Claudia Giernoth

Claudia Giernoth
Predigt am 6. Januar 2008 – Epiphanias, Erscheinung des Herrn
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus
Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
am 27. Dezember, einen Tag nach Weihnachten, hörte ich im Badezimmer einen
lauten Schrei aus dem Wohnzimmer nach oben dringen. Das Schlimmste
befürchtend bin ich nach unten gerast und sah die Bescherung: Der
Weihnachtsbaum hatte sich verselbstständigt, die Kugeln kullerten überall herum,
der Hund sprang verwirrt dazwischen, mein Mann schimpfte, während sich das
Wasser über unseren Parkettboden und Teppichboden breit machte.
In Windeseile haben wir es geschafft den Baum auf die Terrasse zu verbannen und
das Wasser daran zu hindern unser Parkett völlig aufzuweichen. Strafe muss sein –
der Baum durfte nicht wieder ins Wohnzimmer, er wurde abgeschmückt. Das erste
Mal seit ich mich an geschmückte Weihnachtsbäume erinnern kann, war der Baum
so früh weg. Normalerweise kam er einen Tag nach Epiphanias weg – der 6. Januar
war Jahr für Jahr der Stichtag, der angekündigt hat, dass die Weihnachtszeit nun
endgültig zu Ende ist. Ich mochte diesen Tag nie, denn nach all den Wochen der
vielen Lichter und des hübschen Schmuckes, nach den Wochen mit Krippe und
Weihnachtspyramide, Adventskalendern und bunten Sternen am Fenster, fühlte es
sich leer und dunkel um mich herum an.
Unser Weihnachtsbaum fehlt nun schon seit 10 Tagen, aber der Rest ist noch da und
ich spüre, mir fällt es leichter, die Dinge nach und nach wegzuräumen, dann, wenn
ich innerlich soweit bin, sie wegzutun ohne dabei im Dunkeln zurückzubleiben. Denn
das ist mein Eindruck – überall verschwinden die Lichter, der Weihnachtsfestkreis
geht zu Ende, alles wird wieder dunkler um uns.
Und wie sieht es in unseren Herzen aus? Was bleibt von Weihnachten? Was
nehmen wir mit in unseren Alltag? Was nehmen wir mit in dieses Jahr 2008, das
noch fast neu vor uns liegt?
Heute ist Epiphanias! – Fest der Erscheinung des Herrn, das letzte Fest im Kreis der
Weihnacht.
Epiphanias ist das älteste Fest der Kirche, das kalendarisch festgelegt war, um 300
wurde es im Osten gefeiert und kurz darauf im Westen. Es wurde gefeiert als Fest
der Geburt Jesu, als Fest der Taufe Jesu, es wurde gefeiert als Erinnerung an das
Weinwunder zu Kana. Im Laufe der Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt der
Geschichte auf die drei Könige aus dem Morgenland. Dadurch sollte ein fester Bezug
zum Christfest hergestellt werden.
Wenn wir uns an diesem Morgen fragen, was denn von Weihnachten bleibt, dann
bietet uns Epiphanias die Chance, uns noch einmal die Weihnachtsbotschaft zu
vergegenwärtigen und sie uns aus einem anderen Blickwinkel nahe kommen zu
lassen.
Der vorgeschlagene Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Korintherbrief
im vierten Kapitel:
Wie in einem Brennglas scheint am Ende des Textes das Evangelium in einem Satz
zusammengefasst:
Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben
Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, damit es hell wird. Es werde
hell in uns und um uns herum.
Nach den festlichen Tagen, lichterfüllt, gemeinschaftlich, an gedeckten Tischen,
empfinden einige das Dunkle besonders stark – und in dieses Dunkel fällt ein Licht,
das nicht mit dem letzten Kerzenstummel erlischt.
Was ist das für ein Licht Gottes, welches in uns hineinleuchtet und durch uns
hinausstrahlt?
Wir sind eingeladen über die Krippe hinaus zu blicken. Wir feiern an Weihnachten
das kleine, niedliche und arme Kind in der Krippe. Wir feiern, dass Gott Mensch wird
in einem ärmlichen Stall, Gott erniedrigt sich und kommt zu uns.
In einem solchen Bild kann man sich geborgen fühlen, denn so ein kleiner, wehrloser
und unscheinbarer Gott, vor dem braucht man keine Angst zu haben, weil in der
Gemeinschaft diesen kleinen Gottes fühlt man sich geborgen, darf selber klein und
unauffällig und sanftmütig bleiben.
Bleibt man an diesem Bild hängen, so läuft man Gefahr, die Erniedrigung Jesu
Christi ganz groß zu machen und dabei die Erhöhung Jesu Christi aus den Augen zu
verlieren. Dass Gott sich erniedrigt und sich in Jesus uns offenbart ist immer
verbunden mit seiner Hoheit und seiner Herrlichkeit. Wir feiern den kleinen Gott, weil
er zur Größe wird, die uns Menschen zu Mut und Vertrauen befähigt.
Warum ist Gott denn zu uns Menschen herabgekommen?
Gott ist in unser Dunkel gekommen – um uns aufzurichten, Gott ist in unser Dunkel
gekommen – um uns zu erleuchten.
Der Predigttext ist ein Abschnitt aus den Briefen, die Paulus geschrieben hat, um
sein Amt als Apostel und vor allen Dingen die Wahrheit des Evangeliums zu
verteidigen. Er ist angegriffen worden, das Evangelium ist verdunkelt worden.
Damals wie heute gibt es Menschen, die eine Art „Bedienungsanleitung“ für das
Evangelium haben. Das führt zu einem Schwarz-Weiß denken, denn so, wie es in
einer Bedienungsanleitung einer Fernbedienung für jeden Knopf eine Funktion gibt,
so ist klar, dass es bei dem Drücken eines falschen Knopfes das Gerät nicht
funktioniert. Auf den Glauben übertragen hieße das: Es gibt für das Evangelium eine
allgemeingültige Anleitung zur Umsetzung und wer sich daran nicht hält, der macht
es falsch.
Manchmal wäre es leichter, es wäre so, dann wüssten wir immer, ob wir das richtige
oder falsche tun, aber der Weg, auf dem wir dann laufen würden, wäre schmal.
Menschen, die in religiöse Gemeinschaften geraten sind, z.B. in Sekten, können
davon erzählen, wie leicht es ist, solange man sich „gut“ verhält und wie schwierig
und lieblos es zugeht, wenn man gegen die sogenannten Gebote verstößt. Gegen
dieses Verdunkeln des Evangeliums ruft Paulus auf. Menschen suchen Halt,
Menschen suchen Wege, auf denen sie sicher gehen können.
Wie sehen Fundamente unseres Glaubens aus, die uns gleichzeitig aber vor
Schwarz-Weiß-Denken, schützen? Diese Frage ist der Anfang eines Weges, der
sehr verschlungen führen kann.
Ein Fundament meines Glaubens ist, dass ich mich fest daran halte, dass Gott treu
ist, treu in seinen Zusagen und in seiner Liebe zu mir. Dieses Fundament basiert bei
mir darauf, dass ich Gott auf diese Weise in meinem Leben schon erfahren habe. Ich
vertraue IHM und mute Gott zu, dass ER damit fertig wird, dass es in meinem Leben
Zeiten gibt, in denen ich verzweifelt bin, in denen ich wanke und vieles in Frage
stelle.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was in ihrem Leben das Evangelium
für Sie verdunkelt?
Es gibt Menschen, die haben schon viel Leid erfahren, Menschen durch Tod und
Krankheit verloren – und sie erleben das Erfahrene als einen Verlust des Vertrauens
zu einem Gott, der es wirklich gut mit uns meint.
Bei dem Versuch diese doch auch verständlichen Gefühle zu verbergen, verdunkelt
sich das Evangelium für uns am ehesten. Verzweifelt sein und gleichzeitig Angst
haben, nicht verzweifelt sein zu dürfen.
Wir brauchen uns nicht zu verbergen, wir brauchen uns nicht zu verhalten, als gäbe
es keine Probleme, wir dürfen uns Versagen und Fehler und Schuld eingestehen.
Wir dürfen uns Angst eingestehen, wir dürfen uns zugestehen, dass wir immer
wieder unsicher sind, wir sind dadurch in Gottes Augen nicht kleiner und nicht größer
als andere Menschen. In unser Dunkel hinein möchte Gott mit seiner Gegenwart
und seinem Licht durchdringen. Dort wo wir klein und hilflos sind, kommt Gott
mitten hinein in unser Leben und erweist uns seine Größe und Herrlichkeit. Wir
brauchen uns nicht selber zu mühen, um in einem guten Licht dazustehen, denn Gott
kommt zu uns und er selbst bewirkt in uns, dass wir leuchten und das Licht strahlt
durch uns hindurch auf andere.
Wir können es also getrost unterlassen unsere eigenen Schattenseiten, unser
Erleben von Leid und Schuld zu verstecken. Wir dürfen diese Seiten an uns
annehmen als etwas, das zu uns gehört und diese Schatten mögen bedrohlich
wirken, aber sie können uns nicht vernichten. Denn Gott hat dem Dunkel die Macht
genommen.
Wir haben die Chance durch die Kraft der Liebe Gottes, die in uns wirkt, liebevoll mit
uns selber umgehen, wir können uns dann auch dem Leid anderer Menschen
zuzuwenden, uns zu ihnen zu stellen, ihnen zuhören und sie ermutigen von sich zu
erzählen. Unser geschenktes Licht leuchtet auf diese Weise in ihnen weiter. Gott
strahlt durch uns weiter, wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen, anstatt
sie zu verschließen. Auf diese Weise leuchtet das Evangelium ohne Unterlass für
jeden von uns!
Dazu eine ganz kurze Geschichte:
»Mutter«, ruft das Kind in seinem Zimmer, »sag mal etwas zu mir, ich fürchte mich,
weil es so dunkel ist!« – Die Mutter: »Was hast Du denn davon? Du siehst mich ja
gar nicht!« – Das Kind: »Das macht nichts – wenn jemand spricht, wird es hell!«
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Claudia Giernoth
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