Anlage 1 - Beuth Hochschule für Technik Berlin

Anlage 1 - Beuth Hochschule für Technik Berlin
Impressum
Herausgeber:
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), München
im Auftrag der Unfallversicherungsträger des öffentlichen Dienstes
und der Unfallkasse Post und Telekom
im Zusammenwirken mit dem Beirat „Aus-, Fort- und Weiterbildung
der Fachkräfte für Arbeitssicherheit“ der Unfallkassen
Erstellt von:
systemkonzept
Gesellschaft für Systemforschung und Konzeptentwicklung mbH,
Köln
Gliederung
Seite
1
Vorbemerkungen
1
2
Einführung in die Arbeitssystemgestaltung
4
2.1
Systeme und Arbeitssysteme
4
2.2
Arbeitssystemgestaltung
11
2.2.1
Stellenwert des Menschen in Arbeitssystemen
11
2.2.2
Ziele der Arbeitssystemgestaltung
11
2.2.3
Ziele und Bewertungskriterien der
arbeitsschutzgerechten Arbeitsgestaltung
14
2.2.4
Arbeitsanalyse als Voraussetzung zur Arbeitsgestaltung
17
2.2.5
Gestaltungsfelder und Gestaltungsansätze
19
2.3
Vorgehen und Aufgaben der Fachkraft für
Arbeitssicherheit bei der Arbeitssystemgestaltung
22
3
Anforderungen an Arbeitsmittel
26
3.1
Einführung
26
3.2
Anforderungen an das Herstellen und Bereitstellen von
Produkten auf dem Markt
27
3.2.1
Rechtsgrundlagen
27
3.2.2
Pflichten des Herstellers
31
3.2.3
Anforderungen an die Beschaffenheit von Produkten
32
3.2.4
Vorgehensweise als „Hersteller“ bei Entwicklung und
Bau von Produkten
39
Anforderungen an Bereitstellung und Benutzung von
Arbeitsmitteln im Betrieb
40
Pflichten des Arbeitgebers bei Bereitstellung und
Benutzung von Arbeitsmitteln
40
Vorgehensweise bei der Bereitstellung von
Arbeitsmitteln
46
3.3.3
Organisation der Instandhaltung von Arbeitsmitteln
52
4
Anforderungen an Arbeitsverfahren
56
5
Anforderungen an Arbeitsstätten
58
5.1
Einführung
58
5.2
Gestaltungsanforderungen – allgemeine
Gestaltungsgrundsätze
60
Umsetzung von Gestaltungsmaßnahmen
64
3.3
3.3.1
3.3.2
5.3
5.3.1
Anwendung von Rechtsvorschriften
64
5.3.2
Maßnahmen für bestimmte Gestaltungsfelder
69
5.4
Vorgehen der Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der
Arbeitsstättengestaltung
71
Zusammenfassung
73
Anlage 1:
Literatur zur Arbeitswissenschaft
75
Anlage 2:
Einstufung ausgewählter Produkte
76
Anlage 3:
Vorgehensweise zur Feststellung einer wesentlichen
Veränderung an einer Maschine
77
Anlage 4:
Systematische Vorgehensweise zur Instandhaltung
78
6
1
Vorbemerkungen
In Lektion 4 haben Sie sich mit den verschiedenen Methoden des Ermittelns von Gefährdungen und Beurteilens von Risiken sowie der Ableitung von Zielen befasst. Bevor in Lektion 8 die nächsten Schritte der
systematischen Vorgehensweise der Fachkraft für Arbeitssicherheit
behandelt werden (Lösungssuche, Bewertung von Lösungen, Durchund Umsetzen sowie Wirkungskontrolle), lernen Sie in dieser und den
beiden folgenden Lektionen Grundlagen der Arbeitssystemgestaltung kennen.
Es ist eine der beiden wesentlichen Aufgaben der Fachkraft für
Arbeitssicherheit, den Arbeitgeber, die Führungskräfte, aber auch die
Planer und betrieblichen Stabsstellen bei der Gestaltung von Arbeitssystemen zu unterstützen, d. h., Anforderungen von Sicherheit und
Gesundheit und der menschengerechten Arbeitsgestaltung aktiv in die
Arbeitssystemgestaltung einzubringen.
Aufbauend auf die in Abschnitt 6 der Einführungslektion vermittelten
Grundlagen führt Sie diese Lektion in die Grundsätze der Arbeitssystemgestaltung ein. Sie lernen, was unter einem Arbeitssystem zu
verstehen ist, wodurch Arbeitssysteme charakterisiert sind, wie man
sie beschreiben kann und wie Systemgrenzen bestimmt werden können. Sie lernen das grundsätzliche Vorgehen bei der Arbeitssystemgestaltung kennen. Aus Sicht des Arbeitsschutzes sind grundlegende Anforderungen an die Arbeitssystemgestaltung und die einzelnen Gestaltungsfelder zu stellen, von denen Sie sich als Fachkraft
für Arbeitssicherheit leiten lassen sollen.
Abschnitt 2
Einführung in die
Arbeitssystemgestaltung
Diese Lektion zeigt außerdem die Anforderungen an die Gestaltungsfelder Arbeitsmittel, Arbeitsverfahren sowie Arbeitsstätten als
Elemente des Arbeitssystems auf. Sie erfahren einerseits, welche
Pflichten vom Hersteller von Arbeitsmitteln zu erfüllen sind und welchen Beschaffenheitsanforderungen Arbeitsmittel entsprechen müssen. Andererseits erhalten Sie einen Überblick zu Anforderungen und
Vorgehensweisen bei Auswahl, Bereitstellung und Betrieb von Arbeitsmitteln. Zur Arbeitsstättengestaltung lernen Sie Grundsätze und Anforderungen im Überblick kennen.
Abschnitte 3 bis 5
Arbeitsmittel
Arbeitsverfahren
Arbeitsstätten
Welche Anforderungen im Einzelnen an die Gestaltungsfelder
Arbeitsplätze, Arbeitsaufgaben, Arbeitsorganisation, Arbeitszeiten
und Pausen zu richten sind, behandelt Lektion 6. Lektion 7 führt Sie an
den Aspekt des menschlichen Verhaltens als Bestandteil der Arbeitssystemgestaltung heran.
Die Grundlagen aus dieser und den beiden folgenden Lektionen werden in den fachspezifischen Lektionen auf unterschiedliche Gebiete
angewendet und vertieft.
Die Grundlagen der Arbeitssystemgestaltung sind von der Fachkraft
für Arbeitssicherheit bei allen Handlungsschritten sowohl bei der Analyse, Beurteilung und dem Setzen von Zielen (vgl. Lektion 4) als auch
bei der Lösungssuche, dem Durch- und Umsetzen von Maßnahmen
und der Wirkungskontrolle zu beachten.
Für Ihre praktische Tätigkeit müssen Sie die Inhalte der Lektionen 5, 6
und 7 immer in ihrer Gesamtheit nutzen, da alle Felder und Elemente
in ihren Wechselwirkungen Beiträge zu Sicherheit, Gesundheit und
menschengerechter Arbeitsgestaltung leisten.
Erforderliche Literatur
Für die Bearbeitung dieser Lektion ist folgende Literatur erforderlich:
 Produktsicherheitsgesetz (ProdSG)
Gesetz über die Bereitstellung von Produkten auf dem Markt
 Maschinenverordnung (9. ProdSV)
Neunte Verordnung zum Produktsicherheitsgesetz
 EG-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG
Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
über Maschinen und zur Änderung der Richtlinie 95/16/EG
 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG)
Gesetz über die Durchführung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der Arbeit
 Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV)
Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz
bei der Bereitstellung von Arbeitsmitteln und deren Benutzung
bei der Arbeit, über Sicherheit beim Betrieb überwachungsbedürftiger Anlagen und über die Organisation
des betrieblichen Arbeitsschutzes
 DGUV Vorschrift 2 ihres Unfallversicherungsträgers
Unfallverhütungsvorschrift „Betriebsärzte und Fachkräfte für
Arbeitssicherheit“ (DGUV Vorschrift 2)
 Technische Regeln für Betriebssicherheit (TRBS), insbesondere
 TRBS 1111 Gefährdungsbeurteilung und sicherheitstechnische
Bewertung
 TRBS 1151 Gefährdungen an der Schnittstelle Mensch Arbeitsmittel - Ergonomische und menschliche Faktoren
 TRBS 1201 Prüfung von Arbeitsmitteln und überwachungsbedürftigen Anlagen
 TRBS 1203 Befähigte Personen
 Leitlinien zur Betriebssicherheitsverordnung (LV 35 mit Aktualisierungen) des Länderausschusses für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI); Download unter lasi.osha.de > Publikationen
 Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV)
Verordnung über Arbeitsstätten
 EG-Arbeitsstättenrichtlinie 89/654/EWG
Richtlinie des Rates über Mindestvorschriften
für Sicherheit und Gesundheitsschutz in Arbeitsstätten
 Technische Regeln für Arbeitsstätten (ASR), insbesondere
 Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A1.3
Sicherheits- und Gesundheitsschutzkennzeichnung
 Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)
Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz
bei der Arbeit an Bildschirmgeräten
Zur Vertiefung wird folgende Literatur empfohlen:
 Barth, Chr.: Auswahl von Arbeitsmitteln – Stand der Technik zur
Umsetzung der Betriebssicherheitsverordnung. 1. Auflage. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2012.
(Kostenlos downloadbar unter www.baua.de)
 Barth, Chr.: Sicherheit und Gesundheitsschutz durch Herstellung
und Bereitstellung von Maschinen: Eine Handlungshilfe für Entscheidungsträger und Arbeitsschutzexperten kleiner und mittlerer
Betriebe. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW, 2005. (kostenlos
downloadbar unter www.baua.de)
 Reudenbach, R.: Sichere Maschinen in Europa. Bochum: Technik
& Information
Teil 1: Europäische und nationale Rechtsgrundlagen
Teil 2: Herstellung und Benutzung richtlinienkonformer
Maschinen
Teil 3: Risikobeurteilung und Sicherheitskonzept
Teil 4: Sicherheitsrelevante Steuerungen
Teil 5: Die neue EG-Maschinenrichtlinie
 Mössner, Th.: Risikobeurteilung im Maschinenbau. Bundesanstalt
für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.) Dortmund/Berlin/Dresden 2012
 DIN EN ISO 12100 „Sicherheit von Maschinen – Allgemeine Gestaltungsleitsätze – Risikobeurteilung und Risikominderung“
Deutsche Fassung EN ISO 12100:2010
 DIN EN 349 „Mindestabstände zur Vermeidung des Quetschens
von Körperteilen“
 DIN EN 614 „Sicherheit von Maschinen – Ergonomische Gestaltungsgrundsätze“
Teil 1: „Begriffe und allgemeine Leitsätze“
Teil 2: „Wechselwirkungen zwischen
der Gestaltung von Maschinen und den Arbeitsaufgaben“
 DIN EN ISO 6385 „Grundsätze der Ergonomie für die Gestaltung
von Arbeitssystemen“
Normen können über den Beuth-Verlag (www.din.de) recherchiert und
kostenpflichtig bezogen werden.
Vertiefende
Literatur und Medien
2
Einführung in die Arbeitssystemgestaltung
2.1
Systeme und Arbeitssysteme
In der Einführungslektion haben Sie in Abschnitt 6.2 bereits die Möglichkeit der Beschreibung einer Arbeitssituation mithilfe des Modells
„Arbeitssystem“ kennengelernt. Lektion 4 nutzte das Modell des
Arbeitssystems für die Analyse und Beurteilung von Unfall- und Gesundheitsgefährdungen.
Lesen Sie bitte nochmals die Abschnitte 6.2 und 6.3 der Einführungslektion und sehen Sie sich in Abschnitt 4.3.2 von Lektion 4 die Einführung des Arbeitssystems bei der Gefährdungsermittlung an.
Vertiefen Sie Ihr Verständnis von Systemen anhand eines Beispiels:
Abbildung 2.1:
Codierarbeitsplatz im
Frachtzentrum
In einem Frachtzentrum sind die Zieladressen aller eingehenden Frachten mittels Strichcode maschinenlesbar aufzubereiten. Dazu ist es erforderlich, die Pakete über einen Rollgang an einem Codierarbeitsplatz
vorbeizuführen (vgl. Abbildung 2.1).
Die Beschäftigte liest die Adressinformationen von den Paketen ab
und gibt sie entsprechend den Vorgaben auf dem Display nacheinander ein. Sind die Informationen erfasst, lässt die Beschäftigte einen
Aufkleber mit Strichcode drucken,
löst ihn vom Trägerpapier und klebt
ihn auf das Paket. Per Software-Befehl wird das bearbeitete Paket weiterbefördert.
Welche Folgen hat es für das System, wenn
1.
die Software geändert wird?
2.
sich zusätzlich die Arbeitsaufgabe verändert?
3.
eine andere Person ohne besondere Vorkenntnisse auf diesem
Platz eingesetzt wird?
4.
die Bandzuführung neu gestaltet wird?
5.
ein neues Pausenregime mit entsprechendem Personalwechsel
an diesem Arbeitsplatz eingeführt wird?
6.
ein anderes Display eingesetzt bzw. die Darstellung auf dem
Display verändert wird?
Notieren Sie Ihre Gedanken!
Die Änderung eines der Systemelemente kann sehr schnell dazu führen, dass einerseits das Gesamtsystem nicht mehr die erwartete Leistung erbringt oder aber eine Leistungssteigerung eintritt und andererseits die Belastungs-Beanspruchungs-Situation sich zuungunsten der
Beschäftigten verschiebt.
Erst wenn alle Elemente optimal zusammenwirken, ist auch die Gestaltung des gesamten Arbeitssystems optimal. Dies gilt sowohl für
das Ergebnis als auch für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz.
Das Beispiel berücksichtigt nicht alle Aspekte der Arbeitssituation.
Dennoch können mit der Beschreibung der Situation als System (hier
als Arbeitssystem) die wesentlichen Einflussgrößen in ihrem Zusammenwirken erfasst werden.
System
Unsere Lebens- und Arbeitswelt ist sehr komplex. Viele Dinge hängen
miteinander zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. In welcher
Weise dies geschieht, ist oft schwierig zu ermitteln und nachzuvollziehen. Erst recht ist es schwierig zu beurteilen, an welchen Stellen bereits ein zufriedenstellender Zustand eingetreten ist und in welcher
Weise Veränderungen geeignet sind, den vorgefundenen Zustand zu
verbessern. Wir benötigen Modelle, mit denen wir im Hinblick auf
unsere jeweiligen Ziele die Wirklichkeit ausreichend beschreiben und
in ihren Zusammenhängen verstehen und erfassen können. Hier hilft
das Modell des Arbeitssystems, das durch Reduzierung auf das Wesentliche ein vereinfachtes Bild der Wirklichkeit mit den wesentlichen
Zusammenhängen ermöglicht.
Es wurde bereits viel von Systemen gesprochen. Was ist aber unter
einem System genau zu verstehen? Abbildung 2.2 zeigt in vereinfachter Form die wesentlichen Bestandteile eines Systems.
Bestandteile
von Systemen
Systemelement
Beziehung
zwischen den
Elementen
Systemelement
Systemelement
System
Abbildung 2.2:
System
System
Ein System bezeichnet den ganzheitlich strukturierten Zusammenhang von Einzelheiten, Dingen oder Vorgängen, die entweder in der Natur gegeben oder von Menschen hergestellt sind
(Definition nach Brockhaus). Systeme bestehen aus Elementen,
die in Beziehungen zueinanderstehen. Systeme werden durch
Systemgrenzen von ihrer Umwelt abgegrenzt, stehen mit ihr aber
über Schnittstellen im Austausch.
Veränderungen oder bestimmte Verhaltensweisen des einen Elements
wirken sich auf das Verhalten der anderen Elemente und das Gesamtsystem aus.
Systemelemente
und ihre Beziehungen
untereinander
Mit dem Systembegriff wird immer versucht, das Ganze in seiner
Struktur, d. h. in seinen Elementen und den ein- oder wechselseitigen
Beziehungen, in denen sie zueinanderstehen, zu erfassen. Ein Beispiel
für solche Beziehungen sind innerhalb des ökologischen Systems der
Erde die sogenannten Treibhauseffekte durch die Erhöhung des CO2Gehalts in der Atmosphäre – hervorgerufen durch die extensive Verbrennung (Heizung, Verbrennungsmotoren etc.).
Betrachten Sie nun den Codierplatz unter diesem Gesichtspunkt. Systemelemente, die untereinander in Wechselbeziehungen stehen, sind
der Mensch, das Paketband, die Pakete u. a. m. Das Paket liefert die
Information für den Bestimmungsort. Diese Information (Adresse) wird
durch den Menschen in eine maschinenlesbare Information (Strichcode) umgewandelt und fest mit dem Paket verbunden (Aufkleber).
Dies ist die Wirkung des Menschen auf den Arbeitsgegenstand „Paket“. Das Drehen des Pakets, die Informationsverarbeitung, die Abhängigkeit von der Bandgeschwindigkeit führen zur Beanspruchung
des Menschen. Dies ist die Wirkung der Systemelemente Arbeitsgegenstand „Paket“ und Arbeitsmittel (Codiersystem, Transportband)
auf den Menschen.
Modell Arbeitssystem
Will man das Herstellen von Produkten oder Erbringen von Dienstleistungen als System beschreiben, macht das Modell des Arbeitssystems
die tatsächlichen Gegebenheiten der Arbeitssituation durch Reduzierung auf die Elemente und ihre Beziehungen durchschaubarer.
Das Arbeitssystem umfasst das Zusammenwirken des Menschen mit den Arbeitsmitteln im Arbeitsablauf, um die Arbeitsaufgabe am Arbeitsplatz in der Arbeitsumgebung unter den
durch die Arbeitsaufgabe vorgegebenen Bedingungen zu erfüllen.
Arbeitssystem
Elemente von Arbeitssystemen (vgl. Abbildung 2.3) lassen sich in Anlehnung an DIN EN ISO 6385 wie folgt definieren:
 Arbeitsaufgabe
Zur Erfüllung des angestrebten Arbeitsergebnisses erforderliche
Aktivitäten
 Arbeitsmittel
Werkzeuge einschließlich Hard- und Software, Maschinen, Fahrzeuge, Geräte, Möbel, Einrichtungen und andere benutzte
Gegenstände einschließlich Betriebsstoffe wie Öle, Entfetter, Lacke
Die Kombination und räumliche Anordnung der Arbeitsmittel innerhalb der Arbeitsumgebung unter den durch die Arbeitsaufgaben erforderlichen Bedingungen wird als Arbeitsplatz bezeichnet.
 Personal
Menschen, die im Arbeitssystem tätig sind, die Arbeitsmittel benutzen und betätigen
 Arbeitsgegenstand
Subjekt, mit dem ein Austausch erfolgt, oder Objekt, das bearbeitet wird, um die Leistung (Produkt, Dienstleistung) zu erbringen
 Arbeitsablauf oder Arbeitsorganisation
Die räumliche und zeitliche Abfolge des Zusammenwirkens von
Mensch, Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstand, Energie und Information innerhalb des Arbeitssystems
Abbildung 2.3:
Arbeitssystem
Die Schnittstellen an der Systemgrenze zu vor-, nach- und übergeordneten Systemen sind bestimmt durch:
 Eingabe (Input) in das System
 Informationen (Arbeitsanweisungen, Vorlagen, Pläne, Listen
usw.)
 Materialien (Rohstoffe, Hilfsstoffe usw.)
 Energien (Elektrizität, Wärme, Druckluft, Wasser usw.)
 Arbeitsergebnisse (Output aus dem System)
 Produkte, Dienstleistungen
 Abfälle (Schrott, Ausschuss, verbrauchte Hilfsstoffe usw.)
 Emissionen (Stäube, Lärm, Rauche, Gase usw.)
 Informationen (Qualitätsangaben, Fertigmeldungen usw.)
 Arbeitsumgebung
Räumliche Bereiche unmittelbar außerhalb des abgegrenzten
Arbeitssystems wie z. B.
 benachbarte Arbeitssysteme, Maschinen oder Anlagen, mit
denen es ggf. zu einem Austausch von Einwirkungen kommen
kann
 Umwelteinflüsse (z. B. Sonneneinstrahlung, klimatische Einwirkungen)
Beschreiben Sie bitte den Codierplatz anhand der aufgeführten
Elemente als Arbeitssystem.
Teil- oder
Untersysteme
Systeme können aus verschiedenen Teil- oder Untersystemen bestehen. Jedes Teilsystem ist in sich wiederum ein abgeschlossenes
System, das zu anderen Systemen in Beziehung steht. Arbeitssysteme
lassen sich als eine Schachtelung von Untersystemen auf verschiedenen Systemebenen beschreiben (vgl. Abbildung 2.4). Die Zahl der
Systemebenen hängt dabei von der Komplexität und Strukturierung
des Unternehmens ab.
Für den praktischen Umgang mit Arbeitssystemen kommt es auf die
Wahl der Systemebene und die Abgrenzung des Systems an. Denn
hiermit wird der Rahmen für die Analyse und die Lösungssuche festgelegt.
Erste Ebene
Unternehmen
Unternehmen
Frachtzentrum 1
...
Zweite Ebene
Betriebsstätte
Frachtzentrum 2
Eingangsbereich
Abgangsbereich
...
Dritte Ebene
Arbeitsstätten
Vorsortierbereich 1
...
Vorsortierbereich 2
Transportbehälterbereitstellung
Aufgabe
Vierte Ebene
Arbeitsgruppen
Fünfte Ebene
Arbeitsplätze
...
Codieren
Adresse lesen
Daten eingeben
Aufkleben
...
Sechste Ebene
Wirkbereiche
Ein Beispiel für die Lösungssuche auf verschiedenen Systemebenen
aus einem anderen Bereich:
Teile mit einem Gewicht von 25 kg werden zwischen zwei Bearbeitungsschritten, die von verschiedenen Mitarbeitern in verschiedenen
Räumen ausgeführt werden, in Gitterboxpaletten abgelegt. Sowohl
beim Ablegen durch den Mitarbeiter A am Arbeitsplatz X als auch
beim Herausnehmen durch den Mitarbeiter B am Arbeitsplatz Y treten
Überbeanspruchungen durch Heben und Tragen der Teile in ungünstiger Körperhaltung auf. Auf der Betrachtungsebene des einzelnen
Arbeitsplatzes können Lösungen z. B. im Anbringen von Hubtischen
oder Hebehilfen (Schwenkkran) bestehen. In einem Arbeitssystem höherer Ordnung (Arbeitsgruppe oder Halle) sind ganz neue Lösungen
möglich:

Räumliche Zusammenlegung der beiden Arbeitsplätze, so dass
zwischen den beiden Arbeitsplätzen die Teile horizontal auf dem
Tisch bewegt werden können, also nicht mehr in Gitterboxen abgelegt und wieder aufgenommen werden müssen; damit entfallen
zwei der vier belastenden Umschlagvorgänge.
Abbildung 2.4:
Ebenen zur
Beschreibung von
Arbeitssystemen am
Beispiel des Frachtzentrums

Die beiden Mitarbeiter führen beide Arbeitsgänge an ihrem
Arbeitsplatz aus; auch hierdurch entfallen die Umschlagvorgänge
und gleichzeitig wird die Arbeitsaufgabe interessanter, aber auch
anspruchsvoller.
Überlegen Sie am Beispiel des Frachtzentrums (Abbildung 2.4),
welche unterschiedlichen Verbesserungen auf den jeweiligen Ebenen möglich sind.
Schnittstellenanalyse
Bei der Analyse und Gestaltung von Arbeitssystemen sind die Schnittstellen zwischen den Systemen besonders zu beachten. Dies gilt sowohl für Schnittstellen zwischen Arbeitssystemen gleicher Ebenen (horizontale Schnittstellen) als auch für die Schnittstellen zwischen Arbeitssystemen verschiedener Ebenen (vertikale Schnittstellen). Insbesondere die Vorgaben und Strukturen übergeordneter Systeme bestimmen die Gestaltungsmöglichkeiten für untergeordnete Arbeitssysteme. Insofern sind bei der Analyse von Systemen die übergeordneten Arbeitssysteme mit einzubeziehen.
Arten von Systemen
Ein weiterer wichtiger Aspekt für das Vorgehen bei der Gestaltung ist
die Art des Systems. Es lassen sich beispielsweise technische, biologische, soziale Systeme unterscheiden. Systeme folgen in ihrem Verhalten unterschiedlichen Regeln – je nachdem, woraus ihre Elemente bestehen.
Biologische Systeme
Bei der Betrachtung von Systemen, die aus „Lebewesen“ bestehen,
folgt das Verhalten den Regeln der Biologie.
Technische Systeme
Technische Systeme wie z. B. eine Maschine bestehen aus technischen Elementen, die nach technischen Regeln zusammenwirken.
Soziale Systeme
In sozialen Systemen sind die Systemelemente Menschen, die in bestimmten Beziehungen zueinanderstehen, wie beispielsweise eine Familie, die Teilnehmergruppe in einem Seminar oder eine Arbeitsgruppe. Diese Systeme verhalten sich nach sozialen Regeln, wie sie von
den Sozialwissenschaften (Psychologie) beschrieben werden.
Sozio-technische
Systeme
Arbeitssysteme sind meist sozio-technische oder Mensch-MaschineUmwelt-Systeme, in denen Beziehungen zwischen technischen Elementen, aber auch zwischen den Menschen und zwischen technischen
Elementen und Menschen auftreten. Das Systemverhalten und die Beziehungen der Systemelemente untereinander folgen weder ausschließlich technischen noch sozialen Regeln, sondern einer Kombination.
Die sichere, gesundheitsgerechte und menschengerechte Arbeitsgestaltung kann daher nie nur unter technischen Aspekten erfolgen.
Demnach geht die Arbeitswissenschaft immer von Arbeitssystemen als
sozio-technische Systeme aus.
2.2
Arbeitssystemgestaltung
2.2.1
Stellenwert des Menschen in Arbeitssystemen
Der Mensch ist im sozio-technischen System das aktive Element. Er
kann andere inaktive Elemente des Systems wie beispielsweise ein
Fahrzeug, eine Maschine oder ein Werkzeug in Bewegung setzen.
Letztlich entstehen ohne seine Arbeit keine Produkte oder Dienstleistungen.1
(Erwerbs-)Arbeit kann bezeichnet werden als das zielgerichtete,
planvolle und willentlich gesteuerte Tätigsein des Menschen, bei
dem dieser mit anderen Menschen und technischen Hilfsmitteln
in Austausch tritt, um unter wirtschaftlichen Zielsetzungen Produkte oder Dienstleistungen zu erstellen.2
Hinsichtlich des Stellenwerts der menschlichen Arbeit vollzieht sich in
den letzten Jahren zunehmend ein Wandel. Der gut ausgebildete, motivierte, verantwortungsbewusste und leistungsbereite Mitarbeiter wird
mehr denn je als Voraussetzung für das Erreichen betrieblicher Ziele
gesehen. Der Mensch steuert die technischen Elemente des Arbeitssystems (anthropozentrisches Menschenbild).
Dem entsprechend steht der Mensch im Mittelpunkt der Arbeitssystemgestaltung. Seine Leistungsvoraussetzungen, seine Stärken und
Schwächen bestimmen entscheidend den Systemoutput. Für den
Arbeitsschutz ist die Ausrichtung auf den Menschen durch humane
und ethische Gründe vorgegeben.
Lesen Sie hierzu bitte noch einmal die Definitionen und Begründungen zum Arbeitsschutz in der Einführungslektion, Abschnitt 3, sowie
zu den Leistungsvoraussetzungen des Menschen in Lektion 1, Abschnitt 2.
2.2.2
Ziele der Arbeitssystemgestaltung
Bei der Arbeitssystemgestaltung können verschiedene Ziele verfolgt
werden, wie z. B.:
1
Die vollautomatische, menschenleere Fabrik ist nach wie vor eine Vision, deren
Erreichbarkeit, vor allem aber deren Wünschbarkeit auch unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten, zunehmend in Frage gestellt wird.
2
Nach Luczak, H.: Arbeitswissenschaft. Berlin; Heidelberg; New York: Springer,
1998.
Arbeit
 Funktionalität
Arbeitssysteme müssen in der Lage sein, die ihnen zugedachte
Funktion zu erbringen.
 Wirtschaftlichkeit
Arbeitssysteme sind so zu gestalten, dass sie möglichst rationell
und effizient zur Erfüllung betrieblicher Ziele geeignet sind. Anzustreben ist ein günstiges Verhältnis von Ergebnis zu Kosten.
 Dem Menschen angemessene Arbeitsbedingungen
Arbeitssysteme sind so zu gestalten, dass sie den individuellen
Leistungsvoraussetzungen entsprechen. Das beinhaltet den
Schutz vor Gefährdungen und die Förderung der Gesundheit.
 Gesellschaftlich vertretbare Arbeitsbedingungen
Hierzu gehören beispielsweise die Orientierung an gesellschaftlich anerkannten Grenzrisiken, die Beteiligungsmöglichkeiten für
die Beschäftigten, ausreichende Kommunikation, Information, der
Umgang miteinander u. a. m.
 Ökologie
Arbeitssysteme sind so zu gestalten, dass Ressourcen möglichst
sparsam und effizient eingesetzt sowie Abfälle und umweltschädliche Emissionen vermieden werden.
Weitere Ziele können aus anderen Bereichen kommen. Die verschiedenen Ziele sind manchmal gleichgerichtet (d. h. unterstützen sich
gegenseitig), manchmal gegensätzlich (d. h. konkurrieren miteinander). Hieraus entstehen vielfach Konflikte. Auch die Gewichtung der
Ziele wird je nach den Interessen und der Sensibilität der beteiligten
Personen und Gruppen unterschiedlich gesehen.
Die Fachkraft für Arbeitssicherheit muss sich in ihrem Handeln innerhalb dieses Zielsystems bewegen. Es ist Aufgabe der Fachkraft für Arbeitssicherheit, zu unterstützen, zu beraten, zu beobachten und darauf
hinzuwirken, dass dem Menschen angemessene und gesellschaftlich
vertretbare Arbeitsbedingungen entstehen. Sie hat daher keine neutrale Moderationsrolle, sondern verfolgt fachliche Arbeitsschutzinteressen unter Berücksichtigung anderer Ziele.
Arbeitssystemgestaltung
Arbeitsgestaltung
Sichere, gesundheitsund menschengerechte Arbeitsgestaltung
Anliegen der Arbeitssystemgestaltung ist die Optimierung des gesamten Arbeitssystems mit allen unterschiedlichen Zielen. Arbeitsgestaltung ist dabei ein Teilaspekt der Arbeitssystemgestaltung. Sie richtet
sich auf die Gestaltung der Bedingungen der menschlichen Arbeit im
Rahmen des Arbeitssystems.
Arbeitsgestaltung ist das Schaffen von Bedingungen für das Zusammenwirken von Mensch, Technik, Information und Organisation im Arbeitssystem (nach REFA).
Sichere, gesundheits- und menschengerechte Arbeitsgestaltung verfolgt das Ziel, die humanitären Aspekte der Gestaltung der Arbeitsbedingungen zu verwirklichen. Es ist Aufgabe der Fachkraft für Arbeitssicherheit, gemeinsam mit dem Betriebsarzt und der Personalvertre-
tung diesbezügliche Erfordernisse in die Prozesse der vorausschauenden und korrektiven Gestaltung von Arbeitssystemen einzubringen
und auf ihre Umsetzung hinzuwirken.
Vielfach wird im Zusammenhang mit der menschengerechten Arbeitsgestaltung auch von der ergonomischen Gestaltung gesprochen.
Wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Verständnis der
Wechselwirkungen zwischen menschlichen und anderen Elementen eines Systems befasst, und Berufszweig, der Theorie,
Grundsätze, Daten und Verfahren auf die Gestaltung von
Arbeitssystemen anwendet mit dem Ziel, das Wohlbefinden des
Menschen und die Leistung des Gesamtsystems zu optimieren.3
Ergonomie
Ergonomische Gestaltung stellt den Menschen ins Zentrum: Sämtliche
gestaltbaren Elemente des Arbeitssystems sind an die Merkmale
(Leistungsvoraussetzungen, Wertvorstellungen, Bedürfnisse usw.) der
Menschen im Arbeitssystem anzupassen (vgl. Abbildung 2.5):
 Jegliche Diskriminierung aufgrund der Mannigfaltigkeit und
Unterschiedlichkeit der gesamten Zielpopulation ist zu vermeiden.
Dazu muss die Zielpopulation ermittelt und beschrieben sowie
das Arbeitssystem individuell angepasst werden.
 Aufgaben sind dem Menschen angemessen zu gestalten. Dabei
sind die Beschaffenheit der Aufgabe und deren Auswirkungen auf
den Menschen umfassend zu berücksichtigen.
 Physische, organisationsbezogene, soziale, kulturelle sowie rechtliche Umgebungen sind zu identifizieren und zu beschreiben.
 Gebrauchstauglichkeit, d.h. Herstellung der Effektivität, Effizienz
und Zufriedenheit und deren Erhalt über sämtliche Stufen des Lebenszyklus.
 Arbeitssysteme müssen so gestaltet sein, dass sie für möglichst
viele Beschäftigte zugänglich, d.h. im Rahmen ihrer LeistungsvoErgonomische Grundnorm DIN EN ISO 26800 (II)
raussetzungen nutzbar sind.
Anpassung von …
Produkten
Organisationen
Werkzeugen
Wertvorstellungen
Dienstleistungen
Eigenschaften
Bedürfnisse
Aufgaben
Ausrüstungen
Fähigkeiten
Einschränkungen
Systemen
Tätigkeiten
u. a. m.
… an den Menschen
3
Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit - P03/F-12
DIN EN ISO 26800:2011 Ergonomie – Genereller Ansatz, Prinzipien und Konzepte
Abbildung 2.5:
Menschzentrierte
Arbeitsgestaltung
Neben diesem umfassenden Verständnis von Ergonomie wird unter
Ergonomie im engeren Sinne auch der Gestaltung der MenschMaschine-Schnittstelle und der ergonomischen Arbeitsmittelgestaltung verstanden. Der Schwerpunkt der ergonomischen Arbeitsmittelgestaltung liegt auf der „Handseite“ des Arbeitsmittels, dort wo der
Mensch direkt mit dem Arbeitsmittel in Berührung kommt (maßliche
Gestaltung von Arbeitsplätzen, Gestaltung unter Berücksichtigung von
Körpergröße und -haltung, Muskelkraft und Körperbewegungen). Die
Mensch-Maschine-Schnittstelle beinhaltet alle Komponenten eines
Arbeitssystems zur funktionellen Wechselbeziehung zwischen dem
Menschen und dem technischen System (Gestaltung von Anzeigeinstrumenten und Stellteilen u. Ä.). Menschengerechte Arbeitsgestaltung
geht aber darüber hinaus und schließt u.a. Aspekte der Gesundheitsförderung ein.
Weitere Hinweise zu ergonomischen Zusammenhängen und Anforderungen an die ergonomische Gestaltung enthalten DIN EN ISO 26800
„Ergonomie – Genereller Ansatz, Prinzipien und Konzepte“ sowie
TRBS 1151 „Gefährdungen an der Schnittstelle Mensch - Arbeitsmittel - Ergonomische und menschliche Faktoren“.
Arbeitsschutzgerechte
Gestaltung
Im Folgenden wird von arbeitsschutzgerechter Gestaltung gesprochen. Dies beinhaltet immer Aspekte der sicheren, gesundheitsgerechten, menschengerechten Gestaltung einschließlich
einem umfassenden Ergonomieverständnis und der Aspekte der
Förderung der Gesundheit.
2.2.3
Ziele und Bewertungskriterien der arbeitsschutzgerechten Arbeitsgestaltung
Die arbeitsschutzgerechte Arbeitsgestaltung muss eigene Ziele verfolgen und Bewertungsmaßstäbe anlegen. Sie haben solche bereits in
der Einführungslektion kennengelernt.
Siehe hierzu Einführungslektion, Abschnitt 6.5, insbesondere die Ausführungen zur Maßnahmenhierarchie und zur Hierarchie der Gestaltung der Arbeitsbedingungen.
Menschengerechte
Arbeitsgestaltung
5
Sozialverträglich
4
Persönlichkeitsförderlich/zufrieden
3
Zumutbar
2
Ausführbar
Schädigungslos
1
Die Arbeitswissenschaften haben ein 5-stufiges Kriterienmodell für
menschengerechte Arbeitsgestaltung entwickelt:
 Die Arbeit soll schädigungslos und ausführbar sein (Stufen 1
und 2).
Grundsätzlich gilt, dass Arbeit die Beschäftigten in ihrer Gesundheit nicht schädigen darf. In den Lektionen 1 bis 3 haben Sie bei
den verschiedenen Faktoren kennengelernt, wie Wirkungen auf
den Menschen zu Gesundheitsschäden führen können und an
welchen Grenzwerten und Kriterien Sie sich orientieren können.
Vielfach finden Sie solche Vorgaben auch in Gesetzen, Normen,
Regeln der Technik, der Hygiene und den gesicherten arbeitsmedizinischen und arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen. Die
Maßnahmenhierarchie zum Schutz der Beschäftigten vor Unfallund Gesundheitsgefährdungen findet hier ihre Anwendung.
Hinsichtlich Sicherheit heißt dies, Systemsicherheit herzustellen:
Systemsicherheit ist der Zustand eines Arbeitssystems, in
dem technische, organisatorische und personelle Faktoren
im Zusammenwirken den Eintritt eines Schadens mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ausschließen.
Unter Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen muss
die Arbeit so gestaltet sein, dass sie nicht zu körperlicher und/
oder geistiger Überbeanspruchung führt (Ausführbarkeit).
 Die Arbeit soll zumutbar sein (Stufe 3).
Arbeit ist zumutbar, wenn sie nach übereinstimmender Mehrheit
der Betroffenen unter den gegebenen gesellschaftlichen, technischen und organisatorischen Bedingungen gerade noch hingenommen werden kann.4 Zumutbarkeit ist demnach auch durch soziale Kriterien bestimmt, wie sie z. B. aus tarifvertraglichen Regelungen hervorgehen. Es handelt sich hierbei vor allem um den Arbeitsinhalt, den Tätigkeits- und Handlungsspielraum bei der Arbeit. Bestimmte Tätigkeiten wie etwa die Eingabe von Zahlenkolonnen am Bildschirm können zwar schädigungslos und ausführbar sein, werden aber von den Beschäftigten übereinstimmend als
nicht zumutbar empfunden. In Lektion 3, Abschnitt 3 „Psychische
Faktoren“, haben Sie hierzu Hinweise erhalten.
 Die Arbeit soll persönlichkeitsförderlich sein, zur Zufriedenheit
beitragen und sozialverträglich sein (Stufen 4 und 5).
Hier geht es um die Möglichkeit des Nutzens vorhandener Qualifikationen, von Lernchancen zur Erweiterung der Qualifikationen,
von Möglichkeiten interessanter und abwechslungsreicher Arbeit,
Möglichkeiten die Arbeitsaufgaben auf verschiedenen Wegen zu
lösen, aber auch um Kommunikation und Zusammenarbeit mit
den Kollegen. Sozialverträglichkeit bedeutet vor allem, die Beschäftigten bei der Gestaltung ihrer Arbeit zu beteiligen und kooperative Arbeitsformen zu schaffen.
Ob die Arbeit menschengerecht ist, kann anhand dieser fünf hierarchisch geordneten Bewertungsstufen beurteilt werden. Es müssen immer die Anforderungen der jeweils unteren Stufen erfüllt sein, damit
die Kriterien der nächst höheren Stufe greifen können. Die Bewertungskriterien sind immer auf Arbeitssysteme anzuwenden, d. h. auf
4
Nach Martin, H.: Grundlagen der menschengerechten Arbeitsgestaltung. Handbuch für die betriebliche Praxis. Köln: Bund, 1994, S. 25, unter Bezugnahme auf
Luczac und Volpert.
Systemsicherheit
alle Elemente und ihre Beziehungen untereinander und nicht nur auf
ein einzelnes Systemelement.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
!
Der Mensch bestimmt mit seinen individuellen Eigenschaften die
Anforderungen an die Arbeitssysteme.
Hieraus ergeben sich als wesentliche Ziele und Bewertungskriterien
der arbeitsschutzgerechten Arbeitsgestaltung:
 Die Arbeit muss sicher ausgeführt werden können.
 Die Arbeit darf zu keinen gesundheitlichen Schäden und Beeinträchtigungen führen.
 Die Arbeitssysteme müssen an die körperlichen und geistigen
Leistungsvoraussetzungen der im Arbeitssystem tätigen Menschen angepasst sein.
 Die individuelle Belastungsfähigkeit und individuellen Beeinträchtigungen aufgrund körperlicher Behinderungen oder besonderer
Lebenssituationen sind bei der Arbeitssystemgestaltung zu berücksichtigen.
 Die Gesundheit muss erhalten und soll gefördert werden.
Diese Ziele sind immer auf die Arbeitssysteme zu beziehen.
Menschen – insbesondere in unterschiedlichen Funktionen und Positionen – beurteilen Arbeitssysteme unterschiedlich. Je nach Einstellung, Rolle, Aufgabe und Erfahrungen wenden sie verschiedene Zielund Bewertungskriterien an bzw. gewichten diese unterschiedlich.
Überlegen Sie, nach welchen Kriterien Arbeitssysteme beurteilt
werden von
 Dienstherr/Arbeitgeber
 Vorgesetzten vor Ort
 Personalvertretung
 Beschäftigten
Diese unterschiedlichen Beurteilungen haben alle ihre Berechtigung
und ihren eigenen Stellenwert. Das Ziel, die Arbeitssysteme sicher,
gesundheits- und menschengerecht zu gestalten, ist gleichrangig zu
anderen Zielen (vgl. Abschnitt 2.2.2). Dies einzubringen, durchzusetzen und die Führungskräfte bei der Erfüllung dieser Ziele zu unterstützen, ist Aufgabe der Fachkraft für Arbeitssicherheit.
2.2.4
Arbeitsanalyse als Voraussetzung zur Arbeitsgestaltung
Sie werden sicherlich festgestellt haben, dass die arbeitsschutzgerechte Arbeitsgestaltung eine komplexe Sache ist. Es müssen sehr
unterschiedliche Probleme erkannt, aufeinander bezogen und gelöst
werden. Wesentliche Voraussetzung ist es, ein genaues Bild der Ausgangssituation über die vorhandenen oder geplanten Arbeitssysteme
zu gewinnen. Durch eine Arbeitsanalyse lassen sich mithilfe systematischer Verfahren die Eigenschaften von Arbeitstätigkeiten erheben
(vgl. Abbildung 2.6 und Übersicht 2.1). Mit der Arbeitsanalyse sollen
Ansatzpunkte zur Arbeitsgestaltung gewonnen werden, und zwar für
 die Anpassung der Arbeit an den Menschen durch geeignete Gestaltung von Technik und Organisation,
 die Vorbereitung des Menschen auf die Arbeit durch Ausbildung,
Übung sowie Personalauswahl und -entwicklung.
Methoden der Arbeitsanalyse
Unstandardisierte
Methoden
Vorhandene Arbeitsplatzbeschreibungen
„Erzählende Beschreibungen“,
die je nach Interessenschwerpunkt unterschiedliche Aspekte
der Arbeit berücksichtigen
Freie Berichte
der Stelleninhaber
Beschreibung des eigenen
Arbeitsplatzes in freier Formulierung
Arbeitsausführung
durch den
Arbeitsanalytiker
Erhebung unmittelbarer
Informationen durch
Selbstausübung einer
bestimmten Tätigkeit
Halbstandardisierte
Methoden
Arbeitstagebuch
Aufforderung an den Stelleninhaber, täglich seine Arbeitsaktivitäten in einer Art Tagebuch zu notieren
Beobachtung
Erfassung von Verhaltensweisen der arbeitenden
Person und der Bedingungen
am Arbeitsplatz
Interviewtechniken
Wahrnehmung und Bewertung
der Arbeitsbedingungen durch
eine repräsentative Auswahl
von Betroffenen
Dokumentenanalyse
Auswertungen von Quellen
wie Statistiken, Berufsbeschreibungen, Verfahrensvorschriften, Wartungsanleitungen, Sicherheitsbestimmungen etc.
5
Nach: Bullinger, 1994, S. 4.
Standardisierte
Methoden
Fragebogen
Erhebung und Verarbeitung
einer großen Anzahl von
Stichproben, da die Befragten
vor vorgegebene Alternativen
gestellt werden
Beobachtungsinterviews
Befragung des Stelleninhabers
in standardisierter Form und
Einstufung der Antworten mit
den parallel angestellten
Beobachtungen
Checklisten
Beurteilung des Arbeitsplatzes
anhand einer Liste von Feststellungen auf zutreffend oder
nicht zutreffend
Abbildung 2.6:
Methoden der
5
Arbeitsanalyse
Arbeitsanalyse
Unter Arbeitsanalyse werden alle Formen der Datengewinnung
über die Arbeitssituation, die Arbeitsaufgabe und die Arbeitsmittel durch Beobachtungen, Befragungen oder Messungen verstanden.
Die Formen der Datengewinnung reichen von unstandardisierten Methoden, mit denen in qualitativer Form nach sehr allgemeinen Festlegungen Daten erhoben und festgehalten werden, bis hin zu sehr speziellen standardisierten Verfahren (vgl. Abbildung 2.6).
Unstandardisierte
Verfahren
In Lektion 4 haben Sie bereits einige Methoden kennengelernt, die
auch für die Arbeitsanalyse zu nutzen sind. Darüber hinaus können
Sie im Sinne eines unstandardisierten Verfahrens eine Reihe von Fragen aufwerfen, mit denen Anforderungen an die Arbeitstätigkeit und
daraus abzuleitende Anforderungen zur arbeitsschutzgerechten
Arbeitsgestaltung in einfacher Weise zu erheben sind.
 Wie ist das Arbeitssystem in das Gesamtsystem einzuordnen
(vgl. Abbildung 2.4)?
 Welche Funktion soll das Arbeitssystem innerhalb des Gesamtsystems erfüllen? Welche Zielvorgaben gibt es?
 Welche Arbeitsteilung existiert innerhalb des Gesamtsystems?
 Wie ist das Arbeitssystem in den Gesamtprozess der Leistungserstellung (Dienstleistung, Produktion) einzuordnen? Welche Beiträge soll es für die betroffenen Geschäftsprozesse (Abläufe zur
Erstellung der Leistung) erbringen?
 Welche Funktionsteilungen sind zwischen verschiedenen Arbeitssystemen vorgesehen?
 Welche Funktionsteilung ist zwischen Mensch und Maschine vorgesehen?
 Welche Technologie soll eingesetzt werden? Welcher Automatisierungs- und Mechanisierungsgrad soll erreicht werden?
 Welche Funktionsteilung ist zwischen mehreren Personen innerhalb des Arbeitssystems vorgesehen?
 Welche Arbeitsaufgaben ergeben sich aus den Funktionsteilungen und der Gestaltung der Geschäftsprozesse?
 Welches Personal steht für die Erfüllung der Arbeitsaufgaben
prinzipiell zur Verfügung (Anzahl, Leistungsvoraussetzungen,
Qualifikation etc.)?
Standardisierte
Verfahren
Es gibt verschiedene standardisierte Verfahren der Arbeitsanalyse,
die auch zur Analyse bzw. Gestaltung von Arbeitssystemen nutzbar
sind (vgl. Übersicht 2.1). Alle standardisierten Verfahren sind komplex
und bedürfen einer vertieften Kenntnis und Anwendungserfahrung.
Die Fachkraft sollte deshalb entweder im Betrieb vorhandenes Exper-
tenwissen für ihre Arbeit nutzen oder ggf. vorschlagen, externe Experten einzuschalten.
Verfahren
Gegenstand
Nutzen
Psychologische
Verfahren
Analyse des Verhaltens der arbeitenden Person in
der mittelbaren
und unmittelbaren
Umgebung
 Ermittlung motivationsfördernder
Elemente der Arbeit
 Veränderungen im Arbeitsinhalt
 Veränderungen in der Organisationsstruktur
 Verbesserung von Sicherheit und
Gesundheit
Arbeitswissenschaftliche
Verfahren
2.2.5
Analyse der objektiven Bedingungen und Anforderungen der
Arbeitssituation
mit technologischen, organisatorischen Inhalten
 Verbesserung der Arbeitsabläufe
 Arbeitsvereinfachung
 Rationalisierung von Bewegung,
Zeit und Anstrengung
 Verbesserung der Maschinen
und der technischen Ausrüstung
 Entwicklung von Normen
Übersicht 2.1:
Verfahren
der Arbeitsanalyse
Gestaltungsfelder und Gestaltungsansätze
Bei der Gestaltung von Arbeitssystemen muss von einigen prinzipiellen Überlegungen ausgegangen werden.
In jedem System gibt es nur wenige Ansatzpunkte (Maßnahmen,
Gestaltungsbereiche), an denen man eingreifen kann, um das
System in seinem Gesamtverhalten wirksam und dauerhaft zu
verändern.
Ziel der Fachkraft für Arbeitssicherheit muss es sein, die richtigen Ansatzpunkte zu finden und zu nutzen.
Beispiel:
In einem Frachtzentrum werden fahrbare Transportbehälter mittels
einer Kippeinrichtung auf ein Transportband entleert. Hierzu müssen
die Behälter von Hand in die Kippeinrichtung hinein geschoben werden. Der Behälter wird dann kraftbetrieben angehoben, zur anderen
Seite gekippt und der Inhalt auf das darunter liegende Transportband
entleert. Vielfach bleiben noch Frachtstücke in dem Behälter hängen.
Die Beschäftigten lösen diese dann von Hand oder mit Stangen. Bei
diesem Vorgang konnten folgende Gefährdungen analysiert werden:
 Sich quetschen, klemmen der Hände beim Einfahren in die Kippeinrichtung
 Getroffen werden von fallenden, kippenden Frachtstücken
 Schwere dynamische Arbeit in ungünstiger Körperhaltung (vorgebeugt) beim Lösen der hängen gebliebenen Frachtstücke
!
Überlegen Sie, worin die Ansatzpunkte zur Herstellung von Systemsicherheit hinsichtlich des Arbeitssystems „Entleeren von
fahrbaren Transportbehältern (Kippeinrichtung)“ im Frachtzentrum bestehen.
Der wichtigste Ansatzpunkt ist sicher, die Technik der Kippeinrichtung
so zu gestalten, dass die damit verbundenen Gefährdungen beseitigt
sind. Um Ansatzpunkte für eine dauerhaft wirksame Gestaltung des
Systems zu finden, muss analysiert werden:
 Welche Systemelemente erzeugen die Gefährdung bzw. sind mit
Gefährdungen verbunden? Wo sind die Quellen oder Ursachen
für die Gefährdungen? Welche Entstehungszusammenhänge
existieren?
 Wodurch entstehen die Gefährdungen (Zusammentreffen von
Mensch und Gefährdungsfaktor)?
 Wodurch entstehen gefahrbringende Bedingungen für das Wirksamwerden der Gefährdung?
Mit den in Lektion 4 behandelten Methoden der Gefährdungsanalyse
können Sie solche Ansatzpunkte ermitteln.
Diese Überlegungen zeigen, dass neben der Technik auch andere
Gestaltungsfelder berücksichtigt werden müssen.
!
Übersicht 2.2 zeigt die Gestaltungsfelder für Arbeitssysteme, die sich
mit dem T–O–P–Modell beschreiben lassen (vgl. Einführungslektion,
Abschnitt 6.2).
T
O
Sozio-technische Systeme erfordern die aufeinander abgestimmte Gestaltung der Technik und der menschlichen Arbeit.
P
Technik



Arbeitsmittel
Arbeitsstätten
Arbeitsplätze












Elektrische und mechanische Funktionen
Bewegte Teile und Transporteinrichtungen
Antriebs-, Betriebs- und Steuerenergien
Steuer-, Schalt- und Regeleinrichtungen
Äußere Formen
Unterschiedliche Betriebszustände
Ein- und Ausgabe von Informationen
Betriebsanleitungen, Kennzeichnungen
Betriebsstätten
Baulichkeiten, Arbeits- und Nebenräume
Verkehrswege
Versorgungs-, Betreuungs-, Sozialund Sanitäreinrichtungen
 Räumliche Anordnung der
Komponenten am Arbeitsplatz
 Arbeitsstelle als Ort der Verrichtung
der Arbeitsfunktion
 Ausstattung von Arbeitsplätzen
 Stellteile und Anzeigen
Organisation

Arbeitsverfahren

Arbeitsstoffe

Arbeitsaufgaben

Arbeitsorganisation




Arbeitsinhalte
Arbeitsteilung
Arbeitsform
Handlungsspielraum
 Aufbau- und Ablauforganisation
 Einzelarbeit, Gruppenarbeit,
Teamarbeit, Mischarbeit
 Arbeitsabläufe
Personal
 Dauer
 Lage
 Ruhezeiten und -pausen

Arbeitszeiten
und Pausen

Persönliche Schutzausrüstung (PSA)

Personalentwicklung, Qualifikation

Personalauswahl und -einsatz

Leistungsgewandelte Arbeitnehmer,
spez. Personengruppen

Verhaltensbezogene
Maßnahmen






Information und Motivation
Einstellungen
Verhaltensregeln
Arbeitsanweisungen, Betriebsanleitungen,
Betriebsanweisungen
Unterweisung
Beteiligung von Beschäftigten

Führungsstil, Betriebsklima

Arbeitsmedizinische Aspekte

Gesundheitsförderung
Übersicht 2.2:
Gestaltungsfelder
für T–O–P
Das beschriebene T–O–P–Modell unterteilt das Arbeitssystem in technische (T), organisatorische (O) und personelle (P) Bereiche, die ihre
spezifischen Funktionen erfüllen. Erst die Summe der Maßnahmen ergibt Systemsicherheit, Gesundheitsschutz und menschengerechte
Arbeitsgestaltung. Die Bereiche sind miteinander vernetzt und beeinflussen sich gegenseitig.
!
Arbeitsschutzgerechte Arbeitssysteme entstehen durch Vermeiden bzw. Beherrschen von gesundheitsschädigenden Energien
und Stoffen sowie durch menschengerechte Gestaltung von
Arbeitsinhalten und der Arbeitsumgebung. Präventive Gestaltung hat Vorrang vor korrektiven Veränderungen. Die Gestaltung
muss immer auf die Bereiche Technik, Organisation und Personal in ihrer Vernetzung und gegenseitigen Beeinflussung gerichtet sein.
In dieser und den folgenden Lektionen 6 und 7 lernen Sie Grundsätze,
Gestaltungsmöglichkeiten und Vorgehensweisen für die Gestaltung
der Felder T – O – P näher kennen.
2.3
Vorgehen und Aufgaben der Fachkraft für
Arbeitssicherheit bei der Arbeitssystemgestaltung
Sicherheit, Gesundheit und menschengerechte Arbeitsgestaltung
müssen durch einen ständigen Prozess der Verbesserung von bestehenden und eine möglichst optimale vorausschauende Gestaltung
von geplanten Arbeitssystemen erreicht werden.
Es ist Aufgabe der Fachkraft für Arbeitssicherheit und des Betriebsarztes sich mit Maßnahmen zur Arbeitssystemgestaltung zu befassen, um
den Arbeitgeber bzw. die verantwortlichen Führungskräfte dabei
fachkundig unterstützen zu können (siehe hierzu insbes. § 6 ASiG, Ziff.
1-3 und § 3 ASiG, Ziff. 1 und 3). Beide haben sich aktiv und eigeninitiativ um die Unterstützung des Unternehmers bei der Gestaltung von
Arbeitssystemen zu kümmern.
Die Aufgaben von Fachkraft für Arbeitssicherheit und Betriebsarzt sind
in den Aufgabenkatalogen der DGUV Vorschrift 2 konkretisiert (siehe
hierzu Anlage 2, Ziff. 2 und 3 zur Grundbetreuung und betriebsspezifischen Betreuung).
Sie haben sich bereits in der Einführungslektion einen Überblick zu
den Aufgabenkatalogen der DGUV Vorschrift 2, Anlage 2 verschafft.
Befassen Sie sich nun eingehend mit dem Aufgabenkomplex zur
Arbeitssystemgestaltung (Verhältnisprävention) in der Grundbetreuung (Anhang 3, DGUV Vorschrift 2).
Gegenstand der Grundbetreuung ist die Unterstützung bei grundlegenden Maßnahmen der Arbeitsgestaltung (hier: Verhältnisprävention
im Sinne der vorausschauenden Gestaltung der „Verhältnisse“; Verhaltensprävention wird in Lektion 7, Abschnitt 3 behandelt).
DGUV Vorschrift 2 und
Verhältnisprävention
Zu den grundlegenden Maßnahmen der Arbeitsgestaltung in Aufgabenfeld 2.1 der DGUV Vorschrift 2 gehört, die bestehenden Arbeitsbedingungen hinsichtlich
Grundbetreuung
 Arbeitsmitteln,
 Arbeitsstoffen,
 Arbeitsplatzgestaltung,
 Arbeitsumgebung,
 Arbeitsverfahren und
 Arbeitsorganisation
zu ermitteln, zu beurteilen und dazu „Soll-Zustände“ festzulegen. Anschließend sind die erforderlichen Maßnahmen abzuleiten, Lösungen
hierzu zu suchen und umzusetzen und deren Wirkungen zu kontrollieren.
Dabei sind nicht nur ergonomische, sondern beispielsweise auch
arbeitspsychologische und arbeitswissenschaftliche Aspekte zu beachten. Dies umfasst neben Arbeitsaufgaben, Arbeitsrhythmus sowie
Arbeitszeit- und Pausengestaltung ebenso den Personaleinsatz. Zudem sind die gesundheitsstärkenden Faktoren, wie z. B. die gegenseitigen Unterstützungsmöglichkeiten bei der Arbeit, in den Arbeitssystemen zu ermitteln und zu beurteilen. Dazu soll die Fachkraft u. a.
gemeinsame Begehungen mit dem Betriebsarzt durchführen, mit geeigneten Methoden (siehe hierzu Lektion 4) den Zustand ermitteln und
beurteilen, die erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen ableiten und
deren Durchführung beobachten.
Betriebliche Veränderungen fallen nur dann unter die Grundbetreuung nach Aufgabenfeld 2.2, wenn für den Betrieb keine grundlegend
neuen Abläufe damit verbunden sind. Dies sind zum Beispiel die Ersatzbeschaffung von Maschinen und Geräten, die Umstellung von
Arbeitsverfahren oder der Austausch von Stoffen, die im Prinzip bereits im Betrieb bekannt sind und angewendet werden, oder die Veränderung von Arbeitsplätzen zum Beispiel durch eine neue Anordnung der Arbeitsmittel.
Bei solchen Veränderungen der Arbeitsbedingungen gehört es zu den
Aufgaben des Betriebsarztes und der Fachkraft für Arbeitssicherheit,
auf die Einhaltung der grundlegenden Standards der sicherheitstechnischen und ergonomischen Anforderungen, die Maßnahmen der
hinweisenden Sicherheitstechnik und der Bereitstellung der erforderlichen PSA sowie die Fortschreibung der Gefährdungsbeurteilung hinzuwirken.
Eigeninitiatives Handeln zur Verhältnisprävention bei Veränderung der Arbeitsbedingungen
Betriebsspezifische
Betreuung
Der Aufgabenkatalog der betriebsspezifischen Betreuung berücksichtigt verhältnispräventive Aspekte in mehreren Aufgabenfeldern. Diese
sind ggf. von den Aufgaben im Rahmen der Grundbetreuung abzugrenzen. Bei den regelmäßig betriebsspezifischen Unfall- und Gesundheitsgefahren und Erfordernissen zur menschengerechten Arbeitsgestaltung sind dies z. B.:
 Aufgabenfeld 1.3: Arbeitsaufgaben und Arbeitsorganisation mit
besonderen Risiken (Tätigkeiten mit Potenzialen psychischer
Fehlbeanspruchung wie Anforderungen aus der Arbeitsaufgabe,
Arbeitsorganisation wie z. B. hohe Aufmerksamkeitsanforderungen, große Arbeitsmenge oder Störungshäufigkeiten, Art der Zusammenarbeit)
 Aufgabenfeld 1.5: Erfordernis besonderer betriebsspezifischer Anforderungen beim Personaleinsatz (besondere Personengruppen
(Schwangere, Jugendliche, …): hier z. B. Beratung zum Festlegen
von Soll-Zuständen für den Schutz solcher Personen; Wiedereingliederung von Beschäftigten: hier z. B. Ermitteln des Anpassungsbedarfs der Arbeitssysteme)
Vom Aufgabenbereich der Grundbetreuung überdies hinaus abzugrenzen sind solche Veränderungen, die für den Betrieb wirklich neuartig sind: Die Beschaffung von für den Betrieb grundlegend neuartigen Maschinen und Geräten mit entsprechenden Risiken und Anforderungen an Schutz- und Gestaltungsmaßnahmen sind genauso
Gegenstand der betriebsspezifischen Betreuung wie die grundlegende Veränderung von Arbeitsstätten und Arbeitsplätzen oder von Stoffen mit für den Betrieb neuen Risikopotenzialen.
Betriebliche
Veränderungen in den
Arbeitsbedingungen
und in der
Organisation
Der Aufgabenkatalog der betriebsspezifischen Betreuung sieht hierzu
„Betriebliche Veränderungen in den Arbeitsbedingungen und in der
Organisation“ vor mit den folgenden vier Aufgabenfeldern zur
Arbeitssystemgestaltung:
 Aufgabenfeld 2.1: Beschaffung von grundlegend neuartigen Maschinen, Geräten
 Aufgabenfeld 2.2: Grundlegende Veränderung zur Einrichtung
neuer Arbeitsplätze bzw. der Arbeitsplatzausstattung; Planung,
Neuerrichtung von Betriebsanlagen; Umbau; Neubaumaßnahmen
(Näheres zum Vorgehen bei der Arbeitsstättengestaltung enthält
Abschnitt 5.4 in dieser Lektion)
 Aufgabenfeld 2.3: Einführung völlig neuer Stoffe, Materialien
 Aufgabenfeld 2.4: Grundlegende Veränderung betrieblicher Abläufe und Prozesse; grundlegende Veränderung der Arbeitszeitgestaltung; grundlegende Änderung, Einführung neuer Arbeitsverfahren
Das Aufgabenfeld 2.5 der betriebsspezifischen Betreuung widmet sich
dem Thema Arbeitsschutzmanagement und Aufbau eines Systems der
Gefährdungsbeurteilung (Näheres hierzu in Lektion 9 und 12).
Aus diesen Handlungs- bzw. Betreuungsanlässen heraus müssen
dann für den jeweiligen Betrieb entsprechende Leistungen oder Leistungspakete für Fachkraft für Arbeitssicherheit und Betriebsarzt beschrieben werden (Bedarfsorientierung). Die Beschreibung der Leistungen soll immer eine systematische Vorgehensweise beinhalten.
Leistungen und
Leistungspakete zur
Arbeitssystemgestaltung
Verschaffen Sie sich bitte noch einmal einen Überblick zur systematischen Vorgehensweise der Fachkraft für Arbeitssicherheit in Abschnitt 7 der Einführungslektion.
Übersicht 2.3 ordnet den Handlungsschritten zu, welche Erkenntnisse
aus der arbeitsschutzgerechten Arbeitssystemgestaltung in den einzelnen Schritten insbesondere zu berücksichtigen sind.
Handlungsschritte
Aspekte der Systemgestaltung/
arbeitsschutzgerechten Arbeitssystemgestaltung
Analysieren
 Bestimmung der Systemgrenzen; analytische Beschreibung des Arbeitssystems, Arbeitsanalyse
 Gefährdungsanalyse (vgl. Lektion 4)
Beurteilen
 Arbeitssystem als Gesamtsystem beurteilen
 Einzelelemente des Systems beurteilen
 Wechselwirkungen zwischen Elementen beachten
Ziele setzen
 Ziele für das Arbeitssystem als Gesamtsystem
 Wechselwirkungen zwischen Elementen berücksichtigen
 Ziele der menschengerechten Arbeitsgestaltung berücksichtigen (Stufen 1 bis 5)
Lösungssuche
begleiten
 Lösungssuche ausdehnen auf Arbeitssysteme höherer
Ebenen
 Keine Gestaltung von Einzelelementen im Arbeitssystem
ohne Beachtung der ein- und wechselseitigen Beziehungen
 Wechselwirkungen mit anderen Arbeitssystemen
beachten
Auswahl von
Lösungen
 Systemsicherheit
 Gesundheits- und menschengerechte Arbeitssysteme
Durch- und
Umsetzen
 Arbeitsschutz als gleichrangiges Ziel neben anderen Zie-
Kontrollieren
 Systemzustand bewerten hinsichtlich des Erreichens der
len
Ziele
Vieles, was Sie hier über die Gestaltung von Arbeitssystemen gelernt
haben, mag für Sie weit über den Bereich der Technik hinausgehen.
Bedenken Sie dabei immer, die Technik ist vom Menschen gemacht
und soll den Menschen bei der Ausführung seiner Arbeit unterstützen.
In Anlage 1 dieser Lektion finden Sie weiterführende Literatur zu diesem Abschnitt.
Übersicht 2.3:
Aspekte der
Systemgestaltung
bei den einzelnen
Handlungsschritten
eits
Arb tel
m it
Anforderungen an Arbeitsmittel
3.1
Einführung
Dieser Abschnitt und die folgenden Abschnitte befassen sich mit dem
Gestaltungsfeld „Technik“ von Arbeitssystemen.
T
O
3
Arbeitsmittel wie Maschinen, Geräte, Werkzeuge oder Anlagen haben
erheblichen Einfluss auf die Sicherheit und die gesundheits- und menschengerechte Gestaltung von Arbeitssystemen. Für die arbeitsschutzgerechte Gestaltung gibt es zwei Ansatzpunkte:
P
 Gestaltung des Arbeitsmittels bei Entwicklung und Bau (Herstellen) durch den Hersteller
 Gestaltung der Arbeitsbedingungen bei Bereitstellung geeigneter
Arbeitsmittel durch den Arbeitgeber bzw. von ihm beauftragte
Entscheidungsträger sowie für den Betrieb der Arbeitsmittel
!
Entwicklung und Bau von Arbeitsmitteln einerseits sowie ihre
Bereitstellung und ihr Betrieb andererseits entscheiden darüber,
ob diese Arbeitsmittel sicher, gesundheits- und menschengerecht benutzt werden können.
Herstellen und Bereitstellen von Arbeitsmitteln auf dem Markt
Bereitstellen und
Nutzen
von Arbeitsmitteln
Hersteller,
Händler
Ziel:
Ziel:
Sichere und gesundheitsgerechte
Produkte in der Europäischen Union
Arbeitsschutzgerechte Benutzung von
Arbeitsmitteln in Arbeitssystemen
Kriterien:
Kriterien:
Anforderungen an die technische
Beschaffenheit, formale Pflichten
(z. B. Risikobeurteilung, Konformitätserklärung, Kennzeichnung)
Anforderungen an das Arbeitsmittel
im Arbeitssystem (z. B. Eignung),
formale Pflichten (z. B. Gefährdungsbeurteilung, Prüfung, Überwachung)
Umsetzung:
Abbildung 3.1:
Herstellen und Bereitstellen von Produkten
und Benutzen von
Arbeitsmitteln
Herstellen und
Bereitstellen
Arbeitgeber,
Betreiber
Im Rahmen des Produktentstehungsprozesses, beim Zusammenstellen
von Komponenten, bei wesentlichen
Veränderungen usw.
Wesentliche Rechtsgrundlage:
Produktsicherheitsgesetz mit
Verordnungen
Umsetzung:
Kaufen,
Leihen,
Mieten,
Leasen,
...
In allen Prozessphasen von Bedarfsermittlung, Beschaffung, Implementierung bis zur Inbetriebnahme
Wesentliche Rechtsgrundlage:
Arbeitsschutzgesetz,
Betriebssicherheitsverordnung,
Unfallverhütungsvorschriften
Abbildung 3.1 zeigt den Zusammenhang von Herstellen sowie Bereitstellen und Benutzen von Arbeitsmitteln. Der Hersteller entwickelt und
baut Arbeitsmittel unter bestimmten Vorgaben u. a. mit dem Ziel, sichere und gesundheitsgerechte Produkte auf den Markt zu bringen.
Durch Kaufen, Leihen, Mieten oder Leasen kommt dieses Produkt mit
bestimmten Eigenschaften in den Betrieb. Dort soll es in einem
Arbeitssystem sicher, gesundheits- und menschengerecht benutzt
werden. Um diese Ziele zu erreichen, müssen sowohl Hersteller (und
ggf. auch Händler oder Importeure) als auch Betreiber geeignete
Maßnahmen ergreifen, damit das Arbeitsmittel und die entsprechenden Arbeitssysteme bestimmten Beschaffenheitsanforderungen genügen. Beschaffenheitsanforderungen und Pflichten finden sich für Hersteller und Betreiber bzw. Benutzer in den jeweiligen Rechtsquellen.
Als Fachkraft für Arbeitssicherheit unterstützen Sie in erster Linie Ihren
Arbeitgeber als Betreiber von Arbeitsmitteln. Somit stehen deren Auswahl, Bereitstellung und Benutzung im Vordergrund. Arbeitsmittel
können nur dann fachkundig ausgewählt werden, wenn neben den
Betreiberpflichten auch die grundlegenden Pflichten des Herstellers
bzw. die Beschaffenheitsanforderungen an Arbeitsmittel bekannt sind.
Der Betreiber muss wissen, was er vom Hersteller erwarten kann und
wofür er selbst verantwortlich ist. Außerdem kann unter bestimmten
Umständen der Betreiber gleichzeitig auch Hersteller sein (vgl. hierzu
Abschnitt 3.2.1).
Bereitstellung
und Benutzung
Sie haben als Fachkraft für Arbeitssicherheit die Aufgabe, den Arbeitgeber als Betreiber bzw. ggf. auch als Hersteller zu unterstützen. Insbesondere müssen Sie Vorschläge unterbreiten können, wie die Pflichten und Anforderungen des Arbeitsschutzes im Prozess der Arbeitssystemgestaltung und Beschaffung sowie ggf. im Herstellungsprozess
berücksichtigt werden. Sie müssen in der Lage sein, Arbeitsmittel bereits in der Beschaffungsplanung und im Betrieb auf Sicherheit und
Gesundheitsschutz zu beurteilen. Es ist daher wichtig, sich zunächst
mit dem Herstellen von Produkten zu befassen.
Aufgaben der
Fachkraft für
Arbeitssicherheit
In Abschnitt 3.2 lernen Sie die grundlegenden Rechtspflichten des
Herstellers und die rechtlich geforderten Beschaffenheitsanforderungen an Produkte kennen.
Abschnitt 3.3 behandelt anschließend die Pflichten für den Arbeitgeber, der Arbeitsmittel auswählt und zur Benutzung bereitstellt, sowie
die Anforderungen an Arbeitsmittel bei Auswahl, Bereitstellung und
Benutzung.
3.2
Anforderungen an das Herstellen und Bereitstellen von Produkten auf dem Markt
3.2.1
Rechtsgrundlagen
Ziel einer ganzen Reihe von Rechtsvorschriften6 ist es, für viele Produktgruppen innerhalb der EU freien Warenverkehr mit einheitlichen
Standards zu ermöglichen. Dabei sollen nur solche Produkte auf den
europäischen Markt kommen, die bestimmten definierten Sicherheitsund Gesundheitsschutzstandards genügen. Abbildung 3.2 gibt eine
Übersicht über Gesetze, Verordnungen und Regeln der Technik für
Produkte.
6
Es handelt sich hierbei ausschließlich um staatliche Vorschriften (Gesetze, Verordnungen), die in weiten Teilen auf Richtlinien der Europäischen Union zurückgehen. Die in Unfallverhütungsvorschriften der Unfallversicherungsträger ggf.
noch vorhandenen Anforderungen an die technische Beschaffenheit von
Arbeitsmitteln sind nur noch für Altmaschinen verbindlich, die bis zum 31.12.1992
in Betrieb genommen und seit dem 1.1.1995 nicht wesentlich verändert wurden.
Die Betriebsvorschriften der Unfallverhütungsvorschriften gelten aber weiterhin
(vgl. Abschnitt 3.3).
Gesetze
Produktsicherheitsgesetz
Bauproduktengesetz
Medizinproduktegesetz
Chemikaliengesetz
Sprengstoffgesetz
Maschinenverordnung
Verordnungen
Medizinprodukteverordnung
Gefahrstoffverordnung
Verordnungen
Verordnungen
Weitere
Verordnungen
Regeln
der
Technik
Abbildung 3.2:
Überblick zu
produktbezogenen
Rechtsquellen
Produktsicherheitsgesetz
Produkte
Abbildung 3.3:
Produkte und
Verbraucherprodukte
Harmonisierter
Bereich
Europäische
Normen
EN
Weitere
Verordnungen
Europäische
Normen
EN
Europäische
Normen
EN
Technische
Regeln für
Gefahrstoffe
TRGS
Sprengstofflagerrichtlinien
Grundlegende Pflichten für das Herstellen7 und Bereitstellen von Produkten auf dem Markt und Anforderungen an Produkte enthält das
Produktsicherheitsgesetz (ProdSG)8.
Das ProdSG richtet sich an Hersteller, Händler, Einführer oder deren
Bevollmächtigte, die Produkte auf dem europäischen Markt bereitstellen. Produkte sind Waren, Stoffe und Zubereitungen, die durch einen
Fertigungsprozess hergeProdukte:
stellt worden sind. Verdurch einen Fertigungsprozess hergestellte
braucherprodukte
sind
Waren, Stoffe und Zubereitungen
Produkte, die für (private)
Verbraucher
bestimmt
Verbraucherprodukte:
sind oder von ihnen beProdukte, die für (private) Verbraucher
bestimmt sind oder von ihnen benutzt
nutzt werden könnten
werden könnten
(vgl. § 2 ProdSG, Nr. 22
und 26).
Zum ProdSG liegen für bestimmte Produktgruppen Verordnungen vor,
die EG-Richtlinien in nationales Recht umsetzten (vgl. Übersicht 3.1).
Diese Produktgruppen zählen zum sogenannten „harmonisierten Bereich“, weil die Beschaffenheitsanforderungen und Herstellerpflichten
EU-weit „harmonisiert“ sind, d. h. in allen Ländern des Europäischen
Wirtschaftsraums exakt die gleichen Anforderungen und Pflichten gelten, um Handelshemmnisse zu vermeiden. Die Verordnungen verweisen z. T. auf Anhänge der jeweiligen europäischen Richtlinie, in denen
u. a. Beschaffenheitsanforderungen als Schutzziele zusammengestellt
sind (vgl. Übersicht 3.1).
7
Hersteller ist jede Person, die ein Produkt herstellt oder entwickeln oder herstellen lässt und dieses Produkt unter eigenem Namen oder eigener Marke vermarktet (vgl. § 2 ProdSG).
8
Das Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) trat am 1.12.2011 in Kraft und hat das
frühere Geräte- und Produktsicherheitsgesetz (GPSG) ablöst.
Europäisches Recht zu Produkten
Produktsicherheitsrichlinie 2001/95/EG
Umsetzung in nationales Recht
Produktsicherheitsgesetz (ProdSG)
Niederspannungsrichlinie 2006/95/EG
1. ProdSV: Elektrische Betriebsmittel
Richtlinie über einfache Druckbeh. 87/404/EWG
6. ProdSV: Einfache Druckbehälter
Richtlinie ü. Gasverbrauchseinr. 2009/142/EG
7. ProdSV: Gasverbrauchseinrichtungen
PSA-Richtlinie 89/686/EWG
8. ProdSV: Persönliche Schutzausrüstungen
Maschinenrichtlinie 2006/42/EG
9. ProdSV: Maschinen
ATEX Produktrichtlinie 94/9/EG
11. ProdSV: Geräte f. explosionsgef. Bereiche
Aufzugsrichtlinie 95/16/EG
12. ProdSV: Aufzüge
Druckgeräterichtlinie 97/23/EG
14. ProdSV: Druckgeräte
Übersicht 3.1:
Verordnungen
9
zum ProdSG
Produkte, die nicht unter eine der oben genannten Verordnungen fallen, zählen zum „nicht-harmonisierten“ Bereich. An diese Produkte
stellt das ProdSG abweichende Beschaffenheitsanforderungen.
Nicht harmonisierten
Bereich
Es ist nicht immer ganz einfach festzustellen, ob ein Arbeitsmittel ein
Produkt im Sinne des ProdSG ist und welche Verordnungen jeweils zu
beachten sind. Dazu muss man sich eingehend mit dem Geltungsbereich des ProdSG sowie der Verordnungen befassen.
Welche Anforderungen
sind zu beachten?
Nehmen Sie für folgende Produkte Einordnungen vor. Nehmen Sie
hierzu §§ 1 und 2 ProdSG, die Übersicht über die Verordnungen zum
ProdSG sowie §1 der Maschinenverordnung zur Hilfe:
Produkt
Gilt das ProdSG?
ja/nein
Handelt es sich
um ein Verbraucherprodukt?
Gehört es zum
harmonisierten
Bereich?
Hammer
Elektrische
Handstichsäge
CNC-Formatkreissäge
Schutzhandschuh
Ob Ihre Einstufung richtig ist, können Sie mithilfe von Anlage 2 dieser
Lektion überprüfen.
Adressat der Pflichten und Anforderungen des ProdSG und seiner
Verordnungen ist der Hersteller10, der ein Produkt entwickelt, baut und
erstmals auf dem europäischen Markt bereitstellt11. Nach dem Produktsicherheitsgesetz ist aber auch Hersteller, der
9
Die Maschinenlärminformationsverordnung (3. GPSGV) wurde am 9.3.2007 zurückgezogen. Auch die 4. und 5. GPSGV sind zurückgezogen.
10
Wenn hier der Einfachheit halber von Hersteller gesprochen wird, ist damit auch
der Händler, Einführer oder deren Bevollmächtigte gemeint, die im Rahmen ihrer
jeweiligen Rolle ebenfalls die Erfüllung der Pflichten und Beschaffenheitsanforderungen sicherstellen müssen.
11
Bereitstellung auf dem Markt ist jede entgeltliche oder unentgeltliche Abgabe
eines Produkts zum Vertrieb, Verbrauch oder zur Verwendung auf dem Markt der
Europäischen Union im Rahmen einer Geschäftstätigkeit (vgl. §2 ProdSG, Nr.4).
Wer ist Hersteller?
 ein Produkt aus verschiedenen Komponenten zusammenfügt,
 ein Produkt wesentlich verändert, sodass es dann veränderte
Funktions-, Leistungs- oder Ausstattungsmerkmale aufweist,12
 durch Aufarbeiten ein Produkt in den ursprünglichen, neuwertigen
Zustand versetzt,
 mit einem (gebrauchten) Produkt handelt, es gewerblich verleiht
oder auch verschenkt,
 ausschließlich für den Eigenbedarf ein Produkt entwickelt oder
weiterentwickelt,
 ein Produkt aus einem Staat außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums direkt zur Eigennutzung oder zur Überlassung an
Dritte importiert.
In diesen Fällen wird auch ein Arbeitgeber, der Arbeitsmittel eigentlich nur benutzen will, zum Hersteller und muss die Herstellerpflichten
und Produktanforderungen erfüllen.
Der Betreiber ist nicht Hersteller im Sinne des ProdSG, wenn er ein in
Teilen geliefertes Produkt nur in der vom Hersteller vorgesehenen
Weise montiert. Herstellerpflichten sind aber immer dann zu erfüllen,
wenn Teile in einer Kombination zusammengefügt werden, wie dies
vom Hersteller konkret nicht vorgesehen ist. Beispiele sind:
 Zusammenfügen von Komponenten verschiedener Hersteller zu
einer verketteten Anlage
 Anbau eines Hubsteigers an ein Universalbaufahrzeug
 Zusammenfügen von Hardware-Komponenten in einem Computergehäuse
 Zusammenfügen von Komponenten für einen Motorenprüfstand
Überlegen Sie anhand der o. g. Auflistung, wo in Ihrem Zuständigkeitsbereich solche Vorgänge auftreten können, bei denen die Herstellerpflichten und Produktanforderungen zu erfüllen sind!
Neben dem ProdSG können je nach Produkteigenschaften weitere
Vorschriften gelten:
Elektromagnetische
Verträglichkeit
von Geräten
 Für Geräte, die elektromagnetische Störungen verursachen können oder deren Betrieb durch solche Störungen beeinträchtigt
werden kann, gelten weitere Anforderungen und Herstellerpflich12
Ob eine wesentliche Veränderung vorliegt, muss nach der „Interpretation des
BMA und der Länder für den im GPSG benutzten Begriff ‚wesentliche Veränderung’ in Bezug auf Maschinen“ durch eine Risikobeurteilung festgestellt werden
(vgl. Anlage 3).
ten gemäß dem Gesetz über die elektromagnetische Verträglichkeit von Geräten (EMV-Gesetz).
 Das Bundesimmissionsschutzgesetz und seine Verordnungen
Immissionsschutz
enthält ebenfalls Herstellerpflichten und Beschaffenheitsanforderungen an Produkte, die zwar auf den Umwelt- und Nachbarschaftsschutz ausgerichtet sind, aber auch für den Arbeitsschutz
von Bedeutung sein können, hier insbesondere die Technischen
Anleitungen „Luft“ und „Lärm“ (1. und 6. allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Bundesimmissionsschutzgesetz).
Nähere Ausführungen finden sich bezogen auf einzelne Gefährdungen in den Lektionen 1 bis 3 sowie später in den jeweiligen
fachspezifischen Lektionen.
 Produkte mit bestimmten Emissionen unterliegen ggf. weiteren
Emissionen
Vorschriften.
 Nach dem Produkthaftungsgesetz (Gesetz über die Haftung für
Produkthaftung
fehlerhafte Produkte - ProdHaftG) haftet der Hersteller für Personen- und Sachschäden, die ein fehlerhaftes Produkt verursacht.
3.2.2
Pflichten des Herstellers
Nach § 3 ProdSG darf ein Produkt nur auf dem Markt bereitgestellt
werden, wenn es – neben weiteren Anforderungen - bei bestimmungsgemäßer oder vorhersehbarer Verwendung die Sicherheit und Gesundheit von Personen nicht gefährdet. Um diesen Grundsatz zu erfüllen, ist der Hersteller eines Produktes verpflichtet,
 Sicherheit und Gesundheitsschutz umfassend in seinem unternehmerischen Handeln zu berücksichtigen und insbesondere in den
Prozess der Entwicklung und den Bau des Produktes zu integrieren,
 frühzeitig und in allen Phasen vorausschauend zu handeln, um
Sicherheit- und Gesundheitsrisiken, die von Produkten ausgehen
können, zu vermeiden – unter Berücksichtigung aller Lebensphasen des Produktes (vgl. Abbildung 3.4) und aller anfallenden Tätigkeiten, vor allem Inbetriebnahme, Transport, Gebrauch, Rüsten,
Umbau, Störungsbeseitigung, Instandhaltung, Stillsetzen,
 eine Risikobeurteilung vorzunehmen, um alle von dem Produkt
ausgehenden Gefahren zu ermitteln und die Analyseergebnisse
bei der Entwicklung und beim Bau zu berücksichtigen,
 mit den Maßnahmen möglichst nah an der Gefahrenquelle anzusetzen,
 in eigener Verantwortung selbst zu prüfen, ob alle relevanten Beschaffenheitsanforderungen (vgl. hierzu Abschnitt 3.2.3) eingehalten sind (Konformitätsprüfung),13
13
Für bestimmte Produktgruppen wie z. B. Maschinen mit besonderem Gefahrenpotenzial entsprechend Anhang IV der Maschinenrichtlinie oder bestimmte Persönliche Schutzausrüstung ist statt einer Selbstprüfung die Durchführung einer
Grundsatz des
ProdSG
 verbindlich zu erklären, dass er eine Konformitätsprüfung durchgeführt hat und alle relevanten Beschaffenheitsanforderungen
eingehalten sind (Konformitätserklärung) – verbindlich dokumentiert durch eine dem Produkt beizulegende Konformitätserklärung,
 durch Kennzeichnung des Produkts mit dem CE-Zeichen14 und
Beifügen der Konformitätserklärung die Einhaltung der Beschaffenheitsanforderungen für den späteren Betreiber kenntlich zu
machen,
 Vorkehrungen für gezielte korrektive Maßnahmen im Gefahrenfall
zu treffen (z. B. zur Warnung der Nutzer, Rücknahme oder Rückruf),
 eine Betriebsanleitung zu erstellen und mit dem Produkt zu liefern,
die neben dem Verwendungszweck auch mögliche von dem Produkt ausgehende Gefahren und Anforderungen für seinen sicheren und gesundheitsgerechten Gebrauch enthalten, wenn dies für
den sicheren und gesundheitsgerechten Betrieb erforderlich ist,15
 eine technische Dokumentation zusammenzustellen und für Prüfungen durch die zuständige Behörde (Arbeitsschutzverwaltung,
Gewerbeaufsicht) bereitzuhalten.
Anforderungen an die Konformitätserklärung und Kennzeichnung enthalten die Anhänge der jeweils zutreffenden EG-Richtlinien. Für Maschinen sind dies z. B. die Anhänge II und III der EG-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG.
3.2.3
Anforderungen
an Produkte
Anforderungen an die Beschaffenheit von Produkten
Produkte müssen bestimmten festgelegten Beschaffenheitsanforderungen entsprechen. Solche Beschaffenheitsanforderungen enthalten
die Verordnungen zum ProdSG bzw. die Anhänge zur entsprechenden
EG-Richtlinie16. Wichtigstes Beispiel ist der Anhang I der Maschinenrichtlinie. Er enthält Beschaffenheitsanforderungen an Maschinen in
Form von Schutzzielformulierungen.
Verschaffen Sie sich einen Überblick zum Aufbau des Anhangs I der
EG-Maschinenrichtlinie. Lesen Sie die Vorbemerkungen, den Abschnitt 1.1 sowie weitere Passagen in den folgenden Abschnitten.
Baumusterprüfung entsprechend Anhang VI der Maschinenrichtlinie durch eine
zugelassene Stelle erforderlich.
14
Die CE-Kennzeichnung darf nur bei verwendungsfertigen Produkten des harmonisierten Bereichs erfolgen. Teile von Produkten dürfen nicht gekennzeichnet
werden.
15
Für Maschinen sind Betriebsanleitungen generell erforderlich.
16
Gebrauchte Produkte fallen in der Regel in den nicht-harmonisierten Bereich.
Hier sind die Anforderungen nach § 3, Abs. 2 ProdSG sowie bei Verbraucherprodukten nach §6 ProdSG.
Von grundlegender Bedeutung sind die Grundsätze für die Integration
der Sicherheit (Abschnitt 1.1.2 der EG-Maschinenrichtlinie), die sinngemäß auch auf die Herstellung anderer Produktgruppen übertragbar
sind. Sie beschreiben wichtige Aspekte, die in allen Phasen des Produktentstehungsprozesses zu beachten sind:
 Eine Maschine kann nur dann als sicher gelten, wenn Sicherheit
über die gesamte Lebensdauer und bei allen mit und an der Maschine auszuführenden Arbeiten und Tätigkeiten gewährleistet ist
(vgl. Abbildung 3.4). Hierzu zählen auch Transport, Lagerung,
Montage und Demontage der Maschine bzw. auch Nebentätigkeiten wie Rüsten, Beschicken, Entnahme, Warten, Störungsbeseitigung usw.
Produktentwicklung
Hersteller
Produktion
Hersteller
Vertrieb/Handel
Nutzung
Instandhaltung
Außerbetriebnahme
Transporteur
Händler/Importeur
Beschaffer/Benutzer
Benutzer
Berücksichtigung
der voraussichtlichen
Lebensdauer
Produktanforderungen
Benutzer/Instandhalter
Händler/Hersteller
Benutzer
Entsorger (Händler/Hersteller)
 Entsprechend der Maßnahmenhierarchie ist in erster Linie die
Vermeidung oder Minimierung von Gefahren durch die konstruktiv-technische Gestaltung, d. h. eigensichere Konstruktion der Maschine gefordert. Erst in zweiter Linie sind technische und ergänzende Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Schließlich muss der Benutzer über unvermeidliche Restgefahren sowie von ihm zu ergreifende Maßnahmen zur sicheren und gesundheitsgerechten Benutzung informiert werden.
 Bei Entwicklung und Bau von Produkten sowie der Erstellung von
Betriebsanleitungen muss der Hersteller neben der bestimmungsgemäßen Verwendung auch die vernünftigerweise vorhersehbare
Fehlanwendung der Maschine in Betracht ziehen. Das schließt
ein:
 Vorhersehbares Fehlverhalten infolge Unachtsamkeit
 Reflexartiges Verhalten bei Fehlfunktionen, Zwischenfällen,
Störungen, Ausfällen
 Vorhersehbares menschliches Verhalten, um Zeit zu sparen
oder um unangenehme Arbeiten zu umgehen
 Vorhersehbares Verhalten bestimmter Personen, wie z. B. Kinder oder Behinderte (soweit Zugang zu diesen Maschinen möglich ist)
Abbildung 3.4:
Lebensphasen
eines Produktes
Rangfolge
der Maßnahmen
Bestimmungsgemäße
Verwendung
Die Maschine ist deshalb so zu konzipieren, dass eine gefährliche
nicht ordnungsgemäße Verwendung verhindert wird. Erforderlichenfalls ist in der Betriebsanleitung besonders darauf hinzuweisen.
Ergonomische
Gestaltung unter
Berücksichtigung von
Beanspruchungen des
Bedienungspersonals
 Die im Zusammenhang mit der Benutzung der Maschine auftre-
Schutzausrüstungen
 Die Maschine muss mit allen wesentlichen Spezialausrüstungen
tenden Beanspruchungen der Benutzer, wie Belästigung, Ermüdung, Stress, Monotonie, einschließlich der Beanspruchungen
durch das Tragen Persönlicher Schutzausrüstungen (z. B. Schuhe,
Handschuh, Gehörschutz) sind zu beachten und unter Berücksichtigung ergonomischer Prinzipien auf das möglichste Mindestmaß
zu reduzieren (vgl. TRBS 1151).
oder -zubehörteilen geliefert werden, die für die sichere und gesundheitsgerechte Durchführung aller Tätigkeiten an und mit der
Maschine erforderlich sind.
Normen
Grundsätzlich muss der Hersteller die Beschaffenheitsanforderungen
erfüllen. Er kann sich dabei auf Sicherheitsnormen stützen, die neben
Gefahrenhinweisen und Schutzzielen auch Lösungskonzepte enthalten. Normen sind aufgrund ihres Rechtscharakters grundsätzlich unverbindlich. Wenn der Hersteller sie nicht anwendet oder von ihnen
abweicht, muss er die Beschaffenheitsanforderungen zu Sicherheit
und Gesundheitsschutz des Produktes auf andere Weise erreichen.
Konformitätsvermutung
Den europäischen, sogenannten harmonisierten Normen, die mit der
Kennung EN versehen sind (z. B. DIN EN 811 „Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsabstände gegen das Erreichen von Gefahrstellen mit
den unteren Gliedmaßen“) und im EG-Amtsblatt veröffentlicht sind,
kommt hier eine besondere Bedeutung zu: Wendet ein Hersteller eine
solche Norm bei Entwicklung und Bau eines Produktes an, so kann er
– was die Aspekte der Normanwendung betrifft – ohne eine differenzierte Risikobeurteilung davon ausgehen, dass die Anforderungen der
EG-Richtlinien eingehalten sind, d. h. Konformität gegeben ist (Konformitätsvermutung). Der Hersteller muss die von ihm angewendeten
Normen in der Konformitätserklärung auflisten.
Das Bundesarbeitsministerium veröffentlicht aktualisierte Verzeichnisse der gültigen harmonisierten Normen zu den verschiedenen
Produktgruppen. Sie stehen im Internet bei der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zum Download bereit.
Die wichtigste Sicherheitsgrundnorm ist die DIN EN ISO 12100 „Sicherheit von Maschinen – Allgemeine Gestaltungsleitsätze – Risikobeurteilung und Risikominderung“. Die Norm enthält grundlegende Definitionen, Vorgehensweisen und Gestaltungsansätze für die Entwicklung von Maschinen. Ziel der Norm ist die Sicherheit von Maschinen.
Sicherheit einer Maschine ist die Fähigkeit, ihre Funktion(en)
durchzuführen und transportiert, aufgebaut, eingerichtet, instand gehalten, abgebaut, entsorgt, ... zu werden, ohne dass dadurch Verletzungen oder Gesundheitsschädigungen verursacht
werden.17
Sicherheit von
Maschinen
Die Sicherheit einer Maschine hängt von der Zuverlässigkeit aller Teile der Maschine und der Steuerung ab18.
In Ausfüllung der Herstellerpflicht zur Beachtung der Maßnahmenhierarchie (Anhangs I, Abschnitt 1.1.2 b der Maschinenrichtlinie, vgl.
auch Rangfolge der Maßnahmen) sieht die Norm DIN EN ISO 12100
Sicherheitsmaßnahmen vor, die der Hersteller bzw. der Konstrukteur
in der angegebenen Reihenfolge durchzuführen hat (vgl. Abbildung 3.5).
Erste Stufe
Eigensichere Konstruktion
Zw eite Stufe
Technische und ergänzende
Schutzm aßnahmen
Dritte Stufe
Risikobeurteilung
Abbildung 3.5:
Sicherheitskonzept
nach
DIN EN ISO 12100
Benutzerinformation
Konstruktiv-eigensichere19 Maßnahmen der 1. Stufe haben grundsätzlich Vorrang. Erst wenn durch eigensichere Konstruktion keine ausreichende Risikominderung erreicht werden kann, sind technische sowie
ergänzende Schutzmaßnahmen (2. Stufe) zu ergreifen. Und nur wenn
solche Schutzmaßnahmen ebenfalls nicht ausreichen, darf der Hersteller das Ergreifen von Maßnahmen durch Benutzerinformation
(3. Stufe) auf den Benutzer verlagern, wenn dadurch der sichere und
gesundheitsgerechte Gebrauch des Produktes ermöglicht wird. Ist dies
nicht der Fall, darf das Produkt nicht auf dem Markt bereitgestellt
werden.
In der ersten Stufe soll der Konstrukteur durch Auswahl geeigneter
Konstruktionsmerkmale unter Berücksichtigung möglicher Wechselwirkungen so viele Gefahrenquellen wie möglich vermeiden oder reduzieren. Hierzu zählen insbesondere:
 Geometrische Faktoren, wie etwa:
 Größtmögliche Einsehbarkeit von Arbeits- und Gefährdungsbereichen
17
Nach DIN EN 292, der inzwischen zurückgezogenen Vorläufernorm
DIN EN ISO 12100, die die Sicherheit von Maschinen nicht selbst definiert.
18
Vgl. DIN EN ISO 12100, Abschnitt 6.2.12.1.
19
In DIN EN ISO 12100 als „inhärent sicheren Konstruktion“ bezeichnet.
der
Erste Stufe:
Risikominderung
durch eigensichere
Konstruktion
 Vermeidung von Quetsch- und Schergefahren durch Mindestabstände von bewegten Teilen (vgl. auch DIN EN 349 „Mindestabstände zur Vermeidung des Quetschens von Körperteilen“)
 Vermeidung scharfer Kanten und Ecken, vorstehender Teile
durch Entgraten, Bördeln, Beschneiden oder Verschließen von
Rohrenden
 Vermeidung rauer Oberflächen
 Sicherer Zugang, z. B. durch Plattformen, Stufen, Treppen,
Übergängen mit geeigneten Absturzsicherungen
 Anordnung der Einstell- und Wartungsstellen außerhalb von
Gefahrenbereichen
 Physikalische Faktoren, z. B. Begrenzung erforderlicher Betätigungskräfte, von Massen und Geschwindigkeit bewegter Teile,
von Emissionen wie Lärm, Vibrationen, Strahlung, Gefahrstoffe
Mindestabstand
 Begrenzung der technischen Beanspruchung, z. B. richtige Berechnung, Herstellungs- und Verbindungsverfahren, Vermeidung
von Überlastung und Materialermüdung, Auswahl geeigneter
Werkstoffe
 Auswahl geeigneter Technologien, wie etwa:
a = 25 mm
 Pneumatische, hydraulische oder eigensichere elektrische Antriebe bzw. Steuerungen beim Einsatz in explosionsfähiger Atmosphäre
 Deutliche Unterschreitung der Flammpunkte zu verarbeitender
Erzeugnisse, Lärmvermeidung durch elektrische statt pneumatische Antriebe oder Schneiden mit Wasser statt mechanisch
 Anwenden des Prinzips der mechanisch zwangsläufigen Wirkung, z. B. durch die Schwerkraft oder starr mitbewegte Teile
 Vorkehrungen für die Standsicherheit, z. B. durch die Form des
Fundaments, Massenverteilung (einschließlich Verlagerungen
und Ladung), Bodenbeschaffenheit, auch bei äußeren Kräften wie
Vibrationen, Winddruck, Stoß, inneren dynamischen Kräften, z. B.
durch Verankerung im Fundament
 Vorkehrungen für die Instandhaltungsfreundlichkeit, wie etwa:
 Zugänglichkeit zu den zu wartenden Teilen
 Leichte Handhabung
 Vermeidung besonderer Werkzeuge, langer Wartungszyklen
 Einfacher Wechsel von Verschleißteilen
 Diagnosesysteme zur Fehlersuche und –behebung
 Zuverlässigkeit der Ausrüstung und dadurch Vermeidung gefährlicher Störungen und Störungsbeseitigungen
 Beachtung ergonomischer Grundsätze bei der sicheren, gesundheits- und menschengerechten Gestaltung der Mensch-MaschineSchnittstellen (einschließlich Steuerungen und Befehlseinrichtungen), um psychische oder körperliche Belastung(en) sowie Stress
der Bedienperson zu vermindern. Hier enthält vor allem die
TRBS 1151 sowie die DIN EN 614-1 ergonomische Gestaltungsgrundsätze zu
 Körpermaßen, -haltungen, -bewegungen, -kräften,
 mentalen Fähigkeiten,
 Anzeigen, Signalen und Stellteilen (vgl. auch DIN EN 894 „Ergonomische Anforderungen an die Gestaltung von Anzeigen
und Stellteilen“),
 Lärm, Schwingungen, thermischen Emissionen, Beleuchtung,
Gefahrstoffen und Strahlung,
 Wirkzusammenhängen im Arbeitsablauf,
 Mechanisierung oder Automatisierung von Be- und Entladearbeiten (z. B. Einsatz von Handhabungseinrichtungen, Zuführschlitten oder Roboter).
Die Norm enthält außerdem eine Vorgehensweise für den Gestaltungsprozess mit Aufgabenbeschreibungen und ein Bewertungssystem zur Bewertung von Entwürfen und Mensch-MaschineSchnittstellen.
 Konstruktion elektrischer Ausrüstungen von Maschinen gemäß
IEC 60204-1 „Elektrische Ausrüstung von Maschinen“
 Belastungsarme Konstruktion pneumatischer und hydraulischer
Ausrüstungen, z. B. durch Verwendung von Druckbegrenzern,
Vermeiden von Undichtigkeiten und Bauteilversagen, schädlicher
äußerer Einflüsse
 Eigensichere Konstruktion von Steuerungen, z. B. bei Ausfall der
Energieversorgung, zuverlässiges Vermeiden unbeabsichtigten
Anlaufens
 Minimierung des Ausfalls von Sicherheitsfunktionen, z. B. durch
zuverlässige Bauteile, Redundanz, Begrenzung der Gefährdungsexposition
In der zweiten Stufe sind technische Schutzmaßnahmen zu ergreifen,
um Personen vor Gefährdungen zu schützen, die in der ersten Stufe
konstruktiv nicht vermieden oder ausreichend begrenzt werden konnten. Zu unterscheiden sind z. B.:
 Trennende Schutzeinrichtungen durch Gehäuse, Verkleidungen,
Verdeckungen, Umzäunungen in verschiedenen Ausführungen
wie feststehend (z. B. verschweißt), beweglich (mit oder auch ohne
Werkzeug zu öffnen), einstellbar (z. B. je nach Werkzeuggröße),
verriegelt oder gekoppelt (d. h. Stopp beim Öffnen oder Öffnen
erst nach Stopp möglich) (vgl. auch DIN EN 953 „Allgemeine Anforderungen an die Gestaltung und Konstruktion von trennenden
Schutzeinrichtungen“)
 Nicht trennende Schutzeinrichtungen, wie:
 Durch Formschluss wirkende Schutzeinrichtung (z. B. Keil, Anschlag, Strebe)
 Begrenzungseinrichtung, die die Überschreitung von räumlichen Grenzen oder Drucklimits der Maschine verhindert
Zweite Stufe:
Technische Schutzmaßnahmen gegen
nicht vermeidbare
Gefährdungen
 Schrittschaltung, bei der gefährliche Maschinenaktionen in
kleine Schritte zerlegt werden, die einzeln ausgelöst werden
müssen
 Ortsbindende Schutzeinrichtungen (z. B. Zweihandschaltung,
Zustimmschalter, Tippschalter)
 Schutzeinrichtungen mit Annäherungsreaktion (z. B. Lichtschranken, Sensoren, Trittschaltmatten) (vgl. DIN EN 61496
„Berührungslos wirkende Schutzeinrichtungen“)
 Abweisende Schutzeinrichtungen, d. h. Hindernisse, die den Zugang zum Gefahrenbereich erschweren (z. B. Finger- oder Handabweiser)
 Schutzeinrichtungen zur Verringerung von Emissionen, z. B.
Einkapselung, Schall- bzw. Vibrationsdämpfer, Filter, Absorber
Ergänzende Schutzmaßnahmen
Zusätzlich sind ergänzende Maßnahmen z. B. für Not- und Störfälle zu
ergreifen:
 Bauteile und Bauelemente zum Stillsetzen im Notfall, z. B. NotHalt (vgl. DIN EN ISO 13850 „Not-Halt – Gestaltungsleitsätze“)
 Vorkehrungen zur Befreiung und Rettung eingeschlossener Personen, z. B. Notausstiege, Flucht- und Rettungswege, geschützte
Unterstände
 Vorkehrungen zur Energietrennung und Energieableitung
 Vorkehrungen für die leichte und sichere Handhabung von Maschinen und zugehörigen schweren Teilen
 Vorkehrungen zum sicheren Zugang
Dritte Stufe:
Benutzerinformation
In der dritten Stufe hat der Hersteller den Benutzer zu informieren
über
 vom Produkt ausgehende Restrisiken, die mit konstruktiven Mitteln
(erste Stufe) oder technischen Schutzmaßnahmen (zweite Stufe)
weder beseitigt noch ausreichend verringert werden konnten, sowie
 benutzerseitig erforderliche Maßnahmen zur weitgehenden Vermeidung der Restrisiken.
Solche Sicherheitsmaßnahmen durch den Benutzer sind z. B.
Kapselungen, raumakustische Maßnahmen zur Verminderung der
Lärmbelastung, Einsatz sicherer Arbeitsmethoden, Überwachung,
Verwendung Persönlicher Schutzausrüstungen, Kennzeichnung
von Gefahrenbereichen.
Das Abfassen der Benutzerinformation ist ein integraler Bestandteil
der Konstruktion. Dies hat durch Begleitunterlagen (insbesondere die
Betriebsanleitung, vgl. DIN EN 62079 „Erstellen von Anleitungen“) sowie Kennzeichnung an der Maschine zu erfolgen. Anforderungen an
Inhalt und Gestaltung der Betriebsanleitung und der Kennzeichnung
enthält die Maschinenrichtlinie.
Verschaffen Sie sich einen Überblick zum Anhang I der Maschinenrichtlinie.
Weitere vertiefende Ausführungen und Anforderungen zu Sicherheitsmaßnahmen des Herstellers finden sich in DIN EN ISO 12100 in
den Abschnitten 3 bis 6.
Bezüglich Sicherheitsmaßnahmen gegen einzelne Gefährdungen
siehe auch die Abschnitte „Gestaltungskonzepte“ in den Lektionen 1
bis 3.
3.2.4
Vorgehensweise als „Hersteller“ bei Entwicklung und
Bau von Produkten
Auch in Ihrem Zuständigkeitsbereich können Arbeitsmittel verändert, zusammengestellt oder hergestellt werden, sodass Ihr
Betrieb selbst „Hersteller“ im Sinne des ProdSG ist und die entsprechenden Pflichten und Anforderungen beachten muss.
!
Zunächst ist zu klären, aufgrund welcher Rechtsquellen (vor allem
Verordnungen zum ProdSG) welche formalen Pflichten und Beschaffenheitsanforderungen zu erfüllen sind.
Die Pflichten sind möglichst systematisch in den Prozess der Entwicklung und des Baus des Produktes zu integrieren (vgl. Abbildung 3.6).
Produktentstehungsprozess
Herstellerpflichten
Risikobeurteilung
Planen
Maßnahmen zur Risikominderung
Konzipieren
Konformitätsprüfung
Entwerfen
Konformitätserklärung
Ausarbeiten
Kennzeichnung
Arbeitsvorbereitung
Betriebsanleitung
Produktion, Vertrieb
Nachweis von Sicherheit u. Gesundheitsschutz durch technische Dokumentation
Bereits ab frühen Planungsphasen sind
 mögliche Gefährdungen zu ermitteln und einer Risikobeurteilung
(vgl. auch Lektion 4) zu unterziehen sowie Anforderungen zu Sicherheit und Gesundheitsschutz abzuleiten,
 Maßnahmen zur Risikominderung z. B. nach dem Sicherheitskonzept der DIN EN ISO 12100 (vgl. Abbildung 3.5 und die zugehörigen Ausführungen) zu ergreifen, um die sichere und menschengerechte Beschaffenheit des Produktes zu erreichen,
Abbildung 3.6:
Integration des
Arbeitsschutzes in den
Produktentstehungsprozess
 Anforderungen aus den geltenden Gesetzen, Verordnungen – ggf.
unter Hinzuziehung europäischer Normen – zu erfüllen (Herstellen
der EU-Konformität).
Aufgaben der
Fachkraft für
Arbeitssicherheit
Im Rahmen Ihrer Unterstützungsfunktion ist es Ihre Aufgabe, z. B. bei
Investitions-, Beschaffungs-, aber auch bei Instandsetzungsvorhaben
oder im Vorrichtungsbau und Werkstattbereich zu prüfen, ob ein solcher Fall vorliegt, und den Arbeitgeber bzw. die betrieblich Zuständigen hierüber zu beraten. So kann es sinnvoll sein, alle Herstellervorgänge im Sinne des ProdSG – z. B. das Zusammenstellen von Komponenten – auf einen Lieferanten oder sonstigen Externen zu übertragen, um nicht selbst alle Herstellerpflichten erfüllen zu müssen.
Eine tiefer gehende Fachberatung durch die Fachkraft für Arbeitssicherheit ist aber vor dem Hintergrund begrenzter Kapazitäten und des
erforderlichen spezifischen Expertenwissens in der Regel nicht möglich. Im Bedarfsfall sind auch im Arbeitsschutz qualifizierte Experten
der Unfallversicherungsträger sowie der zuständigen staatlichen Behörden oder Berater von Prüf- und Zertifizierungsstellen hinzuzuziehen. Verantwortlich für die Umsetzung der Pflichten und der Realisierung der Beschaffenheitsanforderungen bleibt aber der Arbeitgeber
bzw. der, dem diese übertragen werden.
Zur Selbstkontrolle beantworten Sie sich bitte folgende Fragen:
?

Welche Sicherheitsmaßnahmen hat der Hersteller von Produkten zu gewährleisten (Reihenfolge, Beispiele nennen)?

Was ist eine Konformitätserklärung? Was sagt das CE-Kennzeichen aus?

Was kann der Käufer von einem Produkt mit CE-Kennzeichen
hinsichtlich Sicherheit und Gesundheitsschutz erwarten?
3.3
Anforderungen an Bereitstellung und Benutzung von Arbeitsmitteln im Betrieb
In diesem Abschnitt geht es um die Pflichten des Arbeitgebers, der
Arbeitsmittel bereitstellt und benutzt bzw. benutzen lässt.
3.3.1
Pflichten des Arbeitgebers bei Bereitstellung und Benutzung von Arbeitsmitteln
Auch der Arbeitgeber muss alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen,
damit Arbeitsmittel sicher und gesundheitsgerecht benutzt werden. Er
darf nur Arbeitsmittel bereitstellen, die für die Arbeitsaufgabe und die
am Arbeitsplatz gegebenen Bedingungen geeignet sind, und muss die
erforderlichen Maßnahmen treffen, dass bei bestimmungsgemäßer
Benutzung Sicherheit und Gesundheitsschutz bei allen anfallenden
Tätigkeiten (vgl. Übersicht 3.2) und über die gesamte Lebensdauer
des Arbeitsmittels gewährleistet sind.20
20
Vgl. § 4 Abs. 1 Satz 1 Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV).
Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Benutzung von Arbeitsmitteln

Transport, Montage

Installation, Erprobung

Ingangsetzen

Einrichten, Programmieren, Vorbereiten

Gebrauch einschließlich Bedienung und Überwachung

Instandhaltung (Wartung, Prüfung, Instandsetzung)

Störungen, Betrieb im Störungszustand, Störungssuche, Störungsbeseitigung

Stillsetzen

Um- und Abbau
Übersicht 3.2:
Tätigkeiten im
Zusammenhang mit
Arbeitsmitteln
Die Pflichten des Arbeitgebers beziehen sich damit insbesondere auf:
 Auswahl geeigneter Arbeitsmittel in der Planungs- und Neubeschaffungsphase
 Arbeitssystemgestaltung zur sicheren und gesundheitsgerechten
Benutzung von Arbeitsmitteln
 Instandhaltung der Arbeitsmittel, damit sichere und gesundheitsgerechte Benutzung über die gesamte Nutzungsdauer gewährleistet bleibt
In Übersicht 3.3 sind die wichtigsten Pflichten zusammengestellt und
ihren Rechtsquellen zugeordnet.
Pflichten des Arbeitgebers
Rechtsquellen
Beurteilung der Arbeitsbedingungen
(Gefährdungsbeurteilung)
 § 5 ArbSchG
 § 3 BetrSichV
Auswahl geeigneter und sicherer Arbeitsmittel
 § 5 ArbSchG
 § 4 BetrSichV
Prüfung auf Erfüllung der Beschaffenheitsanforderungen
an Arbeitsmittel
 § 7 BetrSichV
Sichere, gesundheits- und menschengerechte Gestaltung des Arbeitssystems
 §§ 3, 5, 6 ArbSchG
 § 4 BetrSichV
Kennzeichnung
 ASR A1.3
Erstellung geeigneter Anweisungen
 § 4 (7) ArbSchG
 § 9 BetrSichV
Information und Unterweisung der Beschäftigten




Beschränkungen bei besonderen Gefährdungen
 § 9 ArbSchG
 § 8 BetrSichV
Arbeitsmedizinische Vorsorge
 ArbMedVV
Einhaltung der Anforderungen über die gesamte Lebensdauer des Arbeitsmittels (Instandhaltung)
 §§ 7, 10, 3 (3)
§§ 12, 14 ArbSchG
§ 9 BetrSichV
§ 81 BetrVG
§ 4 DGUV Vorschrift
1
BetrSichV
Übersicht 3.3
Pflichten des
Arbeitgebers und
Rechtsquellen
Beurteilung
der Arbeitsbedingungen
Der Arbeitgeber hat die Arbeitsbedingungen zu beurteilen
1)
zur Bereitstellung mit dem Ziel, ein geeignetes Arbeitsmittel auszuwählen, bei dessen bestimmungsgemäßer Benutzung (alle in
Übersicht 3.2 genannten Tätigkeiten) Sicherheit und Gesundheitsschutz gewährleistet ist. Auf dieser Grundlage hat er Anforderungen und Voraussetzungen für die Bereitstellung (z. B. in einem
Lastenheft) festzulegen.
2)
zur Benutzung mit dem Ziel, für alle anfallenden Tätigkeiten und
Betriebszustände (vgl. Übersicht 3.2) an und mit dem Arbeitsmittel
die erforderlichen Maßnahmen zur dauerhaften Gewährleistung
von Sicherheit und Gesundheitsschutz festzulegen.
In beiden Fällen sind Wechselwirkungen mit anderen Systemelementen (z. B. Fähigkeiten und Eignung der Beschäftigten) bzw. Arbeitssystemen sowie die Vorschriften des Anhangs 2 der Betriebssicherheitsverordnung zu berücksichtigen.
Gewinnen Sie einen Überblick zur Vorgehensweise bei der Gefährdungsbeurteilung nach Betriebssicherheitsverordnung in der Technischen Regel für Betriebssicherheit TRBS 1111 „Gefährdungsbeurteilung und sicherheitstechnische Bewertung“ und zu den bei der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigenden Mindestvorschriften des
Anhangs 2 der Betriebssicherheitsverordnung.
Beachten Sie auch TRBS 1151 „Gefährdungen an der Schnittstelle
Mensch-Arbeitsmittel – ergonomische und menschliche Faktoren“.
Auswahl geeigneter
und sicherer
Arbeitsmittel
Der Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass nur Arbeitsmittel ausgewählt und bereitgestellt werden, die den Anforderungen und Voraussetzungen entsprechend der Gefährdungsbeurteilung erfüllen.
Prüfung auf Erfüllung
der Anforderungen
Bei der Auswahl und vor der ersten Inbetriebnahme muss der Arbeitgeber prüfen, ob das Arbeitsmittel den Beschaffenheitsanforderungen der jeweiligen Rechtsvorschriften entspricht und keine erkennbaren Schäden oder Mängel aufweist:
 Für neue Arbeitsmittel sind dies vor allem die Anforderungen der
zutreffenden Verordnungen zum ProdSG bzw. der zugeordneten
Anhänge (vgl. Abschnitt 3.2). Hierzu gehört auch die Prüfung auf
Bereitstellung aller Ausrüstungen, die für einen risikofreien Betrieb
erforderlich und von daher Bestandteil des Arbeitsmittels sind
(vgl. Anhang I Abschnitt 1.1.2 f der Maschinenrichtlinie sowie Abschnitt 3.2.3 dieser Lektion). Sind die Konformitätserklärung des
Herstellers und die CE-Kennzeichnung an dem Produkt vorhanden und keine offensichtlichen Mängel oder Widersprüche erkennbar, kann auf eine detailliertere Prüfung verzichtet werden.
Altbestände,
„Altmaschinen“
 Arbeitsmittel, die vor dem 1.1.1993 erstmalig bereitgestellt worden sind (Altbestände, Altmaschinen), und solche, für die eine
Verordnung zum ProdSG nicht gilt und die somit kein CE-Kennzeichen tragen, müssen mindestens den Anforderungen des Anhangs 1 der Betriebssicherheitsverordnung sowie den zum Zeit-
punkt des erstmaligen Bereitstellens auf dem Markt geltenden Beschaffenheitsanforderungen der zutreffenden Unfallverhütungsvorschriften und dem jeweiligen Stand der Technik entsprechen
(die Übereinstimmung mit diesen Anforderungen hat der Arbeitgeber zu prüfen). Ist das nicht der Fall, müssen diese Arbeitsmittel
stillgelegt oder den Anforderungen entsprechend nachgerüstet
werden.
Beschaffenheitsanforderungen zu Arbeitsmitteln finden sich in verschiedenen Vorschriften, insbesondere den Anhängen zur Betriebssicherheitsverordnung und zur Bildschirmarbeitsverordnung.
Lesen Sie bitte Anhang 1 der Betriebssicherheitsverordnung sowie
den Anhang der Bildschirmarbeitsverordnung.
Einen weiteren Hinweis auf sichere und gesundheitsgerechte Beschaffenheit bietet das nur für Deutschland gültige GS-Zeichen (GS = geprüfte Sicherheit) als freiwilliges Gütesiegel (vgl. §§ 20ff. ProdSG).
Anders als beim verbindlichen CE-Kennzeichen, das in der Regel auf
der Selbstprüfung des Herstellers beruht (vgl. Abschnitt 3.2.2), findet
hier auf freiwilligen Antrag des Herstellers in regelmäßigen Abständen die Prüfung eines Baumusters durch eine unabhängige zugelassene Prüfstelle statt. Die Prüfung erstreckt sich auch auf die Dokumentation und Fertigungsstättenkontrollen beim Hersteller. Das durch Vorschriften festgelegte Schutzniveau muss eingehalten werden. Sind
keine Beanstandungen festzustellen, wird das GS-Zeichen mit Zertifikat für längstens fünf Jahre erteilt.
Auf der Basis der Gefährdungsbeurteilung hat er die erforderlichen
Maßnahmen zur arbeitsschutzgerechten Gestaltung des Arbeitssystems, in dem das Arbeitsmittel eingesetzt wird, zu ergreifen (siehe Abschnitte 3.3.2 und 3.3.3 ) und diese zu dokumentieren.
Arbeitssystemgestaltung
Auf gesundheitsgefährdende Restrisiken, die auch nach Ergreifen aller Maßnahmen nicht zu beseitigen sind, ist durch geeignete Kennzeichnung hinzuweisen.
Kennzeichnung
Der Arbeitgeber muss den Beschäftigten geeignete und verständliche
Anweisungen z. B. in Form von Betriebsanweisungen erteilen, wie die
Arbeiten sicher und gesundheitsgerecht durchzuführen sind (vgl. hierzu und zu den folgenden Punkten Lektion 7, Abschnitt 3).
Erstellung geeigneter
Anweisungen
Die Beschäftigten müssen über die Benutzung des Arbeitsmittels, mögliche Gefährdungen für Sicherheit und Gesundheit und zu ergreifende
Schutzmaßnahmen angemessen, dialogorientiert und praxisbezogen
unterwiesen werden. Dies ist u. a. bei der Einführung neuer Arbeitsmittel, vor Aufnahme der Tätigkeit, in angemessenen Abständen, jedoch
mindestens einmal jährlich durchzuführen.
Information und
Unterweisung der
Beschäftigten
Beschränkungen
bei besonderen
Gefährdungen
Tätigkeiten mit oder an Arbeitsmitteln, mit denen besondere Gefährdungen verbunden sind (z. B. Instandhaltungs- oder Umbauarbeiten),
dürfen nur von besonders beauftragten und qualifizierten Beschäftigten ausgeführt werden.
Arbeitsmedizinische
Vorsorge
Gehen vom Arbeitsmittel bzw. bei den mit ihm auszuführenden Tätigkeiten nicht vermeidbare Gesundheitsgefährdungen aus, die langfristig zu Gesundheitsschäden (z. B. Lärmschwerhörigkeit) führen können,
muss der Arbeitgeber den Gesundheitszustand der Beschäftigten
durch arbeitsmedizinische Vorsorge überwachen.
Instandhaltung
Der Arbeitgeber muss alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, dass
Arbeitsmittel über ihre gesamte Lebensdauer sicher und gesundheitsgerecht benutzt werden können und den rechtlichen Anforderungen
entsprechen. Dies geschieht durch Instandhaltung (siehe Abschnitt 3.3.3). Sie umfasst regelmäßige Wartung, Prüfung (Inspektion)
und Instandsetzung.
Prüfungen
Es ist sicherzustellen, dass Arbeitsmittel unter Berücksichtigung der
Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung geprüft werden:
 Arbeitsmittel, die Schäden verursachenden und damit gefahrbringenden Einflüssen unterliegen können, sind entsprechend den
festgelegten Fristen und bei besonderen Ereignissen (z. B. Störfällen, Unfällen) zu überprüfen und erforderlichenfalls zu erproben
mit dem Ziel, Schäden rechtzeitig zu entdecken und zu beheben
sowie die Erhaltung des sicheren Betriebs zu gewährleisten.
 Arbeitsmittel, deren Sicherheit von den Montagebedingungen abhängt, sind nach der Montage und vor der ersten Inbetriebnahme
sowie nach jeder erneuten Montage mit dem Ziel zu prüfen, sich
von der ordnungsgemäßen Montage und der sicheren Funktion zu
überzeugen.
 Arbeitsmittel sind nach Instandsetzungen, welche die Sicherheit
beeinträchtigen können, auf ihren sicheren Betrieb zu prüfen.
Prüfungen sind im Grunde Gefährdungsbeurteilungen im Hinblick auf
Gefahren, die z. B. durch Verschleiß oder Beschädigung vom Arbeitsmittel ausgehen können. Zu prüfen ist aber auch die Einhaltung von in
Vorschriften festgelegten Beschaffenheitsanforderungen.
Festlegung von
Prüfungen
Der Arbeitgeber hat im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung Art, Umfang und Fristen von Prüfungen festzulegen. Dabei kann er sich an
den Herstellerangaben und vorhandenen Regeln der Technik orientieren. Im konkreten Einzelfall kann er fachlich begründet bei geringerem bzw. erhöhtem Risikopotenzial von diesen Festlegungen eigenverantwortlich abweichen. Prüfungen sind auch nach Instandsetzungsarbeiten sowie außergewöhnlichen Ereignissen wie Unfällen,
Veränderungen am Arbeitsmittel, längerer Nichtbenutzung oder Naturereignissen durchzuführen.
Gewinnen Sie einen Überblick zu Anforderungen an die Festlegung
von Art, Umfang und Fristen von Prüfungen, die Verfahrensweise zur
Bestimmung der mit der Prüfung zu beauftragenden Person sowie die
Durchführung und Dokumentation von Prüfungen in der TRBS 1201ff.
Prüfungen von Arbeitsmitteln und überwachungsbedürftigen Anlagen.
Beachten Sie auch die Prüfungsanforderungen in weiteren Regeln
wie TRBS 2121, Teile 1 bis 4, jeweils Abschnitt 5.
Beachten Sie auch die Leitlinien zur Betriebssicherheitsverordnung
(LASI-Veröffentlichung LV 35).
Prüfungen dürfen nur entsprechend befähigte Personen durchführen.
Bei der Gefährdungsbeurteilung hat der Arbeitgeber auch die Voraussetzungen zu ermitteln und festzulegen, welche die Personen erfüllen
müssen, die mit der Prüfung beauftragt werden sollen.
Befähigte Person ist eine Person, die durch ihre Berufsausbildung, ihre Berufserfahrung und ihre zeitnahe berufliche Tätigkeit
über die erforderlichen Fachkenntnisse zur Prüfung der Arbeitsmittel verfügen.
21
Befähigte Personen
Befähigte Person
Auch für andere Aufgaben werden entsprechend befähigte Personen
gefordert, so z. B. für die Aufsicht von Auf-, Um- und Abbauarbeiten
von Gerüsten.
Verschaffen Sie sich einen Überblick zu Anforderungen an befähigte
Personen in der Technischen Regel für Betriebssicherheit „Befähigte
Personen“ (TRBS 1203) und zu besonderen Aufgaben in TRBS 2121,
Teil 1, Abschnitt 4.7.2.
Weitere Anforderungen an die Qualifikationsvoraussetzungen sowie
weitere Prüfanforderungen finden sich ggf. in Unfallverhütungsvorschriften, Sicherheitsregeln und Prüfgrundsätzen, z. B. in „Befähigte
Personen“ (VDI 4068).
Prüfungsergebnisse sind zu dokumentieren und mindestens bis zur
nächsten Prüfung aufzubewahren. Neben dem Namen des Prüfers und
dem Prüfdatum ist auch festzuhalten, was im Einzelnen mit welchem
Ergebnis geprüft wurde, welche Maßnahmen veranlasst wurden und
wann die Kontrolle der Umsetzung stattgefunden hat. Hierfür eignen
sich entsprechend den konkreten Anforderungen zusammengestellte
und gestaltete Checklisten. Arbeitsmitteln, die außerhalb einer Betriebsstätte eingesetzt werden (z. B. Baumaschinen, Forstgeräte), ist
ein Nachweis über die Durchführung der letzten Prüfung beizufügen.
21
Vergleichbar mit den im bisherigem Regelwerk der Unfallversicherungsträger
verwendeten Begriff des „Sachkundigen“.
Dokumentation
Überwachungsbedürftige Anlagen
Für überwachungsbedürftige Anlagen22 gelten zusätzlich besondere
Vorschriften, z. B. das amtliche Erlaubnisverfahren, Prüfungen durch
zugelassene Überwachungsstellen23 oder befähigte Personen sowie
deren Dokumentation und Bescheinigung.24
Verschaffen Sie sich einen Überblick zu überwachungsbedürftigen
Anlagen in der Betriebssicherheitsverordnung, insbesondere §§ 1, 2,
12 bis 23 mit Anhang 5, sowie TRBS 1201.
Das Regelwerk zur Betriebssicherheit ist grundlegenden Veränderungen unterworfen. Mit dem Inkrafttreten der Betriebssicherheitsverordnung und der schrittweisen Zurückziehung von Unfallverhütungsvorschriften werden konkrete Vorgaben zugunsten grundlegender
Pflichten und Schutzziele abgelöst.
Damit werden dem Arbeitgeber flexiblere Umsetzungsmöglichkeiten, aber auch größere Verantwortung gegeben. Dieser ist im
verstärkten Maße auf die fachkompetente Unterstützung durch
die Fachkraft für Arbeitssicherheit angewiesen.
!
3.3.2
Vorgehensweise bei der Bereitstellung von Arbeitsmitteln
Die Bereitstellung eines Arbeitsmittels ist Bestandteil der Gestaltung
eines Arbeitssystems. Sie zielt auf die Auswahl eines geeigneten
Arbeitsmittels. Beschafft der Arbeitgeber ein Produkt zum Zweck der
Benutzung durch von ihm Beschäftigte, wird dieses Produkt mit seinen
Merkmalen zum Arbeitsmittel und Bestandteil eines Arbeitssystems im
Betrieb des Arbeitgebers. Im Arbeitssystem wirkt das Arbeitsmittel mit
den anderen Systemelementen zusammen und müssen deshalb aufeinander abgestimmt gestaltet werden.
22
23
24
Die Betriebssicherheitsverordnung regelt auch den Betrieb überwachungsbedürftiger Anlagen. Solche Anlagen können auch Arbeitsmittel sein. Die bisherigen
speziellen Verordnungen für überwachungsbedürftige Anlagen zum Gerätesicherheitsgesetz (Dampfkessel – DampfkV, Druckbehälter – DruckbehV, Gashochdruckleitungen – VGashochdruckl, Aufzugsanlagen – AufzV, Elektrische
Anlagen in explosionsgefährdeten Räumen – ElexV, Getränkeschankanlagen –
SchankV, Acetylen/Calciumcarbid – AcetV) sind im Wesentlichen von der Betriebssicherheitsverordnung abgelöst worden.
Seit 2007 ist das personenbezogene Prüfwesen durch „Sachverständige“ durch
das organisationsbezogene Prüfwesen durch zugelassene Überwachungsstellen
abgelöst worden.
Bis zum Erlass entsprechender neuer Regeln zur Betriebssicherheit sind insbesondere die bisherigen Technischen Regeln für Dampfkessel (TRD), Druckbehälter (TRB), Rohrleitungen (TRR), Gashochdruckleitungen (TRGL), Druckgase
(TRG), Aufzüge (TRA) (inzwischen wegen neuer TRBS zurückgezogen), Acetylenanlagen und Calciumcarbidlager (TRAC), brennbare Flüssigkeiten (TRbF) sowie
die Merkblätter der Arbeitsgemeinschaft Druckbehälter als Stand der Technik zu
betrachten.
Wählen Sie ein konkretes Arbeitsmittel (z. B. Maschine) in Ihrem
Zuständigkeitsbereich aus und ermitteln Sie, welche gegenseitigen
Beziehungen zu anderen Elementen des Arbeitssystems bestehen
und welche zu beachtenden Anforderungen an die Gestaltung des
Arbeitssystems sich hieraus ergeben.
Bezogen auf das Arbeitsmittel ergeben sich Gestaltungsschnittstellen
und -anforderungen in den Feldern Technik, Organisation und Personal (vgl. Abbildung 3.7).
Abbildung 3.7:
Gestaltungsschnittstellen von
Arbeitsmitteln
Zur Ermittlung von konkreten Gestaltungsanforderungen an das Arbeitssystem, in dem das Arbeitsmittel verwendet werden soll, ergeben
sich zwei gegensätzliche Betrachtungsrichtungen (vgl. Abbildung 3.8):
1)
Die verschiedenen Systemelemente stellen zunächst Anforderungen an das Arbeitsmittel selbst. Hieraus lassen sich Anforderungen an die Beschaffenheit von Arbeitsmitteln hinsichtlich ihrer
Verwendung in konkreten Arbeitssystemen ableiten. Bei Beschaffungsmaßnahmen können diese z. B. Bestandteil eines Lastenheftes werden.
2)
Andererseits stellt auch das Arbeitsmittel Anforderungen an die
Arbeitsgestaltung (z. B. an die räumlichen Bedingungen, die Energiebereitstellung, sichere und gesundheitsgerechte Handhabung).
Schnittstellenprobleme zwischen Arbeitsmittel und anderen Arbeitssystemelementen führen häufig zu Sicherheits- und Gesundheitsrisiken. Um sichere und gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen zu erreichen, muss das ausgewählte Arbeitsmittel an allen Schnittstellen in
das vorgesehene Arbeitssystem passen.
1) Anforderungen an das Arbeitsmittel
Arbeitsaufgabe Verteilung
Produktergebnis
Einsatz von Arbeitsund Hilfsstoffen
Mensch-MaschineSchnittstelle
(Ergonomie)
Personal,
Qualifikation
Arbeitsmittel
Arbeitsumgebung,
Arbeitsstätte, Materialfluss,
Transport, Instandhaltung
Arbeitsorganisation
Arbeitsplatz
2) Anforderungen an die Arbeitsgestaltung
Arbeitsaufgabe
Mensch-MaschineSchnittstelle
Arbeitsmaterial
Abbildung 3.8:
Anforderungen an
das Arbeitsmittel und
an die Gestaltungsschnittstellen
Einsatz von Arbeitsund Hilfsstoffen
Arbeitsumgebung,
Arbeitsstätte, Materialfluss,
Transport, Instandhaltung
Arbeitsmittel
Personal,
Qualifizierung,
Schulungskonzept
Arbeitsorganisation
Arbeitsplatz
Da sich die beiden Anforderungsprofile an das Arbeitsmittel bzw. das
Arbeitssystem gegenseitig beeinflussen, sind im Bereitstellungsprozess zwei miteinander verknüpfte Prozessabläufe parallel zu durchlaufen (vgl. rechte Seite in Abbildung 3.9):
 Zum einen geht es um die Suche nach einem geeigneten, den Anforderungen entsprechenden Arbeitsmittel auf dem Markt, um Vertragsverhandlungen mit dem Hersteller bzw. Händler, Bestellung,
Lieferung usw.
 Zum anderen geht es um die Gestaltung des Arbeitssystems und
die Einführung des Arbeitsmittels in das Arbeitssystem.
Beiträge des Arbeitsschutzes
Überschlägige
Gefährdungsbeurteilung
Beurteilung der
Arbeitsbedingungen
Konkretisierung der
Beurteilung der
Arbeitsbedingungen
Anforderungen des
Arbeitsschutzes
Beschaffungs- und Gestaltungsprozess
Problemanalyse, Bedarfsfeststellung, Anforderungsbeschreibung
Beschaffung des Arbeitsmittels
Arbeitssystemgestaltung
Anforderung der
Betriebsanleitung
Marktsondierung, Ausschreibung, Anfrage, Beratung
Abschätzung des
Gestaltungsbedarfs
Berücksichtigung der
Arbeitsschutzkriterien
Beurteilung der Angebote
und Anbieter, Auswahl
Beurteilung des
Arbeitssystems
Arbeitsschutzanforderungen als
Vertragsbestandteil
Vertragsverhandlungen,
Abschluss, Bestellung
Planung der Gestaltung
des Arbeitssystems
Festlegung der Arbeitsschutzmaßnahmen
Lieferung, Montage, Probelauf, Einweisung, Abnahme
Umsetzung der
Gestaltungsmaßnahmen
Überprüfung der
Wirksamkeit
Inbetriebnahme, Funktionskontrolle, Einführungsphase, Betrieb
Abbildung 3.9: Prozess der Integration eines Arbeitsmittels in ein Arbeitssystem
25
In den Beschaffungs- und Gestaltungsprozess sind die Anforderungen
und Pflichten des Arbeitsschutzes so einzubringen, dass möglichst effizient sichere und gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen erreicht
und nachhaltig gewährleistet werden. So liefert Arbeitsschutz wesentliche Beiträge zum Gelingen des Beschaffungs- und Gestaltungsprozesses. Dazu sind insbesondere die in Abbildung 3.9 links benannten
Aspekte des Arbeitsschutzes zu integrieren.
Bei der Bereitstellung handelt es sich in der Regel um eine Änderung
von Arbeitsbedingungen. Bei jeder Änderung von Arbeitsbedingungen
sind diese zu beurteilen, also eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen durchzuführen bzw. eine ggf. bestehende zu überprüfen (vgl. Lektion 4, Abschnitt 2). Die Beurteilung der Arbeitsbedingungen (Gefährdungsbeurteilung) ist das zentrale Instrument, auf deren Basis die für
den Erfolg der Beschaffung erforderlichen Maßnahmen generiert werden. Voraussetzung ist, dass die Beurteilung der Arbeitsbedingungen
bzw. Gefährdungsbeurteilung prozessbegleitend erfolgt. Im Rahmen
des Beschaffungs- und Gestaltungsprozesses ist dieses Instrument in
mehreren Prozessphasen mit zunehmendem Konkretisierungsgrad
anzuwenden (vgl. Abbildung 3.9):
1)
Überschlägige Gefährdungsbeurteilung, um die relevanten
Arbeitsschutzanforderungen ermitteln sowie in den Anforderungskatalog (z. B. Lastenheft) und die Ausschreibung einbringen zu
können
25
Quelle: Barth, Chr.: Herstellung und Bereitstellung sicherer und gesundheitsgerechter Maschinen. Hrsg.: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin,
Dortmund. (Quart-Broschüren-Reihe: Organisation 2).
Beurteilung der
Arbeitsbedingungen
2)
Konkretisierung und Erweiterung zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen, um eine Auswahl unter Berücksichtigung der Arbeitsschutzanforderungen treffen zu können
3)
Weitere Konkretisierung der Gefährdungsbeurteilung, um vor der
Inbetriebnahme des Arbeitsmittels die Wirksamkeit der Maßnahmen überprüfen sowie weitere erforderliche Maßnahmen wie Prüfungen und Instandhaltungsmaßnahmen festlegen und planen zu
können
Kommunikation mit
dem Hersteller
Um die Systemelemente einschließlich des Arbeitsmittels unter dem
Blickwinkel von Sicherheit und Gesundheitsschutz optimal aufeinander abstimmen zu können, ist je nach Komplexität des Arbeitssystems
möglichst frühzeitig im Projektablauf eine intensive Kommunikation
und ein Datenaustausch mit dem Hersteller bzw. Lieferanten zu empfehlen. Es geht darum, die Erfahrungen des Herstellers bzw. Händlers
mit dem Arbeitsmittel auch in Bezug auf Gefährdungen und Arbeitsschutzmaßnahmen zu nutzen und die Beachtung von Anforderungen
des Arbeitsschutzes sicherzustellen. Das kann folgendermaßen geschehen:
Marktsondierung
 Im Rahmen einer Marktsondierung kann durch Sichtung der
Fachliteratur, durch Messebesuche, Ausschreibungen oder gezielte Anfragen bei Herstellern ermittelt werden, inwieweit ein Arbeitsmittel mit den geforderten Eigenschaften auf dem Markt erhältlich ist. Hier ist es bereits möglich, konkrete Anforderungen
des Arbeitsschutzes zu stellen. Es kann eine Beratung durch Hersteller, Händler oder unabhängige Experten erfolgen, bei der
auch Aspekte des Arbeitsschutzes angesprochen werden können.
Vom Hersteller bzw. Verkäufer sollte man konkrete und verbindliche Produktangaben verlangen (z. B. durch Anforderung der Betriebsanleitung zum Arbeitsmittel), insbesondere über die bestimmungsgemäße Verwendung, die vom Arbeitsmittel ausgehenden (Rest-)Gefährdungen einschließlich verbindlicher Emissionsdaten wie Lärm oder Vibrationen sowie die erforderlichen
betrieblichen Maßnahmen. Ggf. sollte man das Arbeitsmittel unter
Praxisbedingungen kennenlernen, z. B. durch Vorführungen, Probebetrieb oder Besuch von Unternehmen, bei denen das Arbeitsmittel betrieben wird. Hierbei sind mögliche Gefährdungen zu erheben, die in die Gefährdungsbeurteilung einfließen können.
Vertragsgestaltung
 Anforderungen des Arbeitsschutzes (z. B. Lärmwerte) sollten bei
Vertragsverhandlungen und -gestaltung ausdrücklich in die Garantie des Herstellers bzw. Händlers einbezogen werden. Vertraglich sollte sichergestellt werden, dass der Hersteller oder Händler
das Arbeitsmittel so liefert, dass der Betreiber keine „Herstellerpflichten“ mehr zu erfüllen hat (vgl. Abschnitt 3.2.1).
Lieferung, Montage
und Einweisung
 Bei der Lieferung und ggf. bei der Aufstellung und Montage, beim
Probelauf und bei der Übergabe können weitere Abstimmungen
(z. B. bezüglich des ggf. parallel weiterlaufenden Betriebs) erforderlich werden. Dabei besteht die Möglichkeit, auch verbliebene
Sicherheits- und Gesundheitsrisiken anzusprechen. Der Hersteller
bzw. Lieferant kann mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen im
Rahmen der Einführungsphase auch in die Information, Erstunterweisung und erforderlichenfalls Schulung der Beschäftigten
einbezogen werden.
 Während der Nutzungsphase des Arbeitsmittels sollte der Kontakt
Nutzung
mit dem Hersteller bzw. Lieferanten (z. B. durch Bereitstellen von
Betriebsmaterial oder durch Wartungsübernahme per Vertrag) zur
Beseitigung von Störungen und Lösung von Problemen genutzt
werden.
In den Technischen Regeln für Betriebssicherheit (TRBS) sind auch Anforderungen zur Beschaffung und an die Bereitstellung von Arbeitsmitteln enthalten.
Verschaffen Sie sich einen Überblick über die Bereitstellungsanforderungen in den TRBS, z.B. in der TRBS 2121, Teil 2, Abschnitt 4.1.
Um die Erfahrungen der Beschäftigten zu nutzen und deren Akzeptanz
bei der Gestaltung des Arbeitssystems zu sichern, sind die Beschäftigten, die bisher mit solchen Arbeitsmitteln gearbeitet haben bzw. mit
dem neu beschafften Arbeitsmittel umgehen sollen, frühzeitig einzubeziehen. Sie können schon bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen
wichtige Hinweise auf Beschaffenheitsanforderungen geben.
Einbeziehen
der Beschäftigten
Die angesprochenen Pflichten richten sich in erster Linie an den
Arbeitgeber bzw. die jeweils verantwortliche Führungskraft. Die Fachkraft für Arbeitssicherheit hat diese aber hinsichtlich der sicheren und
menschengerechten Gestaltung des Arbeitssystems zu beraten (vgl.
§ 6 ASiG) und im Einzelfall zu entscheiden, mit welcher Intensität sie
sich beteiligt. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass Fachkraft für
Arbeitssicherheit und Betriebsarzt bereits in den ersten Planungsphasen von Investitionen, Beschaffungen, Arbeitsmittel- und Arbeitssystemgestaltungen informiert und einbezogen werden. Die Fachkraft
muss sich aus eigener Initiative darum kümmern, dass dies durch betriebliche Regelungen sichergestellt ist (vgl. hierzu Lektion 9). Die
Fachkraft soll auch hier entsprechend den Handlungsschritten systematisch vorgehen.
Aufgaben
der Fachkraft
für Arbeitssicherheit
Um spätere, meist teure und wenig wirksame Nachbesserungen zu
vermeiden, ist es wichtig, alle relevanten Aspekte von Sicherheit und
Gesundheitsschutz bereits in den ersten Planungsphasen der Beschaffung von Arbeitsmitteln zu berücksichtigen, d. h.:
Aufgaben des Arbeitsschutzes während
des Planungs- und
Gestaltungsprozesses
 Frühzeitiges Ermitteln von Sicherheits- und Gesundheitsrisiken
durch fachkundige Begleitung der Beurteilung der Arbeitsbedingungen und Aufnehmen entsprechender Anforderungen an Sicherheit und Gesundheitsschutz in den Anforderungskatalog
 Prüfen von Ausschreibungen, Angeboten und Vertragsentwürfen
daraufhin, ob die Anforderungen an Sicherheit und Gesundheitsschutz umfassend berücksichtigt und konkret genug beschrieben
sind
 Beurteilen von Angeboten und Lösungsalternativen auf Einhaltung der Anforderungen an Sicherheit und Gesundheitsschutz,
mögliche Gefährdungen und menschengerechte Arbeitsgestaltung, ggf. unter Einbeziehung der beim Hersteller bzw. Lieferanten angeforderten Betriebsanleitungen und Risikobeurteilungen
 Ermitteln erforderlicher Maßnahmen, die einen sicheren sowie gesundheits- und menschengerechten Betrieb des Arbeitsmittels erlauben
 Angemessenes Berücksichtigen von Anforderungen an Sicherheit
und Gesundheitsschutz bei der Entscheidungsfindung im Zusammenhang mit anderen Entscheidungskriterien
 Beachten der sicheren und gesundheitsgerechten Umsetzung betrieblicher Maßnahmen
 Überprüfen des Arbeitsmittels und Umsetzung der Maßnahmen
vor der Inbetriebnahme bzw. Einführung
 Wenn erforderlich: Unterbreiten von Vorschlägen für die weitere
Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten beim Umgang mit dem Arbeitsmittel sowie Hinwirken auf
ihre Umsetzung
Zur Vorgehensweise bei der Bereitstellung von Arbeitsmittel vgl.
auch: Barth, Chr.: Auswahl von Arbeitsmitteln – Stand der Technik
zur Umsetzung der Betriebssicherheitsverordnung. (Kostenloser
Download unter www.baua.de)
3.3.3
Organisation der Instandhaltung von Arbeitsmitteln
Gefährdungen
der Benutzer
Bei der Benutzung von Arbeitsmitteln können aufgrund von Verschleiß
oder Beschädigung Gefährdungen der Benutzer entstehen. Verschlissene oder beschädigte Arbeitsmittel können außerdem Störungen
verursachen, die – neben Verzögerungen bei der Erbringung der
Arbeitsleistung – zu weiteren Gefährdungen führen können.
Gefährdungen bei
Instandhaltungstätigkeiten
Instandhaltungstätigkeiten sind häufig mit erhöhten Risiken verbunden, wenn z. B. Abdeckungen und Schutzeinrichtungen für die Instandhaltung entfernt werden oder sich Instandhalter in Gefahrenbereiche begeben müssen. Das gilt insbesondere beim Betrieb im Störungszustand, bei der Störungsbeseitigung sowie den anschließenden
ungeplanten Instandsetzungsmaßnahmen (häufig unter Zeitdruck und
mit eingeschränkten Mitteln, teilweise auch bei weiterlaufendem Betrieb).
Grundsätze
arbeitsschutzgerechter
Instandhaltung
Für die Organisation und Durchführung der Instandhaltungsarbeiten
lassen sich hieraus folgende Grundsätze ableiten:
Geplante Instandhaltungsarbeiten sind sicherer ausführbar als
ungeplante.
Instandhaltungsarbeiten, die vor Eintritt einer Störung ausgeführt werden, sind sicherer ausführbar als nach Eintritt einer
Störung und erhalten die arbeitsschutzgerechte Beschaffenheit
des Arbeitsmittels für den Benutzer.
!
Geplante, vorbeugende Instandhaltung ist daher nicht nur aus
der Sicht von Sicherheit und Gesundheitsschutz anzustreben,
sondern bietet auch weitere Vorteile, wie z. B. höhere und sicherere Verfügbarkeit sowie rationelle Durchführung der Instandhaltungsarbeiten.
Da auch geplante und vorausschauende Instandhaltungsarbeiten
z. T. mit erhöhten Risiken verbunden sind, ist bei der Beschaffung auf
die Auswahl möglichst wartungsfreier oder -armer bzw. wartungsfreundlicher Arbeitsmittel zu achten.
Auswahl
wartungsfreier, -armer
sowie -freundlicher
Arbeitsmittel
Unter dem Begriff Instandhaltung werden unterschiedliche Maßnahmen zusammengefasst:
Instandhaltung umfasst alle Maßnahmen zur Festlegung und
Beurteilung des Ist-Zustandes sowie zur Bewahrung und Wiederherstellung des Soll-Zustands von technischen Mitteln eines
Systems.
Instandhaltung
Instandhaltungstätigkeiten sind Wartung, Prüfung (Inspektion)
und Instandsetzung (einschließlich Störungsbeseitigung).
Instandhaltung
Wartung
Prüfung
(Inspektion)
Instandsetzung
(Störungsbeseitigung)
Abbildung 3.10:
Instandhaltung
Wartung zielt auf die vorausschauende Erhaltung der Funktion und
des sicheren und gesundheitsgerechten Zustands des Arbeitsmittels.
Hierzu zählen vorbeugender Austausch von Verschleißteilen oder Betriebsstoffen sowie Justierungsarbeiten.
Wartung
Bei Prüfungen geht es darum, Mängel durch Verschleiß oder Beschädigung möglichst frühzeitig zu erkennen, bevor es zu Störfällen, Unfällen oder Fehlbelastungen kommt. Abweichungen vom erforderlichen
Zustand können die Außerbetriebnahme des Arbeitsmittels und ggf.
spätere Instandsetzungsmaßnahmen veranlassen (vgl. hierzu die Anforderungen an Prüfungen in Abschnitt 3.3.1).
Prüfungen
Instandsetzung
Instandsetzung strebt die Wiederherstellung der sicheren und gesundheitsgerechten Funktion des Arbeitsmittels an, nachdem die Abweichung von diesem Zustand durch Prüfungen oder Störungen festgestellt wurde.
Instandhaltungsmanagement
Um Funktion und Sicherheit von Arbeitsmitteln zu gewährleisten, sollten Instandhaltungsmaßnahmen systematisch geplant, gesteuert und
optimiert werden. Abbildung 3.11 zeigt eine systematische Vorgehensweise zur Instandhaltung.
Abbildung 3.11:
Vorgehensweise zur
Entwicklung eines
Instandhaltungskonzeptes
In Anlage 4 dieser Lektion sind die Vorgehensschritte im Einzelnen
ausgeführt. Dabei sind die in Abschnitt 3.3.1 genannten Anforderungen zu beachten.
Beurteilung der
Arbeitsbedingungen
vor Instandhaltungstätigkeiten
Aufgrund des erhöhten Risikopotenzials von Instandhaltungstätigkeiten ist vor (!) solchen Tätigkeiten eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen vorzunehmen und auf dieser Basis die notwendigen Maßnahmen festzulegen. TRBS 1112 „Instandhaltung“ gibt Hinweise, was
bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen und der Maßnahmenfestlegung vor Instandhaltungstätigkeiten zu beachten ist.
Lesen Sie die TRBS 1112 „Instandhaltung“ und verschaffen Sie sich
einen Überblick zum Vorgehen (insbesondere Anlage 1) und wichtige
zu beachtende Aspekte (insbesondere Anlage 2).
Weitere Hinweise und Regeln zur Gestaltung von Instandhaltungsarbeiten finden Sie z. B. in:

Instandhalter (DGUV Information 209-015, bisher BGI 577)

Behälter, Silos und enge Räume; Teil 1: Arbeiten in Behältern,
Silos und engen RäumenArbeiten in Behältern und engen Räumen (DGUV Regel 113-004, bisher BGR/GUV-R 117-1)

Behälter, Silos und enge Räume; Teil 2: Umgang mit transportablen Silos (DGUV Regel 113-005, bisher BGR/GUV-R 117-2)
4
Arbeitsverfahren
e i ts n
Arb fahre
ver
Anforderungen an Arbeitsverfahren
Unter Arbeitsverfahren sind die Prozesse und die Technologie
zu verstehen, die zur Veränderung des Arbeitsgegenstands im
Sinne der Arbeitsaufgabe angewendet werden.
Im Bereich der Fertigung entsprechen die Arbeitsverfahren den Fertigungsverfahren. Aber auch im Bereich der Dienstleistungen werden
unterschiedliche Arbeitsverfahren eingesetzt wie z. B.:
 Bearbeitung von Vorgängen mittels Akten oder eines EDV-Programms
T
 Vervielfältigen von Unterlagen durch Kopieren, Umdrucken, Lichtpausen
O
P
 EDV-gestützte Druckverfahren
 Reinigen von Fahrzeugen von Hand oder mittels einer automatischen Waschanlage
Die Wahl des Arbeitsverfahrens und die dazu erforderliche Technologie legen in hohem Maße die Ausgestaltung der einzelnen Elemente
des Arbeitssystems fest, vor allem:
 Funktionsteilung Mensch – Technik, die Arbeitsteilung und damit
die Arbeitsorganisation
 Grad der Mechanisierung und Automatisierung
 Auswahl der Arbeitsmittel
 Arbeitsablauf und erforderliche Qualifikation des Menschen
 Vorhandensein und Ausmaß der verschiedenen Gefährdungsfaktoren
Je nach Wahl des Arbeitsverfahrens können in unterschiedlichem Maße Gestaltungsalternativen für die Arbeitssysteme und die Arbeitsgestaltung erweitert oder eingeschränkt werden. Bestimmte Arbeitsverfahren sind unmittelbar mit Gefährdungen und Belastungen verbunden, wie z. B.:
 Höhe der Schallemissionen bei Reparaturarbeiten an Blechen
(Karosserieteilen) in Abhängigkeit vom Verfahren: Schlagen,
Hämmern oder pneumatisches Drücken
 Belastungen durch Gefahrstoffe (Farben, Reiniger) beim Drucken
gegenüber dem Kopieren (Toner, ggf. Ozon)
Für bestimmte Arbeitsverfahren sind Anforderungen festgelegt, wie
z. B. in den Unfallverhütungsvorschriften


Bauarbeiten (GUV–V C22 bzw. BGV C22),
Chlorung von Wasser (GUV–V D5 bzw. BGV D5),
Verschaffen Sie sich bitte für Ihren Zuständigkeitsbereich anhand des
Vorschriften- und Regelwerks einen Überblick zu verfahrensbezogenen Anforderungen und Gestaltungsregeln.
Ausgehend von den technisch-wirtschaftlichen Zielstellungen sollen
Sie als Fachkraft Einfluss auf die Wahl der Arbeits- und Fertigungsverfahren unter den Aspekten Vermeiden bzw. Verringern von Gefährdungen einerseits und der Erweiterung der Möglichkeiten einer menschengerechten Arbeitssystemgestaltung andererseits nehmen. Sie
sollen mögliche Verfahrensalternativen innerhalb des Arbeitssystems
ermitteln und hinsichtlich Gesundheitsrisiken und Gestaltungsmöglichkeiten bewerten sowie den Verantwortlichen Vorschläge unterbreiten.
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Arb tten
st ä
T
O
P
5
Anforderungen an Arbeitsstätten
5.1
Einführung
In diesem Abschnitt lernen Sie mit Arbeitsstätten ein weiteres wichtiges Gestaltungsfeld von Arbeitssystemen aus dem Bereich Technik
kennen. Sie erfahren, was unter Arbeitsstätten zu verstehen ist und wie
sie in Arbeitssysteme einzuordnen sind. Ausgehend von allgemeinen
Gestaltungsgrundsätzen gewinnen Sie in diesem Abschnitt einen
Überblick, welche Anforderungen an die Gestaltung und den Betrieb
von Arbeitsstätten aus Sicht des Arbeitsschutzes zu richten sind.
Die Arbeitsstätte ist die technische Grundvoraussetzung für alle betrieblichen Prozesse der Herstellung von Produkten und der Erbringung von Dienstleistungen. Je nach Wahl der Systemgrenzen sind Arbeitsstätten Bestandteil des Arbeitssystems selbst oder Teil der Arbeitsumgebung.
Arbeitsstätten,
Arbeitsplätze
Arbeitsstätten sind Orte in Gebäuden oder im Freien, die sich
auf dem Gelände eines Betriebes oder auf Baustellen befinden,
 die zur Nutzung für Arbeitsplätze vorgesehen sind oder
 zu denen Beschäftigte im Rahmen ihrer Arbeit Zugang haben.
Dies schließt auch Ausbildungsstätten ein. Arbeitsstätten umfassen insbesondere Gebäude und bauliche Anlagen einschließlich der technischen Gebäudeausstattung.
Arbeitsplätze sind Bereiche von Arbeitsstätten, in denen sich
Beschäftigte bei ihrer Tätigkeit entweder regelmäßig über einen
längeren Zeitraum oder im Verlauf der täglichen Arbeitszeit nicht
nur kurzfristig aufhalten.
Eine Arbeitsstätte kann ein einzelner Raum, eine Halle, ein Gebäudekomplex, ein Betriebsteil einschließlich Verkehrswege und Arbeitsplätze im Freien oder ein gesamter Betrieb sein.
In Abbildung 5.1 ist als Beispiel für ein
Arbeitssystem ein Bauhof dargestellt.
Je nach Betrachtungsebene im
Arbeitssystem kann der gesamte Bauhof als Arbeitsstätte oder einzelne
Elemente des Bauhofs wie Werkstatt,
Lager, Hof oder Bürogebäude bis hin
zu einem einzelnen Büroraum als
Arbeitsstätte verstanden werden.
Abbildung 5.1:
Systemabgrenzung
Arbeitsstätten
Die Bezeichnung für die Zusammenfassung aller Arbeitsstätten einschließlich des Betriebsgeländes ist
„Betriebsstätte“ (in diesem Fall der
Bauhof).
Bauhof
Büro
Werkstätten
Hof
Lager
Durch die Ausgestaltung von Arbeitsstätten wird einerseits bestimmt,
in welcher Umgebung die Beschäftigten die Arbeitsaufgaben zu verrichten haben und andererseits Einfluss auf die konkrete Gestaltung
des Arbeitsplatzes genommen. Vor diesem Hintergrund sind Anforderungen aus der Sicht von Sicherheit, Gesundheitsschutz und menschengerechter Arbeitsgestaltung an die Gestaltung von Arbeitsstätten zu stellen.
Die wesentlichen Anforderungen an Arbeitsstätten sind in der Arbeitsstättenverordnung festgeschrieben, in der auch bestimmt wird, was
unter Arbeitsstätten zu verstehen ist.
Lesen Sie bitte hierzu § 2 der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV).
Gegenstände der Arbeitsstättengestaltung sind vor allem die Anordnung, Gestaltung sowie der Betrieb von:
 Baulichkeiten usw.
 Arbeitsräumen, Lager-, Maschinen-, Nebenräumen
 Verkehrswegen, Fluchtwegen, Notausgängen
 Betriebsanlagen, Arbeitsplätzen, Maschinen, Anlagen, Werkstätten etc.
 Versorgungs-, Pausen-, Betreuungs-, Sozial- und Sanitärräumen
Die Arbeitsplatzgestaltung wird in Lektion 6 ausführlich behandelt.
Bei der Gestaltung von Arbeitsstätten sind Arbeitsschutzprobleme oft
nur durch eine frühzeitige Berücksichtigung von Anforderungen der sicheren, gesundheits- und menschengerechten Gestaltung zu vermeiden. Einmal begangene Fehler sind nur schwer korrigierbar (Kosten,
bauliche Beschränkungen etc.).
Grundlage der sicheren und gesundheitsgerechten Gestaltung von
Arbeitsstätten ist die Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Dabei hat
der Arbeitgeber gem. § 3 ArbStättV festzustellen, ob die Beschäftigten
Gefährdungen beim Einrichten, Instandhalten und Benutzen von
Arbeitsstätten ausgesetzt sind oder ausgesetzt sein können. Ist dies
der Fall, hat er alle möglichen Gefährdungen von Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten zu beurteilen. Typische arbeitsstättenbezogene Faktoren sind z. B. mechanische Faktoren, Klima, Lärm, Brandgefahren, psychische Faktoren aus dem Arbeitsumfeld, Licht und Farbe (vgl. Lektionen 1 bis 3).
Beurteilung der
Arbeitsbedingungen
Es ist Aufgabe der Fachkraft für Arbeitssicherheit, aus den verschiedenen Anlässen wie Neubau, Veränderungen, festgestellte Defizite die
Anforderungen des Arbeitsschutzes an die Gestaltung von Arbeitsstätten aktiv einzubringen und auf ihre Berücksichtigung hinzuwirken. Aus
den o. g. Gründen haben dabei Planungsphasen für die Prävention
einen herausragenden Stellenwert.
Aufgaben der
Fachkraft für
Arbeitssicherheit
!
Ziel der Arbeitsstättengestaltung aus Sicht des Arbeitsschutzes
ist die Schaffung einer arbeitsschutzgerechten Arbeitsumgebung und einer entsprechenden Arbeitsplatzgestaltung.
5.2
Gestaltungsanforderungen –
allgemeine Gestaltungsgrundsätze
 Welche Anforderungen sind generell bei der Gestaltung von
Arbeitsstätten zu berücksichtigen?
Überlegen Sie bitte, welche Anforderungen beim Bau bzw. bei der
Einrichtung eines Bürogebäudes beachtet werden müssen, und notieren Sie bitte Ihre Ergebnisse!
Ihnen ist sicher schnell deutlich geworden, dass an die Gestaltung
einer Arbeitsstätte – wie hier eines Bürogebäudes – eine Vielzahl
unterschiedlicher Anforderungen zu stellen ist. Zu bestimmen sind
z. B. die Lage des Bauobjektes, die Raumaufteilung bis hin zur Lage
der einzelnen Lichtschalter oder Steckdosen.
Dabei spielen vor allem folgende Anforderungen und Kriterien eine
Rolle:
 Welche Arbeitsaufgaben haben die Mitarbeiter? Welche Arbeitsorganisation ist vorgesehen? Sind z. B. mehr individuelle Arbeitsräume vorzusehen oder mehr Räume für Arbeiten im Team?
 Welche technischen Mittel sollen eingesetzt werden? Wie viel Fläche wird für Büroarbeitsplätze mit Bildschirmgeräten benötigt?
Welche Anforderungen ergeben sich an das Raumklima?
 Wie sind z. B. Flure, Treppen – also die Verkehrswege – zu dimensionieren? Die Dimensionierung ist u. a. abhängig davon, wie viele Mitarbeiter sich im Gebäude und in bestimmten Gebäudeteilen
aufhalten sollen.
 Wie viele Sozialräume, Toiletten sollen sich wo im Gebäude befinden?
Aus solchen übergeordneten Fragestellungen ergeben sich vielfach
auch Anforderungen aus der Sicht des Arbeitsschutzes bzw. ist die Lösung von Arbeitsschutzproblemen mit der Lösung der funktionalen
Probleme direkt oder indirekt verknüpft.
Grundsätzlich gilt für die Anforderungen zur sicheren, gesundheitsund menschengerechten Arbeitsstättengestaltung, dass sie in die generelle Arbeitssystem- bzw. hier Arbeitsstättengestaltung zu integrieren ist, sowohl korrektiv als auch vorausschauend.
Integrierte Gestaltung
von Arbeitsstätten
Arbeitsstätten sollen so gestaltet sein, dass die Arbeitssysteme im
Hinblick auf Wirtschaftlichkeit, Sicherheit, Gesundheitsschutz und
menschliche Leistungsvoraussetzungen optimiert sind.
In Wechselwirkung ist bei der Arbeitsstättengestaltung zu beachten:
 Die Gestaltung muss sich nach der Funktion und dem Zweck der
Arbeitsstätte und ihrer Einordnung in die Betriebsstätte richten.
Die Funktion wird in erster Linie bestimmt durch die zu produzierenden Güter bzw. die zu erbringenden Dienstleistungen sowie
die Art und Weise, in der die Leistungserstellung erfolgen soll. Die
einzusetzende Technologie, der Grad der Mechanisierung und
Automatisierung, die Form der Arbeitsteilung, der Gesamtablauf
der Leistungserstellung, der vorgesehene Personaleinsatz sind
neben den erforderlichen Arbeitsmitteln und Materialien wichtige
Bestimmungsgrößen für die Arbeitsstätte.
 Die Arbeitsstätte ist so zu gestalten, dass eine optimale Anpassung der Arbeit an den Menschen erfolgt bzw. hinsichtlich anderer Systemelemente (Einsatz von Arbeitsmitteln, Arbeitsorganisation) die Voraussetzungen hierzu geschaffen werden. Die Arbeitsstätte muss menschengerecht gestaltet werden. Die Beschäftigten
sollen sich in den Arbeitsräumen wohlfühlen.
Bei der Betriebs- und Arbeitsstättenplanung ist von übergreifenden
Grundsätzen auszugehen:
 Orientierung am Ablauf der Geschäftsprozesse (Herstellungs-,
Dienstleistungsprozesse, aber auch unterstützende Prozesse wie
Instandhaltung)
 Orientierung am Personenfluss (zu erwartende Bewegungen von
Personen)
 Orientierung am Informationsfluss (Informationen, die zwischen
den Mitarbeitern oder zwischen Mitarbeitern und Kunden ausgetauscht werden)
 Orientierung am Materialfluss (einheitliche Materialflussrichtung
bei den Abläufen, Vermeiden von Transporten und langen Transportstrecken)
 Flexibilität von Anlagen und Einrichtungen, die Anpassungen an
Veränderungen z. B. von Dienstleistungen, Erzeugnissen, Verfahren, Personalstruktur, Betriebs- und Arbeitsorganisation ermöglichen
Orientiert sich die Fachkraft an solchen Grundfragen, lassen sich vielfach insbesondere vorausschauend die speziellen Arbeitsschutzanforderungen zur Arbeitsstättengestaltung realisieren.
Orientierung
an Funktion
und Zweck
der Arbeitsstätte
Orientierung
am Menschen
Übergreifende
Grundsätze
Räumliche Anordnung
der Arbeitsstätten
Gleiches gilt auch für die räumliche Anordnung von Arbeitsstätten
(Arbeitsräumen). Funktionale Anforderungen lassen sich ableiten aus
 den zu erfüllenden Leistungen (Leistungen, die in der Arbeitsstätte
erbracht werden sollen),
 dem Kapazitätsbedarf,
 der Aufbauorganisation (Bereichsgliederung),
 der Ablauforganisation (Festlegungen zur zeitlich-logischen Reihenfolge der Arbeitsschritte),
 dem Flächenbedarf.
Die räumliche Anordnung der Arbeitsstätte ist aber auch hinsichtlich
der Umgebungsfaktoren wie Klima, Tages- und Sonnenlichteinfall zu
optimieren. Auch hier haben Funktion und Zweck des Gebäudes Einfluss darauf, welche Anforderungen im Einzelnen in dieser Hinsicht zu
stellen sind.
Gestaltung von
Arbeitsräumen
Arbeitsräume und Nebenräume müssen bezüglich Größe, Gestaltung und Einrichtung den durch die vorgesehene Nutzung bestimmten Anforderungen gerecht werden.
Hinsichtlich der Funktion kann zunächst grob nach verschiedenen
Gebäudearten, wie z. B. Verwaltungsgebäude, Werkstätten, Lagerhallen unterschieden werden. Detaillierte Anforderungen ergeben sich
aber letztlich aus den konkreten Arbeitsaufgaben und der Arbeitsorganisation. So sind an einen Raum, in dem allgemeine Verwaltungsaufgaben zu verrichten sind, andere Anforderungen zu stellen
als an einen Raum für wissenschaftliche Arbeit oder Räume mit Publikumsverkehr. Sinnvollerweise ist mit der Bestimmung des Flächenbedarfs zu beginnen.
Innerhalb von Arbeitsräumen sind Arbeitsplatzflächen, Verkehrsflächen, Flächen für Lagerung und Hilfsflächen entsprechend der vorgesehenen Nutzung anzuordnen. Wesentliche Kriterien für die Gestaltung von Arbeitsräumen sind:
 Funktion des Raums (Arbeitsraum, Lagerraum usw.)
 Prinzipien der Leistungserstellung bzw. Fertigungsprinzipien (Einzel- bzw. Teamarbeit, Werkstättenprinzip, Flussprinzip)
 Zu verrichtende Arbeitsaufgaben
 Arbeitsorganisationsformen (Einzelarbeitsplätze, Team-, Gruppenarbeit)
 Zu nutzende Arbeitsmittel (Geräte, Mobiliar, Informations- und
Kommunikationstechnologien, Maschinen usw.)
 Organisation des Arbeitsablaufs
 Zu bearbeitende Arbeitsgegenstände (Mengen, Abmessungen)
 Bedarf an Informationen
Darüber hinaus sind auch bei der technischen Gebäudeausrüstung
die Anforderungen zur Gestaltung der Arbeitsumgebung zu beachten
wie z. B. Klima-, Heizungs-, Solaranlagen, elektrische Anlagen, Beleuchtungs- und Beschattungseinrichtungen.
Technische
Gebäudeausrüstung
Einzelne Bauteile wie Türen, Tore, Fenster müssen speziellen Anforderungen entsprechen – wie etwa Lage, Größe, Ausführungsart in Abhängigkeit von der Nutzung der Räume.
Bauteilgestaltung
Die Anordnung von Arbeitsplätzen innerhalb der Arbeitsräume ist abhängig von Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation und Arbeitsumgebung. Gestaltungsanforderungen hierzu lernen Sie in Lektion 6 (Arbeitsplatzgestaltung) kennen.
Anordnung von
Arbeitsplätzen und
Maschinen
Arbeitsstätten sind so zu gestalten und auszurüsten, dass die sozialen
und hygienischen Verhältnisse an die Arbeitssysteme und die Bedürfnisse der Beschäftigten angepasst sind. Spezielle Anforderungen an
Sanitär-, Pausen- und Bereitschaftsräume sind zu berücksichtigen.
Hygienische und
soziale Verhältnisse
Bei der Gestaltung von Arbeitsstätten ist zu beachten, dass von ihnen
keine Gefährdungen wie z. B. Absturz, elektrische Gefährdungen und
Brand ausgehen können. Sollten Ereignisse wie Unfälle, Brände, Austritt von Gasen oder Dämpfen eintreten, muss die Arbeitsstätte so gestaltet und ausgestattet sein, dass eine schnelle und sichere Evakuierung möglich ist (Rettungswege, Kennzeichnung etc.). Außerdem muss
eine zügige und wirksame Bekämpfung der Gefährdungen und die
Leistung von Erster Hilfe möglich sein (Ausstattung mit Feuerlöschern
und Sanitätsräumen, Sichern der Rettungskette, Notfallorganisation,
Alarmplan).
Schutz vor besonderen Gefahren und Notfallmaßnahmen
Für alle Beschäftigten sind gefährdungsfreie und auf Leistungsvoraussetzungen abgestimmte Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Dies
erfordert die Berücksichtigung der speziellen Leistungsvoraussetzungen bestimmter Personengruppen, wie z. B. Behinderter. Besondere
Gestaltungsanforderungen wie die barrierefreie Gestaltung können
sich insbesondere bei Arbeitsräumen, Arbeitsplätzen und -flächen,
Sanitär-, Pausen-, Sanitäts- und Ruheräumen, Verkehrswegen, Treppen, Aufzügen, Rettungswegen ergeben.
Behindertengerechte
Gestaltung
Die nicht rauchenden Beschäftigten müssen wirksam vor den Gesundheitsgefahren durch Tabakrauch geschützt werden. Ein wirksamer Schutz liegt in der Regel nur dann vor, wenn die Atemluft der
Nichtraucher in allen Bereichen (Arbeitsräume, Arbeitswege, Aufenthaltsräume) frei von Tabakrauch ist.
Schutz der
Nichtraucher
Arbeitsstätten müssen generell im Hinblick auf die verschiedenen gefährdungs- und gesundheitsfördernden Faktoren gestaltet werden
(siehe Lektionen 1 bis 3). Zu beachtende Grundprinzipien sind hier vor
allem:
Faktorenbezogene
Gestaltung
 Vermeidung von Gefahrenquellen bzw. Minderung von Gefährdungen (vor allem durch bauliche Maßnahmen)
 Trennung von Mensch und Gefährdungsfaktor (z. B. durch Abschrankungen, Auslagern von gefährlichen Maschinen und Anlagen, Anordnung der Verkehrswege)
 Verringerung von gesundheitsgefährdenden physischen Belastungen (z. B. durch Anordnung von Arbeitsplätzen, Maschinen, Lagereinrichtungen)
 Menschengerechte Gestaltung vor allem hinsichtlich Farbe, Licht,
Klima, maßliche Gestaltung von Bauteilen und Räumen
 Lärmarme Gestaltung von Arbeitsstätten (z. B. durch raumakustische Maßnahmen)
!
Arbeitsstättenverordnung
Bei der Gestaltung der Arbeitsstätten sind die geltenden Arbeitsschutz- und Unfallverhütungsvorschriften, das Bauordnungsrecht, der Stand der Technik (§ 4 ArbSchG), die allgemein anerkannten sicherheitstechnischen, arbeitsmedizinischen und hygienischen Regeln und die sonstigen gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zu berücksichtigen.
5.3
Umsetzung von Gestaltungsmaßnahmen
5.3.1
Anwendung von Rechtsvorschriften
Gestaltungsmaßnahmen müssen sich vor allem an den Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung orientieren. Der Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass die Arbeitsstätten so eingerichtet und betrieben
werden, dass von ihnen keine Gefährdungen für die Sicherheit und
die Gesundheit der Beschäftigten ausgehen (§ 3 Abs. 1 ArbStättV).
Diese allgemeine Anforderung wird im Anhang zur Arbeitsstättenverordnung genauer erläutert. Einen Überblick zu diesen Anforderungen
gibt Ihnen Übersicht 5.1.
Gliederung des Anhangs der ArbStättV
Regeln
1
Allgemeine Anforderungen
1.1
Konstruktion und Festigkeit von Gebäuden
keine Regel vorgesehen
1.2
Abmessungen von Räumen, Lufträumen
ASR A1.2
1.3
Sicherheits- und Gesundheitsschutzkennzeichnung
ASR A1.3
1.4
Energieverteilungsanlagen
keine Regel vorgesehen
1.5
Fußböden, Wände, Decken, Dächer
ASR A1.5/1,2
1.6
Fenster, Oberlichter
ASR A1.6
1.7
Türen, Tore
ASR A1.7
1.8
Verkehrswege
ASR A1.8
1.9
Fahrtreppen, Fahrsteige
ASR A1.8
1.10
Laderampen
keine Regel vorgesehen
1.11
Steigleitern, Steigeisengänge
ASR A1.8
Gliederung des Anhangs der ArbStättV
Regeln
2
Maßnahmen zum Schutz vor besonderen
Gefahren
2.1
Schutz vor Absturz und herabfallenden
Gegenständen, Betreten von Gefahrenbereichen
ASR A2.1
2.2
Schutz vor Entstehungsbränden
ASR A2.2
2.3
Fluchtwege und Notausgänge
ASR A2.3
3
Arbeitsbedingungen
3.1
Bewegungsfläche
3.2
Anordnung der Arbeitsplätze
A1.2
Barrierefreie Gestaltung von Arbeitsstätten
ASR V3a.2
3.3
Ausstattung
Keine Regel vorgesehen
3.4
Beleuchtung und Sichtverbindung
ASR A3.4, ASR A3.4/3
3.5
Raumtemperatur
ASR A3.5
3.6
Lüftung
ASR A3.6
3.7
Lärm
vgl. LärmVibrationsArbSchV
4
Sanitärräume, Pausen- und Bereitschaftsräume, Erste-Hilfe-Räume, Unterkünfte
4.1
Sanitärräume
ASR A4.1
4.2
Pausen und Bereitschaftsräume
ASR A4.2
4.3
Erste-Hilfe-Räume
ASR A4.3
4.4
Unterkünfte
ASR A4.4
5
Ergänzende Anforderungen an besondere
Arbeitsstätten
5.1
Nicht allseits umschlossene und im Freien liegende Arbeitsstätten
keine Regel vorgesehen
5.2
Zusätzliche Anforderungen an Baustellen
wo erforderlich, siehe Hinweise in jeweiligen Regeln
Zu den einzelnen Forderungen des Anhangs der Arbeitsstättenverordnung werden vom Ausschuss für Arbeitsstätten (ASTA) die wichtigsten
allgemein anerkannten sicherheitstechnischen, arbeitsmedizinischen
und hygienischen Regeln sowie die gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse in Form von Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) zusammengestellt. Die ASR beschreiben Möglichkeiten, wie
die einzelnen Forderungen der Arbeitsstättenverordnung an die Gestaltung der Arbeitsstätten umzusetzen sind. Sie werden vom Bundesarbeitsministerium bekannt gemacht und von der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin im Internet zum Download26 bereitgestellt. Die Nummerierung der Technischen Regeln für Arbeitsstätten
orientiert sich dabei an der Nummerierung des Anhangs in der
Arbeitsstättenverordnung (vgl. Übersicht 5.1, rechte Spalte, z. B. ASR
A1.3).
Wendet der Arbeitgeber die Technischen Regeln für Arbeitsstätten an,
ist davon auszugehen, dass die Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung erfüllt sind (Vermutungswirkung). Wendet er diese Regeln
26
http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Arbeitsstaetten/Arbeitsstaetten.html
Übersicht 5.1:
Gliederung des
Anhangs der
Arbeitsstättenverordnung
Technische Regeln für
Arbeitsstätten (ASR)
nicht an, muss er durch andere geeignete Maßnahmen die gleiche Sicherheit und den gleichen Gesundheitsschutz der Beschäftigten erreichen. Von der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen muss sich
der Arbeitgeber im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung überzeugen.
Das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung ist gemäß § 3 ArbStättV zu
dokumentieren. Auf Verlangen muss der Arbeitgeber den zuständigen
Vollzugsbehörden im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht darlegen, warum er eine von der ASR abweichende, andere Maßnahme für gleichermaßen geeignet hält.
ArbeitsstättenRichtlinien
Seit dem 01.01.13 sind die alten Arbeitsstätten-Richtlinien (ebenfalls
mit „ASR“ abgekürzt), die schrittweise durch Technische Regeln für
Arbeitsstätten ersetzt worden sind, ungültig. Die Angaben der nicht
überarbeiteten Richtlinien „Sichtverbindung nach außen“ (ASR 7/1)
und Sitzgelegenheiten (ASR 25/1) können aber weiterhin als Orientierungswerte verwendet werden. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass
diese nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen.
Verschaffen Sie sich bitte einen Überblick zur Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) sowie zum Stand der Entwicklung neuer
Technischer Regeln (www.baua.de, Themen von A-Z, Arbeitsstätten)
bzw. zu den bisherigen Arbeitsstätten-Richtlinien
(www.gaa.baden-wuerttemberg.de, Vorschriften, Arbeitsstättenrecht).
Weitere Anforderungen an die Gestaltung von Arbeitsstätten sind insbesondere enthalten in:
 Mutterschutzgesetz und Jugendarbeitsschutzgesetz
 Atomgesetz mit Strahlenschutzverordnung und Röntgenverordnung
 Betriebssicherheitsverordnung, §§ 5 und 6 mit Anhängen 3 und 4
sowie Abschnitt 3 „Besondere Vorschriften für überwachungsbedürftige Anlagen“
 Gefahrstoffverordnung und Biostoffverordnung
Auch einzelne Unfallverhütungsvorschriften enthalten spezielle Anforderungen zur Arbeitsstättengestaltung. Weitere Hinweise können dem
Regelwerk der Unfallversicherungsträger entnommen werden.
Bauordnungsrecht
Gestaltungsmaßnahmen von Arbeitsstätten sind vielfach baulicher
Natur. Das Bauordnungsrecht des jeweiligen Bundeslandes (Bauordnungen, Baugesetze) stellt ebenfalls Anforderungen an die bauliche
Ausführung von Gebäuden, Räumen, Treppen, Treppenräumen, Fluren, Gängen und Umwehrungen, den baulichen Brandschutz und die
Notbeleuchtung der Rettungswege.
Bauordnungsrecht und Arbeitsstättenverordnung sind als Einheit zu
sehen. Die Arbeitsstättenverordnung konkretisiert und erweitert aus
der Sicht des Arbeitsschutzes die generellen Anforderungen zur Errichtung von Baulichkeiten durch Anforderungen zu Einrichtung und
Betrieb von Arbeitsstätten, soweit es zum Schutz der Beschäftigten erforderlich ist.
Abweichungen von den Forderungen der Arbeitsstättenverordnung
einschließlich ihres Anhangs sind nach § 3 Abs. 3 ArbStättV auf
schriftlichen Antrag bei der zuständigen Behörde (Arbeitsschutzverwaltung, Gewerbeaufsicht) möglich, wenn
Ausnahmen
 der Arbeitgeber andere, ebenso wirksame Maßnahmen trifft oder
 die Durchführung der Vorschrift im Einzelfall zu einer unverhältnismäßigen Härte führen würde und die Abweichung mit dem
Schutz der Beschäftigten vereinbar ist.
In § 8 ArbStättV werden mit den „Übergangsvorschriften“ Sonderbestimmungen für Arbeitsstätten erläutert, die vor dem Inkrafttreten der
Arbeitsstättenverordnung errichtet waren oder mit deren Einrichtungen
vor dem Inkrafttreten begonnen worden war. Im Sinne eines Bestandsschutzes gelten hier die Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung nur eingeschränkt. Es sind aber die Anforderungen des Anhangs II der EG-Richtlinie 89/654/EWG über Mindestvorschriften für
Sicherheit und Gesundheitsschutz in Arbeitsstätten zu beachten.
Um bestimmen zu können, welche Arbeitsstätten unter den Bestandsschutz fallen, ist zwischen den alten und neuen Bundesländern zu
unterscheiden.
Die Arbeitsstättenverordnung trat in den alten Bundesländern am
1. Mai 1976 in Kraft, sie galt aber ab diesem Zeitpunkt aufgrund der
Anbindung an die Gewerbeordnung nur in der gewerblichen Wirtschaft. Ausgenommen waren dadurch im Wesentlichen Arbeitsstätten
des öffentlichen Dienstes des Bundes, der Länder und Gemeinden,
der Land- und Forstwirtschaft, der freien Berufe und der nichtgewerblichen Institutionen, der Verbände und Vereinigungen einschließlich
der Religionsgemeinschaften.
Seit dem 20. Dezember 1996 ist die Arbeitsstättenverordnung durch
die Anbindung an das Arbeitsschutzgesetz Bestandteil des neuen
Arbeitsschutzrechts. Ihr Geltungsbereich schließt nun die bisher ausgenommenen Arbeitsstätten ein, z. B. des öffentlichen Dienstes, der
Nachfolgeunternehmen der Deutschen Bundespost und der Deutschen
Bundesbahn.
Durch den Einigungsvertrag trat die Arbeitsstättenverordnung in den
neuen Bundesländern für alle Betriebe, einschließlich der Betriebe
des öffentlichen Dienstes, am 3. Oktober 1990 in Kraft.
Für alle vor diesen Daten errichteten Arbeitsstätten gilt, dass nur solche Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung zu erfüllen sind, bei
denen keine umfangreichen Änderungen der Arbeitsstätte, der Betriebseinrichtungen, der Arbeitsverfahren oder -abläufe notwendig
sind (vgl. § 8 Abs. 1 ArbStättV). Dies erfordert eine Prüfung im Einzelfall. Jedoch sind viele Anforderungen ohne umfangreiche Änderungen
erfüllbar.
Bei wesentlichen Erweiterungen oder Umbauten der Arbeitsstätten
sowie bei wesentlichen Umgestaltungen der Arbeitsverfahren und
Arbeitsabläufe muss der Arbeitgeber Maßnahmen treffen, damit diese
Bestandsschutz
Änderungen, Erweiterungen oder Umgestaltungen mit den Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung übereinstimmen.
In allen Einrichtungen der öffentlichen Hand sowie deren Nachfolgeunternehmen bei erfolgter Privatisierung sind in den
Arbeitsstätten, die vor dem 20. Dezember 1996 errichtet waren
oder mit deren Einrichtung begonnen worden war, die Mindestanforderungen nach Anhang II der EG-Richtlinie 89/654/EWG
über Mindestvorschriften für Sicherheit und Gesundheitsschutz
in Arbeitsstätten zu erfüllen.
!
Diese Mindestanforderungen (vgl. Übersicht 5.2) sind in der Regel erfüllt, wenn die Arbeitsstätten nach den bauordnungsrechtlichen Vorschriften der Länder sowie den anderen für sie geltenden Rechtsvorschriften errichtet und danach betrieben worden sind.
Verschaffen Sie sich einen Überblick zu den Mindestvorschriften in
Anhang II der EG-Arbeitsstättenrichtlinie 89/654/EWG.
Es ist Aufgabe des Arbeitgebers zu prüfen, ob bestehende Arbeitsstätten diesen Mindestanforderungen entsprechen. Die Fachkraft für
Arbeitssicherheit unterstützt ihn hierbei aktiv.
Gegenstandsbezogene Anforderungen Faktorenbezogene Anforderungen
Stabilität und Festigkeit
von Gebäuden
Elektrische Anlagen
Fluchtwege, Notausgänge
Türen, Tore
Verkehrswege
Nr. 2
Nr. 3
Nr. 4
Nr. 9
Nr. 16
Schutz gegen Brände
(Brandmeldung,
-bekämpfung)
Lüftung
Raumtemperatur
Beleuchtung von Räumen
Schutz gegen Absturzgefahren und herabfallende Gegenstände
Nr. 5
Nr. 6
Nr. 7
Nr. 8
Nr. 10
Anforderungen an besondere Räume
Pausenräume, -bereiche
Nr. 11
Sanitätsräume
Nr. 13
Anforderungen für bestimmte Personengruppen
Übersicht 5.2:
Mindestanforderungen
für bereits genutzte
Arbeitsstätten nach
Anhang II, EG-Richt27
linie 89/654/EWG
Schwangere, stillende Mütter
Nr. 12
Behinderte Arbeitnehmer
Nr. 15
Anforderungen für den Betrieb der Arbeitsstätten
Ausstattung mit Erste-Hilfe-Mitteln
Nr. 14
Anforderungen an Arbeitsstätten im Freien
Nr. 17
27
Diese Mindestanforderungen sind für alle bestehenden Arbeitsstätten zu erfüllen, die erst seit dem 20. Dezember 1996 dem Geltungsbereich der Arbeitsstättenverordnung unterliegen (alle Einrichtungen des öffentlichen Dienstes).
5.3.2
Maßnahmen für bestimmte Gestaltungsfelder
Gestaltungsgrundsätze und Maßnahmenkonzepte zur Erfüllung faktorenbezogener Anforderungen wurden bereits in den Lektionen 1 bis 3
behandelt. Im Rahmen der Arbeitsstättengestaltung betrifft dies vor allem die Gestaltung der Umgebungsfaktoren, speziell hinsichtlich Beleuchtung bzw. Farbgestaltung, Klima, Schall, Schwingungen, Luft.
Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal die Gestaltungsanforderungen in den Lektionen 1 bis 3.
Arbeitsräume
Arbeitsräume müssen bezüglich Größe, Gestaltung, Ausstattung und
Einrichtung den durch die vorgesehene Nutzung bestimmten Anforderungen gerecht werden (z. B. Bürotätigkeit, Lagerung, Produktionstätigkeit). Arbeitsräume müssen angepasst an die Arbeitsaufgabe beheizt, beleuchtet und belüftet werden können. Bei der Raumgestaltung
ist insbesondere zu achten auf:
 Türen und Tore
 Fenster und Oberlichter
 Wände und Decken
 Fußböden und Bodenbeläge
 Mittel und Einrichtungen zur Ersten Hilfe
 Fluchtwege und Notausgänge
 Umgebungsfaktoren (Beleuchtung, Farbgestaltung, Klima, Raumtemperatur, Schall, Schwingungen, Luft)
Möglichkeiten zur sicheren und gesundheitsgerechten Gestaltung von
Arbeitsräumen entnehmen Sie bitte den Technischen Regeln für
Arbeitsstätten (ASR).28
Arbeitsräume sind Bestandteil von Arbeitssystemen bzw. deren Umgebung. Ausgehend von den allgemeinen Gestaltungsgrundsätzen
(vgl. Abschnitt 5.2) kann bei der Gestaltung von Arbeitsräumen als Bestandteil der Arbeitssystemgestaltung in folgenden Schritten vorgegangen werden:
Vorgehensweise
Bestimmen der Systemgrenzen
für die Gestaltung von Arbeitsräumen
1. Schritt
 Auf welcher Systemebene ist die Gestaltung des Arbeitsraums
einzuordnen (vgl. Abbildung 2.4)?
28
http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Arbeitsstaetten/ASR/ASR.html und
http://www.gaa.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/16486/
 Welche übergeordneten Ebenen sind sinnvollerweise in die Überlegungen mit einzubeziehen?
 Welche Schnittstellen zu anderen (Unter-, Teil-) Systemen sind zu
beachten?
2. Schritt
Bestimmen und Analysieren der Arbeitssysteme,
für die die Raumgestaltung durchgeführt werden soll
 Welche Arbeitsaufgaben sollen in dem Raum verrichtet werden?
 Unter welchen Bedingungen sollen die Arbeitsaufgaben im Arbeitsraum erfüllt werden? Abbildung 5.2 gibt ein Überblick zu
möglichen Einflussgrößen.
Eine systematische Analyse der Arbeitstätigkeiten (vgl. Abschnitt 2.2.4)
kann hier weiteren Aufschluss bieten.
Material,
Materialfluss
Arbeitsaufgaben
Energie
Informationen,
Informationsfluss
Abbildung 5.2:
Einflussgrößen aus
dem Arbeitssystem
auf die Gestaltung
des Arbeitsraums
3. Schritt
Beschäftigte:
Anzahl,
besondere
Personengruppen
Arbeitsmittel
Lage in der
Betriebsstätte
Verkehrswege,
Materialfluss
Arbeitsräume
Arbeitsergebnisse
Arbeitsplatzgestaltung
ArbeitsArbeitsorganisation Kommuverfahren
nikationsanforderungen
Analyse von Gefährdungen, gesundheitsförderlichen Aspekten und
Möglichkeiten der menschengerechten Arbeitsgestaltung
hinsichtlich der Gestaltung von Arbeitsräumen
als Bestandteil von Arbeitssystemen
Hier sind insbesondere die Methoden aus Lektion 4, aber für die einzelnen Faktoren auch die Lektionen 1 bis 3 heranzuziehen.
Es empfiehlt sich, systematisch vorzugehen. Sinnvollerweise sind die
Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung nach dem Arbeitsschutzgesetz (vgl. Lektion 4, Abschnitt 7) zu nutzen. Eine bereits vorliegende
Gefährdungsbeurteilung für diese Arbeitssysteme ist auszuwerten.
4. Schritt
Bestimmen der konkreten Anforderungen an die Gestaltung der
Arbeitsräume
insbesondere hinsichtlich Flächen, Fenster, Wänden, Decken, Türen,
Anbindung an Verkehrswege, technische Gebäudeausstattung
 Ableiten von Anforderungen aus den Ergebnissen der Schritte 1
bis 3
 Beachten der Mindestanforderungen nach Anhang der ArbStättV
und Anhang II der EG-Arbeitsstättenrichtlinie 89/654/EWG sowie
weiterer zu beachtender Arbeitsschutzvorschriften
 Beachten des Stands der Technik, der allgemein anerkannten sicherheitstechnischen, arbeitsmedizinischen und hygienischen Regeln und der sonstigen gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse, und hier insbesondere der neuen Technischen Regeln
Arbeitsstätten
Auf dieser Grundlage ist – bezogen auf die konkret betroffenen
Arbeitssysteme – ein Anforderungskatalog zu entwickeln und in den
Gesamtprozess der Arbeitsstättengestaltung einzubringen.
5.4
Vorgehen der Fachkraft für Arbeitssicherheit
bei der Arbeitsstättengestaltung
Ihre Aufgabe als Fachkraft für Arbeitssicherheit ist es, den Arbeitgeber
und die von ihm beauftragten Stellen bei der Gestaltung der Arbeitsstätten im Hinblick auf Sicherheit, Gesundheit und menschengerechte
Gestaltung zu unterstützen:
Anlässe zur Unterstützung bei der
Arbeitsstättengestaltung
 In allen Phasen von Neubauplanungen
 Bei Umbauten und anderen Veränderungen
 Bei Nutzungsänderungen
 Bei bestehenden Arbeitsstätten zur Erfüllung von Mindestanforderungen, insbesondere hinsichtlich erkannter Gefährdungen durch
Einflussnahme auf Gefahrenquellen oder begünstigende Faktoren
Weitere Anlässe können Sie aus dem Aufgabenkatalog der betriebsspezifischen Betreuung gemäß DGUV Vorschrift 2 entnehmen, z. B.
im Aufgabenfeld 1.2 (Arbeitsplätze und Arbeitsstätten, die besondere
Risiken aufweisen) oder Aufgabenfeld 2.2 (grundlegende Veränderungen zur Einrichtung neuer Arbeitsplätze bzw. der Arbeitsplatzausstattung; Planung, Neuerrichtung von Betriebsanlagen; Umbau, Neubaumaßnahmen).
Leitprinzip für das Vorgehen bei der Unterstützung ist, die Arbeitsstätte eingeordnet in die betroffenen Arbeitssysteme zu analysieren, ihren
Zustand zu bewerten und auf dieser Basis sowie den jeweils geltenden rechtlichen Anforderungen konkrete Gestaltungsanforderungen
einzubringen. Für die Analyse sollen Sie neben eigenen Untersuchungen auch Analysen, Daten und Erkenntnisse generell zu den betroffenen Arbeitssystemen nutzen. Analysieren Sie auch, ob die bestehenden Arbeitsstätten den Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung
bzw. den Mindestanforderungen der EG-Arbeitsstättenrichtlinie
89/654/EWG, Anhang II entsprechen. Betrachten Sie einzelne Anforderungen nicht isoliert. Es ist immer die Wirkung auf Sicherheit und Ge-
Leitprinzip
für das Vorgehen
sundheit im Arbeitssystem zu beachten. Die in Abschnitt 0 für die Gestaltung von Arbeitsräumen beschriebene Schrittfolge kann sinngemäß auch auf andere Aspekte der Arbeitsstättengestaltung angewendet werden.
Aufgaben
?
Zu Ihren Aufgaben gehört es, einerseits die Anforderungen an die
Arbeitsstättengestaltung den jeweils betrieblich Zuständigen zu vermitteln und auf ihre Berücksichtigung aktiv hinzuwirken. Andererseits
unterbreiten Sie auch konkrete Lösungsvorschläge anhand der Gestaltungsrichtlinien insbesondere auf der Basis der Technischen Regeln für Arbeitsstätten.
Zur Selbstkontrolle beantworten Sie sich bitte folgende Fragen:

Von welchen übergreifenden Grundsätzen ist bei der Arbeitsstättengestaltung auszugehen?

Welche Anforderungen müssen beim Neubau von Arbeitsstätten beachtet werden?

Welche Anforderungen müssen Arbeitsstätten, die bereits vor
dem 20. Dezember 1996 bestanden, mindestens erfüllen?

In welchen Schritten sollte bei der Gestaltung von Arbeitsräumen vorgegangen werden?
6
Zusammenfassung
Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit sind durch
das Anwenden der Kriterien zur arbeitsschutzgerechten Gestaltung
von Arbeitssystemen zu gewährleisten. Bei der Arbeitssystemgestaltung dürfen nicht nur wirtschaftliche, technologische und ökologische
Zielsetzungen eine Rolle spielen.
Es ist Ihre Aufgabe als Fachkraft für Arbeitssicherheit, zur Optimierung sowohl bestehender als auch geplanter Arbeitssysteme den
Arbeitgeber und von ihm Beauftragte zu unterstützen und zu beraten.
In allen Handlungsschritten des systematischen Vorgehens sollten Sie
die Grundlagen der Arbeitssystemgestaltung nutzen:
Grundlagen
der Arbeitssystemgestaltung in den
Handlungsschritten
nutzen
 Sie orientieren sich an der Gestaltung von Systemen, d. h. am Zusammenwirken der Elemente des Arbeitssystems und beachten
immer die Wechselwirkungen in den Gestaltungsfeldern T–O–P.
 Sie bestimmen für die Analyse, Bewertung, Zielsetzung und Lösungssuche problemangemessen die Systemgrenzen und beachten dabei die verschiedenen Ebenen, auf denen Arbeitssysteme
bestimmbar sind. Bei der Suche nach Lösungen beziehen Sie immer die Einflüsse aus Arbeitssystemen höherer Ordnung in Ihre
Überlegungen ein.
 Sie beachten bei der Analyse, Beurteilung, Zielsetzung und Lösungssuche alle Gefährdungsfaktoren und gesundheitsförderlichen Faktoren, die in den jeweiligen Arbeitssystemen eine Rolle
spielen.
 Sie bewerten Arbeitssysteme nach den Kriterien der menschengerechten Arbeitsgestaltung und der Maßnahmenhierarchie zu Sicherheit und Gesundheitsschutz.
 Sie vertreten aktiv und initiativ im Prozess der Arbeitssystemgestaltung die aus Ihrer Fachkunde heraus gesetzten Ziele zu Sicherheit, Gesundheitsschutz und menschengerechter Arbeitsgestaltung.
 Sie bringen aufeinander abgestimmte Anforderungen und Lösungsansätze für die Gestaltung von Technik, Organisation und
Personal ein und beachten dabei den Stand der Technik, der allgemein anerkannten Regeln von Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Hygiene sowie die gesicherten arbeitswissenschaftlichen
Erkenntnisse.
Anforderungen an Arbeitsmittel sind zunächst durch den Hersteller zu
realisieren. Wird ein selbst hergestelltes Arbeitsmittel im eigenen Betrieb eingesetzt, müssen Sie – im Sinne des Präventionsgedankens –
hierzu beraten.
Der Schwerpunkt Ihrer Aktivitäten liegt aber auf der Unterstützung bei
Auswahl, Bereitstellung, Benutzung und Instandhaltung von Arbeitsmitteln. Deshalb unterstützen Sie den Arbeitgeber bei der Durchführung einer vorausschauenden Gefährdungsbeurteilung und bei der
Anforderungen an
Arbeitsmittel und
Beteiligung der
Fachkraft für
Arbeitssicherheit
Bestimmung von Anforderungen an die Arbeitsmittel unter den vorgesehenen Einsatzbedingungen. Sie tragen durch Ihre Unterstützung
dazu bei, dass beim Überprüfen offensichtliche Abweichungen von
den Beschaffenheitsanforderungen erkennbar und weitere Anforderungen bei der Benutzung des Arbeitsmittels erfüllt werden.
Sie sind in den gesamten Prozess – von der Problemanalyse und Bedarfsermittlung über die Inbetriebnahme, den Betrieb bis hin zur Instandhaltung und Entsorgung – eingebunden. Aufgrund dessen müssen Sie von vornherein vorausschauend die wechselseitigen Beziehungen des Systemelements „Arbeitsmittel“ zu den anderen Systemelementen beachten. Sie analysieren, beurteilen und geben Ziele vor
zu Auswahl, Beschaffung und Einsatz von Arbeitsmitteln hinsichtlich
des gesamten Arbeitssystems.
Anforderungen an
Arbeitsstätten und
Beteiligung der
Fachkraft für
Arbeitssicherheit
Bei Arbeitsstätten gilt es, Gebäude, Arbeitsräume, Lager, Maschinenund Nebenräume, Verkehrswege, Betriebsanlagen, Arbeitsplätze, Anlagen, Versorgungs-, Betreuungs-, Sozial- und Sanitärräume so zu gestalten, dass sie insbesondere den Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung sowie den Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR)
entsprechen.
Arbeitsstätten sollen als Teil des Arbeitssystems abgestimmt zu den
anderen Elementen Beiträge zur sicheren, gesundheits- und menschengerechten Arbeitsgestaltung leisten. Sie sollten sich dabei von
übergreifenden Grundsätzen sowie prinzipiellen Anforderungen an
die räumliche Anordnung der Arbeitsstätten, die Gestaltung von
Arbeitsräumen, die Anordnung von Maschinen und Arbeitsplätzen leiten lassen. Anlässe für Ihre Unterstützungstätigkeit sind insbesondere
der Neu- und Umbau von Arbeitsstätten, die Reorganisation innerhalb
bestehender Arbeitsstätten wie z. B. Nutzungsänderungen von Räumen, aber auch festgestellte Defizite.
Anlage 1:
Literatur zur Arbeitswissenschaft
Zur arbeitsschutzgerechten Gestaltung von Arbeitssystemen wird vor
allem auf Grundlagen aus der Arbeitswissenschaft zurückgegriffen.
Die folgende Übersicht führt grundlegende Literatur zur Arbeitswissenschaft auf:
Luczak, H. u. a.: Arbeitswissenschaft: Kerndefinition. Gegenstandskatalog – Forschungsgebiete. Rationalisierungskuratorium der Deutschen Wirtschaft (RKW) e. V., 1987. RKW-Bestellnummer 1028
Martin, H.: Grundlagen der menschengerechten Arbeitsgestaltung.
Handbuch für die betriebliche Praxis. Köln: Bund, 1994
Luczak, H.: Arbeitswissenschaft. Berlin, Heidelberg, New York:
Springer, 1993
Bullinger, H. J.: Ergonomie: Produkt- und Arbeitsplatzgestaltung.
Stuttgart: Teubner, 1994
REFA – Verband für Arbeitsstudien und Betriebsorganisation e. V.:
Methodenlehre der Betriebsorganisation: Arbeitsgestaltung in der
Produktion. München: Carl Hanser, 1993
REFA – Verband für Arbeitsstudien und Betriebsorganisation e. V.:
Methodenlehre der Betriebsorganisation: Grundlagen der Arbeitsgestaltung. München: Carl Hanser, 1993
Pieper, R.; Vorath, B.-J. (Hrsg.): Handbuch Arbeitsschutz. Sicherheit
und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage. Frankfurt am Main: Bund, 2005.
Anlage 2:
Einstufung ausgewählter Produkte
Die nachstehende Tabelle bezieht sich auf die Einstufungsaufgabe
zur Selbstkontrolle in Abschnitt 3.2.1 dieser Lektion. Nehmen Sie dort
erst die Einstufung selbst vor und überprüfen Sie anschließend mit der
nachstehenden Tabelle, ob Ihre Einstufung richtig ist.
Produkt
Gilt das
ProdSG?
ja/nein
Handelt es sich um
ein Verbraucherprodukt?
Gehört es zum
harmonisierten
Bereich?
Hammer
Ja, da Produkt
ja, da auch im privanicht von einer
ten Bereich veranderen spezielle- wendbar
ren Vorschrift erfasst wird
nein, da keine Maschine und auch nicht
unter eine andere
Verordnung fallend
Elektrische
Handstichsäge
Ja, da Produkt
ja, da auch im privanicht von einer
ten Bereich veranderen spezielle- wendbar
ren Vorschrift erfasst wird
ja, da Maschine und
elektrisches Betriebsmittel
CNC-Formatkreissäge
Ja, da Produkt
nein, da ausschließnicht von einer
lich bei der Arbeit
anderen spezielle- verwendbar
ren Vorschrift erfasst wird
ja, da Maschine (mit
hoher Gefährdung)
Schutzhandschuh
Ja, da Produkt
ja, da auch im privanicht von einer
ten Bereich veranderen spezielle- wendbar
ren Vorschrift erfasst wird
ja, da Persönliche
Schutzausrüstung
nach 8. ProdSV
Anlage 3:
Vorgehensweise zur Feststellung einer wesentlichen Veränderung an einer Maschine29
Bei Änderung der Funktion, der Leistung, des Anwendungsbereichs,
der bestimmungsgemäßen Verwendung, von Sicherheitsfunktionen:
Gefahrenanalyse durchführen!
Neue Gefährdungen/
Risikoerhöhung?
nein
Sicherheit
vorhanden
ja
Keine
wesentliche
Änderung:
GPSG usw.
gelten nicht
ja
aber:
Betriebsvorschriften
einhalten,
besonders:
ja
Reichen vorhandene Sicherheitsmaßnahmen aus?
nein
Sichere,
trennende Schutzeinrichtung
herstellbar ?
nein
Mögl. Personenschaden reversivel, kein hoher
Sachschaden ?
ja
nein
Eintrittswahrscheinlichkeit
hoch ?
Durch
Maßnahmen
Sicherheit
wieder
herstellen
Arbeitsschutzgesetz
Betriebssicherheitsverordnung
Unfallverhütungsvorschriften
nein
ja
Wesentliche
Veränderung
29
Herstellerpflichten und Beschaffenheitsanforderungen nach GPSG usw. wie bei neuer Maschine
Nach: Interpretation des BMA und der Länder für den im GPSG benutzten Begriff
„wesentliche Veränderung“ in Bezug auf Maschinen.
Planung
Anlage 4:
Systematische Vorgehensweise zur Instandhaltung
 Erfassen der instand zu haltenden Arbeitsmittel (Maschinen, Geräte,
Werkzeuge, Hilfsmittel usw.), ggf. weiterer Betriebsmittel, überwachungsbedürftiger Anlagen und Einrichtungen
 Ermitteln des Instandhaltungsbedarfs (erforderliche Instandhaltungsarbeiten nach Art (Wartung, Prüfung, Instandsetzung) und Umfang mit
Fristen, Intervallen) im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung aller auszuführenden Tätigkeiten anhand von:
 Betriebsanleitungen der Hersteller (empfohlenes Instandhaltungsprogramm in Abhängigkeit von Nutzungsintensität, Verschleißanfälligkeit und Risikopotenzial; Anpassung an die geplante Benutzung)
 Relevante Vorschriften und Normen
 Schwachstellenanalysen (Verschleiß, typische Fehler, mögliche Störungen, häufige Ausfälle, Feststellen der Ursachen, Abschätzen
möglicher Folgen)
 Durchführen von (arbeitsablauforientierten) Gefährdungsbeurteilungen
für alle erforderlichen Instandhaltungstätigkeiten unter Berücksichtigung
von:
 Informationen des Maschinenherstellers über Risiken (Betriebsanleitung)
 Auswertungen der Unfall-, Störfall- und Krankheitsstatistiken
 Gestaltung sicherer und gesundheitsgerechter Instandhaltungsarbeitssysteme:
 Berücksichtigen der Erkenntnisse aus der Gefährdungsbeurteilung
 Berücksichtigen der Herstellerangaben (Betriebsanleitung, weitere
Herstellerhinweise)
 Einordnen gesetzlicher Vorgaben und formaler Pflichten
 Beachten relevanter Vorschriften und Regeln, Stand der Technik,
„Good-Practice-Beispiele“ etc.
 Festlegen vorbereitender Tätigkeiten (Bereitstellen von Arbeitsmitteln, Ersatzteilen usw., Durchführen von Qualifizierungen, Unterweisungen)
 Festlegen der Arbeitsschritte und dabei notwendiger Schutzmaßnahmen
 Festlegen des erforderlichen Qualifizierungsbedarfs
 Schnittstellen zu anderen Bereichen und Koordinationsbedarf mit
anderen Bereichen und Benutzern
 Ressourcenplanung:
 Ermitteln und Einplanen von Zeitbedarf für die Arbeiten
 Festlegen der Qualifikationsanforderungen für die verschiedenen Instandhaltungsarbeiten
 Auswahl und ggf. Qualifizierung erforderlicher Instandhalter oder externe Vergabe von Instandhaltungsaufträgen
 Ermitteln erforderlicher ggf. spezieller Arbeitsmittel, Schutzausrüstungen, Betriebsmittel, Ersatzteile usw. einschließlich Mengenbedarf
 Instandhaltungskosten
 Ablaufplanung:
 Festlegen von Zuständigkeiten und Abläufen
 Klären der Lagerung, Bereitstellen von Arbeitsmitteln und Entsorgen
 Erstellen von Arbeitsanweisungen
Steuerung
 Anlegen und Führen eines Instandhaltungsbuchs zur Steuerung, Über-
Durchführung
 Bereitstellen erforderlicher Arbeitsmittel einschließlich Spezialwerkzeug,
wachung und Dokumentation
 Veranlassen der termingerechten Durchführung der Instandhaltungstätigkeiten
 Terminverfolgung der Durchführung (Umsetzungskontrolle)
Hilfsmittel, Transportmittel und Materialien
 Bereitstellen erforderlicher Informationen einschließlich Hinweise zur sicheren und gesundheitsgerechten Durchführung der Arbeiten
 Koordination insbesondere bei weiterlaufendem Betrieb
 Schaffen sicherer (ggf. ortsfester) Zugänge (mit Absturzsicherungen)
 Schaffen ausreichender Arbeitsbeleuchtung
 Herstellen sicherer Betriebsbereitschaft
 Entsorgen, Reinigen und Rücktransport der Arbeitsmittel
 Rückmeldung der Durchführung
 Dokumentation der Durchführung, optimierungsrelevanter Parameter
Kontinuierliche Verbesserung
sowie weiterer Erkenntnisse für die Optimierung der Instandhaltung
 Erkenntnissammlung für künftige Verbesserung während der Durchführung
 Auswerten der gewonnenen Erkenntnisse, z. B.:
 Festgestellte neue Gefährdungen, ggf. Überprüfen der Gefährdungsbeurteilung
 Eingetretene Ereignisse (Unfälle, Beinahe-Unfälle, Störfälle)
 Verbesserungsvorschläge
 Ableiten von Maßnahmen zur Optimierung der Instandhaltung, z. B.:
 Verbesserte Schutzmaßnahmen
 Optimierte Abläufe, verbesserte Koordination
 Anpassung der Instandhaltungsintervalle oder des Umfangs der Instandhaltungsarbeiten
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