Auszug

Auszug
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Einleitung
„Du bist überempfindlich.“ „Du bist zu empfindsam.“ „Du bist hypersensibel.“ Andere
Variationen desselben Sachverhalts:
„Jetzt schon müde?“
„Du hast doch nicht etwa Angst?“
„Was ist los mit dir? Schüchtern?“ „Verstehst du keinen Spaß?“ „Hast du kein Selbstbewusstsein?“
Und hinter alldem steckt die Frage: „Was stimmt nicht mit dir?“
Kommt Ihnen das bekannt vor? Wenn Sie so sind wie ich, haben Sie Bemerkungen
wie diese von wohlmeinenden Eltern, Lehrern und Freunden schon so oft gehört, dass
Sie sie irgendwann für begründet halten und tatsächlich glauben, dass mit Ihnen etwas
nicht stimmt. Und da Sie wissen, dass Sie sich nicht ändern können, sind Sie überzeugt,
eine bislang unerkannte, folgenreiche Schwachstelle zu besitzen. Und Sie beginnen, Ihr
Leben aufgrund dieses Makels als ständigen Kompromiss zu sehen, als Kampf gegen
eine Schwäche.
Dieses Arbeitsbuch enthält für Sie eine wichtige und ganz zentrale Botschaft: Hochsensibilität ist keine Schwäche. Es ist in Ordnung, hochsensibel zu sein. Wenn zwölf
oder mehr Aussagen im Selbsttest auf Seite 20 auf Sie zutreffen, verfügen Sie über ein
hochsensibles Nervensystem – ein Nervensystem, das dafür ausgelegt ist, in der Umgebung feine Nuancen zu bemerken. In vielen Situationen kann das ein großer Vorteil
sein.
Ein sensibles Nervensystem zu haben bedeutet auch, ab einem bestimmten Level
zwangsläufig reizüberflutet zu sein. Das gehört leider dazu. Deswegen ist Hochsensibilität noch lange keine Krankheit oder ein schwerer Charakterfehler.
Ein stark empfängliches, hochsensibles Nervensystem wird an 15 bis 20 Prozent
der Menschen weitergegeben, also vererbt. Dieser Anteil findet sich auch im Tierreich.
Männer und Frauen erben diesen Wesenszug gleichermaßen. (Sensible Männer haben es
in unserer Kultur allerdings eindeutig schwerer.) Bislang gibt es auch keinen Nachweis
darüber, dass es sich bei den verschiedenen Ethnien anders verhält.
11
Sind Sie hochsensibel? – Das Arbeitsbuch
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
So viele Nervensysteme können nicht „falsch“, fehlerhaft oder genetisch defekt sein.
Dieser Wesenszug muss also einen Zweck haben – zum Beispiel kommt es jeder Gruppe
zugute, wenn eines ihrer Mitglieder Dinge bemerkt, die den anderen entgehen. Um dem
nachkommen zu können, liegen jedoch noch einige für Sie unerlässliche Arbeitsschritte
vor Ihnen, die Sie moralisch aufbauen: Stück für Stück müssen Sie all die subtilen und
weniger subtilen Schäden ungeschehen machen, die wohlmeinende, aber irrende Kritiker an Ihrem Selbstkonzept angerichtet haben. Denn in Wahrheit handelt es sich hier
um Ihre eigene, natürliche, Ihnen angeborene Art, die für alle von Nutzen ist. Dieses Arbeitsbuch – entstanden nach vielen Jahren persönlicher Erfahrung mit Hunderten von
Menschen, die hochsensibel sind und HSP genannt werden, und getestet von fünfzig
weiteren – soll Ihnen dabei helfen, sich von diesen Schäden zu erholen und Ihr sensibles
Potenzial zu entfalten.
Vielleicht sind Sie auch hochsensibel und glauben, deswegen noch nie kritisiert worden zu sein. Oder Sie verstehen, worum es mir im Kern geht, und halten Hochsensibilität für einen positiven Wesenszug. Oder Sie sind alles andere als schüchtern und
verfügen über ein gesundes Selbstbewusstsein, fühlen sich also nicht betroffen. Lesen Sie
bitte trotzdem weiter. Denn Hochsensibilität ist nicht gleichzusetzen mit Schüchternheit oder Introvertiertheit – tatsächlich sind 30 Prozent aller HSP extrovertiert. Auch
wenn Sie sich anscheinend keines Defizits bewusst sind, ist es unwahrscheinlich, dass
Sie nicht doch kulturell bedingt unbewusst annehmen, Ihre wahre Persönlichkeit verschleiern zu müssen, weil Sie ein wenig merkwürdig, wenn nicht sogar „unnormal“ sind.
Die meisten HSP berichten, dass es Monate oder Jahre innerer Arbeit gekostet hat, um
die vielen negativen und falschen Vorstellungen von sich selbst zu erkennen und diese
langsam auszuklammern – sowohl aus den unterbewussten emotionalen Reaktionen als
auch dem bewussten rationalen Handeln. Der Zweck dieses Arbeitsbuchs ist es, Ihnen
bei diesem Prozess zu helfen.
Was genau verstehe ich unter Sensibilität?
HSP werden mit einem Wesenszug geboren, der sie alle möglichen subtilen Botschaften
von außen und innen wahrnehmen lässt. Es geht nicht darum, schärfere Augen oder
ein besseres Gehör zu haben, sondern wir verarbeiten Informationen, die wir erhalten,
viel gründlicher als andere. Wir reflektieren gern. Diese Sensibilität ist in vielen Situationen von Vorteil. So haben Forschungen ergeben, dass HSP intuitiver, bewusster und
gewissenhafter sind. (Sie ziehen mögliche Konsequenzen wie „Was wäre, wenn ich das
12
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Einleitung
nicht schaffe?“, „Was wäre, wenn jemand diese Regel bräche?“ immer in Betracht.) Wir
können gut mit Kindern und Tieren umgehen und haben ein Händchen für Pflanzen.
Und wir sind hilfreich in Situationen, in denen es wichtig ist, subtile Signale zu bemerken. Kleinteilige Arbeiten und das Auffinden von Fehlern liegen uns, wir sind aber
auch Visionäre, haben eine Vorstellung vom „großen Ganzen“. Dabei ziehen wir stets
zurückliegende Erfahrungen und mögliche Auswirkungen in der Zukunft in Erwägung.
Wir haben ein reiches, komplexes Innenleben und ungewöhnliche Träume; uns liegt viel
an sozialer Gerechtigkeit, und wir besitzen eine spirituelle Gabe oder philosophisches
Talent. Da wir Feinheiten sehr stark wahrnehmen, werden wir auch sehr leicht von
weniger subtilen oder ausgeprägten Reizen überwältigt. Lärm. Visuelles Chaos. Kratzige Stoffe. Merkwürdige Gerüche und Lebensmittel, die nicht mehr ganz frisch sind
oder Flecken aufweisen. Extreme Temperaturen und alle Arten plötzlicher Veränderung.
Emotional fordernde Situationen. Menschenmengen. Fremde. Und da wir Informationen gründlicher verarbeiten als andere, setzen wir uns auch ausführlicher mit Kritik,
Zurückweisung, Vertrauensbruch, Verlust und Tod sowie ihrer Bedeutung auseinander.
Weitere nüchterne Tatsachen über uns sind: Wir neigen zu Allergien und reagieren stärker auf Schmerzen, Medikamente, Koffein und Alkohol. Normalerweise empfinden wir
schneller und häufiger Hunger und müssen daher regelmäßig essen. Keine dieser Eigenschaften macht uns schwach – wir sind nur anders.
Kurz zusammengefasst ist Sensibilität in vielen Situationen ein Vorteil und zweckdienlich, umgekehrt auch nicht. Wie bei der Augenfarbe handelt es sich dabei um ein
neutrales, gewöhnliches Merkmal, das zwar nicht von der Mehrheit, aber von einem
großen Teil der Bevölkerung geerbt wurde.
Was Sie über Ihren Wesenszug wissen müssen –
oder warum Sie dieses Buch lesen sollten
Als ich anfing, über Hochsensibilität zu forschen, hatte ich nicht vor, Bücher darüber zu
schreiben. Als klinische Psychologin war ich plötzlich in einen für mich persönlich sehr
wichtigen Bereich eingebunden – ich suchte nach den Gründen dafür, warum ich selbst
mich so anders als andere Menschen fühlte. Doch schon bald hatten mich andere HSP
davon überzeugt, dass auch ihnen grundlegende Informationen über sich selbst fehlten.
Als dann eine Lokalzeitung meine Forschungsergebnisse abdruckte, setzten sich Hunderte HSP mit mir in Verbindung und baten mich inständig, eine Vorlesung darüber zu
halten. Danach sollte ich einen Kurs darüber geben und schließlich ein Buch schreiben.
13
Sind Sie hochsensibel? – Das Arbeitsbuch
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Und das habe getan: Sind Sie hochsensibel? Es war nicht einfach, einen Verlag dafür
zu finden, doch mittlerweile wurden über 100.000 Exemplare in dreizehn Auflagen
verkauft, beinahe ohne Medienberichterstattung und nur durch die Mundpropaganda
unter HSP. Immer wieder versichern sie mir, dass all das ihr Leben verändert hätte.
Einem ethisch motivierten Aufruf zum Handeln wie diesem kann kein Wissenschaftler
widerstehen.
Ich glaubte, nach dem ersten Buch sei Schluss. Doch es kam anders: Meine Leser
wollten mehr – Kurse, Beratung, Selbsthilfegruppen und andere Formen der Unterstützung, um diese Vorstellungen zu verinnerlichen, was, wie ein HSP es beschrieben hat,
„einem innerlichen Möbelrücken gleicht“.
Inzwischen verstehe ich das Bedürfnis nach noch mehr Information, denn man ändert nicht sein komplettes Selbstbild nach der Lektüre eines einzigen Buchs. Aber da
ich nicht ständig Vorlesungen halten und lehren kann, versuche ich, durch dieses Arbeitsbuch vielfach präsent zu sein und jeder HSP das zu geben, was ich ihr in einem
Kurs, bei einer persönlichen Beratung und im Rahmen einer Selbsthilfegruppe hätte
zuteilwerden lassen.
Aus meinen Erfahrungen mit vielen HSP kann ich Ihnen sagen, was Sie brauchen:
• Basiswissen über Ihren Wesenszug. Dieser Punkt wird ausführlich in Sind Sie hochsensibel?
behandelt. Das Gleiche gilt auch für dieses Arbeitsbuch, wobei es in einem anderen
Format geschieht. Hier erforschen Sie die Bedeutung Ihres Wesenszugs viel stärker,
vor allem in den Kapiteln 1 und 2.
• Hilfe bei der Selbstfürsorge. HSP haben ein anderes Nervensystem als andere Menschen.
Wenn wir versuchen, uns an die gleiche Betriebsanleitung zu halten wie diese, ziehen wir uns alle möglichen chronischen Krankheiten zu, wie viele von Ihnen schon
am eigenen Leib erfahren mussten. Umgekehrt kommen unsere Vorzüge nicht zum
Tragen, wenn wir uns selbst überbehüten, was ebenfalls zu Stress und Krankheit
führen kann. Vor allem Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Selbstfürsorge von HSP.
• Hilfe bei der Neubewertung Ihres Lebens. Unter Berücksichtigung Ihrer Sensibilität werden Sie bis zu einem gewissen Grad automatisch anders über Ihr Leben denken –
vor allem über die „Fehler“. Da es sich hier um einen ganz wesentlichen Punkt
handelt, sollten HSP systematisch und aufmerksam vorgehen. Ihr Leben im Lichte
Ihres Wesenszugs neu zu definieren ist natürlich das Ziel dieses Arbeitsbuchs. Das
geschieht jedoch nach und nach, und zwar für jeden Bereich Ihres Lebens in den
Kapiteln 1, 2, 4, 5, 6, 7 und 9.
• Hilfe bei der Verarbeitung von Traumata der Vergangenheit. Forschungen haben ergeben,
dass HSP, die in einem normalen, nicht allzu stressbelasteten Umfeld leben, tatsäch14
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Einleitung
lich gesünder sind als andere. Hatten wir jedoch eine schwierige Kindheit oder kam es
zu besonderen Traumata, neigen wir eher zu Ängstlichkeit und Depressionen als der
Durchschnitt. Vieles davon kann geheilt werden, was auch nötig ist, um gesund und
glücklich zu sein. Heilung bedarf jedoch bewusster Bemühung. Kapitel 8 hilft Ihnen
bei diesem Prozess und ermutigt Sie, diesen auch an anderer Stelle fortzuführen.
• Hilfe bei der Integration Ihres Wesenszugs in bestimmte Aspekte Ihres Lebens. Ein anderes
Nervensystem hat Auswirkungen auf alles, was wir tun. Deshalb hilft Ihnen dieses
Arbeitsbuch, mit Ihrem Wesenszug in den verschiedenen Bereichen Ihres Lebens
umzugehen – hinsichtlich Ihrer sozialen Kontakte allgemein (Kapitel 5), Ihrer engen Beziehungen (Kapitel 7), Ihres Arbeitslebens (Kapitel 6), im Umgang mit Ärzten und Therapeuten (Kapitel 9) und natürlich was Ihr inneres Selbst oder Ihre
spirituelle Seite betrifft (Kapitel 10).
Das ist ein tiefenpsychologisches Arbeitsbuch –
wie Sie es benutzen sollten
Gebrauchen Sie dieses Arbeitsbuch so, wie es Ihnen am meisten zusagt. Sie können
damit arbeiten, ohne Sind Sie hochsensibel? gelesen zu haben, oder Sie können es durchgehen, während Sie das andere Buch lesen (die Themen der Kapitel sind aufeinander
abgestimmt). Oder aber Sie lesen zuerst Sind Sie hochsensibel? und fangen dann irgendwann an, mit diesem zu arbeiten.
Sie können dieses Arbeitsbuch lesen, ohne die Aufgaben zu machen. Ja, ich bin damit einverstanden. Oder Sie erledigen die Aufgaben alle der Reihe nach. Oder ohne sich
an die Reihenfolge zu halten. Oder Sie machen nur die Aufgaben, die Ihnen zusagen,
ungeachtet ihrer Reihenfolge.
Unabhängig von Ihrer Vorgehensweise empfehle ich Ihnen, sämtliche Schritte bewusst zu machen. Versuchen Sie, auf Ihre innere Stimme zu hören, die Ihnen vielleicht
sagt: „Du brauchst dieses Buch“, und achten Sie auch dann auf sie, sollte sie Ihnen
später möglicherweise mitteilen: „Das möchte ich nicht machen.“ Finden Sie heraus,
woran es liegt, insbesondere wenn Sie dazu tendieren, etwas auszulassen. Es geht also
nicht darum, ob Sie etwas tun, sondern darum, wie bewusst Sie sich dafür entscheiden.
Dies ist ein tiefenpsychologisches Arbeitsbuch, geschrieben von einer Tiefenpsychologin. Mein Ziel ist es daher, Ihnen dabei zu helfen, die ignorierten, vernachlässigten
und sogar verhassten Seiten an sich selbst anzuerkennen. Ihre persönliche Geschichte
und Ihre Kultur haben Sie gelehrt, dass Sie bestimmte Aspekte Ihres Selbst am besten
15
Sind Sie hochsensibel? – Das Arbeitsbuch
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
außen vor lassen und vergessen sollten. Mithilfe des tiefenpsychologischen Ansatzes sollen zumindest Teile davon zurückgeholt werden. (In Gänze ist das leider nicht möglich.) Wir versuchen, die ignorierten Aspekte anzunehmen, zu verinnerlichen und sie
zu berücksichtigen. Das gibt die Energie frei, die wir bisher dafür verwendet haben, sie
zu unterdrücken – und, was noch wichtiger ist, ihr Wert ist nun frei zugänglich. Oft
fehlt einem Menschen als Erwachsenem in seinem Leben genau das, was während seiner
Kindheit abgelehnt wurde. Bei einer Frau kann das die „zu männliche“ Durchsetzungskraft oder bei einem Mann das „zu weibliche“ Einfühlungsvermögen sein, um nur zwei
bereits überstrapazierte Beispiele zu nennen.
Bei vielen von uns handelt es sich bei dem bis vor Kurzem verdrängten und unterdrückten Aspekt um unsere Sensibilität. Für manche wiederum ist sie nach wie vor
etwas ganz oder zum Teil Beschämendes, Unangenehmes. (So werde ich immer noch
darum gebeten, den HSP-Newsletter Comfort Zone in einem braunen Kuvert zu verschicken.) Meiner Meinung nach erfordert es daher tiefenpsychologische Arbeit, diesen
Wesenszug zu stärken und ihm einen angemessenen Platz in Ihrem Leben zu geben.
Tiefenpsychologische Arbeit ist lohnend, aber nicht immer einfach. Deshalb enthält dieses Arbeitsbuch eine Reihe von „Aufgaben“ und keine „Arbeitseinheiten“ oder
„Übungen“. Möglicherweise erfordern einige von ihnen sogar ein heroisches Herangehen. Eine der HSP-Freiwilligen, die dieses Arbeitsbuch im Vorfeld getestet haben,
schrieb in ihrer Beurteilung: „Ich habe Ihr Buch Sind Sie hochsensibel? vor eineinhalb
Jahren gelesen, und obwohl es mich sehr berührt hat, stand ich alldem immer noch
emotional zurückhaltend gegenüber.“ Nach sechs Monaten Therapie, in der sie sich
gründlich mit ihrer Kindheit befasst hatte, glaubte sie, diese Tests zu machen sei „ein
Kinderspiel“ und würde „sogar Spaß machen“. Aber dann war sie doch sehr überrascht
über die Wirkung, die sich dabei zeigte. Sie stellte fest, dass sie enorme Willenskraft
aufbringen musste, um einen Teil der Aufgaben zu beenden. „Vor einem Jahr hätte ich
das wahrscheinlich nicht für möglich gehalten.“
Nicht jede Testperson berichtete von so intensiven Erlebnissen, doch selbst wenn
die Herangehensweise dieses Arbeitsbuchs auf Sie spielerisch wirkt, geht es dabei stets
um Ihr ureigenes Wesen. Sie dürfen und sollen sogar die Stellen auslassen, die Ihnen
zu schwer erscheinen. Aber machen Sie sich bewusst, warum das so ist. „Das tut weh.“
„Das macht mir Angst.“ Was auch immer Sie dabei empfinden.
An vielen Stellen dieses Arbeitsbuchs sollen Sie etwas schreiben. Eine der HSP-Freiwilligen, die es getestet haben, hat sogar vorgeschlagen, ein separates Notizheft für die
Aufgaben zu verwenden. Das könnte auch für Sie zutreffen. Wenn Sie noch ungeübt
sind, Erfahrungen aufzuschreiben oder die Methode des Bewusstseinsstroms bislang
16
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Einleitung
nicht angewendet haben, dann sollten Sie wissen, dass alles, was Sie in dieses Buch oder
in Bezug darauf in einem Heft notieren, nicht bearbeitet oder korrigiert werden sollte.
Lassen Sie Ihre Worte einfach fließen. Niemand wird das, was Sie festgehalten haben,
sehen oder bewerten. Falls Ihr innerer Kritiker das nicht zulässt, erfahren Sie schon bald,
wie Sie mit diesem Störenfried fertig werden (ab Seite 27).
Das Geheimnis dieser Art von Aufzeichnungen besteht darin, sich vor dem Schreiben Zeit zu nehmen, in sich hineinzufühlen. Hier die Erfahrung einer unserer Tester
des Arbeitsbuchs:
Ich habe festgestellt, dass ich ständig Reaktionen wie „richtig“, „interessant“ oder „zutreffend“ auf die Übungsaufgaben von mir erwarte. Ich muss diese Neigung überwinden
und das, was ich tatsächlich fühle, in Ordnung finden. Oft handelt es sich dabei um
unangenehme Gefühle wie Abwehr, Scham, Wut, Zorn. Es dauert dann eine Weile, bis
ich mich beruhigt und so weit unter Kontrolle habe, dass ich an Antworten denken kann,
die mich weiterbringen.
Dieselbe Testperson regte auch an, manchmal „nichtlinear“ und präverbal an die Aufgaben heranzugehen:
Bei einigen Aufgaben war es für mich am besten, die gesamte Beschreibung ein- oder
zweimal vorab zu lesen, die Dinge vor dem „Aufkochen“ erst einmal „köcheln“ zu lassen
und mich erst dann an die Arbeit zu machen. Mir fällt es schwer, linear an die Aufgaben heranzugehen. Manchmal ist es sogar unmöglich. Und manchmal steigen intensive
Gefühle in mir auf, die ich nicht mit Worten beschreiben kann und die nicht einmal mit
Bildern verbunden sind.
Sich präverbalen oder nonverbalen Gedanken zu öffnen ist genau das, worum es bei
tiefenpsychologischer Arbeit geht. Nehmen Sie sich also Zeit und erlauben Sie sich,
einfach zu beobachten, was passiert.
Am Ende jeder Aufgabe finden Sie einen Abschnitt „Zum Abschluss“, wo Sie Gelegenheit haben, zu reflektieren und zusammenzufassen, welchen Effekt diese Aufgabe hatte
oder wie Sie sie für sich nutzen wollen. Das mag wie zusätzliche Arbeit erscheinen, doch
diese Zusammenfassungen sind großartig. Denn sie zeigen Ihnen, was Sie geleistet haben,
wenn Sie nach Monaten oder Jahren dieses Buch wieder einmal durchblättern. Nehmen
Sie also die Chance wahr zu reflektieren, was in unserer heutigen schnelllebigen Zeit eine
Seltenheit geworden ist, aber zu den besonderen Eigenschaften von HSP zählt.
17
Sind Sie hochsensibel? – Das Arbeitsbuch
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Sollten Sie übrigens wie ich das Schreiben mit der Hand als mühsam empfinden,
fühlen Sie sich nicht verpflichtet, ins Buch zu schreiben. Benutzen Sie Ihren Computer.
Letztendlich ist es absolut unerlässlich, dass Sie Ihre Arbeit unterbrechen, falls die
Aufgaben Sie aufwühlen und in ernsthafte Bedrängung bringen. Dann sollten Sie sich
gute professionelle Hilfe suchen. In Kapitel 8 wird beschrieben, wie Sie dabei vorgehen
sollten.
Eine Besonderheit: Arbeiten mit anderen HSP
HSP sollten einander kennenlernen. Viele von Ihnen haben dieses Bedürfnis und fragen
mich nach Selbsthilfegruppen, Kursen oder einfach einer Möglichkeit, andere HSP zu
treffen. In Kapitel 11 gehe ich im Besonderen darauf ein, indem ich beschreibe, wie
innerhalb von sechs Wochen eine Diskussionsgruppe für HSP ohne Leitung organisiert
wird. Sie kann auf unbestimmte Zeit fortbestehen, eigenständig diskutieren oder als
Gemeinschaft die Aufgaben in diesem Buch bearbeiten. Auf die ersten sechs Wochen
kommt es an, in Kapitel 11 finden Sie eine entsprechende sorgfältig erstellte, detaillierte
und getestete Gliederung.
Natürlich können Sie auch eine Gruppe ins Leben rufen und als solche mit diesem
Buch arbeiten, ohne sich an die vorgeschlagene Vorgehensweise zu halten. Ich persönlich empfehle Ihnen jedoch, dafür einen erfahrenen Gruppenmoderator hinzuzuziehen – zumindest für den Anfang.
Ich möchte Sie auch darin bestärken, sich an eine andere HSP zu wenden und gemeinsam mit ihr die Aufgaben in diesem Buch zu bearbeiten – vielleicht mit Ihrer
besten Freundin oder Ihrem besten Freund oder Ihrem Ehepartner, falls er oder sie auch
eine HSP ist. Vielleicht finden Sie auch jemanden Geeignetes, indem Sie eine Gruppe
für HSP organisieren, eine Anzeige unter „Kontakte“ im HSP-Newsletter Comfort Zone
(Quellenangabe am Ende des Buchs) aufgeben oder sich in Ihrem Bekanntenkreis umschauen.
Einige Aufgaben könnten Ihnen für die gemeinsame Bearbeitung mit einem Menschen, der Ihnen nicht wirklich vertraut ist, zu persönlich erscheinen. Deshalb gebe
ich zu den Aufgaben folgende Hinweise, für welche Konstellation sie geeignet sind:
A: ein Paar oder eine Gruppe, die nicht gut miteinander bekannt ist; B: Personen, die
sich gerade besser kennenlernen; C: Personen, die miteinander vertraut sind. Manche
Aufgaben sind nur für C, andere für B und C, aber nicht für A. Ein Teil wiederum ist
für alle geeignet. Also:
18
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Einleitung
• Aufgaben für A sind ideal für Zweierteams im Anfangsstadium oder Gruppen kurz
nach dem Kennenlernen.
• Aufgaben für B sind ideal bei fest etablierten Beziehungen, in denen Sie sich jedoch
nicht sicher genug fühlen und nicht bereit sind, offen über alles zu sprechen. Viele
der Aufgaben können bei dieser Konstellation aber gemeinsam gelöst werden.
• Aufgaben für C sind ideal, wenn eine Beziehung weiter fortgeschritten ist, in der ein
Paar oder Gruppenmitglieder etwa schon viele Themen erfolgreich miteinander besprochen haben. Das heißt, man hat einander zugehört und sich gegenseitig geholfen, ohne dass dabei Störungen in Form von Misstrauen, Missverständnissen über
eigene Vorstellungen, Konkurrenzdenken, Neid und Ähnliches aufgetaucht sind.
Ein Wort an die nicht ganz so Sensiblen
Diejenigen, die sich dieses Buch ausgesucht haben, weil ihr Partner, ein Freund oder ein
Familienmitglied hochsensibel zu sein scheint, sind ebenfalls eingeladen, es zu lesen oder
das Arbeitsbuch zu verschenken. Nach den Briefen zu urteilen, die ich von HSP bekomme, ist dieses Buch genau das – ein Geschenk des Selbstvertrauens und des Stolzes auf das,
was vielleicht einmal der Grund für Selbstzweifel war. Wenn Sie das Buch also lesen oder
verschenken, werden Sie und der Mensch, der sensibler ist als Sie, lernen, Ihre Beziehung
besser zu verstehen – nicht im Sinn von Empathie oder Liebenswürdigkeit, sondern auf
eine sehr körperliche Art. Das könnte dann auch für Sie selbst ein Geschenk sein.
Widmung
Autoren schreiben immer eine Widmung in ihre Bücher. Da Sie einen Großteil dieses
Buchs selbst schreiben werden, sollten Sie es auch jemandem widmen – vielleicht einer
HSP, die Sie besonders bewundern. So wie sich selbst.
Ich widme dieses Buch:
19
Sind Sie hochsensibel? – Das Arbeitsbuch
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Sind Sie hochsensibel?
Ein Selbsttest*
Beantworten Sie diesen Fragebogen bitte nach Ihrem persönlichen Empfinden. Kreuzen
Sie Z („zutreffend“) an, wenn Sie der Aussage zumindest teilweise zustimmen. Falls sie
nicht oder überhaupt nicht auf Sie zutrifft, kreuzen Sie N („nicht zutreffend“) an.
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ Z
❏ N
Mir scheint, dass ich Feinheiten um mich herum wahrnehme.
❏ N
Die Launen anderer machen mir etwas aus.
❏ N
Ich neige zu Schmerzempfindlichkeit.
❏ NAn stressigen Tagen muss ich mich zurückziehen können – ins Bett
oder in einen abgedunkelten Raum beziehungsweise an irgendeinen
Ort, an dem ich meine Ruhe habe und keinen Reizen ausgesetzt bin.
❏ N
Koffein wirkt sich besonders stark auf mich aus.
❏ NHelles Licht, starke Gerüche, kratzige Stoffe oder Sirenengeheul in der
Nähe beeinträchtigen mein Wohlbefinden.
❏ N
Ich habe ein reiches, komplexes Innenleben.
❏ N
Laute Geräusche rufen ein Gefühl des Unwohlseins in mir hervor.
❏ N
Kunst und Musik können mich tief bewegen.
❏ N
Ich bin gewissenhaft.
❏ N
Ich erschrecke leicht.
❏ N
Ich werde fahrig, wenn ich in kurzer Zeit viel zu erledigen habe.
❏ NWenn Menschen sich in ihrer Umgebung unwohl fühlen, meine ich zu
wissen, was getan werden muss, damit sie sich wohl fühlen (wie zum
Beispiel das Licht oder die Sitzposition verändern).
❏ NEs nervt mich sehr, wenn man von mir verlangt, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen.
❏ NIch bin sehr darum bemüht, Fehler zu vermeiden beziehungsweise
nichts zu vergessen.
❏ NIch achte darauf, mir keine Filme und Fernsehserien mit Gewaltszenen
anzuschauen.
❏ N
Wenn um mich herum viel los ist, reagiere ich schnell gereizt.
❏ NVeränderungen in meinem Leben lassen mich aufschrecken und beunruhigen mich.
❏ NEin starkes Hungergefühl verursacht heftige Reaktionen, es beeinträchtigt meine Laune und meine Konzentration.
20
© des Titels »Sind Sie hochsensibel?« von Elaine N. Aron (978-3-86882-507-7)
2014 by mvg Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Einleitung
❏ Z ❏ N
Ich bemerke und genieße feine und angenehme Gerüche, Geschmacksrichtungen, Musik und Kunstgegenstände.
❏ Z ❏ NIch achte sehr darauf, meinen Alltag so einzurichten, dass ich aufregende Situationen oder solche, die mich überfordern, umgehen kann.
❏ Z ❏ NWenn ich mich mit jemandem messen muss oder man mich bei einer Tätigkeit beobachtet, werde ich so nervös und fahrig, dass ich viel
schlechter abschneide als unter normalen Umständen.
❏ Z ❏ NAls Kind schienen mich meine Eltern und Lehrer für sensibel und
schüchtern zu halten.
* Vgl. Elaine N. Aron, Sind
Sie hochsensibel? © 1996 Elaine Aron
Auswertung
Wenn Sie zwölf oder mehr Aussagen als „zutreffend“ angekreuzt haben, sind Sie
wahrscheinlich hochsensibel. Offen gesagt ist jedoch kein Psychotest so genau,
dass Sie Ihr Leben danach ausrichten sollten. Falls nur eine oder zwei der Aussagen auf Sie zutreffen, dafür aber umso stärker, so ist es vielleicht gerechtfertigt,
Sie dennoch als hochsensibel zu bezeichnen.
21
Was this manual useful for you? yes no
Thank you for your participation!

* Your assessment is very important for improving the work of artificial intelligence, which forms the content of this project

Download PDF

advertisement