De:Bug 108

De:Bug 108
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330 EURO. 620 SFR
MAGAZIN FÜR ELEKTRONISCHE LEBENSASPEKTE. MUSIK, MEDIEN, KULTUR, SELBSTBEHERRSCHUNG.
Audion aka Matthew Dear,
Operation Pudel, Jóhann Jóhannsson,
Crunk-Update, Moshi Moshi
New Rave: Summer Of Love 2007
Web2.0 Business: Da geht noch was, im Internet!
FOTO: ELKE MEITZEL
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WIR SIND HELDEN: 4 HERO
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Inhalt 108
ELEKTRONISCHE GESCHÄFTSASPEKTE
STARTUP
04
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08
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PinUp des Monats // Audion ... schöner raven
Coverlover // Plattencovergemetzel auf YouTube
Lazy Fat People // Echt minimal in Lausanne
Brownswood // Neues Label von Gilles Peterson
Far Side // Ingo Sänger revitalisiert Deephouse
Gram // Barbourjacken für die Füße
Gadgets // Kamera für XBox, Boxen für das MP3-Handy
MUSIK
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4 Hero // Die Rückkehr der Reinforced-Crew
2000 And One // Auferstanden aus DjaxUp
Jeff Samuel // Melodien bis zum Abwinken
Reynold // In allen Genres stark
Connaisseur // Techno mit Grand Crux
Jochen Trappe // Der Grand Crux des Techno
Operation Pudel // Rambazamba am Hafen
Christopher Willits // Einfach herzensgut
Jóhann Jóhannsson // Klassik aus Schaltkreisen
Offshore // Drum-and-Bass-Avantgarde
Max Turner // Irgendwie HipHop, nur besser
Booty & Dirty // Club-HipHop aus Southern USA
New Rave // Die Smiley-Renaissance
Moshi Moshi // Londons Hip-Label
MODE
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SuperSuper // Das Zentralorgan des New Rave
Foto-Strecke // Meine Fresse, New Rave
Bernadett Penkov // Modebusiness ohne Web2.0
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Spätestens seitdem MySpace und YouTube für Fastillionen ihre begeisterten Käufer fanden, steht die Frage im Raum, ob “Web2.0” für eine neue Internet-Blase steht
oder aber für den Beginn einer soliden Netz-Wirtschaft. Die Debug-Strecke zum
E-Kommerz 2.0 beantwortet die Frage mit einem herzhaften “Ja, aber irgendwie doch
anders” und schnüffelt an den Details.
SPECIAL: E-KOMMERZ
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Internet-Wirtschaft // Da geht noch was
Spreadshirt // E-Kommerz für alle
Venture Capital // Verbrennen und Verdienen
Dritter Goldrausch // Schon wieder New Economy
Parasiten2.0 // Andocken und reich werden
GoogleTube // Die ganze Wahrheit
Konsumgut Konsument // Medien-Kannibalen
DIRTY SOUTH
NEW RAVE
by Madonna
ousbyconloli )
sian superstar
he Notorious
nway on a
an industrial fan
air. It’s all go in
t now!
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MEDIEN
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Motomichi // Eklige Character
Bücher // Steve Wozniak, Pictoplasma, F.S.Blumm ...
Jörg Adolph // ... dokumentiert The Notwist
DVDs // Jean-Luc Godard, Der Mythos ...
Demo-Scene // New-Age-Gewaber in Echtzeit
Games // Scarface, Defcon ...
Leserpoll 2006 // Unsere Fragen an euch
Leserpoll 2006 // Unsere Prämien für euch
MUSIKTECHNIK
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Cubase 4 // DAW, renoviert
NI Massive // Neuer Synth von Native Instruments
NI Battery 3 // Drumsampler, jetzt noch besser
Moog Little Fatty // Hardware! Sensation!
Stanton CM.205 // Kompaktes DJ-Set
Focusrite Liquidmix // Alle EQ’s in einer Box
SERVICE
60
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Präsentationen // Da ist unser Logo drauf
Dates // Auch geil ohne unser Logo
Reviews // ... auch Weihnachts-Compilations
Musik hören mit // Justus Köhncke
Nach dem Heft ist vor dem Heft // Debug im neuen Jahr
30
Im Süden der USA läuft die Drumbox, dazu hauen die
Rhymes unter der Gürtellinie auf die Party-Tube. Wir
lassen uns von DJ/Rupture und TTCs Teki Latex in
die wild wuchernde Szene um Crunk und Dirty South
einweisen: ein Jahrzehnt antiintellektuelle MiamiBass-Paraphrase in vollem Effekt.
London hat sich ein neues Feier-Konzept ausgedacht. Die Stadt reanimiert den Sommer of Love
mit allem Drum und Dran: Smileys, Neonsonnen,
E-Pupillen, skepsisfreie Begeisterung. Nur noch viel
hochgepitchter als damals. Eine Band wie die Klaxons und ein Modelabel wie Cassetteplayer geben
dem dreistbunten Auftrieb ordentlich Feuer. Alexandra Dröhner führt durchs Geschehen, das Londoner Label Moshi Moshi gibt seinen Kommentar vom
Rande und der Chefdesigner des New-Rave-Zentralorgans SuperSuper erklärt, dass im chaotischen
Neonrausch alles seinen notwendigen Platz hat ...
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PinUp des Monats
Generation Jungspund
Audion aka Matthew Dear
Der kleine Matt hat es faustdick hinter den Ohren. Dicke Welle auf der Tanzfläche,
Erleuchtung durch deutschen Minimal und die Einsamkeit in Detroits Industrie-Ruinen.
Garniert mit Spezial-Sandwiches der Marke “klebrige Angelegenheit”
und der Ankündigung einer ethnologischen Studie zum Techno-Zirkus.
Überwältigte Rezensentinnen bescheinigen Matthew Dear
aka Audion schon mal das Erscheinungsbild eines “griechischen Gottes”. Und wenn man sich mit diesem höflichen Amerikaner unterhält, verblasst unweigerlich die
Erinnerung an seine Landsleute, die im Sommer immer vor
der Redaktionstür rumhängen, da sie vom größten englischsprachigen Magazin Deutschlands, dem “Exberliner”,
zum Flat-Rate-Saufen in die Stadt gelockt werden. Schlau
ist er also auch noch und zu guter Letzt scheut sich Dear
nicht, Teile seines Schaffens als “Pop” zu definieren. Einfach der Dreamboy des Techno.
Benutzt du eigentlich noch einen Taschenrechner im Studio?
Audion: Ja, aber nur noch, wenn es um meine Rechnungen
geht - Ob der Fortschritte bei der Studio-Technik muss ich
mich glücklicherweise kaum noch mit musikalischen Kalkulationen beschäftigen ...
Dear, der auch noch mit den Pseudonymen False (auf m_nus
und Plus 8) und Jabberjaw (auf Perlon) hantiert, hat uns
dieses Jahr vor allem als Audion durch den TanzflächenBuster “Mouth to Mouth” erfreut, nachdem er 2005 mit
dem Album “Suckfish” abgeräumt hatte. Die nächsten
Audion-EPs hat er auch schon im Lauf, drei Maxis sind
im Spectral-Plan für 2007 fix gebucht, der nächste Longplayer unter seinem Klarnamen ist ebenfalls schon im
Kasten und wird im Mai erscheinen: Hier lässt everybody’s
Dear auch wieder seine Stimme hören, und das Ego ist
groß genug, um gelassen anzukündigen, dass damit seine
“Experimente mit elektronischer Popmusik” ihre Fortführung
fänden.
“Wenn ich gerade nicht an Musik denke, lese oder esse ich.
Früher bin ich prompt eingeschlafen, sobald ich ein Buch aufgeschlagen habe, aber seitdem ich so viel unterwegs bin, wird
die Lektüre immer wichtiger für mich. Kurt Vonnegut, Don
DeLillo oder Philip K. Dick haben mir dieses Jahr schon auf
manchem Interkontinental-Flug beigestanden. Ansonsten
erfreue ich mich an wirklich einfachen Dingen, zum Beispiel
an meinem Lieblings-Sandwich: #73 Tarb’s Tenacious Tenure, das gibt es in Zingerman’s Deli in Detroit. Wenn man Glück
hat, trifft man bei Zingerman’s auch Carlos Souffron, der in
Detroit ein prägender DJ ist und nebenbei der wichtigste Käsekunde von Zingerman’s.”
Dear wäre eben nicht Dear ohne eine zünftige Musik-Geografie.
Generation Jungspund aus Detroit, die sich auch noch auf
deutsche Reflexionsflächen im globalen Kultur-Ping-Pong
beruft: Studio 1 und andere Minimal-Germanen haben
Dear laut eigener Aussage im letzten Debug-Interview aus
dem Jahr 2002 nichts weniger als Halt und Hoffnung geschenkt: “Die haben mir in einer Zeit, als ich alles etwas stupide fand, wieder Richtung gegeben (...) Das war schön, aber
auch bedeutungsvoll und gut gemacht. Da habe ich wieder
Licht gesehen.” Und Dears Heimatlabel Ghostly inklusive
der Subdivision Spectral basiert laut Labelchef Sam Valenti “auf einer Art Boomerang-Effekt: Wir sind die Reaktion
auf Europas Reaktion auf Detroit. Eine Antwort zum geschlossenen Kreis von Techno.” Also stellt man sich brav das
kaputte Detroit-Klischee vor, wenn man an Ghostly denkt,
und so was ist natürlich guter Zucker am Imagebarometer.
Im Detail sieht die Sache allerdings etwas anders aus:
Die prägenden Städte
“Die letzten drei Jahre habe ich tatsächlich in DowntownDetroit gelebt, eine verlassene Gegend, in der fast nichts
passiert. Viele Tracks, die ich dort produziert habe, sind
dementsprechend von Isolation und Einsamkeit geprägt. In
Detroit kann man eben ganz flott verschwinden, ohne dass
ein Hahn danach kräht: In der Gosse, einer dunklen Nebenstraße oder im eigenen Studio. Vor ein paar Monaten bin ich
aber nach Ann Arbor zurückgezogen, dort ist auf der Straßen
schon mehr los und ich treffe im Alltag automatisch viel mehr
Menschen. Auf eine Art vermisse ich allerdings die kläglichen
Reste vergangenen Lebens im fast ausgestorbenen Detroit, wo in den Ruinen die ehemals prosperierende Großstadt
allgegenwärtig ist. Leben kommt einem dort wie eine übernatürliche Erscheinung vor, ein Geist der Vergangenheit. Das
hat natürlich einen unmittelbaren und erheblichen Einfluss
auf die Psyche der verbliebenen Bewohner, ein merkwürdiges und sehr fremdes Gefühl der Verlassenheit. Ob sich mein
Sound durch den Umzug ändern wird, kann ich aber noch
nicht sagen, dass lässt sich wahrscheinlich erst beurteilen,
wenn wieder der nächste Schritt ansteht.”
Die Ghostly-Heimat Ann Arbor ist eine gänzlich andere Tasse
Tee, aus Marketing-Gesichtspunkten eine Katastrophe:
Fast die Hälfte der etwas über 100.000 Einwohner sind
Studenten oder arbeiten für die University of Michigan, an
einem durchschnittlichen Wochenende werden dem Besucher folgende kulturelle Highlights geboten: “Disnesy’s
High School Musical”, die nach dem schottischen Ekelnationalgericht benannte Kombo “Enter the Haggis” und “A
Cappella Harmony, Fun and Friendship for Woman”. Und
dann noch die Royal Shakespeare Company mit drei Aufführungen zweier Inszenierungen, das ist dann wohl der
Studi-Touch. Dear und Valenti stecken da irgendwie auch
tief drin, die beiden haben sich auf einer Studentenparty kennen gelernt: Geisteswissenschaftler-Techno statt
Kunsthochschul-Rock.
Wie verlief eigentlich deine akademische Karriere in Ann Arbor jenseits der Partys?
Ich habe mein Studium 2001 ordentlich abgeschlossen. (Kultur-) Anthropologie war aber immer schon ein Teil meines Lebens, sogar bevor ich überhaupt wusste, was Anthropologie
ist. Ich beobachte gerne Leute und versuche herauszufinden,
warum sie sich so verhalten, wie sie sich eben verhalten. Andererseits war es ein perfektes Fach für mich, weil ich schon
während der Zeit am Collage in erster Linie auf Musik fokussiert war - Anthropologie hat es mir erlaubt, zu studieren und
mich trotzdem hauptsächlich mit Musik zu beschäftigen.
Aber das Fach spielt in meinem Alltag immer noch eine Rolle. Anthropologie macht aus Alltag Wissenschaft, weil es die
Strukturen des menschlichen Zusammenlebens erklärt. Wer
weiß - vielleicht tauche ich eines Tages ab und schreibe ein
Buch über meine Erfahrungen als Techno-Musiker: Weil das
schon eine erstaunliche Kultur ist, alleine die Tatsache, dass
Leute aus allen Ecken der Welt, mit den unterschiedlichsten
kulturellen Hintergründen über elektronische Musik eine universelle Sprache teilen. Das Buch würde zunächst der Frage
nachgehen, wie und aus welchen Gründen Menschen zu dieser Musik finden.
T ANTON WALDT, WALDT@LEBENSASPEKTE.DE
Beschäftigt dich dieser Tage auch Musik jenseits von Techno?
Ich höre gerade viel Zeug von Arthur Russell, Brian Eno und
David Byrne. Ich halte Russell für einen der besten Produzenten der letzten 25 Jahre, leider wird er völlig ignoriert. Dabei
ist sein Sound heute irre relevant, seine Mischung aus Pop
und elektronischer Musik ist einzigartig. Diese Jungs haben
Ende der 70er, Anfang der 80er Disko weiterentwickelt, als
sich gerade alle von Disko abwandten. Ihre Musik hat eine
sehr repetitive, Loop-artige Qualität, ganz ähnlich der aktuellen Dance-Musik. Außerdem hatte diese Zeit eine allgegenwärtige Energie und die hört man heute noch ganz deutlich.
Es herrschte eine Art kulturelle Harmonie, in der musikalisch
alles möglich schien: Es war egal, wo du herkamst oder wie
du ausgesehen hast, solange deine Musik gut und kreativ
war. Jedenfalls höre ich Freiheit und Gesetzlosigkeit in den
Stücken aus dieser Zeit.
Ich halte Arthur Russell
für einen der besten
Produzenten der letzten
25 Jahre. Ich höre Freiheit
und Gesetzlosigkeit in den
Stücken aus dieser Zeit.
Das heißt, heute ist alles unfrei und artig? Nur eine zwanghafte Beschäftigung mit der Klassik?
Wenn wir uns jetzt schon in der Renaissance befänden, würde mir das Angst machen. Techno ist noch viel zu jung, um
seine Renaissance erreicht haben zu können. Wenn man
sich überhaupt auf solche Zuschreibungen einlassen will,
dann befinden wir uns doch gerade mal in der Steinzeit der
elektronischen Musik. Die Technik entwickelt sich jedenfalls
permanent weiter und dementsprechend auch die Musik:
Und hoffentlich ist das jetzt gerade erst der Anfang von 1.000
Jahren weiterer Innovationen. Ok: Viele Basis-Strukturen und
Sounds sind inzwischen geläufig, aber das gilt ja für fast alle Spielarten zeitgenössischer Musik. Und obwohl beide auf
Rock’n’Roll basieren, gibt es doch wohl frappierende Unterschiede zwischen Elvis und Sonic Youth. Ich hoffe mal ganz
heftig, dass es sich mit den Techno-Klassikern aus den späten 80ern und den Produktionen in 50 Jahren einmal genauso verhalten wird.
Als Audion kam von Matthew Dear zuletzt die
“Mouth to Mouth” EP auf Spectral, im Mai 2007
steht eine neue Dear-LP an.
Das nächste Live-Set in Deutschland gibt es
am 16.12. im Berliner Berghain.
Audion - www.suckfish.org
Ghostly - www.ghostly.com
Zingerman’s - www.zingermans.com
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08.11.2006 18:52:14 Uhr
Impressum
Halbhorst
DEBUG Verlags GmbH
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Bildredaktion: Fee Magdanz (fee@de-bug.de)
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Redaktion Lüneburg:
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Texte:
Anton Waldt, Nikolaj Belzer, Ludwig Coenen, Timo Feldhaus,
Florian Brauer, Sascha Kösch, Sven von Thülen, Alexis Waltz,
Constantin Köhncke, Sandra Sydow, Sami Khatib, Hendrik Lakeberg,
Ed Benndorf, Felix Krone, Jan Kage, Alexandra Dröhner, Jan Joswig,
Stefan Heidenreich, Janko Röttgers, Verena Dauerer, Moritz Metz,
Benjamin Weiss
Fotos:
Elke Meitzel, York Wegerhoff, Lars Hammerschmidt, Anton Waldt,
Alexander Seeberg-Elverfeldt, Simian Coates, Super Billa, Claudia
Burger
Reviews:
Tobi Kirsch as tobi, Christoph Jacke as cj, Alexis Waltz as alexis,
Jan Joswig as jeep, Nils Dittbrenner as bob, Sascha Kösch as bleed,
Sven von Thülen as sven.vt, Thaddeus Herrmann as thaddi, Nicolaj
Belzer as giant steps, Leonard Lorek as ll, Eric Mandel as em,
Tobias Ruderer as tobias, Constantin Köhnke as dotcon,Florian Brauer
as budjonny, Finn Johannsen as finn, Felix Denk as felix, Rene Josquin
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Erik Benndorf as ed, Paul Paulun as pp, Hendrik Lakeberg as hl,
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Artdirektion: Jan Rikus Hillmann (hillmann@de-bug.de)
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Stichtag Januar/Februar-Ausgabe: 05.12.2006
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Marketing, Anzeigenleitung:
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Andreas Ernst, andreas.ernst@de-bug.de, Tel: 030.28388892
Es gilt die Anzeigenpreisliste vom Januar 2006
V.i.S.d.P.: die Redaktion
Dank an die Typefoundry Lineto
für die Fonts Akkurat und Gravur,
zu beziehen unter www.lineto.com
Für ein besseres Morgen
Ultra Beauty Operators:
Die Tage werden kürzer, die Mütchen kühler und
das Gesocks unverschämter: Weil der Heizölpreis
kapriolt, pirschen notorische Großstadtbewohner
durch die feindliche Atmosphäre heimischer Wälder und hacken Bäume zum Verheizen um. Soweit
jedenfalls der mies ausgetüftelte Plan, der vorhersehbarerweise gerne damit endet, dass Beinchen
statt Bäume gehackt werden.
Sagen jedenfalls die Krankenkassen, deren
Vertrauenswürdigkeit seit der Skandal-Kampagne “Kein Service für die Armen!” allerdings eher
grenzwertig ist, genauso grenzwertig übrigens
wie das Treiben der Heizmittelorganisatoren im
Wald: Schließlich haben schlaue Wissenschaftler
gerade herausgefunden, dass per Genmanipulation künstlich unterkühlte Mäuse älter werden.
Die Körpertemperatur beeinflusst nämlich die Lebenserwartung maßgeblich, Frösteln spart demnach nicht nur Geld, es erhöht auch die Chancen,
das dynamisch dahinhuschende Renteneintrittsalter noch zu erreichen. Aber auf so was Optimistisches lassen sich die prekären Forstarbeiter und
ihre Krankenkassen selbstredend nicht ein, eher
werden sie dafür sorgen, dass die Ich-SchmerzRichtlinie um eine neue Modekrankheit erweitert
wird: Eingehackte Beinchen könnten beispielsweise Ahmadinedschad-Syndrom heißen, weil
ohnehin alle Angst vor dem neuen Bart haben.
Das Ahmadinedschad-Syndrom ist natürlich weder phänomenologisch noch intentional mit dem
“Network Broken Limbs Syndrome” zu verwechseln, auch wenn das dem Ich-Schmerz so passen
würde: Nebrols grassiert in Uganda, weil der Ausbau der Netzinfrastruktur der Nachfrage nicht
nachkommt, ist dort auf dem Land der Empfang
nämlich oft mies, weshalb man zum Telefonieren
auf einen Hügel oder einen Baum klettern muss.
Das geht dann wiederum mit Blessuren bis zu
gebrochenen Armen und Beinen einher, kurz: Nebrols. Mit alten Ecken machst du eben kein neues
Phänomen, das gibt’s auch nicht beim Erlebnisdiscounter, wo Etzi und Fetzi, die Jugendlichen,
Geschenke für ihre Bräute klarmachen, weshalb
dann Sandy und Mandy das gleiche Handy haben
und das Geschrei groß, der sexuelle Mehrwert
aber eher sehr klein ist. Raus aus der Spaßzone,
rein in die Primärdefizitbetrachtung: Jede Raubkopie tötet eine Kinderseele, die Entwertung der
Lebensbewältigungsmuster des untergegangenen
Westgermany schreitet unaufhaltsam voran und
der Partybeutel mit abgepackten Gummi-Schmeckies ist auch schon leergefuttert. Kein Wunder,
dass sich angesichts der schwindsüchtigen EuroNoten Panik breit macht, kaum jemand traut sich
noch, sein Bargeld anzufassen, könnte ja SulfatSalz drauf sein, dass sich mit dem Handschweiß
zu Schwefelsäure verbindet und die Penunze
vor den Augen des rechtschaffenen Besitzers in
Nichts auflöst, für das man weder eine Axt noch
ein Handy bekommt, für keinen Schein bekommt
man ja nicht mal Schnaps. Deprimierender Scheiß,
die Jugendlichen und ihre Krankenkassen-Vertreter scharen sich um den Ich-Schmerz, trinken Dosenbier und jammern sich eins vor. Sie sitzen breitärschig rum und kauen Rotze. Sie haben keinen
Kuchen und mampfen widerspruchslos Döner. Sie
dünsten Faulheit aus und verlangen nach weniger
Pipifax und mehr Ordnung, weshalb beschlossen
wird, dass jeder Bundesbürger ab Juli 2007 eine
eindeutige und dauerhafte Identifikationsnummer
bekommt. 80 Millionen Personenkennziffern für
80 Millionen Hooligans, ausgegeben vom Bundeszentralamt, dessen Existenz man zwar eigentlich
immer schon ahnen konnte, aber dass tatsächlich
da ist: mein lieber Herr Gesangsverein! Ok: Die Tage werden kürzer, die Mütchen kühler und da ist
einem manchmal dumm zumute, das Notfallvermeidungssystem versagt und man kapiert nichts
mehr. Trotzdem gibt es noch einen Unterschied
zwischen voll deep und Volldepp, den man auf keinen aus den Augen verlieren darf, sonst bekommt
man eine Nummer und steht richtig doof ohne
Schamschutz da. Für ein besseres Morgen: Billige
Zuckerbeißer meiden, das Kopfhautmilieu sauber
halten und immer daran denken: kurze, kontrollierte Feuerstöße!
6 | DE:BUG EINHUNDERTACHT
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Coverlover
Kampf der Papp-Cover
Ugly Pictures
Ugly Pictures fallen in pubertärer Zerstörungslaune
über ihre Lieblingscover der Popmusik-Geschichte
her. Ihr Film “Battle of the Bands” ist so blutrünstig
wie beliebt.
T ANTON WALDT, WALDT@LEBENSASPEKTE.DE
Das Dead-Kennedys-Signet im Karate-Deathfight mit dem
Van-Halen-Logo, Black Flag im Blutrausch, Michael Jackson geht Brandschatzen, Billy Joel schießt aus allen Rohren, bei den Weicheiern Violent Femmes wird wie gehabt
durchs Fenster gelinst. Heilloses Fleisch-Gehäcksel und
Rübeabhacken herrscht im Filmchen “Battle of the Bands”,
das im Oktober auf Youtube zum mittleren Hit avancierte:
Durchgehend liebevoll modifizierte und teilweise animierte klassische Pop-LP-Cover machen es auf die grobe Tour
unter sich aus.
Shaun Cassidy schlabbert hinter Plastikfolie, Rick James
blutet wie ein Schwein, aber er schlägt sich tapfer, die
Beastie Boys brechen sich das Genick beim Burgerbestellen, Pink Floyd hantieren mit Todesstrahlen, Roxy Music
explodieren in Monty-Python-Manier, die Scorpions gehen auf Splatter-Kriegspfad und Duran Duran hantieren
mit Explosivstoffen. Warum die Cover sich das alles antun,
bleibt ein bisschen unklar, und auch vermeintlich ausgemachte Spielregeln à la White-Trash-Rock gegen Popper
sind nicht wirklich zu erkennen. Offensichtlich herrscht
hier einfach der fröhlich destruktive Spieltrieb mit den
geliebten Pop-Bildern. Für den Schabernack zeichnet die
Zwei-Mann-Klitsche Ugly-Pictures verantwortlich, die
sich von Dokumentar- bis zu Werbefilmen durch fast alle
Kurzfilm-Genres gearbeitet hat. “Battle of the Bands” ist
eine ausführliche Fingerübung, die anlässlich eines Benefiz-Konzerts im Rahmen der “Advertising Week” in New
York entstand.
Lob statt Abmahnung
Wenn jemand den Titel dieser Kolumne verdient, dann sind
das jedenfalls Rohitash Rao und Abraham Spear von Ugly-
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Pictures, die sich nicht nur die Animations-Arbeit angetan
haben, sondern nach eigener Aussage erst einmal Wochen
damit verbracht haben, in ihren Plattensammlungen zu
kramen und sich trefflich darüber zu streiten, welche LPs
in den Kurzfilm kommen sollen. Allerdings hat sich diese
Hingabe und Mühe auch gelohnt: Nachdem “Battle of the
Bands” auf YouTube reüssierte, hagelte es Lob und ziemlich schnell war auch jemand von Universal am Telefon.
Und zwar nicht, um eine harsche Abmahnung zu verkünden, weil die LP-Titel ohne Genehmigung verwurstet wurden und das Ergebnis im bösen Internet veröffentlicht
wurde. Stattdessen erklärte Universal, dass man den
Kurzfilm hochgradig unterhaltsam und gelungen fände
und daher an einer Zusammenarbeit interessiert sei. Statt
einer Abmahnung bekam Ugly-Pictures also ein Jobangebot, wahrscheinlich werden die Jungs demnächst ein Musik-Video für Universal produzieren. Eine Fortsetzung des
“Battle of the Bands” wird es unterdessen definitiv nicht
geben, zum einen weil sich Ugly-Pictures bereits an ihren
Lieblings-Covers abgearbeitet hat, zudem wollen die Macher nicht noch einmal die gleiche Idee verbraten.
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Freestyle
Talkin’ Louder?
Brownswood Records
Der Mann mit der Schiebermütze will es nach Talkin’ Loud noch
einmal wissen. Mit Broownswood gründet er ein Label, das auf
Minimal Lächeln
einzelne Musiker statt auf Genre-Kategorisierung baut.
Lazy Fat People
T NIKOLAJ BELZER, NIKOLAJ@FORK.DE
Die Schweizer Raphaël Ripperton und Mirko Loko reüssieren mit
Minimal zum Schicken, der durch einen Schuss Trance-Atmosphäre
allzu psychotische Abgründe vermeidet.
T ANTON WALDT, WALDT@LEBENSASPEKTE.DE
Die Schweiz ist ja prinzipiell eine saubere
Sache, und in der Gegend um den Genfer See
kommt auch noch französisches Leckermaultum dazu, die Vereinigten Nationen,
urlaubende Scheichs und betuchte Alterflüchtlinge auf den Spuren Charly Chaplins
verbreiten dazu ein sattes internationales
Flair.
Von Genf bis Lausanne hat man schließlich durchgehend den grandiosen Blick
auf den Mont Blanc, der einem jederzeit
versichert, dass man auf der richtigen Seite steht. Wer einmal ein paar Tage auf der
Schweizer Seite des Seeufers verbracht
hat, weiß um die enorm beruhigende Wirkung der Szenerie, die neben den besten
Blätterteig-Apfeltaschen der Welt auch die
Apotheke des Henri Nestlé hervorgebracht
hat. Die Heimat der Lazy Fat People, Lausanne, stellt dabei das relativ anrüchige,
arme Gegenstück zu Genf dar, wobei die Betonung allerdings ganz klar auf relativ liegt.
Raphaël Ripperton und Mirko Loko schätzen dieses Set-Up ganz offensichtlich, die
kleine, aber feine elektronische Szene der
Stadt ist ihnen eine kuschelige Basis. Diese Jungs haben die Ruhe weg, sie blinzeln
zufrieden über den Genfer See und harren
zuversichtlich der Dinge, die da kommen
mögen, weil die Dinge, die bislang kamen,
eigentlich immer freundlich zu ihnen waren.
In was für Dimensionen Lazy Fat People die
Ruhe weghaben, erschließt sich beispielsweise, wenn man nach dem Ursprung ihres
Projekt-Namens fragt: ”Ja, das ist ein witzige Geschichte“, sagen sie dann, aber anstatt
uns daran teilhaben zu lassen, lächeln sie
nur versonnen und blinzeln wieder auf den
Genfer See, der natürlich versonnen zurücklächelt.
Laurent Garnier als seine Mentoren. 2005
ist Loko aber wieder in der Schweiz, Ripperton hat gerade ein Projekt mit Stephane
Attias namens “Good Samaritans” (People
Records) zu laufen. Bis zu diesem Zeitpunkt
herrscht zwischen Ripperton und Loko allerdings “das Missverständnis” eines tiefen
kulturellen Grabens: Der eine kommt vom
Elektro und Detroit, der andere eher vom
New York- und Chicago-House. Das Missverständnis wird dann aber ausgeräumt, als
Ripperton und Loko jeweils beim Caprices
Festival im gleichnamigen Skiort gebucht
werden, auf der Skipiste fangen die Jungs
an, über ihre musikalischen Einflüsse zu
diskutieren und doch jede Menge Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und was auf der
Loipe gefunkt hat, geht dann auf die unirritierte Schweizer Tour auch geschmeidig im
Studio weiter, weshalb nur wenige Monate
Die Schweiz hat die
besten Blätterteigtaschen der Welt
hervorgebracht.
Gut, dass das geklärt wäre
nach der Verbrüderung im Schnee die “Big
City and Dark Water”-EP auf James Holdens Label Border Community kommt. Das
plockert, das hoppelt, Synthies modulieren pflichtschuldig ein Stück ins Psychotische, aber das Blinzeln über den Genfer
See lächelt immer über allem, weshalb es
nie richtig fies wird. Heiterer Stoff für die
nächste Tanzflächenschubse also, nach der
es auch eine ordentliche Nachfrage gibt: Für
Steve Bugs Audiomatique wird remixt, eine
EP für Wagon Repair ist in der Mache und
die Lazy-Fat-People-EP “Pixel Girl” kommt
demnächst auf Planet und wartet mit einem
Carl-Craig-Remix auf.
Ripperton und Loko haben jeweils solide DJ-Karrieren hinter sich, Loko hat zwischenzeitlich auch mal in New York gelebt
und betrachtet Carl Craig, Derrick May und
Die nächste Lazy-Fat-People-EP
“Pixel Girl” kommt auf Planet E.
www.lazyfatpeople.com
www.ripperton.com
Man kann Gilles Peterson vieles vorwerfen. Sei es die Überstilisierung
des DJ-Ichs oder der doch ein wenig konformistische Ansatz seiner BBC1
Worldwide Show. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass der Engländer schon immer Weitsicht bei der Entdeckung von Newcomern bewiesen
hat. Exemplarisch dafür steht nicht zuletzt der ernorme Erfolg als A&R
von Talkin’ Loud Ende der Neunziger: Roni Size, 4 Hero, MC Solar, schließlich die mehr oder minder erfolgreiche Unterstützung des Soul-Endes von
2Step. Petersons neueste Talentschmiede heißt “Brownswood Rec.“, und
ja, den Namen gab es schon mal. Zum einen als Label der Tokioter Kollegen U.F.O. Außerdem trug die letztes Jahr auf Luv N’ Haight (Sublabel von
Ubiquity) erschienene Compilation “Gilles Peterson diggs America“ eben
jenes ominöse “Brownswood“ im Untertitel. Gerüchten zufolge handelte
es sich dabei um die Peterson’sche Casa irgendwo im Londoner Umland,
in deren Keller die noch geheimnisvollere Plattensammlung versteckt
ist, aus der der Meister für seine inzwischen zahlreichen Compilations
schöpft.
Im Dezember erscheint mit “Brownswood Bubblers“ zunächst eine Übersicht des Labelrosters. Direkt dahinter folgt das erste Album
des “Heritage Orchestras“, ein 43-köpfiges klassisches Ensemble. Nun
kommt einem mit dem Nu-Jazz-Ansatz im Hintergrund gleich Porgy &
Bess, Gil Evans oder gar Gershwin in den Sinn. Ist alles nicht falsch, aber
trotzdem ist die Truppe mit eher symphonischem Ansatz näher an Henry
Mancini oder John Williams dran. Ähnlich überraschend kommt auch der
Rest der Label-Combo daher. Da wäre zum Beispiel Shawn J. Period, der
mit seinen von Herbie Hancock co-produzierten Beats Ende der Neunziger dem Brooklyner Schöngeist Mos Def zum Durchbruch verhalf. Außerdem hört man Nicole Willis, die Stimme und Ehefrau von Jimi Tenor, oder
den Japaner Yellowtail, der zuletzt auf Compost veröffentlichte. Dann
erscheinen mit Ben Westbeech aber auch schwer überzeugende Newcomer.
Genre-technisch bewegt sich das zwischen Jazz, R&B und Latin, dabei aber, selbst wenn elektronisch angereichert, in der jeweils pursten
Form. So kann es Peterson als Gründer nur um eine frische Alternative
zum reichlich verkrusteten Jazz-, Soul- und/oder Klassik-Bereich gehen. Und das bedeutet den Fokus eben nicht aufs Genre, sondern auf die
Musik, genauer gesagt, die Musiker zu legen. Verve oder gar Deutsche
Grammophon sind natürlich im Plattenladen auch kein Weggucker. Aber
in den meisten Fällen veröffentlichen Neulinge - ohne speziellen Fokus à
la Jan Garbarek oder eben Jimi Tenor - bei viel zu kleinen Labels mit viel
zu wenigen Kontakten.
Die andere Alternative ist eine notwendige Kategorisierung, um sich
im Kontext von klassischem Jazz, US Conscious Rap/Soul oder dem
übersexualisierten R&B zu verkaufen. Peterson gibt nun denen, die anspruchsvoll, sexy, hip und trotzdem independent sein wollen, eine neue
Plattform. Im ersten Moment mag das belanglos erscheinen, könnte aber
mit dem Image und Netzwerk im Hintergrund schnell zum Talentkatapult
mutieren. Trotzdem wird sich, davon ausgehend, dass Peterson in London nicht dem neuen D’Angelo über den Weg läuft, erst mittelfristig zeigen, ob der Mann auch weiterhin ein Händchen für große Klasse hat.
www.brownswoodrecordings.com
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Versand in alle deutsche Mobilfunknetze 0,09 €/SMS. Ausgewählte Musiktitel und -kontingente sind kostenlos für vybemobile Laufzeitvertragskunden unter wap.vybemobile.de und www.vybemobile.de erhältlich. Das mobile Herunterladen ist nur möglich, wenn das
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Mode
House
Deep im Pott
Farside Records / Westpark Unit
Es raschelt mal wieder im deutschen House-Wald. Nachdem
Barbourjacke für den Fuß
GRAM
T TIMO FELDHAUS, TIMO@DE-BUG.DE
Was vor gut zehn Jahren noch an Jacken
abgehandelt wurde, kann heute am Schuh
besprochen werden, eigentlich an der
Schuhspitze. Seit vier Saisons gibt es die
Hybris aus klassischem Herrenschuh und
coolem Sneaker. Wer zeigen will, dass er
zur Hipster-Elite gehört, trägt die schicken weißen, vorne spitz zulaufenden
Halbschuhe von Schmoove oder Swear.
Als Accessoire zum schwedischen Klötenfresser von Acne oder Cheap Monday prägen sie die Galerieeröffnungen, heißesten
Partys und was sonst so wichtig ist. Nun
hat das kleine schwedische Label “Gram”
eine etwas andere Variante dieses Schuhs
erfunden. Die sind zuerst nämlich eher
nicht weiß, sondern passen sich den traditionellen schwarzen Chucks an. Mit der
eigenwilligen Schnürung könnte man sie
sogar einen Hauch fetischmäßig finden.
Während Schmoove und Swear eigentlich
durchweg aus Leder sind, kommen diese jedoch aus Stoff und sind deshalb von
zartester Leichtheit. Sie sitzen am Fuß wie
die Leggins um die Beine. Diese Leggins
heißt als Jeans bekanntlich Acne und so
langsam wissen alle, die macht es noch so
ein halbes Jahr. Außerdem gibt es als Clou
bei Gram noch das Wachs dazu, mit dem
man ganz individuell verschiedene Modelle einwachsen kann – das gibt ihnen Wetterfestigkeit und individuellen Ton. Also
auch was für Schriftsteller in Strickjacken
mit Hornknöpfen.
Bürohengst und Straßenclown
Komisch ist ja, dass die vorgestellte
Hybris an spitzen Schuhen genauso wenig
Büschen getraut haben und wilde Geflechte wie Innervisions
fröhlich wuchern, scheint der Boden bereitet.
T LUDWIG COENEN, LUDWIG@DE-BUG.DE
Mit Bullaugen und Wachs-Schutz rettet das schwedische
Ein-Mann-Label “Gram“ den Canvas-Sneaker in den Winter.
In seinem ersten Roman “Faserland“ fragt
Christian Kracht sich in allem Ernst, wie
abgewetzt eine Barbourjacke sein sollte
und in welcher Farbe man diese dann am
besten trägt.
sich Vorzeige-Producer wie Henrik Schwarz oder Ame aus den
vom klassischen Herrenschuhträger getragen wird wie vom lockeren Turnschuhtypen. Die Modelle sind einfach zu affektiert. Zu sehr Robin Hood, Straßenclown
und halbseidener Neorocker. Auch wenn
mancher das gerne hätte, man kann sie
nicht so einfach in Karlsruhe auf der Arbeit
anziehen. Es ist zu viel überschwänglicher
Hang zur Distinktion in sie reingeschustert, zu viel Eleganz.
Also auch was für
Schriftsteller in
Strickjacken mit
Hornknöpfen.
Gram ist nicht nur die neueste, sondern
wohl auch die unklarste, am wenigsten
entschlossene und deshalb entspannteste Variante. Sie werden entschiedener von
Männern gekauft, leicht gothig und haben
von allen Varianten die meiste, ja, Bodenständigkeit. Trotzdem wird auch bei Gram
Provinztauglichkeit nicht zum Zeichen von
Qualität. Höchstens insoweit, wie die letzte Kollektion des avantgardistischen Designerclowns John Galliano als tragfähig
und fast schlicht beurteilt wurde.
Die gewachste Variante mit Schnürschutz,
den man in dieser Form ganz unumwunden “Gamasche” nennen muss, ist ein
entschiedener Wink in die Zukunft. Denn
nach Electroclash ist auch Rock’n’Roll als
modische Stilvorgabe vorbei. Es geht nun
zum Dandy. Das haben die letzten Schauen gezeigt und damit ist der Schuh voll auf
Linie. Und vom Dandy ist es nicht weit zu
Christian Kracht, der bekanntlich immer
schon Clarks Desert Boots trägt. Und die
sind ja so was von rund an der Spitze.
www.gramdesign.se
Die alten verquasten Deephouse-Schablonen fungieren plötzlich als
Nährboden, zusammen mit dem, was sich da an Genre-Scherbenhäufchen so über die Jahre angehäuft hat. Seien es Broken Beats oder deutsche 2Step-Gehversuche wie das Gush Collective - die Wurzeln sind diffus, aber die Zeit anscheinend wieder reif.
Eines der Label, das nun frisch aus der Wäsche lugt, ist Farside Records. Im Ruhrpott beheimatet, belebt es einen alten House-Knotenpunkt neu. Betrieben wird es von Ingo Sänger, der das Label im Jahre
2000 als Compilation-Label gegründet hatte und es vor zwei Jahren
dichtmachen musste, als der NTT-Vertrieb zerfiel. Seit Mai diesen Jahres
bringt er nun erstmals Vinyl-Maxis heraus. Mit dabei einer der umtriebigsten House-und-mehr-Prouzenten überhaupt: Herb LF. Der Macher
z.B. von Draft Records und Metrosoul Records wirkt auch im engeren Labeldunstkreis mit und releast zusammen mit Ingo Sänger als Westpark
Unit.
Vor allem die Tracks und Mixe dieser
beiden wuchern in erdigen Gefilden
irgendwo zwischen House, HipHop
und Detroit. Mal laidback, mal forsch
mit der Nase am Club, aber immer
mit einer von Deephouse-Patina befreiten musikalischen Wärme - und
hoffentlich mit etwas mehr Potential und Lebenserwartung, als 2Step
oder Broken Beats hierzulande an
den Tag legten. Ob der Wind gedreht hat oder nicht, es darf auf jeden Fall
auch mal wieder ein Piano durchschimmern, wenn sich lässige Orgeln,
fette HipHop-Claps und Rhodeslicks so unbeschwert guten Tag sagen
wie schon lange nicht mehr. Klar, so was bleibt bei Spezialisten nicht lange ungoutiert und so fehlen weder Mixe von Tyree Cooper oder Soulphiction noch die Props von Osunlade oder Jimpster.
Ob der Wind gedreht
hat oder nicht, es darf
auf jeden Fall auch
mal wieder ein Piano
durchschimmern.
Während man sich noch fragt, ob einen dieselbe Xylophonphrase vor
einem Jahr nicht noch ganz schrecklich genervt hätte, weht einem der
nächste Farside-Track schon wieder als derart frische Brise um die Ohren, dass sich die Bedenkenträger-Allüren ganz schnell auflösen. Spätestens wenn man Tracks wie “Love Ritual“ hört. Dieser stammt vom
neuesten Labelzugang The Offsetters aus Südfrankreich, ganz zeitgemäß über MySpace aufgegabelt und direkt gesignt. Besagtes “Love Ritual“ im Westpark-Unit-Mix schmeißt deepe Zitate, ohne mit der Wimper
zu zucken, mit Errungenschaften der Minimalwirtschaft der letzten Zeit
zusammen und spannt beides auf ein üppiges Rhythmus-Gerüst, das
jedem HipHop-Track gut zu Gesicht stehen würde. Die Mischung macht
derart Spaß, dass man darin fast eine Blaupause für die ganze RuhrpottBlase um Westpark Unit und Herb LF sehen möchte. Nicht auszudenken,
was passiert, wenn hier bald die Fäden zu Innervisions oder zur Drumpoets Community aus dem Compost-Umfeld gesponnen werden.
The Offsetters: Love Ritual (far-otrs 4/Groove Attack)
www.farside-records.de
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Gadgets
Guitar Hero II
RedOctane / Playstation 2
Hey, hier kommt die digitale Gitarre als Partyspiel-Interface! Sie verwurstet leichtfüßig alle Rock-Klischees und
macht dabei großen Spaß. Erst mal ist Guitar Hero II (genau
wie der erste Teil) ein Rhythmus-Musikspiel, bei dem es darum geht, im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken. Das ist eigentlich banal, aber die Knöpfe sind auf dem
ergonomisch geformten Gitarrencontroller angebracht. Einmal umgehängt, provoziert dieser selbst schon die breitbeinige Rockpose. Enthalten sind vierzig Songs aus den letzten
vierzig Jahren Rockmusik, die mit grell-lauter Hintergrundgrafik in typischer Mucker-Manier präsentiert werden und in
entsprechender Runde für Körperrock vor der Glotze sorgen.
Leider gibt es kein freies Spiel und leider besitzt die Gitarre,
die gerne auch ein paar Gramm mehr hätte wiegen können,
nur einen PS2-Controller und keinen USB-Anschluss. Guitar
Hero II plus Controller ca. 70,-.
BUDJONNY
www.guitarherogame.com
Knockman
Klein, knuffig, knorke
So ein bisschen erinnern die Knockmanns an den DuracellHasen. Einmal angeschaltet, sind sie ständig am Trommeln.
Trotzdem können sie mehr und das vor allem im Kollektiv.
Denn jedes Mitglied der kleinen Plaste-Bigband spielt ein eigenes, wohlklingendes Instrument. Knock Man, Namensgeber und Bandleader, spielt sozusagen die Drums, indem er
sich mit der Knubbelhand ununterbrochen im 4/4-Takt auf
den Kopf haut. Das macht dann Knock Knock Knock Knock.
Seine Bandmades Colon, Pololon, Cha-Cha und Kerotama
spielen KlingKlong, Gitarre, Cymbal und Latin guiro. Zusammen macht das dann ungefähr Knock, Pling, Drrr, Tscht. Also
ein absolut amtliches Minimal-Set. Bisher war die Band erst
in Japan auf Tour. Ausgedehnte Live-Sets in europäischen
Wohnzimmern sind aber in Planung.
KATZNTEDDY
www.knockman.net
Woofer
Bass-Sprudeln im Kopf
Boxen stehen meist nur blöd in der Ecke rum und erinnern zumeist visuell eher an ein Möbelstück, das früher mal
Bestandteil eines furnierten Wandschranks war. Und - was
noch schlimmer ist - aus irgendeinem merkwürdigen Grund
sind die Boxen, egal wie schlank ansonsten (z.B. nur noch ein
iPod) die heimische Musikanlage zusammengeschrumpft ist,
der letzte wohnliche Überlebensrest einer gewissen technophil-nerdigen Stereo-Kultur. Die Box als Gadget ist wirklich
ein Einzelfall und wenn, dann eher im Umfeld der Computerlautsprecher zu finden. Woofer, der Name ist Programm,
ist da ganz anders. Im feisten Neokitsch der Eroberung der
persönlichen Distinktion als Spiegelbild der Welteroberung
durch Ausstellung einer leicht wissenschaftlich angehauchten, aber fast zwanghaft figürlichen Brutalität bestehen die
Boxen (siehe Bild) eben einfach aus nachempfundenen Hundekörpern (einer halbwegs unbestimmbaren Rasse), in deren
offener Wunde des abgeschlagenen Kopfes der Lautsprecher-Sound pumpt statt falsches Blut. Zwangsneurotiker
dürften - andere werden auch wohl kaum 600 Euro für zwei
mittelmäßige Boxen ausgeben - den Charme zwischen Plastik und glänzend porzellanpüppchenhafter Oberfläche lieben.
Neocons können ihrer unentschlossenen Stillosigkeit endlich
einen wahren Ausdruck verpassen und werdende HipHopPimps können ihre Kampfhunde damit narren. Es ist immer
schön zu beobachten, wie sich Kitsch als Querschläger des
ansonsten durch und durch getrimmten Stilverhaltens auch
heute noch grandios daneben benehmen kann und dabei sogar den Anspruch von Funktionalität wegsteckt.
BLEED
www.burovormkreijgers.nl
12 | DE:BUG EINHUNDERTACHT
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08.11.2006 19:22:02 Uhr
Ghettoblaster 2.0
Mini-Boxen fürs Handy
Handys geben ja dieser Tage prinzipiell das schwarze Loch
für Kommunikations- und Unterhaltungsgeräte, fast keine
Anwendung ist davor gefeit, nicht ruckzuck in einer HandyFunktion aufzugehen und dadurch als eigenständige Gadget-Kategorie zu verschwinden. Bei MP3-Playern geht genau
diese Entwicklung gerade vonstatten, eine entsprechende
Funktion ist in fast alle neuen Handy-Modelle integriert und
auch in Sachen Speicherplatz und Bedienbarkeit nähern sich
die Musik-Telefone rapide dem MP3-Player-Standard an.
Apples iPod ist daher auch längst nicht mehr das meistverkaufte Produkt in der Walkman-Klasse, allein Nokia hat im
letzten Quartal 15 Millionen Handys mit integriertem MP3Player abgesetzt und damit Apple locker abgehängt. Der Mobiltelefon-Ableger des Walkman-Konzerns, SonyEricsson,
macht mit den Mini-Boxen “MPS-60” jetzt sogar den Versuch,
den Ghettoblaster durch das Handy zu ersetzen, was zwar
ein hochgradig abstruses Unterfangen ist, aber angesichts
des Nutzerverhaltens blutjunger Taugenichtse auf Berliner
Straßen sogar von Erfolg gekrönt werden könnte. Bei den
Nachwuchs-Eckenstehern lässt sich nämlich des öfteren beobachten, dass Musik über den integrierten Handy-Lautsprecher abgespielt wird - und zwar so laut wie irgend möglich,
inklusive dem typischen Trau-sich-doch-einer-zu-meckernBlick in der U-Bahn. Selbstredend scheppert das wie die Hölle und auch mit den Mini-Boxen, die das Volumen von zwei
Streichholzschachteln mitbringen, muss man sich ziemlich
exakt platzieren, damit der Sound ein bisschen fett kommt.
Der jugendlichen Zielgruppe scheint das ja eher egal zu sein,
und beim Ghettoblaster-Phänomen geht’s ja ohnehin nicht
nur um Klangqualität, sondern auch um die mobile Provokation der Umgebung. Und die kriegt man mit den MPS-60, die
übrigens nur mit Handys des Herstellers kompatibel sind, bestimmt ganz sauber hin.
ANTON WALDT
www.sonyericsson.com
Live Vision Cam
Microsoft / Xbox 360
Das exklusive Xbox360 Live-Universum wächst und gedeiht. Neben den zahlreichen Download-Angeboten an Demos, Videos und den äußerst beliebten Arcade-Mini-Games
ist es nun mit der benötigten Gold-Mitgliedschaft und der
Live Vision Cam auch endlich möglich, selbst Content beizusteuern. Angeschlossen wird die Cam per USB und kann sofort genutzt werden, um im Videochat anderen Mitgliedern
der Community zuzuwinken, ein Bild für das persönliche
Spielerprofil hochzuladen und Cam-unterstützte Spiele zu
spielen. Zwar ist die Steuerung von Games per Kamerainterface nicht ganz neu und auch nicht die präziseste Möglichkeit der Dateneingabe, aber trotzdem ist es faszinierend und
lustig, mit dem ganzen Körper aufs Spielgeschehen einzuwirken oder beim Community-Pokern durch entsprechendes
Face-Work zu beeindrucken. Die etwa tomatengroße Kamera hat eine VGA-Videoauflösung von 640x480 Bildpunkten,
macht Fotos mit 1,3 Mpx und besitzt einen eigenen Lichtfilter, der auch Aufnahmen in abgedunkelten Räumen möglich
macht. Leider wird es seit einiger Zeit immer deutlicher, dass
Next-Gen Hardware und Zubehör eigentlich auch auf NextGen Fernsehern genutzt werden müsste. Die Kamera kostet
ca. 45,-€, kommt mit einem Headset und Freischaltcodes für
die Live- Arcade-Games UNO und Totemball und soll auch auf
PCs mit WinXP funktionieren.
BUDJONNY
www.xbox.com/hardware/x/xboxlivevision/
The Original
Soundsystem am Fahrrad
Nachdem sich in den letzten Sommern die Fahrrad-Variante des Choppers unter der Bezeichnung “Cruiser” auch in
unseren Breitengraden langsam etabliert hat, kann man mit
dem portablen Lautsprecher-System “The Original” auch
akustisch richtig den Breiten machen beim lässigen Radeln
durch den Kiez: Den wohl kleinsten Hornlautsprecher überhaupt kann man nämlich einfach an die Lenkstange klicken
und schon wird aus einem schnöden Blechesel ein rollendes Soundsystem. Ausgedacht hat sich das die Firma “Klara
Geist”, wobei die Berliner nicht einfach auf schnöde Handarbeit setzen, sondern sogar auf “liebevolle” Handarbeit. Für
die mobile Box wurde extra eine Hornform errechnet, die den
Bassbereich “definiert” verstärkt und so einen zusätzlichen
Lautsprecher überflüssig macht. Zum Einsatz kommen natürlich erlesene Zutaten wie robuste Kevlarmembrane und
leistungsstarke Neodymmagneten, was unter anderem für
eine saubere magnetische Abschirmung sorgt, auch wenn
man die bei Fahrradtouren eigentlich selten vermisst. Ob
der geringen Wärmeabstrahlung und des entsprechend relativ niedrigen Strombedarfs kommt ein digitaler Verstärker
zum Einsatz, bei Zimmerlautstärke soll der Akku dadurch
eine Spieldauer von mehr als 30 Stunden erreichen, im natürlichen Einsatzgebiet auf der Straße sollen immer noch 13
Stunden bei akzeptabler Lautstärke drin sein. Da im Freien
die Schallreflexion der Zimmerwände flachfällt, ist hier der
Wirkungsgrad auch deutlich niedriger. “The Original” kostet
satte 795,00 Euro.
ANTON WALDT
www.klarageist.com
DE:BUG EINHUNDERTSIEBEN | 13
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Legende
Wir sind Helden
4 Hero
Neues Material von 4 Hero wird längst nicht mehr so brennend erwartet wie zu
Drum-and-Bass-Zeiten. Das ist ein kapitaler Fehler, wie ihr Album “Play with the changes” zeigt.
Wir haben 4 Hero in ihrem Vorortstudio in London besucht und uns von vertanen Chancen
und unbewusstem Avantgarde-Status erzählen lassen.
Mark Clair und Dego MacFarlane sind ein Phänomen. Zusammen haben sie wie kaum ein anderes Produzenten-Team Breakbeat-Forschung mit gediegen staatstragendem OrchesterSoul und Future-Jazz zu einem ganz eigenen Sound-Hybrid
verflochten. Mit ihrem legendären Drum-and-Bass-Label
Reinforced, das sie mit Gus Lawrence und Ian Bardouille, die
in den Anfangstagen von 4 Hero auch hin und wieder die ein
oder andere musikalische Idee beisteuerten, 1991 gründeten,
waren sie über eine Dekade das ideelle Zentrum von Drum
and Bass. Kompromisslos, eigenständig und Hype-resistent.
It’s all about the music! Und was für ihr Label galt, galt immer und gilt nach wie vor für 4 Hero. Mark und Dego wollten
immer Innovatoren sein, es ihren Vorbildern Derrick May und
Juan Atkins gleich tun.
4 Hero waren immer die wohl einflussreichsten Außenseiter
der Drum-and-Bass-Szene, die sich auf ihrer ganz eigenen
Umlaufbahn befanden und immer mal wieder entscheidende musikalische Impulse aussendeten. Dabei haben
sie sich nie um Szene-Befindlichkeiten gekümmert, sondern sich lieber tief in ihre Synthesizer und Sampler gegraben und sind im Studio auf sonische Entdeckungsreise
gegangen. Und auf ihrem Weg haben sie sich immer mehr
von den roh futuristischen Sample-Stunts und SoundInnovationen der Anfangsjahre entfernt, um im warmen
Schoß ihrer eigenen musikalischen Sozialisation zu landen und dem ganzen Format-Soul und R&B da draußen
geschichtsbewussten und eigensinnigen Tiefgang entgegenzusetzen. Ein Reigen aus rhythmischer Komplexität
und traditionell-souligem Wohlklang, in diesen Koordinaten bewegte sich 4 Heros letztes Lebenszeichen ”Creating
Patterns“ eloquent in ehrenvoll zeitloser Geschmeidigkeit. Sechs Jahre später haben sie jetzt mit ”Play With The
Changes“ ihr fünftes Album eingespielt. Nach zwei MajorAlben bei Talkin Loud/Universal sind sie bei dem von ihnen
vor zwei Jahren gegründeten Label Raw Canvas, auf dem
”Play With The Changes“ erscheint, wieder ihr eigener Herr
im Haus. Wenn die Beats jetzt weniger komplex frickeln
und die Harmonien nach wie vor perfekt auf der Klaviatur
der großen Soul-Gefühle spielen, dann ist man verblüfft,
wie frisch und unangestrengt diese weitere Abkehr von ihren Wurzeln der Breakbeat-Science klingt. Mit Jody Watley, Ursula Rucker und Carina Andersson haben Mark und
Dego neben diversen weiteren Gästen vertraute Stimmen
in ihr Studio geladen.
Viel hat sich geändert. Gerade in den letzten zwei Jahren. Mark
Mac wurde Vater und zog mit seinem Studio, in dem der
Hauptteil von ”Play With The Changes“ eingespielt, programmiert und gemischt wurde, an den Stadtrand von
London nach Bedfordshire. Das Büro von Reinforced, von
dem es seit einer ganzen Weile schon keine Lebenszeichen
mehr gab, wurde gleich mit nach Bedfordshire verlegt.
Reinforced verlässt seinen Hometurf Dollis Hill, eine Ära ist
zu Ende gegangen. Aber nicht nur für Reinforced, sondern
auch für 4 Hero. An den Wänden des neuen Büros in einem
kleinen, unscheinbaren Landhaus mit provisorischer Ein-
richtung hängen Goldene Schallplatten, die Reinforced
überreicht worden sind. Eine für eine Major-Jungle-Compilation, zu der Marc und Dego einen Track beigesteuert
haben, und eine für ihren Beitrag zu Goldies Meilenstein
”Timeless“. Jeweils über hunderttausend verkaufte Exemplare. Allein in England. Schön war die Zeit. Auf dem Kamin
steht der MOBO-Award, den sie 1998 für ihr erstes TalkinLoud-Album ”Two Pages“ bekommen haben.
Mark Mac sagt, dass er wahnsinnig stolz darauf ist, dass
es 4 Hero im Jahre 2006 noch gibt. Dass sie allen Widrigkeiten und Umwälzungen in ihrem Leben, aber auch in
ihrem Umfeld zum Trotz ein Album mit minimalem Budget eingespielt haben, das sich nicht hinter der Opulenz
von ”Two Pages“ und ”Creating Patterns“ zu verstecken
braucht. “Play With The Changes” ist ein Beweis der Ausdauer. Die Zeiten, in denen sich Major-Label für Acts wie
4 Hero interessiert haben, sind endgültig vorbei. Mark und
Dego wissen das und haben, wie es der Titel nahel egt, die
veränderten Bedingungen entspannt zur Kenntnis genommen. Herausgekommen ist ein schillerndes Alterswerk,
Unser Backkatalog ist
unser Vermächtnis. Wie
bei den klassischen
Disco- und Funk-Labeln.
dass bei allen klassischen Soul- und Funk-Referenzen
klingt, als käme es von einem anderen Stern.
Wir nutzen die Gelegenheit, um mit Mark und Dego zurückzublicken. Auf Drum and Bass im Allgemeinen und Reinforced im Besonderen. Auf jugendliche Unbekümmertheit
und vertane Chancen.
Mark: Als wir mit Reinforced angefangen haben, ist Gus
mit seinem Wagen herumgefahren, hat die Platten zu den
Plattenläden gebracht und versucht, sie dort zu verscherbeln.
Wir wussten nicht einmal, wie viel wir realistisch für eine Maxi
nehmen konnten.
Debug: Wie habt ihr überhaupt ein Presswerk gefunden?
Dego: Ganz einfach, wir haben in die Gelben Seiten geguckt. (lacht)
Mark: Wir haben bei der ersten Telefonnummer, die wir
dort finden konnten, angerufen. Music Manufacturing A-Z.
Das war’s. Wir haben uns nicht einmal die Mühe gemacht,
Preise zu vergleichen. Wir haben einfach losgelegt.
Dego: Mit der ersten Platte gab es gleich Probleme. Wir
haben dann letztendlich siebenhundert oder tausend Stück
pressen lassen.
Mark: Wie gesagt, wir hatten keine Ahnung, was wir da eigentlich tun. Wir sind mit unseren Kartons voller Maxis in die
Plattenläden marschiert und haben quasi verlangt, dass sie
T SVEN VON THÜLEN, SVEN@DE-BUG.DE F ELKE MEITZEL
uns fünf Pfund pro Stück geben sollten. Wir dachten, dass
wäre ein guter Preis. Am Anfang haben die uns einen Vogel
gezeigt und wieder weggeschickt. Bis Leute dann nach unseren Platten gefragt haben. Dann haben sie genommen, was
sie kriegen konnten. Wir hatten das Glück, dass wir gleich mit
den ersten zwei Veröffentlichungen große Hits landeten. Die
zweite Maxi war ja ”Mr.Kirks Nightmare“, die war noch in Gus’
Schlafzimmer-Studio entstanden. Die hat sich über zwanzigtausend Mal verkauft. Das war unglaublich.
Reggae-Raves
Debug: Wie habt ihr eigentlich den so genannten Summer of
Love 1987 erlebt? Der Start von Reinforced war ja auch eine
direkte Reaktion auf die musikalischen und vor allem kulturellen Umwälzungen, die plötzlich losgetreten wurden.
Dego: Der Summer of Love war für uns am Anfang vor
allem ein Clash der Kulturen. Für uns gab es damals nur
Soundsystems. Da kamen wir her. Wir waren ständig auf irgendwelchen Partys, wo Soundsystems gespielt haben. Und
die gingen damals schon bis sieben Uhr morgens oder länger.
Wir waren schon am Raven, da war der Begriff noch nicht so
besetzt. Andere Musik zwar, Reggae, Funk und Soul, aber im
Endeffekt dieselbe Sache. Dann gab es noch das ganze HipHop-Ding, das uns wirklich wichtig war. Zu der Zeit sahen
wir die Ultramagnetic MCs zum ersten Mal in London. Und
dann gab es parallel dazu die aufkeimende Dance-Szene.
Als plötzlich Acid-House über das Land hereinbrach und das
ganze Rave-Ding explodierte, marschierten plötzlich all die
Kids, die bis dahin meist nur in amtlichen Diskotheken tanzen gegangen waren, in all die Warehouses in London, in denen wir schon seit Ewigkeiten mit Soundsystems spielten. Ian
war der Erste, der auf einen Rave ging. Irgendwann waren wir
alle neugierig geworden, weil man immer wieder Leute davon
reden hörte, aber Ian war der Erste. Sein Bruder arbeitete damals als Türsteher bei diversen Raves. Die Mischung an Leuten hat mich damals ehrlich gesagt ein bisschen schockiert.
Auch die Mentalität war für mich gewöhnungsbedürftig, ein
ganz anderer Lifestyle. Plötzlich fragen dich Fremde auf einer
Party, ob sie mal aus deiner Wasserflasche trinken dürfen. So
einen Scheiß waren wir nicht gewohnt. Es war sehr seltsam
zu beobachten, wie das Ganze dann immer weiter und weiter
wuchs.
Marc: Was die Soundsystems damals spielten, wurde
meistens als UK Black Music bezeichnet. Und das Ganze war
eine eher segregierte Sache. Als wir die ersten Platten von
Juno Records oder Warp hörten, gab es plötzlich Elemente in
diesem neuen Sound, die uns was sagten, zu denen wir eine
Verbindung hatten. Und das war meistens Dub. Der Bass von
LFO kam vom Dub und Reggae. Punkt. Und da wir echte Breakbeat-Nerds waren, brauchten wir einfach den Funk. Ohne
den ging es nicht. Da der Sound der Stunde House und Techno war, haben wir eben unsere HipHop- und Funk-Breaks
hochgepitcht, damit das Tempo stimmt. Eine rein funktionale
Entscheidung. Wir hatten keine Ahnung, was wir da machten.
Leute wie Shut Up And Dance oder DJ Hype damals zu hören,
war eine große Inspiration. Das half uns, zu einem eigenen,
solideren Sound zu kommen.
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10.11.2006 16:12:49 Uhr
Legende
Vorbild Detroit
Debug: Ihr habt in einem Interview mal gesagt, dass ihr
Reinforced nach dem Vorbild von Submerge und Underground
Resistance in Detroit geformt habt. Wir kam es dazu?
Dego: Wir wurden von Kevin Saunderson nach Detroit
eingeladen. Wir sollten auf dem ersten Rave in Detroit überhaupt spielen. Mit dabei waren Moby, Eddie Flashin Fowlkes
und diverse andere Detroiter DJs. Es war eine große Sache.
Kevin hatte gerade eine Mannix-Platte von uns auf KMS herausgebracht. Er stand auf den frühen Hardcore-Sound. Er
hat ja zum Beispiel auch 2 Bad Mice und Blame für sein Label
lizenziert.
Mark: Nachdem wir in Detroit waren, wollten wir unbedingt eine reine Techno-Platte machen. Das war so 1992. Wir
haben dann Reflective Records gegründet. Wenn man die
Platten immer nur im Radio oder auf Parties hört, kann man
sich nicht vorstellen, wie es wirklich dort ist, was dort passiert. Unsere Reise nach Detroit hat uns eine ganz neue Perspektive auf Techno eröffnet. Dieser Besuch hat für uns vieles
verändert.
Dego: Als wir dort ankamen, hat es zwischen uns, Mad
Mike und dem Rest der Detroiter sofort geklickt. Sie machten ihr Ding und versuchten sich gegenseitig zu unterstützen,
aufeinander zu achten. Es gab diese Community-Idee um
Submerge und Underground Resistance, mit der wir sofort
etwas anfangen konnten. Im Endeffekt versuchten wir in
London mit Reinforced nichts anderes zu machen. Nur dass
die Jungs in Detroit schon viel weiter waren. Nachdem wir da
waren, hatten wir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.
Mark: Wir hatten dieselbe Mentalität. Das hat uns sofort
verbunden. Die Ähnlichkeiten waren auf allen Ebenen extrem. Ich erinnere mich noch, wie wir Mad Mike zum ersten
Mal trafen, er Ian anguckte und verblüfft feststellte, dass
sie Brüder sein könnten. Die beiden sehen sich einfach verdammt ähnlich.
School of Reinforced
Debug: Ihr habt auch ähnlich kompromisslos euren Weg verfolgt.
Mark: Es gab damals die so genannte ”School of Reinforced“. Dego hat in der Zeit einem ganzen Haufen der heutigen Top-Player gezeigt, wie man mit dem Equipment umgeht.
Für Leute wie J.Majik oder Goldie war vor allem Dego am
Anfang ihrer Karriere ein Mentor, der ihnen eine Menge beigebracht hat. Reinforced war damals für viele das Zentrum
der Hardcore- und Jungle-Szene. Wir hatten das Equipment,
wir hatten die Platten mit den Original-Breaks. Lemon D kam
manchmal vorbei und bat uns einzelne Teile von Platten, die
er mitbrachte, für ihn zu samplen. Für viele war Reinforced
Anfang der Neunziger das Informations-Zentrum der Drumand-Bass-Szene. Uns war das gar nicht so klar. Aber es
stimmt, es kamen oft Kids bei uns in Dollis Hill vorbei, die wissen wollten, was für Equipment wir benutzten, welche Breaks
wir gesamplet hatten und was wir sonst noch für Tricks kannten, um unseren Sound zu kreieren. Ich hatte damals noch einen 9 to 5 Job, aber Dego war fast den ganzen Tag im Studio.
Also kamen alle immer zu ihm. Und er hat eine ganze Menge
Platten für heute bekannte Leute produziert, ohne dass die
nur einmal einen Knopf berührt hatten.
Debug: Trotzdem habt ihr euch aus Szene-internen Konflikten
meist rausgehalten. Ich erinnere mich noch an das Komitee,
dass Rebel MC einberufen wollte, als General Levy von den
Majors plötzlich zum Gesicht von Jungle gekürt wurde.
Mark: (schmunzelt) Oh ja, ich erinnere mich ...
Dego: Ich nicht, wovon sprecht ihr?
Mark: Erinnerst du dich nicht an dieses Komitee, das sie
einberufen haben? Sie wollten, dass wir diesem Komitee beitreten, um Jungle zu schützen und zu regulieren, wer sozusagen offizieller Botschafter von Jungle sein durfte. Kurz nachdem General Levy seine großen Hits hatte und alle anfingen
rumzujammern, dass er Jungle ausverkaufen würde.
Dego: (lehnt sich weit zurück und lacht) Oooh, ... doch,
doch, jetzt kommen die Bilder zurück. Ja, ich erinnere mich.
Das war vielleicht ein Schwachsinn. Ich meine, sie hatten gute Gründe dafür, vorsichtig zu sein. Nachvollziehbare Gründe. Aber wie sie das Ganze angegangen sind, war falsch. Aus
heutiger Perspektive würde ich ihnen aber in vielen Punkten
zustimmen. Drum and Bass hatte nicht genug Zeit, sich in
Ruhe zu entwickeln. Und es gab immer mal wieder einzelne
Leute, die die Musik in Ecken gezogen haben, in die sie nicht
gehörte. Die Idee, die Entwicklung von Drum and Bass zu
überwachen, macht aus heutiger Sicht fast noch mehr Sinn,
als sie es damals getan hat. Drum and Bass ist nach wie vor
ein Baby. Und es war klar, dass die Major-Industrie nur so lange daran interessiert sein würde, wie sie Profit aus der Musik
herausquetschen konnte. Wenn man damals cleverer gewesen wäre, hätten sich manche Dinge vielleicht anders entwickelt, wäre Drum and Bass länger interessant gewesen. Wie
gesagt, ich konnte den Impuls verstehen, aber damals waren
viele letztendlich auch nur auf ihren Vorteil bedacht.
Mark: Die Sache mit Reinforced ist, dass wir uns nie um
solche Szene-politischen Fragen gekümmert haben. Uns
ging es immer um die Musik. Wir wollten uns von niemandem irgendetwas vorschreiben lassen. Man startet doch kein
unabhängiges Label, verkauft seine Platten aus dem Kofferraum seines Wagens und wird dann Teil einer solchen Regulierungsbehörde. Das war gegen alles, was wir mit Reinforced
machen wollten. Wir haben die Entwicklung von Drum and
Bass ab einem Punkt nur noch mit einem gewissen Abstand
begleitet. Wir haben unser zweites Album nicht umsonst ”Parallel Universe“ genannt. Bis Mitte der Neunziger hatte kaum
einer Degos und mein Gesicht gesehen. Wir waren sehr lange unsichtbar und haben uns nur auf die Musik konzentriert.
Das war unsere Flucht vor unseren langweiligen Jobs. Und
unsere Musik sollte keine Grenzen haben. Wir waren auf der
Flucht vor den Genre-Schubladen. Purer Eskapismus. Das
ganze Science-Fiction-Ding war auch so etwas. Das war Eskapismus in seiner höchsten Ausformung.
Dego: Auch innerhalb der Szene wussten lange nur wenige, wie wir aussahen. Außer, wenn wir unsere Shows gespielt
haben, sind wir kaum ausgegangen.
Mark: (lacht) Das hatten wir ja alles schon hinter uns. Wir
waren fünfzehn, als wir angefangen haben zu raven, zu den
Dances der Soundsystems zu gehen. Goldie war am Anfang
ein integraler Bestandteil von Reinforced. Er war der Link
zur Szene. Zusammen mit Ian. Ihr Job war es, Reinforced
ein Gesicht zu geben. Dego und ich saßen lieber im Studio.
Reinforced hatte ein Gesicht, aber es war nicht das von uns.
Goldie sah uns, als wir eine 4-Hero-Show in einem Club namens Astoria spielten. Er war wohl beeindruckt von dem, was
da los war, und sprang auf die Bühne. Dort schnappte er sich
Ian und so lernten wir Goldie kennen. Was ihn faszinierte, war
mehr als nur die Musik. Er sah uns vier zusammen auf der
Bühne und wollte Teil des Ganzen sein.
Kapital Backkatalog
Debug: Um Reinforced ist es seit einiger Zeit sehr still geworden. Habt ihr euch mittlerweile so weit von der Drumand-Bass-Szene entfernt, dass es für euch keinen Sinn mehr
macht, das Label am Laufen zu halten?
Mark: Es gibt immer noch Drum-and-Bass-Platten, die ich
mag. Aber nicht mehr genug, um das Label wie früher zu führen. Wir konzentrieren uns auf die Sachen, die wir nach wie
vor lieben. Und das ist unser Backkatalog. Wir werden alle alten Platten digital wieder erhältlich machen. Da liegt für uns
die Zukunft von Reinforced. Wir haben knapp zweihundert
Maxis in fünfzehn Jahren veröffentlicht. Man kann von einem
kleinen unabhängigen Label nicht erwarten, dass es immer
so weitergeht. Unser Backkatalog ist unser Vermächtnis. Wie
bei den klassischen Disco- und Funk-Labeln.
Debug: Wenn ihr ein paar eurer persönlichen Reinforced-Favoriten nennen solltet, welche wären das?
Mark: Da gibt es zu viele, um die alle aufzulisten. Da erwacht dann der Trainspotter in mir, der jede einzelne Katalognummer durchgeht und sich fragt, von wem noch mal Rivet
15 war.
Debug: Könnt ihr euren Backkatalog auswendig aufsagen?
Mark: (lacht) Ich bin ein bisschen eingerostet, aber prinzipiell schon ...
Dego: Ich kann das definitiv nicht. Konnte ich auch nie.
Mark: Ich glaube, Rivet 15 war von Tek 9.
(Eine kurze Recherche ergibt, das Mark tatsächlich etwas
eingerostet ist. Rivet 15 ist von Basic Rhythm.)
Drum and Bass Tanzschritte
Debug: Es gab ja lange die weit verbreitete Hoffnung, dass
Drum and Bass für England das wird, was HipHop für die USA
geworden ist.
Dego: Ich habe daran nie geglaubt. Das waren Wunschvorstellungen, die aus der Anfangs-Euphorie heraus geboren
wurden. Drum and Bass hatte nie das Potenzial, so groß und
einflussreich zu werden wie HipHop. Auch nicht in England.
HipHop war von Anfang an eine Kultur, ein Lebensstil, der ja
über die Musik weit hinaus ging. Es gab all diese verschiede-
Man startet doch kein unabhängiges Label, verkauft
seine Platten aus dem
Kofferraum seines Wagens
und wird dann Teil einer
Regulierungsbehörde.
nen Aspekte: Graffiti, Breakdancing, Scratching und Rapping.
Da war für jeden etwas dabei, mit dem er etwas anfangen
konnte. Drum and Bass konnte das nicht bieten. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Tracks instrumental waren
und der größere Teil der Szene bei dem Gedanken daran, echte Vocals in Drum and Bass zu benutzen, sofort vor Missbilligung zusammengezuckt ist. Da wurden ja meist nur irgendwelche kurzen Samples verwendet ...
Mark: Goldie hat das damals sofort verstanden. Er war ja
Graffiti-Künstler. Er meinte immer, dass es Drum-and-BassTanzschritte geben müsste. (lacht)
Dego: ... trotzdem denke ich, dass England durch Drum
and Bass mehr popkulturellen Einfluss hätte haben können.
Leider wurden viele Chancen, die sich ergeben haben, nicht
genutzt. Und dann hörst du einige Jahre später Radio und die
erfolgreichsten Pop-Songs des Jahres, wie zum Beispiel Outkasts ”Hey Ya“ oder diverse Timbaland-Produktionen, basieren eindeutig auf Drum and Bass. Es ist schade, dass solche
Tracks nicht von Produzenten aus der Drum-and-Bass-Szene produziert wurden. Das nicht unsere Leute den Sound in
diese Pop-Sphären gehoben haben.
Debug: Warum habt ihr euch denn nie dieser Herausforderung
gestellt?
Dego: Wenn wir clever gewesen wären, hätten wir in unserer Talkin-Loud-Zeit versucht einen großen Pop-Hit zu produzieren. Einen Track, der zwar im Herzen Drum and Bass,
aber so eingängig ist, dass er die breite Masse anspricht.
Aber so haben wir damals nicht gedacht. Und um ehrlich zu
sein, denken wir auch heute nicht so. Unsere Zielgruppe war
immer viel kleiner. Wir hatten nicht diese Ambitionen und es
hat uns gereicht, dass unsere Freunde und die Leute, die wir
respektieren, unsere Platten mochten. Das war und ist vielleicht ein Fehler. Musiker in Amerika haben immer gleich den
Anspruch, global erfolgreich zu sein. Wir sind glücklich, wenn
wir in Ruhe Musik machen können.
Mark: Wir haben eine andere Mentalität. Wir wollten nie
Stars oder Superstars sein. So lange ich weiß, dass ich die
Raten meiner Hypothek zahlen kann und auch sonst mit dem
Geld hinkomme, reicht mir das.
Dego: Vielleicht gab es Mitte der Neunziger einige, die davon geträumt haben, der erste Drum-and-Bass-Superstar
zu werden. Aber keiner von denen hatte das Know-how, das
durchzuziehen. Wir waren alles Kids, die da in etwas hineingestolpert waren. Wenn damals niemand von uns von den
Majors gesignt worden wäre und wir uns noch ein bisschen
mehr oder minder ungestört entwickeln und Erfahrung mit
den Abläufen in der Musikindustrie hätten machen können,
dann wären manche Sachen wahrscheinlich anders gelaufen. Aber diese Chancen sind vertan. Heutzutage hätte
sowieso kein Major mehr Interesse an uns. Ich glaube aber,
dass die neue Generation britischer MCs diese Ambition mittlerweile hat. Dass sie wissen, was sie zu tun haben, um groß
rauszukommen. Der amerikanische Traum und die uneingeschränkte Liebe zum Geld wird auch in England immer präsenter. Kano, Dizzee Rascal und Lady Sovereign haben sich
wahrscheinlich irgendwann gefragt, was Jay Z getan hat, um
da hinzukommen, wo er jetzt ist. Und dann haben sie losgelegt. Mit großen Träumen im Gepäck ...
4 Hero, Play With The Changes, erscheint auf
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Nachhaltiges
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2000 and One
Manch einer kennt 2000 and One noch als
Planet Gong oder als Edge of Motion vom
Mitt-90er-Techno-Über-Label DjaxUp Beats.
Heute betreibt Dylan Hermelijn zusammen
mit Shinedoe das erfolgreiche Intacto-Label,
in seinen eigenen Produktionen stutzt er den
Neo-Detroit-Sound für den zeitgenössischen
Dancefloor zurecht.
T ALEXIS WALTZ, ALEXIS.WALTZ@GMAIL.COM
Während sich Neo-Detroit-Tracks auf Labeln wie Down Low,
Keynote, Delsin oder Headspace immer mehr in den Melodien-Kaskaden verloren haben und eine Esoterik der Ferne
entwickeln, bewahrt Dylan Hermelijns Musik den Dialog mit
dem Partygeschehen. Seine Produktionen passen zu Tracks
auf Mental Groove oder Dial, zu Musik von Donato Dozzy,
Gabriel Ananda oder Jacek Sienkiewicz. Die Grooves des
HipHop-, Reggae- und Ragga-Fanatikers sind nie formelhaft, protzen aber auch nicht mit Originalität. Die Sounds
und Melodien führen ein Eigenleben, ohne die Spannung
gegenüber den Beats aufzugeben. Überraschenderweise
ist Dylans aktueller Erfolg auf dem Dancefloor in seiner
zwanzigjährigen Karriere eine Neuigkeit: “Ich bin selbst von
mir überrascht. Jahrelang hat meine Musik ganz unabhängig
von den Clubs stattgefunden. Aber wenn die DJs meine Platten spielen und sie für die Crowd funktionieren, muss etwas
dran sein.”
Tempo von 125 Bpm, dem zurückgenommenen Drumming
und der gesteigerten Aufmerksamkeit für herausmodellierte Sounds seine aktuellen Entfaltungsmöglichkeiten,
berichtet er: Die Isolation in den Jahren von Schranz und
Gabber sei endlich vorbei. Was heute auf den Floors möglich ist, erstaunt und begeistert Dylan immer wieder, ein
besonderer Höhepunkt war ein Set mit Shinedoe im Berliner Berghain. Bewegte sich seine Relaunch-Maxi “The
Return of 2000 & One” noch sehr im Post-Detroit-Format,
positionierte sich der Nachfolger “Adonai Elohim” schon
sehr pointiert im Sound der Gegenwart. Die aus dem Track
fallenden, neben den Grooves stehenden Sounds passen
zu Stücken auf Vakant oder Mobilee, die elegante Produktion mag manch einen an Lindstrom’sches oder HendrikSchwarz’sches Edelraven erinnern. Sven Väth eröffnete
mit der Nummer seine letztjährige Ibiza-Compilation. Sein
mit Dave Ellesmere als Microfunk produzierter Sommerhit
Im Nachhall der Acidhouse-Revolution hatte Dylan Tracks für
Stefan Robbers Kultlabel Eevo Lute produziert. Bald wurde aber die holländische Partyszene unattraktiv für ihn:
Während die Hardcore-Anfänge noch eine gewisse Faszination ausübten, war der nachfolgende Gabba-Sound völlig inakzeptabel. Zunächst hatte er noch mit dem Djax-UpBeats-Projekt Edge Of Motion mit Gert-Jan Schonewille
einen Hit, “ Set Up 707”. Danach wurden Edge of Motion experimenteller: Die verzerrten Snaredrums, die punkig hingeschleuderten Basslines und die auseinander gerissene
Trackstruktur sind ganz weit vom allumfassenden Wohlklang der Gegenwart entfernt. Seine eigenen, unabhängigen Produktionen gingen in eine andere Richtung, sie setzten sich unmittelbar mit dem Detroit-Sound auseinander.
Die Höhepunkte dieser Phase sind die beiden Alben seines
eigenen Djax-Up-Projekts Planet Gong und die ersten EPs
von 2000 and One auf seinem 100%-Pure-Label. Dylan
selbst vergleicht diese alten Tracks von sich mit aktuellen
Produktionen von Redshape oder Efdemin. Die kleinteiligen Grooves erzeugen eine gewisse Atemlosigkeit, die von
den kurzen, immer nur angerissenen Melodie-Figuren unterstützt wird. Diese Musik ist nicht aus den Bewegungen
der Tanzenden entwickelt, vielmehr erfindet sie künstliche
Körper.
Diese Musik ist nicht aus den
Bewegungen der Tanzenden
entwickelt, vielmehr erfindet
sie künstliche Körper.
Programmatisch-strenger Minimal-Techno hat Dylan immer
gelangweilt, trotzdem verdanke er dem neuen minimalen
Soundparadigma mit dem vergleichsweise langsamen
“The White Room” erinnert an bestimmte Minus-Tracks,
verwandelt deren grabenden, bohrenden Ernst aber in
eine spielerisch-herausfordernde Funkiness. Zuletzt erschien die Villalobos-affine Percussion-Nummer “Funk
Out”, die zu Ibadan-Tracks passt, die mit ihrer Lowkey-Attitüde scheinbar nicht mehr will, als den Flow der Crowd
einige Minuten weiterzutreiben, sich letztlich aber doch
als nachhaltiger Synapsen-Verflüssiger erweist.
Auch bei 2000 & One zeigt sich, was für eine hoch entwickelte
Kunst die elektronische Tanzmusik heute ist: Manchmal ist
es notwendig, das subtil ausbalancierte Trackgefüge mit
einer gewissen Entschiedenheit aus dem Gleichgewicht zu
bringen. Manchmal geht es um nichts anderes, als die Reise ins Akustische anzutreten und über Nächte und Jahre
hinweg das Sensorium für die Stöße der Grooves und die
Schwingungen der Sounds zu verfeinern.
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Minimal
Allein macht
mich niemand ein
Jeff Samuel
Jeff Samuel hat Seattle den Rücken gekehrt
und in Berlin ein Album releast, das sich Pop
so weit zuwendet, wie es für Samuel nur
möglich ist. Und was jetzt?
T SASCHA KÖSCH, BLEED@DE-BUG.DE
Es ist immer wieder überraschend, wenn man jemanden
trifft, den man vor allem von seinen Schallplatten kennt,
der einem sagt: Ich bin zu allererst mal DJ. Und eigentlich
sah es für ihn in Seattle rosig aus, wo er seit ein paar Jahren lebte. Denn die gesamte US-Posse wanderte die letzten
Jahre nach Europa aus. “Es gibt in den letzten Jahren kaum
noch jemand, der hier geblieben ist. John Tejada? Um so besser, weil ich in Seattle als DJ gut überleben konnte.” Jetzt aber
wohnt er in Berlin und hat nach sieben Jahren konstanter,
aber nicht gerade überproduktiver 12”s auf Labels wie Trapez, Poker Flat, Karloff, Morris Audio, Frankie sein erstes
Album veröffentlicht. “Step” heißt es. Und es ist auch ein
Schritt für ihn, denn der molekulare minimale Funk, für den
er schon immer bekannt war, ist für ihn an dem Endpunkt
angekommen, der sich mit seiner Trapez Ltd. EP “Endpoint”
schon abzeichnete. “Ich kann nicht musikalischer werden.”
Wann hast du angefangen, dich nur noch auf Musik zu konzentrieren, statt Sounddesign für Microsoft zu machen?
Ich habe versucht, diesen sicheren Karriereweg zu gehen. Jeden Monat meinen Scheck zu bekommen. Aber egal wie sehr
ich versucht habe, Musik als Hobby zu betrachten, es gab einfach viel zu viele Möglichkeiten. Ich habe jedes Jahr dagegen
gekämpft, seit ich im College war. Als ich meine erste Platte
releast habe, war ich ja noch Student. Vor ein paar Jahren
war ich dann auf einer Tour in Japan. Und ich arbeitete immer
noch teilweise für Microsoft. Ich hatte Sounds, die an dem Tag
fertig sein sollten, ich war zu spät mit meinem Guido-Schneider-Remix für Poker Flat und ich musste am gleichen Abend
auch noch auflegen und war im Auto unterwegs zum Gig,
und da wusste ich, dass ich das alles nicht auf einmal machen konnte. Ich kann mit einer Person umgehen, die mir im
Nacken sitzt und sagt: Where is my shit? Aber zwei oder drei?
Wer jammen will, soll eine
Jamband aufmachen.
Und es ist ja nicht mehr so, dass man sagen könnte, Gamesounds und Musik sind sich besonders ähnlich. Früher vielleicht noch, als es 8Bit war. Aber jetzt sind Spiele ja viel mehr
großes Kino.
Wenn man die Musik betrachtet, die in Spielen ist, ja, aber
Sounds sind nicht so anders als Techno. Für mich schon, aber
wenn ich Bruno Pronsato wäre z.B., der vor allem Soundeffekte macht, würde das passen. Ich war auch eine Zeit lang
viel mehr an Sounddesign interessiert. Das war’s auch, was
mich ursprünglich an Techno so interessiert hat. Aber vermutlich ist es genau die Arbeit an Games, die meine Musik
dahingehend beeinflusst hat, viel musikalischer zu werden.
Manchmal hab ich zehn Stunden am Tag nur an Sounds gearbeitet, da konnte ich nicht nach Hause gehen und in meiner
Freizeit genau das Gleiche tun.
www.myspace.com/jeffsamuel
Deine Musik hat sich ja sehr sehr graduell verändert. Vom
eher spielerischen, abstrakteren Sounddesign hin zu den fast
episch melodischen Tracks jetzt.
Ja. Das sollte man vielleicht auch als Künstler. Wachsen.
Manche machen es auch völlig anders. Releasen unter anderen Namen völlig andere Genres.
Das ist nicht mein Ding. Ich habe es einmal versucht, aber das
hat nicht funktioniert. Und kam auch unter meinem Namen
auf Emoticon raus. “Step” ist vermutlich das Musikalischste,
was ich machen werde. Ich habe niemandem gesagt, dass ich
an einem Album arbeite, es ist das erste Mal, dass ich so arbeiten konnte. Ohne Druck. Ohne dass jemand auf die Tracks
wartet. Letztes Jahr im Februar hatte ich es fertig und bis vor
Hoffentlich verändert es
meine Musik nicht zu sehr,
wenn ich jetzt in Berlin bin.
Vieles, was die Leute hier
mögen, ist nicht mein Ding.
kurzem nur noch am Sound gefeilt. Damit fertig zu sein und
dann umzuziehen, schien mir eine gute Idee. Und es ist ja
nicht nur eine Sammlung von Tracks. Es war eine bewusste
Entscheidung, das Musikalische und die Melodien so weit
zu entwickeln, wie mir möglich ist. Wie ich in diese Richtung
weitermachen könnte, weiß ich überhaupt nicht. Die Melodien auf dem Album stehen so weit im Vordergrund. Das ist
so gut, wie ich es kann. Hoffentlich verändert es meine Musik
nicht zu sehr, wenn ich jetzt in Berlin bin. Viel von dem, was
die Leute hier mögen, ist nicht mein Ding. Der trocken minimale Sound hätte eher zu dem gepasst, was ich früher gemacht habe. Und irgendwie passe ich jetzt nicht mehr dahin.
Ich weiß auch nicht, wer das Album spielen könnte. Aber ich
will eh keine Überpräsenz. Ich mag die Einstellung von Dan
Bell. Genau so viel releasen, dass die Leute einen in Erinnerung behalten. Nie zu viel. Nach zehn Jahren DJ-Karriere hat
man ja schon das Gefühl, einen kleinen Vorsprung zu haben.
Jetzt würde ich nicht gerne anfangen müssen. Vor allem, weil
es zur Zeit ja viel mehr Produzenten zu geben scheint als DJs.
Vermutlich ist dieser Wandel entstanden, weil es heutzutage
einfach billiger ist, Produzent zu sein als DJ. Und das obwohl
es jetzt mit digitalen Tracks schon wesentlich billiger geworden ist aufzulegen. Bevor ich umgezogen bin, habe ich monatelang meine gesamte Plattensammlung digitalisiert und
dann verkauft.
Du legst mit Serato auf?
Genaugenommen ist das, was ich benutze, weder Serato noch
Final Scratch, sondern ein kleines belgisches Programm, das
DJ Decks heißt. Man kann jedes Interface damit benutzen,
es gibt PlugIns für Serato, Final Scratch und Miss Pinky. Das
ist einfach flexibler und ist mir noch nicht einmal abgestürzt.
Ich mag Underdogs. Mein Studio ist genauso. Das basiert
auch auf einer Person in Belgien. Fruity Loops. Ich mag es,
wenn eine Person verantwortlich ist. Deswegen mochte ich
auch Techno. Und deswegen werde ich auch nicht mit anderen kollaborieren. Das war auch eine der Befürchtungen, als
ich hierhergezogen bin. Ich bin grade mal zwei Wochen hier
und schon haben mir diverse Leute angeboten, mit ihnen zu
jammen. Wer jammen will, soll eine Jamband aufmachen. Ich
weiß nicht mal, wie das funktionieren soll. Ich will auch nicht
mit Ableton arbeiten. Eine Millionen Loops auf dem Rechner
zu haben, ist einfach Verschwendung. Ich muss mit einzelnen
effizienten Sachen arbeiten. Das mag ich aber auch in anderen Zusammenhängen. Filme: Je unabhängiger sie sind, desto einzigartiger ist die Vision. Das mag ich. Als ich angefangen
habe, dachte ich auch immer, dass alle Leute alleine arbeiten.
Die Detroiter z.B. Ich hab erst später mitbekommen, dass bei
den Tracks immer andere Leute dabei waren. Engineers ohne
Credits. Es gab einfach kein anderes Genre, in dem es möglich war, ganz alleine zu arbeiten.
Und wohin könntest du dich jetzt weiterentwickeln?
Wenn ich so melodiös bleibe, dann muss ich einfach richtige
Popmusik machen und mich von Techno verabschieden.
Dann müsstest du singen.
Ich hab’s versucht, aber ich werde es so lange niemandem
vorspielen, bis ich damit zufrieden bin. Sonst müsste ich einen Sänger finden, der genau das macht, was ich will. Selbst
in Pop würde ich keine Kollaborationen machen wollen. Vermutlich würde ich es erst mal selbst singen, dann ein Tape
schicken und es besser gesungen zurückbekommen. Und
das ist normalerweise immer der Grund, warum ich etwas
anfange, weil ich einfach glaube, dass ich es kann. Wenn ich
genug Sachen höre, die ich nicht mag, ist das auch schon mal
ein Grund, etwas zu tun. Vor einer Weile gab es so viele Technoleute, die Vocals benutzt haben, die ich nicht leiden konnte.
Du wärst auch jetzt nicht der Einzige, der Pop macht, häufiger
ist aber, eine Band zu gründen.
Es müsste aber völlig elektronischer Pop sein. Das, was dem
am nächsten kommt, wäre vielleicht Notwist. Die Popversuche, die aus dem elektronischen Umfeld zur Zeit so gestartet
werden, finde ich von der Produktion her furchtbar. Wenn ich
die live sehe, ist es grauenvoll. Weder können sie singen noch
Songs schreiben und die Lyrics sind das Letzte. Mir gefällt da
eher so etwas wie Imogen Heap. Das sind phantastische Produktionen.
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08.11.2006 21:21:58 Uhr
Soundtrack
Allein im Kollektiv
Reynold
Sam Reynold hat dem Filmfan in sich freien Lauf
gelassen und ein cineastisches Ambientalbum eingespielt.
So schickt man Fahrstühle zurück.
T CONSTANTIN KÖHNCKE, DOTCON@DE-BUG.DE F YORK WEGERHOFF
Der Mann hinter Trenton Records ist eine vielschichtige Person. Reine Dancefloor-Optimierung ist nicht das Ziel seines musikalischen Schaffens. Reynold ist Vollblutmusiker. Sein Vater ist professioneller Jazzpianist, er selber hat nach zehnjährigem
Violinspiel in diversen Rockbands gespielt,
sich dann aber vom kollektiven Musizieren
distanziert, die Entdeckung der Möglichkeiten in der musikalischen Selbsterfahrung am Laptop kennen gelernt und gemerkt, dass seine Dominanz in Bands nicht
immer zum besten Ergebnis führt.
Dennoch: Mit Leuten zusammenzuarbeiten,
ist eine Essenz seines Schaffens. Sein
Label Trenton wurde vor drei Jahren zeitgleich mit Clique Bookings ins Leben gerufen, um sich ein Netzwerk zu schaffen,
sich gegenseitig zu pushen, die gleiche
musikalische Stilrichtung und gewisse
kollektive Charaktermerkmale zu verbinden. Sprich, man versteht sich einfach gut,
eine Clique eben.
Nach langer Zeit in Chicago und Paris, wo Sam
Reynold mit Bands und Projekten wie Duplex 100, wie er sagt, den Soul der Musik
erfahren hat, tingelt er seit drei Jahren
zwischen Paris und Berlin, um sich neben
dem Management seines eigenen Labels
auch selber musikalisch weiterzuentwickeln. Zeit hat ihm gefehlt: Drei Jahre
hat es gedauert, bis er sein erstes Album
fertig gestellt hat. Die hat er aber auch
gebraucht, denn “My Favorite Film“ klingt
komplett anders als sein Output auf Dumb
Unit, Sushi Tech, Treibstoff oder Trenton.
Ein Ambient-Album für unterwegs und
zu Hause, dass aber mehr ist als ein reines Chill-Out-Album. Über drei Jahre hat
er Melodien und Audiotracks gesammelt,
Freunde haben Melodien eingespielt,
Bassläufe und Klavierharmonien. Letzten
Winter hat Reynold das Album dann arrangiert, es mit seinem Archiv an gesammelten Audio- und Vocalsamples aus Filmen
gespickt.
db108_18_21_musik.indd 21
“Ich bin Filmfan und wollte schon immer Soundtracks machen, das ist mein Traum. Und irgendwann werde ich das auch machen. Ich
habe einfach angefangen, Filme, die ich mag,
noch mal zu gucken und sie zu samplen. Dialoge und Musik. Ich habe wirklich versucht,
die Atmosphäre widerzuspiegeln, dieses cinematische und emotionale, aber auf meine
Weise, verbunden mit elektronischer Musik.“
Dass er so ein Album nicht auf Trenton rausbringt, ist schon durch die selbstinduzierte Limiterung auf 12“ klar, Reynold hatte
von Beginn an Stewart Walkers Persona
Records im Auge. Eigentlich, gibt er zu, hat
er das Album für Stewart produziert. “Das
war meine erste Option. Ich dachte, wenn es
nicht funktioniert, dann suche ich jemand
anderes. Stewart mochte es aber sofort,
es war perfekt. Das Album passt genau auf
Persona.“
“My Favorite Film“ repräsentiert auch
Reynolds musikalischen Schaffensprozess. Allein arrangiert, aber doch zusammen gestaltet. Auf dem Label von Freunden veröffentlicht, im Hinterkopf die eigene Labelsuche. Wenn Sam bei sich in
seiner neuen Küche sitzt, die Wohnung
gehört zurzeit noch einem Freund, dem
Fotografen des Covers übrigens, konstatiert er auch, wie wichtig die Clique ist. “Es
ist wichtig, ein Kollektiv zu haben, um unabhängig zu sein. Als wir nach Berlin kamen,
haben uns so viele Leute mit offenen Armen
empfangen, jetzt können wir ihnen etwas
zurückgeben. In French we say: We can send
the elevator back. Das tun wir jetzt.“
Sam Reynold, My Favorite Film, ist auf
Persona/MDM erschienen.
www.personarecords.com
www.babyreynold.com
out soon: Trenton 015 / TvS & Aera - P.toile
- Format B - Daniel.fx & Johnny Wagner
“2 various - people like us”
08.11.2006 21:20:37 Uhr
Techno
Ein Brett geht noch
Connaisseur
Connaisseur, Supérieur, Grand Cru – rhetorisch geht’s ab
beim Frankfurter Minimaltrance-Label der ehemaligen
Marketing-Studenten Alex Flitsch und Martin Henkel.
Und mit Chardronnets “Eve by Day” haben sie auch gleich
einen Hochstart hingelegt.
T SANDRA SYDOW, SPECTRASONICSOUND@GMX.NET
Die Connaisseurs von links nach rechts: Alex Flitsch, Hilary Koeners und Marin Henkel
Fragt man Alex Flitsch und Martin Henkel, worauf man als
blutjunger Labelchef zurückblickt nach dem ersten Jahr,
bekommt man eine zufriedene, enthusiastische Antwort.
Zu Recht, denn Connaisseur-Recordings blüht und gedeiht
unter fachgerechter, liebevoller Pflege.
Jahr über die neue Homepage verstärkt um die MP3s kümmern wird. Für ganz besondere Einzeltracks wurde das
Sublabel Connaisseur Supérieur etabliert. Für Tracks, die
eine Sonderstellung verdienen, bietet Supérieur die Plattform.
„Wir sind verdammt stolz darauf, im Prinzip ohne jegliche
Kenntnis im Musikbusiness ein Label mit kosmopolitischer
Wahrnehmung geschaffen zu haben. Dadurch, dass wir gleich
mit unserer ersten Katalognummer einen solch kapitalen Hit
landeten, wurde es uns natürlich auch sehr leicht gemacht,
denn alles andere kam von selbst.“
Aber alles von Anfang an. Die eigentliche Wiege von
Connaisseur liegt offensichtlich in Wiesbaden. Weit weg
von Metropolen-Chancen treffen Martin und Alex aufeinander. Die Geschichte ist unterhaltsam, Martin erzählt sie
nicht nur deshalb gerne: “Wir haben beide zusammen Marketing-Kommunikation in Wiesbaden studiert und wurden
noch dazu anfänglich aufgrund eines charmanten Zufalls von
unserer Hochschule übergangsweise in einem fürchterlich
konservativen Wohnhaus in einem trostlosen Vorort untergebracht. Da war dann eben auf der einen Seite ich mit meiner
eher Chicago-House-geprägten Plattensammlung und Alex,
der eher vom Techno kam.“ Dieser bürokratischen Maßnahme folgte als Konsequenz eine noch immer bestehende
und bis dato sehr fruchtbare und enge Freundschaft. Connaisseur-Recordings allerdings entsprang einer Mischung
aus Erkenntnis und Umstand. Die Erkenntnis entstand aus
der Not heraus, dass Alex das Ausland und damit verbundene Chancen hinter sich ließ und Dank dem Umstand,
drei releasegeprüfte Acts, Patrick Chardronnet, Afrilounge
und Markus Müller, im engeren Bekanntenkreis zu haben,
beschloss, dass sein berufliches Glück doch nur in der
Musik zu finden sei. Das Risiko, das einen begleitet, wenn
man das Hobby zum Beruf macht, teilte er mit seinem inzwischen besten Freund Martin und seiner Verlobten Hilary Koeners.
Die erste Veröffentlichung auf Connaisseur liegt nun
fast genau ein Jahr zurück, und so ist es auch genau diese, die dem Label die höchsten Verkaufszahlen bescherte
- bis jetzt: “Unsere Katalognummer eins ist gleichzeitig auch
unser bester Verkauf. Patrick Chardronnets Eve By Day, die
wir immer noch regelmäßig nachpressen lassen müssen und
von der nun ca. 10.000 Stück verkauft wurden.“
Inzwischen ist Alex derjenige, der als einziger Connaisseur
Vollzeit betreibt und dabei für A&R-Arbeit, Lizenzgeschäfte, Management, Pflegen der internationalen Kontake etc.
zuständig ist, wobei Martin sich um das “Berlin-Geschäft“,
Pressearbeit und Bookings kümmert und Hilary dem kompletten finanziellen Sektor vorsteht und sich ab nächstem
Der Hang zu emotionalem Sound zeichnet Connaisseur
Erzeugnisse sicherlich aus. Martin und Alex distanzieren
sich aber ganz klar von einem Schubladen-Label-Ruf. Ob
man dabei weg muss vom trancigen hin zu härteren Bandagen, möchte niemand ausschließen noch bejahen. “Wir
sind open-minded für jegliche Entwicklung unserer Künstler, eine Sache, die uns auch wichtig ist. Natürlich stand
der angetrancte Minimalismus in den letzten Monaten bei
uns im Fokus und sicherlich waren wir auch ein wichtiger
Vertreter dieses Sounds, aber wir sind einer Weiterentwicklung in keinster Weise abgeneigt und forcieren diese
sogar.“ Hin zum zeitloseren Sound soll es gehen und ein
erster Schritt wird mit Connaisseur zehn gemacht, auf
der der Berliner Act Plasmik vertreten sein wird. “Plasmiks
Connaisseur-Recordings ist flügge geworden, hat sich innerhalb nur eines Jahres etabliert und sich einen festen Platz
im großen Musikrummel gesichert und man denkt noch
gerne an erste große persönliche Erfolge zurück, wenn
2005 Laurent Garnier sein Techno-Set im Robert Johnson
in Offenbach mit der damals noch ganz frisch releasten
Eve by Day beendet und die Leute schier ausrasteten.
Wohin geht es jetzt weiter, welche Ziele sind gesteckt und
was darf man demnächst aus Kennerhand erwarten?
“Die elektronische Musik befindet sich momentan an einem
Punkt, an dem wir auch schon 1996 waren, als man Acidüberdrüssig war und nicht wusste, wie es weitergehen soll.
Eine klare Tendenz lässt sich momentan nicht so leicht erkennen wie vor zwei, drei Jahren. Dieses Jahr ist es wirklich
schwer, eine Zukunftsprognose zu verkünden. Dass die Leute
mehr Ramba-Zamba wollen, fällt schon auf, aber ob dadurch
die Musik jetzt wieder härter wird oder man einfach nur Musik mit mehr Signalwirkung braucht, befindet sich momentan
in der Experimentierphase.“
Die elektronische Musik
befindet sich an einem Punkt,
an dem wir auch schon 1996
waren, als man Acid-überdrüssig war und nicht
wusste, wie es weitergehen
soll.
Rekleiner
Sound kann als eine Hommage an den Techno verstanden
werden, wie er Mitte der 90er vorwiegend aus den USA kam.
Eine Richtung, die wir sehr interessant finden ... und die unser Erachtens auch eine Renaissance verdient.“ Auch hierbei
kommt zu allererst die Connaisseur-Firmenphilosophie
zum Tragen, die Martin folgendermaßen zusammenfasst:
“Große Emotionen verpackt in minimaler Soundstruktur mit
der Strategie, nicht nur aktuelle Trends aufzunehmen, sondern eigene zu generieren. Auch bei der Auswahl der Artists
wird darauf wert gelegt. Der Wiedererkennungswert ist uns
wichtig, damit der Ansatz ‘Artist gleich Marke’ voll und ganz
seine Anwendung findet.“
Das nächste Jahr läutet Connaisseur mit der ersten Compilation ein. Diese bildet den Auftakt einer regelmäßigen Reihe, deren Name sich ebenfalls aus der Weinbranche herleitet: Grand Cru. So dürfen nur besondere Weine bezeichnet
werden, die ausschließlich aus den besten Trauben eines
Anbaugebietes und Jahrgangs hergestellt werden.
www.connaisseur-recordings.com
Aktuell: Sebastian Roya - Rekleiner Rmx, E.P.’s von
Plasmik und Ripperton
Dani Casarano - Motorcitysoul Remix (Supérieur)
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10.11.2006 16:04:56 Uhr
Techno
Stevie Wonders blutende Ohren
Jochen Trappe
Nach dem ersten Release “Pornokonsument“ 2004 auf Neue Heimat
hat Jochen Trappe inzwischen seine neue Heimat bei Connaisseur aus
Frankfurt gefunden und 2006 mal richtig losgelegt.
T SANDRA SYDOW, SPECTRASONICSOUND@GMX.NET
Jochen Trappe hat sich vom Pornokonsum
verabschiedet und übernimmt nun eher die
aktiven Parts als Artist auf Connaisseur Recordings. Gegen Ende des Jahres ist seine Ansage klar: Sommer ist vorbei, jetzt wird wieder
auf dem Clubfloor geschwitzt und einen Gang
höher geschaltet. Hatte man sich schon auf
“Organic” gerne eingelassen, hauen die drei
Tracks “Bypass”, “Crosstalk” und “Flux Line”
auf Trappes neuer EP “Blackout Barbados” einem aufmunternd in den Nacken.
Angekreuzt auf dem Interviewbogen wird
unter Beruf “Student“, aber Jochen muss
sich inzwischen eingestehen, dass sein Herz
der Musik gehört und auch wenn es eher Berufung als Beruf ist, ist es auf jeden Fall viel
mehr als nur ein Hobby. Sucht man, laut eigener Aussage, zwischen Laurent Garnier, Daft
Punk und Stevie Wonder, findet man Jochen
Trappe und der verspricht Platten und Liveact
zwischen Ohrenbluten und Zuckerwatte.
Was ist passiert zwischen 2004 und 2006
und vier Releases? Wie viel Lehrgeld zahlt
man, wenn man sich der Clubmeute darbietet? “Es hat sich einfach alles geändert. Ich
bekomme jetzt Remix-Anfragen und kann mich
endlich als Liveact auf der Bühne austoben.
Musikalisch bin ich grundsätzlich meiner Linie
treu geblieben, denke ich, aber mit Sicherheit
viel klarer und professioneller geworden. Ob die
Musik als Standbein alleine ausreichen kann,
wird die Zukunft zeigen.“
Jochen Trappe hat wenige Anfängerfehler
gemacht, sicher auch deshalb, weil sich erst
spät eine gewisse Grundzufriedenheit eingestellt hat. Man präsentiert sich erst der Öffentlichkeit, wenn das Haar perfekt sitzt. Mit
einem Umfeld, das einem vorlebt, wie man es
zu machen hat, kann man ja auch eigentlich
nicht allzu viel verkehrt machen.
Jochen studiert Informatik in Kiel, ist aber
vom klischeebeladenen Hackerfreak weit
entfernt. Seine Tracks entwickelt er in Handarbeit am Computer. Vieles beginnt anfangs
auf dem Papier und wird dann in Reaktor oder
als VST-PlugIn umgesetzt. Sind die selbst geschnitzten Tools zufriedenstellend, geht es
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an das Keyboard und an die Controller. Die
Entwürfe schaukeln sich letztendlich nicht
selten zu clubtauglichen Tracks hoch. Connaisseur ist die erste Hürde, dort entscheidet
sich, was rauskommt.
Die Zusammenarbeit mit diesem Label
lässt Jochen dennoch alle Freiheit, die er benötigt, und das nötige Know-how mit Händchen für gute Platten. “Wir sind eine Community gleichgesinnter Musikliebhaber und freuen
uns über gute Tracks, wenn die zufällig von mir
sind, um so besser! Wird es dann ernst in Sachen Release, läuft alles sehr gut organisiert
ab, vom Design übers Mastering bis zur Pressung.“
Man präsentiert sich
erst der Öffentlichkeit,
wenn das Haar perfekt
sitzt.
Der drängende, schraubende Sound, den Jochen Trappe an die Meute liefert, entspringt
nicht nur anfangs genannten Techno- und
Popballadenvorbildern. Der Mix aus Gespür
für
Bewegungsdrangbefriedigungsmucke
und Hitpotential resultiert sicher auch aus
den persönlichen Vorlieben. “Ich kaufe grundsätzlich alles von Koze mit und ohne Ponys
blind. Ansonsten sind in meiner Plattenkiste
erstaunlich viele Vakant-Scheiben, vor allem
von Alex Smoke. Richtig hart geflasht hat mich
in den letzten Monaten die ‘Seeing Through
Shadows’ von Loco Dice auf Minus. Ich finde oft
Sachen gut, die ganz anders klingen als mein
Zeug, z.B. Platten auf Wagon-Repair oder Border-Community.“
Anders klingen soll so auch der Winter. Jochen Trappe läutet die vierte Jahreszeit ein.
Es darf wieder doller. Blackout and blood on
the dancefloor.
www.jochentrappe.de
www.myspace.com/jochentrappe
www.connaisseur-recordings.de
10.11.2006 16:06:01 Uhr
Club, CD, Fuckfinger
Operation Pudel
Mit “Operation Pudel ZD 50” erscheint bereits die dritte Compilation aus dem Herzen des Hamburger Verweigerer-Clubs ohne Bier-Sponsor.
Wir sprachen mit den Top-Entscheidern Gereon Klug, Ralf Köster und Schorsch Kamerun über das kleine Paradies am großen Hafen.
T SAMI KHATIB, SAMI@DE-BUG.DE
“Damen, Schweine, Herren“ heißt das Etablissement. Vorne
Friseursalon, hinten Kleinraumbüro und im Keller ein Atelier.
Hier, auf Messers Schneide zwischen Hamburg-Altona und
St. Pauli, wo die Häuser nur noch zwei Stockwerke haben, ziehen Gereon Klug, Nobistor Plattenchef, und Ralf Köster, Musik-Beauftragter des Golden Pudel Klubs, die Strippen. Der
aktuelle Anlass, die beiden unterschiedlichen Brüder im Geiste aufzusuchen, heißt “Operation Pudel ZD 50“, die nunmehr
dritte Kompilation des musikalischen Umfelds des Pudels.
Der Beipackzettel des auf Nobistor erscheinenden Samplers
verheißt Tracks von Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni, Helge Schneider, Jacques Palminger, Heinz Strunk, Viktor Marek,
Erobique, Felix Kubin, DJ Phono usw. Eine CD also, so grell und
konsequent wie das Wochenprogramm im Pudel.
Dass es der ein oder andere Nicht-Hamburger wie Matthew
“King of Feuilleton-Techno“ Herbert himself auf die Kompilation geschafft hat, geht auf das Konto von Hoodieträger Köster.
Ralf: Ich bin der Mann, der abends im Pudel-Klub die Leute
betrunken macht und sie dann überredet, dass sie für lau einen Track ‘rausrücken. Das ist die Keimzelle dieses Produkts.
Gereon: Drei Siebtel seines Lebens verbringt dieser Mann damit, irgendwelche Japaner oder Finnen, Amerikaner, Engländer - diese ganze Laptopmafia, die auf der Welt total vernetzt
ist - besoffen zu machen und denen irgendwelche Tracks aus
den Rippen zu leiern, obwohl vielleicht dicke Majors dahinterstehen, die daran eigentlich die Rechte haben.
Ralf: Es gibt keinen Lizenzierungsvertrag. Es gibt ein Gentleman Agreement per E-Mail.
Gereon: Es ist schon unfassbar, welche Leute im Pudel spielen wollen, obwohl die Tanzfläche so groß ist wie ein Viertel
der Bühne, die sie sonst haben. Die kommen aber trotzdem.
Der Golden Pudel Klub, 1988 als “Pudel Klub“ in der Hamburger Kampstraße von Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni
und dem mittlerweile verstorbenen Norbert Karl gegründet,
beherbergt seit 1994 unweit der Hafenstraße ein mafiös undurchschaubares Konglomerat aus umtriebigen Polit-Hasardeuren, Bierphilosophen, Kunstpunkern und anderen
lichtscheuen Gestalten. Rekonstruierbar sind folgende Verstrickungen: Für den verstorbenen Norbert ist Dr. Pommes,
Bruder von Daniel Richter, eingestiegen. Kunstfürst Richter
wiederum ist heute Besitzer des Labels Buback.Der freundlich gerissene Köster macht derweil das Sonntagabendmusikprogramm im Pudel (M.F.O.C.) und koordiniert das Booking
für die Konzerte im Pudel. Gereon Klug betreibt das Label
Nobistor, das eigentlich von und für Studio Braun (Schamoni, Strunk, Palminger) gegründet wurde. Die drei Herren sind
heute nunmehr geistig dabei, während Klug das Tagesgeschäft abwickelt und die Musikpresse auf Linie bringt.
Gereon: Wenn wir schon in eurer schönen Segelzeitschrift
erscheinen (Anm.: De:Bug wurde in norddeutschen Kiosken anfangs immer unter Segelzeitschriften einsortiert als
“der bug“), dann schreibt bitte, dass der dritte Track der aktuellen Kompilation von Fraktus ist - der Band, die eigentlich
Techno erfunden hat. Vergiss Kraftwerk, Fraktus waren es!
Die alte Punktradition des Pudel Klubs ist heute vorwiegend
habituell verinnerlichte Fuckfinger-Haltung denn Pflege von
Hamburgs Punkrock-Kulturerbe. Einen Zielkonflikt zwischen
semi-professioneller Clubbeschallung und Anti-KommerzStandhaftigkeit kann Köster dabei nicht erkennen.
Ralf: Der Pudel hat einen Sprung gemacht zu einem multifunktionalen Club, der versucht, die ganze Bandbreite der
Clubmusik abzudecken. Da gehört dann auch die DanceSchiene am Wochenende mit dazu. Das kann alles von Techno bis HipHop sein. Hauptsache, da wird Kasse gemacht, damit wir die Woche über die Bands bezahlen können. Das ist
etwas, worauf sich die Leute verlassen können.
Gereon: Der Pudel ist ja nie gekauft worden und ist immer
noch Brauerei-frei. Dass da am Tresen ein bayrisches Minderheitenbier verkauft wird, nur weil einer der Chefs darauf
abfliegt, ist schon einmalig.
Ralf: Kaufangebote gab es natürlich. In der Woche rufen so
Agenturen an, die wollen den Laden für eine PR-Party für Suzuki oder so mieten.
Eine Strategie von Rocko Schamoni war doch immer, diese ganze Manager-Phrasologie gegen ihre Protagonisten zu
wenden. Wären solche PR-Angebote nicht gefundenes Propagandafutter, das es eiskalt auszunutzen gilt?
Gereon: Von Rocko gibt es sicher diese Dandy-Polit-Fassade,
aber der ist ein richtiger Mensch ...
Ralf: ... mit Sorgen und Nöten.
Gereon: Das ist ja das Angenehme am Pudel: Dort sieht man
auch Leute am Tresen mit ganz normalen verbitterten und
verwitterten Gesichtern, alles total heruntergebrochen auf eine menschliche Ebene. Der Laden ist echt kneipig geworden.
Ich finde das ja ganz toll. Meine Erkenntnis: Im Pudel sind eigentlich nur Menschen. Das meine ich durchaus im Ernst. Da
sind Menschen mit humanem Antlitz.
Was sagt Ihr zu Schorsch Kameruns Resümee, dass das im
Pudel gepflegte Dandy-Modell von Dissidenz heute nicht
mehr so funktioniert, seitdem fast alle in Hamburg mit “Herr
von Eden“-Klamotten rumlaufen.
Gereon: Der Schorsch kann das ja sagen, der hat ja auch einen gut laufenden Gebrauchtwagenhandel im Osten.
Aussage gegen Aussage
Szenenwechsel: Wir treffen Pudel-Mitgründer Schorsch Kamerun, “die junggebliebene Polit-Theaterschranze“, ein paar
Tage zuvor in den Umkleidekatakomben der Berliner Volksbühne. Kameruns feuilletonistisch hinlänglich abgenickte
Theater-Engagements von Berlin bis Zürich, Hamburg und
München interessieren an diesem Abend allerdings weniger. It’s monk time: Es spielen die letzten Überlebenden der
Monks, einer legendären Beat-Kapelle, deren unglaubliche
Geschichte aktuell als unbedingt sehenswerte Doku (“Monks
- The Transatlantic Feedback”) im Kino läuft. Kamerun, hinreißend als Nonne verkleidet, gibt gleich zu verstehen, dass
die Monks selbstredend auch als Inspirationsquelle für seine
Punk-Combo “Die Goldenen Zitronen“ dienten. Quelle genug
jedenfalls, um dem Monks-Konzert mit einem kurzen Gastauftritt Tribut zu zollen. Jene Monk-Recken legten zu einer
Zeit, als die Beatles noch verschwiemelten Fummel-Pop à
la “I wanna hold your hand“ sangen, die ersten entscheidenden Roots für Punk und - doch, doch - Techno. Während die
Monks als vermutlich erste Konzept-Band der Welt nach genialem Erstalbum Mitte der 60er wie ein verglühter Komet
vom Radar des Rockjournalismus verschwanden, feiert unser
Gesprächsthema seinen 18. Geburtstag. Unter dem Wappen
des Vierbeiners steht die aktuelle musikalische Werkschau
des Golden Pudel Klubs für eine lange Tradition.
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Schorsch: Die erste Kompilation erschien schon lange vor
dem jetzigen Pudel Klub. In den späten 80er Jahren im damals ruhigen Schanzenviertel, bevor es die so genannte
“Schanze“ gab, hatten wir eine sporadische Eckprollkneipe.
Die hieß schon Pudel Club.
Wie kam das “Golden“ in den Laden?
Schorsch: Wir dachten, wir müssten uns enorm upgraden,
noch majestätischer, noch glänzender werden. Ist ja auch
gelungen. Wir haben damals einen interessanten Kampf
geführt mit “Heinz Kramers Tanzcafé“. Das war unsere Konkurrenz; da ging die ganze Indie-Szene damals hin. Die waren
musikalisch eigentlich viel genauer als wir. Wir sind auch öfters hingegangen, weil wir den Laden gut fanden. Wir haben
dann irgendwann behauptet, die vom Heinz Kramers Tanzcafé würden ihre Getränke panschen. Wir haben so versucht,
einen kleinen Szene-Streit hinzukriegen, das war recht erfolgreich.
Die Sache mit der Politik
Bist du heute als Mitbesitzer selbst noch im aktuellen Clubgeschäft involviert?
Schorsch: Das Tagesgeschäft im Pudel haben Rocko und
ich mittlerweile an andere weitergegeben. Viktor Marek hat
da seine Stimme oder Charlotte. Eigentlich alle, die im Pudel
Klub arbeiten. Wer den Anspruch auf Mitbestimmung erhebt,
bekommt ihn auch. Genau wie die DJs. Ralf Köster kann jetzt
autonom seinen Kram machen. Das ist der Grund, warum
es funktioniert. Wenn wir immer genau auf die Linie achten
würden, würde es total öde. Dass man selber seine Farbe mit
reinbringen kann, hängt natürlich damit zusammen, dass
der Laden - und das kann man schon politisch werten - antikommerziell ist.
Was heißt das genau?
Schorsch: Man könnte jetzt sicher definieren, was anti-kommerziell genau ist. Ich kann nur sagen, wir versuchen da kein
Geld rauszuziehen. Andererseits arbeite ich auch mit einem
Image, ohne es direkt zu verwerten. Man sollte schon genau
schauen, wo man sein Geld verdient. Ich lebe zum Beispiel
vom Theater, aber Die Goldenen Zitronen sind mir genauso
Dass im Pudel ein bayrisches
Minderheitenbier verkauft wird,
nur weil einer der Chefs darauf
abfliegt, ist schon einmalig.
wichtig. Und natürlich ist der Club auch ein großer Teil von mir.
Der Pudel vertritt eine andere Haltung als das, was drumherum mittlerweile entsteht.
Du meinst die fortschreitende Gentrifizierung in und um die
Hafenstraße?
Schorsch: Da gehören wir sicherlich auch dazu. Wir fanden es
auch immer toll da unten am Hafen. Wem soll man das vorwerfen? Die Frage ist nur: Was will man davon? Wir haben von
der ersten Sekunde an nicht den Anspruch erhoben, dass irgendwie Kohle reinkommen muss. Das ist natürlich schon die
zentrale Haltung. Es muss selbstverständlich finanziell alles
irgendwie hinhauen, damit du das Geld an die Leute wieder
ausschütten kannst. Oder unsere Tür: Ich bin immer gegen
Türsteher; nun gut, manchmal muss es eben sein. Und auch
wichtig: Getränkepreise und wer da wie auflegt. Eine Zeit lang
dachten wir - ganz ohne Quote - da müssen jetzt mal überwiegend Frauen auflegen. Um solche Sachen geht es doch!
Worum denn sonst, wenn man von einer politischen Haltung von einem Laden spricht. Das haben wir uns bewahrt,
ich kämpfe da um alles. Ich habe jetzt gerade durchgesetzt,
dass wir als Pudel nicht bei Myspace sind, weil ich das einfach Scheiße finde. Da kann man sicher streiten - ganz viele
Leute nutzen diese Plattform sicherlich sehr gut. Aber selbst
wenn man da von Demokratisierung redet - wenn du dort ein
so genannter “friend“ werden willst, dann musst du akzeptieren, dass auf deinem “friend account“ oben schon Werbung
erscheint. Das akzeptiere ich nicht.
Wie stehst du heute zum Hype, den der Pudel vor einigen Jahren als “bester Club Deutschlands“ in einschlägigen LeserPolls von Musikmagazinen erfahren hat?
Schorsch: Da kannst du nichts machen. Du musst es nicht
bedienen, aber mich interessiert das eh nicht. Mich interessiert nun mal cool nicht. Ist eh alles cool heute.
Die Revolution muss nicht mehr sexy sein?
Schorsch: Nein, da glaube ich nicht mehr dran. Ich glaube
nicht an das Sexy-Wort und auch nicht an den Pop-Begriff,
wie ihn alle benutzen. Pop und Politik sollte man trennen.
Wenn du das zusammenbringst, dann ist auch morgen deine
Politik out, wie Pop morgen out sein kann. Da habe ich meine Meinung geändert. Beim Thema Underground muss man
sich wirklich enthalten. Oder eben eine Ästhetik finden, die
einfach nicht zu benutzen ist. Es wäre zwar anmaßend zu sagen, “da kommt jetzt nichts mehr Neues oder früher war alles
besser“. Darum geht es mir nicht. Ich glaube aber, dass sich
die Strukturen von Pop geändert haben. Pop ist einfach keine
Gegenposition mehr. Das war er vielleicht einmal.
Das scheint auch ein biografisches Problem zu sein. Diese für
uns vielleicht noch selbstverständliche Verbindung von Pop,
Dissidenz und politischem Linksaktivismus gibt es heute bei
den Anfang Zwanzigjährigen nicht mehr.
Schorsch: Da ist etwas dran. Das liegt aber auch daran, dass
es ganz schwer ist, eine Form zu behaupten. Wenn du eine
Gegenposition haben willst, dann willst du die ja nach außen hin zeigen. Das fällt einem natürlich mit der Zeit immer
schwerer. Da hat man es leichter, wenn man durch die Uckermark mit weißen Schnürsenkeln läuft. Oder so BushidoAlarm: Das funktioniert sicherlich, aber das ist doch auch
nur Oberflächenshow. Natürlich gibt es noch interessante
Künstler. Es gibt vielleicht sogar Positionen, bei denen man
sagt, das wäre jetzt doch mal etwas Neues, etwas anderes
als die Begleitmusik zu Autowerbungen. Aber manchmal gibt
es vielleicht keine passende ästhetische Form. Wir wüssten
wahrscheinlich selber nicht, wie man es gerade ganz frisch
machen könnte.
Paradoxes Appendix: Gerade weil Schorsch mit diesem
Statement mehr Recht hat, als ihm lieb sein kann, wird das
alte Versprechen einer Liaison von Pop und Politik Nacht für
Nacht je neu gegeben. Zumindest solange, wie es in dem Laden mit dem komischen Hund nach dem “schweren Duft von
Anarchie“ riecht.
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08.11.2006 21:30:47 Uhr
Elektronika
Der
musische
Mönch
Christopher Willits
Shoegazer-Pop aus dem Geiste
von Minimal-Elektronika,
das ist das Projekt von Christopher Willits.
Dafür hat er zwischenmenschliche
Bedürfnisse aufgegeben.
T HENDRIK LAKEBERG, HENDRIK@DE-BUG.DE
Am Anfang war die Liebe. Eine Liebe, die Christopher Willits
mit voller Wucht traf. Unvorbereitet, heftig und schnell. Wie
ein Rausch. Alles, was bislang als sicher und ausgemacht
galt, geriet ins Wanken. Am Ende dieser Liebe stand eine
Entscheidung: Entweder eine dauerhafte Beziehung, Kinder und Familie, oder ein Leben, ganz der Musik gewidmet.
“Eine andere Möglichkeit gab es nicht”, sagt Christopher Willits. “Unsere Ansprüche waren grundverschieden.” Ein Kompromiss kam nicht in Frage. Kompromisse sind immer faul.
Zumindest, wenn es um die Liebe geht.
Christopher Willits entschied sich für seine Unabhängigkeit
und die Musik. “Die Reise ins große Unbekannte”, ergänzt er.
Seine neue Platte “Surf Boundaries” trägt die Spuren dieser bittersüßen Liebesgeschichte. Es ist ein Album wie ein
Rausch, voller sehnsuchtsgetränkter Gesangs-Melodien,
massiver, schwebender Gitarrenwände und fiebrig treibender Schlagzeugrhythmen. Trotz der Vorzeichen, unter
denen “Surf Boundaries” entstand, ist es keine nostalgische oder traurige Platte geworden. Statt sich im Elend der
verpassten Chance zu suhlen, richtet Christopher Willits
seinen sehnsuchtsvollen Blick nach draußen, in Richtung
Zukunft - dahin, wo das Leben spielt. Seine Energie sollte
hundertprozentig in die Kunst fließen, sagt er. Und diese
Energie sei “Devoted to the love for all”. Schmerzvoller Abschied und euphorisch erlebte Selbstbefreiung fallen auf
“Surf Boundaries“ in eins zusammen.
Christopher Willits, Surf Boundaries, ist auf Ghostly/Rough Trade erschienen.
www.christopherwillits.com, www.overlap.org
www.ghostly.com
hat es gemieden, sich den breiten Shoegazer-SehnsuchtsSoundscapes eines Christian Fennesz hinzugeben. Neben
Taylor Deupree, mit dem er bereits auf mehreren Alben
kollaboriert hat, gilt Christopher Willits als der wichtigste
Vertreter der subtil minimalistischen Post-Clicks´n´CutsElektronika rund um das stilbildende 12k Label.
Aber wie gesagt: bislang.
Meistens höre ich erst mal
nur dem Prozess zu - wie sich
die eingespielten Gitarrenteile
zusammen mit dem Rechner
entwickeln.
Für Christopher Willits musikalische Entwicklung leitet
das Album eine neue Ära ein. Bislang war er vor allem für
sein delikates Gitarrenspiel bekannt, das er durch ein
kompliziert verzweigtes System aus Computer-Effekten
wandern ließ. Wie Christian Fennesz fusioniert Christopher
Willits Gitarre und Laptop zu einer symbiotischen Einheit.
Doch wo Fennesz im episch ausgewalzten Wall of Sound
aufging, war Christopher Willits sein feinsinniger Gegenpart. Barock, sanft, minimal und fragil. Christopher Willits
Die massiven Wall-of-Sound-Gitarren, die treibenden Schlagzeugparts, die schmuckvollen Bläser-Arrangements und
vor allem Christopher Willits Gesangs-Duett mit der samtig hauchenden House-Chanteuse Latrice Barnett erweitern sein musikalisches Spektrum grundlegend. Und nicht
nur das: Shoegazer-Pop erfunden aus dem Geist der Minimal-Elektronika. Das hört sich nach einer spannenden
Perspektive an, nicht nur im Fall von “Surf Boundaries”,
sondern ganz allgemein.
Christopher Willits selber sieht in dem Album jedoch keinen
grundlegenden Umbruch in seiner Musik: “Wie bei meinen vorherigen Platten habe ich Gitarrenparts improvisiert,
Sounds zufällig entstehen und vergehen lassen. Meistens
höre ich erst mal nur dem Prozess zu - wie sich die eingespielten Gitarrenteile zusammen mit dem Rechner entwickeln. Dann vertraue ich ganz meiner Intuition, ob etwas fertig ist oder ob ich Teile ergänzen oder weglassen sollte. Der
einzige Unterschied bei Surf Boundaries war für mich, dass
ich mich nicht mehr ausschließlich auf meine Gitarre beschränkt habe. Mein Verhältnis zu Sound wächst andauernd
und sehr natürlich. Oft einfach durch die Menschen, die ich
treffe.”
Im Einklang mit seinen musikalischen Visionen wuchs auch
Christopher Willits Output in den letzten Monaten beträchtlich an. Ein Arbeitstier unterwegs im Namen der
Musik: Die Kollaboration mit Taylor Deupree geht in den
nächsten Monaten in eine neue Runde, ein gemeinsames
Album mit dem Elektronika-Paten Ryuichi Sakamoto ist
bereits im Kasten. Gerade wurde ihm ein Job als Sounddesigner beim Film angeboten und das musikalische Gerüst
für sein neues Solo-Album steht ebenfalls. Etwas mehr
funky als “Surf Boundaries” soll es werden. Stehen bleiben
mit nostalgischem Blick zurück ist für Christopher Willits
eben keine Option. Und die Musik ist im Grunde nicht mehr
und nicht weniger als Arbeit und Liebe. “A love devoted to
all.”
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Klassik
Auf dem Dachboden
der Computergeschichte
Jóhann Jóhannsson
In den Pioniertagen von IBM hatten Programmierer ihre Rechner
zum Musizieren überredet. Der Vater von Jóhann Jóhannsson
war dabei. Die alten Tondokumente hat der isländische Komponist
jetzt in ein seltsam ergreifendes Orchesterwerk integriert.
T ED BENNDORF, ED@DENSE.DE
Wie passen geisterhafte Computerstimmen, Arvo Pärt’sche
Orchesterwelten und Islands zweite Nationalhymne zusammen? Jóhann Jóhannsson stellt sich diesen Fragen
auf seinem neuen Album “IBM 1401, A User’s Manual”, das
neben der ursprünglichen Musik für zeitgenössischen Tanz
auf einen äußerst seltsamen Dachbodenfund zurückgreift:
alte Bänder mit Aufnahmen des Stücks “Island Ögrum
Skorid”, das sein Vater Jóhann Gunnarsson 1971 mit Hilfe
des IBM 1401 Data Processing Systems programmierte,
sowie die auf denselben Bändern gefundenen Aufnahmen
eines anonymen IBM-Instrukteurs.
Wie schwierig war es, vor 35 Jahren Musik zu programmieren
und aufzunehmen?
Es war ganz sicher keine Sache, für die das IBM 1401 Data
Processing System eigentlich geschaffen wurde. Es war eher
eine Business-Maschine für Kreditunternehmen. Mein Vater
war Wartungsingenieur bei IBM in den 60ern und 70ern und
hat einen Weg gefunden, darauf Musik zu programmieren, als
er in Berlin studiert hat. Die Maschine hat starke elektromagnetische Wellen ausgestrahlt. Wenn man einen Radioempfänger daneben gestellt hat, hat das Radio diese Wellen als
Ton empfangen. Indem mein Vater mit einigen Befehlen den
Speicher der Maschine umprogrammiert hat, konnten so
Melodien erzeugt werden. Die Ingenieure taten das nach der
Arbeit, die waren alle Programmierer und auch Musikenthusiasten.
Wann hast du die Bänder gefunden?
Irgendwann im Jahr 2000 hat mein Vater mir davon erzählt.
Die Geschichte hat mich fasziniert, ich wollte die Bänder hören und wurde unmittelbar gepackt und war überrascht, wie
emotional aufgeladen sich die Ingenieure der Maschine genähert und damit gearbeitet haben und in welcher Länge sie
sogar ihren Untergang dokumentiert haben. Mir war sofort
klar, dass ich die Bänder für eine Komposition nutzen werde.
Wie wurde das Ausgangsmaterial in eine Komposition für Orchester transformiert?
Es hat einige Zeit gedauert, bis ich eine Herangehensweise an
das Material gefunden habe. Die Maschine spielt eine alte isländische Hymne, von der ich die ersten fünf Noten für Loops
benutzt habe, die wiederum die Basis des Stücks bilden. Die
Streichermelodie kontrapunktiert diesen 5-Töne-Loop. Im
vierten Teil des Albums gibt es die Streichermelodie ohne den
Loop in einer dunklen, fließenden Version zu hören. Die fünf
Noten tauchen über das ganze Album verstreut auf, ebenso
bestimmte Themen und Elemente. Die Glocke im zweiten Teil
zum Beispiel wird mehr und mehr ringmoduliert und letztendlich im vierten Teil in einen subsonischen Boom transformiert.Die gesprochenen Passagen entstammen alten Aufnahmen einer Bedienungsanleitung für den IBM-1401-Drucker, die auch auf den Bändern meines Vaters zu finden waren. Diese Stimme hat mich an HAL 9000 aus “2001: A Space
Odyssey” erinnert. Eine dröhnende, mechanische, aber nicht
unfreundliche Stimme, die über veraltete Technik spricht,
als ob sie wie ein Orakel uralte Weisheiten verkündet. Als ich
Jóhann Jóhannsson, IBM 1401, A User’s Manual, ist auf 4AD/Indigo erschienen.
www.ausersmanual.com mit Videos, www.johannjohannsson.com, http://this.is/kitchenmotors
mich entschieden habe, die Stimme mit einzubeziehen, kam
alles plötzlich als eine Einheit zusammen.
Wie viel der Originalmusik für Tanz ist geblieben?
Alle vier Teile des Originalstücks sind zu hören, plus zusätzliche Musik, die ich speziell für die CD komponiert habe. Über
die Jahre hat die Musik große Veränderungen durchgemacht.
Eigentlich ist sie für ein Streicher-Quartett geschrieben, so
wurde sie auch jahrelang aufgeführt. Ich wollte aber einen
voluminöseren und dichteren Sound. Also habe ich es für ein
großes Streicherorchester umgeschrieben. Der fünfte Teil ist
ganz neu: das Lied “The Sun’s Gone Dim and the Sky’s Turned
Black”, das auf einem Gedicht von Dorothy Parker basiert. Es
schien mir ein gute Idee, die Komposition mit dem finalen Lied
des Computers enden zu lassen. Das Stück ist ursprünglich
eine Auftragsarbeit für das Royal Museum of Art in Antwerpen, wo es noch bis Anfang Dezember zu sehen ist. Es wurde
sehr gut filmisch dokumentiert und wird hoffentlich auch bei
4AD als DVD veröffentlicht.
Warum wurde das Orchester in Prag aufgenommen?
In Prag gibt es großartige Künstler und hervorragende Studios. Seit dem Debüt 2002 haben wir das Bühnenstück viele
Male aufgeführt. Wenn der Sound an einem bestimmten Ort
besonders gut war, habe ich grundsätzlich immer aufgenommen. Einige von Erna Ómarsdóttir gesungene Passagen zum
Beispiel wurden direkt nach der Aufführung in Zürich aufgenommen, die Hammondorgel stammt aus einer prachtvoll
klingenden Halle in Florenz.
Wer ist Sigvaldi Kaldalöns?
Ein erfolgreicher Isländischer Komponist. Er schrieb “Island
Ögrum Skorid”, dieses alte, patriotische Stück, das der Computer auf den Aufnahmen meines Vaters spielt. Es ist fast
eine zweite Nationalhymne und wird bei allen staatlichen
Anlässen gespielt.
Wie unterscheidet sich “IBM 1401” von vorherigen Alben?
Es ist eine logische Weiterführung. “IBM 1401” ist sehr viel
näher an “Englaborn” als an “Virthulegu forsetar.” Wie “Englaborn” wurde es im Herbst 2001 komponiert, ein sehr erfolgreiches Jahr.
Bist du studierter Komponist?
Abgesehen von Piano- und Posaunen-Unterricht, bis ich
18 war, bin ich Autodidakt. Als Musiker habe ich eher einen
Rock- als einen akademischen Hintergrund. Studiert habe ich
Literatur und Sprache. Harmonien und Orchestrieren bringe
ich mir selbst bei, hatte aber auch sehr guten außerakademischen Unterricht.
Erzähl uns von möglichen Verbindungen zu Sigur Ros, Björk,
Reptilicus und Stilluppsteypa. Hast du Kukl live erlebt?
Ich habe Kukl tatsächlich live gesehen, einmal als Support
für die Neubauten in Reykjavik. Bis heute weiß ich nicht, wie
ich da reingekommen bin, ich war damals viel zu jung. “The
Eye” von Kukl ist ein fantastisches Album. 1999 hatte ich ein
Projekt mit Jonsi von Sigur Ros als Teil der Kitchen-MotorsSerie von Kollaborationen und Konzerten. Außerdem hat er
auf einem meiner Stücke im selben Jahr gesungen. Manchmal arbeitet er auch bei Kitchen Motors. Björk kenne ich aus
den Cafés und Kneipen in Reykjavik, manchmal leiht sie mir
ihre Celesta. Mit einem der beiden Jungs von Reptilicus habe
ich in einem Buchladen gearbeitet, der andere, Johann E, ist
noch immer eines von Islands verborgenen Musikjuwelen. Mit
Stilluppsteypa arbeite ich auch, letztlich als Evil Madness. Die
CD ist gerade beim isländischen Label 12 Tonar erschienen.
Was sind das Apparat Organ Quartet und Kitchen Motors?
AOQ ist meine Kollaboration mit vier isländischen Musikern
und Komponisten, wir sind vier Orgelspieler und ein Drummer.
Unser Equipment besteht aus alten 1970er-Orgeln, obskuren
analogen Synths und frühen digitalen Casio Keyboards. Wir
spielen keinen Kitsch, sondern ernste Musik, ziemlich erhaben und episch, zuweilen sogar tanzbar. Wir nennen das
“Machine Rock and Roll”. 2002 gab es unser einziges Album
auf Skelt, außerdem eine Single vor ein paar Jahren auf
Duophonic. Das neue Album ist in Arbeit und kommt vielleicht nächstes Jahr, vielleicht übernächstes ... wir arbeiten
ziemlich langsam. KM ist eine Ansammlung von Ideen, eine
Kunstorganisation, manchmal ein Label und manchmal eine
Band. Wir fingen an als eine Gruppe von Leuten, die sich ihre Lieblingskombination von Musikern erdachte. Die wurden
tatsächlich kontaktiert und zu gemeinsamen Arbeiten eingeladen. All das resultierte in einer Reihe von Konzerten und
Aufnahmen, die letztendlich unter dem Namen “Motorlab”
erschienen. Die Idee war, einen Funken zu generieren, der in
neuen Hybridformen und aufregenden Mutanten enden sollte. AOQ zum Beispiel ist erst als Teil dieses Projekts entstanden. Es gab außerdem Kollaborationen von Pan Sonic, Barry
Adamson und einem isländischen Chor. Letztes Jahr kam die
Kitchen Motors Family Compilation, die einen Überblick über
die Szene in Reykjavik gibt. KM ist aber eher abstrakt als konkret zu denken. Es gibt zum Beispiel kein Büro und wir haben
nur sporadische Treffen, für gewöhnlich große Dinner Partys.
Erwartest du Angebote für Soundtracks oder Theaterproduktionen?
In Island habe ich bereits für einige Filme die Musik geliefert.
Momentan arbeite ich an einer Komposition für einen ungarischen Film. Es macht sehr viel Spaß und kommt wie natürlich aus mir heraus. Es muss jedoch das richtige Projekt sein,
etwas, dem ich mich verbunden fühle.
Was passiert demnächst?
Im November gab es gerade einige Konzerte mit meinem Ensemble in England. Auf dem Festland dann nächstes Jahr,
hoffentlich auch in Deutschland. Für das nächste Album
habe ich schon ein paar Ideen gesammelt, aber noch keine
Ahnung, wo das hinführen wird. “IBM 1401” ist übrigens Teil
einer dreiteiligen Serie über Kybernetik und artifizielle Intelligenz. Der zweite Teil ist aber lange nicht abgeschlossen.
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08.11.2006 21:34:56 Uhr
Drum and Bass
Frust im Paradies
Offshore
Ein Label, auf dem unter anderem gefeierte Drum-and-Bass-Größen
wie Seba, Paradox und Omni Trio Tracks veröffentlicht haben und das
immer noch als Geheimtipp gehandelt wird, wie geht das?
Brett Clever von Offshore Recordings erzählt von der Peripherie
der Szene.
T FELIX KRONE, FELIX.K@BREAKBEATCITY.NET
Es gibt zwei Arten von Labels. Die einen veröffentlichen nur hinter dem Mainstream
her. Die anderen wagen sich auf Neuland.
Zu den zweiten gehört Offshore Recordings aus New York, das seit Anfang dieses
Jahrtausends existiert und Ausnahmeproduzenten wie Deep Blue, Omni Trio, Seba,
Paradox, Martyn, u.a. gesigned hat.
Der Offshore-Sound bewegt sich irgendwo
zwischen elektronischen verschlungenen Drum-and-Bass-Beats und musikalischem Story-Telling. Bei derartig konstanter Experimentierfreude ist es erstaunlich,
dass das Label immer noch als Geheimtipp gilt. Wenn man sich das Artwork der
Release ansieht, erkennt man, dass dort
nicht nur gute Musik veröffentlicht wird:
Bilder mit niedlichen Hunden, See-Anemonen, lustigen Krabben und tapsigen
Möwen, die gemeinsam in ihrem OffshoreParadies leben, gehören dazu. Es vergeht
auch nicht viel Zeit und die heile Welt der
friedlichen Seebewohner wird gestört. Immer öfter tauchen auf den Covern finstere Kreaturen auf wie Krokodile und Haie,
die Jagd auf unsere harmlosen Bewohner
machen. Die Bildsprache ändert sich noch
weiter. Schiffe rammen Eisberge und gehen unter, Roboter schwimmen in Geld,
Wir spüren, wie es ist,
anders zu sein.
Bäume und Schlagzeuge brennen, knallige
japanische Werbung schreit einem mit der
Faust ins Gesicht, Krokodile fressen Möwenjungen und Schalentiere verwandeln
sich in bedrohliche Ungeheuer mit Riesententakeln. Irgendetwas stimmt nicht.
Irgendetwas geschieht im Offshore-Paradies mit seinen Bewohnern. Dieses Gefühl
wird unterstützt durch die Musik, die als
Soundtrack zu den eben beschriebenen
Szenen funktioniert. Kein anderer Drumand-Bass-Imprint liefert für seine Musik
ein derartiges Design. Wer dahinter steckt,
ist definitiv Clever, Brett Clever. Genauso
heißt der Labelchef von Offshore-Recordings aus New York. Viel Zeit hat er nicht.
Dafür viel zu tun. Über ein Interview freut
er sich aber trotzdem. Brett hat den Weg
zum Drum-and-Bass-DJ in drei Schritten gemacht. Einmal als Hörer um 1996;
die Zeit von Platinum Breaks, der ersten
Metalheadz Compilation. Den Weg dahin
haben alte Platten von Mo Wax und Ninja
Tunes gezeigt, die sich damals noch viele
Seitensprünge mit Drum and Bass getraut
haben. Der zweite Schritt war das Plattenkaufen, und der dritte? Na, das Auflegen.
Ende 2001 kam das erste Offshore-Release in die Plattenläden. Auf dem Cover
dieser 12” war eine kleine, einfach gehaltene See-Anemone auf weißem Hintergrund. Das Design war damals noch nicht
auffallend. Der Sound schon eher. Der war
von Anfang an - na, wie war er, Brett Clever?
... Wenn du sagst, dass es einen speziellen
Offshore-Sound gibt, dann bist du einer von
den wenigen, die es verstehen. Wir sehen in
die Zukunft und in die Vergangenheit. Unser
Sound soll zeitlos sein, ohne Etikett und ohne Schublade.
Zu jeder Veröffentlichung gibt es ein Cover,
das eine kleine Geschichte erzählt. Willst du
damit etwas Bestimmtes sagen?
Eigentlich nicht. Es geht um die Musik und
darum, dass sich das Label von anderen
unterscheidet. Du fandest unser Artwork
ja auch auffallend, weil es anders ist. Allerdings fühlt das nicht jeder. Einige lehnen
unser Design ab, weil es nicht dem Trend
entspricht. Ihnen fehlen Laser und Roboter,
die mehr nach Zukunft aussehen. Oder sie
lachen einfach über das Cartoon Artwork
oder halten es einfach für kindisch.
Aber einen Kontext gibt es? Zum Beispiel die
Entwicklung zwischen den niedlichen Charakteren hin zu den bösen Figuren heute.
Früher war das Artwork weniger aggressiv.
Hm ... Darüber habe ich nie so nachgedacht.
Vielleicht zeigen wir unsere Frustration mit
der Szene. Wir spüren, wie es ist, anders zu
sein. Es ist schwer, Platten zu verkaufen.
Es ist schwer, ein Plattenlabel am Leben zu
halten. Es ist schwerer, wenn man etwas
macht, dass nicht der Norm entspricht. Ich
denke ständig darüber nach, mit Offshore
aufzuhören.
Wirklich aufhören? Was könnte dich denn
umstimmen?
An Leuten in Foren, die unsere Musik mögen,
fehlt es ja nicht unbedingt. Eigentlich ist das
einfach nur mehr Support aus der Szene
und höhere Verkaufszahlen.
Buried Treasure CD Album feat. 10 Tracks by ASC, Resound, Martsman, Sileni, Cloak & Dagger,
erscheint im Januar/Februar 2007.
www.offshore-recordings.com
www.aestheticparcel.com
www.bleep.com
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08.11.2006 21:35:41 Uhr
HipHop
Irgendwie Rap
Max Turner
Irgendwie ist Max Turner Europa:
halb Schotte, in Deutschland aufgewachsen,
lebt in Barcelona und hat sein Debütalbum
“The Purple Pro“ in Stockholm aufgenommen
und in Berlin gemastert. Fehlt eigentlich nur
noch ein östliches Beitrittsland, um das Bild
rund zu machen.
T JAN KAGE, JAN1KAGE@AOL.COM
Auch sein Sound ist ein seltsamer Bastard: Klar ist er irgendwie
Rapmusik, aber eben auch nur irgendwie, denn hier hört
man wenig klassisches Sampling, eher einen Spaziergang
durch die elektronischen (europäischen) Clubs der letzten
Jahre: Hier ein paar grimey Bässe, dort ein bisschen twosteppige 32tel-Shuffle-HiHat und das Ganze immer schön
langsam abgehangen durch die Dubmühle gedreht. Im
Presseinfo wird das Ganze Krauthop genannt. Auch nicht
schlecht, wird doch die ganze Elektronika durch live gespielte Gitarren oder Rasseln ergänzt. Auch Max Turners
Raps sind eigentlich eher Poetry als HipHop. Und über all
das ist der Rapper, Produzent, Labelmacher und Promoter
MT selbst höchst reflektiert. So reimt er: “I’m alien to rap
but rap ain’t alien to me / Still i alienate rap for aliens to
see / The state of rap music is a no place to be for me.“ Max
Turner bedient sich ungeniert verschiedenster Stilmittel
und macht sein eigenes Ding daraus. Und das ist durchaus
vielschichtig und filigran, nicht so direkt auf die Fresse wie
viele der Stile, aus denen er sich bedient.
Das Wort Purple taucht bei dir im Albumtitel und immer wieder als Metapher in deinen Texten auf. Was hat es damit auf
sich?
Purple heißt Lila, wie du wahrscheinlich weißt. Purple prose = lila-farbene Prosa bedeutet : farbige Wortspiele, aber
kann auch Lügen bedeuten: “He was talking purple prose.”
Mir wurde der Name von einem Berliner Undergroundkünstler gegeben, als ich 2001 in Berlin ankam und meine Babyschritte zum Reimen machte. Der Name entsprach mir aber
damals nicht allzu sehr und darum wurde ich Max Turner the
Pro genannt. Erst letztes Jahr kam ich auf den Gedanken,
meine Platte so zu nennen, weil ich mit dem Album wieder
an einem Punkt ankam, der mich an meine Babyschritte im
Reimen erinnerte. Ursprünglich wurde die Farbe Lila aus einer Seeschnecke gewonnen und sie ist auch ein Zeichen für
Spiritualität.
Ich hör so’n bisschen Grime in deinen Bässen. Was sind deine
Einflüsse?
Jamaica ist schon ein großer Einfluss, und Grime hat auch
viel mit Jamaica zu tun. Lee Perry ist ein großer Einfluss von
mir. Ich hab’ gerade viel “Blackboard Jungle” gehört - aber
auch mein Umfeld beeinflusst mich, zum Beispiel Schneider
TM, der auch auf dem Album featuret.
Dein Label, auf dem du nun dein Debüt rausgebracht hast,
heißt Metabooty. Was heißt das?
“Meta“ ist griechisch und bedeutet “über“ oder “dahinter“ und
“booty“ heißt auf Deutsch “Beute“ oder aber auch “Hintern“.
Das ist doch perfekt!
Ich mag Deutschland,
aber ich liebe die Welt.
Wo lebst du und warum?
Ich lebe seit fünf Jahren mehr oder weniger aus mehreren
Rucksäcken, mit längeren Zwischenstopps im Süden und im
hohen Norden Europas. Aber mittlerweile wieder (wie zu Zeiten des Bandprojektes “Meteorites“) in Barcelona. Ich gedenke hier auch länger zu bleiben. Habe ein paar gute Leute hier,
bin von der Architektur und vom Klima inspiriert und Wein
gibt’s hier auch billig und gut. Neulich habe ich einen lila-farbenen Wein getrunken, der war nicht billig. Ich mag Deutschland, aber ich liebe die Welt.
Na, dann kann man Max Turner nur wünschen, dass Thomas
Mann in Felix Krull Recht hatte, als er schrieb: “Liebe die
Welt und die Welt wird dich lieben.“ Oder so ähnlich.
Max Turner, The Purple Pro, ist auf Metabooty/A-Musik
erschienen. Mailorder: www.stora.de
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09.11.2006 11:05:48 Uhr
HipHop
Crunk’s Not Dead
Wer hört denn noch HipHop mit Samples und intellektuellen Verbiegungen?
Im Süden der USA läuft die Drumbox, dazu hauen die Rhymes unter der Gürtellinie auf die Party-Tube.
Wir graben uns in die wild wuchernde Szene um Crunk und Dirty South ein.
T ALEXANDRA DRÖHNER, ADBIZ@SNAFU.DE
Der US-amerikanische Zeichner Aye Jaye Morano vertreibt
nach dem Indie-Erfolg seines schlauen Gangsta Rap Coloring Books geschäftstüchtig auch eigene T-Shirt-Designs
übers Netz und samplet munter, was die Rock’n’Roll-Geschichte an Schlüssel-Icons hergibt. Und so kommt es,
dass gestandene Ami-HipHopper 2006 vermeintlich aus
Spaß mit dem ekligen Zombiekopf des ‘81er Album-Covers der UK-Punkrocker The Exploited auf ihren gewaltigen
Bäuchen posieren. Dieses Mal aber wird nicht der Punk
lauthals dem Grab entrissen, der Schlachtruf gilt dem
Crunk, dem Oberbegriff für den aus den afro-amerikanisch
dominierten Städten des Südens der Vereinigten Staaten
stammenden Club-Sound - der wichtigsten Entwicklung im
US-HipHop der letzten 10 Jahre.
Abgesehen von der phonetischen Entsprechung nicht
gerade vergleichbar, ähneln sich die Beweggründe für die
trotzigen Statements von Punk und Crunk durchaus. The
Exploited kämpften weiland gegen die eingetretene Entpolitisierung und Verweichlichung des Punk an, indiziert
durch Sauf- und Drogengelage in den eigenen Reihen und
Verwässerung durch Modeindustrie und Mainstreamübergriffe.
Der Crunk seinerseits beschreit so die noch junge und
nicht enden sollende, weil Dollar- und Status-schwere
Königsposition des Südens gegenüber der Eastcoast and
Westcoast, den traditionellen Machtzentren des Biz, und
will sich wohl auch einer undifferenzierten Einverleibung
in den All-American-Mainstream-HipHop-Pool erwehren,
obwohl jeder einzelne Rapper und Indie-Label-Don zwischen Atlanta und Houston nichts dringlicher anstrebt, als
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eben dort zu landen: Let’s go platinum und zwar schnell.
Eine Thematik, die nach einem Jahrzehnt Crunk und Down
South nicht auf einen T-Shirt-Aufdruck beschränkt bleibt,
sondern hüben wie drüben diskutiert wird: Wo steht USClub-HipHop heute? Wo geht es hin? Und was macht
Crunk, Dirty South, Snap und - obwohl geographisch anderswo verortet - auch Hyphy eigentlich so eigenständig,
musikhistorisch wertvoll und gerade für DJs und Produzenten aus ganz anderen, nämlich elektronischen ClubZusammenhängen so spannend und zugänglich? Dazu
gleich klärende Worte vom US-amerikanischen Weltmusiker und Turntable-Artist DJ/Rupture und von Teki Latex,
Rapper bei der französischen Elektro-HipHop-Formation
TTC - zwei der eloquentesten Vertreter der aktuellen Gilde
wild wuchernder Style-Blender aus den Reihen von Radioclit, den Syrup Girls, Sinden oder den Sick Girls und ihrer
erklärten Abkehr vom Monopol der Monokultur auf dem
Dancefloor.
Down South
Wir befinden uns im tiefen Süden der USA. Abgekapselt und
fast unbemerkt von der um sich selbst kreisenden und
hilflos im Westcoast-Estcoast-Krieg verstrickten Rap-Industrie entwickelt sich um 1996 in und um Atlanta, Houston, Miami, Memphis und New Orleans eine alsbald florierende Untergrund-Bewegung, die sich HipHop mit der
Narrenfreiheit der Außenseiter nähert, genährt von den
eigenen Wurzeln im Booty Bass, der sexuell und kriminell
aufgeladenen Schwere hitziger Tage und Nächte und ei-
nem immensen Hunger nach Dollars, Diamanten und dem
eigenen fetten Stück vom Kuchen.
Auch die Bay Area um San Francisco herum beginnt wenig später ihr persönliches Süppchen zu kochen, Turf oder
auch Hyphy entsteht, hektische Beats, schnell, flirrig und
knüppelhart - passend zum durchgedrehten Stop&Go der
Caddyreifen auf den bizarren Autorennen der Hyphy Posse, Sideshows genannt. Gemeinsame Spielstätten und
Teststrecken dieser Homemade-Produkte sind örtliche
Radiostationen, Autostereoanlagen und immer wieder die
scheinbar zügellose und nach ihren eigenen Regeln funktionierende Welt der Strip Clubs. Der lokale Erfolg zieht nationale und internationale Aufmerksamkeit nach sich, wer
also sind die Stars der Stunde Null und wieso? Wir fragen
nach bei Teki Latex:
Wann und durch welche speziellen Tracks oder Künstler bist
du zum ersten Mal mit Club-HipHop wie Crunk, Dirty South
oder Hyphy in Berührung gekommen?
Ich war schon in den frühen 90ern ein großer Fan von Outkast
und E40, ohne wirklich darauf zu achten, aus welcher Gegend
sie kamen, oder sie tatsächlich als Teil eines “Movements”
wahrzunehmen. Als der Süden sich als starke Kraft im HipHop formiert hatte, war es vor allem Ludacris mit seinem
schnellen Rap-Stil, seinen witzigen Punchlines und den 808
Beats, der meine Aufmerksamkeit hatte, besonders durch
seinen Track “What’s your fantasy?”. Auch ein großes Ding für
uns waren die epileptischen Beats und der minimalistische
Flow der “Cash Money Millionaires And The Hot Boys“. Und
dann natürlich Lil’ Jon, Three Six Mafia und so weiter …
10.11.2006 17:56:19 Uhr
HipHop
Ähnlich DJ/Rupture:
Ich interessiere mich für Dirty South, seit ich vor zehn Jahren
zum ersten Mal Produktionen von Mannie Fresh für Cash Money in New Orleans gehört habe, “Bling Bling” und so weiter.
Sie haben dieses unglaublich klare, saubere synthy bounce
feel. Mannie Fresh hat immer damit angegeben, einen Hit in
nur einer Stunde produzieren zu können, ohne ein einziges
Sample zu benutzen.
Outkast haben bekanntermaßen HipHop-Geschichte geschrieben, E40 kollaborieren von Dj Shadow bis Lil’ Jon
medienwirksam durch Raum und Zeit, Three Six Mafia
haben einen Oskar bekommen und aus den inzwischen
Der Süden hat
goldenen Boden.
getrennten “Cash Money Millionaires And The Hot Boys“
ist der etwas dümmliche, aber stilistisch einzigartige, derzeitige Anführer des Games und Aushängeschild von Cash
Money Records, Lil’ Wayne, hervorgegangen, der sich angenehmerweise mehr für Klamotten, Mädels und Geld interessiert als für Gewalt und reales Gangstertum. Lil’ Jon,
selbstentthronter Ex-Chef von Atlanta, arbeitet an “Crunk
Rock“ seinem mittlerweile siebten Album, und Ludacris
hat sich auf dem Weg zu mehr Annerkennung und mehr
Geld von seinen Braids und leider auch von seinem Biss
getrennt. Der Süden hat goldenen Boden.
Was aber unterscheidet Crunk von HipHop, wie wir ihn
kannten? Woher rührt die Faszination dieses Stils, der
gleichsam in fiesen Proll-Sneaker-Läden westdeutscher
Fußgängerzonen zum Einkaufen anregt, als auch in angesagten Londoner oder Pariser Szene-Hide-Outs mageren
Hintern weißer Großstadtgirls den Salt Shaker lehrt?
Teki Latex weiß es:
Wie und warum benutzen du und TTC Zitate oder Elemente
von Crunk etc., um eure eigenen Produktionen oder DJ-Sets
anzureichern oder weiterzuentwickeln?
Crunk und der meiste Southern HipHop kommen vom Miami
Bass oder Bass Music im Allgemeinen, sie sind die Kinder von
Elektro-Funk. Das ist perfekte Party-Musik. Wir sind fasziniert von den “Chants” (fußballchorartige Jungsbrüller als
Refrain oder Anheizer eines Crunk Tracks, Anmerkung des
Verfassers), den stumpfen, aber doch eigentlich so gar nicht
dummen Lyrics, dem Tanzstil, der Attitüde, eben dem ganzen prahlerischen Auftreten der Southern-Rap-Kultur. Es ist
bunt, es ist Spaß, es ist Pro-Gangster, gleichzeitig dancefloor-
orientiert und positiv, sexy, arrogant und völlig übertrieben genauso wie Rap im neuen Jahrtausend eben sein sollte.
Außerdem ist Crunk tatsächlich die Form von HipHop, die
sich am besten mit elektronischer Tanzmusik wie House und
Techno kombinieren lässt. Das Tempo ist im Grunde half-time Ghettotech oder half-time Techno bei den langsameren
Tracks.
Die Sounds sind 808-Sounds: Bleeps und Melodien, die
an frühe europäische Dance Tracks erinnern, Crunk ist die
eigentliche Dance Music von heute! Als DJ Feadz und unser (TTC) DJ Orgasmic damit angefangen haben, Ludacris
in Stücke von Dopplereffekt oder Mr. Oizo zu mixen, hat uns
das wortwörtlich umgehauen. Dazu kommt auch noch, dass
das ganze “Screwed and Chopped”-Movement einen großen
Einfluss darauf hatte, wie wir mit Tempo und Pitch im HipHop
inzwischen umgehen (ähnlich auch zu DJ Assaults Hochgeschwindigkeits-Funk).Zum ersten Mal war es im HipHop
okay, an der Geschwindigkeit der Tracks herumzupfuschen
und sie extrem zu verlangsamen. Etwas, das bei jedem elektronischen DJ-Set Gang und Gebe war, im HipHop aber bis
dato tabuisiert wurde und als Blasphemie galt.
Für DJ/Rupture liegen Glück und Würze in Produktion und
Simplifikation:
Die neue Welle von Crunk und Hyphy hat mich mit ihrem irrsinnigen, synthetischen Sound, den schaurigen Moll-Akkorden und bizarren Produktionsansätzen fasziniert.
Hyphy ist der Killer, weil es außerdem noch schnell ist,
wohingegen Crunk einfach nur wirklich langsame, fantastisch abgefuckte psychedelische Gangsta Musik perfekt
zum Autofahren ist. Viele Trap- und Crunk-Produktionen sind
unglaublich minimal (not minimal in the the techno sense!),
benutzen nur repetitive Melodien und fast keine Beats, nur
ein paar Hi-Hats und ein bisschen Sine-Wave-Bass. Fast so
als würde man Kraftwerk zum ersten Mal hören. Die Produktionen sind sehr fortschrittlich, oftmals wirklich radikal. Seit
1999 kann ich mir keinen Indie-HipHop mehr anhören, viel zu
konservativ, die benutzen IMMER NOCH Samples von alten
Platten und versuchen DJ Premiere zu sein. Und in der Zwischenzeit machen all diese seltsamen schwarzen Südstaaten-Thugs brillante reduzierte elektronische Musik! Darüber
hinaus sind die Crunk-Vocal-Styles oftmals sehr musikalisch
und einfach lustig, sing-songy so wie Laffy Taffy (von D4L, Anmerkung des Verfassers). Klassischer NYC Rap zum Beispiel
ist viel komplexer, epischer; Down South MCs konzentrieren
sich mehr auf den Vibe, die Stimmung, gute Hooklines, nicht
gerade literarisch, aber dafür partytauglich.
Ist das also Crunk: eine Revolution im elektronischen Dancefloorsound aus einer ganz anderen Richtung, als wir uns
gedacht hätten? Ja und nein - der Kontext macht die
Musik. Sowohl in Europa als auch im Heimatland Amerika existieren unterschiedliche Herangehensweisen an
Crunk&Co: die der dem “wahren” HipHop mit all seinen
oberflächlichen und zweifelhaften Signalen von Bling Bling
über Bitches, Gangstas und schnellen Autos als Lebensinhalt verpflichteten originären und somit auch tatsächlich
sinngebenden Anhängerschaft und die des hippen, von
seinem eigenen kulturellen Vorsprung überzeugten Avantgarde-Publikums, das sich fast lüstern beim dreckigen
Süden bedient, als würde es von einer verbotenen Frucht
naschen, und sich die cartoonartigen, schillernden und
so sexy gefährlichen Elemente losgelöst von der Realität
ihrer Produzenten überstülpt, weil’s eben Spaß macht. So
oder so - die Strukturen von Crunk funktionieren für alle
Beteiligten gleich gut, ob transformiert oder nicht.
Zum Schluss ein paar gut gewählte Anspiel-Tipps von Teki Latex
und einen Blick in seine persönliche Zauber-Kugel fürs
nächste Jahr:
Wer sind deine im Moment bevorzugten US-Club-HipHopKünstler und was glaubst du wird in 2007 passieren?
Was wird der nächste Trend im HipHop? Wer sind die kommenden Stars?
Lil Yola, Young Dro, Lil Keke, Yung Joc, DJ Unk, Jibbs und Tampa Tony haben gerade alle Knallertracks, die wirklich gut im
Club funktionieren. Mein Lieblingsrapper ist aber zurzeit Lil’
Wayne, obwohl ich seine Mixtapes besser finde als seine Alben.Snap Music wird weiter erfolgreich sein, egal ob es den
Hatern passt oder nicht. Es geht aber wahrscheinlich in eine
weniger repetitive und mehr poppige Richtung als bisher. Das
neue Album von Clipse wird total abgehen.
Und was die Newcomer betrifft, wird DJ Unk ein großer
Name im nächsten Jahr werden, er produziert und rappt und
ist wirklich gut in beidem. Nächster Trend sind vielleicht RapSongs ohne Drums à la “Mr. Jones”, der neue Banger von Mike
Jones.
Der Versuch einer allgemeinen Bestandsaufnahme in Kürze
muss scheitern, die Vielschichtigkeit, Verzweigtheit und
soziokulturell fast schon grotesk ambivalente Lebensform Crunk/Dirty South bedarf detaillierter Beleuchtung.
Schon die vielfach schnelllebigen und komplizierten Verstrickungen und symbiotischen Geschäftsbeziehungen
der solventen unabhängigen HipHop-Label mit den noch
viel reicheren großen drei der Major-Industrie füttern die
News-Seiten hunderter Online-Mags und Printmedien.
Das Gangster-Gepose und der oftmals tatsächlich viel zu
kurze Draht der Szene zu Schwerverbrechen und Waffengewalt füllen Gerichtssäle und Krankenakten, von ihren
möglichen Auswirkungen auf die jugendliche Hörerschaft
ganz zu schweigen. Auch von den vielen positiven Community-Effekten oder der zaghaft wiedererwachten Politisierung vieler Künstler, dem Einfluss europäischer Musiken
wie z.B. Grime und vielem mehr konnte hier nicht die Rede
sein. Empfohlen sei deshalb die Lektüre des 2005 erschienenen Buches “Adventures In Dirty South Hip Hop: Country Fried Soul” von der Bay-Area-Autorin Tamara Palmer,
die mit einem Mix aus Interviews, Anekdoten und Songund Videoanalysen zumindest einen leichtfüßigen ersten
Einblick ermöglicht.
dj/rupture blog: http://negrophonic.com/words
teki latex myspace: http://www.myspace.com/tekitek
cash money records: www.cashmoney-records.com
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10.11.2006 17:50:46 Uhr
New Rave
Der Smiley
grinst wieder
New Rave
Das macht Spaß, ist ohne Sonnenbrille
aber nicht lange zu ertragen. In London
braut sich eine Szene zusammen,
die mindestens so viel mit Mode wie mit
Musik zu tun hat: New Rave.
Kategorisch Ironie-frei und vollgestopft
mit Neon-Smileys und Dayglo-Shirts
wird noch einmal der englische Sommer
of Love gefeiert. Nur viel konsequenter.
Producer: www.myspace.com/silverlink
DJ: www.myspace.com/carmenselektra
T ALEXANDRA DROENER, ADBIZ@SNAFU.DE
Dass der Rave wieder zurück ist und sich periodisch irgendwo
im Unterholz ein diffuses 90er-Revival zurechtmacht, haben
wir schon gewusst. Dass der Rave aber einen Vornamen bekommen hat und sich die 90er weit über den Air Max 180 hinaus an unsere Körper drängen wollen, verkünden internationale Gazetten erst im Herbst 2006: Schlagwort Neu Rave.
Es gibt keine verbindlichen Parameter für die Wiederaufbereitung von Mode- und Musikstilen; wie viel Zeit zwischen
ihrem offiziellen Dahinscheiden und dem Auftauchen der
ersten Wiedergänger verstrichen sein muss, unterliegt
keinem Regelwerk, wichtig ist jedoch, dass das Revival als
solches überhaupt wahrgenommen werden kann, sich also
signifikant vom Ist-Zustand abhebt. Die 80er haben sich in
den letzten 20 Jahren so inflationär in all ihrer grandiosen
Scheußlichkeit zwischen Nena und Krystle Carrington zurückgemeldet, dass uns längst nicht mehr bewusst ist, ob
wir Röhrenjeans und Stiefeletten tragen, weil das 80er ist,
oder Rock’n’Roll oder eben Jetzt. Der gemeine Raver hingegen hat im Stadtbild der modernen Metropolen hinlänglich
ausgedient und selbst in Bottrop oder Neustrelitz begegnen uns auf hundert sonnenbankversehrte Beckham-Klone im Schnitt nur noch zwei Hängengebliebene mit buntem
Haarkranz und Love Parade-2000-T-Shirt.
Manege frei also für die Auferstehung der Grinsegesichter. Wir erinnern uns: Großbritannien um 1990, der Summer of Love ist gerade vorbei, die Clause 58 wird bald die
Gemüter zum Kochen bringen, Kaufhäuser nehmen ihre
Smiley-Artikel aus dem Sortiment, um die Jugend vor Drogenmissbrauch zu schützen, und Manchesters Superclub
Hacienda darf als Wiege des Raves in die Party-PeopleAnnalen eingehen. Die Stone Roses, Happy Mondays, The
Farm, wenig später auch The Prodigy grinsen von den Titelblättern von NME bis Spex und auf illegalen Warehouse
Parties strecken euphorisierte Massen die Arme zu Happy
Hardcore, Jungle und Bleep Techno in die ecstasyschwangere Luft. Die adäquaten Visuals werden frei Haus von den
zarten Schmetterlingsflügelschlägen der Chaostheorie
geliefert, die, ob ihrer besonders hübsch anzusehenden
Abbildungen der Mandelbrot-Menge - besser bekannt als
Apfelmännchen - zum temporären Medienliebling avanciert. Der Raver im regenbogenfarbenen Fraktalwahn.
Womit wir bei Neu oder auch New Rave angekommen
wären: glücklicherweise bedienen sich die 19- bis 28-Jährigen zumeist englischen Reanimatoren der Ravekultur
mit der geschichtsuntreuen Arroganz der Spätgeborenen
aus dem großen 90er-Topf, wie es ihnen gerade passt. Ergo firmieren unter New Rave so stilistisch unterschiedliche
Künstler wie die eher traditionell Gitarren-, Datarock- oder
Elektroclash-verhaftete Band The Klaxons am einen Ende oder den Breakcorejungleschocksteppern Shitmat am
anderen. Dazwischen tummelt sich lustig, was der Untergrund so hergibt, von 8-Bit über Bassline House bis Hardcore-Trance.
Fashion: www.myspace.com/cassetteplaya
www.myspace.com/that_girl_kesshia
Wo das so medienwirksame Prädikat New Rave eigentlich plötzlich herkommt, lässt sich nicht genau ergründen, The Klaxons zumindest meinen, sie hätten es als Erste benutzt.
Vielleicht aber entstammt es auch der Londoner Clubnacht
“Bang face! the birth of neo-rave”, die 2003 von James “Saint
Acid“ ins Leben gerufen wurde oder tropfte wie so oft aus
hundert verschiedenen Quellen; schlussendlich sagt die
bodenständige Wortschöpfung aus der Familie New Wave
und Neo Disco nicht mehr als eben das - aus alt mach neu.
Silverlink, einer unserer bevorzugten Vertreter des Genres,
meint dazu: “Es gibt zwar gerade jede Menge Hype, aber es
ist doch sehr schwierig, die Szene - falls es überhaupt schon
eine gibt - zu definieren. Im Moment wird so ziemlich alles
New Rave genannt. Ich beschäftige mich schon seit Jahren
mit den speziell britischen Eigenarten der Ravekultur - ich bin
mit Jungle und Hardcore aufgewachsen und das hat mich geprägt. Ich fühle mich schon als Teil einer Bewegung, für mich
zählt aber eher der Vibe als ein bestimmter Musik- oder Modestil. Es geht um Offenheit und positive Einstellung, darum,
die Ideen anderer Leute nicht zu dissen und nicht so lange an
allem rumzugrübeln, bis du dich scheiße fühlst.” Tja, warum
auch, das Leben ist schließlich kurz genug. Alex Silverlinks
Produktionen lassen unterdessen auf Großes hoffen und
schlagen sich mal als industriefreundlicher Todd-EdwardsStyle-Remix für Lily Allen und mal als nervöser Socaspeedgrime-Club-Hüpfer nieder und werden von ihm mitnichten
als 90er Revival, sondern vielmehr als “proper future UK
dance music” verstanden. Die Modewelt übersetzt unser
Thema derweil angemessen hysterisch und spaßversessen. Bunt, bunt und bunt. Caroline “Carrie“ Mundane ist 26,
lebt in Brighton und vertreibt die Kollektionen ihres Labels
Cassetteplaya erfolgreich in London, Tokyo und Paris. Day
Glo, Pixels, Zebras und Kartonhüte. Strampelanzüge für Erwachsene in einem multitoxischen Doctor-Snuggles-Freizeitpark. Carrie ist gut Freundin mit MIA und The Klaxons.
Sie styled und designed deren viel beachtete Bühnengarderobe mit dem selbst verabreichten Auftrag, den Sound
ihrer Lieblinge sichtbar zu machen, was ihr zumindest im
Fall von MIA auch bestens gelingt. Den Stempel New Rave
wehrt sie dabei entschlossen ab und Recht hat sie: Cassetteplaya revivalt nicht, sondern addiert, teilt und summiert;
ein leuchtstabfarbener Abacus für all die extrovertierten,
selbstironischen und sonstwie überdrehten kindsköpfigen
Minimalhasser da draußen und auch, aber eben nicht nur,
für die neue ravende Gesellschaft.
Das klassische Sampling und Remixing von 90er-Ästhetik bleibt, wo es hingehört: bei den Clubkids. Die führende
Londoner New-Rave-Diva Kesshia zieht alle DIY-Register ihres erst 19-jährigen Lebens - ihre selbst bemalten
T-Shirts hängen inzwischen im Londoner It-Shop Kokon
To Zai neben Raf Simons und Marjan Pejoski und in der iD
durfte sie auch schon mal hinter ihrer Nähmaschine posieren. Zusammen mit ihrer (Neu Rave) Dj-Freundin Carmen
Selektra geben sie clubein, clubaus die stadtbekannte
weibliche Version von Jazzy Jeff & The Fresh Prince und
lassen uns mit einer Träne im Augenwinkel an die Zeiten
denken, in denen wir selbst als Stilikonen im Nachtleben
unterwegs waren. Ob Kesshia eine Karriere im Modebiz
gelingt oder nicht, sei dahingestellt - den Rave hat sie auf
jeden Fall schon mal zurückgebracht.
Und nicht vergessen: there is no K in Rave.
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New Rave
Übertrendy
Antimacho
NRG
Moshi Moshi
Metrosexuelle Nerds sind nicht
das einzige hippe Kuriosum auf dem
Londoner Label Moshi Moshi.
Neben Hot Chip geben sie der alten
Wimp-Tradition neuen Glamour
und haben auch bei “New Rave“
ein Wörtchen mitzureden.
Sie für übertrendy zu halten,
stößt die Labelmacher aber
in tiefe Depression.
T JAN JOSWIG, JANJ@DE-BUG.DE
Es hat nicht lange in Deutschland gedauert, bis man begriffen
hat, dass jeder Hype aus England die pure aufgeblasene
Substanzlosigkeit in Tüten ist. Grebo, Jungle, New Romantic, Madchester, New Deal, Neonwesten-Trance, UK-Garage, Darkstep, alles im Schnellwaschgang durchgenudelt
- außer Elton John. Das Misstrauen ist groß, größer als der
anfängliche Mitmachimpuls. Gerhard Schröder wollte beim
New Deal einsteigen, jetzt hält er sein gewachstes Gesicht
für seine Memoiren in der Bild-Zeitung in die Fernsehwerbung. In Deutschland gibt es die Hamburger Schule (angefangen bei den Beatles im Star Club) und Minimal, das hat
Kontinuität, toi toi toi.
Fast ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass der
UK-Funke auf den wertekonservativsten PopconnaisseurTeil des Kontinents bei einem Label überspringt, das mit
dem garantiert kurzfristigsten Medien-Getröte der Insel
in Zusammenhang gebracht wird. Moshi Moshi haben
doch glatt einen Bezug zu “New Rave“, dem Trend, den
iD und NME gestrickt haben, nachdem sie Bands in Dayglo-Gewändern trafen, deren Bassisten einen Disco-Lauf
spielen konnten (und kaum über 16 waren, zumindest so
aussahen). Überall auf der Welt nannte man das seit Jahren “Electroclash“, aber weil es plötzlich nicht mehr in
Kajal’igem Schwarzweiß, sondern Summer-of-Love-bunt
auftrat, war die Bahn frei für ein neues Labeling.
Doch das betrifft nur den jugendlich zackigen Part des Künstler-Programms von Moshi Moshi, etwa Lo-Fi FNK und Metronomy. Im Kern steht etwas anderes: Moshi Moshi vereint jangelnden DiY-Pop, der absolut keinen Bock darauf
hat, sich irgendwie an irgendwelche Eier greifen zu sollen.
Damit knüpfen sie an die muntere Tradition der Wimps an,
die ab 1986 auf sonnige Weise punkigen Schrammel-Dilettantismus mit dem Traum verbanden, bessere Melodien als die Beatles zu schreiben und jubilierender als The
Mamas & The Papas zu singen. Wie jetzt bei “New Rave“
stand auch damals der NME zur Stelle und kanalisierte die
Szene mit ihrer Kassettenbeilage “C86“, die später als Vinyl zweitveröffentlicht wurde. Der Sound dieser Prä-RavePhase ging nahtlos in den UK-Rave über, als Andrew Weatherall Primal Scream, eines der Wimp-Aushängeschilder,
remixte. Wenn jetzt die Rave-Sozialisierten wieder Gitarren entdecken, aber die androgyne Sexualität und bunte
Kindsköpfigkeit der E-Experience nicht auf dem Altar des
Rock opfern wollen, schließt sich mit New Rave ein Kreis.
Foto: Hot Club de Paris und Tilly and the Wall mit Michael McClatchey (Kerl mit Brille) und Stephen Bass (Kerl mit heller Jacke).
Auf der “New Rave“-abgewandten Seite steht bei Moshi
Moshi die Band - die eine Band -, die dem Phantom vom
stylischen Nerd ein Gesicht gibt: Hot Chip. Falsett plus Experiment. Metrosexuelle Nerds. Genau das ist es! Gestylte Softies ohne offensichtliche sexuelle Präferenzen mit
unschlagbaren Melodien wie aus einem Bobby-OrlandoTraum (der Hi-NRG-Pionier, der stockschwulenfeindlich
war), aber absolut avantgardistischen Sounds, hochkantig
ausgetüfteltem Synthie-Pop mit hinterhältigem Twist. Wie
die Pet Shop Boys in ihren privatesten Momenten - nur viel
besser gekleidet. So gut gekleidet wie Safety Scissors nur mit viel besseren Melodien und viel besserem Gesang.
Kein Wunder, dass Stephen Bass von Moshi Moshi als absolute Lieblingsband aller Zeiten - die ausgebreitet vor
ihm liegen, dem manischen Musikforscher mit Überblick
- Hot Chip ausruft. Da kennt er keine Relativierung, keine
Reflektion, keinen Abstand. Aber sonst ist er auf analytischem Zack, wie sich im Interview zeigt.
Ihr seid das hippe Label, spätestens seit Kitsuné Hot Chip lizenziert haben ...
Pop kann man nicht erzwingen, Trendyness kann man nicht
erzwingen. Ich liebe Bands, die rein aus Zufall bei Pop landen, wie Hot Chip oder auch Architecture in Helsinki, kreative
Bands. Bei Hot Chip siehst du schon an ihren Klamotten, dass
sie kreativ sind. Sie haben einen ausgesprochenen Sinn für
Pop, aber auch für Melancholie, was ich sehr wichtig finde.
Es ist ein trauriges Missverständnis, dass Moshi Moshi ein
über-hippes Label sein soll. Michael McClatchey und ich
suchen nur nach Musik, die etwas neben der Spur liegt. In
London ist das automatisch über-hip, weil die hippen Leute
genau nach Neuem neben der Spur verlangen.
Als wir 98 anfingen, brachten wir Sachen wie Matt Harding
oder Sukpatch auf Singles heraus. Dann hörte ich Bloc Party
im Radio, vor zwei oder drei Jahren. Sie hatten einen Manager, der von unserer Idee begeistert war, eine Single mit ihnen
zu veröffentlichen.
Ein Techno-Label bringt Techno heraus, ein Drum-and-BassLabel Drum and Bass. Aber wie würdet ihr die Politik solch eines Gemischtwarenladens wie Moshi Moshi beschreiben?
Ich liebe ein Konzept wie das von Kompakt. Du weißt, was du
kaufst, sobald du das Label liest. Aber das ist nicht unsere
Philosophie. In jedem Genre gibt es gute Musik. Heavy Metal
kann die gleiche Wirkung haben wie House, die gleiche physische Attraktion.
Ich bin mit den “Heavenly Sunday Social“-Nächten groß geworden, auf denen die Chemical Brothers auflegten. Oasis,
Manic Street Preachers, aber auch House. Michael hat viel
vom Creation-Label gehört. Beide waren wir begeistert von
den Sachen auf Chemical Underground, Mogwai und Arab
Strap.
Ich glaube, was unsere Bands vom dancepunkigen bis zum
Chanson-Ende eint, von Hot Club de Paris bis Au Revoir Simone, ist das Anti-Macho-Moment, Moshi Moshi ist sehr wenig macho ... Und wir sind an Gitarrenbands interessiert, die
zum Tanz aufspielen.
Moshi Moshi vereint jangelnden
DiY-Pop, der absolut keinen Bock
darauf hat, sich irgendwie an irgendwelche Eier greifen zu sollen.
Nach dem ganzen rockigen The-Band-Hype scheint das TanzMoment in London ja eh gerade wieder enorm wichtig zu werden. “New Rave“ ...
New Rave ist eine Erfindung vom New Musical Express. Partygänger schwingen Glosticks und ziehen sich wie Raver anno
‘88 an. Aber: Es passiert, definitiv. Auch jenseits des Medienhypes.
Allerdings finde ich es sehr befremdlich, wenn man sich zum
Ausgehen in Rave-Kostüme schmeißt. Das sieht so verkleidet aus wie Leute in umgekrempelten Jeans und Tolle bei
Rock’n’Roll-Nächten. Karneval.
Musikalisch fühlen wir uns eher Labeln wie Domino, Wichita
oder Memphis Industries verwandt.
Das sind doch alles Vollbart-Label. Ich dachte, das ist out in
London?
(Auf Deutsch) Ja, diesen Tag man muss einen Schnurrbart
haben. - Frightening enough. Ich trage weiterhin meinen Vollbart. Don’t be afraid of the beard.
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New Rave
Voll supi, e
SuperSuper Magazin
Auf den nächsten vier Fotoseiten seht ihr, wie es im
New-Rave-London gerade abgeht. Ihr traut euren Augen nicht?
Hier habt ihr das Hintergrund-Interview.
Kann man programmatisch naiv sein, oder ist das paradox?
Hanna Schygulla konnte es. Steve Slocombe gibt sich alle
Mühe. Der Cheflayouter des Londoner Magazins SuperSuper designt ein Lebensgefühl, das den historischen Moment reanimieren möchte, als man das erste Mal mit den
Augen eines Neugeborenen in die Morgensonne gestrahlt
hat. Spiral Tribe 1989, ums genau zu sagen.
Im völlig überladenen, durchgedrehten Neon-Look in knallbunter Cut&Glue-Ästhetik, übersät mit verstrahlten Smileys,
ist SuperSuper zum Zentralorgan von New Rave avanciert. SuperSuper deckt thematisch die Szene-Prominenz ab: Cassetteplayer, Basso & Brooke, Gareth Pugh,
Klaxons. Aber vor allem macht SuperSuper drastisch und
himmelschreiend klar: New Rave ist weder Musik noch
Mode. New Rave ist eine Haltung. Sowohl Steve Slocombe als auch Redakteurin Zezi Ifore werden nicht müde,
gebetsmühlenartig zu betonen, dass es um absolut skepsisfreie, blauäugige Begeisterung geht. Humor, Exaltation,
Frivolität - aber nie und nimmer Ironie oder irgendwas mit
schwarzer Galle. Kreischige Modestrecken, zusammengehämmerte Produktplatzierungsseiten, Celeb-Scherze,
hochgepitchter Band-Gossip und immer wieder ruppige
Freisteller vor farbexplodierten Hintergründen, so sieht
die Kampfansage an die elitären Hochglanz-Magazine wie Wallpaper aus. Und, wenn man Slocombe glaubt,
wurde jedes Seiten-Layout auf die Goldwaage gelegt. Anfang nächsten Jahres soll SuperSuper einen deutschen
Vertrieb bekommen. Dann kann man auch hier bei den
fliegenden Straßenverkäufern statt schmalen Hosenträgern wieder Dayglo-Sticks kaufen.
SuperSuper platzte Anfang des Jahres wie eine Farbbombe
in eine Modewelt, die sich gerade auf gedeckt, zurückhaltend und erwachsen geeinigt hatte. Das konnte nicht aus dem
Nichts kommen?
Ich habe drei Jahre für Wolfgang Tillmans assistiert, ganz
am Anfang seiner Karriere, nur wir zwei. Magazine interessierten mich dann aber mehr und ich wurde Art Director
von Sleaze Nation, der coolen Eastlondoner Ergänzung zu
iD, Face und Dazed & Confused. Mit dem Moderedakteur
von Sleaze Nation eröffnete ich eine Boutique für junge Designer. Gemeinsam mit Michael Blow, der für die Londoner
Fashion Week arbeitet, gründeten wir das Magazin SuperBlow, das dreimal jeweils zur Fashion Week erschien.
Das hatte schon eine ähnliche Cut&Glue-Ästhetik.
Es war mein Look. Alles, woran ich künstlerisch und geistig
glaube, fand damals gerade langsam breiteren Zuspruch.
Anfangs reagierten die Leute genervt: Oh, diese knalligen
Farben, ein Horror. Aber sobald New Rave als Szene wahrgenommen wurde, wurden wir sprunghaft akzeptiert. Wir
glauben an Spaß, positive Energie, Expressivität, an Maximal anstatt an weißes Minimal-Design. Wir standen in
absolutem Kontrast zu einem Magazin wie iD. Es war die
Hochphase von aufgeräumten Ganzseitern, weißer Hinter-
grund, zwei Spalten, Helvetica, Anfangsbuchstabe rot. Und
gegenüberliegend ein Mädchen an einem Baum.
War die New-Rave-Ästhetik schon ausformuliert, als SuperSuper begann?
Schon in der ersten Ausgabe von SuperBlow zeigten wir
Pete Doherty in Klamotten von Cassetteplayer und Gareth
Pugh. Es gab Neon im Heft. Da lagen die Wurzeln.
Vieles im Heft sieht so aus, als ob ihr gängige Magazin-Formate parodieren wolltet - die Leserbriefseite, die Celeb-Strecken.
Spaß ja, Parodie nein. Wir greifen auf unterschiedlichste Einflüsse zurück, Promi-Hefte, Cartoons, 60s-Underground-Magazine, und bringen sie mit Stil und Farbe zusammen. SuperSuper erscheint zweimonatlich, da können
wir nicht beanspruchen, als Erste Neues zu bieten. Das
läuft über MySpace. Uns geht es nicht um den Neuigkeitswert, sondern um Unterhaltung, Inspiration, um unsere
Lieblinge. Es ist absolut positiv, unironisch. Warum sollten
wir uns mit Dingen aufhalten, die wir nicht mögen. Das
wäre Platzverschwendung. Andere Magazine wollen abdecken, was aktuell geschieht. Wir sagen: Lasst es selbst
geschehen.
Interessiert dich auch die Musik-Seite von New Rave?
Musik und Mode sind untrennbar in der Jugendkultur. Spätestens seit MTV. Als Stil-Ikone musst du auch gut aussehen, nicht nur gut klingen.
Der deutsche Techno-Underground wollte davon weg, wollte nur die Musik in den Fokus stellen. Mode wurde dort als
Zwang verweigert.
In Shoreditch kann man auf eine Minimal-Party gehen, wo
die Leute völlig gleichgültig mit Klamotten behängt sind.
Aber sonst ist London gerade in einem zugespitzten StilMashup-Wahn. Topshop ist ein einziges Kaufhaus für historische Stile, 70er, 80er, 90er auf der gleichen Etage. Es
spielt keine Rolle mehr, welche Geschichte die Sachen haben, wo sie herkommen. Man nimmt, dekonstruiert, trennt,
schmeißt neu zusammen, völlig hemmungslos. Das gilt
auch für die Musik. Lief bei New Rave anfangs Früh-90erRave, ist die Musik mittlerweile durch einen gigantischen
Mashup von Baile Funk, Electro, R&B, Pop ergänzt.
Findest du es beengend, dass SuperSuper als New-Rave-Magazin eingegrenzt wird?
Es passieren Millionen von unterschiedlichen Dingen,
aber gerade jetzt wird überall das Glostick-Symbol draufgepappt. Nächste Woche könnten wir mit einem neuen
Schlagwort aufmachen. In den 80ern wurde New Romantic
als Begriff eingeführt, weil ein paar Kids im Blitz Club weiße
Hemden mit Rüschen trugen. Es gab aber eine Menge mehr
Stile. New Romantic musste dann aber die Hälfte aller Musik aus den 80ern heißen.
T JAN JOSWIG, JANJ@DE-BUG.DE
Könntest du dir vorstellen, nicht nur einen neuen Begriff, sondern auch ein neues Layout zu entwerfen?
Mich beeinflusst ein Art Director wie Terry Jones von iD. Oder
die Art, wie Wolfgang Tillmans Ausstellungen konzipiert. Ich
bin für ihn mit einer Bilder-Kiste zu den verschiedenen Museen gefahren und habe die Bilder an den Wänden arrangiert,
um eine Story zu erzählen. So gehe ich auch beim Magazin
vor. Manches bei SuperSuper scheint ein bisschen verrückt
zu sein, etwas sehr in der Nische zu stehen. Mein Layout
soll aber keine Barrieren aufbauen. Man soll intuitiv die Seite erfassen, die Informations-Hierarchie soll eindeutig sein.
Es gibt feste Layout-Prinzipien, so dass du das Heft auch in
Schwarz-Weiß sofort erkennen würdest.
Wer ein Teil von New Rave sein will
ist ein Teil von New Rave.
(Zezi Ifore/Carmenselectra)
Verglichen mit SuperBlow scheint SuperSuper No. 4 in der
Barock-Phase angekommen zu sein. Dichter geht’s nimmer.
Wenn es finanziell machbar wäre, würde No. 5 komplett in
Neon erscheinen. Gutes Barock wirkt zwar überladen, aber
jedes Detail hat seine Notwendigkeit. So arbeite ich auch. Ich
bin gegen Dekoration, das finde ich dekadent. Ich entdecke
nur von Ausgabe zu Ausgabe immer weitere Gründe, um noch
mehr Elemente zu addieren.Cut&Glue hört sich abfällig an,
so nach Zufall und Unüberlegtheit. Aber im Ernst: Wie lange
braucht man, um zwei schwarze Helvetica-Spalten auf einer
weißen Seite zu platzieren und den Anfangsbuchstaben rot
zu setzen? Das dauert einen Rülpser, sieht aber nach sauberer und wohlüberlegter Designarbeit aus. Aber ich will Spaß
und Energie transportieren. Mein Schreibtisch ist übersät mit
Fotos. Die arrangiere ich, um die beste Story zu erzählen. Die
Magazinseite sieht dann aus wie ein Foto meines Schreibtisches. Man spürt die menschliche Hand dahinter. Magazine
wie Wallpaper sind sehr unpersönlich, unmenschlich, kalt.
Sie wollen einem weißmachen, dass man ihren Lifestyle
bräuchte, um cool zu sein. Ich glaube nicht an cool. Ich liebe
die Idee von Fanzines, das Abfeiern, die schiere Begeisterung.
SuperSuper soll ein Hochglanz-Magazin im Fanzine-Geiste
sein. Ich will Dinge überhöhen, sie dürfen gerne teuer aussehen, verlockend, aber ich will nie meine Energie und meinen
Enthusiasmus verlieren.
Artwork:
Super Steve, steve@thesupersuper.com
Fotos: Simian Coates, Super Billa,
photography@thesupersuper.com
With Thanks to all the shabbatastic
Super Super Massiv
www.thesupersuper.com
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New Rave
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Mode
Modebusiness
ohne Web2.0
Bernadett Penkov
New-Rave-Klamotten passen bestens ins
Web2.0. Aber elegante Designergarderobe
muss sich andere Präsentationsplattformen
suchen. Zum Beispiel das Moët & Chandon
Fashion Debut.
www.penkovberlin.de
T JAN JOSWIG, JANJ@DE-BUG.DE
Designermode ist teuer. Das gilt nicht nur für die Käufer,
sondern ebenso für die Produzenten. Eine Designerin wie
Bernadett Penkov muss sich zweimal überlegen, ob sie
sich einen ihrer eigenen Entwürfe leisten kann. Nachdem
sie 2003 noch im Team als Maison Anti schon einmal den
1. Preis des Moët & Chandon Fashion Debuts gewonnen
hatte, ist sie auch wieder die Siegerin 2006 mit ihrem Label
“Penkov“.
Das einmal jährlich in Berlin vor geladenen Gästen stattfindende Fashion Debut ist eine der wenigen Möglichkeiten für
junge Label in Deutschland, sich professionell zu präsentieren. Modeförderung ist hierzulande immer noch ein absolut stiefmütterlich behandeltes Thema. Aber um sich im
Luxussektor der Mode zu etablieren, braucht es weiterhin
mind estens so viel Geld wie gute Ideen - und Anpassung
an eherne Traditionen.
Das Web2.0 ist für Designermode kein Versprechen.
Alles, was an Attributen dem Web2.0 so euphorisch gutgeschrieben wird, verhindert genau das Interesse elitärer
Mode: Mitmachen für jedermann, keine Einstiegs-Barrieren, unterschiedsloses Nebeneinander der Angebote, das
ist viel zu schmuddeldemokratisch. Auf der anderen Seite
erzeugt keine Publikation so viel Aufmerksamkeit für Designerlabel wie die “Bunte“. Paradox oder schlicht Ignoranz
und Vorurteil der Designerwelt gegenüber dem Netz?
Also: Wie läuft’s Business in einem der konservativsten
Businesses? Wir stellen Kommentare von Alexa Agnelli,
Pressebeauftragte von Moët & Chandon, und Bernadett
Penkov nebeneinander.
Agnelli: Die deutschen Modeschulen treffen eine Vorauswahl bei den Jungdesignern. Eine Jury, die Moët & Chandon
beruft, wählt daraus die vier Finalisten für das Fashion Debut
aus und prämiert die Sieger. In der Jury sitzt seit Beginn Patricia Riekel, Chefredakteurin von Amica, Instyle, Bunte. Auch
der Fotograf Kristian Schuller, sonst mal jemand von der Glamour, der Vogue, Michael Michalski, der jetzt MCM macht,
oder Annabelle Mandeng, weil ich gerne einen Promi dabei
habe, der selber auch sehr modisch ist, der für Mode steht.
Penkov: Nachdem ich ein halbes Jahr bei Gilles Rosier
in Paris gearbeitet hatte, habe ich mich in Berlin mit meiner
Partnerin beim Moët Fashion Debut beworben mit Entwürfen
und zwei Teilen, die wir nachts am Wochenende genäht hatten, weil wir während der Woche noch Jobs hatten. Das hat
gleich geklappt. So entstand Maison Anti. Für die Kollektion
wurden uns viele Stoffe gesponsort. Wir haben viel Zeit investiert, um Sponsoren zu finden, von Karstadt bis zu italienischen Stoffherstellern. Weil es um einen großen Event ging,
waren alle ganz gerne dabei. Die haben Credits auf dem Programmzettel bekommen. Wir haben gewonnen und bekamen
viel Presse, bestimmt 20, 30 Veröffentlichungen, Glamour,
Amica, Elle, viel Burda, die Medienpartner des Fashion Debuts sind. Bunte ist super. Die ganze Boulevardpresse, alles,
was unter Modeleuten nicht ernst genommen wird, steigert
den Bekanntheitsgrad enorm. Jeder, der mal beim Arzt im
Wartezimmer gesessen hat, sagt später: Du warst doch in der
Bunten. Shoppingguides helfen auch. Für Internet-Verkauf
sind meine Sachen zu teuer, das ist nicht der richtige Rahmen. Außerdem haben wir kein Lager. Logistisch wären Internet-Bestellungen ohne Vorproduktion nicht zu stemmen.
Web2.0 ist für Designermode
zu schmuddeldemokratisch.
Man muss die Sachen auch anprobieren, anfassen. Bestellen
macht man bei Quelle.
Agnelli: In Deutschland muss man immer ein bisschen
kleinere Brötchen backen. Hier haben wir nicht die Modeszene wie in Paris, Mailand, New York, London. Deshalb haben
wir unser Thema beim Nachwuchs gefunden.Das Moët &
Chandon Fashion Debut ist schon ein Karrieresprungbrett.
Ich sage nicht, dass es das ultimative ist. Aber die Jungdesigner sind zum ersten Mal mit einer riesen Modenschau mit
solch einem wahnsinnigen Aufgebot an Presse und Fernsehen vertreten. Das finde ich wichtiger, als wenn man ihnen
5.000 oder 10.000 Euro gibt, die sie in Stoffe stecken.
Penkov: Nachdem “Maison Anti“ 2003 gewonnen hatte,
gab es viel Aufmerksamkeit. Aber wir hatten gar kein Geld
übrig, um damit was anfangen zu können. Uns gab es eigentlich nur auf dem Papier. Wir haben ein paar selbst genähte
Sachen im Apartment in Berlin verkauft, völlig dilettantisch.
Agnelli: Sisi Wasabi ist das beste Beispiel für erfolgreiche
Fashion-Debut-Teilnehmer. Sie haben vorletztes Jahr gewonnen. Ich will nicht sagen, dass wir der ausschlaggebende Punkt
waren, die beiden Mädchen sind natürlich auch sehr talentiert.
Aber sie sind richtig groß rausgekommen, hängen in vielen Läden in München, in Berlin, sind nach Los Angeles gegangen. Für
ein kleines deutsches Label haben sie gut reüssiert.
Penkov: Promis auszustatten, darüber habe ich gerade
nachgedacht. Es fällt mir sehr schwer, jemanden zu finden,
den ich darin gerne sehen würde. Miriam Gerstner vom Berliner Hotel Q hat sich mal ein Kleid geliehen. Sie ist eine junge, toughe Businessfrau, damenhaft. Das finde ich gut. Aber
Soup-Sternchen? Wenn die anfragen, sage ich immer, wir haben gerade nichts da. Wenn die meine Sachen vertragsmäßig
mit einem Label wie Sisi Wasabi kombinieren müssten, nicht
auszudenken.
Agnelli: Für Berlin haben wir uns aus ganz pragmatischen
Gründen entschieden. Dort gibt es Locations, die ihresgleichen in Deutschland suchen: groß, unbekannt, witzig, ungewöhnlich. Wir haben zwischen 900 und 700 Gästen. Für die
brauchen wir zwei Räume. Den lang gestreckten Raum für
den Catwalk und einen für die Aftershowparty. Denn beim
Fashion Debut geht es nicht nur um die Mode, wir wollen
auch zeigen, Moët & Chandon feiert die tollsten, glamourösesten Parties. Das ist genauso wichtig wie die Fashion Show.
Das Fashion Debut fand jetzt zum sechsten Mal in Berlin
statt, ich kann noch keine Prognose abgeben, aber ich denke
schon, wir bleiben in Berlin. Aber ganz ehrlich, ich halte Berlin auch nicht für eine Modestadt, wenn sie nach München
kommen, sehen sie hier modisch besser gekleidete Menschen. Allerdings leben immer alle Finalisten in Berlin. Das
ist nicht gemauschelt, die Jury kennt nicht die Lebensläufe
der Bewerber. Und die Gäste aus Berlin sind mal andere Leute als die üblichen Verdächtigen bei allen anderen Parties in
Deutschland. Es ist eine junge, witzige Mischung. Aber als DIE
deutsche Modestadt würde ich Berlin nicht bezeichnen.
Penkov: Berlin ist Provinz, das darf man nicht vergessen.
Hier fehlt jegliche Infrastruktur. Einen Stoff, den ich nicht
auf einer Messe vorgeordert habe, bekomme ich von Berlin
aus nicht mehr nach. Deutschland braucht als Modemesse-Standorte nicht Berlin, Düsseldorf und München. Das ist
übertrieben. Ich freue mich, dass die Premium nach dem Abmarsch der Bread & Butter in Berlin weitermacht, aber ob es
eine Zukunft hat ...
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Web 2.0 Business
Web 2.0 Business
Da
D
a geht
h doch
do
doc
d
noch was, im Internet
Erleben wir gerade die zwanghafte Wiederholung des New-Economy-Hypes?
Oder legen sich solide Buchhaltung und das Internet ab jetzt ganz offiziell
in ein Bett und nennen ihren Nachwuchs Geschäft2.0? Die Antwort heißt:
Ja! Aber wieder mal ganz anders als gedacht.
T ANTON WALDT, WALDT@LEBENSASPEKTE.DE
Als letztes Jahr im September “Web2.0” auf dem DebugCover prangte, war die Wortkreation schon fast ein Jahr alt,
aber eigentlich nur in Nerd- und Marketingkreisen gängig. Inzwischen ist der Begriff dermaßen rum, dass bereits gepflegtes Web2.0-Bashing schwer modisch ist, wobei besonders
gerne vor einer “Blase2.0” gewarnt wird, die bald zu platzen
drohe: Was wiederum ziemlich dämlich ist, und zwar zunächst weil damit auf einen Begriff eingedroschen wird, der
nichts für seine schmierige Marketing-Vergangenheit kann
und schon gar nichts für seinen aktuellen Missbrauch als
Pepp für Gammelkonzepte aus den tieferen Agenturschubladen. Allerdings ist auch jenseits des schrillen Werbe-Buheis
eine annähernd befriedigende Definition, was Web2.0 denn
nun sein soll, schwer bis unmöglich: Im Gestrüpp der technischen, sozialen und rein quantitativen Zuschreibungen,
die offensichtlich zum Begriff gehören, hat sich noch jeder
verheddert: RSS, AJAX, Blogs, Wikis, Community-Networks,
Breitbandpenetration. - Ihr wisst schon. Im Grunde genommen steht Web2.0 nämlich für ein Gefühl und kein klar umrissenes Konzept. Das Netz fühlt sich seit ein, zwei Jahren einfach wieder gut an, die Nutzermassen merken, dass da doch
noch was geht. Für so ein Phänomen muss selbstredend ein
Name her, weil wir über das kollektive Erlebnis auch reden
wollen. Demnach ist eine exakte Definition genauso unmöglich wie sinnlos, und trotzdem geschieht etwas Fundamentales auf unseren Bildschirmen und in unseren Köpfen.
Es sind die Medien, Blödi!
Die Frage nach der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit des
zweiten Netz-Booms kann man also prima stellen, solange
man sich dabei nicht am falsch verstandenen Begriff abmüht, weil die Diskussion dann zwangsläufig in einer Sackgasse landet, zum Beispiel bei der Sinnhaftigkeit der YouTube-Übernahme durch Google für 1,6 Milliarden Dollar. Richtig
verstanden bedeutet Web2.0 auch auf ökonomischer Ebene
erst einmal, dass Nutzerhorden in neuen Dimensionen und
mit ungekannter Passion das Internet im Wortsinn bevölkern.
Dass sie dabei immer mehr Inhalte liefern, ist ein zwangsläufiger Effekt, der auch schon hinreichend lange prophezeit
wurde. Daher scheint er jetzt endlich doch noch wahr geworden, gleichermaßen vertraut und doch ganz neu. Solche
Paradoxe kommen uns ja heute dauernd unter: Cyberspace,
Medienrevolution, virtuelle Communities, Wissensgesellschaft, alles schon so oft gepredigt, dass ihre Realisierung
nicht mehr überrascht, trotzdem fühlt es sich immer wieder
ganz anders und neu an. Dass diese einschneidenden, kollektiven Erfahrungen auch ein wirtschaftliches Potential haben,
liegt auf der Hand. Besonders offensichtlich wirbelt die Verschmelzung von Kommunikation und Unterhaltung die betroffenen Branchen ordentlich durcheinander, und eine Medien-Revolution ist - logisch - in einer Mediengesellschaft auch
ökonomisch ein starkes Stück: Banner-Werbung oder Google-Ads schnappen sich dicke Brocken des Werbekuchens, so
dürfte Google-Deutschland dieses Jahr rund 800 Millionen
Euro umsetzen, damit spielt der Kleinanzeigenkonzern mit
Suchmaschine bereits in einer Liga mit der ProSiebenSat1Gruppe (eine Milliarde im ersten Halbjahr). Und Google kassiert ja nicht einfach statt der TV- und Print-Branchen, der
Konzern verteilt im Rahmen des Adsense-Programms relevante Summen an Sites weiter, die Werbeflächen zur Verfügung stellen. Die Entwicklung, die vor unseren Nasen als Mediennutzer und -mitgestalter abläuft, ist natürlich besonders
sichtbar, und der Rest Geschichte: Relevante Infrastrukturen
wie die Eisenbahn- oder die Stromnetze wuchsen schon vor
200 bzw. 100 Jahren nach dem Muster Wachstum, Hype, Absturz, Wachstum. Das Internet folgt diesem Muster im Zeitraffer, und aus dieser Perspektive markiert das Schlagwort
2.0 einfach das Ende einer typischen Wachstumsdelle.
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Web 2.0 Business
Druck dir eins
Spreadshirt macht
uns reich
Mit Spreadshirt werden Internet-Eckensteher
ratzfatz zum Online-Entrepreneur: Dank der
Firma aus Leipzig ist die Einrichtung eines
Web-Shops inzwischen etwa so langwierig,
kompliziert und verbindlich, wie ein Dutzend
Freunde bei MySpace zu gewinnen.
T AUTOR, AUTOR@DE-BUG.DE F FOTOGRAF
T ANTON WALDT, WALDT@LEBENSASPEKTE.DE
Spreadshirt ist eines dieser Unternehmen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte: 2002 als ostdeutsche StudentenSchnapsidee ohne Kapital gegründet, eine transzendente
Internet-Fata-Morgana, von den Banken ausgelacht und wie
ein Stealth-Bomber durch das Radar der öffentlichen Wahrnehmung geflutscht. Trotzdem geht es der Firma offensichtlich prächtig, aktuell werden 160.000 Online-Shops gemanagt und 230 Mitarbeiter beschäftigt, die globale Expansion
schreitet zügig voran und der grüne Vorzeigeschwabe Rezzo
Schlauch gibt den Aufsichtsratsvorsitzenden. Logisch, dass
die Firma mit dem viralen Prinzip im Namen jede Form von
klassischer Werbung für rausgeschmissenes Geld und eine allgemeine Belästigung hält. Nicht weiter verwunderlich,
dass Spreadshirt alle Web2.0-Attribute mitbringt und sich
trotzdem oder gerade deshalb zur “Web2.0-freien Zone” erklärt. Konsequent, dass auf der Visitenkarte von MarketingManager Andreas Milles ernsthaft “Brand Evangelist” steht
und er Statements wie folgendes verlauten lässt: “Neulich
haben wir jemanden eingestellt, der die Wahl zwischen Google und Spreadshirt hatte. Er hat sich dann für uns entschieden. Seither gibt es sogar gratis Obst.”
T-Shirts, Tassen, Hotpants
Banal auf den Punkt gebracht, besteht das SpreadshirtGeschäft zunächst darin, die übliche Palette MerchandisingArtikel vom T-Shirt über Baseball-Caps bis zum Aufkleber zu
bedrucken und zu verschicken. Neue digitale Druckverfahren
erlauben dabei, Motive auf kleinstmögliche Stückzahlen - im
Zweifelsfall genau eine Kaffeetasse oder ein Polohemd - zum
Standardpreis zu drucken. Richtig smart wird es erst beim
Vertriebsmodell: Spreadshirt bietet selbst (fast) keine Motive an, diese kommen von den 160.000 Spreadshops, die als
Module in bestehende Websites integriert sind. Und weil die
Masse dieser Online-Geschäfte naturgemäß aus Bloggern,
Bands und Bowlingclubs besteht, müssen Einrichtung und
Betrieb so einfach wie nur irgend möglich gehalten werden,
damit die Rechnung aufgeht. Außer einer Website und einem
eigenen Motiv gibt es keine weiteren Voraussetzungen für
den Start in den E-Commerce. Der Registrierungsvorgang
hält sich im Rahmen einer GMX-Webmail-Einrichtung - abgesehen von der kniffeligen Entscheidung, auf welche der
70 Merchandising-Artikel im Spreadshirt-Sortiment man
sein Motiv gedruckt sehen will und wie hoch der Preis sein
soll, der sich aus einem Grundpreis und der eigenen Marge
zusammensetzt. Anschließend spuckt der Shop-Generator
noch einen Code aus, den man per Copy-Paste auf die eigene Site schubst, und fertig ist der eigene Online-Kiosk. In der
Prozedur fehlen konsequenterweise finanzielle Vorleistungen oder Mindestabnahme-Verpflichtungen, Spreadshirt ist
noch niedrigschwelliger als ein Kieztreff für Senioren. Wenn
anschließend Bestellungen eingehen, muss der Shop-Betreiber gar nichts tun, Produktion, Versand, Zahlungsabwicklung
Spreadshirt: www.spreadshirt.net
Spread-Blog: blog.spreadshirt.net/de/
Lafraise: www.lafraise.com
Sozeug: sozeug.net
und Kundenservice erledigt Spreadshirt, abgerechnet wird je
nach Umsatz monatlich oder quartalsweise.
Begründeter Größenwahn
Im Effekt haben die Site-Betreiber den kleinstmöglichen
Aufwand bei der Vermarktung ihrer Ideen, Spreadshirt muss
sich im Gegenzug weder um Werbung noch um Inhalte kümmern. Dieses Prinzip funktioniert so gut, dass das Unternehmen inzwischen in 12 Ländern aktiv ist, der Umsatz explodierte von 60.000 Euro im Gründungsjahr 2002 auf über acht
Millionen Euro im Jahr 2005, die Mitarbeiterzahl von zwei auf
230. Dass dieses Wachstum ohne Kapitalgeber oder Kredite
möglich war, liegt offensichtlich in der schlauen Kanalisierung des Cashflows: Bestellungen werden erst nach Geldeingang produziert und ausgeliefert - dann allerdings in flotten
48 Stunden -, während mit den Spreadshop-Betreibern frühestens zum Monatsende abgerechnet wird. Das ExpansionsTempo dürfte trotzdem mit einer netten Portion Risiko verbunden gewesen sein, jedenfalls wurden in diesem Sommer
erstmals Mittel von außen in Form von Venture-Capital hereingeholt, um das weitere Wachstum etwa in Asien oder den
USA zu beschleunigen und dem offiziellen Unternehmensziel
“globaler Marktführer” näher zu kommen. “Global” steht hier
allerdings für etwas anderes als bei klassischen Unterneh-
Es macht Spaß, als Firma genau
so zu arbeiten, wie man das als
Kunde selbst erwarten würde.
men und ihren Produkten: Das Spreadshirt-Prinzip bedeutet
nämlich immer die Gleichzeitigkeit von allgegenwärtiger und
lokaler Präsenz, was - auch wenn man in Leipzig den Begriff
gerne meidet - gemeinhin als typisches Web2.0-Attribut gilt.
Prinzipiell global ist dabei die Verfügbarkeit des Service über
das Internet, lokal im geografischen oder kulturellen Sinn die
Shop-Betreiber. Dem widerspricht auch “Brand Evangelist”
Milles nicht, allerdings dreht er den Gedanken gleich noch eine Runde weiter: “Vor ‘content is king’ stand und steht ‘local is
king’, insofern sind wir eigentlich völlig ‘1.0’!”
Lokal, global, egal
Egal, wie man bei der Nummerierung vorgeht, um aktuelle
Buzz-Wörter kommt man bei der Beschreibung von Spreadshirt nicht herum: Personalisierung, die berühmt-berüchtigten Nutzer-generierten Inhalte sind elementar, da Spreadshirt eigentlich nur 70 verschiedene, leere Flächen anbietet,
die erst von den 160.000 Webshop-Betreibern zu mehr als
fünf Millionen verschiedenen Produkten gemacht wurden. In
dieser Rollenverteilung sieht das Unternehmen aber keinesfalls eine kostensparende Service-Reduzierung, wie beim
eigenhändigen Zusammenbau eines Ikea-Regals, sondern
eine Umschichtung: “Wer sagt denn, dass es zur ‘Unternehmensaufgabe’ gehört, vorzuschreiben, was du vorne draufgeflockt kriegst? Bei der Massenproduktion war das schlicht eine
technische Notwendigkeit”, erklärt Milles: “Außerdem sitzen
bei uns immer noch Menschen, die die eingereichten Motive
von Hand checken und drucken.” Die neue Rollenverteilung im
Massenmarkt der individualisierten Produkte bringt zwangsläufig auch neue Machtverhältnisse bzw. Abhängigkeiten
in der Markendefinition mit sich, das passende Modestichwort kommt in diesem Fall einmal von Milles: “Community
driven Companies” gelten dieser Tage als besonders clever
aufgestellt und vor Produktflops gefeit, gleichzeitig erzeugt
die Idee in Marketing-Abteilungen und -Agenturen massive Verlustängste. Der inhaltliche Kontrollverlust wird in der
Branche natürlich vor allem mit einem Bedeutungsverlust
der eigenen Aufgaben und Arbeitsplätze gleichgesetzt: “Andererseits bietet es auch viel Potential - weil die Gemeinschaft
(aus Unternehmen und Kunden) in dieser ‘Abhängigkeit’ stärker
ist, manche Prozesse beschleunigt werden - und letztendlich
macht es auch Spaß, als Firma genau so zu arbeiten, wie man
das als Kunde selbst erwarten würde.”
Matter-Compiler am Horizont
Grundlage für die Strukturen, die Spreadshirt für und mit
seinen Shop-Partnern sowie den gemeinsamen Kunden entwickelt, ist die Digitalisierung auf der Produktionsebene: Der
Schritt vom traditionellen Siebdruck zu Plott- und Digitaldruck bedeutet die Abkehr von der klassischen Massenproduktion, Kosten und Aufwand für Unikate bzw. Serien nähern
sich tendenziell immer weiter an, statt hoher Stückzahlen ein
und des gleichen Produktes werden heute kleine und kleinste
Mengen einer großer Zahl von Produktvariationen hergestellt
- Unikat-Massen statt Einheits-Massen. Würde man das Herstellungsprinzip konsequent weiterspinnen, käme man irgendwann bei der Universalmaschine aus Neal Stephensons
“Diamond Age” an, die auf Zuruf beliebige Gegenstände Molekül für Molekül zusammenbaut: “Sicher nähern wir uns Schritt
für Schritt dem Universalreplikator,” kommentiert Milles diese
Perspektive: “Aber wichtiger als die eierlegende Wollmilchsau,
die nächste ‘Customisation Quelle’ zu werden, ist, unser Profil zu
schärfen, weiter in der Nische zu wachsen und hin und wieder
auch mal zu sagen: ‘Nö, das machen wir jetzt nicht auch noch.’
Wir haben im Sommer den französischen T-Shirt-Design-Wettbewerb ‘Lafraise’ übernommen und im Oktober die Plattform für
selbst gemachtes ‘Sozeug’ aus Berlin. Das heißt: Wir werden uns
weiter im Dreieck ‘Individualisierung, Märkte, Communities’ bewegen, allerdings immer auch mit dem Fokus auf Kleidung und
Textilien.”
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Web 2.0 Business
Kalkulierbares Risiko
Web2.0 und
Venture Capital
User-Generated Content stiftet Gerechtigkeit, er ist angesagt und
vor allem reich an Rendite - soweit der Mythos. Was Investoren
wirklich vom Hype um Web2.0 halten, steht auf diesem Blatt.
duktiv vorgeht, also die Details betrachtet.
So widmete der FAZ-Wirtschaftsteil, das
deutsche Business-Leitmedium, am 11.
Oktober 2006 fast zwei komplette Seiten
der YouTube-Akquisition. Dabei wird auch
erwähnt, dass Murdochs MySpace.com
bald in einer deutschen Version kommt,
wobei diese zu dem Zeitpunkt schon (ganz
offensichtlich) über einen Monat online
war. Ebenso erstaunlich ist die Tatsache,
dass auf der IFA 2006 (Anfang September
in Berlin) sechs von sechs Mitarbeitern am
T-Mobile-Stand - mit Fokus Web’n’Walk noch nie etwas von YouTube gehört hatten.
All dies signalisiert Unsicherheiten auf
beiden Seiten, bei Investoren wie Gründern; da kommt es schon mal vor, dass ein
Businessvorschlag per Mail eingereicht
wird, “mit dem Hinweis, dass man ein ähnliches Geschäftsmodell wie YouTube plane und dazu zum Start fünf Millionen Euro
benötige”. Aber wie macht man es denn
richtig? Dazu hat Christian Leybold von
BVcapital ein kleines FAQ auf seinem Blog
blogging.vc veröffentlicht. Letztendlich ist
aber nicht nur das Wie, sondern vor allem
der eigentliche Inhalt, das Business-Modell, entscheidend.
C. Leybold: Wir haben bei Del.icio.us investiert. Das fanden wir sehr interessant, weil
es in dem Bereich letztlich drei verschiedene
Aspekte gibt, die eine “Community“ liefern
kann bzw. im besten Fall liefern sollte. Zunächst sollte sie irgendetwas haben, was
den Leuten einen echten Nutzwert bringt.
Zweitens muss sie ein nachgeordnetes Interesse befriedigen. Das kann bei MySpace
Musik sein oder bei Facebook die Angabe der
Nutzer-Handynummern. Oder dass man das
Thema Dating unterschwellig mit reinnimmt.
Man muss im Prinzip eine Form von “value
propostion“ liefern. Drittens: Das Netzwerk
muss per se einen gewissen Mehrwert liefern. Die Tatsache, dass andere Leute auch
noch auf dieser Site sind, muss einen spürbaren Effekt haben. Bei Google hingegen habe ich, wenn man mal von der technischen
Implementierung am Backend absieht, genauso viel Nutzen, wenn ich es allein nutze. Bei del.icio.us ist der erste Anreiz ganz
einfach “Ich kann meine Bookmarks besser
verwalten“ und quasi als Abfallprodukt fällt
ein Mehrwert für die Community ab.
Nachhaltigkeit ist ein notwendiges Kriterium,
und das nicht allein auf der Ebene, dass das
Unternehmen schon übermorgen die großen
Gewinne ausschüttet.
CL: Das Ziel ist schon, etwas zu bauen, was
langfristigen Wert generiert. Ebenso gilt es,
nicht in ein reines Feature zu investieren.
Wir fragen uns immer: Ist es ein Stand-alone-Business oder ist es sozusagen nur ein
Balkon, den man an ein Haus anbaut? Und
wie lange hat so etwas Bestand? Ist das
nur eine ganz kurze Sache, die morgen als
kleines Feature, als Knopf 37 bei Yahoo auftaucht?
Sieht ein VC-Investor hier auch eine inhaltliche Revolution? Werden da nicht theoretische Modelle über den Haufen geworden,
wenn Nachahmung so wenig kostet, ergo die
Markteintrittsbarrieren gewaltig sinken?
CL: Man muss sich fragen, was ist die “barrier of entry”? Ist es die Technik? In der klassischen Denke wäre das dann das Patent.
T NIKOLAJ BELZER, NIKOLAJ@FORK.DE
Nachdem der Web2.0-Buzz knappe 18 Monate primär eine große Nabelschau war, ist das
Kind mit Googles 1,65-Milliarden-Dollar-Kauf
von YouTube endgültig erwachsen geworden.
Vor allem in Europa hat man den Eindruck,
dass erst der Knall in Folge von großen Beträgen kommen musste, bis Blogs, Podcasts
und Fotologs auch außerhalb der Medienlandschaft als ernsthafte Assets betrachtet
werden. Dabei steckt hinter jeder vermeintlichen Medienrevolution notgedrungen auch
ein ökonomischer Unterbau. Im Fall der NetzEntrepreneure, jung, innovativ und mittellos,
spielen Private-Equity-Unternehmen oder
genauer Venture Capitalists eine wichtige
Rolle. Und wer jetzt laut aufschreit, der bucht
sich lieber schnell sein VirginAir-Ticket nach
San Francisco und schaut sich die Tatsachen
hinter seiner Lieblings-URL genau an.
4200 Prozent Rendite
Fast jede Neugründung, die sich auf einem
größeren Markt bewegen will, bedarf nach
der Entwicklungsphase finanzieller Mittel, um Angelegenheiten wie Vertrieb und
Marketing im großen Stil umzusetzen.
Diese Mittel fließen meist in Form von
Eigenkapital in die Firma ein, womit auch
eine Beteiligung am Unternehmen selbst
einhergeht. Für den Fall, dass man auf
dem internationalen Markt arbeiten will,
d.h. schnell relativ viel Geld braucht, sind
Venture Capitalists (VC) die nahe liegenden Partner. VCs arbeiten meistens mit
einem oder mehreren Investment-Fonds,
in welche verschiedene, institutionelle Anleger (Unternehmen, Universitäten)
einzahlen. Mit diesem Geld investiert das
VC-Unternehmen in hoffnungsvolle Neugründungen, versucht diese so schnell wie
möglich zum Erfolg zu führen und dann
gewinnbringend zu verkaufen. Da diese In-
vestitionen als risikoreich gelten und nicht
zuletzt die Fehlinvestitionen kompensiert
werden müssen, wird beim Verkauf eine
relative hohe Rendite (um die 20 Prozent)
erwartet. Diese Tatsache ist dem Image
der Investoren wenig zuträglich, gerade in
letzter Zeit mussten VCs oft als Feindbild
herhalten. Dabei existiert diese Form des
Investments schon seit über dreißig Jahren und hat vor allem vielen amerikanischen Web-Angeboten erst eine Existenz
ermöglicht. Eines der erfolgreichsten Beteiligungsunternehmen dort ist Sequoia
Capital. Sequoia hat u.a. Apple, Nvidia, EA,
PayPal, Yahoo, Google und zuletzt YouTube
auf die Beine geholfen. YouTube tauchte
erst letzten Winter ernsthaft auf der wortwörtlichen Bildfläche auf. Im November
2005 erhielt Sequoia für 11,5 Millionen
Dollar 30 Prozent der YouTube-Anteile, im
Oktober 2006 konnten diese 30 Prozent für
495 Millionen wieder verkauft werden - so
läuft das VC-Geschäft im besten Fall.
YouTube-Klone wollen Geld
Um ein wenig hinter das Balance Sheet
in Web2.0-Zeiten zu schauen, hat Debug
sich bei Venture Capitalists umgehört
und ausführlich mit Christian Leybold gesprochen, der BVCapital auf dem europäischen Markt führt. BVCapital wird, mit Sitz
in San Francisco und Hamburg, von den
ehemaligen AOL-Europe-Chefs geleitet
und hat bzw. hatte mit Del.icio.us, Angie’s
List oder Azureus jede Menge Web2.0 im
Portfolio. Die Tatsache, dass fast drei Viertel der Belegschaft in den USA sitzen bzw.
die Investments auch zum Großteil dort
getätigt werden, deutet an, wie problematisch das Thema in Europa immer noch
ist. Und Leerstellen in der vermeintlichen
Zeitgeist-getriebenen, heimischen “Wirtschaft“ zeigen sich auch, wenn man in-
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Web 2.0 Business
verständliche, auf Technik-Fans zugeschnittene Site. Da ist man schon sehr früh dran
und es kann natürlich auch sein, dass der
Markt es eben nicht akzeptiert.
Aber genau das macht doch schließlich die
Innovation aus?
CL: Ja, dann ist es vielleicht ein gutes Investment. Dazu vielleicht noch ein Punkt, der
wichtig ist: Irgendwann gehst du von den
Early-Adopters in den Massenmarkt. Aber
die Grenze zum Massenmarkt verschiebt
sich nach oben, in dem Maße, in dem es immer mehr Technik-affine User gibt. Sprich,
man brauch immer mehr User, um wirklich
zu wissen: Ist es ein massenmarktfähiges Modell? Und mit Massenmarkt meine
ich wirklich die Leute, die E-Mailen und bei
Amazon einkaufen können, aber sagen, das
Internet ist kaputt, wenn Google down ist.
Und hier wird deutlich, dass es sich bei
Web2.0 - wenn überhaupt - um eine schleichende Revolution, also einen Prozess und
kein plötzliches Phänomen handelt:
CL: Als Venture Capitalist haben sich viele das letzte Mal 2001 mit dem Internet
beschäftigt. Dann wacht man auf, es ist
2005/2006 und sagt, “Oh jetzt ist Web 2.0,
alles was jetzt passiert ist Web 2.0.” Aber
letztendlich hat es in Wirklichkeit eine kontinuierliche Entwicklung gegeben. Natürlich,
durch die positive Wahrnehmung im Markt,
passiert wieder viel mehr im Netz. Aber, dass
irgendwann der Schalter umgelegt wurde
und dann das Internet neu erfunden wurde,
das sehe ich jetzt nicht unbedingt so.
Immer auf dem Boden bleiben, heißt die
Devise. Dabei betonen stets alle Venture
Capitalists, dass es Ihnen nicht nur um das
finanzielle Investment geht, sondern man als
VC auch persönlich, unabhängig vom Geld eine Hilfe sein will und muss. So wird z.B. bei
Sequoia.com jede Investition personalisiert,
indem sie auch nach außen als das Projekt
eines Mitarbeiters, einer Persönlichkeit
kommuniziert wird Aber wie sieht das konkret aus?
CL: Man hat als VC das Privileg oder einfach
das Glück, unheimlich viel zu sehen. Zum einen, weil man sich wirklich jeden Tag mehrere Business-Pläne mit neuen Ideen anguckt.
Zum anderen - wir haben jetzt ein Portfolio
von ungefähr 15, 16, 17 Firmen - weil man
ständig aus der Vogelperspektive sieht, was
funktioniert und was nicht funktioniert. Man
lernt insbesondere, wenn man in Segmenten investiert, die miteinander zu tun haben
und nicht sagt, ich habe jetzt ein Medizintechnik-, ein Energietechnik- und ein Internet-Investment; und zwar nicht, weil wir die
allerschlausten Leute der Welt sind, sondern einfach weil wir unheimlich vielen, sehr
schlauen Leuten ausgesetzt sind, kann man
schon eine ganze Menge an interessantem
Input bzgl. Produkt, Marketing etc. liefern.
Die andere Art von Hilfsleistungen ist die,
dass man versucht mit dem eigenen Netzwerk zur Seite zu stehen. Das zahlt sich vor
allem bei der Vermittlung von neuen Jobs
oder Positionen aus. Gerade in den USA ist
es so, dass die Leute bei der Jobsuche oft
VCs ansprechen.
www.bvcapital.com
www.ecapital.de
www.seqouiacap.com
www.blogging.vc
www.beyondvc.com
www.ventureblog.com
Wenn du es schaffst, im Web eine positive
Feedback-Schleife zu kriegen,
dann wird es vital.
Oder ist es prinzipiell die “Audience“, also eine Community aufgebaut zu haben? Und im
Internet ist es eben häufig die Community.
Zudem sich gerade eine Trendwende im klassischen Konsumentenverhalten abzeichnet.
CL: Folgen hat es sicher. Die Frage ist aber
grundsätzlich: Was ist Ursache und was ist
Wirkung? Ich glaube, technische Rahmenbedingungen sind ganz wichtig, eben Sachen
wie Digitalkamera oder Breitbandanschluss.
Außerdem die Tatsache, dass die Macher
selbst inzwischen kapiert haben, wie SocialNetworking im Internet funktioniert.
Dabei gibt es für Leybold ganz klar ein KillerFeature im Web 2.0-Kosmos, das nicht zuletzt auch YouTube so stark gemacht hat.
CL: Das hat meistens mit Feedback zu tun.
Wenn du es schaffst, eine positive Feedback-Schleife zu kriegen, dann wird es vital.
Nur, hat das auch abseits der Wertschöpfung
Auswirkungen?
CL: Natürlich setzt irgendwann der Effekt einer gewissen Demokratisierung ein und das
verändert natürlich die Medienkultur. Erst
mal dadurch, dass es in der Vergangenheit
einen Dialog gab zwischen wenigen Medien
auf der einen und vielen Konsumenten auf
der anderen Seite. Hier ist der Dialog natürlich immer nur einseitig und hört dann auf,
wenn die Zeitung gedruckt ist. Heute ist theoretisch erst mal eine Viele-zu-viele-Beziehung möglich, weil sich die Seite der “Sender“ auch ständig verändert, eben je nach
Aktualität der Themen. Und dann kommt
es auf die Relevanz an. Digg.com ist letztlich
ein Beispiel dafür, wie so etwas passiert, und
das hat dann natürlich einen Effekt auf die
Art und Weise, wie man Inhalte konsumiert.
Gerade, wenn man sich die VC-Landschaft in
den USA anschaut, wird deutlich, dass man
als Investor immer noch den Spagat zwischen großem Geld und unkonventionellem
Ansatz meistern muss:
CL: Die Early-Stage-Investments sind oft
Baustellen. Es ist nicht so, dass da immer
ein komplettes Team und ein Fünf-JahresPlan vorhanden sind und am Ende steht
irgendeine Zahl, an die man glaubt. Das ist
es nicht. Ich meine, als wir bei del.icio.us investiert haben, und das ist jetzt auch schon
wieder eine Weile her, haben viele Leute,
wirklich sehr viele Leute, gesagt: “What the
hell?!”. Die Leute sind damals auf die Site gegangen und fanden es eine absolut schwer
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Web 2.0 Business
Bubble- oder
Hysterie2.0?
Neuer Hype,
nichts beim Alten
Was kann das Web2.0 vom Web1.0 lernen, um
einen zweiten Dotcom-Crash zu verhindern?
Oder ist sowieso alles anders?
T SASCHA KÖSCH, BLEED@DE-BUG.DE
“Wir könnten uns durchaus in einer zweiten Internetblase befinden.” Richard Parsons, Time Warner CEO
Im Januar 2000 war die Wirtschaftssensation des neuen Jahrhunderts die Fusion von AOL und Time Warner. Die alten Medienmogule und das Internet, so die banale Sicht
damals, würden endlich konvergieren. Und das Internet
- damals war AOL laut Aktien das größere Unternehmen
- vielleicht sogar noch die neue Regentschaft des multimedialen Jahrhunderts bestimmen. Irgendwas musste ja
den Milleniums-Hype rechtfertigen. Was für die einen ein
überfälliger Traum war, ein Anzeichen dafür, dass die New
Economy die Old Economy doch noch schluckt, ein Jahrhundert Kapitalismus mit den Mantras der RessourcenKnappheit und Arbeitskräfte wirklich zu Ende ist und das
nächste von Ideen, Aufmerksamkeitsökonomien, globalen
Massen und virusartiger Kopierbarkeit von Information
regiert würde, war für andere der Moment, an dem klar
war, dass die Blase bald platzen müsste. Und sie brauchte nicht mal mehr den Piekser durch die Twin Towers, denn
schon im März 2000 brachen die Aktien der NASDAQ-Unternehmen komplett zusammen, der stetige Fall dauerte bis 2003. Aus der Spaß, nun regierte der Dotcom-Tod.
Jetzt lagen die New-Economy-Verwöhnten wirklich auf der
Straße, und ihre Aktien-Renten waren bestenfalls noch
das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden. Allein AOL
verbrannte in nur drei Monaten fast 200 Milliarden Dollar
an Aktienvermögen, dafür hätten sie heutzutage 400 MySpace kaufen können, jeder einzelne mit doppelt so vielen
Usern wie AOL selbst (leider gibt es gar nicht so viele Menschen). Und der NASDAQ ist mehr als ein halbes Jahrzehnt
später immer noch nur halb so fett wie damals.
Am Hochofen der IT-Börse
Tatsächlich ist die Bezeichnung Blase,trotz des extremen Peaks
im Jahr 2000, eher eine schwache Metapher, die meisten
benutzen ihn deshalb auch eher als Marketing-Term. Denn
schon Mitte der 90er begannen die - traditionell von Venture-Kapitalisten gefütterten - Internetunternehmen eine Geldverbrennungsanlage zu installieren, die niemand
treffender als Michael Wolff in seinem Buch “Burnrate”
beschrieben hat. Trafen sich damals zwei IT-Kapitalisten,
dann warfen sie sich nicht ihren jeweiligen Aktienkurs um
die Ohren, sondern ihre Burnrate - Damals gingen gerade
die ersten Internetunternehmen an die Börse, auch das
ein entscheidender Unterschied zu heute, wo sich nahezu
niemand mehr an die Börse traut, und somit das Geld, das
in diese “Bubble” fließt, nicht das einzelner Anleger, sondern der sich um ihr Risiko durchaus bewussten VCs ist.
Wie viele Millionen Verlust man damals pro Monat machte,
war das Anzeichen für Erfolg, denn es war das Anzeichen
dafür, wie viel Glaube man für die neue Idee mobilisieren
konnte. Und Glaube, das war damals Kapital, denn das Internet war einfach noch zu neu, um zu verstehen, wie man
aus dem ehemaligen Idealisten und Wissenschaftshaufen
Geld machen könnte.
Trust me
Genau darin ist sich auch das, was jetzt als Web2.0-Bubble
beschrieben ist, den Anfangszeiten des Internet wesentlich ähnlicher als dem Moment des Zusammenbruchs.
Glaube regiert. Aber hier liegen auch die fundamentalen
Unterschiede, denn mittlerweile weiß man, wie man im
Internet Geld verdient, und eine der besten Methoden ist
auch noch einer der Momente, der von vielen als einer der
Gründungsstränge von Web2.0 bezeichnet wird: Googles
AdSense-Programm. Zu den Zeiten von Tom Wolff machte
man Geld mit dem Zugang zum Netz. Er selber verkaufte z.B. eine Filemaker-Datenbank mit ein paar tausend
Webseiten an einen Verlag für Unsummen, die damit dachten, sie hätten das Internet in ihrer Hand. Damals verlief
die Kampflinie zwischen Old und New Economy. Die Frage
war, kauft das Fernsehen das Internet, die Telefonfirmen
die Provider oder andersherum. Heute geht es für Web2.0Firmen eher um die Frage: Google, Yahoo oder Microsoft.
News Corps. Kauf von MySpace ist hier eine große Ausnahme. Fusionen im großen Stil, die im klassischen Ka-
Die Businessfrage 2.0 lautet:
Wie viel Werbung verkraftet eine
Community, bevor sie beginnt,
sich woandershin zu bewegen?
pitalmarkt die Szene bestimmen, sind allerdings ebenso
wenig Thema wie Börsengänge. Da ist man immer noch
glücklich, dass Google es vor zwei Jahren geschafft hat.
Zwar werden immer noch immense Mengen an Geld in
diverse Start-Ups gesteckt, aber zumeist kaufen die Venture-Kapitalisten sich - so denn Erfolg in Form von Userzahlen droht - eher selbst wieder auf. Die Grandes Dames
der Internetindustrie gehören zwar nach wie vor zu großen
Teilen den Gründern, aber eben auch den VCs.
Internet war gestern
War der bestimmende Trend damals also logischerweise das
“Wir wollen auch ins Internet”, lässt sich Web2.0 nicht
mehr auf einen Nenner reduzieren. Die Firmen haben nicht
nur völlig unterschiedliche Strukturen, sondern auch komplett andere Einsatzbereiche. Es gibt Mashups, also Services, die nur wenig Serverplatz und Traffic brauchen, weil
die Hauptinhalte von woanders her kommen, und deren
Überlebensmodell fast schon dem von Selbstständigen
gleichen könnte. Die Mashup-Posse ließe sich, auch das ist
neu an der Web2.0-Industrie, am ehesten mit einer durch
freie APIs angefütterten Talentschmiede vergleichen. Kein
Wunder, dass sich fast alle neuen Start-Ups unisono darüber beschweren, dass es schwer ist, neue Leute einzustellen, weil Google und Co. schon alle wegkauft haben. Dann
gibt es die Content-intensiven Seiten (Video, aber auch
diverse Social-Software-Seiten), die notgedrungen den
Anschluss an die mächtigen Säulen des Netzes suchen
müssen, weil die drohenden legalen Probleme und der notwendige Finanzfluss für Traffic und Serverfarm unweigerlich mit ihrem Erfolg und ihrem Wachstum verknüpft sind.
Dazu kommen noch die mobilen Web2.0-Firmen, die über
Handy-Provider mit ganz anderen Einnahmequellen innerhalb der wenigen Inseln im Meer des großen Umsonstinhalts, zu dem das Web geworden ist, rechnen können.
Und nicht zuletzt die schon jetzt als rein philantropische
Projekte funktionierenden Wikis. Allen gemein ist, und
hier steckt ein weiterer der fundamentalen Unterschiede,
die kaum vermuten lassen, dass sich ähnlich wie aus der
ersten Welle neue Monsterfirmen wie Yahoo oder Google herausdestillieren lassen, dass sich von Anfang an das
monetäre Kapital in einer Wechselwirkung mit dem Kapital der Nutzer befindet. Ein paar vorsichtige Millionen mag
ein angehender YouTube-Klon vielleicht verbraten (was
nicht mehr ist, als man für die Nullnummer einer Zeitung
braucht), aber wenn sich nicht schnell die User einstellen,
dann dürften sich Investoren wie RTL, Jamba etc. schnell
wieder ihrem Kerngeschäft zuwenden. Und wer heute eine
gut funktionierende Social-Software-Seite kauft, der ist
nicht wie damals darauf aus, in eine Idee zu investieren,
sondern er kauft die User gleich mit und damit Realestate
für den Verkauf von Anzeigen. Das Wachstum einer Firma
lässt sich - anders als bei den Bubble-Investitionen - in
den diversen Phasen des Betaprozesses genau verfolgen.
Zwar drückt sich in den Beschreibungen (The Flicker of ...
The MySpace of ... etc.) immer noch die Hoffnung aus, mal
der Größte in seinem Bereich zu werden, aber das konstante Wachsen von Web2.0-Firmen gibt Investoren einen
überschaubaren Rahmen, der Investitionen kalkulierbar
macht.
Verscheuchen statt Verbrennen
Die typische Web2.0-Firma, deren Businessfeld ja nicht mehr
irgendein ominöses Netz der Zukunft ist, funktioniert
letztendlich recht einfach. Sie stellt eine Datenbank mit
Funktionen ins Netz, das Füllen der Datenbank wird den
Nutzern überlassen. Firmen der Bubble - sofern sie sich
denn als Content-Unternehmen platzierten - wollten eben
dieses Datenbankenfüllen selber übernehmen, das war
personalintensiv und damit eben teuer. Was früher durch
frühzeitige IPOs ermöglicht wurde, gelingt jetzt schon im
Betastadium, in dem User gesammelt werden. Und die
lassen sich eben nicht verbrennen, sondern nur verscheuchen, aber vor allem sind sie wesentlich kalkulierbarer
als Hoffnung. Zumal die User damals höchstens in Aktien
investiert hatten, Geld, dessen Eigenschaft es eh ist, zu
fluktuieren, diesmal haben sie Inhalt investiert, ihre Photoalben, ihre Bookmarks, ihre Videos und ihre sozialen Zusammenhänge. Die loszulassen, fällt eigentümlicherweise
schwerer, als Geld zu verlieren. Der Aufkauf einer Web2.0Firma von einem der Internet-Giganten ist also weniger
eine spekulative Investition als vielmehr ein Drahtseilakt
auf der schmalen Linie der User-Ethik. Wie viel Werbung
verkraftet eine Community, bevor sie beginnt, sich woandershin zu bewegen, ist die Businessfrage2.0, nicht das
hohle Versprechen, dass alle das Internet nutzen werden,
denn das ist längst entschieden. Sollte es also, trotz aller
Einwände, doch noch eine Bubble2.0 geben, dann wird sie
sich so langsam wie alle Migrationsprozesse vollziehen.
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Web 2.0 Business
Die Parasiten
des Web
Kaffeehauskultur 2.0
Infrastruktur war gestern: Myspace-Designer
und Mashup-Programmierer bauen sich
im Schatten großer Anbieter ihre eigenen
kreativen Nischen.
Androo Raggio: www.androoraggio.com
Ritual Roasters: ritualroasters.com
Greg Olsen Going bedouin: shurl.org/goingbedouin
Coghead: www.coghead.com
Amazon Web Services: aws.amazon.com
T JANKO RÖTTGERS, ROETTGERS@LOWPASS.CC
Wunder gibt es immer wieder. In der IT-Welt kommen sie gerne in Form von 17-jährigen Genies daher. Leuten wie Androo
Raggio zum Beispiel. Der südkalifornische High-School-Student brachte sich Anfang des Jahres ein bisschen HTML bei,
weil ihn das Aussehen seines Myspace-Profils langweilte.
Anfangs guckte er sich einfach nur Code und Tricks bei
anderen Myspace-Nutzern ab, um seine eigene Seite zu verschönern. Dann widmete er sich den Profilen seiner Freunde
- und entwickelte ganz nebenbei so etwas wie einen eigenen Stil. Großflächige, verspielte Grafiken, die aussehen wie
Kinderbilder oder Collagen – aber garantiert nicht wie die
Myspace-typischen Neunziger-Jahre-Hässlichkeiten.
Wie Raggio lernen derzeit tausende von Teens Webdesign, indem sie sich am Verschönern von Myspace-Profilen
versuchen. Manch einer lässt sein Profil aussehen wie eine
PSP. Andere feilen so lange am Myspace-Code, bis ihre Seite
aussieht wie ein Wordpress-Blog. Oder sie experimentieren
mit gewagten Javascript-Layern, die dann von Myspace regelmäßig wegen eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen gelöscht werden.
Diese heranwachsende Generation von Webdesignern
überspringt gerne mal die klassischen Karrierestufen. Anstatt sich lange mit irgendwelchen Praktika rumzuquälen,
gestaltet man lieber die Seiten seiner Freunde. Bis dann
irgendwann eine Plattenfirma anklopft. Oder ein Filmstudio. Oder, im Fall von Androo Raggio. Eine Stadtillustrierte,
die ihn im Juli kurzerhand auf die Titelseite hiefte und zum
“Meister des Myspace-Designs” erklärte. Fünf Monate,
nachdem er zum ersten Mal einen Blick auf HTML-Quellcode
geworfen hatte.
Von der Fabriketage ins Café
Myspace-Designer sind nicht die Einzigen, die sich in
der Welt des Web2.0 an neuen Geschäftsmodellen versuchen. Dabei geht der Trend immer mehr zum Parasitentum.
Anstatt Google, Yahoo & Co. Konkurrenz machen zu wollen,
sucht man sich einfach komplementäre Nischen. Verbessert
die Produkte der Großen und nistet sich in ihren Schatten
als Parasit ein.
Das deutlichste Anzeichen für diesen Trend ist die Veränderung der Gründer-Mythen. In den Achtzigern waren diese
von Garagen dominiert. Wer in der Microcomputer-Revolution eine Rolle spielen wollte, musste seine Prototypen auf
Vaters Werkbank zusammenlöten. Der Dotcom-Boom der
Neunziger hatte dagegen seine Fabriketagen. Startups waren cool und produktiv, wenn sie dutzende von Mitarbeitern
in ein Großraum-Büro sperrten und mit prall gefüllten Kühlschränken und kostenlosen Massagen bei Laune hielten.
Der Erfolg eines Unternehmens wurde kurz vor dem Crash
denn auch nicht mehr am Umsatz, sondern an der Zahl der
angemieteten Fabriketagen gemessen.
Die Web2.0-Generation hat nun einen weiteren Ort mythischer Produktivität entdeckt: das Café. Auf der ganzen Welt
werden Großstadt-Cafés von Laptop-Nutzern in Beschlag
genommen, die den halböffentlichen Raum kurzerhand in
ihr eigenes Mikro-Büro umfunktionieren. Mit kostenlosen
Wifi und reichlich Koffein bastelt man dort an Mashups und
Web-Plattformen, während im Hintergrund das BittorrentFernsehprogramm für den Abend heruntergeladen wird.
Ganz wie in den vorangegangenen Jahrzehnten bilden
sich dabei bereits erste Legenden heraus, die in zehn oder
zwanzig Jahren mal das Äquivalent zur HP-Garage bilden
werden. Plätze wie Coupa Café zum Beispiel, das als einer
der besten Orte gilt, um in Palo Alto auf Startup-Gründer zu
treffen. Oder Ritual Roasters. Das Café in San Franciscos
Mission District ist so etwas wie die inoffizielle Zentrale der
örtlichen Web2.0-Wirtschaft – und sicher der einzige Gastronomiebetrieb der Welt, in dem Kunden ausdrücklich gebeten werden, beim Anstehen an der Theke doch bitte nicht
zu bloggen.
Nie wieder Serverräume
Doch das Café ist für Web2.0-Parasiten mehr als nur ein
Ort, an dem man ungestraft seinem Laptop-Zombietum freien Lauf lassen kann. Cafés sind auch Teil eines Gesamtkonzepts, das auf das systematische Vermeiden eigener Infrastruktur abzielt. Man will nicht die Fehler der New Economy wiederholen. Nicht abermals das Wuchern der eigenen
Organisation mit realem Wachstum verwechseln. Sondern
Dinge lieber überschaubar halten.
Der kalifornische Startup-Gründer Greg Olsen beschreibt
diesen Arbeitsstil als “Schritt zum Beduinentum”. Seinen
Kollegen in der Branche gibt er den Rat, sich lieber auf die
eigenen Produkte als auf den Aufbau einer komplexen Infrastruktur zu konzentrieren. In einem viel beachteten BlogEintrag zu dieser Idee präsentierte Olsen dann gleich auch
eine Art Kochrezept für ein modernes Bedouinen-Startup.
Die dort aufgelisteten Tipps lesen sich wie das Gegenteil jedes New-Economy-Startups: “Bau keinen Server-Raum auf,
stell keine IT-Kräfte ein. Lass die Ingenieure an den Produkten der Firma arbeiten, anstatt sie mit Betriebsangelegenheiten zu beschäftigen.”
Olsens Polemik ist nicht ganz uneigennützig. Seine Coghead genannte Firma bietet Startups die Möglichkeit, sich
ohne großen Entwicklungs-Aufwand eigene Web-Applikationen zusammenzuklicken. Firmen können damit zum Beispiel komplexe Projekt-Management- oder BuchhaltungsLösungen erstellen, ohne auf eigene Server oder Entwickler
angewiesen zu sein.
Coghead ist nur einer von vielen Anbietern, der Startups
eine Netz-basierte Infrastruktur zur Verfügung stellt. Eines
der interessantesten Angebote kommt von Amazon – einer
Firma, die selbst unglaublich viel Infrastruktur aufgebaut
hat. Die will sie nun offenbar nutzen, um den Web2.0-Parasiten eine Heimat zu bieten. Den Anfang machte Amazons
“Simple Storage Solution” - ein Hosting-Angebot, das mit
flexiblen 15 US-Cent pro Gigabyte monatlichen Speicherplatz und 20 Cent pro Gigabyte verbrauchtem Traffic klassische Webhoster alt aussehen lässt.
S3 wird unter anderem vom Elephantdrive.com genutzt.
Das Startup bietet seinen Nutzern damit in der Beta-Phase kostenlosen Speicherplatz für persönliche Backups an.
Doch Amazons Angebot zieht auch unerwartete Parasiten
an. So nutzt Microsoft S3, um damit Software-Downloads
zu verbreiten. Amazon denkt derweil schon weiter. Die Firma
bietet mittlerweile auch Rechenzeit zum Pfennig-Tarif an.
MashUps: Parasitentum, remixed
Parasitäres Web-Business ist dank solcher Angebote
heute leichter denn je: Rechenzeit und Speicherplatz werden nach Bedarf eingekauft. Das Backend wird ausgelagert. Zahlungsmodalitäten übernehmen Paypal und Google
Checkout. Das Ganze lässt sich modular im Café zusammenklicken. Geld verdient man mit Adsense. Und wer unbedingt Waren verkaufen will, der setzt eben auf Cafepress,
Spreadshirt und Mixonic – jedenfalls, wenn es um T-Shirts,
CDs und dergleichen mehr geht.
Die wahren Könige des Web2.0-Parasitentums sind jedoch die Programmierer von Mashups. Sie kombinieren geschickt existierende Ressourcen und schaffen damit neue
Plattformen mit minimaler eigener Infrastruktur. Besonders
beliebt ist dabei das Verbinden von Google Maps mit Kleinanzeigen für Gebrauchtwagen, Wohnungen, Immobilien und
dergleichen mehr.
Parasitäres Web-Business
ist heute leichter denn je:
Rechenzeit und Speicherplatz
werden nach Bedarf eingekauft. Das Backend wird
ausgelagert. Das Ganze
lässt sich modular im Café
zusammenklicken.
Anfangs war unklar, wie Mashup-Programmierer mit so
etwas eigentlich Geld verdienen können. Mittlerweile haben
sich Partnerprogramme als eine der wichtigsten Einnahmequellen herauskristallisiert. Die Affiliate-Branche wurde
bisher von den Parasiten des Web 1.0 dominiert, unnötigen
Mittelmännern, deren aggressives Marketing nicht selten in
Spammen ausartete. Web2.0-Parasiten bemühen sich stattdessen lieber um ein besseres Produkt – und nützen damit
auch den Großen der Branche.
Darin ähnelt dann auch der Myspace-Webdesigner dem
Mashup-Programmierer. Beide bedienen sich existierender
Infrastruktur, um ihrer eigenen Kreativität freien Lauf zu
lassen. Langjährige HTML-Kenntnisse sind dafür ebenso
unwichtig wie opulente Fabriketagen und vollgestopfte Serverräume. Was zählt, sind gute Ideen. Dass sich damit dann
tatsächlich auch Geld verdienen lässt, ist eins dieser kleinen Wunder des Web2.0. Aber wie heißt es so schön: Wunder gibt es immer wieder.
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Web 2.0 Business
Wie Google zu YouTube kam
Der Big Deal
Die 1,6 Milliarden für den Kauf von YouTube durch Google haben die Spekulation um das Business rings
um Web 2.0 neu entfacht. Aber hinter die Türen des großen Deals wurde nur selten geschaut. Auf der renommierten Pho-Mailingliste von Jim Griffin aus LA, der das New Media Department von Geffen Records
aufgebaut und geleitet hat, einem Netzwerk, in dem sich seit Jahren schon die Größen der neuen Medien
mit denen der Musikindustrie treffen, aber erschien die hier veröffentlichte, anonyme Mail, die einem
einen teils spekulativen, teils erhellenden Einblick in die dem Deal zugrunde liegenden Strategien gibt.
www.onehouse.com/pho.htm
Als erfahrener Veteran im digitalen Musikbusiness möchte ich
meine Vision der Umstände, die zum Kauf von YouTube geführt
haben, schildern. Manches davon basiert auf Gesprächen mit
Leuten, die in den Deal involviert waren, anderes ist Spekulation aufgrund meiner Erfahrung in der Industrie, vor allem mit
Schlichtungen und der Kriegsführung vor den Gerichten.
In den Monaten vor dem Abschluss des YouTube-Verkaufs
steigerten sich die Beschwerden um Urheberrechtsverstöße
massiv. Kleinere Rechteinh aber, aber auch die großen reichten immer mehr Unterlassungserklärungen ein, damit ihr Inhalt von YouTube verschwindet, nur um den gleichen Inhalt
nahezu im gleichen Moment wieder auftauchen zu sehen.
Diese Probleme mussten natürlich den Bewerbern für den
Kauf von YouTube offen gelegt werden. Google wusste davon,
ebenso wie Yahoo, deren Verhandlungen mit YouTube schon
fortgeschritten waren, und sogar News Corp hatte sich erkundigt, war aber aufgrund der Tatsache, dass sie selber mit
MySpace einen Großteil des Traffics von YouTube verursachten, vom neunstelligen Preis schnell abgeschreckt. Obwohl
die Searchengine-Riesen ein wirklich ernsthaftes Interesse
hatten, hatte sich die Wahrscheinlichkeit massiver Urheberrechtsverstöße und darauf folgender Klagen zu einem der
größten Hindernisse beim Verkauf von YouTube entwickelt.
YouTube wusste, dass dieses Problem dringend gelöst
werden musste, und offerierte den Klägern einen direkten
Beteiligungs-Deal, wenn die dafür ihre Anwälte zurückpfeifen
würden. Die großen Medien-Firmen haben dieses Angebot
zunächst mal aus zwei Gründen abgewiesen. Erstens spielte YouTube kein Geld ein, und auch die Pläne, wie das in Zukunft geschehen sollte, waren viel zu unbestimmt. Wichtiger
aber noch aus der Sicht der Medien-Firmen war die Tatsache,
dass der Berg von Verstößen, die YouTube bis dahin schon
angehäuft hatte und auf die YouTube ihr Geschäft und ihre
Bekanntheit gegründet hatte, schon so groß war, dass sie davon auch noch profitieren wollten. Wer würde ihnen das vorwerfen wollen. Trotz aller aufgebauscht lobenden Artikel über
“user-generierten” Inhalt war es den meisten klar, wie viel
davon dadurch generiert wurde, dass die User ihre TV-Tuner
mit dem Rechner verbunden hatten und einfach auf Aufnahme drückten.
Auf Seite der möglichen Käufer brauchte es kein Team von
Harvard geschulten Investment Bankern, um mit der offensichtlichen Lösung zu kommen. Einen Teil der Kaufofferte
musste man für die Schlichtung der kommenden Urheberrechtsverletzungsklagen zurücklegen. Es ist bei solchen
Transaktionen allgemein üblich, einen Batzen für solche Verpflichtungen zurückzulegen, und YouTube wusste, dass sie
wirklich viele Leichen im Keller hatten. Also verständigten
sich die Parteien, darunter die Venture Capital Firma Sequoia
Capital, darauf, einen beachtlichen Teil des Kaufpreises für
eben diese legalen Folgeschäden zurückzuhalten. Nahezu
500 Millionen der 1,65 Milliarden wurden nicht an die Aktionäre ausbezahlt, sondern treuhändisch hinterlegt.
Das Ganze sah zwar damit auf dem Papier erst mal gut aus,
den Google-Anwälten war aber immer noch unwohl, denn die
enormen Rechtsansprüche ließen voraussehen, dass 500
Millionen möglicherweise nicht genug sein könnten, schließlich reden wir von Hunderttausenden von Urheberechtsverletzungen. YouTube bekräftigte zwar immer die aufgrund des
DMCA gesicherten rechtlichen Grundlagen und stellte auch
drei Vollzeitkräfte zur Löschung von Videos ein, aber das war
Google nicht genug. Die Probleme mit kleineren Firmen waren
dabei nicht mal so wichtig, aber die Gefahr, dass die Großgewichte im Medienbusiness Klagen würden, war immer noch
ein großes Hindernis für den Kauf. An beiden Fronten würde
dieser legale Kampf jedenfalls nicht mit dem Winken von Entschädigungszahlungen gewonnen werden. So gab es also die
Entscheidung, im Voraus schon Einigungen mit den größten
Musik- und Film-Firmen zu erzielen. Denn wenn es möglich
war, sich mit denen zu einigen, dann würden auch die eigenen
Anwälte dem Deal zustimmen und die für Banker so überaus
wichtige so genannte “Fairness Opinion” zustande kommen,
die bescheinigt, dass der Kauf zu dem Preis vernünftig ist.
Mit dem avisierten Google-Geld ausgestattet, näherte sich
YouTube den Medien-Firmen nun mit dem Angebot, den Frieden zu kaufen. Da sie ihr ursprüngliches Angebot - Teilhabe
an den Gewinnen - in Cash umgewandelt hatten, witterte die
Film- und Musikindustrie einen fetten Scheck. Dabei wussten
sie allerdings noch nicht, dass Google eine so enorme Summe für YouTube ausgeben würde. Die Angebote von mehreren
10 Millionen Dollar, von denen YouTube nun auf einmal redete, erschienen den Firmen fair und sie würden die eigenen
Wie könnten die Medien-Firmen
das Geld von YouTube kassieren,
ohne dass sie dazu verpflichtet
sind, es an die Musiker oder
Schauspieler etc. weitergeben
zu müssen?
Bilanzen des dritten und vierten Quartals einfach wesentlich
besser aussehen lassen. Die Majorlabel bekamen natürlich
untereinander mit, dass ihre Konkurrenten in heißen Diskussionen mit YouTube waren, und nutzten den unter dem Namen “Most Favored Nation” bekannten Trick, um eine Klausel
einzuführen, dass, sollte einer von ihnen einen besseren Deal
mit YouTube abschließen, sie selber die gleiche Menge bekommen würden. Und so sprangen am Ende 50 Millionen für
jede der großen Medien-Firmen heraus.
Die Aufgabe für die Medien-Firmen bestand nun darin, das
zu tun, was sie besonders gut können. Nämlich: Wie könnten sie das Geld von YouTube kassieren, ohne dass sie dazu
verpflichtet sind, es an die Musiker oder Schauspieler etc.
weitergeben zu müssen. Wäre das Geld als eine Art SendeLizenz für YouTube über den Tisch gegangen, dann hätte ein
Großteil dessen, was sie eingenommen hätten, rechtlich geteilt werden müssen. Die meisten Plattenlabelverträge z.B.
räumen den Künstlern 50% solcher Lizenzdeals ein. Es wurde
also entschieden, dass die Medien-Firmen eine so genannte
“Equity Position” als Investoren in YouTube einnehmen würden, die Google ihnen dann abkauft. Das bewahrte all das
vorausgezahlte Geld vor allen möglichen Tantiemen-Forderungen von Seiten der Künstler, weil es eben als Gewinn eines Investments verbucht werden konnte. Ein paar clevere
Agenten werden sich wohl noch beschweren, dass sie nichts
bekommen haben und mit einer kleinen Zahlung abgespeist
werden, die meisten aber werden von dem, was sich da ereignet hat, keine Ahnung haben.
Da nun also jeder tief in die Taschen von Google gegriffen
hatte, wollte Google auch ganz sicher sein, dass der große
Deal eine weise Entscheidung war. Der Wert von YouTube wird
ja vor allem an seinem Traffic und an seiner marktführenden
Stellung gemessen, die Google jetzt unbedingt erhalten muss.
Hätten sie einfach zugestimmt, dass jeglicher unautorisierte
Inhalt verschwinden muss und der User-Experience schlicht
Anzeigen aufgepfropft wird, würde aus YouTube sehr schnell
nur noch ein Schatten seiner selbst werden. Die User - einen
Mangel an ähnlichen Seiten gibt es ja nicht - würden einfach,
wie oft bei Social-Network-Seiten beobachtet, weiterziehen.
Und die Medien-Firmen hatten nun auch 50 Millionen Gründe, ihre Hilfe anzubieten. Die Entfaltung der zweifachen Strategie von Google kann man jetzt grade in ihren Anfängen beobachten.
Der erste Schritt war einfach. Eine Übereinkunft aller
Beteiligten, für die nächsten sechs Monate einfach in eine
andere Richtung zu sehen, während die Urheberrechtsverletzungen munter weitergedeihen. Dieser rechtliche Waffenstillstand findet - wie so oft - unter dem Mantel der Erarbeitung von Tools statt, die es den Rechteinhabern später einmal ermöglichen sollen, ihren Inhalt selbst zu managen und
die Tantiemen-Einkünfte nachvollziehbar zu machen. Einiges
davon wird mit Sicherheit auch in der Absicht produziert, es
später zu nutzen, dennoch weiß Google vor allem auch, dass
jeder Tag, den sie im Schatten des Urheberrechts mit YouTube zubringen, ein weiterer Tag ist, an dem YouTube immens
wachsen kann. Die Erfahrung, die Google mit ihrem eigenen
Angebot Google Video gemacht hat, das ein wesentlich stärkeres Augenmerk darauf legt, eben nicht unautorisierte Videos anzubieten, zeigt, dass Google sich völlig bewusst ist, wo
der Unterschied liegt. Aus eben diesen Gründen jedenfalls
findet man auch heute noch, und vermutlich noch eine ganze
Weile, Clips von Filmen, Fernsehserien und so gut wie jedes
Musikvideo auf YouTube.
Die zweite Übereinkunft war die, im Lichte eben dieses
Kaufs einer exklusiven sechsmonatigen Lizenz zum Urheberrechtsbruch bei Videos ein paar Gerichtsverfahren gegen
die Konkurrenz anzustrengen. Universal kam dem schon
nach und verklagte prompt die beiden YouTube-Klone Bolt
und Grouper. Und auch das hat mehrere Effekte. Zum einen
erzeugt es einen enormen Druck auf die anderen Video-Seiten, dem Laissez-Faire-Inhalt, der auf all solchen Seiten vorherrscht, die Daumenschrauben anzulegen. So dass, wenn
Google einmal eingestehen muss, dass sie massiv Inhalte
von YouTube entfernen müssen, der Rest der Branche inhaltlich keine Vorteile mehr hat. Zum anderen schließt es so den
Hahn des Investment-Kapitals, der in Folge des Google-YouTube-Deals möglicherweise geneigt wäre, weitere massive Investitionen in dem Sektor zu tätigen. Und ohne dieses Kapital
können die aufstrebenden Videofirmen mit berüchtigterweise massivem Trafficaufkommen weder die nötige Bandbreite für eine Marktherrschaft bezahlen noch die dafür nötigen
Rechenzentren aufbauen. Ein paar interessante Kapitel werden sich in der nächsten Zeit noch entwickeln. Eins davon ist,
wie viel von den Hintergründen des Deals noch veröffentlicht
wird. Aufgrund der Börsenaufsicht ist Google verpflichtet,
größere finanzielle Entwicklungen offen zu legen. Ein Vorteil
von Google ist allerdings ihre enorme Marktkapitalisierung,
die ihnen genügend Spielraum bieten dürfte, Transaktionen
von 50 Millionen als nicht signifikant auszuweisen. Sollten
andere Video-Seiten allerdings über genügend Kleingeld
verfügen, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie einen
Rechtskampf anstreben, und jeder vernünftige Anwalt würde
dann die Dokumente des YouTube-Aufkaufs sehen wollen und
möglicherweise die Medien-Firmen und Google der geheimen
Absprache bezichtigen. Das andere Kapitel dürfte das der
nun noch kommenden Klagen gegen YouTube und sein stolzes neues Elternteil Google sein, denen Google vermutlich
auf zwei Wegen begegnen wird: sehr teure Gerichtsverfahren
oder einfache schnelle außergerichtliche Einigungen, für die
sich wohl die meisten entscheiden dürften. Ob es neben EMI
noch andere große Firmen geben wird, die lieber einen Kampf
wollen, als den großen Scheck zu akzeptieren, werden wohl
erst die nächsten Wochen zeigen.
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Web 2.0 Business
Kannibalimus 2.0
Der Konsument als Konsumgut
Kannibalismus hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht. Web2.0 ist
Kannibalismus im Quadrat. Gedanken zur Nacht.
Maschinen für alle
Phaenomenale 2007
Science & Art Festival
Ein Gemeinschaftsprojekt von
Kunstverein Wolfsburg und
phæno – die Experimentierlandschaft
T SASCHA KÖSCH, BLEED@DE-BUG.DE
Nur dass danach niemand kahl bleibt.
Web2.0 braucht ein anderes Verständnis von
Massen, eines, das zentral sagt: Das Konsumgut ist der Konsument. Und das in entschiedener Differenz zu Dingen wie RealityTV etc., die nur sagen, wir machen den Konsumenten zum Inhalt. Wieder eine Trennung
verloren gegangen, durch die man seit Ewigkeiten die Welt erklärt. Wenn schon das Netz
ein gefundenes Fressen für Dekonstruktivisten war, Web2.0 - das sich ja auch als Wiederauferstehung des “ursprünglichen” Netzes sieht, das was manche auch Read/Write-Web nennen - ist ihnen purer Genuss. Und
auch andere Distinktionen stehen auf einmal
zu sich selbst in einem offenen Widerspruch.
Selbstausbeutung vs. Wahre Arbeit Wahrer Lohn z.B. Unter der Prämisse, dass die
grundlegende Funktionsweise von Web2.0
kannibalisch ist, wird Selbstausbeutung in
der Mitte zerteilt und landet nur noch halb
auf der Seite des darbenden Arbeiter-Ichs,
halb aber eben auf der Seite des genussvollen Konsums des Sozialen. Aber auch positiv
besetzte Begriffe, wie der der Emanzipation
der Medien, die man gemeinhin mit Web2.0
verbindet, erscheinen nur noch halb so jubelnd. Denn wenn das Ziel der Selbstbefreiung der Darm einer undefinierbaren Masse
ist, wird dieses Ziel zumindest schwammig.
Das Phänomen Inhalt
Um die Masse zu verstehen, hatten wir
im letzten Jahrhundert einige Bilder zur Verfügung. Fluss, Meuten, Horden, Massen am
Tropf der Medien, in der letzten Zeit immer öfter auch den Schwarm. Schwarm klingt nach
Intelligenz, der Sublimation von Intelligenz.
Nach aktivem, aber eben nicht personalisiertem Willen. Der Schwarm kreist um irgendwas. So wie die User um die Web2.0-Seiten.
Aber auch der Schwarm reicht nicht, um ein
Phänomen zu erklären: das des Inhalts, den
die User auf einmal selbst bestimmen: Wikipedia-Enzyklopädisten, Hobby-Filmer auf
YouTube, Selbstdarsteller auf Myspace. Ist
der Inhalt erst mal da, dann gelten vielleicht
wieder Schwarmgesetze. Der Mehrwert des
Sozialen, der die Arbeit des jeweils Einzelnen entbehrlich macht. Die Vernetzung als
Katalysator, die eine Webseite auf eine andere Ebene hebt, ohne die - ein oft gemachter
Fehler - Web2.0 wirklich nur eine Anhäufung
von selbstverherrlichenden Monaden wäre.
Statt zu behaupten, Web2.0 wäre das Ego in
Reinstform, müsste man grundlegender sagen, Web2.0 ist eine Maschine, in der das Ich
durch den Fleischwolf gedreht wird, um sich
selbst daraus eine endlose Parade von McMenus zu braten.
Klar, wenn der Kosument sich selbst konsumiert, dann laufen die Konsumgüter und
deren klassische Produzenten Sturm. Web2.0
wirkt auf die monetären Verhältnisse im freien Markt Internet so, wie die Ankündigung
eines Perpetuum Mobiles auf den Ölmarkt
wirken dürfte. Es verursacht eine gewisse
unterschwellige Angst, aber so recht daran
glauben will auch keiner, denn sonst müsste
eine komplette Ökonomie umgestellt werden. So erklären sich auch die sich nahtlos
von Filesharing auf Web2.0-Seiten einschie-
Die Phaenomenale ist ein neues
Festival, das Kunst und Wissenschaft
verbindet.
An drei Wochenenden werden
Techniken der Zukunft und ihre
Popmythen in Performances, Filmen,
Konzerten, Workshops, Theater und
Vorträgen in zwei der bekanntesten
Institutionen und Gebäude Wolfsburgs
präsentiert: dem phæno in einem
Bau von Zaha Hadid und dem
Kunstverein im Rennaissanceschloss
Wolfsburg.
Programm und Informationen ab
Dezember unter
www.phaenomenale.com
Web2.0 ist eine Maschine,
in der das Ich durch den
Fleischwolf gedreht wird,
um sich selbst daraus eine
endlose Parade von
McMenus zu braten.
ßenden Salven von Rechtsklagen. Es geht
der Contentindustrie weniger um ihr zu verteidigendes Recht, sondern um ihr Businessmodell. Gefährlicher als YouTube, MySpace
etc. sind deshalb auch Seiten, in denen die
User ihr Recht auf den Eigenkonsum von sich
selbst bewahren. Wikipedia oder eben GNU
dürften deshalb auch viel grundlegendere
Positionen klären. Ein auf ähnliche Weise
“unabhängiges” soziales Netzwerk, in dem
nicht die finanziellen Interessen der Medienindustrie bestimmen, wer konsumierbar ist
und wer nicht, wäre durchaus denkbar. Die
entscheidende Frage dürfte allerdings in der
nächsten Zeit nicht sein, ob sich solche Netzwerke bilden, sondern ob sie untereinander
vernetzt bleiben, denn auch die scheinbar
unüberschaubarste Community von Kannibalen geht irgendwann ein, wenn nicht ständig neues Fleisch zirkuliert.
12.–14.01
12.–
14.01.2007
.2007 Roboter
26.–– 28.01
26.
28.01.2007
.2007 Privatmaschinen
09.––11
09.
11.02.2007
.02.2007 Cybor
Cyborg
g
design: sensomatic
Es gibt kaum eine Web2.0-Seite, auf der Konsum nicht heißt, den anderen die Haare vom
Kopf wegzufressen.
gefördert durch die
Niedersächsisches
Ministerium
für Wissenschaft
und Kultur
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10.11.2006 17:00:04 Uhr
Design
Sadistische Püppchen
Motomichi Nakamura
Der New Yorker Designer fällt der Infantilisierung der Gesellschaft in den Rücken.
Seine Character haben keine niedlichen Knopfaugen, sondern gefräßige Mäuler.
Sein Sinn für Sadismus hat schon die schwedischen Popper The Knife überzeugt.
T VERENA DAUERER, VERENA@DE-BUG.DE
Motomichi Nakamura malt Traumtexturen: Muster, zusammengesetzt aus Monstern, mit denen der Japaner ausgerechnet die rosa Plastikoberfläche von Spielzeugpuppen überzieht. Seine “Dream Texture Series“ sollen die Bilder
nachempfinden, die beim Aufwachen vor den Augen schwimmen. Deren Schemenhaftigkeit stellt nicht klar, ob sie
noch zum Traum gehören oder nicht. “Wir versuchen immer, in allem einen Sinn zu erkennen. Das wollen die Muster
nicht“, erklärt Motomichi auf der Pictoplasma Konferenz in Berlin.
Seine “Dream Texture Series“ sind diese kleinen Monster mit fletschenden Zähnen und einem fast unangenehm
deftig roten Zahnfleisch. Augen haben sie nicht, nur diesen Vielfraßmund. Die Einzeller oder kleinen Tiefseekreaturen schauen mit ihren vielen Füßchen eigentlich ganz niedlich aus - wäre da nicht ein ekliger Nachgeschmack, der ihnen schleimig anhaftet. Motomichi ist nämlich Fan der Kryptozoologie und beschäftigt sich
vornehmlich mit bizarren Kreaturen wie Loch Ness oder dem Yeti. Von denen hat man bekanntlich wenn überhaupt ein verschwommenes Pseudo-Foto und einen ganzen Komplex an Mythen, die die Gestalt erst durch seine Beschreibungen definieren. “Über die Jahrhunderte wird die Kreatur fast wie eine Ikone. Für mich ist das eine
andere Art, Zivilisation zu beschreiben“, sagt Motomichi und zieht die Parallele zum Character Design: “Wenn wir
auf etwas Unbekanntes treffen, kann das ziemlich Angst einflößend sein; ein dunkles Zimmer oder einen schwarzen
Himmel zum Beispiel. Ich versuche, damit umzugehen, indem ich diese Angst mit einem Character beschreibe.“
www.motomichi.com, www.honey-b-town.com
Sonst animiert der Japaner Flash-Visuals mit AfterEffects für Handy-Werbespots oder zeigt seine Bilder als VJ
im Club. Seine “Dream Textures“ schreibt er aber buchstäblich mit dem Marker auf Puppen. Kleine Puppen,
die man in Brooklyn in jedem Gemischtwarenladen kaufen kann. Da wohnt der Japaner heute, davor lebte er
in Ecuador. Ab nächsten Januar bemalt er eine eigene Edition auf die Figürchen der Hong Konger Figurenwerkstatt Honey B. Dafür rückt er ihnen erst mit Sandpapier auf den Leib, dann sprüht er die behäbig breiten Köpfe
und die rundlichen Körper von Honey B an. Schließlich geht er mit dem Edding für die schwarz-rot-weißen Texturen ran: “Die Puppe träumt, dabei wird sie in ihr eigenes Traummuster eingewickelt. Das soll eine Vorstellung vermitteln, wie sich ihr Traum anfühlt“, sagt Motomichi. Angenehm jedenfalls nicht in ihrer eindeutigen Farbigkeit:
“Rot regt physisch an, das geht über Muskelspannung bis zu höherem Blutdruck. Als das jeweilige Ende des Farbspektrums sollen die drei Farben eindrücklich wie surreal wirken, weil es keine Zwischentöne gibt.“ Mit dem Aspekt
lässt sich wunderbar spielen. Für The Knife fertigte er eine garstige Flash-Animation, die wehtun möchte. Die
Band wollte einen ungemütlich sadistischen Clip für “We share our mother`s health“, um anschaulich zu vermitteln, wie die Probleme der Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Den Schmerz aber muss man gar nicht
direkt zeigen, findet Motomichi. In der Andeutung der Folter liegt das wahre Grausen und das ist viel schlimmer. “Ich mag den sadistischen Aspekt bei Visuals und Motion Graphics“, sagt er nur. An seine Bilder nähert
er sich über Detail-Beobachtungen an. “Ich
sehe die Zähne von einer Person und gestalte
dann den Rest der Figur.“ Daher kommt also
das demonstrativ rote Zahnfleisch im Video
für The Knife. Beim Game “Need for Speed“
hat er sich gefragt, was mit den Spielfiguren
passiert, nachdem sie gestorben und sozusagen im digitalen AfterLife gelandet sind.
Für ein Game-Visual ließ er die Geister der
Game-Figuren als schwarze Wabergestalten
über die Rennstrecke schlurfen. Den Heimweg haben die nicht gefunden. Gebannt hat
er die Angst vor dem Spieltod nicht, aber sie
zumindest personifiziert.
Motomichi ist Fan der Kryptozoologie
und beschäftigt sich vornehmlich mit
bizarren Kreaturen wie Loch
Ness oder dem Yeti.
ASUS F3J Notebook-Verlosung
Nachdem Intel jetzt auch im Apple steckt, kann man die
Chips eigentlich auch mal in ihrem angestammten PCHabitat ausprobieren, vor allem wenn es nichts kostet:
Ein nagelneues ASUS-Notebook mit einem regulären
Verkaufspreis von 1.699 Euro geht an denjenigen, der unsere Preisfrage am trefflichsten beantwortet und rechtzeitig bis zum 31.12.2006 per Briefpost an die Redaktionsadresse schickt: Was ist die Unterschied zwischen
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nach Herstellerangaben dank “Intel Core 2 Duo”-Prozessoren eine vergleichsweise starke Performance bei
gleichzeitig niedrigem Energieverbrauch. Sie unterstützen 64-Bit Anwendungen und besitzen außerdem das
Microsoft-Zertifikat “Windows Vista Capable”.
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Bücher
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Bücher für den Dezember
01_
IWOZ
STEVE WOZNIAK WITH GINA SMITH
W.W. NORTON
Nicht der große Wurf, den sich alle erhofft hatten. Die Autobiografie von Steve Wozniak, dem Erfinder der Apple-I- und
Apple-II-Computer, ist journalistisch eine derartige Katastrophe, dass man sich Mühe geben muss, bis zum Ende durchzuhalten. Manche mögen das oral history nennen, für mich
ist es einfach eine vertane Chance, mehr über die Frühphase
der Euphorie im Silicon Valley zu erfahren. Dabei hätte alles so schön sein können. Gemeinsam mit Steve Jobs hat er
Apple gegründet und mit seinen Designs den PC, so wie wir
ihn heute kennen, erfunden und entwickelt: Monitor, Tastatur, das Ganze mehr oder weniger transportabel. Er gab der
Technologie ein massenkompatibles Interface. Heute ist
Wozniak Ende 50 und macht längst ganz andere Dinge. So
wie er eigentlich immer andere Dinge machen und sich neuen
Herausforderungen stellen wollte, die seiner Ingenieurs-Berufung entsprechen: neue Projekte stemmen, Schaltkreise
designen, Technik entwerfen, die das Leben des Menschen
einfacher macht. Man lernt und erfährt eine Menge über das
Leben dieses Genies. Sein Vater war Ingenieur in der Raketenindustrie, Steve war fasziniert von Technik und Computern,
fing an, Transistoren zusammenzubauen, das Telefonsystem
der USA zu cracken, für HP Taschenrechner zu entwickeln,
für Atari Computerspiele zu programmieren und irgendwann
mit seinem College-Freund Steve Jobs Apple zu gründen.
All das erfährt man, auch wie es nach Apple weiterging. Nur
Spaß macht es keinen, all diese Dinge zu erfahren. “iWoz” ist
so schlecht zusammengestellt, birgt so viele Wiederholungen
und schreiberische und erzählerische Unzulänglichkeiten,
dass von Steve Wozniak weniger das Bild des verdaddelten,
aber genialen Freaks entsteht, für den Firmenstrukturen und
Management ein Graus und nur Wochen mit dem Lötkolben
das einzig Wahre sein, als viel mehr das eines vorlauten Fünfjährigen, der zwar auch genial, aber in seiner unglaublichen
Naivität vor allem anstrengend ist. Vielleicht ist das die Tragik des Steve Wozniak. Zwar machte er mit Apple Millionen,
so wie er seinen Abschied von der Firma beschreibt, weinte
ihm aber niemand in Cupertino eine Träne nach, als er seine
Sachen packte. Kein Wunder, denkt man, wenn man das Buch
zuschlägt. Dennoch sei “iWoz” allen empfohlen, die mehr
über die Gründungszeit von Apple erfahren wollen, über Steve
Jobs und wie es damals war, wenn man Rechner entwarf. Die
Apple-Kapitel sind die, die das Buch lesenswert machen. Den
Rest hätte man auch auf 10 Seiten zusammenfassen können.
THADDI •••
www.wwnorton.com
02_
REINVENTING MUSIC VIDEO
MATT HANSON
ROTOVISION
Das Musik-Video ist bekanntlich tot - und lang lebe es bei
Google YouTubeweiter. Nur, macht es noch Sinn, darüber zu
berichten? Matt Hanson bejaht und geht die Sache auf der
Kunstschiene an: Er stellt Designer mit Analysen vor und legt
sie in den Kontext der grafischen Arbeit mit und um den Digitalfilm. Die, die er vorstellt, werkeln ja meistens crossmedial
rum. Wie viele Agenturen machen die Solo-Künstler hier und
da einen Clip, sonst Werbespots oder Designs. Kollektive wie
Ne-o, Pleix, Brand New School oder Einzelgänger wie Woof
Wan-Bau und Jonas Odell haben sich entweder auf einen
ganz speziellen Charakterzug festgelegt oder sie werden für
Spots gebucht, weil sie dafür bekannt sind, irgendwelches
abgedrehtes Zeugs zu fabrizieren. Manche wie der Südafrikaner Neill Blomkamp landen schließlich bei Kinofilmen: erst
die gefakte Doku “Alive in Joburg“ über Rassismus an Aliens
in den Townships, eben für Adicolor den Yellow-Spot über
“Blade Runner“-artige Androiden, demnächst soll er das
Game Halo verfilmen.
VERENA ••••
www.rotovision.com
03 _
ARCHITEKTUR AUF ZEIT.
BARACKEN, PAVILLONS, CONTAINER
AXEL DOSSMANN, JAN WENZEL,
KAI WENZEL
B_BOOKS VERLAG BERLIN
Industrie, Verwaltung und Militär standen im späten 19. Jahrhundert an der Wiege der temporären Architektur, sie ist eine
Geburt der sich beschleunigenden Moderne. “Schneller sein“
ist das Ziel. Baracken, Pavillons und Container helfen, immer
dort Raum zu produzieren, wo man ihn besser heute als morgen benötigt: als erster Posten auf einem noch ungesicherten Markt, als bewegliches Lazarett im modernen Krieg oder
als Standardarchitektur für verschiedene Lagertypen, seien
sie nun für Häftlinge, Zwangsarbeiter, Displaced Persons
oder Migranten. Es ist das große Verdienst der Autoren dieses Bandes, sich nicht nur den architektonischen Formen der
“Architektur auf Zeit“ zu widmen, sondern immer den historischen und gesellschaftlichen Kontext im Auge zu behalten, in
dem diese flüchtigen Bauten ihren jeweiligen Zweck erfüllten
und erfüllen.
KITO •••••
www.bbooks.de/verlag
04_
DRAWINGS
F.S. BLUMM
AHORNFELDER
Wie kann man zeichnen und gleichzeitig nicht zeichnen? Das
scheint mir die Ästhetik Blumms zu sein. Sie ist geprägt von
Vorsicht und Zufall. In dem vorliegenden Bildband gibt es
unterschiedliche Zeichnungen, die in ihren krakeligen Strichekompositionen an Kinderbilder erinnern. Man kennt den
Künstler sonst als Musiker unter eigenem Namen oder zusammen mit Marcel Türkowsky als Kinn. Die Reduktion, die
diese beiden musikalischen Projekte begleitet, wird in dem
vorliegenden “Zeichenbuch“ noch minimiert. Hier geschieht
fast nichts. Das ist sehr schön. Aber gar nicht beruhigend.
Während man die Seiten eine nach der anderen umschlägt,
passiert es, dass die Zeichnungen sich überraschend vor
dem Wahrnehmungsapparat sperren. Alles scheint schief zu
gehen. In matten Farben. Und mit Buntstiften. Skizzenhaftigkeit, flüchtig und wie aus Versehen. Wie die Studenten im
Prenzlauer Berg. Niemand möchte sie sich anschauen in ihren
Cafes am Cafetrinken. Wie sie bemüht uneigentlich auf ihren
Stühlen herumrutschen. Und doch sind sie da und wir gehen
vorbei und denken auch ganz schnell nicht mehr an sie. Vielleicht würden die schiefen Striche sehr gerne gerade Striche
sein und aus glänzender Lackfarbe. Aber sie sind krumm und
noch keine Pavement-Cover. Es sind krumme, blasse Striche
und Studenten. Das kleine und wunderbare Label Ahornfelder
bringt diesen Bildband heraus und man kann sich keinen besseren Platz dafür vorstellen. Dies ist Field-Recording und Spurensuche für die Augen. Oft hat man das Gefühl, wirklich etwas
zu erkennen. Ein Vöglein, ein Gesicht, ein Spaten, einen Pilz, ein
Stein oder solche Dinge. Aber es stellt sich heraus: Es stimmt
nicht. Da ist nichts, man schaute und schaut und findet.
TIMO ••••
www.ahornfelder.de
05_
THE CHARACTER ENCYCLOPAEDIA
PICTOPLASMA
KIEPENHEUER & WITSCH
Dicker Schinken, teurer Einband - die Characters machen Karriere, wie der neue Pictoplasma-Katalog zeigt. Der ist nämlich
längst kein Katalog mehr, sondern eine ganze Encyclopaedia
- nur den Goldschnitt muss man sich noch dazudenken. Die
Pictoplasma-Konferenz im Oktober wurde auch von hochkulturellen Weihen begleitet - Tänzer aus dem Ensemble von Sasha Waltz und Constanza Macras traten in Character-Kostümen auf, die die international renommierte Kostümbildnerin
Florence von Gerkan entwarf. Das entspricht den derzeitigen
Realitäten der Characters, die immer häufiger in Galerien zu
Gast sind. Das Design-Kollektiv Friends with you beispielsweise war auf der Art Basel in Miami ausgestellt, der derzeit
wichtigsten Kunstmesse. Und auch ihr kommerzielles Potential schöpfen die Characters immer mehr aus: Boris Hoppeks
Bimbo-Puppen bewerben einen Kleinwagen im Fernsehen,
was den Effekt hat, dass man sich an die Bimbos erinnert,
aber nicht an die Automarke. Dass Characters mehr sind als
Werbemaskottchen oder T-Shirt-Motive für latent regressive
Großstadtbewohner, war schon immer ein Anliegen von Pictoplasma. Was dieses Mehr genau ist, kann man jetzt auf den
396 Seiten der “Character Encyclopaedia“ suchen. Die Neuigkeit: Das Oeuvre ist nicht mehr nach Designern geordnet, sondern nach Typologien. Praktisch sieht das so aus: Auf einer
Seite sind nur Characters, die eine Gitarre in der Hand halten.
Einer sieht dabei aus wie ein Wikinger, ein anderer wie ein
Punkrocker aus den späten 70er Jahren und ein weiterer ist
ein bärchenartiges Wuschelwesen. Ein anderes Kapitel zeigt
gezeichnete Characters mit runden Köpfen und großen Augen.
Einmal mit Bart, einmal mit nur einem Auge, einmal mit Hörnern und so weiter. Die Enzyklopädie betont den Universalismus der anthropomorphen Zeichenwelt der Characters, die
sich von den kulturellen Kontexten löst, denen sie entstammen. Stattdessen entsteht ein enges Netz aus Verweisen und
Bezügen quer durch alle Kulturen. Zeichnet die ganze Welt
vielleicht an einem großen Character?
FELIX DENK ••••
www.pictoplasma.de
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09.11.2006 16:48:19 Uhr
Film
Respekt vor der Arbeit
On/Off The Record ist auf
City Slang erschienen.
www.notwist.de
Jörg Adolph
Der Dokumentarfilmer und Fan von The Notwist hat in “On/Off The
Record” den Geist der Weilheimer Bedenkenträger kongenial eingefangen. Vor kurzem lief sein Film “Houweland” an, in dem er eine
Romanentstehung begleitet. Auch sonst hat er ausgeprägten Sinn für
das Spannende im Unspannenden.
T MORITZ METZ, METZ@SOLAEUFTSBUSINESS.COM
Jörg Adolph zelebriert die Kunst des unauffälligen Dabeiseins
bei jeder Art von Entstehungsprozessen - und trägt uns kommentarlose, aber hochaufmerksame Filme auf die Leinwand
und Mattscheibe. Sein Dokumentarfilm “On/Off The Record“
begleitet die Weilheimer Band The Notwist beim Arbeiten an
ihrer 2001er-Jahrhundertplatte Neon Golden - von den ersten
Bandproben über tüftelige Aufnahmen, fremd-businessmäßige Labelmeetings, alberne Fotosessions bis zum Mastering in
den Abbey-Road-Studios und schließlich zu endlosen Interviewsessions. Moritz Metz hat mit ihm über das Filmen, Respekt vor der Arbeit und Entschleunigung gesprochen.
Weilheim ist vieles - aber niemals so etwas wie “mediengeil“.
Wie hast du es in deren damaliges Hauptquartier, das UphonStudio, geschafft?
Jörg Adolph: Notwists Platten kannte ich schon lange und
die Band schien mir ideal für einen Film über Studio-Arbeit.
Ich habe mich ganz klassisch über den Bandmanager angenähert und obwohl ich versprach, einen ganz anderen Film
zu machen, blieben sie erst mal skeptisch, ließen mich aber
für eine Probewoche dabei sein. Danach durften wir bleiben!
Meistens waren wir zu zweit. Ein Kameramann - und ich am
Ton.
sich dagegen The Notwist über Geld und so was gemacht haben. Auch dass sie nicht den großen Majordeal abgeschlossen haben. Es ging wirklich um die Musik. Diese Entschleunigung: Hauptsache, du glaubst an das, was du machst, die hat
mir extrem viel Ruhe gegeben - und wahrscheinlich meine
ganze Arbeitsweise geprägt.
Ich mag diese Stelle, wo der Reporter vom Weilheimer Tageblatt die Acher-Brüder fragt, ob “es Hobbys gibt”, und Micha
nach einer Nachdenkpause ganz ratlos das Wort “Hobbys”
wiederholt. Der nächste Schnitt zeigt dann ihn und Markus
bei einem Auftritt mit der Dixieland-Band ihres Vaters auf einem bayerischen Marktplatz - und danach bei Notwist-Tonaufnahmen im Heimstudio. Eine astreine filmische Antwort.
Wie wichtig ist Montage?
Klar, man weiß, warum man jeden einzelnen Schnitt
macht. Das Schwierigste daran ist diese Art von Dramaturgie; den Film ständig so am Laufen zu halten, dass das Interesse des Zuschauers nicht verebbt. Aber man kann auch
nicht die monatelange Studioarbeit in einer Viertelstunde
abfrühstücken, um dann gleich zu den lustigen Szenen zu
kommen. Wenn ich es nicht schaffe, dass der Zuschauer über
diese wichtigen Szenen hinwegkommt und versteht, dass es
an und findet vielleicht seltsam, was man vorher nicht seltsam fand.
Wie bei dieser gefakten VIVA-Liveschaltung von The Notwist
zu Charlotte Roche. Das Interview führt nämlich gar nicht
Charlotte, ihre Fragen werden später hineingeschnitten. Wie
kam das?
Ich war glücklich, dass Charlotte Roche dieses Interview
mit The Notwist plante, denn ich wollte unbedingt das Musikfernsehen mit drin haben - und ich fand ihre Sendung immer
interessant. Zum Termin war sie aber leider krank. Also hat
der Regisseur der Sendung diese Liveschalte inszeniert - und
ich durfte auch beim Dreh von Charlottes Fragenpart dabei
sein. Das war so offen und übertrieben lustig, das war fast
Schüler-TV-Anarchie. Wenn Fernsehen immer so liebevoll gemacht wäre, das wäre großartig!
Ich habe neulich mit Martin Gretschmann telefoniert, Notwist stecken mittlerweile tief in der ernsten Anfangsphase
zum neuen Album, es soll womöglich noch 2007 erscheinen.
Im neuen, bandeigenen Studio gibt es keinen Regieraum, viel
geschieht mit Kopfhörern, sie können schneller kleine Dinge
aufnehmen. Kein riesiger Unterschied. Irgendwie - und viel-
Als Zuschauer wird man zum
Mitverschwörer, guckt sich aus
Notwists Perspektive die Dinge
an und findet vielleicht seltsam,
was man vorher nicht seltsam
fand.
Ganze 70 Drehtage hast du The Notwist begleitet. Wie lange
hat es gedauert, bis die Kamera nicht mehr störte?
Protagonisten gewöhnen sich meistens schnell an die
Kamera, das ist auch meine Erfahrung aus anderen Filmen.
Man ist dann einfach dabei, ohne einzugreifen. Und mein Talent, mich unsichtbar zu machen, ist relativ groß. Der Idealfall
tritt ein, wenn man dadurch stört, dass man mal ausnahmsweise nicht filmt. So nach dem Motto: Ist es gerade nicht interessant genug, was wir machen? Das passiert tatsächlich.
Man ist einfach Teil des Prozesses.
Du konzentrierst dich im ersten Teil besonders auf die Arbeit
an dem Song “One Step inside”. Man sieht Gastmusiker kommen und gehen, sieht viele Versuche und Diskussionen.
Wir haben den Song nicht nur deswegen ausgewählt, weil
wir ihn in vielen Entstehungsschritten gefilmt hatten - ich
finde auch die Programmatik des Titels für den Anfang des
Filmes sehr reizvoll: “Ein Schritt hinein heißt nicht, dass du
irgendwas verstehst.” Meine große Sorge war ja immer, der
Band und dem Album gerecht zu werden. Ich war nämlich
von Anfang an überzeugt, dass Neon Golden ein Meisterwerk
wird.
Was hat dich am meisten an der Studioarbeit beeindruckt?
On/Off The Record war ja mein erster selbst produzierter
Film nach der Filmhochschule und ich hatte zeitweise echte
Geldsorgen. Es war so beeindruckend, wie wenig Gedanken
so sein muss; dass genau hier die Hauptarbeit der Band geschieht, dann habe ich etwas falsch gemacht!
Monotonie taucht in allen deinen Filmen auf. In “Kanalschwimmer“ begleitest du Langstreckenschwimmer über
den Ärmelkanal. In “Houweland - ein Roman entsteht“ zeigst
du die langwierige Arbeit eines Romanautors.
Ja. Manche Leute sagen, Langstreckenschwimmer über
den Ärmelkanal zu begleiten, ist in etwa so spannend wie
Wandfarbe beim Trocknen zuzusehen. Ich sage dann: Das ist
ein Abenteuerfilm. Oder sie sagen: Man kann den Prozess des
Romane-Schreibens nicht darstellen. Stimmt. Aber ich kann
zumindest etwas wie eine Länge reinbringen, die mehr ist als
nur freudiges Gelingen - eine Erfahrung! Man darf nicht alles
glattbügeln. Es geht mir vor allem um Respekt vor der Arbeit.
Im zweiten Teil von On/Off The Record rückt der Kontakt zum
professionellen Musikbiz immer mehr in den Fokus. Gerade
bei den Promo-Besprechungen prallen Welten aufeinander.
Später zeigst du den ganzen Interview-Marathon, durch den
die Band wohl oder übel gehen muss. Meine Interviews mit
den Jungs waren beunruhigend ähnlich. Als Zuschauer aber
fühlt man sich viel weiser und klüger als die ollen Promooder Pressefuzzis.
Diesen Erzähltrick mag ich natürlich am Dokumentarfilm.
Man wird sozusagen zum Mitverschwörer und geht mit der
Band diesen Weg, guckt sich aus ihrer Perspektive die Dinge
leicht liegt das nur an den Erlebnissen mit Neon Golden fühlt man im Film die frühen 2000er trotzdem heraus. Findest
du es seltsam, dass dein Film erst fünf Jahre später auf DVD
erscheint?
Der Prozess ist ja zeitlos. Wobei Dokumentarfilm auch
immer Zeitdokument ist. Das merkt man auch daran, dass
DVDs vor fünf Jahren noch gar nicht so ein Thema waren.
Heute stellt man sich die gerne wie ein Buch ins Regal. Und
die DVD ist schon auch Werbung für die neue Platte.
Wie dolle hinkt eigentlich der Vergleich zwischen deinem Film
und dem von Sönke Wortmann, in dem er die Deutsche Nationalmannschaft während der WM begleitet - immerhin auch
ein Einblick in einen Arbeitsprozess.
Einen Film über die Fußball-WM als Arbeitssieg hätte ich
natürlich gerne gemacht. Den hätte wohl jeder Dokumentarfilmer gerne gemacht. Mir ist der Wortmann-Film aber viel
zu wenig gut beobachtet, d.h. man blickt nicht wirklich hinter
die Kulissen und spürt keine filmische Handschrift. Ich bin
eigentlich ratlos darüber, dass hier kein eigensinniger Dokumentarfilm entstanden ist, sondern ein langgestrecktes Werbevideo. Die Chance wäre ja da gewesen, durch die Nähe zur
Mannschaft. Und den Film hätten auch zwei oder drei Millionen Leute angesehen, wenn er genauer hingeschaut hätte. So
stelle ich fest: Was heute im Kino als Dokumentarfilm funktioniert, nutzt die vielen Möglichkeiten des dokumentarischen
Arbeitens eher oberflächlich.
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DVD
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DVDs für den Dezember
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GODARD COLLECTION 1+2
JEAN-LUC GODARD
UNIVERSUM
Harmony Korine verkündete einmal, die Nouvelle Vague des
französischen Kinos in den sechziger Jahren sei im Ganzen
ein Mist gewesen - lediglich die Filme Jean-Luc Godards seien unverzichtbar. Tatsächlich hat sowohl François Truffauts
Liebesromantik wie Eric Rohmers Sozialfetischimus und Jacques Rivettes Mystik etwas Eskapistisches, Relatives. Kein
anderer hat das Kino mit einer vergleichbaren Brutalität zur
modernen Kunstform gemacht wie Godard, nachdem ja in
den ersten sechzig Jahren der Filmgeschichte weitgehend
die Erzählformen des vorangegangen Jahrhunderts benutzt
wurden. In seinen Filmkritiken in den fünfziger Jahren entwickelte Godard einen systematisierenden Ansatz, der ihn zu
einem der einflussreichsten Filmkritiker dieser Zeit machte.
Mit einer unvergleichlichen Energie hat er in den sechziger
Jahren als Regisseur mit dem Gestus eines Konzept-Künstlers alle denkbaren Genres und Typen von Kino bearbeitet.
Er zerriss die selbstverständliche Verbindung zwischen Bild
und Ton, Schrifttafeln in den Filmen wurden zu seinem Markenzeichen. Godard habe eine neue Art entwickelt, “und” zu
sagen, kommentierte Gilles Deleuze. Godard war der einzige
erfolgreiche französische Filmemacher, der aus der Revolution von 1968 die Konsequenz zog, keine konventionellen Kinofilme mehr zu produzieren, und schloss sich einem Kollektiv
politischer Filmaktivisten an. In den siebziger Jahren setzte
er sich mit Video und Fernsehen auseinander, um Anfang der
Achtziger zum Format des Spielfilms zurückzukehren. Nun
war aber nicht mehr die Filmgeschichte der Bezugsrahmen,
sondern die gesamte europäische Kulturgeschichte. Sein bis
heute letztes großes Werk ist die “Histoire du Cinema”, die die
Geschichte des Kinos in kommentierten Bildern erzählt. Auf
Teil 1 von Universums Godard Collection erscheinen zwei Filme: “Band a part”, “Die Außenseiterbande”, nach der Quentin
Tarantino seine Produktionsfirma benannte. In der Härte und
Brüchigkeit eines amerikanischen B-Movies erscheinen Figuren und Dialoge in einem Realismus, der bis dahin unbekannt
war. Sensationell ist die Veröffentlichung von “La femme mariee” - neben “Le Gai Savoir” Godards einziger Film aus den
sechziger Jahren, der bis heute weder auf DVD noch auf VHS
erhältlich war. In “Weekend” von 1967 auf Teil 2 der Godard
Collection entwickeln sich aus den Staus der Ferienzeit bürgerkriegsartige Zustände. “Je vous salue Marie” versetzt die
Geschichte von Maria und Joseph mit dem Thema der sexlosen Mutterschaft in die Gegenwart. Einen schönen Abschluss
bildet das einstündige Selbstportrait “JLG/JLG” von 1995: “Die
Kunst ist ein Feuer, das von dem zehrt, was sie verbrennt”,
heißt es darin.
ALEXIS WALTZ •••••
www.universumfilm.de
02_
MONDAY / THE BLESSING BELL
SABU/ HIROYUKI TANAKA
RAPID EYE
Zuletzt überraschte der japanische Regisseur Sabu mit
“Shisso”, einer ins Irrwitzige beschleunigten, parodistischen
tour de force durch die typischen japanischen Film-Genres.
Wie wenigen jüngeren Regisseuren ist es Sabu gelungen, einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil zu entwickeln.
Aus den formalen japanischen Umgangsformen entwickelt er
absurde Momente, seinen Helden passieren schicksalhafte
Ereignisse, die sich wenig später im Nichts auflösen können.
Sabu erfindet eine sehr japanische Form der Groteske, die
manchmal an Filme von Buster Keaton erinnert, manchmal
an John Landis. Es gibt keine diffusen Momente, keine Anbiederung an die Zuschauer, seine Filme sind durchkomponiert
und formal makellos, im Ganzen bleiben sie aber rätselhaft.
In den letzten zehn Jahren hat Sabu neun Filme produziert,
von denen jeder beachtlich ist. Immer wieder tauchen die
Stammschauspieler Shin’ichi Tsutsumi, Ren Osugi und Susumu Terajima auf. Sabu ist die große Entdeckung der Berlinale - vor zehn Jahren wie heute, denn im internationalen
Arthouse-Kino wird er nach wie vor kaum beachtet; am intensivsten wird er außerhalb Japans von Fans des asiatischen
Genre-Kinos rezipiert. Die Gangster-Plots seiner früheren
Filme lässt Sabu bei diesen beiden 2000 und 2002 entstandenen Filmen hinter sich. Die Geschichte von “Monday” erinnert an Joe Schuhmachers “Falling Down”: Ein junger Angestellter wacht nach einer Sauftour in einem Hotelzimmer auf,
um sich sukzessive daran zu erinnern, völlig sinnlos mehrere
Menschen erschossen zu haben. Das Sondereinsatz-Kommando lauert schon hinter der Tür. Bei “Blessing Bell” unternimmt der Held einen Spaziergang und erlebt dabei ganz
Unwahrscheinliches: Etwa stiehlt ihm die Mutter eines Kindes, das er aus einem brennenden Haus gerettet hat, einen
Lotterie-Gewinn, zu dem ihm ein Geist verholfen hat. Sabu
setzt bestimmte Bilder und Archetypen in Szene, in denen die
japanische Kultur gefangen zu sein scheint, und stellt dabei
die unwahrscheinlichsten Brüche und Verbindungen her: Ein
überbordender Ideenreichtum steht einem sphinxartigen
Schweigen gegenüber.
ALEXIS WALTZ •••••
www.rapideyemovies.de
03_
DEMON POND
TAKESHI MIIKE
RAPID EYE MOVIES
Zwar gab es auch schon vorher formalexperimentelle Exkursionen im Schaffen Miikes, doch mit einer klassischen Theateraufführung war wohl nicht unbedingt zu rechnen. Miike
sucht in seiner Inszenierung dabei nicht die polarisierende
Konfrontation mit dem Medium, also etwa anhand eines direkten Bühnentransfers seiner Schocktaktiken aus berüchtigten Werken wie “Audition“, “Ichi - The Killer“ oder “Izo“,
sondern bewegt sich durchaus in den Konventionen der Theaterregie. Wie schon bei Lars von Triers vergleichbaren Experimenten gibt es jedoch eine perspektivische Kameradramaturgie, die im minimalistischen Bühnenbild dem Treiben der
Schauspieler folgt, von denen einige Gesichter auch in seinen
Filmen zu finden sind. Inhaltlich balanciert Miike gekonnt komische und dramatische Züge im Kontext einer Legende, in
der mythische und reale Welt koexistieren, was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann. Ein sehr schöner Stoff, mit dem
Miike ohne zu moralisieren menschliche Gesellschafts- und
Kulturtradition auseinander nimmt, und ein paar Seitenhiebe
in Richtung der Imperialisten aus Übersee gibt es noch obendrauf.
FINN •••••
www.rapideyemovies.de
04 _
DER MYTHOS
STANLEY TONG
SPLENDID
Jackie Chan ist ein wenig wie Gene Kelly, ein Bewegungsgenie, dem man seine Virtuoisität nicht ansieht. Seine Art in
Würde zu altern ist es, in dieser Hongkong-Großproduktion
seinen geschundenen Körper in irrwitzigen Choreographien
abermals zu malträtieren, jedoch in einem Film, der mit seinen Hollywood-Expeditionen nur noch wenig gemein hat. Das
Brimborium das hier aufgefahren wird erfordert vielmehr die
beträchtliche Auffassungsgabe eines Konsolenprofis, der
nach einem zwanzigstündigen Arbeitstag in seiner kartongroßen Heimstatt zur Entspannung das Home Entertainment
Center hochfährt. Es gibt alternierende, Jahrhunderte überbrückende Handlungsstränge zwischen Traum und Wirklichkeit, große Liebe, große Mythologien und Dynastien und allgemein großes Getöse in verstörenden Set Designs zwischen
Kurosawa und Gilliam, mit Legionen von Komparsen. Es enthüllt sich das Rätsel der Tonsoldaten, der Unsterblichkeit
und der Wiedergeburt und ein Satz wie „Der Kaiser von China
hat mit Hilfe des Meteoriten eine Welt der Schwerelosigkeit
erschaffen“ ist im Zusammenhang weniger hanebüchen als
er klingt. Der Subtext ist jedoch ein wehmütiger: eine BoomNation, die im Expansions- und Fortschrittsdrang ihre Werte
verrät. Dieser Film zeigt eindrucksvoll, was man verliert.
FINN ••••
www.splendid-film.de
05_
ZEHN BRÜDER SIND WIR GEWESEN:
DER WEG NACH AUSCHWITZ & DIE
FEUERPROBE: NOVEMBERPOGROM 1938
1937 - KUNST UND MACHT: EIN VER
HÄNGNISVOLLES JAHR FÜR EUROPA &
HITLERS SONDERAUFTRAG LINZ: DER
GRÖSSTE KUNSTRAUB ALLER ZEITEN
DIE FILME DES ERWIN LEISER
ABSOLUT MEDIEN
Der deutsch-schwedische Publizist und Regisseur Erwin
Leiser (* 16. Mai 1923 in Berlin; † 22. August 1996 in Zürich)
zählt zu den wichtigsten Kämpfern gegen das Vergessen.
1938 nach Schweden emigriert, hielt er den Deutschen seit
den 50er Jahren in zahlreichen Filmen und Büchern den historischen Spiegel vor. Sein Film “Mein Kampf” von 1959 zählt
bis heute zu den wichtigsten Dokumentationen über den
NS-Staat. Einige seiner weniger bekannten Filme erscheinen
nun auf DVD, wobei das Spätwerk “Zehn Brüder sind wir gewesen”, eine Reaktion Leisers auf den erstarkenden Neonazismus im wiedervereinigten Deutschland, als erschütternde
Schilderung der nationalsozialistischen Judenverfolgung und
-vernichtung mit nie gezeigten Aufnahmen und dem Schwerpunkt auf das Vernichtungslager Auschwitz das zentrale Werk
darstellt. Nicht weniger wichtig ist der Film “Die Feuerprobe”
über die Novemberpogrome 1938. Das NS-Kunstverständnis
und die Kunstraubzüge der Nazis beleuchten schließlich die
beiden Filme “1937 - Kunst und Macht” und “Hitlers Sonderauftrag Linz” auf beklemmende Weise. Zusätzlich wird “Pimpf
war jeder” und das Elie-Wiesel-Porträt “Im Zeichen des Feuers” auf DVD erscheinen.
JOJ ••••-•••••
www.absolutmedien.de
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09.11.2006 16:56:12 Uhr
Filme in Echtzeit
Nerds machen Kunst
Kurzfilme aus der CPU
Demos sind kleine Filme aus dem Rechner,
die ambitionierte Programmierer der Welt
schenken: Ästhetische Anarchie und harte
Technik. Heute findet sich die Techno-Subkultur der Demo-Produzenten nach zwanzig
guten Jahren in der Nische plötzlich in der
kulturellen Hauptkampfzone wieder.
T ANTON WALDT, WALDT@QUINTESSENZ.AT
“Über selbst programmierte Intros gecrackter Amiga-Spiele
entstand die Demo-Szene: Kids, die waghalsige Animationen
zusammenhackten, sich in Crews organisierten und auf internationalen Demo-Partys gegenseitig den Ruhm streitig machten - elektronisches Graffiti”, so hat Kollege Janko Röttgers
vor sechs Jahren die Entstehung der Demo-Szene kurzknackig auf den Punkt gebracht. Seitdem haben die Coder fleißig
weiter Kurzfilme in Genres wie C64, 64KB-Intro oder PC-Demo
geschrieben: Jede Menge Bit-Zauberei, LSD-geschwängerte
Manga-Fantasien und noch nie gesehene Oberflächenstrukturen. Die Demo-Szene ist damit auch nach zwanzig Jahren
noch äußerst vital. Trotzdem scheint es dieser Tage zu rumoren, einerseits weil viele technische Rekorde nicht mehr
zu toppen sind, andererseits weil sich Themen und Tools, die
aus einer Very-Special-Interest-Perspektive entwickelt und
gepflegt wurden, plötzlich wahnsinnig populär sind - und auf
die Vereinnahmung der eigenen Gepflogenheiten durch den
Mainstream reagieren Subkulturen naturgemäß empfindlich.
Kopieren ohne Qualitätsverlust, das eigene Medium produzieren, Copyleft, wahnsinnig viel Energie in soziale, digitale
Netzwerke investieren, kleine Filmchen zur Unterhaltung
aus dem Netz saugen: All dies gehört zu den traditionellen
Sitten und Gebräuchen der Szene, die der Natur der Demos
entsprechen. Trocken definiert, sind Demos ausführbare
Programme, die in Echtzeit Computergrafiken und Musik
darstellen, Rechner werden von Demos also nicht als Abspiel-, sondern als Produktionsgerät genutzt. Und weil es
dabei traditionell nicht um Popularität, sondern um virtuose Programmierung geht, wurden Demos schon immer im
Netz freigelassen: So gesehen hat die Demo-Szene schon
Filme unter Creative-Commons-Lizenzen produziert, bevor es Creative Commons überhaupt gab.
Inhalt statt Technik
Demos sind ein kultureller Hybrid, irgendwo zwischen Computerspiel und Kurzfilm, wobei der wichtigste Unterschied
zwischen den beiden Medien darin besteht, dass der Film
Bild für Bild gespeichert, das Game dagegen in Echtzeit
vom PC oder der Konsole errechnet wird. Demnach sind
Demos technisch eher Computerspiele, allerdings ist Interaktion nicht üblich, beim Konsumieren verhalten sich
Demos also eher wie Filme. Der Demo-Szene ist dieser Hybrid-Zustand von Anfang an vertraut, drastisch verändert
haben sich inzwischen aber die beiden Pole der DemoWelt, der Kurzfilm und das Computerspiel: Games waren
in den 80er Jahren eine Domäne von jugendlichen Nerds,
ein C64 im Kinderzimmer markierte ziemlich treffsicher
die Grenze zu Sportlern und Rowdies. Selbst gemachte
Filmchen vorführen und darüber abstimmen, welcher am
gelungensten ist, war unterdessen außerhalb der DemoSzene höchstens eine Angelegenheit für KunsthochschulStudenten mit Super8-Spleen. Die heutige Rechner-Allgegenwart und YouTube müssen vor diesem Hintergrund für
Veteranen der Demo-Szene irritierende Phänomene sein,
auf die man entweder mit Trotz oder einer Neubestimmung
der eigenen Position reagieren kann: “Beim neuen Pixarfilm
staunt man ja auch nicht mehr über die Technik, sondern
über die hervorragende Story. Das Gleiche passiert in der Demo-Szene”, erklärt Dierk Ohlerich von der Demo-Gruppe
Farbrausch: “64-Kilobyte-Demos waren das letzte Gebiet,
bei dem man mit Technik begeistern konnte. Aber nach dem,
was da alles passiert ist, inzwischen eben auch nicht mehr:
Man kann die technischen Einschränkungen nicht mehr sehen. Jetzt müssen Demos vor allem über Inhalte überzeugen,
durch Ideen.” Die Programmierer mit dem doppelten Provisorium im Namen scheinen erwachsen zu werden, statt
Stagnation tritt die Demo-Szene die Flucht nach vorne an
und setzt sich dabei auch dem Blick einer breiteren Öffentlichkeit aus, etwa bei der “Intel Demo Trailer Competition”: Der Wettbewerb stellt eine Mischung aus szenetypischen und neuen Elementen dar, so liefert DJ Hell 30- bis
40-Sekunden-Tracks, die ausgewählte Demo-Gruppen
remixen und als Basis für ihre Wettbewerbs-Demos nutzen: “Ein kommerzieller Musiker wie DJ Hell ist extrem ungewöhnlich im Demo-Zusammenhang, außerdem werden die
Demos mit 30 Sekunden deutlich kürzer als üblich”, erklärt
Tobias Heim vom Demo-Verein Digitale Kultur: “Normalerweise sind Demos eher zwei bis drei Minuten lang, eigentlich
das typische Radio-Pop-Format. Ich bin daher auch extrem
gespannt, was die Gruppen abliefern werden.” Der Gewinner wird dabei, wie in der Demo-Szene üblich, durch das
Publikum gewählt - das sich in diesem Fall aber nicht auf
die Szene beschränkt, sondern auf die gesamte InternetÖffentlichkeit ausgeweitet wird. Und auch das Publikum
der Abschlussparty des Wettbewerbs mit Gigolo-DJs und
Deichkind im Münchener Ampere-Club wird sich deutlich
von Demo-Partys unterscheiden. Dass das Teilnehmerfeld
durchgehend aus international renommierten Gruppen wie
ASD aus Griechenland, MFX aus Finnland oder Conspiracy
aus Ungarn besteht, zeigt die Bereitschaft der Szene, sich
einer breiteren Öffentlichkeit zu stellen, honoriert wohl
aber auch das langjährige Engagement des Chipherstellers als Sponsor von Projekten und Partys der Demoszene.
Anlässlich der “Intel Demo Trailer Competition” hat Debug
mit Tobias Heim und Dierk Ohlerich über die bewegte Demo-Lage gesprochen.
Die Farbrausch-Seite geizt eher mit Informationen über die
Gruppe, zum Beispiel wie lange ihr schon dabei seid?
Dierk Ohlerich: Wir machen eben Demos und keine Websites, daher ist das sehr spartanisch. Farbrausch gibt es seit
sechs Jahren, aber viele Mitglieder sind schon seit zehn Jahren in der Szene - ich habe mein erstes Demo 1991 gemacht.
Irgendwann saßen wir in Hamburg und alle Gruppen waren
tot oder doof, da haben wurde gesagt: Wir machen jetzt Farbrausch! Zum Start waren es zu drei, nach einem Jahr waren
es dann fünfzehn Mitglieder und wir haben richtig gerockt.
Farbrausch ist dabei erst mal ein Rahmen. Drei Leute sind typisch für ein Projekt, aber das können auch mehr werden. An
“fr-025: the.popular.demo” haben beispielsweise zehn Leute
über einen längeren Zeitraum gearbeitet. Hamburg ist immer
noch unser Headquarter, aber die Hälfte kommt woanders
her, von Finnland bis Singapur.
Wie muss man sich die Partys vorstellen?
Dierk Ohlerich: Das ist ein treibender Motor für die ganze Szene. Man kennt sich ja sonst weitgehend nur aus dem
Netz. Es gibt unzählige kleine und große, da kommen bis zu
1.000 Leute aus ganz Europa. Höhepunkt sind dabei die Wettbewerbe, man sieht neue Sachen auf einer großen Leinwand
und die Besucher wählen die besten Demos.
Tobias Heim: Demopartys sind wie ein Filmfestival auf
Speed: Einreichung, Präselektion durch eine Jury, das Screening, die finale Bewertung durch das Publikum, die Preisverleihung - alles passiert innerhalb von drei Tagen. Außerdem
gibt es nur Premieren, also: Uraufführungen, Bewertung, Veröffentlichung im Netz passieren fast gleichzeitig. Dann kennt
die Szene die Demos und zur nächsten Party müssen wieder
neue Sachen gemacht werden, und die Premieren geben den
Partys natürlich auch ihre Einzigartigkeit.
Auf den Partys laufen die Demos in verschiedenen Wettbewerben?
Dierk Ohlerich: Ja, die haben alle eine eigene Faszination:
Bei C64-Demos wird beispielsweise heute exakt der gleiche
Rechner eingesetzt wie vor zwanzig Jahren, da kann man die
Arbeiten natürlich extrem gut vergleichen. Bei den Size-Wettbewerben gibt es eine festgelegte File-Größe, das 64-KB-Intro ist der Klassiker, also: 64 KB für Musik und Grafik! Diese
Einschränkung erzeugt viel Inspiration, das ist einfach spannend, zu schauen, was geht. Die Kategorie 4-KB ist richtiges
Sport-Programmieren. Aber die Haupt-Competition ist die
PC-Demo-Competition, wo es die geringsten Einschränkungen gibt.
Kollidieren die Einschränkungen bei den Wettbewerben nicht
permanent mit der rasanten technischen Entwicklung?
Dierk Ohlerich: Bei Oldschool-Wettbewerben geht es um
Nostalgie und Vergleichbarkeit, in den meisten Wettbewerben
sind die Einschränkungen aber eher gesunder Menschenverstand: Wir wollen, dass die Demos auf jedem PC laufen und
nicht nur auf Highend-Kisten. Außerdem sind die Demos ja
inhaltlich völlig frei, man kann anfangen Gedichte vorzutragen oder einen Techno-Remix machen ...
Gedichte?
Dierk Ohlerich: In der Szene gibt es das Problem, dass es
wenige Leute drauf haben, wirklich Geschichten zu erzählen,
was auch daran liegt, dass man realistische Menschen mit
einem Zero-Budget einfach nicht hinkriegt. Ohne Charaktere ist es schwer, eine Geschichte zu erzählen, das gelingt
nur ganz wenigen. Daher muss man andere Formen finden,
und eine ist die Einblendung von Text. Nachdem die technischen Limitationen eigentlich immer unwichtiger geworden
sind, müssen Demos aber vor allem über Inhalte überzeugen,
durch Ideen!
www.intel.de/demoscene
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09.11.2006 16:58:14 Uhr
Games
01
03
05
02
04
06
Games
01_
CANIS CANEM EDIT
ROCKSTAR GAMES / PLAYSTATION 2
03_
SCARFACE
VIVENDI GAMES / PLAYSTATION 2
05_
TIGER WOODS PGA TOUR 07
ELECTRONIC ARTS / PSP
Amoklauf, Gewaltexzesse und mangelnde Moral. Fast alles, was die schreibende Zunft beim Thema Games so liebt,
wurde nach der Ankündigung eines “Schulhof-Spiels“ von
Rockstar auch lanciert. Alles weit gefehlt! Das wird spätestens klar, wenn das Joypad zum ersten Mal den Hauptcharakter durch das virtuelle Schuljahr lotst. Selbstverständlich ist Gewalt auch auf diesem Schulhof existent; statt jüngere Schüler in den Papierkorb zu quetschen, kann aber auch
genauso gut geknutscht oder ein Aufpasser mit Juckpulver
malträtiert werden. Ganz wie man es von Rockstar kennt:
Vieles kann, nichts muss. Die nötige Ironie kommt dabei nie
zu kurz und das Sujet, als 15-jähriger Lausebengel allerlei
Besorgungen und Erledigungen im Internat zu vollbringen,
ist gespickt mit Anspielungen und lustigen Momenten, die
über die atmosphärische Story zusammengehalten werden.
Auf eine Eindeutschung der gesprochenen Dialoge wurde
glücklicherweise verzichtet, wodurch das Highschool-Setting gut zur Geltung kommt. Dazu stimmige Musik und das
entsprechende Quantum Detailverliebtheit, mehr braucht es
kaum.
BOB •••••
Als der Film damals erschien, war neben der offensichtlichen Gewalt die Darstellung des Tony Montana (cholerischer Exil-Kubaner mit derbem Akzent und wenig Reue) ein
diskussionswürdiges Thema. Das ändert sich im Spiel nicht:
Die Sprechrolle wie auch einige der losgelassenen Sprüche
treffen ins Schwarze und ob das nun medialisierte Ironie oder
medialisierte Diskriminierung darstellt, muss ein jeder für
sich selbst entscheiden. So übernimmt man also die Rolle des
frisch gechassten Bosses der Unterwelt Miamis und macht
sich kurzerhand daran, sein Imperium wieder aufzubauen.
Dafür muss allerhand Koks unter die Leute gebracht, müssen
Tarnfirmen gekauft und die konkurrierenden Banden im Auge behalten werden. Während der zahlreichen Feuergefechte
beschimpfen wir die Erschossenen nach Strich und Faden,
womit sich unser Mumm-Meter füllt, bis wir Amok laufen
können und in einer Zeitlupensequenz noch mehr der befeindeten Banditos ins Jenseits befördern. Klar wird: Dieses Spiel
ist nix für Zartbesaitete. Dafür ist es in seiner Plumpheit aber
überraschend gut gelungen, so dass es anders als ein Großteil der vorhandenen Gangster-Titel endlich eine Konkurrenz
für die übermächtige GTA-Serie darstellt.
BOB ••••-•••••
Seit längerer Zeit ist Golf auch in der virtuellen Variante zum
Breitensport avanciert und Tiger Woods winkt jährlich neu
durchs Window rein. Und ist Golfspielen auf der PSP irgendwie anders? Nein, auch da sind’s die langen Kameraschwenks
über den Platz, die erst mal anzeigen, wo das Runde ins Runde soll, und dann wählt man die entsprechenden Schläger
und tastet sich an die Platzreife heran. Anfangs ist es ganz
spaßig, mit dem Analogstick den richtigen Swing hinzubekommen und nach einem satten Abschlag die Ballphysik zu
beobachten, dann wird’s etwas eintönig. Unterbrochen werden die Turniere durch Besuche im Pro Shop, in dem man
seinen selbst zusammengebastelten Golfer ausstatten kann
und wieder deutlich wird, um was es bei Golf anscheinend
geht, nämlich komische Klamotten zu kaufen und sich dabei
keinerlei Gedanken über die Preise zu machen. Irgendwie ein
bisschen miefig.
BUDJONNY •••
02_
04_
06_
DEFCON
INTROVERSION / PC / MAC / LINUX
Schon die Website www.everybody-dies.com spricht Bände.
Defcon ist ein Multiplayer-Spiel um den nuklearen Krieg, und
der verheißt an sich nichts Gutes. Ein wenig wie “Nuke War”
damals, aber ohne Comic-Gaddafi, sondern in Echtzeit und
von beklemmender Kälte. Als einziges Interface dient eine
Karte, die den aus Kriegsfilmen bekannten durchsichtigen
Stellungskarten aus Kommandobunkern nachempfunden ist.
Auf dieser platzieren wir unsere Einheiten, Raketensilos und
Verteidigungseinrichtungen; in verschiedenen Defcon-Leveln
(mit jeweils einem Plus an Informationen über die Gegner)
wird danach von fünf heruntergezählt, bis einer der Spieler
schließlich den roten Knopf drückt und die ersten Sprengköpfe langsam ihre Parabeln über den blau leuchtenden Globus
ziehen. Wie aus Kalten-Kriegs-Szenarien unserer Jugend bekannt, folgt dem Erst- der Vergeltungsschlag, darauf wieder
eine Vergeltung und so weiter und so fort, bis am Ende des
Spiels alles ausradiert ist und einen nur der gruselige Soundtrack daran erinnert, dass die Meldung “Berlin hit - 5 Million
Deads“ ebenso nur ein Spiel war wie der Rest dieser sonderbaren Erfahrung. Für 14 Euro stellt das Spiel einen wahren
Mitnahme-Artikel dar, eine Demo-Version befindet sich auf
der o.g. Webseite.
BOB •••••
PRO EVOLUTION SOCCER 6
KONAMI / PLAYSTATION 2
Wenn eine Fußball-Simulation es immer wieder schafft, die
Bedienenden mit ihrer elastischen Folgerichtigkeit zu verführen, dann ist es einfach die beste ihrer Art. Weil die Macher
das unnennbare Fußball-Geheimnis hüten, sind Hinzufügungen oder Änderungen an PES schon länger mehr als vorsichtige Interpretation denn als notwendige Schritte nach vorne
zu erleben. Die sechste Auflage ist heuer verspätet auch für
die Ziehmutter PS2 zu haben. Dort geht’s tendenziell erdiger
und zäher zu: Auch die einfachen Pässe wollen mit “högschter Konzentration” ausgeführt werden, plötzlich öffnet sich
ein Spielraum, in dem Körperhaltung, Passrichtung, Ballbehauptung weniger selbstverständlich sind und dafür mehr
Eigeninitiative erfordern. Das muss nicht bedeuten, dass die
Möglichkeiten ins Uferlose wachsen, eher erzeugen die wenigen Steuerelemente mehr und feiner definierte Resultate, so
auch beim Dribbling. Neu ist die Variante des direkten Freistoßes. Der Luftkampf ist weniger schematisch, die Tore werden noch abwechslungsreicher werden, wenn mal ein paar
geschossen sind (dauert eher länger). Die Ballkulturindustrie-orientierte Verschalung, auch die Menüführung und die
Spielmodi sind ungefähr wie immer und sympathisch.
TOBIAS RUDERER •••••
SPLINTER CELL - DOUBLE AGENT
UBISOFT / XBOX360
Spielerisch hat sich am vierten Teil der High-Tech-AgentenSaga auch auf der neuen Konsolengeneration nicht viel geändert. Es geht weiterhin darum, im Schatten und möglichst
ohne Waffeneinsatz den Zielpunkt zu erreichen. Im Laufe des
Spiels lichten sich aber diese Schatten und es wird wieder
deutlich, was an Splinter Cell so fasziniert, nämlich die Einbettung der ganzen Agenten-Schleicherei in eine so spannende Atmosphäre mit phantastisch ausgeleuchteten Räumen. Gesteigert wird jetzt die Dramatik dadurch, dass Sam
Fischer ins Gefängnis geht, sich an eine Terrorgruppe ranschmeichelt, mit ihnen ausbricht und so zum Doppelagenten
wird. Ab diesem Punkt gilt es dann, gleichzeitig Aufgaben sowohl für die gute als auch für die böse Seite (welche das auch
sein mag) zu erledigen und dabei ständig aufzupassen, das
Vertrauen beider Parteien nicht zu verlieren. Es sind zwar die
einzelnen Missionen weiterhin sehr linear durchzuspielen,
aber zwischendurch geht’s immer wieder in die konspirativen
Kellergewölbe zurück, in denen die genaueren Hintergründe
der Terrorvereinigung ausspioniert werden müssen. Stringent
erzähltes und hochspannendes Agentenabenteuer.
BUDJONNY •••••
DE:BUG EINHUNDERTACHT | 53
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09.11.2006 22:34:22 Uhr
LESERPOLL
06
Liebe Leserin, lieber Leser, die schönste Gelegenheit zur Selbstverwirklichung! Wir sind neugierig. Zeigt uns euer Ego und klärt
uns über eure Jahresfavoriten auf. Denn das Jahr geht zu Ende
und die Meinungsforschung macht Überstunden. Monat für Monat professionell recherchierter Journalismus von uns für euch.
Zeit für Payback. Ihr habt das Wissen, wir einen Riesenhaufen
Geschenke loszuschlagen. Da haben wir doch eine Deal.
Ausfüllen, eintüten und ab an: De:Bug Verlags GmbH, Schwedter
Str. 8-9 / Haus 9a, 10119 Berlin oder, viel besser, unter:
www.de-bug.de/leserpoll2006/ online ausfüllen.
Einsendeschluss ist der 04.12.2006
ALBUM (DREI NENNUNGEN) :
KONTAKTDATEN
(Merke: Korrekte Angaben erleichtern die Gewinnzustellung ungemein):
NAME:
STRASSE:
POSTLEITZAHL/ORT:
E-MAIL:
TELEFON :
BLOG
WEB-2.0-SEITE
7”/10”/12” (DREI NENNUNGEN)
LABEL (DREI NENNUNGEN)
GAME
MUSIKVIDEO
FILM
NETLABEL
TV-SERIE
LIVEACT
DVD
DJ
ZEITUNG
VJ
MAGAZIN
CLUB
BUCH
FESTIVAL
MODELABEL
SOFTWARE
SNEAKER
MUSIKTECHNIK-SOFTWARE
REINFALL
HARDWARE
DROGE
MUSIKTECHNIK-HARDWARE
ELEKTRONISCHER LEBENSASPEKT
MOBILTELEFON
SELBSTBEHERRSCHUNG
MP3 PLAYER
BESTE STORY IN DE:BUG
DESIGN-INNOVATION
BESTES DE:BUG COVER
WEBPAGE
DOWNLOAD-PORTAL
PODCAST
Um zu gewinnen, einfach
Produktseite studieren, die
Nummern eurer Lieblingsdinge
merken und hier aufschreiben.
Am liebsten hätte ich....
1.
2.
3.
54 | DE:BUG EINHUNDERTACHT
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10.11.2006 11:50:38 Uhr
TECHNIK
13. 1 x Manhattan Portage Kuriertasche:
01. ASUS: 1x Notebook / Intel® CoreTM 2 Duo Prozessor
Das frische ASUS-Notebook aus der Reihe F3J bietet nach Herstellerangaben dank
“Intel Core 2 Duo”-Prozessor eine vergleichsweise starke Performance bei gleichzeitig
niedrigem Energieverbrauch. Es unterstützt 64-Bit-Anwendungen und besitzt außerdem das Microsoft-Zertifikat “Windows Vista Capable”. Das Notebook kostet im Laden
1.699,- Euro, der Prozessor ist mit 1,83 GHz getaktet, der Monitor hat eine Bilddiagonale von 15,4 Zoll, auf die Festplatte passen 120 GB und eine 1,3 Mega-Pixel-Webcam ist
auch schon integriert. www.asus.de
Lange vor allen Gummiplanentaschen schon gab es die originalen Fahrradkuriertaschen
aus New York von Manhattan Portage. Ein Platzhirsch, wer früher eine aus Übersee ergattern konnte. Mittlerweile werden sie in Deutschland vertrieben. So hat man endlich
viel leichter die Chance, auf seinem alten Klapprad wie ein schnittiger Hecht auszusehen. www.manhattan-portage.de
1
LABELPAKETE
02. SanDisk: 1 x MP3-Player Sansa e270
SanDisk hat sich im letzten Jahr zu einer der solidesten MP3-Player-Schmieden gemausert. Der 6GB Sansa e270 überzeugt nicht nur durch den zusätzlichen microSD
Kartenslot, mit dem man ihn in Kürze um zwei weitere GB aufblasen kann und die z.B.
den Transport von Bildern aus der Digicam auf den Player extrem erleichtert, sondern
auch durch seine Video- und Photo-Funktionen. Dazu kommt noch ein bis zu zwanzig
Stunden haltbarer Akku, der - sollte er mal den Geist aufgeben - selbst ausgetauscht
werden kann, und das brillante Display sowie die beleuchtete Tastatur, damit man auch
im Dunklen schnell findet, wonach dem Ohr der Sinn steht. www.sandisk.de
14. Karaoke Kalk/Kalk Pets Paket:
2
www.pinnaclesys.com
3
4
Freizeitglauben hatten mit Samims & Michals “Exercise EP” den minimal pumpenden
Überraschungs-Hits des damals noch jungen Jahres in ihren Reihen. Seitdem weht der
Wind nach wie vor frisch aus Berlin-Friedrichshain in die musikliebende Welt. 2 x Paket jeweils mit freizeit014 - samim & michal’s exercise EP und freizeit015 - freedarich &
stiggsen’s jibbie EP www.freizeitglauben.de
5
6
Mit Hurly Burly (Kinowelt), The Ice Harvest (Kinowelt) und Der Dritte Mann (Arthaus Premium). Was würde besser passen im Winter als ein paar eiskalte Thriller. In “Hurly Burly”
fröhnen ein paar Hollywood-Player der Kokain- und Frauensucht. Letzte stürzt sie ins
Desaster. In “The Ice Harvest” legen sich ein zwielichtiger Anwalt und ein Pornofilmer zu
Weihnachten mit dem Mob an und wem das alles zu Hollywood ist, der zieht mit “Der
dritte Mann” ins schwarz-weiß-geteilte Wien der Besatzungszeit, zu einem immer wieder sehenswerten Drahtseilakt zwischen kinderschändendem Pharmaschmuggel und
Kanal-Verfolgungsjagd. www.kinowelt.de, www.arthaus.de
Das bekannteste deutsche Rollenspiel, Gothic, geht in die dritte Runde. Die Spieler kehren zurück nach Myrtana und befreien Land und Leute. Tolle Grafik, viel Liebe zu verspielten Details und völlig neue Tools zur Entwicklung der Charaktere sind dafür verantwortlich, dass man den ganzen Winter über nicht mehr von seinem Sofa aufstehen will.
www.gothic3.com
20
7
ROCKEN
21. Jägermeister: 2 x Dispenser
8
Mit jeweils 60 Fläschchen à 0,02 Liter. Ohne Worte. 60 kleine Pullen von unserem Lieblings-Kräuterlikör passen in diesen kleinen Automaten, der sich in jeder Küche mehr als
hervorragend macht. Bringt uns durch die zweite Hälfte des bitterkalten Winters.
www.Jägermeister.de
9. New Balance: Modell 574
22. Club Transmediale 07: Festivalpässe
9
10. PF Flyers: Modell Center Hi Sandlot in Leder
10
Der Club Transmediale ist mit Abstand das wichtigste Festival für elektronische Musik in
Deutschland. Bereits zum achten Mal wird Ende Januar in der Berliner Maria die größte
Dichte an musikalischen Überraschungen erreicht werden, die man sich vorstellen kann.
Zwischen Dancefloor, ernsthaftem Experiment, Abseitigem, überzeugt Bodenständigem
wird der Ball zwischen Bühne und Leinwand, zwischen Konzert und Panel in atemberaubendem Tempo hin und her geworfen. 2 x 2 Festivalpässe haben wir für euch reserviert,
denn: Wer will im Winter schon anstehen? Das Programm ist noch geheim, aber: Was soll
bei einer solchen Geschichte schon schief gehen? CTM.07: vom 26. Januar bis 3. Februar
2007 www.club-transmediale.de
21
22
ABO
23. DE:BUG
11. Carhartt:
Nach wie vor soll es Leute geben, die sich ohne De:Bug-Abo durchs Leben schummeln.
Für die letzten fünf unter euch ... ein Jahr lang De:Bug, pünktlich jeden Monat auf der
Fußmatte. 5 x DE:BUG Abo www.de-bug.de
23
RAVER-ZWIRN
11
24. DE:BUG T-SHIRTS
Die Herren Alphazebra und Katznteddy, zuständig für Farben und Formen dieser Zeitung, greifen zu Nadel und Faden und schneidern dir ein feines Leibchen, das sich noch
nicht gewaschen hat. Geschmacklich sicherlich ein Überraschungspacket. Aber ganz
bestimmt ein Unikat.
12. Firetrap:
Audrey Hepburn würde ihn tragen: den schwarzen Wollmantel von Firetrap in passgenau schmaler Silhouette, gegürtet, mit doppelreihigen Knöpfen und hohem Kragen. Genau ihr Internatsmädchen-hafter eleganter Stil. Die UK-Marke löst mit diesem Mantel
voll seinen Claim ein: 21 Century Mod.
12A Damenmantel Hellio, black, Größe S.
12B Obendrein gibt es noch 10 weiße T-Shirts in M und L, Longsleeve mit V-Ausschnitt,
auf denen das goldene Maskottchen von Firetrap prankt, der Deadly.
www.firetrap.com
19
20. JoWood Productions /Deep Silver: 3 x Gothic 3
UNTERHALTUNG
Wer in Deutschland was werden will, geht nach Skandinavien. Carhartt spendiert dazu die richtige Ausrüstung. Kuschelparkas ohne Firlefanz und stabile Trolleys mit ordentlich Stauraum für den kalten Norden. Wie immer bei Carhartt in einem Design, das
Funktionalität mit unaufgeregtem Schick verbindet. Nicht umsonst belegen sie schließlich Jahr für Jahr den ersten Platz unter Mode im Leserpoll.
11A Yukon Jacket, black, Herrengröße M
11B Anchorage Parka, teak, Damengröße S
11C Voyage Trolley in camo oder 11D Voyage Trolley in black
www.carhartt.de
18
PC-GAMES
MODE
Rock’n’Roll ist schön und gut, aber mit Leinensneakern im Winter? Der schwarze PF
Flyers mit der prägnanten Riffelkante passt super zur Röhrenjeans und ist aus wintertauglichem Leder. Und von unten wärmt die spezielle PF-Innensohle. Keep on rockin’ in
the cold world. 10A 1 x Größe 44,5 / 10B 1 x Größe 38,5 www.pfflyers.com
17
19. 2 x Arthaus/Kinowelt : Thrillerpaket
08. Steinberg: 1 x Cubase 4
Wer in den 80ern schon modisches Begehren entwickelt hatte, erinnert sich auf jeden Fall an die 574er von New Balance. Damals in Grau/Blau, kommen sie jetzt in den
Violetttönen, die das öde Schwarz/Weiß der letzten Saisons durchbrechen. Ein aufgepeppter Klassiker, einmal für Frauen, einmal für Herren.
9A Modell 574 EWP Damengröße 7 / 9B Modell 574 GPW Herrengröße 9,5
www.newbalance.de
16
DVD
07. Native Instruments: 1 x AUDIO KONTROL 1
Die neue Version von Cubase wurde komplett renoviert. Erstmalig läuft die Grande Dame der DAWs auch auf Intel-Macs, neue Instrumente garantieren noch bessere Sounds,
der MediaBay bringt endlich Licht in die Preset-Verwaltung und die Programm-eigenen
PlugIns schalten sich automatisch ab, wenn sie nicht gebraucht werden. Da freut sich
die System-Auslastung. Einem entspannten Arbeiten steht nichts im Weg. Im Laden
kostet diese Version 850,- Euro, bei uns gar nichts. www.steinberg.net
Im Dunstkreis der Berliner Plattenladen-Legende Hardwax hat sich im letzten Jahr wieder so einiges getan: grandiose Rhythm & Sound Remixe, Sound Stream meldet sich zurück und auch Monolake ist so aktiv wie lange nicht mehr. Das Pulver ist noch lange nicht
verschossen. 2 x Paket jeweils mit Monolake - Alaska Remixes ([ ml / i ] 021), Rhythm &
Sound - SMY Remixes #4 (Burial Mix BMX 4), Sound Stream - Love Jam (Soundstream
03), Theo Parrish - Falling Up (Carl Craig Remix) (Third Ear 038) und einem Hard Wax TShirt (Size M) www.hardwax.com
Anja Schneiders Label Mobilee hat sich in diesem Jahr endgültig von der Talentschmiede zur festen Label-Institution mit Blindkaufprädikat gemausert. Mit Sebo K, Pan Pot,
GummiHz und Exercise One und natürlich Anja selber sind die heißen Eisen weit gestreut. Auf der Compilation (inklusive einer Mix-CD) könnt auch ihr euch davon überzeugen. 3 x Paket jeweils mit Back to Back - compiled and mixed by Anja Schneider (CD) und
Remix Series Vol. 1-4 (Vinyl ) www.mobilee-records.de
06. Ableton: 1 x Live 6
Die Berliner Software-Schmiede baut ihre marktbestimmende Position nun auch im
Hardware-Bereich überzeugend aus. Mit der Audio Kontrol 1 präsentiert NI ein High-End
Audio/MIDI-Interface mit exzellenter 192-kHz/24-bit Qualität, das gleichzeitig deutlich
mehr bietet als andere Soundkarten: Drei individuell belegbare Taster und ein ControlRegler, kombiniert mit erweiterten MIDI- und Key-Command-Funktionen, formen einen
kompakten Controller zur Steuerung eurer Lieblingssoftware. Wert: 279,- Euro
www.native-instruments.de
15
18. Mobilee Paket:
05. Elevator Paket
In der neusten Version 6 präsentiert sich Live so kraftvoll und universell einsetzbar wie
noch nie. Die Quicktime-Integration öffnet Live nun auch für visuelle Künstler, neue
Instrumente stellen sicher, dass auch die Klangformung nicht zu kurz kommt, und die
noch besser gewordenen Algorithmen sind für perfekten Klang verantwortlich. Das perfekte Tool für Einsteiger und Profis. Ab sofort braucht man im Studio und auf der Bühne
nur noch eine Software: Ableton Live. www.ableton.com
15. M_nus Paket:
17. Freizeitglauben Paket:
DJ- und MUSIKTECHNIK
Elevator, die erste Anlaufstelle im Netz für alles, was mit DJs und ihren Bedürfnissen zu
tun hat, spendiert zwei Schmankerl, die cooler nicht sein könnten.
5A 1 x Glorious DJ Cockpit Deluxe XS white: Das Angebot an gut aussehenden DJ-Möbeln ist ungefähr so klein wie Lummerland. Das DJ Cockpit Deluxe XS White bringt geschickt Design und Funktionalität zusammen und bietet Platz für zwei Plattenspieler/
CD-Player und Mixer. Das ist kurz und knapp genau das, was man braucht. Marktwert:
240,- Euro.
5B 1 x Reloop RH-3500 Pro Ltd: Der Kollege iPod hat in Punkto Weiß einiges bewegt.
Grund genug für Reloop, ihren großartig klingenden Kopfhörer RH-3500 Pro in einer limitierten Auflage komplett in Weiß zu präsentieren. Sieht nicht nur sensationell aus, hat
auch ordentlich Rumms unter der Haube: vorbildlicher Frequenzgang und dB ohne Ende. Das neue Jahr glitzert und ihr spart 65,- Euro. Solltet Ihr nicht gewinnen, sind beide
Produkte erhältlich bei Elevator Future of Music: Hotline:0251.6099311
www.elevator.de
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16. Hard Wax Paket:
04. Freecom: 1 x Mobile Drive 2,5’’-Festplatte für PC & Mac
Schöner speichern ... das wird bei all den Daten, mit denen wir uns Tag für Tag umgeben,
immer wichtiger. Freecom hat die adäquaten Lösungen parat. Zum Beispiel den neuen
Mobile Drive. 60 GB passen in das kleine sexy Gehäuse mit LED, das sich per USB 2.0
problemlos an jeden PC oder Mac anschließen lässt. Die Stromversorgung läuft selbstverständlich komplett über den Rechner, so dass man kein Netzteil braucht. Die perfekte Portion Slickness für die Daten-Nomaden unter uns im Wert von 120,- Euro.
www.freecom.com
Eine der wunderbarsten Konstanten in der Labellandschaft, darüber sind wir uns einig.
Karaoke Kalk haben dieses Jahr wieder mal alles klargemacht und die Essenz dieses
überbordenden Katalogs liegt hier bei uns für euch. Bonus: Karaoke Kalk hat DancefloorAnschluss! 2 x Paket jeweils mit Leichtmetall - Wir sind Blumen (CD), Hanno Leichtmann
- Nuit du Plomb (CD), Junction SM(12”) - Kalk Pets www.karaokekalk.de
Klar, die Abräumer des Jahres. Straff geführt von Blondschopf Richie Hawtin haben M_
nus Techno poliert, bis er wieder zum Leit-Sound der Rave-Meute wurde. Die Mixe von
Hawtin ragen dabei in ihrer technischen Brillanz und musikalischen Stringenz immer
besonders heraus. 1 x Paket mit T-shirt, 1 x CD (Mix von Richie Hawtin mit unveröffentlichten Tracks), 1 x Vinyl www.m-nus.com
03. Pinnacle: 1 x Soundbridge Network Music Player
Die SoundBridge ist das ideale Endgerät für alle, die ihre Musik eigentlich nur noch auf
dem Rechner haben. Klar, der Gedanke, dass der Rechner als Media-Center den Fernseher ersetzt ... das fühlt sich gut an, nur sind die wenigsten Wohnzimmer so gebaut,
dass das auch hinhauen würde. Und wer will schon Audio-Kabel quer über das Parkett
verlegen? Hier kommt die SoundBridge ins Spiel, die sich einfach an die Stereoanlage
anschließen lässt und und brav jeglichen Media-Kontent vom Rechner per Funk auf die
Lautsprecher streamt. Also lasst das Sofa an seinem angestammten Platz und gewinnt
die SoundBridge von Pinnacle. Spart 200,- Euro und läuft mit PC und Mac.
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Musiktechnik
Musiktechnik
Die komplette Renovierung
Cubase 4
Der DAW-Krieg geht weiter. Cubase 4 präsentiert
sich aufgeräumt und voll mit neuen Features.
T BENJAMIN WEISS, NERK@DE-BUG.DE
Steinberg hatte erst letztes Jahr die Doktrin
verkündet, der Nuendo-Version (Edelvariante
von Cubase mit erweiterten Surround- und
Video-Fähigkeiten) zuerst die Updates angedeihen zu lassen, die später dann auch
Cubase erhält. Stattdessen wurde das neue
VST-PlugIn-Format VST3 jetzt mit Cubase
eingeführt.
Übersicht
Zunächst fällt auf, dass die grafische
Oberfläche einfacher geworden ist und weitestgehend ohne 3D-Schnickschnack auskommt; alles ist verhältnismäßig dunkel gehalten, übersichtlich und dem Nuendo-Look
angeglichen. Auch die Control-Room-Sektion von Nuendo ist jetzt integriert worden, so
dass man sich, vorausgesetzt die Soundkarte hat genug Ein- und Ausgänge, diverseste
Talkbacks, Studio-Sends und Monitorkonfigurationen erstellen kann. Das eingeführte
VST3-Format, erlaubt weiterhin die Benutzung älterer PlugIns. Es sorgt nicht nur dafür,
dass die Plug immer die richtige Anzahl von
Ausgängen haben, sondern ist theoretisch
auch Sidechain-fähig, was in der aktuellen
Cubase- Version aber noch nicht unterstützt
wird. Außerdem erlaubt der neue Standard
das automatische Ausschalten von PlugIns
immer dann, wenn sie gerade kein Audio
bearbeiten oder erzeugen. Der Mixer wurde
mit dem enorm zeitsparenden Insert Drag &
Drop (inklusive Kopieren mit Alt) ausgestattet und kann jetzt bequem nach den eigenen
Bedürfnissen konfiguriert werden. Die neuen
Instrumentenspuren vereinen VST-Instrument und Midispur in einem Kanal. Mit den
Track-Presets kann man oft gebrauchte und
für gut befundene Signalketten abspeichern,
bei Bedarf auch mehrere gleichzeitig als
Multi. Immer mehr halten Attribut-basierte
Browser Einzug in die DAWs und Instrumente, so jetzt auch bei Cubase. In der umfangreichen Verwaltungssektion tummeln sich
neben sämtlichen Audiofiles, PlugIn-Presets
und den neuen Instrumentenspuren und
Track-Presets. Die Sortier-Attribute (Tags
genannt) lassen sich extrem umfangreich
editieren und selbst vergeben, die mitgelieferten PlugIns und Presets sind bereits umfangreich mit Schlagworten versehen. Presets, Audiofiles und auch Instrumente lassen sich im Browser im Trackzusammenhang
ausprobieren und dann auf die gewünschte
Stelle ziehen.
Neue Instrumente
Neu dabei sind drei Synths und ein Software-Rompler namens Halion One, der - ab-
surd! - keine Halion-Programme laden kann,
aber eine ziemlich umfangreiche Sammlung
von diversesten Standardsounds besitzt, die
zum Teil aus Yamahas Motif stammen und
auch ordentlich klingen. Die Bedienoberfläche ist stark vereinfacht, so dass es zu jedem Sound nur acht editierbare Parameter
gibt. Umfangreicher sind da schon die Oberflächen der drei neuen Synths Prologue, Mystic und Spector, die vergleichsweise riesig
sind und beinahe die Hälfte eines 21” Monitors einnehmen, aber sehr übersichtlich gestaltet wurden. Sie klingen alle recht gut und
bieten eine solide Standardausrüstung von
analogig bis digital.
Neue PlugIns
Waren die internen Cubase-PlugIns bei
den meisten bisher eher selten in Benutzung, so lohnt es sich jetzt wieder, sie nochmal durchzuhören: die Auswahl wurde erweitert, der Sound zum Teil deutlich verbessert und auch das neue Oberflächenkonzept
funktioniert. Der EQ ist bequem über eine
große grafische Oberfläche zu editieren und
auch ein brauchbarer Multibandkompressor,
diverse neue Delays und ein Amp-Simulator
sind an Bord.
Performance
Die Performance hat sich nicht nennenswert geändert, zumindest auf meinem G5.
Das automatische Ausschalten bei Nichtbenutzung unterstützen bisher nur die Cubaseeigenen PlugIns, es fällt daher Performanceseitig nicht so sehr ins Gewicht.
Fazit
Cubase 4 kommt deutlich schlanker und
eleganter daher und ist um zum Teil lange
vermisste Features erweitert worden, die
den Workflow, aber auch den Sound verbessern. Allerdings werden PC-seitig keine
DX-Plugs mehr unterstützt und die zwischenzeitlich mal schüchtern angekündigte AU-Unterstützung auf dem Mac ist auch
nicht mehr in Sicht. Mit den Preferences der
Vorgänger versteht sich Cubase manchmal
nicht, die sollte man unbedingt vor der Installation entfernen. Ansonsten hab ich allerdings keinen Absturz provozieren können.
**** Info: www.steinberg.de
System: OSX 10.4, ab G4 (inkl. Intelmacs),
Windows XP ab Pentium/Athlon 1.4 GHz
Rough, dick und fett
Massive
Lange hat Native Instruments keinen reinen Synthesizer mehr
entwickelt. Mit Massive stehen die Zeichen jetzt auf Revolution.
Wenn der Rechner es packt.
T BENJAMIN WEISS, NERK@DE-BUG.DE
Übersicht
Massive ist so etwas wie ein halbmodularer Softsynth mit drei Oszillatoren,
dularer Softsynth mit drei Oszillatoren, Wavetablesynthese und zwei Filtern plus
Noisegenerator, die in einer umfangreichen Routing-Matrix durch zwei Inserts mit
Effekten geschickt und mit bis zu vier Modulationshüllkurven und zwei LFOs moduliert werden können. Darüber hinaus können noch ein Stepsequenzer und ein
sogenannter Performer zur Modulation genutzt werden. Am Ende der Signalkette
stehen dann noch die zwei Mastereffekte, der Amp und der EQ. Diese bieten diverse
Chorus-Möglichkeiten und Flanger, außerdem noch Röhrensimulierer wie Brauner
Tube und Tele Tube, die für satte Verzerrung sorgen, was ja eigentlich auch der Amp
tut, man sieht schon, aus der analogen Welt abgeleitete Verzerrung ist integraler
Bestandteil vom Massive-Sound. Auch die Parameter sämtlicher Effekte können
von allen möglichen Quellen moduliert werden.Naturgemäß ist Massive auch gleich
mit umfangreicher Kore-Unterstützung ausgestattet, die Sounds werden im entsprechenden Format abgespeichert und die acht Macros passen ja auch irgendwie
ganz gut zu den acht Drehreglern, die die Kore Hardware hat. Die Macros können
verschiedene Parameter gleichzeitig steuern. Damit man nicht so schnell die Übersicht übers Modulations-Gewitter verliert und einigermaßen nachvollziehen kann,
was wovon und in welcher Intensität moduliert wird, gibt es farbige Ringe um die
Drehregler. Gelb steht dabei für eine Macrozuweisung, blau für die Hüllkurven und
grün für die LFOs.
Performance & Sound
Performanceseitig ist Massive eher vonder sehr hungrigen Sorte, was unter
anderem mit der Stimmenverwaltung zusammenhängt, aber wohl auch mit den
aufwendigen Berechnungen zu tun hat. Dafür lassen sich aber auch sehr interessante und vielfältige Sounds basteln, die weit über das hinaus gehen, was die
mitgelieferten Presets so erwarten lassen. Das Routingsystem ist wirklich ziemlich
ausgefuchst und erlaubt diverseste Feedbackschleifen. Die gut funktionierende
Kombination von Übersichtlichkeit bei gleichzeitiger Komplexität erlaubt konzentriertes Detailfummeln ebenso wie intuitives Loslegen. Gut gefallen haben mir auch
die Macros, die in der Automationsliste praktischerweise immer unter den ersten
acht stehen und sehr gut einsetzbar sind, um Sounds schnell auf unerwartete Weise zu modulieren, eine Sequenz in die nächste kippen zu lassen oder auch völlig in
Einzelteile zu zerlegen. Der Klang ist druckvoll und manchmal etwas rough, aber
sehr vielseitig. Insgesamt vielleicht nichts komplett Neues, aber die geschickte
Kombination von Bewährtem mit guter Bedienbarkeit und einem überzeugenden
Klang.
****
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Preis: 299,- Euro
System: Windows XP, Pentium/
Athlon ab 1.4 GHz, 512 MB RAM,
OS X 10.4, IntelMac oder PowerPC ab G4 1.4 GHz,
768 MB RAM
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Update von SX 3: 169,- Euro,
Update von SX 1 / 2: 199,- Euro
Leicht abgespeckte Cubase Studio Version:
399,- Euro
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09.11.2006 17:46:28 Uhr
Musiktechnik
Klangexplosion
Trommelt
wie der Teufel
Native Instruments
Battery 3
Live 6 ist da, die neueste Version des von
Produzenten, Komponisten, Live-Musikern
und DJs gleichermaßen geschätzten
Software-Studios. Jetzt mit Multiprozessorund Multicore-Unterstützung, Instrumentund Effekt-Racks, Essential Instrument
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Nicht nur Bling Bling, sondern viele feine Neuheiten und Verbesserungen
bringt die Version 3.0 von Native Instruments’ Drum-Sampler Battery.
T THADDEUS HERRMANN, THADDI@DE-BUG.DE
Native Instruments will es diesen Herbst wissen. Gleich
vier neue Produkte plus Soundkarte landen vor Weihnachten in den Läden. Auch zwei alte Bekannte sind
dabei: Absynth und der Drum-Sampler Battery. Letzterer ist mittlerweile bei Version 3.0. angekommen und
ist ganz eindeutig mein Lieblings-Tool von NI. Straight
forward, nützlich, clever und stabil. Meine gesamten
Drums sind seit der Version 2.0 in Battery archiviert.
Rausgeputzt
Die neue Version kommt zunächst mit flashiger, neuer
Oberfläche. Damit war zu rechnen und die Designer
haben bei diesem Revamp zum Glück nicht übertrieben. Das sympathische Matsch-Grün gibt immer noch
den Ton an, das Interface an sich ist dasselbe geblieben, kurzum: Man weiß sofort, wie alles läuft. Die neuen Funktionen sind clever integriert und da gab es einiges zu tun.
ge schon habe ich nicht mehr so gut klingende Samples einer 808 gehört, die hier besonders liebevoll und
variantenreich aufgenommen wurde. Dasselbe gilt für
die restlichen Drummachine-Veteranen, aber eben
auch für die zahlreichen anderen Kits. Natürlich sind
die Standards von Battery 1 und 2 dabei, auch einige
Sammlungen der damals separat erhältlichen Electronic-Kit-Compilation sind Teil von Battery 3. Nebenbei importiert das Programm alle gängigen Formate
anderer Drumsampler, inkl. MPC, und natürlich Loops
aus Kontakt 2.
Was ist neu?
Ordentlich. Zunächst wurde die Audio/Sampling-Engine
komplett überarbeitet, was dazu führt, dass die
Sounds nun noch umfangreicherer bearbeitet werden
können. So steht ein gut klingender Timestretch-Algorithmus zur Verfügung und das Loop-Tool wurde ebenfalls komplett überarbeitet. Überhaupt hat man das
Gefühl, dass man mit demselben Aufwand mehr erreichen kann. Die Zellen-Struktur wurde deutlich erweitert, bis zu 128 Samples kann ein Kit nun haben: ein
Riesensprung. Es kann einfach mehr durch das Master-Output gepumpt werden und hier stehen die meisten Neuerungen zur Verfügung. Nebenbei: Die kleine
Effekt-Sektion, die in Battery 2 für jede Zelle individuell angesteuert werden konnte, wird in der neuen
Version sehr überzeugend aufgebretzelt. Neben Delays stehen so genannte Articulations zur Verfügung,
gekoppelt mit einer Humanize-Funktion. Man kennt
das aus DAWs, bei Drums können diese Tools aber
durchaus Sinn machen. Kommen wir also zur MasterSektion. Hier findet sich ein sehr gut klingender EQ
mit reichlich Presets, ein Compressor, ein Limiter, ein
Delay, sogar ein Faltungs-Hall mit sehr anständigen
Impulsantworten kann die Sounds pimpen - “normale”
Reverbs lassen sich selbstverständlich auch hinzufügen. Spannend wird es, wenn man die Samples selbst
als Impulsantworten missbraucht ... dann ist dem kreativen Chaos kein Limit mehr gesetzt.
Geschenke
Battery 3 kommt mit 11 GB Samples. Sollte reichen, denkt
man, tut es auch. Battery beeindruckte mich im Test
aber vor allem durch die Qualität dieser Samples. Lan-
Winken
Battery 3 läuft in seiner Nuller-Version hervorragend stabil
und rund. Wir haben die PPC-Version getestet, natürlich liegt Battery 3 aber als Universal Binary vor, kann
also auch auf Intel-Macs installiert werden. Den Preis
von 200 Euro halte ich für völlig in Ordnung, bekommt
man doch etwas mehr als Solides auf die Festplatte, das tapfer seinen Dienst verrichten wird. Bis zum
nächsten Update.
Battery 3 kostet 199 Euro in der Vollversion
und 99 Euro als Update.
System: WIndows XP, Pentium 1GHz, 512 MB Ram,
Mac OS X 10.4, G4 1,4 GHz, 512 MB Ram
200 MB Festplattenplatz, bzw. 11 GB für die Library
www.native-instruments.de
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Musiktechnik
Musiktechnik
Moog Little Phatty
Unterschwellige Spannung
Wenn ein Hersteller mit derart viel legendärer Patina einen neuen
Synthie vorlegt, sind natürlich allenthalben Zungenschnalzen
und Fingerlecken angesagt. Denn der Little Phatty ist der günstigste
Moog, der je gebaut wurde, und das erste Gerät, das Moog nach dem
Ende der Ära Bob Moog herausbringt.
Kompakt DJ-Set
CM.205
Es ist längst nichts Ehrenrühriges mehr, mit CDs aufzulegen.
Für den Einstieg in die CD-DJ-Zunft kann man sich gut Stantons
CM.205-Mixer unter den Arm klemmen.
T LUDWIG COENEN, LUDWIG@DE-BUG.DE
T SASCHA KÖSCH, BLEED@DE-BUG.DE
Geben wir es zu, Deutschland und sein Umland (ein mit den Grenzen der EU nicht so
ganz übereinstimmendes Europa) gehört zu
den wenigen Orten, an denen Vinyl wirklich
noch eine Zukunft hat. Und das nicht nur,
weil immer mehr DJs ihre Tracks online kaufen, sondern vor allem auch, weil sich letztendlich nur noch hier und unter den Gesetzmäßigkeiten sehr spezieller Musikrichtungen
Vinyl überhaupt noch durchsetzt. Vor allem in
weniger städtischen Gebieten sind aber auch
in Europa längst die klassischen Technics einem Sammelsurium an pitchbaren CD-Playern und Softwarelösungen gewichen, und
gerade DJ-Einsteiger, die keiner vinylfixierten
Peer-Pressure ausgesetzt sind, sehen die CD
als ihr natürliches Medium an.
Für genau diese Einsteiger will das CM.205
ein kompaktes erstes DJ-Setup für Zuhause oder die Bar um die Ecke liefern. Zwei bis
plus/minus 15% pitchbare CD-Player mit
Klapploader, Cue-Funktion, Pitchbend und
einem minimalen Dreiband-Equalizer(+9/26db )Mischpult in durchaus akzeptabler
Klangqualität. Funktional, reduziert und dafür relativ robust passt der kleine Kasten mit
zwei zusätzlichen Line-Eingängen (auf den
beiden Faderkanälen oben zum Umswitchen)
eigentlich in jede Ecke. Für gewohnte VinylMixer ist die Bedienung letztendlich auch
nicht umständlicher als bei CD-Playern, die
sich eher an ihren Drehscheiben-Brüdern
orientieren, und die Lernkurve für Anfänger
dürfte eben so zackig sein wie bei anderen
CD-Modellen. Sollte man aber mehr als nur
ein Hobby-DJ zu Hause werden wollen, für
die der CM.205 sicherlich ein großer und
auch langer Spaß ist, zumal alle Knöpfe, Fader und Potis für Stanton gewohnt robust bis
halbwegs unverwüstlich (der Crossfader ist
auswechselbar) daherkommen, dann offenbaren sich die Schwachstellen.
Man kann weder Plattenspieler anschließen - und sich somit z.B. ein Mischpult sparen - noch digitale Datenträger wie z.B. (das
ist bei heutigen Minianlagen ja zum Beispiel
schon guter Ton) USB-Sticks. Und obwohl der
CM.205 natürlich MP3-CDs versteht, dürfte
es so manchen User ärgern, dass eine Unterbringung verschiedener Alben auf der MP3CD in Ordnern dazu führt, dass die CD nicht
mehr gelesen wird. Möchte man irgendwann
einmal auf ein Mischpult mit mehr Features
ausweichen, wird man sicherlich auch die
separaten Line-Ausgänge der CD-Player vermissen. Kennt man aber die eher marginale
Erweiterbarkeit, dann scheint der CM.205 ein
verlässlicher Partner für die ersten Schritte
auf dem Weg zum CD-DJ, der aufgrund seines gut ausgestatteten Kopfhörerausgangs
(laut, kleine und große Klinke), vermutlich
auch seinen Weg in die ein oder andere Bar
finden wird, die gelegentlich mal DJs ihre
ersten Schritte machen lässt (und wenn man
die handliche Kiste selbst mitbringt).
www.stantondj.com
Strom, keine Nullen und Einsen. Und so
sticht der vollanaloge Little Phatty aus der
Masse an virtuell-analogem Synth-Gewusel
auch gehörig hervor. Erstens: slickes Design,
Holzpanele, ultra griffige Moog-Knöpfe, dazu blau beleuchtete Bedienelemente – und
nicht zuletzt ein schwungvolles Fließheck,
verziert mit der Signatur von Bob Moog
himself. Alles in allem: ein Augenschmaus.
Zweitens: vollanalog, das sagt schon alles.
Keine Emulation mit DSPs unter der Haube,
sondern diskrete Bauteile. Digital sind nur
die Presetverwaltung, also die Steuersoftware, und natürlich die Midifunktionen. Der
Rest ist Strom, keine Nullen und Einsen.
Back to Basics
Der Aufbau ist natürlich deutlich einfacher
gehalten, als der des großen Bruders
und Minimoog-Nachfolgers Moog Voyager: Der Little Phatty ist ein klassischer
subtraktiver Synth mit zwei Oszillatoren
á vier Wellenformen (Dreieck, Sägezahn,
Rechteck bis Pulswelle) an Board. Für die
Modulation stehen zwei ADSR-Hüllkurvengeneratoren, sowie ein LFO mit vier
verschiedenen Wellenformen (Dreieck,
Rechteck, Sägezahn und Ramp) zur Verfügung. Einfacher gehalten heißt in der
Praxis: Es gibt nur einen Modulationsbus,
der aus sechs Quellen angesteuert werden kann und wahlweise auf eines von
vier Zielen (Tonhöhe, Oszillator 2, Filter
und Wellenform) geroutet werden kann.
Filtern mit Charakter
Diese recht überschaubare Klangerzeugerkills werden mit einem Schmankerl abgerundet: Der Moog-Kaskaden-Filter
mit einer Flankensteilheit von jeweils 6,
12, 18 oder 24db/Oktave. Wie von Moog
nicht anders erwartet, ist er durchaus
ausdrucksstark geraten. Einziger Minuspunkt: Die Anzahl der Pole und das Velocity-Verhalten des Filters lässt sich nur
global, und nicht pro Sound speichern.
Der Filter lässt sich über die üblichen
Parameter wie Cutoff und Resonanz, sowie über Keyboard Control Amount, und
Filter Envelope Amount einstellen. Wem
es an Schmutz fehlt, der kann mit der
nachgeschalteten Sättigungsstufe namens Overload das Signal noch gehörig
an- oder auch gerne verzerren.
Bedienung und Sound
Das Frontpanel ist sehr gut durchdacht,
für jede Sektion steht allerdings nur ein
Drehregler zur Verfügung: D.h. wie in einem Matrix-Interface wird über Taster
der jeweils zu editierende Parameter
auf diesen Poti geroutet. Ein schicker
blauer LED-Kranz zeigt dann den aktuell eingestellten Wert an. So geht das
Soundbasteln flott von der Hand. Der
Klang dieses Moog-Frischlings hebt sich
wie erwartet deutlich von den virtuellanalogen Kollegen ab. Warm, knackig,
massiv – ein Moog eben. Wer aber die
berühmte “Wall of Sound” beim ersten
Tastenanschlag erwartet, wird sich warten müssen. Schließlich haben wir hier
einen monophonen Synth vor uns. Die
Sounds bewegen sich also eher im bassigen- bis Lead-Bereich und zollen in ihrem teilweise recht einfachen Charakter
der spartanischen (oder puristischen?)
Klangerzeuger-Sektion deutlich Tribut.
Liebe auf den zweiten Blick
Mir die Klangwelt des Littly Phatty deutlich
schwieriger erschlossen, als sein slickes
Äußeres, was schon auf den ersten Blick
gefällt. Dazu kam das ein oder andere
Problemchen, z.B. plötzlich verstummende Sounds, die erst nach einem Neustart des Geräts wieder funktionierten.
Hier machen sich wohl noch einige Bugs
in der Steuersoftware bemerkbar, die
hoffentlich mit den nächsten Updates
bald ausgeräumt sein werden. Vor diesem Hintergrund eine uneingeschränkte
Empfehlung auszusprechen, fände ich
etwas gewagt. Wer mit dem Analogschätzchen liebäugelt, sollte es auf jeden Fall gründlich Probespielen und auf
Herz und Nieren prüfen. Ein CharakterSynth ist er auf jeden Fall und wird so
auf lange Sicht wohl auch der guten alten Moog-Tradition gerecht werden. Und
manchmal hat ja auch die Liebe auf den
zweiten Blick mehr Substanz, als die auf
den ersten.
Preis: ca. 1449 Euro
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09.11.2006 17:57:46 Uhr
Musiktechnik
Gefaltet und eingedost
Focusrite Liquidmix
Das Beste von Api, Amek, Chandler, Manley, Pultec, Drawmer SSL,
Avalon und Tube Tech in einer kleinen Box mit Firewire und das Ganze
auch noch für knapp 700 Euro. Klingt verdächtig gut.
T BENJAMIN WEISS, NERK@DE-BUG.DE
Und so ist es auch. Focusrite hat die eh schon
vorhandene Faltungstechnik inklusive der
Impulsantworten aus dem Edel-Emulierer Liquid Channel der oben genannten Geräte nun
in eine kleine DSP-Box mit ein paar Drehreglern eingebaut.
Übersicht
Mit dem Liquid Mix lassen sich 32 PlugIn-Kombinationen (die jeweils aus je einem
Kompressor und einem EQ bestehen) bei
44,1/48 kHz in Mono nutzen (=16 Stereo),
die vollständig vom DSP berechnet werden.
Möglich sind bis zu 192 kHz, dann aber auch
nur eine Stereo-Instanz. Die Oberfläche des
PlugIns entspricht genau der der Hardware.
Alles was man mit den Originalen machen
kann, lässt sich auch im PlugIn erledigen.
Das ist zu Anfang ein wenig verwirrend, weil
man nicht so ganz genau weiß, wo hingucken,
aber nach und nach gewöhnt man sich daran.
Zwar hat auch die Hardware eine grafikfähige LED-Anzeige, für den feineren EQ-Einsatz
ist diese aber zu ungenau.
Bedienung
Preis: ca. 699,- Euro
Sound: ****
Preis / Leistung: *****
Info: www.focusrite.com
Die Bedienung ist konsistent und logisch,
so dass sich LiquidMix auch gut über die
Hardware steuern lässt. Allerdings sind die
Regler für wirklich feine Änderungen ungeeignet, da sie zu grob auflösen. In den meisten Fällen kommt man damit klar, ansonsten
bleibt immer noch die Maus. Richtig gut gefallen hat mir die Möglichkeit, eigene EQKombinationen zu basteln, die aus verschiedenen Modellen stammen. So kann man
jederzeit zum Beispiel mit den Bässen eines
Pultec, den Mitten eines Neve und den Höhen eines Avalon seinen ganz persönlichen
Vorlieben in Sachen EQ fröhnen, ohne gleich
mehrere Instanzen öffnen zu müssen. Aber
auch abseits der mitunter streng gesetzten
Grenzen der emulierten Edelteile lässt sich
wandeln: mit der Free-Taste kann man den
Parameterbereich der Originale erweitern.
Etwas seltsam ist das Verhalten allerdings,
wenn man im Sequenzer mit eine Buffergröße von mehr als 1024 Samples arbeitet,
dann verweigert der Liquid Mix nämlich die
Mitarbeit, allerdings ohne jede Fehlermeldung. Wenn man das dann weiß, lässt sich
dieses Problem aber umgehen.
Sound
Der Sound ist schon ziemlich gut, allerdings nicht immer besonders nah an der
emulierten Hardware dran. Für diese Preisklasse ist er aber konkurrenzlos. Im Vergleich
mit der UAD-1 hat mir deren Sound besser
gefallen, mit den entsprechenden PlugIns zusammen ist sie aber auch deutlich teurer als
der Liquid Mix und bietet keine Hardwarebedienung.
Liquid Mix ist für alle, die gerne mit Knöpfen statt mit der Maus arbeiten; das volle
Hardwarefeeling lässt sich aber nur erreichen, sollte Focusrite in einem Update für
eine feinere Parametrisierung der Hardware
sorgen. Insgesamt ist Liquid Mix mit seinen
(bisher) 20 Kompressoren und 40 EQs interessant, eine (unabhängig vom Originalitätsgehalt) gute Auswahl von EQs und Kompressoren, die anständig bis sehr gut klingen. Prima auch die Möglichkeit, selbst EQs zusammenzustellen. Focusrite will auch in Zukunft
neue Impulsantworten online stellen, die
sich die Besitzer dann umsonst runterladen
können, was ein weiteres Argument für den
Liquid Mix ist. Hier getestet wurde die MacVersion, bei Erscheinen des Artikels sollten
allerdings auch Windows- und IntelMacTreiber fertig sein. Alles in allem anständiger
Sound in einem soliden Stückchen Hardware,
das seinen Preis wert ist.
FINALSCRATCH 2.0
Lade Deine Musiksammlung auf Dein Laptop
Wähle in sekundenschnelle den richtigen Track aus
Du kannst Scratchen und Beat-Jugglen
Nimm Deinen Mix Live auf
24-bit/96kHz D/A Wandlung
Loop- und Skippless-Funktion
3 Stereo Ein- und Ausgänge inkl. Mic
MIDI Support für Steuerung von Traktor Funktionen
Firewire Hardware (7-12mSec. Latenz unabhängig von der Prozessor Leistung
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DE:BUG präsentiert
KONSUM
3&33 Design- und Kunstmarkt Berlin | 15. bis 17. Dezember
Der Berliner Weihnachtsmarkt für Selbstgebasteltes aus Hipsterhänden 3&33 ist längst eine feste Institution. Die Nürnberger
haben ihren Christkindlmarkt, Berlin Mitte pilgert in die Villa Elizabeth und die Elizabeth-Kirche und ersteht zwischen 3 und 33 Euro alles, was sich unter dem Weihnachtsbaum gut macht: Accessoires, Kunst, Mode, Tonträger, Geschenkartikel. Dieses Jahr ist
nicht nur der Ort neu - und viel würdiger als das vorige Stadtbad
Oderbad -, auch das kulturelle Begleitprogramm hat sich enorm
ausgewachsen. Rund um den Wichtelbaum entpuppt sich 3&33
dieses Jahr als waschechtes Festival für distinguierte Elektronik, immer angemessen weihnachtlich umsorgt mit Kinderland,
Verpackungsservice, kulinarischen Besonderheiten und VJ-Zaubereien. In den filmreifen Kulissen treten an den drei Tagen unter
anderem auf: Eva B, Clé und Puppetmastaz am Feitag, Clara Hill
und Band am Samstag, das Sonar-Kollektiv-Geheimprojekt Thief,
Resoul, Daniel Best, Canisius am Sonntag.
Fr. 15.12. 16-23 Uhr, Sa. 16.12. 10-23 Uhr, So. 17.12. 10-23 Uhr,
Villa Elizabeth und St. Elizabethkirche,
Invalidenstraße 3 in Berlin Mitte.
Eintritt: 3 Euro pro Tag
www.3und33.de
Reconstructing Song | 07. Dezember bis 19. Dezember - Köln, Stadtgarten
Das zwanzigjährige Jubiläum des Kölner Stadtgarten wird nicht
mit langweiligen Pauken und Trompeten, sondern vielmehr mit einer feinen Veranstaltungsreihe zum Thema “Song” gebührend gefeiert. Diese Bestandsaufnahme balanciert zwischen avanciertem
Pop, konzeptuellen Experimenten und künstlerisch-audiovisuellen
Ansätzen, bringt filminspiriertes Songwriting neben euphorischem
Mash-Up und traditioneller afrikanischer Musik. Im Mittelpunkt
steht dabei immer der Song: als populäre Erzählform, Schmelztiegel
kultureller Phänomene und direkter Ausdruck und Träger von Emotionen. Als Hort großer Sehnsüchte und einfacher Bedürfnisse. Als
Schnittstelle zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis.
CLUBTOUR
07.12. Studio 672, Reconstructing Song II:
Ripoff, Mash-Up and other Extended Techniques
Serhat Köksal aka 2/5-BZ “NO Touristik, NO Exotic” (Istanbul - Gozel), About (Amsterdam - Cockrockdisco), The Jason Forrest Band
(Berlin/USA - Sonig), DJ Frank Dommert (Köln - Sonig)
19.12. Konzertsaal, Reconstructing Song III:
Roots and the Abstract Truth
Fatoumata Dembele/Mamadou Diabate (Bern/Wien/Burkina Faso),
Ekkehard Ehelers Quartett feat. Joseph Suchy, Franz Hautzinger,
Björn Gottstein (Berlin/Köln/Wien - Staubgold)
Bugz in the Attic Tour | 01. bis 09. Dezember
Zehn Jahre hat die achtköpfige West Londoner Broken-BeatsAllstar-Formation um Kaidi Tatham, Seiji und Mark Force gebraucht, um ihr Debüt-Album “Back In The Doghouse” zu produzieren. Keinen Tag zu lang, wie sich herausgestellt hat. Denn
im Doghouse der Bugz pumpt der Eklektizismus zwischen Soul,
Funk, House und Breakbeats mit bassigem Tiefgang so frisch aus
den Boxen, dass sich alle Diskussionen, ob Broken Beats seine
besten Tage schon hinter sich hat, erübrigen. Wenn sie live die
Schiebermützen nach hinten drehen und sich vor der Sängerin
ducken, wird alle Gemächlichkeit aus den Broken Beats vertrieben. Kultiviertheit im roten Bereich.
01.12. - Hamburg, Waagenbau / 02.12. - Berlin 103 Club
03.12. - Köln Stadtgarten / 04.12. - Heidelberg, Zieglers
05.12. - München, Registratur / 06.12. - Wien, Fluc Mensa
07.12. - Innsbruck, Salzlager Halle / 08.12. - Basel, Kaserne
09.12. - Dortmund, Domizil
Manuel Göttsching spielt E2 - E4 | 12. Dezember - Berlin, Berghain
Den Weg von krautigstem Krautrock zu Techno hat niemand so
sensationell hingelegt wie der Sphärenflüsterer Manuel Göttsching
von Ash Ra Tempel. Das 1984 veröffentlichte Solowerk E2-E4 hat die
Ravewelt gleich von zwei Seiten in die begeisterte Zange genommen:
als Sueno Latino in der Balearic-Version und als Carl Craigs Detroiter Intelligenz-Techno. Dass beide Coverversionen kaum von Gött-
CLUBTOUR
FEIER
KONZERT
schings Original abweichen, spricht nur für E2-E4. Das neunteilige
Opus magnum wird jetzt von Göttsching selbst dort aufgeführt, wo
es hingehört: im Berghain, wo die verzückten Raver durch die Watte
der Welt treiben. Wenn der Begriff Synergie Sinn machen soll, dann
bei diesem Zusammentreffen.
Gauloises Cookin’ Blue | 01. bis 15. Dezember
Auch im Dezember spielt gleich eine ganze Bus-Ladung voll
Musiker unter dem Banner der französischen Freiheits-Zigaretten. Dabei muss man einfach nur mit seinem Geschmack
zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, um sich einen
Leuchtturm-artigen Überblick zum Thema elektronische Musik verschaffen zu können. Bratzige Wärme von Shitkatapults
T.Raumschmiere und Apparat, Legendentum von Kaos und Fetisch, Hamburger House-Vergangenheit mit Boris Dlugosch, die
nicht zu stoppenden Märtini Brös und der loskrachende Elekt-
rorock der David Gilmour Girls garantieren auch im Dezember: in
your face.
01.12. Hamburg, Uebel & Gefährlich: T.Raumschmiere (DJ Set),
Apparat (Live), Daniel Meteo (DJ Set) / 02.12.Berlin, Rio: David Gilmour Girls (Live), TNT mit Fetisch & Kaos, Rub-N-Tug / 09.12. Osnabrück, Impuls Club: Märtini Brös, Benjamin Sanker, Luna Tom,
Dick Monroe / 15.12. Frankfurt , PinkPonyParty@Sinkkasten: The
Juan Maclean, Shit Robot, DJ Kaos
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Termine Dezember 2006
ON TOUR
ELECTRIC PRESIDENT
01.12. - Aarau (CH), Jugendkulturhaus
Klöserplatz / 02.12. - St. Gallen (CH),
Gugl / 03.12. - Lausanne (CH), Le Romandie / 10.12. - Heidelberg, Karlstorbahnhof / 11.12. - Hannover, Spandau
Projekt
KANTE
08.12. - Berlin, Volksbühne / 09.12.
- Münster, Skaters Palace / 11.12.
- Hamburg, Schauspielhaus / 12.12.
- Kassel, Musiktheater / 13.12. - Darmstadt, Centralstation / 14.12. - Saarbrücken, Roxy / 15.12. - Bochum, Zeche
/ 16.12. - Schorndorf, Manufaktur /
17.12. - Bonn, Harmonie
ON THE FLOOR
BERLIN - NBI
07.12. - Dorit Chrysler (live), Mico (live),
Iris (live), Monotekktoni (live)
BERLIN - STATION PARK
09.12. - Enik / 17.12. - Dejoe, Lockfella,
Buggy, Mantu, Kook, Mathias Liefelt
BERLIN - VOLKSBÜHNE
16.12. - The Books
BERLIN - WEEKEND
01.12. - Turntablerocker / 02.12. Basic, Martin Landsky, Patrick Gräser /
07.12. - Michael Mayer, Tobi Neumann
/ 08.12. - Tomboy, Kjeld Tolstrup, Djuna Barnes / 09.12. - Darshan Jesprani,
Oskar Melzer / 14.12. - Ewan Pearson,
Sasse, Oskar Melzer / 15.12. - Munk,
Rodion (live) / 16.12. - Dixon / 21.12.
- Tiefschwarz / 28.12. - Phoniqu, Terry
Lee Brown / 30.12. - Jazzanova / 31.12.
- Ellen Allien, Sven VT, Fritz Zander, Sascha Funke
BRüSSEL (BE) - RECYCLART
09.12. - Lory D (live), Pub (live), Peter van
Hoesen (live), Ucture (live), Seal Phüric,
Sensu, Ewo (vj), Visual Kitchen(vj)
BERLIN - 103 CLUB
07.10. - Scandalous Unlimited feat: Mc
Purple, DJ Absurd, MC Nika D, Stereotype vs. Al Haca vs. Siqnature, Nuno /
20.10. - Extrawelt (live), Miakel Stavöstrand (live), Krause Duo Nr. 2, ND_Baumecker, Naga & Beta, Steven M, Philipp
Adam, Shalla / 20.10. - Extrawelt (live),
Miakel Stavöstrand (live), Krause Duo
Nr. 2, ND_Baumecker, Naga & Beta,
Steven M, Philipp Adam, Shalla / 27.10.
- Cassy, Soundstream feat. Paul St. Hilaire / 28.10. - Evil Nine, Ewan Pearson,
Florian Meindl, Ed2000, Wiesel, Bleed,
Dot Con, Scheme, 100 Tons
DüSSELDORF SALON DES AMATEURS
07.12. - Loefah, Sgt. Pokes, Orson
DüSSELDORF - ZAKK
15.12. - Kabuki, Peatr Pauert, Buckel,
MC My-T
ERFURT - CLUB UNI.KUM
09.12. - ND (live), Hille, d.Hoerste, Jamy
Wing
FRANKFURT/MAIN - MONZA
01.12. - Sweetn. Candy (live), Chris
Leetz / 08.12. - Dub Taylor aka Tigerskin
(live), Steffen Nehrig / 15.12. - Heidi,
Einzelkind / 22.12. - Markus Fix, Bo Irion
/ 25.12. - Dan Berkson & James What
(live), Steffen Nehrig, Chris Leetz, Null.
Eins / 29.12. - Null.Eins / 31.12. - Jackmate (live), Steffen Nehrig, Null.Eins,
Al-X / 31.12. - Jackmate (live), Steffen
Nehrig, Null.Eins, Al-X
HAMBURG - EX-KARSTADT
09.12. - Sleeparchive (live), 2000 And
One, Harre / 22.12. - Cassy, Lawrence,
Marc Schneider
HAMBURG - HARKORTSTR. 125
09.12. - Marcus Mean aka electricwarp,
Roomrocker,Nitram & Clash, Mushi,
Alessandro
HAMBURG - UEBEL & GEFÄHRLICH
01.12. - T.Raumschmiere, Apparat (live), Daniel Meteo, akaak / 08.12. - For
God Con Soul feat. Consoles Acid Pauli
(live), Hometrainer, FC Shuttle + Odessa (live)
JENA - KASSABLANCA
15.12. - Pole (live), Barbara Preisinger,
Mathias Kaden
KÖLN - ARTHEATER
02.12. - Henree, Miss Dee, DC, Walter
B38, Adlib, Harry Swinger
KÖLN - BOGEN 2
15.12. - Sascha Funke, Michael Mayer,
Tobias Thomas
KÖLN - GEWÖLBE IM WESTBAHNHOF
01.12. - Max Turner (live), Thomas
Mahmoud, Uh-Young Kim / 02.12. Daniel Dreier, Graziano Avitable, Ipi,
Thorsten Skoerat / 15.12. - Toulouse
Low Trax (live), Unit 4 (live), Shumi, Mr.
Mück
KÖLN - SUBWAY
02.12. - Alexander Robotnick, Shumi
/ 09.12. - Monica Electronica, Judith
Theiss / 16.12. - M.I.A., Ruede Hagelstein, Marc Lansley / 23.12. - Hans
Nieswandt, Marc Lansley
LEIPZIG - CONNE ISLAND
09.12. - For God Con Soul feat. Consoles Acid Pauli (live), Hometrainer, FC
Shuttle + Odessa (live)
MAINZ - KASEMATTE
02.12. - Misc (live), Matt Star, Kid Kazaam
MÜNCHEN - FUNKHAUS
09.12. - Cat Power, Rhythm & Sound –
45 Session feat. Tikiman, The Thermals,
Me, Fotos, The Boy Group, Tolcha, Namosh, Peter Licht, Scrape Tacticians,
The Audience, Roots Rock Pioneers,
Jeans Team, Dario Zenker, My New
Zoo, Knarf Rellöm Trinity, The Marble
Man, The Books, The Jai-Alai Savant
MÜNCHEN GLOCKENBACHWERKSTATT
02.12. - Feund der Familie (live), G:hood
MÜNCHEN - HARRY KLEIN
04.12. - Glimpse (live), Kid.Chic, Koba /
08.12. - Darshan Jesrani, Ken / 09.12.
- Savas Pascalidis, benna / 15.12. Konrad Black, jojo Hofmockel / 16.12.
- Tekel (live), Tim Paris, Mueller / 22.12.
- Heiko MSO, Ken / 23.12. - Heiko Laux,
Daniel Rajkovic / 25.12. - Renator Figoli,
Stereo, Maxim Terentjev / 29.12. - Lopazz (live), Julietta / 30.12. - Marc Houle
(live), Troy peirce, Dario Zenker / 31.12.
- Samim (live), Julietta, Ana, Kid.Chic
MÜNCHEN - REGISTRATUR
02.12. - Joakim, Benjamin Fröhlich,
Tom Bioly / 05.12. - Bugz In The Attic (live), Compost DJ-Team / 08.12. - Sleeparchive (live), Roman Flügel, Wighnomy
Brothers / 09.12. - Steve Bug / 16.12.
- John Player, Gleichschritt, Luluxpo /
21.12. - Mooner / 23.12. - Steve Kotey /
24.12. - Joey Callero, Nader, Koba, Kid.
Chic, Dawnrock / 25.12. - Martyn, Tobestar, Ryan, MC Shoota / 30.12. - Egoexpress (live), Roch Dadier / 31.12. - AUdio
Werner, Evil Knievel (live), Jojo Hofmockel, Maxim Terentjev, Dawn Rock, Kid
Chic
MÜNCHEN - ROTE SONNE
01.12. - M.A.N.D.Y., Funk D’Void (live),
Gregor Tresher, Flynn / 02.12. - Barbara
Morgenstern (live), Francoise Cactus,
Upstart / 07.12. - Sodastream (live),
Nora Scholz / 08.12. - Popnebo (live),
Maxim von Terentjev, Matze Cramer /
14.12. - Jay Denham, Roberto Q. Ingram
/ 15.12. - For God Con Soul, Acid Pauli,
FC Shuttle, Hometrainer / 16.12. - DJ
3000, Anette Party, Jäger90 / 19.12.
- Saroos (live) / 21.12. - Lester Jones,
Zobeir Nawid / 22.12. - Geiger (live),
Stereo, Scharrenbroich / 23.12. - DJ
Rene, DJ Pete, Lester Jones / 25.12. Tobi Neumann, Playlove/81, Beatnik /
28.12. - Angie Reed (live), Upstart, Hias
Wrba / 29.12. - Dr. Scissors (live), Bass
Brigade (live), The Bavarian Prince,
Finnish Freak / 30.12. - DJ Traxx, Cosmic Force (live), Mick Wills, Tlr / 31.12.
- Anette Party, Beatnik, Erich Lesowski
(live), Jäger90, Kottan, Matze Cramer,
Maxim von Terentjev, Miguelle, Playlove/81, Upstart
08.12. - Paul David, Thomas Hammann
/ 10.12. - Audrey / 14.12. - Adem (live) /
15.12. - Michael Rütten, AL-X
OFFENBACH - ROBERT JOHNSON
14.12. - Hans Nieswandt, Heiko MSO,
Johnny Love, Weller
OFFENBACH - ROBERT JOHNSON
09.12. - 17 Jahre GROOVE, Carl Craig,
Ananda & Eulberg (live), Tiefschwarz,
Shinedoe, Thomas Melchior (live), Roman Flügel, DJ T., Prosumer, Fraenzen
Texas, Dorian Paic, Vera, Meat, Phase 2,
Eintritt: 23 Euro
OFFENBACH - ROTARI
26.12. - Frankie Patella
ROSTOCK - INTERCLUB
02.12. - Extrawelt DJ Team, DJ Martin
Menzel, DJ Daggles
WIEN - CABARET RENZ
16.12. - For God Con Soul feat. Consoles Acid Pauli (live), Hometrainer, FC
Shuttle + Odessa (live)
WIEN - CAMERA CLUB
01.12. - Baldelli, Chris Rhytmn, Tibcurl,
Baumann / 08.12. - DJ 3000, Tibcurl,
Baumann / 15.12. - Kilo (live), Tibcurl,
Baumann
ZÜRICH - HIVE CLUB
23.12. - Popshop (live), Max Durante,
Dan Piu, Steve Bastardo
OFFENBACH - ROTARI
10.10. - Sonic Liberalism
STUTTGART - ROCKER 33
10.10. - The Whitest Boy Alive (live) /
14.10. - Zootwoman (live) / 28.10. - Ellen Allien
ZÜRICH - ZUKUNFT
30.12. - Ark (live)
MÜNSTER - LUNA
22.12. - Ark (live)
NÜRNBERG - DESI
01.12. - Glimpse (live)
OFFENBACH - HAFEN 2
01.12. - Frivolous (live), Vera / 02.12.
- Robotobibok / 08.12. - Water Lilly /
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09.11.2006 18:21:03 Uhr
Reviews | ALBEN
CHARTS 1206
01 4Hero
Play With The Changes
(Raw Canvas)
02 Greg Haines
Slumber Tides
(Miasmah)
03 Ricardo Villalobos
What‘ Wrong My Friends
(Perlon)
04 Johann Johannson
IBM 1401
(4AD)
05 Manmadescience
One
(Philpot)
06 Tanzmann & Stefanik
Basic Needs
(Moon Harbour)
07 Spank Rock
Bump
(Big Dada)
08 Jeff Samuel
Step
(Trapez)
09 Audio Werner
Just Wanna Get Down Rmx
(Traum)
10 AM/PM
Maratea
(Dreck)
11 Shs Inc
Chronotropic
(Winsome)
12 Marcel Dettmann
Quicksand/Getaway
(Ostgut Ton)
13 Ambivalent
Roomies Ep
(Clink)
14 Chateau Flight
Baroque
(Innervisions)
15 Mike Shannon
Whats Your Pleasure
(Wagon Repair)
16 Magik Johnson
Scanning For Viruses
(Made To Play)
17 Martin Buttrich
Cloudy Bay
(Poker Flat)
18 Beirut
Gulag Orkestar
(aAD)
19 Magnus International
/
(Full Pup)
20 Nebulo
Kolia
(Hymen)
21 Ray Valioso
Einladung Ep
(Real Soon)
22 Ianek
The Return
(Mental Groove)
23 Gaiser
Neural Pattern
(Minus)
24 Loco Dice
Harissa
(Cadenza)
25 Someone Else & Miskate
Yeah Ep
(Wit)
26 Ink & Needle
Tattoo Three And Four
(Tattoorec)
27 Chaton
Précis Ep
(Plak Records)
28 Vince Watson
The eMotion Sequence
(Delsin)
29 Obtane
Cosmic Crossdresser
(Equilibrarecords)
30 V/A
Blueprints
(12k)
4 Hero
Play With The Changes
Manmade Science
One
[Raw Canvas]
[Philpot/021]
Soulfans waren 4Hero schon zu Jungle-Zeiten. Ihre letzten beiden Alben
waren groß angelegte Versuche, ihre Breakbeat-Science und klassisch
symphonischen Soul zu verschmelzen. Das hatte immer etwas leicht Angestrengtes, als ob sie unter Beweisdruck standen, das ihre Beat-Architektur
auch wirklich den Geschichtsballast mehrerer Musikgenerationen tragen
kann. Schön bis zum Vergehen war vieles, aber nie hatte man das Gefühl,
jetzt lassen sie sich reinfallen in die humanistische Familienmesse, die
Soul in den 70ern war. Aber nun scheinen sie endlich das Alter erreicht zu
haben, in dem jugendliche Abgrenzung und Besserwisserei überwunden
sind. Nach Avantgarde muss nichts mehr klingen. Arrangements eines
Quincy Jones oder Stevie Wonder werden nicht nur in ihrer überdistinguierten Komplexität, sondern auch in ihrem Klangbild nachempfunden. Nach
Retro von biederen Handwerkern klingt es aber beileibe nicht, da sind die
Sänger und Sängerinnen vor, denen die Tracks immer zu hofieren scheinen.
Four Hero sind endgültig in ihrer nächsten Schaffensphase angekommen.
Eins der schönsten Housealben des Jahres. Eigentlich sogar eins der wenigen, das den Titel überhaupt verdient. Manmade Science aka Jackmate,
Nik Reiff und Benjamin Lieten schaffen es vom ersten Moment an, die Vergangenheit von Soul in House zu neuem Leben zu erwecken und stürzen
sich so haltlos in einen Sound, der seine Vergangenheit braucht, um überhaupt er selbst sein zu können, dass man im Prinzip nur schwer glauben
kann, dass Manmade Science aus Stuttgart kommen. In einer besseren
Welt würden sie nahtlos als Vorprogram von Theo Parrisch auftreten und
damit ganze Sääle auf Wochen hinaus ausverkaufen. Schade, dass es
fast nur noch eine Vorstellung ist, den Sound von Manmade Science als
Clubsound zu hören, denn irgendwie haben wir damit eine Deepness völlig
verloren, die die Nächte eigentlich erst perfekt macht. Vielleicht führt das
Album ja dazu, dass sich einige wieder auf die Geschichte von House zurückbesinnen, und auch Tracks machen, die einen das Prädikat Oldschool
vergessen lassen.
JEEP •••••
BLEED•••••
SEAWORTHY - MAP IN HAND [12K/40 - A-MUSIK]
BEIRUT - GULAG ORKESTAR [4AD - INDIGO]
Calexico kamen tief aus dem Westen. Beirut beeindrucken uns nun tief aus dem Osten, durch den der
Westen gereist ist. Zack Condon hat sich nämlich aus
New Mexiko aufgemacht, durch für ihn gänzlich fremde
Länder des fernen Osteuropas inklusive Deutschlands
(ein bisschen slawische Tristesse haben ja auch wir im
Blut) zu fahren und dort derart viele Eindrücke zu sammeln, dass das Projekt Beirut und diese CD plus BonusE.P. notwendig wurde: Zigeunermusik, Rock, Balkanpop
und über allem diese Tragik. Wie eben zu den besten
Zeiten der eingangs genannten, so um 1998/1999. Hoffentlich hört das nicht irgendein Indie-Kim Ill Sung und
lässt Beirut zu seinem Hausorchester werden. Typisch
sozialistische Scheinwelt, denn hinter diesem Kollektiv
steckt zu großen Teilen Condon alleine.
www.beirutband.com
CJ •••••
Ah, Australien: Land der Kängurus und der Drones.
Seaworthy sammeln Langsamkeit, draußen aufgenommenes Restgeräusch, ihre Gitarren und Sprengsel anderer Instrumente ein und kommen mit dem definitven
Zen-Album zurück. Wo andere Dronies immer wieder
laut werden, ausbrechen - berechenbar, versteht sich -,
drehen sich Seaworthy mit dem fest eingestellten Tempomat immer wieder um die eigene Achse und pfeilen
an der Idee, dass man eines Tages das Flirren der untergehenden Sonne wirklich und wahrhaftig wird hören
können. Das wäre wunderbar. Bis dahin haben wie Seaworthy und ihre einzigartige Wüsten-Leere.
THADDI ••••
V/A - BLUEPRINTS [12K/39 - A-MUSIK]
MARCUS SCHMICKLER - DEMOS [A-MUSIK/A-32]
Hier äußert sich der Ur-Schrei mittels Wörtern von
Shakespeare, Schiller und Nietzsche. Gespanntes Gebären drückt sich durch die Kehlen der Sängerinnen und
Sänger und wird dabei gewaltig von verschiedenen Orchestern in Krakau, Köln und Glasgow begleitet. Absolut
umwerfend ist der Titeltrack der LP (no CD!). Der Chor
wirft Fragmente aus dem Zarathustra um sich, verwickelt dabei jedes Subjekt in den unzumutbaren Zustand,
den eigentlich jeder vermeiden möchte: der belanglose
Bürger, aufgegangen im blökenden Volk und erdrückt
von einer blendenden Demokratie, entkräftet von der
Frage nach der Anzahl der Sandkörner im Universum
und besorgt um den damaligen und heutigen Zustand
unserer Sprache. Spitzenalbum! www.a-musik.com
ED •••••
TANGERINE DREAM - NEBULOUS DAWN
[THE EARLY YEARS] [CASTLE/SANCTUARY]
ARAB STRAP - TEN YEARS OF TEARS
[CHEMIKAL UNDERGROUND - ROUGHTRADE]
Dreier-CD-Box zum Midprice mit allem, was wichtig sein
soll, war und muß. Inklusive der Alben "Atem", "Zeit",
"Electronic Meditation", "Alpha Centauri" und einiger
versteckter 7"es. Wer's nicht kennt und sich traut, sollte
zuschlagen. Bei wem allerdings bei Progrock-Gitarren
mit recht närrischen Synth-Einsätzen schnell mal der
Darm verstopft, sollte auf Klaus Schulze umschalten
oder noch besser: Brainticket hören, bis jeder Nerv gerinnt. www.tangerinedream.org
Ob das nun eine „Farewell“-Compilation der Schotten
ist oder nicht, erscheint unerheblich. Wichtiger ist die
Tatsache, dass Aidan Moffat und Malcolm Middleton uns
zehn Jahre haben weinen und selbstreinigen helfen. Ihre
krude Mischung aus Drumbox, Gitarre und schottischem Akzent im Gesang bleibt einmalig. Zudem hat keine
Band bisher so charmant Selbstmord- mit Fick-Gedanken vermengt. Ihr angeblich letztes Statement sind 18
Songs aus dem Abseits von Arab Strap, als B-Seiten,
Remixe, Live-Tracks und neue Teile. Insgesamt haben
sie zum angeblichen Abschied die heftigere Variante
ausgesucht. Unschlagbar bleiben dancige Heuler wie
„The First Big Weekend“. Schade und Tschüss!
www.arabstrap.co.uk
ED •••
GEIR JENSSEN - CHO OYU 8201M
[ASH INTERNATIONAL/7.1 - CARGO]
Geir Jenssen aka Biosphere fügt einen weiteren Baustein in die Reihe mit dokumentarischen Aufnahmen des
Labels Ash International. 12 Tracks und ein ausführliches Tagebuch vermitteln Eindrücke seiner 45-tägigen
Expedition der Besteigung des 8201 Meter hohen Cho
Oyu in Tibet. Die klangliche Ebene setzt sich aus unterschiedlichen und stellenweise miteinander verwobenen
Elementen zusammen. Man hört einen kurzen Loop tibetischer Musik, Kurzwellensignale, den Funkverkehr
überfliegender Flugzeuge, das nächtliche, stoßhafte
Einatmen mitgebrachten Sauerstoffs und natürlich immer wieder Field Recordings. Der Aufnahme einer durch
Pfiffe und Rufen herumdirigierten Yak-Herde hört man
ebenso, wie den nachts ums Zelt heulenden Winden an,
dass sie jenseits der Wolken entstanden sind. Stück für
Stück ergibt sich ein Gebilde, das einen teilhaben lässt
an diesem entbehrungsreichen bis brutalen Unterfangen, das manche mit dem Tod bezahlen und von dem
Jenssen selbst glaubt, dass er es nicht noch einmal
wiederholen braucht. www.sphere.no/cho_oyu
PP •••••
DOLLBOY - CASUAL NUDISM
[ARABLE/7 - HAUSMUSIK]
Fast 10 Jahre 12k ... die Zeit rennt uns davon. Diese
Compilation stellt sechs neue Projekte vor, die wir demnächst auf dem New Yorker Label erwarten können. Neben Seaworthy (Rezension in diesem Heft) tummeln sich
hier Christmas Decorations, die auf Kranky schon Spuren
hinterlassen haben, Autistici aus England, Jodi Cave (ebenfalls England), Pjusk aus Norwegen und schließlich
Leo Abrahams aus London, der schon mit Brian Eno
gearbeitet und ein Album auf BipHop veröffentlicht hat.
Allen Neulingen ist ihr sehr zurückhaltender und unkonkreter Sound gemein, wobei Abrahams im Verhältnis
fast schon catchy daherkommt. 12k ist und bleibt eine
gute Adresse für sehr überlegte, minimale Soundscapes,
die sich in ihrer akademischen Verwirrtheit so wohl fühlen, dass sie nie auf die Idee kommen würden, eine
Bassdrum aus dem Ärmel zu schütteln. Müssen sie auch
gar nicht. Dennoch bleibt die Frage, ob 12k ihr zweites
Jahrzehnt nicht mit überraschenderer Musik hätte eröffnen können. Die Moral von der Geschichte: Die beiden
Projekte, die einem im Ohr bleiben, sind Seaworthy und
Leo Abrahams. Und das sind die, die MAX/MSP nicht
verehren und wissen, dass man die Melodien und die
Wärme in den Gitarren findet.www.12k.com
THADDI •••••-••
Ich kenne ein Mädchen, die hört gerne Pentangle. Das
Info zu Dollboy verbietet mir durch die Blume, ihr "Casual Nudism" vorzuspielen. Weil das Album eher etwas mit Benjamin Britten zu tun hat, steht da. Als mit
Pentangle. Für mich ist Dollboy aber jemand, bei dem
ganz tief unten Fleischmann'sche Groovebox-Miniaturen
schlummern. Ganz tief im Herzen. Dollboy weiß das
nicht wirklich, er kann sich also nicht gegen wehren,
dass ich das höre. Vielleicht bin ich auch der Einzige,
bei dem das so ist. Denn es klingt schon sehr anders, ist
viel akustischer, und wenn Dollboy, wir können ihn auch
Oliver Cherer nennen, das Kalimba nicht so überstrapazieren würde, dann würde ich das Album auch noch
mehr mögen, als ich es eh schon tue. Grassroots-Elektronika auf Folk getrimmt. Oder andersrum. Sehr weich
und schön. Mit Klarinette. Was? Klar spiel ich's ihr vor.
www.arable.net
THADDI ••••
HI-TEK - HI-TEKNOLOGY 2
[BABYGRANDE - GROOVEATTACK]
Die zweite Ausgabe der besseren Hälfte von Reflection Eternal geht in die Vollen. Während man bei Nr.
1 noch Wert auf den Conscious-Rap-Touch legte, hat
Hi-Tek nun mit reichlich Credentials im Gepäck alles,
was Qualität verspricht, eingeladen. Busta Rhymes,
Raekwon, bis zu Jadakiss. Ist ja auch irgendwie passend zu HipHops Postmoderne. Außerdem hat es Hi-Tek
als einer der wenigen Rawkus-Produzenten geschafft,
kommerziell erfolgreich zu sein, ohne den berühmten
Independent-Fame zu verlieren. Schließlich hat in den
letzten Jahren fast die gesamte G-Unit im Studio vorbeigeschaut und trotzdem assoziert man Hi-Tek immer
noch gerne mit Black Star und Konsorten. Ansonsten hat
sich auch nicht viel geändert. Vol.2 fehlt ein bisschen
das Momentum der ersten Hi-Teknology. Aber der Mann
versteht sein Handwerk einfach wie kaum ein Zweiter
aus der Generation und jeder, der noch ein bisschen
Herz für Rapmusik hat, wird das ähnlich sehen.
GIANT STEPS ••••-•••••
V.A. - JAZZY JEFF - HIP HOP FOREVER III
[BBE/RAPSTER - ROUGH TRADE]
BBE machen keine halben Sachen, Jazzy Jeff darf schon
wieder ran und präsentiert seine exzellente Mixtur aus
Klassikern, ein paar Raritäten und wenigen neuen Hits.
Ein bewährtes Rezept, keine Überraschungen inbegriffen.
Aber wer so gezielt selecten, cutten und scratchen kann
wie er (was außer Frage stand), der darf seine Qualität
auch ohne große Neuerungen in die Welt tragen. Allerdings wird meiner Meinung nach auch schon ein Stück
weit die eigene Historisierung eingeläutet. Damit man
Jazzy Jeff auch in ein paar Jahren noch als relevant
anerkennt, hätte ein bisschen mehr Mut bei der Auswahl
gut getan. Nichts gegen "Runnin'" von "The Pharcyde",
aber ist das nicht schon etwas zu häufig ausgegraben
worden?
CJ ••••-•••••
V.A. - RECLONED [CLONE/CD09 - CLONE]
Eine Sammlung der Remixe die sich auf den vielen EPs
der letzten Zeit befunden haben. Irgendwo zwischen der
wirklichen Tradition klassischen Elektrosounds und einer immer etwas Italolastigen Discovariante angesiedelt
sind hier Leute wie Prins Tomas und Lindstrom, Putsch
79, Tiefschwarz, Carl Craig, Legowelt, Dexter, Charles
Webster am Werk und zeigen Clone von seiner Dancefloorfreudigsten Seite. Wer nur ab und an mal beim
Label reinblickt aber dennoch eine Vorliebe für diesen
Sound hat, kann das hier über CD länge endlich mal
geniessen.
BLEED •••••
SVEN VÄTH IN THE MIX THE SOUND OF THE SEVENTH SEASON [COCOON]
Eigentlich gibt es auf der neuen Doppel Mix CD nicht
einen Track, den ich nicht kenne. Sven fasst die minimale Welt perfekt zusammen und lässt dabei weder
ravigere Momente seines eigenen Labels aus (Adam
Proll, Dominik Eulberg), noch die Minimalismen rings
um die Minus Posse (Hearthrob z.B. ist der Opener) oder
vertracktere melodischere Tracks wie Jesse Somfay oder Cobblestone Jazz. Sehr sympathischer Mix der einen
guten Überblick über die Vielseitigkeit zwischen Minimal
und Rave gibt.
BLEED •••••
KARMA - LATENIGHT DAYDREAMING
[COMPOST/228 - GROOVEATTACK]
Karma sind seit ihrem Hit "High Priestess" 1993 gleichsam Paten, wie unsichtbare Eminenzen eines ganzen Movements, in dem es irgendwie unerlässlich ist,
schicke Autos (alternativ: Innenarchitektur, schöne
Frauen) auf's Cover zunehmen. Bei der Rückkehr des
von zahlreichen Producern von als Einfluss in Ehren
gehaltenen Duos haben wir es nun mit einem Ferrari
zu tun, dessen geschwungene Linien nahtlos in einen
knallroten Knutschmund übergehen. Will sagen (wir
wollen mal psychoanalytisch nicht zu tief bohren):
Technik und Gefühl kommen hier zusammen. Von Geschwindigkeitsrausch jedoch keine Spur: Karma parken
den Ferrari direkt vor dem Haus, verneigen sich ordentlich vor Burt Bacharach und A.C. Jobim, streifen
den Floor nur mit einem abgeklärten Blick und begeben
sich direkt ins Schlafzimmer. Schöne Stimmen, mondäne
Flauschigkeit, Retro-Chic im angesagten Songgewand,
Klangtiefe, Panoramablick, Streicher! Und nochmals Streicher! Ungeheuer sophisticated, dieser krasse Cocktail
aus Prozac, Martini und Poppers. - Schwebst du schon
oder lebst du noch?
EM •••-••••
TOBI ••••
62 | DE:BUG EINHUNDERTACHT
db_reviews62_73.indd 62
09.11.2006 12:34:00 Uhr
Reviews | ALBEN
VINCE WATSON - THE EMOTION SEQUENCE
[DELSIN RECORDS/060 - RUSHHOUR]
sowohl in einer von Donnerwettern umtosten Festung, wie auch im sonnendurchflutetem Wintergarten eine musikalische Sprache entwickelt. Nachdem
sich zu dem am Anfang stehenden intensiven Tongebilde zunächst furztrockene elektronische Signale
gesellen, aus denen im weiteren Verlauf ein droniger
Teppich entsteht, setzt schließlich die Gitarre ein und
verbreitet eine Stimmung, als würde man das Lied
vom Tod zum ersten Mal hören. In langen Einstellungen breiten die beiden fortan Variationen eines digital-analogen Black Metals aus, die einen wehrlos
machen und bloss noch auf die eigenen Zehennägel
schauen lassen, die sich angesichts der zu einem
Bewusstseinszustand werdenden Soundscapes immer noch weiter aufrollen. Epochal!
www.editionsmego.com
DÉBRUIT - TO NARTIK KEF [GEOSTATISM]
GIANT STEPS •••
LOUNGE - ELEGANCE [LOUNGE - AL!VE]
PP •••••
Wer diesen Monat nach einer Detroit CD sucht, kann
aufhören, denn mit "The eMotion Sequence" hat er
sie, trotz merkwürdigem Titel, gefunden. Seit Ewigkeiten schon, releast Vince Watson eine Platte nach
der anderen, und sein Stil wird einfach nur immer
deeper. 10 Tracks voller klassischer Detroit Seele,
magischer Melodien und sehr feinen Beats. Kaum
einem der Tracks merkt man an, aus welcher Zeit
sie stammen mögen, aber genau das ist ja einer der
Gründe warum man Detroit so liebt, weil es sich
einfach nicht verhält wie die übliche elektronische
Welt, in der neu immer weiter sein will. Eine Platte
die einem das innere Zentrum einer Sicherheit
zurückgeben kann, dass Detroit immer da sein wird
wo es war, und man immer zurückkehren kann und
dennoch immer von neuem ergriffen ist.
BLEED •••••
DISCO DIAMANT - MISCHAPPARILLO VOL. 1
[DISCO DIAMANT - GROOVE ATTACK]
Die Disco-Diamanten Scope & Defcon haben es
ganz dick hinter den Ohren. Im Grunde scheißen die
beiden ganz charmant auf das, was gerade so ein
selbstgerechter Rezensent wie ich zu ihrem Treiben
zu sagen hat und machen einfach nur ihr Ding. Und
das ohne wenn und aber. Disco ist das Wort, die
Disco der Ort. Da mixen die beiden Kölner schon
seit Jahren die geilsten und rarsten Scheiben mit
den besten Edits. Und macht man es mit so viel
Liebe zum Detail und schleppt seine Lichtkugel alias
Mischapparillo durch die ganze Welt, dreht man auf
einmal einen absurden Beitrag für Viva und holt
sich zur PopKomm die unmöglichsten Gäste ins Studio. Das ist dann eher die trashige Variante zum
Ablachen, aber noch immer gutes Entertainment. So
viel zur Bonus-DVD. Die Mix-CD ist aber der eigentliche Killer und verwandelt auch einen drögen Studentenabend zu einem Inferno. Ich sag nur: „Check
die Breaks!“
M.PATH.IQ •••••
THE RED KRAYOLA - RED GOLD
[DRAG CITY - ROUGHTRADE]
Mayo Thompson und seine wechselnden Musiker
schaffen es weiterhin beim ersten Song, zufällig
zu Besuch weilende Menschen in den eigenen vier
Wänden kräftig zu verunsichern. Horchen diese bei
den ersten Takten etwa von „Paris“ noch interessiert
auf – „Ach, ne neue Portishead?“ – so verschreckt
das bald einsetzende Akkordeon und das Stoische
des Stücks dann erfreulicherweise. Red Krayola
bleiben eine angenehm sperrige Angelegenheit, so
etwas wie die Kunst (in) der Massenkultur. Sechs
Songs und gute zwanzig Minuten genügen als Herausforderung. www.dragcity.com
CJ ••••
PETE STOLLERY UN SON PEUT EN CACHER UN AUTRE
[EMPREINTES DIGITALES - A-MUSIK]
Die surrealistische Musik des Schotten Pete Stollery funktioniert auch ohne akademische Grundbildung in Sachen Elektroakustik und Akusmatik. Die
elektronische Bearbeitung lässt oft die Quellen der
Klänge und Soundscapes erkennen, die Musik bietet
einzelnen Klängen viel Platz, wirkt dadurch leicht
und bleibt trotzdem durchweg spannend.
ASB ••••
Zwischen dem kanadischen Yukon und Texas liegen
knapp 5000 Kilometer und sicherlich wurde auf
dieser Achse manch eine Geschichte von vom Gold
Berauschten oder mächtigen Ölbaronen geschrieben.
Die beiden Staaten bilden die Koordinaten jener
merkwürdigen Melange, die A Witness-Bassist Vince
Hunt mit Harry Stafford, dem Frontmann der Inca
Babies, und Gitarrist Colin Grimshaw aufgenommen hat. Die drei verbinden bis in die 30er Jahre
zurückreichendes, aufgeklaubtes Klangmaterial mit
Electronica, Gitarre, Bass, leichtem Turntableism und
gesprochenem Wort und formen daraus Gebilde, die
etwas roh und unfertig klingen, aber gerade dadurch
eine grosse Anziehungskraft ausstrahlen. Es bleibt
unklar, ob das eine Hommage an längst vergangene Zeiten ist oder Ausdruck einer Sehnsucht nach
Freiheit, Melancholie und Poesie irgendwo tief im
Hinterland Nordamerikas. Sicher ist nur, dass dieser
Flecken Erde immer noch sehr gut als Projektionsfläche funktioniert. www.euphoniumrecords.com
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Ylj`e\jj_flijDf$JX()%''$)'%''
Wer sich das ehrgeizige Ziel setzt, ausgerechnet
einen so verbrauchten und missbrauchten Begriff
wie Lounge zu redefinieren, beweist einigen Mut. Mit
ihrer Art, Drum'n'Bass mit House und Downbeats
mit Dub und Pop so zu mischen, dass es den Begriff Lounge verdient, ohne als einfache Hintergrundmusik zu enden, verfolgen Darrin Huss, Niels Hesse
und Marco Drewes den Ansatz auch konsequent.
Dennoch erscheint mir der Anspruch noch zu hoch.
Momente, die an Depeche Mode oder Everything But
The Girl erinnern, sprechen für ein gewisses Potential. Doch die Konsistenz als Album will sich für
mich nicht ergeben.
M.PATH.IQ ••••-••
NEBULO - KOLIA [HYMEN/753 - HYMEN]
Totale Entdeckung. Nebulo ist Franzose und, wenn
ihr mich fragt, zur Zeit die beste Adresse für Darkness mit Kick. Über unheimlich dräuenden Hallräumen schichtet Nebulo fein zerschredderte Rhythmen,
geht mit Streichern um, als hätte er schon zehn
Symphonien hinter sich und macht mit einem Schuss
Breakcore schließlich obenrum alles dicht. Hier trifft
die orchestrale Liebe von Beefcake auf locker übersteuerten Funk à la Lusine. Nur eben auf der Überholspur des elektronischen Heavy-Metal-Gewitters.
Das ist natürlich nur eine Lesart des Albums. Eine
andere könnte sein, dass in den unteren Schichten
so viel Irritation herrscht, dass die anderen Sounds
einfach unweigerlich auf die Katastrophe der alles
zerberstenden Explosion zusteuern müssen. Ich bin
überwältigt. Hands down. www.hymen-records.com
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JZ`feM\ij`fej'(;()É7ö/#'' ,)*()
k_\i\klief]k_\fi`^`eXc:_X`eI\XZk`feZi\nn&j\i`flj[lYk\Z_ef
B@CC<I
KATTOO - HANG ON TO A DREAM
[HYMEN/754 - HYMEN]
Kitsuné spinnen. Gehen in Frankreich gerade alle
zu Bauhaus und Duran Duran ab? Verzerrer-Electrorock in Schwarz dominiert die 15 Tracks. Hier
wird richtig am Bass geschuftet und das Tier
im Club gesucht. Natürlich mit den Namen der
Stunde: Klaxons, Metronomy. Dazu tragen sie bei
Kitsuné Lederhosen und hören The Killers. Nur bei
The Whitest Boy Alive sind sie etwas ratlos. Aber
ihre Spürnase hat sie gezwungen, deren “Done
with you“ genau an die Stelle zu setzen, an der
auf der letzten Compilation Jenny Wilson platziert
war. Da können ganz zum Schluss die APC-Träger
aufatmen, endlich raus aus der Schwitzeküche.
JEEP ••••
PP •••••
Kattoo ist Volker Kahl, alter Beefcake-Mann und
immer noch überzeugter Verfechter der brachialen
Orchestrierung. Verdammt, ich mag das. Streicher,
Chöre, Pauken, Horror-Samples, verzerrte Beats,
Ruhe, Aufregung ... alles da. So wie die endlosen
Schlachten großer Historien-Filme zerreißt Kattoo
alles, woran man bisher geglaubt hat. Und auch
wenn ich die Schlachten nie mochte, reicht die
Musik doch völlig, um in die Rüstung zu steigen. Mit
dickem Pinsel wird die Melodramatik an die ausgebrannte Ruine gemalt, und wenn man bei einer
solchen Konstellation eigentlich das Gesicht unter
seinen Händen vergraben möchte, vor allem immer
dann, wenn Moll plötzlich nach Dur wechselt, kann
man Kattoo nur attestieren, dass er der Erste ist,
der diesen überbordenen Wahnsinn nicht nur Salonfähig macht, sondern ihn gleichzeitig so akribisch
perfektioniert hat, dass man die hektisch flackernde
Kerze von nun an beschützen wird, wie nicht anderes
auf der Welt. Polizeifunk hin oder her.
www.hymen-records.com
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THADDI •••••
THE PRESETS - BEAMS [GIGOLO]
MÚM - THE PEEL SESSION
[FAT CAT/57 - PIAS]
Peel Sessions sind immer Momente zum Sekt-Aufmachen. Auch wenn die Session schon gute vier Jahre
alt ist. Damals haben Múm in Maida Vale bei der
BBC aufgenommen und die vier Stücke sind gute alte
Bekannte und doch völlig anders. Direkter, trockener,
noch verzaubernder. Wer die beste Version ever von
"The Ballad Of The Broken String" haben will, kommt
an dieser EP nicht vorbei. Und alle anderen sowieso
auch nicht. www.fat-cat.co.uk
V.A. - LET THE GROOVE MOVE YOU
[FREESTYLE - GROOVE ATTACK]
Wer auch nur eine Idee von dem weltweiten Modern
Funk Movement hat, kennt Namen wie Breakestra,
The Bamboos, The New Mastersounds, Speedometer,
Marva Whitney (da kommt gar ein neues Album!),
Sharon Jones & the Dapkings, Poets Of Rhythm, DJ
Format und Quantic Soul Orchestra. Und eben die
sind hier allesamt mit ihrem heißesten Scheiß versammelt. Und dazu hat Compiler Adrian Gibson noch
einige weitere, kommende Big Names gediggt. Insgesamt 20 Songs zeigen die Quintessenz von 2006
in einer derart beeindruckenden Dichte, dass jedem
7“-Jäger die Tränen kommen. Besser geht es einfach
nicht. Dabei zeigt sich Alice Russell mit gleich drei
Gastbeiträgen ein weiteres Mal als die Stimme einer
neuen Generation. Killer.
M.PATH.IQ •••••
Was wie der Anfang einer schwarzen Messe klingt,
leitet Outtakes der Arbeit am Soundtrack zur
Produktion "Kindertotenlieder" von Gisèle Vienne und
Dennis Cooper ein, die im März 2007 am Theater in
Brest startet. Peter Rehberg und Stephen O'Malley
von SunnO))) haben sich dafür zusammen getan und
D8@CFI;<I›;@JKI@9LK@FE
GXlc$C`eZb\$L]\i++X›('0009\ic`e
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THADDI •••••
PURE SOUND - YUKON
[EUPHONIUM/EUPH 003 - BERTUS]
Wenn es darum geht, alle Geschmacklosigkeiten in
KTL - KTL [EDITIONS MEGO/EMEGO 084 GROOVE ATTACK]
I<:FI;JKFI<›
JEEP ••
THADDI •••••
JEEP •••-••••
KITSUNÉ - MAISON 3 [KITSUNÉ]
In diesem Projekt hängt irgendwo Atom Heart drin
und eine Menge Lustigkeit. Filmmusik, Easy Listening, Karl May, Dsching-Dsching-Dschinghis-Khan,
Balkan Beats und Diskobums mischt German Popov
zu einem aufdringlich schrägen Partybrei zusammen.
Das finden bestimmt Leute lustig, die rein aus Romantik immer noch "Zigeuner" sagen.
DJ MEHDI - LUCKY BOY
[ED BANGER RECORDS]
einen ultrafetten Partytopf zu schmeißen, bleiben Ed
Banger unbesiegt. Auch DJ Mehdi will nicht einfach
nur ein bisschen die Nachbarjungs mit amtlichen
Beats einschüchtern, nein, gleich muss die ganze
Welt im Brechstangengewitter mit LKW-Öl und Novelty-Scherzen allüberall überrannt werden. Miami
Bass ist meine Schwiegermutter, verglichen mit Medhi. Alarmstufe rot und immer schön die Sackhaare
mit Haargel einschmieren. Aber natürlich mit Hipster-Check auf der Hinterhand. Ein smarter Nerver
eben, der nie eine Lederhose trägt, aber gern mal
The Killers hört.
Wer auf digitale Hiphop-Breaks steht und dabei dennoch nicht nur eine technologisch raffinierte Variante
von Clickhop oder so sucht, sondern wirklich deepen
abstrakten Flow, der einen mitreisst und dabei auch
noch kickt, der darf dieses Album des Briten in Paris
nicht verpassen. Geniale Breaks, magische zersplitterte Soundwelten und gelegentlich auch Raps, in
einem Umfeld, in dem manche schon - vor lauter
Samplewahn - gar keinen Groove mehr vermuten
würden, die aber klar machen, wie sehr diese Track
kicken.
BLEED •••••
OMFO - WE ARE THE SHEPHERDS
[ESSAY - SIGN SUPREME]
ert, nicht unfunky, aber irgendwie wirkt das im Ganzen sehr saturiert und wenig frisch. Das ist aber
vielleicht auch eine Frage der Erwartungshaltung.
RAPHELSON - HOLD THIS MOMENT STILL
[GENTLEMEN RECORDS/37 - ALIVE]
Raphael Enard ist so ein zugeknöpfter Alleskönner.
Im positivsten SInne natürlich, denn sein Album auf
dem feinen Schweizer Label Gentlemen ist so luftig,
dass man den Songs die Melancholie gar nicht anmerkt, zumindest nicht gleich. Die Band, in der Enard
normalerweise singt und Gitarre spielt, die Magicrays, haben sich mir noch nicht vorgestellt, aber
wir vermuten mal, dass es eine Soloplatte brauchte,
damit sich Enard mit Piano, Harfe und Tom-YorkeVocals beschäftigen konnte. Gut, dass er sich die
Zeit genommen hat. Wenn Tom Yorke auf seinem Soloalbum ganz klar elektronisch neu definiert, sucht
Enard neue Kraft in sich langsam drehenden Träumereien befreiender Einsamkeit. www.gentlemen.ch
THADDI ••••
Das im Vorfeld der "Beams“-Veröffentlichung auf 12“
ausgekoppelte "Are You The One“ ließ mehr erwarten, als das Album einlöst. Vielleicht lag's an den
guten Remixen. Denn: Punk'n'Techno mit Waveappeal,
was auch gut und gern als Synthi-Pop verstanden
werden kann, wie er von diesem Duo präsentiert
wird, trägt nicht über eine ganze Albumlänge. Die
Strickmuster unterscheiden sich wenig, die Farbgebung ebenso. Wobei man die Stücke einzeln, und
nicht nur die eindeutig tanzbaren, ganz gut vertragen kann. Nur eben nicht im Paket, wo sie sich wie
schlicht geschichteter Fischerspooner-Stoff stauen.
Live sollen die Australier allerdings eine erstklassige Performance abliefern!
V.A. - POP AMBIENT 2007
[KOMPAKT - KOMPAKT]
LL •••
ANDREA BELFI - BETWEEN NECK & STOMACH
[HÄPNA - A-MUSIK]
GXki`Z\JZfkk18kdfjg_\i`Z<dfk`fej
Andrea Belfi ist Trommler und mehrere Titel des
Albums werden auch von seinem kraftvoll repetetiven Schlagzeugspiel beherrscht. Das ist aber nur
eine Seite seiner Musik, denn seine Tracks drehen
sich meist nnerhalb von fünf bis zehn Minuten mehrmals um die eigene Achse und verändern komplett langsam und fast unmerklich ihr Gesicht. Das
Spektrum der verwendeten Klangquellen ist äußerst
vielseitig, er benutzt Mundharmonika, Akkordeon,
Bottleneck-Gitarre, Gesang, Keyboards und Bläser
gleichberechtigt neben konkreten Geräuschen und
Field Recordings, arbeitet dabei mit folkigen Arrangements sowie harsche Verzerrungen und dubbigen Ambienrsounds. Interessante Hörstücke zwischen Song und Hörspiel.
Wenn Besprechungen neuer Musik-Produkte eine
Kaufempfehlung und ergo Werbung sein dürfen, dann
insbesondere im vorliegenden Fall: Die popambiente
Reihe aus Köln liefert seit 2000 mit der ersten Folge
„Pop Ambient 2001“ ein Highlight nach dem anderen.
Jedes Jahr weiß man, es geht auf den Wechsel zu,
wenn sich das Raumschiff wie am Anfang von „Star
Wars“ über die Köpfe hinweg ins neue Jahr begibt.
Die menschlichste aller Maschinenmusiken tröpfelt
aus der Anlage oder dem Laptop und lässt Hektik
lächerlich erscheinen. Gas (!), Fehlmann, Guentner,
Lohmann und ein paar neue Acts übernehmen mit
absoluter Kontrolle die Aufgabe, uns einzulullen.
Eine Droge. www.kompakt-net.de
ASB •••••
CJ •••••
WATCH TV & THE PRIMETIMES DISCOLEXIA [HITOP - SOULDFOOD]
PETER REHBERG - KAPOTTE MUZIEK BY...
[KORM PLASTICS/KP3022 - TARGET]
Warum heißt der Goya (spanischer Filmpreis) eigentlich Goya, wenn sonst von Lola, Osacr oder César die Rede ist? Von Analogie kann da wohl kaum
die Rede sein. Anyway, Rubens Garcia aka Watch TV
hat mal einen Goya für Filmmusik gewonnen. Und
auch sonst scheint das DJ- und Remixer-Leben von
Erfolg geprägt. „Um so besser!“ ruft der Musikfreund,
wenn er dann auf einem so kleinen, dafür aber sehr
prestigeträchtigen Label wie HiTop veröffentlicht. In
meinen Augen sind die Madrilenen das einzige europäische Label, welches - auch wenn sie sich auf
lateinamerikanische Klänge spezialisiert haben - bei
der Ausgrabung vergessener Musikschätze mit den
Engländern von Soul Jazz oder Jazzman mithalten
kann. Leider scheint Herr Garcia aber schon etwas
sehr verwöhnt. Alle Tracks sind ordentlich produzi-
Wieviel Zeit dieser 17-minütige Remix eines Konzerts
von Kapotte Muziek aus dem Jahr 1997 in Anspruch
genommen hat, weiss man nicht, aber fast klingt
es so, als würde die ursprüngliche Musik 1:1 durch
eine einmal festgelegte Verkettung von Effekten gejagt. Sehr leise und nur innerhalb eines limitierten
Frequenzbereiches geht es sodann zu - fast schon
Ambient-mäßig, aber gleichwohl scheint da zunächst
noch etwas zu lauern, das jeden Moment von der Leine gelassen werden und losspringen kann. Wird es
aber nicht. www.kormmplastics.nl
PP ••
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DE:BUG EINHUNDERTACHT | 63
db_reviews62_73.indd 63
08.11.2006 20:51:29 Uhr
Reviews | ALBEN
MARCUS FJELLSTRÖM - GEBRAUCHSMUSIK
[LAMPSE/06 - HAUSMUSIK]
Ich möchte diesen Typen gerne mal treffen. Ich würde
sogar nach Schweden fahren dafür. Da wohnt Herr
Fjellström. Ich würde also gerne hinfahren, einfach um
ihm zu sagen, wie sehr ich sein Album hasse und für
was für ein arrogantes Arschloch ich ihn halte, bloß
keine Akkorde zuende zu denken und immer ganz bewusst daneben zu liegen. Neben allem. Das sind genau
die, die für ihren pseudo-akademischen Dreck die Stipendien bekommmen. Igitt.
www.lampse.com
THADDI •
MISTER BOND A JAZZY COCKTAIL OF ICE COLD THEMES
[LOCAL MEDIA - AL!VE]
Es ist nicht zuletzt dank Projekten wie [re:jazz] wieder
in, bekannte Themen in Jazz zu transponieren. Insofern
wundert es mich gar nicht, dass auch hier wieder der
Name Jan Hagenkötter (InfraCom!-Chef) im Hintergrund auftaucht. Zusammen mit Peacelounger Christian
Arndt, Bandleader Andreas Hillenheim und Heinz Hess
produzierte er eine CD voller Neuinterpretationen der
legendärsten Melodien des Agenten 007. Mit Cassandra
Steen (Glashaus), Pat Appleton (De-Phazz) und Katia
B wurden bekannte und fähige Stimmen gefunden, der
Idee Gestalt zu geben. Insgesamt trifft es der Titel des
Ganzen aber schon im Kern: Die 11 Songs sind zumeist
sehr brav arrangiert und können zum Teil den Originalen nicht die entscheidende Wendung geben. In der
Cocktail-Bar und in der Lobby funktioniert das aber
wie von selbst.
vant", "Shake The Disease", "Personal Jesus" ... bis zum
exklusiven und neuen Track "Martyr" schimmert die
Geschichte der besten Band der Welt. www.mute.de
THADDI •••••
fekten, Noise und Field Recordings und bearbeitet die
entstandene Musik digital. Das Ergebnis hat mal etwas
von Kammermusik, mal klingt sie nach Free Folk und
ist stets verträumt und superentspannt.
ASB ••••
DEPECHE MODE A BROKEN FRAME / SOME GREAT REWARD /
SONGS OF FAITH AND DEVOTION [MUTE - EMI]
Der zweite Schwung der fantastischen RemastersSerie aller Depeche-Mode-Alben macht 1982, 1984
und 1993 Halt, also in den Jahren, als Vince Clarke
ausstieg, die Band mit People Are People den ersten
wirklich großen Hit hatte und schließlich einen Junkie
als Sänger. Genug Gossip. Die Audio-CDs haben allesamt mehr Kick, klingen sehr aufgeräumt und fein. Highlights sind aber wieder die Dokumentationen auf der
DVD, weil bei "Some Great Rewards" und "Songs Of
Faith And Devotion" die Videokamera ständiger Gast im
Studio war und man die Band tatsächlich bei der Arbeit
beobachten kann. Martin Gore am Fairlight oder auf
der Terrasse, wie er Kieselsteine an Mikros vorbeirollt,
um daraus Bassdrums zu bauen ... solches Material ist
nicht mit Gold aufzuwiegen. Und wie die Geschichte der
Band in diesen wunderbar aufgemachten Doppel-Packs
an einem vorbeizieht, auch nicht. www.mute.de
CJ •••
KILO - KILO [ONITOR/053 - HAUSMUSIK]
Wie hiess dieses Genre noch mal? Clicks und irgendwas? Ungerecht. Weil es nicht um ein vergessenes
Genre geht. Sondern um die Schönheit digital zersplitterter Klänge und Grooves die so weich sind wie Samt,
um die Vorstellung dennoch mit elektroinscher Musik
Jazz oder Blues machen zu können, ohne sich einem
Genre dabei annähern zu wollen, vor allem aber darum
Melodien und Sounds so ineinander zu verflechten,
dass wie wirken wie ein Gefühl. Eine extrem schöne
Platte die jedem Gefallen wird, der findet, dass grade
Beats einfach zu sehr auf den Dancefloor getrimmt
werden und dabei viel von einem möglichen Charakter verlieren.
MAX MOHR - TRICKMIXERS REVENGE
[PLAYHOUSE/CD20 - NEUTON]
BLEED •••••
BLEED ••••
GESCOM - MINIDISC 45 TRACKS
[88 PQ #] [OR/ONLY 3 CD - CARGO]
MASON JONES, NICK HENRY ET AL. - WOODEN
OCTOPUS SKULL [PSYCHFORM/ENTERRUPTION]
ANDERS ILAR - NIGHTWIDTH
[NARITA/CD2 - KOMPAKT]
M.PATH.IQ •••••-••
KTL - KTL [MEGO - GROOVEATTACK]
ED ••••
ASB ••••
GREG HAINES - SLUMBER TIDES
[MIASMAH/03 - BAKED GOODS]
Zuerst mal denkt man, ja, Max Mohr, das ist immer so
aussergewöhnlich, allein schon vom erstickten dichten
Sound, dass man das Album einfach von Anfang bis
Ende geniessen wird. Irgendwann aber mittendrin wird
man das Gefühl nicht los, dass Mohr irgendetwas so
bedrückt, dass er uns unbedingt mit hineinziehen will, in
die darke Welt der stellenweise wirklich abenteuerlich
düsteren Tracks. Und genau wenn dann säuselnd klassisch mollige Melodien die Überhand gewinnen, würde
man sich wünschen, dass das Album vielleicht einen
Hauch weniger gefangen klingen würde.
Der Katalog zum zweiten Wooden Octopus Skull Experimental Musik -Festival, das zwischen dem 7. und
10. September diesen Jahres in Seattle statt fand. Viele
lokale, befreundete, aber auch japanische Künstler
waren geladen: Ear Venom, Dialing In, MV Carbon, Amber Asylum, Zubi Zuva, Ruins et al. Fast alle Projekte
werden mit Interview und/oder ausführlicher Diskographie (zwei Seiten Wolf Eyes) gefeaturet. Die auf 1000
limitierte Sonderausgabe des Büchleins im 10"-Format
bietet obendrein das Sonntag Abend-Programm auf
CD: Wolf Eyes, Dead Machines, Double Leopards, Yellow Swans, Hive Mind und The Cherry Point. Kunst und
Musik aus dem tiefsten amerikanischen Underground,
zwischen psychedelischen Drones, absurdem Free Folk
und breitem Gitarrenlärm.
www.myspace.com/psychform
THADDI •••••
Elektroniker Peter Rehberg (Pita) und Black Metal-Gitarrist Stephen O'Malley (SunnO)))) arbeiten über die
Kindertotenlieder von Friedrich Rückert. Das liest sich
nicht fröhlich, ist es auch kein bisschen. Die Mischung aus harschen elektronischen Sounds, Sub-Bässen und zerrigen Gitarrendrones mit fiesen Rückkopplungen und digitale Störgeräusche erzeugt besonders
in großer Lautstärke gehört eine wirklich unangenehm
klaustrophobische Atmosphäre. Beängstigend großartige Musik.
New Wave, Indietronics, Electronics) kommen auf ihre
Kosten. Rinocerose und Alex Gopher sind wohl eher
mittelalte Namen. Die Zusammenstellung funktioniert
als Beinahe-Four-to-the-Floor des Disco-Punk bestens,
Neuentdeckungen finden nicht unbedingt statt.
Killer-Tracks von Anders Ilar, der es schafft, die Magie
seiner Maxis auch auf Albumlänge knallen zu lassen
und immer eher dark den Minimalisten dieser Welt das
Fürchten lehrt. Es knarzt und drückt an allen Ecken und
Enden und wenn Autechre ihre Diskette mit dem Noise
verlieren würden, sich an Amber erinnern würden, dann
hätten auch sie "Nightwidth" aufnehmen können. Oder
so ähnlich. Sehr runde Sache. www.naritarecords.com
THADDI ••••
YPPAH - YOU ARE BEAUTIFUL ALL TIMES
[NINJA TUNES]
Minidisc wird vermutlich neben Video 2000 als das am
schnellsten in Vergessenheit geratene Format in die Geschichte der Unterhaltungselektronik eingehen. Während
seiner kurzen Blütezeit erlebte es sogar einen amtlichen
Release und der wurde prompt mit einem Preis der Ars
Electronica versehen. 1998 verteilte das Duo Gescom
mit Russell Haswell 45 Tracks auf 88 Start-ID's einer
MD. Die Geräusch-haften, krachigen, rhythmischen oder
einfach nur merkwürdig Megoesken Sounds und Beats
erinnern mehr als einmal an die erste ernstzunehmende Laptop-Generation, den Zenit der 90er und wie
weit vorne viele da auf eine heute vielleicht naiv anmutende Weise waren. Die ursprüngliche Intention den
Hörer durch all die Sounds shuffeln zu lassen, selber
Trackmarks zu setzen und darüber bei jedem Abspielen
ein neues Erlebnis zu generieren, funktioniert aufgrund
des fehlenden CD-Buffers und der langen Pausen nicht
ganz, aber auch durchgehend von 1-88 ist diese Replik
ein großer Spass - auch wegen des vermutlich auf die
MD-eigene ATRAC-Komprimierung anspielenden, herrlich gepixelten Covers. www.aor.net
V.A. - ON THE SPOT
[RICKY TICK - GROOVE ATTACK]
Wer sich bislang fragte, woher die Jungs vom 5 Corners Quintet ihre Inspiration nehmen, findet Dank dieser Compilation die Antwort. Skandinavien hatte schon
immer eine agile Jazz-Szene. Und zu Beginn der 60er
groovte es dort noch an allen Ecken und Enden. Der
Grund, warum in dieser Zeit Jazz die Krone der Tanzmusik an Rock und Pop verlor, ist hier jedenfalls nicht
zu finden. Insgesamt ein Zeitdokument, das vor großen
Wiederentdeckungen nur so wimmelt - wenn man von
Dexter Gordon mal abieht. Und ein kleines, aber feines
Booklet fehlt auch nicht.
M.PATH.IQ •••••
RELISH COMPILATION MIXED AND COMPILED BY HEADMAN
[RELISH - SONY]
PP •••••
V.A. - PLANT MUSIC
[PLANT MUSIC - GROOVEATTACK]
Eigentlich wollte ich meine gesamte Euphorie diesen
Monat Jóhann Jóhannsson und seinem neuen Album
widmen, doch nun kommt mir Greg Haines dazwischen.
Dieser 18jährige Engländer legt mit "Slumber Tides"
ein derart intensives Klassik-Album vor, dass man einfach begeistert sein muss. Vor allem geht es um ihn
und sein Cello, das er sparsam und auf den Punkt
schichtet und schichtet, mit Glass'schem Geplinker
sachte orchestriert und mit der Stimme von Kristin
Evensen Giaver seine Stücke zu so mächtiger Größe
bringt, dass hier jemand schon mit seinem ersten Album einen festen Platz auf dem Olymp vom Menschen
wie Gorecki, Bryars, Budd und Glass gefunden hat. Und
eines Tages, da bin ich sicher, wird diese sich stetig
steigernde loopende Melancholie die Welt erobern. Wer
glaubt, Ryan Teague mit Orchester was groß, der wird
bei Greg Haines einfach in Ohmacht fallen.
www.miasmah.com
THADDI •••••
Diese instrumentalen Soundscapes mit heavy Drumming sind die Exaltation der Introvertierten. Etwas
Ausbrechendes, das einen einhüllt. Der Texaner Joe
Corrales steckt knietief in diesem typischen NinjaTune-Sound, der die elektronische Entsprechung zu
Bluesrock mit Flying V ist. In den weniger walzenden
Momenten bekommt es glatt eine psychedelische Drift,
die etwas einnehmend kitschig Luftiges hat. Aber ich
habe noch nie begriffen, wo das Faible für polterndes
Dampfdrumming herkommt. Das nagelt einen doch so
im matschigen Erdreich fest.
DEPECHE MODE - THE VERY BEST OF VOLUME 1 [MUTE/MUTEL15 - EMI]
JEEP •••-••••
Quer durch über 25 Jahre Bandgeschichte vereint diese
Compilation vielleicht nicht die besten Songs der Band,
beweist aber immerhin, dass es in der Vergangenheit
auch gute Dinge in den Charts gab. Von "Just Can't Get
Enough" über "Everything Counts", "Master And Ser-
MIDORI HIRANO - LUSHRUSH
[NOBLE RECORDS - A-MUSIK]
db_reviews62_73.indd 64
Pianistin Midori Hirano schreibt schöne entspannte
Songs und setzt diese mit Akustik-Gitarre, Cello, Klavier, Gesang und Schlagzeug um, versetzt sie mit Ef-
Nach „The Sound of Young New York“ gibt's von Plant
Music hier den nächsten Beitrag, um dem Bloombergschen Image Verlust des Big Apple entgegenzuwirken.
Dieses Mal sind es keine Eigengewächse sondern
meistens Remixe oder 12“, die so noch nicht auf einem
Longplayer erschienen sind. Mit dem deutlichen CrossOver zwischen Rock und Electro, sowie dem Freshness
Gütesiegel, ist der Weg zu Gomma nicht weit und so
wundert es wenig, dass sowohl WhoMadeWho als auch
Munk vertreten sind. Und beim Thema „politics kills
Disco“ tun sich München und New York ja auch nicht
viel. Anyway, auch die Eigengewächse gefallen mir richtig gut. Vor allem DJ Wool, der 1997 die erste Plant
Music Single veröffentlichte, rockt nach vorne, ohne
irgendwelchen Platitüden zu verfallen. Sehr interessant!
GIANT STEPS •••••
V.A. - PLANT MUSIC
[PLANT MUSIC - GROOVEATTACK]
Vorab seien die Architektur-Grafiken des TonträgerZubehörs gelobt: Solch schöne Kirchen oder Fabriken
wie in diesen, bunten minimalen Skizzen von Caroline
Geys habe ich – außer auf „Human Empire“-Shirts –
lange nicht gesehen. Die Musik funktioniert da schon
etwas komplexer. Auf 15 Songs des New Yorker Labels gibt es den neuen Sound des jungen New York,
gähn. Die Musik ist deutlich besser als das Presseinfo. Freunde von Indietum jeglicher Couleur (New
MOGWAI - ZIDANE– A 21ST CENTURY PORTRAIT
[ROCK ACTION - PIAS]
Puh. Mogwai legen schnell nach. Nicht allzu lange Zeit
nach dem letzten Album „Mr. Beast“ haben sie den
Soundtrack des neuen Films vom Turner-Preisträger
Douglas Gordon und Phlippe Parrenos Kino-Porträt von
Zinédine Zidane geschrieben. Zidane ist ja seit seines
dämlichen Kopfstoßes im WM-Finale beinahe noch
größer geworden. Seine Schwäche macht sein Image
noch stärker. Die Melancholie dieses Unperfekten vertonen Mogwai in zehn wunderbaren Songs. Ruhig, erhaben, traurig, den älteren Mogwai-Stimmungen entgegen
kommend. Auch vollkommen schön ohne Fußball-Fantum. Fast schon stört sogar der mitlaufende ImageTransfer von Zidane auf Mogwai.
www.mogwai.co.uk
CJ ••••-•••••
MOGWAI - ZIDANE: A 21ST CENTURY PORTRAIT
[ROCK ACTION - PIAS]
Welche Band sollte wohl auch sonst einen Soundtrack
zu einem Film über einen der größten Fußball-Helden
aller Zeiten komponieren als die Celtic-Wahnsinnigen
von Mogwai? Kurz nach dem Erscheinen von Mr Beast
entstand die Musik zur filmischen Zinédine ZidaneHommage von Douglas Gordon und Philippe Parreno.
Gefilmt wurde 2005 ein Heimspiel von Real Madrid,
Mogwai bauen dazu eine stets steigende musikalische
Spannung auf, die sich im Gegensatz zu früheren Alben hier allerdings nie richtig entlädt. Ein wunderbar
ruhiges Album.
ASB ••••
HUNTSVILLE - FOR THE MIDDLE CLASS
[RUNE GRAMMOFON - CARGO]
Ein Trio von Multiinstrumentalisten mischt Jazz,
Geräusch und Improv mit Country, Folk und Dronesounds und groovt dabei die ganze Zeit, dass es eine
Freude ist. Die Beats werden entweder auf akustischen Percussioninstrumenten gespielt oder mit
der Tablamaschine erzeugt, die Töne und Geräusche
kommen aus Kontrabass, Steel Gitarre und Banjo. Die
Instrumente werden entweder „normal“ gespielt, präpariert oder mit Bögen und anderen Spielhilfen zum
Klingen gebracht. Konkrete Klänge stehen gleichberechtigt neben traditionellem Gitarren-Fingerpicking und
viertelstündige Tracks morphen sich langsam vom
handgespielten Banjoloop zum Noisedrone. Großartige
Platte!
ASB •••••
HUNTSVILLE - FOR THE MIDDLE CLASS
[RUNE GRAMMOFONE/RCD 2058 - CARGO]
Die drei Norweger Ivar Grydeland, Tonny Kluften and Ingar Zach hantieren mit einer Vielzahl von Instrumenten
und generieren dicht gepackte, aber dennoch fein austarierte Klanglandschaften, die im besten Sinne 'Neue
Musik' sind. Streckenweise offenbart sich dabei ein
Spannungsfeld zwischen mehrschichtigen Rhythmen
und einer Art Musikalität, in der sich die Mittelklasse
tatsächlich zu Hause fühlen könnte. Glücklicherweise
sind das nur kurze Strecken und vermutlich passiert
das auch nicht aus Angst vor der eigenen Radikalität,
sondern bedeutet der Band bloß eine Erweiterung des
Spektrums. In den besten Momenten spielen Huntsville
einen mit E- und akustischer Gitarre, elektronischen
Gerätschaften, die streckenweise mit diversen Bögen
um- und gestrichen werden, Banjo, Doppel-Bass und
Drums so schwindlig, wie das einstmals ein gutes
Drum'n'Bass-Set vermochte. Huntsville sind die Könige
des Rhythmus! www.egrammofone.com
PP ••••
MARC ROMBOY - PICTURE OF NOW
[SCANDIUM RECORDS]
Headman baut seit Jahren an seiner Münchner
Version von Discorock zwischen Italo, HiNRG und
“Sleeper in Metropolis“. Mit dabei: David Gilmour
Girls, Nemesi, Franz & Shape, Riot in Belgium, Don
Cash, Yuksek, Headman selbst. Heimlich trägt er Lederhosen und hört The Killers, die Geschmacksrichtung von Mix und Compilation ist eindeutig: Stadionrock. Mit den grimmigen Verführungstricks, die man
dann so draufhaben muss. Das ist mir über weite
Strecken zu feist und humorlos, zu bratzig frontal,
plump verrucht, zu viel EXXXClash, ums beim Wort
zu nennen. Headmans/Manheads eigene Tracks ragen
erstaunlicherweise als lustig spritziger Italo-BilloFunk meilenweit aus dem bierernsten Kajal-Gerocke
raus. Aber wer Lindstrøm für ein blödes Weichei hält,
kann sich hier seine Portion Italo vorknallen lassen.
JEEP •••
Die Tracklist von Marc Romboys neuer Mix-CD liest
sich wie ein aktueller Einblick in die Club-Welt. Keine
großen Überraschungen hier. Dennoch: Herr Romboy
mixt sich gezielt durch Peak-Time-Club-Hits wie Buttrichs "Full Clip", Anja Schneiders "Lily of the Valley"
oder Heidis "Vejer". Klar, dass die CD auch mit eigenen
Produktionen und Remixen gespickt ist. Der richtige
Soundtrack für den Club zu Hause oder die zwei Stunden vor dem Weggehen.
DOTCON ••••
CAPPABLACK - FACADES & SKELETONS
[SCAPE - INDIGO]
Drei Compilations mit irgendwie immer Höhepunkte
markierenden Cappablack-Auftritten warf Scape uns
bröckchenweise vor die Ohren, bis das As im Ärmel
nun endlich in Albumlänge herauskommt. Hashim B.
und iLLEVEN sind zwei Tokyoter B-Boys, involviert in alle möglichen Geschäfte von Berichterstattung bis DJing
und neben den üblichen Seitenprojekten und Einzelmis-
08.11.2006 20:52:13 Uhr
Reviews | ALBEN
sionen gemeinsam Cappablack. Auf Facades & Skeletons servieren sie auf Grundlage verdreht-vergnügter
Beats ein kontrastreiches Menü aus kräftigem Boom
Bap und geduldiger Handarbeit, Momente digitaler Poesie und urbaner Düsternis. Als Gäste kommen Awol One
(englisch) und der Japaner Emirp (Japan-englisch) zu
Wort, die Hälfte der Zeit allerdings kommt das Album auch mühelos instrumental aus: zu jeder Zeit
überraschend und fresh, ob mit Blade-Runner-mäßiger
Street-Erdung oder bis auf die 64-tel in die Tiefe gehendem Beat-Origami. Hip-Hop zum Selberdenken und
vor allem: Immer wieder hören.
eine Frage der Perspektive), dass der extrem fähige
Plattenkratzer Robert Smith erst Ernst Jandl und dann
die Kollegen vom Blumentopf reincuttet, damit sein
Kollege im nächsten Atemzug ihre Behauptung widerlegen kann, wichsen würde jeder, aber keiner drüber rappen - eine Vorlage, die Max’well Smart als wohl Penisfixiertester Rapper seit Kool Keith nicht unverwandelt
lassen kann. Großer Spaß also auf vier Seiten, inklusive
Instrumentals und Kratzrillen, komplett unanständig,
aber niemals diffamierend oder öde oder so.
EM ••••
COOLHAVEN - STROMBLOCQUE PHANTASIEN
[TAPLE - A-MUSIK/STORA.DE]
EM ••••
DIMLITE - THIS IS EMBRACING
[SONAR KOLLEKTIV]
Eine Bande niederländischer Musikanten vertont eine
auf deutsch geschriebene David Hasselhoff-Biographie
natürlich auf deutsch und ebenso natürlich mit der
gegebenen Ernsthaftigkeit. Die Texte machen dementsprechend Spaß. Musikalisch sind die „Stromblocque
Phantasien“ eine großartige Mischung aus experimentierfreudiger Elektronik, analogen Oldschool-Sounds,
grandiosen Chören und einer klassisch ausgebildeten
Frauenstimme, die Hasselhoffs Weisheiten den letzten
Schliff geben.
AUDREY - VISIBLE FORMS [SINNBUS/18 - ALIVE]
In Schweden ist es jetzt schon viel kälter. Zumindest
denkt man das, wenn man Audrey beim Kaminanzünden zuhört. Sehr schön aufgenommenes Indiealbum,
made in Göteborg. Aber es bleibt ein bisschen Wehmut.
In den ruhigen Songs ist alles perfekt, man denkt, man
sitzt mitten in den Streichern drin, fühlt mit, mag sich
tiefer und immer tiefer in die Melodien hineingraben
und der Sängerin zuhören. Wird es aber lauter, dann ist
plötzlich alles irgendwie konstruiert und merkwürdig
rockig angestrengt. Zum Glück passiert das nicht zu oft
mit der Lautheit. Zum Glück gewinnen die Streicher klar
nach Punkten. Und zum Glück ist es in Schweden jetzt
schon viel kälter. www.sinnbus.de
en heute Unbekannten noch mal richtig spannend. Zu
Judy Nylon und James Blood Ulmer muss wahrscheinlich auch 2006 nicht viel gesagt werden, Ike Yard, Boris
Policeband, Implog, Ut oder die Dominatrix sind aber
nicht weniger spannend, und ihre Mischung aus dicken
Tanzbeats, schrabbeligen Sounds und düsteren und zuweilen politischen Texten hat auch heutiger Tanzmusik
noch einiges entgegen zu setzen.
ASB •••••
ASB •••••
HU VIBRATIONAL - UNIVERSAL MOTHER
[SOUL JAZZ RECORDS - INDIGO]
THADDI ••••
V.A. - ALEX SMOKE PRESENTS SCI.FI.HI.FI VOL3
[SOMA]
Dimitri Grimm hat ein ungeheures Gespür dafür,
wie man soulig folkige Songs an einem bröckeligen
Glitch-Funk wachsen lassen kann. Das Skizzenhafte,
Impressionistische und Zerfahrene seines ersten Albums wird hier stärker zurückgedrängt, der CutupFunk wird klarer, behält aber die idyllische Grundfärbung, die schon sein erstes Album auszeichnete.
Alles, was mir an Four Tet zu hospitalistisch ist, hat
bei Dimlite trotz der Kleinteiligkeit eine souveräne
Ruhe. Der Mann trinkt eben Tee statt Kaffee und trägt
nie eine Lederhose oder hört The Killers. Das ist
bester Folk für Leute, die beim Anblick einer Wandergitarre das Klischeekotzen kriegen.
Drei Percussionisten (Adam Rudolph, Hamid Drake,
Brahim Fribgane) samt Gastflötist (Joshua Spiegelman)
bearbeiten Trommeln, Becken, Gongs, Shaker, Glocken,
Xylofone, Zither, Harmonium und Daumenklavier, lassen
sich von Carlos Nino alias Ammon Contact produzieren
und grooven dabei wie verrückt zwischen Afrika, Jazz,
Dub und Mickey Harts Planet Drum. Und das alles völlig ohne elektronische Instrumente. Dickes Ding.
ASB •••••
PONI HOAX [TIGERSUSHI - DISCOGRAPH]
Unbeeindruckt von der hauptstädtischen Hirn-Akrobatik
fahren die Berliner Institutionen ihren Old School-Stiefel: 2 Turntables und ein Mic (plus Samplebüchsen),
reimen wie der Schnabel wächst, der Beat muss bouncen wie eine gute Tommy Boy-Scheibe, und ansonsten
gilt es, eine gute Party zu rocken, was ja immer eine
ehrenhafte Mission ist. Vor allem bestechen Smith &
Smart durch ihre komplette Ignoranz gegenüber Coolnessgeboten auf der einen und Bildungsauftrag auf
der anderen Seite, um dann gewissermaßen durch die
Klotür kommend doch in beiden Bereichen ganz vorne
zu liegen. So ist es durchaus kein Widerspruch (bzw.:
db_reviews62_73.indd 65
In New York entstand aus den Trümmern von Punkrock
Anfang der achziger Jahre eine spannende und innovative musikalische Szene aus Post-Punk und früher
elektronischer Tanzmusik, welcher das Londoner Soul
Jazz Label schon seine dritte Zusammenstellung widmet. Waren auf Teil eins mit James Chance, den Bush
Tetras, Glenn Branca und Material noch die Stars der
Szene versammelt, wir es auf dem dritten Teil mit viel-
DDAMAGE - SHIMMY SHIMMY BLADE [TSUNAMI
ADDICTION/002]
Andres Klein, alias aUtOdiDakT, scheint mir ein lustiger
Geselle zu sein. Sein Label Traktor zu nennen und selbigen gepflegt durchs Intro rollen zu lassen, ist dabei
nur ein Indiz. Insgesamt scheint das Sitar spielende
Multitalent aber mit seiner unorthodoxen Sammlung
von Dub, Drum`n´ Bass, Elektro, Elektronika und Ethno- und Dope Beats schon so einige Freunde gefunden
zu haben, die diese Labelschau um einiges Quergerauchtes ergänzen. Malente liefert ebenso einen Remix
ab, wie PhilPot-Macher Tobias Ettle (in Kollabo mit
Uwe Felche mal wieder als Jagger & Sampler), dazu
Originale von Ex-Fischmob Stachy und von der Wiener
Community um Al-Haca, Stereotyp und RQM. Mich begeistern insbesondere der indische Drum'n'Bass von
Tune Josué und der Dub Flow eines gewissen Moog
Skywalker. Sehr spaßiges Unterfangen.
Wen der hier alles als Rapper eingeladen hat. Puh.
Tes, MF Doom, Bigg Jus, TTC, Dose One und viele andere. Irgendwie sind in der Folge von Neptunes und
Gnarls Barley aufeinmal die Rockandroll Dämme für
HipHop gebrochen und dass man einen sonst eher für
die skurrilen Breakcorefans interessanten Act mitten in
völlig verwirrten, aber dennoch irgendwie stimmigen
zerhackt breakigen und eben auch immer wieder rockenden Tracks mitten in einer Szene auftauchen sieht,
die vorher immer sehr geschlossen schien, bedeutet
zchon einies. Schmutzig und brachial, aber irgendwie
auch mit einem sehr sympathischen verspielten Flow
den man wohl zur Zeit nur in Frankreich findet.
BLEED •••••
An wavigen Powerpop-Duos in Strickpulli und Strapsen
kommt man nach dem Erfolg von Vive La Fete, Karl
Lagerfelds Lieblingsband, nicht vorbei, schon gar nicht
als Franzose. Nach den kruden Exaltationen von Mu
zeigt Tigersushi hier in der Produktion von Joakim, wie
New Wave auf slick geht, wobei die hallige Stimme
sicher das Klischeemäßigste ist. Sonst legen sie den
Weg von kratzbürstigem Fiepelektronik-Nihilismus bis
zur New-Order-Gefühligkeit ziemlich souverän zurück.
Wenn ihnen jemand sagt, ihr hört wohl zu viel Duran
Duran, dann sagen Poni Hoax, wir tragen Lederhosen
und hören The Killers.
SMITH & SMART - FRAGE DER PERSPEKTIVE EP
[SMITH & SMART RECORDS - GROOVEATTACK]
SVEN.VT ••••-•••••
V.A. - TRAKTOR PUSHING [TRAKTOR - OUR]
GALAXY 2 GALAXY - A HITECH-JAZZ COMPILATION [UNDERGROUND RESISTANCE - ROUGH
TRADE]
V.A. - NEW YORK NOISE VOL.3
[SOUL JAZZ RECORDS - INDIGO]
BLEED •••••
Mike und seine Kampfgenossen. Neben Altbewährtem
gibt es hier einiges Neues zu entdecken.
www.undergroundresistance.com
PP •••••
M.PATH.IQ •••••-•••
JEEP •••••
Ein wenig überrascht als Opener Porn Sword Tobacco
von CCO zu hören? Ich auch. Und dann auch noch Basic
Channel, Burial, Model 500? Hier will jemand zeigen,
dass er über den eigenen Tellerrand hinausmixt und
auch schon mal Platz für Detroit findet, oder Tracks
von Epy, Claro Intellecto und Thomas Brinkmann. Eine
sehr soundverliebte stellenweise fast besinnliche Reise
und wesentlich vielseitiger als man es z.B. von seinen
eigenen Platten erwarten würde.
sttage entlang der Küste zu dokumentieren. Chris Watson liefert ein unruhiges, rauhes Arrangement aus dem
anschwellenden Geschrei von Vögeln, ans Ufer schlagenden Wellen, in Kieseln verrinnendem Wasser und
natürlich Wind- und Sturmgeräuschen, sowie manch
anderem merkwürdigen Sound. Neben ruhigen Passagen
gibt es Momente, in denen die Elemente derart losschlagen, dass die meisten wohl nicht in der Haut von
Engineer oder Equipment stecken möchten. BJ Nielsens
Mix ist linearerer Natur und betont kleinere Feinheiten,
ganz so als wären die Herbststürme vor der schwedischen Küste nuancenreicher und subtiler. Abgerundet
werden die Beobachtungen der beiden durch einen gemeinsamen, dronigen Mix in Form einer fein gewichteten
Komposition, bei der die einzelnen Elemente gezähmte
Auftritte wie Instrumente im Konzertsaal absolvieren.
Faszinierende und sehr direkte Blickwinkel auf Phänome
äußerster Feuchtigkeit. www.chmusic.org.uk
JEEP •••-••••
CHRIS WATSON/BJ NIELSEN - STORM
[TOUCH/TONE27 - CARGO]
Rauhes Wetter und feine Technik sind die Koordinaten
dieses Langzeitprojektes. Vor sechs Jahren beschlossen der Engländer Chris Watson und der Schwede BJ
Nielsen in ihrer jeweiligen Region die stürmischen Herb-
Diese Compilation ist schon vor einer ganzen Weile
erschienen, da wir sie bis jetzt sträflicherweise noch
nicht im Heft besprochen und Underground Resistance
jetzt mit Rough Trade scheinbar einen neuen Vertreb für
ihre Alben gefunden haben, wollen wir das jetzt nachholen. Denn hier sind alle jazzigen und upliftenden Juwelen und Klassiker versammelt, die immer den musikalischen Gegenpol zu den harten kompromisslosen
Tracks gebildet haben. Sozusagen den spirituellen Teil
von Underground Resistance. Tracks wie ”Hi-Tech Jazz“,
”Nation 2 Nation“, ”Amazon“ oder ”Jupiter Jazz“ klingen auch 2006 noch so erhaben wie Übertragungen
aus einer fernen Galaxie wie vor zehn Jahren. Dem ist
nichts hinzuzufügen. www.undergroundresistance.com
SVEN.VT •••••
FREDDIE CRUGER - SOUL SEARCH
[TRU THOUGHTS - GROOVE ATTACK]
Zu Freddie Cruger aka Red Astaire muss man im
Grunde nicht viel sagen. Der Hype nach seinen MashUps und Bootlegs sorgte selbst in sonst leeren Plattenläden für Diskussionen und auf vollen Dancefloors
für Discoaktion. Dabei dreht es sich immer zwischen
HipHop, Soul Latin und allem anderen, das sich unter
TruSkool zusammenfassen lässt. Insofern ist es kein
Wunder, dass sein Debüt auf TruThoughts zu Tage kommt. Wenn nicht Hits wie Running From Love, Pushin`
On, The Hustle, Something Good oder Bap Yo Head
schon zu lange Plattentaschen füllen würden, wäre das
hier der nächste Hype. So bleibt ein durchaus rundes
Album, das sich erstaunlich gut durchlauschen lässt,
dem aber weitere Höhepunkte fehlen. Aber da kommen
ganz sicher wieder welche nach.
M.PATH.IQ ••••
INTERSTELLAR FUGITIVES - THE DESTRUCTION
OF ORDER [UNDERGROUND RESISTANCE - ROUGH
TRADE]
V.A. - THE NEW TESTAMENT OF FUNK - CHAPTER
FIVE [UNQIUE RECORDS - GROOVEATTACK]
Mad Mike Banks hat seine interstellare Truppe aus
Sound-Terroristen wieder zusammen getrommelt, um
den Status Quo mit störrischem Hi-Tech-Funk Detroiter
Prägung zu attackieren. Auf der Doppel-CD sind über
dreißig Tracks von Mad Mikle, Suburban Knight, The
Deacon, The Infiltrator, DJ Dijital, DJ Skurge, DJ 3000,
DJ Dex und diversen anderen versammelt. Einiges
davon klingt mittlerweile ein wenig wie eine anachronistische Übertragung aus besseren Zeiten. Aber gleichzeitig blitzen immer wieder Tracks auf, die einem die
Spucke rauben und ein Feld zwischen Electro, Techno
und Funk beackern, das hierzulande noch gar nicht existiert. Und niemand kann mit seinen Strings gleichzeitig so upliftend und melancholisch klingen wie Mad
In der Regel kann man Funk-Revival-Zeugs ja getrost
in die Tonne kloppen. Erstens sind die Musiker lange
nicht so gut und vor allem on-time wie notwendig und
zweitens kommt der Sound eigentlich nie an die alten
Aufnahmen ran. All das trifft bei dieser Compilation
nicht zu. Mit wenigen Ausnahmen reiht sich hier eine
Überraschung an die andere. Dass die Düsseldorfer
von Unique guten Geschmack in der Richtung haben,
ist aber eigentlich eh bekannt. Auf der mittlerweile
fünften Ausgabe dieser Abbildung der zeitgenössischen
„Szene“ hat man es vor allem verstanden den Funk
weniger im Inhalt (d.h. dem hoffnungslosen Nachkloppen von JB-Breaks) sondern in der Form zu suchen
und zu finden. Das beweist nicht zuletzt die Tatsache,
08.11.2006 20:53:01 Uhr
Reviews | ALBEN
dass auch die eher exotischen Beiträge von Swell Session oder Ex-Bush Babee Mr. Man mitten ins gute alte
Soul-Herz treffen.
Reviews | BRD
TO ROCOCO ROT - TAKEN FROM VINYL
[STAUBGOLD/073]
Irgendwie eine sehr sympathische Platte mit einem
sanften Popappeal in den Grooves und dem verstörenden Gesang, und sehr gut passenden Remixen von Console und Remute. "Nadine" erinnert einen an den Raum
zwischen Dial und Parfüm und kommt im Console-Mix
mit einem technoidern Discodub-Sound, während das
abenteuerlich erzählerische "Fahrstuhl" eher galaktisch
alltäglicher Funk ist, den Remute zu einem zersplitterten
Pophit zerrockt. Beides ein ziemlich vielversprechender
Vorgeschmack auf das Album "Mikroprofessor".
www.station17.net
GIANT STEPS ••••-•••••
ED RUSH & OPTICAL - CHAMELEON
[VIRUS - GROOVEATTACK]
Älter zu werden kann heißen, keine Lust mehr auf
Komplikationen zu haben. Diese Kompromisslosigkeit
kann befreiend wirken. Es gibt Tage, da sieht man die
Welt ganz ohne Matrix und eisklar vor sich. So funktioniert der Sound von „Chameleon“. Klar, eiskalt, sehr
weise und dementsprechend mit einem kleinen Großmaul versehen, höre „Perfect Drug“. Hier geht es nicht
mehr um den Hipness-Faktor von Drum’n’Bass, sondern
wieder darum, auf die Fresse zu hauen, einerlei, ob
unter Teens, Twens oder Thirs. Zwölf Dinger lang wird
gestampft und nicht nach links oder rechts geschaut.
So hatte das ja damals in den Clubs mit Jungle auch
begonnen. Verdammt geile, alte Schule. Und los!
CJ ••••-•••••
RATATAT - CLASSICS [XL]
Douglas Greed
Ein E ist ein W ist
ein M ist eine 3
[Combination Records/046]
BLEED •••••
FELDAH & KOBA - IS KLAR
[60SEC/004 - INTERGROOVE]
Brilliant mit dem Release dieser bislang ausschließlich
auf Vinyl erschienen Tracks, von denen selbst die hartgesottensten To-Rococo-Rot-Fans kaum alle haben
dürften, die Lücke zu schließen, und einem gleichzeitig eine Retrospektive zu geben über die letzten
10 Jahre To Rococo Rot. Magische Momente und ein
Hinabtauchen in eine Geschichte elektronischer Musik,
die man immer wieder als neu empfindet, denn To Rococo Rot haben einfach einen Sound, der vor allem von
der Tiefe der einzelnen Tracks lebt, weniger von den
Methoden mit denen die Tracks produziert wurden.
BLEED •••••
Aka Dario Zenker und Rüdiger Kober aus München. Der
Track: gespenstisch. Kalt, wuchtig, tuschelnd, wie ein
Stück Erde, aus dem langsam die Lava herausbricht.
Verdammt dark und definitiv etwas für die Momente,
wenn die Crowd an jedem einzelnen Sound saugt. Die
Rückseite kommt mit Pan-Pot-Mix, die die Welt etwas
mehr bevölkern, und gegen das Orginal wegen ihrem
klareren, funkig trockenen Groove richtig gehend heiter
wirken, auch wenn sie natürlich in den Effekten und
Sounds wühlen, wie man das von ihnen gewohnt ist.
BLEED •••••
STEFAN BRAATZ FEAT. FRANZIE - BASSESTALKING
[ADAPTER EXTRA/001 - FBM]
Jeff Lee zeigt einem auf dem neuen Album für das kanadische Label einmal mehr, dass die analoge Elektronik
immer noch einen Sound hat, der kaum nachzuahmen
ist, aber eben nicht, weil er so "anders" klingt, sondern
weil er einen einfach zu anderen Ideen führt, und weil
sich dadurch allein schon durch das Setup auch ein
Thema ergibt. Sehr spielerische und fast kindliche Melodien, mit einer tragend elegischen Grundnote.
Eines meiner heimlichen Lieblingsgenres ist ja die Minimalschnulze. Und damit meine ich nicht etwa, bewahre,
Minimal Trance, nö, eher Minimal Tracks mit einem
leichten Detroit-Hau, aber ohne dabei so wirklich deep
sein zu wollen, oder zu können. Dieser Track ist ein
echt gutes Beispiel dafür, weil die Vocals irgendwie,
trotz aller beschwörerischen Emphase, einfach nicht so
wirklich echt klingen wollen, und die Strings nie ganz
deep klingen, die Acidline auch nicht ganz so funky,
aber irgendwie alles dennoch so gut zusammenpasst,
dass man weiß, es ist ein Track von den Guten für die
Guten. Auf der Rückseite einfach ein Instrumental.
BLEED ••••
BLEED ••••-•••••
AGASKODO - TELIVEREK [ADAADAT/017]
BRAGA INC. VS. CHUBBY DUBZ - DOUBLE TROUBLE
[ADAPTER RECORDS/006 - FBM]
MINISYSTEM - MADINGLAY
[NOISE FACTORY/401]
„Montanita“ macht es gleich zu Beginn des RatatatZweitlings klar: Es gibt ein Leben neben dem DiscoStampfer mit Gitarren-Riffs. So ist das New Yorker Duo
zwar mit „Seventeen Years“ bekannt geworden und
davon gibt es auf dem neuen Werk auch gleich einige
Dinger. Aber die etwas verspielteren Tracks sorgen für
Abwechslung und lenken von dem derzeit so angesagten Einheitssound junger Gitarren-Disco-Bands ab.
Björk gab den Herren Stroud und Mast ihr Landhaus.
Das hat sich positiv ausgewirkt. Wenn auch Ratatat
wesentlich ruppiger als die Isländerin daher kommen.
Und ein bisschen Hüpfen wie auf „Lex“ darf ja auch
sein. www.ratatatmusic.com
STATION 17 - NADINE / FAHRSTUHL
[17REC/001 - NEUTON]
Nicht nur die Platte hat einen äußerst merkwürdigen Namen, sondern
auch die Tracks. “Reviermarkierungen” startet diese EP, die sich sichtlich
freut, den Freiraum, den ein so Genre-unbestimmtes Label wie Combination vorgibt, auszukosten, und rattert massiv von der Bassline aus auf ein
Effektungeheuer zu, dessen Ausläufer immer unwahrscheinlicher wirken.
“Schwarzteemagen” ist ein ähnliches Bassmonster, aber irgendwie unheimlicher und fast unbequem in seiner Art, sich wie eine schwarze Wolke
über alles zu legen, was ihm in die Quere kommt. Wem das alles zu gewaltig war, der wird sich freuen, das verstörte, aber eher flach liegende Monument “What’s My Territory” am Ende zu hören, das sich wirklich anbietet
zur Afterhourhymne für all die zu werden, die kurz davor sind, sich selber
wegzuschwimmen, und sich dabei gerne von einem Track ergreifen lassen,
der wie ein Tsunami in Zeitlupe wirkt.
BLEED•••••
ZENTEX - QUITU [BOXER SPORT - KOMPAKT]
CHRIS MENACE - JUPITER [COMPUPHONIC]
Das ist wirklich erst seine dritte EP. Erstaunlich. Der
Titeltrack beginnt wie ein typischer Minimaltrack. Mit
Spinett-artigen Sequenzen wirbelt er sich dann aber
schnell in eine verliebte Höhe, die nur nicht ganz so
vereinnahmend wirkt, wie sie vielleicht sein möchte. Ein
netter, aber nicht wirklich herausragender Track. Und
auch die Rückseite kann so ganz nicht an die beiden
Vorgänger anknüpfen: Irgendetwas fehlt, auch wenn es
einem schwer fällt zu bestimmen was.
www.boxer-recordings.com
Ein Sublabel von Superstar, das wohl versucht, dem
davonlaufenden und langsam schon wieder eingehenden Trend von Elektro meets Minimal-Trance mit einer
discoideren Nuance zu begegnen. Ein Track, der hartgesottenen Pet Shop Boys-Fans Freude machen dürfte, da
er eine ähnliche Naivität der Glückseeligkeit vertritt. Ein
Track, für den man wirklich in sehr glittriger Stimmung
sein muss, sonst mag einem das zu übertrieben weltumarmend erscheinen. Der Koletzki-Remix mit klassischerem Neodisco-Groove und mahlenden Basslines
tändelt so ein wenig zu sehr zwischen den Stühlen
herum, und hätte gegen Ende irgendwie auch von Break
3000 sein können.
CJ ••••
BLEED •••-••••
JAN JELINEK - TIERBEOBACHTUNGEN
[SCAPE - INDIGO]
THOMAS P. HECKMANN - TANGENTS
[BPITCH/140 - NEUTON]
Und jetzt? Was könnte einem dieses Label noch um
die Ohren hauen, um sie wegzubrechen? Vielleicht ja
diese höchst seltsame Band (Gitarre, Bass, Schlagzeug,
Drummachine, alles dabei), die in einem ziemlichen
Stilwirrwarr zwischen melodischem Speedpunk über
Liselotte Pulver, bis hin zu seriellem Freejazz und eigentümlichem Sprechgesang eigentlich alles an Trash
aus den Kellern der frühen elektronischen Punkzeiten
holen, und einem damit so gut gelaunt ein Geschenk
machen, dass man es kaum verweigern kann, wenn
man eine Vorliebe für etwas hat, das früher mal
Incredibly Strange Music hieß. Ungarn. Ts.
Jelinek hat mehr drauf, als die meisten Hörer bereit
sind zu verkraften. Wer bei Jelineks “Farben“-Projekt noch von der Soundsensibilität schwärmte, weil
sie auf der Folie von verblassendem House Richtung
und Gerüst bekam, fühlte sich spätestens beim Album “Kosmischer Pitch“ auf den Schlips getreten.
Einfach nur die Maschinen anschmeißen und einen Joint rauchen (was Jelinek nie macht) und das
dann durch humorige Krautrock-Verweise adeln? Da
waren viele nicht mehr bereit, genauer hinzuhören.
Auch “Tierbeobachtungen“ lässt es driften. Man kann
übereinander geschichtete Loops dabei beobachten,
wie sie sich gemächlich ein- und ausblenden. Ein
bisschen ist das so wie Schnecken bei der Paarung.
In Echtzeit. Wozu nur dieser ganze Höraufwand mit
den zähen Waberflächen, die ein bisschen traurig,
windig und schartig darum ringen, dass man ihnen nicht obendrein noch den Sparstrom abstellt,
auf dem sie eh nur laufen? Das wissen wohl nur
die leicht angestaubten Maschinen von Jelinek, an
die “Tierbeobachtungen“ scheinbar als Hommage
gedacht ist.
BLEED •••••
JEFF SAMUEL - STEP [TRAPEZ]
BLEED •••••
FRANK MARTINIQ - SUGARPOPP
[BOXER RECORDINGS/043 - KOMPAKT]
Das Jeans Team könnte eine weiße Super-Discoband zwischen Doobie Brothers, Paul Hardcastle und
Bee Gees sein. Könnte. Wenn sie nicht die ewigen
Kindsköpfe wären, die nichts ernst nehmen können.
Alles gerät ihnen zur Parodie, Waverock ist eine Waverockparodie, Hippiefolk ist eine Hippiefolkparodie,
Discofunk ist eine Discofunkparodie. Sie haben gute
Einfälle, öfters springt ihnen nur ganz knapp ein romantischer Hit von der Schippe, aber als Luftikusse,
die rein aus Dollerei eine Lederhose tragen oder The
Killers hören würden, gelingt es ihnen partout nicht,
so etwas wie Notwendigkeit zu behaupten. Und verarschen kann ich mich selbst. Typischer Fall von:
das Drama des begabten Kindes.
JEEP •••
BLEED •••••
JEANS TEAM - KOPF AUF
[LOUISVILLE - MDM]
Es kommt mir so vor, als wäre Bpitch gerade auf einem
kleinen Oldschool-Techno-Rave-Ausflug. Diese hier ist
schon wieder ein Sound, der Mitte der 90er so falsch
nicht gewesen wäre. Leicht tragisch, sehr mechanisch,
und auch ein klein wenig mit dem typischen Kitsch
eines Rave-Pathos behaftet, das immer noch etwas
nach dem Schweiss von Extasy riecht. Klinisch und perfekt im Sound, aber dennoch etwas zu gewollt drüber.
BLEED •••-••••
BLEED •••••
BLEED •••••
JOCHEN TRAPPE - BLACKOUT BARBADOS
[CONNAISSEUR RECORDINGS/009 - INTERGROOVE]
PAUL NASZECA - NICE TO BE HERE
[BPITCH/138 - NEUTON]
Die zweite EP mit Remixen beginnt auf der A-Seite
mit dem "Queer Fellow"-Remix von Ellen und Apparat. Und der beweist schon in der Auswahl der Drumsounds Größe. Wenn die Melodie einsetzt, dann ist dieses Gefühl, das manche Tracks ihres Albums hatten,
wieder da, nämlich diese extreme Weite einer schwer
zu formulierenden, aber dennoch ganz klaren Hoffnung.
Der Modeselektor-Mix von "GIA 2000" ist ein skurril
pumpender Raggazirkus geworden, in dem die Baumkronen der Hanfpflanzen mit Sternenstaub bestreut
wurden und der Agoria Mix von "Page 1,2,3" ist ein
schlenderndes Stück Ravemusik für Verliebte auf dem
Tretboot. www.bpitchcontrol.de
Ganz schön bezaubernd diese neue Platte von Frank
Martiniq, der hier einen neuen Weg einschlägt und bei
aller Feinheit im Sound irgendwie - vielleicht ist das
auch nur das Thema der Platte - alles auf die Melodien
hin ausrichtet. Dabei gibt's dann eine leichte StringÜberdosis, aber auch einen Groove drunter und drüber,
der vor lauter Glück sprudelt wie eine Mentos-süchtige
Cola-Flasche. Und auf der Rückseite gibt es das dann
auch noch mit einem Detroit-Unterton und Raubkatze im
Tank. www.boxer-recordings.com
BLEED ••••
BLEED •••••-••••
PAUL KALKBRENNER - REWORKS
[BPITCH/139 - NEUTON]
Wer sein erstes Album mit einem Track beginnt, der
"Those Were The Days" heißt, der ist entweder ein hoffnungsloser Nostalgiker, oder jemand, der genau aus
dem Moment des Zurückblickens den Anfang macht,
der ihn nicht davon abhält, sein Album als eine Art
Kreis zu konzipieren, bei dem man immer wieder an
eben diesen Anfang zurückkommt. Wer Jeff Samuel vor
allem wegen seiner verspielten, knapp bleepigen Melodien in Chicagogrooves liebt, der wird hier alles andere
als enttäuscht werden, aber dennoch Tracks finden, die
eben jene Momente, die früher spielerisch klangen, in
reine Eleganz umwandelt, die spleenigen Nuancen in
Harmonie und das pumpend, nervös hüpfende in eine
Deepness, die manchmal schon klingt als wollte er
feststellen wieviel Schönheit der Dancefloor eigentlich
verträgt. Denn, täuscht euch nicht, Jeff Samuel produziert immer für den Dancefloor, und genau der kann
ein wenig mehr Seele zur Zeit gut vertragen. Die elektronische Powerballade hat einen neuen Meister.
JEEP •••
Wer Housemusik liebt, bei der die Basslines und Bassdrums zu einer Einheit verschmelzen und die Melodien
von einem Orgelsound getragen werden, und alles so
zeitlos wirkt, als wäre immer der richtige Moment für
solche Musik, der wird diese Platte lieben. Alle anderen
haben keine Ahnung. Und dazu noch diese desolaten
Bleeps. Mjam. Der Orginal-Mix ist im Sound extrem
merkwürdig, so als hätte man die Stereosumme lobotomiert, aber dafür gibt's noch spirituelle Vocals,
und selbst der deepeste Houseliebhaber wird bei denen
nicht Nein sagen können. Als Bonus einen Minimalmix
von Oliver $ (Sprich, clever, ohne MySpace-Seite wäre
ich da nich drauf gekommen, Oliver Doller, bzw. Oliva
Dolla.). Und der ist auch fein und voller spinnerter Vocalschnippsel, nur eben nicht ganz so fundamental wie
der Rest der Platte, aber definitiv was für Fidget-HouseLiebhaber.
Irgendwie ist Thomas Heckmann immer er selbst.
Jedenfalls seit mehr als einem Jahrzehnt. Immer noch,
wenn auch die Sounds immer digitaler werden, ist
das, was dabei herauskommt seine Vision eines Underground-Acid-Sounds. Der Titeltrack täuscht nur vor,
typisch, neurotisch krabbelnder Minimalismus zu sein.
In Wirklichkeit aber sind die Sequenzen nur so überdreht schnell, dass sie einem durch die Finger rinnen
wie Quecksilber. Die Rückseite ist auch im Sound oldschooliger, und "Medusa" und "Strobe" (die Titel könnten auch verdreht sein) sind beides Techno aus der Zeit,
als der Sound Gewalt war, nicht so sehr Präzision. Der
melodische "Strobe"-Track gefällt mir dabei mit seinen
Detroit-Erinnerungen am besten.
www.bpitchcontrol.de
DANA UND SIRIUS MO - ICK HAB WAT BESSRET VOR
[BUNGALOW - PIAS]
Für einen Augenblick konnte ich noch gut lachen über
die nächste Kollabo der beiden Berliner. Das bin ich
von Sirius Mo ja auch gewohnt. Doch der Witz hinter
"Ick Hab Wat Bessret Vor" will mich einfach nicht nachhaltig catchen. Die Mucke ist dabei den entscheidenden
Schritt schmutziger im Sinne von Electro-Funk, dass es
fast verwundert, wie er es auf Compost und auf's Sonar
Kollektiv schaffte. Einzig das Trommellied mit einem
Text von Ostlegende Gerulf Pannach ersetzt etwas zuviel Schmutz durch intelligenten Spaß.
Die A-Seite ist mit "Bypass" ein ganz schön zauselig
rubbelnder Versuch den Acid-Triolen den bösen Geist
auszutreiben und wird gegen Ende immer wahnsinniger, bis man einfach gar nicht mehr glauben mag, dass
der Track noch zusammenhält und nicht schon längst ein paar Köpfe explodiert sind. "Crosstalk" beginnt
auch ungewöhnlich dark für Connaisseur, und scheppert dann so böse und brüllend los, dass so langsam
auch der letzte verstehen dürfte, was das "Blackout"
im Titel der Platte heisst. Eine richtig funkiger Grabgesang ist dann auch "Flux Line", das zu den spleenigsten
Tracks gehört, die mir in letzter Zeit untergekommen
ist. Säuselnd und voller unheimlicher Schatten, aber
dabei alles andere als bedrückend. Eher ein Ritual,
das so komplex ist, dass man es fast schon wieder
albern findet.
BLEED •••••
PLASMIK - EIGHT TO NINE
[CONNAISSEUR RECORDINGS/010 INTERGROOVE]
Und auch auf dieser neuen Connaisseur ist jeglicher
Trance verschwunden und man gibt sich lieber dem
massiven, dunklen detroitig-housigen Groove hin. Und
das auf dem Titeltrack so deep und gewaltig, dass
man sicher sein kann, dass dieser Track zu den Höhepunkten nicht weniger DJ-Sets in der nächsten Zeit
gehören dürfte, weil das einfach eine Hymne ist, die
selbst im intensivsten Moment nur diesen einen Stringsound braucht. Magisch auch die Rückseite mit dem
schweren Funktrack "Ahead" durch den gelegentlich
Pianos geistern und der deep klingelnde Remix von
Anja Schneider.
BLEED •••••
M.PATH.IQ ••-•••
66 | DE:BUG EINHUNDERTACHT
db_reviews62_73.indd 66
08.11.2006 20:53:45 Uhr
Reviews | BRD
JOHN AQUAVIVA PRES. SWEN WEBER FIRST STROKE
[CRAFT MUSIC/012 - INTERGROOVE]
Weiss der Himmel, warum John Aquaviva das präsentiert, außer vielleicht weil er Fan ist. Und das vermutlich
wegen dem abenteuerlichen Break, bei dem man schon
fast Angst hat, dass der Track jetzt eine ProgressivrockNummer wird. Dabei geht es eher um funkige, schnelle
Tracks mit leichtem Acid-Einschlag, der vielleicht aber
auch etwas zu altmodisch ist. Überraschend gut dann
aber der Scratch Massive-Remix, die den Sound weitgehend übernehmen, aber zu etwas zurecht kürzen,
dass eher mal in eine Eurorave-Hymne ausartet. Die
Rückseite (Remix von Oliver Moldan) übernimmt dann
mehr das Acid-Thema und scheitert auch daran, dass
man das mit zu vielen trägen Nächten, zusammen mit
zu vielen E-Süchtigen verbindet.
BLEED ••-••••
Little Albio Street“, Techno im Detroit-Modus mit wunderschön organisch und synkopiertem Bass, der nach
Deep House klingt. B gefällt mir noch eine Ecke besser,
aber November liegt ja auch gerade näher als Mai.
DOTCON •••••
HOMETRAINER - RELATIONSHIP SYSTEMS [DOXA]
Erst mal eine Entschuldigung, die Platte gibt's schon
länger zu kaufen, im Wust irgendwo untergegangen.
Ich fang von hinten an: Die B-Seite ist ein melodischer
Techno-Track, mit sehr schönen Harmonien, denkt man
zunächst, bis Annas Gesang einsetzt, der den Track
sofort Richtung Eurodance Mitte der 90er katapultiert und man sich das nur noch im Hintergrund in
irgendwelchen Pseudo-trendy Bars in deutschen Kleinstädten vorstellen kann. “Take You Down“ auf der anderen Seite ist von den Sounds und Harmonien auch
eigentlich gelungen, aber clasht noch mal mehr mit
dem Gesang. Not my cup of tea.
MARKUS LANGE - RUHESTÖRUNG PLATTENBAU
[CRAFT MUSIC/011 - INTERGROOVE]
DOTCON •••
Mit so einem Titel kann man eigentlich machen, was
man will. Das muss ein guter Track werden, weil man
einfach innerhalb dieser Metapher alles tun kann. Hier
wird gezimmert und gebollert, und aus Verzweiflung immer gegen die Wand gerannt. Der Oxia-Remix will dann
mit etwas Electrohouse-Synth-Geblubber mehr Hitappeal, aber den hätte das Stück gar nicht gebraucht,
weil es einfach deshalb wirkt, weil es nicht so beliebig
ist, sondern eine sehr spezielle Vision verfolgt.
POP DYLAN - TAKE ME TO THE SLAUGHTERHOUSE, I WILL WAIT THERE WITH THE LAMB
[ESEL/030 - KOMPAKT]
BLEED ••-••••
GEIGER - GOOD EVENING [FIRM/021]
Der Dirk Leyer's Remix des Tracks ist eine dieser Hymnen, die einen so eiskalt erwischen, dass man danach
nur noch aus Wasser zu bestehen scheint, das den
Track durch seine Soundwelten rinnen lassen kann, als
gehört man längst nicht mehr sich selber. Der Geiger
Reedit ist dagegen ein Folkstück mit Gitarre und handbebestem Schlagzeug und Gesang und Supermayer
legt alles in die gewaltige, subtropische Bassdrum und
lässt sich satte 12 Minuten Zeit, den Track vom Nebelschwadigen Ungetüm zu einem schwer rockenden
Funkmonster und zurück zu entwickeln. Geniale Platte.
OLIVER KOLETZKI / FLORIAN MEINDL [FLASH /001]
Eigentlich wollten Meindl und Koletzki “Eferding/Berlin“
zunächst nur als B-Seite des ersten Release ihres gemeinsamen Labels Flash rausbringen. Wäre aber nicht
die richtige Entscheidung gewesen. Denn der Track ist
100% A-Seiten-Material. “Eferding/Berlin“ geht extrem
nach vorne und einem nicht mehr aus dem Ohr. Ein
minimales Feuerwerk mit massiver Endorphin-freisetzender Synthie-Melodie, einem bleependem Loop und
leicht geshuffleten Hi-Hats. Killer! Auf der B-Seite
dann noch “Stunde Null“, eigentlich als A geplant, ein
deeper Track, der von den Sounds ein bisschen an die
Stil-Vor-Talent-Premiere Blackout erinnert und sich in
ähnlicher Weise ins Hirn fräst. Dazu noch eine eher
Elektro-funkige Nummer im Koletzki-Style. Ein sehr
gelungenes, erstes Release, das mich, entschuldigt mir
den Flachwitz, sehr flasht.
DOTCON •••••
Warum sich die Ideologie des Maschinisten auch in
Softwarewelten so durchzieht, ist eigentlich mal eine
ganze Geschichte wert. Der Track dazu, zuerst im Huntemann-Remix, vielleicht weniger, auch wenn Huntemann mit bewährt sicherem Sounddesign aufwartet
und die Basslines langsam aufsteigen lässt, die Sounds
an der kurzen Leine bissig verhungern lässt und das
Ding schon von selbst eine Tiefe erreicht, die vielen
Nachahmern dieses Sounds verwehrt bleibt. Das Orinal ist eher plockernder Minimalsound fast klassischer
Bauart und der Bonustrack "Incantation" vielleicht auch
ein klein wenig zu typisch.
KOLETZKI & MEINDL - ERFERDING BERLIN
[FLASH/001]
BLEED •••••-•••
NEWCLEUS - JAM ON IT
[DEEPLAY SOULTEC/013 - INTERGOOVE]
Tja, warum nicht mal diesen fundamentalen Hit von
1984 wiederaufleben lassen. DJ T hält sich dabei
überraschend genau an den Orginalgroove und möchte
am liebsten in das Orginal hineinkriechen, um zu
lauschen, was daran heute alles noch so frisch klingt
wie damals. Claude VonStroke & Galen Disco holen
mehr das orginale Soundgewand heraus und wirbeln
es zu einer besinnungslosen, e-seeligen Frühneunziger
Euphorie zusammen, während auf der Rückseite Martin
Brodin auf housige Weise eher Fragmente der Melodie aufnimmt und in zwei sehr sanften, musikalischen
Grooves versetzt, von denen der zweite etwas übertrieben im Breakdown ist.
[Giant Wheel/033 - Intergroove]
BLEED •••••
SPEKTRE - MINIMAL MACHINIST
[DANCE ELECTRIC/009 - INTERGROOVE]
Einer der größten Fehler, die ich im letzten Jahr begangen habe (Es ist ja bald Jahresende, wo man
bereut, bereinigt, Vorsätze macht, die man nie einhalten
wird.), war wohl, das letzte James Din A4-Album nicht
zu besprechen. Aber das mache ich jetzt wieder gut.
Pop Dylan ist nämlich ebenso grandios. Und, ihr ahnt
es, ebenso ein Album. Und so sanft, poppig, zerzaust,
herzergreifend ehrlich und direkt dabei, voller digitaler Flusen, voller Momente, in denen man es füttern
möchte, und so. Ach, wie soll man 14 Tracks eigentlich
beschreiben? Gar nicht, genau, man muss sie hören,
daran knabbern, sie verschlingen, als Sahnehäubchen
benutzen, vielleicht über sein Leben streuseln. Und vor
allem sollte man sie immer dabei haben. Dafür aber
muss man sie erst einmal fangen. Also, wenn ihr so ein
psychedelisches Ding seht, das aussieht, als würden
ihm überall kunterbunte Würmchen (ich vermute, die
saure Variante) wachsen, nehmt es mit, pflegt es, und
versucht selbst, davon wieder loszukommen.
www.esel-net.de
H-Man
51 Poland Street
Definitiv ein Sound, der gut unter einer Sauerstoffmaske kommt, oder z.B.
wenn man im Windkanal versucht, den Basslines hinterherzulauschen.
Relativ typischer Sound für H-Man, klar, aber darin irgendwie noch einen
Dreh verruchter, verschliffener und mit einer Lässigkeit dabei auch noch
so voller Melodie, dass man einfach mitgerissen wird. Auf der Rückseite
dann zwei Extrawelt-Remixe, die sich irgendwie in den Sound reinhängen,
den aber auch leicht schluffig balearisch bearbeiten. Unerwartet, Extrawelt hier als Remixer zu finden. Weniger unerwartet, dass er versucht, den
Sound von H-Man aufzunehmen und umzuwandeln in etwas, das doch
nicht sein eigen werden kann. www.giant-wheel.com
BLEED•••••
Und jetzt hat das eh schon gut funktionierende Team
auch noch ein eigenes Label zusammen. Flash heisst
das Kind, was erst mal wenig über die Musik sagt. Die
erste EP scheint mir auch noch etwas unschlüssig,
denn der Titeltrack z.B. ist zwar gut pumpender MaxiMinimalsound mit überraschend melodiösen Sequenzen und konsequentem Raveverzicht, aber die Rückseite bringt dann einen eher tooligen Track, der klingt
wie eben mal zusammengejammt und ein Stück deeper
Dubtechno-Romantik.
BLEED ••••
seite zeigt mehr von dieser Spannung zwischen Welten,
die mal übermelodiös sind, dann aber auch wieder
sehr subtil im Sounddesign. Perfektionisten, mit dem
Hand zur ganz persönlichen, neurotischen Behandlung
einzelner Sounds. Ich bin gespannt, was passiert, wenn
die ihre stellenweise offensichtlichen Einflüsse einfach
mal links liegen lassen. www.physical-music.com
BLEED ••••
SATOSHI FUMI - PEAK RED
[FORCETRACKS/075 - INTERGROOVE]
Irgendwie klingt der Track für mich so, als wollte er
mit dem Titel schon die Zeiten wiederaufleben lassen, in denen man Peaktime eben wirklich Red spielen
musste. Der Hypnotech-Mix auf der A-Seite jedenfalls
ist ein sehr satter, massiver Track mit zischelnden
Elektronen und einem Groove aus der Schule von
Relief, aber einem Peaktime-Monstersound, der alles
unter sich begraben will. Das Orginal wird dagegen
etwas behäbiger, aber hat durch seine feinen, housigen Untertöne im slammenden Groove eine unerwartete Dichte. "Talkin 2 U" ist dagegen ein eher verliebt
tuschelndes Stück deeper Housegeschichte.
BLEED •••••
BLEED •••••
INSECTS & MATCHISTE - FREE ME
[ETUI RECORDS/005 - KOMPAKT]
AUDIOFLY X - 4PLAY EP
[GET PHYSICAL MUSIC/060 - INTERGROOVE]
Nach ziemlich ewiger Pause ist das jetzt schon die
zweite EP nacheinander, die auf dem neuerwachten
Label erscheint, und die Tracks auf der B-Seite überzeugen einen, egal ob sie plinkernd glücklicher Chicago-Sound sind oder soulig grabender, spartanisch
krabbelnder Vocalhit. Nur der Haupttrack sumpft viel
zu sehr in Breitbandkitsch, den der Remix von Milkman
so gut gezähmt hatte.
Köppelnd, pumpend, rollend und dennoch sehr erhaben,
wie sich das für einen gut gereiften Track auf Get Physical gehört, gehen die beiden (Anthony Middleton und
Luca Saporito) ins Rennen mit einem Track, der alles
nur dezent andeutet, und damit die Stimmung des Moments genau trifft. Trance verklingt, leichte Dubeffekte
am Rande, klingende Afterhour-Stimmung, aber nur mit
einem pumpenden, minimalen Groove. Ein BilderbuchTrack, aber alles andere als offensichtlich. Die Rück-
BOOKA SHADE - DARKO
[GET PHYSICAL MUSIC/056 - INTERGROOVE]
Zwei Tracks von Pigon auf Dial, die beide in ihrer Namensgebung aufgehen. “May in Little Albio Street“ ist
ein nach vorne gehender minimaler Stomper, gefüllt
mit jeder Menge klimpernden Effekten, die im Kontrast zur wummernden Bassline stehen. Besonders die
später einsetztende Synthie-Fläche und das verzerrte
und delayte Vocal-Schnipsel machen aus dem Track
eine hypnotische Nummer für den ersten warmen Sonnenstrahl des Jahres. Auf der B dann “November in
BLEED ••-•••••
BLEED •••••
DREI FARBEN HOUSE - CLOSE ENOUGH
[FORCETRACKS]
Drei Farben House ist ein Projekt von Michael Siegle,
der hier runtergestrippten, poppigen House mit DiscoElementen produziert. Der Unai-Remix von “Unprivate“
ist eine groovende Nummer, die Vocals von Siegle klingen irgendwie, als hätte er zu lange in England gewohnt, was aber durchaus positiv zu bewerten ist. Die
Störsounds von Unai clashen gekonnt mit der fluffigen Melodie. Auf der Rückseite dann das Original und
ein Stück klassischer House: “Close Enough“ bedient
sich einer Streicher-Fläche unter der auf Vibraphon
eingespielten Melodie. House zum Träumen.
DOTCON •••••-•••
MISS YETTI - INSIGHTS REMIX
[GOLD & LIEBE/023 - NEUTON]
BLEED •••••-••••
PIGON - LITTLE ALBIO STREET [DIAL]
lophon sich selber davon, säuseln sich unter den Tisch
und fertig ist eine Platte, die eigentlich mitten in den
Sommer gehört, aber der kommt ja wieder.
Irgendwie hätte ich das fast übersehen. Booka Shade
nehmen sich selbst auf der A-Seite auf die Schippe
und albern ein wenig mit ihrem Track herum, was sehr
elegant plinkernd und irgendwie lockerer wirkt, als
ihre letzten Releases. Auf der Rückseite kommen Hot
Chip auf zwei Mixen zum Zug und plinkern auf dem Xy-
Klar, dass Miss Yetti einige ausgewählte Tracks ihres
Albums remixen lässt. Und die Mixe von André Kraml,
P-Toile und Silversurfer loten drei verschiedene Ecken
des mittlerweile ja äußert unübersichtlich verwinkelten
Minimal-Kellers aus. Der Kölner Kraml legt das Original
von Miss Yetti erst mal trocken und bastelt sich einen
spröden, extrem gut groovenden Track, der keine Fragen
offen lässt. P.Toile konzentriert sich ganz auf die dreckig
pumpende Bassline, reißt den Cut-Off immer mal wieder
auf und landet damit auch voll ins Schwarze. Zuguterletzt überrascht Silversurfer mit einer elegischen Hymne,
die ganz ohne Bassdrum auskommt. Sehr schöne EP.
SVEN.VT •••••
TRAUM V78
LARSSON
TRAUM V79
EXTRAWELT
TRAPEZ 069
JEFF SAMUEL
TRAPEZ 070
SLG
TRAPEZ CD7
JEFF SAMUEL
Spreemelodie
Schmedding 8000
Step
Caffeine
Step
TRAPEZ ltd 49
BLACK ART
ORCHESTRA
TRAPEZ ltd 50
AUDIO WERNER
MBF 12025
MARTIN EYERER &
OLIVER KLEIN
MBF 12026
COSMIC SANDWICH
WAY BACK WHEN
ANDY VAZ
WAY BACK WHEN
Just wanna get down RMX
TRAUM BOOKING
Battle Twig
COSMIC SANDWICH 'SCATTER REALM' REMIX CONTEST FOR ALL DETAILS GO TO WWW.FOEM.INFO
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LISTEN: WWW.BACKGROUND-RECORDS.DE
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08.11.2006 20:54:29 Uhr
Reviews | BRD
GUI BORATTO - GATE 7 [K2/019 - KOMPAKT]
Rex The Dog
Maximize
[Kompakt/145 - Kompakt]
Für mich ist "Gate 7" einer der besten Tracks
von Boratto, weil er es schafft, trotz fragilem, zirpendem Sound, das Gefühl zu erzeugen, dass das alles wirklich drängt, dass es
raus muss, dass es den Floor erobern will
und rocken, gerade weil man freiwillig auf
die breiten, brummigen, zerrigen Sounds verzichtet. Die Rückseite ist dann wieder darkes
Techno-Allerlei für bedrückte Pillenschlucker.
BLEED •••-•••••
KALIBER - KALIBER 7
[KALIBER/007 - INTERGROOVE]
Brüller. Definitiv was, was keine Wäsche trocken lässt. Dein
psychedelischer Waschsalon mit Disco, Elektro, Blödeleien
und allem, was der Dancefloor für Teenager heutzutage so zu
bieten hat. Gäbe es noch Mayday, wäre Rex The Dog Mainact.
(Was vielleicht schon passiert ist). “Sequencer” gefällt mir
aber irgendwie besser, weil es weniger Absahner ist, sondern
mehr Verwirrung verträgt. Richtig blöd, dafür aber Charttauglich der letzte Track, “Every Day”, den bestimmt die Pet
Shop Boys demnächst mal covern.
www.kompakt-net.de
BLEED•••••
TOMBOY - 4
[GOMMA/084 - GROOVEATTACK]
Klar, 909 Groove, eine Sequenz in voller Bandbreite, was will die Oldschool mehr. Dass Tomboy das in einer solchen Perfektion durchziehen
kann, die nicht eine Sekunde lang langweilig
wirkt, sondern eher wie der heißeste Ravehit
des Sommers, ist seine spezielle Gabe. "Young
Enough To Know" ist ein ählicher Slammer nach
dem gleichen Strickmuster, aber mit aufgeregteren Drums und schnatternderen Sequenzen
und ein paar Bonus-Claps, für die die immer
noch die Disco in den Hinterkopf genagelt haben. Definitiv bester Titel und irgendwie auch
überraschendster Track ist dann aber "Ist So
Hot", mit elektroidem Groove, abenteuerlichen
Latinbreaks und sehr lustigen Sounds aus der
Rave-Vergangenheit. www.gomma.de
der italienische Wahl-Berliner Luca Baldini,
der dafür aber ebenso losbratzt und aus dem
Rave wieder den Boden einer sinnlosen Euphorie herauskitzeln will, bei der die Hände in
die Luft fliegen und die Lunge nichts weiter
zu tun hat, als die Begeisterung herauszuschreien. Ziemlich albern, wenn es dann auf die
Phase der plinkernden Melodie zugeht, aber
irgendwie verdammt charmant. Der Remix
kommt von Radio Slave und ist ein Bruchstück
aus elektronischem Brummen und statischer
Aufladung, das irgendwann anfängt, böse galaktisch rumzurotzen.
BLEED ••
DOTCON •••••
LÜTZENKIRCHEN ULTRASHIFT / THE KILLER
[GREAT STUFF RECORDINGS/036 KOMPAKT]
LEONEL CASTILLO EL VIAJE DEL BARRILETE EP
[HOMETOWN MUSIC/001 - INTERGROVE]
Eine ziemlich alberne, funkige Chicago-Platte
kommt hier von Lützenkirchen, der die Sequenzen wohlig ausbeult, als wären es seine
Hosentaschen, und so verkatert spleenig mit
einem sehr reduzierten Sound umgeht, dass
man einfach sofort anfängt, mitzugrooven. Ein
Track, der Lützenkirchen definitiv in die Nähe
von Claude Van Stroke bringt. "The Killer" ist
hingegen eher ein schwelender Popravetrack,
der etwas übertrieben mit seinen Eurorap-Vocals umgeht und dann auch noch eine stehend-verzerrte Gitarre auspackt. Igitt.
Und schon wieder taucht Dario Zenker auf,
diesmal als Labelmacher. Die beiden Tracks
des Argentiniers Leonel Castillo rufen einem
die Zeit in Erinnerung, in der Minimal noch
bedeutete, dass man viel Zeit hat, über einem
sehr einfachen Groove, einen hypnotischen
Track zu errichten, der in einigen magischen
Momenten dann ausbricht, und einen dennoch
nie aus der Bahn wirft, sondern einfach die
Tiefe der Wiederholung genießen lässt. Zwei
Tracks, die einen völlig in ihren Bann ziehen.
BLEED •••••
BLEED •••••-•
SCSI 9 - RAILWAY SESSIONS
[K2/018 - KOMPAKT]
LUCA BALDINI HERMANN DER RAMMLER
[HELL YEAH/001 - INTERGROOVE]
Definitv etwas für Liebhaber des stellenweise
an Kitsch grenzenden, lyrischen Sounds von
SCSI 9. Gleitend wie ein Kreuzschiff im Sonnenuntergang, warm, elegant, aber eben auch
ein klein wenig zu triefend.
Nein, dass ist nicht einfach ein weiterer Producer aus der Pfalz, der versucht Dominik
Eulberg aus dem Rennen zu schlagen, sondern
BLEED •••
BLEED •••••
THOMAS FEHLMANN - EMO PACK
[KOMPAKT/146 - KOMPAKT]
Einer der unermüdlichen Kämpfer an der
Shafflefront (vielleicht sogar der einzige, den
ich kenne) versucht, das Genre hier auf "The
Road" als Blues umzudefinieren, und ich muss
sagen, das funktioniert zwar, ist aber eher
ein unerquickliches Experiment. "Powdered"
knistert wie ein leicht angeknarzter MinimalTrack, will aber eher auf die langsam hereingefadete, musikalische Breitseite hinaus,
die aber geht im Rest irgendwie unter. "Dusted" versucht dann, getragenen Dubtechno mit
Wankelmotor-Mundorgel-Groove zu vereinen,
und "Pristine" - als bestes Stück - versucht,
den Abschluss als modulierender Technotrack mit Klingelbonus. Alles in allem lässt
die Platte vermuten, dass Thomas Fehlmann
zur Zeit nach einem neuen Weg für sich sucht,
den er aber irgendwie so recht nicht finden
will.
NDJK - PUT IT WHERE YOU WANT EP
[MASCHINE/010 - NEUTON]
Ich muss sagen, clever von Herrn Lieb, erst
mal das Label als Einmann-Betrieb zu fahren,
bis jeder weiß, worum es ihm geht, und dann
langsam immer mehr Leute reinzuholen. Diese
Platte hier jedenfalls ist von Andrea Quirico aus
Italien und kein Mensch würde glauben, dass
er bislang erst zwei weitere EP's gemacht hat
(eine davon auf Holzplatten). Die A-Seite ist
einfach perfekt durchtriebener, metallisch zwirbelnder Technosound mit einer sanften Nuance
durch die geflüsterten Vocals, und so beklemmend dicht, dass man ständig Angst hat, gleich
splittert einem das Vinyl weg. "Pimp" auf der
Rückseite tut erst mal so, als wäre Maschine
zum pumpend reduzierten Houselabel mutiert,
aber dann, tja, dann kommt der Bohrer und
die Welt frisst ihm die Spähne der Fräse aus
der Hand. Zuletzt noch ein "Gorgeus" (steht da
so, ich hätte auf gorgeous getippt)-Remix von
Mauro Alpha, der mir etwas zuviel DigeridooAppeal hat.
BLEED •••••-•••
ERCOLINO TRAPPED IN A RABBIT HOLE CHAPTER III
[MEERESTIEF LTD/003]
HOLGI STAR & ANDOMAT BIG NUT TREE
[KIDDAZ FM/051 - INTERGROOVE]
Sehr coole, trockene, rollende Tracks mit einem Hang zu oldschooligen Sequenzen und
hölzern verzurrten Sounds, leicht grollig verstimmten Basslines und gelegentlich grandios
albernen Effekten, die aber alles andere als
überladen wirken. Wer bei "Minimala" nicht in
die Knie geht vor lauter Baukasten-Mentalität,
der hat einfach keine Seele.
www.kiddazfm.de
BLEED •••••
ARNAUD REBOTINI - MESHUGGAH EP
[KLING KLONG - WAS]
ALEX BARTSCH - SPEICHER 41
[KOMPAKT EXTRA/041 - KOMPAKT]
"Deal" ist eine darke Welt, in der die
Basslines eher wie das Restgrollen eines Gewitters klingen und die spartanischen Hihats
dem dunklen weiten Raum eine gespenstische
Haltung verleihen. Betörend beschwörend,
aber auch ein Track, der ganz schön auf's Gemüt drücken kann. Am besten also während
der Afterhour spielen, wo man eh nicht mehr
weiss, ob ein Gefühl mehr als registriert
werden muss. "Shifting" hat dieses elegante
Pathos eines ausufernden Technohits aus der
Zeit, als alles, was man machen musste, nur
ein wenig Modulation war, steckt aber dennoch voller Details und ravender Größe.
BLEED ••••-•••••
DIMITRY GREN - SPEICHER 42
[KOMPAKT EXTRA/042 - KOMPAKT]
Noch nie von Dimitry Gren gehört und ich
bin mir auch nicht sicher, wie diese beiden
Tracks den Weg auf das ja immer ruhiger
werdene Speicher-Outlet gefunden haben,
selbst wenn sie sehr konzentriert an einem
Effekt nagen und saugen. Irgendwie bleiben
sie nämlich auf beiden Seiten merkwürdig
blass und technisch unfunky, so als wäre
einfach ein Programm abgestürzt und würde
trotzdem noch Musik machen.
Großer Titel für eine ziemlich sympathische
Platte. Der Titeltrack ist einfach ein warmer,
weicher 808-Groove mit leichtem Früh-Neunziger UK-Bleep-Flair, manchen Sweet ExorcistTracks gar nicht so unähnlich; "Soilent Green"
ein leicht angeheizt raviges Stück darker
Zeichnung und der acidlastige Hit der Platte,
"1349", lässt sich einfach ewig Zeit, um seine
notorisch quietschige Sequenz so richtig bis
ins letzte auszukosten. Nicht ganz so verwirrt
wie der Titel vorgibt, aber dennoch ein ziemlicher Whirlpool.
BLEED •••-••••
PHILIPP WOLGAST - MY MAID SIREN
[KOMPASS/003 - WAS]
BLEED ••••-•••••
Ich mag Recalls. Ich mag auch Titel wie "Barfuss Oder Lackschuh", und trage keins von
beiden. Nicht mal im Schlaf. Der Track brummelt elegant über ein Kratzen, dass als Ersatz
für einen wirklichen Groove genommen wird.
Schließlich ist Kratzen auch gehaltvoller.
Dazu gesellen sich nach und nach ein paar
dunkle Tropfen dubbiges Piano (oder so) und
dann dürfen die Synths schnalzen, als wollte
man damit den heiligen Detroit-Gott anrufen.
Der DJ Emerson-Mix von "Green Lemon"
sucht das Zwiegespräch in den Sounds und
pumpt dazu lässige Grooves aus dem Ärmel,
in den er seine Drinks verschüttet zu haben
scheint. Dazwischen ein abgesoffenes CongaSolo und ab unter die Dusche, der Track ist
heiß. Das Orginal dazu könnte glatt von der
Festplatte von Butane herunter gezerrt wor-
ANTE PERRY - BEACH POWER
[MOONBOOTIQUE/022 - DISCOMANIA]
Ein einfacher, aber durchaus gut die eigene
Spannung zwischen minimalem Clubsound
und leichter Trance erhaltender Track, mit
zerschredderten "A"s, der leider gegen Ende
etwas zu sehr auf die klassischen Methoden
zurückgreift, einen Höhepunkt zu erzeugen.
Der "Larse"-Remix ist etwas tänzelnder und
mit dubbigem Piano schnell zu seicht, und
dazu kommt am Ende noch der rubbelndere
"Take Me Back"-Track mit sympathisch versponnenen, heiseren Bleeps und einem Versuch, John Dahlbäck-Sounds mit StakkatoDisco zusammen ins Rennen zu schicken.
Auch hier stimmt der Weg, aber das Ziel ist
fragwürdig.
BLEED •••-••••
FORCE OF NATURE - BLACK MOON
[MULE MUSIQ/009 - WAS]
MATTHIAS SCHAFFHÄUSER VS. V.A. RE:2 VINYL SELECTION [MULTICOLOR ]
Sehr feine, zauselig minimale Tracks mit einem guten Gefühl für die Tiefe, in die man
sich einfach fallen lassen kann, wenn man
sich sicher ist, dass da unten jemand ist,
der einen immer wieder auffängt. Strings und
vor allem Grooves mit einem unnachahmlich
shuffelnden Swing bestimmen die beiden
Versionen und auch den Remix von Marek
Hemmann, der immer wieder zu ganz gewaltigen Dub-Schüben ausholt, nur um einen
wieder auf diesen clickrig hüpfenden Teppich
zurückzuholen. Eine Platte, die so manchen
Begeisterungssturm mitten in der Peaktime
auslösen dürfte. www.meerestief.com
BLEED •••••
DANIEL STEFANIK / EXERCISE ONE MOBILEE REMIX SERIES VOL.4
[MOBILEE/018 - WAS]
Dieses Mal schnappt sich Anja Schneider "The
Bells" von Stefanik und macht einen sehr erzählerischen, lang um viele Ecken herumschleichenden, spannungsvollen Minimal-Mix
daraus, der jault wie eine Schildkröte in der
Wüste. Die Rückseite, Daniel Stefanik's Mix
von Exercise One's "Debaya", passt irgendwie
perfekt dazu. Zwei nicht gerade auffällige, aber sehr intim flüsternde Tracks, die viel Zeit
auf dem Floor brauchen, um sich wirklich zu
dem zu entwickeln, was sie sein wollen, dann
aber alles andere als enttäuschen.
www.mobilee-records.de
DAVE DK - OKINAWA DANCE
[MOODMUSIC LIMITED/017 - WAS]
Tracks, die jedem Chirurgen gefallen dürften,
weil man das Gefühl hat, dass Wolgast sich
seine Sounds am liebsten unter einer Lupe
ansieht und mit fliegenden Scheren bearbeitet.
Leicht gruselig im Gesamtsound und auf eine
eigenwillige Weise verwirrt und verstörend,
aber dennoch sehr gut rollende Grooves, die
einem viele Geschichten erzählen. Wesentlich
reduzierter im Sound als die bisherigen EP's
auf dem Label. www.kompassmusik.de
BLEED •••••
BLEED •
BLEED •••••
MARCUS MEINHARDT - RE-CALL
[MICRO.FON/007 - NEUTON]
hinaus wird kitschig, dann setzen sie noch
eins drauf und man liebt Kitsch. Die Rückseite ist mindestens ebenso ein Monster an
Tiefe. Definitiv eine Platte, die ihr eigenes
Release auf Get Physical links liegen lässt.
www.moodmusicrecords.com
Ich bin mir bei Tracks, die sich aus plinkernden Gitarrenriffs und eher schliddernd hintergründigen Salsabeats zusammensetzen,
nie so sicher, was man eigentlich von mir
will. Hier aber ist es eher, um den Effekt zu
erzeugen, in einer harmonischen Trance zu
sein, und wäre auch ganz angenehm, wenn
nicht irgendwann ein gezupftes Pink FloydSolo dazu käme. Und die anderen Tracks kennen ihre ganz eigenen Verbrechen.
BLEED •••-••••
WHITE TRASH - AUF DEM DACH
[HI FREAKS]
Cut-up-Sampledisco in Slowmotion und eher
mit dem Gestus, die Discokugel von ihrem
Podest zu stoßen, kann man an der Platte
vermutlich die Scratches genießen, und die
Überlegungen, woher eigentlich was nun
zusammen geklaubt ist, aber als Ganzes wirkt
das doch eher einfallslos wie ein Megamix.
INFLAGRANTI IN THE SILVER WHITE BOX
[GOMMA - GROOVEATTACK]
BLEED •••••
BLEED •••••
White Trash ist Larsson. Soviel zur Backstory. Auf "Hi Freaks" bringt er jetzt unter dem
genannten Pseudonym einen hypnotischen
Track heraus, gespickt mit einer Menge Delay
und flächigen Melodien, darunter ein groovender Bass. Das klickt gut rein. Auf der Flip
dann “Misch Masch“, eine dunkle, schizophren
pumpende, minimale Afterhour-Nummer mit
einem Subbass, der den dis-orientierenden
avantgardistischen Geräuschen klare Struktur verleiht. “Loop My Mind“ hüpft auch noch
mal voll verspult daher. Hat man selten, eine
Single mit drei richtig guten Tracks.
BLEED •••••
Und der nächste Streich. Die Sieben ist blubbrig nervös, aufgeheizt funky, zeternd, wildernd und vor allem ein echter Crashkurs
in Sachen verheizte Basslines. Alles klingt
leicht zertrümmert, aber ist genau deshalb
auch nicht so verwegen dreist ravig wie die
schwächeren Passagen dieses Labels. Wer
die Hymne der Platte sucht, der sollte zum
schwoofig bleepigen Meisterwerk des Glücks
auf der B-Seite greifen. Eine Kaliber-EP, bei
der man das Gefühl hat, hier nutzt jemand die
Anonymität für Testruns neuer Stilprägungen,
und wir danken dafür.
www.kaliber-music.com
den sein (unter Protest). Sehr flachgelegt und
fast schon neurotisch dark mit dem Blubbern
infizierter Pusteln, und einer etwas spinnerten
Oldschool-Nostalgie in den morschen Knochen. Hätten sie gewusst, dass Micro.fon ein
Sublabel von Kiddaz ist? Mir war das neu. Ich
suche mir einen neuen Job.
Blitzend und bis ins letzte Detail perfekt produziert rockt sich Dave DK hier mal wieder
in die Seeligkeit, der weit im Raum schwingenden Chords, die nur aufgrund der sehr
konzentrierten Bassline nicht kitschig wirken,
sondern eher wie das Flutlicht eines Raumkreuzers. "Ocean Club" auf der Rückseite hat
etwas mehr jazziges Flair im Groove, ist aber
mindestens ein ebenbürtiger Swinger. Musik
für große Hallen ohne Hall.
BLEED •••••
BLEED •••••
AUDIOFLY X - LOST
[MOODMUSIC/046 - WAS]
Da bin ich extrem gespannt. Schaffhäuser
nimmt sich drei Tracks, um sie zu remixen
und fängt mit Pan-Pots ""P.O. Box an, das
ich im Original sehr schätze. Er macht aus
dem darken Minimal-Track einen treibenden
Techno-Floor-Killer, der extrem rollend und
repititiv reingroovt, und behält nur die verspulten Vocals bei. Auf der B-Seite nimmt
er sich Dapayk & Padbergs “Use Your Arms“
vor, behält hier auch nur Evas Vocals bei
und macht daraus einen klackernden Minimal-Track mit drückendem Subbass. Good
Grooves “All night long“ fällt den Controls als
letztes zum Opfer, ein sehr fein produzierter
Remix, der das Vocal-Sample mit Delay befeuert, es dann auflöst und den klickend hüpfenden Loop für sich daddeln lässt. Übrigens,
dies ist der Vinyl-Vorrelease für Schaffhäusers Mix-CD, die im Januar erscheint.
DOTCON ••••
STUDIOGEMEINSCHAFT - CUT THE CRAP
[MULTICOLOR RECORDINGS/148 INTERGROOVE]
Nach der überragenden Treibstoff EP und
ihrer Trapez Ltd. kommt hier die Zweite
von Yapacc und Franklin De Costa, die etwas deeper in den Sound krabbelt, um mit
ihrer eigenartigen Art von Funk wieder aufzutauchen und sie auf "Cut The Crap" in
einen verschrobenen, hymnischen Graben
aus Stringsounds zu einer unerwarteten Tiefe auszuheben. Die Rückseite knattert eher
mit minimalen Bausteinen und einem unbeirrbaren Willen, die Effekte noch tiefer in den
Fels zu sprengen, und wenn dann die Vocals
beginnen, hat die Welt eine neue Hymne, vor
der sie sich verneigen kann.
www.multicolor-recordings.de
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COSMIC SANDWICH - BATTLE TWIG
[MY BEST FRIEND/026 - KOMPAKT]
Wie schon auf den Vorgängern geht auch
diese Platte leicht ins Psychedelische, hier
aber weniger durch die vertrakte Percussionarbeit, sondern eher durch die spleenig
verdubbten und glitzernden Sounds und Effekte. Vor allem Scatter Realm dürfte ein gefundenes Fressen für all die sein, die den
hochfliegend melodischen Aspekt von Cosmic
Sandwich-Tracks lieben, die damit immer
auch eine gewisse Nuance Rave aufgreifen
können.
BLEED •••••
V.A. - REICH REMIXED 2006
[NONSUCH - WMG]
So sollte eigentlich jede Platte sein. Erst
vortäuschend, ein ganz normaler Minimaltrack zu sein, hebt der Titeltrack mit seiner
Zweiton-Melodie auf einmal so ab, als wäre
ein Damm gebrochen (dritter Ton) und die
Welt nur dafür da, dem langsamen Hereinfaden der Bassline den gebührenden Platz
einzuräumen und wenn man denkt, weiter
db_reviews62_73.indd 68
Eigenwillig ist es schon, dass vor allem die
Klassikabteilungen in den grossen Firmen
heutzutage dafür zuständig sind, moderne
Elektronik rauszubringen. Der "Proverb"-Remix von Alex Smoke dieser EP von Steve
Reich-Remixen ist ein perfektes Beispiel
dafür. Klingelnd, magisch, sichtlich glücklich in den Sounds und Melodien von Reich
wildernd, ist der Track perfekt um von einer
elegischeren Lawrence-Platte zu einem verwirrteren, zerzauselteren, minimalen Funk zu
finden, der dennoch allem die Tiefe voranstellt. Four Tet - sonst ja eher für jazzig-breakige, überschwenglich instrumentierte Tracks
bekannt - wird auch ganz andächtig und wirft
die Melodien wie Staub in den Nachthimmel,
08.11.2006 20:55:00 Uhr
Reviews | BRD
an dem sie wie Quasare pulsieren. Ein Track, der
auf sympathische Weise eine von Herbert irgendwann
mal tragischerweise verlassene Houseästhetik wiederaufgreift, in der Dub, Melodie und spartanisch exotische Drums in perfekter Harmonie auf den Dancefloor marschieren. Als Abschluss noch ein feiner, aber
auch etwas typisch, dubbig verschlierter Remix von
Ruho Ruotsi.
cheiden mit welchem Fuss es zuerst auftreten soll.
Dazu dann noch ein sehr auf Eis gelegter Remix des
Titeltracks von Le Cuisine B, der eine feine Spannung
aufbaut, die man nur ungerne zerreißen möchte. Eine
noch etwas unausgegorene Platte stellenweise, aber
mit großen Momenten. www.ostwind-records.de
en dann auf eine Reise durch eine sehr elegante Welt
führt, in der jeder Moment davon lebt, dass er in sich
selbst aufblüht. Magische vier Tracks, die einem immer
wieder die Augen öffnen, wieviel deeper diese ganze
Minimale Welt eigentlich sein könnte.
www.personarecords.com
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BLEED •••••
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V.A. - SECRET PART ONE
[OSTWIND RECORDS/008 - KOMPAKT]
SÉBASTIEN LÉGER - THE BUG EP
[PICKADOLL/017 - INTERGROOVE]
WHITE DAUGHTER STIFF WITH THE INVISIBLE
[ONOMATO POP/OP007 - CARGO]
Die Minicompilation der Posse gefällt mir immer mehr,
weil die Tracks von Le Cuisine B, Nolte, Der Örtliche
und ALS so wirken, als wären es alles Kleinode, die
schon länger unterwegs waren und sich alle irgendwie zu Hits in der eigenen Szene entwickelt haben.
Schwärmerisch, verwirrt, leise und dabei dennoch mit
feinem Funk, vielseitig und immer mit einer sicheren
Hand. Da stört mich selbst der eigenwillige Gesang auf
"Tonight" nicht und auch das etwas oldschoolig dubbige "Background" bekommt in dieser Zusammenstellung seinen ganz eigenen Reiz.
www.ostwind-records.de
Klar: erst ein möglichst aufgeräumter Groove, in dem
jeder Sound so perfekt sitzt, als wäre er maßgeschneidert, dann eine langsam eingefädelte Bassline
zum bestaunen und bejubeln und dann das Ganze im
nächsten Break als Hookline hochziehen und so lange
durchkauen, bis niemand mehr stillsteht. Das kann
man aber eben perfekt machen (wie hier) oder völlig
verhunzen. Die Rückseite knabbert etwas länger am
Bass und bratzt sich ihren Weg auf den Rave einfach
frei. www.pickadoll.de
BLEED ••••-•••••
JOHN DAHLBÄCK - AT THE GUN SHOW PART 1 &
2 [PICKADOLL - INTERGROOVE]
RICARDO VILLALOBOS WHAT'S WRONG MY FRIENDS
[PERLON/059 - NEUTON]
Ich verstehe ja, dass man John Dahlbäck immer wieder mal herauspickt, wenn es darum geht, zu sagen,
hier ist ein Producer, der macht zu viel, und immer
irgendwie das gleiche, und alles ist einfach auch
viel zu dreist. Aber dennoch lasse ich mir es nicht
nehmen, dass das Album hier, bis auf wenige Ausnahmen, genau das ist, was ich mir unter einem perfekten
Versuch vorstelle, Techno als Popmusik zu machen,
und dabei den Floor zum brennen zu bringen und die
Seele (so man denn eine übrig hat, dafür borge ich
mir jedenfalls gerne so etwas) zum aufgehen. Das ist
bedingungslose Musik. Rein oder vergiss es. Und wenn
man sich davon aufsaugen lässt, dann vergisst man
eben auch den Raum, in dem man über etwas anderes
nachdenkt, als die einfachen, aber einfach perfekten
Melodien der Tracks, die Beats, die Effekte, die Momente der Grösse, die einen über sich hinauswachsen
lassen, und die, die alles in dem einen Augenblick
zusammenbringen können.
www.pickadoll.de
So wie in der Kicker-Kolumne “Was macht eigentlich
XY?“, dürfte man in der Popwelt fragen, was eigentlich
die düster-repetitiven Appliance mittlerweile machen,
die uns vor Jahren mit jedem Album mehr begeistern konnten und auf dem Weg schienen, Tarwater die
Pole Position in Sachen neuer Dunkelheit abzuknüpfen. Heute könnte man sagen, Appliance heißen jetzt
schlichtweg White Daughter. Konjunktiv, denn White
Daughter hießen vorher Bridge and Tunnel. Die hatten
einige schöne Songs und viel Langeweile auf ihrem
letzten Langspieler. Als White Daughter hingegen verbreiten sie eine Stimmung wie einst Depeche Mode auf
ihren düsteren Stücken, aber ohne deren Pathos: “Razor
Wire“. Postpostmoderne Mode sozusagen.
www.whitedaughter.com
CJ •••-••••
MARCEL DETTMANN [OSTGUT TON/003 - KOMPAKT]
Berghain-Resident Marcel Dettmann beweist mit seiner
zweiten Solo-Maxi, dass er schon so etwas wie seinen
eigenen Sound entwickelt hat. Sehr trocken, perkussiv,
funky und mit dem nötigen Bass-satten Wummer-Fundament, das einen sofort an den schwitzenden TechnoFloor im Berghain denken lässt. Und bei Dettmanns
soundtechnischem Minimalismus kann man seine Liebe zu jackenden Chicago-Platten heraushören. Zwei
Tracks, die eine rohe Intensität haben, die sich von
vielen anderen Releasen zur Zeit abhebt. Beste Ostgut
Ton bisher. www.berghain.de
SVEN.VT •••••
CARSTEN FRANKE SHADOWS & SIGNS EP
[OSTWIND RECORDS/007 - KOMPAKT]
Die Platte stellt eine Frage, die ich instinktiv vor dem
Hören erst mal mit: "Die sind drauf?", beantwortet
hätte. Aber vermutlich haben die nur einfach nicht so
viele Jazzplatten gefuttert. Oder - der Titel lässt das
ja offen - sind eh nicht der richtige Ansprechpartner, weil die Gospel-Vocals (zwischen dem vermutlich
zusammengeklaubten Klappern der Pianotasten) ja
auch einfach immer wieder die große Frage nach dem
generellen WARUM stellen. Wurscht, Ricardo schafft es
jedenfalls mit der Platte nicht nur Fragen zu stellen,
sondern sich selbst einige zu beantworten, nämlich
vor allem die danach, wohin es gehen soll und ob es
noch weitergeht, und da ist er auf dem besten Weg,
ein verdammt verschrobenes Soulmonster zu werden,
dem mit jedem der vier Tracks einfällt, dass man sich
in die eigenen Tracks nicht nur vergraben kann, wie in
der eigenen klar durchlebten Psychose, sondern dass
man sie auch lieben können muss. Und dafür ist der
Unterton zwischen Jazz - das haben UR vorgemacht
- immer gut. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Ricardo die eigenen Werke mit Opus durchnummeriert.
www.perlon.net
BLEED •••••
NDRU - CONNECTED EP
[PERPECTIV/001 - INTERGROOVE]
Sehr lässig und mit der Größe eines erfahrenen Minimal-Chefs rockt sich Carsten Franke hier mit dem
Titeltrack seine eigene Werkbank aus bratenden
Basslines, holzigen Grooves und einer leichten Nostalgie für Knarz zusammen. "Twilight" ist ein eher rockender Track mit verzerrter Gitarre mittendrin ("House
of the rising sun" nachgespielt?) und ist deshalb kaum
erträglich. "Through The Dark" wirkt noch ein klein
wenig unausgeschlafen, als könnte es sich nicht ents-
Das neue Label von Ripperton und Sam K. beginnt
mit Ndru aka Andre Gansebohm perfekt. "Pink Peonies
Forest" ist nicht nur wegen seiner extrem sympathischen Stimme das Little Fluffy Clouds des Minimalsounds. Der Track wiegt einen einfach so elegant in
den Zwischenraum zwischen Realität und Traum, dass
einem alles andere egal wird, ausser den Sounds. Und
dann auf der Rückseite noch dieses magische "Klang
Sayang" mit seinen Fünfton-Melodien aus dem Himmel
und dem unwirklichen Groove, der so sanft ist, dass
man ihn kaum merkt. Wer nach dieser Platte dringendst mehr von Ndru sucht: Es gab bisher erst einen
Track auf einer Liebe Detail.
www.perspectiv-records.com
BLEED •••••
TOUANE - PROSA
[PERSONA RECORDS/025]
Und wieder eine brilliante EP von Touane, der einen
immer wieder überrascht, mit seiner Art aus einem
einfachen, aber sehr klaren, deepen Groove Melodien
herauszuzaubern, die man nie erwartet hätte, und ein-
Tanzmann & Stefanik
Basic Needs
[Moon Harbour/027 - Intergroove]
BLEED •••••-••••
BLEED •••••
JACK SCHIDT & PHIL HARMONIC DIDIWAHWAH
[PINEAPPLE RECORDS/006 - INTERGROOVE]
Mal keine GusGus-EP auf dem Label von ihnen,
sondern eine sehr schleppende, langsame, aber notorisch bohrende Funk-Nummer die vor allem eins
nicht verträgt, einen so aufgeblähten Disco-Remix wie
den von Holmar Filipsson. Dafür ist aber die Rückseite mit ihren munter sprudelnden Bleeps und dem
oldschooligen Stringbackdrop etwas,dass durchaus so
mancher Moodmusic gefährlich werden könnte. Dennoch, eher die Schwächste auf dem Label.
“Basic Needs” nimmt seinen Titel ganz schön ernst und dreht sich immer
um den gleichen Moment, die Bassline quer gegen die Harmonie und darüber einfach nur ein perkussiver Groove mit Congas. Dabei erzeugen sie
dennoch eine solche Euphorie, dass man die Spannung kaum aushält.
Der Luna-City-Express-Remix verlegt das Ganze in eine housigere Deepness, aber zerstückelt den Flow dabei auf eine sehr sympathische Weise,
so dass sie gar nicht erst in Versuchung geraten, den gleichen Track noch
mal zu machen. Zum Abschluss gibt es dann noch einen jammenderen,
slidenderen Track, der mit “Drifting” auch einen sehr klaren Titel bekommt.
www.moonharbour.de
BLEED•••••
THE TIMEWRITER ROOM OF A MILLION RAINBOWS
[PLASTIC CITY]
Ich tue mir ja schwer mit Tech-House, der mit schläfrigen Vocals besetzt ist. Klingt schnell prollig, wie
ich finde. So gefällt mir der Longer Edit-Remix auch
nicht wirklich, obwohl ich die Vocals gar nicht schlecht
finde, trotzdem: Timewriters eigenes Stück "Brooklyn"
ist für mich der Hit der Platte. Wunderschöne Harmonie-Flächen, die den delayten Vocals gegenüber stehen.
Das Instrumental ist sehr perkussiv, das Arrangement
zurückgenommen, sehr dreamy der Track. Mikael DeltaRemix auf der A-Seite von “Room of a Million Rainbows“ ist konträr dazu eher eine DJ-freundliche Adaption des Originals mit Loop im Intro, Breakdown und
allem, was dazu gehört.
Poker Flat neue Frische einhauchen. Perfekt und nicht
nur extrem vielseitig, sondern dabei immer auch überragend deep.
www.pokerflat-recordings.com
BLEED •••••
MARTIN BUTTRICH - CLOUDY BAY
[POKER FLAT RECORDINGS/078 - WAS]
DOTCON •••-•••••
BLEED •••-••••
DMS - PLASTELINE EP
[PLASTELINE/001 - FBM]
Ein neues Label aus München, das auf seiner ersten EP
sehr klare, minimale Tracks mit leicht schwelendem
Unterton und guten Grooves macht, die auf der A-Seite
einen leichten Drall in Richtung Kitsch haben, den aber aufgrund ihres eher digital-plastillinen Sounds nie
wirklich erreichen, weniger als Mangel, als vielmehr
als Qualität. Der Mangel besteht eher darin, dass man
vom Sound her stellenweise das Gefühl bekommt, die
einzelnen Elemente hängen eher zufällig zusammen
in den Rillen ab.
BLEED ••••
V.A. - BETS'N'BLUFFS:
POKER FLAT VOLUME 5
[POKER FLAT/LP019 - WAS]
Wie oft, gibt es auch hier zur neuen Poker Flat-Compilation eine Doppel-12" mit bislang unveröffentlichten Tracks. Und wem stellenweise das Label etwas zu
vorhersehbar im Sound war, der wird mit dieser Platte
definitiv seine Vorurteile vergessen können. Tejada mit
Bilal Bashir z.B. ist ein so unterkühlt funkiger, jaulend
glühender Track, wie er nur selten vor kommt; Dan
Berksons & James Whats "Asteroid" um einige Längen
mehr Chicago, als Poker Flat je war, und der ruhige
Sound-verliebte Track ,"Snapshots", von Martin Buttrich
eh wie immer extrem außergewöhnlich. Neben Clé &
Bug gibt es dann mit Philippe Autuori und Jamie Jones
auch noch zwei neue Gesichter, die dem Sound von
Poker Flat ist das neue Dessous. Könnte man jedenfalls
nach "Cloudy Bay" schließen, denn das ist doch die
Form von House von der Steve Bug nachts träumen
müsste. Extrem charmant in den Melodien, voller unerwarteter Sounds und Instrumente, grandios arrangiert
und mit immer neuen Elementen, ohne dabei auch nur
den Anschein des Auseinanderfallens zu geben. Man
ist einen so überschwenglichen, reichen Sound schon
Ambassadors 3
The Santorin Bassic Agenda
incl. 12 Tracks by Bachelors Of Science,
Beatkonexion, Brooklyn, Contour, Denius,
Drumatic, Jericho, Matik, Redeyes, Simon V,
The Green Man, Young Ax
Download & 12’’ Teaser - Out Now
Www.santorin.de/ambassadors3
db_reviews62_73.indd 69
08.11.2006 20:55:33 Uhr
Reviews | BRD
fast nicht mehr gewöhnt. Und die beiden Tracks auf
der Rückseite bewahren die leicht übernächtigte, aber
glühende Stimmung perfekt. "Whats Your Name" fast
säuselnd und "Lazy Bastard" mit plinkerdem Wink in
Richtung Chigago-Jazz. www.pokerflat-recordings.com
herkommt. Kiki bedient sich innovativ an den verschiedenen Synthies des Originals, die bei ihm wie aus einer
gewissen Ferne zu kommen scheinen und optimiert den
Track für die Minimal-Posse.
DOTCON •••••
BLEED •••••
SWAT SQUAD & DAVID SQUILLACE - PANIK REINTERPRETATION [RESOPAL/038 - NEUTON]
OLIVER KOLETZKI - FOLLOW UP
[STIL VOR TALENT/009 - WAS]
Zwei Kollaborationen und je ein Track von beiden alleine zeigen gut, wie die Spannung zwischen Squillace
und der Squad funktioniert. Wo Squillace immer mehr
auf die Sounds baut, und den funkigen Groove eher
drumherum zu konstruieren scheint, sind Swat Squad
ganz Rhythmus und entwickeln erst daraus die Tracks.
Vielleicht ergänzen sie sich deshalb ganz gut, auch
wenn ich zugeben muss, dass Swat Squad alleine eigentlich immer noch unschlagbar sind. Vier feine, aber
auch nicht so außergewöhnliche Minimaltracks für die
Posse, die Funk immer in Richtung Chicago denkt.
Irgendwie wirkt diese Platte, trotz feinem Sounddesign
immer auch etwas übertrieben. Das will so eine Nebelleuchte sein, ein Leuchttrum, vor allem aber weit
hinaus in das Dunkel der Grenze zwischen minimaler
und raviger Trance, und da ist es glitschig, überladen
und wirklich ein klein wenig zu offensichtlich, dass
auch keine 80er Harmonien in den Bässen mehr die
Luft rauslassen. Wer Ravemusik mag, weil sie genau
das erfüllt, was Pop schon lange nicht mehr erfüllen
kann, der ist hier richtig. Allen anderen dürfte sogar
der temperierte Kiki-Mix auf der Rückseite zu sehr
nach Vereinigung triefen.www.stilvortalent.de
BLEED ••••
BLEED •••-••••
FLORIAN MEINDL - BEAT SPYDER
[RESOPAL RED/009 - NEUTON]
ION LUDWIG - CIRCLE OF DORTH EP
[STOCK5/003 - INTERGROOVE]
Sehr deep und mit einem sicheren Gefühl für minimalen Funk beginnt die neue Florian Meindl mit "Beat
Spyder" auf eine überraschende Weise mit oldschooligen Technosounds und einer sehr reduziert blitzend,
dunklen Stimmung, die dennoch dieses krabbelnd
verwirrte Flair hat, dass ein perfekter Afterhour-Track
braucht. "Listen Up!" ist zischelnder und direkter mit
einem treibenden zündenden Chicago-Groove, "While
You Sleep" könnte einen fast schon wieder an die
Zeiten von Minimal Nation erinnern trotz gelegentlicher schneller, vertrackter Breaks und "Glitchy Katie"
knabbert an den eingelegten Ohren eines vergessenen
Remixes. Eine sehr funkige smarte Platte mit vier minimalen Szenerien, die ihre Spannung immer perfekt nutzen. www.resopal-schallware.com
Und schon wieder ein Neuberliner. Woher das Label
kommt, weiss ich allerdings nicht. Die Tracks von Ion
Ludwig aber sind so magisch minimal und tuschelnd
deep, dass einem der Atem stocken kann, wenn man
sich darauf einlässt. Sehr von den Basslines aus gedacht, dabei auf tückische Weise aber auch melodisch
und ebenso reduziert, dass man noch den letzten Sound
im Rascheln der Rillen mit Spannung verfolgt. Und dabei ist jeder Track so einprägsam und verschroben, als
wäre ihm wirklich jeder sonstige Minimal-Sound um
ihn herum völlig egal. Brilliante Platte.
BLEED •••••
Und auch diese EP, auf dem noch frischen Label
lässt es nicht einfach bei trockenem Minimalsound
der wirklich reduzierten Schule, sondern hebt sich allein schon deshalb von allem anderen ab, weil die
Sounds so präsent wirken, als wären sie aus den leiseren Zonen des wirklichen Lebens herausgebrochen.
Ein wenig erinnert das an Butane oder Foundsound,
aber dennoch bewahrt es sich eine eigene Ästhetik. Die
Remixe kommen von Heartthrob, der etwas psychotisch
in den Sounds wirkt, und Sweet'n'Candy, der im klassischer pumpenden, housigeren Sound dennoch die Zeit
findet, jeden Effekt einzeln abzuschiessen.
TOBI DREHER - DER LOKAL MATADOR
[ROTARY COCTAIL/005 - WAS]
OLIVER KOLETZKI - FOLLOW UP
[STIL VOR TALENT/009]
BLEED •••••
AUDIO WERNER JUST WANNA GET DOWN RMX
[TRAPEZ LTD/50 - KOMPAKT]
OFFPOP - RANDOMIZED XYZ
[TYPICAL RECORDS/001]
Ein neues Berliner Minimallabel? Genau. Wer schon
lange nichts mehr von Offpop gehört hat, wird überrascht sein, wie düster die Tracks hier klingen, und dass
alles irgendwie hinter vorgehaltener Hand gepuscht
und zusammengezurrt klingt. Definitiv eine Platte eher
für die späteren Stunden.
www.typicalrec.com
BLEED ••••
Was für ein glucksendes Schnuckelchen, dieser Herr
Werner, remixt er sich doch gleich selbst und lässt
die Vocals über die abgeschlagenen Sektkorken turteln.
Und wenn man schon ganz weggeblubbert ist, dann
kommt diese digitale Jazz-Sequenz und die Party geht
erst richtig los. Wenn Baströckchen irgendwann mal in
Mode kommen, dann verdanken wir das sicher Audio
Werner. Auf der anderen Seite ein Guido Schneider-Mix,
der, das kann er, die Sounds an die offene Luft zum
trocknen hängt und im Wind des dichten Grooves wehen lässt, als wäre das Ganze einfach nur eine Halluzination gewesen. Eine der außergewöhnlichsten Platten
des Monats. www.traumschallplatten.de
BLEED ••
Was für ein beeindruckendes Label. Erst eine Platte
machen, der den reduzierten Dub der Kölner Schule
neu erfindet, und dann dieser Anschlag auf die Domäne
von Foundsound und Pronsato. "Glitter Frogs" ist nicht
nur so voller mutierter Soundeffekte, dass die Petrischalen schon besoffen anmuten, sondern der Track
wankelt auch noch so verliebt durch die Harmonien
und lässt die zerhackten Stimmchen so säuselig
triefen, dass einem mitten im Herz eine kleine Kerze
aufleuchtet. Der Remix kommt von den Helden der
letzten EP, Heinrichs & Hirtenfellner, und stolpert fast
über seine verknoteten Grooves aus reinem Bass und
ein paar Minimalisten auf das Glatteis führenden Dubs
und breitet dann noch einen sanften Teppich aus Samt
aus, nur um den wieder dem Sprechen in Zungen zu
opfern. Und zuletzt kommt mit "Elements" noch ein
Track mit dieser gezogenen Melange aus Bassdrum
und Zweiton-Bassline über ein Streusel Herrlichkeit
nach dem anderen gegossen wird. Grandiose Platte.
MARC ROMBOY VS. BLAKE BAXTER - THE CLUB
[SYSTEMATIC/028 - INTERGROOVE]
DANIEL STEINBERG GLITTER FROGS & REMIXES
[SUPDUB/001 - NEUTON]
BLEED •••••
Irgendwie ist mir die A-Seite viel zu bullig. Da helfen
auch die Vocals von Blake Baxter nichts mehr. Das ist
einfach nur Testosteron, das nicht weiss, wohin. Um
Welten besser dafür die clippend, klappende Version
auf der B-Seite, die mit leicht balearischen Beats einfach sofort mehr Tiefe hat, dazu die Detroitstrings heraus holt und den Vocals genau die Luft gibt, die sie
brauchen, um den Club völlig auszufüllen.
BLEED •••-•••••
DANIEL FOULLON & DIRK HERMANN GEDANKEN EP
[TOUPET MUSIK/001 - FBM]
Klar, wer SA-RA mit nur einem halben Ohr verfolgt
hat, der dürfte wissen, dass sie einfach perfekt kantige
Beats und säuselnde Melodien ähnlich gut verdrahten
können wie Bugz In The Attic, und das machen sie
hier in allen Mixen des Tracks perfekt. Funk - egal
wie klassisch - hat eben auch noch seine Nischen, in
denen das trotz aller klassischer Soli und Instrumente
frisch klingen kann. Und, irgendwer muss diese alten
Synths ja auch wieder zum Glänzen bringen.
BLEED •••••
KOLOMBO - ALL THIS / THIS ALL
[VICE VERSA/002 - INTERGROOVE]
Klar, auch dieses Label hat in den Drums immer noch
einen Hang zur klassischen Oldschool: Das erkennt
man an den plinkernden Rimshots. Aber der Rest
ist minimaler Elektrohouse mit viel Liebe zum gutplatzierten Effekt. Vielleicht könnte das Gesamt-Genre
ja durch ein wenig Jack glatt noch mal eine Renaissance erleben. Die Rückseite beginnt im klassischen
UK-Sound von vor 15 Jahren, wird dann aber etwas zu
Brechstangenhit-mäßig.
BLEED •••••-•••
KOLOMBO & IBBY - SNAP SHOT
[VICE VERSA/001 - INTERGROOVE]
Der klassische Bremer Sound kommt diesmal aus
Belgien von Kolombo und wird mittendrin mit funkigen, technoid blitzenden Sequenzen aufgeheizt, so als
hätte jemand versucht, Huntemann mit Alex Under zu
kreuzen. Ein durchaus nicht unsympathisches Experiment, aber die weniger dreiste Rückseite gefällt mir,
weil mehr Konzentration auf das Zusammenspiel von
Sequenzen und Beats gelegt wird, doch etwas besser.
BLEED ••••
SHS INC - CHRONOTROPIC
[WINSOME/006 - WAS]
Bislang die beste Larsson, weil sich hier das Zusammenspiel aus klassischem Minimalsound mit leichten
Melodien irgendwie wie von selbst zu ergeben scheint
und der Track einfach und elegant dahinfliesst, fast
ohne dass man es merkt. Die Rückseite ist durch
ihre Harmoniewechsel leider immer ein wenig nah an
kitschigem Trancegefühl, auch wenn der Track eher
ähnlich ruhig wie die A-Seite ist. Dennoch, so langsam
zeigt sich, dass man mit Larsson rechnen muss.
Drei Tracks, die auf drei völlig verschiedene Weisen
das zu testen scheinen, was Ananda unter Acid versteht. Warum aber genau, ist mir nicht so ganz klar,
denn zu seinen Stärken gehört das bestimmt nicht.
Die Tracks floaten eher etwas zu selbstsicher dahin
und sind stellenweise so langatmig, dass man sich
vorstellt, im Club manchmal vorskippen zu wollen. Und
auch der reine Soundscapetrack ist nicht wirklich so
intensiv, wie er vorgibt zu sein.
BLEED •••
Hier dürfen Baile-Funk-Leute an das Gotan Project ran.
Edu K macht seine Sache noch vergleichsweise gut mit
seinem "Drop the Bass"-Remix und fettem Bass für die
Tanzflächen dieser Welt. Da bleibt dann vom Ursprung
allerdings nicht viel übrig, aber dafür passt der Track
prima in ein anspruchsvolles Electroset. Völlig daneben
liegen die Sandrinho DJs, wenn sie ihre abgehackten
brasilianischen Raps über Gotan-Beats legen. Der Track
hätte lieber auf der Festplatte bleiben sollen. Man soll
nicht zusammenkleistern, was nicht zusammen passt.
Auf der B-Seite arrangieren Haaksman & Haaksman
"Arrabal" neu, was ihnen gut gelingt und am besten
das Original in den Remix überführt. Tanzbar ist der
auch, aber eine Offenbarung noch lang nicht.
TOBI •-••••
MEMBER OF THE TRICK: SKWERL THE FLYING SQUIRREL [SONAR KOLLEKTIV]
Die 70er-Streetfunker “Tower of Power“ waren eher
für ihre punktgenauen Bläsersätze berühmt als ihre
Gesangsleistung. Aber wie deren Frontmann Hubert
Tubbs sich hier auf “All Woman“ von Flüstern langsam
hochschraubt bis zum kontrolliert heiseren Ausbruch,
während der Track spacig dräut und abwartet, ist
großes Deephouse-Gänsehaut-Kino der zeitlosen Art.
Ein Epos aus der Liga von Robert Owens “I’ll be your
friend“. Auch “Betaserc“ hat dieses großherzig romantische “Altered States“-Gefühl, aber mit viel elaborierterer Percussion als Ron Trents Track.
JEEP •••••
GEORG LEVIN - KEEP ON MAKING ME HIGH
[SONAR KOLLEKTIV]
Levin überarbeitet sein altes Stück “Keep on making me high“. Er macht sich auf den JamiroquaiWeg und mimt den Crooner mit Live-Band, die so
tight wie eine Maschine spielt, aber eben diese Aura
vom coolen Cliquen-Ding hat, die ein Synthie nie
hinkriegt. Das steht Levin gut. “Leisure Suit“ ist ein
ausgetüfteltes Steely-Dan-Stück, Phase “Gaucho“.
Sehr ausgerechnet, tödlich elegant und trunken vor
Sophistication. Wenn ich Hochzeit feiere, buche ich
Georg Levin und Band.
JEEP ••••
SLOPE - RUNNIN’ [SONAR KOLLEKTIV]
Daniel Paul und Honesty zeigen sich von ihrer
geradlinigeren Seite. Deshalb ist es aber nicht weniger durchtrieben. “Runnin’“ schiebt verspult hallige Sounds hinter einen brummeligen Basslauf und
atmet den Geist früher englischer Romantik-RaveHymnen. Das Downtempo-soulige “Keepin’ it up“ vom
ersten Slope-Album remixt Henrik Schwarz zu einem
seiner gebremsten Dramen, die auf der Stelle stehen,
bis einem fast die Luft abgeschnürt wird. Dabei die
Spannung zu halten, ist Schwarz’ großer Trick. Der
gelingt ihm hier wieder brillant.
JAZZANOVA FEAT. THIEF - THE SIRENS CALL
[SONAR KOLLEKTIV]
EXTRAWELT - SCHMEDDING 8000
[TRAUM SCHALLPLATTEN/079 - KOMPAKT]
GABRIEL ANANDA - BASSMASCHINCHEN PART 2
[TREIBSTOFF/067]
GOTAN PROJECT - MI CONFESION
[YA BASTA - DISCOGRAPH]
JEEP •••••
BLEED ••••-•••••
BLEED •••••
Eigentlich sollte einem so ein Labelname zu denken geben. Ob es zum Beispiel wirklich DJs gibt, die ein Toupet
tragen? Frankfurter? Wo kauft man überhaupt Toupets?
Letztendlich aber geht es ja um Musik und die ist im-
THE RH FACTOR - ON THE ONE [VERVE]
LARSSON - SPREEMELODIE
[TRAUM SCHALLPLATTEN /V78 - KOMPAKT]
So eine Art Knarz meets Welteroberungshymnenorgeltrack. Wankelmütig, aber unbeirrbar auf dem Weg, ein
großer Ravehit zu sein. Und auf der Rückseite wächst
alles ähnlich massiv aus den Bässen heraus. Musik,
die perfekt wirkt, wenn man das Gefühl hat, die Idee
unbelebter Dinge ist nur ein Märchen um die Wahrnehmung zu beruhigen.
Ich glaube, seid Blackout hat Koletzki auf Stil vor Talent gar nichts eigenes mehr releast. Mit “Follow Up“
stellt er mal wieder sein Feingefühl für Rückenschauer-Melodien unter Beweis. Eine Platte, die mit einem
unglaublichen Sinn für den Dancefloor produziert ist,
perfekt arrangiert, ein Nachruf auf den Sommer und
seine Parties. Raus aus den Wiesen, rein in die Clubs:
Der Herbst ist da! Auf der B-Seite darf BPitch-Buddie Kiki ran und verpasst dem Track ein reduzierteres
Gewand, das sehr perkussiv mit Shuffle-Beat da-
Für René Breitbarth mag der Titel passen. Wer seinen
ansonsten oft housig deepen Sound nicht kennt, wird
vielleicht aber eher überrascht sein. Eine EP, die so
auch auf Maschine gar nicht fehl am Platz gewesen
wäre. Kurze Einbrüche von Acid-Sequenzen, extrem silbrige Soundeffekte und ein knarzig klöppelnder Groove,
der das Ganze vorantreibt ,machen "Heavy" aus, und
Metal ist eine Art Minimal-Shuffle mit dezenten SähköVorlieben.
BLEED •••••
BLEED •••••
DEADBEAT - VERSION IMMERSION
[SCAPE/040 - INDIGO]
BLEED ••
Koffein scheint SLGs bevorzugte Droge zu sein und ihn
dazu anzustacheln, brilliante flirrende Chigagotracks zu
machen, in denen man die Kanten der Grooves dafür
ausnutzen kann, noch mehr kleine Plinkersounds zu
verstecken. Definitiv eine Platte, die einen ganz schön
nervös machen kann, aber ohne Nervosität kein Funk,
das wisst ihr sicher alle.
Oh, diese Vocals. Das ist wirklich in allen Mixen nur
schwer zu ertragen. Die kommen von Kris Menace und
The Disco Boys und hören sich so auch an. Ab in die
Vorstadt-Großraumdisco damit. (PS: Kein Mensch schneidet Platten mehr so.)
BLEED •••••-•••
Irgendwie hatte ich das ja schon fast vergessen, aber
ja, Scape war ja irgendwie auch mal ein Dub-Label.
Und das nimmt Deadbeat hier etwas zu genau und
kommt in den drei Versionen seines Track einfach nicht
drumherum, etwas belanglos die Dubs in das Zentrum
zu stellen und dabei irgendwie so altmodisch zu klingen, dass nichts mehr hilft. Schade.
SLG - CAFFEINE
[TRAPEZ/070 - KOMPAKT]
SEPH - DASH EP
[STOCK5/002 - INTERGROOVE]
EVERMORE VS. DIRTY SOUTH IT'S TOO LATE [SUPERSTAR]
RENÉ BREITBARTH - HEAVY/METAL
[TREIBSTOFF/066 - KOMPAKT]
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Ein ratternd trockener Track, wie man sich bei dem
Titel vielleicht schon - warum eigentlich - vorstellt. Die
Bässe, ein einziges Kratzen, die Percussion, ein Kramen
im Karton und trotzdem kommt am Ende ein Track heraus, der irgendwie Spass macht. Und den kitzeln die
Remixe sogar noch etwas mehr heraus. Krikor zerrupft
das Ganze wie ein Huhn aus Marktgeschrei und lässt
die Bassline so deep droppen, dass einem der Atem
stockt; Kombinat 100 versuchen, das Pathos im Titel
ein wenig herauszukitzeln, aber mit ihrem typischen
Dubsound ist das doch eher unfreiwillig poppig und
unstimmig, und der Two EM vs. El Locco-Remix fasst
Krikor und das Orginal noch mal zusammen.
mer gut, wenn sie so erfrischend ruff an die Sache heran
geht und mit Sounds daher kommt, die obwohl irgendwie spartanisch und trocken, so von sich überzeugt sind,
dass ihnen gleich zwei Seiten fein grau marmorierten
Vinyls geopfert werden. Das ist doch eine Geste. Genau
wie die Vocals, die ich als "Test One" höre. Sehr sympathische, minimale, aber trotzdem sehr offen wirkende
Platte. Mal sehen, wie es weiter geht auf dem Label.
Auf der A-Seite geht es so tief in den eigenen Sound
hinein, dass sogar die Sähkö-Jungs ganz blass werden
dürften. Dubs, die nicht einfach nur Effekte sind,
sondern Überlebensantrieb. Sanftes elektronisches
Blubbern, das so viel melodische Seele hat, dass man
mit ihm sprechen möchte, und dazu auch noch dieser schliddernde Groove. Wem das fast zu besinnlich
ist, der dürfte die Rückseite lieben, denn hier kommen zwei auf eigentümliche Weise verschroben deepe
Tracks mit einem Technoflair, dass klingt, als wäre es
über mehrere Jahrzehnte lang poliertes Edelholz, und
einem Sound, der aus einer Tiefe kommt, die man nicht
mal im Meeresgraben vermuten würde. Definitiv eine
Platte, die nächsten Monat zum Geheimtip der MinusPosse werden dürfte. www.winsome-music.de
BLEED •••••
Ich würde ja nicht freiwillig zugeben, ein Stück für
die Klemmi-Erotik der Berliner Erlebnisgastronomie
“Belle et fou“ beigesteuert zu haben, aber “The Sirens Call“ ficht das nicht an. Der luftig entschwebende Harfen-Folk in träumerischer Ziellosigkeit
wird durch die zusätzliche Gesangsspur von Thief
aka Sascha Gottschalk zu einer zartschmelzenden
Elegie mit Engelsflügeln überhöht. Herbst im Central Park und wieder Löcher in den Socken. Und auf
dem Flohmarkt wurde einem “Forever Changes“ von
Love vor der Nase weggeschnappt. Eine kleine Perle,
diese einseitig bespielte 7Inch. Wenn ich Hochzeit
feiere, buche ich Thief und Orchester.
JEEP •••••
THE BOY GROUP - NIKE MONKEY [DOXA]
Es gibt doch echten R&B, wieso muss man dann
klamaukigen machen? Funpunk war auch nicht
lustig. Und nur weil die Boy Group aus dem Dunstkreis des Hamburger Pudel Clubs kommt, leuchtet
sie mir nicht mehr ein als “Larry und die Breitärsche“
oder so was. Live in wechselnden Kostümen und mit
Bananenpistolen kann das ein kurzweiliger Schenkelklopfer sein, aber ohne Bananenpistole auf Platte
ist es eher schal. Da fällt erst auf, wie gut das letzte
Snax-Album ist. Der will ernsthaft sexy sein.
JEEP ••
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08.11.2006 20:56:11 Uhr
Reviews | CONTINENTAL
V.A. - MULTIPLIREMEZCLAS 1
[APNEA/009 - NET28]
ter Tüdeligkeit zu verlieren. Alle drei Tracks passen
perfekt zwischen die neueste Jesse-Rose- und sag wir
mal Justin-Maxwell-Platte. Fein.
SVEN.VT ••••-•••••
NIMA KHAK - STOLEN [CHIC SOUNDS - NEUTON]
Bass-Gebrummel und perkussives Geklöppel. Viel
mehr hat dieser Track nicht, aber das kann ja auch
mal genug sein, wenn man es gut macht. Der AgaricRemix hingegen sitzt auf einem eher schwingenden
Boden einer wankelnden Bassline und fein plinkernder
Melodie, die vielleicht einen ähnlich spazierfreudigen Genuss bereiten kann, aber letztendlich doch mit
dem Optimismus einer haarigen Tarantel überzeugt.
Eigentümlich leere Platte, die mir vermutlich genau
deshalb sehr gut gefällt. Perfekte Tools.
BLEED •••••
anmerkt, dass sie irgendwie etwas dumpf klingen (Vinyl ist das neue MP3), aber dafür an Quirligkeit kaum
zu übertreffen sind. Perfekt für all die unter euch, die
am liebsten einen halbgaren Lötkolben mit Kokosstreuseln zum Frühstück nehmen.
www.egotwister.com
BLEED ••••
CRUZ - COUGAS EP [FLOPPY FUNK/007 - WAS]
Zwei neue Tracks von Beni Stöckling, die rasant und
sehr kompakt über brilliante Basslines ihren sehr
eigenwillig trocken-funkigen Chicagosound entwickeln. Und dazu abenteuerliche Remixe. Fahone People
machen aus der pumpenden Bombe "Knusper" einen
flirrenden melodischen Popsong und Dash Dude nimmt sich das zauselig hämmernde, zerhack-stotternde
Meisterwerk "Cougas" in einem shuffelnd housigen
Groove voller Andeutungen vor.
KRITICAL AUDIO - KRUPP
[CHILLOSOPHY MUSIC/004 - INTERGROOVE]
BLEED •••••
Wenn ich das richtig verstehe, sind hier zwei Alex Under-Tracks im Remix von Lusine und Tadeo. Und wer
die letzte Lusine gehört hat, der weiß ja schon, dass
er sich immer mehr auf den Dancefloor zubewegt. Die
Alex Under-Tracks mögen da auch eine gute, lineare
Vorlage gewesen sein, auf der man den Boden mit einigen unnachahmlichen Effekten so zerreißt, dass man
sich zwischenzeitig schon wundert, warum das alles
immer noch einen so immensen Flow hat. Die TadeoSeite ist wesentlich analoger im Flair, und bearbeitet
die Dubs mit einer Nagelschere so lange, bis alles zur
Melodie gehört. Killertracks, die mehr als Funk und
Begeisterung haben. www.apnearecords.com
Das klingt für mich wie Aphex Twin in Bestform mit
einem Hauch Lusine. Vielleicht ist das ja auch beabsichtigt, vielleicht aber eher Zufall, aber den Eindruck
wird man nicht mehr los, egal aber, denn der Track
ist ein Killer. "Spring Break", eher so eine elegische
Variante des Sounds und damit vielleicht gut für das
Label, aber doch den einen Kick zu kitschig. Auf der
Rückseite dann ein wie immer brillianter und weit ausholend erzählerischer Remix von Minilogue, die aber
dennoch daran zu knabbern haben, dass die Bassline
eben so stark im Unterbewussten verankert ist.
HUGO - HUGOIS [FLOPPY FUNK/009 - WAS]
BLEED •••••
MILTON JACKSON VS. DROIDO BACK TO THE TECH
[CRACK & SPEED/017 - WAS]
NOVOX - BOOBLEG
[BALKON/007 - INTERGROOVE]
"Boopie Trap" ist so ein minimal treibender Track, in
dem die Bassline klingt, als würde sie mit ihrem leicht
zerstäubten Sound alles da unten anstecken und oben
flippen halt die Schaltkreise einer nach dem anderen
aus dem Ruder. Der Dario Zenker-Remix ist unerwartet
darker Schneesturm-Sound für alle, die sich gerne von
ihren Albträumen auf dem Dancefloor einholen lassen. Die Rückseite beginnt mit "Their Ghosts" etwas
trockener und lässt die Bassline von einer dunklen
Orgel verführen, bis dann endlich der zauselig zerrige Kampf um das quietschigste Kostüm eröffnet
wird. Popnebo remixt dann noch mal "Boopie Trap"
in stampfiger Variante mit einem soliden ratternden
Gefühl im Nacken, dass die Konkurrenz analoger Monster einfach so wegbrettern möchte, ohne dabei den
minimalen Boden unter den Füssen zu verlieren. Sehr
ausgeschlafene Platte.
www.balkon.tv
BLEED •••••
NICKY VAN SHE AND DANGEROUS DAN AROUND THE WORLD AGAIN [BANG GANG/001]
Wer dachte, der Disco-Rock mit Gitarrenriffs wäre
mit dem Aussterben der letzten Elektroclasher diesseits des Kanals endgültig zuende, der wird von dieser
Platte eines Besseren belehrt. Schweinelektrorock vom
Feinsten. Sicher ein Hit auf allen Dancefloors mit brüllenden Anlagen und Kids, die Rosa immer noch für
eine Farbe halten.
BLEED •
Und wieder ein Killertrack von Alex Under, der in einer
solchen Beständigkeit los rollt, und die Sequenzen um
die eigenen Ohren wirbelt, dass man einfach nur beeindruckt sein kann. Diesen Sound beherrscht keiner
besser als er zur Zeit, denn es ist nicht nur linear
und bestimmend, sondern auch so verspielt zwischendrin, dass man den Track wirklich nicht nur wegen der
einen Sequenz hören möchte, sondern immer gespannt
ist, was da um die Ecke noch so lauert. Auf der Rückseite kommt ein dunklerer Remix von Enrico Pallazo,
der dem Track ein wenig mehr Techno-Großraum-Flair
einhaucht, aber eben nur genau die Portion, die man
verträgt.
BLEED •••••
NEMOY - AFRAW [BONZZAJ ]
Na, die haben Humor, die Eidgenossen! Schon auf dem
Cover steht eine Giraffe ganz ungeniert vor den Alpen
und ein Löwe trägt die Instrumente vorbei… Das passt
zum Multistyler André Seiler aka Nemoy, der mit seinem Release dem neuen Label Bonzzaj zur Premiere
verhilft. Da ist nämlich neben den beiden hier vertretenen Tracks noch einiges zu erwarten. Wer also
meint, dass die Einflüsse bei Afro, Broken Beats oder
gar Jazz enden, wird noch mit den Ohren schlackern.
Das tat wohl auch Mixmaster Domu, der spontan dem
Titeltrack bei seinem Remix noch eine deftige Prise
Bass und Savannenschmutz im Sinne eines Seiji zufügt.
Somit dürfte diese 12“ ihren Weg in die Playlists von
J`Nova bis zu Quantic finden. Und der Bonus-ChillTrack beglückt auch noch die Hörerschaft von Cinematic Orchestra… Also doch typisch Schweiz - alles
in time…
M.PATH.IQ •••••
MANIC MIND - BEAT CRUSH EP [BRIQUE ROUGE]
Immer wenn ich gerade denke, dass mir der Sound von
Brique Rouge jetzt endgültig nichts mehr sagt, bringen
sie eine Maxi wie diese hier heraus, die alle vorschnellen Urteile mit bouncendem Nachdruck zerpflückt.
Manic Minds sind die beiden Franzosen Stephane Deschezeaux und Stephane Marrocchella, die wohl schon
eine Weile als in der distinguierten Welt des Deep
Houses ihr Unwesen getrieben haben. Hier lassen sie
allen housigen Zartschmelz bei Seite und verpassen
ihren Tracks ein digitales Schaumbad aus Bleeps, Effekten und jackenden Basslines, ohne sich in verspiel-
BLEED •••••
Der Turiner Hugo rockt hier mit seinem unnachahmlich
heiter verdrehten Chicago-Sound, der mal deepen Soul
von der Wand kratzt, um ihn im Raum zu zerstäuben,
mal aber auch eine Nuance von Disco erfindet, die man
wirklich noch nicht kannte. Stellt euch vor, Frankie
würde Disco machen und dabei jeden Millimeter minimalen Sound in eine Glasperle einschliessen, die aus
der Discokugel geschossen kommt, statt einfach nur
Licht. Quirlig und so schnell und überglücklich, dass
man der Platte immer hinterher läuft.
BLEED •••••
V.A. - THE FINNISH NEWCOMERS EP
[FROZEN NORTH/009]
BLEED •••••-••••
DOLLY LA PARTON - WHENEVER
[BEMYSHEEP/004 - NET28]
GLITCHES - AUDIO CARL
[DEFRAG SOUND PROCESSING/020 - KOMPAKT]
Eine leicht dubbig minimale EP mit zwei Tracks,
die zwar sehr charmant und funkig blitzend in den
Obertönen sind, aber auf der A-Seite durch den dubbigen Teppich im Hintergrund doch etwas sehr nach
alter klassischer Dubtechno-Schule klingt und sich
auf der Rückseite etwas zu überschwenglich in einer
Melodie suhlt, die das einfach nicht tragen kann. Eine
der wenigen unentschlossenen Platten des Labels.
BLEED •••
TIGA - 3 WEEKS [DIFFERENT]
Auch Tiga hat sich ein paar Tracks aus seinem Album
rausgesucht, um sie von verdienten Remixer-Händen
zerlegen zu lassen. Der Electro-Techno-Heuler ”3
Weeks“ ist als erstes dran. Das Original ist für mich
recht schwer verdaulicher Autobahnkreuz-DiskothekenRave, das dort natürlich für allerlei feuchte Höschen
sorgen dürfte. Tigas Buddy Jesper Dahlbäck treibt das
Ganze noch mal ein bisschen auf die Spitze, und man
kann im Hintergrund das eine oder andere Raver-Herz
vor Freude platzen hören. Booka Shade entfernen sich
weiter vom Original und heben den Empathie-Faktor auf ihren zwei Mixen (einmal mit Vocals, einmal
im Dub) mit allerlei harmonsichen Streicheleinheiten.
Solide. Auch Troy Pierce kann den Rave-Verlockungen
nicht widerstehen, allerdings locken einen die latent
psychotischen Untertöne auf einem ganz anderen Rave,
als bei den anderen Mixen.
SVEN.VT •••-••••
ALEXANDER KOWALSKI - START CHASING
[DIFFERENT - PIAS]
Was für ein gnadenlos hässliches Cover. Und die Musik
dazu ist Großraum-Gesangsrave für angehende Gruftis
und Freunde, die auch schon mal eine Haiduci-Version
in der Disco ganz toll finden. Entäuschendste Platte
des Monats.
BLEED •
GUYOM - CACELORAZO [EGO TWISTER/007]
Wo um alles in der Welt soll ich ein Y mit Pünktchen
und ein O mit Dach auftreiben? Wie auch immer. Ein
Album verspielter, breakiger, kratzig ratternder Tracks
mit sympathischem Ethos einer menschenfressenden
Kirmesmaschine, mit lauter blitzenden Schaltkreisen
und verbrühten LEDs. Zwölf Tracks, denen man zwar
[Robsoul Rev/007]
Zwei Mixe von Duriez auf der A-Seite zeigen mal wieder, dass er einfach
aus jedem Hintergrund seinen Sound machen kann: Der braucht dafür immer nur die Bassline. Die Vocals sind so direkt, dass sie fast schon peinlich wirken können, aber wenn die ersten, sehr herausstechenden Sounds
dazu kommen, dann ist klar, dass ist einfach - ist es immer - ein Hit. Und
schon ist man in der Jam-Phase und da dürfen die Lyrics auch schon mal
fast nach HipHouse klingen. Jesse Rose übernimmt auf der Rückseite
mit holzigem Xylophon-Glöckchen Sound und dezent smoothem Stakkato-Disco-Samplesound . Dazu gibt’s dann noch einen etwas überreizten
Acidmix von Duriez am Ende, in dem aber die Lyrics einfach alles sagen.
www.robsoulrecordings.com
BLEED •••••-•••
Unerwartet ruffe, technoide Platte mit minimalem
Groove und funkiger Bassline und einem immer breiter
werdenen Sound, der am Ende in einem ziemlichen
Acid-Monster endet. Übervoll, aber dennoch wie ein
guter DJ-Mix, der sich wirklich in die Party reinhängt.
Die Rückseite ist mit "A Way From My Machines" erstmal sehr plinkernd, und trotz allem überhitzten Zetern
im Hintergrund irgendwie eine oldschoolige Hymne, zu
der man sofort nach Chicago wandern möchte. Richtig verwirrend wird es dann auf dem Klassik-Smasher
"Holy Monkey". Eine verwirrende EP, die gerne mal ein
paar Sequenzen zuviel in die Hand nimmt, um sich
nicht auf etwas zu Eingefahrenes einzulassen.
Phil Weeks feat. DJ Red Eye
Make You Wet
Tja, auch in Finnland gibt es immer wieder neue Gesichter. Und man kann froh sein, dass ein Label wie
Frozen North mal eben den Labelsound außer acht
lässt, und einfach nach spannenden Ideen sucht. Ein
tragisch breitwandiger, schneller Track, mit klingelnd
harmonischen Hintergründen von Lauri Leino; ein
plockernd minimales Funkstück von Miika Salo, der
um sein Leben plinkert, aber dabei immer völlig relaxt
und reduziert selbst Frankie unterläuft, und durch die
eigentümlich losgelösten, Maschinen-verehrenden Vocals auch noch Elektro (das Echte) einsackt; ein rockender, oldschoolig schnarrender Acidtrack von Sleazy
K & Trackmaster Jay, der sich zu endlosen, detroitigen
Höhen aufschwingt und dann noch ein schnell ratternder, subtil klimpernder, sequentieller Minimaltrack,
einer eher an frühen US-Tracks orientierten Schule von
Perttu Lindroos. Wir hoffen, von all denen hören wir
noch viel mehr. www.frozennorthrecordings.com
IANEQ - THE RETURN
[MENTAL GROOVE/056 - INTERGROOVE]
Ich weiss, ich sage das oft, aber wann immer unerwarteter Weise mal ein Fabrice Lig-Mix auftaucht, dann
weiss ich auch schon bei den ersten Klängen warum.
Das ist so erhaben und so funky wie kaum etwas anderes. Und auch sein Remix für Ianeq's "The Return"
macht da keine Ausnahme. Ein Monster an Funk und
Euphorie. Das Orginal ist ein ganz anderer, aber ebenso fundamentaler Track mit feinen Harmonien, housig eingeflochtenem Piano und einer Stimmung, die
die ganze Welt immer offener umarmen möchte. Dazu
kommt dann noch der überspitzt ratternd funkige Track
"The Focaccia Pretext", der zur Basis jeden DJs werden
dürfte, weil er auf springende stichelnde Chicagotracks
steht. Brilliante Wiederkehr. www.mentalgroove.ch
BLEED •••••
Zum Abschluss geht er mit dem Titeltrack noch auf
eine kurze Kreuzfahrt in die Welten leicht unheimlicher
Housemusik. Sehr heitere, aber dennoch dezent darke
Musik durch und durch. www.morrisaudio.com
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SUMO - SO BAD
[MENTAL GROOVE/055 - INTERGROOVE]
Mental Groove wird immer mehr der Ort, an dem man
Funk-Fantasien wieder aufleben lässt. Böser Killertrack
mit völlig verkratzt verrauchten Vocals und kompletter
Unterstützung vom Gitarrenlick, bis über die pulsierend
kantigen Basslines. Wenn man etwas anfällig für Schweinefunk ist, dann könnte einem das hier gelegentlich etwas zuviel werden, auch in der Dubversion, aber
dafür muss man sich schon wirklich vorstellen, dass
das live gemacht wird.
BLEED ••••
DAMIAN SCHWARTZ - COSASQUESECAEN
[MUPA/002 - KOMPAKT]
JAMIE ANDERSON & JEROME - SKETCHES
[OUTLAND RECORDS - NEWS]
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SAMULI KEMPPI - VALTIMO EP
[FROZEN NORTH RECORDINGS/008 INTERGROOVE]
Irgendwie hat man bei Finnen immer das Gefühl,
alles falsch zu schreiben. Deshalb sollte man sich
an die Titel auch schon gar nicht erst wagen. Eine
Vier-Track-EP mit einem feinen FM-Synthese-Sound,
gelegentlichen Schneestürmen in darken Elektrowelten
und einem sehr auf den blubbrigen Klang der teils
quietschigen, teils verwegen modulierten Sequenzen
bauenden Kompaktheit im Gewusel. Der Marko LaineMix klingt im Vergleich irgendwie etwas unbeweglich.
www.frozennorthrecordings.com
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V.A. - GEEZERS NEED EXICTEMENT
[LABEL FROM BRATISLAVA/004]
Sehr feine EP auf dem ungewöhnlichen Label aus
Bratislava aus dem Umfeld des U-Clubs. Mizzeks
"Mantente Presente" ist ein sequentiell-schillernd erhabener Technotrack für all die, die es lieben, wenn
Melodien wie auf Seilen tänzeln. Der Track von Milos
ist ein verspielt, vertrackt zerschnittener, blitzender
Funk mit slowakischen Stimmschnipseln und treibendem Groove. Auf der Rückseite dann ein dunkler,
schiebender Track von Loktibrada mit extrem heiterem, flachem Piano und zauseligen Soundeffekten, und
ein ruhiger, reduzierter, spartanischer Dub der Kölner
Schule von DNC. Sehr vielseitig, immer gut.
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BOT'OX - [MARKETING - WAS]
Da kannn man machen, was man will, die Platte wird
einfach nicht schneller. Sehr schleppender Groove, aber ein so überschwenglich poppiger Sound und voller
wühlender Basslines und klimpernder Glückseeligkeit,
dass man wirklich überrascht ist, warum nicht mehr
Tracks in diesem Tempo funktionieren. Und, nein, das
ist beileibe keine Slo-Mo-Disco, sondern eher so etwas wie eine ravende Krautsau. Die Rückseite täuscht
dann ein perkussives Latinstück an, ist aber ebenso
ein voller Jam mit Orgel und melodischer Breitseite.
Unerwartet auf diesem Label.
BLEED •••••
Ich habe das Gefühl, dass dieses spanische Label
die Antwort auf Minus sein will. Jedenfalls sind die
Sounds und Beats auf der A-Seite so perlend und reduziert, dass man den Gedanken nicht los wird. Dabei
durchzieht die Tracks aber immer auch ein sehr pulsierender Groove und die Effekte haben eine eher digitale
Qualität, verwirrend und sehr Afterhourf-unky bleiben
sie aber doch. Magische Musik für alle, die Musik hinterherlauschen können, als wäre sie ein Fluss, dem
man nur folgen muss, um am Ende am Meer anzukommen. www.mupa.biz
BLEED •••••
Schon überraschend, dass auf einmal wieder alle im
Spiel sind. Hier eine Platte aus Amsterdam von Jeromes Label, dass jetzt deepe, technoide Tracks mit
sehr schillerndem Sound macht und dabei auch auf
einige Anleihen bei Dubtechno nicht verzichtet, aber
immer noch, vielleicht auch gerade wegen der bleepig
funkigen Phasen, irgendwie mit einer detroitigen Stimmung aufwartet. Der "Coming Soon"-Remix auf der
Rückseite ist darker und mit mehr knisterndem Dubsound, aber ebenso gleitend und auf dezent jazzige
Weise funky. www.outlandrecords.nl
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DENNIS KARIMARI - AGITATIO EP
[NUM RECORDS/012 - KOMPAKT]
Sehr verklappte Beats lassen die Platte schon von Anfang an außergewöhnlich erscheinen, aber dann holt er
sie auf einen funkigen, minimalen Groove zurück, lässt
die Sounds rühren und röcheln und erst dann erkennt
man, worauf Karimari hier hinaus will. Eine Neubestimmung von Funk aus dem Gewitter der Überladung. Und
die Rückseite mit dem fast kryptisch verhakten Groove
ist ein ähnlich sperriges, aber lohnendes Monster. Abstrakter, als viele seiner Tracks auf anderen Labels
kommt hier mal der leicht wahnsinnige Konstrukteur
von Beats klar heraus, der sonst oft nur anklingt.
www.num-records.com
BLEED •••••
THEODOR ZOX - DARK LIQUID
[MORRIS AUDIO CITY SPORT/033 - INTERGROOVE]
Theodor Zox wird ganz schön funky auf dieser neuen
Morris Audio. Auf der A-Seite ein feiner, funkiger Chicago-Groove mit splitternden Sequenzen aus Glöckchen, zu brummig treibender Bassline und "Snapshot"
auf der Rückseite, zeigt, dass das nicht nur eine Ausnahme für diese EP war. Ein Release, der genausogut
auch auf Frankie gepasst hätte, wenn nicht die für
Zox typische Feinarbeit in den digitalen Sounds wäre.
ANDY VAZ - WAY BACK WHEN
[PERSISTENCEBIT/012 - WAS]
Ich habe die böse Befürchtung, dass sich Andy Vaz mit
"Day Light Saving" seinen ersten unfreiwilligen Rave-Hit
gezaubert hat. Der Track wächst einfach von Anfang an,
packt einen mit dieser Glöckchensequenz und slammt
dabei wie nebenher noch magisch und sehr stapfend
los. Zeitloser Track, weshalb es zu recht auch ein paar
Endlosrillen mit Elementen aus dem Track gibt. Die
Rückseite, programmatisch, nennt sich "Walking Up My
Own Alley", und der stolze Pflasterbesitzer Vaz lässt
es sich da mit tiefergelegten Bassdrums, jazzigen Nuancen und einem Groove gut gehen, der sich wirklich
die Ecken selbst ausdenkt. Ähnliche Sounds, aber mit
einem wesentlich treibenderen Groove gibts auf der
Clap-Verherrlichung als Titelstück, das fast unmerklich
immer heiterer und losgelöster um sich schlägt.
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DE:BUG EINHUNDERTACHT | 71
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08.11.2006 20:56:40 Uhr
Reviews | UK
CHATON - PRÉCIS EP
[PLAK RECORDS/011 - WAS]
LEE BURRIDGE & DAN F - TREAT ‘EM MEAN,
KEEP ‘EM KEEN [ALMOST ANONYMOUS/001]
Tatsächlich ist die letzte Chaton-Platte auch die erste
auf dem Label gewesen und das ist schon Ewigkeiten
her. Ansonsten immer mit Hopen unterwegs, zeigt er
hier, dass er allein mindestens ebenso funky und
betörend verwirrt ist. Brillianter Groove, swingende,
langsam gezogene, percussive Elemente, die fast unmerklich um den einen Sound herumtänzeln und dabei dennoch ein Track, der von Anfang bis Ende seine
eigentümliche Spannung bewahrt, und nie kalt oder
jammend, sondern eben präzise durch und durch wirkt.
Und die dunklere Rückseite mit ihren verkappten, verheimlichten Detroit-Sequenzen entwickelt eine ebenso
unglaubliche Spannung. Brilliant.
www.plak-records.com
Eine perfekte Mischung aus massiv slammenden
Housegrooves und extrem kantigen digitalen Funkeffekten macht aus dieser Platte einen dieser seltenen
Momente, wo man sich mitten im Groove auf einmal
so fühlt, als hätte man ein neues Genre entdeckt, auch
wenn man sich eigentlich in einem völlig soliden Sound
befindet. Vielleicht würde das entstehen, wenn man
den verwirrten Minimalismus der Berliner Afterhours
mit einer Portion von Classic House versetzt. Aber wie
sollte man das nennen? Egal. Erst mal hat man zwei
perfekte Grooves, die so viel Funk verstrahlen, dass
man da bestimmt eine Weile von zehren kann.
BLEED •••••
DREI FARBEN HOUSE - ON MY SIDE
[BRUT!/001 - INTERGROOVE]
NOVATEK - UNDER PRESSURE
[PRESET/004 - FBM]
Das neue Label aus London beginnt mit der EP von
Drei Farben House und einem Daso-Remix auf der ASeite so perfekt wie man es sich nur wünschen kann.
Daso sammelt mal wieder alles an hoffnungsvollem,
kitschfreien Pathos, was er finden kann, und kommt
trotz schwelender Basslines langsam in eine immer
deeper verwebte, elegisch dahindriftende Welt hereingesegelt, in der jedes noch so kleine Tuscheln tiefe
Wellen schlägt. Das Orginal ist direkter und hat einen
viel offensichtlicheren Drang nach Detroit, ist aber im
Sound sehr zurückhaltend und klar und scheint immer bereit, eine eigene Welt von House zu beschreiten,
in der klassische Momente ebenso wie Pop fein aufgehoben sind. Der letzte Track hat diesen wie immer
sehr aufgeräumt wirkenden Charakter von Drei Farben
House-Stücken, ist aber dabei so clubbig, dass er sich
auch zwischen zwei Poker Flat-Platten nicht unwohl
fühlen würde.
Erstaunlich leise diese Platte des Griechen Novatek.
"Simply Put" entwickelt sich langsam zu einem deep
Acid-angehauchten Housemonster, will aber nie aus
sich heraus. "Easy Slide" nimmt in ähnlich gedämpftem
Sound das Piano in die bassgewellten Arme und zeigt
dann, wie tief ein einziger Moment sein kann; "New
Epsisode" reduziert den Sound weiter so gut und lässt
die Acidline fast klinisch ihren Funk entwickeln und
mit "All Over" ist die Platte auch schon am Ende, und
man hat das Gefühl, dass Novatek noch nie so gut war,
aber irgendwie auch noch nie so zurückhaltend.
BLEED •••••
ELECTRIC MISTRESS - POINSONED / REQUIEM
[SURPRISE/052 - INTERGROOVE]
Keine Ahnung, warum jetzt mittlerweile in Holland dieser Rummelplatz-artige Elektrosound solche Wellen
schlägt. Tut er aber, exemplarisch dafür diese Platte.
Während wir Booka Shade und John Dahlbäck schon
in ihrer dritten Phase erleben, ist das für die alles
scheinbar noch neu.
BLEED •••
INK AND NEEDLE - TATOO THREE AND FOUR
[TATTOOREC/002 - INTERGROOVE]
Die A-Seite, Getrommel und Bass, hat einen so klapprig trockenen Sound, das man fast überrascht ist,
warum sich so ein Hit daraus entwickelt. Einfaches
Oldschool-Equipment kann sich eben einfach schon
deshalb lohnen, weil man damit so klingt, wie niemand sonst. Und wenn dann die plinkernde, euphorisierende Phase einsetzt, ist sowieso schon jeder völlig ergriffen von der brutalen, direkten Schönheit des
Tracks. Überraschender eigentlich noch die Rückseite,
denn hier geht alles in der Melodie auf und die Sounds
geben dem Track das Flair eines unerhört dichten und
extrem magischen Moments, der sich nur zufällig im
Vinyl verfangen hat. Brilliante Platte und dazu noch
böse slammende Hits.
AM/PM - MARATEA
[DRECK RECORDS/13 - KOMPAKT]
Content
No Refunds
[Junior Boy’s Own/013]
BLEED •••••
BLEED •••••
MARCINA ARNOLD - INTRODUCING
[COUNTERPOINT - KUDOS]
Das kleine Label Counterpoints überzeugt schon seit
Jahren mit jedem einzelnen Release. Wahre Musikalität
wird hier durch elektronische Mittel so intelligent bis
spirituell ergänzt, dass es eine seltene Tiefe erreicht. So
ist es auch mit der ersten EP der Londoner Sängerin
und Percussionistin Marcina Arnold. Polyrhythmisch
und komplex, aber dennoch nicht verkopft, sondern mit
Freude vermittelnd ist ihr Sound, ihre Erfahrungen im
Jazz und Soul ebenso verwertend wie die Latin, Afro
und Broken Beat. Immerhin hat sie bereits mit Mpho
Skeef, Azymuth, Marc de Clive-Lowe, Grupo Batuque
und Hugh Masekela gearbeitet. Insofern ist diese EP
nur überfällig. Vier Songs voller Mut zur Schönheit.
Der Titeltrack ist ein immens stoischer Burner. Eigentlich lebt er nur von einem verrauschten Abschiedswinken, dass mit einer Beat-Grundausstattung verziert
und hoffähig gemacht wird. Manchmal braucht man
eben nur ganz wenige Zutaten. Ein großes Stück Wärme.
Unfassbar. "Rather Than Less" drückt dann das Tempo,
erinnert mich vom Gefühl her an "Urban Tribe", an diesen statischen Funk, der mit einem Bäng die Welt erobern will und das auch tut. Aber eigentlich fehlen mir
eh die Worte. www.dreck-records.com
THADDI •••••
TIS - GOOD AND DEMONS
Eine Single, auf der alle vier Tracks die gleichen, verzerrten Syntheziser-Bässe und Melodien benutzen, ist
einem schon mal suspekt. Und dass die alle so ganz
ohne Pause oder Stil mit der Brechstange den Dancefloor erobern wollen, auch. Muss ja nicht immer minimal sein, und Booty ist auch toll, aber hier will ich einfach schnell weg zur Bar laufen, denn Tis haut einfach
immer drauf, und das viermal zuviel.
MAGNUS INTERNATIONAL [FULL PUPP/006 - WAS]
JOACHIM SPIETH - UP AND DOWN
[TONGUT/026 - FBM]
Joachim Spieth lässt sich auf dem Track mit Jesus
Rodriguez alle Zeit der Welt, den Groove nahezu unmerklich zu intensivieren, und holt aus der Hinterhand
einfach ein sich langsam darum rankendes Piepsen,
das einen so böse erwischt, als hätte man den Kopf
verloren, und der würde nun über ganz alleine über den
Dancefloor purzeln. Monstertrack, schon wieder einer.
Ravekinder geht in Deckung. Und die Rückseite - erst
ganz zahm und minimal schliddernd auf vielen Dubs
- holt eine zitternd elegante Melodie aus dem Eis, die
dort schon Jahrhunterte überwintert haben mag, aber
dennoch so ergreifend ist, wie bei der Erfindung des
ersten Sequenzers. Brilliant. www.tongut.com
BLEED •••••
SOMEONE ELSE & MISKATE - YEAH EP
[WIT/001 - NEUTON]
Ach, wie ich die beiden liebe. Erst wird frech gepumpt
als hätten die Soundeffekte ein paar Krümel Steroide
vom faserigen Plastikteppich gefuttert und dann fängt
es nicht nur in allen Ecken an zu knistern und knattern,
als wäre die Population der Insekten langsam nicht
mehr aufzuhalten, nein, dann platzt auch noch leise
ein wie von der Strasse geripptes Loop eines Vocals
herein, das einen völlig aus der Bahn wirft vor deep
erhaschtem Glück. Der zweite Mix ist unterkühlter und
zauseliger, mehr so mit der Drahtbürste arrangiert und
zeigt einem, wie Acid sich heutzutage anhören könnte,
wenn man nicht immer nur in Oldschool denken würde.
Umdrehen und schon ab in den Flohzirkus von Bruno
Pronsato, der einem mit einem Groove, der klingt wie
ein hinkendes Holzpferdchen und mehrern desolaten
Clowns in Boxen, empfiehlt, Minimalismus doch mal
als Postkutsche der digitalen Prärie zu bereisen.
BLEED
Grooves schön kantig herein rollen und zwirbelt die Effekte so hoch, dass man beim Einsatz des pathetischen
Sounds mittendrin wirklich in die Knie geht. Ziemliches
Ravemonster. Debbie Harry versteckt sich da vielleicht
irgendwo. Beim Emperor Machine-Mix, einem für ihn
typischen Groove mit rotzigen Bassläufen, klingen die
Vocals wie Glamrock-Disco und der Track lässt sich
voll drauf ein. Tja. Was nun?
BLEED •••••-•••
M.PATH.IQ •••••
SPANK ROCK - BUMP
[BIG DADA - ROUGH TRADE]
AM/PM - BOUGHT AND SOLD
[DRECK RECORDS/12 - KOMPAKT]
Geiler Schmuddelkram mit Bassbumms und DickeHose-Vocals, wie ihn Spank Rock traumwandlerisch
hinkriegen. Voll optimierter Clubkracher, der Electrobeats auf Miami-Bass-Etage zieht, ihnen aber viel
mehr Drive und unverschämten Funk gibt. Im satten
Remix bringen sie eine Eurodance-Euphoriekeule unter,
die sich aufrechter Grime-Untergrund nie trauen würde.
Aber Spank Rock sind dreist über so etwas erhaben,
damit gewinnen sie immer.
MAETRIK - THE PROPHECY
[TIC TAC TOE RECORDS/016 - INTERGROOVE]
BLEED •••••
BLEED •••••
DOTCON ••
BLEED •••••
Wer ist der darkeste im Ganzen Land? Maetrik.
Bestimmt. Immer wieder hämmert der zwischenzeitig
solche Platten aus dem Geröll, die klingen, als wäre
jeder einzelne Sound unter harter Muskelanstrengung
erarbeitet, und als würde das Leid wie ein schwarzer
Fluss Vinyl beim Anblick zu einer Schallplatte erstarren. Böses Monster, dieser Track und irgendwie finde
ich, ist - wenn es sowas geben kann - Maetrik definitiv der Aphex Twin des Minimal. Die Rückseite ist ein
Theodor Zox-Remix, der sich auch an dem Dunklen
versucht, aber schnell wieder in melodiöser klingelndere Welten ausbricht, was dem Track so ein wenig
die Stimmung verleiht, sich in sich selbst nicht so
ganz wohl zu fühlen.
Ich war zugegebenermaßen ganz schön überrascht, als Sven diese Platte
von Jesse zu uns ins Büro gebracht hat. Junior Boy’s Own gibt’s noch und
releast jetzt Platten von Mr. Rose? Der Track jedenfalls hat diesen sehr
fein aufgebauten, deepen Groove, den seine Tracks gerne haben, bleibt
dabei auf einfache Weise housig und zirpend zerzauselt zugleich. Und
schwenkt immer wieder zwischen oldschooligen Stunts und klassischer
Tiefe hin und her. Mit jazzig-pumpenden Sounds geht der Chi-Town-Mix
an den Track heran, als wäre er eine frühe Dance Mania-Platte auf Urlaub
in einem richtigen Studio. Auf der Rückseite noch feine Beats für all die,
die mehr damit anstellen wollen und durch die vielen Wendungen auf der
A-Seite abgehalten werden könnten, und ein jazzig schillernd, deepes
Meisterwerk namens “Endorse Your Salt” mit Kontrabass, Besendrums,
übertriebenem Saxophonsole und allem, was ein kleines, housiges Jazzfest so braucht. Brillant.
Endlos tappt der Beat geradeaus und der Glockenton
folgt und der Bass knarzt und der Stab funkt funky
seine Funkyness und die HiHats sind sehr stereo. Packt
man das alles zusammen und behält im Kopf, dass
Radovan Scasascia ein verdammtes Genie ist, der weiß,
wie man man shuffeln muss, dann kann man sich ungefähr vorstellen, das die Farbe Blau nie wieder dasselbe Blau sein wird. "Such Is The Ordeal" erinnert
an die alten AM/PM-Tage, als ein gerader Beat noch
unvorstellbar war und der perfekt collagierte WatteSound die Tracks dominierte. Der Dancefloor dieser
Welt war lange nicht mehr so deep.
www.dreck-records.com
THADDI •••••
BLACKBELT ANDERSON - ALFAZ DE PI
[FULL PUPP/007 - WAS]
Wegen der Congas habe ich von Chef-Faschist Waldt
im Büro schon tagelang etwas zu hören bekommen.
Klar, Acid mit Conga, das ist nicht jedermanns Sache,
zumal wenn es drumherum vor allem um Dubeffekte im
Jungle geht. Ich steh' drauf. Manchmal. Dann aber bin
ich auch bereit, mit Handfächern mein eigenes Strobe
zu wedeln. Die Rückseite ist mit "Sandoz" erst mal
elegischeres Geplänkel für die Slow-Mo-Disco-Kaffeetischchen mit Flokatidecken und "Snake Eyes" noch
mal ein aufgeheiztes Drumworkout mit einer etwas
progressiven Nuance. www.bearentertainment.info
BLEED •••••-••••
Gefährlich nah am echten Sonnenaufgang dreht "Kostmetisk" die Strings so weit auf, dass eigentlich niemand mehr eine Chance hat, die Welt nicht bis in die
letzte Faser zu lieben. Ein Track, der in arger Konkurrenz zu einer Handvoll Exstasy steht. Und das ist auf
Full Pupp ja nicht mal ein Einzelfall. Einfach nur eine
Dusche voller Schönheit. Klar, dass die Rückseite (was
ist eigentlich "Onkel Reisende Mac" für ein Titel?) da
nicht mithalten kann. Aber dennoch ein ziemliches
Monster für die Slow-Mo-Disco mit sägend verherrlichten Sequenzen und einer Bassline, die klingt, als
wollte sie mit jedem Takt Marmor aus dem Dancefloor
brechen. www.bearentertainment.info
JEEP •••••
MAGIK JOHNSON - SCANNING FOR VIRUSES
[MADE TO PLAY/004 - WAS]
SPIRITUAL SOUTH HULLABALOO/CALYPSO BLUES
[RAW FUSION - DISCOGRAPH]
Mark Robertson, der Mann hinter Spiritual South, macht
keine Gefangenen auf der Tanzfläche und rockt das
Haus mit Latino Sounds, einem fetten Bläserset-Sample und tricky Beats aus der Schublade von Sleepwalker. "Hullabaloo" ist der Hit für die Primetime, der
nicht mehr aus dem Ohr geht, auch wenn man nach
der Clubnacht schon längst in der Kiste liegt. Die BSeite ist eine Neuauflage von Nat King Coles "Calypso
Blues" in einer Bossaversion, mit der sich zusammen
mit Robertson Sänger Andre Espeut und Piccolo-Spieler Graeme Blevin austoben. Auch damit kann manch
flauer Abend zu neuem Schwung kommen. Soll heißen:
ganz weit vorn.
TOBI •••••
RAY VALIOSO - EINLADUNG EP
[REAL SOON/011]
Real Soon ist im dicht besiedelten Labelwald immer
wieder eine Ausnahme. Egal ob sie deepe Housetrack
releasen oder eher detroitige Sounds, oder eben wie
hier eine Platte, die sich gar nicht so wirklich einordnen lässt, selbst wenn sie einen minimalen Hintergrund
hat. Wer nach einem Weg sucht, den Sound für den Carl
Craig zur Zeit wieder steht, in einer tiefen Houseversion
präsentiert zu bekommen, und sich nach Tracks sehnt,
die wie ein Atemzug sind, der nicht mehr aufhört, der
wird Tracks wie "Get The Strings?" hier lieben. Auf der
Rückseite ähnlich deep, aber eher mit einem soliden
Housegefühl im Hintergrund, das sich schon mal wie
bei "Keep It" nur auf die Drums konzentrieren kann.
BLEED •••••
BLEED •••••
BECKSTER - CALCULATE EP
[JACKMOVES/006 - INTERGROOVE]
RUP - RUP ON ZEBRA EP
[ZEBRA TRAFFIC - PINNACLE]
Auf in die bedingungslose Oldschool, ruft einem die
Bassline zu, und dabei ist der Groove so zusammengepresst und direkt, und stellenweise mit Vocals so zerrissen funky, dass man gar nicht damit gerechnet hätte.
Aber selbst die "Calculate" Vocals klingen wie "Dominator" für den Electrohousefloor und die vertrackten
Mentasm-Allegorien sowieso. Und natürlich sind die
Tracktitel auf der Rückseite noch ein weiterer Hinweis
darauf, warum hier jemand Rave nicht aufgeben will.
"Altered State" und "Wasp Theme". Klar, dass das Killertracks sind. Lang leben die Unverbesserlichen. www.
jackmoves.net
Bei diesem Kandidaten des UK-HipHop sind sich mal
von Rodney P über Hed Kandi bis hin zu Jazzie B, Mr.
Scruff und Gilles P. alle einig. Und das liegt sicher
nicht nur an seinem Gastauftritt auf dem Album von TM
Juke (TruThoughts). Selten trafen sich die Geschmäcker
der ansonsten oft statischen B-Boy-Community und der
Freestyle-Headz so sehr wie hier. Im Club geht es zu
Rollin' ab, während die Instrumentals das Heim-Sofa
mit spontanem Kopfnicken zum Hüpfen bringen. So
ergänzt sich die Substanz der Lyrics mit Musik, die
weit mehr kann als nur zu loopen. Flockig.
BLEED •••••
LEO MÉNDEZ GROUP - I FEEL LOVE
[LOVE MONK]
Während ich mich mit der albernen Frage quäle, ob das
nun Garage- oder Latin-House ist, und mich selbst zum
Opfer der Schubladisierung mache, dudelt der Groove
von Leo Méndez an mir vorbei. Schade eigentlich. Denn
insbesondere das endlose Saxophon, das Piano und
der Basslauf entwickeln mit fortwährender Dauer diese
gewisse Leichtigkeit, die den weiblichen Anteil auf dem
Floor mit Sicherheit erhöht. Dazu ein Remix von Yukihio
Fukutomi, der den elektronischen Anteil und die Bassdrum betont, dem Ganzen aber in meiner Wahrnehmung
das Leben entzieht. Das konnte er schon viel besser.
M.PATH.IQ ••••-•••
MOBY FEAT. DEBBIE HARRY NEW YORK NEW YORK [MUTE - NEUTON]
Wenn man Platten wie diese in der Hand hält, denkt
man erst mal, man liest nicht richtig. Was das Orginal
sein mag, erschliesst sich leider nicht, weil es hier nur
einen Radio Slave- und einen Emperor Machine-Mix
gibt. Radio Slave jedenfalls macht seine Sache (Minimal, klar, ist doch unser aller Sache.) perfekt, lässt die
Irgendwie ist das so langsam definitiv eines meiner
Lieblingslabel. Jede einzelne Platte ist einfach ein Killer. Und jede hat einen völlig anderen Charakter. Hier
plinkert und schliert Magik Johnson auf seinem Mix zu
einem brummig hüpfenden Housebass, der auch bei
Duriez nicht falsch wäre, in so funkiger Weise um den
heissen Brei, dass der Moment, in dem plötzlich jazzige
Sounds auftauchen, so unerwartet ist, dass man einfach zugibt - egal wieviel man schon an Magie auf dem
Dancefloor gewohnt ist - noch nichts zu ahnen. Und der
rabiat Geradlinigkeit vortäuschende Mix von Claude Van
Stroke ist mindestens ebenso ein Monster. Wie sie es
immer wieder schaffen, Tracks zu releasen, die Oldschool zu etwas unerhörtem machen, ist mir ein Rätsel.
Und genau das sind die besten Platten, immer.
BLEED •••••
M.PATH.IQ ••••
3 CHANNELS [CROSSTOWN REBELS/033 - AMATO]
Die beiden Stettiner haben ihren darken, aufgeräumten
Sound weiter verfeinert. Drei Tracks, die es verstehen,
klassische Techno-Elemente perfekt ins Jetzt zu übersetzen und damit in alle möglichen stilistischen Richtungen anschlussfähig sind. Düster funkelnde MinimalTechno-Abfhart ohne überflüssige Schnörkel.
www.crosstownrebels.com
SVEN.VT ••••-•••••
KARRI O. - AIRPORT LOUNGE [PLONG!/23]
CHATEAU FLIGHT - BAROQUE [INNERVISIONS]
Stranger Titel, der einen im Glauben lässt, dass man
sich auf ein zurückgenommenes Ambient-Stück einlassen muss. Nicht nötig. Stattdessen gibt es zwar ein
softes, aber doch groovendes Stück, Karri O lässt sich
über einen 909-Bass von Detroit-Style-Synthies verführen. Die B-Seite wummert da schon deeper mit einer
massiven Bassbasis daher, darüber gibt's leicht trancige Arpeggios und Flöten. Kann man sich sehr gut live
vorstellen. Die Finnen kommen aus der Dunkelheit und
bringen das Licht.
Dass Chateau Flight seinen Weg zu Innervisions gefunden hat, macht Sinn. Und der Franzose knüpft mit
seiner EP auf gewisse Art direkt an die letzte Innervisions-Maxi von Stefan Goldmann an, wobei die drei
Tracks hier noch verspielter in discofiziertem House
schwelgen, bei dem die Synthies einen ganzen Reigen ausgelassener Melodien ausspucken dürfen. Die
fröhlichste und unbekümmerteste Innervisions-Maxi
bisher.
DOTCON ••••
SVEN.VT •••••
72 | DE:BUG EINHUNDERTACHT
db_reviews62_73.indd 72
08.11.2006 20:57:09 Uhr
Reviews | AMERIKA
Receptor
Siete Vidas
[Adjunct/011 - Kompakt]
Kleinstteilen zusammengesetzt. Irgendwie
liegt über den vier Tracks so etwas unheimlich Unwirkliches, so eine Art Gaze
eines Blicks auf minimal, der die Musik fast
entkörpert erscheinen lässt. Definitiv kein
Sound, den man genießen sollte, wenn man
nicht, wie hieß das nochmal, genau, headstrong ist, weil man Gefahr läuft, sich darin
aufzuhängen.
BLEED •••••
schluckte Soundtrack-artige Stimmungen zu
extrem reduzierten Grooves und das mit zwei
Remixen der Kanadier Tractile, die dem Track
noch mehr Explosivkraft zugestehen. Paart
Butane mit Sähkö- und Clink-Sound und mit
einem sich zu schnell vermehrenden Lötkolben und ihr seid nah dran. Brilliante Platte
und - wie es scheint - ein Label, von dem
man kein Release verpassen darf.
www.equilibriarecords.net
BLEED •••••
AMBIVALENT - ROOMIES EP
[CLINK/005 - COMPLETE]
Nach diversen MP3-Releases und EP’s auf Winsome, Plong
und ein paar anderen, hier die vertrackteste Platte, die ich
von ihm kenne, auf dem Label von Mr. Gibson. Extrem verschachtelt in den Grooves und auf eine quadratische Weise
jazzig, aber so voller Energie, dass einem der Atem stocken
kann, wenn man das durchhält. Und der [a]pendix.shuffleTrack gibt sich alle Mühe, dem hinterherzuprogrammieren.
Das ist alles vielleicht nicht unbedingt der leichteste Sound
auf dem Dancefloor, aber wenn man mal wirklich sehen will,
ob die Kids Eier haben, ein Muss. Die Rückseite beginnt mit
“Rumba” in ähnlich soundtechnischer Perfektion, ist aber
vom Groove her spartanischer und funktioniert perfekt mitten in einem perkussiven Minimalset, das eine Portion abstrakten Funk braucht. Als Abschluss dann das Soundgewitter “Plataforma”, das sich irgendwo zwischen Pronsato- und
Paradroid-Sound bewegt. www.adjunct-audio.com
BLEED•••••
IZ & DIZ - LOVE VIBES REMIXES
[AESOTERIC/025 - WAS]
Ach, wenn jemand mal Vocals zu einem Summen zusammen schneidet, dann bin ich meist
schon glücklich. Jimpster macht das mit dem
Iz & Diz-Track perfekt und packt alles trotz
wehendem Soulkitsch so fett in den Groove,
dass man den Track morgens einfach lieben
muss. Die jazzigere Seite von Joshua lässt die
Xylophon-Sounds und Dubs um die Wette flat-
tern und erzeugt damit einen ähnlich seeligen
Effekt. Sehr schön, aber auch sehr flockig.
www.aesoteric.com
Und schon wieder eine extrem gute EP auf
Clink. Dieses Mal von Kevin McHugh, der mit
blubbernden, spartanischen Grooves und
Echos jedes der wenigen Elemente seiner
Tracks spielen lässt, als wären sie an Gummifäden aufgehängt, und ihr Gleichgewicht,
würde sich von Sekunde zu Sekunde immer
leicht verschieben, bis der ganze Track auf
einmal in den Seilen hängt und nichts mehr
sicher ist. Streng, aber sehr funky auf seine
eigene, perlende Weise. Als Bonus gibt es
einen Hearthrob-Mix, der etwas forscher
voran treibt, aber dennoch diesen sehr eigenen Sound einer langen Schule amerikanischen Minimalismus hat, den auch Ambivalent wie eine zweite Sprache spricht.
www.clinkrecordings.com
Die neue Pheek ist noch um einiges dichter,
als seine Releases bislang, obwohl natürlich
dabei immer noch krabbelnd minimal, aus
Und auch Goosehound bewegt sich immer
tiefer in die Gräben des eigenen Minimalsounds, der so dark und dicht eigentlich
fast immer aus den Staaten kommt. Die drei
Tracks (einer davon ein Remix von Barem)
sind in den Samples ein klein wenig zerstückelter als Releases auf befreundeten
Labels, aber mindestens ebenso schwergewichtig, als wären alle Grooves aus Blei
und man selber würde in jeder Sekunde neu
eingegossen werden. Dass das Ganze dann
doch noch einen Hauch von Funk verströmt,
ist die hohe Kunst, die Goosehound einfach
immer perfekt beherrscht.
www.goosehound.com
BLEED •••••
BLEED •••••
GAISER - NEURAL PATTERN EP [MINUS/045 - NEUTON]
DEADBEAT / MONOLAKE RANDOM BROWN
[CYNOSURE/019 - WAS]
Deadbeat ist auf diesem Track mal wieder
etwas verspielter und blubbernder im Sound,
und bleibt dabei dennoch extrem deep und
nährt sich von den Bässen. Trotzdem ist der
springende Chicago-Groove unüberhörbar.
Der Monolake-Remix dazu ist allerdings eher
eine dunkle Kellerfahrt in die Effekte und
hämmert, als wollte er wieder den Technofloor mit Strobo und Nebel zurück und zwar
so schnell es geht.
BLEED •••••-••••
BLEED •••••
PHEEK - LIGNES ET DIRECTIONS
[ARCHIPEL/004]
NICHOLAS SAUSER & DITCH - VIZARD
EP [GOOSEHOUND/004]
OBTANE - COSMIC CROSSDRESSER
[EQUILIBRARECORDS/003]
Tja, wer glaubt, im Feld minimer, clickernder
Tracks wäre nicht immer noch die Hölle los,
der sollte sich mal diese EP des Newcomers
Obtane anhören. Glucksend, dark, fast ver-
ABO //
Auch Gaiser bleibt dem Minus typischen
Sound-Universum aus verspulten Bleep-Sequenzen, Toms und Flanger-, Reverb- und
Delay-Effekten treu. Fünf Tracks, die einmal
mehr den ideal quengeligen Soundtrack für
die Afterhour-Kopfdisco darstellen, dabei aber nicht ganz so unterkühlt daher kommen,
wie manch anderer Minus-Epigone zur Zeit.
Trotz allem wäre es erfrischend, wenn mal
wieder neue Sounds ihren Weg ins MinusUniversum finden würden. Wie überraschend
und gut das sein kann, hat Troy Pierce unlängst mit seinem Track auf dem Minus-Sublabel Items & Things bewiesen. Bis das aber
soweit ist, wird sich die Minimal-Welt auch
an dieser EP erfreuen. www.m-nus.com
SVEN.VT ••••
FAN ERHALDER - THE KILLER DUCKS
EP [IMMIGRANT DIGITAL/002]
NAUDIO - FICKLE HEART [RELAY RECORDINGS/001]
Schade eigentlich, dass diese Tracks nur
digital erscheinen, aber ich denke mal, mittlerweile hat sich das Auflegen mit anderen
Tools als Vinyl doch längst etabliert. Wie auch
immer, auf der EP sind fünf extrem geräumig herumfunkende Minimaltracks der blitzend brillianten Art, von denen jeder etwas
wagt, die dafür aber immer belohnt werden.
Irgendwo im Universum zwischen abstrakten, plockernden und hüpfend chicagohaften
Tracks angesiedelt, finden die Tracks immer
den Ort, wo sie einen am Nacken packen und
mit sich wegschleifen, denn, gute Tracks für
den minimalen Dancefloor, das heisst immer
auch Beute machen.
Ein neues Label aus Brooklyn. Immer gut.
Und eins das einem beweist, dass man eigentlich nur ein paar Sounds braucht und
schon ist aus einem minimal-clubbigen
Track ein deepes Housestück geworden. Nur
der Klang muss eben stimmen, und das hatten US-Label ja immer schon raus, Sound
klingen zu lassen, als wäre es eine Skulptur.
Jeder einzelne Klang aus einem Material geschnitzt, und so konkret, greifbar, dass man
immer wieder rätselt, woher es stammen
mag. Sehr rauh und ungeschliffen kantig,
mit einem perfekten Gefühl für sperrige, aber
dennoch verdammt gut rollende Beats. Ein
Debüt, dass einen hoffen lässt, Relay Recordings hat noch eine grosse Zukunft.
www.relayrecordings.com
BLEED •••••
SOMEONE ELSE - HAPPYNESS FOR OUR
TIME EP [MICROCOSM MUSIC/018]
BLEED •••••
Man ist ja von Someone Else schon einiges
gewöhnt, aber so deepe, böse und dabei unwirklich ruhige Tracks habe ich von ihm noch
nicht gehört. Die Sounds sind wesentlich direkter als bei seinen bisherigen Releases,
mehr Stimmen und Samples aus der Umgebung, das Tempo extrem gedrosselt, und
die Stimmung so, als würde man von einer
Asphaltmaschine in Zeitlupentempo überfahren, um Platz zu machen, für die nächste
Welle minimaler Tracks, die so überreich an
Sounds sind, dass sie auch ein Konzert sein
könnten. www.microcosm-music.com
MITSUAKI KOMAMURA - WEEDIS EP
[REVOLVER/017 - WAS]
BLEED •••••
Eine dieser minimalen Platten, in denen es
vor allem um die Deepness geht, die wie
nebenher durch ein paar leicht geflüsterte
Chords erzeugt wird. Denkbar einfach in der
Struktur und erfrischend effektfrei lungern
die drei Grooves der EP eher ausgelassen im
Raum herum, als hätten sie vor lauter Sonne
die Orientierungslosigkeit verloren, wären
damit aber dennoch überglücklich. Eine
Platte, die man perfekt spielen kann, wenn
der Dancefloor vor allem eins nicht mehr
braucht, Druck. www.techno.ca/revolver
BLEED •••••
STRATEGY - FIELD OF MAY [ORAC/022
- KOMPAKT]
MIKE SHANNON - THE HANG UP EP
[WAGON REPAIR /019 - WORD AND
SOUND]
Einer dieser Tracks, die einem erklären wollen, dass der Dancefloor eigentlich Funk
ist, das aber vielleicht ein klein wenig zu
wörtlich nehmen. Selbst der Secondo-Remix,
der seine typischen Methoden anwendet, um
den Track auseinander zu nehmen, bleibt
nämlich hier an dem Funklick hängen. Und
dagegen habe ich z.B. eine Allergie. Deshalb
bleibt nur der phantastische Bonustrack,
in dem alles in seine Fragmente aufgelöst
durch den Raum flirrt und für mich einfach
wesentlich mehr Funk verbreitet.
Zweite EP von Mike Shannon auf Wagon Repair. Und er feilt weiter an seinem quirligen
Sound, in dem die Bleeps mit einem Swing
durch die Tracks toben, dass man sofort mitten in dieses Feuerwerk aus bouncenden
Bässen, noisigen Effekten und bleependen
Sequenzen, die immer mal wieder mal wieder die altte DBX-Schile aufblitzen lassen,
gezogen wird. Verdammt funky das Ganze.
www.wagonrepair.ca
BLEED •••-•••••
SVEN.VT •••••
DEBUG Verlags GmbH, Schwedter Strasse 08-09, Haus 9A, 10119 Berlin. Bei Fragen zum Abo: Telefon 030 28384458,
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4 HERO - PLAY WITH THE CHANGES (RAW CANVAS)
Sechs Jahre ist es her, seitdem Dego Macfarlane und Mark
Mac uns das letzte Mal mit ihrer reichhaltigen Mischung aus
Future Jazz, Funk, Soul und Breakbeats beglückt haben. Und
auf ihrem neuen Album haben sie die alte Magie wieder in
ein einmaliges Epos umgewandelt. 21st Century Soul.
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(TRAPEZ)
Der Kanadier Jeff Samuel beglückt uns nach unzähligen Maxis mit seinem Debüt-Album. Und der Meister des
bleependen Minimal-Funks gibt dem Ganzen noch einen
zeitgemäßen Rave-Drift, in dem schwebende Melodien nicht
fehlen dürfen und das Wort trancy keine Beleidigung ist.
REYNOLD - MY FAVORITE FILM (PERSONA RECORDS)
Sam Rouanet ist ein Tausendsassa. Neben dem MinimalTechno-Projekt Duplex 100 (mit Dr.Phil Stumpf) und einer
Jazz-Band, die er mit seinem Vater (und ebenfalls Phil)
betreibt, ist er auch auf Solo-Pfaden äußerst aktiv. Auf
seinem Debüt-Album lotet er die weite Welt des mleodisch
unterfütterten Ambients aus und vertont dabei den Film in
seinem Kopf.
VINCE WATSON - THE EMOTION SEQUENCE (DELSIN)
Vince Watson watet so tief in Detroiter Techno-Geschichte
wie kaum ein anderer Produzent zur Zeit. Zehn Tracks, die bis
zum Anschlag mit Motorcity-Soul gefüllt sind und in deren
Sound-Architektur man sich sofort zu Hause fühlt. Klassische
Schönheit hält eben ewig.
MANMADESCIENCE - ONE (PHILPOT)
Jackmate, Nik Reiff und Benjamin Lieten beweisen mit ihrem
Debüt-Album einmal mehr, dass die richtige Portion Leidenschaft beste Voraussetzung für den nahtlosen Kulturtransfer
ist. Hier wird House aus seiner reichhaltigen Soul-Vergangenheit heraus zelebriert. So deep und klar wie ein Bergsee.
Groß.
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IST VOR DEM HEFT
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AB DEM 05.01.07 AM KIOSK
WHY? NACHT!
Justus Köhncke
Als extrovertierter Disco-Agitator mit Hang zur großen
gesungenen Pop-Geste ist Justus Köhncke seit Jahren
eines der Aushängeschilder des Kompakt-Universums.
Für uns hat er sich ein paar Platten angehört und
kritisch Stellung bezogen.
Max Skiba - Violet Carnation (Terranova Records)
Justus Köhncke: Das finde ich schön. Kenne ich zwar nicht, aber es klingt wie
Cerrone auf Crystal Meth. Super. Das kommt nicht aus Oslo, oder? Ach selbst
wenn, ich kenne sowieso nichts.
Debug: Nein, der Produzent kommt aus Warschau.
Justus Köhncke: Um Gottes Willen. Ich hasse Polen. Aber in Polen gibt es viel
Crystal Meth. Das wächst da auf den Bäumen (lacht). Gefällt mir aber gut. Wie
heißt denn das?
Debug: “Apple Of Disco.RD” von Max Skiba. Und der Promotext für seine erste Veröffentlichung wurde von Daniel Wang geschrieben ...
Justus Köhncke. Oh, das ist aber eine Ehre. Der Ritterschlag. Das Stück hat
aber wirklich etwas von Cerrone. Es fehlt nur noch ein Mädchen-Chor im Hintergrund. Gut, die nächste bitte.
Will Saul - Pause (Isolée Remix) (Simple Music)
Justus Köhncke: Das gefällt mir auch gut. Der Track hat schöne sehnsüchtige Harmonien, das ist ja heutzutage eher selten in dem Genre. Sehnsüchtige
Akkorde. Die Bassline ist ein bisschen Hausmannskost, finde ich aber trotzdem
ganz schön.
Debug: Gleich kündigt sich der Stimmungswechsel im Track an ...
Justus Köhncke: Ja so langsam könnte da auch mal fester zugepackt werden ... (lauscht) ... Da geht doch nur der Filter zu, das soll ein Stimmungswechsel
sein.
Debug: Mist, zu früh gefreut. Jetzt kommt er aber gleich. Meine Erinnerung
an den Track ist noch etwas brüchig - hab ihn erst zwei Mal gehört.
Justus Köhncke: Schön. Aber immer noch ein bisschen zahm. Von wem ist
das denn?
Debug: Das ist ein Isolée-Remix von Will Saul.
Justus Köhncke: Isolée also. Ja, find ich gut. Weiter.
Deetron - Life Soundtrack (Redshape Rmx) (Music Man)
Justus Köhncke: Uiuiui. Ganz gefährlich. Korrekt. (lacht) Das hat so schamlos
viel mit DJ PIerre zu tun, dass ich das einfach großartig finden muss. Was ist das
denn bitte?
Debug: Das ist Deetron. Der kommt aus der Schweiz, Bern glaube ich. Und
geremixt wurde von Redshape.
Justus Köhncke: Das ist absolut wie alte DJ-Pierre-Platten von vor fünfzehn
Jahren, deswegn kann ich das nur gut finden. Der Groove ist total Wildpitch. Dazu die Stimme, ”This is Cocaine speaking ...” Finde ich klasse. Passiert noch was
Weltbewegendes? Ich will ja nicht drängeln, aber so ein bisschen ...
Debug: Ich skippe mal vor.
Justus Köhncke: Ah, Chords. Schön. Ja, das würde ich auflegen, wenn ich es
hätte. Was sagt der denn da?
Debug: Ich hab noch nicht so genau hingehört. Es fängt an mit “Life Soundtrack”, danach kommt so eine Aufzählung “bla bla bla, Pain”.
Justus Köhncke: (mit runter gepitchter Phuture-Stimme) “Pain in the Ass!”
Debug: So, jetzt kommt mal eine ganz andere Baustelle.
The Cars - Let’s Go (Elektra)
Justus Köhncke: Ist das modern oder alt? Ich hab ja gar keine Ahnung.
Debug: Das ist original alt.
Justus Köhncke: Es gibt ja genung Bands, die heutzutage wieder so klingen.
Es ist nicht Devo, obwohl es ein bisschen so klingt. Hm, ich hab keine Ahnung,
was das ist. Obwohl ich so eine alte New-Wave-Schwuchtel bin. Ich würde ja gerne darauf kommen, was es ist, aber ich bin ratlos.
Debug: Das sind The Cars.
Justus Köhncke: Ah, alles klar.Ich hab die Cars ja nie verstanden. “Who’s Gonna Drive You Home” war ein toller Hit. Der Ocasek war ja ein toller Produzent. Er
hat ja unter anderem Suicide produziert. Aber wie kommst du denn darauf, mir
The Cars vorzuspielen? (lacht)
Debug: Die stand hier noch rum und ich dachte, das passt vielleicht ganz
gut.
Justus Köhncke: Ja, super. Weiter so. Antik finde ich super. The Cars hab ich
mir nie so richtig angehört.
Maximus Three - Maximus Party (Eclipse Records)
Justus Köhncke: Tja, “Another One Bites The Dust”. Mit HipHop kenne ich
mich nicht aus. Ist das die Sugarhill Gang? Oder auf Sugarhill Records?
Debug: Weder noch, das ist so ein komischer Rip-Off.
Justus Köhncke: Offensichtlich. Finde ich aber gut. Alles, was mit der “Good
Times”-Bassline von Chic zu tun hat, finde ich großartig. Da kann gar nichts
mehr schief gehen. Da kannst du machen, was du willst. Zeig mal her, was war
denn das? (schnappt sich das Cover) Maximus Three, kenne ich nicht. Eclipse
Records, geil. Tolle Schrift.
Debug. Steht leider nicht drauf, von wann die ist.
Justus Köhncke: Ist doch egal. da muss man gleich ein Label mit dem Namen
gründen. Mit dem Etikett auch. Würde ich kaufen. Oh, auf der anderen Seite ist
ja das “Party Instrumental”. Das ist doch bestimmt super, ohne den Scheiß-Rap.
Besser ist das. Mach mal an. (fängt an im Stuhl zu schunkeln). Party Instrumental, stimmt.
The Mole - Steady Down (Wagon Repair)
Justus Köhncke: Das ist auch wieder so schön stumpf Wildpitch-mäßig. Das
ist ja seit Jahren wieder in Mode. Wie Acid. Das ist auch neu, oder? Von wem ist
das?
Debug: The Mole.
Justus Köhncke: Sagt mir nichts.
Debug: Die Platte ist auf Wagon Repair. Dem Label von Mathew Jonson.
Justus Köhncke: Mathew Jonson ist doch Audion oder? Nein, das ist
Matthew Dear, nicht wahr? Audion ist ja etwas, das ich gar nicht verstehe. Da
komme ich überhaupt nicht mit. Ich weiß gar nicht, was alle daran gut finden.
So was Ödes. So was Tristes. Das hier finde ich super. Mathew Jonson finde ich
auch klasse. Ich hoffe in dem Stück passiert nichts mehr. Das kann gerne so
monoton weiter stampfen. So muss das sein, so ist das schön. Aber jetzt muss
ich auch endlich mal was scheiße finden.
Loco Dice - Raindrops On My Window (Cadenza)
FOLK
Minimal ist tot, die The-Bands sind
tot. Es lebe Folk. Unter der sehr vagen Genrebezeichnung “Folk“ sammelt sich die unformatierteste, experimentellste und kreativ chaotischste
Musik zurzeit. Kurz: Folk ist das neue
Elektronika. Wir machen uns an eine
Eingrenzung des Feldes, blicken zurück und voraus und radeln bei unseren Lieblingskünstlern vorbei: James
Yorkston, Beirut, Joanna Newsom,
Micah P. Hinson, Joe Boyd.
Avant-Hop
Sie rollen wieder ... die etwas abseitigen HipHop-Alben. Vorne dabei: TTC,
die Lieblingsrapper von Modeselektor. Aber auch dDamage und Milanese
können sich 2007 darauf einstellen,
in aller Munde zu sein. Das neue Jahr
hat seine ersten ernsthaften Beats
und frische, wilde Gesichter.
Jahresrückblick 2006
Zurück auf Null, die Karten werden
neu gemischt. Wir sammeln Kalenderblätter, erinnern uns an Headlines,
Platten, tiefe Einsichten, hochtrabende Versprechungen und finden rückblickend rote Fäden, die in der Hektik
des Geschehens nicht zu erkennen
waren. Der Letzte macht die Tür zu.
Justus Köhncke: Das fängt ja auch schon scheiße an. Ich schlafe ein. Langweilligster Clicker-Techno. Endlich etwas, das ich scheiße finden kann. Das versteh ich nicht. Langweillig. Davon gibt es sowieso zu viel. Was ist das?
Debug: Loco Dice.
Justus Köhncke: Echt? Den finde ich ja eigentlich gut. Da gibt es einige Stücke,
die ich wirklich mag. Wie heißt das eine noch, “El Gayo Negro”, das spiele ich
auch immer. Klingt natürlich auch immer sehr gut wegen Herrn Buttrich. Das
finde ich aber richtig langweillig. So einen Minimal-Kram gibt es im Überfluss.
Aber zumindest konnte ich jetzt noch was richtig scheiße finden.
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10.11.2006 15:40:58 Uhr
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