Tagebuch 2003/2004 als PDF lesen

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Tagebuch 2003/2004
2004-05-31
„Unter den ungarischen Künstlern, die mit der Sprache arbeiten, gehört George Tabori zu
den wenigen, denen die Emigration nicht geschadet hat. Vielmehr hat sie ihm enorm
genützt. Und damit meine ich nicht nur, dass er durch seine Emigration 1944 in Auschwitz
nicht getötet wurde wie sein Vater, Kornél Tabori.
Von ihm hat der Sohn sicherlich wichtige Eigenschaften geerbt. Dazu eine Anekdote:
1919, nach der Niederschlagung der Kommune, wurde der Volkskommissar Otto Korvin,
ein Buckliger von Geburt her, zum Tode verurteilt. Dem Journalisten Kornél Tabori wurde
eine Sondergenehmigung erteilt, ihn in der Todeszelle zu besuchen. In seinem empörten
Artikel schrieb Kornél Tabori, was für ein verstockter, unverbesserlicher Kommunist dieser
behinderte Korvin doch sein: Auf schreckliche Weise gepeinigt, fast in Stücke geschlagen,
habe er auf seiner kommunistischen Überzeugung auf Unschuld beharrt. So entlarvte er,
was offiziell geleugnet wurde: Dass in Ungarn der weisse Terror tobte und in den
Gefängnissen gefoltert wurde. Schlauheit bedient die Kühnheit – der schielende Metzger
starrt auf ein Rind und trifft das benachbarte.
Wie zufrieden, ja stolz lachte George, als ich ihm von diesem Trick seines Vaters erzählte.
Das könnte nämlich auch seine Geschichte sein: Der Heldentod – obwohl erbaulich und
erhaben – hatte nie irgendeinen Reiz für ihn, lieber sonnte er sich in den verdienten
Äusserungen der Anerkennung. Dabei bestand er aber doch darauf, die – genauer: seine
– Wahrheit zur Geltung zu bringen. Ich bin überzeugt, dass seine Liebe für Brecht auch
der Tatsache zugeschrieben werden kann, dass Brecht das radikale, erbarmungslose
Denken mit taktischem Raffinement kombinierte.
Was aber wäre mit George passiert in einer Welt, wo mit riesigen Schlauheiten nur
winzige Wahrheiten zutage gefördert werden konnten? Das war im Parteienstaat, sogar in
milderen Zeiten, der Fall. Ich rede dabei nicht darüber, dass kritische Aussagen nicht
gemacht werden konnten, das ging zuweilen sehr wohl, sondern über Stilfragen.
„Glaubst du, dass man einfach so sagen kann, was man denkt?“, fragte in den Siebziger
Jahren in Budapest Istvan Oerkény, ein Dramatiker und Jugendfreund Taboris, György
Konrad. „Ja“, erwiderte Konrad. Das aber war keine inhaltliche, sondern eine stilistische
Stellungnahme. Damit wurde die citoyenhafte Bereitschaft, verbotene Gedanken
auszusprechen, zum selbstverständlichen Recht erklärt. Innerhalb dieses Rechtes aber
spielte die citoyenhafte Schlauheit, wie man bestimmte Wahrheiten in bestimmten
Zusammenhängen vorbringen kann, die grössere Rolle.
Konrads Antwort zeigte die Bereitschaft, sich einer ständigen Kampfsituation auszusetzen.
In Oerkenys Frage steckte unausgesprochen die Neigung, die ständige Lüge als
gesellschaftliche Umgebung zu akzeptieren, als ob sie ein Naturereignis wäre.
George wurde durch seine Emigration von diesem Dilemma gerettet. Ihm hätte es aller
Wahrscheinlichkeit nach menschlich und künstlerisch geschadete, weil er weder der
Atmosphäre des ständigen Kampfes noch den Dunstkreis der ständigen Lüge unverletzt
hätte ertragen können. In Zwangssituationen fallen stilistische Entscheidungen besonders
schwer. Inhaltliche Anpassung geht meistens tiefer und kann die Persönlichkeit
vernichten.
Bei George hat der Stil eine entscheidende Macht. Darüber könnten wahrscheinlich
Frauen am authentischsten sprechen. Sein Lächeln, seine Handbewegungen, seine
Kopfhaltung, wie er die Sprechenden zuhört, oder wie er am Anfang der Proben die
Schauspieler anschaut, wie er seine Kleider trägt, wie er nachfragt, wenn er etwas nicht
ganz glaubt oder etwas gerne glauben möchte: Alle seine Gesten sind für ihn und
ausschliesslich für ihn bezeichnend und drücken einen runden, zusammenhängenden
Kosmos aus.
Dieser unverwechselbare Stile, diese pathoslose Souveränität wäre in jeder Diktatur
inakzeptabel gewesen, obwohl er nicht durch gesuchte Konfrontationen geprägt ist. Um
nur ein Beispiel zu nennen: Mehrmals sagte er mir, dass für ihn die Aufführungen und
sogar die Premiere nicht besonders interessant sind – er liebt die Theaterarbeit
hauptsächlich wegen des Probeprozesses, wegen dem, was mit den Schauspielern im
Probenprozess geschieht.
Das ist eine Einstellung, die – um den Titel eines Stückes des wunderbaren Tadeusz
Rosewicz zu benutzen – in unserer kleinen Stabilisation keine Chance gehabt hätte. Es
war das Ergebnis, das dort ausschliesslich zählte. Dieser Unterschied ist ein
entscheidender und unlösbarer Konflikt der Stile. Ohne ergebnisorientierte Einstellung war
der Schaffende im Parteienstaat ein suspektes Individuum, ein Anhänger der L’ ART PUR
L’ ART – oder noch Schlimmeres.
Flüchtend vor den Nazis ist George Tabori in eine Gesellschaft geraten, die viele Inhalte
und Stile erträgt. Dort konnte er sich ohne erzwungene Kampfbereitschaft nach
Herzenslust entfalten: ein ungarischer Jude oder jüdischer Ungar, der auf Englisch
schreibt und in Deutschland ein grosser Theatermacher wurde. Die Emigration war sein
Glück, weil sie für ihn nicht Verlust des Vaterlandes bedeutete, sondern Entdeckung der
Welt.
Aber auch von patriotischer Nostalgie musste er sich nicht lossagen: Der Weltbürger hat
einen kleinen Puli, einen ungarischen Schäferhund von symbolischer Bedeutung, er heisst
Gobo.“
Istavan Eörsi: Ein Weltbürger und sein Hund namens Gobo. Gratulation: zum 90.
Geburtstag des Schriftstellers und Regisseurs Geroge Tabori. In: Frankfurter Rundschau
24. Mai 2004-05-30
Der 1931 geborene Schriftsteller, Dramatiker und Publizist Istvan Eörsi lebt in Budapest
und Berlin.
„Unter allen Künstlern, die nach dem Holocaust in Deutschland leben oder gelebt haben,
ist George Tabori für die Deutschen sehr wahrscheinlich der heilsamste. Für alle, die seine
Aufführungen sehen, die seine Bücher lesen, ist die Existenz dieses Mannes ein
unglaubliches Glück. Genauso aber ist es ein im Grunde immer noch unerträgliches
Paradoxon, dass er, dessen Familie von den Deutschen ermordet wurde, sie auch noch
mit ihrem Schicksal versöhnen sollte.
Die höhere Form dialektischer Menschlichkeit, jenes weiche Dandytum, das Tabori wie
kein anderer verkörpert, die gefühlvolle und doch pathosfreie Souveränität dieses
modernen Märchenerzählers, zeigten sich am klarsten in seinem Witz. Niemand pflegt mit
diesem Geiserfahrer des Gedankens, dieser Sphinx des Wortes so intimen Umgang wie
George Tabori.
Der berühmteste Satz Taboris ist vielleicht der, den er seinem Vater in den Mund gelegt
hat: „Bitte nach Ihnen, Herr Mandelbaum“, soll er beim Betreten der Gaskammer höflich
gesagt haben. Schon in diesem einen Satz spürt man den Sieg über den Nihilismus. Es
vermischen sich Milde und Kompromisslosigkeit. Wie sich aber schon ein einem solchen
einzelnen Satz auch noch Schmerz und der Sieg über ihn, Vater und Sohn vereinen, das
gehört zu Tabori. Und das steckt in jedem seiner Stücke: Es ist schon eine unglaubliche
Freiheit vonnöten, Hitler als eine Figur, die Schlomo Herzl, ein Wiener Jude, sich
zurechtgebastelt hat, noch einmal zu erfinden, wie es Tabori in seinem Stück MEIN
KAMPF getan hat.
Welche Grösse, welche versöhnende, befreiende und gnädige Macht der Witz haben
kann, das hat er uns vorgeführt und –gelebt. Wer bei Tabori lacht, lacht über den Abgrund,
erlacht über sich, er lacht nie unter Niveau und: Er lacht – trotz allem – nie bitter, sondern
mit lächelndem Herzen. In solchem Witz, vielleicht ist es das, was er uns beigebracht hat,
steckt etwas von Gnade, die die Menschen nicht von den Göttern bekommen, sondern
ihnen voraus haben. Tabori, so scheint es in solchen Momenten, hat für die Überlebenden
den Holocaust besiegt. Er hat etwas im Menschen entdeckt, was es vorher nicht gab. Und
das alles, es ist immer noch schwierig zu glauben, geschieht seit 1969 hier, unter uns
Deutschen und Österreichern.
Wenn er ohne etwas zu tun dasitzt und vor sich hin schaut, wie nur er es kann, wenn er
dabei vielleicht raucht, dann glaubt auch der, der ihm zusieht, alles Mögliche spüren zu
können, wovon er vorher keine Ahnung hatte. Er glaubt weise zu werden. Wahrscheinlich
ist dieser Tabori wirklich ein Weiser.
Sicher aber ist er ein ausserordentlich liebenswerter Mensch. Heute feiert er am Berliner
Ensemble, wo der Hausherr Claus Peymann ihm so etwas wie eine späte Heimat gegeben
hat, seinen 90. Geburtstag. Auch dieses Datum hat bei George Tabori einen ganz eigenen
Witz, wie wenn 90. Geburtstage für ihn erfunden worden wären. Wie schön, dass er unter
uns lebt.“
Peter Michalzik; Ein Glück. Wünschen hat geholfen: Tabori und die Deutschen. In:
Frankfurter Rundschau 24. Mai 2004
2004-05-30
„...Zur Modeabstinenz gehört beispielsweise auch die Schutzbehauptung: „Ich kann mir
nicht leisten, viel Geld für Kleidung auszugeben.“ Tatsächlich wird aber für anderes, für
Hobbys oder für Autos, unbekümmert Geld ausgegeben. Auch schlägt sich die soziale
Hierarchie der modischen Attribute keineswegs im Preis nieder- der Blazer ist nicht teurer,
als die Bikerjacke, eher umgekehrt. Tatsächlich braucht es nur wenig Beharrlichkeit, um
auf eine Angst zu stossen, die sich am ehesten mit den Worten umschreiben lässt: „Ich bin
ein kleiner Mann mit kleinem Einkommen, es kommt mir nicht zu, einen Blazer zu tragen.“
Eine solche Haltung wäre in romanischen Ländern undenkbar. Mit anderen Worten: Es
fehlt in Deutschland der Stolz, mit dem der italienische Kioskbesitzer sich
selbstverständlich wie ein Graf zu kleiden verseht. Weit davon entfern, eine klassenlose
Gesellschaft zu sein, bildet Deutschland eine Gemeinschaft ängstlicher Untertanen, die
sich auch modisch wegducken: nämlich vor dem Zusammenhang von Mode und
Gesellschaftsstruktur, der dem deutschen Egalitarismus widerspricht. Selbst der
erfolgreiche Aufsteiger muss wenigstens in seinen Lebensgewohnheiten – mindestens in
dem, was er auf dem Leib trägt – noch im alten Milieu Bodenhaftung halten; sonst würde
ihm übel werden von Höhenschwindel. Daher haben Aufsteiger oft einen gesteigerten
Klassenhass auf „die da oben“ – weil ihnen dort oben, wo sie inzwischen angekommen
sind, nicht wohl zumute ist. Ballonseide am Steuer eines Luxuswagens, Trainingshosen im
Garten der frisch erworbenen Villa im Berliner Nobelstadtteil Grunewald sind Ausdruck
jener Sehnsucht, die persönlich verlorene Volksverbundenheit – und mit ihr das soziale
Gewissen – wenigstens noch einmal im Medium der Kleidung herzustellen.
Gründe dafür sind leicht zu finden. Sie liegen in der politischen Entmutigung durch den
Egalitarismus, der die Unterschiede, wenn er sie schon nicht beseitigen kann, dann
wenigsten nicht zur Anschauung gebracht haben will. Sie liegen in der konfessionellen
Entmutigung, in protestantischem Moralismus, pietistischer Innerlichkeit, einer stets neu
gepredigten Verachtung des falschen Scheins; vielleicht auch in einem Mangel an
ästhetischer Erziehung. Unterschätzt wird allerdings oft, dass es nicht nur einen
klassenkämpferischen Affekt gegen die Zurschaustellung von Luxus gibt, sondern auch
ein recht delikates bis offen maliziöses Understatement der alten Eliten, die mit einer Art
finsterer Genugtuung die Merkmale ihres Status verbergen. Alles zusammengenommen
führt zu einer Heuchelei des modischen Ausdrucks, zu einer undeutlichen Flüstern und
Murmeln der Kleidungsstile, wo diese in romanischen Ländern sich offen und laut
artikulieren.
...
Die deutsche Gesellschaft, während ihre Einkommensunterschiede dramatisch zunehmen,
maskiert sich in der Öffentlichkeit perfekt als uniforme Masse.
...
Es ist eine alte Geschichte (doch wem sie just passiert, dem bricht das Herz entzwei):
Mode und Stil können nicht ohne Bewunderer und Publikum sein. Der Ehrgeizige wird an
seinem Ergeiz irre, wenn ihn niemand würdigt. Auch die elegante Brasilianerin, die jeden
Tag anders gewandet und anders chic an ihrem deutschen Arbeitsplatz erschien,
resignierte nach einem halben Jahr und kam in Sweatshirt, Jeans und Turnschuhe. Ihre
Kolleginnen begrüssten den Schritt als überfälligen Abschied von dem, was sie für
Arroganz gehalten hatten. Endlich war sie eine von ihnen. Gleiche unter Gleichen,
glanzlos unter Glanzlosen, demütig unter Gedemütigten.“
Jens Jessen, aus: Leben in Deutschland. Wie man sich in Deutschland kleidet. In: Die Zeit
Nr. 6. 29. Januar 2004.
Der wunderbare vollständige Beitrag ist in dem Buch LEBEN IN DEUTSCHLAND
enthalten, das im Sommer bei Hoffman und Campe erscheinen wird. Einzelne Nummern
der ZEIT lassen sich auch extra nachbestellen.
www.zeit.de
„Einer wie Hans Filbinger gehört nicht in die Bundesversammlung. Nicht 2004, nicht 1999,
nicht 1994 und auch nicht all die vielen anderen Male, als dem früheren Militärrichter die
Ehre widerfuhr, den Bundespräsidenten mitwählen zu dürfen. Aber warum muss man das
wirklich immer wieder kritisieren, ohne dass die Union irgendwann einmal die einzig
richtige Konsequenz daraus zieht?...
Es ist schon unsäglich, dass dieser alte Mann, der einst Teil der Justiz-Maschinerie eines
Unrechtsstaates war und dies nie glaubwürdig hinter sich gelassen hat, anno 2004 immer
noch seinen Schatten auf den demokratischen Prozess werfen darf. Denn einer wie
Filbinger gehört nicht in die Bundesversammlung.“
Richard Meng, aus: Kommentar. Filbingers Schatten. In: Frankfurter Rundschau 22. Mai
2004-05-29
„In Ihrem neuen Buch DER LEHRER UND DER SCHÜLER sprechen Sie die Frage der
auctontas unmittelbar an...
George Steiner: Versuchen wir, die drei grossen Autoritätsverhältnisse zu analysieren.
Beim ersten vernichtet der Lehrer den Schüler psychologisch oder physisch. Dieses
Verhältnis beginnt mit Pythagoras, der nicht zögert, seinen besten Schüler ertränken zu
lassen, weil man ihn beschuldigte, den Lehrer verraten zu haben, indem er das Geheimnis
der irrationalen Zahlen öffentlich bekannt machte.
Die zweite Möglichkeit: Der Schüler vernichtet den Lehrer. Dies ist weitaus häufiger und
umfassender als das, was die Psychoanalyse als ödipale Revolte bezeichnet. Der Schüler
tötet den Lehrer und ersetzt ihn. So etwa erscheint in Prag ein Bettler an der Tür Tycho
Brahes, des grössten Astronomen der damaligen Zeit. Dieser nimmt ihn gastfreundlich
auf. Danach erkennt er, dass der Junge eine grosse mathematische Begabung hat, und er
macht ihn zu seinem Assistenten. Kurz vor seinem Tod erfährt Brahe, dass Kepler das
ganze Werk seines Lehrers vernichten wird...
Die dritte Möglichkeit: die Übermittlung durch ein seelisches Verhältnis, durch den Akt des
Eros. Viermal in meinem Leben war es mir vergönnt, dass ich Schüler hatte, die viel
begabter, fähiger und wirkungsmächtiger waren als ich. Für den Lehrer ist das der höchste
Lohn. Nun sagt man aber im englischen Sprachraum, um unser Zeitalter zu definieren, es
sei jenes der Respektlosigkeit. Man spottet, man sagt niemals danke, man steht nicht
mehr auf, wenn der Lehrer den Saal betritt. Ich denke immer wieder an Adorno, dies
grosse Persönlichkeit. Er hatte den Mut bewiesen, sich den Totalitarismen
entgegenzustellen. Als Adorno sich drei jungen Frauen gegenübersieht, die sich nackt
ausziehen und vor ihm tanzen, stirbt er bald darauf an einem Herzanfall. Dass man ihn
lächerlich macht, vernichtet ihn. Damals waren Professoren auf alles vorbereitet, ausser
darauf, zur Zielscheibe des Spotts zu werden – jenes Spotts, der tötet. Aus
Respektlosigkeit verhält man sich heute im Innern so, als stünde man vor dem Lehrer
nicht mehr auf.“
George Steiner, aus dem Lettre-Gespräch mit Olivier Mongin – Vom Schicksal Europas.
Lettre. Europas Kulturzeitung, Frühjahr 2004- www.lettre.de
Steiner, George
Der Lehrer und der Schüler
Hanser Verlag, München
2004
2004-05-29
Mit fast einmonatiger Verspätung erreicht mich die Nachricht, dass mein Onkel, Helmut
Rappold am 30. April verstorben ist.
„Mein lieber Mann, unser guter Vater, Grossvater und Bruder
Helmut Rappold
Studiendirektor a. D.
geboren am 14.02.1919
ist am 30. April 2004 nach längerer Krankheit friedlich von uns gegangen.
In stiller Trauer
Edith Rappold geb. Kindler
Robert und Christina Rappold
Helge und Rolf Isermann
Michael und Vivian Isermann
Thomas Isermann
Leni Wetzer geb. Rappold.“
Seltsam, all die letzten Jahre hatte ich das falsche Geburtsdatum in meinen Unterlagen.
Sorry Helmut. Und: Gute Reise – Alter Charmeur.
„Von hier aus wäre nur schlechtes zu Berichten. Die neue Grossmachtspolitik ....wird
ziemlich katastrophale Folgen haben, und zwar für die Freiheit, von der ich ja, wie Sie
wissen, mehr halte als von Sozialismus oder Kapitalismus... Ich bin nicht sonderlich
sentimental, aber das Blutbad, das wir jetzt da anrichten, und noch dazu die
Wahlkampagne, geht mir doch ziemlich an die Nerven.“
Hanna Arendt, Brief an Uwe Johnson. 20 Juni 1972, aus: Hanna Arendt/Uwe Johnson:
“Der Briefwechsel 1967 – 1975”, Hrsg. von Eberhard Falke und Thomas Wild. Suhrkamp
Verlag, Frankfurt am Main 2004.
Am 23. Mai erhielt Noam Chomsky den Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg.
Michael Schiffmann hat Chomsky-Bücher ins Deutsche übersetzt und soeben im
Freiburger Orange Press Verlag eine Chomsky-Biografie vorgelegt: „absolute Noam
Chomsky“.
„“Die Intellektuellen haben die Verantwortung die Wahrheit zu sagen und Lügen
aufzudecken“. Dieser berühmt gewordene Satz aus dem Jahr 1967 in der NEW YORK
REVIEW OF BOOKS erschienenen Artikel „Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen“
stammt von einem Mann, der damals selbst schon ein weltbekannter Intellektueller war:
dem Sprachwissenschaftler Noam Chomsky. In dem Jahrzehnt zuvor hatte Chomsky mit
seiner sogenannten generativen Transformationsgrammatik die Linguistik revolutioniert
und die Erforschung des menschlichen Sprachvermögens zu einem festen Bestandteil der
modernen Kognitionswissenschaft gemacht. In diesem Rahmen hatte er sich mit dem
befasst, was er später „Platons Problem“ nannte: Wie kommt es, dass sich Menschen trotz
kurzer Lebensspanne und höchst unterschiedlicher Erfahrungen so komplexe
Wissenssysteme, wie es die menschliche Sprachen sind, aneignen können? Aufgrund der
verstörenden Erfahrung des US-amerikanischen Krieges in Vietnam und der quälend
langsamen Entwicklung öffentlicher Reaktionen und Proteste dagegen wandte sich
Chomsky Mitte der sechziger Jahre einer genau entgegengesetzten Frage zu: Wie kommt
es, dass wir gerade im sozialen und politischen Bereich so erschütternd wenig wissen,
obwohl doch in demokratischen Gesellschaften Informationen wie zum Beispiel über die
Greuel der US-Armee in Indochina frei verfügbar sind? Und was kann man gegen diese
paradoxe Unwissenheit tun? Chomsky spricht hier von „Orwells Problem“, anspielend auf
den aus George Orwells Roman „1984+ stammenden staatskonformen Slogan
„Nichtwissen ist Macht“.
Die Äusserung über die Verantwortung der Intellektuellen markierte den Beginn einer
zweiten, ausserhalb des Bereichs der Wissenschaften liegenden Karriere Chomskys als
unermüdlicher Kritiker der Politik des US-amerikanischen Staates und als politischer
Aktivist. Seither hat er in Dutzenden von Büchern, Hunderten von Artikeln und Essays und
Tausenden von Reden, Vorträgen und Diskussionsbeiträgen immer wieder demonstriert,
was er unter Verantwortung der Intellektuellen versteht. Er beteiligte sich al einer der
ersten prominenten US-Amerikaner an der Bewegung gegen den Vietnamkrieg, zu einer
Zeit, als die Antikriegsdemonstrationen noch polizeilich vor Gewalttätigkeiten
superpatriotischer Lynchmobs geschützt werden mussten. 1968 entging er im
Zusammenhang mit dem Verschwörungsprozess gegen die Organisatoren der
Massendemonstration vom Oktober 1967 am Pentagon, wo 13 000 Demonstranten
verhaften worden waren, nur knapp einer langjährigen Gefängnisstrafe.
Von 1965 bis 1975 waren die Kriege der USA in Indochina Chomskys Hauptthema; in den
achtziger Jahren trug er massgeblich zur Entstehung der nordamerikanischen Bewegung
gegen die Massenschlächtereien der US-gesponserten Terrorregimes in Mittelamerika
und gegen den Contra-Terror in Nicaragua bei, und in den neunziger Jahren beschäftigte
sich Chomsky als einer der ersten Intellektuellen von Format mit den Themen, die heute
als Globalisierungskritik bekannt sind. Daneben sprach und schrieb er immer wieder über
die jeweils brennendsten zeitgenössischen Konflikte wie den indonesischen Völkermord in
Osttimor, den Krieg und die Sanktionen gegen den Irak, die Zerschlagung der Demokratie
in Haiti, den NATO-Überfall auf Jugoslawien und die auf dem ungelösten
Palästinaproblem beruhende Dauerkrise im Nahen Osten.
Chomskys auch auf Deutsch erschienene Bücher „ Amerika und die neuen Mandarine“,
„Im Krieg mit Asien“, „Über Erkenntnis und Freiheit“, „Aus Staatsraison, Sprach und
Verantwortung“, „Vom politischen Gebrauch der Waffen“, „Die fünfte Freiheit“, „Haben und
Nichthaben“, „Sprache und Politik“, „Die politische Ökonomie der Menschenrechte“, „Der
neue militärische Humanismus. Lehren aus Kosovo“, „Provit over People“ und „Offene
Wunde Nahost, Israel, die Palästinenser und die US-Politik“ sind einige Zeugnisse
permanent wahrgenommener Verantwortung, die Chomsky von den Intellektuellen nicht
nur eingefordert, sondern selbst praktiziert hat.
Angesichts seiner umfangreichen intellektuellen Produktion könnte man denken, er sähe
in den Intellektuellen die eigentliche vorwärtstreibende Kraft der Geschichte und traute
ihnen zu, Orwells Problem einfach dadurch zu lösen, dass sie die von ihm postulierte
Verantwortung wahrnehmen, „die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken“. Doch im
Gegenteil: Scharfe und ätzende Kritik am Verhalten von Intellektuellen, ob in den
Sozialwissenschaften, in den Medien oder direkt als „Kopflanger“ der Grosskonzerne,
zieht sich wie ein roter Faden durch Chomskys Werk, mit der er den Kern der Innen- und
Aussenpolitik der herrschenden kapitalistischen Elite der USA aufdeckt. So ist es kein
Zufall, dass er in einem seiner wichtigsten Vorträge in den siebziger Jahren die Worte des
linken schwedischen Schriftstellers Jan Myrdal über die Intellektuellen zitiert: „Wir sind
nicht die Träger des Bewusstseins, wird sind die Huren des Verstandes“; an anderer Stelle
sagt er: „Intellektuelle können wirklich wunderbar lügen – sie sind geradezu Profis auf
diesem Gebiet“. Der Grund für dieses von ihm diagnostizierte Verhalten der Intellektuellen
sieht er darin, dass die Intellektuellen selbst eine Elite darstellen und durch tausend Fäden
mit der jeweils herrschenden Elite der Gesellschaft verknüpft sind. Ober wie Myrdal sagt: „
Wir leben unter den Reichen. Wir leben von der Beute und verkuppeln den Reichen
Ideen“.
Die treibende Kraft im Kampf gegen die heute weltumspannend gewordene Ausbeutungsund Unterdrückungspolitik der herrschenden Eliten verortet Chomsky an ganz anderer
Stelle: bei den sogenannten „einfachen Leuten“, die Opfer dieser Politik sind und im
Gegensatz zu den meisten Intellektuellen kein Interesse daran haben, sie schönzufärben
und so zur Vertiefung von Orwells Problem beitragen. Dementsprechend hat er immer
wieder darauf hingewiesen, wie manche historischen Fortschritte in Richtung auf mehr
Freiheit und Gerechtigkeit ganz ohne Führer aus den Reihen der Intellektuellen zustande
gekommen sind, Fortschritte, die seiner Ansicht nach auch in Zukunft möglich sind.
Chomsky versucht, seine eigene Tätigkeit in den Dienst solcher Bewegungen zu stellen,
und ist seit Jahren in ein breites, dichtes Netzwerk von Aktivistinnen und Aktivisten
eingewoben, die an noch weiter reichenden Themen arbeiten als er selbst. Die Zeitschrift
Z-MAGAZINE und die Verlage SOUTH END PRESS, COMMON COURAGE und SEVEN
STORYS, denen Chomsky zu grösseren Auflagen verhalf, sind Beispiele dafür. Dabei
bewertet er seine eigene Rolle als prominenter „öffentlicher Intellektueller „
folgendermassen: „Ich finde, ich bin derjenige, der sich auf die anderen Leute stützt. Wenn
ich, sagen wir einmal, nach Chicago gehe, um einen Vortrag zu halten, tue ich ja nicht
mehr, als hinzugehen. Die ganze Arbeit ist dann von den Organisatoren schon gemacht
worden... Ich beute die Arbeit anderer Leute aus. Das heisst, eigentlich ist es gegenseitige
Ausbeutung...“ Das mag ein wenig kokett klingen, ist aber durchaus ernst gemeint. Seit
Jahrzehnten arbeitet Chomsky, der im letzten Dezember 75 Jahre alt geworden ist,
beharrlich daran, Intellektuelle und die Massenbewegungen für Freiheit und Gerechtigkeit
zusammenzubringen. Engagiert, risikobereit, mutig, leidenschaftlich, konsequent.“
Michael Schiffmann: Der Intellektuelle als Aktivist, in: Ossietzky. Zweiwochenschrift für
Politik / Kultur / Wirtschaft . Siebter Jahrgang. Nr. 10. 15. Mai 2004
2004-05-28
„... Das wird in Zukunft anders sein: Rund eine Million Langzeitarbeitslose gibt es, und das
werden die armen Alten von morgen sein. Sie werden völlig anders leben als die
Einzelkinder, denen irgendwann eine ganze Schar von Grosseltern und kinderlosen
Tanten grosse Vermögen vererben wird. In Deutschland droht die Klassengesellschaft
alten Stils wiederzukehren.
Als vor einigen Jahren der damalig BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel keck und
provozierend fragte: „Kennen Sie etwa einen Armen?“, schauten viele Politiker
erschrocken und ratlos zurück. Es gab die Armen zwar schon damals, doch inzwischen ist
es selbstverständlicher geworden, über Unterschichten und deren Verwahrlosung zu
reden. Man weiss, dass Armut nicht nur eine Frage von Besitz und Einkommen ist (sonst
wären die meisten deutschen Studenten „arm“.). Es kommt nicht bloss auf die
Aussenansicht an.
Vor allem aber wächst die Einsicht in der Politik, dass nicht jede Form von Umverteilung
die Wachstumskräfte bremst: Eine höhere Erbschaftssteuer nach amerikanischem Vorbild
zum Beispiel wäre nicht leistungsfeindlich – im Gegenteil. Die Umstellung auf ein
Gesundheitssystem, aus dem sich die Wohlhabenden nicht länger verabschieden dürfen,
würde die Lohnnebenkosten senken und die Arbeit billiger machen.
Selten war so klar, wer in Zukunft Unterstützung verdient und wer mehr für die
Gemeinschaft leisten kann. Die Rentner- und Gewerkschafts-Apo hat soeben versäumt,
daran zu erinnern. Sie wird für Reformen gebraucht.“
Elisabeth Niejahr, aus: Die kommende Armut. Wenn die Politik weiterschläft, kehrt die
Klassengesellschaft zurück. In: Die Zeit Nr. 16. 7. April 2004
„...Als der Prophet Mohammed 632 n. Chr. starb, gab es einen offiziell, schriftlich fixierten
Koran noch nicht. Der dritte Kalif Uthman (644-656) liess als Erster eine verbindliche
Ausgabe auf der Basis der Auskünfte von Personen, die den Text auswendig gelernt
hatten, und teilweise wohl auch nach bereits existierenden Manuskripten herstellen. Zu
dieser Zeit gab es noch keine arabische Grammatik, sie wurde erst 150 Jahre später
kodifiziert. Auch die so genannten diakritischen Punkte, die die gleich geschriebenen
Konsonanten im heutigen Arabisch voneinander unterscheiden, waren damals noch nicht
üblich.
Für Luxenberg ist deshalb klar, dass beim Versuch, den Koran arabisch zu lesen und
niederzuschreiben, logischerweise Lesefehler und Übersetzungsfehler gemacht wurden...
...Ein plakatives Beispiel für die Übersetzungsfehler sind die Huris, die berühmten
Jungfrauen, die den Selbstmordattentätern, den Märtyrern, im Paradies versprochen
werden. In Wirklichkeit sind es „weisse Weintrauben als symbolische Ausstattung des
christlichen Paradieses.“ Aufschlussreiches gibt es auch zum Kopftuch zu finden, das der
Koran den Frauen angeblich vorschreibt. „In einer Passage der Sure 24, Vers 31 heisst es
arabisch gelesen: Sie sollen ihre Chumur auf ihre Taschen schlagen! Diese
unverständliche Passage wurde dann so interpretiert, dass sie sich ihre Kopftücher über
ihre Brüste ziehen sollen. Syro-Aramäisch ist es aber so zu verstehen, dass sie sich ihre
Gürtel um die Lenden (Taille) schnallen sollen.“
Für Christoph Luxenberg ist der Koran ein syro-aramäisches liturgisches Buch mit
Auszügen aus der Heiligen Schrift zur Verwendung im christlichen Gottesdienst. Er habe
Aufforderungen zur Teilnahme an der Abendmahlliturgie und Hinweise auf das
Weihnachtsfest gefunden. „Der Koran war von Anfang an nicht als eine Grundlage einer
neuen Religion gedacht. Er setzt vielmehr den Glauben an die Schrift voraus und hat
insoweit Vermittlerrolle.“ Der Koran also nur eine arabische Version der Bibel? Eine
gewagte These, nicht nur heute, in der Zeit islamischer Militanz.
... .. “Wenn religiöse Staaten wie Saudi-Arabien oder der Iran gewillt wären, den Koran so
zu verstehen, wie er objektiv verstanden sein will, würden sich für die islamischen Völker
dadurch hoffnungsvolle Perspektiven eröffnen.“
Etwas sehr unrealistisch, würde Amal Saad-Ghorayeb, die Assistenz-Professorin für
Politikwissenschaft aus Beirut sagen. Als Hisbollah-Spezialistin weiss sie nur zu gut, dass
es für einen Moslem nach 1400 Jahren Islam wohl keinen Weg gibt, den Koran, sein
heiliges Buch, als christliches Werk anzuerkennen.“
Alfred Hackensberger, aus: Lesarten des Korans. In: Frankfurter Rundschau 15. April
2004-05-28
„...Es hiess, die Love Parade werde abgesagt, weil Berlin kein Subventionsgeld mehr für
sie hat. Dazu sage ich: Die Hippies, die Surrealisten, Greenpeace, die KPdSU, Rainer
Langhans, die Rolling Stones, Beate Uhse und der Mainzer Karneval sind auch ohne
Subventionen des Berliner Senats ausgekommen. Geht meinetwegen mit der Love
Parade und der Fruchtfliege nach Leipzig und übt den Geschlechtsverkehr auf den Zinnen
der Moritzbastei aus. Mag sein, dass ich den Anfängen nicht genügend gewehrt habe.
Aber niemand soll behaupten können, ich hätte nicht laut genug die Enden gelobpreist.“
Harald Martenstein, aus: Paradebeispiel. Harald Martenstein hofft auf ein Ende der Love
Parade. In: Die Zeit Nr. 18,22. April 2004-05-28
2004-05-26
„Die Konzerne klagen, sie müssen so genannte Schattenkraftwerke vorhalten, die bei
Windflaute den benötigten Strom liefern. EON spricht von bis zu vier Kohlekraftwerken
alleine in seinem Regelbereich. Macht Windkraft da überhaupt Sinn?
Stephan Koller: Ich kenne keinen Fachbegriff Schattenkraftwerk. Das Strom-Verbundnetz
ist im 20. Jahrhundert aufgebaut worden, um eine optimale Zusammenarbeit zwischen
verschiedenen Kraftwerkstypen – etwa Wasser und Kohle – sowie Stromkunden mit
unterschiedlichen Verbrauchskurven zu ermöglichen. Ziel war schon damals, die
notwendige Regel- und Reserveenergie klein zu halten. Jetzt geht es darum, die Windkraft
zu integrieren. Dabei ist es nicht seriös, die Reserve-Kapazitäten für Windkraft nur separat
zu betrachten.
FR: Ein Ausbau der Reserve ist unnötig?
Stephan Koller: Natürlich muss die Leistung der Windkraftwerke im Netz abgesichert sein.
Man muss mit Flauten rechnen, so wie im Sommer 2003, als grossflächige
Hochdruckgebiete über Norddeutschland festlagen und nur wenig Wind wehte. Dann
müssen konventionelle Kraftwerke die Versorgung übernehmen. Wir haben aber die
einmalige Chance, den Kraftwerkspark in den nächsten Jahren gut auf die neue Lage
auszurichten. Bis 2020 muss fast die Hälfte der Kraftwerke, entsprechend 40 000
Megawatt Leistung, erneuert werden, weil sie ihre maximale Lebensdauer erreichen. Wir
werden weniger Grundlast-, aber mehr Mittel- und Spitzenlast-Kraftwerke bauen als
bisher, um flexibel auf Schwankungen bei der Windkraft reagieren zu können.
FR: Es ist also nicht nötig für jedes Windkraftrad ein Schattenkraftwerk zu bauen?
Stephan Koller: Nein, eben nicht. Man muss das gesamte System betrachten. Wir
brauchen ja auch nicht für jedes Atomkraftwerk, das eventuell kurzfristig vom Netz gehen
muss, ein Reservekraftwerk. Um dieses Risiko abzufangen, gibt es das Verbundnetz.
Ohne dieses könnte man AKW-Blöcke mit 1200 Megawatt und mehr gar nicht betreiben...“
Der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Koller, im Gespräch
mit FR-Redakteur Joachim Wille, in: Frankfurter Rundschau 9. März2004
So langsam wird es wieder Zeit, eine neue Weltkarte der Verbote zu gestalten. In
Singapur bitte keinen Kaugummi auf den Boden schmeissen (Strafe:? Dollar), keine
Drogen zu nehmen (Strafe: Tod). In China empfiehlt es sich, nicht in Sekten a la Fallung
Gong Mitglied zu sein und auch der zu freiheitliche Gebrauch des Internet kann tödlich
enden.
Im Norden Afrikas sollten Frauen einen Bogen um Männer machen – sie könnten leicht im
Stofftuch eingebunden bis zum Kopf eingebuddelt in der Erde landen, auf dass die Steine
der Menge sie zu Tode steinige.
Indonesien will jetzt auch im Club mitmachen: „Nach einem Gesetzentwurf des
Justizministeriums soll oraler, homosexueller und ausserehelicher Sex mit Haftstrafen
zwischen einem und zwölf Jahren bestraft werden. Und Paare dürfen nicht mehr ohne
Trauschein zusammen wohnen. Männer, die Heiratsversprechen brechen, sollen ins
Gefängnis. Laut Jakarta Post hat das Parlament sich darauf verständigt, mit einem
„Pornographiegesetz“ noch nachzulegen. Geplant sei, öffentliches Küssen auf den Mund
und erotisches Tanzen mit fünf Jahren Gefängnis oder umgerechnet 25 000 Euro
Geldstrafe zu ahnden.“ (Moritz Kleine-Brockhoff in: Frankfurter Rundschau 11. März 2004)
„...Der Preis dieser Strategie ist hoch, das hat dieser Parteitag gezeigt. So viel
Vergangenheit war nie. Immerzu wurden die roten Ahnen zitiert. Schröder erinnerte an das
Kaiserreich und die Weimarer Republik. Man sprach von Ferdinand Lassalle und August
Bebel. Als Müntefering den Heidelberger Parteitag von 1925 erwähnte, glaubte jeder, der
Franz sei dabei gewesen. Zwischendurch wurde ihm ein Plakat des Reichsbanners
überreicht, und am Schluss sang der Steiger-Chor alle Strophen der Genossen-Hymne
„Seit an Seit“ sowie als Zugabe das STEIGERLIED. Das alles war sozusagen die SPD vor
der Erfindung des Jazz.“
Bernd Ulrich, aus: Glückauf, bergab. Müntefering und Schröder wollen die SPD retten,
selbst um den Preis der Macht. In: Die Zeit Nr. 14. 25. März 2004
„..Zusammen: Die FDP ist führungslos: sie ist themenlos, ohne Ideen und Gesicht. Das ist
der Kern ihrer Krise. Und es ist doch verwunderlich. Denn natürlich haben wir eigentlich
gute, ja goldene Jahre für Liberale. Wir befinden uns in der Wissensgesellschaft. Wir
bemerken die Entwicklung und Expansion einer neuen Bürgerlichkeit. Wir erleben den
Zuwachs von Individualität, Selbständigkeit, Autonomie. Wir nehmen Abschied von den
Strukturen und Organisationen der Grosskollektivität. Mithin: Die sozialen und kulturellen
Voraussetzungen für Liberale werden breiter und grösser; die gesellschaftliche Basis der
klassischen Volksparteien dagegen schmilzt. Dazu: Noch nie war die mentale Differenz
der Bevölkerungsmehrheit gegenüber den beiden Grossparteien so riesig wie jetzt.
Im Grunde bietet das beste Gelegenheiten für Liberale. Aber eine solche liberale Partei,
die die unzweifelhaften Chancen nutzen könnte, braucht wirklich ausdrucksstarke,
bemerkenswerte Individuen an der Spitze, braucht eine kraftvolle thematische
Ausstrahlung, braucht eine grössere Glaubwürdigkeit als die ziemlich diskreditierten
Volksparteien.
Die reale FDP ist anders: Sie wirkt politisch erschütternd unterkomplex, thematisch
verblüffend einförmig, personell eklatant ausgedörrt; sie wirkt wie eine dreiste und
egozentrische Mittelstandsinteressenvereinigung ohne farbiges Personal, ohne kulturellen
Anspruch, ohne Inspiration und Esprit, ohne programmatische differenzierten Weitblick.
Sie wirkt, nun ja, unliberal. Man kann es auch so sagen: Für eine liberale Partei gibt es im
neuen bürgerlichen Zeitalter grosse Chancen. Für die FDP, wie sie gegenwärtig ist, gibt es
diese Chancen nicht.“
Professor Dr. Franz Walter, Professor für Parteienforschung an der Georg-August
Universität Göttingen. Er leitet unter anderem das Forschungsprojekt „Zur Geschichte des
Liberalismus und der FDP + 1993 bis 1995. In: Frankfurter Rundschau 24. März 2004
www.humanistische-union.de: Hier ist der komplette Gesetzentwurf für ein
Informationsfreiheitsgesetz zu finden.
Der Entwurf ist von
www.netzwerkrecherche.de
www.dju.verdi.de
www.djv.de
www.humanistische-union.de
www.transparency.de
„Die Arbeitslosigkeit von 8.7 Prozent lässt Italien im europäischen Vergleich gut dastehen.
Aber der zweite Blick auf die Statistik lässt erschrecken: 27,7 Prozent der Arbeitnehmer
zwischen 15 und 24 Jahren finden keine Stelle. Und das Gefälle zwischen Norden und
Süden nimmt auf dem Arbeitsmarkt zu. Während manche Regionen im Nordosten auf
Vollbeschäftigung zusteuern, sind etwa drei Fünftel aller italienischen Arbeitslosen im
Süden zu finden. Die Chancen, im Mezzogiorno eine Stelle zu finden, sind für junge Leute
besonders gering und in einzelnen Gegenden/Zonen tendieren sie gar gegen Null.
In Zahlen: Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit beträgt im Süden 17,8 Prozent, im
Nordosten 3,6,im Nordwesten 4,2 und in Mittelitalien 6,3 Prozent. Für 15- bis 24-jährige
liegt die Rate im Süden bei 51, im Nordosten sind es 9,9, im Nordwesten 13,6 und in
Mittelitalien rund 21 Prozent.“
Roman Arens, aus: Dolce vita ade. Italien steckt in einer tiefen Krise – viele Familien
kommen inzwischen bis zum Monatsende kaum über die Runden. In: Frankfurter
Rundschau 2. April 2004-05-26
Der Bericht „Erscheinungsformen des Antisemitismus in der EU 2002-2003“ der
Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC)
ist hier zu finden:
www.eumc.eu.it
„Er wird seinen Geburtstag auf seiner Insel, dem Südseeatoll Tetiaora verbringen. Er wird
am Strand sitzen, mit abwesendem Blick übers Meer und mit halb offenem Mund, damit er
den Wind schmecken kann. So jedenfalls hat er in seiner Autobiographie die Stunden
beschrieben, die ihm die schönsten geworden sind nach dem Rückzug von Broadway und
Hollywood und den Turbulenzen des Lebensgenusses.
Irgendwann war es auch auf der Insel, wo er mit alternativer Energie experimentiert und
mit Kindern aus drei Ehen und einer anderen Beziehung lebt, sehr turbulent zugegangen;
der Freund seiner schwangeren Tochter Cheyenne wurde erschossen von seinem Sohn
Christian. Der hatte sich jedenfalls für schuldig erklärt und ging dafür ins Gefängnis,
während sich Cheyenne, vorübergehend mitverdächtigt, selbst tötete. So hat das
Privatleben dieses gigantischen Schauspielers oft genug seine darstellerischen
Leistungen überschattet.
Bei uns kennt man ihn nur zur Hälfte. Denn wir kennen seine Stimme kaum. Wenn Charlie
Parker oder Miles Davis sprächen, statt Saxophon oder Trompete zu spielen: so ähnlich
müssten ihre Stimmen klingen, wie die von Vito Corleone im DER PATE oder die von
Krutz in APOCALYPSE NOW. Aber auch die anderen klingen so, die von Paul vom
LETZTEN TANGO IN PARIS, von Terry Malloy aus DIE FAUST IM NACKEN oder von
Jonny (Der WILDE) oder – auf ewig unvergesslich – die von Stanley Kowalski. Wenn der
im ENDSTATION SEHNSUCHT nach Stelle schreit, kann man sie verstehen, die Frauen
und Mädchen, die Marlon Brando im Wortsinn hörig geworden sind.
Auch in den weniger rühmlichen Filmen der neunziger Jahre, als er noch einmal zu filmen
anfing, funktionieren sie, der Zauber dieser Stimme und die Magie dieser Gestalt...
Bis Francis Ford Coppola wieder das Äusserste von ihm forderte, als der Pate genauso
wie als der wahnsinnige Colonel, der aus dem Roman HERZ DER FINSTERNIS von
Joseph Conrad in den Dschungel von Vietnam geraten ist. Als er auf dem Set in
Kambodscha ankam – würde jedenfalls Eleanor Coppola, die Frau des Regisseurs,
berichten-, hatte er schon die erste von zehn Millionen Dollar bei Vertragsunterzeichnung
bekommen und war vertragsbrüchig, weil er nicht, wie vereinbart, abgespeckt hatte. Da er
mit annähernd drei Zentnern zu massig war für die Rolle, musste Coppola den Part
umschreiben und liess ihn (in der Redux-Fassung: erst nach 150 Minuten!) nur in
abgedunkelten Räumen spielen, fünf Auftritte sind es allenfalls. Es war eine der kühnsten
und erfolgreichsten Entscheidungen der Filmgeschichte. Weil es nur noch auf den
fettglänzenden nackten Schädel im Halbdunkel ankam – und auf die Stimme. Sie erst ist
der Mann, grob und rotzig, aggressiv, weil verletzlich. Sie ist immer schier unerträglich,
diese Stimme, wie die eines verwöhnten oder vernachlässigten Kindes. Es ist ein einziger
Schrei nach Liebe – wie nach Stella.“
Peter W. Jansen, aus: Herz der Finsternis. Die Stimme ist der Mann: Brando wird 80 und
blickt übers Meer. In: Frankfurter Rundschau 3. April 2004
Live-Mitschnitte der Reunion von Vanilla Fudge gibt es hier:
www.wallbreaker.de
Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WBGU
fordert eine strategische Energiepartnerschaft zwischen der EU und Nordafrika:
www.wbgu.de
„...Ich habe etwas getan gegen die „ethnischen Säuberungen“ im Kosovo; ich habe
Veränderungen herbeigeführt. Ich habe es jedoch nicht geschafft, etwas gegen den
Genozid in Ruanda zu tun. Aus vielen Gründen war ich dazu nicht in der Lage. Das lastet
schwer auf mir. Ich ging dorthin und sah die Auswirkungen des Völkermordes, dieses
wirkliche Grauen, das mir fast schon surreal vorkam. Wir flogen zu einem Platz, wo es
eine Kirche und einen See gab. Ich dachte: Was ist das bloss für ein schöner Ort! Aber
dann gingen wir zu der Kirche hin, und diese Kirche war das KILLING FIELD. Ruanda ist
ein katholisches Land, und die Menschen suchten vor ihren Verfolgern Schutz in der
Kirche, sie rannten dorthin und wurden dann reihenweise umgebracht. Neben der Kirche
war ein riesiges Erdolch, wo UN-Hilfsorganisationen noch heute Skelette ausgraben, um
aufzuklären, was dort Grauenvolles passierte.
Ich näherte mich dem Ort, um es mit eigenen Augen zu sehen. Auf einem Tisch lag das
Skelett eines Kindes, das ungefähr so gross wie eines meiner Enkelkinder gewesen sein
muss. An seinem Schädel konnte man sehen, wo die Machete niedergegangen war. Dann
gingen wir in ein Stadion, auf dessen Sitzen noch Blut zu sehen war. Die Mörder hatten
Menschen in das Station getrieben und dann erschossen. Als sie nachts keine Munition
mehr hatten, schnitten sie den Überlebenden die Fersensehne durch, damit keiner
davonlaufen konnten. Am nächsten Tag kamen sie wieder und erschossen die noch
Lebenden. Es war ein realer Alptraum, der mit den schönen Träumen des Lebens nichts
zu tun hat.
Ich sass zu jener Zeit im UN-Sicherheitsrat und musste miterleben, dass wir keine
Sicherheitskräfte nach Ruanda hineinbekamen, um das Blutvergiessen zu beenden. Ich
war so hilflos zu jener Zeit, fühlte mich elend und schwach. Wenn ich träumen darf, dann
auch davon, dass mir niemals mehr eine solche Situation widerfährt...“
Madeleine Albright, aufgezeichnet von Marc Kayser, aus dem englischen von Jeannine
Kantara, aus: Ich habe einen Traum, „Ein Mann kann weinen, weil er damit seine
Sensibilität zeigt. Wenn aber eine Aussenministerin weinte, sie würde nie wieder ernst
genommen“. In: Die Zeit Nr. 12. 11. März 2004-05-26
„...In einer Laudatio auf den Musikkritiker Joachim Kaiser hat Loriot im Grunde
beschrieben, wie sein Humor funktioniert, nämlich musikalisch: „Ich werde nicht müde, Dir
zuzuhören. Du bist einer von den wenigen, die ich gern in meiner Nähe wüsste, wenn
unser Planet ganz unerwartet detonierte. Du würdest mit verschränkten Armen lauschend,
den Kopf zunächst zurück, dann schräg nach vorne geneigt, die Spontaneität der
rauschenden 64ste durchaus als Gewinn betrachten, den e-moll-Gedanken im Es-DurKosmos aber eben doch vermissen, zumal die erhofften Presto-Träume trotz
ungewöhnlich gross angelegter Durchführung leider nicht stattgefunden hätten. Schöne
Momente also, aber kein Ereignis. Ich wüsste nicht, was tröstlicher wäre.“ Vielleicht ist das
Loriots Geheimnis: Erwarte musikalisch nicht zu viel vom Weltuntergang. Ach was?!“
Markus Braus, aus: Der Gesang des Loriot. Vicco von Bülow ist so komisch wie Mozart
schön, denn was sie eint, ist die Musikalität. Eine Lobeshymne zum 80.Geburtstag. In:
Frankfurter Rundschau 6. November 2003
2004-05-25
„...Nach dem 30. Juni den Sieg erklären und abziehen? Das wäre ein Rezept für den Krieg
aller gegen alle, den Zerfall in drei De-facto-Staaten und die Intervention ängstlicher oder
gieriger Nachbarn. Angesichts lauter übler Optionen drängt sich ein Paradigmenwechsel
auf: Die Rücknahme des feinen, aber illusorischen Ziels der Demokratisierung zugunsten
der altmodisch-realpolitischen „Stabilität“. Der israelische Strategie Yossi Alpher hat den
Unterschied an zwei Personen festgemacht. Kein arabischer Potentat ist so demokratisch
gekürt worden wie Jassir Arafat, keiner hat aber als Terrorpate und Verweigerer eine so
destruktive Rolle in Nahost gespielt wie er. Dagegen Muammar Al-Ghaddafi, ein Diktator
wie aus dem Lehrbuch: Mit ihm können wir gut leben, seitdem er Terror und
Massenvernichtungswaffen abgeschworen hat....“
Josef Joffe, aus: Ein Ghaddafi für Bagdad. Demokratie im Irak? Nach einem verpatzten
Krieg kann das Ziel nur noch Stabilität sein. In: Die Zeit Nr. 22, 19. Mai 2004-05-25
„Zur Person: Günter Gaus“. So müsste die Sendung heissen, die ich gerne sehen würde,
und wenn das Wünschen helfen würde, müsste er auch die Fragen mitformulieren. Dann,
ganz sicher, würde man den Ursachen dafür besser auf die Spur kommen, weshalb er
eine derart herausragende politische Figur in der Bundesrepublik geworden ist. Einer, der
erklärte; der aber auf eine ganz eigene Weise erklärte, mit einer unverwechselbaren
Grundmelodie, seit er 1958 beim SPIEGEL anfing, dann bei der SÜDDEUTSCHEN
ZEITUNG als Kommentator, als Interviewer beim SÜDWESTFUNK, nach der Wende 1989
dann beim FREITAG, als Buchautor nicht zu vergessen. So hat sich die Republik
erstritten. Mit solchen Personen. Sie haben sie liberal gemacht...
Gaus nahm das ganze Land so ernst wie die Personen, die er kennen lernen wollte. Es
wirkte oft unerbittlich. Aber seine Tochter, Bettina Gaus, Journalistin bei der TAZ, hat ihn
als leibhaftigen Beweis dafür gesehen, dass sich auch in diesem Metier „hohe
Professionalität und Barmherzigkeit bruchlos verbinden lassen“, und das ist nicht
übertrieben. Er schnitt nichts weg in seinen Filmen, aber kannte seine Grenzen...
Mein Bild von Gaus ist nicht das eines Stehengebliebenen, auf den immer weniger hören,
während die Republik sich wer weiss wohin weiterdreht: Er hat vielmehr auf seinen
Massstäben insistiert! Autonomie wird nicht geschenkt! Wie Rudolf Augstein oder Marion
Gräfin Dönhoff zählte er damit zu jenen, die der Republik ihr Koordinatensystem
vermittelten. Zum Glück. Noch am Tag seines Todes hat er sich darüber erregt, dass sie
sich im Hörfunk über eine Verordnung über die Höhe von Frühstücksräumen für Arbeiter
lustig machen. Ja, wissen die Schnösel denn nicht, warum das erfunden wurde und mit
welchen Schikanen den „Kleinen“ die Lust an der Pause vergällt werden sollte? Gaus
wusste es.“
Gunter Hoffmann zum Tode von Günter Gaus, aus: Ein ständig kritischer Vertreter. Dieser
Diplomat und Journalist beharrte auf seinen Massstäben. Ein Nachruf auf Günter Gaus. In:
Die Zeit, Nr. 22, 19. Mai 2004-05-25
Ich wünsche mir, dass das ARD eine Kollektion herausbringt mit den Interviews ZUR
PERSON von GÜNTER GAUS.
Botschaft angekommen, Herr Plog?
„Projekte liberaler Politik im neuen Stadtrat.
Wir wollen
...
. einen „Wagniskapital-Fonds“ der Sparkasse zur Förderung junger Unternehmer in
Lörrach
. das Basler Tram wieder in die Lörracher City holen
....
. den Ausbau der Neumattschule zur Ganztagesschule
.......“
FDP .Die Liberalen, aus: Werbeblatt Sachverstand im Stadtrat. 100% für Lörrach. Frühjahr
2004
„... Ich war eine kämpferische Frau. Jetzt bin ich sanfter geworden. Ob ich erreicht habe,
was ich im Leben wollte? Natürlich nicht. Niemand tut das. Nie schreibst du das Buch, das
du gern geschrieben hättest. Ausser, vielleicht, man ist Goethe. Aber auch er hat im hohen
Alter den bemerkenswerten Satz gesagt: Ich habe erst jetzt gelernt, zu lesen. Wenn ich
ihn richtig verstehe, meinte er, dass wir immer so sehr uns selbst hineinlesen. Vielleicht
erst dann nicht mehr, wenn wir sehr alt sind.“
Doris Lessing, zitiert nach: Bernadette Conrad: Eine Nomadin des Herzens. Eine
Begegnung mit der 85-jährigen Doris Lessing im windumtosten Hampstead. In: Die Zeit
Nr. 22. Sonderbeilage Zeit Literatur Musik. Mai 2004-05-25
Doris Lessing: Ein süsser Traum. Roman. Hoffmann und Campe 2003
„.... Am Beispiel des Antihelden Omar hält Machfus ein glühendes Plädoyer für die
gesellschaftliche Mitte, für Familie und Freundschaft. Diese allein können dem Einzelnen
Halt geben gegen die Versuchungen eines schrankenlosen Individualismus. Die extremen
Lebensentwürfe, Exzess und Askese, führen in die Asozialität und machen nicht glücklich.
Das ist kein sehr aufregendes Fazit. Aber es zeugt von einer Humanität, die nicht nur die
Araber heute dringend benötigen.“
Stefan Weidner, über: Nagib Machfus: Der Rausch. Roman aus dem Arabischen von
Doris Killias, Unionsverlag Zürich 2003. In: Die Zeit Nr. 22. Sonderbeilage Literatur Musik.
Mai 2004-05-25
„...Von dieser pantoffelntragenden Brüderlichkeit gegenüber dem hinkenden Mitgeschöpf,
ja der disproportionierten Menschennatur überhaupt, wo immer nur eine Hälft stimmt und
die andere „vom Fuss fällt“ -, findet man viel bei Calvino. Das springt jetzt natürlich ins
Auge, da Europas Vergrösserung im Gange ist und ja auch Calvinos Werk immer noch
wächst. Gut zwei Dutzend Fabeln und Erzählungen sind soeben aus dem Nachlass
erschienen, einige davon zum ersten Mal, die meisten waren Gelegenheitsarbeiten für
verschiedene italienische Zeitungen. Hier eine rezensentische Ordnung reinzubringen fällt
gar nicht schwer, da wir ja nun diesen schönen Europa-Leitgedanken haben, und als
Ariadnefaden auslegen können. Gleich die erste Geschichte, DER MANN, DER TERESA
RIEF, noch aus den vierziger Jahren, kann man gar nicht anders lesen denn als Allegorie
auf ein kosmisch ambitioniertes Europäertum. Ein Mann steht vor einem Haus und ruft zu
den obersten Stockwerken rauf nach Teresa. Ein Passant will ihm helfen, sonst „hört sie’s
nicht“, und ruft mit. Im Nu ist die Strasse voller Menschen, die alle im Chor „Te-ree-saaa!“
rufen. „Es klang sehr gut“. Allerdings antwortet niemand. Schon gar keine Teresa. Eine
Teresa gibt es hier auch gar nicht, wie der erste Rufer bekennt. „Von mir aus können wir
auch etwas anderes rufen“, schlägt er vor. Betretenes Schweigen. Ein unbehaglicher
Moment. Und jetzt, Calvino: „Na ja“, sagte einer gutmütig, „wir können ja noch einmal
Teresa rufen, und dann gehen wir alle nach Hause.“
Es kommt also gar nicht darauf an, ob das Angerufene (im Haus Europas oder einem
Gotteshaus oder sonstwo) existiert. Der Akt des Rufens mag absurd sein – Teresa, Allahu
Akbar oder Jesu meine Freude -, Hauptsache, er verbindet, er schafft Nähe zwischen
Fremden. Und diese Nähe, so absurd sie auch begründet ist, ist real für diesen Moment in
dieser Stadt dieses Landes dieses Kontinents dieser Erdkugel dieses unendlich kalten
Raums, in dem alles wieder sang- und klanglos verschwindet. ...“
Gabriele Killert über
Italo Calvino: Ein General in der Bibliothek und andere Erzählungen. Aus dem
Italienischen von Burkhart Kroeber. Hanser Verlag, München 2004.
Aus: Gemeinsam Teresa rufen. Der gute alte Europäer Italo Calvino betrachtet uns
wohlwollend aus dem Jenseits. In: Die Zeit Literatur Mai 2004-05-25
www.netzeitung.de/medien/280662.html
Dokumentation: Was kostet die Windkraft?
2004-05-24
"Wahl des neuen Bundespräsidenten
Staatsakt mit Schönheitsfehlern
Der große Tag des Horst Köhler und die kleinen Patzer des Wolfgang Thierse: Die Wahl
des Bundespräsidenten im Reichstag verlief nicht ganz nach Plan, endete dann jedoch
wie erwartet. Die Führer der Union sprechen trotz einer Ermahnung von
Altbundespräsident Richard von Weizsäcker von der nächsten Wende.
Von Kurt Kister
...
Das war natürlich ein Katastrophentag“, zischte sie im Vorübergehen den Reporter an, der
es gewagt hatte, danach zu fragen. Sie meinte es ironisch, nach dem Motto: Ich habe
gerade im ersten Wahlgang meinen Kandidaten durchgebracht und du mäkelst, so seid ihr
Journalistenvolk eben, schon wieder herum. Das Problem von Merkel in solchen
Situationen ist, dass auch ihre Ironie so kalt daherkommt, wie ihr Ärger heiß ist.
Also: Frau Merkel, Tschuldigung: Köhler, hat gewonnen, und die nächsten Tage werden
viel Gelegenheit dazu geben, dass allerorten erwogen wird, warum er knapp gewonnen
hat und ob sich das gegen Merkel richtet oder gegen Köhler oder gegen beide oder ob es
vielleicht sogar einfach nur Stimmen für Gesine Schwan waren.
Die SPD und die Grünen jedenfalls freuten sich nach der Wahl über ihre ehrenhafte
Niederlage, was schon eine ganze Menge in diesen Tagen ist, wo die meisten
Niederlagen von Rot-Grün weniger ehrenhaft sind.
Ludwig Stiegler, der giftige Fraktions-Vize der SPD, brummelte seine Analyse des
Ergebnisses so zusammen: „Das ist die Quittung für diesen Kandidaten. Was der für einer
ist, hat man schon an seiner flachen Rede gemerkt.“
Nu ja, nu, nu, heißt es in Hauptmanns Webern, was soll der Staatssekretär a.D. Horst
Köhler in ein paar Minuten vor der Hymne schon groß sagen? Wie soll er sich da unter die
ciceronischen Rhetoriker einreihen? Er hat es ordentlich gemacht und bot dem geneigten
Publikum immerhin einen bunten, wohlsortierten Strauß von gehobenen Gemeinplätzen,
die durchaus mit dem einen oder anderen originellen Gedanken garniert waren.
Was soll man mehr erwarten?
Horst Köhler ist nicht Carlo Schmid, und den hat die SPD seinerzeit nicht als
Bundespräsidenten durchgebracht. Köhlers Satz zum Beispiel, dass Patriotismus und
Weltoffenheit keine Gegensätze seien, sondern sich bedingten, lässt auf eine große Rede
demnächst irgendwann einmal hoffen.
...
Richard von Weizsäcker also, mit jedem Zoll der ehemalige Leutnant des
Infanterieregiments 9, Potsdam, und nachmaliger Hauptbundespräsident, schritt
gravitätisch zum Rednerpult. Von dort aus las er der unter ihm sitzenden Unionsspitze die
Leviten. Das Amt des Bundespräsidenten sei „ein Amt der absoluten Überparteilichkeit“.
Man dürfe zwar in einer Parteiendemokratie auch über „die langfristigen Folgen der
Präsidentenwahl“ sprechen, dabei aber nicht den Respekt vor dem Amt verlieren.
Schon Gustav Heinemann habe 1969 bedauerlicherweise seine Wahl als ein Stück
Machtwechsel bezeichnet. Ohne dass er es so wörtlich sagte, lautete Weizsäckers
Botschaft: Ihr wuseligen Machtpolitiker sollt nicht dauernd davon reden, dass Köhler der
erste Schritt zu eurer Regierungsübernahme ist.
Versteinerte Mienen
Bei Merkel & Co. versteinerten die Mienen, im Saal erhob sich Gemurre. Nach seiner
Rede schritt Weizsäcker zurück, Merkel stand auf und machte den Ansatz, Weizsäcker die
Hand zu schütteln. Der antwortete darauf, indem er ihr die Wange tätschelte. Das mag
man gern als Parteivorsitzende. Merkel stürmte mehr, als sie ging, anschließend nochmals
aufs Podium und sagte ins Mikro: „Es bleibt uns unbenommen, dass wir weiter sagen
dürfen, wie wir das alles verstehen.“ Laute Beifallsbekundungen von den Tischen. Im
Hinausgehen, so wird kolportiert, habe Köhler später mit Bezug auf den Weizsäcker-Eklat
gefragt: „Was hatte das alles zu bedeuten?“ Nun, auch das wird er noch lernen"
Süddeutsche Zeitung 24. Mai 2004
Süddeutsche Zeitung, 24.05.2004
"Die SZ hat schnell reagiert, viel Platz frei geschaufelt und aus dem famosen New York
Times Magazine Susan Sontags Essay "Regarding the Torture of Others" übernommen, in
dem Sontag über die Folterbilder von Abu Ghraib und die Aktionen und Reaktionen der
Bush-Regierung nachdenkt:
"Die Bush-Administration und ihre Verteidiger sind mehr mit dem PublicRelations-Desaster
- der Weiterverbreitung der Bilder - beschäftigt als mit der komplexen Schuldfrage in
Bezug auf die verantwortlichen Führungskräfte und mit den kriminellen Methoden, die
durch diese Aufnahmen ans Licht kamen. Als erstes ist die Realität auf die Bilder verlagert
worden: Die US-Regierung zeigte sich schockiert und angewidert von den Aufnahmen gerade so, als ob diese Bilder selbst das Entsetzliche wären und nicht das, was sie
zeigen. Auch das Wort Folter wurde sorgsam vermieden. Die Gefangenen seien
möglicherweise 'missbraucht', schließlich auch 'gedemütigt' worden - mehr wurde nicht
eingeräumt." Und Sontag setzt hinzu: "Worte verändern, Worte verstärken oder
reduzieren. Das angestrengte Vermeiden des Wortes 'Genozid' während des
Abschlachtens Hunderttausender Tutsis in Ruanda durch ihre Hutu-Nachbarn wies darauf
hin, dass die amerikanische Regierung damals nicht beabsichtigte, etwas dagegen zu
unternehmen. Die Weigerung, die Vorkommnisse in Abu Ghraib - und in anderen
Gefängnissen im Irak und in Afghanistan, oder in Guantanamo Bay - als Folter zu
bezeichnen ist so unerhört wie die Weigerung, das Geschehen in Ruanda einen Genozid
zu nennen." Im New Yorker gibt es heute keine neuen Enthüllungen durch Seymour
Hersh.
Versöhnlicher als ihre Kollegen, aber auch ein wenig resigniert beurteilt Susan
Vahabzadeh das Festival in Cannes und die Goldene Palme für Michael Moore. "Am Ende
sind Moores angedeutete Verschwörungstheorien, dass mehr dran ist an der Verbindung
zwischen Bush und den Saudis, vielleicht gar nicht so übel - davon kann er nichts
beweisen, aber genau deswegen kann man wenigstens darüber streiten. Moore neigt
dazu, fertige Meinung zu präsentieren, statt sein Publikum zum Selberdenken zu
animieren: er erteilt den Befehl zur Subversion." (Wir verweisen im übrigen auf ein sehr
langes und aktuelles Moore-Porträt im Observer vom Wochenende)."
www.perlentaucher.de 24. Mai 2004
23.05.2004 15:43 Uhr
Die Rede von Köhler
„Deutschland soll ein Land der Ideen werden“
Nach seiner Wahl zum künftigen Bundespräsidenten skizzierte Horst Köhler in einer Rede
seine politischen Schwerpunkte: Wirtschaftsreformen, Globalisierung und Familienpolitik.
Die Rede des künftigen Bundespräsidenten Köhler im Wortlaut.
„Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Allen Mitgliedern der Bundesversammlung, die mich gewählt haben, danke ich für ihr
Vertrauen. Und diejenigen, die mir ihre Stimme nicht gegeben haben, will ich mit meiner
Arbeit überzeugen.
Ich möchte Bundespräsident aller Deutschen sein und ein Präsident für alle Menschen, die
hier leben. Aus gutem Grund ist das höchste Amt in einem demokratischen Staat
niemandem in die Wiege gelegt. Für mich persönlich ist die Entscheidung der
Bundesversammlung ein sehr bewegender Augenblick. Nach sechs Jahren im Ausland
kehre ich mit einem Gefühl von Freude und Dankbarkeit in meine Heimat zurück.
Deutschland hat mir viel gegeben. Davon möchte ich etwas zurückgeben. Ich liebe unser
Land.
Wahrscheinlich erwarten Sie jetzt alle von mir, dass ich von Reformen spreche.
Tatsächlich halte ich eine grundlegende Erneuerung unseres Landes für notwendig und
überfällig. Und als gelernter Ökonom, das werde ich auch weiterhin nicht verstecken, kann
ich Ihnen die Feststellung nicht ersparen, dass ich mir Sorgen um den Zustand der
deutschen Wirtschaft, die Arbeitsplätze und die soziale Sicherheit in unserem Lande
mache. Ich sehe auch inakzeptable Spaltungstendenzen in unserer Gesellschaft.
Viele von Ihnen erwarten, so vermute ich auch, dass ich etwas zur Globalisierung sage.
Globalisierung bestimmt mehr und mehr unser Leben. Sie bedarf, und das ist meine feste
Überzeugung, hier stimme ich mit Johannes Rau überein, der politischen Gestaltung.
Wenn wir es richtig anpacken, kann Deutschland aus der Globalisierung weiterhin großen
Nutzen ziehen. Aber wir müssen auch besonders dafür arbeiten, dass die Globalisierung
den Armen dieser Welt zu Gute kommt. Dies wird nur gelingen, wenn sich die
Industrieländer, also auch Deutschland, in ihrem Verhalten ändern, und vor allem auch
ihre Märkte für die Entwicklungsländer öffnen. Das heißt dann eben auch, dass wir
Wettbewerb und Strukturwandel annehmen müssen
Herr Präsident, meine Damen und Herren,
tatsächlich befindet sich die Welt in einem tiefen Umbruch, wir müssen uns der
Wirklichkeit stellen. Deutschland muss um seinen Platz in der Welt des 21.Jahrhunderts
kämpfen. Ich denke, wir alle werden deshalb auch mit meiner Mitbewerberin, Frau
Professor Gesine Schwan, darin übereinstimmen, dass es gerade in Umbruchphasen auf
Vertrauen als Sozialkapital ankommt.
Und der Begriff Sozialkapital wird sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der
Wirtschaftswissenschaft besetzt. Und sehr zu Recht hat Bundespräsident Johannes Rau
das Thema Vertrauen und Verantwortung in den Mittelpunkt seiner letzten Berliner Rede
gestellt.
In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen, sehr verehrte Frau Schwan, für Ihr
Engagement für das höchste Amt im Staate danken. Der Wettbewerb von uns beiden
Seiteneinsteigern hat dem Land insgesamt sicher nicht geschadet.
Herr Präsident, meine Damen und Herren,
ja ich werde in meinem Amt zu mehr Entschlossenheit, Tatkraft und auch Stetigkeit bei
wirtschafts- und sozialpolitischen Reformen drängen. Doch ich hoffe, ich enttäusche heute
niemanden, wenn ich eine ganz andere Frage voranstelle. Nämlich die Frage, was will
Deutschland im 21. Jahrhundert sein? Was kann es sein? Und wo will dieses Land hin?
Mit Recht betonen viele in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, vor allem Bildung
und Innovation zu stärken.
Deutschland ist mir zu langsam auf seinem Weg in die Wissensgesellschaft. Mein Traum
geht aber noch weiter. Deutschland soll ein Land der Ideen werden. Im 21. Jahrhundert
bedeutet das mehr als das Land der Dichter und Denker, mehr als „Made in Germany“,
mehr als typisch deutsche Tugenden. Das ist sicher etwas ganz anderes als
Großmannssucht und Selbstüberschätzung.
Deutschland, ein Land der Ideen, dass ist nach meiner Vorstellung, Neugier und
Experimentieren. Das ist in allen Lebensbereichen Mut, Kreativität, Lust auf Neues ohne
Altes und Alte auszugrenzen. Das sind neue Gründerjahre, das ist auch die Kraft, mit
Rückschlägen umzugehen und wieder neu anzufangen. Das sind Ideen auch für Europa.
Deutschland, ein Land der Ideen, ist für mich zuerst und vor allem ein Land für Kinder. Wie
kommt es, dass wir in Deutschland immer weniger Kinder haben? Glauben wir nicht mehr
an unsere Zukunft? Kinder bedeuten Neugier, Kreativität und Zuversicht. Kinder sind
Brücken in die Welt von morgen. Wir müssen uns alle anstrengen, eine familien- und
kinderfreundliche Gesellschaft zu werden.
Und dazu brauchen wir konkrete Antworten auf bestimmte Fragen. Zum Beispiel: Wie
schaffen wir es, Elternarbeit anzuerkennen? Wie kann es gelingen, viel besser gelingen,
Familie und Beruf besser zu vereinbaren? Was sind uns Kinder wert? Wir müssen auf
diese Fragen konkrete Antworten finden.
Aber genauso müssen wir auch eine konkrete Antwort auf die Frage finden, was uns ältere
Menschen wert sind. Um die Zukunft zu gewinnen brauchen wir auch deren Erfahrungen
und Weisheit. Wir müssen an Freundschaft zwischen den Generationen schon jetzt
arbeiten.
Deutschland muss sich also verändern, das ist wahr. Aber wir sollten uns dabei auch
unserer kulturellen und religiösen Wurzeln bewusst sein. Wie schaffen wir es, das
abstrakte Wort ’Wert’ aus Politikerreden in Alltagsgespräche und Alltagsverhalten zu
bringen und so lebendig zu machen? Wie schaffen wir es, uns im größer werdenden
Europa unserer nationalen Identität zu vergewissern und zugleich eine europäische
Identität zu gewinnen?
Ich habe übrigens, meine Damen und Herren, die Erfahrung gemacht, Patriotismus und
Weltoffenheit sind keine Gegensätze. Sie bedingen einander. Nur wer sich selbst achtet,
achtet auch andere.
Herr Präsident, meine Damen und Herren,
der heutige 55. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes ist ein guter Tag, uns
wieder auf unsere Stärken zu besinnen. Deutschland hat die Kraft sich zu verändern.
Davon bin ich zutiefst überzeugt. Diese Kraft liegt in den Menschen. Ihre Ideen sind der
Reichtum unseres Landes. Damit sich diese Kraft entfalten kann, müssen wir Angst
überwinden und Selbstvertrauen zurückgewinnen.
Wir können in Deutschland vieles möglich machen. Aber dazu müssen wir uns erst einmal
selbst mehr zutrauen. Und wir müssen wieder mehr auf die Kraft der Freiheit vertrauen. Es
war diese Kraft, mit der vor 15 Jahren die Menschen im Osten unseres Vaterlandes die
scheinbar unüberwindliche Mauer zum Einsturz gebracht haben, einer der großartigsten
Momente unserer Geschichte und auch eine stetige Verpflichtung für uns, die innere
Einheit wirklich zu verwirklichen.
Meine Damen und Herren,
die Kraft der Freiheit zu stärken, darauf achten, dass es gerecht zugeht in Deutschland,
und dazu beitragen, dass wir ein Land der Ideen werden, dafür will ich eintreten und dafür
bitte ich um das Mitmachen aller. Ich grüße alle Landsleute nah und fern, unsere
Nachbarn in Europa und unsere Freunde in der Welt. Gott segne unser Land.“
(Dokumentation von ap) nach: Süddeutsche Zeitung 24. Mai 2004
Ungewöhnlich, diese Goldene Palme für Michael Moore, aber das geht schon in Ordnung,
meint Daniel Kothenschulte in seiner Bilanz des Filmfestivals von Cannes. "Wenn man
ehrlich ist, dann gab es dieses eine, richtungsweisende Meisterwerk, als das Gus van
Sants 'Elephant' im letzten Jahr einen miserablen Wettbewerb überstrahlte, diesmal
einfach nicht. Aber es gab auch genug Filme - und das ist für die Kinozeit, in der wir leben,
schon allerhand -, die man gleich ein zweites Mal sehen möchte."
Was für ein Glück, dass George Tabori ausgewandert ist, schreibt Istvan Eörsi in seinem
Geburtstagsgruß für den Landsmann. Denn "in Zwangssituationen fallen stilistische
Entscheidungen besonders schwer. Inhaltliche Anpassung kann schändlich sein, aber
stilistische Anpassung geht meistens tiefer und kann die Persönlichkeit vernichten." Peter
Michalzik dankt Tabori für die künstlerische Heilung der Deutschen nach dem Zweiten
Weltkrieg. Eine Times mager lang tröstet Christoph Schröder seine Mitbürger über den
profanen Abstieg der Eintracht in die zweite Liga. Auf der Medienseite lässt die ARDGeburt "Wie fit ist Deutschland?" Uwe Ebbinghaus an Ionesco und Beckett denken.
Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Frau vom Meer"
am Schauspiel Frankfurt (in "bewährter 'Kill-Bill'-Dramaturgie", berichtet Florian
Malzacher), ein Konzert von Elvis Costello zur Eröffnung der Ruhrtriennale-Saison 2004 in
Bochum, Hannes Heers Reflexionen über das "Verschwinden der Täter" der
Wehrmachtsverbrechen des Zweiten Weltkriegs und zwei Habermas-Bücher: ein Band
politischer Schriften und Rolf Wiggershaus' Biografie.
Die Tageszeitung, 24.05.2004
"Zweifelhaft" kommt Cristina Nord die Entscheidung für Michael Moore und seinen Film
"Fahrenheit 9/11" in ihrem Cannes-Resümee auf der Tagesthemenseite vor. In ihrer
Beurteilung schließt sie sich Jean-Luc Godard an. "Moore, so Godard während der
Pressekonferenz zu seinem eigenen Film 'Notre Musique', helfe Bush, anstatt ihm zu
schaden. Die Methoden des Agitprop reichen eben nicht aus, um eine filmische Reflexion
zu entfachen, erst recht nicht, wenn sie Agitpop werden. Einen Denkprozess regt dieses
linke Infotainment nicht an." (Der ehemalige Leiter des Dziga-Vertov-Kollektivs muss es ja
wissen!) Dazu noch einmal eine Liste der Preisträger und ein paar interessante
Reaktionen aus der amerikanischen Medienlandschaft. Und Niklaus Hablützel leidet mit
Quentin Tarantino, der bekannte, Filme aus dem Internet zu ziehen und dafür gescholten
wurde."
nach: Perlentaucher 24. Mai 2004
Nachtrag
Bei der TV-Runde auf dem kalten Dach des Bundestagsgebäude Reichstag verwies der
FAZ-Kollege auf Brechts Vorschlag einer deutschen Nationalhymne. So wolle er
Patriotismus verstanden wissen.
Ja, damit kann ich leben:
Kinderhymne
1. Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
daß ein gutes Deutschland blühe
wie ein andres gutes Land.
Daß die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin,
sondern ihre Hände reichen
|: uns wie andern Völkern hin. :|
2. Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein
von der See bis zu den Alpen,
von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wir's,
und das Liebste mag's uns scheinen,
|: so wie andern Völkern ihrs. :|
Worte: Bertold Brecht
Weise: Hanns Eisler
Es gibt eine sehr schöne Vertonung dazu. In Basel in der Kulturwerkstatt Kaserene sang
sie im Heiner Goebbles Stück xxxx.
DEB
2004-05-21
„...FR: Lynndie England wirkt phänotypisch eher männlich. Welche Rolle spielte eine
weibliche Akteurin auf den Folterbildern?
Christina von Braun: Die israelische Soziologin Orna Sasson-Levy hat die
Geschlechterbilder in der israelischen Armee untersucht, wo es einen hohen Frauenanteil
gibt. In ihren Untersuchungen geht es natürlich nicht um Folter, aber die Ergebnisse sind
interessant. Sie hat festgestellt, dass ich die wenigen Frauen in den kämpfenden Einheiten
die gleiche Mimikry, die gleiche Körperhaltung, den gleichen Gestus und die gleiche
Stimme zulegen wie die Männer, weil sie unter einem enormen Druck stehen, genau so zu
sein wie die Männer. Die Tatsache, dass es eine Frau ist, die auf den Bildern gewalttätig
wird, bringt ausserdem die pornografische Ebene hinein. Damit sind diese Bilder sexuell
aufgeladen, weil einerseits die Frau in dieser Machthandlung ungewöhnlich ist.
Andererseits gehört zu jeder Pornographie, dass es so etwas wie einen Voyeur gibt. Der
Voyeur ist in diesem Fall der, der diese Bilder gemacht hat und der wiederum uns alle, die
wir in der Presse diese Bilder beobachten, in gewisser Weise auch entschuldigt.
FR: Werden damit auch wir zu Voyeurinnen und Voyeuren?
Christina von Braun: Ein Gutteil der Medienrezeptikon besteht ja darin, dass wir
schreckliche Bilder sehen wollen. In diesem Fall werden die Bilder noch dadurch
aufgeladen, dass es eine Frau ist, die ohnehin Objekt des Blicks in unseren langen Bildund Sehtraditionen ist. Die Kamera wird zu dem männlichen Voyeur und versetzt uns in
die Lage, mit seinen Augen zu sehen. Der Vietnam-Krieg ging zum Teil wegen der Bilder,
die aus dem Krieg kamen, zu Ende. Diese Bilder sind heute in Hochglanz-Alben zu sehen,
das heisst, sie erfüllen immer noch eine hochvoyeuristische Funktion.
FR: Welche Motive stehen dahinter, die Folterhandlungen in Bildern festzuhalten?
Christina von Braun: Die Bilder der Wehrmachts-Ausstellung zeigen Soldaten bei einer
ganzen Reihe von Greueltaten in osteuropäischen Ländern. Man hat sich auch da gefragt,
warum haben die das aufgenommen? Die Soldaten trugen die Bilder in ihren Brusttaschen
mit sich herum, das waren Trophäenfotos, eine Art von heldischer Selbstspiegelung. Zum
Teil war es aber auch eine Art von Fetisch: Der Tod ist etwa, das den anderen betrifft. Der
Tod ist etwas, von dem ich verschont werde, solange ich hinter der Kamera stehe. Es
hängt also auch ganz eng mit dem Medium Fotografie selbst zusammen. Warum sind
Bilder aus Irak gekommen und keine aus Guantanamo? Und zwar nicht nur fünf oder
sechs, sondern anscheinend tausende. Die Kriege sind Bilderkriege geworden, Bilder
haben eine kriegerische Funktion. Dass allerdings diese Waffe gegen uns zurückschlagen
könnte, das wurde nicht mitbedacht.
FR: Ist die Enthauptung des Amerikaners Nick Berg vor laufender Kamera eine typisch
männliche Antwort auf die Folterung von Männern durch eine Frau?
Christina von Braun: Es ist natürlich viel archaischer, die Guillotine oder das Beil zu
benutzen als eine Schusswaffe, aber das würde ich nicht als typisch männlich bezeichnen.
Die Bilder der Enthauptung entsprechen in ihrer Qualität der von den verbrannten,
aufgeknüpften amerikanischen Soldaten (in Falludscha, Anm. d. Red.). Also nicht eine
Waffe, sondern eine Hand tötet einen anderen Menschen.
FR: In welchem kulturellen Kontext verorten Sie die Folterbilder?
Christina von Braun: Die Bilder waren sicher auch ein Schock für den Westen. Aber
gleichzeitig wissen wir im Westen auch, dass eine solche Gewalthandlung einer Frau
gegenüber Männern im islamischen oder arabischen Kontext schwerer vorstellbar ist, weil
Frauenrollen und Männerrollen anders definiert werden. Hier tut sich ein kultureller
Abgrund auf. Ich bin nicht einmal sicher, dass die Armee das von vornherein geplant hat.
Ich glaube eher, dass die Soldaten geschlechtsneutral eingesetzt wurden und die die
Fotos nachträglich eine andere Dimension bekommen haben.
FR: Auffällig ist, dass westliche Zeitungen auf den Folterbildern die männlichen
Geschlechtsteile schraffiert zeigen. Sollen die Männer, die ja in den Medien ein zweites
Mal fremden Blicken ausgesetzt sind, auf diese Weise „geschont“ werden?
Christina von Braun: Das ist ein Phänomen, das man auch aus den Hollywood-Filmen
kennt. Das männliche Geschlecht darf nicht gezeigt werden, der weibliche Körper
dagegen wird in jeder Form von Entblössung gezeigt. Es ist schon erstaunlich, wie dieses
Tabu hier auch jenseits der kulturellen Grenzen noch funktioniert. Der Phallus, wenn er ein
wirkliches Machtsymbol sein will, darf nie sichtbar werden, sondern muss unsichtbar
bleiben. Es ist etwas Paradoxes darin, dass die männlichen Geschlechtsteile auf den
Bildern zum Verschwinden gebracht werden, obwohl es sich um sexuelle Erniedrigung
handelt.
Die Männer, die für die Publikation dieser Bilder verantwortlich sind, haben ein doppeltes
Interesse zu verteidigen. Einerseits soll die männliche Erniedrigung dargestellt werden, die
eine Frau am arabischen männlichen Körper vollzieht. Andererseits gilt es aber auch,
diese westliche Codierung von Geschlechtlichkeit, nämlich die Gleichsetzung des Phallus
mit Machtstrukturen und damit einem unsichtbaren Körper, zu erhalten. Männlichkeit ist im
westlichen Kulturraum symbolisch geworden: sie wird mit Geld, Auftreten im öffentlichen
Raum, der Grösse des Hubraums oder der Anzahl von Leibwächtern besetzt, nicht direkt
mit dem Geschlechtsteil des Mannes.
FR: Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist dagegen häufig unsichtbar.
Christina von Braun: Die massiven Vergewaltigungen bosnischer Frauen im JugoslawienKrieg sind sehr sichtbar geworden. In der modernen Kriegsführung hat die systematische
Vergewaltigung des Körpers von Frauen der feindlichen Gruppe eine wichtige Funktion
bekommen. Das Problem dabei ist nur, dass nie die Gewalt mitgedacht wird, die dem
weiblichen Körper angetan wird. Die einzelne Verletzung verschwindet hinter dem
symbolischen Körper.“
Barbara Wündisch im Gespräch mit Christina von Braun, Professorin für
Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin zum Schwerpunkt Gender. Die
Essayistin und Filmemacherin hat zuletzt das Buch „Versuch über den Schwindel“ (2001)
veröffentlicht.
In: Frankfurter Rundschau 14. März 2004-05-21
„Ich wollt’ es gäb’ kein Alter zwischen 16 und 23, oder die jungen Leute würden’s
überschlafen; denn dazwischen gibt’s nichts als Jungfern Kindern machen, dem Alter
Schabernack antun, stehlen und raufen“.
His Majesty Sir Shakespeare himself.
Der interne Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) mit dem Titel
“Bericht des IKRK über die Behandlung Kriegsgefangener und anderer von der Genfer
Konvention geschützter Personen durch die Koalitionsstreitkräfte während der Festnahme,
Internierung und des Verhörs“ vom Februar 2004 wurde durch eine Indiskretion dem Wall
Street Journal zugespielt und von dem veröffentlicht. Auszugsweise in einer deutschen
Übersetzung von Daniel Regger war in der FR vom 14. Mai 2004.
www.fr-aktuell.de/doku
www.icrc.org
„...Diese Regierung ist, erstens, in einem Masse zur Privatisierung entschlossen, das weit
über alles hinausgeht, was das Land bisher gesehen hat. Die Privatisierung von
Militärgefängnissen, der militärischen Besatzung, ja vielleicht sogar des Krieges selbst, ist
eine Innovation von Bush II. Zum Teil dient diese dazu, die Kosten des Krieges zu
verbergen (und sie damit wohl noch zu erhöhen), was die Strukturen der fiskalischen
Verantwortlichkeiten unterhöhlt. Wir beginnen gerade erst gerade erst zu erfahren, in
welchem Ausmass private Firmen für Aufgaben im Irak angeheuert wurden und wie sie
honoriert wurden.
Doch weitaus bedenklicher ist, dass diese Leute nicht in den Geltungsbereich der
Militärgesetzgebung fallen, und dass ihnen Straffreiheit unter jeder künftigen irakischen
Rechtssprechung zugesichert wurde. Wenn sie Verbrechen in Irak begehen, müssen sie
in den USA zur Rechenschaft gezogen werden, und solche Ermittlungen sind sehr
schwierig...
Zweites verachten Bush und seine Kollegen nicht nur die internationale Einhaltung von
Menschenrechten, sondern diese Rechte selbst – wann immer sie mit den Zielen der
Regierung in Konflikt geraten...
Der lockere Umgang mit der Konvention entspricht dem Stil dieser Regierung. Derselbe
Stil zeigt sich darin, dass ihre Mitglieder weitaus weniger über die Verletzung der Rechte
besorgt sind als über die Fotos, die diese Verletzung zeigen. Monatelange Proteste des
Roten Kreuzes blieben ohne Wirkung: der schonungslose, detaillierte und couragierte
Bericht von General Antonio Taguba wurde im Pentagon erst gelesen, als die Fotos zu
zirkulieren begannen.
Dies alles sollte uns nicht überraschen. Wir sollten uns vielmehr dafür schämen, dass wir
überrascht sind... Denn es zeigt, dass wir das, was wir wussten, verborgen oder verdrängt
haben – wie autoritär nämlich unsere Regierung geworden ist. In den abscheulichen
Bildern von jungen Amerikanern, die junge Iraker erniedrigen und foltern, erkennen wir die
moralische Physiognomie jener älterer Amerikaner, die in Washington am Hebel sitzen.
Die US-Regierung wird die Gefängniswärter, die man auf den Bildern sieht, bestrafen;
vielleicht auch ihre direkten Vorgesetzten. In Bagdad wird es militärgerichtliche Prozesse
geben. Doch es gibt noch eine andere Art von Gerechtigkeit, politische Gerechtigkeit
nämlich, die in Washington verwirklicht werden muss. Diejenigen, die das Klima der
Achtlosigkeit, ja der Verachtung gegenüber internationalen Konventionen und
Menschenrechten gefördert haben, müssen zum Rücktritt gezwungen oder bei den
nächsten Wahlen besiegt werden. Was die Gerichte tun, ist sehr wichtig; doch was das
Volk tut, ist noch viel wichtiger.“
Michael Walzer, Professor für Sozialwissenschaften in Princeton.
Aus dem Amerikanischen von Ulrich Speck. Aus: Fehler mit System. In: Frankfurter
Rundschau 15. Mai 2004-05-21
2004-05-20
„Der Name Huxley verpflichtet. Zu Fantasie, wenn nicht zu Visionen. Andrey Huxley,
Rechtswissenschaftler aus London und Kenner des Pali-Buddhismus in Südostasien
entwirft eine schöne neue Welt des Klonens, wie sie ein Buddhist erträumen könnt.
Und das geht so: Im Jahr 2008 heiratet ein Mitglied des Kennedy-Clans einen Spross der
Nehru-Gandhi-Dynastie, und sie haben zwölf Kinder. Vierzig Jahre später herrscht der
Klügste ihrer Söhne, ausgestattet mit der perfekten Mischung aus Charisma und
Geschick, als „König Gandhi-Kennedy I“ über die Vereinigten Staaten von Amerindien.
Man schreibt das Jahr 2048, die Genforschung ist viele Entwicklungssprünge
weitergegangen. Also empfiehlt das „Comitee of Internal Aggrandisement“, frei zu
übersetzen vielleicht als Vermehrungsausschuss, jedenfalls abgekürzt CIA, zwanzig Klone
ihres Königs zu erschaffen. Die könnten dann als Prokonsuln die aufsässigen Provinzen
verwalten, Mesopotamien zum Beispiel oder Guatemala oder Java.
„Science-fiction“, sagt Huxley schmunzelnd, und er hoffe doch sehr, “dass ich keine
Vorhersage gegeben habe.“ Um dann zur Moral seines Märchens zu kommen, zur
Nutzanwendung für das Heidelberger Symposium über religiöse und ethische
Perspektiven „auf dem Weg zu einem internationalen Klonverbot“. Huxley selbst hält dies
für ein „Missverständnis von Buddhas Lehre“, aber aus der Paldi-Tradition heraus könnten
wohl viele „dem CIA-Vorschlag beipflichten“, Gefallen finden an der Vision vom weisen
Herrscher, der sich – zum Wohle der Welt natürlich – vervielfältigt.
Religiöse Gefühle von Buddhisten, stimmt der Bonner Indologe Jens Schlieter zu, würden
nicht grundsätzlich verletzt durch reproduktives Klonen. Hindi nähmen eher eine „neutrale
Position“ ein gegenüber menschlichen Artefakten. „Einen Klon zu generieren, würde den
Lauf des Karma nicht behindern“, ob bei einer Widergeburt die Seele in einen natürlich
gezeugten oder im Labor gezüchteten Körper schlüpfe, mache keinen grossen
Unterschied. Und wenn auf diese Weise das Leid kinderloser Eltern gelindert, wenn kein
Leben dabei zerstört würde, - warum nicht? Auf eindeutige Ablehnung stosse dagegen im
buddhistisch geprägten Kulturkreis das so genannte therapeutische Klonen: Embryonen
herzustellen und auszuschlachten zur Verlängerung anderen Lebens sei nicht zu
rechtfertigen in einer Vorstellung, die von mehr als einer einzigen Daseinsstufe ausgeht.
Ein Ausflug nach Heidelberg lohnt doch immer. Auch wenn der Weg nur ins nüchterne
Technologiezentrum führt, zum Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht
und Völkerrecht. In diesem Fall erspart er den Trip nach New York. Wer verstehen will,
warum es in diesem Jahr wieder nicht zu einer weltweiten Ächtung des Klonens durch
eine UN-Konvention kommen wird, kann es hier binnen zehn Stunden erfahren im
interdisziplinären Diskurs der Rechts-, Religions- und (wenigen) Naturwissenschaftler.
Nicht einmal die drei grossen monotheistischen Religionen bieten ein gemeinsames
Fundament gegen das genetische Experiment. Aus dem Koran leitet Professor Ali-Reza
Sheikoleslami, der am Orient-Institut in Oxford lehrt, das „absolute und kategorische“ Nein
gegen das Klonen ab. Der Mensch, „aus Staub geschaffen, beseelt vom göttlichen Atem,
das Gefäss des Geistes Gottes“, dürfe sich nicht die Rolle des Schöpfers anmassen. „Gott
wünscht keinen Partner im Schöpfungsakt“. Da der Islam bereits die Errichtung von
Statuen verbiete, wäre der Klon die vollendete Entweihung von „Gottes Ebenbild.“
Mit der Schöpfungsgeschichte argumentiert indes auch Manfred Oeming, Prorektor der
Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien. Mit der alttestamentarischen Aufforderung,
sich „die Erde untertan“ zu machen, erscheint der Mensch bei ihm als „Mitschöpfer“. Da ist
es dann nicht mehr Selbstüberhebung, sonder logische Konsequenz, wenn das Ebenbild
Gottes „seine Gene verbessern will“. Weil Prä-Embryonen bis zum 40. Tag nach
jüdischem Recht nicht als Leben gelten, sondern „nur als Wasser“ sei bis zu diesem
Stadium die Genforschung genauso legitim wie eine Abtreibung. Mehr noch: Wenn die
Erzeugung von Stammzellen dazu dienen könne, Leben zu retten, zu helfen, zu heilen –
dann, so der Theologe, sei „therapeutisches Klonen nicht nur erlaubt“, vielmehr verstosse
jede Behinderung der Forschung „gegen jüdische Ethik“...
„Vor ungefähr tausend Jahren“, sagt der Alttestamentler Oeming, der in grösseren
Zeitabschnitten zu denken gewohnt ist, „sassen in ähnlicher Runde Leute zusammen, um
über die Anatomie zu beraten“. Ob die Forschung am toten Körper ethisch zu begründen
wäre. Damals legte die christliche Kirche ihr Veto ein, „man überliess den Fortschritt der
jüdischen und islamischen Medizin“...“
Astrid Hölscher, aus: Zwischen Karma und Gott. In: Frankfurter Rundschau 28. Oktober
2003
„...Die für den Bericht verantwortlichen Organisationen empfehlen, dass die
Bundesregierung eine Analyse des vatikanischen Rechts im Vergleich zur deutschen
Gesetzgebung vornimmt und Felder aufzeigt, in denen die katholische Kirche in
Deutschland der deutschen Gesetzgebung zum Schutze der Kinder zuwider handelt.
Der Heilige Stuhl muss mit den staatlichen Behörden zusammenarbeiten, indem er
Beweismittel liefert und die Verfolgung katholischer Geistlicher unterstützt, die in den
Missbrauch von Kindern und Jugendlichen involviert sind. Das schliesst die Aufhebung der
Vertraulichkeit mit ein.
Auch die katholische Kirche in Deutschland muss sicherstellen, dass sie sich im Falle von
sexuellem Missbrauch in der Kirche an nationales Strafrecht hält und finanzielle
Verantwortung für jegliche Verpflichtung übernimmt, die aus Ansprüchen oder Urteilen
entstehen. Ausserdem sollten in den Untersuchungsausschüssen der Diözesen zu
sexuellem Missbrauch und Ausbeutung von Minderjährigen unabhängige Personen und
Beobachter/innen mitarbeiten, um einen angemessenen Schutz der Opfer zu
gewährleisten. Vor allem aber müssen im Ausschuss auch die Opfer und deren
Familienmitglieder vertreten sein. Schliesslich sollen sämtliche Fälle sexuellen
Missbrauchs veröffentlicht werden – natürlich unter Wahrung der Privatsphäre von Opfern
und Tätern“.
Vernea Mosen, aus: Verschweigen, Verleugnen, Vertuschen. Die Behinderung der UNKinderrechtskonvention durch das katholische Kirchenrecht bei sexuellem Missbrauch von
Kindern. In: Frankfurter Rundschau 6. Januar 2004-05-20
Verena Mosen ist Sprecherin der Initiative Kirche von Unten.
www.ikvu.de
„Wird der Berggorilla überleben?
Natürlich wird es im Dreiländereck Kongo, Ruanda und Uganda im Jahr 2010 noch
Berggorillas geben. Die Frage ist nur: Wie viele? Das Bevölkerungswachstum, die Armut
und die anhaltende Krise im Ostkongo sprechen auf jeden Fall dafür, dass es in Zukunft
wesentlich weniger ein werden als heute. Der Verlust von Lebensraum durch die
Abholzung der Bergwälder stellt dabei die grösste Gefahr dar. Ich kann mir langfristig nur
drei Lösungsmöglichkeiten vorstellen, um ihre Ausrottung noch abzuwenden: Schutz der
Berggorillas und ihres Habitats durch „Grünhelme“ der Vereinten Nationen. Privatisierung
der verbliebenen Schutzgebiete. Nur Bill Gates, Walt Disney oder namhafte
Naturschutzorganisationen haben das nötige Kapital, den Willen und die Fähigkeit, ihren
Schutz zu gewährleisten.
Ausweitung des Tourismus unter folgenden Bedingungen: Jeder Tourist verteilt 100
Kondome an die Bevölkerung, finanziert einen Arbeitsplatz und nimmt eine Kalaschnikow
mit nach Hause.“
Wolf Krug, Umweltexperte, Wissenschaftlicher Referent im Deutschen Bundestag, in: Die
Zeit Nr. 2. 31. Dezember 2003
Hörtipp: CDs der Firma Winter und Winter.
Katalog bei: [email protected]
„...Das Wichtigste ist, den Zeithorizont von Politikern, Managern und Bürgern zu erweitern.
Die Leute müssen die langfristigen Konsequenzen ihres Tuns und Lassens begreifen – so,
wie es in den meisten Familien schon heute der Fall ist. Eltern bringen Opfer, damit ihre
Kinder eine bessere Zukunft haben. Diese Einstellung muss in sämtlichen
Lebensbereichen Platz greifen.“
Fritz Vorholz im Gespräch mit Dennis L. Meadows, Autor von „Die Grenzen des
Wachstums“ – Bericht des Club of Rome.
In: Die Zeit Nr. 2, 31. Dezember 2003
„Zu keiner Zeit hatte es eine derart lebhafte Diskussion über die Rechtspolitik gegeben
wie in den vierzehn Weimarer Jahren. Die Zulassung zu Frauen zum Richteramt, die
Bestrafung des „publizistischen“ Landesverrats, die politische Justiz gegen rechts- und
linksorientierte Täter, die so genannten Fememordprozesse und neue Strafrechtsentwürfe,
insbesondere das rechtspolitische Programm der SPD mit der geplanten
Sicherungsverwahrung, all dies war Gegenstand nicht nur der juristischen Publizistik,
sondern auch der öffentlichen Auseinandersetzung.
Schlagartig waren diese Kontroversen beendet mit den Zeitungsverboten und
Massenverhaftungen nach dem Reichstagsbrand, der Entlassung jüdischer und
republikanisch engagierter Richter und Hochschullehrer sowie dem Ausschluss jüdischer
Rechtsanwälte nach den Gesetzen „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und
„über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft“ vom 7. April 1933 sowie mit der
Gleichschaltung der Presse – auch der juristischen Fachpresse – und dem Verbot der
juristischen Selbstorganisationen. Nach dem herausdrängen des jüdischen und
demokratischen Elements aus Rechtswissenschaft, Anwaltschaft und Publizistik herrscht
eine geradezu gespenstische Einigkeit in juristischen Fragen...
Nachdem 1945 alle anderen Fronten zusammengebrochen waren, hat die Rechtsfront als
einzige gehalten. Die jüdischen Juristenkollegen waren zum grossen Teil tot. Viele – wie
Max Alsberg - hatten sich das Leben genommen, noch mehr waren ermordet worden, ein
Grossteil der Vertriebenen blieb im Exil, nur wenige kamen zurück. Was auch nicht
zurückkehrte waren Geist und Rechtskultur, denn mit den Menschen waren ihre Theorien
und Ideen, ihre wissenschaftlichen Programme und Pläne vertrieben und vernichtet
worden. Die Lehrstühle der jüdischen Professoren blieben mit ihren Nachfolgern besetzt,
ihre Bücher hatte man aus den Bibliotheken geworfen und grossenteils verbrannt, ihre
intellektuelle Hinterlassenschaft wurde ignoriert, oder wenn auch “ subtiler“, weiterhin
diffamiert...
Die Bemühungen der Besatzungsmächte, nach dem Krieg die deutsche Rechtsordnung zu
entnazifizieren, hatte die Juristenschaft regelrecht sabotiert...
In grotesker Verdrehung der Tatsachen schob man nach dem Krieg die Schuld am
Niedergang des Rechts den „Rechtspositivisten“ zu. Für jeden, der die rechtstheoretische
Debatte des Dritten Reichs kannte, hiess das: den jüdischen Juristen. Hervorgetan hat
sich bei diesen Schuldzuweisungen Hermann Weinkauff, erster Präsident des
Bundesgerichtshofs, der noch 1968 die „pluralistische Gesellschaft“ und den „Pluralismus
der Weltanschauungen“ Dinge nannte, „bei denen die Sache ebenso bedrohlich wie die
Bezeichnung widerwärtig ist“. Dagegen schwärmte er von einem „geschlossenen
Richterstand, ja einem wirklichen Rechtsstand“. Und Anfang der Siebziger stellt Fritz
Hartung – wie Weinkauff Reichsgerichtsrat a.D. – befriedigt fest, „auf juristischem,
insbesondere strafrechtlichen Gebiet (hat) das nationalsozialistische Regime Fortschritte
von grundlegender Bedeutung gebracht..., die bis heute Bestand haben und aus dem
Strafrecht nicht wegzudenken sind.“
Er glaube, schrieb Rudolf Olden 1940 im Geleitwort zum Gedenkbuch Irmgard Littens für
ihren Sohn, er glaube, „dass man bis heute nicht verstanden hat, was der Opfergang Hans
Littens für uns, die Juristen bedeutet.“ Das gilt wohl auch heute noch, und nicht allein auf
Hans Littens Martyrium bezogen, sondern auch das aller anderen, die für den
Rechtsgedanken gestritten und gelebt haben, allzu oft auch gestorben sind, die daran
festhielten, dass – so Olden weiter – „unser Beruf mehr sei, als eine bestimmte Methode
der logischen Argumentation und als ein Gewerbe, nämlich der breite und feste Quader in
der Grundlage abendländischer christlicher Zivilisation“. Die geringe Rolle, die diese
Erkenntnis heute in der Juristenausbildung spielt, zeigt die Grösse und die Nachhaltigkeit
des Verlustes, den das deutsche Rechtssystem durch die Auslöschung des jüdischen
Elements erlitten hat.“
Prof. Dr. Ingo Müller, Bremen aus: Die Vertreibung des Rechts aus Deutschland.
www.gscbs.de
Den Film ZWISCHEN RAP UND RAMADAN von jungen Muslimen aus Freiburg gibt es für
18 Euro bei [email protected]tadt.freiburg.de
Den Film-Soundtrack bei www.element-3.de
Den grossen Peter W. Jansen und seine genialen Filmbeschreibungen gibt es als DoppelCDs im Bertz Verlag München.
Nr. 42 zum Beispiel:
Taxi/Driver/Apocalypse Now
„Zunächst erscheint Janssens Projekt, 100 Klassiker der Filmgeschichte als Hör-Features
vorzustellen, etwas anachronistisch. In Zeiten von Video und DVD mit ihren SurplusSzenen, Interview, dem Making-of und klugen Kommentaren wirkt es wie ein medialer
Rückfall und erinnert an jene Prä-Video-Tage, als Filmwahnsinnige die Tonspuren vom
Fernsehgerät anzapften, um die geliebten Filme mit geschlossenen Augen sehen zu
können. Doch bald entwickelt die Verschränkung von Analyse, Beschreibung und O-Ton
einen Sog, der nicht nur die Augen öffnet, sondern gerade durch das Fehlen der Bilder die
Bilder zurückbringt...
Es ist jene Mischung aus bildgenauer Erzählung und kritischer Anmerkung /“nur im Kino
vermittelt sich diese Wirkung, im Fernsehen sieht es nach verwackelter Kamera aus“), die
JANSENS KINO so verführerisch macht. Manchmal gibt er der Faszination des Films
nach, wie der saugenden Musik von Bernhard Herrmann für TAXI DRIVER, wenn nötig,
folgt er der „Finsternis des menschlichen Herzens“, indem er den Monolog von Walter E.
Kurtz alias Marlon Brando ungeschnitten wiedergibt; oder er lässt die hohe Stimme
Belmondos in Jean-Luc Godards AUSSER ATEM ausführlich der schönen Jean Seberg
widersprechen, als her er nur zu, als sei es das erste Mal. Er versuche, alles so zu sehen,
als sei es das erste Mal, sagt Jean-Luc Godard, auch beim zweiten Mal, das sei eben „das
erste Mal, das man zum zweiten Mal sieht“. Und er fährt fort in seiner Einführung in eine
wahre Geschichte des Kinos, das man machen müsse, „was man will, aus dem, was man
hat“. Also, darf man folgern, liegt die Stärke dieser Hör-Features in der Beschränkung, im
Fehlen der Bilder, in ihrer wunderbaren Anmut.“
Konrad Heidkampf, aus Hörbuch: Filme hinter geschlossnen Augen. In: Die Zeit Nr. 5. 29.
Januar 2004
2004-05-19
„..Und für die grosse Welt ist Naumann Spezialist, spätestens seit er für den Rowohlt
Verlag 1995 nach New York ging und dort Paul Auster und Salman Rushdie nicht nur zu
Autoren des Hauses machte, sonder auch zu seinen Freunden. Von Hamburg, aber auch
von Berlin aus gesehen, ist ja jemand, der Kontakt zu amerikanischen Geistesgrössen hat,
ein unbedingter Kandidat für alle möglichen wichtigen Posten. Das sah auch der
Bundeskanzler so, als er für sein erstes Kabinett das Amt des Kulturstaatsekretärs ersann
und Naumann darin installierte. Fortan trank Naumann in der Öffentlichkeit Rotwein und
wirkte – seinem Betätigungsfeld angemessen – kultivierter als der Rest von Rot/Grün. Er
vermittelte den Eindruck, dass Deutschland nun dem kulturell enteilten Frankreich
ähnlicher werde, was es nicht wurde, aber die Hoffnung darauf war schön und hat auch
Naumann Spass gemacht.
Natürlich nicht auf Dauer. Nachdem Naumann einiges auf den Weg gebracht hatte – etwa
die Aufstockung der Filmförderung und ein grösseres finanzielles Engagement des
Bundes in Berlin – brach er seine Mission ab und wechselte als Herausgeber zur ZEIT,
und weilt dort ein Chefredakteur ebenfalls fehlte, machte er diesen Job gleich mit.
Der Kanzler war von Naumanns Abgang nicht gerade erbaut, aber er konnte wohl
nachvollziehen, dass Kekse essen und Cognac trinken mit Gräfin Marion Dönhoff und
Helmut Schmidt auch was für sich haben. Die ZEIT hat ja in punkto kontemplatives
Arbeiten einen legendären Ruf.
Es gibt Chefredakteure, die beschränken sich auf das Ausstrahlen angeborener
Führungskraft und schreiben selbst keine Zeile – Naumann definiert den Job anders. Er ist
der wichtigste (neben den Mitherausgebern Helmut Schmidt und Co-Chefredakteur Josef
Joffe natürlich) und deshalb macht er auch die wichtigsten Themen. ExBundesbankpräsident Welteke oder Amerikas Psyche.
Fünfspaltig liess Michael Naumann seine Gedanken zu Folter und Krieg vergangene
Woche über die Titelseite laufen. Die ZEIT ist unter Naumann erstarkt. Sie wirkt optisch
moderner und inhaltlich relevanter, mal abgesehen von den Wochen, wenn sich ganze
Zeitungsteile mit dem Unbill der modernen Mutter auseinander setzen.
Man merkt, dass die Redaktion wieder Spass hat, ein Redakteur spricht sogar davon,
dass in den Konferenzen Albernheit herrsche...
Tatsächlich weiss Naumann so einiges, was andere nicht wissen – zum Beispiel, dass ihm
Rudolf Augstein mal angeboten hat, Chef beim SPIEGEL zu werden. Er weiss, dass
Donald Rumsfeld am Pentagon vorbei den Irak-Krieg geplant hat. Und er weiss, dass man
Arschlöcher auch Sykophanten nenne kann, was im Kreis von Journalisten mit weniger
Wörtern im Gepäck gut ankommt.
Das Gute an Naumann, dem die teuren Anzüge wesentlich besser stehen als Joschka
Fischer, ist, dass er nur aussieht, als wären ihm die Ideale von 68 heute peinlich oder
egal. Als er in einer Talkshow zum Thema Friedmann sass, sah er ein paar Minuten so
aus, als plädiere er gleich für die Legalisierung von Kokain. Er nannte den Staatsanwalt
durchgeknallt und bekam prompt ein Verfahren. Auch wenn dieses Land meistens
demokratisch wirkt, weiss Naumann im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen, dass der Firnis
der Verhältnismässigkeit nur ganz dünn ist. Das hebt ihn aus dem Gros der
Vergangenheits-Vergesser heraus.
Naumann steht dazu, bei den Schwabinger Krawallen Mitte der Sechziger mitgemacht zu
haben, und dass er nicht in den Untergrund abgerutscht ist, hat er seinem damaligen
Professor zu verdanken – der ihm eintrichterte, dass Marx Unsinn sei. Der Mann stand ihm
zwar politisch diametral gegenüber, aber irgendwie hatte er wohl mehr Stil als die ganzen
Linken zusammen. Und noch etwas spricht für Naumann: Er hat sich seine Wut erhalten.
Auf die Frage nach Wunschgästen für seine Talkshow heute um 22.45 Uhr, die der RBB
als gediegenes Salongespräch ankündigt, sagt er, dass er gern BILD-Chef Kai Diekmann
einlüde, um ihm die Prostituiertenanzeigen vorzulesen, die er im Blatt hat. Mal sehen, ob
Diekmann heute da ist.“
Oliver Gehrs, aus: Sag doch mal Sykophant. Einer für die grosse Welt: Der „Zeit“Herausgeber Michael Naumann hat von heute an auch eine eigene Talkshow. In:
Frankfurter Rundschau 18. Mai 2004-05-19
Der von mir sehr geschätzte Michael Naumann hat in der letzten Nummer der Zeit ein – so
finde ich – ziemlich dämlichen Artikel über die SPD-Abhängigkeit der Frankfurter
Rundschau geschrieben. Er war sich nicht zu blöd, die Berlusconisierung der deutschen
Medienlandschaft an die Wand zu malen. Wer sieht, welchen Anteil die SPDMediengesellschaft am deutschen Medienkuchen hat, sieht, wie dünn die Argumentation
ist. Kritische Studien belegen, dass die FR zu den Medien gehört, die am kritischsten mit
der Politik der rot-grünen Regierung umgeht. Und Medienwissenschaftler haben
nachgewiesen, dass es keinen – keinen – Versuch gab, auf die redaktionelle Position der
Zeitungen zu nehmen, an denen die SPD über ihre Mediengesellschaft beteiligt ist. Von
welchem Kapitalgeber lässt sich das sagen. Diese Tonlage passt zu Westerwelle, dem
Mann mit den Pickeln, aber nicht für den Kulturmenschen Naumann.
Ja Pickel sind kein Hinderungsgrund Politiker zu werden. Aber sie verweisen doch auf
eine Jugend, die so etwas wie Orgasmus, Onanie und andere sexuelle Errungenschaften
des letzten Jahrhunderts nicht kannte.
Die Mode der Rot-Grünen ist allerdings zum davonlaufen. Joschka Fischer, immer fetter
werdend, trägt seine – vermutlich teueren – Anzüge, wie Hempel sein Sofa. Lange Jahre
hatte auch UNS GERHARD das Problem, das so aussah, als würde der Junge aus armen
Verhältnissen, einfach nicht in die feinen Brioni-Anzüge passen. Das sah immer so aus,
wie der Konfirmand in seinem Anzug von der Stange. Was, nebenbei geschrieben, nicht
für Brioni spricht. Inzwischen geht es. Wohlgemerkt: es geht.
Die Welt nehme sich ein Beispiel an Kofi Annan. Wer hat je einen Diplomaten gesehen mit
besser geschnittenen und so perfekt getragenen Anzügen? Wenn Männer-Mode Freude
am Ansehen macht – dann bei Kofi Annan.
„...Indien braucht mehr, nämlich sozialen Wandel. Nur wer den nicht will, geriet in Panik
wie die Börse am Montag.“
Karl Grobe über den Erfolg der italienisch-stammigen Sonia Gandhi und ihrer
Kongresspartei bei den indischen Kongress-Wahlen, aus: Gandhis Impulse, in: Frankfurter
Rundschau 18. Mai 2004
Leider hat sich die schöne Gandhi der rechtslastigen Kampagne der Nationalisten gebeugt
und wird nicht neue indische Ministerpräsidentin.
„...Kostengünstig ist die Erzeugung von Atomstrom vor allem, weil die Betreiber der
Kernkraftwerke keine dem Risiko dieser Erzeugungsart angemessene
Haftpflichtversicherung abschliessen müssen. Offiziellen Studien der Bundesregierung,
u.a. ein Gutachten der Prognos-AG, haben gezeigt, dass durch die derzeitig gültige
Deckungsvorsorge für Atomkraftwerke etwa nur 0,1 Prozent der bei einem grösseren
Unfall zu erwartenden Schäden entschädigt werden, dass also in diesem Fall wir, die
Geschädigten den Schaden tragen. Weiter kam das Gutachten zu dem Schluss, dass eine
dem Risiko von Atomkraftwerken angemessene Haftpflichtversicherung wangsweise zu
einem nicht mehr konkurrenzfähigen Preis von Atomstrom führte (siehe
www.atomhaftpflicht.de)...
FR-Leser Kurt Priess, Frankfurt in: Frankfurter Rundschau, 18. Mai 2004-05-19
2004-05-18
„Johannes Rau, das Fazit kann man kurz vor dem Ende seiner Amtszeit in Schloss
Bellevue ziehen, war der Präsident, der mit der Mäkelei gelebt hat. Meistens lief und läuft
sie nach dem Motto „falscher Mann zur falschen Zeit“. Irgendwie soll, was der da kann,
nicht gepasst haben zu dem, was nötig war.
Stimmt das? In gewissem Sinne ja. Nach der Pleite des Sozialismus als der letzten
mächtigen Heilslehre ist auch dem Christenmenschen aus Wuppertal die erlösende WeltFormel fürs irdische Zusammenleben nicht eingefallen. Er hat lediglich den Neo-Liberalen
auf verschiedenen Feldern – Bildung, Bioethik, Wirtschaftspolitik – den ungenierten
Anspruch bestritten, legitime Verwalter der gesamten ideologischen Konkursmasse zu
sein. Gemessen am grenzenlosen Bedürfnis nach Erlösung war das wenig. Angesichts
der Strömungsgeschwindigkeit des politischen Denkens in seiner immer engeren
Fahrrinne war es beachtlich. Rau hat dem Zeitgeist etwas zu bedenken gegeben, das war
und ist bitter nötig. Wie sehr, wird man erst ermessen können, wenn sich demnächst mit
Horst Köhler ein Mann der Aufgabe stellt, der offenbar nicht an der Richtung zweifelt,
sondern lediglich daran, dass das Tempo ausreicht.
Nein, Rau hat in seiner Mischung aus reflektiertem Unbehagen und Fragen stellender
Ratlosigkeit sehr gut gepasst, allenfalls ein bisschen zu gut. Nämlich zur Identitäts- und
Orientierungskrise, in der das Land steckt. Es ist eines der Symptome dieser Krise, dass
die Gesellschaft ihrem obersten Repräsentanten verübelt, sie aus derselben nicht erlöst zu
haben – obwohl sie ihm das gar nicht gestatten würde, selbst wenn er wüsste, wie es
gehen soll. Das Missverhältnis zwischen den Möglichkeiten, die das Amt mit sich bringt,
und den Forderungen an den Inhaber war noch nie so gross.“
Knut Pries, aus: Raus Impulse. In: Frankfurter Rundschau 12. Mai 2004
„....
IX.
Eines müssen wir wieder entdecken: Wir können politisch gestalten, wir können Weichen
stellen. Wir können sagen, wohin die Reise gehen soll. Dazu braucht es den politischen
Willen, den Willen zur Politik. Grosse Spiele, sagt man im Fussball, werden im Kopf
entschieden. Da ist viel dran. Was sich ändern muss, das ist die Haltung, die viele
resignieren oder Abschied nehmen lässt von Politik und Staat. Diese Haltung führt letztlich
dazu, dass unsere Gesellschaft auseinander fällt und dass jeder versucht, irgendwie für
sich allein durchzukommen. Das aber wird nicht gut gehen (...)
Unser demokratischer Staat ist mehr als ein Dienstleistungsbetrieb und auch mehr als
eine Agentur zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts. Der Staat schützt und stärkt die
Freiheit der Bürgerinnen und Bürger auch vor den gesellschaftlichen und ökonomischen
Kräften, die die Freiheit des Einzelnen längst viel stärker bedrohen als jede Obrigkeit.
Dazu legt er auch Regeln und Pflichten zu Gunsten der Gemeinschaft fest. Damit schafft
der Staat Freiräume gegen puren Ökonomismus und das alles beherrschende Dogma von
Effizienz und Gewinnmaximierung.
Es gibt eine gefährliche Wechselwirkung von Staats- und Politikverdrossenheit auf der
einen Seite und den allzu pauschalen Forderungen nach Privatisierung, Deregulierung
und Rücknahme staatlicher Verantwortung auf der anderen Seite. Die solidarische
Absicherung gegen die grossen Lebensrisiken, die sozialen Ausgleich in unserer
Gesellschaft schafft und damit soziale Stabilität, wird immer häufiger verächtlich gemacht.
Sozialer Ausgleich und soziale Gerechtigkeit, so heisst es, bedrohten die Freiheiten des
Einzelnen. In Wirklichkeit ist es doch immer noch so, dass die Freiheit der meisten
Menschen, dass ihre Chancen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten,
ganz wesentlich von der gesellschaftlich organisierten Solidarität abhängen.
Gewiss: Eigene Verantwortung und eigene Anstrengung sind notwendig und
unverzichtbar. Mehr Eigenverantwortung darf aber nicht heissen, dass die Starken sich
nur noch um sich selber kümmern und die anderen sehen sollen, wo sie bleiben.
Solidarität der Schwachen mit den Schwachen – das genügt nicht. Arbeitende für
Arbeitslose, Junge für Alte, Gesunde für Kranke, Nichtbehinderte für Behinderte: Darauf
bleibt jede Gesellschaft angewiesen.
X.
Wer politisch vertrauenswürdig sein will, der darf nicht über jedes Stöckchen springen, das
Interessenvertreter oder Medien ihm hinhalten. Da wird ein Fall von angeblichem
Sozialmissbrauch im Ausland medial gross aufgemacht – der bei Licht besehen gar kein
Skandal ist -, und schon werden Gesetze geändert. Ähnliches liesse sich im
Zusammenhang mit der Gesundheitsreform sagen, ähnliches von der Steuerreform.
Wenn eine angeblich benachteiligte Gruppe nur laut genug schreit oder der blanke
Populismus publizistisch Verstärkung erfährt, sind die Vorhaben von gestern heute schon
nichts mehr wert. Das zeugt nicht von Souveränität. Es schafft vielleicht kurzfristig
Applaus, aber nicht langfristig Vertrauen. Vertrauen gewinnt politisches Handeln durch
Souveränität und Solidität. Kurzfristiger Aktionismus schafft eher Misstrauen, weil man
dann nur darauf wartet, welches Thema wohl morgen hochgespielt wird. Vertrauen
entsteht nur da, wo man einen klaren Kurs erkennen kann. (...)“
Die letzte „Berliner Rede“ des Bundespräsidenten Johannes Rau.
Auszugsweise zitiert nach Frankfurter Rundschau, 13. Mai 2004
Die komplette Rede ist hier nachzulesen:
www.bundespraesident.de
Ok, ob nach dem Bürgerpräsidenten Rau – mit Freude denke ich da noch an den
Bürgerpräsidenten meiner Jugendzeit, der im Hotzenwald zusammen mit Gollwitzers
Ferien machte und der seine Frau liebte, aber nicht den Staat, klar, von Gustav
Heinemann ist die Rede – jetzt ein Mann der neoliberalen Wirtschaft kommt oder eine
Frau der Geisteswissenschaften?
......?
Das engagierte Sich-Bekanntmachen der sympathischen Gesine Schwan die letzten
Wochen und kritische, sehr kritische Stellungnahmen zu Horst Köhler und der von ihm
verantworteten Politik des IWF.
Wer es nicht geworden ist, Sieger beim europäischen Song-Wettbewerb, wir haben es
schon fast vermutet: der nette Gymnasiast aus Waldshut-Tiengen.
Ich hätte wohl für die Griechen gestimmt, hätte ich abstimmen dürfen (snüff, wieder einer,
der nicht mitmachen durfte) ...
„... Wie einfach und durchschaubar aber der scheinbar von jeder Doppelbödigkeit freie
Ballermann-Humor des gelernten Metzgers aus Köln zunächst auch wirken mag – das,
was Stefan Raab macht, kann nicht jeder, denn dazu gehört Cleverness, Talent,
Geschäftssinn und vor allem ein Gespür für Strömungen. Die Idee, Guildo Horn als
deutschen Teilnehmer zum Grand Prix d’Eurovision durchzupeitschen, fügte sich 1998
noch nahtlos in das Raab’sche Weltraster: Subversion durch Affirmation. Die
Schlageridioten wurden nicht von aussen, sondern von innen bekämpft, indem man ihnen
einen Anarchisten unterjubelte, der dazu auch noch so tat, als sei er der grösste
Schlageridiot von allen. Es gab tatsächlich Menschen, die sich darüber empörten und um
den Ruf der Deutschen im Ausland sorgten. Ein grosser Sieg für Raab, der keine Noten
lesen kann und Guildo Horns Song spät nachts auf einem Keyboard in einem Hotelzimmer
zusammengebastelt und sich dabei selbst mit einer Videokamera gefilmt hatte, um die
Tonfolge wiederzufinden. Zumal sein Kandidat nicht schlechter abschnitt als die
Retortendudler des damaligen Grand-Prix-Monopolisten Ralph Siegel in den Jahren
(Jahrzehnten) zuvor und Horns Text „Piep piep piep, ich hab euch lieb“) im Vergleich zu
deren Lyrik nicht weniger sinnentleert war.
An Guildo Horns Grand-Prix-Beitrag zeigt sich aber noch ein weiteres Charakteristikum
des Raab’schen Schlagerschaffens: So sehr Horn als blödelnde, das ganze
Schlagergeschäft ironisierende Figur wahrgenommen wurde, als äusserster Punkt der
Provokation – das seinem Song zu Grunde liegende musikalische Material bleibt ganz und
gar konventionell. Ganz und gar im Sinne der musikalischen Tradition, was etwa Melodie,
Rhythmus oder Arrangement angeht. Es scheint, als ob sich Raab in musikalischer
Hinsicht gerade nicht durch Ironie vom Betrieb zu distanzieren sucht, sondern durch
handwerkliche Akkuratesse und vor allem durch ein ausgeprägtes ästhetisches
Formbewusstsein. Als Musiker ist Raab ein Konventionalist. Er, der als Autodidakt über
keine profunde musikalische Ausbildung verfügt, achtet die Tradition. Ganz klar: Auf der
Textebene mag Raab kaspern wie er will, musikalisch macht er keinen Quatsch, hier ist er
so ironiefrei wie sonst kaum jemand in der Branche.
Das schliesst Fehltritte natürlich nicht aus. So hätte es nicht unbedingt sein müssen, dass
Raab selbst im Jahr 2000 beim Grand Prix auftrat und uns mit „Wadde hadde dudde da?“
einen unerträglichen Ohrwurm bescherte – ebenso wenig wie so manch andere Doofheit
hätte sein müssen, vergessen wir nicht den Song „Hier kommt die Maus“. Und doch, der
Medienprofi hatte das Kultpotenzial des Wettbewerbs erkannt und herausgefunden, wie er
es für sich nutzbar machen könnt. Nicht zuletzt dankt Raab hat der Grand Prix, der jetzt
European Song Contest heisst, in Deutschland einen Paradigmenwechsel erfahren. Die
Kandidaten haben sich verändert, ebenso das Publikum. Wahrscheinlich sitzt auch am 15.
Mai wieder ein Haufen Leute auf Grand-Prix-Partys vor dem Fernseher, isst Hawaii-Toast
und macht sich über die Veranstaltung lustig. Aber im Stillen werden sie trotzdem hoffen,
dass WIR gewinnen. Die ironische Distanz hat sich in eine uneingestandenes Fantum
gewandelt. Und nun, da es so weit ist, hat auch Stefan Raab die zweite Stufe seiner
Grand-Prix-Karriere gezündet. Vollkommen zu Recht, er hat es sich verdient.
Dem von ihm nicht nur produzierten, sondern überhaupt erst gecasteten, gepushten,
promoteten Abiturienten Max geht der Trash-Faktor der vorigen Raab-Kandidaten völlig
ab. Den Grand Prix als unfreiwilligen Komödienstadl vorzuführen ist nicht länger opportun,
als hat Raab das getan, was er schon immer gut konnte: eine eingängige, sauber
produzierte, eher konventionelle Nummer schreiben und sie mit allen ihm zur Verfügung
stehenden Mitteln an die Spitze bringen. Geändert hat sich nur das Vehikel – kein
Schocker mehr, sondern ein sympathischer, braver Junge mit leichtem Glatzenansatz, den
wahrscheinlich sogar die Programmchefs der ARD gut finden dürfen.
Dass die Idee, überhaupt wieder einen Song ins Rennen zu schicken, zunächst nur als
ironischer Kontrapunkt zu den gerade gängigen Talentwettbewerben wie SDDS
umhergeisterte, bevor sie dann umso erfolgreicher umgesetzt wurde, stellt nur einmal
mehr die ungeheure Professionalität des PR-Mannes unter Beweis, der seine Karriere
damit begann, Werbejingles für Blend-a-med und Karstadt zu komponieren. „Can’t wait
until tonight“ ist typisch Raab. Und doch ein Einschnitt. Aber kein Risiko. Schlimmstenfalls
ginge er eben als der Ralph Siegel des 21. Jahrhunderts in die Musikgeschichte ein.“
Christoph Schröder, aus: Der Konventionalist. Stefan Raab hat uns nicht nur den
deutschen Beitrag beschert, sondern den ganzen Grand Prix neu erfunden. In: Frankfurter
Rundschau 13. Mai 2004
2004-05-17
Länder und ihre Kulturen fallen mir im Alltag immer dann positiv auf, wenn ich plötzlich
Ungewohntem begegne und feststelle, da geht jemand, nein, nicht jemand, eine ganze
Gesellschaft völlig normal mit etwas um, was ich so nicht in meiner Welt kannte, kenne.
In der Schweiz: Banknoten mit Kennzeichnung für Blinde. Ganz normal, auf jedem
Geldschein aber für mich - als Deutschen - so fremd, als würde ich in Samoa landen und
eine langhaarige, braungebrannte Schönheit sehen, die in mir nicht den Eroberer sieht.
Und heute: In Italien - Medikamentenschachteln, auf denen in Blindenschrift die
Bezeichnung des Medikaments steht. So naheliegend, so normal - und doch so fern
unserer normalen Wahrnehmung.
Wir haben seit zwei Jahren ein Türschild, lesbar auch für Blinde. Wissen wir, ob wir nicht
eines Tages - so wie der große Jean Paul Sartre - selber blind werden?
2004-05-16
„Unter Bildung verstehe ich den notwendigen und wünschenswerten Vorgang, im Laufe
wir dessen erstens unsere Anlagen, also unsere Person, entfalten, zweitens taugliche
Bürger werden und drittens an unserer historischen Lebensform, also unserer Kultur,
teilhaben als deren erfreute Nutzniesser und erfreuliche Fortzeuger und Kritiker........
...Wir sind bei der pädagogischen Puppenküche geblieben. Und nun wird wieder wie in
den frühen Siebzigern der Schule etwas zugemutet, was ihr nicht gelingen kann, nein,
schlimmer: ihr zum Schein gelingen wird.
Hiergegen setze ich eine andere Lösung. Sie wird eine Utopie bleiben. Aber sie gedacht
zu haben, könnte zugleich zu Entkrampfung und zu besseren und möglichen dritten,
vierten oder fünften Lösungen führen. Ich schlage vor: Die Wirtschaft, das meint den
gesamten lebenspraktischen Bereich der Gesellschaft, übernimmt langfristig auch den
lebenspraktischen Teil der Schularbeit. Sie ist nicht nur für die benötigten und
verkäuflichen Erzeugnisse und Dienstleistungen verantwortlich, sondern auch dafür, dass
es stets den benötigten und bestmöglichen Nachwuchs gibt. (...) Gewiss darf man heute
von den existierenden Schulen erwarten, dass sie ihre Schüler „ausbildungsfähig“
entlassen. Aber noch einmal: Können wir das? Worin besteht diese Eigenschaft? Wenn
die Unternehmer, Handwerker, Arbeitgeber aller Art das doch bitte selber sorgfältiger
prüfen (...). Was die so genannte Arbeitswelt wirklich „braucht“ und auch erwarten darf,
wird man dort so lange nicht wissen, wie man nicht selber dafür sorgen muss; und die
Schule weiss es schon gar nicht.
Wer meinem Vorschlag in Gedanken weiter folgen will, möge zwei Voraussetzungen
mitdenken: Er impliziert ersten eine ungewohnte Haltung zur Erwerbstätigkeit und
zweitens einen Umbau der Verhältnisse, eine Verlagerung der Verantwortung. Zu beiden
ermutigt mich eine Idee, die ein britischer Nationalökonom vor über vierzig Jahren
vorgetragen hat – Robert Theobald, in seinem Buch: The Guaranteed Income. Er selber
greift auf die Theorien von John Maynard Keynes zurück, der sich durch die Great
Depression von 1929 veranlasst sah, einige der bis dahin geltenden Grundannahmen der
Volkswirtschaft radikal in Frage zu stellen.
Die war bis dahin davon ausgegangen, dass sich zwischen der jeweiligen Güterproduktion
und dem Zugang zu den Produkten automatische ein Ausgleich herstellen würde über den
Preis nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Das hatte jedoch nur bis zur
Industrialisierung funktioniert. Dann begann die Produktion der Kaufkraft davon zu eilen –
so sehr, dass man mit Verbraucherkrediten, Werbung, Sozialversicherung und
Arbeitslosenunterstützung der Nachfrage unter die Arme griff. Den „great slumpe“, den
grossen Fall, konnte das nicht aufhalten. Keynes sah, dass der Bedarf sich nicht von allein
und vor allem nicht schnell erholt. Er riet darum zu staatlicher Intervention, die Franklin D.
Roosevelt erfolgreich einsetzte. (...)
Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die Zweite industrielle Revolution –
und wieder rannte die Produktivität dem Bedarf davon und legte Leuten wie Theobald
andere Lösungen nahe: Vollbeschäftigung zu erstreben sei sinnlos; man müsse eine neue
gesellschaftliche Ordnung erfinden, in der der Überfluss anders verteilt werde. Das habe
mit einem Wandel des „Code of morals“, der moralischen Grundvorstellungen zu
beginnen, die einige der abscheulichsten Eigenschaften des Menschen zu Tugenden
erklärt haben. Die Mehrheit der Öffentlichkeit erträgt den Gedanken noch immer nicht,
dass der Mensch etwas bekommt und verbraucht, wofür er nicht vorher gearbeitet hat.
Dabei hatte man das Prinzip für die ganz Alten und die Jungen, für die Versehrten und die
Kranken und für die „schuldlos Arbeitslosen“ ja längst akzeptiert. Aber bis heute
verschliessen Politiker und die meisten Wirtschaftler ihre Augen vor der Tatsache, und ihre
Reden gegen das Eingeständnis, dass die Arbeit Tag um Tag geringer wird – der
Rationalisierung und Automatisierung anheim fällt. Theobald dagegen: Die öffentliche
geförderte Arbeit ersticke in der Arbeitsverwaltung (wir denken sofort an Nürnberg), mache
keine Freude, reihe sich in das falsche System der Produktionssteigerung ein.
Stattdessen: Genossenschaften, „consentives“, Hersteller- und
Verbrauchergemeinschaften, eine Vermehrung der nicht (wie die Massenproduktion) an
die Profitmaximierung geketteten Kleinunternehmen, grosse Vielfalt – ermöglicht eben
durch das garantierte Grundeinkommen. Dieses steht jeden von seiner Geburt an zu. Wer
nicht arbeiten will oder kann, muss es nicht. Wer sich an den Leistungen und
Annehmlichkeiten seiner Gesellschaft beteiligen will, soll einerseits eine Leistung arbeiten
– umgekehrt wirbt die Gesellschaft für Teilnahme an ihren Projekten...
Die staatliche Pflichtschule wiederum sollte abgeben, was sie nicht zu leisten vermag. In
unserer Vorsorge-Pädagogik steckt nicht nur ein merkantilistischer und aussichtsloser
Theorie bebauter Paternalismus: Ihre Anstrengungen, Murrat und Olga für den
Arbeitsmarkt fit zu machen, täuschen. Keine Verbesserung der Schulleistungen der
unteren Leistungsgruppe führt zu mehr Ausbildungsplätzen und auch diese nicht zu mehr
Arbeitsplätzen. Letztlich trägt die Schule, die diese Aufgabe schultert, dazu bei, dass wir
Lösungen wie der von Theobald nicht näher kommen – einer Lösung, die erlaubte, auf
Murat und Olga einzugehen, statt sie, mit Verlaub, zu PISAcken, die uns alle von der
neurotisierenden Beschäftigungsfrage befreite und die obendrein der Berufsschule ihre
zzt. webbröckelnde Funktion zurückgäbe...
Auch mit der persönlichen Bildung sind die herkömmlichen Schulen überfordert, weil
überschätzt. Sie ist ja die Hohlform der Kultur und ihrer Möglichkeiten, und deshalb ist
diese gehalten, dem einzelnen gleichsam gegen sie selbst zur Hilfe zu kommen. Dafür
brauchen wir die Schule. Dies gilt ebenso für die politische Bildung, die in der Erfahrung
bekömmlicher Ordnungen, wirksamer Verständigung, glaubwürdiger Bewertung besteht.
„Gemeinsame Formen der Erkenntnis und gemeinsame Regeln des Handelns“ war meine
Faustregel für eine solche Bildung. Diese Aufgabe kann ihrer Natur nach nicht jedem
Einzelnen überlassen werden, weshalb man an der Pflichtschule festhalten muss. Wenn
diese Kenntnisse und Übungen auch einen praktischen Nutzen abwerfen, tant mieux.
Schuldig bleibe ich an dieser Stelle den Teil meiner Überlegungen, der damit zu tun hat,
was man in einer Schule macht, die dem wirtschaftlichen oder Arbeits-Leben die
Ertüchtigung für diese überlässt: Welchen Zeitanteil an welchen Stellen im Lebenslauf sie
dafür abgeben muss; wie der solchermassen entlastete Auftrag sie verändert; wie auch
diese Schule den wirtschaftlichen Ernstfall im Auge behält. Habe ich es früher für die
wichtigste Bemühung gehalten, die bestehende Schule „pädagogisch“ zu machen, sage
ich heute gern: Man muss sie vor allem „stimmig“ machen. Das geschieht zunächst, indem
man unerfüllbare Erwartungen zurücknimmt“
Hartmut von Hentig, aus: Die überschätzte Schule, in: Frankfurter Rundschau 11. Mai
2004
Der hier auszugsweise dokumentierte Text ist eine Fassung eines Vortrages aus Anlass
der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Kassel am 5. Mai an Hartmut von
Hentig.
2004-05-15
„... Die Wiederkehr der Islamisten.
Im Winter 1994/1995 unternahm ich eine lange Reise, um einer damals neuen
islamistischen Bewegung auf den Grund zu gehen, die sich selbst TALIBAN oder
BEWEGUNG ISLAMISCHER STUNDENTEN nannte und in Kandahar rasch an Einfluss
gewann. Ich kannte fast alle Anführer der Kommunisten und der Mudschaheddin, aber
keinen einzigen Anführer der Taliban. Ich wusste nicht, wer sie waren, woher sie kamen
und woran sie glaubten. Zuerst fuhr ich nach Quetta, in die Hauptstadt der pakistanischen
Provinz Belutschistan. Dort wurden gerade Tausende afghanische und pakistanische
Studenten von ihren MADRASSAS (Koranschulen), die pakistanische Islamistenparteien
gegründet hatten, mit dem Bus nach Kandahar gebracht, wo sie Seite an Seite mit den
Taliban kämpfen sollten.
Ich erfuhr, dass der pakistanische Geheimdienst ISI (INTER SERVICES INTELIIGENCE
AGENCY) und die damalige Regierung unter Premierministerin Benazir Bhutto den
Taliban Unterstützung gewährten. Der ISI sollte sich später zu einem entscheidenden
Förderer des Taliban-Regimes entwickeln. Dessen Anführer wiederum verbündeten sich
nach der Rückkehr Osama Bin Ladens nach Afghanistan im Jahr 1996 mit al-Quaida.
Nicht zuletzt waren die afghanischen Drogenmafia und die pakistanische Transportmafia
an der Wiederbelebung des Schmuggels zwischen dem Iran, Pakistan und Zentralasien
interessiert und finanzierten daher mit Begeisterung die Taliban, denen diese befreiten
Afghanistans Strassen von den Strassensperren der Kriegsparteien.
Bein meiner Ankunft in Kandahar stellt ich fest, dass die Taliban unter ihrem einäugigen
Anführer Mullah Mohammed Omar äussert bizarre, angeblich islamische Gesetze
erliessen, die weder mit den Traditionen der Afghanen oder der Paschtunen noch mit dem
Islam selbst das Geringste zu tun hatten. Diese Gesetze waren Ausdruck der DschihadMentalität pakistanischer Extremisten, die zuvor den Taliban Unterschlupf gewährt hatten.
Die Taliban verfochten eine zunächst aus Pakistan und dann von Al-Quaida
übernommene Ideologie.
Fast ein Jahrzehnt später, im vergangen Herbst, machte ich dieselbe Reise noch einmal.
Und ich musste feststellen, dass sich die Geschichte auf teilweise noch schlimmere Art
wiederholte. „Die Taliban versammeln sich wieder an genau denselben Orten, an denen
damals alles anfing. Es ist, also würde man einen alten Film noch einmal sehen“, sagte
mir Ahmend Wali Karsai, der in Kandahar lebenden Bruder des Präsidenten. „Sie greifen
Wiederaufbauprojekte und Bildungseinrichtungen an“, erzählte er. „Darauf haben sie es
am meisten abgesehen. Aber die Taliban haben in der Bevölkerung keinen Rückhalt mehr.
Das grösste Problem der Menschen hier ist die Unsicherheit und das Fehlen einer
handlungsfähigen Regierung.“
...
Unter solchen Umständen sind die Berichte der New Yorker Menschenrechtsorganisation
HUMAN RIGHT WATCH (HWR) zu einer unverzichtbaren Informationsquelle geworden.
Mit äusserst knappen Mitteln, ohne dauerhaft in Kabul stationierte Experten in
grosszügigen Büros und trotz regelmässigen Zurechtweisungen und Schikanen von seiten
der USA, der Vereinten Nationen und der Kriegsherren hat HWR praktisch alle Aspekte
der immer akuter werdenden Krise in mehreren Berichten analysiert. Diese Berichte
enthalten vernünftige Lösungsvorschläge. Sie sind ebenso schlüssig wie praxisnah, und
sie gehen weit über eine blosse Beschreibung der Menschrechtsverletzungen in
Afghanistan hinaus.... Es ist im Gegenteil nötig, die Menschenrechtskultur als Teil des
NATION-BUILDING zu verstehen, denn die Sicherheit der Zivilbevölkerung ist Teil jeder
nationalen Konsolidierung. Solange Afghanistans Kriegsherren die Grundrechte mit
Füssen treten, kann es keine Sicherheit geben...
...Ende 2002 beschrieb HRW die entsetzlichen Zustände im Westen Afghanistans: Hier
hatte Ismael Khan seine diktatorische Herrschaft bereits auf drei Provinzen ausgedehnt
und ignorierte mit stillschweigender Zustimmung der USA die Regierung in Kabul. Der
Bericht von HRW trägt den Titel WE WANT TO LIVE AS HUMANS: REPRESSION OV
WOMEN AND GIRLS IN WESTERN AFGHANISTAN („Wir wollen wie Menschen leben:
Die Unterdrückung von Frauen und Mädchen im Westen Afghanistans“) und belegt
anhand der Aussagen mehrerer Frauen ausdrücklich, dass das Leben unter Ismael Khan
dem Zuständen unter den Taliban in vieler Hinsicht ähnelt...
...“Afghanistan ist dabei, seine Chance zu verspielen“, so das HRW-Dokument. „Die
andauernde Unsicherheit ist im wesentlichen auf die Politik lokaler Akteure
zurückzuführen“ – also auf Soldaten, Polizei, Armee, Geheimdienstmitarbeiter und Minister
der Regierung.
Deren Vergehen wären durchaus zu unterbinden, denn viele von ihnen kamen erst durch
die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft an die Macht oder sind
inzwischen auf deren Unterstützung angewiesen. Doch inzwischen gibt es im Südosten
Afghanistans bereits eine neue Redewendung für diese Zustände. Die Verbrechen der
Soldaten, sagt man dort, geschähen „direkt unter den Schnurbärten der Amerikaner“...
...Diese Stellungsnahme verlangt von den USA das zu tun, was HRW seit dem
militärischen Sieg über die Taliban im wesentlichen erfolglos empfiehlt: die Ausbildung der
afghanischen Streitkräfte und Polizeibehörden zu beschleunigen: fünf Jahre lang
zumindest eine Milliarde Dollar – zusätzlich zur Hungerhilfe – für den Wiederaufbau zur
Verfügung zu stellen, die Autorität der ISAF zu erweitern oder die amerikanischen Truppen
mit der Friedenssicherung zu beauftragen; und eine diplomatische Initiative zu starten, um
Karsai zu stärken und die Nachbarländer an der Einmischung in Afghanistans
Angelegenheiten zu hindern.
Dass die Taliban nur zwei Jahre nach ihrer Niederlage wiederkehren, beweist mehr als
ausreichend, wie sehr die westlichen Strategien zur Unterstützung und zum Wiederaufbau
Afghanistans gescheitert sind. Der Kampf gegen den Terror in den Bergen und unter der
Bevölkerung des Landes ist noch längst nicht gewonnen. Afghanistan ist das grösste und
tragischste Opfer des Terrors. Es wartete immer noch auf seinen Wiederaufbau. Bis der
kommt, haben al-Quaida und ähnliche Extremisten anderswo wenig zu befürchten.
Wie sehr das Problem Afghanistan drängt, hat auch Kofi Annan in einer Stellungnahme
der Vereinten Nationen vom 3. Dezember hervorgehoben. „Haltlose Kriminalität,
Ausbrüche von Fraktionskämpfen und die Aktivitäten rund um den illegalen
Drogenhandel“, so Annan, „zeigen deutlich negative Auswirkungen“. Der Generalsekretär
der Vereinten Nationen stellt die internationale Gemeinschaft vor die Alternative, „sich
entweder in Afghanistan mehr zu engagieren oder ein Scheitern zu riskieren.“
Ahmed Rashid, aus: Afghanische Anarchie, in: Lettre, Europas Kulturzeitung Frühjahr
2004
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann. Zuerst veröffentlicht in New York Review of
Books
www.lettre.de
www.hrw.org
www.nybooks.com
2004-05-12
„...Dann wieder tritt der Antiterrorismus-Chef des Geheimdienstes CIA vor den Kongress
und spricht von neuen Formen „operationeller Flexibilität“. Seit dem 11. September,
orakelt er, gehe es „zur Sache“.
Was das bedeutet, hat die WASHINGTON POST in einer jahrelangen Recherche enthüllt.
Danach werden Häftlinge in verbündete Länder exportiert, die für rabiate Methoden
berüchtigt sind: Marokko, Jordanien und Ägypten. Amerikaner können schriftlich Fragen
einreichen.
Und erhalten später Vernehmungsprotokolle. Manchmal dürfen sie hinter der Glasscheibe
zuschauen. Folter gibt es, jedenfalls offiziell, nicht. Oft werden Häftlinge in eigene
Verhörzentren ins Ausland geschafft. Berüchtigt ist neben Guantanamo die afghanische
Luftwaffenbasis Bagram. Einer der zuständigen Beamten hat ein bemerkenswertes
Berufsverständnis zu Protokoll gegeben: „Wenn du nicht manchmal die Menschenrechte
von jemandem verletzt, machst du deine Job nicht ordentlich.“ In Bagram hat irgendwer
einen Job so ordentlich gemacht, dass dort im vergangenen Jahr zwei Häftlinge starben,
nach dem Ergebnis der Autopsie an „einem Tötungsdelikt“. Mehr ist nicht
herauszubekommen aus der amerikanischen Lagerwelt.
Denn es handelt sich um ein Schattenreich, internationalen Regeln weitgehend entzogen.
Die Genfer Konvention, reklamiert die US-Regierung, seien auf verdächtige Al-QaidaKämpfer in Guantanamo und Afghanistan nicht anwendbar. Viele Häftlinge, auch im Irak,
werden an unbekannten Orten festgehalten, unter unbekannten Haftbedingungen. Ohne
Kontakt zur Aussenwelt. Wo aber „Häftlinge im Geheimen festgehalten werden“, schreibt
Michael Ignatieff, „blüht die Folter“. ....
Die Regierung Bush hat die schiefe Ebene schon wenige Tage nach dem 11. September
2001 betreten. Die Misshandlungen seine „Folge der Weigerung, sich Regeln und
unabhängiger Beobachtung zu unterwerfen“, schreibt Leonard Rubenstein,
Geschäftsführer der Gruppe Physicians for Human Rights. Die bittere Frage ist jetzt: Hat
es angestrengtes Wegschauen gegeben? Oder sogar eine Politik des Wegschauens?
Ob die Antwort je gefunden wird, hängt vom Umfang der Ermittlungen ab. „Glaubt jemand
wirklich, ein paar Jungs vom Land haben selbst entschieden, was sie tun?“, fragt Gary
Myers, der Anwalt eines Verdächtigen. „Jeder Verteidiger wird rausfinden wollen, wer da
wirklich die Befehle gab. Aus der Sich des Heeres wäre es das Dümmste, die Reservisten
anzuklagen.“ Myers weiss, wovon er spricht. Er war schon beim Kriegsgerichtsprozess
von My Lai dabei......“
Thomas Kleine-Brockhoff, aus: Ausser Kontrolle. In: Die Zeit Nr. 20, 6. Mai 2004
„In jedem anderen Land“, so der Kolumnist Richard Cohen nach den Anhörungen zu den
Versäumnissen in der Terrorbekämpfung, „würden einige Regierungsmitglieder beschämt
ihren Job aufgeben. In diesem Land geben sie noch nicht einmal ihre Selbstgefälligkeit
auf.“
Rolf Paasch, aus: Kommentar. Systematik des Versagens. In: Frankfurter Rundschau 6.
Mai 2004
„...Der hat eine eigene Website, und auf www.michaelmoore.com ist anderes zu erfahren.
Disney hat Miramax am vergangenen Mittwoch den Vertrieb des Film in den USA
untersagt, und die NEW YORK TIMES wusste auch gleich warum: In Florida, wo neben
Disney World zahlreiche Produktionsstätten des Konzerns stehen, gewährt Gouverneur
Jeb Bush, der Bruder des Präsidenten, beachtliche Steuerrabatte. Da will man es sich
natürlich nicht verscherzen, zumal Moores Film vor allem eine Fussnote des Vorgängers
BOWLIN FOR COLUMBINE auszuschmücken verspricht: Die mysteriösen Familienbande
zwischen den Bushs und bin Ladens.
Aber könnte die Entscheidung der Disneys jemanden verwundern? Auch ohne einen USStart kommt Disney-Miramax auf seine Kosten: Allein in Deutschland spielte BOWLIN
FOR COLUMBINE 6,5 Millionen Euro ein – mehr als das Zweieinhalbfache seiner
Produktionskosten. Da kann man sogar auf den amerikanischen Markt verzichten.
Michael Moore, der mit Film und zwei schnell hintereinander herausgebrachten Büchern
zum Multimillionär geworden ist, hätte im Übrigen das Budget ohne jede Kraftanstrengung
selbst stempeln können. Es gibt wohl kein Low-Budget-Projekt, das sich im US-Wahljahr
grösserer Gewinnchancen ausrechnen könnte. Jedes Kind weiss, dass Miramax Disney
gehört, doch Moore stellt sich naiv: „Liebe Freunde! Ich hatte gehofft, diesmal meine Arbeit
an die Öffentlichkeit bringen zu können, ohne es dabei, wie so oft zuvor, mit der Zensur zu
tun zu bekommen....Das letzte Jahr war eine Lehre, wie schwer es ist, ein Kunstwerk zu
erschaffen, das die Verantwortlichen verärgern könnte. Alles, was ich sagen kann: Gott sei
Dank für Harvey Weinstein und Miramax, die während der gesamten Produktion zu mir
gestanden haben.“
Man muss sich fragen, wie Moore, dessen Rhetorik so entwaffnend mit Assoziationsketten
vermuteter Konspiration arbeiten kann, eine Überraschtheit über die Verbindung DisneyBush auch nur vortäuschen kann. Und warum er überhaupt diese Geschäftsverbindung
suchte. Immerhin war auch schon der letzte Produzent aus dem Projekt ausgestiegen, und
– halten wir uns fest, bei wem es sich dabei handelte: Icon Productions, die Firma eines
gewissen Mel Gibson. Wohlgemerkt: Es war nicht Moore, der sich aus politischen
Gründen von Gibson distanziert hätte, es war Gibson, der die Zusammenarbeit beendete.
Eines jedenfalls hat der Regisseur der unseligen PASSION CHRISTI dem Oscargekrönten Dokumentaristen dann doch voraus: Das Wissen, dass man allein als sein
eigener Finanzier wirkliche Unabhängigkeit geniesst. Und mit dem Teufel macht man
schlechte Geschäfte. Aber sollte das nicht überhaupt das Thema des Bush-bin-LadenFilms sein? In einer Woche wissen wir hoffentlich mehr – dann beginnt das Filmfestival
von Cannes.“
Daniel Kothenschulte, aus: Schach mit dem Teufel. Kann man bei Disney einen Anti-BushFilm machen? Michael Moore wundert sich. In: Frankfurter Rundschau 7. Mai 2004-05-13
„Dass eine grosse Verhinderungskoalition das „Zuwanderungsgesetz“ kaputt verhandelt
hat, ist nicht weiter bedeutsam. Denn die Neigung, nach Deutschland einzuwandern, hat
abgenommen und geht mittelfristig gegen null. Die politischen Eliten, ganz auf „innere
Sicherheit“ fixiert. Leiden unter Realitätsverlust: Den Zeitpunkt, Stagnation und
Schrumpfung der Bevölkerung durch Immigration abzuschwächen, hat die Regierung Kohl
verschlafen, und seit 1998 verschleppt die Union, von der Bevölkerungskatastrophe
schwadronierend, erneut eine Lösung. Die rot-grüne Regierung hat mit der Änderung des
Staatsangehörigkeitsrechts das überfällige Zeichen gesetzt, aber praktisch ist sie bei
Immigration und Integration auch nicht vorangekommen.
Für die die Rückwandlung der Bundesrepublik in ein Auswanderungsland gibt die Statistik
deutliche Hinweise. Hatte Deutschland Anfang der Neunziger mit einem spektakulären
Zuwachs – vor allen an Asylbewerbern, Bürgerkriegsflüchtlingen und ethnischen
Deutschen – das Einwanderungsland USA sogar in absoluten Zahlen erreicht, ist der
Saldo von Zu- und Abwanderung mittlerweile auf 133 000 Personen geschrumpft,
nachdem es 1997 und 1998 schon keine Nettoeinwanderung mehr gab.
Dabei wäre reguläre Einwanderung gut für ein Land, das stärker als die meisten anderen
westlichen Länder mit demographischen Problemen zu kämpfen hat. In allen OECDLändern war die Fertilität seit den 1970ern rapide gesunken, doch in Frankreich,
Grossbritannien und den USA machte sich dies weniger bemerkbar, weil sie
Einwanderungsländer geblieben sind und Immigranten ein bis zwei Generationen lang
überdurchschnittlich viele Kinder bekommen. Die Abschreckungsdebatten und –
massnahmen, die man hier zu Lande gegen vermeintliche Flutwellen von Einwanderern
und „Multikulti“ inszenierte, wirken heute lächerlich und fallen auf ihre Initiatoren zurück.
Wenn Deutschland in Kürze nicht nur kein Einwanderungsland mehr sein wird, sondern
eine zunehmende Nettoauswanderung eintreten könnte, kommen sechs soziale Gruppen
in den Blick: enttäuschte Arbeitsemigranten, die in ihre Heimatländer zurück-/oder in
andere Einwanderungsländer weiterwandern; Unternehmer, die Deutschland wegen der
hohen Lohnnebenkosten und anderer vermeintlicher oder tatsächlicher
Investitionshemmnisse den Rücken kehren; junge Akademiker, die anderswo günstigere
Einstiegsbedingungen vorfinden; Pensionäre, die in sonnige und preisgünstigere Gefilde
ausschweifen; Ostdeutsche, die über zehn Jahre nach der Einheit keine Chancen sehen;
unternehmungslustige Deutsche, die sich an mentalen und institutionellen Barrieren
stossen.
Es gibt genug Beispiele: der Brandenburger Arbeitslose, der nach vielen Fehlversuchen in
Polen Arbeit gefunden hat, medizinischen Personal, das scharenweise in England oder
den USA anheuert, Nachwuchswissenschaftler, die auf deutsche Elite-Unis nicht warten,
weil ihnen Unis im Ausland längst einen Job angeboten haben. Historisch war
Deutschland meist Auswanderungsland, doch die Gründe waren andere: Die einen flohen
dieses Land, weil es ihnen religiöse und bürgerliche Freiheiten vorenthielt, die anderen,
weil der Bevölkerungsüberschuss in Zeiten agraischer und industrieller Krisen ausschloss,
im Lande zu bleiben und sich redlich zu nähren.
An Freiheiten mangelt es heute nicht – die noch beachtliche Zahl von Flüchtlingen belegt
dies-, wohl aber an offenen Stellen und, vor allem, an Chancen und Perspektiven. Die
Gründe für die Dauerkrise des Arbeitsmarktes liegen in politischen Rahmenbedingungen,
aber mehr noch im Versagen von Unternehmern, gute Ideen zu vernünftigen Kosten in
Deutschland umzusetzen. Sie und die ihnen zugeneigte Presse reden dieses Land
zusätzlich schlecht, so dass zu den Wirtschaftsproblemen noch Aufregungsschäden
kommen, was Ideenreiche und im Gegenzug nur wenige (und nicht die besten)
Einwanderer anzieht. Das der erste Green-Card-Bezieher dem Land den Rücken kehrte,
ist nur ein Beispiel dieser Misere.
Die Folgen der Tendenzwende sind bereits sichtbar in Ostdeutschland, wo die
Entvölkerung ganzer Landstriche bevorsteht und unser Mezzogiorno entsteht. Was als
Binnenwanderung westwärts beginnt, wird einmal definitiv Auswanderung werden. Man
muss von allen guten Geistern verlassen sein, wenn man diese Tendenz durch politisches
Nichtstun noch unterstützt.“
Claus Leggewie, Professor für Politikwissenschaft in Giessen, Neigung gegen Null, in:
Frankfurter Rundschau 7. Mai 2004
„...Eine weitere Abart der Redaktionskonferenz ist die Video-Schalte. Hierzu versammeln
sich alle um einen Tisch, an dessen Kopf ein Fernseher steht, auf dem andere Mitarbeiter
per Videoübertragung zugeschaltet werden. Die Technik-Barriere verführt zuweilen zu
Unverfrorenheiten, die sich sonst niemand herausnehmen würde. Folgender Dialog aus
der Konferenz einer grossen überregionalen Zeitung ist verbürgt. Chefredakteur an
Büroleiter (zugeschaltet): „Schönes Stück. Das Wort „ficken“ hatten wir lange nicht mehr
im Blatt.“
Büroleiter: „Danke. Wissen Sie denn noch, was das ist?“ Der Büroleiter wurde kurze Zeit
später befördert.“
Oliver Gehrs, aus: Im Glashaus. Ficken. In: Frankfurter Rundschau 6. Mai 2004
2004-05-10
„Niemand – und schon gar nicht die Frankfurter Rundschau – gibt sich einer Illusion über
die Politik Ariel Scharons hin. Aber dies sollte uns nicht dafür blind machen, dass die
palästinensischen Führer seit Jahren ein gefährliches Spiel mit der Intifada spielen. Bis
heute kann keiner von ihnen, Yassir Arafat inklusive, nachvollziehbar erläutern können,
warum sie das vorteilhafte Abkommen, das sie unter der Vermittlung des US-Präsidenten
Bill Clinton im Juli 2000 vom damaligen israelischen Ministerpräsidenten Barak hätten
haben können, zurückgewiesen haben.
Viel Politisches ist seitdem nicht von palästinensischer Seite gekommen. Wie immer, wenn
eine Spirale der Gewalt sich schon seit Jahren dreht, kann auch heute keiner mehr sagen,
welche Schuld bei wem liegt. Darum ist es fruchtlos, die Tat der einen gegen das Leiden
der anderen aufzurechnen. Was die Palästinenser brauchen, sind mutige Führer, die
politisch denken und handeln. So lange sie aber glauben, durch Gewalt ein besseres
Ergebnis erpressen zu können, müssen sie verlieren. Denn militärisch können sie Israel
nicht bekommen.
Wenn Europa dem Nahen Osten beim Friedenmachen helfen will, dann muss es die
Palästinenser drängen, sich von der Gewalt zu verabschieden und in die Politik
zurückzukehren.“
Martin Winter, FR-Korrespondent in Brüssel, aus: Dialog: Gewaltpolitik. In: Frankfurter
Rundschau 27. April 2004-05-10
„...Die englischsprachige Website www.bitterlemons.org bringt authentische
Einschätzungen nach einem simplen Prinzip unters Internet-Volk: Sie lässt direkt und
unkommentiert israelische und palästinensische Autoren zu Wort kommen. Pro
wöchentlicher Ausgabe widmen sich die Beiträge einem Thema und stellen die jeweilige
Perspektive dar: Für die Gegenseite gibt es da immer bittere Pillen zu schlucken. Denn die
Autoren gehen hart miteinander um...“
Oliver Bechmann, aus: Netzwert: Kreuzfeuer. In: Frankfurter Rundschau 5. Mai 2004-0510
„...Durchschnittlich alle 13 Minuten verunglückt auf Deutschlands Strassen ein Kind.
Verkehrsexperten kritisierten in Stuttgart, dass bei den im Strassenverkehr getöteten
Kindern knapp die Hälfte Auto-Insassen seien. Im Jahr 2003 waren von den insgesamt
209 tödlich verunglückten Kindern 94 Mitfahrer in einem PKW...
Alfred Noell, Erfinder der ARD-Fernsehserie „Der 7. Sinn“, berichtete von einem Projekt,
bei dem mit einer versteckten Kamera das Fahrverhalten vor einer Schule in einer Tempo30-Zone aufgezeichnet wurde. Mehr als 40 Prozent der Autofahrer fuhren zwischen 50
und 60 Stundenkilometern, zehn Prozent sogar mit Tempo 60 und 70. Noell sagte: „Das
Erschreckende war, dass in den Autos, die zwischen 50 und 60 fuhren, eine grosse
Anzahl der Mütter und Väter sassen, deren eigene Kinder dort zur Schule gingen“...“
dpa, nach: Verkehrssicherheit. In: Frankfurter Rundschau 5. Mai 2004-05-10
Über den Freiburger Stadtteil Vauban, in dem es keine Autos gibt, informiert
www.forum-vauban.de
Hörtipp
www.jpc.de/...
2004-05-09
„...Aus dem Vietnam-Krieg kehrten 35 Prozent der Soldaten, die in Kämpfe verwickelt
waren, psychisch traumatisiert zurück, nahezu 70 Prozent litten an seelischen Störungen.
Nach dem Golfkrieg 1991 wurden über 50 000 US-Soldaten psychisch krank, Störungen
wurden bei einem Drittel der über 5000 000 eingesetzten Soldaten festgestellt. Im jetzigen
Krieg gegen den Irak deutet alles auf erheblich höhere Zahlen hin: untern den US-Truppen
im Irak häufen sich die Selbstmorde. In der Statistik der aus medizinischen Gründen
Evakuierten stehen jene mit psychischen Problemen an zweiter Stelle, gleich hinter den
Verletzten durch Bomben und Granaten. Die US-Armee veranstaltet SelbstmordPräventionsprogramme, schickt Psychologen und Kaplane ins Kampfgebiet. Jedem, der
Probleme habe, werde geholfen, verspricht sie....“
Ingelis Gutzmann, aus: Ein Foto mit General Schwarzkopf, in: Ossietzky Nr. 9/2004 1. Mai
2004-05-09
Ingelis Gutzmann ist Fernsehjournalistin und arbeitet für den WDR und das ARD. Sie
machte Filme wie „Besuch beim Feind - Eine Reise durch den Irak“, „Wer zum Schwert
greift – Die Christen und der Krieg“ und aktuell „Gebrochene Helden – US-Soldaten nach
dem Krieg im Irak“.
„...In Prizren, dem Zentrum der deutschen Besatzungszone, warf die dortige orthodoxe
Diözese dem KFOR-Kommandierenden, dem deutschen General Holger Kammerhof, vor,
die Soldaten in dem Augenblick abgezogen zu haben, als der Pogrom begann. „Aufgrund
seiner Haltung“, so klagten die Geistlichen in einer Erklärung, „zeigten die Angehörigen
der deutschen KFOR ausserordentliche Unfähigkeit und Mangel an Professionalität bei
der Erfüllung ihres Auftrages, indem sie die völlige Vernichtung von acht Kirchen in Prizren
zuliessen. Trotz aller Warnungen, dass die Gewaltausbrüche vorbereitet werden. Bestand
Kammerhof hartnäckig auf Verringerung der KFOR-Kräfte und Auflösung der
Kontrollpunkte.“
Wenige Tage später stellt die Diözese fest: „Es ist noch nie geschehen, dass alle Kirchen
in Prizren zerstört wurden, nicht einmal in den schlimmsten Zeiten der türkischen
Herrschaft. Was die Albaner in der Zeit von Nazi-Deutschland nicht geschafft haben, das
haben sie unter den deutschen Truppen der sogenannten Friedensmission getan. Deren
Vertreter liessen es zu, dass das gesamte verbliebene christlich-orthodoxe Erbe in einer
Nacht verschwand.“
Der Iguman (Abt) des Klosters Visoki Decani, Teodosije, schilderte das unterschiedliche
Vorgehen der KFOR-Kommandanten: „In der italienischen Zone sind alle Klöster
beschützt wie auch die Brüder und Schwestern, die darin leben. In der deutschen Zone
sind dagegen alle Klöster verlassen, zerstört. So sieht die heutige Wirklichkeit in diesem
Gebiet aus.“...
Ralph Hartmann, aus: Deutsche verstehen nur Albanisch, in: Ossietzky Nr. 9, 1. Mai 2004
„George Steiner:.... Die zwei Weltkriege waren europäische Bürgerkriege. Zwar haben sie
die ganze Welt in ihren Strudel hineingerissen, doch vor allem waren sie kontinentale
Kriege, die von einem unheilvollen Waffenstillstand unterbrochen wurden. Europa wollte
sich selbst zerfleischen. Und der Holocaust, der Faschismus und sogar der Stalinismus
sind in der europäischen Zivilisation seht tief verwurzelt. Man könnte sagen, nach den
Massakern des Zweiten Weltkriegs (den Schätzungen der besten Historiker zufolge
kostete er 70 Millionen Tote von Madrid bis Odessa, von Oslo bis Palermo) habe es
Europa nicht verdient weiterzuleben: oder wie Paul Valéry, der den Tod der Zivilisation
vorausgesehen hat, könnte man denken: „Lassen wir sie doch sterben!“. Das wäre
gerechtfertigt und doch auch absurd. Aber dieses Urteil hat den Vorzug, unser Denken zu
bestimmen. Meiner Ansicht nach konnte nur Europa das tragische Absolute des
Menschen durchleben.
Die Zukunft der Wissenschaften und des Denkens liegt heute in den Vereinigten Staaten.
Das Jahresbudget einer einzigen amerikanischen Universität, der Harvard University, ist
gegenwärtig höher als das Gesamtbudget aller europäischen Universitäten. Ich lehre in
Cambridge, und dort verlieren wir jetzt sieben von zehn Doktoranten. Unsere Studenten
gehen in die Vereinigten Staaten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auf der anderen
Seite des Atlantiks herrscht eine hoffnungs- und kraftvolle Aufbruchsstimmung, wie man
sie lediglich in zwei europäischen Ländern findet: Spanien und Irrland. In Dublin, wo 50
Prozent der Einwohner jünger als 25 sind, beobachtet man eine wahre Explosion des
Schaffensdrangs in der Literatur und der Theaterkunst. Das zweite Land, Spanien, erlebt
das Wunder der spanischen Sprache, die wie ein Bumerang aus Lateinamerika zu ihm
zurückkehrt. Lateinamerika ist heute die Heimat grosser Schriftsteller, Lyriker und
Romanautoren, die in einer Injektion von Energie und Freude die spanische Sensibilität
stärken.
In Europa macht man sich nicht klar – oder will man sich nicht klarmachen -, welch
ungeheure und weitreichende Auswirkungen der Krieg im Kosovo hatte. Amerika dachte
seinerseits, dass Europa nicht über die Mittel verfüge, für Ordnung in seinem eigenen
Haus zu sorgen, und dass es die Amerikaner um Hilfe rufe, um sich aus dem Abgrund zu
retten. Seit den Ereignissen im Kosovo – und nicht seit denen im Nahen Osten – ist es zu
einem Meinungsumschwung in der amerikanischen Öffentlichkeit gekommen, die nun
diese hilfesuchende Europa mit Geringschätzung und Verärgerung betrachtet. Der
absurde, kindische und lächerliche Streit zwischen Frankreich und Amerika über den Irak
hat nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun. Es handelt sich um den unabänderlichen
Niedergang Europas, der von einer Ermüdung, einer masslosen Ermüdung herrührt. Ich
komme gerade aus Deutschland zurück, wo man mir einen Preis verliehen hat. An jedem
Haus hängt eine Erinnerungstafel: „1944 oder 1945 am Soundsovielten ist hier ...
gestorben...“ Aus der Zeit Kafkas stammt das interessante und schwer zu übersetzende
deutsche Wort „weltmüde“. Es ist eine Absurdität, die trotzdem eine sehr ernste
psychologische Bedeutung erhalten kann, als hätte es zuviel Geschichte gegeben.
Phantome sind eine schrecklich schwere Bürde. Während meiner Deutschlandreise haben
mich Deutsche sehr höflich und ängstlich gefragt, warum ihre Universitäten und ihre
grossen wissenschaftlichen Institutionen keinen neuen Aufschwung erlebten. Ich habe mir
erlaubt, ihnen zu antworten: „Ich möchte Sie nicht verstimmen, doch es ist vorstellbar,
dass Zivilisationen, die all ihre Juden umgebracht haben, nicht zu neuem Leben erwachen
können. Das war das Schicksal Spaniens, welches erst heut, nach 300 Jahren, wieder
auflebt.“ Ich kann mich irren, denn all das ist ja so überaus kompliziert! Ich kann mir keine
einzige Stunde meines Lebens ohne den Reichtum Europas vorstellen, zum Beispiel ohne
seine Cafés. Im Café kann man lesen und den ganzen Tag sitzenbleiben oder Schach
spielen. Freunde wie auch geistige Widersacher treffen. Man findet Cafés von der
Atlantikküste – ich denke an das sehr schöne Café Pessoas in Lissabon – bis nach Sankt
Petersburg, Odessa und Kiew. Moskau hingegen hatte nie ein Café, aber in Moskau
beginnt ja schon Asien, das sehr grosse Asien. Solche Cafés gibt es auch nicht in den
Vereinigten Staaten oder in England. Den Dialog über Glück und Angst, Ironie und Arbeit
weiterzuführen, das ist für mich etwas Grundlegendes, was wie durch ein Wunder die
beiden Weltkriege und den Holocaust überlebt hat. Gewiss müsste man eine Metaphysik
des Cafés kreieren...
Um an die ursprünglich Frage anzuknüpfen, sie erinnert mich an den berühmten
Ausspruch Saint-Justs: „Das Glück ist eine neue Idee in Europa“. Nach diesem Ausspruch
kam sein Tod auf dem Schafott. Heute habe ich ein wenig den Eindruck, als erlebte ich
eine Endzeit, die sich mit jener Athens und Jerusalems vergleichen lässt. Und wenn ich
mich leidenschaftlich dafür entschieden habe, in Europa zu bleiben, so stellt sich die
Frage, ob man fortgehen soll, für diejenigen, die die Wahl haben, sehr real. Welche
Zukunft haben sie in Europa, wo die ideologischen Spaltungen in manchen Regionen
immer rigoroser und unerbittlicher werden.
...
George Steiner:... Ich glaube ganz entschieden an diese Würde des Infragestellens, über
die wir gesprochen haben, und ich denke auch, dass manche Sünden unverzeihlich sind.
Das Christentum, das von den Sünden gegen den Heiligen Geist spricht, hat diesen
beunruhigenden Begriff niemals sehr genau definiert. Péguy, der zu meinen Lehrern
gehört, lässt seine Jeanne d’Arc am Anfang des ihre gewidmeten Mysteriums sagen:
„Nein, ich kann keinen Gott anerkennen, der Judas nicht vergeben hat.“ Péguy selbst
äussert sich durch den Mund der kleinen Jeanne. Jeder von uns – so könnte Kant
sprechen, doch wir sind ja alle Zwerge im Schatten Kants – sollte ein ganz kleines
Notizbuch in der Seele haben, in dem sich die Absolutheiten abgebildet finden, gegen die
man nicht verstossen darf.
Deshalb kann ich nicht Zionist sein, was mich von vielen meiner Schüler und engsten
Freunde trennt, denn das Überleben eines Staates ist weniger wichtiger als die Folter.
Zweieinhalbtausend Jahre lang hatten wir nicht die Macht zur foltern, was für mich das
Kennzeichen der höchsten Aristokratie, des „Jockey Clubs“ des Unsterblichen ist. Und
damit wir überleben können, sollten wir uns jetzt wie alle verhalten? Nach meiner Ansicht
ist der Preis zu hoch. Man mag mir entgegenhalten, dass sich so etwas in meinem Zimmer
in Cambridge leicht sagen lässt. Darauf kann ich nichts antworten, aber der Preis scheint
mir zu hoch. Ich habe nicht das Exil kennengelernt, doch ich meine, dass man die Stadt,
die sich schlecht beträgt, verlassen muss. Es gibt keine Stadt, bei der es sich nicht lohnte,
sie zu verlassen. Und wie kann man im Exil sein, wenn es eine Sprache zu erlernen, eine
Kultur zu entdecken gibt? Wenn ich morgen nach Ulan Bator gehen muss, so werde ich
das mit Freude tun. Ein Jude – das habe ich meinen Kindern beigebracht – hat immer
seinen Koffer gepackt. Zunächst einmal würde es mich ganz schön verrückt machen,
Mongolisch zu lernen, denn ich bin etwas bequem geworden. Andererseits wäre es ein
äusserst faszinierendes Abenteuer. Schliesslich würde meine erst Arbeit dort abstossend
langweilig sein, doch ich habe die nötige Arroganz, um zu glauben, dass die zweite Arbeit
schon besser sein würde. Ich verbiete mir einfach, laut zu klagen: „Warum hast Du mir das
antun können.“
Ich gehöre zu einem kleinen Volk. Wir sehen uns als Gäste des Lebens an, wir sollen
Gäste auf Erden sein; und Gäste versuchen immer, das Haus ein wenig sauberer,
interessanter und reicher zurückzulassen, als sie es vorgefunden haben. Nach meinem
Verständnis ist dies die Pflicht des Juden: die Männer und Frauen zu lehren, dass die
einen Gäste der anderen sind. Wenn wir diese Lektion nicht lernen, ist es möglich, dass es
zu einem Massaker kommt. Malraux hat gesagt, die Kriege des 21. Jahrhunderts würden
gewaltige Religionskriege sein. Vielleicht hat er das richtig gesehen. Wahrscheinlich
werden diese Konflikte mehr als zwei Wolkenkratzer treffen. Doch wenn man lernt, dass
die einen Gäste der anderen sind, so bedeutet das auch, zu verstehen, dass die Wahrheit
stets im Exil ist, dass sie stets vorübergehend, stets unterwegs ist. Es ist wunderbar Beine
zu haben. Wurzeln sind gut für Bäume – und ich habe Bäume sehr gern -, aber Beine sind
mir bei weitem lieber. Das ist ein grosser Fortschritt. Die Rückwendung zu einem
territorialen Chauvinismus erschreckt mich, ob da nun in Irland, im Baskenland oder auf
der Balkanhalbinsel geschieht...“
George Steiner im Gespräch mit Oliver Mongin in Kooperation mit Isabelle Albaret, aus
dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Aus: Vom Schicksal Europas. In: Lettre
Frühjahr 2004
Copyright: Revue Esprit, Paris
2004-05-08
„ ...Warum musste alles, was der Westen in Jahrzehnten entwickelt hatte, auf den Osten
übertragen werden? Warum gab es bei dieser nationalen Gelegenheit zum Beispiel keine
Überprüfung des deutschen Bildungswesens? Warum mussten alle Fehlentwicklungen,
die schon den Kundigen Jahre vor PISA vertraut waren, nun auch auf den Osten
ausgedehnt werden? Warum gab es ein kleines nationales PISA nicht unmittelbar nach
der Vereinigung? Welche Vorzüge und Nachteile hat die in der DDR etablierte
polytechnische Orientierung, welche Nachteil und welche Vorteile hat die frühe Selektion
des dreigliedrigen Schulsystems im Westen?
Nein, das wusste eine Koalition aus Provinzialismus der Länder und Triumphalismus der
Konservativen zu verhindern. Sieg ist Sieg, da gibt es keine Kompromisse. Tatsächlich
war die Vereinigung nicht vom Westen, sondern von den kritischen Bürgern der DDR
erkämpft worden, gegen die Erwartungen der gesamten politischen Klasse im Westen.
Warum nutzte der Westen diese einmalige Chance nicht zur Revision von
Fehlentwicklungen zu einer längst überfälligen Reform seiner Bildungseinrichtungen, wenn
im Osten ohnehin alles auf den Prüfstand musste.
Es hätte der inneren Balance unserer dritten deutschen Republik gut getan, sie insgesamt,
nicht nur in ihrem jungen östlichen Teil zu reformieren. Jetzt kommt das Lamento über
fehlende Innovation von denen, die Innovation, als sie nötig und leicht zu realisieren
gewesen wäre, fürchteten wie der Teufel das Weihwasser. Die Republik ist
bewegungsunfähig geworden, weil sie sich der damaligen historischen Chance verweigert
hat.
Im Osten gibt es zehn Mal so viele Krippenplätze wie im Westen. Jetzt will die Politik es
jungen Frauen erleichtern, Beruf und Kinder zu vereinbaren. In konservativen Organen
heisst es dazu hartnäckig: nur wer das wirklich nötig hat, sollte zu diesem letzten Mittel
greifen. Sonst sollten die materiellen Interessen zurückstehen. Später, ab drei Jahren,
könne das Kind ja in einen der Halbtageskindergärten gehen und die Frau beginnen,
wieder nebenbei berufstätig zu sein.
Da bilden wir eine Generation von jungen Frauen aus. Diese bringen im Schnitt bessere
Leistungen in Bildung und Ausbildung als die jungen Männer, und dann leisten wir uns die
gigantische Verschwendung geistiger Ressourcen, Millionen dieser jungen Frauen wieder
aus dem Arbeitsmarkt hinauszudrängen oder auf schlecht bezahlte und unterqualifizierte
Halbtagesstellen, wenn überhaupt, zu verschieben.
In der DDR war fast der gleiche Prozentsatz von Frauen berufstätig wie von Männern. Die
Frauen im Osten machen auch heute noch einen selbständigeren und selbstbewussteren
Eindruck als die im Westen, obwohl die Frauen im Osten in weit höherem Masse als die
Männer aus dem Berufsleben herausgedrängt wurden. Der westliche Feminismus sieht
angesichts dieser Bilanz ziemlich alt aus: Es ist ihm nicht gelungen, eine Gleichheit der
Lebenschancen zu erkämpfen, und die vermeintlichen kulturellen Errungenschaften im
Verhältnis der Geschlechter verblassen angesichts der selbstbewussten Frauen im Osten.
Übrigens, nur am Rande: Gab es nicht in den 60er und 70ern eine grosse kulturelle
Bewegung der „sexuellen Revolution“? Haben nicht erst die 68er den Muff in den
Ehebetten gelüftet? Eine Bewegung, die es im Osten generell und in der DDR speziell
nicht gab. Macht es da nicht nachdenklich, dass Studien unmittelbar nach der Wende,
aber auch bis heute anhaltend, zeigen, dass die Freude an Erotik und Sex im Osten
ausgeprägter ist als im Westen? ...
...Die deutsche Wiedervereinigung ist in aller erster Linie diesen Demokraten in der
früheren DDR zu verdanken, nicht Reagan, der Nachrüstung, Helmut Kohl, ja nicht einmal
Willy Brandt oder Gorbatschow. Die dritte deutsche Republik ist mit dieser ersten
erfolgreichen demokratischen Revolte unwürdig umgegangen. Sie hat die Chancen nicht
genutzt, ein neues normatives Fundament für eine dritte deutsche Republik zu zimmern...
Jetzt im Jahre 13 einer ohne ethische, politische und ökonomische Urteilskraft ins Werk
gesetzten Vereinigung, bleibt nur zu retten, was zu retten ist: Wissenschaft und Forschung
sind nicht ortsgebunden. Dies kann ein Schwerpunkt der Innovation in den neuen Ländern
werden. Hightech-Zentren siedeln sich gern in der Nähe guter und grosser
Forschungseinrichtungen an. Die Integration der mitteleuropäischen Staaten in die EU als
Chance, alte Handelswege aufzuwerten und gemeinsame, auch bittere Erfahrungen von
Transformationsgesellschaften zu einem Kooperationsnetz auszubauen. Als trojanisches
Pferd einer umfassend deregulierten Wirtschaft und Gesellschaft soll sich der deutsche
Osten nicht missbrauchen lassen. Es wäre der dritte Fall politischen Missbrauchs in allzu
kurzer Frist.“
Julian Nida-Rümelin, 2000-2002 Staatsminister für Kultur und heute Leiter des
Geschwister Scholl Instituts an der Universität in München, aus: Mangel an Urteilskraft,
Sonderwirtschaftszone ja, aber nicht als Vorhut der Deregulierung.“ In: Frankfurter
Rundschau 27. April 2004-05-09
Eindrückliche Stunden letzte Woche: Im TV – hier BBC World – wird die Befragung von
Verteidigungsminister Rumsfeld und seiner Generäle live und unzensiert gesendet. Wann
haben wir in Deutschland ähnliches mal erlebt? Beim Flick-Skandal etwa? Ich kann mich
nicht daran erinnern. Amerika – Du hast es besser. Wo bleibt bei uns der gläserne
Abgeordnete? In den USA ist er seit Jahr und Tag normal. Soviel zum grassierenden
Antiamerikanismus im Lande.
Michel Moores neuester Film wird nicht von Walt Disney verliehen – seine Runde um den
Globus wird er trotzdem machen, angefangen nächste Woche auf den Filmfestspielen in
Cannes.
2004-05-06
"Bei dem traurigen Anblick der Übel, welche sich die Menschen untereinander anthun,
erheitert sich doch das Gemüth durch die Aussicht, es könnte künftig besser werden; und
zwar mit uneigennützigem Wohlwollen, wenn wir längst im Grabe sein und die Früchte, die
wir zum Teil gesät haben, nicht einernten werden."
Immanuel Kant
"Nie las ein Blick, von Thränen übermannt,
ein Wort, wie dieses von Immanuel Kant.
Bei Gott, kein Trost des Himmels übertrifft
die heilige Hoffnung dieser Grabesschrift...
Sein Wort gebietet über Schwert und Macht
und seine Bürgschaft löst aus Schuld und NachtUnd seines Herzens heiliger Morgenröte
Blutschande weicht: dass Mensch den Menschen töte.
Im Weltbrand bleibt das Wort ihr eingebrannt:
Zum ewigen Frieden von Immanuel Kant."
Karl Kraus, in DIE FACKEL
(zitiert nach Jürgen Roth, Kraus/Kant, in: FR 28. April 2004
Nachtrag zum Tagebuch vom 6. Mai
In Paris wollen sie ihn loswerden, weil die Nachgeborenen Jim Morrisons auf dem Friedhof
mit Hasch und manchmal auch mittels der körperlichen Liebe ihrem Gott nachtrauern.
Jeder trauert halt auf seine Art. Vielleicht weiss das die Stadtverwaltung vom einst
korrupten Bürgermeister Cirac nicht.
Ihm zu Ehren:
www.thedoors.com/band/jim/grave/?fa=1
"Die Stimme der Vernunft ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat",
erkannte Sigmund Freud, der heute vor 148 Jahren geboren wurde und am 23. September
1939 starb. Dank www.perlentaucher.de.
2004-05-05
"Einwanderung ermöglichen, Integration fördern und Flüchtlinge besser schützen - dies
waren die Zielsetzungen des Zuwanderungsgesetzes. Die ursprünglichen Ziele werden
nicht erreicht. Die in dem Gesetz ohnehin eingebauten Verschärfungen und Restriktionen
werden von den Verhandlungspartnern der Parteien nicht mehr infrage gestellt.
Stattdessen werden die zukunftsweisenden Ansätze aus dem Gesetz gestrichen. Ein
gesellschaftlich notwendiges Reformprojekt ist inhaltlich gescheitert.
- Statt Einwanderung zu gestalten, bleibt es bei der Abkapselung Deutschlands. Das
Punktesystem als arbeitsmarktunabhängiges und zukunftsorientiertes
Steuerungsinstrument der Zuwanderung wurde auf Druck der Union wieder gestrichen.
Der generelle Anwerbestopp von 1973 soll bestehen bleiben.
- Die Integration bleibt ein weitgehende unbestelltes Feld! Integrationsmaßnahmen werden
ausschließlich auf den Spracherwerb beschränkt. Eine Vielzahl von Flüchtlingen und
Migranten bleibt ausgeschlossen. Der ursprünglich vorgesehene Rechtsanspruch wird
umgewandelt in eine für die Betroffenen kostenpflichtige und mit ausländerrechtlichen
sowie sozialen Sanktionsmechanismen gekoppelte Pflichtveranstaltung.
- Der desaströse Zustand der Kettenduldung wird nicht beendet. Eine
Bleiberechtsregelung für langfristig in Deutschland Geduldete fehlt.
- Unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung werden zentrale rechtsstaatliche
und menschenrechtliche Standards zur Disposition gestellt. Im Ausländerrecht wird der
Gedanke der Gefahrenabwehr noch stärker ausgeweitet.
Im Bereich des Flüchtlingsschutzes ist positiv zu bewerten, dass es zur längst überfälligen
Anerkennung von nicht staatlicher und geschlechtsspezifischer Verfolgung kommen
soll..........
.....Statt ein mangelhaftes Zuwanderungsgesetz zu beschließen, sollte die
Bundesregierung den Mut aufbringen, Reformen auf den Weg zu bringen, die für die
Migrations- und Flüchtlingspolitik tatsächlich etwas Positives bewirken. Es gibt viele
Bereiche, in denen die Bundesregierung auch ohne Konsens mit der Opposition handeln
kann:
- Die Ausweitung der Möglichkeiten eine Arbeitserlaubnis zu erteilen bedarf nicht der
Zustimmung des Bundesrates. Die rot-grüne Mehrheit kann zum Beispiel für eine
Liberalisierung des Nachrangingkeitsprinzips sorgen.
- Ausländische Studierenden, die an deutschen Hochschulen studiert haben, kann nach
dem Studium die Möglichkeit zur Arbeitsaufnahme erleichtert werden.
- Die Möglichkeit eines Wechsels von der Duldung in einen Aufenthaltsstatus aus
humanitären Gründen kann erleichtert werden.
- Eine Härtefallregelung kann ebenfalls beschlossen werden.
- Die Bundesregierung kann die deutschen Vorbehalte zur UN-Kinderrechtskonvention
zurückziehen und damit die Situation hier lebender minderjähriger Flüchtlinge verbessern.
- Ohne Zustimmung des Bundesrates kann die Bundesregierung ihre Anstrengungen im
Integrationsbereich durch Erhöhung des entsprechenden Haushaltstitels verstärken.
- Durch die Erarbeitung eines Anti-Diskriminierungsgesetzes kann und muss die
Bundesregierung ohne weiteren Verzug die beiden Gleichstellungsrichtlinien der
Europäischen Union aus dem Jahr 2002 wirkungsvoll in die nationale Gesetzgebung
transferieren."
www.proasyl.de
www.interkultureller-rat.de
Das Zuwanderungsgesetz ist gescheitert. Erklärung von Pro Asyl und dem Interkulturellen
Rat, in: Frankfurter Rundschau 29. April 2004.
Noch mimt der Grüne Chef Bütikofer den Strengen, Uns Otto bäffts derzeit: noch macht
Herr Bütikofer nicht die Politik der Bundesregierung: Die nächsten Wochen werden erneut
zeigen, dass Grüne flexibel im Umgang mit Positionen sind. Ein wahrer Nachfolger der
Politik einer Partei, die einst auch liberal war, mit drei Punkten auf dem Werbezettel. Kennt
sie noch jemand? Nachfragen bitte bei: Gerhard Baum, Hildegard Hamm-Brücher oder ...
Hörtip:
Wilson, Cassandra
"...Doch nun kehrt "rote Lilli", wie die mit Abstand beliebteste Journalistin Italiens nicht nur
wegen ihrer Haarfarbe genannte wird, dem italienischen Staatsfernsehen den Rücken - 21
Jahre nachdem sie in Bozen als Redakteurin zur RAI gestoßen und 17 Jahre nachdem sie
im Römer Studio die Moderation der Hauptnachrichten übernommen hatte.
"La Gruber", die als Journalistin immer Wert darauf gelegt hatte, sich nicht parteipolitisch
vereinnahmen zu lassen, steigt im Wahlkreis Mittelitalien als Spitzenkandidatin auf
Romano Prodis Mitte-Links-Liste in die Europawahl ein.
...Lilli Gruber nutzte ihren Abschied, um noch einmal kräftig Dampf abzulassen: Sie habe
unter unterschiedlichen Regierungen und RAI-Direktoren gearbeitet, schreibt sie in ihrer
Kündigung an den Chefredakteur des TELEGIORNALE I, Clemente Mimun. "Aber noch
nie hat der RAI die Versuchung, die Information mit der Einheitsmeinung ("penso unico")
der Parlamentsmehrheit gleichzuschalten, derart überwogen..."
Dominik Streub, aus: Die rote Lilli will nach Europa. In: Frankfurter Rundschau 29. April
2004
2004-04-29
"..Ich klage oft Schul- und Jugendfreunde als verdammte Astianer, Cuneser oder
Genueser an, weil sie nicht das Glück hatten, in Alessandria geboren zu sein. Aber wenn
ich auf der Autobahn fahre, mit meinem in Mailand zugelassenen Wagen, und ein anderer
Wagen mit Mailänder Nummer überholt mich rüpelhaft, dann sage ich nicht: "Ha, dieser
Rüpel aus Mailand!" Hat der andere aber eine Nummer aus Alessandria, dann kann es mir
schon mir passieren, dass ich "Ha, dieser Rüpel aus Alessandria!" sage. Ich fühle mich
eben in solchen Fällen in meiner Eigenschaft als Autofahrer zur Gemeinschaft derjenigen
mit Mailänder Nummer zugehörig, und alle anderen, einschliesslich der Bürger meiner
Geburtsstadt, werden zu "anderen".
Wir alle fühlen uns je nach den Umständen zu einer Sphäre gehörig (zu den
Büchernarren, zu den 1932 Geborenen, zu den Okarinaspielern, zu den Leuten mit
Schuhgrösse 42), und aus dem je besonderen Blickwinkel empfinden wir die anderen als
andersartig (die Bücherhasser, die Tattergreise oder die Grünschnäbel, die Gitaristen, die
Grossfüssler). Toleranz entsteht, wenn wir uns zivilisierterweise bewusstmachen, dass
Gitarristen auch Menschen sind und dass es auch Gitarristen gibt, die Schuhgrösse 42
haben und womöglich aus unserer Gegend stammen oder Django Reinhardt heissen.
Da schleichende Gift, das Bossis Predigt in unserem Lande verbreitet, besteht genau im
Verwechseln des Zugehörigkeitsgefühls mit einer Aufforderung zur Intoleranz. Es besteht
darin, dass man, um ihn zu widerlegen, gezwungen wird zu behaupten, es gebe keine
Unterschiede zwischen einem Palermitaner und einem Turiner, während es doch sehr
viele gibt; es besteht darin, dass wir gezwungen werden, unserem natürlichen und
gesunden Stolz auf die ethnische Zugehörigkeit zu misstrauen, um uns nicht als Rassisten
zu fühlen; es besteht darin, dass wir rhetorisch dazu gedrängt werden, Italien als ein
ethnisch homogenes Land zu definieren, was es nicht ist und niemals war seit der Zeit des
Äneas; es besteht darin, dass wir genötigt werden jede Affirmation der Andersartigkeit zu
misstrauen, wenn die Andersartigkeit (das Miteinander der Verschiedenheiten) schön ist
und prächtige Früchte zeitigt.
So wirft uns Bossi in eine Zeit, in der das Multikulturelle gefeiert wird (manchmal auch zu
sehr), weit hinter Rutilius Namatianus zurück (der wenigsten, lieber Bossi, ein
hochzivilisierter Gallier wie ich war und nicht ein struppiger Langobarde wie du)."
Umberto Eco, 1996, aus: Bossier ist kein Gallier wie ich. In: Umberto Eco – Sämtliche
Glossen und Parodien 1963-2000, Zweitausendeins Verlag.
Dies auch an die Hamburger Freundin Bettina, die mich erstaunt fragte, warum ich denn
Eco lese. Meine Antwort – damit ich die Italiener besser verstehe – verstand sie natürlich
wieder falsch, wie so meistens meine Antworten falsch verstanden werden. Jeder denkt
halt aus sich heraus und erklärt die Welt mit seinem Handwerkzeug. Wie würde ich mich
da freuen, wenn die Welt sich öffnen würde und den Geist hereinlassen.
Das erinnert mich an Frühstückssituationen mit Massimo, dem Sohn meiner Frau, in
Lörrach. Er war bei uns zu Gast und die Frühstückssituationen bei ihm waren schon sehr
eigentümlich. Bei ihm erlebe ich eine geistige Verengung, die mich plötzlich auch eng
werden lässt. Ich bin jemand, der gerne alle Publikation anschaut, reinliest und mich mit
der Welt in ihrer Vielgestaltigkeit auseinandersetzt. Der Kleine sitzt dann aber an seinem
Tisch, neben sich den Laptop, die Tasse Kaffe und liest sein Leib-und-Magen-Blatt
JUNGLE WORLD. Und weil er dasitzt, wie jemand, der die Bild-Zeitung vor sich hat –
komm mir ja nicht mit anderem, ich will jetzt meine Zeitung lesen – lass ich ihn allein mit
seinem Kommmirnichtnäher-Blatt. So eng können Familienverhältnisse sein und so
absurd.
DIE ZEIT"„...Früher war die Kirche ein herausragender Ort zur Vermittlung von Werten.
Wie bewerten Sie die Entchristlichung unserer Gesellschaft?
Helmut Schmidt: Dass die Kirchen gar keine Rolle mehr spielen und das konfessionelle
Unterschiede völlig unwichtig sind, halte ich für eine falsche Beobachtung. Ich finde auch
nicht, dass der Ausdruck Entchristlichung die Gegenwart im Vergleich zu der
vorangegangenen Generation oder zu vorangegangenen Generationen wirklich
charakterisiert.
DIE ZEIT: Entkirchlichung vielleicht?
Helmut Schmidt: Eher. Doch schon meine Eltern, geboren 1888 und 1890, gingen nur
einmal im Jahr zur Kirche – zu Weihnachten oder wenn es eine grosse Kirchenmusik gab,
ansonsten kaum. Sie haben sich sicherlich für Christen gehalten, haben uns Kinder
konfirmieren und auf diese Weise in die kirchlichen Gewohntheiten des Protestantismus
hineinwachsen lassen. Aber sehr tief ging das nicht.
DIE ZEIT: Die Emanzipation der Frau, der enorme Einfluss der Massenmedien – gibt es
weitere wichtige Veränderungen für das Leben in Deutschland, etwa die Entstehung einer
multikulturellen Gesellschaft?
Helmut Schmidt: Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen.
DIE ZEIT: Können Sie das erklären?
Helmut Schmidt: Nur so viel: Wenn ich mich an die Namen grosser Fussballer meiner
Schulzeit erinnere, die hatten polnische Namen wie Szepan und Kuzorra und waren
Söhne und Enkel von Polen, die sich im Laufe von zwei, drei Generationen eingedeutscht
haben. Diese Anpassung ist gegenwärtig offensichtlich schwieriger, als sie damals war.
Das hängt aber auch mit der Grössenordnung zusammen. Wir haben heute in
Deutschland einen so hohen Prozentsatz an zugewanderten Ausländern wie nie zuvor,
insgesamt acht Millionen. Wenn es 18 Millionen wären, würde die Anpassung nicht mehr
stattfinden.
DIE ZEIT: Es gibt Theorien, wonach kein Volk mehr als zwölf Prozent Fremde integrieren
kann. Meinen Sie das?
Helmut Schmidt: Einerseits hängt es von der Integrationsfähigkeit des Gastvolkes ab.
Andrerseits ist der Wille der Zuwandernden entscheidend. Leute, die früher aus Polen,
Irland oder Hessen nach Amerika emigriert sind, wollten Amerikaner werden. Manche der
heute bei uns lebenden Ausländer wollen jedoch keine Deutschen werden. Ich habe zum
Beispiel in Bezug auf manche islamische Gläubige, die nach Deutschland gekommen
sind, um hier zu bleiben, meine Zweifel, ob ein Austausch mit der deutschen im Gange ist.
Nein, der Ausdruck "Zweifel" ist eine Untertreibung. Der Austausch findet kaum statt.
DIE ZEIT: Kommt daher die verbreitete Furcht vor einer Überfremdung?
Helmut Schmidt: Die gibt es überall. Sie ist kein Spezifikum der deutschen Gesellschaft;
nicht einmal eine europäische Eigenart. Schauen Sie auf den Balkan, nach Uganda,
Burundi oder nach Nigeria. Wohin auf der Welt Sie gucken: Sie finden dieselbe Eigenart,
das gewachsene Kulturen die Angst vor Überfremdung durch eine andere Kultur
entwickeln. Ich wehre mich dagegen, die Deutschen als besonders fremdenfeindlich auf
die Anklagebank zu setzen..."
Moritz Müller-Wirth, Theo Sommer und Martin Spiewak im Gespräch mit dem ZEITHerausgeber und ehemaligem Bundeskanzler Helmut Schmidt, aus: Leben in
Deutschland. In: Die Zeit Nr. 18. 22. April 2004
"...Erol Yavuz schreibt Kurzgeschichten, veröffentlicht hat er noch keine. Sein Geld
verdient er als Organisator von Kulturveranstaltungen und Partys: Ich bin ein
stadtbekannter Typ. Überraschend bricht dünnes Sonnenlicht durch die Hoffenster, es
vermischt sich mit dem der Fransenlampen zu einem unwirklichen Schein. Yavuz’
Philosophenaugen bleiben von dem plötzlichen Helligkeitseinbruch unberührt, tief und
schwarz blicken sie auf die Welt, mit dem Hochmut der schlechten Erfahrung und der
Grosspurigkeit der Melancholie. Herr Yavuz war verheiratet: Meine Frau hat mich belogen
und betroffen, eine türkische Frau, jawohl. Ich erwähne den Film GEGEN DIE WAND.
Kommerzielles Kokettieren mit dem Türkisch-sein, meint Yavuz, falsches Spiel mit
vermeintlichen Tabus: In dieser Stadt gibt es kaum noch eine Türkin, die Jungfrau ist, die
mit den Kopftüchern vögeln am schönsten. Die muslimische Gesellschaft ist verlogen, fügt
er hinzu, es gibt keinen reichen Muslim, der sich an die Religion hält, nur die Armen. ..."
Jutta Voigt trifft Menschen im Café, in: DIE ZEIT Nr. 18. 22. April 2004-04-29
"...Kürzlich veröffentlichte die NETZEITUNG ein Gespräch Bettina Röhls, der Tochter
Ulrike Meinhofs, mit Marcel Reich-Ranicki.
www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7025
...Was da zu lesen ist und was da aus dem Jahr 1964 erinnert wird, bekommt durch das
Gespräch mit der Tochter einen anderen, beklemmenden Sinn.
...Ulrike Meinhof habe sich, bevor sie in den terroristischen Untergrund abtauchte, seinem
Gedächtnis tief eingeprägt. "Könnte dies damit zu tun haben, dass sie die erste Person in
der Bundesrepublik war, die aufrichtig und ernsthaft wünschte, über meine Erlebnisse im
Warschauer Getto informiert zu werden?" Zwischen ihrem späteren Weg in den
Terrorismus und ihrem „brennenden Interesse für die deutsche Vergangenheit“, das sie in
dem Gespräch gezeigt habe, bestehe vielleicht ein Zusammenhang.
Was Bettina Röhl, informiert durch den Vater Klaus Röhl, ihrem Gesprächspartner über
die Hintergründe des damaligen Interview eröffnete, ist desillusionierend. Die illegale
West-KPD mit Sitz in der DDR hatte es veranlasst, und zwar auf Ersuchen der
kommunistischen Partei in Polen...
Schon kurz vor dem Interview war es zwischen der KPD und den beiden führenden
Köpfen der von ihr finanzierten Zeitschrift KONKRET zum Bruch gekommen. Die Partei
hatte die Zahlungen eingestellt, als ein Konkret-Artikel Sympathien mit den
Regimekritikern in Prag bekundete. Dass Ulrike Meinhof, die Frau und Mitarbeiterin des
Herausgebers Klaus Röhl, nach diesem Zerwürfnis mit der Partei noch einen Auftrag für
sie ausführte, ist kaum zu glauben...
Da bleiben viele Fragen offen, politische und persönliche. War das Meinhof-Interview der
Versuch, einem abtrünnigen und im Westen zum Starkritiker aufgestiegenen
Exkommunisten irgendwie zu schaden? Einen Ansatzpunkt zu finden, um ihn erpressbar
zu machen und seine vielfältigen Kontakte mit oppositionellen Schriftstellern für die
Interessen der kommunistischen Partei einzusetzen? Als so "reaktionär" allerdings, wie
Röhl es darstellt, galt Reich-Ranicki während der sechziger Jahre in linken Kreisen nicht.
Immerhin war er es, der häufig über Schriftsteller aus der DDR schrieb. Das war damals in
der Bundesrepublik ganz ungewöhnlich und führte dazu, dass ihm die FAZ die weitere
Mitarbeit für etliche Jahre aufkündigte. Hoffte man im Osten vielleicht, ihn
zurückzugewinnen?
Reich-Ranicki will sich die guter Erinnerung an die erste Begegnung mit Ulrike Meinhof
nicht nehmen lassen. Ob die neuen Informationen seine Einschätzung geändert hätten,
fragte Röhl. „Nein, das hat gar nichts geändert, überhaupt gar nichts.“ Die Tochter
wiederum will durch Reich-Ranickis Erinnerungen ihr schlechtes Bild von einer schon
damals eiskalt operierenden Mutter nicht in Frage stellen. Dass den divergierenden
Sichtweisen vielleicht konträre und wechselnde Seiten in der Person Ulrike Meinhofs
entsprechen, mag keiner in Erwägung ziehen.
An der Episode bleibt vieles dunkel, doch liefert sie eine erhellende Momentaufnahme von
der bizarren Szenerie intellektueller Kommunikation inmitten des kalten Krieges. In dem
völlig zersplitterten Kräftefeld der Kultur redete oder feierte man miteinander und kämpfte
gegeneinander. Keiner konnte sicher sein, nicht getäuscht und denunziert zu werden.
Lebensgeschichten misstrauisch zu durchforschen oder zu verfälschen war an der
Tagesordnung. Noch die heutigen Erinnerungen an diese Welt von gestern bleiben davon
belastet."
Thomas Anz, aus: Warum weinte Ulrike Meinhof? In:
Frankfurter Rundschau 24. April 2004-04-29
Thomas Anz lehrt Neuere Deutsche Literatur an der Universität Marburg. Er ist Autor der
ersten Biographie über Marcel Reich-Ranicki, die in diesen Tagen bei DTV erscheint.
"Verkehrsvermeidung als Programm – Reiselust als Handlungsalltag, das ist die
Lebenslüge, das Auseinanderfallen von Anspruch (Verkehrsvermeidung) und Wirklichkeit
(Verkehrserzeugung) welches das schlechte Gewissen wegen der ausbleibenden
Verkehrswende ausmacht."
DIE GRUENEN, aus der Positionschrift "Von der Verkehrswende zur Nachhaltigen
Mobilität", 2004, zitiert nach: Thomas Maron, Grüne geben die Verkehrswende auf. Statt
Erziehung Vorrang für Vernetzung und Technologie. In: Frankfurter Rundschau 24. April
2004
"...Marokko hat uns fasziniert, aber auch Respekt eingeflösst. Wir hatten zu viele
Geschichten gehört, was dort im Urlaub alles schief gehen kann. Die Sorgen waren und
sind ja teilweise noch heute nicht unbegründet. Wenn du heute von Tanger ins Rif-Gebirge
fährst, musst du wissen, dass die Polizei oft mit den Kiff-Bauern zusammen arbeitet. Erst
verkaufen dir ein paar Händler Hasch oder kleben es unter dein Auto, kurz darauf
kontrollieren dich Polizisten an einer Strassensperre, die seltsamerweise sehr genau
wissen, wo sie suchen müssen...
Erst viel später, 1987, habe ich mich zum ersten Mal nach Marokko getraut. Ich bin in die
Küstenstadt Agadir geflogen und dann im Taxi die Küstenstrasse hoch nach Norden
gefahren. Bis nach Essaouira mit seinen riesigen Sandstränden und dem malerischen
Hafen. Eine wunderschöne, von französischen Architekten entworfene Stadt am Atlantik.
Für mich war es der richtige Ort, um in Marokko einzutauchen Das war der Beginn einer
wunderbaren Freundschaft – seit dem bin ich 15 Mal dort gewesen...
Am liebsten sitze ich in einem der Cafés am Platz der Gehenkten in Marrakesch: Oben
von einer Dachterrasse hat man einen fantastischen Blick auf das Gewimmel. Wenn dann
abends die Garküchen anfangen zu dampfen, der Rauch aufsteigt, ist das eine
Atomsphäre wie in einem Märchen...
Warum Marokko? Immer wieder Marokko? Dieses Land zwischen Moderne und
islamischer Tradition ist mir vertraut und fremd zugleich. Immer wenn ich merke, ich muss
den Kopf freikriegen, fahre ich nach Marokko –ich fliege hin, fahren im Auto durchs Land,
komme zurück, bin geheilt..."
Wolfgang Niedecken, BAP-Sänger über sein Traumland Marokko.
Aus: Tee in der Sahara. In: Frankfurter Rundschau 24.April 2004-04-29
2004-04-27
Der Artiel aus www.perlentaucher.de erscheint mir so wichtig, dass ich ihn raubkopiere.
Sorry, es ist halt eine immerwährende Schaukel zwischen Wahrung des Persönlichkeitsund Urheberrechts und dem Begehr nach Freiheit.
Virtualienmarkt
A9: Zuspitzung des Google-Syndroms 26.04.2004
"Search in many ways is about reading people's minds", sagt Udi Manber, ein ehemaliger
"Chief Technology Architect von Yahoo, der nun für den Internet-Buchhändler Amazon
tätig ist.
Um unsere Gedanken zu lesen, lässt sich Manber erstaunlich simple Dinge einfallen:
Zuerst entwickelte er für Amazon ein Suchprogramm, das es ermöglicht, nicht nur das
Internet, sondern eine rasch wachsende Zahl von Büchern auch zwischen den
Buchdeckeln zu durchsuchen. Rund 120.000 überwiegend englischsprachige Titel aus
dem Amazon-Katalog liegen bereits aufgeblättert vor uns. (Am Virtualienmarkt wurde
darüber bereits im November 2003 unter der Überschrift "Amazon küsst Bücher wach"
ausführlich berichtet)
Nun folgte Mitte April, und ohne großen Werberummel, der nächste Streich: A9, die
Verknüpfung der Büchermaschine mit der Suchmaschine von Google, ergänzt durch einen
kleinen Werkzeugkasten, der die Suche "persönlicher" machen soll.
Das funktioniert so:
Wenn ich über A9 eine Internet Suche starte, etwa zum Stichwort "Virtualienmarkt",
bekomme ich nicht nur alle Internet-Fundstellen aus dem Perlentaucher und aus einem
bayrischen Blog gleichen Titels. Ich finde auch alle Bücher (soweit sie von Amazon schon
aufgeschlossen wurden), in denen mein Stichwort vorkommt. Hier etwa den Hinweis auf
eine "vegetarian snack bar" in München am (falsch geschriebenen) "Virtualienmarkt". Die
Fundstelle ist auf Seite 89 des Buchs "Insight Compact Guide Munich" von Dr. Hans Latja.
Überdies merkt sich A9 meine Suche. Ich kann später direkt auf vorausgegangene
Suchen zurückgreifen. Neue, aktuellere Funde werden entsprechend gekennzeichnet. Ein
weiteres Werkzeug erlaubt mir, Notizen zu einzelnen von mir besuchten Web Seiten zu
machen, und auch diese virtuellen Zettel bleiben mir erhalten.
Ein gutes Stück tiefer reicht die nächste Schicht von Informationen, die ein weiteres, zur
Zeit noch wenig bekanntes Tochterunternehmen von Amazon namens Alexa in
unscheinbaren Buttons ins Suchergebnis einfügt: Unter dem Hinweis auf "Site Infos"
werde ich aufgeklärt über den Internetverkehr auf der gefundenen Website, über die
Anzahl anderer Sites, die auf die Fund-Website verlinken (931 sind es angeblich im Fall
des Perlentauchers, die Spanne reicht von den persönlichen Seiten einer Yahoo Userin
bis zur New York Times on the Web - aber Vorsicht, diese Zahlen sind noch anfällig und
ungenau, denn die ganze Einrichtung wird vorerst noch als Testbetrieb geführt).
Des weiteren kommt die von Amazon vertraute Liste weiterführender Empfehlungen, die
hier nicht auf Bücher, sondern auf andere Internetseiten unter der Rubrik "People who visit
this page also visit..." führen. Beim Perlentaucher sind dies etwa "Philosophy and Art" oder
Literaturkritik.de. Ich kann die Perlentaucher-Seite auch online rezensieren, und ich
bekomme eine "contact info" mit der korrekten Angabe über den Sitz der Perlentaucher
Medien GmbH.
So wird das Web mit einem Click ziemlich transparent. Allerdings, A9 kann sich meine
Angaben nur merken, weil ich mich über mein Amazon-Kundenkonto erst einmal
anmelden und ausweisen muss. Die Informationen über die besuchten Websites
analysiert seine Suchmaschine, und die hat A9 von Google lizenziert.
Der große Hunger nach Kundeninformationen, für den Amazon ohnedies bekannt und
gefürchtet ist, hat erwartungsgemäß auf Anhieb scharfe Reaktionen auf zahlreichen
Internet Foren provoziert. "Schnüffelsoftware als Verbesserung" ätzte der Kolumnist auf
CommsWorl, und auf Slashdot meinte jemand augenzwinkernd, dass es stets Suchläufe
gebe, an die man lieber nicht erinnert werden möchte (Links hier). Sie bleiben jedoch
irgendwo gespeichert. Man kann sie im Nachhinein nur unsichtbar machen. Was die
Spuren meiner Wege durch das Internet angeht, bleibt letztlich wenig mehr als die lapidare
Erklärung des gutwilligen Rezensenten von Searchenginewatch, der schreibt: "In short, I
trust Amazon".
Die wunde Flanke der Stück um Stück verlorenen Privatheit und Anonymität am Internet
ist aber nur die eine Seite - wenn auch eine Seite, über die aus guten Gründen viel und
besorgt geschrieben wird.
Die andere - inhaltliche - Dimension ist die zunehmende Zuspitzung des GoogleSyndroms.
Google, die längst unverzichtbare Suchmaschine, war der Schlüssel zum Breitenerfolg
des Internets, denn Google erschloss die konfusen Gipfel und Täler rund um die Daten am
Netz. Freilich hieß dies auch, dass damit eine scharfe Linie gezogen wurde gegenüber
allen anderen Informationen, die - aus welchen Gründen immer, absichtlich, aus
kommerziellen Erwägungen oder aus Geheimhaltung - draußen bleiben.
Mehr noch, gerade weil die Zahl der Funde oft nahezu unermesslich ist, muss Google eine
Hierarchie erstellen. Die gefragteren Internet Seiten - jene, auf die mehr Links verweisen werden zuerst angezeigt. Weniger Geläufiges rutscht nach hinten.
Damit wird eine Dynamik verstärkt, die unser traditionelles, verschachteltes
Wissenssystem radikal nach einem einzigen Faktor ausrichtet und ordnet - nach dem
aktuellem Erfolg eines Angebots. Die Erweiterung dieses Prinzips von Webseiten auf
Bücher, also die Integration der virtuellen Weltbibliothek in einem System, ist der nächste,
ebenso logische wie wirkungsmächtige Schritt.
Ich hänge hier keinen Verschwörungstheorien nach. Aber Amazon ist kein abstrakter
Wissensspeicher, sondern eine Buch- und Handelsfirma mit klarer Ausrichtung auf
Gewinn (den Amazon neuerdings auch tatsächlich einfährt). Und A9 wurde aus genau
diesem Grund gegründet, so sein Chef Udi Manber: ""Our job is to concentrate on
ecommerce". (so gegenüber dem Branchendienst Searchenginewatch)
Mit den verschiedenen Werkzeugen zur Personalisierung, also zum Maßschneidern nach
persönlichen Präferenzen wird an einem großen, das eigene Drehmoment ständig
verstärkenden Rad gedreht: Will man den ganzen Nutzen aus der Integration von
Information und Wissen erschließen, muss man all jene Dinge anschalten, die die
persönlichen Vorlieben und Gewohnheiten auf den Servern von Amazon speichern. (Oder
wie ein aufmerksamer Beiträger auf Slashdot notierte: "If you disable the Amazon and A9
cookies then you loose the search inside and history "features", which is most of what A9
offers over Google."
Für die eigenen Informationsgewohnheiten gilt wohl das Entsprechende: Ich werde mich
zunehmend an den von Suchmaschinen und User-Empfehlungen angelegten und
kontinuierlich verstärkten Empfehlungen und Hierarchien orientieren und zumindest
nebenher wahrnehmen, wie es um das Rating und die Prominenz meiner
Informationsquellen bestellt ist. Ich werde über den Zugriff zu meiner eigenen
Informationsgeschichte vermehrt auf von mir bereits ausgetretenen Pfaden wandeln, und
nur in Ausnahmefällen die Anstrengung auf mich nehmen unbekanntes Terrain zu
erkunden. Ich werde meine Informationskreisläufe integrieren, weil es praktisch ist. Aber
ich nehme damit auch einen großen Verlust in Kauf:
Es ist ein Paradox. Jeder Zugewinn an Personalisierung, also an Komfort, an Reichweite
und vor allem an Möglichkeiten, meine Werkzeuge nach meinem individuellen Bedarf zu
formen, bringt zwangsläufig eine zunehmende Einschränkung meines Blickes mit sich.
Sich die Gedanken lesen zu lassen, erweist sich als praktisch und bequem. Man muss es
allerdings mögen.
Rüdiger Wischenbart
2004-04-26
"Tanger, die Stadt der rastlosen Dichter und vom Hasch benebelten Banditen, die Stadt
von Paul Bowles und Jean Genet, das Tor nach Afrika, die Schwelle zu Europa, Tanger
mit seinen alten, auf den Bergen thronenden Häusern, in denen Dandys, Maler und eine
Hand voll Aristokraten wohnen, Tanger mit seinen umherirrenden Touristen und seinen
verborgenen Reizen – sollte diese Stadt etwa in eine kleine Depression verfallen sein, ihre
innere Ruhe verloren haben? Tanger ist am 11. März 2004 mit grossem Unbehagen
erwacht: Die Bombenleger von Madrid-Atocha, die Terroristen, die ein schlimmes
Massaker an unschuldigen Menschen verübt haben, sind fast alle Marokkaner, genau
genommen aus Tanger. Sollte diese mediterrane Stadt etwa Hort des absolut Bösen
sein?...
Wer sind diese Leute, die man festgenommen und befragt hat? Jedenfalls waren es keine
kurzentschlossenen Abenteurer. Alle waren in Spanien etabliert, einige mit doppelter
Staatsbürgerschaft, alle in Arbeit, wenn auch eine geringfügige Beschäftigung, ihre
Familien leben in Marokko. Wie jeder Immigrant reisen sie oft dorthin, sie schicken ihren
Familien Geld, brachten die einen oder anderen Geschenke mit. Die meisten sind um die
dreissig, nicht alle tragen Vollbart. Vor allem haben sie französische Gymnasien besucht...
Jamal Zougam und sein Halbbruder Mohamed Chaoui waren in ihrer Erscheinung und
ihrem Verhalten alles andere als religiös. Sie frönten in Spanien dem süssen Leben, wie
Zeugen berichteten. Auch in den Lebensläufen der übrigen Täter deutete nichts darauf
hin, dass sie einmal Terroristen werden sollten. Vielleicht erleben wir gerade die
Entstehung einer neuen Klasse von Terroristen, Leute, die beinahe zufällig ausgewählt
werden, ohne Indoktrination oder religiöse Unterweisung. Jemand sagt ihnen einfach,
welche Gegenleistung sie erbringen müssen, um in einer Stunde 10 000 Dollar zu
verdienen. Ich habe einmal einen hochrangigen Beamten vom marokkanischen
Geheimdienst getroffen, der mich in die Ergebnisse seiner Recherche einweihte. Unter der
Bedingung, anonym zu bleiben, verriet er mir: „Es ist heute sehr beunruhigend, dass wir
es nicht mehr mit Vollbärtigen zu tun haben, die wirres Zeug reden und hochmütig
fanatisiert sind. Nein, inzwischen treffen wir auf junge Menschen, die nicht einmal mehr in
die Moschee gehen. Leute, die Arbeit und Familie haben und sich für 10 000 Dollar kaufen
lassen. Sie werden einige Tage vor den Attentaten rekrutiert. Man bittet sie, einen Koffer
oder eine Tüte an einem bestimmten Ort zu deponieren, die Hälfte der Summe wird ihnen
vorgestreckt, die andere Hälfe bekommen sie hinterher. Sie deponieren das Ding nicht am
Anschlagsort, sondern in irgendeinem Laden, dort tauchen andere Typen auf, die mehr
wissen und die "Ware" dorthin befördern, wo sie explodieren soll. Sehen Sie, es sind
kleine Gauner, die ihr Monatsgehalt mit Drogenhandel oder derartigen Diensten
aufbessern. Auf diese Weise verwischen die Spuren, und die Sache wird kompliziert."
IST TANGER EINE TERROIRSTENFABRIK?, titulierte LE MONDE. Tanger ist nicht nur
ein Ort von Mythen und Legenden, sondern auch eine Durchgangsstation, ein Hafen, eine
Grenze. All das begünstigt Geschäfte jedweder Art, vor allem den Handel mit dem im RifGebirge angebauten Haschisch, und gebiert Mafiabanden, die in Menschenhandel und
Korruption verstrickt sind. Noch in den neunziger Jahren prangerte Mohamed Fizazi, der
nach den Anschlägen von Casablanca inhaftiert und zu dreissig Jahren Gefängnis
verurteilt wurde, die "Ausschweifungen und diese Unmoral" lauthals an. Tanger hatte
immer einen Sonderstatus. Aber aus der Stadt eine "Terroristenfabrik" zu machen, das
geht zu weit. Vielmehr leidet Tanger unter den grössten Übeln des Königreiches: Armut,
soziale Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, Landflucht, menschenunwürdige Behausungen
und hohe Kriminalität, bedingt durch das Geschäft mit den illegalen Flüchtlingen und so
weiter.
Wir wissen, dass sich die Netzwerke der "Schläfer" – eines davon wurde am 5. April von
der französischen Polizei in einem Vorort von Paris zerschlagen – aus Menschen mit
doppelter Staatsbürgerschaft rekrutieren. Es sind Franko-Maghrebiner. Das beweist, dass
die Drahtzieher eine mobile und vor allem indirekte Strategie verfolgen. Sie brauchen
Leute, die das Terrain und die Gesellschaft gut kennen. Für die Anschläge von Madrid
wandten sie sich natürlich an Marokkaner, die in Spanien leben und arbeiten. Wir haben
es hier mit komplexen Vorgängen zu tun, bei denen kein Land verschont wird. Die sich
zusehends verschlechternde Lage in Palästina und im Irak dient als Alibi für den
Terrorismus. Doch wer Bomben in Zügen deponiert, wird uns niemals überzeugen können,
dass es ihm bei der Ermordung Unschuldiger um den Frieden für die arabische und
muslimische Welt geht."
Tahar Ben Jelloun, geboren 1994, der berühmteste marokkanische Schriftsteller, aus:
Die Heimat der Mörder. In: DIE ZEIT Nr. 18. 22. April 2004. Aus dem Französischen von
Sigrid Weise.
Wie denke ich gerne an Marokko zurück, an die Souks von Marrakech, an die Gassen von
El Saouria, an den Duft des Haschisch auf der Taxi-Fahrt dorthin, er lag in der Luft wie
eine grosse Haschischzigarette und wir waren glücklich. Die Fahrt im Marrakech-Express
von Crosby, Stills, Nash and Young – jahrelang im Kopf entlang der Töne dieses
amerikanischen Peace-Trains, dann, in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts
live zusammen mit meiner Geliebten.
„ZEIT: Sie sagen also, dass Amerika nur der zweitwichtigste Grund für die Anschläge war.
Primär ging es den Islamisten um die arabischen Regime?
Sadik al-Azm: Ja, das hat bin Laden auch so erklärt: Die Amerikaner sollen das Heilige
Land verlassen. Er glaubt, wie viele andere fundamentalistische Kritiker des saudischen
Regimes auch, dass dies kein richtiges islamisches Regime, sondern ein heuchlerisches
ist. Sein Hauptaugenmerk liegt auf Saudi-Arabien selbst. Aber er kann sein Programm
nicht durchsetzen, ohne die Amerikaner anzugreifen. Er hat sich wahrscheinlich als
Vorbild Somalia genommen und dachte, wenn er die Amerikaner moralisch trifft, dann
werden sie sich sofort zurückziehen. Ich glaube, da hat er falsch gedacht.
ZEIT: Wenn also die Amerikaner Saudi-Arabien verlassen würden, dann wäre die
saudische Regierung sehr geschwächt und eine Person wie bin Laden könnte an die
Macht kommen?
Sadik al-Azm: Ja, die Fundamentalisten, die noch extremistischer sind als die regierende
Familie, würden an die Macht kommen und die saudische Gesellschaft nach ihren
Vorstellungen islamisieren.
ZEIT: Und nicht nur die saudische Gesellschaft, sondern alle arabischen Gesellschaften?
Sadik alAzm: Ja, das ist wahrscheinlich. Die Illusion ist schon viel früher entstanden. Als
die Fundamentalisten 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat umbrachten,
hofften sie, dieser Mord würde einen Flächenbrand entzünden, die sich auf die gesamte
Region erstrecken würde. Aber sie haben das nicht geschafft.
ZEIT: Sie haben einmal gesagt, dass der Islam grundsätzlich zu schwach für eine
ernsthafte Konfrontation mit dem Westen ist.
Sadik al-Azm: Das ist meine Auffassung, ja. Langfristig gesehen, auf jeden Fall.
ZEIT: Aber ist der Westen nicht dadurch bedroht, dass islamistische Extremisten stetig an
Zulauf gewinnen?
Sadik al-Azm: Nein, der Islam ist auf dem Rückzug. Der Islamismus hat kein positives
Modell, dem er nacheifern könnte. Schauen Sie in den Sudan oder nach Iran. Das Modell,
dass die Islamisten uns geben, sind die Taliban aus Afghanistan. Und als die Taliban
gestürzt wurden, gab es nicht die kleinste Gegenstimme aus der islamischen Welt. Kein
einziger Sprecher des Islams hat sich öffentlich dagegen ausgesprochen und für die
Erhaltung des Taliban-Regimes. Alle waren sich darüber einig, dass die Taliban
verschwinden mussten. Die Islamisten produzieren nur negative Modelle. Und wenn sie
versuchen, Regierungen mit Gewalt zu stürzen, gelingt ihnen das nie, wie Algerien zeigt.
Die Amerikaner sind jetzt ausserdem unterwegs, um überall auf der Welt terroristische
Gruppen aufzuspüren und zu zerstören.
ZEIT: Aber provoziert das nicht Gegenreaktionen?
Sadik al-Azm: Natürlich, wenn eine Gruppe attackiert wird, dann versucht sie, sich zu
sammeln und zurückzuschlagen.
ZEIT: Es werden doch auch Muslime den Islam verteidigen, auch in seinen extremeren
Ausrichtungen, nur aus dem einfachen Grund, dass sie sich mit angegriffen fühlen.
Sadik al-Azm: Das hat aber nichts mit Kraft zu tun. Das ist nur Sympathie. Wirkliche
Zugewinne gibt es bei den Konservativen, fast reaktionären Gruppen der arabischen
Gesellschaft. Aber auch das ist nur eine Stimmung. Die islamistische Bewegung hat es
lediglich geschafft, unsere Gesellschaft in eine konservative Richtung zu bringen – im
Sinne von Werten und Kleidung. Ansonsten haben sie überhaupt nichts erreicht. Schauen
Sie nach Ägypten, zu den Muslimbrüdern. Die haben in 50 Jahren politisch überhaupt
nichts erreicht. Sie haben nicht einmal einen wichtigen Führer hervorgebracht. Der Chef
stirbt mit 85 Jahren, dann folgt der ihm am nächsten Stehende, der 83 Jahre alt ist, und so
weiter. Der Zustand dieser Gruppen ist wirklich zum Lachen."
Elisabeth Knoblauch im Gespräch mit dem 70jährigen Professor Emeritus für moderne
europäische Philosophie an der Universität Damaskus, der im Mai den Leopold-LucasPreis der Universität Tübingen erhält, aus: Bin Ladens letzte Schlacht, in: DIE ZEIT Nr. 18.
22. April 2004-04-26
"..Die Initiative von Scharon, sich einseitig ohne Einvernehmen mit den Palästinensern aus
dem Gaza-Streifen zurückzuziehen, ist wohl einer der grössten Steine, die hier in den
letzten Jahren ins Rollen gebracht wurden. Seit über zwanzig Jahren gibt es nun Frieden –
oder besser, keinen Krieg – mit Ägypten. Es ist kein warmer und herzlicher Frieden.
Mubarak und Scharon stehen nicht Händchen haltend vor gemeinsamen Kriegsgräbern
und sind auch noch nicht so weit, den Nahen Osten unter sich aufzuteilen. Aber kein
einziger israelischer oder ägyptischer Soldat ist mehr in Kriegshandlungen gefallen.
Das ist für den Nahen Osten schon mehr als Erlösung. Es war damals die israelische
Rechte, die den Frieden schloss, und die israelische Linke konnte nur von der Hinterbank
zuschauen und die Hand zur Zustimmung heben. Und so wird es wahrscheinlich wieder
sein. Am 2. Mai werden die 200 000 eingeschriebenen Parteimitglieder der
Regierungspartei Likud über den Sharon-Plan abstimmen – und sie werden es -, dann
wird es das zweite Mal innerhalb eines Vierteljahrhunderts sein, dass die israelische
Rechte auf Ideologie und Territorium verzichtet.
Eine Mehrzahl der israelischen Bevölkerung traut ihren linken Politikern nicht, wenn es um
Frieden geht. Man traut eher der Rechten, dass sie nicht einen verklärten Frieden,
sondern einen Friedensprozess, einen Zustand des Nichtkrieges zu finden versuchen.
Wenn sich die Sharons darauf einlassen können, dann kann man das Wagnis eingehen.
Wenn also der Likud am 2. Mai abstimmt, werden damit mentale Blöcke abgebaut werden.
Und jeder Schritt hier ist ein Wagnis – die Beobachter dürfen niemals vergessen, dass hier
ohne Irrtumsspielraum gespielt wird. In der Nahostpolitik geht es in der Tat um Leben oder
Tod, und nicht um Renten- oder Gesundheitsreformen. Deswegen muss in Israel jeder
Verzicht, jegliche Einschränkung der Souveränität, jede wahre oder vermeintliche Aufgabe
von Sicherheit durch Sicherheitsgarantien abgesichert werden. Und diese Garantie haben
die USA nun geliefert..."
Natan Zsnaider, Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv, aus: Ohne
Irrtumsspielraum. Die Steine sind ins Rollen gebracht: Mit der Sharon-Bush-Initiative ist
der Anfang vom Ende der israelischen Besatzung gekommen. In: Frankfurter Rundschau
20. April 2004-04-26
"... Ungewollt erzählt die Geschichte des Anti-Irakkrieg-Plakates also etwas über die
Geschichte der Plakatgestaltung. Ohne potentielle Geldgeber im Hintergrund (wie etwa bei
Werbeagenturen) kommen Plakatgestalter bestenfalls im Rahmen von Ausschreibungen
im Hochschulkontext zu überzeugenden kreativen Lösungen. Selten aber gelingt es
gutwilligen Quereinsteigern in Eigenauftrag. Es zeigt sich, dass eine gute Intention noch
lange kein gutes Plakat macht und dass es einer professionellen Auseinandersetzung mit
dem Medium bedarf, um diese scheinbar schlichte, weil eben plakative
Kommunikationsform zu beherrschen – was vor allem bedeutet, sorgfältig die zu treffende
Aussage zu untersuchen und von jeglichen Allgemeinplätzen zu befreien. Nie war es
offensichtlich leichter als 2003, zu den Kriegsgegnern zu gehören, und selten so schwer,
es auf reflektierte, intelligente Art umzusetzen."
Silke Homann, aus: Von Irokesen und Irakern. Für die gute Sache Pazifismus – doch ist
eine Sammlung von Anti-Irak-Plakaten nicht gleich ein gelungenes Designbuch. In:
Frankfurter Rundschau 20. April 2004. Über: Mann, James (Herausgeber): "Peace Signs –
The Anti-War Movement illustradet." Edition Olms, Zürich 2204.
"Die ersten zehn Jahre, das heisst also: Ausbildung, Anfang im Beruf, Heirat, kleine
Kinder, Ärger mit der Wohnung. Weniger Establishment und Konsolidierung, als ich
erwartet hatte. Und immer noch alle ganz und gar zivil. Unser Jahrgang war nicht mehr bei
der Hitlerjugend, noch nicht bei der Bundeswehr. Vielleicht hatte sich auch deshalb keiner
ganz verändert. Weil man unseren Jahrgang weder vorher noch nachher über einen
Leisten geschlagen hat."
Ulrike Meinhof, aus: "Wilinaburgia", der Zeitung der "Ehemaligen" ihres Gymnasiums
Philppinum in Weilburg, zitiert nach: Zeitung in der Schule – Ulrike Meinhof – aufarbeiten
statt verteufeln. "Eine detaillierte Auseinandersetzung mit ihrem publizistischen Werk wäre
ein wichtiger nächster Schritt." Autoren: Leistungskurs Deutsch, Gymnasium Philppinum
Weilburg.
"...Können Sie Ulrikes Entwicklung nachvollziehen?"
Klaus Gelbhaar: "Ulrike ist nicht das ordinäre, gewalttätige Monster, für das sie noch heute
gehalten wird. Unserer Meinung nach beruht ihre Veränderung nicht auf einem politischen
Argument, sondern auf einer persönlichen Enttäuschung. Es handelt sich um eine
personale, familiäre Tragödie, die durch die gescheiterte Ehe entstanden ist. Nach ihrem
überstürzten Umzug nach Berlin suchte Ulrike verzweifelt Halt und Anschluss, dabei geriet
sie in falsche Kreise. Die Personen mit denen sie sich anfreundete wollten genau wie
Ulrike eine politische Veränderung. Im Gegensatz zu Ulrike waren sie aber bereit, dies
auch mit Gewalt zu erzwingen. Um akzeptiert zu werden veränderte Ulrike ihre
Einstellung.
FR: Wie reagierte Ulrikes Umfeld auf ihre RAF-Aktivitäten?
Klaus Gelbhaar: Alle, die Ulrike kannten, hielten zu ihr. Sogar der damalige
Bundespräsident Heinemann erklärte öffentlich, dass er ihr Unterschlupf gewähren würde.
Anni Gelbhaar: Diese Äusserung Heinemanns hat uns in unserer Erklärung bestärkt. Auch
wir hätte Ulrike Unterschlupf gewährt. Später erfuhren wir, dass wir beobachtet wurden, da
man es für möglich hielt, dass Ulrike bei uns auftauchen wollte...."
Klaus (83) und Anni (82) Gelbhaar sind seit 1946 verheiratet und leben seitdem in
Weilburg. Klaus Gelbhaar war als Maler und Graphiker tätig, seine Frau schrieb
Kinderbücher. Sie waren mit Renate Riemeck, der Pflegemutter von Ulrike Meinhof,
befreundet. Nera Hausetter, Anna Radkowsky und Inna Renz, aus: Alte Freunde suchen
die Erklärung in einer familiären Tragödie, in: Zeitung in der Schule, Frankfurter
Rundschau 20. April 2004-04-26
Während die meisten Ausgaben von Zeitung in der Schule (auch die Badische Zeitung
Freiburg macht so ein Zeitungsprojekt mit Schulen) eine langweilige Sache ist, haben wir
es bei dieser Seite mal mit einer gelungenen Erweiterung der "normalen" Zeitung zu tun.
Meist, sorry liebe Schüler und Lehrer, sind die Seiten schlechter, langweiliger gemacht, als
der Rest der übrigen Zeitung.
„Nichts ist intimer als Sexualität, und keine grössere Erniedrigung ist vorstellbar als sich
als Versager in der eigenen sexuellen Rolle zu fühlen. Aus solchem Versagten geht oft
häusliche Gewalt hervor; und wenn dies Versagen mit den sozialen Rollen von
Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden wird, kann es der Anlass von öffentlich verübter
Gewalt sein. Terroristische Gewalt kann, so gesehen, als eine Art symbolischer
Machtaneignung von Männern auftreten, deren traditionelle sexuelle Rolle, ihre
Männlichkeit an sich, als gefährdet erscheint...
Am einleuchtendsten ist vielleicht der Aspekt der sexuellen Kompetenz, womit ich die
Möglichkeit zum Geschlechtsverkehr meine, die in traditionelleren Gesellschaften durch
moralische Gebote und Mangel an Gelegenheit eingeschränkt ist. Volksweisheiten
sprechen etwa davon, dass sexuelle Frustration zur Faszination über phallisch geformte
Waffen führt, die so explodieren, wie manche Männer es sexuell eben nicht können. Wie
ich bereits erwähnte, gehen die jungen Märtyrer ihren Selbstmordpakt so ein, als handele
es sich um einen Ehevertrag. ...
Worin liegt die Verbindung zwischen diesen Formen von Gewalt, dieser Macho-Religiösität
und dem Bedürfnis nach politischer Macht? Die Antipathie gegenüber modernen Frauen –
das Konzept der deplazierten weiblichen Geschlechterrolle – mag hier weiterführen,
ebenso der Hass auf Homosexualität. Sicher ist die Ablehnung der Homosexualität seit
Jahrhunderten in konservativen Religionen präsent, sie war ein Kritikpunkt, den religiöse
Gegner der Aufklärung gegen die Werte der weltlichen Moralität in Frankreich des 18.
Jahrhunderts ins Feld führten. Doch auch in heutigen religiösen Kulturen der Gewalt tritt
diese Ablehnung wieder auf, wobei die Angst vor Homosexualität besonders hervorsticht.
Praktisch alle religiösen Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts lehnen die
Homosexualität ab...
Warum zeigen zeitgenössische religiöse Aktivisten derart heftige Aversionen gegen
Homosexualität? Eine Antwort liegt im Identitätsverlust: Heterosexuelle Männer, die sich
zu radikal-religiösen Bewegungen hingezogen fühlen, erfahren den Zugang von Frauen
und Schwulen zu Autoritätspositionen, die traditionell heterosexuellen Männern
vorbehalten waren, als Machtverlust. Frauen und Homosexuelle stellen für sie eine
Konkurrenz dar.
Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: den Verlust der Kontrolle. Wie Kerry Noble
feststellt, halten Homosexuelle als Sündenböcke für ein bestimmtes Problem im
Gesellschaftssystem her. Heutige sozioökonomische Systeme vermitteln dem Einzelnen
häufig das Gefühl, ihm werde jegliche Handlungsfähigkeit entzogen, sei es auf Grund der
Insuffizienz des Systems, sei es angesichts einer gesichtslos und mechanisch
erscheinenden Bürokratie.
Fühlen sich Männer in einem solchen System gefangen, kann dies zur Verteidigung eines
traditionellen Rollenverständnisses führen. Da sie die Aufrechterhaltung der sozialen
Ordnung als Aufgabe speziell ihres Geschlechts verstanden haben, sind sie besonders
dann verwundbar, wenn ihnen die Weltöffentlichkeit als marode oder unkontrollierbar
erscheint. In solchen Fällen gelten aktive Frauen und Homosexuelle nicht allein als
Konkurrenz, sondern als Symbole einer aus den Fugen geratenen Welt...
Was ich damit verdeutlichen will, ist, dass die gegen Homosexualität agitierende, männlich
dominierte Sprache rechtsgerichteter religiöser Bewegungen nicht nur auf eine Krise der
Sexualität hinweist, sondern immer auch auf den Zusammenprall von Weltanschauungen;
nicht nur auf ein moralisches oder psychologisches Problem, sondern auf ein politisches
und religiöses. Religiös ist es zu nennen, weil es mit der Wahrnehmung eines Verlustes an
religiöser Einstellung einhergeht, die vormals von einer als relativ sicher empfundenen
öffentlichen Ordnung vermittelt worden ist...
Diese Cowboy-Mönche sind allesamt antiinstitutionelle, religiös-nationalistische,
rassistische, sexistische, bombenwerfende junge Männer, die in den Bewegungen ihre
Männerfreundschaften ausleben. Ihr Dasein als Randgruppen der modernen Welt erfahren
sie als eine Art sexueller Verzweiflung, die zu Gewalttaten symbolischer Machtaneignung
führt. Wäre sie nicht so gefährlich, könnte man diese Mischung fast als ergreifend
bezeichnen."
Mark Juergensmeyer, Professor für Soziologie, Direktor der Global & International Studies
an der University von California in Santa Barbara, aus: Warum echte Kerle Bomben
werfen, zitiert nach: Frankfurter Rundschau 20. April 2004.
Juergensmeyer, Mark: Terror im Namen Gottes. Ein Blick hinter die Kulissen des
gewalttätigen Fundamentalismus. Herder Verlag, Freiburg 2004, ISBN 3-451-28395-6
384 Seiten, 26,90 Euro
2004-04-24
"...So können Muslime sich auf dem Hamburger Oejendorf glaubenskonform ohne Sarg
bestatten lassen...
...Dass im vergangenen Jahr NRW sich Deutschland liberalstes Friedhof-Gesetz gegeben
hat - es erlaubt immerhin das Ausbringen der Asche auf friedhofseigenen Streuwiesen,
bleibt aber beim Friedhofszwang für Urnen -, ist zu einem grossen Teil das Werk von
Bruns. Und auch: dass der Umweg über die Niederlande heute ein Standartverfahren
geworden ist. Schliesslich war es Bruns, der auf www.postmortal.de... den Leitfaden
veröffentlicht hat, wie das deutsche Recht umgangen werden kann. Er empfiehlt den
Umweg über das niederländische Krematorium Slangenburg oder den Versand der
Ascheurne in die helvetische "Oase der Ewigkeit".
www.postmortal.de...
Gerne schicken die Eidgenossen gegen die Gebühr von etwas mehr als 300 Euro die
Urne umgehend an die trauernden Verwandten zurück - auf neutralem Postweg...
Mit dem Friedhofszwang für Urnen steht Deutschland in Europa nicht ganz allein da. In
Griechenland, wo Feuerbestattung nicht zulässig ist, muss die Urne eines im Ausland
eingeäscherten Staatsbürgers zwingend auf dem Friedhof beigesetzt werden. In den
Niederlanden dagegen darf die Asche überall, in Frankreich und Finnland überall ausser
auf öffentlichen Wegen und in der Schweiz sinnigerweise überall AUSSER auf Friedhöfen
verstreut werden...
Mascha Kaleko: "Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen
muss mal leben"
Urs Willmann, aus: Wie man in Deutschland begraben wird. In: Die ZEIT Nr. 17, 15. April
2004
aus der Serie Leben in Deutschland. Die Serie erscheint im August bei Kiepenheuer und
Witsch als Buch. Herausgeber ist Theo Sommer. "Leben in Deutschland". Ich empfehle es
und verweise besonders auf das Kapitel Mode in Deutschland. Ich hätte gerne den ganzen
Artikel im Tagebuch veröffentlicht, in dem Buch wird er der Nachwelt erhalten bleiben.
Cornelia und Fabian Lange verweisen in ihrem Artikel DER KLEINE UNTERSCHIED AUF
DER ZUNGE über eine Zeit-Weinprobe (in DIE ZEIT NR. 17. 15. April) darauf, dass
Frauen und Männer Weine völlig verschieden bewerten: "...Haben Männer Lust an der
Bestrafung, oder lassen sie sich nur schwer überzeugen? Beim Loben hingegen sind die
Damen Spitze:...Wenn es funkt, lassen sie sich mitreissen. Die Männer sind viel
knauseriger... Sie projizieren ihre Sehnsüchte anscheinend auf den nächsten Wein und
erwarten immer noch eine Steigerung - ihnen ist kaum was gut genug. Wundert man sich,
dass viele Kinder mit einem Vaterkomplex rumlaufen?.....Es kommt also sehr wohl darauf
an, ob es Frauen oder Männer sind, die Wein probieren und bewerten, weil es
offensichtlich Unterschiede bei der Wahrnehmung und Bewertung von Wein gibt.
Gleichzeitig entstehen aber auch neue Fragen: Inwieweit sind die Ergebnisse der
Männerzirkel dann überhaupt noch relevant? Und worauf sollten Weinliebhaber in Zukunft
achten? Ein Lösung könnte sein, dass die Jurys in Zukunft paritätisch besetzt werden. Das
wäre die demokratische Variante. Oder aber, die Chefsache Wein wird öfter mal durch rein
weiblich besetzte Jurys zur Frauensache erklärt. Die Damen testen also selbst, was ihnen
schmeckt, statt auf die Ansagen der ewigen Weingurus zu hören. Dies ist sozusagen das
önologische Äquivalent zum Frauentag in der Sauna. Doch ganz am Rand bleibt natürlich
unsere Hoffnung auf einen wünschenswerten Nebeneffekt: dass die männlichen
Platzhirsch- und Grosswildjägerallüren endlich der Vergangenheit angehören."
"....Er spürte eine Hitze in sich aufsteigen, die vom nur mässig steilen Weg nicht kommen
konnte. Sie kam von dem nun zur Gewissheit gewordenen Verdacht, dass sein Schicksal
mit dem dieses Bären schon sehr viel länger verknüpft war, als er es wusste. Er hatte in
der Provinzhauptstadt, bei der Jagdbehörde, von Ermittlungen gehört, die das Woher
dieses Bären betrafen, und da gab es Meldungen aus einer benachbarten Alpenrepublik,
dass in einem ihrer stillen Seitentäler, Joop erfuhr auch dessen Namen, viele Jahre lang
ein einzelner Bär gelebt habe, aber verschwunden sei, seit dort die Arbeiten an einem
Staudamm begannen. Den Namen des nach diesem Tal benannten Entwicklungsprojektes
musste man Joop nicht buchstabieren; er war einer der grossen Finanziers. Auch die
Autobahn, die das Bärenland zerschnitt, war in ihren Finanzierungsaspekten über seinen
Tisch gegangen, und ihren Weiterbau hatte er gerade erst gutachterlich befürwortet. Das
war noch nicht alles. Er entsann sich hiesiger Planungen, die Exportchancen besser
wahrzunehmen, die diese an den kapitalistischen Westen angebundene Autobahn der
Forstwirtschaft des Landes eröffnete, wenn man die Nutzung der grossen Wälder durch
Forststrassenbau und Grossmaschineneinsatz beim Holzeinschlag intensivierte. Joop
hatte die zu kreditierenden Investitionen, als New York ihn fragte, gutgeheissen, es käme
durch die Verwirklichung der Vorhaben die Abdeckung schon gewährter Kredite ein gutes
Stück voran. Es war in den Unterlagen noch der detaillierte Vorschlag enthalten gewesen,
die angestrebte wirtschaftliche Öffnung der Wälder auch für den Tourismus zu nutzen,
Walddörfer zur Vermietung zu errichten, Spielplätze und Schutzhütten zu bauen und
Lehrpfade und Feuerstellen anzulegen. Auch Parkplätze in Verbindung mit Wildgattern
könnten, so hatte es in den Papieren geheissen, eine Bereicherung des infrastrukturellen
Angebotes sein. Joop erinnerte sich deshalb an letzteres so genau, weil er dazu bewusst
keine Stellung genommen hatte; die dem Wild abträgliche Beunruhigung der Wälder durch
den Tourismus war ihm aus der deutschen Jagdpresse wohlvertraut.
Joop neigte zuweilen zu einer Zuspitzung der Gedanken. Auch galt, da es auf Mitternacht
ging, wieder seine Maxime, den Tag mit einem wahren Gedanken zu beschliessen, nicht
nur im Bett. Und so dachte er: DU HAST DEN BÄR SCHON UMGEBRACHT, NOCH
BEVOR DU IHN TÖTEN WIRST....."
Horst Stern, aus: Jagdnovelle. Büchergilde Gutenberg, 1991, Erstausgabe 1989
Kindlerverlag München.
2004-04-23
"...Nach Ankunft der Air Base bei Tan Son Nhut, dem Hauptquartier der MACVs am
Stadtrand von Saigon, wurden die Offiziere zum Haus von Vice Admiral Zumwalt
gefahren. Für einen geschichtsbewußten Menschen wie John Kerry war Zumwalt bereits
im Alter von 48 Jahren eine Legend. 1942 hatte er nach nur drei Jahren die U.S. Naval
Academy als Siebter seiner Klasse abgeschlossen. Zumwalt war mit dem bronzenen Stern
ausgezeichnet worden, er wurde der jüngst Vier-Sterne-Admiral in der amerikanischen
Geschichte. Im September 1968, nur zwei Monate bevor Kerry nach Südvietnam
zurückkehrte, um das Kommando für ein Swift-Boat zu übernehmen, wurde Zumwalt die
Verantwortung für die neue, bald umzusetzende Flusskriegsstrategie übertragen.
An diesem Tag stand Zumwalt in seinem Haus einem Dutzend junger Offiziere gegenüber,
die einen Heidenrespekt vor ihm hatten - doch einige von ihnen waren auch wütend.
Kerrys Kriegsnotizen hielten den Moment fest.
"Nachdem man uns gestattet hatte, Platz zu nehmen, blieb der Admrial stehen und stellte
General Abrahams vor, und wir lauschten mit gespitzten Ohren jedem einzelnen Wort, das
der "Boss" an uns richtete. Einige Woche zuvor war gemutmaßt worden, dass ein
entscheidender Strategiewechsel bevorstünde und dass wir hier eingeweiht werden
sollten. Der General gratulierte uns und drückte uns seine Bewunderung aus. Und dann
ermahnte er uns, so weiterzumachen wie bisher."
Kerry war keineswegs der einzige Skeptiker auf dem so genannten Saigon-Gipfel. "Sie
haben versucht, uns aufzuputschen", erinnerte sich ein Kamerad, Lieutnant Bill
Shumandine, der seit Juni 1968 Kapitän eines Swift-Boats im Landesinnern war. "Sie
haben uns nicht um unseren Rat gefragt." Jahrzehnt später noch einmal auf das Ereignis
zurückblickend, erinnerte sich eine weiterer Leutnant an die Einwände, die zu dem Treffen
geführt hatten. "Unsere Divisionskommandeure hatten es satt, sich ständig die Zweifel
ihrer Offiziere an unserer Mission anzuhören", erklärte er. "Alle, zumindest die meisten von
uns fanden, dass die Aufgabe, Flüsse entlangzurasen, Flagge zu zeigen und auf Sachen
zu ballern, etwas zu unpräzise war. Wir haben damit die guten Leute gegen uns
aufgebracht, die vietnamesischen Bauern und Fischer, die versuchten, ihre Familien zu
ernähren. Wir wollten die Leute für uns gewinnen, wollten nicht, dass sie uns hassen, weil
wir alles zerstören, was uns in den Blick kam."
Was Kerry, Shumadine und andere der jungen Offiziere nicht wissen konnten, war, dass
sich General Abrahams, der im Zweiten Weltkrieg unter General George S. Patton gedient
hatte, selbst schwere Sorgen um den Verlauf des Krieges machte. Es beunruhigte
Abrams, dass die tödlichen Auswirkungen dessen, was als Vietnamisierung bekannt
werden sollte, scheinbar täglich zunahmen, während die US-Regierung mehr und mehr
bestrebt war, aus Vietnam herauszukommen.
Nach dem Saigon-Gipfel war die Gruppe der jungen Offiziere weder weniger verärgert
noch war sie sonderlich beeindruckt von Abrams; sie waren jedoch froh darüber zu
erfahren, dass sie für ihre Flusspatrouillen möglicherweise Hubschrauberunterstützung
durch die Army erhalten sollten. Kerry schrieb:
"Nachdem der General gegangen war, wurden wir zum Hauptgelände der Naval Forces
Vietnam Headquarters gebracht und erhielten dort ein nachrichtendienstliches Briefing.
Und wieder erfuhren wir nichts, was wir nicht schon wussten, und ich habe den Verdacht,
dass jeden Mitglied aus dem Offizierscorps der Division aus dem Stehgreif eine
entschieden bessere Präsentation hätte geben können."
Nachdem er fertig war, eröffnete Zumwalt die Fragerunde. Ein Offizier fragen den Vice
Admiral nach dem Buch des Lieutnant Colonel der Marines, William Corson, THE
BETRAYAL (1968), der argumentierte, die Vereinigte Staaten würden den Krieg verlieren,
wenn sie weiterhin ein Saigoner Regime unterstützten, das Vorson als "vollkommen
korrupt" bezeichnete. "Die Menschen riechen die Fäulnis der Korruption", hatte Vorson
geschrieben, "die ganz Südvietnam durchdringt und alle Aktivitäten, die auf Betreiben der
Vereinigten Staaten zur Förderung einer demokratischen Gesellschaft initiiert wurden, zu
einem Witz macht." Zumwalt behauptete indirekt, er habe Corsons Buch nicht gelesen,
und bellte dann: "Erst einmal müssen Sie die Quelle berücksichtigen". Sein Blick sagte:
"Du stellst besser keine weiteren Fragen dazu, Freundchen". dann hatte John Kerry eine
Frage. In seinem Notizbuch schrieb er:
"Ich fragte, wie sie so üble Einsätze, wie jene, in die wir geschickt worden waren,
rechtfertigen könnten - Versuche, den Feind in einen Hinterhalt zu locken und dessen
eigene Hinterhaltsmöglichkeiten zu zerstören - wenn es doch angeblich unsere Aufgabe
war, die Nachschubwege zu unterbrechen. Er antwortete, der Sinn sei, die amerikanische
Flagge zu zeigen - eine Antwort, die mir ziemlich seltsam erschien, wenn ich bedenke,
dass es die vietnamesische Flagge war, für die wir kämpfen sollten. Warum zeigten wir
nicht ihre Flagge - oder noch besser: Warum ließen wir sie selber nicht auf den Flüssen
herumfahren und ihre eigene Flagge Zeigen?"...
...Je länger er im verzweigten Flusssystem des Mekong-Deltas war, desto mehr brachten
Kerry Kriegsnotizen ein Misstrauen gegenüber seinen unmittelbaren Vorgesetzten zum
Ausdruck. Auch wuchs sein Unbehagen an de stillschweigenden Haltung, dass ein
amerikanisches Leben so viel mehr wert sein sollte als ein vietnamesisches. Obwohl er bei
keinem der Männer, mit denen er auf dem Swift-Boat diente, und auch bei keinem
anderen Bootskameraden jemals die geringsten Anhaltspunkte für Fanatismus, Hass oder
Grausamkeiten irgendeiner Art erkennen konnte, war Kerry beunruhigt über die gefühllose
Haltung, von der er glaubte, dass sie von den hohen Tieren ausging. Schlimmer, sie
schien offensichtlich auch von den unteren Rängen eingenommen zu werden, von
Männern, die scharf auf Beförderung waren. Er schrieb in seinen Kriegsnotizen:
"Die allgemeine Auffassung war, dass "Schlitzaugen" einfach keine Persönlichkeiten
waren - sie waren dumme "Plattgesichter", nur Bauern, ohne Gefühle und Hoffnungen. Ich
glaube nicht, dass die Mehrzahl der Offiziere so dachte, und deshalb fragte ich mich, wie
viel von dem die einfachen Soldaten nur vortäuschten, um in den Augen ihrer
chauvinistischen Kameraden gut dazustehen."
Kerry war glücklich darüber, nie solch einen Unruhestifter in seiner Mannschaft gehabt zu
haben. Auf jedem seiner Boote befehligte er fünf Männer. Sie hätten nicht
unterschiedlicher sein können. Gemeinsam war ihnen lediglich ihr Abstand zur
privilegierten Erziehung des Kapitäns mit Yale-Abschluss.
"Ich wusste, dass es die meisten meiner Freunde für vollkommen absurd hielten, mit einer
geladenen Waffe in der Hand einen Fluss entlangzufahren, mit einer Waffe, die dazu
bestimmt war, gegen jemanden eingesetzt zu werden, der einem wirklich nie etwas getan
hatte und in dessen Land man gerade unbefugt eindrang", schrieb Kerry. "Ich hatte immer
das Gefühl, dass zum Töten Hass erforderlich ist, und ich hasste diese Leute ganz
bestimmt nicht." In Wahrheit kam er sich, während er das Ufer nach verdächtigen
Bewegungen absuchte, um darauf zu schießen, "wie das größte Arschloch der Welt" vor.
Noch schlimmer für ihn war, wie das amerikanische Militär die Kaltherzigkeit billigte. Um
seinen Standpunkt zu verdeutlichen, gab er die Meldungen der hohen Tiere aus Camp
Ranh wider, in denen sie die Swift-Schützen lobten, wenn diese wieder ein paar Vietcong
getötet hatten, Meldungen, die immer mit den Worten "Waidmanns Heil" endeten.
"Waidmannsheil?" Guter Gott - man könnte meinen, wir gingen Hirsche schießen oder so
etwas. Wie billig das Leben geworden ist."...
"...Ich war verblüfft, wie unbeteiligt ich in dieser Lage wart. Ich lag einfach in dem Graben
und schoss nicht, weil ich Munition sparen wollte und weil ich nicht sehen konnte, auf was
ich feuerte. Und ich dachte daran, was in diesem Moment wohl gerade in New York
geschah und ob die Leute wirklich meinten, dass ich etwas Lohnendes tat, während sie
sich bei Schrafft's noch einen Eisbecher holten oder während irgendein fetter alter Mann,
der in den vergangenen Monaten noch eine Million mit Rüstungsaufträgen verdient hatte,
ein weiteres 100-Dollar-Callgirl von seinem Spesenkonto bezahlte.
Und dann, als das Schiesen aufhörte, besann ich mich wieder darauf, wo ich mich
befand." "
Douglas Brinkley, aus: "Der Einsatz", in: Die Zeit Nr. 17. 15. April 2004
Douglas Brinkley, Historiker und Biograf ist Direktor des Eisenhower Center for American
Studies und Professor für Geschichte an der Universität von New Orleans. Sein Buch
"TOUR OF DUTY: JOHN KERRY AN THE VIETNAM WAR", aus dem wir Auszüge
drucken, erschien im Januar bei William Morrow, New York. Aus dem Englischen von
Barbara Häusler.
2004-04-23
Italiens Analphabeten
Bildungsmisere in einer Kulturnation
Die Nachricht erschütterte ganz Italien: Einer Studie zufolge hat fast die Hälfte der
Bevölkerung Mühe beim Lesen und ist nahezu unfähig, einen grammatikalisch richtigen
Satz zu formulieren. Da stellt sich die Frage, wie das passieren kann, in einer Kulturnation,
in der eine Schulpflicht von neun Jahren besteht.
Giuseppe Provenzano ist 88 Jahre alt und baut die besten Fischerboote in ganz Sizilien.
Jedoch hat Giuseppe das Problem, dass er nicht richtig schreiben kann. Das ist kein
Einzelfall: 43 Prozent der Italiener können kaum mehr als den eigenen Namen schreiben
und beim Lesen sieht es folglich auch nicht besser aus. "Funktionale Analphabeten"
werden diese Menschen im Fachjargon genannt, sie haben zwar schreiben gelernt haben,
aber sind nicht fähig, die Zeitung zu lesen oder einen einfachen Brief zu schreiben.
Saverio Avveduto, der Autor der Studie und Linguist, beklagt: "Nie wurde in Italien eine
Politik gemacht, die Wirtschaft und Bildung fördert. Eine Politik, die in das menschliche
Kapital investiert."
Die italienische Bildungsmisere hat eine lange Geschichte. In den 60er Jahren gab es 60
Prozent Analphabeten. Damals war das kein Problem, weil durch den unglaublichen
Wirtschaftsboom alle etwas vom neuen Wohlstand abbekamen und es Arbeit für jeden
gab. Aus dem bäuerlichen Italien wurde eine hochentwickelte Industrienation. Es wurden
Arbeiter und Leute gebraucht, die Billigjobs ohne spezielle Ausbildung verrichteten. In
Bildung wurde nicht investiert, das hat heute fatale Folgen. Einfache Jobs sind
Mangelware, es sind nur noch Spezialisten gefragt und da sind Muskelkraft und
Bauernschläue fehl am Platz.
Trotz Schulpflicht viele Analphabeten
Dabei ist das Schulsystem ähnlich wie bei uns: Auch in Italien wird neun Jahre lang die
Schulbank gedrückt. Seit dem 19. Jahrhundert besteht die allgemeine Schulpflicht und
trotzdem kommen viele beim Lesen eines Romans nicht über die erste Seite hinaus. Sie
würden den Inhalt einfach nicht verstehen. Als Ursachen nennt der Linguist und ehemalige
Erziehungsminister Tullio De Mauro, dass nur die Hälfte der Italiener die Pflichtschule
abgeschlossen hat. "Alle sollten doch Lesen, Schreiben und Rechnen können, aber auch
hier haben wir besorgniserregenden Zustände."
Ein großes Problem ist, dass trotz Schulpflicht viele Italiener die Schule ohne Abschluss
verlassen. Außerdem wird das Schulwissen im Alltag nicht mehr angewandt, was dazu
führt, dass es vergessen wird. Schon nach fünf Jahren gehen Fähigkeiten, die nicht mehr
abgefragt werden, verloren. Betroffen sind die ältere und mittlere Generation der
Erwachsenen. Avveduto kritisiert: "Italien ist es immer noch nicht gelungen, in Sachen
Erwachsenenbildung eine beständige Politik zu machen." Selbst die Massenmedien, die
doch eigentlich Kultur verbreiten sollen, schaden, weil das Fernsehen die Menschen daran
gewöhne, nicht mehr zu denken, so der Autor der Studie.
Minimale Förderung vom Staat
In Rom gibt es eine der wenigen Schulen für Erwachsenenbildung, die der Staat so gut
wie gar nicht fördert. Deshalb finden nicht viele der Erwachsenen Semi-Analphabeten den
Weg zurück ins Klassenzimmer. Der Analphabetismus ist ein Tabu und zu groß ist die
Angst, als dumm abgestempelt zu werden. Keiner der Betroffenen wollte von seinen
Schwierigkeiten im Alltag und im Beruf berichten. Sie lernen gemeinsam mit Kindern von
Einwanderern, was für viele eine fast unerträgliche Schmach ist.
"Italien hat zwar eine große kulturelle Vergangenheit, wenn es aber um Bildung und
Forschung geht, klafft eine große Lücke", verdeutlicht Avveduto. Somit driften die obere
und die untere Schicht immer weiter auseinander. De Mauro ist davon überzeugt, dass
das Problem in vielen europäischen Ländern existiert, doch nirgendwo sei es so
gravierend wie in Italien. "Die Situation könnte mit einem Zug verglichen werden, der
gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen fährt." Da gäbe es einen Wagon der ersten
Klasse, in dem die Studierten sitzen und im anderen Teil sitze die große Masse, die
Analphabeten, die nur ausführt, was die anderen entscheiden.
Die italienische Bildungspolitik hat versagt, denn den ohnehin kümmerlichen Etat für
Erwachsenenbildung hat die Berlusconi-Regierung stark beschnitten. Die Problematik
scheint nicht erkannt, denn in Sachen Bildung ist Italien längst ein Dritte Welt-Land mitten
in Europa.
2004-04-22
"Niedersachsen will sein Bestattungsrecht "liberalisieren". Nach dem Willen der FDP soll
künftig der Sargzwang entfallen; ausserdem sollen Urnengräber im Wald möglich sein.
Der Koalitionspartner CDU signalisierte seine Zustimmung."
Peter Mlodoch, aus: Hannover will Tuchbestattung, in: Frankfurter Rundschau 13. April
2004,
Man stelle sich vor: in unserem Land leben Millionen MitbürgerInnen muslimischen
Glaubens, und sie haben keine Möglichkeit, hier in Deutschland ihrem Glauben gemäss
bestattet zu werden, nämlich im Leichentuch. Integration darf keine Einbahnstrasse sein unsere Gesellschaft muss sich auch nichtchristlichen Menschen öffnen, sie willkommen
heissen. Dazu gehört auch, dass sie in Deutschland sterben und begraben werden
können. Sie also auch glaubensgemäss zu verabschieden.
"...Im echten Leben sind es leider keine Geldkoffer, die plötzlich vor der Tür stehen, aber
schon mal ein Karton mit gutem Rotwein. Soll man den zurückschicken, um dem Ruch der
Bestechlichkeit zu entgehen? Ist das nicht ein bisschen albern, und hat man es wirklich
nötig, seine eigene Unbestechlichkeit derart zur Schau zu stellen? Schwer zu sagen. Es
kommt auch vor, dass man vom Veranstalter einer Messe in ein Fünf-Sterne-Hotel an der
Croisette in Cannes eingemietet wird und beim Aus-Checken an der Rezeption gesagt
bekommt, dass alles schon bezahlt ist. Ein schlechtes Gewissen hat man da schon, aber
schön war's ja auch. Und wohnten nicht erstaunlich viele Kollegen im Hotel?
Besonders schlimm hat es naturgemäss der Autojournalist. Man hört von legendären
Sausen beim Sportwagen-Test in der Toskana, von Champagnerflaschen, die schon auf
dem Flug zum Einsatzort geköpft werden, und von Kollegen, für die ganze Kolonnen von
Praktikanten abkommandiert werden, um ihre Weihnachtsgeschenke ins Büro zu tragen.
Die entscheidende Frage ist: Kann man wirklich Menschen gegenüber
unvoreingenommen sein, wenn sie eben erst für die Erfüllung eines Traumes gesorgt
haben - nämlich einmal im Leben mit einer 400-PS-Luxuskarosse den Dicken machen?
Kann man möglicherweise nicht. Auch die Frage, warum erst ein skandinavischer
Autojournalist kommen musste, um die A-Klasse zu kippen, harrt bis heute einer Antwort.
Die Bundesbank, so hört man, will nun einen Ethik-Beauftragten anstellen, der sich im
Moralischen auskennt und im Zweifelsfall sagt, was geht und was nicht. Ein gutes Beispiel
für den Journalismus, dessen Vertreter - zum Beispiel im Fall Welteke - gern so tun, als
wären sie in Anstandsfragen sattelfest. Den Beweis dafür mussten sie bisher nicht
antreten. Glück für sie."
Oliver Gehrs, aus: Im Glashaus. Kleine Gaben. In: Frankfurter Rundschau 15. April 2004
"Das Bundesministergesetz ist unmissverständlich. Ein Mitglied der Regierung und seine
Verwandten dürfen kein Geschenk "in Bezug auf sein Amt" annehmen, dessen Wert 150
Euro übersteigt.
Der Berufspolitiker und Sozialdemokrat Ernst Welteke ist zwar kein Regierungsmitglied,
doch er kannte ähnliche Regeln auf Landesebene seit dreissig Jahren, als Abgeordneter
und schliesslich als hessischer Finanzminister. Es war eine unterbezahlte Existenz, wie
diejenige aller deutscher Politiker.
Auf Welteke muss die Ernennung zum Bundesbankpräsidenten im Jahr 1999 wie das
Eintrittsbillet in die mahagonigetäfelte Welt jener Bankiers und Vorstände gewirkt haben,
die ihre raffgierigen Selbstentlohnungen derzeit in Düsseldorf verteidigen. Zwar lag sein
Jahresgehalt von 350 000 Euro ausser Sichtweite der Ackermann & Co., aber es überstieg
dasjenige des Bundeskanzlers. Für den gelernten Landmaschinenmechaniker Welteke
erfüllte sich das sozialdemokratische Versprechen der Chancengleichheit. Mit jedem
Karriereschritt wuchs das Selbstbewusstsein, und, am Ziel des Aufstiegs angelangt,
bewegte er sich in einem Milieu der Parvenüs, deren ewige Klagen über
Lohnnebenkosten, Steuerbelastungen und Haushaltsdefizite von den Golfplätzen in den
allgemeinen politischen Diskurs vorgedrungen sind. Befragt, warum er das Geschenk der
Dresdner Bank in Höhe von 7661 Euro in Form einer Hotelrechnung angenommen habe,
fragte der Bundesbankpräsident zurück: "Warum soll ich das selber bezahlen?" Dass er
sich damit unfreiwillig komisch als jener Durchschnittsdeutsche vorstellte, der alle
Zumutungen der Kanzler-Reformen inklusive Praxis-Gebühr mit ähnlichem Unverständnis
beantwortet, weist ihn als wahren Zeitgenossen aus. Und dass er sich al einer der
amtlichen Aufseher der defizitären Dresdner Bank nicht fragen wollte, warum genau diese
ihn hofierte, rückt ihn in die Nähe des Gewerkschafters und Mannesmann-Aufsichtsrats
Zwickel, der auch nicht verstehen will, warum die von ihm geduldete groteske
Bereicherung des Mannesmann-Vorstands unanständig war.
Der Fall Weltecke lädt ein zum kritischen Blick auf die unmoralische Geschichte einiger
Topmanager und ihrer politischen Klientel. Unvergessen sind die unlauteren
Privatgeschäfte der Neue-Heimat-Chefs, abgesunken in die Folklore der
Parteienfinanzierung ist die "politische Landschaftspflege" des Flick-Konzerns, ungeklärt
die Millionen-Erbschaft der Strauss-Familie, dunkel bleibt die Herkunft der Kohlschen
Ehrenwort-Millionen oder der Grund seiner Kolossal-Honorare aus der Kasse des Leo
Kirch, von Möllemanns dubiosen Geldquellen ganz zu schweigen.
Die nette Geste der Dresdner Bank, dem höchsten Bankier des Landes das Silvesterfest
2001/2002 mit einer Berliner Luxussuite bequem zu machen, hat die Bundesbank selbst
geniert. Erst jetzt denkt ihr Vorstand daran, einen Verhaltenskodex zu verabschieden. Die
Verspätung bezeugt historisches Selbstbewusstsein. Und tatsächlich war die Bank als
Hüterin der D-Mark nicht nur institutionell über alle Kritik erhaben. Ihre Präsidenten,
hiessen sie Klasen, Pöhl oder Tietmeyer, verkörperten die besten Tugenden Ehrenhaftigkeit, geistige Unabhängigkeit, aber auch Rückgrat angesichts wirtschafts- und
finanzpolitischer Drängelei der Bundesregierungen. Dass sie durchaus unbequeme
Vorbilder für die eigenen Mitarbeiter waren, kam hinzu. Diese Vorbild-Rolle hat Welteke
verspielt. Das ist für die 14 500 Beschäftigten der Bundesbank umso bitterer, als ihre
eigene Existenz zur Debatte steht. Ihre Rolle als Währungshüter haben sie abgegeben an
die Europäische Zentralbank, ihre Bankenaufsicht teilen sie mit einer neuen
Bundesanstalt. Was bleibt, ist vor allem die Verwaltung der deutschen Währungs- und
Goldreserven. Andere Staaten schaffen das mit einen Fünftel der Belegschaft.
Als wäre er das Bundesverfassungsgericht, wollte sich der Bundesbankvorstand dem
diesmal berechtigten Druck der Bundesregierung nicht beugen. Er hielt an Welteke fest
und schickte den Präsidenten in den schmerzhaftesten Urlaub seines Lebens. Doch sein
Rücktritt ist unvermeidlich. Wie wollte er noch seinen Mitarbeitern ins Gesicht sehen?
Inzwischen manchen Verschwörungstheorien die Runde (Eichel hat es eingefädelt,
Schröder hat es gewollt). Erfinden wir eine neue Variante: Wollte die arme Dresdner Bank
die Institution der Bankenaufsicht schwächen, so hätte sie kein billigeres Mittel finden
können."
Michael Naumann, Raffgier in Mahagoni. Der Rücktritt von Bundesbankpräsident Ernst
Welteke ist unvermeidlich. In: DIE ZEIT Nr. 17. 15. April 2004
"Ein besonders schwerwiegendes Fehlverhalten eines wachsenden Teils der
niedergelassenen Ärzte wird im Schwarzbuch nicht erwähnt: die zunehmende Verbreitung
von sog. Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Es handelt sich um ärztliche
Leistungen, die auch von gesetzlich Versicherten privat gezahlt werden müssen. Obwohl
sie nur auf Verlangen des Patienten abgegeben werden dürfen, werben Ärzte offensiv
dafür - nicht zuletzt durch die "Ärztezeitung" mit seitenlangen Empfehlungen oder einer
eigens ins Leben gerufenen Zeitung für IGeLn.
IGeL-anbietende Ärzte sind weniger interessiert an GVK-Patienten, sondern an solchen,
die zusätzlich IGeL-Leistungen anfordern und privat bezahlen. Praxen werden zu Läden,
Ärzte zu Krämern, Patienten zu Kunden, deren Wert sich allein an der Inanspruchnahme
des Produktes IGeL misst. Die langfristigen Folgen für diese Paradigmenwechsel sind
noch nicht absehbar, sei es die Diskriminierung der weniger zahlungskräftigen Patienten,
seien es die Folgen von aus IGeL-Leistungen entstehenden Komplikationen. Wenn
Patienten nicht mehr sicher sein können, dass ihr Arzt eine Empfehlung ausspricht, weil
dies ihrer Gesundheit nützt, und sie befürchten müssen, dass kommerzielles Interesse
dahinter steckt, dann hat sich etwas Fundamentales in der Arzt-Patienten-Beziehung
geändert.
Wie heuchlerisch wirkt da die Warnung des Ärztekammerpräsidenten vor einer
Kommerzialisierung der Medizin. Auch sind die Folgen für die Ärzteschaft selbst erheblich
und für die Kassenärztliche Vereinigung selbstzerstörerisch. Der ehedem scharfe
Gegensatz zwischen "Freiberuflichkeit" als Voraussetzung zur Mitgliedschaft in der
Körperschaft KV und "Gewerbe" wird relativiert. Wenn Ärzte immer weniger heilberuflich
und mehr als "Life Style Berater" und "Gesundheitshändler" auftreten, sie sozusagen ihre
freiberufliche Unschuld verspielen, verlieren sie den geschützten Status, sich in
Körperschaften zu organisieren."
FR-Leser Dr. Winfried Beck, Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte, Offenbach, in:
Frankfurter Rundschau 16. April 2004
2004-04-21
"Petra Reski: ... Der "anormale Doppelkopf" entsteht dadurch, dass Putins Hirn in
Berlusconis Kopf verpflanzt wird. Warum eigentlich ausgerechnet Putin? Wäre nicht ein
friedfertiges Hirn wie das vom Dalai Lama besser geeignet gewesen?
Dario Fo: Nein. Putins Hirn ist das richtige, damit ein Phänomen eintreten kann, das aus
der Physik bekannt ist: Aus zwei negativen Kräften entsteht eine positive. Durch diesen
Eingriff gelingt es, Berlusconis Charakter grundlegend zu verändern. So weit, dass er am
Ende anfängt, sich selbst abzulehnen, er glaubt seiner Frau nicht mehr und wird von
Selbstzweifeln geplagt.
Petra Reski: Berlusconi ist also noch zu retten?
Dario Fo: Ja, aber nur unter der Voraussetzung, dass man ihm das Hirn austauscht.
Berlusconi und Putin sind beide verlogen, kaltblütig, beide suchten sie die Nähe zur Mafia.
Putin hat seine Mafia-Freunde sogar in seiner Regierung untergebracht ...
Petra Reski:....Im Stück tritt auch Berlusconis Ehefrau auf, gespielt von Ihrer Frau, Franca
Rame. Anders als ihr Ehemann gehört Veronica Berlusconi, die ja selbst Schauspielerin
war, zu Ihren Unterstützern.
Dario Fo: Ja, als man versuchte, uns zu zensieren, hat sie eine wunderbare Erklärung
abgegeben, in der sie die Satire, unser Stück und unser Theater verteidigte, Sie lehnt die
Welt ihres Ehemannes ab...
Petra Reski: ...Ist die Satire unter Berlusconi eine andere geworden?
Dario Fo: Nein, unsere Arbeit hat sich nicht verändert. Wir werden nur häufiger von der
Zensur angegriffen. Im Fernsehen gibt es keinen einzigen Komiker mehr. Alle wurden
rausgeworfen. Was bleibt, sind ein paar Schauspieler, die versuchen, humorig zu sein.
Aber echte Satiriker gibt es nicht mehr.
Petra Reski: War es unter Andreotti für Satiriker etwa einfacher?
Dario Fo: Es war auch damals schon schwierig, aber nicht so extrem wie jetzt. Damals
traute man sich nicht, exzellente und berühmte Journalisten einfach rauszuwerfen. Früher
hatte die politische Klasse mehr Stil. Die jetzige Regierung ist grobschlächtig, vulgär,
unerbittlich. Sie gibt vor, populär zu sein. Aber sie verfügt nicht über die Vornehmheit des
Volkes. In den letzten zwei Jahren hat Berlusconi fast 40 Prozent seiner Unterstützer
verloren. Und dabei hatte er doch gehofft, die Wähler der Opposition zu gewinnen. Man
hat seine Verlogenheit entdeckt, seine leeren Versprechen, seinen absoluten
Machtanspruch, der jede Diskussion, jede Debatte erstickt.
Petra Reski: Die Mafia-Verstrickungen Berlusconis und Dell'Utris sind doch hinlänglich
bekannt.
Dario Fo: Aber nicht allen. Im Fernsehen herrscht die reine Desinformation. Man sendet
nichts anderes als leicht verdauliche Kost. Alles ist grau, alles ist gleichgeschaltet. Unser
Theater hingegen informiert, es bringt die Leute zum Nachdenken. Unter dem Vorwand,
die Zuschauer zum Lachen zu bringen informieren wir sie ...
Petra Reski: ..Glauben Sie immer noch an die politische Macht von Kunst?
Dario Fo: Kunst ist ein Bewusstseinskatalysator. Aber um zum Katalysator werden zu
können, bedarf es hier in Italien konkreter Handlungen - ein Bild allein kann nichts
verändern. Wichtig ist auch der Arbeiterkampf, aber auch die Bewusstseinswerdung, etwa
der Studentenbewegung. Außerdem müssen sich die Oppositionsparteien bewegen. Ohne
wieder den Fehler zu begehen, Kompromisse einzugehen, sich zu arrangieren. Wer einen
Dialog mit der Berlusconi-Regierung eingeht, wird übers Ohr gehauen. Besonders die
katholische Linke hat immer die Tendenz, den Kampf zu bremsen und den Einklang zu
suchen. ...
Petra Reski: ...Und trotzdem bleiben die Proteste gegen Berlusconi vor allem ein Erfolg
der außerparlamentarischen Opposition. Die politische Opposition scheint abwesend zu
sein.
Dario Fo: Besonders schlimm ist die Position, die sie gegenüber unseren Soldaten im IrakKrieg eingenommen haben. Die Opposition hat akzeptiert, dass die italienischen Soldaten
weiterhin im Irak bleiben. Das ist ein schwerer Fehler. Denn das italienische Volk ist
dagegen. Jedenfalls der aktive Teil des Volkes, der zählt, der für seine Meinung auf die
Strasse geht. Der andere Teil schläft. Es war ein großer Fehler, die Autonomie des
italienischen Volkes nicht genügend zu beachten. Das bedeutet, dass du das Volk nur
dann beachtest, wenn du seine Stimme brauchst. Das sind die klassischen Fehler der
italienischen Linken. ...
Petra Reski: Auch wenn Berlusconi geschwächt ist, bedeutet das für die linke Opposition
noch nicht unbedingt den Sieg. Wen sehen Sie als Hoffnungsträger der Linken?
Dario Fo: Grosse Persönlichkeiten entstehen meist aus einer tiefen Notwendigkeit heraus
- aber diese Notwendigkeit entsteht aus einem Bewusstsein heraus. Grosse
Persönlichkeiten sind meist auch sehr gefährlich. Weil sie sich der Gemeinplätze des
Populismus bedienen. Weil sie an die niedrigsten Instinkte der Menschen appellieren.
Berlusconi hat seine Wähler wie ein Verkäufer behandelt, der seine Kunden vom Kauf
einer Ware überzeugt.
Petra Reski: Während Berlusconi die Wähler manipuliert, verharrt die Linke in
Schreckstarre.
Dario Fo: Sie kann ja schließlich nicht die gleichen Techniken wie Berlusconi anwenden.
Außerdem kann man nicht von "der Linken" in Italien sprechen. Es gibt, Gott sei Dank,
sehr viele unterschiedliche Gruppen, Bewegungen, Zusammenschlüsse, welche die
Parteien zwingen können, einen bestimmten Weg zu gehen. Ohne Unterstützung der
Bewegungen können die Parteien nicht gewinnen.
Petra Reski: Etwa die Bewegung der "Ringelreihen" rund um den Filmregisseur Nanni
Moretti?
Dario Fo: Ja, auch wenn ich mit ihm nicht immer einer Meinung bin.
Petra Reski: Was sehen Sie anders?
Dario Fo: Man kann nicht den Stein in den Teich werfen und sich zurückziehen, wenn die
Wellen kommen. man muss auf dem Wellenkamm reiten, sonst ertrinkt man."
Der Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter Dario Fo, 1926 in Saniano geboren,
Literaturnobelpreisträger von 1997, im Gespräch mit Petra Reski.
Aus: "Man muss auf der Welle reiten. Ein Gespräch mit dem Nobelpreisträger Dario Fo
über Berlusconis Gehirn, die Macht des Theaters und die Ohnmacht der Linken". In: DIE
ZEIT Nr. 17, 15. April 2004
2004-04-20
Geburtstag meiner Mutter. Geburtstag "des Führers". Geburtstag von Claudia.
""Terror, Krieg ohne Grenzen" - dieser Titel scheint angesichts der weltpolitischen
Ereignisse brandaktuell. Doch ausgerechnet die Publikation, die zu dieser Thematik in den
vergangenen Jahren zwei Themenhefte herausgab, hat jetzt das Erscheinen eingestellt.
Dabei war ihr Name eigentlich schon Programm: ANTIMILITARISMUS INFORMATION
oder kurz AMI war ein 1971 in Frankfurt gegründeter "monatlich erscheinender partei- und
verbandsunabhängiger Informationsdienst, der die Friedensarbeit mit Fakten und
Hintergrundberichten unterstützen wollte" - so lautete die Selbstbeschreibung.
Wer Daten und Analysen zu den Themenfeldern Gewalt und Repression oder die
neuesten Zahlen über die Militärausgaben und die weltweite Entwicklung der Rüstung
brauchte, kam es an AMI kaum vorbei. Honorare gab es für die aufwendigen und
zeitraubenden Recherche- und Archivarbeiten nicht.
Mindestens genauso anstrengend waren mitunter die Redaktionssitzungen. Schliesslich
wurde jeder Beitrag gemeinsam diskutiert und oft mühselig um die richtige Formulierung
gerungen. Das war nur möglich, weil viele Politologiestudenten vom Otto-Suhr-Institut der
Freien Universität Berlin die Mitarbeit bei der AMI für ihren studentischen und beruflichen
Werdegang nutzen konnten. Für die regelmässige Mitarbeit gab es Scheine - und mitunter
einen Schritt auf der Karriereleiter, den Einstieg in die Friedensforschung oder die
Politikberatung.
Doch in den vergangenen Jahren fehlte der Nachwuchs. Nur zwei bis drei feste Mitarbeiter
kümmerten sich im Redaktionsbüro im Berliner Stadtteil Schöneberg am Ende noch um
die monatliche Ausgabe. Dagegen hatte sich der Leserstamm der AMI bei etwa 900
Abonnenten stabilisiert. Das war zwar nicht kostendeckend, aber auch nicht unmittelbar
existenzgefährdend, so die Auskunft des letzten AMI-Geschäftsführers Stefan Gose.
Die Publikation hatte die frühen 90er Jahre überlebt, als nicht wenig mit dem Ende der
Systemauseinandersetzung auf ein Abflauen der grossen weltpolitischen Konflikte hofften.
Da ist es schon erklärungsbedürftig, warum die AMI ausgerechnet zu einer Zeit eingestellt
wird, in der Kriege und internationale Konflikte wieder die Schlagzeilen der Medien
bestimmen.
Man hatte den Zugang zur neuen Politgeneration nicht gefunden, wurde im Editorial der
letzten AMI-Ausgabe beklagt: "Lange Textbesprechungen und noch längere Produktionen
waren nicht mehr konkurrenzfähig in einer kurzatmigen Aufbruchstimmung, die das
schnelle Feedback im Internet, bei Globalisierungsprotesten oder in Tangokurs suchte.".
Diese Kritik richtete sich nicht zuletzt an die kurzlebige Bewegung gegen den Irak-Krieg im
letzten Jahr, die kaum zu längerfristigen friedenspolitischen oder gar antimilitaristischen
Engagement geführt hat. Doch hat sicherlich auch eigener Strukturkonservatismus dazu
beigetragen, dass die AMI-Macher den Anschluss an die junge Aktivistengeneration nicht
gefunden haben. So hielt man eisern am Prinzip Bleiwüste fest, die nur durch Zahlen und
Statistiken aufgelockert wurden."
Peter Nowak, Anschluss verpasst. Nach mehr als 30 Jahren: "antimilitarismus information"
zu Ende. In: Frankfurter Rundschau 14. April 2004
Nach dem Artikel stellen sich doch mehre Fragen: Hat die FU die AMI nicht mehr
unterstützt - oder warum schrumpfte die Redaktion auf drei Mitglieder? Wieso sollte die
Zeitschrift eine Strukturreform durchführen? Die AMI waren ein Fundus der Information. Es
gab gute Gründe strukturkonservativ zu sein. BILDchEN antimilitaristisch gewendet - was
hätte das bringen sollen.
Und die Eruption der Deutschen in ihrer Friedensbewegung ist schon immer wieder
seltsam. Vor einem Jahr konnte ich mich von Mails nicht retten. Jeder hatte irgendetwas
zu sagen, im Internet gefunden oder wollte etwas weiterleiten. Nach dem Sturz des
Diktators wurde es seltsam ruhig. Ein Massenabschlachten der Irakis durch die
Amerikaner fand nicht statt. Woher nimmt Marco Schwarz auf seiner Webseite die 20
Tausend Toten? Und vor allen Dingen: Wo bleibt der Protest der deutschen
Friedensbewegung bei den anderen Kriegen - Tschetschenien zum Beispiel? Und wieso
gab es keine Rettungsaktion durch die GRUENEN , die FDP, die PDS oder die SPD? Ich
hau Dir ufs Aach - un uffs anner Aach aach. Oder wie?
userpage.fu-berlin.de/~ami/amireg/index.htm
Hier sind ältereAMI-Texte ab 1991 noch zugänglich.
Bei jungle world gibt es dazu auch einen guten Artikel
http://jungle-world.com/seiten/2004/10/2732.php
2004-04-19
Menschen aus dem Dreyeckland haben wieder einmal Geschichten gemacht – ob sie
auch Geschichte machen?
"...Als am Messesamstag in einer kleinen Demonstration vor dem Bundeswehrstand
Dietmar Koschmieder (Verlag 8. Mai) per Handmegaphon den Inhalt eines Appells von 41
Verlegern und Autoren vortragen wollte, stürzte sich eine Gruppe von Feldjägern ohne
Vorwarnung auf ihn. Zahlreich bereitstehende Polizisten fesselten ihn an Händen und
Füssen – angeblich zu seinem eigenen Schutze. Beamte rissen ihn zu Boden und knieten
sich auf ihn. Er erlitt Verletzungen und Prellungen. Feldjäger in Zivil versuchten, Bild- und
Wortjournalisten abzudrängen, und bedrohten sie. Vorübergehend erteilte die
Messeleitung Koschmieder Hausverbot – Begründung: Leib und Leben der
Messebesucher seien gefährdet worden. Eine von mehreren Verlagen gemeinsam
geplante, beim Messe-Presse-büro angekündigte Pressekonferenz konnte nicht
stattfinden, weil die Messeleitung den gebuchten Raum entzog.
Den Appell der 41 Verleger und Autoren unterstützten am OSSIETZKY-Stand mehr als
750 Besucher per Unterschrift. An mehreren Ständen wurden ebenfalls Unterschriften
gesammelt. Mehr als 60 Aussteller solidarisierten sich inzwischen mit Koschmieder.
Daniela Dahn hatte im vorigen den Beauftragten der Messeleitung, Oliver Zille, gefragt, ob
das Erziehungsziel durch einen Messestand der fünf deutschen
Friedensforschungsinstitute nicht besser zu erreichen gewesen wäre. Zille reagierte
erfreut und versprach, für dieses Jahr einen solchen Stand anzuregen. (OSSIETZKY
6/03). Dabei blieb es. Es gibt eben Unterschiede. Einer ist der, dass die Bundeswehr Geld
hat und sich den grössten Messestand mit viel Personal leisten kann - um Jugendliche
spielend lernen zu lassen, wie grosszügig die Bundeswehr ist."
Eckart Spoo, aus: Ein Monopol der Bundeswehr, in: OSSIETZKY 7/2004, 3. April 2004
Dietmar Koschmieder vom Jugendzentrum SAFTLADEN in Grenzach-Wyhlen ist also bei
der linken Tageszeitung Junge Welt gelandet. Dies hat eine gewisse logische
Konsequenz, da er durch seine Arbeit in der Jugendorganisation der DKP natürlich eine
politische Nähe zur DDR bekam. Ich erinnere mich noch an etliche Diskussionen mit ihm.
Jahrelang waren wir im Antifaschistischen Aktionskomitee zusammen, aber auch in der
Friedensbewegung und natürlich in der Jugendzentrumsbewegung des Hochrheins. Spass
hats gemacht. Eine interessante Familie, die Koschmieders. Allein die Kinder: zwei
Kommunisten, ein Sponti und ein Sozialdemokrat. Wo gibt es solch ein politisches
Engagement in den Zeiten der Beliebigkeit heute noch?
Dass Dietmars Wirken auch von links noch kritisch beäugt wird, zeigt die
Auseinandersetzung in JUNGLE WORLD.
Jungle World 48: Höchste Designqualität
... Großmaul Die junge Welt ist eine Zeitung, die unsereiner nur noch, und wenn es gar
nicht anders geht, mit dem Schürhaken anfasst. Seit die Becker und Koschmieder die
Blattpolitik bestimmen, wird mal dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen, mal
Ignatz Bubis als Nutznießer des Holocaust hingestellt ...
www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/48/25b.htm 11/25/97, 8194
Nachtrag 21.April
Das Autonomem-Magazin Jungle World scheint sich einen besonderen Spaß zu machen
am Disput mit Dietmar Koschmieder und seiner Tageszeitung. Näheres im Suchfenster
von Jungle World.
Charme hat es dagegen, in Jungle World von 1999 zu lesen - sorry, fünf Jahre zu spät? dass Dietmar und andere das Kölner Volksblatt übernahmen und eine Alternative zu
Neven Du Monts Reich aufbauen wollten. Die Alternative (Bahro) hatte damals zwar nicht
so recht geklappt, die Brüder und Schwestern im Osten wollten den Kasernensozialismus
nicht mehr. Naja, macht nichts. Hier also noch ein link zur Übernahme durch die JUNGE
WELT.
www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_99/10/30b.htm
In diesem Zusammenhang verweise ich darauf, dass die Redaktionsmeinung des Archivs
der sozialen Bewegung in Freiburg falsch ist, dass der Herausgeber des Hochrhein
Volksblatts das Volksblatt in Köln war. Herausgeber war - his one and only - Dieter Emil
Baumert. Soweit zur Klarstellung der Geschichte. Eine Fußnote sozusagen zur
Alternativpresse Deutschlands.
Die Sladeks haben das Bundesverdienstkreuz erhalten für ihre Arbeit als Schönauer
Stromrebellen.
www.ews-schoenau.de. Gratulation nach Schönau.
2004-04-13
Die "taz" wird 25
Du bist wirklich ein Waschlappen!
Von Joseph von Westfalen
11. April 2004. Am Anfang mag das Wort gewesen sein. Danach müsste Gott aber gleich
den Satz erschaffen haben, ohne den die Wörter allein Gestammel wären. Erst etwas
später wurde der Satz im Tennisspiel und bei der Pflegeversicherung, beim Zinsenzahlen
und in der Musik erfunden. Satz nennt man auch die ordentliche Form, in die ein
hingetrommeltes und mit Korrekturen übersätes Manuskript gebracht worden ist, um es
druckfertig zu machen. Die Menschen, die das tun, nannte man bislang Setzer. Der Beruf
stirbt aus. Computerprogramme machen ihn überflüssig. Nach der neuen Rechtschreibung
müssten sie logischerweise Sätzer heißen.
Ist die "taz" eine Vorreiterin der uns quälenden Sprachverwirrung? Ihre Setzer nannten
sich von Anfang an "Sätzer", der selbstgewählten Korrektheit aber bald überdrüssig meist
"Säzzer". Die Setzer oder Sätzer oder Säzzer und natürlich die Säzzerinnen spielten in der
ersten Zeit der "taz" eine legendäre Rolle. Formulierungen, die sich Autoren und
Redakteure ausgedacht hatten, konnten sie beim Setzen jederzeit kommentieren. Der
Handarbeiter hatte die Möglichkeit, dem Kopfmenschen die Meinung zu sagen. Natürlich
war das Kult und ein Spiel und kokett, aber es war auch einzigartig und ein bisschen
revolutionär. Es erklang die Stimme derer, die sonst nicht zu hören sind, und sie war oft
geistvoll, manchmal genial, manchmal albern, rechthaberisch, kleinkariert.
Vergnügliche Erinnerungsstunden
Die "taz" hat sich nicht die Mühe gemacht, zu ihrem Jubiläum eine Sammlung der
schönsten Säzzer-Bemerkungen herauszubringen. Die älteren Redakteure haben
vielleicht die Nase vom ehemaligen Säzzer-Kult voll, den jüngeren ist es vielleicht zu 68erhaft. Egal, es gibt auf zwei CD-ROMs ein "taz"-Archiv, und wenn man hier nach "Säzzer"
oder "Säzzerin" fahndet, kann man sich zwei, drei vergnügliche Erinnerungsstunden
machen.
Es muss nicht immer Guido Knopp sein, der einem die Vergangenheit erklärt. Egal, ob ein
törichter Satz Eberhard Diepgens vom Säzzer mit einem trockenen "Wie meinen?" quittiert
wird oder eine Auslassung Wolf Biermanns mit dem Hinweis: "Weißt du was, du bist
wirklich ein Waschlappen geworden, die Säzzerin." Hinter einer vom Redakteur nicht
ausreichend gerügten Meldung über das Querfeldeinradfahren entlädt sich der grüne
Umweltgroll geradezu lawinenartig: "Hoffentlich knallt er dann gegen 'ne stabile Tanne und
bricht sich mindestens drei Knochen, damit er in Zukunft nicht mehr in der Lage ist, das
ganze kleine Grünzeug zusammenzufahren und irgendwelche Viecher aufzuscheuchen!"
Ich krieg Albträume!
Eine Reportage über die Verhandlungen eines Fürsten und Waldbesitzers mit dem
Freistaat Bayern über die Verlängerung eines Pachtvertrags beginnt so: "Die
Nebelschwaden hängen tief zwischen den Berggipfeln, der Wind treibt Regenwolken vor
sich her." Und schon kann der Säzzer nicht mehr an sich halten und fügt seine Bemerkung
in den Text: "Ich glaub ich krieg Albträume!"
Spontisprüche dieser Art mögen sich überlebt haben - schade eigentlich. Selbstironie in
anderer Form aber ist der "taz" geblieben, und sie ist neben ihrer Haltung ihr wichtigstes
Kapital. Genauer: Mit Selbstironie macht sie ihre Haltung verdaulich. "Wir verkaufen
Ideale", sagt die "taz" über sich selbst, ungelogen, denn sie setzt sich sicher mehr als
andere Blätter für Minderheiten und für den Umweltschutz ein. Das tun die Gutmenschen und die gehen einem deswegen auf die Nerven, ungerecht, aber so ist es.
Die "taz" kämpfte von Anfang an gegen das Böse: Atomindustrie, Krieg,
Ausländerfeindlichkeit, Frauenemanzipationsbehinderung. Aber nie verbissen und
pathetisch, aufgeregt und fähnchenschwenkend. Nie mit dem Gestus der Allwissenheit,
der einem in vielen noch so gutgemeinten Artikeln bürgerlicherer Zeitungen
entgegenschlägt.
Karriere ist ein Fremdwort
Bekanntlich lebt die "taz" nur zu einem verschwindend geringen Anteil vom
Anzeigengeschäft, das fast alle anderen Zeitungen über Wasser hält. Da dieses Geschäft
in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist, hat die "taz" unter der gegenwärtigen
Wirtschaftskrise weniger zu leiden als die großen Zeitungen. Genauer: Die Mitarbeiter
leiden wie bisher darunter, weniger als halb soviel zu verdienen als bei anderen
Zeitungen. 75 Redakteure gibt es, aber eigentlich ist nur Geld für 30 da. Das ist der Preis
der Freiheit. Karriere ist ein Fremdwort.
Genau das merkt man dem Blatt an, wenn man es nur eine Woche liest. Hier herrscht an
vielen Stellen der trockene Ton wie in gepflegten alten Kriminalromanen mit diesen
Detektiven, die immer chronisch knapp bei Kasse sind, aber gute Sprüche drauf haben,
die wissen, wie der Hase läuft und wo etwas faul ist, und denen man nichts vormachen
kann. Sie prahlen nicht mit ihrer Intelligenz. Diese Typen sind uns ans Herz gewachsen.
Mit rot und grün und links hat das nur bedingt zu tun. Es ist mehr die Haltung, der lapidare
Ton, die Perspektive, die nicht benebelt ist vom Umgang mit den Mächtigen. Als Leser der
"taz" gewinnt man den klassischen Loser-Durchblick auf die Abscheulichkeiten der Welt,
der ab einer gewissen Gehaltsstufe nur noch selten zu finden und der vielen Journalisten
abhanden gekommen ist, die sich vom Nahedransein an den Spitzenpolitikern
Erkenntnisgewinne versprechen. (Der verstorbene "SZ"-Journalist Herbert Riehl-Heyse
war einer der wenigen, die sich trotz Flügen in Kanzlermaschinen nicht blenden ließen.)
"Pressefrechheit", nennt die "taz" diese seltene Qualität.
Der mit Abstand glänzendste Kommentar, der in den Zeitungen zu dem Prozess um die
Mannesmann-Abfindungen zu lesen war, stand in der "taz". Ein Gedicht von Fritz
Eckenga:
Einmal im Leben. Ein Spießertraum
Einmal ein Unternehmen leiten,
ach, das täte ich so was von gern,
einmal die ganz große Welle reiten,
nicht so ne Klitsche - n Riesenkonzern.
Über den Wolken in Vorstandsetagen,
einsam entscheiden, mit großem Geschick.
Verantwortung und gute Anzüge tragen,
leiten und leisten, die Täler im Blick.
Nicht klagen, sondern lustvoll entbehren,
ein Vorbild für viele, die unter mir sind.
Mich für das Große und Ganze verzehren,
einer für alle und einsam im Wind.
Einmal das Schicksal mit Händen anfassen,
zeigen, wie Gott seine Nerven behält.
Einmal zweitausend Menschen entlassen,
einmal bedauern, wie schwer mir das fällt.
Einmal die Räder wie wenige drehen,
sein, der es ist, der es will und auch kann.
Einmal die ganz schweren Wege gehen,
wie Mannesmann-Esser, wie Ackermann.
Einmal sich ordinär abfinden lassen,
einmal ein Auftritt vorm Strafgericht.
Einmal sich platt mit dem Pöbel befassen,
dem Strafrichter sagen: Verpiss dich, du Wicht!
Genauso famos hätte es der geliebte Heinrich Heine geschrieben, wäre er nicht 1856 von
uns gegangen. Ich weiß nicht, wer den Heinrich-Heine-Preis verleiht, diese Strophen allein
hätten ihn verdient. Wenn Esser und Ackermann wirklich so schlaue Füchse sein sollten
und noch einen Funken von Charakter haben, kommen sie dem zuvor, stiften sofort einen
Mannesmann-Gedächtnispreis für gereimte Kommentare des Zeitgeschehens und
verleihen ihn der "taz" oder dem Autor. Der einzige Fehler der "taz" war, die wunderbaren
Worte auf der letzten und nicht auf der ersten Seite zu platzieren.
Ärger mit den Stammlesern
Vermutlich aber hätte es dann wieder Ärger mit den Stammlesern gegeben. Neben den
Einsätzen von 5000 Genossenschaftlern lebt die "taz" fast ausschließlich von ihren
Abonnenten und deren Erwartungen an "ihre" Zeitung und deren klare Linie. Und mit
Ironie tun sich die Altroten und Altgrünen offenbar schwer. Das darf nicht zu oft sein. Die
selbstironische Erpressungsaktion, mit der die "taz" zum Abonnieren aufrief, war
manchem treuen Leser ein Graus. Weil die "taz" nicht betteln und flehen wollte, drohte sie,
ihre pfiffigen Schlagzeilen wegzulassen oder mit Busen auf dem Titel sich nach neuen
Lesern zu strecken. Es erschien die "Tittentaz". Empörung und Abokündigungen wie auch
damals, als man Redakteure der "Bild" zum Blattmachen einlud.
Mit ihrer eloquenten und aparten Chefredakteurin Bascha Mika oder der Kolumnistin
Bettina Gaus ist die "taz" regelmässig im Internationalen Frühschoppen der ARD
vertreten. Sicher gibt es knarzig-möchtegernradikale "taz"-Leser, die auch das als Verrat
empfinden und sich fragen, was an ihrer möglichst alternativ sein und bleiben sollenden
Zeitung anders ist als an den anderen.
Der Sound der Unabhängigkeit
Hören sie es nicht? Es tönt nach wie vor der Sound der Unabhängigkeit, gespielt von
Autoren und Redakteuren, die nicht am Leben verzweifeln, wenn ihr Duschwasser noch
aus einem alten Boiler kommt und es mit dem Marmorbad in der Penthousewohnung
nichts geworden ist. Und die das Wort "Utopie" noch aussprechen können, ohne sich dafür
zu entschuldigen. Dafür wird die "taz" heftig geliebt. Von vielen Chefredakteuren anderer
Zeitungen, die selbst so nicht mehr singen können. Vermutlich liebt auch Kai Dieckmann
von "Bild" die "taz", auch wenn er sich gegen deren Penisverlängerungssatire vor Gericht
wehrte. Für die Slogans, die die "taz" sich bei einer ihrer Selbsterhaltungsaktionen bei den
Prominenten gratis abholte, hätte eine andere Zeitung ein Vermögen ausgeben müssen.
"Die ,taz' ist unsterblich. Ich kenne das Gefühl", dichtete Harald Schmidt.
Als er im vorigen Herbst sein Untertauchen ankündigte, wälzte sich das Feuilleton eine
Woche verzweifelt im Staub. Sollte der "taz" je ernsthaft der Untergang drohen, käme es
zu einer beispiellosen Demonstration und den amüsantesten Allianzen. So schwarz oder
auch farblos ist keiner, dass er nicht ein paar rote oder grüne Flecken im Herzen hätte, die
er von einer Zeitung repräsentiert haben will.
Der Autor lebt in München. Sein Roman "Der Liebessalat" ist gerade bei btb als
Taschenbuch erschienen.
2004-04-08
Gründonnerstag.
"...Es kommen viele ausländische Besucher, berichtete Murangira. Sie sind schockiert,
weinen in ihre Taschentücher, murmeln: "Nie wieder!" Und alle schämen sich ein wenig.
Weil die Weltfamilie nicht eingeschritten ist, als das grosse Morden begann. Weil die
Blauhelm der UN abgezogen wurden, der kanadische General Romeo Dallaier,
eindringlich vor dem geplanten Völkermord gewarnt hatte. Es war das schändlichste
Versagen in der Geschichte der Vereinten Nationen. Man wusste in Washington, London,
Paris und Brüssel ziemlich genau, welche Tragödie in Ruanda ablief. Aber niemand griff
ein, die Amerikaner nicht, die Europäer nicht und auch die Afrikaner nicht. Gar nicht zu
reden von den Franzosen, die das Hutu-Regime aufgerüstet und alimentiert hatten.
Präsident Francois Mitterand befand seinerseits: "In solchen Ländern ist Völkermord nicht
so wichtig."
Man hat das in Ruanda nicht vergessen. "Die Weltgemeinde hat nicht versagt", meint
Pacifique Rutanganda, ein Überlebender aus Ntarama. "Wie hätten sie denn versagen
können? Sie war doch gar nicht da." Über der Stelle, wo sein Vater erschlagen wurde, sind
schneeweise Catharanthus-Blumen gewachsen.
Warum wurde Ruanda allein gelassen? - "Weil wir euch egal sind. Weil wir kein Öl haben
und nichts." Und weil afrikanisches Leben offenbar weniger zählt, menschliches jedenfalls.
"Hätte jemand versucht, die 300 Berggorillas in Ruanda auszurotten, wäre die Reaktion
grösser gewesen", glaubt Romeo Dallaire. 5000 Blauhelme, schätzt er hätten den
Massenmord verhindern können. Der UN-General hat aus Verzweiflung über seine
verlorene Soldatenehre versucht, sich das Leben zu nehmen.
Das Ausland beeilte sich nach dem Völkermord, sein schlechtes Gewissen durch
grosszügige Wiederaufbaugeschenke zu beruhigen - eine Art humanitärer Ablass.
Madeleine Albright, damals Amerikas UN-Botschafterin, hat unlängst in der ZEIT bekannt,
wie sehr sie ihr Versagen verfolge. Butros Butros-Ghali, Exgeneralsekretär der Vereinten
Nationen, Kofi Anan, damals zuständig für Friedensmissionen, Expräsiden Bill Clinton, sie
alle haben sich entschuldigt. Und alle Welt trauert ein bisschen aus der Ferne mit in
diesen Gedenkwochen. Aber die Empathie stinkt nach Scheinheiligkeit. Was hätte man
denn gelernt aus dieser Katastrophe? Nie wieder? Wenn es zum Beispiel in Burundi, dem
ethnischen Zwilling Ruandas, zu einem Genozid käme, die Welt würde vermutlich wieder
untätig zusehen...."
Bartholomäus Grill, aus: Der Rest ist Verdrängen. Zehn Jahre nach dem Völkermord in
Ruanda leben Hutu und Tutsi miteinander in verordneter Eintracht - doch ohne
Versöhnung. In: Die Zeit Nr. 15. 1. April 2004
"...Zu den Vorzügen der offenen Gesellschaft Amerikas zählt die Durchlässigkeit ihrer
Behörden. Im Zeitalter des Internet bleibt wenig geheim. Ein Jahr nach Beginn der
Kampfhandlungen im Irak ist in den Analysen amerikanischer Think Tanks und politischer
Journale nachzulesen, was auch in den Staatskanzleien kriegskritischer Europäer
vermutet wurde: Die Regierung von George W. Bush hat unter der Federführung von
Vizepräsident Richard Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seit ihrem
Amtsantritt im Januar 2001 den Krieg gegen den Irak geplant. Die offizielle Begründung
nach den Al-Qaida-Anschlägen - Saddam Hussein verfüge über
Massenvernichtungswaffen, die innerhalb von "24 Stunden zusammengesetzt werden
können" (Cheney) - hinderte die Politiker offenkundig nicht, ihre eigenen Truppen diesen
Waffen auszusetzen: Höchstwahrscheinlich glaubten sie selbst so wenig daran wie die
Waffeninspektoren der Vereinten Nationen unter der Leitung von Hans Blix...."
Michael Nauman, in: Mars ohne Mass. In: Die Zeit Nr. 15. 1. April 2004
"...Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu reagiert allergisch auf Appelle jeglicher Art,
besonders aber wenn sie aus dem Establishment der deutschen Mehrheitsgesellschaft
kommen. Zaimoglu, 1964 im anatolischen Bolu geboren, in München und Berlin
aufgewachsen, hat nie Anerkennung als "Alibi-Ali" (Zaimoglu) gesucht. Er ist ein hoch
geschätzter Sprachkünstler unter den Schriftstellern seiner Generation: "Mich widern diese
selbstgerechten Aufklärer an, die sich nur in ihrer Liberalität bestätigen wollen. Es ist
billiger Populismus, irgendwelche Appelle gegen den bösen Fundamentalismus
aufzusetzen, die doch niemand erreichen. Ohne mich."
Zaimoglu ist allerdings fern davon, die Gefahr kleinzureden. Im Gegenteil: "Der Begriff
Islamo-Faschismus scheint mir nach meinen Erfahrungen mit den jungen Radikalen sehr
treffen. Das sind junge, kluge Kader mit einem politischen Willen. Das die sich mit 72
Jungfrauen locken lassen, ist eine dumme Karikatur. Es fehlt hierzulande einfach das
Grundwissen über diese Szene. Der politische Islam ist als Jugendbewegung überhaupt
noch nicht verstanden. Und diese Bewegung ist im Wachsen, glauben Sie mir. Mit diesen
Leuten muss man eine echte Auseinandersetzung führen. Distanzierungen helfen
genauso wenig wie gutwilliges Dialoggequatsche. Diese jungen Leute lassen sich nicht
irgendeine postmoderne Identität anhängen. Sie reagieren auf Leidenschaft,
Enthusiasmus, Bekenntnis. Ich sage denen: Als orientalischer Deutscher bin ich für die
deutsche Leitkultur. Ihr seid auch Deutsche, ihr müsst euch bekennen. Wer sich nicht an
die Spielregeln hält, muss hart angegangen werden. Jede Kultur, auch die deutsche, hat
ein Recht auf Selbstverteidigung. Dann leuchten bei denen die Augen, und wir können
anfangen, ernsthaft zu reden."
Zaimoglu ist sich der Ironie bewusst, dass ausgerechnet er - der als Erfinder von "kanak
attak" zum Symbol des unassimilierten neuen Selbstbewusstseins der hiesigen Türken
wurde - nun einer deutschen republikanischen Leitkultur das Wort redet. "Ich weiss
natürlich, warum die Deutschen Probleme mit patriotischem Enthusiasmus haben.
Vielleicht ist es ja mein Job als Orientale, sie damit zu versöhnen."
Die modernen Muslime, die ihren Weg in den Gesellschaften des Westens machen,
wissen nicht erst seit Madrid, dass ihre Lebensweise den Terroristen ein Dorn im Auge ist.
Niemand wird für ihre Sache Wort ergreifen, wenn sie es nicht selber tun."
Jörg Lau, aus: "Ihr müsst euch bekennen". Wo bleibt der Aufstand der anständigen
Muslime? Die Funktionäre drücken sich. Die Liberalen fordern eine deutsche Leitkultur. In:
Die Zeit Nr. 15. 1. April 2004
"....Die albanische Frage ist ein Ergebnis des Balkankrieges von 1912/1913 und hat damit
zu tun, dass sich die Albaner keine ausreichenden Territorien für den Nationalstaat aus
der Erbmasse des Osmanischen Reiches sichern konnten. Sie hatten sich von allen
Balkanvölkern am besten mit den Osmanen arrangiert und es versäumt, sich beizeiten um
ein Konzept für einen Nachfolgestaat zu bemühen. Im Zeichen der Kollaboration
positionierten sich die albanischen Eliten auch im Zweiten Weltkrieg. Der Preis für das von
den Nazis geduldete Grossalbanien inklusive Kosovo war die Waffen-SS-Division
Skanderberg, zu deren Aktivitäten auch die Judenverfolgung gehörte. Umso radikaler
gestaltete sich der Abschied von Kollaborationsprinzip in der Nachkriegszeit. Er führte zu
den Abschottungsstrategien Enver Hochas, in deren Folge man jede Fähigkeit zur
Kooperation eingebüsst hat. Das ist da albanische Fatum.
Zwischen dem Protektor und den Protegierten gibt es ein Grundmissverständnis über den
Zweck des Protektorats. Während der Protektor die Wiederherstellung einer
multiethnischen Gesellschaft anstrebt, geht es seinen Schützlingen um die
Unabhängigkeit im Zeichen der albanischen Homogenität. Ein viel sagendes Beispiel ist
die Nachfolgeorganisation der UCK, die von der UN-MIK als eine Art technisches
Hilfswerk betrachtet wird, für die Guerillas aber den Kern einer künftigen Kosovo-Armee
darstellt..."
Richard Wagner, aus: Vom Fatum zur Farce. In Kosovo brannten wieder Kirchen und
Häuser: Warum das Protektorat in der immer noch umkämpften Region auf dem Balkan zu
scheitern droht. In: Frankfurter Rundschau 27. März 2004
"...Der Gerechtigkeit halber soll nicht verschwiegen werden, dass es in diesem Buch auch
zwei pfiffige Stellen gibt. Die eine: "Wir werden NICHT sein: ein Volk von Grossvätern und
Grossmüttern. Wenn Sie an Schaukelstühle, Märchen und den Strickstrumpf denken, sind
Sie in einem falschen Jahrhundert. Es wird zwar noch Grosseltern geben, aber viel
weniger Enkel." Treffend auch die Auflistung der Schuldgefühle, die "unsere" Generation
mit beinah allen Lebensaktivitäten verbindet: "essen (Gift); zeugen (Überbevölkerung);
waschen (Wasserverbrauch); heizen (Co2-Ausstoss), fliegen (Treibhauseffekt), reisen
(Kulturkolonialismus); kommunizieren (Elektrosmog).."
Hilal Sezgin, aus: Dieses Auto hat noch viel Saft. Hoffnung für Methusalem: Frank
Schirrmacher nagelt eine dürre These an die Tore des Altersheime. Über Frank
Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott, Karl Blessing Verlag 2004. In: Frankfurter
Rundschau 25. März 2004
2004-04-06
Es ist etliches aufgeloffen, vorgefallen etc. Der islamistische Terror hat Europa erreicht,
die SPD fällt und will stur Westerwelles und Möllemanns Projekt 18 verwirklichen - hoffen
wir, dass der Fall nicht tödlich endet, wie der von Möllemann. Ein Psychologe sagte,
Möllemann sei wie ein Kamikaze-Krieger gestorben. Es ist wohl nicht das richtige
Politikmodell.
Ein wunderschönes Interview mit George Steiner findet sich im neuen LETTRE. Ich werde
voraussichtlich noch daraus zitieren.
"Quo vadis, Peter Ustinov? Es ist sonderbar: Je weiter die Globalisierung fortschreitet,
desto weniger werden die Kosmopoliten. Vielleicht war Peter Ustinov sogar schon der
letzte dieser innerkulturellen Weltreisenden und philantropen Brückenbauer, mit denen
das Geistesleben des letzten Jahrhunderts zwischen Shaw und Einstein, Chaplin und
Menuhin so reich gesegnet war. "Völkerverständiung" ist ein muffiger Begriff geworden,
wahrscheinlich steht er längst auf irgendeiner Liste politischer Unkorrektheiten. Wer
wundert sich da, wenn es auch um das Völkerrecht schlecht bestellt ist? Und wer wunder
sich, wenn es keine Kosmopoliten mehr gibt?...
Wie immer, wenn eine Institution abtritt, blickt man erschreckt in eine Lücke. Im Falle
Ustinov umfasst sie mehr als ein Rollenfach oder eine Medienpersona. Sie umfasst eine
Einstellung zum Leben selbst. Die Weltoffenheit, die er verkörperte (schon wieder so ein
Wort, das heute komisch klingt), entstammte einer Zeit, als man glaubte, mit Kunst
Grenzen überwinden zu können. Die Sprache dieser Kunstdiplomaten besass jenen
besonderen Feinsinn, den die Engländer "wit" nennen.
Ustinovs WIT war die ironische Versicherung gegen Selbstgefälligkeit. In England beklagte
er sogar eine "Kolonialisierung des Humors" und lobte den der Deutschen. Provozierende
Grenzgänger wie Ustinov haben es schwer in einer Zeit, die glaubt, sie tue der Welt einen
Gefallen, wenn sie so tut, als hätte diese keine Grenzen mehr. Das Einzige, was sie nicht
mehr hat, sind Kosmopoliten wie Peter Ustinov. - Sir Peter Ustinov ist in der Nacht zum
Montag (29. März, DEB) im Alter von 82 Jahren an den Folgen eines Herz- und
Zuckerleidens in Genolier bei Genf gestorben."
Daniel Kothenschulte, aus: Quo vadis, Peter Ustinov? Universalist des Esprits: Zum Tod
des Schauspielers und letzten Kosmopoliten. In: Frankfurter Rundschau 30. März 2004
"...Er war ein Renaissance-Mensch und tönte aus einer anderen Zeit. Es ist fatal, so etwas
zu sagen, weil man das Gefühl hat, man stirbt selber ein bisschen mit ihm. Aber eine
Bildungsgeschichte wie die von Peter Ustinov kann man sich heute kaum mehr vorstellen.
Menschen wie er werden sich heute wohl nicht mehr geboren. Jedenfalls kenne ich keinen
Künstler, der zwischen dem Humanen und dem Ironischen solch eine glückliche Balance
gefunden hätte. Keinen, der so dinosaurierartig Hochkultur und Unterhaltung
zusammenbrachte. Ich kenne niemanden, der auf so vielen Feldern auf solchem Niveau
zu Hause war. Nicht weil er sie annektiert hätte, sondern weil er in ihnen lebte.
Und Ustinov war diskret, unendlich diskret. Immer hatte ich das Gefühl, Leiden sei für ihn
etwas Intimes, das ich nur auflösen lässt, wenn man es in einem Running Gag stilisiert.
Auf die Frage, wo er wohnen möchte, hat er einmal gesagt: "Dort, wo man im Herbst die
Äpfel fallen hört". Doch eine Heimat brauchte er nicht. "Die einzige Heimat, die für mich
zählt, ist das zivilisierte Benehmen." War er fromm? Wohl eher nicht. Als man ihn einmal
fragte, was auf seinem Grabstein stehen sollte, sagte er: "Bitte nicht aufs Gras treten." Die
einzige Transzendenz, die er kannte, war die Religion der Kunst..."
Roger Willemsen, aus: Der Findling. Erinnerungen an Peter Ustinov. In: Die Zeit Nr. 15., 1.
April 2004
"Auch ich war bei oben genanntem Prozess Beobachterin. Ich fand es beschämend, dass
die drei angeklagten BGS-Beamten mit keinem Wort ihr Bedauern über den Tod von Herrn
Agab zum Ausdruck brachten (vielleicht bedauern sie dies nicht). Stattdessen versuchten
ihre Anwälte, sie von ihrer Schuld reinzuwaschen. Unvorstellbar, dass von Staatsbeamten
der Bundesrepublik Deutschland ein Mensch derart gefesselt abgeschoben werden soll.
Verständlich wird dieser unruhig und fängt an zu schreien, hat Angst, wenn er keine Luft
mehr abbekommt. Dieses Schreien wird dann als Widerstand bezeichnet, und ihm wird im
wahrsten Sinne des Wortes die Luft abgedrückt! Ich wünsche mir vom Prozess vor dem
Schwurgericht, dass alle für diesen Tod Verantwortlichen, angefangen bei Otto Schilly bis
zu den drei Beamten, die tatsächlich ausführten, verurteilt werden. Als sofortige
Konsequenz dieses Todes sind diese menschenverachtenden Praktiken der Abschiebung
bzw. die Abschiebungen selbst einzustellen."
FR-Leserin Heidrun Gondal, Frankfurt am Main, in: Frankfurter Rundschau 2004-02
Sorry, für mehr reicht es jetzt nicht, Frau will - vom Einkaufen kommend - frühstücken, da
bleibt für die Kommentierung der - grossen - Weltgeschichte kein Raum mehr. Mehr
demnächst in diesem Theater
2004-04-05
Eigentlich sollte es ein Lobgesang auf Europa werden. All die fröhlichen Menschen vor
den schönen Feuerwerken, an den Schlagbäumen, die nicht mehr eine unüberwindliche
Grenze darstellen. 1. Mai 2004 in Europa: Die Einen feiern, sind glücklich, die Anderen
lässt es kalt. Mehr dazu von Steiner in diesem Tagebuch. Demnächst.
Heute, gallischer, ein Eintrag, beim Verfassen des Haushaltsbuchs. Es ist immer schlecht
das Haushaltsbuch im Nachhinein zu führen, aber so ist es nun einmal, im Mai des Jahres
2004, und da las ich bei einer Kreditforderung des Freundes der Apotheke, Klaus aus
Frankfurt:
"Es ist etwas eingetreten, was ich nicht erwartet habe, was ich auch nicht vorhersehen
konnte. Die politischen Rahmenbedingungen, die in Berlin ausgeheckt worden sind, das
sog. Beitragssicherungsgesetz, wird über kurz oder lang dazu führen, dass sich die
Apothekenlandschaft in Deutschland gravierend verändern wird. Neben unzähligen
Entlassungen wird es im Laufe der nächsten Jahre viele Schließungen geben. Der Ertrag
meiner Apotheke wird sich derart vermindern, dass es zu dramatischen
Einkommensverlusten kommen wird. Ich habe nur wenige Möglichkeiten, durch
Kostensenkungen dem entgegen zu wirken." Geschrieben im Laufe des Jänner 2003. Von
einem Apotheker, der noch in den neunziger Jahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts
stolz darauf war, einer der TOP-TEN-Apotheker (umsatzmäßig, immer umsatzmäßig, Sir
Henry James) zu sein. 2004 lese ich in den Zeitungen, dass die Apotheker zu den
wenigen Gewinnern der sogenannten Gesundheitsreform der rot-grünen Regierung
gehören, die Pharma-Konzerne gehören "natürlich" auch dazu, sollte es nur das
PHARMATELEGRAMM wundern? Falsch gerülpst, Herr Westerwelle. Und da fällt mir der
Ausspruch meines Freundes, des Coach Anton Adam ein, der vor noch nicht so langer
Zeit sagte, es gebe kaum eine Berufsgruppe, die so wenig für ihren Erfolg machen müsse
und die so von sich selbst eingenommen sei, wie den der Apotheker. Dünkel heißt das
wohl. Soweit, mein gallisches Elaborat am Geburtstag von dem Sohn meiner Geliebten.
Kommt gallisch von Galliern oder von der Galle? Sachdienliche Hinweise nimmt jeder
Psychotherapeut oder Finanzberater an.
05. Apr 2004 10:27
Gerd Rosenkranz und Harald Schumann hatten zu ihrem Artikel vom Oktober 2003, der im
«Spiegel» nicht erscheinen konnte, einen «Kasten» mit Zusatz-Informationen recherchiert,
den die Netzeitung zusammen mit dem Artikel dokumentiert. Die Fakten sind auf dem
Stand der Recherchezeit im Frühherbst 2003.
Von Gerd Rosenkranz und Harald Schumann
Dokumentation
Machtkampf um den Energiemix
Wenn Wirtschaftsminister Wolfgang Clement gegen die «Überförderung» der
Windstromerzeugung raisoniert, dann können die Zahlen gar nicht groß genug sein.
Schon in diesem Jahr würden für die Erneuerbaren Energien «über 2,7 Milliarden Euro»
fließen, davon gut zwei Milliarden für die Windstromer, erklärte er vor der SPD-Fraktion.
Weil diese Kosten auf die Verbraucher umgelegt werden, belaste dies die Stromkunden
mit 0,42 Cent pro Kilowattstunde, kalkulierten seine Beamten. Bleibe es bei den bisher
vorgesehenen Fördersätzen und Wachstumsraten, würden diese Kosten bis 2010 sogar
auf vier Milliarden Euro im Jahr anwachsen.
2004-04-06
"Gewaltloser Widerstand"
Arundhati Roys Rede auf dem 4. WSF in Mumbai
(GWR-Red.) Die indische Autorin und gewaltfreie Aktivistin Arundhati Roy hat während
des 4. Weltsozialforums (WSF) im indischen Mumbai im Januar 2004 eine Aufsehen
erregende Rede gehalten. Hier die vollständige Rede in überarbeiteter deutscher
Übersetzung:
Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. Der neue Imperialismus ist bereits über uns
gekommen.
Im Januar vorigen Jahres versammelten sich Tausende von uns aus der ganzen Welt im
brasilianischen Porto Alegre und erklärten einmal mehr: "Eine andere Welt ist möglich."
Ein paar tausend Meilen weiter nördlich dachten in Washington George Bush und seine
Berater das gleiche.
Unser Projekt war das Weltsozialforum. Ihr Ziel war es, das voranzubringen, was viele als
das "Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert" sehen.
In den großen Städten Europas und Amerikas, wo solche Dinge noch vor ein paar Jahren
nur geflüstert worden wären, spricht man nun offen von den guten Seiten des
Imperialismus und davon, dass man ein starkes Imperium braucht, um eine aufsässige
Welt zu überwachen. Die neuen Missionare wollen Ordnung auf Kosten der Gerechtigkeit.
Disziplin auf Kosten der Würde. Und Überlegenheit um jeden Preis. Gelegentlich werden
einige von uns eingeladen, das Problem auf "neutralen", von den Medienkonzernen
gestellten Plattformen zu "diskutieren". Über den Imperialismus zu diskutieren ist ein
bisschen wie über das Für und Wider von Vergewaltigung zu diskutieren. Was können wir
dazu sagen? Dass uns so was wirklich fehlt?
Im Krieg gegen den Terror wird Armut mit Terrorismus vermischt
Jedenfalls ist ein neuer Imperialismus bereits über uns gekommen. Er ist eine
umgemodelte, modernisierte Fassung dessen, was wir einst kannten. Erstmals in der
Geschichte hat ein einziges Imperium mit einem Waffenarsenal, das die Welt an einem
Nachmittag auslöschen kann, die vollständige, unipolare wirtschaftliche und militärische
Hegemonie. Es wendet verschiedene Waffen an, um unterschiedliche Märkte
aufzubrechen. Es gibt kein Land auf Erden, das sich nicht im Fadenkreuz amerikanischer
Marschflugkörper und IWF-Scheckbücher befindet. Argentinien steht für den
Musterknaben des neoliberalen Kapitalismus, Irak für das schwarze Schaf.
Arme Länder, die geopolitisch von strategischem Wert für das Imperium sind, die einen
halbwegs interessanten "Markt" oder eine privatisierbare Infrastruktur haben oder die, Gott
behüte, wertvolle natürliche Ressourcen wie Öl, Gold, Diamanten, Kobalt oder Kohle
besitzen, müssen tun, was ihnen gesagt wird, oder sie werden zu militärischen Zielen.
Jene mit den größten natürlichen Reichtümern sind am meisten gefährdet. Wenn sie nicht
bereitwillig ihre Ressourcen der Konzernmaschinerie ausliefern, werden zivile Unruhen
initiiert oder Kriege vom Zaun gebrochen. In diesem neuen Zeitalter des Imperiums, da
nichts mehr so ist, wie es scheint, dürfen Manager interessierter Firmen außenpolitische
Entscheidungen beeinflussen. Das Center for Public Integrity in Washington hat
festgestellt, dass neun von 30 Mitgliedern des Verteidigungsausschusses der US-
Regierung mit Unternehmen verbandelt waren, denen zwischen 2001 und 2002
Rüstungsaufträge in Höhe von 76 Milliarden Dollar erteilt wurden.
Der frühere US-Außenminister George Shultz war Vorsitzender des Komitees für die
Befreiung Iraks. Er sitzt auch im Verwaltungsrat der Bechtel-Gruppe. Über einen
Interessenkonflikt im Kriegsfall gegen Irak befragt, sagte er: "Ich weiß nicht, ob Bechtel
daraus besonderen Nutzen ziehen würde. Aber wenn dort Arbeit zu tun ist, dann ist
Bechtel der Firmentyp, der das machen könnte. Aber niemand betrachtet das als etwas,
von dem man profitiert." Nach dem Krieg schloss Bechtel einen Vertrag über 680 Millionen
Dollar für den Wiederaufbau im Irak ab.
Diese brutale Blaupause ist immer wieder verwendet worden - quer durch Lateinamerika,
Afrika, Mittel- und Südostasien. Sie hat Millionen Menschenleben gekostet. Natürlich wird
jeder Krieg des Imperiums zum gerechten Krieg erklärt. Das hängt zum großen Teil von
der Rolle der Medienkonzerne ab. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Medienkonzerne
das neoliberale Projekt nicht bloß unterstützen. Sie sind das neoliberale Projekt. Das ist
keine moralische Position, die sie sich ausgesucht haben, sondern strukturell bedingt. Sie
ist für das ökonomische Funktionieren der Massenmedien wesentlich.
Die meisten Nationen haben genug Leichen im Keller. Deshalb haben es die Medien nur
selten nötig zu lügen. Was betont und was weggelassen wird, zählt. Nehmen wir zum
Beispiel an, Indien wäre als Ziel für einen gerechten Krieg ausgewählt worden. Die
Tatsache, dass seit 1989 in Kaschmir 80.000 Menschen getötet worden sind, die meisten
von ihnen Muslime, und die meisten von ihnen durch indische Sicherheitskräfte (was einen
Jahresdurchschnitt von ungefähr 6.000 ergibt); die Tatsache, dass im März 2003 über
2000 Muslime auf den Straßen in Gujarat ermordet, dass Frauen von Gruppen
vergewaltigt, Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt und 150.000 Menschen aus ihren
Häusern vertrieben wurden, während die Polizei und die Administration zuschauten und
sich mitunter aktiv beteiligten; die Tatsache, dass niemand für diese Verbrechen bestraft
und die verantwortliche Regierung wieder gewählt wurde - all das würde den
internationalen Zeitungen perfekte Schlagzeilen zur Vorbereitung eines Krieges liefern.
Als nächstes würden unsere Städte von Marschflugkörpern dem Erdboden gleichgemacht,
unsere Dörfer mit Stacheldraht umzäunt, US-Soldaten würden durch unsere Straßen
patrouillieren und Narendra Modi, Pravin Togadia oder irgendein anderer prominenter
Fanatiker müsste sich - wie Saddam Hussein - im US-Gewahrsam zur besten
Fernsehsendezeit sein Haar nach Läusen durchsuchen und seine Zahnfüllungen
überprüfen lassen.
Aber solange unsere "Märkte" offen sind, solange Enron, Bechtel, Halliburton, Arthur
Andersen freie Hand gelassen wird, dürfen unsere "demokratisch gewählten" Führer
unbesorgt die Linien zwischen Demokratie, Mehrheitspolitik und Faschismus verwischen.
Die feige Bereitschaft unserer Regierung, die stolze indische Tradition der Blockfreiheit
aufzugeben, ihr Drang an die Spitze der komplett Gebundenen (der Modebegriff heißt
"natürliche Verbündete": Indien, Israel und die USA sind "natürliche Verbündete"!) haben
ihr die Beinfreiheit gegeben, sich ohne Legitimitätsverluste in ein repressives Regime zu
verwandeln.
Die Opfer einer Regierung sind nicht nur jene, die sie tötet und einkerkert. Auch diejenigen
müssen zu ihnen gerechnet werden, die enteignet, vertrieben und zu einem Leben in
Hunger und Entbehrung verurteilt werden. Millionen Menschen sind durch
"Entwicklungsprojekte" enteignet worden. In den vergangenen 55 Jahren sind in Indien
allein durch die Staudammprojekte zwischen 33 und 55 Millionen Bürgerinnen und Bürger
vertrieben worden. Einen Rechtsweg gibt es für sie nicht.
In den letzten beiden Jahren gab es eine Reihe von Zwischenfällen, bei denen die Polizei
das Feuer auf friedlich Protestierende, meist Dalits und Adivasi, eröffnete. Die Armen und
besonders die Dalits und Adivasi werden getötet, wenn sie Forstland nutzen, und sie
werden getötet, wenn sie die Nutzung von Forstland für Dämme, den Bergbau, Stahlwerke
und andere "Entwicklungsprojekte" zu verhindern suchen. Fast immer, wenn die Polizei
das Feuer eröffnet hat, behauptet die Regierung, die Schüsse seien durch Gewaltakte
provoziert worden. Jene, auf die geschossen wird, werden sofort als Militante bezeichnet.
Im ganzen Land hat man Tausende unschuldiger Menschen, darunter auch Minderjährige,
nach dem Gesetz zur Verhinderung des Terrorismus eingesperrt und hält sie ohne
Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit fest. Im Zeitalter des Krieges gegen den Terror
wird die Armut stillschweigend mit dem Terrorismus vermengt. Im Zeitalter der
Konzernglobalisierung ist Armut ein Verbrechen. Protest gegen weitere Verarmung ist
Terrorismus. Und nun sagt unser Oberster Gerichtshof sogar, Streiken sei ein Verbrechen.
Kritik an den Gerichten ist selbstverständlich auch ein Verbrechen. So wird jeder Ausweg
versperrt.
Wie der alte Imperialismus beruht auch der neue Imperialismus auf einem Netzwerk von
Agenten, korrupten lokalen Eliten, die dem Imperium dienen. Wir alle kennen die
schmutzige Geschichte von Enron in Indien. Die damalige Regierung von Maharashtra
unterzeichnete einen Vertrag über Stromlieferungen, der Enron Profite in Höhe von 60
Prozent des gesamten indischen Budgets für die landwirtschaftliche Entwicklung sicherte.
Einem einzigen amerikanischen Unternehmen wurde ein Profit garantiert, der den Mitteln
zur Entwicklung der Infrastruktur für etwa 500 Millionen Menschen entspricht!
Cancun lehrte uns, internationale Allianzen zu schmieden
Der neue Imperialist muss sich nicht mehr wie früher durch die Tropen schleppen und
dabei Malaria, Durchfälle und einen frühen Tod riskieren. Der neue Imperialismus
funktioniert auch per E-Mail. Der vulgäre, handgreifliche Rassismus des alten
Imperialismus ist überholt. Der Eckstein des neuen Imperialismus ist ein neuer Rassismus.
Eine passende Allegorie des neuen Rassismus ist die US-amerikanische Tradition der
Truthahn-Begnadigung. Seit 1947 überreicht die National Turkey Federation dem
Präsidenten jedes Jahr zum Erntedankfest einen Truthahn. Jedes Jahr verschont der
Präsident in einem feierlichen Akt der Großherzigkeit dieses eine Tier (und isst dafür ein
anderes). Nachdem der Auserwählte vom Präsidenten dergestalt begnadigt worden ist,
wird er nach Virginia in den Frying Pan Park gebracht, um dort bis zu seinem natürlichen
Ende weiterzuleben. Die übrigen 50 Millionen für das Erntedankfest gezüchteten
Truthähne werden an diesem Tag geschlachtet und gegessen. Das Unternehmen
ConAgra Foods, offizieller Truthahnlieferant des Präsidenten, dressiert die begnadigten
Tiere, so dass sie kontaktfreudig werden und dem Umgang mit Würdenträgern,
Schulkindern und der Presse gewachsen sind. (Demnächst sprechen sie auch noch
Englisch!)
So funktioniert der Neue Rassismus im Zeitalter der Großkonzerne. Einige wenige
sorgsam gezüchtete Truthähne, die lokalen Eliten verschiedener Länder, eine reiche
Immigrantenschicht, Investment-Banker, einzelne Leute wie Colin Powell oder
Condoleezza Rice, ein paar Sänger und Schriftsteller - Leute wie ich - bekommen die
Absolution und die Eintrittskarte zum Frying Pan Park. Die Millionen anderen verlieren ihre
Arbeitsplätze, werden aus ihren Häusern vertrieben, bekommen weder Wasser noch
Strom und sterben an AIDS. Im Grunde sind sie alle für den Kochtopf bestimmt. Aber den
paar Glücklichen im Frying Pan Park geht es gut. Ein paar von ihnen arbeiten sogar für
den IWF und die WTO - wer also kann behaupten, diese Organisationen wären
truthahnfeindlich? Einige sind Mitglieder im Komitee für die Auswahl der Truthähne - wer
also kann behaupten, Truthähne wären gegen das Erntedankfest? Sie machen ja mit! Wer
kann behaupten, die Armen wären gegen die Globalisierung der Konzerne? Sie kämpfen
ja panisch um einen Platz im Frying Pan Park! Nur gehen eben die meisten auf dem Weg
dorthin zugrunde.
Teil des Projekts neuer Rassismus ist ein neuer Völkermord. Im Zeitalter der
wirtschaftlichen Interdependenz kann er durch ökonomische Sanktionen bewirkt werden.
Man schafft einfach Bedingungen, die zu einem Massensterben führen, ohne dass man
Menschen direkt töten muss. Dennis Halliday, von 1997 bis 1998 UN-Koordinator für
humanitäre Angelegenheiten in Irak (danach trat er angeekelt zurück), verwendete den
Begriff Völkermord, um die Sanktionen gegen Irak zu beschreiben. Die Sanktionen stellten
alle Bemühungen Saddam Husseins in den Schatten: Sie kosteten mehr als eine halbe
Million Kinder das Leben.
Im neuen Zeitalter ist Apartheid als formale Politik antiquiert und unnötig. Internationale
Handels- und Finanzinstrumente steuern ein komplexes System multilateraler
Handelsgesetze und Finanzabkommen, die die Armen ohnehin in ihren Bantustans
festhalten. Ihr ganzer Zweck besteht darin, Ungleichheit zu institutionalisieren. Warum
sonst würden die USA das Produkt eines Textilherstellers in Bangladesch zwanzigmal
höher besteuern als eins aus Großbritannien? Warum sonst produzieren Länder mit 90
Prozent des Weltkakaoanbaus nur fünf Prozent der Schokolade in der Welt? Warum sonst
werden Kakao anbauende Länder wie die Elfenbeinküste und Ghana durch Besteuerung
vom Markt gedrängt, wenn sie ihren Rohkakao zu Schokolade zu verarbeiten wollen?
Warum sonst fordern reiche Länder, die täglich über eine Milliarde Dollar für
Agrarzuschüsse ausgeben, dass arme Länder wie Indien alle Agrarsubventionen,
einschließlich der für die Stromversorgung, abbauen? Warum sonst stecken ehemalige
Kolonien, die über ein halbes Jahrhundert lang von den Kolonialregimes ausgeplündert
wurden, in der Schuldenfalle genau dieser Regimes und zahlen ihnen 382 Milliarden
Dollar pro Jahr zurück?
Aus all diesen Gründen war es für uns so entscheidend, die Handelsabkommen in Cancun
zum Entgleisen zu bringen. Auch wenn unsere Regierungen versuchen, den Erfolg für sich
zu reklamieren, wissen wir doch, dass er das Ergebnis des jahrelangen Kampfes vieler
Millionen Menschen in sehr vielen Ländern war. Cancun lehrte uns, dass es für die
Widerstandsorganisationen vor Ort darauf ankommt, internationale Bündnisse zu
schließen, um wirklichen Schaden anrichten und radikalen Wandel erzwingen zu können.
Von Cancun lernten wir die Bedeutung globalisierten Widerstands.
Keine einzelne Nation kann sich dem Projekt der Konzernglobalisierung aus eigener Kraft
widersetzen. Immer wieder haben wir erlebt, dass die Helden unserer Zeit schrumpfen,
wenn es um das neoliberale Projekt geht. Außergewöhnliche, charismatische Männer,
Giganten in der Opposition, werden machtlos auf der globalen Bühne, sobald sie an die
Macht kommen und Staatschefs werden. Ich denke hier an Präsident Lula von Brasilien.
Letztes Jahr war Lula der Held des Weltsozialforums. Dieses Jahr setzt er eifrig IWFRichtlinien um, senkt die Renten und säubert seine Arbeiterpartei von Radikalen. Ich
denke auch an Südafrikas Ex-Präsidenten Nelson Mandela. Innerhalb von zwei Jahren
nach seinem Machtantritt ging seine Regierung fast bedingungslos vor dem Gott des
Marktes in die Knie. Sie führte ein massives Privatisierungs- und
Strukturanpassungsprogramm durch, das Millionen Menschen ohne Obdach, arbeitslos,
ohne Wasser und Strom hinterlässt.
Warum geschieht das? Es nützt nichts, sich das Haar zu raufen und sich betrogen zu
fühlen. Lula und Mandela sind in jeder Beziehung großartige Menschen. Aber in dem
Moment, da sie von der Opposition ins Regierungslager wechselten, wurden sie zu
Geiseln eines ganzen Spektrums von Bedrohungen, die schlimmste von ihnen die
Drohung der Kapitalflucht, die jede Regierung über Nacht zu Fall bringen kann. Sich
einzubilden, das persönliche Charisma und der kampferfüllte Lebenslauf einer
Führungspersönlichkeit würden das Kartell der Konzerne anknacksen, bedeutet, dass man
nicht verstanden hat, wie der Kapitalismus funktioniert und wie Macht funktioniert.
Radikaler Wandel wird nicht durch Regierungen ausgehandelt, er kann nur durch
Menschen erzwungen werden.
Wir müssen Strategien des Widerstands diskutieren
In dieser Woche werden auf dem Weltsozialforum einige der besten Köpfe der Welt Ideen
darüber austauschen, was um uns herum geschieht. Diese Gespräche schärfen unsere
Vision der Welt, für die wir kämpfen. Das ist ein wichtiger Prozess, der nicht untergraben
werden darf.
Wenn jedoch auf Kosten wirklichen politischen Handelns all unsere Energien auf diesen
Prozess gerichtet werden, besteht die Gefahr, dass das WSF, das eine so entscheidende
Rolle in der Bewegung für globale Gerechtigkeit gespielt hat, jetzt unseren Feinden in die
Hände spielt. Wir müssen dringend Strategien des Widerstands diskutieren. Wir müssen
reale Ziele ins Visier nehmen, reale Kämpfe führen und realen Schaden anrichten.
Gandhis Salzmarsch war nicht einfach politisches Theater. Als in einem simplen Akt des
Ungehorsams Tausende Inder zum Meer marschierten und dort ihr Salz gewannen,
brachen sie das Salzsteuergesetz. Das war ein direkter Schlag gegen den ökonomischen
Unterbau des britischen Empires. Er war real. Nachdem unsere Bewegung einige wichtige
Siege errungen hat, dürfen wir den gewaltlosen Widerstand nicht zu wirkungslosem,
wohlgefälligem politischem Theater verkümmern lassen. Er ist eine sehr kostbare Waffe,
die ständig geschärft und immer wieder neu ersonnen werden muss. Wir dürfen nicht
zulassen, dass er lediglich zum Spektakel, zu einem Fotomotiv für die Medien wird.
Es war großartig, dass am 15. Februar vorigen Jahres zehn Millionen Menschen in fünf
Kontinenten gegen den Krieg in Irak auf die Straße gingen - eine eindrucksvolle
Demonstration öffentlicher Moral. Es war großartig, aber es war nicht genug. Der 15.
Februar war ein Wochenende. Niemand musste auch nur einen Arbeitstag verpassen.
Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. George Bush weiß das. Die Selbstsicherheit, mit
der er die überwältigende öffentliche Meinung missachtete, sollte uns allen eine Lehre
sein. Bush glaubt, Irak kann besetzt und kolonisiert werden, wie es mit Afghanistan
geschieht, mit Tibet geschieht, mit Tschetschenien geschieht, wie es in Osttimor der Fall
war und in Palästina noch der Fall ist. Er glaubt, dass er nur in Deckung gehen und warten
muss, bis die krisenhungrigen Medien dieses Thema bis auf die Knochen ausgeschlachtet
haben, es fallen lassen und weiterziehen. Bald wird der Kadaver von den BestsellerCharts rutschen, und all die aufgebrachten Leute werden das Interesse daran verlieren.
Das jedenfalls hofft er.
Diese unsere Bewegung braucht einen großen, globalen Erfolg. Es ist nicht genug, Recht
zu haben. Manchmal ist es wichtig, etwas zu gewinnen, und wenn es nur ist, um unsere
Entschlossenheit zu testen. Um etwas zu gewinnen, müssen wir - alle, die sich hier und
dort drüben bei Mumbai Resistance versammelt haben - uns auf eine Sache einigen. Es
muss keine übergreifende, übergestülpte Ideologie sein, in die wir unsere sympathisch
streitlustigen, konfliktfreudigen Persönlichkeiten hineinzwängen. Es muss auch keine
kritiklose Loyalität gegenüber der einen oder anderen Form von Widerstand sein, die alles
andere ausschließt. Ein Minimalprogramm könnte reichen.
Lasst uns den Blick auf Irak richten
Wenn alle von uns wirklich gegen Imperialismus und gegen das Projekt des
Neoliberalismus sind, dann lasst uns den Blick auf Irak richten. Irak ist die unvermeidliche
Kulmination von beidem. Zahlreiche Kriegsgegner ziehen sich seit der Gefangennahme
Saddam Husseins verunsichert zurück. Ist die Welt nicht besser ohne Saddam Hussein?
fragen sie ängstlich.
Schauen wir der Sache ein für allemal ins Auge. Der Gefangennahme Saddam Husseins
durch die US Army zu applaudieren und damit im Nachhinein die Invasion und Besetzung
Iraks zu rechtfertigen, ist wie Jack the Ripper zu verherrlichen, weil er den Würger von
Boston geschlachtet hat. Und das nach einem Vierteljahrhundert Partnerschaft, in der
Schlächter und Würger ihr Unternehmen gemeinsam betrieben hatten. Bis dann der
innerbetriebliche Streit kam. Sie waren Geschäftspartner, die sich wegen eines
schmutzigen Deals entzweiten. Jack war der Chef des Unternehmens.
Wenn wir also gegen den Imperialismus sind, wollen wir uns dann darauf einigen, dass wir
gegen die US-Besatzung sind und dass wir der Meinung sind, die USA müssen sich aus
Irak zurückziehen und dem irakischen Volk Reparationen für die Kriegsschäden zahlen?
Wie fangen wir an, unseren Widerstand aufzubauen? Beginnen wir mit etwas wirklich
Kleinem. Es geht nicht darum, den Widerstand in Irak gegen die Besatzung zu
unterstützen oder zu debattieren, wer genau den Widerstand in Irak bildet. (Sind es alte
Baath-Killer? Sind es islamische Fundamentalisten?)
Wir müssen der globale Widerstand gegen die Besatzung werden.
Unser Widerstand muss damit beginnen, dass wir uns weigern, die Besetzung Iraks durch
die USA als legitim zu betrachten. Das bedeutet Handeln, um es dem Imperium in der
Praxis unmöglich zu machen, seine Ziele zu erreichen. Es bedeutet, Soldaten müssen
sich weigern zu kämpfen, Reservisten sich weigern, eingezogen zu werden, Arbeiter sich
weigern, Schiffe und Flugzeuge mit Waffen zu beladen. Es bedeutet auch, dass wir in
Ländern wie Indien und Pakistan die Pläne der US-Regierung, indische und pakistanische
Soldaten zum Aufräumen nach Irak zu schicken, zum Scheitern bringen müssen.
Ich schlage vor, dass wir auf einer gemeinsamen Abschlusszeremonie von
Weltsozialforum und Mumbai Resistance zwei Großunternehmen auswählen, die von der
Zerstörung Iraks profitieren. Wir könnten jedes Projekt, an dem sie beteiligt sind, erfassen.
Wir könnten ihre Büros in jeder Stadt und in jedem Land der Welt ausfindig machen. Wir
könnten hingehen und sie zumachen. Die Frage ist, ob wir unser kollektives Wissen und
die Erfahrungen der vergangenen Kämpfe für ein einzelnes Ziel nutzbar machen wollen.
Die Frage ist, ob wir gewinnen wollen.
Das "Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert" strebt danach, die Ungleichheit
fortzuschreiben und um jeden Preis, selbst wenn er apokalyptisch ist, die amerikanische
Hegemonie zu errichten. Das Weltsozialforum verlangt Gerechtigkeit und Überleben.
Aus diesen Gründen müssen wir uns als im Krieg befindlich betrachten.
Arundhati Roy, 28. Februar 2004
Anmerkungen
Die Rede wurde am 18. Januar in der indischen laizistischen, oppositionellen
Tageszeitung The Hindu veröffentlicht.
Übersetzung: H. König. Überarbeitung: GWR-Red
2004-03-21
Der junge Journalist Juris Lempfert aus Rümmingen schreibt im Tagesspiegel vom 21.
März 2004:
"Das Abitur hat er noch nicht, aber eine Stimme, die alle überzeugt hat. Von einer großen
Karriere ist nicht nur sein Produzent Stefan Raab überzeugt. Der Sieger beim deutschen
Vorentscheid des Eurovision Song Contest hebt trotz des Rummels nicht ab....
Heute geht es mit dem Zug wieder zurück nach Waldshut-Tiengen. In der kleinen 23 000Einwohner-Stadt in Süddeutschland lebt Max noch bei seinen Eltern, direkt an der Grenze
zur Schweiz. Und Montag früh knöpft sich der 22-Jährige wieder seine Mathe-Bücher vor
und paukt Parabelgleichungen – am 20. April hat er Abiturprüfungen am
Wirtschaftsgymnasium. In den vergangenen Wochen ist er nicht viel zum Lernen
gekommen: Erst der Sieg beim Casting in Stefan Raabs Fernsehshow "tv total", dann
seine Single "Can’t Wait Until Tonight", die sofort auf Platz eins der Charts schoss, und am
Freitagabend schließlich der überragende Sieg beim deutschen Vorentscheid des
Schlager-Wettbewerbs.
Auch wenn er binnen weniger Wochen vom Bummel-Abiturienten zum Pop-Star gehypt
wurde: Max bleibt bescheiden. "Ich hab jetzt schon mehr erreicht im Leben, als ich mir
jemals erträumt hätte", sagt er kurz nach der Show im Arena. Stefan Raab trommelt da
lauter: "Ich habe in den letzten 20 Jahren niemanden erlebt, der so talentiert ist", sagt er
über seinen Zögling, mit dem er als Produzent in Zukunft wohl noch jede Menge Geld
verdienen wird. Denn von Max’ bevorstehender Karriere ist nicht nur Raab überzeugt,
auch Thomas Anders und Joy Fleming ("affentittengeile Stimme") aus der tv-total-Jury,
Grand-Prix-Organisator Jürgen Meier-Beer ("der hat noch viel vor sich") – und natürlich die
Waldshuter. "Wir sind mächtig stolz auf ihn und seine unfassbare Stimme", sagt
Oberbürgermeister Martin Albers. Und der Direktor des Wirtschaftsgymnasiums hält Max
"für einen Jugendlichen mit einer hohen Begabung".
Musiker wollte Max werden, solange er denken kann; sein Vorbild ist James Brown. Seit
Jahren gehört Max schon als Schlagzeuger und Sänger zur Band "Project 5", einer
Waldshuter Funk-Band. Die profitiert bereits von Max’ Popularität. Ein Konzert vor zwei
Wochen in Waldshut für 1500 Zuschauer war innerhalb von 18 Minuten ausverkauft. Privat
mag es der Sänger mit der Schmusestimme, der nach eigenen Angaben "schon
vergeben" ist, übrigens gerne etwas heftiger. Seine Hobbys: Freeclimbing und Motocross."
Tja der Junge hat wirklich eine wunderschöne Stimme und fast hätte ich ihm auch meine
Stimme gegeben. Doch ich entschied mich dann für eine der anderen guten Bands diesmal mit deutschem Text. Vielleicht beginnt bei mir schon die alte Weisheit zu wirken,
dass die Emigranten im fremden Land immer konservativer sind, als die Menschen im
Land. Doch mir haben viele der Lieder dieses Wettbewerbs gefallen - nicht nur das tiefe
Décoltée von Sabrina Settlur (snüff, Andreas), sondern eigentlich alle Songs, na ja der mit
den zweitmeisten Stimmen mit am wenigsten. Ich hab mich dann also für den Song
entschieden, der mich an Lieder von Klaus Lage erinnert.
Da muss dann allerdings die Frage gestellt werden, wie kommen die Stimmen denn
zusammen. Dass Max schon im ersten Durchgang fast zwei Drittel der Stimmen bekam -
ich gönn es ihm, trotzdem: welche Mechanismen wirken da? Welche Beeinflussung findet
statt? Es gab so viele gute Songs an diesem Abend - die Vorauswahl durch die VivaHörerinnen hat sich ausgezahlt - wieso bekamen sie nicht alle annähernd gleich grosse
Stimmenanteile?
Sind da mächtige Manipulatoren am Werk? Wer überprüft die Stimmen? Die Fehler bei
den elektronischen Wahlen in den USA machen uns misstrauisch. Klar, das Modell der 20
Weisen, die für das Volk die Musik auswählen, so wie einst, das ist Schnee von Gestern.
Aber wenn nur bei mir innerhalb weniger Wochen fast hundert Mails auftauchen, wo
irgend so ein Hurensohn unsere E-Mail-Adressen als virenverseuchtes trojanisches Pferd
nutzt - warum sollten dann nicht auch im grossen Stil Manipulationen möglich sein.
Misstrauisch macht mich auch, dass jetzt schon drei Jahre der TV-Mann Stefan Raab
seine Songs in die internationale Ausscheidung schickt. Ok, der Song des WaldshutTiengeners ist gut und seine Stimme klasse. Aber die anderen Songs waren auch nicht
ohne. Noch ist es etwas anderes, als die Dauerpräsenz beim Grand Prix vom Komponist
und Texter, der auch das Lied "erfand" "Du kannst nicht immer sechzehn sein". (Ich
kannte das nicht, aber bei einem Fest hier, zu Ehren von Rosa zu ihrem 60ten, sang Gino
dies und nahm Bezug zu einer anwesenden Dame, auf die das Lied so knallhart passte).
In dem Sinn eine versöhnliche Geste, mit den australischen 20 tenors ein medley dieser
Deutschen Schlager-Legende anzubieten.
Also, toll, dass es wieder gute deutsche Schlager gibt, Rosenstolz gehört auch dazu, und
toi toi toi für Istanbul, Max.
Jetzt rollt die Post - stündlich werden die Web-Sites umgekrempelt:
www.maxmutzke.com
Die Seite seiner Waldshuter Band
www.project-five.de
2004-03-20
Frühlingsanfang.
"..China ist inzwischen weltweit führend bei der Produktion von Sonnenkollektoren. Allein
im Jahr 2002 wurden auf Chinas Dächern 10 Millionen Quadratmeter Sonnenkollektoren
installiert - in Deutschland eine halbe Million. In der Zwei-Millionen-Stadt Kunming zum
Beispiel sieht man fast kein Haus mehr ohne Sonnenkollektoren. In Chinas Regierung tobt
ein Machtkampf zwischen einer Sonnen- und einer Atomenergiefraktion. Vor diesem
Hintergrund war Schroeders flotte Zusage an China nicht nur leichtfertig, sie war
leichtsinnig.
China mit acht bis 10 Prozent jährlichen Wirtschaftswachstum braucht in den nächsten
Jahrzehnten pro Jahr zusätzlich Energie aus drei weiteren grossen Kraftwerken. Heute
befriedigt das Riesenreich seinen wachsenden Energiehunger zu 8o Prozent aus Energie
aus Kohle. Diese Quelle ist aber aus Klimaschutzgründen ausgereizt und steht ebenso wie
Öl und Gas in wenigen Jahrzehnten ohnehin nicht mehr zur Verfügung, weil die Vorräte
verbraucht sein werden.
...Atom oder Sonne? Das wird die Schicksalsfrage des 21. Jahrhundert werden. Sie wird in
China beantwortet. Japan hat in den letzten 10 Jahren gezeigt, wie rasch der Markt für
direkten Solarstrom aus photovoltaischen Anlagen wachsen kann. Österreich hat dank
eines Volksentscheids vor 25 Jahren kein einziges AKW und gewinnt heute schon 23
Prozent seiner Primärenergie aus erneuerbaren Quellen; hauptsächlich aus Wasserkraft
und Biomasse. Deutschland ist Windenergie-Weltmeister und hat schon heute mehr
Arbeitsplätze durch Technologien zur Gewinnung von Erneuerbaren Energien als bei
Kohle und Atom zusammen. 15 000 Windmühlen ersetzen fünf AKWs.
...Wir haben beste Voraussetzungen für eine solare Weltwirtschaft und eine solare
Weltkultur. Damit würde die ganze Welt erneuerbar.
Seit vier Monaten macht Arnold Schwarzenegger in Kalifornien Furore mit seiner
Ankündigung, bis zum Jahr 2020 bereits 23 Prozent des Stroms im Sonnenstaat der USA
aus erneuerbaren Quellen produzieren und solaren Wasserstoff für Autos im grossen Stil
zu wollen. Der überraschend grüne Schwarzenegger hat beim Ausbau der Erneuerbaren
Energien ehrgeizigere Ziele als Rot-Grün in Berlin. Sein Hauptargument neben dem
Klimaschutz: Neue zukunftsfähige Arbeitsplätze.
Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, Biogas, Geothermie sowie Wellen- und
Strömungsenergie der Ozeane können schon in wenigen Jahrzehnten den Energiebedarf
Chinas und der ganzen Menschheit nicht nur für einige Jahrzehnte, sondern für alle Zeit
decken: Preisgünstiger als heute, wenn die Folgekosten der alten Energieträger
mitberechnet werden. Umweltfreundlich, ohne gefährliche Atomenergie und ohne Kriege
um Öl.
China mit beinahe einem Viertel der Menschheit wird bei der Energiewende eine zentrale
Rolle spielen. Es ist kein Zufall, dass die Welt-Windkonferenz 2004 in Peking stattfindet. In
China könnten 150 000 Windräder 100 Atomkraftwerke ersetzen. Noch sind Pekings
Weichen nicht endgültig in Richtung Atomstaat gestellt. Welche Fraktion innerhalb der
chinesischen Regierung will Rot-Grün unterstützen: Die Freunde der Erneuerbaren
Energien oder tatsächlich die Atomfraktion? Eher sollten die Grünen die Koalition
aufkünden, als den Export einer Atomfabrik mitzuverantworten."
Franz Alt, Aus: Die Frage Atom oder Sonne wird in China beantwortet. In: Frankfurter
Rundschau 10. März 2004
www.sonnenseite.com
"Dass Arbeitnehmer im kirchlichen Bereich nicht die gleichen Rechte haben wie andere
Arbeitnehmer, das ist nichts Neues. Das beginnt im Arbeitsrecht: Das
Betriebsverfassungsgesetz gilt nicht für kirchliche Sozialeinrichtungen. Anstelle von
Betriebsräten gibt es nur weitgehend rechtlose Mitarbeitervertretungen. Diese können
nicht einmal normale Kontakte zu Gewerkschaften pflegen, wenn es der Betriebsleitung
nicht gefällt. Eine kirchliche soziale Einrichtung hat sich vor Gericht das "Recht" erstritten,
einem Gewerkschaftsvertreter trotz Einladung der Mitarbeitervertretung den Zutritt zu
verweigern.
Anderswo haben Arbeitnehmer die Möglichkeit, hinsichtlich Arbeitsbedingungen und
Entgeld ihre Forderungen in Tarifverhandlungen einzubringen und für ihre Durchsetzung
zu streiken. Das Streikrecht wird den Arbeitnehmern kirchlicher sozialer Einrichtungen
immer noch verwehrt, sie sind auf das Entgegenkommen ihrer Arbeitgeber angewiesen.
Die meisten müssen auf eine tarifvertragliche Absicherung verzichten, weil ihre Kirchen
den Abschluss von Tarifverträgen verweigern; Ausnahmen sind lediglich die
evangelischen Kirchen in Nordelbien und Berlin-Brandenburg.
Nicht nur im Bereich des Arbeitsrechts, auch im Bereich der Grundrechte sind kirchliche
Arbeitnehmer benachteiligt. Selbst Arbeitnehmer, die ganz andere Aufgaben haben als die
Religionsausübung, etwa Krankenschwestern in einem katholischen Krankenhaus,
müssen mit Benachteiligungen am Arbeitsplatz rechnen, sogar mit Kündigung, wenn sie
beispielsweise aus der Kirche austreten, einen Geschiedenen heiraten oder öffentlich eine
liberale Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen vertreten. Kirchliche Arbeitgeber denken
gar nicht daran, die Grundrechte ihrer Arbeitnehmer zu respektieren, das Recht auf
Religionsfreiheit, auf Ehe und Familien und auf Meinungsfreiheit."
FR-Leserin Irene Nickel, Braunschweig, in: Frankfurter Rundschau 11. März 2004.
"...Die Deutsche Bibliothek hat finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) ein schier epochales Projekt erarbeitet, das neue Wege in der Dokumentation
wichtiger, aber sehr schwer erreichbarer Publikationen geht, wie eben beispielsweise der
jüdischen Exilpresse.
Während man sich früher mühselig mit tränenden Augen durch endlose Mikrofilme
ratterte, muss man heute nur einen Computer mit Internetanschluss haben, um so
entlegene Schriften wie das Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Schanghai oder
eben auch den "AUFBAU", der sogar mit Schlagworten durchsuchbar ist, im Volltext auf
den Bildschirm zu holen. Gerade beim Lesen des "AUFBAUS" wird die Tragik der
deutsch-jüdischen Katastrophe sehr schmerzlich bewusst. Allein schon die
Familienanzeigen sind eine historische Quelle ersten Ranges, in denen sich ab 1943 mehr
und mehr Todesanzeigen häufen, in denen "in Theresienstadt verschieden" Eltern
betrauert werden, oder nach Kriegsende die Suchanzeigen, die fast die halbe Zeitung
einnehmen, und in denen die Suchenden stets mit "fly" (formerly = früher) Wiesbaden,
Hamburg, Leipzig.., zeichnen."
Aufbau - New York
http://aufbauonline.com
Deutsche Bibliothek
www.ddb.de
FR-Leserin Jutta Fähndrich, Leipzig, in: Frankfurter Rundschau
11. März 2004
Anfang der Achtziger Jahre erregte er in seinem ZITTIG-Artikel die feministischen
Gemüter der Lörracher Alternativszene. Heute legt er sich mit Microsoft, Toll Collect oder
der Gebührenzentrale GEZ an: padeluun.
"...Dass sie ihre informationelle Selbstbestimmung, das Recht auf Privatsphäre verteidigen
können. Trotz Videokameras, PC: Cookies, Payback-Karten und
Datenverwertungsklauseln in Verträgen. Daher verleiht ihr Verein zur "Förderung des
öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs" (Foebud, sprich "Foebud") seit
vier Jahren den "BIG BROTHER AWARD" für Bemühungen, Ausspähungstechniken zu
verbreiten...
Vor allem diese Sache mit der Metro-Gruppe ist Schuld an den Schatten unter ihren
Augen. Seitdem tragen Rena Tangens und padeluun den roten Aufklebern "Stop RFID" Radio Frequency Identification. Sie entdeckten, dass Metro, der fünftgrösste
Handelskonzern weltweit, Kundenkarten in Deutschland verteilt hatte, ohne etwas von
dem eingebauten RFID-Chip zu verraten. Wer mit dieser Karte den Metro-Futurestore im
nordrhein-westfälischen Rheinberg betritt, könnte per Funk identifiziert werden.
Mit RFID liessen sich Gewohnheiten eines jeden Kunden registrieren und speziell auf ihn
abgestimmt Angebote erstellen. RFID irgendwann eingenäht in Kleidung, um Beschäftigte
zu überwachen, alles wahrscheinlich, wenn man Rena Tangens zuhört. Die Metro-Gruppe
erhielt im vergangenen Jahr den "BIG BROTHER AWARD"...
Es ist ja nicht so, dass Foebud technologiefeindlich ist. Rena Tangens und padeluun sind
vielmehr daran interessiert, wie die Computerisierung sich auf die Gesellschaft auswirkt.
Sie sprechen von einem "Rahmen", den sie für Menschen schaffen wollen, damit sie
zwanglos miteinander kommunizieren können. Das sei ihr "Kunstwerk". Und dies schliesst
auch politisches Engagement ein. Deshalb fordert Rena Tangens, zuweilen Beraterin des
Deutschen Bundestages, vehement eine Reform des Datenschutzgesetzes. Ihr geht es
darum, menschenwürdig, kommunikativ mit der Technologie umzugehen...
Rena Tangens und padeluun experimentierten Ende der 80er Jahre mit der "BionicMailbox", in der sich die Eingeweihten mit klobigen Rechnern austauschten, frei,
unbewacht. Auf der Grundlage bauten sie das "Zamir"-Friedensnetz auf dem Balkan in
den Kriegswirren der 90er Jahre auf. Vergleichbar ist das Funktionsprinzip mit den
Diskussionsforen im Internet.
..Als sie 1985 den "Chaos Computer Club" präsentierten, und als er sich in fremde
Rechner hackte, da waren Rena Tangens und padeluun Avantgardisten. Sie galten als
Exoten auf der CeBit, als Cyberpunks. Sie propagierten "Mediencafés". Heute gibt es
Internetcafés.
Sind Rena Tangens und padeluun inzwischen überholt oder immer noch weit voraus im
Denken? Sie fordern umfassende Kenntnisse beim Umgang mit der Technik, dabei kann
jeder PC-Analphabet heutzutage Software installieren. Sie plädieren für eine Privatsphäre
in einer Gesellschaft, die sich immer freizügiger gebärdet. "Wollen Sie Videoüberwachung
oder Sicherheit", hat padeluun kürzlich eine ältere Dame am Foebud-Infostand gefragt. Sie
war irritiert. Rena Tangens fragt indirekt, wollen Sie Payback oder gerechte Preise? Denn
das Rabattsystem ist ihrer Ansicht nach unsozial. Diejenigen, die ihr Kaufverhalten nicht
transparent machen wollten, müssten höhere Preise hinnehmen.
So kam Foebud vor drei Jahren auf die vielseits beachtete "Privacy Card". ein irrwitziges
Kundenprofil entstand. Die Bonuspunkte wurden dem Verein gutgeschrieben. Bis Boebud
die Sache öffentlich machte. Angeblich soll die Paybackkarte längst gekündigt sein. Rena
Tanges zückt zum Schluss lächelnd ihre Privac-Card, funktioniert noch, einwandfrei. Dann
bricht sie mit padeluun zum Schaufenster-Buero auf. Die beiden werden im hell
erleuchteten Raum sitzen und in ihre Computer schauen. Als öffentliche Menschen. Mit
einem unsichtbaren Schutzschild."
Kristian Frigelj, aus: Die Datenschuetzer. In: Frankfurter Rundschau 12. März 2004
www.bigbrotheraward.de
2004-03-17
" ZEIT: Gerade haben Sie Ihr Diplom in Wirtschaftswissenschaften erhalten für eine Arbeit
über Studiengebühren. Was haben Sie herausgefunden?
Phillipp Duske: Studiengebühren sind notwendig. Bildung ist nicht nur ein öffentliches Gut,
sondern auch ein privates und muss in einem entsprechenden Preis-Leistungs-Verhältnis
stehen. So bessert sich die Finanzlage der Hochschulen, und die Studierenden handeln
effizienter.
ZEIT: Ihr Ergebnis verwundert nicht: Sie haben an der Privatuniversität Witten-Herdecke
studiert und Studiengebühren bezahlt - das Gebührenmodell, dass Sie bevorzugen, ist das
aus Witten.
Phillipp Duske: Ja, dieses Modell hat sich bewährt. Ich bin ziemlich zufrieden - ein
Seminar besteht bei uns nicht aus einem Monolog des Dozenten, sondern ist ein Dialog.
ZEIT: Wie hoch sollten die Studiengebühren sein?
Phillip Duske: Bis zu 3000 Euro im Jahr - nach dem von mir entwickelten Modell können
gute Universitäten mehr verlangen als schlechte. Wer Jura studiert, zahlt mehr als ein
Philosophiestudent.
ZEIT: Schreckt Ihr Modell nicht begabte junge Menschen aus armen Elternhäusern ab?
Philipp Duske: Nein. Nur wenn Studiengebühren sozial verträglich sind, lassen sie sich
politisch durchsetzen. Nach meinem Modell zahlen alle Bafög-Empfänger nicht während
des Studiums, sondern erst danach acht Prozent von ihrem Nettoeinkommen - zehn Jahre
lang. Der Staat finanziert vor. So wirken sich die Gebühren rasch aus, und die
Bedingungen verbessern sich. Ein Abschreckungseffekt wäre volkswirtschaftlich nicht
tragbar; das Land brauch gut ausgebildete Talente.
ZEIT: Sollten noch mehr Menschen Studiengebühren durch die Brille des
Wirtschaftswissenschaftlers betrachten?
Philipp Duske: Ganz eindeutig. Die Diskussion um Studiengebühren ist ideologisch
eingefärbt. Dei Befürworter von Studiengebühren haben Bildungsministerin Bulmann
längst argumentativ schachmatt gesetzt. Meine Diplomarbeit ist ein weiterer Zug in dieser
Partie. Frau Buhlmann sieht die zwei Millionen Studenten als zwei Millionen Wähler. Die
meisten Studenten geben sich mit der derzeitigen Lage zufrieden. Das stört mich...."
Manuel J. Hartung im Gespräch mit Phillipp Duske, 30, in: Die Zeit Nr. 11. 4. März 2004
"Die Maut ein Milliarden-Debakel, die Online-Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit ein
165-Millionen-Euro-Grab - und jetzt auch noch Fiskus. Mehr als 900 Millionen Euro sollen
in den unendlichen Weiten föderaler Computertechnik versenkt worden sein. Veranschlagt
war gerade mal ein Drittel. Eine Erklärung liefern weder Finanzministerium noch die Fiskus
Gesellschaft.
Die Beispiele verkorkster staatlicher IT-Projekte füllen Bücher: Am bundesweiten
Fahndungssystem "InpolNeu". werkelte das Bundeskriminalamt zehn Jahre herum, am
Ende lief es zehn Minuten. Bilanz: 140 Millionen Euro Steuergelder vergeigt. Genauso wie
die 850 Millionen für das Zollprogramm Atlas, projektiert war ein Siebtel der Kosten.
Macht ja nichts, der Buerger bezahlt. Für ehrgeizige Politikerträume, die sich mit
unausgegorenen Millionenprojekten ein Denkmal setzen wollen, für gierige Unternehmer,
die wider besseren Wissens unrealistische Ausschreibungen abnicken und für blauäugige
Beamte, die den Versicherungen eifriger Berater, nur zu gern Glauben schenken. Macht ja
nichts, wenn es nicht funktioniert, es ist ja nicht das eigene Geld, das verbraten wird.
Hauptsache gross, Hauptsache teuer, Hauptsache laxe Haftungsregeln. All das garantiert
jahrelange Verzögerungen, hohe Entwicklungskosten und verhindert neue
Ausschreibungen. Megalomanie nennt der Psychiater diesen Hang zum Größenwahn.
Hinzu kommen Lernunfähigkeit und mangelnde Kontrolle. Summa summarum ist das
Dummheit zu Lasten des Steuerzahlers.
Es geht aus anders. Bayern hat seine Steuer-Software "nur" modernisiert und 50 Millionen
Euro gespart. Österreich und die Schweiz haben eine Maut, die nicht revolutionär ist, aber
funktioniert. Internet-Jobbörsen wurden grosss, weil sie klein anfingen.
Deshalb für projektverliebte Politiker: Bescheidenheit bei den Prestigeprojekten würde
manche Spar-Diskussion im Sozialen überflüssig machen."
Sonia Shinde, Teurer Hang zum Grossen, in: Frankfurter Rundschau 4. Maerz 2004
"Den Stella Liebeck-Preis hat die Journalistin Randz Cassingham aus Boulder (USBundesstaat Colorado) erfunden, der sich erfolgreich auf kuriose Justizfälle und Ähnliches
spezialisiert hat. Er nennt jene absurden Schadensersatzforderungen "Der Fall:
Opportunisten und selbst ernannte Opfer gegen die US-Justiz und alle verfügbaren
Geldbeutel". Die komplette Liste der Preisträger sowie die ausführlichere Beschreibung
der Fälle können unter www.stellaawards.com eingesehen werden.
Merv Grazinski hat den Stella Liebeck-Award 2003 erhalten. Der Preis nimmt das USEntschädigungssystem aufs Korn. Grzinski hatte nach einem Unfall mit seinem
Wohnmobil vom Hersteller 1,75 Millionen Dollar erstritten. In der Gebrauchsanleitung steht
nicht, dass der Fahrer bei eingeschaltetem Tempomat am Steuer bleiben muss.
Der in den USA von findigen Journalisten und Jurastudenten vergebene Stella LiebeckAward nimmt jene typische Verwerfung des anglo-amerikanischen Rechtssystems aufs
Korn, die in Deutschland undenkbar wäre: Schadenersatz für ausgemachte Dummheit.
Benannt ist der (undotierte) Preis nach Stella Liebeck, die sich 1992 einen McDonald'sKaffee über den Leib schüttete. Sie erhielt in erster Instanz 2,9 Millionen Dollar
Schmerzensgeld zugesprochen (das allerdings später auf 640 000 Dollar reduziert wurde),
weil auf dem Kaffee der Hinweis fehlte, dass er erstens heiss ist und man sich zweitens
daran verbrennen könne.
Im Laufe der Jahre erstritt sich noch so mancher brave Buerger auf ähnliche Art und
Weise ein kleines Vermögen. Und allesamt wurden sie mit dem "Stella Liebeck-Award"
ausgezeichnet. So wie Kathleen Robertson aus Austin (US-Bundesstaat Texas). Sie
bekam von eine Jury 780 000 Dollar Schadenersatz zugesprochen, weil sie sich in einem
Möbelgeschäft den Knöchel gebrochen hatte, nachdem sie über einen auf dem Boden
herumkriechenden Säugling gestolpert und gestürzt war. Die Ladenbesitzer nahmen das
Urteil gefasst aber ungläubig zur Kenntnis, da der Säugling der Sohn der Klägerin war.
Der freie Fall reicht jedoch nur zu einem der hinteren Ränge der Hitliste der
Unverfrorenheit. Genauso wie für Terence Dickson aus dem Bundesstaat Pennsylvania.
Er versuchte, das Haus, das er soeben beraubt hatte, durch die Garage zu verlassen.
Allerdings konnte er die Garagentür nicht öffnen und ins Haus kam er auch nicht mehr
zurück. Weil die Hausbesitzer in Urlaub waren, musste Dickson acht Tage in der Garage
mit Pepsi-Cola und Hundefutter ausharren. Fast verständlich, dass er die Hausbesitzer
wegen der erlittenen Qualen (Pepsi-Cola ohne Eis!; Anmerkung der Redaktion) verklagte
und prompt 500 000 Dollar Schadenersatz erhielt - zahlbar von der
Einbruchdiebstahlversicherung der Hauseigentümer versteht sich.
Mehr als fair scheinen daher die 113 000 Dollar, die Amber Carson aus Pennsylvania
erhielt, die in einem Restaurant auf einer Getränkepfütze ausgerutscht war und sich das
Steissbein gebrochen hatte. Das Getränk befand sich auf dem Fussboden, weil Frau
Carson es 30 Sekunden zuvor ihrem Freund ins Gesicht geschüttet hatte. Zahlen musste
allerdings das Restaurant, nicht der Freund.
Oder Kara Walkon aus dem Bundesstaat Delaware. Sie bekam die Zahnbehandlung und
12 000 Dollar zugesprochen. Sie hatte sich bei dem Versuch, sich ohne zu bezahlen
durchs Toilettenfenster in eine Diskothek zu mogeln, beim Sturz aus dem Fenster zwei
Vorderzähne ausgeschlagen.
Doch nun zu dem strahlenden Sieger 2003. Merv Grazinski aus Oklahoma, dem
Wohnmobil-Pechvogel. Er hatte eine sorglose Ferienreise geplant inklusive Besuch eines
Footbool-Spiels. Auf dem Rückweg stellte der das Tempomat des Gefährts auf 70 Meilen
pro Stunde ein - angesichts des US-Tempolimits zweifellos sinnvoll. Während der Fahrt
war ihm nach einer Tasse Kaffe zumute und er begab sich in den hinteren Teil des
Wohnmobils, um sich dort einen zuzubereiten. Prompt kam das Fahrzeug zur Verblüffung
des Lenkers von der Strasse ab und überschlug sich. Kein Wunder, dass Herr Grazinski
die Winnebago Motors Company auf Schadenersatz verklagte, weil in der
Betriebsanleitung des Wohnmobils nicht darauf hingewiesen worden war, dass man auch
bei eingeschaltetem Tempomat den Fahrersitz nicht verlassen dürfe. Mr. Grazinski erhielt
stattliche 1,75 Millionen Dollar.
Der Hersteller des Wohnmobils hat inzwischen die Betriebsanleitung geändert."
Sebastia Gehrmann und Matthias Kittmann, Wenn Schusseligkeit sich lohnt. In:
Frankfurter Rundschau 5. März 2004.
Sollten Sie, werter Leser, einen Menschen kennen, der schlechte Laune hat - senden sie
ihm doch diese Geschichte oder erzählen sie ihm. Sie werden den Tag lang nur noch
einen lachenden Menschen sehen. Sozusagen einen Lachsack.. Ho ho ho....
2004-03-16
Zuerst sind wir nicht hier,
dann sind wir's,
dann wieder nicht.
Du hast dir
unser Kommen und Gehen angeschaut,
ohne dich abzuwenden
und länger als die meisten von uns,
mit mehr Mut und mehr Würde,
als ich es je gesehen habe.
aus: Ken Wilber, Mut und Gnade
zitiert aus der Traueranzeige für Dr. Ingo Gerstenberg , in: FR 6. März 2004
Johann Galtung, Sir Joseph Rothblat, Graf Hans-C Sponeck, Sir Peter Ustinov, Guenter
Grass, Walter Jens, Manfred Krug, Oskar Negt, Eberhard Richter, Horst Schmitthenner,
Guenther Wallraff und Andere rufen zum Protestmarsch zur US-Air-Baise und zum
Atomwaffenlager Ramsteim in Rheinland-Pfalz auf: "...Schluss mit der Komlizenschaft von
Krieg und Terror! Schluss mit atomarer Erpressung! Wir fordern: Die Abschaffung aller
Atomwaffen als einen grossen Schritt hin zu einer Welt ohne Krieg!..."
"Als Teil der am 20. März - dem Jahrestag des Irakkriegbeginns - gleichzeitig in vielen
Ländern demonstrierenden Friedensbewegung rufen wir zum Protest gegen eine
unverantwortliche Kriegs- und Atomwaffenpolitik auf."
www.ippnw.de/ramstein
"...Mir hilft da eine sehr banale psychologische Erkenntnis: Der Mensch erreicht mit 14 den
Höhepunkt seiner Intelligenz. Sie sollten also nie die Fähigkeiten der Kinder
unterschätzen, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen...
...Lassen wir mal das genetische Erbe beiseite und betrachten nur die sozialen Faktoren.
Dann würde ich sagen: Ein Viertel der Verantwortung tragen die Eltern, wenn das Kind
Probleme hat. Und dieses Viertel müssen Sie noch mal durch zwei teilen. Ein Achtel trägt
die Mutter und eines der Vater. Der Rest verteilt sich dann auf andere Einflüsse. Ein
Viertel fällt auf die Konsumgüter, die Warenwelt, ein Viertel liegt bei den Medien, und das
letzte Viertel tragen die Schulkameraden, die Peers. Es kann auch eine Entlastung sein,
sich das klarzumachen...."
Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer im Gespräch mir Mareen Linnarty und
Barbara Mauersberg, in: Frankfurter Rundschau 6. März 2004.
Mit rund 30 Schulen in Deutschland will der CLUB OF ROME ab dem nächsten Schuljahr
eine auf fünf Jahre angelegte Partnerschaft eingehen, an deren Ende die Einrichtungen
den Titel CLUB OF ROME SCHOOL führen könnten. Dafür müssen die Kandidaten ihren
pädagogischen Alltag grundlegend umkrempeln.
Wer Interesse hat: www.clubofrome.de
"...Wir könnten uns auch fragen, ob beides, Selbstverhinderung und Selbstverachtung, im
Zusammenhang zu sehen sind mit zwei bestürzenden Tatsachen: Dass nämlich einerseits
in keinem Land der Welt Frauen so wenig Kinder auf die Welt bringen wie in Deutschland.
Und dass andererseits keine einzige Deutsche zu den fünfzig mächtigsten Frauen der
Welt gehört (laut Untersuchung der amerikanischen Wirtschafts-Zeitschrift FORTUNE).
Wenn wir diese Fragen alle durchdacht hätten, wären wir ein Stück weiter in den GenderDiskussionen, Weiblichkeits-Reflexionen, deren erwartbares Niveau uns des strategischen
Stumpfsinns, des schlichten Machtdenkens des Merkelismus enthebt - aber keine
Bundespräsidentin beschert. Jetzt, Anfang März 2004 ist folglich keine gute Zeit für die
Beantwortung dieser Fragen.
Jetzt müssen wir die Sache, wie gesagt, mal auf den Punkt bringen: Die Wahl der
Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan zur Bundespräsidentin wäre ein Quantensprung
der Emanzipation in Deutschland. Die Frauen in den Unionsparteien und in der FDP
müssen wissen, welchen Schaden sie der Geschichte der Emanzipation zufügen, wenn
sie vor Angela Merkel kuschen. Diese hat die Nominierung der CDU-Politikerin Annette
Schavan nicht gefördert, sondern behindert. Für Angela Merkel sind Geschichte und
Gedanke der Emanzipation nichts anderes als Objekte politischer Schleichwerbung. Sie
sind ihr genau genommen völlig wurscht. Noch deutlicher auf den Punkt gebracht: Warum
sollten ausgerechnet Frauen ein Interesse daran haben, dass Angela Merkel
Bundeskanzlerin wird?"
Ursula März, aus: Stunde des Merkelismus. Die Frauen und die Macht, in: Frankfurter
Rundschau 6. März 2004.
"Hugh, ich habe gesprochen..." (Winnetou, alias Pierre Brice in Winnetou 1-24, Harald
Reindel Productions, Germany, sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, Cinemascope)
(DEB)
2004-03-15
Nach fünf Tagen ohne Web-Verbindung wieder ein Eintrag. In circa 10 Tagen 200 Mails
mit Virenwarnung erhalten. Unsere Laptops sind im Krankenhaus - totalverseucht.
Besonders heimtückisch. Unter der widerrechtlichen Verwendung unserer E-MailAdressen als Absenderangaben wurden E-Mails mit Viren verschickt. Der Blitzgott des
Web soll ihnen Blitze in ihre Computer senden. Shame on you - (dieses Mal wohl nicht:
Mister Bush).
Die Konservativen um Maria José Aznar haben vom spanischen Volk ihren Denkzettel
erhalten für ihren - vom spanischen Volk in absoluter Mehrheit abgelehnten - Einsatz im
Irak, für die Mauschelpolitik nach der Tankerkatastrophe am Atlantik und der
Instrumentalisierung des Bombenattentats in Madrid für ihren Kampf gegen die ETA und
die nationalistische Separatistenbewegungen Spaniens.
Bravo - Compañeros.
Die Tage nach dem menschenfeindlichen Attentat mit über 200 Toten waren leider erneut
wieder einmal ein Tiefpunkt deutschen Fernsehjournalismus. Jedem Beobachter aus der
Ferne war klar, dass die Indizien nicht für die ETA-Urheberschaft sprachen. Keine
Vorwarnung, Distanzierung der Aktion durch alle ETA-Sprecher, zum ersten Mal nur
weiche Ziele (Otto Schilly). Alles sprach gegen die ETA-Urheberschaft, aber alle
Journalisten der bundesrepublikanischen TV-Stationen plapperten die
Regierungsversionen nach. Kritischer Journalismus - Jenseits von Afrika...
2004-03-09
"Ein Reisender kann mehr erfahren, als ein Ethnologe. Im Gegensatz zum Wissenschaftler
hat er das Recht auf eigene Erfahrungen. Un er hat die Pflicht, sich selbst in einem
eigenen Zusammenhang zu erleben. Der Autor Karl-Markus Gauss führt genau diesen
Lebenspunkt als einen der Gründe auf, aus denen er schreibt. Auch wenn er auf seinen
vielen Reisen zunächst wenig von den Fremden wusste, die er unterwegs traf, und sie
auch nicht immer seine Freunde wurden, haben sie ihn durch ihre blosse Anwesenheit
gelehrt, dass es überall Menschen gibt, "die sich für die Welt und nicht für deren
Inbesitznahme interessierten"......
Dieses Buch klärt uns nicht nur auf, vielmehr handelt es davon, wie wenig nützlich die
Verbreitung von Angst ist, wie der Schrecken, der über andere verhängt wird, zwar
beunruhigt, aber nur deshalb, weil wir genau spüren, dass er etwas mit uns und mit
unserem Leben zu tun hat: "Aus der Befürchtung heraus, die Elenden könnten sich aus
ihrem Elend aufmachen und uns mit ihm infizieren." Unsere menschlichen wie
diplomatischen Beziehungen können nur ausgewogen betrachtet werden, wenn wir der
Wirklichkeit gestatten, gleichzeitig mehrere Namen zu tragen. Und wenn wir endlich
aufhören, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Es hilft, das ist bekannt, wenig bis gar
nichts, um ein wirkliches Verständnis zu erreichen.
Viel offener wird der Umgang mit anderen Ethnien wie den hier beschriebenen Roma,
wenn wir wissen, dass zum Beispiel jene in westeuropäischen Städten bettelnden Roma
oft Schuldsklaven sind, die von ihren in ihrer eigenen Gemeinschaft lebenden
Wucherherren auf vorher festgelegte Routen geschickt werden. Gauss zeigt uns, dass
Verantwortung an jener Stelle anfängt, an der die Verurteilung aufhört. Ja, und dass erst
dann Sprache und Handeln beginnen und unser Denken globaler und umfassender wird.
Erst dann können wir ernsthaft fragen, warum es 1977 möglich war, unzählige RomaFrauen ohne deren Wissen oder Zustimmung einer Zwangssterilisation zu unterziehen.
Deshalb, weil die Bevölkerung weder damals noch heute bereit war, für diese Menschen
einzustehen.
Das perfide politische System hat genau mit dieser Zurückhaltung gerechnet und eine
Direktive erlassen, die den schlechten Gesundheitszuständen im Ghetto "Lunix IX" und
der Vermehrung der Roma abhelfen sollte. Infam war diese Verordnung ohnehin, begreift
man aber, dass die Roma sich über die Anzahl ihrer Kinder definieren, wird klar, welch
präzise Menschenverachtung hier am Werk ist.
Doch klar ist auch, und das zeigt Gauss auf eindrückliche Weise, dass jede im Aussen
wirksame Struktur beim sogenannten Opfer in seiner eigenen Umgebung vorhanden ist.
Das Beispiel der Siedlung "Lunik IX", im Südwesten der Stadt Kosice gelegen, kann dies
illustrieren. Diese Gemeinschaft ist in drei Kasten gegliedert, was sich nicht auf den
ersten, sehr wohl aber auf den zweiten Blick erkennen lässt. Die Roma stellen die höchste
Kaste dar ("Roma bedeutet bekanntlich Mensch"), Ciganik die zweite. In der untersten
Kaste aber", wird notiert, "den Unberührbaren in Indien verwandt, waren die Degesi
geworfen." Die Roma-Frauen beschwerten sich, dass ihre Kinder im Kindergarten mit
denen der Degesi im gleichen Raum untergebracht waren. Degesi bedeutet "Hundeesser"
und meint diese auch wörtlich. Allerdings gibt es heute keine Hundeesser mehr: "Es ist der
Ruf, der den Hundeesser bis ins zehnte Glied der Nachkommenschaft als unrein
verächtlich macht und als unberührbar aus der Gesellschaft ausstösst."
Inmitten des dahinvegetierenden Elends und bürokratisch hervorgebrachter
Ungerechtigkeit, spürt Gauss unbeirrt das Gleichmass von Welt und Erzählung auf und
beschenkt uns mit dem bemerkenswerten Gewicht eines in Fremde gelebten Augenblicks.
Schönheit, unverputzt, blitzt mit einem Mal auf, wenn er zum Beispiel über das ZeitEmpfinden der Roma in Svinia schreibt; wir erfahren, dass sie gewissermassen jenseits
der Zeit leben und über keinerlei unserem Zeitempfinden vergleichbares System verfügen.
Weder konnten ihm die Roma konkrete Daten von Geburten, Hochzeiten oder Todesfällen
nennen, noch sich an andere wichtige Begebenheiten aus der Vergangenheit erinnern. Es
war ihnen schlicht unbekannt, wann sich etwas zugetragen hatte. Das letzte ihnen
wichtige Ereignis, das sich in Svinia zutrug, war ein Fussballspiel, über das sie Auskunft
geben konnten: "...das war erst vor kurzem gewesen, vielleicht vor fünf oder vor fünfzehn
Jahren, und es hatte in der Halbzeit geregnet".
Elend, Armut, Gestank, Klebstoff inhalierende Jugendliche, nackte Kinder in dreckigen
Wasserlachen, all dies umgab den "Fremden" auf seinen Reisen. Die Delegationen der
EU haben die gleichen Slums wie Karl-Markus Gauss besucht. Sie waren entsetzt, weil
sie, so der Autor, fürchteten, dass all die Verkommenen aus den Ghettos über die
hübschen europäischen Städte herfallen könnten.
Die Menschen in den Ghettos aber hatten selbst keine Angst. Wie nachvollziehbar die
Konklusion von Gauss ist, kann man gar nicht genug betonen: "....und mit einem Mal
durchzuckte mich die Gewissheit, dass all die hier versammelten Elenden
zusammengenommen nicht so zu fürchten waren, wie jeder einzelnen dieser
Geschäftseuropäer für sich".
Marcia Bodrozik, aus: In der Halbzeit hat es geregnet. Keine Angst vor der Fremde: Die
Beobachtungen Kar-Markus Gauss' im Osten der Slowakei. In: Frankfurter Rundschau 23.
Februar 2004
über:
Karl-Markus Gauss: Die Hundeesser von Svinia. Zsolnay Verlag, Wien 2004.
"Es war einmal ein König, der wollte sein Volk glücklich machen. Als der grosse King
George bei einem kleinen König Gerd nachfragte, ob dieser bereit wäre, den finsteren
Barbaren Hussein mit Waffengewalt aus dessen Land zu jagen, lehnte der kleine König
Gerd ab. "Gib mir Ritter, du sollst auch später von jedem Fass Öl einen Becher vol
erhalten", lockte King George. Doch Gerd wusste, dass sein Volk keinen Sinn für
Ritterkämpfe hatte, auch Ritterkreuze hingen dem Volk zum Halse heraus. Da zog sich der
grosse King George schmollend in sein Riesenreich zurück und suchte sich andere Ritter.
König Gerd wurde jedoch für diese Tat von seinem Volk geliebt. Gern sassen König Gerd
mit den Reichen des Landes an einem Tisch und trank mit ihnen süssen Wein. "Meine
Schatztruhe ist ganz und gar leer. Ich brauche Goldstücke!", rief König Gerd. Die Reichen
des Landes steckten ihre Köpfe zusammen und rieten Gerd: "Nicht bei uns wenigen
Reichen kannst du die Steuern für unsere Villen im Tessin und anderswo erhöhen, wir
sind doch die Leistungsträger der Gesellschaft, hole deine Goldstücke bei dem normalen
Volk, denn die haben sicherlich Strümpfe mit Goldstücken unter den Strohsäcken in ihren
Betten." Die Steuereintreiber von König Gerd holten sich Goldstück um Goldstück von
dem Volk, auch Silberstücke und Rappen nahmen sie. Und es begann ein Heulen und
Zähneknirschen bei dem Volk, doch König Gerd blieb hart. "Ist die Schatztruhe wieder
aufgefüllt, wird unser Land stark und gross, und allen wird es besser gehen", sagte er.
Doch auch bei dem Hofstaat des Königs begann ein Raunen und Murren, denn das Volk,
das merkten sie, war empört und zu allem entschlossen. Denn selbst den Rentnerinnen
und Rentnern in den Altenheimen wurde das letzte Taschengeld aus der Tasche gezogen.
König Gerd holte sich den Zauberer Merlin-Münti an seine Seite. Doch der Zauber des
Merlin-Münti hatte bei dem aufgebrachten Volk keine Wirkung. Die Reichen des Landes
liessen König Gerd fallen wie eine heisse Kartoffel. König Gerd musste gehen.
PS: Inzwischen regiert Königin Angela. Sie sitzt mit den Reichen des Landes an einem
Tisch und trinkt mit ihnen süssen Wein. Gemeinsam überlegen sie, wie sie dem normalen
Volk Gold- und Silberstücke sowie Rappen aus der Tasche ziehen können."
FR-Leser Werner Ortmüller, Giessen, in: Frankfurter Rundschau 2. März 2004
"....Wer sich lange mit Folterüberlebenden beschäftigt hat, weiss, dass sich die
angewandten Techniken den Körpern einschreiben und im Gedächtnis Spuren
hinterlassen. Diese Spuren haben neben ihrer aktuellen gesundheitsgefährdenden auch
eine Langzeitwirkung mit psychischen Komplikationen, die zuweilen das produzieren, was
vorgeblich bekämpft werden sollte. Seit Focault wissen wir, dass Delinquenz (auch)
produziert wird. Die Auslegung von Camp Delta auf 2000 Insassen deutet an, was Sartre
1958 vom staatlich installierten Foltersystem in Algerien sagte: "Der Henker verwandelt
sich in Sisyphos; wenn er die Folter anwendet, wird er immer wieder zu ihr zurückkehren
müssen." Sartre meinte damit, dass die Information, das trotz Gewaltanwendung
unnennbare Geheimnis, immer schon anderswo ist und damit ausserhalb der Reichweite
der Folterer. Dadurch verurteilt sich ein Foltersystem, immer weiter fortzufahren."
FR-Leser Sepp Graessner, Berlin zum Beitrag üver Guantanamo Bay von Volker Skierka
in Fr. von 20. Februar, in: Frankfurter Rundschau 2. März 2004
"Michael Rutschkiy glaubt, dass weder Abkunft noch Familienzugehörigkeit die
Vorentscheidung träfen über die Chancen, US-Präsident zu werden. Die Fakten zeigen ein
anderes Bild. Unter den ersten 30 Präsidenten dieses Landes waren 30 Weisse, 30
Protestanten, 28 waren britischer Abstammung, alles Abkömmlinge der dünnen,
etablierten Herrenschicht der Waps, der weissen, angelsächsischen Protestanten, die sich
seit Gründerväterzeiten die wesentlichen Machtpositionen zuschoben. Noch Kennedy
wäre fast gescheitert an der Tatsache, dass er Katholik war, der erste und einzige im
Präsidentenamt bis heute, obwohl die Katholiken ein gutes Drittel der Bevölkerung stellen.
Dazu waren elf von dreissig Präsidenten wie Bush verwandt mit einem anderen
Präsidenten, verglichen mit europäischen Verhältnissen eine erstaunlich hohe Rate von
familiärer Verfilzung und politischer Clanbildung. Kein Wort verliert Rutschky auch über die
Tatsache, dass in der Regel Familienbesitz in Millionenhöhe als eine Voraussetzung für
eine aussichtsreiche Kandidatur angesehen wird. Schon der Senat, aus dem viele
Kandidaten kommen, war seit der Staatsgründung ein Club von Millionären und ist es bis
heute geblieben."
FR-Leser Hartmut Danneck, VS-Villingen, in: Frankfurter Rundschau 4. März 2004
(zu einem Beitrag von Michael Rutschky in FR 26. Feburar 2004).
2004-03-06
"...Wenn es für die Entwicklung einer Stadt darauf ankommt, kreatives Potential zu halten
und neues anzuziehen, es zu pflegen und zu mobilisieren, dann sind jene Städte im
Vorteil, die offen und tolerant, vielfältig und aufregend sind. Es ist das kulturelle Klima
einer Stadt, das kreative Leute anzieht oder abstösst.
Der amerikanische Stadtforscher Richard Florida hat viele gute Gründe und empirische
Belege dafür angeführt, warum es die drei grossen T sind, die eine Stadt attraktiv machen:
Technologie, Talente und Toleranz. "Technologie" bedarf keiner weiteren Erläuterung.
"Talente" meint mehr als Begabung und Wissen, nämlich die Fähigkeit, etwas Neues zu
erfinden. Was aber hat Toleranz mit der ökonomischen Entwicklung und der
Wettbewerbsfähigkeit einer Stadt zu tun? Florida hat einen erstaunlichen Zusammenhang
entdeckt: Jene Städte, die in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung vorne liegen, zeichnen sich
auch durch hohe Toleranzwerte aus - und übrigens auch durch eine grosse
Familienfreundlichkeit.
Eine Stadt steht nicht vor der Wahl, tolerant, liberal und offen für neue Lebensformen oder
familien- und kinderfreundlich zu sein, ganz im Gegenteil: ein offenes Stadtklima,
überhaupt kulturell moderne Verhältnisse sind gute Bedingungen für mehr Kinder und für
mehr Arbeitsplätze, für eine soziale und für eine wirtschaftliche Entwicklung. Die
angemessen Berücksichtigung der kulturellen Faktoren in einem so verstandenen weiten
Sinne ist die vergessene Dimension der Stadtpolitik in weiten, nicht nur in den östlichen
Teilen Deutschlands.
Städte und Gemeinden werden wichtiger: für das Leben der Menschen, für die soziale und
wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Ob sie ihre Chancen auch tatsächlich ergreifen
und, angesichts der Rahmenbedingungen, die auf der Bundes- und auf der Landesebene
(nicht) geschaffen werden, überhaupt greifen können, das wird sich bis zum Jahr 2030
gezeigt haben."
Dr. Warnfried Dettling, aus: Stadt, Land, Untergang. Kommunen und Regionen, die nicht
rasch auf globale Trends und gesellschaftlichen Wandel reagieren, werden scheitern. In:
Frankfurter Rundschau 26. Februar 2004
Dr. Warnfried Dettling, Jahrgang 1943, ist freier Publizist und Berater. Von 1973 bis 1983
war er Leiter der Planungsgruppe und der Hauptabteilung Politik in der CDUBundesgeschäftstelle, danach bis 1991 Abeilungsleiter im Bundesministerium für Jugend,
Familie, Frauen und Gesundheit.
Vorabdruck der Zeitschrift VORGAENGE, die im März unter dem Titelthema "Die Krisen
der Urbanbanität" erscheint.
www.vorgaenge.humanistische-union.de
...."Bei vielen Menschen herrscht die Meinung vor: Die Kirchen "tun viel Gutes", und das
ist nicht zu bestreiten. Dennoch bleibt häufig im Dunkeln, wer diese guten Taten zu
erheblichen Anteilen finanziert. Finanzfachleute schätzen den Gesamt-Geldtransfer des
Staates an die Kirchen (also des Bundes, der Länder und der Kommunen) auf zirka 20
Milliarden Euro pro Jahr. Alle Steuerzahlenden also, auch die Nicht-Kirchenmitglieder (ein
Drittel der Bundesbürger), sind an der Finanzierung beteiligt. Kirchliches soziales
Engagement, das allein aus kirchlichen Geldern gespeist wird, ist relativ selten zu finden.
Wenn man bedenkt, dass die Kirchen in 2002 nur etwa 0,85 Milliarden Euro an
Kirchensteuern in "Soziale Dienste" investiert haben, der Staat aber diesen Betrag
seinerseits mit Steuereinbussen in Höhe von 3,350 Milliarden Euro honoriert hat, dann
erscheint die staatliche Subventionierung der Kirchensteuer in ihrer gesamten Schieflage:
ein unglaublicher Deal!..."
Fridrich Halfmann, aus: Der grosse Deal. Über die staatliche Subventionierung der
Kirchensteuer schweigen Politiker und Steuerexperten. In: Frankfurter Rundschau 27.
Februar 2004
Friedrich Halfmann, Jahrgang 1937 ist Oberstudienrat im Ruhestand. Er studierte
Theologie, Sozialwissenschaften und Psychologie. Seit 1990 ist er zweiter Vorsitzender
des Vereins zur Umwidmung von Kirchensteuern e.V.
www.kirchensteuern.de
"...Das Problem der Schrumpfung betrifft nicht allein ostdeutsche Kommunen und
regionale Einzugsgebiete - es bedrängt allerdings auf exzeptionelle, ja existenzielle Weise.
In gleichem Masse werden bald auch urbane Zonen in den alten Bundesländern betroffen
sein, etwa im Ruhrgebiet oder an der Nordseeküste. Das Problem ist obendrein nicht nur
auf die Entwicklung in Deutschland begrenzt. Es handelt sich vielmehr um eine
problematische globale Entwicklung, mit der sich Agglomerationen von Nordamerika bis
Russland, von Panama City bis Helsinki sehen.
In einigen Ländern wurde bereits vor längerem darauf sorgsam reagiert. Amsterdam,
Hongkong und London, darauf verwies Philipp Oswalt, Mastermind und Leiter der
urbanistischen Untersuchung, regulierten allesamt in den letzten Jahren ein spezielles
Feld, das Eigentum. In diesen Kapitalen werden Wohnungen auf höchstens zwei
Generationen im Erbbaurecht vergeben. Damit rühr man vornehmlich in Deutschland an
ein Tabu.
Denn Eigentum gilt hierzulande noch immer als sakrosankt. Wolfgang Kantzow von der
Technischen Universität Berlin: "Deutsche Bodenpreise sind die höchsten in Europa." Als
Investitionsgut stellt es allerdings zugleich ein Hemmnis dar. Wurde doch das
jahrzehntelang gültige System einer Angebotsschaffung nach 1990 auf das ostdeutsche
Territorium übertragen - mit teilweise fatalen Ergebnissen. Als wertsteigerndes
Planungsinstrumentarium war es im Westteil der Republik einzig auf Wachstum und
Wertsteigerung ausgerichtet. Dagegen schlagen heute die Vorhaben aus den
euphorischen Boom- und Spekulationsjahren negativ zu Buche, im wörtlichen Sinne
beispielsweise in kommunalen Richtwertkarten.
"Wir haben den Leerstand nie dort, wo die Stadtplaner ihn gerne hätten." Auf diesen
nüchternen, aber im Mittelpunkt jeder urbanistischen Diskussion stehenden Sachverhalt
machte Jürgen Weber, stellvertretender Vorsitzender der Sächsischen Aufbaubank,
aufmerksam. In ostdeutschen Städten geht man derzeit von einer über Jahre konstant
bleibenden Leerstandsquote von Wohnraum zwischen 10 bis 13 Prozent aus.
Helfen Privatisierungen? Oder entschlagen sich hier Städte einer Lenkungsmöglichkeit?
Sollte man den radikalen Vorschlag Rolf Kyreins (TU Berlin) aufgreifen, der Wohnraum als
Lockmittel propagierte? "Was würde passieren," so Kyrein, wider den klassischökonomischen Verwertungsstachel löckend, "wenn wir leer stehende Häuser an
Zuwanderer verschenken?" Doch ist damit tatsächlich die demographische Schieflage der
nächsten Jahrzehnte zu korrigieren....
Vielleicht schafft Not dann auch neue Verbündete, sorgt für neue Allianzen und befördert
ein neues, freisinniges Bürgerengagement. "Gerade der Schrumpfungsprozess", so
Wolfgang Kantzow, "muss ein Anlass sein, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren."
Welche Stadt für welche Bürger - das wird eine der entscheidenden Fragen sein, an der
sich die Akzeptanz und die Erfüllung zivilgesellschaftlicher Positionen mit neuem, urbanen
Leben erweisen wird. Bis dahin haben sich dann wohl auch die sich um den "Stadtumbau"
rankenden Euphemismen verflüchtigt. Dann wird das Programm vielleicht auch wieder so
heissen, was es im Kern ist - Bauschuttabtransport."
Alexander Kluy, aus: Not schafft Verbündete. Im Bauhaus Dessau eine Tagung über
"schrumpfende Städte". In: Frankfurter Rundschau 24. Februar 2004
"...Es sind die ganz kleinen Dramen, die besonders hohe Wellen schlagen.
So hat beispielsweise das eigentümliche Schicksal des Kunststudenten Frank Moulet die
Franzosen zwei Wochen lange so intensiv beschäftigt, als hinge das transatlantische
Verhältnis am Ausgang dieses Falles, während dessen Verlauf es manchen schien, als
hätten die USA endlich einen französischen Sündenbock für den flüchtigen bin Laden
gefunden: Moulet, mit seiner Freundin auf der Rückreise von einer Urlaubsreise auf Santo
Domingo, hatte sich auffällig lange auf der Flugzeugtoilette aufgehalten. Auf die
bohrenden Blicke einer Stewardess von American Airlines soll er mit einer Plainsanterie à
la francaise reagiert haben: "Shit, meine verdammte Bombe ist nicht explodiert!" Moulet
wurde bei der Zwischenlandung in New York verhaftet, in ein Hochsicherheitsgefängnis in
der Bronx gebracht und musste, als er nach zwei Wochen endlich seinen Prozess bekam,
sich auf Anraten seines Anwaltes und zum Entsetzen der Nation auch noch schuldig
bekennen.
Keine Frage: Französische Laissez-faire ist weder mit der Prüderie noch mit der jüngsten
Paranoia Amerikas kompatibel. Das Unverständnis auf amerikanischer Seite gipfelte im
jüngsten Kochtuchgesetz Frankreichs: Wo ist Frankreichs viel gepriesene Libertè hin,
fragen sich die Amerikaner. Und waren sie nicht eigentlich pro-arabisch, diese verfluchten
Franzosen....."
Martina Meister, aus: Im Schwesternkrieg. Neues vom französisch-amerikanischen
Kulturkampf. In: Frankfurter Rundschau 24. Februar 2004
2004-03-04
"...Der israelische Historiker Yehuda Bauer hat den radikalen Islamismus als die dritte
totalitäre Bewegung bezeichnet, neben den europäischen Faschismen und dem
Stalinismus. Dem ist zuzustimmen, auch wenn auf den ersten Blick die Unterschiede zu
überwiegen schien. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes existieren - mit Ausnahme des
Grenzfalls Saudi-Arabien - keine offen islamistischen Diktaturen mehr, und auch die
Talibanherrschaft war alles andere als ein die Massen begeisterndes, von einem
charismatischen Führer und einer gut organisierten Partei regiertes, modernste
Herrschaftstechnik aufbietendes Regime.
......Während der Koran selbst im Stil spätantiker Religionspolemik zwischen einer
Rhetorik der Verfluchung und des Verzeihens oszilliert, bedient sich der radikale
Islamismus dessen negativster antijüdischer Aussagen und verfestigt sie zu einem
rassistischen Stereotyp. Der israelische Wissenschaftler Yigal Carmon hat in einem
Beitrag zum Stockholmer Symposion zum Genozid gezeigt, wie sehr die vor allem in
Saudi-Arabien gepflogene islamistische Predigt von den Juden als "Schweinen" und
"Affen" zu rassistischen Konsequenzen führt.
Wer all dies für einseitig und alarmistisch hält und davor warnt, die Haltung einzelner
Ideologen und Prediger mit der von Bevölkerungsmehrheiten und ihren Regierungen
gleichzusetzen, wer an die Komplexität unterschiedlicher, sich in ergebnisoffener
Modernisierungskrisen befindlicher muslimischer Gesellschaften erinnert und das
holzschnitzartige Bild Samuel Huntingtons vom Kampf der Kulturen für gefährlich hält, der
hat nicht Unrecht.
Doch womöglich geht die Gefahr gar nicht so sehr von den Massen, sondern von den
Eliten aus. Kritiker haben Bernard- Henry Levy vorgeworfen, in seinem Buch über die
Ermordung des Journalisten Daniel Pearl - dem in Karatschi vor laufender Kamera von
Islamisten der Hals durchschnitten wurde -, Wahrheit und Spekulation allzu freizügig
vermengt zu haben. Inzwischen verdichten sich allerdings Hinweise, dass der mit
Unterstützung der pakistanischen Regierung Nukleargeheimnisse preisgegebene "Vater
der islamischen Atombombe", Quadeer Khan, bisher zwar keine nachweislichen
Beziehungen zu Al Qaeda, wohl aber zu malaysischen Stellen gehabt hat. Unter diesen
Umständen erscheint auch Mohamed Mahatirs Rede vom Oktober, in der er die Muslime
bezüglich des Palästinakonflikts aufforderte, von Selbstmordattentaten abzulassen und auf
die Entwicklung von Waffen, von Bomben und Raketen zu warten, in einem anderen Licht.
Man könnte auch sagen: Was in der beschränkten Welt der Banlieues von Paris der
Brandsatz gegen eine Synagoge ist, ist in den Krisenzonen der globalisierten Welt die
"islamische" Bombe. Der radikale Islamismus gefährdet nicht nur, wie in Frankreich, die
innenpolitische Stabilität, sondern auch, wie in Pakistan, den Weltfrieden. Beides hängt,
vielfach vermittelt - ohne eindeutige Befehls- und Aktionszentren - miteinander zusammen.
Die Antworten, die liberale Gesellschaften dieser Bedrohung entgegenzusetzen hätten,
sind noch nicht gefunden. Ob Chiracs "Anti-Kopftuch-Gesetz" Integration oder
Desintegration der französischen Muslimie befördern wird, steht in den Sternen. Dass der
von der Bush-Administration in Afghanistan und in Irak eingeschlagene kriegerische Weg
ebenso wenig funktioniert wie der in Saudi-Arabien und Pakistan bevorzugte
duckmäuserische Weg, steht indes fest. So wäre schon viel gewonnen, wenn man die
radikalislamistische Bedrohung hier zu Lande endlich wahrnehmen würde, statt sie mit
modernisierungs- und immigrationssoziologischen Floskeln zu verdrängen."
Micha Brumlik, aus: Die dritte totalitäre Bewegung, in: Frankfurter Rundschau 18. Feburar
2004
Micha Brumlik ist Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main.
www.fritz-bauer-institut.de
Fotografenlehrling Charly bei Foto Forstmeyer in Bad Säckingen hatte die Titelseite der
Rheinfelder Schülerzeitung "Ryhwirbeli" gestaltet und einer ihrer Redakteure war der
Gymnasiast Volker Skierka. Heute ist er angesehner Journalist, Autor einer CastroBiographie und Mitglied der Hans Joachim Friedrich-Preis-Jury, eines der begehrtesten
deutschen Journalistenpreises.
In der Frankfurter Rundschau vom 20. Februar ist sein Bericht über das Gefangenenlager
in Guantanamo Bay, wo derzeit 600 Verdächtige unter menschenunwürdigen
Bedingungen einsitzen:
"....Präsident Bush und sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wollen nicht, dass
ihnen jemand in Guantanamo hineinredet. Sie verfügten, dass die amerikanische
Rechtssprechung hier nichts zu sagen haben soll, die internationale schon gar nicht.
Guantanmo Bay sei das "juristische Äquivalent zum Weltraum" lautete kurz und bündig
der Kommentar eines Washingtoner Regierungsmitarbeiters. Höchste Richter, die Bush
schon bei der Stimmenauszählung zu seiner Präsidentenwahl freundlich gesonnen waren,
meinten auf einmal, weil Guantanamo Bay auf Kuba liege und nur "gepachtet" sei, falle es
leider auch unter kubanische Jurisdiktion. Ein Zynismus und eine Spitzfindigkeit, über die
der alte Patriarch in Havanna nur lachen kann. Aber inzwischen haben Anwälte die
Position Washingtons ins Wanken gebracht. Im November vorigen Jahres sprach der
Oberste Gerichtshof 16 Guantanamo-Gefangenen das Recht zu, ihre Inhaftierung vor
amerikanischen Gerichten anzufechten...
Die geplanten Militärtribunale in der US-Exklave beunruhigen weltweit Juristen und
Regierungen, die sich dem demokratischen Rechtsstaatsprinzip verpflichtet fühlen. Es
muss schon viel passieren, ehe sich einer so äussert wie Lord Johan Steyn, einer der
zwölf höchsten Richter in Grossbritannien. Es sei schockierend, dass Präsident Bush "im
Vorhinein seine persönliche Ansicht über die Gefangenen (...) publik gemacht" und "sie
alle als "Killer"" bezeichnet habe. In der INTERNATIONAL HARALD TRIBUNE sprach er
von einem "monströsen Scheitern des Rechts."
Volker Skierka, aus: Von allen Seiten einsehbar. In: Frankfurter Rundschau 2004-03-04
"Eigentlich ein Urteil, das hoffen lassen könnte. Aber ich glaube nicht wirklich daran, dass
das Strafmass in der Revisionsverhandlung über "Bewährung" oder "Geldstrafe" bleiben
wird.
Autobahnrasen ist zweifelsfrei ein Politikum, haben doch nicht einmal die Grünen in sechs
Jahren Regierungsverantwortung es geschafft, ihre alte Forderung nach einem Tempolimit
umzusetzen. Statt dessen befasst man sich mit dem, aus europäischer Sicht durchaus
angreifbaren Dosenpfand...
Das Recht des Stärkeren ist in der deutschen Gesellschaft doch zu sehr verankert,
erinnert man die Mächtigen und Reichen an soziale Verantwortung hallt einem sofort das
Schlagwort "Sozialneid" entgegen. Wer es sich leisten kann, ein teures Auto zu fahren,
dem soll auch ermöglicht werden, so schnell zu fahren wie er will. Auch wenn von Zeit zu
Zeit andere darunter leiden oder getötet werden. Ähnlich die Kraftfahrzeug-Steuer. Unser
Steuersystem zielt darauf, den Betrieb "alter" Autos unwirtschaftlich zu machen und
bestraft die, die sich nicht alle drei Jahre ein neues KFZ anschaffen wollen (oder können).
Das französische System der KFZ-Steuer funktioniert genau umgekehrt. Dabei könnte
man Unmengen an Rohstoffen und Energie sparen, würde man einen
Gebrauchsgegenstand wie ein KFZ so lange betreiben wie möglich. Auch könnte man mit
Tempolimit 130 auf den Autobahnen mit einem Schlag gewaltig den CO-2 Ausstoss in die
Umwelt reduzieren. Alles Positionen, derer sich die Grünen längst annehmen müssten,
allein sie halten lieber Still und verkaufen dabei ihre Seele.
Deutschland ist ein unzivilisiertes Land, und solange die Politik den Stammtischen und der
Industrie, die Ihre Produkte weltweit mit dem Branding "was sich in der Hölle deutscher
Autobahnen bewährt hat, hält ganz bestimmt auch auf Ihren Strassen" bewirbt, nach dem
Mund redet, wird sich daran nichts ändern. Ich bleibe bei meiner Meinung, die
Europabrücke in Strassbourg heisst Europabrücke, weil DAHINTER das (zivilisierte)
Europa beginnt.
FR-Leser Claus Dietmann, Frankfurt in: Frankfurter Rundschau 24. Februar 2004
Ob das meinem Ford- und zuletzt Mercedes-fahrenden Vater gefallen hätte - dass Europa
erst auf Sichtweite seiner Heimatstadt Kehl am Rhein beginnt?
"...18 Jahre nach Reinhard Hauffs STAMMHEIM ist Akins Film der erste deutsche
Gewinner des Goldenen Bären und die türkische Herkunft des Regisseurs verleiht dieser
Jury-Entscheidung eine über den Film hinausgehende Bedeutung. Mit der grossen Geste
einer internationalen Auszeichnung verweist sie auch auf ein Migrantenkino, das
Deutschland seit fast 20 Jahren als das Einwanderungsland abbildet, das es nicht sein
will. Es ist ein Kino, das sich selbstbewusst zwischen den Welten bewegt und das nun mit
GEGEN DIE WAND zu einem wunderbar freien Blick auf die eigene COMMUNITY gelangt
ist.
Tatsächlich besteht die grosse Stärke des Berlinale-Gewinners in der aufrichtigen, auf alle
Political Correctness pfeifenden Frechheit, mit der Akin das deutschtürkische Miliz von
Hamburg-Altona schildert. "Ich will ficken", sagt seine Heldin, die jungen Sibel, gleich zu
Beginn, "und zwar nicht einen, sondern viele." Da ihr bei diesem Vorhaben die eigene
türkische Familie mit ihren traditionellen Moralvorstellungen im Wege steht, geht sie eine
Zweckehe ein. Ihr ebenfalls aus der Türkei stammender Scheinehemann, ein saufender,
koksender Abstürzler namens Cahit, haust in einer bierdosenvermüllten Singlewohnung.
Mit unverhohlener Lust spielt Birol Ünel das Klischee des fleissigen Gemüsehändlers von
nebenan über den Haufen. "Warum fickt ihr eigentlich nich eure Frauen?", wird er beim
Kartenspiel die Männer von Sibels Familie fragen, um deren scheinheilige Trennung von
Bordellbesuchen und häuslichem Fortpflanzungsakt zu unterwandern. Überhaupt spricht
dieser spätpunkige Outlaw kaum mehr Türkisch. Später, als er Sibel in Istanbul sucht,
vertaut er sich erleichtert einem Taxifahrer an, der in München gross geworden ist....
Natürlich muss jenes Deutschland, für das nicht nur Regisseure wie Fatih Akin, Thomas
Arslan und Schauspielerinnen wie Sibel Kekilli stehen, vom Kino nicht mehr gemacht
werden. Mann kann sich weigern, es zur Kenntnis zu nehmen, doch genauso könnte man
den Kölner Dom oder die Siegessäule ignorieren. Dieses Deutschland ist da, es ist das
einzig mögliche, und schon bald wird es die letzten Träumer der Leitkultur mit fröhlicher
Verachtung aus seiner unausweichlichen Zukunft fegen."
Katja Nicodemus, aus: Ankunft in der Wirklichkeit, in: Die Zeit Nr. 9, 9. Feburar 2004
"...Über seine geistige Lage vermochte der Konservatismus, der seine eigenen
Ressourcen verbraucht hatte, sich selbst nicht mehr Rechenschaft abzulegen.
Machtvergessen und machtversessen war Kohl, aber nicht nur er. Noch mehr als er haben
die Enkel alles auf Machtfragen reduziert. Die Nach-Kohl-CDU hat nicht mehr erlernt, sich
ihre Politik von innen zu erschliessen. Diese Erbschaft bleibt.
Der Fall Irak beispielsweise: Mit ihrer emphatischen Solidaritäts-Geste und den lauten
Vorwürfen an die Adresse der Kriegs-Kritiker hat Angela Merkel Profil gezeigt. Nicht
gerade überzeugend begründet, aber egal, sie knüpfte an eine grosse Tradition ihrer
Partei an. Loyalität zur USA, Einheit des Westens und so weiter. Etwa ist dann schief
gegangen, zumindest mit den Kriegs-Begründungen, selbst Colin Powell bekennt, heute
würde er sich's zweimal überlegen. Grund genug für Angela Merkel wäre das, einen
Moment lang darüber nachzudenken, was passiert ist. Keine Selbstkritik, woher denn,
bloss ein offenes, ehrliches, reflektierendes Wort darüber, wie man die Sache heute im
Licht der Ereignisse sieht. MISSION ACCOMPLISHED, Bekenntnisse geliefert, und nun
soll Gras darüber wachsen? Die CDU und die Zukunft des Westens, fast fünfzig Jahre hat
das die Partei beschäftigt. Und nun versinkt das im Meer von Alltag und Beliebigkeit......
...Wo ist er, dieser grundeuropäische Impuls? Derzeit findet die zweite Runde einer
Abwehrschlacht statt. Im Wahljahr 2002 als die Erweiterung nach Osten anstand,
belauerten sich alle. Wer macht die erste populistische Bewegung? Am Ende musste man
beinahe dankbar dafür sein, dass niemand an die ganze Frage rührte. Jetzt geht es
darum, eine Auseinandersetzung um Europa auf dem Rücken "der Türken" zu verhindern.
Der kleinste gemeinsame Nenner als politisches Maximus?
Nein, das festzuhalten ist nicht ungerecht. Es wäre ein bisschen zu einfach, wollte man
sagen, die CDU könnte aus ihrer 50-Prozent-Stärke nur die "Stunde der Opposition"
machen, wenn sie die Machtfrage an der Spitze geklärt hätte. Solche "Klärungen"
täuschen leicht auch über ungeklärte Fragen hinweg. Aber, Pardon!, Opposition lebt auch
von Sichtbarkeit. Wer steht für was? Die Formel jedenfalls, man könne innerhalb von 45
Minuten die "Machtfrage" entscheiden, steht für nichts.
Bei allem Respekt: Könnten die Unions-Enkel es wirklich besser? Schröder, wird gesagt,
sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber die Enkel sehen ihn? Weder der Tradition,
aus der sie kommen, noch den grossen Umbrüchen, die sie der Republik zumuten
möchten, werden sie mit ihrem kleinkarierten Lavieren gerecht. Darin übrigens,
zugegeben, war auch Kohl Meister. Was seine Schwächen betrifft, vielen Dank!, bloss
keine Belehrungen. Er ist wahrlich nicht das Mass aller Dinge. Aber ohne jede Melancholie
gesagt: Über eine Portion Common Sense, ja ein gewisses Format verfügte dieser Kohl,
auch wenn er zuletzt an sich selbst gescheitert ist."
Gunter Hofmann, aus: Schnell, schnell an die Macht. Was aus dem Land wird, scheint den
Konservativen egal zu sein. Hauptsache, sie können es bald regieren. In: Die Zeit Nr. 9,
19. Februar 2004
2004-03-01
In Basel ist Fastnacht. Eine der schönsten Fastnachts dieser Welt - ein wenig düster,
traumverloren. Nicht so ausschweifend wie in Salvador de Bahia, aber wir Dreyeckländler
sind halt auch keine feurigen BrasilianerInnnen (gell Martin?).
Sehr geehrter Zwiebelfisch, am Silvesterabend fuhr ich mit meiner Frau auf der großen
Straße von Süden nach Norden durch Frankfurt. Nach der Brücke über den Main liegt
rechterhand Frankfurts bekanntestes Bordell. Beim Passieren sagte meine Frau: "Schau
mal, beim Puff haben sie die Weihnachtsbeleuchtung schon abgeschaltet!", und ich fragte
sie und jetzt Sie: Warum heißt ein Puff eigentlich Puff?
Dr. Th. Schrader, Frankfurt am Main
"Pascha"-Puff:
Der Würfel ist gefallen!
Sehr geehrter Herr Dr. Schrader, "Puff" war der Name eines alten Brettspiels mit Würfeln.
Das Wort ist die lautmalerische Umsetzung des dumpfen Geräuschs, das beim
Aufschlagen der Würfel entsteht. Im 18. Jahrhundert wurden Bordellbesuche gern als
harmlose Gesellschaftsspiele verklausuliert, man sagte zum Beispiel: "Er hat mal wieder
mit einer Dame Puff gespielt" oder "Lasst uns zum Puff gehen". So wurde das Würfelspiel
alsbald Synonym für die Institution. Während das Spiel als solches irgendwann aus der
Mode geriet, hat sein Name dank der allzeit existierenden Etablissements bis heute
überlebt. Freilich taugt das Wort längst nicht mehr zur Verschleierung. Wer nicht direkt
aussprechen mag, wo er sich mit wem auf welche Weise amüsiert hat, der verwendet
heute lieber Umschreibungen wie "externer Kundentermin" oder "Überstunden im Büro".
Aus: Spiegel Kultur
www.spiegel.de
Das "Puff"-Spiel gibt es übrigens immer noch, es wird heute auch "Tricktrack" genannt.
Am bekanntesten dürfte es aber unter seinem englischen Namen sein: "Backgammon".
2004-02-20
"... Ich meine die Niederschlagung des Aufstands der Hereros gegen die deutsche
Kolonialmacht in Südwestafrika, begonnen am 12. Januar 1904: Völkermord, begangen im
Einklang mit dem Selbstverständnis einer durch und durch militarisierten Gesellschaft,
deren Leitfigur der ignorante, arrogante, aber unbedingt gehorsame preussische Leutnant
war.
Der Geist der Epoche, geprägt von Alldeutschen, von Kolonial- und Flottenvereinen,
äusserte sich zum Beispiel so: "Da dem Neger alles abgeht, was wir Ehrfurcht,
Dankbarkeit, Hingebung usw. nennen; da er bei jedem Akt der Milde das Motiv der Furcht,
bei Strenge das der bewussten Kraft voraussetzt, ist es klar, dass nur ein männlicher
selbstbewusster Wille ihm imponieren kann; wie ja auch die ganze Geschichte des
Negertums dies beweist..." Mit diesen und vielen ähnlichen Worten erläuterte Carl-Peters,
wie er den Auftrag des Kaisers zur Eroberung von "Deutsch-Ostafrika" verstand: Raubend,
plündernd und brandschatzend sorge er als "Reichsverweser" unter den "Kanaillen" für
Zucht und Ordnung. "Leider geht mein Weg über Leichen". Erst als er seine Konkubine
und seinen Diener wegen "Ehebruchs" erhängte und ihre Dörfer in Asche legte, liess die
Reichsregierung "Hängepeters" fallen, nicht zuletzt wegen August Bebels "sentimentalen
Gewinnsels" (Peters) im Reichstag.
Was der von Habgier und Grossmannssucht getriebene Peters mit Strafexpeditionen
begonnen hatte, brachten in "Deutsch-Südwest" pflichtbewusste Offiziere aus
preussischem Adel generalstabsmässig und mit handwerklicher Präzision im Krieg gegen
die Hereros zur Vollendung.
"Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne
Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk
zurück und lasse auf sie schiessen..." Wie es der kaiserliche Kommandeur,
Generalleutnant Lothar von Trotha, den abtrünnigen Untertanen ankündigte, so wurden
sie in den folgenden Jahren "mit oder ohne Vieh" wie Vieh abgeschlachtet. Sein Adjutant,
Oberst Paul von Lettow-Vorbeck, und das gesamte Offizierskorps seiner "Schutztruppe",
einschliesslich Feldprediger und Missionare, wirkten gewissenlos mit, sehr zur Freude der
deutschen Siedler und ihrer Sponsoren aus Handelshäusern, Banken und
Industriegesellschaften in der Heimat.
Trotha rapportierte nach Berlin, er halte es für richtig, dass das Volk der Hereros "in sich
untergeht und nicht noch unsere Soldaten infiziert und an Wasser und Nahrungsmitteln
beeinträchtigt... Dieser Aufstand ist und bleibt der Anfang eines Rassenkampfes." In Berlin
waren Kaiser und Generalstab der gleichen Meinung. Generalstagschef Alfred von
Schlieffen bestärkte von Trotha ausdrücklich in seiner Auffassung vom vernichtenden
"Rassenkampf". Drei Jahre nach Beginn der Militäraktion blitzte der Pour le Merite an
Trothas Brust, und die deutschen Siedler in Südwestafrika erhielten fünf Millionen Mark
"Entschädigung". Von 70 000 Hereros lebten noch 10 000, von den 20 000 Namas
("Hottentotten") die Hälfte. Insgesamt waren 100 000 Menschen, darunter auch Ovambos
und Gergdamaras, Opfer der preussischen Kriegskünste geworden: der Vernichtung durch
Arbeit und Hunger im Konzentrationslager, der gezielten militärischen Schlächtereien, des
Erhängens und Erschiessens von Männern, Frauen und Kindern, der Folter, der
Vergewaltigungen, des planmässigen Verdurstenlassens in der Omaheke-Wüste. Tiefe
Bewunderung dafür reifte in Gustav Noske, dem damaligen kolonialpolitischen Sprecher
der SPD-Reichsregierung.
Als 1918 Deutschlands "Platz an der Sonne" verloren war, trafen sich die kaiserlichen
Offiziere (führend Lettow-Vorbeck, nicht gehindert durch Noske, nunmehr
Reichswehrminister) in den Freikorps und beim Kapp-Putsch wieder, indessen der
deutsche Generalstab die Eroberung neuen Lebensraums im Osten vorbereitete...
...Wiedergutmachung? Nicht für Buschneger und Hottentotten. Kein Bundeskanzler hat
sich bis heute um solche Lappalien gekümmert. Auf seiner Afrikareise im Januar 2004
machte der wendige Kanzler Schröder einen weiten Bogen um Namibia. Kein
Bundespräsident äusserte sich zum deutschen Völkermord in Afrika. Bis auf Herzog. Bei
einem Besuch Namibias 1998 fand er das Verhalten der "Schutztruppe" zwar "nicht in
Ordnung", weigerte sich aber, mit einem Vertreter der Hereros zu sprechen, und lehnte
jeden Gedanken an Entschuldigung oder Entschädigung ab. Dafür freute er sich über das
"in Namibia noch lebendige deutsche Erbe". Hart und klar dann die Abfuhr durch
Aussenminister Fischer bei einer Stippvisite mit einem grossen Teil von Unternehmern im
Oktober 2003: "Wir sind uns unserer geschichtlichen Verantwortung in jeder Hinsicht
bewusst, sind aber auch keine Geiseln der Geschichte. Deshalb wird es eine
entschädigungsrelevate Entschuldigung nicht geben..."
Karl-Heinz Hansen, aus: Rassenkampf, in: Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik / Kultur
/ Wirtschaft Nr. 3, siebter Jahrgang 7. Februar 2004
Ossietzky (www.sopos.org/ossietzky)
2004-02-19
"Diese Namen sollte man sich merken. Wenn im November doch eine demokratische
Administration gewählt werden sollte, könnten Ivo Daalder und James Lindsay in ihr eine
ähnliche Rolle einnehmen, wie sie derzeit Condoleeza Rice oder Paul Wolfowitz in der
republikanischen Administration ausüben, nachdem sie sich als Politologen in die erste
Reihe der Machtelite hineingeschrieben haben. Daalder und Lindsay gehörten unter Bill
Clinton dem Nationalen Sicherheitsrat an; derzeit arbeiten sie an der Brookings Institution,
einer sicherheits- und sozialpolitisch den Liberalen und Demokraten nahe stehenden
Denkfabrik in Washington. Aus der Fülle der polemischen oder satirisch gemeinten AntiBush-Literatur, die auch den US-Buchmarkt überschwemmt (aber die Machthaber nicht im
mindesten juckt), ragt ihre ebenso nüchterne wie luzide Kritik der "Bush-Revolution"
erfreulich heraus.
Und um eine Revolution handelt es sich. Das Manko vieler europäischer USA-Experten
liegt darin, dass sie die von Beginn an revolutionären Züge der amerikanischen Politik
verkennen. Das Programm der Amerikanischen Revolution war, im Unterschied zur
Französischen und Russischen, stets auf Wiederherstellung einer guten, alten, in
religiösen Werten verankerten Ordnung aus, also eine Restauration mit revolutionären
Mitteln. Amerika schwankte dabei zwischen Isolationismus und Internationalismus,
zwischen dem Rückzug aus einer schlechten Welt und der unbeirrt verfolgten Mission,
ebendiese Welt zu retten. Nationale Interessen standen stets im Mittelpunkt, was
multilaterale Einbindung nur begrenzt zulässt. Amerika ist, wie ein Kolumnist der NEW
YORK TIMES kürzlich prägnant formulierte, eine "Fuss- und Fahrenheit-Nation in einer
metrischen Welt". Ein Demokrat im Weissen Haus (und seien es die erklärten IrakKriegsgegner John Kerry, Weseley Clark oder Howard Dean) würde daran nur Nuancen
ändern, aber wohl stärker als die an Ronald Reagan anknüpfenden Neokonservativen das
Einvernehmen mit den Verbündeten wiederherzustellen versuchen. Für Daalder und
Lindsay besteht der Grundfehler der Bush-Revolution in der Prämisse, dass Amerikas
Sicherheit auf seiner völligen Loslösung (AMERICA UNBOUND) von anderen beruht.
Das informative Buch hat leider, im Unterschied zu hanebüchenen Niedergangsthesen
und Verschwörungstheorien, noch keinen deutschen Verlag gefunden. Europa pflegt
offenbar lieber sein Bild vom hässlichen Amerikaner, als dass es Feinheiten im
amerikanischen Mainstream zur Kenntnis nimmt. Drei Erkenntnisse des Autorenpaars sind
herauszustreichen. Erstens: Zum Feindbild USA zählt die völlige Unterschätzung des
Präsidenten, der manchen als Marionette finsterer Dunkelmänner, anderen als
bescheuerte Witzfigur gilt. Daalder und Lindsay belegen, dass Bush in Washington das
Kommando hat, und machen sein religiöses Weltbild verständlich. Zweitens unterstreichen
sie die einschneidende Zäsur des 11. September, dessen Bedeutung in Europa
heruntergespielt wird, was in amerikanischer Sicht einen eklatanten Mangel von
Verständnis und Solidarität nach sich zog. Drittens legen sie die alles andere als
beruhigenden Perspektiven der konservativen US-Sicherheitsstrategien dar, die mit dem
Irak-Krieg und mit einer fast unbemerkt gebliebenen Veränderung der Nuklearstrategie
einhergeht. Weisses Haus und Pentagon setzen auf so genannte Mini-Nukes, kleine
Atombomben unter fünf Kilotonnen, womit Bush Präventivkriegsstrategie eine
schauerliche Dimension annimmt.
Mag man sich in Europa darüber aufregen, mit den irakischen Massenvernichtungswaffen
belogen worden zu sein - in den USA ist eine demokratische Revolution mit zur Not auch
militärisch erzwungenen Regimewechseln konsensfähig, und sie wäre auch
mehrheitsfähig, wenn die Sichtweisen und Interessen der Verbündeten wieder stärker
respektiert würden. Noch zwei Botschaften kann man dem Buch entnehmen: Die Wende
vom 11. September 2001 machte die alte Weltordnung des Kalten Krieges endgültig
passé. Bush I sprach von einer "neuen Weltordnung", die Bush II nun, aber anders als der
Vater, ins Werk setzt. Und Germany ist in diesem Werk kaum mehr als eine Fussnote."
Claus Leggewie, aus: Buch im Gespräch. Die Bush-Revolution. In: Die Zeit Nr. 8. 12.
Februar 2004
über: Ivo H. Daalder/James M. Lindsay:
America Unbound:
The Bush Revolution in Foreign Policy.
Brookings Institution Press, Washington D.C. 2003, 277 Seiten, $ 22.95
2004-02-18
"Neulich ging durch die Presse und Fernsehen die Nachricht, das sich beim Brückenbau
über den Hochrhein das Schweizer und das deutsche Team über der Rheinmitte verfehlt
hätten. Begründung: Schweizer Ingenieure rechnen bei Bauarbeiten mit Meereshöhe
Mittelmeer, die deutschen mit Normalnull Nordsee, was 27 Zentimeter Unterschied
ausmache. Stimmts, dass es auf der Erde mehrere Meereshöhen gibt?
Joachim Wöhrlin, Steisslingen
Dass die Erde keine Scheibe ist, hat sich weitgehend herumgesprochen. Die meisten
wissen auch, dass unser Globus keine Kugel ist, sondern durch die Rotation zu einem
Ellipsoid abgeflacht ist - der Abstand zwischen Nord- und Südpol ist um etwa 0,3 Prozent
kürzer als der Durchmesser am Äquator. Aber auch die Ellipsenform ist nicht exakt: Selbst
wenn die ganze Erde mit Wasser bedeckt wäre, man die Gezeitenkräfte vernachlässigen
könnte und der Ozean völlig still wäre, ergäbe sich kein sauberes Ellipsoid, sondern eine
kartoffelartige Gestalt mit Beulen und Tälern von bis zu 100 Meter Höhe oder Tiefe, die als
Geoid bezeichnet wird. Der Grund dafür sind Schwankungen in der Gravitation - die
Masse der Erde ist nicht gleichmässig verteilt.
Angaben für die Höhe über dem Meeresspiegel beziehen sich immer auf EINEN Punkt auf
dieser Kartoffel-Oberfläche, und sie sind noch dazu historisch irgendwann einmal
festgelegt worden, weil die Meereshöhe nicht nur zwischen Ebbe und Flut schwankt,
sondern auch längerfristig. Deutsche Vermesser beziehen sich auf einen Punkt bei
Hoppengarten östlich von Berlin, dessen Höhe einmal mit 54,638 Metern festgelegt wurde,
die Schweizer auf einen Pegel in Marseille und die Österreicher auf eine Marke in Triest.
Es gibt also tatsächlich verschiedene Meeresspiegel, und es ergeben sich für einen Ort an
der deutsch-schweizerischen Grenze unterschiedliche Werte, je nachdem, auf welchen
Pegel man sich bezieht.
Den Brückenbauern in Laufenburg war dieser Unterschied bekannt - sie haben ihn nur in
die falsch Richtung korrigiert, sodass sich eine Abweichung von 54 Zentimetern ergab.
Chrisoph Drösser, aus: Stimmts? Leben auf der Kartoffel, in: Die Zeit Nr. 8, 12. Februar
2004
"...Unsere Bauten brauchen halt Freiheit. Wir arbeiten nicht auf ein Ziel zu, sondern warten
im Prozess, was sich ergibt. Wir gehen viel auf die Baustellen, und manchmal merken wir
dann, das etwas fehlt. Zum Schluss sind wir oft überrascht, was da zur Welt kommen
wollte.
ZEIT: Was, Sie lassen das einfach so laufen?
Behnisch: Ganz so ist's nicht. Aber man kann und sollte nicht alles steuern, finde ich.
Sonst kommt da am Ende so eine Platzanweiser-Architektur heraus, die alles bestimmen
will. Nein, in meinen Häusern darf es auch Widersprüche geben, die wollen nicht
unbedingt Recht haben. Sie sind offen für vieles, auch für viele Veränderungen in sich
selbst.
ZEIT: Kann es sein, dass Sie eher Landschaften als Architektur gebaut haben?
Behnisch: Das mag sein. Ich bin ja ein ländlicher Mensch, aufgewachsen im kleinen
Lockwitz bei Dresden. Nach dem Krieg kam ich dann nach Stuttgart und die Hügel und
Bäume, die gefielen mir gleich. Ist natürlich bürgerlicher hier, aber die Stimmung ist schon
irgendwie ähnlich. Also, dass sich auf dem Land aufgewachsen bin, hat schon bestimmte
Vorstellungen in mir erweckt. Dass man zum Beispiel einen Ort nicht mit Mauern
umgrenzen und einengen muss. Da steht ein Baum, da fliesst ein Fluss, da läuft ein Igel
rum, das ist mehr so meine Welt. Und so sehen unsere Gebäude ja auch aus, da laufen
überall Igel rum. Wichtig ist für mich, dass die Dinge in der Landschaft miteinander reden der Bach mit dem Hang und der Hang mit dem Feld. So ist das in unserer Architektur
auch. Die Dinge treten ein in ein Gespräch, und ich verlange nicht von ihnen, dass sie
strammstehen.
ZEIT: Sie reden von Dingen, als seien es Menschen.
Behnisch: So empfinde ich sie. Dahinter steckt sicherlich der Wunsch, ihnen Eigenart
zuzusprechen. Denn gerade in der Vielfalt der Materialien und Formen lebt für mich so
etwas wie Freiheit, eine Freiheit, in der Dinge zu sich selbst finden können. Mir gefällt es
halt, auch ein Lochblech oder irgendein anderes Teil, das im praktischen Leben
ausgemustert worden oder schlecht behandelt worden ist, wieder gut zu behandeln.
ZEIT: Woher rührt Ihr Hang zum Unperfekten?
Behnisch: Der Mensch ist nicht perfekt, warum sollte es die Architektur sein? Bei der
Literatur ist das ja auch so: Wenn jemand alles erzählt, ist doch der Spass raus. Wenn
Lücken drin sind, kann die Fantasie weiterarbeiten. Verstehen Sie, das ist etwas ganz
anderes als preussische Architektur. Deshalb gab es ja auch den Kampf um das
Gebäude, das wir bis zum Herbst für die Akademie der Künste in Berlin bauen. Dort, am
Pariser Platz, verlangte die Stadt, dass alle Häuser möglichst gleich gestaltet sind. Da wird
eine Ordnung von oben übergestülpt, während die Ordnung, die wir meinen, von unten
kommt.
ZEIT: Was ist so schlimm daran, sich in einem städtischen Gefüge architektonisch
anzupassen?
Behnisch: Das Einzelne war für mich. eben immer wichtiger als die grosse Ordnung.
Zeit: Muss denn jedes Haus ein Solitär sein?
Behnisch: In Berlin ging es ja darum, mit städtebaulichen Mitteln einen gesellschaftlichen
Zusammenhang zu schaffen. Ich laube aber nicht, dass das geht. Man kann das nicht
aufpressen, denn Zusammenhalt ist ja nichts Äusserliches. Und die Architektur kann nicht
in Ordnung bringen, was die Realität versaut.
ZEIT: Das hört sich fatalistisch an.
Behnisch: Ich spreche nur vom Prinzip der Freiheit: dass die einzelnen Dingen sein
können, was sie sind. Wenn man trotzdem Bauten antreten lässt wie Rekruten, dann
spiegelt das für mich nicht nur das Wunschbild unserer Gesellschaft wider. Aber gut, das
sind sicherlich auf Reaktionen auf unsere Geschichte, auf das "Dritte Reich"...
ZEIT: Sind Ihre Häuser gebaute Diskurstheorie?
Behnisch: Theorien in Architektur übersetzen, das geht nicht. Da kommt dann nur
Verquastes raus. Wir sind an die Bauten immer intuitiv rangegangen. Und jeder der vielen
Partner und Mitarbeiter bekam die Freiheit, die er brauchte. Mit Knechten kann man ja
keine freie Architektur machen.
ZEIT: Mittlerweile ist die Zeit der Wagnisse vorbei, die gesellschaftliche Stimmung hat sich
gewandelt. Was bleibt da von der Ideenwelt Ihrer Häuser?
Behnisch: Na, ich wundere mich schon über die neue Gewaltsamkeit. Was da aus der
Schweiz hochkommt, von Mario Botta etwa, oder was in Berlin von Hans Kollhoff gebaut
wird, das empfinde ich schon als riskant. Es gibt Architekten, die wollen allen in ihren
Bauten bestimmen, wollen alles rechteckig machen, alles mit Naturstein auf ewig stellen.
So wie der Adolf, der seine Bauten so plante, dass selbst die Ruinen tausend Jahren
halten sollten.
ZEIT: Das ist aber arg polemisch.
Behnisch: Es geht mir ja nicht darum, dass Bauen mit Naturstein zu verbieten. Mich stört
aber die Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit dieser Bauten. Das empfinde ich nicht als
demokratisch.
ZEIT: Aber gibt es denn überhaupt so etwas wie demokratische Architektur?
Behnisch: Die gibt es nicht, aber es gibt Gebäude, die aus demokratischem Geist heraus
gebaut werden. In Berlin hingegen sind lauter Bauten der Angst entstanden, Häuser, bei
denen das Sicherheitsdenken regiert, die jedes Risiko vermeiden. Dafür steht ja auch die
Schloss-Debatte: Alle reden von Innovation, in Wahrheit aber sind sie so verkniffen, dass
sie sich nur Altes vorstellen können.
ZEIT: Die Sehnsucht nach Geschichte gibt's aber doch auch deshalb, weil viele
Neubauten nicht erst unserer Zeit so seelenlos sind.
Behnisch: Ja, ich kann die Sehnsucht verstehen. Das Harmonische und das
Symmetrische haben ja auch ihre Stärken, da sind die Dinge zur Ruhe gekommen. Aber
ich sehe, dass viele alte Bauten sehr schön sind und sehr gut. So ein dünner, leichter
Klassizismus, dafür kann ich mich begeistern. Ähnlich begeistere ich mich für Briefe in
Versform, wie sie früher geschrieben wurden. Trotzdem komme ich nicht auf die Idee,
solche Briefe heute zu schreiben.
ZEIT: Und dass sich viele Menschen nach Gemütlichkeit und Geborgenheit sehnen?
Behnisch: Wenn jemand Gemütlichkeit braucht, soll er sich eine Katze anschaffen. Ich
habe zwei Katzen zu Hause, das ist gemütlich.
ZEIT: Kritik an der modernistischen Architektur lassen Sie nicht gelten?
Behnisch: Doch, ich mag ja nun mal das Altertümelnde nicht.
ZEIT: Was stört Sie daran?
Behnisch: In der Architektur wird ja sichtbar, wie wir mit der Welt und uns umgehen. Und
nicht nur das: Sie prägt auch unseren Blick auf die Welt. Natürlich gibt es da keinen
Schalter, den man umlegen könnte. Aber mit der Zeit wirkt das, was uns anfangs noch
verrückt vorkommt, vertraut und normal. Die Wahrnehmung verändert sich und damit wohl
auch unsere Vorstellung von Wirklichkeit.
ZEIT: Was können denn Ihre Bauten verändern?
Behnisch: Ich verstehe mich nicht als Volkserzieher. Dennoch meine ich, dass etwas von
dem Geist, der beim Bau eines Hauses herrscht, weiterleibt und auf die Menschen wirkt.
Dass etwas von der Stimmung hängen bleibt, und um Stimmung geht es.
ZEIT: Welche Stimmung meinen Sie?
Behnisch: Die Barockarchitektur ist ein schönes Beispiel, die Wieskirche oder das Kloster
Zwiefalten. Da kann man fliegen, so gross ist die Freiheit. Beide sind ja zu Zeiten grosser
Umbrüche entstanden, als die alten Ordnungen geknackt wurden. Ja, wenn das unsere
Architektur bewirken könnte, dass man gerne drin fliegen würde, dann wäre das ganz
schön. Zumindest so ein bisschen schweben.
ZEIT: Und in Berlin bleibt alles am Boden?
Behnisch: Der Axel Schultes, das ist schon ein lustiger Vogel. Aber beim Kanzleramt hat
er formal überzogen. Das ist so ein Kinoding geworden, wo man immer drauf wartet, dass
der Kanzler mit Elektrogitarre die Treppe runterkommt. Na, und dann der Reichstag. Gut,
dem Foster ist es immerhin gelungen, die Kuppel aus dem Symbolischen rauszuholen, sie
thront nicht. Aber innen - einige Räume sehen aus wie Wartesäle der DDR-Reichsbahn.
ZEIT: Ich sehe schon, Berlin bleibt Ihnen fremd.
Behnisch: Das Thema liegt mir nicht besonders. Ich bin Sachse, und wir haben immer mit
Österreich zusammen gegen die Preussen gekämpft - und immer verloren. Friedrich der
Grosse, das war ja ein Räuber. Die Österreicher waren mir immer sympathischer. Die
kennen das auch, das Laufenlassen und das Schauen-wir-mal-wie's-Geht.
ZEIT: Das war immer ihr Lebensprinzip?
Behnisch: Ja, so ist's geworden..."
Hanno Rautenberg im Gespräch mit Günter Behnisch, aus: So ein bisschen Schweben. In:
Die Zeit Nr. 8, 12. Februar 2004
Günter Behnisch wurde durch das Münchner Olympiastadion berühmt. Heute ist er 81 und
baut noch immer. Jüngst eröffnete er eine Schule in Lorch, im Herbst folgt sein AkademieNeubau in Berlin.
Heute wird meine Bruder 56. Ich gratuliere Dir. Auch Du - Architekt. Wenn auch nicht
praktizierender.
2004-02-08
"..Die Befunde aus Iglu und Iglu-E lieferten keine Hinweise auf generelle Leistungsdefizite.
Gleichwohl zeichneten sich für einige Probleme am Ende der Sekundarstufe I die Anfänge
bereits in der Grundschule ab: Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund liegen
bereits am Ende der Grundschulzeit in ihren Leistungen weit hinter Kindern ohne
Migrationshintergrund zurück; der Zusammenhang zwischen Sozialschichtzugehörigkeit
und Leistung ist deutlich; eine zwar kleine, aber angesichts des allgemein bildenden
Auftrags der Grundschule nicht unerhebliche Anzahl von Risikokindern wird dem
Unterricht in den weiterführenden Schulen nur schwer folgen können..."
Aus der Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), zitiert nach FR, 29.
01.2004
www.erzwiss.uni-hamburg.de/IGLU/home.htm
"...Es gibt eine Verfügung des Bundesgrenzschutzamtes, die vom 18. April 1997 datiert.
"An Verteiler. Betrifft: Verwendung von Einsatzmitteln." Der Vertreter der Nebenklage,
Rechtsanwalt Dieter Kornblum, verließt sie mehrmals an diesem Verhandlungstage. Unter
der Überschrift "Besondere Regelungen", Punkt 2.2, heißt es: "In Verkehrsflugzeugen ist
die Anwendung von Stahl- oder Plastikfesseln nicht zulässig, weil sich der Gefesselte in
einer Notfallsituation weder selbst befreien noch von Dritten ohne Hilfsmittel befreit werden
kann." Der Zeuge bestätigt, dass Kabelbinder üblicherweise aufgeschnitten werden
müssen, um sie zu lösen. Allen Zeugen, denen Kornblum die Verfügung vorhält, ist das
Papier unbekannt...
Auf die Frage, ob er sich denn einen Lehrgang gewünscht hätte, bei der er im Umgang mit
möglichen Problemen bei "Rückführungen" geschult wird, hatte ein Kollege im
Zeugenstand geantwortet: "Wenn mein Vorgesetzter mir das empfohlen hätte, hätte ich es
gemacht."
Die Passagiere von Lufthansa-Flug LH 588 Frankfurt-Kairo-Khartum verhielten sich ruhig.
Kein Widerstand gegen die Staatsgewalt. Als die Maschine in München zwischenlandete,
war Aamir Ageeb tot."
Karin Ceballos Betancur, aus: Wie ein verschnürtes Bündel. Im Frankfurter Prozess um
den Tod eines Abschiebehäftlings schildern BGS-Zeugen die Praxis der "Rückführung". In:
Frankfurter Rundschau 3. 02. 2004
"....Das Bittere an all dem: Eine Verantwortung für Schulversagen weist das Gros der
Pädagogen weit von sich...."
Jörg Feuck, aus: Willkür in Grundschulen. In: Frankfurter Rundschau 2. 02. 2004
"...Die Zahlen, die Phillips vorlegt, sind erschütternd. Vor allem wegen ihnen lohnt sich die
Lektüre dieses Buches. Zwei Beispiele: Während das ärmste Fünftel der USA seit den
siebziger Jahren einen Rückgang des Nettoeinkommens hinnehmen musste, hat es sich
beim obersten Prozent mehr als verdoppelt. Und während die effektiven Steuersätze für
die Durchschnittsfamilie seit den fünfziger Jahren deutlich zugenommen haben, sind sie
bei den Millionären von 85,5 Prozent auf rund 25 Prozent gefallen. Amerika sei mittlerweile
unter den westlichen Industrienationen die Gesellschaft mit der größten sozialen Kluft,
schließt Philips daraus...."
Julian Hanich, aus: Gold und Rost. Plutokratie kurz vor dem Untergang: Kevin Phillips
attackiert die Elite der Reichen, die seiner Ansicht nach die USA regiert. In: Frankfurter
Rundschau 2. Februar 2004
Über: Kevin Phillips: Die amerikanische Geldaristokratie. Eine politische Geschichte des
Reichtums in der USA. Aus dem Englischen von Andreas Wiehrensohn. Campus Verlag,
Frankfurt am Main, 2003
"Es ist eine erstaunliche Fähigkeit des menschlichen Gehirns, sich das als einzig richtig
und gut zu erklären, was den eigenen Interessen entspricht. Sobald es um Putzfrauen "haushaltsnahe Dienstleistungen" geht, halten Bürger Schwarzarbeit für "nützlich, normal
und notwendig". Da denkt man nicht - wie sonst gefordert - an die Opfer, sondern an die
Täter, da werden Polizisten zu "Bütteln", und endlich - bravo!- wird die Wohnung selbst für
Christdemokraten unangreifbar und der Datenschutz zum Bürgerrecht. Man rede nicht von
der Kriminalisierung haushaltsnaher Nachbarschaftshilfe, wenn es in Wirklichkeit um
Niedriglohn geht.
Bei einem für die Haushaltshilfe steuerfreien 400-Euro-Job macht die Mehrbelastung für
Ehrlichkeit eines Durchschnittsverdieners ganze unzumutbare 10,70 Euro monatlich aus.
Und wir die Putzfrau krank, bekommt sie 70% ihres Lohns von der Knappschaft.
Nicht der brave Bürger ist in einer Notlage, sondern eher seine Putzfrau: kein Unfallschutz,
bei Krankheit keine Lohnzahlung und ohne Sozialleistungen, kein Rentenanspruch. Für
die Sozialhilfe zahlt die nächste Steuergeneration.
Wenn man zu viel Steuern zahlt, dann muss man sich an den Staat wenden und nicht an
seine Putzfrau."
Dr. Burkhard Hirsch, Düsseldorf, Bundestagsvizepräsident a.D. in: DIE ZEIT Nr. 6, 29.
Januar 2004
"...Wir haben es also mit einer Paradoxie zu tun: Das Letzte, was Politiker an der Macht
brauchen können, ist gute Beratung, denn die würde sie irritieren und zeigen, dass es
überall dort, wo die Regierung behauptet, es gäbe zu ihrer Politik keine Alternative, auch
anders ginge. Wenn man sich Kommissionen wie den Ethikrat ansieht, erkennt man rasch,
dass die Politiker von den Beratern eigentlich nur eine nachträgliche Rationalisierung
schon gefallener Entscheidungen erwarten.
Es gibt darüber hinaus eine Art Kassandra-Consulting, das es den Politikern ermöglicht, in
die Rolle des Retters zu schlüpfen - hier geht es um die negative Gefälligkeit des Beraters,
die Probleme herbeischafft. Also doch: Geldverschwendung? Mit der Beratung scheint es
wie bei der Werbung zu sein: Man weiss nicht, ob und wie sie wirkt, aber man kann auch
nicht riskieren, es nicht damit zu versuchen. Es ist nicht klar, ob Alexander trotz oder
wegen der Beratung durch Aristoteles der Grosse war."
Norbert Bolz, Medienwissenschaftler an der TU Berlin, aus: Die fünfte Gewallt. "Talk funny
and make money": Bei der vergeblichen Suche nach einfachen Lösungen ist der
Beratungsskandal der Platzhalter einer Reform. In: Frankfurter Rundschau 27. 01. 2004
"....Immerhin wussten die politischen Führungen in London und Washington durch die
Entschlüsselung deutscher Codes und durch verlässliche Informanten schon Anfang 1943,
lange vor den Luftaufnahmen, von der systematischen Vernichtung der Juden durch das
Nazi-Regime.
"Unklar" ist indes auch dem Archiv-Leiter Williams, warum britische Flugzeuge nicht
zumindest die Zugverbindungen nach Auschwitz bombardierten, um die Deportation
weiterer Hunderttausender nach Auschwitz zu verhindern. Schon in der Vergangenheit
war in der britischen Öffentlichkeit diese Frage gelegentlich debattiert worden..."
Peter Nonnenmacher, aus: Kriegsaufnahmen zeigten präzises Bild von Auschwitz.
Britisches Nationalarchiv veröffentlicht historische Fotos der Royal Air Force im
Internet/Publikation provoziert kritische Fragen. In: Frankfurter Rundschau 22. 01. 204
www.evidenceincamera.co.uk
"...Wenn so viel Bewegung und Reformeifer am Werk sind wie gegenwärtig, dann entsteht
ja die Frage, ob das Führungspersonal hinreichend ausgestattet ist, diesem großen
gesellschaftlichen Wandel die für Spitzenleistungen angemessene Schubkraft zu
verleihen. Da man es offensichtlich aufgegeben hat, dem Räderwerk des
sozialdarwinistischen Überlebenskampfes in die Speichen zu greifen und en Verlierern
besondere Hilfe zukommen zu lassen, drängt sich der Gedanke auf, die von ihrer Natur
oder dem elterlichen Erbe begünstigten besonderen Zugänge zu Herrschaftspositionen zu
ebnen. So wird das niemand offiziell formulieren. Vielmehr ist Leistung auf er Karriereleiter
(nicht für die, die oben angekommen sind) zu einem Selektionsbegriff geworden. Die
Gesellschaft ist übersät mit Innovationsoffensiven, mit Optimierungskonzepten,
Hochleistungssport; mit Wettkämpfen um den größten Deutschen. So liegt es nahe,
diesem Überleben der Bestausgestatteten (ganz im Darwinschen Sinne der survival of the
fittest) auch Orte und Ideologien der abgrenzenden Distanz zum Normalen und
Alltäglichen zu verschaffen und die Selbstwertgefühle dieser Klasse von Menschen zu
stärken. Aber es ist eine vertrackte Sache mit diesem Elitegedanken. Der Wortursprung
hat nun einmal den Sinngehalt von Auslese; im Lateinischen heißt es eligere, auch das
griechische legein bedeutet zählen, berechnen - Resultat davon ist: "Auswahl der Besten".
Das französische élite (das Ausgewählte), wie es im 18. Jahrhundert in die europäischen
Sprachen eindringt, geht auf denselben Wortstamm zurück. Wer wählt hier aber aus? Und
wer sind die Besten? Ist es jene Wirtschaftselite, von denen einige markante
Repräsentanten zurzeit auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts sitzen, weil
ihnen schamlos individuelle Bereicherung zum Schaden ihrer Unternehmen vorgeworfen
wird? Sind es Politiker, Professoren, Ärzte? ..
Politische Urteilskraft und soziale Fantasie für Zwecke zu nutzen, die im klassischen Sinne
auf den Wohlstand des Gemeinwesens gerichtet sind, ist Grundvoraussetzung einer
lebensfähigen Demokratie. Verantwortung in diesem Sinne ist jedem Menschen
zuzumuten, der in einem friedensfähigen Gemeinwesen leben will. Erziehung und Bildung
darauf zu richten, würde die Gesellschaft nicht nur kreativer, sondern auch gewaltfreier
machen. "Eliten" irgendwelcher Definition können diese Prozesse nur behindern."
Oskar Negt, aus: Ein missbrauchter und entehrter Begriff. Wo Elitediskussionen im
Schwange sind, ist die Zweiteilung der Gesellschaft nicht mehr weit. In: Frankfurter
Rundschau 26. Januar 2004
Prof. Oskar Negt, geb. 1934 in Kapkeim, Kreis Königsberg/Preußen. Mitbegründer der
Glockseeschule in Hannover, einer der wenigen Alternativschulen, die die Bundesrepublik
hervorgebracht hat.
2004-01-30
"Die Stimmen, die zu Lessings Zeit die Abschaffung von Religion gefordert haben, haben
sich nicht durchgesetzt. Durchgesetzt hat sich aber die Vorstellung von einer Ordnung, die
gegenüber allen Konfessionen und Religionen so viel Distanz wahrt, dass sie ihr
friedliches Miteinander regeln und garantieren kann: nämlich den säkularen Staat. Diese
Vorstellung war auch deshalb erfolgreich, weil wir in Europa die Erfahrung gemacht
haben, wie grausam und schrecklich kriegerische Auseinandersetzungen werden können,
die im Namen eines absoluten Wahrheitsanspruches geführt werden.
Deswegen haben wir - im Gefolge der Aufklärung und der Entwicklung der
Menschenrechtsidee - die Konsequenz gezogen, dass Religion und staatliche Ordnung
unterschieden werden müssen, das Glaubensüberzeugungen und Organisation des
Gemeinwesens voneinander zu trennen sind. So können zwei fundamentale
Menschenrechte gewährleistet werden: die Freiheit des Gewissens und die Freiheit der
religiösen Überzeugung und der religiösen Praxis. So kann das friedliche Zusammenleben
unterschiedlicher Überzeugungen und Religionen geregelt werden.
Dazu mussten Staat und Kirche einen für sie wesentlichen Verzicht leisten: Der Staat
musste auf eine religiöse Rechtfertigung verzichten. Die Staatsgewalt ist nicht mehr "von
Gott" verliehen, sondern geht "vom Volk aus". Das hört sich heute selbstverständlich an,
das war es aber lange Zeit nicht. Die Religionen mussten ihrerseits darauf verzichten,
ihren absoluten Geltungsanspruch, ihren "Wahrheitsanspruch", mit Hilfe staatlicher Gewalt
durchzusetzen.
Das Verhältnis von Staat und Kirche ist in Europa auf ganz unterschiedliche Weise
geregelt, von der Staatskirche in Skandinavien bis zum französischen Laizismus. Wir in
Deutschland haben uns für einen anderen Weg entschieden, einen Weg, für den Bischof
Wolfgang Huber den Bebriff "aufgeklärte Säkularität" geprägt hat. Staat und Kirche sind in
Deutschland klar voneinander getrennt, aber sie wirken auf vielen Feldern im Interesse der
ganzen Gesellschaft zusammen. Ich halte das, alles in allem, für den richtigen Weg, und
ich sehe keinen Anlass dafür, dass wir uns dem Laizismus unserer französischen
Nachbarn und Freunde anschliessen sollten.
In Artikel 4 unseres Grundgesetztes heisst es: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens
und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." Deutschland gehört zu den
europäischen Ländern, deren Geschichte und deren Traditionen besonders vom
christlichen Glauben geprägt sind. Die Religionsfreiheit, die unser Grundgesetz garantiert,
gilt aber nicht nur für die christlichen Kirchen. Sie gilt, auch wenn das manchen nicht
immer ausreichend bewusst ist, auch für andere Religionsgemeinschaften und gewiss für
den Islam.
Die Grenze findet jede Kirche und jede Religionsgemeinschaft ausschliesslich in den vom
Grundgesetz garantierten unveräusserlichen Menschenrechten. Auch sie gelten - wie die
Religionsfreiheit - für alle, ob sie Christen, Muslime, Juden, Buddhisten oder Angehörige
anderer religiöser Überzeugungen sind, natürlich auch für Menschen, die nicht gläubig
sind. Niemand hat in unserem Land das Recht, unter Berufung auf seinen Glauben die in
unserem Grundgesetz garantierten Menschenrechte und Bürgerrechte zu verletzen...
Unsere Gesellschaft ist kein religionsfreier Raum, und Religion ist nicht bloss Privatsache.
Der öffentliche Charakter von Religionen wird bei uns anerkennt. Kirchen und
Glaubensgemeinschaften können öffentlich wirken, und ihre Einmischung in öffentliche
Angelegenheiten ist ausdrücklich erwünscht. Manchen ist es zu wenig bewusst, welch
eine grosse zivilisatorische Errungenschaft es ist, dass in einer pluralen Gesellschaft
Menschen friedlich miteinander leben, die ganz unterschiedliche Überzeugungen haben.
Das muss jeden Tag neu gelebt werden...
Der Staat schützt die Freiheit jedes Einzelnen, seinen Glauben zu leben, solange er nicht
gegen das Grundgesetz verstösst. Der Staat hat aber nicht die Aufgabe festzustellen,
welche Religion die bessere ist oder gar eine Religion zu bevorzugen...
Wir müssen uns aber mit der bisher ungelösten Frage auseinandersetzen, wie sich der
Islam zum demokratischen Staat, zu Toleranz, zu Glaubensfreiheit und zur
Gewissensfreiheit - zu den Menschenrechten - verhält. Das ist eine Frage, die sich nicht
nur in der islamisch geprägten Welt stellt. Das ist auch eine Frage bei vielen Muslimen, die
in Europa und bei uns in Deutschland leben. Wir sollten sie dabei unterstützen, in dieser
Frage voranzukommen.
Die klare Trennung von Staat und Religion, die in den meisten Staaten der westlichen
Welt gilt, gibt es in dieser Form in den islamischen Staaten nur im Einzelfall und nur
teilweise. Die fehlende Trennung zwischen Staat und Religion macht aber so vieles so
unendlich schwierig im internationalen, aber auch im nationalen Dialog.
Die entscheidende Frage, die alle Staaten der Welt beantworten müssen, eine Frage, die
weit über den Religionsdialog hinausgeht, sie heisst: Wie haltet ihr es mit den
Menschenrechten, mit Toleranz, mit der Gleichstellung von Mann und Frau, mit der
Freiheit in Gewissens- und Glaubensfragen?
Das stellt uns auch vor die Frage, wie Religionsfreiheit als Menschenrecht überall auf der
Welt verwirklicht werden kann. Darüber spreche ich bei meinen Staatsbesuchen auch in
atheistisch oder islamisch geprägten Gesellschaft und Staaten. Schon in meiner ersten
Berliner Rede am 12. Mai 2000 habe ich gesagt, dass viele Menschen bei uns sich leichter
an den Anblick von Moscheen gewöhnen könnten, "wenn Christen in islamischen Ländern
das gleiche Recht hätten, ihren Glauben zu leben und auch Kirchen zu bauen."
Religionsfreiheit gibt es aber auch in islamisch geprägten Gesellschaften. Die meisten von
ihnen sind allerdings weit davon entfernt. Umso entschiedener müssen wir uns überall auf
der Welt für Religionsfreiheit einsetzen, denn sie spielt heute eine Vorreiterrolle für die
Durchsetzung weiterer kultureller Rechte. In Europa und in Amerika wissen wir aus
Erfahrung wie lange es dauern kann, bis Menschen unterschiedlichen Glaubens friedlich
zusammenleben und bis jede Religion das verbriefte Recht hat, ihren unbedingten
Geltungs- und Wahrheitsanspruch auch öffentlich zu bekunden. An diesem Ziel müssen
wir festhalten. Dabei geht es nicht darum, europäische oder amerikanische Vorstellungen
einfach auf andere Länder zu übertragen. Diese Länder müssen ihren eigenen Weg
gehen.
...Ich rate uns allen dazu, dass wir auch in dieser Debatte nicht irgendwelchen
Pauschalurteilen aufsitzen...
Die Debatte über das Kopftuch wäre so viel einfacher, wenn es ein eindeutiges Symbol
wäre. Das ist es aber nicht. Deshalb muss in dieser Frage nach meiner festen
Überzeugung der alte Grundsatz gelten: Der mögliche Missbrauch einer Sache darf ihren
Gebrauch nicht hindern...
So sehr wir jede Form von Fundamentalismus bekämpfen müssen, so wenig dürfen wir
die Religionen unterschiedlich behandeln. Im demokratischen Rechtsstaat gilt das Recht
auf Unterschiede, aber kein unterschiedliches Recht...
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nicht ein Symbol einer Religion - und das ist das
Kopftuch jedenfalls auch - verbieten können und glauben, wir könnten alles andere beim
Alten lassen. Das ist mit der Religionsfreiheit, die unser Grundgesetz allen Menschen
garantiert, nicht vereinbar und würde deshalb das Tor zu einer Entwicklung öffnen, die
doch die meisten Befürworter eines Kopftuchverbots nicht wollen.
Ich fürchte nämlich, dass ein Kopftuchverbot der erste Schritt auf dem Weg in einen
laizistischen Staat ist, der religiöse Zeichen und Symbole aus dem öffentlichen Leben
verbannt. Ich will das nicht. Das ist nicht meine Vorstellung von unserem seit vielen
Jahrhunderten christlich geprägten Land...
Alle, die in unserer Gesellschaft leben, müssen wissen, dass wir es nicht dulden, wenn
Frauen aus traditionellen Gründen nur mindere Rechte haben. Ich denke da
beispielsweise daran, dass junge Frauen gegen ihren Willen verheiratet werden oder dass
Mädchen in der Schule von bestimmten Schulfächern fern gehalten werden...
Zu Lessings Zeiten gab es das Wort Fundamentalismus noch nicht, aber genau darauf ist
doch gemünzt, wenn er sagt:
"Ich hasse alle die Leute, welche Sekten stiften wollen, von Grund meines Herzens. Denn
nicht der Irrtum, sonder der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit
machen das Unglück der Menschen - oder würden es machen, wenn die Wahrheit eine
Sekte stiften wollte."
...Jede und jeder von uns, die im persönlichen und im öffentlichen Leben deutlich machen,
dass es für sie Werte jenseits von Angebot und Nachfrage gibt, tragen bei zu einem
gesellschaftlichen Klima, das Respekt und Toleranz fördert und Beliebigkeit oder
Fundamentalismus zurückdrängt.
Das ist heute nötiger denn je. Wir können uns dabei von einem Grundsatz leiten lassen,
den Lessing einmal in dieses eindrucksvolle Bild gefasst hat:
"Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer
regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, sich immer und ewig zu irren,
verschlossen hielte, und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und
sagte ihm: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!"
Bundespräsident Johannes Rau, aus: Festrede zum 275. Geburtstag von Gotthold
Epharim Lessing in Wolfenbüttel. In: Frankfurter Rundschau 23. Januar 2004
Die ungekürzte Rede findet sich im Internet:
www.bundespraesident.de
"...Die SPD war Partei der sozialen Gerechtigkeit. Auch als Gerechtigkeitspartei hat sie an
Boden verloren. Dabei wird ihr klassisches Arbeitnehmer- und Kleine-Leute-Parteiprofil
nicht nur durch die als sozial ungerecht empfundene Agenda-2010-Politik der
Bundesregierung beschädigt. Selbst bei der Hamburger Regionalwahl mit ihrer dominant
landespolitischen Thematik weiss sie sich nicht mehr erfolgreich als Gerechtigkeitspartei
zu positionieren.
Sie hat auch keine Antwort auf die neue soziale Frage der gesellschaftlichen Abkopplung
von Modernisierungsverlierern. Ihre - überfälligen - Bemühungen um einen neuen
Gerechtigkeitsbegriff gehen an der Lebenslage vieler Menschen in Wilhelmsburg oder
Billstedt vorbei. Die schlagen sich in den sozialen Brennpunktquartieren mit der
Kumulation sozialer Probleme herum: Arbeitslosigkeit, schlechte Wohn-, Bildungs- und
Infrastrukturbedingungen, hoher Ausländeranteil und die Konkurrenz um knappe
Ressourcen, an deren Reibungsflächen Ressentiments wachsen.
Die Angehörigen dieser von der Stadtentwicklung abgekoppelten Schichten haben die
SPD immer weniger als ihre Schutzmacht gesehen, sie haben sich von der Partei entfernt
und sind wahlpolitisch auf eine Reise mit häufig wechselnden Stationen gegangen:
Wahlenthaltung oder Stimmenwanderung zur CDU, rechtsradikale Parteien, zuletzt zur
Schill-Partei. Es ist der politische Niederschlag eines zugespitzten sozialen Problems der
Metropolen, das überall - in Berlin, Bremen, Frankfurt - die SPD am härtesten trifft. Zumal
sie ausserdem den Spagat aushalten muss zwischen abdriftenden
Modernisierungsverlierern und postmaterialistischen Modernisierungsgewinnern, die sich
in den Grünen kristallisieren, aber auch innerhalb der SPD zu Wort melden...
...Verlieren wird bei den kommenden Wahlen der Rechtspopulismus. Er hat sich auch in
Hamburg als politikunfähig erwiesen. Er taugt gelegentlich zur Mobilisierung von Protest,
versagt aber bei der Organisierung von Politik. Bürgerliche Politiker wie Schüssel in
Österreich oder Beust in Hamburg verspielen - machthungrig - die Unschuld des
bürgerlichen Lagers. Aber auch ihnen wird es nicht gelingen, den Rechtspopulismus zur
strukturellen Erweiterung und Abstützung ihrer Lagers dauerhaft zu instrumentalisieren..."
Joachim Raschke und Elmar Wiesendahl, aus. Der schöne Schein von Hamburg, in:
Frankfurter Rundschau 22. Janaur 2004
Joachim Raschke, Jahrgang 1938, lehrte Politikwissenschaft an der Universität Hamburg.
Arbeitsgebiete: Parteien, Soziale Bewegungen, Politische Strategie.
Elmar Wiesendahl, Jahrgang 1945, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität
der Bundeswehr München. Er lebt in Hamburg. Seine wesentlichen Arbeitsgebiete:
Parteien, Wahlen, politische Entscheidungsprozesse, politische Eliten, New Public
Management.
(FR-Text)
"...FR: Wie bei denen findet sich auch bei Omar Sheik eine Art Reinheitswahn, mit dem
Sie sich in Ihren Büchern immer wieder auseinandergesetzt haben und den Sie als
Grundübel entlarvt haben. Was ist das für ein Reinheitswahn, warum ist er so gefährlich?
Bernard-Henri Lévy: Weil hinter der Obsession der Reinheit die Behauptung steht, das
Böse liesse sich abschaffen. Um das Böse abzuschaffen, muss es einfach nur benannt
werden, müssen dafür Figuren des Bösen gefunden werden, die man vernichten kann.
FR:....Monsieur Lévy, Sie erwähnten gerade die sexuelle Frustration. In Ihrer Analyse des
Terroristen Omar Sheik spielt sein Verhältnis zum anderen Geschlecht eine zentrale Rolle.
Das klingt so, als seien die Frauen am Fundamentalismus schuld...
L: Das zu behaupten, wäre völlig idiotisch. Aber in ihrem Verhältnis zum anderen
Geschlecht liegt der Schlüssel für das Verständnis ihres Wahns. Denn der
Fundamentalismus verkörpert genau diesen Reinheitswunsch. Er fürchtet die Unreinheit.
Er fürchtet den Sex und daher die Frauen. Im innersten Kern unterschiedlicher
Fundamentalismen stösst man immer auf die Phobie vor dem weiblichen Geschlecht.
Diese Angst stellt sich unterschiedlich dar, aber sie kann bis zur Burka gehen, unter der
man die Frauen gefangen hält, ja manchmal sogar dahin, dass die Frauen zu Tode
gefoltert werden. Deshalb stehen die Frauen an der Frontlinie dieses Kampfes. Sie leisten
den ersten Widerstand, aber sie sind auch die ersten Opfer.
FR: Was halten Sie vom französischen Gesetzesprojekt, den Schleier und alle anderen
religiösen Symbole aus den Schulen zu verbannen?
L: Es ist bedauerlich, dass es so weit gekommen ist. Aber das Gesetz ist unvermeidlich.
Wir brauchen jetzt ein starkes, schnelles Zeichen.
FR: Salman Rushdie hat einmal gesagt, der Westen müsse für das Recht auf den Minirock
kämpfen. Sehen Sie das auch so?
L: Selbstverständlich. Wir im Westen müssen für das Recht kämpfen, Miniröcke zu tragen,
sich zu schminken und frei lieben zu dürfen. Es wird immer so getan, als hätten die
Fundamentalisten es auf die Sünden und Untugenden des Okzidents abgesehen. Das
stimmt aber nicht. Sie zielen nicht auf seine schlechten, sondern auf seine besten Seiten
ab. Sie attackieren nicht seinen Kolonialismus, seine Kriminalität, sondern seine grösste
Errungenschaft: die Freiheit. Die Freiheit der freien Meinungsäusserung, die Freiheit der
Gesichter und Körper. Nicht unsere bösen Seiten stören sie, sondern unsere besten.
FR: Ist es der Libertin, der zügellose Freigeist der so redet?
L: Ich war vielleicht einmal ein Libertin, aber ich bin es nicht mehr.
FR: Also ein zur Ehe konvertierter Libertin?
L: Es geht nicht um die Frage Libertinage oder Ehe. Ich liebe die Frauen, aber ich liebe die
freien Frauen. Ich liebe sie in ihrer Andersartigkeit. In ihrer Gleichheit. Ich liebe an ihnen,
dass sie zuallererst Gesichter sind, dann erst Körper. Das ist der eigentliche Liebhaber der
Frauen. Im Grunde handelt es sich bei der Ausschweifung und beim Puritanismus ja um
ein und dieselbe Sache: Don Juan und bin Laden betrachten die Frau einzig allein als
Körper. Und beiden halte ich die Liebe für die Frauen entgegen, die ich selbst tatsächlich
ausgiebigst praktiziert habe. Aber es ist eine Liebe, in der zuallererst das Gesicht zählt,
nicht der Körper.
...FR: Monieur Lévy, Sie haben mal behauptet, in Frankreich hasst man die Amerikaner,
die Juden und die Intellektuellen gleichermassen. Ist das nicht masslos übertrieben?
L: Überhaupt nicht. Vielleicht hasst man die Intellektuellen ein wenig mehr, aber die
Amerikaner und die Juden kommen nicht weit dahinter.
FR: Woher rührt dieser Hass auf die Intellektuellen?
L: Man hasst die Intellektuellen, weil sie nerven, weil sie stören, weil sie die Welt
komplizierter machen, als sie ist. Weil sie die vorgefassten Meinungen ablehnen. Weil sie
eine einfache Sache auseinandernehmen und unnötig komplizieren. Das findet das
Frankreich des gesunden Menschenverstandes unerträglich...."
Martina Meister im Gespräch mit dem 54jährigen französischen Philosophen,
Schriftsteller, Menschenrechtler, Filmemacher, Präsidentenberater und Lektor BernardHenri Lévy über sein Buch WER HAT DANIEL PEARL GETÖTET, Econ Verlag München.
Er behauptet darin, dass Pearl ermordet wurde, weil er Verbindungen zwischen
pakistanischer Regierung, pakistanischem Geheimdienst und Al Qaeda auf der Spur war,
weil er beweisen wollte, dass bin Laden mit pakistanischen Atomwissenschaftlern in
Verbindung stand.
In: Frankfurter Rundschau 24. Januar 2004
"Bertolt Brecht:
Ich benötige keinen Grabstein
Ich benötige keinen Grabstein, aber
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde drauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären
Wir alle geehrt.
Am 6. Januar 2004 verstarb unser Freund, Kollege und Genosse
Professor Dr. Hansgeorg Connert
Gemeinsam mit seinen Angehörigen trauern wir um ihn.
Seine politische und soziale Kompetenz, sein konsequentes sozialistischen Engagement
und seine marxistischen Kenntnisse machten ihn zum anerkannten Mitstreiter und Lehrer
für die linke politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung. Er wird uns fehlen und in
guter Erinnerung bleiben. Venceremos!
...Arno Klönne, Adi Ostertag, Edgar Weick, Klaus Vack, Uwe-Jens Heuer, Helmut Reichelt
......(und viele andere)"
Frankfurter Rundschau 22. Januar 2004
2004-01-29
Der Grenzach-Wyhlener Dorfbewohner schreibt:
"McKinsey-Zeit, McKinsey-Welt, McKinsey-Politik wird man noch in hundert Jahren sagen,
so wie wir heute von Gründerjahren sprechen. Denn "das Effizienzprinzip hat einen
Namen: McKinsey" (Dirk Kurbjuweit). Ebenso wie jetzt Rationalisieren und Fusionieren
das Denken aller Arbeitgeber auf Kosten zahlloser einst Beschäftigter beherrscht, ebenso
waren um 1900 – zum Segen der Arbeitnehmer – die Bosse, die Wirtschaft überhaupt vom
Gründertrieb besessen, das heißt von der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Seit Arthur Miller
vor fünfzig Jahren "Tod eines Handlungsreisenden" auf die Bühne brachte, wird hier
erstmals wieder der "Rausrationalisierte" ins Zentrum eines Dramas gerückt: Die
Katastrophe der Entlassenen.
Ich zeige nicht McKinsey, sondern die Opfer einer weltweiten "Religion", zu der die – von
unseren Politikern total unbeaufsichtigte – Diktatur der Weltwirtschaft geworden ist: Der
Abbau von Arbeitsplätzen wurde zum Maß aller Dinge. Ein Beispiel, das symptomatisch
für den "Terror der Ökonomie" überhaupt geworden ist: Die Deutsche Bank, so alt wie das
Deutsche Reich, 1871 gegründet, hat im erfolgreichsten Jahr seit ihrem Bestehen – 9,8
Milliarden Reingewinn 2001/2002 – sämtliche Filialen mit weniger als acht Angestellten
geschlossen und mehr als elftausend ihrer Mitarbeiter hinausgeworfen, was die Bosse mit
zynischer Unmenschlichkeit "freisetzen" nennen. Der oberste Herr Josef Ackermann
"verdient" jährlich 6,95 Millionen Euro. Die Deutsche Bank hat den "Propheten der
Effizienz", der Firma McKinsey 179 000 Beraterstunden mit je 300 Euro bezahlt.
Rolf Hochhut, aus:
www.brandenburgertheater.de
2004-01-28
Noch vor dem Rausschmiss von Florian Gerster erschien in der FR vom 19. Januar 2004
dieser Artikel von Harry Nutt. Vielleicht ein wenig zu positiv, aber da werden die kritischen
KollegenInnen vom Ossietzky schon noch nachlegen...
"In einem seiner berühmte Texte für die FRANKFURTER ZEITUNG widmete sich der
Soziologe Siegfried Kracauer im Juni 1930 dem so genannten Arbeitsnachweis, um die
gesellschaftliche Konstruktion eines Raumes zu dechiffrieren. Im Metallarbeiternachweis
stiess Kracauer dabei auf ein mahnendes Schild mit der Aufschrift: "Arbeitslose, hütet und
schützt allgemeines Eigentum." Erstaunt notiert der Soziologe: "Das Mobiliar im
Versammlungsraum besteht aus Tischen und Bänken, solide rechtwinklige Ware, die
einen derben Puff schon verträgt. Unter die Rubrik allgemeines Eigentum fällt sonst nur
noch der Wandverputz, der in der Tat die dauernde Berührung mit den Massen der
Erwerbslosen nicht gut zu bekommen scheint."
Wer hinter Kracauers dichter Beschreibung von 1930 mühelos einen beliebigen Flur eines
Arbeitsamtes von heute erkannte, dem mussten die Bemühungen, die Bundesanstalt für
Arbeit in eine Bundesagentur umzubauen, unbedingt einleuchten. Der Verwaltung der
Arbeitslosigkeit lag nicht nur ein Vermittlungs-, sondern ein Stilproblem zu Grunde. Die
soziale Lage des Übergangs, die Arbeitslosigkeit formal zuerkannt wird, trat dem
Arbeitslosen in der gedehnten Wartezeit auf langen Amtsfluren als Vorwurf und Stillstand
entgegen. Den Arbeitslosen verdächtigte man zudem einer Haltung, sich in einem Zustand
allzu bequem eingerichtet zu haben.
Dass der zum ersten Manager der Arbeitslosen bestellte Florian Gerster die symbolische
Dimension seines Jobs erkannt hatte, signalisierte er gleich bei seinen ersten Auftritten.
Strahlte sein Vorgänger Jagoda treue Behäbigkeit aus, so wirkt Gerster stets alert, fast ein
wenig hyperaktiv. Man war geneigt, das positiv zu lesen, denn das Schlimmste, was den
von Kracauer beschriebenen Ort mit bedrückender Genauigkeit ausmacht, ist ja seine
steinerne Geduld.
Betrachtet man die Auseinandersetzungen um Gersters Führungs- und Geldstil, so stellt
sich nun ganz unironisch die Frage: War er gut beraten? Alles blickt auf eine
personalisierten Skandal, der das Beratungsgewerbe, das ja mit beachtlichen Geldwerten
bedacht wird, weitgehend ausblendet. Sieht man einmal von Gerster und seiner
Bundesagentur für Arbeit ab, so muss angesichts branchenübergreifender Krisen die
Frage nach Sinn und Struktur von Wirtschaftsberatung gestellt werden. Was also ist, was
kann Wirtschaftsberatung?
Die weitgehende Akzeptanz von Beratungsagenturen basiert auf der Erkenntnis, dass
solides Handwerk und umsichtiges kaufmännisches Handeln allein noch keinen
geschäftlichen Erfolg garantieren. Beratung ist gewissermassen das Medium, in dem
ökonomischer Erfolg unter anderen Vorzeichen auch als potenzielles Misslingen gedeutet
werden kann. Trat Beratung zunächst auf den Plan, wenn das Ineinandergreifen von
Produzieren und Verkaufen ins Stocken geriet, so hat sie sich heute als Gewerbe etabliert,
das seinen Bedarf gerade dann plausibel machen muss, wenn es flutscht. Die Erzeugung
und Stabilisierung des eigenen Bedarfs stellt das Beratungsgewerbe permanent vor eine
intellektuelle Herausforderung, wie sie sonst wohl nur die Klasse der Intellektuellen selbst
kennt. Dabei haben sich die Berater nie ganz lösen können von dem stets mahnenden
Gefühl des gesunden Menschenverstands, dass man sie, wenn es läuft, nicht braucht, und
dass sie, wenn es nicht laufen will, kaum etwas tun können.
Als immaterielles, wissenbasiertes Gut ist Beratung so gesehen eine kulturelle Ressource,
die mit Antizipationsvermögen auf eine psychologische Nullstellung aus ist. So sehr sich
die Berater mit allerhand Technik und nach neuesten Designregeln ausstaffieren,
operieren sie insgeheim doch eher mit archaisch anmutenden Begriffen wie Respekt,
Würde und Ehre. Jenseits kurzfristiger Bilanzen stellt wirtschaftlicher Erfolg, wenn er auf
Dauer gestellt werden soll, immer wieder aufs Neue die Stilfrage. Auf dem Weg in die
Krise, das wusste schon Kracauer bis ins Details aufzuspüren, droht der Stil als Erstes auf
der Strecke zu bleiben. "Um ganz davon abzusehen", schrieb Kracauer, "dass der
Örtlichkeit in diesen Zeiten der Stagnation das Ziel fehlt: es fehlt ihr vor allem der Glanz."
Es ist so gesehen von allgemeinem, ja kulturellem Interesse, ob es Gerster und der
Bundesregierung gelingen wird, den Beratungsaufwand für die Bundesagentur für Arbeit
nicht nur durchzusetzen, sondern ihn auch zu legitimieren. Eine Gesellschaft, die bereit ist,
in Stil zu investieren, gäbe zu erkennen, dass sie auf Risikopräferenz und
Wechselkompetenz setzt, um sich in eine Lage zu bringen, drohenden sozialen Wandel
künftig eher spielerisch als tragisch zu bewältigen. Und selbst die sich in prekärer Situation
befindlichen Berater, die noch im Moment ihrer gesellschaftlichen Durchsetzung unter dem
Verdacht der Kulturlosigkeit litten, dürfen auf Unterstützung hoffen. Schon jetzt wird man in
Berliner Cafés den Eindruck nicht los, dass bereits eine Kampagne nach allen Regeln der
Kunst mit massenhaft freigesetzten Kulturarbeitern im Anrollen ist."
Harry Nutt, War Gerster gut beraten? Stil und Kultur eines Gewerbes. In: Frankfurter
Rundschau 19. Januar 2004
"Mehammed Sayid as-Sahaf hat einen späten, aber nachhaltigen linguistischen Sieg
errungen. Der Mann war Saddam Husseins letzter Informationsminister, der grosse Siege
noch verkündete, als Saddam Husseins Soldaten längst die Flinten ins Korn geworfen
hatten, wenn denn das Getreide reif gewesen wäre. Er ist seitdem in Fachkreisen als Ali
der Komische bekannt.
Ali der Komische siegte in Etappen. Zuerst über seinen Dolmetscher, Ali al-Chatib. Der
musste improvisieren, als der Minister die bewaffneten Eindringlinge "Uludsch" nannte.
Das Wort kannte er nicht, es muss eine sehr alte klassisch-arabische Vokabel sein. Der
Dolmetscher begriff aber sofort, was gemeint war - so schwer war's nun wieder nicht -, und
übersetzte: "Die Feinde."
Das war vornehm umschrieben, wie sich jetzt herausstellt, da die Amerikaner, wo immer
sie auftauchen, mit "Uludsch" bezeichnet werden. Dies hat eine Korrespondentin der
Knight-Rider-Zeitungskette aus den USA herausgefunden. Als gründliche Journalistin ging
sie der Sache nach, auf dem sich anbietenden Weg. Sie fragte nach.
"Die Amerikaner benutzen ja auch Fantasieausdrücke, Desert Storm oder Iron Grip oder
so", antwortete ihr ein Ägypter. "Deshalb haben wir für sie auch einen besonderen Namen,
"Uludsch". Was heisst das noch gleich? Wüstenschwein, nicht war?"
Sie fragte auch al-Chatib, der zuerst mit diesem alten Begriff umgehen musste. Dessen
Recherchen an den Hochschulen ergaben einige andere Versionen. "Esel",
"Riesenmonster mit kleinem Gehirn", "Blutsauger" oder "Hornvieh" zum Beispiel. Nicht
Zuverlässiges, was die Etymologie angeht; aber gesichert ist der aktuelle
Sprachgebrauch.
Wenn eine Patrouille mit ihrem dicken Militärfahrzeug, eine Humvee (übrigens: Was ist ein
Huvee eigentlich?), den zivilen Strassenverkehr links und rechts in die Gemüsestände
abdrängt, weiss man doch, wer den Karren lenkt: ein Uludsch. Wenn ein hoher
Staatsmann mit einem Papp-Puter Thankgsgiving auf dem Airport feiert, so ist klar: Das ist
ein Ober-Uludsch. Wenn wieder mal für ein paar Stunden der Strom ausfällt, ist sicher ein
Uludsch dran schuld. Mit lang gezogenem zweiten U, Uluuudsch.
Nun fand jedoch ein Sprachwissenschaftler der uralten und deshalb besonders
angesehenen Mustansirija-Universität in einem uralten Wörterbuch noch eine selten
gebrauchte Nebenbedeutung der rätselhaften Vokabel. Er musste sehr lachen. "Starker
Mann; guter Kämpfer" stand da.
Wenn das so ist, und wenn die Amerikaner sich auf längere Zeit in Bagdad, Basra, Kirkuk
und Mosul einrichten, dann werden sie vielleicht gar nichts dagegen haben, dass die
meisten Iraker allmählich glauben, in Uludschistan zu leben."
Karl Grobe, Wortführer, in: Frankfurter Rundschau 16. Januar 2004
"...Als ich erstmals von den neuen Ausbauplänen zu einer vierten Startbahn hörte, bin ich
zum Zyniker geworden. Was für mich ganz untypisch ist, denn ich bin eigentlich kein
Zyniker. Aber der Zynismus ist heute mein Schutz gegen dieses Gefühl der Ohnmacht,
das mich jetzt wieder beschlich - wie damals, als wir im Protest gegen den Ausbau
unterlagen. All diese neuen, sprunghaft auftauchenden Planungen - Südbahn, Nordbahn,
jetzt doch die Nordwestbahn - werden ausgespielt wie die Karo-Sieben und das Herz-Ass
in einem Kartenspiel. Ich kann nur zusehen, aber ich kenne die Karten nicht.
Wenn ich diese Planspiele beobachte, muss ich mich an all die Versprechen der
damaligen Verantwortlichen erinnern, die einen abermaligen Ausbau stets abgelehnt
hatten. Daran erinnert sich heute kaum jemand. Es würde ja auch nichts bringen. Im
Nachhinein zeigt sich, dass man solchen Versprechen einfach nicht trauen sollte, da sie
von technischen Entwicklungen jederzeit überrollt werden können.
Die Argumentation der neuen Flughafenleitung ist ebenso grossmannssüchtig, wie die
ihrer Vorgänger......
Ich selbst bin bei alledem heute nur noch ein Beobachter. Ich muss mir vorwerfen lassen,
dass ich meiner Resignation nachgegeben habe. Für mich, aber auch für meine Kinder,
war der Protest gegen die Startbahn ein wesentlicher Einschnitt in unserem Leben. Es ist
immer noch wie eine offene Wunde. Wir trauern darüber, dass dieser "Kampf" verloren
ging, vor allem, wie er verloren ging, dass unsere Vorstellung von Demokratie so
enttäuscht wurde. Wer wie ich und viele andere ganz normale Bürger von Wasserwerfern
getroffen und niedergeknüppelt wurde, dem wurde Ohnmacht gelehrt. Eine Ohnmacht
gegenüber dem Staat - und es war mein Staat, meine Republik.
Nach dem ersten Polizeieinsatz schrieb ich damals an Willy Brandt, den ich lange
bewundert und unterstützt hatte, einen offenen Brief. Ich erzählte ihm, wie viel an
Demokratie hier mit einem Mal zerschlagen worden war, gab die Fragen und die Wut
wieder und kündigte ihm meine "tätige Sympathie" auf, die ich in der sozialdemokratischen
Wählerinitiative fünfzehn Jahre hoffend, wahlkämpfend, zweifelnd durchgehalten hatte.
Das fiel mir schwer, Willy Brandts Politik war mir nachgegangen, sie hatte mich
mitgerissen. Er antwortete. Seine Antwort kam von sehr weit her. Er könne sich nicht in die
Angelegenheiten des Landes Hessen einmischen. Nach dem gemeinsamen politischen
Weg führte Brandt mir nun vor, was die anderen Politiker schon vorgeführt hatten - ein
sich Verschanzen hinter scheinbaren Notwendigkeiten. Das war eine grosse
Enttäuschung.
Ich habe mir schon damals gedacht, dass "offene Briefe" wahrscheinlich wenig Sinn und
wenig Wirkung haben. Aber ich sagte mir: Schreiben ist mein Beruf. Heute würde ich erst
gar keinen mehr schreiben. Warum? Weil ich als Bürger auf der politischen Seite keine
Gesprächspartner mehr habe. Mit wem soll ich mich heute auseinander setzen? Die
Träume der Herren des Fraport reichen weit über den Startbahnrand hinaus. Diese
Träume sind keine politischen Träume, sie erweitern auch nicht die Möglichkeiten meiner
Gedankenwelt. Im Gegenteil, sie schränken sie ein. Und wenn jetzt in der Politik darüber
gesprochen wird, beispielsweise im Stadtrat von Frankfurt, dann höre ich von der SPD nur
schlaffe Floskeln, die Grünen quieken manchmal wenigstens und die CDU ist
ausgeschlankt und stromlinienförmig, wenn es darum geht, dem Fortschritt zu huldigen.
Ich habe den Politikern damals vorgeworfen, dass sie den Interessen der Bürger
gegenüber schrecklich unempfindlich geworden seien. Aber sie waren immerhin nicht
unfähig zur Artikulation. Die Politiker haben sich damals nicht hinter Hülsen und Formeln
verschanzt, sie haben manchmal auch aufgeschrieen und ihre blanke Wut gezeigt - und
das war hilfreich. Wenn die heute ein Mikrofon vor sich sehen, muss in ihrem Gehirn
irgendetwas ausschalten und schnellstens Wörtchen produzieren. Es ist wie im absurden
Theater, Ionesco könnte vor Glück auf dem Rücken liegen und mitschreiben....."
Peter Härtling, aufgezeichnet von Martin Scholz, Der Vergessene Konflikt, in: Frankfurter
Rundschau 17. Januar 2004
Der Romancier und Kinderbuchautor Peter Härtling (Nimbsch oder Der Stillstand, Das war
der Hirbel) war Anfang der 80er Jahre eine der prominentesten Stimmen gegen den Bau
der Startbahn West. Der 70-jährige lebt seit 1967 in Walldorf beim Frankfurter Flughafen.
(FR-Text.)
2004-01-27
"Folgendes ist merkwürdig: Alle, die sich wirtschaftlich mit der Lage der gesetzlichen
Krankenkassen befasst haben, stellen fest, dass es keine Kostenexplosion im
Gesundheitswesen gibt. Zischen 1970 und 1975 habe so etwas einmal stattgefunden: Die
Arztpraxen wurden überkapitalisiert. Jede musste ihr Ultraschall-Gerät haben, das
anschliessend zu amortisieren war. So entstand ein hoher Kostensockel, von dem aus
sich die Ausgaben bis heute nur noch innerhalb der normalen (inzwischen niedrigen)
Inflationsrate erhöhten.
Nicht die angeblich so krassen Aufwendungen der gesetzlichen Krankenkassen sind das
Problem, sondern deren tatsächlich zu geringe Einnahmen. Wegen der schwachen
Beschäftigung werden diejenigen, die Beiträge leisten können, immer weniger. Sollten Ihre
Abgaben ausreichen, um die Rechnungen für die Kranken zu bezahlen, müssten sie
erhöht werden. Damit werden die Abzüge für die Beschäftigten ärgerlicher, und die
Unternehmer klagen über die profitschmälernden Lohnnebenkosten. Abhilfe könnten die
Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und die Einbeziehung aller Einkommen in die
gesetzliche Versicherung bringen.
Mann kann nicht sagen, dass diese Wahrheit totgeschwiegen wird, sie findet sich dann
und wann in der Zeitung. Aber die Mehrzahl der Kommentatoren spricht unverändert von
der Kostenexplosion im Gesundheitswesen, gegen die es nur ein Mittel gebe: Senkung
der Leistungen und private Zuzahlungen.
Ähnlich ist es mit der Rente. Die Arbeitsproduktivität ist so hoch, dass eine immer kleiner
werdende Zahl von Beschäftigten durchaus im Stande wäre, immer mehr Alte zu
ernähren. Aber es wird zu wenig in die Rentenkassen eingezahlt, denn die Arbeitslosigkeit
steigt. Auch hier könnte - neben einer jobfördernden Wirtschaftspolitik, die auf Nachfrage
setzt - eine Verallgemeinerung der Versicherungspflicht helfen. Dann gibt es mehr
Einzahler. Werden die Leistungen von der Beitragshöhe abgekoppelt, entsteht ein Plus,
obwohl es dann ja auch mehr Anspruchsberechtigte gibt.
Auch das wissen im Grund alle. Die zuständige Ministerin aber sagt, die Leistungen
müssten gesenkt erden. Wer mehr wolle, solle sich zusätzlich privat versichern.
Drittes Beispiel: Die Staatsschulden sollen gesenkt werden - gleichzeitig aber auch die
Steuern. Offenkundig geht das nicht. Dennoch wird beides gefordert. Der Kommentator im
Fernsehen verlangt: "Steuern runter". Umfragen bestätigen, dass er eine Mehrheit hinter
sich hat.
Wie kommt dieser Widerspruch zwischen dem empirisch und logisch Unverkennbaren
einerseits und dem Meinungs-Mainstream andererseits zustande?
Die Verbreitung von gesellschaftlichen Ansichten liegt in den Händen eines Oligopols. Es
besteht aus den politischen und medialen Eliten. Beginnen wir mit letzteren.
Die grossen Medien sind entweder gewinnorientierte Unternehmen oder - wenn sie
öffentlich rechtlich sind - konkurrieren mit diesen nach deren Kriterien. Ihre wichtigste
Auftraggeberin ist die werbende Wirtschaft. Senkung der Lohnnebenkosten und der
Steuern liegt in deren Interesse: Der Nettogewinn ist dann grösser.
Wir müssen nicht annehmen, die Journalist(inn)en, die für diese Medien arbeiten, folgten
dem Diktat ihrer Beschäftigten. Deren Interesse bilden zwar die Grenze der inneren
Pressefreiheit, aber die werden kaum einmal berührt. Journalisten der höheren
Einkommensklasse sind heute entweder freie Mitarbeiter(inn)en, oder ihre Gehälter liegen
- wenn sie bei einem einflussreichen Blatt oder Sender fest angestellt sind - oberhalb der
Beitragsbemessungsgrenze. Die öffentlich-rechtlichen sozialen Sicherungssysteme sind
für sie nicht attraktiv. Als Selbständige haben sie von staatlichen Transfers nichts zu
erwarten, Steuern sind für sie deshalb hinausgeworfenes Geld. Auf der anderen Seite der
Verdienstskala im Mediengewerbe stehen die armen Teufel. Sie sind nicht sozialversichert
und haben verständlicherweise nichts für die traditionellen Kassen übrig.
Vielleicht sind sogar die besserverdienenden Meinungsmacher, trotz ihres zum Teil hohen
Einkommens, insofern nicht gut dran, als die soziale Sicherheit, die sie sich mit Hilfe ihrer
Finanzdienstleister zu kaufen suchen, prekär ist - und handelt es sich nur um jene
Phantomangst vor einem letztlich unwahrscheinlichen Absturz. Dies erklärt vielleicht auch
die Aggressivität, mit der sie die Angelegenheiten von Menschengruppen abhandeln,
denen sie nicht angehören: Rentner, Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen,
angeblich anspruchsvolle Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, Lohnabhängige mit - noch
- Kündigungsschutz.
Auch die politischen Eliten sind ausschliesslich Urheber, niemals Objekte der
Kürzungsvorschläge. Der zuweilen zelebrierte demonstrative Verzicht auf
Gehaltserhöhungen für Kabinettsmitglieder ist insofern demagogisch, als diese Menschen
nicht nur von ihren monatlichen Gehältern oder Diäten leben müssen. Wer nämlich nach
wie vor nur einen kleinen Teil seines Einkommens zu konsumieren imstande ist, wird das
Übrige in der einen oder anderen Weise anlegen. Die Vermehrung dieser Mittel folgt den
Gesetzen der Finanzmärkte und ist von öffentlich-rechtlichen Verteilungsmassnahmen
unabhängig.
Es handelt sich also um einen Fall von medialer Fremdbestimmung. Man könnte auch
sagen: Gehirnwäsche."
Georg Fülberth, Gehirnwäsche, in: Ossietzky Nr. 25. 13. Dezember 2003
"...Und die UNO hat im Februar dieses Jahres in ihrem revidierten Bevölkerungsbericht
nachberechnet, dass die Weltbevölkerung bis 2050 nicht, wie früher prognostiziert, auf
knapp zehn Milliarden Menschen anwächst, sondern sich das Wachstum aufgrund der
überall sinkenden Geburtsraten so abschwächt, dass in 50 Jahren auch in 75 Prozent aller
sogenannten Entwicklungsländer die Bevölkerung zu schrumpfen beginnt...."
Manfred Sohn, aus: Kinder, Kinder. In: Ossitzky Nr. 25/2003
"...Kluge Füchse sorgen vor: letztes Jahr hatte er sich "über eine holländische Firma" das
Haus von Chantal Grundig in Baden-Baden beschafft, für elf Millionen Euro. Die Villa hat
900 Quadratmeter Wohnfläche, das Grundstück ist 30 000 Quadratmeter gross und wird
schwer bewacht. Georgien ist während Schewardnades Herrschaft zu einem der ärmsten
Länder Asiens geworden.
Aber noch kommt er nicht, er hat noch andere Eisen in seinem Feuer und andere Villen in
seinem Besitz: "Obwohl ich Deutschland sehr liebe, meine Heimat ist Georgien, und der
bin ich es schuldig, hier zu bleiben."
Naja, was er ihr schuldig ist, lässt sich kaum ausrechnen, ein hübsches Stück davon steht
in Deutschland.
In Baden-Baden gibt es Wetten, dass er doch bald kommt. Schröders Sprecher Bela Anda
hat ihn im Namen der Bundesregierung schon willkommen geheissen: "Er hat sich in
seinen fünf Jahren als sowjetischer Aussenminister grosse Verdienste erworben und die
Wiedervereinigung Deutschlands mit ermöglicht."
Richtig, was sich der "kaukasische Fuchs" (so nennen ihn Landsleute) Anfang Dezember
1989 erworben hat, war sicher mehr wert als eine Grundig-Villa in Baden-Baden. Damals
musste man Schewardnadse mit allen Mitteln von seinem Widerstand gegen Helmut Kohls
Forderung nach einer Kapitulation der Russen vor den bundesdeutschen Ansprüchen auf
den Staat DDR abbringen. Schewardnase tobte: "Nicht einmal Hitler hat sich derartiges
erlaubt." Später setzte er seine Unterschrift unter die Kapitulationsurkunde. Ganz ohne
Gegenleistung? Oder sind damals Millionen geflossen? Wenn es so ist, ist es ein
Staatsgeheimnis. Aber kein Geheimnis ist, dass der arme Feilscher Eduard
Schewardnadse, der nicht einmal die mittlere Reife geschafft hatte, zu einem reichen
Mann geworden ist, einem sehr reichen.
Immer war er an Transaktionen beteiligt, die nach schwarzem Geld stinken: Als
sowjetischer Aussenminister schenkte er dem US-amerikanischen Aussenminister James
Baker 50 000 Quadratkilometer Land am Ochotskischen Meer - ohne offizielle USGegenleistungen. Der Moskauer Generalstaatsanwalt wurde vom Parlament beauftragt,
gegen Schewardnadse ein Verfahren wegen Amtsmissbrauchs einzuleiten - nichts
geschah. In seiner Zeit als georgischer Präsident versorgte er amerikanische Ölfirmen mit
Lizenzen zum Bau einer Pipeline quer durchs Land zur Türkei - fliesst da nur Öl oder auch
Geld? Das wohlhabende Georgien versank in Schulden, das Durchschnittseinkommen fiel
auf zwölf Euro im Monat, die Rente auf sieben.
Wer immer ihn gestürzt hat, weil man ihn nicht mehr brauchte, die Amerikaner, die
Russen, die Mafia, natürlich das eigene Volk, der arme Mann aus dem Kaukasus geht als
Krösus aus dem Land.
Und wird in Deutschland begrüsst wie ein alter Verbündeter. Matthias Wissmann, der
Ludwigsburger CDU-Abgeordnete und frühere Bundesverkehrsminister, erklärte:
"Politische Treue beweist sich dann, wenn ein alter Freund am Boden liegt."
Wie heissen sie noch, die früheren afrikanischen Präsidenten und Diktatoren, die von
ihren goldenen Thronen in ihre französischen Schlösser flüchteten?"
Günther Scharber, Wie ein alter Freund am Boden liegt, in: Ossietzky Nr. 25/2003
"...Bloch: "Das Proletariat wird verringert, der Rest zu Fellachen eingeschüchtert ... bei
totalem Sieg mit allen Konsequenzen, doch ohne Sozialismus steht die Welt, in einigen
zwanzig Jahren, zum dritten Mal an gleicher Stelle." Das scharfsichtige Wort von 1943
entfaltet erst sechzig Jahre später im globalen Neokolonialismus imperialer
Kapitalzentralen seine volle Bedeutung. 1939 hatte Bloch in einem Vortrag über "Die
Wurzeln des Nazismus noch gefragt: "Wie gelingt es, ein Lump zu werden?".
Es ist an der Zeit, die drei Bände seines Hauptwerks bis zum Ende durchzulesen, und ein
paar andere Bücher noch dazu. Inzwischen hat der Faschismus sein Gesicht gewechselt,
nicht seinen Charakter. Jedenfalls braucht sich kein Genosse, ob in Ost oder West, für
seine antifaschistische Vergangenheit zu entschuldigen. Es sei denn, er hielt sie für einen
Fehler. Der Untergang des zweiten deutschen Staates darf uns nicht vergessen lassen,
wie hoffnungsfroh Brecht, Bloch, Kantorowicz, Eisler aus den USA in die DDR eingereist
waren, nachdem ihnen McCarthy samt Konsorten das Exil nachdrücklich verleitet hatten.
Im Wunschland DDR aber herrschte wie in der UDSSR jener Stalin, der mit der linken
Faust die Wehrmacht aus Russland hinausgeprügelt hatte und mit der rechten Faust die
eigenen Genossen zu erschlagen beliebte..."
Ingrid und Gerhard Zwerrenz, aus: Linke Analphabeten rechts gewendet. In: Ossitzky Nr.
25/2003
"....Die Stärke dieser Arbeit liegt nicht in unmittelbarer Anschauung, sondern in gründlicher
Sammlung und Auswertung gedruckter Informationen. Mehr als die meisten bisher
vorliegenden Bücher über die NATO-Militärintervention geht dieses auf die Frage ein, was
mit der Absicht gemeint war, "Demokratie und Marktwirtschaft" zu etablieren, und was
daraus geworden ist: Fremdbestimmung. Die Wirtschaft des Landes, vor allem in Serbien,
ist weitgehend zerstört, die Beschäftigten sind entrechtet, das Volk ist beraubt,
ausländischen Mächten - wirtschaftlichen und politischen - wehrlos ausgeliefert.
Bezeichnend dafür ist, dass die beiden grossen Zeitungen in Belgrad jetzt deutschen
Medienkonzernen gehören.
Der in Den Haag angeklagte frühere jugoslawische Staatspräsident Slobodan Milosevic,
dem sich in bisher 200 Verhandlungstagen kein Kriegsverbrechen nachweisen lassen,
sagte, die Bombardierung Jugoslawiens sei "die Rache für die Politik der Unabhängigkeit"
gewesen, für die Jugoslawien gestanden habe. US-Regierungsvertreter sagten es ähnlich:
Es sei darum gegangen, die "Region" unter "Kontrolle" zur bringen - durch Revision der
Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges, "als Eisenhower es unterliess, dort Bodentruppen zu
stationieren."
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer, der dieses Zitat übermittelte, war als
deutscher Vertreter in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(KSZE) besonders sensibilisiert und informiert. Er schrieb das Vorwort für dieses Buch,
worin er beklagt: "Eine Autobahnstrecke, die neu gebaut werden soll, ruft mehr
Diskussionen in der Öffentlichkeit hervor als ein Krieg."
Eckars Spoo, Erinerung an einen Krieg. In: Ossietzky Nr. 25/2003
über:
Cathrin Schütz: "Die NATO-Intervention in Jugoslawien - Hintergründe, Nebenwirkungen
und Folgen"
Wilhelm Braumüller Universitätsverlag Wien, 178 Seiten, 32,90 Euro.
www.sopos.org/ossietzky
und www.linksnet.de
2004-01-26
Happy Birthday, Daggi. 60, ein schönes Alter für eine so schöne und kluge und liebe Frau
wie Dich. Dir alle Liebe und Weisheit. Und Gesundheit und Glück.
Bisher zuckte mein Hand an der TV-Fernbedienung, wenn der Fraktionsvorsitzende der
deutschen Christdemokraten im Bundestag, Friedrich Merz, auftauchte. Seine
neoliberalen Lebenssichten erschienen mir unerträglich und oft verlängerte sich seine
Nase so, wie die von Pinocchio. Nur einmal, als er gerade von der Fraktion und Frau
Merkel abgewatscht wurde, da wurde er plötzlich locker und charmant. Und jetzt erfahre
ich vom kritischen FR-Journalisten Thomas Kröter (in FR 21. Januar), dass er ein DoorsFan ist. Hut ab, Herr Merz.
"..Bei anderer Leute Texten, zumal solchen, denen er sich nahe fühlt, hat Merz bisher
schon mal fünfe grade sein lassen. So gab er im Dezember 2000 ein Interview über seine
angeblich wilde Jugend in Brilon mit Moped und langen Haaren. Dabei tat er auch seine
Vorliebe für die düstere Rockgruppe "The Doors" kund. Angesprochen auf Passagen aus
dem Song "The End", die lauten. "Vater, ich will dich töten..., Mutter, ich will Dich....",
meinte der hauptamtliche Steuerexperte: "Mir gefällt die Musik, ich muss ja nicht jede
Textzeile analysieren." Nur: Doors-Frontmann Jimmy Morrison hat gesungen. Die Elogen
von Grossvater Josef auf Adolf Hitler sind im Archiv der Heimatzeitung ganz unmelodiös
überliefert."
Ach jechen, wie billig, dem Herrn Merz die Liebe zu den Doors vorzuwerfen. Und welcher
Sohn hätte sich nicht schon mal vorgestellt, den eigenen Vater zu töten und die eigene
Mutter zu ficken? Das kann Herr Kröter gerne bei Freud, Sigmund, Ges. Werke
nachschlagen, bei Ödipus-Komplex. Von mir aus auch in der populäreren Version von
Loriot bei Ödipussi. Dass die Doors eine düstere Band sind, sorry, das höre ich zum
ersten Mal und mit der Front (der Amis in Vietnam, zum Beispiel) hatte Jim (und Jimmy
ging zum Regenbogen, oder wie?) sehr wenig zu tun. Ja, da hat mich einer auf dem
falschen Fuss erwischt, über "meine" Doors lass ich nichts kommen. Also, Merzens
Friedrich: Willkommen im Club.
Für Thomas Kröter als Strafe: alle Aufnahmen der Doors anhören und eine FR-Kritik
verfassen. Abtreten, sex.
Was mir einen wunderschönen Übergang schafft zu Robert Burns.
"Ein Grosser auch er: der schottische Nationaldichter Robert Burns (1749-1796). Seine
Gedichte und Lieder, zumeist im Dialekt geschrieben, sind höllisch schwer zu übersetzen.
Aus Burn's schwungvoller Jakobiner-Fanfare FOR A' THAT AND A'THAT machte
Ferdinant Freiligrath 1843 sehr, sehr frei das berühmte TROTZ ALLEDEM! Jetzt hat sich
der Schottland-Liebhaber Heiko Postman an Burns gewagt. In seiner zweisprachigen
Auswahl, in der wir auch viel über das Leben des temperamentvollen Dichters erfahren,
finden sich etwa sechzig Texte - darunter recht Fröhliches: "Doch Schluss mit den Plagen
und neumodischen Sagen,
Ein Trinkspruch wär' denk ich, jetzt schick:
Auf Georg, den König und Lotte, die Queen,
Und beiden noch manch guten Fick!"
Benedikt Ernez, in: ZEIT Nr. 5, 22. Januar 2004
Heiko Postman: "Mit Whisky trotzen wir dem Satan".
Leben und Lieder des schottischen Barden Robert Burns,
Revonnah Verlag Hannover 2003
351 Seiten, 21 Euro.
Es wurde etliches über sie und ihre Worte auf dem Weltsozialforum in Bombay
geschrieben, von unverantwortlichem Aufruf zu Gewalt war die Rede. Attac distanzierte
sich.
Leider fand ich bis heute noch nicht die ganze Rede der indischen Schriftstellerin
Arundatja Roy. Auch die Berliner Tageszeitung Junge Welt war nicht in der Lage, die
ganze Rede ihren Lesern zu gönnen (was gehen die Berliner Antiglobalisierer auch die
regionalen Probleme von ein paar indischen Bauern an...). Also hier, die gekürzte Version.
Hoffentlich bald die vollständige:
Feiertagsproteste stoppen keine Kriege
Der neue Imperialismus ist bereits über uns gekommen.
Rede der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy auf dem 4. Weltsozialforum in Mumbai
Im Januar vorigen Jahres versammelten sich Tausende von uns aus der ganzen Welt im
brasilianischen Porto Alegre und erklärten: "Eine andere Welt ist möglich." Ein paar
tausend Meilen weiter nördlich dachten in Washington George Bush und seine Berater
das gleiche. Unser Projekt war das Weltsozialforum. Ihr Ziel war es, das voranzubringen,
was viele "Das Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert" nennen.
In grossen Städten Europas und Amerikas, wo solche Dinge noch vor ein paar Jahren nur
geflüstert worden wären, sprechen Menschen nun offen von den guten Seiten des
Imperialismus und von der Notwendigkeit eines starken Imperiums, um eine aufsässige
Welt zu überwachen. Die neuen Missionare wollen Ordnung auf Kosten von Gerechtigkeit.
Disziplin auf Kosten von Würde. Und Überlegenheit um jeden Preis. Gelegentlich werden
einige von uns eingeladen, das Problem auf "neutralen Plattformen zu debattieren", die
von Medienkonzernen gestellt werden. Imperialismus debattieren ist ein bisschen wie das
Für und Wider von Vergewaltigung abzuwägen. Was können wir dazu sagen? Dass wir so
was wirklich vermissen?
Im Krieg gegen den Terror wird Armut mit Terrorismus vermischt.
Jedenfalls ist neuer Imperialismus bereits über uns gekommen. Es ist eine remodellierte,
modernisierte Fassung dessen, was wir einst kannten. Erstmals in der Geschichte hat ein
einziges Imperium mit einem Waffenarsenal, das die Welt an einem Nachmittag
auslöschen kann, komplette, unipolare wirtschaftliche und militärische Hegemonie. Es
wendet verschiedene Waffen an, um unterschiedliche Märkte aufzubrechen. Es gibt kein
Land auf Gottes Erden, das sich nicht im Fadenkreuz amerikanischer Marschflugkörper
und IWF-Scheckbücher befindet. Argentinien ist das Modell für die Titelfigur des
neoliberalen Kapitalismus, Irak hingegen das schwarze Schaf.
Arme Länder, die geopolitisch von strategischem Wert für das Imperium sind oder einen
"Markt" haben, der privatisiert werden kann, oder um Gottes Willen wertvolle natürliche
Ressourcen wie Öl, Gold, Diamanten, Kobalt, Kohle besitzen, müssen sich wie
angeordnet verhalten, oder sie werden zu militärischen Zielen. Jene mit den größten
natürlichen Reichtümern sind am meisten gefährdet. Sollten sie nicht bereitwillig ihre
Ressourcen der Konzernmaschinerie ausliefern, werden zivile Unruhen initiiert oder Kriege
vom Zaun gebrochen. In diesem neuen Zeitalter des Imperiums, da nichts mehr so ist wie
es scheint, dürfen Manager interessierter Companys aussenpolitische Entscheidungen
beeinflussen. Das Zentrum für Öffentliche Integrität in Washington fand heraus, dass neun
von 30 Mitgliedern des Ausschusses für Verteidigungspolitik der US-Regierung mit
Unternehmen verbandelt waren, denen zwischen 2001 und 2002 Aufträge im
Verteidigungssektor in Höhe von 76 Milliarden Dollar zugeschanzt wurden.
George Shultz, der frühere US-Aussenminister, war Vorsitzender des Komitees für die
Befreiung Iraks. Er sitzt auch im Aufsichtsrat der Bechtel-Gruppe. Über einen
Interessenkonflikt im Kriegsfall gegen Irak befragt, sagte er: "Ich weiss nicht, ob Bechtel
daraus besonderen Nutzen ziehen würde. Aber wenn dort Arbeit verrichtet werden muss,
dann ist Bechtel der Firmentyp, der das machen könnte. Aber niemand betrachtet das als
etwas, von dem man profitiert." Nach dem Krieg schloss Bechtel einen Vertrag über 680
Millionen Dollar für die Rekonstruktion im Irak ab.
Diese brutale Blaupause ist immer wieder verwendet worden - quer durch Lateinamerika,
Afrika, Mittel- und Südostasien. Das hat Millionen Menschenleben gekostet. Natürlich wird
jeder Krieg des Imperiums zum gerechten Krieg erklärt. Das hängt zum grossen Teil von
der Rolle der Medienkonzerne ab. Es ist wichtig zu verstehen, dass Medienkonzerne nicht
lediglich das neoliberale Projekt unterstützen. Sie sind das neoliberale Projekt. Das ist
keine moralische Position, die sie sich ausgewählt haben, sondern strukturell bedingt. Es
ist wesentlich für die Ökonomien, wie die Massenmedien arbeiten. Viele Nationen haben ähnlich wie Familien - entsetzliche Geheimnisse. Deshalb haben es die Medien oft gar
nicht nötig zu lügen. Was betont und was weggelassen wird, zählt.
Nehmen wir zum Beispiel an, Indien wäre als Ziel für einen gerechten Krieg ausgewählt
worden. Der Fakt, dass 80 000 Menschen seit 1989 in Kaschmir getötet worden sind, die
meisten von ihnen Muslime, und die meisten von ihnen durch indische Sicherheitskräfte
(was einen Jahresdurchschnitt von ungefähr 6 000 ergibt); der Fakt, dass im März 2003
über 2000 Muslime auf den Strassen in Gujarat ermordet, dass Frauen von Gruppen
vergewaltigt und Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt und 150 000 Menschen aus ihren
Heimen vertrieben wurden, während die Polizei und die Administration zuschauten und
sich mitunter aktiv beteiligten; der Fakt, dass niemand für diese Verbrechen bestraft und
die Regierung, die das überblickte, wieder gewählt wurde - all das würde perfekte
Schlagzeilen liefern für internationale Zeitungen im Zulauf auf einen Krieg. Weiter wissen
wir, dass unsere Städte von Marschflugkörpern dem Erdboden gleichgemacht würden,
unsere Dörfer mit Stacheldraht umzäunt, US-Soldaten durch unsere Strassen
patrouillieren würden und Narendra Modi, Pravin Togadia oder irgendein anderer
populärer Eiferer zu besten TV-Sendezeiten sich - wie Saddam Hussein im USGewahrsam - ihr Haar nach Laeusen durchsuchen und ihre Zahnfüllungen überprüfen
lassen müssten.
Aber solange unsere "Märkte" offen sind, solange Enron, Bechtel, Halliburton, Arthur
Andersen freie Hand gelassen wird, koennen unsere "demokratisch gewählten" Führer
sorglos die Linien zwischen Demokratie und Faschismus verwischen. Die feige
Bereitschaft unserer Regierung, die stolze Tradition der Blockfreiheit aufzugeben, ihr
Drang an die Spitze der komplett Gebundenen (die Modephrase lautet "natürliche
Verbündete", zu denen Indien, Israel und die USA zählen) haben ihr Beinfreiheit gegeben,
sich in ein repressives Regime zu verwandeln ohne Verlust ihrer Legitimität. Die Opfer
einer Regierung sind nicht nur jene, die sie tötet und einkerkert. Auch jene müssen zu
ihnen gerechnet werden, die enteignet, vertrieben und zu einem Leben in Hunger und
Entbehrung verurteilt sind. Millionen Menschen sind durch "Entwicklungsprojekte"
enteignet worden. In den vergangenen 55 Jahren haben in Indien durch Großdämme
zwischen 33 und 55 Millionen Buerger ihre Siedlungsgebiete verloren. Sie haben keine
Chance auf Gerechtigkeit.
In den letzten beiden Jahren gab es eine Serie von Zwischenfällen, bei denen die Polizei
das Feuer auf friedlich Protestierende, meistens Dalits und Adivasi, eröffnete. Die Armen
und besonders die Dalits und Adivasi-Gemeinschaften werden getötet, weil sie Forstland
nutzen, und sie werden getötet, wenn sie die Nutzung von Forstland für Dämme, den
Bergbau, Stahlwerke und andere "Entwicklungsprojekte" zu verhindern suchen. In nahezu
jedem Fall, in dem die Polizei schoss, behauptete die Regierung, die Polizei sei durch
Gewaltakte provoziert worden. Jene, auf die geschossen wurde, werden sofort als
Militante abgestempelt.
Quer durchs Land hat man unschuldige Menschen, inklusive Minderjährige, nach dem
Gesetz zur Verhinderung von Terrorismus eingesperrt und hält sie ohne Prozess endlos
fest. In der Ära des Krieges gegen Terror wird Armut hinterhältig mit Terrorismus
vermischt. In der Ära von korporativer Globalisierung ist Armut ein Verbrechen. Protest
gegen weitere Verarmung ist Terrorismus. Und nun sagt unser höchstes Gericht sogar,
streiken ist ein Verbrechen. Kritik an den Gerichten ist selbstverständlich auch ein
Verbrechen.
Wie der alte Imperialismus beruht auch der neue Imperialismus auf einem Netzwerk von
Agenten, korrupten lokalen Eliten, die dem Imperium dienen. Wir alle kennen die schlimme
Geschichte von Enron in Indien. Die damalige Regierung von Maharashtra schloss ein
Abkommen über Stromlieferungen, die Enron Profite sicherten, die 60 Prozent des
gesamten indischen Budgets für die landwirtschaftliche Entwicklung ausmachten. Einer
einzigen amerikanischen Company wurde ein Profit garantiert im Äquivalent von Fonds
zur Entwicklung der Infrastruktur für etwa 500 Millionen Menschen!
Cancun lehrte uns, internationale Allianzen zu schmieden.
Anders als zu alten Zeiten muss der neue Imperialist sich nicht durch die Tropen
schleppen, Malaria, Durchfälle und einen frühen Tod riskierend. Neuer Imperialismus kann
über E-Mail ausgeführt werden. Die vulgären, klassischen Rassisten des alten
Imperialismus sind überholt. Der Eckstein des neuen Imperialismus ist neuer Rassismus.
(Hier folgt eine ausführliche Passage, in der Arundhati Roy ironisch Truthähne, die nicht
zum US-Erntedankfest auf dem Festtisch landen, mit den neuen, "sorgfältig gezüchteten
Truthähnen, den lokalen Eliten verschiedener Länder, einer Gemeinschaft reicher
Immigranten, Investment-Bankern, Leuten wie Colin Powell oder Condoleezza Rice,
einigen Sängern und Schriftstellern", vergleicht, die sie unter Begünstigte im neuen
Rassismus eingruppiert. "Die Millionen anderen verlieren ihre Jobs, werden aus ihren
Wohnungen geworfen, bekommen Wasser und Strom abgedreht und sterben an AIDS",
sagt sie in diesem Kapitel.)
Teil des Projekts neuer Rassismus ist neuer Genozid. In dieser Ära neuer wirtschaftlicher
Interdependenz kann neuer Genozid durch ökonomische Sanktionen gefördert werden.
Das heisst, Bedingungen zu schaffen, die zum Massensterben führen, ohne dass man
Menschen direkt töten muss. Dennis Halliday, von 1997 bis 1998 UN-Koordinator für
humanitäre Angelegenheiten in Irak (danach trat er angeekelt zurück), verwendete den
Begriff Völkermord, um die Sanktionen gegen Irak zu beschreiben. Die Sanktionen, denen
eine halbe Million Kinder zum Opfer fielen, stellten alle Bemühungen Saddam Husseins
noch in den Schatten. In der neuen Ära ist Apartheid als formelle Politik antiquiert und
unnötig.
Internationale Instrumente von Handel und Finanz steuern ein komplexes System von
Handelsgesetzen und Finanzabkommen, die die Armen ohnehin in ihren Bantustans
festhalten. Ihr ganzer Zweck besteht darin, Ungleichheit zu institutionalisieren. Warum
sonst würden die USA das Produkt eines Textilherstellers in Bangladesch zwanzigmal
höher besteuern als eins made in Grossbritannien? Warum sonst produzieren Länder mit
90 Prozent des Weltkakaoanbaus nur fünf Prozent der Schokolade in der Welt? Warum
sonst werden Kakao anbauende Länder wie die Elfenbeinküste und Ghana mit
Besteuerung vom Markt gedrängt, wenn sie versuchen, ihren Rohkakao in Schokolade zu
veredeln? Warum sonst fordern reiche Länder, die täglich über eine Milliarde Dollar für
Agrarzuschüsse ausgeben, dass arme Länder wie Indien alle Agrarsubventionen,
einschliesslich der für Elektrizität, abbauen? Warum sonst stecken ehemalige Kolonien,
die über mehr als ein Jahrhundert lang von den Kolonialregimes ausgeplündert wurden, in
der Schuldenfalle genau dieser Regimes und zahlen ihnen 382 Milliarden Dollar pro Jahr
zurück?
Aus all diesen Gründen war die Entgleisung der Handelsabkommen in Cancun so
entscheidend für uns. Auch wenn unsere Regierungen versuchen, sich damit zu rühmen,
wissen wir doch, dass dies das Resultat des Kampfes von vielen Millionen Menschen in
sehr vielen Ländern über Jahre hinweg war. Was uns Cancun lehrte ist, dass, um
wirklichen Schaden anzurichten und radikalen Wandel zu erzwingen, es für lokale
Widerstandorganisationen von vitaler Bedeutung ist, internationale Allianzen zu
schmieden. Von Cancun lernten wir die Bedeutung globalisierten Widerstands.
Keine einzelne Nation kann sich dem Projekt der korporativen Globalisierung aus eigener
Kraft widersetzen. Immer wieder haben wir erlebt, dass die Helden unserer Zeit
schrumpfen, wenn es um das neoliberale Projekt geht. Außergewöhnliche, charismatische
Männer, Giganten in Opposition, werden machtlos auf der globalen Bühne, wenn sie
Staatsoberhäupter werden. Ich denke hier an Präsident Lula von Brasilien. Lula war der
Held des Weltsozialforums letztes Jahr. In diesem Jahr verwirklicht er eifrig die IWFRichtlinien, reduziert Renten und entschlackt seine Arbeiterpartei von Radikalen. Ich
denke auch an Südafrikas Expräsidenten Nelson Mandela. Innerhalb von zwei Jahren
nach seinem Machtantritt machte seine Regierung einen Kniefall vor dem Gott der
Marktwirtschaft. Sie führte ein massives Programm von Privatisierung und strukturellen
Anpassungen ein, das Millionen Menschen ohne Heim, arbeitslos, ohne Wasser und
Elektrizität hinterlässt.
Warum passiert das? Es macht wenig Sinn, sich an die Brust zu klopfen und betrogen zu
fühlen. Lula und Mandela sind in jeder Beziehung grossartige Menschen. Aber im
Moment, da sie von der Opposition ins Regierungslager wechselten, wurden sie zu
Geiseln eines ganzen Spektrums von Bedrohungen, die übelste davon die Drohung mit
Kapitalflucht, die jede Regierung über Nacht zu Fall bringen kann. Anzunehmen, dass das
persönliche Charisma und ein kampferfüllter Lebenslauf das korporative Kartell anknackst,
bedeutet nicht zu verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert oder wie Macht ausgeübt
wird. Radikaler Wandel wird nicht durch Regierungen ausgehandelt, er kann nur durch
Menschen erzwungen werden.
Wir müssen unsere Strategie des Widerstands diskutieren.
In dieser Woche werden auf dem Weltsozialforum einige der besten Köpfe der Welt Ideen
darüber austauschen, was um uns herum geschieht. Diese Konversationen schärfen
unsere Vision über die Art von Welt, für die wir kämpfen. Das ist ein vitaler Prozess, der
nicht untergraben werden darf.
Dennoch besteht das Risiko, wenn auf Kosten wirklicher Aktion alle unsere Energien auf
diesen Prozess gerichtet werden, dass das WSF, das eine entscheidende Rolle in der
Bewegung für globale Gerechtigkeit gespielt hat, zu einem Guthaben unserer Feinde wird.
Wir müssen dringend unsere Strategien des Widerstands diskutieren. Wir müssen reale
Ziele ins Visier nehmen und wirklichen Schaden anrichten. Gandhis Salzmarsch war nicht
lediglich politisches Theater. Als in einem simplen Akt von Ungehorsam Tausende Inder
zum Meer marschierten und dort ihr Salz gewannen, brachen sie das Gesetz der
Salzsteuer. Das war ein direkter Schlag gegen den ökonomischen Unterbau des britischen
Empires. Er war real. Während unsere Bewegung einige wichtige Siege errungen hat,
dürfen wir gewaltlosen Widerstand nicht zu ineffektivem, wohlgefälligem politischen
Theater verkümmern lassen. Er ist eine sehr kostbare Waffe, die ständig geschärft und
justiert werden muss. Es darf nicht erlaubt werden, dass sie lediglich zum Spektakel, zu
einer Fotomöglichkeit für die Medien wird.
Es war herrlich, als am 15. Februar vorigen Jahres zehn Millionen Menschen auf einer
eindrucksvollen Demonstration öffentlicher Moral, zehn Millionen Menschen auf fünf
Kontinenten gegen den Krieg in Irak marschierten. Es war wunderbar, aber es war nicht
genug. Der 15. Februar war ein Wochenende. Niemand musste einen Arbeitstag
verpassen. Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. George Bush weiss das. Die
Selbstsicherheit, mit dem er die überwältigende öffentliche Meinung missachtete, sollte
uns allen eine Lehre sein. Bush glaubt, Irak kann okkupiert und kolonisiert werden, wie es
mit Afghanistan geschieht, mit Tibet geschieht, mit Tschetschenien geschieht, wie es in
Osttimor der Fall war und in Palästina noch der Fall ist. Er glaubt, dass alles, was er zu tun
hat, ist, sich hinzuhocken und zu warten, bis die über Krisen berichtenden Medien, die
dieses Thema bis auf die Knochen ausgeschlachtet haben, es fallen lassen und
weiterziehen. Bald wird der Kadaver von den Bestseller-Charts rutschen, und wir, alle
Empörten werden das Interesse daran verlieren. So jedenfalls hofft er.
Diese unsere Bewegung braucht einen grossen, globalen Erfolg. Es ist nicht gut genug,
Recht zu haben. Manchmal ist es wichtig, etwas zu gewinnen, wenn auch nur, um unsere
Entschlossenheit zu testen. Um etwas zu gewinnen, müssen wir - alle, die sich hier und
dort drüben bei Mumbai Resistance versammelt haben - in etwas übereinstimmen: dass
es nicht eine überlappende, vorherbestimmte Ideologie braucht, in die wir unsere
geschätzten, aufrührerischen argumentativen Selbsts hineinzwängen. Es bedarf keines
bedingungslosen Untertanengehorsams gegenüber der einen oder anderen Form von
Widerstand, um alles andere auzuschliessen. Es könnte eine Minimalagenda sein.
Lasst uns den Blick auf Irak werfen.
Wenn alle von uns wirklich gegen Imperialismus und gegen das Projekt des
Neoliberalismus sind, dann lasst uns den Blick auf Irak werfen. Irak ist die unvermeidliche
Kulmination von beidem. Zahlreiche Kriegsgegner haben sich seit der Gefangennahme
Saddam Husseins zurückgezogen. Ist die Welt nicht besser ohne Saddam Hussein?
fragen sie ängstlich.
Schauen wir der Sache ein für allemal ins Auge. Der Gefangennahme Saddam Husseins
durch die US-Army zu applaudieren und deshalb im nachhinein ihre Invasion und
Okkupation Iraks zu rechtfertigen, ist wie Jack the Ripper (den Schlächter) anzubeten, weil
er den Boston-Würger ausgeweidet hat. Und das nach einem Vierteljahrhundert
Partnerschaft, in der Schlächter und Würger ein gemeinsames Unternehmen betrieben. Es
war ein innerbetrieblicher Streit. Sie waren Geschäftspartner, die sich wegen eines
schmutzigen Deals entzweiten. Jack war der CEO, der Chief Exekutive Officer.
Wenn wir also gegen den Imperialismus sind, sollten wir dann darin übereinstimmen, dass
wir gegen die US-Okkupation sind und dass wir glauben, dass die USA sich aus Irak
zurückziehen und dem irakischen Volk Reparationen für die Kriegsschäden zahlen
müssen? Wie beginnen wir mit unserem Widerstand? Beginnen wir mit etwas wirklich
Kleinem. Die Frage ist nicht, den Widerstand in Irak gegen die Besatzung zu unterstützen
oder zu debattieren, wer genau zum Widerstand in Irak gehört ( Sind sie alte Baath-Killer?
Sind sie islamische Fundamentalisten?) Wir müssen der globale Widerstand gegen die
Besatzung werden.
Unser Widerstand muss mit der Zurückweisung der Legitimität der US-Okkupation Iraks
beginnen. Das bedeutet Handeln, um es dem Imperium unmöglich zu machen, seine Ziele
zu erreichen. Es bedeutet, Soldaten sollten sich weigern zu kämpfen, Reservisten sich
weigern, eingezogen zu werden. Arbeiter sollten es ablehnen, Schiffe und Flugzeuge mit
Waffen zu beladen. Es bedeutet auch, dass wir in Ländern wie Indien und Pakistan die
Pläne der US-Regierung zum Scheitern bringen müssen, indische und pakistanische
Soldaten zum Saubermachen nach Irak zu schicken.
Ich schlage vor, dass wir auf einer gemeinsamen Abschlusszeremonie von
Weltsozialforum und Mumbai Resistance zwei wichtige Unternehmen auswählen, die von
der Zerstörung Iraks profitieren. Wir könnten jedes Projekt, in das sie involviert sind,
erfassen. Wir könnten ihre Büros in jeder Stadt und in jedem Land der Welt lokalisieren.
Wir könnten sie jagen, zur Schliessung zwingen. Es ist eine Frage, unsere kollektive
Weisheit und Erfahrung aus vergangenen Kämpfen für ein einzelnes Ziel einzubringen. Es
ist eine Frage des Wunsches zu siegen.
Das "Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert" strebt danach, Ungleichheit
fortzusetzen und amerikanische Hegemonie um jeden Preis, selbst wenn er apokalyptisch
ist, zu errichten. Das Weltsozialforum verlangt Gerechtigkeit und Überleben. Aus diesen
Gründen müssen wir uns als im Krieg befindlich betrachten.
* Unser Südasien-Mitarbeiter Hilmar Koenig übersetzte die Rede, wie sie am 18. Januar in
der Zeitung THE HINDU veröffentlicht wurde
Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2004/01-20/003.php
(c) Junge Welt 2004
www.jungewelt.de
2004-01-24
Sonne scheint. Es ist warm genug, um draussen in der Sonne zu sitzen, LETTRE zu lesen
und zu schreiben. Die Nacht war kalt, auf dem Wassergefäss für die Tiere, ein TerracottaTopf den Daggi von Gaby geschenkt bekam, war heute morgen eine ein Zentimeter dicke
Eisschicht.
Naruddin Farah beschreibt in "Somalis ohne Land" (Auszug in Lettre/Herbst 2003
/"Stimmen aus der somalischen Diaspora", Suhrkamp Verlag Frankfurt, 2002) die
Lebensverzweiflungsgeschichte Afrikas.
"Viele Dinge bedeuteten ungeheuer viel, als das Land in Ordnung war. Besitz bedeutete
etwas, Bildung, Zwischenmenschlichkeit, Gemeinsinn, all das hatte grossen Wert. Doch
wenn die schiere Anarchie herrscht, lässt sich Besitz und Zwischenmenschlichkeit, kurz,
dem Wesen von Dingen kein Gewicht mehr zumessen. Weil das Leben nicht mehr
dieselbe Bedeutung wie vor dem Bürgerkrieg hat."
Da muss ich daran denken, wie wertvoll die Arbeit des Arbeitskreis Miteinander ist, die
sich um Flüchtlinge, sogenannte Asylbewerber kümmern.
Und ich denke daran, wie es war, als wir aus Australien 1991 zurückkamen und wie es
war, als wir weggingen.
Es gab nur einen Menschen in Lörrach, der sich richtig freute, dass wir wieder da waren.
Irmtraud Eckert kam freudig ins Lädeli und sagte herzlich "Schön, dass Ihr wieder da
seid!" Alle anderen Reaktionen waren merkwürdig, schwer, vorwurfsbeladen oder
ablehnend. Hans, der Kommunist und Antifaschischt sagte: "Da hast Du jetzt eine Menge
zu tun, beim Wiederaufbau der (grünen) Partei."
Die hatten mich im Vorsommer allerdings schon rausgeschmissen, doch davon wusste ich
im Frühjahr 1991 noch nichts und als ich später zufällig vom Kassierer Uko Uonas davon
erfuhr, war ich sauer und verletzt. Er wollte einfach drüber weggehen, als sei nichts
geschehen.
Waren wir 1989 auf der Höhe der deutschen Zeit gewesen, eben war die Mauer gefallen,
die ganzen totalitären Ostblocksysteme begannen zu implodieren, überall war der "Wind of
Chance" zu spüren und es war ein leichter, sanfter Sommerwind, Aktion "Ich bin ein
Ausländer", Ausstellung "Reichspogromnacht 1938" 1988, Rosenfelskonzert mit Paul Horn
Sommer 1989 und das schönste Werbeflugblatt zur Kommunalwahl (Impressum: "Layout:
Dieter Baumert, Toowoomba").
Und Anfang 1991 war alles anders. "Es gibt hier eine Menge zu tun, anstatt in der Sonne
zu liegen", baffte mich Heike Röckel, einst Kandidatin der Friedensliste an, und der
Alkoholtherapeut und AKRM-Leiter muffte mich auf der Basler OstermarschSchlusskundgebung - auf der kaum ein deutscher Grüner anwesend war - an: "So - bist du
wieder da!". Wochen später erklärte der junge Therapeut gegenüber Dagmar, dass er jetzt
bei Lutz die Bücher kaufe. Dort fühle er sich wohl. Zu schwierig war die Kultur der
Autonomen, mit ihren freilaufenden Hunden, einer Kultur der 20jährigen. Die über
40jährigen fanden sich dort nicht mehr, und so waren die Begleiter der Kritischen Jahre
eine nach dem Andern weggeblieben, zum bürgerlich-arivierten Maurath gegangen, oder
zum niveauvolleren Poltier. Die geistigen Begleiter waren jetzt überall erhältlich, die Grofs
und die Jungks, die Meulenbelts und die Beuysens, die Gorzs und die Suzukis. Und wer
sich dort nicht wohlfühlte und sich nicht freigeistig bei 2001, Edition Gutenberg oder
Wohlthat bediente oder in Basel, Zürich oder Freiburg die Tankstellen des Geistes
anzapfte, der fand ab Ende 1989 ein neues Zuhause bei Lutz. Modern, effizient,
richtungsweisend. Während wir noch in alten VLBs blätterten, wurde dort in die Röhre
geschaut, dies ging schneller, war aktueller und moderner und wurde so zum
Einübungsfeld für das Internet, für Amazon und Co. Dass dann Lutz Poltier übernahm, um
ihn abzuwickeln, ist die Schattenseite, Potiers revanchierten sich gekränkt, indem sie einer
Buchhandelskette ihre schönen Räume vermieteten.
Brachte mich Mitte der siebziger Jahre die nasenrümpfende Kritik der Säckinger
Buchhändlerin Frau Frank am KURSBUCH dazu, einen eigenen Laden zu eröffnen und
erging es Anfang der Achtziger jungen Lörrachern bei Poltier ähnlich, als sie den ROTEN
KALENDER des Rotbuch-Verlags haben wollten, so sind heute - 2004 - sowohl Lutz, als
auch Maurath Vorzugsbuchhandlungen des grandiosen Wagenbach-Verlags.
Unsere Anwesenheit war 1991 unerwünscht. Andere hatten sich im grün-alternativen
Lager, Wohnzimmer breitgemacht, manche, die wir nie vorher gesehen hatten. Sie sahen
jetzt ihre Chance. Ab und an wurden wir noch gebraucht, als Parteisoldaten, um
Flugblätter zu verteilen oder als Legitimation für das eigene - fragwürdige Handeln, zum
Beispiel das Gemeinderatsmandat. "Dagmar Baumert forderte mich auf, für den
Gemeinderat zu kandidieren." So Ruth Fischer, die als Gemeinderätin ein Flop war, aber
streitbar die Prinzipien des Pazifismus verteidigte, gegen eine Partei, die in
Riesenschritten in die nächsten Kriege zog - diesmal wieder mit deutscher Beteiligung.
Bald sollte sich erweisen, dass eine Partei nicht unendlich oft die kritische Opposition in ihr
vergraulen oder rausschmeissen kann, ohne selbst Schaden daran zu nehmen.
Dann waren da die jungen Autonomen, denen ich - aus Freundschaft zu Frieder (Andreas
Friedrich) - den Laden treuhänderisch übergeben hatte, doch wie bei der grossen
Treuhand endete die Geschichte nicht gut, und am Ende war die Freundschaft zu Frieder
am Ende.
Schon unser langjähriger Freund und Kompagnon Klaus Tröger hatte uns übelgenommen,
dass wir nicht ihm den Laden gaben, und als wir auch noch von Australien aus das Ende
der gemeinsamen Wohngemeinschaft verkündeten, blieb für ihn nur der Bruch der
Verletzung.
Die jungen Autonomen blockierten meinen neuen Tatendrang, den ich aus Australien und
Indien mitgebracht hatte, und wegen der Freundschaft zu Frieder zerschlug ich nicht den
autonomen Spuk, sondern quälte mich monatelang mit einer Jugendkultur rum, die nicht
die meine war. Der Hauptmacker wollte am Ende die KG zerschlagen, und diese Gruppe
bekam ab 1993 die Räume von der Hauseigentümerin. Welch schönes Geschenk, dass
heute darin einer der besten Bildhauer des Dreyecklands wohnt.
Und weil ich mich Ende 1989 für die politische Lösung entschieden hatte, bekam ich 1991
auch vom grossen Kunstfreund Jessen einen mentalen Handkantenschlag. Erst als ich
1992 wieder - befreit von autonomen Quälgeistern - meine Galerietätigkeit aktiv aufnahm,
wurde er wieder freundlich, obwohl es nicht mehr zu jener Innigkeit kam, wie in den
achtziger Jahren, als wir - zusammen mit Harry und Marianne Schlüter - mit Jessens
zusammen assen und auch einmal zusammen die Ausstellung "Sind alles Hampelmänner"
durchführten. Gerda Jessen hatte eine Hampelmannsammlung, darunter auch die
Abbildungen bekannter Politiker, und wir zeigten sie im Lädeli. Jessen war der offenste
Kunstförderer Lörrachs, kaum eine unserer Ausstellungen verging ohne seinen
Kurzbesuch, und sein Haus war die Herberge auch für viele Jazzmusiker des Jazztone,
des Lörracher Jazzclubs. Als ich Jahre später anlässlich des Besuchs von Gert Westphal
den Jazzton besuchte, schlug mir dort die bürgerliche Ablehnung der Handwerkerzunft
entgegen. Der einstige Kulturamtschef Berthold Hänel schaute mit Verachtung auf diese
Leute, die er sonst wohl nie auf seinen Veranstaltungen sah und die jetzt begeistert dem
Papst der deutschen Rezitation Beifall zollten.
Doch auch Hänel musste explizit von Jessen auf seine Ausstellung hingewiesen werden,
von alleine schaffte Lörrachs 1. Kulturmensch den Weg nicht in die Alternativszene.
Obwohl so ganz richtig ist es nicht, denn als ich in der Basler Zeitung das marode
Lörracher Kulturleben kritisierte, wurden er und ich vom Verleger Lutz im Leserbrief
beschimpft als Stadtbeschmutzer - da fanden wir zusammen und haben in der Folge so
manches Gute zusammen getan. Welch Ironie, dass dann die Zusammenarbeit mit den
Neuen, Helmut Bürgel, aus der Alternativszene kommend, ebenso wenig klappte, wie mit
dem neuen, aus der Weltstadt Hamburg kommenden, Stadtbibliotheksleiter.
Das war's eigentlich.
Wie die Kulturen zweier Länder das Zusammenwachsen verhindern.
Im schönen Baden beschlossen die Gemeinden Laufenburg, Schweiz und Laufenburg,
Deutschland den Bau einer neuen Brücke. Es wurde geplant und geplant und schliesslich
gebaut. Und als die beiden Brückenteile von der Schweiz und Deutschland sich immer
näher kamen, stellten die Ingenieure und Bauarbeiter mit Grausen fest, dass 57
Zentimeter Höhenunterschied an der Schnittstelle das Zusammenwachsen verhindert.
Was war geschehen?
Als die Jugendbewegung der achtziger Jahre in Basel, Zürich und der restlichen Schweiz
für autonome Zentren kämpfte, kreierte sie den Hoffnungspsalm "Freii Sicht ufs
Mittelmeer". Ob die jungen Schweizer und Schweizerinnen damals die Alpen abtragen
wollten, das ist mir nicht bekannt. Aber sie brachten mit diesem Slogan die
Italiensehnsucht respektive die Sehnsucht der Schweizer zum Mittelmeer zum Ausdruck.
So verwundert es denn nicht, dass zwei Jahrzehnte später der Schweizer Ingenieur das
Mittelmeer als Bezugspunkt der Meereshöhe nahm.
Wir Deutschen haben auch Meere. Das schwäbische Meer - so nennen wir den
Bodensee. In Stuttgart sagte man noch vor Jahren: Stuttgart hat drei Meere. Morgens ein
Nebelmeer, mittags ein Menschenmeer und abends gar nichts mehr. Wir Deutsche haben
offensichtlich Probleme mit der Grösse, mit der Relation und der Eigenwahrnehmung. Das
Meer im Nordosten nennen wir Ostsee und das Meer im Norden Nordsee. Und doch ist
die Nordsee unser Meer. Und das grösste Fischgeschäft Deutschlands, die NORDSEE,
zeigte uns in jeder grösseren Stadt die Fische unseres Nordmeers. Also ist es nicht
verwunderlich, dass der deutsche Ingenieur die Meereshöhe der Nordsee zum
Ausgangspunkt seiner Berechnungen nahm.
Der Unterschied? 57 Zentimeter!
2004-01-22
"...Auch wenn einige Sozialträger doch jammern: Natürlich geht es ohne
Zivildienstleistende. Zwangsarbeit ist nicht sonderlich effektiv, das belegt so manche
Studie über die Sklavenarbeit in der Antike oder in den amerikanischen Südstaaten, und
daran hat sich wenig geändert, wie eine aktuelle Klage des Malteser Hilfsdienstes
bezeugt. Dort fahren die Zivis so viele Krankenwagen zu Schrott, dass sich der Einsatz
regulärer Arbeitskräfte schon wegen der Reparaturkosten lohnen würde.
In Bremen ist man weiter. Dort kommt der grösste Hilfsdienst für Körperbehinderte seit
acht Jahren ohne Zivis aus. Teilzeitkräfte erledigen die Arbeit. Frage an die
Geschäftsführerin: Könnte man nach diesem Vorbild alle 95 000 deutschen
Zivildienstleistende ersetzen? Die Antwort: "Ja"...
Frank Drieschner, aus: Feierabend für den Zivi. Der Zivildienst ist überflüssig und
verlogen. Gut, dass sein Ende naht. In: Die Zeit Nr. 4. 15. Januar 2004
"..Die Sozialwissenschaftler Karsten Hank und Michaela Schönfeld vom Max-Plank-Institut
für demografische Forschung in Rostock konnten in einer Studie, die die Lebensläufe von
rund 3000 Erstgebärenden untersuchte, keinen Zusammenhang zwischen der
Entscheidung für ein Kind und der lokalen Verfügbarkeit von Kindergartenplätzen
feststellen. Grossen Einfluss hingegen hatte die Existenz von "informellen Netzwerken":
Lebten die Eltern einer Frau am Ort, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich für ein
Kind entscheiden würde, sprunghaft an...
...Und der Partner entlastet die beruflich eingebundene Mutter nur selten:
Familienforscherin Meier berichtet von Zeitbudget-Studien, nach denen frisch gebackene
Väter gegenüber kinderlosen Männern ganze sechs zusätzliche Minuten am Tag mit
Hausarbeit verbringen. Achtzig Prozent der Haushalts- und Fürsorgearbeit in Familien
leisten die Frauen...."
Susanne Gaschke, aus: Das kinderlose Land. Die viel zitierte "Selbstverwirklichung" der
Frauen kann den Geburtenrückgang in Deutschland nicht erklären. Auch die Männer
hadern mit den neuen Erwartungen an Väter - und verzichten auf Familie. In: Die Zeit Nr.
4, 15. Januar 2004
"...Aber Jean Amery hat - wie vielleicht nur noch der Schweizer Francois Bondy - das Bild
des universalistischen Intellektuellen aus Frankreich nach Deutschland eingebürgert. Er
war der Deuter dieses Bildes und dessen Verkörperung zugleich. Er verstand sich selbst
als einen Linksintellektuellen. Damit bezeichnete er einen Menschen, der "gegen sich
denken" könne. Dieses Selbstverständnis von linker Gesinnung ist nicht gerade in Mode
gekommen. Er wollte kein anderer sein als ein freier, skeptischer Geist, der eine
selbstkritische "Revision in Permanenz" vorlegt. Er hat sich vom Mythos der Résistance,
dem er selbst gefrönt hatte, durchaus noch verabschiedet, er hat den linken
Antisemitismus, wann immer er als "Antizionismus" auftrat, attackiert, und er hat früh den
Terrorismus als Variante einer alle Paradoxien verwischenden Gläubigkeit gesehen..."
Wilfried F. Schoeller, aus: Gegen sich denken können. Die Gesamtausgabe der Werke
von Jeam Amery bringt den Intellektuellen in Erinnerung, der Auschwitz überlebte und den
Freitod wählte. In: Die Zeit Nr. 4, 15. Januar 2004
Die Gesamtausgabe der Schriften von Jean Amery erscheint bei Klett Cotta in Stuttgart.
"...Er war ein Misanthrop, unbeugsam, zunehmend pessimistisch. Er hielt die
gegenwärtige Entwicklung für einen bösen Präzedenzfall: "Die Vereinigung von politischer,
wirtschaftlicher und kultureller Macht durch das gewaltige Instrument des Fernsehens wie
jene, die sich in (Berlusconis) Bewegung von Forza Italia abzeichnet, der Macht der
Zeitungen unvergleichlich überlegen .... Diese Konzentration der drei Gewalten in einer
einzigen Person heisst, wie Montesquieu sie genannt hat: Despotismus." Nachdem der
Philosoph die Struktur von Forza Italia (Vorwärts, Italien) als im rechtsphilosophischen
Sinn nicht eben liberale Organisation beschrieben hatte, kanzelte Berlusconi ihn als
vorurteilsbeladenen Sektierer ab.
Bobbio verweigerte sich einer präzisen religiösen Ordnung. Er sei kein Atheist und kein
Agnostiker, sagte er, aber auch kein Christ - jedoch von einer christlichen Kultur geprägt.
Der Katholik Giulio Andreotti hat auf die Frage, wie er in einem halben Jahrhundert
italienischer Politik voller Verstrickungen, Intrigen und Korruption sein Gewissen rein habe
halten können, mit schlichter Aufrichtigkeit geantwortet: Ich habe es nie benutzt. Norberto
Bobbio hat sein Gewissen benutzt. Die Amfortaswunde, die ihm der gelinde
Opportunismus in der faschistischen Ära schlug, ist nie verheilt.
Philosophen leben weiter in ihrem Werk. Die 6000 Bücher seiner Bibliothek und die
umfangreiche Korrespondenz aus fast 80 Jahren - ein philosophisch-politisches
Gruppenbild mit Gaetano Savemini, Carl Schmitt, Cesare Pavese, Leone Ginzburg, Hans
Kelsen, der Symbolfigur der Resistenza Leo Valiani, Geiovanni Spadolini, Vittorio Fao,
dem Vater der italienischen Verfassung Luigi Einaudi und seinem Sohn Giulio, dem
Verleger, und all seinen anderen antifaschistischen Freunden - hat Bobbio dem von ihm
entschieden geförderten Studienzentrum Gobetti vermacht.
Diktatoren sind, was jeder von ihnen verdrängt, nicht unsterblich. Wenigstens diesen Trost
hinterlässt uns der Philosoph. Ein Staatsbegräbnis hatte sich der Senator verbeten, die
Krokodilstränen hat er sich und uns erspart. Am 12. Januar wurde er im Familiengrab auf
dem Friedhof seiner Heimatstadt Rivalta Bormida beigesetzt, begeleitet nur von seinen
Söhnen Luigi, Andrea, Marco und wenigen Anverwandten."
Diethmar Polaczek, aus: Moral des Alters. Zum Tod des italienischen Rechtsphilosophen
Norberto Bobbio, in: Die Zeit Nr. 4, 15. Januar 2004
"...Fünf Jahre lang hing er dort an unserer Haustür und tanzte auf dem Holz, bis die
Signalfarben seiner Haut und seiner Kleidung von der Sonne ausgebleicht waren und die
ursprünglichen Farben seines Gesichts verblassten aufgrund von Operationen und
Eitelkeit und etwas, das man nur als Selbsthass bezeichnen kann. Das ist der wirkliche,
unausgesprochene Grund, warum meine Tochter ihn heute hasst. Er hasste es, wie sie
auszusehen, jetzt will sie ihn nicht mehr sehen. Seine Musik steht für Vergangenes, für die
Lieder, die ich immer in der Küche sang; sein letztes Album ist nichts als ein
fehlgeschlagener, jämmerlicher Versuch, Hörer wie sie zu erreichen - junge Leute, die
nicht besessen sind von der Frage der Rassenzugehörigkeit und Hautfarbe. Die
gemischtrassige Sänger wie Lenny Kravitz und Norah Jones hören und Nu-Metal-Bands
wie Audioslave und System of a Down, deren Sänger Amerikaner amerikanischer Herkunft
ist...
Ich muss oft an den aufgedunsenen Elvis in seinen späten Jahren denken, der zu einer
Parodie seiner selbst geworden war und an Mick Jagger, den 60-jährigen britischen Star,
der immer noch mit den Hüften wackelt und von BROWNSUGAR singt.
Ich sage zu meiner Tochter, dass Michael Jackson selbst nie Kind sein durfte. Er
absolvierte einen Auftritt nach dem anderen, wie so viele Kinderstars, aus denen furchtbar
unglückliche Erwachsene wurden. Ich war elf, als ich zu seinen Liedern tanzte, und er
selbst war zwölf, arbeitete schon hart und war ständig auf Tour. Vielleicht ist das der
Grund, dass er aus seiner Ranch Neverland in Santa Barbara ein Kinderparadies gemacht
hat: wegen der Kindheit, die er niemals hatte. "Aber wieso sollte irgendein Kind dorthin
wollen?", fragt meine Tochter.
Wenn es stimmt, was die Anklage im Prozess gegen ihn behauptet, ist Neverland ein
Kinder-Alptraum. Und während ich mich immer an Michael Jacksons seelenvolle Stimme
und seine vollkommene Afrofrisur erinnern werde, werden meine Kinder sein Gesicht stets
als etwas Unheimliches und Geisterhaftes in Erinnerung behalten, als eine gefährliche
Erscheinung in glitzernder Militärkluft.
Wir verlassen jetzt meine alte Gegend, und das Lied ist zu Ende. Seine Stimme wiederholt
den Refrain immer wieder "YOU GIVE ME BUTTERFLIES..." Während wir über eine alte
Brücke fahren, schaue ich zu meiner Tochter hinüber: der goldbraune Arm am offenen
Fenster abgelegt, die schwarzen Locken im Luftzug tanzend, ihre vollen Lippen. "Du hast
ihn geliebt, als er wie du aussah", sage ich. "Erinnerst du dich an das Bild, das du gemalt
hast?" - "Yeah", erwidert sie und schaut aus dem Fenster, weg von der Stimme im Radio,
die immer leiser wird."
Susan Straigt, aus: Ein Zombie an der Küchentür. Vor dem Prozess gegen Michael
Jackson: Warum auch schwarze Jugendliche Angst vor ihrem einstigen Idol haben. In: Die
Zeit Nr. 4, 15. Januar 2004
Die Schriftstellerin Susan Straight, 43, lebt in Riverside, Kalifornien, ist Mutter von drei
Töchtern und hat mehrere Romane veröffentlicht, darunter "BLACKER THAN A
THOUSAND MIDNIGHTS." Aus dem Amerikanischen von Christiane Behrend.
"Der Hauptgrund, warum eine moderne, laizistische Gesellschaft das Tragen des
Kopftuches nicht akzeptieren kann, ist, dass es das eindeutige herausfordernde Signal der
Unterlegenheit und Unterwürfigkeit der Frauen ist. Das Kopftuch gibt zu verstehen, dass
das Haar der Frauen eine unerträgliche, sexuelle Herausforderung für die Machos isst: Die
Frauen haben zu parieren und sollen mit dieser unverschämten Provokation aufhören,
indem sie ihren Kopf demütig bedecken.
Schon wieder wird die Frau als die Verführerin zum Ursprung der Sünde, zum unreinen
Wesen. Wie bei der Legende Evas, die bescheiden aus einer Rippe Adams stammt und
den Reinen, Unschuldigen, teuflisch verführt und ins Verderben stürzt. Dabei ist das
Bedecken des weiblichen Haares reine Heuchelei und restlos absurd: Das Kopftuch
erlaubt nämlich dem lüsternen Blick der Männer, sinnliche Lippen, wunderschöne,
glänzende Augen, zarte, feine Näschen, die sanfte Haut jungfräulicher Wangen
hemmungslos zu bewundern. Wenn die Männer keine ausschliessliche Haarfetischisten
sind, riskieren sie also, von hübschen Gesichtern noch gefährlicher erregt zu werden. Der
religiöse Aspekt des Kopftuches ist eigentlich zweitrangig und nur ein Vorwand, denn
selbst bei den Islamexperten und den muslimischen Theologen ist die Verpflichtung, es zu
tragen, umstritten.
Das Kopftuch gehört in Frankreich zu einer fundamentalistischen, gross angelegten
Kampagne: Seit ein paar Jahren weigern sich immer mehr junge Musliminnen,
Unterrichtsstunden wie Biologie, Naturwissenschaften und sogar Sport beizuwohnen, die
angeblich mit ihrer Religion unvereinbar wären. In Vororten, wo es besonders viele
Muslime gibt, werden Mädchen, die das Kopftuch ablehnen und wie andere Französinnen
T-Shirts, Jeans, Miniröcke anziehen wollen, grob angepöbelt, bedroht, "Huren" geschimpft
bzw. verprügelt oder in Kellern bei den berüchtigten "Tournantes", d.h.
Massenvergewaltigungen, missbraucht.
Immer mehr Männer greifen immer brutaler ein, damit ihre Frauen, Töchter, Schwestern in
Kliniken nicht von Ärzten untersucht und behandelt werden, sondern von Ärztinnen.
Muslime fordern, dass ihre Frauen getrennt von Männern Zugang zu Schwimmbädern
haben. Warum nicht gleich getrennte Busse, Züge, Restaurants, Kinos? Der vom
Innenminister Sarkozy bezüglich der von der Scharia festgesetzten Steinigung der
Ehebrecherinnen befragte islamische Intellektuelle Tarik Ramadan sprach sich im
Fernsehen für ein "Moratorium", aber nicht für ein sofortiges Verbot aus.
Das Kopftuch ist ein wesentliches Element dieser Rückkehr ins Mittelalter, die in Ländern
wie Saudi-Arabien bzw. bei den Taliban die Frauen zu unmündigen, abhängigen
Untermenschen degradiert. Nicht mit Anmassung, ungenügender Kenntnis der Sachlage,
Phrasen und billigen Scherzen kann eine solche Problematik angegangen werden."
Prof. Jean Bérard, Anglet, FR-Leser, in: Frankfurter Rundschau 15. Januar 2004.
"Die einhellige Kritik führender Vertreter der grossen Parteien an den Äußerungen von
Bundespräsident Johannes Rau im Kopftuchstreit - von Stoiber und Merkel bis Thierse
und Maas - zeugt von einer unterentwickelten Kenntnis des Verfassungsrechts und der
theologisch angemessenen Bestimmung des Verhältnisses von Kirche und Staat.
In Frankreich hat der katholische Staatspräsident Jacques Chirac, den Grundsätzen eines
laizistischen Staates folgend, die Initiative ergriffen, um jegliches demonstrativ sichtbare
religiöse Symbol - sei es das Kopftuch, ein Kruzifix oder eine Kippa - aus den öffentlichen
Einrichtungen durch Gesetz zu verbannen. Wenn Rau für Deutschland die gleiche Position
einnimmt, bringt er nur die Rechtslage, wie sie das Grundgesetz festlegt, zum Ausdruck.
Es scheint vergessen zu sein, dass das Grundgesetz nicht etwa einen christlichen Staat
proklamiert, sondern ausdrücklich die Trennung von Staat und Kirche (Art. 140) kodifiziert,
welche die Religion der staatsfreien gesellschaftlichen Betätigung überantwortet.
Diese rechtsstaatlich demokratische Regelung ist die Antwort auf die Vereinigung von
Thron und Altar im preussischen Obrigkeitsstaat. Dass der deutsche Kaiser als Summus
Episcopus gleichzeitig Haupt der evangelischen Kirche war, behinderte für Jahrzehnte die
Entwicklung demokratischen Denkens in der Priesterschaft. Der Trennung von Staat und
Kirche, mit den Ausnahmen der Garantie des Relgionsunterrichts und der Einziehung der
Steuern durch die öffentliche Gewalt, korrespondiert die im Grundgesetz garantierte
Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Keine Glaubensrichtung wird privilegiert, auch nicht die christliche. Allen religiösen
Gruppierungen, den Protestanten, den Katholiken, den Juden, den Muslimen und
anderen, sind rechtlich die gleichen Positionen verbürgt. Ohne diese rechtliche Gleichheit
für die Ausübung der religiösen Bekenntnisse würde sich die Glaubens- und
Gewissensfreiheit in ihr Gegenteil verwandeln: in die Bevorzugung einer Religion durch
den Staat und die Benachteiligung einer anderen Religion.
Dies geschähe, wenn Sondermassnahmen gegen das Kopftuch in öffentlichen
Einrichtungen ergriffen würden, während gleichzeitig die Präsentation des Kruzifix in
denselben Einrichtungen geschützt würde. Diese Einsicht lag auch dem "Kruzifix-Urteil"
des Bundesverfassungsgerichts zu Grunde.
Wenn Angelika Merkel auf den Gottesbezug im Grundgesetz verweist, so wird dabei
ausser Acht gelassen, dass die Präambel unserer Verfassung keine Kompetenzregel zum
Verhältnis von Staat und christlicher Religion darstellt, sondern ein Programmsatz ist, an
den sich keine unmittelbaren Rechtsfolgen knüpfen. Die Präambel kann nicht die egalitär
strukturierte Glaubens- und Gewissensfreiheit relativieren, deren Normierung alle Zweige
der öffentlichen Gewalt als unmittelbar geltendes Recht bindet...
...Die Verstaatlichung des Christentums steht die gerade christlich gebotene
Unterscheidung von Evangelium und weltlichen Machtstrukturen entgegen. Auf der
Synode der EKD von 1956 hat Günter Jacob in einem bis heute wegweisenden Referat
die Umwandlung der Kirchen in ein staatlich dominiertes Heilsressort mit biblischer
Klarheit kritisiert: "Oft genug hat die Kirche in der fragwürdigen Rolle als Staatskirche das
Evangelium von Jesus Christus zu einem religiösen System ... zur Ideologie bestimmter
Herrschaftsschichten pervertiert ... unter der Rede ... von christlicher Religion (blieb) die
Person Jesu Christi als ... des Mensch gewordenen gekreuzigten und auferstandenen
Herrn fast gänzlich verdeckt."
Die verfassungsrechtliche Lage koinzidiert mit einer gewichtigen theologischen Position.
Aus dem Kampf gegen den Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen
Weltanschauungsstaates, dem sich die Evangelische Kirche bis zum Ausschluss von
Judenchristen aus dem Gottesdienst weitgehend unterworfen hatte, zogen führende Köpfe
der bekennenden Kirche, Martin Niemöller und Dietrich Bonnhoefer - die für ihr christliches
Zeugnis mit langjähriger Gefangenschaft im Konzentrationslager beziehungsweise mit
dem Tod durch den Strang bezahlen mussten -, die Konsequenz, für die klare Trennung
von Staat und Kirche einzutreten. Denn auf dieser Grundlage kann allein die
Selbstbestimmung der Gemeinde Jesu Christi, ihre Orientierung an der Heiligen Schrift
und an den Bekenntnisschriften entwickelt werden.
Johannes Raus Position ist also, wie man sieht, verfassungsrechtlich, aber auch
theologisch wohlbegründet. Die Kritiker des Bundespräsidenten fallen geistig in die längst
überwundene Zeit des Staatschristentums zurück. In Artikel 140 des Grundgesetzes aber
steht der Satz: "Es besteht keine Staatskirche".
Joachim Perels, aus: Privilegien gibt es nicht. Mit seiner Aufforderung zur
Gleichbehandlung religiöser Symbole hat Johannes Rau an die Grundlagen unserer
Staatlichkeit erinnert. In: Frankfurter Rundschau 16. Januar 2004
Der Jurist und Politologe Joachim Perels ist Professor am Institut für Politische
Wissenschaft der Universität Hannover. Daneben ist er Mitglied des wissenschaftlichen
Beirats des Fritz Bauer Instituts sowie des Vorstandes der Martin Niemöller Stiftung. (FRText)
2004-01-20
"Der Blick aus dem Jahr 2000 auf die deutsche Vereinigung ist der durch ein umgekehrtes
Fernrohr: Es sieht alles sehr klein aus, was uns 1990 so gewaltig beschäftigt hat. Die
Erinnerung an die Vereinigung der beiden deutschen Staaten wird heute überlagert von
der Erinnerung an eine Völkerwanderung von Osten nach Westen und von Süden nach
Norden...
...Die deutsche Vereinigung war schon 1990 ein Anachronismus inmitten der allgemeinen
Regionalisierung Europas. Dieses Europa hat nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit dem
Europa von 1900. Osteuropäer, Afrikaner und Asiaten haben mittlerweile die Metropolen
besetzt, und ein ungeheueres Völkergemisch ist entstanden. Dem Gleichgewicht des
Schreckens in den 70er und 80er Jahren folgte nach der Öffnung des Ostens eine Zone
der Unsicherheit, in welcher keine klaren Grenzziehungen mehr haltbar waren. Die
ehemaligen Kolonien rächten sich an den Metropolen, indem sie sie zu zersetzen
begannen. Es entstanden Collagen mit Konflikten zwischen den einzelnen Teilen. Es wird
künftig vielleicht ein arabisches Europa werden. Für das Ende des soeben vergangenen
Jahrtausends wurde übrigens schon von Nostradamus prophezeit, dass der Islam Europa
besetzt. Das hätte den Vorteil, dass nicht mehr alle in diesen blöden Anzügen und mit
Krawatte herumlaufen, sondern im nordafrikanischen Burnus - das ist viel bequemer.
Jeder darf zehn Frauen haben oder zwanzig, so er sich's leisten kann. Dann könnte man
sagen: Das Ergebnis der deutschen Einheit war der Harem."
Heiner Müller, aus: Umgekehrtes Fernrohr. Heute wäre Heiner Müller 75 geworden: Ein
visionärer Rückblick des Autors aus dem Jahr 2000. In: Frankfurter Rundschau 9. Januar
2004
Dieser Text Heiner Müllers ist zuerst in der Zeitschrift der liberaldemokratischen Partei
(LDP) "Der Morgen" am 3. Oktober 1990 erschienen und finden sich in: Heiner Müller:
Gesammelte Irrtümer 3, Aufsätze & Gespräche, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
1994
"...Der Verleger Matthias Hagemann und sein neuer Chefredakteur, der von einer
Konsumentenzeitschrift kommt, wollen die Tageszeitung, die bisher überregional beachtet
wurde, zum Regional- und Lokalblatt umbauen, das sich primär um die Alltagssorgen der
Leser kümmert und nicht um eine intellektuell anspruchsvolle, überregional orientierte
Information und Diskussion. Bachmann bekannte sich in seinem ersten Artikel "zu einer
Zeitung mit menschlichem Antlitz" (Basler Zeitung vom 2. Januar 2004). Was er damit
meint, drückte er in einem Vortrag im Dezember so aus. "Was beschäftigt die Menschen
hier in der Region? Was sind die drängendsten Probleme im Beruf, in den Schulen, in den
Quartieren und Gemeinden?" Seine "redaktionellen Wertmasstäbe" kleidete Bachmann in
eine rhetorische Frage: "Ist nun die Roadmap im Nahen Osten wichtiger als die
Verkehrsplanung in der nahen Region? Weltpolitisch gewiss. Auf den Alltag und die
Lebensqualität der Baslerinnen und Basler aber wird die Roadmap einen sehr
bescheidenen, die Verkehrsplanung hingegen einen ganz direkten Einfluss haben."
Ganz im Gegensatz zu seinem weltläufigen und liberalen Vorgänger Hans-Peter Platz, der
die Basler Zeitung seit 1983 leitete und deren Horizont weitete, plädiert Bachmann im
Namen von "extremer Lesernähe" und in deutlicher Polemik gegen das vermeintliche
"Elitäre" für eine lokale Selbstbeschränkung, die einer intellektuellen Selbstvernagelung
gleichkommt. Sein Vorbild sind US-amerikanische Lokalblätter, deren Grundsatz "listening
to the audience" lautet und die unter dem Label "public journalisms" laufen. Mit
"Oeffentlichkeit" haben diese Blätter nur insofern zu tun, als sie die Veröffentlichung von
Privatem, Lokalem und Klatsch für Journalismus halten.
Der zum Jahresende verabschiedete Chefredakteur beschrieb die Folgen des "public
journalism" präzis: "Das dürftige Weltbild der Mehrheit der Amerikaner hat nicht zuletzt mit
der weltfernen Medienrealität ausserhalb der grossen Zentren der USA zu tun." Wenn
Bachmann seinen Kurs durchsetzt, dann bleibt den Baslern, deren Weltbild nicht an der
Stadtgrenze endet, nur die Möglichkeit, zur NEUEN ZÜRICHER ZEITUNG oder zum
Zürcher TAGES-ANZEIGER zu greifen."
Alice Christians, aus: Nahost ist weit weg. Die "Basler Zeitung" soll sich vom
Ueberregionalen verabschieden. In: Frankfurter Rundschau 12. Janaur 2004
"Es hat alles nichts geholfen. Nicht die Dementis von US-Vizepräsident Richard Cheney,
nicht nur habe er seiner alten Firma Halliburton keine Geschäfte im Irak zugeschustert,
sonder auch sonst niemand in der Regierung Bush. Nicht die Bitte der HalliburtonGeschäftsführung an die knapp 100 000 Angestellten, sich doch bei Zeitungen,
Fernsehsendern und Politikern gegen "ungenaue" und "ungerechtfertigte" rufschädigende
Berichte über Vetternwirtschaft, Bevorteilung und überhöhte Preise zu wehren. Dieser
Kontrakt mit dem Verteidigungsministerium über Öllieferungen nach Irak wird neu
ausgeschrieben, die Halliburton-Tochter KBR ist ihn erst mal los.
Was war nun ungenau? Jedenfalls nicht, dass KBR den Auftrag ohne Ausschreibung
bekam. Jedenfalls nicht - sagen die Rechnungsprüfer des Pentagon - dass man das Öl
auch runde 61 Millionen Dollar billiger hätte kriegen können. Und auch nicht, dass Cheney
von 1995 bis 2000 oberster Boss bei Halliburton war. Und auch nicht, dass er weiterhin
jeden Jahr 150 000 Dollar aus verschobenen Gehaltszahlungen von Halliburton bekommt.
Ungenau vielleicht, dass er noch 433 000 Optionen auf Halliburton-Aktien hält, die laut
CNN allesamt über dem heutigen Kurs liegen sollen. Ungenau insofern, als Cheney sagt,
die Zahlungen seien lange vor seiner Kandidatur vereinbart worden und die Optionen
längst einer wohltätigen Stiftung übertragen.
Die guten Nachricht für die US-Steuerzahler lautet, dass das Öl weitgehend aus den
irakischen Einnahmen für Rohöl-Exporte bezahlt wird, die gute Nachricht für Irak, dass
immerhin ein Teil des Geldes, das er US-Firmen für den Wiederaufbau bezahlt, nun an
Unternehmen geht, die sich in einer Ausschreibung um die Aufträge bewerben müssen."
Arnd Festerling, Halliburtons Rauswurf, in: Frankfurter Rundschau 2. Januar 2004
"72 000 Bettler sind unter der Regierung Heinrich des Achten hingerichtet worden. Die
hochgebildete Elisabeth, seine Tochter, war nicht weniger gnadenlos: Bettel-Lizenzen
werden Alten und Krüppeln verliehen. Bettler ohne Erlaubnis sollen hart gepeitscht, am
linken Ohrlappen, im Gesicht oder auf der Stirn gebrandmarkt werden, falls sie keiner in
Dienst nehmen will. Werden über 18-Jährige wiederholt beim unerlaubten Betteln
angetroffen, sind sie hinzurichten.
Gewiss: Es ist eine Zeit gewaltiger gesellschaftlicher Umbrüche; Hunderttausende
strömen in die Städte, weil sie auf dem Land Behausung und Lebensunterhalt verloren
haben. Aber Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die Bettlern und zu Dieben gewordenen
Bettlern angetan werden, sind schon damals erkannt und verurteilt worden.
Heinrichs Lordkanzler Thomas Morus beschreibt die Folgen dieses ersten
Rationalisierungsschubs der bürgerlichen Gesellschaft in Klarheit und Weitsicht. Den
Raubrittern des beginnenden Kapitalismus genüge es nicht, "üppig zu leben und der
Allgemeinheit nicht zu nützen. Sie gehen weiter: Sie lassen kein Stück Land zur Bebauung
übrig, sie zäunen alles als Weide ein, reissen die Häuser ab, lassen gerade noch die
Kirchen als Schafställe stehen. (...)Was bleibt den von Grund und Boden Vertriebenen
schliesslich anderes übrig, als zu stehlen und - natürlich nach Recht und Gerechtigkeit gehenkt zu werden oder aber umherzustreunen und zu betteln?"
Den Bogen über 400 Jahre zum Hier und Heute zu spannen scheint blosse Konstruktion
zu sein. Gleichwohl sind vorherrschende Muster im Gedankenspiel politischer Lösungen
von bestürzender Langlebigkeit. Schon damals galt den ächtigen: Arbeit ist genug da. Wer
keinen Arbeitsplatz findet, hat nicht intensiv gesucht. Wer bettelt, stellt daher die gerechte
Ordnung der Gesellschaft in Frage.
So finden sich Bettler und andere Ausgegrenzte unversehens in der Rolle von Angreifern,
obwohl doch jeder das Gefühl hat, sie eher als Opfer einer gesellschaftlichen Aggression
einstufen zu müssen. Sie verletzten Sauberkeits- und Ordnungsvorstellungen. Wie eine
bösartige Inszenierung mag daher erscheinen, was im vorweihnachtlichen Klima im
Niedersächsischen Landtag abgelaufen ist.
Geschützt von eine Polizeiaufgebot von 300 Polizisten wird der Sparhaushalt der
christlich-liberalen Regierung verabschiedet - gleichzeitig jedoch auch ein neues
Polizeigesetz, das den Ordnungs- und Sauberkeitsbegriff wieder ins Zentrum rückt.
Sozialabbau und Erweiterung der Sicherheitsapparate scheinen sich immer enger zu
verschränken. Legalisiert wird der "Finale Rettungsschuss" und das polizeiliche
Einschreiten gegen "aggressives Betteln.". Endlich wird Staatsmacht gegen die Bettler
aufgeboten, wird sich mancher Abgeordnete gesagt haben.
Immerhin, auch von Barmherzigkeit ist zu berichten: Auf die radikaleren Lösungen von
Heinrich und Elisabeth hat niemand verwiesen."
Oskar Negt, Der Bettler als Feind. In: Frankfurter Rundschau 2. Janaur 2004
Oskar Negt lehrte als Professor für Soziologie an der Universität Hannover. Der
sozialdemokratische Kanzler hielt jahrelang grosse Stücke von ihm - der Politik des
Vorsitzenden der SPD ist davon wenig anzumerken.
"...Als sein Nachfolger wird der ungarische Autor Miklos Harazty genannt. Die Berufung
verzögert sich. Auch das gehört zu Duves Hinterlassenschaft. Die postmodernen
Despoten sind vorsichtig geworden. Vor allem Putins Bürokraten bremsen die
Nachfolgerregelung. Noch so ein "Duve"? Nein, danke! Ähnlich ticken die Regierenden in
Weissrussland, in Kasachstan, Usbekistan, Turkenistan.
In Berlusconistan hütet man sich, das so offen zu zeigen: Aber die Regierenden in Rom
sahen in Duve mehr als nur eine Nervensäge. Ständig hatte dieser radikaldemokratische
Lautsprecher gegen die Macht- und Medienpolitik Silvio Berlusconis protestiert. Sie gebe
das falsche Beispiel für die Potentaten der östlichen Halbdemokratie, wurde er nicht müde
zu wettern. Mit Echo, aber ohne Erfolg. Sollte das Amt nun verwaisen, wird Italien nicht
protestieren. Der Russe ist schuld."
Werner A. Perger, aus: Im Streit mit Putinisten. Freimut Duve, Medienbeauftragter der
OSZE, scheidet aus dem Amt. In: Die Zeit Nr.3, 8. Janaur 2004
..."Wir haben schon genug Arbeitslose! Das Boot ist voll!", sagen die Stammtischbrüder.
Das Boot wird immer leerer, warnen die Demografen. Eine Studie der Deutschen Bank
prognostiziert, dass die Deutschen zum Ende des 21. Jahrhunderts auf ein vergreistes
Völkchen von 25 Millionen zusammengeschrumpft sein könnten.
Die Europäer ahnen, dass sie Einwanderer brauchen werden, aber sie tun sich schwer,
darüber eine ehrliche Debatte zu führen, weil unter den Massgaben ihrer
Abschottungspolitik Zuwanderer in der Regel mehr kosten, als sie nützen. Gerade der
Wohlfahrtsstaat habe sie in Verruf gebracht, sagt der holländische Historiker Pieter
Emmer; er degradiere sie zu Sozialhilfeempfängern, arbeiten und ihre "Migrationstallente"
entfalten dürfen sie nicht. Insgeheim aber wisse man sehr wohl, dass es ohne Zuwanderer
im Baugewerbe, in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungssektor düster aussehen
würde. Die "Festungspolitik" sei zur Erfolglosigkeit verdammt, befindet Emmer. Er plädiert
dafür, die Einwanderung dem Markt zu überlassen.
Aber die EU-Staaten halten an der Strategie des Abschottens fest, eine harmonisierte
Einwanderungspolitik haben sie nicht. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner lautet: Rein darf
nur, wer überzeugende Folternarben vorzeigen kann. Oder wer eine ordentliche
Ausbildung mitbringt. Das Armutsheer aber möge draussen bleiben...
...Freier Handel, gut und schön, allerdings strengstens reguliert. Aber freier
Personenverkehr? So weit soll die Globalisierung dann doch nicht gehen! Dabei stimuliert
der Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Informationen die globalen
Migrationsströme. Diese führen ihrerseits zu erstaunlichen Transferleistungen. Im Jahr
2001 wurden die Rücküberweisungen von legalen und illegalen Migranten in die
Entwicklungsländer auf 60 Milliarden Dollar geschätzt - das übersteigt die
Entwicklungshilfe des Nordens um 20 Prozent.
So besehen wäre eine liberalere Einwanderungspraxis der EU auch ein Instrument, um
die extreme Wohlstandskluft zwischen Reichen und Armen zu schmälern. Aber die
Europäer tun genau das Gegenteil. Sie verstärken die Wälle ihrer Festung und
untergraben durch Handelsbarrieren, Zollschranken und Agrarsubventionen die
Zukunftschancen des Südens.
In Afrika leben 700 Millionen Menschen, die Mehrzahl ist jung und arm. Europa ist
wohlhabend und überaltert, seine Bevölkerung schrumpft dramatisch. "Warum wollt ihr uns
nicht?", fragt ein 20-jähriger Mann, der am Viehgatter in Lagos ansteht. Er hat Abitur, er
träumt von einem Medizinstudium in Berlin. Er will nicht auf einem Totenschiff umkommen.
Und er will nicht heimkehren wie jener Flüchtling aus dem Sudan, der vor vier Jahren auf
dem Flug LH 588 von Frankfurt nach Khartum starb. BGS-Leute hatten den
widerspenstigen "Schübling" erstickt."
Bartholomäus Grill, aus: Odyssee nach Schengenland. Abertausende von Afrikanern
riskieren in Leben für ein Ziel: Europa. Doch die EU-Staaten drängen sie in die Illegalität und steigern gerade so die Kosten der Zuwanderung. In: Die Zeit Nr. 3, 8. Januar 2004
2004-01-17
"...Diese Art von Paranoia geht über diejenigen Phänomene hinaus, wie man sie aus
anderen Gesellschaften kennt, die durch Kriege traumatisiert wurden. So bedarf es einer
tiefer gehenden Erklärung. Für Menschen, die diktatorischen Regimes unterworfen sind,
ist es notwendig, psychologische Verteidigungsbarrieren gegen die äussere Realität
aufzubauen, um ihre Psyche gegen die andauernde Drohung willkürlicher Gewalt zu
schützen. In einer Gesellschaft, in der jeder ausspioniert wird, muss man davon ausgehen,
dass jeder, selbst ein Freund oder Nachbar eine potenzielle Bedrohung darstellt. Der
Aufbau solcher Schutzmechanismen führt jedoch zu einem immer rissiger werdenden Bild
der Realität, da jenseits des allerengsten Kreises jeder ein potenzieller Feind ist. Wenn die
Diktatur verschwunden ist, verschwinden diese Mechanismen nicht sogleich, sondern
werden auf die neue Wirklichkeit projiziert. So wie Individuen nach einem Trauma starken
und peinigenden Stress erleben können, können auch ganze Gesellschaften eine Art von
post-diktatorialem Stresssyndrom erfahren.
Für dieses Phänomen gibt es eine Reihe von historischen Beispielen. Auch wenn etwa die
SED bei weitem nicht so brutal vorging wie Saddams Regime, so gibt es doch Bezüge und
Parallelen zwischen beiden. Ein vergleichender Blick könnte dazu beitragen, die Haltung
der Iraker und ihre Einstellung gegenüber dem Westen und insbesondere gegenüber den
Vereinigten Staaten besser zu verstehen.
Syrische Intellektuelle der dreissiger Jahre, die sowohl Lenin als auch Hitler sehr
bewunderten, hatten massiven ideologischen Einfluss auf die Baath-Partei, die nach den
Vorbildern der kommunistischen und faschistischen Diktaturen in Europa aufgebaut
wurde. Das nationalsozialistische Deutschland stand hoch im Kurs, weil man in ihm eine
Alternative zu den Kolonialmächten des Westens sah, insbesondere zu Grossbritannien.
Man hat Saddams Regime oft als eine orientalische Despotie angesehen. In Wahrheit
aber handelte es sich um ein totalitäres Regime, das mehr mit dem nationalsozialistischen
Deutschland und dem stalinistischen Russland zu tun hatte als mit Nebukadnezar...
Das historische Leiden der irakischen Bürger zu verstehen, ist für das Gelingen des
Transformationsprozesses ebenso wichtig wie die Versorgung mit materiellen Gütern. Auf
längere Sicht kann Irak zu einem stabilen und freiheitlichen Land werden. Doch erst wenn
wir unserer Komplizenschaft bei der Unterstützung der modernen Tyrannen, die
Unmengen von Leben zerstörten, offen ins Auge sehen, und wenn wir aus unseren
früheren Fehlern die richtigen Lehren ziehen, werden wir sagen können, dass die Kosten
an Blut und Geld aufgewogen wurden. George W. Bush hat versprochen, das sechzig
Jahre lang gültige Muster zu ändern, dem zufolge die USA Diktaturen im Mittleren Osten
stützten, um im Gegenzug Stabilität und eine ungehinderte Ölversorgung zu erhalten. Man
wird sehen, ob dieser Ankündigung auch Taten folgen. Es war naiv, zu glauben, dass wir
für die blosse Entmachtung Saddams mit der Dankbarkeit einer traumatisierten
Gesellschaft überschüttet werden würden. Doch wenn die Vereinigten Staaten einige
schmerzhafte Lektionen in Irak lernen, könnten künftige Generationen von Irakern die
Dinge anders sehen."
Elliot Neaman, aus: Saddams Schatten. Vertraute Muster: Irak als post-totalitäre
Gesellschaft. In: Frankfurter Rundschau 8. Januar 2004
Aus dem Amerikanischen von Ulrich Speck - Elliot Neaman ist Professor für Geschichte
an der University of San Francisco. Zuletzt ist von ihm erschienen "A Dubios Past. Ernst
Jünger an the Politics of Literature after Nazism" (California 1999). Zurzeit arbeite Neaman
an einem Forschungsprojekt über das europäische Amerikabild seit 1945. (FR-Text)
"Der Gedanke an den Winter verführt mich nicht zu entfesselt lebensfrohem Tanzen.
Andererseits ist der Winter ja nun ein Spektakel, dem wir jährlich beiwohnen. Kein Grund
also, sich aufzuregen. An dunkle Tage in dunklen Betten, denke ich, an leere Plätze, an
gefrorene Pfützen, erfrorene Hunde, aber auch an das stille Glück, unsichtbar zu sein. So
wie damals, als ich jung war, und die liebsten Tage mir die verregnete waren. Da ich unter
einem Schirm laufen konnte, so tief gezogen den, dass ich keinen sah, und mich
zwangsläufig auch keiner sehen konnte.
Schon damals hatte ich meine Bedeutung überschätzt. Und bin bis heute nicht wirklich
geheilt davon. Das Alter macht eine wenig unsichtbar, doch leider nur mich. Sommer ist
ästhetische Terrorzeit. Jeder Mensch meint, es wäre toll, Mensch zu besichtigen. Busen
und Hintern, die Hakle benutzen, und gelbe Füsse, und der Zwang, 16 zu sein.
Lebenslang. Dieses Gesetz von einigen Schwulen aufgestellt, weil sie die Menschen
hassen, wie sich selbst, und da wogt das Zeug rum und schreit nach Paarung. Das ist zu
viel ungefragte Information - wenn mir nach Paarung gelüstet, schau ich mir Dinge im Zoo
an oder entsprechende Filme. Keine Freude ist es zu sehen, wie jeder Körper verfällt, der
älter ist als sechs, diese lappigen, weissen Leiber, wie sie versuchen, aufrecht zu gegen,
sollen doch kriechen, am besten in Höhlen. Uff, habe ich mich wieder aufgeregt im
vergangenen Sommer.
Da ist der Gedanke an den Winter wie ein stilles Lied. Keiner schaut wen anderes an, im
Winter. Da sind Schals um die Menschen und das bisschen Mensch, das aus dem
Menschen schaut, das ist dicht, weil da schneit es gegen an. Legen sie die Jacken ab, in
Cafés, kommen bei den Herren keine Flipflops zum Vorschein, die ängstlich gekrümmte
Zehen freigeben, sondern festes, gutes Schuhwerk, im besten Fall edles Tuche und
warme Pullover. Gut geschnittene Textilien zu besichtigen, ist in jedem Falle angenehmer,
als zu viel von ihren Trägern zu sehen. Sie rollen dick gefüttert in Kokons auf der Strasse
herum, die Menschen, ab und zu taumeln sie gegeneinander, schwupp - ein strenger Wind
hat das gemacht. Wie Bären in der Höhle ist das, die sich aneinander schmiegen.
Die Stadt ein grosser Iglu, und gar nicht so schlimm, dass dir noch nicht einmal ein Iglu
gehört, in dem man sich alleine bewegt, die anderen der Rasse in Sichtweite, aber nicht
zu sehen, sie atmen weisse Wölkchen in die Luft, und keiner tötet einen anderen, wenn es
so kalt ist, und rennt und macht in Aktien oder demonstriert gegen Amerika - so schön ist
das im Winter, dass du deine gelbe Wohnung, die schlechtgeheizte, fast vergisst und den
Wunsch hast, der vielleicht Handlung wird. Dich unter jenen weissen Baum zu setzen in
den leuchtenden Himmel zu schauen, die Flocken in deinen Augen, bis sie müde werden
davon, und dann schlafen und zu träumen, dass alle um dich herum tanzen in dicken
Bärenkostümen."
Sybille Berg, Dank dem Winter, in: Frankfurter Rundschau 10. Januar 2004
"È morto il Papa Laico. Norberto Bobbio, Italiens "laizistischer Papst" ist tot. Mit seinem
Tod wird auch die Liste der noch lebenden Repräsentanten des alten, bürgerlichen, weder
katholischen noch (ex)sozialistischen Italiens immer kleiner. In den Jahrzehnten nach dem
Krieg hatte diese Tradition einen überragenden Einfluss auf die politische Kultur des
Landes. Auch der aktuelle Staatspräsident Carlo Azelio Ciampi beruft sich immer wieder
auf diese noble Tradition, die Norberto Bobbio wie kein zweiter Intellektueller
repräsentierte. Wie viele heute schon legendäre Intellektuelle und Politiker Italiens haben
den Lebensweg von Bobbio für kürzere oder längere Zeit gekreuzt: Primo Levi, Pietro
Nenni, Carlo Levi, Leone und Natalia Ginzburg, Cesare Pavese, Giulio Einaudi, Enrico
Berlinguer. Namen, ohne die keine Chronik des intellektuellen Lebens Italiens im 20.
Jahrhundert denkbar wäre.
An das alles erinnert man sich, wenn man von dem Tod des grossen Turiner
Rechtsgelehrten Norberto Bobbio hört. Aber man erinnert sich auch an die auffallende
Prägnanz seines Gesichts: Hohe Stirn, klare, aber auch etwas vom Zentrum des
Betrachters abschweifende Augen und eine dem Schnabel eines Adlers ähnelnde
markante Nase. Hier hatte sich das Denken eines Menschen in die Physiognomie seines
Kopfes hineingeformt: ein weiter Bildungshorizont, auf präzise Argumentationen
beharrend, den Blick aber immer nach allen Seiten umherschweifen lassend. Mit der Nase
ein Sozialist, mit den Augen ein Liberaler, mit der Stirn ein abwägender Demokrat, im
Auftreten ein klassischer Turiner Bürger: urban, weltoffen, gebildet, Unterstatement selbst
da noch pflegend, wo man nun wirklich etwas zu sagen hat, von der grossbürgerlichen
Agnelli-Familie genauso geschätzt wie von den Gewerkschaften. Ein unabhängiger, nicht
korrumpierbarer Intellektueller.
Un uomo di cultura eben, der Generationen von Lesern der Turiner Tageszeitung LA
STAMPA von Publizisten, von Studenten, von heute verantwortlichen Politikern ein Lehrer
gewesen ist: das war Norberto Bobbio. Geboren wurde Bobbio am 18. Oktober 1909 in
Turin. Rechtswissenschaft studierte er an der Universität Turin bei dem späteren
italienischen Staatspräsidenten Luigi Einaudi. Ab 1935 nahm er aktiv am
Widerstandskampf der Gruppe "Giustizia e Liberta" um Carlo Roselli teil, dessen
theoretisches Hauptwerk SOCIALISMO LIBERALE für Bobbio Programm des politischen
Denkens blieb.
Wissenschaftlich beschäftigte er sich anfangs vor allem mit der Phänomenologie Husserls
und Schelers. Anfang der vierziger Jahre wurde Bobbio als Hochschullehrer an die
Universitäten Siena und Padua berufen. Nach der Niederschlagung des Faschismus
arbeitete er als Mitglied der konstituierenden Verssammlung an der Ausarbeitung einer
neuen demokratischen Verfassung mit.
Als seine Partei, der fast ausschliesslich von Intellektuellen geführte "Partito d`Azione", bei
den Wahlen von 1946 eine katastrophale Niederlange erlitt, zog sich Bobbio für immer aus
der aktiven Parteiarbeit, nicht aber aus dem öffentlichen politischen Streit, zurück. Von
1948 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1984 hatte er den Lehrstuhl für Philosophie des
Rechts und der Politik an der Universität Turin inne. Eine Unzahl von Veröffentlichungen
erschienen ab den fünfziger Jahren unter anderem über philosophische Grundlagen der
Rechtstheorie und über Hobbes, Marx, Gramsci, Hans Klesen oder Popper, mit deren
Denken er sich kritisch auseinander gesetzt hat. Wichtigen Zeitschriften wie der RIVISTA
DI FILOSOFIA und der NUOVA ANTOLOGIA war Bobbio Mentor.
Als er Mitte der achtziger Jahre emeritiert wurde, begann für ihn der Unruhestand eines
unentwegt publizierenden, debattierenden und intervenierenden politischen Philosophen.
Sandro Pertini, ein enger Freund aus den Tagen der Resistenza und für einige Jahre ein
bei den Italienern überaus beliebter Staatspräsident, berief Bobbio 1984 zum Senator auf
Lebenszeit. In Krisenzeiten wartete die intellektuelle Öffentlichkeit stets gespannt auf das
Wort des Alten aus Turin.
Obwohl Bobbio gerade auch Werke von Philosophen deutscher Tradition (Hegel, Marx,
Max Weber) zu seinen wichtigsten geistigen Inspirationen gezählt hat, nahm man ihn in
Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie so recht zur Kenntnis. Erst mit
dem Band DIE ZUKUNFT DER DEMOKRATIE (1988) konnte das deutschsprachige
Publikum wenigstens eine Ahnung von dem politischen Denken des Norberto Bobbio
gewinnen.
Weil Bobbio an den grossen Idealen von Aufklärung und Demokratie festhielt, insistierte er
unnachgiebig darauf, sich mit dem "anderen Gesicht der Demokratie" zu beschäftigen. Die
wirklichen Gegner der Demokratie, so die immer wieder von ihm formulierte Position, sind
nicht ihre erklärten Feinde, sondern ihre unkritischen Claqueure. Nicht mit dem Verweis
auf die grossen Errungenschaften der Demokratie wirbt man für diese "am wenigsten
schlechte Staatsform", sondern mit dem steten Einklagen ihrer nicht realisierten
Versprechungen. Das machte Bobbio zu einem so selten gewordenen demokratischen
Realisten, der auf die Utopie nicht verzichten wollte.
Typisch für die Argumentationskultur von Norberto Bobbio ist, dass er sich weniger an die
Sympathisanten der eigenen Überzeugung richtete, sondern vornehmlich an die jeweiligen
Gegner. Für die in den späten sechziger Jahren von rebellierenden Studenten formulierte
Forderung nach mehr direkter Demokratie und plebiszitären Abstimmungen hatte Bobbio
nur wenig Verständnis. "Niemals", so polemisierte er oft gegen seine linken Freunde, "hat
die Linke klar umrissen, wie das andere System aussehen wird, mit dem die
repräsentative Demokratie abgelöst werden soll."
Demokratie in seinem Verständnis bedarf auch klarer Regelungen, mit denen die Rechte
schwächerer Minderheiten geschützt werden. Als sich Ende der achtziger Jahre ehemals
verbalradikale Linke ihrer politischen Vergangenheit entledigten, erinnerte sie
ausgerechnet der liberale Bürger Bobbio an die noch uneingelösten Ideale eines
demokratischen Sozialismus. Nicht die Antworten des Sozialismus seien wichtig gewesen,
sondern seine berechtigten Zweifel an dem Freiheitspathos des Kapitalismus.
1994 erschien das in Italien aussergewöhnlich erfolgreiche Buch RECHTS UND LINKS.
Nach dem Zusammenbruch der alten europäischen Nachkriegsordnung versuchte eine
verunsicherte italienische Öffentlichkeit in den Thesen Bobbios offensichtlich eine
Orientierung im Ruinenfeld der politischen Begriffe. 1996 machte dann DE SEECTUTE
Furore, in dem der von jahrzehntelangen politischen Interventionen müde Philosoph mit
weiser Gelassenheit eine Bilanz seines Lebens zieht, um sich dann mit angelsächsischer
Nüchternheit den letzten Dingen und dem Abschied von dieser Welt zuzuwenden. "Mein
Leben kann ich erzählen, gestützt auf meine Erinnerungen und die Erinnerungen derer,
die mir nahe standen, mit Hilfe von Dokumenten, Briefen und Tagebüchern. Ich kann
dieses Leben bis zu seinen letzten Minuten erzählen. Von meinem Tod kann ich nicht
mehr erzählen. Das können nur die anderen tun."
Gegen die drohende Regierungsübernahme durch Berlusconi hatte Bobbio noch einmal in
einem viel beachteten Manifest gewarnt. Heute wissen wir, wie recht Bobbio hatte mit
seiner Warnung vor unklaren Trennungen staatlicher Macht und privatwirtschaftlichen
Interessen. Dass noch einige seiner Texte posthum ins Deutsche übersetzt werden, bleibt
zu hoffen. Um der Demokratie und ihrer Ideale willen."
Carl Wilhelm Macke, Ein liberaler Sozialist. Das andere Gesicht der Demokratie: Zum Tod
des italienischen Philosophen Norberto Bobbio, der am Freitag (9. Januar 2004) in Turin
verstarb. In: Frankfurter Rundschau 12. Januar 2004
2004-01-14
17 400 Tonnen Kaviar wurden 2002 in die Bundesrepublik eingeführt, berichtet das
Statistische Bundesamt. 77% aus dem Iran, 16 % aus Russland, 5 % aus Rumänien und 2
% von anderswo. (Laut Zeit Nr. 3. 8. Januar 2004)
"...Jede Gesellschaft hat die Krankheiten, die sie sich leisten will. Je gröber der Wohlstand,
desto umfassender die Krankheiten. Ein Volk, könnte man sagen, definiert sich über seine
Krankheiten. Kranksein in Deutschland hätte demnach viel mit deutscher Kultur zu tun, mit
deutschen Glaubenssätzen, deutscher Philosophie und Mentalität. Die Vermutung liegt
nahe, dass sich in der Art, krank zu sein, das deutsche Wesen ausdrückt.
Die mit prachtvollem Anspruchsdenken ausgestatteten Deutschen sind
Arztbesuchseuropameister: Elfmal pro Jahr gehen sie laut Bundesgesundheitsbericht des
Robert-Koch-Instituts zum Arzt. Sechsmal tun es die Franzosen. Dreimal die Schweden.
90 Prozent der Deutschen, so das Ergebnis einer Studie in acht europäischen Ländern,
suchen mindestens einmal im Jahr einen Arzt auf. Verglichen mit den Schweizern (69
Prozent) und den Italienern (48 Prozent), steht uns die Goldmedaille zu.
Der Europameistertitel kann Verschiedenes bedeuten: 1. Die Deutschen sind objektiv
kränker als die anderen. 2. Sie fühlen sich kränker. 3. Arztbesuche sind soziale Rituale. 4.
Das deutsche Gesundheitswesen bindet den Patienten enger an sich als anderswo...
..."Die meisten Gründe, warum die Deutschen zum Arzt gehen, sind organisch nicht
erklärbar", sagt Winfried Rief, führender deutscher Psychosomatiker an der Uniklinik
Marburg. Er hat vor kurzem die erste große Studie über Hypochondrie in der
Bundesrepublik veröffentlicht, derzufolge 20 bis 50 Prozent aller Arztbesuche auf
Personen zurückgehen, die organisch nicht krank sind. Die unklaren, ursächlich mit
Emotionen in Zusammenhang stehenden Beschwerden nennt der Psychosomatiker
"somatoform". Meint: In Ermangelung objektivierbarer Schädigung prägt die subjektive
Einschätzung das eigene Krankheitsverhalten. Je mehr somatoforme Störungen als
Krankheit definiert werden, desto kranker wähnt sich eine Gesellschaft - und desto
medikalisierter wird der Alltag. In den Niederlanden enden nach Wissen des
Gesundheitsökonomen Reinhard Busse nur 42 Prozent der Arzt-Patienten-Kontakte mit
einem Rezept. In Deutschland sind es 80 Prozent. Können die Deutschen so viel
schlechter den Schmerz ertragen...
...Für 15 bis 25 Prozent der Krankschreibungen sind Rückenschmerzen verantwortlich,
das Kapitalleiden eines durchaus leidensfähigen Volkes. Rückenschmerz ist klassen-,
schichten- und geschlechterunabhängig; seine Chronifizierung lässt sich lesen als
Ausdruck absoluter Arbeitsunzufriedenheit. "Ein psychisches Phänomen", nennt das
Leidern der Psychologe Heinz-Dieter Basler von der Uniklinik Marburg, Mitglied des
interdisziplinären Forschungsverbandes Rückenschmerz. Aus Angst vor der Zukunft
reagiert der Mensch mit An- und Verspannung, etwa der Muskeln im Schulterbereich.
"Personen, die unzufrieden sind mit ihrer Arbeit", sagt Basler, "haben ein siebenfaches
erhöhtes Risiko auf Rückenschmerzen." Seiner Ansicht sind organische
Bandscheibenschäden nur zu 20 Prozent die Ursache für Rückenschmerzen. Angst vor
Arbeitsplatzverlust oder Stress am Arbeitsplatz; die stets gebückte Haltung buckelnder
Bildschirmarbeiter, als Folge einer "tonischen Anspannung" der Muskulatur, verringerter
Muskelstoffwechsel und Mangeldurchblutung führen dann zur Entzündung der Muskulatur.
Und dann: Autsch..."
Christian Schüle, aus: Wie man in Deutschland krank ist. In: Die Zeit nr. 3, 8. Januar 2004
"..Tropenärzte empfehlen immer häufiger, auf medikamentöse Prophylaxe zu verzichten
und ausschließlich Notfallmedizin einzupacken. Wann und wo macht das Sinn?
Thomas Löscher: Unbedingt angeraten ist medikamentöse Vorbeugung in Gebieten mit
hohem Malaria-Risiko. Dazu gehören das tropische Afrika südlich der Sahara, Teile des
Amazonasbeckens in Brasilien, Nordindien oberhalb der Linie Goa-Madras, Südnepal,
Bangladesh, einige Gebiete in Thailand, Laos, Kambodscha und Myanmar sowie
Indonesien östlich von Bali, Neuguinea und die Solomon-Inseln. In allen anderen Ländern
empfehlen wir, ein so genanntes Stand-by-Medikament mitzunehmen, das im
Verdachtsfall einer Erkrankung eingenommen wird. Das hat den Vorteil, dass sich der
Reisende die unerwünschten Nebenwirkungen einer Prophylaxe erspart. Auf jeden Fall
sollte man sich vor Moskitostichen schützen. Also lange, helle Kleidung anziehen, ein
wirkungsvolles Antimückenmittel auftragen und in moskitosicheren Räumen oder unter
dem Moskitonetz schlafen.
...Welche Schutzmassnahmen sind in den Tropen außer einer Malaria-Prophylaxe noch
unerlässlich?
Thomas Löscher: Egal, ob im Dschungel oder beim Heimaturlaub, eine Impfung gegen
Polio, Tetanus und Diphtherie ist auf jeden Fall Pflicht. Gleiches gilt für Hepatitis A und B.
Asienreisenden empfehlen wir derzeit außerdem die Grippe-Impfung. Nicht nur, ums sich
vor einer Ansteckung zu schützen, sondern auch, um bei der Ein- und Ausreise
Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Wer mit Fieber und Husten angehalten wird, landet
dieser Tage schnell in Quarantäne."
Fabian von Poser im Gespräch mit Thomas Löscher, 53, Leiter der Abteilung für
Infektions- und Tropenmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität München. In: DIE ZEIT,
Nr. 3, 8. Januar 2004
"..Lower East Side, die St. Marks Church, ein der zahllosen Veranstaltungen gegen Bush:
Hier hatte sich auf dem Höhepunkt des Irak-Kriegs ein anderes Publikum getroffen. Mark
Crispin Miller, der Verfasser des satirischen BUSH DYSLEXICON warnte vor einem
Faschismus in den USA. Ein iranischer Autor erläutert den Amerikahass. Zwischen beiden
saß Amy Goodman, die legendäre Moderatorin von WBAI, dem linksalternativen New
Yorker Radiosender. Im Publikum, alles linke Szene, waren sich alle einig, weiter Flagge
zu zeigen. Bis es aus einem Jungen herausbricht: "Ich war am letzten Wochenende auf
der Demo, und da haben Leute gerufen: "Dieser Krieg ist bloß wegen den Juden!" Ich
habe mich zu denen umgedreht und gesagt: "Hey - ich bin Jude! Und ich bin hier!" Der
Saal spendete ihm Beifall. Der Junge fügte ein wenig ängstlich hinzu: "Was soll ich
machen, wenn mir wieder jemand so kommt?" Amy Goodman griff zum Mikrofon: "Mein
Großvater war Rabbiner, und meine Mutter stammt von mehreren Generationen
chassidischer Rabbis ab. Und ich bin gegen den Krieg. Ich lasse mir von den Neocons, die
Bush beraten, nicht erzählen, dass sie mich repräsentieren!"
Dass sich jüdische Organisationen in den USA mit Bush so eng assoziiert haben, hat zu
einem schmerzhaften Riss durch die jüdische Gemeinschaft geführt. Manche, die sich
plötzlich als Minderheit innerhalb der organisierten Linken wiederfanden, verstört das.
Andere, die sich bis dato als liberal definiert hatten, zeigen dafür Verständnis. Wie zum
Beispiel J.J. Goldberg. Goldberg ist ein schmaler, nervöser New Yorker Intellektueller, den
man sich gut in einem Woody-Allan-Film vorstellen könnte. Er ist Chefredakteur des
FORWARD, der wichtigsten jüdischen Zeitschrift der USA mit einer langen liberalen
Tradition. "Ja sicher, Juden sind konservativer geworden", sagt er. "Was erwarten Sie?
Wir stehen unter Schock. Die Intifada, das Attentat auf das World Trade Center, dazu
kommt, dass der Krieg gegen den Terrorismus zur parteipolitischen Angelegenheit
geworden ist: Die Republikaner nehmen ihn ernst, die Demokraten, vor allem die
Linksliberalen, nicht so sehr. Und das beunruhigt sogar linke Juden, die immer
demokratisch wählten."
Dramatisch ist nicht so sehr die Wende zum Konservativen, sondern der Umschwung, den
das für jüdische Amerikaner bedeutet, die mehr als jede andere Gruppe das Rückgrat des
liberalen, aufgeklärten, areligiösen, städtischen Bürgertums bilden. Die Arbeiterbewegung,
der Protest gegen den Vietnamkrieg, die schwarze Bürgerrechtsbewegung - all das wäre
ohne den Einfluss linksliberaler Juden undenkbar gewesen.
Als 1963 die Bürgerrechtsbewegung zum legendären Marsch auf Washington aufrief - wo
Martin Luther King seine "I HAVE A DREAM"-Rede hielt - marschierten fast alle jüdischen
Organisationen mit. Rabbi Joachim Prinz, der Präsident des American Jewish Congress,
war einer der Redner.
Zum Jubiläum 40 Jahre später veranstaltete eine Koalition aus Bürgerrechtlern,
Feministinnen, Schwulen und Lesben und Antikriegsgruppen in diesem September eine
neue Kundgebung am Lincoln Memorial. Schwarze Aktivisten wie Jesse Jackson
sprachen, aber der American Jewish Congress war nicht eingeladen. Der einzige jüdische
Redner war Rabbi Arthur Waskow, Direktor des weit links außen stehenden Shalom
Center in Philadelphia, der Bush mit dem biblischen Pharao verglich.
Es gibt Nachwuchs für die jüdische Intelligenz, aber er ist konservativer als die liberalen
Ikonen Norman Mailer, Arthur Miller, Susan Sonntag oder Noam Chomsky. Etwa Jonah
Goldberg, der vorschlug: "Alle zehn Jahr sollen die USA ein dreckiges kleines Land
packen und an die Wand schmeißen, nur um zu zeigen, dass wir es ernst meinen." Oder
Ann Coulter, selbst keine Jüdin, aber für die JEWIS WORLD REVIEW schreibend. Sie
sagte dem NEW YORK OBSERVER in einem Gespräch, war ihr beim Oklahoma-City-
Bomber Timothy McVeigh leid tue, sei nur, daß er nicht das New-York-Times-Gebäude in
die Luft gesprengt habe. Oder Bill Kristol, der in seinem WEEKLY STANDARD
Franzosenwitze druckt, oder Robert Kagan.
"Wir Juden sind konservativer geworden, weil sich unsere Interessen geändert haben",
meint J.J. Goldberg. "In den sechziger Jahren kämpften wir für eine unterprivilegierte
Minderheit, aber inzwischen sind wir selbst keine unterprivilegierte Minderheit mehr."
Warum sind Juden bei Protesten gegen die Einschränkung von Bürgerrechten und die
Kriminalisierung von Immigranten heute so unterrepräsentiert? "Weil die Linke das Credo
hat, keinerlei Überprüfung von Gesetzen hinzunehmen, auch nicht für mehr Sicherheit",
sagt Goldberg. "Die haben die neue Welt seit dem 11. September nicht begriffen. Die
verstehen nicht, dass es auch Immigranten gibt, die in dieses Land kommen, um uns zu
töten."
Noch wichtiger aber sei Israel. "Ich verstehe die Kritik an Israel, aber was dort passiert,
geht uns emotional sehr nahe", sagt Goldberg. "Seit dem Terror gehen mehr Juden in die
Synagoge, und da hören sie dauernd, wie schlecht es Israel geht. Und das verängstigt
viele noch mehr. Und die Neokonservativen, die die jüdischen Organisationen heute
führen, sind genauso von dieser Angst getrieben. Und das bestimmt eben deren Politik."
Dann fügt er hinzu: "Die jüdischen Organisationen geben Israel den Raum, all seine Fehler
zu machen. Deshalb war Israel niemals gezwungen, die Realität anzuerkennen. Leider."
Israels wichtigste Verbündete in den USA ist nun ausgerechnet die christlichfundamentalistische Rechte des "Bible Belt", also des Südens der USA. Als Binyam Elon,
der israelische Tourismusminister - ein Hardliner, der für die Vertreibung aller
Palästinenser aus dem Westjordanland eintritt -, die USA bereiste, traf er sich fast nur mit
christlichen Fundamentalisten wie Roberta Combs, der Präsidentin der Christian Coalition,
mit Ed McAteer, dem Gründer der Gruppe Moral Majority oder mit Gary Bauer, dem
Vorsitzenden des konservativen American Israel Public Affairs Committee, der wichtigsten
jüdischen Lobbyorganisation in Washington, als Gastredner eingeladen. Und Jerry Falwel,
ein christlich-konservativer Fernsehprediger - er machte zuletzt Schlagzeilen, als er
meinte, der Anschlag auf das World Trade Center sei eine Strafe Gottes, weil in New York
so viele Schwule, Liberale und Feministinnen wohnten - sagte zum NEW YORK
MAGAZINE: "Amerikas Bible Belt it Israels Sicherheitsgürtel."
Dies ist eine Partnerschaft, wie sie merkwürdiger nicht sein könnte, Insgeheim fürchten
viele amerikanische Juden, dass die christlichen Rechten sie missionieren oder nach
Israel deportieren wollen. Falwell hatte noch 1999 verkündet, der Antichrist sei jüdisch - er
leben in den USA und arbeit in den Medien.
Die bibeltreuen Christen - zu denen auch Bush zählt - unterstützen Israel keineswegs nur
deshalb, weil sie in dem Land einen Alliierten gegen den Terrorismus erkennen. Sie
glauben, sobald das biblische Land Israel, Judäa und Samaria (das Westjordanland und
Gaza), von Juden besiedelt sei, werde der Antichrist erscheinen - in der Verkleidung eines
Friedensfürsten- und dann die Apokalypse hereinberechen. Dies werde dann im Kampf
zwischen Gut und Böse kulminieren, Jesus kehre zurück, und eine tausendjähriger Friede
breche an. Allerdings werden dann alle Juden, nämlich die nichtkonvertierten, zur Hölle
fahren. "Man muss das ja nicht glauben", sagt Goldberg achselzuckend, "aber man kann
ja trotzdem die Unterstützung annehmen.".
Bauchschmerzen bereitet es trotzdem. David Saperstein vom Religious Action Center of
Reform Judaism in Washington warnte im NEW YORK MAGAZINE: "Wenn sich die
amerikanische jüdische Gemeinschaft die Unterstützung der religiösen Rechten dadurch
erkauft, dass sie stillhält angesichts der derzeitigen Innenpolitik, würde das unsere
Tradition der religiösen Freiheit, des Pluralismus und der Toleranz zerstören.". Und weiter:
"Das wäre ein Desaster für Amerika und die Juden." Linke wie Mark Crispin Miller pflegen
grundsätzliches Misstrauen gegen die Bushies. "In Wirklichkeit sind das Antisemiten", sagt
er. "Die verbergen das nur aus taktischen Gründen."
Goldberg ist der Ansicht, dass sich die jüdische Sympathie für die Republikaner immer
noch in Grenzen halte. "Aber in der Politik schliesst man Allianzen, Zweckbündnisse. Es
sind keine Überzeugungen. Wenn Berlusconi nicht mehr Premierminister ist, wird sich
niemand mehr an die Preisverleihung erinnern. Viele Amerikaner, auch jüdische
Amerikaner, sehen Politik als moralischen Kreuzzug an, aber es geht um Taktik. Ich
wünschte, die Leute würden rationaler denken und nicht aus der Hüfte schiessen."
Ist es nicht gefährlich, für einen taktischen Vorteil langfristig seinen Ruf aufs Spiel zu
setzen? J.J. Goldberg zuckt mit den Schultern, und er sieht dabei nicht glücklich aus. "Die
Linke hat uns verlassen, nicht umgekehrt. Aber ja, es ist ein schreckliches Dilemma".
Wenige Tage nach der Preisverleihung an den italienischen Ministerpräsidenten wird er in
einem Kommentar im FORWARD die Entscheidung der Anti-Defamation-League scharf
geißeln. Aber da ist die New Yorker Tagesordnung schon längst über das Ereignis
hinaus."
Eva Schweitzer, aus: Die Angst wächst in Manhattan. Warum viele New Yorker Juden aus
ihrem traditionell liberalen in ein neokonservatives Milieu gewechselt sind. In. Die Zeit Nr.
3. 8. Januar 2004
"...Wer Unterhaltung sucht, der möchte, dass seine Aufmerksamkeit gefesselt wird, ohne
dass er sich anstrengen muss. Unterhaltung balanciert deshalb auf dem Grat zwischen
erfüllten Erwartungen und Überraschungseffekten. Unterhaltung muss vertraut wirken und
gleichzeitig ein bisschen neu. Sie kann nicht radikal sein. Wirklich rabiater Trash ist bei
den Zuschauern deshalb genauso wenig mehrheitsfähig wie Peter Steins FAUST-Projekt.
Das hat man an den Brutalo-Talkshows gesehen, die nur ziemlich kurz erfolgreich waren.
Die Geschichte des Privatfernsehens hat also eher den Optimisten als den Pessimisten
Recht gegeben. Das Niveau der Programme ist sogar gestiegen, verglichen mit den
Anfangsjahren. Die Privaten produzieren hin und wieder ordentliche Filme, haben gute
Fernsehjournalisten und hatten die HARALD SCHMIDT SHOW. Nur das Wort "privat" hat
eine vermutlich unwiderrufliche Abwertung erfahren. Früher stand "Privat...." immer für
etwas besonders Edles, Privatbanken, Privatpatienten. Der Privataufzug für den Herrn
Generaldirektor. Seit es das Privatfernsehen gibt, klingt das Wort privat ein bisschen
anzüglich."
Harald Martenstein, aus: Als das Zappen noch geholfen hat. Vor zwanzig Jahren startete
das private Fernsehen. Seither muss sich unser Leben zwischen die Werbeblöcke
zwängen. In: Die Zeit, Nr. 3, 8. Januar 2004
"...In einer Bereitwilligkeit, die niemand von ihnen verlangt hat, verändern die Sender auch
die kulturelle Fantasie der Gesellschaft. Damit liegen sie im Trend. Soziologen sprechen
davon, westliche Gesellschaften seien derzeit im Begriff, den Inhalt ihrer Einbildungskraft
zu korrumpieren, ihr "kulturelles Imaginäres", also Bilder und Zeichen, Träume und
Traditionen. Das Alte und Schwierige wird als elitäre "Hochkultur" verunglimpft und aus
dem Programm herausgespült. Anschließend wird es durch das medial erzeugte Weltbild
einer Verwertungsgesellschaft ersetzt. Die neuen Leitbilder heißen Geld und Konsum, Sex
und Skandal. Übersetzt ins öffentlich-rechtliche Titeldeutsch: SUPER-ILLU-TV,
WELLNESS-TV, SCHNÄPPCHEN-SHOW..."
Thomas Assheuer, aus: Kopfsprung ins Seichte. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steckt
in der Krise. Immer stärker bedrohen Kommerz und Politik die journalistische
Unabhängigkeit. Der Bildungsauftrag ist bloß noch lästiges Beiwerk, das Programm wird
flott banalisiert. In: Die Zeit Nr. 3, 8. Jänner 2004
2004-01-13
"Das Leben kann nicht ohne Tod gedacht werden. Die Menschen werden nicht zufällig die
"Sterblichen" genannt: auch die grössten Zyniker, die skrupellosesten und sorglosesten
Menschen, die Hochmütigsten und Gleichgültigsten nehmen wenigstens einmal in ihrem
Leben den Tod ernst, und wenn nicht den der anderen, so doch den eigenen. Die einzig
mögliche Weise, den Tod ernst zu nehmen, ist, ihn so zu vergegenwärtigen, wie er dir
erscheint, wenn du vor der Unbeweglichkeit eines zum Leichnam gewordenen
menschlichen Körpers stehst: das Gegenteil des Lebens, das Bewegung ist. Wird der Tod
ernst genommen, bedeutet er das Ende des Lebens, das definitive Ende, ein Ende, nach
dem es keinen neuen Anfang gibt. Das Leben, mein Leben, das einzige Leben, das mir
gewährt wurde, auch wenn ich nicht weiss, von wem, und den Grund nicht kenne. Das
Leben ernst nehmen bedeutet, uneingeschränkt, ausdrücklich und so gelassen wie
möglich zu akzeptieren, dass es endlich ist. Es bedeutet, ganz sicher, mit absoluter
Gewissheit zu wissen, dass du sterben musst, dass dieses Leben sich ganz und gar
innerhalb der Zeit abspielt, in keinem seiner Teile ausserhalb der Zeit steht und dass es
deshalb wie alles, was in der Zeit existiert, dazu bestimmt ist zu vergehen. Canetti schrieb:
"Wie viele Menschen würden noch entdecken, dass es sich lohnt zu leben, wenn wir
einmal nicht mehr sterben müssten?" Das stärkste Argument für die Behauptung, der Tod
sei das definitive Ende, der Tod sei wirklich der Tod, ist die Tatsache, dass man nur
einmal stirbt. Das Ende des Lebens ist gleichzeitig das erste und das letzte Ende. Auch
wer ein zweites Leben nach dem Tod annimmt, schliesst einen zweiten Tod aus, denn das
zweite Leben ist, wenn es existiert, ewig, es ist ein Leben ohne Tod.
Mein Tod ist das Ende des einzelnen Lebewesens, das ich war, und nur er allein ist ein
absolutes Ende. Viele Dinge in der Welt der Natur und der Geschichte enden, um wieder
zu beginnen. Nach dem Tag kommt die Nacht und dann wieder der Tag. Die antiken
Kulturen hatten eine zyklische Ansicht von der Geschichte, also musste die Phase, mit der
ein Zyklus abschloss, im darauffolgenden Zyklus notwendig wiedererscheinen. Die
Abfolge der Zyklen war unendlich, wie die Ewige Wiederkehr Nietsches. Mit dem Tod als
definitivem Ende erlischt das Leben. Ein Ende ohne Neubeginn nennen wir "Aussterben".
Die Spezies der Dinosaurier ist ausgestorben. Die sumerische Kultur ist ausgestorben.
Das Geschlecht der Seleukiden ist ausgestorben. Für Marx war der Staat zum Absterben
verurteilt. Was ausgestorben ist, ist für immer zu Ende. "Comme toutes les choses
humaines ont une fin", schreibt Montesquieu, "l'Etat dont nous parlons, perda sa liberté, il
périra. Rome, Lacédémone et Charage ont bien péri."
Wir wissen so wenig von diesem Jenseits, dass jeder sich seine eigene Vorstellung davon
machen kann, je nach seinen Hoffnungen und seinen Ängsten, je nach den Träumen, die
ihn genarrt, und den Alpträumen, die ihn gequält haben, je nach den Lehren oder den
Indoktrinationen, die ihn geprägt haben. Es kann die Heilung von unseren Leiden oder die
Entschädigung für unsere unglücklichen Stunden sein. Das Einzige, an dem für uns kein
Zweifel besteht, ist, dass diese Welt, wenn es sie gibt, ganz anders sein muss. Doch in
welcher Weise anders? Die Science-Ficition-Romane lassen ihrer Phantasie freien Lauf,
wenn sie andere Welten beschreiben, aber es sind Welten, die nach dem Vorbild unserer
Welt errichtet wurden, die trotz all ihrer bizarren, ungewöhnlichen, sonderbaren und doch
niemals ganz unwahrscheinlichen Eigenschaften der diesseitigen Welt immer noch ähnlich
sehen. Es sind und bleiben menschlichen Welten, keine überirdischen Welten..."
Norbert Bobbio, aus: Vom Alter - De senectute. Wagenbach Salto (aus dem Italienischen
von Annete Kopetzki), Verlaug Klaus Wagenbach Berlin.
Norbert Bobbio starb letzte Woche.
"...Andere Länder haben schon seit langem die Forderung nach stärkerer Einbeziehung
der Nutzer in die Finanzierung der Gesundheitsversorgung umgesetzt. Unter Druck von
Weltbank und Internationalem Währungsfonds bitten Polikliniken und Hospitäler selbst in
den ärmsten Entwicklungsländern ihre Patienten zur Kasse. Die Ergebnisse von
Direktzahlungen im Krankheitsfall sind indes ernüchternd: Sie führen weder zu
nennenswerten Einnahmen noch zu einer rationaleren Nutzung des Gesundheitssystems,
dafür aber zu einer klaren Benachteiligung der sozial schwachen gesellschaftlichen
Gruppen. Die einkommensabhängige Staffelung von Zuzahlungen ist für viele arme
Länder zu kompliziert, die entstehenden Verwaltungskosten fressen 40-60 Prozent der
durch Kostenbeteiligung der PatientInnen generierten Einnahmen auf...
Eine Metaanalyse von jeweils einer Studie in Australien, Kanada und den USA kommt zu
dem Ergebnis, dass Eigenbeteiligungen im Umfang von 25 bis 30 Prozent der
Behandlungskosten die Nachfrage nach medizinischen Leistungen um 25 bis 28 Prozent
verringern...
Dennoch sind Nutzergebühren prinzipiell regressiv, sie treffen also die Bezieher niedriger
Einkommen stärker als die Besserverdienenden. Dass ältere Menschen und sozial
Schwache selbst von "geringfügigen" Selbstbeteiligungen am stärksten betroffen sind,
belegt eindrücklich eine grosse Studie aus der kanadischen Provinz Quebec. Nach der
Einführung von Zuzahlungen im Jahr 1996 sank die Einnahme essenzieller Arzneimittel
bei älteren Menschen um 9,12 und bei SozialhilfeempfängerInnen um 14,42 Prozent, und
die der nicht als notwendig eingeschätzten Medikamenten sogar um 15,14 bzw. 22,39
Prozent. Im Beobachtungszeitraum verdoppelte sich die Häufigkeit von Zwischenfällen,
die mit der verminderten Einnahme im Zusammenhang standen, bei den älteren
PatientInnen von 5,8 vor Einführung der Zuzahlungspflicht sogar von 14,2 auf 27,6 pro 10
000 Personen-Monate. Die Zahl notärztlicher Akutbehandlungen auf Grund ausbleibender
Versorgung mit notwendigen Medikamenten erhöhte sich dabei von 8,5 auf 19,9 pro 10
000 Personen-Monaten bei älteren Menschen und bei Sozialhilfeempfängern von 69,6 auf
123,8. Dieser Effekt wird mit zunehmender Einnahmedauer relevanter, in den ersten 30
Tagen nach stationärer Entlassung ist er bei essenzieller kardinaler Medikation (SSBlocker, ACE-Hemmer und Lipidsenker) nach akutem Myokardinfarkt nicht zu
beobachten...
Überhaupt unterschätzen Ökonomen und politische Entscheidungsträger oftmals auf
beängstigende Weise die externen Effekte gesundheitspolitischer Massnahmen, wie nicht
zuletzt die jüngste Debatte über Altersrationierung in Deutschland zeigte, wo interessierte
Kreise leichtfertig die Folgekosten von Nicht- und Unterversorgung übersahen. Die
individuellen wie volkswirtschaftlichen Folgen verschleppter Krankheiten sind in Ländern
mit hohen Zuzahlungsbelastungen besonders spürbar, wo ein grosser Anteil Versicherter
auf frühzeitige Behandlung verzichtet...
Davon ist auch in dem "Musterland" Schweiz auszugehen, das die WHO in ihrem
Jahresbericht 2003 wegen der ruinösen Krankheitsfolgen für die Familienhaushalte auf
den vorletzten Platz in Westeuropa verweist. Die dort geltenden hohen Eigenbeteiligungen
haben mehr als jeden 40. eidgenössischen Haushalt krankheitsbedingt verarmen lassen...
Relativ niedrige, fixe Eigenanteile, wie sie nun die informelle "grosse Koalition" aus
Regierung und grösster Oppositionspartei verordnet hat, bergen sogar die Gefahr,
kostentreibend zu wirken. Denn anstatt das Moral-hazard-Verhalten der Versicherten zu
kontrollieren, dürften sie diesen Effekt verstärken: Wer schon einmal im Quartal die
Praxisgebühr bezahlt hat, wird möglichst viele weitere Leistungen ohne erneute Zuzahlung
in Anspruch nehmen. Derweil reissen die niedrigen Beiträge der Gesunden, die keinen
Arzt brauchen und somit weniger zur Finanzierung des Gesundheitswesens beitragen,
Löcher in die Versicherungskasse. Das Argument der Kostenersparnis steht auf tönernen
Füssen. "Nutzergebühren verringern nicht die Kosten, sie erhöhen die Ungerechtigkeit", so
der britische Gesundheitsökonom Andrew Creese.
...Schliesslich widersprechen Zuzahlungen grundsätzlich dem Versicherungsprinzip, das
darauf beruht, dass Menschen unabhängig von einem Ereignis und im Voraus für einen
eventuellen Schadensfall bezahlen, um sich gegebenenfalls gegen finanzielle Folgen
abzusichern. Zuzahlungen im Krankheitsfall werden aber immer und grundsätzlich beim
Eintritt eines Gesundheitsproblems fällig, diese Finanzierungsquelle beschränkt sich also
auf Kranke und verschont Gesunde. Auch wirken Selbstbeteiligungen von Patienten
antagonistisch zu einem Grundelement des Solidarprinzips, nach dem die Gesunden für
die medizinische Behandlung der Kranken aufkommen. Als nicht einkommensabhängige
Zuzahlungsform untergraben Zuzahlungen im Krankheitsfall die Solidarität und
widersprechen den Vorstellungen von sozial gerechter Gesundheitsfinanzierung. Denn die
Fairness eines Gesundheitssystems steigt mit der Unabhängigkeit der Beitrags- oder
Gebührenerhebung vom Krankheitseintritt bzw. von der Inanspruchnahme medizinischer
Leistungen."
Jens Holst und Prof. Dr. med. Ulrich Laaser, aus: Unsozial, diskriminierend und ineffektiv.
In: Frankfurter Rundschau 7. Januar 2004. Zuerst erschienen im "Deutschen Ärzteblatt
51/52 2003.
Jens Holst, Jahrgang 1958 ist freier Mitarbeiter des Sektorprojektes Soziale
Krankenversicherungen in Entwicklungsländern der deutschen Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit GTZ. Der Internist und Gesundheitswissenschaftler arbeitet
zudem als Arzt bei einem Verein für Drogenhilfe, als Dozent an verschiedenen
Hochschulen und als freier Publizist für die FR und andere Zeitungen.
Prof. Dr. med. Ulrich Laase, Jahrgang 1941, leitet die Abteilung Internationale
Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Ausserdem ist er Vorstandsmitglied
des Deutschen Verbandes für Gesundheitswissenschaften und Herausgeber der
Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften. Seine laufenden Forschungsprojekte:
Szenario-Analyse zur Entwicklung der Schlaganfallsmortalität und - morbidität (gefördert
durch die DFG), Schlaganfallfrüherkennung, Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe u.a. (FRText).
"Es ist nur ein Stück Stoff, von unterschiedlicher Qualität und Couleur, als Hauptsache im
westlichen Europa etwas aus der Mode gekommen. Aber unsere Grossmütter trugen es
noch, unterm Kinn geknüpft, bei der Feldarbeit zum Schutz gegen Wind und Regen. Und
um den Hals gebunden wird es weiter gern benutzt, sei es in Zeiten erhöhter
Erkältungsgefahr, sei es zum Kaschieren von Jahresringen.
Jedes Stück Stoff wiederum kann, ostentativ eingesetzt, als Bedrohung empfunden
werden. Das Fahnentuch, das bewaffneten Einheiten vorangetragen wird, sogar das
weisse Bettlaken, das DDR-Bürger einst aus dem Fenster hängten, um ihren
Ausreisewillen zu unterstreichen. Oder das sorgfältig gebundene Kopftuch islamischer
Frauen. Es ist also ein müssiger Streit, der da entbrannt ist und die Bedeckung des
Hauptes in deutschen Schulen, auch wenn er mitunter gar Anflüge von Hysterie offenbart.
...Zweitens müssten Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften gleich behandelt
werden, um davon finden sich keine Spur in den Entwürfen aus Stuttgart und München,
die das Kopftuch bannen, Kreuz und Kutte aber ehren wollen. Solche Landesgesetze
dürfte irgendwann in Karlsruhe kassiert werden.
...Bis dahin werden die Vereinfacher das Wort führen. Das Aschenputtel-Prinzip, die Guten
ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, funktioniert partei- wie
konfessionsübergreifend. Das Kreuz steht in dieser Diktion für Toleranz, Freiheit,
Versöhnung, ist, wie der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse sagt, "kein Zeichen der
Unterdrückung". Eine zumindest geschichtslose Sicht, die Sarazenen und Indios haben's
vordem anderes erlebt, und bei etlichen christlichen Fundamentalisten von heute sind
Zweifel angebracht...
Um eine politisch-religiöse Indoktrination von Kindern zu unterbinden, die sich nicht nur,
aber auch in Symbolen äussern kann, gibt es zwei ehrliche Wege. Entweder die
Einzelfallprüfung, das Dulden von Kopftuch, Kreuz oder Kippa bis zum Beweis einer
unlauteren Einflussnahme. Das mutet auf den ersten Blick als die liberalere Variante an,
kann freilich auch in eine Klima der Gesinnungsschnüffelei münden, wie die Republik sie
in den Zeiten des so genannten Radikalenerlasses erlebt hat. Der zweite Weg ist der
laizistische, der Trennung von Staat und Kirche zumindest auf dem Schuldgelände, zu
besichtigen in der Türkei und demnächst in Frankreich. Das hiesse ein Verbot jeglichen
demonstrativ getragenen Glaubensbekenntnisses, weil die öffentliche Schule, wie Rau zu
Recht sagt, "für jeden zumutbar" sein muss, ob Christ oder Jude oder Moslem oder Heide.
Solche Konsequenz wäre auch keineswegs systemfremd: Als Beamte sind Lehrer ohnehin
zur Zurückhaltung verpflichtet, auf das Kopftuch oder das Kreuz auf der Brust sollten sie
füglich ebenso verzichten wie auf ein Parteiabzeichen am Revers. Der Sorge mancher
Kirchenleute und Politiker indes, dass auf diese Weise die christliche Kultur aus dem
öffentlichen Leben verbannt werde, sei trocken entgegnet: Ausserhalb des Schulgebäudes
ist Raum genug für Bekenntnisse, sogar für Mission."
Astrid Hölscher, aus: Kommentar. Das Kreuz mit dem Kopftuch. In: Frankfurter Rundschau
5. Januar 2004
"..Diese Männer haben unser Land zerstört. Sie gehören vor Gericht... Wenn unser armes
Volk diesen Kriminellen auch vielleicht vergibt - die Geschichte wird ihnen nie vergeben.
Ihre kriminellen Handlungen sind alle aufgezeichnet..."
Die 25-jährige Delegierte der Loya Jirga, Malai Joya auf der Verfassungsgebenden
Versammlung im Januar 2004. Malai Joya hat in Farah im Provinzkrankenhaus gearbeitet,
in einem Kindergarten und einem Waisenhaus. Sie hat Kurse für Frauen veranstaltet, um
ihnen Lesen und Schreiben beizubringen. Nach ihrem Redebeitrag wurde sie tätlich
angegriffen und mit dem Tode bedroht und schliesslich - "zu ihrer Sicherheit" - vom
Versammlungspräsidenten Sibghatullah Mojaddeedi aus dem Versammlungszelt
gewiesen. Sie steht nun unter UN-Schutz.
Die 64 Frauen der ratsgebenden Versammlung von Afghanistan (502 Delegierte, darunter
rund hundert Frauen) präzisierten, dass unter Staatsbürger Frauen und Männer
gleichermassen zu verstehen sind. In zivilrechtlichen Fragen gilt - wo sie eingeführt ist die Scharia, das islamische Recht. (Informationen nach Karl Grobe, FR 5. Januar 2004).
Ob das Herr Struck meinte, als er davon sprach, dass am Hindukusch auch unsere
Freiheit verteidigt werde. Unsere Freiheit - die Scharia als Zivilrecht und 3600 Tonnen
Opium als Finanzspritze für die Warlords von Afghanistan?
"Zutreffend stellt die Verfasserin in ihrem Bericht über das bewegende Buch des
kanadischen Generals Dallaire den Völkermord in Ruanda in eine Reihe mit den grossen
Genoziden des 20. Jahrhunderts. Dabei ist ihr ein Irrtum unterlaufen. Sie vergleicht
Ruanda mit dem Holocaust und "Stalins Völkermord an den Armeniern". Dieser aber
gehört nicht zu der wahrlich grossen Zahl von Stalins Verbrechen. Der Völkermord an den
Armeniern wurde 1915/16 im Osmanischen Reich begangen, im Zuge einer
nationalistischen Bewegung, die die Vorherrschaft des Islam und der Türken über andere
Religionen und Ethnien radikal durchsetzen wollte. Die Angaben über die Opfer des
Verbrechens, das bis heute von den türkischen Behörden geleugnet wird, schwanken
zwischen 150 000, die von der Türkisch-Historischen Gesellschaft und 1,5 Millionen, die
von armenischer Seite genannte werden.
Eine beschämende Parallele zu der von Dallaire beklagten Mittäterschaft der
"internationalen Gemeinschaft", die den Völkermord in Ruanda aus Gleichgültigkeit und
Eigennutz geschehen liess, findet sich auch im Falle der Armenier. Es war Krieg und die
Türkei mit Deutschland verbündet. Als der deutsche Botschafter in einem Bericht anregte,
die deutsche Regierung solle sich in Konstantinopel gegen das türkische Vorgehen
aussprechen, notierte Reichskanzler Bethmann, kühl: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei
bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier
zugrunde gehen oder nicht."
ZEIT-Leser Prof. Fritz Klein, Berlin, aus: Leserbrief, in: Die Zeit Nr. 3. 8. Januar 2004
2004-01-08
Eigentlich wollte ich die Jahresstatistik präsentieren, leider hat uns der Statistikautomat
den Januar 2003 schon rausgehauen. So also ohne Januar ein Paar Zahlen.
Wir hatten von Februar bis Dezember 2003 16.737 Besucher auf unseren Web-Sites und
148.853 Anfragen.
Am Beispiel des Dezembers lässt sich das anhand einiger Beispiele ein wenig
aufschlüsseln:
Wir hatten 13.907 Anfragen und 1806 Besucher. Der Stundendurchschnitt betrug 18
Anfragen im Durchschnitt, das Hoch lag bei 189. Pro Tag waren es im Schnitt 428, das
höchste 718.
Im Jahresüberblick lässt sich sagen, dass um 10, um 12 und um 17 Uhr am meisten nach
Baumert gewebbt wird.
Das Tagebuch
9 hatte 60 Anfragen
8 hatte 54 Anfragen
10 hatte 57 Anfragen
11 hatte 62 Anfragen
12 hatte 86 Anfragen
Die Meningokokken-Story der Zittig hatte 61 Anfragen.
Das Printverzeichnis vom Werkverzeichnis hatte 106 Anfragen.
6336 Anfragen kamen von Netzwerken (45,56%)
2070 Anfragen kamen aus Deutschland (14.88%)
1997 Anfragen kamen von Firmen (14,36%(
1228 Anfragen kamen aus der Schweiz (8.83%)
1203 Anfragen kamen von unbekannt (8.6%)
6 Anfragen kamen vom US-Militär (0.04%)
90 Quereinstiege (0,65%) kamen über eine französische Web-Seite, die für
Hochzeitsphotos Werbung macht.
Soweit ein kleiner Einblick in das Innenleben von Baumert im Web.
2004-01-08
"Der andere Mann
von
Kurt Tucholsky
Du lernst ihn in einer
Gesellschaft kennen.
Er plaudert. Er ist zu dir nett.
Er kann dir alle Tenniscracks nennen.
Er sieht gut aus. Ohne Fett.
Er tanzt ausgezeichnet.
Du siehst ihn dir an...
Da tritt zu euch beiden dein Mann.
Und du vergleichst sie in deinem Gmüte.
Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.
Wer er schon dasteht - du liebe Güte!
Und hinten am Hals der Speck!
Und du denkst bei dir so: "Eigentlich...
Der da wäre ein Mann für mich!"
Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren
Und guten alten Papa!
Hättest du den Neuen: in ein zwei Jahren
Ständest du ebenso da!
Dann kennst du seine Nuancen
beim Kosen;
Dann kennst du ihn in Unterhosen;
Dann wir er satt in deinem Besitze;
Dann kennst du all seine Witze.
Dann siehst du ihn in Freude und Zorn,
von oben und von unten,
von hinten und von vorn...
Glaub mir: wenn man uns näher kennt,
gibt sich das mit dem happy end.
Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier...
Und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.
Beurteil uns nie nach den besten Stunden.
Und hast du einen Kerl gefunden,
mit dem man einigermaßen auskommen
kann: dann bleib bei deinem eigenen Mann!"
Aus: Kurt Tucholsky, Gedichte,
Rowohlt Verlag, Berlin
"...Willkommen in der Wirklichkeit. Wer liebt und sich nie fürchtet, diese Liebe zu verlieren,
ist naiv. Erwachsene Frauen und Männer wissen, wie zerbrechlich Liebe ist, dass sie
verloren gehen kann - und gehen daher liebevoll mit ihr um..."
Der Münchner Psychoanalytiker und Psychotherapeut Dr. Wolfgang Schmidbauer, im
Gespräch mit Annete Lache, aus: Details quälen meist nur. Über den Seitensprung und
die zweite Chance. In: Stern, Nr. 51/2003
"...Dann ist da noch die wunderbare Sequenz mit Guido Westerwelle, der einst bei
Friedrich Küppersbusch posaunte: "Zwischen mir und meinen Positionen ist
nachgewiesenermaßen doch ein gewisser Unterschied". Ein netter Versprecher, den
seinerzeit freilich weder der FDP-Hansdampf noch der Moderator bemerkte."
Reinhard Lüke, aus: Reden und Wahrheit. Ein Zweiteiler über so genannte politische
Talkshows (unsere Volksvertreter - Politikergespräche im deutschen Fernsehen, ARD), in:
Frankfurter Rundschau 29. Dezember 2003
"...Wie sollen jungen Menschen sich mit einer Gesellschaft identifizieren, die ihnen marode
Schulgebäude, überfüllte Universitäten und eine der schlechtesten Schulausbildungen im
europäischen Vergleich zur Verfügung stellt? Oder: Was erwartet eine der nach wie vor
reichsten Nationen der Welt von ihren jüngsten Mitgliedern, wenn sie sich drei Millionen in
Armut lebende Kinder leistet? Eine verschobene Altersdemographie heißt: Es gibt immer
mehr Menschen, die eher zurück als nach vorn schauen, und es heißt auch ganz konkret,
dass Menschen in der zweiten Lebenshälfte weniger vitales Interesse an einer
flächendeckenden Versorgung mit Kindertagesstätten haben als 25-jährige Frauen.
Welche Folgen die veränderte Altersdemographie für die Handlungs- und
Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft hat, mag sich am Beispiel eines Verkehrsministers
erschließen, der ratlos und etwas verlegen vor der Suppe sitzt, die ihm sein Vorgänger
eingebrockt hat - in jenem Vertrauen auf die Exzellenz deutscher Manager und Ingenieure,
das Politiker offenbar noch hegen. Manfred Stolpe ist so sehr Argument gegen die
Heraufsetzung der Lebensarbeitszeit wie die Verantwortlichen von Toll Collect in ihrem
angeberischen Dilletantismus leibhaftige Beispiele für den Niedergang des Bildungs- und
Wissenschaftssystems abgeben...
2003 kann also als das Jahr einer wahrscheinlich höchst folgenreichen Fehlentwicklung
des politischen Handelns betrachtet werden; wenn man es milder formulieren würde, als
das Jahr des Verpassens einer letzten Korrekturchance älterer Fehlentwicklungen. Wie
man bei einer Bevölkerung, die in ihrer übergroßen Mehrheit die dringliche Notwendigkeit
von Veränderungen eingesehen hat und mit zusammengebissenen Zähnen eine Menge
von Opfern auf sich zu nehmen bereit ist, wirkliche Reformen so sehr verbaseln kann wie
die gegenwärtige Regierung und Opposition, das ist schon atemberaubend. Statt die
massive Krise als radikale Innovationschance zu nutzen und dort zu investieren, wo sich
Zukunftschancen in Gestalt hervorragend ausgebildeter junger Menschen eröffnen, die
sich mit einer Gesellschaft identifizieren, die ihnen Entwicklungsmöglichkeiten bietet, wird
ausgerechnet daran gespart.
Die skandinavischen Länder, allen voran Finnland, haben vorgemacht, dass antizyklische
Investitionen in Bildung und Forschung sich auszahlen, und zwar innerhalb erstaunlich
kurzer Zeithorizonte. Die Koffer der Bestqualifizierten sind gepackt, mental oder auch
faktisch, und das gilt nicht nur für die Wissenschaft, sonder auch für die Industrie. Es ist
völlig klar, dass die Verlagerung der industriellen Produktion ins Ausland in den nächsten
Jahren ungebrochen fortgesetzt werden wird, mit allen Folgen für die sozialen
Sicherungssystem und die Arbeitslosigkeit. Ein rein symbolisches Gegensteuern
interessiert niemanden, und um Geduld zu bitten, aber man wird sie nicht gewährt
bekommen.
2003? Vergessen Sie's einfach."
Harald Weizer, Jahrgang 1958, ist Soziologe und Sozialpsychologe. Er hat eine Professur
an der Universität Witten-Herdecke inne. Aus: So war 2003. In: Frankfurter Rundschau 29.
Dezember 2003
"Auch Erwerbslose ohne Konfession müssen vorerst damit leben, dass ihnen ein
Kirchensteueranteil beim Arbeitslosengeld abgezogen wird" - so liest man, und dann
gleich nochmals, ob das wirklich so dasteht. Eine dazugegebene gerichtliche
"Begründung" hilft nicht weiter, wenn man sich wundert, wieso in aller Welt irgendwer
einer Glaubens- oder Überzeugungsgemeinschaft, der er nicht angehören will, Geld zu
geben habe - im Falle Arbeitsloser bei ihrer alles andere als üppigen Versorgung extrem
absurd. Das provoziert die Frage, wie die also bedachten Kirchen dazu stehen. Nur eine
Reaktion darf es geben: Diese Praxis ist schnellstens zu beenden und alle so erfolgten
Zahlungen sind sozusagen "noch heute" zurückzuerstatten. Alles andere wäre
unanständig im Extrem. Wissenswert wäre dem Zeitungsleser noch: Seit wann ist dieser
abwegige Steuerabzug Praxis?"
FR-Leser Martin, Krapf, Pfarrer im Ruhestand, Uhldingen, aus: Leserbrief Was sagen die
Kirchen, in: Frankfurter Rundschau 30. Dezember 2003
"Haben Sie Weihnachten mal den Fernseher eingeschaltet? Die Tagesschau geguckt, mit
der tollen Laura Dünnwald? Und hat Sie Ihnen auch Folgendes vorgetragen?: "USPräsident Georg W. Bush hat sich beim irakischen Volk entschuldigt. Die Angriffe auf Irak
seien einer seiner größten Fehler gewesen, sagte Bush dem Fernsehsender DNN. "Ich
bitte das irakische Volk für das Leiden, das unser Krieg über das Land gebracht hat, um
Vergebung", so der Präsident wörtlich. Bush kündigte an, den früheren irakischen
Staatschef Saddam Hussein an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag auszuliefern.
Er werde das Gericht mit sofortiger Wirkung anerkennen. Für noch mehr Überraschung
sorgte Bushs Erklärung, er werde nicht mehr als Präsident kandidieren. "Ich habe in
meiner Amtszeit so viele Fehler gemacht, die ich in hundert Jahren nicht wieder
gutmachen kann", sagte Bush ungewöhnlich selbstkritisch. Er möchte es in Zukunft jedem
auf der Welt selbst überlassen, an welchen Gott er glaube. "Es kann nicht nur den einen
geben", sagte Bush. Ihm sei es sowieso schleierhaft, wie die US-Amerikaner darauf
kämen, ihr Land als God's own country zu bezeichnen. - Bundesaußenminister Joschka
Fischer begrüßte die Worte des US-Präsidenten und schickte ein Dankestelegramm. CSU-Spitzer Edmund Stoiber kündigte derweil einen außerordentlichen Parteitag an, auf
dem über ein Vorgehen gegen die USA debattiert werden solle. "So, äh, geht es ja nun,
äh, nicht, lieber Herr Bush", sagte Stoiber der ARD."
Danach zog Laura ihr Jäckchen aus und tanzte auf dem Tisch."
Michael Tetzlaff, aus: Times Mager. Glück. In: Frankfurter Rundschau 29. Dezember 2003
2004-01-07
"...Mix-Technologie
Beim Einsatz dieser Technologie bieten die Anonymisierungsstationen nicht nur die von
Onion-Routing bekannte Funktionalität, sondern sorgen zudem dafür, dass die bei ihnen
eintreffenden Anfragen nicht in der gleichen Reihenfolge weitergeleitet werden. Damit
kann die Anonymität der Nutzer sogar dann noch gewahrt werden, wenn man unterstellt,
dass ein omnipräsenter Dritter in die Rolle eines "Big Brother" schlüpft und nicht nur
Zugriff auf fast alle verwendeten Anonymisierungsstationen hat, sondern auch auf die
genutzten Netzwerkverbindungen, und daher registrieren kann, wann über welche
Datenverbindungen Daten zwischen welchen Computern oder Anonymisierungsstationen
ausgetauscht werden. Ein solches Mix-Modell liegt beispielsweise dem von der TU
Dresden in Zusammenarbeit mit dem Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz
Schleswig-Holstein betriebenen und für die WWW-Nutzung vorgesehenen AN.ONAnonymisierungsdienst zugrunde. (vgl. www.anon-online.de ).."
aus: Datenschutz für unsere Bürger, 24. Tätigkeitsbericht des Landesbeauftragen für den
Datenschutz in Baden-Württemberg 2003. Der Datenschutzbericht ist auch dieses Jahr
lesenswert. Erhältlich beim Landesbeauftragten für den Datenschutz, Peter Zimmermann,
Marienstrasse 12, 70178 Stuttgart, www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de
"...Als Präsident Clinton Sie zu seiner Aussenministerin machte, haben Journalisten nicht
nur ihre jüdische Herkunft aufgedeckt, sie haben auch herausgefunden, dass drei ihrer
Grosseltern von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet wurden. Wie hat diese
schmerzliche Erkenntnis ihr Verhältnis zu Deutschland beeinflusst?
Madeleine Albright: Ich hatte eine eindeutige Haltung gegenüber Deutschland - lange,
bevor ich erfahren musste, inwieweit ich persönlich betroffen bin. Sie werken kaum einen
Tschechen finden, der den Zweiten Weltkrieg miterlebte und der positive Gefühle den
Deutschen gegenüber hatte. Ich beschreibe in meinem Buch, wie meine Eltern mich
Toleranz lehrten - mit einer Ausnahme. Meine Mutter sagte immer: "Wir hassen die
Deutschen". Ich bin also damit aufgewachsen, die Deutschen zu hassen. Ich wusste auch
allen über den Holocaust - ausser dass ermeine eigene Familie betraf.
Sie haben diese oft gestellte Frage auf eine völlig neue Art gestellt. Ich muss Ihnen sagen,
das ich zu dem Zeitpunkt, als ich vom Schicksal meiner Grosseltern erfuhr, schon eine
ganz andere Haltung gegenüber Deutschland eingenommen hatte. Ich verfolgte
aufmerksam, wie eine neuer Generation sich ehrlich und nachdenklich bemühte, das
Geschehene rational zu erfassen. Diese neue Generation wollte wissen, was geschehen
war und wie es dazu kommen konnte. Wer mir wirklich klargemacht hat, dass sich
Deutschland grundlegend verändert hat, war Joschka Fischer. Das ist einer der Gründe,
weshalb mir unsere Freundschaft sehr viel bedeutet. Ich habe mich mit ihm ausgiebig
darüber unterhalten, warum er ein Revolutionär war. Und er erklärte mir, dass jeder, der
im Deutschland der fünfziger Jahre aufwuchs, wusste, dass alle Autoritäten entweder
mitgemacht oder alles verdrängt hatten. Warum hätte man da mitspielen sollen? Man
musste rebellieren! Und dann, während des Kosovokrieges, machte er kluge
Bemerkungen über die ethnischen Säuberungen, wenn wir über die schrecklichen
Parallelen sprachen. Als ich schliesslich erfuhr, dass es eine persönliche Verbindung
zwischen mir und dem Holocaust gibt, war viel Zeit vergangen und ich zu der
Überzeugung gelangt, dass es sich heute um ein ganz anderes Deutschland handelt...."
Petra Krischkok im Gespräch mit Madeleine Albright, aus: Die Stimme erheben, in: Voss,
Berliner Zeitschrift Nr. 3, Winter 2003/2004.
www.die-voss.de
2004-01-06
Ein junger Mann. Alleine in einer grossen Stadt. Seine Freunde sind weit weg. Seine
Familie auch. Es ist Weihnachten. Das Fest der Liebe. Er ist allein. Er hat ein Handy. Er
hat Zugang zu Telefon und zu E-Mail. Er kann schreiben. Er ist allein. Fest der Liebe?
Wieso rufen sie nicht an? Wieso nicht der Vater - meint er, es reicht ihm monatlich das
Leben zu finanzieren? Nicht die Mutter? Meint sie, sie habe mit ihrer Mutterliebe die ersten
drei Dekaden seines Lebens genug getan? Nicht die Schwester - mit ihr hat er nichts zu
tun, keinen gemeinsamen geistigen Horizont, keine Gemeinsamkeit, was zählen da schon
fast zwei Jahrzehnte Zusammenleben? Und die Anderen, die Partner der Eltern,
Swippeltern sozusagen. Die eine klagt über mangelnde Kohle, sie die Spekulantin. Der
andere liegt faul zwischen Edelgeräten und Hängematte in der Sonne. Wieso melden sie
sich nicht? Wieso schreiben sie nicht? Wieso rufen sie nicht an? Da erlebt er jedes Jahr
aufs Neue seinen Weihnachtsblues. Auf der Melodie oh Du fröhliche beklagt der die
Armseligkeit seiner Familie. Ein Griff zum Hörer würde genügen, in wenigen Stunden wäre
er mit Bahn bei den Verwandten, ein Brief könnte Kommunikation eröffnen. E-Mail könnte
mehr sein, als Mülleimer. Der junge Mann ist allein. Er wird krank. Er leidet. Die Welt ist
schlecht und die Familie ist armselig. Oh Du fröhliche.
"...Für mich gibt es keinen anderen Tag, an dem sich die Menschen so deutlich in zwei
Klassen teilt, nämlich in die Kinderlosen und die Eltern. Die kategorien bekommen an
diesem Tag eine starke Evidenz und Triftigkeit...
Ich fahre nicht mehr zu meinen Eltern. Ich empfinde Weihnachten als das Fest der
Schuldgefühle. Man kann sich diesen Schuldgefühlen aber selbst dann nicht entziehen,
wenn man nicht mit den Eltern zusammen ist. Die Schuldgefühle sind so massiv, dass sie
alle restreligiösen Gefühle komplett überdecken. - Die Schuldgefühle deinen Eltern
gegenüber? - Ja. Man hat sie auch, wenn man dort ist und es erträglich findet, dort zu
sein. - Was ist denn die Schuld, die du auf dich lädst? - Jemanden allein zu lassen. Weihnachten stellt die Frage nach der Einsamkeit. Ich habe für dieses Jahr fünf Leute
eingeladen. Die sind zwischen 50 und 60 und leben allein. Als ich nur eine geringe
Bemerkung fallen liess, sie könnten am 24. bei mir vorbeikommen, schnappten die sofort
zu. Ich merkte, ich greife da in eine tiefe Einsamkeit. - An Weihnachten wird die Wo-Frage
gestellt, ganz im Sinne der christlichen Weihnachtsgeschichte. Wo kommen wir her. Ich
will das gar nicht denunzieren, aber es ist durch die bürgerliche Kleinfamilie
kurzgeschlossen worden, dass da die Wo-Frage gestellt wird. - Es gibt eine Ortsfrage,
aber es gibt auch die Frage, wo dieses Weihnachten im Innern ist...
...Ich habe das noch anders gemeint. Weihnachten ist das Fest, wo es ein tautologisches
Verhältnis gibt zwischen der Geschichte, der Familie und der Urerfahrung, von der wir hier
sprechen. Weihnachten ist eine Art von Familienbildung, der wir ausgesetzt sind. Im
idealen Fall sitzt die Familie Weihnachten da und erzählt sich die Geschichte der Familie.
Über die Ostergeschichte muss man nachdenken. Das Wunderbare an Weihnachten ist:
Du musst nicht denken...
...Ich hab die Erfahrung gemacht, dass sich um Weihnachten herum bei mir alle
Sicherungen lockern. Ich gebe unbedenklich Geld aus, kaufe mir Champagner, den ich mir
nicht leisten kann etc. Und mit der Kategorie Zeit ist es genauso. Ich verbummle viel
Zeit......Auf jeden Fall ist Weihnachten die Zeit anderer Ökonomien. Aber das
Zeitschenken ist ja genau das, was an Weihnachten innerhalb der Familien zu den
Katastrophen führt. Es ist ja der Zeitüberschuss, der nicht selten zu Unglücken führt..."
Aus einem FR-Gespräch der Fr-Feulleton-Mitarbeiter über Weihnachten "Wozu
Weihnachten?", in: Frankfurter Rundschau 24. Dezember 2003
"Nein, dass die Organisation, die Winfried Beck 1986 mitgründete, ein Machtfaktor in der
deutschen Gesundheitspolitik wäre, kann man wahrlich nicht behaupten. Ein paar hundert
Mitglieder hat der linke "Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää). Zum Vergleich:
der konservative "Hartmannbund" vertritt um die 60 000 Mediziner...
Der 60 jährige Orthopäde weiss, wo es den Ärztelobbyisten wehtut. Wenn sich
Standesvertreter gegen unabhängige Überprüfungen ihrer ärztlichen Fähigkeiten wehren,
empfiehlt Beck, den Titel "Facharzt" auf Zeit zu vergeben und die "Lizenz" nur nach einer
Prüfung zu erneuern. Wenn Kollegen mit Plakaten im Wartezimmer gegen die
Gesundheitspolitik wettern, warnt er die Niedergelassenen öffentlich, ihr finanzielles Wohl
nicht mit dem der Patienten gleichzusetzen. Wenn Mediziner mehr Geld fordern,
entgegnet ihnen Beck, dies würde nur den Druck vom Gesundheitssystem nehmen. Der
sei aber für eine Qualitätsoffensive notwendig. Wenn andere Ärzteverbände Jubiläen
feiern, erinnert Beck an deren Verstrickungen in die NS-Diktatur. Sogar der Politik der
Ministerinnen Andrea Fischer und Ulla Schmidt konnte er - in Grenzen - Gutes
abgewinnen.
Mit einem Tabubruch brachte Beck dann die Kollegen vollends gegen sich auf: Den
Vertretern der Ärzteschaft, die lautstark über Einkommenseinbussen klagten, entgegnete
er: "Wir verdienen genug.". Um dies zu untermauern legte er im STERN seine finanziellen
Verhältnisse offen: 130 000 Euro brutto Jahreseinkommen 2001 laut Steuererklärung erworben aus seiner orthopädischen Praxis und seiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter.
Existenznot sieht anders aus. Die Beschimpfungen seiner Kollegen folgten umgehend...
Mit seinen Provokationen wehrt sich Beck dagegen, dass Standespolitik zu oft reine
Klientelpolitik sei, die nur der Wahrung der Privilegien diene. Die Selbstverwaltungsorgane
seiht er als die Reformblockierer im Gesundheitswesen. Verbesserungen müssten oft
gegen die Ärztelobby durchgesetzt werden..."
Wolfgang Wagner über Winfried Beck, aus: Das Portrait: Provozierend. In: Frankfurter
Rundschau 23. Dezember 2003
www.vdää.de
Aufruf Abrüstung statt Sozialabbau ("..Wir appellieren an die Bundesregierung: Wir
verlangen eine drastische Reduzierung der Rüstung und die Streichung aller
Rüstungsvorhaben, die für Auslandseinsätze der Bundeswehr vorgesehen sind. Die
dadurch frei werdenden Mittel müssen für soziale Sicherung, zivile Arbeitsplätze, Bildung
und Ausbildung sowie für den Erhalt einer lebenswerten Umwelt verwendet werden.
Rüstung, militärische Intervention und Sozialabbau verschärfen Konflikte, statt ihre
Ursachen zu bekämpfen.")
www.friedensratschlag.de
Der Stör, mein Totemtier nach dem indianischen Medizinrad, ist vom Aussterben bedroht.
Der Knorpelfisch, der von 0,8 bis sechs Meter lang ist und bis eineinhalb Tonnen schwer
werden kann, wird bis zu 150 Jahre alt. Früher gab es ihn in fast allen Meeresregionen
Europas. Heute ist er nur noch in Frankreich und am Kaspischen Meer zu Hause. Die
Jagd nach dem Kaviar hat die Goldgräber und Tierschlächter auf den Plan gerufen. Etwa
90 Prozent des Kaviars auf dem Weltmarkt haben ihren Ursprung am Kaspischen Meer...
www.fr-aktuell.de/lebensarten
www.wwf.de
"...In Italien sowie in Frankreich sind die Hürden für kranke Migranten ohne
Aufenthaltsstatus am niedrigsten: Rom führte vor fünf Jahren den so genannten
TEMPORARY PRESENCE CODE ein. Das ist ein Art anonyme Krankenkassenkarte. Die
Gesundheitszentren der Gemeinden geben die Codes aus. Wer sich so registrieren lässt,
hat vollen Zugang zur medizinischen Grundversorgung, er wird behandelt wie jeder
Italiener. Vorgesehen ist, dass diese Kranken selbst zahlen, wer allerdings erklärt, nicht
genug Geld zu haben, ist davon ausgenommen. 1999 hat Italien umgerechnet 30 Millionen
Euro für die Behandlung von Ausländern ohne Papier ausgegeben. Ausdrücklich
ausgeschlossen ist eine Meldung an Polizei oder Behörden. Die gleiche Regel gilt in
Frankreich: Wer sich an das eigens geschaffene Amt AME wendet, kann sicher sein, nicht
denunziert zu werden und hat ebenfalls vollen Zugang zur staatlichen
Gesundheitsversorgung - ohne dafür zahlen zu müssen..."
Yvonne Holl, aus: Nur mit Kärtchen. Zur Medizinischen Versorgung von Migranten in
Europa. In:Frankfurter Rundschau 22. Dezember 2003.
Über das Buch
Thea Borde/ Matthias David (Herausgeber)
Gut versorgt? Migrantinnen und Migranten im Gesundheits- und Sozialwesen). MabuseVerlag, Frankfurt am Main.
"Schöpfen Sie alle Möglichkeiten vor Ort aus, um den Bestand der
Sozialhilfeempfänger/Asylbewerber so gering wie möglich zu halten."
Aus einem Schreiben der Marketing- und Vertriebsabteilung der Barmer Ersatzkasse an
ihre Regionalgeschäftsführer. Laut Bericht in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung,
zitiert nach DPA, 26. Dezember 2003
"...Die Vorstellung, man könnte den sozialen Konflikt, in dem sich mehr als der Streit um
ein Stück Stoff bündelt, durch juristische Normierung eindämmen, ist grotesk. Vielleicht
wird dadurch ein Dauerstreit in die Institutionen hineingetragen. Wie und nach welchen
Kriterien sollen Lehrer prüfen, ob ein Kreuz am Hals eines christlichen Mädchen ein
normales oder ein grosses, also offenkundiges, und damit zu verbietendes Ausmass hat?
Und was ist, wenn sich christliche Schüler mit Fischen dekorieren, dem biblischen Symbol
für die Gläubingen (Mt 4,19)? Kein Gesetzgeber kann den Übergang von neutralen
Zeichen zum "prahlerisch-angeberischen" oder "offenkundigen" stimmig definieren..."
Rudolf Walter, aus: Lob der kalten Toleranz. Trügerische Mystifikation des Laiszimus: Der
französiche Streit um das Kopftuch, seine Vorgeschichte und seine möglichen Folgen. In:
Frankfurter Rundschau 22. Dezember 2003.
2004-01-05
"...Das soziale Gesundheitssystem stabilisiert die Zivilgesellschaft und hält, wie sozialer
Kitt, das Gemeinwesen nachhaltig zusammen. Was Religionen und politische Ideologien
nicht mehr schaffen, leistet die mitmenschliche Sorge für den Kranken. Denn wer krank ist,
spürt am eigenen Leib, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind und ein
gesundes gesellschaftliches Zuhause brauchen. Die politische Heilkunst gegen den Zerfall
der sozialen Bindungen wird langfristig zum ökonomischen Vorteil. Darin unterscheidet
sich Europa von Amerika. Nicht die Gentechnologie, also die Reparaturfabriken für
Körpermaschinen, entscheiden über die Zukunft moderner Gesellschaften, sondern die
soziale Kohärenz und die Kultivierung des humanen Kapitals.
Gute gesellschaftliche Gesundheit braucht zwingend eine Pflichtversicherung oder eine
Versicherungspflicht für alle Bürgerinnen und Bürger. Die Versicherungen können frei
gewählt werden und müssen jeden aufnehmen. Die Diskriminierung von Bürgerinnen und
Bürgern mit besonderen Risiken wird strafrechtlich sanktioniert. Es geht also um eine
solidarische Regelversicherung, die individuelles und allgemeines Wohl verknüpft und ein
Community-Bewußtsein in der Bevölkerung wach hält. Dafür sind zehn Prozent aller
individuellen Einkünfte notwendig. Beiträge wie bisher und eine "Gesundheitssteuer", aber
auch eine Kopfpauschale von etwas über 200 EURO im Monat mit steuerfinanziertem
Ausgleich zwischen Arm und Reich können diese finanzieren. Beides entspricht einer
verpflichtenden Bürgerversicherung für den Bedarf der Regelversorgung mit zusätzlichen
Wahlmöglichkeiten für individuelle Bedürfnisse...
...Die Zahl der Belastungs-EKG's in einer Region sind kein Leistungsmaßstab, sie messen
die Ressourcenvergeudung. Wirkliche Leistungen der Heilkunst werden gegenwärtig nicht
definiert und daher sind alle bestehenden Preissysteme für die gesundheitliche
Produktivität zerstörerisch. Die Ausbeutung des Kranken ist immer noch lukrativer als eine
gesundheitsförderliche persönliche Betreuung. Ziel moderner Heilkunst ist die Autonomie
für den einzelnen Menschen trotz eines körperlichen, seelischen oder sozialen Handicaps.
Welche Hilfe kann dazu beitragen, daß der Einzelne trotz Krankheit und Gebrechen
selbständig sein Leben meistern kann?
Dies beinhaltet die kreative Gestaltung resourcensparender Wertschöpfungsprozesse.
Heute schluckt der Terror der Bürokratie und die blockierte Kommunikation des allseitigen
Misstrauens gut 40 Prozent der eingesetzten Mittel. Ein schlankes
Gesundheitsmanagement konzentriert den Mitteleinsatz im lokalen, regionalen und
nationalen Rahmen auf die Kernleistung des Helfens und Heilens, also die primäre
Wertschöpfung. Jeder Kranke weiss, dass Körper, Seele und soziales Beziehungsnetz
miteinander verwoben sind. Schlechte genetische Voraussetzungen können durch gute
soziale Kultur kompensiert werden. Der Herzinfarkt ist Pumpenversagen oder Ergebnis
einer verstopften Röhre. Die Medizin der Industriekultur mit ihren mechanistischen
Sichtweisen wird der Kommunikationskultur angepasst und lernt in Wechselwirkungen zu
denken und zu handeln. Danach ist der Herzinfarkt eine Kommunikationsstörung. Eine
Interaktionskatastrophe also, die nicht mechanistisch, sonder kommunikativ geheilt wird.
Gegenwärtig entsteht eine neue, ganzheitliche orientierte Medizin, die Gen, Person und
soziale Gemeinschaft miteinander verknüpft sieht, eine "Relativitätstheorie" der Medizin.
Die Globalisierung macht Druck auf das soziale Bindegewebe. Die exklusiven Kräfte der
entwickelten Gesellschaft nehmen zu. Dem muss ein soziales Gesundheitssystem
entgegenwirken. Gleichzeitig darf es aber nicht eine antiquierte mechanistische
Philosophie vertreten oder den medizinischen Overkill als Leistung verbrämen.
Gesundheit für den Einzelnen und die Bevölkerung gelingt, wenn die Führungseliten in der
Politik, bei Krankenkassen, Krankenhäusern und in der Ärzteschaft auf neue Art
zusammenwirken und ihre soziale Verantwortung erkennen. Die Zeit ist reif, mit dieser
Erkenntnis die anstehende Modernisierung anzupacken und erfolgreich durchzuführen.
Für Europa könnte die Gesundheitsreform zur zweiten Chance werden: Nach der
Kommunikationswirtschaft kommt ein Aufschwung der Gesundheitswirtschaft. Wenn diese
sozial integriert statt spaltet, schafft sie viele Arbeitsplätze und neuen gesellschaftlichen
Wohlstand."
Ellis Huber, aus: Politische Heilkunst gegen Zerfall sozialer Bindungen. Gute
gesellschaftliche Gesundheit braucht zwingend eine Pflichtversicherung oder eine
Versicherungspflicht. In: Frankfurter Rundschau 9. Dezember 2003
Ellis Huber, langjähriger Präsident der Berliner Ärztekammer war der einzige linksalternative Kammerpräsident in Deutschland. Er ist heute Vorstand der
Krankenversicherung Secuvita BKK, die auch die "sanfte" Naturheilkunde empfiehlt.
Zu den Buchveröffentlichungen des gebürtigen Hotzen zählen LIEBE STATT VALIUM und
HANDELN STATT SCHLUCKEN.
"....Zwei Jahre nach NINE ELVEN lautet die in Europa vorherrschende Schlussfolgerung,
dass sich Amerika die Angriffe vonseiten der Islamisten selbst zuzuschreiben habe. Aber
damit nicht genug. In Europa besteht offenbar auch ein großer Hunger nach
Verschwörungstheorien. Bücher über die vermeintliche obskure Rolle der CIA und des
israelischen Geheimdienstes Mossad beim Untergang der Türme finden in ganze Europa
reissenden Absatz. ....Und von Mal zu Mal wird deutlicher, dass die
Antiglobalisierungsbewegung vor allem eine antiamerikanische Bewegung ist...
...Um zu überleben, hat Israel seit 1948 vier bittere Kriege mit der arabischen Welt führen
müssen. Doch sein schwerster Krieg scheint der gegenwärtige Öffentlichkeitskrieg zu sein.
Und die Umfrage zeigt, dass Israel diesen Krieg verloren hat.
In Europa findet der israelisch-palästinensische Konflikt kolossal viel Beachtung. Weit
mehr als Tschetschenien oder der Bürgerkrieg im Sudan. Obwohl es in den besetzten
Gebieten im Grunde um einen relativ begrenzten regionalen Konflikt, um zu
vernachlässigend kleine und unfurchtbare Stückchen Land geht, wird in den europäischen
Medien unvergleichlich viel mehr darüber berichtet als über andere Krisenherde in der
Welt. Da wären, um nur ein paar Beispiele aus der Fülle der schwelenden Unruhen
herauszugreifen, die einen weltweiten atomaren Flächenbrand nach sich ziehen können:
der Kaschmirkonflikt zwischen den nervösen Atommächten Pakistan und Indien, die
Irritationen um das von einem wahnsinnigen Filmfreak regierte Nordkorea, die atomaren
Ambitionen der diktatorisch regierten, paranoiden Länder Iran, Libyen, Saudi-Arabien,
Chinas Hadern mit dem wohlhabenden und unbeugsamen Taiwan...
In den neunziger Jahren sind in Tschetschenien in dem immer noch anhaltenden Krieg
zwischen Moskau und islamischen Separatisten Schätzungen zufolge 100.000 Menschen
ums Leben gekommen. Der Krieg des islamischen Regimes im Sudan gegen die
christlichen und animistischen Stämme im Süden des Landes hat schätzungsweise ein bis
zwei Millionen Tote gefordert...
Wie sehen die konkreten Zahlen aus? Die unabhängige israelische
Menschenrechtsorganisation B'tselem veranschlagt die Zahl palästinensischer Toter
währen beider Intifadas und der Zeit dazwischen, also innerhalb vom 16 Jahren, vom
Dezember 1987 bis einschließlich Juni 2003, auf 3544, das sind 0,6 pro Tag (auf
israelischer Seite gab es mehr als 1100 Tote). Anders ausgedrückt: Obwohl der israelischpalästinensische Konflikt auf tragische Weise nahezu täglich Opfer fordert, wird das
Ausmaß der Gewalt dort von der Gewalt in anderen Teilen der Welt übertroffen - weit
mehr Tote forderte allein der heiße Sommer 2003 in französischen Altersheimen...
...Das obsessive Interesse der europäischen Medien für Israel hat vor allem mit der
Vergangenheit zu tun. Israel wurde von europäischen Juden gegründet, die dem
europäischen Judenhass entflohen waren; es ist das kontinuierliche Symbol für die
Gleichgültigkeit und die Ohnmacht Europas am Tiefpunkt der europäischen Zivilisation:
der industriellen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa während des Zweiten
Weltkriegs...
...Dass Israel zu Europas Staatsfeind Nummer eins geworden ist, hängt vielmehr mit den
Zwangsvorstellungen zusammen, die Europäer Juden gegenüber hegen: Es hat letztlich
mit dem Bedürfnis der Europäer zu tun, sich ein für allemal von der Last der Schoah zu
befreien und die ärgerliche moralische Erpressung seitens der arroganten israelischen
Politiker und der amerikanischen Wortführer jüdischer Organisationen zu beenden. Wenn
Juden selbst Täter sind, wird der europäischen Verantwortung für die Schoah etwas von
ihrer Ausschließlichkeit genommen. Wenn Juden als Nazis bezeichnet werden können,
werden die ursprünglichen Nazis ein bisschen jüdisch.
Wenn Sabra, Schatila und Dschenin als Vernichtungslager bezeichnet werden können, ist
Auschwitz nicht länger eine absonderliche Tragödie der europäischen Zivilisation, sondern
ein gewöhnlicher Vorfall in einer Reihe gewöhnlicher Unmenschlichkeiten. Wenn der
jüdische Staat für die größte Gefahr für den Frieden in der Welt gehalten werden kann,
gewinnt die nazistische Ideologie ("Die Juden sind unser Unglück"), von der sich so viele
haben verführen lassen, posthum eine gewisse Respektabilität. Wenn Juden selbst
Blutbäder anrichten, sind sie um kein Haar besser als Nazis und verlieren jeden Anspruch
auf moralische Überlegenheit.
Am 11. September 2001 erklärten bin Laden und seine Islamisten dem Westen, dem Land
von Kreuzrittern und Juden, den Krieg. Es scheint, als habe sich Europa seither schon fast
panisch darum bemüht, ihm pazifizierend zu verdeutlichen, dass nicht Europa das Haus
der Kreuzritter sei, sondern Amerika, und dass man auch in Europa die wahre, böse Natur
der Juden kenne.
Vor 80 Jahren schrieb Friedrich Holländer zu einer Melodie von Bizet das traurigsarkastische Lied AN ALLEM SIND DIE JUDEN SCHULD:
An allem sind die Juden schuld,
die Juden sind an allem schuld,
allem schuld.
Warum sind denn die Juden schuld?
Kind, das verstehst Du nicht,
sie sind dran schuld."
Leon de Winter, aus: Altes Gift im neuen Europa. In: Die Zeit Nr. 51, 11. Dezember 2003
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.
Leon de Winter, einer der bekanntesten Autoren Hollands, wurde als Sohn
niederländischer Juden 1954 geboren. Von Bauern versteckt, überlebten seine Eltern die
Shoa.
"...Weshalb wir in der Bielefelder Schule diese drei R erfunden haben...
Zeit: Drei Regeln?
Hartmut von Hentig: Drei Wörter, die mit R anfangen. Das erste R steht für: Reviere
bilden. Das Kind muss wissen: Dies ist mein Ort, hierfür bin ich verantwortlich. Ich kann
nicht verhindern, dass andere woanders lärmen oder Papier wegwerfen. Aber in meinem
Revier kann ich es. Das zweite R steht in der Tat für: sich Regeln setzen. Also: nicht
schon Regeln vorfinden, und die anderen wissen, wozu die gut sind, während sie mich nur
peinigen. Regeln müssen gemacht werden, wenn man merkt, dass sie gebraucht werden.
Welche Regel hätte verhindert, dass dieses Unglück passiert? Man macht die Regel unter
dem Eindruck des Schadens, dann hält man sie auch ein. Man hält sie jedenfalls nicht ein,
wenn sie nur die Nerven der Erwachsenen schonen...
Zeit: Was wäre das dritte R?
Hartmut von Hentig: Das Dritte R sind Rituale: Weil man nicht alle Fragen, die täglich
aufkommen, mit solchem Umstand beantworten kann. Ritual heißt: Das wird hier so
gemacht, denn das ist erprobt. Wenn in der Laborschule vorgelesen wird, legen sich alle in
einen Kreis mit dem Kopf in die Mitte, weil man sich einmal klar gemacht hat: Wenn
jemand in einem Grossraum mit normaler Stimme vorliest, dann bekommen die da hinten
es nicht mit. Weshalb sich alle um die Mitte legen: basta. So wie wir uns jeden Morgen
begrüßen, wie wir "danke" und "bitte" sagen. Rituale sind hier "gute und streng
eingehaltene Gewohnheiten" - es gibt ihrer nur ganz wenige...
...Ach, was ich alles wissen soll! Ich sage etwas über die 15-, 16-, 17-Jährigen. Als sie
klein waren, haben sie Tschernobyl gerade noch wahrgenommen. Jetzt fällt ihnen das
wieder ein: Die Erwachsenen haben diese Welt ja gar nicht im Griff! Da wird an einem
Freitagmorgen die Welt verändert, und kein Erwachsener konnte mir erklären, wieso ich
plötzlich die Milch nicht mehr trinken, keinen Salat essen, nicht im Sandkasten spielen
durfte. Nichts war äußerlich verändert, aber die Erwachsenen waren ratlos.
Zeit: Sie waren in Panik! Sie konnten die vorrangige elterlicher Aufgabe, ihre Kinder zu
beschützen, nicht mehr erfüllen.
Hartmut von Hentig: Sie konnten nicht mehr einstehen für die vom Menschen gemachte
Welt. - Wir müssen zugeben, dass wir die Welt nicht im Griff haben. Die Anthropologin
Magred Mead schildert in ihrem Buch CULTURE AND COMMITMENT folgende Situation.
Es ist Vietnamkrieg, sie ist eine emeritierte alte Professorin, aber die Studentin kommen
zu ihr und sagen: Wozu führen wir Krieg? Machen wir uns nicht schuldig? Was sollten wir
tun? Und sie antwortet: Das ist nicht mehr mein Problem. Meine Generation hatte ihre
Probleme, wir haben sie falsch gelöst. Fragt bitte nicht uns.
Zeit: Das wäre eine Abdankung der Eltern?
Hartmut von Hentig: Es war eine Zumutung an die Kinder: Ihr müsst euch selbst ein Urteil
bilden...
Der Ökonomismus unserer Welt bringt es mit sich. Nach diesem einen Gesichtspunkt wird
alles geplant, gebaut, gemacht. Es müsste ein Gesetz geben, das eine Nachdenkzeit vor
jeder Maßnahme erzwingt, in der zu fragen wäre: Welche Folgen hat diese Maßnahme für
Kinder? Wäre dies wirklich ganz utopisch? Wir nehmen Rücksicht auf den Verkehr, die
öffentliche Gesundheit, das Image der Stadt/der Republik und das Bruttosozialprodukt,
sogar auf das Klima nehmen wir Rücksicht - nur nicht auf das Kind!
Zeit: Vielleicht konnten wir die ökonomische Entwicklung und den Wohlstand nur so
erfolgreich vorantreiben, weil wir eben auf Kinder keine Rücksicht genommen haben?
Hartmut von Hentig: Historisch betrachtet, hat man früher auch nicht auf die Kinder
Rücksicht genommen. Früher waren die Kinder ein Stück Natur, da konnte man sie bei
ihrer Amme abgeben, und wenn sie in die Zivilisation kamen, mussten sie angezogen
sein, einen Knicks machen und Bonjour, monsieur sagen. Der Fortschritt ist für Kinder
nicht nur gut gelaufen. Es gibt dieses wunderbare Buch TOD UND LEBEN GROSSER
AMERIKANISCHER STÄDTE von Jane Jacobs, darin schildert sie, wie wir den Kindern in
den reichen Suburbs eine tote Welt eingerichtet haben. Ganz anders in den Slums. Da
gab es kein Auto, weil dafür kein Geld da war. Die Hälfte des Gewerbes vollzog sich auf
der Strasse. Überall waren Kinder, auf dem Trottoir wurde gebolzt, da wurde dies und das
gemacht, und immer guckte jemand aus dem Fenster, es gab ein PUBLIC EYE auf die
Kinder, keine Pädagogik. So rieben sich die Kinder aneinander hoch zum Erwachsensein.
Zeit: Aber wollen Sie wirklich den Slum zum Inbegriff der Kinderfreundlichkeit erheben?
Hartmut von Hentig: Der Slum war so etwas wie ein Übergang von der Natur in die
Zivilisation. Man konnte zwar nicht in den Wald geschickt werden, aber die Strasse war
gar nicht so viel schlechter. Sie war ein Ort für Kinder, A PLACE FOR KIDS TO GROW
UP IN, und solche Orte haben wir nicht mehr. Also müssen wir zumindest unsere Schulen
anders gestalten. Wenn man Schulen wie Gefängnisse baut, was will man dort bilden? A
CUPTIVE MIND, Menschen mit begrenztem Horizont..."
Hartmut von Hentig im Gespräch mit Susanne Meyer, aus: Gebt den Kindern das Beste:
Euch! Eure Zeit! in: DIE ZEIT, ZEIT Literatur, Nr. 49, November 2003.
Es ist das schönste und wichtigste Interview zu Pisa, Kindern und Erziehung, das ich 2003
las. Ich empfehle es als Pflichtlektüre für gestresste Eltern (Väter/Mütter), LehrerInnen und
alle anderen Menschen.
Zum Schluss etwas von den Marx-Brothers:
Draußen ist der Müllmann. Sag ihm, dass wir nichts brauchen.
2004-01-02
"...Knapp sechs Jahre vergehen. Im Juni 2000 findet die Polizei Dallaire bewusstlos,
alkoholisiert und wie ein Fötus zusammengekrümmt unter einer Parkbank in Ottawa. Ein
Selbstmordversuch, nicht der erste: Der General, seit einigen Monaten ausser Dienst und
in psychiatrischer Behandlung, hatte zuvor eine Überdosis Antidepressiva genommen.
Doch er wird gerettet, rafft sich auf, schreibt seine Erinnerungen. Das Buch, gerade
erschienen (SHAKE HANDS WITH THE DEVIL), ist eine quälend intensive Schilderung
der sich entfaltenden Katastrophe. Und eine vernichtende Anklage all jener, die hätten
handeln können und es nicht taten.
Als im Sommer 1993 der Anruf seines Vorgesetzten kommt, dass er in Ruanda eine neue
Blauhelmmission übernehmen soll, nimmt Roméo Dallaire gerade eine Parade ab. Der
General ist 47, ein Nato-Soldat, der fast drei Berufsjahrzehnte lang einen nuklearen
Ernstfall geprobt hat, der nie kam; und als Kommandeur einer mechanisierten Brigade
allem Anschein nach am Ende seiner Laufbahn. Dallaire ist nicht sicher, wo Ruanda liegt,
aber eines weiss er: Dies ist die Karrierechance seines Lebens.
Anfang der Neunziger ist die grosse Zeit der Vereinten Nationen. Der Kalte Krieg ist
vorbei, aber es bricht plötzlich eine Vielzahl von innerstaatlichen Konflikten aus, brutal
genug, um die Weltöffentlichkeit zu alarmieren, aber nicht gross genug, um einzelne
Staaten zum Eingreifen zu animieren. Bei der Nato herrscht Schockstarre wg.
Feindverlust; die EU kennt keinen Despoten, mit dem man nicht auch prima Geschäfte
machen könnte. Also müssen die UN ran: 24 neue Blauhelmeinsätze werden in diesen
Jahren ausgerufen, mit insgesammt bis zu 80 000 Soldaten. Den Nationen bringt PEACEKEAPING Prestige, den Soldaten Nervenkitzel und Gefahrenzulagen. Kanada allein
schickt rund 5000 Soldaten in die Welt. Manche, die halb so alt sind wie der General,
waren schon zwei- oder dreimal in Übersee. Dallaire noch nie. Höchste Zeit!
Also tauschen seine Frau und drei Kinder die Dienstvilla gegen eine Kasernenwohnung, er
selbst zieht erfüllt von den romantischen Missionarslegenden seiner katholischen Kindheit
nach New York, um den Einsatz vorzubereiten. Der Chef des DPKO (Department of
Peacekeeping), ein Ghanaer namens Kofi Anan, beeindruckt ihn als "zutiefst anständig".
Doch die Abteilung, erst wenige Jahre alt, ist zunehmend in Bedrängnis; überfordert durch
Einsätze, die nicht mehr ins klassisches PEACE-KEAPING-Schema passen wollen, die
eine "grüne Linie" zwischen ehemaligen Kriegsparteien bewachen.
Auf dem Balkan oder am Horn von Afrika gibt es keine klaren Fronten mehr,
paramilitärische Trupps terrorisieren die Bevölkerungen, Berichte von Gräueltaten gehen
um; zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass kanadische Fallschirmjäger auf UN-Mission
in Somalia einen 16-Jährigen zu Tode gefoltert haben. Aber im winzigen, frommen, armen
Ruanda hat die Regierung der Hutu-Mehrheit mit den Rebellen der Tutsi-Minderheit
gerade einen Waffenstillstand und die Bildung einer gemischt ethnischen
Übergangsregierung vereinbart - endlich, ein einfacher Fall! In Zentralafrika, so sieht es
das politische Drehbuch vor, wird Roméo Dallaire mit minimalen Aufwand und maximaler
Werbewirkung die Ehre der UN und seiner Heimat retten.
Ruanda mit seinen nebelumflorten Bergen, milden Winden und leuchtend grünen Tälern
erscheint dem Kanadier "wie ein Garten Eden". Die Realität des Einsatzes ist weniger
paradiesisch. Alles kommt später, schlechter und in geringeren Mengen, als er es braucht:
Soldaten, Waffen, Informationen, Rechtsgrundlagen. Es ist von vielen bitteren Lehren die
erste: Was Regierungen (auch die eigene) versprechen und was sie tun, sind zwei Dinge.
Für Dallaire sind das Herausforderungen, zu besiegende. Die Energie des Kommandeurs,
der sein Herz auf der Zunge trägt und sich selbst nie schont, schweisst seine
zusammengewürfelte Truppe zusammen.
Beunruhigender ist die Verdünstung der politischen Weltlandschaft. Nach einem Coup in
Burundi fliehen 300 000 Menschen ins übervölkerte Ruanda. Die Ermordung von 18 USKommandosoldaten (und 90 UN-Blauhelmen) in Mogadischu im Oktober 1993 fürht zum
Abzug der USA und zur "Presidential Decision Directive 25", einer langen Liste von
Ausschlusskriterien für eine Teilnahme Amerikas ans Friedensmissionen; Ruanda
verschwindet vom Radar der einzigen Supermacht.
Auch in Kigali wird die Lage immer angespannter. Im Januar berichtet ein Renegat den
Offizieren, dass das Regime Abertausende Waffen bunkert, Todesschwadronen ausbildet,
Listen aller Tutsis aufstellt - und Anschläge auf die Blauhelme vorbereitet, um sie zum
Abzug zu zwingen. Dallaire schickt sofort ein Fax ans UN-Hauptquartier, dessen Existenz
später jahrelang geleugnet wird. Er kündigt an, die Waffenlager zu konfiszieren, und endet
mit dem Schülermotto des frankokanadischen Soldatensohns: Peux ce que veux. Allonsy!" ("Will ich's , kann ich's. Los!") Die Antwort, postwendend: Bleiben lassen, die
Blauhelme sollen "neutral bleiben". So nimmt die Katastrophe ihren Lauf.
An 6. April 1994 um acht Uhr abends sprengt eine Rakete das Flugzeug des Präsidenten
beim Landeanflug auf Kigali in die Luft. Als wär's ein Startschuss gewesen, strömen sofort
die Mördertrupps aus. Innerhalb von Stunden wird landesweit die Führungselite der Tutsi
sowie der moderaten Hutu umgebracht, samt Familien. Das Schlachten aber geht weiter 800 000 Menschen, falls alle von ihnen Tutsi, sterben binnen der nächsten 100 Tage. Es
ist, nach dem Holocaust und Stalins Völkermord an den Armeniern, einer der grössten
Genozide des 20. Jahrhunderts.
Dallaire fleht um Verstärkung, vergeblich. UN-Generalsekretär Butros-Ghali spricht von
einem Bürgerkrieg der "Tutsi gegen Hutu und Hutu gegen Tutsi", die Medien von
"jahrhundertealten Stammensfehden"; und DPKO fordert den General auf, einen neuen
"Waffenstillstand" zu verhandeln. Gewaltlos, versteht sich. Vier Tage braucht es, dann
landen Dutzende Flugzeuge aus dem Ausland mit Hunderten Fallschirmjägern; vor den
Augen des empörten Generals - schau an: Es geht ja doch! - evakuieren sie nur die
eigenen Bürger und sind wieder weg. Während sich der Sicherheitsrat in eine
gespenstische Ersatzdebatte über "genozidähnliche Akte" verwickelt, marschieren die
Tutsi-Rebellen auf Kigali; Racheakte bleiben nicht aus, und bald treiben sie eine
Flüchtlingswelle vor sich her. Ende Juni, als ihr Sieg über die Regierungstruppen sicher
scheint, erklärt sich Frankreich, dem Hutu-Regime stets mit Rat und Tat verbunden, zur
"humanitären Intervention" bereit. "Oeration Turuyuoise" rettet viele Leben, vor allem von
fliehenden génocidaires. Am 4. Juli erobern die Rebellen die Hauptstadt, beenden den
Krieg. Drei Tage danach kommt Nachschub für die Blauhelme.
Dallaire hat in diesen Wochen die Hölle durchmessen. Befehle aus New York, den Abzug
zu planen, ignoriert er. Stattdessen versucht er, obwohl sein Hauptquartier unter
Dauerbeschuss ist und eine Prämie auf seinen Kopf ausgesetzt wird, sich den Mördern
entgegenzustellen. Mit seinen täglichen Ausfällen in die Stadt, wo die Milizen die Leichen
stapeln wie gefälltes Holz und Passanten in Blutpfützen ausrutschen, gefährdet er nicht
nur sein Leben, sondern auch das der Soldaten; auch zehn seiner Belgier sterben.
Immerhin führt er den Beweis, dass mit Mut, fünf schrottreifen Schützenpanzern und ein
paar hundert Männern viele Menschen gerettet werden können. Als die Hilfe endlich
kommt, hat er längst aufgehört zu schlafen.
Der Zirkus von humanitären Helfern und Polittouristen, der jetzt ins Land einfällt, gibt ihm
den Rest. Der beherrschte Bauchmensch Dallaire bekommt Wutanfälle, die ihn fast
zerreissen. Eines Tages stürzen streunende Hunde, vom Leichenfrass fett geworden, sich
auf eine kleine Ziege im Hof des Hauptquartiers; da dreht er durch, ballert sein gesamtes
Pistolenmagazin leer. An diesem Tag beschliesst er, um vorzeitige Rückversetzung zu
bitten. Es ist der 3. August.
Die Jahre der Abrechnung beginnen. Die UN weissen jede Verantwortung von sich; als
unabhängige Kommissionen ihr Versagen nachweisen, wird schnell und halbherzig ein
Tribunal gegründet. Die neuen Tutsi-Machthaber in Kigali, voll Verachtung, sühnen die
Verbrechen auf ihre Weise: 1996 zerschlagen sie die Hutu-Lager im vormaligen Zaire,
Auftakt zu einem Krieg, in dem Millionen sterben. Belgien, das Verstärkung hätte schicken
können, macht dem Vorgesetzten der zehn ermordeten Blauhelme den Prozess - er wird
in jedem Punkt freigesprochen. Nur Dallaire, der Moralist, klagt sich selbst an: ohne Ende,
ohne Erlösung.
Nach Kanada zurückgekehrt, hat er sich erst mit Arbeit betäubt. Doch die Erinnerungen
weichen nicht, werden immer klarer; in jedem Seufzer des Windes hört er das Stöhnen
Sterbender. Auch Therapie und, als Teil davon, die Arbeit an den Memoiren bringen das
Unerträgliche nur zu real zurück; seine Ghostwriterin nimmt sich kurz vor Vollendung des
Manuskripts das Leben. Dallaire macht weiter, ermutigt mit seiner Offenheit andere
traumatisierte Soldaten, Hilfe zu suchen - und beendet das Buch.
Hätte der Völkermord verhindert werden können? Natürlich, schreibt Dallaire. Aber er
verteidigt die UN, auch Annan. Die wahren Verräter und Mittäter sind für ihn die Staaten,
"die internationale Gemeinschaft", mit "ihrer Gleichgültigkeit, ihrem Eigeninteresse und
ihrem rassistischen Denken". Sich selbst hat der General längst schuldig gesprochen.
Wegen "Unfähigkeit, New York von der Notwendigkeit des Handelns zu überzeugen".
In Zeiten, da die EU bereits Soldaten in den Kongo geschickt hat, die Nato schon
polnische Besatzungstruppen im Irak unterstützt und auch die Bundesrepublik "am
Hindukusch verteidigt wird", könnte die Geschichte vom Scheitern des General Dallaire
aktueller nicht sein. Womöglich könnte sie sich sogar wiederholen."
Constanze Stelzenmüller, aus: Der Selbstankläger. Vor zehn Jahren musste der
kanadische UN-General Romeó Dallaire dem Völkermord in Ruanda zusehen. Jetzt
spricht er darüber. In: Die Zeit Nr. 1, 23. Dezember 2003
"...Die Friedensbewegung hatte damals vergessen, dass zur Nächstenliebe auch die
Nothilfe und die Verteidigung von Menschenrechten gehört. Schröder, Fischer, Schily und
Struck praktizieren genau das heute an der Spitze von Bundeswehr und Nato in
Afghanistan und im Kosovo. Aber der Grundgedanke der Friedensbewegung war richtig,
dem Gegner einen Schritt weiter entgegenzukommen, ruhig mal mehr nachzugeben, als
der andere nachgeben würde, um dadurch das Verhältnis aufzulockern. Die achtziger
Jahre sind mit ihrer Entfeindlichungspolitik letztlich ein Ergebnis jesuanischen Denkens.
Zeit: Was würden Sie als 20-jähriger heute machen?
Heiner Geissler: Ich würde mitmachen bei Attac, bei amnesty international, bei Rupert
Neudeck.
Zeit: Sie schreiben, die CDU tue sich besonders schwer mit dem Evangelium. Warum?
Heiner Geissler: Weil das Evangelium stört. Besonders bei der Ausübung der Macht,
wobei es kein Unterschied ist, ob man die Macht hat oder ob man sie will. Wer Macht
ausübt, geht über Leichen und möchte sich nicht daran erinnern lassen, dass es auch
ethische Postulate gibt. Aber eine Politik ohne moralisches Fundament läuft in die Irre.
Zeit: Wie erklären Sie sich, dass sich die meisten deutschen Politiker auf kein geistiges
System mehr berufen? Sind sie nicht intelligent genug oder uninteressiert oder vom
Pragmatismus so verblendet, dass sie bloss noch fragen: Wie halte ich mich an der
Macht?
Heiner Geissler: Sie stehen unter dem Diktat einer Wirtschaftsideologie, die den Beweis
des ersten Anscheins für sich hat, aber letztendlich inhuman ist. Sie lassen sich vom
Kapital und seinen Interessen beherrschen, anstatt sich des Kapitals zu bedienen, um
eine für Menschen und Natur gerechte Ordnung zu schaffen.
Zeit: Wie konnte eine solche Ideologie Macht gewinnen über Menschen einer C-Partei?
Heiner Geissler: Zum einen stärkten die angeblichen wirtschaftlichen Erfolge des
Kapitalismus sein Position. Leute wie Angela Merkel, die plötzlich im Westen Politik
machen mussten, glaubten wirklich, der Kapitalismus sei was Gutes, denn ihnen war ja
jahrelang von Sozialisten eingehämmert worden, er sei schlecht. Sie ziehen also einen
falschen Umkehrschluss. Der Kapitalismus ist aber so falsch wie der Kommunismus und
führt in eine Vier-Fünftel-Gesellschaft. Ob es dem einen Fünftel schlecht geht, ist den
anderen vier Fünfteln erst mal egal, deshalb setzen sie die Politik fort. Doch aus dem
einen Fünftel werden zwei und dann drei - bis irgendwann das ganze System gekippt ist.
Zum anderen fehlt einer humanen Wirtschaftsphilosophie der führende Kopf. Wir haben
heute keine Leute mehr wie Walter Eucken, Ludwig Erhard oder Alfred Müller-Armack. Es
dominieren der BDI, die Börsenanalysten und die Wirtschaftsredaktionen bestimmter
Zeitungen.
Zeit: Und die Sozialdemokraten?
Heiner Geissler: Sie sind leider ein Totalausfall. Sie müssten die Widerlager gegen die
Neoliberalen bilden, sind aber selbst zu Marktfetischisten geworden. Und die Grünen
wollen das Erbe der Liberalen antreten.
Zeit: Ist Frau Merkel mit ihrem Respekt vor dem Kapital dann nicht die falschest mögliche
Kanzlerkandidatin für Deutschland?
Heiner Geissler: Nein, das geht zu weit. Aber wir brauchen eine internationale soziale
Marktwirtschaft, und deshalb wäre es Aufgabe der CDU, als Mutter der sozialen
Marktwirtschaft diese Idee weiterzuentwickeln. Innenpolitisch gibt es zwei grosse Defizite.
Der erste Punkt ist, dass die Rentenfrage nicht gelöst werden kann ohne eine gesteuerte
Zuwanderung. Mann muss die Deutschen darauf vorbereiten, vom nächsten Jahrzehnt an
in einer Gesellschaft zu leben, in der der Ausländeranteil auf 25 Prozent ansteigt. Das zu
sagen, trauen sich die politisch Verantwortlichen aller Parteien nicht. Und der zweite Punkt
ist, dass wir die sozialen Sicherungssysteme loslösen müssen von der Finanzierung über
Lohn. Die Union geht den falschen Weg der Privatisierung. Man kann nicht ein ganzes
Volk in der Pflege- und Krankenversicherung auf den Kapitalmarkt verfrachten. Die richtige
Alternative wäre die Bürgerversicherung: Alle zahlen von allem für alle, die jeweils in Not
sind, und die Stärkeren tragen zur Solidarität mehr bei als die Schwachen. Das ist ein
evangelisches und ökonomisch richtiges Konzept. Angela Merkel lehnt es aber ab, denn
sie könnte in Verdacht geraten, für eine sozialistische Einheitsversicherung zu sein. So
kommt es zu einer grundsätzlichen Änderung des Denkens in der CDU. Nicht mehr die
Solidarität ist das tragende Element einer Gesellschaft, sondern das Prinzip: Jeder
kümmere sich um sich selber.
Zeit: Wozu führt dieses veränderte Denken?
Heiner Geissler: Innenpolitisch zu einer Egoistengesellschaft und global gesehen zu mehr
Osama bin Ladens, zu hundert Millionen ausgegrenzten, ins Abseits geratenen Menschen.
In einer Demokratie hat jeder wenigstens eine Stimme, in den anderen Staaten besorgen
sie sich eben Waffen - und wenn es fliegende Kerosionbomben sind."
Sabine Rückert im Gespräch mit Heiner Geissler, aus: Die Würde des Menschen ist in
Gott verankert, in: Die Zeit Nr. 1. 23. Dezember 2003
2003-12-30
Der vorletzte Tag im Jahr. Der persönliche Jahresrückblick ist noch nicht geschrieben, die
ausgesuchten Artikel noch nicht einsortiert. Für jetzt den ersten Jahresrückblick mit dem
Blick aufs Sexuelle. Der kluge und sympathische Günter Amendt, aus der heutigen TAZ.
Gerne erinnere ich mich an die Stunden in Lörrach zum Vortrag "auf dem Weg in die
Drogengesellschaft" im Museum am Burghof. Nur wenige waren gekommen und so wurde
es mit Georg Hermann und Klaus Tröger, Gisela Schleith und Thömmy Seubert, Daggi
und mir ein gemütlicher Abend in trauter Runde. Es war die letzte Lädeli- Veranstaltung
1992. Danke für die Einladung nach Hamburg - wir kommen gerne darauf zurück.
Die Liebe und der Tausch
Wie sieht die Zukunft des Sexuellen aus? Werden alle Beziehungen Tauschbeziehungen
sein? Überlegungen zur Zukunft des sexuellen Mainstreams in Zeiten von
Verhandlungsmoral und gleichberechtigten Partnerschaften einerseits, Pornografisierung
und globalisierter Prostitution andererseits
von GÜNTER AMENDT
Der Widerstand rechtspopulistischer und klerikaler Kreise gegen die neue Sexualmoral der
Sechzigerjahre, die auf der prinzipiellen Gleichberechtigung von Mann und Frau und Frau
und Mann beruht und im Übrigen auf Reglementierungen und moralische Dogmen
verzichtet, ist ungebrochen. Trotzdem kann man heute davon ausgehen, dass die
Quintessenz dieser neuen Sexualmoral - alles ist erlaubt, was, ohne Dritte zu schädigen,
in wechselseitigem Einverständnis geschieht - gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist.
Vor allem Jugendliche der Mittelschichten haben, wie sexualwissenschaftliche
Untersuchungen eindrücklich belegen, die Standards der neuen Moral übernommen und
in ihr Sexualverhalten integriert. Was im Sexuellen gewollt wird und erwünscht ist,
entscheiden heute beide - Junge und Mädchen, Frau und Mann. Verhandlungsmoral
eben.
Inwieweit die heute allgemein beklagte und in vielen sexualwissenschaftlichen
Untersuchungen auch belegte "Lustlosigkeit" oder "nachlassende sexuelle Appetenz" in
einem Zusammenhang steht mit der neuen Verhandlungsmoral, die dem Sexuellen das
Leidenschaftliche und Spontane genommen habe, wie ihre KritikerInnen reklamieren, ist
schwer zu beantworten. Ein Zusammenhang ist jedenfalls nicht auszuschließen. Das
wachsende Selbstbewusstsein junger Frauen und die zunehmende Verunsicherung junger
Männer wirken sich zwangsläufig auf die Geschlechterbeziehungen aus. Wie könnte es
anders sein?
Vor allem männliche Jugendliche erleben das Sexuelle heute nicht mehr als so drängend
und triebhaft. Auch dies belegen die Untersuchungen zur Jugendsexualität des
Hamburger Instituts für Sexualforschung. Masturbation wird heute von der Mehrzahl aller
Jugendlichen und Erwachsenen als eine selbstverständliche Sexualpraxis betrachtet,
akzeptiert und in die Beziehung, soweit eine solche existiert, integriert.
Erstaunlich wenig weiß man über die Rolle der Pornografie in diesem Zusammenhang.
Wäre ich noch als Sexualwissenschaftler tätig und stünden mir ausreichend
Forschungsmittel zur Verfügung, dann würde ich wohl der Frage nachgehen, was die
Pornografisierung des öffentlichen Raums in der Psyche von Heranwachsenden eigentlich
auslöst und anrichtet. Welche Bilder laufen in ihnen ab, was empfinden sie, wenn ihnen
Frauen im Fernsehen ihre Brüste entgegenstrecken und sich in grotesken Bewegungen
darbieten? Was bewirkt der im deutschen Fernsehen übliche Hinweis: "Die folgende
Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet"? Wird das, wie Harald
Schmidt vermutet, als Aufforderung verstanden, schon mal die Hose aufzumachen? Wird
das Sexuelle durch die permanente Anwesenheit und Verfügbarkeit sexueller Stimuli
entwertet? Banalisiert? Die Sexualwissenschaften geben auf diese Fragen keine oder nur
unbefriedigende Antwort.
In einem im Juni 2003 veröffentlichten Aufsatz macht sich auch der Frankfurter
Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch Gedanken "Über das Sexualleben der Jugend"
von heute. "Im Nachkriegsdeutschland ist noch keiner nachgewachsenen Generation so
schonungslos bedeutet worden, dass sie zu großen Teilen weder kulturell noch
gesellschaftlich benötigt wird." Diese Feststellung trifft - mehr oder weniger - auf die
Jugend in allen europäischen Gesellschaften zu. "Das Merkwürdige aber ist: Unsere
Gesellschaft frönt dem Fetisch Jugendlichkeit, doch die Jugend selbst wird missachtet, ist
eine beinahe vergessene Generation. Wirklich ernst genommen und umworben werden
Jugendliche nur als Konsumenten." Zugespitzter lassen sich die Unterschiede von damals
zu heute kaum beschreiben. Mit Blick auf das Sexuelle stellt Sigusch fest, dass anders als
damals die Sexualität heute nicht mehr "die große Metapher der Lust und des Glücks" ist:
"Sie wird nicht mehr positiv mystifiziert als Rausch, Ekstase und Transgression, sondern
negativ als Quelle und Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit, Gewalt, Missbrauch und
tödlicher Infektion." Kein Wunder also, mag man sagen, dass die empirische Forschung
herausgefunden hat, dass der erste Koitus heute statistisch später stattfindet und dass
junge Menschen insgesamt weniger Geschlechtsverkehr haben als Vergleichsgruppen
früher.
Andererseits: Nirgendwo ist die Koitusfrequenz festgeschrieben. Was ist die Norm? Gibt
es überhaupt eine Norm? Soll man sich an der Martin Luther zugeschriebenen Regel "In
der Woche Stücke zwier schaden weder mir noch dir" orientieren? Oder ist das bereits zu
hoch gegriffen?
Liegt die mit der Länge der Beziehung nachlassende sexuelle Begierde nicht in der Natur
jener "individuellen Geschlechtsliebe" und der aus ihr abgeleiteten monogamen
Paarbeziehung, auf der das Liebesideal des neuzeitlichen Menschen nach wie vor beruht?
Hat nicht Friedrich Schiller bereits zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters die
Psychodynamik der Paarbeziehung präzise beschrieben:
Die Leidenschaft flieht/
Die Liebe muss bleiben/
Die Blume verblüht/
Die Frucht muss treiben.
Wer Schillers "Glocke" als sozialhistorisches Dokument liest, erspart sich eine
Magisterarbeit von der Art "Zur Sozial- und Sittengeschichte des bürgerlichen Zeitalters
von seinen Anfängen bis heute".
Wie sieht die Zukunft des Sexuellen aus? In welche Richtung wird sich der
sexualmoralische Mainstream bewegen? Wird sich das romantische Liebesideal von
Treue und Verbindlichkeit, an dem sich die Mehrheit aller von Forschern befragten
Jugendlichen bis heute orientiert, behaupten können? Wird der Treuebruch moralisch
durch Trennung sanktioniert oder in die "Stammesbeziehung" integriert werden? Oder wird
sich eine Sexualmoral durchsetzen, die den Sexualakt von dem, was wir "Liebe" nennen,
abkoppeln wird?
Gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen der neuen Verhandlungsmoral und der trotz Aids - fortwährenden Beanspruchung der Prostitution? Die Vermutung liegt nahe,
denn viele, vor allem ältere Männer erklären offen, dass sie nicht bereit sind, sich den
neuen Spielregeln anzupassen. Auf der Suche nach willigen und unterwürfigen Frauen
haben sich viele Männer aufgemacht in andere Kulturen, wo sie aufgrund ihrer Kaufkraft
die Spielregeln bestimmen können. Mit dem Sextourismus wurde die sexuelle Ausbeutung
von Frauen und Kindern globalisiert.
In den Siebzigerjahren begann sich auch der Blick auf die "käufliche Liebe" zu verändern.
Man sprach von der Prostitution als einem normalen Frauenberuf. Nun ist der Strich oder
das Bordell zweifellos ein Frauenarbeitsplatz. Deshalb haben Frauen, die sich
prostituieren, Anspruch auf einen arbeits- und versicherungsrechtlichen Schutz. Das
Gerede von der Prostitution als "normalem Frauenberuf" aber war eine feministische
Provokation, die über das Ziel hinausschießen musste, um wahrgenommen zu werden.
Denn Prostitution ist eben mehr als nur eine Metapher für sexuelle Ausbeutung und
Abhängigkeit. Es mag ja Frauen geben, die in der Luxusprostitution eine Chance sehen,
sich Konsumwünsche zu erfüllen. Von ihrem Leben auf jenes der Straßen- oder
Bordellprostituierten zu schließen, verzerrt die Realität und läuft auf eine Verharmlosung
der Prostitution hinaus. Mittlerweile hat sich der Frauen- und Mädchenhandel zu einer der
profitträchtigsten Sparten des organisierten Verbrechens entwickelt. Dass es auch eine
Nachfrage nach Callboys gibt und im Sextourismus auch Frauen mitbieten, soll nicht
verschwiegen werden. Diese Nachfrage ist jedoch bezogen auf das Gesamtvolumen
vernachlässigbar.
Wenn man die sexuellen Verhältnisse als Spiegelung der allgemeinen sozialen
Verhältnisse begreift, dann ist eine Entwicklung denkbar, die mit den moralischen
Standards von heute nur noch wenig zu tun hat. Im moralischen System des modernen,
flexiblen, mobilen und globalen Menschen wird kein Platz mehr sein für Moralismus. Mit
der Deregulierung der ökonomischen Verhältnisse kommt es zwangsläufig auch zu einer
Deregulierung der sozialen Verhältnisse und damit auch der sozialen Beziehungen. Alle
Regeln und Gebote, die den Warenfluss behindern könnten, werden im Verlaufe dieses
Prozesses aufgehoben werden. Am Ende werden dann alle Beziehungen nur noch
Tauschbeziehungen sein. Dabei wird auch die Grenze zwischen der "reinen" und der
käuflichen Liebe verwischt werden, denn wer bereit ist, alle Beziehungen als
Tauschbeziehungen zu begreifen, wird auch bereit sein, das Sexuelle als Dienstleistung
zu akzeptieren. Moralisch verwerflich ist dann nicht die Tatsache, dass jemand für Sex
Geld gibt oder nimmt. Moralisch verwerflich ist vielmehr, wenn die sexuelle Dienstleistung
nicht angemessen honoriert wird beziehungsweise wenn die sexuelle Dienstleistung nicht
dem vereinbarten Preis entspricht.
Im Sextourismus lässt sich die schleichende moralische Umwertung der Prostitution gut
beobachten. Selbstverständlich gibt es auch hier den typischen Bordellgänger, der
nüchtern kalkuliert, in Thailand oder Kenia für dasselbe Geld doppelt und dreifach zu
bekommen, was er auf der Langstraße oder im Niederdorf erhält. Ob die Hure als Sklavin
gehalten wird und sich aus krasser Not und Verzweiflung verkauft, interessiert ihn nicht weder zu Hause noch in der Fremde.
In Thailand und auf Kuba habe ich jedoch Beziehungen zwischen einheimischen und
Fremden beobachten können, die sich sichtbar unterschieden von dem, was ich im Umfeld
von Eros-Centern und Straßenstrich gesehen habe. Die für die Dauer des Aufenthaltes
monogame Beziehung wird, wie Studien belegen, von vielen beteiligten Frauen nicht als
Prostitution erlebt und von ihren - wie soll man sagen? - Freiern? Lovern? Begleitern?
auch nicht. Alle Beteiligten, die Einheimische wie der Fremde, nehmen das ökonomische
und soziale Gefälle zwischen dem "Paar auf Zeit" als eine unveränderbare Realität zur
Kenntnis. Die Verhältnisse werden, so wie sie sind, akzeptiert und ausgeglichen durch
mehr oder weniger großzügige Donationen. Für die kurze Dauer der sexuellen Beziehung
nimmt die Frau am Luxusleben des Touristen teil. Sie reist, sie besucht Clubs und
Diskotheken, sie wird zum Essen ausgeführt und mit (für sie) luxuriösen Konsumgütern
beschenkt. Oft fließt nicht ein Dollar Bares.
Ich will nicht verhehlen, dass ich aus einer Denktradition komme, die den hier
beschriebenen bargeldlosen Verkehr als Verschleierung der tatsächlichen
Machtverhältnisse sieht und Ausbeutung nennt. Was ich jedoch sagen will, wenn ich über
die Zukunft des Sexuellen nachdenke und erkennbare Trends interpretiere: Es wird eine
Zeit kommen, in der diese Art von Beziehung von einem erheblichen Teil der Bevölkerung
als moralisch einwandfrei und legitim betrachtet werden wird. Das liegt in der Logik des
postindustriellen Zeitalters, dessen Anfänge wir gerade erleben, denn es entspricht dem
Individualitätsmuster des modernen - meinetwegen auch postmodernen - Menschen. Das
kann man gut finden oder schlecht, es wird so kommen.
Selbstverständlich werden auch zukünftig Menschen auf der Suche nach der "reinen
Liebe" oder der reinen Beziehung sein. Diese "reine" Beziehung wird im Sinne der
Verhandlungsmoral nur "moralisch" sein, solange gleich starke, also ökonomisch,
emotional oder sonst wie nicht erpressbare Partner beteiligt sind. Die reine Beziehung ist,
wie Gunter Schmidt schreibt, "nur bei solchen Paaren ,rein', die an Macht sich gleich sind".
Wir werden uns darauf einzustellen haben, dass es in Zukunft die eine für alle gültige
Moral, wie sie etwa von der katholischen Kirche vertreten und gefordert wird, noch weniger
geben wird als heute schon. Das ist gut so, denn diese Art von moralischem Denken ist
totalitär.
Ich bezweifle aber, dass mir immer gefallen wird, was uns die neuen, vielfältigen und oft
konträren Moralvorstellungen der Zukunft bescheren werden.
taz Nr. 7245 vom 30.12.2003, Seite 13-14, 394 TAZ-Bericht GÜNTER AMENDT
2003-12-17
Der alte Mann mit seiner Plastiktüte erinnert mich an den alten Mann in Havanna mit
seiner Kamera.
Er stand in Havanna 1991 vor dem Capitol mit einem alten Fotoapparat und fragte uns, ob
wir ein Foto von uns wollten. Wir - Dagmar und ich - sagten zu und so verschwand er
hinter einem schwarzen Tuch und nach einiger Zeit kam er mit dem Photo zurück.
Wir behielten es leider nicht lange, weil uns ein Straßendieb Daggis Tasche stahl, in der
auch diese kleine Schwarz-Weiss-Photographie war. Ich habe es in LETZTE TAGE IN
HAVANNA genauer beschrieben.
Dieses Photo gehört zu den Dingen, die ich vermisse. Auch das Portrait, welches ein
älterer Mann von mir in Singapur machte, vermisse ich. Ich war nach all dem
Angequatsche der letzten Tage, willst Du das kaufen, willst du jenes kaufen, Mister,
genervt, und sagte ihm gleich, ich wolle das Bild nicht kaufen. Er malte mich trotzdem, und
es wurde ein schönes Bild. Jetzt vermisse ich es. Ich - ein verletzter Narziß? Vielleicht.
Vor wenigen Wochen sah ich in einer TV-Reisebeschreibung von Havanna den alten
Mann wieder. Noch immer steht er im Zentrum von Havanna und bietet
Vorüberkommenden an, sich portraitieren zu lassen.
2003-12-16
"..Es war im Jahr 3 n. BVSC, nach Erscheinen des von Ry Cooder produzierten KultAlbums. In nachkolorierten Kamerafahrten von kitschiger Intensität erzählte Wim Wenders
damals auf Kinoleinwänden die Geschichte von elf liebenswerten kubanischen Musikern,
allesamt weit jenseits der Pensionsgrenze, und lieferte damit den ebenso überlangen wie
fälligen Videoclip zur Musik.
Fünf Stars standen im Mittelpunkt des Buena Vista Social Club: Compay Segundo,
Eliades Ochoa, Ibrahim Ferrer, Omara Protuondo und Rubén Gonzáles y Fonanitillis.
Ruben war wohl der stillste. Im Mai 1919 in Santa Clara geboren, begann er im Alter von
sieben Jahren Klavier zu spielen, auf einem Pianola, das seine Mutter für ihn gekauft
hatte. Bis die Familie nach Havanna umzog, studierte Rubén am Cienfuego
Conservatoire, begann später ein Medizinstudium, das er 1941 abbrach, um sich ganz der
Musik zu widmen. Zwei Jahre später nahm er mit Arsenio Rodríguez seine erste
Schallplatte auf.
Wenders liess den Pianisten auf einer Steinbank Platz nehmen, wo er unter einer riesigen
Baumkrone sitzend von seinen Anfängen in Havanna erzähle. Aus einer blauen Plastiktüte
kramte er Schwarzweisaufnahmen aus einer Zeit, in der sein Haar noch nicht weiss
geworden war. In den vierziger Jahren gehörte Gonzáles zu den massgeblichen Pianisten,
die den Mambo entwickelten und moderne Jazz-Elemente in die traditionelle kubanische
Musik integrierten. Seit den sechziger Jahren spielte er bei Enrique Jorrin, der als Erfinder
des Cha-Cha-Cha gilt, 25 Jahre lang. Nach dessen Tod übernahm der die Band, zog sich
allerdings später, Ende der 80er Jahre, aus dem Musikgeschäft zurück. Rubén Gonzáles
fügte sich biographisch in die Buena-Vista-Saga, die das Gespann Wenders/Cooder als
Wiederentdeckung kubanischer Musikgrössen feiert, Herren eines zweiten Herbstes, der
dem Pianisten auf der Steinbank im Park Laub um die Füsse legte. Sein Album mit den
Afro-Cuban All Stars A TODA CUBA LE GUT widmete Juan de Marcos allerdings schon
1997 "Rubén Gonzáles, dem Genie der kubanischen Klaviermusik". In Lateinamerika war
der Pianist eine freundliche Legende.
Schon im Film sprachen die Musiker über die Frage, wie lange sie ihren zweiten Ruhm
würden geniessen können. Compay Segundo, Aushängeschild des BVSC, starb im
vergangenen Juli, 95-jährig. Im Film endet das Rubén-Gonzáles-Kapitel mit dem Abgang
des Pianisten, der sich von der niedrigen Steinbank erhebt und auf wackligen Beinen
gebeugt aus dem Bild läuft. "Hasta otro día", sagt er und schwenkt beim Gehen seine
blaue Plastiktüte mit den schwarzweissen Erinnerungen. Der Pianist Ruben Gonzáles y
Fontantillis, der wegen gesundheitlicher Probleme schon seit zwei Jahren nicht mehr
öffentlich aufgetreten war, ist am Montag 8. Dezember 2003 in Havanna im Alter von 84
Jahren an den Folgen einer schweren Arthrose gestorben. Hasta otro día, Rubén"
Karin Ceballo Betancur, aus: Hasta otro día. Der Pianist aus der Buena-Vista-Saga und
eine freundliche Legende: Zum Tod von Rubén Gonzáles. In: Frankfurter Rundschau 10.
Dezember 2003
"Ich bin es müde, länger Dein Betragen zu erdulden... Dein Misstrauen, Dein Tadel meines
Lebens, der Wahl meiner Freunde, Dein wegwerfendes Benehmen gegen mich, Deine
Verachtung gegen mein Geschlecht... Wäre ich tot und Du hättest mit dem Vater zu tun,
würdest Du wagen, ihn zu meistern? Sein Leben, seine Freundschaften bestimmen zu
wollen, bin ich weniger als er? Unser Weg trennt sich von nun an... Lass uns friedlich
scheiden.... Lebe und sei glücklich wie Du kannst."
Johanna Schopenhauer an ihren Sohn Arthur, zitiert nach: Carola Stern: "Alles was ich in
der Welt verlange. Das Leben der Johanna Schoppenhauer. Kiepenheuer & Witsch
Verlag, Köln, 2003
"....Am Ende seiner Suada fragt Paech, ob es den Verfasser des offenen Briefes an
Suhrkamp störe, dass neben Milosevic, Thatcher und Reagan (wofür eigentlich?) auch
Scharon vor einen Gerichtshof für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gestellt werden
müsste. Abgesehen davon, dass in dieser illustren Reihe u.a. die Namen von Wladimir
Putin, Saddam Hussein, Robert Mugabe und Jassir Arafat sowie von diversen
chinesischen Parteichefs fehlen, sei er beruhigt: Ich habe - in Bezug auf Scharon und
dessen billigende Inkaufnahme der Massaker von Sabra und Schatila - genau das vor
mehr als einem Jahr in dieser Zeitung gefordert und meine Meinung dazu nicht geändert."
Micha Brumlik, aus: Prinz Eisenherz und seine Gefolgschaft. Was ist Kritik an Israels
Besatzungspolitik, was Antisemitismus. Ein moralphilosophischer Blick auf die
Argumentation Ted Hondrichs und Norman Paechs lässt den Unterschied erkennen. In:
Frankfurter Rundschau 5. November 2003
2003-12-12
"In eben diesem Jahr 2003 sind rund 200 Millionen Menschen an verseuchtem Wasser
erkrankt und mindestens zwei Millionen unmittelbar an den Folgen des Wassermangels
gestorben...
"...Bei der glücklicherweise geplatzten WTO-Konferenz in Cancun im Sommer verlangte
die EU-Kommission freien Zugang zum Geschäft mit Trinkwasser. Dafür machte sich nicht
nur unser Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) stark, sondern auch
Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), die in diesem Zusammenhang
den Satz prägte: "Die Liberalisierung muss helfen, die Armut zu verringern." Was schert es
sie, wenn Experten von Nichtregierungsorganisationen, darunter Attac, auf die Gefahr
hinweisen, dass sich die privaten Anbieter nach dem Gesetz des Profits darauf
beschränken, diejenigen Gebiete zu versorgen, wo es sich für sie lohnt, während in den
armen Landstrichen der Entwicklungsländer das Wasser immer knapper und dreckiger
wird.
Die französischen Konzerne Vivendi und Suez kontrollieren schon heute
Wasserunternehmen in über 130 Ländern auf allen fünf Kontinenten. Die britische Firma
Thames Water ist ebenfalls weltweit tätig. Und auch deutsche Gesellschaften wie RWE
und Gelsenwasser erhoffen sich ein einträgliches Geschäft. Immerhin haben ihnen dafür
die Briten ein Beispiel geliefert: Nach der Privatisierung der Wasserwirtschaft im Jahre
1989 sind innerhalb von knapp zehn Jahren die Preise für den privaten Verbraucher
insgesamt um 44 Prozent gestiegen.
Man vergleiche: 40 Milliarden Dollar im Jahr würden reichen, nicht nur für Wasser,
sondern auch für andere Grundbedürfnisse. Das Geld wäre vorhanden. Allein die USA
haben im Vorfeld ihrer Irak-Agression 40 Milliarden Dollar für die Aufrüstung bereitgestellt.
Kürzlich billigte das Repräsentantenhaus 87,9 Milliarden Dollar für die Fortsetzung des
Irak-Abenteuers, davon allein 65 Milliarden zur Begleichung der Besatzungskosten. Aber
hier geht es ja um Öl und nicht um Trinkwasser.
Übringens: Vor nicht langer Zeit galt Wasser noch als ein Gut, das nicht
Kapitalgesellschaften, sondern der menschlichen Gesellschaft gehört. Wie die Luft. Wann
wird sie privatisiert?"
Werner René Schwab, aus: Kein Menschenrecht für Wasser. In: Ossitzky Nr. 24, 29.
November 2003
2003-12-11
".....Bemerkenswert ist, dass Rot-Grün mittlerweile skrupelloser zum Militäreinsatz bereit
ist als die Opposition: Die SPD-Fraktion stimmte geschlossen mit Ja (drei Abgeordnete
nahmen nicht an der Abstimmung teil), bei den Bündnisgrünen waren Hans-Christian
Ströbele und Winfried Hermann die einzigen, die sich zu einer Enthaltung durchrangen.
Ein klares Nein kam hingegen nicht nur von den zwei PDS-Abgeordneten, sondern auch
von zehn Unionsparlamentarien und der gesamten FDP-Fraktion.
Wortführer der CDU-Dissidenten ist der Abgeordnete Willy Wimmer. "Werden
Bundeswehreinheiten in Nordafghanistan stationiert, heißt das nicht zuletzt, das
internationale Protektorat für die Drogenversorgung Westeuropas, das demnächst die
Rolle Hawaiis für die Drogenversorgung Nordamerikas übernehmen wird, steht auch unter
dem Schutz deutscher Soldaten," warnte Wimmer in einem Beitrag für die Wochenzeitung
FREITAG. Und: "Das gilt besonders für die Region um Kundus, die von einer zentralen
Figur des Interimsregimes in Kabul, dem Verteidigungsminister Fahim und seinen
Anhängern, beherrscht wird."
Fahim kontrolliert mit seiner Privatarmee den Schlafmohnanbau in der Provinz Badakshan
und hat von dort aus auch die Bauern in der künftigen deutschen Zone in diese profitable
Branche gezwungen. Dieser mächtigste Mann nach Staatspräsident Karzai verweigert
bisher den Einsatz der afghanischen Armee in seinem Einflussbereich. Dort dürfen sich
nur seine eigenen Söldner aufhalten.
"Fahim Kahn ist aber nur ein Risikofaktor. Weitere sind", wie die FAZ vom 30. 08.
erläutere, "der General Daud, der bislang als Gefolgsmann von Fahim Khan galt, nun aber
zunehmend eigne politische Ziele verfolgt. Weitere Unwägbarkeiten verbinden sich mit
dem Gouverneur der Provinz Kundus, Latif, und dem usbekischen General Dostum.
Schließlich ist in der Stadt ein weitere Kriegsherr, Hekmatyar, zu Hause; und nicht zuletzt
sollen sich ehemalige Taliban-Kämpfer in der Region versteckt haben."
Die Bundsregierung entgegnete den Kritikern mit dem Hinweis, dass zu den Aufgaben der
deutschen Einheit in Kunduz - so Minister Struck im Bundestag - "ausdrücklich nicht die
Drogenbekämpfung" gehöre. Warum der Minister und seine Generäle trotzdem
ausgerechnet dorthin wollen, erklärt sich vielleicht aus der pro-deutschen Neigung des
allmächtigen Fahim. Er war es, der im Dezember 2001 - noch vor der formellen
Legitimierung der internationalen Besatzungsstreitmacht durch die UNO - gefordert hatte,
was damals der FAZ (20.12.2001) einen Aufmacher wert war: "Die Deutschen müssen die
internationale Schutztruppe in Afghanistan führen. Auf den Strassen Kabuls müssen
deutsche Soldaten patrouillieren, kein Briten." Logisch, dass sich die Bundeswehr mit
diesem Freund der Deutschen nicht anlegen will."
Jürgen Elsässer, aus: Dealer und Landser. In: Ossietzky N2. 22,1. November 2003-12-11
"...Zur Hilfe springt da der SPIEGEL: "Studentenvertretungen wirken wie ein Relikt aus der
68er-Bewegung". Wie beinahe jedes Detail in diesem SPIEGEL-Artikel stimmt noch nicht
einmal das: Studentenvertretungen gibt es, seit es Hochschulen gibt, also seit dem
Mittelalter. In ihrer jetzigen Form wurden sie 1927 eingeführt. Gäbe es sie nicht mehr, so
wäre es kaum möglich, Kritik an Form und Inhalt der Lehre oder der Hochschulpolitik zu
äußern. Was sie für die soziale Sicherung der Studierenden leistet, sei es durch Beratung,
Hilfsfonds oder die Ausgabe von Semestertickets, würde wohl erst durch ihre Abschaffung
ganz deutlich werden. Die einzigen, die auf diese demokratische Struktur verzichten
können, sind wohl Verbindungsstudenten. Sie holen sich ihre Unterstützung von "Alten
Herren", zu denen auch der SPIEGEL-Autor Michael Fröhlingsdorf gehört (Akademische
Vereinigung Rheinstein zu Köln im CV). Aber das kann schwerlich ein Modell für alle sein."
Andreas Steinsieck, aus: Alte Herren gegen den Asta. In: Ossietzky Nr. 22. 1. November
2003-12-11
"...Schmerzlich macht sich bemerkbar, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen
Ländern nicht über ein Bibliotheksgesetz verfügt, das den Staat verpflichtet, Bibliotheken
einzurichten, zu erhalten und auszubauen. Die westdeutschen Politiker waren 1990 nicht
bereit, zumindest Elemente des Bibliotheksgesetzes der DDR zu übernehmen. Es ist
paradox, dass jede Kommune in eigener Verantwortung darüber entscheiden kann, wie
sie kulturelle Mittel verwendet - ob für Touristenattraktionen oder für attraktive moderne
Büchereien. Das führt zu der unhaltbaren Situation, dass von den fast 15 000
selbständigen Gemeinden nur 3000 über Bibliotheken verfügen...
...Im August dieses Jahres fand in Berlin der Weltkongress der Bibliothekare statt. An ihm
nahmen über 4000 Experten aus 125 Ländern teil. Im Mittelpunkt standen die Bibliotheken
als Portale, die Zugang zu Bildung, zum Wissen, zu Informationen und zu den Kulturen
der Welt verschaffen können. Eindrucksvoll, was andere Länder leisten. Längst haben sie
Deutschland übertroffen. Es sind die gleichen, die in der PISA-Studie die ersten Plätze
einnehmen."
Herbert Altenburg, aus: Auslaufmodell Bibliothek, in: Ossietzky Nr. 23, 15. November
2003-12-11
"...Wir wollen, dass Kriegsdienstverweigerung als Grundrecht wirklich Ernst genommen
wird. Ein Grundrecht verträgt keine staatliche Prüfung und eventuelle Genehmigung auf
Antrag. Gewissen kann man höchstens durch Martyrium beweisen. Allenfalls dürfte in
einer Art Strafverfahren bewiesener Missbrauch der Gewissensfreiheit zur Einschränkung
dieses Rechts führen. Davon kann bisher keine Rede sein. Die Verweigerer, die nach
Ablehnung ihrer Anträge sagten: "Ich bin zur Bundeswehr verurteilt worden", hatten genau
das richtige Gespür. Die Ablehnung eines Kriegsdienstverweigerungsantrages hat die
Wirkung eines Strafurteils, das Grundrechte aussetzt. Sie erfolgt aber nicht nach dem
Strafverfahrensrecht mit dem Prinzip "Im Zweifel für..", sondern nach dem Recht des
Verwaltungsverfahrens, in dem man seine Ansprüche selbst beweisen muss. Da wird also
"im Zweifel gegen..." entschieden. Das ist zutiefst grundrechtsfeindlich....
Im Rahmen der "neuen NATO" um im EU-Verfassungsentwurf werden derzeit immer mehr
Interventionen geplant. Der Verteidigungsminister will Deutschland schon am Hindukusch
verteidigen und gefährdete Deutsche notfalls mit Gewalt aus anderen Ländern befreien.
Man stelle sich vor, die Türke würde sich entsprechend überlegen, türkische Familien, die
bei uns überfallen wurden, durch militärische Interventionen zu schützen; ich möchte mal
wissen, was dann los wäre. Wissen wir in Deutschland noch, was wir tun?
Wer Recht und Schutz von Kriegsdienstverweigerern will, muss denen in den Weg treten,
die Kriege ausweite und statt der Stärke des Rechtes das Recht der Stärkeren
praktizieren. Das wird auch - vielleicht erst recht - nötig sein, wenn die Wehrpflicht fällt,
denn auch freiwillige Soldaten können noch verweigern. Wenn der EUVerfassungsentwurf unverändert angenommen wird, ist Kriegsdienstverweigerung nur och
ein Recht nach Maßgabe der Mitgliedsstaaten. Von der EU her gesehen ist es dann kein
Grundrecht, kein Menschenrecht.
Die Auseinandersetzungen darum sind ein Teil des Bemühens um die Menschenrechte.
Wie mühsam so etwas ist, aber auch wie lohnend, hat die Bürgerrechtsbewegung der
Farbigen in den USA gezeigt. Sich auf die Verfassung berufend haben sie mit zivilem
Ungehorsam, unter manchen Opfern viel erreicht. Warum soll es nicht auch in
Deutschland möglich sein, verbürgte Grundrechte durchzusetzen, indem man die
Verfassung, das Grundgesetz, so lange beim Wort nimmt, bis auch das
Bundesverfassungsgericht das endlich tut."
Ulrich Finckh, aus: Das Grundgesetz beim Wort nehmen. In: Ossietzky, Nr. 24, 29.
November 2003-12-11
Pastor Ulrich Finckh war fast 33 Jahre lang Vorsitzender der Zentralstelle für Recht und
Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Zu den vielen Aktivitäten und
Erfolgen, die ihm anlässlich seines Abschieds von diesem Amte nachzurühmen wären,
gehört die Aufdeckung betrügerischer Methoden, mit denen das Bundesministerium der
Verteidigung wiederholt das Bundesverfassungsgericht und die Öffentlichkeit getäuscht
und Urteile zu Lasten der Kriegsdienstverweigerer erwirkt hat; die Folgen sind teilweise bis
heute nicht behoben. Seine eigene Bilanz benennt auch Aufgaben für die weitere Arbeit
der Zentralstelle. Nachfolgerin im Vorsitz ist Rechtsanwältin Barbara Kramer (OssietzkyText).
2003-12-09
Harald Schmidt zum - vorerst - letzen Mal im TV: 23. Dezember 2003.
Hier - nach Handelsblatt - einige von Schmidts besten Sprüchen:
Man kann sagen: Viagra schuf mehr Härtefälle als Rot-Grün.
Man kann kaum glauben, dass McDonald's Umsatz-Rückgänge hat. Die US-Armee
erschliesst doch dauernd neue Märkte.
Bush traf sich mit Schröder, Schröder hat zugesagt: Deutschland unterstützt den
Wiederaufbau im Irak, bildet Polizisten aus und richtet dort das Mautsystem ein.
Heute ist Tag des deutschen Butterbrotes. Das gute, alte Butterbrot als
Pausenverpflegung auf der Arbeit ist etwas aus der Mode gekommen. Die Arbeit
allerdings auch.
Stromausfall in Italien - 57 Millionen Menschen betroffen: Stromausfall, ich finde, jetzt
übertreibt es Berlusconi aber mit der Solidarität zu den USA.
Schwarzenegger neuer Gouverneur von Kalifornien: George Bush hat Arnie gratuliert was ihn am meisten beeindruckt: Schwarzenegger hat nicht nur die Wahl gewonnen,
sondern bekam auch die meisten Stimmen.
Schumi wird Weltmeister: Schumi muss nur einen Punkt holen - mit derselben Erwartung
schickten wir zuletzt Ralph Siegel zum Grand Prix.
"...Und in diesem besonderen Fall auch eine der Authentizität. Das ist auf den ersten Blick
- vor allem für ein Dokudrama - gewiss nachvollziehbar. Man denke nur an all die Filme
und Fernsehspiele, in denen wie Yedi-Ritter aussehende deutsche Soldaten penetrant mit
Hakenkreuzbinden herumlaufen und - egal, um welchen Zeitabschnitt es genau geht selbstverständlich alle Militärs, die Hacken zusammenknallend, mit dem "Deutschen
Gruss" grüssen, der "aufgehobenen Rechten", wie Werner Finck kalauerte. Dabei löste
der Hitler-Gruss erst nach dem 20. Juli 1944, für alle Wehrmachtsangehörigen verbindlich,
den militärischen ab; übrigens in vorauseilendem Kadavergehorsam vorgeschlagen und
angeordnet von den Chefs der drei Teilstreitkräfte..."
Bernd Ulrich, aus: Wolfsschanze revisited. Siegeszug des Doku-Dramas: Nach den
Wundern von Bern und Lengede dreht das ZDF nun einen Film über den 20. Juli 1944. In.
Frankfurter Rundschau 26. November 2003-12-09
Bernd Ulrich ist Militärhistoriker. Von ihm erschien zuletzt "Untertanen in Uniform" zusammen mit Benjamin Ziemann und Jakob Fischer im Fischer Taschenbuch-Verlag.
"...Prompt befällt einen angesichts des adretten, zweimal das Oberteil wechselnden
jungen Mannes auf der Bühne hinterrücks die Erinnerung an die hinreissende Glosse "Das
Dingsda" des Germanisten Klaus Jeziorkowski, erschienen bei Suhrkamp in "Eine
Iphigenie rauchend - Aufsätze und Feuilletons zur deutschen Tradition", in welcher der
Autor über das Phänomen des Kulturbeutels sinniert mit Überlegungen wie "Das Ding mit
dem Reisverschluss definiert: Kultur ist, was man in der Drogerie bekommt. Kultur ist
Gewaschenheit, Geriebenheit oder Eingeseiftheit. Man hat sie, wenn eine Hand die
andere wäscht, wenn man mit allen Wassern so gewaschen ist, dass jeder Polizeihund
von der Spur immer wieder vor das Regal des Drogisten gezogen wird." Zum Glück sieht
Graig David nicht nur besser aus als jeder Kulturbeutel. Er singt auch wirklich ordentlich..."
Annette Becker, aus: In ein paar Jahren. Craig David mit sorgfältigem Soul in der
Jahrhunderthalle. Aus: Frankfurter Rundschau 26. November 2003
"...Der Journalist Jeffrey Sharlet verbrachte vier Wochen in dieser sich auserwählt
wähnenden elitistischen Gruppe, deren Credo "Jesus plus nothing" lautet und die
patriarchalische, dem Alten Testament entlehnte Vorstellungen über christliches Leben mit
Machtphantasien, Laisser-faire-Kapitalismus und Imperialismus synkretistisch miteinander
verquickt. Seine amüsanten wie erschütternden Erfahrungen mit dieser pressure group
schildert Sharlet jetzt auf einem internationalen Workshop im Potsdamer Einstein Forum
über die Geschichte, Rolle und Bedeutung der fundamentalistischen Christlichen Rechten
in den USA.
Schätzungen zufolge pflegten in den letzten 40 Jahren zwischen zehn und 30 Prozent der
US-Politiker im Senat, im Repräsentantenhaus und im Kabinett engere Verbindung zur
Family. Prominentestes Mitglied ist Justizminister John Ashcroft. Typisch für diese
Gruppierung ist das Bearbeiten der Einstellungen und Entscheidungen der Einflussreichen
und nach Einfluss Strebenden im (Halb)Verborgenen.
Wird die bibeltreue fundamentalistische Rechte, von dem THE FAMILY nur einen kleinen,
aber entscheidenden Teil darstellt, die US-Präsidentenwahl 2004 massgeblich
entscheiden? Diese Frage beschäftigte alle Teilnehmer des Workshops. Dass Amerika
anders ist, zeigte im Jahr 2002 eine Umfrage, die Mark Rozell (Washington) vorstellte.
Demnach plädierten 70 Prozent der Amerikaner dafür, dass der Präsident der USA über
"starke religiöse Überzeugungen" verfügen müsse. Und 46 Prozent waren der Ansicht,
dass die Vereinigten Staaten unter dem besonderen Schutze Gottes stünden.
Ein Sechstel der US-Bevölkerung zählt sich selber zur Christlichen Rechten. Wie William
Martin (Houston) hervorhob, dominieren religiöse Fundamentalisten in 18 von 50
Bundesstaaten die republikanische Partei. In Georgia errangen sie unter der Regie von
Ralph Reed, vormals Kopf von Pat Robertson Christian Coalition, im Jahr 2001 einen
Erdrutschsieg. Reed gehört heute zu Bush engstem Beraterstab für dessen
Wiederwahlkampagne. Auf allen politischen Ebenen, von der Schulplangestaltung und der
Ankaufpolitik von Stadtbibliotheken bis ins Oval Office, darauf verwies Mark Rozell,
dominiert heute mehr und mehr der "God talk" den öffentlichen Diskurs.
Durch moderne Technologie, aggressives Marketing, straffe Organisation und deutliche
Feindbilder - Bill und Hillary Clinton - erlebte die Neue Rechte Ende der achtziger Jahre
einen starken Aufschwung. Heute gibt es in den USA rund 150 religiöse Fernsehstationen
und 1600 religiöse Radiosender. Ihr ideologisches Sendungsbewusstsein und ihre
Illiberalität, gepaart mit Anti-Modernismus und Anti-Internationalismus, macht die
fundamentalistische Rechte zu einem schlagkräftigen Faktor. George W. Bush, dessen
manichäisch-messianisches Gottesbild Geiko Müller-Fahrenholz (Bremen) als "war god"
charakterisierte, bedient dieses Segment mit religiös aufgeladener Rhetorik. Deren
antielitäre Sprache verspricht Wählerbindung.
Übernehmen, darin waren sich alle Teilnehmer einig, werde die Christliche Rechte
Amerika nicht. Auch werde ihr Einfluss geringer sein als etwa der der
Bürgerrechtsbewegung. Eine Beobachtung Mark Rozells gibt dennoch zu denken: In den
vergangenen 30 Jahren wurden nur Demokraten ins Weise Haus gewählt, die aus dem
Süden kamen und Baptisten waren. Schlechte Karten für Howard Dean."
Alexander Kluy, aus: Mit Gott zur Macht? Fundamentalismus-Workshop. In: Frankfurter
Rundschau 26. November 2003
"Was für ein wunderschöner Wochenanfang, zumindest für die Freunde der Nachrichten
aus der Welt des Schlüpfrigen. Wie bei FOCUS. Und noch besser bei der TAZ. Andreas
Baader, offenbar der deutschen Medien liebster Terrorist, soll im Knast ein Kind gezeugt
haben. Dolle Sache. Die Leser guter Bücher wussten das allerdings schon. Seit
September. Da war Kurt Oesterles hervorragendes Buch STAMMHEIM - DIE
GESCHICHTE DES VOLLZUGSBEAMTEN HORST BUBECK (Klöpfer und Meyer)
erschienen. In seiner Schilderung nimmt diese Mutmassung nicht besonders viel Platz ein:
von 182 Seiten ganze zwei. Bei Oesterle heisst es "Übrigens erzähle er (Bubeck) diese
Geschichte, die um die Jahreswende 1976 auf 1977 ihren Anfang genommen hat, nicht,
um seinem Stammheim-Bericht noch eine Prise Sex beizumengen, sondern um zu zeigen,
wie durchlässig der vermeintliche Hochsicherheitstrakt gewesen sei."
Von einem Resopaltisch ist durchaus die Rede - so wie in der Focus-Überschrift: "Sex auf
dem Resopaltisch" - allerdings stand der Tisch aus besagtem Material mitnichten in der im
FOCUS abgebildeten Häftlingszelle, sondern in einer so genannten Anwaltszelle. Eine
solche Zelle ist laut Bubeck in jedem U-Haft-Gefängnis für den Vollzug tabu. Vom
Resopaltisch sollen Schamhaare gefegt worden sein. Der Tisch hatte "Grösse 7o mal 150
Zentimeter" wie die TAZ in ihrem neuen BILD-Surrogat "taz zwei" weiss. Das steht weder
in Oesterles Buch noch im FOCUS. Sollte TAZ-Autor Spannbauer selbst recherchiert
haben? Laut dessen Bericht handelt es sich um ein "Buch mit Erzählungen über
Stammheim". "Stöhnen aus der Zelle" lockt seine Artikel-Überschrift und zeigt, wie
richtiges "upsexen" einer Geschichte geht. "Ficken und Schiessen sind ein Ding", wird
Baader immer wieder gern zitiert, so auch in diesem Zusammenhang.
Auch das stammt weder von Bubeck noch aus dem FOCUS. Gut, dass die TAZ hier eine
Lücke zu füllen weiss. Es gibt allerdings aus Stammheim und besonders von Andreas
Baader Obszöneres zu berichten. Etwa das Hierarchiebewusstsein und die
Umgangsweise der "Gruppenführer" Baader und Ensslin mit Schwächeren - seien es die
verhassten "Schlieser" wie Bubeck, naive Unterstützer aus den Schwarze-Hilfe-Gruppen,
die kranke Ulrike Meinhof oder der gefügige Jan Carl Raspe gewesen. Mit Schrecken
könnte man auch an den totalitären Charakter Baaders, die Gefühlskälte untereinander
und die Abwesenheit jeglicher Trauer der inhaftierten Genossen nach dem Freitod von
Ulrike Meinhof denken; an die verlogene und todbringende Selbstgerechtigkeit im Kampf
gegen das "Schweinesystem und die staatliche Vernichtungsmaschinerie"; an kalkuliert
und zeitweilig auch angeblich Hungerstreikende; aber auch an hohe (und von Bubeck
nicht namentlich benannte) Repräsentanten des Rechtsstaates, die nach einer
Weihnachtsfeier in völlig betrunkenem und desolaten Zustand vorschlugen, wie man mit
den Gefangenen aus dem siebten Stock umzugehen habe - "..sie drehten sich, so gut es
noch ging, im Halbkreis hin und her und schossen mit der Luft-MP, mit dem
Schnellfeuergewehr ihrer Vorstellungskraft, die RAF-Gefangenen über den Haufen. Dabei
lachten sie und verströmten den Geruch von Suff und Seiche."
Über all dies könnte sich Entsetzen breit machen, und dies nicht erst seit Erscheinen von
Oesterles Buch im September, aber nun hat es offenbar jemand gelesen, der den Clou der
Geschichte begriffen hat, der jeder guten Story innewohnen sollte, damit sie uns zu
fesseln vermag. Was man der Frau (die unschwer zu recherchieren sein dürfte) und dem
inzwischen erwachsenen Kind damit antut, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber dafür
haben wir noch mal die beliebte Projektionsfläche Baader aufgefüllt, diese
mediengerechte Mischung aus Wolf Wondratscheck und Dieter Bohlen, aus Sex and
Crime, aus Dumpfheit und Virilität."
Renée Zucker, Der Resopal-Report. Und ewig stöhnt's in den Zellen: Wie "taz" und
"Focus" eine Stammheim-Story aufmöbeln. In: Frankfurter Rundschau 18. November 2003
"...Manches spricht aber dafür, dass es die Zuschauer sind, die inzwischen eine
Schmerzgrenze spüren. Das Abstimmungsverhalten bei der Besten-Sendung, so kurios
die politische Konsensorientierung dabei war, sollte den Sendern zu denken geben. Das
ganze Spass- und Spottprogramm, mit dem die Kampagne eröffnet wurde, das Fuchteln
mit Stars und Sternchen, wurde auf einen Schlag mit grosser Entschiedenheit beiseite
gewischt.
Wer aber weiss, wie viele Zuschauer dabei mit echtem Ingrimm abgestimmt haben? Weil
sie mit einem Mal die Verachtung des Mediums gespürt haben, dem Tradition und Trash,
Kultur und Klatsch, Kummer und Kunst ein und dasselbe, nämlich gleichgültig sind? Mit
diesen Zuschauern könnte der Sender doch auch einmal ins Gespräch zu kommen
versuchen, und zwar nicht nur heimlich, in den Séparées von 3sat und Arte. Vielleicht
wäre es denkbar (oder jedenfalls nicht undenkbar), zur Abwechslung das Hauptprogramm
wenigsten für die Halbgebildeten zu öffnen. Oder haben sich die Anstalten ein für alle Mal
entschieden, mit Geld und Ehrgeiz nur mehr für den Markt der BILD- und BUNTE-Leser zu
produzieren und die Kabelsender als blosses Alibi zu halten?
Vor einigen Jahren erschreckte der Philosoph Peter Sloterdijk die Öffentlichkeit mit seinen
Züchtigungsphantasien aus dem "Menschenpark". Das schien zunächst nur eine
verschrobene Art philosophischer Science-Fiction. Heute spricht einiges dafür, dass es
diesen Menschenpark schon gibt, nämlich in den Sendeanstalten. Dort ist offenbar, über
die Jahrzehnte hinweg, eine Art von Redakteuren gezüchtet worden, deren moralische
und intellektuelle Vorstellungen sich von allen Traditionen entfernt haben. Wir wissen nicht
genau (so merkwürdig sind die Schaltprozesse in den neuen Gehirnen), ob ihre
Verachtung eher den Massen gilt, die sie dumm halten möchten, oder den Akademikern,
denen sie Ihr Unterhaltungsprogramm um jeden Preis vorenthalten möchten und es
deshalb mit allerlei Zusätzen vergällen (so wie man Brennspiritus durch Zusätze untrinkbar
macht).
Gewiss ist nur: Das Fernsehen von heute wird als Klassenkampf entworfen, entweder
gegen die da oben oder gegen die da unten. Gewiss ist auch, dass sich die öffentlichrechtlichen Anstalten ihrem gesellschaftlichen Auftrag restlos entzogen haben. Ungewiss
dagegen ist, wie man die Fernsehsekte von ihrem Weltverdummungsprojekt abbringen
kann. Man weiss nicht, welche Sprache Tele-Cyborgs verstehen. Wir schlagen
Strassendemonstrationen vor. Protestmärsche gegen die geplante Gebührenerhöhung!
Besser noch: Für die Abschaffung der Gebühren. Massenproteste sind etwas, dass der
Massenunterhalter mit Sicherheit versteht."
Jens Jessen, aus: Organisierte Verachtung. Bei der Wahl der zehn "besten Deutschen"
hat vor allem das ZDF verloren. Alle Fernsehstars flogen raus. Werden die Sender nun
umdenken? Nein. Eine Polemik. In: DIE ZEIT Nr. 47, 13. November 2003-12-09
2003-12-08
"..Die Menschen waren seit jeher grausam zu den Tieren, und als sie sich ihrer
Niedertracht bewusst wurden, haben sie angefangen, wenn nicht alle Tiere zu lieben
(denn sie fahren unbeirrt fort, sie zu verspeisen), so doch wenigstens gut über sie zu
sprechen. Bedenkt man zudem, dass die Medien, die Schule, die öffentlichen Institutionen
sich vielen vergeben lassen müssen, was sie den Menschen angetan haben, so wird es
allen in allem lohnend, in psychologischer wie in ethischer Hinsicht, nun auf de Güte der
Tiere zu beharren. Man lässt die Kinder der ersten Welt verhungern, aber man fordert die
Kinder der ersten Welt auf, nicht nur Libellen und Häschen zu respektieren, sondern auch
Wale, Krokodile und Schlangen.
...Es gilt lediglich, diese und andere Tiere als das zu lieben, was sie sind - und wenn wir
sie beim besten Willen nicht lieben können, sie wenigstens in ihrer Eigenart zu
respektieren. Die Legenden von ehedem übertrieben es mit dem bösen Wolf, die
Legenden von heute übertreiben es mit den guten Wölfen. Nicht weil sie gut sind, müssen
die Wale gerettet werden, sondern weil sie Teil des natürlichen Lebens sind und zum
ökologischen Gleichgewicht beitragen. Aber unsere Kinder erziehen wir mit Geschichten
von sprechenden Walen, von Wölfen, die in den Dritten Orden der Franziskaner eintreten,
und vor allem mit Teddybären ohne Ende.
Die Werbung, die Zeichentrickfilme, die Kinderbücher sind voll von gutmütigen,
kreuzbraven, kuschelweichen und beschützenden Bären. Deshalb, fürchte ich, sind die
armen Kinder vom Central Park nicht aus Mangel, sondern aus Übermaß an Erziehung
gestorben. Sie sind Opfer unseres unglücklichen Bewusstseins. Um sie vergessen zu
machen, wie schlecht die Menschen sind, hat man ihnen zu oft erzählt, dass die Bären gut
seien. Anstatt ihnen ehrlich zu sagen, was die Menschen und was die Bären sind."
Umberto Eco, Wie man über Tiere spricht, 1987
Aus: Umberto Eco, Sämtliche Glossen und Parodien 1963 - 2000, Zweitausendeins
Verlag, Frankfurt 2001 (Lizenzausgabe des Hanser-Verlag, München), übersetzt von
Burkhart Kroeber.
www.zweitausendeins.de
"FR: Herr Duve, als "Beauftragter für die Freiheit der Medien" in der OSZE gehen Sie
derzeit auf Abschiedstournee. Wo überall machen Sie Station?...
Freimut Duve: ..In Washington war der Abschied schwieriger, weil die Leute im State
Departement, im Auswärtigen Amt der Vereinigten Staaten, nicht immer so glücklich sind,
dass ich es wage, sie zu kritisieren.
FR: Um welche Themen ging es denn da im Einzelnen?
Freimut Duve: Ich habe die amerikanische Regierung kritisiert, den die CIA bekommt
Adressenlisten von Käufern kritischer Bücher. Das gleiche gilt für Bibliotheken der
Universitäten. Da geht es also nicht um den Eingriff in die Freiheit des Ausdrucks, sondern
des Eindrucks. Dem Bürger wird abgesprochen, dass er ein Buch selber beurteilen kann
und muss. Plötzlich sagt der Staat: Wenn du dieses oder jenes Buch gelesen hast, dann
bist du entweder gefährlich oder ungefährlich. Das halte ich für problematisch und habe
das auch öffentlich vor den Staaten gesagt.
FR: Gab es ausschließlich Widerspruch?
Freimut Duve: Der amerikanische Buchhändlerverband hat sich bedankt. Aber die
amerikanische Regierung ist es an sich nicht gewohnt, dass in einer Organisation wie der
OSZE, die sie sehr stark befördert hat - sie hat auch mein Amt sehr positiv unterstützt in
Russland -, dass man plötzlich ihr Land betrachtet.
...FR: Die OSZE hat Ihr Amt auch eingerichtet für die Stabilisierung demokratischer
Strukturen..
Freimut Duve: Der Anlass waren die 9oer Jahre und die neuen Staaten. Da haben wir die
meisten Probleme.....Wir machen besonders viel in Russland, weil es dort die
zweithöchste Mordrate an Journalisten gibt. Das nenne ich Zensur durch Mord. Wir
müssen viel in Russland intervenieren. Aber man hat das Gefühl, dass die derzeitige
russische Förderationsregierung die OSZE loswerden will..."
Agnes Handwerk im Gespräch mit Freimut Duve, aus: Diplomat der Meinungsfreiheit.
Freimut Duves Amtszeit als erster "Beauftragter für die Freiheit der Medien" der OSZE
geht zuende. In: Frankfurter Rundschau 2. Dezember 2003
"...Während ich krampfhaft überlege, wen ich gerade bei Maischberger oder Illner oder
Kerner gesehen habe, gibt er schon die Antwort: Nein, nur ausrangierte Tennisspieler,
drittklassige Schlagersänger oder so genannte Modeschöpfer. Lagerfeld auf allen
Programmen, ein Mann, der buchstäblich nichts zu sagen hat und vor lauter Scham
darüber sich einen Fächer vors Gesicht hält. Ein reines, abgemagertes Nichts, zur besten
Sendezeit. Für einen "hohen fünfstelligen Betrag" hat die ARD für uns und unsere PisaDummchen Frau Harald Juhnke eingeladen. Man sollte vor die Gespräche mit Lagerfeld
und Co. ein Schild analog der Warnung auf Zigarettenschachteln schalten: Diese Sendung
fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu.
Aber wenn wir zum Beispiel Herrn Plog, den Oberintendanten der ARD, darum bitten, die
Kulturprogramme nicht immer in Richtung Mitternacht auszustrahlen, erhält man eine
patzige Antwort. Warum darf Joop, der en schlechtesten Roman des Herbstes
geschrieben hat, stundenlang Reklame für seinen Mist machen?
Während ich, um Michael Krügers Rede nicht zu stören, angestrengt auf die lodernde
Buche starre, frage ich mich, ob sein Empörung vielleicht daher rührt, dass Frau Illner oder
Herr Beckmann ihn nie eingeladen haben. Also frage ich ihn. Er schaut mich pathetischverblüfft an und sagt: Ja, das wäre die Lösung, dann könnte man zum Beispiel mal
erzählen, dass die Frau des Chefredakteurs der BILD-Zeitung, in der täglich Reklame für
Bohlen gemacht wird, Koautorin der Bohlen-Memoiren ist. Wenn ein städtischer
Angestellter seiner Frau einen Auftrag zuschustert, kommt er bei BILD an den Pranger,
aber die eigenen Schweinereien sind erlaubt. Wir leben in einer Zeit der Lüge, der Feigheit
und des Verfalls der gesellschaftlichen Institutionen, und die ökonomische Krise ist nur ein
Anhängsel..."
Michael Krüger, aus: Die Buche, die Bücher. Als ich den Verleger des Hanser Verlags
Michael Krüger besuchte. In: Die Zeit Nr. 50, 4. Dezember 2003
"Fünfzig Jahre lang waren die Kultursendungen Flaggschiffe auf den Welle des ARDHörfunks, jetzt ist die Weltreise vorbei. Viele Sendungen werden nassforsch verschrottet,
andere in ihre Einzelteile zersägt oder zu einem Schnelldampfer umgerüstet. Doch was als
Reform verkauft wird, ist ein Umsturz. Die Anstalten verabschieden sich vom alten
Einschaltradio und suchen ihr Heil beim Kulturbegleitmagazin mit "Durchhörcharakter". Auf
Hochdeutsch: Die ARD
konzentriert sich auf Hörer, die sich beim Zuhören nicht konzentrieren. Das sind
Menschen bei ihren Nebentätigkeiten, beim Kochen und Bügeln, Waschen und Naschen,
also Menschen, die eine Kultursendung, nicht gezielt einschalten, sondern auf einer Welle
"hängen bleiben" und so lange "durchhören", bis diese im Schlick einer "Spezialsendung
für Minderheiten" versickert.
...Und warum glaubt die ARD, naturtrübe Tagesbegleitkultur sei erfolgreicher als
intelligente? Weil die Hörer angeblich zu alt und die Einschaltquoten zu niedrig sind. Zwei
Prozent pro Sendegebiet, das sind zwar bis zu zweihunderttausend Hörer, aber den
Anstaltskommissionen reicht es nicht. Dafür gräbt sich der Hörfunk nun das eigene Grab.
Wenn bundesweit nur noch Kulturmagazine zu hören sind, die einander gleichen wie ein
Ei dem anderen, kann man den Föderalismus gleich ganz abschaffen. Dann genügt eine
nationale Kulturwelle. Eine für alle. In diesem Sinne: Weiter so."
Thomas Assheuer, aus: Der Hörsturz, in: Die Zeit Nr. 50. 4. Dezember 2003-12-06
"Ach, der Grundauftrag des Fernsehens. In den öffentlich-rechtlichen Sendern herrscht
eine Grundauftragsvergessenheit, die zum Himmel schreit. Aber solange der Kasten
millionenfach flimmert, mehr Leute glotzen als wählen und es keine Klagen von von TVGeschädigten beim Bundesverfassungsgericht gibt, geht das so weiter. SchnäppchenShow und Boris Becker, und kein Herrgott weit und breit, der diesen Sendungen eine
Bachbinde verpasste: Fernsehen macht krankt, dumm, einsam und unglücklich...
...Und wieder wird niemand den Kasten aus dem Fenster schleudern und heulend nach
der Grundversorgung verlangen.
Ja, wo ist sie eigentlich geblieben? Eine alte Sage erzählt davon, dass man sie zuletzt in
den dritten Programmen gesehen hat. Hier sollte die immer gefährdete Hochkultur
Artenschutz genießen, gerade so wie die Theater, die Oper, die Museen und die guten
Bücher. Hier gab es, was es sonst nicht mehr gab: Kinosendungen, Sendungen, in denen
neue Bücher vorgestellt wurden, Sendungen, in denen Zeit für Gespräche war, die das
Wort verdienen. Doch all das ist nicht mehr wahr. Die Literatursendungen der dritten
Programme wurden beinahe überall abgeschafft, verulkt oder so selten ausgestrahlt, dass
man sie längst vergessen hat...
Die Fernsehnation und die Literatur werden all das verschmerzen. Und dennoch: Es ist die
öffentliche Fernsehkultur der alten Bundesrepublik, die einmal in Sendungen wie
"ASPEKTE", "TITEL, THESEN, TEMPERAMENTE" und diversen Kultursendungen der
Dritten zur Blüte gekommen war, die im neuen Deutschland nicht überlebt. Wie war das?
Neuer Wein in neue Schläuche, schon gut. Vor dem Kasten kann man sich bis auf
weiteres auch mehr als zwei Finger vor die Augen halten."
Iris Radisch, aus: Ach du lieber Grundauftrag. Literatur und Fernsehen. In: Die Zeit, Nr. 50,
4. Dezember 2003
2003-12-06
Yoko Ono hat eine neue Version von give peace a chance aufgenommen und ins web
gestellt: www.yoko-ono.com
Am Montag jährt sich John Lennons Ermordung.
"...Erst die Grundsicherung schafft die Voraussetzung der Freiheit von Angst. Erst eine
solche Freiheit von Angst macht demokratisches Verhalten möglich. Kurzum: Die
Grundsicherung ist die positive Antwort auf die strukturelle Kritik der kapitalistisch
verfassten Arbeitsgesellschaft...
Der mangelnde Streit um Alternativen zur "Repressanda 2010" beunruhigt am meisten. Ihr
programmierte Erfolglosigkeit im Sinne eines täuschenden Wachstums- und
Beschäftigungsversprechens sollte die Courage für Alternativen künftig fördern."
Peter Grottian (Hochschullehrer für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU
Berlin),
Roland Roth (Hochschullehrer für Politikwissenschaft an de Fachhochschule Magdeburg)
und
Wolf Dieter Narr (Hochschullehrer für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU
Berlin),
aus: Sich selbst eine Arbeit geben. Alternativen zur "Repressanda 2010": Umverteilung
und Aufwertung der Kommunen.
In: Frankfurter Rundschau 29. November 2003
Die ausführliche Fassung des Textes ist im Internet zu finden unter
www.fr-aktuell.de/doku
"...So wenden die Vereinigten Staaten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation
18,5 Prozent ihres öffentlichen Haushalts für Gesundheit auf, in Deutschland sind es 14,7
Prozent und in Frankreich 13,8 Prozent. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dieser
Länder ermöglicht Pro-Kopf-Ausgaben von 4187 US-Dollar, 2713 US-Dollar und 2369 USDollar pro Jahr (alle Zahlen beziehen sich auf 1997, die aktuellsten Angaben der WHO.
In den meisten Entwicklungsländern steht für die gesundheitliche Versorgung in aller
Regel ein deutlich geringerer Anteil des Staatshaushalts zur Verfügung in den
Industriestaaten. So wendet die Republik Südafrika 9,8 Prozent ihres Haushalts für
Gesundheit auf, in Sambia sind es 9,7 Prozent, in Botswana 5,9 und in Äthiopien 6,1
Prozent. Wie gewaltig die Unterschiede real sind, wird aber erst im Vergleich der
absoluten Zahlen deutlich. Hinter den genannten relativen Budgetzahlen verbergen sich
Pro-Kopf-Ausgaben von 268 US-Dollar in Südafrika, 27 US-Dollar in Sambia, 132 USDollar in Botswana und 4 US-Dollar in Äthiopien pro Jahr. Von einer extrem
unterschiedlichen Verteilung dieser Aufgaben auf einzelne Bevölkerungsgruppen muss
ausgegangen werden...
Mit aller Deutlichkeit muss aber auch gesagt werden: Neben der Eigenleistung der
Entwicklungsländer werden alle Staaten zahlen müssen, um Aids weltweit einzudämmen
und das Überleben ganzer Bevölkerungsgruppen zu sichern. Ungeachtet der schwierigen
ökonomischen Lage in den Industriestaaten sind finanzielle Sonderleistungen für die AidsBekämpfung notwendig und unerlässlich. Die Gesellschaften und die Regierungen der
reichen Länder müssen begreifen, dass Anti-Aids-Politik Sicherheitspolitik ist..."
Dr. Volker Mertens (Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Aidsstiftung) und Dr.
Ulrich Heide (geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Aids-Stiftung), aus:
Ein Medikament allein hilft noch nicht. Nach WTO-Angaben leben 95 Prozent der weltweit
rund 40 Millionen HIV-Infizierten in Entwicklungsländern. Bausteine zu einem integrierten
Konzept der weltweiten Aids-Bekämpfung. In: Frankfurter Rundschau 1. Dezember 200312-06
Am 29. November spielte in einem Benefizkonzert in Kapstadt eine internationale MusikerBesetzung, unter anderem Youssou N'Dour, Bono und Bob Geldof.
Erstmals seit mehr als einem Vierteljahrhundert stimmte Yussuf Islam alias Cat Stevens
an der Seite von Peter Gabriel eine modifizierte Variante seines Lieds "Wild World" an.
Zuletzt war der Mann, der einst Cat Stevens war, unangenehm aufgefallen, als der den
Mordaufruf der Ayatollahs an Salman Rushdie befürwortete. Manche Werke muss man vor
seinen Schöpfern in Schutz nehmen.
"..Wenn das Theater wirklich, wie es heißt, das Gespräch herstellt zwischen Lebenden
und Toten, wäre DIE GESCHICHTE DES KOMMUNISMUS (nacherzählt für
Geisteskranke) eine Komödie, in der die Davongekommenen und ihre Kinder mit der Aufder-Strecke-Gebliebenen in Dialog treten. Bloß, wer in Ost und West interessiert sich
heute noch für die Opfer Stalins, Ceausescus oder, mit Verlaub, Walter Ulbrichts? Wir
haben an den Aufbau des Sozialismus geglaubt, beteuern viele derjenigen, die in der
Aufbauphase der DDR junge Erwachsene gewesen waren. Von den Leichen im Keller des
Sozialismus, der da mit Partei und Hurra eingeführt wurde, wussten sie nichts.
Die Millionen Toten, die Sozialismus und "seine entwickelte Form", der Kommunismus,
hinterließen, sind nicht nur tot und, wenn sie Glück hatten, begraben, sie sind vergessen.
Mehr noch, diese Opfer gelten, wo man an sie erinnert, als besonders anrüchig. Als hafte
ihnen das Schicksal, dass sie erlitten haben, wie ein ekliger Gestank an.
Zu dieser merkwürdigen Asymmetrie von Anlass und Erinnerung mag der Umstand
beitragen, dass es kaum bekannte Komödien über den Stalinismus und seine
Schwestersystem gibt. Etwas Ebenbürtiges zu Ernst Lubitsch unsterblichem SEIN ODER
NICHTSEIN oder wenigstens Charlie Chaplins DER GROSSE DIKTATOR hat die Trauer
über die Leichenberge der Gulags nie hervorgebracht. Kein Chaplin, kein Roberto Benigni,
kein Felix Bressart haben je einem von Stalin Ermordeten ihr Gesicht geliehen, kein
Woody Allen die Diktatoren von links dem Lachen preisgegeben. Schon gar nicht auf dem
Theater, das, insbesondere im deutschsprachigen Raum, in Täter wie Göring und Speer
oder ihre Frauen verliebt ist.
Auch Matéi Visniec hat die erhoffte Komödie nicht geschrieben. Den Umschlag der
französischen Originalausgabe seines Stückes ziert ein Stalin mit roter Nase. Aber die
Weltkomödie über das Grauen von links bleibt einstweilen noch ein uneingelöstes
Versprechen."
Nikolaus Merck, aus: Der Schmerzlaut U-to-pie. "Die Geschichte des Kommunismus
nacherzählt für "Geisteskranke" in Berlin und Rostock. In: Frankfurter Rundschau, 1.
Dezember 2003-12-06
"...Wenn Beschäftigte mit Betriebsschließung oder -verlegung oder mit Kündigung
konfrontiert werden, dann sind sie erpressbar; sie werden reagieren wie jemand, dem die
Pistole auf die Brust gesetzt wird: "Geld oder Leben". Genau in dieser Lage brauchen sie
den Schutz des Tarifrechts, das Abweichung von tariflichen Mindestbedingungen auch
dann nicht erlaubt, wenn die Betroffenen zustimmen. Gäbe es diese zwingende Wirkung
des Tarifvertrages nicht, wären Arbeitnehmer beliebig, manipulierter Lohndrückerei
ausgeliefert.
Ebenso wenig, wie die Beschäftigten überhaupt prüfen können, ob die Firma in einer
ökonomischen Zwangslage ist, genauso wenig können sie darauf vertrauen, dass ihr
Verzicht ihre Stellen dauerhaft garantiert: Um ihre Arbeitsplätze zu sichern, sagte die
Belegschaft dem Frankfurter Baukonzern Holzmann für 18 Monate fünf Stunden
unentgeltliche Mehrarbeit pro Woche zu. Als Holzmann zwei Jahre später Insolvenz
anmeldete, waren nicht nur die Stellen weg, sondern auch die zusätzlichen Leistungen.
Dies ist noch problematischer, weil die Beschäftigten Entgeldleistungen akzeptiert haben,
die ihr Arbeitslosengeld reduzieren.
"Lieber weniger Einkommen aber dafür einen sicheren Arbeitsplatz" - das kann im
Einzelfall zutreffen. Aber nur die Tarifvertragsparteien können einigermaßen sicher
einschätzen, ob ein Unterschreiten der Tarifvertragsbedingungen notwendig ist und den
Beschäftigten nützt. Deshalb erlaubt das Gesetz Abweichungen vom Tarifvertrag - wenn
beide Seiten zustimmen. Das tun sie auch, wenn es nötig ist. Dies belegen betriebliche
Bündnisse, die auf der Basis geltenden Rechts abgeschlossen worden sind. Eine
Gesetzesänderung ist unnötig."
Heide Pfarr, Mitarbeiterin des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Instituts, aus; Gerade in der Krise brauchen Beschäftigte den
Schutz des Tarifrechts. In: Frankfurter Rundschau 26. November 2003
"Unternehmensverbände und Opposition wollen den Flächentarifvertrag abschaffen oder
aufweichen. Dies begründen sie mit acht gängigen Vorurteilen, die unsere Autoren
sezieren. Heute: Lieber weniger Einkommen, aber dafür einen sicheren Arbeitsplatz" (FRText)
Die Auseinandersetzung mit acht gängigen Vorurteilen gegen Tarifverträge ist im Internet
abrufbar:
www.fr-aktuell.de/vorurteile
"Die Preise in Deutschland sind stabil - keine Inflationsgefahr. Dennoch wird von einer
Kostenexplosion gesprochen: im Gesundheitswesen. Es ist ein Offenes Geheimnis: Auch
die Preise und Gebühren für Wiederherstellung oder Erhaltung der Gesundheit bewegen
sich im Rahmen der allgemeinen Entwicklung. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt bleibt
ziemlich gleich...
Es gab einen Kostensprung in der ersten Hälfte der 70er Jahre, danach nicht mehr. Ein
Problem ist die Überkapitalisierung von Arztpraxen, die sich teure Geräte leisteten. Eine
Explosion ist das aber auch nicht. Dennoch müssen die gesetzlichen Krankenkassen
immer wieder die Beiträge anheben. Um das zu stoppen, sollen sie jetzt ihre Leistungen
einschränken. Da liegt aber nicht in erster Linie an steigenden Preisen für Pharmazeutika,
medizinische Geräte, Hilfsmittel und Behandlung, sondern daran, dass zu wenig
eingezahlt wird. Dafür gibt es drei Gründe: erstens die schwache Beschäftigungslage,
zweitens die Stagnation der Arbeitseinkommen, von denen (neben den Beiträgen der
Unternehmer), Prozentanteile an die Versicherungen abgeführt werden, und drittens die
steigende Zahl der Leistungsberechtigten auf Grund höherer Lebenserwartung.
Der Vorschlag eines Jungpolitikers vor einiger Zeit, Hüftoperationen für Hochbetagte zu
streichen, wurde zurückgewiesen - aus moralischen Argumenten. Ökonomische
Argumente hätten genügt. Auch der Bedarf an medizinischer Versorgung ist Nachfrage.
Wenn sie denn zahlungsfähig ist. Hier liegt das Problem. Es wird vor allem von Leuten
diskutiere, die selbst nicht pflichtversichert sind. Man könnte es eine Klassenfrage nennen.
Gegen den Vorschlag, die Beitragsbemessungsgrenze für die gesetzlichen Kassen
aufzuheben und alle Einkommen einzubeziehen (Beamtengehälter, Gewinne von
Unternehmern und die Netto-Erträge der Selbstständigen, Mieten, Zinsen und Renditen),
wird eingewandt: Damit entstünden neue Auszahlungsverpflichtungen. Das wäre richtig,
wenn die Leistungen proportional zu den Beiträgen erfolgten. Weil die reinen
Behandlungskosten aber im Wesentlichen schichtunabhängig sind, ist das nicht zwingend.
Auch wer mehr einzahlt, hat nur zwei Hüften. Gleiche Leistung bei ungleicher Einzahlung
bedeutet allerdings ein bisschen Umverteilung. Das ist tabu.
Auch könnte vorgebracht werden, die Beiträge der neuen Pflichtversicherten schmälerten
deren sonstige Nachfrage auf dem Markt (oder ihre Investitionen. Aber: Auch wer nicht in
der gesetzlichen Kasse ist, sorgt vor. Diese Ausgaben gehen in der Regel an einen
Finanzdienstleister, beispielsweise an eine Privatversicherung, die ein Unternehmen mit
Gewinn ist. Anders als die Einnahmen der gesetzlichen Kassen wird dieses Geld nicht
sofort wieder ausgegeben - als Umlage an die Kranken -, sondern zu erheblichen Teilen
bis zum Bedarfsfall anderweitig angelegt und vermehrt.
Im Ergebnis muss die Erstattung für die Versicherten herauskommen - und der Gewinn für
den Finanzdienstleister. Vielleicht hatte er zwischendurch Aktien von Unternehmen mit
stabilen Lohnnebenkosten ge- und verkauft. Nebenan, in der Holzklasse, wird gespart.
Wer kann, schließt eine private Zusatzversicherung ab und führt dem Kapitalmarkt so
frisches Geld zu. Auch das ist Umverteilung.
Es ist merkwürdig, wie schwer es reichen Gesellschaften fällt, intelligente Lösungen zu
finden. Sie brauchen Mythen. Etwa die Mär von der Kostenexplosion."
Georg Fülberth, Professor für Politikwissenschaft an der Philips-Universtität in Marburg,
aus: Auch wer mehr einzahlt, hat nur zwei Hüften. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik
arbeiten oft mit Annahmen, die nur auf den ersten Blick logisch sind. Der FR-Seziertisch
nimmt sie auseinander. In: Frankfurter Rundschau 28. November 2003
"Es war Olaf Scholz, der unfreiwillig die Anregung lieferte. Der SPD-Generalsekretär gab
auf dem SPD-Parteitag vergangene Woche einem Kollegen von der TAGESZEITUNG ein
Interview. Als es ans Autorisieren ging, habe Scholz nicht nur bei seinen Antworten
eingegriffen, sondern auch bei den Fragen, erzählen die TAZ-Kollegen. Da fasste die
dortige Chefredaktion den Plan, gemeinsam mit anderen Zeitungen die Praktiken von
Politikern beim Autorisieren von Interviews zum Thema zu machen. Fast in allen
Redaktionen, so scheint es, gibt es da schlechte Erfahrungen. Innerhalb weniger Tage
erklärten sich Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Welt, Financial Times
Deutschland, Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Kölner Stadtanzeiger und FR bereit,
zeitgleich mit der TAZ über Einflussversuchen zu berichten...
Das System der Autorisierung hat durchaus gute Gründe. Interviews nach diesen Regeln
verlören aber ihren Sinn, wenn weiter versucht würde, sie als reine Transportmittel er
Selbstmitteilung zu missbrauchen."
FR-Redaktion, aus: Autorisieren und Manipulieren. In: Frankfurter Rundschau 28.
November 2003-12-06
"Journalismus und Politik - eine schwierige Beziehung. Und beileibe nicht nur auf das
Genre Interview beschränkt. Mittlerweile sind Versuche von Politikern durchaus üblich,
einzelne Zitate autorisieren zu wollen, die in Portraits verwendet werden. Wie nonchalant
geht es da im Angelsächsischen zu. "Schreiben Sie was Sie wollen", soll einmal der
frühere US-Aussenminister Henry Kissinger einem Kollegen mit auf den Weg gegeben
haben, "aber buchstabieren Sie meinen Namen korrekt."
Axel Vornbäumen, aus: Wenn das gesprochene Wort nicht gilt. Politiker und Journalisten:
Das Verhältnis wird schwieriger, wie die Interview-Sitten erkennen lassen. In: Frankfurter
Rundschau 28. November 2003
"Entwicklungshilfe. Official Development Assistance, Anteil der EntwicklungshilfeLeistungen am Brutto-Nationaleinkommen.
Internationale Reihenfolge:
1. Dänemark 0,96 Prozent
2. Norwegen 0,91 Prozent
3. Niederlande 0,82 Prozent
4. Luxemburg 0,78 Prozent
5. Schweden 0,74 Prozent
6. Belgien 0,42 Prozent
7. Irrland 0,41 Prozent
8. Frankreich 0,36 Prozent
9. Finnland 0,35 Prozent
10. Schweiz 0,32 Prozent
11. Grossbritan. 0,30 Prozent
12. Kanada 0,28 Prozent
13. Deutschland 0,27 Prozent
..
21.Italien 0,20 Prozent
22.USA 0,12 Prozent
Quelle: OECD, nach: Frankfurter Rundschau 27. November 2003
EU-Versprechen: Bis 2005 0,33 Prozent
UN-Forderung: 0,7 Prozent
"...Deutschland wird von Aufsteigern regiert. Man kann lange darüber streiten, welche
politischen Folgen das hat: Der Darmstädter Soziologieprofessor Michael Hartmann
unterstellt ihnen besondere Härte, nicht nur im parteiinternen Konkurrenzkampf, sondern
auch beim Reformieren. Denn in der Wirtschaft seien es ja meist Aussenseiter, die
besonders hart sanieren, während die Bürgerkinder für das Visionäre zuständig seien.
Dass so viele Arbeiter- und Kleinbürgerkinder im Kabinett sitzen, mag für eine
sozialdemokratische Partei fast selbstverständlich klingen. Das ist es aber nicht. In
anderen Industrieländern stehen oft Sprösslinge der oberen Mittelschicht an der Spitze
linker oder halblinker Parteien; Großbritanniens Labour-Premier Tony Blair etwa studierte
in Oxford und ist Sohn eines Rechtsanwalts. In Deutschland kommt das Personal beider
großer Volksparteien aus fast allen sozialen Schichten - normalerweise sind gerade
Sozialdemokraten stolz darauf. Noch im vergangenen Wahlkampf wetteiferten Schröder
und sein CSU-Herausforderer Edmund Stoiber in einem Fernsehduell sogar darum, wer
aus den kleineren Verhältnissen stamme...
...Das war offensichtlich schon zu viel - die Resonanz in der Landes-SPD war
ausgesprochen negativ. Schartau rätselt bis heute, warum das so ist. "Soll ich etwa sagen,
dass Leistung etwas schlechtes ist?
Tatsächlich ist der Vorgang ziemlich bezeichnend. Er lässt ahnen, warum es trotz aller
persönlichen Werdegänge und Biografien mit dem Chancengleichheits-Ideal in der SPD
so schwierig ist: Erstens hält sich gerade bei den Älteren, die selbst von den
Bildungsexpansion der siebziger Jahre profitiert haben, trotz der Pisa-Studie die Illusion,
eine sozial durchlässige Mittelschicht gebe es längst. Zweitens werden gerade Aufsteiger
nicht gern an das erinnert, was sie hinter sich gelassen haben - sie sind ja am Ziel, es
macht sich eine gewisse Sattheit breit. Drittens neigen diejenigen, die es aus eigener Kraft
bis an die Spitze geschafft haben, generell nicht unbedingt dazu, anderen den Weg zu
ebnen. Und viertens bietet sich noch eine ganz banale Erklärung an: Chancengleichheit
ist, wenn sie Praxis wird, für viele Menschen auch unbequem. Wer Möglichkeiten geboten
bekommt und diese nicht nutzt, ist schließlich an seinem Unglück meistens selber schuld."
Elisabeth Niejahr, aus: Gefühlte Gerechtigkeit. Viele führende Sozialdemokraten haben
typische Aufsteiger-Biografien. Für Chancengleichheit kämpfen sie deshalb noch lange
nicht. In: Die ZEIT NR. 47, 13. November 2003
2003-12-04
"...Die Moral befreundeter Menschen werden wir füglich darnach beurteilen, welcher von
ihnen das größere Opfer zu bringen bereit ist, ohne dabei an eine Gegenleistung zu
denken. Nietzsche, bei dem - anders als bei den meisten Menschen - die Bestialität nur
Maske ist, hinter der sich echte Herzensgüte verbirgt, sagte das schöne Wort: "Es sei dein
Ehrgeiz, immer mehr zu lieben als der andere, nie der Zweite zu sein!" Menschen
gegenüber kann es mir unter Umständen gelingen, dieses Gebot zu erfüllen, im
Freundschaftsbunde mit meinem treuen Hunde dagegen bin ich immer der "Zweite".
Welch merkwürdige, ja einmalige soziale Beziehung! Hat man schon einmal bedacht, wie
verwunderlich dies alles ist? Der Mensch, das Vernunftwesen mit seiner hohen,
verantwortlichen Moral, der Mensch, dessen schönstes und edelstes Glaubensbekenntnis
die Religion der Bruderliebe ist, steht gerade in der Fähigkeit zu reinster Bruderliebe
einem - Raubtiere nach! Ich weiß genau, was ich sage, ich mache mich dabei sicher
keiner sentimentalen Vermenschlichung schuldig. Auch die edelste Menschenliebe quillt
nämlich nicht aus dem Verstande und der spezifisch menschlichen vernunftmäßigen
Moral, sondern aus viel tieferen, uralten, rein gefühlsmäßigen, und dies heißt immer soviel
wie instinktmäßigen, Schichten. Auch das einwandfreieste und selbstloseste moralische
Verhalten verliert für unser Empfinden jeglichen Wert, wenn es nicht solchen Gründen,
sondern dem Verstande entspringt: "Doch wirst du nie Herz zu Herzen schaffen, wenn's
dir nicht selbst vom Herzen geht." Gerade dieses Herz aber ist beim Menschen auch
heute noch das gleiche geblieben wie bei höheren sozialen Tieren, so sternweit sich auch
die Leistungen seines Verstandes und damit auch seiner vernunftmäßigen Moral über die
höchsten Tiere erhoben haben mögen.
Die schlichte Tatsache, dass mein Hund mich mehr liebt als ich ihn, ist einfach nicht
wegzuleugnen und erfüllt mich immer mit einer gewissen Beschämung. Der Hund ist
jederzeit bereit, für mich sein Leben zu lassen. Hätte mich ein Löwe oder ein Tiger bedroht
- Ali, Bully, Tito, Stasi und wie sie alle heißen, sie alle hätten ohne einen Augenblick zu
zögern den aussichtlosen Kampf aufgenommen, um mein Leben auch nur für einige
Sekunden zu schützen. Und ich?.."
Konrad Lorenz, aus: So kam der Mensch auf den Hund, erstmals erschienen 1960 im
Verlag Dr. G. Borotha-Schoeler, Wien,
erhältlich als DTV-Taschenbuch 329.
"...Gemeinsam überwanden die beiden Reformer den Kalten Krieg, zwei Helden des
politischen und ideologischen Rückzugs, an dessen Ende der Zerfall des gefürchteten
sowjetischen Imperiums lag. Der Rüstungswettlauf mit den Vereinigten Staaten hatte an
den Rand eines nuklearen Dritten Weltkriegs geführt und Hunderte von Milliarden Rubel
dem darniederliegenen Planwirtschaftssystem entzogen - die Sowjetunion hätte einen
Krieg nicht mehr gewinnen können....
Der Homo novus auf dem Parkett der Aussenpolitik entschärfte die Raketennachrüstung
(INF-Vertrag von 1987), leitete den Rückzug aus Afghanistan ein (1988 bis 1989),
stemmte sich nicht gegen die Auflösung der kommunistischen Vorherrschaft in Osteuropa
und ermöglichte zusammen mit Gorbatschow in - durchaus zähen - Verhandlungen die
Wiedervereinigung Deutschlands (1990). Es war sein Verdienst und weniger dasjenige
Gorbatschows, dass während der entscheidenden Demonstrationen in Leipzig, Dresden
und Berlin die Panzer der sowjetischen Armee in den Kasernen geblieben waren. "Der
Deutschlandexperte im ZK, Valentin Falin, und der KGB-General Niolai S. Portugalow
schlugen vor, die Panzermotoren anzulassen. Ich wies Michail Gorbatschow darauf hin,
dass dies den Dritten Weltkrieg auslösen könnte." Das gab den Ausschlag.
Ein halbes Jahr später fasste Schewardnadse die Vorwürfe seiner Moskauer Gegner
zusammen: "Ihr Gorbatschow und Schewardnadse) habt die geopolitische Struktur in
Europa zerstört. Ihr habt das Land seiner Verbündeten beraubt und seinen äusseren
Sicherheitsgürtel zerrissen. Ihr habt die Einflussgrenzen des gegnerischen politischmilitärischen Blocks an die Grenzen unseres Landes heranrücken lassen. Ihr habt die
Vereinigung Deutschlands gefördert." Mag sein, antwortete er, nur: "Gab es Außenpolitiker
eine Alternative?" Der Schewardnadse war dem zögernden Innenpolitiker Gorbatschow
enteilt, war im Bereich einer Realpolitik angelangt, deren moralische Herkunft er selbst
definierte: "Auch in mir sitzt wie in vielen anderen tief der Glaube, dass wir ein großes
Land sind und deshalb geachtet werden sollten. Wodurch aber sind wir groß? Durch das
Territorium? Oder durch das Unglück des Volkes? Durch die Rechtlosigkeit der
Menschen?"
Am 20. Dezember 1990 demissionierte der Georgier, ermüdet von der Opposition der
Beton-Genossen. Die Sowjetunion, die er vorgefunden hatte, existierte nicht mehr. Sie
sich auch von putschenden Uralt-Kadern nicht mehr retten.
Anfang 1992 kehrte er in seine Heimat zurück: Georgien, inzwischen im Krieg zwischen
verfeindeten Clans und kriminellen Banden versunken, setzte seine Hoffnung auf den
Sohn des Volkes mit den blendenden Beziehungen in den reichen Westen. "Der Mann",
hatte sein Freund, George Bush Außenminister James Baker, gesagt, "der Mann ist ein
Held.". Jährlich überwies Washington 160 Millionen Dollar nach Tiflis. Das Geld
versicherte in privaten Konten. Alles schien käuflich. Dabei ist es geblieben, auch
Schewardnadses Familie bereicherte sich hemmungslos.
Als Gerhard Schröder im Frühjahr 2000 mit einem Scheck über 60 Millionen Mark in Tiflis
landete, traf er auf einen alten Mann, den die Geschichte, die er wie kein anderer
Außenminister seiner Zeit prägen konnte, am Fuß des Kaukasus vergessen hatte. Er war
ein Glücksfall für die Welt, aber in der Einsamkeit seiner Provinz hatte er sich in einen
ganz normalen Politiker zurückverwandelt, der in die Macht verliebt war, ohne zu merken,
dass sie ihn verlassen hatte."
Michael Naumann, aus: Das Imperium hat er abgeschafft. Jetzt muss er gehen. Das
abenteuerliche Leben des Polizei-Generals, Außenministers und Präsidenten von
Georgien, Eduard Schewardnadse. In: Die Zeit, Nr. 49, 27. November 2003
"... "Das Meer und das Ertrinken, das sind Bilder, die ich nicht vergessen habe." Vielleicht
berührte ihn deshalb - in allem Elend der Welt - gerade das Schicksal der vietnamesischen
Boat-People so sehr, die Ende der siebziger Jahre zu Zehntausenden vor der
kommunistischen Herrschaft über das Südchinesische Meer flohen; Tausende ertranken
elendig. Gegen alle politischen und bürokratischen Widerstände charterte er 1979 ein
"Schiff für Vietnam", und die Deutschen spendeten den Troisdorfer Menschenrettern viele
Millionen. "Es war fast ein Plebiszit", sagt Rupert Neudeck.
Die Notärzte und Nothelfer der Cap Anamur, die seither Krankenhäuser in Äthiopien und
Afghanistan gebaut, Minen in Angola geräumt, Hungernde in Nordkorea mit Lebensmitteln
und Flüchtlinge im Kosovo mit einem Dach über dem Kopf versorgt haben, nahmen nie
Geld vom Staat. Die "Finanzierung durch die Bürgergesellschaft" legitimiere ihn, sagt
Rupert Neudeck, fordern an die eigene Regierung heranzutreten, sie einzubinden in die
Aktionen des Komitees. "Ich war nie Bittsteller".
Wenn irgendwo auf der Welt das Unrecht zum Himmel schreit, verfällt er leicht ins
pathetische "Wir": Wir - Notärzte, Bundesregierung, Bundeswehr, ja, alle Menschen guten
Willens - müssen handeln. Jetzt sofort. Und bitte keine Ausreden! In Klaus Kinkel, dem
emotional schnell aufgewühlten Außenminister, fand Rupert Neudeck einen Bruder im
Geiste. Schwerer tut er sich mit Kinkels Nachfolger: "Mit Fischer gibt es Enttäuschungen".
Dabei hatte er gedacht, gerade mit einem grünen Außenminister würde es beim Thema
Menschenrechte "wie geschmiert" laufen.
Stattdessen entdeckt er eine neue kaltschnäuzige Berliner Realpolitik. Deren Sinnbild ist
für ihn Tschetschenien geworden. In Briefen, irgendwo auf der Welt abgeschickt, entlädt
sich bisweilen seine Wut. "Dass wir auch unter einer zweiten Regierung in Deutschland,
die einen so privilegierten Zugang zum Herrscher aller Reussen hat, keine Möglichkeit
haben, diesen wirklich geschundenen Menschen in Tschetschenien zu helfen, empfinde
ich als Skandal!", schreibt er dann. Oder, sieben Monate später, in Moskau hat gerade
eine Reise nach Tschetschenien ihr vorzeitiges Ende gefunden: "Ein ganzes halbes Jahr
warteten wir - Blüm, Wallraff und ich - auf die Einlösung eines Versprechens auf höchster
Ebene. Iwanow hatte das dem Joschka Fischer gesagt. Dann hiess es: April, April.
Tschetschenien, das ist für mich eine der furchtbarsten Menschen- und
Völkerrechtsverletzungen, die wir in unseren Lebenstagen einfach tolerieren."
Dem Kanzler und dem Aussenminister dürfte er Ähnliches schreiben. Diplomatische
Vorsicht, bürokratische Trägheit macht ihn rasend. Genau wie der Feinsinn mancher
Intellektuellen: "Geballte Klugheit kann auch ein Hindernis sein für Aktionen." Der studierte
Theologe und Philosoph Neudeck, der mit einer Arbeit über die politische Ethik bei Sartre
und Camus promovierte, der gern französisch parliert und lateinisch zitiert, ein
Intellektueller, wie er im Buche steht, hasst die untätige, nach Ausflüchten suchende
Intellektualität "auf den Tod".
Seine Mitstreiter - der Böll, der Kopelew, bis heute der Blüm, der Geissler - dachten immer
praktisch, konkret. Wie auch Marion Dönhoff, "die Intellektuelle, die nicht nur eine
Intellektuelle war", wie Neudeck sagt. Sie halft sofort mit einem Spendenaufruf in der ZEIT,
als 1991 eine Mine in Somalia einer holländischen Ärztin und einer somalischen
Krankenschwester die Beine abgerissen hatte. 140 000 Mark mussten für die Operationen
im Münchner Klinikum rechts der Isar aufgetrieben werden, denn nur die Holländerin war
versichert.
"Die Gräfin war eine Ratgeberin", sagt Rupert Neudeck. Wann immer er in Hamburg war,
hat er sie am Speersort besucht. Ihm gefiel das Unprätentiöse an ihr, auch die Strenge.
"Sie war in der Lage, gut zu kritisieren." Er wollte sich, da ähnelt er der Gräfin, immer
einmischen, als Redakteur beim Deutschlandfunk wie als Helfer. Einen Interessenkonflikt
hat er nie verspürt. Als Journalist, meint er, halte man Notsituationen leichter aus, wenn
man zugleich überlegen könne: "Welches Flugzeug muss ich chartern, wie kriege ich die
Überflugerlaubnis?".
Rupert Neudeck, der Theologie studierte, weil es das "Radikalste ist, was man machen
kann"; der sich den Jesuiten anschloss und sich ihren Exerzitien so kompromisslos
unterwarf, dass er schwer erkrankte; der nach dem Urteil seiner Frau "geizig gegen sich
selbst ist", weil er nur ein paar Schuhe und niemals Urlaub braucht - dieser Rupert
Neudeck ist ein lebensfroher Asket, ein milder Radikaler im humanitären Dienst, mit dem
man prächtig streiten und lachen kann. Auch ein Abenteurer, der das Leben in "unserer
Luxus-Gesellschaft" in einer Weise behütet findet, dass "es zum Heulen ist."
Im nächsten Jahre wird er 54, Zeit für ein neues Projekt: Junge Christen und Muslime aus
Deutschland bauen als "Grünhelme" kriegszerstörte Häuser und Schulen wieder auf. Das
Hauptquartier wurde natürlich im Troisdorfer Reihenhaus aufgeschlagen.
In über dreissig Jahren Ehe sind Rupert und Christel Neudeck dreimal in den Urlaub
gefahren: einmal in die Bretagne, einmal nach Dänemark - das dritte Urlaubsziel fällt
beiden nicht mehr ein. Die Welt der Neudecks, das ist: Vietnam, Angola, Südsudan,
Somalia, Tschetschenien, das Kosovo, Nordkorea, Afghanistan. Und Troisdorf. Das Leben
wir nie anderswo."
Mathias Nass, aus: "Ich war nie Bittsteller". Nothelfer von Vietnam bis Afghanistan: Rupert
Neudecks Cap Anamur oder der Sieg der Humanität über die Bürokratie. In: DIE ZEIT Nr.
49, 27. November 2003
Rupert Neudeck erhält 2003 den Hauptpreis (dotiert mit 20 Tausend Euro) der zum ersten
mal vergeben wird - den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und
Versöhnung.
www.cap-anamur.org
Den Förderpreis (10 000 Euro) erhält der Verein Heimstatt Tschernobyl.
www.heimstatt-tschernobyl.com
2003-12-01
83,9 Prozent der Hühner wurden 2002 in Deutschland in Käfig-Batteriehaltung gehalten
(die Tiere leben in einem Käfig mit Gitterboden, mind. 550 cm2 Stallfläche pro Huhn). Die
Länder verlangen, dass diese artungerechte Haltung erst 2010 verboten werden soll,
anstatt 2007, wie es Ministerin Künast vorhat.
Nicht so sehr die Verzögerungsstrategie der Länder ist für mich das empörende, sondern
das Kaufverhalten der Kunden. Statt als König Kunde der tierfeindlichen Haltung die rote
Karte zu zeigen und damit die artgerechte Tierhaltung zu fördern, unterstützt er weiterhin
diese Barbarei. 30 Cent pro Ei ist es dem Kunden nicht wehrt und so wird er, allem
Geschwätz von Tierliebe zum Trotz, zum Sklaven einer lebensfeindlichen Industrie.
(Quellen: ZMP, EU-Kommission, BWVEL, nach FR 21. November 2003)
"..7. Ähnlich verhält es sich mit den Alten und Altersverwirrten. Diese haben sich dank des
medizinischen Fortschritts zwar erst im 20. Jahrhundert zu einer nennenswerten
Bevölkerungsgruppe vervielfacht, manche sagen epidemisch inflationiert, was uns
emotional und finanziell überfordere. Für unseren jetzigen Zusammenhang ist es aber
wichtiger, dass man noch um 1900 aus dem Krankenhaus zum Sterben nach Hause ging,
während man heute in der Regel im Krankenhaus oder im Heim stirbt. Da man zudem in
jetzigen Zeiten nicht mehr in jedem Lebensalter gleich wahrscheinlich, sondern fast nur
noch im Alter stirbt, gilt auch hier: Sterben und Tod sind institutionell unsichtbar geworden,
gehören nicht mehr zur als normal und gesund erfahrenen Lebenswelt. Dadurch konnte
mangels sinnlicher, pathischer Anschauung die Angst vor dem Sterben und dem Tod irreal
zunehmen - mit allen fatalen Folgen für die Gesundheit, wie etwa dem Wunsch nach
aktiver Sterbehilfe oder der mangelhaften Fähigkeit der Bürger, ihr Leben von ihrem Tod,
von ihrer Endlichkeit zu begreifen und sich selbstvergessen wegzugeben: "Wer leben will,
ohne zu sterben, wird sterben, ohne gelebt zu haben."...
..10. Die zunehmende Überantwortung der Gesundheit an die Wirtschaft zwingt zur
Erschliessung immer neuer Märkte. Das Ziel muss letztlich die Umwandlung aller
Gesunden in Kranke sein, also in Menschen, die sich möglichst lebenslang sowohl
chemisch-physikalisch als auch psychisch für behandlungsbedürftig halten, um "gesund
leben" zu können. Das gelingt im Bereich der psychischen Störungen aber noch besser.
Denn hier gibt es keinen Mangel an Theorien, nach denen fast alle nichtgesund sind, vor
allem, wenn das "vollständige Wohlbefinden" fehlt. Das zeigt einmal mehr, wie fragwürdig
die analoge Übertragung des Krankheitsbegriffs vom Körperlichen auf das Psychische ist.
Wo partout keine Bedürfnisse sind, muss man solche künstlich herstellen, was mit
entsprechenden Werbestrategien auch gelingt ("An ill for every pill"). (....)
Klaus Dörner, aus: Die Gesundheitsfalle. Woran unsere Medizin krankt. Zwölf Thesen zur
Heilung. Econ Verlag, München, 2003
Zitiert nach: Frankfurter Rundschau 22. November 2003
Prof. Dr. Klaus Dörner, geboren am 22. November 1933, leitete von 1980 bis 1996 die
Westfälische Klinik für Psychiatrie in Gütersolo, lehrte Psychiatrie an der Universität
Witten-Herdecke und ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie. Seite
den 60er Jahren schon kämpfte er für eine Psychiatriereform. Der Arzt und Historiker hat
zahlreiche Bücher zur Geschichte der Psychiatrie und zur Medizinethik geschrieben. Er
lebt in Hamburg. (FR-Text)
"..Das Schicksal der Kindersoldaten ist ein besonders anschauliches Beispiel für
kinderspezifische politische Verfolgung. Nur das Primat der Flüchtlingsabwehr in
Gesetzgebung, Verfahrensgestaltung und Rechtsprechung kann die spitzfindigen
juristischen Begründungen erklären, mit denen traumatisierten Minderjährigen der Status
des politischen Flüchtlings verwehrt wird...."
Auszug aus der Studie "Ehemalige Kindersoldaten als Flüchtlinge in Deutschland", die von
TERRE DES HOMMES DEUTSCHLAND und dem BUNDESFACHVERBAND
UNBEGLEITETE MINDERJÄHRIGE FLÜCHTLINGE in Auftrag gegeben wurde. Die
Autorin der Studie ist Michaela Ludwig.
www.tdh.de
(nach Frankfurter Rundschau, 20. November 2003)
"Es ist einfach schwer zu akzeptieren, dass eine so unwichtige, labile Figur wie Oswald
eine so wichtige, strahlende Figur wie Kennedy einfach auslöschen kann", versucht der
Historiker und Kennedy-Biograph Robert Dallek zu erklären, warum sich so viele
Menschen weigern, einen verrückten Einzelgänger als Täter zu akzeptieren.
Simon Wiesenthal formulierte einmal, als er über den Aufstieg Adolf Hitlers schrieb: "Wir
hatten nicht begriffen, dass es nichts Gefährlicheres gibt als ein lächerlichen,
komplexbeladenen Fanatiker, dem die Geschichte ein Gewehr in die Hand drückt."
Steffen Heberstreit, aus. Die Verschworenen. Sieben Sekunden, drei Schüsse, ein Toter und hundert Theorien: der Mord an John F. Kennedy. In: Frankfurter Rundschau 19.
November 2003
Robert Dallek - John F. Kennedy - ein unvollendetes Leben.
2003-11-26
"...Das ist typisch für Hohmanns Denken. Aus einer fundamentalistischen Ausprägung des
Katholizismus heraus vertritt er Positionen, die nahe an Nationalismus und Rassismus
reichen. So beklagte er am 08.11.2002 die Entscheidung des britischen Oberhauses,
Homosexuellen die Adoption von Kindern zu gestatten, mit dem Kommentar: "Zweifellos
steht die Tolerierung der Homosexualität in kausalem Zusammenhang mit dem grössten
Problem der deutschen Gesellschaft, ihrem Bevölkerungsrückgang." Ein anderes Mal
nannte er die "rasante Abnahme der deutschen Bevölkerung" die "Zukunftsfrage
schlechthin". Kein Wunder, dass er als politische Hauptziele unter anderem angibt,
deutsche Interessen vertreten und einer multikulturellen Gesellschaft entgegentreten zu
wollen. Folgerichtig lehnt Hohmann den EU-Beitritt der Türkei nicht etwa wegen der
Folterpraxis und Menschenrechtsverletzungen ab, sondern weil die "Kulturen Europas und
der Türkei wie Feuer und Wasser" seien...
Unvergesslich bleibt mir seine Rede zur Zwangsarbeiterentschädigung im
Bundestagsplenum am 30.05.2001. Sie war an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Hohmann
rechnete den Gesamtbetrag der Wiedergutmachungsleistungen der Bundesrepublik vor
und scheute sich nicht, den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern vorzuhalten, dass
90 Prozent von ihnen ohnehin schon - aus anderen Rechtsgründen "Entschädigungsleistungen aus deutschen Kassen" erhalten hätten. Er wandte sich gegen
"übermässiges Moralisieren" und schloss seine Rede mit einem Appell an den
Bundeskanzler: "Haben Sie auch für deutsche Zwangsarbeiter ein Herz!"
Distanzierung durch Merkel, Merz und Stoiber nach dieser unerträglichen Rede Fehlanzeige! Statt dessen - und das blieb mir und vielen anderen unbegreiflich - entsandte
die CDU/CSU-Fraktion Martin Hohmann, den entschiedenen Gegner der
Zwangsarbeiterentschädigung, der im Parlament als einer der wenigen Abgeordneten mit
Nein gestimmt hatte, sogar noch ins Kuratorium der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung,
Zukunft". Dort hatte er die Aufgabe, die Auszahlung der Entschädigungsleistungen zu
überwachen. Wenigstens dies ist jetzt zu Ende."
Ulla Jelpke, PDS-Bundestagsabgeordnete, aus: Hohmann, wie man ihn längst kannte. In:
Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik/Kultur/Wirtschaft, Nr. 23. 15. November 2003
www.sopos.org/ossiettzky
www.linksnet.de
"...Politisch besonders brisant ist, dass Günzel keine x-beliebige Bundeswehrtruppe
befehligte, im Gegenteil: Seit November 2ooo war er Kommandeur der Elitetruppe des
Heeres, des Kommandos Spezialkräfte (KSK), das gerade erst im Oktober seinen bisher
grössten Auslandseinsatz, in Afghanistan, beendet hatte. Nun wirft die Affäre ein schräges
Licht auf diese Truppe, die gemeinhin unter strengster Geheimhaltung im Verborgenen
agiert. "Keiner sieht sie kommen. Keiner weiss, dass sie da sind. Und wenn ihre Mission
beendet ist, gibt es keinen Beweis dafür, dass sie jemals da waren", hiess es 1997 in der
Zeitschrift des Bundeswehrverbandes, DIE BUNDESWEHR...
Immerhin ist das Gründungsdatum bekannt: Am 1. April 1996 wurde das KSK in der GrafZeppelin-Kaserne in Calw (Schwarzwald) aufgestellt, wo die Truppe noch heute ihre feste
Adresse hat. Doch schon bei der Personalstärke gehen die Angaben weit auseinander:
450 bis 700 Mann. Dabei sollte die Truppe eigentlich schon im Jahr 200 mit 969 bis 1088
Soldaten ihre volle Kampfstärke erreicht haben. Aber wegen der hohen
Leistungsanforderungen finden sich nicht genügend Bewerber. Mit 18 Monate ist die
Ausbildungsphase ziemlich lang. Durch Schlafentzug (bis zu drei Stunden pro Tag),
Nahrungsmangel und hohe körperliche Anstrengungen bei psychologisch extremer
Belastung wird der Rekrut immer wieder an seine Grenzen herangeführt: "Die reissen
einem richtig den Arsch auf", erklärte ein Beteiligter, und Günzel stimmte zu: Die
Ausbildung sei das Härteste, was man Menschen in der Demokratie abverlangen darf."
(DER SPIEGEL 24.09.2001). Neben dem Infanteriekampf, der
Fallschirmspringerausbildung und der Gebirgs-, Winter- sowie Wüstenkriegführung steht
auch das "instinktive Combat-Schiessen" auf dem Lehrplan. Günter Kreim, der
Psychologe der Truppe, erklärte, es komme darauf an, die Balance zwischen Aggressivität
und kontrolliertem Handeln zu halten, um "das Feindmuster jederzeit wie eine Schublade
zu öffnen", nur so lasse sich die natürliche Tötungshemmung überwinden.
Zur Ausrüstung gehören Pistolen P8, Maschinenpistolen MP5SD3, Grantpistolen HK69A2, Schnellfeuergewehre G36K, britische Scharfschützengewehre G22,
Maschinengewehre G8, Schrotflinten HK512 sowie alle Arten von Spezialwaffen und
Sondermunitionen wie Ultraschall- und Ultrablitzgeräte, in begrenztem Umfang auch
Panzerabwehrraketensysteme Milan 3.
Allerdings wurden mit der Gründung der KSK nicht zum ersten Mal Eliteeinheiten in der
Bundeswehr aufgestellt. Schon 1962 begann man mit dem Aufbau von drei
Fernspähkompanien aus Einzelkämpfern, die im Kriegsfall bis zu 200 Kilometer hinter den
feindlichen Linien operieren sollten. Mit dem Ende des Kalten Krieges sollten sie in drei
"Fallschirmjägerkompanien für spezielle Verwendung" umgewandelt werden. Schließlich
erfolgte 1996 deren Eingliederung in das KSK. Mit dessen Gründung wurden alle
Eliteeinheiten des Heeres erstmals unter einem einheitlichen Kommando
zusammengefasst; daneben bestehen noch die Kampfschwimmerkompanie der Marine in
Eckernförde und kleinere "Combat Rescue"-Einheiten der Luftwaffe zur Rettung
abgeschossener Piloten aus dem feindlichen Hinterland.
Ursprünglich war die Aufstellung des Kommando Spezialkräfte als militärische Anti-TerrorEinheit damit begründet worden, dass die polizeiliche GSG-9 nicht im Ausland eingesetzt
werden dürfte. Aber dieses Argument ist falsch, weil nach Paragraph 8 des
Bundesgrenzschutzgesetzes ein Auslandseinsatz der GSG-9 durchaus zulässig ist. Der
Unterschied zwischen GSG-9 und KSK besteht vielmehr darin, dass die Grenzschützer
nur mit Zustimmung des Ziellandes eingesetzt werden sollen, die Kommandosoldaten
auch gegen den Willen der dortigen Regierung (EUROPÄISCHE SICHERHEIT 8/97. Seit
September 2003 sind mehrere Polizeibeamte der GSG-9 im Irak, wo sie die vier Helfen
des Technischen Hilfswerk beim Wiederaufbau des Trinkwassernetzen schützen sollen.
Der Einsatz dauert voraussichtlich bis Februar 2004.
....Der "Kampf gegen den Terrorismus" hatte in einer ursprünglichen Darstellung des
Bundesverteidigungsministeriums eine defensive Ausrichtung: "Im Rahmen der Landesund Bündnisverteidigung ist die Abwehr terroristischer Bedrohung und subversiver Kräfte
erfolgreich für den Schutz eigener Einrichtungen, Kräfte und Mittel." Die Jagd auf die
Mitglieder der Al Qaida ist kaum durch diese amtliche Definition der KSK-Aufgaben
abgedeckt. Vielmehr wurde hier ein Präzedenzfall für eine offensive
Terrorismusbekämpfung geschaffen.
Bei einem Einsatz begeben sich die KSK-Mitglieder dreimal in Lebensgefahr: wenn sie
durch die gegnerische Frontlinie durchsickern, wenn sie im Hinterland des Feindes ihre
Operation durchführen, wenn sie von einem Einsatz zurückkommen und dabei von der
eigenen Fronttruppe möglicherweise für feindliche Soldaten gehalten werden.
....Dass hierin eine militärpolitische Gefahr liegt, wusste auch KSK-Kommandeur Günzel,
der im Oktober 2001 eine deutliche Warnung an die Berliner Politiker richtete: Nach dem
11. September sei deren Bereitschaft gestiegen, gegebenenfalls den Tod von ein paar
Elitesoldaten in Kauf zu nehmen, um das Leben von Tausenden Zivilisten zu retten. Dies
aber sei riskant: "Wir entschliessen uns immer erst zum Zugriff, wenn wir bei der
Risikoanalyse eine 90-prozentige Erfolgsquote ansetzen können. Denn selbst wenn
Spezialkräfte-Operationen bis zum letzten Griff minutiös geplant werden, bleibt noch
immer ein unproportional hohes Risiko", warnte Günzel.
Bei den bisherigen Einsätzen ging alles gut: am 15. Juni 1998 führte die Sondereinheit
ihren ersten Auftrag durch. Im Rahmen der Operation PRECIOS BOUNTY nahm sie den
als Kriegsverbrecher geltenden Serben Milorad Krnojelac fest. Am 1. August 1999 folgte in
Foca die Festnahme des ähnlich Beschuldigten Rodomir Kovac. Drei KSK-Mitglieder
wurden schwer verletzt, als sie am 12. Oktober 2000 im selben Ort den serbischen
Paramilitär Janko Janjic gefangen nehmen wollten, der sich mit einer Handgranate in die
Luft sprengte.
Nach dem 11. September startete das KSK mit fast 100 Soldaten in Kandahar, Kabul und
der afghanischen Provinz Paktia. Über diese Operation ENDURING FREEDOM drangen
kaum Informationen an die Öffentlichkeit. Bekannt wurde lediglich, dass das KSK im
Dezember 2001 an den Gefechten um die Bergfestung Tora Bora beteiligt war, als es
Osama bin Laden gelang, verletzt zu entkommen. Im März 2002 war die deutsche Truppe
an der Operation ANACONDA gegen die Al Qaida-Festung im Shadi-i-Kot-Gebirge
beteiligt - unter denkbar schwierigen politischen Rahmenbedingungen. Auf der einen Seite
sollte die deutsche Kommandoeinheit wohl keine Taliban- oder Al-Qaida-Mitglieder töten,
weil es dem offiziellen Bundestagsmandat widersprochen hätte und dann ein schlechtes
Presseecho zu erwarten gewesen wäre. Auf der anderen Seite sollte das KSK aber auch
keine Terroristen lebend gefangen nehmen, weil man diese dann an das CIAFolterzentrum in Bagram hätte übergeben müssen, was mit den deutschen Gesetzen nicht
in Einklang zu bringen wäre, da die USA gegen Terroristen die Todesstrafe verhängen
und ihre Häftlinge nicht gemäss den Bestimmungen der Genfer Konvention zum Schutz
von Kriegsgefangenen behandeln. Gelegentlich nahm das KSK Afghanen fest, um sie
gleich wieder laufen zu lassen. Einmal soll sich dem KSK die Möglichkeit geboten haben,
Osama bin Laden zu fangen (SPIEGEL 27.05.2002). Es stellt sich daher die Frage, was
das KSK während seines fast zweijährigen Afghanistaneinsatzes vom Dezember 2001 bis
Oktober 2003 tatsächlich gemacht hat. Nach Pressemeldungen war es zuletzt im Raum
nordöstlich von Kabul mit Aufklärungsarbeiten betraut.
Überraschenderweise war aus den Reihen der KSK selbst heftige Kritik an der
Afghanistanoperation zu vernehmen. Brigadegeneral Günzel warnte schon vor dem
Beginn des Einsatzes: "Bin Laden umgibt sich mit einem Schutzkräfte-Kordon von
bestimmt hundert bis zweihundert Mann, die alle bereit sind, bis zum letzten Blutstropfen
zu kämpfen. Spezialkräfte kommen leicht bewaffnet, ungeschützt, es würde ein Blutbad
geben." Seine Männer beklagen, dass sie nicht gemäss ihrem Aufgabespektrum
eingesetzt würden. Sie fühlten sich als "politisches Symbol" missbraucht, weil die USA die
deutsche Elitetruppe angefordert hätten und die Bundesregierung dem widerspruchslos
gefolgt sei.
Tatsächlich lag die Operationsführung nicht bei deutschen Kommandobehörden, sondern
beim US-Oberkommando CENTOM. Dieses soll die "Krauts" nur mit nebensächlichen
Aufgaben bedacht haben, zu denen die Amerikaner ihre eigenen Special Vorces nicht
einsetzen wollten. Auch wegen der zermürbenden Lebensbedingungen in Afghanistan
wollten die KSKler schon im August 2002 nach Hause, sie mussten aber noch mehr als
ein Jahr in Afghanistan bleiben. Wer monatelang in einem Erdloch in der afghanischen
Wüste ausharren musste, hatte viel Zeit, über die Sinnlosigkeit rot-grüner Kriegspolitik
nachzudenken. Da ist es kein Wunder, dass sich in der Truppe Frust ansammelte und die
ersten Soldaten dem Verband den Rücken kehrten, um eventuell bei der GSG-9
anzufangen.
Überraschenderweise kam auch aus dem Bundestag Kritik an der Afghanistanoperation.
Gemäss dem Out-of-Area-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 12. Juli 1994 hat der
Bundestag das letzte Wort bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Allerdings galt dies
nicht bei "Gefahr im Verzuge", wenn beispielsweise das KSK zur Geiselbefreiung
eingesetzt würde. Im Fall Afghanistan hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder noch am 8.
November 2001 in seiner Regierungserklärung erklärt: "Mir ist besonders wichtig
festzuhalten: Es geht weder um eine deutsche Beteiligung an Luftangriffen noch um die
Bereitstellung von Kampftruppen am Boden." Eine Woche später, am 16. November 2001,
fasste der Bundestag mit den Stimmen der rot-grünen Regierungskoalition den genau
gegenteiligen Beschluss. Das Parlamentsmandat zur Operation ENDURING FREEDOM
liess zwar offen, wo, wann, wie viele Soldaten eingesetzt werden sollten, sah aber
ausdrücklich den Einsatz von fast 100 Mann "Spezialkräfte" vor. Als dann Anfang 2002
durch eine Indiskretion des US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld bekannt wurde,
dass mit den "Spezialkräften" das KSK gemeint war, zeigten sich die albernen Mitglieder
des Verteidigungsausschusses des Bundestages empört darüber, das sie erst jetzt aus
der Zeitung erfuhren, was sie vier Monate zuvor selbst beschlossen hatten: den Einsatz
des KSK in Afghanistan. CDU-Obmann Thomas Kossendey warf Verteidigungsminister
Scharping ein "verklemmtes Verhältnis zur Öffentlichkeit und zum Parlament" vor. Der
FDP-Abgedordnete Günther Noltig beschwerte sich über das regierungsamtliche
"Verschweigen, Tarnen und Leugnen". PDS-Fraktionsvize Wolfgang Gehrcke sprach vom
"Tricksen, Täuschen und Tarnen".
Nun wünscht sich der Bundesverteidigungsminister ein Entsendegesetz, das die
Mitwirkungsmöglichkeiten des Bundestages reduzieren soll. Die Parlamentarier sollen also
ihrer eigenen Entmündigung zustimmen. Dabei hatte schon ein Generalstabsoffizier aus
dem Verteidigungsministerium über das KSK gesagt: Wenn "diese Kerle losstürmen,
müssen wir denen jede Sekunde auf die Finger gucken." In Calw sieht man das anders. In
einem Flugblatt hat man ausdrücklich Loyalität zur Bundesregierung und zur Demokratie
bekundet - was die Frage nahe legt, ob die Elitetruppe es nötig hat, dies zu betonen. "Wir
sind die Guten", sagte ein KSK-Major (laut SPIEGEL 27.05.2002). Diese Vorstellung hat
freilich noch jeder General seiner Truppe eingeimpft, nicht nur Günzel. Und dem
völkerrechtswidrigen Einsatz in Jugoslawien hat im März 1999 die gesamte
Bundeswehrgeneralität zugestimmt."
Gerhard Piper, aus: General Günzels Truppe, in: Ossietzky, Nr. 23. 15. November 200311-24
Hat der Herr Verteidigungsminister mit der Entlassung Günzels auch die Chance genutzt,
die Armee selbst zu disziplinieren - solle keiner wagen am rot-grünen Militärkonzept Kritik
zu üben, weder von rechtsaussen noch von linksinnen (rechtsinnen/linksaussen...)
DEB-Anmerkung 26. November 2003
ZDF-Reporter Dirk Saager schrieb einen niederschmetternden Bericht über den
Tschetschenien-Krieg und der Verfall demokratischer Kultur in Russland und über die
russische Kritikerin Anna Politkowskaja:
Russland braucht wieder Helden. Solche wie Anna Politkowskaja, die unbeirrt über den
brutalen Krieg in Tschetschenien berichtet.
FR 17. November 2003
Dokumentation ca. vier Wochen lesbar bei www.fr-aktuell.de/doku
Dirk Saager: "Betrogenes Russland. Jelzins gescheiterte Demokratie". Bertelsmann
Verlag 1996
"Die Idee von einer gerechten Welt ist somit längst zu einem so grossen Dach geworden,
das jeder Idee Obdach bietet. Somit auch den Widersprüchen. Man vermisst die
Verbindung, die übergreifende Theorie, oder Strategie, die beispielsweise erklärt, wie sich
Bovés Kampf für eine geschützte Agrarwirtschaft in Europa mit den Forderungen nach
gerechten Preisen für Produkten von indischen Reisbauern vereinbaren liesse. Und
warum fordert Sven Gingold, NOTRE AMI von Attac Deutschland, nachdem er den
Schröderschen Raubbau am Sozialstaat beschrieben hat, dass "Besteuerungen von
Einkünften und soziale Rechte international geregelt werden müssen", während sich das
ganze Forum die Kritik am europäischen Verfassungsprojekt zum Refrain gemacht hat?
Ein "anderes Europa" wird gefordert. Aber auch das lässt sich nicht aus dem
antineoliberalen Hut zaubern. Und: Muss man deshalb die europäische Konstruktion, die
man im Einzelnen kritisieren kann, als neoliberale Maschinerie abtun, die ihre Bürger
ausschliesslich entmündigt hat?
Noch etwas markiert eine Wende innerhalb der Bewegung: Die Tatsache, dass sie ernst
genommen wird, dass ihre Macht erkannt wurde. Die Grundforderung von Attac nach einer
Kapitalbesteuerung, die Tobinsteuer, ist längst von der etablierten Politik übernommen
worden.
Kurz vor der Eröffnung des Forums hat sie noch Frankreichs Staatspräsident Jaques
Chirac eingeklagt. Die etablierten Parteien in Frankreich buhlen mehr oder minder
geschickt um die Gunst der Antimondialisten. Die Bewegung steht vor der Frage, ob sie
von einer Protestbewegung zu einer politischen werden soll. All das ist ein Erfolg. Aber
auch eine Gefahr. Denn die Kraft und Dynamik einer Bewegung kann schnell versickern in
etablierten Strukturen, die dann in wohlwollenden Beilagen der Wirtschaftspresse von
FINANCIAL TIMES bis LES ECHOS analysiert werden. Bernard Pinaud, einer der
Organisatoren des Sozialforums, formuliert das Dilemma so: "Wir wollen lieber eine starke
Bewegung ohne politische Erfolge als politische Erfolge ohne starke Bewegung"..."
Martina Meister, aus: Wohlfühlbecken der Gleichgesinnten. Auf dem Pariser Sozialforum
verhandelt die Attac-Bewegung Abnutzungserscheinungen, die aus ihrem Erfolg
resultieren.
In: Frankfurter Rundschau 17. November 2003
Der Pinaud-Satz erinnert mich allerdings peinlich an die ehemalige Spontiszene, die den
politischen Erfolg auch scheute wie der Teufel das Weihwasser, weil er immer ein
Kompromiss zwischen Idealen und Wirklichkeit ist und selten das Durchsetzen - oft selbst
fragwürdiger - eigener Forderungen.
Aber ist denn nicht politische Veränderung in Richtung einer gerechteren Welt das, was
die Menschen - auch auf den Sozialforen - antreibt: damit es den Menschen besser geht.
Dieter Emil Baumert 2003-11-24
Im letzten Lettre - Europas Kulturzeitung finden sich wieder hervorragende Reportagen.
Diekmann berichtet über die verpasste historische Chance vor dem 17. Juni 1953 ein
vereintes, neutrales Deutschland zu erreichen.
Und wir lesen, dass in den fünfziger Jahren in China die Bauern massenweise an Hunger
starben und sie sogar die Kinder ihrer Nachbarn frassen.
www.lettre.de
Der Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, Mitherausgeber von Ossitzky
und Jurymitglied des Big Brother Awards und seine Homepage:
www.rolf-goessner.de
2003-11-26
"...Dass sich ausgerechnet eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung genötigt
sieht, einen allmählichen Abbau des Sozialsystems in Gang zu setzen, bei dem besonders
empfindlich diese unteren Einkommensschichten getroffen werden, gehört nicht zu den
Ironien, sondern zur Tragik der Geschichte. Soziale Gerechtigkeit in Freiheit ("links und
frei" proklamierte noch der grosse Willy Brandt) war bisher unumstössliches Credo der
Sozis - auf evolutionärem, gewiss nicht auf revolutionärem Wege: Ihnen schwebte eine
Bändigung des Kapitalismus vor, ohne das ökonomische Wachstum abzuwürgen, eine
(allmähliche) Abschaffung der Ausbeutung durch Arbeit und soziale Absicherung aller.
Das galt ihnen nicht als Gleichmacherei, sondern als Kampf gegen die Verfestigung oder
Verschärfung des Gefälles zwischen Reich und Arm.
Im Herbst 2003 scheinen sich auch die politischen Koordinaten zu verschieben. Denn der
aktuelle Streit ist kein Streit um Begriffe, sondern um die Substanz, ja um die "Seele" der
SPD. Dahinter steht ein Richtungsstreit um das alte Credo der Sozialdemokratie: Nur eine
soziale Demokratie hat auf Dauer Bestand. Zum sozialdemokratischen Erbe gehört, dass
die sozialen Ordnungsfunktionen des Staates hochzuhalten sind, wissend, dass Armen
des Staates weitaus mehr bedürfen als die Reichen. Das war Gerechtigkeit auch im
materiellen Sinne. Das Ziel: die Schere zwischen Armen und Reichen nicht weiter
aufklappen zu lassen. Und nun dieser neue, als Ersatz angebotene Begriff der "TeilhabeChance": Er wirkt so seltsam entleert, geradezu gewichtlos gegenüber dem alten Ideal der
"Chancengleichheit".
Es ist schon eine verkehrte Welt, wenn der einstige Verkünder der Formel "Freiheit statt
Sozialismus", der CDU-Politiker und Sozialexperte Heiner Geissler, heute nicht Freiheit,
sondern die Solidarität gefährdet sieht und seiner Partei empfiehlt, mutig mit der Formel
"Solidarität statt Kapitalismus" in die Debatte einzutreten.
Realismus ist angesagt. Die Finanzierung unseres heutigen Kranken-, Sozial- und
Rentensystems funktioniert nicht mehr und deshalb steuern diese Systeme, bleibt eine
Reform aus, auf einen Kollaps zu. Unsere Gesellschaft altert. Jeder kann sich ausrechnen,
wie dramatisch die Folgen der Vergreisung werden, sofern wir nicht wenigstens drastisch
die Quote der Zuwanderung erhöhen und alles für eine aktive Familienpolitik tun. Mehrere
Kinder zu haben ist für viele Familien ein Armutsrisiko. Und immer noch scheint es so,
dass unser Wirtschaftssystem nach dem Matthäus-Effekt funktioniert: Wer hat, gewinnt
noch dazu, wer nur ganz wenig hat, verliert auch das noch (nach dem MatthäusEvangelium 25,29).
Nein, ein anderes Prinzip muss gelten, selbst wenn andere wirtschaftliche Konzepte noch
so locken: Alle zahlen für alle. Das heisst: Alle zahlen ihre Beiträge von ihrem gesamten
Einkommen. Es werden neben Lohn auch alle Kapitalerträge, Mieteinkünfte, Gehälter,
Diäten einbezogen. Wer mehr kann, muss auch mehr tun. Da Solidarität und Gerechtigkeit
Grundprinzipien dieser freiheitlichen Rechtsordnung sind, hat der Staat auch in Zukunft
dazu entscheidend beizutragen, dass die Grundrisiken des menschlichen Lebens
(Alterssicherung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Pflegebedürftigkeit, Unfall) abgesichert sind.
Denn die private Absicherung ist nur eine Lösung für einen Teil der Gesellschaft: den
vermögenden.
Die Ideen der Solidarität und Gerechtigkeit bleiben grundlegend für die freiheitlichdemokratische Gesellschaft. Solidarität muss aber in beiden Richtungen gelten: So, wie
die Stärkeren von dem, was sie haben, abgeben können, müssen die Schwächeren
ihrerseits so viel tun, wie sie einbringen können, und eine angebotene Arbeit annehmen,
statt sich Nichtarbeit bezahlen zu lassen. Solidarität ist die Fürsorge der Stärkeren für die
Schwächeren und die Bereitschaft der Schwächeren, sich in die Verantwortung nehmen
zu lassen. Nur so hat die Gerechtigkeit eine Chance, Gerechtigkeit im Sine einer
konsequenten Teilhabe aller am gesellschaftlichen Prozess und am gesellschaftlichen
Reichtum. Leistungsanreiz und Solidaritätsgefühl für die, die nicht viel leisten konnten:
Dies sind die beiden Säulen für den inneren Frieden und für die Freiheit.
Bedarfsgerechtigkeit (als gleiches Recht für alle mit einer Grundsicherung) und
Leistungsgerechtigkeit (als begabungs- und leistungsbezogene Unterschiedlichkeit)
gehören zusammen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
"Demokratischer Sozialismus" ? Nicht wenige Sozialdemokraten beginnen sich dieses
Begriffs zu schämen. Gewiss hat dieses grosse Gesellschaftsziel nach seiner 140-jährigen
Wirkungsgeschichte teilweise seinen ursprünglichen Sinn verloren, aber es bleibt
Zielbestimmung jeder Politik. Vorsicht also: Der Verzicht auf Worte kann auch den
Verzicht auf die angestrebten Werte mit sich bringen. Und die "Solidarität" ? Letztlich droht
dieser Begriff zu verludern, wenn nur die Solidarität der Stärkeren mit den Stärkeren
gemeint wäre und nicht auch der Starken mit den Schwachen.
Deutschland im Herbst 2003: Wer behauptet, er hätte schlüssige Antworten, der - pardon!
- lügt. Wichtig ist, sich in den Zielen nicht verwirren zu lassen. Über den Weg kann und
muss man streiten. "Gerechtigkeit erhöht ein Volk", heisst es in der Bibel. Das Wort
"Teilhabe-Chance" wäre den biblischen Autoren nie eingefallen."
Friedrich Schorlemer, 59, aus: Die Sozialdemokraten am Scheideweg. Werfen sie bald
ihre traditionellen Ideale über Bord? Eine Entrüstung. In: Crismon. Das evangelische
Magazin. 11/2003.
Friedrich Schorlemer, 59, ist evangelische Pfarrer und Studienleiter in der Evangelischen
Akademie in Wittenberg. Seit 1990 SPD-Mitglied hat er häufig vor sozialen Schieflagen
gewarnt, so in seinem Pamphlet "Eisige Zeiten" (1996). Er war einer der führenden Köpfe
des gewaltlosen Systemwechsels in der DDR (crismom-Text)
www.crismom.de
"...Die heutigen Rentner bekommen vom Staat nichts geschenkt, es sei denn Sozialhilfe
für "arme Rentner", und davon gibt es leider mehr als genug. Nach Ihrer veröffentlichten
Statistik von Anfang Oktober dieses Jahres haben 63,8 Prozent aller Rentnerinnen und
Rentner unter 900 Euro monatlich, ca. 40 Prozent gar unter 600 Euro (dies reicht den
oben genannten Herren nicht mal für Benzingeld). Gerade mal 5,2 Prozent aller Rentner
erhalten über 1500 Euro monatlich. Hierfür haben viele "alte, reiche Rentner" bis zu 51
Jahre "Pflichtbeiträge" in eine "Renten-Versicherung" gezahlt..."
FR-Leser Horst Stumpe, Frankfurt am Main, in: Frankfurter Rundschau 14. November
2003.
Als Willy Brandt im Jahr 1989 Michail Gorbatschow führende Sozialdemokraten vorstellte,
soll er Gerhard Schröder als "unseren Jung-Komsomolzen" angefrozelt haben.
Ungehörige Nähe zu Moskau hatte man zwei Jahrzehnte zuvor auch dem Aussenminister
und Bundeskanzler Brandt nachgesagt. Dabei war sein Weltbild nach dem Krieg von der
kommunistischen Bedrohung Berlins geprägt und, anders al bei der Führung der
Nachkriegs-SPD, klar nach Westen ausgerichtet. Das schloss ein positives Verhältnis zur
amerikanischen Führungsmacht als Garant von Freiheit und Demokratie ein, jedoch
arbeitete Brandt beharrlich auf eine europäische Friedensordnung und die Überwindung
der europäischen Teilung hin. In diesem Rahmen sollte Deutschland wieder vereint und
zum respektiven Partner werden....
...Über sie hinweg spielte Brandt während der "zweiten Phase der Ostpolitik" in den
achtziger Jahren die gouvernementale Rolle weiter, ganz so, als ob er noch
Regierungschef wäre. Die SPD setzte auf die Regime der Volksdemokratien und auf eine
Reform in den kommunistischen Parteien, während antitotalitäre Bewegungen ausserhalb
und gegen sie unterschätzt und ignoriert wurden. Brandts Nachlass belegt, dass der
Friedensnobelpreisträger sich in Einzelfällen humanitär engagierte, ansonsten aber eher
samtpfötig mit Erich Honecker und Konsorten umging. Realisten bestätigen indessen
heute noch Egon Bahrs Diktum, wonach die Sowjetunion nicht an Lech Walesa und
Vaclav Havel zugrunde gegangen, sondern durch Gorbatschows Perestroika von innen
überwunden worden sei - und zu deren Möglichkeit habe Brandts und Bahrs Politik der
kleinen Schritte erheblich beigetragen.
....Und wenn man Europa zum Dreh- und Angelpunkt von Brands Lebenswerk macht,
zeigt sich gerade wieder besonders schmerzhaft, wie weit die alte Welt noch von ihrer
Emanzipation und Einheit entfernt ist. Kein "Enkel" hat sich bisher als grosser Europäer
herausgestellt, und gerade beim amtierenden Bundeskanzler sucht man eine europäische
Vision noch immer. Ob eine solche im Aufbäumen gegen den arroganten Hegemon
angelegt ist oder ob Gerhard Schröder zum endgültigen Absinken der Europäischen Union
in die weltpolitische Bedeutungslosigkeit mit beigetragen hat, wird sich erweisen.
Michael Gorbatschow soll auf Brandts Frotzelei im Jahr 1989 geantwortet haben: "Auch
Jung-Komsomolzen werden erwachsen."
Claus Leggewie, aus: Die Kunst des Spagats. Während das Fernsehen Willy Brandt ins
Menschlich-Tragische entrückt, rekonstruiert die Forschung die Erfolge und Irrtümer seiner
Aussenpolitik. In: Frankfurter Rundschau 30. Oktober 2003-11-25
Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Universtität Giessen.
www.bwbs.de
"Martin Winter bezeichnet Herrn Berlusconi als "Polit-Narren von Rom". Ich halte diese
Bezeichnung für eine grandiose Verharmlosung; denn "Narr" bedeutet "lustige Person im
Theater, Spassmacher, lustiger Ratgeber am Königshof, Hanswurst, Possenreisser"
(Wahrig, Deutsches Wörterbuch). Dieser Herr ist aber kein harmloser politischer
Possenreisser und auch kein einfältiger Sonderling, er hat mehr als einmal bewiesen, dass
er seine Kapital- und Medienmacht rücksichtslos und ohne jedes Unrechtsbewusstsein für
seine persönlichen Zwecke einzusetzen bereit ist. Und das finde ich eingedenk seiner
Stellung in der EU überhaupt nicht lustig!
FR-Leser Gerd Siebrasse, Göttingen
Antwort von Martin Winter, FR-Büro Brüssel:
Es gibt solche Narren und solche. Es gibt lustige, es gibt harmlose und es gibt gefährliche.
Berlusconi gehört in die letztere Kategorie. Wer seine politischen Auftritte, seine Ausfälle
und seine gelegentlich ins Abstruse abdriftende Weltsichten verfolgt, der weiss, dass ihm
bei allem Geld und bei aller Medienmacht partiell der Bezug zur politischen Wirklichkeit
abhanden gekommen ist. Wenn er ihn jemals gehabt haben sollte. Was man mit Fug
bezweifeln mag. Manches überhöht er absurd, anderes missachtet er verantwortungslos.
Ein Mann ohne balancierte Vernunft, dem öffentliche, meist grelle Selbstinszenierung bis
hin zu dilettantischen Liebesschnulzen die Essenz des Politischen sind. Politik als Unterfall
von Unterhaltung, bunt, schreiend und flach. Wohl wahr, Berlusconi setzt seine Kapitalund Medienmacht rücksichtslos ein, um sich die Gesetze so hinzubiegen, wie es ihm
gerade passt und nützt. Aber nirgendwo steht geschrieben, dass Narren anständige
Menschen sein müssen. Oder lustig. Berlusconi einen Narren zu nennen, heisst nicht, ihn
zu verharmlosen. Sondern ihn in der ihm eigenen Art von Gefährlichkeit zu beschreiben."
Dialog Polit-Narr, in: Frankfurter Rundschau 14. November 2003
2003-11-18
"...Die skandalösen Folgerungen, die er daraus zog, brauchten wiederum fast einen
Monat, um im Zeitalter der globalen Massenkommunikation ihren Weg vom Biertisch eines
Vereinslokals im Raum Fulda bis zu den Redaktionsräumen des Hessischen Rundfunks in
Frankfurt zu nehmen. Das heisst, ein deutscher Bundestagsabgeordneter kann in aller
Öffentlichkeit monströse Dinge sagen, er kann sie sogar auf seiner amtlichen Homepage
veröffentlichen, und einen Monat lang passiert gar nichts.
Es wäre interessant zu untersuchen, was in diesem Zeitraum wirklich geschehen ist?
Haben nur zustimmende Dumpfbacken den Vortrag gelesen und gehört? Oder nimmt
überhaupt niemand Kenntnis, was ein deutscher Politiker auf Bundesebene so sagt und
tut? Gibt es in einer so hoch entwickelten Organisation wie der CDU kein Alarmsystem,
das anschlägt, wenn eines der avancierten Mitglieder durchknallt?
Am Ende dieser merkwürdigen Wahrnehmungs- und Kommunikationslähmung steht
jedenfalls die Entdeckung der Schnelligkeit. Für das politische Leben in Deutschland kann
es nur gut sein, wenn es etwas behänder zugeht, wenn die Devise nicht mehr Aussitzen
lautet, sondern Absetzen. Und vor allem erst mal: Aufwachen."
Burkhard Müller-Ulrich, aus: Nur nichts überstürzen. Antisemitismus mit Zeitverzug. In:
Frankfurter Rundschau 12. November 2003
www.mueller-ullrich.com
"Die Affäre um die Äußerungen des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann über die Juden
als angebliches "Tätervolk" sollte Anlass dazu geben, dass sich die deutschen Menschen
und damit die Öffentlichkeit über die Bedeutung der Bezeichnung "Juden" klar werden.
Hier ein Vorschlag. Mit Juden werden bezeichnet:
1. im religiösen Sinne Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft und/oder
2. Menschen, die sich deutlich als der jüdischen Kultur verbunden und verpflichtet fühlen
und/oder
3. Menschen, die sich selbst als Angehörige einer jüdischen bzw. israelischen Nation
begreifen.
Es wird hier von einem subjektiven Identitätsbegriff ausgegangen, das heisst, jeder hat
das Recht, selbst zu bestimmen, zu welcher Gruppe er gehört und zugerechnet werden
will.
Wenn jemand von angeblichen "jüdischen bolschewistischen Kommissaren" redet, dann
benutzt er einen rein ethnischen Nationsbegriff. Denn wir reden ja auch nicht von
"katholischen oder protestantischen bolschewistischen Kommissaren". Also ist hier
"jüdisch" ja wohl kaum als religiöse Zuschreibung gemeint, und dass die Bolschewiki
verkappte zionistische Nationalisten gewesen seien, dazu hat sich selbst die NSPropaganda nur selten verstiegen. Die von Herrn Hohmann benutzte rein ethnische, das
heisst völkische Benutzung des Wortes "jüdisch", erkennbar in der Bezeichnung als
"Tätervolk", läuft gleichzeitig auf eine rassistische Definition hinaus, liegt hier doch ein
Verständnis des Wortes "Jude" vor, wie es die Nürnberger Gesetze des NS-Regimes
festgelegt haben. Dies ergibt sich logisch aus der Sprache und ist völlig unabhängig
davon, ob Herr Hohmann einen antisemitischen Ausspruch tun wollte oder nicht. Er spricht
in völkischen Kategorien, und offensichtlich denkt und fühlt er auch so, denn nur so
ergeben seine Worte überhaupt einen (wenn auch erschreckenden) Sinn.
Die deutschen Medien sollten daraus den Schluss ziehen, mit derartigen Bezeichnungen
nicht so leichtfertig umzugehen. Vielleicht lernen wir ja einfach Respekt vor der
Selbstbestimmtheit von Menschen".
FR-Leser Prof. Dr. Hans Henning Hahn, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky
Universität Oldenburg, In: Frankfurter Rundschau 11. November 2003
"...Barbara Narr arbeitet seit 10 Jahren als Kunsttherapeutin in einem Altenpflegeheim. Ihr
geling es, diese Orte der Verwirrung, des Leidens und Sterbens als Orte der Fülle, der
Begegnung und der Nähe zu verstehen und uns zugänglich zu machen. Sie tut dies, ohne
den Schrecken des Alterns und Sterbens zu leugnen oder einfach auszusparen.
Pflegeheime sind die "geschundenen Stiefkinder" aller "zukunftsgerichteten Therapie und
Politik, denn die Zukunft dort heisst Sterben. Tod aber ist die "Anti-Welt", vor der sich die
Ohnmacht meiner Sprache erweist. (Jean Amery). Die Konsequenz aus dieser Einsicht
aber muss nicht Schweigen sein.
Wenn dort Menschen sind, die Zeit und Geduld haben, anteilnehmend zuzuhören, die
selbst offen für die Begegnungen sind und den anderen sein lassen können, dann können
auch dort Leben und Sozialität Einkehr halten. Dann können die schrecklichen Erlebnisse
angenommen werden, dann können freudige Erinnerungen erneut durchlebt und banalwitzige Geschichten immer wieder erzählt werden, dann bleibt die Fülle des gelebten
Lebens gegenwärtig und ermöglicht auch "den liebevollen Umgang mit Menschen, die weit
gefehlt haben".
...Dazu gehört auch, den alten Menschen ihren Rhythmus zu lassen. Über das Mass ihrer
Aktivität oder Passivität entscheiden sie selbst. Sicher bedarf es der Angebote, aber keiner
Bevormundung, keines Exerzierplatzes der Aktivierung. Auf solche verstehende Arbeit
müssten Altenpflegerinnen und Altenpfleger vorbereitet werden. Statt dessen lassen die
gegenwärtigen Entwicklungen, wie man am Pflegegesetz sieht, befürchten, dass solche
Form der Arbeit immer seltener möglich ist."
Elke Steven, aus: "Ach Du greenes Katzchen". In: Komitee für Grundrechte und
Demokratie - Informationen. 5/2003
www.grundechtekomitee.de
Barbara Narr: "Ach du greenes Katzchen!" - Notizen aus einem Altenpflegeheim. Books on
Demand GmbH, Norderstedt, 2003
ISBN 3-8330-0769-9
Da fällt mir die Begegnung mit einer Altenpflegerin meiner Mutter in ihrem letzten
Lebensjahr ein. Die Frau kam ein, zwei mal die Woche, kaufte für Friedel ein, sprach mit
ihr und badete sie. In einer liebevollen Art behandelte sie meine Mutter, streichelte ihr
sanft über den Busen und badete die alte Frau und beide hatten viel Vergnügen daran.
Jetzt ergab sich aber, dass ihre Wochenbetreuung auch auf den Dienstag fiel - jener Tag,
an dem auch ich meine Mutter nachmittags besuchte. Die Altenpflegerin wurde unruhig,
unsicher - sie hatte die Raumhoheit verloren. Als ich sie auch noch kritisierte, dass sie alle
möglichen Lebensmittel einkaufte, ohne auf den realen Verbrauch meiner Mutter zu
achten, wurde sie unwirsch und sagte "dann brauch ich ja nicht mehr zu kommen."
Natürlich kam sie auch weiterhin. Einmal traf sie mich in der Küche an, als ich gerade den
Kühlschrank reinigte. "Sie putzen ja den Kühlschrank" sagte sie erstaunt. "Irgend jemand
muss es ja machen", sagte ich verärgert.
Ich weiss nicht, ab wann die Frau nicht mehr kam, ich kenne den Grund nicht. Ich erinnere
mich nur daran, dass wir ihr, nach Friedels Tod, eine Trauerkarte in ihren Briefkarten
schmissen und dass Tage später Dagmar sie beim Konditor ansprach und ihr erzählte,
dass Frau Baumert gestorben sei. Sie blickte kurz auf, als erinnerte sie sich nur noch
schwach an diese Frau und ging wortlos weiter.
Seltsame Begegnungen der dritten Art, die meine Skepsis über bezahlte Soziale Arbeit
eher verstärken als abschwächen.
"...Nach einer Theorie von Günter Amendt zerfällt die Gemeinschaft der ernst zu
nehmenden Bewunderer Dylans in drei Fraktionen: Die eine vergöttert ausserdem noch
Neil Young, die andere Van Morrison und die dritte Leonard Cohen. Der Berichterstatter
gehört seit der Pupertät, in der unwiderruflich alle Weichen gestellt werden, zur CohenFraktion und fragt sich bis heute, was die Leute an Neil Young finden. Könnte der nicht
endlich in den Stimmbruch kommen?
Zusammen mit Van Morrison sang Dylan 1989 und abermals 1993 ONE IRISH ROVER, in
grandiosen Versionen, und es ist verrückt, dass man sich diese Aufnahmen von
Bootleggern beschaffen muss. Auch eine offizielle 100-CD-Box mit Raritys & Lost Songs
von Dylan würde ihre Abnehmer finden.
Unter den genannten drei Fraktionen ist die Leonard Cohen liebende die kleinste. 1977
sang Dylan im Chor beim Refrain von Cohens Song DON'T GO HOME WITH YOUR
HARD ON ("Geh nicht nach Hause mit deinem Steifen") mit, und Cohen, der sich nie
nachgerühmt hatte, dass er grösser als Elvis sei, bezeichnete Dylan als den "Picasso of
Song"......"
Gerhard Henschel, aus: Und ewig zittern die Rippen. Von jungen Schachteln, keinen
Kartoffeln und einem selbst tankenden Panzer: Ein halbes Leben mit Bob Dylan. In:
Frankfurter Rundschau 30. Oktober 2003
"Es gab einmal einen Film, einen ungarischen, Sindbad war sein Titel, und er ist im
Ungarn des János Kádár in den 70er Jahren zum Kultfilm geworden. Zoltán Huszárik hat
ihn nach dem gleichnamgen Prosaband von Gyula Krúdy gedreht. Krúdy (1878-1933) wird
in der nichtungarischen Rezeption vor allem mit Proust und Joyce verglichen....
....Sindbad war die Reinkarnation des idealen ungarischen Mannes, dessen Gestik und
mannhaft brummender Bariton fast jedem als etwas Bekanntes vorkamen, da dieses
Verhaltensrepertoire in der Tiefvergangenheit des nationalen Unbewussten wurzelte:
seine Elemente lebten in unseren Körperhaltungen, Tonfällen und Augenleuchten weiter..
..Sindbad ist eine passive Kreatur, die Verkörperung weiblicher Wunschbilder, die von
Männern gedacht worden sind. Er generiert weibliche Wünsche durch sein blosses
Auftreten. Sein Charme, sein Verführungspotential stammen aus seiner dominanten
Position. Sindbad lebt in der Welt seiner früheren Liebschaften, in der Vergangenheit, in
den Träumen und Erinnerungen.
Ein Räsoneur, der leise spricht und sich wenig bewegt. Im Gegensatz zu ihm ist Don Juan
ein aktives Wesen, der die Frauen unaufhörlich umwirbt, einverleibt und umlegt, und hat er
sich einmal befriedigt, bricht er sofort zu neuen Abenteuern auf. Er hält keinen Augenblick
inne, omnipotent wie er ist, ist er ständig in Bewegung. Die weiblichen Wünsche werden,
wie wir seit Kirkegaard wissen, durch seine unauslöschlichen Energien geweckt; die
Grundlage seiner Anziehungskraft liebt in seiner sinnlichen Genialität. Sindbad vertritt die
Welt der archaischen Ordnung, Don Juan ist ein Kind der bürgerlichen, von der
Zielgerichtetheit sinnlichen Seins gesteuerten Welt. Sindbad ist die in die Gegenwart
überfliessende Vergangenheit, Don Juan ist die in die Gegenwart kodierte Zukunft.
Akzeptieren wir jedoch, (...) dass Don Juan im Gegensatz zu Sindbad ein Vorbote der
Moderne ist, werden uns einige unangenehme Fragen nicht erspart bleiben.
(...)Was sollen wir mit der Intimsphäre unserer Lebenswelt anfangen, in der, wie Niklas
Luhmann festgestellt hat, die Sexualität frei geworden ist, und der gültige Kodesatz des
zwischenmenschlich als sinnvoll anerkannten körperlichen Verhaltens von der Semantik
des Sports durchdrungen wird? Können wir demnach überhaupt noch fähig sein, nicht
unseren eigenen Körper zum wichtigsten Zielobjekt unseres "Identitätsprojekts" zu
machen?
Und werden wir es noch jemals erleben, dass in unseren Intimsphäre nicht der
Leistungszwang des individuellen Mobile-Positioning-Prinzips bestimmend sein wird? Und
letztlich und zum Schluss: Wie gross sind die Chancen dafür, dass in unseren
Liebesbeziehungen die Semantik des Sports wieder abgelöst wird durch ein neu in Kraft
tretendes Prinzip von Sinnlichkeit und Gefühl, in dessen Zentrum unser Bezogensein
aufeinander steht?"
Miklós Hadas, aus: Sindbads Gier auf nackte Frauenkörper. Der Ungar Miklós Hadas
blickt mit Beklemmung auf die Bedürftigkeit und innere Leere osteuropäischer
Intellektueller zurück.
In: Frankfurter Rundschau 3. November 2003
Der Autor, geboren 1953 in Budapest, ist Soziologe, Kulturhistoriker und einer der
Spezialisten für gender-studies an der Buespa in der ungarischen Hauptstadt. Er gibt
ausserdem die soziologische Vierteljahreszeitschrift "Replica" heraus. Seit 1994 ist er an
der Budapester Universität für Wirtschaftswissenschaften Professor für Soziologie. Seine
zahlreichen Veröffentlichungen erschienen auf Ungarisch, Englisch und Französisch.
Die Übersetzung der Rede aus dem Ungarischen besorgte Lajos Adamik.
Die Römerberggespräche.
"In Liebe, Europa..." - die Römerberggespräche hatten sich für ihre 30. Auflage am
vergangenen Wochenende in der Frankfurter Paulskirche ein auf den ersten Blick etwas
skurril wirkendes Thema vorgenommen. Doch dahinter standen weitreichende Fragen.
Etwa die nach einem europäischen Gefühlshaushalt, der in diesen schwierigen Zeiten als
Resssource bereit steht, um in dem räumlich grösser und wirtschaftlich gewichtiger
werdenden Europa Verbindlichkeiten zu schaffen - ein moralisch-emotionaler Kitt, der
perspektivisch auch in der Konkurrenz zu den USA wirkungsvoll sein könnte." (FR-Text)
"...Das Ende des Krieges und die Befreiung von Hitlers Terrorregime hinterliess ein Volk,
dass viele Jahre lang in einer gesellschaftlichen Welt des Wahnsinns gelebt hatte. Die von
Melanie Klein entdeckten grausam-destruktiven psychotischen Phantasien des
Zerstückelns, Zerreissens, des Beraubens und Entleerens, des Verbrennens (durch Urin),
des Vergiftens (durch Darmgase) und der totalen Vernichtung des durch exzessive
Projektion absolut böse gewordenen Objekts, deren inhaltliche Beschreibung Entsetzen,
Ablehnung und feindselige Abwehr hervorgerufen hatte, waren in Deutschland Wirklichkeit
geworden. Psychotische Phantasien, die uns allen manchmal in unseren Träumen und in
der Analyse schwer gestörter Patienten begegnen, waren zu gnadenlosen Handlungen
geworden."
Ruth Cycon, die Herausgeberin von Melanie Kleins GESAMMELTEN SCHRIFTEN (Verlag
Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1995-2000)
zitiert nach: Hermann Beland, Urverbindung von Baby und Brust. Die intersubjektive
Wende hat im Kleinianisms schon vor Jahrzehnten stattgefunden. In: Frankfurter
Rundschau 4. November 2003
Hermann Beland ist Psychoanalytiker in Berlin und war von 1998 - 1990 Vorsitzender der
Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV).
Der Bundsrat will wilde Tiere aus der Manege verbannen. Dies wird - sollte es eine
gesetzgebende Mehrheit im Bundestag geben - das Ende des alten Zirkus sein, den wir
geliebt haben. Wer denkt nicht mehr gerne an die Tage seiner Kindheit zurück, als wir die
Welt der wilden Tiere in der Smart-Version des europäischen Zirkus kennen lernten.
Und selbst als Erwachsene waren wir noch von ihm begeistert, so dass zum Beispiel
Crossair-Gründer Moritz Suter im Zirkus Knie in Basel bei der Aktionärsversammlung auf
einem Elefanten einritt, beklatscht und beschmunzelt von uns Kleinaktionären bzw.
Mitarbeitern des Basler Ausnahmeunternehmens (Vorsicht: Lobhudelei).
"...Der Zirkus soll weggedrückt werden", vermutet (Harry Spindler-)Barelli. Und: "Wir leben
von den Einnahmen, und die Leute, überwiegend Kinder, kommen zu 90 Prozent wegen
der Tiere." Ein Zirkus ohne Tiere ist für Barelli kein Zirkus. "Das ist Varietee! Das ist ja wie
ein Wienerwald ohne Hendl". Wenn sie ihnen die Tiere verbieten sollten, findet er, dann
müssten sie das woanders auch. Beispielsweise im Zoo, auf der Rennbahn, auf dem
Hühnerhof, auf der Pelzfarm...."
Iris Hilberth, aus: "Ein Zirkus ohne Tiere ist keiner". Bundesrat will wilde Tiere aus der
Manege verbannen - das ärgert Direktor Spindler-Barelli und einige Kollegen. In:
Frankfurter Rundschau 28. Oktober 2003.
Und denkt an "Mit dem Clown kamen die Tränen", jene Hommage an den Lörracher
Solarpionier Jürgen Kleinwächter ("Bomin Solar") von Johann Mario Simmel.
Und, last but not least, an James Bond. Ohne Zirkus mit wilden Tieren hätte es einen
guten Bond-Film weniger gegeben.
2003-11-13
"...Zuletzt sorgte er mit einem Interview zur Medienkrise für Aufsehen, indem er der
Larmoyanz der Verleger rigorose Lösungsansätze entgegenschleuderte. So waren die
Herausgeber der FAZ nicht sonderlich angetan, als Zerdick in ihrer Sonntagszeitung
behauptete, dass grosse Unternehmen "Stellenangebote bald nur och aus Dummheit,
Faulheit oder Mitleid in grossen Zeitungen veröffentlichen" würden, und dass die
Einsparungen der Verlage so wären, als würde "VW sagen: Der Golf verkauft sich im
Moment leider schlecht, deshalb können wir leider nur noch drei Sitze einbauen."
Für die zögerlichen Reaktionen der Verlage auf die Konkurrenz des Internets fiel ihm
natürlich auch ein röhrender Vergleich ein: "Wenn Sie bisher die besten Pferde gezüchtet
haben, können Sie auf die Erfindung des Automobils auch nicht graduell reagieren und
statt Hufe Räder unter ihre Pferde schrauben und später vielleicht noch einen Auspuff
anhängen."
Solche brillanten Einwürfe werden demnächst fehlen, vom Menschen ganz zu schweigen.
Vorgestern wäre Axel Zerdick 62 Jahre alt geworden, zwei Tage davor, am vergangenen
Montag, brach er auf dem Flughafen tot zusammen."
Oliver Gehrs, aus: Immer Vollgas. Zum Tod des Medienwissenschaftlers Axel Zerdick. In:
Frankfurter Rundschau 07. November 2003-11-13
"...Die Rede Hohmanns zum 3. Oktober kam ja nicht ganz zufällig bei dem KSK-General
Günzel an. Man scheint einander zu schätzen. Und man muss nicht gleich ein richtiges
Netzwerk der Verwirrten vermuten, um zu zweifeln, ob die begeisterte Antwort den Bruder
im Geiste überrascht haben kann. Es geht nicht um Antisemitismus allein oder um die
wiederholte Gegenüberstellung von Juden und Deutschen. Zum Mitschreiben, Herr
Hohmann: Judentum ist eine Religion, auch eine in Deutschland. Es geht vielmehr um
einen erneuten Versuch aus der Generation der Nachgeborenen, die Schuld der
Deutschen an den nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren. Besonders widerlich
ist, dass man die Argumentation auf einen biedren christlichen Fundamentalismus
basieren lässt, Motto: die Täter waren die Gottlosen...."
Richard Meng, aus: Antisemitismus. Hohmanns Freunde. In: Frankfurter Rundschau 05.
November 2003-11-13
"Untersuchungen der Bundeswehr... Brief von KSK-Chef Reinhard Günzel...
antisemitische Rede des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann... Die Worte tropfen auf die
Köpfe im Frühstücksraum wie Regen auf gespannte Nylonschirme. Ein Mann am
Einzeltisch blättert in einer Boulevardzeitung. Ein Mann auf der gepolsterten Bank starrte
auf sein belegtes Brötchen. Eine Frau schüttelt murmelnd ihr rot gefärbtes Haar, bevor sie
aufsteht und die leeren Kaffeetassen zurück an die Bar bringt. Reste eines "SpassFrühstücks" im Cafe "Fünf Meister Bäcker". Morgens um zehn in Neuhof.
Neuhof , Kennzeichen FD
Dichter Nebel über dem Dorf, schluckt die grauen Hänge des Kalibergs, der bei klarer
Sicht die Dächer überragt. Irgendwo in der weissen Suppe stinken Misthaufen,
Kirchenglocken läuten. Neufhof, Kfz-Kennzeichen FD, ein Nest in der hessischen Provinz,
15 Kilometer von Fulda entfernt. 11512 Einwohner, 406 Arbeitslose und 150 Teilnehmer
einer Feierstunde, die am 3. Oktober im Bürgerhaus der antisemitischen Rede ihres
früheren Bürgermeisters Martin Hohmann gelauscht haben, ohne an seinen Worten
sichtbar Anstoss zu nehmen.
Die junge Apothekerin am Lindenplatz bezeichnet sich als unpolitisch. Der Kneipenwirt im
"Schützenhaus" behauptet, niemanden zu kennen, der bei der Rede dabei war, und
vermutet, dass sich ohnehin niemand dazu äussern will, "nachdem wir in der Presse als
dickbäuchige Nazis dargestellt werden". Im Übrigen habe der Hohmann die Wahrheit
gesagt, die werde man wohl doch sagen dürfen. Er faltet die Hände auf seinem Bauch, der
sich unter der Schürze wölbt.
Im "Imbiss Döner Kebap" an der Fuldaer Strasse kreiselt am Mittag ein unversehrter
Fleischspiess am Fenster. Der Mann hinter der Theke spricht gebrochenes Deutsch. Er
sagt, er lebe seit zwei Jahren in Neuhof. Draussen brausen Autos Richtung Ortsausgang.
Manchmal brüllen Glatzen aus dem offenen Fenster eines weissen Opels, sagt der Mann,
aber das passiert eher nachts. Er erzählt von seinen Nachbarn, den Inhabern des
Gasthauses "Alt Neuhof", mit denen er häufig aneinander gerate, ein Ehepaar. Die Frau,
Polin, sei oft vor seinem Fenster aufgetaucht, wenn eine seiner Schwestern ihm im Laden
half, und habe Fotos gemacht. Am nächsten Tag standen Beamte vor seiner Theke, um
Arbeitserlaubnisse zu kontrollieren. "Aber es gibt nicht nur solche Leute hier." Der Mann
sagt, bisher sei ein Rollladen nur einmal mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert
worden. Eine Kundin, mit deutlichem Akzent, sagt, dass sie die Aufregung nicht verstehen
kann. "Der Hohmann hat das ja nur gegen die Juden gesagt, nicht gegen Ausländer. Das
ist doch nur ein kleines Dorf, und hier leben auch gar keine Juden." Die junge Frau sagt,
dass sie Deutsche ist, deutsche Staatsangehörige, mit einem deutschen
Staatsangehörigen verheiratet. In der Küche läuft ein Radiogerät.
Nebenan an der Theke
Im "Alt Neuhof" blättert die Wirtin in einem zerfledderten Farbausdruck des
Redemanuskripts. "Der Hohmann ist ein gläubiger Christ mit geraden Linien, ein gläubiger
Christ kann kein Antisemit sein." Ein Frührentner fragt auf den Tresen gestützt bei einem
Glas Bier: "Dass der General da jetzt gehen muss, ist das vielleicht in Ordnung? Wie bei
den Nazis ist das." Ein alter Mann sagt: "Die Wahrheit darfst du sowieso net sagen, nie.
Und das ist Demokratie." Der Frührentner sagt: "Ein bisschen Nationalstolz würde uns gut
zu Gesicht stehen." Der Franzose "hat ihn, der Engländer hat ihn, der Amerikaner hat ihn",
sagt die Wirtin. "Der Jude ist unterdrückt worden, der Jude ist vergast worden, ich weiss
das, eine schlimme Sache." Aber vielleicht sei doch die Zeit gekommen, wo man wieder
mal sagen muss: Das eigene Volk zuerst. "Irgendwann muss mal Schluss sein."
Draussen im Ort sagt ein Familienvater, in der Türkei geboren, Neuhof sei "ein Abziehbild
von Fulda, schwarz wie die Nacht", aber er habe gelernt, damit zu leben, auch mit der
Ausländerfeindlichkeit. "Ich hab das Volk hier in Ruhe gelassen, was hinter meinem
Rücken gesagt wird, interessiert mich nicht." Der Mann sagt: "Es gibt überall Idioten."
Es heisst, dass es in Neuhof eine rechtsradikale Jugendszene gibt. "Verbrecherische
Ausländer, die so etwas behaupten." Heisst es im "Alt Neuhof". Als Unbekannte Ende
vergangenen Jahres in das Gebäude einer türkischen Metzgerei in Neuhof einbrachen, die
Wasserhähne aufdrehten und erheblichen Sachschaden verursachten, beschmierten sie
bei ihrem Anschlag die Wände des Hauses mit Hakenkreuzen. "Klassischer
Versicherungsbetrug", sagen sie im "Alt Neuhof". Der Metzger, Sedak Gemük, lebt mit
seiner Familie inzwischen in Düsseldorf. Am Telefon sagt Gemük, er habe lange versucht
zu kämpfen, aber in Neuhof "keine Chance" gehabt, gegen Nachbarschaft und
Verwaltung. "Noch bevor das erste Tier geschlachtet war, riefen Leute beim Veterinär an,
um sich über den Gestank zu beschweren. Wir hatten an dem Tag minus 20 Grad." Er
sagt, er habe nach Siegen der deutschen Fussballnationalmannschaft bei der WM 2002
junge Leute mit Hakenkreuzfahnen durch Neuhof laufen sehen. "Verkleidete Türken",
sagen sie im "Alt Neuhof".
Die Sekretärin von Maria Schultheis, für die CDU Bürgermeisterin von Neuhof, teilt mit, die
Bürgermeisterin sei zu keiner Stellungnahme bereit. Auch kein anderer aus der
Gemeindeverwaltung wolle die Atmosphäre während der Rede am 3. Oktober im
Bürgerhaus schildern.
60 Skins habe es früher in Neuhof gegeben, vielleicht auch mehr, sagt eine 19-jährige am
Ecktisch im Cafe "Fünf Meister Bäcker", die nicht namentlich zitiert werden will. Heute
habe sie kaum Kontakt zur rechten Szene von Neuhof. "Die fallen auch nicht mehr so auf,
weil die meisten keine Glatzen haben, nur Springerstiefel und schwarz-rot-gelbe Schals".
Sie sagt, dass sie irgendwann die Randale gestört habe, das Rumgrölen. Anzeigen gab
es, klar, wegen Ruhestörung. Einer der Jungen habe mit einem weissen Edding
"Ausländer raus" auf sein Auto geschrieben. Warum sie nichts gesagt hat? "Ich misch
mich da nicht ein. Ich denk mir meinen Teil, aber ich sag nichts." Die 19-jährige findet,
dass Hohmann aus der CDU ausgeschlossen werden sollte.
Der chancenlose Gegenkandidat
Helmut Müller war Gegenkandidat der SPD bei den letzten Bürgerschaftswahlen in
Neuhof, chancenlos natürlich. "Wenn du hier was erreichen willst, musst du zur CDU
gehen", sagte der 68-Jährige: "Das war so, ist so und bleibt wahrscheinlich so." Müller
möchte das Gespräch lieber im leeren Versammlungsraum vom "Alt Neuhof" führen.
Nebenan sitzt der Wirt am Tisch und wickelt Bestecke in Papierservietten, während seine
Gäste am Tresen über die "Judenmafia" poltern, die Möllemann und Lady Diana auf dem
Gewissen habe. Ein gepflegter Herr in den 50ern sagt, in Deutschland seien das nicht
mehr als 900 Leute gewesen, die die Juden ermordet haben, und die anderen, "die
anderen haben davon doch gar nichts gewusst." Feierabend in Neuhof. Müller sagt, er sei
kein Feind von Martin Hohmann, "wir waren eher ein bisschen befreundet, als er
Bürgermeister war", trotz politischer Differenzen. In seiner Funktion als
Gemeindevorstandsmitglied der SPD habe er sich "geopfert", am 3. Oktober im
Bürgerhaus. Müller erinnert sich an eine Kapelle, die vor der Rede aufspielte,
"Deutschlandlied und so". Von den 150 Anwesenden seien die meisten CDU-Klientel
gewesen, auch ein Lehrer mit ein paar Schülern. Hohmann habe vielleicht eine halbe,
dreiviertel Stunde gesprochen. "Mir ist bald schlecht geworden. Ich hab gedacht: Wärst du
doch bloss zu Hause geblieben." Müller lacht. Er hat den Saal nicht verlassen. "Man will
keinen Eklat, wissen Sie, da wird man schief angeschaut im Dorf."
Karin Ceballos Betancur (Neuhof), aus: Das Schweigen der Provinz. In Neuhof will zu den
antisemitischen Ausfällen des CDU-Politikers Hohmann lieber niemand was sagen. In:
Frankfurter Rundschau 7. November 2003-11-13
"...Die Mitwirkung der Juden an der russischen Geschichte, ihr historischer Beitrag, ist also
keineswegs im Sinne der vereinfachenden Formel von der "Täterschaft des jüdischen
Volkes" zu verstehen. Der Blick in die Geschichte zeigt vielmehr eine sehr komplexe
Situation. Festzuhalten ist vor allem, dass die Rede von der Täterschaft in ihrer
scheinbaren Eindeutigkeit nicht nur den historischen Sachverhalt entstellt, sondern auch
nahe legt, auf dem Wege des histographisch-wissenschaftlich gewiss "unverdächtigen"
Vergleichs mit anderen "Täterschaften" bei einem eher politisch motivierten Statement zu
bleiben: Bei der Gleichsetzung der mit dem Wort Täterschaft gemeinten, jeweils
unterschiedlichen Täterkomplexe. Relativiert werden soll, mit anderen Worten, die
deutsche Täterschaft.
Die antijüdische Zuspitzung der späteren Stalindiktatur ist nur aus dem Zusammenspiel
des totalitären Generalangriffs auf die Gesellschaft mit den reaktivierten antisemitischen
Traditionen der russischen Geschichte zu verstehen. Insofern dürfen wesentliche
Unterschiede zwischen Hitlers Taten und Stalins Verbrechen gegen die Juden nicht
übersehen werden: Hitler proklamierte den Antisemitismus offen, Stalin wagte es nie, sich
völlig von der internationalistischen Tradition des Sozialismus und Kommunismus zu
lösen. Es gab noch in den schlimmsten Zeiten der stalinistischen Judenhetze rhetorische
Distanzierungen vom Antisemitismus. Man könnte einwenden, dies nütze den Opfern
nichts. In Wirklichkeit rettet dieser Unterschied viele. Im Gegensatz zum allumfassenden
Rassenwahn Hitlers, welcher in jedem Menschen mit jüdischem Blut einen Feind sah, der
vernichtet werden musste, wollte Stalin den jüdischen Nationalismus und den
Kosmopolitismus ausrotten. Stalin wollte die jüdische Kultur und das Nationalbewusstsein
der Juden vernichten, Hitler die Juden als Volk.
In letzter Zeit wird versucht, die Geschichte der Sowjetunion durch sensationelle
Enthüllungen über die Verbrechen des Kommunismus umzuschreiben. Gewiss sind viele
Archive erst seit kurzem geöffnet, und die von Historikern auf Grund von neu
erschlossenen KGB-Akten sowie Dokumenten regionaler Behörden rekonstruierten Details
vertiefen unser Verständnis der Sowjetdiktatur. Was aber oft als kapitale Entdeckung
gefeiert wird, war seit Jahrzehnten bekannt, nur hat man die entsprechenden Berichte,
auch jüdischer Zeitzeugen und Schriftsteller, entweder nicht gelesen oder daraus keine
Schlussfolgerungen ziehen wollen.
Wäre Stalin ein zweiter Hitler gewesen, so wäre der Kampf des JAFK an Stalins Seite eine
Absurdität gewesen. Ungeachtet der Tragödie der Vernichtung der Komiteemitglieder
durch die "Organe" war ihr Kampf mit dem Sowjetregime gegen Hitler eine bittre
Notwendigkeit, zu der es, nicht nur für die sowjetischen Juden, keine Alternative gab. Und
so bleibt, der Millionen sowjetischer Soldaten zu gedenken, die im Kampf gegen
Hitlerdeutschland gefallen sind oder in der Gefangenschaft ermordet wurden. Ohne ihr
Opfer wäre die Welt verloren: sie haben uns vor der Herrschaft des mörderischen
Nazismus gerettet. Auch den Helden der Roten Armee verdanken wir neben den
westlichen Alliierten unser Überleben."
"Man könnte "Juden mit einiger Berechtigung als "Tätervolk" bezeichnen", erklärte der
CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann kürzlich mit Verweis auf die Rolle von
Juden im Sowjetkommunismus. Der Historiker Arno Lustiger weist nach, dass diese
Formel keiner historischen Wirklichkeit entspricht. Wir drucken Auszüge aus seinem Werk
"Rotbuch. Stalin und die Juden" (Aufbau Verlag, Berlin 2002)."
Zitiert nach: Frankfurter Rundschau 06. November 2003-11-13
"...FR: Ist General Günzel lediglich ein Einzelfall, oder gib t es in der Bundeswehr
antisemitische Tendenzen?
Wolfgang Gessenharter: Da muss man differenzieren. Das Problem der Bundeswehr ist
weniger Antisemitismus oder Rechtsextremismus, sonder das der "Neuen Rechten". Ob
Günzel "verwirrt" ist, wie sich Verteidigungsminister Struck ausgedrückt hat, das weiss ich
nicht. Ich kenne ihn nicht. Aber es hat in der Bundeswehr immer schon Tendenzen
gegeben, sich mit dem Gedankengut derer anzufreunden, die ich als "Neue Rechte"
bezeichnen will. Das hängt sicher auch mit dem Offiziersbild zusammen, was innerhalb
der Bundeswehr über Generationen hinweg weitergetragen wurde.
FR: Von welchem Bild sprechen Sie?
Wolfgang Gessenharter: Es ist das Bild vom Soldaten, der in einer von Feinden
umgebenen Welt lebt, einer Welt, in der er ausgebildet ist, in Kriegen zu bestehen. Dabei
sind moderne Kriege längst anders. Herr Günzel aber scheint genau diesem alten Bild
anzugehören. Der Sympathiebrief, den er an Hohmann geschrieben hat, ist in dieser
Hinsicht ausserordentlich vielsagend.
FR: .....inwiefern?
Wolfgang Gessenharter: Der Brief bedient all das, das in der "Neuen Rechten+" en vogue
ist: Er zeichnet ein klar kontinuiertes Freund-Feind-Bild. Er vergisst nicht, das "linke Lager"
zu erwähnen, das es einem unmöglich mache, die "Wirklichkeit" so wahrzunehmen, wie
sie ist. Und Günzel beglückwünscht Hohmann ja denn auch folgerichtig dazu, dass er
"mutig" genau diesen Kampf führe - sich gegen die Linke zu stellen All das ist die Diktion
der "Neuen Rechten" in Reinkultur, exakt so, wie man das etwa aus dem Umfeld der
Jungen Freiheit kennt.
FR: Woher kommt dieses Lagerdenken?
Wolfgang Gessenharter: Man kann sich in diesen Kreisen die Welt gar nicht anders
vorstellen als in Freund-Feind-Kategorien - die können übrigens sowohl aussenpolitisch
als auch innenpolitisch sein. Die Feinde müssen bekämpft werden. Und für die Freunde
heisst die Parole: "Wir müssen fest zusammenhalten".
FR: Gibt es Indizien dafür, dass das Netzwerk der" Neuen Rechten" in der Bundeswehr
hineinreicht?
Wolfgang Gessenharter: Nehmen wir den akuten Fall. Herr Hohmann ist ganz fest
mindestens seit 1997 in dieses Netzwerk nicht nur intellektuell, sondern auch personell
eingebunden. Wieweit Hohmann und Günzel miteinander bekannt sind, das weiss ich
nicht. Ich habe nur immer wieder mit Erstaunen wahrgenommen, dass manche Generäle,
wenn sie erst einmal pensioniert waren, sofort ihr rechtes Herz entdeckten. Die liessen
sich dann sehr schnell und ohne irgendein Problem in die Kommunikationskanäle der
"Neuen Rechten" einbinden. Und manchmal reichen diese Kanäle bis in den
rechtsextremen Bereich.
FR: Ist in den vergangenen Jahren nicht genau genug in die Bundeswehr hineingeschaut
worden? Wegen des Falls Günzel gibt es nun die ersten Forderungen, sich die
Bundeswehr auf rechtsextreme oder antisemitische Tendenzen genauer anzuschauen?
Wolfgang Gessenharter: Nur zur Klarstellung: Der Fall Günzel hat meines Erachtens
nichts mit rechtsextremistischen Tendenzen zu tun. Es hat etwas mit der "Neuen Rechten"
zu tun. Der Rechtsextremismus ist für mich in der Bundeswehr ein untergeordnetes
Problem - die "Neue Rechte" stellt indes schon einiges dar. Denn auch die "Neue Rechte"
betreibt im Kern eine Aufweichung des Grundgesetzes. Es ist eher eine Form von
politischer Mimikry, von Verstellungskunst. Und diese Gedanken der "Neuen Rechten"
haben in der Bundeswehr schon einen Resonanzboden.
FR: Welche Konsequenzen wird der Schritt von Struck innerhalb der Bundeswehr haben?
Wolfgang Gessenharter: Ich hoffe, dass Struck vielen Soldaten klar gemacht hat, wo die
politischen Autoritäten liegen. Ich fände es wichtig, dass die Bundeswehr nicht aufhört,
das Konzept des "Staatsbürgers in Uniform" immer wieder ganz ernst zu nehmen, zu
pflegen und, wo es nötig ist, auch durchzudrücken. Wenn das ernsthaft betrieben wird,
dann haben es die "Neuen Rechten" schwerer, in der Bundeswehr Fuss zu fassen.
FR: Ist also bisher noch nicht genug getan worden?
Wolfgang Gessenharter: Es kann gar nicht genug getan werden, weil die Verführung in
jeder Armee gross ist, in sich selbst eine abgeschlossene Gruppe von Kämpfern zu sehen
und nicht eine Gruppe von, nennen wir es: Friedensdienern."
"Der Fall Hohmann und die Bundeswehr. Wie sehr ist in der Affäre die Handschrift der
"Neuen Rechten" zu erkennen? Eindeutig, glaubt der Politikwissenschaftler Wolfgang
Gessenharter von der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Gessenharter sieht es als
eine Strategie der "Neuen Rechten", durch gezielte Tabubrüche wieder jenem
Volksempfinden auf die Sprünge zu helfen, das sie selbst als "gesund" bezeichnen. Mit
ihm sprach FR-Redakteur Axel Vornbäumen."
In: Frankfurter Rundschau 6. November 2003-11-13
"...Allenfalls die aufflammende Debatte um die erneuerbaren Energien liess ahnen, dass
noch ganz andere Zukunftsthemen politisch zu bewältigen sind. Nach einer Studie des
Öko-Instituts und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) muss bis zum
Jahr 2030 in Deutschland eine Kraftwerksleistung von mindestens 50 000 von 110 000
Megawatt ersetzt werden. Die Atomkraft trägt derzeit rund 30 Prozent zur
Stromversorgung bei, 80 (Anmerkung DEB: ein Setzfehler - oder sind es 62? - ein Fall für
Pisa?) Prozent des Stroms kommen aus fossilen Kraftwerken. Der Anteil des Ökostroms
soll von derzeit acht auf 12,5 Prozent im Jahr 2010 steigen, und das heisst in erster Linie
Ausbau und Weiterförderung der Windenergie - nur so können Klimaschutzziele
eingehalten werden, schliesslich hat sich die Bundesregierung bis zum Jahr 2012
verpflichtet, 21 Prozent weniger Treibhausgase in die Luft zu blasen.
Die anstehenden Investitionsentscheidungen spalten das Regierungslager.
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) macht sich zum Fürsprecher der
energiepolitischen Dinosaurier, die vier Grossen der Branche, E.on, RWE, Vattenfall und
EnBW, wollen an dem bisherigen Energiemix fest- und die lästige Konkurrenz, die ihnen
aus dem Aufwind der Regenerativen entgegenweht, klein halten. Denn die 8,2 Milliarden
Euro Gesamtumsatz, die die junge Branche im vergangenen Jahr erzielte, sind längst kein
Klimpergeld mehr. Ob bei den Herstellern oder den Betreibern in erster Linie kleine und
mittlere Unternehmen.
Es verwundert nicht, dass in die dieser Situation der Vorstandsvorsitzende der Vattenfall
Europe, Klaus Rauscher, die Chance sieht, die Reaktoren Brunsbüttel und Krümmel über
die ausgehandelten Restlaufzeiten hinaus Strom produzieren zu lassen und dass sich die
CDU-Opposition einmal mehr für den Bau neuer Atomkraftwerke stark macht.
Sind diese nur Versuchballons? Zerbrechen nicht die AKW-Planspiele an pekuniären
Vorgaben? Sind die AKWs nicht nur dann profitabel, wenn sie möglichst lange Strom
produzieren? Ein Blick über den Zaun ins europäische Ausland stimmt nachdenklich:
Finnland will ein fünftes Atomkraftwerk und die französische Industrieministerin Nicole
Fontaine hat gerade die Debatte um die Realisierung eines "Prototyps" des Europäischen
Druckwasserreaktors mit ihrem Pro-Votum angeheizt: das deutsch-französische
Firmenkonsortium Siemens/Framatome setzt natürlich auf staatliche Subventionen.
Die politischen Ziele des Gorleben Wiederstands sind mithin schon ehrgeizig: die
Schächte in Gorleben sollen verfüllt werden, die AKW-Betreiber sollen per Gesetz zur
vollständigen Finanzierung einer vergleichenden Endlagersuche verpflichtet werden. Der
Richtungsstreit fossil-nuklearer Stromproduktion soll zu Gunsten der Regenerativen
Stromproduktion entschieden, die pro-atomaren Träume der Lobby zum Platzen gebracht
werden.
Doch vorsichtig: das Abschalten des Uralt-Reaktors Stade, der aus rein ökonomischen
Gründen im November fast zeitgleich zum alljährlichen "winterlichen Castor-Umzug" - so
Jürgen Trittin auf dem 12. Atomrechtssymposium in Köln - vom Netz geht, hat, bei aller
Freude über dessen Stilllegung, nichts mit dem geforderten Atomausstieg zu tun. Seine
Reststromkontingente verlängern die Laufzeit anderer AKWs.
Vom Ausstieg ist man also noch weit entfernt, und angesichts der energie- und
umweltpolitischen Relevanz verdienen die Demonstrationen auf ihrer CASTORellen
Landpartie im Wendland nicht nur Respekt, sondern vielmehr auch Unterstützung."
Wolfgang Ehmke, aus: Wenn im Spätherbst das Wendland ergrünt. Der Widerstand gegen
die Atommülltransporte nach Gorleben verfolgt ehrgeizige Ziele in der Energiepolitik. In:
Frankfurter Rundschau 7. November 2003
"Wolfgang Ehmke ist derzeit viel beschäftigt. Als Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative
Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. hilft er den Widerstand der Wendländer gegen
den bevorstehenden Castor-Atommülltransport ins Zwischenlager Gorleben zu
koordinieren. Die Bürger um Lüchow-Dannenberg wollen nicht auf dem Nuklearabfall
sitzen bleiben - und sie setzen sic für ein Umsteuern in der Energiepolitik hin zu
erneuerbaren Energien ein." (FR-Text)
www.bi-luechow-dannenberg.de
"Angesichts der Diskussion um den Subventionsabbau fällt auf, dass die staatliche
Subventionen an die Kirchen nie erwähnt werden. Wir meinen die Sonderausgabe
"unbegrenzte Abzugsfähigkeit der gezahlten Kirchensteuern" (Subventionsbericht der
Bundesregierung)
Das Ausblenden dieser Subvention ist auch deswegen kaum nachzuvollziehen, weil es
sich mit 3,58 Milliarden Euro in 2002 um die zweithöchste Subvention überhaupt handelt.
Die Sonderausgabe wurde zwar von Koch und Steinbrück in ihrem Abbau-Entwurf
erwähnt, ihre Begrenzung aber sofort verworfen.
Dabei ist die Absurdität dieser Subvention mit Händen zu greifen: Die Kirchenmitglieder
brachten 2002 für beide Grosskirchen ca. 8,5 Milliarden Euro an Kirchensteuern auf, der
Staat honorierte dies seinerseits mit 3,58 Milliarden Euro. Alle Steuerzahlenden, also auch
Nichtkirchenmitglieder, refinanzieren die persönlichen Kirchenmitgliedsbeiträge zu mehr
als 40 Prozent. Das von Koch und Steinbrück angeführte Argument, diese Subvention
nicht angreifen zu sollen, lautete: "Der Staat bekäme mehr (gemeint ist: Engagement der
Kirchen im sozialen Bereich) zurück als er per Subvention weggebe." Diese Begründung
ist falsch. Beide Kirchensteuerkirchen bringen von der gesamten Kirchensteuer (also ca.
8,5 Milliarden Euro) im Durchschnitt nur höchstens 10 Prozent für "Soziale Dienste" auf.
Das sind also max. 0,9 Milliarden Euro.
Das wird von den Kirchenleitungen schon lange nicht mehr bestritten, obwohl sie nach wie
vor in der Öffentlichkeit den Eindruck eines flächendeckenden sozialen Engagements
vermitteln.
Wenn die Kirchensteuer nicht mehr in vollem Umfang absetzbar wäre, würde sich die
finanzielle Basis der Kirchen infolge von Austritten vermutlich rasch ändern. Insofern hilft
der Staat, diese Basis der Kirchen nachhaltig zu sichern. Genau dies aber widerspricht der
grundgesetzlich verankerten Trennung von Staat und Kirche. Allein schon aus diesen
Gründen müsste diese Subvention sofort beendet werden."
FR-Leser Friedrich Halfman, Verein Umwidmung von Kirchensteuern e.V., Haltern am
See.
In: Frankfurter Rundschau 30. Oktober 2002
"...4, The loon. In dem viel gescholtenen Büchlein, in dem Wolf Biermann Bob Dylans
Poem ELEFEN OUTLINDES EPITAPHS übersetzt hat, erzählt der wegen seiner
demonstrativen Eitelkeit geschmähte Biermann die Geschichte, wie ihm die schöne
Deborah die Sache mit dem Loon erklärt. Der Loon, eine bessere Ente, ist das Wappentier
von Minnesota, jener Bundesstaat der USA, den Bob Dylan als junger Mann frühzeitig in
Richtung New York verlassen hatte. Jedes Jahr, so berichtet Deborah dem Biermann,
gebe es in Minnesota einen Loon-Wettstreit, in dem derjenige prämiert wird, der das
Vogeltier am besten imitieren kann. Wenn man sich fragt, was der Mann Dylan mit seiner
Stimme eigentlich alles so anstellt, so könnte man mutmassen, das die NEVERENDING
TOUR, auf der sich Dylan nun schon seit Jahrzehnten befindet, nichts weiter ist als die
Suche nach einem immerwährenden Loon-Wettbewerb. Für diesen Hinweis hätte das
kleine Biermann-Bändchen ein wenig mehr Respekt verdient.
...7.) ALL ALONG THE WATCHTOWER. Es gibt nicht wenige, ALL ALONG THE
WATCHTOWER in der Version von Jimi Hendrix für den grössten Pop-Song aller Zeiten
halten. Die dunklen, apokalyptischen Ahnungen, die Dylan zusammen gereimt hat, zwang
Hendrix in eine elektrisierende Form. Vielleicht hat man das Stück aber nie besser gehört
als in der Version, in der Dylan und seine Band das Konzert in der Frankfurter
Jahrhunderthalle beschliessen. Schwer zu sagen, ob so einer je den Nobelpreis für
Literatur erhält, für den er jedes Jahr hoch gehandelt wird. Der Loon-Song ist ihm wohl
nicht mehr zu nehmen. Alles was jetzt noch kommen mag, ist Zugabe."
Harry Nutt, aus: Der Mann am Klavier. Sieben Versuche, ein Bob-Dylan-Konzert zu
beschreiben. In: Frankfurter Rundschau 8. November 2003
"..Der nichtsdestotrotz auch gegen den Mainstream anschrieb. Ausgerechnet über Jean
Paul Satre, an dem Vatermord zu begehen für viele das Entree zum Kreis der Dissidenten
anno 68 bildete, schrieb Deleuze knapp und prägnant: "Er war mein Lehrmeister." Die
Gründe hierfür verraten auch etwas von seinem eigenen Verständnis von Philosophie. "In
dem Augenblick, in dem wir das Erwachsenenalter erreichen, sind unsere Lehrmeister
diejenigen, die uns mit einer radikalen Neuheit beeindrucken...,die unserer Moderne, d.h.
unseren Schwierigkeiten wie unseren diffusen Begeisterungen entsprechende
Denkweisen finden. Wir wissen, dass es nur einen Kunstwert, ja nur einen Wahrheitswert
gibt: die "erste Hand", die authentische Neuheit dessen, was man sagt, die "kleine
Melodie", mit der man es sagt. Dass alles war Satre für uns. Wer konnte damals etwas
sagen, wenn nicht Satre?"
Vielleicht ist die zwanghafte Hinwendung zu Deleuze und all der anderen, zu einer endlich
redlichen Lektüre ihrer Schriften, eines jener kleinen Ereignisse, die annoncieren, dass
eine neue Generation sich nicht mehr damit abfinden will, keine Lehrer im emphatischen,
im philosophischen, im sokratischen Sinne des Wortes mehr zu finden. "Traurigkeit der
Generationen ohne "Lehrmeister"." So sagte Delezue."
Michael Mayer, aus: Die kleine Melodie. Philosophische Miniaturen von Gilles Deleuze aus
den Jahren 1953 bis 1974. In: Frankfurter Rundschau 6. November 2003-11-13
Gilles Deleuze: Die einsame Insel und andere Texte. Texte und Gespräche aus den
Jahren 1953-1974. Herausgegeben von David Lapoujade. Aus dem Französischen von
Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, 435 Seiten, 34,90 Euro
"Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen
Windmühlen." (Chinesisches Sprichwort)
zitiert nach dem Eurosolar-Aufruf "Deutschland ist erneuerbar. Zukunftsfähigkeit statt
Reformverweigerung in der Energieversorgung.
www.eurosolar.org
"...Unsere Umweltmisere, in der sich die Menschen heute befinden, beweist genug, dass
die Natur noch zu wenig erforscht ist, dass man die Erforschung der Natur zu wenig
ernstgenommen hat und wir einen unverantwortlichen Raubbau an der Natur getrieben
haben: weil wir aus fruchtbaren Gebieten Wüsten gemacht, die Gewässer der Welt in
Kloaken umgewandelt, planlos Tierarten ausgerottet und das Gleichgeweicht der Natur
zerstört haben. Es ist nicht zu übersehen, welche Anstrengungen es die Menschheit noch
kosten wird, alles so ins Lot zur bringen, dass das Überleben der Enkel und Urenkel
gesichert bleibt.
...Ein Tierschutz darf sich nicht darauf beschränken, Leute, die ihre Hunde prügeln, einer
Bestrafung zuzuführen, während andere skrupellose Leute ungestraft den Hund zum nicht
mehr lebensfähigen Krüppel herabzüchten....
..Ein Sünder ist, wer seine eigenen Artgenossen schädigt. Sünder ist aber auch der, der
seine Mitgeschöpfe schädigt. Um so mehr, wenn diese Mitgeschöpfe von ihm abhängig
geworden sind und er diese Abhängigkeit zu selbstsüchtigen Zwecken missbraucht.
Wir sollten darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, anstelle eines überheblichen
"Tierschutzes" - der auf Entfremdung des Menschen vom Natürlichen aufgebaut ist, um
allein nur dem Menschen uns seiner Selbstbestätigung zu dienen - ein bescheideneres
Tierverständnis anzustreben. Ein Tierverständnis freilich, das sich immer bewusst ist und
das danach streben sollte , über das unzulängliche Wissen über die Natur des Tieres
unsere eigene Rolle dem Tier gegenüber richtig zu besetzen.
Die letzte Konsequenz solcher Überlegungen muss uns die Alternative aufzeigen: Soll sich
der Mensch die Natur wirkliche "untertan" machen, oder soll er nicht doch besser
versuchen, ihre Gleichwertigkeit zu begreifen?
Ich weiss, dass sehr viel dazu gehört, sich für das letzter zu entscheiden. Es verlangt
Verzicht auf menschliche Überheblichkeit, Verzicht auf Geltungsbedürfnis, Verzicht auf
manches andere. Und vor allem verlangt es, den Verstand zu gebrauchen, weiterzulernen,
weiterzuforschen, noch mehr Erkenntnisse zu gewinnen. Einen anderen Weg sehe ich
nicht, um den Hund so ernst zu nehmen, wie er es verdient, wie er es verdient, damit er Hund sein kann.
Für dieses Ziel wurde dieses Buch geschrieben, und deswegen enthält es viele harte
Worte. Wer weiss was ein Hund ist, wird sie mir verzeihen."
Eberhard Trumler, aus: Hunde ernst genommen. Zum Wesen und Verständnis ihres
Verhaltens. Piper Verlag, München und Zürich,
München 1974, noch antiquarische erhältlich bei www.vzab.de
2003-11-04
""Was die Terroristen gewinnen, verlieren die Schriftsteller. Was sie an Einfluss auf das
Bewusstsein der Massen hinzugewinnen, verlieren wir als Gestalter von Sensibilität und
Gedanken." Als Don DeLillo diese Zeilen für seinen 1991 veröffentlichten Roman "Mao II"
zu Papier brachte, war noch keine Rede von zerschmetterten Hochhäusern, Al-Qaida und
Osama bin Laden. Wohl aber zeichnete sich ab, dass der seit den siebziger Jahren überall
virulente Terrorismus erst am Anfang stand. Und dass es, auf absehbare Zeit zumindest,
keine Lösung dieses Problems geben würde, hatte man es doch mit Puristen zu tun, die
ihren Platz jenseits des Politischen wählten und sich den Usancen des Aushandelns von
Konflikten radikal verschlossen. "Der Terrorist steht ausserhalb", legte DeLillo seinem
Protagonisten in den Mund. "Die Kultur hat keinen Weg gefunden, ihn zu assimilieren."
Damit umschrieb DeLillo ein literarisches Leitmotiv, das er seit Mitte der achtziger Jahre
virtuos variiert: sie sich Verunsicherung in das Seelenleben westlicher Gesellschaften
einfrisst und Angst den Alltag von Individuen und die Geschichte von Kollektiven
verändert. Jeder neue Text fügt seiner Chronik kleiner und großer Fluchten ein weiteres
Kapitel hinzu. Allesamt handeln sie von der beharrlichen Weigerung, sich intellektuell und
emotional den Zumutungen einer undurchschaubar gewordenen Welt zu stellen, und von
dem Bemühen, in Phantasiewelten zu flüchten, deren Farbenlehren auf Schwarz und
Weiss reduziert sind: die mit einem auf "Entweder - Oder" reduzierten politischen
Vokabular auskommen und deren Selbstbilder von Verschwörungstheoretikern entworfen
werden ...
Drastischer kann eine Kritik an Verschwörungstheorien kaum ausfallen. Indem DeLillo die
Konvention linearen Erzählens außer Kraft setzt und mit ihr die Vorstellung von Ursache
und Wirkung, indem er ständig die Perspektive wechselt und die Chronologie durch
Zeitsprünge auflöst, macht er deutlich: Wer verschlungene und vielfach gebrochene Wege
in klare Linien umdeutet und mit imaginierter Übersichtlichkeit der real existierenden
Unübersichtlichkeit auf den Grund gehen will, argumentiert im besten Falle naiv. Oder
macht sich auf paradoxe Weise die Analyse der zu Analysierenden zu Eigen - nämlich das
Weltbild von Verschwörern, die im Namen der Klarheit klare Verhältnisse erzwingen
wollen.
... Um den Spitzenplatz in den deutschen Charts balgen sich mehrere "Enthüller". Andreas
von Bülow, ehemals Staatssekretär im Bundesinnenministerium, legt sich besonders ins
Zeug. "Amerikaner schreiben das Datum als 9-11 ... Es scheint eher unwahrscheinlich,
dass Ausländer diese Übereinstimmung mit der amerikanischen Notrufnummer
symbolträchtig ausnutzen würden."
Man muss mehrmals lesen, um zu begreifen, dass der Mann tatsächlich meint, was er
sagt: Am 11. September 2001 waren keine Flugzeugentführer am Werk - Die
todbringenden Jets wurden elektronisch manipuliert und von außen ferngesteuert - Im
Pentagon schlug eine Rakete des Typs Cruise Missile ein - Der Einsturz der Twin Towers
war nicht der Urgewalt explodierenden Kerosins geschuldet, sondern durch eine
Parallelzündung versteckter Sprengladungen herbeigeführt. Kurz: wir haben es mit einer
gigantischen Verschwörung amerikanischer Geheimdienste zu tun, die öffentliche
Rachegelüste aufputschen und ihrer Regierung bei der Realisierung längst gefasster
Kriegspläne freie Hand geben wollten. Und es anschließend schafften, die ganze Welt mit
einer fingierten Schuldzuweisung an islamische Terrorgruppen an der Nase
herumzuführen.
Gegen von Bülow anzutreten fällt schwer, weil es so einfach ist. Wie soll man einem Autor
begegnen, der rundum nur Schwachstellen zeigt? Der alles hinterfragt - außer seinen
eigenen, zum großen Teil von Gleichgesinnten ins Internet gestellten Quellen? Und der
nichts zur Kenntnis nimmt, was seine Kreise stört? Schon gar nicht die im September
letzten Jahres von der Al-Quaida-Führung in Interviews abgelegten Tatbekenntnisse Quellen, die in einem Buch der Journalisten Nick Fielding und Yosri Fouda vorgestellt und
auf ihre Echtheit überprüft werden. Befund: positiv. Von Bülow hingegen versteckt sich
hinter einem suggestiven Lamento über die Professionalität von Stimmenimitatoren und
Bildfälschern im Dienste der CDI.
So abstrus die Texte von Verschwörungstheoretikern sein mögen - als Symptom der
geistigen und politischen Verfassung unserer Zeit sind sie aufschlussreich. Nicht nur in
Deutschland greift das Publikum begierig zu. Der Franzose Thierry Meyssan, den Bülow
über weite Strecken kopiert, landete einen in 28 Sprachen übersetzten Bestseller. Und im
Internet hat sich ein kommunikatives Parallel-Universum entwickelt, über dessen
Verbreitung und Attraktivität so gut wie nichts bekannt ist.
Zweifellos fördert die Administration Bush derlei Konjunkturen. Wer Ermittlungsakten unter
Verschluss hält und falsche Fährten legt, darf sich zwar auf die Zwänge polizeilicher
Ermittlungen berufen. Eine aus der Not geborene Lüge aber zur politischen Tugend zu
adeln und mittels ihrer die wahren Hintergründe eines Krieges zu verschleiern, kann nicht
ohne Folgen für den öffentlichen Diskurs bleiben. Es fordert jene heraus, die im Spiel mit
Affekten die Essenz des Politischen sehen und von der unablässigen Dramatisierung des
Verdachts leben.
Andererseits sind Verschwörungstheoretiker nur bedingt auf die Wirren der aktuellen
Politik angewiesen. Bemerkenswert ist nicht, dass sie davon zehren und wohlfeile Anlässe
zu schrillen Kampagnen nutzen. Erklärungsbedürftig ist vielmehr ihre Stehvermögen über
den Tag des Skandals hinaus - der Umstand, dass sie stets aufs Neue aus dem Reservoir
eines allgemeinen Unbehagens schöpfen können. Zu fragen ist mithin, warum eine nur
notdürftig kaschierte Paranoia mit dem Anspruch auf Seriosität auftreten und ihren Platz
im intellektuellen Inventar der Gegenwart finden kann.
Es geht, mit anderen Worten, um die Art und Weise, wie Gesellschaften mit der Erfahrung
des Terrors und der Angst vor nicht steuerbaren Risiken umgehen. Die einschlägigen
Diskussionen haben, forciert durch die Dynamik des Atomzeitalters, eine
unüberschaubare Menge an Literatur hervorgebracht. Markante Spuren sind indes nicht
zurückgeblieben. Grund genug, sich jene Überlegungen in Erinnerung zu rufen, die nach
wie vor Beachtung verdienen ...
... Seine Analyse freilich verheißt nichts Gutes. Denn wo die Angst regiert, so Barber
(Benjamin R. Barber - Imperium der Angst. Die USA und die Neuordnung der Welt. BeckVerlag, München, 2003), werden aus aktiven Bürgern furchtsame Zuschauer. In einer
ebenso profunden wie gut geschriebenen Tour d'horzon durch die Geschichte des Kalten
Krieges bis heute zeigt er den Teufelskreis einer auf den permanenten Ausnahmezustand
eingeschworenen Politik: Wer sich zu Tode ängstigt, ist auch bereit, dem Recht
abzuschwören und Gewalt und Betrug als Mittel zur vermeintlichen Wiederherstellung von
Sicherheit zu akzeptieren. Darin aber liegt paradoxerweise die Erfüllung der von den
Terroristen aller Länder gehegten Erwartungen: die Welt in die Anarchie ihres
besinnungslosen Naturzustandes zurückzubomben.
Wie es scheint, sind Gesellschaftswissenschaftler in der Welt der Literatur und mithin beim
Wesentlichen angekommen. Norman Mailer und Joseph Heller haben vor Jahrzehnten in
"Die Nackten und die Toten" sowie in "Catch 22" den Kreislauf von Gewalt, Streben nach
"absoluter Sicherheit" und Geheimhaltung samt den zugehörigen Psychosen brillant
portraitiert. Und nicht zu vergessen Don DeLillo. Der heimliche Held in "Sieben
Sekunden", ein mit der Aufklärung des Kennedy-Mordes beschäftigter Archivar, scheitert
an seinem Unwillen, die richtigen Fragen zustellen. Endlos mit dem Anhäufen neuer
Fakten befasst, arbeitet er wie die Kameras der in der Nähe seines Büros stationierten
Spionageflugzeuge: Sie sehen alles und erkennen nichts. "Er kann unmöglich aufhören ...
Er hat schließlich eine Geschichte zu schreiben und keine Untersuchung über die Art und
Weise, wie Menschen der Paranoia erliegen". Das aber ist der Sinn der terroristischen Tat:
Aufmerksamkeit zu absorbieren und die Welt des Denkens in einem Ansturm endlos
strömender Bilder zu ersticken. Heißt es in "Mao II".
Bernd Greiner, aus: Anschläge auf das Denken. Über die Praxis von Geheimdiensten und
die Kultur des Verdachts - Wie die jüngste amerikanische Politik Verschwörungstheorien
beflügelt. In: Literaturen. Das Journal für Bücher und Themen. 10/2003 - Oktober 2003
www.literaturen.de
Bernd Greiner ist Historiker und leitet den Arbeitsbereich "Theorie und Geschichte der
Gewalt" am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Die Zeitschrift Mittelweg 36 ist die Zeitschrift des Instituts.
www.mittelweg36.de
2003-11-01
"Was hat die Farbe der Zahnbürste mit Zuwanderung zu tun? Und was die blank
geputzten Schuhe, die keinen Baustaub aufweisen dürfen? Was auch die kleine ChipKarte, ohne die es in der Klinik nicht einmal ein Pflaster gibt? Komische Fragen. Sie
werden sich auch nicht auf der Tagesordnung finden, wenn die Zuwanderungsfachleute
nach Kompromissen suchen. Dabei haben Zahnbürste und Bauarbeiterschuhe einiges mit
ihrem Verhandlungsthema zu tun. Das meint zumindest ein Bündnis von Ausländer- und
Flüchtlingsgruppen, das sich jetzt zu einer "Gesellschaft für Legalisierung"
zusammengeschlossen hat. Mit unterschiedlichen Protestaktionen versuchte das Bündnis
am gestrigen Freitag in Berlin, auf die Lage der illegal in Deutschland lebenden Ausländer
aufmerksam zu machen.
Plakate beim Verdi-Kongress sollten für eine Gewerkschaftsmitgliedschaft der ohne
jegliche rechtliche Absicherung Arbeitenden werben. Protestaktionen vor Großbaustellen
und Kliniken und ein "Heiratskorso" sollten den Blick auf die Rechtlosigkeit und soziale
Notlage der Einwanderer ohne Papiere lenken. Sie müssen sich die Farbe der Zahnbürste
ihrer Gastgeber merken, um nicht als illegale Untermieter oder Scheinehepartner zu
gelten. Sie dürfen in der U-Bahn nicht als Bauarbeiter kenntlich sein, und wenn ihnen der
Lohn für ihre Billigarbeit vorenthalten wird, können sie ihn nicht einklagen. Selbst in akuten
medizinischen Notlagen droht für sie die Hilfe in der Klinikambulanz zum ersten Schritt in
die Abschiebehaft zu werden.
Auf bis zu eine Million Menschen schätzte die Zuwanderungskommission die Zahl der
illegal in Deutschland lebenden Ausländer vor zwei Jahren. Das Gremium unter Leitung
Rita Süssmuths beschäftigte sich intensiv mit dieser Gruppe und diskutierte recht
kontrovers, ob den Illegalen nicht zumindest das Recht auf eine minimale medizinische
und humanitäre Versorgung zugebilligt werden müsse. Am Ende rang sich die
Kommission zu einer Kompromissempfehlung an die Politik durch: Diejenigen, die Illegale
humanitär unterstützen, sollten dafür zumindest nicht mehr strafrechtlich belangt werden.
Darüber hinaus sollten Schulen und Lehrer nicht mehr verpflichtet sein, die Kinder der
Illegalen zu melden.
Schon im rot-grünen Zuwanderungsgesetz tauchten diese Empfehlungen nicht mehr auf.
Das Problem der Illegalen, so lautete damals die Philosophie, werden sich einerseits mit
strengeren Grenzkontrollen und Abschiebemaßnahmen lösen. Andererseits könnten sich
die Illegalen ja über das geplante Auswahlverfahren um legale Einreisehändler heute
beraten, wird der Umgang mit den Illegalen deshalb wieder die große Leerstelle sein - ein
verdrängtes Thema, das allenfalls in TV-Bildern von den Gestrandeten an der
Mittelmeerküste existiert."
Vera Gasserow, aus: Verdrängtes Thema. Über den Umgang mit illegalen Immigranten
wird wieder einmal nicht gesprochen. In: Frankfurter Rundschau 25. Oktober 2003
"Gib mir deine Zunge, stütz dich ab mit dem Fuß,
Drück die Schenkel zusammen und halte mich.
Fall rücklings aufs Bett. An nichts denke ich
Als ans Ficken: Tu's.
Es macht dein harter Schwanz mich ganz konfus!
Wie sehr freut auf ihn die Möse sich!
Auch in meinen Arsch lass ich einstens dich,
Und heil wieder hinaus mit einem Gruss.
Dank dir, Lorenzia, meine süße junge,
Gern dien ich deiner Lust, doch stoss zu,
Stoss wie ein Luder mir die Luft aus der Lunge.
Ich spür, gleich komme ich, und du?
Jetzt, ach gib mir deine Zunge,
Ich sterbe. Und ich mit dir, bist der Grund dazu.
Bist du schon fertig, Bijou?
Jetzt komm ich, mein Liebster, noch einen Hauch.
Jetzt bin ich gekommen. O Gott. Ich auch."
Pietro Arentino,
aus dem Italienischen von Thomas Hettche.
zitiert nach: Ingeborg Harms. Körperbeschwörung. Wie Pietro Aretino und Thomas
Hettche körperliche Sinnlichkeit gegen pornografische Massenware setzen. In: Literaturen.
Das Journal für Bücher und Themen 10/02 2003
Pietro Aretino, Thomas Hettche
Stellungen. Oder vom Anfang und Ende der Pornographie. Italienisch und deutsch. Aus
dem italienischen von Thomas Hettche.
DuMont Verlag, Köln 2003, 118 Seiten, 39,90€
"... Das Ausmaß der ökonomischen und sozialen Ungleichheit auf der Welt ist groß: 85
Prozent des Anteils am Weltsozialprodukt und am Welthandel werden vom reichsten
Fünftel der Weltbevölkerung erbracht; das ärmste Fünftel bringt es gerade auf ca. ein
Prozent am Sozialprodukt und am Welthandel. (...) Dem ökonomischen entspricht auch
annähernd ein ökologisches Nord-Süd-Gefälle bei Ressourcenverbrauch und
Umweltzerstörung: Die Industrieländer (22 Prozent der Weltbevölkerung) haben z.B. einen
Anteil von ca. 70 Prozent am Energieverbrauch und 75 Prozent am Metallverbrauch und
sind mit ca. 70 Prozent an den weltweiten Emissionen des Treibhausgases CO2 beteiligt.
(...) Nun ist das gemeinsame Credo der neoliberalen und neokynesianischen
Denkschulen, dass zur Überwindung der Probleme der Massenarbeitslosigkeit und der
weltweiten Armut ein Wirtschaftswachstum (Bruttoinlandsprodukt) notwendig sei. Natürlich
soll dieses dann "qualitativ", ökologisch verträglich oder sogar "nachhaltig" sein.
Unbestritten ist, dass die Länder des Südens zur Überwindung der Armut ein - möglichst
umweltschonendes - Wachstum ihrer Ökonomien brauchen, auch um den Abstand zum
reichen Norden zu verringern. Unbestritten ist auch, dass der Lebensstil und das
Wohlstandsniveau der reichen Länder nicht das globale Entwicklungsziel sein können, da
ansonsten sehr bald die globalen und regionalen Ökosysteme vor dem Kollaps stünden.
Die Schlussfolgerung aus dieser Überlegung ist so einfach wie grundlegend: Die
ökonomische und soziale Lage von vier Fünfteln der Menschheit kann nicht erheblich
verbessert werden, ohne dass die reichen Länder auf eine weitere Steigerung ihres
Reichtums und Wohlstands verzichten ...
Darüber hinaus ist es allerdings notwendig, auch für einen bescheideneren Lebensstil
(Suffizienz) im reichen Norden zu werben; dafür, dass es mehr Sinn macht, in der Nähe
Urlaub zu machen als in die Ferne zu fliegen, weniger bis kein Fleisch zu essen und mehr
Zeit (Zeitwohlstand) wichtiger zu nehmen als mehr Geld.
Noch einmal: Dies ist kein Appell an die Armen und Arbeitslosen, den Gürtel enger zu
schnallen; vielmehr kann und soll deren materielle Situation verbessert werden durch eine
weitgehende Umverteilung von Einkommen, Vermögen und Arbeitszeit.
Gegen den Abschied vom Wirtschaftswachstum in den reichen Ländern werden zahlreiche
Argumente vorgetragen, u.a. das Standartargument, dass es die Technik schon richten
werden. Im Vertrauen auf die ungeahnten Möglichkeiten einer technischen
Effizienzrevolution seien auch auf Dauer weitere Wachstums- und
Wohlstandssteigerungen möglich. Ein prominenter Vertreter einer solchen Position ist E.U.
von Weizsäcker mit dem eingängigen Slogan vom "Faktor Vier": "doppelter Wohlstand bei
halbiertem Naturverbrauch".
Folgendes sei eingewandt: Die Einkommensschere zwischen dem reichsten und dem
ärmsten Fünftel der Weltbevölkerung klafft bei gleichzeitigem Wachstum der
Weltwirtschaft immer weiter auseinander: Die Kluft beim Pro-Kopf-Einkommen (BSP) hat
sich von 30:1 im Jahr 1960 auf 60:1 in 1990 und 74;1 in 1997 mehr als verdoppelt. Dazu
tragen die Wachstumsgewinne auf Grund der Globalisierungsrunde (Uruguay-Runde,
Abschluss 1994) wesentlich bei: Laut einer Prognose von OECD und Weltbank
partizipieren an dem erwartenden Handelszuwachs infolge der beschlossenen
Handelsliberalisierung die OECD-Wirtschaften zu ca. zwei Dritteln; ein knappes Drittel teilt
sich der "Rest der Welt" ...
... Vor diesem Hintergrund ist es widersinnig und kontraproduktiv, zwei entgegengesetzte
Entwicklungsrichtungen gleichzeitig zu propagieren: einmal eine Reduzierung des
Umweltverbrauchs um den Faktor 10 und zugleich ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum.
Solange das Dogma des Wirtschaftswachstums für die reichen Länder nicht überwunden
ist, wird es sich - samt der dahinter stehenden Lobbyinteressen - im Konfliktfall immer in
den Vordergrund schieben. Die große Aufgabe für die Politik wäre es, den Übergang von
einer Wachstumsökonomie zu einer Gleichgewichtsökonomie ohne Wachstum sozial- und
demokratieverträglich zu gestalten. Insbesondere gilt es, die Überwindung der
Massenarbeitslosigkeit und die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme ohne
Wachstum zu bewältigen.
... Die Geschichte zeigt aber .., dass keine Herrschaftsordnung von Dauer ist und sie alle wenn auch gegebenenfalls nach sehr langer Zeit - an ihren inneren Widersprüchen und
äußeren Widerständen zerbrochen sind.
Kein Grund also, der kapitalistischen Globalisierung Ewigkeitsrang einzuräumen, denn:
Entglobalisierung ist möglich. Dabei geht es um eine Umkehrung der Entwicklungsrichtung
auf eine Binnenorientierung der Wirtschaften, auf die Produkten für kleinräumige Märkte:
lokale, regionale (auch grenzüberschreitende, vgl. Euregio Aachen), nationales Märkte bis
hinzu regionalen Wirtschaftverbünden. Die Überschaubarkeit dieser Zusammenhänge ist
eine wesentliche Voraussetzung für die Sicherung ihrer demokratischen Regulierung ..."
Eckard Stratman-Mertens, aus: Abschied vom Wachstum. Soziale Gerechtigkeit und
Umweltschutz können nicht voneinander getrennt werden. In: Frankfurter Rundschau 17.
Oktober 2003.
Eckhard Stratmann-Mertens war Gründungsmitglied der Grünen, für sie von 1983-1985
und 1987-1990 im Bundestag und in dieser Zeit wirtschafts- und energiepolitischer
Sprecher der Fraktion. 1999 trat er wegen der politischen Entscheidungen der Grünen
zum Kosovo-Krieg aus der Partei aus. Seit zwei Jahren ist er bei Attac aktiv, in der
bundesweiten Arbeitsgruppe Welthandel und WTO.
Der hier gekürzte Beitrag ist dem Buch
Schmidt, Oliver (Herausgeber)
Die neuen Kommandohöhen - Untersuchungen über Globalisierung und Politik.
Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin
ISBN 3-89700-392-9
entnommen.
www.attac.de/awwo
2003-10-30
"Es hat mich nun schon eine Weile niemand mehr gefragt "How many?", wenn ich allein
ein Restaurant betrete. In Asien sind viele Kellner oder Platzanweiser der Ansicht, Frauen
sollten ihre Mahlzeiten nur im Familienverband einnehmen. Eine einzelne Hungrige kann
allenfalls als Vorbotin ihrer Sippe sein. Zumindest müsste sie auf ihren Mann warten.
(Verschärfend kommt hinzu: einem chinesischen Sprichwort zufolge hat jemand, der
alleine isst, in seinem Leben etwas falsch gemacht. Die allein essende Frau ist sozusagen
die Quintessenz alles Falschen.)
Es dauert eine Weile, bis man lernt, auf dieses rituelle "How many?" unter gezielter
Missachtung aller interkulturellen Benimmregeln zu antworten.
Vor solchen Ärgernissen hier zu Lande keine Spur. Die Welt scheint eine Spielwiese für
Frauen, sie sind überall, ob im Singular oder Plural, mit den provokantesten Brillen und
glitzerndsten Zahnspangen. Jede Tür steht ihnen offen (ausser zum türkischen
Männercafé), Frauen haben sich den öffentlichen Raum komplett angeeignet; die
europäische Stadt ist eine Stadt der Frauen.
Und dann ist auch noch die Mode frei wie nie, jede Frau stylt ihr Ego nach Belieben,
überall kühle Individualistinnen, die mit überlangen Schuhen zeigen, auf welch grossem
Fuss sie leben.
So schön ist alles. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die Fassade täuscht.
So sehr ich die wiedergewonnenen kleinen Freiheiten jetzt genieße, so sehr vermisse ich
etwas anderes - Frauen mit Einfluss.
Wie deprimierend ewig-gestrig: Ein paar "Frau-nach-Rau"-Sprechblasen, schon war die
Debatte über eine Bundespräsidentin vorbei. Ganz schlaue Artikel fanden heraus, Frau
Merkel könne nicht für eine Präsidentin (weiblich) sein, wenn sie selbst Kanzlerin (auch
weiblich) werden wolle. In welchem Busch bin ich hier gelandet?
Zur gleichen Zeit waren die Illustrierten voll mit Bildern der ermordeten schwedischen
Aussenministerin. Sind nur tote Frauen gute Frauen? Oder sind die Frauen im Ausland
besser? Oder warum haben wir in Deutschland keine Anna Lindhs (lebend) oder Hillaries
oder Condelezzas?
Vielleicht liegt es daran, dass wir zu wenig Megawatis haben - damit zurück nach Asien:
Megawati ist die Präsidentin Indonesiens, des viertgrößten Landes der Erde. Viele
zweifeln an ihrer politischen Begabung - nur sie selbst zweifelte nie an ihrer Befähigung
zum höchsten Amt. Ist es hier nicht oft umgekehrt: Frauen zögern, zweifeln an sich selbst,
während andere sie sehr wohl für fähig halten?
Ausgerechnet Asiatinnen als Vorbild für Emanzipation? Unser Bild von Asiatinnen ähnelt
verteufelt dem männlichen Traumbild aus dem Exotic-Import Katalog: schön, sanft,
unterwürfig, anpassungsbereit.
Aber sie schossen beim Vietcong, sie mordeten mit Pol Pot, sie zeigten keine Gnade als
Rote Garden.
Sie sitzen als Oppositionsführerin in Gefängnis oder Hausarrest (Burma). Sie werden
Regierungschefin; letzteres am ehesten, wenn sie Musliminnen sind (Bangladesh,
Indonesien, früher Pakistan), aber es gelingt auch auf den stockkatholischen Philippinen.
In Malaysia, überwiegend muslimisch, leitet eine Frau die Zentralbank. Mit einer FotoAusstellung feierten sich dort jüngst die erfolgreichsten Frauen des Landes, Ministerinnen
wie Unternehmerinnen; die meisten trugen übrigens Kopftuch. Eine Kampfpilotin
verunglückte beim Übungsflug, melden die Zeitungen: erstaunlich ist das Unglück, nicht
die Pilotin.
In Asien sind Frauen in nur wenigen Jahrzehnten sehr weit gekommen - eben noch
wurden ihnen Bildung völlig vorenthalten, und schon stellten sie unter den
Universitätsstudenten mancher Länder die Mehrheit.
Ich könnte auch ein ganz anderes Panorama Asiens malen: Es würde krasse
Rechtlosigkeit im privaten und sexuellen Bereich zeigen, Zwangsprostitution,
Frauenhandel, Ausbeutung. Ein Landschaft der Extreme, hier archaische Sitten, dort
verblüffender Fortschritt. Hängt beides zusammen? Muss man noch fühlen, wo man
herkommt, um zu wissen, wo man hinwill?
Nicht selten wohnt unvereinbar Scheinendes (uns unvereinbar Scheinendes) sogar unter
einem Dach: Die Familie ist die letzte Trutzburg des Patriarchats in modernisierten
Gesellschaften; ein im Beruf erfolgreiche Frau lässt zu Hause den Mann bestimmen. Vor
einem Karrieresprung in der Firma wird sie ihren Ehemann um sein Einverständnis bitten;
aber sie lässt keinen Zweifel daran, was sie will.
Asiens Kulturen sehen von weitem oft patriarchalischer aus, als sie tatsächlich sind. Bei
näherem Hinsehen schrumpfen die Männer, die Frauen wachsen. Denn sie wissen sich
zwischen den Widersprüchen zu bewegen, leichtfüßig, zielstrebig - und vor allem
pragmatisch.
Sie spinnen keine Theorie oder Ideologie um Erfolg und Niederlage. Sie stellen ihre
Männer nicht bloß, auch wenn sie wissen, dass sie Trottel sind. Sie zeigen Respekt, auch
wenn sie keinen haben. Sie halsen ihre Kinder bedenkenlos anderen Frauen auf,
Großmüttern oder unterbezahlten Dienstmädchen. Und statt mit verweinten Augen
feministische Literatur zu lesen, gehen sie lieber zur Kosmetikerin.
Und hier? Alles spiegelverkehrt. Von weitem sieht man so viel Freiheit, erst von nahem
den patriarchalischen Feinstrick.
Und mit einem großen Aufwand emanzipatorischer Energie produzieren wir selbst
bescheidene Ergebnisse. Eigentlich tut sich schon seit Jahren nichts, es herrscht ein
träges Emanzipations-Mittelmaß, keine richtig schlimmen Zustände mehr, auch keine
großen Fortschritte. Die Männer wissen immer noch nicht, wie man die Waschmaschine
bedient, die Frauen haben sich damit abgefunden, denn sie haben in langen ergrauenden
Jahren gelernt, wie groß die wortlose Macht der schwarzen Socke in einer Ladung weißer
Spitzen-BHs sein kann und dass es darum völlig sinnlos ist, die Männer in
Erziehungsurlaub zu zwingen.
Und dann kommt ausgerechnet aus dem Land der Ayatollah-Machos diese Schirin Ebadi
in die Nachrichten geweht, die Friedensnobelpreisträgerin: eine gestandene 56-jährige
Kämpferin, professionell, couragiert, selbstbewusst - und wenn sie nicht in Iran dringender
gebraucht würde, hätte man sie glatt fragen können, ob sie hier nicht Bundespräsidentin
werden will.
(Anmerkung DEB: Hier Infos aus Stockholm:
www.nobel.se/peace/laureates/2003/ebadi-bio.html)
P.S. Von unseren kleinen Freiheiten darf folgende nicht unerwähnt bleiben: Nach vier
Jahren Asien hatte ich fast vergessen, wie selbstbewusst Frauen jenseits der
Gebärfähigkeitsgrenze ihren Körper zur Geltung bringen. Im Kino isst der Herr neben mir
Chips, während seine Begleiterin unter leisem Gurren seinen Hosenstall streichelt.
Es gibt Unterschiede zwischen den Kulturen, oh ja."
Charlotte Wiedemann, aus. Zu wenig Megawatis.
In: Frankfurter Rundschau xx. Oktober 2003
"Fragen, die mein Privatleben betreffen, beantworte ich nicht. Fragen über den
Surrealismus, die Surrealisten, ihre Politik langweilen mich. Was mich nicht langweilt, sind
philosophische, psychologische, ja auch in einem weiteren Sinne politische Fragen."
Meret Oppenheim, aus einem Brief vom Spätsommer 1982 an ihren Hamburger Galeristen
Thomas Levy. In: Boshaft entschlossen. Meret Oppenheim in Hamburg von Frank Keil. In:
Frankfurter Rundschau 24. Oktober 2003
Meret Oppenheim lebte einst in Steinen im Wiesental. Als vor einigen Jahren das
Schulzentrum der Schule den Namen Meret-Oppenheims geben wollte, lehnte der
Gemeinderat mit großer Mehrheit ab. Gegen die Namensgebung der Sporthalle hatte der
Gemeinderat nichts einzuwenden - trägt die Halle der Körperertüchtigung doch den
Namen des nationalsozialistischen Heimatpoeten Hermann Burte.
www.hamburg-magazin.de/ku_kg_oppenheim.htm
"Steuerliche Verlustvorträge des Konzerns sind aufgebraucht. Die Gemeinden der großen
Standorte atmen auf. In den Kassen von unter anderem Stuttgart, Bremen, Mannheim und
Sindelfingen klingelt es noch in diesem Jahr unerwartet laut. Denn der Autokonzern
Daimler-Chrysler wird erstmals nach zehn Jahren wieder Gewerbesteuer an die
Gemeinden, in denen er Werke und Niederlassungen unterhält, zahlen ...
Daimler-Chrysler hatte zuletzt 1992 Gewerbesteuer gezahlt. Danach machte das
Unternehmen stets steuerliche Verlustvorträge geltend ..."
Preja/DPA 23. Oktober, aus: "Sterntaler" für Kommunen. Nach zehn Jahren zahlt DaimlerChrysler erstmals Gewerbesteuer. In: Frankfurter Rundschau 24. Oktober 2003
"Bei Entscheidungen über das Wahlrecht von Einwohnern aus Drittstaaten gibt die EUKommission keine Richtlinien vor. Entsprechend uneinheitlich it die Situation. In Belgien,
Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien, Luxemburg und Österreich haben NichtEU-Ausländer kein Wahlrecht. Ein eingeschränktes Stimmrecht existiert in Dänemark,
Finnland, Irland, den Niederlande, Portugal, Spanien, Schweden und Großbritannien.
Spanien und Portugal haben dazu bilaterale Abkommen geschlossen. In England
genießen Einwohner aus dem Commonwealth eine Sonderstellung. In Schweden, den
Niederlanden, Irland und Finnland gilt beim Kommunalwahlen sowohl das aktive als auch
das passive Wahlrecht."
Jörg Reckmann, aus: Stimmrecht für Drittstaatler. In: Frankfurter Rundschau 24. Oktober
2003
"Ruanda hat Schweden hinsichtlich des Anteils von Frauen im Parlament überholt. Bei den
Wahlen im September errangen in dem zentralafrikanischen Kleinstaat weibliche
Kandidaten 48,8 Prozent der Sitze.
Die in Genf ansässige Interparlamentarische Union (IPU), die Kontakte zwischen
Parlamenten souveräner Staaten fördert und in ihrer Arbeit die Menschenrechte betont,
preist das Wahlergebnis von Ruanda. Es sei die nahezu perfekte Verwirklichung des Ziels,
in allen Volksvertretungen einen Gleichstand von Männern und Frauen zu schaffen. Das
langjährige Vorbild Schweden bringt es bloß auf 45,3 Prozent Frauen im Stockholmer
Reichstag ...
Nach den Statistiken der IPU kommen die Frauen im Weltmaßstab derzeit auf 15,2
Prozent der Parlamentssitze - dem höchsten bisher erreichten Stand. Deutschland liegt
mit 32,2 Prozent auf Rang elf.
Länderliste nach weiblichen Abgeordneten in Prozent der Parlamentarier (Unterhaus)
1. Ruanda 48,8
2. Schweden 45,3
3. Dänemark 38,0
4. Finnland 37,5
5. Niederlande 36,7
6. Norwegen 36,4
8. Belgien 35,5
10. Osterreich 33,9
11. Deutschland 32,2
17. Spanien 28,3
20. Schweiz 26,5
50. Großbritannien 17,9
60. USA 14,3
66. Frankreich 12,2
89. Griechenland 8,9
Pierre Simonitsch, aus: Ruandas Parlament bei Frauenanteil vorne. In: Frankfurter
Rundschau 24. Oktober 2003
Die Liste und weitere Informationen über die IPU:
www.ipu.org
"(Zu Kreml will vom Tod durch "Nervengas" im "Nordost" nichts wissen. FR. 23. Oktober
2003)
Leider fällt dieser Beitrag hinter längst Bekanntes zurück. Es stimmt einfach nicht, dass bei
der Aktion "Nervengas" eingesetzt wurde. Dann hätte nämlich niemand überlebt! Es war,
was kurz danach bekannt wurde, ein Narkosegas. Leider erhielten die Geiseln vor Ort
nicht die bei Narkotisierten dringend erforderliche medizinische Versorgung. Statt sie in
Seitenlage zu versetzen und die Atemwege freizuhalten, setzte man sie aufrecht in Busse.
Sie erstickten am Erbrochenen. Als sie in den Krankenhäusern ankamen, war es in vielen
Fällen zu spät. Es ist bedauerlich, dass Ihr Korrespondent in Moskau das widerlegte
Märchen vom "Nervengas" erneut auftischt. Er hätte es besser wissen müssen."
Klaus Matthies, Hamburg
Antwort
Das eingesetzte Gas war kein einfaches Narkosegas, und es ersticken auch längst nicht
alle Geiseln an Erbrochenem. Hätten die FSB-Spezialeinheiten ein übliches Narkosegas
eingesetzt, hätten die behandelten Ärzte nicht ratlos nach Gegenmitteln gesucht. Genau
bekannt wurde nichts. Offiziell gab Russlands Gesundheitsminister Juriy Schewtschenko
am 30. Oktober 2002 nur zu, es habe sich um ein Gas gehandelt, das "auf FentanylDerivaten basierte" - einem Opiat, das dem Militärspezialisten Pawel Felgenhauer zufolge
fünfzigmal wirksamer ist als Heroin. Es hätten sofort 1000 Dosen des Gegengiftes
Naloxon bereitgestanden. Diese Behauptung Schewtschenkos widerspricht den Aussagen
behandelnder Ärzte, die kein Gegengift hatten und stundenlang über den Einsatz des
Gases im Dunkeln gelassen wurden. Ein russischer Ex-General berichtete Felgenhauer
kürzlich, das Gas sei aus zwölf verschiedenen Bestandteilen zusammengemischt worden.
Als Todesursache schrieben die Behörden bei vielen Opfern "terroristischer Akt".
Florian Hassel, FR-Moskau, aus: Dialog. Gas-Gemisch. In: Frankfurter Rundschau 24.
Oktober 2003
2003-10-29
Manuel Vázques Montalban ist tot. Einer meiner Lieblings-Krimiautoren.
"In ihrer Sonntagsausgabe widmet die Zeitung (El Pais, DEB), für die er 23 Jahre
gearbeitet hat, fünf Sonderseiten mit dem Titel: "Die intellektuelle Ikone der spanischen
Demokratie verschwindet.
www.elpais.es/archivo/buscando.html
Am 27. Juni 1939 in bescheidenen Familienverhältnissen geboren, studierte Manuel
Vázques Montalban in Barcelona Philosophie, Literatur und Publizistik. Früh begann er,
sich politisch gegen die Franco-Diktatur zu engagieren, zunächst in der Frente de
Liberación Popular, später in der Kommunistischen Partei Kataloniens. Er trat damit in die
Fußstapfen seines Vaters, einem Linken, der nach dem Ende des Bürgerkriegs ins Exil
geflohen war und nach seiner Rückkehr nach Spanien inhaftiert wurde. Seinen Sohn
lernte er im Gefängnis kennen, als Manuel drei Jahre alt war. 1962 wurde Vázquez
Montalbán nach einer Solidaritätsdemonstration für asturische Minenarbeiter selbst
verhaftet und von einem Militärgericht zu drei Jahren verurteilt. Als man ihn 18 Monate
später begnadigte, wurde er mit einem Ausreise- und Schreibverbot belegt. Vázques
Montalbán arbeitete weiter, im Untergrund.
In einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau im Mai 2001 bezeichnet er sich als
"utopischen Sozialisten", der mit dem Begriff "Kommunist" nicht mehr viel anfangen kann:
"Wir wissen nicht genau, was das heute bedeutet.". Der Partei sei seit 1975, nach dem
Tod des Diktators Franco, die Luft ausgegangen, sagte er. Visionen, die marxistische
Utopie, den Menschen zum Eigentümer seiner Arbeit und seiner Zeit zu machen,
erschienen ihm mittlerweile zu abstrakt. "Man muss eine Defizitliste erstellen, den
Menschen zu essen geben, Gesundheitsversorgung, das muss man erreichen. Man muss
ein Verzeichnis der Bedürfnisse erstellen und versuchen, diese zu befriedigen" ...
Weltweit bekannt wurde der Katalane vor allem mit seinem Detektiv Pepe Carvalho,
Protagonist von mehr als zwanzig seiner Romane. Mit dem früheren CIA-Agenten und ExKommunisten, der seinen Kamin mit Büchern heizt, teilte Vazquez Montalban nicht nur die
ihm eigene Form widerständiger Traurigkeit, sondern auch ausgeprägte kulinarische
Vorlieben. Seine sozialkritischen Krimis mit Seitenhieben auf die spanische Gesellschaft
sind in 24 Sprachen übersetzt worden. Für sein Werk wurde er 1991 mit dem Premio
Nacional de Literatura ausgezeichnet. 1996 erhielt er den Deutschen Krimipreis. Die
Gesamttauflauge seiner Bücher liegt in Spanien bei weit mehr als einer Million
Exemplaren ..."
Karin Ceballos Betancur, aus: Utopie und Bedürfnis. Zum Tod des Schriftstellers Manuel
Vázques Montalban. In: Frankfurter Rundschau 20. Oktober 2003
Bei www.baumert.de/rund ums kochen ist eines dieser famosen Montalban-Rezepte.
2003-10-27
"Warum gibt es in Deutschland so wenig Kinder?
Wenn Paare sehen, dass eine Familie mit vier oder gar fünf Kindern schon fast an der
Armutsgrenze lebt und von den Nachbarn komisch angesehen wird und dass Paare ohne
Kinder verreisen können, wann sie wollen, und sich mit ihrem Einkommen mehr Wünsche
erfüllen können, entscheiden sie sich dagegen, Kinder zu bekommen, oder belassen es
bei einem, höchstens zwei Kindern. Dabei hilft ihnen natürlich auch die
Empfängnisverhütung. Eine mögliche Lösung wäre, mehr Menschen ins Land zu lassen,
die hier arbeiten und Kinder kriegen wollen. Das kann aber nur gut gelingen, wenn diese
Menschen überzeugt sind, dass es ihren Kindern in Deutschland besser gehen wird als
anderswo."
Christoph Biermann, Autor der "Sendung mit der Maus", aus: Die Maus hat's raus, in: DIE
ZEIT, Nr. 43, 16. Oktober 2003
"Uranmunition. Bereits im Zweiten Weltkrieg konzipierten die USA im Rahmen einer toxisradioaktiven Kriegsführung Luftangriffe mit Uran-Aerosolen. Seitdem sind auch die
Gesundheitsgefahren, die von den radioaktiv strahlenden Geschossen ausgehen,
bekannt. Depletet Uranium (DU), zu deutsch abgereichertes Uran, wird benutzt, um
Geschosse zu ummanteln und damit härter zu machen. Verglichen mit konventionellen
Waffen kann DU-Munition eine bis zu doppelt so starke Durchschlagkraft entwickeln und
ist in der Lage, auch schwer gepanzerte Ziele durchzuschlagen. Mehr als 20 Staaten,
vermuten Militärexperten, verfügen über die radioaktiv strahlenden Geschosse, die keine
Nuklearexplosion auslösen, aber aufgrund ihrer Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahre
quasi unbegrenzt strahlen. Folgeschäden sind unter anderem Krebs, eine massive
Schwächung des Immunsystems und Missbildungen durch Genveränderungen."
www.uranwaffenkonferenz.de
Jörg Breinholz, aus: Experten fordern Verbot von Uranmunition. In: Frankfurter
Rundschau, 20. Oktober 2003.
"... Rudi Friedrich von "Connection" forderte ferner den Schutz von
Kriegsdienstverweigerern aus anderen Ländern. In Deutschland werde eine drohende
Bestrafung oder gar Gefährdung wegen einer Verweigerung nicht als Grund anerkannt,
Asyl zu gewähren. Er zitierte aus einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs BadenWürttemberg, nach dem auch "weltanschaulich totalitäre Staaten" das Recht hätten, eine
Wehrpflicht durchzusetzen. Friedrich rief ebenso wie Tobias Pflüger von der
"Informationsstelle Militarisierung" zum Protest gegen die geplante Verfassung der
Europäischen Union auf. Deren Entwurf billige den Einzelstaaten zu, für
Kriegsdienstverweigerung jeweils eigene Regelungen zu treffen. Damit werde auch die
Praxis in Frankreich, Österreich und Spanien gebilligt, wo Soldaten den Kriegsdienst nicht
verweigern dürfen, sagte Friedrich. Pflüger wandte sich scharf gegen den
Verfassungsentwurf. Er sehe das Modell einer international eingesetzten europäischen
Armee vor und enthalte die Verpflichtung der Mitgliedstaaten zur Aufrüstung."
Pitt von Bebenburg, aus: Verweigerer fordern Rechte, in: Frankfurter Rundschau 20.
Oktober 2003
"... Wenn nicht massiv in die Qualität von Ausbildung investiert und kreatives und
kritisches Denken gefördert wird, werden arabische Gesellschaften sich bald
ausschliesslich als "passive Konsumenten" von fremdem Wissen und am "Rand der
nächsten Phase der Menschheitsgeschichte" wiederfinden, heisst ein in dem Bericht, der
am heutigen Montag in der jordanischen Hauptstadt Amman vorgestellt wird. Das von der
UN-Organisation für Entwicklung (UNDP) veröffentlichte Dokument wurde von arabischen
Wissenschaftlern und Intellektuellen erarbeitet.
Der Bericht konzentriert sich auf die "wachsende Wissenskluft" zwischen arabischen
Gesellschaften und dem Rest der Welt. Dies war eines der drei Defizite, die im Bericht des
vergangenen Jahres aufgelistet wurden - hinzu kommen fehlende politische Freiheiten und
die geringe Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben und an der Produktion in
arabischen Ländern.
Als Belege für das dramatische Auseinandertriften des arabischen Raums und dem Rest
der Welt führt der diesjährige Bericht unter anderem die geringe Zahl von Patenten an, die
aus der arabischen Welt angemeldet werden, sowie die niedrige Buchproduktion und die
geringe Zahl von Wissenschaftlern, die in der Forschung arbeiten. Während Jordanien in
den Jahren 1980 bis 2000 in den USA 15 Patente und Ägypten 77 angemeldet hat, kam
Südkorea im gleichen Zeitraum auf 16328 Patentanmeldungen. Während die arabische
Welt fünf Prozent der Weltbevölkerung stellt, kommt sie nur auf 1,1 Prozent der weltweiten
Buchproduktion. 17 Prozent davon seien zudem religiöse Bücher, während diese in
anderen Regionen nur fünf Prozent der Buchproduktion ausmachten. Dies reflektiere den
"Erziehungsprozess", heisst es.
Das Hauptproblem sei dabei die mangelnde Qualität der Wissensvermittlung. Kinder
würden sowohl im Elternhaus als in der Schule zumeist autoritär erzogen. Bereits in
frühester Kindheit lernten sie, "Neugier und Wissensdurst zu unterdrücken". Die
Schulcurricula lehrten Unterwerfung und Gehorsam und verhinderten die Entwicklung
einer "kreativen, innovativen Generation".
Zudem kritisiert der Bericht die weitere Einschränkung von politischen Freiheiten in der
arabischen Welt im Zuge der Bekämpfung des Terrorismus.
Anders als im vergangenen Jahr wagen sich die Autoren auch an das Thema Religion. Sie
machten deutlich, dass nicht der Islam an sich ein Hindernis zur Entwicklung einer
Wissensgesellschaft ist. Aber der Missbrauch der Religion für politische Zwecke "kann
nicht länger toleriert werden" heisst es unmissverständlich. Diese Kritik richtet sich am
islamistische Bewegungen und an autoritäre Regime, die diesen Gruppen oft freie Hand
lassen, um ihre Macht zu sichern."
Andre Nüsse, aus: Eine "wachsende Wissenskluft" lähmt die arabisch Welt. In: Frankfurter
Rundschau 20. Oktober 2003
"Um irgendwann ihre Atommeiler zu entsorgen, haben die AKW-Betreiber E.On, RWE,
EnBw und Vattenfall rund 40 Milliarden Euro steuerfreie Rückstellungen angehäuft. Mit
diesem Geld finanzieren sie derzeit ihre Expansionen. EnBW hat gezeigt, dass dabei auch
enorme Verluste entstehen können. Die Pleite des grössten britischen AtomkraftwerkBetreibers British Energy Ltd. hat bewiesen, dass es durchaus möglich ist, dass AKWBetreiber pleite gehen. Für eine schlechte Konzernführung der British Energy muss nun
der Steuerzahler aufkommen.
Bis heute ist immer noch völlig unklar, ob und wie Atommüll sicher entsorgt werden kann.
Damit das Geld noch da ist, wenn es gebraucht wird, ist es notwendig, die Rückstellungen
für die Entsorgung der alten Meiler von E.On & Co. zu sichern, solange das Geld noch da
ist. Trittins Vorschlag auf dem 12. Atomrechtssymposium zielt aber genau in die andere
Richtung: Er möchte, dass E.On & Co. in Zukunft selbst entscheiden dürfen, wann sie wie
viel Geld für die Atommüllentsorgung ausgeben. Damit verschärft er die durch die
Rückstellungen entstandene Wettbewerbsverzerrung und riskiert, dass das Geld weg ist,
wenn es gebraucht wird. Kann es sein, dass ausgerechnet ein grüner Umweltminister die
AKW-Betreiber fördert? Trittin redet vom Atomausstieg, und garantiert den "ungestörten
Betrieb der Kernkraftwerke" in eben jener Vereinbarung, die der Bevölkerung erfolgreich
als Atomausstieg verkauft wurde.
Redet Trittin vom Energiesparen, so finden wir in der Energieeinsparverordnung (EnEV)
eine Besserstellung der energieverschwendenden Stromheizung, damit E.On & Co. nicht
ihre Kunden verlieren. Redet Trittin von der ökologischen Steuerreform, so finden wir bei
der Ökosteuer eine Subventionierung des nächtlichen Atomstroms für
Nachtspeicherheizungen, wieder aus dem selben Grund. Redet Trittin von
Effizienzsteigerung in der Stromerzeugung, so müssen wir feststellen, dass die besonders
effizienten Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) in seiner Amtszeit dezimiert
worden sind, ebenfalls zur Freude von E.On & Co.
Und wenn Herr Trittin von Verantwortung für "deutschen" Atommüll spricht, so müssen wir
feststellen, dass schon heute ein grosser Anteil des "deutschen" Atommülls in Form von
Uranabfällen und getarnt als "Wertstoff" in Russland entsorgt wird. Die Atommülltransporte
nach Russland lösen nicht das Problem der Entsorgung von Atommüll, genauso wenig wie
die Atommülltransporte nach Gorleben. Um die Proteste gegen Atommülltransporte zu
verniedlichen nennt Herr Trittin sie "traditionelle winterliche Castor-Umzüge". Am 11.
November dieses Jahres wird es wsieder mit Trittins Segen einen traditionellen
winterlichen Castor-Umzug zum Endlagerstandort Gorleben geben."
FR-Leser Alexander Sasse, Marburg, zu Trittins Rede auf dem 12. Atomrechtssymposium
(FR. 11. Oktober 2003), in: Frankfurter Rundschau 17. Oktober 2003
"... er konkrete Bezug, den ich aus Platzgründen nicht explizit anspreche, ist das
chilenische Krankenkassenmodell, das ebenfalls im Versuch gescheitert ist, öffentliche
und private Krankenkassenversicherungen in einen funktionierenden Wettbewerb zu
zwingen, und das unter der Pinochet-Diktatur und ohne Rücksicht auf sozialpolitische
Verluste. Gerade vor dem Hintergrund der Gesundheitsreformen und ihrer Folgen in
anderen Ländern lässt mich die hiesige aktuelle Debatte immer wieder erschrecken. Wenn
unsere gewachsenen und vor allem bewährten sozialen Sicherungssysteme mit
wachsender Begeisterung als "nicht mehr zeitgemäss" bezeichnet und dringend ihre
Modernisierung bzw. nun auch "Justierung" angemahnt werden, dann ist in der Tat Gefahr
in Verzug."
Jens Holst, FR-Autor in Berlin, aus: Dialog. In: Frankfurter Rundschau 17. Oktober 2003
"... Doch das Bild beginnt sich zu ändern, die Identifikation bröckelt. Vor einigen Wochen
erklärten 27 israelische Kampfpiloten ihre Weigerung, weitere Einsätze zu fliegen, die
Zivilisten gefährden könnten. Dies leitete eine stürmische Runde öffentlicher Debatte ein,
bei der es darum ging, ob individuelle Entscheidungsfreiheit in Kriegszeiten nicht nur
möglich, sondern auch nötig sei. Der Anstoss kam nicht von den "üblichen Verdächtigen",
sondern von der Elite des Landes, der Elite der Armee, den Kampfpiloten. Der
Öffentlichkeit blieb nichts anderes übrig, als ihnen zuzuhören.
... Kaum ist die Aufregung über den den Pilotenbrief vorbei, wird die israelische
Öffentlichkeit mit einer politischen Initiative von Teilen der Opposition konfrontiert. Der
"Genfer Plan" rückt ins Zentrum der Diskussion. Vermittelt durch die Schweizer Regierung,
trafen sich letzte Woche ehemalige Minister beider Seiten, um das Mantra der israelischen
Regierung, dass es keinen Verhandlungspartner gebe, zu durchbrechen. Das
entsprechende Abkommen soll im November unterschrieben werden und bietet eine
Alternative zum Nahost-Friedensplan, unter anderem auch deshalb, weil die Initiative von
den Beteiligten selbst ausgearbeitet wurde.
... Denn gerade in der letzten Zeit ist die Zwei-Staaten-Lösung, die separate souveräne
Staaten vorsieht, völlig in den Hintergrund getreten. Der binationale Staat, einstmals
Traum der Linken, wurde zum immer wahrscheinlicheren Modell: zu viele Siedler und
Siedlungen, der Grenzzaun, tief im palästinensischen Territorium, der ständige Terror und
die Kompromisslosigkeit der israelischen Regierung - all dies hat die Zwei-Staaten-Lösung
immer unwahrscheinlicher werden lassen.
Auch auf palästinensischer Seite gibt es mehr und mehr Stimmen, die auf die
"demographische Waffe" setzen: Bald werden die Palästinenser zwischen Jordan und
Mittelmeer in der Mehrheit sein, und wenn Israel darauf besteht, die Gebiete weiterhin
unter seiner Kontrolle zu halten, wird diese nur durch Repression und Diskriminierung
möglich sein. Das aber hat in einer Welt der globalen Moral keine Zukunft. Mit den
besetzten Gebieten kann der Traum eines jüdischen Staates nicht mehr aufrechterhalten
werden - der moralische, politische und wirtschaftliche Preis dafür ist zu hoch.
Vor diesem Hintergrund versucht der Genfer Plan, neue Perspektiven zu entwickeln. Sein
Hauptanliegen ist die Teilung, auch die Teilung Jerusalems. Die meisten Siedlungen
sollen geräumt werden, die Palästinenser auf ihr Rückkehrrecht verzichten; von einigen
Ausnahmen abgesehen. Die Palästinenser sollen Israel in den Grenzen von vor 1967 (mit
einigen Korrekturen) als die souveräne Heimstatt des jüdischen Folkes anerkennten, was
bis heute noch nicht wirklich geschehen ist.
... Ehtno-nationale Staaten mögen zwar im globalen, multikulturellen Zeitalter ein
Anachronismus sein. Doch in Regionen, in denen sich ethno-nationale Gruppen eben
wegen ihres Ethnos noch ermorden wollen, ist es in erster Linie angebracht, für die
Souveränität und Sicherheit dieser Gruppen zu sorgen, ganz gleich, ob dies
anachronistisch ist oder nicht. Nach einer Periode der Sicherheit können die Grenzen sich
dann öffnen und an Relevanz verlieren. Man soll jedoch nicht glauben, dass der Nahe
Osten im grossen Sprung zum vereinten Europa werden kann ..."
Nathan Sznaider, aus: Abschied vom Mantra. Die israelische Linke meldet sich zurück eine neue israelische-palästinensische Initiative könnte den Friedensprozess wieder in
Fahrt bringen. In: Frankfurter Rundschau 17.Oktober 2003
Der Autor ist Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv.
"Rund 120 Millionen Chinesen leiden nach offiziellen Zahlen Hunger ..."
kna, in: Frankfurter Rundschau 17. Oktober 2003
"...
Zeit: Ist die Kopfprämie, bei der jeder Bürger 260 Euro für die Krankenversicherung
bezahlen muss, der neue Kurs der CDU? Ist dies tatsächlich eine politische Wende?
Heiner Geissler: Es ist keine Wende. Es ist nur eine Intensivierung eines schon
eingeschlagenen Weges - in die falsche Richtung. Der kommende Bundestagswahlkampf
wird geführt werden zwischen einer Bürgerversicherung der SPD und Grünen und dem
Prämienmodell der CDU mit einer exorbitant hohen Belastung der kleinen und mittleren
Einkommen, verbunden mit einem bürokratischen Refinanzierungsprogramm. Diese
Auseinandersetzung wird die CDU verlieren. Ich verstehe was von Wahlkämpfen. Das
Prämienmodell können Sie nie richtig darstellen. Man kann es auf Parteitagen feiern. Aber
eine Mehrheit der Bevölkerung werden wir dadurch nicht gewinnen.
ZEIT: So einig ist sich die SPD ja auch noch nicht.
Heiner Geissler: Die Bürgerversicherung wird sich bei denen durchsetzen. Ich warne aber
die CDU vor Thatcherismus. Wenn Angela Merkel eine zweite Maggie Thatcher werden
will, soll sie sich das dreimal überlegen und das Ende dieser Frau bedenken. Diejenigen in
der CDU, die den Thatcherismus für richtig halten, haben sich zumindest bei der
Krankenversicherung versucht durchzusetzen. Aber der Thatcherismus hat über
Grossbritannien im Wesentlichen Elend gebracht: geringste Produktivität, entgleiste
Eisenbahnen und zusammengestürzte U-Bahn-Schächte aufgrund der
Privatisierungsorgie: dafür eine Steigerung der Zahl der Sozialhilfeempfänger um 60
Prozent.
...
ZEIT: Wieso ist die Herzog-Kopfprämie neoliberal? Sie gibt doch geringen Einkommen
einen steuerfinanzierten Ausgleich.
Heiner Geissler: Das ist richtig. Mich wundert nur, dass alle neoliberalen Entbürokratisierer
ein solches bürokratisches Monster auch noch als eine Zeitenwende feiern. Erst wird den
Leuten mit exorbitant hohen Prämien das Geld aus der Tasche geholt, und dann werden
offenbar Beamte eingestellt, die dafür sorgen sollen, dass Geld in dieselben Taschen
wieder zurückfliesst, aus denen es vorher herausgeholt wird.
ZEIT: Sie nennen das Herzog-Modell unsozial und bürokratisch. Sind das ihre
Hauptvorwürfe?
Heiner Geissler: Es fehlt der Mut zu erkennen, dass wir unser demografisches Problem
überhaupt nur einigermassen lösen können durch eine gesteuerte Zuwanderung. Da
schalten sich die beiden grossen Parteien aus, vor allem aber die CDU. Sie geht von einer
Nettozuwanderung von 100 000 aus und verschweigt die mit dem dramatischen Rückgang
der Erwerbsbevölkerung verbundenen ökonomischen Probleme: Rückgang der
Binnennachfrage, Entwertung des Grundstücks- und Wohnungseigentums, das als
Sicherheit für den Kapitalmarkt verloren geht. Und dann will man mit Kapitaldeckung den
demografischen Wandel beantworten. Beide Parteien sollten endlich den Mut haben, dem
Volk die Wahrheit zu sagen, dass wir nämlich eine wesentlich höhere Zuwanderung
brauchen, netto ungefähr 350 000 pro Jahr. Darauf muss man ein Volk vorbereiten...
Privatversicherung ist gut, aber als ergänzende Sicherung. Mann kann nicht einen
Industriestaat mit 82 Millionen Einwohnern und über 50 Millionen Erwerbstätigen in zwei
wichtigen Versicherungszweigen auf einen Kapitalstock verweisen. Wir müssen eine
Situation wie in Amerika vermeiden, wo Millionen von Menschen um ihre Pensionen
betrogen worden sind. Der Vorschlag der CDU ist ein Versicherungssystem nach Art eines
russischen Rouletts, bei dem die Leute darauf warten können, bis es zum nächsten Crash,
zum nächsten Einbruch der Aktienkurse kommt. Sie können doch heute dem normalen
Menschen nicht mehr weismachen, das er in Zukunft seine Krankenversicherung und
seine Pflegeversicherung durch Aktien sichern soll ..."
Heiner Geissler, im Interview mit Klaus Hartung und Jutta Hoffritz, aus: "Die CDU wird den
Wahlkampf verlieren". In: Die Zeit, Nr. 43
16. Oktober 2003
"Noch anstössiger ist die These des Aufsatzes über THE LIVES OF ANIMALS. Über das
Schlachten von Tieren zu Essenszwecken ist hier zu lesen: "Rings um uns herrscht ein
System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das sich mit allem messen
kann, wozu das Dritte Reich fähig war, ja es noch in den Schatten stellt, weil unser System
kein Ende kennt, sich selbst regeneriert, unaufhörlich Kaninchen, Ratten, Geflügel, Vieh
für das Messen des Schlächters auf die Welt bringt" ..."
Andreas Isenschmid, aus: Coetzee und das jüngste Gericht. In seiner neuen
essayistischen Erzählung "Lessons" übt der Nobelpreisträger eine abgründige
Kulturkritik.In: Die Zeit, Nr.43, 16. Oktober 2003
J.M. Coetzee: Elizabeth Costello
Eight Lessons: Secker & Warburg, London 2003
"... Die Zumutung an die Kinder ist: Ihr müsst euch selbst ein Urteil bilden. Das darf ich
ihnen aber nur abverlangen, wenn ich den Kindern selbst vorlebe, wie man mit Problemen
fertig wird, in einer ambivalenten Welt, deren Folgen nicht absehbar sind. Das ist eine
wichtigere Aufgabe, als zu belehren, welches die richtige Lösung ist.
... Ohne meine Geschwister ist meine Kindheit vollkommen undenkbar! Mir fehlt wirklich
jegliche Angst vor einem Kind. Die haben Erwachsene, sie geben es nur nicht zu. Die
Vitalität der Kinder, die Unberechenbarkeit, die Angst, ihre Liebe zu verlieren - lauter
verdeckte Angstmomente beim Erwachsenen.
ZEIT: Können sich deshalb viele junge Menschen nicht für Kinder entscheiden?
Hartmut von Hentig: Sind diese jungen Menschen nicht schon Produkt der Kinderarmut?
Sie sind Einzelkinder, haben Konflikte mit den Eltern gehabt, das war alles nicht so schön,
sie kommen zum Schluss: Das wollen wir uns lieber nicht zumuten. Es ist ein Problem,
dass sich selbst hervorbringt. Wenn Kinder nicht gezeugt werden, dann erzeugt sich auch
nicht die Wahrnehmung, wie selbstverständlich und schön das ist mit Kindern. Ich habe
keine rechtsgebende Gewalt, aber ich würde doch ein Recht auf Geschwister unbedingt in
die Grosse Charta der Rechte der Kinder einsetzen. Einen Anspruch auf Geschwister!"
Harmut von Hentig, DER deutsche Reformpädagoge (Laborschule Bielefeld), 78,
aus: Keine Angst vor Kindern, Gespräch, in: DIE ZEIT Nr. 42. 9. Oktober 2003
2003-10-24
Reporter ohne Grenzen hat die Rangliste der Pressefreiheit in 164 Staaten veröffentlicht.
Deutschland liegt an achter Stelle, die ersten Plätze haben Finnland, Island, Norwegen
und die Niederlande mit der Note 0,5. Kuba mit der Note 97,83 und Nordkorea mit der
Note 99,5 landen auf den beiden letzten Plätzen.
www.reporter-ohne-grenzen.de/cont_dateien/indpres.php
"Paulo Ceolho me la chupo" Aufschrift des T-Shirts des kolumbianischen Autors Efraim
Medina Reyes bei Interviews.
Für Nicht-spanisch-kundige: "Paulo Coelho hat mir einen geblasen".
nach Karil Ceballos Betancour, aus: Pistolereos am Wegkreuz. Garcia Marquez in der
Kritik, in: Frankfurter Rundschau 21. Oktober 2003
"Wie wirbt man für eine zukunftsfähige Welt? Welche Botschaften und Bilder können
Menschen für mehr Nachhaltigkeit begeistern?
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat zum Ideenwettbewerb "blick auf morgen"
eingeladen. Schüler, Auszubildende und Studenten waren gefragt Postkarten zu
entwerfen, die zeigen, was die Welt von heute braucht, um morgen zu bestehen.
Den ersten Preis in der Kategorie Auszubildende erhielten Verena Borchers, Juesfina da
Rocha Silva, Anna Weidenbauch, Tanja Schmidt und Vannesa Decker, Auszubildende zur
Mediengestalterin, Albrecht-Dürer-Schule, Duesseldorf."
Aus: Werbung des Rats für nachhaltige Entwicklung, in: Frankfurter Rundschau, 18.
Oktober 2003
Link
Robert De Niros Prostatakrebs verdanken wir den Hinweis auf die Filmdatenbank
www.imdb.com (nach FR 23. Oktober 2003)
Und von Günter Peus erfahren wir in der FR vom 21. Oktober 2003 (aus: Weiche Wut in
Hannover - Niki de Saint Phalles Schenkung)
dass die im Jahr 2000 gestorbene Niki de Saint Phalle am Lungentod starb:
"Ausdünstungen des giftigen Werkstoffs Polyester hatten ihre Lunge zerstört".
Wie lebend sie in ihren Werken ist, ist auch zu sehen im wunderbaren Tinguely-Museum
in Basel.
www.tinguely.ch/deutsch/MUSEUM/col/collection.html
www.tinguely.ch/deutsch/MUSEUM/bio/fot15.html
Norbert Blüms Hinweis bei Johannes B. Kerner (Wiederholung, 3-Sat, 24. Oktober 2003) in seiner Argumentation gegen die Kopfpauschale der Herzogkommission - verdanke ich
einen Blick auf Aristoteles:
Aristoteles
Politik VI,2,1317a
Grundlage der demokratischen Staatsform ist die Freiheit. Man pflegt nämlich zu
behaupten, dass die Menschen nur in dieser Staatsform an der Freiheit teilhaben, und
erklärt, dass danach jede Demokratie strebe. Zur Freiheit gehört aber erstens, dass man
abwechselnd regiert und regiert wird. Denn die demokratische Gerechtigkeit besteht darin,
dass man nicht der Würde, sondern der Zahl nach die Gleichheit walten lässt, wo diese
Gerechtigkeit herrscht, da muss die Menge Herr sein, und was die Mehrzahl billigt, das
muss das Gültige und das Gerechte sein. Man sagt nämlich, es sei gerecht, dass jeder
Bürger das Gleiche habe. So sind denn in den Demokratien die Armen mächtiger als die
Reichen. Denn sie sind zahlreicher, und maßgebend ist die Meinung der Mehrzahl. Dies
also ist das eine Zeichen der Demokratie, das alle Demokraten als Wesenszug dieser
Verfassung angeben. Ein anderes ist, dass man leben kann, wie man will. Sie sagen,
eben dies sei die Leistung der Demokratie; denn nicht zu leben, wie man wolle, sei
charakteristisch für Sklaven. Dies also ist die zweite Eigenschaft der Demokratie. Von da
her kommt denn, dass man sich nicht regieren lässt, am besten von überhaupt
niemandem, oder dann doch nur abwechslungsweise. Auch dies trägt also zur Freiheit im
Sinne der Gleichheit bei.
Da nun dies vorausgesetzt wird und dies die Regierungsform ist, so ergibt sich das
Folgende als demokratisch: Alle Ämter werden aus allen besetzt, alle herrschen über
jeden und jeder abwechslungsweise über alle. Ferner werden die Ämter durchs Los
besetzt, entweder alle oder doch jene, die nicht der Erfahrung und Kenntnisse bedürfen.
Von der Vermögenseinschätzung hängen die Ämter entweder überhaupt nicht oder nur zu
einem minimalen Grade ab. Keiner darf ein Amt zweimal bekleiden, oder nur wenige Male
oder in wenigen Fällen, abgesehen von den Kriegsämtern. Die Ämter sind alle kurzfristig,
oder doch alle, bei denen es möglich ist. Richter sind alle und können aus allen
entnommen werden und richten über alles oder doch über das Meiste, Größte und
Bedeutendste, wie über Rechenschaftsablagen, Verfassungsfragen und Privatverträge.
Die Volksversammlung entscheidet über alles oder doch das Wichtigste, die Behörden
dagegen über nichts oder nur ganz weniges. Von den Behörden ist der Rat das
demokratischste, dort jedenfalls, wo nicht reichliches Taggeld für jeden zur Verfügung
steht. Wo aber dies der Fall ist, da werden auch dieser Behörde die Kompetenzen
entzogen. Denn wo eine Volksversammlung in der Lage ist, reichliche Taggelder zu
geben, da zieht sie alle Entscheidungen an sich, wie wir schon in der vorangehenden
Untersuchung gesagt haben. Ferner werden Taggelder gewährt für alles, wenn möglich
(für Volksversammlung, Gerichte, Behörden), oder doch wenigstens für Behörden,
Gerichte, Rat und die wichtigen Volksversammlungen oder doch diejenigen Behörden, die
zusammen zu speisen haben.
Wenn ferner die Oligarchie durch Adel, Reichtum, und Bildung charakterisiert wird, so
scheint die Demokratie von alledem das Gegenteil sein, Unadligkeit, Armut, Unbildung.
Bei den Ämtern gilt, dass keines lebenslänglich sein darf. Bleibt aber ein solches aus
einem früheren Zustand übrig, so wird seine Kompetenz beschränkt und aus der Wahl
eine Auslosung gemacht.
Dies sind also die gemeinsamen Eigenschaften aller Demokratien. Aus der Gerechtigkeit,
die anerkanntermaßen als demokratisch gilt (nämlich dass alle der Zahl nach dasselbe
haben), entspringt eben jene Verfassung, die am meisten demokratisch und volkstümlich
zu sein scheint. Denn die Gleichheit besteht darin, dass Arme und Reiche in gleicher
Weise regieren, dass nicht Einzelne allein entscheiden, sondern alle gleichmäßig ihrer
Zahl nach. So - meint man wohl - sei für die Verfassung die Gleichheit und Freiheit
garantiert.
http://user.cs.tu-berlin.de/~ohherde/aristot.htm
Puh, das reicht für Heute - ne Menge Sprengstoff haben die alten Philosophen auf Lager gültig auch noch 2050 nach Christus. Was wir von den Ideen unserer Politiker weniger
sagen können.
2003-10-23
"Der "Kulturpreis Deutsche Sprache" besteht aus drei Preisen. Neben dem "Jakob-GrimmPreis" und einem "Initiativpreis" verleiht die Jury auch einen "Institutionenpreis", der u.a.
auch an Unternehmen verliehen wird, die sich um die deutsche Sprache verdient machen.
Manufactum erhielt diesen - undotierten - Preis für die Sprache, in der der Katalog sich
vom werblichen "Denglisch" abhebt. "Manufactum ist der weiße Raabe auf dem Markt und
wir verleihen diesem Unternehmen den Preis um diese Leistung zu würdigen mit der
Hoffnung, daß dies ein Beispiel auch für andere Unternehmen wird" begründete dies Prof.
Meyer, Vorsitzender der Jury diesen Preis.
In seiner Erwiderung auf die Laudatio bedankte sich Andrea Arcais für den Preis:
"[...] Das ist Werbung, unser Alltagsgeschäft. Werbung wiederum ist - eine Platitüde Kommunikation, und die zielt auf Verständnis. Selbstverständlich für uns und einfach
"zweckgerecht", dass wir uns dabei erstens einer differenzierten Sprache bedienen und
zweitens der Sprache unserer Kunden: also gegenüber unseren deutschen Kunden in
deutscher Sprache schreiben.
Wenn Sie diese Selbstverständlichkeit für "preiswürdig" halten, dann spricht das in
unseren Augen weniger für uns, sondern vielmehr gegen das Treiben der
Werbungstreibenden um uns herum. Und das ist in der Tat höchst merkwürdig - und
eigentlich, das wird sich bald erweisen, lächerlich und vor allen Dingen kontraproduktiv.
Aber: Sprachschützer und Kulturkritiker kultivieren sehr oft das prekäre Gefühl, auf einem
absteigenden Ast zu sitzen.
Ich finde diese Lage unbehaglich und möchte sie auch gedanklich nicht einnehmen. Ich
meine: Wir stehen auf festem Boden. Die Kultursprache Deutsch het mehr überstanden
als die Torheiten des heutigen Werberummels. Und es muß ganz offensichtlich schlecht
um eine demonstrative Haltung der "weltläufigen Modernität" bestellt sein, die meint, ein
sprachliches Gestammel zu ihrem Erkennungszeichen wählen zu müssen. Also statt
Wehklage: Spott, und statt Jammer: Anders machen. Wir tun das auch in Zukunft. [...]""
Manufactum, aus: Manufactum Rundbrief Nr. 3
http://www.manufactum.de
"... Als der Kesselwagen vollkommen leer ist, haben einige Hundert von den 150 000
Menschen auf dem Plateau ein paar hastige Schlucke getrunken. Die nicht an die Reihe
kamen, stehen flehend und weinend hinter dem Stacheldraht. Alle sind vor Erschöpfung
wie betäubt. Ich bin klitschnass und zittre.
Als ich auf diese Weise das erste Mal Zeugin der extremsten Folgen des Prinzips der
Nichteinmischung der UN werde, bin ich wütend. Auf die Blauhelme. Wir beobachten, wie
eine Gruppe Flüchtlinge, etwa ein halbes Dutzend, sich aus der Menschenmenge löst und
sich ins Tal aus dem Staub macht. Sie versuchen, sich der Einkesselung zu entziehen!
Das Knattern der Gewehre folgt auf dem Fusse. Wir sehen die Flüchtlinge hinfallen. Tot.
Ihre Körper rollen, über die Felsen kullernd, bis zur Talsohle hinunter und bleiben vor den
niedergetrampelten Hütten liegen ...
Sechs Stunden später ist vor den Toren alles still. Die Regierungstruppen haben in dem
Chaos Panik gekriegt und mehrer Stunden lang die Menge mit Mörsern und Granaten
beschossen. Wir können nichts weiter tun als Leichen wegschleppen. Mit blossen Händen,
weil wir keine Handschuhe haben.
Der Parkplatz ist unter einer Schicht von Leibern verschwunden, von denen einige weinen
und stöhnen, andere totenstill daliegen. Zwischen den reglosen Menschenbergen an der
Mauer sehe ich mehrere Kinder, deren Gesichter mir bekannt sind: Kinder, die ich selbst
heute morgen aus dem Schlafsaal auf den Parkplatz geschleppt habe ...
Auf dem Parkplatz fragt der ruandische Präsident Captain Francis mit sorgenvollem
Interesse, wie viele Opfer es seiner Meinung nach gegeben habe. Der Sambier
unternimmt eine vorsichtige Schätzung und sagt 4000. Die Zahl passt dem Präsidenten
nicht.
"Mir scheint, Sie übertreiben", sagt er kalt. Er neigt eher dazu, die Zahl 300 zu
akzeptieren, die ihm seine Soldaten genannt haben ...
Später höre ich dass es der UN gelungen ist, Captain Francis lebend aus Ruanda
herauszuschmuggeln. Wegen seiner Schätzung von 4000 Toten wurde er beschuldigt,
den Namen Ruandas beschmutzt zu haben. Er hatte Morddrohungen erhalten.
Ich überlasse die Operation "Retour" der UN ihrem Schicksal, fahre heim nach Holland
und kaufe mir eine Zeitung ..."
Linda Pohlmann, aus: Wir taten nichts. Die Uno in Ruanda und das Prinzip der
Nichteinmischung, in:
Lettre International Herbst 2003
"... Die Militärs stellten diese standrechtlichen Hinrichtungen offiziell als "eine
Spezialoperation im Zusammenhang mit der Gefangennahme des verschwundenen
Chattab" dar. Diese Operation endet mit sechs Zivilistengräbern auf drei Landfriedhöfen
und mit 28 verwaisten Kindern. Doch über die Gefangennahme oder Liquidierung
Chattabs wurde nichts bekannt ...
Niemand - weder der tschetschenische Ministerpräsident Stanislav Iljassow noch
Präsident Achmat-Cahdschi Kadyrow, ja nicht einmal ihre Stellvertreter und Helfershelfer,
die sich hinter dem hohen Zaun des Verwaltungsgebäudes in Grosny verschanzt haben hat sich nach der Gruppenhinrichtung vom 11. Janaur 2002 in Schatoi blicken lassen.
Niemand, und das, obwohl dieser Vorfall ganz beispiellos ist ..."
Anna Politkowskaja, aus: Operation Schatoi. Tschetschenien - von Schrecken und
Schande eines Krieges. In: Lettre International, Herbst 2003
2003-10-21
"Der Plan klingt so abenteuerlich, dass man ihn nicht einmal der FDP zugetraut hätte: Ein
Drittel aller Leistungen wird aus dem gesetzlichen Gesundheitssystem ausgegrenzt. Jedes
Kassenmitglied muss dafür durchschnittlich 800 Euro im Jahr extra bezahlen. Trotzdem
steigen die Arbeitnehmerbeiträge weiter. Auf diese Rosskur folgt 2013 die
Totalamputation: AOK, Barmer & Co. werden praktisch abgeschafft. Alle Bürger müssen
sich privat für den Krankheitsfall versichern - mit Beiträgen ("Kopfprämien"), die sich nicht
mehr am Gehalt orientieren.
Mit atemberaubendem Tempo hat sich die CDU-Chefin Angelika Merkel diesen wahrlich
radikalen Vorschlag der Herzog-Kommission zu Eigen gemacht. Innerhalb weniger
Wochen will sie nun die Basis auf das Vorhaben einschwören. Gemessen an der
Zumutung fällt der Protest bislang eher verhalten aus. Zwar melden sich entsetzte
Sozialpolitiker zu Wort. Auch geht die CSU auf Distanz zur grossen Schwester. Doch von
öffentlicher Empörung ist kaum etwas zu spüren. Im Gegenteil: Leitartikler, die wenig von
der Materie, aber einiges von politischen Stimmungen verstehen, loben Mut und
Durchsetzungskraft der Angela Merkel.
Weite Teile der Bevölkerung haben offenbar noch nicht verstanden, was die HerzogVorschläge wirklich bedeuten. Das kann angesichts der komplizierten Thematik und der
verwirrenden Inflation von Reformvorschlägen kaum verwundern: "Mehr Wettbewerb" und
"Eigenverantwortung" - da hört man kaum noch hin. Und "Kopfprämien" - will das nicht
auch Regierungsberater Rürupp? Herzog sei ein bisschen mehr von der falschen Medizin,
die Rot-Grün bereits verabreiche, zucken selbst führende Gewerkschafter die Schultern.
Ein fataler Irrtum.
Der Ruck, den der Altbundespräsident anmahnt, zielt nämlich auf die komplette
Sprengung des wohl wichtigsten Solidarsystems der Republik. Bislang herrscht hier zu
Lande Einvernehmen, dass das Risiko ernster Erkrankungen, die den Einzelnen in
Existenznöte stürzen können, gemeinsam abgesichert werden muss: Im derzeitigen
Umlagesystem zahlen Junge für Alte, Gesunde für Kranke und Reiche für Arme. Alles das
soll künftig nicht mehr gelten. Bei Herzog zahlt der 50-jährige Vorstandschef so viel wie
sein gleichaltriger Chauffeur. Doch damit nicht genug: Die CDU-Spitze will die Vorsorge,
im Unterschied zu Rürupp, komplett auf das Kapitaldeckungssystem der privaten
Krankenversicherung (PKV) umstellen. Jeder Bürger müsste also für sein individuelles
Krankheitsrisiko selbst ansparen.
Einen derart abrupten Systemwechsel hat nicht einmal die PKV-Lobby gefordert. Einzig
der Branchenriese Allianz bastelt an einem Kopfprämien-Modell. Der Umstieg würde für
betagte Versicherte aber extrem teuer, weil sich die Beiträge in dem Ansparsystem nach
dem Einstiegsalter bemessen. Um dies abzufedern, wären gigantische Geldtransfers
erforderlich. Dies sei kaum bezahlbar, gestand die Allianz kürzlich ein und fordert seither
einen stufenweisen Übergang.
Die Assekuranzmanager verstehen etwas von ihrem Geschäft. Bei den ideologisch
motivierten Verfassern des Herzog-Reports muss das bezweifelt werden. Gerade mal 34
dürre Zeilen ist ihnen der Systemwechsel wert. Vordergründig bieten sie Lösungen für
zwei Probleme: Ein über zehn Jahre aufgebauter Kapitalstock könnte die Anfangsprämien
für alle Altersgruppen bei 260 Euro im Monat deckeln. Geringverdiener, die derzeit
deutlich weniger abführen müssen, sollen vom Staat einen Ausgleich erhalten.
Schon diese beiden Ideen sind fragwürdig. Der Kapitalstock würde nämlich nur eine
vergleichbare Belastung der Altersgruppen zum Zeitpunkt der Umstellung garantieren. Die
Kosten des medizinischen Fortschritts sind bei den Tarifen aber nicht einkalkuliert. Schon
bald dürften die Senioren daher erheblich stärker zur Kasse gebeten werden, als die
Jungen. Und für den Sozialausgleich wären jedes Jahr 27 Milliarden Euro erforderlich. Wo
das Geld herkommen soll, lässt die Kommission offen. Wie lange diese Subvention bei
öffentlicher Finanznot Bestand hat, kann man sich denken - wahrscheinlich bis zur
nächsten Haushaltsberatung.
Erst gar kein Gedanken haben sie die "Sozial-Reformer" über das grösste Problem
gemacht: den Ausgleich zwischen Gesunden und Kranken. Keine Versicherung wird
einem Bluter, einem Diabetiker oder einem Krebspatienten eine Police zum Einheitspreis
anbieten. Das würde dem privaten Prinzip der risikogerechten Beiträge widersprechen.
Millionen Chroniker müssten saftige Zuschläge bezahlen oder würden im schlimmsten Fall
gar keinen bezahlbaren Schutz finden. Um das zu verhindern, müsste der Gesetzgeber
zumindest einen Aufnahmezwang ohne Risikoprüfung vorsehen. Den würden die
Assekuranzen allerdings durch raffinierte Rosinenpicker-Strategien zu unterlaufen suchen.
Das also sind die Verlockungen des Herzog-Systems: Kräftige Beitragserhöhungen für
Kleinverdiener, ein milliardenschwerer Subventionsbedarf und ein gnadenloser
Wettbewerb um Junge und Gesunde. Eine Prämie an der Wahlurne kann die CDU dafür
nicht erwarten."
Karl Doemens, aus: Die Kopflos-Prämie. In: Frankfurter Rundschau 10. Oktober 2003
"Definitiv abgeschafft wird eine von drei Börsenseiten sowie die gesamte
Wochenendbeilage BASLER MAGAZIN mit ihren acht bis zwölf Seiten, auf denen eine
kleine Redaktion ein intelligentes und schönes Blatt mit Foto-Reportagen und Essays
machte."
Alice Christians, aus: Nur der Sport wird verschont. Auch bei der renommierten "Basler
Zeitung" sollen nun Redakteure entlassen werden. In: Frankfurter Rundschau 16.Oktober
2003
"... Die "Reformen" haben einen gemeinsamen Nenner: die Deformation der solidarischen
Sicherung. Gesellschaftliche Risiken werden als persönliches Versagen gedeutet, ihre
Absicherung könne deshalb der privaten Vorsorge zugemutet werden. Die
Steuerungsform der Solidarität wird durch die Marktsteuerung verdrängt,
Grundrechtsansprüche werden als private Tauschverhältnisse deklariert.
Angehörige einer informellen Koalition überbieten sich gegenseitig darin, den Sozialstaat
als Wachstumsbremse zu verdächtigen und demzufolge die Leistungen an gesellschaftlich
Benachteiligte zu kürzen. In den öffentlichen Beratungsgremien und staatlichen
Entscheidungsorganen sitzt niemand, der mit den Risiken von Arbeitslosigkeit und
Sozialhilfe jemals direkt konfrontiert wäre.
Nachdenkliche, unbeteiligte Beobachter sollen zwar nicht wütend sein. Aber wenn sie gar
nicht wissen, wie den Arbeitslosen zumute ist, denken sie falsch. Mit verstelltem
Bewusstsein und ausgesprochener Aggressivität verfolgen sie Arbeitslose und Empfänger
von Sozialhilfe, Gewerkschaften und Kommunen, die Arbeitsverwaltung und schliesslich
kritische Abgeordnete. Sie werden als Verweigerer und Trittbrettfahrer gebrandmarkt. Eine
Alternative zur eigenen Meinung wird nicht zugelassen, ein apokalyptisches Szenario des
Entweder/Oder nötigt Skeptiker und Zweifler zum Einlenken.
... Der blinde Fleck der Mikroanalyse und das Ausklammern welt- und
finanzwirtschaftlicher Kontexte nähren den Verdacht, dass die politische Klasse vorrangig
die Seelenlage und das Interesse deutscher Unternehmer und Arbeitgeber bedient und
dass sie die gesellschaftliche Spaltung vertieft, anstatt sie zu entschärfen."
Friedhelm Hengsbach, aus: Die neuen Verformer. In: Frankfurter Rundschau 10. Oktober
2003
Der Oekonom und Jesuitenpater Friedhelm Hengsbach lebt in Frankfurt am Main.
"Vorurteile, Redewendungen, Politikersprüche: Wirtschaftliche Thesen bleiben oft
ungeprüft. Der FR-Seziertisch nimmt sie auseinander.
Der Schlanke Staat ist in der gegenwärtigen Reformdiskussion beliebt, sein Gegenteil, der
angeblich zu fette Staat, verhasst. Letzterem wird vorgeworfen, er lebe über seine
Verhältnisse. Damit sind nur scheinbar seine Ausgaben gemeint, tatsächlich aber seine
Einnahmen. Das sieht man daran, dass Steuersenkungen weithin begrüsst (oder als zu
zaghaft bemängelt) werden, während Kürzungen von Schlüsselzuweisungen und
Subventionen sowie die Einschränkung öffentlicher Dienstleistungen auf Proteste stossen.
Der Zusammenhang zwischen beiden Gemütsregungen ist leicht herstellbar: Die Steuern
in der Bundesrepublik werden nicht nach dem Proportional-, sondern nach einem (sehr
schonend angewandten) Progressivsystem erhoben: Wer mehr verdient, führt (dem
Buchstaben nach) einen höheren Prozentsatz ab. In dieser Etage wohnen deshalb auch
die lautesten Anhänger des Schlanken Staats. Das ist der Grund, warum die Senkung des
Spitzensteuersatzes den höchsten Symbolwert hat. Er betrifft Einkommen, die der
Mehrheit der Bevölkerung nicht erreichbar sind.
Die Forderung nach einem Schlanken Staat, der sich selbst die Einnahmen kürzt, ist in
den vergangenen Jahrzehnten nicht völlig unerhört geblieben. Denken wir an die
Abschaffung der Vermögenssteuer. Einnahme-Zurückhaltung soll dazu führen, dass die
privaten Haushalte - sprich: die mit dem Spitzensteuersatz - mehr Geld für sich behalten,
dieses investieren und dadurch zusätzliche Jobs schaffen. Die hat man bislang nicht
gesehen, dafür immer mehr Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Sie bekommen nach
seitheriger Regel öffentliche Zuwendungen. Werden die dafür bestimmten Kassen leer
und drängt sich deshalb eine Erhöhung von Steuern und Abgaben auf, lebt der Staat über
sein Verhältnisse und soll schlanker werden. Ergebnis sind die Sparhaushalte, die
durchgängig die Einkommensbezieher unterhalb des Spitzensteuersatzes treffen. Dass
nennt man Soziale Symmetrie.
Die Kritik am üppigen Gemeinwesen gilt, näher besehen, gar nicht dem Staat allein,
sondern einem etwas grösseren Gebilde, nämlich der Öffentlichen Hand. Sie hat fünf
Finger: Bund, Länder, Gemeinden, selbstverwaltete soziale Sicherungssystem (etwa
gesetzliche Krankenkassen, Bundesanstalt für Arbeit) und institutionelle Regelungen
zugunsten der Lohnabhängigen (unter anderem Kündigungsschutz). Letztere werden zugegeben - im strengsten Wortsinn nicht zur (fiskalischen) Öffentlichen Hand gerechnet,
gehören aber immer dann dazu, wenn gefordert wird, sie solle abgehackt werden.
Der Ruf nach dem Schlanken Staat ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Auf diese Weise
entstand im 18. Jahrhundert die klassische Politische Ökonomie. Der Feind hiess damals
Merkantilismus, in den zwanziger Jahren war es die "Kalte Sozialisierung" und heute ist es
die Bürokratie.
Die Kritik ist nicht ideologiefrei. Sie folgt einer Utopie, die weit kühner ist als alles, was
Ernst Bloch jemals hätte einfallen können. Das ist die Vorstellung vom sich selbst
regulierenden Markt und seiner Unsichtbaren Hand, die - anders, als die Öffentliche - ein
Gleichgewicht aller Angebote und Nachfragen (auch nach Arbeitskräften) herbeiführe.
Weil sie ja unsichtbar ist, hat sie noch niemand gesehen, wohl aber gespürt: nämlich
dann, wenn sie nicht funktioniert und der Staat zur Reparatur aufgefordert wird. Dann wird
die Öffentliche Hand zur Prothese der Unsichtbaren. Das ist sogar der Regelfall. Denken
Sie zum Beispiel an die Steuervermeidungen durch Cross-vorder-Leasing. Die sind nur
möglich, weil die Öffentliche Hand - hier: die Kommunen - Vermögenswerte (meist
Immobilien) hat, mit den Private Scheininvestitionen tätigen können. Im wirklich Schlanken
Staat müsste darauf verzichtet werden."
Georg Fülberth, aus: Der Schlanke Staat. In: Frankfurter Rundschau 10. Oktober 2003
Goerg Fülberth ist Professor für Politikwissenschaft an der Philipps-Universität in Marburg.
"...FR: Als eine Ihrer Strategien zur Bekämpfung des Terrors plädieren Sie in Ihrem Buch
für eine Bildungsinitiative. Die Selbstmordattentäterin, die sich kürzlich in Haifa in die Luft
sprengte und 19 Menschen mit in den Tod riss, war eine angehende Anwältin. Also eine
gebildete Frau. Legt das den Schluss nahe: Bildung schützt vor Terror nicht?
Avi Primor: Ich unterscheide zwischen den Attentätern: zwischen den überzeugten,
fanatisierten Fundamentalisten oder Nationalisten und der Bevölkerung. Wir führen
eigentlich zwei Kriege. Einen Verteidigungskrieg gegen den nationalistischen Terror, also
den Terror der palästinensischen Bewegung, und auf der anderen Seite ein Ringen gegen
den Weltterrorismus. Der eine ist ein Terrorismus der nationalistische Ziele anstrebt. Wenn
ich von Bildung spreche, dann habe ich eher den fundamentalistischen, religiös fundierten
Terror im Blick. Die Fanatisierten, die Täter, die Drahtzieher, das sind Menschen, die ich
nicht beeinflussen kann, die kein Mensch beeinflussen kann oder jemals wird. Mein Ziel ist
es, diese Leute zu isolieren und ihnen keinen Nährboden zu gewähren. Und wer ist der
Nährboden? Das sind die Massen. Die Massen der islamischen Länder und die Massen
der Dritten Welt. Ein Bauer in einem abseits gelegenen Dorf in Afghanistan weiss heute,
dass es Menschen gibt, die anders leben als er, weil selbst er fernsieht. Diesen Leuten
kann man Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben, indem man ihnen Bildung gibt. Ich
spreche also nicht von der Rechtsanwältin in Haifa und von den Terroristen des 11.
September. Das waren alles gebildete Leute ..."
Avi Primor, im Gespräch mit Gisela Hagemann, aus: Die Macht der Masse. In: Frankfurter
Rundschau 10. Oktober 2003
"Der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, hat sich längst auch als
Publizist und Politikwissenschaftler einen Namen gemacht. In seinem gerade auf deutsch
erschienenen Buch "Terror als Vorwand - Die Sprache der Gewalt" (Droste Verlag)
analysiert er die jüngste Entwicklung im israelisch-palästinensischen Konflikt." (FRBegleittext).
"Nach sieben Jahren des Debattieren haben sich die beiden grossen Kirchen darauf
geeinigt, eine gemeinsame Zeitschrift für Entwicklungspolitik herauszugeben ...
Der Kasseler Soziologe Eike Henning begründete die Notwendigkeit einer solchen
Zeitschrift auch mit dem Defizit an Kommunikation, das in der öffentlichen Debatte und
selbst zwischen den Nicht-Regierungsorganisationen herrsche. So sei die viel
beschworene Globalisierung bei kritischem Hinsehen viel weniger global, vielmehr ein
Begriff, der verschleire, dass sich hinter ihm die Einteilung in wichtige und unwichtige
Länder oder Regionen stehe; er sei ein Begriff der Ausgrenzung ..."
AGA, aus: Gegen die Ausgrenzung. In: Frankfurter Rundschau 11. Oktober 2003
2003-10-20
"Was ist das typische New York-Gefühl?
David Bowie: Es ist dieser Drive von Manhattan, diese Energie, diese
Erbarmungslosigkeit. New York ist abscheulich und grausam, es ist ein harter Ort. Obwohl
sich sein Charakter in der letzten Zeit verändert hat.
FR: Inwiefern?
David Bowie: Die Stadt ist weicher geworden. Der Stromausfall hat das auf wundersame
Weise offenbart. Beim grossen Blackout 1977 gab es noch Aufstände und Plünderungen,
Autos wurden in Brand gesteckt. Es war schrecklich, wir hatten unglaubliche Angst. Die
Menschen flüchteten in ihre dunklen Wohnungen und warteten verzweifelt, dass der Strom
zurückkommt. Diesmal war es anders. Die Leute trafen sich auf den Trottoirs, manche
brachten ihre Gitarre mit, andere Speisen und Getränke. Es war ein grosses Picknick. Und
das ist ohne Zweifel eine Folge von Nine-Eleven. Die Leute denken: Hey, wir kommen
alleine nicht zurecht, wir brauchen einander, auch den Typen nebenan. Das ist eine
Lektion, die New York lernen musste: Dass es nicht die schlechteste Idee ist, sich auf
andere Menschen zu verlassen, zusammen zu halten...."
David Bowie im Interview mit Anita und Marian Blasberg, aus: "Sexappeal ist mir
gleichgültig", in: Frankfurter Rundschau 16. Oktober 2003
"Das ganze
Drame. Der Zweifler.
Die Zeiten werden schneller, die Räume enger, die Dramen häufen sich. Die FR trägt der
Entwicklung mit einer kleinen Serie von kurzen Stücken Rechnung.
Bundeskanzleramt, Kanzlerwohnung. Der Kanzler und die Frau des Kanzlers liegen im
Bett. Es ist Nacht.
Schröder: Ich will hier raus, Doris.
Doris: Was?
Schröder: Ich will hier raus.
Doris: Sollen wir ein bisschen spazieren gehen, Kuschel?
Schröder: Und dann wieder hier rein? Niemals.
Doris: Ach Kuschel, du hast es dir doch immer so gewünscht.
Schröder: Aber da wusste ich nicht, wie es ist, hier drin zu sein.
Doris (kuschelt sich an ihn): Manchmal sehr schön.
Schröder(dreht sich weg): Heute wieder. Ich mach Sachen, die würd ich sonst nie
machen. Hast du schon mal Telefonterror beim Präsidenten der Elfenbeinküste gemacht?
Doris: Nein, Kuschel.
Schröder: Siehst Du. Ich hab ihn angerufen, "Uga, Uga" ins Telefon gebrüllt und wieder
aufgelegt.
Doris: Das ist wirklich witzig, Kuschel.
Schröder: Findest Du? Danach haben Steinmayer und ich Joschka auf dem Klo
eingesperrt und vor der Tür laut Vertriebenenlieder gesungen. Und dann hab ich eine EMail nach Paris geschickt.
Doris (kichert): Und, sag schon. Sag, was stand drin?
Schröder: Tausche drei Millionen Türken gegen fünf Millionen Marokkaner. (Er bricht in
schallendes Gelächter aus.)
Doris (lacht auch): Oh Gott, ist das komisch! Kuschel, das ist ja wirklich so komisch!
Schröder: Naja, man tut was man kann.
Doris (wieder ernst): Und dass alles willst Du aufgeben?
Schröder: Meinst du, es wär ein Fehler, Puschel?
Doris: Ja, Kuschel
Schröder: Gut. Ich denk drüber nach.
Doris: Gute Nacht, mein Held.
Schröder: Gute Nacht
(Pause)
Schröder: Puschel?
Doris: Ja, Kuschel?
Schröder: Soll ich morgen dem Bush eine anonyme Morddrohung schicken? Die
Buchstaben könnte ich aus dem "Vorwärts" und aus Horst Mahlers Memoiren
ausschneiden.
Doris (lacht schallend): Also, ich fände das echt lustig! Aber red vorher mit Otto drüber.
Schröder: Mach ich. (Er umarmt und küsst sie). Ach, wenn ich dich nicht hätte, Puschel.
Dann wäre ich immer noch ein ganz kleines Licht.
(Vorhang).
Maxim Biller, aus: Der Zweifler, in: Frankfurter Rundschau 16. Oktober 2003
"... Es geht um eine Branche, deren hoch bezahlte Experten sich genau wie mancher
Kleinanleger an der Börse kräftig verspekuliert haben. Mit einem Unterschied: Die
Lebensversicherer zockten nicht mit ihrem eigenen Geld, sondern mit dem ihrer Kunden.
Die ersten kleineren Anbieter hat es bereits erwischt - und die Politiker befürchten grösser
Pleiten, bei denen die Altersvorsorge vieler Bürger auf dem Spiel stehen könnte ..."
Richar Meng, aus: Von der Schrecksekunde zur Panik. Mit einer Kehrtwende versucht die
SPD-Fraktion zähneknirschend, der Versicherungsbranche und sich selbst zu helfen, in:
Frankfurer Rundschau 16. Oktober 2003
"... Beispiel Alterssicherung: Wer künftig mit 55 Jahren seine Arbeit verliert und keine neue
findet, wird bald arm dran sein. Denn ehe er sein Arbeitslosengeld II erhält, muss er sein
gesamtes Vermögen, inklusive privater Altersvorsorge, und das der Ehefrau oder
Lebenspartnerin aufbrauchen. Lediglich ein Freibetrag von jeweils maximal 26 000 Euro
bleibt unangetastet. Begründung: Es sei nicht unmoralisch, wenn ein Staat von den
Bürgern verlangt, sie müssten erst ihre Notgroschen ausgeben, ehe sie Anspruch auf
seine Transferleistungen erheben können.
Es ist aber unaufrichtig von der Politik, wenn sie an den Baustellen des Sozialstaates
unterschiedliche Botschaften verkündet; als Rezept gegen den Schwund in der
Rentenkasse etwa den Bürgern predigt, sie sollten private Vorsorge leisten, um ihnen
diese zu nehmen, wenn sie arbeitslos werden. Widerstand gegen solche Unlogik ist nicht
zu erwarten, weil kaum jemand mehr durchschaut, was an welchem Finanzloch verkündet
wird und wie es zugeschüttet werden soll ..."
Katharina Sperber, aus: Am Rande der Existenz, in: Frankfurter Rundschau 16. Oktober
2003
"... Ebenfalls konsensual und zugleich kontrovers ist der Begriff Sozialstaat. Er steht
irgendwie im Grundgesetz und gehört zum Eisernen Bestand: die BRD sei ein
demokratischer und sozialer Bundesstaat. Doch schon Anfang der fünfziger Jahre wurde
darüber gestritten, was das bedeute. Für den Konservativen Ernst Forthoff deckte der
Begriff "Sozialstaat" gerade mal ein korrekte Verwaltungshandeln und ein bisschen
Fürsorge, bei Wolfgang Abendroht hatt er etwas mit nicht nur politischer, sondern auch
gesellschaftlicher Gleichheit zu tun.
Heute wird der Sozialstaat von allen für ein hohes Gut erklärt, die ihn zugleich ein
bisschen abschaffen, auf jeden Fall aber einschränken wollen. Er müsse gerettet werden,
indem man ihn "umbaue". Auch das ist heute Konsens. Grössere Klarheit bekommt man,
wenn man sich in das Innere der Worthülse begibt und nachsieht, was dort vorgeht. Es
zeigt sich, dass die Entkernung des Sozialstaats einen neuen Negativbegriff freigesetzt
hat, der das bezeichnet, was fast niemand mehr will: einen Wohlfahrtsstaat. Er steht in
ähnlicher Weise für ein fast allgemein abgelehntes Prinzip wie die Demokratie in
Kaiserreich und Weimarer Republik.
Da steigt also ein Leitbild ab, und ein etwas kümmerlicher Ersatz ist im Kommen: der
Schlanke und Aktivierende Staat. In seinem Zeichen wird gerade eine zunächst
kontroverse Losung konsensual und letztlich neoliberal eingemeindet: das Bürgergeld.
Hinter dem Wort verbirgt sich eine ganze Ziehharmonika miteinander unvereinbarer
Wünsche: von der Zurückstutzung der bisherigen Sozialsystem auf ein steuerfinanziertes
Almosen bis zu alt-skandinavischen Verhältnissen, die aber - Stichwort Wohlfahrtsstaat in gleichem Atemzug für utopisch erklärt werden.
Die Konsens-Linguistik hat seit langem auch schon einen Begriff aufgesaugt, der
ursprünglich von links kam: Zivilgesellschaft. Als der italienische Kommunist Gramsci sie
zu beschreiben versuchte, meinte er ein umkämpftes institutionelles Feld im Bereich
zwischen Staat und Ökonomie, das erobert werden müsse, wer herrschen will. Dies ist
kein angenehmer Ort (der Urheber sprach sogar von "Kasematten"). Längst aber ist er
verniedlicht worden: Zivilgesellschaft ist kein Kampfplatz mehr, sondern (im Rückgriff auf
ältere, angelsächsische Werte) eine Art lieblicher Szene, der die Zumutungen von Staat
und Kapital nichts anhaben soll. Vo da aus führt der Weg zur Bürgergesellschaft - einem
Begriff, mit dem sich ja auch allerlei verknüpfen lässt, insbesondere dann, wenn man
Bourgeois und Citoyen nicht unterscheiden will und sich nicht fragt, ob der eine ohne den
anderen zu haben ist.
Jetzt stellen wir uns zur Abwechslung einmal vor, ein ungeschlachter Mensch träte auf und
behauptete: Demokratie gebe es gerade mal so viel, wie für das Kapital gut ist. Der
Sozialstaat sei ein Palliativ für die Ausbeutung. Das Bürgergeld werde bei den
gegenwärtigen Machtverhältnissen auf eine Bluff hinauslaufen. Zivilgesellschaft sei
Klassenkampf. Man wird ihm widersprechen und ihn zu widerlegen versuchen. Wenn er
kein Schwadroneur ist, sondern klug, wird er seine Thesen begründen und differenzieren,
bis sie genau genug sind. Mehrheitsfähig wird der Grobian wohl nicht werden.
Doch würde er wenigstens gehört, dann stünde neben dem Wörterbuch der öden
politischen Einheitssprache ein zweiter - wenngleich schmaler - Band im Regal. Dort kann
man nachschlagen, wenn man wissen möchte, was der andere Wälzer uns wirklich sagen
kann und will".
Gerorg Füllberth, aus: Absteigende Leitbilder. Dem Begriff Sozialstaat geht es heute wie
der Demokratie in der Weimarer Republik, es will ihn keiner mehr. In: Frankfurter
Rundschau 16. Oktober 2003
Gerorg Fülberth ist Politikwissenschaftler an der Universität Marburg.
"FR: Sie sind jetzt seit einem Jahr die Anti-Korruptions-Beauftrage der norwegischen
Regierung. Welche Bilanz ziehen Sie?
Eva Joly: Wir haben mittlerweile eines der besten Anti-Korruptionsgesetze der Welt. Das
Strafmass reicht bis zu zehn Jahren Gefängnis. Ausserdem haben wir strengere Regeln
gegen Geldwäsche etabliert. Jetzt müssen auch Immobilienmakler, Juweliere,
Rechtsanwälte und Wirtschaftprüfer verdächtige Transaktionen melden. Viel wichtiger
aber war die Sensibilisierung unserer Vorstandsvorsitzenden, das haben Sie meiner
Erfahrung nach in Deutschland versäumt. Deshalb haben wir in Norwegen kaum Probleme
mit der Korruption.
FR: Laut der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International steht Ihr Land ganz
weit oben auf der Liste der Unkorrumpierbaren. Braucht man da eine Anti-KorruptionsBeauftragte?
Eva Joly: Norwegen steht auf Platz zwei, aber Bestechlichkeit, illegale Preisabsprachen
oder Geldwäsche laufen nun mal international und machen nicht vor Ländergrenzen halt
...
FR: Wenn Sie drei Wünsche frei hätten zur internationalen Korruptionsbekämpfung, was
würden sie tun?
Eva Joly: Erstens jegliche Immunität von Diplomaten, Politikern und Juristen aufheben.
Die behindert nur die Ermittlungen. Zweitens die internationale Zusammenarbeit der
Strafverfolger erheblich verbessern. Beweismaterial muss schnell ausgehändigt werden,
auch über Ländergrenzen hinweg. Heute sind 18 Monate schnell. Drittens würde ich
Handel und Geschäfte mit Unternehmen oder Einrichtungen verbieten, die sich in nicht
kooperierenden Staaten niederlassen.
FR: Also jenen die auf der schwarzen Liste der OECD-Geldwäschejäger stehen wie
Zypern zum Beispiel?
Eva Joly: Oder Nigeria ..."
Eva Joly, aus: Jegliche Immunität aufheben. FR-Interview von Sonia Shinde, in:
Frankfurter Rundschau 13. Oktober 2003
Eva Joly ermittelte jahrelang als Untersuchungsrichterin im Fall Elf-Aquitaine.
www.transparency-international.org
"... Zum Glück sehen auch die meisten Ärzte ihre Patienten im Hirnversagen nicht als
Leichen, sondern als sterbende, also noch lebende Menschen an, mit der Folge, dass
diese nicht an die Zentralen gemeldet werden. Nicht Faulheit, Überarbeitung oder
mangelnde Vergütung sind der Grund für die Nichtmeldung. Vielmehr erklärt sich das
Verhalten der Ärzte aus ihrer Verantwortung, nach dem hippokratischen Eid zu handeln
und für den anvertrauten Patienten, der besonders schutzbedürftig ist, zu sorgen, statt ihn
auseinandernehmen zu lassen.
Ein weiterer, vor allem bei den Kirchen noch viel zu wenig beachteter Grund gegen die
Organspende ist, dass dem Sterbenden durch den Tod im OP auch noch der letzte
Liebesdienst, die Begleitung bis zuletzt durch seine Angehörigen versagt wird. Kein
Wunder, dass mehr als 90 Prozent aller Organentnahmen nur möglich sind, weil die
Angehörigen sich im Schockzustand unter Druck gesetzt fühlen."
FR-Leser Jürgen Meyer, Frankfurt von der Initiative Kritische Aufklärung über
Organtransplantation-kao, in: Frankfurter Rundschau 14. Oktober 2003
www.initiative-kao.de
"... Die zeitgeistige Vergangenheitsbewältigung in Sachen 68er arbeitet mit einem
altbekannten Trick. Sie versammelt alle bösen Buben und radikal-sozialistischen Chaoten,
deren Beitrag zur Zeitgeschichte allenfalls in ihrer damaligen Medienwirksamkeit bestand,
unter der Rubrik 68er. Die ominösen K-Gruppen, die DKP, die Westberliner SED, die
barbusigen Studentinnen, die Adorno aus dem Hörsaal vertrieben - daran sollen wir
Heutigen denken, wenn wir lesen, welch tiefe Irrtümer in den sechziger und siebziger
Jahren die Westsdeutschen heimsuchen.
Es wird dabei gerne übersehen, dass es in Wirklichkeit nicht Rosa Luxemburg, Mao-TseTung, Ho Chi Minh oder Ludwig Marcuse waren, die die mentale Revolution in der
deutschen Gesellschaft auf den Weg brachten. Ds waren vielmehr Intellektuelle, Künstler,
Hochschullehrer und Politiker wie Willy Brandt und Ralf Dahrendorf, Jürgen Habermas,
Karl Hermann Flach, Heinrich Böll und Günter Grass, die Historiker Fritz Fischer oder
Hans Mommsen. Uns sie waren sehr eigenständige Geister, die mit der so genannten
Studentenbewegung häufig in heftigem Streit lagen.
Aber um ihre Gedanken zu popularisieren brauchte die Gesellschaft beides: den
lautstarken, happeningartigen Protest und die intellektuellen Neuaufbrüche. Erst dieses
Zusammenspiel brachte die wichtige Kulturrevolution des Alltags. Die sexuelle Befreiung,
die Auflösung von Modezwängen, die Frauenemanzipation, die Abwendung vom
autoritären Staatsdenken und von bürgerlichen Familienhierarchien, die (weitgehend
gescheiterten) Bildungsreformen, das neue Theater, der tolerante Ton in den Leitartikeln.
Es gab im Übrigen nie "die68er". An den Universitäten schauten 80 bis 90 Prozent der
Studierenden mehr oder wenige schweigen zu, wenn es in den Hörsälen und auf den
Strassen und Plätzen zur Randale zwischen Demonstranten und völlig überforderten
Polizisten kam. Aber was auf Grund dieser Ereignisse berichtet, gelesen und diskutiert
wurde, das nahmen immer mehr junge Menschen auf. Es gab damals eine kurze und
heftige, aber durchaus weittragende gesellschaftliche Entwicklung, die die Westdeutschen
nach 150 Jahren bedrückender Intoleranz und Enge ein Angebot zur individuellen
Mündigkeit und zur gesellschaftlichen Solidarität machte. Was sich nicht zuletzt auch in
der Sozialpolitik niederschlug. Nur wer die Jahre vorher nicht bewusst erlebt hat oder sich
immer noch weigert, den Weg der Deutschen im späten 19. Jahrhundert und in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Kenntnis zu nehmen, kann leugnen, dass dies bis weit in
den privaten Alltag hinein ein Akt der Befreiung war.
Übrigens spielte jenseits des organisierten Kommunismus in Westdeutschland die Lage
der DDR weniger bei den 78ern als bei den um Handel und Wandel zwischen den
deutschen Staaten besorgten Konservativen (der von Franz Joesph Strauss mit Honecker
ausgehandelte Milliardenkredit) und den sozial-liberalen Ostpolitikern eine wichtige Rolle.
Koexistenz war keine Erfindung der 68er, sondern seit den Eisenhower-Jahren ein
Grundprinzip der west-östlichen Diplomatie. Mögen Wallraff und Co. das auch anders
gesehen haben, für die grosse Mehrheit der damaligen Protestler in Westdeutschland
standen andere Fragen im Vordergrund. Das mag aus heutiger Sicht der einstigen DDRBürger falsch gewesen sein, aber es bedeutete nicht, dass die68er die Ulbricht/HoneckerDiktatur permanent verharmlost hätten.
Keine heile Zeit, keine Zeit der Heroen, keine Zeit ohne Irrtümer und groteske (selbst - sie
RAF - mörderische) Auswüchse. Ein überfälliger Generationenprotest war es, der den
lähmenden Stillstand einer sich im materiellen verlierenden Gesellschaft des Schweigens
überwinden sollte. Vieles haben die damals Fordernden dann nicht erfüllt, als sie der gar
nicht so lange Marsch durch die Schule, Universitäten, Medien, Gewerkschaften oder
Parteien an die Schaltstellen der Macht führt. So ist der Mensch. Aber die Spuren dieser
Zeit haben die Bundesrepublik bis heute tief geprägt. Die gesellschaftlichen Entwicklungen
in den sechziger Jahren waren ein wichtiger Etappenabschnitt auf Deutschlands Weg in
den Westen. Er schloss seinen Frieden mit er zwei Jahrhunderte von seinen Eliten
verleugneten europäischen Aufklärung.
Es ist ja fast schon komisch, dass die intellektuellen Wendehälse von heute gar nicht
merken, von wem sie sich mit ihrer Abarbeitung der lästigen Über-Ichs von damals
instrumentalisieren lassen. Die Verlästerung eines wichtigen historischen Abschnitts in der
neuesten deutschen Geschichte einerseits und der Rückzug aus dem Sozialstaat und die
wachsende Intoleranz gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten andererseits - wer hört
da nicht die Signale? Schon der italienische Sozialist Antonio Cramsci wusste, dass vor
der Eroberung der Macht allemal die Herrschaft über den Zeitgeist steht."
Wilhelm von Sternberg, aus: Herrschaft des Zeitgeists. Abarbeitung am Über-Ich: Eine
Antwort auf Richard Wagner. In: Frankfurter Rundschau 15. Oktober 2003
Sternberg bezieht sich auf einen FR-Beitrag vom 25. September 2003. Der Wiesbadener
Schriftsteller und Historiker veröffentlichte zuletzt bei Bertelsmann "Als Metternich die Zeit
anhalten wollte. Deutschlands langer Weg in die Moderne".
"Wer kann die Chuzpe haben, für 672 Abgeordnete zu behaupten, sie seien jeder 20 000
Mark im Monat wert."
Der im Oktober gestorbene Kölner Soziologe Erwin K Scheuch, nach: FR 15. 10. 2003
"... So landete Deutschland mit einem Anteil von 17 Prozent beim öffentlichen Verkehr
unter den Schlusslichtern in Europa. Auch unter Rot-Grün hat sich daran nichts geändert
und wird sich trotzt gegenteiliger Beteuerungen von Ministern und Abgeordneten nichts
ändern - dazu ist die Fernsteuerung aus den Vorstandsetagen von VW und Co. bis in das
Kanzleramt zu stark.
Allerdings stellt sich die Frage, warum sich über diesen Skandal niemand aufregt: Ist es
die Gewöhnung? Ist es Verdrängung im Volk der potenziellen Täter? Oder schlimmer: Ist
es nicht zu mindernder Stolz auf die verkehrspolitische Kontinuität vom AutobahnReichskanzler bis zum Auto-Bundeskanzler? Angesichts solch ungeklärter Fragen ist man
versucht, eine andere Totenbilanz zum Vergleich heranzuziehen. Am 13. August meldete
auch die Frankfurter Rundschau eine korrigierte Zahl von 1008 Toten an der
innerdeutschen Grenze seit 1949. Gegen Mauerschützen, gegen die politische
Verantwortlichen einer DDR-Abschottungspolitik liefen politische Prozesse; einige sind mit
Freiheitsstrafen ausgegangen. Für eine sozialistische Politik hätte es keine Toten geben
dürfen - dies ist nicht zu bestreiten.
Es darf aber gefragt werden, wann endlich die Justiz gegen die Verantwortlichen einer
Verkehrspolitik vorgeht, die in ihren Auswüchsen vor allem Auto- und Mineralölkonzernen
nützt. Ist eine kapitalistische Verkehrspolitik, die zu 750 000 Toten führte, weniger
verwerflich als eine sozialistische Abschottungspolitik, die zu 1008 Toten führte?"
FR-Leser Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Burgwald/Eder, in: Frankfurter Rundschau 15. Oktober
2003
"... Der grösste Skandal ist aber, dass die wirklichen Abkassierer und Abzocker sogar
noch belohnt werden. Die Infineon AG z.B. hat Milliarden bekommen, um die modernste
Chip-Fabrik im Osten Deutschlands aufzubauen. Die Summe ist grösser als der ganze
Sozialetat des Staates! Jetzt hat Infineon angekündigt, aus Steuergründen (!) den Sitz in
die Schweiz zu verlegen. Dies ist wohl der grösste gesellschaftliche Skandal, den wir in
den letzten 30 Jahren hatten. Auf der einen Seite werden die meisten Menschen in
unserem Staat in eine finanzielle Unsicherheit gestürzt, vor allem in die Sozialhilfe, und auf
der anderen Seite nimmt sich Infineon die Frechheit heraus, den Staat um Subventionen
zu bitten und dann kaltschnäuzig zu sagen, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der
Mohr kann gehen ..."
FR-Leser Jürgen Eiselt, Frankfurt/Main in:
Frankfurter Rundschau 15. Oktober 2003
"... Gerhard Schröder stimmt seinem Generalsekretär mit der Bemerkung zu, der Begriff
lege naha, dass es eine Form von Ökonomie jenseits der Marktwirtschaft gebe.
Dies ist jedoch, geschichtlich beglaubigt, keine irreale Möglichkeit. Es gab - merkwürdig,
dass dies schon vergessen ist - in der Tschechoslowakei von 1968 und in Ansätzen in der
Sowjetunion unter Gorbatschow eine Demokratie auf nicht-kapitalistischer Basis, die die
Verwendung von Marktmechanismen durchaus einschloss. Die Experimente scheiterten
nicht wegen immanenten Funktionsstörungen, sondern aus machtpolitischen Gründen.
Mit der Infragestellung des antizipatorischen Gedankens des demokratischen Sozialismus
wird das analytische Instrumentarium für das Erkennen, Einschränken und Überwinden
privilegierter Verfügungsstrukturen über die Gesellschaft preisgegeben. Diese
Kursänderung, die der praktischen Politik der Bundesregierung schon vielfach entspricht,
wenn die grossen Kapitalgesellschaften bei der Entsorgung der Altautos, bei der
Einschränkung der Gewerbesteuer gezielt bevorzugt werden, ist keine irrlichternde
Fussnote der Programmdebatte. Sie zielt ins Herz der Partei, die in ihrem Namen
demokratisch nicht legitimierter sozialer Herrschaft enthält.
Der Generalsekretär wirkt wie der Grossinquisitor Dostojewskis, der das Christentum der
Erniedrigten und Beleidigten aus Gründen der Machterhaltung neutralisierte. Scholz treibt
der SPD den mit dem Begriff der Umverteilung nur unzureichend beschriebenen Begriff
sozialer Freiheit, der Infragestellung gesellschaftlicher Machtverhältnisse aus. Franz
Neumann, Justitiar der SPD bei der Machtübernahme Hitlers, einer der bedeutendsten
Analytiker des NS-Systems, schrieb: Die im sozialen Rechtsstaat verkörperte soziale
Freiheit bedeutet, "dass die Arbeiterschaft ihr Arbeitsschicksal selber bestimmen will." In
dieser Tradition steht auch das Grundgesetz, das politische Korrektur-, Kontroll- und
Transformationspositionen gegenüber einer unbegrenzten Privatwirtschaft enthält. Nach
dem Grundgesetz ist das Privateigentum nicht einschränkungslos gewährleistet, seine
inhaltliche Bestimmung obliegt dem Gesetzgeber (Art. 14. Abs. 1 GG). Ebenso
bemerkenswert wie konsequent ist, dass Scholz das Grundgesetz links liegen lässt, als
habe es Carlo Schmid nie gegeben, der den auf Hermann Heller zurückgehenden
Gedanken des sozialen Rechtsstaats in der Verfassung als Leitbegriff verankern konnte.
Mit dem Angriff auf die eigene Tradition verliert sie ihr unabgegoltenes Moment. Die
sozialdemokratischen Widerstandskämpfer, die sich der Klassengesellschaft
Nazideutschland entgegenstellten und dafür im Zuchthaus, im Konzentrationslager und
auf dem Schafott landeten, verlieren jegliche Gegenwartsbedeutung. Die Gedankenwelt
Julius Lebers, designierter Innenminister einer Regierung des 20. Juli, für den die
Erkämpfung des Rechtsstaats mit der Schaffung einer demokratischen
Wirtschaftsgesellschaft zusammenfiel, verschwindet im Mottenschrank.
An die Stelle kritischer Tradition tritt die Übernahme der Ideologie der gesellschaftlichen
Gegenspieler: Statt einer Umverteilung von unten nach oben müsse man von einem
umgekehrten Phänomen sprechen. "Die zehn Prozent der Steuerpflichtigen mit dem
höchsten Einkommen (haben) mehr als die Hälfte ... des gesamten Aufkommens der
Einkommenssteuer bezahlt", schreibt Scholz. Seine These, die nur eine Steuerart
heranzieht, aber nicht die ungleichen Eigentums- und Vermögensverhältnisse
berücksichtigt, entspringt selektiver Wahrnehmung. Die von der rot-grünen Koalition der
vorherigen Legislaturperiode durchgesetzte Absenkung der Körperschaftssteuer und die
Gewährung weitreichender Verlustrückträge führte kurzfristig zu milliardenschwere
Steuergeschenken für die grossen Kapitalgesellschaften. Diese nach oben transferierten
Milliarden fehlten für die Sanierung der Sozialsysteme.
Wenn der Generalsekretär die Oberhand behält, müsste Willy Brandt posthum aus der
SPD ausgeschlossen werden. In seinen Erinnerungen ("Links und frei") schrieb er: "Aus
meiner frühen Jugend habe ich das Verlangen mitgebracht, dass die vielen, und nicht nur
die wenigen, am Tisch der Gesellschaft Platz haben müssen ... Es bleibt die Aufgabe, die
Demokratie sozial, wirtschaftlich und kulturell auszudehnen ... Und es bleibt als Kern allen
sozialistischen Strebens die Idee der klassenlosen Gesellschaft, die die ökonomische und
politische Unterdrückung hinter sich gelassen hat."
Prof. Joachim Perels, aus: Angriff auf die Tradition der SPD. Generalsekretär Scholz
liquidiert soziale Grundsätze, um die Macht zu erhalten. In: Frankfurter Rundschau 10.
Oktober 2003
Prof. Joachim Perels lehrt am Fachbereich für Geschichte, Philosophie und
Sozialwissenschaften der Universität Hannover.
Eine der besten Errungenschaften des neuen Relaunches der Frankfurter Rundschau ist
die neue Rubrik Dialog. Hier antworten Redakteur ihren Lesern. Hier ein Auszug:
"... Ich halte diese Zaghaftigkeit für falsch, da die Pendlerpauschale in meine Augen zu
den besonders unsinnigen und schädlichen Subventionen zählt. Gute Argumente
sprechen dafür, Pendeln als Privatsache zu werten. Ein Beispiel: Wer in München arbeitet
und in die Nähe seines Büros zieht, zahlt eine hohe Miete und bekommt dafür keinen
Steuernachlass. Wer am Starnberger See wohnt und in die Stadt fährt, profitiert von der
Pendlerpauschale. Ist das gerecht? Auch die Verteilungswirkung der Pauschale ist
problematisch: Leute mit hohem Einkommen bekommen einen besonders starken
Nachlass, weil ihr Steuersatz höher liegt. Der Arbeitsweg eines Reichen ist dem Staat
mehr wert als der eines Geringerverdienenden. Das ist für mich nicht in Ordnung."
Markus Sievers, FR-Büro Berlin, aus: Dialog, Rasenmäher und Pendler. In: Frankfurter
Rundschau 10. Oktober 2003
"... Dieses Szenario erinnert sehr an die Karte von Südafrika zur Zeit der Apartheid. Die
rassistische Regierung schuf mehrere schwarze "Homelands", auch "Bantustans"
genannt, angeblich selbstverwaltete Gebiete, deren schwarze Führer von der weissen
Regierung bestimmt wurden. Jedes Bantustan war vollkommen vom Gebiet des
rassistischen Staates umgeben, abgeschnitten vom Rest der Welt.
Genau das ist es, was Sharon im Sinn hat, wenn er von einem "palästinensischen Staat"
spricht. Dieser soll aus mehreren von israelischem Gebiet umgebenen Enklaven
bestehen, ohne eine Aussengrenze mit Jordanien oder Ägypten zu haben. Sharon hat seit
Jahrzehnten an der Umsetzung dieses Plans gearbeitet, Dutzende von Siedlungen
gemäss seiner Landkarte errichtet.
Die Mauer wird diesem Zweck dienen. Sie hat nichts mit Sicherheit zu tun. Sie wird gewiss
keinen Frieden bringen, sondern zu nur noch mehr Hass und Blutvergiessen führen. Die
blosse Idee, dass ein Hindernis aus Zement oder Stacheldraht den Hass beenden könnte,
ist lächerlich.
Die Arbeit der Bulldozer geht weiter - vom frühen Morgen bis in den späten Abend. Sharon
redet über den so genannten Fahrplan zum Frieden (Roadmap for Peace) und schafft
unterdessen auf dem Boden vollendete Tatsachen. Aber diese Mauer hat noch eine tiefere
Bedeutung. Es ist kein Zufall, dass sie in Israel so ungeheuer populär ist, von Ariel Sharon
bis Amram Mitzna und Yossi Beilin: Sie verspricht nämlich, ein tiefes, inneres Bedürfnis zu
befriedigen.
In seinem Buch "Der Judenstaat", dem Gründungsdokument des Zionismus, schrieb
Theodor Herzl 1896 folgende Sätze: "Für Europa würden wir dort (in Palästina) ein Stück
des Walles gegen Asien bilden. Wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die
Barbarei besorgen." Die Vorstellung, dass wir der Vorpostendienst der Kultur gegen die
Barbarei besorgen." Die Vorstellung, dass wir der Vorposten Europas sind und einen
hohen Wall zwischen uns und asiatischer Barbarei - das heisst den Arabern - benötigen,
ist so bereits Bestandteil der ursprünglichen Vision. Vielleicht hat sie sogar noch ältere
Wurzeln. Als die Juden begannen, die Ghettos zu wohnen - bevor sie von aussen dazu
gezwungen wurden-, umgaben sie sich mit einer Mauer, um sich von der feindlichen
Umwelt abzuschotten. Mauer und Trennung - als Garantie für Sicherheit - sind tief in das
jüdische kollektive Unterbewusstsein eingeprägt.
Aber wir als neue hebräische Gesellschaft in diesem Land wollen nicht in einem jüdischen
Ghetto leben. Wir suchen nicht Trennung, sondern das Gegenteil: Offenheit gegenüber
der Region; nicht "eine Villa im Dschungel" wie Ehud Barak es nannte, nicht einen
europäischen Vorposten gegen asiatische Barbarei, wie Herzl es gesehen hat, sondern
eine offene Gesellschaft, die in Frieden lebt und in Partnerschaft mit den Nationen der
Region gedeiht ..."
Urti Averny, aus: Die Schandmauer. Sie enteignet Palästinenser und wird Israel keine
Sicherheit bringen. In: Frankfurter Rundschau 10. Oktober 2003
Uri Averny erhielt 1997 den Aachener Friedenspreis und 2001 den Alternativen
Nobelpreis.
2003-10-16
Bernard-Henri Levy greift in seinem wöchentlichen bloc-notes eine Debatte auf, die
auch in anderen franzöischen Medien von sich reden macht: Es scheint, dass die
Kreise der Globalisierungsgegner (die in Frankreich neuerdings als "altermondialistes"
firmieren)
von
Islamisten
unterwandert
werden.
In
einem
Forum
von
Globalisierungsgegnern wurde ein Textdes islamistischen Genfer Intellektuellen Tariq
Ramadan veröffentlicht, der in den französischen Intellektuellen wie Andre Glucksmann,
Pascal Bruckner und Levy selbst eine fünfte Kolonne Israels sieht. Levy attackiert die
Globalisierungsgegner: Er sei nicht gegen ihr Anliegen: "Ich respektiere ihren Kampf. Aber
wenn sie, nur um die Vorstädte nicht zu brüskieren, derartige Argumente zulassen, wenn
sie aus List oder Taktik, auch nur einen Moment lang den Antisemitismus als eine legitime
Ausdrucksform der Revolte erscheinen lassen, dann ist das ein Desaster, nicht nur für sie
selbst, sondern für die Allgemeinheit."
"Der omnipräsente Soziologe Alain Duhamel zieht durch die Medien und diskutiert über
den Niedergang Frankreichs, diesmal mit Nicolas Baverez, der wie Duhamel ("Le desarroi
francais", Plon) ein Buch über das Thema geschrieben hat. "La France qui tombe". Er
spricht noch mal über die vielen Hitzetoten unter Frankreichs Alten im Sommer. "Wir
brüsten uns mit dem besten Gesundheitssystem der Welt, aber wir haben in dieesem
Sommer 15.000 Personen sterben lassen, weil 30 Prozent der Krankenhausbetten nicht
zu belegen waren, fünfzig Prozent davon in der Pariser Region, und das alles wegen der
35-Stunden-Woche. In einem Departement wie Hauts-de-Seine gab es im Sommer noch
ganze zwei frei praktizierende Ärzte, weil alle andere in Ferien waren." Ein Land macht
Urlaub!" aus: le point 8. Oktober 2003, www.lepoint.fr nach: www.perlentaucher.de
"Helen Epstein beschreibt in einer langen Reportage die Gesundheitsprobleme in den
ärmeren Vierteln US-amerikanischer Städte: Immer mehr jüngere Menschen leiden an
Krankheiten, die man sonst nur mit älteren verbindet: Krebs, Herzinfarkt, Asthma,
Diabetes, rheumatische Arthritis ... " New York Times Magazine Oktober 2003
www.nytimes.com/pages/magazine/ zitiert nach www.perlentaucher.de
"...Chrismon: Die Protestanten sprechen hier vom Priestertum aller Gläubigen ...
Ustinov: Ja. Das ist genauso mit meiner Liebe zum Theater. Ich muss ja auch nicht mit
einer Agentin schlafen, um diese Gefühle zu spüren (lacht).
Chrisom: Sie haben mal gesagt: "je älter man wird, desto mehr merkt man, dass die Seele
wahrscheinlich unsterblich ist. Der Körper geht aus dem Leim, aber die Seele hat sich
nicht wirklich verändert" Ist das Ihr Glaubensbekenntnis?
Ustinov: Ja. Ich glaube natürlich daran, dass die Seele existiert. Und wenn etwas ewig ist,
wird es die Seele sein. Momentan glaube ich allerdings, dass nichts ewig ist. Aber ich bin
bereit, jeden Augenblick erstaunt zu sein. Ich finde Thomas ist eine der rührendsten
Figuren der ganzen Bibel.
Chrismon: Weil der so genannte "ungläubige Jünger" erst die Wundmale Jesu berühren
musste, bevor er an die Auferstehung glauben konnte? Ustinov: Ja, er war skeptisch.
Chrismon: Interessieren Sie sich für die Geschichten der Bibel?
Unstinov: Natürlich interessiert mich die Bibel. Aber noch spannender finde ich den Papst.
Ich habe ihn wirklich gern. Auch wenn ich nicht alle seine Ideen teile. Das spielt keine
Rolle. Man hat viele Freunde, die nicht derselben Meinung sind. Was ich an dem Papst
schätze, ist, dass er versucht, innerhalb seines Glaubenskorsetts ökumenisch zu sein.
Mann muss ihm nur zusehen, mit welcher Willensstärke er Erzbischöffe küsst, die aus
einer ganz anderen Kirche kommen, mit komischen Hüten und Gardinen auf dem Kopf
(lacht).
Chrismon: Er hat ja auch das legendäre Weltfriedensgebet in Assisi organisiert mit den
Oberhäuptern der unterschiedlichen Religionen, unter anderem dem Dalai Lama.
Ustinov: Ja, genau. Der Dalai Lama ist dem Papst noch einen Schritt voraus in seinen
Ideen, finde ich. Ich kenne ihn sehr gut. Er sagt immer: Bleiben Sie bei Ihrem Glauben.
Wer den richtigen Weg des Glaubens geht, kommt am Ende schon am richtigen Ziel an ..."
Sir Peter Ustinov, aus: Peter der Weise, in: Chrismon - das evangelische Magazin,
10/2003 Interview von Arnd Brummer und Arianne Heimbach. www.chrismon.de
Hörtipp: COLTRANE. The Complete 1961 Village Vanguard Recordings. 1. bis 5.
November 1961 im Village Vanguard, New York. Digitally remastered by Erick Labson at
MCA Music Media Studios, using 20-Bit Super Mapping.
Daraus zum Anhören:
Naima (Coltrane, ts), Dolphy (as), Tyner (p), Workman (b), Jones (d) und India Coltrane
(ss), Dolphy (b cl), Tyner (p), Garrison, Workman (b), Jones (d), Abdul-Malik (oud), Garvin
Bushel (oboe)
Nicht auszudenken, hätten die Damen und Herren Kulturmanager der Kulturwerkstatt
Kaserne zu Basel, der Stadt, die mir, dem Deutschen, kein Wohnrecht zubilligte, die
Auftritte von Pharao Sanders (keine 80 Jazz-Fans im Raum, bei DER Jazz-Legende, ganz
Basel kann sich nicht so vereinen in Musik, um diesen Freund John Coltrains genügend zu
ehren) oder Erich Frieds Lesung (anlässlich der Besetzung der alten Stadtgärtnerei
Basels) auf Band aufgenommen und könnten sie jetzt oder später als CD veröffentlichen,
so wie ich es ihnen vorschlug.
Vom 4. November gibt es, kurioserweise, keine Aufnahmen. Wahrscheinlich waren die
Tonigenieure so voller Musik, dass sie vergassen, die Tonbändern anzustellen - am 5.
November 1961 taten sie es wieder.
IMULSE IMPD4-232 Friede den Hütten Krieg den Palästen (ein deutscher John Coltrane Georg Büchner).
2003-10-16
Im Oktober strahlt ARTE mehrere Programme zur CIA aus.
Geschichte am Mittwoch
Mittwoch, 8., 15. und 22. Oktober 2003 um 20.45 Uhr
3 Dokumentarfilme:
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1947-1977: Geheime Operationen
1977-1989: Das Ende der Illusionen
1990-2001: Ein Krieg nach dem anderen
Themenabend
Täter CIA - Ein Geheimdienst und seine Machenschaften
Dienstag, 28.Oktober 2003, ab 20.40 Uhr
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Das Geheimnis der Fledermaus. Bacardi zwischen Rum und Revolution
Operation Blindflug. Das Versagen der US-Agenten
Deckname Artischocke
Da Arte die Hintergrundseiten eventuell nicht lange auf seinem Server verfügbar hat, hier
die angebotenen links:
Über das Buch "Deckname Artischocke"
(www.pressdepartment.de)
"Frank Olson Project" (Website seines Sohnes Eric; engl.)
(www.frankolsonproject.org)
"What Did the C.I.A. Do to Eric Olson's Father?"
("New York Times"; mit weiteren Artikeln und Dokumenten zum Thema)
(www.nytimes.com)
Zur Geschichte der CIA
(www.magazinusa.com)
John Marks: The Search for the Manchurian Candidate. The CIA and Mind Control
(Online-Version des Buches von 1979; u.a. mit einem Kapitel über Frank Olson)
(www.druglibrary.org)
CIA und LSD
(www.snapoo.com)
CIA und MKUltra (Informationen über die Menschenversuche der CIA; engl.)
(earthops.org)
Human Radiation Experiments (Homepage des "Office of Human Radiation Experiments")
(tis.eh.doe.gov)
Biologische Waffen (ein Dossier der "Neuen Zürcher Zeitung")
(www.nzz.ch)
Biologische Waffen (Informationen des "Katalyse"-Umweltlexikons)
(www.umweltlexikon-online.de)
The Biological Weapons Convention (Hintergrundinformation zur Entstehung der
Konvention, offizieller Vertragstext sowie einige Abschlusserklärungen zu
Folgekonferenzen; UNO)
(www.un.org)
Milzbrand(Informationen, Nachrichten, Videos und Links zum Thema bei "wdr.de")
(online.wdr.de)
Milzbrand: Bilanz einer Hysterie ("Monitor", 17.1.2002)
(www.wdr.de)
Der Kalte Krieg (mit weiterführenden Links und Buchtipps)
(www.kssursee.ch)
Cold War (ein interaktives Angebot von CNN mit zahlreichen Artikeln zum Thema "CIA im
Kalten Krieg"; engl.)
(www.cnn.com)
Agenten im Kalten Krieg
Ein Dossier auf arte-tv.com
2003-10-15
"Grüne Hügel von Chengde. 250 Kilometer von Peking oder acht Tagesreisen befanden
sich zu der Zeit, in der J. W. Goethe innig an China dachte, also noch im Jahre 1912,
laubgekrönte Bergwälder. An ihrem Fusse, mit den Gärten in die Täler des Bergwaldes
vordringend, befand sich die Sommerresidenz des Kaisers. Der Ort hiess Chengde. Die
Residenz geriet in Verruf, als der Kaiser 1820 vom Blitz erschlagen wurde. Wenige Jahre
später kam ein Kaiser, verschlagen in diese Residenz, durch Krankheit um. Seither
verfielen die Bauten. Kein Astrologe wagte den Platz zum BEGÜNSTIGTEN ORT zu
erklären. Die Bäume wurden gefällt.
Heute, für Schatzsammler noch immer ein geeigneter Ort, ist der Palast verwüstet, die
Hügel von Bäumen entblösst. Übrig blieb von dieser Zentrale Chinas das Dichterwort "an
die KÜHLEN GRÜNEN HÜGEL VON CHENGDE brandet das Meer der Hügel Chinas,
unbelaubt". Das von Forschern 2002 durchforstete Gelände des Kaiserhofs wurde von
diesen Hügeln nie "überflutet". Es ging nicht unter durch China, sondern durch
Glücksverlust, einen Aberglauben der besonderen Art, dass nämlich eine paradiesische,
glückselige, im Sommer erfrischende Landschaft durch nur zwei Zufälle zur Wüste
gemacht werden kann."
Alexander Kluge, aus: Vermischte Nachrichten. Zeitungsgeschichten und
Bildbeschreibungen - Zufälle, Fundstücke und immer wieder fehlende Glücksmomente, in:
Frankfurter Rundschau 2./3. Oktober 2003
"Kohl, Schäuble, de Maizière haben Geschichte geschrieben. Geschichte gemacht haben
andere, nämlich diejenigen, die den 9. November ermöglicht haben. Doch die Sieger
haben es nicht einmal geschafft, mit den Besten, der oppositionellen Bürger- und
Demokratiebewegung, auf gleicher Augenhöhe umzugehen. Die politische Kultur, die sich
im Neuen Forum und anderen Gruppierungen entwickelt hatte, war moderner, einer
Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts angemessener als alles, was der westdeutsche
Politikbetrieb bisher auf die Beine gestellt hat. Bundestagspräsiden Wolfgang Thierse lässt
hin und wieder etwas davon aufblitzen.
Überhaupt der 9. November. 1918 war er der Tag, an dem die erste deutsche Republik
ausgerufen wurde,. 1923 war er der Tag, an dem Hitler in München seinen ersten
Putschversuch machte. Damals war es noch eine Posse, zehn Jahre später begann die
Tragödie. 1938 war er der Tag, nach dem niemand mehr sagen konnte, er hätte es nicht
gewusst, im Inland nicht und im Ausland auch nicht. In und nach der "Reichskristallnacht"
musste gezielt wegschauen, wer nichts gewusst haben wollte. 1989 war er der Tag, an
dem - 44 Jahre nach der deutschen Kapitulation, die eine Befreiung war - die
Nachkriegsgeschichte endete.
Wenn es einen Tag in der neueren deutschen Geschichte gibt, an dem es sich lohnt
innezuhalten, nachzudenken, zu reden, zu trauern und zu feiern, dann ist es dieser 9.
November. Aber welcher Politiker in Amt und Würden will schon innehalten und
nachdenken. Und wir Normalverbraucher, wollen wir es? Wenn es gewollt wäre, das ist
richtig, ginge es auch am 3. Oktober. Irgendein Feiertag ist besser als keiner."
Dr. Hans Jürgen Arlt, Publikzist und Kommunikationswissenschaftler , Berlin aus: Besser
als gar kein Feiertag,in: Frankfurter Rundschau 2./3. Oktober 2003
"Die Zeiten werden schneller, die Räume werden enger, die Dramen häufen sich. Die FR
trägt der Entwicklung mit einer kleinen Serie von kurzen Stücken Rechnung.
(Jetzt. Rilkes Zimmer. Rilke, aus einer Dose Bier trinkend, vor dem eingeschalteten
Fernsehapparat. Auf dem Bildschirm die Talkshow "Fliege". Fliege spricht mit Rilke)
Fliege: Herr Rilke. Sie leben, schreiben Sie in einem Ihrer Gedichte, Ihr Leben in
Wachsringen.
Rilke: Nein. In wachsenden Ringen.
Fliege: In wachsendem Ringen.
Rilke: Nein! In wachsenden Ringen!
Fliege: Die sich über die Dinge ziehn.
Rilke: Genau.
Fliege: Wie ist das zu verstehen?
Rilke: Wie es da steht.
Fliege: Sie schreiben, Wie würden den letzten vielleicht nicht wollbringen.
Rilke: Das ist richtig.
Fliege: Aber versuchen wollen Sie ihn?
Rilke: Versuchen, ja. Unbedingt.
(Am unteren Bildschirmrand wird ein Inserat eingeblendet: "Dichter R. M. Rilke: Lebt sein
Leben in wachsenden Ringen". Rilke wirft die halbvolle Bierdose gegen den Fernseher.)
(Vorhang)
(Material: Rainer Maria Rilke: "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen", 1889)
Der österreichische Schriftsteller Antonio Fian hat drei Bände mit Dramoletten
veröffentlicht. Sie sind im Droeschel-Verlag erschienen."
Antonio Fia, aus: Bei Fliege. In: Frankfurter Rundschau 2./3. Oktober 2003
"... Hatte ich gehofft, Politik werde anders, besser gar, durch die Beteiligung von mehr
Frauen? Der letzte Rest Hoffnung jagt aufjaulend davon am Abend der Landtagswahl in
Bayern. Die ARD-Runde der Generalsekretäre: Zwei Frauen nun, für Grüne und FDP, in
dieser Runde des Schreckens; mit Spray das blonde Haar fixiert, so unverwehbar wie ihre
Mienen beim Spiel mit den Endlos-Wortketten. Der Wettkampf im Ich-lasse-mich-nichtunterbrechen beim Verfassen sinnfreier Sätze; so deprimierend, Déjà vu. Wie eine uralte
Karikatur.
Hatten sich nicht Grüne auch gegen all diese Zumutungen gegründet? Wagte nicht sogar
die SPD basisdemokratische Experimente? Jetzt, so lese ich, muss die GrünenVorsitzende Angelika Beer Autoritätsverlust fürchten, weil sie in einem Jahr ins
Europaparlament wechseln will. So schlimm ist es gekommen, in diesen wunderschönen
Berliner Bauten. Sie können nichts dafür. Früher, als die Häuschen niedrig waren und die
Menschen kurzbeinig, stritt man über jeden einzelnen Soldaten. Nun reden alle so
beiläufig über Kundus, als sei's Hannover-Langenhagen.
Aus dem Off meldet sich Helmut Kohl: Wo sollen denn noch überall Soldaten hin? Kohl,
ein Mann aus der Strickjacken-Welt, ewig her."
Charlotte Wiedemann, aus: Berliner Revue. Die schöne neue Politikerwelt, so viel jünger,
so viel schicker - so surreal/Notizen einer Rückkehr,Teil 3. In: Frankfurter Rundschau 2./3.
Oktober 2003
"Charlotte Wiedemann war Südostasien-Korrespondentin. Jetzt schau sie mit einem
anderen Blick aufs veränderte Deutschland." (Fr-Begleittext).
Ich empfehle jedem ein Leben in Asien. Der veränderte Blick auf Deutschland wird
kommen und mit ihm auch ein anderes Leben - in oder ausserhalb Deutschlands.
2003-10-14
"Cela, 21. Mai 1973 ...
Was die menschliche Enttäuschung betrifft, so ist der Affenbrotbaum, der sie auslöst, ein
anderer. Er hat natürlich Beine und Arme. Kein Zweifel: Der Portugiese war ausserstande,
in diesen afrikanischen Landschaften das brasilianische Wunder zu wiederholen. Dort
schuf er Wurzeln; hier nicht. Sicherlich, weil dort der Herr und der Sklave beide
Emigranten und Kolonisatoren waren. Als Ausländer waren beide auf das Überleben und
die Verständigung angewiesen. Nur gemeinsam konnten sie siegen. Und gemeinsam
bauten sie auf der fremden Erde mit dem gleichen Schweiss in ursprünglicher
Gemeinschaft bis in ihre Lieblingsgerichte ihre Geburtsländer wieder auf. Hier bei uns ist
der Weisse nach wie vor der Eindringling. Es entstand keine Vereinigung von Körpern und
Seelen. Ich besuche einen Modellacker. Und werde entmutigt: Ein unüberbrückbarer
räumlicher und zeitlicher Abgrund trennt das Herrenhaus von der Sklavenhütte. Der
Eingeborene ist kein Teil der Familie. Er blieb ausserhalb der Gefühle, der Zuneigungen,
der Brüderlichkeit und sogar der Sinnlichkeit. Mit einem Wort: der Liebe. In seinem Dorf
vereinzelt, abgetrennt, ist der Schwarze eine nützliche Maschine, die man nach
Beendigung der Arbeit ausschaltet.
Cabora Bassa, 5. Junie 1973 - Es ist hier wie in Vilarinho da Furna, wie in Assuan, wie
überall. Die vereinten Kräfte der Vergangenheit und der Gegenwart konnten die
überwältigende Wut der Zukunft nicht bremsen. Ein riesiger See wird Tausende von
Geschöpfen ohne Götter, ohne Tote, ohne Heimstatt und ohne Gedächtnis zurücklassen.
Die Technik wird Schluss machen mit Glaubensinhalten, Erinnerungen, Kulten und
Gefühlen, sie wird in derselben ausgleichenden Lagune den Totembaum ertränken, den
heiligen Friedhof, die heimische Strohhütte, den Sippenacker. Elektor-häusliche Menschen
statt geistig-heimischer Menschen. Millionen von Herzschlägen eingetauscht gegen
Millionen von Kilowatt.
Boticas, 7. September 1973 - Die Welt des Scheiterns, welche jene Seele verbarg! Was
geht schliesslich in allen Seelen vor, selbst wenn sie es nicht enthüllen. Nie hat jemand
von ihre eine Klage gehört, eine Beschwerde, eine Vertraulichkeit. Alles in ihr war
Verschwiegenheit und Beherrschtheit. Erst vor kurzem hat sie sich unerwartet verraten.
Man sprach von den hier, in Barroso, stattgefunden habenden Stierkämpfen.
- Wissen Sie, was mit den besiegten Stieren geschieht? fragte ich.
- Ich habe keine Ahnung.
- Sie werden geschlachtet.
- Warum?
- Weil sie aufgehört haben, die Macht der Männlichkeit zu versinnbildlichen.
- Das sollten sie an bestimmten Männern vornehmen ...
Und es war, als erblühte die späte Blume des Orgasmus im Raum.
Coimbra, 16. Oktober 1973 - Zwei Diktaturen kreuzigen den portugiesischen Menschen.
Die politische und die soziale. Die Kleinlichkeit der Umwelt herrscht hier zumindest ebenso
tyrannisch wie die Anmassung der Macht. Das einzige, was sie unterscheidet, ist eine
gewisse Kasteiung. Die Politiker zeigen noch dann und wann in einer verzwickten
Mitteilung an das Land in einem Interview oder in einem Aufruf ihr mangelndes Gewissen.
Die Gesellschaft dagegen nicht. Sie vernichtet ohne Rechtfertigung und ohne
Gewissensbisse.
Coimbra, 27. April 1974 - Besetzung der Pide-Anlagen. Während ich mit anderen
antifaschistischen Veteranen die Wut etlicher erregter Gegner, die das Niedermachen der
Handlanger fordern, die drinnen festsassen und deren Kraftwagen sie zerschlugen, dachte
ich an die merkwürdige Tatsache, dass Racheakte selten von den wahren Opfern der
Unterdrückung ausgeführt werden. In ihnen steckt offenbar das Schamgefühl, dass ihnen
verbietet, ihr Leiden beflecken zu lassen. Es sind die anderen, die, welche nicht gelitten
haben, sich überbieten, als hätten sie ein schlechtes Gewissen und wollten eine
Verzweiflung zur Schau stellen, die sie nie empfunden haben.
Coimbra, 1. Mai 1974 ...
Das Alter ist dies: Entweder man weint grundlos, oder die Augen bleiben vor Klarsicht
trocken.
Coimbra, 4. Mai 1974 - Der fünfte Tag der Erschaffung der Welt vertrocknet in den
Schaufenstern. In diesem Vaterland ist es so: Das Verlangen nach Lesestoff hängt von
den Polizeigewürzen ab. Wäre das Buch 14 Tage früher erschienen, hätten es vielleicht
viele Leute begrüsst, nicht, um es zu lesen, sondern nur, um es in die Hand zu nehmen.
Aber nun erschien es eine Woche nach dem 25. April, wo schon niemand mehr ein
Beglaubigungsschreiben der Auflehnung vorzuzeigen braucht.
Alle rechtfertigen sich mit Hochrufen, mit der roten Nelke im Knopfloch, mit der Teilnahme
an Kundgebungen, ein jeder drängt sich vor den anderen in die erste Reihe und schwenkt
den unechten Wisch seiner nagelneuen Bekehrung. Es ist nirgendwo auf der Welt
bequem, die Literatur zu pflegen. Aber unter uns tut man es nur aus Bußfertigkeit. Nie hat
hier ein Schriftsteller das Recht auf Würde gehabt. Die Würde, ein gemeinsames
Schicksal oder ein einsames persönliches Schicksal auf sich zu nehmen, ohne dass es für
die einen als Landesflagge und für die anderen als Vogelscheuche diente.
Coimbra, 6. Mai 1974 - Die Revolution geht weiter, und alle beeilen sich, ihre Unterschrift
dazu zu geben.
- Und Sie sagen dazu nichts? fragte mich jemand kürzlich, schamlos, einer der neuen
Jünger.
Angesichts einer solchen Unverantwortlichkeit blieb ich sprachlos. Es war, als hätten sie
mich gezwungen, 50 Jahre Widerspruch herunterzuschlucken.
Coimbra, 27. Juli 1974 - Endlich räumen wir den Kolonialvölkern die Unabhängigkeit ein.
Eine Unabhängigkeit, die sie fraglos teuer zu stehen kommen wird, aber es gibt keine
billige. Nach diesem notwendigen und hoheitsvollen Akt wird Portugal auf den bekannten,
ans Meer grenzenden Streifen Land beschränkt sein. Es ist die Geschichte, die das
fordert, und hoffentlich auch das Schicksaal. Hoffentlich wird uns dies nach so vielen
Jahrhunderten der Zersplitterung und Verirrung auf den mütterlichen Kern zurückdrängen,
damit wir, solcherart erholt, ein neues Abenteuer beginnen können.
Als Nomaden der Welt werden wir fortan sesshafte Mitbewohner Europas sein, in das wir
immer schlecht passten und in dem wir uns nie zu verwirklichen verstanden. Aufbrechen,
verhiess unser Freibrief. Heute werden unsere Wege nicht mehr die der Forderung nach
Freiräumen sein, die uns erlauben, was uns in der Wiege versagt war, sondern die einer
seit Jahrhunderten versagten inneren Entdeckung.
Coimbra, 21. August 1974 - Diese Theoretiker des dialektischen Materialismus erinnern
mich immer an die Kirchengelehrten. Wie diese verbringen sie ihr Leben damit, Dogmen
zu ersinnen und Ketzer zu belauern.
Coimbra, 27. Oktober 1974 - Er war ein wenig verblüfft, als ich mitten in der Unterhaltung
erklärte, es gebe nur drei heilige Dinge im Leben: die Kindheit, die Liebe und die
Krankheit. Doch dann begriff er. Schliesslich bewies ich ihm, dass sich in der Welt alles
täuschen liesse, mit Ausnahme eines Kindes, des Wesens, das uns liebt, und eines
Kranken. In allen diesen Fällen ist die Person schutzlos.
Torräo, 1. November 1974 - In Portugal wird das Zwiegespräch um so weniger interessant
und ergiebig, desto höher die gesellschaftliche Stellung unseres Gesprächpartners ist. Nie
stimmt in einem Alphabet dieses Landes der Buchstabe der Bücher mit dem Buchstaben
der Dinge überein. Man könnte sagen: Die Ausbildung unter uns zerstört das geringe
Gute, das wir besitzen.
Professoren, Minister, Generäle können keinem bescheidenen Tagelöhner das Wasser
reichen, einem Menschen, der die Sterne versteht, die Winde, die Zeit, der eine Luke in
seiner Behausung öffnet, damit die Geister eintreten können, der Glaubensinhalte und
Kulthandlungen pflegt, der sich seiner und der Natur gewiss ist. Die hohen Schulen
verwandeln die Individuen hierzulande in Weise ohne Weisheit.
Coimbra 6. November 1974 - Den ganzen Tag in der Praxis vergraben, in zunehmender
Vergessenheit seitens der Patienten. Die Sonne überschwemmt meinen Schreibtisch,
draussen tobt der Verkehr, und ich lese, kritzle, faulenze, frei und lebensfrei in meiner
Einsamkeit. Das Leben beginnt sich von mir zu verabschieden und vergrössert
zunehmend die Leere, die mich umgibt. Und ich danke ihm innerlich, dass es mir das
Linderungsmittel gewährt, in dieser Höhle zu sterben, die ein untrüglicher Berufsort zu sein
begann und jetzt, jetzt nur noch dann und wann von einigen Getreuen besucht, an jene
Spionagezentren erinnert, die auf der Fassade ein Handelsschild vorweisen, um sich zu
tarnen.
Coimbra, 2. Januar 1975 - Stundenlang den Garten umgegraben. Wie immer, wenn ich
mir dessen bewusst werde, hatte ich einen Streifen Land nach Vorschrift besät, die
Ackerschollen zerkleinert, den Dünger richtig in die Erde vermischt, die Saat gewissenhaft
verteilt. Und alles mühelos, natürlich. Einmal über den Spaten gebeugt, scheint der Körper
belehrt. Je weniger ich auf die Gebärden achte, desto vollkommener gelingen sie. Die
Furchen gerade, die Tiefe genau, die Erde geebnet. Die Weisheit, die der Mensch in
seinen Chromosomen mitbringt! Wie schade, dass unter meinen Vorfahren nicht auch ein
gebildeter war, der mir die Wissenschaft vererbt hätte, die Schreibfeder zu handhaben,
wie ich die Hacke handhabe!"
Miguel Torga, aus: Wie Bären im Zirkus. Tagebuch aus den Zeiten der portugiesischen
Nelkenrevolution, übersetzt von Curt Meyer-Clason, in: Lettre International. Europas
Kulturzeitung, Nr. 62, Herbst 2003
www.lettre.de
Die Stiftung für Richtige Leben - frei nach Adorno: es gibt ein richtiges Leben im Falschen
- vergibt seit 1980 den Alternativen Nobelpreis.
Er soll "praktische und beispielhafte Antworten auf die dringendsten Herausforderungen
der Gegenwart" ehren und wurde vom deutsch-schwedischen Publizistenen Jakob von
Uexeküll gestiftet.
www.rightlivelihood.se/latest03.htm
Einer der deutschen Preisträger, war der Waiblinger SPD-Bundestagsabgeordnete und
Präsident von EURO-SOLAR, Hermann Scheer. Hier seine Dankesrede vor dem
schwedischen Parlament:
Die menschliche Globalisierung
"Es gibt keine Alternative", ist das meistgenutzte Schlagwort der Führungseliten in Politik
und Wirtschaft. Das ist ihr Appell an die Menschen, die gefällten Entscheidungen und
Entwicklungen zu ertragen, sie nicht zu kritisieren und nicht mehr nachzudenken, ob auch
andere Entscheidungen und Entwicklungen möglich sind. Je einseitiger und kurzsichtiger
die Entscheidungen, je absurder und gefährlicher der Weg der globalen Ökonomie und
Zivilisation, desto lauter ertönt die apodiktische Behauptung: "Es gibt keine Alternative."
Mit dieser Behauptung möchte die Mehrheit der heutigen Führungskräfte in der
sogenannten "Ersten Welt" das Denken darüber tabuisieren und diejenigen als
unrealistisch, unseriös oder schlichtweg lächerlich denunzieren, die von Alternativen
sprechen und für Alternativen arbeiten.
"Es gibt keine Alternative" - das ist die Herrschaftsformel und die Lüge der
neoliberalistischen Moderne, der Tranquilizer für die Öffentlichkeit, damit diese ihre
demokratischen Rechte nicht mehr praktiziert.
Dies geschieht in einer Zeit, die nach Alternativen schreit: nach Alternativen
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zur Gefahr der atomaren Aufrüstung, da die Atommächte ihre vertragliche Pflicht zur
vollständigen atomaren Abrüstung ignorieren;
zur Atomenergie und zu fossilen Energien, um einen sich zuspitzenden Weltkonflikt um
erschöpfliche Ressourcen und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu
verhindern;
zur globalen Marktwirtschaft, die in Wahrheit zu globalen Kartellen führt und gewählte
Regierungen zu Marionetten transnationaler Körperschaften macht;
zu einer Patentierung von Leben, die zu einer globalen Enteignung des gemeinsamen Erbes
durch private Konzerne führt;
zur Globalisierung der Landwirtschaft, wodurch der Schutz von Böden, Wäldern und
Wasserressourcen unmöglich und die Lebensbedingungen von einigen hundert Millionen
Kleinbauern untergraben werden.
Eines der letzten Worte von Robert Jungk war: "Sie tun nicht, was sie wissen." Heute
würde er sagen: "Sie tun das Gegenteil von dem, was sie tun müssten." Noch Anfang der
90er Jahre verstand man unter Globalisierung die globale Verantwortung für die globale
Umwelt und eine gerechte Weltordnung. Heute, Ende der 90er Jahre, wird unter
Globalisierung rücksichtsloser globaler Wettbewerb zu Lasten der natürlichen Umwelt,
sozialer Ziele, demokratischer Selbstbestimmung und gewachsener Kulturen verstanden.
Die globale Entwicklung befindet sich auf einem Weg, der die Menschen und die Natur
überfordert. Aber die führenden Köpfe handeln in dem absurden Versuch, die Probleme
durch ein beschleunigtes Tempo auszugleichen. Wirtschaftliches Denken wird reduziert
auf aktuelle Produktkostenvergleiche. Das entspricht einer Politik des täglichen "SichDurchwurschtelns" in dieser Einbahnstraße.
Je größer die Widersprüche werden, desto lauter wird der Ruf nach Konsens. Konsens
soll Kritiker einschläfern und zur Anpassung motivieren und ihre Alternativen ersticken.
Konsens soll Konformismus erzeugen. Wer sich darauf einlässt, hat individuell ein
komfortableres Leben, während die Lebensbedingungen für immer mehr Menschen immer
unkomfortabler werden und in unerträglicher Armut enden.
Alternativen sind heute dringender und aktuelle denn je. Daher ist der Preis, den wir heute
erhalten, notwendiger und aktueller denn je. Viele Menschen haben ihr Engagement für
ein menschenwürdiges Leben mit ihrem eigenen Leben bezahlt. Diesen gebührt höchste
Anerkennung.
Ich hatte die Chance, unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen ein für die
gesamte Zukunft entscheidendes Ziel zu artikulieren und zur Praxis treiben zu helfen:
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die globale Umweltzerstörung in erster Linie als Folge der Nutzung atomarer und fossiler
Energien und die globale Ungleichheit als eine Folge globaler Ressourcenabhängigkeiten
identifiziert zu haben;
Menschen motiviert zu haben, den Weg der umweltzerstörenden Fremdversorgung mit
konventionellen Energien zu verlassen und den der umwelterhaltenden Selbstversorgung mit
erneuerbaren Energien zu beschreiten.
Die größte Gefahr sehe ich in der Entkoppelung wirtschaftlicher Prozesse von ihrer
geographischen, sozialen, kulturellen verfassungsgemäßen und ökologischen Basis.
Entkoppelt werden die Räume der Ressourcengewinnung von denen des Verbrauchs, die
Produktion von den Märkten, die Quellen der Umweltzerstörung von den Gebieten, wo die
Umwelt zerstört wird, die Unternehmen von ihren Anteilseignern, die
Entscheidungsprozesse von den Menschen.
Früher wurden Länder erobert und deren Regierungen entmachtet. Heute werden Märkte
erobert und die Demokratie durch transnationale, zentrierte Unternehmensentscheidungen
entmachtet.
Umso dringender müssen wir neu darüber nachdenken, wie Menschen in der Einen Welt
in Frieden miteinander leben können, statt gegeneinander ausgespielt zu werden. Dies
geht nur durch eine Revitalisierung der regionalen Wirtschaft, damit Menschen in ihrem
Lebensraum unabhängige Entfaltungschancen haben. Die Voraussetzung dafür ist die
Nutzung regional vorhandener erneuerbarer Energiequellen, die von der Sonne geliefert
werden: die sichtbare Hand der Sonne anstatt der unsichtbaren Hand des globalen
Ressourcenmarktes für Energie, Nahrungsmittel und Rohstoffe. Die Sonne muss in den
Dienst der Menschheit gestellt werden, und Naturgesetze müssen den Vorrang vor den
Gesetzen der Marktwirtschaft erhalten: Das ist das allgemeine Ziel, für das ich arbeite.
Erneuerbare Energien sind unerschöpflich. Sie zerstören nicht die Umwelt. Sie sind überall
verfügbar. Sie sichern den Frieden. Sie ermöglichen unabhängige Entwicklungen und eine
gerechtere Verteilung wirtschaftlicher Chancen. Ihre Nutzung ermöglicht Solidarität mit
den kommenden Generationen. Sie sichern die Zukunft der Menschheit. Ihre Nutzung
muss zur Ablösung der atomar/fossilen Energiewirtschaft führen.
Ob diese Ablösung rechtzeitig - also in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts - gelingt,
gibt Antwort auf die Frage, ob die industrielle Revolution eine einzigartige Chance für die
Menschheit zur Erleichterung ihrer Lebensverhältnisse war - oder der Beginn ihrer
kollektiven Vernichtung. Die Ablösung kann nicht ohne Konflikte erfolgen. Diese Konflikte
müssen wir durchstehen. Wir müssen für die bessere Alternative kämpfen. Sie erfordert
einen großzügigen Entwurf. Diese Perspektive ist eine essentielle Bedingung für die
Überwindung des psychologischen Desasters der Alternativlosigkeit.
Sie folgt dem allgemeinen Entwurf freier und gleicher Lebenschancen, für die
Weltgesellschaft und für heutige und zukünftige Generationen. Niemand hat diese
Anforderung prägnanter formuliert als Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ:
"Ich soll niemals anders verfahren, als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime
solle ein allgemeines Gesetz werden." Dieser Satz stellt das allgemeine Wohl über den
Egoismus.
Im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen, der Pyromanie atomarer und fossiler
Energieverbrennung, der genetischen Biotechnologie und der transnationalen
Wirtschaftspiraterie muss das allgemeine Wohl umfassender gesehen werden, weil die
Egoismen weitreichender und gefährlicher geworden sind. Es gibt nicht nur individuelle,
sondern auch vielfältige kollektive Egoismen - nicht nur den nationalen und rassistischen
Egoismus, auch den Ressourcenegoismus der Industrieländer, den Sicherheitsegoismus
der Atomwaffenstaaten, den Egoismus heutiger Generationen zu Lasten der folgenden.
Wie sollen die Menschen handeln, wenn sie zwar die umfassenden Gefahren der globalen
atomar/fossilen Pyromanie kennen, ihnen aber gleichzeitig immer wieder gesagt wird, es
gäbe dazu keine Alternative? Wer beides glaubt, gibt die Zukunft auf und raubt den
Menschen die Motivation, die atomar/fossile Gefahr abzuwenden.
Jede Alternative beginnt damit, dass ihre Möglichkeiten möglichst vielen Menschen
gezeigt werden. Nur dann werden Menschen initiativ. Das ist der wichtigste Inhalt dieses
Alternativen Nobelpreises: Er ist ein Stimulans für meine laufende Arbeit und allgemein und viel wichtiger - für unzählige Menschen. Solarenergie ist Energie für die Menschen.
Die Nutzung dieser Energie erfordert nicht die großen Investitionen einiger wenige großer
Gesellschaften. Sie erfordert Milliarden von Investitionen durch Milliarden von Menschen.
Die Menschen haben die Möglichkeit, nicht mehr Teil des Problems zu sein, sondern sich
an der globalen Lösung zu beteiligen. Das heißt Globalisierung durch Menschen.
www.eurosolar.org/new/de/start.html
"12. Oktober 2003 In dem Buch, das Susan Sontag für die beste Studie über ihr
Heimatland hält, findet sich auch dieser Satz: "Es ist offensichtlich, dass der
Menschenschlag der amerikanischen Staatsmänner sich seit einem halben Jahrhundert
bedeutend verschlechtert hat." Dies hat, wohlgemerkt, nicht Susan Sontag behauptet. Sie
hat es nicht einmal zitiert. Und es ist auch nicht die Schuld der Friedenspreisträgerin des
Jahres 2003, wenn ein Satz, den Alexis de Tocqueville im Jahr 1835 in "Über die
Demokratie in Amerika" notierte, heute in vielen Ohren klingen mag, als wäre er gestern
geschrieben worden.
Ebenso wenig ist es der Preisträgerin anzulasten, dass die Preisverleihung Tocquevilles
These zu bestätigen schien. In ihren einleitenden Worten teilte Susan Sontag dem
Publikum in der überfüllten Frankfurter Paulskirche mit, dass der amerikanische
Botschafter die im Juni an ihn ergangene Einladung umgehend zurückgewiesen hat. Der
Name des Mannes ist nicht weiter von Interesse, denn fortan wird man ihn als Botschafter
der Vereinigten Staaten nicht länger bezeichnen wollen. Der Affront galt der Preisträgerin,
trifft außer ihr jedoch auch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels sowie das
Land, das den Friedenspreis nach wie vor zu den wichtigsten Auszeichnungen zählt, die
es überhaupt zu vergeben hat.
Mangel an Takt und Übermaß an Kleinmut
Um so bedauerlicher ist, dass in diesem Jahr auch nur wenige deutsche Politiker in der
Paulskirche zu sehen waren. Dass weder der Bundespräsident noch der Bundeskanzler,
noch der Außenminister zugegen waren, widerspricht nicht nur den Traditionen dieses
Preises, es wirkt angesichts der heftigen amerikanischen Kritik, die Susan Sontag auf sich
gezogen hat, auch besonders unpassend. Nun sind Intellektuelle hierzulande
glücklicherweise nicht auf Beistand und Anerkennung der Politiker angewiesen, aber der
Mangel an Takt und das Übermaß an Kleinmut, die Außenminister Fischer und seine
Kollegen in dieser Sache zeigen, sind doch erstaunlich.
In der heute geläufigen politischen Rhetorik Amerikas zählt der Franzose Tocqueville zu
den Einwohnern eines der "Schokolade fabrizierenden Länder" Europas, Ländern wie
Frankreich und Belgien also. Wie ein knappes Jahrhundert nach ihm der Brite D. H.
Lawrence, erkannte Tocqueville, dass "Amerika, das Kind Europas, auf dem Weg war,
sich zur Antithese Europas zu entwickeln". Die Gegensätze, die damals ihren Anfang
nahmen, haben viele Namen, und Susan Sontag zählte einige von ihnen auf:
"amerikanische Unschuld und europäisches Raffinement; amerikanischer Pragmatismus
und europäischer Intellektualismus; amerikanische Tatkraft und europäischer
Weltschmerz; amerikanischer Moralismus und europäisches Kompromißlertum".
Eine Denkform, die das Neue feiert
Für Susan Sontag fallen diese und andere Gegensätze im Kampf des Neuen gegen das
Alte zusammen. Schon Tocqueville habe Amerikas Tendenz beobachtet, die
"europäischen Werte und die Macht Europas zu untergraben und abzutöten". Mit D. H.
Lawrence betrachtet Susan Sontag das Neue als den Tod des Alten: "Man bekommt nie
etwas Neues, ohne etwas Altes kaputtzumachen", schrieb Lawrence und prophezeite,
Amerika werde Europa mit Hilfe der Demokratie zerstören. Danach werde der Sieger sich
von der Demokratie abwenden und sich etwas anderem zuwenden. Was dieses andere
sein könnte, so Susan Sontag, werde "vielleicht in unseren Tagen langsam deutlich".
Dieser kaum verbrämte Vorwurf antidemokratischer Tendenzen war die wohl schärfste
Attacke gegen die Regierung Bush in einer entspannt und souverän vorgetragenen Rede,
die ihre Spitzen überwiegend gut getarnt hatte. Susan Sontag zitierte ironisch die
zahllosen Klischees, die Amerikaner und Europäer übereinander in Umlauf gebracht
haben, und wies darauf hin, dass Amerika den Konflikt zwischen Altem und Neuem
unzählige Male variiert hat. Nur so konnte etwa die Rückkehr zu unilateralen Positionen
als "neue Weltpolitik" angepriesen werden. Der amerikanische Konservativismus hat eine
Denkform entwickelt, die das Neue und nicht etwa das Alte feiert. Europäern sind solche
Gedankengänge nicht ohne weiteres zugänglich, aber Susan Sontag hat die Bevorzugung
des "Neuen" und die komplexe Mechanik amerikanischer Konservativer auf eine
eingängige Formel gebracht: "Wer mit uns ist, ist ,neu'."
Der Graben ist tiefer als je zuvor
Heute sind Amerika und Europa sich kulturell ähnlicher als je zuvor. Gleichwohl ist der
Graben zwischen Alter und Neuer Welt tiefer denn je. Eindrucksvoll warnte Susan Sontag
davor, die grundlegenden Differenzen für Phänomene der jüngsten Vergangenheit für
vorübergehende Meinungsverschiedenheiten zu halten. Als Zehnjährige fürchtete die
Preisträgerin, die aus einer jüdischen Familie polnisch-litauischer Herkunft stammt, sich
vor den deutschen Kriegsgefangenen in einem Internierungslager, von dem sie gehört
hatte. Tagsüber las das Kind in den Werken Storms und Goethes, nachts, in seinen
Albträumen, kamen die "Nazi-Soldaten", um es zu ermorden. Einer der Kriegsgefangenen
war Susan Sontags späterer, 1999 verstorbener Lektor Fritz Arnold, der seine dreijährige
Internierung nur dank der amerikanischen und englischen Klassiker überstand, die er
immer wieder las. Freiheit war für beide, das verängstigte Kind in der amerikanischen
Provinz und den deutschen Kriegsgefangenen in Arizona, nur in der Literatur zu finden.
"Literatur ist Freiheit" lautete der letzte Satz dieser eindrucksvollen Rede. Niemand wird
Susan Sontag widersprechen sollen. Aber es wäre allzu bequem, wollten wir uns
einreden, die Literatur sei unsere einzige Freiheit."
Hubert Spiegel, aus: Preisverleihung. Europas Kind. In: Frankfurter Zeitung (FAZ) 200310-13
"Es ist einer der Vorzüge des Lebens, dass wir alle sterblich sind. Wenn ich, zwar noch
nicht "steinalt", aber doch in einem ziemlich vorgerückten Alter, die gegenwärtige Zeit mit
der vergangenen vergleiche, dann scheint es mir mitunter, dass das, was man in einem
Leben verkraften kann, auch seine Grenzen hat. Der Wandel unserer Lebensgrundlagen,
die als "Fortschritt" bezeichneten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen oder sonstigen
Veränderungen mögen unbestritten positiv sein. Nur - wer in seine Zeit hineingewachsen
ist, vermag häufig nicht, diesen "Fortschritt" als solchen zu erkennen. Zumindest nicht in
allen Belangen. Wer das Glück hatte, sein Leben auszufüllen, der kann dem Tod ruhig
entgegensehen. Wer dieses Glück nicht hatte, wünscht sich ihn mitunter. Doch im
allgemeinen erscheint der Tod den Menschen als etwas Unheimliches, Bedrohliches und
sie haben Angst vor ihm. Auch die religiösen Vorstellungen von Himmel, Hölle und
Fegefeuer helfen nicht jedem, den Gedanken auf den Tod besser zu ertragen ...
Ein durch Krankheitserreger - Viren, Bakterien, Würmer - geschwächtes Tier aber ist eine
effektive Gefahr für die Gruppe, und daher wird es von der Gruppe getötet.
Uns zivilisierten Menschen ist diese Form des Sozialverhaltens völlig abhanden
gekommen.
Wir regen uns auf, wenn ein vom Töten der Beute lebendes Tier ein Beutetier tötet ... Wir
regen uns aber nicht auf, wenn unzählige gesunde, lebensstarke Menschen auf
Schlachtfeldern gemordet werden oder sonst eines qualvollen Todes sterben. Rundfunk,
Fernsehen, Illustrierte berichten uns jeden Tag davon. Wir dürfen auf bewegten oder
unbewegten Bildern sehen, wie das geht. Gleichzeitig halten wir es für "humanen
Fortschritt", dass nicht mehr lebensfähige Menschen mit großartigen Apparaturen als
"lebendige Leichname" konserviert werden ...
Unsere tränendrüsendrückende Scheinkultur lässt uns dann auch die Tierschutzgesetze
von Leuten schaffen, die vom Tier, von den Zusammenhängen in der Natur nicht die
leiseste Ahnung haben, da sie ja nichts anderes gelernt haben, als wieder von
naturfremden Menschen gemachte Paragraphen. Kaum ein Tierarzt wagt es heute noch,
einen Welpen zu töten, weil er dann mit einem Bein bereits im Gefängnis steht. Und das
eben deswegen, weil wir inzwischen ein allzu belastetes, unnatürliches Verhältnis zum
Tod haben.
Der Hund gehört als "Haushund" nun einmal in die menschliche Gesellschaft. Ihn auf
"Schlachtfeldern" verrecken zu lassen, wäre genauso asozial, wie ihn nicht sterben zu
lassen. Da er nicht nur dank seines geringen Gehirns von gewissen menschlichen
Vorstellungen nicht belastet ist, weiss er glücklicherweise ebenso wenig wie ein
Meerschweinchen, dass es eine "Hölle" und eine "Himmel" geben wird, wenn er "seine
Seele aushaucht".
Anders herum gesagt: Es gibt für ihn nur einen "Himmel", da es für ihn keine Todesfurcht
gibt.
Der Mensch, der das komische Wort "ich" erfunden hat, womit er sich im Gegensatz zur
Natur gestellt hat (unsere "Erbsünde") , muss demzufolge den Tod, der ja sein Ich
auslöscht, als etwas ihm Gegensätzliches empfinden. Auch dann, wenn er ein natürlicher,
sinnvoller Tod ist. Ein Tod nämlich, der das Getriebe der Welt aufrecht erhält. Der
natürliche Tod ist nichts anderes, als der Natur das wieder zurückzugeben, was sie zum
weiteren Aufbau des Lebens benötigt ...
Es ist im höchsten Grade unmenschlich und widernatürlich, wenn man sieht, wie das an
sich abgelaufene Leben eines Hundes mit künstlichen Mitteln erhalten wird. "Tierliebe"
schiebt man vor, weil man aus purem Egoismus dem Hund das Sterben nicht gönnt. Man
will ihn noch behalten, und man will seiner Umwelt zeigen, was man für einen armen Hund
alles tut.
In der Natur sucht ein Tier dessen Zeit gekommen ist, ein Versteck, legt sich hin und
schläft sich "hinüber". Ohne Furcht, ohne die Drohung einer "Hölle". Es gibt sich dem in
der Natur bewährten Kreislauf des Kommens und Gehens zurück.
Wir Menschen aber verwehren dem Hund diesen Frieden des Sterbens. Wenn unser
Hund alt wird und an Altersbeschwerden leidet, wollen wir ihn nicht abtreten lassen. Wir
zwingen ihn zum Weiterleben, weil wir unsere traditionelle Todesangst auf ihn übertragen.
So werden wir Tierquäler aus falsch verstandener Menschlichkeit ..."
Eberhard Trumler, Mit dem Hund leben - das letzte Kapitel, aus: Ratgeber für den
Hundefreund, 1000 Tips. Piper-Verlag, München, 1977, noch antiquarisch erhältlich bei
www.vzab.de
2003-10-13
"... Man hat diese Pop-Politik als Amerikanisierung gedeutet, aber in den USA ist nur
besonders markant ausgeprägt, was der populären Massenkultur (europäischen
Ursprungs!) generell eigen ist. Heute müssen auch Manager und Notenbankpräsidenten
ins Fernsehen, umgekehrt lehren Talkmaster wie Oprah Winfrey an Business Schools.
Wirtschaft, Unterhaltung und Politik sind zu einer virtuellen Unterhaltungs-Ökonomie
zusammengewachsen, deren oberste Position durch Medien-Prominenz besetzt werden.
Der aufhaltsame Aufstieg des Terminators zum Gubernator ist das vorläufige Ende einer
Selbstentwürdigung der Politiker, die sich und ihrem Publikum weisgemacht haben, Politik
müsse Spaß machen. Das kalifornische Publikum hat sich einen Jux gemacht und wen
wundert's, wenn es sich bei professionellen Spaßmachern besser aufgehoben fühlt als bei
der in dieser Hinsicht stets chargenhaft agierenden politischen Klasse? Lernen wird sie
daraus kaum etwas.
Die Reaktion auf Schwarzenegger, Berlusconi und Konsorten dürfte die noch
hemmungslosere Hingabe an das Politainment sein. Unterdessen kommt nicht nur
Kalifornien auf den Hund."
Claus Leggewie, aus: Die Übergriffigkeit der Prominenz. Die Wahl Arnold
Schwarzeneggers zum Gouverneur von Kalifornien eröffnet ein neues Kapitel im Zeitalter
des Infotainments. In: Frankfurter Rundschau 9. Oktober 2003
"... In Wirklichkeit aber entfaltet sich Kaliforniens Reichtum im Gefolge historisch
einmaliger Staatssubventionen und -aufträge. An Amerikas Westküste entstand eine
blühende Landschaft - zuerst im Gefolge binnenamerikanischer Expansion, dann als
Waffenschmiede und Werft des Zweiten Weltkriegs, des Korea- und Vietnamkriegs und
schließlich als technologisches Kraftzentrum strategischer Rüstung im Raketenzeitalter.
Nie zuvor hatte ein Transfer nationaler Steuermittel ähnlichen privaten Reichtum und
zugleich ähnliche Abhängigkeit von der Regierung in Washington erzeugt wie im
Bundesstaat Kalifornien - und zwar von Anfang an.
Vor anderthalb Jahrhunderten wurde jeder Gleiskilometer der Pacific Railway von
Kalifornien an die Ostküste vom amerikanischen Steuerzahler finanziert (was in den Rocky
Mountains zu besonders kurvenreicher Streckenführung beitrug). Die kolossalen Gewinne
investierten Kaliforniens Eisenbahn-Barone Stanford und Huntington im Landkauf zu
Spottpreisen. Ihre wichtigste Mitarbeiter saßen in Washington als Lobbyisten im Kongress.
Die Regierung verkaufte das unbewässerte Wüstenland zum Preis von 3,70 Dollar pro
Hektar. So entstanden Güter - "Ranches" - die von der Größe europäischer Fürstentümer.
Waren die Grundstücke versumpft, finanzierte Washington ihre Entwässerung. Mehr als
30 Stauseen, aus der Bundeskasse bezahlt, verwandelten die Steppe hinter der
Pazifikküste in Orangenhaine, Reis- und Baumwollfelder von gigantischen Ausmaßen. In
Kalifornien entstand die moderne Agrar-Industrie. Die neuen "Bauern" residieren noch
heute in den Bürohäusern von San Francisco oder Los Angeles.
Vor 30 Jahren besaßen 257 Eigentümer mindestens 25 Prozent der kalifornischen
Grundstücke in Stadt und Land, 19 Firmen teilten sich 35 Prozent des Forstlandes inzwischen haben sich die Besitzverhältnisse weiter monopolisiert ...
... Auf keinen anderen Staat der Welt trifft die Behauptung besser zu, dass der Krieg der
Vater aller Dinge sei, als auf Kalifornien. Seine Vorbereitung - in der Nuklearsprache
"seine Abschreckung" - wurde seit Hiroshima ein Kerngeschäft des "Golden State". Mehr
als 40 Prozent des atomaren US-Arsenals stammt aus diesem Staat. Neben die hoch
subventionierte Agrarwirtschaft trat das Rüstungsgeschäft, mit jährlichen Staatsaufträgen
zwischen 25 und 40 Milliarden Dollar ...
Kalifornier hatten die ersten Interkontinentalraketen gebaut - und mit ihnen entstand die
Halbleiter-Industrie im Silicon Valley. Es war der erstaunlichste rüstungstechnische Sin-Off
in der Wirtschaftsgeschichte seit der Erfindung von Pfeil und Bogen. Das Start-up-Geld
stammte aus Washington.
Nicht das Ende des Kalten Krieges, sondern vor allem strategische und parteipolitische
Entscheidungen in Washington minderten von 1989 an Kaliforniens Rolle als Flugzeugund Raketenfabrik der Nation. Die neue Kommunikationstechnologie machte die
Verlagerung von Konzern-Hauptquartieren möglich; sie folgten den IndustrieansiedlungsAngeboten anderer Bundesstaaten - vorzüglich jener Staaten wie Georgia oder South
Carolina, deren Senatoren und Abgeordnete in Washingtons Haushalts- und
Verteidigungsausschüssen die Milliardenströme des Pentagon-Etats lenkten. 1992 hatten
bereits 700 Rüstungsfirmen Kalifornien den Rücken gekehrt. In Südkalifornien stieg die
Arbeitslosenquote zu Beginn der neunziger Jahre vorübergehend auf 20 Prozent. Bis 1993
gingen eine halbe Million hoch bezahlter Arbeitsplätze der Rüstungsindustrie verloren.
"California Dreaming" wurde für viele der qualifizierten Arbeitnehmer zum sozialen
Alptraum. Ihr Durchschnittslohn sank um 15 Prozent - so sie denn Arbeit fanden. Zurück
blieben militärische Forschungslabors in Südkalifornien - hier werden die Flugzeuge der
Zukunft entwickelt, voll automatisierte Kampfmaschinen ohne Piloten. Ihre Stückzahl wird
begrenzt sein, ihre Kosten sind astronomisch hoch. Die Zeiten, da die Massenproduktion
von Starfightern oder F-16-Kampfbombern Zehntausende in Lohn und Brot setzte sind
vorüber.
Kaliforniens neue Wachstumsindustrie hingegen sollte der Bau von Gefängnissen werden.
Die Lobby der Gefängniswärter-Gewerkschaft (29 000 Mitglieder) setzte ein drakonische
Gesetz durch: Wer sich dreimal strafbar machte (ob Ladendiebstahl oder Einbruch), muss
heute mit Haftstrafen zwischen 25 Jahren und "lebenslänglich" rechnen. Das Land, das bis
1984 mit zehn Vollzugsanstalten auskam, hatte zur Jahrtausendwende plötzlich 33
Zuchthäuser mit 162 000 Insassen, einige von ihnen hinter elektrischen Todeszäunen. Die
Ausgaben für die Strafanstalten überstiegen diejenigen für die 34 staatlichen Universitäten
Kaliforniens.
Vom Gründungsmythos des staatsfernen Kalifornien, im dem ein neues, dem
europäischen Osten abgewandtes Leben in freiheitlicher Koexistenz mit der erhabenen
Natur möglich sei, von dieser Legende des grundsätzlich Neuen ist wenig mehr geblieben
als die gesetzlich festgeschriebene Steuerohnmacht eines kalifornischen Staatsapparats
ohne bedeutende Geldquellen. Solange immer neue Niedriglohnarbeiter aus
Lateinamerika und immer mehr Bundessubventionen ins Land strömten, blieben viele
Alltagssorgen hinter dem Wirtschaftswachstum verborgen. Die Regierung im fernen
Sacramento galt als unwichtig. Niemand nahm sie ernst. Ihr Versagen hingegen wurde
jedermann deutlich, als vor drei Jahren zahllose Stromsperren den katastrophalen
Zustand der Infrastruktur in jedem Haushalt spürbar machten.
Arnold Schwarzenegger, unterstützt vom zweitreichsten Mann Amerikas, Warren Buffett,
ist ein Abgesandter des südkalifornischen, republikanischen Konservatismus, der eine
Rückkehr in jene Jahre verspricht, die Ronald Reagan zum amerikanischen Präsidenten
aufsteigen ließen, getragen vom Glauben, dass Amerika in Kalifornien liegt: Und so war es
auch, bis schließlich die Grenzen des Wachstums die pazifische Küste erreichten. "Bring
back California"? Arnold Schwarzeneggers erstaunliche Karriere gibt der großen
Illusionsmaschine neue Umdrehungskraft. Seine Wähler haben sich für den Traum
entschieden, den er für sich selbst wahr gemacht hat. Was Kaliforniens Regierung und
Wirtschaft allerdings wirklich brauchen, sind Steuereinnahmen und frisches Geld aus
Washington. Zumindest für Letzteres besteht neue Hoffnung, solange George W. Bush
regiert.
Der erste Schauspieler aus Kalifornien in hohen Ämtern wäre Schwarzenegger auch nicht.
Fünfzehn Jahre vor Ronald Reagans Präsidentschaft hatten Kaliforniens Wähler den
Republikaner George Murphy in den amerikanischen Senat entsandt. Er war ursprünglich
Stepptänzer von Beruf und hinterließ keine Spuren."
Michael Naumann, aus: California Dreaming. Wie Amerikas Steuerzahler seit 150 Jahren
einen Traumstaat finanzieren. In: DIE ZEIT Nr. 42, 9. Oktober 2003
"Alles Reden über den Zustand dieser Welt beginnt und endet mit dem Begriff der
Globalisierung. Sei es als Prozess, Zustand oder Bestimmung wird ihm die ganze Dialektik
von Reichtum und Armut, Frieden und Krieg, Freiheit und Zwang, Recht und Chaos
aufgeladen, um sich einem genaueren Urteil über seine Dynamik zu entziehen. Nur über
seine Unentrinnbarkeit, sprich Schicksalhaftigkeit für jede Gesellschaft dieser Erde
herrscht Einmütigkeit, nicht aber über seine Beinflussbarkeit und den Segen für die
Menschheit ...
Das liegt zum Wesentlichen daran, dass die Opfer der Entfesselung des Marktes - ob auf
der Flucht vor Krieg, Verfolgung oder dem Hungertod, ob mit dem nackten Überleben in
ihren zusammenbrechenden Ökonomien und Staaten oder mit der Plünderung ihrer
Staatshaushalte zur Bedienung der exorbitanten Schuldendienste beschäftigt - keine
Möglichkeit haben, ihren Protest und Kritik dort vorzubringen, wo die Gewinne der
Globalisierung gemacht werden. Ihre Sprachlosigkeit ist die kalkulierte Kehrseite der
Revolutionierung der Informatik und Telekommunikation ...
Es ist ein altes Gesetz der Dialektik, dass die Widersprüche dieser Herrschaft ihre eigenen
Gegenkräfte aus sich selbst hervorbringen. Allerdings gehört es nicht zum Gesetz, dass
diese Kräfte von gleicher Stärke sind. Uns so sind im Wesentlichen nur freie
Forschungsinstitutionen und NGO, die die Kritik an der Ausdehnung des neoliberalen
Konzepts auf die Menschenrechte und ihre Identifizierung mit den Marktfreiheiten
formulieren ...
Ausgangspunkt der Kritik hat die Auflösung der ausschließlichen Identifizierung von
Menschenrechten mit den Freiheitspostulaten der Welthandelsordnung zu sein. Nur unter
Beschränkung auf ihren bürgerlich-liberalen Ursprung ist eine derartige Verbindung
überhaupt zu begründen. Sie klammert aber die ganze von tiefen Auseinandersetzungen
geprägte Entwicklung zu weiteren Generationen sozialer und kollektiver Menschenrechte
aus.
Die Frage zunächst also lautet, welche Menschenrechte sind gemeint, die zur Korrektur
der Welthandelsordnung und gegen ihre desaströsen Auswirkungen in zahlreichen
Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ins Feld geführt werden können. Gibt es
Rechte, die die Erziehung der 130 Millionen Kinder zwischen 6 und 12 Jahren fordern, die
keine Schule besuchen, die die Versorgung mit billigen Medikamenten für 25 Millionen
Aids-Opfer in Afrika sowie die Behandlung jener 35 000 Kinder, die täglich an heilbaren
Krankheiten sterben, ermöglichen oder die ein Recht auf Nahrung und einen
angemessenen Lebensstandard für die 1,2 Milliarden Menschen garantieren, die über
weniger als einen Dollar pro Tag verfügen? ...
Die UNO-Charta von 1945 enthält sich weitgehend einer konkreten Bestimmung von
Menschenrechten, da die Alliierten ihre grundverschiedenen Auffassungen über Inhalt und
normativen Gehalt nicht mit einem Formelkompromiss überwinden konnten....Es ist zu
Recht kritisiert worden, dass die Menschenrechtserklärung von 1948 weitgehend den
klassischen, sprich bürgerlichen Vorstellungen von Menschenrechten entspricht, wie sie in
den Staaten des westlichen Kulturkreises vorherrschten und immer noch vorherrschen.
Erst im zweiten Teil, der allerdings nicht übersehen werden sollte, folgen eine Reihe von
ökonomischen, sozialen und kulturellen Menschenrechten: das Recht auf soziale
Sicherheit (Art. 22), das Recht auf Arbeit, gleichen Lohn, Koalitionsfreiheit (Art. 23),
Erholung und Freizeit (Art. 24), soziale Betreuung, d.h. ein angemessener Lebensstandart
bezüglich Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung etc. (Art. 25), Bildung und
kulturelle Betreuung (Art. 26) und Freiheit des Kulturlebens (Art. 27).
So sparsam die ökonomischen und sozialen Rechte in der Erklärung auch aufgelistet
worden sind, ihre Erwähnung war bereits ein Kompromiss mit den sozialistischen Ländern,
die auf einen viel umfangreicheren Katalog gedrungen hatten. Auf ihn waren die
westlichen kapitalistischen Staaten auch nur deshalb eingeschwenkt, weil man sich darin
einig war, dass die Erklärung keine rechtliche Verbindlichkeit, sondern nur
programmatischen Charakter erhalten sollte. Der Widerstand gegen die sozialen
Forderungen und die zu ihrer Durchsetzung notwendigen Kollektivrechte ist Teil der
Auseinandersetzung um die soziale Frage seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert ...
... Die Trennung der Menschenrechte in zwei Pakte entsprach einem Vorschlag Indiens in
der Menschenrechtskommission, da wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte
eines anderen Realisierungssystems bedürfen als die bürgerlichen und politischen
Rechte. Das ermöglichte es den ohnehin unwilligen kapitalistischen Staaten, so sie denn
überhaupt eine Ratifizierung der Pakte erwogen, auch die rechtliche Verbindlichkeit zu
trennen und sie dem Sozialpakt vorzuenthalten ...
Einen besonderen Beitrag zum sozialen Menschenrechtsschutz hat die Internationale
Arbeitsorganisation ILO mit ihren inzwischen 181 bindenden Konventionen und 189
Empfehlungen (Stand 1999) auf dem Gebiet der Arbeitsbeziehungen geleistet ... Im
Zusammenhang mit den Forderungen des ILO-Generalsekretärs 1994, Sozialklauseln in
einem entsprechenden Zusatz zu Art. XX Gatt zu verankern, sind einige fundamentale
Sozialstandards definiert worden, die seitdem als Kernbereich (core labour laws) sozialer
Arbeitsrechte gelten: Respektierung der Koalitionsfreiheit und Rechts auf
gewerkschaftliche Betätigung (ILO-Konvention Nr. 87,98), Einhaltung des Verbots der
Kinderarbeit (ILO-Konvention Nr. 138), Verbot der Zwangsarbeit (ILO-Konvention Nr. 129),
Diskriminierungsverbot bei der Entlohnung von Frauenarbeit (ILO-Konvention Nr. 100)
sowie in Beschäftigung und Beruf (ILO-Konvention Nr. 111). Es besteht heute Einigkeit
darüber, dass Sozialstandards absolut zwingendes Recht sind, von dem kein Staat
abweichen darf ...
... Dem entspricht die Weigerung der britischen Regierung im EU-Konvent, einklagbare
europäische Sozialstandards in die neue EU-Charta aufzunehmen. Eine Weigerung, der
sich de Vertreter der Bundesregierung im Konvent angeschlossen hat ...
So wenig die Weigerung der Staaten zur Effektivirrung der sozialen Rechte politisch
akzeptabel ist, so wenig ist sie rechtlich begründbar. Beide Menschenrechtspakte haben
für die ratifizierenden Staaten die gleiche rechtliche Verbindlichkeit und unterscheiden sich
in dieser Hinsicht nicht voneinander ... Menschenrechte sind Statusrechte, die nicht nur
gegen Eingriffe geschützt, sondern durch Leistung überhaupt erst geschaffen werden
müssen - was gerade auch für die klassischen politischen Abwehrrechte gilt. Die
Menschenrechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit werden nicht nur durch Zensur
und Verbot verletzt, sondern existieren ebenso wenig für diejenigen, die durch Hunger,
Seuchen oder Armut derartige Freiheitsrechte generell nicht wahrnehmen können,
geschweige denn, dass sie deren Existenz kennen ...
... Die Deregulierung staatlichen, d.h. auch gesetzlichen Einflusses auf die Dynamik der
Globalisierung und die Verlagerung politischer Entscheidungen vom Staat zu den Märkten
als Mechanismen der Koordination und Steuerung ist ein bewusster Schritt zur
Entpolitisierung der gesellschaftlichen Entwicklung und ihrer Überantwortung an die Kräfte
des Marktes. Diesen wiederum ist das Konzept der Menschenrechte vollkommen fremd ...
... Die Folgen des Patentschutzes für die Versorgung der HIV-Infizierten - und damit der
Konflikt zwischen Eigentumsrechten und sozialen Menschenrechten - sind anläßlich der
Auseinandersetzungen der Regierungen von Südafrika und Brasilien mit den
internationalen Pharmakonzernen besonders deutlich geworden. Die meisten
Entwicklungsländer sind nicht in der Lage, eine eigene pharmazeutische Forschung und
Industrie aufzubauen. Sie können ihre aus Art. 12 Sozialpakt folgende Verpflichtung zur
Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten aus nationalen Ressourcen daher nicht
nachkommen und sind auf Importe angewiesen. Angesichts der unerschwinglichen
Kosten, die der Import von Anti-Aids-Medikamenten der internationalen Pharmakonzerne
verursacht, sind einige Länder wie Brasilien, Indien und Südafrika dazu übergegangen,
unter Berufung auf die Ausnahmeklausel des Art. 31 Tripps-Abkommen Gesetze zu
erlassen, die die Produktion generischer Aids/HIV-Medikamente unter Einsatz von
Zwangslizenzen im eigenen Land oder den Import derartiger billiger Substitute aus dem
Ausland ermöglicht ...
Gegen das südafrikanische Gesetz reichte 39 Pharmakonzerne eine Klage beim High
Court in Pretoria ein, wo am 5. März 2001 das Verfahren begann. Es war allerdings nur
von kurzer Dauer, da die Konzerne auf Grund einer massiven Kampagne zahlreicher NGO
unter starken öffentlichen Druck gerieten und ihre Klage bereits am 19. April in allen
Punkten zurücknahmen. Einige von ihnen boten der südafrikanischen Regierung
gleichzeitig stark verbilligte oder sogar kostenlose Medikamente an. Anders verlief der
Widerstand gegen das brasilianische Gesetz. Hier ging die US-Regierung auf Druck der
Pharmalobby in die Offensive. Sie rügte die Verpflichtung zum Aufbau lokaler
Produktionsstätten als Diskriminierung und Verstoß gegen Art. 27 und 28 TripsAbkommen, in denen die Rechte aus Patenten aufgeführt werden, sowie gegen Art. III
Gatt 94, in dem die rechtliche Gleichstellung ausländischer mit inländischen Waren
geregelt wird.
Brasilien war es gelungen, durch die Produktion generischer Substitute eine kostenlose
Medikamentenversorgung für HIV-Infizierte aufzubauen und dadurch die Todesrate der
Aids-Kranken um die Hälfte zu verringern. Am 16. Juni 2000 trat die EU wegen eigener
wirtschaftlicher Interessen den Konsultationen vor der WTO bei, die aber im Dezember
des gleichen Jahres ergebnislos endeten. Daraufhin beantragten die USA beim Dispute
Settlement Body der WTO die Einsetzung eines Panels. Allerdings verzichteten die USA
schon im Juni 2001 auf die weitere Durchführung des Panels, denn Brasilien hatte ihnen
nachweisen können, dass das US-Patentgesetz die gleichen lokalen
Produktionsverpflichtungen wie das brasilianische Gesetz enthält.
... Wo ein Zustand jedoch derartig katastrophale Ausmaße für Millionen von Menschen
angenommen hat, erwachsen Kräfte, die den Vorrang der Menschenrechte vor den
Wirtschaftsinteressen durchzusetzen vermögen.
So auch schließlich in Doha (Emirat Katar), wo auf der 4. WTO-Ministerkonferenz im
November 2001 nach harten Verhandlungen und einer Verlängerung der Konferenz die
Handelsminister eine Erklärung zum Trips-Abkommen verabschiedeten, die den Streit um
die Patente auf Pharmaka beenden sollte. In dieser Erklärung wird allen Regierungen das
Recht eingeräumt, notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit der eigenen
Bevölkerung zu ergreifen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Damit können die
Regierungen sich in Zukunft über Patentrechte hinwegsetzen, die den Zugang zu
preiswerten Medikamenten verhindern, sei es dass sie Zwangslizenzen für eine
einheimische Produktion erteilen oder Parallelimporte tätigen, wenn die transnationalen
Pharmakonzerne ihre Preise nicht senken.
Obwohl die Doha-Erklärung ein eindeutiges Dokument für den Vorrang des
Gesundheitsschutzes vor den ökonomischen Interessen darstellt, bleiben viele Fragen
noch offen, die für Konflikte in der Zukunft sorgen werden. Insbesondere bleibt strittig, in
welcher Weise und mit welchen Mitteln der Vorrang der Menschenrechte in den
internationalen und regionalen Abkommen über Handel, Investitionen und Finanzpolitik
verankert werden kann und welche Rolle die Menschenrechtsinstrumente und organisationen der UNO sowohl bei der Absicherung der Rechte in den Abkommen wie
bei ihrer faktischen Durchsetzung spielen können ...
Prof. Dr. Norman Paech, aus: Soziale Menschenrechte fehlen auf der Tagesordnung.
(Langfassung in: Konflikt, Entwicklung, Frieden. Emanzipatorische Perspektiven in einer
zerrissenen Welt. Festschrift für Werner Ruf, Verlag Winfried Jenior, Kassel). In:
Frankfurter Rundschau 13. September 2003
Der Völkerrechtler Prof. Dr. Norman Paech lehrt seit 1982 an der Hamburger Universität
für Wirtschaft und Politik. Der 65-jährige Wissenschaftlicher hat früher im
Entwicklungshilfeministerium gearbeitet. Er war Vorsitzender der "Vereinigung
demokratischer Juristinnen und Juristen" und Leitender Redakteur der Zeitschrift
Demokratie und Recht.
2003-10-10
"... Und bevor jetzt jemand die Hände hebt und beteuert, er habe als Linker stets darauf
hingewiesen, dass die DDR keineswegs als Vorbild und so weiter: Das haben die meisten
getan. Und es gab selbstverständlich auch jene Linken, die grundsätzlich und vernehmlich
die DDR kritisierten. Oder die von einer Reise nach drüben völlig ernüchtert zurückkamen
und auf Abstand zum "realen Sozialismus" gingen. Doch solchen Distanzierungen folgte
allzu oft ein Bekenntnis der (gelegentlich "kritischen") Solidarität mit Castros Cuba oder
Maos China - und nur in Ausnahmefällen politisches Handeln. Stattdessen galt in den
späten sechziger, den siebziger und den achtziger Jahren - nicht nur unter Linken derjenige als gestrig, ja verschroben, der den Menschenrechten im Sozialismus mehr als
nur beiläufige Aufmerksamkeit schenkte. Klar, von der DKP war das sowieso nicht zu
erwarten. Sie war ein Ableger der SED, und das ist kein Gerücht, ich habe dort selber
mitgemacht und kann es bezeugen. Aber auch viele Jusos, Spontis oder Autonome übten
allenfalls kursorische Solidarität mit Dissidenten, selbst wenn diese zur Linken zählten.
Vielmehr wurden Sozialisten, die aus dem Sozialismus flohen, mit der Bemerkung
überrascht, immerhin würden ihre Staaten nicht die Dritte Welt ausbeuten ..."
... Alles vorbei. Nicht nur für die kleine Bewegung der wahnhaft Entschlossenen, sondern
auch für die grosse Masse ihrer Partner. Nein, sie waren keine Kommunisten. Sie habe es
sich nur mit ihnen gemütlich gemacht. Umso reibungsloser verlief nach 1989 die geistige
Entsorgung. Kaum jemand der damaligen Stamokaps (besonders prominent heute: Olaf
Scholz, der sogar das Wort "sozial" nicht mehr hören mag) ist seither durch Selbstkritik
hervorgetreten oder hat doch wenigstens eine Auszeit aus der Politik genommen, um mit
sich und seinesgleichen ins Reine zu kommen. Stattdessen haben viele ihre
Überzeugungen abgelegt wie eine alte Hose. Weniger aus Opportunismus denn aus
Faulheit. Anstrengend wäre es, das heimatlos gewordene Denken fortzuführen (wie es nur
noch Hermann Gremlizas KONKRET gelingt), noch anstrengender, es denkend zu
überwinden. Kinderleicht hingegen, nur mehr solche Gedanken zu führen, die vom Jetzt
getragen werden - in den meisten Fällen sind es private oder berufliche ..."
Gero von Randow, aus: Wunderland DDR. Nicht nur die DKP, auch Gewerkschafter,
Jusos, Spontis, Autonome - viele Linke hatten es sich mit dem Regime in Ost-Berlin
gemütlich gemacht. Heute wollen sie nichts mehr davon wissen. In: DIE ZEIT Nrr. 41, 1.
Oktober 2003
Der Ex-DKP-ler Gero von Randow tut Busse und beruft als Zeugen Gerd Koenen. Da ich
die Bücher von Koenen nicht kenne, kann ich darauf nicht antworten. Ich weiss aber aus
meiner Arbeit im Umfeld des Sozialistischen Büros, dass es in Deutschland sehr wohl eine
unabhängige, kritische Linke gab, die immer wieder Kritik an den "sogenannten
realsozialistischen Staaten" und ihrer Politik übten. Und zu erinnern ist auch an die
Trotzkisten. Keiner hat von Anbeginn das stalinistische Herrschaftssystem so genau
beschrieben wie der trotzkistische Geschichtswissenschaftler Issac Deutscher. Und zu
erinnern ist auch an die dauernde Kritik der Anarchisten an den Unterdrückungssystemen
im Osten. Wer den Spontis heute vorwirft, sie hätten damals keine Kritik an den
autoritären Gesellschaften im Osten geübt, verdeckt bundesdeutsche Wahrheiten. Wir
haben immer und immer wieder diese Politik kritisiert und als in der Friedensbewegung die
DKP versuchte, die Einheit mittels Krefelder Appell auf die Nato-Nachrüstung zu
reduzieren, haben wir auch die östliche Rüstung ins Visier genommen. Als die Genossen
des Jugendverbandes der DKP, Dietmar Koschmieder fällt mir dazu ein, die
Atomkraftwerke im Osten für unschädlich erklären wollten, haben wir - die
Oekologiebewegung die Grenzenlosigkeit des atomaren Wahns hervorgehoben.
Als Wolf Biermann ausgebürgert wurde, habe ich im Bad Säckinger Gloria-Theater vor
dem Konzert des Liedermachers Hannes Waader über zweihundert Unterschriften gegen
die Ausbürgerung gesammelt. Als ich hinter der Bühne Hannes Waader fragte, ob er der
Protestresolution auch seine Unterschrift gebe, antwortete der: "Ich verbaue mir doch nicht
die letzte Fluchtmöglichkeit". Spätestens 1990 existierte auch für Hannes Waader (warum
fällt mir jetzt Baader ein - weil Ex-RAF-Terroristen in der DDR Unterschlupf fanden? - ?)
der "last exit" DDR - smile, Grüsse in die USA - nicht mehr. "Letzte Freiheit vor der
Autobahn" - dieses Schild hätte man vor der Transitautobahn aufstellen können, so fade
und öde war sie - die Fahrt ins "freie Berlin" durch das Land der "Brüder und Schwestern".
Doch es ist schon wahr: es gab das Duckmäusertum, die Fehleinschätzung, die falsche
Solidarität auch: Als ich eine Ausstellung mit Solidarnosc-Plakaten machte und Solidarität
von Grünen und DGB für Solidarnosc forderte, zeigte man mir die kalte Schulter. In einem
offenen Brief kritisierte ich dies. Für mich gehörte der Aufstand der polnischen Arbeiter von
Anfang an zum bürgerlichen Freiheitskampf Europas, wie der Sturm auf die Bastille, der
Pariser Mai und der Prager Frühling. Dass darin der erzreaktionäre Papst, der CIA und
andere kalte Krieger mitmischten, darauf wiesen damals schon kritische Denker wie der
Kirchenkritiker Karl Heinz Deschner hin. (Ist es ein Zufall, dass dieser deutsche Voltaire in
den Medien nicht mehr präsent ist - sicher nicht!) Dass die Solidarnosc und ihr Lech
Walesa heute (2003) am rechten Rand gelandet ist, gibt den Gewerkschaftsbossen wie
Horst Stech, Lörrach (1980) nicht recht.
Und, vielleicht war ich da wirklich anders als der linke Mainstream (ein Wort, das es
damals übrigens nicht gab), selbst der von mir so wertgeschätzte Daniel Cohn-Bendit
legte ja 1968 Wert darauf, sich vom Reformer Dubcek zu distanzieren. Ich gestaltet meine
Plastik nach dem Einmarsch der Russen: An den Nagel gehängt. Hammer und Sichel am
Nagel: will sagen: Das Ende des sozialistischen Traums. Die Linke Deutschlands brauchte
länger für den Abschied. Andere vor mir, ältere, hatten ihn schon länger genommen, sie
hatten aber auch den Stalinismus erlebt, den Gulag, Ungarn und und und. Ein alter
bürgerlicher Bonmot: Wer in seiner Jugend kein Kommunist war, hat kein Herz. Wer in
seinem Alter noch Kommunist ist, keinen Verstand. Ha Ha. In den kleinen Spalt zwischen
Lüge und Wahrheit passt noch viel.
Dass aber auch Autonome immer wieder ein verquertes Weltbild haben, wem sagt er das?
Vor Jahren propagierte Dagmars Sohn Massimo die Fortschrittlichkeit von Gaddafis
Libyen. Die Frauenräte dort seien echt spitze - eine soziale Errungenschaft und bla, bla,
bla. Wenn ich dem heutigen Genderforscher jenes Weltbild zur Überprüfung vorlege,
reagiert er mit Diskursverweigerung.
Da waren mir allerdings die alten Kommunisten, wie Hans Knobloch aus Steinen im
Wiesental einer war, lieber. Als ich im Rahmen des Friedensratschlags der
Friedensbewegung Anfang der 80er erwähnte, dass die erste deutsche Armee, die nach
1945 in ein fremdes Land einmarschierte, schliesslich die Nationale Volksbefreiungs
Armee (NVA) der DDR war - und zwar 1968 in der CSSR, tobte, brüllte er und brachte
unser Friedens-Forum zum platzen. Historisch ist allerdings anzufügen, da gibt die
Geschichtswissenschaft dem alten Anti-Faschisten Recht, der, ein Grosser des
Wiesentals, als er starb, zu Grabe getragen wurde, ohne dass die Leibles, die Offergelds,
die Rübsamens und die anderen Repräsentanten des politischen Lebens des Landkreis
Lörrach anwesend waren, also die Hobsbawns dieser Welt bekunden, dass die NVATruppen zwar geordert waren, an der Grenze jederzeit zum Einmarsch bereit, aber die
Sowjetführung die Arbeit ohne DDR-Armee vollbrachte. Die Niederschlagung der
Reformbewegung des Alexander Dubcek gelang auch ohne die deutschen Truppen. Jahre
später verunglückte dieser Reformer bei einem Autounfall tödlich. Hatte der KGB oder der
CIA seine Hände im Spiel? Es wäre nicht verwunderlich - jeder vom Volk geliebte und
verehrte Reformer ist eine Gefahr für die Herren des Bestehenden - in Moskau ebenso wie
in Washington.
Und zu erinnern ist auch an die alten Genossen der deutschen Mini-KPen, wie sie China
hochhielten. Auch hier decken Wernie und Angelika die Geschichte des chinesischen
Gullags lieber mit Schweigen zu, als mit kritischer Aufarbeitung. Dass jener Wernie einmal
in Enver Hotschas Albanien war, das nötigt mir allerdings mächtig Respekt ein. Ich kam
als normaler Reisender von Jugoslawien nach Griechenland nie in dieses Land Kommunisten dieser Richtung schon. Ich weiss, heute ist das alles ein alter Hut und aus
Albanien kommen nur noch die Drogenbosse, die Mädchenhändler, die brutalste Mafia
Deutschlands und und und. Doch damals war das wie Bhutan oder die verbotene Stadt
des Kaisers (Bertolucci hatte noch nicht seinen grandiosen Film gedreht) im fernen
Peking. Hinter jedem Schleier liegt ein Geheimnis. Dass die Preisgabe uns erfreuen soll das ist damit nicht gemeint ...
"Die meisten Isländer hören erst mit 67 Jahren oder später auf zu arbeiten. Sie zahlen also
etliche Jahre länger in die Pensionskassen ein als jemand in Deutschland. Gleichzeitig ist
die Rentenbezugsdauer entsprechend kürzer. Das spart ungemein", sagt Professor
Tryggvi Thor Herbertsson, Direktor des Institus für ökonomische Studien an der Universität
Reykjavik.
Das isländische System ruht auf drei Pfeilern: Jedem Arbeiter steht mit 67 Jahren die
steuerfinanzierte gesetzliche Rente von monatlich 94 090 isländischen Kronen (circa 1100
Euro) zu. Wer früher aus dem Erwerbsleben ausscheidet, muss für jedes Jahr einen
Abschlag von fünf Prozent hinnehmen. Umgekehrt wird jedes Jahr zusätzlicher
Erwerbsarbeit mit einem ebenso hohen Aufschlag belohnt. Für viele ist das ein Anreiz,
länger zu arbeiten. "Die Bürger lassen sich ihre Rente immer später auszahlen, um so den
ihnen zustehenden Betrag zu erhöhen. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken",
sagt Jon Saemundur Sigurjonsson, Leiter der Abteilung Soziale Sicherheit beim
isländischen Sozialministerium.
Die zweie Säule bilden von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam angesparte
Kapitaleinkünfte. Sie werden teilweise auf die gesetzliche Rente angerechnet, sodass dem
durchschnittlichen Rentenempfänger nur rund 740 Euro ausgezahlt werden. Schliesslich
kann jeder Arbeitnehmer noch weitere vier Prozent seines Gehaltes in Pensionsfonds
investieren. Wenn der Arbeitgeber 2,6 Prozent dazulegt, bleibt das Ganze steuerfrei "eine Art isländische Riester-Rente", sagt Sigurjonsson, der am Institut für Sozialpolitik der
Universität zu Köln promoviert hat und sich mit dem deutschen System auskennt.
Die Zahlungen aus der staatlichen und der umlagefinanzierten Rente sowie den Fonds
reichen in der Regel, um den Lebensstandart in etwa halten zu können. Das funktioniert
allerdings nicht, wenn man früh in Rente geht, dann sind die Abschläge zu hoch. Auch
deshalb lassen sich nur wenige Isländer frühzeitig pensionieren. Mehr als 86 Prozent der
isländischen Bevölkerung im Alter zwischen 55 und 64 Jahren arbeiten, bei den über 64Jähringen sind es noch gut 34 Prozent ...
In einer so florierenden Wirtschaft ist Arbeitslosigkeit nur eine Randerscheinung. Ihren
Höchststand erreichte die Quote Anfang der neu