Blutzucker messen mit der Arzthelferin

Blutzucker messen mit der Arzthelferin
Sonderheft
Fortbildung
und Praxis
für die Arzthelferin
g
Blutzucker messen – so
geht's besser:
• schmerzarm stechen
• fehlerfrei messen
• hilfreich begleiten
Blutzucker messen
mit der Arzthelferin
Die hier wiedergegebenen Meinungen
und Begebenheiten wurden in einer
Gesprächsrunde mit Arzthelferinnen
diskutiert. Die vorliegende Publikation
spiegelt das Wissen und die Erfahrung
der Teilnehmer wider und gibt praxisrelevante Entscheidungshilfen.
Inhalt
„Fortbildung und Praxis für die Arzthelferin“ ist eine Reihe aus dem KirchheimVerlag. Sie erscheint als Beilage der Zeitschrift Der Allgemeinarzt.
Blutzucker messen – so geht's besser
3
Eine gute hausärztliche Betreuung
4
Das passende Blutzuckermessgerät
6
Ist der Messwert richtig?
8
Impressum:
Kirchheim-Verlag, Mainz (2007)
Projektmanagement:
Andreas Görner (Tel: 06131-9607012)
Text und Redaktion:
Dr. rer. nat. Ellen Jahn
Beratung:
Dr. Katrin Kraatz, Dr. Vera Seifert
Die Angst vor dem Schmerz
10
Jeder sollte selbst messen
12
Blutzucker messen lohnt sich
14
Häufige Fragen und Antworten
16
Herstellung:
Reiner Wolf
Fotos:
Schuppelius, Scheuer, Roche
Mit freundlicher Unterstützung von
Roche Diagnostics GmbH, 68298 Mannheim
Druck: NK Druck + Medien, 63546 Hammersbach
Kirchheim + Co GmbH
Kaiserstraße 41
D-55116 Mainz
Blutzucker messen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
Blutzucker messen – ­
so geht's besser
Blutzucker messen sieht einfach aus, ist es
aber gar nicht! Das ist die tägliche Erfahrung von Arzthelferinnen, wenn sie Patienten in der Hausarztpraxis die Blutzuckerselbstmessung erklären. Besonders schwierig ist es für die Betroffenen, wenn die Diagnose noch frisch ist und die Pa­tienten erst
einmal den Schrecken über die neue Nachricht verkraften müssen. „Dann ist es sinnlos, sie gleich mit zu vielen Informationen
Monika Mazanek
Viola Kindler-Heil
Blutstropfen gewinnt. Zum anderen liefern
die Patienten dann mehr – und vermutlich
auch genauere – Werte für die Optimierung
der Therapie.
Deshalb ist das Erlernen des Blutzuckermessens gerade zu Beginn der Diabetestherapie, wenn die Diagnose noch frisch ist,
wichtig. Dann sind die Patienten besonders
motiviert, etwas für sich zu tun. Schließ-
Regina Schellen
überschütten zu wollen“, meint Arzthelferin Viola Kindler-Heil. Wie sie und ihre Kolleginnen aus anderen Hausarztpraxen solche Situationen meistern, diskutierten sie
in einer kollegialen Runde. Es ist ja „kein
Betriebsgeheimnis“ meinten die Arzthelferinnen und berichteten offen, wie sie Patienten bei der Blutzuckerselbstkontrolle auf
den richtigen Weg bringen ... und sie langfristig begleiten.
Wichtig ist ein guter Start. „Wenn wir am
Anfang die einzelnen Schritte der Blutzuckermessung ausführlich erklären, ist diese Zeit auf längere Sicht gut investiert“, erklärt Regina Schellen. Das trifft auf sie genauso zu wie auf die Patienten. Zum einen machen sie dann weniger Messfehler,
zum anderen haben sie eine höhere Bereitschaft zum Messen. Dies gilt insbesondere,
wenn sie lernen, wie man schmerzarm den
Kirsten Dauten­
heimer
Andrea Becker
Fesselnd fanden alle Beteiligten das Thema „Blutzuckermessen in der Hausarztpraxis“.
lich bekommen sie erfahrungsgemäß nicht
sofort den passenden Schulungstermin. In
der Zwischenzeit können die Betroffenen
bereits mit dem Blutzuckermessen beginnen und wichtige Erfahrungen sammeln.
Dann verstehen sie in der späteren Schulung sehr viel besser, um was es geht.
Dr. Ellen Jahn für die Redaktion Der Allgemeinarzt
Die hausärztliche Praxis ist für die meisten Menschen mit Diabetes die erste Anlaufstelle. Hier
werden in der Regel
• die Diagnose gestellt und
• die Diabetesbehandlung durchgeführt.
Bei etwa 8 Millionen Betroffenen ist dies auch
kaum anders vorstellbar. In Deutschland werden 80 bis 90 Prozent der Menschen mit Diabetes von
• > 50 000 Hausärzten und
• > 1 100 diabetologischen Schwerpunktpraxen
versorgt. In der Praxis bieten die Teams der diabetologischen Schwerpunktpraxen den Hausärzten eine wichtige Rückenstärkung. Dort werden
schwerpunktmäßig vor allem Menschen mit Typ1-Diabetes, Gestationsdiabetes oder intensivierter Insulintherapie behandelt, doch können hier
ebenso
• s chwer einstellbare Patienten mit Typ-2-Diabetes,
• mit alarmierenden Folgeerkrankungen
•o
der mit erhöhten Hypoglykämierisiken
neu eingestellt, geschult und betreut werden.
Die Schwerpunktpraxis nutzen
Als Überweisungsgrund gilt u. a. ein zu hoher
HbA1c-Wert. Die Schnittstellen zwischen Hausarzt- und Schwerpunktpraxis sind für Patienten, die an den Disease-Management-Programmen (DMPs) teilnehmen, klar definiert und abgestimmt. Sie orientieren sich an den erreichten
Patienten erwarten
Freundlichkeit und
­Kompetenz.
Auf einen Blick
Eine gute hausärztliche
­Betreuung ist das A & O
Wer betreut die
­Diabetiker?
Geschätzte
Angaben
Arzthelferinnen
200 000
Hausärzte (Facharzte für
Allgemeinmedizin oder
­Internisten)
55 000
Diabetesassistentinnen
4 000
Diabetesberaterinnen
1 500
Schwerpunktpraxen mit
­Diabetologen
1 100
spezielle Kliniken
250
Hinzu kommen Fachärzte, Apotheker, Psychologen, ­Podologen etc.
Quellen:
Siegel: Strukturen der Diabetesversorgung. DDUGesundheitsbericht 2007/ Häussler et al.: Weißbuch Diabetes in Deutschland. Thieme 2006 /
Statistisches Bundesamt 2005.
Betreuungsergebnissen. Im Jahr 2007 sind etwa
30 Prozent aller Diabetiker in DMPs eingeschrieben.
Die Hausärzte übernehmen in der Langzeitversorgung der Patienten mit Typ-2-Diabetes die Hauptlast. Die meisten Patienten fühlen sich in der hausärztlichen Praxis gut aufgehoben, zumal sie vielfach multimorbid sind und eine intensive, wohnortnahe hausärztliche Betreuung brauchen. Dazu tragen über 300 000 Arzthelferinnen und -helfer in Deutschland bei.
Vielfach haben sie Zusatzqualifikationen bei den
kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) für die besondere Betreuung von Diabetespatienten erworben. Einige sind sogar Diabetesassistentinnen.
Das Praxisteam als vertraute Anlaufstelle
Wenn ein Patient die Diagnose Typ-2-Diabetes erfährt, erwartet er von seinem Hausarzt nicht nur
eine erste Hilfe, sondern fachliche Navigation zur
Bewältigung der chronischen Krankheit. „Deshalb
nehmen wir uns am Anfang ausreichend Zeit, um
unseren Patienten alles in Ruhe zu erklären“, sagt
Kirsten Dautenheimer, die in der Hausarztpraxis
Blutzucker messen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
für alles Organisatorische rund um Diabetes zuständig ist. Wenn dafür der Praxisbetrieb gerade zu hektisch ist, bietet sie dem Patienten vorsorglich einen späteren Termin an – am Nachmittag oder am nächsten Tag. Die meisten Betroffenen hätten ohnedies am Anfang den Kopf voller
falscher Vorstellungen über Diabetes. Oft haben
sie große Angst vor den vielen Verboten und Einschränkungen, so dass sie sowieso kaum neue Informationen aufnehmen könnten. „Wenn ich merke, heute geht gar nichts, dann warte ich mit der
Einweisung ins Blutzuckermessen lieber, bis sie
wieder ganz bei der Sache sind“, erklärt Kirsten
Dautenheimer und schlägt manchen Patienten
sogar vor, dass die Tochter oder der Sohn zum
nächsten Termin mitkommen soll.
Am Anfang alles vorher einstellen
und nur die Basisinfo geben
Dass die Ersteinweisung in die Blutzuckerselbstkontrolle möglichst einfach sein muss, ist die Erfahrung aller Arzthelferinnen. Ihre Tipps für das
Erstgespräch sind:
1. Bereiten Sie das Blutzuckermessgerät so vor,
dass der Patient es nur einschalten muss.
2. Vermitteln Sie in der ersten Einweisung nur die
Basisinformation.
3. L
assen Sie den Teststreifen vom Patienten zunächst probeweise in den Schlitz einführen.
Wenn alles bereit ist, lässt man den Patienten selbst
stechen. Und zwar genau nach Anweisung:
•Z
uerst soll er die Hände waschen und sorgfältig abtrocknen.
•M
ittels passender Stechhilfe soll er seitlich die
Fingerkuppe des Mittel- oder Ringfingers sowie
des kleinen Fingers punktieren.
„Teststreifen
raus und die Dose
Klack wieder
zu!“, ist die An­
weisung von Kirs­
ten Dautenheimer,
die weiß, dass
plakative Rede­
wendungen
hängen
Kirsten Dautenheimer
bleiben.
Wenn beim ersten Stechen nicht genug Blut austritt, muss an einem anderen Finger mit variierter Stechtiefe und neuem Teststreifen ein zweiter
Versuch unternommen werden. Keineswegs darf
er folgende Fehler machen:
•B
lut darf nicht durch Pressen des Fingers herausgedrückt werden.
• Blut darf nur nachträglich auf den gleichen Teststreifen aufgetragen werden, wenn – wie z. B.
beim Accu-Chek Aviva – das Nachdosieren erlaubt ist.
Checkliste für die richtige Blutgewinnung
Tipps für die richtige und schmerzarme Technik
•n
ur an den Außenseiten der Fingerkuppen stechen, nicht mittig oder von oben
•n
icht in Daumen oder Zeigefinger stechen
•v
or der Blutentnahme die Hände mit warmem Wasser waschen und gut abtrocknen; das geschieht, um einerseits Reste von zuckerhaltigen ­Nahrungsmitteln oder Wasser zu entfernen
und andererseits die Durchblutung zu fördern
•w
eder Alkohol noch Desinfektionsmittel vorher auf die Haut auftragen
•e
vt. den Arm einige Sekunden nach unten halten, um die Durchblutung zu fördern
•B
lut niemals herauspressen, da dies die Probe mit Gewebeflüssigkeit verdünnen könnte
•d
ie Einstichstellen regelmäßig wechseln
•d
ie Stechhilfe sollte einen geraden Einstich ohne seitliche Schwingungen der Lanzette ermöglichen und in ihrer Stechtiefe der Hautbeschaffenheit variabel anpassbar sein
Für jeden das passende
­Blutzuckermessgerät
Wenn es um das Blutzuckermessgerät geht, will
keine der Arzthelferinnen den Patienten die „Qual
der Wahl“ überlassen. „Ich wäge selbst ab, welches Blutzuckermessgerät für den betreffenden
Patienten am besten geeignet ist und erkläre ihm
im Erstgespräch nur die wichtigsten Funktionen“,
betont Viola Kindler-Heil selbstbewusst. Für eine
70-Jährige, die nicht mehr so gut sieht, wählt sie
ein Gerät mit großen Zahlen und handlichen Teststreifen. „Einem 60-Jährigen, dessen Hobby Modellbau ist, gebe ich eher ein Blutzuckermessgerät
mit mehr Funktionen, damit er seine Messwerte
auf den PC übertragen und auswerten kann.“ Auch
ein Gerät mit integrierten Teststreifen kann für
einige hilfreich sein.
Geräte vor. Sonst müssen sich die Arzthelferinnen
zu lange damit aufhalten, um die Unterschiede
zwischen den einzelnen Blutzuckermessgeräten
zu erklären. Das frisst Betreuungszeit, und der
Chef wird „kribbelig“, wenn es zu lange dauert.
Schließlich kennen sie fast alle die Patienten seit
Jahren und glauben recht gut einschätzen zu können, welches das passende Gerät ist.
Bisher nehmen die Patienten in Hausarztpraxen
nur selten Computerauswertungen vor. „Das sind
die absoluten Ausnahmen“, so Andrea ­ Becker.
Die Mehrzahl bevorzugt die handschriftliche
Dokumentation und überträgt die Messwerte
gelegentlich in ein Diagramm – für den besseren
Überblick.
Wer mit seinem Blutzuckermessgerät
gut klar kommt, misst zuverlässiger
Wenn jemand mit seinem Blutzuckermessgerät
nicht zufrieden ist, so zeigt die Arzthelferin ihm
auch mal ein anderes. Doch wählt sie am liebsten
selbst aus oder stellt höchstens zwei verschiedene
Diabetes verstärkt altersbedingte
­Behinderungen
Menschen mit Typ-2-Diabetes leiden häufig an
Sehbehinderungen. Die Blutzuckerselbstkontrolle
fällt diesen Patienten leichter, wenn sie ein Blutzuckermessgerät
Wer Diabetes hat, sollte möglichst bald an einer Schulung teilnehmen.
Blutzucker messen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
•m
it großem Display oder
• mit Sprachfunktion
haben. Dann können sie entweder die Werte ablesen oder sich ansagen lassen. Ein solches Blutzuckermessgerät ist beispielsweise das Accu-Chek
Voicemate Plus System.
Sich auf die besten Geräte konzentrieren
Generell raten die Helferinnen vom Vorrätighalten zu vieler Blutzuckermessgeräte ab. Am besten
ist es ihrer Ansicht nach, sich
• a uf die Geräte von höchstens drei Herstellern
zu konzentrieren.
• Denn nur, wer sich selbst mit dem Gerät optimal auskennt, kann den Patienten souverän
erklären, wie es funktioniert.
„Wenn man erst noch die Betriebsanleitung studieren muss und dann nach den richtigen Knöpfen sucht, ist das schlecht“, erklärt Monika Mazanek.
Diese Souveränität ist leichter zu gewinnen, wenn
man sich im Team so absprechen kann, dass jede
Arzthelferin schwerpunktmäßig bestimmte Indikationsbereiche bevorzugt betreut. Gerade Diabetes wirft eine Menge Fragen auf. Man braucht
ausreichend Wissen und Erfahrung, um den Patienten die richtigen Hilfen für den Tagesablauf
und die Lebensführung zu geben. Und außerdem
verändert sich zurzeit sehr viel in der Diabetologie. Das betrifft die Medikamente ebenso wie
die Technologie. „Wer weiß, dass er beispielsweise
bevorzugt Diabetiker betreut, ist motiviert genug,
sich dieses Wissen zu erarbeiten“, versichert Monika Mazanek.
Die Dokumentation der Messwerte
Die Übergabe des Blutzuckertagebuchs verbindet
Viola Kindler-Heil gleich mit der ersten Aufgabe.
Das ist mit dem Doktor so abgesprochen: Bis zum
nächsten Termin in einer Woche soll der Patient
ein Blutzuckertagesprofil erstellen, das heißt: An
einem Tag der Woche 7-mal messen: jeweils
• vor dem Frühstück und zwei Stunden danach,
• vor dem Mittagessen und zwei Stunden danach,
• vor dem Abendessen und zwei Stunden danach,
• vor dem Zubettgehen.
Wer darüber hinaus noch mal messen will, sollte
Datum und Uhrzeit sowie eventuelle Besonderheiten eintragen. Die Blutzuckerwerte werden
beim nächsten Arzttermin ausführlich bespro-
chen und sind die Basis für die einzuschlagende
Behandlungsstrategie.
„Einigen Patienten ist es am liebsten, wenn ich
Ihnen die Schritte auf einen Extrazettel aufschreibe, also 1., 2., 3. und die Messzeitpunkte vorgebe“,
betont Andrea Becker – kurz und knapp, damit sie
alles auf einen Blick erfassen können.
„Die Arbeit
mit Diabetes­
patienten macht
Freude, weil
sie für hilf­
reiche Tipps
und geduldiges
Erklären beson­
ders dankbar
sind.“
Regina Schellen
Dass der nächste Arzttermin kurzfristig sein muss,
meinen alle. Solange die Diagnose Typ-2-Diabetes
noch frisch ist, sind Patienten meist besonders
motiviert, sich mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. Optimal wäre ein baldiger Schulungstermin, doch das ist nicht immer machbar.
Das Diabetestagebuch steht im Mittelpunkt
Der Patient soll das Blutzuckertagebuch zukünftig zu jedem Arztbesuch mitbringen, damit die
Messwerte mit dem Arzt besprochen werden können. „Wir fragen immer schon bei der Anmeldung
danach, damit der Patient sieht, wie wichtig uns
die Eintragungen sind“, berichtet Regina Schellen.
Bei der Wahl der Blutzuckertagebücher empfehlen die Arzthelferinnen:
•A
rbeiten Sie mit einheitlichen Tagebüchern.
•M
achen Sie die Therapieform außen farblich
erkennbar.
Die Einheitlichkeit hilft bei der schnellen Übersicht. „Außerdem wollen Patienten, wenn sie sich
an ein Buch gewöhnt haben, gern wieder das gleiche“, erklärt Monika Mazanek. „In unserer Praxis
beschränken wir uns daher auf drei verschiedene
Bücher: eine Farbe für Patienten mit oralen Antidiabetika, eine für insulinspritzende Patienten
und eine für ICT-Patienten“, ergänzt Kirsten Dautenheimer.
Ist der Messwert richtig?
Die Messung in der Praxis gibt vielen Patienten ­mehr
Sicherheit.
In der Tat kommen solche Differenzen immer
wieder vor. Da das Blutzuckermessgerät jedoch
eine exakte Zahl anzeigt, geht man automatisch
davon aus, dass die Messung praktisch hundertprozentig genau ist.
Woher weiß man, ob ein Gerät genau misst?
Die modernen Messgeräte sind „Minilabore“, die
in Sekundenschnelle Messwerte liefern. Doch wie
genau messen sie? Häufig wird eine CE-Kennzeichnung auf einem Blutzuckermessgerät als
eine Art Eichsiegel betrachtet. Nur leider ist das
nicht richtig. Die CE-Kennzeichnung ist nämlich
kein Gütekriterium für die Messung, sondern nur
die Mindestvoraussetzung dafür, dass ein Blutzuckermessgerät überhaupt in der europäischen
Union in den Verkehr gebracht werden darf. Über
die Messqualität sagt das CE-Zeichen praktisch
nichts aus.
Manche Geräte, wie z. B. Accu-Chek Aviva, bieten
dem Anwender zusätzliche Sicherheitsfunktionen.
Sie prüfen z. B. vor der Messung, ob Temperatur und
Feuchtigkeit im Rahmen des Erlaubten liegen.
Auf EN-ISO-Norm achten
Ein wertvoller Hinweis auf die Güte der Messqualität
stellt die EN-ISO-Norm 15197 dar. In dieser Norm
sind die „Anforderungen an Blutzuckermesssysteme zur Eigenanwendung beim Diabetes mellitus“
geregelt und die einzelnen Schritte der Prüfung detailliert erfasst (siehe Kasten).
Wenn bei einem Gerät eines Herstellers das EN-ISO15197-Siegel fehlt, ist das ein wichtiger Hinweis darauf, dass es vermutlich nicht die in allen Messbereichen geforderte Messgenauigkeit erfüllt.
Richtig oder präzise?
Entgegen allen umgangssprachlichen Gewohnheiten wird in Richtlinien zwischen „präzisen“
und „richtigen“ Messwerten unterschieden. Denn
präzise Werte müssen noch lange nicht richtig
sein.
• Präzise heißt: Die Werte mehrerer Messungen
weichen weniger als 5 Prozent voneinander
ab.
• Richtig heißt: Der Messwert weicht höchstens
15 Prozent von dem mit der Referenzmethode
gemessenen Wert ab.
Somit darf bei einem Beispiel-Referenzwert von
100 mg/dl (5,6 mmol/l) der Messwert des Blutzuckermessgeräts für Patienten zwischen 85 und
115 mg/dl (4,7 und 6,3 mmol/l) liegen.
EN-ISO-Norm 15197
ist ein Qualitätssiegel
Auf einen Blick
Manche Patienten wollen es besonders gut machen und messen ihren Blutzucker mehrmals hintereinander. „Wenn die Werte nicht identisch sind,
messen sie sogar mit dem Blutzuckermessgerät
eines anderen Patienten gleich noch mal“, berichtet Viola Kindler-Heil. Dabei fällt ihr eine Patientin ein, die ganz verzweifelt in die Praxis lief
und vorwurfsvoll fragte, welche der Messwerte
nun stimme. Die Messwerte differierten um 10
bis 20 mg/dl (0,56 bis 1,11 mmol/l).
Das offizielle Siegel für die Güte der Messqualität stellt die EN-ISO-Norm 15197 der
„International Organization for Standardization of in vitro diagnostics Test Systems“
dar. Hier ist u. a. die Messwerttoleranz geregelt. Demnach darf ein gemessener Blutzuckerwert von z. B. 75 mg/dl (4,1 mmol/
l) höchstens 20 Prozent von der Referenz
abweichen. Die Blutzuckermessgeräte renommierter Hersteller erfüllen in der Regel
diese Anforderung bei weitem.
Blutzucker messen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
Einflüsse auf die Messung
•T
eststreifen: Charge, Lagerung und Alterung
•F
unktionstüchtigkeit des Blutzuckermessgeräts, Kalibrierung mit Blut oder Plasma
•P
robenentnahme und Sauberkeit
•M
essdurchführung: fehlerhaftes oder zu geringes Blutauftragen, unterlassene Codierung
•U
mgebungsbedingungen der Messung: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Störsubstanzen
• z u hoher oder zu niedriger Hämatokrit-Wert
(Dokument zum Download unter www.allgemeinarzt-online.
de)
Blutzuckermessgeräte zum Jahrescheck
Ein regelmäßiger Routinecheck von Blutzuckermessgeräten ist zwar noch nicht rechtlich vorgeschrieben, aber generell empfehlenswert. Zur
Überprüfung der Richtigkeit der Messergebnisse
sollte man regelmäßige Messungen mit Glukosekontrolllösungen durchführen und die Funktionstüchtigkeit des Gerätes mindestens einmal
im Jahr überprüfen lassen. Diesen Service können
Patienten in einigen Apotheken wahrnehmen, gelegentlich auch in Selbsthilfegruppen. Darüber
hinaus bieten einige Firmen ihren Kunden die
Glukosekontrolllösung sowie eine jährliche technische Überprüfung des Gerätes als Kundenservice an.
Teststreifen sind komplexe Systeme
„Vor kurzem kam eine Patientin ganz aufgeregt in
die Praxis gelaufen, weil ihr Blutzuckermessgerät wiederholt extreme Werte anzeigte“, berichtet
Andrea Becker. Wie sich herausstellte, waren die
Teststreifen längst abgelaufen. Das ist nach Ansicht der Arzthelferin eine Fehlerquelle, die sich in
der Praxis immer wieder ergibt. Manchmal gingen
Patienten auch sehr achtlos mit den Teststreifen
um, würden die Dose offen lassen oder gar den
Teststreifen lose in die Tasche werfen. „Vielen ist
auch nicht klar, dass die Teststreifen nach Anbruch der Packung innerhalb eines bestimmten
Zeitraums verfallen, auch wenn das offizielle
Haltbarkeitsdatum länger läuft“, erklärt Monika
Mazanek.
Viele Patienten überschätzen die Robustheit des
Teststreifens, der entsprechend seiner Empfindlichkeit besser „Glukosesensor“ genannt werden
sollte. Feuchtigkeit oder extreme Temperaturen
können zu falschen Messwerten führen. Somit
ist es wichtig, die Patienten immer wieder darauf hinzuweisen, dass in einem Teststreifen eine
Menge Technik steckt und er daher sorgfältig behandelt werden muss.
Auf einen Blick
Bei Abweichungen in dieser Größenordnung rät
Viola Kindler-Heil den Patienten, doch einfach
den Mittelwert zu bilden und sich dann an diesem
Wert zu orientieren.
CE-Kennzeichnung sagt nicht viel aus
Die CE-Kennzeichnung stellt lediglich die
Mindestvoraussetzung für den Vertrieb eines Blutzuckermessgerätes in der europäischen Union dar. Das entspricht dem Namen: Conformité Européenne. Die Nummer muss vierstellig sein, sonst stammt sie
nicht einmal von einer autorisierten Institution.
Darüber hinaus vergessen gerade ältere Patienten
immer wieder das Kodieren bei Anbruch einer
neuen Packung. „Manchen Patienten sage ich deshalb, dass sie in die Praxis kommen sollen, wenn
sie eine neue Teststreifen-Charge anfangen, damit
wir den Code eingeben“, berichtet Viola KindlerHeil und ermuntert die Patienten, diesen Service
in Anspruch zu nehmen: „Dazu sind wir doch da!“
Hier können Geräte, die automatisch kodiert werden, zusätzlich Sicherheit bieten.
Die Angst vor dem Schmerz
„Manche Patienten haben eine Riesenangst davor, sich selbst zu piksen“, beobachtet Arzthelferin
Kindler-Heil immer wieder. Selbst die kräftigsten
Menschen wirken dann wie erstarrt und schaffen
es nicht, sich selbst zu verletzen.
In Einzelfällen demonstriert es die Arzthelferin
dann sogar mal am eigenen Finger: „Zum Glück
haben wir heute diese wunderbaren Stechhilfen,
wo man kaum noch was merkt.“ In der Tat seien
die Patienten manchmal ganz erstaunt, wie wenig
sie selbst vom Einstich gespürt hätten.
Beispiel
­konventionelle
­Technologie:
Bei herkömmlichen Lanzetten ohne präzise Führung können Schwingungen und zu tiefes
Eindringen schmerzhaftere Gewebeschäden
verursachen.
Accu-Chek Softmotion
Technologie:
Accu-Chek Lanzette mit
schwingungsarmer Vorwärts-Rückwärts-Bewegung und Soft Stop.
Doch will das richtige Einstechen gelernt sein, betonen die Fachfrauen. Erfahrungsgemäß kommt
es nicht nur auf die Feinheit der Einmallanzette
an, sondern genauso auf das gradlinige Einstechen. Das liegt daran, dass die Blutentnahme mit
Stechhilfen, deren Lanzetten seitlich nachschwingen, besonders schmerzhaft ist, weil dabei mehr
Gewebe verletzt wird.
Der schnelle Klick
Für die Blutgewinnung gibt es Stechhilfen, die
besonders schmerzarme Blutentnahmen ermöglichen. Die Stechhilfen enthalten einen Federmechanismus, der vor dem Einstechen gespannt wird.
Man setzt die Stechhilfe an der seitlichen Fingerkuppe an und löst sie per Knopfdruck aus. Vorteilhaft ist, dass trotzdem die Lanzette zunächst
verdeckt ist und dann sehr schnell in die Haut eindringt. Außerdem helfen hochwertige Lanzetten
mit geringem Durchmesser und feinem Schliff,
den Schmerz des Einstichs zu minimieren.
Lanzetten stumpfen schnell ab
Aus unerklärlichen Gründen glauben irrtümlich
viele Diabetiker, dass die Lanzettenspitze bei
mehrfacher Verwendung nicht stumpf werde.
„Mich fragte sogar mal ein Patient erstaunt, ob
man die Lanzette denn wechseln könne“, erklärt
Kirsten Dautenheimer. Auch Verformungen der
Lanzettenspitze sind möglich, so dass sie wie Widerhaken wirken.
Im Alltag werden Lanzetten durchaus mehr als
einmal verwandt. Aber Lanzetten sind von den
Herstellern als Einmalprodukte deklariert. Empfehlen Praxismitarbeiter trotzdem die Mehrfachverwendung, kann das Haftungsansprüche
der Patienten gegenüber den Praxismitarbeitern
auslösen, wenn den Patienten durch die Mehrfachverwendung ein Schaden entsteht.
Nicht tiefer als nötig einstechen
Bei allen Stechhilfen lässt sich die Einstichtiefe
verstellen, mitunter sogar bis zu elf Stufen. Das ist
wichtig, damit man das Eindringen der Lanzette
an die Hautdicke oder an lokale Verhornungen
anpassen kann. „Bei einer robusten Gärtnerhand
stelle ich den Einstich gleich tiefer ein als bei derjenigen einer Bankangestellten“, erklärt Kindler-
10
Blutzucker messen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
Heil. Wenn dennoch nicht genug Blut austritt,
kann bei vielen Stechhilfen noch der Lanzettendurchmesser erhöht werden.
Hochwertige Lanzetten verwenden
Die Lanzetten wurden in den letzten Jahren enorm
verfeinert, in Anschliff und Dicke. Standard sind
derzeit Durchmesser von 0,3 Millimetern (30 Gauge). Wahlweise sind Lanzetten mit 0,4 oder 0,8
und mehr Millimetern zu erhalten. Bei sehr zarter
Haut gibt es sogar eine noch feinere Variante von
0,25 Millimetern Durchmesser (33 Gauge). Patienten, die auf diese Möglichkeiten aufmerksam
gemacht werden, sind in der Regel sehr dankbar
dafür. Schließlich spüren sie die Hilfe, wie sie z. B.
die Stechhilfen von Accu-Chek bieten, bei jeder
Blutzuckermessung.
Blut ist kostbar
„Wenn Patienten Probleme bei der Blutentnahme haben, bevorzugen wir Blutzuckermessgeräte,
die sehr geringe Blutmengen benötigen“, erklärt
Andrea Becker. Wenn für die Messung nicht viel
mehr als ein halber Mikroliter Blut benötigt wird,
so genügt für die Blutgewinnung schon ein minimaler Einstich. Hinzu kommt, dass so winzige
Blutmengen dann eher auch mal an anderen Stellen als an der Fingerkuppe entnommen werden
können. Beispielsweise am Handballen oder am
Unterarm. Wenn man vorher die Haut an diesen „alternativen Teststellen“ ausreichend reibt,
klappt das sehr gut.
„Mit einer gu­
ten Stechhilfe
und hochwer­
tigen Lanzetten
ist der Schmerz
wirklich mini­
mal.“
Viola Kindler-Heil
Keine Frage: Wer seinen Blutzucker mehrmals
täglich misst, ist froh, wenn er die Blutprobe
mal nicht aus der Fingerkuppe gewinnen muss.
Allerdings eignet sich Blut aus „alternativen
Teststellen“ nur, wenn der Blutzucker relativ
stabil ist und nicht gerade schnell ansteigt oder
abfällt.
Kriterien für Stechhilfe und Lanzetten
Tipps für mehr Fingerspitzengefühl
•S
techhilfen mit gradliniger Vor- und Rückwärtsführung
der Lanzette verwenden; das minimiert die Gewebeverletzung
•a
uf Lanzetten mit präzisem Schliff achten
•d
ie Einstichtiefe der Hautdicke und dem Verhornungsgrad anpassen
• f ür jede Blutentnahme eine neue Lanzette verwenden
•P
atienten, die unterwegs viel messen, eine Stechhilfe
empfehlen, die eine Lanzettentrommel mit sechs Lanzetten enthält, deren Wechsel durch Weiterdrehen erfolgt
11
Jeder sollte die Chance haben,
den Blutzucker selbst zu messen
„Manchmal kommen Patienten zwischendurch
in die Praxis und bitten uns um eine Blutzuckermessung, weil sie sich gerade überhaupt nicht
gut fühlen und eine Unterzuckerung befürchten“,
erklärt Kirsten Dautenheimer. Wenn sie dann bei
der Messung einen unauffälligen Wert hätten,
ginge es ihnen gleich wieder besser. „Diabetiker
haben oft Angst, dass sie in eine unkontrollierte
Situation geraten und umkippen könnten“, ergänzt Andrea Becker. „Deshalb bekommt bei uns
jeder ein Blutzuckermessgerät, ganz unabhängig
davon, welche Therapie er durchführt“, so Kirsten
Dautenheimer. Das hat viele Gründe:
Wer seinen Blutzucker misst,
• beschäftigt sich mit seiner Erkrankung,
• ist eher bereit, an einer Schulung teilzunehmen,
• kann die Stoffwechselzusammenhänge besser
verstehen,
• ist motivierter, seinen Lebensstil zu ändern.
Das ist sofort in der Praxis zu merken. Dann kommen beim nächsten Termin gezielte Fragen: zu
Immer mehr Menschen wollen selbst etwas für sich tun.
12
den Werten und zum Essen. „Oft lerne ich selbst
auch noch etwas, weil ich den Doktor danach frage“, erklärt Kirsten Dautenheimer. Ihrer Ansicht
nach stellt die Chance, in verschiedenen Alltagssituationen den Blutzucker messen zu können, den
Schlüssel für ein besseres Diabetesmanagement
dar – zumal die Werte auch wichtige Hinweise für
die Therapieeinstellung geben.
Ein Blutzuckermessgerät fördert
die Eigenverantwortung
„Ob ein Patient bereit ist, seinen Teil zur Bewältigung der Erkrankung beizutragen, merkt man
sehr schnell“, führt Monika Mazanek weiter aus.
Zum Glück seien es immer mehr, die selbst etwas für sich tun wollen. Einem Patienten, der sich
überfordert fühlt, hilft manchmal ein Gespräch
mit einem Menschen, der es geschafft hat. Das
motiviert. Mit etwas Fingerspitzengefühl gelingt
es in der Praxis, die betreffenden Personen in ein
Gespräch zu verwickeln und dem Austausch auf
diese Weise etwas nachzuhelfen. Denn auf dem
Land geht man nicht so gern in Selbsthilfegruppen, da kennt jeder jeden, und das hält ab, berichten die Arzthelferinnen. Trotzdem halten sie den
Austausch für wichtig.
Wenn Patienten allerdings noch nicht bereit sind,
sich mit ihrer Erkrankung zu beschäftigen oder
den Blutzucker nicht selbst messen wollen, muss
man ihnen Zeit lassen. Darin sind sich die Fachfrauen einig. „Erfahrungsgemäß bringt es nichts,
überzeugen zu wollen und allzu großen Druck
oder gar Angst aufzubauen“, betont Kirsten Dautenheimer.
Lohnenswerte Ziele hervorheben
Die Ansicht, dass Angst kontraproduktiv wirken
kann, teilen die Fachfrauen: Statt Negativbilder
von Folgeerkrankungen auszumalen, versuchen
sie lieber, die Patienten auf die positiven Auswirkungen einer guten Blutzuckereinstellung hinzuweisen. Die Aussicht auf den Erhalt der körperlichen und geistigen Fitness, die Möglichkeit,
kleine Reisen zu machen oder weiterhin die Enkel
zu betreuen, spornt viele an, besser für sich zu
Blutzucker messen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
Manche brauchen mal „ein kleines Machtwort“ vom Doktor
„In Einzelfällen kann es auch mal hilfreich sein,
wenn der Doktor ein kleines Machtwort spricht“,
erklärt Viola Kindler-Heil. Das ist dann, wenn der
Patient die Werte nicht mehr dokumentiert, angeblich das Blutzuckertagebuch vergessen hat,
Die Diagnose Diabetes kann Menschen auch motivieren, ihr Leben selbst zu gestalten.
sorgen. „Schließlich ist Diabetes eine Erkrankung,
die beeinflussbar ist, das ist eine Chance“, erklärt
Kirsten Dautenheimer und berichtet von einer Patientin, die sich über die Diagnose Typ-2-Diabetes
unglaublich geärgert habe. Selbst nach Jahren finde sie es noch „ungerecht“, an Zucker erkrankt zu
sein. Ihre Stoffwechselwerte seien entsprechend
schlecht. Im umgekehrten Fall kennen die Arzthelferinnen viele Patienten, bei denen eine gute
Einstellung „die gute Einstellung“ offensichtlich
gefördert hat. Manche wurden sogar motiviert, ihrem Leben eine Wende zu geben, Sport zu machen
und abzunehmen. Selbst einige Raucher hätten
mit dem Rauchen aufgehört.
Unsere Patienten vertrauen mir
Sobald es um die richtige Dosis oder um die Wahl
der Behandlung geht, halten sich selbst erfahrene
Arzthelferinnen vollkommen raus. „Das ist die
Sache des Doktors“, erklärt Viola Kindler-Heil.
Sie beschränkt sich auf Hinweise zur Lebensführung, ermuntert zur körperlichen Aktivität und
gibt Ernährungstipps – womit bereits viel Arbeit
verbunden ist.
Trotzdem scheinen die „gestandenen Arzthelferinnen“ keine Autoritätsprobleme zu haben.
Schließlich stehen sie mit den meisten Patienten
der Praxis seit Jahren in engem Kontakt und wissen, wo sie der Schuh drückt. „Vielfach erfahren
wir auch so manches Detail, das die Patienten
dem Doktor lieber nicht erzählen wollten ...“, heißt
es.
„Wenn Menschen
mit der Diagno­
se Typ-2-Diabe­
tes ihre Krank­
heit als Chance
sehen, haben
sie uns allen
etwas voraus.
Denn sie
haben
Monika Mazanek
eine viel
höhere
Motivation, aktiv ihren Lebensstil
zu ändern, gesund und vollwertig
zu essen, ihr Körpergewicht konse­
quent zu kontrollieren und Sport
zu treiben.“
Termine nicht einhält oder seine Therapie schleifen lässt. „Manchmal haben diese Patienten gerade sehr viel um die Ohren, stecken beruflich oder
privat in einer Krise“, erklärt Regina Schellen. In
solch einer Krise kann es helfen, ihnen zu sagen,
dass sie sich nun erst einmal wieder um sich selbst
kümmern müssen.
Schwieriger ist es, wenn Patienten gleichgültig
sind und resigniert haben. Da braucht man eine
ganz andere Strategie. „Doch muss man vorsichtig
sein“, betont Viola Kindler-Heil, sonst könne es
passieren, dass man diese Patienten im nächsten
Quartal gar nicht mehr sähe. Doch das sei selten.
Im Team mit dem Arzt haben die Arzthelferinnen
im Laufe der Jahre schon so manchen schwierigen
Patienten auf den „Weg“ gebracht. „Das motiviert
dann auch uns“, ist die einhellige Meinung und
lässt erahnen, warum der Berufswunsch Arzthelferin so beliebt ist. Bei weiblichen Auszubildenden
rangiert die Arzthelferin mit jährlich rund 46 000
Auszubildenden an dritter Stelle, gleich hinter der
Kauffrau in Büro und Einzelhandel.
13
Blutzucker messen lohnt sich
„Patienten, die ihren Blutzucker selbst kontrollieren, fühlen sich sehr viel souveräner als andere“,
erklärt Regina Schellen. Das Messen stärkt offensichtlich ihr Selbstbewusstsein und erhöht die
Eigenverantwortung. „Deshalb ist es besonders
schade, dass die Krankenkassen die Teststreifen
von Patienten ohne Insulinbehandlung nicht
mehr übernehmen“, so Monika Mazanek. Zumal
der Doktor auf der Basis der Messwerte die Blutzuckermedikation anpasst und das gelegentliche
Blutzuckertagesprofil eine wesentliche diagnostische Maßnahme für die Optimierung der Be-
Regelmäßige Bewegung hält fit und hilft, den Blut­
zucker zu senken.
handlung darstellt. „Außerdem rechnet es sich für
die Kassen langfristig, wenn die Patienten in den
kommenden Jahren gesünder sind und weniger
diabetesbedingte Folgeerkrankungen entwickeln“,
ergänzt Andrea Becker. Nicht umsonst ist die Blutzuckerselbstkontrolle nach den aktuellen Leitlinien der International Diabetes Federation (1) „ein
integraler Bestandteil eines schulungsbasierten
Diabetes-Selbstmanagements“. Und zwar gilt dies
für alle Menschen mit Diabetes, auch wenn sie
kein Insulin spritzen.
Ein Teststreifen-Gutschein zu Weihnachten
Die praktischen Arzthelferinnen empfehlen Patienten mit knappem Etat, sich zum Geburtstag
oder zu Weihnachten einen Gutschein für die
Apotheke zu wünschen. Denn ohne eigenes
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Messen sei selbst langjährigen Diabetikern
nicht immer klar, wie deutlich die Zusammenhänge zwischen ihrem Lebensstil und den Blutzuckerwerten seien.
Schließlich sei es wichtig, selbst einmal experimentell vorgehen zu können, meinen die Arzthelferinnen. Dazu gehört es beispielsweise, sich
vor und nach dem Essen einer Tafel Schokolade
den Blutzucker messen zu können. Wer diesen
enormen Blutzuckeranstieg ausgetestet hat, vergisst es nie mehr – und nimmt das nächste Mal
höchstens einen Riegel oder zwei. Auf der anderen Seite ist es ebenso wichtig, mal zu testen, wie
körperliche Aktivität wirkt. „Wenn Patienten dies
nicht glauben wollen, messen wir den Blutzucker
und lassen sie dann mal eine halbe Stunde flott
spazieren gehen“, berichtet Kirsten Dautenheimer.
Beim anschließenden Blutzuckermessen seien die
meisten völlig überrascht, wie groß die Blutzuckersenkung sei.
Blutzuckermessen senkt Erkrankungsrisiko
Dass Blutzuckermessen allein schon hilft, länger
und besser zu leben, haben die Ergebnisse der
Kohortenstudie ROSSO gezeigt (siehe Kasten).
In der Untersuchung wurden die Daten von 3 268
neu diagnostizierten Typ-2-Diabetikern über fast
sieben Jahren analysiert. Dabei zeigte sich, dass
diejenigen Patienten, die mehr oder weniger
regelmäßig ihren Blutzucker gemessen hatten,
seltener diabetesbedingte Krankheiten entwickelten und länger lebten. Daraus könnte man
folgern: Wer seinen Blutzucker misst, nimmt
die Krankheit ernster und wird möglicherweise
auch in der Praxis ernster genommen. Denn die
meisten Patienten hatten unabhängig von der
medikamentösen Therapie eine bessere Stoffwechseleinstellung.
Übung macht den Meister
Dass sich im Laufe der Jahre bei der Blutzuckermessung Fehler einschleichen, ist in allen Praxen
bekannt. „Ab und zu muss man mit den Patienten
noch einmal die einzelnen Schritte des Blutzuckermessens durchgehen“, meint Andrea Becker.
Dabei lasse sie zunächst den Patienten alles in
Ruhe machen und bespräche anschließend mit
ihm, worauf er stärker achten sollte.
Blutzucker messen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
In der EDGAr-Studie (Evaluation der Durchführung von Glukoseselbstkontrollen von Menschen
mit Typ-2-Diabetes in Apotheken) (2) wurden 462
Diabetiker bei der Blutzuckermessung mit ihrem
eigenen Gerät beobachtet. Dabei machten
• 83 Prozent der Testpersonen mindestens einen
Messfehler,
• durchschnittlich gab es 3,1 Messfehler pro
­Person.
• Der häufigste Fehler war: Pressen des Fingers
bei der Blutgewinnung (49 Prozent der Messenden).
An zweiter Stelle rangierten falsche Geräteeinstellungen. Hinzu kamen Fehler, die mit vermehrten Schmerzen verbunden waren. Eine intensive
Beratung brachte jedoch einen erstaunlichen
Lernerfolg: So war die Fehlerrate bei einer zweiten
Auf einen Blick
ROSSO-Studie
Blutzuckermessung nützt
Die in Deutschland durchgeführte ­ROSSOStudie (Retrolective Study Self-Monitoring
of Blood Glucose and Outcome in Patients
with Type-2-Diabetes) analysierte die Daten von 3 268 neu diagnostizierten Typ-2Diabetikern aus 192 hausärztlichen und
internistischen Praxen:
• 1 479 Diabetiker kontrollierten ihren
Blutzucker mehr oder weniger regelmäßig,
• 1 789 nahmen keine Blutzucker­
messungen vor.
Die Ergebnisse nach 6,5 Jahren zeigten:
•D
ie Rate der Erkrankungen, die im Zusammenhang mit Diabetes standen,
war bei denjenigen Patienten, die eine
Blutzuckermessung durchführten, um
ein Drittel niedriger als bei denjenigen,
die den Blutzucker nicht gemessen hatten (7,2 % versus 10,4 %).
• In der messenden Gruppe war die Sterberate um etwa die Hälfte niedriger als
in der Vergleichsgruppe ohne Messung
(2,7 % versus 4,6 %).
•D
ie Ergebnisse waren signifikant und
unabhängig davon, ob die Patienten Insulin spritzten oder oral behandelt wurden.
Quelle: Martin S et al.: Self-monitoring of
blood glucose in type 2 diabetes and longterm outcome: an epidemiological cohort
­study. Diabetologia 2006 (49, 2) 271-278
Messung sechs Wochen später in diesem Bereich
um 74 Prozent gesunken.
Große Wissenslücken
Obwohl viele Patienten den Schmerz bei der
Blutentnahme fürchten, wissen nur wenige, wie
sie eine schmerzarme und fehlerfreie Blutzuckermessung durchführen können. Das ist das
Ergebnis des „Blutzucker-Selbstmanagement-Reports Deutschland 2006“ (3), in dem knapp 1000
Patienten, die eine regelmäßige Blutzuckermessung durchführten, per Fragebogen interviewt
wurden.
Obwohl 73 Prozent der Befragten angaben, dass
ihnen eine schmerzarme Blutentnahme wichtig
sei, wählten sie vielfach schmerzintensive Körperstellen, benutzten veraltete Stechhilfen und
stumpfe Lanzetten. In der Tat bevorzugte nur
jeder Zweite die seitliche Fingerkuppe für die
Blutentnahme.
Überraschend war auch: Je länger die Patienten
schon mit der Erkrankung lebten, desto seltener
wechselten sie die Lanzette für die Blutentnahme.
21 Prozent der Patienten benutzten die gleiche
Lanzette sogar über zehn Mal.
Zu häufiges Unterlassen der Messung
Außerdem unterließ ein Drittel der Diabetiker
unterwegs die Messung und führte nicht einmal
das Blutzuckermessgerät mit sich. Ihnen war das
Messen „unterwegs zu kompliziert“ oder „unangenehm in der Öffentlichkeit“. Die Hürde, in der
Öffentlichkeit seinen Blutzucker zu messen, ist
offenbar immer noch hoch.
Darüber hinaus nahmen es viele Patienten mit
der Haltbarkeit der Teststreifen nicht so genau.
23 Prozent wussten nicht, dass die Lagerung des
Teststreifens das Messergebnis beeinflussen kann.
Doch immerhin mehr als die Hälfte der Messenden fühlte sich durch die Messung und Dokumentation der Blutzuckerwerte zu einer gesünderen
Lebensführung angespornt.
(1) IDF Clinical Guidelines Task Force. Global guideline for
Type 2 diabetes. Brussels. International Diabetes Federation, 2005.
(2) Müller Uta et al.: Evaluation der Durchführung von Glukoseselbstkontrollen von Menschen mit Typ-2-Diabetes in
Apotheken (EDGAr). Diabetes, Stoffwechsel und Herz 2006
(15, 4) 9-17.
(3) Koschinsky Theodor: Blutzuckerselbstmanagement Report 2006 offenbart Wissens- und Handlungsdefizite. Diabetes, Stoffwechsel und Herz 2007 (16, 3) 185-192.
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Häufige Fragen und
­Antworten
Wer sollte den Blutzucker messen?
Die Blutzuckerselbstkontrolle ist der Schlüssel
zum selbstverantwortlichen Management des
Diabetikeralltags. Jeder Mensch mit Typ-1- und
Typ-2-Diabetes sollte eine Blutzuckerkontrolle
durchzuführen. Das gilt auch für Patienten, die
eine orale Antidiabetika-Therapie durchführen.
Wann sollte der Blutzucker gemessen werden?
Die notwendige Messfrequenz richtet sich nach
der Art der Therapie. Menschen mit Diabetes sollten dies individuell mit ihrem Arzt vereinbaren.
Aus rechtlichen Gründen ist eine Messung auf jeden Fall notwendig, bevor sie sich ans Steuer setzen und bei längeren Fahrten zwischendurch.
Warum darf man die Finger bei der Blutentnahme nicht pressen?
Beim Pressen besteht die Gefahr, die Blutprobe durch Gewebeflüssigkeit zu verdünnen.
Dadurch könnten die Messwerte verfälscht
werden.
Welche Rolle spielt die Stechhilfe?
Für eine schmerzarme Blutentnahme ist nicht
nur die Feinheit der Einmallanzette entscheidend,
sondern ebenso die gerade Lanzettenführung.
Es ist leicht vorstellbar, dass die Blutentnahme
mit Stechhilfen, deren Lanzetten seitlich nachschwingen, besonders schmerzhaft ist, weil dabei
unnötig viel Gewebe verletzt wird. Deshalb sind
moderne Stechhilfen mit gerader Lanzettenführung bei der Vorwärts- und Rückwärtsbewegung
sehr viel schonender.
Woran erkenne ich Blutzuckermessgeräte mit
hoher Messgenauigkeit?
Wenn das Blutzuckermessgerät das EN-ISO15197-Siegel trägt, so ist das ein wichtiger Hinweis
darauf, dass dieses Gerät in allen Messbereichen
die geforderte Messgenauigkeit erfüllt.
Wer mit dem Auto fährt, muss seine aktuelle Stoffwechsellage kennen.
Wo ist die optimale Einstichstelle für die
Blutentnahme?
An den Außenseiten der Fingerkuppen von Mittel-, Ringfinger oder kleinem Finger. Nicht mittig
oder von oben einstechen – nicht in Daumen oder
Zeigefinger.
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Spielt es eine Rolle, ob das Blutzuckermessgerät auf Vollblut oder Plasma kalibriert ist?
Die Messung des Blutzuckers erfolgt grundsätzlich im Vollblut. Doch können die Geräte auf
beides kalibriert sein. Bei Blutplasma kann der
Wert etwas höher liegen. Deshalb sollte man bei
dem Messwerte-Vergleich unterschiedlicher Blutzuckermessgeräte besonders vorsichtig sein. Für
eine Gerätekontrolle sind ohnehin nur Kontrolllösungen und der Vergleich mit einem Laborwert
geeignet.
Blutzuckermessen mit der Arzthelferin • © Kirchheim-Verlag, Mainz
05141290990 (1) 1007 - 5.Kirchheim
Genügt es, wenn man die Messdaten nur im
Blutzuckermessgerät speichert?
Am Anfang eher nicht. Die Speicherung ist eine
wichtige Hilfe. Doch ist für unerfahrene Patienten das persönliche Eintragen ins Blutzuckertagebuch in der ersten Zeit wichtig, damit sie die
Werte reflektieren und Kommentare aufschreiben.
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