Mein erster Trip zur Sonne

Mein erster Trip zur Sonne
Jan We i ler
m e i n le be n als mensch
Mein erster Trip zur Sonne
Mit einer Illustration von Larissa Bertonasco
Z
u den zahlreichen Verrichtungen, die in meiner
Biographie noch fehlen,
gehört auch der Besuch einer Sonnenbank. Ich habe mich noch nie in so eine Bratröhre gelegt. Zum
einen misstraute ich der Technik. Ich fand sie immer ähnlich zweifelhaft wie Mikrowellen oder Handystrahlen. Und ich empfand einen unangebrachten Dünkel gegenüber Menschen, die ihre Freizeit auf dem so genannten Asi-Toaster verbringen. Wahrscheinlich
telefonieren sie ununterbrochen und fertigen ihre Mahlzeiten in
der Mikrowelle an, dachte ich.
Dann sah ich diesen doofen Avatar-Film, in dem jemand in ein
Solarium steigt und knallblau mit riesigem Schwanz wieder rauskommt, oder so ähnlich, und da war mein Interesse doch geweckt.
Also bin ich heute Mittag zum nächsten Sonnenstudio gefahren,
bereit, für Sie und mich in die Niederungen der Bräunungsszene
hinab zu steigen.
Ich rechnete damit, dass ich dort von einer hübschen Kabinenhelferin mit bratenspießartigen und strassbesetzten Fingernägeln
empfangen würde. Kabinenhelfer war mal ein Ausbildungsberuf
in den achtziger Jahren. Damals kamen die Sonnenstudios auf und
sie benötigten viel Personal und deshalb gab es plötzlich diesen Beruf. Er war rechtlich geschützt und auf diese Weise seriöser als
„Journalist.“ So darf sich jeder nennen, der will. Kabinenhelfer
nicht. Ich spekulierte aber falsch: Der Raum war menschenleer,
kein Kabinenhelfer, die Branche hat sich dahingehend verkleinert,
dass es offenbar nur noch Chefs gibt. Das ist übrigens im Journalismus bei einigen Verlagen auch in der Planung, insofern haben Kabinenhelfer und Journalisten einiges gemeinsam. Egal.
Ich betrat die Kabine Nummer 7, in welcher es aussah wie in einer Aussegnungshalle für ganz arme Leute. Der Sarkophag stand
geöffnet und geheimnisvoll leuchtend vor mir, in seinem Deckel
blinkten allerhand Anzeigen. Ich warf außerhalb der Kabine Geld
ein und zog mich aus, wofür ich neunzig Sekunden Zeit hatte, bevor der Leuchtsarg sein bräunendes Werk verrichten würde, egal
ob jemand in ihm lag oder nicht. Am Fußende befand sich eine
mannbreite Rolle mit Frischhaltefolie, die ich aus Hygienegründen
über die Liegefläche ziehen sollte, wie mich eine an die Wand getackerte Bedienungsanleitung belehrte. Ich zog knapp zwei Meter
von der Rolle und nachdem ich gezogen hatte, wurde mir klar, dass
ich die Folie unter der Schneidekante und nicht über der Schneidekante hätte entlang ziehen müssen. So ließ sie sich jedenfalls nicht
abschneiden. Ich überlegte, ob ich die ganze Folie wieder zurückstopfen oder liegen lassen und abhauen sollte, entschied mich aber
dann dafür, die Folie unterhalb des
Fußendes abzurupfen, was sich als
ziemlich zähes Geschäft erwies. Gerade, als der Bräunungstrumm zu
piepen begann wie eine Zeitbombe, schwang ich mich auf die folierte Liege und klappte den Deckel zu. Und dann geschah etwas
transzendentales: Ein unfassbares Licht leuchtete und dazu begann
ein sagenhafter Wind! Es war wie in der TV-Serie „Lost,“ wenn die
Zeitverschiebung einsetzt: Ein Orkan aus Luft und Sonne, ein großes SCHSCHSCH und ein helles BLINK, das durch meine geschlossenen Augen einen sagenhaften Trip auf meine Netzhaut malte.
Die Folie flatterte wie ein Segel unter voller Fahrt.
Ich hatte fünf Minuten davon bestellt, aber die Sekunden nicht
mitgezählt. Waren bereits vier vergangen oder zwanzig oder erst
zwei? Ich wagte nicht, die Augen zu öffnen. Nach einer gefühlten
Stunde wurde es dunkel, nur der Wind blies noch weiter, um irgendwann zu ersterben. Ich klappte den Deckel hoch, öffnete die Augen
und schälte mir die klebrige Folie vom Rücken. Dann säuberte ich
die Liegefläche, zog mich an und verließ das Sonnenstudio.
Mein Gesicht kribbelte und auch sonst war nicht gerade alles
beim Alten. Keine Autos, die Post und der Optiker waren weg. Ich
fuhr über menschenleere Straßen nach Hause, wo ich im Garten
einen Mann traf. Er fiel mir um den Hals und rief: „Vater! Ich dachte,
Du wärst tot.“
„Ich war nur im Sonnenstudio. Warum bist Du so erwachsen?“
„Vielleicht, weil Du 16 Jahre weg warst.“
Nick erzählte mir ein wenig von sich und der Welt im Jahr 2026.
Es gibt dort kein Benzin mehr und auch keine Computer. Diese befinden sich ab dem dritten Lebensjahr in den Köpfen der Menschen
und man schickt Mails, indem man an den Empfänger denkt. Das
ganze nennt sich iBrain und es ersetzt auch das Fernsehen und das
Kino und sämtliche Büroarbeitsplätze. Ich fragte nach Sara und Carla und Nick erklärte mir, die seien in die Stadt gegangen, um sich
dort größere Ohren machen zu lassen, was gerade sehr in Mode sei.
Ich wäre gerne geblieben, um zu sehen wie sich Frau und
Tochter entwickelt hatten, aber die Furcht und die Aufregung
ließen mich flüchten. Ich stürzte zum Auto, raste zurück zum
Sonnenstudio, stellte das Gerät abermals auf fünf Minuten ein,
warf Geld in den Automaten und schwang mich in voller Bekleidung auf die Liege. Es blitzte und tobte und der Wind rüttelte an
mir wie wahnsinnig.
Ich bin wieder da. Wenn Sie diese Zeilen lesen, befinde ich mich
allerdings abermals auf dem Weg zum Sonnenstudio. Mal sehen,
was passiert, wenn ich das Ding auf zwanzig Minuten einstelle.
27 . april 2010
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