstechnischer Inhalt 26
Services 153, 154
in der BPA Suite 162
Modellierungsphasen 166
im Prozessmodell 157
zusammengesetzt 160
Servicebeschreibung 186
Servicegranularität 179
Serviceidentifikation 176
über Geschäftsobjekte 178, 180
über Namen 178, 179
über organisatorische Gruppen 179
über Repository 178
über Systeme 178
Serviceklassifikation 181
Serviceportfolio 170
Servicespezifikation 181
Servicestatus 183
SOA 153, 156
im Prozessmodell 157
Nutzen 167
SOA-Business Analyst 200
SOA-Entwickler 201
SOA Grundkonzept 156
Softwareservice 213
Softwareservice-Operation 213
Softwareservice-Operationstyp 164
Softwareservicetyp 164
Standard 9
Standardisierung 9
Standardsoftware 118
Statische Frameworks 11 siehe auch Framework
Statische Modellierung 28
Statische Objektbibliothek 99
Anwendungssystembibliothek 106
Geschäftsobjektbibliothek 104
Infrastrukturbibliothek 110
Organisationsbibliothek 99
Symbol 60
Systemschnittstelle 134
Systemverhalten 121
T
Technisches BPM 16
Technische IT 9
Technischer Service 198
TOGAF 12
U
Übersichtsmodell 163
Unterprozess 93
265
Register
V
Vertikale Dekomposition 80
Vertikale Modellierung 29
W
Web Service 155
Workflow Patterns 205
Z
Zachman 11
266
Enterprise Architecture
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zahlreiche Tipps und Tricks zum Einsatz der UML in der Praxis. Die
Autoren beschreiben alle Diagramme der UML und zeigen ihren Einsatz
anhand eines durchgängigen Praxisbeispiels. Folgende Fragen werden
u.a. beantwortet
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Welche Diagramme gibt es in der UML 2?
Wofür werden diese Diagramme in Projekten verwendet?
Wie kann ich die UML an meine Projektbedürfnisse anpassen?
Was benötige ich wirklich von der UML?
Mehr Informationen zu diesem Buch und zu unserem Programm
unter www.hanser.de/computer
eBooks zum sofortigen Download
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In diesem Buch finden Sie ein integriertes Konzept zur betriebswirtschaftlichen und
fachlichen IT-Modellbildung in Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Sie
erfahren, wie Sie die Basis für ein zentrales Unternehmensmodell entwickeln und
dafür einsetzen, um die Herausforderungen bei der Einführung und Verwaltung von
IT-Lösungen zu bewältigen.
Die Autoren bieten Ihnen einen Leitfaden mit Arbeitshilfen und Praxistipps zum
Aufbau eines eigenen integrierten Fach- und IT-Modells. Die Umsetzung zeigen sie
konkret am Beispiel der Oracle BPA Suite. Neben der effizienten Gestaltung einzelner
Modellierungsaspekte können Sie damit vor allem eine redundanzfreie Beschreibung
verschiedener Modellierungsszenarien erreichen.
AUS DEM INHALT // Integrierte Modellierung für Enterprise Architecture, BPM und
fachliche SOA // Aufbau des Metamodells // Die Umsetzung des Metamodells //
Das Grundmodell // Modellgestützte fachliche Konzeption individueller IT-Systeme //
Identifizierung und Modellierung fachlicher Services für SOA // Der prozessgetriebene SOA-Ansatz // Entwurf und Aufbau prozessgetriebener Kennzahlensysteme
Dirk STÄHLER ist Direktor für Strategie und Innovation und Rolf SCHEUCH
ist geschäftsführender Gesellschafter bei der OPITZ CONSULTING GmbH.
Ingo MEIER, Christian SCHMÜLLING und Daniel SOMSSICH sind Berater
beim gleichen Unternehmen.
www.hanser.de/computer
ISBN 978-3-446-41735-9
Business Analysten, Unternehmensplaner
IT-Architekten, Entwickler
9
783446 417359
STÄHLER u.a.
ENTERPRISE ARCHITECTURE,
BPM UND SOA
ENTERPRISE ARCHITECTURE, BPM UND SOA // In einer idealen Welt sind die
Inhalte der Enterprise Architecture, der Geschäftsprozesse, des IT-Fachkonzepts
und der Service-orientierten Architektur in einem einzigen Modell integriert. Doch
die Realität sieht leider anders aus. Modelle entstehen in Unternehmen immer noch
auf verschiedenen Ebenen, weisen Redundanzen und Widersprüche auf und können meist nur mühsam miteinander in Einklang gebracht werden.
Systemvoraussetzungen für eBook-inside: Internet-Verbindung, Adobe Acrobat Reader Version 6 oder 7 (kompatibel mit Windows ab Windows 2000 oder Mac OS X). Ab Adobe Reader 8 muss zusätzlich der eBookreader Adobe Digital Editions installiert sein.
PRAXISLEITFADEN FÜR BUSINESS-ANALYSTEN //
■ Erläutert, wie ein integriertes Gesamtmodell für Enterprise Architecture,
Business Process Management und SOA erstellt wird
■ Beschreibt den Weg vom Meta-Modellentwurf bis zur Werkzeugumsetzung
mit ausführlichen Anleitungen und zahlreichen Praxistipps
■ Anleitung zur praktischen Umsetzung am Beispiel der Oracle BPA Suite
und der ARIS-Methode
dirk STÄHLER
ingo MEIER
rolf SCHEUCH
christian SCHMÜLLING
daniel SOMSSICH
AM BEIS
ORAC
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ARIS
ENTERPRISE
ARCHITECTU
BPM UND SO
FÜR BUSINESS-ANAL
LEITFADEN FÜR DIE PRA
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