DER SPIEGEL Jahrgang 1999 Heft 40

DER SPIEGEL Jahrgang 1999 Heft 40
Werbeseite
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DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN-MAGAZIN
Hausmitteilung
4. Oktober 1999
Betr.: Titel, Nobelpreis
D
ie Abrechnung mit Bundeskanzler Gerhard Schröder war lange angekündigt,
für publizistische Begleitmusik ist auch gesorgt: „Das Herz schlägt links“, nennt
SPD-Privatier Oskar Lafontaine sein Buch über den vergeblichen Versuch, als Parteivorsitzender und Finanzminister die deutsche Politik zu prägen. Sieben SPIEGELRedakteure wollten genauer wissen, warum Lafontaine gescheitert ist. Sie sprachen
mit den Beteiligten, werteten Protokolle und Notizen aus und gingen der Frage nach,
wie es zum Bruch zwischen Lafontaine und Schröder gekommen ist. Wer von
beiden löste den Machtkampf aus – und warum? Das Titelstück rekonstruiert den
Show-down der vormaligen Männerfreunde und rückt die einseitige Darstellung
Lafontaines zurecht (Seiten 22, 112).
M. ZUCHT / DER SPIEGEL
ls 17-Jähriger interviewte Schülerzeitungsredakteur Volker Hage 1967 am Hamburger
Flughafen einen Dichter, der durch seinen Roman
„Die Blechtrommel“ weltweite Anerkennung errungen hatte – Günter Grass, damals 39. Danach
traf Hage den inzwischen beliebtesten deutschen
Schriftsteller noch mehrfach, so auch als SPIEGEL-Redakteur. Mit kritischem Urteil verfolgte
er dessen Arbeit, nicht immer zum Gefallen des
Literaten. Vergangenen Donnerstag wurde Grass
der Nobelpreis für Literatur zugesprochen: „Man
soll ihm die Ehrung von Herzen gönnen“, sagt Augstein, Grass (1969)
Hage. Viermal wurde der streitbare Schriftsteller
zum Titelthema für den SPIEGEL. Das Verhältnis war zunächst harmonisch: In der
„Blechtrommel“ ließ Grass seinem Helden Oskar sogar die „Wochenzeitschrift
DER SPIEGEL“ ins Zugabteil reichen und ihn sich dann „immer wieder über das
umfangreiche Wissen der Journalisten“ wundern. Der SPIEGEL selbst fand lobende Worte über den Erstlingsroman des „kräftig
in die vorderste Reihe drängenden deutschen
Nachwuchsautors“. Später gab es dann auch
andere Töne. Etwa, als SPIEGEL-Herausgeber
Rudolf Augstein und Grass 1990 im Streit um die
Wiedervereinigung aneinander gerieten – Augstein dafür und Grass dagegen. Fünf Jahre später nahm Grass es dem SPIEGEL mächtig übel,
dass der den Kritiker Marcel Reich-Ranicki mit
seinem Verriss des Romans „Ein weites Feld“ auf
den Titel nahm. „Es ist gut, dass er den Preis
bekommen hat“, sagt Reich-Ranicki jetzt im
SPIEGEL. „Grass wird uns alle noch überraschen
mit irgendetwas sehr Schönem“ (Seite 294).
Hage, Grass (1995)
36/1963
Im Internet: www.spiegel.de
33/1969
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34/1995
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D. MELLER-MARCOVICZ
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Werbeseite
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In diesem Heft
Titel
Oskar Lafontaine schreckt die SPD
mit seinem Buch auf ......................................... 22
Das Protokoll des Duells
Schröder – Lafontaine ..................................... 112
Berlin-Wahlen: Das Zittern der SPD
Kommentar
Rudolf Augstein:
Dies ist der Grünen große Not.......................... 26
Wende und Ende des SED-Staates (2):
„Gorbi, hilf uns“ – Jubelfest mit Übergriffen... 67
Porträt: Ibrahim Böhme – Dissident
und Agent ...................................................... 90
Analyse: Wie Gorbatschow die Einheit
durchsetzte..................................................... 92
Wirtschaft
Trends: Die radikalen Steuerpläne der CSU /
Deutsche Banken verärgert über USA ........... 133
Geld: Wende am Neuen Markt? /
Software-Aktien vor Comeback...................... 135
Deutschland AG: Die Konzerne
formieren sich neu .......................................... 136
Fusionen: SPIEGEL-Gespräch mit den
Veba/Viag-Chefs Hartmann und Simson ......... 138
Konzerne: Die Auslandsflops der Telekom ..... 142
Modeindustrie: Die US-Kette Gap
will die Welt bekleiden.................................... 146
Konsum: Das Duty-free-Gewerbe
kämpft ums Überleben.................................... 153
SPD-Kandidat Momper
Flotte Sprüche ersetzen in der Endphase
des Berliner Wahlkampfs das Konterfei
des SPD-Spitzenkandidaten Walter
Momper – die Partei behandelt den
potenziellen Verlierer wie einen Aussätzigen. Doch die ganz großen Probleme
kommen erst nach der zu erwartenden
Niederlage: Der zerrissenen Landespartei droht dann ein heftiger Streit über
die Fortsetzung der Großen Koalition.
Die Forderung nach einer Regeneration
in der Opposition und der Einbindung
neuer Kräfte wird immer lauter.
Judenmörder Brunner in Damaskus?
Er wurde oft totgesagt, doch jetzt glauben französische Ermittler, den letzten prominenten Judenmörder entdeckt zu haben: Holocaust-Mitorganisator Alois Brunner
soll im Hotel Méridien in Damaskus leben – geschützt von Syriens Präsident Assad.
Radikalkur für Konzerne
Seiten 136, 138
Ist es purer Größenwahn – oder der Zwang
des globalen Wettbewerbs? Nie zuvor wurde die deutsche Wirtschaft so verändert
wie in diesen Monaten: Traditionsreiche
Konzerne verschwinden, ganz neue Gebilde entstehen. „Jede Zeit hat ihre Unternehmen, die in die jeweilige Entwicklung
hineinpassen“, erklärt Veba-Chef Ulrich
Hartmann im SPIEGEL-Gespräch. Veba
fusioniert mit dem Konkurrenten Viag, um
im liberalisierten Strommarkt gegen die
großen Konkurrenten aus dem Ausland
bestehen zu können.
Stromversorgung
Jugendwahn im Privat-TV
Seite 186
Sat 1-„Wochenshow“-Stars Engelke und Rima
In Zeiten schwach steigender
Werbeumsätze bauen die Privatsender auf immergleiche
Formate. Diverse Comedy- und
Talksendungen richten sich an
die Masse der 14- bis 49-Jährigen. Tatsächlich aber entfliehen
die Jungen der Eintönigkeit vor
dem Fernseher, wächst die
Anzahl der konsumfreudigen
Oldies. Nun drängen Markenartikler, Mediaplaner und Werber auf ein besseres Programm
und drohen den TV-Machern
mit dem Abzug ihrer Werbegelder.
Gesellschaft
Szene: Interview mit Modemacher Kenzo /
Tipps für Ufo-Jäger ......................................... 157
Polemik: Buchautoren schimpfen
über die Ostdeutschen .................................... 158
Kriminalität: Das Phänomen Serienmörder ... 162
Lebensart: SPIEGEL-Gespräch mit KonsumForscherin Helene Karmasin über die
geheimen Botschaften unserer Nahrungswahl... 170
Behörden: Rigide Vorschriften
verhindern Phantasie-Grabsteine .................... 179
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SAT 1
Medien
Trends: Mehr Sport für Premiere /
Stahnkes Rückkehr auf den Bildschirm........... 183
Fernsehen: Neuer Assistent für
TV-Kommissarin / Fußball-Quoten stabil ........ 184
Privat-TV: Fernsehmacher im Jugendwahn ..... 186
Fernsehspiele: Das beklemmende
Ehedrama „Ich habe Nein gesagt“ .................. 190
Seite 42
PFP
100 Tage im Herbst
M.-S. UNGER
Deutschland
Panorama: Spar-Tricks bei der Bundeswehr /
Kostenlose Tickets für Abgeordnete .................. 17
Hauptstadt: Die SPD versteckt Momper ......... 27
Anarcho-Parteien verulken das Polit-Geschäft ... 28
Interview mit der Berliner
Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast ......... 30
Renten: Riesters Streit mit der IG Metall......... 34
Affären: Was verbindet die Amigos
Holzer und Schreiber?...................................... 36
NS-Verbrechen: Franzosen jagen HolocaustMitorganisator Alois Brunner ........................... 42
Bildung: Schul-Management nach
Bundesliga-Vorbild ........................................... 50
PDS: SPIEGEL-Gespräch mit Gregor Gysi
über das Verhältnis zur SPD ............................. 60
Umwelt: Wie gewiefte Müllmakler
Ostdeutsche überrumpeln................................. 96
Kirche: SPIEGEL-Gespräch mit
Katholiken-Chef Hans Joachim Meyer
über den Abtreibungs-Streit mit dem Papst..... 101
Neonazis: Bundesanwaltschaft greift
im Osten ein.................................................... 106
Ehe: Treuepflicht für Frauen?.............................. 110
CDU: Wolfgang Schäubles Zukunftshoffnungen .. 111
Seite 27
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FOTOS: AP (li.); DPA ( re.)
Ausland
Rettungsteam mit Strahlenopfer,
Unglücksort in Tokaimura
Den Strahlentod vor Augen
Seite 196
Hilflos reagierte Japan auf eines der schwersten Atomunglücke der Geschichte.
Der Unfall von Tokaimura ist die Quittung für den hemmungslosen Umgang des
Hightech-Landes mit der Kernenergie. Doch unbeirrt will Tokio weitere Meiler
bauen. In Deutschland hingegen sehen sich die Gegner der Atomenergie gestärkt.
Panorama: Zweiklassensystem in türkischen
Gefängnissen / Presseverfolgung in Iran.......... 193
Japan: Atomunfall mit kritischer Masse.......... 196
Wie der Unfall die deutsche
Ausstiegsdebatte anheizt................................. 198
Interview mit Kernkraft-Professor Birkhofer... 200
Europa: SPIEGEL-Gespräch mit
Romano Prodi über die Zukunft der EU......... 202
Russland: Der Krieg im Kaukasus eskaliert..... 206
Südafrika: Giftmischer des
Apartheid-Regimes vor Gericht....................... 212
Frankreich: Jospins Linksruck ........................ 214
USA: Rätsel um Ronald Reagan ...................... 216
Jugoslawien: Interview mit dem
Oppositionellen Dragovan Avramoviƒ
über den Widerstand in Belgrad...................... 218
Libyen: Gaddafis Ausbruch
aus der Paria-Rolle.......................................... 220
Portugal: Wohlstand auf Pump ...................... 226
Sport
Fußball: Die Bundesliga schleust
Millionen am Fiskus vorbei ............................. 230
Altstars: Handball-Guru Vlado Stenzel
in der niederbayerischen Provinz.................... 236
Wissenschaft + Technik
Die Wüstenkünstler von Peru
Seite 255
Ufo-Landeplatz oder prähistorische Pilgerwege? Seit Jahren
ranken sich Legenden um die monumentalen Bodenzeichnungen von Nasca in der Wüste von Peru. Forscher aus aller Welt
rätselten über ihren Ursprung. Nun ist Bonner Archäologen
ein Sensationsfund gelungen: Erstmals stießen sie auf Siedlungsspuren einer 2000 Jahre alten Kultur, aus der die Wüstengravuren stammen könnten. In Grabkammern fanden sich über
30 halb verweste Indio-Leichen.
Mumienkopf
Prisma: Lungendurchleuchtung mit Edelgas /
Echsen auf zwei Beinen .................................. 241
Prisma Computer: Taiwan-Erdbeben
erschüttert PC-Industrie /
Mehr Sprachenvielfalt im Internet .................. 242
Tierschutz: Hightech-Experimente
ersetzen Versuchstiere..................................... 244
Medikamente: Wie wirksam sind
die neuen Anti-Grippe-Mittel? ........................ 248
Archäologie: Deutsche Forscher enträtseln
das Geheimnis der Nasca-Kultur in Peru ........ 255
Ärzte: Heilkunst gegen Bares –
die fragwürdigen Geschäfte der Mediziner ..... 258
Computer: Sinnestaumel in der
virtuellen Achterbahn ..................................... 261
Spiegel des 20. Jahrhunderts
Der Film geht an die Börse
Seite 284
Nie kursierte in der deutschen Kinobranche so viel Geld wie heute. Mit dem Kapital, das sich Unternehmen wie Constantin Film an der Börse holten, wird wie wild
produziert und spekuliert. Nur: Braucht der Film jetzt noch staatliche Fördermittel?
VG BILD-KUNST, BONN 1999
Die verführte
Avantgarde
Seite 269
Futurismus, Bauhaus, Expressionismus: Viele Künstler der Moderne begeisterten sich für den neuen Menschen und eine bessere Gesellschaft.
Doch diese Verquickung von Kunst
und Politik hatte gefährliche Folgen:
Manche Avantgardisten gerieten in
die Nähe von totalitären Regimen;
andere wurden von den Mächtigen verfolgt oder
ins Exil gedrängt – wie etwa der Maler George
Grosz durch die Nationalsozialisten.
Grosz-Werk „Die Stützen der Gesellschaft“ (1926)
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Das Jahrhundert der Massenkultur:
Susanne Weingarten über die Malerei
der Moderne................................................. 269
Kultur
Szene: Architektur-Preis für
Eigenheim-Planer / Neuer Wissenschaftsverlag
mit ehemaligen Suhrkamp-Lektoren ............... 281
Filmindustrie: Die Börsengänge
deutscher Verleih- und Kinofirmen
mischen die Branche auf ................................. 284
Film: Die DDR-Komödie „Sonnenallee“ ........ 288
Auktionen: Ex-Musical-König Rolf Deyhle
lässt seine Kunstsammlung versteigern ........... 290
Autoren: Späte Nobelpreis-Ehre
für Günter Grass ............................................. 294
Der Dichter und die Frauen ............................ 304
SPIEGEL-Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki
über sein schwieriges Verhältnis zu Grass ........ 306
Bestseller....................................................... 310
Ausstellungen: Zoff um die Kunstschau
„Sensation“ in New York ................................ 316
Musikgeschäft: Sängerin Inga Rumpf
tourt durch Gotteshäuser ................................ 318
Nachruf: Johannes Gross ................................ 322
Briefe ................................................................ 8
Impressum................................................ 14, 320
Leserservice .................................................. 320
Chronik ........................................................... 321
Personalien .................................................. 324
Hohlspiegel/Rückspiegel ............................ 326
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Briefe
„Nicht nur französische, auch
deutsche Rotweine
enthalten die auf Herz und
Gefäße so günstig
wirkenden Phenole, Flavonide
und Tannine.“
Hermann Able aus Heilbronn zum Titel „Gesünder besser länger leben“
SPIEGEL-Titel 38/1999
Das Warten auf erlösende Wunderpillen
gegen heutige Wohlstandskrankheiten werden die Bequemen mit dem Leben bezahlen. Wir sind immer noch zum großen Teil
selbst durch unsere Lebensweise für unsere Gesundheit verantwortlich.
Stahnsdorf (Brandenburg)
Stefan Jaster
Sie schreiben, die moderne Medizin habe
die Ungleichheit der Menschen vor Krankheit und Tod gemildert. Das ist ihr bedauerlicherweise nicht gelungen. Wer relativ
arm ist, muss statistisch gesehen auch im
modernen Sozialstaat früher sterben als die
reicheren Mitmenschen. Nicht die reichsten
Industriegesellschaften sind die gesündesten, sondern diejenigen mit den geringsten
Unterschieden zwischen Arm und Reich.
Wer nach einem Ausweg aus dem modernen
Gesundheitsdilemma sucht, wird nach einer völligen Neukonzeption von Gesundheitspolitik Ausschau halten müssen
New Haven (USA)
Prof. Horst Noack
Eine wichtige Auswirkung von Stress haben
Sie ignoriert: Stress wird oft nachts durch
Zähneknirschen abgebaut! Diese Tatsache
wird stark unterschätzt. Doch die Auswirkungen sind in vielen Fällen Kopfschmerzen, vor allem im Schläfen- und Stirnbereich, kälte- und wärmeempfindliche Zähne
sowie Kiefergelenksprobleme. Diese Befunde finden sich bei einem immer größer
werdenden Teil der Bevölkerung und geben
auch einen Hinweis, dass der Stress in der
Bevölkerung immer weiter wächst.
Wasbek (Schlesw.-Holst.)
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Das Faktum, dass 60 bis 80 Prozent der Konsultanten von umweltmedizinischen Ambulanzen eine psychiatrische Diagnose bekommen, ist kritisch zu sehen, da diese Klassifikation meist nichts „erklärt“. Psychische
Auffälligkeiten können zwar Ursache, aber
auch Folge der Erkrankung sein. Auch positive Effekte einer Psychotherapie bei die-
Alfred Friedl
Sicher gibt es auch Kurgäste, die
den Schwerpunkt ihres Aufent- Kurgäste der Rottal-Therme von Bad Birnbach
haltes auf Erholung und Frei- Gesteigerte Lebensqualität
zeitgestaltung legen. Dabei ist
belegt, dass durch Kuren die Lebens- ser Patientengruppe sind kein Beweis für
qualität gesteigert und oft die Arbeitskraft eine Psychogenese, sondern lassen sich
zunächst verstehen als Erfolg im Umgang
wiederhergestellt oder erhalten wird.
mit dem chronischen Störungsbild. AktuelLam (Bayern)
Wilhelm J. Kunz
le präzisere Studien (TH Aachen) zeigen
Man darf Jürgen Petermann zu seinem Bei- auch, dass das Störungsprofil von Umwelttrag über Stress beglückwünschen, weil es kranken von jenen mit Somatisierungsihm gelungen ist, unter Vermeidung der üb- störungen abweicht. Es ist daher keineswegs
lichen Klischees die Zusammenhänge und jetzt der Zeitpunkt, eine Psychogenese der
Hintergründe des Phänomens Stress auch Umweltkrankheiten als sicher anzunehmen.
für den Laien verständlich darzustellen. Haar (Bayern)
Dr. Dr. Dr. Felix Tretter
Mathias Koethe
Vielleicht hätte Herr Halter erwähnen sollen, in welchem Alter Linus Pauling am
Prostatakarzinom verstarb – mit 93. Zudem
ist das Prostatakarzinom nach dem 70. Lebensjahr der häufigste aller bösartigen Tumoren beim Mann, so dass meiner Meinung
nach ein Zusammenhang zwischen der Einnahme hoher Dosen an Vitamin C und dem
Tod Paulings nicht zwingend besteht.
Mainz
Wiesbaden
Seebruck (Bayern) Dr. Wolfgang Rosenberg
Vor 50 Jahren der spiegel vom 6. Oktober 1949
Wirtschaftsminister Erhard gegen Exporterleichterungen durch Abwertung Neufestsetzung des Wechselkurses auf 23,8 Cent für eine DM. Das
gibt’s nur in Berlin Rias-Kurznachrichten im Telefon. Stalin kündigt
sowjetisch-jugoslawischen Freundschaftsvertrag Niemand weiß, ob und
wann ein Krieg daraus wird. Xinjiang unterstellt sich der Zentralregierung in Peking Die Sowjetunion verpasste den richtigen Moment zur
Intervention. An die Wand gedrückt Rotierende Fliehkraft-Trommel als
Hit auf Münchens Oktoberfest.
Diese Artikel sind im Internet abzurufen unter http://www.spiegel.de
Titel: Der indische Ministerpräsident Pandit Nehru kommt in die Vereinigten Staaten
Christian Weschler
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M. WITT
„Anregen statt aufregen“
Nr. 38/1999, Titel: Gesünder besser länger leben
Alle Empfehlungen für gesundes Leben
zerschellen an den häufig auftretenden
schmerzlichen Todesfällen im Verwandtenund Freundeskreis, die Wohlbefinden, Gesundheit und Lebensmut auf Jahre zermürben können. Wer den einst mächtigen
Staatschef der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, gesehen hat, wie er als gebrochener Mann seine tote Ehefrau vor dem endgültigen Abschied auf dem Friedhof umarmt, gestreichelt und geküsst
hat, der konnte mitempfinden,
wie furchtbar ein solcher Verlust
einen Menschen treffen kann.
Wer aber 90 oder gar 100 Jahre
alt wird, der hat zahlreiche solcher Verlusterlebnisse durchlitten – fast alle ihm einst nahe stehenden Menschen liegen auf
dem Friedhof, ihm bleiben nur
noch die Einsamkeit und das
Warten auf den eigenen Tod.
Wenn mir trotzdem etwas fehlte, dann die
Erwähnung dessen, dass es auch Stress
durch Unterforderung gibt. Als Folgeerscheinung steigender Rentner- und Arbeitslosenzahlen sowie auch einer zunehmenden Luxus-Öde findet sich diese Stressform
inzwischen fast ebenso häufig wie die vielbesungene „Managerkrankheit“. Die Betroffenen neigen dazu, aus jeder Reizmücke
einen Stresselefanten zu machen, um der
quälenden Lethargie ihrer Minderbeschäftigtheit zu entfliehen. Und man darf Zweifel anmelden, ob für solche Patienten die übliche Therapie mit Entspannungsübungen
und Beruhigungsmitteln wirklich geeignet
ist. Wir halten es in diesen Fällen eher mit
dem Motto: „Anregen statt aufregen.“
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Der Artikel von Frau Berndt ist ein Schlag
ins Gesicht aller Menschen, denen durch
Umweltgifte Gesundheit und häufig auch
soziale Existenz vernichtet wurden. Zugleich legitimiert er die gewaltigen Defizite
innerhalb der deutschen Forschung und
Lehre. Dieses Vakuum versuchen Psychologen mit Theorien über Erkrankungen durch
überzogene Umweltängste zu füllen, so als
ob nicht die meisten der genannten Stoffe
seit langem als toxisch bekannt wären.
Ignoriert wird die Tatsache, dass Gifte das
vegetative Nervensystem angreifen und so
auch die erwähnten ,,psychiatrischen Auffälligkeiten“ verursachen können.
Gabriele Fröhler
Ich glaube keine Sekunde, dass es eine Umwelthysterie gibt – quasi als Ergebnis diffuser Lebensängste. Könnte es wohl sein,
dass Ignoranten wie Sie und mit Ihnen viele Ärzte und Mitmenschen mit diesen
Krankheiten überfordert sind und Angst
haben, dass es sie vielleicht auch erwischt?
Borchen (Nrdrh.-Westf.)
ULLSTEIN BILDERDIENST
Bielefeld
Rüstungsminister Speer (in Berlin, 1943)
Nach dem Krieg Wiederaufbauminister?
Ursula Wesseler
Aus kalter Berechnung
Als Arzt, Architekt und Baubiologe werde
ich hautnah mit den Nöten von umweltgeschädigten Mitmenschen konfrontiert. Meine Kollegen und ich mühen uns redlich ab,
die Probleme von Umweltgiften und Elektrosmog im weitesten Sinne in den Griff zu
bekommen. Da kommt der Artikel von
Frau Berndt wie gerufen.Wir können sämtliche Klienten zum Psychiater überweisen.
Die Menschen haben in unserem Jahrhundert an jedem erreichbaren Knopf gedreht.
Somatische Nebenwirkungen hat das
selbstverständlich nicht – oder wie ist Frau
Berndts Elaborat sonst zu verstehen?
Ich habe selten eine so hervorragende Beschreibung einer Nazi-Größe gelesen. Vor
allem der Satz, in dem Fest die Wirkung
des Schocks beschreibt, den Menschen erleiden, wenn sie erkennen, wie leicht sie
humane Traditionen, die sie zu ihrem eigenen Schutz geschaffen haben, preisgeben, ist auch eine mehr als zutreffende Erklärung für die kollektive Vergangenheitsverdrängung im Nachkriegsdeutschland.
Oberrohrdorf (Schweiz)
Büren (Nrdrh.-Westf.)
Dr. Thomas Braun
Was ist das für eine unerträgliche Welt, wo
Menschen wie die Plastikeimer aus der Maschine fallen müssen, alle gleich, alle genormt und vollkommen langweilig in ihrer
makellosen Einförmigkeit? Zeichnet sich
dieses unerfüllt gelebte Leben ohne eigene Ziele und Pläne dann im Gesicht und
auf den Hüften ab, wird man zum Chirurgen-Junkie, der nach der ersten Operation
diese kostbar erworbene Jugend für immer konservieren muss: Man hat ja nie gelernt, sich seinen Erfahrungen und seinem
Altern zu stellen, und erwartet wohl, dass
das Leben irgendwann mal beginnt.
Nr. 38/1999, Zeitgeschichte: Die Lebenslügen
von Hitlers Vorzugsminister Albert Speer; Vorabdruck
aus der Speer-Biografie von Joachim Fest
Rembert Moenikes
Von einem „Autoren-Aufstand bei Rowohlt“, an dem ich beteiligt sein soll, ist
mir nichts bekannt. Ich habe dem Verleger
Nikolaus Hansen zur Sache SchalckGolodkowski brieflich meine Meinung gesagt. Hansen hat geantwortet. Das ist alles.
Der Historiker Fest zeigt sich ratlos, warum
Albert Speer noch einmal in das bereits umkämpfte Berlin flog. Dabei hat schon Guido
Knopp („Hitlers Helfer“) glaubhaft belegt,
dass Speer nicht in den Bunker der Reichskanzlei zurückkehrte, um sich von Hitler
zu verabschieden oder gar seine Loyalität zu
bekunden. Nein, Speer flog aus kalter Berechnung nach Berlin, um sicherzustellen,
keinesfalls als Hitlers Nachfolger eingesetzt
zu werden. Das „Tausendjährige Reich“ sollte nicht alles im Leben des karrieregeilen
Architekten gewesen sein. Speer sah sich
schon als „Wiederaufbauminister“ Nachkriegsdeutschlands.Aus genau dem gleichen
Grund widersetzte er sich Hitlers „NeroBefehl“, nicht um, wie er behauptet, die
„Lebensgrundlagen des Deutschen Volkes“
zu erhalten, sondern um sich möglichst unbefleckt den Alliierten als Wiedererbauer
empfehlen zu können. So kam Speer, der
maßgeblich für die „Entjudung“ ganzer Berliner Stadtteile und tausendfache Leiden
der Zwangsarbeiter in den Rüstungswerken
verantwortlich war, mit 20 Jahren Spandau
davon.
Berlin
Berlin
Oberursel (Hessen)
Dagmar Müller-Funk
Wohin soll die Empörung führen?
Nr. 38/1999, Szene: Autoren-Aufstand bei Rowohlt
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Friedrich Christian Delius
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Georg Hruschka
Briefe
Wohin muss der Ball?
Nr. 38/1999, SPD: SPIEGEL-Gespräch mit Franz
Müntefering über die Krise seiner Partei
Der designierte SPD-Generalsekretär Müntefering vergleicht sich selbst mit dem
früheren Fußballnationalspieler „Katsche“
Schwarzenbeck – und seinen Parteivorsitzenden, Bundeskanzler Schröder, mit Franz
Beckenbauer. Aber das Problem der SPD
ist doch nicht, dass sie hinten keine Verteidiger hat, sondern nicht weiß, wo vorne ihr
Ziel ist. Sie hat kein politisches Ziel und
weiß nicht, wohin – im übertragenen Sinne
– der Ball muss. Und ohne einen Torjäger
vom Schlage des Gerd Müller wären
Beckenbauer und Schwarzenbeck in den
sechziger und siebziger Jahren weder mit
dem FC Bayern München noch mit der
deutschen Fußballnationalmannschaft so
erfolgreich gewesen.
Wiesbaden
Dirk Metz
Sprecher der Hessischen Landesregierung
Mafiose Entwicklung
Nr. 38/1999, Affären: Die Geldschiebereien
mit den deutsch-jüdischen Renten
Trotz der Megaschwindeleien ist dies eher
eine Story der Unfähigkeit von Politikern
und Beamten. Gegen die mafiose Entwicklung in vielen Staaten hilft nur die
Verfolgung durch private Firmen mit hohen
Erfolgsprämien. Solche Firmen müssen inkognito arbeiten, müssten sich natürlich
der modernsten technischen Mittel bedienen und wären jedem Beamtenapparat
weit überlegen.
A. BASTIAN / CARO
Grönenbach (Bayern) G. Schultz-Fademrecht
BfA-Gebäude in Berlin
Bodenlose Leichtfertigkeit
Wer selbst erlebt hat, wie kaltherzig die
Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) mit ihren eigenen Versicherten
umgeht, die ihr ganzes Arbeitsleben lang
enorme Beitragsleistungen erbracht haben,
kann nur mit Abscheu zur Kenntnis
nehmen, mit welch bodenloser Leichtfertigkeit und Inkompetenz diese Mammutbehörde, deren Daseinsberechtigung
jedenfalls in der gegenwärtigen Struktur
ohnehin fraglich sein dürfte, mit den ihr
anvertrauten Milliarden verfährt.
Hattingen (Nrdrh.-Westf.)
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Dieter Lueg
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Briefe
Nur noch folkloristische Auflockerung?
Nr. 38/1999, Kirche: Machtkampf mit
dem Vatikan und Kommentar Rudolf Augstein
Nicht der Papst und auch nicht die übrigen
Hirten sind schuld, die können schließlich
sagen und befehlen, was sie wollen. Schuld
sind die überaus zahlreichen Schafe: die
Frauen und Männer, die dieser Organisation angehören, sie finanzieren und damit
ihre Machenschaften ermöglichen. Wenn
die nicht wären, würden auch unsere Politiker nicht vor der Macht der katholischen
Kirche kuschen.
Köln
Ingeborg Dahners
Warum wird immer fälschlicherweise
behauptet, dass die Kirche die Frauen bei
Seien wir doch realistisch! Unser Staat, der
im Schwangerschaftskonfliktgesetz einen
faulen Kompromiss eingegangen ist, indem
er in bestimmten Fällen straffreie Abtreibungen zulässt, kann das Verfassungsrecht
auf Schutz des Lebens (auch der Ungeborenen) nicht mehr 100-prozentig garantieren
und hat ein schlechtes Gewissen. Wer wäre
besser geeignet, diesen Skandal zuzudecken
als die katholischen Bischöfe mit ihren frommen Mäntelchen? Dass dabei Glaubenstreue, Kirchendisziplin und apostolische Autorität den Bach runtergehen, stört unsere
verirrten Hirten nicht. Wenigstens zur folkloristischen Auflockerung der Honoratioren
bei Staatsakten bleiben sie uns als ,,Rotkäppchen“ erhalten.
Preetz (Schlesw.-Holst.)
Prof. Dr. Karl Fries
In einem Land wie dem unseren,
in dem die Trennung von Staat
und Kirche in der Verfassung festgeschrieben ist, ist der eigentliche Skandal ein anderer: Es ist
der quasistaatliche Anspruch der
Kirche, alle, auch diejenigen, die
der Kirche nicht angehören, müssten die Maßstäbe und Regeln der
Kirche übernehmen und sich danach richten. Für die Kirchenmitglieder ist dieser Anspruch berechtigt. Was andere machen, hat
sie nicht zu interessieren.
Bremen
Michael Klingebiel
Kein „Meisnerstück“, schon eher ein „Dybakel“
Fulda
FOTOS: DPA
Bischof Dyba, Kardinal Meisner (r.)*
Es stünde besser um die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche, wenn der eine oder andere
seiner Berufung zum Juristen statt
der zum Seelsorger gefolgt wäre.
einer Schwangerschaft im Stich lässt?
Es wird doch künftig weiter beraten und
den Frauen, die Hilfe brauchen, geholfen.
Nur dieser Schein, der eine Erlaubnis
zum Töten eines unschuldigen Lebens
darstellt, wird nicht mehr vergeben. Wenn
die Kirche so einen Schein weiterhin
ausstellt, hilft sie zweifellos bei einer
Abtreibung mit, da nur durch diesen
Schein eine Abtreibung möglich ist. Und
das widerspricht der Aufgabe der katholischen Kirche. Es wäre eine Doppelmoral,
wenn die Kirche auf der einen Seite das
Leben schützt, wo es nur geht, und auf
der anderen Seite beim Abtöten hunderttausender menschlicher Leben ihre Hände
im Spiel hätte.
Seubrighausen (Bayern)
Timo Hornung
Das Ergebnis der Bischofskonferenz zur
Schwangeren-Konfliktberatung war wirklich kein „Meisnerstück“, schon eher ein
„Dybakel“.
Wuppertal
Manfred Holz
* Auf der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz im Dom zu Fulda.
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Walter Reißer
Wenn jemand wie Bischof Dyba einer Frau,
die in all ihrer Not und schweren Herzens
und unter großen Gewissenskonflikten sich
zum Schwangerschaftsabbruch entschließen
muss, die Beratung und Hilfe verweigert,
hat er kein Recht, sich Christ zu nennen.
Hann. Münden
Peter Grande
Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
Münchner Polizisten auf dem Oktoberfest
Corpus Delicti im Wert von 15 Mark
Willkür und Tortur
Nr. 38/1999, Kriminalität:
Prozess gegen Münchner Prügel-Polizisten
Zur Bestätigung Ihrer Geschichte muss ich
Ihnen mein Oktoberfest-Erlebnis mit Polizisten vom 20. September erzählen. Mit Wissen
des Bierzeltpersonals hielt ich um 0.30 Uhr
einen leeren Bierkrug vor dem Festzelt in
der Hand. Die erste faire Frage eines Polizisten nach einer Quittung war gleichzeitig die
letzte. Danach begannen die Willkür und
die Tortur. Ehe ich mich versah, lag ich in
Handschellen mit dem Gesicht auf dem nassen Pflaster und hatte einen Polizeistiefel im
Kreuz. Mein Kollege wurde erst gar nicht angehört: Stattdessen wurde er ebenfalls festgenommen. Dabei habe ich – neben dem
Corpus Delicti im Wert von 15 Mark – mehrere Blutergüsse an Arm, Schulter und Bein,
Prellung des Knies, Hautabschürfungen,
Kopfschmerzen, starkes Brennen unterhalb
des Schulterblattes, Prellung der Handgelenke, einen Einstich in der Armbeuge zur
Blutentnahme, schwarze Hände für die Fingerabdrücke und eine Strafanzeige wegen
Diebstahls und Widerstands gegen die
Staatsgewalt davongetragen.
Frankfurt am Main
Gregor Aigner
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Anschrift und Telefonnummer – gekürzt zu veröffentlichen.
Einer Teilauflage dieser Ausgabe ist eine Postkarte der
Firma DKV Deutsche Krankenversicherung, Köln, beigeklebt. In einer Teilauflage liegen Beilagen der Firmen
Deutsche Bank, Frankfurt, und Zeit-Verlag, Hamburg, bei.
Geldstrafe wegen Doping
Nr. 37/1999, Prozesse:
DDR-Kader brechen ihr Schweigen
Sie berichten, dass gegen meinen Mandanten Dr. Thomas Köhler, den ehemaligen
Vize-Präsidenten des Deutschen Turn- und
Sportbundes der DDR, wegen seiner Verwicklung in das DDR-Doping ein Strafbefehl mit einer Freiheitsstrafe zur Bewährung verhängt werden soll. Das Amtsgericht Tiergarten hat in der Zwischenzeit
einen Strafbefehl erlassen, in dem eine
Geldstrafe und keine Freiheitsstrafe festgesetzt wurde.
Berlin
Robert Unger
Fachanwalt für Strafrecht
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VERANTWORTLICHER REDAKTEUR dieser Ausgabe für Panorama,
Hauptstadt (S. 27), NS-Verbrechen, Bildung, PDS, Umwelt, Kirche, Neonazis,Kriminalität,Behörden: Clemens Höges; für Titelgeschichte,Hauptstadt (S. 30), CDU, Japan (S. 198, 200): Michael Schmidt-Klingenberg; für
100 Tage im Herbst: Jochen Bölsche; für Renten,Affären, Trends, Geld,
Deutschland AG, Fusionen, Konzerne, Modeindustrie, Konsum, PrivatTV: Armin Mahler; für Ehe, Szene, Lebensart,Fernsehen,Fernsehspiele,
Filmindustrie,Film,Auktionen,Autoren,Bestseller,Ausstellungen,Musikgeschäft,Chronik: Wolfgang Höbel; für Panorama Ausland,Japan (S.196),
Europa, Russland, Südafrika, Frankreich, USA, Jugoslawien, Libyen,
Portugal: Dr.Romain Leick; für Fußball,Altstars: Alfred Weinzierl; für Prisma, Tierschutz, Medikamente, Archäologie, Ärzte, Computer: Olaf
Stampf; für Spiegel des 20.Jahrhunderts: Dr.Dieter Wild; für die übrigen
Beiträge: die Verfasser; für Briefe, Nachruf, Personalien, Hohlspiegel,
Rückspiegel: Dr. Manfred Weber; für Titelbild: Stefan Kiefer; für Layout:
Wolfgang Busching; für Hausmitteilung: Hans-Ulrich Stoldt; Chef vom
Dienst: Karl-Heinz Körner (sämtlich Brandstwiete 19, 20457 Hamburg)
TITELILLUSTRATION: Dewa Waworka für den SPIEGEL
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Deutschland
Panorama
VERMÖGENSABGABE
Reiche
zur Kasse
B
K. SCHÖNE / ZEITENSPIEGEL
ei der Einführung einer einmaligen Vermögensabgabe gerät die
Bundesregierung anders als bei der
Vermögensteuer nicht mit dem
Grundgesetz in Konflikt. Das stellen
Experten von Regierung und SPDFraktion in zwei Gutachten fest. Bislang hatte vor allem das von Hans
Eichel geführte Bundesfinanzministerium bezweifelt, dass eine solche
Abgabe verfassungskonform sei.
Die Einführung einer Vermögensabgabe für Reiche sei jedoch an sehr
strikte Voraussetzungen gebunden, befinden Beamte des Finanz-, Innen- und Justizministeriums. So müsse das Aufkommen zweckgebunden sein und der Kreis der Zahler und Begünstigten klar definiert.
Außerdem dürften die Mittel nicht einfach im
Haushalt versickern. „Eine einmalige Vermögensabgabe zur allgemeinen Rückführung der
Staatsverschuldung unterläge deutlichen verfassungsrechtlichen Einwendungen“, heißt es in
der zweiseitigen Expertise. Nach Einschätzung
der Regierungsexperten erfüllt bislang keine der Eichel
VARIO-PRESS
Besucher der Rennwoche in Iffezheim
vorgeschlagenen Zweckbindungen diese Ansprüche.
Mal sollten Bildungsvorhaben finanziert werden,
mal die Lasten der Einheit. Beides sei nicht zulässig. Es gebe bereits einen Etat für Bildung und den
Solidaritätszuschlag für die Einheit.
Uneingeschränkt befürwortet eine Expertise der
SPD-Bundestagsfraktion die Zulässigkeit der Abgabe. Die Fachleute haben sogar eine Idee für
die Verwendung: Das Aufkommen aus der Abgabe könne den Erblastentilgungsfonds, in dem
Schulden der ehemaligen DDR zusammengefasst
sind, entlasten.
B U N D E S TAG
NAT O - D O K T R I N
Freifahrt für Abgeordnete
PDS nach Karlsruhe
Flugzeug reisen. In Berlin gibt es neben
ie Bundestagsabgeordneten müssen
den Verkehrsbetrieben auch noch die
künftig nicht mit einem Tretroller
Fahrbereitschaft des Bundestags, die
durch Berlin kurven, so wie einige es
mit Limousinen und Chauffeuren die
vergangene Woche für einen PR-Termin
Abgeordneten transportiert – allerdings
taten. Der Ältestenrat des Bundestags
nur noch nach vorheriger Angabe des
beschloss jetzt großzügig: Die 669 Abgenauen Fahrtzieles. Damit soll vermiegeordneten können nun auch kostenlos
den werden, dass sich Parlamentarier –
mit U-Bahnen, Bussen und Straßenwie mehrfach geschehen – zum Möbelbahnen der Berliner Verkehrsbetriebe
einkauf zu IKEA chauffieren lassen.
fahren. Das Jahresticket kostet eigentlich 541,50 Mark. Während
Bundestagsmitarbeiter ihr Jobticket selbst zahlen müssen,
kommt für das der Abgeordneten die Staatskasse auf. Dabei
stehen in der Begründung der
steuerfreien Kostenpauschale
von 6459 Mark pro Monat als
Verwendungszweck auch
„Fahrten innerhalb der Bundesrepublik“.
Da gibt es nicht mehr viel,
wofür die Abgeordneten noch
zahlen müssten, da sie auch
schon kostenfrei mit Bahn und Bundestagsabgeordnete in Berlin
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I
M. EBNER / MELDEPRESS
D
m Oktober wird die Bundestagsfraktion der PDS wegen der neuen NatoStrategie eine Organklage beim Bundesverfassungsgericht einreichen. Sie
sieht die „Rechte des Deutschen Bundestags verletzt“, weil die Bundesregierung die Änderung der Nato-Doktrin
nicht im Parlament bestätigen ließ. Seit
April lässt die Doktrin auch Einsätze
außerhalb des Nato-Gebiets und ohne
Uno-Mandat zu.
Auf rund hundert Seiten versucht die
Klageschrift nachzuweisen, dass es sich
bei der Änderung um eine „substanzielle“ Korrektur des Nato-Vertrags handelt, die der Zustimmung der Parlamentarier bedarf. Die PDS hofft, dass die
Karlsruher Richter, wie schon 1994 im
Fall von Auslandseinsätzen der Bundeswehr, die Regierung zwingen werden,
sich für eine wichtige außenpolitische
Entscheidung die Unterstützung des
Parlaments zu sichern. Damals hatten
SPD und FDP das Bundesverfassungsgericht angerufen.
17
Panorama
BUNDESWEHR
Wicherts Tricks
it einem bereits erprobten Kniff versucht Verteidigungsstaatssekretär Peter Wichert, die Kürzungen
im Wehretat zu unterlaufen. Er will Routineausgaben
und längst geplante Beschaffungen der Bundeswehr
im Wert von mehreren hundert Millionen Mark aus einem Sondertitel finanzieren, den das Kabinett ausschließlich für die Zusatzkosten des Balkan-Einsatzes geschaffen hatte.
So verbuchen Wicherts Haushaltsbeamte jetzt ein Drittel der Kosten für das seit Jahren übliche Piloten- und
Tiefflugtraining in den USA und Kanada als Kosovo-Ausgaben, obwohl „Tornado“-Bomber und alte „Phantom“Abfangjäger dort gar nicht eingesetzt wurden. Auch die
längst vorgesehene Ausstattung von vier Airbus-Transportflugzeugen mit einer Zusatzausrüstung zur Luftbetankung von Kampfjets wird jetzt zum Balkan-Sonderaufwand erklärt. Selbst für Neubauten und Reparaturen „Tornado“ beim Tiefflugtraining in Kanada
in heimischen Kasernen wollen die kreativen BuchfühFalls nach einer Experten-Anhörung in dieser Woche die neurer rund 60 Millionen Mark aus dem Kosovo-Titel abzweigen.
Schon 1992 hatten Wicherts trickreiche Haushälter Aufwen- en Pläne den Haushaltsausschuss passieren, hat Minister Rudolf
dungen für neue U-Boote in einem Extra-Titel für Sonderaus- Scharping für das Jahr 2000 trotz aller Sparzwänge weit mehr
gaben im Zusammenhang mit dem Golfkrieg untergebracht. Geld für neue Rüstungsgüter als bisher geplant.
CSU
A F FÄ R E N
Zentrale stärken, Liberale vergessen
Vier Wochen immun
C
M. HANGEN
dern sagen. Aus Mitgliedsbeiträgen alSU-Chef Edmund Stoiber will seine
lein, wie bisher, sei die Wochenzeitung
Partei organisatorisch umkrempeln.
aber „nicht mehr finanzierbar“. Sollten
Traditionelle Arbeitskreise und -gruppen
sich nicht genug Käufer finden, soll das
wie die Christlich Soziale ArbeitnehParteiorgan, das es bislang nur auf
merschaft müssten erweitert und neu
10 000 zahlende Abonnenten bringt,
ausgerichtet werden, so Stoiber: „Die
nächstes Jahr eingestellt werden.
Gruppierungen orientieren sich noch an
Der politische Wettbewerb wird sich
der Struktur einer Industriegesellschaft,
laut Stoiber künftig zwischen den
wir sind aber auf dem Weg in eine MeVolksparteien abspielen. „Wir steuern
dien- und Wissensgesellschaft.“
auf ein Vierparteiensystem zu, auf der
Um Wahlen bestehen zu können, soll
einen Seite CDU und CSU, auf der andie CSU-Zentrale gestärkt werden. Eine
deren Seite SPD und PDS. Der FDP
Auslagerung von Wahlkämpfen wie
gebe ich, so leid es mir tut, keine
etwa bei der SPD-Kampa lehnt Stoiber
großen Zukunftschancen mehr.“ Auch
ab. „Eine Partei ist kein Konzern wie
die Grünen hätten sich überlebt.
Daimler. Sie muss Wahlkämpfe aus sich
selbst heraus führen. Wenn
der Zusammenhang zwischen
innerparteilicher Diskussion
und Außendarstellung nicht
mehr deutlich wird, hat man
langfristig keinen Erfolg“,
glaubt Stoiber.
Eine Schonfrist will die CSUSpitze dem Parteiblatt „Bayernkurier“ einräumen. „Wenn
sich 30 000 zahlende Abonnenten finden, dann ist der
‚Bayernkurier‘ lebensfähig“,
will Stoiber beim Parteitag
am Wochenende den Mitglie- „Bayernkurier“
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W
eil der Saarbrücker Landtag bei
seiner konstituierenden Sitzung
letzte Woche das entsprechende Verfahren nicht geregelt hat, kann in den
nächsten knapp vier Wochen die Immunität des ehemaligen Saar-Ministerpräsidenten Reinhard Klimmt (SPD) und des
jetzigen CDU-Innenministers Klaus
Meiser nicht aufgehoben werden. Der
Landtag tagt erst Ende Oktober wieder.
Die Koblenzer Staatsanwaltschaft hegt
gegen die Politiker den Verdacht der
Beihilfe zur Untreue. Klimmt, Aufsichtsratsvorsitzender des Fußballclubs 1. FC
Saarbrücken (Vizepräsident ist Klaus
Meiser), verdächtigen sie außerdem der
Bestechlichkeit. Bei Recherchen gegen
den früheren Geschäftsführer der Caritas Trägergesellschaft Trier (CTT),
Hans-Joachim Doerfert, waren die Ermittler kürzlich auf ein Dokument gestoßen, das den Verdacht nährt, Doerfert habe Klimmt rund 300000 Mark
zukommen lassen. Klimmt und Meiser
bestreiten, persönliche Vorteile gehabt
zu haben. Von 1996 bis 1998 kassierte
der Verein monatlich 14 855 Mark von
der CTT – als Gegenleistung sollten
Vereinsmitglieder in CTT-Kliniken monatlich 80 Arbeitsstunden leisten.
Lückenlose Belege dafür fehlen bislang.
S. SCHULZ / RETRO
M
Deutschland
AU T O BA H N E N
Maut gegen Stau
N
P. FRISCHMUTH / ARGUS
iedersachsen will mit einer Bundesratsinitiative den privaten Bau von
Autobahnen ermöglichen – für deren
Benutzung wäre eine Gebühr fällig. Als
erste Mautstraße schlägt Niedersachsens Verkehrsminister Peter Fischer
(SPD) die geplante Autobahn zwischen
Stade und Hamburg (A 26) vor. Auch
der Weiterbau der A 20 von Bad Bram-
Ortsdurchfahrt in Agathenburg (bei Stade)
stedt über die Elbe bis zur A 1 (Hamburg–Bremen) könne in Teilstücken privat betrieben werden, glaubt Fischer,
etwa bei der mit über eine Milliarde
Mark veranschlagten Elbquerung westlich von Hamburg.
Die hannoversche Nord/LB und der
niedersächsische Verband der Bauindustrie prüfen derzeit, ob und in welcher
Höhe Gebühren den Autobahnbau finanzieren könnten. Klar ist nur, dass
die Gebühr an herkömmlichen Mauthäuschen eingetrieben würde – die automatische Abbuchung wäre zu teuer.
Laut ADAC würde eine Fahrt von Stade
nach Hamburg im Auto mindestens
4 Mark, im Lkw 20 Mark kosten.
Die Planungen für die A 26 haben unterdessen zu einem kuriosen Extra-Stau
auf der B 73
geführt, die
durch die Autobahn entlastet werden
soll. Der Ort
Agathenburg
ließ seine
Ortsdurchfahrt um zwei
Meter verengen und drei
Verkehrsinseln einbauen.
Grund: Die
marode Straße
musste ohnehin erneuert werden, die
Kosten trägt nun der Bund. Wenn die
Autobahn stehe, so Bürgermeister Gerd
Allers, gelte die B 73 nicht mehr als
Bundesstraße – der Ort hätte die Verkehrsberuhigung selbst zahlen müssen.
MÖLLEMANN
Schillernder Showman
ARIS
D
Möllemann
er FDP-Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen, Jürgen
Möllemann, muss seine Strategie ändern: Bislang wollte er
für die Landtagswahlen im Mai eine Koalitionsaussage zu Gunsten der SPD – seine potenziellen Wähler aber wollen die nicht.
Nach einer Emnid-Umfrage plädieren 49 Prozent der FDP-Anhänger für eine Koalition mit der CDU. Möllemanns Vorliebe teilen nur 19 Prozent. Laut Untersuchungen einer Hamburger Werbeagentur, deren Ergebnisse die FDP unter Verschluss hält, ist
Möllemann der einzige NRW-Liberale, der die Anhänger beeindruckt. Die Partei sei „ohne Biss“, Möllemann indes überzeuge
durch Erfahrung und Machtwillen. Die wichtigen Wechselwähler
halten ihn aber für einen schillernden Showman ohne Seriosität.
KLINIKEN
Falsche Abrechnung
G
egen einen ehemaligen und einen
amtierenden Manager der HerzKreislaufklinik AG in Bad Bevensen hat
die Staatsanwaltschaft Hannover Anklage erhoben. Ihnen wird Betrug in einem besonders schweren Fall vorged e r
worfen. Beide sollen ein „organisiertes
System der Falschabrechnung“ eingeführt haben, so dass die Krankenkassen
zwischen August 1993 und Dezember
1994 insgesamt 5,3 Millionen Mark zu
viel bezahlten. Nach Überzeugung der
Staatsanwaltschaft wurden gezielt
„Sonderentgelte“ für Operationen geltend gemacht, obwohl diese nach dem
Gebührenkatalog nicht fällig waren.
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Panorama
Deutschland
Wenn Faxgeräte
übel nehmen könnten, bliebe der Welt
manch überflüssige
Pressemeldung erspart. Das Fax von
Dieter Murmann,
dem Chef des
CDU-Wirtschaftsrates, beispielsweise
säße seit Tagen schmollend und
mit verklemmtem Papiereinzug
in der Ecke und würde den
Dienst verweigern. Murmann hatte vergangene Woche gefordert,
als Beitrag zur Kostensenkung im
Gesundheitswesen sollten Patienten bei jedem Arztbesuch
eine Art Eintrittsgebühr in Höhe
von 20 Mark bezahlen. „Völlig absurd“, faxte es da aus dem Gesundheitsministerium zurück.
Dennoch: Vielleicht hat die Idee
ja ihren Reiz. Nur leider ist sie
viel zu wenig durchdacht.
Generell 20 Mark Eintritt zu
verlangen klingt viel zu gleichmacherisch, beinahe schon nach
Sozialismus. Nein, wenn schon
Marktwirtschaft, dann richtig,
auch Ärzte müssen sich dem
Wettbewerb stellen und mit Sonderangeboten Kunden locken:
Wir brauchen die Ärzte-AboCard, fünf Besuche für 80 Mark.
Her mit dem Arzt-and-rideTicket für 21,95 Mark, inklusive
Parkgebühr. McDocs bieten in
schlecht besuchten Praxen ihre
Dienste zum Dauertiefstpreis an,
Frauenärzte veranstalten Klimakteriumswochen, mit beschwerdespezifisch gestalteten Tarifen, „Focus“ listet die 500 günstigsten
Praxen im Meningitisvergleich
auf. Und die Radiologen müssen,
falls sie zu wenig Kundenkontakt
haben, eine bundesweite Werbekampagne starten: „Lungenkarzinom ist Yello.“
Schwierige Fälle werden natürlich teurer. Ach Murmann, Hirnzerrung austherapieren kostet
mindestens 50 Mark.
20
M. ZIMMERMANN
Ärzte-Card
Woche die Landesgartenschau im baden-württembergischen Plochingen.
Dort seien 1997
zwölf Koi-Karpfen
im Wert von insgesamt 60 000 Mark in
einem Teich ausgesetzt und kurz darauf gestohlen worden. Däke entrüstete sich: „Da hätte
man das Geld auch
gleich neben den
Tümpel legen können.“ In Wahrheit hatten weder
die mehrheitlich
staatliche Landesgartenschau GmbH
Koi-Karpfen im Teich auf der Landesgartenschau
noch die Stadt
Plochingen auch nur einen Pfennig für
STEUERGELDER
die Karpfen aufgewendet. Die kostbaren Kiemenatmer, die aus Japan stammen, waren das Geschenk eines Züchters an den Plochinger Fischereiverein
ine der bizarrsten Meldungen des
und in dem vereinseigenen Teich auf
Bundes der Steuerzahler (BdSt)
dem Areal der Landesgartenschau ausüber die Verschwendungssucht staatligesetzt worden.
cher Stellen erweist sich als Ente. Die
Alle zwölf gestohlenen Prachtfische
BdSt-Kontrolleure zählen 118 Finanzwurden von der Polizei inzwischen in
skandale auf, durch die bundesweit
zwei anderen Seen aufgespürt. Die Dierund 1,2 Milliarden Mark Steuergelder
be hatten sie dort ausgesetzt, weil sie
verschwendet worden seien.
die teuren Tiere offenbar nicht verkauAls besonders krassen Fall präsentierte
fen konnten.
BdSt-Präsident Karl Heinz Däke letzte
Karpfen als Ente
E
AU S S E N P O L I T I K
Von Fischer enttäuscht
D
er offizielle Vertreter der palästinensischen Autonomieregierung in
Bonn, Abdallah al-Frangi, ist enttäuscht
über die mangelnde Bereitschaft des
deutschen Außenministers Joschka Fischer, im nahöstlichen Friedensprozess
eine aktive Rolle zu spielen. Fischer
habe es bisher unterlassen, das Gewicht
Deutschlands stärker zu Gunsten der
Palästinenser zur Geltung zu bringen.
In dieser Hinsicht könne der Minister
noch viel von seinem Vor-Vorgänger
Hans-Dietrich Genscher (FDP) lernen,
der wegen seiner fairen Haltung bis
heute hohen Respekt in der arabischen
Welt genieße. Al-Frangi wirft Fischer
vor, aus „philosemitischen Gründen mit
dem Herz und mit der Seele bei den Israelis“ zu sein. Mit dieser Haltung werde er in der arabischen Welt „jedoch
scheitern“. Genscher war erst kürzlich
von dem ägyptischen Präsidenten Mubarak und dem syrischen Staatschef
Assad empfangen worden.
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Nachgefragt
Präsident Farblos
Johannes Rau ist seit drei
Monaten Bundespräsident.
Welchen Eindruck haben Sie
von seiner Amtsführung?
Angaben in Prozent
Er macht seine Sache gut
27
Er ist mir weder positiv
noch negativ aufgefallen
54
Ich bin von ihm enttäuscht
Emnid-Umfrage
für den SPIEGEL
vom 28. und 29.
September; rund
1000 Befragte;
an 100 fehlende
Prozent: keine
Angabe
6
AC T I O N P R E S S
Am Rande
Werbeseite
Werbeseite
Titel
Kanzler Schröder*: „Wer sagt, er habe immer nur an Deutschland und an Inhalte gedacht, der irrt“
DPA
Das rote Gespenst
Oskar Lafontaine meldet sich mit einer Kampagne für sein neues Buch und mit altem
Anspruch in der Politik zurück. Die meisten Sozialdemokraten
wehren den Wiedergänger ab – und scharen sich um den angefeindeten Kanzler.
* Oben: am 24. September beim Staatsbesuch in Bukarest; unten: am 27. September 1998 bei der SPDWahlparty in Bonn.
22
M. DARCHINGER
D
er Kanzler nahm eine unverdächtige Gelegenheit wahr, um ein paar
passende Bemerkungen über Duelle und rachsüchtige Verlierer fallen zu lassen. Gerhard Schröder machte vor einem
bürgerlichen Publikum aus der Wirtschaft
und der CDU den Lobredner auf Walther
Leisler Kiep, der ebenfalls Erinnerungen
an sein politisches Dasein in die Buchläden
bringt: unverkrampft, selbstironisch, versöhnlich.
Ohne Umschweife kam der Laudator im
feinen Berliner Palais am Festungsgraben
auf das archetypische Modell des politischen Zweikampfs mit zerstörerischen
Zügen zu sprechen, den zwischen Helmut
Kohl und Franz Josef Strauß. Der Bayer
habe wohl nie eine Chance besessen, deutscher Kanzler zu werden, sagte Schröder.
Denn er sei zwar eine „unglaubliche
Begabung gewesen“, aber das Land sei
nun einmal „sehr auf Ausgleich ausgerichtet“.
Strauß, so erzählte der Kanzler mit launigem Ernst, und die Zuhörer dachten sich
Lafontaine hinzu, habe sich im Übrigen ja
gern prinzipienfest gegeben, doch „wer
Wahlsieger Schröder, Lafontaine*
Machtkampf nach dem Machtwechsel
Buchautor Lafontaine in Saarbrücken: „Jetzt weiß ich, dass der es nicht kann“
sagt, er habe immer nur an Deutschland
und an Inhalte gedacht, der irrt“, rundete
er am vergangenen Dienstag seine kleine
Abhandlung über polarisierende Verlierer
ab, die ihre gerechte Niederlage nie verkraften.
Mit seinen unmissverständlichen Anspielungen verstieß der Kanzler eigentlich gegen eine Direktive, die er in seiner
Eigenschaft als Parteivorsitzender tags
zuvor im SPD-Präsidium erlassen hatte:
keine Reaktion auf den anschwellenden Bocksgesang des Bücher schreibenden
Abtrünnigen, am besten nicht mal ignorieren. Herbert Wehner hätte gesagt: abtropfen lassen.
Doch so viel Selbstverleugnung ließen
sich die waidwunden Sozialdemokraten,
die an sich, an ihren Anführern und an der
Wirklichkeit verzweifeln, nicht auferlegen.
Schließlich meldet sich Lafontaine ex cathedra zurück, als wäre er noch Vorsitzender, als hätte er dieses Amt nicht vor einem
halben Jahr weggeworfen – ein traumatisches Ereignis für die SPD.
Das Buch des Emigranten von der Saar
trifft die SPD mitten in der hochdrehenden
Debatte über die Ursachen für die Wahlniederlagen und über den ideellen Stand-
ort der Partei zwischen Tradition und Moderne. Die Frage, worin soziale Gerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung besteht, spaltet die Sozialdemokraten heute
noch stärker als vor dem 11. März, als sich
Lafontaine nach Saabrücken davonmachte. Und jetzt versucht er, die Binnenkonflikte zu vertiefen und die Kalamitäten der
Regierung zu verschärfen.
Im Chor stellten Justizministerin Herta
Däubler-Gmelin („ein Kind, das sein Spielzeug nicht mehr mag“), Rudolf Scharping
(„völlig unverantwortlich“) und der Mainzer Ministerpräsident Kurt Beck („geradezu abstoßend“) die Charakterfrage. Joschka Fischer, der mit Lafontaine befreundet
war und bislang zu dessen ruhmlosen
Rückzug geschwiegen hatte, meinte knapp:
„Man kann scheitern, aber man kann nicht
davonlaufen.“
Erhard Eppler, noch immer eine moralische Instanz in der SPD, fällte das vernichtendste Urteil: Wenn ein intelligenter
Mensch wie Lafontaine so viele Dummheiten begehe, so sei die Ursache dafür
„ein menschlicher Defekt“ – erst die maßlose Selbstüberschätzung, er könne sich als
Überkanzler einrichten, dann der Irrglaube, die SPD würde den schnöden Abgang
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BECKER & BREDEL
verzeihen und den Pensionär in die Politik
zurückholen.
Oskar Lafontaine, das größte Talent seiner Generation, wie Außenminister Fischer
noch immer meint, hat ein Pamphlet und
eine Rechtfertigungsorgie aufgeschrieben.
Der Vorsitzende, der im Machtkampf nach
dem Machtwechsel bedingungslos kapitulierte, bringt 320 Seiten auf den Markt, die
ihn selbst zur tragisch umflorten Lichtgestalt erheben und den Kanzler zum begünstigten Dunkelmann.
Lafontaine stellt in sieben, acht Episoden
dar, wie ihm am Ende nichts anderes als
schweigende Resignation übrig geblieben
sei: Um seiner Partei einen Machtkampf
zu ersparen, um sie vor Niederlagen zu bewahren, habe er sich klaglos ins Privatleben
zurückgezogen. So würde er sein Buch mit
dem Titel „Das Herz schlägt links“ gern gelesen wissen.
Die gnadenlose Rechthaberei erbringt
ein garantiertes Honorar von 800 000
Mark. Die das Buch begleitenden Interviews sind geführt, der Vorabdruck in
„Welt am Sonntag“ und „Welt“ nimmt seinen Lauf, der Autor will Werbung für sich
in Talkshows machen und stellt am 13. Oktober, gleich nach der Berlin-Wahl, sein
23
Titel
ten Kanzlers bei, zu dessen Sturz er
aufruft.
Franz Müntefering gab die Schuldzuweisung umgehend an den Urheber zurück. Die Tatsache seines putschartigen Abschieds aus allen Ämtern habe die SPD
und auch die Regierung „eine ganze Menge an Selbstbewusstsein und Handlungsfähigkeit gekostet“, meinte der designierte Generalsekretär. So habe Lafontaine
der Regierung „einen Teil der Probleme
beschert, mit denen wir heute fertig zu
werden haben“.
Das ist eine Untertreibung. Die permanente Krise der Regierung begann damit,
dass das Zweckbündnis Lafontaine/Schröder mit dem Tag des Machtwechsels zerbrach. Lafontaine tat so, als sei er im Besitz der Richtlinienkompetenz. Er verstand
sich als Schatzkanzler mit der Mission, die
internationalen Finanzmärkte politisch zu
kontrollieren. Er trat auf als Lordsiegelbewahrer der guten, alten SPD, die den Reichen nimmt, um den Armen zu geben.
Der Machtkampf schadete der ganzen
Regierung. Der rauschende Wahlsieg ging
rasch flöten.
Bald war der Finanzminister auf internationalem Terrain isoliert und gering geschätzt. Anstatt die überfälligen Reformen
am Wohlfahrtsstaat und am Haushalt voranzutreiben, blockierten sich die Traditionswahrer um Lafontaine und die Modernisten im Kanzleramt gegenseitig. Der
Finanzminister verlor an Renommee, grub
sich in seinem Ministerium ein und gab
Zeichen von Resignation.
Die Kapitulation im März war für den
Kanzler und seine Regierung Katastrophe
und Befreiung zugleich.
Die Katastrophe dürfte sich bei der Berlin-Wahl fortsetzen, vielleicht etwas abgeschwächt wie zuletzt bei den Stichwahlen
an Rhein und Ruhr. Die Befreiung schlägt
E. M. LANG
M. DARCHINGER
Opus magnum auf der Frankfurter Buch- Rhein und Ruhr in bemühter Zuversicht
(„Trend gestoppt“) kam er unter Punkt 9
messe vor.
Eigentlich sollte das Buch erst am 2. Ja- zur „Frankfurter Buchmesse“: „Es lohnt,
nuar erscheinen. Eigentlich, legen Lafon- diese Messe zu besuchen. Von den vielen
taine-Vertraute nahe, sollte es genau jene tausend Büchern, die dort präsentiert werPassagen nicht enthalten, die jetzt um den den, sind viele lesenswert“, sagte er betont sarkastisch. „Die wirklich lesensEinen, um den Kanzler kreisen.
Aber schon ziemlich schnell hatte La- werten Bücher brauchen kein Medienfontaine seinen doppelten Rücktritt be- spektakel.“
Mit dem schlichten Kalauer brachte
dauert. Es wäre doch besser gewesen,
Parteichef zu bleiben, sinnierte er im ver- Struck ein Viertel der 298 Abgeordneten,
trauten Zirkel. Die Einsicht steigerte den zum Lachen, Rechte wie Linke.
Zorn auf den Sieger im Machtkampf, Lafontaine sah rot: „Der
muss weg.“
Das Manuskript diktierte er,
Machtmenschen haben ein Elefantengedächtnis. Hans-Georg Treib,
ein alter Freund und Mitarbeiter,
redigierte die Erstfassung, recherchierte zusätzlich, schrieb Anfang
und Ende um. Der vorverlegte Erscheinungstermin entsprach dem
Interesse des Springer-Konzerns –
Buchmesse, Weihnachtsgeschäft –
wie dem des Autors. Denn der
Phantomschmerz wuchs, je länger
Lafontaine aus der Politik entfernt Lafontaine-Kritiker Fischer*: „Nicht davonlaufen“
war – und je länger Schröder trotz
Die Linken in der SPD haben in Lafonaller Fehler und Wahlniederlagen das ist,
taine die Identifikationsfigur verloren. „Er
was ihm vorenthalten bleibt: Kanzler.
„Jetzt weiß ich, dass der es nicht kann“, ist jetzt ein Problem für uns, selbst wenn er
sagte Lafontaine zu einem Besucher über zu 100 Prozent Recht hat“, meint Gernot
den Kanzler. Das war im August, sein Ma- Erler, bislang bekennender „Oskar“-Annuskript hatte er gerade abgeschlossen. Die hänger. „Das ist alles diskreditiert.“
Lafontaine hat seine Ämter weggeworVerwertungsmaschine des Springer-Verlags
setzte ein. Dass Lafontaines Buch dort er- fen, seine nachgeschobenen Erklärungen
scheint, verbittert rechte wie linke Genos- machen das Geschehene nicht besser.
Schröder aber ist Kanzler. Die meisten
sen gleichermaßen.
Wie so oft zuvor spaltet die Sphinx von Sozialdemokraten, auch die Linken, sind
der Saar. Wie bei seiner Niederlage als machtbewusst genug, die geschwächte
Kanzlerkandidat 1990 macht Lafontaine Regierung nicht auch noch mutwillig zu
die Umstände – Intrigen seiner Gegner, die gefährden. Und so trägt Lafontaine wiIgnoranz der Medien und des Publikums – der Willen zur Stützung des geschwächfür den verlorenen Machtkampf nach dem
Machtwechsel verantwortlich. Der große
Unverstandene, der Recht hat und nicht
Recht bekommt. Der an einem Rivalen
scheitert, der ihm an politischem Willen,
Ernst und Substanz unterlegen ist.
Die verheerende Wirkung seiner Anklageschrift auf seine Partei nimmt er billigend in Kauf: Er habe nach seinem Rücktritt „Rücksichten genommen“, sagt er. Die
nimmt er jetzt nicht mehr.
Dass er sich zur Rechtfertigung zum
Richter über Schröder aufschwingt, macht
ihn auch bei seinen treuen Anhängern
unglaubwürdig, wie sich vergangene Woche in der Sitzung der Bundestagsfraktion
zeigte.
Wie üblich trug Fraktionschef Peter
Struck seinen „Politischen Bericht“ vor,
eine schlagzeilenartige Zusammenfassung
der Ereignisse und der Lage. Nach kurzen
Bemerkungen über die Stichwahlen an
* Mit Rudolf Scharping, der am vergangenen Montag in
Berlin sein Tagebuch über den Kosovo-Krieg vorstellte.
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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
„Autor Lafontaine: Nur zu – das Buch hält’s aus, und die Steine werden Geld …“
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LS-PRESS
Regierungschefs Blair, Jospin, Schröder*: Einpendeln zwischen Modernität und Tradition
sich im Sparpaket, in der Bemühung um
mehr Konstanz im Regierungshandeln und
in der versuchsweisen Verwandlung des
Spaß-Kanzlers in den Ernst-Kanzler nieder.
Solange Lafontaine im Kabinett saß, war
Schröder in den Meinungsumfragen populärer als seine Regierung. Sein Licht
strahlte heller gegen den dunkleren Hintergrund, der Lafontaine hieß. Seither aber
steht der Kanzler allein, kann sich nicht
günstig von einem Rivalen abheben und
wird von den Wählern abgestraft.
Bei der dramatischen Niederlagenserie,
so fanden die Demoskopen heraus, litt die
SPD darunter, dass ihre Anhänger nicht
wählen gingen. Der alte Vorsitzende Lafontaine hat die SPD im Stich gelassen –
jetzt lassen die Wähler die SPD im Stich.
Der neue Vorsitzende Schröder war bisher ein Verächter des sozialdemokratischen
Parteiwesens, das Herz und Seele kennt.
Nun fremdeln die Genossen und halten ihm die Brioni-Anzüge, die CohibaZigarren und sein Tändeln mit der
„Neuen Mitte“ vor.
Schon länger fremdelt Schröder nicht
mehr zurück. Zwar schlägt ihm noch jede Menge Misstrauen aus der Partei entgegen, aber seine tastenden Versuche, den
Automann in einen Parteimann zu
verwandeln, werden mit Genugtuung registriert.
Da bekommt ein gemäßigt linker Bundestagsabgeordneter, der einen Aufsatz
über den „Imperialismus der Ökonomie“
veröffentlicht hatte, plötzlich einen Brief
* Am 27. Mai bei einer Wahlkampfveranstaltung der
sozialistischen Parteien Europas in Paris, links: Italiens
Ministerpräsident Massimo D’Alema.
aus dem Kanzleramt. Schröder behauptet,
den Aufsatz gelesen zu haben, stimmt zwar
nicht mit der Generalthese überein, weist
aber auf Gemeinsamkeiten im Detail
hin. Er gibt sich versöhnlich, anstatt zu
spalten.
Vorige Woche traf sich der Kanzler mit
SPD-Bundestagsabgeordneten aus Ostdeutschland im Reichstag. Er gestand ein,
dass er den Osten zwar zur Chefsache erklärt habe, dass aber nichts passiert sei.
Gemeinsam war man ratlos über die Erfolge der PDS auf Kosten der SPD. Nun
gibt es die Vereinbarung zum regelmäßigen
Treffen. Für die randständigen BundestagsOssis ein Labsal.
Die Charme-Offensive ins Zentrum der
Partei begann nach den Sommerferien. In
der ersten Fraktionssitzung nach dem Urlaub sinnierte Schröder – die LafontaineBuchveröffentlichung stand bevor – über
die Methoden, mit denen er sich als Juso,
als Ministerpräsident und als Kanzlerkandidat über die Medien „wichtig machte“.
Ein werbender Versuch, Grenzen der Meinungsfreiheit zu errichten und neuerlichen
Stimmenwirrwarr wie im Sommer möglichst zu unterbinden.
Dabei sucht der Parteichef verstärkten
Kontakt zur heimatlosen Linken. Nicht zufällig redet er intern seit ein paar Wochen
mehr über soziale Gerechtigkeit als über
Innovation. Über das Blair/SchröderPapier verliert er jetzt schon mal eine seiner flapsigen Bemerkungen – der Punkt
mit der Jugendarbeitslosigkeit immerhin
sei ja richtig.
Den Anspruch auf die sozialdemokratische Meinungsführerschaft in Europa
macht inzwischen ein Traditionalist dem
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Duo Blair/Schröder streitig: der französische Sozialist Lionel Jospin, mit seiner
Regierung bisher erfolgreich im Kampf
um Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze, verkündet auch mit Blick auf die
Wahlverluste der deutschen SPD wieder alte sozialdemokratische Werte. Gerhard Schröder räumt mittlerweile ein,
dass die fixe Anleihe bei Blair ein
Fehler war.
Eigentlich habe der Kanzler in der Haushaltsdebatte Mitte September einen Satz
anbringen wollen, berichtet ein Abgeordneter, der für entsprechende Aufregung gesorgt hätte: „Wenn die neue Mitte keine
Steuern zahlt, dann kann sie mir gestohlen
bleiben.“ Anstatt im Plenum fiel er dann
allerdings nur im größeren Kreis unter Sozialdemokraten.
Gerhard Schröder, das lernende System
beim Bohren dicker Bretter. Unübersehbar und jederzeit demonstrativ arbeitet er
einen Teil der Defizite auf, die seine Kanzlerschaft gefährden. Seine Partei unterstütze er in ihrer „Trauerarbeit“, sagt er,
weil ihr nun einmal der Vorsitzende Lafontaine „abhanden gekommen ist“.
Dass die SPD diesen Verlust erlitt, war
aus Sicht des Kanzlers unvermeidlich. Dass
die Trauerzeit irgendwann endet, hängt wesentlich von ihm ab.
Gerhard Spörl
Duell unter Freunden
Auf Seite 112 beginnt das Protokoll des
Machtkampfs zwischen Gerhard Schröder
und Oskar Lafontaine – der kurze Weg zum
kurzen Abschied des Finanzministers, der
selber Kanzler sein wollte.
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Kommentar
Dies ist der Grünen große Not
RUDOLF AUGSTEIN
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er „grüne Heinrich“ von Gottfried Keller ist noch heute ein
bedeutendes Erzählwerk deutscher Prosa. Der „Grüne“ Joschka Fischer darf nun am Pranger stehen, als
ein armseliger, jedem Spott preisgegebener Mensch. Ich war sein Freund, ich
nannte ihn, wie sich das für uns junge
Leute gehörte, Joschka, das „Du“ war
selbstverständlich. Ich fühlte mich
durch seine Gesinnung wie verwandelt,
meine eigenen Lehr- und Wanderjahre
standen mir vor Augen. Altes Herz
schlug wieder jung.
Man kommt aus dem Staunen nicht
heraus. Man kann schätzen, die Grünen
unter ihrem Idol Joschka hätten als
Erste gefordert, den Amerikanern im
Vietnamkrieg deutsche Truppen anzudienen. Oh Schmach, oh Jammer, oh
Schande. Oh schaudervoll, höchst
schaudervoll (Hamlet).
Wenn ich den Karl Marx noch richtig in Erinnerung habe, das ist nun lange her, so wird bei ihm der Typus der
„Charaktermaske“ beschrieben. Ich
habe den Grünen nie etwas zugetraut,
aber eines eben doch: Glaubwürdigkeit, übertriebene Worthülsen etc. Nie
aber wäre mir der Gedanke gekommen, dass sie insgesamt ein Teil des von
ihnen so arg beschimpften bürgerlichen
Systems werden wollten, eine normale
Partei eben.
Es gibt erlauchte Vorbilder. So etwa
den Erzverräter Herbert Wehner, der
von Willy Brandt und Karl Schiller teils
gefürchtet, teils gehasst wurde. Aber
mein Gott, wie haben wir uns angeschrien, was war das für ein großer
Mann. Oder Rudi Dutschke, ein Intellektueller, aber fanatischer Volksprediger. Er war naiv. Er glaubte an den
Wert der jakobinischen Litanei.
Man halte nun dagegen den vor Ehrgeiz immer blasser werdenden Joschka
Fischer, Außenminister nicht in spe,
sondern Position ade. Bye, bye, deine
Maske bricht entzwei (Volkslied aus
den fünfziger Jahren).
Man reibt sich die Augen, wenn man
in einer „SZ“-Überschrift lesen muss
„Bundeswehr in Wartestellung“. Wer
wartet hier auf wen? Godot? Der ständige Sitz im Weltsicherheitsrat, den
unser Außenminister jetzt anstrebt,
er wird dort gewiss niemals Platz nehmen. Warum drängt es die Grünen
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so Hals über Kopf nach Osttimor? Man
weiß es jetzt, dank unserem Joschka.
Er will die Nato stärken, den USA
in jedem Winkel der Erde zu Hilfe kommen. Dies bezweckten die Amerikaner
genau mit ihrem Kosovo-Bombardement.
Ein Grüner, der dies mitmacht, ist
ein Schuft. Er hat da bedeutende Vorbilder. Der Verräter Ephialtes* soll dem
Leonidas und seinen 300 todesbereiten
Spartanern mit dem feindlichen PerserHeer in den Rücken gefallen sein
(„Wanderer ... wie das Gesetz es befahl“).
Der Verrat wird oft hoch gelobt,
der Verräter aber nicht. Was macht
den Musterknaben ticken? Pure Einfalt? Unmöglich. Unerfahrenheit? Dies
machte den Charme der Grünen aus.
Ehrgeiz? Selbstverständlich, wie bei anderen tüchtigen Politikern auch.
Der Schlüssel fehlt noch immer. Er
muss in Fischers Naturell liegen. Schwere Kindheit? Da kommt man der Sache
schon näher, aber nicht nahe genug. Der
Metzgersohn, armer Leute Kind, das
hat er oft genug hervorgekehrt, als hätte er „Mein Kampf“ gelesen.
Fischer ein Militarist? Nein. Nicht
denkbar. Es muss in der Selbstverliebtheit des in sich vernarrten Amtsinhabers nachgeforscht werden. Ich dachte
immer, dass ich die Politik besser verstand als manch anderer Politiker, weil
ich die Innereien einer Partei nicht nur
von außen, sondern auch von innen
kenne.
Hier hat ein am Ende doch unpolitischer Kopf die Grünen als das präsentiert, was sie nie und nimmer sein wollten. Diese Partei wird es in den nächsten Bundestagswahlen schwer genug
haben, mit oder ohne Fischer. Der Vorstoß des überheblich Gewordenen wird
ihnen noch lange zu schaffen machen.
Ich denke, ich muss meinen arg von
Motten zerfressenen Kampfanzug in
diesem Fall, der ein wirkliches Fallen
ins Bodenlose ist, gar nicht erst hervorkramen. Gestalten wie Erich Mende, Franz Blücher, Oskar Lafontaine
und jetzt Joschka Fischer haben sich
stets von selbst erledigt. Der Rest war
immer Schweigen – immer wieder.
* Sicher ein Phantasiegebilde wie jener Judas, der
sich an einem Baum erhängte.
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Deutschland
H AU P T S TA D T
Auf zum letzten Gefecht
Der Berliner Wahlkampf bringt ein Novum: Noch nie versteckte eine Partei ihren Spitzenkandidaten so wie die SPD Walter Momper. Die Genossen fürchten, dass die
Partei nach einer klaren Niederlage am Streit um die Fortsetzung der Großen Koalition zerbricht.
PRESSEFOTO BACH & PARTNER
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ARIS
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schlechteste Ergebnis seit über 50
Jahren.
Dagegen nähert
sich die CDU des
Amtsinhabers Eberhard Diepgen mit 45
Prozent der absoluten Mehrheit – und
das in einer Stadt, für
die Ernst Reuter
einst als eine Art Naturgesetz verkündete: „Die überzeugten,
wertvolleren
Wähler sind bei der
SPD, der Streusand
hat sich für die CDU Wahlkämpfer Momper: Den politischen Instinkt verloren
entschieden.“
Die Aussichten sind so trostlos, dass auch
Es war auch Dankbarkeit dabei. Als
der Kanzler, dessen schwindende Popula- Schröder 1990 versuchte, in Niedersachsen
rität die Chancen der Berliner SPD zusätz- an die Macht zu kommen, hatten ihn die
lich schmälert, auf Distanz gegangen ist. Bundesgrößen im Stich gelassen. Nur der
Gerhard Schröder hatte Mompers Kandi- damals populäre Momper war zur Wahldatur erst durch Signale aus dem Kanzler- hilfe im Dienst-Mercedes angereist.
amt („Der Walter soll’s machen“) befördern
Inzwischen ist die Freundschaft ablassen und sich schließlich zwei Tage vor gekühlt. Als der Kandidat nach dem Reder Urwahl bei einem Mittagessen vor zahl- gierungsumzug dem Neu-Berliner Schröreichen Kameras demonstrativ auf die Sei- der publicityträchtig die Hauptstadt im
te seines alten Freundes geschlagen.
offenen Doppeldecker-Bus zeigte, fuhren
sie auch am Gendarmenmarkt vorbei.
Momper wies auf Fenster im zweiten Stock
des Hilton-Hotels: „Das sind die Mitarbeiter meiner Firma, Gerd. Ich hab ihnen versprochen, dass du zurückwinkst.“ Da blaffte der bis dahin aufgeräumt ins Volk winkende Kanzler genervt zurück: „Hab ich
schon.“ Inzwischen, berichten Parteifreunde, bitte Schröder bei offiziellen Empfängen schon mal die Gastgeber, die „Apokalypse Momper“ („Süddeutsche Zeitung“) von ihm fern zu halten.
Die Entscheidung, den Kandidaten mit
dem lichten Haarkranz einfach von den
Plakaten verschwinden zu lassen, haben
die Berliner nicht selbst getroffen.
Nach den Wahlkatastrophen von Sachsen und Thüringen hatte der designierte
SPD-Generalsekretär Franz Müntefering
eine Trendwende für die im Februar und
Mai anstehenden Wahlen in SchleswigHolstein und Nordrhein-Westfalen beschworen – und Berlin einfach vergessen.
Als unlängst der geschäftsführende Landesvorstand der Berliner SPD die Strategie
für die Endphase des Wahlkampfs beriet,
Neuer SPD-Slogan: Anordnung aus der Parteizentrale
er Leimpinsel klatscht dem Kandidaten ins Gesicht, die klebrige Masse ergießt sich auch über den dunklen Anzug von Walter Momper. Dann entfaltet Werbehelfer Mathias Breu ein neues
Motiv und überklebt das Bild des SPDMannes.
Schließlich trägt die große Plakatwand,
die die Berliner SPD an der Kreuzung in
Lichtenberg für den Wahlkampf gebucht
hat, ein schlichtes Blau. Nur ein Slogan
springt ins Auge: „Für Berlin. Wir kämpfen!“ Der Kandidat ist verschwunden.
Das gab es in der Wahlgeschichte der
Bundesrepublik noch nie. Walter Momper,
Anfang des Jahres in einer Urwahl von der
SPD-Basis beauftragt, am 10. Oktober Regierender Bürgermeister der Hauptstadt
zu werden, wird 14 Tage vor dem Urnengang von seiner Partei wie ein Aussätziger
versteckt. Wochen zuvor hatten die Sozialdemokraten schon debattiert, ob es nicht
besser sei, den glücklosen Spitzenkandidaten noch schnell auszutauschen, um das
Schlimmste zu verhindern.
Zu spät. Das Debakel steht praktisch
fest. Die jüngste Umfrage sagt der SPD
gerade mal 21 Prozent der Wählerstimmen
voraus, fast 3 Prozent weniger als noch
vor vier Jahren – und das war schon das
Deutschland
Ausstieg aus dem Sonnensystem
Mit grobem Unfug werben drei AnarchoParteien um Berliner Stimmen – eine könnte Erfolg haben.
D
schickte Müntefering seinen PR-Strategen
Matthias Machnig. Der Mann, der Schröders Siegeszug mitorganisiert hatte, ließ
sich, „alles Quatsch“, auf keine Diskussionen ein, sondern ordnete das Überkleben
des Momper-Konterfeis an.
Als Ersatz wurde am vergangenen Mittwoch eine Ministerriege von Finanzverwalter Hans Eichel bis Landwirt KarlHeinz Funke zum letzten Gefecht ins Morgengrauen vor Berliner U-Bahn-Ausgänge
geschickt. Doch die Frühschicht der Kabinettsmitglieder endete im Frust. Zwar zeigten sich vorbeieilende Mitglieder der Arbeiterklasse erfreut, dass „Sozialdemokraten auch früh aufstehen können“, wählen
wolle man sie „aber trotzdem nicht“,
ließen einige die Promis wissen.
Die wirklichen Leiden der Berliner SPD
beginnen erst nach dem Wahldesaster. Die
Partei, so malen Spitzengenossen in Horrorszenarien aus, werde wohl all ihre Bezirksbürgermeister verlieren und an der
Frage „Regierungsbeteiligung oder Opposition?“ womöglich zerbrechen.
Um die selbstquälerische Debatte zu
verhindern, wird in Teilen der Parteispitze
as Parteiprogramm ist umfang- brücke, die beide Gebiete verbindet,
reich: Nach ihrem Wahlsieg in drängten sie die Kreuzberger mit ObstBerlin wollen die Kreuzberger salven, Puddingbomben und dem WerPatriotischen Demokraten/Realisti- fen von schon lange toten Fischen in
sches Zentrum (KPD/RZ) unter an- deren Kiez zurück.
Weil aber die Öffentlichkeitsarbeit
derem Kriminalität verbieten und
Korruption legalisieren. Nach erfolg- aus Prinzip geheim ist, konnten Wähler
reicher Deindustrialisierung Kreuz- bislang wenig über das FAZ-Programm
bergs soll es in den dann entstan- herausfinden. Dagegen sind die Thesen
denen blühenden Landschaften ein der Anarchistischen Pogo-Partei
Nachtflugverbot für Pollen geben, Deutschlands (APPD) bekannt. Ihr
außerdem flottere Melodien für Poli- Axiom lautet „Arbeit ist Scheiße“, die
zeisirenen sowie das Rotationsprinzip Parole „Saufen, saufen, saufen“. Die
APPD, Anfang der achtziger Jahre in
für Straßennamen.
„Um uns rum geht alles unter, nur der linken Punk-Szene gegründet, gilt
wir haben Erfolg“, sagt KPD/RZ-Par- als älteste der „Spaßguerrilla“-Parteiteisprecher Otto Feder, 35, und weil en. Die Berliner Pogo-Aktivisten hatten
neulich ein Kumpel meinte, die bei ihrer jetzigen Kandidatur freilich
KPD/RZ werde er wohl doch nicht
wählen, sei das anvisierte Traumergebnis jetzt eben x minus eins.
Wo der Wahlkampf der wahren Kandidaten schon so betrüblich ist, wollen
derzeit drei Unsinns-Parteien mit echten Kandidaturen etwas Leben in die
Berliner Politik bringen. Zumindest die
KPD/RZ hat gar Chancen: 1995 verpassten die Kreuzberger Polit-Clowns
mit 4,7 Prozent knapp den Einzug in
die Bezirksverordnetenversammlung.
Diesmal gilt es nur, eine Dreiprozenthürde zu nehmen. Das stimmt den Vordenker Feder zuversichtlich. Neben
TV-Spots gibt es „interaktive“, also leere, Wahlplakate mit der Unterzeile:
„darum KPD/RZ“.
Sogar außenpolitisch hat die 285 unregelmäßig zahlende Mitglieder starke KPD/RZ so ihre Ideen. Mit dem Anwesenheitsverbot für Dolmetscher bei
Staatsbesuchen etwa sei der Ausstieg
aus dem Sonnensystem nur noch eine
Zeitfrage.
Der Nonsens-Impuls führte im angrenzenden Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain im Dezember 1998 zur Grün- Anarcho-Straßenschlacht an der Oberbaumbrücke: Sieg mit toten Fischen
dung einer Konkurrenzpartei. Das
Friedrichshainer Amorphe Zentrum nur den Ehrgeiz, sich den Wahlzettel
darüber nachgedacht, bei einem ähnlichen
(FAZ) kandidiert erstmalig fürs dor- einrahmen zu können.
Ergebnis wie vor vier Jahren eine zeitlich
Auf Grund eines selbst verschuldeten
tige Lokalparlament. Wichtigster Probegrenzte Große Koalition anzustreben.
grammpunkt ist es, den geplanten Formfehlers aber wurde die APPD statt
Voraussetzung sei aber, dass vor der AufGroßbezirk Kreuzberg-Friedrichshain in sechs Bezirken nur in Mitte und Trepnahme der Verhandlungen Diepgen einen
keinesfalls allein den Westlern von der tow zugelassen. Solidarisch empörten
stimmigen Haushalt 2000 vorlege, um die
sich darüber Berliner Republikaner. DeKPD/RZ zu überlassen.
CDU, so SPD-Landeschef Peter Strieder,
Einen ersten Sieg konnten die Ost- nen hatte das im Nazi-Design gehaltene
„zur finanzpolitischen Klarheit oder zum
Berliner am ersten Septemberwochen- APPD-Zentralorgan „Armes DeutschOffenbarungseid zu zwingen“.
ende erringen. Bei der schon rituellen land“ offenbar Geistesverwandtschaft
Fraktionschef Klaus Böger habe mit
Straßenschlacht auf der Oberbaum- suggeriert.
seiner Forderung nach einem klaren ReAdrienne Woltersdorf
gierungsauftrag Recht, sagt Partei-Vize
Klaus-Uwe Benneter. Sollten die ersten
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R. MARO / VERSION
ARIS
Hochrechnungen die SPD tatsächlich bei
20 Prozent sehen, orakelt der linke Flügelmann, hätte „am 10. Oktober abends um
18.15 Uhr kein SPD-Senator mehr ein Mandat zur Fortsetzung der Großen Koalition“.
Mompers Traum von Rot-Grün ist schon
längst verflogen. Er war angetreten, die
SPD aus der Erstarrung von knapp neun
Jahren Großer Koalition zu befreien, die
Basis hatte eher ihm denn dem Fraktionschef Klaus Böger zugetraut, glaubwürdig gegen Diepgen zu Felde zu ziehen.
Böger dagegen hatte die Funktionäre,
einst zur Wendezeit schon einmal vom Regierenden Bürgermeister Momper kujoniert, auf seiner Seite. Die Urwahl spaltete die SPD.
Momper enttäuschte die Befürchtungen
nicht. Die politischen Freunde verschreckte er mit einem dilettantischen „Modernisierungsprogramm“, die aufrechten Sozialdemokraten in den Arbeitervierteln mit
dem Wirbel um seine schwarzarbeitende
Putzfrau. Sein „größter Fehler“, wie er in
einem seltenen Anflug von Selbstkritik einräumte, war aber, dass er sich in die Koalitionspolitik „einbinden ließ“.
Fassungslos konstatieren Freund
und Feind, dass Momper, dessen
Markenzeichen einmal Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen waren, offensichtlich jeden
politischen Instinkt verloren habe.
Nach dem Scheitern seiner rot-grünen Regierung 1990 war der Mann
mit dem roten Schal in die
Immobilienbranche gewechselt, in
der Hauptstadt das Synonym für
Korruption und Durchstechereien.
Momper blieb offenbar sauber,
doch auf den Baustellen und beim
vielen Klinkenputzen wurde er ein
anderer. Als er nach sechs Jahren
auf die politische Bühne zurückkehrte, fand er sich „in der neuen
anderen Welt“ nur schwer zurecht,
wie Partei-Vize Benneter beobachtete.
Je unsicherer der SPD-Spitzenmann durch den Wahlkampf stolperte, desto leichtfüßiger erschien
Diepgen, der nach insgesamt
knapp 14 Jahren Amtszeit immer
noch so jugendlich blass wirkt wie
bei seinem Polit-Karrierestart 1962
in der Jungen Union. Er kann sich
sogar PR-Flops leisten, ohne dass etwas
haften bleibt.
So entschloss sich Diepgen, um die Einheit Berlins zu fördern, vor Wochen zum
Anzugkauf im Osten – die Gegeninszenierung zum in seine Stadt eingerückten
Brioni-Kanzler. Mit Gattin und Medienpulk im Schlepptau enterte er einen Laden in Mitte. Doch nach einer halben
Stunde Tänzelei vor dem Spiegel stand
der Christdemokrat ohne neue Jacke und
Hose wieder auf der Straße. Das Auswahlmodell („zwei Teile, drei Knöpfe, kein
Wahlkämpfer Diepgen: Panische Angst vor der Alleinregierung
Schlitz, ein wenig tailliert“) war zu groß migung soll nach Ermittlungen der Staatsgeraten.
anwaltschaft Schützes Parteifreund ManDiepgen muss zwei Dinge fürchten: die fred Bittner durchgesetzt haben, der als
absolute Mehrheit oder den Verlust des bis- Stadtrat für Grundstückgeschäfte zustänherigen Koalitionspartners. Der Gewinn dig war.
der ungeteilten Macht würde das konzepAls 1996 beim Verkauf des Komplexes
tionelle Vakuum offen legen, das in der ein Überschuss von 1,17 Millionen Mark
CDU herrscht.
hängen blieb, wurden auf das gemeinsame
Auf Bögers lautes Nachdenken über ei- Konto der Eheleute Bittner 117 000 Mark
nen Ausstieg reagierten die Christdemo- überwiesen. Zwei Wochen später reichte
kraten denn auch geradezu panisch. Im- Bittner noch einen Scheck Schützes über
mer wieder erinnerten sie die Genossen 15 000 Mark ein. Die Überweisung habe
an die „Verantwortung für den Staat“. mit dem Projekt nichts zu tun, beteuert
Diepgens Mann fürs Grobe, Fraktionschef Schütze, sie sei ein Darlehen für Bittners
Klaus Landowsky, erklärte sich sogar gön- Ehefrau gewesen. Dennoch muss Schütze
nerhaft bereit, dafür auch einen Senator mit einem Antrag der Justiz zur AufheMomper hinnehmen zu wollen.
bung seiner Immunität rechnen.
Eindrucksvoller konnte nicht demon„Die verschiedenen Bereiche der Berlistriert werden, dass in der Hauptstadt ner Gesellschaft“, urteilt Hans Meyer, aus
längst entstanden ist, was der Podem Westen importierter Präsilitologe Jürgen Falter einen „Redent der (Ost-Berliner) HumWerkstoff
gelfall bei lang anhaltenden
boldt-Universität, seien eben nur
Großen Koalitionen“ nennt: aller Karrieren „provinziell politisiert“. Und
ist der
Berlin ist zu einem „Ämterpaden aus Hannover stammenden
tronage-Staat“ geworden, in
Berliner Filz Klaus-Dirk Henke, Professor an
dem CDU und SPD nach und
der (West-Berliner) Technischen
und die
nach alle wichtigen Positionen
erstaunen die „neoPatronage der Universität,
mit ihren Gefolgsleuten besetzt
feudalen Strukturen“ der Stadt
Parteien
haben, um die Macht zu sichern.
und „dass hier alle in einem
So gelten in den 891 QuadratkiBoot sitzen – vom Sportverein
lometern der vereinigten Metropole noch bis zum Rotary Club, von der Caritas bis
immer die ungeschriebenen Gesetze aus zur ÖTV“.
Frontstadt-Zeiten: Werkstoff aller KarrieStatt zu gestalten, lässt der Diepgen-Seren ist der Berliner Filz, die Verquickung nat schlicht zu, was der Hauptstadt-Boom
von armer öffentlicher Verwaltung und an Vor- und Nachteilen mit sich bringt. In
prosperierender Bauindustrie.
keiner anderen deutschen Großstadt, ergab
Wie innig dieses Verhältnis mitunter ist, im Juli eine Umfrage des Deutschen Instizeigte sich erst in der vergangenen Woche tuts für Wirtschaftsforschung, kümmere
am Beispiel des Einkaufszentrums „Hel- sich die Politik weniger um die Unterlersdorfer Corso“. Das Gelände hatte 1995 nehmen.
eine Gesellschaft vom Land Berlin gekauft,
Die Konsequenzen sind überall zu
an der auch Diethard Schütze, Vizechef greifen:
der Landes-CDU und Bundestagsabgeord- π Im ersten Halbjahr 1999 war das Land
neter, beteiligt ist. Verkauf wie Baugenehmit einem realen Wirtschaftswachstum
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Deutschland
Heiner Schimmöller,
Harald Schumann, Steffen Winter
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„Eine miese Leistung“
Die grüne Spitzenkandidatin Renate Künast über die Wahl in
Berlin, eine Koalition mit der CDU und die Parteireform
SPIEGEL: Frau Künast, hat der rapide Ansehensverlust der Bundesregierung eine
mögliche rot-grüne Koalition in Berlin in
Verruf gebracht?
Künast: Der Bundestrend bleibt nicht ohne
Wirkung. Aber mindestens die Hälfte der
Berliner weiß haargenau, dass nicht der
Kanzler zur Wahl steht. Hier gibt es nur
zwei Parteien, die professionell Wahlkampf
Künast: Ein klares Nein. In diesem
Wahlkampf geht es im Kern um das
schwarze und um das grüne Stadtmodell.
In allen Punkten, von der Wirtschaftspolitik über den Umgang mit Jugendlichen oder Ausländern bis hin zur
Verkehrspolitik, haben Christdemokraten
und Grüne diametrale Konzepte. Das
geht nicht.
SPIEGEL: Die PDS ist zum Dialog
mit der CDU bereit.
Künast: Ja, ich wundere mich,
mit wem die PDS alles einen
Dialog führen will. Gregor Gysi
will sich ja auch auf die Rechtsextremen zu bewegen. Die PDS
ist janusköpfig: einerseits modern und fortschrittlich, andererseits Repräsentantin des alten konservativen SED-Systems.
SPIEGEL: Rechnerisch könnten
die Grünen auch gemeinsam mit
SPD und PDS die Große Koalition ablösen. Eine Option?
Künast: Wir Berliner Grünen haben darüber geredet. Aber wir
haben Nein gesagt. Das wäre
keine handlungsfähige Regierung, solange die PDS nicht ihre
Vergangenheit aufarbeitet.
SPIEGEL: Wie lange soll denn das
Thema Vergangenheitsbewältigung noch eine Zusammenarbeit verhindern?
Künast: Solange die PDS es
als ihre alleinige Aufgabe ansieht, Emotionen von Ostalgikern zu schüren. Solange sie
Politik nur für eine Hälfte der
Stadt macht. Solange sie sich
mit dem Thema Mauer und
Menschenrechte in der DDR
nicht auseinander setzt.
SPIEGEL: War es denn ein Fehler der Grünen, nach dem
Mauerfall nur auf die Bürgerrechtler zu
setzen?
Künast: Wir haben einen anderen Fehler
begangen: Wir haben nicht rechtzeitig gemerkt, dass unsere politische Arbeit durch
das Thema Vergangenheitsbewältigung
überdeckt wird. Kein Mensch ist in der
Lage, sich über Jahre hinweg nur mit Aufarbeiten zu beschäftigen. Bei uns in Berlin
machen immerhin ehemalige DDR-Grüne
und frühere SED-Mitglieder mit.
SPIEGEL: Wie kommen die Grünen aus
ihrem derzeitigen Tief wieder heraus?
Künast: Eine Strukturreform, die alle vordergründig diskutieren, also die Aufhebung
A. SCHOELZEL
von minus 0,8 Prozent das Schlusslicht
der Entwicklung in Deutschland;
π der Großflughafen Schönefeld ist auch
nach zehn Jahren noch nicht über das
Planungsstadium hinausgekommen;
π Image-Projekte wie die Sanierung des
Olympiastadions geraten zur Lachnummer bei Architektenwettbewerb und Investorensuche.
Der Stadt fehle das Geld, jammern die
subventionsgewöhnten Koalitionäre. Doch
aus der Not des Sparens hat Taktiker Diepgen eine Tugend gemacht: Den unangenehmen Part hat er der SPD aufgedrückt.
Während die Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing einspart, geht der Regierende Bürgermeister lieber einweihen.
Die Folgen für die Sozialdemokraten
sind verheerend: Selbst vernünftige Politikansätze lassen sich so nicht als Erfolg der
SPD verkaufen. Der anerkannten Haushaltsexpertin Fugmann-Heesing, klagen Senatsmitglieder, fehle „nur noch ein Täschchen“, um dem Bürger endgültig „als Margaret Thatcher von Berlin“ zu erscheinen.
Auch deshalb würden die Wähler in Scharen zum „sanften Eberhard“ überlaufen.
Dem Dilemma können die Berliner Sozis kaum entkommen. Ob Fortsetzung der
Koalition oder Opposition, sagt Falter, stets
würden die negativen Auswirkungen der
Politik der nächsten Jahre mit den Sozialdemokraten verbunden. Der Gang in die
Opposition sei „sicher nötig“ und zusammen mit dem „Import guter Kräfte“ ein
„geeignetes Säurebad, um die Partei zu
entschlacken und zu erneuern“.
Die Führungsspitze glaubt, eine Verweigerung der Regierungsbeteiligung angesichts der mehrheitlich CDU-freundlichen
Berliner Medienlandschaft nicht durchstehen zu können. Anders als in Flächenstaaten stehe wegen der verfassungsrechtlichen
Besonderheiten in Berlin nahezu jede
kommunalpolitisch bedeutsame Entscheidung zur Abstimmung – das mache eine
Tolerierung praktisch unmöglich.
Wie Profilierung in der Opposition gelingt, können die Sozialdemokraten bei
den Grünen beobachten. Unter der souverän ruhigen Regie der Chefin Renate
Künast haben sich Experten wie Wolfgang
Wieland (Innenpolitik) und Michael Cramer (Verkehr) einen Namen gemacht. Die
Umfragen sind gegen den Bundestrend
ziemlich stabil – und öffnen den Grünen etliche Perspektiven (siehe Interview).
Ein Stühlerücken scheint bei der SPD
ohnehin erforderlich. Auf Fugmann-Heesing, so heißt es, warte ein gut dotiertes Angebot aus der Wirtschaft, das diese „kaum
ablehnen könne“. Zudem hat Schul-Senatorin Ingrid Stahmer ihren Rückzug aus
dem Amt bereits erklärt. Das Werben um
neue, unverbrauchte Köpfe aus der Bundes-SPD für Senatorenposten hat bereits
begonnen.
Wolfgang Bayer,
Grüne Künast: „Nicht mit dieser CDU“
machen, die Grünen und die CDU. Ich will
die kulturelle Hegemonie in dieser Stadt
nicht der CDU überlassen.
SPIEGEL: Und gleich am Wahlabend beginnen Koalitionsgespräche mit Eberhard
Diepgen?
Künast: Nicht mit dieser CDU, der Partei
der Ausländerhetze. Die Junge Union hat
eine Kampagne begonnen mit dem Titel:
„Deutschland muss in Kreuzberg wieder
erkennbar sein“. Da zeigt sich das wahre
Gesicht dieser Partei. Schwarz-grüne Spielchen sind daher nicht denkbar.
SPIEGEL: Aber Schwarz-Grün könnte eventuell die Große Koalition verhindern.
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M. URBAN
der Trennung von Amt und
Mandat, ist garantiert nicht
das Allheilmittel. Die Doppelspitze muss bleiben …
SPIEGEL: … unter Joschka
Fischer?
Künast: Unser bester Mann.
SPIEGEL: Und wer ist die
beste Frau?
Künast: Da haben wir einige. Mir geht es um klare
Parteistrukturen, die effektiv arbeiten und nicht nach
dem Prinzip Misstrauen.
SPIEGEL: Wollen Sie sich das
Amt der Parteichefin unter
Fischer zumuten?
Künast: Wer mich ein biss- Grüne Fischer, Künast: „Unser bester Mann“
chen kennt, weiß, dass ich
einen eigenen Kopf habe. Mir liegt das grü- Künast: Grün ist immer noch Anwältin der
ne Projekt sehr am Herzen. Hier in Berlin Gerechtigkeit zwischen den Generationen
will ich die Erneuerung vorantreiben. Al- und Geschlechtern und Anwältin der Umles andere entscheide ich, wenn die Frage welt. Natürlich regt es die Leute auf, dass
ansteht.
die Altautoverordnung vom Umweltminister in Brüssel auf Weisung des Kanzlers
SPIEGEL: Wofür stehen die Grünen noch?
Künast: Wenn sich die Welt ändert, die verhindert wurde. Wir wissen ja alle, von
Wirtschaft transnational agiert, Europa sich wem der Kanzler Briefe oder Anrufe beentwickelt, der Arbeitsmarkt sich komplett kommt. Aber ich will das Problem nicht
wandelt, sind natürlich die Antworten zu verkürzen auf die Frage, ob dieser oder
modernisieren, auch wenn der grüne Fa- jener eine schlechte Vorstellung gibt. Wir
haben eine miese Gemeinschaftsleistung
den gleich bleibt. Dafür sorgen wir.
SPIEGEL: In der Bundesregierung ist der geboten. Da kommen wir nur gemeinsam
wieder raus. Joschka Fischer allein kann
grüne Faden nur schwer zu erkennen.
das grüne Projekt auch nicht wieder in positive Bahnen bringen.
SPIEGEL: Lässt der Kanzler den Grünen
nicht genug Luft zum Leben?
Künast: Wir können uns dahinter nicht verstecken. Auch der kleine Koalitionspartner muss klar sagen, was er will.
SPIEGEL: Was halten Sie von der Idee einer
Öko-FDP?
Künast: Nichts. Das ist ja wie beim Gebrauchtmöbelhandel. Ich bin dagegen, vorgewärmte Stühle einzunehmen. Ich glaube
auch nicht, dass solch ein Kurs eine Mehrheit in der Partei finden wird.
SPIEGEL: Andere wollen ein stärkeres soziales Profil entwickeln, um der PDS nicht
das Feld zu überlassen.
Künast: Natürlich müssen wir soziales Profil zeigen. Aber das Sozialsystem muss neu
definiert werden. Nach alter Art ist es nicht
finanzierbar. Ich möchte da nicht in demagogische Konkurrenz zur PDS treten. Unsere spannendste Aufgabe ist es, wieder
wie früher zum Vordenker zu werden.
SPIEGEL: Könnte der Atomunfall in Japan
für Ihren Wahlkampf und überhaupt für
das Image der Grünen – so zynisch das
klingen mag – nützlich sein?
Künast: Ja, das ist zynisch. Aber dieser Unfall beweist auch, dass wir den Ausstieg zu
Recht betreiben. Das ist keine olle grüne
Kamelle, sondern hoch aktuell.
Interview: Paul Lersch, Hajo Schumacher
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RENTEN
Ziemlich platt
Die Regierung widersetzt sich
den Gewerkschaften: Walter
Riester lehnt die „Rente mit 60“ ab
– stattdessen sollen die
Deutschen länger arbeiten.
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REUTERS
D
Gewerkschafter Zwickel*: Alte Ideen hervorgekramt
DPA
as Zeugnis des Klassenletzten fiel
nicht schmeichelhaft aus: hier und
da ein Befriedigend, gelegentlich
Ausreichend, ansonsten nur Mangelhaft.
Nirgendwo, so stellen die Experten der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) in einer neuen Studie
fest, werde derart wenig für den Abbau
der Arbeitslosigkeit getan wie in Deutschland. Von 29 Industrieländern, denen die
Forscher vor fünf Jahren eine detaillierte
„Jobs Strategy“ an die Hand gaben, hat
keines so wenige Empfehlungen umgesetzt.
Anders als bei den Musterschülern, den
USA, Irland oder Dänemark, haben die
Ökonomen hier zu Lande 40 Schwachstellen ausgemacht: So seien etwa die Arbeitszeiten zu starr oder die Abgabenlasten
für Geringverdiener zu hoch. Und noch etwas wird kritisiert: In Deutschland gingen
die Menschen zu früh in Rente.
Klaus Zwickel, den Chef der größten
Einzelgewerkschaft der Welt, scheinen solche Erkenntnisse nicht zu stören. Und so
hat der Gewerkschaftsboss pünktlich zum
Jahreskongress der IG Metall diese Woche
in Hamburg eine alte Idee hervorgekramt,
die das deutsche Frühverrentungs-Problem
noch weiter verschärft: die Rente ab 60.
Zwickels Logik ist simpel. Wenn es
gelänge, mehr Menschen den vorzeitigen
Ruhestand schmackhaft zu machen, sei es
für Junge und Arbeitslose auch leichter,
eine Stelle zu finden – alles muss nur entsprechend finanziert werden. Er hält sein
Modell für derart bestechend, dass er es
zum Maßstab für das Bündnis für Arbeit
macht: Scheitert die Rente mit 60, sei die
Konsens-Runde „sinnentleert“. Auch die
Arbeitgeberverbände fürchten, dass hier
„der Dollpunkt“ liegt.
Getrieben wird der Metall-Mann dabei
von seinem Vize Jürgen Peters. Schon vor
zwei Wochen, bei einem Bündnis-Treffen in
Berlin, habe Peters „laut und entschieden“
das Wort geführt, erinnern sich Teilnehmer. Vergangene Woche preschte Peters
mit einer weiteren Drohung vor: Scheitere die massenhafte Frührente, werde die IG
Metall eben „die 32-Stunden-Woche in der
Tarifpolitik auf die Hörner nehmen“.
Mit ihren lautstarken Parolen manövrieren Zwickel und Peters sich selbst im Gewerkschaftslager ins Abseits. Moderate Arbeiterführer wie Herbert Mai, zuständig
für den Öffentlichen Dienst, oder ChemieMann Hubertus Schmoldt gingen auf Dis-
Minister Riester
Die eigenen Pläne torpedieren?
tanz. Und noch sind die Freunde der
Frührente nicht einmal einig, wie viele
Arbeitsplätze das Projekt bringen soll:
Während die IG-Metall-Oberen von 1,2 bis
1,5 Millionen Neueinstellungen ausgehen,
erwartet DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer,
ebenfalls eine Befürworterin des Modells,
in den nächsten fünf Jahren 150 000 Jobs.
„Solche Diskrepanzen“, urteilt der Darmstädter Renten-Experte Bert Rürup, „diskreditieren das Modell ganz von selbst.“
Der Professor, der auch Arbeitsminister
Walter Riester berät, hält die Idee ohnehin
für „fatal“. Rürup: „Das bringt dem Arbeitsmarkt überhaupt nichts und verstößt
zudem gegen das Prinzip der Generationengerechtigkeit.“ Letztlich nämlich wer* Mit Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe (r.) bei
einem Treffen der Tarifparteien am vergangenen Mittwoch in Frankfurt am Main.
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de die Rente mit 60 über eine „verkappte
Erhöhung der Rentenbeiträge“ von denjenigen finanziert, die nie in den Genuss des
frühen Rentenbeginns kommen werden.
So schlägt Zwickel vor, dass die Arbeitgeber und Arbeitnehmer in den kommenden fünf Jahren je einen halben Prozentpunkt der jährlichen Lohnsteigerungen in
so genannten Tariffonds ansparen. Denn
wer statt mit 65 Jahren schon mit 60 in
Rente geht, müsste auf 18 Prozent seiner
Altersbezüge verzichten. Der zusätzliche
Kapitalstock soll dies verhindern.
Alles in allem, schätzen Rentenexperten,
sei ein hoher zweistelliger Milliardenbetrag
vonnöten. Zusätzlich müsste die Regierung
die Beitragssätze zur Rentenversicherung
um mehrere zehntel Prozentpunkte anheben, weil die Alterskasse den vorzeitigen
Rentenbeginn von hunderttausenden Frührentnern vorstrecken muss.
„Nicht finanzierbar“ sei das Vorhaben,
glaubt deshalb Arbeitsminister Walter Riester (SPD); eine generelle Absenkung des
Rentenalters sei mit ihm nicht zu machen.
Auch Katrin Göring-Eckardt, die Rentenexpertin der Grünen, hält den Vorstoß der
Gewerkschaften für „ziemlich platt“.
Gäbe die Regierung dem Drängen nach,
würde sie zudem ihre eigenen Pläne für
eine große Rentenreform torpedieren.
Denn der einprozentige Lohnabschlag, der
für die Tariffonds erforderlich wäre, kostet
einen Durchschnittsverdiener immerhin
rund 500 Mark im Jahr – Kapital, das nach
den Vorstellungen der Regierung eigentlich auch in eine private Eigenvorsorge
fließen soll.
Deshalb denkt Riester inzwischen auch
über das genaue Gegenteil dessen nach,
was Zwickel derzeit propagiert. Anstatt
den Rentenbeginn von 65 auf 60 Jahre zu
senken, glaubt der Arbeitsminister, diese
Grenze müsse in Zukunft eher auf 67
oder 68 Jahre steigen. Angesichts einer
Gesellschaft, die immer älter werde, sei
dies, so Riester, „die einzig denkbare Lösung“.
Markus Dettmer, Ulrich Schäfer
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Deutschland
A F FÄ R E N
Das Netz der Amigos
M. DARCHINGER
M. STILLER / SZ
Die Kaufleute Karlheinz Schreiber und Dieter Holzer stehen
seit Jahren im Mittelpunkt dubioser Machenschaften.
Jetzt zeigt sich: Zwischen beiden Fällen gibt es Beziehungen.
ländische Geschäftsmann nutzte seine guten Kontakte in die konservativ-liberale
Regierung, um das Projekt zu befördern.
Schreiber hatte das System so weit
verfeinert, dass er etwa für die StraussFamilie in Kanada gleich ein kleines Firmengeflecht managte.
Bisher schienen beide Fälle nur ein ähnliches Muster zu haben. Doch zeigen sich
immer mehr personelle Querverbindungen und Überschneidungen zwischen den
beiden Affären. So traten Leisler Kiep und
Pfahls, mit denen Holzer seit Jahren bekannt ist, auch als Vermittler für Elf Aquitaine auf.
Die Augsburger Staatsanwaltschaft erklärt, sie ermittle nicht gegen Holzer. Im
Sommer dieses Jahres aber reisten
Staatsanwälte aus Augsburg, begleitet von
Staatssekretäre Pfahls, Hürland-Büning (1989), Geschäftspartner Schreiber, Strauß (1982): Personelle Querverbindungen
36
teilt zu haben, unter andeSteuerfahndern, ins nordrem mit Ex-CDU-Schatzrhein-westfälische Dorsten.
meister Walther Leisler Kiep
Es ging um den Fall Schreiund Strauß-Sohn Max –
ber – und offenbar auch um
was diese dementieren. Der
Holzer.
ebenfalls verdächtige einsDer Besuch der Staatstige Verfassungsschutzchef
anwälte galt der einstigen
und ehemalige VerteidiPfahls-Kollegin Agnes Hürgungsstaatssekretär Holger
land-Büning, 73, um eiPfahls ist in Asien untergenige Fragen zu klären.
taucht (SPIEGEL 29/1999).
Bis 1990 diente die CDUHolzer agierte als VerPolitikerin als Parlamentamittler für den französirische Staatssekretärin auf
schen Ölkonzern Elf Aquider Hardthöhe.
taine bei der Privatisierung Vermittler Holzer
In Schreibers Tischkalender Raffinerie Leuna und
der fand sich gleich dreimal
des ostdeutschen Tankstellennetzes Minol. ihr Name. „Den Herrn habe ich nie geseÜber ein Geflecht von Briefkastenfirmen hen“, beteuert Hürland-Büning. Dies gab
flossen mindestens 100 Millionen Mark an sie auch zu Protokoll.
Provisionen – auch an Politiker? Holzer
Wesentlich mehr hatte die alte Dame
hat nach Überzeugung der schweizerischen aber zu erzählen, als sich die StaatsanwälJustiz bei den Transaktionen eine zentrale te, wie nebenbei, nach ihren GeschäftsbeRolle gespielt (SPIEGEL 39/1999).
ziehungen zu Dieter Holzer erkundigten.
Beide Affären quälen vor allem die Am 24. April 1991 hatten Holzers Delta InUnion, denn die Nähe der beiden Ge- ternational und die „Staatssekretärin a.D.“
schäftsleute zur ersten Garde der einsti- in Düsseldorf einen Beratervertrag „unter
gen Regierungsparteien nutzten sie, um Einhaltung strikter Vertraulichkeit“ verallerlei Geschäfte voranzutreiben. Wann einbart. Danach war Hürland-Büning „als
immer es beim deutsch-französischen Industrieberaterin an Beratungsleistungen
Prestigeobjekt Leuna klemmte, erschien für internationale Großunternehmen“ inHolzer auf der Bonner Bühne. Der saar- teressiert. Holzer versprach der Ex-PolitiZDF / AUSLANDSJOURNAL
E
inst hatten die beiden Herren in
München und Bonn geschäftlich viel
zu tun: eilige Besprechungen in Bonner Ministerien, vertrauliche Briefe, selbst
an Altkanzler Helmut Kohl. In ihren Villen
empfingen Karlheinz Schreiber, 65, und
Dieter Holzer, 57, gern Polit-Prominenz
aus Bonn und München.
In letzter Zeit sind solche Besuche rar
geworden. Schreiber und Holzer machen
Krisenmanagement in eigener Sache. Holzer, ein Mann mit Adresse im feinen Monaco, muss Ermittlungen in Frankreich und
der Schweiz fürchten. Schreiber wehrt sich
von Kanada aus gegen die Auslieferung an
die deutsche Justiz.
Dabei gehören die beiden zu einer Spezies von Geschäftsleuten, die auf Diskretion höchsten Wert legt: Schreiber, so sieht
es die Staatsanwaltschaft Augsburg, habe
als „Berater für Marketingfragen sowie
Lobbyist für Industrieunternehmen den
Kontakt zu Entscheidungsträgern“ in der
Politik hergestellt. Holzer warb damit, dass
er für „internationale Unternehmen“ bei
„Projekten unter Beteiligung öffentlicher
Hände“ behilflich sei.
Schreiber steht im Verdacht, Millionenprovisionen aus dem einträglichen Geschäft
mit Airbus-Flugzeugen und Panzern mit
Spitzenpolitikern von CDU und CSU ge-
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Deutschland
Doch mit Holzer habe ihr Leuna-Engagement keine Verbindung gehabt: „Thyssen ist direkt an mich herangetreten, Herr
Holzer hatte damit nichts zu tun.“ Sie habe
zum damaligen Zeitpunkt nicht gewusst,
dass der Saarländer „irgendetwas mit Elf
Aquitaine zu tun hatte“. Für die Buchung
des Geldes an Holzer unter dem Titel Leuna hat sie allerdings keine Erklärung anzubieten: Eine solche Rechnung finde sich
nicht in ihren Akten, so die Beraterin, aber
„das Geld wurde ausschließlich für andere Projekte überwiesen“.
„Am Ende habe ich aus meiner Beratertätigkeit, die ich für Thyssen bis 1996
ausübte, nicht viel übrig behalten“, sagt
Hürland-Büning – außer Ärger mit dem
Fiskus. Die Steuerbehörden erkannten die
Provisionszahlungen an die Delta International in Monaco nicht an, weil die Obergesellschaft Delta International Establishment in Vaduz nach Ansicht der Finanzbeamten eine Briefkastenfirma ist.
Gerade die Firma in Liechtenstein bringt
Holzer derzeit unter Druck. Am 7. Mai dieses Jahres beschlagnahmten deutsche Zollfahnder bei der Einreise von Alfred Holzer,
28, dem Sohn des Geschäftsmannes, aus
der Schweiz Unterlagen der Firma – darunter auch Kontoauszüge. Das Datum
macht stutzig: Gerade zwei Tage vorher
hatte ein Genfer Untersuchungsrichter
Vater Holzer nach seiner Rolle im Zusammenhang mit den Geldflüssen für die Raffinerie Leuna befragt.
Raffinerie Leuna: Hilfe bei „Projekten unter Beteiligung öffentlicher Hände“
In der vergangenen
Woche beauftragte die
mentariern in Bonn gesagt, er käme mit ein
SPD-Fraktion den bayepaar Sachen nicht voran. Und die hätten
rischen Bundestagsabgeihm geraten, so Hürland-Büning, „sprich
ordneten Frank Hofmann,
mal mit der Agnes, die hat jetzt Zeit und
die sonderbaren Beziehunviele Verbindungen aus 19 Jahren Arbeit
gen zwischen dem großen
in Bonn“.
Geld und der großen PoliEin erstes Projekt hatte Holzer sofort
tik zu recherchieren. Der
zur Hand. Im Südwesten Berlins, direkt
Mann, ein Kriminaloberjenseits der Stadtgrenze, plante damals ein
rat aus dem BundeskriKonsortium aus Thyssen, der WestLB,
minalamt, hat Erfahrung
Holzmann und der Pariser Bank Société
mit so was. Begonnen
Générale am ehemaligen Grenzübergang
wird zunächst nur mit
Drewitz einen Gewerbepark für 700 Mildem Fall Schreiber. Im
lionen Mark – den „Europarc Dreilinden“.
Verteidigungsministerium
Ein schwieriges Geschäft, selbst für
prüft Staatssekretär Walter
Fachleute: Die Eigentumsrechte waren verKolbow alle Unterlagen
wirrend, das Grundstück wurde an das Spürpanzer „Fuchs“: „Kontakt zu Entscheidungsträgern“
des Panzer-Deals.
Konsortium verkauft, obwohl noch ein
Aber die SPD, allen voran das KanzlerRestitutionsanspruch des Berliner Senats als Beraterin in Sachen Leuna aktiv war
nicht entschieden war. In dieser undurch- und 500 000 Mark erhielt. Auch die Ex- amt, zögert noch, ob sie, wie von den Grüsichtigen Gemengelage agierte Hürland- Politikerin bestätigt dies. Damals wollten nen gefordert, einen parlamentarischen
Büning für Thyssen: „Das war vier Jahre die Franzosen aus dem Leuna-Projekt aus- Untersuchungsausschuss einsetzen soll.
steigen, falls eine geplante Ölpipeline der Die Sozialdemokraten fürchten Unruhe im
lang unheimlich viel Arbeit.“
Der Lohn war reichlich, er wurde, so Konkurrenz von Wilhelmshaven in den Regierungsapparat, wenn sich die neue
Thyssen, von einer Europarc-Gesellschaft Osten gebaut würde. Sie habe dann Kon- Bundesregierung auf die Suche nach den
gezahlt: Nach eigenem Bekunden über- takte zwischen dem ehemaligen IG-Che- Sünden der alten macht. Untersuchungswies Hürland-Büning drei Millionen Mark mie-Vorsitzenden und SPD-Abgeordneten ausschüsse gelten traditionell als Instru„Finder’s Fee“ an Holzers Delta Interna- Hermann Rappe und Thyssen hergestellt. ment der Opposition.
Und schließlich gilt das ungeschriebene
tional in Monaco, mithin muss das Ge- Auch mit dem damaligen sachsen-anhalsamthonorar sechs Millionen Mark betra- tinischen Ministerpräsidenten Werner Gesetz, dass man sich bei Amtsübernahme
Münch habe sie mehrere Gespräche ge- nicht mehr übermäßig dafür interessiert,
gen haben.
Doch die Abrechnung, welche die Ex- führt. Schließlich scheiterte das Konkur- was vorher so wichtig schien.
Parlamentarierin schließlich am 22. August renz-Projekt wunschgemäß.
Markus Dettmer, Georg Mascolo
1995 ausstellte und die dem SPIEGEL vorliegt, zeigt eine andere Aufteilung. Danach
überwies Hürland-Büning 2,5 Millionen
Mark für das „Projekt Europarc Dreilinden“. Die übrige halbe Million Mark verbuchte sie unter einer anderen Kostenstelle: „Projekt Leuna diesen Betrag hatten
Sie mir freundlicherweise gestundet“.
Ein Vorgang mit Brisanz: Thyssen war
bis 1994 der deutsche Partner von Elf Aquitaine im Leuna-Projekt. Thyssen bestätigt,
dass Hürland-Büning für Thyssen 1992/93
S. MÜLLER-JÄNSCH
P. LANGROCK / ZENIT
kerin, Kunden und Projekte aus der Industrie zu vermitteln. Hürland-Büning
verpflichtete sich im Gegenzug, 50 Prozent
ihrer Provisionen als „Finder’s Fee“ an die
Delta International abzuführen.
„Kollegen aus dem Bundestag“, so Hürland-Büning, hätten ihr Holzer angekündigt. Wer das war, will die Dame nicht sagen. Doch der Name Holzer war ihr vorher
schon geläufig, auch wenn sie ihn nicht
näher kannte: Schließlich „lief der immer
in Bonn rum“. Holzer habe damals Parla-
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Deutschland
NS-VERBRECHER
Phantom im Méridien
Über vier Jahrzehnte gewährte Syrien Alois Brunner, Hitlers letztem prominenten Judenmörder,
Unterschlupf – nach Überzeugung der französischen Justiz verbirgt er sich
jetzt in einem Luxushotel in Damaskus. Deutsche Fahndungsmaßnahmen liefen ins Leere.
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H. BUTS / MEDIA D
– nach Zeugenaussagen in einer
Suite des Hotels Méridien in Damaskus, wohl streng abgeschirmt
von Vertrauensleuten des Staatspräsidenten.
Mehrere Jahre lang hat Stephan,
wie zuvor zwei Kollegen, gegen
Brunner wegen dessen Taten in
Frankreich ermittelt. Anfang kommenden Jahres wird vor einem
Schwurgericht in Frankreichs Metropole die Hauptverhandlung beginnen. Das Gericht hat, per öffentlicher Bekanntmachung, Brunners Erscheinen angeordnet.
Was wie gerichtliches Schaulaufen aussieht, ist in Wahrheit ein
letzter ernsthafter Versuch der juristischen und historischen Aufarbeitung vor den Augen der Weltöffentlichkeit. „Brunner darf nicht in
die Geschichtslosigkeit fallen, das
sind wir schon den Opfern schuldig“, sagt Oberstaatsanwalt Willi
Dreßen, Chef der Zentralstelle zur
Aufklärung von NS-Verbrechen.
Diese Aufgabe sei, 54 Jahre nach
Kriegsende, „wichtiger als eine
Verurteilung des Greises“.
Dabei ist es grotesk, dass die
Jagd nach Brunner erst jetzt so
richtig beginnt – wo er kaum noch
verhandlungsfähig sein dürfte,
wenn er denn wirklich noch lebt.
Erst vor drei Jahren setzten die
Staatsanwaltschaften Köln und
Frankfurt eine Belohnung von
500 000 Mark auf Brunners Ergreifung aus. Und erst jetzt griffen die
Ermittler zu scharfen Waffen: Abgesegnet durch Beschlüsse des
Amtsgerichts Köln und des Wiener
Landesgerichts, wurde in Österreich wochenlang das Telefon von
Brunners Tochter Irene R. abgehört.
Auch die Post der promovierten Juristin
wurde gründlich gefilzt, bis ins Jahr 1992
zurück klärten Fahnder anhand von Kreditkarten-Daten ihre Auslandsreisen ab
und erstellten so ein Bewegungsbild. Zeitweilig observierten Ermittler die Juristin
und ihren Mann – immer in der Hoffnung,
Alois Brunner auf die Spur zu kommen.
Dessen Weg in die Vernichtungsmaschinerie Adolf Hitlers hatte nach dem AnAFP / DPA
D
ie Liste der Bittsteller in Syrien ist lang. US-Politiker,
EU-Parlamentarier, Minister, Staatspräsidenten wie der
Franzose Jacques Chirac.
Alle fragen im Land des Präsidenten Hafis al-Assad nach einem
Mann, der längst zu einem Phantom der Geschichte geworden ist.
1912 geboren, 1,70 Meter groß, das
linke Auge fehlt, die linke Hand ist
nach einem Bombenanschlag verkrüppelt. Er trug etliche Falschnamen: Kolar, Schmaldienst, Fischer.
In Wahrheit heißt er Alois Brunner und war einer der hochrangigsten Täter in Hitlers Vernichtungsbürokratie. Über 128 500 Juden hat
Brunner, der engste Mitarbeiter des
millionenfachen Mörders Adolf
Eichmann, aus Wien, Saloniki und
Preßburg, Paris, Nizza und Berlin
in die Gaskammern deportiert –
sein jüngstes Opfer hieß Monique
und war gerade mal zwei Jahre alt.
Jeder Polizeicomputer in Europa
hat Brunners Namen gespeichert.
In Frankreich, Österreich und
Deutschland liegen Haftbefehle Ex-SS-Führer Brunner (1985): „Agenten des Teufels“
wegen Mordes vor. Sein letzter
Dienstgrad bei Kriegsende: SSHauptsturmführer. Die letzte bekannte Postanschrift von Brunner
alias Fischer in der Nachkriegszeit
lautete: 7, Rue Georges Haddad,
Damaskus, Hauptstadt der Arabischen Republik Syrien.
Doch seit Jahrzehnten dementieren Staatschef Assad und seine
Administration mit aller Heftigkeit,
dem SS-Schergen je Unterschlupf
und Protektion gewährt zu haben.
„Unerhört“ sei es zu behaupten,
so beschied ein Ministerialer deutsche Diplomaten, dass „ein solches Hotel Méridien in Damaskus: „Netz alter Nazis“
Individuum“ sich in Syrien aufhalte. Vize-Außenminister Jussuf Schakur er- auch den Grünen ab: „Der Mann ist hier
klärte, derlei Unterstellungen „zionisti- unbekannt.“
Doch etliche Experten sind überzeugt,
scher Kreise“ hätten nur ein Ziel – „Syridass auch die jüngste Auskunft der Syrer
en zu diskreditieren“.
Als im Februar Außenminister Joschka eine glatte Lüge ist. Bestärkt werden sie
Fischer auf Staatsbesuch in Syrien war, jetzt durch eine 132 Seiten starke Anklasprach auch er die Causa Brunner an – und geschrift, die auf Recherchen des Pariser
erinnerte an ein 14 Jahre altes deutsches Untersuchungsrichters Hervé Stephan beAuslieferungsgesuch. Wie Chirac und alle ruht. Auf Grund der Ermittlungen ist Steandere Petenten fertigte der Assad-Clan phan absolut sicher, dass Brunner noch lebt
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Deutschland
Fischer war ein Kriegskamerad Brunners,
ebenfalls SS-Hauptsturmführer, und hatte
auch zeitweilig als Hauer gearbeitet. Der
Pass sei ihm wohl gestohlen worden, gab
damals der Doktor der Philosophie zu Protokoll. Anstandslos bekam er einen neuen;
heute will Fischer seinen Kameraden Brunner nicht mehr kennen, die Sache mit dem
Pass erinnere er nicht mehr: „Die Zeit“,
sagte er letzte Woche dem SPIEGEL, „ist
mir eigentlich aus dem Gedächtnis entschwunden.“
Unter Fischers Namen jedenfalls machte Brunner in Syrien Karriere. Er gab nach
außen hin den biederen Geschäftsmann,
handelte mit Dortmunder Bier und Berliner Schnaps, vermakelte Häuser an Europäer und Amerikaner. Vor deutschen Geschäftsleuten prahlte er, unbehelligt von
der Justiz Frau und Tochter in Südtirol besucht zu haben. Einen Machtwechsel in Syrien brauchte er offenbar nicht zu fürchten.
Wer Juden ausgerottet hatte, dem waren,
so der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal, „Ansehen und Protektion“ gewiss.
Auch als wendiger Sicherheitsberater
der Regierung in Damaskus verdiente
GAMMA / STUDIO X
schluss Österreichs an das Dritte Reich
1938 begonnen. Der 26jährige Bauernsohn
aus dem Burgenland, der sich als Verkäufer und Caféhauspächter durchgeschlagen
hatte, trat der SS bei. In Eichmanns Wiener
„Zentralstelle für jüdische Auswanderung“
fand er ein Unterkommen.
Die Behörde im Palais Rothschild sorgte mit ihrem „Wiener Modell“ unter den
Nazis für Aufsehen. Eichmann hatte einen
besonders effizienten Apparat entwickelt,
um Juden auszuplündern. Die Behörde
wurde zu einer „Lehrstätte für Vertreibungsexperten“, urteilte der Historiker
Hans Safrian. Und Brunner wurde zum
Spezialisten für Erfassung und Verfolgung.
Er bewährte sich so gut, dass er Eichmanns Posten bekam, als der ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin ging.
Später, in Frankreich, ließ Eichmanns erster
Helfer etwa „Physiognomisten“ umherfahren – Greiferkommandos, die Menschen
mit angeblich jüdischem Aussehen auf
den Straßen verhafteten. Den Gefangenen
ließ der Endlöser vorgaukeln, dass man
ihre Familien benachrichtigen wolle –
um so an die Adressen und Verstecke weiterer Juden zu gelangen. Wenn Brunner
damit nicht weiterkam, ließ er die Häftlinge foltern.
Anfang April 1945 trat der SS-Hauptsturmführer in Wien zum letzten Mal unter seinem wahren Namen auf. Falsche Papiere und das Fehlen der in der SS üblichen
Blutgruppen-Tätowierung halfen ihm dann
über die Nachkriegswirren. Als Alois
Schmaldienst arbeitete er in Essen unter
Tage. 1954 wollten ihn die Kommunisten in
den Betriebsrat wählen. Brunner fürchtete um seine Legende – und flüchtete erst
nach Ägypten, dann nach Syrien.
Dabei bediente er sich eines deutschen
Passes auf den Namen Dr. Georg Fischer.
Brunner, Chef Eichmann (um 1940)
SS-Blutgruppen-Tätowierung fehlte
Französische Juden (1942 in Drancy bei Paris): Greiferkommandos in den Straßen
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Brunner gut. Er brachte nicht nur Agenten
Deutsch bei – er galt in Damaskus auch als
Informant des syrischen Geheimdienstes.
Womöglich trug Fischer alias Brunner
dabei auf zwei Schultern. Der amerikanische Autor Christopher Simpson jedenfalls
behauptet, Hitlers Gefolgsmann habe zeitweilig auf der Soldliste des Bundesnachrichtendienstes (BND) gestanden und sei in
Damaskus illegaler Resident der deutschen
Geheimen gewesen. Simpson beruft sich
auf CIA-Quellen; ein Dementi des BND
blieb aus. Lapidar heißt es, in den Akten sei
nichts verzeichnet – was für die Frühzeit
des Dienstes typisch ist und keinen großen
Informationswert besitzt.
Für seine Familie daheim in Österreich
sorgte Brunner auf jeden Fall weiter. Regelmäßig schickte er über einen Mittelsmann Geld nach Wien. Einmal soll er, so
Erkenntnisse aus den sechziger Jahren, sogar deutschen Behörden einen Deal offeriert haben. Er werde gegen Zusicherung
freien Geleits in die Bundesrepublik kommen, um „Angaben über Judenliquidierungen zu machen“, so eine damalige Zeugenaussage. Für den Fall, dass die Justiz
ihn gleichwohl wegsperre, habe er für die
Tochter „einen Garantiebetrag von 40 000
DM“ gefordert – quasi als Aussteuer.
Nach Erkenntnissen des früheren sowjetischen Geheimdienstes KGB sei Irene
R. „ab und an zu ihrem Vater nach Syrien“
gefahren; die Juristin widerspricht heftig.
„Alois Brunner“, behauptet sie bis heute,
„habe ich nie kennen gelernt.“
Lange Zeit interessierte sich in Deutschland kaum jemand für den Eichmann-Getreuen. Zwei Sprengstoffanschläge auf
Brunner, offenbar verübt vom israelischen
Geheimdienst, sorgten nur kurz für Aufsehen – erst Mitte der achtziger Jahre wurde sein Fall richtig zum Thema.
Deutsche Reporter der Illustrierten
„Bunte“ hatten Brunner aufgespürt, ihre
Fotografien zeigten ihn als netten Alten
von nebenan. Dem amerikanischen Journalisten Charles Ashman sagte der SSMann am Telefon, er bereue nichts und
würde genauso wieder handeln. Alle
Juden „verdienten den Tod, denn sie
waren Agenten des Teufels und menschlicher Abfall“.
Zu diesem Zeitpunkt etwa stellte die
westdeutsche Regierung jenen Auslieferungsantrag, an den Joschka Fischer kürzlich die Syrer erinnerte. Auch das DDR-Regime kümmerte sich plötzlich um die Affäre – eine hoch sensible Angelegenheit
unter Brüdern im sozialistischen Geiste.
Der Pariser Anwalt Serge Klarsfeld, dessen Vater Arno von Brunners Schergen
1943 in den Tod verschleppt worden war,
schlug Erich Honeckers Mannen einen
abenteuerlichen Coup vor. Brunner sollte,
mit Erlaubnis der Syrer, in Damaskus in einen Jet der Ost-Airline Interflug verschleppt und in die DDR ausgeflogen werden. Stasi-Minister Erich Mielke befahl
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Deutschland
auf Vorhalt des Pariser UntersuDas BfV-Schreiben an die
chungsrichters, „hätte ich über
Staatsanwaltschaft Köln, die
meine syrischen und deutschen
zusammen mit Frankfurter
Drähte mit Sicherheit davon erKollegen nach wie vor ein Erfahren.“ Welche Quellen er damittlungsverfahren betreibt,
mit meinte, verschwieg Remer.
wurde durch den SperrverFür den Ermittler aber war damit
merk „VS-Vertraulich/Amtklar, dass es immer noch ein gut
lich geheim gehalten“ gefunktionierendes „Netz alter Naadelt. Die Verfassungsschützis“ zu geben schien.
zer hatten freilich kein
Der unbelehrbare Rechtsextreeigenes Wissen, sie hatten
mist Remer hatte sich, nach einer
lediglich eine kleine Notiz
rechtskräftigen Verurteilung weabgeschrieben, die in einem
gen Volksverhetzung und AufstaPariser Blatt erschienen war. Staatschef Assad
chelung zum Rassenhass, nach
Die wiederum fußte auf
anonymen „diplomatischen Quellen in Da- Spanien abgesetzt; hier schloss er sich der
inzwischen aufgelösten Neonazi-Organimaskus“.
Da sich das Rätsel um Brunners wirk- sation „Cedade“ („Spanischer Kreis der
lichen Aufenthaltsort nicht durch Polizei- Freunde Europas“) an. Zu den CedadeRecherchen in Syrien lösen lässt, sammel- Mitgliedern gehörte auch der Österreicher
ten die französischen Ermittler für ihre Gerd Honsik, Herausgeber der antisemitiAnklageschrift die Aussagen zahlreicher schen Hetzpostille „Halt“ und wie Remer
Zeugen. Ein Zeuge gab, erstaunlicherwei- vor der Justiz geflohen.
Honsik wiederum kannte Brunner seit
se, besonders bereitwillig Auskunft – Wehreinem Damaskus-Besuch. Weil auch Brunmachts-Generalmajor Otto Ernst Remer.
Ex-Offizier Remer, im Juli 1944 an der ners Tochter Irene R. häufiger nach SpaniNiederschlagung des Aufstandes gegen en reiste, glaubten deutsche Fahnder zeitweise, der greise SS-Mann
könnte aus Damaskus ausgeflogen worden und bei spanischen Gesinnungsgenossen untergekommen sein. Tochter und
Ehegatte wurden sogar von einem Fahndungskommando observiert – ohne Ergebnis.
Auch Briefkontrolle und Telefonüberwachung (TÜ) führten zu nichts. Die TÜ lief vom
25. März bis zum 24. April 1999,
am 8. April hat Brunner Geburtstag. „Unsere Hoffnung
war“, so ein Ermittler, „die
Tochter würde sich beim Vater
melden und gratulieren.“
Die Lauscher hörten nur Belangloses – bis auf zwei Telefonate. Einmal offerierte ein angeblicher Journalist der Tochter 400 000 Mark, wenn sie einen Kontakt zum Vater vermittle; dann meldete sich Irene
R. bei ihrem Cousin und bat um
Brunner mit syrischen Polizisten (1985 im Badeort Latakia): „Der Mann ist hier unbekannt“
Rat: Sie habe den Verdacht, ihr
dem Auswärtigen Amt, es gebe „Gerüch- Adolf Hitler beteiligt und später Kultfigur Telefon werde abgehört, es gehe wohl um
te“, wonach Brunner verstorben sei: „Eine der Neonazi-Szene, hatte zusammen mit den Vater. Aber sie kenne doch weder den
Verifizierung werde derzeit versucht.“
Brunner in Damaskus die „Orient Trading Aufenthaltsort, noch wisse sie etwas über
Im Mai 1995 berichtete die damalige Company“ gegründet; offiziell galt die sein Schicksal. Brunners Neffe ist Polizist
FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leut- „Otraco“ als Handelsfirma, in Wahrheit in Wien. Nach dem mitgeschnittenen Telefonat wurde er vernommen. Er sei völlig
heusser-Schnarrenberger intern über „Er- aber verschoben die Altnazis Waffen.
kenntnisse“, dass Brunner nicht mehr in
Remer bestätigte den französischen Er- ahnungslos, gab er zu Protokoll, mit dem
Syrien sei – „sondern sich in einem ande- mittlern, dass Brunner unter dem Falsch- Onkel habe er „niemals Kontakt“ gehabt.
Für die deutschen Ermittler sind dies tote
ren ausländischen Staat“ aufhalte. Dem namen Fischer aufgetreten sei. Nach dem
widersprach, im Mai 1997, ein Informant zweiten Attentat auf Brunner, 1980, habe er Spuren. Die französische Justiz aber lässt
des Bundeskriminalamtes. Danach lebe seinen schwer verletzten Geschäftspartner sich nicht beirren. Untersuchungsrichter
Brunner weiterhin bei den Syrern – eine im Krankenhaus besucht, wo ihn syrische Stephan und die Staatsanwälte sind sich
absolut sicher, dass Brunner wegen Mordes
Erkenntnis, die das Bundesamt für Verfas- Polizisten bewacht hätten.
Kurz vor seinem Tod im Oktober 1997 auch „in Abwesenheit verurteilt“ werde –
sungsschutz (BfV) fast zeitgleich konterkarierte: Nach einer „Meldung vom De- wurde Remer noch einmal vernommen. zu lebenslanger Haft.
Georg Bönisch,
Georg Mascolo, Klaus Wiegrefe
„Wenn Brunner verstorben wäre“, sagte er
zember 1992“ sei Brunner tot.
H. BUTS / MEDIA D
J. LANGEVIN / SYGMA
schon mal, Brunner „bei dieser möglichen
Einreise zu verhaften“.
Doch die Hoffnung Klarsfelds und seiner
Frau Beate, Syrien würde auf Grund guter
Beziehungen zur Honecker-Regierung
Brunner „auch ohne international übliches
Auslieferungsersuchen den DDR-Organen“ überstellen, erfüllte sich nicht. Die
geheimen Gespräche zum Fall Brunner
wurden, nachdem sie anfänglich ganz hoch
aufgehängt waren, auf niedriges diplomatisches Niveau zurückgeschraubt.
Die syrische Regierung bestritt sogar Offenkundiges – nämlich, dass es die Straße
gebe, in der Brunner lebte. Die „eigene
Ehrauffassung“ erlaube es den Syrern
nicht, so analysierten Diplomaten des Auswärtigen Amtes, „einen Schützling, auch
wenn er seinen syrischen Freunden eher
zur Last gefallen ist, jetzt noch fallen zu
lassen“. Vielmehr hofften die Syrer, so ein
interner Amtsvermerk weiter, dass „er in
nicht allzu ferner Zukunft stirbt und sich so
das Problem von selbst erledigt“.
Die Nachrichten, die seither nach
Deutschland drangen, sind wirr. Anfang
1993 meldete die Botschaft in Damaskus
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Deutschland
und liebevoll“ (Lemke) Sonderstunden,
also Entlastungszeit für VerwaltungsaufBILDUNG
wand, damit weniger Unterricht ausfällt –
so etwas feiert die CDU, freilich jault mancher Genosse.
Politik, glaubt Lemke, funktioniert im
Grunde so ähnlich wie Fußball. 18 Jahre
war Lemke Manager des SV Werder,
Der Ex-Fußballmanager und Senator Willi Lemke will Bremens lang
und dort war nichts so wichtig wie ein guSchulen nach dem Vorbild des SV Werder umkrempeln:
tes Image, damit die Zuschauer kamen,
auch wenn die Truppe immer lausiger spielSponsoren sollen Geld geben, fleißige Lehrer belohnt werden.
te; im neuen Job braucht er ein
gutes Image, damit die Demonstrationen von Schülern, Eltern
und Lehrern aufhören. Bei Werder brauchte er Sponsoren, um
das Weserstadion zu renovieren;
jetzt muss irgendwer die Renovierung dieses Lochs im Schulzentrum Findorff bezahlen, das
„Aula“ heißt. Was also ist der
Unterschied?
Die neue Aufgabe ist allenfalls
ein bisschen diffiziler. Bürgermeister Henning Scherf, 60, von
Lemke „der Henning“ genannt,
hat seinen alten Gefährten ja in
die Regierung des kleinsten Bundeslandes geholt, um endlich in
den Griff zu kriegen, was nicht in
den Griff zu kriegen scheint.
Nirgendwo in Deutschland gilt
das Bildungssystem als so Not
leidend wie in Bremen. Schulen
werden geschlossen, für Bausanierungen fehlen 70 Millionen
Mark, und manche Bücher sind
so alt wie die Lehrer; in einem
Senator Lemke beim Schulbesuch: „Zäh wie Leder, unendlich energiegeladen und kreativ“
Gymnasium bringen die es auf
s gibt Politiker, die können nichts und Schule – schon staunten alle über diesen durchschnittlich 57 Jahre. Bei Uni-Bewerhalten sich für die Größten. Andere Neuen, der so gar nichts hat von der Bre- tungen liegt Bremen meist am Tabellenwerden nichts, weil sie sich selbst für mer Lethargie. Denn Lemke geht Proble- ende, und weil, das fanden die Wirtzu klein halten. Willi Lemke kann etwas me an und gibt sich damit als Entscheider, schaftsprüfer von Kienbaum heraus, allein
als jener Krisenmanager, den die Stadt wegen Fortbildung und Sonderaufgaben
und findet sich durchaus großartig.
Der SPD-Senator für Bildung und Wis- braucht. Nach den Sommerferien raubte 20 000 von 155 000 Lehrerwochenstunden
senschaft erscheint eine Minute vor der er zum Beispiel den Rektoren „vorsichtig ausfallen, streiken die Schüler in kaum einem anderen Land so oft wie in Bremen.
Zeit im Bremer Schulzentrum Findorff,
Frei nach Schröder/Blair möchte Lemke
und alle, die sonst Konferenzen schwändeshalb die Gesetze des Marktes in die
zen, sind schon da, um ihn zu sehen.
Schulen tragen: Die Biermarke Beck’s soll
Als Willi Lemke, 53, im Sprachlabor des
Lehrer sponsern, der Futterhersteller ViSchulzentrums an einem Pult sitzt, links
takraft Umweltprojekte, und Shell habe
und rechts und vor sich Eltern und Lehrer,
bereits angeboten, „den ganzen Mist zu
lobt er erst einmal, „dass diese Schule
sanieren“, also die Heizungen, „und dafür
durch ganz starke Kreativität und Elternnehmen wir ihnen in den nächsten Jahren
arbeit sich auszeichnet“.
das Öl ab“. Vorher wird Lemke aber bei
Dann erzählt der ehemalige Manager des
den Konkurrenten DEA und Esso die KonBundesligisten Werder Bremen, dass er zur
ditionen abfragen, da „hier Wettbewerb,
Verstärkung seine Frau Heide mitgebracht
Reibung rein muss“. So schwierig kann das
habe, weil „die ja hier eine erfolgreiche
nicht sein: „Ich kenn die Vorstände doch,
Schülerin war, nicht weil sie mich geheirasind alles Duzfreunde von mir.“
tet hat“ – obwohl: deshalb schon auch –,
Am Ende soll die perfekte Schule stesondern „weil sie Ärztin geworden ist“. Heihen. Die beste, die kreativste, die saubersde Lemke lacht, und dann lachen alle, und
te Lehranstalt wird dann prämiert; und
der Schulleiter sagt, dass „wir jetzt so einen
eine Art Bremer Meister, das ist jener Lehnetten Bildungssenator“ haben. Damit hat
rer, der fünf Jahre lang nicht krankfeierte,
Lemke natürlich wieder einmal gewonnen.
fährt zur Belohnung zum Beispiel nach PaSchwer hat er es nicht. Seit fast hundert
ris, damit Gerhard Schröder, wenn er von
Tagen ist Lemke nun im Amt, und er muss- DFB-Pokalsieger Lemke (im Juni)
te nur durch die Stadt fegen, von Schule zu „Die Angst, tot von der Tribüne zu fallen“ „faulen Säcken“ redet, nicht mehr BreJ. SARBACH
„Power auf Dauer“
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Deutschland
J. SARBACH
mens Lehrer meinen kann. Wenn Lemke ke nur. „Motivieren“, sagt er, „ist meine dote, wie Bayern Münchens Lothar
Matthäus beim Pokalfinale zum Elfmetersich durchsetzt, so denkt er sich das, reno- Paradeübung.“
vieren Eltern die Schulen ihrer Liebsten
Als im Schulzentrum Findorff eine Putz- punkt schritt. Da habe Bremens Torwart
irgendwann selbst, und abends grillen alle frau von der Unsitte des „Outsourcing“ Frank Rost gerufen: „Ey, Lothar, schieß
zusammen. Und so werden am Ende spricht, neudeutsch für Entlassungen und vorbei, du hast schon so viele Titel, ich
schließlich auch die Bremer Schüler fit sein Aufträge an freie Dienstleister, nickt Lem- will auch einen.“ Matthäus: „Halt’s Maul,
für diese Gesellschaft.
ke traurig, und dann packt er die Dame geh ins Tor.“ Matthäus verschoss, Bremen
Doch weil das ein bisschen viele Ideen am Arm. Das ändert nichts daran, dass sie siegte, und das Foto mit dem Pott und mit
für vier Jahre Amtszeit sein könnten, hat bald arbeitslos ist, aber es tröstet, und wer Lemke hütet nun Werder-Harry. 40 Menschen waren bei dem Ausstand, und in
Lemke auch ein bescheideneres Minimal- getröstet wird, wählt bestimmt SPD.
ziel: „Die Krusten müssen aufgebrochen
Natürlich wurde Lemke von Zweiflern seinem Mercedes rechnete Lemke: „15 Miwerden“, denn „wir wollen einen Stim- argwöhnisch begrüßt. Seine einzige Quali- nuten, um die einzunorden.“ Kein schlechmungswechsel“.
fikation für den neuen Job seien zwei ter Schnitt.
Der Senator, geboDen hat er in Wahrren im schleswig-holheit schon bewirkt;
steinischen Pönitz, war
fraglich ist bloß, ob
nach dem Studium
es nicht Lemke ange(Sport und Pädagogik)
kreidet wird, wenn sich
wissenschaftlicher Mitdie Bremer Wirklicharbeiter an der Uni.
keiten als hartnäckig
Mit 25 trat er in die
erweisen. Bleibt er jeSPD ein; von Scherf
doch populär, dann
wurde er als Wahlkönnte Lemke 2003
kampfmanager angeder SPD-Kandidat für
heuert und war MitScherfs Nachfolge werglied in der damals
den. Falls der Mann,
einflussreichen Grupden die Bremer „unsepe der so genannten
ren Willi“ nennen,
Scherfisten, der Jündann nicht als Minister
ger des Lokalhelden.
in Berlin wirkt.
Scherf schützte Lemke
Zu dieser Spekulaauch in jener schwierition schweigt Lemke.
gen Zeit, als der vom
Das ist selten, denn alrussischen KGB angelein für den Vortrag
sprochen wurde, sich
über seine Ziele hat er
dem Verfassungsschutz
40 Minuten gebraucht.
offenbarte und als
Während dieser 40 Mi„007 von der Weser“
nuten hat er mit aufge- Lemke (2. v. r.), Senatskollegen*: „Motivieren ist meine Paradeübung“
geschmäht wurde.
stützten Ellbogen daDann kamen die Bundesliga-Jahre, und
gesessen, die Hände wie zur Predigt erho- schulpflichtige Kinder, hieß es etwas unben. Zwischendurch hat er zwei Müsliriegel gerecht in Leserbriefen im „Weserkurier“. die endeten nach dem letzten Abstiegsund die Bremische Landesverfassung aus Die Gewerkschaft für Erziehung und Wis- kampf wegen der Angst, „irgendwann tot
seiner Tasche gewühlt, alles neben einen senschaft fürchtet, dass einem wie Lemke von der Tribüne zu fallen“. Der Wechsel
Notizblock (Aufschrift: „Willi Lemkes Skat- nichts heilig sei, schon gar nicht das Be- lag nahe, denn Lemke glaubt ja, dass er
runde“) gepackt und Artikel 27 zitiert: „Je- amtentum. Sehr falsch liegt sie damit nicht. „eigentlich alles“ kann.
Er spricht jetzt von den Schülern, die
der hat nach Maßgabe seiner Begabung
Aber im Bremer Schulsystem bedeutet
das gleiche Recht auf Bildung.“ Das fand „anders“ automatisch „besser“, da es „im Grunde nur lernen müssen zu lernen“,
er so gut, dass er es gelb markiert hat.
schlechter kaum geht. Und Lemke ist ziem- also flexibel, schnell, modern zu sein. Und
Der schmächtige Senator sieht mit seiner lich anders als Vorgängerin Bringfriede er meint damit, dass sie sein müssten wie
Brille, der Stirnglatze und dem Schnäuzer Kahrs. Nie sei die aus ihrem Kämmerchen er, der ja auch nicht ausgebildet war als
aus wie ein halbwegs netter Mathelehrer. gegangen, mosern Genossen, verkaufen Partei-Geschäftsführer, Fußballmanager,
Aber er ist ein Menschenfänger. Egal, wer konnte sie nichts. Mit diesem Problem hat Senator. Er sei halt, schwärmt er nun, „zäh
wie Leder, unendlich energiegeladen und
zu ihm kommt, Lemke wirkt, als treffe er der neue Senator selten zu kämpfen.
eine Jugendliebe wieder: „Ich nehme sie
Politik, das muss ihm niemand erklären, kreativ“, weil er gelernt habe, „mich einalle an.“ So funktioniert die Methode Lem- ist ungefähr zeitgleich mit der Fußball- zubringen, mich mit einer Aufgabe zu idenke: Reden, bis keiner mehr etwas fragt, un- Bundesliga zur Ware geworden, und mit tifizieren. Ich komme aus der Leistung“.
terwegs ein paar Komplimente einstreuen, Waren kennt er sich aus. In seinen letzten Und darum biete er „Power auf Dauer“.
Meist ist Lemke bei all dem Selbstlob so
die Leute ansehen und berühren. Er schüt- Tagen als Werder-Manager stand zum Beitelt mit rechts Hände, und mit links fasst er spiel ein Termin bei Beck’s an; ein Pro- klug, nicht allzu offen von persönlichem
Unterarme an, und wenn Bill Clinton das benholer der Brauerei, ein Fußballfan mit Ehrgeiz zu sprechen. Er verrät nur mal,
genauso macht, muss es doch Willi Lemke dem Spitznamen „Werder-Harry“, wurde dass er es Scherf ankreidet, für die Große
Koalition geworben zu haben. Würde die
nicht peinlich sein.
in den Ruhestand verabschiedet.
Die Leute sind ja dankbar für ZuneiAlso fuhr Lemke hin, und er hatte den SPD allein regieren, wäre Lemke bereits
gung. In Lemkes Behörde zum Beispiel ar- DFB-Pokal dabei. Er trank ein Alko- Wirtschaftssenator. Und nach solchen Gebeiten die meisten freiwillig länger. „Das holfreies, und dann erzählte er die Anek- dankenspielen sagt Lemke auf der Rückbank seines Dienst-Daimlers Sätze, die
haben wir immer so gemacht“, sagte letzte Woche wieder einer und meinte einen * Hilde Adolf (Soziales), Bernt Schulte (Inneres), Chris- seine Ambitionen andeuten: „Wenn ich
überflüssigen Aktentransfer von Ablage zu tine Wischer (Umwelt), Bürgermeister Henning Scherf, das hier hinkriege, war das nicht mein
Ablage. „Warum eigentlich?“, fragte Lem- Josef Hattig (Wirtschaft), Hartmut Perschau (Finanzen). letzter Job.“
Klaus Brinkbäumer
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Deutschland
S P I E G E L - G E S P R ÄC H
„Nach neuen Wegen suchen“
PDS-Stratege Gregor Gysi über die jüngsten Wahlerfolge seiner Partei, das Verhältnis
zur SPD, eine andere Sparpolitik und neue Steuern
P. MEISSNER / REFLEX
sich darauf verlassen, dass alles
so ist wie früher. Die SPD fordert
im Wahlkampf die Vermögensteuer, die die CDU abgeschafft
hat. Dann gewinnt sie die Wahl
und führt sie nicht ein. Die CDU
könnte ja maximal sagen: Ihr
habt etwas Falsches versprochen
und das jetzt selber erkannt. Nur
haben die Sozis einfach vergessen, dass es die PDS gibt. Die
kann jetzt die alte SPD-Forderung nach Vermögensteuer zur
Abstimmung stellen – und wieso
sollte sie so etwas nicht machen?
SPIEGEL: Weil das Urteil des
Bundesverfassungsgerichts dagegen steht. Die SPD hat offenbar
dazugelernt, die PDS noch nicht.
Gysi: Das Urteil lässt genügend
Spielraum, und die SPD kannte
es, als sie ihre Forderung erhob.
Die Schröder-SPD behauptet, es
gebe keine Alternative zu ihrer
jetzigen Politik. Dann können
wir Wahlen gleich abschaffen.
Denn im Klartext hieße das ja:
Kohl müsste es so machen, wie es
von Schröder gemacht wird;
Gysi müsste es so machen. Diese Einstellung halte ich für gefährlich.
SPIEGEL: Sie blenden die Realität aus.
Deutschland ist im Zeitalter der Globalisierung keine Insel, sondern ein Teil eines
zusammenrückenden Europas.
Gysi: Der Globalisierung muss man sich
stellen, nicht sich ihr unterwerfen. Richtig
ist: Die PDS muss realitätsbezogener werden, weil sie politisch ernster genommen
wird. Zehn Jahre sind wir als Phänomen
behandelt worden, aber nicht als politische Partei. Unsere Vergangenheit hat
mehr interessiert als unsere politischen
Vorschläge. Die kamen in keiner Nachrichtensendung vor.
SPIEGEL: Die Vergangenheit der PDS als
SED bewirkt ein Glaubwürdigkeitsproblem: Keiner nimmt sie ernst.
Gysi: Das ändert sich. Wer merkt, dass
seine Ideen immer abgelehnt werden,
wird auch nachlässig. Von der neuen Aufmerksamkeit verspreche ich mir deshalb
auch einen Qualitätsschub für unsere
Arbeit. Wir müssen nur aufpassen, dass
wir jetzt nicht die Oberrealos werden.
Wir dürfen nicht nur systemimmanent
denken.
PDS-Fraktionschef Gysi*: „Wir dürfen nicht die Oberrealos werden“
SPIEGEL: Herr Gysi, sind Sie stolz darauf,
mit Uwe Hiksch den ersten SPD-Bundestagsabgeordneten mit sozialdemokratischen Parolen zur PDS gelockt zu haben?
Gysi: Das ist seine Entscheidung. Wir haben
nur darauf reagiert. Im Prinzip gilt: Wir
wollen durch Wahlen stärker werden, nicht
durch Übertritte. Uwe Hiksch verdient
aber Respekt, denn er handelt aus politischer Überzeugung und antikarrieristisch.
SPIEGEL: Wenn nicht noch mehr Abgeordnete zur PDS kommen – bewegt sich die
PDS dann weiter auf die SPD zu?
Gysi: Die PDS ist gut beraten, ihr eigenes
Profil zu bewahren. Dazu gehört aber
auch, wichtige sozialdemokratische Traditionen mitzudenken und mitzufühlen. Vor
allem dann, wenn führende europäische
Sozialdemokraten wie Schröder und Blair
glauben, dass ihre Parteien nur eine Zukunft haben, wenn sie sich entsozialdemokratisieren. Die SPD muss sich von der
Vorstellung lösen, sich ausschließlich um
die Mitte kümmern zu können, weil ihr die
Linken automatisch zuflögen.
* Beim Besuch streikender Arbeiter im Berliner Kabelwerk Alcatel am 20. September.
60
SPIEGEL: Wenn die Sozialdemokraten auf
Ihren Rat hin die linke Ecke besetzen,
bleibt doch für Ihre Partei kein Raum.
Gysi: So links kann die SPD gar nicht werden. Die PDS kann andererseits nicht
plötzlich die alte SPD und die alten
Grünen ersetzen und dann auch noch sie
selbst sein.
SPIEGEL: Erst ein Schmusekurs, jetzt eine
Art politischer Nestraub. Hat Lafontaines
Abgang Ihnen die Richtung gewiesen?
Gysi: Die ersten Beschlüsse der neuen Regierung konnten wir doch nur unterstützen: Erweiterung des Kündigungsschutzes,
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Erhöhung des Kindergeldes, Aussetzung der
Rentenniveau-Senkung. Das hatten auch
wir zum großen Teil vor der Wahl gefordert. Deshalb war es schwerer, den eigenen Platz im politischen Spektrum zu
definieren.
SPIEGEL: Und jetzt machen Sie es sich leicht
und gerieren sich als linker Ersatzflügel
der SPD?
Gysi: Wir machen unsere eigene Politik,
aber die alten SPD-Positionen in Erinnerung zu bringen gehört auch zu einer parlamentarischen Demokratie. Die haben
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Gysi: Die Wiedereinführung der
das System verändern. Zurück
Vermögensteuer halte ich für
zum real nicht mehr existierenganz wichtig, sie sichert die Einden Sozialismus?
nahmen des Staates …
Gysi: Nein, das heißt: Wir dürfen
SPIEGEL: … noch einmal: Sie
uns nicht jedem vermeintlichen
war in der damaligen Form mit
Sachzwang unterwerfen, wir
dem Grundgesetz nicht vereinmüssen auch neue Wege suchen.
bar und ist auch deshalb abgeschafft worden, weil sie kaum
SPIEGEL: Wie wollen Sie denn
Geld brachte.
die schöne neue Welt bezahlen,
die Sie immer wieder beGysi: Ich sehe da durchaus noch
schwören?
Spielraum, der nicht genutzt
wird. Über eine höhere ErbGysi: Die Bekämpfung der Arschaftsteuer, die Verwandte und
beitslosigkeit ist das A und O
andere Erben gleichstellt, muss
auch für den Abbau von Staatsman bei Wahrung eines angeverschuldung. Zur Zinsreduziemessenen Freibetrags nachdenrung kann man Zwangsanleihen
ken. Das tut auch die SPD, das
bei Banken und Versicherungen Gysi beim SPIEGEL-Gespräch*: „Als Phänomen behandelt“
tun auch andere. Das ist in der
aufnehmen.
SPIEGEL: Wie bitte?
SPIEGEL: Und wen soll es denn sonst noch Bevölkerung zwar nicht besonders beliebt,
aber gerechtfertigt. Und natürlich brauGysi: Bei der gegenwärtigen Staats- treffen?
verschuldung würde ich Banken und Gysi: Im Steuerrecht würde ich Abschrei- chen wir auch eine Tobin-Steuer, also eine
Abgabe auf Kapitaltransfers. Wir müssen
Versicherungen zwingen, dem Staat Kre- bungsmodelle streichen.
dite zu ihrem eigenen Eckwertezins- SPIEGEL: Und im Gegenzug die Steuersät- den Weltmarkt wieder beherrschbar machen. Sonst verlieren wir jeden politischen,
satz zu gewähren. Der liegt deutlich unter ze senken?
dem jetzigen Zinsniveau. Das senkt die Gysi: Auf jeden Fall nicht den Spitzensteu- sozialen und ökologischen Einfluss. Die
Zinslast …
ersatz der Einkommensteuer. Man kommt Kernfrage ist: Stellen wir das Primat der
SPIEGEL: … ist aber verfassungswidrig. Es den Besser- und Bestverdienern schon ge- Politik wieder her?
nug entgegen, wenn man auch für sie den SPIEGEL: Daran hat sich schon Oskar Lakommt einer Enteignung gleich.
Gysi: Das lässt sich verfassungsfest machen. Eingangssteuersatz senkt. Hier müssen die fontaine verhoben.
Die Banken bekämen doch ihre Zinsen, Kleinen entlastet und die Großen gerecht Gysi: Weil er keine Mitstreiter hatte. Das ist
nur eben etwa vier statt sieben bis neun herangezogen werden. Reinvestierter Ge- schwer, das will ich nicht bestreiten.
Prozent wie im Augenblick. Es klappt auch winn ist geringer zu versteuern als privati- SPIEGEL: Wo war denn die PDS als
Kampfreserve Lafontaines?
freiwillig über Swapgeschäfte mit Konkur- sierter Gewinn.
renzbanken, die Kredite zu niedrigeren SPIEGEL: Dasselbe plant die Bundesregie- Gysi: Also, ich bitte Sie, er hat sich selbst geZinsen gewähren – was übrigens nicht ganz rung. Doch die Spreizung zwischen dem nug geschadet, da braucht er nicht noch uns.
erfolglos von einigen neuen Bundeslän- Spitzensteuersatz für Unternehmen und SPIEGEL: Die ganze Zeit reden Sie nur von
dem für die übrigen Steuerzahler bereitet höheren Steuern. Fällt Ihnen zum Stichdern praktiziert wird.
SPIEGEL: Abgesehen von den juristischen Finanzminister Hans Eichel verfassungs- wort „Sparen“ nichts ein?
Bedenken – so treiben Sie Geld aus dem rechtliche Probleme. Die Steuersätze dür- Gysi: Doch natürlich, da denke ich vor alLand. Die Folge wären höhere Zinsen für fen nicht so weit auseinander klaffen.
lem an den „Eurofighter“ und die Abrüsalle, weil Deutschland an den Finanz- Gysi: Eichel hat gerade betont, dass die tung generell. Auch den Transrapid könmärkten einen Risikoaufschlag bezahlen Spreizung in Deutschland geringer als im nen wir uns nicht mehr leisten. Eine um 30
müsste.
Ausland ist. Das gilt auch bei Beibehaltung Minuten kürzere Fahrtzeit rechtfertigt keine Milliardensummen.
Gysi: Wir müssen es ja nicht gleich über- des Spitzensteuersatzes.
treiben. Wir brauchen nicht sofort 1,5 Bil- SPIEGEL: Juristisch problematisch ist auch SPIEGEL: 6,1 Milliarden Mark weniger Auslionen Mark einzutreiben. Aber man könn- die von Ihnen geforderte Vermögensteuer. gaben für den Transrapid verringern das
te doch zum Beispiel mit mehreren MilStaatsdefizit nicht wirklich.
liarden Mark anfangen. Das verkraften die * Das Gespräch führten die Redakteure Stefan Berg, Gysi: Wieso ist dann eine Einsparung im
Christian Reiermann und Heiner Schimmöller.
Banken und Versicherungen.
Rentenbereich im Jahre 2000 in Höhe von
M. URBAN
SPIEGEL: Das heißt: Sie wollen
Deutschland
3,8 Milliarden Mark angeblich überlebenswichtig, gar alternativlos? Auch wir wollen
das Rentensystem und die Arbeitslosenversicherung reformieren. Die Beiträge der
Unternehmen zu den Versicherungssystemen sollen endlich an deren wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit geknüpft werden.
SPIEGEL: Was heißt das konkret?
Gysi: Die Arbeitgeberbeiträge sollen nicht
länger an die Bruttolohnsumme gekoppelt
werden, sondern an die Wertschöpfung eines Unternehmens. Bei sinkender Wertschöpfung sinken die Beiträge, bei steigender wird mehr gezahlt, höchst flexibel.
Seit Jahren sinkt die Zahl der Beschäftigten bei steigender Wertschöpfung. Zudem
kann es nicht dabei bleiben, dass außer
den Unternehmen nur die sinkende Zahl
der abhängig Beschäftigten in die Versicherungssysteme einzahlt.
SPIEGEL: Und wer soll wie viel erhalten?
Gysi: Menschen mit unterschiedlichsten
Einkommensarten werden künftig auf eine
Grundsicherung angewiesen sein. Ich halte einen nach der individuellen Beitragshöhe variablen Anspruch mit Unter- und
Obergrenze, der alle Berufsgruppen absichert, für die künftig beste Lösung. Den erreiche ich durch eine Pflichtversicherung
für fast alle Einkommensarten bis zu einer
„Wir haben unsere Vorstellung
eher bei den USA abgeguckt – das
heißt dort Non-Profit-Sector“
bestimmten Höhe des Einkommens. Wer
sich darüber hinaus zusätzlich versichern
will, kann das tun.
SPIEGEL: Und wenn in einer Rezession die
Wertschöpfung der ganzen Wirtschaft sinkt
und das Beitragsaufkommen nicht mehr
reicht? Wollen Sie dann Rente und Arbeitslosengeld kürzen?
Gysi: In einer solchen Situation müsste der
Staat zuschießen. In besseren Jahren bekäme er das Geld zurück.
SPIEGEL: So etwas hat im Kommunismus
noch nie geklappt, sondern immer zu
höherer Staatsverschuldung geführt. Sogar
die PDS hat das begriffen. In MecklenburgVorpommern, wo sie mitregiert, beklagt
sich die Basis über die Sparpolitik.
Gysi: Die sinkende Zahl von Arbeitsplätzen
ist für die Versicherungssysteme problematischer als eine vorübergehend sinkende Wertschöpfung. Die PDS setzt in Mecklenburg-Vorpommern die Wahlversprechen Schritt für Schritt um, die sie in der
Koalitionsvereinbarung durchsetzen konnte. Dort gibt es einige Sozialstandards, die
höher liegen als bei Geberländern des Länderfinanzausgleichs. Das muss leider auf
deren Höchststandard korrigiert werden.
Aber auf dem Arbeitsmarkt …
SPIEGEL: … hätten Sie es am liebsten wie
früher?
Gysi: Wir haben dort 200 Arbeitslosen, anders als bei Arbeitsbeschaffungsmaßnah62
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men, einen festen, unbefristeten Arbeitsplatz gegeben. Die arbeiten jetzt in der
Kinder- und Jugendbetreuung. Den Anfang
für einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor haben wir also schon geschafft. Den könnten wir aber noch erheblich ausbauen, wenn die Bundesanstalt
für Arbeit auch Arbeit statt nur Arbeitslosigkeit bezahlen dürfte.
SPIEGEL: Das größte Experiment eines
staatlich geförderten Arbeitsmarkts, die
DDR, ist vor zehn Jahren gescheitert.
Gysi: Wir haben unsere Vorstellungen eher
bei den USA abgeguckt. Das heißt dort
Non-Profit-Sector. Die Amerikaner akzeptieren immerhin, dass es einen Bereich
gibt, in dem man keinen Profit machen
„Die DDR ist nicht am Sozialen,
sondern am Undemokratischen
und Ineffizienten gescheitert“
kann, in dem es aber trotzdem notwendige Arbeit zu leisten gilt. Wir lehnen allerdings deren Niedriglohnsektor ab. Der
DDR und der alten Bundesrepublik fiel
dazu nur ein, dass das der Staat übernehmen muss. Wir wollen, dass privatrechtlich organisierte Unternehmen diese Arbeit leisten, die dann öffentlich gefördert werden.
SPIEGEL: Mitarbeiter in Ihrer Parteizentrale
halten die Versprechungen in den PDSProgrammen für ein finanzpolitisches
Wünsch-dir-Was. So steht es jedenfalls in
einer internen Analyse. Das ist doch ein
verheerendes Urteil.
Gysi: Da können Sie mal sehen, wie selbstkritisch wir sind. Im Grunde geht es doch
nur um die entscheidende Frage: Dominieren die Kapitalverwertungsinteressen oder die sozialen Interessen der
Menschen?
SPIEGEL: Die Dominanz der Sozialpolitik in
der 40-jährigen Geschichte der DDR hat
sich nicht bewährt. Zum Schluss war der
Staat pleite.
Gysi: Die Verschuldung hielt sich im Vergleich zur BRD in Grenzen. Die DDR ist
nicht am Sozialen, sondern am Undemokratischen und Uneffizienten gescheitert.
Auch soziale Interessen konnten nicht ausreichend demokratisch artikuliert werden.
Es geht nicht vornehmlich um die Enteignung von Eigentümern.
SPIEGEL: Worum geht es Ihnen denn?
Gysi: Heute steht die Frage im Vordergrund: Was darf jemand, dem etwas
gehört? Heute müsste Vergesellschaftung
stattfinden über die Vergesellschaftung von
Befugnissen an Eigentum. Wir wollen den
sozialen und ökologischen Einsatz gerade
des Wirtschaftseigentums gesellschaftlich
reguliert sehen. Insofern sind wir Sozialisten, und die Sozialdemokraten sind es in
ihrer großen Mehrheit nicht.
SPIEGEL: Herr Gysi, wir danken Ihnen für
dieses Gespräch.
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SPIEGEL-Serie über Wende und Ende des SED-Staates (2)
Die Woche vom 2. 10. 1989 bis zum 7. 10. 1989
»Gorbi, hilf uns«
ACTION PRESS
Pompös feiert die DDR ihren 40. Jahrestag.
Zugleich, im Schutz der Nacht, werden tausende
von Demonstranten misshandelt.
Oppositionelle spüren: „Die Geduld der Bürger ist zu Ende.“
Ehrengast Gorbatschow, Gastgeber Honecker bei der Militärparade am 40. Jahrestag der DDR in Ost-Berlin
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100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
CHRONIK
»Jetzt sind wir dran«
Montag, 2. Oktober 1989
Leipzig
Jäh knallen drei Scheinwerfer ihr Licht
vom Dach eines Hochhauses in das Halbdunkel vor der Leipziger Nikolaikirche, wo
der montägliche Friedensgottesdienst zu
Ende gegangen ist.
Die Menge auf dem Platz, soeben noch
schweigend und unschlüssig, dreht sich wie
auf Kommando in eine Richtung: Tausende von Gesichtern, die meisten angstfrei,
blicken empor zur Stasi-Kamera neben den
Lampen.
Die Geheimpolizei hält eine nie gesehene Szenerie fest: Geballte Fäuste und Victory-Zeichen recken sich der Staatsmacht
entgegen. Einer ruft: „Ihr habt verloren,
könnt abdanken, jetzt sind wir dran.“
Die Menge jubelt, immer wieder ertönen
Sprechchöre: „Demokratie, jetzt oder nie“,
„Stasi weg, hat kein’ Zweck“, „Erich, lass
die Faxen sein, lass die Perestroika rein“.
Dann ein Ruf: „Losgehen, losgehen“,
und der Zug setzt sich in Bewegung –
spontan, unorganisiert, friedlich.
Jedermann spürt in diesen Minuten, was
die Oppositionelle Bärbel Bohley anderntags in die Worte fasst: „Es hat knack gemacht in der DDR, die Geduld der Bürger
ist am Ende“ – fünf Tage vor der 40-JahrFeier des Arbeiter-und-Bauern-Staates.
Wie ein Schock haben allerorten die
Fernsehberichte über die freudestrahlenden Flüchtlinge gewirkt, denen die SEDRegierung unter dem Druck der Weltöffentlichkeit überraschend die Ausreise aus
Prag und Warschau genehmigt hat. Und
wie purer Hohn liest sich in der aktuellen
Ausgabe des „Neuen Deutschland“ der
Satz, das Land brauche den Ausreisenden
„keine Träne nachzuweinen“.
Erich Honecker persönlich, so stellt sich
später heraus, hat die Bemerkung in einen
Text des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) einfügen lassen.
Immer mehr Leipziger schließen sich
dem Zug an, am Ende sind es über 15 000.
Sie alle gehen ein Risiko ein: Arbeitern
waren am Vormittag für den Fall einer Teilnahme Schwierigkeiten im Betrieb angekündigt worden, Studenten sehen sich
von Exmatrikulation bedroht.
Demonstration in Leipzig am 2. Oktober
„Nun geht’s auch bei uns los“
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In den Wochen zuvor haben Leipziger
Gerichte elf Demonstranten zu vier bis
sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Und
seit Tagen spuken Gerüchte über bevorstehende Wasserwerfer-, Panzer- und Hubschraubereinsätze durch die Stadt.
„Warum wir mitgehen? Ich habe in den
letzten Wochen 15 Postkarten von ausgereisten Freunden bekommen“, sagt eine
Frau: „Das ist nicht mehr auszuhalten.“
Ihr gefällt der Ruf, der in diesen Tagen
durch die Republik hallt: „Wir bleiben
hier“ – ein Versprechen, das die DDR-Herren jedoch zu Recht nicht als Huldigung,
sondern als Drohung empfinden. Wer
bleibt, möchte die DDR so, wie sie 40 Jahre lang war, nicht länger hinnehmen.
Auf dem Karl-Marx-Platz heben Demonstrantinnen sich gegenseitig auf die
Schultern. „Mensch, Wahnsinn“, kreischt
eine, „der Platz ist schwarz von Menschen.“
Ein 35-Jähriger erinnert seinen Freund
an die Erfolge der polnischen Reformer:
„Denk an Solidarnos´ƒ. Wir hätten damals
doch nie geglaubt, dass die was ausrichten. Jetzt sitzen sie in der Regierung. Pass
auf, nun geht’s auch bei uns los.“
Der Freund, Ingenieur in einem Chemiebetrieb, mag dem Frieden nur bis zur 40Jahr-Feier der DDR am kommenden Sonnabend trauen: „Was ist denn nach dem 7.
Oktober? Da drehen die uns doch wieder
die Luft ab.“
Gegen 21 Uhr, die meisten Demonstranten sind auf dem Heimweg, lässt die
Einsatzleitung die Innenstadt leerknüppeln. Während die Volkspolizei, an diesem
Tag zum ersten Mal verstärkt durch Einheiten der Betriebskampfgruppen, mit harten Hieben die Volksversammlung auflöst,
schreien die Geprügelten den Prüglern ins
Gesicht: „Schämt euch, schämt euch.“
Bonn
Im Auswärtigen Amt in Bonn herrscht
Alarmstimmung: Tausende von DDR-Bürgern, so hat die Prager Botschaft berichtet,
begehren erneut Einlass in die eben erst
von Flüchtlingen geräumte Vertretung.
Tschechoslowakische Polizei geht gegen
Neuankömmlinge vor, die verzweifelt versuchen, sich über den Zaun auf das Botschaftsgelände zu retten, um freie Ausreise in die Bundesrepublik zu erzwingen. In
der Stunde der Not bemüht der Bonner
Außenminister einen Mittelsmann.
Hans-Dietrich Genscher lässt sich mit
dem britischen Medienmogul und Honecker-Freund Robert Maxwell verbinden,
der im Ost-Berliner „Grand Hotel“ abgestiegen ist. Der Freidemokrat bittet den
Verleger, Honecker gegenüber die Sorge
Bonns über die Lage in Prag zum Ausdruck
A. WIECH
Festnahme von Demonstranten in Leipzig am 2. Oktober: „Schämt euch, schämt euch“
Prag gelangen: Ab 15 Uhr werde ein Passund Visumzwang für die ∏SSR in Kraft treten – das einzige Land, in das Ostdeutsche
noch mit dem Personalausweis reisen
konnten.
Um zu verhindern, dass der Kessel explodiert, nachdem das letzte Ventil verschlossen ist, schärft Honecker den Bezirkssekretären ein, sofort die „Bezirkseinsatzleitungen“ zusammenzurufen, denen unter anderen die örtlichen Stasi-,
Polizei- und Armee-Chefs angehören.
Wichtigster Auftrag: konterrevolutionäre
Aktionen „im Keim zu ersticken“.
Zugleich trifft der Staatsapparat Vorkehrungen für das zur Zeit größte Sicherheitsrisiko: Es gilt, die Fahrt der Flüchtlingstransporte aus Prag quer durch Sachsen nach Bayern so zu sichern, dass nirgendwo Fluchtwillige die Züge stoppen
oder entern können.
Mit preußischem Perfektionismus machen sich Polizei- und Stasi-Strategen ans
Werk. Armee-Einheiten und Polizeihundertschaften rücken aus, um Bahnhöfe und
Brücken zu bewachen und um zu verhindern, dass Ausreisewillige die Gleise
blockieren. Diese Vorbereitungen führen
dazu, dass sich die Abfahrt des ersten Sonderzuges in Prag um 22 Stunden verzögert.
Begründung: „technische Probleme“.
Tausende von Flüchtlingen müssen die
Nacht zum Mittwoch bei Eiseskälte im
Freien verbringen. „Der Erich“, meint einer sarkastisch, „lässt uns noch mal frieren.“
zu bringen. Wenige Stunden später ruft
Maxwell zurück. Er erreicht den Außenminister auf einem Empfang für den finnischen Staatspräsidenten.
Dem SED-Chef, richtet der Brite aus,
sei an guten Beziehungen zu Bonn gelegen.
Es werde daher in der Flüchtlingsfrage
„eine Lösung“ geben: Ost-Berlin signalisiert Bereitschaft, auch die Prager Nachrücker mit Sonderzügen nach Westdeutschland ausreisen zu lassen – bis zum
4. Oktober rund 10 000 Menschen.
Dienstag, 3. Oktober 1989
Ost-Berlin
Im „Haus der 1000 Fenster“, wie der Volksmund das SED-Hauptquartier nennt, lässt
Erich Honecker seine 15 Provinzstatthalter
zusammentrommeln. Knapp informiert er
die Ersten Bezirkssekretäre der SED über
die neue Sonderzug-Regelung.
Er eröffnet ihnen, wie er zu verhindern
gedenkt, dass noch weitere Ausreiser nach
J. BELEITES
Mittwoch, 4. Oktober 1989
Dresden
Ausnahmezustand in Dresden. Um Mitternacht sind auf dem Hauptbahnhof 2000
Menschen versammelt. Sie haben von der
Schließung der ∏SSR-Grenze erfahren und
hoffen, noch einen der letzten Züge in
Richtung Prag erwischen zu können.
„Wir wollen raus“, „Wir wollen Freiheit“, schallt es durch die Kuppelhalle. Die
Polizei hält sich zurück – bis der Zeiger der
Bahnhofsuhr auf 0.08 Uhr springt.
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Verzweifelt versuchen 140 Ausreisewillige, einen Zug zu entern, der leer in Richtung ∏SSR anfährt. Im Gedränge wird ein
30-Jähriger unter einen Waggon gedrückt,
der ihm das linke Bein zermalmt. Aus der
erregten Menge fliegen Flaschen auf die
Polizisten.
Punkt 0.30 Uhr meldet der Leiter der
Dresdner Volkspolizei, Generalleutnant
Willy Nyffenegger, an die Stasi, er beginne mit der Räumung des Bahnhofs – kein
leichtes Unterfangen. Erst um 5.20 Uhr sind
die letzten Demonstranten verdrängt.
Der Zugverkehr in Richtung Prag wird
eingestellt, die Bahn knipst den Strom für
die Oberleitungen ab. Uniformierte kontrollieren alle Bahnhofseingänge.
Der Vormittag nach der ersten Krawallnacht beginnt für den Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow, 61, mit RoutineTerminen. In der Technischen Universität
verleiht der populäre Grauschopf verdienten Genossen das Ehrenbanner der Partei.
Und im Japanischen Palais eröffnet er eine
Ausstellung „Schätze Chinas in den Museen der DDR“ – Ruhe vor dem Sturm.
Am Abend wird sich entscheiden, ob die
DDR-Machthaber bereit sind, bis zum
Äußersten zu gehen: dem Einsatz von Panzern gegen die eigene Bevölkerung.
Um 18.55 Uhr erreicht den Dresdner
Stasi-Chef Horst Böhm ein Fernschreiben
aus Berlin: Der erste Flüchtlingszug nach
Hof via Dresden habe Prag um 18.25 Uhr
verlassen, 14 weitere Transporte mit insgesamt 12 000 Menschen würden folgen.
Knapp eine Stunde später erfährt
Modrow vom Dresdner SED-Sicherheitschef Oberst Edmund Geppert, dass sich an
die 8000 Demonstranten vor dem Hauptbahnhof versammelt haben. Geppert: „Die
Kräfte der Volkspolizei reichen nicht aus,
um den Bahnhof frei zu halten.“
In einem Telefonat mit Verkehrsminister
Otto Arndt versucht Modrow zu erreichen,
dass die Flüchtlingszüge auf Nebenstrecken umgeleitet werden. Arndts Antwort ist ernüchternd: „Die letzte Instanz
hat entschieden. Wir beide müssen sehen,
wie wir damit fertig werden.“
Der Bahnhof gleicht mittlerweile einem
Pulverfass. 2500 Demonstranten dringen
in die Kuppelhalle ein. Auf den Vorplatz
drängen 20 000 Menschen – erwartet von
acht Hundertschaften Polizei, die mit
Helm, Schild, Schlagstock und Reizgas-Geschossen ausgerüstet sind.
Um 21 Uhr stürmen die Vopos mit Gebrüll auf die Demonstranten in der Halle
zu, greifen Einzelne heraus und versuchen,
sie aus dem Gebäude zu prügeln. Die Aktion endet im Steinhagel.
Als erster fällt Polizeimeister Uwe Prasatko aus. Mit gebrochenen Mittelfußknochen und Schädelfraktur wird er ins Krankenhaus Dresden-Neustadt transportiert.
Unterdessen lässt die Stasi die ersten
Züge, die aus Prag heranrollen, in Bad
Schandau zwischenstoppen. Mielke be-
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J. MÜLLER-SCHNECK
100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
Polizei-Einsatz im Dresdner Hauptbahnhof am 5. Oktober: „Hbf. nicht mehr arbeitsfähig“
21.25 Uhr – Randalierer werfen mit Steinen
und anderen Gegenständen gegen VP.
21.35 Uhr – Chef BDVP informiert darüber,
dass von Rowdys vor dem Hbf. 1 Funkstreifenwagen der VP umgestürzt wurde
und in Flammen steht.
22.05 Uhr – Rowdys haben den Intershop
im Hbf. gestürmt.
22.26 Uhr – Hbf. nicht mehr arbeitsfähig,
Dispatcher-Zimmer durch Rowdys besetzt.
fiziershochschule Löbau sowie sieben
Kampfgruppen-Hundertschaften „für die
Beherrschung der Lage am Dresdner
Hauptbahnhof zum Einsatz kommen“, dazu
100 Genossen der Militärakademie „Friedrich Engels“.
Doch das Militär bleibt in dieser Nacht in
Bereitschaft. Einzig die Offiziersschüler
marschieren am Hauptbahnhof auf, wo nun
1760 Sicherheitskräfte präsent sind, neben
Kräften der örtlichen Vopo auch eilig herbeigekarrte Kollegen aus Halle.
Mit Wasserwerfern, die DDR-Bürger
bisher nur aus dem Westfernsehen kannten, beginnt um 23.11 Uhr die Räumung
der Kuppelhalle – die wohl gewalttätigste
Phase in der sonst weithin gewaltlosen
Revolution dieses Herbstes nimmt ihren
Lauf.
Mit Tränengas und Schlagstöcken treiben die Vopos die Menschen auf dem Vorplatz auseinander. Wahllos schnappen sich
Greiftrupps Randalierer, friedliche Demonstranten und unbeteiligte Passanten.
Für 224 Menschen endet die Nacht im
Polizeigebäude in der Kurt-Fischer-Allee.
Die Festgenommenen bekommen weder
B. HÜDIG
In der Einsatzleitung löst Panik die Hektik der vergangenen Stunden ab. Polizeichef Nyffenegger verlangt nicht nur den
Einsatz der paramilitärischen
Betriebskampfgruppen, der
Generalleutnant will auch
die in Dresden stationierte
7. Panzerdivision heranrasseln lassen.
Kurz nach 23 Uhr erteilt
Ost-Berlin dem SED-Chef
Modrow die Erlaubnis, Militär
anzufordern. Sofort sollen, so
Verteidigungsminister Heinz
Keßler, je zwei Bataillone der
7. Panzerdivision und der Of- Modrow, Keßler, Mielke: Militär in Bereitschaft
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zu essen noch zu trinken, viele werden
körperlich misshandelt.
Geschürt worden ist die Brutalität der
Uniformierten durch gezielt gestreute
Gerüchte. In den Polizeikasernen kursierte die Legende, in einer Kirche seien Polizisten gelyncht worden, und der Bahnhof
sei schlimmer zerstört als nach der Bombardierung Dresdens im Februar 1945.
Um 1.58 Uhr donnert der erste Flüchtlingszug mit überhöhter Geschwindigkeit
durch den geräumten Bahnhof. Das Lageprotokoll der Stasi vermerkt: „Keine besonderen Vorkommnisse.“
Generalmajor Böhm berichtet nach Berlin, „die eingesetzten Sicherungskräfte“
hätten „aufopferungsvolle, umsichtige und
pflichtbewusste Arbeit“ geleistet.
Noch in der Nacht erfassen Mitarbeiter
der Dresdner SED-Bezirksleitung die Schäden: Zerstört sind im Bahnhof alle Türen
und Schaukästen, sämtliche Fahrkartenautomaten, Leuchtstoffröhren und Uhren, dazu 320 Quadratmeter Glasfläche.
Donnerstag, 5. Oktober 1989
Ost-Berlin
JÜRGENS OST + EUROPA PHOTO
fiehlt seinem Statthalter Böhm, umgehend
den Dresdner Hauptbahnhof samt Vorplatz
freizukämpfen, damit die Flüchtlingszüge
ungehindert einfahren können.
Doch Böhms Leute bekommen die Lage
nicht in den Griff. Nahezu im Minutentakt
laufen in der BDVP, der Bezirksverwaltung
der Deutschen Volkspolizei, Meldungen
über Vorfälle ein, die DDR-Apparatschiks
nie für möglich gehalten hätten:
In der verräucherten Eckkneipe im Prenzlauer Berg, dem berlinischsten aller OstBerliner Stadtbezirke, gibt es nur zwei Themen: die Ausreisewelle und den bevorstehenden DDR-Jahrestag. Viele denken wie
Kalle, Arbeiter in einem VEB-Fuhrbetrieb,
der sein 51-Pfennig-Bier stemmt und einem West-Reporter eröffnet: „Die Zone
iss im Arsch.“
Jeder in der Runde kennt einen, der in
den Westen rübergemacht hat, immer mehr
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A. NOGUES / SYGMA
100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
Mahnwache vor der Gethsemane-Kirche in Ost-Berlin: Bauarbeiter spendieren Würstchen
Arbeitsplätze sind morgens verwaist. Ein
Tresen-Kumpan erzählt von seinem Bruder, der drüben lebt: „Hat schon ’nen
heißgemachten Opel unterm Arsch, hat’n
eigenes Telefon, ehrlich! Da warteste hier
zehn Jahre drauf und auf’n Opel hundert!“
Ein dritter nickt: „Wenn sich bis nächstes
Jahr hier nischt ändert, kratz ich die
Kurve.“
Einige hundert Meter weiter, auf dem
Vorplatz der Gethsemane-Kirche, flackern
dutzende von weißen Altarkerzen. Seit
Montag halten hier junge Leute eine
Mahnwache „für die unschuldig Inhaftierten“ von Leipzig. Ladenbesitzer bringen Tee vorbei, Bauarbeiter spendieren
Würstchen.
Vor Stellwänden mit den jüngsten Resolutionen bilden sich Menschentrauben:
Künstler, vom Puppentheater bis zum Berliner Ensemble, fordern öffentliche Diskussionen über die Ursachen der Ausreisewelle. Selbst in Grundorganisationen der
SED wird der Ruf nach Erneuerung laut.
Während in der Ferne Kettenpanzer
mit aufmontierten Raketen durch die
Straßen rasseln, um für die Militärparade
zum Jubelfest zu proben, beschreibt eine
junge Frau die Stimmung im Osten mit den
Worten: „Man müsste Nierenschalen in
den Straßen aufstellen, so sehr ist uns allen zum Kotzen zumute.“
Im Ost-Berliner Volkspolizei-Präsidium
verfasst unterdessen Oberstleutnant Dott
einen „Informationsbericht“ über die Reaktion der Bevölkerung auf die Schließung
der ∏SSR-Grenze: Viele meinten, nun werde die Lage „noch mehr ,angeheizt‘“.
Schon jetzt herrsche „große Unruhe“:
„Angst vor Ausschreitungen und Zusammenrottungen verbreitet sich.“
„Enttäuschung und Unverständnis“,
schreibt Dott, herrschten, weil in der SEDSpitze „nicht auf brennende, aktuelle Fragen eingegangen“ werde. Kritik übe die
Bevölkerung aber auch an der Presse:
„Man habe den Eindruck, dass die Zeitungen nur für die Partei- und Staatsführung
gemacht würden.“
In Friseursalons und Fleischfabriken
werde offen über „Privilegien von Funktionären der SED und des Staatsapparates diskutiert“ – zum Beispiel darüber,
„dass die Generale schon wieder neue
Pkw französischer Produktion erhalten
hätten“ und dass sie „eine Büchse Ananas
für 1,80 Mark“ kaufen dürften statt, wie
Normalsterbliche, für „12 Mark aufwärts“.
Aus alldem, so der Oberstleutnant, werde
„abgeleitet, dass sich die Partei von den
täglichen Sorgen der Bevölkerung abwende“.
Konsequenz: „Es müsse ein ,Gorbi‘ für
die DDR her.“
Freitag, 6. Oktober 1989
Ost-Berlin
Als die Staatsmaschine mit dem Ehrengast
aus Moskau auf dem Ost-Berliner Flughafen
Schönefeld einschwebt, hat Erich Mielkes
Sicherheitsapparat ganze Arbeit geleistet.
„Zur Spalierbildung“ an Michail Gorbatschows Fahrtroute sind, wie es in einem
vertraulichen MfS-Papier heißt, insgesamt
„360 000 gesellschaftliche Kräfte“ mobilisiert. Potenzielle Unruhestifter hat die
Geheimpolizei im Rahmen einer „Aktion
,Jubiläum 40‘“ aufgesucht: „Es wurden 1238
Vorbeugungsgespräche geführt, in deren
Ergebnis 1218 Personen erklärten, sich gesellschaftsgemäß zu verhalten.“
Der Ostteil der Stadt wimmelt von Einsatzkommandos der Stasi und der FDJ,
die Demonstranten durch Rempeleien
blockieren und vom Festgeschehen fern
halten sollen. Ihre Aufgabe im Amtsdeutsch: „Ununterbrochene Kontrolle der
Inspiratoren/Organisatoren politischer Untergrundtätigkeit und Verhinderung ihres
Eindringens in Handlungsräume.“
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Für den Fall der Fälle sind 1400 Soldaten
„bereitgestellt“, darunter ein Mot.-Schützenbataillon aus Stahnsdorf, eine Fallschirmjägerkompanie aus Lehnin, eine
Hubschrauberstaffel aus Brandenburg und
ein Taucherzug aus Berlin-Rummelsburg.
In Militärlazaretten ist für „zusätzliche
Bettenkapazitäten“ gesorgt.
Auf dem Flughafen begrüßt der aufgekratzt wirkende Rekonvaleszent Honecker
(„Totgesagte leben länger“) den Gast aus
Moskau mit dem traditionellen Bruderkuss. Bevor Gorbatschow samt Gattin Raissa die tonnenschwere schwarze SIL-Limousine besteigt, spricht er Journalisten
gegenüber ein großes Wort gelassen aus:
„Gefahren warten nur auf jene, die nicht
auf das Leben reagieren.“
In einer schnittigeren Version – „Wer zu
spät kommt, den bestraft das Leben“ – soll
der Satz zum Leitmotiv des Herbstes ’89
werden.
Abends, bei der zentralen Feier im Palast der Republik, verzichtet Festredner
Gorbatschow auf offene Ermahnungen zu
Glasnost und Perestroika. Die SED, fordert
er, müsse selber „Antworten auf die Fragen
finden, die ihre Bürger bewegen“. Und:
Die Probleme der DDR würden „nicht in
Moskau, sondern in Berlin“ entschieden
(siehe Analyse Seite 92).
Der Unmut darüber, für die Politik der
Ost-Berliner Reformfeinde vereinnahmt zu
werden, ist dem Sowjet-Chef anzumerken.
In verspannter Haltung, auf der äußersten
Kante seines Sessels balancierend, lässt er
eine endlose Eigenlobrede Honeckers über
sich ergehen.
Unter den Linden nimmt Gorbatschow
abends, gemeinsam mit den anderen
Größen der kommunistischen Weltbewegung, einen Fackelzug von 70 000 FDJ-Mitgliedern ab. Die Blauhemden, zusammengeholt aus der ganzen Republik, johlen absurde Parolen wie „Hasta la vista, cha, cha,
cha“ – und dazwischen immer wieder
„Gorbi, Gorbi“ und „Gorbi, hilf uns“.
Auf der Ehrentribüne fragt der sprachkundige polnische Parteichef Mieczyslaw
Rakowski seinen Kollegen: „Michail Sergejewitsch, verstehen Sie, was für Losungen die da schreien?“ Gorbatschow
nickt, dennoch dolmetscht Rakowski:
„Sie fordern: ,Gorbatschow, rette uns!‘
Das ist doch das Aktiv der Partei! Das ist
das Ende!“
Dass die Menge nicht „Erich, Erich“ jubelt, verdrießt Honecker ebenso wie seine
Frau Margot. Zwei Tage später wird der
Generalsekretär seinen einstigen Ziehsohn
Egon Krenz, den Organisator der Festivität, persönlich für die Panne verantwortlich machen: „Du hast gemeinsam mit
dem Zentralrat die FDJ-Mitglieder im Sinn
Gorbatschows manipuliert.“
Nach dem Ende des Fackelzuges verlässt das Ehepaar Honecker wutentbrannt
die sowjetischen Gäste – während Michail
Sergejewitsch weiter gut gelaunt herum73
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100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
Vor der SED-Spitze variiert Gorbatschow immer wieder seine Mahnung vom
Vortag: „Wenn wir zurückbleiben, bestraft
uns das Leben sofort“; „wenn die Partei
nicht auf das Leben reagiert, ist sie verurteilt“; „wir haben nur eine Wahl – entschieden voranzugehen, sonst werden wir
vom Leben selbst geschlagen.“
Unverblümt spricht er die Hoffnung aus,
dass es bald zu einer „Wende in der Entwicklung des Landes“ kommen werde.
Honecker antwortet mit hölzernen Worten
– und erweckt den Eindruck, dass er nichts
begriffen hat.
Der Generalsekretär flüchtet sich in
Floskeln wie „Vorwärts immer, rückwärts
nimmer“ und lobt in höchsten Tönen die
zweifelhaften Errungenschaften der DDRWirtschaft. Als er am Ende ist, schweigt
die Runde. Auch von Männern wie Egon
plaudert und Raissa mit dem bestaussehenden Mann flirtet, den die FDJ zu ihrer
Betreuung aufbieten konnte.
Punkt 10 Uhr tönen die elektronisch verstärkten Glockenschläge vom Turm des
Roten Rathauses zur Karl-Marx-Allee
herüber. Sie läuten die „Ehrenparade“ zum
Republik-Geburtstag ein: Eine gute Stunde lang präsentiert sich Honeckers Scheinwelt noch einmal in bester Ordnung.
Jede Szene sitzt, und alle spielen mit.
Auf der Ehrentribüne zwischen dem Kino
„International“ und dem „Alex“ geben
sich, rechts von Honecker, die sozialistischen Brüder ein Stelldichein – von Gorbatschow bis Ceau≠escu und Arafat sind
alle zur Stelle.
Bevor der DDR-Staatschef die Hand
zum Paradegruß an den grauen Hut führt,
inspiziert er zufrieden den linken Flügel:
Auch die Altherrenriege des Politbüros ist
vollständig angetreten. In der Mitte thront
Gattin Margot, die ihre graublaue Dauerwelle zur Feier des Tages mit einem kecken
Tüchlein verziert hat, passend zum PflichtFahnenschmuck der Plattenbauten vis-àvis. Mit preußischer Akkuratesse sind, von
Stockwerk zu Stockwerk im Wechsel, rote
Fahnen und DDR-Flaggen drapiert.
Beim zehnten Glockenschlag schließlich
beginnt die grosse Show der NVA. Stechschrittgetöse, Marschmusik und Motorenlärm donnern durch die Allee. Jede der 20
Paradeeinheiten wird von der Tribünenprominenz eifrig beklatscht, während unten bestellte Jubler mit „festivalistischen
Winkelementen“ wedeln.
Gegen Mittag, als sich die Tribüne geleert und die Abgaswolke der Schützenpanzer und Schwertransporter verzogen
hat, weht über den „Alex“ der Duft von
Grillfleisch und Soljanka – die Geburtstagsparty fürs Volk ist gerichtet.
Während die Festbesucher Thüringer
Bratwürste und Rippchen verzehren, geht es
acht Kilometer weiter, im Schloss Niederschönhausen, für Honecker buchstäblich um
die Wurst. In kleinstem Kreis wirft Gorbatschow ihm vor, die wahren Bedürfnisse des
Volkes zu verkennen: „Viel Wurst und viel
Brot“ seien „noch nicht alles“ – die Menschen verlangten heutzutage auch „eine
neue Atmosphäre, mehr Sauerstoff, einen
neuen Atem“. Honecker reagiert pikiert.
Bei seinem jüngsten Besuch im sowjetischen
Magnitogorsk, brüskiert er den Kreml-Chef,
habe es in den Läden sogar an Mehl, Seife,
Salz und Streichhölzern gefehlt.
Gorbatschow hat bei soviel Arroganz
und Starrsinn das Gefühl, „Erbsen an die
Wand“ zu werfen. Nach dem peinlichen
Dialog treten die beiden vor das versammelte Politbüro, von dem der Gast mehr
Reformbereitschaft erwartet.
AP
Sonnabend, 7. Oktober 1989
Ost-Berlin
hen. Als der Sänger einer Volksmusikkapelle das Lied „Ach bleib doch hier und geh
nicht fort“ anstimmt, lässt die Brisanz des
Textes die Feiernden aufhorchen.
Kurz vor 17 Uhr entlädt sich die Spannung. Nahe der Weltzeituhr haben sich –
wie an jedem 7. der vergangenen Monate –
einige hundert Jugendliche versammelt. Um
an den Kommunalwahlbetrug vom 7. Mai
zu erinnern, wollen sie „auf die Wahlen
pfeifen“. Plötzlich, während aus den Lautsprechern Schlagermusik quillt („Tanze
Samba mit mir …“), eine Festnahme: Stasi-Leute schleifen einen blassen Jugendlichen an den Haaren davon. Pfiffe, Buhrufe, Sprechchöre: „Freiheit, Freiheit, Freiheit“. Ein ARD-Team, obwohl von Remplern in Zivil bedrängt, filmt die Szene.
„Das Unfassbare“, urteilt später der Historiker Stefan Wolle, „war Wirklichkeit ge-
Militärparade in Ost-Berlin: Bestellte Jubler wedeln mit „festivalistischen Winkelementen“
Krenz und Günter Schabowski kommt kein
einziges Wort der Kritik an Honecker.
Gorbatschow schaut still den Tisch rauf
und runter, ungläubig, wendet sich zu seinem Nachbarn und sagt nichts weiter als:
„Tsss!“ Ein letzter Blick in die stummen
Gesichter des Politbüros, dann steht der
Gast abrupt auf und geht.
Zehn Jahre später wird der Zauderer
Krenz in seinen Memoiren über diesen Tag
selbstkritisch anmerken: „Wir verpassen
die Möglichkeit, uns gegenseitig offen und
ehrlich über die tatsächliche Lage in unseren Ländern zu informieren.“ Schabowski
wird im Nachhinein urteilen: „Wir waren
Arschlöcher, da hätten wir putschen müssen, unter seinen Augen.“
Über dem Volksfest am „Alex“ lastet unterdessen ein bei früheren Republik-Geburtstagen nie gekannter Druck. Hunderte
von Dreiergrüppchen in Lederjacke oder
Dederon-Joppe observieren das Gesched e r
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worden: eine staatsfeindliche Demonstration mitten im Zentrum der sozialistischen
Hauptstadt, und noch dazu am 40. Jahrestag der Republik“.
In seiner Befehlszentrale im nahen
„Haus des Lehrers“ schreckt der dortige
Einsatzleiter, Generalleutnant Wolfgang
Schwanitz, davor zurück, den Alexanderplatz räumen zu lassen. Er will keine
Straßenschlacht riskieren. Denn zur selben
Zeit zelebriert die SED-Spitze im „Palast
der Republik“, nur wenige hundert Meter
entfernt, den offiziellen Gala-Empfang für
die Staatsgäste. Eben dorthin jedoch, zum
hell erleuchteten Glashaus der Regierenden, das die Berliner Schnauze „Erichs
Lampenladen“ nennt, setzen sich um 17.20
Uhr die Jugendlichen in Bewegung.
Die Vopo-Führung sieht abermals keine
Chance zum Eingreifen. Untätig beobachten die grün und blau Uniformierten am
Straßenrand, wie Protestierer ihr Ostgeld,
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100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
Noch lange nach Mitternacht hallen das
Klatschen der Knüppel und die Schreie der
Geschundenen durch die Straßen. Einem
14-jährigen Mädchen schlagen Uniformierte auf die Hände, nur weil es eine Kerze
hält. Polizisten treten Wohnungstüren ein,
hinter denen sie Flüchtige vermuten. Drei
Schlägertypen zugleich stürzen sich auf einen älteren Mann und lassen seinen Schädel immer wieder auf das Pflaster knallen.
Beteiligte wie Unbeteiligte, Namenlose
wie Prominente werden Opfer der PrügelOrgie. Krankenhausreif geschlagen wird die
DDR-Fotoreporterin Nina Rücker, 27. Deren Mutter, die Künstlerin Vera Oelschlägel, Ex-Frau des früheren SED-Bezirkschefs
Konrad Naumann, erstattet Strafanzeige gegen die Urheber der „sinnlosen Brutalität“.
Schläge und Schimpfworte („Drecksack“) treffen selbst den Ost-Berliner Professor Heinrich Fink, als der seiner bedrängten Tochter Rahel („Hilfe, Vater, Vater“) beispringt. Fink beschwert sich noch
in derselben Nacht bei einem Stasi-Major,
er sei „ungerecht behandelt“ worden.
Der Professor, heißt es in einem MfSSchriftsatz, „verwies auf seine Kleidung und
brachte zum Ausdruck, dass er doch ,kein
Drecksack‘ sei“. Außerdem habe er beteuert: „Ich arbeite doch auch für euch.“*
Im Laufe dieser Nacht werden allein
in Berlin 1047 Bürger festgenommen.
Anschließend, in Gefängnissen und anderen
„Zuführungspunkten“, sind sie teils 24
Stunden und länger Misshandlungen ausgesetzt. Viele müssen bei Kälte und Nieselregen im Freien oder in unbeheizten Kellern
und Garagen ausharren, manche nackt, mit
Honecker (M.), Gäste beim Gala-Empfang im Palast der Republik: „Friede sei im Lande“
dem Gesicht zur Wand.
Andere werden daran geDer Demonstrationszug, inzwischen abhindert, ihre Notdurft zu
gedreht in Richtung Prenzlauer Berg und
verrichten, und mit Knüpangeschwollen auf 7000 Menschen, entpelhieben zu Kniebeugen
wickelt „eine starke Sogwirkung auf bis
oder in die so genannte
dahin Unbeteiligte“, heißt es im EinsatzFliegerstellung gezwungen
Tagebuch. Originalton Vopo:
– zum Teil so lange, bis sie
Die lautstarken Sprechchöre zur Idealiauf dem eiskalten Betonsierung der Person des Genossen Gorbaboden zusammenbrechen.
tschow, die Rufe nach Freiheit und DemoIm Gefängnis Rummelskratie, die Verunglimpfung der Angehöriburg werden die Festgegen des MfS und nicht zuletzt die Auffornommenen Protokollen
derung an alle, auf die Straße zu kommen,
zufolge von „Schäferhunverfehlten ihre Wirkung nicht.
den ohne Beißkorb“ bedroht und von hasserUnterdessen verabschiedet sich Gorba- Polizeigewalt gegen Demonstranten: „Sinnlose Brutalität“
füllten Bewachern betschow im Bankettsaal von Honecker; die
Atmosphäre ist frostig. Als die sowjetische der Wende, in einem amtlichen Untersu- schimpft: „Diese Schweine“, „Alle an die
Wand stellen“. Die Opfer sind zu „über 90
Delegation den Palast der Republik ver- chungsbericht so lesen:
Prozent … Unbeteiligte bzw. unberechtigt
lässt, spricht Egon Krenz den Moskauer
Deutschlandexperten und Ex-Botschafter Mit unglaublicher Härte werden einzelne Zugeführte“, wird später eine UntersuWalentin Falin an.
Demonstranten wie wahllos aus der Men- chung ergeben – darunter eine KindergärtKrenz: „Ihrer hat alles gesagt, was ge- ge herausgegriffen und von bis zu acht zi- nerin, eine Ministeriumsangestellte und ein
sagt werden musste. Unserer hat nichts be- vilen MfS-Angehörigen zusammengeschla- Major der Volksarmee. Einigen der Festgriffen.“
gen … Volkspolizisten und MfS-Mitarbeiter
Falin: „Der sowjetische Gast hat mehr prügeln viele der Festgenommenen auf die * Der Hochschullehrer, den das MfS von 1969 an als IM
gesagt und getan, als man von einem Gast Transportfahrzeuge, obwohl keine Gegen- „Heiner“ führte, wurde 1991 wegen seiner Arbeit für die
erwarten kann. Alles Weitere hängt von wehr erfolgt. Bevorzugt richtet sich die Bru- Stasi vom Berliner Senat fristlos entlassen. In einer im
Sommer aufgetauchten „Übersicht IM-Bestand“
Ihnen ab.“
talität gegen Frauen, um männliche De- letzten
ist Fink als hochrangiger Informant der für Repression
Nachdem Gorbatschow zum Flughafen monstranten zum gewaltsamen Handeln und Kontrolle der Kirchen zuständigen MfS-Hauptabaufgebrochen ist, gibt Mielke den Sicher- gegen die Sicherheitskräfte zu provozieren. teilung XX/4 verzeichnet (SPIEGEL 24/1999).
heitskräften Befehl zum Zuschlagen: „Jetzt
ist Schluss mit dem Humanismus.“
Im Schutz der Dunkelheit knüppeln Polizei und Stasi auf Demonstranten ein, die
„Keine Gewalt!“ schreien. Zu ähnlichen
Übergriffen kommt es am selben Abend
auch in Leipzig, Plauen, Karl-Marx-Stadt,
Magdeburg, Potsdam, Suhl, Jena, Erfurt,
Halle, Arnstadt und Ilmenau.
Im Prenzlauer Berg in Ost-Berlin, Ziel
des Demonstrationszuges vom „Alex“, riegeln Polizeiketten gegen 21 Uhr die Umgebung der Gethsemane-Kirche hermetisch
ab; nur Krankenwagen dürfen passieren.
Was sodann, unter der Regie von StasiOffizieren, geschieht, wird sich später, nach
BUNDESARCHIV
die verhassten Alu-Chips, demonstrativ auf
die Straße werfen, sich den Mund mit Pflaster verkleben oder rufen: „Das Volk sind
wir, und wir sind Millionen.“
Um 17.30 Uhr besetzt die Menge, mittlerweile rund 3000 Menschen, das Spreeufer und brüllt, über den Fluss hinweg, zu
den Fenstern des „Palastes“ empor: „Gorbi, wir kommen, Gorbi, hilf uns.“ Im Festsaal, wo der Leipziger Thomanerchor
„Friede sei im Lande“ angestimmt hat,
lässt Erich Mielke sein Sektglas stehen. Der
Stasi-Chef eilt auf die Straße, um das Unerhörte aus der Nähe zu beobachten. Um
17.50 Uhr meldet der Polizeifunk: „Der
Genosse Minister führt persönlich.“
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ARIS
SPIEGEL TV
100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
Stasi-Geruchskonserven, Stasi-Opfer Susanne Boeden: Duftproben für den Schnüffelstaat
gehaltenen wird eine erkennungsdienstliche Behandlung besonderer Art zugemutet. Die Schwestern Susanne und Marianne Boeden, 21 und 12 Jahre jung, haben
zum Jahrestag einen selbst verfassten
Aufruf gegen die „greise, starre Regierung“
verteilt. Beide müssen sich, nach endlosen
Verhören, in der Volkspolizei-Inspektion
Prenzlauer Berg minutenlang einen Stoffstreifen zwischen die nackten Schenkel
klemmen. Erst später wird publik, welchem Zweck die absonderliche Prozedur
dient.
Laut einem Geheimbefehl müssen Stasi
und Vopo bei „schweren Straftaten“ und
„politisch und operativ bedeutsamen Sachverhalten“ von Verdächtigen „Geruchskonserven“ sichern, beispielsweise „Unterwäsche, Taschentücher und Ähnliches“.
Die Duftproben sollen Polizeihunde in die
Lage versetzen, Täter zu identifizieren oder
entlaufene Häftlinge zu verfolgen.
In versteckt gelegenen Depots hortet der
Schnüffelstaat Einweckgläser mit aberhunderten von Geruchsproben. Auf den
Etiketten sind, neben der DDR-Personenkennzahl, nur Stichworte oder Stasi-Kürzel
verzeichnet. Zum Beispiel: „Prof. K., Achselprobe“, „Prähofer, Janek, öffentliche
Herabwürdigung“, „Günter Kruse, operative Personenkontrolle, Boykott, Stuhlprobe“ oder „Lindemann, Verdacht der pazifistischen Losungen“.
zuvor die SPD im Westen oder die SED im
Osten um Erlaubnis gefragt zu haben –
eine „Sozialdemokratische Partei in der
DDR“ (SDP) aus der Taufe heben.
Aus Sicht der Honecker-Partei grenzt
das Vorhaben an Hochverrat. Eine Wiederbelebung der 1946 mit der KPD zwangsvereinigten Sozialdemokratie, deren treuste Anhänger in Lagern und Zuchthäusern
gequält und ermordet wurden, droht die
vielbeschworene „Einheit der Arbeiterklasse“ zu sprengen und das Machtmonopol der SED zum Einsturz zu bringen.
Meckel und seine Mitverschwörer haben schon am Vorabend ihre Wohnungen
verlassen, um zu verhindern, dass die
Stasi ihnen zum Treffpunkt folgt. Als die
Geheimpolizisten sie im Morgengrauen
zu Hause abfangen wollen, sind die Parteigründer längst ausgeflogen. Verärgert
merken die Beschatter, dass sie ausgetrickst
worden sind. „12 Personen konnten wegen Abwesenheit nicht unter Beobachtung genommen werden“, melden sie.
Natürlich hat die Stasi im SDP-Gründerkreis einen Spitzel platziert. Doch der
Koch und Friedhofsgärtner, Historiker und
Sägewerksarbeiter, Dramaturg und Nachhilfelehrer Manfred Böhme, 44, ist von den
Initiatoren nicht vollständig eingeweiht
worden (siehe Porträt Seite 90).
Die schillernde Figur, die sich selber den
Vornamen Ibrahim zugelegt hat und von
der Stasi als IM „Maximilian“ geführt
wird, konnte ihrem Führungsoffizier lediglich Teilnehmerkreis und Termin der
Gründungsversammlung verraten – den
Ort des Treffens erfuhr Böhme selbst erst
wenige Stunden vor Beginn.
Nervös rauchend verfolgt der Mann in
der hellen Sportjacke die Gründungsregularien. Geschickt hat sich der eloquente
Hobbyphilosoph Böhme in den letzten
Monaten an die so genannte Sofarunde um
den Kirchenmann Stephan Hilsberg herandisputiert. Im Juli, als in dem Christenzirkel die SDP-Idee reifte, wurde Böhme
sogar eines von nur drei Exemplaren des
Statuten-Entwurfs anvertraut – es landete
prompt bei der Stasi.
Während die Schwanter kannenweise
Tee trinken und ihre Strategie diskutieren,
filmt der Berliner Fotograf Aram Radomski das historische Treffen. Das Video soll
dem Westfernsehen zugespielt werden.
Böhme bietet dem Kameramann an, die
Kassette an sich zu nehmen und „vorläufig“ auf sie aufzupassen. Doch Radomski
lehnt ab und bringt das Videoband selbst
nach Berlin. Anderntags flimmern die Bilder von der „SDP-Gründung“ im ARD„Brennpunkt“ über Millionen von Bildschirmen in Ost und West. Ibrahim Böhme
hat es nicht verhindern können.
Im Jahr darauf – IM „Maximilian“ ist
längst zum Vorsitzenden der Ost-SPD
aufgerückt – wird Böhme im Genossenkreis immer wieder scheinheilig das
„Wunder von Schwante“ beschwören:
Wie listig man doch damals die Stasi abgeschüttelt habe.
Dass der Spitzenmann der Ost-SPD
selbst einer von der „Firma“ war, kommt
erst im Frühjahr 1990 heraus. Gut zwei Jahre später wird IM „Maximilian“ aus der
SPD ausgeschlossen.
Jochen Bölsche;
Petra Bornhöft, Norbert F. Pötzl,
Irina Repke, Cordt Schnibben,
Andreas Wassermann, Peter Wensierski
Kurz nach Mitternacht treffen sich am Ufer
der Spree, nahe der Warschauer Brücke im
Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain, zwei
Pastoren zu illegalem Tun.
Markus Meckel, 37, rauschebärtiger Kirchenmann aus Niederndodeleben bei Magdeburg, steigt in den Trabi seines gleichaltrigen Amtsbruders Martin Gutzeit. Der
Kofferraum ist vollgestopft mit einem Uralt-Computer samt Nadeldrucker sowie
mit Bockwürsten, Schrippen und Käse.
Am Fahrtziel, einem schlichten Gemeindesaal im brandenburgischen Dorf
Schwante, müssen gut 40 Verschwörer
beköstigt werden. In dem gelb getünchten
Kirchenraum, geschmückt nur mit ein paar
Kinderzeichnungen, will die Runde – ohne
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S. SCHEFKE / A. RADOMSKI
Schwante
SDP-Gründer Meckel (M.) in Schwante: Video fürs Westfernsehen
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100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
PORTRÄT
»Wir sind doch alle
irgendwie beschädigt«
AP
SPD-Politiker Manfred („Ibrahim“) Böhme –
ein Verräter in der Pose des Retters
SPD-Spitzenkandidat Böhme im Wahlkampfjahr 1990*: Meister der Camouflage
B
ei den ersten freien Volkskammerwahlen im März 199o treten die in
der DDR wiedergegründeten Sozialdemokraten mit einem Spitzenkandidaten
der besonderen Art an. Der Bewerber heißt
Ibrahim Böhme – ein ziemlich ungewöhnlicher Mann.
Dessen Vergangenheit liegt so weit im
Dunkeln, dass er nicht mal seine Herkunft
exakt zu bestimmen vermag, doch das
schadet ihm kaum. Der nach eigenen Angaben „45-jährige, in der Nähe von Leipzig“ geborene Pädagoge, der immer ein
90
bisschen fahrig im schnieken Nadelstreifen-Anzug durch die aufgewühlte Politszene wuselt, avanciert zum Medienstar.
Verständlich ist das schon deshalb, weil
der Handküsse verteilende Newcomer
nach den Umfragen die besten Chancen
besitzt, Regierungschef zu werden, aber er
macht auch darüber hinaus von sich reden. Das mutmaßliche Waisenkind offenbart sich der staunenden Welt als die personifizierte Lauterkeit.
* Mit dem SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt.
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In Ibrahim (eigentlich Manfred Otto)
Böhme scheinen sich jene Tugenden zu
versammeln, die in der damals noch souveränen Wende-Republik die gerühmten
Runden Tische beflügeln. Als deren hervorstechendstes Merkmal gibt sich ein bei
manchen Einschüben von Naivität eindrucksvoller neuer und vor allem unverbildeter Politikstil zu erkennen.
Und keiner beherrscht den auf die gleiche Weise galant wie der Vorsitzende der
Ost-SPD. In dieser Eigenschaft scheint es
ihm ein leichtes zu sein, etwa mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand zu konferieren. Er hält es aber auch
für selbstverständlich, in seinem Berliner
Kiez am Prenzlauer Berg den gebrechlichen alten Damen die Kohlen aus dem Keller zu schleppen.
Kann es da verwundern, wenn die nach
farbigen Lebensgeschichten gierende Journaille an dem liebenswürdigen und lediglich in einigen Statements etwas skurril anmutenden schmächtigen Charmeur Gefallen findet? Stellvertretend für eine durchgehend positive Presse begeistert sich die
Hamburger „Zeit“ an seinem „Grundvertrauen zu den Menschen“.
Dass sich die Traumstory des Ibrahim
Böhme dennoch nicht erfüllt, binnen kurzem vom Nobody zum ersten aus freien
Wahlen hervorgehenden DDR-Premier aufzusteigen, hat zunächst einmal weniger mit
ihm zu tun. Am 18. März geben die Ostler
einer von Helmut Kohl geförderten konservativen „Allianz für Deutschland“, die
die schnelle D-Mark verspricht, den Vorzug.
Aber schon eine Woche danach scheitert
der überraschend deutlich geschlagene
Kandidat auch aus anderen Gründen. Der
SPIEGEL entlarvt den selbst von Willy
Brandt umworbenen netten Sozi, der in
der Schlussphase des SED-Regimes kellnerte oder Friedhöfe pflegte, als Top-Quelle der Stasi. Unter den Decknamen „Paul
Bonkarz“, „Dr. Rohloff“ oder „Maximilian“ arbeitete er jahrelang der berüchtigten
„Firma“ zu.
Mit welcher Perfidie der Staatssicherheitsapparat des Erich Mielke die realsozialistische Gesellschaft durchsetzte, lässt
sich zu diesem Zeitpunkt erst in Umrissen
erkennen – und der Fall erscheint denn
doch zu ungeheuerlich, als dass ihn das
Gros der DDR-Bürger wahrhaben möchte.
Hatte Böhme, ein engagierter Förderer
etwa der Ost-Berliner „Initiative für Frieden und Menschenrechte“, nicht selbst
gehörig gelitten und zunehmend Risiken
auf sich genommen?
Tatsächlich kann ihm niemand bestreiten, dass er an vorderster Front zu jenen 43
Männern und Frauen zählte, die am Abend
des 7. Oktober 1989 im Pfarrhaus eines
Dorfes namens Schwante eine praktisch
an Konterrevolution grenzende historische
Zäsur wagten: Sie gründeten die am Anfang unter dem Kürzel SDP antretende Sozialdemokratische Partei.
Und so einer sollte sich gleichzeitig dem
MfS, dem stabilsten Stützpfeiler der SEDDiktatur, verschrieben haben? Trotz erdrückender Belege halten nicht nur die
Bonner Spitzengenossen ihrem heftig leugnenden neuen Freund unbeirrbar die Stange: Auf dem gesamtdeutschen SPD-Konvent im September 1990 hieven ihn die
trotzigen Delegierten gar in den Vorstand,
und erst danach wird er klammheimlich
aus dem Verkehr gezogen.
Der IM, der sich im Laufe seiner Tätigkeit den Vornamen Ibrahim zulegt, steht
Als es nichts mehr zu
leugnen gibt, wirkt der
Liebhaber russischer
Literatur, als entstamme
er selbst einem Roman.
ULLSTEIN BILDERDIENST
wie kaum ein zweiter für jenen Typus von
Spitzeln, deren Janusköpfigkeit den Ermittlern Rätsel aufgibt. Er ist Täter und
Opfer in einem – unter den Schnüfflern
und Denunzianten eine ziemlich niederträchtige Figur, die sich andererseits aber
keinesfalls nur zum Schein mit den Bürgerrechtlern verbindet.
Dass der Adoptivsohn eines gewissen
Kurt Böhme (dessen Bruder zuweilen das
Amt des Hochschulministers bekleidete)
schwierige Kindheitsjahre in Heimen und
Internaten verbrachte, darf wohl als erwiesen gelten. Nach Abschluss der mittleren Reife tritt der hochintelligente, gelernte Maurer, der in Abendkursen das
Abitur besteht und sich per Fernstudium
zum Lehrer weiterbildet, früh der Einheitspartei bei.
Die SED soll ihm Halt und ein Zuhause geben; freilich mit seiner Begeisterung
für den Systemkritiker Robert Havemann
beginnt er sie derart zu nerven, dass er
bald die Anstellung verliert. Ibrahim Böhme zieht sich in die thüringische Provinz
Ex-Politiker Böhme 1995
Rückzug ins Schweigen
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zurück, wo er in der Kreisstadt Greiz
den Job eines Hilfsbibliothekars versieht
und die Partei schließlich verlässt, als der
Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert wird.
Doch womöglich dient schon dieser
Schritt, der ihm in Kreisen Oppositioneller
beträchtliche Glaubwürdigkeit verschafft,
eher der Verschleierung. Bereits im November 1968 – in einer Zeit, in der der angeblich unbotmäßige Genosse noch den
zerschlagenen Prager Frühling betrauert –
legt die Stasi-Zentrale eine erste Karteikarte an: Der junge IM hat sich vor allem
in das Vertrauen des missliebigen Schriftstellers Reiner Kunze eingeschlichen und
liefert detaillierte Berichte ab.
Dem belesenen Böhme kommt dabei zustatten, dass er auf Gesprächspartner nicht
nur seiner reflektorischen Brillanz wegen
enorme Anziehungskraft ausübt. Er kann
Menschen umhegen und setzt sich in zahlreichen Fällen selbst dann für sie ein, wenn
ihm erkennbar keinerlei Vorteile daraus
erwachsen.
Nach seiner Enttarnung läuft als einer
von vielen Erklärungsversuchen die Deutung um, der bis zuletzt überzeugte Anhänger einer eigenständigen sozialistischen
DDR sei dem Größenwahn verfallen gewesen. Er habe sich in die Rolle eines kleinen Gorbatschow hineinphantasiert, der
es allen Ernstes für möglich hielt, das auch
ihm suspekte Regime von innen heraus
aufzubrechen, indem er teilweise mit ihm
paktierte.
Der Verräter in der Pose des Retters,
dem es leider nicht erspart bleibt, um des
hehren Zieles willen persönliche Schuld
auf sich zu laden? Böhme vermeidet zwar
sorgfältig, Motive und Antriebe in klare
Sätze zu fassen – aber derart in einer Wolke von Tragik in die Annalen der jüngeren
deutschen Geschichte einzugehen, entspricht am ehesten seinem schillernden
Selbstbild.
Denn, nicht wahr, „wir sind doch alle irgendwie beschädigt“, raunt der Wahlkämpfer, als er für die SPD noch den rundum geschätzten Hoffnungsträger mimt. So
erteilt sich ein widerspruchsvoller Geist,
dessen gespaltenes und bis zur doppelten
Identität ausuferndes Wesen von Anfang
an auf Legendenbildung setzt, Generalabsolution.
Gelegentlich und insbesondere, nachdem es nichts mehr zu leugnen gibt, wirkt
der Liebhaber russischer Literatur, als entstamme er selbst einem Roman. Eine Zeitlang klammert sich der Meister der Camouflage an eine aus Realität und Fiktion
zusammengerührte Form von höherer
Wahrheit, um dann vollends ins Schweigen
zu versinken.
Seit Jahren lebt Böhme, der von seinen
Opfern weitgehend unbehelligt blieb, im
alten (Ost-)Berliner Ambiente. Er hat Probleme mit dem Herzen – und vermutlich
mit der Seele.
Hans-Joachim Noack
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100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
»Ein Marschall
auf meinem Sessel«
Wie Meistertaktiker Michail Gorbatschow
in Moskau die Wiedervereinigung durchsetzte
D
ie Hitler kommen und gehen, das
deutsche Volk aber, der deutsche
Staat aber – bleibt.“ Mit diesem
Stalin-Zitat von 1942 belehrte ein Tankwart auf der Autobahn bei Mannheim im
Mai 1975 einen russischen Reisenden. Und
er fügte hinzu: „Aber Stalin teilte den
deutschen Staat.“
Die Begegnung brachte den noch unbekannten Provinzsekretär Michail Gorbatschow, wie er später dem SPIEGEL erzählte, „zum Nachdenken“. Seinem Dolmetscher Wiktor Rykin sagte er damals
voraus, der Tag der deutschen Vereinigung
werde kommen, die Mauer in Berlin sei
„völlig absurd“.
Während die sowjetischen Parteichefs
Chruschtschow und Breschnew im Krieg
als Polit-Kommissare gegen die deutschen
Invasoren gekämpft hatten, erlebte Gorbatschow als Kind die deutschen Besatzer,
die sich in seiner Heimat, dem KaukasusVorland, vergleichsweise anständig aufführten. In der Schule lernte er von seiner
deutschen Lehrerin die Sprache des
„Schicksalsvolks“ der Russen (so ExBotschafter Walentin Falin).
Auf dem Weg an die Spitze und dann
selbst im Amt des Generalsekretärs musste
Gorbatschow permanent Rücksicht nehmen auf die feste Überzeugung der meisten
Führungsgenossen, die deutsche Frage sei
abgehakt, die DDR eine verdiente Kriegsbeute, ihre Preisgabe ausgeschlossen.
Doch schon sieben Monate vor Gorbatschows Machtantritt, im August 1984,
konnte der SPIEGEL eine Information aus
Moskau veröffentlichen, dort wolle eine
Politbüro-Fraktion mit dem noch immer
kaum bekannten Gorbatschow die Wiedervereinigung ermöglichen (Heft 33/1984).
Und 1986 war der neue Außenminister
Eduard Schewardnadse mit seinem Chef
Gorbatschow „einer Meinung“: Es sei
„nicht hinzunehmen, dass dieses deutsche
Volk weiterhin zerrissen“ ist.
Im Jahr darauf nannte ZK-Konsultant
Nikolai Portugalow öffentlich die Ost- wie
die Westdeutschen einer Nation zugehörig,
und Gorbatschow brach ein Tabu: Nach einem Vierteljahrhundert völliger Immobilität erklärte ein Kreml-Herr dem BundesEhepaar Gorbatschow, Kohl*
Spuren verwischt, Gesicht gewahrt
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präsidenten Richard von Weizsäcker gegenüber, die deutsche Frage sei offen. Ein
Plädoyer Weizsäckers für die Einheit strich
sein Gastgeber Andrej Gromyko, der
führende Hardliner, aus der Publikation in
der „Iswestija“. Gorbatschow setzte die
Veröffentlichung im Nachhinein durch.
Den Kreml-Konservativen und ihrem
Genossen Erich Honecker versicherte ein
vorsichtiger Gorbatschow, er werde alles
tun, um die DDR „als unabhängigen Staat
zu stärken und zu entwickeln“. Dem reformunfähigen ostdeutschen Staatswesen
baute er damit die Falle – es musste sich
fortan selbst helfen. 1988 proklamierte der
Russe vor seinem ZK wie vor der Uno die
„Freiheit der Wahl“ des gesellschaftlichen
* Im Juli 1990 im Kaukasus.
GAMMA / STUDIO X
ANALYSE
Systems für jedes Land, Kapitalismus und
Demokratie inklusive.
Jeden Eingriff in die inneren Angelegenheiten eines Bruderlandes, speziell einen
militärischen Einsatz, schloss Gorbatschow
aus. Das hieß, dass auch die DDR mit sowjetischer Panzerhilfe – ihrer Lebensgrundlage – nicht mehr rechnen konnte.
Der Schewardnadse-Berater Wjatscheslaw Daschtschischew erklärte öffentlich
die Mauer zum Hindernis auf dem Weg zur
Entspannung. Das Fernziel vor Augen, die
„widersinnige Teilung Europas in Militärblöcke“ zu beenden, antwortete Gorbatschow 1988 auf die SPIEGEL-Frage, ob es
im europäischen Haus eine offene BerlinTür geben werde: „Ohne sie wäre die Architektur des Hauses nicht vollkommen.“
In jenem letzten Jahr vor der Wende
empfahl eine westdeutsche Industriellengruppe dem Kremlherrn, mit Washington
über einen Wiedervereinigungsprozess zu
verhandeln; eine solche Politik könnte mit
deutschen Warenkrediten an Russland von
jährlich 5o Milliarden Mark honoriert werden, ein Jahrzehnt lang – ein Rettungsring
für die Sowjetwirtschaft.
Falin, nun Außenpolitik-Macher der Partei, widersetzte sich.Auf die Eingabe schrieb
er: „Das wäre Verrat am Sozialismus.“
Derart gewarnt, befand Gorbatschow intern, der Westen selbst habe kein Interesse
an einer Wiedervereinigung; die sei zwar
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100 TAGE IM HERBST: »GORBI, HILF UNS«
Die Konservativen im Kreml
forderten, eine Million
Sowjetarmisten in Marsch
zu setzen, um die
Mauer wieder zu schließen.
„Der Zug des ,einheitlichen deutschen
Staates‘ ist abgefahren“, versicherte noch
im April des Schicksalsjahres 1989 der ExAußenminister Gromyko, schon abgeschoben aufs Altenteil, in einem SPIEGELGespräch. Auf seiner Staatsdatscha, derweil Tochter Emilija Schmalzgebäck und
Stachelbeerkonfitüre servierte, verglich der
Diplomat aus der Stalin-Schule die deutsche Teilung mit der Trennung Amerikas
von England vor 200 Jahren.
Auf die Frage, ob sowjetische Interessen
einer Vereinigung entgegenstünden, befand
Gromyko (ein Vierteljahr vor seinem Tod,
ein halbes Jahr vor dem Mauerbruch):
„Die DDR von heute ist ein Faktor für Stabilität und Ruhe in Europa und in der
ganzen Welt.“
So sagte es auch Gorbatschows Gegenspieler im Politbüro, Jegor Ligatschow, seinen SED-Genossen im September. Und so
hatte sich Gorbatschow selbst noch 1988
geäußert: Die Entwicklung zu forcieren,
sei ein „unkalkulierbares und sogar gefährliches Unterfangen“ – wohl vor allem
für seine eigene Machtposition.
Als aber das DDR-Volk die Einheit forcierte, ging auch der Vorsichtige aus der
Deckung.
Honecker drängte, das Fluchtloch Ungarn zu stopfen – Gorbatschow berief sich
auf Ungarns Eigenständigkeit, eben die
„Freiheit der Wahl“. Zum DDR-Gründungstag am 7. Oktober in Ost-Berlin, wo
Demonstranten schon nach seinem Beistand riefen, riet er so deutlich zur DDRPerestroika, dass sich das SED-Politbüro
elf Tage später selbst des Betonkopfs entledigte.
Als zwei Tage später die friedlich rebellierenden Massen in Leipzig den Schießbefehl erwarten mussten, bemerkte ein
Sowjetgeneral ungerührt, aber getreu der
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Falin: „Das wird nicht geschehen.“ Es geschah.
„Wenn das Volk die Einheit will, kommt
sie“, gab am 24. Januar 1990 Portugalow
der „Bild“-Zeitung preis. „Wir werden uns
in keinem Fall gegen diese Entscheidung
stellen, werden uns nicht einmischen.“
Die Sowjettruppen hatten zu Hause genug zu tun. Sie konnten ihr Reich nur noch
mit Gewalt zusammenhalten. Der Staat
war pleite. Die Inflation stieg in Russland
auf 107 Prozent. Bald musste Vizepremier
Abalkin melden, die sowjetische Wirtschaft
sei „mit Ausnahme der Kriegsjahre im
schlimmsten Zustand ihrer Geschichte“.
Aus der Konkursmasse ließ sich allenfalls die DDR noch verscherbeln. Auch
dazu, wusste Gorbatschow, musste die eigene Partei entmachtet werden.
Am 26. Januar 1990 beriet er sich
im ZK-Sitz am Alten Platz in Moskau mit den paar Polit-Bürokraten,
die zu ihm hielten. Gorbatschow
folgte dem Urteil seines außenpolitischen Beraters Tschernjajew, DDR
und SED seien nicht mehr ernst zu
nehmen, und akzeptierte Kohls
Einheitsprojekt als Etappe auf dem
Weg zur Vereinigung Europas.
Am 9. Februar eröffnete Gorbatschow seine Entscheidung dem
US-Außenminister Baker, am nächsten Tag auch Kohl.
Während eine Partei-Fronde wider eine „Einverleibung der DDR“
durch Bonn trommelte und NeuGorbatschow, Honecker*: „Das wäre Verrat“
tralität des neuen Deutschland forkauer ZK gelobte er: „Wir werden die DDR derte, erfand Ratgeber Daschtschischew
eine Formel, mit deren Hilfe die angereinicht im Stich lassen.“
Sein Deutschland-Experte Portugalow cherte Bundesrepublik – so die Forderung
tönte öffentlich, die DDR stehe „nicht zur der USA – in der Nato bleiben könne: Der
Disposition“, reiste dann aber nach Bonn vereinigte Staat sei frei, sein Militärbündund ermunterte mit einem rasch im Hotel nis selbst zu wählen.
Auf dem Parteitag im Juli – er hatte noch
niedergeschriebenen Fahrplan den Kanzler
zu seinem Zehn-Punkte-Plan für eine ein Jahr zu regieren – brach Gorbatschow
deutsch-deutsche Konföderation, die laut die Brücken zur KPdSU ab. Am nächsten
Portugalows Leitlinie in die Einheit mün- Tag empfing er Kohl im Kaukasus, um den
Deal perfekt zu machen.
den sollte.
Im Zwei-plus-Vier-Vertrag vom SeptemDer Chef in Moskau wahrte unterdessen
sein Gesicht. Seinem Besucher Genscher ber 1990 vereinbarten die Partner immermachte Gorbatschow am 5. Dezember al- hin, „die Sicherheitsinteressen eines jeden
len Ernstes eine Szene, weil Kohl ihn vor zu berücksichtigen“ und einander „nicht
Veröffentlichung des Konföderationspla- als Gegner zu betrachten“. Das vereinte
nes nicht konsultiert habe. Schewardnadse Deutschland werde „keine seiner Waffen
schob nach, nicht einmal Hitler hätte sich jemals einsetzen“, außer im Einklang mit
so etwas erlaubt – Retourkutsche für Kohls seiner Verfassung und der Uno-Charta.
Zur Feier des Truppenabzugs 1994
früheren Vergleich Gorbatschows mit
und auch aller Jahrestage der deutGoebbels.
Mit keinem Wort aber gab Gorbatschow schen Vereinigung wurde Michail Gorbazu verstehen, dass er sich etwa einer Wie- tschow, Pensionär in Moskau, von der
dervereinigung widersetzen werde: Die deutschen Regierung nicht mehr einDDR musste sich eben selbst zur Disposi- geladen.
Fritjof Meyer
tion stellen.
Am nächsten Tag fragte der SPIEGEL
den murrenden Falin, was geschehen wür- Im nächsten Heft
de, wenn die DDR-Volkskammer einfach
den Beitritt zur Bundesrepublik beschließt. „Keine Gewalt!“ – Die DDR am Rand des BürGorbatschow-Doktrin: „Unsere Truppen
und unsere Panzer bleiben in den Kasernen.“
Für den „mutigen Schritt“ der Maueröffnung übermittelte der Kreml-Chef dem
Genossen Krenz seine Gratulation, und
sein Vertrauter Alexander Jakowlew erhob
die Wiedervereinigung zur „Sache der
Deutschen“. Die Kreml-Konservativen
aber forderten, eine Million Sowjetarmisten in Marsch zu setzen, um die Mauer
wieder zu schließen.
Gorbi musste daraufhin seine Spuren
verwischen, das Risiko war für ihn selbst zu
groß geworden. Gegenüber dem französischen Präsidenten Mitterrand äußerte er
denn auch, am Tag einer deutschen Vereinigung werde „ein Sowjetmarschall auf
meinem Sessel Platz“ nehmen. Dem Mos-
AP
nicht auszuschließen, aber er wolle nichts
forcieren. Kohl erwartete damals die Einheit
tatsächlich erst „in fünf bis zehn Jahren“.
Doch Gorbatschow agierte fortan so, als
habe er sich auf das Industriellen-Angebot
eingelassen. Am Ende verlangte er für den
Abzug der Sowjettruppen aus Deutschland
36 Milliarden Mark – er bekam 1990 noch
21 Milliarden. Insgesamt kassierte Gorbatschows UdSSR zwischen 1989 und 1991
über 63 Milliarden Mark aus der Bundesrepublik.
Der Meistertaktiker musste dem Widerstand seiner alten Partei-Herren geschmeidig begegnen.
* Am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin.
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gerkrieges – Leipzig, Heldenstadt – Kurt Masur,
der Dirigent der Wende
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Deutschland
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Lizenz zum
Gelddrucken
Findige Kaufleute haben
die Entsorgung alter Reifen als
lohnendes Geschäft entdeckt.
Der Trick: Sie drehen den Müll
unbedarften Ostlern an.
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P. WÜST / RTN
er Lagerplatz bei der mecklenburgischen Ortschaft Lübz war gut gewählt. Das Gelände ist zwar fast
vier Hektar groß, trotzdem aber von der
nahen Straße aus nicht einzusehen, liegt es
doch in einer Senke. Monatelang konnten
Lastwagen hier in aller Ruhe alte Reifen
abkippen – rund 40 000 Stück insgesamt.
Brennendes Reifenlager bei Lübz
Seit vorletztem Wochenende aber ist der „Verwertungsabsicht nicht plausibel“
Platz nicht mehr zu übersehen. Eine
Rauchfahne steht darüber, beißender Ge- π im brandenburgischen Oranienburg zünstank zieht weithin über die Felder.
dete am Ostermontag dieses Jahres ein
Die alten Pneus von Lastwagen und
Brandstifter ein Altreifenlager an. MehBaumaschinen haben sich, „sicher nach
rere Kinder mussten im Krankenhaus
Brandstiftung“, so ein Ermittler, in einen
behandelt werden;
Hexenkessel aus glühendem Stahl und sie- π im mecklenburgischen Brenz blieb die
dendem Öl verwandelt, bis zu 1400 Grad
Gemeinde auf einem illegalen Gummiheiß. „Wir fackeln das hier kontrolliert ab,
berg von 18 000 Tonnen sitzen.
löschen ist zu gefährlich“, sagt FeuerwehrRund 50 Millionen Altreifen müssen pro
mann Horst Richter; brennende Reifen- Jahr in Deutschland entsorgt werden.
lager sind kaum beherrschbar.
Während der Verbraucher bei seinem ReiJeder schmelzende Pneu setzt vier bis fenhändler zwischen 2,50 Mark (München)
sieben Liter Öl frei, das mit Löschwasser in und 6 Mark (Hamburg) für die ordnungsden Boden gespült würde. Freilich gelan- gemäße Beseitigung zahlt, gibt es für die
gen über die Rauchschwaden bis zu 500 Entsorgung der Pneus von Lastwagen oder
Chemikalien in die Umwelt, darunter gif- Baufahrzeugen richtig Geld – bis zu 2000
tige Benzole, Toluole oder Xylole. „Fenster Mark pro Stück. „Diese Gewinne locken
und Türen schließen“, mahnten die Behör- Umweltkriminelle magisch an“, sagt Eckden hilflos die Anwohner.
hard Willing, Abfallexperte beim Berliner
Mit der Beseitigung alter Reifen lassen Umweltbundesamt (UBA).
sich Millionen verdienen – vor allem, wenn
Knapp die Hälfte aller Altreifen werden
die Pneus nicht ordnungsgemäß verwer- legal in Zement- oder Kraftwerken vertet, sondern einfach abgekippt werden. Im- brannt. Auch als runderneuerte Reifen oder
mer wieder schwatzen Geschäftemacher zerhäckselt und zu Sporthallenböden, Fußvor allem naiven Grundbesitzern im Osten matten oder Badelatschen verarbeitet,
den Müll auf und lassen sie dann darauf sit- lassen sich Pneus sinnvoll recyceln.
zen. Allein in MecklenRund 100 000 Tonnen
burg-Vorpommern plagen
alte Reifen werden zusich Behörden derzeit mit
dem nach Osteuropa oder
elf ebenso großen wie illeAfrika verhökert. Doch
galen Deponien. Manchetwa 20 000 Tonnen vermal versuchen Gauner
schwinden pro Jahr, ohne
auch, sich der teuren Last
dass Umweltexperten samit einem Benzinkanister
gen können, wo sie bleiben.
und einem Feuerzeug zu
Da beginnt jene Zone,
entledigen:
in der sich der Lübecker
π In Berlin-Treptow brannKaufmann Dirk Muchow,
te 1996 eine Lagerhal31, auskennt. Sein Wisle mit Altreifen ab. Der
sen über das profitable
S-und U-Bahnverkehr
Müllgeschäft will der finmusste wegen Entwickdige Makler aus einer
lung giftiger Rauchüberraschenden Quelle
schwaden zeitweise einhaben: In dem Fachbuch
gestellt werden;
„Die Müll-Connection“
Müllmakler Muchow
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P. WÜST / RTN
A. HELLWIG
sein Gelände, manchmal sollen ihre Nummernschilder abgeklebt worden sein.
Als nach Beschwerden von Anrainern
das Lübzer Staatliche Amt für Umwelt und
Natur den Betrieb untersagte, stellte
Muchow die Pachtzahlungen ein und feuerte seinen Hausmeister Köpk. Zwar präsentierte Muchow den Beamten noch Pläne für eine wunderbare Recycling-Anlage.
Danach sollten mit „modernster Technik“
Gummi, Stahl und andere Stoffe aus den
Reifen zur Weiterverwertung getrennt werden. Doch diese Ideen beeindruckten die
Beamten gar nicht.
Da eine „Verwertungsabsicht nicht plausibel belegt“ werde, so ein Beschluss des
Umweltamtes, sei die Deponie „illegal“ –
auch als Zwischenlager. Omas Grundstück
war da natürlich schon unter dem Gummiberg großteils verschwunden.
Die harten Worte des
Amtes verderben Muchow
die Laune nicht wirklich.
Schließlich hat er Freude
an seinem Geschäft, sei es
doch so etwas wie die „Lizenz zum Gelddrucken“.
Die Rechnung werden
wohl andere begleichen
müssen. Für die Beseitigung der Reifen in Lübz
veranschlagte Muchow
Ausgeglühte Reifen bei Lübz: „Löschen zu gefährlich“
750 000 Mark. „Ich bin
der Umweltorganisation Greenpeace wird doch nicht blöd, das zu bezahlen“, sagt
detailliert beschrieben, wie die Entsor- der Unternehmer. Er meint, die Behörden
gungsbranche tickt und trickst. „Aus dieser seien ja schuld, dass er dort nicht seine
Lektüre habe ich eine Menge gelernt“, sagt Entsorgungsanlage bauen dürfe.
Auf die Anordnung etwa von ZwangsMuchow.
Der Kaufmann gründete 1993 unter dem geldern reagiert der Müllmakler gelassen
Namen „DMD Kreislaufwirtschaft“ in Ros- mit branchenüblichen Manövern wie Witock eine Firma fürs „Sammeln, Sortieren dersprüchen. Ein Strafprozess wegen illeund Handeln“ von Altstoffen. Slogan: galer Abfallentsorgung vor dem Amtsge„Entsorgen ohne Sorgen“. Muchow war richt Plau am See konnte mit Hilfe eines
oder ist Geschäftsführer von mindestens prominenten Hamburger Anwalts und Zahfünf Unternehmen mit ähnlich schönen lung von 20 000 Mark abgewendet werden.
Derartigen Ärger kennt Muchow: In
Namen. Mal agierte er etwa für die
„Hanseatische Entsorgungsgesellschaft“, Rostock, wo er ein Altholzlager unterhält,
gibt es ebenfalls Stress mit der Behörde.
mal für das „Baustoff-Kontor Lübeck“.
Rolex-Träger Muchow residiert derzeit „Wenn die mir dumm kommen, geht der
im Rostocker Hanseatic-Center mit Ha- Laden eben Pleite“, erläutert Muchow den
fenblick, im Chefbüro eine rote Ledergar- Notausstieg. Dann haftet der Grundnitur. An mindestens drei Stellen in Meck- stückseigentümer oder der Steuerzahler.
Um solche für die Öffentlichkeit unerlenburg pachtete er Lagerflächen. Für jede
Tonne Material, die Muchow bei namhaf- freulichen Geschäfte zu unterbinden, forten Firmen abholen lässt, kassiert der dern Umweltschützer seit Jahren eine
wirksame „Altreifen-Verordnung“. Doch
Newcomer kräftig ab.
Mit Vertrag vom 8. März 1994 pachtete seit dem Regierungswechsel im Bund
eine Muchow-Firma von dem Elektriker stocken Expertengespräche mit dem BunKlaus-Dieter Köpk im mecklenburgischen desumweltministerium.
Einstweilen wollen die UBA-Beamten
Lübz ein Grundstück, das „der Oma gehörte“ (Köpk) – die schön versteckte Senke, in für Kreise und Gemeinden einen Leitfaden
zur Früherkennung dubioser Reifenhändder nun die Reifen-Karkassen glühen.
Den Grundbesitzer stellte Muchow an- ler erstellen. Benutze ein unbekannter Unfangs als Hausmeister ein. Pacht plus Lohn, ternehmer das Wort „Zwischenlager“,
das schien dem unbedarften Ostler Köpk warnt Willing, müssten in den Kommunen
ein doppelt lohnendes Geschäft. Doch die sofort „alle Warnsignale angehen“.
Freude währte nur kurz: Tag und Nacht
Florian Gless, Sebastian Knauer,
Andreas Ulrich
kippten Lastwagen die schwarze Fracht auf
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Deutschland
S P I E G E L - G E S P R ÄC H
„Da müssen wir durch“
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen
Katholiken, Hans Joachim Meyer, über den innerkirchlichen Streit um die Abtreibung
und die Zukunft der katholischen Schwangerenberatung
Meyer, 62, steht seit zweieinhalb Jahren
an der Spitze des Zentralkomitees der
deutschen Katholiken (ZdK), des höchsten
katholischen Laiengremiums in der Bundesrepublik. Seit 1990 amtiert der aus
Rostock gebürtige Professor für Sprachwissenschaften als Wissenschaftsminister
in Dresden.
KNA
SPIEGEL: Herr Präsident, Sie wollen sich
dem Bannstrahl aus Rom gegen die kirchliche Schwangerenberatung nicht beugen.
Proben die deutschen Katholiken den Aufstand?
Meyer: Es gibt keinen Bannstrahl aus Rom.
In der ethischen Bewertung der Abtreibung sind sich Katholiken einig. Es geht
lediglich um eine praktische Frage. Das
deutsche Abtreibungsgesetz will das ungeborene Leben nicht mit Hilfe strafrechtlicher Sanktionen schützen, sondern durch
Beratung der Frau im Konflikt. Das ist ein
Rahmen, den wir Katholiken nutzen können und müssen.
SPIEGEL: Der Vatikan sieht das anders.
Meyer: Ich halte es wirklich für ein absolutes Missverständnis, den Streit um die
Schwangerschaftskonfliktberatung primär
F. STOCKMEIER / ARGUM
ZdK-Präsident Meyer, Papst*: „Es gibt keinen Bannstrahl aus Rom“
ZdK-Gegner Dyba
„Ich hoffe, er weiß nicht, was er tut“
als einen Konflikt zwischen der deutschen
Kirche und Rom anzusehen. Jeder weiß,
dass ein authentisch römischer Kardinal
sehr viel mehr Verständnis für die deutsche Situation gehabt hat als ein zweifelsfrei deutscher Kardinal …
SPIEGEL: … Sie meinen den italienischen
Staatssekretär des Papstes, Angelo Sodano,
und den Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger …
Meyer: … es geht in erster Linie um eine
Auseinandersetzung unter deutschen Katholiken, in die Rom hineingezogen worden ist.
SPIEGEL: Von wem?
Meyer: Von einer lautstarken kleinen Minderheit, die sich in der deutschen Kirche
nicht hat durchsetzen können. Es geht um
die Frage, wie bewältigt die Kirche die Herausforderungen der Wirklichkeit. Da gibt es
unterschiedliche Positionen. Das Thema
Schwangerschaftskonfliktberatung hat die
Unterschiede wie in einem Brennglas fo* Beim Deutschland-Besuch Johannes Pauls II. 1996.
Das Gespräch führten die Redakteure Ulrich Schwarz
und Peter Wensierski.
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kussiert. Ich habe den Eindruck, dass die
Mehrheit unter den deutschen Katholiken
die Minderheit lange nicht ernst genommen hat und diese deshalb sich so hat nach
vorn drängen können.
SPIEGEL: Aber Rom hat sich auf die Seite
dieser lautstarken Minderheit gestellt.
Meyer: Das ist leider richtig. Da müssen
wir durch. Aber klar ist: Wir verstehen unseren Standpunkt als grundkatholisch.
SPIEGEL: Ist die derzeitige Aufgeregtheit in
der katholischen Kirche so etwas wie eine
kreative Unruhe?
Meyer: Das wird die Geschichte lehren. Jedenfalls ist es ein Lehrstück für das alte
Thema des richtigen Verhältnisses zwischen Einheit und Vielfalt in der Kirche,
zwischen der Notwendigkeit des Primats
Petri und der Verantwortung der Ortskirche und der Katholiken.
SPIEGEL: Letztmals hat es so etwas 1870
gegeben, als Pius IX. auf dem Ersten
Vaticanum das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes durchsetzte. Damals
spalteten sich in Deutschland die Altkatholiken ab. Droht wieder eine deutsche
Kirchenspaltung?
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Deutschland
Meyer: Wir befinden uns in einer Zer-
Meyer: Da ist unsere Haltung ganz klar:
Wir lassen uns nicht in einen Grundsatzkonflikt mit unseren Bischöfen hineinhetzen. Wir haben große Sympathie für die
Bischöfe. Wir üben auch keinen Druck auf
sie aus. Wir wissen sehr wohl, dass sie in
besonderem Maße Brückenbauer sein müssen und die Einheit verkörpern.
SPIEGEL: Was steht höher, die Treue zum
Papst oder die Gewissensentscheidung,
Frauen in Not auch gegen das Veto aus
Rom zu helfen?
Meyer: Das muss jeder Bischof selber abwägen.
SPIEGEL: Viele innerhalb wie außerhalb der
Kirche schütteln den Kopf: Was streiten die
so intensiv um ein untergeordnetes Detail?
Meyer: Untergeordnet würde ich die Frage
der Schwangerenberatung nicht nennen.
HAITZINGER
reißprobe, aber wir tun alles, damit es nicht
zu einer Spaltung kommt. Konflikte um
den rechten Weg der Kirche hat es immer
wieder gegeben, denken Sie an den mehr
als ein Jahrhundert dauernden Streit um
die Demokratie. Unsere Kritiker haben
kein dynamisches, sondern ein statisches
Kirchenverständnis.
SPIEGEL: Worin besteht denn die Zerreißprobe?
Meyer: Zunächst darin, dass für die Bischöfe und für viele katholische Laien die
Schwangerschaftskonfliktberatung eine
Gewissensfrage ist. Das gibt nach altem
christlichem Verständnis dieser Sache eine
besondere Brisanz; denn es ist katholische
Lehre, dass man dem Gewissen zu folgen
hat, wenn man sich gründlich geprüft
Das Papstschreiben
hat und sich auf den Boden des Glaubens
stellt. Ich habe den Eindruck, dass viele
innerkirchliche Gegner der gesetzlichen
Schwangerenberatung den Streit als willkommene Möglichkeit betrachten, das in
Deutschland gewachsene partnerschaftliche Verhältnis zwischen Staat und Kirche
auszuhebeln.
SPIEGEL: Mit den Gegnern meinen Sie vor
allem zwei Kleriker – den Erzbischof Johannes Dyba von Fulda und Kardinal
Joachim Meisner von Köln?
Meyer: Nein. Die Position von Kardinal
Meisner ist mir zu uneinsichtig, als dass ich
mich damit argumentativ auseinander setzen kann. Was die Position von Bischof
Dyba anbetrifft, so habe ich den Eindruck,
dass es sich bei ihm eher um eine Art von
unreflektierter Nostalgie im Blick auf die
angeblich früher so seligen Zeiten der Kirchengeschichte handelt.
SPIEGEL: Ein Bischof hat ein kleines Problem, wenn sein Gewissen mit dem des Vatikans nicht übereinstimmt: Der Papst kann
ihn feuern.
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tz, münchen
Richtig ist aber: Der Streit in der Kirche
hindert uns daran, die Auseinandersetzung
mit der Öffentlichkeit zu führen. Denn
es kann doch kein Zweifel darüber bestehen, dass weite Kreise der Öffentlichkeit
die gesetzlich geregelte Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland als Fristenlösung mit Pflichtberatung interpretieren. Das ist aber genau das, was unter
erheblichem Einsatz von Christen 1995 verhindert worden ist. Über diese nachträgliche Uminterpretation des Abtreibungsgesetzes müssen wir uns mit Andersdenkenden auseinander setzen. Solange wir innerhalb der Kirche aufeinander
einschlagen, steht die weithin an Kirche
und Glauben nicht mehr interessierte Öffentlichkeit grinsend dabei.
SPIEGEL: Halten Sie das Abtreibungsgesetz
von 1995 nach wie vor für gut?
Meyer: Ich würde das Gesetz nicht als eine
Ideallösung bezeichnen. Das tut niemand.
Aber wir können es nutzen, uns praktisch
für das Leben einzusetzen, indem wir Frauen für ihre Kinder gewinnen.
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SPIEGEL: Das Zentralkomitee der deutschen
Katholiken will die deutschen Bischöfe in
ihrer Gewissensnot entlasten, indem es
eine katholische Schwangerenberatung in
eigener Regie einrichtet.
Meyer: Das ZdK wird nicht Träger der
Schwangerschaftskonfliktberatung. Richtig
ist: Das Präsidium des ZdK hat zur Gründung einer Initiative aufgerufen, um das
katholische Engagement in der Schwangerschaftskonfliktberatung je nachdem,
wie sich die Dinge entwickeln, zu unterstützen und fortzuführen. Im Ergebnis dieser Initiative haben katholische Persönlichkeiten den Verein und die Stiftung Donum vitae gegründet.
SPIEGEL: Wie soll das Modell funktionieren? Wollen Sie die 264 kirchlichen Beratungsstellen übernehmen?
Meyer: Nein, diese Stellen kümmern sich
nur zum kleineren Teil um die Konfliktberatung. Auf die aber müssen wir uns
konzentrieren. Wir werden schrittweise
vorgehen und zunächst in jenen Gebieten
aktiv werden, in denen der Ausstieg der
Kirche aus der Schwangerschaftskonfliktberatung ein erhebliches Vakuum schaffen
würde. Dazu gehören Bayern, BadenWürttemberg, Hessen und NordrheinWestfalen.
SPIEGEL: Das Projekt kostet einiges.
Meyer: Wir brauchen vor allen Dingen für
den Anfang Spenden. Aber dann haben
wir auch Anspruch auf öffentliches Geld.
SPIEGEL: Sie wollen nicht nur bürgerliche
Vereine unter dem Dach von Donum vitae
gründen, sondern auch eine Stiftung, die
den Frauen materiell hilft. Das aber wollen
auch in jedem Fall die Bischöfe weiterhin
tun. Entsteht da eine Konkurrenz?
Meyer: Wie weit es uns möglich ist, den
Frauen auch materiell zu helfen, werden
wir sehen, denn wir sehen uns selbstverständlich in der Nähe zur amtlichen kirchlichen Hilfe für Schwangere. Allerdings haben die Erfahrungen in der Diözese Fulda
gezeigt, die schon 1993 aus der gesetzlichen Konfliktberatung ausgestiegen ist,
dass die Beschränkung auf kirchliche
Schwangerenberatung Frauen in Not nicht
erreicht. Das aber ist die erste Aufgabe der
Beratungsstellen unter dem Dach von Donum vitae. Wenn wir darüber hinaus aus
konkreter Not helfen können, dann hoffen
wir, dass wir das auch tun können. Aber
wir sind natürlich Realisten: Zunächst müssen wir die eigene Beratung etablieren.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass es Konflikte um
den katholischen Namen gibt?
Meyer: Wir haben bewusst den Begriff Donum vitae – Geschenk des Lebens – gewählt, um einerseits völlig eindeutig zu
machen, dass dies aus katholischem Denken kommt; andererseits müssen wir uns
von niemandem diesen Namen genehmigen lassen.
SPIEGEL: Den Erzbischof von Fulda hält die
feinsinnige Titelwahl nicht von weiterer Polemik ab. Er hat Donum vitae schon laut-
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Festgenommene Eggesiner Schläger: „Vollstrecker eines vermeintlichen Volkswillens“
allgemeines Klima der Angst, Besorgnis
und Einschüchterung hervorzurufen“.
Sechs der mutmaßlichen Schläger sitzen
in Haft. Statt der örtlichen Polizei übernehmen jetzt Spezialisten des Bundeskriminalamtes die Ermittlungen. Und der
Prozess wird nicht vor einer Jugendstrafkammer, sondern vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Rostock stattDie Bundesanwaltschaft hat
finden. Das Signal ist klar: Der Staat macht
das Verfahren gegen die rechten
Ernst – erstmals wieder seit den BrandSchläger von Eggesin an sich
anschlägen von Mölln (1992) und Solingen
gezogen. Sie will den Fremdenhass (1993) mit insgesamt acht Toten.
Die Karlsruher Strafverfolger interesmassiv bekämpfen.
sierten sich sofort für die Schläger von
s gibt Orte in Deutschland, die auf Eggesin, die bundesweit Schlagzeilen
Jahre ein Synonym für Terror von machten. Seit Monaten suchten sie nach
rechts bleiben: Mölln, Solingen, Ros- einem geeigneten Fall, um die Ermittluntock-Lichtenhagen. Die Liste der Hoch- gen in der rechten ostdeutschen Szene
burgen der Ausländerfeindlichkeit wird übernehmen zu können. Denn in der Alltäglichkeit dieser Vorkommkünftig um einen Namen reinisse, so sehen es die Bundescher sein: Eggesin, ein kleines
anwälte, liege die Gefahr für
Nest in Vorpommern.
die Republik. Und in den letzEnde des vergangenen Moten Monaten sei zudem noch
nats machte die national geeine „Eskalation der Gewalt“
sinnte Dorfjugend während der
zu beobachten.
„Festtage an der Randow“ Jagd
45 Prozent aller rechtsextreauf zwei Vietnamesen. Die beimistisch motivierten Gewaltden wurden nach dem Volksfest
taten geschehen in den neuen
zusammengeschlagen, wenig
Ländern. Gerade die Jugendlispäter kehrten zwei Skinheads
chen, urteilt das Bundesamt für
zurück. Mit den Worten „Lebst Verletzter Thran
Verfassungsschutz, betrachtedu immer noch“, sagte das Opfer Tien Phong Nguyen, 24, später aus, sei ten sich „als Vollstrecker eines vermeinteine der Glatzen auf den Kopf seines Freun- lichen Volkswillens“.
So war es wohl auch in Eggesin: Die
des Quoc Vien Thran, 29, gesprungen. Der
überlebte nur knapp: Die Ärzte diagnosti- Schläger, der jüngste 15, der älteste 20 Jahre alt, gehörten entweder dem „Arischen
zierten „Schädelberstungsbrüche“.
Eigentlich keine ungewöhnliche Auslän- Widerstand“ oder dem „Nationalen Widerhatz im braunen ostdeutschen Alltag. derstand Eggesin“ an. Abends trafen sie
8000 Einwohner hat Eggesin, nur 15 sind sich in einer Gartenlaube am Stadtrand.
Ausländer. Manchen ist schon das zu viel. Unter SS-Runen und Rudolf-Heß-Bildern
Doch dieses Mal wird der Fall nicht von hörten sie Skinhead-Musik. Alltag im
der örtlichen Justiz abgehandelt. Die Bun- Osten. Jetzt rollen Fahnder die gewaltbedesanwaltschaft in Karlsruhe, die sich nur reite Jugendszene in Eggesin auf.
bei Angriffen auf Staat und Verfassung einDer schwer verletzte Thran liegt noch
schaltet, hat den Fall an sich gezogen. In immer im Krankenhaus in Greifswald. Ob
den ständigen Attacken sehen die obersten er je wieder gesund wird, die Ärzte wissen
deutschen Strafverfolger eine „Gefahr für es nicht. Sein Freund Nguyen ist wieder
die innere Sicherheit“. Die Knüppelkom- nach Eggesin zurückgekehrt: „Wo soll ich
mandos versuchten „unter Ausländern ein denn sonst auch hin?“
Georg Mascolo
NEONAZIS
Klima
der Angst
E
T. BÖHME
stark als Donum mortis – Geschenk des
Todes – beschimpft.
Meyer: Das ändert nichts daran, dass wir in
der Mitte der katholischen Kirche stehen
und Dyba dort, wo er uns haben möchte,
nämlich in einer Ecke.
SPIEGEL: Ist der neue Name nicht tatsächlich, ähnlich wie die vom Vatikan gerade
endgültig verworfene Schein-Lösung, ein
katholischer Trick?
Meyer: Also, katholisch-tricki ist das nicht,
vielleicht katholisch-wirklichkeitsnah. Da
haben wir ja einige Erfahrung.
SPIEGEL: Herr Minister, der Grundsatzkonflikt, den es jetzt in der katholischen Kirche gibt, erinnert an die Situation bei den
Grünen: hier die Fundis, die Prinzipientreue höher stellen als den Menschen, dem
zu helfen die Kirche nach ihrem Selbstverständnis verpflichtet ist; dort die Realos,
die sagen: Jedes Kind, dem wir durch unser Verbleiben in der Beratung zum Leben
verhelfen, ist wichtiger, als die eigenen
Hände porentief rein zu halten.
Meyer: Das beschreibt in der Tat den Konflikt. Ich bin allerdings nicht so ganz glücklich über Ihr Bild mit dem „porentief rein“,
weil ich dahinter das gleiche Missverständnis wittere, das auch bei unseren Kritikern
umgeht, nämlich das Missverständnis, was
eine freiheitliche Gesellschaft ausmacht.
Wenn eine wichtige Voraussetzung einer
solchen Gesellschaft die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist, dann ist jeder für das,
was er tut, selbst verantwortlich. Das heißt,
die Beraterin ist dafür verantwortlich, dass
sie nach bestem Wissen und Gewissen sowie
mit Überzeugung zum Kind rät und der
Frau hilft, um sie für das Kind zu gewinnen.
Dafür steht die katholische Beratungsstelle.
Wenn eine Frau dem Rat nicht folgt, haben
wir zwar das Recht, das zu bewerten. Aber
ich kann nicht das Handeln der Beraterin
danach beurteilen, wie sich diejenige, die
beraten worden ist, entscheidet.
SPIEGEL: Sie verdächtigen Ihre Kritiker, die
wollten Staat und Kirche auseinander dividieren. Es gibt da eine merkwürdige
Allianz: Auch unter atheistischen Kirchengegnern verstärkt der Hickhack um die
katholische Schwangerenberatung den Ruf
nach einer stärkeren Trennung von Kirche
und Staat in Deutschland.
Meyer: Mit Sicherheit wird da eine neue
Debatte losgetreten. Als der erste PapstBrief im Juni eintraf, verkündete eine bekannte Fernsehkommentatorin: Das ist
die Chance einer laizistischen Kultur in
Deutschland. Sie vertritt damit eine Position, die in ihren praktischen Konsequenzen den Folgen dessen, was Dyba betreibt,
sehr ähnlich ist. Das ist ein merkwürdiges
Pärchen, das man da zusammenstellen
könnte. Und es ist so, wie das gelegentlich
bei Paaren der Fall ist: Sie weiß ganz genau, was sie will; von ihm kann man nur
hoffen, dass er nicht weiß, was er tut.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
R. PRELLER / BILD ZEITUNG
Deutschland
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SYGMA
Isabelle Huppert im Film „Madame Bovary“: Buße für feminine Sinnenlust
EHE
Sexfreie Wüste
Im Streit um Unterhalt waschen
Scheidungswillige wieder
schmutzige Wäsche vor Gericht.
Das OLG Koblenz
schockt mit einem bizarren Urteil.
B
ei „Bild“ war der Gottseibeiuns bisher gerne weiblich. Als die Brasilianerin Luciana Gimenez Morad ein
uneheliches Kind des Rockstars Mick Jagger erwartete, taufte sie das Blatt „SexLuder“. Und Rennfahrer Ralf Schumacher
wäre um ein Haar trotz stehender Räder
verunglückt: Ein blondiertes „Boxen-Luder“ („Bild“) war ihm an die Montur gegangen.
Vergangenen Dienstag war mit der Teufelinnenaustreibung bei dem Massenblatt
ziemlich unvermittelt Schluss – „Bild“ legte eine lila Pause ein. Mit frühfeministischem Furor fragte die Headline auf einmal: „Haben Frauen kein Recht auf Sex?“
Anlass für die Empörung war ein Urteil
des Oberlandesgerichts (OLG) Koblenz,
das einer Frau den Unterhaltsanspruch gegen ihren geschiedenen Mann versagte. Die
Krankenschwester hatte sich einen Liebhaber gesucht, nachdem ihr Ex-Gatte jahrelang den Beischlaf verweigert hatte. Die
Richter missbilligten den Seitensprung
trotzdem: Mit ihrem eintönigen Eheleben
hätte sich die Ungetreue abfinden müssen.
Tristesse sei „in einer Vielzahl von Ehen“
alltäglich.
Der Protestchor auf den „Bild“-Seiten
reichte von einer Schlagersängerin namens
Kristina Bach (Sex-Entzug sei so „schlimm
wie Handgreiflichkeiten“) bis zur Mode-
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ratorin der Frauensendung „Mona Lisa“,
Sibylle Nicolai, die meinte, das Urteil sei
typisch Mann.
Die unvermeidliche Mutter-Beimer-Darstellerin aus der TV-Serie „Lindenstraße“,
Marie-Luise Marjan, hielt dagegen die
Flagge christlicher Moral hoch: „Beide haben ein Ehegelübde abgelegt. Sie hat es
gebrochen. An ihrer Stelle würde ich mich
genieren, Unterhalt zu verlangen.“
Diese Harschheit gegen die feminine
Sinnenlust hat eine lange Tradition. Potiphars Weib, dessen Gemahl laut Thomas
Mann in Liebesdingen wegen des Fehlens
entscheidender Zentimeter verkehrsuntüchtig war, musste seine Sex-Attacke auf
den Gottesmann Joseph mit biblischer Verachtung bezahlen.
„Bild“-Schlagzeile
Für Unterhalt leben wie eine Nonne?
Flauberts unglückliche Madame Bovary
legte nach ihren außerehelichen Eskapaden Hand an sich; und gute hundert Jahre
ist es her, dass die Fontane-Heldin Effi
Briest nach einer harmlosen Romanze ehrund mittellos vom Gatten davongejagt wurde – für etwas, das beim Mann als verzeihlich-galantes Abenteuer gegolten hätte. Ein
Teil der heutigen Rechtsprechung wünscht
sich diese Zeit zurück. Zwar gilt im Scheid e r
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dungsrecht das Zerrüttungsprinzip, das
nicht nach sexueller Untreue fragt. Aber
beim Streit um Unterhalt nach der Scheidung hat das Schmutzige-Wäsche-Waschen
vor Gericht wieder Konjunktur. Das Tor
zum Fragen nach Schuld und Sühne ist der
Paragraf 1579 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Er legt – in bestem Juristenlatein –
fest, dass die Zahlungspflicht des Ehegatten
entfällt, wenn der Scheidungsunterhalt
„grob unbillig wäre, weil dem Berechtigten
ein offensichtlich schwerwiegendes, eindeutig bei ihm liegendes Fehlverhalten gegen den Verpflichteten zur Last fällt“.
Dafür kann ein Seitensprung schon ausreichen, vorausgesetzt, so die Oberrichter,
der untreue Ehegatte bricht „aus einer intakten Ehe“ aus. Bestraft werden beim Verstoß gegen das Gebot außerehelicher
Keuschheit diejenigen, die Unterhalt verlangen müssen. „Das trifft immer nur die
Frauen“, kritisiert Professor Siegfried Willutzki,Vorsitzender des Deutschen Familiengerichtstages. „Da gilt die Devise: Will
eine Frau Unterhalt, soll sie das Leben einer Nonne führen.“
Der Koblenzer Fall illustriert krass die
Benachteiligung der Frau in der Ehe. Die
Krankenschwester Cordula F. heiratet 1986
– damals war sie 25 – ihren Kai, der noch
auf dem Weg zum Diplom-Ingenieur war
und dessen Studium sie mitfinanzierte.
Kai wollte anders als seine Frau keine
Kinder. All ihre Versuche, ihren Mann dazu
zu bringen, „ein kleines medizinisches Problem“ lösen zu lassen, scheiterten. Die Ehe
geriet in eine „emotionale Einöde“, so
Cordula F. – der Mann verweigerte Sex,
drohte aber für den Fall einer Scheidung,
die seine Frau ursprünglich gar nicht anstrebte, mit Selbstmord.
1996 begann die Krankenschwester dann
ein intimes Verhältnis mit einem anderen
Mann, das zwei Jahre währte. Kurz darauf
beantragte sie die Scheidung und verlangte einen so genannten Aufstockungsunterhalt. Cordula: „Heute verdient er drei- bis
viermal so viel wie ich.“
Der Mann verweigerte die Zahlung, die
drei OLG-Richter sprangen ihm in ihrem
durch keine Revision mehr anfechtbaren
Urteil bei: Selbst wenn es Probleme gegeben haben sollte, wäre dies „keine Rechtfertigung“ für den Ausbruch der Frau aus
der Ehe gewesen.
Der Anwalt der vor Gericht Unterlegenen, Wolfgang Fensch, hält den Spruch für
ein „starkes Stück“: Wenn ein Mann persönliche Zuwendung und Familienplanung
verweigere, gebe es keine intakte Ehe
mehr, ergo auch keinen Ausbruch aus ihr.
Familienrechtsexperte Willutzki unterstellt manchen Richterkollegen persönliche Motive, wenn sie Frauen den Unterhalt versagen, weil sie aus dem Ehe-Gefängnis ausbrechen: „Vielleicht wollen die
Richter manchmal auch die Beurteilung
ihrer eigenen Ehen retten.“
Nikolaus von Festenberg, Dietmar Hipp
F. DARCHINGER
Millionen-Mark-Fehlkalkulation mit Ostimmobilien wurde Stoibers Image als unfehlbarer Vorsitzender der Bayern AG
schwer lädiert. Dazu musste der verblüffte „Edi“, wie Außenminister Joschka
Fischer den Perfektionisten gern foppt, erleben, wie sich sein unbotmäßiger Justizminister Alfred Sauter der Entlassung
widersetzte und die Ausführungen des
Ministerpräsidenten „Schafscheiß“ nannte.
Zufrieden stellt man in der CDU fest,
dass der überlebensgroße Bayer sich in einem Schrumpfungsprozess befindet. Im
Rennen um die Kanzlerkandidatur hat
Schäuble deutlich aufgeholt.
Ein Ruck sei in den letzten Monaten
durch den Vorsitzenden gegangen, berichten Fraktionsmitarbeiter, die häufig mit
dem Chef zu tun haben. „Der will’s wieder
wissen“, glaubt ein CSU-Spitzenmann.
Als Indiz gilt, dass Schäuble seine Behinderung in der Öffentlichkeit auffallend
häufig erwähnt. Mal klagt er über die Hitze („Bei einem Querschnitt hat man da
Probleme“), dann lässt er Zuhörer wissen,
dass ein Gelähmter viel liegen muss. Immer
arbeitet er scheinbar beiläufig daran, dem
Publikum das Leben im Rollstuhl als etwas
ganz Normales vorzuführen.
So hielt er es auch ein gutes Jahr vor der
Bundestagswahl, als immer mal wieder
Hoffnung keimte, der ewige Kanzler Helmut Kohl werde ihm sein Amt übertragen.
Beharrlich setzt Schäuble seine menschelnde Öffentlichkeitsarbeit fort. Er sei
keiner, der seine Zeit gern mit Hirngespinsten wie dem Traum vom Laufen vertue, ließ er das Publikum vergangene Woche via „Zeit“ wissen.
Rivale Stoiber dagegen muss am Wochenende erst einmal den CSU-Parteitag
ohne größere Blessuren überstehen. Dass
sein Ruf ramponiert ist, nimmt ihn schwer
mit. Schon lästert er intern, die CDU verdanke ihre jüngsten Erfolge nur der niedrigen Wahlbeteiligung.
Wolfgang Schäuble kontert mit betonter
Liebenswürdigkeit. Er solle sich die LWSAffäre nicht so zu Herzen nehmen, tröstete er den Bayern. Die werde ihm sicher
nicht schaden.
Tina Hildebrandt
CDU
Pudern und
plaudern
Auffallend gut gelaunt arbeitet
Wolfgang Schäuble an der
Strategie der Union – und an
seinem eigenen Image.
D
as Model gilt als eigensinnig, seine
Verachtung für den „Zeitgeischt“
ist bekannt. Umso erfreuter war Fotograf Wolfgang Wilde beim Fototermin
mit Wolfgang Schäuble für das schicke Bilderblatt „Life & Style“. Als Gerhard Schröder dort im März posierte, geißelte ihn
Schäuble noch als „Kaschmir-Kanzler“.
Nun ließ sich der CDU-Chef selbst klaglos pudern und in einen schwarzen Rollkragen stecken, freundlich lächelnd zeigte
er sich beim Krawattebinden und plauderte über seine Funkuhr.
Ob beim Posieren vor der Kamera, im
Bundestag oder im Berliner Wahlkampf,
überall erleben Zuschauer derzeit einen
ungewohnt launigen CDU-Chef. Die Siegesserie in Hessen, im Saarland und in den
neuen Ländern, der bevorstehende Triumph des mediokren Eberhard Diepgen in
Berlin am Sonntag machen aus dem Vorsitzenden des Übergangs unversehens wieder einen Politiker mit größerer Zukunft.
Mit seiner zuweilen qualvoll sachlichen
Art empfiehlt sich der Mann im Rollstuhl
als seriöse Alternative zu Gerhard Schröder. In einer September-Umfrage überholte Schäuble bei den Sympathiewerten (50
Prozent) den Kanzler (41 Prozent) schon.
Das ist eine Momentaufnahme, mehr
nicht. „Nach der Berlin-Wahl beginnt eine
neue Etappe der Oppositionsarbeit“, sagt
denn auch der CDU-Vorsitzende. Und die
nächste Etappe dürfte schwieriger als die
erste ausfallen. Im Bundestag muss er heftig gegen die Regierung wettern, zugleich
im Bundesrat die Zusammenarbeit organisieren.
Schäuble hat sich für eine Stop-and-goStrategie entschieden: mal mit der Regierung gehen, dann wieder kunstvoll bremsen. Eine Blockade, ist Schäuble überzeugt,
lässt sich drei Jahre lang nicht durchhalten.
„Allzu arg“ möchte er sich aber auch wieder nicht in die Mitverantwortung ziehen
lassen. Nur bei Gesetzen, die die Zustimmung der CDU-Länder im Bundesrat brauchen, ist er zu Kompromissen bereit.
Ein Ja zu Teilen des Sparpakets mit
dem Einstieg in eine Steuerreform oder
mit Korrekturen am 630-Mark-Gesetz zu
verknüpfen, hält er für unklug, weil
CDU/CSU damit überzogene Erwartungen schürten: „Wir sollten uns nicht größer
machen, als wir sind.“
Die Balance zwischen Opponieren und
Mitmachen kann vor allem die bayerische
Schwesterpartei stören. Anders als
Schäuble will CSU-Chef Edmund Stoiber
der SPD über das Sparpaket hinaus „einiges abverhandeln“.
Bei der Strategierunde von CDU und
CSU an diesem Montag möchte Stoiber die
Handschrift der Christsozialen einmal mehr
deutlich machen und sich für ein Junktim
zwischen Sparpaket und anderen Reformthemen, etwa den Steuern, einsetzen. Vordergründig geht es um die Sachen, immer
aber geraten die Treffen zum Kräftemessen:
Wer gibt den Ton in der Union an?
Die eingetrübte Lichtgestalt Stoiber verspürt ein dringendes Bedürfnis nach Erfolgserlebnissen. Der Ministerpräsident
laboriert an einer Pechsträhne. Beim Parlamentsauftritt im Februar wirkte er überfordert und nährte Zweifel an seiner Bundestauglichkeit.
In der Affäre der Landeswohnungs- und
Städtebaugesellschaft (LWS) um eine 367d e r
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W. WILDE FÜR LIFE & STYLE
Rivalen Stoiber, Schäuble: Wer gibt in der Union den Ton an?
Model Schäuble (in „Life & Style“)
„Der will’s wieder wissen“
111
Duell
unter
Freunden
Es war immer eine schwierige
Beziehung zwischen verwandten Charakteren: Gerhard
Schröder und Oskar Lafontaine. Der Ex-Finanzminister
liefert jetzt in einem Buch
seine Version vom Rücktritt.
Doch wie kam es wirklich zu
dem überraschenden Bruch
im vergangenen März?
Kanzler Schröder, Sprecher Heye nach der Bekanntgabe von Lafontaines Rücktritt: „Hat jemand was von Oskar gehört?“
M. URBAN
Gerd und Oskar – Ende eines Duos
Die Ereignisse am 10. und 11. März 1999
D
* Nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags in Bonn am 20. Oktober 1998.
112
sächlich ihr Vertrauen erhalten? „Aber hier gehen immer noch einige davon aus, dass man das Land gegen die Wirtschaft regieren
kann. Das geht nicht.“
Mit keinem Wort und keiner Geste machte Schröder kenntlich,
dass er sich ausschließlich an den Mann wandte, der ihm direkt gegenübersaß. Pokergesichter. Die Herren wichen auch dem Blick des
anderen nicht aus. Sie kannten das Spiel seit 20 Jahren, so lange,
wie sie sich kennen. Schröder umkreiste den Adressaten.
Erst nahm er sich die leise Familienministerin Christine Bergmann
vor: Sie habe mit dem Vorschlag, den Erziehungsurlaub
flexibler zu gestalten, der Wirtschaft einen der gefürchteten
„Nadelstiche“ versetzt. Schröder fand das „völlig unakzeptabel“. Dann kam Umweltminister Jürgen Trittin dran, dessen Beamte an einer Novelle
der Sommersmog-Verordnung
arbeiteten.
„Immer dann, wenn wir
rot-grüne Verkehrspolitik machen, bekommen wir Probleme“, monierte Schröder.
Endlich erwähnte der Kanzler den peinlichen ZahlenwirrPartner Schröder, Fischer, Lafontaine*: Gestörte Kommunikation
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LS-PRESS
ie Kampfansage schien ins Leere zu gehen. Mit starrem
Blick, verschanzt hinter einer eisig spiegelnden Glätte auf
dem runden Gesicht, lauschte Oskar Lafontaine am Morgen des 10. März 1999 unbewegt den Worten seines Kanzlers. Der
beschwor in der Kabinettssitzung fünf Monate nach dem Start der
rot-grünen Regierung ihren Untergang.
Auch Gerhard Schröder zeigte keine Erregung. Kalt und ohne Tremolo sagte er: „Es ist weltweit einmalig, was sich da zusammenbraut, dass sich die gesamte Wirtschaft zurückhält mit Investitionen
und bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. Es wird einen Punkt
geben, wo ich die Verantwortung
für eine solche Politik nicht mehr
übernehmen werde!“
Die Ministerrunde saß versteinert da. Stand es so schlimm?
Schröder, eingerahmt von Außenminister Joschka Fischer
und Kanzleramtsminister Bodo
Hombach, hatte verhalten begonnen und an den Wahlkampf
erinnert. Hatten sie nicht die
neue Mitte umworben und tat-
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Titel
Privatier Lafontaine, Sohn Carl-Maurice in Saarbrücken: „Das ist doch absurd“
warr um die Belastung der Energieversorger, auch den Zickzackkurs bei den Steuerreformen. Knapp kam sein Resümee: „So
kann das nicht weitergehen.“ Den Namen Lafontaine sprach er
noch immer nicht aus. Doch war jedem klar, wer gemeint war.
Nicht zuletzt Lafontaine selbst. Er kannte das alles bereits. Den
Vortrag des Kanzlers hatte er sich schon am Montag im Parteirat
anhören müssen, als Antwort auf die verlorene Hessenwahl. Dass
Schröders Rede ein gezielter Affront gewesen sein sollte, wie ihm
Genossen sagten, wollte er da nicht akzeptieren. Er wiederholte seine Appelle, die „arbeitnehmer- und familienfreundliche Politik“ der
ersten Regierungswochen fortzusetzen. Jetzt im Kabinett sagte er
zur Verblüffung aller: „Gerd, ich gebe dir in allen Punkten Recht.“
Für Abstimmungsgespräche stehe er zur Verfügung.
War das Hohn? Abwehr? Einknicken? Als die beiden Herren
sich anschließend über den Verteidigungshaushalt unter vier Augen berieten, ging es sachlich zu. Möglich, dass Lafontaine, wie
jedes Mal, gesagt hat, man müsse viel mehr miteinander reden.
Möglich auch, dass Schröder hinterher äußerte: „Ich glaube ihm.“
Keiner will sich so recht erinnern. Die Standpauke des Kanzlers
im Kabinett war jedenfalls kein Thema zwischen den Männerfreunden. Wenn es ernst wird, reden Politiker nie miteinander.
Gegen 18 Uhr versammelte sich eine Gruppe linker SPD-Abgeordneter bei Lafontaine im Finanzministerium: Gernot Erler, Ludwig Stiegler, Ottmar Schreiner, Andrea Nahles und Michael Müller. Der erinnert sich: „Wir wollten den angeschlagenen Oskar stabilisieren.“ Doch der wiederholte mit heroischer Geste, was er seit
Wochen sagte: „Es kommt nicht darauf an, wie schlecht es dem Vorsitzenden geht. Es kommt darauf an, dass es der Partei gut geht.“
Tatsächlich kam Lafontaine in der tristen Finanzkaserne den
Besuchern überraschend entspannt vor. Kein Zorn über die Kanzlerschelte im Kabinett, keine Spur von Resignation. Stattdessen
empfing er die Besucher mit einer Scherzfrage: „Was ist der Und e r
F. OSSENBRINK
terschied zwischen Trittin und mir?“ Nach einer kurzen Pause antwortete er prustend: „Der fällt um, ich nicht!“
Die Stimmung verdüsterte sich aber, als Lafontaine, um ein Beispiel unfairer Behandlung vorzuführen, eine Agenturmeldung
vom Nachmittag verlas: Bundeskanzler Schröder habe Vertretern der Energiewirtschaft mitgeteilt, das Zahlenwerk des Finanzministers sei offensichtlich falsch gewesen.
Das, sagte Lafontaine, sei alles Unfug. Nun begannen die Abgeordneten darüber zu schimpfen, wie desolat die Kommunikation zwischen Regierung und Fraktion sei. Lafontaine klagte, wie
oft unter Vertrauten, über Widersprüchlichkeiten, Mutlosigkeit
und „diese handwerkliche Scheiße, über die ich mich kriminell ärgere und nach außen nichts sagen darf“.
Gegen 19.15 Uhr wurde Lafontaine in einer Mappe eine weitere Agenturmeldung hereingereicht, die er empört vorlas: „Schröder droht indirekt mit Rücktritt“, hatte dpa um 18.56 Uhr unter
Berufung auf „Bild“ vom nächsten Tag gemeldet.
Irritiert und aufgebracht wandte sich Lafontaine an seine Beraterin Dagmar Wiebusch: „Das ist doch absurd. Ruf doch mal den
Heye an, der Gerd soll das dementieren.“ Wiebusch meldete wenig später: Der Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye dementiere „auf allen Kanälen“. Das schien Lafontaine zunächst zu besänftigen. Doch dann brach es im Zorn aus ihm heraus: „Eine solch
katastrophale Regierungsführung habe ich noch nie gesehen.“
Monate später wird Oskar Lafontaine die falsche „Rücktritts“Drohung als „letzten Tropfen“ bezeichnen für seinen aufgestauten Verdruss. Das betraf aber nur den Zeitpunkt. Die Entscheidung
zu gehen, hatte er innerlich längst getroffen. Im Mai, nach der
Wahl des Bundespräsidenten Johannes Rau, sollte Schluss sein.
Aber nun brodelte es in ihm. Die Teilnehmer der Runde konnten fast physisch spüren, wie sich Lafontaine im Laufe der abendlichen Sitzung immer mehr mit Zorn auflud. Denn über die Quel-
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Ehepaare Schröder, Lafontaine an der Saar (1997): Gipfel der Vertrautheit
Zwei Macher und die Macht
Die Wurzeln einer politischen Freundschaft
D
ie öffentlich zelebrierte Freundschaft zwischen Lafontaine und Schröder war immer zu schön, um wahr zu sein.
Sie war aber auch zu wahr, um schön enden zu können.
Männerfreundschaft heißt in der Politik seit Franz Josef Strauß
und Helmut Kohl etwas, das nicht wirklich Freundschaft sein
kann. Oskar und Gerd – zwei Kerle wie aus Cowboy-Filmen, mit
ähnlichem Zugang zur Politik, Machtmenschen. Von Anfang an
verliefen ihre Zuneigungsbekundungen zu schrill und zu aufdringlich. Und bis zum Schluss gebärdeten sie sich bisweilen wie
die Lümmel von der letzten Bank, pennälerhaft und albern.
„Da ist ja unser neuer Freund“, hatte der Juso-Vorsitzende
Schröder 1978 im Ratskeller von Berlin-Charlottenburg gejauchzt, als der Saarbrücker Oberbürgermeister Lafontaine, damals gerade 35 Jahre und nur wenige Monate älter als Schröder,
zur versammelten SPD-Linken stieß. Auf dem Kölner Parteitag
zur Raketen-Nachrüstung hatte „der Oskar“ als Star der Friedensbewegung innerhalb der SPD zu funkeln begonnen – gegen
Helmut Schmidt. Und Schröder war voller Bewunderung für den
Mann, der später Willy Brandts Lieblings-Enkel werden sollte.
Er selbst galt dem „Alten“ eher als „Schluri“, zwar frech wie
Oskar, aber weder so ausgebufft noch so gebildet.
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M. DARCHINGER
Im Binnenverhältnis der beiden war immer Lafontaine der
Leitwolf, an dem Schröder herumstupste. Zu den brennendsten
Enttäuschungen seiner Niederlage im Kampf um das Amt des
niedersächsischen Ministerpräsidenten gehörte 1986 für den jungen Schröder die Einsicht, „dass mir jetzt erst mal für längere Zeit
der Saarländer in allen Bereichen überlegen ist. Das erkenne ich
auch an.“ In einem Wahlkampf-Spot für den Kanzlerkandidaten
Lafontaine pries der Niedersachse den Saarländer 1990: „Für
mich ist Oskar Lafontaine der richtige Kanzler, weil er klar denkt
und entschlossen handelt.“
Danach jedoch, als es Schröder in Hannover auch zum Ministerpräsidenten gebracht hatte, wurde er aufsässiger. Aber Chef
blieb Oskar, nicht erst seit und weil er Parteivorsitzender war.
Wenn Schröder, um eine wirtschaftliche Position zu erklären,
sagte: „Oskar, du weißt doch, ich bin eben ein Auto-Mann“, dann
antwortete Lafontaine: „Gerhard, ich glaube, du bist ein Auto-Didakt.“ Schröder fand das immer lustig, auch vor Publikum. Oskar
sagte hinterher nur: „Den hab ich versenkt.“
Freundschaft? Ähnlichkeit. Ohne Väter aufgewachsen, aus kleinen Verhältnissen stammend, mochte jeder am anderen, was er
auch für seine eigene Stärke hielt: gnadenlosen Ehrgeiz, die
Instrumentalisierung von Gefühlen, eine geniekultige Geringschätzung von Geschichte.
Und natürlich misstrauten sie einander aus tiefstem Herzen. Anlässe hatten beide genug. Was muss das für ein Mensch sein, fragte sich Lafontaine, der die Folgen des Attentats auf ihn kühl in
Wählerstimmen für sich umrechnet? „Der Stich in den Hals hat
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Titel
M. NAUMANN
zwei Prozent gebracht“, soll Schröder ihm am Telefon 1990 gesagt
haben. Und dass der sich abwandte mit dem Kain-Zitat: „Soll ich
meines Bruders Hüter sein?“, als die Karriere des Saarbrückers an
seiner „Rotlicht“-Affäre und der Kritik an den Pensionsansprüchen
zu scheitern drohte – das hat Lafontaine auch nicht vergessen.
Umgekehrt verbaute Lafontaine dem Männerfreund aus Hannover 1993 eiskalt den ersten Anlauf auf SPD-Vorsitz und Kanzleramt. Bei der „Urwahl“ der Mitglieder unterstützte er – im
Verein mit den Schröder-Gegnern Johannes Rau und Björn Engholm – den von ihm selbst gering geachteten Rudolf Scharping.
Angeblich wollte der nur SPD-Chef werden, nicht Kanzlerkandidat, was Lafontaine eine Chance ließ.
Schröder müsse verstehen, dass unter diesen Umständen mit
ihm zusammen keine „personelle Konstellation“ möglich sei, ließ
Oskar seinen Gerd wissen, persönlich sei das aber nicht gemeint.
Schröder geknickt: „Ich habe das begriffen.“
Er verlor die Urwahl ohne Lafontaines Hilfe gegen Scharping
und trug daran schwer. Lafontaine wiederum verzieh Scharping
nie, dass der am Ende selbst für das Kanzleramt kandidierte.
Auf der Basis ihrer Wut auf den Rheinland-Pfälzer fanden die
Männerfreunde dann wieder zueinander. Ihre Chance kam, halb
erwünscht, aber nicht abgesprochen und schon gar nicht konspirativ durchgeplant, im November 1995 auf dem hoch emotionalen Mannheimer Parteitag. Seit Oskars „Putsch“ gegen den Parteivorsitzenden Scharping, zu dem ihn Schröder, wie viele andere, dringlich ermutigte, galten beide bei alten Sozialdemokraten
als knallharte Karrieristen mit charakterlichen Defekten. „Mannheim“ wurde vielen Genossen zur Chiffre für schwärende Wunden und unbeglichene Rechnungen.
Die beiden Sieger aber wussten, dass sie ihre Zukunftschancen
nur gemeinsam vorantreiben konnten. So entwickelte sich – in
vager Absprache – die Doppelspitze, mit familiären Kontakten
wärmend unterfüttert. Dass Oskar Lafontaine und seine Frau
Christa ihn und seine Ehefrau Doris Köpf im Frühjahr 1997 zur
Taufe von Carl-Maurice einluden, rührte Schröder.
Die Fotos vom Treffen der Ehepaare an der Saarschleife signalisierten den Gipfel von Vertrautheit. „Politiker haben selten Zeit,
Freundschaften zu pflegen“, sagte Schröder. „Aber wenn es den
Begriff Freundschaft in der Politik gibt, dann würde ich ihn hier
anwenden.“ Das war die Sprachregelung. Noch im Dezember
1998 verkündete auch Lafontaine: „Ohne unsere Freundschaft
hätte in den vergangenen Jahren nichts funktioniert.“
Stimmig war daran, dass die beiden Powerfiguren einander in
so vielen Krisen und bei so vielen Deals erlebt hatten, dass sie
sich kaum noch überraschen konnten. Sie waren freundlich voreinander auf der Hut. In den Medien machte sie das schon
zu „Zwillingen“.
Es mochte wohl sein, dass der ambivalente und vom Leben
gebeutelte Saarländer ungleich komplizierter als der geradlinige
Schröder war, auch strategisch kühler. Aber als TrickAttentatsopfer Lafontaine (1990)
ser war Schröder ihm letztUmrechnung in Wählerstimmen
lich überlegen. Denn mit
seinem selbstkritisch klingenden Angebot, nach einem
Minus von zwei Prozent
bei der Niedersachsenwahl
käme er als Kandidat für
Bonn nicht mehr in Frage,
verwandelte er die WahlEntscheidung von Hannover
in ein Plebiszit über die
Kanzlerkandidatur.
Darum drehte sich fortan
die Diskussion in Niedersachsen: Reicht es für den Kanzlerkandidaten, oder reicht es
nicht? Wird es Gerd oder
Oskar?
le der Indiskretionen hatte er schon damals keine Zweifel: das
Kanzleramt. Systematisch seien von dort Illoyalitäten gegen ihn ausgegangen, erzählte er. Vor allem Kanzleramtsminister Hombach
habe sich in Dinge eingemischt, die allein die Partei beträfen.
Bei den Gesprächen um die Neuausrichtung der Partei für einen „Dritten Weg“ habe der Kanzleramtsminister den britischen
Sozialisten klargemacht, dass die Parteikontakte nicht über das
SPD-Hauptquartier zu laufen brauchten, sondern direkt über ihn.
Darüber, so der SPD-Vorsitzende an jenem Abend, müsse im
Präsidium geredet werden. „Schreib das auf, Ottmar“, wies er seinen Geschäftsführer Ottmar Schreiner an.
Am späten Abend empfing Lafontaine in der saarländischen
Landesvertretung, die er sich noch als Ministerpräsident mit guter Küche, exzellentem Weinkeller und vertrautem Dekor zu
einem Stück Heimat ausgebaut hatte, den SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck. Der erlebte einen deprimierten Oskar und
hörte den schockierenden Satz: „Der kann es nicht.“
Auch Schröder hatte noch spät Besuch. Alfred Tacke, Wirtschaftsstaatssekretär und langjähriger Weggefährte und Berater,
war erschrocken über seinen niedergeschlagenen Chef. Er verließ
das Büro mit der klaren Botschaft: So kann es nicht weitergehen.
Am nächsten Tag ging Oskar Lafontaine zunächst seinen Pflichten nach. Mit EU-Kommissar Neil Kinnock, dem früheren Vorsitzenden der Labour Party, aß er in der Saar-Vertretung zu Mittag.
Was keiner ahnte: Zu diesem Zeitpunkt hatte Lafontaine bereits
drei Abschiedsbriefe geschrieben – an den Kanzler, den Bundestagspräsidenten und an die SPD.
Am frühen Nachmittag tauchte er im Ministerium auf und erschreckte seine langjährige Sekretärin Hilde Lauer mit der Aufforderung: „Häng das Bild ab, und pack es in den Koffer.“ Er wies
auf das Foto, das seine Frau Christa und seinen Sohn Carl-Maurice mit einem Riesenbovist zeigte, sein Trostblickfang im kargen
Büro des Vorgängers Theo Waigel.
Den fragenden Blick seiner Mitarbeiterin beantwortete der Minister mit weiteren Anweisungen: „Sag der Fahrbereitschaft Bescheid, wir fahren nach Saarbrücken.“ Lauer: „Und wann kommen
Sie wieder?“ Oskar: „Hierher komme ich nie mehr zurück.“ Dann
gab er ihr die drei Briefe mit genauen Zeitangaben für die Übermittlung an den Kanzler, die Partei und den Bundestag.
Dass vom Finanzminister nach der „Standpauke“ und der
„Bild“-Geschichte keine Reaktion gekommen war, beunruhigte
die Schröder-Mannschaft. Um 15.30 Uhr erkundigte sich der Kanzler: „Hat jemand was von Oskar gehört?“
Gegen 15.40 Uhr lieferte ein Bote Lafontaines Brief mit der Aufschrift „Für den Herrn Bundeskanzler – persönlich“ im Vorzimmer ab. Schröder, der gerade allein an seinem Schreibtisch arbeitete, mochte zunächst kaum glauben, was er las: „Sehr geehrter
Herr Bundeskanzler, ich trete hiermit als Bundesminister der Finanzen zurück. Mit freundlichen Grüßen – Oskar Lafontaine“.
Sofort versammelte der Kanzler eine Runde von Vertrauten in
seinem Amtszimmer: Staatssekretär Frank-Walter Steinmeier,
Kanzlerbüro-Leiterin Sigrid Krampitz und den SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck. Erst von Staatssekretär Heye erfuhr
Schröder dann, dass Lafontaine ebenso lapidar aus dem Parteivorsitz und dem Bundestag ausgeschieden war wie aus dem
Kabinett. Keine weiteren Erläuterungen? Unablässig versuchte
Vorzimmerdame Marianne Duden, Lafontaine anzurufen, doch
der wollte mit dem Kanzler nicht reden. Die Sache sei entschieden, ließ er ausrichten; außerdem sei er praktisch schon auf dem
Wege nach Saarbrücken.
Später, als er über ein Mobiltelefon zu erreichen war, verweigerte
er den direkten Kontakt mit Schröder. Wieder erfuhr der Kanzler
nur über eine dritte Person, dass der Entschluss seines Partners feststehe. Es gebe nichts mehr zu bereden. Schöne Grüße. Dann wurde aufgelegt. Alle Versuche von Schröder, seiner Crew und seiner
Frau, Lafontaine zu sprechen, blieben seither ergebnislos.
Einem Freund wird der Saarländer später sagen: „Ich hatte
nur die Alternative, den Tyrannen zu morden oder zu gehen.“
Ende einer Männerfreundschaft.
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Titel
Der lange Weg zum kurzen Abschied
REUTERS
SEYBOLDT-PRESS
Das Protokoll eines Machtkampfs
DER SIEG IN NIEDERSACHSEN macht Schröder zum Kanzlerkandidaten
der SPD. Lafontaine muss ihn vom fernen Saarbrücken aus dazu ernennen – Rivalen der Macht bleiben sie dennoch.
SONNTAG, 1. MÄRZ 1998, HANNOVER.
Es reicht für Schröder. „Hallo Kandidat“, sagt Oskar Lafontaine
am Telefon, noch bevor die Hochrechnungen keinen Zweifel mehr
lassen an einem überwältigenden Sieg. Knapp 48 Prozent – nicht
nur für die SPD, sondern vor allem für Gerhard Schröder. Ein Niedersachse solle endlich Kanzler werden.
Es ist Lafontaines zweiter Anruf in Schröders Dachwohnung.
Schon gegen 16 Uhr hatte er, als die Institute erste Trends meldeten, ein paar nette Worte verloren. Schröder macht sich auf in
sein Büro in der Staatskanzlei, wo Lachs-Häppchen stehen und
Champagner, Marke „Paul Eveque“. Monatelang hat er sich allenfalls mal einen Schluck gegönnt.
Um ihn herum fiebern Gattin Doris Köpf, Bürochefin Sigrid
Krampitz, Sekretärin Doris Scheibe, Amtschef Frank-Walter
Steinmeier, Wirtschaftsstaatssekretär Alfred Tacke, Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, Schröders Freund, der Anwalt Götz
von Fromberg – die politische Familie.
Auf dem schwarzen Ledersofa hat sich Bodo Hombach ausgebreitet, das Handy unentwegt am Ohr. Im Siegesjubel versuchen
die Hannoveraner, den Mann aus NRW nicht für einen Fremdkörper zu halten. Lafontaines dritter Anruf, der offizielle: Glückwunsch von Ministerpräsident zu Ministerpräsident.
Schröder geht erst spät hinüber in den Landtag. Journalisten aus
aller Welt haben ihre Satelliten-Ohren aufgebaut, allein für den
NDR sind 200 Kräfte im Einsatz. „Dieser Tag ist natürlich schon
eine Wucht“, sagt Schröder, „die Ära Kohl ist zu Ende.“
Der ewige CDU-Kanzler hatte kurz zuvor noch Wetten auf den
Kandidaten Lafontaine abgeschlossen. Verloren. Dabei hatte er
selbst 1993 am Rande der Hannover-Messe auf einen Bierfilz gekritzelt: „Schröder wartet bis 1998.“
SONNTAG, 1. MÄRZ, SAARBRÜCKEN.
Eine Haustür, in der Straße Am Hügel, öffnet sich, heraus tritt ein
feixender Oskar Lafontaine. Er balanciert auf einem Tablett
Schnapsgläser zum Zaun, wo seit Stunden die Journalisten warten. Großaufnahme: Mirabellenschnaps. Und eine Grinse-Grimasse, gefroren.
Nein, dies ist nicht das Ergebnis, auf das Oskar Lafontaine gehofft hat. „Sie sehen“, sagt er, „der Parteivorsitzende ist fröhlich.“
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Er zweifelt wohl selbst daran, dass man es ihm ansehen kann.
Schon am Nachmittag war Lafontaine mit Söhnchen Carl-Maurice auf den Schultern über den Balkon geturnt. Die ersten Trends
hatten seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Zum zweiten Mal nach 1990 ist sein Lebenstraum vom Kanzleramt zerstört.
Und ausgerechnet der Hannoveraner würde kriegen, was er immer wollte.
MONTAG, 2. MÄRZ, BONN.
Die Mitarbeiter des Parteivorstands haben sich im OllenhauerHaus zum Jubelspalier aufgereiht – Gerd ist der Größte, aber
ohne Oskar ist alles nichts. Schröder und Lafontaine machen den
Eindruck, als sei die Eindeutigkeit des letzten Abends nur ein kurzer Traum gewesen.
Nun sieht es plötzlich wieder aus, als sei alles so offen wie zuvor. „Sehr ruhig, sehr bescheiden“, heißt es, habe Schröder im Vorstand die Leistung seiner Partei gewürdigt; „fast weihevoll“ habe
Lafontaine gesprochen.
Rivalität? Die alten Geschichten scheinen vergessen. Aber wie
lange? Sieben Monate muss das Duo fehlerfrei seinen Paarlauf absolvieren. Sieben Monate muss Lafontaine seine Spitzen gegen
den Kandidaten unterdrücken, den er für eine Art kleinen Bruder hält und manchmal für etwas unseriös.
An diesem Montag, kurz nach eins, kann sich der Sieger, sonst
nicht gerade das Idol der SPD-Gremien, der Händeschüttler kaum
erwehren. Will er auch nicht. Johannes Rau, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, rückt an seine Seite: „Wir lassen nichts
mehr anbrennen.“
Der Vorstand bestätigt den Kandidaten durch Wahl, drei Genossen enthalten sich der Stimme. Eine Stunde lang beantwortet
ein aufgekratzter Schröder danach die Fragen der Journalisten.
Das Programm sei abgestimmt. Im Fall des Sieges würde die Kürzung der Lohnfortzahlung zurückgenommen, die Rentenreform
korrigiert, das Steuersystem modernisiert
Oskar Lafontaine sitzt schweigend daneben, er hört, lächelt und
nickt zuweilen. Manchmal flüstert er Schröder etwas zu, bevor der
antwortet. Nur eine Frage beantwortet der Saarländer selbst: als
es um die Wirtschaftspolitik geht. Schröder schiebt den Unterkiefer vor: Haifischlächeln. Am Rande murmelt ein Lafontaine-
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Fan, dass es nun ganz wichtig sei, den Kandidaten programmatisch
einzumauern.
Alles scheint immer noch wie früher.
DER LEIPZIGER PARTEITAG ist der Beginn
der großen Show des
unzertrennlichen Duos.
SAMSTAG, 7. MÄRZ, HANNOVER.
„Ich bin bereit“, sagt Schröder in millionenfacher Auflage aus
deutschen Tageszeitungen. Oskar ist nicht im Bild – eine öffentliche Emanzipation.
SAMSTAG, 14. MÄRZ. SAARBRÜCKEN.
Rau fährt in der Staatskanzlei vor, ihm geht es um sein erstrebtes Präsidenten-Amt. Danach ruft Lafontaine den Kollegen in
Hannover an: Rau wolle den Platz als Ministerpräsident für seinen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement räumen. Schröder reagiert begeistert: Den Macher und Modernisierer Clement wünscht
er sich als Verbündeten im 18-Millionen-Land NRW. Die Botschaft heißt: „Etwas Neues beginnt.“ Lafontaine weist Schröder
darauf hin, dass Rau die Unterstützung bei der Wahl zum Staatsoberhaupt erwarte. „Das war der Preis“, erklärt Schröder später.
MONTAG, 16. MÄRZ, AUTOBAHN BONN–DÜSSELDORF.
Auf dem Beifahrersitz seines Dienst-BMW qualmt der PreussagManager Bodo Hombach eine dicke Zigarre. Sein Handy klingelt.
„Noch nicht?“, fragt er knapp, brummt und pustet schwere Rauchwolken aus.
Hombach hat die SPD-Wahlkampfzentrale in Bonn inspiziert
und ist auf dem Weg ins heimische Mülheim. Später, in der Abenddämmerung, kommt endlich der ersehnte Anruf. Johannes Rau hat
bekannt gegeben, dass er zur Sommerpause sein Amt dem Wirtschaftsminister Wolfgang Clement übertragen wolle. Rau legt
Wert auf den Hinweis, dass kein Zusammenhang mit der Wahl des
Bundespräsidenten ein Jahr später bestünde. Über derlei Unterstellungen hat sich der fromme Christ Rau sehr geärgert. Hombach kehrt bei seinem Lieblings-Japaner in Düsseldorf ein, isst
Sushi und genehmigt sich Sake.
DIENSTAG, 7. APRIL, HANNOVER.
Gerhard Schröder hat Geburtstag. Er wird 54. Lange hat er geschwankt, ob er Tony Blairs Einladung annehmen soll, ihn an
diesem Tag in 10, Downing Street zu besuchen. Es hieß, der britische Premier habe ihm sogar eine Geburtstagstorte zugesagt.
Schröder entscheidet sich für einen Kurzurlaub mit Gattin Doris.
SAMSTAG, 11. APRIL.
Lafontaine im SPIEGEL: „Gerhard Schröder und ich arbeiten
eng zusammen. Alle Versuche, uns auseinander zu bringen, sind
zum Scheitern verurteilt. Wir wissen, dass wir nur gemeinsam gewinnen können. Das gilt für die ganze SPD-Führung.“
FREITAG, 17. APRIL, LEIPZIG.
515 Delegierte im Hollywood-Rausch. Exakt um 10.15 Uhr verdunkelt sich der Parteitags-Saal, der in königlichem Blau und
majestätischem Rot gehalten ist. Leise Musik erklingt, steigert
sich zum Crescendo. Ein gefühliges Video flimmert über mehrere Großleinwände: satte Felder, Kinder, schnelle Züge, Handys.
Dann erscheint der Kandidat, markig. Er zieht kräftige Linien. So
wie dieser Video-Schröder unterschreibt ein Kanzler. „Lichtstimmung V“, befiehlt der Regieplan. Wahlkampfchef Franz Münd e r
M. DARCHINGER
DIENSTAG, 10. MÄRZ.
tefering und seine
Mannen hatten ein
Ziel: Gänsehaut für
jeden, wenn Gerhard Schröder und
Oskar Lafontaine
Seite an Seite im
gleißenden Licht
durch den halbdunklen Saal zum Podium schreiten und
laut Regie „winken
bis zum Ende der
Musik“.
Gerade mit dieser glitzernden Show wird für einen Moment das
sozialdemokratische Ideal vom ehrlichen, warmen, echten Miteinander Wirklichkeit. Schröder wird gefeiert, Lafontaine verehrt. Der Vorsitzende nimmt sich zurück, stellt sich in den Dienst
der Sache.
„Oskar Lafontaine danke ich für die Disziplin, die Vernunft, ja
die Selbstlosigkeit“, sagt Schröder. Er meint es ernst, als er den
Satz sagt, der den ausgebufften, zynischen Anti-Emotionalisten
Lafontaine zutiefst rührt: „Ich danke dir für die Freundschaft.“
So viel Frieden war nie. Als wollten die beiden Enkel mit einer
Eilheilung alle Wunden der vergangenen 20 Jahre schließen, lassen sie den letzten SPD-Kanzler Helmut Schmidt hochleben. „Vernunft und Selbstdisziplin“ seien der Schlüssel, predigt Schmidt, und
Lafontaine gebühre der Verdienst. Mit zusammenpressten Lippen
nickt der Saarländer. Kandidat ist er trotzdem nicht.
IM MAI, BONN.
Spätestens mit dem Leipziger Parteitag ist die Wahlkampfzentrale
„Kampa“ in Bonn zur Legende geworden. Noch nie haben Sozialdemokraten eine Kampagne so entschlossen und gut geplant, so
diszipliniert gefahren, heißt es. Jeden Tag ein Scherz, ein Event,
ein Spruch, der Kohls CDU-Manager, die erschrocken aus dem
Konrad-Adenauer-Haus herabschauen, in der Defensive hält.
Das ist ein Teil der Wahrheit, der,
den die Kampa von sich selbst
verbreitet.
Der andere Teil: Stellvertretend für Lafontaine und Schröder tobt in und um die Kampa
ein wüster Kampf. Für Schröders
Männer, Hombach und Heye,
sind die Kampa-Dynamiker wie DIE KAMPA, die SPD-Wahlkampfkleine Kinder auf dem Geburts- zentrale des Franz Müntefering,
gilt Schröder als geheime Lafontag. Verdächtig ist Müntefering, taine-Bastion.
weil er sich nie bekannt hat zu
einer Seite. Provozierend ist Matthias Machnig, ein quirliger,
lauter und manchmal nervender, aber bis an den Rand seiner
Kräfte wirbelnder Kugelblitz, der die 80 Leute Tag und Nacht
unter Dampf hält.
Schröder hält die Kampa bis zuletzt für ein Lager der Lafontainisten: „Die tricksen da doch wieder“, sagt er oft. Müntefering
müht sich um „Äquidistanz“. Kandidat und Parteichef bekommen
zeitgleich alle Entwürfe für Plakate, Spots, Slogans. Und Schröder fordert bei jeder Gelegenheit: „Lasst den Oskar da noch mal
drauf gucken.“ Lafontaine ist überraschend oft einverstanden. Die
Hannoveraner dagegen, im Bewusstsein, soeben den besten Landtags-Wahlkampf aller Zeiten gemacht zu haben, mäkeln. Das
Bild, das die Kampa von Schröder entwickelt, halten sie für ab-
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H. BAYER
Gerhard Schröder feiert Hochzeit mit Doris Köpf. Aber vorher ist
noch Geschäftliches zu erledigen. Kurz vor acht fährt das VW-Aufsichtratsmitglied Schröder zum Flughafen. Im Jet wartet VW-Vorstand Ferdinand Piëch. Der Flug geht nach London, zu den Bossen von Rolls-Royce. In Crewe, 250 Kilometer nordwestlich der
Hauptstadt, besichtigen die beiden das feine Autowerk. Piëch will
die legendäre Marke kaufen. Nach der Rückkehr startet in Hannover die Hochzeitsfeier. Wieder einmal hat Schröder sein
Image untermalt: erst die Wirtschaft, dann das schöne Leben.
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Titel
surd. Schröder-Freund Heye verlässt kopfschüttelnd eine Strategie-Sitzung in Bonn: „Diesen Kandidaten, den ihr da schildert, den
kenn ich nicht.“
FREITAG, 26. JUNI, BONN.
Müntefering stellt eine Garantiekarte vor, auf der Schröder den
Wählern mehr Arbeitsplätze, mehr Innovationen und mehr Steuergerechtigkeit verspricht. Das Problem: Schröder hat davon
nichts gewusst, schon gar nicht vom Punkt 9: „Kohls Fehler zu korrigieren bei Renten, Kündigungsschutz und Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall“. Hat Oskar das eingefädelt?
MITTWOCH, 5. AUGUST, WASHINGTON.
Vor seinem Besuch bei US-Präsident Bill Clinton ruft Gerhard
Schröder zu Hause bei Gattin Doris an, die Geburtstag hat. „Da
wollen dir welche gratulieren“, sagt der Kandidat, hält das Handy den zwei Dutzend Journalisten entgegen und schwingt die
Arme wie ein Dirigent. „Happy birthday to you“, intonieren die
Medienvertreter folgsam, „Happy birthday, liebe Doris.“ Schröder grinst breit. „Na, habt ihr alles?“, fragt er die Kameramänner.
Die nicken. Deutschland gehört ihm. Fast jedenfalls.
DONNERSTAG, 6. AUGUST.
In der „Zeit“ preist Schröder die „Doppelspitze“: „Ein schwieriger Prozess war es, aber wir beide sind so weit, dass wir einander widersprechen können. Ohne Vertrauen geht das nicht. Ansonsten schätze ich nachhaltigen Widerspruch von Menschen, die
loyal sind. Doch inzwischen wissen Lafontaine und ich um die Bedingungen des gemeinsamen Erfolges. Keiner will den anderen dominieren, sonst würde die gemeinsame Arbeit schief gehen, und
wir würden beide scheitern.“
MITTWOCH, 19. AUGUST, BERLIN.
Breitschultrig eskortiert der Kampa-Chef Müntefering den designierten Wirtschaftsminister Jost Stollmann in den Saal des Hotels Maritim Pro Arte. Mikrofone, die sich beiden entgegenrecken,
biegen sie wie Schilfhalme zur Seite.
Heute ist der Tag: Stollmann will eine Art Kennedy-Rede halten, grundsätzliche Betrachtungen über die Deutschen und ihre
Wirtschaft und ihre Politik anstellen. Ein Mega-Event mitten im
Sommerloch – mit hohem Risiko-Potential. Schröders Sprecher
In der anschließenden Fragerunde findet Stollmann auch nach
längerem Nachdenken keine Antwort auf die Frage, welches der
vorliegenden Modelle für eine Steuerreform er favorisiere. Schröder stellt sich anschließend pflichtschuldig neben den Kandidaten
und guckt wie ein Skorpion. Wer Schröder kennt, weiß, dass sein
Wunderkind die politischen Träume beerdigen kann. Dann wird
Stollmann abgeführt.
Lafontaine soll sich köstlich amüsiert haben.
MITTWOCH, 26. AUGUST, BERLIN.
Wieder eine dieser Clowns-Nummern, die wie Brausepulver wirken. Erst prickelt es komisch, doch bald ist nur noch schaler,
künstlicher Nachgeschmack. Da grinst das volle, runde Gesicht
fidel, und Oskar fragt: „Du Gerd, hast du nicht einen Job für
mich?“
Schröder guckt ein wenig ungehalten bei der Vorstellung des
100-Tage-Programms im Willy-Brandt-Haus. Der kleine Pummelige blickt schuldbewusst nach unten und dann umher. Und plötzlich prusten beide los, so dass sich die Umstehenden fragen: Veralbern die uns, oder veralbern sie sich, oder lässt sich mit dem Kinderspiel einfach nur am besten verschleiern, dass zwischen ihnen
nichts geklärt ist? Es ist, als sei dieser Wahlkampf nur ein Spiel
und der ernste Kampf um Programme und Posten und Personal
beginne erst am Abend des 27. September.
Lafontaine ist gelassen in diesen Tagen. Es ist seine SPD, eine
Armee von 800 000 Genossen, mit denen er jeden Job in einer
Bundesregierung bekommen könnte – bis auf einen. Selten war
ein SPD-Chef so machtvoll, so unumstritten wie Lafontaine einen
guten Monat vor der Wahl. Als Schröder sein Programm präsentiert, schaut der Patriarch Oskar wohlwollend zu. „Das Fundament
sind Vertrauen und gegenseitige Achtung“, so erklärt er auch die
Beziehung der Doppelspitze.
Es ist aber eher ein Gleichgewicht des Schreckens, das die beiden nahezu täglich aufs Neue herstellen. Das Unausgetragene ist
das Merkmal ihres Miteinanders. Sie entwinden sich der Umarmung respektvoll, ohne den anderen zu frustrieren. Ist das das Maximum an Freundschaft in der Politik?
Schießt der Feuerwerker Schröder einen Stollmann in die Umlaufbahn, bittet Lafontaine den einstigen französischen Kulturminister Jacques Lang zu sich. Redet der Kandidat von der Großen
Koalition, um dem gefürchteten Lagerwahlkampf auszuweichen,
beruhigt der Parteichef die aufgeregten Genossen und wirbt für
Rot-Grün. Und kaum hat Schröder melden lassen, er wünsche sich
Lafontaine im Kabinett, da kündigt der an, er würde bei einem
knappen Sieg gern Fraktionschef werden.
MITTWOCH, 2. SEPTEMBER.
JOST STOLLMANN, Schröders Mann für die Wirtschaft, ist Lafontaine
hoch verdächtig als typischer Vertreter der neuen Mitte.
Heye grinst verlegen. Lafontaine, der neulich mit Stollmann essen war, hat vor gesprächigen Vertrauten festgestellt, dass der
ehemalige Computer-Unternehmer nicht geeignet ist.
Lafontaine sollte Recht behalten. Stollmann hat seine Gesten
offenbar mühsam einstudiert und macht quälend lange Kunstpausen für „neues Denken“, „neue Wege“, „Schneisen der Erkenntnis“, „Dickicht des Nicht-Wissens“. Nach fünf Minuten
steht für Schröders Leute fest: Dieser Mann wird gar nichts, nie.
Man muss ihn nur unfallfrei durch den Wahlkampf schleppen.
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DER WAHLKAMPF wirkt mitunter wie ein Spiel zwischen Schröder und
Lafontaine – der ernste Kampf zwischen beiden beginnt erst nach dem
Sieg.
M.-S. UNGER
J. GIRIBAS
ARD-Wahlreportage „Der Herausforderer“: Hombach und Heye
klügeln in einem Ferienhaus an der holländischen Nordseeküste
die Schlagworte für eine Rede Schröders aus. Gegenschnitt. Der
Kandidat trägt just jene Worte vor. Ein verhängnisvoller Eindruck
entsteht: Der künftige Kanzler wird von seinen Hintermännern
ferngesteuert. Hombach ist der wahre Schröder. Er hat schließlich
auch die Rau-Wahlkämpfe gewonnen. „Ich musste ihn daran erinnern, dass ich auch dabei war“, spottet der SPD-Patriarch.
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Titel
SONNTAG, 27. SEPTEMBER, BONN.
IMO
Es ist so weit: Wahlsonntag. Kurz nach 17 Uhr weiß Gerhard
Schröder definitiv, dass er es geschafft hat. Manfred Güllner,
Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hat im Büro des
Parteivorsitzenden Lafontaine in der Bonner SPD-Zentrale angerufen. Er will dem künftigen Kanzler die Zahlen persönlich
übermitteln, die offiziell erst um 18 Uhr verkündet werden:
„Oskar, schreib mal mit“, ruft der Kandidat und diktiert dem
Parteivorsitzenden Güllners Prognosen: SPD 41 Prozent, CDU
36 Prozent.
Schröder umarmt und küsst seine Frau. Den Champagner rührt
er jedoch erst nach der offiziellen Bekanntgabe der Zahlen im
Fernsehen an. Aber er trinkt noch nicht auf den Sieg, sondern auf
den 55. Geburtstag seines designierten Arbeitsministers Walter
Riester. Sicher ist sicher.
Draußen vor der Glastür und in der „Baracke“ braust Jubel.
Hunderte wollen den Sieger sehen. Bevor Schröder hinausgeht,
DER WAHLSIEG ist für Lafontaine sein Sieg – als hätten die Deutschen
zwei Kanzler gewählt.
Deutschland jene Rezepte umzusetzen, die er gemeinsam mit
Ehefrau Christa in seinem Buch „Keine Angst vor der Globalisierung“ aufgeschrieben hat. Er will – zusammen mit seinem französischen Kollegen und vermeintlichen Freund Dominique
Strauss-Kahn und dem Amerikaner Alan Greenspan – bei den
Global Players mitspielen. Oskar Lafontaine will Schatzkanzler
neben dem Kanzler sein.
Im Foyer des Ollenhauer-Hauses stürmen Schröder und Lafontaine vor Beginn der Parteivorstandssitzung aufeinander los,
als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen. Vor laufenden Kameras umarmen und knuffen sie sich, giggeln über ihre Witze,
überreichen und empfangen Blumensträuße und schütten sich
aus vor Lachen. Die aufgesetzte Fröhlichkeit wirkt bedrohlich:
Pass auf, signalisiert das Raubtierlächeln der beiden Machtmenschen, komm mir bloß nicht ins Gehege.
Im Vorstand demonstriert der Parteichef Ton und Richtung für
die Zukunft: Nach den Gratulationen für Gerhard Schröder und
den Mecklenburger Landtagswahl-Gewinner Harald Ringstorff
kommt er zur Sache. Disziplin sei jetzt genauso wichtig wie vor
der Wahl. Wer glaube, er könne sich jetzt als künftiges Regierungsmitglied öffentlich ins Gespräch bringen, der „hat bei mir
keine Chance“. „Bei mir“, sagt Lafontaine, als wäre er der Kanzler.
Von Anfang an betrachtet der Saarländer die Koalitionsverhandlungen als sein Revier. Was er mit Fischer am Vorabend allein ausgekungelt hat, darf der Parteivorstand abnicken: keine Parallel-Verhandlungen mit der Union. Schröder erscheint Teilnehmern als „sehr entschlossen“, das rot-grüne Bündnis zu suchen.
Aber der Macher ist Lafontaine.
Nebenbei nimmt der Parteichef eine weitere, wichtige Weichenstellung vor: Mit Blick auf den neben ihm sitzenden Ringstorff, der in Schwerin ein Bündnis mit der PDS schmieden will,
stellt Lafontaine beiläufig fest, „selbstverständlich“ habe jeder ostdeutsche SPD-Landeschef freie Hand bei der Regierungsbildung.
Ob mit oder ohne PDS, das werde vor Ort entschieden. Ausdrücklich bittet er den Vorstand um Zustimmung. Und weil – wie
gewohnt – niemand widerspricht, ist es so beschlossen.
DIENSTAG, 29. SEPTEMBER, HANNOVER.
zieht er Lafontaine beiseite: „Ich habe mich entschieden: Bodo
Hombach kommt ins Kanzleramt.“
Lafontaine ist wie vom Donner gerührt. Er hat ein eigenes Personal-Tableau im Kopf. Auf gar keinen Fall will er, dass Scharping
Fraktionschef bleibt. Er hat Müntefering ausgeguckt. Peter Struck,
der als Parlamentarischer Geschäftsführer viel Einfluss in der
Fraktion hat, sollte Chef des Kanzleramts werden. Und nun soll
alles anders kommen? Dass Schröder ausgerechnet den ökonomischen Autodidakten Hombach an seine Seite holt, muss Lafontaine als Kampfansage deuten.
Keine Zeit zum Nachdenken. Das Wahlvolk ruft. Der Parteichef
muss den strahlenden Sieger auf die Bühne begleiten und ihm –
der die beiden Arme nach oben reißt und das doppelte VictoryZeichen macht – auch noch applaudieren. Dabei fühlt auch er sich
selbst als Gewinner. „Mir ist das fast schon peinlich“, erzählt er
später einem guten Freund. „Alle Leute sagen, der eigentliche
Kanzler bin ja ich.“
Aus seiner Sicht hat das deutsche Volk zwei Kanzler gewählt:
ihn und den andern. Im Fernsehen dankt Lafontaine den Wählern
für das Vertrauen „für Schröder und mich“.
MONTAG, 28. SEPTEMBER, BONN.
Dieter Koniecki, ein alter Freund, ruft in der Saarland-Vertretung
an. Wie viele andere beschwört er den SPD-Chef, bloß nicht in
die Regierung zu gehen. Bei der angespannten Kassenlage würde er nur Zumutungen verkünden müssen. Als Fraktionschef und
Parteivorsitzender wäre er dagegen frei, korrigierend und lenkend
in die Regierungsgeschäfte einzugreifen.
Die Warnungen helfen nichts. Lafontaine will ins Kabinett. Er
fühlt sich berufen, als Finanzminister der Bundesrepublik
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Bei Schröder läuft alles schief. Morgens wird ihm in seiner heimischen Dachzimmerwohnung das Wasser abgestellt – Bauarbeiten. Der Tee wird mit Mineralwasser zubereitet. Außerdem hat
der Wahlsieger Grippe. „Ein Zeichen dafür, dass die Anspannung
nachlässt“, diagnostiziert Doris Scheibe, seine langjährige Chefsekretärin. Die gecharterte Maschine, die Schröder um 13.45 Uhr
zur ersten Sitzung der neuen SPD-Bundestagsfraktion fliegen
soll, bleibt auf der Piste. Motorschaden.
Der designierte Bundeskanzler muss auf Ersatz warten. Galgenhumor. „Stellen Sie sich einmal vor, das wäre in der Luft passiert“, sagt er zu einem Reporter. „Dann hätte es wieder eine Kandidaten-Diskussion gegeben.“
Oskar Lafontaine wird den Scherz am darauf folgenden Wochenende in der „Bild am Sonntag“ lesen. Die giftige Botschaft:
Nach diesem Wahlsieg, lieber Oskar, würdest du selbst dann nicht
automatisch Kanzler werden, wenn es mich nicht mehr gäbe.
Nichts ist, wie es war. Oder ist es jetzt, wie es immer war?
DIENSTAG, 29. SEPTEMBER, BONN.
Aufgeregte Begrüßung der neuen Abgeordneten im Bundestag.
Noch immer kann keiner den Triumph richtig fassen. Während
Schröder in Hannover festsitzt, führt Lafontaine vor der Fraktion im Wasserwerk das große Wort. Nachdem sich die Neuen vorgestellt haben, zieht er die Zügel stramm: Die Koalitionsverhandlungen seien Sache des Parteichefs. Als Grundlage für die
Verhandlungen mit den Grünen diene das vom SPD-Parteitag
beschlossene Regierungsprogramm. Die Fraktion sei doch sicher
damit einverstanden, dass die Gespräche von den Mitgliedern
des Parteipräsidiums geführt würden. Kein Widerspruch. So
beschlossen. Ein erster folgenschwerer Fehler: Die künftigen
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neuer Freund Chirac geschenkt hat, beeindruckt sogar seinen
verwöhnten Kumpel Hombach: Die Spirituose ist 100 Jahre alt.
Minister würden nicht über ihre Ressorts verhandeln, Lafontaine hat die Alleinherrschaft. Der malade Schröder soll inhaltlich eingemauert werden.
FREITAG, 2. OKTOBER, BONN.
MITTWOCH, 30. SEPTEMBER, PARIS.
Die Koalitionsverhandlungen sind offiziell eröffnet. Chef Lafontaine erteilt in der NRW-Vertretung das Wort – auch dem künftigen Kanzler. Lafontaine redet jederzeit, wann und so lange er es
für richtig hält, vorzugsweise in seiner Eigenschaft als Weltökonom – wie weiland Helmut Schmidt.
Schröder lässt ihn gewähren. Die aufmerksamen Grünen bemerken an kleinen Gesten knisternde Rivalität. Wenn Schröder
das Wort hat, lächelt der andere bisweilen „sardonisch“, ein wenig verkrampft vor sich hin. Mal blickt er nur zur Decke und verdreht die Augen.
Wenn Lafontaine die Runde mit seiner Weltwirtschaft nervt,
zwinkert Schröder schon mal dem Koalitionspartner zu. Oder er
grinst vergnügt, wenn der grüne Professor Fritz Kuhn, Fraktionsführer im Stuttgarter Landtag, den SPD-Chef unterbricht und
die „Politik des leichten Geldes“ rügt.
Kleine Hakeleien gefallen Schröder. Aber zum offenen Streit
lässt er es ebenso wenig kommen wie umgekehrt Lafontaine.
Noch funktioniert die Rollenverteilung: Schröder markiert die
neue Mitte, Lafontaine bedient die Emotionen der alten Linken.
Schröder allerdings operierte im letzten halben Jahr immer aus
der Position des Vorläufigen, erst als Kandidat, jetzt als designierter Kanzler. Lafontaine dagegen war immer mächtiger Parteichef.
AFP / DPA
Schröders erste Auslandsreise. Seit der Kanzlerschaft Konrad
Adenauers gehört es zum guten Ton jedes neugewählten Bonner
Regierungschefs, zuerst an die Seine zu fahren. Für Schröder hat
das Ritual einen zusätzlichen Reiz: Paris war bisher Oskars Revier.
FRANKREICH-BESUCH: Schröders erste Auslandsreise nach der Wahl, zu
In der französischen Hauptstadt bewegt sich Lafontaine wie zu
Hause. Im Unterschied zu Schröder spricht der Saarländer
fließend französisch, er kennt die regierenden Sozialisten seit
vielen Jahren. Im Schlösschen, in dem seine saarländische Vertretung residiert, pflegt Oskar intellektuelle Salon-Kommunikation. Es war Lafontaine, der Schröder nach seiner gewonnenen
Landtagswahl in Paris den französischen Freunden vorstellte.
Nun reist der Niedersachse allein und als künftiger Kanzler in
die Metropole – zuerst zu Jacques Chirac, dem konservativen
Staatspräsidenten, danach zu Lionel Jospin, dem sozialistischen
Premierminister. Dass er den Saarländer abgeschüttelt hat, scheint
ihn zu beflügeln. „Zu Hause habe ich noch richtig Mühe, mir vorzustellen, dass ich Kanzler werde“, philosophiert er abends in kleinem Kreise. „Hier in Paris fällt mir das viel leichter.“
Kanzler sein macht Spaß. Theoretisieren ist anstrengend. So wie
bei der Veranstaltung, zu der ihn abends Jospin eingeladen hat.
Der Sozialist Jospin hat ein paar Minister und die Chefredakteure wichtiger französischer Medien zu sich gebeten. Vor ihnen
muss Schröder erläutern, was er unter der „Neuen Mitte“ versteht.
Es wird kein entspannter Abend. Nicht mal zum Essen kommt
Schröder. Seine Beraterin für deutsch-französische Beziehungen,
Brigitte Sauzay, führt ihn anschließend in ein Bistro im Quartier
Latin. Der Hungrige verzehrt erleichtert ein halbes Hühnchen.
DONNERSTAG, 1. OKTOBER, BONN.
Das erste Sondierungsgespräch zwischen Grünen und Sozialdemokraten ist ein Heimspiel für Lafontaine. Wie jeder Machthaber
hat er die Delegationen in sein Revier, die Vertretung an der
Kurt-Schumacher-Straße, geladen. Später wird man sich an einem
neutraleren Ort treffen: Die rot-grüne nordrhein-westfälische
Landesregierung stellt ihr Domizil für die Verhandlungen zur
Verfügung.
Hausherr Lafontaine empfängt zuerst Schröder zum Vier-Augen-Gespräch. Im angemessenen Abstand folgen die anderen sozialdemokratischen Teilnehmer der Koalitionsrunde – Hackordnung muss sein.
Schröder drückt aufs Tempo. Er will spätestens vier Wochen
nach der Bundestagswahl Kanzler sein. Schröder ist mit sich und
der Welt zufrieden. Die positiven Kommentare zur FrankreichTour haben ihm gefallen. Und die Flasche Cognac, die ihm sein
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REUTERS
Jacques Chirac, mit seiner Beraterin Brigitte Sauzay führt auf Lafontaines ureigenes Terrain.
DIE KOALITIONSVERHANDLUNGEN sind für die Grünen um Fischer oft
wie Gespräche mit zwei Parteien: Schröder und Lafontaine.
Besorgt sehen manche Genossen, dass der Niedersachse die
Dinge „mit großer Gelassenheit laufen lässt“ – Oskars Pose des
Allmächtigen nimmt überhand. „Ich habe doch jetzt gewonnen“,
verrät Schröder einem Freund. „Da kann ich großzügig gegenüber
demjenigen sein, der es eigentlich auch werden wollte und nicht
zum Zuge gekommen ist.“
SAMSTAG, 3. OKTOBER, BONN.
Im Saal der Stadthalle, in dem 1959 das berühmte Godesberger
Programm der SPD beschlossen wurde, tagen die Parteilinken, der
„Frankfurter Kreis“. Kein Fan-Club des künftigen Kanzlers, meist
unterstützt er Lafontaine.
In den Zeitungen wuchern die Personalspekulationen: Was
wird aus Scharping, den Lafontaine als Fraktionschef verhindern
will? Wird der Ost-Berliner Partei-Vize Wolfgang Thierse Bundestagspräsident? Und bleibt der Esoteriker Jost Stollmann wirklich der Wunschkandidat für das Wirtschaftsministerium?
Immer ist es Lafontaine, von dem die Beantwortung dieser Fragen abzuhängen scheint. Auch seine eigene Rolle ist noch unklar.
Der Saarländer betritt die Stadthalle und konfrontiert seine linken Freunde im Befehlston mit seinen Vorstellungen: Erstens:
Scharping muss weg! Zweitens: Thierse kann nicht Bundestagspräsident werden, weil sonst die Frauen protestieren und Anspruch auf das Präsidentenamt erheben würden. Das aber muss
Rau bekommen.
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Titel
SAMSTAG, 3. OKTOBER, HANNOVER.
An der Seite des amtierenden Bundespräsidenten Roman Herzog
zieht der designierte Kanzler Schröder am Tag der Deutschen Einheit in die Stadthalle ein. Als ihn Journalisten nach Rau fragen,
wiegelt Schröder ab: Spekulationen zur Unzeit. Der Parteivorsitzende werde „zu gegebener Zeit“ einen Vorschlag machen.
Im Lager Lafontaines weckt Schröders Zurückhaltung den alten Verdacht, dass der Hannoveraner Raus Kandidatur hintertreiben wolle. Gute Freunde des Saarländers erinnern sich an einen heftigen Wutausbruch Lafontaines. Ihm war zu Ohren gekommen, Herzog sei von Hombach persönlich animiert worden,
öffentlich über eine, bislang kategorisch abgelehnte, Verlängerung der Amtszeit nachzudenken.
Natürlich wird das in Schröders Umgebung heftig dementiert.
„Wenn einer in der Kandidatenfrage nicht gewackelt hat“, sagt einer seiner Vertrauten, „dann war das Gerd.“ Der Parteivorsitzende selbst sei es gewesen, der habe andere Namen ins Spiel gebracht.
lassen. Hombach, lässt er durchblicken, sei nicht so wichtig, wie
manche glaubten.
Insgesamt wähnt sich Lafontaine zu diesem Zeitpunkt noch auf
sicherem Boden. Er ist überzeugt davon, dass er es in Wahrheit
war, der die Wahl gewonnen hat – und dass Schröder ihm deshalb
zu Dank verpflichtet sei.
Gleichwohl ist Lafontaine bewusst, dass er seine Politik nur
durchsetzen kann, wenn er den künftigen Kanzler nicht provoziert: „Lobt den Schröder“, bittet er deshalb auch seine Berater
Claus Noé und Flassbeck, als er diese wenige Tage später zu seinen Staatssekretären beruft, „redet nicht schlecht über den.“
MITTWOCH, 7. OKTOBER, BONN.
Ganz beiläufig fragt Lafontaine
den SPD-Fraktionsvorsitzenden Rudolf Scharping am Rande einer Bundestagssitzung:
„Was willst du denn werden?
Hast du dich schon entschieden?“
Scharping weiß, was Lafontaine im Schilde führt. Er
schlägt vor, darüber in Ruhe
bei einer Flasche Rotwein zu
reden.
AFP / DPA
Keine weiteren Begründungen. „Er erwartete einfach, dass wir
seine Forderungen umsetzten“, erinnert sich ein Teilnehmer.
Michael Müller, einer der Wortführer des linken Fraktionsflügels,
stellt den Parteichef zur Rede: „Wie stellst du dir das vor, Oskar?
Scharping hat doch keine silbernen Löffel geklaut. Sollen wir als
Begründung sagen: Oskar will das nicht?“
RUDOLF SCHARPING steht zwischen den Rivalen und will gegen
Lafontaines Willen SPD-Fraktionsvorsitzender bleiben.
REUTERS
DONNERSTAG, 8. OKTOBER,
BONN.
DIE NACHFOLGE DES BUNDESPRÄSIDENTEN Roman Herzog ist ständiger Streitpunkt. Lafontaine will Rau unbedingt, Schröder nicht so sehr.
MONTAG, 5. OKTOBER, HAMBURG/BONN.
Unter der Überschrift „Der Befreiungsschlag“ präsentiert der
SPIEGEL ein Kapitel aus Bodo Hombachs neuem Werk. Das
Buch zum Kanzler (Titel: „Aufbruch – die Politik der neuen Mitte“) ist eine Provokation gegen Lafontaine und eine Kampfansage an dessen Wirtschafts- und Finanzpolitik.
„Die Auseinandersetzung um eine Zielentscheidung zwischen
Angebots- und Nachfragepolitik hat uns zu lange gelähmt“,
schreibt Hombach. „Von der Vorstellung schnell wirksamer und
allein selig machender keynesianischer Rezepte haben sich die
meisten längst verabschiedet.“ Bis auf Lafontaine, ergänzt der Leser. Denn der weiß aus den Medien, dass es Lafontaine war, der
immer gegen die Angebotspolitik der Regierung Kohl zu Felde zog
und stattdessen die Wirtschaft durch mehr Nachfrage ankurbeln
will.
Hombach glaubt dagegen an eine „Angebotspolitik von links“.
Was genau das sein soll, ist seinen gewohnt wolkigen Formulierungen nicht zu entnehmen. Darum geht es auch gar nicht. Hombach will Zeichen setzen. Und weil der Kanzler das Nachwort
dazu geschrieben hat, wird das Buch schon vor dem Erscheinen
Teil des innerparteilichen Machtkampfes, der unter dem Stichwort
„Modernisierer gegen Traditionalisten“ läuft.
Heiner Flassbeck, Lafontaines Chefökonom, liest den Hombach-Essay im SPIEGEL und ist entsetzt. „Die wollen eine ganz
andere Politik als wir“, warnt er Lafontaine. Auf Hombach müsse man aufpassen. Doch der SPD-Vorsitzende gibt sich ganz ge122
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Die Grünen sind irritiert. Sie sitzen nicht einer, sondern zwei Koalitionsparteien gegenüber: Schröder, der die neue Mitte markiert,
und Lafontaine, der die Traditionalisten bedient. Leider haben beide niemals miteinander geredet, geschweige denn ihre Strategien
abgestimmt. Bei den sozial-konservativen Themen wie Steuerreform, Rente, Spitzensteuersatz schwingt Lafontaine das Zepter.
Schröder versucht, die Grünen in allen ökologischen Fragen zu
deckeln. Im Alleingang hat der Automann die Grenze für die Anhebung der Mineralölsteuer zementiert: Mehr als sechs Pfennig
pro Liter seien mit ihm nicht zu machen, gibt er via „Bild am
Sonntag“ bekannt.
Das bringt Lafontaine in Rage. Er würde mit der Benzinsteuer
gern die Haushaltslöcher füllen. Aber Schröder lässt ihn nicht.
Mehrfach stichelt Oskar, die Augen theatralisch zur Decke gewandt, die Hände bedauernd erhoben, gegen den Mann, der nach
dem Grundgesetz die Richtlinien der Politik bestimmt: „Der Herr
Bundeskanzler hat sich ja auf die sechs Pfennig pro Liter festgelegt ...“
Bei der Steuerreform allerdings bremst Lafontaine. Er diskutiert
das Thema ausschließlich aus dem Blickwinkel der Verteilungsgerechtigkeit. Die Grünen hingegen wollen ein Signal für die Unternehmer setzen. Sie sind für eine deutliche Senkung des Spitzensteuersatzes, auch wegen des Symbolwerts. Aber da rennen sie
bei Lafontaine vor die Wand: kein Geld. „Wir hatten immer ein
großes Missbehagen“, erinnert sich Fritz Kuhn, der baden-württembergische Grüne. „Kann das gut gehen?“
Die Sorgen werden auf der SPD-Seite geteilt. Alles laufe ein
bisschen „über Kreuz“, berichtet Scharping seinen Vertrauten.
Eine Mehrheits-SPD unter Schröder verhandelt mit den Mehrheits-Grünen unter Fischer, gleichzeitig redet eine MinderheitsSPD unter Lafontaine mit den Minderheits-Grünen unter Trittin.
FREITAG, 9. OKTOBER, WASHINGTON.
Begleitet von Joschka Fischer und seinem außenpolitischen Berater Günter Verheugen ist Gerhard Schröder zu einem Kurztrip
in die USA gereist. Vom US-Präsidenten Bill Clinton werden sie
im Weißen Haus freundlich und neugierig empfangen. Dann wird
es ernst: Obwohl der Kanzler und sein Außenminister noch nicht
vereidigt sind, verlangt der Präsident von der künftigen Regierung
eine schmerzliche Zusage: Die Deutschen sollen sich am KosovoKonflikt beteiligen. Clinton möchte, dass der serbische Präsident
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MONTAG, 12. OKTOBER, BONN.
SONNTAG, 11. OKTOBER, BONN.
DIENSTAG, 13. OKTOBER, BONN.
Oskar Lafontaine hat für Montag eine Sondersitzung des Parteivorstands einberufen. Unmissverständlich hat er Schröder wissen
lassen, dass er zurücktritt, falls Scharping Fraktionschef bleibt. Er
sei sogar bereit, gegen ihn zu kandidieren: „Der oder ich.“
Schröder ist in der Zwickmühle. Wenn er die Sache laufen
lässt, gibt es einen ersten gewaltigen Crash, der alle beschädigt.
Während Lafontaine davon überzeugt ist, dass er gegen Rudolf
Scharping gewinnen wird, schätzt Schröder die Lage anders ein:
Das brutale Mobbing hat die Fraktion gegen Lafontaine aufgebracht. „Es war völlig klar“, sagen Schröders Getreue, „dass die
Fraktion sich hinter Scharping und damit gegen Lafontaine gestellt hätte.“
Mittags, am Rande der Koalitionsgespräche, ziehen sich Lafontaine und Scharping in der NRW-Vertretung zu einem Vier-Augen-Gespräch zurück. „Was hast du dagegen, dass ich Fraktionsvorsitzender bleibe?“, fragt Scharping. Oskar antwortet: „Es wird
schwerwiegende Konflikte geben. Der Schröder macht es nicht
lange, weil er es nicht kann. Und ich weiß nicht, auf welcher Seite du dann stehst.“ Der Machtkampf ist in vollem Gang.
Auch Schröder trifft sich mit Scharping – spätabends in der Niedersachsen-Vertretung. Er beschwört ihn, seine Position zu räumen. Das ist nicht so einfach. Denn Scharping hat bereits erklären lassen, dass er zum Bleiben entschlossen ist: „Man wird in
meiner bisherigen Arbeit keinen Grund finden, eine andere Entscheidung als eine Bestätigung im Amt zu treffen.“
Doch Parteisoldat Scharping lenkt ein. Er sei bereit, auf die
Hardthöhe zu gehen, falls „die Voraussetzungen stimmen“. Mit
anderen Worten: wenn der Wehretat unangetastet bleibt. Dass er
eine zentrale Rolle im sich abzeichnenden Kosovo-Konflikt spielen würde, ist ihm ebenfalls klar. Die beiden Männer vereinbaren
Stillschweigen. Am Morgen darauf soll das Einlenken Scharpings
vor der Sitzung des Parteivorstands zelebriert und der Frieden
dann öffentlich besiegelt werden.
Einzige Bedingung: Auch Kontrahent Müntefering, den Lafontaine gefördert hatte, muss zurückziehen. Wer schließlich Fraktionschef werde, sollten die Parlamentarier entscheiden.
So geschieht es. Schröder gibt bei Lafontaine Entwarnung, und
der instruiert Müntefering. Der Sauerländer begreift die Chance,
sich als Problemlöser zu profilieren. Am frühen Montagmorgen
vernimmt die staunende Öffentlichkeit im Radio, dass Müntefering nicht gegen Scharping antreten will.
Die Nachricht vom Friedensschluss zwischen Scharping, Schröder
und Lafontaine hat nur vorübergehend für Entspannung gesorgt.
Denn nun taucht – neben dem Niedersachsen Struck – plötzlich
auch der Name Ottmar Schreiner auf. Der Saarländer, so heißt es,
habe ebenfalls Chancen auf den Fraktionsvorsitz.
Schröder ist irritiert und verärgert. Er ist der Meinung, Lafontaine durch sein Eingreifen vor einer schweren Niederlage in der
Fraktion bewahrt zu haben. Nun vermutet er hinter Schreiners
Kandidatur den Strippenzieher Oskar.
AP
Milo∆eviƒ die Drohungen der Nato ernst nimmt. Aber ohne die
Deutschen gäbe es keine ernsthafte Drohung.
Schröder und Fischer weisen darauf hin, dass sich erst der neue
Bundestag konstituieren müsse. Clinton stimmt ihnen zu – so eilig sei die Sache nicht.
Im Bonner Kanzleramt erfahren Schröder, Fischer, Lafontaine
und Verheugen von Kanzler Helmut Kohl, dass sie für ihre Entscheidung über den Kosovo keinen Aufschub mehr haben. Clinton will nicht warten, bis sich der neue Bundestag konstituiert. Er
brauche die Zusage der Deutschen sofort, dass sie sich – falls die
Nato das beschließt – am Kosovo-Krieg beteiligen. Sein Emissär
Richard Holbrooke soll mit einer handfesten Drohung in Belgrad
intervenieren.
Kohl und Außenminister Klaus Kinkel wirken bedrückt. Verteidigungsminister Volker Rühe referiert die Lage „mit unverkennbar triumphierendem Unterton“, sagt ein Teilnehmer. Er gilt
als derjenige, der die Amerikaner dazu bewegt hat, auf eine
schnelle Entscheidung zu drängen.
Schröder bittet um eine Unterbrechung, um sich mit seinen Leuten zu beraten. „Wir müssen das machen“, sagt er, „wir müssen
da durch, und wir kommen da durch, wenn wir zusammenhalten.“
Nach kurzer Pause erklärt Oskar Lafontaine: „Das wird wohl so
sein.“
In Kohls Arbeitszimmer zurückgekehrt, will Lafontaine wissen,
ob die Deutschen automatisch am Krieg beteiligt sind, wenn die
Nato ihn beschließt. Oder ob der Bundestag in jedem Fall noch
einmal entscheiden muss. Kinkel versichert, es gebe keinen Automatismus. Auf jeder Stufe des Verfahrens werde es eine Kontrolle geben. Das bekommt Lafontaine später sogar schriftlich.
WELTPOLITIK IN WASHINGTON: Bill Clinton bindet die rot-grüne Regierung frühzeitig in seine Kosovo-Politik ein – und verhilft ihr damit später zu
einer glanzvollen Bewährungsprobe.
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MITTWOCH, 14. OKTOBER, BONN.
Am Rande der Koalitionsverhandlungen kommt es zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Schröder und Lafontaine
– Nachbeben des Machtkampfs um die Fraktionsspitze.
Schröder verdächtigt Lafontaine, seinen Landsmann Schreiner
gegen Struck ins Rennen um den Fraktionsvorsitz geschickt zu haben. Der fühlt sich zu Unrecht verdächtigt. In Wahrheit waren die
beiden Saarländer nie besonders eng. Plötzlich geht es um die
ganze Wahrheit: Er sei der Kanzler, nicht Lafontaine, der solle sich
nur keine falschen Vorstellungen machen. Lafontaine kriegt die
Krise. Er bricht in Tränen aus. Schröder knallt die Tür und marschiert davon. Lafontaine ist außer sich.
Hinterher, heißt es, sei es Doris Köpf über Lafontaines Ehefrau
Christa Müller gelungen, den Streit der Männerfreunde zu kitten.
Struck wird am nächsten Tag von der Mehrheit des Fraktionsvorstands nominiert.
SONNTAG, 18. OKTOBER, BONN.
Auch am Wochenende wird mit Hochdruck gearbeitet. Die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen müssen zu Papier gebracht
werden. Einfach ist das nicht.
In der so genannten Schreibstube, wo die vorher ausgehandelten Verhandlungsergebnisse ausformuliert werden, gibt es oft Differenzen. Achim Schmillen, den Fischer für die Grünen dorthin
abgeordnet hat, muss immer wieder warten, bis sich die beiden
sozialdemokratischen Protokollanten – der Lafontaine-Vertraute
Jochen Schwarzer und Schröders rechte Hand, Frank-Walter
Steinmeier – in getrennten Telefongesprächen mit ihren Chefs
rückversichert haben.
So zeichnet sich schon jetzt ab, was ein Jahr später der Sozialdemokrat Erhard Eppler als grundsätzlichen Konstruktionsfehler
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Titel
MONTAG, 19. OKTOBER, BONN.
M. URBAN
Kurz vor elf Uhr stellt Gerhard Schröder in der niedersächsischen Landesvertretung dem Computerunternehmer Stollmann
die entscheidende Frage: „Treten Sie noch an?“ Die knappe Antwort: „Nein!“ Der Mann, den Schröder 123 Tage zuvor als Lichtgestalt der neuen Mitte präsentiert hatte, fühlt sich von Schröders
Gegenspielern weggemobbt. Aber auch Schröder mag nicht mehr.
Stück für Stück hatte Lafontaine dem Neuen sein künftiges Spielfeld eingeengt, den Entscheidungsbereich des Wirtschaftsministeriums geplündert.
Anfangs hat das kaum jemand bemerkt. Schon in der Woche nach
der Wahl hatte Lafontaine zwei Getreue mit der diskreten Mission
betraut. Der „Zeit“Autor Noé, ehedem
Staatsrat in Hamburg,
und Heiner Flassbeck,
prominenter Außenseiter unter Deutschlands
Ökonomen, beziehen
in der Hamburgischen
Landesvertretung in
Bonn Quartier und loten aus, wie sich aus
Waigels Finanzministerium ein schillerndes
DIE WIRTSCHAFTSKOMPETENZ reklamiert
Superministerium zimLafontaine für sich. Der Kanzler lässt seinen
mern ließe.
Vorzeige-Unternehmer Stollmann fallen.
Das sollte zuständig
sein für alles – von der
Binnenkonjunktur bis hin zur Rettung der Weltwirtschaft. Für Lafontaine ist der Abgang des Schröder-Manns ein doppelter Triumph: Endlich ist der Polit-Alien verschwunden, der von diesem
seltsamen Internet faselte, anstatt die Tiefen der Makroökonomie
zu ergründen. Zugleich zeigt sich, dass seine Methoden funktionieren: Der SPD-Vorsitzende hat sich das mächtigste Ministerium zusammengerafft, das es in Bonn seit Karl Schiller gegeben
hat. Und doch ist es ein zweifelhafter Erfolg. Schon bald merkt
Lafontaine, dass er sich verhoben hat. Diskret fragt er beim Stollmann-Nachfolger Werner Müller an, ob der nicht jene Unterabteilung zurück haben möchte, die all die lästigen Beihilfestreitigkeiten mit EU-Kommissar Karel Van Miert ausfechten muss. Müller lehnt dankend ab.
DIENSTAG, 20. OKTOBER, BONN.
Der künftige Kanzler und sein designierter Außenminister kommen über die Feuertreppe in die Bundespressekonferenz. Vor
dem Saal drängen sich die Journalisten so dicht, dass Gerhard
Schröder und Joschka Fischer keine Chance haben, durch den normalen Eingang an die Mikrofone zu gelangen.
Die Herren verkünden, was längst jeder weiß: Die Koalitionsverhandlungen sind erfolgreich abgeschlossen. Der Ton ist locker
und wirkt nach 16 Jahren Kohl-Pathos wie eine Erlösung. Die
Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers erklärt der Grüne so:
„Der Kanzler macht alles, und auf dieser Basis wird das eine
gute Zusammenarbeit.“ Diesem Grundsatz, sagt Schröder, müsse er „nichts hinzufügen“. Und was ist mit Oskar? Ob er befürchte, dass der Herr Lafontaine Schatzkanzler werden wolle,
wird Schröder gefragt. Die Antwort kostet der Männerfreund
genüsslich aus: Also, wenn er so sehe, was „die Schwarzen“ an
Geld hinterlassen haben, könne von einem „Schatz“ keine Rede
sein. Pause. Dann hart und schnell wie eine Klapperschlange:
„Und Kanzler werde ich!“
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SONNTAG, 25. OKTOBER, BONN.
„Ich bin glücklich, und ich bin stolz, in die Reihe von Willy Brandt
und Helmut Schmidt als Bundeskanzler treten zu dürfen.“ Als
Schröder dies auf dem SPD-Sonderparteitag im Hotel Maritim
sagt, ist er ehrlich ergriffen.
Auch der obligatorische Dank an die Partei ist keineswegs nur
eine Pflichtübung. Nun aber warten alle, was er zu Lafontaine sagen wird, den die Medien schon als mächtigen Gegenkanzler und
Rivalen abgemalt haben. „Ganz persönlich, lieber Oskar, lass sie
bellen, die Karawane zieht weiter.“ So hat auch Helmut Kohl
im Bundestag immer geredet,
wenn er sich über die Publizisten
mokierte.
Aber Schröder genügt das
nicht. Er möchte dem bewunderten Rivalen zeigen, wie sehr
er ihn tatsächlich mag und fürchtet. Also spricht er – auch darin
den schwurbeligen Metaphern
Kohls folgend – von „erwiesener
Freundschaft“, die „keine Eintagsfliege“ sei.
Lafontaine nimmt die Huldi- DER SIEGES-PARTEITAG zeigt
gung mit spitz gereckter Nase die alte Troika Lafontaine,
Schröder und Scharping in
hin. Aber er teilt trotzdem kräf- schöner Eintracht.
tig aus. Ohne Namen zu nennen,
zieht er über das „hohle Geschwafel“ derer her, die meinten, Besitzstandswahrer seien das Hauptproblem in der Politik. Und er
mokiert sich über die Modernisierer, die nur Moden nachliefen.
Hombach und Schröder blicken gelangweilt in den Saal.
REUTERS
der rot-grünen Koalition kritisieren wird: „Der Grundfehler war,
dass es anfangs zwei Machtzentren gab, die auch noch eine unterschiedliche Politik machen wollten: einmal das Kanzleramt,
ausgerechnet noch mit Bodo Hombach, und das Finanzministerium unter Oskar Lafontaine, übrigens mit Staatssekretären, die
ungefähr so geeignet waren wie Hombach im Kanzleramt.“
MONTAG, 16. NOVEMBER, BONN.
Hoch oben auf dem Petersberg, im Licht der Fernsehscheinwerfer,
fühlt sich Lafontaine erkennbar unwohl. Tiefrot glüht sein Kopf,
nervös rutscht der Finanzminister auf dem Stuhl hin und her. Eigentlich wollte er, kaum drei Wochen im Amt, einen internationalen Coup landen. Mit dem Franzosen Strauss-Kahn, so hat er
noch in der Woche zuvor philosophiert, will er ein umfangreiches
Thesenpapier präsentieren – die gemeinsame Idee für ein globales, von Spekulation befreites Finanzsystem des 21. Jahrhunderts.
Doch daraus wird nichts. Wieder einmal hat Lafontaine die
Macht der Bundesbank unterschätzt, über deren „Geldpolitik
mit Hosenträger und Gürtel“ er sich gern belustigt. Die Banker,
denen der SPD-Chef bisweilen „abgrundtiefe Dummheit“ nachsagte, haben hinter den Kulissen ein lautloses Spiel getrieben. Wenige Tage zuvor, bei einem Treffen im Raum 245 von Haus IV des
Bonner Finanzministeriums, machte Bundesbank-Vize Jürgen
Stark unmissverständlich klar, dass die Währungshüter den
deutsch-französischen Vorstoß für so genannte Wechselkurs-Zielzonen „auf keinen Fall“ mittragen würden.
Die große Show muss abgeblasen werden. Sichtlich genervt
spricht der Bundesfinanzminister an diesem Morgen deshalb nur
davon, jeder müsse sich „an seine eigene Nase fassen“ . Hans Tietmeyer, der triumphierend neben Lafontaine sitzt, greift das sofort
auf und zieht einen Bericht des Internationalen Währungsfonds
hervor. Auf englisch zitiert er minutenlang, welche Aufgaben die
deutsche Finanzpolitik habe (soll heißen: Lafontaine) und wie vorzüglich die deutsche Geldpolitik sei (soll heißen: Tietmeyer):
„Das“, so schließt der Bundesbanker seinen Vortrag süffisant,
„ist meine Nase.“
MITTWOCH, 18. NOVEMBER, BONN.
Bis spät in die Nacht beraten Schröder und Lafontaine über die
leidigen 620-Mark-Jobs. Ob Steuerreform, Energiesteuer, Billigjobs oder Frührente: Immer mehr entpuppt sich das Fehlen eines
eingespielten Frühwarnsystems als Problem. Die Abstimmung
zwischen Bund, Ländern und Fraktion funktioniert nicht. Schnellschüsse mit späteren Korrekturen sind der Regelfall.
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Titel
Lafontaines Plan, sein Finanzministerium diskret, aber zielstrebig zum zweiten Machtzentrum neben dem Kanzleramt
auszubauen, stößt schnell an Grenzen. Systematisch schneidet
Hombach Lafontaine vom ständigen Informationsfluss ab.
Lafontaine seinerseits sieht sich zunehmend von Feinden
umstellt: Im Ministerium vertraut er alsbald nur noch seinem
kleinen Küchenkabinett, zu dem vor allem Noé und Flassbeck zählen. Ansonsten gilt der Saar-Ökonom als „beratungsresistent“. Akten lese er kaum, bemängeln Mitarbeiter, selbst
auf die morgendliche Lagerunde, in der die wichtigsten Themen
und aktuelle Pressenachrichten besprochen werden, verzichtet
der Minister.
MITTWOCH, 25. NOVEMBER, BONN.
REX FEATURES
Das englische Massenblatt „Sun“ nennt Lafontaine den „gefährlichsten Mann“ von Europa.
Beeindrucken lässt sich der Finanzminister von
der Attacke nicht, zumal ihm Schröder mannhaft
Solidarität erweist: „Das ist die blanke Schweinerei.“ Erst später wird bei Lafontaine der Eindruck entstehen, hinter dem britischen Angriff
stecke Hombach.
DONNERSTAG, 3. DEZEMBER, KÖLN-WAHN.
FREITAG, 11. DEZEMBER, WIEN.
Die europäischen Staats- und Regierungschefs erleben auf
ihrem Gipfel in Wien einen gut gelaunten Kanzler. Dagegen
wirkt Lafontaine eher mufflig. Nachmittags verlässt der Finanzminister, gelangweilt von den endlosen Diskussionen in der
Wiener Hofburg, seinen Platz neben Schröder, um in einer Kneipe einige Schnäpse zu sich zu nehmen. Zum Pressegespräch im
traditionsreichen „Café Central“ am späten Abend erscheint
auch Außenminister Fischer. Der und Schröder reden, Lafontaine schweigt.
Hinterher setzt sich die deutsche Delegation ins Hotel „Imperial“ ab, eines der besten Hotels in Europa. Schröder redet sich
mit einigen deutschen Unternehmern, die im Imperial wohnen,
an der Bar in Fahrt. Ihm passt es gut, dass sein verantwortlicher
Mann ebenfalls am Tisch sitzt: Oskar Lafontaine. „Erklären Sie“,
bittet Schröder die angeheiterten Unternehmer süffisant, „diesen
Makroökonomen doch mal die Probleme des deutschen Mittelstandes.“ Lafontaine, der eigentlich in kleiner Runde den Geburtstag seines Staatssekretärs Flassbeck feiern will, macht gute
Miene zum bösen Spiel.
AP
In Sektlaune erscheinen Lafontaine und Staatssekretär Flassbeck
zum Abflug nach Washington am Flugplatz. Das Duo ist kurz zuvor davon überrascht worden, dass die Bundesbank endlich die
Zinsen gesenkt hat, was die beiden seit Wochen gefordert haben.
An Bord der Bundeswehr-Maschine gönnen sich Flassbeck und Lafontaine ein paar Flaschen Bier.
Doch so fröhlich der Flug verläuft, so unterkühlt fällt der Empfang in der US-Hauptstadt aus.Alan Greenspan, der amerikanische
Zentralbankpräsident, lässt seinen Bewunderer Lafontaine zehn Minuten lang warten. US-Finanzminister Robert Rubin geht schon
beim Handschlag auf Distanz. Trotz freundlicher Worte entbietet
Washington den Gästen aus Bonn dezent die kalte Schulter.
Die Washingtoner Finanzstrategen lieben keine Schulmeister.
Sie zeigen wenig Interesse an den Plänen, die Lafontaine und seine Geldpolitiker mit Ungeduld vortragen.
monstrativ erhobener Stimme zieht er gegen die „so genannten
Modernisierer“ innerhalb von Partei und Regierung zu Felde.
Der Kanzler am Nebentisch überhört den laut sprechenden Finanzminister bewusst.
DIENSTAG, 8. DEZEMBER, SAARBRÜCKEN.
Stirnrunzelnd lauschen die Delegierten des SPD-Europa-Parteitages, darunter der europhile Lafontaine, der Grundsatzrede ihres neuen Kanzlers. Schröder klingt nicht sonderlich optimistisch
zum Auftakt der deutschen Ratspräsidentschaft. Die bisherige
Bonner Europapolitik sei „an ihr Ende geraten“. Mehr als die
Hälfte aller Gelder, „die verbraten werden“ in der EU, kämen aus
Deutschland. Der Beifall hält sich in Grenzen.
Abends, beim trauten Stelldichein der SPD-Ministerpräsidenten in der Saarbrücker Staatskanzlei, ist das Klima völlig verändert. Schröder beschwört die Länderfürsten: „Ihr seid nicht Ministerpräsidenten, weil ihr so toll seid, sondern weil ihr die SPD
repräsentiert.“
Bis spät in die Nacht sitzt die Runde bei rotem Burgunder und
dicken Zigarren beisammen und versichert sich gegenseitiger Solidarität. Nachdem die Mehrzahl der Teilnehmer gegangen ist,
plaudern Schröder und Lafontaine noch an der Sitzungstafel fast
eine Stunde unter vier Augen. „Das schien in allerbestem Einvernehmen – wie ein Herz und eine Seele“, berichtet hernach ein
Teilnehmer.
Fortan treffen sich die SPD-Ministerpräsidenten regelmäßig
am Vorabend der Bundesratssitzungen in lockerer Runde. Lafontaine lässt sich seinen Verdruss darüber nicht anmerken, dass Partei und Präsidium damit weiter an Einfluss verlieren, während das
Kanzleramt seine Zuständigkeiten systematisch ausbaut.
MITTWOCH, 9. DEZEMBER, BONN.
Beim Weihnachtsessen des Kabinetts im Kanzlerbungalow sucht
Lafontaine zu fortgeschrittener Stunde die Provokation. Mit de126
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DER WIENER EU-GIPFEL verschafft Kanzler Schröder gute Laune im
Kreise der neuen Kollegen Viktor Klima und Tony Blair – Lafontaine bleibt
mufflig am Rande.
Die Begebenheit ist symptomatisch: Schröders Unterton lässt
keine Zweifel daran, wie weit die ökonomischen Denkschulen der
beiden Rivalen auseinandergedriftet sind. Noch während der Koalitionsverhandlungen hatte Lafontaine seinen Feldzug gegen den
globalen Kasinokapitalismus gestartet, sich mit dem französischen Finanzminister Dominique Strauss-Kahn getroffen oder
heimlich in der saarländischen Landesvertretung Michel Camdessus, den Chef des Internationalen Währungsfonds, empfangen.
Doch was schert den Kanzler Lafontaines Dozieren über Realzinsen und Wechselkurse, wenn daheim die Wirtschaft wegen der
Steuerreform Sturm läuft? Mikro, nicht Makro – das ist Schröders
Welt. Nur widerwillig stimmt er deshalb in den Chor derer ein,
die die Bundesbank zu niedrigen Zinsen drängen: Da sein Finanzminister dies fordert, auch dessen ökonomische Berater und
gar seine Ehefrau einstimmen, kann der Kanzler nicht wochenlang dazu schweigen. Später versichert Schröder, dass er Lafontaines Kampf gegen die Bundesbank „immer für unsinnig gehalten“ hat.
MONTAG, 14. DEZEMBER, BONN.
Für Lafontaine ist es kein gemütlicher Tag. Im Parteipräsidium
flackert eine kontroverse Debatte über die Haltung zur PDS und
zur mangelnden Koordination innerhalb der Regierung auf. Verspätet stößt Lafontaine zu einem Abendessen mit seiner Frau
Christa Müller und Freunden in einem Bonner Restaurant. Hun-
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Titel
F. OSSENBRINK
ger verspürt er nicht, kaum, dass er am Gespräch teilnimmt. Die
vergangenen Wochen haben in seinem Gesicht Spuren hinterlassen. Fast nebenbei lässt er das Wort „Rücktritt“ fallen, um dann
– spürbar engagierter – von den Verhandlungen über den Kauf eines Bauernhofs im Saarland zu berichten. Christa Müller spinnt
den Faden weiter, plaudert übers Kühemelken und das Vieh auf
dem Hof. Die Ideen sind offenbar weit gediehen.
FREITAG, 18. DEZEMBER, BONN.
M. URBAN
MONTAG, 11. JANUAR 1999, BONN.
Innenminister Otto Schily will die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts rasch vorantreiben, doch die drohende Unterschriftenaktion der Union, die im hessischen Landtagswahlkampf damit Punkte machen will, bringt die Koalition nun in Bedrängnis.
Nach der Sitzung des SPD-Präsidiums wirft Lafontaine der Union vor, „populistisch auf der Welle der latenten Ausländerfeindlichkeit zu surfen“. Gleichwohl sei es „selbstverständlich, bei den
parlamentarischen Beratungen Verständigungen dort zu suchen, wo sie möglich
sind“. Ganz offensichtlich kann sich Lafontaine konkrete Verhandlungen lebhaft
vorstellen. Einen Präsidiumsbeschluss,
wie er später behauptet, gibt es aber
nicht.
EIN NEUES STAATSBÜRGERSCHAFTSRECHT will Lafontaine mit der
Union durchbringen – gegen den Willen von Innenminister Otto Schily und
der SPD-Fraktionsmehrheit.
DIENSTAG, 19. JANUAR, BONN.
Mit seiner Forderung, über die Staatsbürgerschaft Verhandlungen
mit der Union aufzunehmen, läuft Lafontaine in der Fraktion
auf. Schily entgegnet: „Wir verhandeln nicht mit Reaktionären.“
SAMSTAG, 30. JANUAR, BONN.
Die 100-Tage-Bilanz der Regierung fällt verheerend aus. Erbarmungslos wird der Stand der Dinge bei Atomausstieg und Arbeitsmarkt, bei Steuer- und Rentenreform öffentlich seziert. Ob die
interne Koordination, die Öffentlichkeitsarbeit oder die ständigen
Nachbesserungen – die Noten sind miserabel. „Oberflächlich“,
„flüchtig“, „nicht wirkungsvoll“, schreibt die „Zeit“ und fragt:
„Wo ist die Linie?“ Von „aberwitzigem Dilettantismus“ spricht der
Berliner „Tagesspiegel“, und die „Süddeutsche Zeitung“ beobachtet eine „kraftprotzenhafte“ und „halbstarke Politik“.
FREITAG, 5. FEBRUAR, BONN.
Klaus Gretschmann, der Chefökonom des Kanzlers, druckst herum. Ja, er habe da einen Entwurf des Finanzministeriums in der
Tasche, doch leider, so lässt er die Abgesandten der G7-Runde auf
dem Bonner Petersberg wissen, könne er das Papier nicht verteilen – es sei einfach zu schlecht. Irritiert registrieren die Delegationen der sieben wichtigsten Industriestaaten, welch merkwürdiger Konflikt innerhalb der deutschen Regierung schwelt. Denn
nicht nur die Spitzenleute Schröder und Lafontaine fechten gegeneinander, sondern auch ihre Truppen.
Der Stellvertreterkrieg hat System: Kaum hat Lafontaine im
Oktober seinen nachfrageorientierten Vordenker Heiner Flassbeck
im Finanzministerium installiert, setzt Schröder im Kanzleramt
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DER WELTÖKONOM Lafontaine und sein Staatssekretär Heiner
Flassbeck bauen das Finanzministerium zur Bastion gegen die Neoliberalen im Kanzleramt aus.
den Pragmatiker Gretschmann dagegen. Wenige Tage später befördert er den Abteilungsleiter auch noch zum „Sherpa“ für die
Weltwirtschaftsgipfel – ein klarer Affront gegen Lafontaine, denn
in den beiden letzten Jahrzehnten kam der Gipfel-Begleiter immer aus dem Finanzministerium.
Es folgt ein fortwährender Schlagabtausch: Während Lafontaines Helfer das Finanzministerium zum Hort des Keynesianismus ausbauen, bemüht sich das Kanzleramt, im eigenen Haus eine
zusätzliche „Denkfabrik“ (Gretschmann) zu etablieren. Wenn
Lafontaines Mannen ein Thesenpapier zur Weltwirtschaft erstellen, schicken Schröders Getreue das Papier mit dem Vermerk
„Quatsch!“ zurück.
MONTAG, 8. FEBRUAR, WIESBADEN.
Die Hessen-Wahl ist für die SPD verloren gegangen. Ihre Stammwähler sind aus Enttäuschung über die chaotische Regierung in
Bonn zu Hause geblieben.
Von Brüssel aus fordert Lafontaine erneut „seriöse Gespräche mit der Union“über
das Staatsbürgerschaftsrecht.
Sein Fazit nach der Wahlschlappe: „Daraus müssen wir
jetzt Konsequenzen ziehen.“
Wieder in seinem Büro, wettert
DIE HESSEN-WAHL geht verloren,
er über die munter weiter didie erste Quittung für das rot-grüne
lettierende Regierung: „Jetzt
Chaos und die rivalisierende Dopist Schluss.“
pelspitze.
J. H. DARCHINGER
Schröder und Lafontaine treffen sich zu einem gemeinsamen
Abendessen mit Ehefrauen in der Bonner Saarland-Vertretung.
Lafontaine will immer wieder konkrete Absprachen von Mann zu
Mann gewünscht haben, aber irgendwie sei es nie gegangen. Die
Frauen, heißt es von beiden Seiten, seien wertvoll gewesen, wenn
es wirklich Krach zu geben drohte. Aber natürlich habe man in
ihrem Beisein „nicht auf den Punkt“ reden können. Ein VierAugen-Gespräch gab es zwischen Schröder und Lafontaine, seit
der Regierungsbildung, wohl nur ein einziges Mal – im Bonner
Restaurant „Robichon“.
DIENSTAG, 9. FEBRUAR, BONN.
Lafontaine gerät zunehmend in Isolierung. Er wirkt gereizt und
mutlos. Als er sich nach einem Spitzengespräch mit den Grünen
optimistisch äußert, dass mit der Union doch noch eine Einigung
in der Frage der Staatsbürgerschaft erzielt werden könne, lassen
ihn die Genossen allein. Weder Innenminister Schily noch der
Kanzler, noch Fraktionschef Struck unterstützen ihn. „Meine Bereitschaft, Prügel einzustecken für Dinge, die ich nicht zu verantworten habe, ist begrenzt“, donnert Lafontaine im Parteipräsidium. Schröder neben ihm blickt ungerührt drein.
Als ihn der SPIEGEL in einem Interview auf die Doppelbelastung als Minister und Parteichef anspricht und fragt, ob er
nicht ein Amt aufgeben müsse, starrt Lafontaine eine lange Minute wortlos ins Leere. „Das glaube ich nicht“, mit dem im gedruckten Interview die Antwort beginnt, hat seine Pressesprecherin eingefügt. Er sagt: „Beide Aufgaben beanspruchen viel
Zeit und Energie. Damit muss ich zurechtkommen.“
DIENSTAG, 9. FEBRUAR, BONN.
Bei einem Treffen mit seinen Freunden von der Parlamentarischen
Linken macht Lafontaine seinem Zorn Luft. Massiv beklagt er sich
über Erscheinungsbild und Koordinierung der Regierungspolitik:
„Kommödienstadl“. Die Absprache sei „nicht ausreichend“, grantelt er, zudem gezielt einseitig. Die Debatte über den Fraktionsvorsitz sei, so sagt er, „zu meinen Lasten geführt worden“.
Führung? „Wenn ich nur aus der Zeitung erfahre, wie der Atomausstieg läuft, ist es mir nicht möglich, eine klare Politik vorzu-
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MITTWOCH, 10. FEBRUAR, BONN.
Der Weltfinanz-Experte Oskar Lafontaine gerät unter Druck. Ein
Reporter der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ will präzise von
ihm wissen, wie denn nun die „retrograde Wertermittlung“
geregelt werde? Lafontaine muss passen. Dass die Fragesteller im
Saal der Bundespressekonferenz alles „so genau wissen“ wollen,
habe er nun ja wirklich „nicht ahnen können“, entschuldigt
er sich.
Dabei geht es um ein Herzstück der rot-grünen Regierungspolitik: die Steuerreform. Auf Betreiben des Kanzlers hat das Kabinett an diesem Morgen wichtige Nachbesserungen zu Gunsten
des Mittelstandes beschlossen, alles in allem über fünf Milliarden
Mark wert. Lafontaine scheint dies wenig zu interessieren. Die Materie sei so kompliziert, dass er sie „auf die Schnelle nicht erklären
möchte“, bemerkt er knapp. Als die Journalisten ihn dennoch mit
detaillierten Fragen nerven und auszulachen beginnen, raunzt er
seinen neben ihm sitzenden Pressesprecher an: „Die zerreißen
mich wegen eurer Blödheit wieder.“
Der peinliche Auftritt bestärkt die Entourage des Kanzlers in
ihrem Argwohn. Schon seit längerem zürnen Schröders Vertraute über das Zahlen-Chaos aus dem Finanzministerium. Besonders
das Tohuwabohu um die Besteuerung der Atomrückstellungen
provoziert bittere Kommentare: „Oskars Leute können nicht
rechnen.“
FREITAG, 12. FEBRUAR, BONN.
Im Rheinland tobt der Karneval, als sich Schröder und Lafontaine
in der Saar-Vertretung zum gemeinsamen Abendessen treffen.
„Wir reden ja kaum noch miteinander“, hat Lafontaine wieder
und wieder geklagt.
Die Gespräche drehen sich vor allem um die Rollenverteilung
der Männer. Wieder einmal wird vereinbart, dass Lafontaine seine integrativen Qualitäten einbringt, Schröder als Einzelkämpfer
seine (damals noch vorhandene) Popularität. Im Kanzleramt
schwärmt Schröder anschließend über das gemütliche Beisammensein.
DPA
SAMSTAG, 20. FEBRUAR, MÜNSTER.
SHOW-AUFTRITTE bringen Schröder in den Ruf des Spaß-Kanzlers.
Schröder tritt bei „Wetten,
dass …?“ im ZDF auf und muss
sich beinahe eine peinliche
Überprüfung seiner Haarpracht
auf Farbechtheit gefallen lassen. Am Tag danach wohnt er
mit Gattin Doris einer VersaceModenschau bei – einer Benefiz-Veranstaltung. Sie hat ihren
Kanzler mitgeschleppt, weil sie
Geld für karitative Zwecke eintreiben will. In der Öffentlichkeit entsteht dennoch der Eindruck, der Chaos-Kanzler ziehe
bunte TV-Auftritte, Karnevalsfeiern, Filmfestspiele oder Laufsteg-Termine einer geordneten
Regierungsarbeit allemal vor.
„Wie wär’s mal mit Regieren,
Herr Kanzler?“, fragt spitz die
„Hamburger Morgenpost“.
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MONTAG, 22. FEBRUAR 1999, BONN.
Das Kabinett befasst sich unter Tagesordnungspunkt 6 mit der internationalen Lage. Die Minister Scharping und Fischer unterrichten die Runde ausführlich über die Lage im Kosovo. Lafontaine
interveniert: „Wir stehen hier an einem wichtigen Punkt. Als Parteivorsitzender muss ich das Kabinett fragen, ob dieser Einsatz
wirklich nötig ist.“
Es sind nicht die ersten Nachfragen des Parteichefs. Wiederholt,
so erinnern sich Kabinettsteilnehmer, habe Lafontaine beim Thema Kosovo in den vorangegangenen Wochen in der Ministerrunde nachgefragt: „Wie ist denn da jetzt unsere Linie?“
Fragen über Fragen. Aber nachhaltigen Widerstand leistet Lafontaine nicht. Alle Kosovo-Beschlüsse fallen einstimmig.
Auch unter den Abgeordneten ist die Stimmung explosiv. Lafontaine spricht in der Fraktionssitzung am selben Tag von einem
angeblichen „Präsidiumsbeschluss“ zur Staatsbürgerschaft. Schily widerspricht entschieden: „Es macht keinen Sinn, einen Gesetzentwurf vorzulegen, mit dem wir in Schönheit sterben.“
Lafontaine klagt auch über die Ökosteuer, die im Kanzleramt
erneute Korrekturen erfahren hat: „So kann das alles nicht weitergehen.“ Doch erst als Schröder gegangen ist, bricht es richtig
aus ihm heraus. Wütend hält er das „Handelsblatt“ hoch: „Ich bin
es leid, die Dinge aus der Zeitung zu erfahren. Ich will nicht immer als der Depp dastehen. So kann man eine Regierung nicht
führen.“ Die Zeitung hatte über Steuersenkungspläne der Regierung berichtet, die nicht Lafontaines Absichten entsprachen.
Mühsam versucht Fraktionschef Struck zu moderieren: „Es muss
auch mal gestattet sein, dass ein Finanzminister seinem Ärger
Luft macht.“
Längst ist Lafontaine davon überzeugt, dass aus dem Kanzleramt gezielt gegen ihn agitiert wird. Hat nicht seine persönliche Referentin Hilde Lauer erst aus der Zeitung erfahren, dass für einen
der nächsten Tage ein Koalitionsgespräch anberaumt worden ist?
Als sie im Kanzleramt anruft und mitteilt, dass Lafontaine an diesem Tag bereits andere Verpflichtungen hat, heißt es lapidar: „Ach
ja, das haben wir einfach vergessen.“
DIENSTAG, 23. FEBRUAR, BONN.
Der Bundestag debattiert über
den Etat 1999, und eher en passant erwähnt Lafontaine eine
Zahl, die sein Nachfolger Hans
Eichel später zum Maß aller
Dinge erhebt: 30 Milliarden
Mark – so groß sei die „strukturelle Deckungslücke“ im
kommenden Haushalt. Dieser IM ETAT entdeckt Lafontaine eine
Betrag, soll das übersetzt 30-Milliarden-Mark-Lücke – doch das
Defizit findet wenig Beachtung.
heißen, muss im Jahr 2000 eingespart werden. „Keine leichte
Aufgabe“, wie Lafontaine bekennt. In der hitzigen Debatte findet die versteckte Ankündigung nur wenig Beachtung. Immer
noch glauben alle, Lafontaine werde eher den Europäischen
Stabilitätspakt oder die Verschuldungsregeln des Grundgesetzes
missachten, als auf einen eisernen Sparkurs einzuschwenken.
Dabei hatte ein anderer Saarländer, der Haushaltspolitiker Hans
Georg Wagner, schon drei Wochen zuvor verkündet, beim Etat
2000 werde es „Blut und Tränen“ geben. Ist der SPD-Vorsitzende, der sich der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlt,
tatsächlich dazu bereit? Oder tappt er womöglich in eine selbst
gestellte Falle?
Schließlich hat Lafontaine sich im Euro-Stabilitätsprogramm,
das im Januar nach Brüssel geschickt wurde, zu einem kontinuierlichen Schuldenabbau verpflichtet. Eichels Mitarbeiter
werten das Papier heute als Beleg dafür, dass die Sparpläne
auch bei Lafontaine längst angedacht waren. Parteigänger
Lafontaines wiederum erinnern an einen Auftritt Eichels im
SPD-Präsidium. Zwei Wochen vor der Hessen-Wahl habe der
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AP
geben.“ Doch die erhoffte Unterstützung fällt dürftig aus. Auch
die Genossen sind gereizt. Sie beziehen in ihren Wahlkreisen
Prügel.
Als Lafontaine erklärt, er habe schon vor Wochen auf die Möglichkeit des FDP-Modells zur Staatsbürgerschaft hingewiesen,
schallt es aus dem Plenum zurück: „Wo denn?“ und „Das ist
doch ärgerlich!“ Lafontaine macht einen abgespannten Eindruck:
„Langsam ist eine Grenze erreicht.“
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Kanzler ist dran: „Du musst sofort kommen.“ Fischer: „Was ist los?“ Schröder: „Das kann ich dir
jetzt nicht sagen.“ Mit Baseballkappe und in kurzen Hosen, schwitzend und keuchend vom Laufen,
MITTWOCH, 3. MÄRZ, BONN.
erscheint Fischer bald darauf im Kanzlerbüro, wo
ihn Schröder und seine Berater erwarten.
Die Spannungen zwischen Gerhard Schröder
„Oskar ist zurückgetreten, von allen Ämtern.“
und Oskar Lafontaine nehmen erkennbar zu.
– „Von allen?“, fragt Fischer fassungslos. Schröder:
„Wenn du es nicht schaffst, für Ordnung zu sor„Ja.“ – „Vom Parteivorsitz?“ – „Ja.“ – „Und das
gen“, hatte Lafontaine Schröder angeranzt,
Mandat?“ – „Ja.“ Schröder wirkt getroffen, aber
„dann werde ich es tun.“ Im Kabinett schlägt der
konzentriert. „Du musst auch den ParteivorsitKanzler zurück. Wenn Finanzministerium und
zenden machen“, sagt Fischer nach kurzem NachEnergiewirtschaft sich nicht einigten über die
denken. „Du musst aufpassen, dass die SPD nicht
Höhe der Rückstellungen, werde er die geplanauseinanderbricht. Du musst für eine geschlosseten Konsensgespräche absagen, droht er. Für alle
ne SPD sorgen. Alles andere ist nachrangig. Wenn
Zeugen ist die Botschaft eindeutig: „Damit hat
die SPD kopflos und führungslos ist, wird sie
er Lafontaine verdonnert, vernünftige Zahlen
zersägt.“
vorzulegen.“
SCHRÖDER IN „LIFE & STYLE“
Die Logik ist zwingend, sie entspricht auch
DONNERSTAG, 4. MÄRZ, HAMBURG.
Schröders Kalkül: Er weiss, dass er das MachtvaDer „Stern“ orakelt, dass möglicherweise bald ein neuer kuum in der Partei schließen muss, um seine Macht als Kanzler
Finanzminister benötigt werde. Eine Anfrage an Hans Eichel sei zu erhalten. Nur kurz wird über Alternativen geredet. „Gibt es
jemanden in den Ländern?“, fragt Schröder seine Leute. „Vergiss
bereits ergangen.
es“, sagt Fischer.
MONTAG, 8. MÄRZ, BONN.
Professionell macht sich die Runde daran, den Schaden zu anaIm SPD-Parteirat bricht der Grundkonflikt auf. Lafontaine be- lysieren und die Risiken abzuwägen. Dass Lafontaine sein Manginnt: Dass die Wirtschaft Sturm gegen die rot-grünen Reform- dat niederlegt, ist für den Kanzler irrelevant. Dass er als Finanzprojekte laufe, bezeichnet er als „nachvollziehbar“. Es würden minister zurücktritt – schmerzlich. Gefährlich ist sein Rücktritt als
eben die Weichen anders gestellt als in den vergangenen 16 Jah- Parteichef. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Möglichst
ren. Leidenschaftlich fordert er die Genossen auf, diese „arbeit- schnell will Schröder aus der Defensive kommen und die Deunehmer- und familienfreundliche Politik“, die es viel zu lange nicht tungshoheit zurückgewinnen. Für 20 Uhr wird eine Pressekonfegegeben habe, weiter offensiv zu vertreten, auch bei Gegenwind. renz anberaumt. Anschließend soll in der NRW-Vertretung ein
Dann redet Schröder: „In der Sache“, sagt er, sei er mit der Bi- Treffen aller verfügbaren Spitzenkräfte der SPD stattfinden.
Kurze Zeit später trifft Eichel im Kanzleramt ein. Schröder hat
lanz Lafontaines einverstanden. Doch halte er es für falsch, sich
allzu einseitig festzulegen. Man könne keine Politik gegen die ihn nach Bonn beordert. Der abgewählte hessische MinisterpräWirtschaft machen. „Niemandem nützt es, wenn man sich De- sident ist bereit, das Amt des Finanzministers zu übernehmen.
batten in alter Klassenkampfqualität liefert.“
Es gibt keinen großen Applaus nach Schröders Rede, eher ein SONNTAG, 14. MÄRZ, SAARBRÜCKEN.
unbehagliches Schweigen. Der Gegensatz liegt jetzt offen zu Tage. Noch immer belagern Reporter das Haus Am Hügel 26 in SaarLange kann es nicht mehr gehen mit den Männerfreunden.
brücken. Seit Lafontaines Flucht ins Privatleben vor drei Tagen hat
sich nur einmal Söhnchen Carl-Maurice gezeigt und ihnen die
DIENSTAG, 9. MÄRZ, BONN.
Zunge rausgestreckt. Jetzt kommt der Chef persönlich.
„Ich habe natürlich einen gewissen Abstand zu meiner EntDie „Bild“-Zeitung präsentiert den von der Zeitschrift „Life &
Style“ in Szene gesetzten Kanzler vorab in dunklem Kaschmir- scheidung gebraucht“, entschuldigt er sein Schweigen. „Mit der
Mantel und in teurem Kiton-Anzug. Während das Massenblatt Richtung der Politik, die wir in den letzten Monaten gemacht haden Kanzler „perfekt gestylt“ sieht, tobt Lafontaine beim Anblick ben, hatte das nichts zu tun.“ Im Gegenteil: „Wir sind stolz darder Bilder in der SPD-Zentrale. „Der macht uns noch alles kaputt.“ auf, dass wir viele Versprechungen gehalten haben.“
Der Grund des Rücktritts sei allein „das schlechte MannImmer noch glimmt der Streit um die Atom-Rückstellungen,
doch Lafontaine gibt sich plötzlich kulant: Natürlich werde sein schaftsspiel, das wir in den letzten Monaten geboten haben. Ohne
Haus die Steuerreform nachbessern, falls man sich „gravierend ein gutes Mannschaftsspiel kann man nicht erfolgreich arbeiten“.
Je länger Lafontaine vom Teamgeist redet und davon, dass er
verschätzt“ habe. Doch als Schröder am Dienstagabend die AtomBosse ins Kanzleramt bittet, endet das Gespräch ohne Ergebnis. weiter dazugehören will zu seiner Partei, in der er 33 Jahre zuDie Strommanager nutzen die Gelegenheit, kräftig gegen die gebracht habe, davon etwa 30 in führenden Positionen, desto
Berechnungen des Finanzministers zu Felde zu ziehen. Sie spre- schwülstiger klingt er. Er redet von seinem Attentat und von seichen von 25 Milliarden Mark an Belastungen, Lafontaine hatte zu- ner Familie. Und er endet mit einem pathetischen Bekenntnis:
„Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt, aber es hat
erst eine Obergrenze von 10 Milliarden Mark genannt.
Die Energie-Chefs sprechen vor, während Lafontaine die Spit- einen Standort. Es schlägt links.“
Damit beginnt der Werbefeldzug für Lafontaines neues Buch,
zen der Handwerksverbände empfängt. Mißtrauisch wertet er es
als offenen Affront, dass er zu dem Energie-Gipfel nicht geladen das inzwischen als Bestseller gehandelt wird. Titel: „Das Herz
war. Unverblümt unterstellt er Kanzleramtschef Hombach De- schlägt links.“
Horand Knaup, Jürgen Leinemann,
Hartmut Palmer, Ulrich Schäfer, Hajo Schumacher
montage.
Ministerpräsident dort die Bonner gewarnt:
„Macht mir mit euren Sparplänen nicht meine
Wahl kaputt.“
DER RÜCKTRITT ist das vorläufige Ende eines Duells um die Macht.
MITTWOCH, 10. MÄRZ, BONN.
DONNERSTAG, 11. MÄRZ, BONN.
Gegen 16 Uhr reicht ein Leibwächter dem am Rheinufer joggenden Außenminister Joschka Fischer das Handy aus dem Auto. Der
130
d e r
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TELEPRESS
Lafontaines Haushaltsexperte Jochen Schwarzer zeigt dem Finanzminister noch mal schonungslos die Zwänge der öffentlichen Kassenlage auf. Es fehlen 30 Milliarden Mark.
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Wirtschaft
Trends
STEUERN
Befreiungsschlag aus Bayern
m Kampf um das Sparpaket wollen die von der Union regierten Länder die rot-grüne
Bundesregierung offenbar zu einer drastischen Steuerreform drängen. In der bislang
unveröffentlichten „Steuerinitiative Bayern 2001“ schlägt Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) vor, alle Steuerzahler um netto 50 Milliarden Mark zu entlasten und den
Spitzensteuersatz von 53 auf 35 Prozent zu senken. Faltlhauser vertraut darauf, dass
die niedrigeren Steuersätze, ähnlich wie in den USA, einen gewaltigen Wirtschaftsboom auslösen und sich größtenteils selbst finanzieren: „Wir brauchen einen echten
Befreiungsschlag, nur das bringt die Wirtschaft wirklich in Gang.“ Die Steuerreform
nach Münchner Muster soll in zwei Stufen erfolgen: Im Jahr 2001 würde der Spitzensatz von 53 auf zunächst 42 Prozent sinken, der
Eingangssteuersatz von 23,9 auf 20 Prozent.
Einkommensteuerbelastung
Zwei Jahre später ginge es erneut runter – am
bei Verheirateten in Mark
oberen Ende der Steuerkurve auf 35 Prozent,
am unteren Ende auf 19 Prozent. Die Reform
zu versteu- nach
nach
nach
erndes
geltendem Rot/Grün Bayern-Tarif ist derart konstruiert, dass die Abgabenlast aller
JahreseinRecht
2003
2003
Steuerzahler, egal ob ledig oder verheiratet,
kommen
egal ob hohe oder niedrige Einkommen, um
3 940
4 546
48 000
5 840
rund ein Drittel reduziert wird (siehe Grafik).
Gleichzeitig will Faltlhauser, ähnlich wie in
9 132
10 876
72 000
12 870
Österreich, von 2003 an eine definitive Abgel14 802
18 024
96 000
20 484
tungsteuer für alle Zinserträge einführen, sämt20 982
26 030
120 000
28 718
liche Kapitaleinkünfte mit Ausnahme der
27 614
34 822
144 000
37 532
Dividenden sollten demnach mit einheitlich 25
34 726
44 432
168 000
47 178
Prozent besteuert werden. Die bisherige Nach42 316
54 860
192 000
57 698
versteuerung der Zinsen mit dem meist höheren
persönlichen Einkommensteuersatz entfällt.
50 422
66 110
216 000
69 144
Auch die Unternehmen sollen kräftig entlastet
58 806
77 750
240 000
81 414
werden. Die Körperschaftsteuer für einbehalte67 198
89 390
264 000
94 122
ne Gewinne würde demnach von 40 auf 35 Pro75 590
101 030
288 000 106 828
zent reduziert, für ausgeschüttete Gewinne von
83 982
112 670
312 000 119 536
30 auf 25 Prozent; auch die Gewerbesteuer soll
92 410
124 310
336 000 132 300
um ein Zehntel sinken. Zudem sind gezielte Erleichterungen für kleine und mittlere Betriebe
100 802
135 950
360 000 145 008
geplant, etwa beim Firmenverkauf.
FLUGVERKEHR
Schöner warten?
luggäste, die wegen Überbuchung ihrer Maschine warten müssen, sollen
künftig besser entschädigt werden. So
will die neue EU-Verkehrskommissarin
Loyola de Palacio den Schadensersatz
auch auf Charterfluggesellschaften ausdehnen. Passagiere, die nicht mit dem
gebuchten Flug befördert werden, erhalten „Mahlzeiten, Erfrischungen und
Hotelkosten in angemessenem Verhältnis zur Wartezeit“. Rückmeldepflichten
am Tag vor dem Abflug dürfen den Passagieren nicht mehr vorgeschrieben
werden. Zum Meldeschluss am Terminal
ankommende Reisende mit gültigem
Ticket müssen dann mitgenommen werden. Die Fluggesellschaften werden zudem verpflichtet, an den Abfertigungsschaltern einen Hinweis „in mindestens
zwei Zentimeter großen Buchstaben“
anzubringen, der ermuntert, Ausgleichs-
F. HELLER / ARGUM
F
Passagiere (im Flughafen München)
leistungen einzufordern. Linienfluggesellschaften wie die Lufthansa müssten
zusätzlich die gesamte „verfügbare
Sitzkapazität des Flugzeugs ausnutzen,
bevor ein Fluggast zurückgewiesen
wird“. Die bisher nur freiwillig gewährten „Upgrades“ von der „Economy“in die „Business“-Klasse würden damit
gesetzlich vorgeschrieben, die Nichteinhaltung würde „wirksam und abschreckend“ sanktioniert.
d e r
s p i e g e l
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AP
I
Welteke, Eichel (in Washington)
WETTBEWERB
Deutsche empört
D
ie deutsche Finanzwelt will sich
gegen die Macht der Amerikaner wehren. Grund: In Deutschland
droht eine Verteuerung von Firmenkrediten, wenn die US-Notenbank
ihren Willen durchsetzt, das amerikanische Ratingsystem weltweit zu
etablieren. Bislang müssen Banken
für Firmenkredite Eigenkapital bereithalten – und zwar acht Prozent
des Kreditvolumens. Dabei ist es
egal, ob ein Kreditnehmer solide
oder faktisch pleite ist. Auch die
Deutschen wollen dies ändern: Je
sicherer ein Unternehmen ist, desto
weniger Eigenkapital soll für den
Kredit gebunden werden. Strittig ist,
wie das Risiko gemessen werden
kann. Die deutschen Banken möchten ihr internes Bewertungssystem
beibehalten, die Amerikaner wollen
ihr Ratingsystem zum internationalen Standard machen. In den USA
werden über 8000 Unternehmen
von Ratingagenturen wie Standard & Poor’s bewertet, in Deutschland sind es nur 30. Bis alle hiesigen
Unternehmen nach US-Standard taxiert sind, würden fünf Jahre vergehen; für nicht bewertete Firmen
würden sich in dieser Zeit die Kredite erheblich verteuern. DeutscheBank-Chef Rolf Breuer empörte sich
am Rande der Weltbanktagung in
Washington über die „hemdsärmelige Politik“ der US-Notenbank:
„Wir müssen zurückschlagen.“ DGBank-Chef Bernd Thiemann erkannte sogar den Versuch, „die amerikanische Weltherrschaft zu etablieren“. Der Bankenverband hat
inzwischen den Bundesfinanzminister Hans Eichel und Bundesbankpräsident Ernst Welteke eingeschaltet: Sie sollen bei ihren europäischen
Kollegen gegen die angestrebte Regelung mobil machen.
133
Trends
HANDEL
Direkt ins Haus
M. WOLTMANN / ARGUS
Lebensmittelzustellung (in Duisburg)
ten. Dann trifft Edeka auf den Versandriesen Otto, der vergangene Woche den
Einstieg ins Lebensmittelgeschäft per
Katalog verkündete. Otto will sein neues Angebot ab Januar zunächst für ein
Jahr im Großraum Hamburg testen und
dann bundesweit ausbauen.
Nordrhein-westfälische Staatskanzlei in Düsseldorf, Neuber
WESTLB
Mehr Geld für NRW
D
ie Anteilseigner der WestLB haben
sich auf ein Modell geeinigt, mit
dem sie die Auflage der Brüsseler Kommission erfüllen wollen, Beihilfen in
Höhe von 1,6 Milliarden Mark an Nordrhein-Westfalen (NRW) zurückzuzahlen. Das Bundesland, das mit 43,2 Prozent an dem öffentlich-rechtlichen Institut beteiligt ist, soll eine zusätzliche
Beteiligung am Wertzuwachs der Bank
während der Jahre 1992 bis 1998 in Höhe
von gut 20 Prozent erhalten. Faktisch
erhöht sich damit das Stammkapital des
Landes. Damit haben die Miteigentümer aus den Sparkassen- und Landschaftsverbänden von NRW letztlich zugestimmt, dass der Anteil des Landes
um über zwei Milliarden Mark steigt.
Dies soll als Ausgleich dafür dienen,
dass der staatliche Miteigentümer 1992
die Wohnungsbauförderungsanstalt als
niedrig verzinste Sonderrücklage eingebracht und damit das haftende
Eigenkapital der Bank um 2,5 Milliarden
Mark erhöht hat. Dies hatte der ehemalige EU-Wettbewerbskommissar Karel Van Miert als unzulässige Subvention gewertet. Nun müssen Berlin und
Brüssel dem Deal noch zustimmen. Mit
dieser Konstruktion will WestLB-Chef
Friedel Neuber erreichen, dass er nicht
die 1,6 Milliarden Mark in bar ausschütten muss – was bedeuten würde,
dass er rund drei Milliarden Mark bisher
unversteuerter stiller Reserven auflösen
müsste. Außerdem ließe sich die Transaktion elegant rückabwickeln, falls die
Bank bei ihrer Klage gegen die Brüsseler Entscheidung vor dem Europäischen
Gerichtshof Recht behält.
BAHN
D
er umstrittene Plan, die Transrapid-Strecke Hamburg–Berlin aus
Kostengründen eingleisig zu bauen, gibt den Befürwortern einer
ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse Auftrieb. Für etwa ein Sechstel der
geschätzten Transrapid-Kosten ließe sich die rund 300-KilometerStrecke zwischen den beiden Millionenstädten ausbauen. Nach Berechnungen der Münchner Verkehrswissenschaftler Martin Vieregg und
Karlheinz Rößler würde die Fahrzeit – derzeit 2 Stunden 20 Minuten –
unter anderthalb Stunden liegen. Verkehrsexperten favorisieren den
Ausbau der derzeit weitgehend unbrauchbaren Trasse zwischen Uelzen und Stendal. Die Strecke ist überwiegend schnurgerade, führt
durch eine dünn besiedelte Gegend und erfordert kein langwieriges
Planfeststellungsverfahren. Hochgeschwindigkeitszüge könnten bereits
im Jahre 2002 eingesetzt werden – mindestens fünf Jahre früher als der
Transrapid.
134
d e r
ICE statt Transrapid?
S c h l e sw i g Holstein
ICE statt Transrapid?
s p i e g e l
AP
mmer mehr Handelskonzerne setzen
auf den Lieferservice ins Haus, um
die seit Jahren rückläufigen Umsätze in
ihren Supermärkten auszugleichen.
Nachdem Firmen wie Rewe, Tengelmann und Markant bereits in verschiedenen Testmärkten die Hauszustellung
proben, startet die Edeka Baden-Württemberg Mitte Oktober mit einem Versuch, bei dem die Dienstleistung erstmals flächendeckend in einem großen
Bundesland angeboten wird. Initiator
des Projekts ist der in Esslingen ansässige Verein Quo Vadis. Ursprünglich wollte der gemeinnützige Verein nur die Belieferung von Alten, Kranken und Behinderten sicherstellen, wurde dann
aber von den Handelsmanagern beauftragt, den Zustelldienst für alle Kunden
zu organisieren. Wenn das Geschäft in
Baden-Württemberg gut anläuft, will
Edeka den Service bundesweit anbie-
WIELAND / LAIF
I
MecklenburgVo r p o m m e r n
Hamburg- H a m b u r g
Hbf.
Bahnverbindung
Hamburg – Berlin
geplante TransrapidTrasse
bestehende Bahnlinie
bestehende
ICE-Strecke
Schwerin
Holthusen
Moorfleet
50 Kilometer
Niedersachsen
24
Uelzen
Wittenberge
Ausbaustrecke
Hannover
4 0 / 1 9 9 9
Brandenburg
Stendal
SachsenAnhalt
Lehrter
Bahnhof
Spandau
Berlin
Geld
VERMÖGEN
NEUER MARKT
Öl, Stahl, Silber
„Talsohle
erreicht“
Z
wei Hightech-Idole haben offenbar
wenig Vertrauen in ihre Zunft. Erst
vor kurzem warnte Microsoft-Vize
Steve Ballmer vor den überzogenen Erwartungen an Technologie-Unternehmen und löste damit einen Kurssturz
aus. Sein Chef Bill Gates, der reichste
Mann der Welt, scheint ähnlich zu denken. Er legt sein Geld eher konservativ
an: in Öl, Stahl und Silber. Seine 15-Millionen-Dollar-Investition in die USMine „Pan American Silver“, die ver-
J. CHRISTENSEN / GAMMA / STUDIO X
Gates
gangene Woche bekannt wurde, bewirkte den größten Kurssprung dieser
Aktie seit über drei Jahren: Das Papier
legte um 45 Prozent zu. Der SoftwareErfinder folgt darin mit einiger Verspätung dem Vorbild der Investoren Warren Buffet und George Soros, die schon
im vergangenen Jahr ins Silbergeschäft
eingestiegen waren. Eine ebenso konservative Investition hat sich für Gates
bereits rentiert: Bis September 1998
hatte er 7,3 Prozent des Stahlkonzerns
Schnitzer Steel Industries erworben,
seither ist die Aktie um 23 Prozent gestiegen. Neben Silber und Stahl ist der
Microsoft-Chef auch im Rohstoffgeschäft engagiert: Gates hält Anteile
an der Firma Chaparral Resources, die
in Kasachstan Öl und Gas fördert.
AKTIEN
Stau bei Software
A
us Angst vor dem Jahr-2000-Problem war die Kursentwicklung vieler Software-Unternehmen zuletzt enttäuschend. Dass in den letzten drei Monaten dieses Jahres nur noch wenige
Unternehmen neue Software installieren, spüren vor allem Anbieter betriebswirtschaftlicher Anwendungssoftware
SPIEGEL: Der Neue Markt ist in den vergangenen Wochen regelrecht abgestürzt,
nachdem er zu Beginn des Jahres kräftig gestiegen war. Was ist passiert?
Ochner: Viele Gesellschafter haben noch
im Dezember aus steuerlichen Gründen
ihre Firmen oder Teile davon verkauft –
und zwar häufig an Unternehmen des
Neuen Marktes, die seit ihrem Börsengang prall gefüllte Kassen hatten. So
entstand plötzlich jede Menge Fusionsphantasie. Zudem haben Privatanleger
nach der Euro-Umstellung die scheinbar
halbierten Kurse zu Käufen genutzt.
SPIEGEL: Und warum ging es seither fast
kontinuierlich bergab?
Ochner: Das liegt an den vielen Neuemissionen, eine üppige Kost, die der
Markt kaum verdauen kann. Und am
Zuteilungsmodus der Emissionsbanken.
Neuer-Markt-Index gegenüber Dax
140
1. Januar 1999 = 100
130
120
110
100
1999
J F
Quelle: Datastream
M
A
M
J
J
A
90
S
wie SAP oder der niederländische Konkurrent Baan. Nun setzen mutige Anleger darauf, dass im nächsten Jahr ein
aufgestauter Nachfrageboom losgetreten
Aktien von Software-Firmen
110
SAP
100
J. BÄR
Kurt Ochner, 46, Manager des Special
German Stock Funds im Bankhaus Julius Bär, über Kursstürze und Neuemissionen
Ochner
SPIEGEL: Was machen die Institute denn
falsch?
Ochner: Sie schustern ihren besten Kun-
den die meisten Aktien zu, auch wenn
die nur kurz in den Werten bleiben.
SPIEGEL: Hat der Index die Talsohle erreicht?
Ochner: Ich denke schon. Jedenfalls verkaufen zurzeit Leute und Institutionen,
wir nennen sie Kontraindikatoren, die
fast immer falsch liegen.
SPIEGEL: Wie geht es weiter am Neuen
Markt?
Ochner: Die Zahl der Neuemissionen
wird sich ab November halbieren – dadurch gewinnt der Index an Fahrt. Doch
die Zeiten, in denen neue Aktien binnen
Stunden ihren Wert verdreifacht haben,
sind definitiv vorbei. Außerdem wird
sich die Spreu vom Weizen trennen. Anleger sollten sich genau ansehen, welche
Aktien sie sich ins Depot nehmen.
SPIEGEL: Und welche sind das?
Ochner: Ich setze auf große, solide Unternehmen rund ums Internet sowie aus
den Bereichen Medien und Biotechnologie. Firmen mit wenig Eigenkapital
und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von
40, die obendrein erst im Jahr 2002 oder
noch später Gewinn machen sollen, lasse ich dagegen links liegen.
wird. Auch Software-Riese Microsoft,
der die Einführung des Betriebssystems
Windows 2000 in das nächste Jahr geschoben hat, könnte davon profitieren.
1. Januar 1999 = 100
Microsoft
Quelle:
Baan
180
140
140
80
120
100
70
100
90
Datastream
1999
J F M A M J J A S
160
1999
J F M A M J J A S
1999
J F M A M J J A S
60
Konzernzentrale in Düsseldorf
Mannesmann-Telefongesellschaft Arcor (auf der Cebit)
D E U T S C H L A N D AG
Revolution von oben
Die deutsche Unternehmenslandschaft wird umgepflügt wie nie zuvor seit den Jahren
des Wirtschaftswunders: Traditionskonzerne spalten sich auf und formieren sich neu, um im
globalen Wettbewerb bestehen zu können. Aber werden sie auch Erfolg haben?
E
igentlich ging es beim Treffen des
Weltwährungsfonds in Washington
um Wohl und Wehe der Nationen,
um Deflationsgefahren und Schuldenerlass. Aber wenn ein paar hundert Bankmanager zusammenkommen, wird am
Rande stets auch ein ganz anderes Thema
behandelt: Wer kann mit wem – zusammenarbeiten oder gar fusionieren?
Ganz vorn dabei sind derzeit die Bankenchefs aus Deutschland. Die Fusion der
Bayerischen Vereinsbank mit der Hypobank, die Übernahme von Bankers Trust
Spalten,
Straffen,
Bündeln
Wie sich die
deutschen
Konzerne für die
Zukunft rüsten
136
durch die Deutsche Bank haben die Chefs
auf den Geschmack gebracht. DeutscheBank-Chef Rolf Breuer und DresdnerBank-Vorsitzender Bernhard Walter sprachen auch über die Zusammenlegung des
Privatkundengeschäfts der beiden.
Die Verhandlungen sind schwierig, nach
Ansicht vieler Deutschbanker werden sie
wohl scheitern. Aber davon lässt Breuer
sich bei der Suche nach Partnern nicht
bremsen. „Wir sind polygam“, sagt er, „wir
treiben es mit vielen und haben auch noch
Spaß daran.“
DaimlerChrysler
Aus dem Zusammenschluss von
Daimler-Benz und Chrysler entstand
der erste transatlantische Großkonzern. Doch die Vereinigung erweist
sich als schwierig, der Erfolg ist keineswegs gesichert.
d e r
Das scheint derzeit das Motto fast aller
Konzernchefs in Deutschland zu sein. Sie
übernehmen oder fusionieren, sie kaufen
oder verkaufen Konzernteile, sie schieben
Beteiligungen hin und her, als handele es
sich um Bauklötzchen. Die Industrielandschaft wird umgepflügt wie wohl noch nie
seit den Wirtschaftswunder-Zeiten.
Vergangene Woche richteten sich die
Scheinwerfer auf Ulrich Hartmann (Veba)
und Wilhelm Simson (Viag), die den Zusammenschluss ihrer Konglomerate verkündeten. Schon bald werden andere ins
Deutsche Bank
Die Übernahme der amerikanischen Bankers
Trust ist noch nicht verkraftet, doch der Umbau geht weiter: Das Privatkundengeschäft
wurde abgetrennt – als erster Schritt für
mögliche Partnerschaften.
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Preussag
Der ehemalige Mischkonzern mutierte innerhalb weniger Jahre zu Europas größtem Reiseveranstalter. Traditionelle Geschäftsfelder wie Anlagenbau und Stahl
wurden abgestoßen, Tourismusunternehmen (TUI, Hapag-Lloyd) dazugekauft.
FOTOS: P. LANGROCK / ZENIT (li.); WIELAND / LAIF (M.); S. DÖRING / PLUS 49 / VISUM (re.)
DIE ZUKUNFT VON MANNESMANN
Mannesmann-Autotechnik (VDO-Werk in Crossen)
Rampenlicht drängen, denn deutsche Unternehmensführer legen sich beim Umbau
ihrer Konzerne ins Zeug, als habe sie ein
kollektiver Rausch erfasst.
Der weltmännische Breuer unterscheidet sich da kaum von dem eher provinziell wirkenden Hoechst-Chef Jürgen Dormann, der sein Unternehmen teilt und mit
Rhône-Poulenc fusioniert. Der einem breiten Publikum eher unbekannte Klaus Esser von Mannesmann verändert den Konzern durch die Teilung in zwei Firmen
ebenso radikal wie einer der Stars der Szene, Daimlers Jürgen Schrempp, durch die
Fusion mit Chrysler. Andere Konzernchefs
trennen sich sogar von Geschäften, denen
das Unternehmen seine Herkunft verdankt, wie Kajo Neukirchen, dessen Metallgesellschaft den Metallhandel abgibt.
„Was wir zur Zeit erleben, ist eine Revolution, der Aufbruch in eine neue Ökonomie“, meint der Unternehmensberater
Bolko von Oetinger von Boston Consulting: „Die Biografien der meisten Großunternehmen werden neu geschrieben.“
Für all diese Veränderungen bieten Manager plausible Erklärungen an. Unter-
Siemens
Der Elektrokonzern trennt sich von
ganzen Unternehmensbereichen –
zum Beispiel dem Chip-Geschäft – und
bringt sie als selbständige Aktiengesellschaften an die Börse.
nehmen müssen fusionieren, um auf allen
Märkten präsent zu sein. Sie müssen sich
auf wenige Geschäfte konzentrieren, um
Kapital und Managementkapazität dort zu
bündeln. Sie müssen unrentable Bereiche
verkaufen, um ihren Aktionären eine akzeptable Rendite zu garantieren. Dennoch
wirken die gewaltigen Strukturveränderungen auf Mitarbeiter und Beobachter oft
unverständlich oder gar unheimlich.
Selbst besonnene Zeitzeugen wie Altkanzler Helmut Schmidt beklagen, dass sich
„der amerikanische Raubtierkapitalismus
unter deutschen Managern ausbreitet“, und
vermuten, die wahren Motive vieler Fusionen seien die „Großmannssucht und Habgier der Manager, deren Gehälter den Rahmen der guten Sitten sprengen“.
Mag sein, dass dies bei manchem Unternehmensführer eine Rolle spielt. Aber
Schmidts Manager-Schelte erklärt nicht,
warum auch Männer wie Heinrich von Pierer (Siemens), die großen Wert auf Interessenausgleich mit der Belegschaft legen,
ihr Unternehmen radikal neu ausrichten
und Firmenteile mit 60 000 Mitarbeitern
und 17 Milliarden Mark Umsatz verkau-
fen. Und ist es Raubtierkapitalismus, wenn
derzeit die gesamte so genannte Deutschland AG aufgelöst wird?
Mit diesem Begriff wird die enge Verflechtung von Banken, Versicherungen und
Industriefirmen bezeichnet, die sich nach
dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat:
Geldinstitute sind an Unternehmen beteiligt, finanzieren deren Wachstum mit Krediten und kontrollieren das Ganze zugleich
über ihre Vertreter im Aufsichtsrat.
Das System bot den Unternehmen
Schutz vor feindlichen Übernahmen und
den Banken schöne Geschäfte. Es begünstigte lange Zeit Wachstum und Stabilität.
Doch dann drohte die Deutschland AG an
ihrem eigenen Erfolg zu ersticken.
Je enger das Beteiligungs- und Beziehungsgeflecht wurde, desto deutlicher wurden die Nachteile: Es gab kaum eine effektive Kontrolle. Ob Kleinaktionäre auf
den Hauptversammlungen nur Würstchen
aßen oder auch kritische Fragen stellten,
machte kaum einen Unterschied – die Abstimmungen entschieden die Banken mit
ihrem Depotstimmrecht.
Aufgebrochen wird das System jetzt
durch zwei Entwicklungen. Die Liberalisierung bislang geschützter Märkte wie
beim Strom zwingt Konzerne wie RWE,
Veba und Viag sich für den Wettbewerb fit
zu machen. Und zugleich setzt eine neue
Macht am Markt die Unternehmen unter
Veränderungsdruck: Große Fonds, die
über ein paar hundert Milliarden Mark
verfügen, verlangen eine ordentliche Verzinsung des Kapitals. Und sie werden
gehört, denn ihre Folterwerkzeuge sind
mittlerweile scharf.
Anfangs, als die Fonds noch kleine Anteile hatten, konnten sie ihre Aktien nur
verkaufen und das Geld bei anderen Firmen anlegen. Inzwischen bleibt das Geld –
und das Management muss gehen, wenn
es die Anforderungen nicht erfüllt.
„Der Druck ist stärker geworden“, gesteht Siemens-Chef Pierer ein, der nach
massiver Kritik an der geringen Rendite
das radikalste Umbauprogramm in der
mehr als 150-jährigen Geschichte des
Unternehmens beschloss. Das Computergeschäft legte er mit dem japanischen
Fujitsu-Konzern zusammen. Das Geschäft
mit elektronischen Bauteilen und Chips
soll an die Börse gebracht werden. Und
Hoechst
Mannesmann
Veba/Viag
Sogar der Name des Traditionskonzerns
verschwindet, der Pharmabereich geht
zusammen mit Rhône-Poulenc in dem
neuen Konzern Aventis auf.
Der Mischkonzern spaltet sich
auf: in ein reines Telekommunikations- und in ein Autotechnikund Anlagenbau-Unternehmen.
Die beiden Konglomerate fusionieren
und konzentrieren sich auf das
Stromgeschäft und die Spezialchemie. Alles andere wird abgestoßen.
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137
Wirtschaft
138
S P I E G E L - G E S P R ÄC H
„Es wird ein harter Kampf“
Die künftigen Chefs des Veba/Viag-Konzerns,
Ulrich Hartmann und Wilhelm Simson, über den Sinn der
Fusion und den Wettbewerb im Stromgeschäft
REUTERS
selbst vor der Schließung der von der englischen Königin eingeweihten Chipfabrik
schreckte Pierer nicht zurück.
Siemens konzentriert sich, wie viele
Konzerne derzeit, auf weniger Geschäfte
und versucht, in diesen Weltmarktführer
zu werden. Die Zeit der Konglomerate, in
denen Unternehmen vom Staubsauger bis
zum Kampfflugzeug fast alles anboten wie
Daimler-Benz mit den Töchtern AEG und
Dasa, scheint vorbei. Daimler setzt wieder
voll auf das Autogeschäft und wird die
Dasa an die Börse bringen.
Gewerkschafter und Betriebsräte stehen
dem Umbau deutscher Konzerne skeptisch
gegenüber, aber sie lehnen ihn nicht rundweg ab. Bei manchen Fusionen sind zwar
sofort ein paar tausend Stellen bedroht,
doch wären auf Dauer möglicherweise
noch mehr Arbeitsplätze gefährdet, wenn
Konzerne jetzt nicht die Kosten drücken.
Um den Schutz des Unternehmens geht
es auch Mannesmann-Chef Esser, der den
Konzern in zwei Gesellschaften, eine Telekommunikations- und eine Autotechnikfirma, teilen will. Damit will er auch einer
feindlichen Übernahme vorbeugen, die vor
allem für Telekommunikationsgiganten aus
den USA verlockend wäre. Sie könnten
den Gesamtkonzern aufkaufen und einen
Teil des Preises anschließend mit dem Verkauf der Maschinenbausparte hereinholen.
Eine selbständige Telekommunikationsfirma wird, so Essers Hoffnung, an der
Börse so hoch bewertet werden, dass eine
Übernahme nicht mehr lohnt.
Der Umbau deutscher Konzerne wird
weitergehen, bei Mannesmann und anderen. Abschrecken lassen sich die Unternehmensführer dabei nicht von Untersuchungen, die herausfanden, dass über
50 Prozent aller Fusionen scheiterten, und
auch nicht durch eigene Erfahrungen wie
dem Zoff, den es zwischen den Spitzen der
fusionierten HypoVereinsbank gibt, und
dem Desaster der Deutschen Bank mit der
übernommenen Morgan Grenfell.
Manche von denen, die sich heute als
Konzernschmiede feiern lassen, werden sicher bald in die Reihe gescheiterter Unternehmensführer einsortiert. Gefährdet
sind vor allem jene, die mit ständigem
Umbau der Konzerne einen besonderen
Standortvorteil Deutschlands zerstören:
die Motivation der Beschäftigten.
Bei Hoechst ist diese Gefahr besonders
hoch. Dass der traditionelle Firmenname
verschwindet, kann in der Belegschaft
kaum einer nachvollziehen. Konzernchef
Dormann wiederum versteht nicht, dass
ihn kaum einer versteht.
„An dieser Stelle habe ich Applaus erwartet“, sagte Dormann den Aktionären, als er seine Pläne vorgetragen hatte.
Doch die Anteilseigner, unter ihnen viele
Beschäftigte, mochten nicht applaudieren.
Für viele ist Dormann nicht der Visionär, sondern der „Totengräber“ des Konzerns. Dinah Deckstein, Dietmar Hawranek
Viag-Chef Simson, Veba-Chef Hartmann*
Im Kern Energie
„Jede Zeit hat ihre Unternehmen“
Kernbereiche und wichtige Verkäufe
der Fusionspartner Veba und Viag
Mitarbeiter ............ 116 774 und
85 694
...................... 83,7 und 49,1
Umsatz 1998
Milliarden Mark
darunter:
ENERGIE
PreussenElektra ....................................... 15,9
Veba Oel ................................................... 20,1
Bayernwerk .............................................. 11,1
CHEMIE
Degussa-Hüls .............................................. 9,1
SKW Trostberg, Goldschmidt ..................... 6,6
TELEKOMMUNIKATION
Viag Interkom (45%) .................................. 0,4
VERKÄUFE
Gesamtumsätze der Verkäufe
1998: rund 65 Milliarden Mark
darunter:
Veba Telecom (E-plus und andere) ............ 3,6
SONSTIGE INDUSTRIE
MEMC, USA ................................................. 1,3
Schmalbach-Lubeca, Gerresheimer Glas ... 5,8
VAW ............................................................ 5,8
HANDEL UND LOGISTIK
Stinnes ..................................................... 26,5
Veba Electronics ......................................... 7,5
Klöckner & Co . ........................................... 9,5
d e r
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SPIEGEL: Eine nie da gewesene Fusionswel-
le hat die deutsche Wirtschaft erfasst – und
Sie machen mit: Veba und Viag schließen
sich zum größten deutschen Stromversorger zusammen. Woher kommt der plötzliche Größenwahn?
Simson: Ich glaube nicht, dass es sich um
Größenwahn handelt. Es gibt da einen klaren Zusammenhang mit der Entwicklung
der Informationstechnik. Die schnelle
Kommunikation hat die Welt zu einem
Kuhdorf gemacht. Die Finanz- und Warenmärkte entwickeln sich rasant. Wenn
man in diesem Spiel mithalten will, geht
das nur noch über Größe. Firmenzukäufe
sind jedoch fast unbezahlbar geworden.
Also bleibt nur der Weg der Fusion. So hält
man wenigstens das Geld in der Firma.
SPIEGEL: Trotzdem erinnert das deutsche
Management ein wenig an den Zug der
Lemminge: Einer geht vor, und die anderen laufen blind hinterher. Ist Größe wirklich für alle das Patentrezept?
* Am Montag vergangener Woche bei der offiziellen
Verkündung der Fusion in München.
Das Gespräch führten die Redakteure Dinah Deckstein und Frank Dohmen.
Werbeseite
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W. M. WEBER
Wirtschaft
Viag-Wasserkraftwerk Walchensee: „Jetzt ist Konzentration angesagt“
Hartmann: Nein, nicht für alle. Es wird auch
in Zukunft noch Nischenmärkte geben, die
von mittleren oder kleinen Firmen bedient
werden können. Aber wenn Sie ein Massenprodukt wie Strom verkaufen, dann
müssen Sie Preisführer sein. Wenn der
Markt dann auch noch global ist, bleibt Ihnen gar keine Alternative zum Firmenwachstum. Und das schaffen Sie heute fast
nur mit Hilfe der Aktionäre – über eine Fusion eben, ohne dass wirklich Geld fließt.
SPIEGEL: Was im Vorfeld als großartige Strategie bejubelt wird, stellt sich im Nachhinein oft als Flop heraus. Nach neuesten Untersuchungen scheitert gut die Hälfte aller
Fusionen …
Simson: … die andere Hälfte geht aber gut.
Und dafür sind zwei Punkte entscheidend:
Stimmt die Strategie? Und werden die Entscheidungen schnell umgesetzt, damit die
Mannschaft zur Ruhe kommt und sich wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren kann?
SPIEGEL: Und das ist bei Veba/Viag der Fall?
Hartmann: Ganz eindeutig. Die beiden Unternehmen passen perfekt zusammen. Und
der Zeitplan ist ehrgeizig. Bis Mitte nächsten Jahres sollen die Konzerne miteinander
verschmolzen sein.
SPIEGEL: Konkret bedeutet Ihr Vorhaben
doch eine gewaltige Rolle rückwärts. Den
Analysten und Anlegern haben Sie jahrelang die Vorteile großer Mischkonzerne gepriesen. Jetzt sollen in dem neuen Konzern mit Strom und Chemie nur noch zwei
Standbeine übrig bleiben.
Hartmann: Jede Zeit hat ihre Unternehmen,
die in die jeweilige Entwicklung hineinpassen. Im Übrigen weiß ich nicht, ob das
nicht ein wenig ein Streit um Worte und
Definitionen ist. Wir werden auch in Zukunft kein „Ein-Produkt-Unternehmen“
140
sein. Das meine ich nicht nur bezogen auf
die beiden Sparten Strom und Chemie.
Selbst im Energiebereich werden wir unterschiedliche Produkte wie Strom,Wasser,
Gas oder Öl anbieten.
SPIEGEL: Ist das nicht Augenwischerei?
Tatsächlich vollziehen Sie jetzt genau das,
was Analysten seit Jahren von Ihnen fordern: die Konzentration auf Kernbereiche.
Simson: Diese Diskussionen haben nicht
immer etwas mit der Realität zu tun.
Schauen Sie sich die Viag doch mal an. Als
Gesamtunternehmen waren wir ganz gut,
aber in jedem einzelnen Bereich einfach zu
klein, um eine bedeutende Rolle zu spielen. Hätte ich den Konzern nur auf das
Bayernwerk zurechtstutzen sollen? Wir
hätten Mühe gehabt, das Unternehmen
überhaupt noch im Dax zu halten.
SPIEGEL: Das Festhalten an Ihren Gemischtwarenläden haben Sie teuer bezahlt.
Ihre Konzerne wurden von den Finanzmärkten in letzter Zeit mit kräftigen Kursabschlägen bestraft.
Simson: Warten Sie mal ab. Das sind Modewellen. Vor einigen Jahren wurde man
gut bewertet, wenn man das Risiko streute und neue Geschäftsfelder erschloss. Jetzt
ist Konzentration angesagt. Aber auch das
wird sich wieder ändern. Entscheidend ist
doch, dass man Geld verdient und im Weltmaßstab überleben kann. Genau das bezwecken wir mit der Fusion.
SPIEGEL: Das große Geld haben Sie Ihren
Anlegern bis vor kurzem auch noch in
Zukunftsbereichen wie Elektronik, Aluminium oder der Chip-Produktion versprochen. Jetzt stehen die Bereiche zum Verkauf. Was lief schief?
Simson: Ich will das mal an einem Beispiel
erklären. Wir haben uns in Amerika in einen Chemiebetrieb eingekauft. Dort steld e r
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len wir Genbausteine her. Im Moment zahlen wir dabei drauf. Wahrscheinlich machen wir in einigen Jahren ein Bombengeschäft. Aber es kann eben auch anders
kommen. Dann müssen wir uns von der
Beteiligung trennen. Das heißt aber doch
nicht, dass wir die Leute permanent belügen. Es ändern sich die Parameter, das Umfeld, und darauf müssen wir reagieren.
SPIEGEL: Und deshalb planen Sie nun eine
gigantische Ausverkaufsaktion? Immerhin
wollen Sie Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von 65 Milliarden Mark losschlagen.
Hartmann: Warum sagen Sie nicht einfach verkaufen. Ausverkauf, das klingt so
schlimm. In der Tat haben wir drei riesige
Aufgaben zu bewältigen: erstens die Fusion durchführen, zweitens uns von Geschäftsbereichen trennen und drittens das
laufende Geschäft bewältigen. Das wird
schwierig. Deshalb brauchen wir auch eine
saubere Struktur.
SPIEGEL: Wäre es da nicht einfacher gewesen, dem Beispiel von Mannesmann zu folgen und die beiden Bereiche Chemie und
Strom direkt in eigenständige Aktiengesellschaften zu überführen?
Simson: Mit diesem Beispiel können Sie
mich nun wirklich nicht jucken. Die beiden
Konzerne kann man doch wirklich nicht
miteinander vergleichen …
Hartmann: … wobei wir hier nicht über
andere Unternehmen reden wollen. Vielleicht erreichen wir irgendwann einmal die
Größe, bei der es sinnvoll erscheint, die
beiden Bereiche zu trennen. Das ist für uns
kein Evangelium. In der Spezialchemie
sind wir nach dem Zusammenschluss bereits die Nummer eins in der Welt. Beim
Strom sind wir das führende Unternehmen
Deutschlands, müssen aber noch eine
ganze Menge tun.
SPIEGEL: Weil Sie sonst gegen Staatskonzerne wie die französische Edf oder die
italienische Enel keine Chance haben?
Hartmann: Es wird ein harter Kampf. Aber
wir haben gute Chancen. Ich weiß nicht, ob
es klug ist, dass die Franzosen und Italiener ihre Stromunternehmen so lange in
staatlichem Eigentum halten. Ich glaube, es
Energieriesen
Die fünf größten Stromversorger
in der EU
EdF
460
Frankreich
Enel
226
Italien
Veba/Viag
179
RWE
161*
Deutschland
Deutschland
Vattenfall
Schweden
84
Stromabsatz
1998 in
Milliarden
Kilowattstunden
*Geschäftsjahr
1997/98
wäre besser, die Konzerne dem Wettbewerb auszusetzen Dann geht vieles schneller und einfacher.
SPIEGEL: Was denn?
Simson: Glauben Sie, in der alten Struktur
hätten unsere Stromtöchter PreussenElektra und Bayernwerk 2300 Arbeitsplätze
abbauen können, wie es im Rahmen der
Fusion geplant ist? Wir sind nicht stolz darauf, aber es ist nötig, um die Kosten zu senken und wettbewerbsfähig zu bleiben. Die
Staatsbetriebe aus Frankreich sind dagegen unbewegliche Kolosse. Verglichen mit
denen waren wir schon in der Vergangenheit richtig marktorientiert …
Hartmann: … und das will etwas heißen!
SPIEGEL: Trotzdem werden gerade die Franzosen billigen Strom nach Deutschland
liefern, ohne dass Sie die Möglichkeit haben, auf dem französischen Markt aktiv
zu werden. Stört Sie das nicht?
Hartmann: Doch. Ordnungspolitisch ist das
ein unerträglicher Zustand. Die Franzosen
schotten sich ab und nehmen nicht nur am
Wettbewerb in anderen Ländern teil, sondern versuchen auch, dort Unternehmen
zu kaufen, die bisher in Staatsbesitz waren.
Darum muss sich die Europäische Kommission sehr ernsthaft kümmern.
SPIEGEL: Wollen Sie Beschwerde einlegen?
Hartmann: Nein, dafür sind die Kartellämter zuständig. Aber wir werden unsere
Meinung zu diesen Ungereimtheiten in der
europäischen Stromliberalisierung sehr
deutlich sagen.
SPIEGEL: Gehört zu diesen Ungereimtheiten auch, dass deutsche Konzerne aus der
Kernenergie aussteigen sollen, während
nun billiger Atomstrom aus Frankreich und
demnächst sogar aus der Ukraine nach
Deutschland geliefert wird?
Hartmann: Ja. Es ist geradezu provinziell,
wenn man aus einer weltweiten Technologie aussteigen will und das dann nur im
nationalen Maßstab versucht. Für eine
deutsche Bundesregierung ist diese Kurzsichtigkeit schon sehr erstaunlich …
Simson: … aber wir haben diese Regierung
nun mal gewählt. Sie ist demokratisch legitimiert, und somit müssen wir uns mit
diesem unglaublichen Unfug auseinander
setzen. Unsere Fusion wird das jedoch
nicht beeinflussen.
SPIEGEL: Das Kartellamt wird Ihren Zusammenschluss zum drittgrößten Industrieunternehmen Deutschlands nicht ohne
Auflagen passieren lassen. Rechnen Sie damit, dass Sie Beteiligungen wie an den
Hamburger Electricitätswerken oder an der
Berliner Veag abgeben müssen?
Simson: Es wäre taktisch nicht besonders
klug, wenn wir hier im SPIEGEL auch noch
Vorschläge unterbreiten würden.
SPIEGEL: Ungeschoren werden Sie aber
kaum wegkommen.
Hartmann: Das Kartellamt legt großen Wert
darauf, dass die Stromkonzerne ihre Netze auch Konkurrenten zu angemessenen
Preisen mitbenutzen lassen. Die Pflicht zur
Durchleitung von Fremdstrom wird kommen, so oder so. Veba und Viag werden in
dieser Frage weder taktieren noch hinhalten. Notfalls werden wir unsere Netze im
Alleingang zu fairen Konditionen für Wettbewerber öffnen.
SPIEGEL: Beginnt dann auch für Privathaushalte der Wettbewerb auf dem Strommarkt? Bisher müssen die sich weitgehend
mit bunter Werbung begnügen.
Hartmann: Sie haben Recht. Die ganzen
Angebote, die da gestreut werden, täuschen etwas vor, was noch gar nicht da ist.
Aber ich schätze, dass sich das im Oktober/November spätestens ändern wird.
Dann werden Regelungen für die Durchleitung von Strom vorliegen …
SPIEGEL: … und die Privatkunden massenhaft ihren bisherigen Zwangsversorger
wechseln.
Hartmann: Nein, das wird wohl nicht passieren. Wir rechnen damit, dass die meisten
Privatkunden bei ihren bisherigen Stromlieferanten bleiben werden, weil die sich an
die günstigsten Preise anpassen werden.
SPIEGEL: In Bayern ist erst kürzlich ein
Zusammenschluss ins Stocken geraten, weil
sich beim kleineren Partner nach der Fusion ein Milliardenloch auftat. Sind Sie
sicher, dass bei Ihnen nicht auch noch
verborgene Altlasten schlummern?
Simson: Sie spielen auf die Fusion der
HypoVereinsbank an. Dazu kann ich Ihnen
eines sagen: Herr Hartmann war so klug,
eine Doppelspitze vorzuschlagen. Hätte
man das auch bei der HypoVereinsbank
gemacht, wäre vieles dort möglicherweise
ganz anders abgelaufen.
SPIEGEL: In der Politik, aber auch in der
Wirtschaft gibt es bislang wenig Beispiele,
wo eine Doppelspitze funktionierte. Warum haben Sie sich trotzdem auf dieses Risiko eingelassen?
Hartmann: Weil Simson so ein netter Kerl
ist und weil wir zwei uns gut verstehen.
Simson: Aber es gibt auch harte Faktoren, die für die Zweierlösung sprechen.
Herr Hartmann kommt von der kaufmännischen Seite und kennt sich bei den Finanzen bestens aus. Ich komme aus dem
operativen Geschäft und habe vom Betriebs- bis zum Werkleiter alle Produktionsstufen durchlaufen. Wir ergänzen
uns ideal. Auch die Arbeitsteilung haben
wir sauber abgegrenzt. Hartmann ist der
Außenminister, und ich mache den Innenminister.
SPIEGEL: Sie sind beide 61 Jahre alt, Ihre
Verträge laufen noch zwei Jahre. Wie wollen Sie in dieser kurzen Zeit all das schaffen, was Sie sich vorgenommen haben?
Hartmann: Verträge können ja auch verlängert werden, aber ich denke, mit 65 sollte dann wirklich Schluss sein. Bis dahin
werden die Strukturen des neuen Konzerns
stehen. Außerdem gibt es genug Jüngere,
die den Job dann machen können.
SPIEGEL: Herr Hartmann, Herr Simson, wir
danken Ihnen für dieses Gespräch.
141
Wirtschaft
Globale Ambitionen
Wichtige Telekom-Auslandsbeteiligungen
gescheiterte Beteiligungen
und Übernahmen
Russland MTS 39%
RTK 48,5%
Großbritannien
One-2-One 100 %
Polen PTC 22,5%
Tschechien Radiomobil 41%
Frankreich
France Télécom 2 %
ONE
GLOBAL
USA
Sprint 10%
1994
Italien
Wind 24,5%
Telecom
Italia
MCI
1996
1997
Südafrika
Telcom
1998
40
35
–141
– 433
Veluste der
Auslandsbeteiligungen
– 544
Zahl der
Auslandsbeteiligungen*
29
Indien
Regionallizenzen
in Mio. Mark
11
7
1994
1995
1996
1997
1998
*vollkonsolidiert
KONZERNE
„Viele Bälle in der Luft“
Der Versuch, im Ausland Fuß zu fassen, brachte der Telekom
fast nur Enttäuschungen ein. Nun droht ein neuer
Rückschlag: der Verlust des amerikanischen Brückenkopfes.
S
ein strategisches Ziel hatte Ron Sommer stets im Blick. „Wir wollen ein
wirklich globales Unternehmen werden“, hieß die Parole, die der Chef der
Deutschen Telekom seinen Mitarbeitern
immer wieder einhämmerte.
Nur „durch Fusionen und Akquisitionen im Ausland“, so glaubt der fließend
Englisch und Französisch sprechende Telekom-Stratege, habe der Bonner Telefonkonzern eine sichere Zukunft. Scheitert
die Strategie, warnt Sommer, werde die Telekom „in wenigen Jahren nichts anderes
sein als ein nicht zukunftsfähiger Regionalladen im wichtigsten Industriezweig des
21. Jahrhunderts“.
Obwohl die Telekom rund 30 Milliarden
Mark für Beteiligungen in aller Welt ausgab, ist Sommer seinem Ziel bisher kaum
näher gekommen. Nicht einmal vier Prozent seiner Umsätze erzielte Europas größter Telefonkonzern 1998 mit „internationalen Aktivitäten“. Auch in diesem Jahr
dürfte das Auslandsgeschäft kaum mehr
Einfluss auf den Telekom-Umsatz haben
als eine homöopathische Dosis.
142
Womöglich fällt Sommers ehrgeiziger
Plan vom Weltkonzern sogar noch eine
Nummer kleiner aus, denn in den USA
droht ein heftiger Rückschlag. Sommers
Ambitionen müssten sich dann vorerst einmal auf Europa beschränken.
Der Angreifer heißt Bernie Ebbers und
ist Chef des amerikanischen Telefonkon-
Telekom-Chef Sommer
Globaler Vorstoß gescheitert?
d e r
Malaysia
TRI 21%
Philippinen
Islacom 73%
Indonesien
Satelindo 25%
– 1364
W. v. BRAUCHITSCH
–77
1995
Spanien
Retevisión
Kasachstan
Kazakhtelecom
Ukraine
Ungarn
Matáv 59,6% UMC 16,3%
Österreich Maxmobil 81%
s p i e g e l
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zerns MCI-Worldcom. Der ruppige Selfmademan aus Kanada, der innerhalb weniger Jahre aus einer kleinen Klitsche einen
weltweit tätigen Telefonkonzern zusammengezimmert hat, will nun auch noch die
US-Firma Sprint, an der die Telekom mit
zehn Prozent beteiligt ist, übernehmen.
Schon in der kommenden Woche wollen Ebbers und Sprint-Chef William Esrey
ihre Verhandlungsergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Werden sich Esrey
und Ebbers einig – und viele Analysten
halten das für wahrscheinlich –, verliert die
Telekom ihren einzigen Brückenkopf auf
dem größten Telefonmarkt der Welt.
„Dann“, sagt ein Analyst, „steht Sommer
ziemlich nackt da.“
Sommer kann dagegen wenig unternehmen und muss den Verhandlungen in den
USA zunächst weitgehend tatenlos zusehen. In den 1996 abgeschlossenen Verträgen
mit den Amerikanern ist nämlich festgeschrieben, dass die Telekom ihre Beteiligung 15 Jahre lang nicht erhöhen darf.
Auch ist es den Deutschen nicht erlaubt,
sich ohne Zustimmung der Amerikaner
„an Übernahmetransaktionen im Hinblick
auf Sprint zu beteiligen“.
Durch den Übernahmeversuch von Ebbers gerät nicht nur Sommers Stützpunkt
in den USA ins Wanken. Auch das zusammen mit Sprint und France Télécom betriebene Gemeinschaftsunternehmen Global One, das unter dem anspruchsvollen
Namen in 65 Ländern Telefondienste für
multinationale Unternehmen anbietet,
steht vor dem Aus. Im weltweiten Telefon-
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Wirtschaft
der Bonner Telefonriese in diesem Zeitraum etwa zehn Milliarden Mark bereitstellte, die Konzernbilanz mit Verlusten
von insgesamt mehr als 2,5 Milliarden
Mark. Hinzu kommen Abschreibungen in
Milliardenhöhe, die tiefe Spuren in Kröskes
Zahlenwerk hinterlassen haben.
Ein besonders hohes Lehrgeld musste
die Telekom in Südostasien bezahlen.
Denn die meisten Beteiligungen in der
einstigen Boomregion erwiesen sich inzwischen als faule Eier.
Das Fiasko begann, als die Telekom im
April 1995, kurz vor Sommers Amtsantritt,
GAMMA / STUDIO X
geschäft müsste Sommer dann quasi wieder bei null anfangen.
Zwar ist die Telekom inzwischen in vielen Ländern Osteuropas, in England, Österreich und Italien sowie in Südostasien (siehe Grafik Seite 142) vertreten. Doch außer
der Beteiligung an der ungarischen Telefonfirma Matáv, bei der sich die Bonner
zwischen 1993 und 1995 mit 1,4 Milliarden
Mark einkauften, trägt bislang keins der
Engagements nennenswerte Früchte. Und
im internationalen Mobilfunk-Geschäft ist
sogar der Newcomer Mannesmann mit
Beteiligungen in Italien, Frankreich und
Netzzentrale von AT & T: Das Geschäft mit Firmenkunden ist heftig umkämpft
Österreich erfolgreicher als der ehemalige
Monopolist.
Eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen
begleitete viele Auslandsengagements der
Telekom von Anfang an. „Wir haben zwar
viele Bälle in der Luft“, sagt selbstkritisch
ein hochrangiger Telekom-Manager, „aber
wir wissen nicht, welcher wieder runterkommt.“
Häufig wurden Preise gezahlt, die nach
Ansicht von Experten weit überhöht waren.
Selbst Sommers jüngster Sieg, die Übernahme der britischen Mobilfunkfirma One2-One, ist intern heftig umstritten.
Der Kaufpreis sei völlig unangemessen,
mahnte etwa Finanzchef Joachim Kröske,
als Sommer Ende August den Deal vom
Aufsichtsrat genehmigen ließ. Statt 19,6 Milliarden Mark sei die Nummer vier auf dem
englischen Mobilfunk-Markt höchstens
zehn Milliarden wert, monierte Kritiker
Kröske, der spätestens Ende März an den
Haniel-Manager Karl-Gerhard Eick abgibt.
Es wäre nicht Sommers erster Fehlgriff
im Streben nach internationaler Präsenz.
Allein in den vergangenen fünf Jahren belasteten die Auslandsengagements, für die
144
für 1,03 Milliarden Mark 25 Prozent an der
indonesischen Mobilfunkfirma Satelindo
übernahm. Der im Bonner Kanzleramt
unterschriebene Vertrag war die größte Investition eines deutschen Unternehmens
in Indonesien und wurde von der Telekom
als „Meilenstein auf unserem Weg zur Internationalisierung“ gefeiert.
Doch außer Spesen und Verlusten in Millionenhöhe brachte das Milliardeninvestment den Bonnern nichts ein. Heute steht
der Meilenstein mit einem Buchwert von
null Mark in Kröskes Bilanz.
Ein Jahr nach dem Einstieg in Indonesien verbrannten sich die unerfahrenen
Telekom-Aufkäufer erneut die Finger, als
sie für 914 Millionen Mark knapp 21 Prozent an der malaysischen Telefonfirma TRI
übernahmen und weitere 371 Millionen
Mark für eine Beteiligung an der philippinischen Firma Islacom ausgaben.
Kaum war die Tinte unter den Verträgen
trocken, ging der Aktienkurs der TRI steil
nach unten. Quartal für Quartal musste
Kröske seither den Buchwert der TRI-Beteiligung weiter reduzieren. Aus dem Investment von insgesamt 1,2 Milliarden
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Mark in Malaysia und auf den Philippinen
wurde so innerhalb von zwei Jahren ein Erinnerungsposten von jetzt nur noch 280
Millionen Mark.
Das mit gewaltigen Vorschusslorbeeren
bedachte Bündnis Global One brachte
ebenfalls nur Verluste ein. Nach endlosen
Kompetenzstreitigkeiten und technischen
Problemen fällt die Firma im heftig umkämpften Telefon- und Datengeschäft mit
multinationalen Konzernen immer weiter
hinter die Erwartungen der Muttergesellschaften zurück. Und während sich in dem
Bündnis von AT & T und British Telecom
ein neuer starker Konkurrent formiert,
meldet der Dreierbund von Sprint, France
Télécom und Deutscher Telekom für das
erste Halbjahr 1999 sogar einen Umsatzrückgang um 18 Prozent.
Seit Sommers gescheitertem Versuch,
Telecom Italia zu übernehmen, sind die
Aussichten auf einen baldigen Erfolg von
Global One gegen null gesunken. Denn
Michel Bon, der Chef von France Télécom,
sah in Sommers Vorstoß nach Rom einen
Bruch der vertraglich verabredeten Partnerschaft. Aus Verärgerung reichte er bei
der Internationalen Handelskammer eine
Klage ein und kündigte den Bonnern die
Freundschaft. Stattdessen will Bon nun als
Konkurrent von Sommer antreten. Seit
Wochen verhandeln die Franzosen mit
dem Viag-Konzern über eine Übernahme
des Mobilfunkablegers E-Plus.
Noch geben sich die Telekom-Lenker
gelassen. Selbst den drohenden Verlust des
amerikanischen Brückenkopfes sehen viele Manager nicht als Gefahr. Die diversen
Klauseln in den Verträgen mit Sprint hätten die Telekom ohnehin nur behindert:
„Wir konnten nichts tun ohne die Zustimmung der Partner.“
Da die Telekom beim Poker um den an
der Börse mit 70 Milliarden Dollar bewerteten Sprint-Konzern wenig Chancen hat,
versuchen die Konzernstrategen nun, aus
der Not eine Tugend zu machen. Der Vorstoß von MCI, so die neue Lesart, gebe der
Telekom die Chance, endlich wieder mehr
Handlungsfreiheit zu gewinnen. Mit den
Milliarden, die Sommer für das Zehnprozentpaket an Sprint kassiert, könnte die
Telekom ihre Expansion forcieren.
Wenn Sommer in letzter Minute nicht
doch noch ein überraschender Schachzug
auf dem US-Markt gelingt, dann ist der
globale Vorstoß allerdings erst einmal gescheitert. Davon ist bei Analystentreffen
seit einiger Zeit ohnehin nur noch wenig
die Rede. „Erste Priorität“, gibt dort Sommers neuer Auslandschef Jeffrey Hedberg
die jetzt geltende Marschrichtung vor, „hat
für uns der Ausbau des paneuropäischen
Mobilfunknetzes.“
Denn eines haben die Telekom-Strategen aus den Misserfolgen der Vergangenheit gelernt: „Auslandsbeteiligungen, bei
denen wir nicht das Sagen haben, bringen
nichts.“ Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk
Werbeseite
Werbeseite
Wirtschaft
MODEINDUSTRIE
Der Lifestyle-Schneider
Khaki-Hosen und schlichte Shirts für die ganze Welt – die
US-Modefirma Gap verdankt ihren Erfolg nicht den
Ideen der Couturiers, sondern den Regeln des Shareholder-Value.
B
ill Gates, der reichste
Mann der Welt, präsentiert sich gewöhnlich,
unheimlich locker, in KhakiHosen und mit offenem
Hemdkragen. Und die millionenschwere New Yorker Gesellschaftslöwin Blaine Trump
verkündet öffentlich, dass sie
sich gerade Jeans-Shorts für
9,99 Dollar im Supermarkt
gekauft habe.
Früher flogen reiche amerikanische Erbinnen oder
Gattinnen zwecks Aufbesserung ihrer Garderobe mit der
Concorde nach Paris und gaben bei den Modeschauen
gern mal 100 000 Dollar aus.
Die Kreationen der Couturiers von Chanel, Dior oder
Lacroix diffundierten von den
Laufstegen in die Modemagazine, tauchten später als Kopien in den Boutiquen auf –
und noch später als Abklatsch
an den Kleiderstangen von
Karstadt, Harrods oder bei
Macy’s in New York. Die
Meister aus Paris zogen, indem sie das rechte Maß von
Saumlängen und Kragenspitzen bestimmten, letztlich
auch James in Santa Fe oder Gap-Laden in Tokio: Mittelmaß für die Mittelschicht
Ulrike in Saarbrücken an.
Jetzt hat sich neben der Modemetropo- Saumlängen und Stoffqualitäten durch inle Paris eine mächtige Konkurrenz etabliert. tensive Marktanalysen ersetzt haben. Vor
Was die Massen tragen, das entscheiden allen anderen zieht jetzt ein Kleidermacher
Firmen, die auf den Börsenwert ihres Un- aus San Francisco die Leute an: The Gap,
ternehmens achten und die Fixierung auf der neue König unter den Klamottenläden.
Neue Gap-Kollektion: „Wer seine Ware am besten vermarkten kann, gewinnt“
146
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Nur die Marke Levi’s ist weiter verbreitet in der Welt, rutscht aber in der „Coolness“-Skala zumindest der US-Teenies
immer tiefer. Wirtschaftlich hat Gap den
Traditionshersteller Levi Strauss ohnehin
längst hinter sich gelassen.
Der Lifestyle-Schneider aus San Francisco sei „prädestiniert dazu, die Modeautorität zu werden, die ins nächste Jahrtausend führt“, schreibt Teri Agins, die seit
zehn Jahren für das „Wall Street Journal“
die Bekleidungsindustrie beobachtet, in ihrem gerade erschienenen Buch „The End of
Fashion“.
Tatsächlich ist Gap dabei,
das Straßenbild zu globalisieren wie einst Coca-Cola die
Getränkesortimente der Kioske und Restaurants in der
westlichen Welt. Die Ladenkette hat den Sinn der Konsumenten für Farbe und Form
geeicht wie McDonald’s die
Geschmacksnerven auf deren
Zungen.
Gap will die Welt bekleiden (US-Herbstkampagne
„Jeder in Leder“) und hat, um
auch wirklich allen zu gefallen, Mode auf den kleinsten
gemeinsamen Nenner gebracht. Extravaganz und Eleganz sind aus dem Sortiment
verbannt, und das Mittelmaß
für die Mittelschicht ist zum
höchsten Standard erhoben.
„Das Design der Kleidung
selbst ist abstrakt geworden“,
sagt Agins. „Wer seine Ware
am besten vermarkten kann,
gewinnt.“ Firmenchef Millard
Drexler, genannt „Mickey“,
hat der Mode ein neues Gesicht gegeben: ein amerikanisches Allerweltsgesicht, das
nur so tut, als wäre es schön.
Khaki-Hosen für alle – mit diesem Konzept und seinem überall gepriesenen Marketing-Geschick hat Drexler das, was vor
30 Jahren als Jeansboutique mit integriertem Plattenladen in der Hippie-Hochburg
San Francisco begann,
in einen globalen
Volksschneider verwandelt. Auf ihrem
Weg nach oben hat die
Firma das Gründerehepaar Doris und
Don Fisher und deren
drei Söhne fast acht
Milliarden Dollar reicher gemacht; sie beglückte die Investoren
an der Börse langfristig
mit höheren Renditen
als Weltmarken wie
Nike oder Gillette (siehe Grafik S. 149). Gap
Werbeseite
Werbeseite
Werbeseite
Werbeseite
F. GREER / BOTAISH GROUP
zählt inzwischen zu den am schnellsten
wachsenden US-Unternehmen überhaupt.
Im vorigen Jahr ist der Gewinn gegenüber 1997 um über 50 Prozent auf 825 Millionen Dollar gestiegen. Der Umsatz erhöhte sich um 40 Prozent auf 9,1 Milliarden
Dollar – und das in einem Markt, der in
den USA ebenso wie in Deutschland als
gesättigt gilt.
Zur Zeit eröffnet die Firma täglich irgendwo auf der Welt einen nagelneuen
Shop. Die T-Shirt-Schneider betreiben insgesamt über 2600 Filialen, davon die meisten in den USA, rund 300 in Kanada, Japan, Großbritannien und Frankreich. In
Deutschland gibt es bisher nur 13 Geschäfte. Mitte Oktober werden zwei weitere hinzukommen: eines in Aachen, eines
in Berlin.
Die Klamottenkette breitet sich nicht
nur geografisch aus: In den Vereinigten
Staaten kleiden ihre Abteilungen von babyGap über GapKids zu Gap für Männer
und Frauen längst Bürger aller Altersklassen ein – Khakis für 49 Dollar von der Wiege bis zur Bahre.
Und: Gap läuft in der Bronx genauso
gut wie in Beverly Hills. Die Aufspaltung
des Geschäfts in drei Marken gilt als
Mickey Drexlers bester Schachzug: Banana Republic heißt der schickere Laden für
den dickeren Geldbeutel, Gap versorgt den
Normalbürger, und Old Navy befriedigt
die schmale Börse.
Außerdem klebt der Firmenchef einem
Nebenprodukt nach dem anderen seine
Markenetiketten auf. Nun können alle
nach Gap-Parfüm duften und Gap-Wäsche
am Leib tragen, die Mädels sich mit OldNavy-Kosmetik anmalen und die Jungs
Banana-Republic-Teller fürs romantische
Abend-Rendezvous auf dem Esstisch arrangieren.
Der absolute Coup des Klamottengiganten aber war die Erfindung der Marke
Old Navy. „Gap hatte zwischendurch die
Einzigartigkeit verloren“, sagt Kurt Barnard, Chef einer Beratungsfirma in New
Jersey. „Inzwischen hatte die Konkurrenz,
die bis dahin nur zusah und sich die Lippen
leckte nach solchen Erfolgen, das Modell
mit der preiswerten Basisgarderobe kopiert.“ Also erschuf Drexler einen neuen
Laden, der fast die gleiche Ware verkauft,
aber so billig, „dass die Mutterfirma sich
damit eine riesige neue Käuferschicht erschlossen hat“.
In den Old-Navy-Geschäften liegen die
Sweatshirts in einer Kühltruhe wie frische
Tomaten. Im New Yorker Flaggschiff legt
gar ein DJ Platten auf wie im Nachtclub; in
der Filiale, die demnächst in San Francisco eröffnet wird, können die Shopper
außer T-Shirts auch Sandwiches kaufen.
Old Navy, so schätzen Analysten, mache
inzwischen 60 Prozent vom Umsatz des
Mutterschiffs aus.
Marktforscher und Börsenanalysten sind
sich einig, dass Gaps unglaublicher Erfolg
Mode-Manager Drexler
Klamottenkauf wie im Supermarkt
vor allem Mickey Drexler zuzuschreiben
ist, dem Mann, den die Fishers schon 1983
in die Firma holten und der vor vier Jahren zum Geschäftsführer gekürt wurde.
Gar als „omnipotent“ bezeichnete ihn
einmal ein Mitarbeiter. Eine US-Wirtschaftsjournalistin verglich sein Werk mit
dem Geheimrezept, das Coca-Cola den
Weltruhm brachte und erhält.
Geschickterweise tritt Drexler selten öffentlich auf – das hilft beim Aufbau des
9,1
9
Größe XXL
8
Umsatz des Gap-Konzerns
in Milliarden Dollar
7
6,5
6
5,3
5
4
4,4
3,7
3
2
320
354
453
Gewinn vor Steuern
in Millionen Dollar
1
1994
95
96
534
825
97
1998
Jährliche Rendite von US-Aktien
Durchschnitt der letzten zehn Jahre
Kursgewinne und Dividenden; Stand 1. 9. 1999
36,3%
Gap
Gillette
24,8%
24,1%
Nike
Coca-Cola
23,4%
McDonald’s
20,0%
Disney
11,6%
Mythos vom genialen Manager. Und wenn
er mal ein Interview gibt, präsentiert er
sich so farblos wie eine Khaki-Hose. „Gewöhnlich, unprätentiös, untertrieben, fast
bescheiden“, beschreibt ihn das Magazin
„Fortune“.
Innerhalb der Firma gilt Drexler als unglaublich pedantisch, als einer, der zu
Überraschungsbesuchen in Gap-Läden auftaucht, von der Schaufensterdekoration bis
zur letzten Rocknaht alles kontrolliert und
Fehler mit Wutausbrüchen bestraft. Und
ganz so bescheiden ist er auch nicht: „Uns
sind nur durch unsere Phantasie Schranken
gesetzt“, lautet einer seiner Sprüche.
Aber der launische Firmenchef hatte die
entscheidende Idee: Klamottenkauf, fand
er, solle so einfach sein, wie im Supermarkt
Mehl und Eier zu besorgen. Das war die
Geburt von Gaps schlichter Alltagskollektion, die immer in allen Größen verfügbar
sein muss. So wie es überall Magermilch,
fettarme und Vollmilch gibt. „Damit haben sie etwas Neues gemacht“, so der
Marktforscher Barnard. „Gap verkauft
praktische, nett anzusehende Basics wie
etwa ein blaues T-Shirt, das dazu noch einen vernünftigen Preis hat.“ Eine Mode,
die nicht mehr durch Individualität, sondern durch Verlässlichkeit besticht, da sie
sich kaum ändert.
Drexler trifft damit das Lebensgefühl
der Amerikaner – und zugleich die Anforderungen der Wall Street. „Eine börsennotierte Firma wie Gap kann sich keine
modischen Risiken leisten“, sagt Teri Agins.
Drexler brauche „Klamotten, die sich stetig gut verkaufen“. Denn alle drei Monate
wühlen misstrauische Investoren in seinen
Büchern und suchen geradezu nach Fehlern. Eine privat geführte Firma büße mit
modischen Kapriolen zwar Umsatz ein,
meint Agins, „aber die Inhaber können im
Prinzip mit den Schultern zucken und es
bei der Frühjahrskollektion besser machen“. Gap dagegen würde gleich mit
„Tomahawks zerfleischt“ werden.
„Außerdem bestimmt eben heute die
Massenproduktion mit über den Stil der
Mode“, erklärt Agins. „Die Maschinen
können besser gerade Ärmel nähen als solche, die nah auf den Körper geschnitten
sind.“ Und wenn ein Posten Cord irgendwo günstig auf dem Weltmarkt zu haben
sei, dann werde das nächste Beinkleid-Sortiment aus Cord genäht.
Und so kommt es nur noch darauf an,
Cordhosen als Renner für die nächste
Herbstsaison zu vermarkten – und genau
im Marketing liegt Gaps Stärke.
Vor zwei Jahren haben es Drexlers Leute sogar geschafft, die Broker – zum ersten Mal in der 205-jährigen Geschichte
der New Yorker Börse – von Zweireihern
und Schlipsen zu befreien. Sie kleideten
die strengen Herren für eine Werbeveranstaltung in blaue oder weiße Hemden und
– was sonst? – Khaki-Hosen.
Rafaela von Bredow
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Wirtschaft
GAMMA / STUDIO X
durch die günstigen Einkaufsmöglichkeiten.“ Dank hoher Gewinne beim Verkauf
der zollfreien Waren konnten die Reeder
die Fahrten fast verschenken: Eine Fahrkarte kostete nur um die fünf Mark. Ohne
Duty-free müssten die Reeder 25 bis 30
Mark verlangen.
Betroffen sind auch die Ostseefähren.
Zwar ist ihr Hauptgeschäft der Transport
von Passagieren und Fracht. Aber der steuerfreie Verkauf an Bord machte bis zu
40 Prozent ihres Umsatzes aus.
Um auf diese Einnahmen nicht verzichten zu müssen, legt die „Finnjet“ jetzt auf
der Fahrt von Rostock nach Helsinki extra
in der estländischen Hauptstadt Tallinn an.
Das Land ist nicht EU-Mitglied, steuerfreier Einkauf daher erlaubt.
Fähren, für die solche Abstecher nicht
in Frage kommen, haben ihre Fahrpreise
erhöht. Einige müssen aufgeben: Zwei
Ostsee-Verbindungen sind bereits eingestellt.
Flughafen-Shops (in London): „Viele trauen sich nicht mehr in die Läden“
Die Rostocker Reederei Scandlines eröffnete in ihrer Not auf
KONSUM
dem Festland einen Supermarkt.
Im Hafen von Puttgarden verkaufen die Seeleute Alkohol, Zigaretten und Parfüm an Land. Sie spekulieren auf trinkfeste Dänen und
Schweden, für die sich ein Einkauf
in Deutschland wegen der niedrigeren Steuern immer noch lohnt.
Nach dem Ende des zollfreien
Die Duty-free-Shops in den
Einkaufs suchen die Händler
Flughäfen nennen sich nun „Tranach Schlupflöchern und neuen
vel Value“, aber der schöne Name
Geschäftsmodellen –
kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Läden nun verButterfahrt-Teilnehmer*: „Nur noch ein Bruchteil“
bislang mit mäßigem Erfolg.
zollte und versteuerte Waren verass Oma Schwepe noch so munter seiner Leute wird er bis dahin kündigen. kaufen müssen. Damit sie die wenigstens
ist, verdankt sie zwei Paragrafen in Wenn die Gesetzeslücke bestehen bleibt, einigermaßen günstig anbieten können,
der „Einreise-Freimengen-“ und möchte er im nächsten Jahr weitermachen. haben einige Flughäfen die Mieten für die
der „Zollverordnung“. Ohne die würde es Doch seine Chancen stehen schlecht: Die Läden gesenkt.
Die Geschäfte gehen schlecht. „Viele
in ihrer Nähe keine Butterfahrten mehr Bundesregierung will das Schlupfloch
geben. Und „ohne Butterfahrten gehe ich bis zum Beginn des nächsten Jahres Reisende trauen sich nicht mehr in die Läein“, sagt die 72-jährige Rentnerin aus schließen. Dann sind Butterfahrten end- den, weil sie denken, sie dürfen gar nichts
Bremen, „dann sterbe ich.“
gültig nur noch an den Grenzen der Ge- mehr kaufen“, sagt Gunnar Heinemann,
Zwar hat die Europäische Union den zoll- meinschaft, zum Beispiel bei Fahrten nach Miteigentümer der Firma Gebrüder Heinemann. Der Umsatz des Hamburger Unfreien Einkauf innerhalb der Gemeinschaft Polen (SPIEGEL 32/1999), möglich.
Rund drei Monate nach dem Ende des ternehmens, das auf 12 Flughäfen 50 Reischon zum 1. Juli gestoppt. Weil aber die
Bundesregierung das Zollrecht nicht recht- EU-internen Duty-free-Handels sind von segeschäfte betreibt, ist, so Heinemann,
zeitig änderte, können findige Butterschif- dem einst florierenden Geschäft nur noch „um 25 bis 30 Prozent weggebrochen“.
Die wenigen Gewinner der EU-Entfer die Behörden austricksen. Denn Schif- wenige Nischen übrig geblieben. Obwohl
fe, die acht Stunden auf See sind, nirgends ihre Geschäftsgrundlage entfallen ist, ver- scheidung sitzen auf Helgoland. Denn die
anlegen und zwei Stunden außerhalb der suchen die betroffenen Branchen – die Insel gehört auch in Zukunft nicht zum
deutschen Hoheitsgewässer dümpeln, dür- Schiffer und Reeder sowie die Pächter der Zollgebiet der EU. Der Sonderstatus geht
fen, so steht es in den Verordnungen, wei- Duty-free-Shops in Flughäfen – zu überle- zurück auf den Caprivi-Vertrag von 1890,
damals tauschte das Deutsche Reich mit
ter zoll- und steuerfreie Waren verkaufen. ben – bislang mit mäßigem Erfolg.
Insgesamt verschwinden in Deutschland den Briten die Insel gegen Sansibar.
Allerdings nehmen nur wenige HartgeFür eine Stange Zigaretten und einen
sottene solche Mammuttrips auf sich, um 10 000 Arbeitsplätze, 5700 davon in den
billig an eine Stange Zigaretten und eine strukturschwachen Küstenländern, schätzt Liter Korn lohnt sich die Überfahrt allerdings nicht: Die Schiffspassage kostet
Flasche Schnaps zu kommen. „Mit früher der Deutsche Duty Free Verband.
Für die Reeder gibt es keine Alternative mindestens 50 Mark – mehr, als man beim
kann man das überhaupt nicht vergleichen“, sagt Butterschiff-Reeder Cassen zur Butterfahrt. „Niemand braucht die Einkauf spart.
Ganz anders sieht die Rechnung bei edEils. In guten Monaten hatte er in der Ver- Schiffe als Transportmittel“, sagt Jan Krugangenheit bis zu 50 000 Passagiere, seit se, Geschäftsführer der Förde Reederei leren Waren aus. Eine Kiste mit DavidoffSeetouristik, „die Nachfrage entstand nur Zigarren, die auf dem Festland 715 Mark
Juli ist es „nur noch ein Bruchteil“.
kostet, ist auf der Insel für rund 380 Mark
Ende Oktober, wenn die Touristen auszu haben.
bleiben, stellt er die Fahrten ein, rund 80 * In Cuxhaven.
Olaf Storbeck
P. PIEL
Acht Stunden
auf See
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Gesellschaft
Szene
MODE
„Mich reizt das
Risiko“
Der japanische Modemacher Kenzo,
bürgerlich Kenzo Takada, 60, über seinen
Abschied vom Laufsteg, schöpferische
Freiheit und guten Geschmack
STILLS / STUDIO X
SPIEGEL: Herr Kenzo, Sie wollen sich
künftig vor allem mit Malerei beschäftigen. Handelt es sich dabei um die Fortsetzung Ihrer Mode-Arbeit
mit anderen Mitteln?
Kenzo: Nein, ich male zum
Vergnügen und um Abstand
zu gewinnen.
SPIEGEL: Hat Ihre Sehnsucht
nach Abstand damit zu tun,
dass die Modebranche bei
aller Eleganz auch ein Haifischbecken ist?
Kenzo: Leicht ist es nicht,
das stimmt, man muss Neid Kenzo
aushalten können. Ich habe aber auch viel Glück gehabt und
konnte mir schöpferische Freiheit bewahren.
SPIEGEL: Was hat Ihre Arbeit am stärksten beeinflusst?
Kenzo-Mode
Kenzo: Meine Reisen – und
meine Begegnungen mit besonderen Menschen. Ich
könnte auch sagen: Afrika,
Frauen, Gemälde, Fotos.
Anregung gibt es überall,
man muss sie nur spüren.
SPIEGEL: Kenzo steht für wild kontrastierende Farben. Das wurde bewundert,
aber auch als geschmacklos kritisiert.
Können Sie mit dem Begriff Geschmack
überhaupt etwas anfangen?
GASTLICHKEIT
Gute Nacht mit
Goldfisch
S
o kolossal das abendliche Unterhaltungsangebot in der Hauptstadt mittlerweile sein mag: Kaum
betritt der Hotelgast sein Zimmer,
fällt ihm gewöhnlich die Decke auf
den Kopf. Die Minibar zu leeren und
das Fernsehprogramm durchzuzappen schafft dem Geschäftsreisenden
nicht immer die erwünschte Erleichterung (aber regelmäßig einen schweren Kopf). Das kürzlich eröffnete Hotel „Königin Luise“ in Berlin-Weißensee verspricht nun seinen Gästen beruhigteres Einschlafen – durch die
Gegenwart eines Goldfischs. Vier
Exemplare des Carassius Auratus
stellt das Hotel bislang seinen Gästen
auf Wunsch zur Verfügung, bei positiver Resonanz werden weitere folgen.
Besonderer Vorteil für durchreisende
Geschäftsleute: Fische machen beim
Abschied keine Szene.
Angebliches Ufo (in den USA)
LEBENSHILFE
Tipps für die Ufo-Jagd
A
merikaner rühmen gern ihren Sinn
fürs Praktische, und der manifestiert
sich seit jeher in publizierten Gebrauchsanweisungen: „How to …“-Bücher sollen
den Lesern in jeder Lebenslage helfen.
Sie erzählen davon, wie man erfolgreich
flirtet, Gedichte schreibt, einen Partner
findet oder los wird. Jedes Bedürfnis
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Kenzo: Ja, denn ich habe einen, und dem
bin ich immer gefolgt. Mich hat immer das
Risiko gereizt, unerwartete Effekte, die
bizarrsten Farbkompositionen. Aber ich
habe auch ganz dezente Mode gemacht.
SPIEGEL: Wie kommt es, dass Ihre Models im Unterschied zu anderen Mannequins meist auffällig gut gelaunt über den
Laufsteg schritten?
Kenzo: Man muss ihnen einfach etwas anziehen, das zu ihnen passt, dann fühlen
sie sich wohl und sind bester Laune.
wird bedient, keine Zielgruppe
ist zu marginal, um nicht bedacht zu werden. Ein, so der
Titel, „Reiseführer zu Ufo-Sichtungen, Entführungsorten, Kreisen in Kornfeldern und anderen
unerklärbaren Phänomenen“
bedient nun die Gemeinde der
Ufo-Gläubigen. Herausgegeben
von der „Gesellschaft für die
Pflege der Kontakte mit fremden Lebewesen“, zählt das Werk
von Huntsville in Alabama bis
zu Devil’s Tower in Wyoming
alle Orte auf, an denen fliegende
Untertassen gesehen wurden
und angeblich gelandet oder abgestürzt
sind. Zu jeder „location“ gibt es eine Geschichte, manche enden tragisch wie die
von Captain Thomas Mantell, der in der
Nähe von Franklin (Kentucky) mit seiner
Militärmaschine F-51 bei der Verfolgung
eines Ufos im Jahre 1948 abstürzte. Den
Gebrauchswert des Ratgebers erhöhen
praktische Tipps für Ufo-Jäger, zum Beispiel „Geh nie allein“, „Bleib ruhig“
und: „Trag Turnschuhe. Du weißt nie,
wann du rennen musst.“
157
I. RÖHRBEIN
Gesellschaft
Feiernde Deutsche beim Mauerfall 1989: Unbehagen an der Einheit
Feiernde Ostdeutsche 1996 (in Halle): Befreit
POLEMIK
Aufruhr unter Bummelanten
Im deutsch-deutschen Binnenverhältnis wird der Umgangston rauer: Es wächst auseinander, was
nicht zusammengehört. Eine Hausfrau, ein Soziologe und ein linkes Autorenteam
üben sich im verbalen „Ossi-Bashing“ – und bringen die Seele der Ostdeutschen in Wallung.
W
er im „Le Buffet“, dem Dachrestaurant des Kaufhauses Wertheim am Kurfürstendamm, eine
Portion Salzkartoffeln bestellt, erfährt zugleich, wie weit die „Verostung“ West-Berlins vorangeschritten ist. Auf dem Kassenbon werden die mehligen Erdäpfel als
„Sättigungsbeilage“ verbucht.
Im „Tagesspiegel“, dessen Auflage zu
etwa 85 Prozent in West-Berlin verbreitet wird, läuft seit einigen Wochen eine Serie, in der Autoren aus „Ost und West“ erklären, „warum wir nicht zusammenpassen“.
Dagegen üben Ossis und Wessis an der
Volkshochschule in Pankow die wohldosierte Annäherung, indem sie ihre jeweiligen „Lebenswelten“ voreinander ausbreiten. So will eine Westfrau wissen: „Habt
ihr zu den Weihnachtsengeln wirklich ,Jahresendflügelfiguren‘ gesagt?“ Eine Ostfrau
verteidigt die Vorschulerziehung in der
DDR: „Meine Kinder haben in der Krippe keinen Schaden genommen.“
Verschieden wie die vergangenen Lebenswelten sind auch die Witze, über
die östlich und westlich der kulturellen
Demarkationslinie gelacht wird: „Was ist
der Unterschied zwischen einem Wessi
und einem Vibrator?“, fragt der Ossi und
158
sorgt umgehend für Aufklärung: „Der
Wessi ist für’n Arsch!“ „Was sagt der Ossi,
nachdem er Sex hatte?“, gibt der Wessi
zurück. „Es war doch nicht alles schlecht,
oder?“
Nein, vieles soll sogar besser gewesen
sein. Der Regisseur und Intendant Leander
Haußmann, gerade 40 und doch im westlichen Theaterbetrieb vorzeitig gealtert, verklärt die DDR in seinem Kinodebüt retrospektiv zum Schlaraffenland: „Man musste
nicht arbeiten und konnte trotzdem leben“
(siehe Seite 306).
Es war nie einfach, ein Deutscher zu
sein. Aber niemals war es so strapaziös wie
am Ende dieses Jahrhunderts. Von der „inneren Einheit“ spricht niemand mehr, die
„Mauer in den Köpfen“, eben noch eine
wolkige Metapher, nimmt konkrete Form
an: 20 Prozent der Westdeutschen und 14
Prozent der Ostdeutschen wünschen sich
das Bauwerk zurück.
Und während die Ossis sich auf ihre
alten Werte besinnen, die Jugendweihe
zelebrieren, Ostalgienächte feiern und
die SPD das Gruseln lehren, schlagen genervte Wessis, die eben noch ohne Murren
den Soli-Zuschlag überwiesen haben, verbal zurück. Drei Bücher dokumentieren
das zunehmende Unbehagen an der Eind e r
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heit und setzen den Ton für künftige Debatten*.
Die erste bittere Enttäuschung, mit der
Luise Endlich, 39, nach ihrem Umzug aus
der Weststadt (Wuppertal) in die Oststadt
(Frankfurt (Oder)) fertig werden musste, war
kulinarischer Art: Es gab keine trockenen
Weine aus Frankreich oder Italien, nur „die
schweren süßen Bulgaren oder Ungarn“;
dennoch war die Arzt-Frau, deren Mann
eine Stelle am örtlichen Krankenhaus angenommen hatte, bereit, ihren Beitrag zur
deutsch-deutschen Integration zu leisten.
Sie organisierte gesellige Treffen zwischen Ost- und Westfrauen, lud die Nachbarn zum Essen ein, überhörte Häme und
Anzüglichkeiten, nur um zu erleben, dass
die Ostmenschen grundsätzlich anders und
unbelehrbar sind.
Sie tragen leuchtend rote Socken in
braunen Wanderschuhen zum blauen Nadelstreifenanzug, schleppen selbstgehäkelte Hüttenschuhe in Stoffbeuteln mit sich
* Luise Endlich: „NeuLand. Ganz einfache Geschichten“. Transit Verlag, Berlin; 184 Seiten; 34 Mark. Thomas
Roethe: „Arbeiten wie bei Honecker, leben wie bei
Kohl“. Eichborn Verlag, Frankfurt; 190 Seiten; 29,80
Mark. Klaus Bittermann (Hrsg.): „It’s a Zoni. Zehn Jahre Wiedervereinigung. Die Ossis als Belastung und Belästigung“. Edition Tiamat, Berlin; 159 Seiten; 26 Mark.
* Mit Hans Modrow in der Sendung „Sabine Christiansen“.
L. REIMANN / ACTION PRESS
herum, wissen nicht, wie man eine Lasagne
isst, halten Kartoffelgratin für ein Bauernfrühstück ohne Eier, trinken Bier aus alten
Senfgläsern, verwechseln Ikebana mit Oregano und nehmen Schoko-Hasen nach einer Osterfeier mit nach Hause.
Der Besitzer des Hauses, in dem Familie
Endlich wohnt, ist ein mieser Spekulant,
die Handwerker verweigern den Dienst
(„Ick hatte heute Besseres zu tun, als bei Ihnen Fliesen zu verlegen …“), und eines Tages liegt Karlchen, das Kaninchen, erschlagen im Hühnerstall, und ein anonymer Anrufer brüllt „Arische Macht!“ ins Telefon.
„Ich habe mich bisher in jedem Ausland
willkommener gefühlt als in dieser Stadt.“
Dennoch bleibt Luise Endlich im wilden
Osten und schreibt ein Buch über ihren
Alltag unter Extrembedingungen. Für sie
sind es „ganz einfache Geschichten“, für
die Ossis gemeine Provokationen, auf die
sie beleidigt und wütend reagieren. Das
Buch wird mancherorts boykottiert, die
Autorin bekommt Schmähungen ins Haus.
Oststadt hat seinen Skandal und der WestBerliner Transit-Verlag einen Bestseller.
„Wir hatten 215 Vorbestellungen, legten
1500 Stück auf und haben von April bis
jetzt 28000 verkauft“, freut sich Rainer Nitsche, der Verleger. Die sechste Auflage, 8000
Exemplare, wird gerade gedruckt, im Frühjahr soll eine Fortsetzung unter dem Titel
„Ostwind“ erscheinen. Teil zwei des Bestsellers wird auch Reaktionen auf Teil eins
enthalten, darunter das Schreiben einer Redakteurin der „Zeitschrift für Humanismus
und Aufklärung“ beim Humanistischen Verband Deutschland, Landesverband Berlin e.
V., die dem Verleger mitteilte, sie habe das
Buch „einfach in Ofen jesteckt“.
Im Westen, sagt Nitsche, werde „nicht
wahrgenommen, was im Osten los ist“.
schaftsvertrag“ das Verhältnis zwischen
dem Volk und der Führung geregelt: „Wir,
die Arbeiter und Bauern, erklären, die
Macht der Partei nicht mehr herauszufordern. Wir werden loyal sein, wenn ihr uns
dafür zusichert, uns zu versorgen und von
der Arbeitsfron zu befreien.“
Fortan war das Leben in der DDR „geprägt von der väterlichen Besorgnis“ des
Staates, „es den ,Bürgern‘ nicht zu schwer“
zu machen. So ist mitten in Europa „eine
Subkultur der dritten Welt“ entstanden,
deren Einwohner „jeden common sense
verloren“ und alle Verantwortung im
Tausch gegen Versorgung an den Staat und
seine Organe abgetreten haben.
Roethe, 1943 in der Uckermark geboren
und in Berlin aufgewachsen, nennt die
DDR eine „konsensuelle Diktatur“. Der
„Gesellschaftsvertrag“ von 1953 wurde erst
unwirksam, „als nichts mehr verteilt werden konnte“, da wurde die „Loyalität gegenüber dem Staat“ aufgekündigt und die
bis dahin passive Masse rebellisch.
Nun gelte es, mit den „zivilisatorischen
Defiziten des Ostens“ fertig zu werden: mit
einer Bevölkerung, die noch immer Zuteilungen und Geschenke erwartet, statt „Demokratie und Arbeit zu lernen“, und mit
Politikern, die sich „als Hüter der Demokratie andienen“, die sie eben erst bekämpft haben. Roethe warnt vor einer
„Verostung der westlichen Demokratie“,
die mit der „Wiederbelebung der ostzonalen Wirklichkeit“ bereits angefangen habe.
Roethe, der für die EU den Übergang
der sozialistischen Staaten zur westlichen
Demokratie erforscht, legt sich
keinerlei Zurückhaltung auf. Er
polemisiert und polarisiert, und
dabei deckt er Zusammenhänge
auf, die wohlwollende Westler
gern übersehen. „Die angeblich
so friedliebenden Bewohner“ der
ehemaligen DDR „und deren Kinder erweisen sich als eine Gesellschaft, in der Biedersinn und Brutalität, wie in Diktaturen vorgeschrieben, ,Arm in Arm‘ gehen“.
Kein Wunder, dass solche Sätze
Entsetzen auslösen. Nachdem die
„Sächsische Zeitung“ in Dresden
Roethe interviewt hatte, setzte
Autor Roethe*: Kalkulierter Sturm der Entrüstung
der übliche Sturm der Entrüstung
ein: „Das müssen wir uns nicht
bieten lassen!“ – „Das ist Volksverhetzung!“ – „Wer solchen Unsinn schreibt, ist nicht besser als
jene, die den Holocaust leugnen.“
Sogar Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf schaltete
sich ein. Er habe „selten so einen
Blödsinn“ gelesen, verteidigte der
Landesvater seine Kinder, Roethe
wolle „nur viel Geld verdienen
und berühmt werden“. Für Roethe
sind solche Sätze nur ein weiterer
Beleg dafür, „wie dünn das demokratische Bewusstsein sogar bei
Autorin Endlich: Enttäuscht vom wilden Osten
M. TRIPPEL / OSTKREUZ
K. MEHNER
vom Joch der Arbeit?
Überraschend sei freilich, wie viele Ossis sich plötzlich zu Wort melden würden.
„Wir werden mit Manuskripten aus der
,Zone‘ überschwemmt. Die Leute schreiben uns, Endlichs Buch sei zu harmlos, die
Wirklichkeit wäre viel schlimmer.“
Hat Luise Endlich, die in Wirklichkeit
anders heißt, ihr Leben in der Ex-DDR aus
der Perspektive einer Hausfrau beschrieben, was streckenweise unterhaltsam und
gelegentlich nervig ist, so tritt der Hannoveraner Rechtssoziologe Thomas Roethe
mit dem Habitus eines Feldforschers auf,
der empirische Daten zu einem analytischen Befund verdichten will.
Sein „Plädoyer für das Ende der Schonfrist“, vom Verlag als „eine polemische Abrechnung mit der Versorgungsmentalität des
Ostens“ präsentiert, führt die Einwohner
der DDR als ein Kollektiv der Bummelanten vor, deren Ehrgeiz sich darin erschöpft,
der Arbeit aus dem Weg zu gehen.
„Es geht um einen Betrug und Selbstbetrug; nämlich den, ohne Leistung leben
zu wollen und gleichzeitig Opfer sein zu
können“, zuerst des „Systems“ in der
DDR, für das angeblich niemand verantwortlich war, jetzt der „Kolonisation“
durch den Westen, die niemand gewollt
hat. Die so genannte „Diktatur des Proletariats“ war ein gelungener Versuch, „sich
vom Joch der Arbeit sukzessive zu emanzipieren und in verschiedensten Kollektiven mehr über Arbeit zu diskutieren, als sie
zu erledigen“.
Seit dem Aufstand der Arbeiter im Jahre 1953 habe in der DDR ein „Gesell-
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Gesellschaft
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K R I M I N A L I TÄT
„Mörderisches Mirakel“
Zum ersten Mal erklärt eine Studie, was deutsche Serienkiller
umtreibt. Eine Checkliste soll
jetzt Fahndern helfen, Verdächtige schneller aufzuspüren.
M. ZUCHT / DER SPIEGEL
Auf dem Film im Apparat waren
ein Mann und ein Auto zu sehen.
Das Kennzeichen des Wagens führte die Beamten auf die Spur des
Besitzers, des Arbeitslosen Ulrich
Schmidt, damals 32. Nach kriminaltechnischen Untersuchungen glaubten die Ermittler bald, den Täter in
allen acht Fällen gefunden zu haben.
Vier vollendete und zwei versuchte
Morde konnten sie ihm schließlich
gerichtsfest nachweisen, Serienmörder Schmidt wurde 1992 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Der Fall ist bezeichnend, weil
Schmidt mal aus diesem, mal aus jenem Motiv tötete. Er widerspricht
sowohl dem Bild vom kühl kalkulierenden als auch dem vom psychisch
kranken Serienkiller, das noch in
der kriminalistischen Literatur vorherrscht. Mit Fällen wie diesem erschüttert der Düsseldorfer Kriminalist Stephan Harbort jetzt in der
ersten deutschen Studie zu dem Phänomen nicht nur gängige, meist aus
den USA stammende Theorien über
Serientäter. Der Beamte im Dienst
Kriminalist Harbort*: Schematisches Verfahren
des Düsseldorfer Polizeipräsidiums
ie Opfer waren Frauen, ansonsten hat auch eine Checkliste ausgetüftelt, mit
schien so gut wie nichts fünf Mor- der Kollegen solche Täter künftig schneller
de und drei Mordversuche mitein- entdecken sollen.
8,4 Prozent aller Raub- und Sexualmorander zu verbinden, die Fahnder Ende der
achtziger Jahre im Raum Essen aufklären de in Deutschland, fand Harbort, 35, hersollten. Die älteste der Frauen, Elisabeth aus, werden von Serientätern wie dem so
Fey, 81, musste sterben, weil der Mörder genannten Heidemörder Thomas Holst
Bares suchte; 150 Mark und eine Stange verübt. Über Jahre hinweg analysierte der
Zigaretten erbeutete er. Eine der jüngs- Polizist die Akten aller Verbrecher, die von
ten, Petra Kleinschmidt, 23, war offen- Kriegsende bis 1995 in den alten Bundesbar einem Sexualtäter zum Opfer gefallen, ländern wegen mindestens dreier Morde
sie wurde vergewaltigt und dann erstochen. überführt wurden: Es waren 54 Männer
Acht verschiedene Mordkommissionen und 7 Frauen.
Bisherige Studien, vor allem von der
und Ermittlungsgruppen jagten also jeweils ihren Täter. 128 Kripo-Beamte ver- amerikanischen Bundespolizei FBI vorgefolgten 824 Spuren und sammelten 3900 legt, lehren, dass die meisten Serientäter seÜberstunden – ohne Erfolg. Schließlich xuelle Motive hätten. Das, so Harbort, gäbrachte ein Zufall den Durchbruch: Im Au- ben zumindest die deutschen Fälle keineswegs her. Der Beamte
gust 1989 wurde die Alstieß ebenso häufig etwa
tenpflegerin Manuela
auf Raubmörder. Bei SeM., 38, in ihrer Wohrientaten automatisch
nung überfallen. Als
sexuelle Motive zu vereine Nachbarin vorbeimuten, so Harbort, sei
kam, floh der Täter –
„eine unangemessene
und verlor dabei eine
Simplifizierung“.
Kamera.
Bei dem Tischler Gerhard Schröder aus Bre* Mit seiner Serienmördermen beispielsweise, der
Checkliste.
Mörder Holst: Emotionale Kälte
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DPA
führenden Politikern und wie groß die Angst
vor einer Streitkultur im Osten ist“. Ansonsten ist er hoch zufrieden. Sein Buch, seit
Ende August erhältlich, hat sich im Laufe eines Monats 16000-mal verkauft, im Oktober
kommt die vierte Auflage auf den Markt.
Nach fünf TV-Auftritten, unter anderem bei
„Sabine Christiansen“ und im ZDF-Morgenmagazin, ist er vom eigenen Erfolg nicht
mehr überrascht. Wie bei Luise Endlich
hat auch in seinem Fall der interaktive Mechanismus von Provokation, Reaktion und
Nachfrage bestens funktioniert.
Pünktlich zum Tag der deutschen Einheit ist nun ein weiteres Buch erschienen,
das sich mit den Folgen der Wiedervereinigung beschäftigt, eine Anthologie mit 18
Aufsätzen von 16 Autoren, darunter mindestens zwei Ossis, von denen einer ein IM
war. Der Untertitel „Die Ossis als Belastung
und Belästigung“ führt direkt zu der Klagemauer, an der sich inzwischen diejenigen
versammeln, die schon 1989 wussten, dass
etwas Schreckliches passiert war, das nicht
hätte passieren dürfen.
Herausgeber Klaus Bittermann zieht
„zehn Jahre nach dem unglückseligen Fall
der Mauer“ Bilanz, und die fällt, klare Sache, negativ aus. „Der Ossi“ ist „eine ästhetische Zumutung und ein verdruckster Typ,
der immer frecher sein hässliches Haupt
erhebt“; man wird ihn nicht los, „nicht mal
mehr umsonst an die Russen, denn die lassen sich inzwischen auch nicht mehr alles
andrehen“; angesichts der „Umtriebe des
rechten Zonenmobs“ und der „Affinität der
Zonis zu den rechten Parteien“ folgert Bittermann: „Wäre Hitler nicht Österreicher
gewesen, wäre er aus der Zone gekommen.“
Genauso schlimm: Noch immer ist „die
Küche in den Restaurants eine Katastrophe“, laufen die Zonis „in ihrer Freizeit
am liebsten in braunen Trainingsanzügen
der NVA herum“ und vermissen den Geruch des „in Stasigebäuden benutzten Ostdesinfektionsmittels“. Gemessen an Bittermanns Buch sind die Arbeiten von Endlich und Roethe kleine Liebeserklärungen
an die Ossis in der Ex-Zone.
Hat es vielleicht einen von der allgemeinen Öffentlichkeit unbemerkt gebliebenen Wettbewerb im „Ossi-Bashing“ gegeben, dessen Einsendungen nun als Buch
erscheinen? Aber wer ist der Sieger?
Die besten Chancen hat der West-Berliner Verbal-Terrorist Wiglaf Droste, der in
einem historischen Moment die Gelegenheit verpasst hat, sich an die Spitze eines
revolutionären Reinigungskommandos zu
stellen. „Hätte man nach 1989 nicht doch
sofort alle Zonis erschießen sollen? Oder
wenigstens alle Thüringer und Sachsen?
Zehn Jahre danach erscheint der Gedanke
noch nahe liegender, als er damals schon
war. Aber so ist das: Hinterher ist man immer schlauer.“
Nicht unbedingt. Auch manche Wessis
bleiben dumm und sind noch stolz darauf.
Henryk M. Broder
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Gesellschaft
ACTION PRESS
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ACTION PRESS
ACTION PRESS
AP
F. KOKENGE
Als schrecklicher Rekordhalter unEnde der achtziger Jahre drei Prostituierte von weniger als 30 Kilometern vom Wohnermordete, lag es nahe, dass die Polizei ort.“ Der so genannte Würger von Rick- ter den deutschen Serientätern gilt noch
zunächst nach einem Lustmörder suchte – lingen etwa war ein klassischer Sexual- immer der Waschraumwärter Joachim
ein Fehler, der Schröder Zeit gab. In Wahr- mörder, der seine Opfer zudem noch Georg Kroll aus Duisburg, Ende der siebheit mussten die Frauen sterben, weil ausraubte. Rodek Z., laut einem psychia- ziger Jahre zu lebenslanger Haft verSchröder bei ihnen viel Bargeld vermutete. trischen Gutachten eine „narzisstische Per- urteilt. Von den Grundrechenarten beSerienmörder sind schon deshalb sönlichkeit mit einem relativ hohen Maß an herrschte Kroll lediglich Addition und
schwerer zu fassen als andere Täter, weil Verletzlichkeit“, erdrosselte zwischen 1986 Subtraktion, seine Version der deutschen
zwischen ihnen und ihren Opund 1993 fünf Menschen – alle Rechtschreibung war extrem eigenwilfern, so Harbort, nur selten eine Mörder Rieken
in seiner direkten Nachbar- lig, und sein Intelligenzquotient lag mit
76 nur knapp über dem, was man
Beziehung bestehe. Sie liefen
schaft in Hannover.
sich in der Regel zufällig über
Auch das Krimi-Klischee vom für ein verständliches Gespräch unbeden Weg.
überdurchschnittlich intelligen- dingt braucht.
Trotzdem konnte Kroll in
Um eine Mordserie trotzdem
mehr als 20 Jahren mindestens
schnell erkennen und vielleicht
acht Menschen ermorden, bevor
stoppen zu können, setzt das
er gefasst wurde. Vermutlich waBundeskriminalamt (BKA) seit
ren es weit mehr, doch vervier Wochen das in Kanada entmochte der geständige Kroll sich
wickelte Computerprogramm
vor Gericht an vieles nicht mehr
„Viclas“ (Violent Crime Linkage
zu erinnern.
Analysis System) ein. Fahnder
Für die künftige Polizeiarbeit
sollen nun bei jedem Mord und Sexualhat Harbort in seiner Studie eine
delikt 168 Standardfragen zu Spuren und
Checkliste entwickelt, mit deren
Tathergang beantworten. Ein BKA-RechHilfe Fahnder nun Verdächtige
ner sucht dann nach Mustern, die einen Zueinstufen können. Sie beruht ansammenhang zwischen verschiedenen Taders als Viclas nicht auf Vergleiten aufdecken könnten. Zudem beschloss
chen der Tatorte, sondern auf Tädie Innenministerkonferenz im Mai die Einterprofilen und enthält 20 unterführung von Expertenteams für die „Opeschiedlich gewichtete Indikatorative Fallanalyse“ in allen Landeskrimi- Nytsch-Gedenkstätte, Opfer Everts: Teure Gentests
ren – von „Person gilt als
nalämtern. Vom Zustand des Tatortes und
zurückhaltend und unnahbar“
der Leiche sollen die Teams Rückschlüsse
über „entstammt Elternhaus mit
auf die Persönlichkeit des Täters ziehen.
psycho-sozialen Auffälligkeiten“
Doch Harborts Untersuchung zeigt, dass
bis „wegen deliktspezifischer Tasie anhand von Mustern nach Mördern suten in Erscheinung getreten“.
chen, die auf viele Fälle nicht passen.
Ein Mensch, der über 70 Prozent
Die Mordermittler stützen sich bislang
der Kriterien-Punkte erreicht,
überwiegend auf die Erkenntnisse des FBI,
kommt laut Harbort als Verdas Mitte der siebziger Jahre mit der Erdächtiger in Betracht.
forschung der Psyche von Sexualmördern
Das rein schematische Verfahbegann. Die werden zwar oft zu Serienren, das zeigen jüngere Fälle,
tätern. Das aber, und da liegt
scheint zu funktionieren. Der
ein Grundfehler der bisherigen
Buchhändler Rolf Diesterweg
Studien, heißt noch lange nicht,
etwa, 1997 als Mörder unter andass im Umkehrschluss alle Sederem der zehnjährigen Kim
rientäter auch aus sexuellen
Kerkow aus dem friesischen VaMotiven töten.
Opfer Kleinschmidt, Fey: 824 Spuren
rel überführt, erreicht 86,19 ProDer deutsche Serientäter ist
Harborts Studie zufolge nur
ten Serienkiller, der wie in dem zent auf der Harbort-Skala. Nicht-Täter, das
mäßig bis durchschnittlich inKino-Thriller „Das Schweigen ergaben Stichproben, kommen selten über
telligent, von ausgesprochener
der Lämmer“ mit berechnen- 50 Prozent. „Diese Kriterien“, sagt HarGemütsarmut und vorbestraft.
der Kälte über einen langen bort, „können der Polizei helfen, den Kreis
Seine Kindheit ist geprägt von Mörder Schmidt
Zeitraum hinweg sein diaboli- der Verdächtigen schnell einzugrenzen und
emotionaler Kälte, Alkoholissches Spiel mit der Polizei verhindern, dass beispielsweise tausende
mus und Gewalt, auffallend häufig wurden treibt, verweist Harbort ins Reich der Fa- von Männern zum Speicheltest müssen.“
Zu ebenso aufwendigen wie teuren Masbei Serienmördern Gehirnanomalien fest- beln. In der deutschen Wirklichkeit ist gegestellt.
nau das Gegenteil die Regel: Halbwegs in- sen-Gentests mussten Polizisten im April
In vielen wichtigen Punkten machte der telligente Killer werden im Schnitt vier- 1998 bei der Suche nach dem Mörder der
deutsche Kripo-Mann andere Beobach- einhalb Jahre nach ihrem ersten Mord 13-jährigen Ulrike Everts und der 11-jähritungen als die FBI-Experten. Deutsche Se- überführt, für debile Serienmörder hinge- gen Christina Nytsch greifen. Das HarbortProfil hätte theoretisch schneller zum
rienmörder inszenieren ihren Tatort bei- gen braucht die Polizei doppelt so lange.
spielsweise nicht, sie hinterlassen nur selWahrscheinlich, meint Harbort, blieben Erfolg führen können: Der Täter Ronny
ten charakteristische Verwüstungen und ausgesprochen dumme Täter deshalb län- Rieken kommt, wie sich nach seiner Festnehmen keine makabren Trophäen mit.
ger unentdeckt, weil sie in ihrem Verhalten nahme ergab, auf über 78 Prozent.
Rieken wäre freilich trotzdem zunächst
Auch die FBI-These, dass Serienkiller nicht dem logischen Raster der ermittelnoft an weit auseinander liegenden Stellen den Beamten entsprächen: „Die abnorme durchs Raster gefallen: Auf Grund einer
zuschlagen, fand Harbort in Deutschland Persönlichkeit des Serientäters lässt das Schlamperei fehlte in seiner Akte ein Hinnicht bestätigt: „Der deutsche Serienmör- mörderische Mirakel leicht zum kriminalis- weis darauf, dass er wegen Vergewaltigung
vorbestraft war.
der sucht seine Opfer meist im Umkreis tischen Debakel geraten.“
Andreas Ulrich
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ACTION PRESS
Gelage in einer Sushi-Bar (in Hannover): „Ein Fest fürs Auge, also prinzipiell gemeinschaftsfördernd“
S P I E G E L - G E S P R ÄC H
„Sehnsucht nach dem Zaubertrank“
Die Konsumforscherin Helene Karmasin über den Reiz probiotischer Joghurts,
Bordverpflegung im Flugzeug und die geheimen Botschaften unserer Nahrungswahl
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steht Gebäck. Hat das eine tiefere Bedeutung?
Karmasin: Die Kekse sind etwas Besonderes, sie sind gefüllt und sehen doch schlicht
aus. Das signalisiert: Hier wurde etwas
Feines, Kostbares, Hochrangiges für mich
ausgesucht. Wer so etwas tut, muss Stil
haben.
SPIEGEL: Würden Sie nicht jedem Gast
schon aus Höflichkeit etwas anbieten?
Karmasin: Sicher. Wenn allerdings ein Vertreter für Staubsauger käme, würde ich mir
keine Gedanken über die Auswahl der
Kekse machen. Aber in diesem Fall …
HU
SPIEGEL: Frau Karmasin, hier auf dem Tisch
SPIEGEL: Wie aufmerksam. Bekommen japanische Geschäftsleute, die Sie beraten, japanisches Gebäck vorgesetzt?
Karmasin: Nein, das sähe nach
Anbiederung aus.Außerdem soll
ja zu merken sein: Wir in Wien
haben auch unseren Stil. Immerhin serviere ich nichts fürchterlich Süßes – die traditionelle
japanische Küche liebt Zucker
wenig. All das ist ein Spiel, bei
dem ich soziales Gefühl und kulturelle Sensibilität beweise. Wer
gut einschätzen kann, wie sein
Gegenüber reagieren wird, weist sich als
Mitglied der oberen sozialen Gruppen aus.
SPIEGEL: Das klingt ziemlich elitär. Wollen
Sie die Klassengesellschaft retten?
Karmasin: Keineswegs. Neben dem bis heute bestehenden Oben und Unten, das bei
jedem Buffet zu erkennen ist, gibt es auch
ein Nebeneinander von Stilen, etwa den
ländlichen oder den exotischen.
SPIEGEL: Sie meinen die Freiheit, beim Inder oder beim Spanier zu essen? Woran
liegt es dann, dass es zum Beispiel heute
nicht mehr schick ist, sich beim Griechen zu treffen?
Karmasin: Länder-Kulturen stehen
eben meist für ganze WertM. KLIMEK
Karmasin leitet das Institut für
Motivforschung in Wien und
lehrt dort außerdem an der
Universität für angewandte
Kunst und an der Wirtschaftsuniversität. Sie berät Unternehmen wie DaimlerChrysler,
Nestlé, Knorr oder die Deutsche Bank und wurde bekannt
durch das Standardwerk „Produkte als Botschaften“. Unlängst erschien von ihr „Die geheime Botschaft unserer Speisen“ (Verlag Antje Kunst- Karmasin
mann).
Das Gespräch führten die Redakteure Angela Gatterburg
und Johannes Saltzwedel.
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Erfolgreiche Snacks
Appell ans Mutterherz
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bündel. Das Image Griechenlands kommt
wie die Vorliebe für die Toskana eigentlich
aus der 68er-Kultur: Volksnähe ohne Leistungsdruck, Rucksacktouren nach Mykonos. Diese Utopie des authentisch Einfachen hat sich überlebt, der Wert der
Natürlichkeit ist eher an Bio-Marken
gebunden. Wichtige Länder-Stile gibt es
heute nur zwei: Unübersehbar die USA …
SPIEGEL: Auch gastronomisch?
Karmasin: Sehen Sie die Fußgängerzonen
mit ihren Fast-Food-Läden an, schauen Sie
ins Kühlregal. Die andere wichtige Strömung sind die asiatischen Küchen. Sushi
und Sashimi gibt es jetzt fast an jeder Ecke.
SPIEGEL: Und warum ist das so?
Karmasin: Wir schätzen am Fernöstlichen
das Nicht-Aggressive. Traditionelle europäische Küche heißt oft: ein Haufen
Fleisch auf dem Teller. Mit Fleisch, vor
allem dem gebratenen, werden traditionell männliche Werte verknüpft, mit den
Beilagen und dem Gekochten weibliche.
Bei den Asiaten dagegen gruppiert sich
das Essen meist um Reis: Unstrukturiertes, Dereguliertes, Friedliches. Das
sagt: Wir wollen weg von
den festgelegten Rollen
von Freund und Feind,
Mann und Frau, oben
und unten.
SPIEGEL: Könnte man
den Run auf die Reistöpfe nicht auch als Re-
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M. SCHULZ / AGENTUR FOCUS
Bordverpflegung im Flugzeug: „Die Präsentation macht den Unterschied“
gression deuten – als Rückkehr zum kindlichen Mampfen und Schlabbern?
Karmasin: Doch, das sehe ich auch so. Das
zeigt sich zum Beispiel auch am Erfolg von
Knabber-Chips.
SPIEGEL: Chips kann man nicht lutschen.
Karmasin: Lutschen und Schlabbern sind
nicht die einzigen Formen der Regression.
Ebenso gut ist ein Widerstand, der sich
leicht brechen lässt: Knack – schon kommt
der Genuss. Genauso funktioniert giergeleiteter Konsum: Ich tu jetzt was für mich,
und zwar sofort.
SPIEGEL: Werden wir alle zu narzisstischen
Einzel-Essern?
Karmasin: Nein, es gibt auch Gegen-Tendenzen, richtige Inszenierungen. Ich habe
meine Studenten mal Esstische fotografieren lassen. Da zeigte sich schon daran, ob
die Milchtüte auf dem Tisch steht, welche
Inszenierungslust es gibt. Wer sich beim
Tischdecken Mühe macht, tut das ja nicht
als Beschäftigungstherapie. Das Gleiche
gilt für Sushi. Es ist ein Fest fürs Auge, also
prinzipiell gemeinschaftsfördernd.
SPIEGEL: Sanfte Häppchen, die auch noch
elegant aussehen.
Karmasin: Ja, die ornamentale Küche erscheint uns momentan als Nonplusultra
der Zivilisierung. Wir wollen nicht mehr
die Rituale der „Abendmahlstafel“ – wir
akzeptieren sogar Sushi vom Laufband.
SPIEGEL: Wen meinen Sie eigentlich mit
„wir“? Uns Mitteleuropäer? Uns Konsumenten? Oder die Kunden der Firmen, die
Sie beraten?
Karmasin: Im Prinzip sind es immer kulturelle Eliten, die ein Wertsystem besetzen,
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die etwas Besonderes sein wollen. Aber
das kann man auch nutzen. Zum Beispiel
unterscheiden sich im Flugzeug, wenn Sie
genau hingucken, Business Class und
Economy Class kaum: Man stellt sich fast
genauso lange an, zwängt sich in denselben Flughafenbus und hat am Ende etwas
mehr Platz.
SPIEGEL: Immerhin.
Karmasin: Ja, aber warum soll das dermaßen viel mehr kosten? Die Fluggesellschaften müssen das schon auf der Zeichenebene begründen – hauptsächlich mit dem
Essen. Nicht nur, was es da gibt, vor allem,
wie es präsentiert wird, macht den Unterschied: In der Economy Class werden
Käsebrötchen verteilt. Business-Passagiere
dagegen bekommen zum Beispiel drei Miniatur-Happen, ein rundes Pumpernickelchen, ein dreieckiges Weißbrot und ein
klitzekleines Quadrat Graubrot. Obendrauf
ein Paprikaschiffchen mit Käsecreme: Das
Maximum an Kontrasten. Der Passagier
isst die Kreation meist unbewusst auf –
aber wenn er ein ordinäres Käsebrot bekäme, wäre er empört.
SPIEGEL: Wo bleibt in Ihren Deutungen der
Reiz der Grenzüberschreitung – etwa der
Jungmanager, der seinen Partygästen daheim Bratwurst und dann Eis am Stiel vorsetzt? Das kann doch gerade witzig sein.
Karmasin: Selbstverständlich. Dieses Menü
ist ein postmodernes Zitat. Der Gastgeber
weiß von den Gästen, dass sie ihm weit
Raffinierteres zutrauen, und überrascht sie
augenzwinkernd mit dem Simplen – ein
besonders cooles Kommunikationsspiel.
Täte der Hausmeister dasselbe, wäre es
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kaum dasselbe. Elite meint eben vor allem
semiotische Virtuosität.
SPIEGEL: Das war doch schon immer so. Im
alten Rom, ja noch im 18. Jahrhundert wurden bei Banketten völlig veränderte Speisen aufgetischt, es gab bizarre Füllungen
und Würz-Orgien. Heute dagegen sind
schon gefärbte Kartoffeln rar. Warum?
Karmasin: Weil es damals als Leistung galt,
sich von der barbarischen, dummen Natur
zu lösen. Heute ist das Gegenteil der Leitwert. Dieser Zug zum Einfachen, Wesentlichen zeigt sich überall, bis zum Paradox:
Wir klonen sogar Schafe, als ob wir sagen
wollten: Das ist wirklich das bessere Schaf.
SPIEGEL: Wird nicht das allzu Individuelle
und Wesentliche bald langweilig, wenn
man damit doch einsam bleibt?
Karmasin: Allerdings, das Gemeinschaftsleben schwindet, das beunruhigt die Leute. Gegen solche Defizite liefert der Markt
deshalb vieles, was Stallgeruch und Stammeskultur nachliefern soll: Animateure,
Clubzeitschriften – und natürlich Marken
für ganz bestimmte Gruppen.
SPIEGEL: Die Wahlfreiheit verunsichert
aber doch manchen enorm. Wo bleibt zwischen all den Rollenspielen der eigene
Charakter?
Karmasin: Die Idee der mühevoll erworbenen Identität haben wir tatsächlich nahezu
aufgegeben. Stattdessen tagt in jedem von
uns ein Komitee vieler Selbste. Aber diese
postmoderne Realität muss nicht unbedingt depressiv machen. Sie ist lustvoll, ein
Spiel. Wir sind alle wandelnde Zeichensysteme. Und davon lebt auch unsere Marktkultur, die uns die Requisiten zur Selbstdarstellung liefert. Das trifft für ganze Un-
„Europäern ist der Traum
vom heilen Dorf
offenbar nicht auszutreiben“
ternehmen zu. Der Berater arbeitet dann
eine Corporate Identity aus.
SPIEGEL: Hat nicht jedes Unternehmen
schon eine, sozusagen von Natur?
Karmasin: Gewiss. Aber jede Zielgruppe
nimmt andere Aspekte wahr. Also muss
ein großes Unternehmen zeigen, dass es
verschiedene Sprachen beherrscht und
trotzdem einen Kern von Identität besitzt.
Dann kommt der Moment, dass zwei fusionieren, die vorher kaum wussten, wer
sie selbst sind. Passen sie zusammen? Passen die Darstellungen in der Öffentlichkeit
zusammen? Kann man die Fusion vielleicht
sogar inszenieren wie eine gelungene Ehe?
SPIEGEL: Und all das lernen Ihre Studenten
durch das Fotografieren von Esstischen?
Karmasin:: Nein, die wollen von mir erfahren, wie man Nahrungsmittel vermarktet.
Dazu muss man erst den kulturellen Hintergrund ausleuchten: Für den, der weiß,
welche Mythen uns umgeben, ist der Erfolg
einer Marke kein totaler Zufall mehr.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Gesellschaft
Karmasin: Denken Sie an die „MilchSchnitte“. Milch ist das ideale mütterliche
Nahrungsmittel schlechthin. Und viele
Mütter würden ihren Kindern gern das Gesündeste vom Gesunden zur Schule mitgeben: Schwarzbrot mit Quark. Darum besteht die „Milch-Schnitte“ aus zwei dunklen Scheiben mit weißer Füllung – auch
wenn die weder Schwarzbrot noch Quark
enthalten. Optisch ist das mütterliche Gewissen befriedigt, und das Schnittenstreichen entfällt auch.
SPIEGEL: Sehr praktisch – solange die Nährwerte stimmen. Dagegen stöhnen viele
Eltern über das dauernde Quengeln nach
Überraschungseiern …
Karmasin: Weil sie machtlos sind. Das Überraschungsei verbindet perfekt mehrere
Ur-Reize: die Jagd nach dem geheimen
Schatz, das Knacken des Panzers und eine
Süßigkeit. Erwachsene spüren bei Pralinen
oder Berlinern ganz Ähnliches.
SPIEGEL: Wie stark unterscheiden sich die
zum Kauf reizenden Mythen in Kontinentaleuropa von denen in angelsächsischen Ländern? In Großbritannien und den
USA sehen Fruchtsaftflaschen oft genauso
knallbunt aus wie der Weichspüler im Regal nebenan. Das wäre hier undenkbar.
Karmasin: Wir wollen den Mythos der
Natürlichkeit erfüllt sehen. Erinnern Sie
sich an den Werbespot für Dosengemüse,
wo schnuckelige Zwerge im grünen Tal naturreines Grünzeug anbauen? Das ist das
Märchen einer intakten kleinen Gemeinschaft. Während in den USA der Einzelne,
der Grenzen sprengt, am meisten gilt, ist
den Europäern der Traum vom heilen Dorf
offenbar nicht auszutreiben.
SPIEGEL: Mythos hin oder her: Fängt ein
Verkaufsstratege mit genauen Konsumentenbefragungen nicht viel mehr an?
Karmasin: Das war einmal. Inzwischen fragen intelligente Firmen zuerst: Welche kulturelle Idee könnte ich in ein Produkt übersetzen? Ein Beispiel sind die probiotischen
Joghurts mit den angeblich wunderbar
wirksamen Bakterienstämmen; darin steckt
eine kulturelle Idee: der magische Schutz
gegen die Unbill des Schicksals.
SPIEGEL: Eine Truppe edler Mikroorganismen als Retter der Verschlackten?
Karmasin: Genau. In unserer Gesellschaft
gibt es eine Menge Angst. Jugendliche zum
Beispiel suchen heute Sicherheitsinseln in
der Cyberwelt. Für diese Abenteuerfahrt
kommt ein Zaubertrank gerade recht.
SPIEGEL: Wenn nun alle Mythen-Vorräte
systematisch geplündert werden – führt
das am Ende zu immer krasseren Werbeklischees von friedlichen Bergdörfern oder
urigen Whiskybrennereien?
Karmasin: Der Sog geht eher zur Nivellierung. Aber alle, die mit Vermarktung zu
tun haben, wissen, dass sie erkennbare Differenzen brauchen. Was die Leute gewiss
nicht wollen, ist graues Einerlei.
SPIEGEL: Frau Karmasin, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
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BEHÖRDEN
Gitarre aus
Stein
J
Gastwirt-Sohn Schicke, Grabstein
Vertrautes Ambiente nach dem Tod
sieht“. Auch der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal,
Reiner Sörries, kritisiert die „unzeitgemäßen und unlogischen Vorschriften“.
Argumente liefert den Bestattern eine
jüngst veröffentlichte Dissertation des Bonner Juristen Tade Spranger. Er ist bei seinen
Recherchen auf ein „unerschöpfliches Repertoire verbotener Materialien und Bearbeitungsarten“ gestoßen: Mal sind Grabsteine aus Kunst-, Tropf- oder Lavastein
untersagt (Bonn), mal Ölfarbenanstriche
und grellfarbige Grabinschriften (Kiel), mal
darf bei Inschriften mit „versenkt erhabenen Buchstaben die umrandende Nut eine
Breite von fünf Millimetern nicht überschreiten“ (Düsseldorf).
Neben „bürokratischer Regelungswut“
wirft Spranger den Friedhofsverwaltungen
auch Verstöße gegen Grundrechte vor. Die
bei der Stadt Erfurt geltende Order,
heimischen Stein vorzuziehen, missachte
beispielsweise das Willkürverbot. Auch
Verstöße gegen die Glaubens-, Meinungs-,
Kunst- und Eigentumsfreiheit glaubt Spranger ausgemacht zu haben: „Viele Friedhö-
FOTOS: T. BARTH / ZEITENSPIEGEL
ahrzehntelang stand der Gastwirt
Reinhard Schicke in der Berliner
„City-Klause“ hinter dem Tresen, also
wollte er auch nach seinem Tod nicht auf
vertrautes Ambiente verzichten. Deshalb
hatte sich der Kneipier gewünscht, dass
ein Zapfhahn aus seinem Grabstein ragen möge.
Daraus wird wohl nichts. Bislang hat die
Verwaltung des Hugenotten-Friedhofs das
Ansinnen der Schicke-Angehörigen um
den gleichnamigen Sohn Reinhard beharrlich abgelehnt. Dort, wo der Zapfhahn
steckte, klafft einstweilen ein Loch im
Grabstein des Wirtes.
Auch auf anderen Friedhöfen hätte
Schicke keine Chance gehabt: Die meisten
deutschen Friedhofssatzungen sind ein
Sammelsurium kleinkrämerischer Reglementierungen – teilweise noch aus der
Nazi-Zeit. Deshalb gehören Streitereien
zwischen Angehörigen und Friedhofsverwaltungen auf den über 28 000 deutschen
Gottesäckern inzwischen zum Alltag.
Auch die Bestatter rebellieren, sie würden ihren Kunden gern vielfältigere Angebote unterbreiten. Jürgen Bethke, Generalsekretär des Bundesverbandes des deutschen Bestattungsgewerbes, fordert eine
radikale Reform der Regeln, „damit man
nicht auf jedem Friedhof die gleiche Soße
B. FRIEDEL / BERLINER KURIER
Die Bürokratie belästigt den
Bürger ein Leben lang – und oft
länger. Bestatter protestieren
gegen kleinliche Vorschriften für
deutsche Friedhöfe.
fe halten immer noch an der Vorgabe des
Reichsinnenministers von 1937 fest“, sagt
der Jurist. Hitlers Bürokraten schrieben
der „Volksgemeinschaft“ einen Einheitslook vor – fast so grau und eintönig wie auf
einem Soldatenfriedhof.
Geregelt wird auch heute noch alles, was
sich nur irgendwie in Satzungen pressen
lässt: Neigungswinkel von Gräbern, erlaubte Grünpflanzen und – vor allem – die
Gestaltung von Grabsteinen. Schon mit bescheidenen Sonderwünschen stoßen die
Antragsteller auf zähen Widerstand. Eine
Friedhofsverwaltung nahe Hamburg lehnte den Antrag auf einen Grabstein mit grüner Inschrift ab, weil die „grelle Farbe“
Friedhofsbesucher stören könne. Grabsteine wie der in Form einer Gitarre auf dem
Stuttgarter Friedhof Degerloch sind Raritäten, die Friedhofsordnung wird dort
sehr liberal ausgelegt.
Auch andere Länder handhaben das
Friedhofsrecht locker. Friedhöfe in Italien,
Frankreich oder den Niederlanden wirken
mit ihren Skulpturen und bunten Grabmalen oft wie Freilichtmuseen.
Hilfe könnte in Deutschland von den
Gerichten kommen: Verärgerte Angehörige lassen sich die behördliche Willkür immer seltener gefallen, viele klagen. Die
aufs Friedhofsrecht spezialisierte Verbraucherberatung Aeternitas aus Königswinter
hat bereits 883 Streitfälle archiviert.
Zu den Kämpfern gegen das „kleinkarierteste Bestattungsrecht der Welt“
gehört auch Bernd Bruns. Der Düsseldorfer Techniker will seine Asche später mal im
heimischen Wohnzimmer verwahren lassen.
Doch das ist ebenfalls verboten: In
Deutschland herrscht, im Unterschied etwa
zu den USA, strikter Friedhofszwang, auch
für Urnen. Alle sterblichen Überreste müssen ordnungsgemäß bestattet werden.
Bruns klagt dagegen und will „durch alle
Instanzen gehen“, notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht.
Nicole Adolph
Ausnahme-Grabsteine in Stuttgart: Friedhöfe wie Freilichtmuseen
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Trends
Medien
FERNSEHEN
Stahnkes neue Rolle
S
Mehr Sport für Premiere
D
er Münchner Leo Kirch will sein
am vergangenen Freitag neu gestartetes Pay-TV-Programm Premiere
World vor allem mit exklusiven Sportprogrammen voranbringen. Deshalb
verstärkt er seine Aktivitäten im Sportrechtemarkt. Vor zwei Monaten kaufte
Kirch bereits die Schweizer Rechteagentur CWL, bei der Fußballstar Günter Netzer engagiert ist, jetzt erhöht er
bei der Prisma AG in Zug seine Anteile
um 25 Prozent auf 80 Prozent. Prisma
vertreibt unter anderem europaweit die
PRESSE
„Schere im Kopf“
Der neue saarländische CDU-Ministerpräsident Peter Müller, 44, über die
geplante Änderung des Landespressegesetzes
SPIEGEL: Als Auftakt für den von Ihnen
im Landtagswahlkampf versprochenen
„Neubeginn“ haben Sie sich ausgerechnet ein medienpolitisches Thema ausgesucht. Warum wollen Sie das saarländische Pressegesetz ändern?
Müller: Wir wollen ein klares Zeichen
setzen. Das Saarland soll keine negative Sonderrolle mehr spielen. Deshalb werden wir die durch Oskar La-
Rechte an der Fußball-Weltmeisterschaft. Zwar schnappte Konkurrent
Rupert Murdoch dem deutschen TVUnternehmer ausgerechnet das wertvollste Fußballrecht, die europaweite
Champions League, für den Sender
TM 3 weg – mittelfristig aber sollen einige dieser Spiele, zusammen etwa mit
Murdochs Kinderkanal Fox Kids, dennoch auf der Premiere-Plattform laufen. Murdoch würde dabei eine eigenständige Rolle spielen. Erste Gespräche
über den Pakt wurden bereits geführt.
fontaine veranlasste Verschärfung des
saarländischen Pressegesetzes zurücknehmen.
SPIEGEL: Ist das eine späte Rache an
Ihrem Vorvorgänger?
Müller: Nein. Wir haben die von ihm betriebene Verschärfung von Anfang an
abgelehnt. Deshalb wird der
ursprüngliche Rechtszustand
wiederhergestellt. Damit soll
die Pressefreiheit auch im
Saarland wieder gewährleistet
und das Landespressegesetz
dem üblichen bundesweiten
Standard angepasst werden.
Nach dem jetzigen Gesetz
dürfen Journalisten eine
falsche Gegendarstellung
nicht direkt kommentieren.
Müller
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HAYT / GALA / PICTURE PRESS
PAY- T V
SPIEGEL: Wurde das von Lafontaine geänderte Gesetz überhaupt angewendet?
Müller: In einigen Fällen. Da überzogen
sich etwa zerstrittene Eheleute wechselseitig mit Gegendarstellungen, weil die
Redaktion falsche Behauptungen eben
nicht sofort kommentieren konnte.
SPIEGEL: Sind das nicht eher
harmlose Auswirkungen?
Müller: Mir geht es um die
grundsätzliche Frage. Die Änderung des Pressegesetzes war
Lafontaines Rachefeldzug, er
reagierte damit auf die Aufdeckung seiner Pensions- und der
Rotlichtaffäre. Das Gegendarstellungsrecht wurde nur verschärft, um Journalisten die
Schere im Kopf aufzuzwingen.
R. UNKEL
A. POHLMANN
Kirch-Sendezentrum
usan Stahnke kehrt auf den Bildschirm zurück. An diesem Montag
übernimmt die ehemalige „Tagesschau“-Sprecherin überraschend die
Moderation des TV-Magazins „Newsmaker“, das der Axel Springer Verlag
für Sat 1 produziert. Stahnke, die zuletzt als Präsentatorin des Damen-Stehpissoirs „Lady P“ auf der Frankfurter
Sanitätsmesse „Interklo“ Schlagzeilen
machte, soll die schwachen Marktanteile der Springer-Sendung (zuletzt knapp
neun Prozent) steigern – und zwar in
direkter Konkurrenz zu Birgit Schrowanges Boulevardmagazin „Extra“
(RTL). „Newsmaker“ war vor sechs
Monaten mit dem Anspruch gestartet,
seriösen Fernsehjournalismus neu zu erfinden. Die bisherigen
Moderatorinnen Caroline Hamann und Karin
Figge sollen jetzt nur
noch als Reporterinnen
arbeiten. Von dem Ausgangskonzept der Sendung – die Journalisten
moderieren ihre Exklusivstorys selbst – ist damit nichts mehr übrig.
Noch vor wenigen Wochen konnte sich Sat 1
allenfalls vorstellen,
Stahnke einen Gastauftritt als Stripperin in
der jetzt angelaufenen
Kiez-Serie „Die rote
Meile“ zu verschaffen –
bis Springer verzweifelt einen Coup für
„Newsmaker“ suchte. Stahnke
183
Medien
QUOTEN
P
assen Sie gut auf Ihre Familie auf,
das TV-Movie von Sat 1 ist unterwegs: „Der Mörder meines Bruders“,
„Mörderjagd – Eine Frau schlägt zu“,
beide im August, und nun nächste
Woche: „Der Mörder meiner Mutter“. Der Fluch der bösen Titeltat
kündigte sich schon im Juli
an. Da herrschte Panik total in den Sat-1Headlines, der Stil
geriet in volle Blüte: „Ein Mutterherz läuft Amok“.
Statt mit Blumen
geht das Fernsehen mit der Sense in
der Hand auf den Zuschauer los.
Selbst Fernsehpreisverleihungen, eigentlich fröhliche Ereignisse mit lauter schönen Menschen, lauter lächelnden Gesichtern und lauter lieben
Bedank-mich-Reden, geraten zu blutigen Séancen.
Thomas Gottschalk, Zeremonienmeister bei der Verleihung des diesjährigen Bayerischen Fernsehpreises,
stand einer im Wortsinn Mordsgaudi
vor: Die Regisseure von „Todfeinde
– Die falsche Entscheidung“ und
„Die Todfreundin“ bekamen ebenso
einen Preis wie „Das Labyrinth des
Todes“. Immerhin: Thommy und seine Gäste haben überlebt.
Sicherlich waren einst die Erfinder
von blutrünstigen Kinotiteln auch
keine Klosterknaben. Das „Lexikon
des Internationalen Films“ verzeichnet zwischen dem Sexskandal „Moral 63“ und dem Suchtspektakel
„More – mehr – immer mehr“ 120 Titel, in denen das Wort Mord auftaucht. Aber dafür hat die Filmgeschichte gut hundert Jahre gebraucht,
und die modernen Titel-Marodeure
von Sat 1 und Co. arbeiten erst ein
knappes Jahrzehnt.
Vor dem modischen Mordgeklingel
gab es die Huren-Konjunktur, das
Fernsehen – ein großer Puff: „Die
heilige Hure“, „Der Hurenstreik“,
„Ich liebe eine Hure“.
Ob Mord, ob Hure – für fast alle TVSpiele gilt das Gesetz des Gegensatzes: je martialischer der Titel, desto
flauer das Betitelte.
Diese Woche gilt es, „Die Todesgrippe von Köln“ zu überstehen, ehe uns
am 13. Oktober „Die Singlefalle –
Liebesspiele bis zum Tod“ erwartet.
Lauter Helden aus Endlos-Märchen:
Wenn sie schon gestorben sind, dann
sterben sie noch heute.
184
Einheitsbrei – gelöffelt
Marktanteil
D
ie Presse wird rebellisch: Angesichts der müden deutschen 1 : 1Nummern in der Champions League
geht in den Kommentaren die Unlust
um. Von Übersättigung mit TV-Fußball
ist die Rede, die „FAZ“ nennt die
Champions-League-Darbietungen einen
„Einheitsbrei“. Er wird, wie die TM-3Quoten zeigen, dennoch unverdrossen
gelöffelt. Der Marktanteil pendelt sich
bei über 15 Prozent ein, was rund viereinhalb Millionen Sehern entspricht.
Murdochs Bäume wachsen nicht in den
Himmel, aber TM-3-Fußball bleibt eine
Marktgröße.
„Ich find mich sexy“
Thomas Scharff, 29, über seine Rolle
als Nachfolger von Til Schweiger
in den neuen Folgen der ARD-Serie
„Die Kommissarin“
SPIEGEL: Sie spielen Hannelore Elsners
Assistenten – ist Ihre Chefin zufrieden?
Scharff: Ich glaube,
sie ist ähnlich
begeistert von mir
wie ich von ihr.
SPIEGEL: Ihr Vorgänger Til Schweiger,
der nach 26 Folgen
ausgestiegen ist, gilt
auch als Sexsymbol.
Scharff: Ist er das
noch? Ich weiß es
nicht. Ich sehe mich
in erster Linie als
Schauspieler.
Scharff
Zuschauer
in Millionen
14.
Sept.
Bayer Leverkusen
– Lazio Rom
13,5% 3,43
15.
Sept.
FC Bayern München
– PSV Eindhoven
17,6%
21.
Sept.
Hertha BSC Berlin
– FC Chelsea
16,4%
4,37
22.
Sept.
Borussia Dortmund
– Boavista Porto
16,4%
4,29
28.
Sept.
FC Bayern München
– FC Valencia
16,8%
29.
Sept.
Rosenborg Trondheim
– Borussia Dortmund
15,5%
4,68
4,58
4,20
SPIEGEL: Finden Sie sich nicht sexy?
Scharff: An manchen Tagen, zum
SERIEN
ACTION PRESS
Mordgeklingel
Champions-League-Quoten auf TM 3
Beispiel heute, finde ich mich sehr sexy,
an anderen weniger.
SPIEGEL: Wird die neue Rolle Ihre
Attraktivität bei Frauen steigern?
Scharff: Ich glaube nicht, dass ich dadurch mehr Chancen habe.
SPIEGEL: Hoffen Sie wie Ihr Vorgänger
auf den Durchbruch in Hollywood?
Scharff: Warum nicht auch mal was in
Hollywood machen – das hängt von
der Rolle, vom Drehbuch ab. Aber
grundsätzlich gibt es genug gute Stoffe
in Europa.
SPIEGEL: Was zeichnet Sie als Schauspieler aus?
Scharff: Ich komme vom Theater. Ich
habe den klassischen Weg gemacht.
Eigentlich ist die Bühne meine Wurzel,
da komme ich her, und da will ich auch
wieder hin. Ich spiele nebenbei immer
noch als Gast am Münchner Residenztheater. Wenn ich das nicht hätte, würde
mir etwas fehlen.
PROJEKTE
Liebe, Tod und Tränendrüse
D
as Ende des Jahrhunderts ist nicht nur die Stunde der Dokumentationen. Auch
die Fiktion weint den verflossenen hundert Jahren all die Tränen nach, zu denen
das Genre fähig ist. Pünktlich zum Jahreswechsel verfilmt das ZDF nun eine Romantrilogie der Münchner Bestsellerautorin Charlotte Link, die mit Geschichten von willensstarken Frauen bekannt geworden ist. Vom Ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall
schildert Link, was Felicia und ihren Angehörigen widerfährt. Während die Heldin
privat immer wieder enttäuscht wird, mausert sie sich trotz aller Widrigkeiten dieses
Jahrhunderts – russische Revolution, NS-Zeit, Wirtschaftskrisen – zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau. Ihre Fabrik brennt ab, als sie am Lebensende endlich ihre große
Liebe in den Armen hält. In dem Fünfteiler wird nichts ausgelassen: Liebe, Heirat,
Tod, Eifersucht, Flucht vor den Nazis – Schicksal in Maximaldosis. Für das groß angelegte Projekt (Regie: Bernd Böhlich) wurden bekannte TV- und Filmstars engagiert
wie Ben Becker, Rolf Illig, Sandra Speichert und Nadja Tiller.
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Fernsehen
Vo r s c h a u
Einschalten
Zur Freiheit
die Geschichte zu unentschlossen inszeniert, aber
Mutter (Ann-Kathrin Kramer) und vor allem der rothaarige Punk-Sohn (Robert
Stadlober) überzeugen.
Montag, 19.00 Uhr, Bayern III
Die Welt reimt sich auch im Bayerischen schon immer aufs liebe Geld.
Wieder einmal ist die vor zwölf Jahren
entstandene 44-teilige Serie „Zur Freiheit“ zu sehen, die den Aufstieg der
Kioskbesitzerin Paula (Ruth Drexel) zur
geschäftstüchtigen Wirtin am Schlachthof München zeigt. Die Stücke (Autor:
Franz Xaver Bogner) haben zwar nicht
den ironischen Witz von „Kir Royal“,
dennoch sind die Geschichten voller
Einblicke in die Abgründe der Münchner Seele. Wunderbar, wie es die Drexel versteht, gusseiserne Herzigkeit,
Energie und Geldgier zu vereinigen.
Die Todesgrippe von Köln
Dienstag, 20.15 Uhr, Sat 1
Der Titel täuscht zum Glück: Da wälzen sich keine Schwerkranken. Der
Film (Regie: Christiane Balthasar) erzählt vom Forscher, der auf der Suche
nach einem Grippemittel durch die
Machenschaften eines bösen Professors
sein Leben verliert. Streckenweise ist
Sex, Lügen, Einsamkeit
Donnerstag, 22.15 Uhr, Südwest III
0190 – die Vorwahl zum Telefonsex führt höchstens mit
dem Ohr zur Lust. Claus
Bien-fait blickt hinter die
Kulissen und entdeckt
Ernüchterndes: Die Damen,
Jaenicke mit Renée Soutendijk in „Alphamann“
oft nicht die jüngsten und
schönsten, bügeln beim LiebesgeflüsAber in der ersten Episode dieses zweiter, die Kunden sind verklemmt und
teiligen Thrillers (Buch: Fred Breinersbehaupten gern, 1,80 Meter groß und
dorfer, Regie: Thomas Jauch) gewinnt er
blond und stark zu sein. Der Psycholodas Mimen-Duell gegen Tobias Moretti,
ge empfiehlt eine Selbsthilfegruppe bei
der einen durchgedrehten Polizisten
übermäßigem Verlangen nach fernspielt. Während man Moretti, Schäfermündlicher Befriedigung. Interessant:
hund Rex wird es bezeugen, den Wahn50 Mark kostet im Schnitt ein Liebessinn aus Eifersucht nicht recht abnimmt,
Call, und nicht wenige Männer wollen
wird Jaenicke, ein erblindeter Exgar nicht über das Eine sprechen.
Polizist und frisch studierter Psychologe, in dieser schleppend beginnenden
Geschichte am Schluss zum beherrAlphamann: Amok
Freitag, 20.15 Uhr, ARD
schenden Alpha-Schauspieler. Unbedingt richtig ist ein Satz aus dem FilmEin so überzeugender Blinden-Dardialog: Blinde, meint der Held, seien die
steller wie Al Pacino im Film „Der Duft
einzigen Männer, die zuhören können.
der Frauen“ ist Hannes Jaenicke nicht.
Ausschalten
Mein Land, meine Liebe
Freitag, 20.15 Uhr, Arte
Arte – das klingt nach Esprit und Hochkultur. Doch dieser
Beitrag über den österreichischen Schriftsteller Robert
Schneider („Schlafes Bruder“) ist dem devoten Geist der
Promi-Anbetung, wie man ihn aus den TV-Niederungen
kennt, ganz nahe. Schneider darf sich mit kaum getarnter
Eitelkeit selbst inszenieren, Autor Holger Preuße folgt ehrerbietig. Nach einem Streifzug durch die Landschaft Vorarlbergs, die der Dichter und die Kamera so erklären, als sei sie
nur da, um in Schneiders Romanen die Kulisse abzugeben,
geht es ins Bergdomizil des Schriftstellers. Schneider geht’s
Schriftsteller Schneider
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richtig gut. Der Dachstuhl, wo einst der Dreck lag, ist zum
üppigen Schreibplatz ausgebaut, im Delfinstil durchmisst der
Dichter den hauseigenen Swimmingpool. Wohlgefällig ruht
der Kamerablick auf dem Skulpturengarten vor dem Haus,
wo Schneiders Romanfiguren verewigt sind, dem Reporter
kommen keine Fragen, ob es sich hier nicht um einen Fall
von schwerem Narzissmus handeln könnte. Kritiker, erfährt
der Zuschauer aus Schneiders Mund, hätten „Schweinsohren“, weil sie zu unsensibel seien, die Musikalität in des Dichters Sprache zu hören. Die Einheimischen können sich glücklich schätzen, dass Schneider unter ihnen weilt und sich nicht
endgültig für ein Leben in New York entscheidet. Sie danken
es ihm im Film, indem sie dampfende Käse-Nudel-Gerichte
bereiten, die der Dichter mit Freunden huldvoll verspeist.
Dass sich dann aber doch ein paar Eingeborene durch
Schneiders Romane benutzt fühlen, erwähnt Preuße zwar,
aber er geht der Frage nicht nach. Stattdessen sieht man, wie
Schneider (ziemlich holperig) zu „Lobet den Herren“ in der
Kirche die Orgel schlägt – das undankbare Volk soll sich über
den Poeten in seiner Mitte freuen, suggeriert der Film. Der
gemeine Vorarlberger, hat Schneider entdeckt, leide an einer
Sprachschwäche: Für die irgendwie alles entscheidenden
Worte „Ich liebe dich“ müsse er ins Hochdeutsch wechseln,
weswegen er oft so verstockt schweige – Preuße scheint den
Schmarren zu glauben. Richtig Schmäh gibt’s zum Schluss:
Der Dichter, dieser Erfolges Bruder, verfällt mitten in vereister Landschaft in Selbstmitleid: Ach, wenn er doch dermaleinst vom Zwang zum Schreiben erlöst würde – da möchte
der Zuschauer mit Schneebällen schmeißen.
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FOTOS: SAT 1
„Wochenshow“-Star Engelke, Sat-1-Chef Kogel: Je dramatischer die Lage, desto gnadenloser die Stimmung
P R I VA T- T V
Mehr Spots, weniger Wirkung
Der Jugendwahn frisst seine Kinder: Werbeagenturen und Mediaplaner
zweifeln, ob Comedy- und Talk-Sendungen das richtige Umfeld für ihre Produkte sind. Im
Einheitsbrei rauschen Milliarden von Werbegeldern an den Konsumenten vorbei.
E
igentlich neigt er nicht zu großen
Auftritten, aber auf der Düsseldorfer
Telemesse Mitte August legte RTLChef Gerhard Zeiler eine Show hin, mit
der er jedes Moderatoren-Casting mühelos
gewonnen hätte.
Während auf drei Riesenleinwänden
Ausschnitte der neuen Talk- und ComedySendungen herumschwirrten, pries der
Österreicher vor einem tausendköpfigen
Publikum das RTL-Programm als innovativ, mutig und rasend komisch. Als hätte er
zuvor einen Workshop in Körpersprache
absolviert, ließ er am Ende des Vortrags
die Augen gen Saaldecke rollen und dankte seinen Lieben: „You did a great job.“
Mit dieser Meinung steht der RTL-Boss
freilich ziemlich allein da. Denn eins wurde den anwesenden Werbekunden trotz
des einstündigen Spektakels in DolbySurround nur allzu deutlich: Von Innovation ist im deutschen Privatfernsehen derzeit wenig zu spüren – stattdessen wird der
Einheitsbrei noch einmal ordentlich ange186
dickt: mehr Talk, mehr Comedy und viele
bunte TV-Movies.
„Das Programm wird immer einheitlicher“, sagt Thomas Koch, Gründer und Inhaber der gleichnamigen Mediaagentur:
„Es wird zunehmend schwerer, gute Umfelder für die Produkte zu finden.“ Koch ist
einer jener umworbenen Mediaplaner, die
im Auftrag ihrer Kunden Millionenbudgets
unter den Sendern verteilen und entscheiden, durch welchen Werbeblock der neue
Mercedes fährt oder in welchem Programm
Verona Feldbusch im Spinat rührt.
Ein ganzer Berufszweig lebt davon, der
Industrie Wege durchs Mediendickicht zu
zeigen. „In den letzten fünf Jahren ist das
Angebot schier explodiert“, sagt BMWMarketingchef Wolfgang Armbrecht – nur
die Konsumenten, auf die die Werbespots
niedergehen, haben sich kaum vermehrt.
Annähernd zwei Millionen Werbefilme
strahlten die Sender im letzten Jahr aus,
fast doppelt so viel wie 1994. Um sich alle
anzuschauen, säße man fast anderthalb
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Jahre vor dem Bildschirm. Doch die Zuschauer weichen dem Bombardement immer häufiger aus. Laut einer Studie der
Agentur Lowe & Partners wechseln inzwischen über zwei Drittel der Deutschen mit
Beginn der Werbepause den Kanal. In
Großbritannien rauscht Reklame für über
500 Millionen Pfund (rund 1,5 Milliarden
Mark), so eine Expertise, einfach an den
Zappern vorbei – hier zu Lande kursieren
ähnliche Horrorzahlen.
Die Schmerzgrenze scheint erreicht.
Zwar betrug allein der Brutto-Werbeumsatz von RTL, Sat 1 und Pro Sieben von Januar bis August dieses Jahres gigantische
sechs Milliarden Mark, doch die Zeiten
zweistelliger Zuwachsraten sind passé. So
verzeichneten Pro Sieben und Sat 1 im ersten Halbjahr 1999 nur minimale Steigerungen. „Die Goldgräberjahre sind vorbei“, urteilt das Branchenblatt „W & V“.
Dabei begingen die TV-Macher noch vor
wenigen Wochen den 15-jährigen Geburtstag des Privatfernsehens mit einer riesigen
Medien
RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“: Die Zielgruppe surft lieber im Internet
FOTOS: RTL
machende Zielgruppe der 14- bis
49-Jährigen haben sie Formate im
Einheitslook erschaffen. Tagsüber
talken Sabrina, Andreas und Oliver, abends blödeln Anke Engelke,
Ingolf Lück und Rudi Carrell. Ein
audiovisuelles Brachland, weitgehend frei von Höhen und Tiefen.
Mit wachsender Unruhe verfolRTL-Chef Zeiler: „Der Comedy-Boom geht erst los“
gen die Marketingprofis in den UnSause – nach dem Motto: je dramatischer ternehmen die Entwicklung, immer häufidie Lage, desto gnadenloser die Stimmung. ger grübeln die Mediaplaner, ob es sich
Denn zu feiern gab es eigentlich nichts. lohnt, für viel Geld im Umfeld von ComeNur drei Sender haben bisher Geld ver- dy-Shows der untersten Preisklasse ein
dient: RTL, Pro Sieben und Viva. Der Rest hochwertiges Auto zu bewerben.
Der Wettbewerb der Sender habe die
zahlt drauf. Sat 1 wies im 14. Jahr seines Bestehens gerade mal 20 Millionen Mark Ge- Kosten derart in die Höhe getrieben, dass
winn aus – dieses Jahr sollen es 30 Millio- sich „aufwendige Show-Formate, Prenen sein. Geht es in dem Tempo weiter, hat mium-Spielfilme oder Sportereignisse nicht
der Sender seine Anlaufverluste von rund mehr refinanzieren lassen“, resümiert
800 Millionen Mark im Jahr 2026 wieder Guido Modenbach, Geschäftsführer der
drin – die entgangenen Zinsen auf das ein- Mediaagentur Mindshare, zu deren Kunden der Lebensmittel-Multi Kraft-Jacobsgesetzte Kapital nicht mitgerechnet.
Am Verdruss sind die TV-Macher nicht Suchard und der Autobauer Ford gehören:
unschuldig. Mit Blick auf die allein selig „Die Bereitschaft, in innovative Formate zu
investieren und das Risiko eines Flops in
Kauf zu nehmen, ist gering.“
1,81
Während die Werbeflut rollt . . .
1,51
Werbespots
in Millionen
in Minuten
150
Durchschnittliche tägliche
Fernsehdauer der 14- bis
19-Jährigen
145
140
1,28
1,17
135
und der 20- bis
29-Jährigen
1,0
680
Fernseh-Werbeminuten
in Tausend
546
518
449
605
130
125
. . . schalten die jüngeren
Zuschauer ab.
120
115
110
105
Quelle: ZAW,
Media-Analyse
1994
1995
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Weil sich die Werbeeinnahmen kaum
noch steigern lassen, versuchen die Sender,
die Kosten zu drücken. RTL 2 setzt auf billige Erotik-Nummern, RTL und demnächst
auch Sat 1 auf so genannte Senderfamilien,
durch die sich die Programme kostengünstig zweit- und drittverwerten lassen.
„Wirtschaftlicher Erfolg und Programmerfolg schließen sich nicht aus“, umreißt
RTL-Chef Zeiler seine No-Risk-Strategie –
soll heißen: Formate, die sich ganz gut
verkaufen, werden endlos geklont. Und
während in den USA die „New York
Times“ das Tal der Lachtränen mit der Zeile „Comedy is not king“ für durchschritten
erklärt, droht Zeiler: „Der Comedy-Boom
geht erst richtig los.“
Doch bei den Werbekunden wächst der
Unmut über ein Programm, das sich ganz
global an die 14- bis 49-Jährigen richtet –
an den gut verdienenden Großstadtsingle
ebenso wie an den Familienvater vom Lande, der auf Sozialhilfe-Niveau lebt. Einzig
bei hochwertigen Spielfilmen oder beim
Fußball wissen die Werber recht genau,
wer eigentlich vor dem Fernseher sitzt –
entsprechend groß ist der Ansturm auf die
raren Werbeinseln.
„Fernsehen liefert nur noch Reichweite
und keine Erlebnisse mehr“, klagt Gregor
Wöltje von der Werbeagentur Start Advertising (Burger King), doch solange die
Sender mit ihrer „Lebenslüge von den 14bis 49-Jährigen“ Geld verdienten, ändere
sich nichts. Wöltje warnt: „Wer will schon
Leute erreichen, die nur apathisch irgendeine Fernsehtapete wegglotzen.“
Die Lebenslüge wurde einst erdacht,
weil sich so – praktisch für die Vermarktung – alle Wunschvorstellungen subsumieren ließen: Jung sollte das Publikum
sein, konsumfreudig und stets bereit für
Neues.
Die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen
sei „absurd, weil sie nicht existiert“, sagt
Mediaplaner Koch, zu dessen Kunden
Mannesmann-Mobilfunk und der Computerhändler Vobis gehören. Sie bestehe aus
187
völlig verschiedenen, „fast überschnei- n-tv, der zwar nur eine kleine Fangemeindungsfreien Segmenten“ – beispielsweise de hat – aber die ist edel.
dem 16-jährigen Stubenhocker und seinem
Weil die Erinnerung an einzelne Wergeselligen Vater.
bespots im Laufe der Zeit alarmierend
Durch die Alterung der Gesellschaft nachgelassen hat, suchen Marketingleute
stecken die Sender in einem zusätzlichen nach Alternativen. So vereinbarte der AuDilemma: En gros haben sie Formate ent- tohersteller BMW jüngst eine Zusammenwickelt, die sich an den Intellekt von Zehn- arbeit mit dem Musiksender MTV und verjährigen richten – doch vor dem Bildschirm anstaltete auf der Automobilausstellung
sitzen zunehmend reifere Zuschauer. So IAA ein Rockkonzert. „Auch das Internet
schauen die RTL-Kalauerrunde „7 Tage – wird immer wichtiger für unsere Bot7 Köpfe“ unter Vorsitz des Kabarettisten schaft“, sagt BMW-Mann Armbrecht.
Jochen Busse rund dreimal mehr Ältere Schon jetzt bewirbt der Autobauer einzelüber 50 als Teens und Twens.
ne Fahrzeugtypen ausschließlich online.
So sehr die TV-Macher die Senioren und
Dass es mit Komik, Krawall und AcJung-Senioren auch ignorieren: Am Ende tionserien, in denen neben Helikoptern vor
sitzen die doch in großer Zahl vor dem allem Autos in die Luft fliegen, nicht getan
Fernsehen. Und die Jungen sind anderswo ist, schwant auch den TV-Machern. „Wir
– im Kino oder auf Partys. Zudem surft müssen die Wertigkeit des Fernsehens erdie Wunsch-Zielgruppe lieber im Internet. halten und Events schaffen“, sagt Sat-1Die Konsequenz: Der Anteil der unter 29- Vermarkter Klaus-Peter Schulz. Und tatJährigen unter den regelmäßigen Fernsehnutzern sinkt seit
Jahren stetig.
Die Verquickung von Fernseher und Computer könnte die
Abwendung vom TV sogar noch
beschleunigen. Sollte bei Pro Sieben kein guter Spielfilm laufen,
zappt man eben in den Chatroom und bleibt dort hängen.
Die vor der Glotze verharrenden Oldies sind freilich oft
rüstig und vermögend. 15 Milliarden Mark stehen ihnen monatlich zur Verfügung, die Kaufkraft der Jugendlichen beträgt
ein Fünftel davon. „Es ist den
Leuten einfach nicht einzubläu- Abgesetzte Serie „Bergdoktor“: Alte ignoriert
en, dass sie mit 49 aufhören sollen, fernzuschauen und einzukaufen“, sächlich gilt ausgerechnet Sat-1-Chef Fred
höhnt ein TV-Planer, der bei manchen sei- Kogel – seit dem Absetzen der Rührserie
ner Kunden eine frappierende Unkenntnis „Bergdoktor“ und der Erschaffung der
über den derzeitigen Zustand der Spaß- „Helicops“ für viele die Inkarnation des
Gesellschaft ausgemacht hat. „Wenn man Jugendwahns – manchem Werber derzeit
denen mal zeigt, in welchem Umfeld sie als rührigster Programmdirektor: Er initiwerben, macht sich oft Entsetzen breit.“
iert ambitionierte Projekte wie den „KöVor allem den Werbekunden dämmert, nig von St. Pauli“.
dass es nicht nur darauf ankommt, wie
Mit welch harten Bandagen inzwischen
viele Leute man erreicht, sondern wen. um die Werbegelder gerungen wird, zeigt
Jahrelang war der so genannte Tausend- ein einmaliger Akt der Denunziation. In
Kontakt-Preis die einzig gültige Branchen- einem Brief von Sat 1 an Werbekunden des
währung: Er beschreibt, wie viel ein Wer- Champions-League-Senders TM 3 wurden
bekunde pro 1000 erreichter Zuschauer die „Leistungsdaten“ des Rivalen als „dezahlt, natürlich nur für die in der Ziel- saströs“ gebrandmarkt: „Sollten Sie auf
gruppe 14 bis 49 – die Alten gibt’s umsonst. Grund der schwachen Performance … Ihre
Doch was ist, wenn gar nicht der poten- Investments in den nächsten Monaten in
zielle Mercedes-Kunde vor dem Fernseher die ,ran‘-Formate bei Sat.1 verschieben wolsitzt, sondern ein Arbeitsloser ohne Füh- len, stehen wir Ihnen für Gespräche gern
rerschein? Zählen Sie nicht die, die Sie er- zur Verfügung.“ Nach einem Gespräch mit
reichen, sondern erreichen Sie die, die den Anwälten hat Sat 1 mittlerweile eine
Unterlassungserklärung unterzeichnet.
zählen, heißt die neue Devise.
In einer anderen Angelegenheit zogen
„Bisher haben wir immer mehr Geld für
immer weniger Wirkung gezahlt“, stöhnt mehrere Sender gemeinsam vor Gericht.
ein Mediaplaner. „Nun kommen die Kun- Mit einer Klage gegen ein Koblenzer Elekden und sagen: Die Zeit der wirkungslo- tronikunternehmen, das die so genannte
sen Kampagen soll vorbei sein.“ Von die- „Fernseh-Fee“ erfunden hat: ein Gerät, das
ser Erkenntnis profitieren vor allem Ni- zu Beginn des Werbeblocks automatisch
schensender wie der Nachrichtenkanal umschaltet.
Oliver Gehrs
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SAT 1
Medien
Werbeseite
Werbeseite
Medien
FERNSEHSPIELE
Fatales
Aufbegehren
Der ZDF-Film „Ich habe Nein
gesagt“ präsentiert die
Schauspieler Martina Gedeck
und Jörg Schüttauf in
einem beklemmenden Ehedrama.
W
Mitleid und Solidarität verdient? Und kann
man den gehörnten Ehemann nicht verstehen, diesen armen Teufel? Das weiß
schließlich jeder: Wo einmal viel Liebe war,
ist die Kränkungsgefahr besonders groß.
Denn wer leidenschaftlich liebt, hasst auch
leidenschaftlich, manchmal bis hin zu Vergewaltigung und Mord.
Die realen Fakten sind entsprechend:
Jede siebte Frau in Deutschland, das ergab
eine Erhebung des Bundesfamilienministeriums, wird einmal in ihrem Leben Opfer
einer Vergewaltigung oder einer sexuellen
Nötigung. Die meisten dieser Übergriffe
ereignen sich in den Familien.
Vergewaltigung in der Ehe gilt seit Juli
1997 als Verbrechen, und so kreist der Film
auch um die Frage, ob Doris ihren Mann
anzeigen soll oder nicht. Sie erlebt viel Ablehnung, als sie erzählt, was passiert ist,
sowohl bei ihrer Freundin als auch bei ihrer Mutter, und gerade daraus entsteht die zerstörerische Kraft ihres Traumas: Ihre
Mitmenschen scheinen sie in
die Rolle der Schuldigen zu
drängen.
Eine simple Opfergeschichte habe sie nie interessiert,
sagt die Drehbuchautorin Annemarie Schoenle, die bereits
mit „Nur eine kleine Affäre“,
„Frühstück zu viert“ und
ihrem Quotenhit „Eine ungehorsame Frau“ die unterschiedlichen Gefühlswelten
von Männern und Frauen
ausgelotet hat. Vielmehr will
sie die Zuschauer mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontieren. Ist der einmalige Amoklauf des Ehemanns
nicht doch verzeihlich? Soll
ihm seine Frau deshalb die
Ehe aufkündigen, ihn vor
Gericht bringen und schließlich der Tochter den Vater
wegnehmen?
Als im Film Doris’ Anwalt
seine Mandantin fragt, ob sie
wirklich überzeugt sei, ihren Mann anzeigen zu wollen, fragt die zurück: „Überzeugt? Überzeugt bin ich, dass ich im Drogeriemarkt zu wenig verdiene. Und dass
mir die Farbe Gelb nicht steht. Aber ob
ich meinen Mann anzeige und meine Familie kaputtmache …“
Schoenles Geschichte, die der Regisseur
Markus Imboden in ruhigen, verstörenden
Bildern inszeniert hat, lässt keine einfache Parteinahme zu. Sie erzählt davon,
wie Gewalt in einer scheinbar gewöhnlichen Beziehung ausbrechen kann; davon,
wie nachhaltig eine Frau körperlich und
seelisch durch eine Vergewaltigung beschädigt wird – und davon, wie hoffnungslos unterschiedlich Frauen und Männer empfinden, wenn es mit der Liebe zu
Ende geht.
Angela Gatterburg
ZDF
ie kommt es, dass die Liebe verschwindet aus einer Ehe? Und
warum reagieren Mann und Frau
meist grundverschieden – sie leidet still,
während er verbittert den Kopf schüttelt
oder auch schon mal mit der Faust auf
attraktive, temperamentvolle Frau, die gern
flirtet, gern mal was trinkt und mit ihrem
öden Job als Drogeriemarktverkäuferin hadert. Sie liebt ihre Tochter Tanja über alles
und möchte sich als Laientheaterschauspielerin beweisen. Ihr Mann Werner (Jörg
Schüttauf) findet, seine Frau habe romantische Flausen im Kopf und auf der Bühne
nichts verloren. Er erwartet, dass sie die
Bude aufräumt, das Essen rechtzeitig auf
den Tisch bringt und sich ansonsten ihm gegenüber regelmäßig willig zeigt.
Auf Sex glaubt der Ehemann ein naturgegebenes Anrecht zu haben, er erledigt
ihn ruck, zuck, phantasie- und lieblos. Werner meint, dass seine Frau ein bisschen viel
herumzickt in letzter Zeit und auch ein
bisschen viel mit anderen Männern flirtet,
vor allem mit dem gemeinsamen Freund
Ricky (Peter Davor), in dessen Werkstatt
Werner als Kfz-Mechaniker angestellt ist.
Schauspieler Schüttauf, Gedeck: Wer leidenschaftlich liebt, hasst auch leidenschaftlich
den Tisch haut? Darüber reden lässt sich
nicht, jedenfalls nicht zwischen Doris
und Werner, einem Ehepaar aus der unteren Mittelschicht, das eine gemeinsame
Tochter hat.
Unglückseligerweise löst das Verschwinden der Liebe bei Doris neue Sehnsüchte
aus – und die werden zum Auslöser einer
Katastrophe. Es ist eine bemerkenswerte,
beklemmend realistische Geschichte, die
das ZDF am Montag (20.15 Uhr) da als
„Fernsehfilm der Woche“ zeigt, das sehr
sorgfältig gearbeitete Psychogramm einer
Ehe, mit brillanten Schauspielern, exzellentem Drehbuch und sensibler Regie.
„Ich habe Nein gesagt“ heißt der Film,
und der Titel lässt schon ahnen, dass hier
kein angenehmes Wohlstandsmärchen erzählt wird. Doris (Martina Gedeck) ist eine
190
Tatsächlich ist Doris, die aufbegehrt gegen ihr vorgezeichnetes Leben, liebesbedürftig und verführbar. Nach einem heftigen Streit mit ihrem Mann sucht sie Trost
bei Ricky und verbringt die Nacht mit ihm.
Als sie am nächsten Morgen nach Hause
kommt, stellt ihr Mann sie zur Rede, und
sie gesteht nicht nur den Seitensprung, sondern macht auch deutlich, dass ihr der Sex
mit Ricky Spaß gemacht hat. Werner rastet
aus, im Jähzorn verprügelt und vergewaltigt er seine Frau.
Aus dieser Grundsituation entwickelt
der Film seine Spannung und seine Brisanz: Eine Frau, die im Parkhaus vergewaltigt wird, ist ein Opfer – aber was ist mit
einer Frau, die ihren Mann betrügt, in kurzen Röcken herumläuft, Männer anmacht,
kokett und sexy auftritt? Hat „so eine“
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Werbeseite
Werbeseite
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Ausland
ACTION PRESS
FOTOS: DPA ( li.); AGENCE VU (re.)
Panorama
Gaskammer in den USA
UNO
Pause für Henker?
E
rstmals haben sich die 15 EU-Staaten auf eine gemeinsame
außenpolitische Initiative mit globalem Anspruch einigen
können. Während der Herbsttagung der Vereinten Nationen in
New York wollen sie Ende Oktober einen Antrag zur befristeten Aussetzung der Todesstrafe einbringen. Auch für die Weltorganisation ist das ein Novum: Bislang kamen ähnliche Initia-
POLEN
Risse in der
Regierungskoalition
P
olens konservativ-liberale Regierungskoalition unter Ministerpräsident Jerzy Buzek steckt in der Krise.
Die Reformen im Gesundheitswesen
und Rentensystem stocken, in der staatlichen Sozialversicherung klafft ein Milliardenloch, und das Innenministerium
wird nach dem Rücktritt des Ministers
Janusz Tomaszewski und seiner beiden
Stellvertreter von Skandalen erschüttert. Die drei stehen unter dem Verdacht, früher mit dem kommunistischen
Geheimdienst kollaboriert zu haben.
Der Koordinator der Geheimdienste,
Erschießung in China
tiven einzelner Staaten nicht einmal auf die Tagesordnung. Vor
allem der deutsche Außenminister Joschka Fischer drängt auf
ein Moratorium für den Henker und fand dafür besonders tatkräftige Unterstützung bei seinem italienischen Kollegen Lamberto Dini. Letzte Details konnten beide bei Fischers RomVisite am Wochenende besprechen. Zwar wird am endgültigen
Text noch gefeilt, doch schon schwärmen EU-Emissäre in alle
Welt aus, um für den Antrag zu werben. Neben den 15 Voten
aus Europa sind weitere 80 Stimmen nötig, um Regierungen unter Druck zu setzen, elektrische Stühle abzuschalten und Henker in den einstweiligen Ruhestand zu schicken.
Janusz Palubicki, kommissarisch mit der Leitung des Innenministeriums beauftragt, setzte
den Kommandeur der
Spezialeinheit Grom ab
und ließ dessen Panzerschrank mit Schweißgeräten aufbrechen – der General hatte angeblich
Dienstanweisungen nicht
befolgt und sich geweigert, die Schlüssel abzugeben. Buzeks Wahlaktion Solidarnos´ƒ (AWS)
besetzt fast alle Ämter
mit Parteifreunden, die in
ihrem antikommunistischen Eifer zuweilen jedes Augenmaß verlieren. Ministerpräsident Buzek
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RUTKIEWICZ / TRANSPARENT
Enthauptung in Saudi-Arabien
Loyalität zählt bei der
Postenvergabe, nicht
Qualifikation. Keine
Regierung seit der Wende vor zehn Jahren hatte ein schlechteres Ansehen bei der Bevölkerung. Nur 24 Prozent
der Polen unterstützen
Meinungsumfragen zufolge derzeit noch Premier Buzek. Schon fordern führende Politiker
des kleineren Koalitionspartners, der Freiheitsunion (UW) von
Finanzminister Leszek
Balcerowicz, den Rücktritt des Regierungschefs.
193
Panorama
TÜRKEI
Zwei Klassen im Knast
D
ie Lage in den türkischen Gefängnissen bleibt auch nach
dem Ende der jüngsten Häftlingsrevolte angespannt. Beim
Angriff von Gendarmerieeinheiten auf Block 4 des Ulucanlar-Gefängnisses von Ankara waren vor einer Woche zehn Häftlinge
ums Leben gekommen. Insassen von elf weiteren Gefängnissen
nahmen daraufhin mehr als 70 Wärter als Geiseln und verbarrikadierten sich fünf Tage lang. „Die Autorität des Staates“, so
Ministerpräsident Bülent Ecevit, „muss in den Gefängnissen
wiederhergestellt werden – koste es, was es wolle.“ Doch mit obrigkeitsstaatlicher Gewalt ist der türkische Strafvollzug nicht
mehr zu retten. Das System steht vor dem Kollaps. Die Gefängnisse sind mit knapp 70 000 Häftlingen schon jetzt überfüllt,
jährlich kommen 5000 dazu. Vor allem das augenfällige Zweiklassensystem verbittert die Gefangenen: Mafiosi und Rechtsradikale, die über gute Beziehungen zu den Behörden verfügen,
leben prächtig, gehen auch im Knast ungehindert ihren Geschäften nach und tragen sogar offen ihren Revolver zur Schau.
Viele der etwa 8000 politischen Häftlinge – die so genannten „Gedankenverbrecher“ der gemäßigten und extremen Linken – hausen hingegen in völlig überbelegten Schlafsälen. Den inhaftier-
I TA L I E N
Lottospieler im
Tipp-Rausch
E
Überfüllte Gefängniszelle
Die Supergewinne sind Folge enorm
kleiner Gewinnchancen für den „Sechser“ – eins zu 623 Millionen (im deutschen Lotto eins zu 14 Millionen). Jede
Woche ohne Hauptgewinn füllte den
Jackpot um 20 Prozent weiter auf. Doch
künftig darf er nur noch um je 4 Prozent wachsen, sobald 50 Millionen im
Topf sind. Der Rest des Überschusses
muss dann den kleineren Gewinnen zugeschlagen werden. So hofft die italieni-
R. CIOFANI
ine akute Spritze gegen das LottoFieber hat Italiens Finanzminister
Vincenzo Visco seinen Landsleuten verabreicht: Er kappt die Top-Gewinne.
Über 86 Millionen Mark gewann vorigen Mittwoch ein Spieler aus
der Kleinstadt Montopoli Sabina – den größten Jackpot in
der europäischen Lottogeschichte. Immer neue Rekordsummen hatten sich in
den vergangenen Monaten
im Super-Enalotto angesammelt und das ganze Land in
einen Tipp-Taumel versetzt.
Zuletzt stiegen die Umsätze
pro Woche um die 40 Prozent, in vielen Annahmestellen mussten die Spieler stundenlang Schlange stehen, in
Neapel gingen sogar die
Jubelnde Lottogewinner
Tippzettel aus. Statistisch
sche Regierung, die Lotto-Manie wieder
gesehen spielte jeder zweite Italiener
einzudämmen, die sie selbst ausgelöst
mit und setzte jeweils mittwochs und
hat. Rom hatte das Spiel mit den Supersamstags fünf Mark ein. Spielgemeingewinnen erst vor zwei Jahren eingeschaften in vielen Orten riskierten weit
führt, nicht zuletzt um die Einnahmen
höhere Beträge: So offerierte bis Sonnzu erhöhen. Mit Erfolg: 13 Milliarden
tag eine Bar im mittelitalienischen
Mark spülte die Spielleidenschaft der
Städtchen Cupramontana 1000 Anteile
Italiener vergangenes Jahr in die Staatsan einem Zwei-Millionen-Gemeinkasse.
schafts-Tipp, fast 2000 Mark pro Los.
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KASCHMIR
Blamiertes
Militär
I
n Pakistan verschärfen sich nach der
Schlappe im Kaschmir-Konflikt die
Spannungen zwischen der zivilen und
der militärischen Führung. Inzwischen
hat sich herausgestellt, dass die Generäle den Premierminister Nawaz Sharif, 49, offenbar bewusst täuschten. Der
Regierungschef erfuhr erst am 26. April
– viel zu spät – vom geheimen Einsickern islamischer Freischärler und pakistanischer Soldaten in den indischen
Teil Kaschmirs. Die Militärs verschwiegen ihm, dass sie den Konflikt eigenmächtig angezettelt und das Land an
den Rand eines Krieges gebracht hatten, den Pakistan gegen das überlegene
Indien nicht hätte gewinnen können.
Diese Einzelheiten enthüllte jetzt Niaz
Naik, Sonderbotschafter der pakistanischen Regierung in Indien. Während der
Kämpfe war Naik im Auftrag Sharifs
nach Delhi gereist, um eine diplomatische Lösung auszuhandeln. Der pakistanische Generalstab steht nun blamiert
da: Der Armee wird Illoyalität gegenüber der zivilen Führung vorgeworfen,
die Generalität als verantwortungslose
Kriegspartei angeprangert. Die Amerikaner, die Pakistan lange mit Waffen
belieferten, warnen schon vor einem
Putsch.
Ausland
ALGERIEN
ten Führern militanter Organisationen
kommt das türkische
System durchaus gelegen: Sie schulen
ihre Mitglieder inzwischen fast ausschließlich in den
Strafanstalten. Juristen drängen seit langem auf den Bau
von
Kleinzellengefängnissen nach
europäischem MusVerletzter Insasse
ter. Die ehemalige
Innenministerin Meral Ak≠ener hingegen erinnerte vergangene Woche an eine kostengünstigere Lösung: Die Kapazitäten der Gefängnisse würden durchaus reichen, so
Ak≠ener, hätte Staatspräsident Demirel nicht
kürzlich das Gesetz über eine große Amnestie zurückgewiesen.Von dem Gesetz würden
Mafiosi und rechtsextreme Bandenmitglieder profitieren – politische Gefangene waren
ausdrücklich ausgenommen.
Wettlauf um Öl
IRAN
Der Chefredakteur der
verbotenen Tageszeitung
„Neschat“, Maschaallah
Schams al-Waesin, 44,
über den Kampf um die
Pressefreiheit in Teheran
SPIEGEL: Der Herausgeber Ihrer Zei-
tung, Latif Safari, wurde jetzt zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt und erhielt
fünf Jahre Berufsverbot. Welche Verbrechen soll er begangen haben?
Waesin: Ihm wird vorgeworfen, Studenten zu regimekritischen Demonstrationen ermuntert, den Polizeichef beleidigt
und Abgeordnete angegriffen zu haben.
Tatsächlich aber war das Verfahren politisch motiviert: Unsere Zeitung und ihr
Herausgeber Safari treten für eine zivile
Gesellschaft ein, wie sie auch Staatspräsident Mohammed Chatami anstrebt.
SPIEGEL: Ihre Zeitung darf bereits seit
Anfang September nicht mehr erscheinen. Was war der Anlass für das Verbot?
Waesin: Wir wurden beispielsweise beschuldigt, die Grundlagen des Islam in
Frage gestellt zu haben. Dabei hatte in
einem Artikel lediglich gestanden, dass
die Todesstrafe unmenschlich sei. Aber
was immer auch zur Begründung angeführt wird, tatsächlich geht es darum,
KAZEMI
„Wir arbeiten auf
einem Minenfeld“
Erdölraffinerie
zerrüttete Beziehung zu reparieren, will
Staatspräsident Jacques Chirac möglichst schon Anfang 2000 Algerien einen
Staatsbesuch abstatten. Doch dort erinnert man sich noch gut daran, dass der
Leutnant Chirac 1957 an Säuberungsaktionen gegen „Rebellen“ beteiligt war.
dass unser Einsatz für Reformen gewiseine Verschärfung des Pressegesetzes
sen Kreisen nicht passt.
an, wollen den jetzigen Zustand der
SPIEGEL: Wer sind Ihre Gegner?
Repression gewissermaßen legalisieren.
Waesin: Ich will niemanden persönlich
SPIEGEL: Ist auch das Leben von Journaangreifen. Aber es ist das konservative
listen in Gefahr?
Lager, das die Reformen aufhalten will.
Waesin: Wir arbeiten auf einem MinenErst haben sie die Intellektuellen auf
feld, können jeden Augenblick hochgeschlimmste Weise angegriffen, etliche
hen. Unser Leben liegt in Gottes Hand.
Schriftsteller sogar getötet. Dann kaSPIEGEL: Sie sitzen dennoch wieder
men die Journalisten und Studenten unam Schreibtisch, redigieren ein neues
ter Beschuss. Diese drei Gruppen haben
Blatt.
den höchsten Preis bezahlt im Kampf
Waesin: Das Team von „Neschat“ ist bei
um Meinungsfreiheit und Demokratie.
einer Wirtschaftszeitung eingestiegen,
deren Erscheinen schon länger geplant
SPIEGEL: In der jüngsten Zeit sind etliwar. Gleich am ersten Tag haben wir
che Zeitungen geschlossen worden. Hat
100 000 Exemplare verkauft, weil die
sich die Auseinandersetzung verschärft?
Leute natürlich wisWaesin: Ja, die Konsersen, dass sie eigentlich
vativen haben eine Maschinerie in Gang ge„Neschat“ lesen. Die
setzt, die am laufenden
Schließung meiner
Band Beschwerden
Zeitung ist für mich
verfasst; diese sind
nichts Neues, das
dann der Vorwand,
habe ich bereits dreimissliebige Blätter einmal erlebt.
zustellen. So brauchen
SPIEGEL: Solchen
wir bloß ein Ende der
Tricks sehen Ihre
Isolation unseres LanGegner tatenlos zu?
des und eine Politik
Waesin: Der frühere
der Öffnung zu forLeiter der Teheraner
dern, schon beginnt
Demonstration für Präsident Chatami Staatsanwaltschaft,
die Hetzkampagne.
der zu den Hardlinern
in der Justiz gehört, hat mich gefragt,
SPIEGEL: Warum ist der Konflikt gerade
wie lange ich das Katz-und-Maus-Spiel
jetzt eskaliert?
weitertreiben will. Ich habe ihm geantWaesin: In einem halben Jahr finden
wortet: so lange, bis die Katze endlich
Parlamentswahlen statt. Deshalb versueinsieht, dass auch die Maus ein Lechen die Konservativen, uns die Hände
bensrecht hat.
zu fesseln. Darüber hinaus streben sie
AFP / DPA
AP
ach dem erfolgreichen Referendum
über die Aussöhnungspolitik des algerischen Staatspräsidenten Abdelaziz
Bouteflika wetteifern die USA und
Frankreich miteinander um die besten
Beziehungen zu dem Maghreb-Staat.
Die Regierung in Washington liegt beim
Buhlen um die reichen Gas- und Ölvorkommen derzeit vorn, weil sie trotz
der Unruhen im Lande in der Vergangenheit weiter investierte und den
Kampf der Militärs gegen die mörderischen Islamisten nie kritisierte. Am
Rande der Uno-Vollversammlung sondierte Bouteflika jetzt die Möglichkeit
eines Treffens mit US-Präsident Bill
Clinton – die Begegnung wäre für Algier von höchstem Prestigewert. Der
Pariser Premier Lionel Jospin dagegen
lockt mit großzügiger Visavergabe, Konsulaten in Oran und Annaba sowie der
Wiederaufnahme der Air-France-Flüge.
Um die seit dem Unabhängigkeitskrieg
H. HAGEMEYER / TRANSPARENT
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DPA
AP
Polizisten in Schutzkleidung, Abtransport eines Strahlenopfers in Tokaimura: Unbeirrt will die Regierung weitere Meiler bauen
J A PA N
Blauer Blitz in Fernost
In der Atomanlage Tokaimura setzte eine unkontrollierte Kettenreaktion große Mengen
von Radioaktivität frei – der schwerste nukleare Unfall in Japan und
zugleich eine Quittung für den leichtfertigen Umgang mit der riskanten Strahlentechnologie.
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Statt der erlaubten 2,4 Kilogramm füllten
sie 16 Kilogramm in einen mit Salpetersäure gefüllten wassergekühlten Behälter: ein
schicksalsschwerer Fehler (siehe Grafik).
Denn das eingesetzte Uran mit einem hohen Anteil der spaltbaren Spielart U-235
erreicht bei etwa fünf Kilogramm die so
genannte kritische Masse. Eine explosionsartig anschwellende Lawine von Spaltneutronen mündet unweigerlich in eine unkontrollierte Kettenreaktion – die Arbeiter nahmen sie optisch als „blauen Blitz“ wahr.
AP
Atomkraftgegner in aller Welt seit Jahrzehnten beschwören. 150 Menschen wurden evakuiert, mehr als 300 000 aufgefordert, Türen und Fenster zu schließen und
ihre Häuser nicht zu verlassen. Über 100
Schulen und Kindergärten blieben geschlossen. Sicherheitskräfte in weißen
Schutzanzügen sperrten Straßen, stoppten
Autos, Busse und Züge. Fabriken standen
still, Bauern mussten Gemüse und Milch
vernichten, Fischer durften nicht auslaufen.
Auf der achtstufigen Ines-Skala (International Nuclear Event Scale) wurde der
Unfall auf Rang vier eingestuft – er ist damit der drittschwerste seit Tschernobyl
(1986) und Harrisburg (1979). Das atombegeisterte Industrieland Japan hatte eine
Quittung für seinen lässigen Umgang mit
der Strahlentechnologie bekommen. Doch
unbeirrt versicherte die Regierung, sie werde die Kernenergie weiter ausbauen.
Das Unglück auf dem weitläufigen
Gelände von Tokaimura, das neben Atombrennstoff- und Brennelementfabriken
noch eine Wiederaufarbeitungsanlage und
einen Demonstrationsreaktor vom Typ
Schneller Brüter umfasst, begann vormittags kurz nach halb elf. Arbeiter sollten
Uranoxid, das nicht den vorgegebenen
Spezifikationen entsprach, in den Produktionskreislauf zurückspeisen – und
verstießen dabei krass gegen die Vorschriften.
➡
A
usgerüstet mit Mikrofon, Regenschirm und Geigerzähler, trat
Nobuhiro Goto live vor die Zuschauer. „Zwei Kilometer im Umkreis der
Anlage schlägt der Zeiger voll aus“, berichtete der Fernsehreporter leicht aufgeregt, „aber in dieser Straße zeigt er normale Werte.“
Von Normalität konnte zu diesem Zeitpunkt – am Donnerstagabend vergangener Woche – indes längst keine Rede mehr
sein. Beschämt sank Koji Kitani, der Präsident der japanischen Atomgesellschaft
JCO, im Gemeindehaus der Kleinstadt Tokaimura auf die Knie und gestand den evakuierten und in ihren Häusern verbarrikadierten Anwohnern seine Ratlosigkeit.
Die Uranfabrik von Tokaimura war
außer Kontrolle geraten, Japan erlebte seinen bisher schwersten Atomunfall.
Am Freitagmorgen verkündeten japanische Experten, das Schlimmste sei überstanden, die Lage wieder unter Kontrolle.
Die langfristigen Konsequenzen allerdings
lassen sich noch nicht absehen. An über 50
Menschen wurden Verstrahlungen festgestellt, drei Arbeiter rangen mit dem Tod.
Sie hatten eine ähnlich hohe Dosis Radioaktivität abbekommen wie die Atombombenopfer in Hiroschima oder die Katastrophenhelfer von Tschernobyl.
In einem Umkreis von zehn Kilometern
spielte sich das Horrorszenario ab, das
Unglücksort auf dem Atomgelände in Tokaimura:
Ausland
Kernphysiker kennen derartige nukleare Verpuffungen vor allem aus Unfällen in
militärischen Atomanlagen. Das bläulich
aufflackernde Licht gilt als die nur scheinbar sanfte Variante einer veritablen Atomexplosion. Denn in diesem Moment stößt
der heiße Säure-Uran-Cocktail eine tödliche Salve von Röntgen- und Neutronenstrahlung aus.
In Tokaimura muss sich diese Reaktion
über 20 Stunden ständig wiederholt haben
– eine Art pulsierende Kettenreaktion. Sie
konnte erst gebändigt werden, als es in der
Nacht zu Freitag nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen in einer dramatischen Notaktion gelang, das Kühlwasser
aus der Tankhülle abzulassen.
Wie ein reflektierender Spiegel hatte die
umgebende Wasserschicht die Neutronen
zuvor zurück in den Kessel geschleudert
und die Kettenreaktion immer aufs Neue
entfacht. Wegen der enormen Strahlenbelastung in der Umgebung des havarierten
Tanks mussten die Helfer nach jeweils dreiminütigem Einsatz abgelöst werden.
Schließlich durchbrachen sie die Kühlwasserzuleitungen mit brachialer Gewalt. Angeblich war es ihnen zuvor außerdem gelungen, Borsäure, die Neutronen effektiv
einfängt und damit der Kettenreaktion entzieht, in die Todesbrühe zu mischen.
Was das „menschliche Versagen“ verursacht hatte, blieb vorerst unklar. Hatte Zeitnot die Arbeiter getrieben? Oder war ihnen
der außergewöhnlich hohe, nur für den
Einsatz in Forschungsreaktoren übliche
Anreicherungsgrad des Pulvers entgangen?
In jedem Fall besiegelten sie ihr Schicksal. Die Symptome von zwei der drei unmittelbar Beteiligten – Übelkeit, Durchfall, Schock, Veränderung des Blutbilds –
deuten auf eine brutale Strahlendosis von
acht Sievert hin. Zum Vergleich: Am Zaun
einer deutschen Atomanlage darf die Belastung bei maximal 1,5 tausendstel Sievert liegen. Pro Jahr.
In der Anlage stieg der Strahlenpegel
nach japanischen Angaben auf das bis zu
Scheinbar sanfte Explosion
20 000fache des normalen
Werts. In einem Radius von
zwei Kilometern hielt er
sich immer noch auf zehnfach überhöhtem Niveau.
Dennoch ließen sich die
Betreiber stundenlang Zeit,
ehe sie Behörden und Bewohner informierten.
Zunächst waren die hoffnungslos
überforderten
Atommanager vollauf damit beschäftigt, ihre schwer
verletzten Kollegen in
Rettungswagen hieven zu
lassen. Notdürftig packten sie die Strahlenopfer in Plastikfolien. Im Verlauf des improvisierten
Krankentransports wurden
mehrere Helfer gleich mit
verstrahlt – einige trugen kurzärmelige Hemden,
fast rührend wirkte ihr
Schutz mit Stoffhandschuhen und Atemschutzfiltern
aus Papier.
Unglaublich hilflos reagierte das Hochtechnologieland Japan auf das Unerwartete. Zwei Stunden dauerte es, bis die
Anwohner per Lautsprecher aufgefordert
wurden, ihre Häuser zu verlassen. Die
Schulen schickten ihre Zöglinge nach
Hause: Ungeschützt, sich bestenfalls Taschentücher vor den Mund haltend, liefen
die Kinder heim. Selbst Premierminister
Keizo Obuchi erfuhr von der Katastrophe
erst zur Mittagsstunde, als er gerade mit
der Führungsriege seiner Liberaldemokratischen Partei um die Neuverteilung der
Ministersessel schacherte.
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien musste erst bei den Japanern nachfragen. Ein IAEA-Sprecher erklärte, man reagiere nur auf Anforderung,
ein hoch industrialisiertes Land wie Japan
sei in der Lage, einen solchen Unfall selbst
zu regeln.
Dabei war die Kopflosigkeit der fernöstlichen Krisenmanager eklatant. So beorderte Tokio forsch eine Einheit der Streitkräfte ins Krisengebiet, die für die Abwehr
von Angriffen mit chemischen Waffen ausgerüstet ist. Vor Ort stellten die Soldaten
verdattert fest, dass sie auf eine atomare
Verseuchung ebenso wenig vorbereitet waren wie der Rest der Nation.
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Nicht einmal einen Katastrophenplan
für die Atomstadt Tokaimura hatten die
Behörden vorbereitet. Auf Krisenübungen
mit der lokalen Bevölkerung verzichtete
man gleich ganz, die Menschen sollten
nicht unnötig beunruhigt werden.
Dabei ist der Unfall nur die jüngste und
folgenschwerste Panne in einer ganzen
Serie: Im Dezember 1995 wurde der
Schnelle Brüter „Monju“ abgeschaltet, als
zwei bis drei Tonnen des leicht entzündlichen Kühlmittels Natrium aus der Rohrleitung leckten. 1997 wurden in der Wiederaufarbeitungsanlage von Tokaimura 37
Arbeiter verstrahlt. Jedes Mal täuschten
die Betreiber die Öffentlichkeit über das
wahre Ausmaß, indem sie Videoaufnahmen unterschlugen oder Unterlagen manipulierten.
Die Nuklear-Lobbyisten fürchten sich
vor einer neu aufbrechenden „Atom-Allergie“ ihrer Landsleute. Die Erinnerung an
die amerikanischen Atombomben, die 1945
Hiroschima und Nagasaki verwüsteten,
sitzt tief. Schon vor dem jüngsten Unfall
zweifelten 68 Prozent der Japaner an der
Sicherheit ihrer Atomanlagen.
Gleichwohl halten die Politiker eisern
an der Kernenergie fest. So hoffen sie, das
rohstoffarme Japan aus der Abhängigkeit
197
FOTOS: DPA (li.); R. NOBEL / VISUM (re.)
von ausländischen Öllieferungen zu befreien. Mit 52 Atomkraftwerken bezieht
Nippon heute über 35 Prozent seines
Stroms aus der Kernspaltung.
Mittlerweile hat Japans Atomindustrie
nach Schätzung von Greenpeace einen Plutoniumberg von 30 Tonnen angehäuft – genug für mehr als 4000 Atomwaffen. Der
Stoff war ursprünglich als Futter gedacht
für die nirgends sonst auf der Welt ernsthaft weiterverfolgte Linie der Schnellen Brutreaktoren. Weil die Entwicklung
nach dem „Monju“-Debakel stockt, soll
das Bombenmaterial demnächst in Form
von Plutonium-Uran-Mischoxid-Brennstoff
(Mox) in konventionellen Meilern verbrannt werden. „Diese Technik“, warnt
Shaun Burnie von Greenpeace in Tokio,
„wird die Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Katastrophe erhöhen.“
Der Zeitpunkt schien jedenfalls ominös.
Vergangene Woche trafen zwei Frachter
aus Frankreich und England mit MoxBrennstäben im Land der aufgehenden
Sonne ein – gegen weltweite Proteste von
Umweltschützern und Anrainerstaaten.
Zweifel an der teuren Mox-Technologie
gab es schon vor dem Debakel der vergangenen Woche: Kürzlich hatten Verantwortliche der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield zugegeben, Kontrolldaten für eine im November in Japan
erwartete Mox-Lieferung gefälscht zu haben. Im schlimmsten Fall könnten fehlerhafte Brennstäbe zum Auslöser schwerster
Reaktorunfälle werden.
Die Menschen in Tokaimura plagen vorerst andere Sorgen. Ob sie ihre getrocknete Wäsche von der Leine nehmen dürften,
wollten tausende Anruferinnen am Freitag
wissen. Der Rat der Beamten: „Falten Sie
die Wäsche, und lassen Sie sie auf Strahlung untersuchen.“
Anti-Kernkraft-Demonstration*: „Bitteres Dementi der Weissagungen“
Faktor Mensch
Das schwere Unglück in Tokaimura weckt Erinnerungen
an Tschernobyl – und löst eine neue alte
Debatte über die Risiken der Atomenergie aus.
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AFP / DPA
Gerd Rosenkranz, Wieland Wagner
Stahlbehälter mit Mox-Brennstäben*
Gefälschte Kontrolldaten
198
m Anfang war es fast wie damals
vor 13 Jahren. Am Donnerstagmorgen eine kleine Agenturmeldung, die es in Deutschland bis in die
Frühnachrichten brachte: Drei Arbeiter seien in einer japanischen Uranfabrik verstrahlt und in eine Klinik eingeliefert worden. Dann bis zum Nachmittag weitgehend
Ruhe – die Verantwortlichen in Japan
brauchten Zeit, um ein realistisches Bild
vom Unfall zu gewinnen und mit der Evakuierung zu beginnen.
Schließlich, mehr als zwölf Stunden nach
der fatalen Kettenreaktion in Tokaimura,
Eilmeldungen: Der strahlende Tank war
immer noch außer Kontrolle, hunderttausende durften ihre Häuser nicht verlassen.
Dann die Warnung vor Frischgemüse und
Regenschauern. Und zum ersten Mal fiel
das Schreckenswort: Tschernobyl.
In deutschen Behörden und Ministerien,
in Redaktionen und Pressestellen der Umweltverbände standen die Telefone nicht
mehr still. Im Bundesumweltministerium
erkundigten sich furchtsame Fernreisende,
ob Japan weiter ein gutes Reiseziel sei
(Antwort: „Kein Anlass abzuraten“).
Im Bundesgesundheitsministerium lief
die Frage auf, ob man sich weiter den
fernöstlichen Sushi-Köstlichkeiten hingeben könne (Antwort: „Ja, der Fisch kommt
eh nicht aus Japan“). In Funk und Fernsehen wurde, wie in den Tagen nach dem
Unfall in der Ukraine, jeder zum Atomex* Links: bei der Entladung des britischen Frachters
„Pacific Pintail“ im Hafen von Takahama am 1. Oktober;
oben: in Neckarwestheim am 15. März 1998.
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perten, der das Wort Becquerel einigermaßen fehlerfrei aussprechen konnte.
Im Nachrichtenkanal n-tv blieb der
Fachmann des Berliner Hahn-Meitner-Instituts („Kernenergie halte ich für verantwortbar“) zuversichtlich. Bei einem vergleichbaren Unfall in Deutschland würde
einfach die Feuerwehr gerufen: „Die würde das in den Griff kriegen.“
In Japan hatte sich allerdings die um
Hilfe gebetene U.S. Army für überfordert
erklärt, die brodelnde Uransuppe unter
Kontrolle zu bringen.
Rasch konzentrierte sich die deutsche
Debatte darauf, ob vergleichbar schwere
Unfälle in heimischen Atomanlagen vorkommen könnten. Die Frage liegt nahe.
Tags zuvor hatten sich 570 Hochschullehrer öffentlichkeitswirksam gegen den rotgrünen Atomausstieg ausgesprochen.
Dem Bundeskanzler ließen die Professoren ein Memorandum übermitteln, in
dem sie sich vehement gegen die – nach
ihrer Überzeugung – überholte Umsetzung
alter Parteitagsbeschlüsse zum Ausstieg aus
der Kernenergie wandten.
„Umfangreiche Nachrüstungen in Höhe
vieler Milliarden“, unterstellten die Professoren – unter ihnen der Geschäftsführer
der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und
Reaktorsicherheit, Adolf Birkhofer, und
der ehemalige Hauptgeschäftsführer der
Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke,
Joachim Grawe –, hätten die heimischen
Meiler um so sicherer gemacht, je älter sie
wurden (siehe Interview Seite 200).
Forsch verlangten die Initiatoren eine
„ernsthafte Neubewertung der Kernener-
Werbeseite
Werbeseite
Deutsches Atomkraftwerk Krümmel: Plädoyer für eine Fehler verzeihende Technik
gie“. Da waren es bis zur Katastrophe in
Fernost nur noch wenige Stunden – dumm
gelaufen. Tags darauf meinte Umweltminister Jürgen Trittin, der Unfall in Tokaimura sei ein „bitteres Dementi der professoralen Weissagungen“.
Der grüne Minister versicherte jedoch
auch, dass ein Unfall nach japanischem Muster in Deutschland fast ausgeschlossen sei.
Zwar ist im emsländischen Lingen eine
vergleichbare Uranverarbeitungsfabrik in
Betrieb. Aber dort wird weder ähnlich
hoch angereichertes Uran verarbeitet wie
in Tokaimura, noch werden Uranspaltstoffe in hoch konzentrierten Säuren aufgelöst. Beides führte jetzt in Japan, in Ver-
bindung mit schweren Fehlhandlungen der
Atomwerker, zu dem schweren Unglück.
Die Katastrophe in Tokaimura hatte spezifische Ursachen – aber sicher ist auch:
Sollte sich in einer deutschen Atomanlage
ein schwerer Unfall ereignen, wird er nicht
nach einem japanischen, russischen oder
amerikanischen Drehbuch ablaufen, sondern nach einem deutschen.
Gemeinsam ist den bisherigen Großunfällen, dass sie durch menschliches Versagen ausgelöst wurden – von Betriebsmannschaften, von Reaktorkonstrukteuren
oder von allen zusammen.
In Tschernobyl hatten 1986 menschliche
Fehlleistungen plus dramatische Konstruk-
„Waffen gegen die Routine“
Adolf Birkhofer, 65, Chef der Gesellschaft für
Anlagen- und Reaktorsicherheit, über den Atomunfall in Japan
200
Birkhofer: Es waren wohl mehrere Fehler,
Sie sich in einem Memorandum, gemeinsam mit 569 Professoren, für die
weitere Nutzung der Atomenergie eingesetzt. Am nächsten Tag passiert ein
schwerer Atomunfall in Japan. Kommen
Sie jetzt ins Grübeln?
Birkhofer: Nein. Wir mahnen nur an,
dass vor einem unumkehrbaren Ausstieg
die Kernenergie noch einmal im Licht der Erkenntnisse der letzten Jahre
bewertet werden sollte.
Daran ändert auch ein einzelner Rückschlag in Japan
nichts.
SPIEGEL: Eine falsche Handlung führte zu einer nuklearen Kettenreaktion,
von der über 20 Stunden
lang niemand wusste, ob
sie noch zu stoppen ist. Ist Birkhofer
die Atomtechnik gegen
menschliches Versagen einfach nicht abzusichern?
was auch auf Mängel der Sicherheitskultur hinweist. In Japan wird man prüfen müssen, ob die Vorkehrungen dem
entsprechen, was weltweit für erforderlich gehalten wird.
SPIEGEL: Japan ist ein Hochtechnologieland wie die Bundesrepublik. Wie
erklären Sie sich, dass es ausgerechnet
dort zu einem solchen Unfall
kommen konnte?
Birkhofer: Die genauen Ursachen kenne ich nicht. Ein
Grund könnte sein, dass Japan weitgehend die Sicherheitstechnik aus dem Ausland
übernommen hat und kaum
Eigeninitiative zu ihrer Weiterentwicklung aufbrachte.
Das kann dazu geführt
haben, dass die sicherheitstechnischen Notwendigkeiten
nicht ausreichend verinnerlicht wurden. Vielleicht ist es auch der
asiatischen Mentalität fremd, Fehler in
J. H. DARCHINGER
SPIEGEL: Herr Birkhofer, gerade haben
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tionsfehler den weltweit ersten und bisher
auch einzigen Super-GAU ausgelöst. Ganz
ähnlich war es 1979 beim Unfall in Block 2
des Kraftwerks Three Mile Island bei
Harrisburg.
Keine noch so ausgeklügelte Sicherheitsphilosophie hatte sich vorher die
Kaskade von Fehlleistungen vorstellen
können, die dem Unglück jeweils voranging.
So war es auch vergangene Woche in
Tokaimura. Niemand sah voraus, dass ein
Arbeiter rund sechsmal mehr vom hoch
brisanten Stoff in den Tank füllen würde,
als es die Vorschrift erlaubt.
Eine Technik, die menschliche Fehler
nicht verzeihe, sagen die Kernkraftkritiker
jetzt wieder, sei unverantwortbar.
Das sei richtig, hatte der frühere Bundesumweltminister und Kernkraftbefürworter Klaus Töpfer schon 1987 zugestimmt und für eine Kerntechnik plädiert,
die robust sei gegenüber Fehlleistungen:
„Je höher die Folgen einer Technik sind,
die durch Irrtum entstehen, umso mehr
muss ich diesen menschlichen Irrtum zulassen, muss ihn auffangen in der Redundanz und Diversität der Systeme.“
Ob dieser Anspruch erfüllt ist oder
nicht, weiß man leider immer erst hinterher.
Gerd Rosenkranz
der nötigen Offenheit zu diskutieren,
damit sie anschließend beseitigt werden.
SPIEGEL: Eines haben fast alle Atomunfälle gemeinsam: Nach Jahren der Unfallfreiheit unterschätzen Arbeiter und
Ingenieure das Risiko und setzen sich
über teure und anstrengende Sicherheitsregeln hinweg. Warum sollte das bei
uns anders sein?
Birkhofer: Da haben Sie Recht. Es darf
bei der Kernenergie keine Routine einkehren. Darauf müssen wir drängen, das
nenne ich die Sicherheitskultur.
SPIEGEL: Sind damit nicht die meisten
Menschen überfordert?
Birkhofer: Ich hoffe nicht. Den betroffenen Menschen muss in regelmäßigen
Trainings immer wieder erklärt werden,
warum sie etwas tun sollen. Es reicht
eben nicht, nur Vorschriften abzuarbeiten. Es muss stets an Verbesserungen gearbeitet werden. Das sind die Waffen gegen die Routine.
SPIEGEL: Glauben Sie, Sie würden jetzt
noch einmal 569 Professoren-Unterschriften für ein Pro-Atom-Memorandum zusammenbekommen?
Birkhofer: Ich denke schon. Wir haben ja
keinen Neubau von Kraftwerken gefordert, sondern nur einen Dialog angeboten, um die Kerntechnik angemessen einzuschätzen. Interview: Harald Schumann
Werbeseite
Werbeseite
Ausland
S P I E G E L - G E S P R ÄC H
„Es geht um die Seele Europas“
Romano Prodi, Präsident der neuen Brüsseler Kommission,
über seine Aufgaben, die Erweiterung
der EU und die Reform der europäischen Institutionen
Deutschen mit dem schwierigsten Brüsseler Ressort betraut: der EU-Erweiterung. Ist
das Ihre heimliche Rache an Gerhard
Schröder, weil der Kanzler Ihre Bitte abgeschlagen hat, einen der zwei deutschen
Kommissionsposten an die Opposition
zu geben?
Prodi: Vielleicht klingt das jetzt nicht glaubhaft, aber bei der Zuordnung der Ressorts
habe ich wirklich auf eine optimale Mischung von Eigenschaften und Qualifikationen geachtet. Verheugen hat diesen Zuständigkeitsbereich auch wegen seiner
Kenntnisse der Beitrittsländer bekommen.
Natürlich ist es wichtig, dass sich ein Deutscher mit der Erweiterung befasst. Denn es
gibt Länder, in denen man ein bestimmtes
Gespür für diese Aufgabe hat. Dazu gehören auch Österreich und Italien. Und
ebendiese Länder haben davon auch besondere Vorteile. Sie treiben mehr Handel
mit dem Osten als andere.
SPIEGEL: Sie verpflichten Deutschland so
aber auch, in besonderer Weise für die Kosten der Erweiterung einzustehen. Und die,
sagt Verheugen, sind für die Zeit nach 2006
unkalkulierbar.
Prodi: Die Kosten für die Erweiterung sind
hoch, aber für alle Mitgliedstaaten, nicht
nur für Deutschland.
SPIEGEL: Auch für die Briten? Werden die
ihren Rabatt auf die EU-Beitragszahlungen endlich verlieren?
Prodi: Davon gehe ich aus, jedes Land muss
das voll mittragen. Wenn wir es gut machen, werden im Übrigen die wirtschaft-
REUTERS
SPIEGEL: Herr Präsident, Sie haben einen
Kommissionspräsident Prodi: „Wir dürfen keine Angst haben“
lichen und politischen Auswirkungen der
Erweiterung allen zusätzliche Chancen bieten – in einem Moment, da unsere Wachstumsrate wahrscheinlich nicht schlecht sein
wird.
SPIEGEL: Dennoch bleiben die Kosten ein
enormes Risiko.
Prodi: Ich will nicht, dass die Menschen die
Erweiterung als eine Last ansehen. Sie ist
vielmehr eine phantastische politische Entscheidung. Wir müssen da ohne zu viele
Berechnungen vorgehen. Nur das ist vernünftig, denn wenn wir alles berechnen,
gelingt nichts.
SPIEGEL: Die Bundesregierung meint, dass
sie jetzt schon zu viel an die EU zahlt …
Prodi: … das Problem wurde bis auf wei-
teres beim letzten Gipfel geregelt. Aber
keine Regel gilt ewig. Wenn sich die Bedingungen verändern, muss sich auch die
Belastung verändern. Wir sollten jedoch
bedenken, dass die Zahlungen der Mitgliedstaaten für alles, was die EU tut, weniger als 1,27 Prozent des Volkseinkommens betragen. Das ist ja nicht so schrecklich viel.
SPIEGEL: Wollen Sie damit andeuten, dass
diese Begrenzung nach 2006 nicht mehr zu
halten sein wird?
Prodi: Wenn wir das erreichen wollen,
was uns aufgetragen ist, könnte diese Begrenzung fallen.
GAMMA / STUDIO X
DPA
SPIEGEL: Wird mit der Osterweiterung eine historische Mission
erfüllt?
Prodi: Ja. Ich glaube an die Erweiterung. Sie ist gut. Sie dient
dem Frieden, auch auf dem Balkan. Die Erweiterung ist versprochen – deutlich, feierlich, sogar mit Terminen. Dazu müssen
wir stehen. Die Aufgabe wird
sich natürlich hinziehen. Aber
wie lange haben wir für die
Währungsunion gebraucht? Ich
möchte Europa jedenfalls noch
selbst auf diesen Weg bringen.
SPIEGEL: Sie gehen also fest davon aus, dass die ersten Beitrit- Polens Präsident Kwas´niewski: „Feierlich versprochen“
te in Ihre Amtszeit fallen?
Prodi: Ja, vor dem Ende meiner Amtszeit SPIEGEL: Beim Kopenhagener Gipfel 1993
im Januar 2005 wird die EU größer sein.
wurden sehr strenge Kriterien für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen und
SPIEGEL: Wo endet für Sie Europa?
Prodi: Das ist eine schwierige Frage. Früher den Beitritt selbst festgelegt. Sollten diese
war Europa für mich das Europa der sechs Kriterien aus übergeordneten politischen
EWG-Gründerstaaten. Aber ich habe mei- Gründen überdacht werden?
ne Vorstellung von Europa als politischer Prodi: Die Kriterien für Demokratie, MenEinheit geändert. Ich denke, Europa endet schenrechte, Minderheitenschutz, Eigenda, wo die Menschen es wollen. Das ist tumsrechte, Religionsfreiheit können nicht
nicht geografisch zu fassen, sondern poli- geändert werden, sie bilden das Fundatisch, kulturell, es handelt sich um einen ment unseres Zusammenlebens, da geht es
komplexen Prozess.
um die Seele Europas. Aber wir müssen
SPIEGEL: Ist Europa für Sie mit dem Begriff jene anderen Kriterien intelligent interdes christlichen Abendlandes verbunden? pretieren, die sich mit Sozialem und ÖkoProdi: Ich bin zwar religiös, aber ich sehe nomie befassen.
die Religion nicht als Hindernis. Sie spie- SPIEGEL: Mehr Flexibilität?
len auf das Problem der Türkei an. Die Er- Prodi: Ja. In einigen Fällen sollten wir uns
weiterung darf nicht nur eine Freihandels- für lange Übergangsfristen entscheiden.
zone zum Ziel haben. Ich erwarte auf dem Es wäre falsch und gefährlich, die AufEU-Gipfel im Dezember in Helsinki einen nahme wie eine Prüfung anzusehen – man
Beschluss der Staats- und Regierungschefs, bekommt ein Formular, und dann wird
dass die Türkei förmlich Beitrittskandi- abgehakt. Ich bin kein Professor, der
dat wird. Wir müssen das tun. Wir müssen einer Kommission zur Examinierung neuaber auch sehr aufrichtig sein. Denn da- er Mitglieder vorsitzt. Wir sind überzeugt,
mit beginnt erst ein langer Prozess der dass es besser ist, zusammenzuleben
Annäherung.
als getrennt. Das entwickelt doch DynaSPIEGEL: Wird sich die Türkei damit zufrie- mik. Wenn wir es dabei nicht schaffen,
dass eins plus eins auch mal drei oder vier
den geben?
Prodi: Die Atmosphäre ist jetzt viel freund- sein können, machen wir einen schweren
licher. Die Türkei hat verstanden, wie wich- Fehler.
tig der Annäherungsprozess ist, aber auch, SPIEGEL: Erweiterungskommissar Verheuwie langwierig und schwierig er sein wird. gen aber sagt: keinerlei Beitrittsrabatt.
Tschechiens Staatschef Havel
„Besser zusammenleben als getrennt“
Prodi: Es gibt keinen Unterschied zwischen
Verheugen und mir.
SPIEGEL: Verheugen wendet sich auch gegen
lange Übergangsfristen, da sie die Integration behindern.
Prodi: Auch Spanien wurde seinerzeit eine
lange Übergangszeit gewährt. Ich will
nicht, dass die Beitrittskandidaten frustriert werden und den Eindruck bekommen, wir berücksichtigten ihre Probleme
nicht.
SPIEGEL: Aber der Wille, bei den notwendigen Reformen für die EU-Qualifikation
aufs Tempo zu drücken, könnte sich dadurch abschwächen.
Ausland
SPIEGEL: Die Regierungschefs haben es
Übergangsfristen mit vielen Bedingungen
verknüpfen. Natürlich ist es wichtig, streng
zu sein. Sie sprechen schließlich mit einem
Italiener, der als Ministerpräsident von
strengen Kriterien für die Währungsunion
profitierte, weil sie mir innenpolitisch bei
den nötigen Reformschritten halfen. Strenge und politischer Weitblick, beides muss
zusammenkommen.
SPIEGEL: Sie haben kürzlich sogar verbindliche Beitrittstermine als Ergebnis des Helsinki-Gipfels angekündigt. Müssen Sie unter dem Druck vieler Mitgliedstaaten nicht
wieder davon abrücken?
Prodi: Ich bleibe dabei. Ich erwarte nachdrücklich, dass Helsinki mit einer präzisen
Zeittafel für den Einigungsprozess endet,
denn die Kandidaten haben ein Recht zu
erfahren, wie lange der Prozess dauern
wird.
SPIEGEL: Fällt in Helsinki auch die Entscheidung, mit der zweiten Gruppe der
EU-Kandidaten in förmliche Beitrittsverhandlungen einzutreten?
Prodi: Ja. Aber mir wäre lieber, wenn Sie
nicht von Gruppe sprechen würden. Das ist
keine Herde, es sind einzelne Staaten, mit
denen differenziert zu verhandeln ist.
SPIEGEL: Ein Land wie Rumänien erfüllt
eindeutig nicht mal die Bedingungen für
die bloße Verhandlungsaufnahme.
Prodi: In Rumänien gibt es phantastische
Fortschritte beim Umgang mit Minderheiten. Wirtschaftlich verlief die Entwicklung allerdings viel langsamer als erwartet. Dennoch muss man mit dem Verhandeln beginnen. Wir dürfen keine Angst
haben.
SPIEGEL: Erfahrungsgemäß schätzen die
Staats- und Regierungschefs hochfliegende
Pläne eines Kommissionspräsidenten nicht
sonderlich …
Prodi: … wir haben doch keine gegenläufigen Interessen. Ich werde von den Regierungen unterstützt, wenn sie glauben, dass
ich ihnen dabei helfe, Ziele zu erreichen,
die sie allein nicht erreichen können. Ich
werde das versuchen, mit den Mitteln, die
mir zur Verfügung stehen.
nicht gern, wenn jemand in Brüssel über
ihnen steht.
Prodi: Wenn es einen Kampf gibt, gibt es
eben einen Kampf. Aber wenn man mit aller Kraft danach strebt, die Bedingungen
für alle zu verbessern, dann gibt es doch gemeinsame Interessen. Der Kosovo-Krieg hat
deutlich gezeigt, dass wir einander brauchen und gemeinsam vorgehen müssen.
SPIEGEL: Einen Rücktritt der neuen Lichtgestalt Prodi können sich die Staats- und
W. v. CAPPELLEN / REPORTERS
Prodi: Das kommt darauf an. Man kann die
Prodi (M.), SPIEGEL-Redakteure*
„Strenge und Weitblick“
Regierungschefs gegenwärtig nicht leisten.
Macht Sie das stark?
Prodi: Die Staats- und Regierungschefs, die
mich berufen haben, kennen mich und meine Vorstellungen. Sie wissen spätestens seit
jener dramatischen Nacht auf dem Gipfel in
Amsterdam, dass Europa für mich eine Mission ist. Damals habe ich zusammen mit
dem belgischen Premierminister Dehaene
vergebens versucht, mehr Reformen für ein
handlungsfähiges Europa durchzusetzen.
SPIEGEL: Grundlegende Neuerungen sind
eine Voraussetzung dafür, dass die EU
überhaupt neue Mitglieder aufnehmen
kann. Wollen Sie die 15 Mitgliedstaaten bereits in Helsinki verbindlich darauf festlegen, dass die EU spätestens 2002 aufnahmebereit sein wird?
Prodi: Ja, ich dränge darauf.
* Dirk Koch und Winfried Didzoleit.
SPIEGEL: Die erweiterte Union kann nur
funktionieren, wenn im Rat der EU künftig überwiegend mit Mehrheit entschieden
wird. Dagegen gibt es heftige Widerstände.
Prodi: Mehrheitsentscheidungen müssen die
Regel werden. Einstimmigkeit wird immer
gegen etwas ausgespielt, nicht für etwas.
Das Vetorecht scheint zwar für viele Staaten von Vorteil zu sein. Aber es ist nicht
fair, es verführt zur Erpressung. Einstimmigkeit ist schon mit 15 Mitgliedern mehr
als problematisch, mit 20 oder 25 aber kaum
mehr zu erreichen. Sie darf daher nur noch
für Ausnahmen, etwa für Änderungen des
EU-Vertrags, gelten. In den meisten Bereichen genügen qualifizierte Mehrheiten. Mit
51 zu 49 Prozent aber können die Entscheidungen auf europäischer Ebene natürlich
nicht fallen. Wir brauchen qualifizierte
Mehrheiten. Das jetzt geltende Vetorecht
wird niemals zu guten, sondern immer zu
eigennützigen Zwecken eingesetzt.
SPIEGEL: Gerade deswegen fällt der Verzicht doch so schwer. Wie wollen Sie etwa
den spanischen Ministerpräsidenten Aznar
von seinem Nein zur Ausweitung des
Mehrheitsprinzips abbringen, die ja auch
einstimmig beschlossen werden muss?
Prodi: Man muss ihm und anderen natürlich
zeigen, dass Mehrheitsentscheidungen
auch im Interesse ihrer Länder sind. Ich
baue auf die spanische Regierung und das
spanische Volk. Die Spanier sind zutiefst
davon überzeugt, dass Europa für sie ein
Erfolg ist. Aznar vertritt ein dynamisches
europäisches Konzept.
SPIEGEL: Sie meinen, er kann die Fortentwicklung der europäischen Institutionen
schon aus innenpolitischen Gründen nicht
blockieren?
Prodi: Es geht nicht darum, ob er es kann,
er will es gar nicht. Wir brauchen nun mal
einen Entscheidungsprozess, der nicht auf
Einstimmigkeit beruht.
SPIEGEL: Sie haben gewarnt: Je größer die
EU, um so schwieriger wird es, Themen
auf europäischer Ebene zu entscheiden.
Fürchten Sie eine Schwächung durch Überdehnung, die schließlich sogar das Projekt
Europa insgesamt gefährden könnte?
REUTERS
EU-Gipfel in Köln (im Juni): „Die Bande sind stark und loyal“
Prodi: Ich habe schon ein wenig Angst vor ei-
ner solchen Entwicklung. Ich bin Ökonom,
ich kenne das. Ich habe meinen Studenten
immer wieder vorgebetet, was Erweiterung
bedeutet: 33 Prozent mehr Fläche, 30 Prozent mehr Bevölkerung, 8 bis 9 Prozent
mehr Einkommen. Das ist schon was.
SPIEGEL: Ist ein Europa der Zukunft vorstellbar, in dem sich um einen harten Kern
– die Mitglieder der Währungsunion – andere Staaten auf unterschiedlichen Integrationsstufen bewegen?
Prodi: Warum nicht? Aber natürlich darf es
kein Europa à la carte geben. Alle Staaten
müssen sich Europa verantwortlich fühlen
und Vollmitglieder sein. In diesem Rahmen
sind dann auch engere Vereinbarungen
zwischen einigen Ländern möglich.
SPIEGEL: Nicht nur im Osten, auch im Westen kommen schwere Konflikte auf die EU
zu. Werden Handelskriege mit den USA
ein Dauerzustand?
Prodi: Hier wurden in der Vergangenheit
viele Fehler gemacht, auf beiden Seiten
gab es Missverständnisse. Die EU muss
noch vor Beginn der neuen Verhandlungsrunde im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) Ende November in
Seattle mit den USA einen intensiven
Dialog beginnen, in dem wir nüchtern feststellen: Einiges können wir nicht so einfach lösen, weil wir Probleme haben, etwa bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln.
SPIEGEL: Washington ist sehr aufgebracht
über das Einfuhrverbot für Hormonfleisch.
Die USA kontern mit Strafzöllen, etwa für
Roquefort-Produzenten.
Prodi: Europa muss noch vor den offiziellen WTO-Verhandlungen mit den USA offen reden. Mit einigen künstlich veränderten Nahrungsmitteln können wir uns nicht
abfinden, weil das Emotionen weckt – vielleicht ja sogar zu Unrecht. Aber nach dem
Rinderwahn-Skandal ist die europäische
Bevölkerung nun einmal sehr argwöhnisch.
Ich muss den Amerikanern erklären, dass
es Bereiche gibt, in denen ich nichts machen kann. Dafür muss auf anderen Feldern ein Ausgleich gesucht werden.
SPIEGEL: Sollte Ihre Kommission, aus welchen Gründen auch immer, ebenso scheitern wie die Ihres Vorgängers Jacques Santer, wären dann die Folgen für die EU wesentlich schlimmer?
Prodi: Beim ersten Herzinfarkt denkt man
stets, das ist noch mal gut gegangen. Der
zweite aber ist in der Regel tödlich.
SPIEGEL: Kennt das Parlament seine Verantwortung oder wird es der Versuchung
erliegen, sich mutwillig im Streit mit der
Kommission zu profilieren?
Prodi: Vor ein paar Wochen hat mir jeder
noch erzählt, dass ein gutes Verhältnis zum
Parlament ein Ding der Unmöglichkeit sei.
Ich finde, wir haben inzwischen eine gute
Basis gefunden. Die Beziehungen sind
manchmal schwierig, aber die Bande sind
stark und loyal.
SPIEGEL: Doch es besteht keine Waffengleichheit. Dieses Parlament kann machen,
was es will, es kann nicht aufgelöst und in
Neuwahlen zur Rechenschaft gezogen werden. Muss sich das ändern?
Prodi: Da haben Sie Recht. Wir sind in der
Phase, uns eine neue Verfassung zu geben.
Das ist eine historische Veränderung. Das
Parlament wird das akzeptieren, wenn es
auch Vorteile davon hat. Es will ein normales Parlament werden – mit den gleichen Rechten und Pflichten wie ein richtiges Parlament.
SPIEGEL: Wird das noch in Ihrer Amtszeit
möglich sein?
Prodi: Nein, ich pflanze da nur einen Baum.
SPIEGEL: Einen Olivenbaum, wie Ihr Regierungsbündnis in Italien?
Prodi: Einen Apfelbaum, wie er in ganz Europa gedeiht. Wahrscheinlich werden die
Äpfel während meiner Amtszeit nicht mehr
reif. Aber ich muss den Baum jetzt pflanzen, sonst gibt es nie reife Äpfel.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
DPA
Ausland
Absturz eines russischen Hubschraubers in Dagestan: „Damit unsere Jungs mal richtiges Pulver zu riechen bekommen“
RUSSLAND
Sturm gegen die Schwarzen
Mitten in Moskau rollt eine ethnische Säuberung.
Terroristenjagd und der neue Feldzug in Tschetschenien liefern
einen Vorwand für die Rückkehr zum autoritären Staat.
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REUTERS
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Uniformierte Kontrolleure durchkämmmer ist es Nacht in Moskau, wenn die
Polizei – meist auf dem Kursker Bahn- men die Stadtviertel, versiegeln Keller
hof – einen Perron absperrt: Zugang für und Dachböden, klingeln an jeder Wohgewöhnliche Reisende verboten. Dann nungstür, wollen Pässe, Mietverträge, Zuzugsbescheinigungen sehen. Bewaffnete
starten die Deportationszüge.
Manchmal werden einem regulären Ex- mit Stahlhelm marschieren durch die
press auch nur ein paar Waggons an- Schlafstädte, durchsuchen an den Ausgehängt, je nachdem, wie gefüllt die städ- fallstraßen Fahrzeuge, sistieren verdächtitischen Abschiebestellen sind. Klamm- ge Nachtbummler, als stünde ein mächtiheimlich, im Schutz der Dunkelheit und im Schatten sich ausbreitender Terroristen-Hysterie, lässt die Moskauer Obrigkeit
tausende überprüfen, hunderte fortschaffen, allesamt schwarzhaarige Bürger kaukasischer
Herkunft.
Zwei von drei Russen halten
die Zugereisten aus dem Bergland zwischen Kaspischem und
Schwarzem Meer pauschal für ein
Sicherheitsrisiko, ebenso viele
befürworten ihren gewaltsamen Freischärler in Grosny: Vergeltung hinter der Front
Abtransport. Massive staatliche
Hetze hat ein altes Feindbild auflodern las- ger Feind unmittelbar vor den Toren.
sen, nun rollt eine ethnische Säuberung in Wer durch südländisches Aussehen auffällt
Russland, die weitaus wirksamer funktio- und sich nicht ausweisen kann, riskiert
niert als die Fahndung nach angeblichen stundenlangen Aufenthalt auf unwirtlichen
Polizeirevieren. Drei, vier PersonenüberAttentätern.
Gesundes Volksempfinden macht da prüfungen auf dem Weg zur Universität,
ohnehin keinen großen Unterschied: „Die berichtet verschüchtert der arabische GastSchwarzen müssen nicht nur weg“, student Achmed, 28, seien für ihn „jetzt die
schnarrt ein Polizist im Abschub-Einsatz, Regel“.
Mit Schlagstöcken prügeln städtische
„weil sie unsere Häuser in die Luft sprengen, sie sind sowieso sozialschädliche Büttel unter dem Beifall der Bevölkerung
die flinken kaukasischen Händler von den
Elemente.“
Märkten: Ingusche, Tschetschene, Aserbaidschaner, Armenier – egal, der „Schwarze“ wird verbannt. Mindestens weitere
40 000 Menschen, meldet die Tageszeitung
„Kommersant“, würden demnächst aus
Moskau ausgewiesen. Die Fahrkarte in die
Verbannung, zur Zarenzeit noch auf Staatskosten verabreicht, müssen sie selbst bezahlen.
Die jetzt landesweit laufende Aktion
„Wirbelsturm“ nutzt Moskaus bulliger
Oberbürgermeister Jurij Luschkow, 63, der
gern bald in den Kreml umzöge und bei
dessen gegenwärtigem Hausherrn darum
schlecht gelitten ist. Prompt spielen Jelzinfreundliche Medien sich nun als Verteidiger
von Menschenrechten gegen die städtische
Ausländerpolitik auf.
Sie lenken damit ab von der anderen
Panikmache wider die kaukasische Gefahr,
dem neuen Feldzug ihres Präsidenten gegen Tschetschenien. Schon zu Beginn der
Kampagne hatte Russlands Premier Wladimir Putin, ein ehemaliger KGB-Offizier,
Parolen ausgegeben, die alle Mittel heiligen: „Russland muss sein tschetschenisches
Schuldsyndrom loswerden.“ Und: Es gehe
um die „Konsolidierung der Nation“.
Es geht um die angeschlagene Zarenfamilie.Als Rufe nach Jelzins Rücktritt wegen
des ausufernden Finanzskandals lauter wurden, zog Putin ungeniert Parallelen zum
deutschen Überfall auf die UdSSR: Das sei
so, „als hätte damals, am 22. Juni 1941, jemand Stalin zum Rücktritt aufgefordert“.
Zum Angriff im Kaukasus ist jetzt ein
Heer von 60 000 Mann zusammengezogen
worden; 50 bis 70 Attacken fliegt die russische Luftwaffe jeden Tag gegen Tschetschenien, das so groß wie Thüringen ist,
und zerbombt nach Nato-Muster heroisch
Viehställe und Wohnhäuser, Ziegeleien und
Werkstätten, Ölquellen, sieben Brücken
und den Fernsehsender. Über 400 Zivilisten
kamen bisher ums Leben.
Regierungschef Putin erteilte persönlich
den Freibrief, über verbrecherische Ziel-
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Ausland
REUTERS
vorgaben nicht nachzudenken: „Wenn sich
Banditen auf dem Lokus verstecken“,
machte Putin im Kasinojargon seine Krieger scharf, „werden wir sie eben auch dort
massakrieren.“
Die „punktgenau gegen Terroristen gerichteten Schläge“, so der russische Generalstab, haben bereits 90 000 Flüchtlinge
auf die Straße und in die angrenzenden
Republiken gejagt, vor allem nach Inguschien. Verteidigungsminister Igor Sergejew hat 180 Millionen Mark für die Kriegskasse angefordert, kein Problem: Der Weltwährungsfonds will Moskau demnächst 640
Millionen Dollar gutschreiben.
„Wir werden alle Mittel einsetzen bis
zum erfolgreichen Abschluss der Operation“, brüstet sich Vize-Generalstabschef
Jurij Balujewski, „außer Atomwaffen.“ Deren Einsatz hatten russische Nationalisten
empfohlen.
Die bereits in drei Keilen über die Grenze gerückten Verbände haben sich exakt in
jener Region eingegraben, die viele Russen
gern wieder von Tschetschenien abgetrennt
Verteidigungsminister Sergejew, Jelzin
180 Millionen Mark für die Kriegskasse
sähen – die Ebene im Norden bis zum Terek-Fluss, die bis zu den fünfziger Jahren
noch zum russischen Gebiet Stawropol
gehörte.
Schon wird eine Quisling-Regierung
präpariert. Moskau sei womöglich bereit,
so streuen Kreml-Beamte, einer Rest-Republik Itschkeria die Unabhängigkeit zu
gewähren oder einer Protektoratslösung
nach Kosovo-Vorbild zuzustimmen. Präsident Jelzin dränge zur Eile, weil er Mitte
November auf dem OSZE-Gipfel in Istanbul eine solche Lösung vorstellen wolle,
um nicht mehr wegen andauernden Blutvergießens in der abtrünnigen Provinz unter Kritik zu geraten.
Dabei hat sich die angebliche tschetschenische Spur der Attentate auf Wohnblocks in Moskau und in der russischen
Provinz bislang nicht nachweisen lassen. In
Rjasan, Garnisonstadt des in Dagestan eingesetzten 137. Luftlanderegiments, fanden
sich in einem Keller drei Säcke mit Zucker
und Hexogen-Sprengstoff, 240 Hausbewohner wurden in ein Kino evakuiert.
Die Kripo fahndete nach den Tätern, da
gab der Geheimdienst FSB zu, die Bomben
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selbst deponiert zu haben, um „Engpässe
in der Tätigkeit der Rechtsorgane“ aufzudecken – wie auch noch in anderen Städten, etwa in Saratow, wo eine Aktentasche
mit einer Bombe vor einer Lotterie-Bude
abgestellt wurde.
General a. D. Alexander Lebed beschuldigte gar unverblümt die gegenwärtigen
Machthaber, hinter den Explosionen in
Moskau zu stehen: Sie hätten, meint der
Gouverneur von Krasnojarsk, in dem
tschetschenischen Islamisten-Führer und
„ehemaligen KGB-Informanten Bassajew“
ein „großartiges Instrument zur Destabilisierung der Lage“ gefunden. Mit der
Ankündigung, er halte sich zur Wiederherstellung der Ordnung im Lande bereit,
lieferte Lebed der „Iswestija“ vorigen Freitag die Schlagzeile: „Umsturz“.
Die Zeit drängt. Für den Fall einer Okkupation hat Tschetscheniens Verteidigungsminister Magomed Chambijew Vergeltung hinter den russischen Frontlinien
angekündigt. Der russische Menschenrechtler Sergej Kowaljow prophezeite, als
Antwort auf Moskaus Kriegswillkür würden bald „überall in Russland Wohnhäuser
in die Luft fliegen“.
Solange die Terroristen-Furcht der Bürger anhält, hat Premier Putin ein bequemes Alibi für den Rückfall in autoritäre Herrschaftsmethoden. Ein Chefredakteur wünscht sich folgsam, „die Eiterbeule Tschetschenien erbarmungslos auszudrücken“, ein anderer verlangt mehr
Rekruten an der Front, „damit unsere
Jungs mal richtiges Pulver zu riechen bekommen“.
Da möchte niemand als BanditenFreund in Verruf geraten. Sogar Grigorij
Jawlinski, Chef der liberalen Jabloko-Partei, fordert den Notstand im Kaukasus zur
Unterstützung „unserer tapferen Soldaten“. Anatolij Tschubais, einst Chef-Privatisierer und heute Energiemanager, wirbt
für die gewaltlose Idee, Tschetschenien sofort den Strom abzudrehen. Gaslieferungen
sind ohnehin schon eingestellt, die Renten-Überweisungen ebenso.
Der Blockwart ist in der Hauptstadt allerorts wieder da, formiert Hausgemeinschaften, denunziert kaukasische Mitbewohner bei der Polizei und fordert sie zum
Auszug auf. Ein pensionierter General berichtet stolz, wie er seine Nachbarn auf
Zack gebracht habe: Sie melden inzwischen Besucher bei ihm an, notieren die
Nummern verdächtiger Fahrzeuge, kommen mit ihren Jagdgewehren zum Appell
und kontrollieren alle Pakete, die der Briefträger ins Haus bringt.
Solche wunderbare „Wachsamkeit“,
freut sich der jäh wieder gebrauchte
Sowjetmensch, sei die Voraussetzung „für
eine bürgerliche Gesellschaft“. Dissident
Kowaljow warnt, vielleicht dauere es
nur noch einen Augenblick, „und wir befinden uns wieder in unserer Vergangenheit“.
Jörg R. Mettke
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S Ü DA F R I K A
Dr. Mengele
am Kap
Prozess gegen den Giftmischer
des Apartheidregimes:
Mit neuartigen Biowaffen
sollten schwarze
Aufständische bekämpft werden.
A
AP
ls die Fahnder am 27. Januar 1997
den gedrungenen Mann mittleren
Alters beim versuchten Verkauf
von 1000 Ecstasy-Tabletten abgriffen, reagierte der Verhaftete nach dem ersten
Schreck geradezu erleichtert: „Gott sei
Dank“, sagte Wouter Basson, „ich dachte schon, ich sei am Ende.“
Die Tabletten, so sollte sich bald herausstellen, waren nur ein vergleichsweise
harmloses Nebenprodukt einer gewissenlosen zehnjährigen Forschertätigkeit. Der
Militärarzt und Herzspezialist Basson, 49,
hatte eines der geheimsten Militärprojekte des Apartheidregimes gemanagt: das unter dem Decknamen „Project Coast“ ope- Aufstand gegen das Apartheidregime (1986 im
rierende Programm zur Entwicklung biologischer und
chemischer Kampfstoffe.
Mit Recht fürchtete Basson
deshalb Nachstellungen ausländischer Geheimdienste.
Und so war er am Tag seiner
Festnahme nachgerade froh,
nicht in die Hände feindlicher
Agenten gefallen zu sein.
An diesem Montag beginnt
sein Prozess. Mindestens zwei
Jahre wird das Verfahren vor
dem Obersten Gerichtshof in
Pretoria dauern. Es könnte
ein weltumspannendes Gespinst von Intrigen aufdecken:
Ausländische Agenten müssen Beschuldigter Basson: Arzt mit Lizenz zum Töten
ihre Enttarnung befürchten,
international anerkannte Wissenschaftler plosive Seifendosen und unverdauliche
werden als Helfershelfer eines von Schokolade; mit Milzbrandbakterien infiAllmachtsphantasien besessenen Mannes zierte Zigaretten und mit Unkrautvernicham Pranger stehen. 200 Zeugen sind gela- ter versetzter Whisky.
den, darunter geständige Totschläger und
Bassons Auftrag lautete, nicht nachzuhochrangige Militärs. Erstmals werden sie weisende Substanzen zur Ermordung
zu verdeckten Operationen Stellung neh- schwarzer Befreiungskämpfer zu finden.
men müssen, die den Weißen die Vor- Sein Ehrgeiz soll sich nach Aussagen von
machtstellung am Kap nicht mittels Folter Mitarbeitern darauf konzentriert haben,
und Gewehren, sondern mit lautlosen und eine Bakterie zu entwickeln, die nur Farkaum nachweisbaren Methoden sichern bigen gefährlich werden würde. Mit einer
sollte.
solchen „Genbombe“ nämlich hätte das
Von 1981 bis 1991 entwickelten die als weiße Minderheitenregime die „schwarze
Forschungslabors getarnten Giftküchen des Gefahr“ auf immer in Schach halten
Dr. Basson Spezialwaffen, die James Bond können.
begeistert hätten: Spazierstöcke, die verAuch die Ecstasy-Tabletten stammten
giftete Kugeln abschossen; Schraubenzie- aus Bassonscher Produktion. Sie sollten
her, in die mit tödlichen Substanzen ge- angeblich der „nicht tödlichen Kontrolle
füllte Injektionsnadeln montiert waren; ex- von Massenaufständen“ dienen. Der Er212
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ARCHIVE PHOTOS
MAGUBANE / GAMMA / STUDIO X
fung gefälschter Reisepässe. Ein Angehöriger
des britischen Militärgeheimdienstes stellte
ihm sogar sein Bankkonto für illegale Geldtransfers zur Verfügung. Und
die Schweizer Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen verbotener Technologietransfers
gegen eigene Agenten.
An die 300 Seiten umfasst die Anklageschrift
gegen den Dr. Mengele
Südafrikas. Neben vielfachem Betrug glaubt die
Staatsanwaltschaft, dem
Arzt persönlich 16 Morde und 13-mal Beihilfe
zum Mord nachweisen zu
können.
Die meisten Opfer der
Giftcocktails des „Dr.
Death“, wie die Presse
den gewissenlosen Mediziner taufte, waren, so die
Anklage, in südafrikanische Gefangenschaft geratene Swapo-Kämpfer
der Befreiungsbewegung
Transvaal): Überdosis für gefangene Freiheitskämpfer
für Südwestafrika, dem
forschung eines Mittels, das nur Schwarze heutigen Namibia.Von seinen Vorgesetzten
unfruchtbar gemacht hätte, galt sein ganz im Militärhauptquartier in Pretoria beauftragt, die überfüllten Lager auszudünnen,
besonderes Interesse.
Auf der Suche nach neuesten Erkennt- lieferte Basson muskellähmende Substannissen auf dem Gebiet chemischer und bio- zen, die, in Überdosen verabreicht, zum
logischer Kampfstoffe bereiste Basson die Ersticken führen. Über 200 Insassen starWelt. Sein Netz reichte von Zagreb bis ben. Ihre Leichen verschwanden im Meer.
Auch Nelson Mandela, die Ikone des BeBrüssel, und seine Mission war so geheim,
dass eine Ausgabenkontrolle nicht statt- freiungskampfes, stand auf der Liste des
fand. Scheinfirmen in der Schweiz, in Lu- Arztes mit der Lizenz zum Töten. Dem
xemburg, auf den Cayman Inseln und in Schwarzenführer war ein schleichender
Großbritannien sollen im Laufe der Jahre Gesundheitsverfall zugedacht. Seinen Mefast 25 Millionen Mark aus dem Staats- dikamenten sollte das giftige Schwermetall
Thallium beigemischt werden. Schädigunhaushalt geplündert haben.
Bewusst oder unbewusst verhalfen auch gen am Nervensystem sollten Mandela in
europäische Forscher dem Giftmischer zu seiner Wirksamkeit einschränken.
Dass ihm seine erneuen Erkenntnissen oder
träumte Endlösung nicht
Instrumenten. So lieferte
gelang, mag Basson bis
der belgische Toxikoloheute bedauern. Der
ge und ehemalige UniArzt bestreitet zwar, an
versitätsprofessor Aubin
Morden beteiligt gewesen
Heyndrickx Geräte zum
zu sein, steht aber zu
Aufspüren von Kampfgaseinen Überzeugungen.
sen, die nur an Nato-LänNoch Mitte vergangeder hätten verkauft wernen Jahres gab er vor
den dürfen; er soll diese
Südafrikas Wahrheitszudem noch seinem Unikommission zu ProtoLabor in Gent in Rechkoll:
nung gestellt haben.
„Sollte meine Tochter
Basson bestach Militärs
mich eines Tages fragen,
und Zollbeamte. Und weil
was ich getan habe, daer sich als Wehrdienstvermit Südafrika nicht in die
weigerer und Gegner des
Hände der Schwarzen
Rassenregimes ausgab,
fällt, so kann ich ihr sahalfen Botschaften und
gen: Mein Gewissen ist
Nachrichtendienste zurein.“
weilen bei der Beschaf- Häftling Mandela (1966)
Birgit Schwarz
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Ausland
Gang nach
Canossa
Premier Jospin in der Klemme:
Die Partei drängt ihn nach
links, aber ohne die Mitte kann er
nie Staatschef werden.
D
Der Premier witterte die Gefahr aus
dem eigenen Lager. Vorigen Montag, zwei
Wochen nach seinem „Bibendum“-Lapsus,
versuchte er, den Schaden einzudämmen.
In Straßburg verlas er vor der Pariser
Sozialistenfraktion einen ganzen Katalog
von Sozialmaßnahmen; es klang wie eine
Regierungserklärung für die zweite Halbzeit seiner 1997 begonnenen Regentschaft.
21-mal bot der linke Canossa-Gänger die
magische Formel „Regulierung“ dar.
Neben Versprechen für Frauen und Familien, Vorstadtbewohner und überschuldete Mitbürger warnte der Premier die Manager: Unternehmen mit guter Ertragslage,
die Jobs strichen, würden künftig mit Entzug staatlicher Beihilfen bestraft. Auch sollten Verhandlungen über die Einführung
der 35-Stunden-Woche obligatorisch werden, bevor Betriebe Sozialpläne für Massenentlassungen vorlegen dürften. Und
wer zu viele Beschäftigte mit befristeten
Arbeitsverträgen habe, könne ja vielleicht
höhere Sozialabgaben zahlen.
Obwohl Jospin das liberale Europa-Manifest Schröder-Blair ablehnt und Europa
er Mann hat politische Durststrecken, demütigende Jahre unter
dem autoritären Staatspräsidenten
François Mitterrand, eine Schilddrüsenerkrankung und die zwei ersten Jahre
als Frankreichs Premierminister glücklich
überstanden.
Doch jetzt schleuderte den aufrechten
Sozialisten Lionel Jospin, 62, ein wulstiges
Gummimännchen, das unter dem lateinischen Namen „Bibendum“ (nach dem
Motto der Gründer „nunc est bibendum“,
der Kelch muss nun geleert
werden) seit rund hundert
Jahren als eine Art nationale Figur Pneus und Gourmetfibeln des Reifenherstellers Michelin ziert,
schier aus der Bahn.
Das in Clermont-Ferrand
beheimatete Weltunternehmen (129 000 Beschäftigte) hatte großspurig mit
einer Gewinnsteigerung
von 17,3 Prozent geprahlt
und im selben Atemzug
die Entlassung von 7500
Arbeitnehmern angekündigt. Der „zynische Rückfall in Arbeitgebermethoden des letzten Jahrhun- Premierminister Jospin: Gefahr aus dem eigenen Lager
derts“ (so die Gewerkschaft
Force ouvrière) brachte die Linke zum sozialistischer einfärben will, trauen die
Schäumen und Jospin in die Klemme.
Linken seiner ideologischen StandfestigDenn der Fall Michelin wuchs sich von keit nicht mehr. Der Verdacht ist begrüneiner Arbeitgebersünde zur politischen det: Jospin, der mehr Staatsunternehmen
Affäre aus, als der Chef der linken Koali- privatisiert hat als die drei letzten rechten
tion aus Sozialisten, Kommunisten und Regierungen zusammen, will im Jahr 2002
Grünen eine Woche später die Provo- Präsident werden. Und um Jacques Chirac
kation der Reifen-Bosse achselzuckend ab- aus dem Elysée zu vertreiben, braucht er
tat. Der Staat könne, so Jospin im Fern- die bürgerliche Mitte.
sehsender France 2, „die Wirtschaft nicht
Nach dem rhetorischen Linksschwenk
administrieren“. Und: „Der Staat kann schlug in der zum solidarischen Sparen aufnicht alles reglementieren.“
gerufenen Republik schon wieder eine
Noch vor kurzem hatte Jospin die „Dik- Meldung über kapitalistische Exzesse ein:
tatur der Aktionäre“ verdammt, doch Die Presse enthüllte, dass der abgehalfnun schien er eine sozialistische heilige terte Boss des Ölmultis Elf Aquitaine, PhiKuh zu opfern – die „Regulierung“ der lippe Jaffré, mit an die 100 Millionen Mark
Wirtschaft durch den Staat. Für altgedien- abgefunden worden sei.
te Genossen war das Verrat. KPF-Chef
Es sei an der Zeit, drohte da KoalitionsRobert Hue rief für den 16. Oktober zu partner Hue, „die fundamentale Grenze
Kundgebungen auf. Man müsse der „kapi- zwischen Kommunisten und Sozialisten“
talistischen Globalisierung“, an der nach neu zu ziehen. Die KP-Postille „L’Humaseiner Auffassung Jospin mitstrickt, Ein- nité“ gab Jospin eine Bewährungschance:
halt gebieten.
„Streng dich an, Genosse.“ Lutz Krusche
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FRANKREICH
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Ausland
USA
Seltsamer Mann
Ein Historiker recherchierte
14 Jahre für die offizielle
Biografie Ronald Reagans – der
Ex-Präsident blieb
ihm dennoch ein Rätsel.
E
jene Zeiten zurück, da er (Jahrgang 1940)
noch nicht einmal geboren war.
Der falsche Morris begleitet den echten
Reagan auf dem Weg vom Sportreporter
zum Filmstar und verfolgt dessen politische Karriere vom Gouverneur Kaliforniens bis zum Chef der Weltmacht. Und er
plauscht während Reagans Krebsoperation
1985 mit dem Chirurgen, der beim Blick
durch das Endoskop einen bösartigen Polypen mit den „dunklen Steilwänden“ der
Rocky Mountains vergleicht.
Kritiker, Kolumnisten und politische
Weggefährten Reagans haben das Werk
deshalb rundweg verrissen: „Literarischer
Schwindel“, rügte die „New York Times“,
„Bio-Fiktion“, wetterte die „Washington
Post“ und beschrieb das Opus als „Akt des
Vertrauensbruchs“. Als „brutal, enorm unfair und unwahr“ bezeichnete Bush das Verdikt, Reagan sei ein „offensichtlicher Hohlkopf“ gewesen. Und Reagans älteste Tochter Maureen klagte: „Der Autor hat eine
unwiederbringliche Gelegenheit vertan.“
Biograf Morris gesteht, dass insbesondere Nancy Reagan, die kämpferische
Behüterin des Präsidenten, von seiner Darstellung nicht erbaut sein dürfte, beharrt
aber darauf, Reagan „sehr, sehr objektiv“
geschildert zu haben.
AFP / DPA
SIPA PRESS
s waren Worte wie aus dem Drehbuch eines sentimentalen Hollywood-Dramas. „Ich beginne jetzt die
Reise, die mich in den Sonnenuntergang
meines Lebens führen wird“, schrieb Ronald Reagan am 5. November 1994 in einem offenen Brief, in dem er seine „amerikanischen Mitbürger“ über seine Alzheimer-Erkrankung informierte.
Würdevoll inszeniert war dieser Abschied des heute 88-Jährigen – der langsame Abstieg in die geistige Umnachtung
sollte der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Im Gedächtnis der Nation hielt sich
die verklärte Erinnerung an jenen 40. Präsidenten der USA, der von 1981 bis 1989 im
Weißen Haus regiert und dem unter seinem Vorgänger Jimmy Carter in Selbst-
Mehr als 14 Jahre brütete Morris über
der Biografie seines Protagonisten; der Historiker begann auf Einladung des Präsidenten schon 1985, Reagan zu interviewen,
er konnte Freunde, Familienmitglieder und
Zeitzeugen befragen, durfte in Amtsräume wie Privatgemächer, Papiere und Tagebücher einsehen. Eine Auswahl seiner
Enthüllungen:
π Reagan gab seiner ersten Frau Jane Wyman 1940 erst nach deren Selbstmordversuch das Jawort;
π weil die Zeit zum Aufwärmen fehlte, erhielt der Präsident nach dem Attentat
1981 mehrere Liter zu kalte Blutkonserven. Dies führte, laut Morris, zu einem
„großen, physiologisch verursachten
Schlaganfall“, von dem sich Reagan angeblich nie erholte;
π seinen Vizepräsidenten und Nachfolger
George Bush betrachtete Reagan nicht
als „richtigen Kerl“, weshalb das Ehepaar Bush nie in die Privaträume im
Weißen Haus gebeten wurde.
Doch den Mythos Reagan konnte Morris nicht dechiffrieren. War der Sohn eines
Alkoholikers aus dem Mittleren Westen
ein charismatischer Staatsmann, oder blieb
der zweitklassige Schauspieler in Wahrheit
immer eine Knallcharge?
Reagan als Modell für Kunststudenten (1940), Präsident (1987), mit Biograf Morris (1988): Abstieg in die geistige Umnachtung
zweifel versunkenen Amerika neuen Lebensmut eingehaucht hatte.
Jetzt ist die „autorisierte Biografie“ des
großen Kommunikators erschienen, Startauflage 300 000, mit zahlreichen unbekannten Details aus der fernen und jüngeren Vergangenheit des früheren Hollywood-Stars*.
Dennoch bleibt die Lebensgeschichte
von „Dutch“ (so lautete der Spitzname des
jugendlichen Reagan) in der selbstkritischen Einschätzung des renommierten Verfassers, des Pulitzer-Preisträgers Edmund
Morris, ein eher „seltsames Buch über
einen seltsamen Mann“.
* Edmund Morris: „Dutch – A Memoir of Ronald Reagan“. Random House, New York; 874 Seiten; 35 Dollar.
216
Der „alte, verrückte Mann“ entzog sich
Morris, der Autor bekam keinen Einblick in
das Innenleben des Kaliforniers. „Ich war
verzweifelt, bis ich feststellte, dass Reagan
jeden, der ihn je gekannt hatte, seine Frau
eingeschlossen, gleichermaßen verstörte.“
Morris, der schon eine viel gepriesene Biografie Theodore Roosevelts geschrieben
hatte, verfiel in eine fast einjährige Depression: „Ich merkte, dass ich, trotz aller
meiner Recherchen, ganz und gar nichts
kapiert hatte.“
Aus seiner Schreibblockade befreite er
sich mit einem Kniff: Der Historiker machte sich zum imaginären Zeitgenossen Reagans, der, wann immer nötig, den Lebensweg seines Helden kreuzt. Dabei verlegt
Morris seine erdichteten Auftritte sogar in
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Die Kluft zum Menschen Reagan, der
ihm oft wie ein herzloser „Gletscher“ erschien, überbrückt Morris vielleicht nur
in jenen ergreifenden Szenen, die den
schwer kranken Pensionär auf seiner
Ranch in Kalifornien schildern: In tragischer Monotonie harkt der einst mächtigste Mann der Welt Laub aus dem
Swimmingpool – und die Sicherheitsbeamten werfen es anschließend wieder
hinein, damit der senile Greis Beschäftigung hat.
Einmal – Reagan erkennt nur noch das
Gesicht seiner Frau Nancy – holt er ein
kleines Keramikmodell des Weißen Hauses
vom Grund seines Aquariums. „Das hat
etwas mit mir zu tun“, sinnt er, „ich weiß
nur nicht was.“
Stefan Simons
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Ausland
J U G O S L AW I E N
„Hinweg mit Milo∆eviƒ“
Der Ministerpräsidenten-Kandidat der demokratischen
Opposition, Dragoslav Avramoviƒ,
über den angestrebten Machtwechsel in Belgrad
die Sozialisten eine Allparteienregierung der nationalen Rettung vorschlagen?
Avramoviƒ: Mein Job als Premier ließe sich weder mit
Milo∆eviƒ noch mit dem serbischen Präsidenten Milutinoviƒ ausüben. Sie sind das
Hindernis für die WiederSPIEGEL: Fast zwei Drittel
herstellung normaler Bezieder serbischen Bevölkerung
hungen zwischen Jugoslasind unzufrieden, fast tägwien und dem Rest der
lich wird demonstriert.
Welt. Wirtschaftlich können
Doch nur wenige trauen
wir uns eine Politik der naderzeit Oppositionsführern
tionalen Sturheit nicht mehr
wie Zoran Djindjiƒ und Vuk
leisten. Milo∆eviƒ muss im
Dra∆koviƒ die MachtInteresse des Landes gehen
übernahme zu. Woran liegt Kandidat Avramoviƒ
– egal ob er schuldig ist oder
es?
Avramoviƒ: Wir haben überaus viele Par- nicht. Er weiß das auch. Er ist ein intelliteien, vielleicht erzeugt das Gerangel an genter Mann. Er war zehn Jahre an der
der Spitze deshalb auch mehr Skepsis bei Macht – Schluss, hinweg mit ihm!
der Bevölkerung.
SPIEGEL: In seinen letzten Reden gibt er
SPIEGEL: Wie wollen Sie denn eine Ein- Durchhalteparolen aus. Könnte er dem
heitsfront der Opposition gegen das Re- Beispiel des irakischen Diktators Saddam
Hussein nacheifern?
gime von Slobodan Milo∆eviƒ herstellen?
Avramoviƒ: Das Regime darf keine Gele- Avramoviƒ: Diesem Vergleich stimme ich
genheit erhalten, mit einzelnen Opposi- nicht zu. Milo∆eviƒ hatte falsche Methotionsführern Geschäfte zu machen und den und eine falsche Strategie, aber er
Kompromisse zu schließen. Ich bin aller- regierte nicht mit Terror. Andersdenkende
dings optimistisch und glaube, dass die wurden nicht in die Gefängnisse geworOpposition künftig gemeinsam kämpfen fen. Der Führer der Kosovo-Albaner, Ibrawird – vielleicht nicht in einem Block, aber him Rugova, konnte durch die ganze
meine Kandidatur als Premier wird sie un- Welt reisen. Ein Tyrann hätte ihn eingeterstützen.
buchtet.
SPIEGEL: Sie verlangen den totalen Rückzug SPIEGEL: Viele fürchten dennoch, Milo∆eviƒ
der herrschenden Nomenklatura, vor al- werde seine Macht notfalls mit Gewalt verlem aber den Abgang von Milo∆eviƒ, bevor teidigen. Vorigen Mittwoch gab es bei einer
Sie eine Übergangsregierung bilden und Demonstration erstmals über 60 Verletzte.
Neuwahlen anstreben. Was passiert, wenn Kann es zum Bürgerkrieg kommen?
Avramoviƒ: Regierung
und Gesellschaft müssen
sich darüber im Klaren
sein, dass die Verbitterung der Menschen nur
noch schwer zu kontrollieren ist. Die Demonstranten werden sich
vom Marsch zum Wohnsitz des Präsidenten
nach Dedinje kaum
noch abbringen lassen.
Die Zusammenstöße mit
der Polizei haben die
Emotionen angeheizt.
An einen Bürgerkrieg
glaube ich dennoch
nicht. Die Sozialisten
Protest der Opposition in Belgrad: „Gemeinsam kämpfen“
FOTOS: AP
Avramoviƒ, 79, war von
1994 bis 1996 Gouverneur
der jugoslawischen Zentralbank und konnte 1994 die
Hyperinflation und den
Währungsverfall des Dinar
stoppen.
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reichen. Wozu die Wichtigtuerei mit den
Visa? Alle diplomatischen Beziehungen
müssen sofort wiederhergestellt werden.
SPIEGEL: Wie werden Sie auf die Forderung
aus Montenegro nach mehr Unabhängigkeit reagieren?
Avramoviƒ: Ich persönlich bin für eine
großzügige Vereinbarung zwischen zwei
Staaten – Serbien und Montenegro. Gemeinsam wäre nur die Zentralbank. Die
Bundesregierung würde überflüssig. Ein
jugoslawischer Präsident hätte nur den
Koordinationsausschuss zu Fragen der Verteidigungs-, Außen-, Finanz- und Steuerpolitik zu führen. Alle kommunistischen
Relikte würden aus der Gesellschaft verbannt.
SPIEGEL: Über Reformen und Demokratie
werden die nächsten Wahlen entscheiden.
Warum lehnten einige der Oppositionsführer das Angebot des Regimes ab, im November Neuwahlen zu veranstalten?
Avramoviƒ: Manche Parteien glauben, sie
hätten größere Chancen, wenn die Wahlen
erst in einem Jahr stattfänden. Andere haben Angst vor dem Druck Milo∆eviƒs. Mein
Konzept ist: Innerhalb von drei bis vier
REUTERS
sind am Ende, sonst hätten sie längst
Gegendemonstrationen organisiert. Doch
wenn es ihnen gelingt, soziale Unruhen im
Winter zu vermeiden, werden sie zu Recht
wieder Hoffnung schöpfen.
SPIEGEL: Wie wird die Bevölkerung denn
durch den Winter kommen?
Avramoviƒ: Nach den mir zur Verfügung
stehenden Daten hat das Regime keinerlei
Reserven an Brennstoff mehr. Mindestens
drei Millionen Menschen werden hungern.
SPIEGEL: Am 11. Oktober soll in Luxemburg eine Vereinbarung mit der Opposition über künftige EU-Hilfen für Jugoslawien getroffen werden. Vorbedingung sind
demokratische und wirtschaftliche Reformen. Wie schnell würden Sie als Premier
das System ändern können?
Avramoviƒ: Ich werde eine Gruppe von
Wirtschaftsexperten zur Verfügung haben,
die sofort die nötigen Reformen in Richtung soziale Marktwirtschaft einleiten.
Darüber hinaus wird ein politisches Team
gebildet, das von allen Oppositionsparteien
unterstützt wird. Der Staatsapparat muss
radikal verkleinert werden, eine neue Generation muss an die Macht kommen. Wir
Ausschreitungen in Belgrad: „An einen Bürgerkrieg glaube ich nicht“
haben in diesem Land 100 Minister, wir
brauchen allenfalls 10. Wozu ein Verteidigungsminister? Wir haben doch den Generalstab. Wozu einen Informationsminister? Soll doch die Presse schreiben, was
sie will.
SPIEGEL: Wollen Sie auch die Sicherheitskräfte reduzieren?
Avramoviƒ: Was soll dieser aufgeblähte
politische Polizeiapparat, wenn das Land
eine populäre Regierung bekommt? Ich
werde ihn um 90 Prozent verringern. Wir
sind keine Großmacht, also brauchen wir
auch keinen Staatssicherheitsdienst, Verkehrspolizisten genügen. Für die Einreise
nach Jugoslawien wird künftig ein Pass ausd e r
Monaten nach Bildung der Übergangsregierung müssen demokratische Wahlen organisiert werden. In dieser Zeit befreien
wir die Medien und stellen demokratischfaire Verhältnisse her.
SPIEGEL: Sind Sie sicher, dass dann am Ende
nicht erneut Sozialisten, Kommunisten und
Radikale das Land regieren werden?
Avramoviƒ: Jedes Land hat die Regierung,
die es verdient. Meine Aufgabe ist es, Wahlen ohne Angst zu ermöglichen. Aber niemand kann zu seinem Glück gezwungen
werden. Und mir kann niemand das Recht
absprechen, im schlimmsten Fall nach Neuseeland auszuwandern.
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Interview: Renate Flottau
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Ausland
LIBYEN
Der Traum des großen Ingenieurs
GAMMA / STUDIO X
Nach dem Ende der Uno-Sanktionen sucht das Wüstenreich des
langjährigen Terrorpaten Gaddafi Anschluss an den Westen. Die Öffnung soll die murrende
Bevölkerung besänftigen. Deutsche Firmen hoffen auf lukrative Aufträge.
tigen Kraftakt nach vorn bringen kann. Sogar mit den einst
verhassten Amerikanern will
er sich aussöhnen, über USPräsident Bill Clinton verbreitet er neuerdings: „Ich mag ihn
sehr.“
Anfang September lud das
Wirtschaftsministerium an die
hundert internationale Konzerne nach Tripolis ein, um die Zusammenarbeit anzukurbeln und
Investoren zu gewinnen. Der
aus Hamburg angereiste Libyen-Experte des Afrika-Vereins, Walter Englert: „Solch ein
Angebot hat Gaddafi noch nie
gemacht.“ Vertreter der British
Aerospace kamen ebenso wie
Manager aus Japan. Auch die
deutsche Industrie war von
Babcock bis Veba vertreten.
TUNESIEN
Bengasi
Tripolis
ALGERIEN
LIBYEN
D
* Mit afrikanischen Staats- und Regierungschefs am
8. September in Sirt.
220
In der alten Raffinerie könnte Hennchen
schneller landen, als er denkt. Denn seit
Libyen nach sieben Jahren das Uno-Embargo abgeschüttelt hat, darf das Wüstenreich des Muammar al-Gaddafi, 57, auch
seine Erdölanlagen wieder modernisieren.
Und die Sawija-Raffinerie, etwa 5o Kilometer westlich von Tripolis, könnte einer
der ersten Großaufträge werden.
In der Hauptstadt arbeitet Hennchens
Chef bereits an Kalkulationen und Verhandlungsstrategien. MAN-Statthalter Ralf
Losch schätzt, dass für seinen Konzern allein bei der Aufrüstung von Altanlagen wie
al-Sawija „ein paar hundert Millionen
Mark drin“ sind.
Die hohen Summen, die Losch seit Monaten beschäftigen, sind nur ein Bruchteil
der fälligen Investitionen. Nach den mageren Jahren des Boykotts, internationales
Flugverbot inklusive, lockt das an Erdölund Gasvorkommen reiche Land mit
Aufträgen in Milliardenhöhe. Revolutionsführer Gaddafi weiß, dass er nach der verlorenen Zeit Libyen nur mit einem gewald e r
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ÄGYPTEN
•5,8 Millionen Einwohner
•die zehntgrößten Ölreserven der Welt
•Ölexporte 1998: 5,6 Mrd. Dollar
Gipfel-Gastgeber Gaddafi*: Petro-Dollars für die „Vereinigten Staaten von Afrika“
as Geld liegt im Sand. Heinz Hennchen, 46, kann es mit bloßem Auge
sehen: ein riesiges Gelände zwischen den Ufern des Mittelmeers und den
Ausläufern der Wüste, eingezäunt und abgesperrt; mittendrin ein paar hohe Schlote, die dicken Rauch in den blauen Himmel
stoßen. „Al-Sawija“, sagt Hennchen mit
rauer Stimme. Es ist der Name der Raffinerie, die Hennchen fest im Blick hat. Er
klingt wie das „Sesam, öffne dich“ zu satten Gewinnen.
Noch stampft der Baustellenmanager
gleich nebenan für die MAN Gutehoffnungshütte ein hochmodernes Öl- und
Gaskraftwerk aus dem Boden. Aber die
Aussicht, die irgendwann in den siebziger
Jahren erbaute Raffinerie mal ordentlich
aufzumöbeln, macht den Montageexperten schon kribbelig. „Das wäre ein super
Auftrag“, schwärmt der Westfale, der seit
15 Jahren Anlagen in Libyen hochzieht.
Sirt
300 km
NIGER
TSCHAD
SUDAN
Den Wirtschaftsgipfel hatte Gaddafi zur
Chefsache erklärt. Persönlich warb der
„Bruder Oberst“ für Libyen als Partner und
sprach gut eine Stunde mit Feuereifer zu
den Managern. Von dem Auftritt des Sendungsbewussten zeigt sich der MAN-Mann
Losch noch etliche Tage später beeindruckt:
„Der will wohl wirklich was bewegen.“
Offenbar mit ersten Erfolgen. Für zahlreiche Geschäftsleute aus dem Westen ist
die „Große Sozialistische Libysche Arabische Volks-Dschamahirija“, Gaddafis
„Volksmassenstaat“, ein viel versprechendes Reiseziel geworden. Vielerorts, ob im
luxuriösen Drehrestaurant auf dem gerade
eröffneten Fatah-Hochhaus, mit seinen Luxusgeschäften so etwas wie der TrumpTower von Tripolis, oder im feinen GrandHotel nahe der Altstadt, tummeln sich
die Vertreter der freien Marktwirtschaft. Im
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REUTERS
nug verlegt werden, etwa in Spezialkliniken nach Deutschland.
Naass: „Uns sind die Patienten
unter den Händen gestorben.“
Über den rührenden Doktor
schüttelt Ahmed, 28, nur den Kopf.
Der Student der Ingenieurwissenschaften stammt aus einer angesehenen Familie mit Vermögen, sonst
hätte ihm sein Vater nicht den flotten Kleinwagen schenken können,
obgleich es „nur ein billiger Koreaner“ ist, wie Ahmed mault.
Ahmed, der Levi’s trägt und Pepsi trinkt, hat die ewigen Entschuldigungen des Regimes satt, dass
an allen Nöten nur das Embargo
schuld sei: „Wenn etwas fehlt oder
schief geht, kann man es doch
nicht immer auf den Boykott
schieben.“ Und manchmal, wenn
ihn der Frust über Gaddafis Revolutionslitaneien besonders plagt,
fragt er sich im Stillen: „Wo stünde Libyen heute wohl, wenn wir
noch König Idris hätten?“ Den
Herrscher hatte der junge Oberst
1969 vom Thron gestoßen.
Wo Libyens Jugend tatsächlich
steht, sieht Ahmed am Schicksal
seiner ehemaligen Schulkameraden. Schätzungsweise zwei Drittel
sind ohne Arbeit und lungern herum; die anderen schlagen sich so
durch: als Fahrer für Geschäftsleute, Übersetzer oder Schwarzhändler, die morgens mit der Fähre nach Malta übersetzen und sich
abends am Kai von Tripolis herumtreiben; im Angebot haben sie
billiges Parfum, Sonnenbrillen,
Textilien und Haushaltswaren.
„Von Revolution“, weiß Ahmed,
„wollen die nichts mehr wissen.“
Er selbst möchte so schnell wie
möglich nach Europa, um sein Diplom und Karriere zu machen.
Im eigenen Land haben qualifizierte Leute kaum eine Perspektive. Sicherlich hätte der Elektrotechniker Abdullah nach seinem Examen in
einem staatlichen Betrieb unterkommen
können, für 250 Dinar im Monat. Das sind
nach offiziellem Kurs etwa 800 Mark. Mit
dem berüchtigten Gesetz Nummer 15 wurden 1986 alle Gehälter eingefroren; weil
aber nach sozialistischem Vorbild Wohnungen und Grundnahrungsmittel kräftig
subventioniert werden, die medizinische
Versorgung sogar frei ist, lässt es sich mit
dem kargen Gehalt überleben.
Doch Abdullah hatte Glück. Im Suk
Gumla, dem Markt an der Straße nach Assawi, wurde einer der garagenartigen Verschläge frei, und er konnte die Lizenz für
einen Großhandel ergattern. Nun hockt er
zwischen Obst- und Gemüsekonserven
und verdient das Zehnfache, offiziell.
Tatsächlich dürfte der junge Kaufmann
Y. GELLIE / ODYSSEY / AGENTUR FOCUS
Dhat al-Imad-Komplex, fünf moderne Bürotürme an der Uferstraße, sind die 16 Stockwerke
nahezu voll vermietet. Auf den
Schilderwänden neben den Liften
ist der französische Telekommunikationskonzern Alcatel ebenso
vertreten wie die Erdölexperten
von Wintershall aus Deutschland.
„Ein Ruck geht durch das
ganze Land“, glaubt der LibyenChef des Wiesbadener Baukonzerns Bilfinger & Berger, Dieter
Bruns, und verbirgt seine Erleichterung nicht. Noch vor einiger
Zeit hatte der Ingenieur Angst,
seine Firma könnte aus dem Land
gewiesen werden – als Vergeltung
für die harte Haltung der Bundesregierung im Streit um das
Uno-Embargo. Die Sanktionen
straften Libyen, weil sich Gaddafi
weigerte, zwei Landsleute auszuliefern, die verdächtigt werden,
1988 einen Pan-Am-Jumbo über
dem schottischen Lockerbie in die
Luft gesprengt zu haben.
Doch nachdem die mutmaßlichen Attentäter Amin Chalifa Fuheima, 43, und Abd al-Bassit Ali
al-Mikrahi, 47, im April nach Militärparade in Tripolis: Nickerchen in der Ehrenloge
langem Tauziehen an einen speziellen Gerichtshof in Den Haag
überstellt wurden, sei „diese
politische Kuh vom Eis“, meint
der Bilfinger-Niederlassungsleiter.
Bruns: „Alle schöpfen Hoffnung,
dass es aufwärts geht.“ Er selbst
verhandelt über einen Zuschlag
für den Bau des Hafens in Sirt.
Die Öffnung ist ein radikaler
Kurswechsel. Jahrelang hatte der
Beduinensohn als Lieblingsschurke des Westens eine Hauptrolle
im nahöstlichen Krisenszenario
gespielt, weil er hingebungsvoll
den Terrorismus förderte; US-Präsident Ronald Reagan hatte ihn
zum „gefährlichsten Mann der Erdölraffinerie al-Sawija: „Das wäre ein super Auftrag“
Welt“ ernannt, der angeblich in
Einer wie Tahir Naass, 49, kann den
der Wüste Giftgasfabriken bauen ließ. Da
der Sprengstoff, mit dem im April 1986 der ganzen Abend klagen. Der Internist und
Anschlag auf die Berliner Discothek „La Diabetesexperte hat in Deutschland stuBelle“ verübt worden war, wohl aus dem diert und war früher „immer wieder mal
libyschen Volksbüro in Ost-Berlin stamm- schnell zu Kongressen geflogen“, bis das
te, hatte Washington Gaddafis Hauptquar- Embargo ihn von der medizinischen Entwicklung „weitgehend abschnitt“.
tier bombardiert.
Auch die Ausstattung der KrankenhäuHärter trafen die nach Lockerbie verhängten Sanktionen. Waffen, Militärmate- ser nahm Schaden. So fehlten für medizirial und bestimmte Industriegüter, etwa Er- nische Apparaturen plötzlich Ersatzteile,
satzteile für die Erdölproduktion, kamen obwohl die gar nicht unter das Embargo
auf eine schwarze Liste und warfen das fielen. Doch etliche Firmen hätten ihre LieLand in seiner technischen Entwicklung ferungen aus Angst um Libyens Zahlungsweit zurück. Fabriken mussten ihre Pro- fähigkeit einfach eingestellt, erzählt Naass.
Sogar für zahlreiche Todesfälle macht
duktion einstellen, Bohrtrupps mit veraltetem Material arbeiten. Der Schaden der Arzt das Embargo verantwortlich. Wedurch den Boykott wird auf bis zu 40 Mil- gen des Flugverbots trafen angeblich vieliarden Dollar geschätzt. Die Blessuren in le Medikamente nicht rechtzeitig ein,
konnten Schwerverletzte nicht schnell geder Volksseele lassen sich nur erahnen.
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noch weitaus höhere Einnahmen haben.
Wer im Suk gute Ware schnell liefern kann,
braucht sich nicht an die staatlich festgesetzten Preise zu halten. Die Kontrollen
durch die Volkskomitees fürchten die
Händler nicht. „Mit denen“, lächelt Abdullah, „kommen wir schon klar.“
Wohin Gaddafis Revolution die Gesellschaft des Landes geführt hat, die er in seinem Grünen Buch einst als libysche Variante der Basisdemokratie entwarf, offenbart ein paar Kilometer weiter einer der
staatlichen Familienmärkte. Durch sie sollen die Ärmsten mit rationierten Einkaufskarten teilhaben können an den Errungenschaften von Gaddafis drittem Weg
zwischen Sozialismus und Kapitalismus.
Doch der Kaufhof des libyschen Sozialismus ist eine einzige Bankrotterklärung.
Die mahnenden Worte des großen Revolutionsführers zu Gier und Konsumterror
im Treppenhaus wirken wie eine Verhöhnung der wenigen alten Frauen, die hier
nach Waren suchen. Von fünf Etagen sind
vier geschlossen; Rolltreppen und Fahrstühle funktionieren schon lange nicht
mehr. In zugestaubten Vitrinen vergammeln schäbige Kleider und Schuhe.
Der Supermarkt im Erdgeschoss führt
nur Billigartikel wie Klobürsten und Plastikeimer, irgendwo stehen auch noch Windelpackungen. Von sieben elektronischen
Registrierkassen ist nur eine in Betrieb, an
der die Kassiererin Coupons zählt; viel hat
sie nicht zu tun. Seine „Produzentenrevolution“ von 1978, mit der er die als Parasiten gegeißelten Händler und Unternehmer
ausschalten wollte, hat Gaddafi längst
zurückgenommen.
Vielleicht gerade weil die Halbwertzeit
seiner Ideen gering ist, wird Gaddafi nicht
müde, das Volk immer wieder mit seinem
Genius zu beglücken. So überraschte der
Oberst, der bei Staatsbesuchen im benachbarten Ägypten lieber im eigenen Beduinenzelt als im Gästehaus übernachtet,
jüngst mit seiner „libyschen Rakete“: eine
Art abgespecktes Batmobil, das nun als
Volks-Wagen in die Produktion gehen soll;
der große Führer denkt so an 50 000 Autos
jährlich. Die staatlich kontrollierten Medien feierten die Konstruktion prompt als
„sichersten Wagen der Welt“.
Zur Gaddafi-Show nutzte der bizarre
Selbstdarsteller auch die Aufhebung des
Uno-Embargos. Kaum durfte Tripolis wieder aus dem Ausland angeflogen werden,
berief der Libyer in Sirt einen Sondergipfel der Organisation für Afrikanische Einheit ein, 43 Staats- und Regierungschefs
kamen. Den Termin hatte das Propagandatalent Gaddafi so gelegt, dass die Staatsgäste zuvor noch die Paraden zum 30. Jahrestag der Revolution über sich ergehen
lassen mussten.
Doch Gaddafis Rückkehr auf die politische Bühne war eher ein Auftritt ohne
Glanz. Wer bei der Waffenschau auf der
Tribüne einschlief, wie der kongolesische
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Ausland
E. PAONI / CONTRASTO / AGENTUR FOCUS
AP
kritisierte Amnesty International, dass hunderte von
politischen Gefangenen in libyschen Kerkern einsitzen,
willkürliche Festnahmen, Folter und ungeklärte Todesfälle
in der Haft an der Tagesordnung sind. Immer wieder
verschwinden Oppositionelle
spurlos, werden die Häuser
von Regimegegnern einfach
platt gewalzt.
Die Probleme des Landes
lastet kaum einer dem Revolutionsführer persönlich an.
Wie der Journalist Abdullah
Assadi verklären ihn viele
zum „Ideengeber und politiLibysches Automodell: Sicherste Rakete der Welt
schen Philosophen“, der
Präsident Kabila, hatte nichts verpasst. Sie- längst in höhere Sphären entrückt sei. Im
ben Jahre Embargo sind in der Wehr- Glauben an Gaddafi schwingt aber auch
technik eine Ewigkeit, einige Fahrzeuge die Sorge mit, was aus Libyen ohne das
blieben auf der Heimfahrt in die Kasernen politische Irrlicht einmal werde. Der Oberst
hält die vielfältig gespaltene Stammesliegen.
Die Vereinigung Afrikas, natürlich un- gesellschaft zusammen, bändigt die Autoter libyscher Führung, ist die jüngste Volte nomiebestrebungen einzelner Regionen.
Gaddafis, der schon ein dutzend Zusam- „Nach Gaddafi geht es hier rund wie auf
menschlüsse mit Ägypten, Syrien, Tune- dem Balkan“, fürchten Diplomaten in
sien und anderen Bruderstaaten propagiert Tripolis.
Auch die Islamisten werden aufbegehhat. Vergebens. Sein Geld aus den Ölgeschäften haben sie alle genommen, doch ren. Sie hassen Gaddafi, der ihnen keine
als die Uno ihr Embargo verhängte, stand Rolle im Staat zugesteht. Ihre Hochburg ist
Libyen allein da. „Die arabische Einheit die Cyrenaika, ein zerklüftetes Gebiet im
ist eine Fata Morgana“, klagt Gaddafi heu- Osten des Landes, mit der Stadt Bengasi als
te – und rennt gleich einer neuen hinterher. Zentrum. Dort ereignete sich auch jenes
Unglück, bei dem Gaddafi so schwer verletzt wurde, dass er seither am Stock geht.
Nach offizieller Version war es ein Unfall,
arabische Geheimdienste vermuten dagegen ein Attentat.
Vor allem die tragende Rolle, die Gaddafi den Frauen zugestanden hat, verbittert
die religiösen Eiferer. Entgegen früheren
Versprechungen führte Libyen nicht die
Strafbestimmungen der Scharia, des islamischen Rechts, ein. Statt die Frauen unter
den Schleier zu zwingen, gab Gaddafi ihnen volle Bürgerrechte und eine eigene
Militärakademie. Weiblichen Leibwächtern
vertraut er sein Leben am liebsten an.
Baustellenmanager Hennchen
Noch aber ist der Revolutionsführer allGewinne fest im Blick
gegenwärtig, bei Bilfinger im Camp ebenAuch die Träume von den „Vereinigten so wie auf Hennchens Baustelle: Libysche
Staaten von Afrika“ werden viele Dinar Staatsflaggen in schlichtem Grün, der Farbe des Propheten, flattern am Eingang,
kosten, die Libyen selber braucht.
Wie lange die murrende Bevölkerung Revolutionslosungen kleben an Büroconnoch bereit ist, die politischen Purzelbäu- tainern und Mauern, auf Fluren hängen
me des Bruder Oberst zu ertragen, ist of- Bilder des „großen Ingenieurs“.
Als Mitläufer im Propagandazirkus des
fen. Zwar ist Libyen, anders als der Irak des
Despoten Saddam Hussein, keine Repu- Regimes sehen sich die Manager deshalb
blik der nackten Angst. Auch werden Gad- aber noch lange nicht. Wenn sich zu den
dafi persönlich keine Gräueltaten angelas- Revolutionsfeiern das ganze Land so hertet. Doch die Position des Mannes, der ausgeputzt habe, erklärt der Generalweder Regierungschef noch Staatspräsi- manager auf Hennchens Kraftwerksbaudent ist, aber dennoch allmächtig, wagt nie- stelle, Manfred Brauner, „wollen wir uns
hier doch nicht isolieren“.
mand öffentlich anzuzweifeln.
Das wäre ja auch schlecht für das GeWer Widerspruch riskiert, wird ein Fall
für Menschenrechtsorganisationen. Zum schäft, das gerade erst richtig losJahrestag der Machtergreifung Gaddafis geht.
Dieter Bednarz
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Ausland
PORTUGAL
Tanz ums Goldene Kalb
226
Wirtschaftsjournalist Pedro Fernandes, 33,
von der Wochenzeitung „O Independente“. Heute leben besonders die Jungen
gern auf Pump. Da die Teuerung in den
vergangenen zwölf Monaten nach EUMaßstab relativ hoch war, lohnt es sich
kaum zu sparen. Die Familien haben 1999
durchschnittlich Kredite in Höhe von 80
Prozent ihres Einkommens aufgenommen.
Mehr als eine halbe Million Portugiesen
kauften in den vergangenen vier Jahren
Immobilien. Seit vor einem Jahr die Expo
am Ufer des Tejo ihre Tore schloss, rissen
sich die Yuppies um die dort errichteten
Luxusapartments mit Blick auf die filigrane weiße Brücke über den Fluss – zu Preisen um eine Million Mark.
Entlang der Docks, von der Weltausstellung im Osten bis unter die alte Tejobrücke
im Westen, tobt sich in hunderten Cafés,
Bars und Discotheken allnächtlich die
Technogemeinde aus.
Portugal hat sich von Grund auf gewandelt, seit es vor 25 Jahren mit der so genannten Nelkenrevolution die Militärdiktatur abschüttelte, die das Gros der Bevölkerung von Information und Bildung
abgeschnitten hatte. Der Aufstieg vom melancholischen Armenhaus zum optimistischen Mitglied der Euro-Zone gelang nach
dem EU-Beitritt 1986 vor allem dank der
Zuwendungen aus Brüssel: netto etwa fünf
Milliarden Mark pro Jahr.
Praça do Comércio am Tejo-Ufer in Lissabon,
Die Wirtschaft verzeichnete Wachstumsraten, die weit über dem EU-Schnitt lagen,
dank öffentlicher Investitionen in Großprojekte wie den Brücken- und Expo-Bau, aber
auch dank des privaten Konsums. Für dieses Jahr prognostiziert der Notenbankchef
ein Wachstum von über drei Prozent.
So gelang es der Minderheitsregierung
des sozialistischen Premiers António Guterres, eine viertel Million Stellen zu schaffen und die Arbeitslosigkeit auf unter fünf
Prozent zu drücken. Darauf ist Eduardo
Ferro Rodrigues sehr stolz. Der Minister
für Arbeit und Solidarität ist der Beliebteste im Kabinett, sogar bei der Opposition
findet er Anerkennung.
Allerdings: Nur wer aktiv eine Stelle
sucht und in den letzten zwei Wochen we-
WHITE STAR
D
er neue Lebensmittelpunkt vieler
Bewohner Lissabons liegt zwischen
Schnellstraßenkreuzen an der Peripherie. Dort steht eine gigantische Festung
in Rostrot und modischem Türkis. Eine
Mega-Glaskuppel krönt das Gebäude. Das
Monster von Flughafengröße ist womöglich
Europas gewaltigstes Einkaufszentrum. Es
heißt Colombo, nach Kolumbus, dem Entdecker der Neuen Welt.
Ins Colombo zog es seit der Eröffnung
vor zwei Jahren 80 Millionen Besucher.
Denn die neueste Leidenschaft der zehn
Millionen Portugiesen ist die Welt des Konsums. Vom zentralen Platz unter der Colombo-Kuppel gehen sternförmig Straßen
aus, gepflastert mit den landestypischen
Wellenmustern, sie tragen die Namen der
großen Seefahrer. Von den Galerien der
oberen Stockwerke beobachten die Gäste
der Coffee-Shops und Pizzerien, wie Kunden unten per Fahrrad ihre Einkaufsliste
abarbeiten.
In der Avenida do Descubrimento, der
Allee der Entdeckung, und ihren Abzweigungen gehen die Käufer auf Weltreise.
Denn hier bieten sich internationale Glamour-Marken mit prächtigen Auslagen dar,
New Yorker Chic von Donna Karan und
Calvin Klein, US-Eiscreme mit dem unaussprechlich skandinavischen Namen, die
hippen Plastikuhren aus der Schweiz bis
hin zum Musik- und Buchdiscount Fnac:
Waren, die den durch ein halbes Jahrhundert Diktatur abgeschotteten und lange mit
Geldknappheit ringenden Portugiesen bisher unzugänglich waren.
Jetzt geben sich die ärmsten Bewohner
der Euro-Zone ganz ungeniert dem Konsumrausch hin. Obwohl Arbeitnehmern im
Schnitt monatlich nur rund 1000 Mark zur
Verfügung stehen, überwiegt das Gefühl,
sich endlich etwas leisten zu können. Davon dürften bei den Parlamentswahlen am
nächsten Sonntag die regierenden Sozialisten kräftig profitieren.
Den Kaufrausch hat auch die jähe Zinssenkung auf 2,5 Prozent angestachelt. Seit
der europäischen Währungsunion sind die
Beschlüsse der Zentralbank in Frankfurt
für Lusitanien verbindlich. Noch vor zwei
Jahren betrug der portugiesische Leitzinssatz 6 Prozent, zu Beginn der Dekade
musste man auf Hypotheken gar 20 Prozent Zinsen zahlen.
„Für meine Eltern galt es als Schande,
sich zu verschulden“, erinnert sich der
R. MAZIN / AGENTUR FOCUS
Vom Armenhaus zum Konsumparadies: Das Land am
Rande Europas schwelgt im
neuen Wohlstandsgefühl – und lebt ungeniert auf Pump.
Premierminister Guterres im Wahlkampf: Einmaliges Zinsgeschenk
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J. N. DE SOYE / AGENTUR FOCUS
Altstadt-Restaurant: „Wir dürfen nicht schlafen, wenn wir die Quadratur des Kreises schaffen wollen“
niger als eine Stunde gearbeitet hat, kann
Die Firma Siemens verkaufte ihre für
sich als Arbeitsloser registrieren lassen. Er etwa 780 Millionen Mark in Vila do Conde
darf noch nicht einmal als Hobbybauer im bei Porto errichtete Chip-Fabrik. Zudem
eigenen Garten arbeiten. Und Beschäftig- fürchten 700 Arbeiter einer zu Siemens
te unter 30, die nicht mindestens ein Jahr gehörenden Kabelfirma um ihre Jobs, da
an einer Stelle festhalten konnten, gelten die Herstellung zum Teil von Seixal bei
bei Jobverlust nicht als arbeitslos – genau- Lissabon nach Litauen verlegt werden soll.
so wenig wie alle, die in Schulungspro- Und AutoEuropa, das jetzt von Volkswagen
grammen untergebracht sind. Deshalb in Alleinregie übernommene Werk in
schätzt João Proença, GeneralPalmela, ganzer Stolz der Porsekretär der den Sozialisten
tugiesen, verlor das Rennen um
nahe stehenden Gewerkschaft „Es ist pervers, die Produktion des neuesten
wenn heute
UGT, die wahre Quote auf bis
VW-Modells Colorado an die
zu neun Prozent. Aber nur 40 unqualifizierte Slowakei.
Prozent der offiziell Registrier„Wir dürfen jetzt nicht schlaArbeiter
ten erhalten Arbeitslosenunter- leichter Stellen fen“, sagt Minister Ferro Rodristützung.
fast beschwörend in seinem
finden als Uni- gues
Nahezu die Hälfte der 4,8
Büro vor einem Wandteppich
Absolventen“ aus der Zeit der Diktatur mit alMillionen Beschäftigten in Portugal arbeitet zur Freude der
legorischen Darstellungen der
Unternehmer sehr „flexibel“, beispiels- Arbeit im Zeitenwandel. Nur mit anhalweise als „trabalhadores independentes“, tend starkem Wachstum könne Portugal
falsche Selbständige in der Hotellerie, „die Quadratur des Kreises schaffen“: die
beim Bau, in Reinigungsbetrieben. Bran- Produktivität steigern, die Ausbildung verchen wie die Schuhindustrie – Portugal bessern und gleichzeitig die Arbeitsplätze
stieg zum zweitgrößten Exporteur hinter erhalten. Aber der Sozialist weiß: „Das
Italien auf – sind erfolgreich dank Heim- Zinsgeschenk gibt es nicht noch einmal.“
arbeit von tausenden Frauen ohne Be- Um unliebsame Reformen durchs Parlarufsausbildung.
ment zu bringen, sei es nötig, bei den WahEs sei „pervers“, klagt der Arbeitsminis- len eine klare Mehrheit zu erringen.
ter, „wenn heute Unqualifizierte manchUm das zu verhindern, ist die Opposimal leichter eine Stelle finden als Hoch- tion mit spektakulären Versprechen in den
schulabsolventen“, weil sie die Unterneh- Wahlkampf gegangen: Sie will die Einmer weniger kosten. Junge Techniker, kommensteuer um durchschnittlich zehn
eigentlich Mangelware in Portugal, jobben Prozent senken und den Familien Anreize
oft als „engenheiro de copos“, als Cocktail- zum Sparen bieten. Denn die größte Gefahr beim gegenwärtigen Tanz ums GoldeIngenieur in den Szenebars.
Allein auf die Billiglöhne kann Portugal ne Kalb, so erklärt ihr wirtschaftspolinicht länger setzen, spätestens wenn die tischer Sprecher, José Alberto Tavares
Osteuropäer der EU beitreten, fällt dieser Moreira, ehemals Zentralbankchef und
Wettbewerbsvorteil weg. Schon sanken die jetzt Präsident einer kleinen Investmentbank, sei eine Erhöhung der Zinsen in
ausländischen Direktinvestitionen.
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Euro-Land: „Das wäre ein Schock“, der
Konsum würde plötzlich gedrosselt, die
Investitionen blieben aus, „wir würden
wieder weit hinter Europa zurückfallen.“
Ein Wiederaufleben der Inflation, die
schon dreimal so hoch liegt wie in der EU,
und das Haushaltsdefizit seien „explosive
Fallen“, klagt der erfahrene Bankier, den
Sozialisten seien die laufenden Kosten entgleist, besonders die Subventionen für marode Staatsbetriebe und die Gehälter des
aufgeblähten Beamtenapparats. Darum will
die Opposition Kronjuwelen wie die staatliche Sparkasse privatisieren und mit dem
Erlös die Sozialversicherung sanieren.
Kein Rentner, so ließ der Herausforderer
José Manuel Durão Barroso plakatieren,
soll weniger als 40 contos, 390 Mark, im
Monat erhalten; heute darben noch eine
Million Alte und Behinderte mit 7 Mark
pro Tag.
Doch Umfragen sagen den Sozialisten
die absolute Mehrheit voraus. Ihnen könnte auch die patriotische Solidarität zugute
kommen, die vom Parteiengezänk und den
Zukunftssorgen zu Hause ablenkt: Menschen aller politischer Couleur eint das
Mitgefühl für Osttimor, die ehemalige
Kolonie, die Portugal nach der Nelkenrevolution überstürzt aufgab.
Statt Wahlwerbung trägt Lissabon Trauer. Die Denkmäler hüllen schwarze Plastikverpackungen à la Christo ein. Auf der
Praça do Comércio umwehen schwarze
Stoffbahnen wie riesige Schals in der vom
Tejo aufsteigenden Brise das Reiterstandbild von Dom José I., der nach dem Erdbeben von 1755 die Baixa wieder in Pracht
erstehen ließ.
Kein einziges orangefarbenes oder rotes Plakat gegenwärtiger Staatslenker verunziert den Platz.
Helene Zuber
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Sport
Nach zwei Jahren in Karlsruhe
wurde eine Million Mark an Bilics
alten Club in Split fällig – auf
ein Liechtensteiner Konto. Der
Verbleib des Geldes ist unklar.
GES
Slaven Bilic
Von Steuerfahndern verdächtigte Bundesligaprofis Bilic, Yeboah, Möller: Ein Wirtschaftskrimi, der offenbart, wie Clubvorstände unter dem
FUSSBALL
„Alle machen mit“
In der Bundesliga, so ein internes Papier der Steuerfahndung, werden systematisch
Millionenbeträge am Finanzamt vorbeigeschleust. Die Ermittler
monieren, dass der Deutsche Fußball-Bund die Tricksereien durchgehen lässt.
230
Mosaik, das schon bald eine der größten
Steueraffären abbilden könnte, die der
deutsche Sport je fabriziert hat. Zahlreiche
Vereine der ersten und zweiten Bundesliga operieren nach Erkenntnissen von Finanzbehörden mit fingierten Rechnungen,
verdeckten Lohnzahlungen, verlegen Geschäfte de facto ins steuergünstige Ausland
oder verkehren mit Scheinfirmen.
Der Zweck dieser variantenreichen
Buchführung ist stets derselbe: Millionenbeträge werden so am Fiskus vorbeigeschleust. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein vertrauliches Papier, das Nürnberger Steuerfahnder erstellt haben. Das
29-seitige Dossier liest sich wie eine
Betriebsanleitung zum Thema: Wie überprüfe ich die Steuermoral der Proficlubs?
Mehrere Steuerfahndungsstellen quer
durch die Republik ermitteln inzwischen.
Wer die Winkelzüge kennt, kommt dabei
schnell zu Erfolgen. Denn in der Bundesliga wird, so das Fazit des internen Berichts, „nach einem weitgehend idend e r
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tischen Schema“ gearbeitet. Den Spielervermittlern komme dabei „eine Schlüsselrolle“ zu.
Wolfgang Vöge, 44, ist einer der Marktführer. Bis Mitte der achtziger Jahre wirbelte der flinke Stürmer im Dress von
Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen gegnerische Abwehrreihen durcheinander, dann ließ er seine Profilaufbahn in
Zürich und Winterthur ausklingen. Den
M. BRANDT / BONGARTS
G
äste, die den Weg in die Frankfurter Otto-Fleck-Schneise 6 finden,
sind für gewöhnlich große Sportler,
hochrangige Würdenträger oder andere
dienstbare Geister des Entertainmentbetriebs Bundesliga. Die beiden Herren,
die am 26. August, morgens gegen elf Uhr,
die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aufsuchten, kamen aus einer anderen Branche. Sie wiesen sich aus als Mitarbeiter des Finanzamtes Nürnberg-West,
Steuerfahndungsstelle.
Wilfried Straub, als DFB-Direktor zuständig für die Geschäfte der 36 deutschen
Profivereine, führte die Ermittler mit
ausgesuchter Höflichkeit in ein Besprechungszimmer. Dort kamen sie schnell zur
Sache: Wie die Spielervermittler an ihre
Lizenzen gelangen, wollten die Beamten
präzise erklärt haben, und wie der DFB
auf die kriminellen Machenschaften mancher Makler reagiere.
Was DFB-Manager Straub dieser Tage
gern als „ein reines Informationsgespräch“
klein redet, gehört in Wirklichkeit zu einem
DFB-Direktor Straub
Besuch vom Finanzamt Nürnberg-West
W. WITTERS
Andreas Möller
Gegen Yeboah ermittelt der
Staatsanwalt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung.
Eine Million Steuerschuld hat
der Ghanaer bereits beglichen.
Eine Geldauflage von 250 000
Mark mußte Möller in diesem
Sommer begleichen. Außerdem
hat er 990 000 Mark an Steuern nachzahlen müssen.
P. SCHATZ / BONGARTS
Anthony Yeboah
Druck der Gehaltsforderungen ihrer Stars zu Hasardeuren wurden
Standort mochte er nicht mehr aufgeben,
denn für seine zweite Karriere als Makler
von Fußballern ist die Schweiz günstiges
Terrain.
Von hier betreut Vöge über 70 Berufskicker. Zu ihnen gehörte 1994 auch Christian Wück, als er vom 1. FC Nürnberg zum
Karlsruher SC wechselte. „Für die Beratung und Mitarbeit beim Transfer“ stellte
Vöge dem KSC eine Rechnung (Nr. 940240)
über 300 000 Mark aus. Auf das Auswerfen
der Mehrwertsteuer konnte der Spielerberater verzichten – die Summe war zahlbar auf das Konto 385.553.08 bei der Liechtensteinischen Landesbank, Vaduz.
Nach Erkenntnissen der Steuerfahnder
soll ein Großteil des Betrags an Wück weitergereicht worden sein, als steuerfreies
Handgeld. Der Profi bestreitet den Vorgang grundsätzlich; Vöges Anwalt, der Freiburger Jürgen Drywa, erklärt: Weil das
Transfergeschäft so gut gelaufen sei, habe
Vöge seinem Klienten „aus freien Stücken
100 000 Mark geschenkt“.
Zum Verhängnis könnte Vöge werden,
dass er zahlreiche Profis zum 1. FC Nürnberg vermittelte – einem Club, der sich
schon häufiger mit riskanten Geldgeschäften in Schwierigkeiten brachte. Die
örtlichen Steuerfahnder entdeckten eine
„Schwarze Kasse“, in die Einnahmen aus
Freundschaftsspielen und Hallenturnieren flossen. Mehrere fränkische Funktionäre erhielten Freiheitsstrafen zur Bewährung und Geldstrafen von insgesamt
mehr als einer Million Mark; an Lohn-,
Einkommen- und Umsatzsteuer mussten
über fünf Millionen Mark nachgezahlt
werden.
Weil sich in den Büchern des 1. FC Nürnberg etliche Transaktionen mit der Liechtensteiner Lenhart AG, für die Vöge tätig
war, und der Schweizer VH Sportmedia
AG, an der er beteiligt ist, fanden, geriet
auch der Ex-Profi ins Visier der Fahnder.
19 Tage schmorte er in Nürnberg in Untersuchungshaft, dann kam er gegen eine Kaution in Höhe von 400 000 Mark frei. Dass
einige seiner Klienten bei der Steuerfahndung ihre Beichte ablegten, brachte die
behördlichen Recherchen gut in Schwung.
Ende des Jahres, so Justizpressesprecher
Ewald Behrschmidt, sollen die Ermittlungen gegen Vöge wegen Beihilfe zur Lohnsteuerhinterziehung abgeschlossen sein.
Der Casus Vöge gilt den Staatsanwälten als Ausgangspunkt in einem Wirtschaftskrimi, der offenbart, wie Clubvorstände unter dem Druck der Gehaltsforderungen ihrer Stars zu Hasardeuren
wurden. Die Beamten der „Steufa Nürnberg“ trugen ihr Wissen an Kollegen im gesamten Bundesgebiet weiter. Erstmals
bei der „Regionaltagung der Steuerfahndungsreferenten der süddeutschen Oberfinanzdirektionen“ gaben sie einen Erfahrungsbericht zur „Steuerhinterziehung
beim Transfer von Bundesligafußballspielern“. An dessen Ende empfahlen sie,
die Profiteams näher unter die Lupe zu
nehmen.
Das geschieht derzeit. Und die Branche
zittert. Heinz Pudell, Schatzmeister der
Spielergewerkschaft VdV, rät den Mitgliedern bereits, dubiose Transfer- und
Zahlungspraktiken „im Rahmen einer
Selbstanzeige mit dem Finanzamt zu diskutieren“.
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Der Tipp kann nicht schaden. Schon
jetzt gibt es nach Aussagen von Fahndern
„Verdachtsmomente“ bei vier Erst- und
zwei Zweitligisten.
Sehr wahrscheinlich, dass sich der Kreis
der Verdächtigen noch ausweitet. „Alle
kennen die Methoden – und alle machen
mit“, glaubt ein Staatsanwalt aus dem
Süddeutschen. Schließlich stolpern die
Steuerprüfer immer wieder über hohe
sechsstellige Summen, etwa für angebliche
Spielerbeobachtungen in Südamerika – an
Firmen gezahlt, die in Liechtenstein, der
Schweiz oder auf der Isle of Man residieren.
So flatterte einem Bundesligisten mit
Datum vom 29. Juli 1997 eine in krakeliger
Handschrift formulierte Rechnung über
„verschiedene Provisionen“ und „Auslagenpauschale“ in Höhe von 552 641,20
Mark ins Haus. Das Geld wanderte erst
auf das Firmenkonto eines Vermittlers, der
nach den Erkenntnissen der Fahnder den
Betrag abzüglich einer Provision an seinen
Klienten weiterleitete.
In einem anderen Fall überwies ein Verein für eine „Sammelrechnung“ 681 189,05
Mark inklusive Mehrwertsteuer an einen
Berater. „Dieser Rechnungsbetrag beinhaltet“, so der erklärende Text, „Entschädigungen verschiedener Art“ für den
Spieler „sowie Kostenzuschuss während
seiner Vertragsdauer für Wohnung und
Fahrzeug“.
Die Deals am Finanzamt vorbei gehen
zuweilen auch von den Clubs aus. Ein Verein bestand gegenüber einem Berater auf
einer fingierten Rechnung einer Briefkastenfirma, um so seinem Ballkünstler ein
steuerfreies Zubrot zu ermöglichen. Den
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Werbeseite
Werbeseite
Sport
Firma aus Ghana, für den der Verein zwei
Millionen Mark hinblättern musste. Bei den
Vernehmungen räumte der Eintracht-Star
ein, dass er an der Klitsche beteiligt war.
Yeboahs Steuerschulden, rund eine Million
Mark, sind mittlerweile beglichen. Gegen
ihn ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen Verdachts der Steuerhinterziehung.
Auch die damals beteiligten EintrachtFunktionäre Bernd Hölzenbein und Wolfgang Knispel, der inzwischen die Seiten gewechselt hat und seine Branchenkenntnisse als Spielerberater nutzt, sind
noch nicht aus dem Schneider. Gegen sie
laufen Ermittlungsverfahren wegen des
Verdachts der Beihilfe zur Steuerhinterziehung.
Vereinsvertreter argumentieren gern,
dass auf legale Art und Weise den ins Absurde getriebenen Personalkosten nicht
mehr beizukommen sei. Werde alles korrekt versteuert, so hören die Steuerfahnder
häufig, dann sei der Etat
nicht zu decken und die
Lizenz bedroht.
Andere Clubs haben sich
unterdessen Techniken angeeignet, die eine Aufnahme in den Ratgeber
„1000 ganz legale Steuertricks“ verdient hätten.
Borussia Dortmund ist so
ein Fall. Nacheinander eiste der Verein die Nationalspieler Stefan Reuter,
Matthias Sammer, Karlheinz Riedle, Andreas Möller und Jürgen Kohler von
ihren Engagements in Italien los. Die massive Rückholaktion wurde gern als
Spielervermittler Vöge (r.)*: Fiskalische Dribblings
patriotische Tat zur WieAndererseits: Paragraf drei der DFB- derbelebung der ausgebluteten Bundesliga
Musterverträge für Lizenzspieler überlässt gefeiert.
Mehr noch war sie ein fiskalisches
ausdrücklich den Clubs die Verwertung der
Persönlichkeitsrechte. „Eine weitere Zah- Dribbling feinster Art. Bereits vor Arbeitslung für die nochmalige Übertragung der antritt im Westfälischen erhielten einige
Rechte ist deshalb unsinnig“, folgern die Profis das so genannte „signing-on fee“ –
Fahnder und fragen sich, warum nicht eine Einmalzahlung fürs bloße Unterschon die DFB-Kontrolleure das Vertrags- schreiben des neuen Arbeitsvertrages. Der
Vorteil: Da die Kicker zu diesem Zeitpunkt
werk moniert haben.
Schließlich ist diese Spielart der Steuer- noch im Ausland lebten, waren sie nur bevermeidung ein alter Hut. Schon Anfang schränkt einkommensteuerpflichtig. Bis
der Neunziger wollten der ghanaische 1996 waren lediglich 15 Prozent des grenzMittelstürmer Anthony Yeboah und sein überschreitenden Geldverkehrs pauschal
damaliger Verein Eintracht Frankfurt mit an den Fiskus abzuführen.
So bekam Andreas Möller für seinen
dieser Masche rund zwei Millionen Mark
am Fiskus vorbeischummeln – sie flo- Wechsel im Sommer 1994 von Turin nach
Dortmund von der Borussia 2,8 Millionen
gen auf.
Finanzbeamte hatten bei der Durchsicht Vorkasse. Sein Nettolohn betrug dagegen
sämtlicher Arbeitsverträge in der Ge- in den folgenden Jahren läppische 600 000
schäftsstelle der Eintracht festgestellt, dass Mark – in Italien hatte er glatt das Dopausgerechnet der beste Kicker, nämlich pelte verdient. Doch dank des „signing-on
Yeboah, deutlich weniger verdiente als die fee“ vermochte Möller sein Gehalt sogar
meisten seiner Kollegen. Freilich entdeck- zu steigern.
Borussias Manager Michael Meier ist ein
ten sie auch einen Werbevertrag mit einer
wenig stolz auf den steuermindernden
* Mit Profi Karlheinz Riedle.
Kunstgriff. Der Diplomkaufmann („Hier
BAADER
Betrag sollte der Makler nach Abzug seiner
Provision in bar an seinen Klienten ausbezahlen – selbstverständlich jenseits der
Landesgrenzen.
In vielen Fällen, monieren die Ermittler,
müsste bereits der DFB die Mauscheleien
stoppen. Jeder Spielervertrag ist dem Verband umgehend „in allen Ausfertigungen“
vorzulegen. „Wer genau hinsieht, erkennt
sofort, dass da getrickst wird“, schimpft
ein Frankfurter Fahnder.
So erhielt der Hamburger SV mit Datum
vom 10. Juli 1997 eine Rechnung für die
„Abtretung der Persönlichkeits-, Werbeund Imagerechte“ seines Abwehrspielers
Stéphane Henchoz: 800 000 Mark, zahlbar
auf das Konto mit der Nummer 137909-02
bei Crédit Suisse in Winterthur. Nach Ansicht der Nürnberger Ermittler handelt es
sich bei solchen Fällen „um verdeckte
Lohnzahlungen des Vereins“. HSV-Manager Bernd Wehmeyer weist die Interpretation zurück.
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FIRO
Sport
Dortmunder Italien-Rückkehrer Sammer, Möller, Kohler: Beistand von höchster Stelle
ist nicht gekungelt worden“) sieht’s sportlich: „Steuergesetzgebung ist wie ein
Schachspiel: Der Staat macht den ersten
Zug, wir den zweiten.“
Zwar monierten Prüfer des Dortmunder Finanzamtes anfangs das Einkommensplitting, doch die Clubbosse erhielten Beistand von höchster Stelle. Drei
Oberfinanzdirektionen und das Düsseldorfer Finanzministerium billigten das
Steuersparmodell. Damit genoß der Champions-League-Gewinner von 1997 einen beachtlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber
den außerhalb von Nordrhein-Westfalen
angesiedelten Konkurrenten.
Denn der satte Rabatt im Revier wird in
anderen Bundesländern als unrechtmäßig
abgelehnt. So notierte ein bayerischer
Regierungsdirektor intern: „Die vorgezogenen Zahlungen dienen allein der
Steuerumgehung.“ Seiner Meinung nach
darf das Handgeld erst steuerlich wirksam
werden, wenn der Kicker seinen ersten
Arbeitstag beginnt. Deshalb, so der Experte, seien die Beträge als Gehalt voll zu
versteuern.
Auch bei Vertragsverlängerungen schließen Gier und Phantasie eine oft unheilvolle Allianz. Die Gehaltsaufbesserung, so
notierte die Nürnberger Steuerfahndung
in ihrem vertraulichen Report, werde häufig über „fingierte Honorarzahlungen“
oder über eine „fingierte Ablösesumme“
geleistet.
Badische Finanzbeamte prüfen derzeit
eine Zahlung von einer Million Mark des
Karlsruher SC an den kroatischen Club
Hajduk Split. Die Summe war am 4. April
1995 fällig geworden, nachdem der Profi
Slaven Bilic seinen Vertrag um zwei Jahre
verlängert hatte. Die Fahnder mutmaßen,
dass ein Teil des Geldes, das auf ein Konto bei der Liechtensteinischen Landesbank
geflossen ist, unversteuert in den Taschen
des Spielers landete. Bilic bestreitet das,
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„vielleicht hat mein Agent das Geld
bekommen“. Weiter wolle er dazu nichts
sagen.
Mit welcher Dreistigkeit bisweilen vorgegangen wird, erfuhren Finanzbeamte, als
ihnen das Original eines Arbeitsvertrages
bei einer Durchsuchung in die Hände fiel.
Für einen renommierten Fußball-Profi war
ein monatliches Gehalt von 3000 Mark
brutto eingetragen. Eine ebenfalls schriftlich festgehaltene Nebenabrede garantierte ihm auf diskretem Wege für zwei Jahre
400 000 Mark netto, versteckt in seiner Ablösesumme.
Gelegentlich geraten die Ermittler auch
durch aufmerksame Zeitungslektüre auf
die richtige Fährte. So las ein Frankfurter
Steuerfahnder 1995, dass Andreas Möller
vor seinem Wechsel von Eintracht Frankfurt zu Juventus Turin 900 000 Mark von
den Italienern bekommen habe. In der
Steuererklärung des Kickers tauchten weder diese Summe noch die Zahlungen einiger privater Sponsoren an ihn auf.
Das Ermittlungsverfahren gegen den
85maligen Nationalspieler und seinen Berater Klaus Gerster (Spitzname: „Schwarzer Abt“) wurde vor wenigen Wochen
nach § 153a der Strafprozessordnung gegen Zahlung von jeweils 250 000 Mark eingestellt; ein Teil floß an ein Heim für geistig behinderte Kinder. Darüber hinaus
zahlte Möller rund 990 000 Mark an Steuern nach.
Die skrupellose Abzockerei scheint den
zartbesaiteten Mittelfeldspieler schon lange arg belastet zu haben. Als Beamte
während des Trainings von Borussia Dortmund vorfuhren und ihm mitteilten, dass
ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung
gegen ihn eröffnet sei, wollte Möller
schlankweg in das Fahrzeug der Ermittler
einsteigen.
Augenscheinlich dachte er, er sei festgenommen. Felix Kurz, Michael Wulzinger
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Werbeseite
Werbeseite
Sport
A LT S TA R S
„Es brutzelt vor Spannung“
Der Kroate und Ex-Bundestrainer Vlado Stenzel, einst
„der Magier“ des deutschen Handballs, startet ein
neuerliches Comeback – in der bayerischen Landesliga.
Handballtrainer Stenzel beim MTV Ingolstadt: „Spieler stehen wie Katzen, wenn ich was sage“
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SVEN SIMON
D
en „Mann, der als Magier in die
Handball-Geschichte eingegangen
ist“, begrüßt der Hallensprecher
schnarrend durch die Beschallungsanlage
und kündigt eine große Nummer an: „Herzlich willkommen, Trainer Vlado Stenzel.“
Ohne die zirzensische Vorwarnung hätte das Publikum den Trainer Vlado Stenzel,
65, womöglich nicht erkannt. Er besitzt
keinen Bart mehr und stemmt die Hände
in die Hüften, dass es von den Rängen aussieht, als lasse er sie unter seinem Ballonbauch verschwinden. Der Magier trägt keine Strümpfe, und zwischen Turnhose und
Schuhwerk schält sich die gebräunte Haut
von den Beinen.
Wie er so herumschlendert in der zu
knappen Trainingsjacke, aus der das T-Shirt
am Steiß hervorlugt, könnten ihn die Zuschauer im hessischen Bad Hersfeld auch
für einen Kurgast halten, der sich auf dem
Rückweg von der Glaubersalz-Behandlung
in die Geistalhalle verirrt hat.
Weltmeister Stenzel 1978
„Sportartikelfirmen arbeiteten gegen mich“
Geboten wird dort ein Benefiz-Auftritt
jener Handballgrößen, die der autoritäre
Stenzel („Spieler stehen noch immer wie
Katzen, wenn ich was sage“) 1978 zum
Weltmeistertitel befehligte. Damals, nach
dem Finalsieg von Kopenhagen gegen die
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C. PAHNKE / S.A.M.
Sowjetunion, setzten sie ihm eine Pappkrone auf.
Die trägt das Stück deutsche Sportgeschichte noch heute – zumindest im Geiste,
wenn er in der bayerischen Wahlheimat
seinem Tagwerk nachgeht.
In Ingolstadt hat der Kroate den ortsansässigen MTV nach 17 Siegen in Folge
zum Aufstieg in die Landesliga, die fünfte
Spielklasse, geführt. Das hat sein Selbstwertgefühl so gestärkt, dass er schon wieder Epochales im Sinn führt:
Stenzel hält sich für den
Bundestrainer auf Abruf
(„Ich habe deutschen Handball groß gemacht“), wäre
indes auch zum kurzfristigen
Wechsel in die Bundesliga
bereit („Aber mir passt nicht
jeder Verein“). Außerdem
plant er – „wenn Sie das interessiert“ –, das weltweite
Regelwerk zu revolutionieren, damit „es brutzelt vor
Spannung“.
Denn seine liebste Sportart, das fällt im Konkurrenzkampf um Kunden und Quoten des Unterhaltungsgeschäfts auf, ist leider in
Deutschland auf ein Nebengleis geraten.
Im Umsturz von unten
glaubt der Magier nun seine
letzte Mission zu erkennen,
denn „ich kann im Handball
nicht mehr viel machen als
das“. Er lotste Jugoslawien
zum Olympiasieg 1972 in
München und führte in
Deutschland professionelles
Training unter Einsatz von
Medizinbällen ein. Er erhob
die Entspannung im öffentlichen Thermalbad zur optimalen Spielvorbereitung,
verlegte die Mahlzeiten hinter den Mittagsschlaf („Ein voller Bauch ruht nicht
gut“) und wurde für alle Ideen gerühmt.
Jetzt teilt er sein Schicksal mit all jenen
Altstars, die dem eigenen Ruhm nicht gewachsen waren. Gerd Müller, einst Bomber
der Nation, trank irgendwann zu viel Rotwein, Box-Idol Bubi Scholz erschoss seine
Frau. Und Faustkämpfer George Foreman
predigte vor kleinen Kindern über die heilende Kraft großer Hamburger.
Stenzel quillt vor Tatendrang über, weil
er seinen sukzessiven Abstieg nie verarbeitet hat. Dass ihn der Deutsche Handball-Bund (DHB) vier Jahre nach dem
WM-Triumph entließ, erachtet er noch
heute als eine krude Mischung aus Komplott („Sportartikelfirmen arbeiteten gegen mich“) und Vandalismus („Der Mensch
hat was Zerstörerisches“).
Sein letztes Bundesliga-Engagement,
Großwallstadt vor viereinhalb Jahren, war
nach gut zwei Monaten beendet. Aber hatd e r
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Sport
„mindestens hundert Spieler gebaut, von
fast nix bis zu Besten der Welt“. Das fällt
ihm nun allerdings schwer beim Landesligaclub, der zum Training Unterstützung
aus der zweiten Mannschaft benötigt, damit ein Übungsspiel zu Stande kommt.
„Schnellaaa“, kräht der Übungsleiter
dann im Tonfall einer wütenden Alpendohle. Doch nicht jede seiner Anweisungen
ist zu verstehen. So gibt er bei der Schnellkraftschulung – „vollä Pullä“ – die Laufrichtung per Handzeichen vor und bedenkt
dabei nicht, dass die Sprintenden hinten
keine Augen haben. Nun rennt die Trainingsgruppe, weil sie in ihrem Rücken das
Signal zur Umkehr nicht wahrnimmt, in
blindem Gehorsam vor die Hallenwand.
Die Klangfärbung, in der die Schüler mit
der Respektsperson kommunizieren, erinnert an die von Pflegepersonal im Seniorenheim. „Hast’ jetzt einen Sportwagen,
Vlado?“, fragt einer mit gespielter Neugier,
als sich die Nachricht des Tages im Verein
längst herumgesprochen
hat: Weil am privaten
Golf der Auspuff defekt
ist, hat die Werkstatt
dem Trainer ein Leihgefährt mit 225 PS zur Verfügung gestellt.
Darin nähert er sich
hoppelnd wie ein Rodeoreiter der Trainingshalle, jeweils zwei Fahrspuren und Parkplätze
brauchend. „Ist ganz
ohne Schlüssel?“, fragt
er am Abend verwirrt
und hält den eingeklappten Zündschlüssel
Startrainer Stenzel, Altstars*: „Ein voller Bauch ruht nicht gut“ in der Hand. „Ich werde
verrückt“, argwöhnt er
zu bezahlen sei. Nach nur drei Monaten nach Ende der Übungsstunde, als er in der
wurde das Beschäftigungsverhältnis gelöst. Turnhalle den Ausgang nicht findet.
Das ist natürlich kokett gemeint. Denn
Am Ende hatte sich die Verpflichtung
des schrulligen Zuchtmeisters, der seine eigentlich fühlt sich der Altmeister so
Schüler immer schon gern der Größe nach prächtig in Form, dass er dem Welthandball
geordnet strammstehen ließ („Sieht auch eine Reform nach Vlado-Art angedeihen
optisch gut aus“), für den Geschmack der möchte: „Das Regelwerk hat Löcher.“
Siebenmeter „für jeden Schlamassel“ zu
„Mittelbayerischen Zeitung“ als „Lachpfeifen ist Stenzel ebenso suspekt wie die
nummer“ erwiesen.
In Ingolstadt ist die Halle jetzt stets mit uneinheitliche Auslegung der Vorteilsregel.
300 Besuchern gefüllt, sogar der Reporter Den Schiedsrichtern dürfe man nicht so
einer Radiostation ließ sich schon blicken. viel Ermessensspielraum lassen. Deren BeStenzel brachte einen Spieler der ersten fähigung zieht er generell in Zweifel: „Statt
kroatischen Liga mit in die neue Saison. ins Irrenhaus zu schicken, gibst du ihnen
Und nur einmal, als die Trainingshalle zur Pfeifen – so ungefähr.“
Als Alternative zur Bestrafung des pasHälfte von „einer alten Tussi“ (Stenzel)
mit deren Gymnastikgruppe belegt war, siven Spiels schwebt ihm „die Kolumbushat er der Club-Geschäftsführerin Klothil- Ei-Regel“ vor: ein Zusatzpunkt für Siege
de Schmöller für den Wiederholungsfall mit mindestens sechs Toren Differenz. Zumit Rücktritt gedroht. Frau Schmöller mindest der bayerische Sportsfreund, hat
Stenzel in seiner Wahlheimat erfahren,
lächelte milde.
Jetzt blühen schon wieder Aufstiegs- „will es einfach haben: Er nimmt auch ein
träume. Stenzel hat in seiner Karriere großes Bier, nicht zwei kleine“.
Die Regelreform, sagt er, könne „jede
Minute
rauskommen“. Nur hat er die zu* Beim Benefiz-Auftritt des Weltmeisterteams von 1978
ständigen Instanzen von seinen Ideen noch
mit dem heutigen Bundestrainer Heiner Brand (2. v. l.)
nicht informiert.
Jörg Kramer
am 14. August in Bad Hersfeld.
A. HASSENSTEIN / BONGARTS
te er nicht ein paar Jahre zuvor beim TSV
Milbertshofen mit dem überraschenden Pokalsieg ein prächtiges Comeback hinbekommen? Undankbar ist die Welt, Clubchef Ulrich Backeshoff drückte Stenzel 45
Minuten vor einem Spiel in Lemgo die Zugfahrkarte für die Heimreise in die Hand.
Nun also Ingolstadt. „Allein der Name“
des prominenten Präzeptors hatte den
stellvertretenden Abteilungschef Joachim
Henschker bewogen, bei der Sponsorenakquisition verschärfte Anstrengungen
zu unternehmen. „Es hat hier keiner geglaubt bis zu dem Tag, an dem Herr Stenzel wirklich in der Halle stand“, berichtet
er, noch immer ergriffen – denn ein Stenzel ist nicht ganz preiswert.
Sein letztes Engagement war denn auch
rasch am Gelde zu Grunde gegangen. Der
Vorstand des bayerischen Regionalligisten
TB Roding hatte anfangs den Spielern
eröffnet, sie müssten auf 30 Prozent ihrer
Gagen verzichten, damit der Startrainer
238
d e r
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Wissenschaft
AP
Prisma
Kernspintomogramme von der Lunge nach Einatmen von Helium-3
MEDIZINTECHNIK
Leuchtende Lunge
A
n der University of Virginia haben Radiologen ein neues
Untersuchungsverfahren entwickelt, mit dessen Hilfe sie die
Strömung der Atemluft beobachten und damit Lungenschäden
besser diagnostizieren können. Herkömmliche Durchleuchtungstechniken zeigen die Lungen nur als schwarzgraue Flächen.
Die US-Mediziner machten sich die Entdeckung zweier Physiker von der Princeton University zu Nutze, wonach das Isotop
Helium-3 nach dem Beschuss mit Laserstrahlen in Kernspinto-
mografen ein tausendfach stärkeres (Licht-)Signal abgibt, als
bei dieser Technik bislang möglich. Bei den Versuchen mussten
Patienten lediglich statt Luft das ungefährliche Edelgas Helium
einatmen und für zehn Sekunden den Atem anhalten. Dann
zeigte das Kernspintomogramm in leuchtenden Farben das klar
strukturierte Lungengewebe. Die Forscher erhoffen sich von
der neuen Methode auch besseren Einblick in das menschliche
Gehirn oder die Fortpflanzungsorgane der Frau.
TIERE
Echse
in der Steilkurve
R
K. ANDREWS
eptilien, die auf ihren beiden Hinterbeinen laufen, sind spätestens seit
Steven Spielbergs Echsenepos
„Jurassic Park“ bekannt. Auf den beiden
Beinen einer Körperseite jedoch läuft
nur die etwa 15 Zentimeter lange malaysische Prachtschmetterlingsagame. Die
ungewöhnliche Schräglage der Echse,
kürzlich von einem Forscher des Bonner
Museums Alexander Koenig in Malaysia
beobachtet, ist Teil ihres Droh- und Imponiergehabes. Ähnlich wie einst die
Turbine in Kohlekraftwerk
M AT E R I A L F O R S C H U N G
Heiße Sache
orscher der University of Cambridge
haben auf dem Festival of Science in
Sheffield ein Projekt vorgestellt, mit
dessen Hilfe der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids drastisch reduziert werden könnte. Das Team arbeitet an der Entwicklung von Turbinenschaufeln aus einer Nickellegierung für
Kraftwerke nach dem Vorbild von Düsentriebwerksteilen. Sie sollen noch bei
Temperaturen von 750 Grad Celsius
funktionstüchtig bleiben. Dies würde
eine erhebliche Steigerung der Arbeitstemperatur gegenüber herkömmlichen
Turbinen mit Stahlschaufeln ermöglichen. Bei gleich hoher Energieerzeugung
würde nur halb so viel Kohle oder Öl
verbrannt und somit die Abgase halbiert.
DFD
F
Mercedes A-Klasse beim Elchtest, kantet das Reptil dabei seitlich auf. Die bei
Wirbeltieren erstmals beobachtete Fortbewegungsart diene dazu, „den Körper
größer erscheinen zu lassen, um Kontrahenten im Territorialkampf zu beeindrucken“, erklärt der Zoologe Stefan
Weitkus. Bis zu einer halben Minute
umkreisten sich die streitbaren Reptilien
in der ungewöhnlichen Position, berichtet der Forscher. Die kurvenäußeren
Beinchen streckten sie dabei schräg in
den Himmel. Genügend Kraft für den
anstrengenden Steilkurvenlauf haben
die wechselwarmen Echsen allerdings
nur zur Mittagszeit. Weitkus: „Hohe
Temperaturen und direkte Sonneneinstrahlung sind unentbehrlich.“
Prachtschmetterlingsagame beim Kurvenlauf
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241
Prisma
Computer
Wachstum der Sprachen-Gemeinden im Internet
Ende 1995
gibt es rund
50 Millionen
Internet-Nutzer
davon sprechen
Im Januar 1998
gibt es rund
111 Millionen
Internet-Nutzer
Muttersprache
in Prozent
davon sprechen
davon sprechen
72 Millionen
Englisch
40 Millionen
Englisch
10 Millionen
andere Sprachen
Im August 1999
gibt es rund
195 Millionen Internet-Nutzer
Wie sich die
Sprachen der
Welt . . .
. . . im Internet
Verbreitung der
widerspiegeln
112 Millionen
83 Millionen
Englisch
andere
Sprachen
39 Millionen
andere Sprachen
Quelle: Global Reach, Nua
5,4
Englisch
2,1
Japanisch
1,6
Deutsch
14,9
Chinesisch
5,6
Spanisch
1,2
Französisch
0,3
Skandinav. Sprachen
1,0
Italienisch
0,3
Niederländisch
1,3
Koreanisch
2,9
Portugiesisch
63,4
Sonstige
Sprachen
in Prozent, nach
Internet-Nutzern
ielsprachigkeit im Internet nimmt
zu. Sah es in den Anfangsjahren
noch so aus, als würde Englisch als
De-facto-Standard in der digitalen
Welt die kulturelle Vielfalt gefährden,
verschieben sich nun die Gewichte:
Zwar ist Englisch im Cyberspace noch
weit stärker präsent, als es dem
englisch sprechenden Anteil der Weltbevölkerung entspräche, doch die anderen Sprachen emanzipieren sich immer mehr. Deutschsprachige InternetNutzer liegen inzwischen auf Platz drei.
PC-INDUSTRIE
Digitale Nachbeben
D
DPA
as Erdbeben in Taiwan erschüttert
die PC-Industrie: Rund ein Drittel
aller „Chipsets“, jener Baustein-En-
Erdbeben in Taiwan am 21. September
242
sembles, die das Herz des Computers
schlagen lassen, wird in dem fernöstlichen Land hergestellt. Taiwans Fabriken
bauen 40 Prozent aller Notebooks und
löten 45 Prozent aller Computerplatinen zusammen, die in Rechnern aller
großen Marken wie Dell, Compaq und
IBM stecken. Dramatisch zuspitzen
könnte sich die Lage bei den GrafikChips: 80 Prozent der Bausteine, ohne
die ein PC kein Pixel auf den Bildschirm malen kann, stammen aus Taiwan-Produktion. Zwar scheinen Fabrikgebäude und Anlagen größtenteils intakt geblieben zu sein, aber weite Teile
des Landes waren länger ohne Stromversorgung, als es die Fabriken mit Notgeneratoren hätten überbrücken können. Eine Chipfabrik nach einem Blackout neu anzufahren und alle Maschinen
neu zu justieren, dauert
nach Schätzungen von
Experten mindestens zwei
Wochen. Schon ein Stromausfall im Juli war mitverantwortlich für den weltweiten Anstieg der Preise für
Speicherchips, die noch zu
Anfang des Jahres ins Bodenlose zu stürzen schienen.
Seit Juni hat sich der Speicher-Preis mehr als verdreifacht, und bis zum Jahresende ist keine Entspannung
in Sicht. Auch andere PCBauteile dürften sich in
nächster Zeit verteuern.
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F. SCHUMANN / DER SPIEGEL
Babel im Datennetz
V
57,4
8,8
6,2
4,4
4,3
4,2
3,3
2,5
2,0
1,9
1,5
3,5
TI-92
H A R D WA R E
Fetter Rechenknecht
N
ur wer Cargopants der Größe XXL
trägt, wird dieses Gerät noch
„Taschenrechner“ nennen: Der neue
TI-92 Plus (Preis: etwa 500 Mark)
bringt rund ein halbes Kilogramm auf
die Waage. Er löst Matrizenfunktionen
und Differenzialgleichungen, kennt die
wichtigsten physikalischen Konstanten
und verwandelt eingetippte Funktionen
in rotierende dreidimensionale Grafiken auf dem Display. Ein durch Videospiele geschultes Auge ist von Nutzen,
um im Labyrinth der Bildschirm-Menüs
nicht den Überblick zu verlieren. Lehrer sollten auf der Hut sein: Findige
Schüler schreiben für diese Art von
Grafikrechnern hinterlistige Programme, die umfangreiche Spickzettel hinter
gefälschten Bildschirmbildern verbergen, welche den Eindruck erwecken,
der Speicher sei leer.
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F. STOCKMEIER / ARGUM
DEUTSCHER TIERSCHUTZBUND e.V.
Versuchsaffe im Primatenstuhl, Pharmazeut Schäfer*: Schneller ans Ziel mit Ersatzmethoden
TIERSCHUTZ
Roboter ersetzen die Kreatur
Zerschnippelt, vergiftet oder infiziert: Noch immer müssen Millionen Versuchstiere
ihr Leben für die Forschung lassen. Doch Hightech-Methoden, die genauere Ergebnisse liefern und
weniger kosten, machen Experimente mit Nagern, Hunden oder Affen zunehmend überflüssig.
D
er chirurgische Eingriff am weißpelzigen Patienten war Feinarbeit:
Mit dem Skalpell schnitt der Operateur das rechte Auge aus der Höhle heraus, anschließend nähte er die Lider zu.
Sieben Tage hatte die nun halbblinde Ratte Ruhe, dann wurde ihr ein dünner Plastikschlauch in die Oberschenkelarterie eingeführt – zur Entnahme von Blut und zur
Eingabe von Infusionen.
Während sich der auf dem Tisch fixierte
Nager noch von der Narkose erholte, bestrahlte der Mediziner das verbliebene Auge
mit 80 Lux – einer Lichtintensität, die wohnlicher Beleuchtung entspricht. An der wachen Ratte wurde, in unterschiedlichen Gehirnregionen, die Verwertung von Zucker
gemessen. Danach hatte das Tier ausgedient: Der Kopf wurde abgetrennt, das Gehirn tiefgefroren, in Scheiben geschnitten
und noch einmal untersucht.
244
Im Dienste der Grundlagenforschung
ließen auf diese Weise 25 spitzschnäuzige
Nacktschwänzer ihr Leben. Die Wissenschaftler des Physiologischen Instituts der
Universität Heidelberg können nun eine
Veröffentlichung über die „Herabgesetzte
Glukosetransporterdichte, Umsatzkonstanten und Glukoseverwertung in visuellen Strukturen des Rattenhirns bei chronischem visuellem Entzug“ in der Fachzeitschrift „Neuroscience Letters“ vorweisen.
Auf die gesetzlich verbürgte Freiheit der
Forschung berufen sich, bei solcherlei Experimenten, die Wissenschaftler stets und
stellen einen – wenngleich fernen – Nutzen
für die eigene Spezies in Aussicht. Doch
das Heidelberger Tieropfer war „ein sinnloses Unternehmen“ und „die Ergebnisse
* Der Bildschirm zeigt die Vergrößerung menschlicher
Lungenzellen, die in Gewebekulturen gezüchtet wurden.
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für den Menschen absolut wertlos“, sagt
Franz Gruber, Privatdozent an der Universität Konstanz und Fachtierarzt für Versuchstierkunde: Ratten haben einen völlig
anderen Tag-Nacht-Rhythmus als der
Mensch, sind dämmerungsaktiv und leben
somit von Natur aus unter „chronischem
visuellem Entzug“. „Wenn die Wissenschaftler da was gefunden haben“, urteilt
Gruber, „ist es mit Sicherheit auf andere
Effekte des Eingriffs zurückzuführen.“
Mehr als 20 Prozent aller Tierversuche,
die in deutschen Labors stattfinden, werden von Grundlagenforschern gemacht. Sie
nutzten, laut jüngstem Bericht des Bundeslandwirtschaftministeriums, 1997 insgesamt
314 782 Tiere – vor allem Mäuse und Ratten, aber auch tausende von Kaninchen,
hunderte von Katzen, Affen und Hunden.
Während die Entwicklung neuartiger, effektiverer Testmethoden und strengerer
Wissenschaft
Auf freiwillige Selbstbegrenzung haben Überprüfungsprozeduren, vielfach zur
sich beispielsweise kürzlich die Schweizer „Sisyphusarbeit“, beklagte auf dem KonAkademien der medizinischen Wissen- gress der Mediziner Horst Spielmann, der
schaften und der Naturwissenschaften ge- die Zentralstelle zur Erfassung und Bewereinigt. Die traditionsreichen Gelehrtenge- tung von Ersatz- und Ergänzungsmethosellschaften verpflichteten sich im neuen den zum Tierversuch (Zebet) in Berlin
ethischen Kodex zum „Verzicht auf den er- leitet.
hofften Erkenntnisgewinn“, wenn Versuche
Immerhin sei das Tierexperiment in der
„dem Tier schwere Leiden verursachen“.
Öffentlichkeit und auch bei vielen WissenEin „starkes wissenschaftliches Argu- schaftlern mittlerweile „negativ besetzt“,
ment, mehr Alternativen zu nutzen“, sieht sagt Christiane Cronjaeger vom deutschen
Gill Langley von der Universität Cam- Bundesverband der Tierversuchsgegner.
bridge in der „besseren Qualität von Er- Doch der Veterinärin geht die Umstellung
satzmodellen“: Schon jetzt steht Medizi- „viel zu langsam“, die Anerkennung wernern und Pharmaforschern beispielsweise de, aus weltwirtschaftlichen Gründen, vor
ein in England entwickeltes virallem von der OECD „auf qualtuelles Herz zur Verfügung – als
volle Weise verschleppt“.
Statt
Modell im Computer‚ an dem
Seit Jahrzehnten schon
Labor-Tieren schwelt die Diskussion über die
sich sowohl Infarkte und Rhythnutzen die
musstörungen wie auch neue
Notwendigkeit von TierversuTherapien simulieren und testen
chen. Leidenschaftliche TierForscher
lassen. Pharmazeuten der Uni- postkartengroße schützer prangern den „Mord an
versität Hamburg wiederum haMitgeschöpfen“ an, während vor
Platten mit
ben Herzzellen in Kulturen herallem Wissenschaftler der
Zellkulturen großen Forschungsorganisatioangezüchtet, die Tierversuche
einsparen helfen.
nen hartnäckig bestreiten, dass
Am niederländischen Institut für Er- die Versuche ohne Schaden für Forschung
nährungsforschung ist ein Verdauungstrakt und Lehre eingeschränkt werden könnten:
mitsamt Magen und Gekröse nachgebaut Nichts als „Glitzerkram ohne Wert“ seien
worden, in dem sich alle physiologischen die Ersatzmethoden im Studium, postuVorgänge abspielen: Im „Techno-Tum“ lierte beispielsweise der Frankfurter Phygenannten Apparat haust die gesamte siologe Rainer Klinke, Mitglied der DeutDarmflora; computergesteuert fließen schen Forschungsgemeinschaft.
Speichel-, Gallen- und Magensaft.
Computer-Simulation und Interaktiv-ViZur unendlichen Geschichte wird je- deo könnten das Zerschneiden von lebendoch oftmals der Versuch, solche erfolg- den Objekten nicht ersetzen, beschied der
reich entwickelte Ersatzmodelle den na- Professor Studenten, die gegen den Vertionalen und internationalen Zulassungs- brauch von Fröschen und Ratten im Prakbehörden schmackhaft zu machen: Die für tikum gerichtlich klagten: „Eine Liebesalternative Methoden vorgeschriebene nacht ist ja auch besser als ein AufTauglichkeitsbestätigung („Validierung“) klärungsfilm.“
gerät, durch immer neue Auflagen und
Als unumgänglich galten Tierversuche
noch bis in die siebziger Jahre. Unter experimentierenden
Hochschul-WissenTod im Labor Tierversuche in Deutschland
Prüfung von
schaftlern war damals der Haustierklau
Pflanzenschutzmitteln
gang und gäbe: So stahlen sich DoktoranPrüfung anderer Stoffe
2,64
den der Hamburger Universitätsklinik
4,1 % 3,0 %
Hunde von der Straße, um neue
1989
Erkennung
von
2,45
herzchirurgische Verfahren an
5,6
%
Umweltgefährdungen
2,40
ihnen zu erproben.
1990
Ver1991
Prüfung
und
Erforschung medizinischer
Während Tierschützer
brauchte
17,5 %
Entwicklung von
Methoden
mit Befreiungsaktionen für
Tiere
Arzneimitteln
2,06
Labortiere reagierten und
in Millionen
Grundlagen21,3 %
48,5 %
1,92
1992
Studenten sich zunehmend
forschung
weigerten, über Tierleichen ins
1993
1,76
Examen
zu gehen, leitete 1987 ein
Versuchszweck
1,64
1994
neues
deutsches
Tierschutzgesetz einen
1,51
1,50
1995
drastischen Rückgang ein: Erstmals wurden
1996
1997
Kommissionen bestimmt, welche die
Behörden bei der Genehmigung von TierVersuchstiere
versuchen zu beraten hatten.
Mäuse
49,0 %
Forschungsinstitute mussten
Ratten
26,8 %
nun, vielen Wissenschaftlern
zum Graus, einen „Tierschutzbeauftrag8,6 %
Fische
ten“ benennen.
6,7 %
Meerschweinchen, Kaninchen
Zur Förderung von Ersatzmethoden
5,1 %
Vögel
wurde 1989, als Informations-, ForschungsQuelle: Tierschutzbericht
und Bewertungszentrum, Zebet gegründet.
3,8 %
Hunde, Affen, andere Tiere
der Bundesregierung
Die Europäische Kommission richtete we-
M . M AT Z E L / D AS F OTOA R C H I V
Tierschutzgesetze vor allem in der Pharmaindustrie einen drastischen Rückgang der
Tierexperimente bewirkten, ist in der
zweckfreien Forschung der Tierverbrauch
konstant geblieben. In keine Statistik eingegangen sind hunderttausende von
„transgenen“ Versuchstieren, die nach Experimenten an ihrem Erbgut nicht wunschgemäß geraten waren und getötet wurden.
Wie Experimente nach Art der Heidelberger Rattentortur eingeschränkt und bislang übliche Tests am lebenden Tier vermindert, verfeinert oder gänzlich abgelöst
werden können, berieten Experten wie
Gruber jetzt auf dem „Weltkongress über
Alternativen für Tierversuche“ in Bologna.
Um Maus und Ratte, der meistbenutzten
Wegwerfspezies, aber auch den anderen
Versuchstieren künftig Schmerzen und Tod
zu ersparen, ist derzeit eine Fülle von
Hightech-Tests in Erprobung.
Präziser, billiger und schneller können
schon jetzt Wissenschaftler oftmals ihr Ziel
mit Bakterien-, Zell- und Gewebekulturen
erreichen, mit isolierten Organen und physikalisch-chemischen Tests, mit Computermodellen oder hoch verfeinerten Röntgenverfahren.
Die völlige Streichung jeglicher Experimente ist Forderung der Tierschützer auch
am diesjährigen Welttierschutztag am
Montag dieser Woche. Doch frühstens in
zwei Jahrzehnten, hofft Michael Balls,
britischer Zoologe und Toxikologe an der
Gemeinsamen Forschungsstelle der EU, die
700 Wissenschaftler aus Forschung und
Industrie, aber auch Tierrechtler zu der
Tagung nach Bologna geladen hatte, könnten Tierversuche weitgehend überflüssig
sein – „weil die Wissenschaftler nachzudenken beginnen und es einen Mentalitätswandel gibt“.
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B. BOSTELMANN / ARGUM
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SPL / AGENTUR FOCUS
denen die tägliche Injektion dann erspart bliebe.
Mit Hilfe der neuen Modelle lassen sich komplexe
biologische Transportvorgänge „genau anschauen“,
sagt Lehr: „Das Versuchstier stellt doch nur eine
Black Box dar, in die man
was reinschmeißt.“
Die größten Fortschritte
beim Ersatz besonders
schmerzhafter Tierversuche wurden in jüngster Zeit
bei der Prüfung von Impfstoffen erzielt: Nicht nur
bei der Entwicklung und
Zulassung, auch bei der
Kontrolle jeder einzelnen
produzierten Charge solcher „Biologika“ waren
bislang Tests am Tier Vorschrift.
Dass alljährlich zehntausende von Mäusen zitternd
den Impfstoff-Test auf
„anomale Toxizität“ über
sich ergehen lassen mussten, wollten Klaus Cußler,
Mikrobiologe, Veterinär
und Tierschutzbeauftragter,
und eine Arbeitsgruppe
vom Paul-Ehrlich-Institut in
Langen nicht mehr mit an- Tierversuch mit Kaninchen*: Millionenfach weggeworfen
sehen: Die Wissenschaftler
des Bundesamts für Impfstoffe wiesen in beim Menschen Hautentzündungen auseiner dreijährigen Studie nach, dass ver- lösen. Nachdem die infizierten Mäuse
besserte Herstellungsverfahren die für die „traurig in der Ecke gehockt und nicht
Nager tödliche Routineprüfung auf even- mehr gefressen hatten“ (Cußler), starb
tuelle Verunreinigungen „einfach über- mindestens jede zweite.
flüssig“ gemacht haben. Der Test konnte
Die neue Prüfprozedur des Paul-Ehrersatzlos gestrichen werden, weil damit lich-Instituts verzichtet nun auf die künstjahrelang keinerlei schädliche Produkte liche Infektion, die allein die krankmaausfindig gemacht wurden.
chende Wirkung des Erregers bestätigen
Dem findigen Beamten, dessen Mar- sollte. Nach einer Impfung der Tiere genügt
kenzeichen der Schlips mit Tiermuster ist, als Beleg der Wirksamkeit der Vakzine
haben Versuchstiere noch schon eine Blutprobe, in der die schützenweitere Rettungsaktionen den Antikörper nachgewiesen werden.
zu verdanken: Jeweils über
Ebenfalls kurz vor der Einführung steht
drei Tage zog sich das Lei- eine Ersatzmethode, mit der sich so geden jener Mäuse hin, die nannte monoklonale Antikörper hersteljahrzehntelang zur her- len lassen. Die für Therapie und Diagnostik
kömmlichen Wirksamkeits- von Infektionen, Krebs und Abstoßungsprüfung des Impfstoffs ge- reaktionen nach Transplantationen wichtigen Rotlauf, einer gefürch- gen Antikörper wurden bislang in einer
teten Schweineerkrankung, besonders schmerzhaften Prozedur aus
mit dem Erreger angesteckt Mäusen gewonnen: Die Nager bekamen
wurden – ein Risiko auch Zellen in die Bauchhöhle gespritzt, die Entfür die Pfleger, die im La- zündungen hervorriefen. Anschließend
bor mit den kranken Tieren wurden ihnen Krebszellen injiziert, die sich
hantieren müssen, denn vermehrten und die gewünschte Antikörüber eine Wundinfektion perproduktion ankurbelten. Im Serum der
kann die Krankheit auch auf diese Weise ausgelösten Bauchwassersucht („Aszites“) befanden sich die monoklonalen Antikörper, die dann abgesaugt
* Unten: mit einem Impfstoff aus
den sechziger Jahren, der mit Hilfe
wurden.
von Tierversuchen getestet wurde;
Mittlerweile werden die Antikörper im
oben: dem genetisch veränderten
Bioreaktor „Tecnomouse“ von ZellkultuKaninchen wird eine Blutprobe aus
ren produziert; zusätzlich bietet die Kultur
Mikrobiologe Cußler*: Rettungsaktion im Labor
dem Ohr entnommen.
nig später „Ecvam“ ein, das von Michael
Balls geleitete „Zentrum zur Validierung
von Alternativmethoden“ im italienischen
Ispra, das die Aktivitäten der europäischen
Länder koordiniert.
Einen „extremen Rückgang“, so ZebetChef Spielmann, verzeichneten seither vor
allem die Arzneimittelhersteller: Um etwa
50 Prozent sank binnen zehn Jahren der
Tierverbrauch in den Labors der pharmazeutischen Industrie, weil zunehmend der
Roboter die Ratte ersetzte: Wurde ehemals
mühselig an Nagern getestet, ob eine neue
Substanz überhaupt Wirkung zeigte, prüfen nun in „roboterunterstützten HighThroughput-Screenings“ Automaten gleich
zehntausende von Verbindungen pro Woche – mehr als ein einzelner Chemiker
früher in seinem gesamten Arbeitsleben
untersuchen konnte.
Auch der jüngeren Wissenschaftlergeneration an den Hochschulen ist „wohler,
wenn man den Tierversuch vermeiden
kann“, sagt Claus-Michael Lehr, Pharmazeut an der Universität in Saarbrücken.
Auf der Suche nach neuen Wegen, Arzneistoffe über körpereigene Barrieren an ihr
Zielorgan zu transportieren, entwickelten
Lehr und sein Kollege Ulrich Schäfer Ersatztests, die herkömmliche Tierversuche
geradezu vorsintflutlich erscheinen lassen:
„In vitro“, im Reagenzglas, gelang es Lehr
und Schäfer weltweit erstmals, menschliche
Lungenzellen so anzuzüchten, dass eine
künstliche Lungenschleimhaut entsteht.
Statt Labortiere „etwas einatmen zu lassen und schließlich die toten Mäuse zu
zählen“, so Lehr, nutzen die Forscher postkartengroße Platten mit Zellkulturen aus
Lungenbläschen, die zahlreiche künstliche
Lungen zugleich ergeben. Die Forscher erkunden nun, wie über die riesenhafte
Oberfläche dieses Gewebes künftig Arzneimittel durch Inhalation statt mit der
Spritze verabreicht werden können – eine
große Erleichterung etwa für Diabetiker,
Wissenschaft
die Möglichkeit, verschiedenste Moleküleigenschaften der Antikörper zu steuern.
Bis auf streng geregelte Ausnahmefälle
ist die quälerische Aszites-Methode in
Deutschland bereits verboten – zum Verdruss von Grundlagenforschern, die auf
dem Tierexperiment bestehen: Die Wissenschaftler hätten sich zwar „wohl oder übel
mit dem Tierschutzgesetz arrangiert“,
heißt es in einer Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft, „jedoch
stets die durch das Gesetz eintretenden
gravierenden Behinderungen kritisiert“.
Ecvam-Chef Balls deutete auf dem Kongress in Bologna solche Klagen als „Unbeweglichkeit“ und mokierte sich über den
„fragwürdigen Anspruch“ der Deutschen
auf die absolute Freiheit ihrer Forschung.
Nach Sinn und Nutzen zu fragen müsse
auch hier endlich erlaubt sein – vor allem,
wenn dabei, wie in der Hirnforschung, Primaten als Versuchsmodell benutzt werden.
In den berüchtigten Primatenstuhl, in dem
sie stundenlang fixiert sind, klettern die
Affen nur scheinbar freiwillig – denn dort
bekommen sie, nach vorheriger „Ausdürstung“, die ersehnte Flüssigkeit zumindest
tropfenweise.
Dass indessen auch in den Neurowissenschaften grundlegende Fragen auf schonende, „nichtinvasive“ Weise geklärt werden können, haben Mediziner des Forschungszentrums Jülich gezeigt: Aus dem
Primatenzentrum Göttingen liehen die
Wissenschaftler für ihre Projekte insgesamt
elf Paviane aus mitsamt den ihnen vertrauten Pflegern.
Den gewünschten Einblick ins Gehirn
der Menschenverwandten erhielten die
Mediziner mit neuen bildgebenden Verfahren: der Positronen-Emissions-Tomografie, die biochemische Stoffwechselvorgänge sichtbar macht, sowie der Magnet-Resonanz-Tomografie, die das Gehirn, wie ein Anatom, in kleine Kerngebiete mit Zellansammlungen zu zergliedern vermag.
In Narkose („entsprechend den Vorschriften für menschliche Säuglinge“) untersucht, verhalfen die Paviane den Forschern zu detailreichen Auskünften über
die Eigenschaften bestimmter Transmitter,
signalübertragender Moleküle im Gehirn,
die bei der Therapie von Schizophrenie
und Depression wichtig sein könnten.
Zu den Untersuchungen wurden jedes
Mal auch die Tierpfleger, die Veterinärin
und der Tierschutzbeauftragte hinzugezogen. Im Auftrag des Jülicher Forschungszentrums analysierte das Primatenzentrum
obendrein die Stressbelastung der hin- und
hertransportierten Paviane.
„Der immense Aufwand hat sich gelohnt“, so das Fazit von Neurowissenschaftler Karl Zilles: Die Ergebnisse werden nun in klinischen Studien überprüft.
Die dienstbaren Affen konnten wieder gesund in ihre Göttinger Gruppe gebracht
werden.
Renate Nimtz-Köster
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Wissenschaft
MEDIKAMENTE
Kaugummi für die Stachel
Zwei Mittel gegen die Grippe drängen auf den Markt.
Die neuen Arzneien sollen die
Viruserkrankung erstmals wirksam bekämpfen.
248
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P. PIEL
M
uskeln und Gelenke schmerzen, es kratzt im Hals, die
Stimme bleibt weg, schnell
steigt das Fieber auf über 39 Grad.
Alljährlich zwingt die Influenza einen von zehn Deutschen für eine Woche aufs Krankenbett; tausende sterben an den Folgen.
Die uralte, durch Viren verursachte Grippe verläuft in der kühlen Jahreszeit regelmäßig und weltweit in
Wellen. Zwar lassen sich schwere
Komplikationen durch eine rechtzeitige Impfung verringern; doch nur
bei drei von vier Menschen schlägt
die Schutzimpfung überhaupt an.
Nun kommen erstmals zwei Medikamente auf den Markt, die bei künftigen Grippe-Epidemien das Leiden
der Betroffenen erheblich mildern
sollen und weitgehend ohne Nebenwirkungen sind. Seit vorletzter Woche darf der Basler Pharmamulti Roche sein Anti-Influenza-Mittel Tamiflu vertreiben, zunächst allerdings
nur auf dem Schweizer Arzneimittelmarkt. Und seit vergangenem Freitag halten deutsche Apotheken das
für denselben Zweck vorgesehene
Medikament Relenza des britischen Relenza-Inhalation: Krankheitsdauer verkürzt
Konzerns GlaxoWellcome vorrätig.
Nach Angaben der Hersteller wirken die der achtziger Jahre Influenza-Viren erMedikamente gleichermaßen gegen das In- forschten. Peter Colman und seine Mitfluenza-Virus vom Typ A, der sich pande- arbeiter von der Forschungsorganimisch ausbreiten kann, und gegen den Typ sation Csiro in Melbourne wollten nur
B, der nur regional begrenzte Epidemien herausfinden, weshalb sich jedes neue
milderer Erkrankung verursacht. Norma- Influenza-Virus von seinem Vorgänger so
lerweise verläuft die Vermehrung eines In- stark unterscheidet, dass in jeder Grippefluenza-Virus in rasantem Tempo. Der Er- Saison wieder ein neuer Impfstoff entreger dringt in Zellen des Rachenraums ein wickelt werden muss – was stets ein
und vermehrt sich in ihnen. Dann durch- Wettlauf gegen die Zeit ist: Bevor eine
brechen seine Tochter-Viren die Wandung geeignete Vakzine entwickelt, geprüft,
und entern benachbarte Zellen. 18 bis 72 abgefüllt und ausgeliefert werden kann,
Stunden nach der Ansteckung treten die vergehen mindestens drei Monate; kommt
ersten Symptome auf.
es aber zur Epidemie, sind nach drei
Die Wirkstoffe in den beiden neuen Me- Monaten schon tausende erkrankt und etdikamenten – Zanamivir in Relenza und liche gestorben.
GS 4104 in Tamiflu – funktionieren nach
Die Colman-Gruppe konzentrierte sich
demselben Prinzip: Sie verhindern, dass bei ihrer Forschung auf das Enzym Neuradie Tochter-Viren sich von der jeweiligen minidase, das stachelartig auf der VirusWirtszelle lösen können – sie bleiben, er- oberfläche sitzt. Die Forscher entdeckten,
läutert ein Glaxo-Mitarbeiter, wie ein dass die ominösen Stachel zwar bei jedem
„Stück Kaugummi an der Oberfläche kle- Virusstamm anders aussehen können.
ben“ (siehe Grafik Seite 251).
Doch unabhängig von ihrer jeweiligen
Die Vermehrung der Viren zu unterbin- Form, so die Einsicht der Forscher, dienen
den, hatten die australischen Wissen- die Stachel dem Virus stets als Schere, um
schaftler gar nicht im Sinn, als sie Anfang sich von der Wirtszelle abzutrennen. Die-
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Wissenschaft
Das seit letzten Freitag in deutschen
Apotheken auf Rezept erhältliche Relenza
(Packungspreis: 58,19 Mark) hingegen besteht aus einem Pulver, das mit Hilfe einer
umständlichen Plastikapparatur inhaliert
werden muss. „Grippekranke, deren Atemwege ohnehin gereizt sind, dürften damit
erhebliche Anfangsschwierigkeiten haben“, vermutet ein Roche-Sprecher. Er verweist auf die „Lernkurve“, die von Asthmatikern bekannt ist, ehe sie erfolgreich
mit dem Aerosolspray umgehen können.
Der Zeitfaktor jedoch ist bei den neuen
Anti-Grippe-Mitteln besonders wichtig: Sie
entfalten ihre größte Wirksamkeit, wenn
sie möglichst früh eingenommen werden.
Schon am dritten Tag einer Virusgrippe haben sich die Erreger milliardenfach vermehrt – dann können weder Pulver noch
Pille ihre Heilkraft entfalten.
Um ihren Mitteln – die nach Ansicht des
US-Wirtschaftsblatts „Wall Street Journal“
beiden Firmen einen zusätzlichen Umsatz
von jeweils einer Milliarde Mark bescheren
könnten – zum Durchbruch zu verhelfen,
planen Roche und GlaxoWellcome einen
ausgeklügelten Marketing-Feldzug: Wo immer sich in den kommenden Monaten eine
Influenza-Welle abzeichnet, sollen in den
USA die potenziellen Opfer mit Anzeigenkampagnen auf die neuen Medikamente hingewiesen werden.
In Deutschland, wo Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel nur in Fachzeitschriften erlaubt ist, dürften Pharmavertreter die Arztpraxen stürmen und auf
Rezeptausstellung drängen. Dabei können
die Glaxo-Leute zusätzliche Argumente
vorbringen: Relenza mindert nicht nur die
der Virusattacke. Das MedikaErreger in der Falle Symptome
Grippement verringert, wie Grippe-Forscher letzvirus
Wirkungsweise des Grippe- te Woche berichteten, offenbar auch die
medikaments Relenza
Ansteckungsgefahr. Bei 168 ausgewählten
HämagNeuraund mit einem Placebo behandelten Famiglutinin
minidase
lien, von denen wenigstens ein Mitglied
1 Grippeviren gelangen
vom Influenza-Erreger befallen war, steckdurch Tröpfcheninfektion in
te sich in knapp jeder fünften Familie wedie Atemwege.
nigstens ein weiterer Angehöriger an. In
einer vorbeugend mit Relenza behandelten
2 Dort heften sie sich mit
Gruppe hingegen lag die AnsteckungsquoHilfe des Hämagglutinins an
die Schleimhautzellen und
te bei nur vier Prozent.
dringen in diese ein.
Zumindest aus volkswirtschaftlicher
Sicht ist folglich gegen einen Einsatz der
3 Die Erreger benutzen
Medikamente wenig einzuwenden. Im
die Zellen zur Vermehrung.
vergangenen Winter kam es in Deutschland durch Influenza zu
4 Das Medikament Relenza blockiert die
zwei Millionen Fällen von
SchleimNeuraminidase, die das Ablösen des Virus von Arbeitsunfähigkeit, 40 000
hautzelle
der Zelle ermöglicht – somit kann der Erreger
Bundesbürger wurden ins
keine neuen Zellen infizieren.
Krankenhaus eingewiesen.
Die Gesamtkosten einer
durchschnittlichen GrippeWelle belaufen sich nach
Schätzungen des Referenzzentrums für Influenza am
Robert-Koch-Institut in Berlin insgesamt auf zwei MilliRelenza
Quelle: GlaxoWellcome
arden bis drei Milliarden
Mark pro Jahr. Rainer Paul
se Erkenntnis bildete die Grundlage für die
Entwicklung des Wirkstoffs Zanamivir. Mit
diesem können die stacheligen Fortsätze
blockiert werden – dadurch wird das Andocken der Viren verhindert.
1995 erprobte Lizenznehmer GlaxoWellcome den neuen Wirkstoff erstmals
am Menschen. Zu diesem Zeitpunkt hatten
die Wissenschaftler der US-Pharmafirma
Gilead Sciences, die gemeinsam mit dem
Schweizer Roche-Konzern ebenfalls nach
einem Grippe-Killer suchten, gerade mal
ein erstes Testpräparat des späteren Tamiflu zusammengemixt.
Die Ergebnisse der bisherigen Reihenuntersuchungen attestieren beiden Präparaten gleiche Wirksamkeit: Im Vergleich zu
Influenza-Patienten, die mit einem Scheinmedikament behandelt wurden und durchschnittlich sechs Tage unter den typischen
Grippesymptomen zu leiden hatten, klangen die Beschwerden bei den mit Tamiflu
oder Relenza behandelten Patienten der
Vergleichsgruppen bereits nach vier Tagen
ab. Zudem stuften die echt behandelten
Testpatienten die Intensität von Kopf- und
Gliederschmerzen um etwa 40 Prozent geringer ein als die Probanden der Placebogruppe.
Für den sich anbahnenden Wettlauf mit
dem britischen Konkurrenten war bei Gilead schon früh eine Entscheidung gefallen,
die sich für den Partner und Spätstarter
Roche lohnen könnte: „Wir entschlossen
uns, den Anti-Influenza-Wirkstoff in Tablettenform herzustellen“, erinnert sich
Gilead-Forschungsdirektor Norbert Bischofberger.
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Wissenschaft
ARCHÄOLOGIE
Mumien am Weltraumbahnhof
Wer schuf die geheimnisvollen „Linien von Nasca“ in der Wüste von Peru?
Forscher haben in dem Gebiet erstmals Siedlungen und einen Friedhof entdeckt. Die
Gräber enthalten 2000 Jahre alte halb verweste Leichen.
Lima
Huancayo
A
n
Peru
R. DREXEL / BILDERBERG
A
nno Däniken, als die Götter noch
Astronauten waren, die jüdische
Bundeslade ein Elektro-Akku und
die Trompeten von Jericho todbringende
„Schallkanonen“, existierte nahe der Pazifikküste bei Nasca ein Weltraumbahnhof. Ufos, Raumtaxis und Sternenschiffe
knatterten laut röhrend über die Piste –
eine schwere Lärmbelästigung für die anwohnenden Steinzeit-Indios.
Die Landebahn, flankiert von zahllosen
Peillinien, diente auch als weithin sichtbarer Wegweiser. Schon beim Anflug aus dem
Kosmos konnten Aliens und grüne Männchen leichthin erkennen: Hoppla! Fuß vom
Gaspedal, die Pampa naht.
Das Szenario, 1968 vom Schweizer Raunemann Erich von Däniken dargelegt, hat
die „Linien von Nasca“ berühmt gemacht.
Zehntausende von Dreiecken, Spiralen,
Zickzacklinien, aber auch Tierbilder von
Kolibris, Füchsen oder Kondoren durchziehen die peruanische Wüste. Viele sind
über 100 Meter lang.
Die riesenhaften Konturen finden sich
fast ausschließlich in einer schmalen, rund
60 Kilometer langen Hochebene, die wie
eine Mondlandschaft aussieht. Dunkle
Schottersteine bedecken das Terrain. Unter
den Felsbrocken schimmert weißer Sand.
Dieses unwirtliche Areal diente den
Schotter-Picassos vor etwa 2000 Jahren gleichsam als Leinwand. Die Indios
räumten planvoll das schwarze Geröll
zur Seite und schufen so Hell-Dunkel-Kontraste. Rund 10 Millionen Kubikmeter
Schutt wurden auf diese Weise umgestapelt und geometrisch in Form gebracht –
mehr als das Volumen der Pyramiden von
Gizeh.
Wüstenzeichnung von Nasca*: Rätselhafte Gravuren der Schotter-Picassos
Aber warum? Dienten die Kontrastlinien als Pilgerwege? Sind es alte Bewässerungskanäle? Manche Forscher glauben,
dass die Striche auf Fixsterne und andere
Himmelskörper ausgerichtet sind. Nasca
sei das „größte Astronomiebuch der Welt“.
* Oben: über 200 Meter lange Vogel-Darstellung; unten:
Ende August in Los Molinos ausgegraben.
Südamerika
d
e
Gebiet unter
Nasca-Einfluß
Ica
Kernbereich
der Nasca-Kultur
Palpa
Grabungsgebiet
0
n
Nasca
Arequipa
200
Kilometer
PERU
Pazif ik
Was das Phänomen weiter ins Unerklärliche rückt: Auch die Urheber der
großflächigen Zeichen schienen von der
Vorzeit verschluckt. Auf der unwirtlichen
Pampa fanden die Archäologen nur prähistorische „Campingplätze“ – kleine Baracken, die sich höchstens für Kurzaufenthalte eigneten.
Nun wendet sich das Blatt. Unter Leitung des Archäologen Markus Reindel ist
ein Grabungsteam in die staubige Terra incognita nahe des Rio Grande eingerückt. 30
mit Spaten bewehrte Indios stehen dem
Mann aus Bonn zur Seite. Im letzten Jahr
stiegen Flugzeuge auf, um das gesamte Gebiet mit Luftbildern zu kartieren. Die Auswertung erfolgt derzeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.
Reindels Großfahndung kann bereits erstaunliche Erfolge vorweisen. Im Palpatal,
am Nordrand des Glyphenterrains, stieß
der Trupp auf zwei Großsiedlungen mit
Indio-Schädel*
Starker Kariesbefall
255
Siedlungsreste der Nasca-Kultur*: Priestersitz mit zyklopischen Mauern
Begutachtung einer 2000 Jahre alten Indio-Mumie*: Konservierte Tote aus der Pampa
zyklopenhaftem Mauerwerk (siehe Karte).
In den Ruinen fanden sich Reste von Ponchos, Kartoffelschalen, Kindermumien und
leuchtend bemalte Keramik.
Imposant wirkt die Architektur von Los
Molinos, wahrscheinlich ein alter Priestersitz. Zehn hallenartige Gebäude wurden
dort freigelegt. Jeder Raum ist etwa 150
Quadratmeter groß. Eines der Bauwerke ist
mit Knochen von Meerschweinchen und
Lamas übersät.
Gleich neben dem Kultzentrum gelang
Ende August ein weiterer Sensationsfund.
Die Forscher stießen auf einen Friedhof
mit halb verwesten Leichen. Insgesamt 35
Tote konnten bislang geborgen werden.
Viele der Gerippe sind mit Haut bespannt,
Zähne und Haare haben die Zeiten überdauert. „In einigen Köpfen“, sagt Reindel,
„stecken noch die Augäpfel.“
Das organische Material, darunter auch
verschrumpeltes Gedärm, wird derzeit von
peruanischen Pathologen analysiert. Voruntersuchungen ergaben einen starken Ka* In Los Molinos.
256
riesbefall der Toten. Grund für ihren guten Erhaltungszustand ist das extrem
trockene Klima im Nasca-Gebiet.
Die neuen Entdeckungen haben für einige Verwirrung gesorgt. Bislang galten die
Bodenmaler als plumpe Bauern ohne soziale Hierarchie. Die bislang bekannten
Siedlungsreste in den Tälern – derbe Lehmhütten, karge Hockgräber – wirken primitiv.
Nun tauchen Protzbauten auf. Auch die
zweite Großsiedlung La Muña (bewohnt
zwischen 200 und 400 nach Christus) zeugt
von Reichtum. Insgesamt zwölf Prunkgräber wurden dort entdeckt. Jedes Grab besaß
einen Mauerring. Innen stand ein großer
Steinquader, der von einem hölzernen Baldachin überdacht war. Die Toten selbst liegen in über zehn Meter tiefen Kammern.
Anfang letzter Woche hatte sich der
Trupp bis auf die Sohle der ersten Skelettgrube vorgekämpft. Seilwinden hievten das
Erdreich aus dem Schacht. Doch die Hoffnung auf reiche Beigaben wurde enttäuscht. Im Grabraum lag nur zerbrochene
Keramik. Reindel: „Räuber haben die Stätte geplündert.“
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Dennoch ist die Mannschaft wohlgemut.
Die neuen Pampa-Artefakte beweisen, dass
die Nasca-Indios über ein famoses Bewässerungssystem verfügten. Beherzt stachen
sie die Nebenarme des Rio Grande an und
leiteten das Flusswasser auf die Felder.
Kartoffeln und Kürbisse sprossen auf
den Äckern, die Bauern pflanzten Mais
und Maniok. In der Umgebung des Kultsitzes Los Molinos haben die Archäologen
50 kleine bäuerliche Siedlungen nachgewiesen – ein Hinweis auf die enorme Bevölkerungsdichte während der Blütezeit
der Nasca-Kultur (1 bis 400 nach Christus).
Auch das Leben der Ureinwohner, dargestellt auf bemalter Keramik, lässt sich rekonstruieren. Die Männer trugen Lendenschurz und konische Kappen auf dem Kopf.
Frauen waren in Ponchos gehüllt. Weniger
vergnüglich lebten die Kinder. An ihre
Köpfe wurden Bretter fixiert – Schraubstöcke zur Deformation der Schädel. Die
Köpfe wuchsen gurkenartig empor – „möglicherweise ein Zeichen des sozialen Status“ (der US-Anthropologe Donald Proulx).
Warum aber zog das kunsttriebige Volk
immer wieder in die lebensfeindliche
Hochebene? Bei Los Molinos ist ein 55 Meter langer Wal abgebildet. Weiter im Süden
prangen spiralförmige Labyrinthe auf dem
Boden, dazu Affen, Spinnen, Blumen und
unheimliche Mischwesen. Die größte Vogeldarstellung erstreckt sich über eine Länge von rund 700 Metern.
Und immer wieder Trapeze, Vierecke
und geometrische Muster, die wie ein geheimes Koordinatensystem das Gelände
durchqueren. Im Fachjargon heißen die gigantischen Strukturen „Scharrbilder“ oder
„Geoglyphen“. Worin liegt ihr Sinn? Derzeit werden zwei neue Deutungsansätze
diskutiert:
π Die US-Astronomin Phyllis Pitluga hält
die Nasca-Figuren für „Abbilder des
Kosmos“. Sie zieht Parallelen zwischen
den Bodenzeichen und dem „galaktischen Wulst“, einer Verdichtung im Zentrum der Milchstraße.
π Kaum weniger abenteuerlich klingt die
Hypothese des amerikanischen Geologen David Johnson. Er glaubt, dass die
Linien unterirdische Wasservorkommen
markieren.
Keine der Thesen vermag die Zunft zu
überzeugen. Doch gerade das Absurde,
kaum Fassbare scheint ein Signum der Nasca-Kultur. Der Untergang von Los Molinos
(200 n. Chr.) und La Muña (400 n. Chr.) jedenfalls vollzog sich auf gänzlich unwahrscheinliche Art: Beide Großsiedlungen wurden durch wolkenbruchartige Regenfälle
und Schlammlawinen zerstört – und das in
einem der trockensten Gebiete der Welt.
Meteorologen können sich das Phänomen kaum erklären. Doch die Fahnder von
Nasca bleiben bei ihrer Sintflut-These.
„Unsere Befunde sind eindeutig“, sagt der
Projektleiter Reindel: „Die Nasca-Leute
versanken im Matsch.“ Matthias Schulz
Werbeseite
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IFA
Medizinisches Körpertraining: Stimulation durch Elektroden soll das Muskeltraining im Fitness-Studio ersetzen
ÄRZTE
„Medizinischer Schrott“
Immer mehr Ärzte versuchen ihren Patienten
medizinische Dienstleistungen gegen Bares anzudrehen.
Die meisten Angebote sind nicht zu empfehlen.
E
s habe eine kleine organisatorische
Änderung gegeben, bekam die Patientin aus Bergisch Gladbach bei einem Routinebesuch an der Praxistheke
ihres Gynäkologen zu hören. Und schon
drückten die eifrigen Helferinnen der überraschten Frau eine umfangreiche Liste in
die Hand. Darauf sollte sie ankreuzen, was
sie von ihrem Arzt an zusätzlichen Vorsorge-Leistungen wünsche: Ein Ultraschall
der Eierstöcke gefällig? Eine Messung der
Knochendichte oder eine Blut- und Urinuntersuchung? Kostenpunkt: etwa 75 bis 90
Mark pro Leistung.
Grübelnd saß die Patientin im Wartezimmer. Schließlich entschied sie sich gegen die zusätzliche Diagnostik – doch ein
ungutes Gefühl blieb: „Unterschwellig
habe ich immer gedacht“, so die 45-Jährige, „wenn ich wirklich gut versorgt sein
will, muss ich das machen.“
Wie diese Patientin sind derzeit viele
verunsichert. Denn in immer mehr Praxen aller Fachrichtungen, damit ging
unlängst auch die Verbraucher-Zentrale
Nordrhein-Westfalen an die Öffentlichkeit, kursieren Flugblätter, hängen Preislisten im Wartezimmer aus oder werden
Patienten gezielt von Arzt und Praxispersonal auf die Möglichkeit zusätzlicher, privat zu bezahlender Dienstleistungen angesprochen.
258
In Zeiten, in denen gedeckelte Honorartöpfe kaum noch Gewinnsteigerungen zulassen und die Zahl der lukrativen Privatversicherten begrenzt ist, haben
viele Ärzte eine neue Einkommensquelle entdeckt: zahlungskräftige Kassenpatienten.
Angeboten werden zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen (neben gynäkologischer
Diagnostik auch der so genannte IntervallCheck, der Facharzt-Check, Sono-Check,
Brain-Check und General-Check), kosmetische Korrekturen wie die Entfernung
von Besenreiser-Krampfadern, Diätkurse,
Raucherentwöhnung, Stoßwellentherapie,
Glatzenbehandlung, Naturheilkunde oder
Vitamine in Form der alt bewährten „Aufbauspritzen“.
Rund 70 solcher Angebote hat vergangenes Jahr die kassenärztliche Bundesvereinigung gemeinsam mit den ärztlichen Berufsverbänden in der so genannten IgelListe („Individuelle Gesundheitsleistungen“) zusammengestellt, die inzwischen in
zahlreichen Wartezimmern aushängt. Dort
steht zusammengefasst, was aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen herausfällt, weil es nicht notwendig,
zweckmäßig oder wirtschaftlich ist.
Tatsächlich haben die meisten der gegen Bares angebotenen Leistungen nach
Meinung von Experten vor allem eines ged e r
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meinsam: Fast alle Angebote sind weit eher
ökonomisch als medizinisch indiziert.
„Der Großteil dieser Leistungen“, sagt
AOK-Chef Hans Jürgen Ahrens, „ist medizinischer Schrott.“ Und der Allgemeinarzt Thomas Reimer aus Nideggen urteilt:
„Nützt nichts, schadet nichts, ist aber gut
für die Kasse.“
In manchen Praxen ist gegen Cash sogar
eine „umweltmedizinische Wohnraumbegehung“, eine „Schlafprofilanalyse“, eine
„Sonnenlicht- und Hauttyp-Beratung“
oder ein „medizinisches Körpertraining“
zu haben, bei dem die Stimulation durch
Elektroden das schweißtreibende Muskeltraining im Fitness-Studio ersetzen soll.
Nur die wenigsten Angebote sind, wie
beispielsweise eine Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung, in bestimmten Fällen tatsächlich medizinisch sinnvoll – dann allerdings übernimmt die Krankenkasse in der Regel die
Kosten. Vor anderen Igel-Leistungen wird
sogar gewarnt: Eine Blutuntersuchung zur
Früherkennung von Prostatakrebs („PSATest“) beispielsweise bringt häufig falschpositive Ergebnisse und damit unnötige
Sorgen und Operationen mit sich.
Doch egal wofür – offensichtlich ist die
Bereitschaft zu zahlen bei den Patienten
groß. Rund 8,9 Milliarden Mark wurden
1998 allein für Medikamente aus eigener
Tasche bezahlt. Davon profitierten vor allem die Apotheker. Nun wollen auch die
Ärzte ihr Stück vom Kuchen abhaben. Immerhin 77 Prozent der Praxisbesucher,
rechnete ein Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im „Deutschen
Ärzteblatt“ vor, seien bereit, auch ihren
Doktor für medizinische Dienstleistungen
bar zu bezahlen.
Und immer mehr Ärzte sind bereit, das
auszunutzen. Zwar sind die lange prophe-
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Allgemeinmediziner Altrogge
„Die jungen Kollegen stehen unter Druck“
zeiten Massenpleiten bisher ausgeblieben
und das Einkommen der meisten Mediziner liegt noch immer um ein Vielfaches
über dem durchschnittlichen Gehalt ihrer
Patienten. Doch insbesondere weil sie in
der Regel erst ein halbes Jahr später erfahren, was sie tatsächlich verdient haben,
ist die Verunsicherung bei vielen niedergelassenen Ärzten groß. Wer weiterhin
komfortabel leben will, darin stimmen fast
alle überein, tut bei den Plänen der Gesundheitsreformer gut daran, sich ein zusätzliches Einkommen außerhalb der Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen zu
sichern.
Insbesondere in der Generation der Ärzte, die zwischen 35 und 45 Jahre alt sind
und sich erst vor kurzem niedergelassen
haben, „ist der Druck groß“, sagt der Allgemeinmediziner Harald Altrogge aus
Duisburg: „Die hoch verschuldeten jungen Kollegen suchen teilweise verzweifelt
nach neuen Einkommensmöglichkeiten.“
Besonders jüngere Mediziner sind häufig bereit, gegen Bares fast alles zu tun.
„Ich kenne drei Kollegen“, erzählt beispielsweise ein Arzt aus dem Ruhrgebiet, „die spritzen in Fitness-Centern Doping-Mittel für 100 Mark die Spritze,
schwarz auf die Hand. Diese Mittel können
zwar die Leber zerstören, aber wenn man
das Geld sieht, drückt man eben mal ein
Auge zu.“
Andere implantieren Brillanten in
Schamlippen und machen auch sonst jeden Unsinn mit, den die Patienten wünschen. „Wenn bei uns eine käme“, meint
eine Frauenärztin sarkastisch, „und wollte
in Vollnarkose auf dem gynäkologischen
260
Stuhl die Fußnägel lackiert haben, würden
wir selbst das machen.“
Inzwischen wird nicht mehr nur am
Stammtisch, sondern ganz offen über die
richtigen Verkaufsstrategien diskutiert. Die
Ärztekammern bieten Weiterbildungen zur
Igel-Liste, zum Praxismanagement und zur
verkaufsorientierten Gesprächsführung an.
In den Standesblättern werden regelmäßig
Tipps zur Steigerung des Praxisumsatzes
gegeben.
„Im Selbstzahlermarkt“, schreibt beispielsweise Theresia Wölker in der „Ärztezeitung“ in ihren „Tipps für die Arzthelferin“, „stecken für engagierte Praxisteams
große Wachstumspotenziale. Diese gilt es
aufzuspüren und professionell zu nutzen.“
Weil Patienten ihre Entscheidungen überwiegend aus dem Bauch heraus träfen, sei
es „wichtig, bei Beratungsgesprächen und
Angeboten an das Gefühl zu appellieren“.
Insbesondere ältere Menschen, sagt Allgemeinmediziner Altrogge, könnten kaum
beurteilen, ob etwas medizinisch wirklich
notwendig ist: „Da muss man mal nur den
Laborzettel angucken und ,Oh je, oh je‘
sagen, dann machen die schon, was man
will.“ Einige seiner Kollegen, behauptet er,
würden Rentnerinnen regelrecht abzocken
und ihnen unnötige Diätkurse, Bachblütentherapien oder Spritzen andrehen.
„Wenn die nicht wollen, sagt man zur Not
eben: ,Tja, dann kann ich nichts mehr für
Sie tun.‘ Und dann wollen sie es doch.“
Ärztliche Zuneigung und Zeit, so der
Allgemeinmediziner, müssten sich inzwischen viele Patienten regelrecht erkaufen.
Auch in vielen im Wartezimmer ausliegenden Informationsblättern, kritisiert die
Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen, werde subtil mit der Angst der Patienten gespielt.
Neuerdings tun sich sogar Gruppen von
Ärzten zusammen, um die Patienten ge-
meinsam mit Angeboten zu ködern. Elf
Frauenärzte aus Ratingen beispielsweise
empfehlen eine ganze Reihe von zusätzlichen Vorsorgeuntersuchungen „als sinnvolle Ergänzung“. Durch das gemeinsame
Auftreten, so eine Mitarbeiterin der Verbraucher-Zentrale, entstehe der Eindruck
von noch größerer Autorität des Arztes
und dass es zudem sinnlos sei, den Doktor
zu wechseln. „Solche Werbung“, urteilt die
Juristin der Verbraucher-Zentrale, Astrid
Albrecht, „missbraucht das Vertrauen der
Patientinnen zu ihrem Arzt und verstößt
deshalb gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.“
Zwar gehen nicht alle Ärzte beim Erschließen neuer Einkommensquellen ähnlich aggressiv vor, doch auch bei vielen ursprünglichen Idealisten ist der Druck groß.
„Wenn ich wirklich nur das medizinisch
Sinnvolle machen würde“, erzählt eine
Gynäkologin aus dem Ruhrgebiet, „ginge
ich Pleite.“ Mindestens 40 Prozent ihrer
Zeit, sagt sie, gehe ausschließlich für betriebswirtschaftliche Tätigkeiten drauf.
Einige Ärzte versuchen, sich wenigstens
eine kleine ethische Nische zu schaffen,
um sich ein bisschen von ihrem früheren
Idealismus zu bewahren. Die einen engagieren sich privat für Tumor- oder Aidskranke – während sie Patienten mit anderen Diagnosen eher gleichgültig abfertigen. Andere kompensieren das merkantile Übergewicht ihres Berufs mit alter
Standesmoral wie ein Allgemeinmediziner
aus der Nähe von Köln: „Kollegen behandle ich selbstverständlich umsonst!“
Wieder andere sind noch erfinderischer:
„Ich arbeite nach dem Robin-Hood-Prinzip“, erzählt eine Frauenärztin. „Bei ärmeren Patientinnen mache ich einiges umsonst.
Aber wenn jemand mit Goldkettchen
kommt, biete ich etwas an, wofür selbst bezahlt werden muss.“ Veronika Hackenbroch
FROMMANN / LAIF
R. OBERHÄUSER / DAS FOTOARCHIV
Wissenschaft
Blutuntersuchung im Labor: „Nützt nichts, schadet nichts, ist aber gut für die Kasse“
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FOTOS: B. v. HOOK
Besucher vor 3-D-Leinwand in der „Spider-Man“-Bahn (Fotomontage): „Ihr solltet eigentlich gar nicht hier sein!“
COMPUTER
Das Gehirn gibt auf
Seekrank durch Computergrafik: US-Konstrukteure haben eine virtuelle Achterbahn
gebaut, die durch dreidimensionale Projektionen und computergesteuerte Bewegungseffekte
die Sinne austrickst. Die Besucher fühlen sich in ein Comic-Abenteuer katapultiert.
D
ie Halle ist in flackerndes Zwielicht
gehüllt. Unter der Decke windet
sich ein Labyrinth schwarz gestrichener Laufstege. Manchmal steht Scott
Trowbridge, 33, hier oben und freut sich
über die spitzen Schreie, die im Minutentakt zu ihm hinaufgellen. „Ist das nicht ein
herrliches Geräusch?“, fragt er mit schelmischem Grinsen.
In der Draufsicht sieht alles ganz harmlos aus: In kleinen Wägelchen, die auf
Schienen laufen, fahren Besuchergruppen
durch eine verwinkelte Kulisse. Hier und
da schlingern und drehen die Waggons ein
wenig, aber sonst wirkt das ganze nicht
viel aufregender als eine Kleinbahn auf
der Bundesgartenschau.
Ganz anders aus der Perspektive der Besucher: Sie fühlen sich in die Luft geschleudert, rasen auf Wände zu oder stürzen in die
Tiefe. Trowbridge ist zufrieden. Seine Computereffekte überwinden scheinbar die Gesetze von Gravitation und Geometrie.
Der im Sommer eröffnete Vergnügungspark „Universal Studios – Islands of Adventure“ in Orlando, Florida, ist reich an
Angriffen auf die Magenmuskulatur. Von
bescheidenen Gebäude von
der Größe einer Sporthalle:
Rund 100 Millionen Dollar
haben Entwicklung und Bau
von Trowbridges’ „SpiderMan“-Bahn gekostet.
Die Story ist aus dem
prallen Comic-Leben gegriffen: Das verbrecherische „Syndikat“ hat mit
einer „Antigravitationskanone“ die Freiheitsstatue
vom Sockel gehoben und
entführt. Unerschrockene
Reporter – diesen Part
Konstrukteur Trowbridge: Sturz in 100 Meter Tiefe
übernehmen die Parkbeweitem sichtbar sind die Schleifen und Loo- sucher – nehmen die Fährte auf, entdepings der „Incredible Hulk“-Achterbahn, cken das sanft dahinschwebende Wahrdie Mitfahrer in eine künstliche Lagune zu zeichen New Yorks und geraten prompt
schießen scheint, und der 60 Meter hohe in die Fänge der Finsterlinge, die ihnen
Turm von „Doctor Doom’s Fearfall“, der glatt den Garaus machen würden, käme
einige Sekunden freien Fall verspricht. Auf nicht der Spinnennetze schleudernde Suder korkenzieherartig verwundenen „Due- perheld „Spider-Man“ in letzter Sekunde
ling Dragons“-Bahn sind spektakuläre Bei- zu Hilfe.
nahe-Zusammenstöße Teil des Programms.
Auf 13 riesigen Leinwänden wird die
Doch die technisch aufwendigste Attrak- Szenerie ausgebreitet. Fährt ein Wagen
tion verbirgt sich in einem vergleichsweise vorbei, rattern in schalldichten Kabinen
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Werbeseite
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Werbeseite
bullige Filmprojektoren los und zeichnen
mit gleißendem Licht eine virtuelle Kulisse auf die Bildfläche.
„Solche Maschinen gibt es in keinem
Kino“, erklärt Trowbridge stolz. Je zwei
elektronisch synchronisierte Projektoren
werfen ein Stereobild, bestehend aus
Einzelbildern für linkes und rechtes
Auge, auf die Leinwand. 7000 Watt müssen die Lampen leisten, denn von dem
Licht kommt nur ein Drittel bei den Zuschauern an. Diese tragen dunkle Sonnenbrillen mit Polarisationsfiltern, die
dafür sorgen, dass linkes und rechtes Auge
nur das jeweils ihnen zugedachte Bild
wahrnehmen.
Der Effekt der detailscharfen Projektion
ist verblüffend: Aus den engen Leinwandkorridoren um den Schienenstrang wird in
der virtuellen Realität ein lang gestrecktes
Lagerhaus. Unvermittelt scheinen die Comic-Gestalten den Mitfahrern direkt ins
Gesicht zu springen. „Hydro-Man“ holt
mit einem massiven Stahlrohr zum Vernichtungsschlag aus, und jeder duckt sich
unwillkürlich, wenn die Waffe den Wagen
zu zerschmettern droht.
„Es ist erstaunlich, wie leicht sich das
Gehirn täuschen lässt“, meint Trowbridge.
Allerdings hilft er der Illusion auch mit
allen erdenklichen Tricks nach.
So sind die Wagen, wie der Besucher nach wenigen Metern merkt, alles an-
Besucher in der „Spider-Man“-Bahn: Vernichtungsschlag mit dem Stahlrohr
dere als harmlose Gefährte. In ihrem
Sockel verbirgt sich ein komplizierter
Bewegungssimulator. Sechs elektrisch angetriebene Aktuatoren bewegen die Sitze,
von drei Computersystemen präzise kontrolliert, entlang jeder möglichen Drehachse.
Auch wenn sich die Wagen nur einige
dutzend Zentimeter hin- und herbewegen,
kann die in Sekundenbruchteilen applizierte Beschleunigung dem Gleichgewichtsorgan fast beliebige Geschwindigkeiten vorgaukeln.
Bei der Wartung in der Werkstatt spult
ein Waggon sein Repertoire ab: Heftig bebt
und zittert das über sechs Tonnen schwere Gefährt, dann vollführt es unvermittelt
eine ganze Drehung. „Ihr solltet eigentlich
Technik
gar nicht hier sein!“, schnarrt Spider-Man paar reale Tropfen. Das Geheimnis der
aus den eingebauten Lautsprechern: Ein Hightech-Achterbahn, die in Wahrheit gar
digitales Soundsystem mit 16 Kanälen ist keine ist, liegt in der präzisen ChoreograTeil der Bordelektronik. Auf der Bahn sind fie aller Effekte.
die eingespielten Tonfetzen auf einige Tau„Als wir vor vier Jahren mit den Plasendstelsekunden mit der Lautsprecheran- nungen begannen, wollte keiner glauben,
lage in der Kulisse synchronisiert. So ent- dass wir 3-D-Projektionen mit Fahrzeusteht auch im Klang ein dreidimensionaler gen kombinieren könnten“, erzählt TrowRaum.
bridge. Normalerweise verfliegt nämlich
Der brachiale Bewegungsapparat der die Illusion der Raumbildprojektion, soFahrzeuge stammt von dem Rüstungs- bald sich die Zuschauer auch nur ein bissunternehmen Moog, das sonst
chen bewegen. Der 3-D-EinKomponenten für Panzer und
druck aus Einzelbildern für lin„Es ist
Raketen baut. „Diese Leute wiskes und rechtes Auge fügt sich
erstaunlich, nur aus einer einzigen Blickrichsen, wie man Sachen konstruwie leicht
iert, die was aushalten“, erläutung schlüssig zusammen.
tert Trowbridge.
Nach einigen Experimenten
sich das
Das spüren auch die Fahrfanden die „Spider-Man“-DesigGehirn
gäste: Wenn der Bösewicht
ner die Lösung: Sie schrieben
täuschen
„Electro“ auf ihr Fahrzeug aufein Computerprogramm, das die
lässt“
zuspringen scheint, ein StarkBewegung der Zuschauer in das
stromkabel aus der Wand reißt
3-D-Modell einbezieht.
und die blanken Drähte in das Gefährt
Fast drei Jahre bastelten die Computerstößt, geht ein Beben durch die Sitze, das grafik-Spezialisten der Firma Kleiser-Waleinem echten Stromstoß vermutlich wenig czak an den nur wenige Minuten dauernnachsteht.
den Comic-Animationen. Unter strenger
Kein Sinnesorgan, das Trowbridge nicht Geheimhaltung hatten sie sich in ein aushereinlegen könnte. Verborgene Gebläse gedientes Kino in North Adams, Massapusten den Reisenden Fahrtwind ins Ge- chusetts, zurückgezogen, um die Leinsicht. Wenn „Doctor Octopus“ auf der wandkreationen im Maßstab 1:1 zu begutLeinwand den Flammenwerfer zündet, achten.
wallt echte Hitze auf, und das virtuelle
Das „Squinching“-Programm verzerrt
Wasserwesen „Hydro-Man“ versprüht ein die 3-D-Bilder so, dass für den bewegten
Zuschauer eine stabile Perspektive entsteht.
Auf den Projektionsflächen dehnen und
strecken sich die Häuserfronten und
Straßen der Comic-Stadt surreal mal in die
eine, mal in die andere Richtung. Für den
Gast in der Gondel hingegen entsteht der
Eindruck, er fahre an einer massiven Fassade vorbei. Jedes Filmbild der Projektoren
ist mit der Position der Fahrzeuge auf ein
paar Zentimeter genau synchronisiert.
Nach einigen Szenen mit exakt dosiertem Gerüttel und Geschüttel, nach Lichtkanonaden und Klangattacken, gibt das Gehirn
auch den letzten Versuch auf, die Realität im
Griff zu behalten. Zum Finale zieht „Doctor Octopus“ noch mal die Antigravitationskanone und katapultiert die Besucher in
den Nachthimmel über Manhattan empor.
Sekundenlang schlingert das Fahrzeug
scheinbar unkontrolliert über den Dächern,
dann stürzt es vornüber in die Häuserschlucht. Niemand, der da nicht die Hände
um die Haltegriffe krampft, angstvoll nach
Taschen greift oder schützend seine Sprösslinge festhält.
Trowbridge auf dem Steg unter der
Hallendecke spielt vor Vergnügen Luftgitarre zum hämmernden Soundtrack.
„Jetzt fallen sie 100 Meter in die Tiefe“,
kommentiert er und ahmt täuschend echt
das dämonische Gelächter des Bösewichtes
nach.
Jürgen Scriba
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FOTOS: D. MEIDNER / BPK (li. o.); MARCO (li. u.); SUCCESSION PICASSO / VG BILD-KUNST, BONN 1999; FOTO: BPK (re. o.); ARTOTHEK (re. u.)
XIII. DAS JAHRHUNDERT DER MASSENKULTUR:
1. Traumfabrik Hollywood (39/1999); 2. Die Malerei der Moderne (40/1999);
3. Die Dichter und die Macht (41/1999); 4. Pop in Musik und Mode (42 /1999)
„Revolution“ von Meidner (1912/13); „Friedenstaube“ von Picasso (1962); Arno Breker, Albert Speer, Speer-Büste (um 1941); „Tiger“ von Marc (1912)
Das Jahrhundert der Massenkultur
Die Malerei
der Moderne
Die Künstler der europäischen Avantgarde brachen radikal mit der Vergangenheit,
ihr Fortschrittsglaube war absolut. Mit ihrer Sympathie für
linke oder rechte Utopien gerieten sie jedoch oft in die Nähe von totalitären
Regimen, die einen „neuen Menschen“ formen wollten.
Inzwischen ist jede Gewissheit verloren, Unordnung herrscht in der Kunst.
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Spiegel des 20. Jahrhunderts
Das Jahrhundert der Massenkultur: Die Malerei der Moderne
Picasso-Gemälde „Guernica“ (1937): Die heilige Stadt der Basken in Schutt und Asche gelegt
Das Salz der Wahrheit
Von Susanne Weingarten
A
m 26. April 1937, einem Montag, kamen die Menschen zum Wochenmarkt in die baskische Kleinstadt
Guernica. Sie standen nach Lebensmitteln
an und tauschten Nachrichten von den Gefechten aus, die andernorts tobten. Bis um
16.30 Uhr war der 26. April in Guernica so
friedlich, wie ein Tag im Krieg nur sein
kann. Dann erklangen die Kirchenglocken:
Fliegeralarm.
Eine schwere schwarze Ju 52 tauchte am
Himmel auf, kreiste im Tiefflug über der
Stadt und warf sechs Bomben ab. Dann
verschwand sie. Kurz darauf ein weiteres
Flugzeug. Wieder Bomben. Schließlich kamen die deutschen Angreifer in Wellen,
etwa drei Stunden lang. Mit Spreng- und
Brandbomben legten sie Guernica, die heilige Stadt der Basken, in Schutt und Asche.
In Guernica starben wohl mehr als 1600
Menschen. Es war das bis dahin größte Terrorbombardement der Kriegsgeschichte.
Kurz danach reagierte der Maler Pablo
Picasso auf die Schreckenstat. Er hatte den
Auftrag angenommen, für den republikanischen spanischen Pavillon bei der Weltausstellung in Paris ein Kunstwerk anzu270
fertigen. Jetzt verwarf er das vorgesehene
Thema und begann stattdessen, ein Requiem für die Opfer des Massakers von Guernica zu skizzieren.
Wenige Wochen später war das Gemälde fertig, geschaffen wie aus dem Affekt:
mehr als sieben Meter breit, grau in grau,
voll wehklagender Gestalten, die ihr Entsetzen und ihre Verzweiflung in den todbringenden Himmel schreien. Weit aufgerissene Augen, dramatisch ausgestreckte
Arme: ein kubistisch durcheinandergewirbeltes Chaos von rennenden, fallenden, niedergestreckten Menschen und Tieren. Panik, Schmerz, Tod. „Guernica“ ist eines der
größten Kunstwerke dieses Jahrhunderts.
Mit „Guernica“ bekannte sich Pablo Picasso erstmals lautstark zur republikanischen Sache. Das radikal moderne Monumentalgemälde, das in Picassos Entwicklung völlig unerwartet und unvorhersehbar
dasteht, signalisierte der Welt: Ja, ich stelle mich gegen die Faschisten. Ich klage ihr
Massaker an – und ich fordere Aufklärung.
„Guernica“ war im Augenblick seines Entstehens ein aktuelles politisches Bild, ein
gemaltes „J’accuse“.
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Nie wieder haben sich Kunst und Zeitgeschichte in diesem Jahrhundert so dramatisch ineinander verstrickt wie im Fall
von „Guernica“. Als ein deutscher Soldat
Jahre nach dem Bombardement Picassos
Atelier in Paris aufsuchte und an der Wand
eine Abbildung des Gemäldes entdeckte,
fragte er den Maler: „Haben Sie das gemacht?“ Picasso antwortete: „Nein, Sie!“
Die Verbindung zwischen moderner
Kunst und Politik zieht sich durch alle Dekaden: Am Anfang des Jahrhunderts sah
sich die Kunst Europas enthusiastisch als
revolutionäre Vorhut politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, als „Avantgarde“ eben; sie wollte gegen Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit antrommeln,
sie verstand sich als absolut und umfassend in ihren Ansprüchen, sie träumte
hochfliegend-idealistisch von Errettung,
vom neuen Menschen und von besseren
Welten. Ohne die Koppelung an gesellschaftspolitische Utopien ist die Moderne
gar nicht denkbar.
Später, als Aufbruchsoptimismus und
Fortschrittsgläubigkeit der ersten Jahrzehnte durch Weltkriege und den Schre-
AMW
SUCCESSION PICASSO / VG BILD-KUNST, BONN 1999; FOTO: BPK
cken des Faschismus zunichte gemacht
worden waren, sah sich die Moderne als
kritische, privilegierte Kommentatorin, die
das Weltgeschehen quasi von einem archimedischen, außerhalb der Gesellschaft liegenden Punkt aus begutachten konnte.
Indem sie auf ihrer Freiheit von allen
gesellschaftlichen Verpflichtungen beharrte, richtete sich die moderne Kunst in einem Außenseiterstatus ein – einem Status,
der es ihr erlaubte, mit immer neuen ästhetischen Strategien zu provozieren, Tabus
zu brechen, den „guten Geschmack“ zu
attackieren und das Salz der Wahrheit in
die gesellschaftlichen Wunden zu streuen.
Fast immer blieb die Kunst der Moderne so eine bewusste Begleiterin ihrer Ära:
„Jedes Kunstwerk ist Kind seiner Zeit“,
argumentierte 1911 der russisch-deutsche
Maler Wassily Kandinsky (1866 bis 1944).
Als Kind ihrer Zeit geriet die Kunst aber
auch immer wieder ins Kreuzfeuer des Geschehens; gerade in Deutschland wurde sie
harsch an ihre Abhängigkeit von der Macht
erinnert. Die Diffamierungskampagne der
Nationalsozialisten gegen die „Entartete
Kunst“, die genau im selben Jahr in der
berüchtigten Münchner Großausstellung
kulminierte, in dem auch „Guernica“ entstand, mahnt bis heute, dass kein Pinselstrich im ideologiefreien Raum getan wird.
Fast gleichzeitig entwickelten sich in Politik verfallen sollte: als einer der wichverschiedenen europäischen Staaten am tigsten Claqueure des Faschismus.
„Die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchenJahrhundertbeginn Avantgarde-Bewegungen, die zum Aufbruch in eine neue Zeit de Schlangen verzehren“, wollte der itadrängten. Häufig wussten sie voneinan- lienische Dichter Filippo Tommaso Marider, und wenn sie auch ganz unterschied- netti (1876 bis 1944) besingen, dazu „die
liche ästhetische Strategien verfolgten und Brücken, die wie gigantische Athleten
unzählige Gruppen, Schulen und Stile Flüsse überspannen“, „die Abenteuer subildeten, so waren sie doch verwandt in chenden Dampfer“ und „die breitbrüstigen
ihrem Streben nach einer Einheit von Lokomotiven, die auf den Schienen wie
riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse
Kunst und Leben.
Ihr Hang zu großspurigen programmati- einherstampfen“.
Maschinen und Technik begeisterten
schen Erklärungen – nie wurden eifriger
Manifeste verfasst als zwischen 1900 und Marinetti: Sie kündeten von einer neuen,
1930 – verrät die Entschlossenheit, eine aufregenden Ära, die dem Menschen den
Wirkung zu erzielen, die weit über den Rausch der Geschwindigkeit verhieß. DieZirkel ihrer Atelierfreunde hinausreichte. ser neuen Zeit wollten sich Marinetti und
Nirgendwo schienen die Zeichen der seine Mitstreiter – Maler wie Giacomo BalZeit günstiger für einen solchen Aufbruch la, Carlo Carrà und Umberto Boccioni,
als in Russland. Denn hier traf die ästheti- aber auch Schriftsteller, Bildhauer, Archische Revolte zusammen mit dem konkre- tekten, Theatermacher und Musiker – mit
ten politischen Kampf gegen den Zaris- einer neuen Ästhetik stellen.
1909 hatte Marinetti in der Pariser Zeimus. Nach der Oktoberrevolution 1917, die
das erste bolschewistische Regime an die tung „Le Figaro“ das erste Manifest des
Macht brachte, engagierte sich die Avant- Futurismus publiziert, in dem er behaupgarde voll schwärmerischem Eifer. Sie tete, „ein aufheulendes Auto“ sei „schöner
wolle „immer mit dem Banner der Revo- als die Nike von Samothrake“; etliche weilution in den ersten Reihen des
menschlichen Fortschritts“ marschieren, erklärte die Malerin
Ljubow Popowa (1889 bis 1924).
Mit Malerei, Skulptur und
Grafik, aber auch Fotografie,
Architektur, Reklame und Entwürfen für Gebrauchsgüter wie
Kleidung und Geschirr versuchten die Avantgardisten, die
Menschen in ihrem Alltag zu erreichen – und sie zu neuen sowjetischen Idealmenschen zu
erziehen. Der Maler und Bildhauer Wladimir Tatlin (1885 bis
1953) verstand sich als „Organisator des täglichen Lebens“.
Der Traum währte nur wenige Jahre. Im erbitterten Kampf
Deutsche Ju 52 über Spanien*: Angriff in Wellen
um die reine ästhetische Lehre
zersplitterte die Avantgarde in immer neue tere programmatisch-provozierende SchrifGruppen und Grüppchen. Ihr langes Ster- ten sollten folgen.
Der Futurismus war die erste Avantben wurde begleitet von einer neuen Wirtschaftspolitik, die Anfang der zwanziger garde-Bewegung, die sich im damals verJahre eine begrenzte Privatinitiative in der schlafenen und rückständigen Italien forWirtschaft zuließ. Dadurch versickerte das mierte; das erklärt die fast krampfhafte
Projekt des gesellschaftlichen Aufbaus, für Begeisterung für alles Neue, die mit einem
das sich die artistischen Kollaborateure be- brennenden Hass auf die Werte der Vergeistert hatten. Als Stalin 1932 alle freien gangenheit einherging. Die Einwohner von
Künstlerverbände verbieten ließ, war der Venedig, so schlug Marinetti etwa auf eiElan der Avantgarde schon lange auf- nem Flugblatt vor, das er – angeblich in
gezehrt – und aus ihrer unschuldigen Him- 800 000 Exemplaren – vom Campanile auf
melsstürmerei war eine schuldhafte Ver- den Markusplatz flattern ließ, sollten ihre
strickung mit einem totalitären System ge- Stadt in Trümmer legen, um sie aus Stahl
und Beton neu erstehen zu lassen. Die Fuworden.
Nahezu parallel zum russischen Auf- turisten, stets enthusiastisch, exaltiert und
bruch hatte sich in Italien der Futurismus
formiert, der ebenfalls auf fatale Weise der * Während des Bürgerkriegs (1936 bis 1939).
„Nur der lebt, der seine Überzeugungen von gestern verwirft.“
Kasimir Malewitsch, russischer Avantgardist (1878 bis 1935)
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dem Pathos zugetan, traten als Fürspre- Künstler Ernst Ludwig Kirchner (1880 bis geburt in Feuer und Stahl waren zerplatzt
cher jener totalen Umwertung aller Wer- 1938) kehrte als körperliches und seelisches – ihren Platz nahmen nun einerseits Pazite auf, die der deutsche Philosoph Fried- Wrack vom Schlachtfeld zurück – seine fismus und Kriegsanklage ein, etwa in Kollrich Nietzsche gepriesen hatte: Auch den Verzweiflung hielt er dramatisch in seinem witz’ Fanalbild „Nie wieder Krieg!“ (1924),
andererseits Sarkasmus und apokalyptiKrieg sahen sie daher als großen Erneue- „Selbstbildnis als Soldat“ (1915) fest.
Die meisten Maler und Bildhauer stiegen sche Schwärze.
rer. Er sei „unsere einzige Hoffnung,
Neue Schulen und Stile bildeten sich:
unsere Existenzberechtigung und unser zutiefst verstört aus den Schützengräben,
Wille“, begeisterte sich der Vordenker erschüttert durch die Begegnung mit einer Das Bauhaus, das von 1919 an in Weimar,
Wirklichkeit, deren grauenhafter Leichen- später in Dessau, zum geistigen Zentrum
Marinetti.
einer breit gefächerten
Dieser Militarismus und
Avantgarde-Gruppe wurNationalismus, gepaart mit
de, verfolgte zwar in seidem von Nietzsche übernen ersten Jahren ein
nommenen Glauben an ein
hochfliegendes, an den
Übermenschentum, machIdealen mittelalterlicher
ten ihn und andere zu
Handwerksgilden ausgeAposteln des aufkeimenden
richtetes Programm, proFaschismus: 1924 publizierpagierte aber ab Mitte der
te Marinetti, seit langem ein
zwanziger Jahre eine sachFreund und Weggefährte
lich-modernistische Ästhedes „Duce“ Benito Mussotik, die an den Segen des
lini, ein Werk, in dem er den
Apparatefortschritts glaubFuturismus zum faschiste. „Vor der Maschine ist
tischen Kunststil erklärte.
jedermann gleich“, schrieb
Die Kriegsbegeisterung
1923 der Bauhaus-Lehrer
hatten die italienischen
László Moholy-Nagy. „Die
Avantgardisten mit ihren
Technologie kennt keine
deutschen Kollegen geteilt.
Tradition und kein KlasAuch in deren Ateliers war
senbewusstsein. Das ist unjahrelang die romantische
ser Jahrhundert: die TechSehnsucht nach einer genologie, die Maschine, der
waltsam-absoluten KatharSozialismus.“
sis geschürt worden: der
Daneben tobte die agKrieg als Großreinemachen
gressive, anarchische Dadain einer alten Gesellschaft,
Bewegung, die ihre Gedie als ermattet und dekaburtsstunde 1916 im Zürdent verdammt wurde.
cher „Café Voltaire“ erlebt
„Der Krieg ist ebenso
hatte, aber bald auf andere
sehr Sühne als selbstgeKunstmetropolen Europas
wolltes Opfer, dem sich Euübergriff. Die Berliner
ropa unterworfen hat, um
Dadaisten übernahmen in
‚ins Reine‘ zu kommen mit
der Weimarer Republik die
sich“, schrieb der Maler
Rolle des Geistes, der stets
Franz Marc (1880 bis 1916),
Kirchner-Gemälde „Selbstbildnis als Soldat“ (1915): Zutiefst verstört
verneint: Sie stilisierten
eines der wichtigsten Mitglieder der Expressionistengruppe „Der geruch so gar nicht passen wollte zu der sich zu Rebellen gegen eine träge GesellBlaue Reiter“, 1915 in einem Brief an seine hochfliegenden Emphase, mit der sie aus- schaft, die von Großkapital und Militär
Frau. Da diente er bereits in der deutschen gezogen waren. „Krieg war für mich Grau- regiert wurde.
Ihre Waffen waren die Satire, das SpekArmee; ein Jahr danach fiel der Kriegsfrei- en, Verstümmelung und Vernichtung“,
schrieb der Berliner Maler George Grosz takel, das Chaos, der Quatsch, das Lachen
willige in der Schlacht von Verdun.
Andere Opfer waren sein Bonner Kolle- (1893 bis 1959). „Und als dann in ein paar – eine Radikalkur wider alle tradierten
ge und Freund August Macke (1887 bis Jahren alles versandete, als man besiegt ästhetischen Werte. „Sie wollen Tumult,
1914), der gleich im ersten Kriegsjahr starb; war, als alles kaputtging, da blieb jedenfalls wollen nichts als lächerlich machen, auflöund Sohn Peter der Berliner Bildhauerin bei mir und bei fast allen meinen Freunden sen, zertrümmern“, echauffierte sich ein
Zeitungsrezensent angesichts eines DadaKäthe Kollwitz (1867 bis 1945), der in Flan- nur Ekel und Grauen zurück.“
Der Erste Weltkrieg, anonym und hoch Abends im Jahr 1919.
dern fiel. Der österreichische Maler Oskar
Der Tumult, der die wacklige Weimarer
Kokoschka (1886 bis 1980) wurde 1915 technisiert, hatte ein weltanschauliches Vadurch einen Kopfschuss an der galizischen kuum hinterlassen, eine „große Leere“ Demokratie zum Einsturz brachte, kam
Front schwer verletzt; und der „Brücke“- (Grosz). Die Hoffnungen auf eine Wieder- schließlich – aber statt Dada brachte er
GALERIE HENZE & KETTERER, BERN
Spiegel des 20. Jahrhunderts
Das Jahrhundert der Massenkultur: Die Malerei der Moderne
LITERATUR
Stephanie Barron (Hrsg.): „‚Entartete Kunst‘. Das
Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland“.
Hirmer Verlag, München 1992; 422 Seiten – Kunsthistorische Analyse der Kampagne gegen die
„Entartete Kunst“ und ihrer Auswirkungen auf die
Künstler.
Toby Clark: „Kunst und Propaganda. Das politische
Bild im 20. Jahrhundert“. DuMont Verlag, Köln 1997;
171 Seiten – Darstellung der problematischen Nähe
von Kunst und Politik in den ideologischen Konflikten unserer Zeit.
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Eckhart Gillen (Hrsg.): „Deutschlandbilder. Kunst aus
einem geteilten Land“. DuMont Verlag, Köln 1997; 654
Seiten – Aufsatzsammlung über deutsche Künstler in
Ost und West seit 1945, die sich mit ihrem Land
beschäftigen.
George Grosz: „Ein kleines Ja und ein großes Nein.
Sein Leben von ihm selbst erzählt“. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1974/1995; 290 Seiten –
Autobiografie des Malers, zugleich gelebte Zeitgeschichte.
Werner Haftmann: „Malerei im 20. Jahrhundert“.
Prestel-Verlag, München 1999; zwei Bände, 615 und
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417 Seiten – Das bei Erscheinen 1954 heftig debattierte deutsche Standardwerk der Nachkriegszeit.
Charles Harrison und Paul Wood (Hrsg.): „Kunsttheorie im 20. Jahrhundert“. Verlag Gerd Hatje,
Ostfildern 1998; zwei Bände, 672 und 778 Seiten –
Anspruchsvoll kommentierte Quellensammlung.
Peter-Klaus Schuster u. a. (Hrsg.): „Das XX. Jahrhundert. Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland“.
Nicolai Verlag, Berlin 1999; 660 Seiten – In 77 Aufsätzen wirft der Katalog der aktuellen Berliner
Großausstellung Schlaglichter auf die deutsche
Kunstentwicklung.
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VG BILD-KUNST, BONN 1999; FOTO: BPK
ULLSTEIN BILDERDIENST
Hitler in der Ausstellung „Entartete Kunst“, „Selbstbildnis mit Judenpass“ von Nussbaum (1943): „Von der Liste gestrichen“
Hitler an die Macht. „Die Vernichtung aller persönlichen und politischen Freiheit
in Deutschland steht unmittelbar bevor“,
warnte Käthe Kollwitz im Januar 1933,
„wenn es nicht in letzter Minute gelingt,
unbeschadet von Prinzipiengegensätzen
alle Kräfte zusammenzufassen, die in der
Ablehnung des Faschismus einig sind.“
Dieser Kraftakt sollte scheitern.
Im selben Jahr emigrierten bereits der
Grafiker John Heartfield (1891 bis 1968), die
Maler Paul Klee (1891 bis 1968), Wassily
Kandinsky und George Grosz, zwei Jahre
später Ludwig Meidner (1884 bis 1966). Vor
seiner Flucht malte Klee, aus seinem Lehramt gejagt, das prophetisch anmutende
Gemälde „Von der Liste gestrichen“. Der
jüdische Maler Felix Nussbaum (1904 bis
1944) irrte mehrere Jahre durch Europa
und wurde schließlich nach dem deutschen
Einmarsch in Belgien verhaftet. Er entkam
einem Lager in Bordeaux und tauchte unter. 1943 zeigte er sich, mit flackerndem,
angstvollem Blick, auf seinem „Selbstbildnis mit Judenpass“. Ein Jahr darauf wurde
Nussbaum in Auschwitz umgebracht.
Die Nationalsozialisten, mit dem kläglich gescheiterten Kunstmaler Hitler an ihrer Spitze, hatten sich begierig eine Diffamierungsmethode zu Eigen gemacht, die
seit dem Ende des 19. Jahrhunderts populär war. Als „entartet“ hatte damals der
Schriftsteller und Mediziner Max Nordau
die „geschriebenen oder gemalten Delirien“ der Avantgarde seiner Zeit charakterisiert. Aus der psychiatrischen Kategorie
war eine pseudoästhetische und kulturpolitische geworden.
Der Beigeschmack der krankhaften Abweichung blieb am Begriff haften. Eine rassistische Kampfschrift namens „Kunst und
Rasse“ stellte 1928 Fotografien kranker
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oder missgebildeter Menschen neben Porträts und Aktbilder moderner Maler. Mit
dieser Parallelisierung wurde die Geschichte der Moderne zur Krankengeschichte umgeschrieben, deren Patienten
durch den gesunden Volksgeschmack „kuriert“ werden mussten.
Die Kampagne gegen die „Entartete
Kunst“ kulminierte 1937 in der großen
Münchner Schandausstellung, die etwa 300
Gemälde, 25 Skulpturen und 400 Grafiken
von 112 Künstlern verschiedenster Stilrichtungen der Moderne an den Pranger
stellte. Alle Werke waren erst knapp drei
Wochen zuvor aus deutschen Museen beschlagnahmt worden.
Als Gegenideal zur „kranken“ Avantgarde versuchten die Nazis eine „gesunde“
Volkskunst zu etablieren, die sich teils auf
antikisch-klassische Vorbilder berief, teils
VG BILD-KUNST, BONN 1999; FOTO: AKG
Spiegel des 20. Jahrhunderts
Das Jahrhundert der Massenkultur: Die Malerei der Moderne
Kollwitz-Plakat (1924)
Zerplatzte Hoffnungen
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einen naiv-pausbackigen Naturalismus
pflegte. Aber die bildende Kunst sollte in
der NS-Propaganda nie eine vergleichbare
Bedeutung erlangen wie die wesentlich effektiveren Sparten Architektur, Film und
Rundfunk.
Lange galt der Hass, mit dem die Nazis
die Avantgarde verfolgten, als quasi
zwangsläufiges Gefühl: Die Nazis mussten
die Moderne verabscheuen, weil diese für
eine geistige Unabhängigkeit und Größe,
für ein kritisches Engagement und eine innere Freiheit stand, die dem NS-Staat nur
gefährlich werden konnten. Aber diese
Gleichung geht nicht restlos auf.
Die Kunst der Moderne war nicht nur
unschuldiges Opfer totalitärer Ideologien.
„Hat die Avantgarde Züge, die sie mit den
gewaltsamsten Regimen verbindet, die
Europa jemals gesehen hat?“, fragte 1997
provozierend-überspitzt der französische
Kunsthistoriker Jean Clair, „und hat sie
sich, anstatt sich für die Sache der menschlichen Freiheit einzusetzen, zum Komplizen ihrer Herrschaftsansprüche gemacht?“
Ketzerisch war die Frage, denn bis vor
kurzem galt im Westen als nahezu undenkbar, die politische Korrektheit der Avantgarde anzuzweifeln. Ihre Angehörigen waren Lichtgestalten des Fortschritts und der
Freiheit – geschützt nicht zuletzt durch die
gesellschaftliche Verklärung des „artiste“
als prophetischem, außerhalb der Ordnung
stehendem Rebellen. Aber Clairs Frage ist
nicht so abwegig, wie sie vielleicht wirkt.
Denn zu konstatieren ist nicht nur die
Zustimmung der italienischen Avantgarde
zum Faschismus; auch die sowjetischen
Staffelei-Träumer begleiteten eine gesellschaftliche Entwicklung, die schließlich in
einer sozialistischen Schreckensdiktatur
endete; und in ihrer Kriegsschwärmerei
zeigten auch die deutschen Maler der
späten Kaiserzeit ihre Empfänglichkeit für
radikale gesellschaftliche Heilsversprechungen. Die Goebbels-Frage „Wollt ihr
den totalen Krieg?“ hätten sicher viele von
ihnen bejaht.
Selbst manche derjenigen, die von den
Nazis als „entartet“ verfemt wurden, etwa
der nordfriesische Maler Emil Nolde (1867
bis 1956), waren dem NS-Gedankengut in
den Anfangsjahren des Dritten Reiches begeistert zugetan.
Lassen sich diese Verstrickungen ausreichend dadurch erklären, dass Kunstschaffende als Individuen ebenso fehlbar sind im
politischen Urteil wie alle anderen? Handelt es sich um tragische, aber doch zufällige Fehlentwicklungen, in denen die
Avantgardisten stets das Gute wollten, aber
das Furchtbare (mit) schufen?
Oder erklärt sich die Anfälligkeit mancher Avantgarde-Bewegungen für die
Verheißungen totalitärer gesellschaftlicher
Systeme eventuell aus ihren eigenen gedanklichen Prämissen?
Die Moderne sah ihre Aufgabe immer
darin, Tabula rasa zu machen. Der radikale Bruch mit allem Alten war eine Conditio sine qua non ihres ästhetischen und gesellschaftlichen Denkmusters. Vergangenes
war Ballast, den es abzuwerfen galt; sie
pflegte den Mythos der voraussetzungslosen Selbsterschaffung. „Nur der lebt“,
behauptete der russische Avantgardist Kasimir Malewitsch, „der seine Überzeugungen von gestern verwirft.“
Stattdessen huldigte die Moderne einem
absoluten Fortschrittsglauben: Morgen statt
Gestern, Jugend statt Erfahrung, das Neue
statt des Alten. Ihr Streben war auf den
Aufbruch gerichtet, auf das Unvorhergesehene. Dadurch geriet sie in eine Endlosspirale, in der sie sich atemlos immer
wieder selbst überbieten musste.
Dieses geschichtsverweigernde Programm wurde denkbar, weil die Moderne
von vielen der Aufgaben befreit war, die
jahrhundertelang die Kunst geprägt hatten
– etwa von der Erwartung, sie habe die
Welt buchstäblich „abzubilden“ (das übernahm im 19. Jahrhundert die Fotografie),
und von ihrer Verpflichtung, mächtigen
Auftraggebern wie Hof, Staat oder Kirche
die ästhetische Verzierung ihres Herrschaftsanspruchs zu liefern (das Auftragssystem wurde, ebenfalls im 19. Jahrhundert, vom Kunstmarkt abgelöst).
Dadurch erhielt die Kunst die Freiheit,
sich ausschließlich mit sich selbst zu befassen. „Ich male keine Frauen“, hatte bereits der französische Maler Henri Matisse
(1869 bis 1954) erklärt, „ich male Bilder.“
Vermutlich lauert in dieser Freiheit, die
den Bruch der Avantgarde mit dem Vergangenen ermöglichte, in ihrem radikalen
Anspruch und ihrem Heilsversprechen, die
Welt und den Menschen neu und besser zu
schaffen, die Gefahr, sich totalitärem Gedankengut anzunähern. Den „Neuen Mend e r
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hineinragt, fand sich in dem großen
schen“ wollten auch Stalin und
deutschen Zauberer Joseph Beuys
Hitler formen – wenngleich mit
(1921 bis 1986). In seinem Auftreten
anderen Mitteln als die idealistiwar er ein klassischer Avantgardesche Avantgarde.
Provokateur, umstritten, befehdet und
Nach dem Ende des Naziverlacht. Wie viele vor ihm hoffte er,
Staats galt die Moderne, die indass sich „die zukünftige Gesellnerhalb weniger Jahre durch
schaftsordnung nach den Gesetzmägroße Ausstellungen rehabilitiert
ßigkeiten der Kunst formen“ werde;
worden war, lange als unangeer wollte die Revolution, strebte die
fochtene Größe. Gerade das
Vereinigung von Kunst und Leben an.
Brandmal der „Entartung“ entAber Beuys wagte auch den Rücklastete paradoxerweise die Maler
griff auf Mythen, er pflegte die Spuder Nachkriegszeit: Als Avantrensuche im eigenen Leben und in
gardisten waren sie der Täterwelt
der Geschichte; und er begegnete der
schon entkommen.
Aufklärung, der sich die Moderne verDas Abstrakte, zur „Weltspraschrieben hatte, mit dem Verweis auf
che der Kunst“ ausgerufen, bedie Spiritualität, ohne die keine Freiherrschte die Nachkriegszeit im
heit zu erlangen sei.
Westen, denn Naturalismus und
Beuys war zweifelsohne eine ÜberRealismus waren Feindesland:
gangsfigur zwischen Moderne und
besetzt von der NS-Volkskunst,
Postmoderne. Heute, am Jahrhundertaber auch von der DDR-Staatsende, herrscht eine große, verwirrendoktrin, die behauptete, dass „die
de Unordnung in der Kunst, ein lähIdee der Kunst der Marschrichmender Stellungskrieg der Gedanken,
tung des politischen Kampfes“
Thesen und Theorien, der komplizu folgen habe, wie der DDRzierten Zuordnungen und InfrageMinisterpräsident Otto Grotestellungen und der noch komplizierwohl 1951 bekannt gab. Der
teren Verneinungen.
Kalte Krieg fand auch an den
Eine einfache Glaubensformel, die
Staffeleien statt.
Kunst und Gesellschaft zusammenDort standen im Westen die
bringen könnte, ist angesichts der Ababstrakten Maler und schwiegen
wesenheit jedweder Gewiss-heiten
– ausnahmsweise – lautstark zu
und Verbindlichkeiten nicht mehr
Fragen der Zeit. „Zero ist die Stildenkbar. Die Avantgarde, die einst
le. Zero ist der Anfang“, erklärte
eine solche Formel für sich gefunden
1959 programmatisch eine Schrift
und praktiziert hatte, ist tot. „Dada
der gleichnamigen Gruppe.
war provokant“, sagt der amerikaniEs sollte noch mehrere Jahre
sche Gegenwartskünstler Mike Keldauern, bis sich einzelne Künstler
ley, „aber heute ist Provokation zu
wieder zum alten politischen
nichts mehr gut. Sie verhindert KomAvantgarde-Enthusiasmus aufmunikation.“
rafften und versuchten, das geAuch als Widerstandsnest taugt die
sellschaftliche Komplott des VerKünstler Beuys (1971): Spurensuche im eigenen Leben
Kunst nicht mehr. Und zum Genie
schweigens und Vergessens aufzudecken. Der Eichmann-Prozess, 1961 in Je- gesammelt, um weiter die Geschichte zu oder Rebellen kann sich der Künstler nur
rusalem geführt, entlarvte die „Nullpunkt“- unterschlagen. Vielleicht war der Quell des noch mit ironisch gebrochener Geste erRhetorik der jungen Republik als jämmer- unermüdlichen Fortschrittsglaubens end- klären. Die Künstler der Gegenwart irren
liche Flucht vor der eigenen Geschichte.
gültig versiegt. Oder es hatten sich die wie Hänsel und Gretel durch den Wald
Aber wer in den sechziger und siebziger wichtigsten Strategien der Avantgarde, ge- der großen Erzählungen. Ihrer tradierten
Jahren auch mit gesellschaftlichem An- rade der Schock und der Tabubruch, durch Identität beraubt, können sie nicht anspruch antrat, ob die vom Dadaismus in- ihre jahrzehntelange Wiederholung ganz ders, als den Glauben an das unverbrauchte Neue zu belächeln. Andere
spirierten Fluxus-Krakeeler, ob die „Kapi- einfach verbraucht.
talistischen Realisten“ oder die „PathetiVielleicht stand die Moderne inzwischen Selbstbestimmungen sind daher dringend
schen Realisten“, ob frauenbewegte Pro- auch zu sehr im Einvernehmen mit dem ge- gefragt: Einzelne Künstler der Postmodervokateurinnen wie Valie Export, ob der sellschaftlichen Mainstream, als dass sie ne versuchen derzeit, sich umzudefinieren
flammende Polit-Maler Jörg Immendorff noch den Anspruch erheben konnte, eine als „Dienstleister“ an der Gesellschaft
statt als Erwecker.
mit seinem „Café Deutschland“-Zyklus – kritisch-sinnstiftende Stimme zu liefern.
Was hätte wohl Picasso dazu gesagt?
so recht wollte der Geist der Avantgarde
Jedenfalls war die Moderne das gewortrotz der 68er-Revolte nicht mehr sprühen. den, was sie niemals werden wollte: histoVielleicht hatte sich einfach zu viel Ge- risch. Eine markante Endzeitgestalt, deren Susanne Weingarten, 35, ist SPIEGELschichte in den Köpfen der Menschen an- Ästhetik bereits weit in die Postmoderne Redakteurin.
VG BILD-KUNST, BONN 1999
Spiegel des 20. Jahrhunderts
Das Jahrhundert der Massenkultur: Die Malerei der Moderne
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. … DER ENTDECKUNGEN;
III. … DER KRIEGE; IV. … DER BEFREIUNG; V. … DER MEDIZIN; VI. … DER ELEKTRONIK
UND DER KOMMUNIKATION; VII. … DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK;
VIII. … DES SOZIALEN WANDELS; IX. … DES KAPITALISMUS; X. … DES KOMMUNISMUS; XI. … DES FASCHISMUS;
XII. … DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. DAS JAHRHUNDERT DER MASSENKULTUR
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Kultur
Szene
KUNSTMARKT
Karlsruher Glück mit der
„Geißelung Christi“
ie Gelegenheit schien schon verpasst, nun wird die „Karlsruher Passion“ doch weiter komplettiert. Das so genannte Altar-Ensemble aus
der Zeit um 1450 konnte Klaus Schrenk, Direktor der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, mit dem Ankauf einer „Geißelung Christi“ von fünf auf
sechs Bildtafeln aufstocken (eine weitere hängt in Köln). Für Schrenk ist
seine Erwerbung, die von dieser Woche an öffentlich gezeigt wird, „das qualitätvollste Stück des Spätmittelalters, das in den letzten 20 Jahren auf den
Markt gekommen ist“. Als voriges Jahr die verschollene, nur noch durch
ein altes Foto bekannte „Geißelung“ aus südfranzösischem Privatbesitz in
einem Pariser Auktionshaus auftauchte, überredeten die Karlsruher mögliche Konkurrenten wie das Getty Museum oder die National Gallery in
London zur Biet-Abstinenz und das französische Kulturministerium zu einer Ausfuhrgenehmigung. Doch bei der Versteigerung im Dezember schlug
ein privater Interessent zu: Die Londoner Kunsthandelsfirma Colnaghi
überbot die Karlsruher und erwarb die Bildtafel für rund 10 Millionen
Mark.Weil aber die Absprache der Museen weiter hielt, fand Colnaghi keinen anderen Abnehmer – und verkaufte schließlich an die Kunsthalle: zu
einer nicht genau genannten Summe aus diversen Stiftungsmitteln, die für
den Zwischenhändler nur „relativ geringen Gewinn“ (Schrenk) enthält.
Kunsthallen-Ankauf „Geißelung“
STAATL. KUNSTHALLE KARLSRUHE
D
ARCHITEKTUR
VERLAGE
Heim ohne Heimeligkeit
„Über mehrere Stühle hinweg“
ieben von zehn Deutschen möchten am liebsten in einem
Einfamilienhaus wohnen, also wird drauflos gebaut: Allein
in diesem Jahr entstehen über 250 000 Einfamilien-, Doppel- und
Reihenhäuser. Doch die allermeisten, über 90 Prozent, entstehen
ohne individuellen architektonischen Beistand – Fertighausfirmen machen das Geschäft. Folge: „Es gibt viel zu viele
schlechte Einfamilienhäuser“, so sagt zumindest der Hamburger
Architekturpublizist Holger Reiners. Um zu zeigen, was stattdessen möglich wäre, hat er sich als Mäzen betätigt und einen
Preis speziell für diese Bauform gestiftet. Am Dienstag dieser
Woche wird die Auszeichnung erstmals verliehen – je 7000 Mark
für drei Preisträger. Die halten, wie ihre Entwürfe zeigen, wenig
von sonst beliebten, lieblichen Heimeligkeit-Symbolen wie
Rundbogenportalen, Erkern und Giebelchen. Zwei Siegerhäuser, beide aus der Schweiz, sind modernistisch streng: flache
Dächer, klare Linien. Auch das dritte Haus, vom Münchner Büro
Heil & Aichele, fällt
schlicht aus, ohne
Vorsprünge oder
Dachüberstände.
Als einziges Merkmal verweist das
gute alte Spitzdach
auf bodenständige
Tradition. Prognose: karg und kostspielig – der gemeine Häuslebauer
wird überrascht,
aber wohl kaum
Preisgekröntes Eigenheim (Heil & Aichele)
entzückt sein.
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ie Szene der Wissenschaftsverlage war in Aufregung, als die beiden Lektoren Ende vergangenen Jahres
wegen „gründlicher Unzufriedenheit“ ihren Posten aufgaben: Friedhelm Herborth, 59,
und Horst Brühmann, 48, hatten das Theorie-Programm im
Suhrkamp Verlag zu legendärem Renommee geführt. Wohin würden sich die erfahrenen Geistes-Koordinatoren
wenden? Nun ist es heraus:
Unter dem Namen „Velbrück
Wissenschaft“ starten sie von
kommendem Frühjahr an eine Brühmann, Herborth
Buchreihe, die bei einer sonst
wenig bekannten Vertriebsfirma in der Nähe von Köln erscheint. Gleich fürs erste Halbjahr sind kapitale Brocken von
Gelehrten wie Günter Dux („Historisch-genetische Theorie
der Kultur“), Hans Joas oder Peter Bürger angekündigt, dazu
eine Werkausgabe des Psychologen Karl Bühler. Nicht zwischen den Stühlen, sondern „über mehrere Stühle hinweg“,
so umschreibt Brühmann den Anspruch. Er und Herborth
stehen mit Namen, aber auch als Gesellschafter für das Unternehmen. Partner sind DuMont-Verlagsleiter Andreas von
Stedman und der Chef des Göttinger Wallstein Verlages, Thedel von Wallmoden, der den Viererbund ausheckte. Konkurrenz für Suhrkamp? „Ach nein“, meint Wallmoden – er könne sich langfristig sogar eine Zusammenarbeit vorstellen.
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K. HILL
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Szene
LITERATUR
Kopf unter Wasser
Terézia Mora: „Seltsame Materie“. Rowohlt Verlag,
Reinbek; 256 Seiten; 32 Mark.
282
„Mein liebster Feind“.
Trauerarbeit, die sich in
Spaß verwandelt: Acht
Jahre nach dem Tod seines tobsüchtigen Lieblingsstars Klaus Kinski
kehrt Regisseur Werner
Herzog, der seither keinen Spielfilm realisiert
hat, an ein paar Schauplätze ihrer exotischen
Drehabenteuer zurück,
erzählt Anekdoten und
wärmt mit PartnerinCardinale, Kinski
nen wie Eva Mattes
oder Claudia Cardinale Erinnerungen auf.
So gewinnt seine Huldigung für den genialischen Unhold, mit allerlei unveröffentlichtem Material gefüttert, erstaunlichen Unterhaltungswert. Im Schlepptau des Gedächtniswerks kehren auch zwei der fünf HerzogKinski-Unternehmungen in unseren Programmkino-Kreislauf zurück, „Nosferatu“
und „Cobra Verde“, leider die beiden wohl
schwächsten. Für hartgesottene Aficionados
kommt auch erstmals das monomane Schauerwerk in deutsche Kinos, für das Kinski sich
in seinen letzten Jahren als Autor, Regisseur
und Star verausgabt hat: „Kinski Paganini“, eine rauschhafte Phantasie über den romantischen „Teufelsgeiger“. Weder kann Kinski
Violine spielen, noch überzeugt er als unermüdlicher Mädchenschänder, doch pulsiert in
dieser unerträglich narzisstischen Selbstverherrlichung eine Verzweiflung, die rührt.
JAUCH UND SCHEIKOWSKI
Lotsen
im Hügelland
A
ls ob es darum ginge, Schiffe
durch ein dunkles, wild bewegtes
Meer zu lotsen, so blinkt es nachts
über dem Hügelland: Im ToskanaStädtchen Casole d’Elsa und auf vier
Rehberger-Lampen („Montevideo“) in
SPIEGEL: Können Sie davon leben?
Wedekind: Nein. Das will und muss ich
AU S S T E L L U N G E N
„Ich bin auf Entzug“
Die Autorin und
ehemalige Chefredakteurin
(„Bunte“,„Elle“,
„Ambiente“)
Beate Wedekind,
48, über ihr Berliner Ausstellungsprojekt
„Pictureshow“
im Kunsthof in
der Oranienburger Straße
N. BOTSCH / ACTION PRESS
E
s ist eine überschaubare Welt, von
der Terézia Mora erzählt. Eine Bushaltestelle, ein Schwimmbad, ein Fußballplatz, eine Zuckerfabrik, eine Kneipe – in dem kleinen, namenlosen ungarischen Dorf kommt alles in der Einzahl
vor. Die Grenze umschließt den Ort
und zieht sich durch sämtliche Geschichten. In einer von ihnen wartet ein
Mädchen an Heiligabend sehnlichst auf
den Großvater. Er will einen Fremden
nach Österreich führen, an einer Stelle,
wo die Grenze quer durch das Schilf eines schlammigen Sees verläuft. In anderen Texten geht es um einen jungen
Grenzsoldaten, dessen Kollege eines
Nachts von Flüchtlingen erschossen
wird, oder um die junge Kellnerin, die
das Buffet im Nationalpark betreibt, am
höchsten Punkt gelegen, von wo der
Blick weit in die Ferne schweifen kann.
Alle zwölf Geschichten dieses spröden,
schönen Bands sind aus der Perspektive
von Kindern oder Jugendlichen erzählt,
meist Mädchen, die in zweierlei Hinsicht an der Grenze leben: an der zu
Österreich und an der zur Erwachsenenwelt. Sie wundern sich über das Leben, wollen es entdecken und bekommen es doch noch
nicht zu fassen.
Die ungarische Autorin und diesjährige
Ingeborg-BachmannPreisträgerin Mora,
28, ist zweisprachig
aufgewachsen, hat
sich aber Deutsch als
literarische Sprache
verordnet, weil sie,
wie sie sagt, ihre Worte da besser zügeln könne. So erzählt sie schnörkellos
vom isolierten Leben in der Provinz,
vermeidet pittoreske Milieustudien und
unterbricht den Erzählfluss durch
Traumbilder und Gedankensplitter. Ein
trotziger, erstaunlich sicherer Stil – besonders prägnant in der preisgekrönten
Erzählung „Der Fall Ophelia“. Die Heldin zieht im kalten Schwimmbad ihre
Bahnen, sie ist eine Außenseiterin, die
mit jedem Zug nicht nur besser schwimmen, sondern auch selbständiger leben
lernt. Als ihr am Ende ein Junge den
Kopf unter Wasser drückt, befreit sie
sich aus eigener Kraft: „Ich tropfe vor
die Füße meines Feindes. Ich sage zu
ihm, und das Sprechen schmerzt in der
Brust: Selbst dazu bist du zu blöd.“
KUNST
Kino in Kürze
Wedekind
SPIEGEL: Frau Wedekind, warum sind
Sie jetzt auch noch unter die Galeristen
gegangen?
Wedekind: Ich habe immer schon Kunst
gesammelt und will nun junge, interessante Künstler vorstellen, die es verdienen, bekannt zu werden.
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nicht. Die Künstler schenken mir jeweils
eine Arbeit, das ist mein Lohn. Ansonsten lebe ich von anderen Projekten. Ich
organisiere die „Goldene Kamera“ und
die Eröffnung des Sony-Centers, und
für meinen neuen Roman habe ich
einen schönen Vorschuss bekommen.
SPIEGEL: Spielt das Werk in der Künstlerszene?
Wedekind: Nee, das Buch handelt eher
von denen, die es sich leisten können,
Kunst zu kaufen.
SPIEGEL: Reizt es Sie nicht viel mehr, den
Berliner Zeitungsmarkt aufzumischen?
Wedekind: Und wie. Ich bin ein Medienjunkie und im Moment leider auf Entzug.
Blatt machen ist einfach geil. Ich kenne
so viele Geschichten, die ich gerne lesen
würde, aber nirgendwo gedruckt finde.
SPIEGEL: Welche?
Wedekind: Zum Beispiel über die Verschwendung von „Vergütungen“ an Bundestagsabgeordnete beim Berlin-Umzug.
Kultur
Am Rande
Gottesgeschenke
en Seinen gibt’s der Herr
D
im Schlafe, heißt es (Psalm
127,2), wobei nicht ganz klar ist,
FOTOS: R. MENSING
Buren-Flaggen in Poggibonsi
Colle di Val d’Elsa
weiteren Kuppen ringsum hat der aus Island stammende Künstler Olafur Eliasson, 32, bunte Lampen
als „Leuchttürme“ installiert, so dass sich ihre
Richtstrahlen wie ein immaterielles Liniennetz über
die Gegend spannen. „Die Konzeptkunst verlässt
die Galerien“ lautet diesmal die Devise der international besetzten herbstlichen Freiluft-Schau „Arte
all’arte“ (Kunst zu Kunst) in sechs Kommunen der
Region (bis 8. Dezember). Zwar verführt das Motto
bisweilen zu prätentiöser Routine, so den Amerikaner Joseph Kosuth, der eine Altstadt-Loggia in San
Gimignano mit einem ortsbezogenen Walter-Benjamin-Zitat dekoriert, regt aber in Glücksfällen, wie
bei Eliasson, anschaulich-witzige Gedankenspiele
an. Der Deutsche Tobias Rehberger beleuchtet in
Colle di Val d’Elsa einen gewölbten Gang mit 200
Lampen lokaler Glasbläser und lässt per InternetSignal das Licht angehen, wenn es in Südamerika
Nacht wird (Titel: „Montevideo“). Der französische
Konzept-Veteran Daniel Buren beflaggt Ruinen der
Medici-Festung Poggibonsi 180fach mit seinem
neutralen, als Emblem einer Kriegspartei betont
untauglichen Streifenmuster in allen Regenbogenfarben. Derzeit an den Pariser Champs-Elysées gehisste Buren-Fahnen flattern da nicht halb so schön.
BESTSELLER
Struwwel-Harry als Gipfelstürmer
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brakadabra, ein kleiner Zaubererjunge knackt den Jackpot. Nummer eins der
Bestsellerliste der renommierten „New York Times Book Review“: „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“. Nummer zwei: „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“. Nummer drei: „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Damit
besetzt das Gesamtwerk der britischen Kinderbuchautorin Joanne Rowling die Spitze der amerikanischen Liste, die Erfolgsgeschichte (SPIEGEL 37/1999) nimmt neue
Rekordhürden. Das amerikanische Magazin „Time“ widmet den Harry-PotterBüchern die jüngste Titelgeschichte seiner Europa-Ausgabe
und fragt verblüfft: „What on earth is going on here?“ –
Was in aller Welt ist hier los? Potter, die Hauptfigur der
Romane (deutsch im Carlsen Verlag) ist eigentlich ein
Unglückswurm. Harry, im ersten Band elf Jahre alt,
trägt eine Brille, struwwelige Haare, das einzig Besondere an seinem Aussehen: eine blitzförmige Narbe auf der
Stirn. Die wurde ihm als Baby verpasst, als der böse Lord
Voldemort versuchte, Harry und seine Eltern zu töten. Die
Eltern starben, nur Harry überlebte und muss nun bei seiner
garstigen Tante und dem ekligen Onkel ein kärgliches Dasein
fristen. Rettung für Harry: Er entdeckt, dass er hexen und so seine Ideen von Gerechtigkeit und Würde auf magische Weise umsetzen kann. Und das finden die kleinen Leser offenbar zauberhaft.
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ob der Herr schläft oder die Seinen. Jüngsthin neigt Gott eher zu
Erweckungen, und die Seinen
kommen nun aus Kreisen, die nie
besonders verschlafen gewirkt
haben.
US-Präsident Clinton etwa. Vergangene Woche, bei einem traditionellen „Gebetsfrühstück“,
sprach er: „Ich bin, wie nur wenige Menschen, von der reinen
Kraft der Gnade und unverdienter Vergebung durch Gnade berührt worden.“ Gott habe
ihm verziehen.
Auch die Regensburger
Fürstin Mariae Gloria von
Thurn und Taxis spricht
neuerdings in Engelszungen. Vergangene Woche, in
einer „Alltagspredigt“-Reihe in der lokalen Schlosskirche St. Emmeram, berichtete
sie von der „Kraft des Gebetes“,
die ihr geholfen habe, als sie,
plötzlich (1990) verwitwet, „mit
drei kleinen Kindern allein in der
Welt stand“.
Woher das dramatische Outing
von Präsident und Fürstin, während der gemeine Mann weiter
schläft? Ist Gott immer mit den
stärkeren Bataillonen?
Dem Zigarrenraucher Clinton hat
er aus einer Patsche namens Lewinsky geholfen: Die Ansicht
kam dem Präsidenten nach einem
Jahr Bibelstunden bei drei Pastoren. Die Fürstin, nach eigenen
Worten einst eine „verrückte Nudel“, erhielt ohne Beistand das
„Geschenk des Glaubens“.
Es liegt was in der Luft, und die
entfährt einem Pop-Idol, dem
Mannheimer Soul-Sänger Xavier
Naidoo, 28: „Babylon ist überall“,
sagt er, „Amerika geht unter.“
Auch Naidoo griff zur Bibel.
„Gott hilft mir“, sagt er, „er ist
die Nummer eins in meinem Leben.“ So wird der Herr im Himmel zum Hit des Millenniums.
283
Kultur
FILMINDUSTRIE
Goldrausch in der Kinowelt
Die Börsengänge deutscher Verleih- und Filmfirmen mischen die Branche auf.
Das Geld privater Investoren sorgt für Produktionseifer und Einkaufswut – und lässt manche fragen:
Muss der deutsche Film überhaupt noch mit Steuergeldern gefördert werden?
A
RIRO-PRESS / BUNTE
usgerechnet ein rappeldoofer Prolet, der sein Geld in Bölkstoff –
vulgo: Bier – anlegt statt in Aktien,
wird von Börsianern in diesen Tagen
heftig angefeuert. Denn je erfolgreicher
der norddeutsche Klempner-Azubi Werner
im Zeichentrickfilm „Werner – Volles
Rooäää!!!“ auf seiner aufgemotzten Schüssel über die Leinwände kesselt, desto besser stehen die Chancen für die Aktien seiner Verleihfirma, der Münchner Constantin Film, die Mitte September am Neuen
Markt gestartet ist.
Bisher hat der arbeitsscheue ComicHeld die Spekulanten nicht enttäuscht: 1,8
Millionen Besucher wollten sich bisher am
„Fäkalstau in Knöllerup“ (so der Untertitel des Werks) ergötzen; den Kurs der
Constantin-Aktie konnte Werners Siegestour aber bislang trotzdem nicht beflügeln.
Die sonderbare Allianz zwischen Börse
und Film ist neu in Deutschland, kunstversessene Regisseure müssen sich an das
tägliche Studium der Aktienkurse erst gewöhnen. In den letzten anderthalb Jahren
sind mehrere größere Unternehmen der
Kinobranche an die Börse gegangen und
sammelten immenses privates Kapital.
In einem Wirtschaftszweig, in dem jahrzehntelang fast ausschließlich finanzschwache Donald Ducks watschelten, ma-
Constantin-Film „Der große Bagarozy“*: Flirt mit dem Teufel
Produktionsfirma Helkon Media
(„Nichts als die Wahrheit“) – was
ihn allerdings nicht daran hindert,
Constantin-Chef Eichinger (r.) beim Börsengang*
voraussichtlich am 11. Oktober
„Ist doch toll, was das für Energie bringt“
ebenfalls an die Börse zu gehen.
chen sich plötzlich einige Dagobert Ducks Erwartet werden Einnahmen in Höhe von
breit.
150 bis 175 Millionen Mark.
„Mich erinnert dieser Run auf die BörDiese ungewohnten Summen erschüttern
se an den Goldrausch in Kalifornien“, sagt das Gesamtgefüge der deutschen FilmwirtWerner Koenig, Inhaber der Münchner schaft. Aus einer Minibranche wird derzeit
eine richtige Medienindustrie. Die betroffenen Verleiher, Produzenten und Filmför* Links: mit Thomas Haffa, dem Vorsitzenden der EMderer, sonst gern zerstritten, sind sich einig
TV, am 13. September in Frankfurt am Main; rechts: mit
darin, dass der Börsenerfolg ihre Branche
Corinna Harfouch.
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aufgewertet habe. Selbst die Banken, so ein
Produzent beglückt, seien jetzt willens,
stattliche Beträge in riskante Filmprojekte
zu stecken. „Es gibt mehr Wettbewerb“,
sagt Hanno Huth, 46, Chef der Berliner Produktions- und Verleihfirma Senator Film
(„Aimée & Jaguar“, „Südsee, eigene Insel“), die im vergangenen Winter an die
Börse ging. „Außerdem wird die Branche
durch die Börsengänge transparenter.“
„Der Markt ist sehr belebt worden“,
konstatiert auch Martin Hagemann, 41, Geschäftsführer der kleinen Berliner Produktionsfirma Zero Film („Viehjud Levi“). „Es
sei „nicht als absoluter Mainstream-Film
angelegt“, gibt Eichinger zu.
Vielleicht wird sich der Markt auch aufteilen in solche Liebhaberfilme und in sehr
große, kommerzielle Projekte – etwa die
Dietrich-Biografie „Marlene“, die Joseph
Vilsmaier derzeit für knapp 18 Millionen
Mark in Europa und den USA dreht.
Bislang jedenfalls scheint das Engagement der Aktiengesellschaften die Qualität
der Filme keineswegs zu heben. Besorgt
beobachtet Dieter Kosslick, 51, Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, die Veränderung des Markts: „Wenn
die enormen Gelder jetzt nicht in die Infrastruktur investiert werden, verpassen
wir eine große Gelegenheit, dieser Industrie auf die Sprünge zu helfen.“
Mehr Fördergelder will Kosslick vor allem in die Nachwuchs-Ausbildung stecken
– und er sähe es gern, wenn sich auch die
Privatwirtschaft daran beteiligte. „Wir reden ja nur noch über den Aktienindex“,
stöhnt der Förderer. „Wenn jetzt nur drauflos produziert wird, haben wir bald einen
Markt wie bei den Gen-Tomaten: Produkte ohne Substanz, die kein Mensch will.“
Doch die Börsenneulinge müssen Geld
machen und denken nicht daran, teure
Drehbuch- oder Regieschulen zu finanzieren, um die intellektuellen Ressourcen zu
die nicht von uns abhängig sind“, sagt
Eichinger. Lieber will er ein Netzwerk von
Leuten aufbauen, „die bewiesen haben,
dass sie was können“. Die Filmemacherin
Doris Dörrie („Bin ich schön?“) gehört
ebenso dazu wie ihr Kollege Sönke Wortmann („St. Pauli Nacht“). Deren „input“,
gepaart mit seinem „backing“, soll für mehr
„output“ sorgen. „Ist doch toll“, sagt Eichinger, „was das für Energie bringt.“ Mit
dem Börsenkapital kann Eichinger jetzt
mehrere internationale Filme parallel produzieren, statt wie früher erst einen Film
„im Cashflow wegdrücken“ zu müssen, ehe
er den nächsten anfangen konnte.
„Die Unternehmen weiten ihre Programme aus; sie diversifizieren sich“, sagt
Rolf Bähr, 60, Vorstandschef der Filmförderungsanstalt (FFA) in Berlin. „Es wird
zukunftsgerichtet investiert.“
Die Zukunft allerdings scheint häufig
nicht auf der Leinwand, sondern ganz woanders zu liegen. So kaufte Michael Kölmel,
Vorstandschef des Verleihers Kinowelt,
jüngst ein paar unterklassige Fußballvereine wie Alemannia Aachen, Union Berlin
oder den SV Waldhof Mannheim und sicherte sich so die Vermarktungs- und Fernsehrechte für den Fall, dass sich die Clubs
dereinst in die Primetime vordribbeln. Momentan kümmert sich Kölmel zudem um
DPA
SENATOR
CONSTANTIN
wird sehr viel, sehr schnell, mit sehr viel
Geld produziert und ins Kino gebracht.“
Die Aktiengesellschaften zahlen hohe
Preise für Stoffe, binden die begabtesten
Kreativen an sich, schachern mit hohem –
manchmal zu hohem – Einsatz um die Rechte an erfolgsträchtigen Filmen und verschaffen sogar kleineren Produzenten Lohn
und Brot, indem sie jene Projekte an diese
„outsourcen“, die sie selbst nicht mehr bewältigen können. Außerdem drücken die
neuen Börsenplayer ihre Filme mit weit größerem PR-Einsatz als früher und mit hohen
Kopienzahlen in den Markt.
Ein deutscher Film wie Roland
Suso Richters Mengele-Thriller „Nichts als die Wahrheit“
(SPIEGEL 38/1999) wäre vor
wenigen Jahren niemals mit
148 Kopien gestartet worden.
Ob das dicke Aktiengeld
mittelfristig auch zu besseren
Filmen führen wird, weil beispielsweise mehr in die Drehbuchentwicklung – eine viel
beklagte Schwachstelle deutscher Filme – investiert wird,
ist noch nicht abzusehen.
Denkbar ist auch, dass jede
Vielfalt durch die Kommerzialisierung verloren geht und
Senator-Film „Bang Boom Bang“, Senator-Geschäftsführer Huth: „Die Branche wird transparenter“
sich nur noch Superpopuläres halten kann:
Schließlich verlangt der Shareholder-Value den Erfolg um jeden Preis.
Derzeit erlaubt es sich Constantin-Chef
Bernd Eichinger, 50, allerdings noch, für
sein eigenes Debüt als Kinoregisseur, das
unter dem Titel „Der große Bagarozy“ diese Woche in den deutschen Kinos anläuft,
einen ausgesprochen sperrigen Stoff auszusuchen: Mit Til Schweiger und Corinna
Harfouch in den Hauptrollen erzählt er
(nach einer Romanvorlage von Helmut
Krausser) von einem Flirt mit dem Teufel
höchstpersönlich. „Der große Bagarozy“
pflegen. Stattdessen investieren sie in ihr
eigenes Wachstum. Der Börsengang ermögliche ihm, „gleichzeitig Filme zu kaufen, internationale Produktionen zu machen und Filme in Deutschland zu produzieren“, schwärmt Senator-Chef Huth.
Seine Firma hat den Europa-Verlag gekauft; und die Münchner Constantin Film
strebt einen Status als „Mini-Major“ an:
eine Art Zwergstudio, das sich in diverse
Unternehmen einkauft und so von der ersten Script-Idee bis zur letzten Videokassette von der Auswertung ihrer Produkte
profitiert. „Wir suchen strategische Partner,
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den Traditionsclub Borussia Mönchengladbach, der gerade Gefahr läuft, von der ersten in die dritte Liga durchzumarschieren.
Gerade diese Lust am Rasensport macht
manchen in der Branche stutzig. „Es ist
doch absurd, wenn Leute viele Millionen
Mark in einen Fußballverein stecken“, sagt
Helga Bähr, 51, Geschäftsführerin der kleinen Hamburger Lichtblick-Filmproduktion
(„Härtetest“), „und dann einen Förderungsantrag stellen und eine Million Filmförderung haben wollen.“
Auch Förderer Kosslick dachte im Mai
öffentlich darüber nach, dass bei den Bör285
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Werbeseite
S. MATZKE / ASA
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KINOWELT
sengängen „hunderte von Millionen Mark
ventiliert“ werden, „und dann kommen
die wieder und wollen Förderungsmittel“.
Prompt fürchteten einige Player, dass Aktiengesellschaften prinzipiell von den Segnungen des deutschen Filmförderwesens
ausgenommen werden sollten – laut Kosslick ein Fehlschluss.
Kosslicks Kollegin Eva Hubert, 49,
Chefin der Hamburger Filmförderung,
warnt ebenfalls entschieden davor, „den
Aktiengesellschaften prinzipiell die rote
Karte zu zeigen“. Das
„wäre vorschnell und
kontraproduktiv“. Aber
über nichts streitet
die Branche heftiger
als darüber, welchen
Zweck das FörderKinowelt-Film „Eine wie keine“: Die dicken Havannas sind verglimmt
wesen in der schönen
neuen Börsenwelt noch
zent finanzieren“, sagt Auch die Constantin setzte unmittelbar
erfüllt.
Produzent Christian nach der Emission – trotz „Werner“ – zum
Die Strukturen der
Becker, 27 („Bang Sinkflug an.
Der Glaube an die Zukunft des Neuen
deutschen FilmfördeBoom Bang“), „das RiMarktes ist schwer erschüttert. Eine „Errung stammen aus eisiko ist zu groß.“
ner Zeit, in der ohne Kinowelt-Chefs Rainer, Michael Kölmel
Er verstehe „gar nüchterung bei Medienaktien“ konstatiert
öffentliche Gelder kein
nicht, was diese De- das „Handelsblatt“; der Nemax-50, ein
einziger einheimischer Kinofilm hätte pro- batte soll“, wettert Senator-Chef Huth. Index, der die 50 wichtigsten Werte am
duziert werden können. Die Filmemacher „Dann dürften ja nur noch Produzenten Neuen Markt abbildet, schwächelt seit
machten überwiegend in Kunst, die Zu- gefördert werden, die kein Geld haben.“ Monaten. Nicht nur die Fondsmanager
schauer wollten das Ergebnis überwiegend Gerade Senator und sein Konkurrent versuchen derzeit, glimpflich aus der Emisnicht sehen, und die „Darlehen“ der Film- Constantin seien „in den letzten Jahren sionsfalle herauszukommen: Bei vielen
förderung von Bund und Ländern waren enorme Risiken eingegangen, was den Unternehmen endet bald die Sperrfrist
in Wirklichkeit fast immer Subventionen deutschen Film angeht“. Auch Helkon- für den Verkauf von Mitarbeiteraktien.
auf Nimmerwiedersehen. Um überhaupt Chef Koenig würde ungern auf das siche- Um den Traum vom Millionär doch noch
Rückzahlungen auf den Konten zu verbu- re Geld aus den Fördertöpfen verzichten: wahr zu machen, wird da mancher Anchen, wurde die „Wirtschaftsförderung“ „Egal wie der Partner heißt, ob Bertels- gestellte sein Paket aus dem „friends and
erfunden, die kommerziell vielverspre- mann oder Börse, man muss mit der För- family“-Programm ganz eigennützig abchende Projekte mitfinanzierte.
derung arbeiten“ – andernfalls habe man stoßen.
Zur Skepsis der Analysten trägt bei, dass
Bis heute zielt die Filmförderung un- keine Chance, sein Geld wiederzubekomdas Filmgeschäft hoch spekulativ ist. Ein
mittelbar darauf ab, das Risiko der Produ- men: für Koenig glatter „Selbstmord“.
zenten zu senken: Das Geld, das diese aus
Trotzdem müssen die Förderstrukturen sonniger Sommer kann das ganze Geschäft
einem der Töpfe – Nordrhein-Westfalen gründlich überholt werden. Denn sonst versauen. In den neuen Bundesländern, so
vergibt jährlich 70 Millionen, Hamburg 19 droht Ungemach: Dass die Länder ange- ermittelte die Filmförderungsanstalt, ginMillionen, Berlin-Brandenburg 16 Millio- sichts der Unmengen privaten Geldes auf gen von Januar bis Juni 1,4 Millionen Mennen und die FFA 80 Millionen Mark – ein- die Idee kommen könnten, die Filmför- schen weniger in die Kinos als im Jahr zustreichen, müssen sie erst zurückzahlen, derung ganz in Frage zu stellen, ist mitt- vor. „Nirgendwo knallen Geld und Kreatiwenn ihr Film an der Kinokasse erfolgreich lerweile Kosslicks größte Sorge. „Wenn vität so hart aufeinander“, sagt ein Banker.
war. Wenn er floppt, fließt eben gar nichts dann in ein paar Jahren der Neue Markt „Im Keller hopsen die Schauspieler, oben
zurück in die öffentlichen Kassen.
kollabieren sollte – gute Nacht, deutscher hopsen die Aktien.“
Kaum haben sich Film und Börse gefunAls Verlust wird das trotzdem nicht ab- Film.“
gebucht, weil die Filmförderung der Länder
Ein bisschen düster ist es jetzt schon. den, so scheint es, droht schon wieder die
meist eine verkappte Standortförderung ist, Bei vielen Filmfirmen ist die Euphorie fast Krise. Angesichts der völligen Überbewerdie regionalpolitische Ziele verfolgt. Mit schon wieder verflogen und einem bangen tung mancher Medienaktien befürchten
Fördergeldern sollen Arbeitsplätze geschaf- Blick auf die täglichen Börsenkurse gewi- Börsianer und Anleger, dass die Luftblase
fen, Firmen angesiedelt und die Infrastruk- chen. Die dicken Havannas, sie sind ver- bald platzen wird und mancher massiv
Geld verliert.
tur aufgepäppelt werden. Angeblich fließen glimmt, die Zeit der Highflyer ist vorbei.
Daher will sich Kosslick möglichst rasch
100 bis 150 Prozent des ausgezahlten FörSeit Jahresbeginn hat sich zum Beispiel
dergeldes in die jeweilige Region zurück.
der Aktienkurs von Senator Film halbiert, mit allen Interessengruppen zusammenAber warum sollen diese Steuergelder der von Cinemedia schrumpfte gar auf ein setzen. Ende Oktober trifft sich das „Bündausgerechnet den Umweg über die Kino- Viertel des Höchstkurses. Die Anteils- nis für den Film“ unter Vorsitz des Kulturbranche – und speziell über die kapitalrei- scheine der virtuellen Film-Schmiede Das Staatsministers Michael Naumann beim
chen Aktiengesellschaften – nehmen? Werk, an der auch Wim Wenders beteiligt Filmfestival in Hof. Kosslick: „Ich finde
„Weil es sonst keinen deutschen Film ist, befinden sich derzeit knapp über dem Eichingers Vorschlag gut, die Fördermittel
gäbe“, behauptet Constantin-Chef Eichin- Jahrestiefststand. Und die Kinowelt AG zu verzehnfachen. Aber nur, wenn erst mal
ger. „Eigentlich müssten die Fördersum- gehörte vorvergangene Woche gar zu die Privatindustrie ihren Einsatz verzehnmen gerade jetzt verzehnfacht werden.“
den Verlierern der Börsenwoche – beim facht. Dann pokern wir weiter.“
„Auch Aktiengesellschaften können Versuch, das Kapital zu erhöhen, blieb
Oliver Gehrs, Konstantin von Hammerstein,
Bernd Sobolla, Susanne Weingarten
nicht ohne weiteres einen Film zu 100 Pro- man auf 1,8 Millionen Aktien sitzen.
Kultur
FILM
Musik der
Freiheit
N
ostalgie ist die Kurzumschreibung
für „Wie war es doch früher
schön“, und Ostalgie heißt „Wie
hatten wir es in der DDR doch nett“, auch
wenn, ja, ja, beim genaueren Erinnern ein
paar Dinge nicht so nett waren damals.
Zehn Jahre nach dem Mauerfall sind
ehemaligen Ossis vor allem die angenehmen Dinge im Gedächtnis geblieben: wie
unkompliziert im Arbeiter-und-BauernStaat etwa von Mensch zu Mensch kommuniziert wurde, wie selbstverständlich
die Nachbarn sich gegenseitig halfen. Trauriges versinkt in den Tiefen des Gedächtnisses, Details verschwimmen. Wie das
DDR-Geld aussah, daran kann sich beispielsweise der ehemals Ost-Berliner Regisseur Leander Haußmann, 40, nur mühsam erinnern.
Aber dass er eine „umfangreiche Plattensammlung“ besaß in den Siebzigern,
nämlich genau zehn Platten amerikanischer Rockstars, das wird er nie vergessen.
Und dass Jimi Hendrix, originalverschweißt, „so teuer war wie heute Kokain
und auch genauso schwer zu beschaffen“,
hat sich tief in seine Erinnerung gegraben.
Damit die ehemaligen Landsleute im
Osten sich zum Freiheitsjubiläum an die
BOJE BUCK PRODUCTION
Rock’n’Roll und Passkontrollen –
Leander Haußmann, in der
DDR aufgewachsen, präsentiert in
seinem Kinodebüt „Sonnenallee“
den Honecker-Staat als Pop-Party.
Hauptdarstellerin Weißbach
Träume vom besseren Leben im Westen
guten alten Zeiten erinnern und damit die
neuen Landsleute im Westen sehen, wie
selbstironisch und gleichzeitig liebevoll
DDR-Vergangenheit aufgearbeitet werden
kann, hat der Bochumer Theaterintendant
Haußmann seinen ersten Kinofilm gedreht.
„Sonnenallee“, entstanden nach einer Vorlage des Schriftstellers Thomas Brussig
(SPIEGEL 36/1999), ist ein Pop-Märchen
über das Leben Ost-Berliner Jugendlicher
in den siebziger Jahren – also über Haußmanns eigenes.
Erzählt wird die Geschichte einer Schülerclique: Michael, genannt Micha (Alexander Scheer), wohnt am kürzeren Ende
der Sonnenallee, deren längeres Stück in
West-Berlin liegt. Das heißt, er lebt im
Grenzgebiet an der Mauer, muss ständig
seinen Ausweis bei sich tragen und wird
auch regelmäßig kontrolliert, obwohl der
„Abschnittsbevollmächtigte“ („Sonnenallee“-Mitproduzent Detlev Buck) ihn seit
Jahren kennt. Micha liebt die stupsnasige Schulschönheit Miriam (Teresa Weißbach, eine Art junge Veronica Ferres),
Regisseur Haußmann (r.) mit Produzent Buck:
die aber vom besseren Leben im Westen
träumt.
Michas Freund Mario versteht sich als
Oppositioneller. Für ihn ist es beschlossene Sache, dass er nicht zum Militär gehen
wird. Micha dagegen ist sich da nicht so sicher, schließlich will er mal in Moskau studieren. Und dann gibt es noch Wuschel,
den Jüngsten in der Gruppe, der nicht
von Frauen und Freiheit träumt, sondern
vom Rolling-Stones-Doppelalbum „Exile
on Main Street“. 250 Ostmark will der
Schwarzhändler dafür haben, und damit
ist es für Wuschel so unerreichbar wie der
Westen für Miriam und Miriam für Micha.
FOTOS: DPA
„Die schönsten Jahre in der DDR verlebt“
Locker ineinandergeschlungen erzählt
der Film die verschiedenen Kleindramen
der Jugend: Micha wird vor aller Augen
von Miriam lächerlich gemacht, schreibt
sich dann aber mit erfundenen tiefsinnig daherkommenden Tagebüchern in ihr
Herz. Mario verliebt sich in eine existenzialistische Aussteigerin, die mit einem
Tollkirschen-Cola-Gebräu aus Marios
harmlosen Partygästen taumelnde Wahnsinnige mit blutroten Augen macht.
Haußmanns Kunststück besteht darin,
zehn Jahre nach dem Mauerfall nicht noch
mal mit einer Jammer-Arie über den Unrechtsstaat DDR zu langweilen, sondern
trägt zeittypisch eine
Yucca-Palme im Arm; als
Michas Mutter sich mit
falschem Pass aus der
DDR davonschleichen
will, hört man ihr Herz
überlaut klopfen; die gesamte Ausstattung ist, so
Haußmann, „mit missionarischem Eifer“ zusammengesucht: Selbst die
Brechbohnengläser stammen noch aus alten
DDR-Beständen.
Regimekritik bietet
der Film nicht, obwohl
das, in Ansätzen jedenfalls, einmal so geplant
war. So wollte Hauß„Sonnenallee“-Szene: Ostdeutsche Pubertäts-Tragikomödie
mann zunächst, dass eine
sich Zeit und Herz zu nehmen für die Hauptfigur von Grenzsoldaten erschossen
Schilderung einiger ganz gewöhnlicher wird, weil „der Film sonst zu harmlos, zu
Jung-Ossis. Ihre Kämpfe um ein wenig An- sehr Fernsehen“ sei. Aber er verzichtete
erkennung und ein wenig Glück schildert dann doch auf sein Gewaltopfer, weil die
Haußmann so rau, sentimental und lustig, Geschichte „sich davon nicht mehr erholen
als habe er Peter Bogdanovichs „Die letz- würde“. Den fertigen Film schnitt er außerte Vorstellung“ und George Lucas’ „Ame- dem in letzter Minute um und verkehrte
rican Graffiti“ in einer ostdeutschen Pu- das traurige Ende in sein ostalgisches Gebertäts-Tragikomödie zusammenzwingen genteil: „Es war die schönste Zeit meines
Lebens“, sagt Micha, „ich war jung, und ich
wollen.
Zu den Stars der „Sonnenallee“ gehören war verliebt.“ Haußmann selbst erklärt:
Katharina Thalbach und Henry Hübchen „Ich habe meine schönsten Jahre in der
als Michas Eltern, die sich in immer neuen DDR verlebt.“
Auf MTV läuft derzeit in der so geVariationen mit dem Glanzstück ostdeutschen Möbeldesigns, dem „Multifunk- nannten Heavy Rotation, also dauernd, das
tionstisch“, abquälen. Ignaz Kirchner Musikvideo zur „Sonnenallee“: Der Popschmuggelt in der Rolle des West-Onkels Klassiker „The Letter“ wird darin von den
Heinz fortwährend legale Geschenke über Hauptdarstellern des Films gesungen, eine
die Grenze und prophezeit der DDR den Party auf offener Straße, fröhlich und
turbulent wie ein kurzes „Hair“ des OsTod im Asbeststaub.
Überhaupt liegen Witz und Stärke des tens. Sicher hattet ihr mehr originalverFilms weniger in der Stringenz der erzähl- schweißte Platten in Westdeutschland, so
ten Geschichten als in den Details: Ein die Botschaft, aber wir haben uns besser
schwarzer West-Besucher mit Afrofrisur amüsiert.
Marianne Wellershoff
Kultur
produzierte Filme oder Musicals
– und belohnte seine Emsigkeit
mit angeblich über tausend
Gemälden, stapelweise Grafiken,
Vitrinen voller Skulpturen.
Dabei bewies der Vermarkter
leichter Musical-Kost Sinn für
Qualität und gute Gelegenheiten:
Das Glaser-Porträt von Dix galt
Der verschuldete Stuttgarter
20 Jahre als Prestigestück der
Ex-Musical-König Rolf Deyhle muss
Dresdner Kunstsammlungen.
seine wertvolle Kunstsammlung
Nach der Wende forderte Glasers
verkaufen – ein Glücksfall für das
Sohn die Leihgabe zurück –
Deyhle war alsbald mit einem
Auktionshaus Sotheby’s.
überzeugenden Angebot zur
Stelle.
as Porträt des angesehenen DresdAls der Kunsthistoriker Heinz
ner Juristen Fritz Glaser, 1921 in Öl
Spielmann, lange Jahre Direkgemalt, geriet schonungslos realistor des Schleswig-Holsteinischen
tisch: eine ergraute, leicht gekrümmte GeLandesmuseums, Deyhle 1990
stalt, die hilflos die Hände ballt. Faltige Aubesuchte, geriet er angesichts
genringe, die auf eingefallenen, grauen
der Renoirs und Slevogts in VerWangen liegen, dazu ein hadernder Blick.
zückung. Mit dem „Arsenal“,
Selten zuvor hatte ein Maler einen zerlobte er, könne kein Museum in
knitterten Seelenzustand so brachial erBaden-Württemberg mithalten.
fasst wie der Radikal-Realist Otto Dix auf
Spielmann organisierte sogar
dem Bildnis seines verehrten Freundes GlaAusstellungen, und Deyhle genoss
ser. Er lieferte eine gemalte Psycho-Anasolche Anerkennung: Prompt
lyse: Gerade deshalb gilt das melancholi- DIx-Werk „Dr. Glaser“: Psycho-Studie in Öl (1921)
protzte er mit dem Wert der Kolsche Bild als kunsthistorisches Glanzstück.
Eines, nach dem der Kunstmarkt giert „Cats“ oder „Starlight Express“ sein eige- lektion, angeblich 450 Millionen Mark, und
und von dem sich der internationale nes Wirtschaftswunder bastelte, sind vor- erträumte für seine Schätze einen „schwäGroßversteigerer Sotheby’s deshalb ein bei. Der Unternehmer hat die Milliarden bischen Louvre“ im Stuttgarter Neuen
besonders erfreuliches Geschäft erhofft.
erst um- und dann in den Sand gesetzt. Schloss – aus war der Traum, als sich
Am Mittwoch will das Auktionshaus das Aus seinem Musicalreich musste er sich be- Deyhle mit Immobiliengeschäften überGemälde in London für mindestens zwei reits im vergangenen Jahr verabschieden. nahm und einen „Trümmerhaufen“ („BörMillionen Mark versteigern. Mit ihm weiDas Debakel verursachte mehr Auf- senzeitung“) hinterließ.
Im Rahmen seiner Herbstveranstaltung
tere Prunkstücke: Bilder von deutschen merksamkeit, als dem verschuldeten
Vorzeigeklassikern wie Max Liebermann Deyhle lieb war. Nun pochen die Banken „Deutsche und österreichische Kunst“ veroder Oskar Schlemmer, Grafiken von Max auf den öffentlichen Ausverkauf der steigert Sotheby’s am Mittwoch mit 119
Beckmann und Käthe Kollwitz.
Privattrophäen: vor allem des wertvollsten Werken zwar nur einen Bruchteil der
Teils der Kunstkollekti- Deyhle-Sammlung, im November darf aber
on – die Schadenfreude in München um weitere 130 Kunst-Stücke
gegenüber dem „Milli- gefeilscht werden. Mindestens 15 Millionen
ardär a. D.“ („Süddeut- Mark sollen beide Auktionen bringen.
Kleiner Trost für den klammen Deyhle:
sche Zeitung“) ist groß.
Der Herrscher über Zu einem besseren Zeitpunkt hätte die
ein undurchsichtiges Zwangsverramschung kaum stattfinden
Firmenlabyrinth hatte können. Denn derzeit boomt der Markt
sich aber auch, wenn für deutsche Kunst – gerade aus dem ersten
er sich zu Wort melde- Jahrhundertdrittel, die der kunstsinnige
te, eitel als gelungene Pleitier frühzeitig favorisiert hatte.
An dessen Gesamtbestand war SotheMischung aus Künstler
und Kaufmann bezeich- by’s seltsamerweise nicht interessiert. Und
net; das Gerücht, er las- so muss er den Rest der Kollektion eigense auch bei Steuer- händig unter die Kunsthändler bringen.
Deyhles Pech war, dass er einige Maler
erklärungen Phantasie walten, veranlasste allzu konsequent sammelte. Allein vom
auch die Staatsanwalt- Realisten Karl Hofer stehen sechs Bilder
schaft zu Ermittlungen. zum Verkauf. Doch so bedeutend jedes
Deyhle verschanzte Werk für sich sein mag, sorgt sich eine
Deyhle, Sotheby’s in London: Trost für den klammen Sammler
sich weiterhin unge- Sprecherin von Sotheby’s: „Die plötzliche
Die Stücke stammen aus der Kollektion rührt in seinem Büro, widmete sich wie ein Überpräsenz eines Künstlers auf dem
eines illustren Stuttgarter Sammlers: des schwäbischer Dagobert Duck der stetigen Markt kann die Preise auch verderben.“
Es sei, ließ Deyhle zu der ganzen MiseEx-Musical-Königs Rolf Deyhle, 61 – zu Er- Geldvermehrung. Privat hortete er ebenso
re wissen, sein Herzblut, das da unter den
folgszeiten wegen seiner Öffentlichkeits- einsam und leidenschaftlich Kunst.
Bereits als Twen hatte Deyhle, damals Hammer komme. Doch wolle er seine
scheu ehrfurchtsvoll als schwäbisches
„Phantom“ („Wirtschaftswoche“) gefeiert. noch Finanzbeamter, sein Geld in alte Ma- Schulden begleichen. Ansonsten hat das
Doch die Jahre, in denen sich Deyhle als donnen investiert. Dann machte er sich Ex-Phantom beschlossen, künftig wieder
Immobilientycoon und Geldgeber von selbständig, baute Golfplätze und Hotels, zu schweigen.
Ulrike Knöfel
AU K T I O N E N
Ausverkauf im
Arsenal
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J. E. RÖTTGERS / GRAFFITI
VG BILD-KUNST, BONN 1999
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Kultur
Literatur-Nobelpreisträger Grass: Nach 20 Jahren des Wartens im letzten Jahrhundert-Moment ausgezeichnet
W. BAUER
AU T O R E N
Später Adel für das Wappentier
Für die „Blechtrommel“ wurde er als Wunderkind gefeiert und als Pornograf geschmäht,
er provozierte als politischer Aktivist und verwegener Fabulierer. Jetzt erhielt Günter Grass, der
große Erzähler der deutschen Nachkriegsliteratur, den Nobelpreis. Von Volker Hage
I
n seinem jüngsten, in diesem Sommer
erschienenen Werk „Mein Jahrhundert“ lässt der Dichter zum munteren
Schluss seine Mutter sprechen. „Der Bengel ist inzwischen über siebzig und hat sich
längst einen Namen gemacht“, sagt die – in
Wahrheit 1954 gestorbene, aber im Buch
wieder zum Leben erweckte – Dame im
Jahreskapitel 1999 über den berühmten
Sohn. „Kann aber nicht aufhören mit seinen Geschichten.“
Seit vergangenem Donnerstag ist der
Name Günter Grass in aller Welt noch ein
wenig berühmter. Im letzten JahrhundertMoment hat die Akademie in Stockholm
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der deutschen Nachkriegsliteratur noch einen zweiten Orden angeheftet und damit
ein Versäumnis gutgemacht: Als erster
Deutscher nach 1945 hatte Heinrich Böll
(1917 bis 1985) im Jahr 1972 den Nobelpreis
für Literatur erhalten – schon damals war
sich die literarische Welt weitgehend einig,
dass die Auszeichnung eher Grass zugestanden hätte, dem größeren und risikobereiteren Erzähltalent.
Fast schon Zahlenmystik ist es, wenn
dem aus Danzig stammenden Schriftsteller
nun im Jahr mit der Dreifach-Neun als
neuntem deutschen Autor der Preis zugesprochen worden ist – mitgezählt Hermann
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Hesse und Nelly Sachs, die beide aus
Deutschland stammten und deutsch schrieben, wobei allerdings Hesse 1946 als Bürger der Schweiz und die aus Deutschland
geflohene Sachs 1966 als Schwedin geehrt
wurden. Grass jedenfalls ist der letzte
Preisträger in diesem Säkulum, exakt vier
Jahrzehnte nach dem Erscheinen des internationalen Erfolgsromans „Die Blechtrommel“.
Er habe gut 20 Jahre als Kandidat gegolten, lautete eine der ersten Reaktionen von
Grass, 71, auf die frohe Botschaft der mit
umgerechnet rund 1,8 Millionen Mark dotierten und weltweit beachteten Beloh-
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ACTION PRESS
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ACTION PRESS
den“. Der Zwerg beharrt darnung: Das Warten habe ihn jung
auf, chronologisch zu erzählen,
gehalten, nun beginne das Alter.
NADINE
DARIO FO
und beginnt damit noch vor seiImmerhin hat es die Jury in
GORDIMER
italienischer
ner Zeit, bei der Großmutter
Stockholm vermieden, aussüdafrikanische
Nobelpreisträger
Anna Bronski. Er erzählt von
schließlich den ersten Roman
Nobelpreis1997:
einer kleinbürgerlichen Kindzu würdigen – wie vor 70 Jahträgerin 1991:
heit in Danzig, einer Jugend unren, sehr zum Verdruss des Autors, bei Thomas Mann und Grass ist ein Romancier von in- Erst ich, dann der Portugiese Jo- ter Hitler, von deutschen
dessen „Buddenbrooks“ ge- ternationalem Rang, der we- sé Saramago, nun der Deutsche Kriegs- und Nachkriegszeiten.
Und er schildert einige sexuschehen.
sentlich zur Evolution des Ro- Günter Grass. Die linken IntelDennoch wird „Die Blech- mans beigetragen hat. Als der lektuellen kommen in Stock- elle Begebenheiten – übrigens
trommel“ deutlich genug in der Roman totgesagt wurde, ist es holm gut an. Es scheint, dass die geradezu dezent, auch wenn
Preisbegründung hervorgeho- ihm gelungen, diese literarische Linke in Stockholm die Macht das Brausepulver-Vorspiel zwiben: Gleich zu Beginn heißt es, Form noch zu erweitern. Bei übernommen hat. Er ist ein be- schen dem kleinen Oskar und
als der Roman 1959 erschien, seinem Versuch, das Leben in merkenswerter Schriftsteller, der gewaltigen Maria einst
sei es gewesen, „als wäre der seiner Komplexität darzustel- der sich in vielen zivilen und fast legendären Ruf genossen
deutschen Literatur nach Jahr- len, ist er außergewöhnlich ori- kulturellen Schlachten geschla- hat: „Mir jedoch lag Marias
zehnten sprachlicher und mo- ginell. Selbst die drastischsten gen hat, konsequent für Gerech- Bauchnabel nahe, und ich verralischer Zerstörung ein neuer Szenen entbehren nicht des tigkeit, Freiheit und Demokratie. tiefte meine Zunge in ihm, suchte Himbeeren und fand immer
Anfang vergönnt worden“.
Humors. Er will herausfordern
mehr … und ich ließ mir einen
Ein genialer Anfang in der und bedient sich deshalb des
elften Finger wachsen.“
Tat: Dem jungen, bei Erschei- Humors als Waffe. Er hält seiJOSÉ SARAMAGO
Das reichte vor knapp 40
nen des Buches 31-jährigen Au- nen Lesern den Spiegel vor
portugiesischer
Jahren aus, um Skandal zu ertor gelang ein Debütroman, der und zwingt sie, in sich hineinNobelpreisträger
regen und sich den Vorwurf
immer noch zu den elegantes- zuschauen. Er schickt sie unab1998:
der Pornografie einzuhandeln.
ten literarischen Spieleröff- lässig auf eine Reise zur EntNoch im Erscheinungsjahr der
nungen der Weltliteratur zählt. deckung des Selbst. So ist es
Selbst eine jüngere Autorin wie ihm gelungen, wieder Leben in Er mischt sich ein als Schrift- „Blechtrommel“ war Grass für
die Österreicherin Elfriede Jeli- eine von den Nazis auf Wort- steller. Zum Beispiel mit seiner das Werk der Bremer Literanek, 52, die sich einer mehr hülsen reduzierte Sprache zu Kritik an der Art und Weise, turpreis zuerkannt worden,
sprachexperimentellen litera- bringen. Er selbst ist nie poli- wie die Wiedervereinigung ge- doch der Senat der Stadt ließ
rischen Richtung zuordnet, tisch korrekt gewesen. Wohl macht wurde. Das hat ihm vie- die Jury mit ihrem Votum im
spricht in den Tönen höchster deshalb wird er von manchen le harte Angriffe eingetragen. Regen stehen und verweigerte
Anerkennung von diesem Buch scharf angegriffen. Wir in Süd- Da hat er einen moralischen dem kommenden Star die ersund seinem Beginn, von der afrika haben viel von ihm ge- Mut bewiesen, den ich zutiefst te große Auszeichnung.
Bis weit in die sechziger Jah„Atemlosigkeit und Gehetzt- lernt. Auch hier hat ein rassis- bewundere. Seine Literatur ist
heit des jungen Grass“ (siehe tisches Regime geherrscht. wie die Verlängerung seiner re hinein begleitete den Autor
Seite 298).
Manchmal glaube ich gar, dass Persönlichkeit. Als ich ihn ver- die schrille Begleitmusik selbst
Nicht nur, dass sich der aus der Nazismus, nachdem er in gangenes Jahr traf, dachte ich, ernannter deutscher Moralhüeigenem Entschluss kleinwüch- Europa am Ende war, in Süd- dass nur jemand wie er diese ter, die glaubten, gesund und
sige Oskar Matzerath mit we- afrika wiederbelebt wurde. Bücher geschrieben haben als Volk zu empfinden. Als
nigen Worten – „Zugegeben: Und das, was er über die Nazi- kann. Er ist ein kompakter Grass 1965 mit dem Büchnerich bin Insasse einer Heil- und Diktatur zu sagen hat, könnte Mann. Mich beeindrucken seine Preis die wichtigste literarische
Pflegeanstalt“ – als höchst ei- ebenso gut für die Zeit der physische Präsenz, die Dichte Auszeichnung der Bundesrepublik erhielt, standen bei der
genwilliger Ich-Erzähler und Apartheid gelten.
seines Gesichts, seines Blicks.
Verleihung Demonstranten auf
fragwürdiger Zeuge der eigenen Geschichte präsentiert, es
werden auch gleich auf den ersten Seiten
die schon in den fünfziger Jahren modischen Zweifel am Erzählen aufgegriffen
und lässig beiseite gewischt.
Es macht immer noch Vergnügen, dem
wild entschlossenen Anfänger Grass dabei
zuzusehen, wie er sich sein Recht aufs Fabulieren gegen sämtliche literaturtheoretischen Verbotstafeln der Zeit ertrotzt:
Natürlich könne man eine Geschichte in
der Mitte beginnen, lässt er seinen Oskar
sagen, man könne auch ganz am Anfang
behaupten, es sei heutzutage unmöglich,
einen Roman zu schreiben, oder beteuern,
es gebe keine Romanhelden mehr, „weil
es keine Individualisten mehr gibt … weil
der Mensch einsam, jeder Mensch gleich
einsam, ohne Recht auf individuelle Einsamkeit ist und eine namen- und heldenlose Masse bildet“.
Doch er, Oskar, und sein Pfleger Bruno
seien Helden, „ganz verschiedene Hel- Dichter Grass, Frau Ute (vergangenen Donnerstag in Lübeck): „Nun beginnt das Alter“
H. KOESTER / DER SPIEGEL / XXP
Kultur
Treffen der Gruppe 47 in Berlin (1955)*: Störgeräusch auf dem Weg zum Schriftsteller
der Straße und hielten ihm ein Plakat entgegen: „DM 10 000 Steuern für Kunst oder
Pornographie?“
Zwar war das noch vornehm in eine Frage gekleidet, doch als die Anwürfe kein
Ende nehmen wollten, ließ der genervte
Dichter 1967 per Gerichtsurteil feststellen,
dass ihn niemand ungestraft als „Verfasser
K. KUHNIGK
I. OHLBAUM
* Sitzend: Heinrich Böll, Hans Werner Richter, Wolfgang Hildesheimer, Martin Walser, Milo Dor; stehend: Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Christopher Holme,
Christopher Sykes.
übelster pornographischer Ferkeleien und
Grass war wie sein Held Oskar im DanVerunglimpfungen der katholischen Kir- ziger Vorort Langfuhr aufgewachsen, in beche“ oder schlicht als „Pornographen“ be- scheidenen Verhältnissen. Der im Roman
zeichnen dürfe.
dargestellte kleinbürgerliche Hintergrund
Ein Argument des schon damals ge- war der eigene, und seine Eltern gaben das
schäftstüchtigen Grass vor Gericht lautete: Vorbild ab für Oskars Vater, den KolonialDie auf seine Person bezogene Schmähung warenhändler Matzerath, und dessen kawirke sich „deutlich absatzhemmend“ aus. schubische Frau Agnes. Die eigene Kindheit
Das war natürlich – wenn überhaupt – nur und Jugend hat Grass bis heute nicht im Zudie halbe Wahrheit. Streit belebte auch sammenhang darstellen wollen, das rein
schon in den Kinderjahren der Bundesre- autobiografische Erzählen war ihm stets
publik das Geschäft.
fragwürdig, doch im Laufe vieler Jahre und
Grass genoss es, im Mitungezählter Interviews
telpunkt zu stehen, und
ist in Bruchstücken mander sich bald abzeichnende
ches bekannt geworden.
ANDRZEJ
Welterfolg seines ersten
In einem Gespräch
SZCZYPIORSKI
Romans ließ ihn früh im
aus dem Jahr 1979 etwa
polnischer
Licht des literarischen
gab Grass eine ErinneSchriftsteller:
Ruhms
erstrahlen: ein
rung an die WohnsituaWunderkind, das dem
tion in Danzig zu Protowirtschaftlichen Wunder Der Preis kommt zu spät. Seine koll: „Eine Zweizimmerim deutschen Staat ein größten Werke sind doch vor Wohnung ohne Bad mit
kulturelles Aushängeschild vielen Jahren entstanden. Was winziger Küche und Toiumhängte.
Grass zuletzt geschrieben hat- lette auf dem Flur für
So wurde er zum „Wap- te, war nicht mehr so gut. Doch vier Mietparteien. Ich
pentier der Republik“ ein polnisches Sprichwort sagt: habe also nie ein eigenes
(Horst Krüger), und die in „Besser spät als nie.“ Wenn je- Zimmer gehabt als Kind,
der Bonner Republik mand in Deutschland den No- was sehr prägend für
schon länger umlaufende belpreis verdient hat, dann mich gewesen ist.“
Parole „Wir sind wieder Grass. Sein politisches Wirken
Grass besuchte zwar
wer“ erhielt durch ihn, den ist seine bewusste Wahl. Ich das Gymnasium, doch
befehdeten und beneide- glaube nicht, dass dies sein li- konnte er es nicht mit
ten Autor, den literari- terarisches Schaffen beeinflusst. dem Abitur abschließen
schen Unterbau.
und nicht die Universität
Grass, Böll (1972): Versäumnis gutgemacht
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Werbeseite
Werbeseite
Kultur
besuchen – was er später
gern als Vorteil ansah. „So
hat sich meine Neugierde,
österreichische
mein Wissensdurst, mein
Schriftstellerin:
Wissensdrang erhalten“,
sagte er. „Ich habe alles,
Günter Grass und die Frauen
was ich weiß und was ich
Für meine Generation ist nicht für meine Art zu existieein, ein Macho ist er nicht. Kerl. „Der Butt“ ist so sehr der politische Grass ren brauche, mir selber
Dafür ist er viel zu unmodern. einzigartig als Psycho- wichtig, sondern der ästheti- erarbeitet.“ Zum AutodiVielmehr stammt er aus der gramm eines Mannes, sche: Die Ästhetik der „Blech- dakten verdammten den
grauen Vorzeit der Patriarchen. Jünge- der eine Frau anheult, trommel“ war für uns Autoren Schüler Grass eben jene
re Frauen können ihn als Fossil bestau- bis er ihr schließlich mit experimenteller Ausprä- auf den Krieg zusteuernnen, als lebenden Anachronismus: ein Kind in den Bauch gung so, dass man daran nicht den deutschen VerhältnisGünter Grass zeigt der Welt, wie sie betteln kann. Er zeugt vorbeigekommen ist. Dennoch se, unter denen er heransich dreht, und so dreht sie sich denn, praktisch und litera- habe ich das politische Engage- wuchs. Die für seine Gewenn es sein muss, auch anders her- risch, er braucht die ech- ment von Grass immer begrüßt. neration typische Vita sah
um. Auf die mythische Perspektive te Schwangerschaft sei- Es kann natürlich sein, dass vor, im Alter von 10 zum
kommt es an. Frauen mit ihrem Vogel- ner Lebensgefährtin, um man an ästhetischer Innovation Mitglied beim Nazi-Jungverstand begreifen, was los ist, wenn geistig schwanger zu verliert, was man an politischer volk und mit 14 der Hitdichterische Allmachtsphantasie fliegt. sein. Und mit was für Konkretion gewinnt. Ich hab ir- lerjugend eingegliedert zu
Intelligenzbestien, die einen göttlichen einem Stoff! Er zerlegt gendwann andere Prioritäten werden. Drei Jahre später,
seine Geliebte Veronika gesetzt. Ich interessiere mich in- 1944, wurde der junge
als Ilsebill in die ver- zwischen mehr für spitzere und Mann Luftwaffenhelfer
schiedenen Aspekte ih- kleinere, pointiertere Werke und dann Panzerschütze.
rer Persönlichkeit. Die wie die von Robert Walser –
Als der Krieg mit der
verleibt er sich als aber das ist persönlicher Ge- deutschen Niederlage zu
Kannibale ein, um die schmack. Damit das nicht un- Ende ging, brach für Grass
„Köchinnen in mir (neun tergeht, wenn jetzt der große eine Welt zusammen
oder elf)“ zu entbinden. politische Mahner wieder ge- („Stück für Stück, nicht
Oh, là, là, was für eine nannt wird – wichtig ist die von heute auf morgen“).
Obsession.
Ästhetik, diese Atemlosigkeit Er war, verwundet, noch
„Der Butt“ dürfte sei- und Gehetztheit des frühen in amerikanische Gefannem Verfasser ein riesi- Grass. Er hat nach dem Mief genschaft geraten und
ges Vermögen einge- der Nazis etwas geschafft, was wurde im Alter von 18 in
bracht haben. Veronika ich an Innovationskraft in der eine neue Welt entlassen –
hatte es indes nicht deutschen Literatur nie wieder mit der festen Absicht,
Grass-Selbstbildnis (1974)
leicht, die reale Tochter gefunden habe. Den Prosa- Künstler zu werden.
Drei Brüste für das Kind im Kerl
durchzubringen. Erst als rhythmus, diesen großen epiAn Literatur allerdings
Grass durch Widerworte auf den pro- kein Kind, kein Mann, schen Atem – wer hat das denn war zunächst kein Gedanfanen Boden politischer Bedingungen kein Broterwerb mehr an noch? Ich habe Böll sehr ge- ke. Grass hielt sich mit Gezwingen könnten, meidet er. Zu Recht: ihr zerrten, konnte sie schätzt, aber Grass hatte die legenheitsarbeiten auf
Dieser Großdichter kann gar nicht an- ihre eigene Kreativität größere Bedeutung für die Lite- Bauernhöfen und im Kalials Malerin entwickeln.
raturgeschichte. Der Anfang der Bergwerk über Wasser.
ders, er muss angehimmelt sein.
Zu bewundern ist „Blechtrommel“ ist einer der 1947 konnte er in DüsselWeibliche Bewunderung ist zweifelsohne der Katalysator in der Alche- allerdings der Familien- größten Anfänge der Literatur- dorf ein Praktikum als
mie der Grassschen Kreativität. Ohne mensch Grass, wenn er geschichte.Vielleicht wollte man Steinmetz, 1948 an der
Anna keine „Blechtrommel“, ohne die sechs Kinder aus vor allem den politischen Autor dortigen Kunstakademie
Veronika keinen „Butt“, ohne Ute kein seinen verschiedenen Be- ehren, aber das Werk hätte es das Studium der Bildhauerei und Grafik beginNachspiel und keinen Nobelpreis? ziehungen, dazu die schon längst verdient.
nicht von ihm gezeugten
nen, das er 1953 in Berlin
Ohne Funken kein Feuer.
fortsetzte. Doch noch beWenn die Sonne der Geschichte auf Kinder seiner Frauen
vor Grass, inzwischen in erster Ehe verbesondere Männer fällt, werden ihre und all die Kindeskinder um sich verMusen in der Regel übersehen, und nur sammelt: ein soziales Kunststück, als
alle paar hundert Jahre ist schließlich wär’s aus einer anderen Kultur der Viel* Mit Ehefrau Anna, Tochter Laura und den Zwillingseine einen Bestseller wert. Einstweilen weiberei. Undenkbar aber wäre die
söhnen Raoul und Franz.
wird wohl den Grassschen Frauen, die Grasssche Hofhaltung
vor der aktuellen Muse tätig waren, ein ohne den Großmut ei- Familienvater Grass (1963)*: Ohne Funken kein Feuer
Schattendasein beschieden sein, ob- ner Patriarchenfrau: „Utwohl nun der Glanz des Nobelpreises chen“, wie er sie nennt,
scheint aus der Traumauf dem Gesamtwerk liegt.
Immerhin ist Günter Grass gutzu- zeit zu stammen, aus eischreiben, dass er sich nicht in die ner Ära, in der so ein
Tasche lügt. Er weiß nicht nur, wie es neumodischer Unfug wie
geht, er hat es wortgewaltig beschrie- weibliche Selbstverwirkben: das Aussaugen einer Frau. Sie lichung noch nicht erfunbraucht drei Brüste für das Kind im den war. Ariane Barth
Der Kannibale
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D. MELLER-MARCOVICZ
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Kultur
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heiratet, 1956 als bildender
Künstler nach Paris zog, erschien
in der Literaturzeitschrift „Akzente“ ein erstes Gedicht von
ihm, unauffällig unter den Werken anderer Preisträger eines
Radio-Lyrikwettbewerbs versteckt – mit den erwartungsfrohen Zeilen: „Wüßt er die Zahl
nur / Das findige Wort / Könnt er
der Wolke / den Regen befehlen“ („Lilien aus Schlaf“).
Auf der Suche nach dem „findigen Wort“ wurde der Bildhauer in Paris nun fast rauschhaft
fündig: Der erste Gedichtband
(„Die Vorzüge der Windhühner“) erschien 1956, im Jahr darauf wurde das erste Theaterstück („Hochwasser“) und ein
Ballett („Stoffreste“) uraufgeführt. Doch das alles genügte
ihm nicht: Auch ein Roman
musste her.
An die allmähliche Entstehung des „Blechtrommel“-Manuskripts in einem feuchten, mit
Koks beheizten Pariser Kelleratelier hat sich Grass später mit
romantischem Künstlerbehagen Kontrahenten Walser, Grass: Die Positionen haben sich in
erinnert, doch nie eine Verklärung seiner Absichten zugelassen: noch (nun allerdings recht fragwürdige)
Keinerlei Gefühl einer „gesellschaftlichen Argumente gegen die deutsche Einheit
Verpflichtung“ oder die „edle Absicht“, liefern.
die deutsche Nachkriegsliteratur um
Adornos Gebot jedenfalls war, so Grass,
ein robustes Vorzeigestück zu bereichern, „nur schreibend zu widerlegen“. Und
habe ihn an die Schreibmaschine ge- „Die Blechtrommel“, auch wenn sie
trieben, auch an der „Bekein Gedicht, sondern
wältigung deutscher Verein stattlicher Roman
gangenheit“ sei er durchwar, demonstrierte der
aus nicht interessiert geWelt, dass ein deutscher
WOLE SOYINKA
wesen.
Schriftsteller in der Lage
nigerianischer
Im Gegenteil: „Artistiwar, über Nazi-DeutschNobelpreisträger
sches Vergnügen, Spaß an
land ohne Beschönigung
1986:
wechselnden Formen und
und zugleich in selbstbedie entsprechende Lust, Günter Grass’ Lebenswerk ist wusst artistischer Halauf Papier Gegenwirklich- die Moral-Erzählung dieses tung zu schreiben – mit
keit zu entwerfen“ – das Jahrhunderts für die literari- einem Narren als Sprachsei der Antrieb gewesen. sche Welt. Es bestätigt den Tri- rohr, der sich duckt und
Und so war es auch kein umph der Kreativität über das klein macht, um endlich
Wunder, dass ihm damals Reich des Ideologischen – ohne Scheu und Skrupel
das viel diskutierte Ador- komme sie von links oder plaudern zu können. Die
no-Gebot, es sei „barba- rechts – und die Macht der Botschaft des Buches lag
risch“, nach Auschwitz ein Kreativität zur moralischen genau in dieser nur
Gedicht zu schreiben, Erneuerung der menschlichen scheinbar beschränkten
„widernatürlich“ vorkam: Seele. Diese Phase des zu Ende Perspektive.
„Als hätte sich jemand gehenden Jahrhunderts ist geDer
Wirbel
der
gottväterlich angemaßt, kennzeichnet durch das welt- „Blechtrommel“, deren
den Vögeln das Singen zu weite Wiederaufleben eines Weltauflage heute bei
verbieten.“
grausamen und verlustreichen rund vier Millionen ExDoch der Gedanke, Ultra-Nationalismus. Günter emplaren liegt, war das
„dass wir zwar nicht als Grass liefert das Vermächtnis Wecksignal der deutTäter, doch im Lager der für eine alternative Weltsicht, schen NachkriegsliteraTäter zur Auschwitz-Ge- die uns helfen könnte, die tur, deren eigentlicher
neration gehörten“, sollte Verführungskraft allzu enger Beginn und auch schon
seine Arbeit und sein po- Gruppierungen zu überwinden Höhepunkt. Das Buch
litisches Denken immer – zu Gunsten einer Gemein- bleibt als einsame Leisstärker beeinflussen – und schaft aller Menschen.
tung zu bewundern, auch
ihm Jahrzehnte später
wenn Grass – bis auf
300
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NDR
Schwung, täuschten Umfang und
rhetorische Anstrengung epischen Reichtum nur noch vor.
Und so ist es mit nahezu allen
dickleibigen Prosawerken bis
heute geblieben, auch wenn der
Autor unter den Literaturkritikern, anders als es oft dargestellt
wird, immer wieder Verteidiger
und Bewunderer gefunden hat.
Doch zu einhelligem Lob, das es
freilich schon bei der „Blechtrommel“ nicht gab, reichte es
nie – und das Unbehagen der
Kritiker nahm in den vergangenen Jahren deutlich zu. Schon
früh brachte der Schweizer Friedrich Dürrenmatt (1921 bis 1990),
ausgehend vom Grass-Roman
„Der Butt“ (1977), die Vorbehalte ohne viel Federlesens auf den
Begriff: „Ich kann zum Beispiel
eine Parallele zwischen dem
,Simplicissimus‘ und der ,Blechtrommel‘ sehen, aber ich glaube,
das Motiv, das er in seinem letzten Roman oder auch in seinen
,Hundejahren‘ anschlägt, das ist
nicht tragend für diese Länge.“
Bei dem Versuch, die bewusst
naive Erzählhaltung des Erstlings hinter sich zu lassen, verlor sich
der Romancier Grass mehr und mehr ins
den letzten Jahren weiter verhärtet
* Auf einer Party in Bayreuth. Vorn: Agnes Fink,
Ingeborg Bachmann, Ruth Brandt; hinten: Fritz Kortner, Hans-Werner Henze, Willy Brandt, Karl Schiller.
STEFAN MOSES
die wunderbare Novelle „Katz und Maus“
(1961) – nichts Vergleichbares mehr geglückt ist. Schon mit dem Roman „Hundejahre“ (1963), dem dritten – und von
Grass selbst favorisierten – Teil der Danziger Trilogie, verlor die Erzählfahrt an
SPD-Wahlhelfer Grass, Künstlerkollegen, Politiker (1965)*: Die Partei wollte ihn nicht
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CZESLAW MILOSZ
B. FRIEDRICH
ger und einem ewigen
Neckische: Um ein zenamerikanischSpitzel („Ein weites
trales, seinen ausufernden
polnischer NobelFeld“, 1995).
Stil und den Einfallspreisträger 1980:
Kein Wunder vielreichtum
bündelndes
Grundmotiv
bemüht, Das ist der Triumph der enga- leicht, dass ausgerechnet
wurde nach Hund und gierten Literatur. Man kann sie „Das Treffen in Telgte“
Butt jene weibliche Ratte schreiben. Die engagierte Lite- (1979), als Nebenwerk
zum Gesprächspartner ratur endete nicht mit der Li- und Geburtstagsgruß für
des Autors, die dem 1986 teratur, die sich für den sozia- Hans Werner Richter entpublizierten Roman zu listischen Realismus einsetzte. standen, immer noch viedem bizarren Titel „Die Grass’ literarisches Schaffen ist len als gelungenste GrassRättin“ verhalf – und zu ein Protestschrei gegen das, Prosa nach „Blechtromzeitnahen Dialogen wie was im 20. Jahrhundert passiert mel“ und „Katz und
dem folgenden. Frage des ist, gegen den Krieg. Es ist ein Maus“ gilt: In der schmaErzählers: „Ehrlich, Rät- Versuch, die Geschichte vor len Erzählung wird mit
tin, ehrlich, was haltet ihr dem Vergessen zu retten. Seine Richter, dem Mentor der
Ratten von Solidarnos´ƒ?“ literarische Mission besteht „Gruppe 47“, zugleich
Antwort des Tiers: „Die- darin, dem eigenen Land die den Treffen dieser für
die Nachkriegsliteratur so
ser Gedanke war uns in Wahrheit zu sagen.
wichtigen Autorengruppe
der Praxis schon immer
ein Denkmal gesetzt – areigen.“
Wann immer Grass der Gegenwart er- tistisch gespiegelt im Bericht über eine anzählerisch zu nah kam, schlug Thesenhaf- geblich 300 Jahre zuvor anberaumte Vertes und Tagespolitisches durch und be- sammlung deutscher Barockdichter mit
schädigte nicht selten das Gewebe der Pro- Lust auf „literarische Wechselworte“.
Wieder einmal zeigte sich schon gleich
sa – ob das die Frage der Überbevölkerung
war („Kopfgeburten oder Die Deutschen zu Beginn, dass der Erzähler Grass in seisterben aus“, 1980), das Elend auf den nem Element ist: „Gestern wird sein, was
Straßen von Kalkutta („Zunge zeigen“, morgen gewesen ist. Unsere Geschichten
1988), die Idee einer deutsch-polnischen von heute müssen sich nicht jetzt zugetraFriedhofsgesellschaft („Unkenrufe“, 1992) gen haben.“
Als Grass 1955 erstmals zur Gruppe 47
oder das Gespräch über die deutsche Einheit zwischen einem Fontane-Wiedergän- stieß, war er selbst noch weit entfernt von
„Blechtrommel“-Regisseur Schlöndorff, Grass:
jedem Gedanken an politisches Engagement, ja ihm war noch lange das „Wortgeklingel Engagement“ eher ein Störgeräusch
auf dem Weg zum Schriftsteller. Die selbstgefällige Art, in der einige Gruppen-Mitglieder als Gewissen der Nation auftraten,
ödete ihn nachgerade an.
Allergisch reagierte Grass auch gut zehn
Jahre später, 1966 beim Treffen der Gruppe im amerikanischen Princeton, auf die
lautstarke Kritik mancher Kollegen am
Vietnam-Krieg und dem Gastland. Radi-
JAUCH & SCHEIKOWSKI
CINETEXT
kale Gesten verabscheute er,
wie er 1968 in einer SPIEGELUmfrage „Ist Revolution unvermeidlich?“ kundtat: „Man
trägt wieder revolutionär und
benutzt das vorrevolutionäre
Geplätscher als Jungbrunnen.“
Grass sah damals genauer
als andere die Gefahr der literarischen Selbstdemontage.
Plötzlich hatten Schriftsteller
Angst zu unterhalten, „Lukul-
„Blechtrommel“-Verfilmung mit David Bennent (1979): Zunge im Bauchnabel
KARL-MARKUS
GAUSS
österreichischer
Schriftsteller:
Da man die Auszeichnung
nicht gut gleich Reich-Ranicki
geben konnte, ist sie ganz in
Ordnung.
KURT VONNEGUT
amerikanischer
Schriftsteller:
A. SAHIHI
Sprachrohr eines Narren
Ich bin entzückt.
Günter Grass ist ein außergewöhnlicher, wichtiger Künstler, ein wirklich warmherziger
Freund.
lisches von sich gegeben zu
haben“. Trotzig begehrte er
gegen die Kunstfeindschaft in
den eigenen Reihen auf: „Er,
der Schriftsteller, der kein
Dichter sein mag, misstraut
seinen eigenen Kunststücken.
Und Narren, die ihren Zirkus
verleugnen, sind wenig komisch.“
Da hatte er sich längst selbst
in die politische Arena bege-
Kultur
Grass-Romane: Zunehmendes Unbehagen der Kritik
* Im schleswig-holsteinischen Behlendorf.
304
und die DDR, „dieser kleine deutsche
Staat“, womöglich die offenen Grenzen
nicht aushalten werde. „Ein Monstrum
will Großmacht sein“, so lautete im Oktober 1990 sein Kommentar zur deutschen
Einheit.
Fehleinschätzungen wie das Wort vom
„Schnäppchen namens DDR“ hielten
Grass auch später nicht davon ab, immer
wieder die Mängel der „falsch gelaufenen Einheit“ hervorzuheben: Es liege
kein Segen darauf, erklärte er 1994 in
einem Radiogespräch seinem in dieser
Sache völlig anders denkenden Kollegen Martin Walser – ein Dialog, der
gerade erst, fünf Jahre danach, im Rundfunk eine aufschlussreiche Fortsetzung
AP
ben, aber eben gemäßigt sozialdemokratisch, auf die Reform, nicht auf die Revolte setzend. Er sang 1965 sein „Loblied auf
Willy“, tingelte als Wahlredner für die –
ihm gegenüber durchaus skeptische – SPD
durch die Lande.
Wieder einmal war es Dürrenmatt, der
aus der Schweiz mit spitzer Zunge kommentierte: „Das Resultat war tragischkomisch; Grass wollte eine Partei, und
die Partei wollte ihn nicht.“ Ein wohlwollenderes Bild machte sich Max Frisch (1911
bis 1991) in seinem „Tagbuch 1966-1971“
(1972) vom Grass dieser Jahre: Der deutsche Kollege antworte der Weltpresse
„als Staatsbürger mit besonderer Reputation“, seine „zähe Allergie gegen deutsche
Verstiegenheit“ stifte Vertrauen gegenüber Deutschland.
Wenig bekannt sind Äußerungen von Grass aus den
sechziger Jahren zum geteilten Deutschland: Er, der sich
bei der DDR-Spitze schon
1961 unbeliebt gemacht hatte, als er deutliche Worte
zum Bau der Mauer formulierte („Die Blechtrommel“
durfte denn auch in der DDR
erst 1987 erscheinen), plädierte 1967 öffentlich für eine
Konföderation und „Anerkennung des zweiten Staates“. Deutschland, sagte er
damals, sei immer „zu seinem Schaden“ eine Einheit
gewesen.
Dieser früh formulierten
Maxime blieb der Schriftsteller unerbittlich treu,
und noch wenige Tage vor
Öffnung der Mauer im November 1989 fürchtete er,
dass in der Bundesrepublik nun das „Wiedervereinigungsgeschrei“ losgehen
Hausherr Grass, Hund Kara*: Widerborstiges Beharren
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D. REINARTZ / VISUM
Künstler Grass in seinem Atelier: „Ohne Recht auf individuelle Einsamkeit“
tizierten Form der
Vereinigung gemeint
hat. Die Auszeichnung
darf ein wenig auch
der deutschen Litera-
KENZABURO OE
japanischer
Nobelpreisträger
1994:
In der „Blechtrommel“ hat
Grass durch seinen Erzählstil
sowie durch die Figuren etwas
Besonderes geschaffen. Damit
hat er die Weltliteratur beeinflusst. Durch sein politisches
Engagement war er stets auf eigenständige Weise aktiv. Ich
glaube, es war eine wunderbare Entscheidung, den Nobelpreis, der bald 100 Jahre alt
wird, auf diese Weise zu feiern.
P. PEITSCH
AP
fand. Erstaunliches Resultat: Die Positionen wirkten
auf beiden Seiten noch verhärtet.
Dennoch freuen sich –
bis auf den grantigen Herbert Achternbusch („Das
Mittelmaß setzt sich durch,
da kannst nichts machen“)
– nun fast alle Kollegen
mit ihm.
Für die junge Berliner
Republik ist der Nobelpreis
ein artiges Begrüßungsgeschenk aus Schweden –
auch wenn die Stockholmer
Jury möglicherweise eher
den politisch widerborstigen Grass, vielleicht gerade den Kritiker der prak-
tur gelten, die freilich weit und breit niemand anders so repräsentiert wie Günter
Grass.
Ohnehin sollte er in der kommenden
Woche auf der Frankfurter Buchmesse, auf
der er nun als frisch gekürter Nobelpreisträger erscheinen wird,
groß gefeiert werden: Sein in zwei
SUSAN SONTAG
Ausgaben publiziertes Werk „Mein
amerikanische
Jahrhundert“ (eine davon mit
Schriftstellerin:
Aquarellen aus eigener Werkstatt)
Grass gehört zu ist trotz weitgehend mauer Kritiden wichtigsten kerresonanz ein Publikumsrenner
Schriftstellern der Gegenwart – außerdem fällt sein 72. Geburtsund ist bei uns der bekannteste tag auf den Messesamstag. Gleich
lebende Autor Deutschlands. zwei Ausstellungseröffnungen und
Er schreibt mit Kraft, nicht mit eine Geburtstagsfeier standen bisSubtilität: Grass ist ein Meister lang auf dem Plan. Es dürften jetzt
wohl noch einige Termine hinzudes breiten Pinselstrichs.
kommen.
™
Kultur
S P I E G E L - G E S P R ÄC H
„Ich bedaure nichts“
DPA
Kritiker Marcel Reich-Ranicki über sein schwieriges Verhältnis zum Nobelpreisträger Günter Grass
Kritiker Reich-Ranicki, Autor Grass*: „Mein Lieber, Sie sind es, Sie sind doch der Größte!“
M. ZUCHT / DER SPIEGEL
SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, viele Promi- 1972, Elias Canetti 1981, danach: Fehlnente, darunter der Bundespräsident, der anzeige.
Bundeskanzler, der Schriftsteller Martin SPIEGEL: Um der deutschsprachigen LiteWalser und viele andere, freuen sich öf- ratur willen gönnen Sie Grass die Ehre,
fentlich, dass Günter Grass den Nobelpreis aber eigentlich, sein Werk …
bekommen hat. Freuen Sie sich auch?
Reich-Ranicki: … Nein, nein.Wenn Sie einen
Reich-Ranicki: Ich habe die Nachricht, Augenblick überlegen, welche Möglichkeidass Grass den Literatur-Nobelpreis erhält, ten es jetzt, außer Grass, noch gab, dann
im Taxi vom Züricher Flughafen zum Ho- fällt Ihnen ein Stein vom Herzen, dass gerade er ihn bekommen
tel gehört und habe zu
hat. Soll ich etwa Namen
meiner Frau, die neben
mir saß, gesagt: Na also,
SALMAN RUSHDIE nennen?
endlich! Es ist gut so, dass
britischer
SPIEGEL: Aber bitte!
er den Preis bekommen
Reich-Ranicki: Stellen Sie
Schriftsteller:
hat.
sich vor: Martin Walser
SPIEGEL: Das klingt fast
Ich halte Grass wäre der Preis zugefalwie ein Seufzer der Erfür den größten len, das wäre ein schweleichterung.
europäischen Romancier in der rer Schlag für mich. Oder
Reich-Ranicki: Nach so vie- zweiten Hälfte des 20. Jahr- gar dem dümmlichen Pelen Jahren musste end- hunderts. Die Trommelschläge ter Handke! Eine Katalich ein deutschsprachiger von Grass’ großem Roman strophe. In Stockholm ist
Schriftsteller wieder den haben mich stets dazu an- allerlei möglich. Grass –
Nobelpreis erhalten – getrieben, immer aufs Ganze immerhin!
Heinrich Böll bekam ihn zu gehen; immer zu versuchen, SPIEGEL: Was spricht gemehr als alles zu geben; auf gen Walser?
* Im April 1995 bei einer Grassein Sicherheitsnetz zu verzich- Reich-Ranicki: Ich habe
Lesung im jüdischen Gemeindeten und nach den Sternen zu neulich das Wort von Auzentrum in Frankfurt am Main.
ßenminister Joseph Figreifen.
Das Gespräch führte Redakteur
scher gehört: „Ich habe
Mathias Schreiber.
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nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg! Ich
habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz!“
Das hat, glaube ich, Grass gelernt; Walser
nicht unbedingt.
SPIEGEL: Grass hat 1990 „dem deutschen
Verlangen nach Wiedervereinigung“ den
„Zivilisationsbruch Auschwitz“ entgegengehalten und gesagt, er fürchte sich vor einem „geeinten“ Deutschland, das wieder
voll „handlungsfähig“ werde. Stimmen Sie
damit überein?
Reich-Ranicki: Ich halte diese Verbindung
von Auschwitz-Gedenken und Bedenken gegen die Wiedervereinigung für absoluten Unsinn. Diese Äußerungen gehören zu den vielen politischen Dummheiten, die wir von Grass zu hören bekommen haben. Nur: Er hat den Preis nicht
als Politiker erhalten, sondern als Sprachkünstler.
SPIEGEL: Aus Schweden hört man, mit der
Preisvergabe an Grass werde auch dessen
„unbeugsames politisches Engagement“
gewürdigt. Preist die Stockholmer Akademie den Einheits-Skeptiker Grass mit Absicht jetzt, wo Deutschland von Berlin aus
regiert wird – etwa mit dem Hintergedanken: Nun sollen die Deutschen mal nicht
übermütig werden?
Werbeseite
Werbeseite
Kultur
AP
Reich-Ranicki: Ich kann in das Herz
der Juroren nicht schauen. Diese politischen Interpretationen der Nobelpreis-Entscheidungen waren auch
in früheren Fällen meist spekulativ und übertrieben. Ich glaube,
dass Grass den Preis vor allem als
Erzähler verdient hat, und er hat
ihn nur deshalb bekommen, weil
Deutschland endlich wieder an der
Reihe war und weil er einige schöne, sehr schöne erzählende Werke
geschrieben hat.
SPIEGEL: Welche sind das?
Reich-Ranicki: Ich schätze ganz besonders die Novelle „Katz und
Maus“ und die Erzählung „Das Treffen in Telgte“ – das sind zwei in sich
vollkommene erzählende Arbeiten.
Grass hat Glanzvolles in dem Roman „Die Blechtrommel“ geschrieben, ich sage deutlich: in der „Blechtrommel“.
SPIEGEL: Nicht der Roman als gan- „Blechtrommel“-Originaleinband: Glanz im Detail
zer?
Reich-Ranicki: Nein, nein. Vor allem der Reich-Ranicki: … das ist doch großer Mumletzte Teil, der in Düsseldorf spielt, ist pitz. Wissen Sie, es ist sehr merkwürdig,
völlig missraten, obwohl er eine geniale aber man kann sagen: Grass ist als RomanEpisode enthält: die Szene im Zwiebel- cier weltberühmt geworden, aber er ist
keller. Als ganze sind auch die späteren überhaupt kein Romancier. Seine eigentliRomane nicht gelungen, weder die „Hun- chen literarischen Leistungen sind Erzähdejahre“ noch „Die Rättin“, auch nicht lungen, lange Erzählungen, keine Kurzge„Der Butt“.
schichten, die kann er auch nicht. Er ist,
SPIEGEL: Lässt sich vereinfacht sagen, wor- das ist vielleicht das Wichtigste, ein Poet,
an Ihrer Meinung nach all diese Romane auch in den schwachen Romanen sind immer wieder große Passagen von enormer
gescheitert sind?
sprachlicher Kraft, mit unReich-Ranicki: Das Hauptvergesslichen Bildern. Ich
problem für Grass ist
habe einmal gesagt: Die
wohl die Unmöglichkeit,
CHRISTOPH
beiden größten lebenden
eine Romanfabel zu finHEIN
Sprachkünstler im deutden, in der er ausdrücken
deutscher
schen Raum sind Wolfkönnte, was er über ein
Schriftsteller:
gang Koeppen und Günbestimmtes Thema zu sater Grass. Grass war dagen hat. In der „Blechtrommel“ gibt es eine ori- Ein großer Schriftsteller dieses mals empört. Der Superginelle Fabel – die Ge- Jahrhunderts erhält den großen lativ hat ihn beleidigt. Ich
schichte des Zwerges Os- Preis, den er verdient, den er weiß nicht, warum.Wahrkar Matzerath, der Glas- sich verdiente. Überraschend scheinlich wollte er hören:
scheiben in Stücke singt. ist allein, dass er nicht bereits Der Größte ist Grass. Nun
Bis zu dem Augenblick, in vor Jahrzehnten mit dem No- ist Koeppen längst tot.
dem der Zwerg plötzlich belpreis für Literatur ausge- Und jetzt antworte ich auf
wächst und dann in Düs- zeichnet wurde, denn Grass ist die Frage nach dem wichseldorf agiert – das sind seit langem einer der wichtigs- tigsten lebenden Sprachkünstler in der deutschen
dann große Dummheiten. ten Schriftsteller dieser Welt.
Solange Oskar in Danzig Stets war er auch ein politi- Prosa: Mein lieber Günlebt, ist es schon ein be- scher Mensch und Autor, für ter Grass, Sie sind es, Sie
deutender Roman. Aber viele ein Ärgernis, da er uner- sind doch der Größte!
sonst? Die Gedanken, die schrocken ist, nicht erschreck- SPIEGEL: Walser lebt auch
Grass hatte, etwa zur Frie- bar war, doch die Benachteilig- noch.
densbewegung, zur Rolle ten, die Schwachen, die Fremd- Reich-Ranicki: Walser ist
der Frau in Deutschland linge im Land, die Außenseiter ein großes plauderndes
und Ähnliches, haben re- haben Günter Grass zu dan- Talent, Grass ein großes
gelmäßig zu so fatalen ken. Er hat sich um die Litera- poetisches Talent. Das
Fabeln geführt wie der tur, aber auch um die Demo- ist ein gewaltiger Unter„Rättin“ …
kratie und um den Frieden ver- schied. Grasssche Bilder
SPIEGEL: … einem tieri- dient gemacht. Grass ist der haben oft eine überraschen Übermenschen, der würdige Nachfahre eines Les- schende poetische Intensität, sie prägen sich ein.
die atomare Weltzer- sing und eines Voltaire.
Walser schreibt sehr grifstörung überlebt hat …
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Werbeseite
Werbeseite
Kultur
fig und amüsant, aber nicht so anschaulich
wie Grass. Nein, Grass allein ist von den lebenden Autoren hier zu Lande nobelpreiswürdig – leider.
SPIEGEL: Wieso „leider“?
Reich-Ranicki: Weil es schlecht für die Mitbewerber ist: Keiner von ihnen schreibt
besser.
SPIEGEL: In Ihrem Buch „Die Anwälte der
Literatur“ rühmen Sie aber Walser. Er sei
„vom Geschlecht jener, welche lieben,
wenn sie schreiben“. Das gefiel Ihnen 1983
besser als das Credo von Grass, „alles
Schöne“ sei „schief“.
Reich-Ranicki: Ich stehe dazu. Nur: Das
Wort über Walser bezieht sich bloß auf
eins: auf seine Essays. Seine Essays über
Hölderlin, Heine, Robert Walser und andere sind Liebeserklärungen an diese
Schriftsteller. Das sind beachtliche Texte.
Das gilt überhaupt nicht für seine Erzählungen. Diese Erzählungen, etwa die „Lügengeschichten“, sind völlig tote Prosa, das
ist nichts Lebendiges.
SPIEGEL: Hat Grass den Nobelpreis auch
für seine Lyrik verdient?
Reich-Ranicki: Unbedingt. Die wird immer wieder unterschätzt. Der Debütband
„Die Vorzüge der Windhühner“, aber
auch die spätere Sammlung „Ausgefragt“.
Da gibt es vollkommen überraschende
Bilder und Situationen. Etwa in dem Gedicht über Fritz Kortner mit dem Titel
„König Lear“ – ein Glanzstück. Ich mag
auch das Liebesgedicht „März“ aus „Ausgefragt“, das endet mit den Worten:
„Komm. Zieh dich aus.“ Schluss. Fabelhaft. Die Gedichte sind auch rhythmisch
sehr stark.
SPIEGEL: Bedauern Sie den großen Verriss,
den Sie 1995 über den Grass-Roman „Ein
weites Feld“ im SPIEGEL veröffentlicht
haben? Es gab damals ja viel Streit.
Reich-Ranicki: Ich bedaure außerordentlich,
dass dieser Verriss mit einem Titelbild verbunden wurde, auf dem ich ein Buch zerreiße. Die Kraft, die man braucht, um ein
dickes, ordentlich gebundenes Buch in zwei
Hälften zu reißen, die habe ich gar nicht.
Von der Kritik selber bedaure ich nichts.
SPIEGEL: Das Titelbild war eine Fotomontage nach einem Werbebild des ZDF zum
„Literarischen Quartett“.
Reich-Ranicki: Das gleiche Bild im ZDF und
im SPIEGEL – aber nur im SPIEGEL hat es
viele tausende aufgeregt. Seid doch froh,
dass ihr so eine Wirkung habt. Etliche Leute haben geglaubt, ich hätte das Buch wirklich zerfetzt, dabei war es nur eine Fotomontage. Diese Wirkung hat mich gestört,
weniger das Bild selber.
SPIEGEL: Es nahm einen Buchtitel von Ihnen beim Wort: „Lauter Verrisse“.
Reich-Ranicki: Ich hätte diesen Titel nie
wählen sollen. Das war ein Fehler. Darum
habe ich später in gleicher Aufmachung,
zum gleichen Preis Kritiken unter dem Titel „Lauter Lobreden“ veröffentlicht. Aber
jahrelang wurde nur „Lauter Verrisse“ ge310
d e r
kauft. Unter uns: Die Verrisse habe ich
nachträglich seltener bedauert als die Lobreden. Die Verrisse stimmen leider meistens. Aber wenn man lobt, vor allem wenn
man einen jungen Autor lobt und dann zusieht, was sich später, bei seinen nächsten
Arbeiten, herausstellt … oh, là, là!
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Bestseller
Belletristik
1 (1) Isabel Allende Fortunas Tochter
Suhrkamp; 49,80 Mark
2 (2) Donna Leon Nobiltà
Diogenes; 39,90 Mark
3 (4) Elizabeth George Undank ist der
Väter Lohn Blanvalet; 49,90 Mark
4 (3) John Irving Witwe für ein Jahr
Diogenes; 49,90 Mark
5 (5) Henning Mankell Die falsche
Fährte Zsolnay; 45 Mark
6 (6) Günter Grass Mein Jahrhundert
Steidl; 48 Mark
7 (7) Henning Mankell Die fünfte Frau
Zsolnay; 39,80 Mark
8 (8) Johannes Mario Simmel Liebe ist
die letzte Brücke Droemer; 44,90 Mark
9 (9) Walter Moers Die 131/2 Leben des
Käpt’n Blaubär Eichborn; 49,80 Mark
10 (10) Nicholas Sparks Zeit im Wind
Heyne; 32 Mark
11 (11) Martha Grimes Die Frau im
Pelzmantel Goldmann; 44 Mark
12 (13) John Grisham Der Verrat
Hoffmann und Campe; 44,90 Mark
13 (12) Birgit Vanderbeke Ich sehe was,
was du nicht siehst Fest; 29,80 Mark
14 (–) Marianne Fredriksson Hannas
Töchter W. Krüger; 39,80 Mark
15 (14) Siegfried Lenz
Arnes Nachlass
Hoffmann und Campe;
29,90 Mark
Lautloses Unglück
eines Jungen
im Umfeld des
Hamburger Hafens
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SPIEGEL: Wenn Sie heute auf „Ein weites
Feld“ zurückschauen: Was stört Sie nach
wie vor am meisten?
Reich-Ranicki: Theodor Fontane läuft da
als Bote durch die Treuhand-Flure. Sein
Chef fährt auf diesen Rädern, was sind
das noch, ja: auf diesen Rollschuhen herIm Auftrag des SPIEGEL wöchentlich
ermittelt vom Fachmagazin „Buchreport“
Sachbücher
1 (1) Sigrid Damm Christiane und
Goethe Insel; 49,80 Mark
2 (2) Marcel Reich-Ranicki Mein Leben
DVA; 49,80 Mark
3 (3) Waris Dirie Wüstenblume
Schneekluth; 39,80 Mark
4 (4) Corinne Hofmann Die weiße
Massai A1; 39,80 Mark
5 (6) Dale Carnegie Sorge dich
nicht, lebe! Scherz; 46 Mark
6 (7) Tahar Ben Jelloun Papa, was ist
ein Fremder? Rowohlt Berlin; 29,80 Mark
7 (5) Ruth Picardie Es wird mir fehlen,
das Leben Wunderlich; 29,80 Mark
8 (8) Klaus Bednarz Ballade vom
Baikalsee Europa; 39,80 Mark
9 (10) Bodo Schäfer Der Weg zur
finanziellen Freiheit Campus; 39,80 Mark
10 (9) Daniel Goeudevert
Mit Träumen beginnt die Realität
Rowohlt Berlin; 39,80 Mark
11 (11) Jon Krakauer In eisige Höhen
Malik; 39,80 Mark
12 (–) Günter Ogger
Macher im
Machtrausch
Droemer; 39,90 Mark
Boom und Bosse –
Bilanz des
Bestseller-Autors
13 (15) Guido Knopp Kanzler –
Die Mächtigen der Republik
C. Bertelsmann; 46,90 Mark
14 (14) Ulrich Wickert
Vom Glück, Franzose zu sein
Hoffmann und Campe; 36 Mark
15 (12) Peter Kelder Die Fünf „Tibeter“
Integral; 22 Mark
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um – was soll der Blödsinn! Das Buch hat
überhaupt eine törichte Konzeption, auch
wenn dieser Roman, wie alle anderen
Grass-Romane, einige schöne Episoden
enthält.
SPIEGEL: Nach dem Erscheinen Ihrer Kritik
hat Grass einer Illustrierten anvertraut:
„Mit diesem Mann spreche ich nicht
mehr.“ Hat er seitdem mit Ihnen irgendwann ein Wort gewechselt?
Reich-Ranicki: Nein.
SPIEGEL: Wird es denn jetzt dazu kommen?
Grass hat vergangenen Donnerstag überraschend versöhnliche Töne gegenüber
seinen Kritikern angestimmt.
Reich-Ranicki: Meinen Sie, er wird mir dafür danken, dass ich in mehreren Interviews der vergangenen Jahre gesagt habe,
wenn ein deutscher Schriftsteller den
Nobelpreis verdient, dann Günter Grass?
Nein, das wird er nicht tun. Wahrscheinlich
wird es auch jetzt kein Gespräch zwischen
uns geben.
SPIEGEL: Haben Sie ihm zum Nobelpreis
gratuliert, etwa mit einem Telegramm?
Reich-Ranicki: Nein.
SPIEGEL: Werden Sie es noch tun?
Reich-Ranicki: Nein. Warum sollte ich? Er
hat mir auch noch nie zu irgendetwas gratuliert. Es gratulieren ihm nun so viele
Menschen, ich werde mich da nicht hineindrängen.
SPIEGEL: In Ihren Memoiren „Mein Leben“
tritt der junge Grass auf. Wie haben Sie
ihn kennen gelernt?
Reich-Ranicki: Das war in Warschau, im
Frühjahr 1958. Ich habe einen Nachmittag
mit ihm verbracht, ich schrieb ja über
deutsche Literatur, etwa über Martin Walser, Siegfried Lenz, Alfred Andersch, Wolfgang Koeppen, und da interessierte mich
auch dieser junge deutsche Dichter. Er
machte einen sonderbaren Eindruck, er
hatte so einen merkwürdigen Blick. Später erfuhr ich, dass er unmittelbar vor unserem Treffen eine ganze Flasche Wodka
getrunken hatte. Aber er ging aufrecht und
stramm geradeaus. Er war schon ein derber Typ.
SPIEGEL: Grass hat 1982 über Sie gesagt:
„Marcel Reich-Ranicki, den ich 1958 in Warschau kennen lernte, war, wann immer er
über Literatur sprach, geprägt von den Normen des sozialistischen Realismus. Und diese Verengung der Literatur bestimmt ihn
auch heute noch.“ Erinnern Sie sich?
Reich-Ranicki: Natürlich, das hat er doch
seitdem alljährlich fünfmal wiederholt. Immer wieder dasselbe. Die Wahrheit ist, dass
ich ganz am Anfang meiner literaturkritischen Tätigkeit in Polen – in „Mein Leben“
kann man das nachlesen – in der Tat unter
dem Einfluss des sozialistischen Realismus
stand, ich kannte nichts anderes. Aber ungefähr 1954/55 habe ich mich davon befreit. Grass habe ich erst drei Jahre später
getroffen. Wissen Sie, ich muss Grass dankbar sein: Er wehrt sich gegen negative Kritik, er betet seit Jahren dasselbe herunter,
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Kultur
Autor Grass: „Alles Schöne ist schief“
aber niemals, immerhin, gibt es bei ihm
antisemitische Akzente.
SPIEGEL: Kann es wirklich zwischen Ihnen,
dem bekanntesten deutschen Literaturkritiker, und Grass, dem nunmehr nobelpreisgekrönten, bekanntesten deutschen
Erzähler, niemals einen Konsens darüber
geben, was ein guter Roman ist?
Reich-Ranicki: Nein, ich glaube, das ist gar
nicht möglich. Grass hat einen ganz anderen Geschmack als ich. Er konnte lange
mit Thomas Mann nichts anfangen – erst
als er den Thomas-Mann-Preis bekam,
wurde das etwas anders. Er nennt als sein
Vorbild Alfred Döblin. Aber er hat noch nie
über ein Buch von Döblin etwas geschrieben – nur einmal einen Essay über Döblins
„Wallenstein“-Roman, aber wenn man genau hinschaut, behandelt er da auch nur
ein „Wallenstein“-Kapitel. Aber es ist ja
nicht nötig, dass wir uns in literarkritischen
Angelegenheiten einigen.
SPIEGEL: Der Satz von Grass „Alles Schöne
ist schief“ könnte ja auch so gemeint sein:
Ein geschlossener Roman, der die Welt aus
der Sicht eines Autoren-Ichs und anhand eines Helden schildert, muss heute an der
Komplexität der Wirklichkeit scheitern,
muss „schief“ und fragmentarisch sein –
wie ja auch Robert Musil an seinem Romanprojekt „Der Mann ohne Eigenschaften“ gescheitert ist. Wäre damit ein scheiternder Romancier Grass nicht zu recht312
P. PEITSCH
M. FRÜHLING
fertigen – trotz Thomas Mann, Reich-Ranicki: Es kann doch, Herrgott noch
dem, vielleicht nicht ganz so mal, so bleiben, wie es ist. Wir müssen keimodernen, Gegenbeispiel?
nen persönlichen Kontakt zueinander haReich-Ranicki: Ach Gott, die ben. Sein Verhältnis zu mir hängt immer
Romane von Gabriel Gar- nur davon ab, wie ich sein letztes Buch becía Márquez, etwa „Hundert urteilt habe. Das ist das Übliche bei allen
Jahre Einsamkeit“, sind nicht Autoren.
gescheitert und sind dennoch SPIEGEL: Trotzdem wünschen wir uns jetzt
wunderbare Romane, ge- ein Gipfeltreffen zwischen Kritikerpapst
schrieben in diesem Jahrhun- und Nobelpreisträger.
dert und durchaus modern. Reich-Ranicki: Sagen Sie das dem Grass.
Dass ein Roman in diesem Wer immer mit mir Frieden schließen wollJahrhundert scheitern muss, te und will – ich habe noch nie die zur Verum modern zu sein – das sagt söhnung ausgestreckte Hand zurückgeman so hinterher. Natürlich wiesen. Umgekehrt allerdings war es oft so.
ist Musil an der formalen SPIEGEL: Wenn Sie die Galerie der LiteraKonstruktion des „Mannes tur-Nobelpreisträger überblicken: Wurden
ohne Eigenschaften“ ge- da die jeweils bedeutendsten Autoren der
scheitert, nicht an der Kom- verschiedenen Sprachen geehrt?
plexität der Wirklichkeit.
Reich-Ranicki: Nein und noch mal nein. In
SPIEGEL: Sie besitzen eine den meisten Fällen haben die jeweils zweitZeichnung von Grass. Wie besten Autoren den Nobelpreis erhalten,
also nicht Marcel Proust, sondern Anatole
sind Sie daran geraten?
Reich-Ranicki: Ich habe ein- France, nicht Henrik Ibsen, sondern Björnmal abends, während einer son, nicht Isaak Babel, sondern Iwan BuTagung der „Gruppe 47“, nin, nicht Strindberg, sondern Selma Labeim Wein erzählt, wie ich, gerlöf, nicht Brecht, sondern Hesse.
nach der Flucht aus dem War- SPIEGEL: Was passiert in einem Autor, den
schauer Ghetto, die Leute, der Nobelpreis weltberühmt gemacht hat.
die meine Frau und mich ver- Kann er danach noch so unbefangen
steckt hatten, mit Geschich- schreiben wie vorher? Knallt er – mehr
ten aus der Weltliteratur un- oder weniger – durch? Hat er Angst, der
terhalten habe, nachts, als es nächste Text werde ihn blamieren?
keinen Strom gab. Grass frag- Reich-Ranicki: Ich glaube, die Wirkung ist
te mich: Darf ich das ver- meist anders. Nach der Nobelpreis-Ehrung
wenden? Ich sagte: ja. Jahre schreiben die schwachen Schriftsteller, die
später hat er das Motiv in „Aus dem Tage- den Preis natürlich zu Unrecht bekommen
buch einer Schnecke“ aufgegriffen, sehr haben, noch schlechter als vorher. Aber die
stark verändert – der Geschichtenerzähler guten Schriftsteller schreiben eher besser,
wird bei ihm „Zweifel“ genannt und spielt ihnen schadet die Bestätigung nicht.
Marionettentheater –, für
SPIEGEL: Dann dürfen wir
meinen Geschmack hat er
im Falle Grass jetzt
es verschlechtert; als ich
hoffen?
THOMAS
ihn dann wieder traf, sagReich-Ranicki: Ja selbstBRUSSIG
te ich zu ihm, ob er mich
verständlich. Da kann er
deutscher
nicht am Honorar beteiliüber mich reden, was
Schriftsteller:
gen wolle. Grass wurde
er will. Ich kann nur
blass. Ich schlug ihm vor,
sagen: Der Kerl, der
er solle mir eine Grafik Ja, der Grass bringt das Format Grass wird uns alle noch
schenken. Er war einver- mit, das für diesen Preis nötig überraschen mit irgendstanden, ich sollte nur ist: ein Romancier, der in wei- etwas sehr Schönem.
ein Blatt auswählen. Ich tem Bogen ausholt, der kraft- Vielleicht mit keinem Roentschied mich für eine voll, nicht kraftmeiernd, loslegt. man von 700 Seiten, vielNonne. Das Bild zeigt So hat er die literarische Fa- leicht mit einer Erzäheine Nonne und trägt schismus-Auseinandersetzung lung von 25 Seiten. Das
die – doppelsinnige – geschrieben und den Wende- wissen wir ja nicht. Aber
Widmung: „Für meinen roman, jeweils in der Königs- ich wünsche es ihm – und
Freund (Zweifel) Marcel klasse des Erzählens: Der Ro- mir.
Reich-Ranicki“. Ein denk- man ist bei Grass der große SPIEGEL: Und das wird
würdiger Tag. Wir haben Entwurf, das allumfassende dann auch im „Litedamals bei ihm auch ei- Panorama, der weite zeitliche rarischen Quartett“ genen Butt gegessen.
Bogen. Günter Grass ist zwei- rühmt?
SPIEGEL: Wenn man die- fellos ein altmodischer Schrift- Reich-Ranicki: Was gut
se Geschichten hört, steller, aber der Nobelpreis ist ist, wird im „Literariwünscht man sich doch, auch eine altmodische Ehrung. schen Quartett“ gern und
dass Grass und Reich-Ra- Grass wird auf der ganzen Welt ausführlich gelobt.
nicki mal wieder zusam- gelesen, aber nur in Deutsch- SPIEGEL: Herr Reich-Ramensitzen und einen land wird er angefeindet.
nicki, wir danken Ihnen
Wein trinken.
für dieses Gespräch.
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Kultur
Die Präsidentengattin
wäre auf die Gunst katholischer Wähler angewiesen. Und blieb deshalb in den vergangenen
Tagen vorsichtig vieldeutig: Sie kritisierte
Giulianis „Strafaktion“,
fügte aber für prüdere
Zoff um das New-York-Gastspiel
Anhänger hinzu, sie werder Kunstschau „Sensation“:
de die Schau keinesfalls
Verhöhnt Elefantenkot auf einem
besuchen – diese eisige Diplomatie stachelte
Madonnenbild die
Giuliani noch an. Füge
religiösen Empfindungen?
sich das Museum nicht,
so legte er nach, werde
n Wahlkampfzeiten genügt mitunter der
er das Haus fürs Erste
kleinste Anlass, um ein wildes Gezeter
schließen und die Chefder Empörung zu entfachen. Am veretage austauschen.
gangenen Dienstag gab das Brooklyn MuArnold Lehman, 55,
seum in New York bekannt, eine AusstelChef des Brooklyn Mulung, die seit Monaten geplant war, ein paar
seums, wollte sich von
Tage später tatsächlich eröffnen zu wollen.
solcher Willkür aber
Seither streitet das ganze Land, unter Benicht einschüchtern lasteiligung des Weißen Hauses, darüber, ob
sen. Er beschwor in der
ein Haufen Scheiße Sünde sein kann.
vergangenen Woche das
New Yorks Bürgermeister Rudolph GiuRecht auf freie Meiliani, 55, nahm erzürnt Anstoß am Gemälnungsäußerung und bede einer schwarzen Madonna des britischschloss, die Stadt New
nigerianischen Künstlers Chris Ofili, 31:
York auf ZuschusszahAuf dem naiv fröhlichen Heiligenbild, 1996
lung zu verklagen.
gemalt, kleben nicht nur Schnipsel aus PorDie New Yorker Munoheften, die ungeniert männliche Geni- Ofili-Bildnis „The Holy Virgin Mary“: Dung am Busen
seen stehen Lehman intholik, weiß den Kot-Fladen zwischen bei: Sie warnten die Stadtdurchaus zu verteidigen: Im verwaltung in einem Brief davor, einen
Land seiner Vorfahren gel- „gefährlichen Präzedenzfall“ zu schaffen.
te Dung als Sinnbild der Ofilis Londoner Galerist schimpfte weniger
Schönheit und der Frucht- zurückhaltend über „Nazi-Methoden“.
Als Sieger aus dem New Yorker Kunstbarkeit.
Giuliani kümmert der- krieg, der bereits als „Dung-Affäre“ („Inlei Symbolgehalt wenig. dependent“) firmiert, könnte kurioserweiEr verlangte vom Brook- se der Mentor der „Sensation“-Schau herlyn Museum, das Bild gar vorgehen: Der britische Werbetycoon
nicht erst aufzuhängen – Charles Saatchi bestückt die Schau aus seiBürgermeister Giuliani, Brooklyn Museum: „Kranke“ Kunst? andernfalls, so drohte er, ner Privatsammlung – und wird von der
streiche er der Institution Fachwelt als Skandal-Spekulant geprügelt.
Nach der Londoner „Sensation“-Eröfftalien zeigen. Der Busen der Gottesmutter den städtischen Jahreszuschuss von sieist auch, und das erregt Giuliani so, mit ei- ben Millionen Dollar, ein Drittel des kar- nung 1997 löste vor allem das Porträt einer
nem Klumpen Elefantendung verziert.
gen Etats. Er mobilisierte selbst den US- Kindsmörderin in Großbritannien eine EntDas Bild, wettert der Bürgermeister, sei Senat, über das Werk zu beraten: Das Gre- rüstungswelle aus, auf deren Höhepunkt
„ekelhaft“, „krank“ und eine „Verhöhnung mium befand das Bild inzwischen offiziell ein Ei auf das Bild flog. Hunderttausende
pilgerten nun zum verrufenen Event, die
der Religion“. Sein Wutschnauben fand in als anstößig.
der katholischen Gemeinde New Yorks hefZensur-Drohungen sind im notorisch Preise für die zuvor unbekannte Sex-andtige Zustimmung. Dabei ist das umstrittene prüden Amerika üblich, im liberalen New Crime-Kunst schnellten an.
Bald aber galt der Gruselreiz der Schau
Exponat eines der harmloseren Stücke in York aber eine Ausnahme. Die US-Medien
der geplanten Ausstellung, die im Übrigen rätselten denn auch über Giulianis Vor- als verpufft, der Werbeguru selbst hatte die
längst bekannt ist: Die Wanderschau „Sen- donnern: Will sich der für sein hartes „Sensation“-Episode abgehakt und müht
sation“ startete 1997 in London und gas- Durchgreifen gegen Kriminelle viel gelob- sich erfolglos, eine neue Kunstströmung natierte im vergangenen Winter in Berlin.
te und zugleich heftig angefeindete Bür- mens „Neuer Neurotischer Realismus“ zu
Zum Basis-Programm von „Sensation“ germeister nun auch gegenüber Künstlern vermarkten (SPIEGEL 11/1999).
Da wirkt Giulianis Vorlage durchaus aufgehören eingelegte Tierkadaver von Brit- als konservativer Hardliner profilieren?
Pop-Künstler Damien Hirst und nackte verOder nimmt er schon den Wahlkampf heiternd. Auch das ironische Warnschild
stümmelte Kinderpuppen der Brüder um den Senatorenposten für den Staat New auf der Internet-Seite des Brooklyn MuChapman – auf plumpe Effekte abzielen- York vorweg? Für das Amt, über das Ende seums dürfte Saatchi gefallen: „Die Ausde Schockkunst, die schon früher für Auf- 2000 abgestimmt wird, will der Republika- stellung“, ist dort zu lesen, „kann Schock,
ruhr sorgte (SPIEGEL 40/1997). Doch nie ner Giuliani wahrscheinlich kandidieren, Erbrechen, Konfusion, Panik, Euphorie und
ging es um Ofilis „The Holy Virgin Mary“. und seine sehr viel beliebtere Kontrahentin Angstgefühle auslösen.“ Die gleichen BeDer Maler Ofili, Träger des renommier- aus den Reihen der Demokraten heißt al- fürchtungen hat auch Giuliani. Nur meint
er es – angeblich – ernst.
ten Turner-Preises und bekennender Ka- ler Voraussicht nach: Hillary Clinton.
Ulrike Knöfel
AU S S T E L L U N G E N
Schönheitskur
für die Jungfrau
REUTERS
FOTOS: AP
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Kultur
A. LINKE
Doch bevor es zur aktuellen Verbindung
zwischen Tonkunst und Gotteswort kam,
bedurfte es noch professioneller weltlicher
Hilfe: Jürgen Hoffmann, der für gewöhnlich sein Geld mit Komikern wie Rüdiger
Hoffmann („Ja hallo erst mal“) verdient,
entwickelte ein ökumenisch-ökonomisches
Gesamtkonzept aus Tour, CD und ExpoGigs, über das im Frühjahr deutsche
Bischöfe zu Rate saßen.
Einige der frommen Herren, so erinnern
sich Teilnehmer der Runde, konnten sich
nur schwer von ihren persönlichen Vorlieben lösen. Sie hätten lieber die Tölzer
Sängerknaben auf der Expo-Bühne gesehen.
Kundige Geistliche glauben an die Sängerin, seitdem die Rumpf in der ImmanuelKirche in Alt-Laatzen ihre Werke zum
Vortrag gebracht hatte. „Das war wie
Weihnachten“, sagt Fritz Baltruweit, ExpoProgrammchef der evangelischen Kirche:
Sängerin Rumpf: „Unterwegs im Namen des Herren“
Besonders angetan war der Pastor, dass
Die zwei großen Kirchen – Katholiken Rock-Oldies und 20-jährige NachwuchsMUSIKGESCHÄFT
wie Protestanten – sind damit erstmals ge- fans „ganz beglückt“ das Kirchenkonzert
meinsam einen festen Pakt mit dem Pop verließen – allesamt Leute, die sonst nur
eingegangen. Denn Rumpf soll auch anno selten den Weg ins Haus Gottes finden.
Dabei sieht sich Inga Rumpf nicht als
Domini 2000 Geschäftspartnerin der
Gottesmänner bleiben: Als Höhepunkt Vermarkterin des Bibelwortes. Mit ihrem
der Konzertreise sind 15 Auftritte im bis heute beeindruckenden Sangesorgan
„Christus-Pavillon“ gebucht, dem gemein- wolle sie einfach „Glanz und Glorie“ in
samen Ausstellungsgebäude beider Kirchen ehrwürdigen Mauern verbreiten, sagt sie.
Bekannt wurde Inga Rumpf
In einigen Kirchen, die auf dem Tourneeauf der Expo in Hannover.
in den Siebzigern als Rock- und
Im Dienst kirchlicher Erweckungsarbeit plan stehen, ist jahrhundertelang nur
Blues-Sängerin. Nun rüstet sie
betätigt sich da eine Veteranin deutscher gottesfürchtig georgelt worden.
Ihre jüngste CD, die an diesem Montag
zum Comeback – gesponsert von Rockgeschichte. Vor über 30 Jahren tourte
die Sängerin bereits mit den City Prea- erscheint, bietet nicht nur frömmelnde
den deutschen Kirchen.
chers und Udo Lindenberg durch Deutsch- Gospels. Sie ist eine Mischung aus Reggae,
ie Wiege der Frohen Botschaft land. Später versuchte sie als Frontfrau der HipHop, Rhythm’n’Blues – Musik, wie
Fritz Penserot sagt, die „wir
steht in einem Hinterhof des Hamgut an den Mann bringen
burger Stadtteils Eppendorf, über
können“.
einer Autowerkstatt für Oldtimer. In der
Penserot ist Senderbeaufersten Etage eines ehemaligen Fabrikgetragter der Evangelischen
bäudes hat die Mieterin Keyboard und
Kirche in Deutschland. Und
Schlagzeug aufgebaut. „Meine Folterweil die einen Rahmenverkammer“ nennt sie den Raum, wo ihr die
trag mit RTL geschlossen
Eingebungen für das göttliche Werk gehat, der ihr Sendezeit beim
kommen sind.
Kölner Privatsender einInga Rumpf, 53, hat die wilden siebziger
räumt, will Penserot zur AdJahre der Rockmusik miterlebt, sie ist mit
ventszeit nun ein Live-Konihrer Band Frumpy vor hunderttausenden
zert der Sängerin Rumpf
aufgetreten und hat nunmehr rund 40 Alübertragen.
ben veröffentlicht. Und jetzt, sagt sie, „bin
Zudem haben Kirchen
ich eben im Namen des Herren unterund RTL zusammen für
wegs“.
55 000 Mark einen WerbeDie Tochter eines Hamburger Seemanns Atlantis-Sängerin Rumpf (1976): Veteranin des Rock
spot gedreht, der im TV und
folgt einer Marketing-Idee, die fast so überraschend ist wie die wundersame Brotver- Rockbands Frumpy und Atlantis auch in im Kino verbreitet werden soll – normamehrung der Bibel: Die Rocklady Rumpf den USA und Großbritannien kundzutun, lerweise hätte diese Art der Promotion weit
dichtete die Seligpreisungen der Bergpre- dass Musik aus Deutschland mehr zu bie- mehr als drei Millionen Mark gekostet.
Der einstige Nackedei-Sender RTL köndigt um zu einer voluminösen Hymne mit ten hat als schwarzbraune Haselnüsse und
ne froh sein, meint Penserot, wenn er mit
dem Titel „Walking in the Light“. Diese „Ein bisschen Frieden“.
und weitere christlich inspirierte KompoAls sich Rumpf in späteren Jahren als „dieser Art der Verpackung sein Image als
sitionen will sie nun auf einer Missions- Solosängerin dem Blues, Soul und Gospel Familiensender schärfen“ könne.
Show-Profi Rumpf plagt sich mit andetour durch über 70 Gotteshäuser vortra- verschrieb, weckte sie die Neugier fortgen: Sie singt mit dem lieben Gott in der schrittlicher Theologen. Schon seit einigen ren Sorgen. Es sei schon mühsam, klagt
Hamburger Jacobikirche ebenso wie in der Jahren musiziert sie gemeinsam mit tau- sie, „den Deutschen beizubringen, dass
Kathedrale von Luxemburg und im Mag- senden von Bikern bei den Hamburger sie in der Kirche ruhig auch mal klatschen
dürfen“.
deburger Dom.
Motorrad-Gottesdiensten am Michel.
Udo Ludwig
Pakt
mit dem Pop
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Bd. Charlemagne 45, 1000 Brüssel, Tel. (00322) 2306108, Fax 2311436
I S T A N B U L Bernhard Zand, Be≠aret Sokak No. 19/4, Ayazpa≠a,
80040 Istanbul, Tel. (0090212) 2455185, Fax 2455211
J E R U S A L E M Annette Großbongardt, 16 Mevo Hamatmid, Jerusalem Heights, Apt. 8, Jerusalem 94593, Tel. (009722) 6224538-9,
Fax 6224540
J O H A N N E S B U R G Birgit Schwarz, P. O. Box 2585, Parklands,
SA-Johannesburg 2121, Tel. (002711) 8806429, Fax 8806484
K A I R O Volkhard Windfuhr, 18, Shari’ Al Fawakih, Muhandisin,
Kairo, Tel. (00202) 3604944, Fax 3607655
L O N D O N Hans Hoyng, 6 Henrietta Street, London WC2E 8PS,
Tel. (0044207) 3798550, Fax 3798599
M O S K A U Jörg R. Mettke, Uwe Klußmann, 3. Choroschewskij
Projesd 3 W, Haus 1, 123007 Moskau, Tel. (007095) 9400502-04,
Fax 9400506
N E W D E L H I Padma Rao, 91, Golf Links (I & II Floor), New Delhi
110003, Tel. (009111) 4652118, Fax 4652739
N E W YO R K Thomas Hüetlin, Mathias Müller von Blumencron,
516 Fifth Avenue, Penthouse, New York, N Y 10036, Tel. (001212)
2217583, Fax 3026258
PA R I S Lutz Krusche, Helmut Sorge, 1, Rue de Berri, 75008 Paris,
Tel. (00331) 42561211, Fax 42561972
P E K I N G Andreas Lorenz, Ta Yuan Wai Jiao Ren Yuan Gong Yu
2-2-92, Peking 100600, Tel. (008610) 65323541, Fax 65325453
P R A G Jilská 8, 11000 Prag, Tel. (004202) 24220138, Fax 24220138
R I O D E J A N E I R O Jens Glüsing, Avenida São Sebastião 157, Urca,
22291-070 Rio de Janeiro (RJ), Tel. (005521) 2751204, Fax 5426583
R O M Hans-Jürgen Schlamp, Largo Chigi 9, 00187 Rom, Tel.
(003906) 6797522, Fax 6797768
S A N F R A N C I S C O Rafaela von Bredow, 3782 Cesar Chavez Street,
San Francisco, CA 94110, Tel. (001415) 6437550, Fax 6437530
S I N G A P U R Jürgen Kremb, 15, Fifth Avenue, Singapur 268779, Tel.
(0065) 4677120, Fax 4675012
T O K I O Dr. Wieland Wagner, Chigasaki-Minami 1-3-5, Tsuzuki-ku,
Yokohama 224, Tel. (008145) 941-7200, Fax 941-8957
WA R S C H A U Andrzej Rybak, Krzywickiego 4/1, 02-078 Warschau,
Tel. (004822) 8251045, Fax 8258474
WA S H I N G T O N Dr. Stefan Simons, Michaela Schießl, 1202 National
Press Building, Washington, D.C. 20 045, Tel. (001202) 3475222, Fax
3473194
W I E N Walter Mayr, Herrengasse 6-8/81, 1010 Wien, Tel. (00431)
5331732, Fax 5331732-10
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Heiko Buschke, Heinz Egleder, Dr. Herbert Enger, Johannes
Erasmus, Cordelia Freiwald, Silke Geister, Dr. Sabine Giehle,
Thorsten Hapke, Hartmut Heidler, Gesa Höppner, Stephanie Hoffmann, Christa von Holtzapfel, Bertolt Hunger, Joachim Immisch,
Michael Jürgens, Ulrich Klötzer, Angela Köllisch, Anna Kovac,
Sonny Krauspe, Peter Kühn, Peter Lakemeier, Hannes Lamp,
Marie-Odile Jonot-Langheim, Michael Lindner, Dr. Petra LudwigSidow, Rainer Lübbert, Sigrid Lüttich, Rainer Mehl, Ulrich Meier,
Gerhard Minich, Wolfhart Müller, Bernd Musa, Werner Nielsen,
Margret Nitsche, Thorsten Oltmer, Anna Petersen, Peter Philipp,
Katja Ploch, Axel Pult, Ulrich Rambow, Thomas Riedel,
Constanze Sanders, Petra Santos, Maximilian Schäfer, Rolf G.
Schierhorn, Ekkehard Schmidt, Thomas Schmidt, Andrea
Schumann-Eckert, Margret Spohn, Rainer Staudhammer, Anja
Stehmann, Dr. Claudia Stodte, Stefan Storz, Rainer Szimm,
Dr. Wilhelm Tappe, Dr. Eckart Teichert, Dr. Iris Timpke-Hamel,
Heiner Ulrich, Hans-Jürgen Vogt, Carsten Voigt, Peter Wahle,
Ursula Wamser, Peter Wetter, Andrea Wilkens, Holger Wilkop,
Karl-Henning Windelbandt
B Ü R O D E S H E R A U S G E B E R S Irma Nelles
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Chronik
SAMSTAG, 25. 9.
ARBEITSLOSIGKEIT IG-Metall-Chef Zwickel
fordert, die Bundesregierung solle bis
November zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit ein Konzept für den vorzeitigen
Ausstieg aus dem Erwerbsleben („Rente
ab 60“) vorlegen. Anderenfalls droht er,
das „Bündnis für Arbeit“ aufzukündigen.
25. September bis 1. Oktober
SPIEGEL TV
Bournemouth zur Halbzeit der Wahlperiode an, das Land sozial und moralisch „von Kopf bis Fuß zu erneuern“.
MONTAG
23.00 – 23.30 UHR SAT 1
KOALITION Bundeskanzler Schröder wen-
Der Geruch des Feindes
det sich am Jahrestag der letzten Bundestagswahl gegen das „Geraune“ von einer
großen Koalition.
SPIEGEL TV
REPORTAGE
MITTWOCH, 29. 9.
SONNTAG, 26. 9.
RACHE In einem Interview attackiert ExSPD-Chef Oskar Lafontaine heftig den
Kurs von Kanzler Schröder.
SCHADENSBEGRENZUNG In über hundert
Städten, Landkreisen und Gemeinden
finden Stichwahlen in Nordrhein-Westfalen statt. Die SPD mildert gegenüber
dem ersten Wahlgang ihre dramatischen
Verluste. Sie verteidigt ihre Hochburg
Dortmund und stellt dort wieder den
Oberbürgermeister.
RADSPORT Überraschend gewinnt Jan Ull-
rich die Spanien-Rundfahrt und meldet
sich damit in der Weltspitze zurück.
MONTAG, 27. 9.
VERMITTLUNG Tschetschenien bittet die
Europäische Union um Vermittlung im
Kaukasus-Krieg. Die USA, Frankreich
und Deutschland mahnen Russland zur
Vorsicht.
MACHTWECHSEL Peter Müller, CDU-Vor-
sitzender des Saarlands, wird zum Ministerpräsidenten des Landes gewählt.
DONNERSTAG, 30. 9.
NOBELPREIS Günter Grass erhält den
Literatur-Nobelpreis – 40 Jahre nachdem
„Die Blechtrommel“ seinen Weltruhm
begründete. „In munter schwarzen Fabeln“, so die Stockholmer Jury, habe er
„das vergessene Gesicht der Geschichte
gezeichnet“.
KAUKASUS Massive russische Luftangriffe
STÖRFALL In einer japanischen Atom-
auf Raffinerien und Treibstofflager in der
tschetschenischen Hauptstadt Grosny sollen die islamistischen Rebellen treffen.
Russlands Verteidigungsminister Sergejew will die Angriffe fortsetzen, „bis der
letzte Bandit vernichtet ist“.
fabrik 120 Kilometer nordöstlich von
Tokio tritt nach einem Störfall Strahlung
aus. Mehrere Arbeiter werden lebensgefährlich verstrahlt. Die Auswirkungen auf
die Umwelt, fürchtet ein Regierungssprecher, könnten „schwerwiegend
werden“.
FUSION Die Mischkonzerne Veba und
Viag beschließen eine „Fusion unter
Gleichen“. So entsteht der weltgrößte
Anbieter von Spezialchemie und der
größte deutsche Stromerzeuger.
DIENSTAG, 28. 9.
GROSSBRITANNIEN Premierminister Blair
kündigt auf dem Labour-Parteitag in
FREITAG, 1. 10.
AMTSANTRITT Bernhard Vogel wird für
eine weitere Amtsperiode als Ministerpräsident von Thüringen vereidigt.
CHINA Die Volksrepublik feiert mit einer
Militärparade in Peking den 50. Jahrestag
ihrer Gründung.
Ein Feuerwerk krönt am 30.
September in Rom die Zeremonie, mit der Papst Johannes
Paul II. den zum Millennium
aufwendig erneuerten Petersdom weihte.
Stasi-Opfer Boeden
SPIEGEL TV
Die Geschichte der Susanne Boeden, die
am 40. Jahrestag der DDR wegen eines
kritischen Flugblatts inhaftiert wurde. Polizisten nahmen ihr eine so genannte Geruchsprobe ab und speicherten sie. Volkspolizei und Stasi hatten tausende solcher
Konserven gesammelt. Abgerichtete Hunde waren dadurch in der Lage, Regimegegner zu identifizieren.
DONNERSTAG
22.05 – 23.00 UHR VOX
SPIEGEL TV
EXTRA
Die Vollstrecker –
Erfahrungen der Gerichtsvollzieher
Knapp 4000 Gerichtsvollzieher beschäftigen sich Tag für Tag mit den Folgen von
Konsumrausch, Katalogbestellungen oder
Ratenkrediten. Eine Reportage über die
Schattenseiten der vermeintlichen Wohlstandsgesellschaft.
SAMSTAG
23.00 – 1.05 UHR VOX
SPIEGEL TV
SPECIAL
Der Pazifikkrieg der Amerikaner
Am 7. Dezember 1941 attackierten japanische Flugzeuge die US-Marinebasis
Pearl Harbor. Die überraschten Amerikaner verloren den Großteil ihrer Pazifikflotte – und erklärten Japan den Krieg.
Die Dokumentation mit unbekanntem
Farbmaterial zeigt den verlustreichen
Kampf um die besetzten Pazifikinseln.
SONNTAG
22.25 – 23.10 UHR RTL
REUTERS
SPIEGEL TV
MAGAZIN
Halber Zug zum vollen Preis? – der
Transrapid auf dem Weg ins Milliardengrab; Aufbau Süd-Ost – der deutsche
Kosovo-Sektor zwischen Stunde Null
und Wirtschaftswunder; Verwandlungskünstler vor der Kamera – wie Talkshowgäste die TV-Sender hinters Licht
führen.
321
NAC H RU F
Johannes Gross
1932 bis 1999
D
1977 moderierte er die „Bonner Runde“ des ZDF; seine Polit-Talkshow
„Tacheles“ (1996) floppte, sie war zu
intellektuell.
Der mächtige Rundschädel, im Kinn
die Kerbe des Machtmenschen, formierte sein Markenzeichen. Er war ein
Homme de lettres und ein Mann von
Welt, luzide, aber nicht luziferisch,
konservativ und nicht „politisch korrekt“, Freund bedeutender Männer
und ein Splitter im Auge vieler anderer. Sein Freund, der Maler Horst Janssen, hieß ihn einen „Obertroll“.
Als Moderator, Kommentator, Interviewer, Leitartikler und Publizist
bildete er einen Ein-Mann-Multi mit
J. H. DARCHINGER
er letzte Eintrag in seinem famosen „Notizbuch“ im auch
schon
dahingeschiedenen
„FAZ-Magazin“ las sich wie eine Bilanz. Niemand sei vor dem Tode glücklich zu preisen, schrieb Johannes Gross
im Juni dieses Jahres, „nach dem Tode
auch nicht“. Niemand könne wissen,
„wie glücklich oder unglücklich einer
gewesen ist“.
Und kryptisch weiter: „In dem ewig
Unzufriedenen kann ein Kern des
Behagens stecken wie im Glückstrahlenden der nagende Wurm des Ungenügens.“ Konfession eines Mannes,
der ein strahlender Medien-Star war
und Krankheit und privates Unglück
„Bonner Runde“ 1977*
tapfer ertrug? Letzte Worte haben einen Beigeschmack von Wahrheit.
Er war eine Rarität in der Branche,
ein Aphoristiker in der Tradition der
französischen Moralisten. „Schlimme
Nachricht. Telefonieren wird noch billiger“, schrieb er. „Alle Macht geht
vom Volke aus – aber nicht dadurch,
dass es regiert, sondern dadurch, dass
es sich regieren lässt.“ Und: „Wer die
Macht wirklich liebt, redet nicht zynisch von ihr.“
Machtpositionen hat er liebend gern
eingenommen, die Studienkombination von Philosophie und Juristerei
legte das Fundament. 1962: Chef der
Abteilung Politik und Zeitgeschehen
beim Deutschlandfunk. 1974: Chefredakteur und später Herausgeber des
Wirtschaftsmagazins „Capital“. Ab
* Mit Rüdiger Altmann, Hans-Dietrich Genscher,
Willy Brandt, Johannes Gross, Helmut Kohl, Rudolf Augstein, Franz Josef Strauß.
322
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beträchtlichem Einfluss; und in einer
Reihe von Büchern blieb er dem Zeitgeist auf der Spur oder eilte ihm voraus. 1958 schrieb er, mit Rüdiger Altmann, „Die neue Gesellschaft“, 1967
irritierte er mit Ironischem über „Die
Deutschen“, 1994 gab er dem Kommenden den Namen: „Begründung
der Berliner Republik“.
Seine pointensichere Gewissheit
und seinen bürgerstolzen Widerstandsgeist gegen Bürokratie illustriert
eine Anekdote, die er selbst gern erzählte. Sie handelt von der Rechnung
für eine Flasche Dom Perignon, die
der Redakteur Gross bei seinem Verlag eingereicht hatte.
Der Verlag fragte nach dem Anlass.
Gross: ein dienstlicher. Rückfrage: welcher Art? Gross: Ich habe ein Gespräch
geführt. Rückfrage: mit wem? Gross:
mit einer wichtigen Persönlichkeit.
Rückfrage: mit welcher? Gross: mit mir
selbst.
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Werbeseite
Werbeseite
Personalien
OLYMPIA / ACTION PRESS
OLYMPIA / ACTION PRESS
gut gebucht: neun 5000-MarkEngagements, von Biagiotti bis
Ferré, und vier Optionen, Miu
Miu zum Beispiel oder Iceberg.
Andere Modehäuser lehnen Subteenie-Mannequins kategorisch
ab: „Wir wollen Frauen auf dem
Laufsteg“, so Gattinoni-Präsident
Stefano Dominella, „und nicht
Kinder, die geradewegs aus den
Klauen eines Pädophilen zu
kommen scheinen!“ Laura Biagiotti, die das Mini-Model (1,73 m,
44 kg) schon im Juli in Rom präsentiert hatte, versichert: „Ich behandle sie wie eine Tochter.“
Klein-Tatiana selbst hat „keine
Angst vor dieser Arbeit“, fühlt
sich vom 18-jährigen Bruder
Andrey auf ihren Trips nach Rom,
Mailand und, demnächst, nach
New York gut beschützt und beherzigt den Rat der Eltern daheim, das schnelle Geld nicht zu
verprassen. „Was sollte ich kaufen? Die Kleider in Milano sind nicht
mich gemacht.“
Chemeleva
Tatiana Chemeleva, 12, neuer Stern der
Mailänder Modewoche, löste einen heftigen Gesinnungsstreit unter Edelschneidern
aus: Wie jung dürfen Models auf dem
Laufsteg sein? Passend zum aktuellen Kinderlook-Trend der Branche wurde das
hübsche Mädchen aus Tallinn auf Anhieb
324
Armani, Models
Giorgio Armani, 65, Haute-Couture-Schneider,
zeigt auch als Immobilienspekulant ein Händchen für den goldenen Schnitt: Für einen Streifen Mittelmeerküste, den eine von ihm kontrollierte Grundstücksgesellschaft 1983 für etwa
2,7 Millionen Mark von der italienischen KöObjekt präsidentieller Begierde, zu Besuch
in Island und Gast im Hause Grimsson,
antwortete auf die Avancen kühl: „Ich mag
ihn, und ich liebe dieses Land, das ist alles.“
Vergangenen Montag bereiteten der Präsident und die wohlhabende Londonerin
einen gemeinsamen Ausritt vor, und schon
Gerhard Schröder, 55, schwer bedrängter
Bundeskanzler, machte bei einer Buchvorstellung am vergangenen Dienstag aus
seinem Herzen keine Mördergrube. „Wunderschöne Stellen über Parteifreunde“, so empfahl der Sozialdemokrat in seiner Laudatio
dem Auditorium Walther Leisler
Kieps (CDU) neues Buch „Was
bleibt ist große Zuversicht“.
„Mit solchen Freunden braucht
man keine Feinde mehr. Eine Erfahrung, die nicht nur Walther
gemacht hat“, juxte der Kanzler
weiter. Auch an Anspielungen
auf seine Fotosession im BrioniAnzug ließ es der fröhliche
Kanzler nicht fehlen. An den
Wahlkampf Kieps in Hamburg
1982 gegen den Sozialdemokraten Klaus von Dohnanyi erinnere er sich „sehr gut“. Denn
da sei es auch um die Frage ge- Grimsson, Moussaieff
gangen, „wer das bessere Flanelltuch anhat, Kiep oder Dohnanyi“. Im begann der Alptraum. Zuerst ging ein noch
Anschluss an die 45-minütige Rede ging es ungesatteltes Pferd mit Dorrit Moussaieff
wie geplant zum Dinner in die „Atlan- durch. An der Mähne sich festklammernd
tikbrücke“. Dort fühlte sich der Kanzler so überstand die Reiterin den wilden Galopp.
„anregend“ unterhalten (ein Mitarbeiter), Kurz darauf fiel Grimsson vom Pferd und
dass er glatt den Termin für das „Focus“- brach sich die Schulter – der perfekte
Fest am selben Abend sausen ließ.
Fototermin: Neben Grimsson kniend
breitete die, nach Augenzeugenberichten
Olafur Ragnar Grimsson, 56, verwitweter weinende, Angebetete ihre Jacke über den
Staatspräsident von Island, machte eine Gefallenen. Stunden später wurde Grimsvorschnelle Ankündigung. Im Fernsehen son im Krankenhaus gefragt, wieso übererklärte er seinem Volk, er sei maßlos ver- haupt ein Fotograf bei dem Ausflug dabei
liebt in Dorrit Moussaieff, eine Londoner gewesen sei. Antwort des Verliebten: „DaSociety-Dame und Journalistin, und er mit die Nation uns zusammen auf einem
wolle „diese neue Beziehung pflegen“. Das Foto sehen kann.“
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G. ANDRESSON / DV DAGBLADID VISIR
für
Rainer Brüderle, 54, FDP-Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Weinbauminister in Rheinland-Pfalz, verriet einer sächsischen FDP-Kollegin das Geheimnis der
relativ hohen FDP-Wahlergebnisse im Rebenland. Bei der FDP-Bundesvorstandssitzung am vergangenen Montag hatte Brüderle das Vorstandsmitglied aus Sachsen,
Cornelia Pieper, 40, an den Tisch gebeten,
den Hermann Otto Solms gerade verließ.
Ob sie den Grund kenne für die hohe FDPQuote in Rheinland-Pfalz, und gab gleich
F. OSSENBRINK
nigssippe der Savoyer übernahm, will
der italienische Finanzminister jetzt
das 15fache zahlen, über 40 Millionen
Mark. Dabei hatte Armani an der hübschen weißen Dünenlandschaft vor den
Toren Roms gerade mal zwei Jahre lang
Freude. Dann wurde das Naturland,
nach heftigen Protesten von Umweltschützern, von Staats wegen enteignet
und unter Schutz gestellt. Als Entschädigung bot die Regierung fünf Millionen, immerhin ein Aufschlag von 85
Prozent. Nicht genug, fand der Designer
teurer Kleider und nobler Parfums.
Nach 14 Jahren haben seine beharrlichen Anwälte die römische Finanzverwaltung offenbar weich gekocht. Die
jetzt offerierte Entschädigung verzinst
den ursprünglichen Kaufpreis mit etwa
90 Prozent – jährlich. Dafür müsste auch
einer wie Armani lange nähen oder
stricken.
Naomi Kishimoto, Mitglied einer AntiAtom-Gruppe in Hiroschima, ist empört
über ein Souvenir des National Atomic Museum in Albuquerque (New Mexico). Die
Japanerin hatte auf der Website des Museums, das dem US-Department of Energy
unterstellt ist, entdeckt, dass dort Ohrringe
angeboten werden mit kleinen Nachbildungen aus Silber von „Fat Man“ und
„Little Boy“, den Atombomben, die 1945
die Städte Hiroschima und Nagasaki vernichteten. „Das sind keineswegs Dinge, mit
denen man seine Ohren oder seinen
Schreibtisch schmücken sollte“, urteilt Naomi Kishimoto. Die Ohrringe zu 20 Dollar
seien ein Renner im Souvenir-Shop des Museums, sagt Shopmanager Tony Sparks.
„Wir wissen, dass die Sache heikel ist.“ Unter den Museumsbesuchern seien viele aus
Japan, die an der amerikanischen Sicht der
Dinge interessiert sind. Sparks: „Wir sind
bemüht, nichts zu glorifizieren.“ Inzwischen werden die Schmuckstücke wenigstens nicht mehr auf der Website offeriert.
Brüderle, Pieper
selbst die Antwort: „Weil wir Liberalen so
unheimlich gut küssen können.“ Flugs zog
er die Kollegin zu sich heran. Die konnte
ihm gerade noch zu einem Wangenkuss
ausweichen. „Nicht schlecht, Rainer“, konterte die FDP-Dame schlagfertig die
Attacke, „und jetzt setzt sich Herrmann
Otto wieder hier hin.“
AP
Christoph Meili, 31, ehemaliger Schwei-
Ohrringe „Fat Man“, „Little Boy“
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zer Wachmann und in der Heimat als
Verräter geschmäht, startet in den USA
ein neues Leben. Meili hatte im Januar
1997 bei einem nächtlichen Rundgang
bei der Schweizerischen Bankgesellschaft
in Zürich etliche vermeintlich verschollene Dokumente über Bankguthaben
deutscher Juden vor der Vernichtung
durch den Schredder bewahrt und so erst
Ansprüche auch auf von Hitlers Schergen
gestohlene, in Schweizer Banken deponierte, jüdische Vermögen möglich gemacht. Jetzt begann der ehemalige Wachmann ein Studium, ausgestattet mit einem
Vollstipendium, an der Chapman University in Orange (Kalifornien). Und das Anfängerseminar von Professor Don Will
über „Weltbürgertum“ („Global citizenship“) hat mit Meili ein leuchtendes Vorbild. „Durch sein mutiges Handeln im
Namen der Gerechtigkeit und Humanität
hat er wirklich etwas bewirkt“, so der
Präsident von Chapman, James Doti. Der
Schweizer sei ein „wunderbares Beispiel
für die anderen Studenten, dass sie auch
etwas bewirken können“. Meili, von Todesdrohungen aus der Heimat geekelt,
nennt als Studienziel „Anwalt für Menschenrechte“.
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Hohlspiegel
Rückspiegel
Aus der „Westdeutschen Allgemeinen“:
„Um Erben, die unmittelbar nach dem Tod
ein Konto ‚räumen‘, ein Schnippchen zu
schlagen, ist vorgesehen, dass Bank oder
Sparkasse den Kontostand am Tag vor dem
Tod mitzuteilen hat.“
Zitat
Aus dem „Münchner Merkur“
Aus der „Rheinischen Post“
Aus der „Dortmunder Rundschau“: „Bevor man aus seinem Auto aussteigt, muss
man sich eben – notfalls durch Aussteigen
– versichern, dass das Öffnen der Tür niemanden gefährdet.“
Der„Stern“ über den Drehbuchautor
Johannes W. Betz und seine
Lektüre des SPIEGEL-Berichts über den
letzten noch lebenden KZ-Arzt von
Auschwitz, Hans Münch, „Deutschland –
Die Erinnerung der Täter“ (Nr. 40/1998):
Er habe, sagt der Autor Johannes W. Betz,
Anfang 30, nach Fertigstellung seines Drehbuchs die Geschichte eines ehemaligen KZArztes namens Hans Münch im SPIEGEL
gelesen. Münch, früher Auschwitz-Kollege
von Mengele, heute Rentner im Allgäu, zitiert seinen sehr geschätzten Freund Mengele zum „Judenproblem“, wonach „die
Heilung der Welt durch die Judenvernichtung“ erreicht würde. Da hat der verblüffte Betz, der genau diese Verteidigung der
wahnhaften NS-Ideologie für seinen FilmMengele soeben erfunden hat, begriffen,
wie Selbstverleugnung funktioniert.
Der SPIEGEL berichtete ...
... in Nr. 37/1999 „Beamte – Urlaub
auf Lebenszeit“ über die illegale Vorruhestandsregelung für Beamte in Berlin.
Aus den „Lübecker Nachrichten“
Aus der „Zeit“: „Der Mittelabschnitt des
Bachlaufs, seit alters Neandertal genannt,
steht seit 1921 unter Naturschutz. Schon in
prähistorischen Zeiten war er ein bevorzugtes Naherholungsgebiet, durchstreift
von – eben den Neandertalern.“
Bildunterschrift in der „FAZ“: „Das Leben
vor dem Tod ist auch auf Grenada am
schönsten.“
Aus einer Auto-Kritik über den BMW 328
Ci in der „FAZ“: „Die Türgriffe sind immer
dabei, und ihre massive Anwesenheit trägt
viel Ruhe ins Fahren mit diesem Coupé,
das in seinen Lebensäußerungen ein
Sportwagen und in seinem Kern ein BMW
ist. Dass dies eine Einheit ist, sollte nicht
vergessen werden.“
Aus der Frauenzeitschrift „Lisa“
326
Der Leipziger Rechtsanwalt Ingo Dörr stellte bei der Staatsanwaltschaft Berlin I Strafanzeige gegen Berlins Innensenator Eckart
Werthebach (CDU) wegen des Verdachtes
der „Untreue zum Nachteil des Landes Berlin“. Die Anzeige richtet sich auch gegen
den früheren Leiter des Personalreferats,
der wegen der Vorruhestandsregelung remonstriert (wie Befehlsverweigerung bei
Beamten heißt) hatte und danach die Leitung des Referats abgeben musste. Werthebach hat alle Anträge auf vorzeitigen
Ruhestand vorläufig gestoppt.
... in Nr. 39/1999 „Musikbetrieb – Saitensprung nach Jericho“ über die Nebengeschäfte der Berliner Philharmoniker.
Der Verband der Deutschen Konzertdirektionen erklärte darauf in einer Pressemitteilung: „Der Wettbewerb mit staatlich subventionierten Kulturbetrieben droht zum
Existenzkampf für private Konzertveranstalter in Deutschland zu werden. Davor
warnt der Verband der Deutschen Konzertdirektionen e.V. und verdeutlicht die prekäre Situation am Beispiel Berlin: Zu der im
aktuellen SPIEGEL beschriebenen Umtriebigkeit der Berliner Philharmonie gehört
auch deren zunehmendes Engagement als
Veranstalter von Konzerten, bei denen das
Philharmonische Orchester selbst gar nicht
auftritt. Künstler werden zu hohen Gagen
eingekauft und die Eintrittskarten zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen. Das
Defizit ist zwar vorprogrammiert, taucht
aber offiziell nicht auf.“
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