Evaluation der Medienscouts NRW Pilotphase

Evaluation der Medienscouts NRW Pilotphase
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Michael Kerres, Mandy Rohs, Richard Heinen
Evaluationsbericht
Medienscouts NRW
LfM-Dokumentation
Band 46/Online
Evaluationsbericht
Medienscouts
Michael Kerres, Mandy Rohs, Richard Heinen
Unter Mitarbeit von Asmaa el Makhoukhi und Harry Kirchwehm
Landesanstalt für Medien
Nordrhein-Westfalen (LfM)
Zollhof 2
40221 Düsseldorf
Postfach 10 34 43
40025 Düsseldorf
http://www.lfm-nrw.de
Impressum
Herausgeber:
Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM)
Zollhof 2, 40221 Düsseldorf
www.lfm-nrw.de
Bereich Medienkompetenz und Bürgermedien
Verantwortlich: Mechthild Appelhoff
Redaktion: Dr. Meike Isenberg
Bereich Kommunikation
Verantwortlich: Dr. Peter Widlok
Redaktion: Regina Großefeste
Gestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal
August 2012
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
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Abbildungsverzeichnis
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Vorwort
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Vorbemerkung8
1. Peer-Education als Medienkompetenzförderung
1.1 Theoretischer Hintergrund
1.2 Praxis von Peer-Projekte
1.3 Umsetzung des Konzepts
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2. Begleitung des Projekts „Medienscouts NRW“
2.1 Methodisches Vorgehen
2.1.1 Fragebogenerhebungen
2.1.2 Leitfadengestützte Interviews
2.1.3 Dokumentenanalysen
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3. Ergebnisse
3.1 Ausbildung zum Medienscout (Workshops)
3.1.1 Auswahl und Charakteristika der Ur-Scouts
3.1.2 Einschätzungen der Workshops durch Schülerinnen und Schüler
3.1.3 Einschätzung der Workshops durch die Lehrpersonen
3.2 Implementation an der Schule
3.3 Ausbildungsphase an der Schule
3.3.1 Integration der Medienscout-Ausbildung
3.3.2 Aufgaben und Merkmale der Medienscouts an der Schule
3.3.3 Probleme und Risiken bei der Ausbildung neuer Medienscouts an den Schulen
3.3.4 Weitere Planungen
3.4 Beratungsangebote an Schulen
3.5 Veränderung des Medienhandelns
3.5.1 Veränderung des Medienhandelns von Schülerinnen und Schülern
3.5.2 Veränderungen im Medienhandeln von Lehrpersonen
3.6 Peer-Learning
3.6.1 Persönlichkeitsmerkmale
3.6.2 Einschätzung des Peer-Learning durch Schüler und Lehrer
3.7 Gesamteinschätzung des Projekts
3.7.1 Höhepunkte des Projekts Medienscouts NRW aus Schüler- und Lehrpersonensicht
3.7.2 Schwierigkeiten
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4. Zusammenfassung der Ergebnisse
4.1.1 Ausbildung zum Medienscouts (Workshops)
4.1.2 Implementation an der Schule
4.1.3 Ausbildungsphase an der Schule
4.1.4 Beratungsangebote an der Schule
4.1.5 Veränderung des Medienhandelns
4.1.6 Peer-Learning
4.1.7 Gesamteinschätzung
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5. Handlungsempfehlungen
5.1 Zusammenarbeit zwischen den Anspruchsgruppen
5.1.1 Kommunikation auf Augenhöhe
5.1.2 Peer-Education in formalen Kontexten
5.1.3 Soziales Lernen
5.1.4 Einbindung eines Expertenteams
5.2 Zusammenarbeit der Schulen untereinander
5.2.1 Regionale Verortung der Ausbildung
5.2.2 Schulformübergreifende Arbeit
5.2.3 Vernetzung der Projektschulen untereinander
5.3 Rahmenbedingungen an den Schulen
5.3.1 Zeit- und Raumprobleme
5.3.2 Verankerung in der Schule
5.3.3 Integration in den Unterricht oder freiwilliges Angebot
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6. Literatur
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Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Grafische Darstellung des Projekts „Medienscouts NRW“
Abbildung 2: Medienbesitz im Haushalt oder persönlicher Besitz
(N=26, in Anlehnung an JIM-Studien)
Abbildung 3: Beurteilung der Wichtigkeit bestimmter Medien
(Ur-Scouts; N=25, Mehrfachantworten)
Abbildung 4: Internetnutzung (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 5: Durchschnittliche Nutzungsdauer von Web 2.0 Medien
(Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 6: Erlernen der Bedienung von Geräten (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 7: Problemlöseverhalten bei PC- und Internetnutzung
(Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 8: Einschätzung zur Sicherheit im Umgang mit Computern und Computeranwendungen
(COMA, Richter, Naumann & Hortz, 2010; N=26)
Abbildung 9: Lerngelegenheiten (Onlinebefragung Medienscouts 2; N=23)
Abbildung 10: Themen in der Ausbildung neuer Medienscouts an der Schule
(Onlinebefragung Medienscouts 2; N=23)
Abbildung 11: Einschätzung der Materialien (Onlinebefragung Medienscouts 2; N=17)
Abbildung 12: Bewertung von Medien und ihren Inhalten als Teil von Medienhandeln
(Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 13: Soziale Aspekte; Selbstbild (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 14: Soziale Aspekte; Medienumgang (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 15: Soziale Aspekte; Teamfähigkeit und Freundschaft
(Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Abbildung 16: eingeschätzte Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler
(Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Tabelle 1:
Tabelle 2:
Tabelle 3:
wissenschaftliche Begleitforschung „Medienscouts NRW“
Varianten zur Implementierung der Ausbildung zu Medienscouts
(Analyse der Umsetzungskonzepte; N=10)
Mögliche Informations- und Beratungsangebote der Medienscouts
(Umsetzungsberichte; N=10)
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Vorwort
Heranwachsende nutzen in zunehmendem Maße insbesondere interaktive Medienangebote, wie Social Networks, Chats und Instant Messaging. Neben Spaß und Unterhaltung bergen solche digitalen Kommunikationsplattformen auch Risiken – es werden häufig Belange des eigenen Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte Dritter berührt. Vor allem jungen Nutzern ist häufig die Langlebigkeit der online verbreiteten Informationen („einmal online, immer online“) nicht bewusst. Medien beinhalten Chancen, aber auch Risiken.
Um diese erkennen und selbstbestimmt, kritisch und kreativ nutzen zu können, braucht es Begleitung, Qualifizierung und Medienkompetenz.
Eine vergleichsweise neue Herangehensweise ist in den Ansätzen der sogenannten „Peer-Education“ zu sehen.
Diesen liegt die Annahme zugrunde, dass einerseits junge Menschen lieber von Gleichaltrigen lernen und andererseits Gleichaltrige aufgrund eines ähnlichen Mediennutzungsverhaltens zielgruppenadäquat aufklären
können.
In den vergangenen Monaten hat die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) das Pilotprojekt
„Medienscouts NRW“ durchgeführt, im Rahmen dessen junge Mediennutzer im Schulkontext zu sogenannten
„Medienscouts“ ausgebildet worden sind. Durch die Qualifizierung einer vergleichsweise kleinen Schülergruppe konnten weitreichende Effekte erzielt werden, da die ausgebildeten Scouts anschließend selbst als
Referenten agieren und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler qualifizieren sowie diesen als Ansprechpartner
bei medienbezogenen Fragen und Problemen dienen. Die hierbei gemachten sehr positiven Erfahrungen und
Erkenntnisse haben dazu geführt, dass wir das Projekt „Medienscouts NRW“ nun fortführen und breiter aufstellen wollen.
Die Erprobungsphase unseres Projektes ist von der Universität Duisburg-Essen, Lehrstuhl für Mediendidaktik
und Wissensmanagement, wissenschaftlich begleitet worden. Die Ergebnisse dieser Evaluation liegen nun
mit diesem Band vor.
Dr. Jürgen Brautmeier
Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)
8
Evaluationsbericht Medienscouts
Vorbemerkung
Am 17.12.2011 bewilligte die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) ein Projekt zur Medienkompetenzförderung durch Peer-Education. Im Projekt „Medienscouts NRW“ bestand das Ziel darin, Schülerinnen und Schüler im Bereich Medienkompetenzförderung auszubilden.
Ziel des Projektes war es, ein Konzept zu entwickeln, zu erproben und zu evaluieren, das die Etablierung von
jugendlichen „Medienscouts“ mit einem peer-to-peer-Ansatz an Schulen ermöglicht. Die Medienscouts sollen
gleichaltrigen Jugendlichen an ihrer Schule einen reflektierten Umgang bei der Nutzung digitaler Medien
(Internet, soziale Netzwerke, Handy und Computerspiele) vermitteln. Ein Unterstützungs- und Beratungssystem gibt ihnen dabei Hilfestellung. Dazu gehören Lehrerinnen und Lehrer, die als „Beratungslehrer (Digitale) Medien“ fungieren und die Betreuung von „Medienscouts“ an ihrer Schule organisieren, sowie ein
„Beratungsteam“ aus externen Fachleuten. Hierzu wurden zunächst Medienscouts an zehn Projektschulen in
NRW etabliert. Das Konzept wurde so angelegt, dass die Medienscouts nach Projektende mit Hilfe des Beratungssystems weitgehend selbstständig arbeiten und Nachfolgegenerationen von Medienscouts ausbilden
können.
Grundsätzlich sollen die Medienscouts
• ihre eigene Medienkompetenz erweitern und Wissen, Handlungskompetenz und Reflexionsvermögen für
einen sicheren Medienumgang erwerben können,
• dies an Mitschülerinnen und Mitschüler vermitteln können,
• ein Beratungs- und Informationssystem für ihre Mitschüler aufbauen und darin zielgruppenorientiert und
adäquat reagieren können,
• ihre Kenntnisse und Erfahrungen an nachfolgende Medienscouts an der Schule weitergeben können,
• ihre Grenzen kennen und wissen und fähig sein, sich externe Hilfe holen zu können. Darüber hinaus werden
die Medienscouts im Rahmen des Projektes mit Medienscouts anderer Schulen vernetzt.
Der folgende Evaluationsbericht beschreibt nach einer kurzen Darlegung von Hintergrundüberlegungen zu
peer-basierter Medienkompetenzförderung das Projekt „Medienscouts NRW“ und stellt die wissenschaftliche
Begleitforschung des Projekts sowie deren Ergebnisse vor. Der Bericht endet mit Handlungsempfehlungen
für die Fortführung des Projekts „Medienscouts NRW“.
Evaluationsbericht Medienscouts
1. Peer-Education als Medienkompetenzförderung
1.1 Theoretischer Hintergrund
Medienkompetenzförderung an der Schule ist eine oft geforderte Aufgabe, die an Lehrende gestellt wird,
aber nicht immer einfach zu bewältigen ist: Zwischen engen Lehrplänen, zentralen Lernstandserhebungen
und am Gymnasium auch G8 sollen auch noch digitale Medien und ein angemessener Umgang damit in den
Unterrichtsalltag integriert werden. Dies ist für viele Lehrende eine doppelte Herausforderung: Zum einen
eine zeitlich-organisatorische, zum anderen aber auch eine kompetenzorientierte Herausforderung; unterscheidet sich doch die Mediennutzung von Lehrenden von denen der Schülerinnen und Schüler (vgl. Feierabend & Klingler, 2003). Lehrende haben meist andere Medienerfahrungen und Kompetenzen im Umgang
mit digitalen Medien als ihre Schülerinnen und Schüler.
Eine Möglichkeit der Integration von digitalen Medien in die Schule stellt deren Verwendung als Methode im
Fachunterricht dar. So werden digitale Medien in den Unterrichtsalltag als Lehr-Lernmittel integriert in der
Hoffnung, dass Schülerinnen und Schüler Fachinhalte besser verstehen und über eine am Unterrichtsfach
orientierte Mediennutzung auch Medienkompetenz erwerben. Allerdings greift eine solche Integration über
die didaktische Gestaltung des Unterrichts vor allem für medienerzieherische Aufgaben oftmals zu kurz (vgl.
Blömeke, 2001; Gysbers, 2008), so dass Aspekte beispielsweise des Umgangs mit sozialen Netzwerken und
des Umgangs mit Datenschutz oder Urheberrecht bisher wenig in schulischen Lernangeboten auftauchen.
Somit ist die Auseinandersetzung mit digitalen Medien, die vordergründig kaum didaktischen Mehrwert für
eine Integration in den Fachunterricht aufweisen, für Lehrpersonen besonders herausfordernd. Besonders
deutlich wird dies im eben erwähnten Beispiel der sozialen Netzwerke wie Facebook oder SchülerVZ: Zum
einen werden Aktivitäten in solchen sozialen Netzwerken bewusst mit außerschulischen Aktivitäten in Zusammenhang gebracht und erscheinen formal schwer integrierbar. So geben die meisten Jugendlichen an,
diese Netzwerke vor allem zur Kommunikation mit Freunden zu verwenden (JIM 2011). Zum anderen fehlen
den Lehrpersonen gerade im Bereich der sozialen Netzwerke und deren medienerzieherischen Implikationen
Kompetenzen, d. h. die meisten Lehrpersonen haben, außer über massenmediale Berichterstattung, meist
wenig Kenntnis und Erfahrung mit Social Software (vgl. Bitkom, 2011), so dass sie deren Auswirkungen auf
und die Bedeutung für Schülerinnen und Schüler kaum beurteilen können. Aber auch der kompetente Umgang
mit diesen Medien kann als Vermittlungsaufgabe der Schule angesehen werden, so dass sich die Frage nach
der Vermittlung medienerzieherischer Aufgaben in der Schule aufdrängt.
Fasst man diese Herausforderungen zusammen, so liegt die Idee nahe, Schülerinnen und Schüler zu Expertinnen und Experten hinsichtlich der eigenen Medienkompetenzentwicklung auszubilden und sie zu befähigen, diese Kompetenz auch an Gleichaltrige weiterzugehen. So liegt der Vorteil eines solchen Vorgehens
darin, dass sie hinsichtlich ihrer Mediennutzung auf gemeinsame Erfahrungen und Handlungsmuster zurückgreifen können und Schülerinnen und Schüler ebenso wie Studierende bei Problemen häufig Hilfe untereinander suchen (Wiens & den Ouden, 2008). Neben der Mediennutzung ist vor allem in der Adoleszenz auch
die Präferenz stark durch die Peer-Gruppe bestimmt (Friedrichs & Sander, 2010). Ebenso liegt die Annahme
zugrunde, dass ein gegenseitiges Lernen von Schülerinnen und Schülern aufgrund einer gemeinsamen Werteund Handlungsbasis eher angenommen wird als eine Vermittlung von Lehrpersonen. Gestützt werden diese
Annahmen durch positive Erfahrungen aus anderen Peer-Education-Bereichen, die bisher vor allem im Bereich
der Gesundheitsprävention durchgeführt wurden. So kommt Kempen (2007) zum Schluss, „dass Jugendliche
vermehrt durch partizipative und fördernde Strukturen nach dem peer-to-peer Prinzip zu stärken sind. Sie
werden motiviert, ihre persönlichen Ressourcen, Kompetenzen und Möglichkeiten zu stärken und ihre (Drogen-)probleme aus eigenem Antrieb und eigener Kraft zu bewältigen.“ (ebd.). Peer-Learning als Form einer
„two-way, reciprocal learning activity“ (Boud et al., 2001, S. 3) wird im vorliegenden Projekt definiert als
„students learning from and which each other in both formal and informal ways“ (ebd. S. 4).
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Evaluationsbericht Medienscouts
Mit dieser Art von Medienkompetenzförderung werden aktuell zwei Diskursstränge zusammengeführt: Zum
einen Diskussionen um den Erwerb von Medienkompetenz (vgl. Schelhowe, 2010) und zum anderen Diskursansätze des Peer-Lernens (vgl. z. B. Nörber, 2003). Peer-Lernen mit Medien steht dabei in engem Zusammenhang mit Fragen zur Selbstsozialisation (vgl. Karsten, Sting, & Vollbrecht, 2003; Sutter, 2010a, 2010b), muss
aber vor allem im Schulkontext gesondert betrachtet werden, da hier auch instruktionale Elemente bedeutsam
werden.
1.2 Praxis von Peer-Projekte
In Deutschland gibt es aktuell einige Projekte, die Medienkompetenz mittels Peer-Education fördern wollen,
sei es in der offenen Jugendarbeit, sei es in Schulen. Gleich ist den meisten Projekten, dass sie jeweils Schülerinnen und Schüler oder Jugendliche zu Experten im Bereich Onlinemedien ausbilden. Diese Experten geben
das erworbene Wissen dann an Gleichaltrige und/oder Lehrpersonen oder Eltern weiter. Diese Projekte sind
meist aus der Praxis heraus motiviert. Dies bedingt aber auch, dass die meisten dieser Projekte kaum systematisch evaluiert und begleitet werden. Aufgrund der relativen Neuheit dieses Themengebietes im Bereich
der Mediendidaktik liegen neben den bisher genannten theoretischen Vor- und Nachteilen bisher somit kaum
Erfahrungen oder empirische Ergebnisse zur Integration von Peer-Education in formale Lehr-Lernsettings
vor, insbesondere mit dem Aspekt der Medienkompetenzförderung. Aus diesem Grund soll die folgende Evaluationsstudie erste explorative Hinweise zur Verankerung und Wirkung von Peer-Education-Programmen in
Schulen liefern.
1.3 Umsetzung des Konzepts
Grundintention des Projekts „Medienscouts NRW – Junge Nutzer für junge Nutzer“, in welchem Medienscouts
für Schulen in einem kaskadenförmigen Vorgehen ausgebildet und an Schulen eingesetzt werden sollten, war
es, Schülerinnen und Schüler zu Medienscouts auszubilden, die ihrerseits Mitschüler und Mitschülerinnen in
diesem Bereich ausbilden. Während des Pilotprojekts wurden 2011 in zehn Schulen in NRW (sowohl Haupt-,
Real-, Gesamtschulen als auch Gymnasien), jeweils vier Schülerinnen und Schüler zu so genannten „UrScouts” und zwei Lehrerinnen und Lehrer zu „Beratungslehrern Medien” ausgebildet mit dem Ziel, medienkompetenz-fördernde Aufgaben an ihrer Schule zu übernehmen und die Medienscouts zu unterstützen. In
der Anfangsphase steht allen Scouts und Beratungslehrenden zusätzlich ein Team aus externen Fachkräften
(Juristen, Medienpädagogen, Wissenschaftlern, Technikern) für offene Fragen zur Verfügung, die während
des Projektes auftauchen und nicht durch Scouts oder Beratungslehrende beantwortet werden können.
Die Inhalte der Ausbildung umfassten in vier Ausbildungsworkshops die als Herausforderungen für die Schulen
genannte Themenschwerpunkte „Internet & Sicherheit”, „Social Communities”, „Computerspiele” und
„Handy”. Die thematischen Elemente wurden begleitet von Materialeinheiten zum „sozialen Lernen”, „PeerBeratung” und „Online-Peer-Beratung” mit dem Ziel, den Schülerinnen und Schülern nicht nur Wissen über
thematische Inhalte zu vermitteln, sondern sie auch in der Umsetzung im Bereich der überfachlichen Kompetenzen zu qualifizieren und sensibilisieren. Grundsätzlich sollen die Medienscouts im Rahmen des vorliegenden Projekts ihre eigene Medienkompetenz erweitern und Wissen, Handlungskompetenz und Reflexionsvermögen für einen sicheren Medienumgang erwerben können, aber auch lernen, dies an Mitschülerinnen
und Mitschüler zu vermitteln. Geplant war, dass die Schülerinnen und Schüler ein Beratungs und Informationssystem für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aufbauen und darin zielgruppenorientiert und adäquat
reagieren können. Die zentralen Ausbildungsworkshops dienen nicht nur einer effizienten Vermittlung der
Inhalte, sondern unterstützen auch die nachhaltige schulübergreifende Vernetzung der Medienscouts.
Die Ur-Scouts und Beratungslehrkräfte waren dann in einem zweiten Projektschritt für die Ausbildung weiterer
Medienscouts an ihren Schulen verantwortlich. Ziel war es, so ein Team von Medienscouts an der Schule zu
etablieren, das im Rahmen von Schulungen und Beratungen medienpädagogische Arbeit übernehmen und
kontinuierlich neue Medienscouts ausbilden kann, um eine Nachhaltigkeit des Projektes zu sichern.
Evaluationsbericht Medienscouts
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Grafisch kann man das Projekt folgendermaßen visualisieren:
Lehrer
wählen aus
Schülerinnen und
Schüler aus
Gymnasium
Realschule
Hauptschule
Gesamtschule
bilden aus
Beratungslehrer
Medien
Experten aus Mediendidaktik
und -pädagogik
unterstützen
Fachexperten (Juristen,
Datenschützer, ...)
unterstützen
bilden aus
1. Generation Medienscouts („Ur-Scouts“)
A
bilden aus
beraten
bauen auf
2. Generation
Medienscouts
beraten
Unterstützungsangebote
Schülerinnen und Schüler aus
Gymnasium
Realschule
Hauptschule
Gesamtschule
B
Abbildung 1: Grafische Darstellung des Projekts „Medienscouts NRW“
Peer-basierte Lernprozesse finden nun auf zwei Ebenen im Projekt statt: Zum einen gibt es die peer-basierte
Ausbildung neuer Medienscouts durch die Ur-Scouts (A), zum anderen finden peer-basierte Lehr-Lernprozesse
auch im Aufbau eines Beratungs- und Unterstützungsangebotes (B) statt. Damit sind sowohl peer-basiertes
Lehren als auch die Frage nach peer-basierter Beratung und dem Aufbau eines Unterstützungsangebotes zur
Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule angesprochen.
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Evaluationsbericht Medienscouts
2. Begleitung des Projekts Medienscouts NRW
Ziel der wissenschaftlichen Begleitung war es, bereits während der Konzeptentwicklung sowie der Erprobungs- und Ausbildungsphase Rückmeldungen der Lehrkräfte und der Medienscouts zu erhalten, die für die
Optimierung des Gesamtkonzeptes genutzt werden können. Ebenfalls sollte durch eine kontinuierliche Begleitung des Projekts nähere Informationen zur Wirksamkeit der Medienscouts an den Schulen gewonnen
werden.
Im Vordergrund der wissenschaftlichen Begleitforschung steht „die subjektive Bewertung der Innovation
durch die Akteure“ (Gräsel, 2011, S. 324). Das Hauptaugenmerk lag nicht auf der Erweiterung des „wissenschaftlichen body of knowledge“ (Beck, 2000, S. 23), sondern auf der explorativen Untersuchung der Wirkung
von Medienscouts – zum einen im Rahmen der Erhebung der Entwicklung der Medienscouts selbst, zum anderen der Institution Schule. Daher verzichtet die Evaluation auch auf „ex ante“ formulierte Hypothesen und
ebenfalls auf klassische Vorher-Nachher-Studien über die Wirksamkeit von Medienscouts. Diese Wirksamkeit
i. S. von Kompetenzentwicklung oder Einstellungsveränderungen lagen in dieser Begleitung nicht im Zentrum
und derartige Effekte müssen in einzelnen, langfristig angelegten Interventionsstudien nachgewiesen werden. Das vorliegende Projekt bildete für deren Planung allerdings den Auftakt, um das Feld besser kennen zu
lernen.
Die im Medienscout-Projekt zu erreichenden Ziele (vgl. Kap. 1) liegen vor allem auf der individuellen Ebene
der Medienscouts. Da das Projekt „Medienscouts NRW“ an Schulen integriert werden wird, ist allerdings auch
der Gesamtkontext an den einzelnen Schulen des Projektes wichtig und wird in die Evaluation mit aufgenommen. Neben Beurteilungen und Einschätzungen der Lehrpersonen, der Analyse von Implementationskonzepten sowie Schulleiterbefragungen werden ebenfalls lose Reflexionsaufzeichnungen der Schülerinnen und
Schüler mit in die Datenlage aufgenommen.
2.1 Methodisches Vorgehen
Im Rahmen der vorliegenden Begleitforschung wurde daher mit einer Methodentriangulation gearbeitet
(Flick, 2004, 2008), die innerhalb verschiedener Projektphasen unterschiedliche Methoden einsetzt, um
neben den individuellen Veränderungen auch den Kontext angemessen zu berücksichtigen und damit möglichst umfassende Ergebnisse zu generieren. Insgesamt wurden folgende Methoden eingesetzt:
2.1.1 Fragebogenerhebungen
Schülerbefragungen: Während des Projekts wurden die Ur-Scouts, die das Beratungssystem an der Schule
aufbauen sollen, mittels eines Online-Fragebogens zu verschiedenen Aspekten des Medienhandelns und der
sozialen Stellung in der Gruppe befragt. Die Befragung der Medienscouts war an alle 40 Ur-Scouts gerichtet.
In der Zeit vom 29.09. bis zum 28.11.2011 konnten die Ur-Scouts an der Onlinebefragung anonym teilnehmen.
Es gab 36 registrierte Teilnahmefälle an der Befragung, von denen jedoch acht unmittelbar wieder abgebrochen wurden und somit keine Befragungsergebnisse generierten. In zwei weiteren Fällen erfolgte keine komplette Beantwortung der Fragen. Diese zehn unvollständigen Datensätze fließen nicht mit in die Auswertung
ein, so dass die nachfolgenden Daten auf einer Stichprobengröße von 26 Schülerinnen und Schülern beruhen.
Insgesamt haben 12 Mädchen und 13 Jungen an der Befragung teilgenommen. Zehn Schüler und Schülerinnen
besuchten die Haupt- und Gesamtschule, fünf befragte Personen das Gymnasium. Besonders auffallend ist,
dass keiner der an dem Projekt beteiligten Realschüler an der Onlinebefragung teilgenommen habt. Das
Durchschnittsalter beträgt 14 Jahre.
Am Ende des Projekts wurde eine fragebogenbasierte qualitativ orientierte Gesamtbefragung aller Ur- und
neu ausgebildeten Medienscouts hinsichtlich der Einschätzung des Gesamtprojekts durchgeführt. Die Fragen
in dieser Online-Umfrage orientierten sich an den Gesamtzielen des Projektes „Medienscouts NRW“ und sollte
allen am Projekt beteiligten Jugendlichen ermöglichen, dieses Projekt zu beurteilen. An dieser Befragung
Evaluationsbericht Medienscouts
beteiligten sich 26 Schülerinnen und Schüler. Die Schülerinnen und Schüler waren auch hier im Alter von
durchschnittlich 14 Jahren und verteilten sich wie folgt auf die Schulformen: elf Hauptschüler, ein Realschüler,
drei Gymnasiasten, drei Gesamtschüler, acht Personen machten keine Angaben.
Fragebogen zur Implementation: Gegen Mitte des Projekts wurden die einzelnen Lehrpersonen zur Implementation des Medienscout-Projekts mit Hilfe eines leitfadengestützten Fragebogens befragt. Dieser Fragebogen wurde von allen Schulen zurückgesandt und lieferte wertvolle Aussagen hinsichtlich der Implementationsunterschiede in den einzelnen Schulen.
Schulleiterbefragungen: Ebenfalls am Ende des Projekts wurden die Schulleitungen der Pilotschulen mit einem
offenen Fragebogen adressiert, den vier Schulleitungen ausfüllten und zurücksandten. Aus diversen Untersuchungen ist bekannt, dass vor allem das Commitment der Schulleitung ausschlaggebend für die Integration
von Innovationen im Schulalltag ist (Horster et al., 1993; Leonhard et al., 1993). Ziel dieser Befragung war
es, neben der Meinung der Schulleitung auch die „Reichweite“ des Projekts durch ein Commitment der Schulleitung einzuschätzen. Von den zehn beteiligten Schulen haben vier Schulleiter den Fragebogen ausgefüllt.
2.1.2 Leitfadengestützte Interviews
Im Rahmen der Evaluation wurde mit verschiedenen Anspruchsgruppen im Projekt zu unterschiedlichen Zeitpunkten leitfadengestützte Interviews geführt. Während die Interviews zu Beginn des Projekts vor allem explorativen Charakter aufwiesen, dienten die Interviews gegen Ende in erster Linie dazu, retrospektiv den Projektverlauf zu reflektieren sowie vergleichend zu den ersten Interviews Entwicklungen im Projektverlauf sichtbar zu machen. Alle geführten Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und thematisch kodiert (Flick,
2005). Das zugrundeliegende Kategoriensystem wurde deduktiv aus den unterschiedlichen Projektzielen entwickelt sowie induktiv um Kategorien ergänzt, die sich spezifisch in verschiedenen Interviews zeigten. Für
die Auswertung der Interviews der Abschlussbefragung wurde das Kategoriensystem der ersten Befragung
übernommen, jedoch um Kategorien zur Erfassung von Veränderungen sowie abschließender Beratungen
angereichert. Die Auswertung fand inhaltsanalytisch mit Hilfe der Software MaxQDA statt.
Schülerinterviews: Hauptzielgruppe des Projekts sind Schülerinnen und Schüler. Ihre Medienkompetenzentwicklung durch Peer-Education steht im Projekt „Medienscouts NRW“ im Zentrum.
Zu Beginn des Projekts wurden explorative Interviews mit der Schülergruppe der Ur-Scouts geplant und durchgeführt. Die Erprobungsphase, an der mit den Ur-Scouts nur eine kleine Gruppe von Jugendlichen teilnahm,
wurde im Rahmen von Fokusgruppeninterviews ausgewertet. Fokusgruppen eignen sich besonders zur Evaluierung von Konzepten, die sich noch in der Entwicklung bzw. Erprobung befinden (Morgan, 1997). Diese Auswertungssitzungen wurden im vorliegenden Projekt getrennt mit den Lehrkräften und den Jugendlichen
durchgeführt. Ziel dieser Interviews war es, zum einen die Ausbildung der Medienscouts zu evaluieren und zum
zweiten Vorerfahrungen und Erwartungen an die Umsetzungsphase eines Peerprojekts an der Schule zu erhalten.
Gegen Ende des Projekts wurden sowohl einzelne Medienscout-Gruppen (getrennt nach Schulen, also zehn
Gruppen von zwei bis fünf Schülern und Schülerinnen pro Gruppe) als auch dazugehörig die Lehrpersonen
zur Umsetzung des Medienscout-Projekts an ihrer Schule in einem leitfadengestützten Interview befragt, um
mehr Informationen über den Verlauf des Projekts „Medienscouts NRW“ an der Einzelschule zu erhalten.
Interviews mit Lehrkräften: Die von den Lehrpersonen wahrgenommene Bedeutung bzw. die Relevanz des
Projekts hat sich in Studien von Zellenbach-Schell & Gräsel (2011) als wichtiger Prädiktor für die Übernahme
von Innovationen in den Schulalltag gezeigt. Da das Projekt „Medienscouts NRW“ nur erfolgreich ist, wenn
eine nachhaltige Implementation im schulischen Alltag gelingt, wurden neben Schülerinnen und Schüler
auch Lehrpersonen hinsichtlich der Einschätzung der Relevanz des Projektes sowie Umsetzungsbedingungen
und Schülereinschätzungen befragt.
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Evaluationsbericht Medienscouts
Im Rahmen dieser Befragung wurden zu Beginn und zum Abschluss des Projektes telefonische Einzelbefragungen mit je einem Lehrer pro Schule durchgeführt. Befragt wurden auf diese Art und Weise neun Lehrpersonen sowie eine Schulsozialarbeiterin zu zwei Untersuchungszeitpunkten: direkt nach den Ausbildungsworkshops sowie am Ende des Projekts.
2.1.3 Dokumentenanalysen
Im Rahmen eines Netzwerktreffens fertigten die Schülerinnen und Schüler und die Lehrpersonen zu Beginn
der Ausbildungsphase, d. i. die Phase, in der mit der Ausbildung von Medienscouts an den Einzelschulen begonnen wurde, Plakate mit einem Überblick, Hürden und Hindernissen zum Projekt „Medienscouts NRW“ an
ihrer Schule an, so dass hier zehn Plakate mit Hürden und Hindernissen zur Auswertung vorliegen.
Ziel des Projekts „Medienscouts NRW“ ist eine nachhaltige Implementation von Medienscouts an der einzelnen
Schule. Als ein Prädiktor für eine Übernahme in das schulische Selbstverständnis kann die Dokumentation des
Projekts auf der Homepage der Schule gedeutet werden (Schulz-Zander & Eickelmann, 2008). Somit floss neben
den Plakatinformationen ebenfalls eine Homepage-Analyse der Schulen mit in die Dokumentenanalyse ein.
Zusammenfassend sah der Datenerhebungsplan im vorliegenden Projekt folgendermaßen aus:
Tabelle 1: wissenschaftliche Begleitforschung „Medienscouts NRW
I
Ur-Scouts
UDE
Projektphase
Datum
Juni 2011
Zielgruppe
Ur-Scouts
II
Scoutausbildung
Schule
Juli 2011
Scouts
Ur-Scouts
Ausbildung
• Medienausstattung und
• Umsetzung
des Projektes
• Projektbeschreibung
• Arbeit der
Medienhandeln
Risiken
und Informati-
veränderung
onsangebot
gegenüber
Medien
tation
• Medienkom-
• Reflexion
Teilnahme
Veränderung
petenz
Medienscouts
Planungen
Medienscouts
• Beteiligung
(Freundschaf-
anderer
ten, Cliquen,
Medienscout
• Beurteilung
• Inhalte
• Schulkultur
Ausbildung an
der Schule
Lernen
• Vorteile
• Peeraspekte
• Beurteilung
• Ziele
Veränderung
• Auswahl neuer • Peer2Peer
Scouts
Medienscouts
-Ausbildung
• organisat.
• Schulkultur
• Weitere
• Einstellungs-
Öffentlichkeit
• organisat.
• Probleme und • Implemen-
• Aufgaben von
Schulleitungen
• Projektbericht • Motivation zur • Nennung
Medienscouts
-nutzung
• Veränderung
März 2012
(Beratungs-lehrer)
• Qualität der
• Beratungs-
Lehrpersonen
lehrerinnen,
deln
Themen
Scouts
-lehrer)
Medienhan-
Workshops
Scouts
+ Lehrpersonen + Lehrpersonen
lehrerinnen,
• Veränderung
• Evaluation der
Februar 2012
Oktober 2011
Lehrpersonen
(Beratungs-
III
P2P-Phase
Schule
• Informations-
• Methodik der
und Beratungs-
Ausbildung
• Hindernisse
angebot
von Scouts
usw., Treumann
• Themen der
et al., 2008)
• Weiterentwick-
Ausbildung
• Selbstwirksam-
lung
• Kooperationen
keit (Jerusalem
& Schwarzer,
1999)
• Computersicherheit (COMA,
Richter et al.,
2010)
Methode
punktuell
Gruppeninter-
Einzelinterviews
Online-
Dokumenten-
Schriftlicher
Gruppeninter-
Einzelinterviews
Schriftliche
Dokumenten-
Online-
views aller
pro Schule
Befragung
analyse
Fragebogen
views an der
pro Schule
Befragung
analyse
befragung
Ur-Scouts
Name
Schule
Schüler-
Lehrer-
Schüler-
befragung I
befragung I
befragung
online I
Plakatanalyse
Umsetzungs-
Schülerinter-
Lehrerinter-
Schulleiter-
Homepage-
Schüler-
konzept
views 2
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befragung
analyse
befragung
online 2
Evaluationsbericht Medienscouts
15
3. Ergebnisse
Im Folgenden werden die Evaluationsergebnisse der unterschiedlichen Phasen dargestellt. Da-bei konzentrieren sich die Ausführungen auf das Erreichen der im Antrag dargelegten Ziele. Das folgende Kapitel beschränkt sich auf die deskriptive Darstellung der Untersuchungsergebnisse. Eine Diskussion der Ergebnisse
und eine Formulierung von Handlungsempfehlungen für eine weitere Durchführung von Medienscoutprojekten finden sich in Kapitel 4 und 5.
3.1 Ausbildung zum Medienscout (Workshops)
Die Schülerinnen und Schüler wurden von einem Projektteam am Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement der Universität Duisburg-Essen zusammen mit dem pädagogischen Leiter des Projekts, Marco
Fileccia, im Rahmen unterschiedlicher Workshops auf ihre Aufgabe vorbereitet.
3.1.1 Auswahl und Charakteristika der Ur-Scouts
Ein wichtiges Moment in Peer-Education Prozessen ist die Auswahl von Peers (Latino & Unite, 2012). Im vorliegenden Projekt wurden Ur-Scouts als Peer-Educatoren von den jeweiligen Lehrpersonen an den Schulen
ausgewählt. Fragt man sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen, so sind für Medienscouts
folgende Charaktereigenschaften kennzeichnend:
Medienscouts zeichnen sich durch Kreativität, Selbstständigkeit, eine starke Motivation, Vertrauenswürdigkeit und ein gewisses Problembewusstsein im Bereich digitaler Medien aus. Sie gelten als zuverlässig und
ihnen wird von anderen Schülerinnen und Schülern eine gewisse Kompetenz zugesprochen. Sie haben eine
positive Ausstrahlung und sind in den meisten Fällen selbstbewusst. Sie sind aufgeschlossen, aufnahmefähig
und -bereit, sozial kompetent, zuverlässig (z. T. schon Streitschlichter) und geben gerne Wissen weiter. Mehrmals wurde die Themen Schüchternheit und Selbstbewusstsein angesprochen. In einigen Schulen wurden explizit auch schüchterne Schülerinnen oder Schüler ausgewählt, um diesen mehr Selbstbewusstsein zu geben.
Dieses Vorgehen wurde schon nach Abschluss des ersten Workshops und noch vor der eigentlichen Arbeit mit
den Ur-Scouts an der Schule als erfolgreich angesehen:
Lehrperson: „Ich finde ganz schön, vielleicht ist das in dem Kontext auch nochmal relevant, dass wir eine
Schülerin dabei haben, die, als sie gestartet ist, unglaublich schüchtern war, die sich nicht wirklich getraut
auch vor 'ner Gruppe zu sprechen und auch ja in ihrem, ja einfach sehr unsicher war. Das ist einfach ein schüchternes Mädchen, und die ist mit diesem Projekt wirklich gewachsen und an der wir immer mehr Freude haben.
Die blüht richtig auf und hat da glaub‘ ich die größte Entwicklung auch gemacht von allen vieren.“ (LI_1\GS3,
8-11)
Ebenso zeichnen sich Ur-Scouts nach Meinungen von Lehrpersonen durch einen kompetenten sozialen Umgang
sowie Kommunikations- und Sozialkompetenz aus (LI_1\Gym3, 8, LI_1\RS2, 12, LI_1\GS1, LI_1\GS2, 13-24).
In einigen Schulen wurden Unterschiede zwischen der Auswahl von Mädchen und Jungen gemacht und diese
hinsichtlich angenommener geschlechtsspezifischer Persönlichkeitseigenschaften ausgewählt:
Lehrperson: „Also bei mir aus der Klasse und auch aus der anderen Klasse die beiden Mädchen, die wurden ?
ausgesucht, weil die sehr zuverlässig sind. Auch das Mädchen aus dem achten Jahrgang, die ist auch schon im
Strei- in der Streitschlichterausbildung und hat da auch schon so 'ne Ausbildung gemacht. Und ist auch so im
Miteinander mit den Schülern auch ganz fit und meine Schülerin aus meiner Klasse halt eben auch, weil ich
ihr vertraue, und auch in ihre Kompetenz oder an ihre Kompetenz auch glaube. Und sie auch zu den Schülern
und zueinander ruhige Art auch die Sachen zu vermitteln. (...)
Und bei den Jungs, oder den Jungen, den ich ausgesucht habe aus meiner Klasse, halt, weil er sich mit Computern
beschäftigt und da auch Interesse hat. Und auch um ihnen bisschen so mehr selbstbewusst Halt zu geben. Dass
er, weil das eher so ein sehr ruhiger ist und ihm mal zu zeigen, ja du kannst auch was.“ (LI_1\HS2, 19-21)
16
Evaluationsbericht Medienscouts
Um nun diese durch die Lehrpersonen ausgewählte Gruppe besser beschreiben zu können, wurden die
Ur-Scouts nach unterschiedlichen Aspekten, angefangen von Medienausstattung bis hin zu persönlichen
Charaktereigenschaften, befragt. Gefragt nach der persönlichen und familiären Ausstattung mit Medien ergab
sich ein durchmischtes Bild:
6
Smartphone/iPhone
4
15
16
tragbare Spielkonsole
2
TV-Flachbildschirm
12
1
Videorekorder
2
5
3
3
12
MP3-Player
5
3
13
4
10
8
6
13
0
11
5
privat
1
9
Handy
10
Haushalt
15
beides
2
1
12
9
Computer/Laptop
3
16
1
Fernseher
4
3
4
Internetzugang
5
6
14
Digitalkamera
6
14
12
DVD-Player (nicht PC)
6
5
10
feste Spielkonsole
1
1
1
20
25
nicht vorhanden
nicht beantwortet
Abbildung 2: Medienbesitz im Haushalt oder persönlicher Besitz (Ur-Scouts; N=25, in Anlehnung an JIM-Studien)
Die Medienausstattung der Ur-Scouts spiegelt ein breites Spektrum wieder. Handy, Computer, Fernseher und
Internet sind durchweg in jedem Haushalt vorhanden und bei der Mehrheit der Befragten im eigenen Besitz.
Ebenso verfügt ein großer Teil der Ur-Scouts über eine tragbare und/oder feste Spielkonsole (17N). Auffällig
bei der Benennung der nichtvorhandenen Medien ist das Smartphone. Dieses ist zu großen Teilen privat bei
den Ur-Scouts nicht vorhanden. Die meisten Jugendlichen besitzen zur Zeit noch eher ein Handy.
Gefragt nach den Medien, die ihnen am wichtigsten sind, gaben die Medienscouts an, dass dies Computer und
Fernseher seien. Printmedien werden bei weitem als nicht so wichtig bewertet.
Evaluationsbericht Medienscouts
30
25
25
22
20
15
10
10
8
5
6
6
2
1
0
Fernseher
Radio
Bücher
Zeitungen
Zeitschriften
CD-Player
Videorekorder
Computer
Abbildung 3: Beurteilung der Wichtigkeit bestimmter Medien (Ur-Scouts; N=25, Mehrfachantworten)
Weiterhin wurde die Art und Weise der Internetnutzung erfragt. Warum gehen Jugendliche online? Das Nutzungsverhalten im Internet zeigt, dass eine tägliche Nutzung überwiegend auf das Chatten und
Musikhören/Musik herunterladen ausgerichtet ist. Informationssuche und das Stöbern auf Profilen in sozialen
Netzwerken findet mehrmals pro Woche statt. Das Versenden von E-Mails wird mehrheitlich als Tätigkeit benannt, die nur mehrmals im Monat ausgeführt wird. Auffällig ist hier auch, dass sieben Personen nie E-Mails
versenden.
Die Erstellung von Homepages wird von der Mehrheit der Befragten gar nicht betrieben. Der Trend der Internetnutzung geht in die Richtung der unterhaltungs- und kommunikationsorientierter Nutzung, wobei hier
der Informations- oder Bildungswert bei der Mediennutzung über eine Befragung der expliziten Anwendung
genauer erhoben werden müsste.
In Social Networks Profile
5
Videos anschauen
7
2
7
in Datenbanken suchen
2
7
10
9
2
Informationen suchen
upload/download
6
7
chatten
4
E-Mails versenden
3
mehrmals pro Monat
2
10
mehrmals pro Woche
Abbildung 4: Internetnutzung (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
1
1
6
1
2
3
11
12
5
2
3
6
6
7
0
4
3
8
1
1
12
7
1
1
2
3
8
3
Musik-/Sounddateien
5
3
7
1
9
18
Netzspiele
4
4
6
Webseiten erstellen
Nie
7
1
2
15
jeden Tag
20
mehrmals pro Tag
3
1
1
25
keine Antwort
17
18
Evaluationsbericht Medienscouts
Gefragt wurden die Schülerinnen und Schüler, wie viel Zeit die durchschnittliche Nutzung von Web Angeboten
in Anspruch nimmt, wenn der überwiegende Teil der Nutzungsstrategie kommunikationsbasiert ist.
Podcasting
16
Blogging (Wordpress,
Blogspot, usw.)
13
4
15
Online-Groups
(Yahoo-Groups, ...)
6
5
2,5-5
3
1
7
1
10
5,5-10
9
8
16
0
5
9
12
Twitter
1
1
4
3
Youtube
1
2
16
MySpace, SchülerVZ, ...
0,5-2
12
9
Message Boards
9
1
6
Onlinespiele
0
1
10,5-20
15
20,5-30
1
1
1
2
1
1
9
20
30,5-40
1
>40
25
Keine Antwort
Abbildung 5: Durchschnittliche Nutzungsdauer von Web 2.0-Medien (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Die wöchentliche Nutzung des Internets spiegelt die bisher erhobenen Ergebnisse wieder. Die häufigste Nutzung liegt bei den sozialen Netzwerken (deren Wichtigkeit weiter oben schon von den Schülerinnen und Schülern benannt wurde) sowie bei Youtube. Platz drei wird von Onlinespielen abgedeckt. Deutlich zu erkennen
ist die Nichtnutzung bestimmter Medienangebote wie beispielsweise Podcasting, Twitter, Message Boards
oder Online-Goups.
Die meisten Schülerinnen und Schüler gehören einer Generation an, die selbstverständlich mit digitalen Medien aufwächst. Auch wenn Etiketten wie „Net Generation“ mit Vorsicht zu verwenden sind (vgl. Schulmeister,
2008, 2009), haben wir die Zielgruppe der Jugendlichen zu einzelnen Aspekten befragt. Zugrunde gelegt wurden die Fragebogenitems von Jenkins (2006) hinsichtlich der Erfassung partizipativer Kultur. Die Frage nach
dem Erlernen verschiedener Kompetenzen hat darüber hinaus den Hintergrund, dass wir wissen wollten, wie
bisheriger Kompetenzerwerb bei der Nutzung und Anwendung von digitalen Medien aussieht. Ebenso spiegelt
das Erlernen der Bedienung bestimmter Medien Medienkompetenz, Problemlösestrategien, aber auch verschiedene Lernstrategien wieder.
Betrachtet man die Ergebnisse, so sieht man, dass das Ausprobieren und somit das Lernen durch Versuch und
Irrtum, ohne sich die Bedienungsanleitung durchzulesen, die häufigste Form des Kennenlernens eines Gerätes
darstellt. Sich das Gerät von anderen erklären lassen, also ein kommunikationsbasierter Ansatz, der auch
einer peer-basierten Vermittlungsform nahe steht, wird von den befragten Schülerinnen und Schülern am
zweithäufigsten genannt. Nur ein geringerer Teil aller Befragten erarbeitet Funktion für Funktion anhand der
Bedienungsanleitung. An diesen Antwortoptionen sieht man, dass Schülerinnen und Schüler vor allem im Bereich Medien und deren Nutzung entweder Sachen selbst ausprobieren, zu großen Teilen aber auch Peers befragen. Somit scheinen zum einen die Jugendlichen, die hier gefragt wurden, „richtig“ im Projekt „Medienscouts NRW“ zu sein, da dies ein wichtiger Pfeiler des Projekts ist. Zeitgleich sieht man aber auch, dass Kinder
und Jugendliche diese Form von Kommunikation über Medien gewohnt sind.
Evaluationsbericht Medienscouts
Wenn ich die Bedienung des Geräts nicht sofort verstehe,
benutze ich es nicht weiter oder gebe es zurück
18
Die Bedienung des Geräts überlasse ich
erst einmal anderen
16
3
Ich lasse mir das Gerät von anderen erklären
Ich probiere die verschiedenen Funktionen aus, ohne
dass ich die Gebrauchsanweisung zur Hand nehme
2
9
2
5
3
3
6
10
trifft eher zu
3
3
5
5
5
trifft eher nicht zu
1
4
10
9
0
3
2
6
11
Ich lerne nur die Funktionen aus der Gebrauchsanweisung, die ich unbedingt brauche
1 1
9
5
Ich lese die Gebrauchsanweisung und probiere
alle Funktionen der Reihe nach aus
trifft überhaupt nicht zu
3
2
4
15
2
20
25
trifft voll und ganz zu
keine Antwort
Abbildung 6: Erlernen der Bedienung von Geräten (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Ebenso wurde nach Problemlösestrategien im Umgang mit Computerproblemen gefragt, da dies neben allgemeiner Beratung ein wichtiger Inhalt im Medienscout-Projekt darstellen kann, je nach Beratungssituation.
Wenn man davon ausgeht, dass Schülerinnen und Schüler als Medienscouts nicht nur bei Problemen im Bereich sozialer Netzwerke zur Verfügung stehen sollen, sondern einen breiteren Zugang haben, ist es wichtig,
sich auch mit grundlegenden Funktionen des Gerätes auseinander zu setzen. Ebenso sind Probleme in Social
Softwares wie Nutzereinstellungen verwandt mit Softwareeinstellungen, so dass eine Frage in diese Richtung
Auskunft über die Einschätzung dieser Kompetenz durch die Schülerinnen und Schüler zeigt. Das Problemlöseverhalten bei PC- und Internetproblemen zeigt, dass die Ratsuche bei Freunden und Familienmitgliedern,
aber auch das Selbstexperimentieren vor dem Informieren über Zeitschriften, Bücher oder Newgroups und
Foren steht. Inwieweit die Kommunikation bei der Ratsuche bei Freunden dann über Internet und soziale
Netzwerke funktioniert, könnte ebenfalls weitergehend erfragt werden.
Ich frage in Newsgroups/Foren nach
18
Ich mache den Computer aus und
fange noch einmal von vorne an
4
5
Ich mache gar nichts und hoffe,
das sich das Problem von alleine löst
4
2
Ich frage Familienmitglieder nach der Lösung
11
Ich informiere mich in Fachzeitschriften
und Büchern
8
5
14
4
18
0
trifft eher nicht zu
5
trifft eher zu
2
4
11
Ich studiere so lange die Handbücher oder Hilfeprogramme, bis ich eine Lösung gefunden habe
1
5
5
1
8
16
2
1
5
12
3
1
6
7
1
Ich wende mich an die Herstellerfirma
Ich probiere so lange die verschiedenen Funktionen
und Tasten, bis ich eine Lösung gefunden habe
4
10
13
Ich frage Freunde nach der Lösung
trifft überhaupt nicht zu
3
15
trifft voll und ganz zu
Abbildung 7: Problemlöseverhalten bei PC- und Internetnutzung (Onlinebefragung Medienscouts 1, N=26)
3
7
3
10
1
20
1 1
1
3
25
keine Antwort
19
20
Evaluationsbericht Medienscouts
Zudem stellt sich die Frage, wie die ausgebildeten Ur-Scouts ihre Sicherheit im Umgang mit Computern und
Computeranwendungen einschätzen. Hierfür wurde der Fragebogen zur Sicherheit im Umgang mit Computern
und Computeranwendungen (COMA) zu Hilfe genommen. (Richter, Naumann & Hortz, 2010).
Auch bei auftretenden Computerproblemen
bleibe ich ruhig
2
1
8
5
14
Wenn möglich, vermeide ich das Arbeiten am Computer
4
Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Computer
im Griff habe
14
Das Arbeiten am Computer bereitet mir Unbehagen
14
Bei der Arbeit mit dem Computer lasse ich mich durch
auftretende Schwierigkeiten leicht frustrieren
1
4
4
0
teils teils
3
6
1
5
5
10
stimme eher zu
3
2
3
1
1
3
4
7
11
5
3
1
5
11
Im Umgang mit Computern fühle ich mich sicher
1
14
12
Wenn mein Computer abstürzt,
gerate ich in Panik
stimme eher nicht zu
4
7
Beim Arbeiten am Computer habe ich oft Angst,
etwas kaputt zu machen
stimme nicht zu
9
1 1
2
1
9
15
stimme zu
20
1
25
keine Antwort
Abbildung 8: Einschätzung zur Sicherheit im Umgang mit Computern und Computeranwendungen (COMA, Richter, Naumann & Hortz, 2010; N=26)
Gefragt nach der eigenen Einschätzung der Sicherheit im Umgang mit dem Computer sieht man, dass ein Großteil der Befragten im Großen und Ganzen sich als sicher und vertraut mit diesem wahrnehmen. So werden die
meisten Fragen hinsichtlich der Arbeit am Computer auch bei auftretenden Problemen positiv beantwortet.
Die Befragten haben eine positive Selbsteinschätzung. Hieran sieht man, dass die Gruppe der Ur-Scouts, die
in den Projekten tätig ist, ein positives Selbstbild von sich hat.
3.1.2 Einschätzungen der Workshops durch Schülerinnen und Schüler
Direkt nach dem Workshop wurden zehn Schülerinnen und Schüler, so aus der Gruppe der Ur-Scouts ausgewählt, dass jede Schule mit einem Medienscout vertreten war. Diese Gruppe wurde direkt im Anschluss in einer
Gruppensituation zu verschiedenen Aspekten der Workshops befragt. Im Fokus der Befragung stand vor allem
die Einschätzung der Workshop-Phase.
Das Zusammenarbeiten zwischen Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Schulen wurde von den Befragten als sehr positiv wahrgenommen. Aber auch das Lernen mit den Lehrpersonen wurde von den Schülerinnen und Schülern als sehr positiv eingeschätzt. Lediglich das „Duzen“ der Erwachsenen war ungewohnt,
aber viele Schülerinnen und Schüler waren sehr stolz, dass die Lehrkräfte weniger als sie wussten. Die Wahrnehmung dieses Wissensvorsprung, den Schülerinnen und Schüler vor allem im Bereich der digitalen Medien
haben, wurde als Erfolgserlebnis eingeschätzt. Manche Lehrer haben sich auch die Inhalte von den Medienscouts erklären lassen, was als extrem bereichernd von den Jugendlichen betrachtet wurde.
Schüler: „Das waren echt nette Lehrer, die haben sich nicht so wie normale Lehrer verhalten.“ (Schülerbefragung1, 15‘34)
Nicht intendierte positive Wirkungen gab es hinsichtlich der sozialen Situation des Workshops. Gerade für die
Hauptschüler war ein Lernen in schulgemischten Gruppen sehr motivationsfördernd:
Evaluationsbericht Medienscouts
Lehrperson: „Das war ja in der Uni überhaupt gar kein Thema, wer von welcher Schule kommt. Und das hat
unseren Schülern so viel Power gegeben und so viel Selbstbewusstsein, was eigentlich am Rande so passiert
ist, aber so gravierend auch war für die.“ (LS_2\HS2_II, 69)
Dabei wurde vor allem das Lernen in und von verschiedenen Gruppen als positiv erachtet, sowohl ein Lernen
in schulgemischten Gruppen, als auch ein Lernen mit den Lehrpersonen:
9
Wie fandet ihr das Lernen an der Uni?
Wie war das gemeinsame Lernen mit den Lehrern
für euch?
8
10
Wie war das gemeinsame Lernen mit Schülern
anderer Schulen für euch?
10
11
0
3
8
5
sehr gut
6
10
gut
4
15
mittel
20
schlecht
25
sehr schlecht
Abbildung 9: Lerngelegenheiten (Onlinebefragung Medienscouts 2; N=23)
Die wichtigen Themen während der Ausbildung waren Sicherheit/Mobbing im Internet, Betrug, versteckte
Kosten, Abos und die Speicherung von Daten. Der Umgang mit Medien war nach Einschätzung der Schülerinnen
und Schüler weniger wichtig. Mit Abstand der interessanteste Workshop war der Spieleworkshop, da er so
„praktisch“ war.
Gefragt nach den schwierigen Aspekten in der Ausbildung nannten die Schülerinnen und Schüler vor allem das
„Nicht-Lachen“, das sie vor allem im Workshop zum sozialen Lernen unterdrücken mussten:
Schüler: „Die Themen zu Beginn der Ausbildung waren zwar interessant, aber man musste auch lachen, das
war zu komisch und kindisch, da musste man lustige bunte Zettelchen ausfüllen.“(SI1)
Die Inhalte, die im Workshop vermittelt wurden, sind aus Sicht der Schülerinnen und Schüler zu einfach und
zu banal, z. B. die Arbeitsblätter mit Informationen zum Ankreuzen. Das wurde von manchen als zu einfach
empfunden. Ebenfalls wurden die Spiele im Bereich des Workshops „Soziales Lernen“ und die Emotionen als
komisch empfunden. Der Sinn war für viele Schüler nicht klar. Hier sollte nochmals neben einer anderen Anbindung des Themenbereiches soziales Lernen vor allem auch über die didaktische Gestaltung des Thementeils
nachgedacht werden (vgl. Kapitel 4). Als weiteres inhaltlich schwieriges Thema schätzen nach der ersten Ausbildungsphase die Schülerinnen und Schüler die Beratungssituation ein, aber auch die Geschäftsbedingungen
bei Facebook waren für die Schülerinnen und Schüler schwierig.
Kritik im Rahmen der ersten Ausbildung gab es zudem hinsichtlich der Bearbeitung von Arbeitsblättern und
bei der ihrer Meinung nach zu geringen Durchmischung der Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulen.
Während die Arbeitszeit in den theoretischen Phasen als zu lang erlebt wurde, wurde sie bei den praktischen
Dingen als zu kurz erlebt (vor allem fanden sie die Zeit für die Medienproduktion zu knapp bemessen). Im
Spiele-Workshop konnten nicht alle Spiele getestet werden – generell gab es aber zwischen den Schülerinnen
und Schülern keine Einigkeit, ob es zu viel oder zu wenig Zeit war. Dieser Punkt sollte in weiteren Evaluationen
weiter beleuchtet werden.
Fragt man Schülerinnen und Schüler nach ihren Wünschen für weitere Ausbildungen, so nennen sie vor allem
„keine Arbeitsblätter“ sowie eine vermehrte Aktion und Partizipation („mehr Sachen miterleben und machen
wie im Spieleworkshop“). Moniert wurde ebenfalls eine immer gleiche Methodik („Plakat machen“). Es gab
aus Sicht der Schülerinnen und Schüler zu wenig Input, wie man mit anderen Schülern umgeht. Dies war zwar
21
22
Evaluationsbericht Medienscouts
Thema im Bereich des sozialen Lernens, wurde allerdings von den Schülerinnen und Schülern wenig bis gar
nicht wahrgenommen. Am schlechtesten wurde der Workshopteil des sozialen Lernen bewertet, sowohl in
Bezug auf die Lehrperson als auch den Inhalt. Arbeitsaufträge waren aus Sicht der Schülerinnen und Schülern
unklar formuliert, das Thema aus ihrer Sicht unsinnig („Hat gar nix gebracht.“), obwohl sie – wie oben erwähnt
– angaben, nichts darüber gelernt zu haben, wie man mit anderen Schülern umgeht. Hier scheint es so zu
sein, dass sie aufgrund ihrer negativen Gesamteinschätzung des Workshopbereichs die Lerninhalte zu wenig
wahrgenommen haben.
Zu den Wünschen der Medienscouts direkt nach der Ausbildung zählt überdies ein Zertifikat, das als Mehrwert
gesehen wird, um es beispielsweise der Bewerbung beizulegen. Schülerinnen und Schüler wünschten sich
vermehrt praktische Sequenzen während der Ausbildung. Konsens in der Gruppe bestand darin, dass viele
Aspekte zu theoretisch waren. Ebenfalls wurde angeregt, auch technisches Wissen in die Ausbildung aufzunehmen, da die Medienscouts glauben, dadurch die Beratungskompetenz zu erhöhen, d. h. dass sie an der
Schule mehr nachgefragt werden, wenn sie neben den Medienscout-Themen auch technischen Support anbieten könnten. Generell finden sie eine breite Ausbildung gut, „da man nicht weiß, wer mit welchem Problem
kommen wird“ (SI 1). Allerdings besteht dann das Problem, dass das Vorwissen sehr heterogen ist und einzelne Inhalte bei gutem Vorwissen als zu banal angesehen werden.
Abschließend wurde den Ur-Scouts ähnlich wie den Beratungslehrern Medien Aussagen zur Zustimmung oder
Ablehnung vorgegeben. Zur Aussage, dass Medienscouts helfen können, an der Schule besser mit Medien umzugehen, gab es sieben Zustimmungen, auf die Aussage hinsichtlich der Annahme des Angebots allerdings
nur vier Zustimmungen, hier waren sich die meisten Ur-Scouts sehr unsicher. Der Aussage, ob andere Schüler
gern Medienscouts werden möchten, stimmten alle Personen zu.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die meisten Schülerinnen und Schülern die Ausbildung sehr genossen haben, ihnen aber auch bewusst ist, wo ihre Grenzen liegen und sie sich Hilfe holen möchten. Dies
wurde besonders in der Einschätzung von fiktiven Situationen, die dem Interview als Aufhänger dienten, klar.
Auch das Thema Sucht identifizieren sie als ein Thema, für das sie sich professionelle Hilfe holen würden. Die
leitenden Fragen der Fokusgruppen konnten positiv beantwortet werden: Die in der Ausbildung verwendeten
Konzepte und Methoden waren hilfreich. Die Themen sind in ausreichendem Maße an den Fragestellungen
der Schüler und Schülerinnen ausgerichtet. Die Vernetzung von Schülerinnen und Schülern untereinander
sowie zwischen den Lehrpersonen gelang und wurde von beiden Seiten als sehr fruchtbar eingeschätzt. Die
Inhalte sind in ausreichendem Maße an den Fragestellungen der Jugendlichen orientiert und werden als hilfreich und relevant gesehen, lediglich der Bereich des sozialen Lernens wurde von Schülerinnen und Schülern
kritisch bewertet.
In einem nächsten Schritt wurden Lehrpersonen gefragt, wie sie die Workshops im Rahmen der Erstausbildung
eingeschätzt haben.
3.1.3 Einschätzung der Workshops durch die Lehrpersonen
Die Motivation zur Teilnahme am Projekt „Medienscouts NRW“ lag bei den meisten Lehrpersonen im Themengegenstand begründet. So gab nach Einschätzung vieler Lehrpersonen vor allem das thematische Interesse
(vor allem im Bereich Social Communities) den Ausschlag zur Teilnahme. Es gibt dann zwei Arten von Lehrpersonen: Diejenigen, die sehr aktiv sind und das Thema in der Schule verankern wollen, sowie Lehrpersonen,
die sich wenig auskennen und so eine persönliche Weiterbildung erhoffen. Allen Lehrenden ist ein Interesse
am Thema Medien inhärent. Eine Person ist zur Teilnahme angesprochen worden. Weiterhin wurde die Methodik der Schülerorientierung hervorgehoben, die spannend für Lehrende war.
Gefragt nach der Einschätzung und Bewertung der Ausbildungsworkshops haben viele Lehrpersonen vor allem
das Zusammenlernen von Schülerinnen und Schülern und Lehrenden hervorgehoben. Dies wurde meist als an-
Evaluationsbericht Medienscouts
genehme Erfahrung bezeichnet, als „Lernen auf Augenhöhe“ bzw. „das beste am Workshop“, Lehrpersonen
sind begeistert von den Schülerinnen und Schülern. Das gemeinsame Lernen ist für Lehrpersonen eine sehr
positive Erfahrung, vor allem aufgrund der Tatsache, dass jeder von jedem lernen konnte.
Lehrperson: „Ach ich, also ich find's immer bereichernd, wenn ich irgendwie Zeit mit Schülern auf 'ne irgendwie
andere Art und Weise verbringen kann. Und Schüler nochmal anders kennenlernen kann, als es jetzt im Unterricht selbst möglich ist. Insofern würde ich sagen ja, auf jeden Fall war das bereichernd. Ob das jetzt- ich würde
sagen, das war einfach einzig und allein dadurch schon, dass wir das mit den Schülern gemeinsam gemacht
haben, jedenfalls teilweise, war das per se so.“ (LI_1\RS1, 70)
Befragt nach den einzelnen Themen, wurden vor allem die Bereiche Internet & Sicherheit sowie Social Communities aus Eigeninteresse hervorgehoben. Einige Lehrpersonen monierten die mangelnde Zeit für einzelne
Themen, ebenso wurden die Themen manchmal als zu theoretisch eingeschätzt. Ein weiteres interessantes
Thema aus Lehrpersonensicht bildeten Computerspiele und ihre Einsatzmöglichkeit im Unterricht. Positiv
wurde angemerkt, dass bei vielen Themen auch die Chancen von Medien behandelt und nicht nur über die Risiken gesprochen wurde. Am interessantesten im Rahmen der Ausbildung waren damit zusammenfassend für
Lehrpersonen die Themen Urheberrecht und Datenschutz, Computerspiele und Social Networks. Stellvertretend für alle Lehrer fasst folgendes Zitat die Sicht viele Lehrpersonen zusammen:
Lehrperson: „Also die Social Networks fand ich sehr interessant, einfach weil ich vorher da die Meinung hatte,
meld' dich nicht an – machste nichts falsch. Da habe ich mich sehr so... Sehr spannend fand ich den Datenschutz
und Urheberrecht. Vor allen Dingen aber zu erfahren, dass es wirklich keine Patentlösungen dafür gibt, dass es
also 'n sehr schwammiges Thema ist. Die Computerspiele hatte ich eben fast den Effekt, dass es riesig Spaß
macht und auch dass man da 'n geregelten Umgang lernen soll und nicht nur penetrant verbieten. Das waren
eigentlich so meine Highlights ja.“ (LI_1\GS2)
Interessanterweise haben vor allem Lehrpersonen noch einiges in der Weiterbildung gelernt. Somit haben
sie sich hier vor allem auch Wissen angeeignet, das sie sowohl privat nutzen als auch in die Schule einbringen
können. Nach der Ausbildung berichten Lehrpersonen von einer Sonderrolle, die sie an der Schule einnehmen.
Sie werden für viele Lehrerinnen und Lehrer der eigenen Schule Ansprechpartner im Bereich Medien und
geben ihr Wissen aus der Ausbildungsphase auch an Kolleginnen und Kollegen weiter. Somit findet auch zwischen den Lehrpersonen so etwas wie eine Peer-Beratung statt, diesmal auf einer anderen als der im Projekt
intendierten Ebene stattfindet.
Fragt man Lehrpersonen nach Problemen, die die Medienscouts an ihrer Schule lösen sollen, so gaben Lehrpersonen oft an, dass Medienscouts vor allem aufklärende Funktion haben sollen, sie werden als Informationsstelle für Medien gesehen. Sie sollen punktuell einen reflektierten Umgang mit Medien erzeugen, aber
auch sinnvollen Einsatz von Medien an ihrer Schule vermitteln. Vor allem Themen wie Social Media, Facebook
und Handyvideos sind spannend. Medienscouts können sich sehr gut im Bereich des Wissens über Medien bewegen, schwierig wird es nach Einschätzung von Lehrern im Bereich des Cybermobbing oder bei Rechtsfragen
hinsichtlich Downloads. Die Lehrpersonen definieren sich selbst vor allem als Impulsgeber für Schülerinnen
und Schüler, die im Hintergrund zur Verfügung stehen. Sie haben Organisations- und Unterstützungsfunktion
bei der weiteren Ausbildung von neuen Scouts. Zum Teil müssen die Lehrpersonen die Ur-Scouts nochmals
weiter ausbilden, da ihrer Meinung nach noch zu wenig Know-How vorhanden ist. Lehrpersonen sehen sich
selbst als Begleiter in sozialer Hinsicht, stehen für Problemfälle zur Verfügung und sind Ansprechpartner und
Unterstützung für die Ur-Scouts.
Um die Medienscouts gut an der Schule implementieren zu können, werden nach Ansicht der Lehrpersonen
kontinuierliche Treffen, vor allem Zeit oder gelegentliche Projekttage benötigt. Ebenso sollte ein gewisser
Raum oder eine Plattform vorhanden sein. Einige Lehrpersonen fokussieren auf eine Implementierung ins
23
24
Evaluationsbericht Medienscouts
Schulprogramm: Hilfreich wäre eine Ritualisierung und fortlaufende aktive Werbung. Weiterhin ist aus Sicht
der Lehrerinnen und Lehrer Bestätigung und Wertschätzung der Lehrkräfte gegenüber den Schülerinnen und
Schülern essentiell, aber ebenso, dass man als Lehrperson loslässt und die Schülerinnen und Schüler als Experten ansieht. Zum Abschluss der Befragung wurden den Lehrpersonen einzelne Aussagen zur Zustimmung
oder Ablehnung gegeben: Sie wurden gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, dass Medienscouts helfen können, an ihrer Schule besser mit Medien umzugehen, Angebote von Medienscouts von Mitschülern angenommen werden oder auch andere Schüler gerne Medienscouts werden möchten. Diese Fragen wurden fast alle
mit „stimme zu“ beantwortet, lediglich zweimal gab es kurzes Zögern bei der Frage, ob Medienscouts von anderen Mitschülern angenommen werden.
3.2 Implementation an der Schule
Eine Implementation des Projekts „Medienscouts NRW“ hat an allen Schulen stattgefunden. Ein Indikator für
die Integration eines Konzepts ist die Sichtbarkeit an der Schule. Als „Mindestmaß“ der Werbung und Sichtbarmachung des Projekts haben Medienscout-Schulen an der eigenen Schule Plakate und Flyer aufgehängt
und verteilt. Ein weiterer Schritt an Integration stellt die Übernahme in den Außenauftritt der Schule dar
(Schulz-Zander & Eickelmann, 2008). Betrachtet man die Nennung des Medienscout-Projekts auf den Homepages der Schulen als Teil eines Integrationsprozesses, so findet man bei sechs von zehn Schulen findet keine
Nennung des aktuellen Medienscout-Projekts (an einer Schule finden sich lediglich Hinweise auf ein älteres
Projekt). Bei den übrigen vier Schulen findet man eine kurze Projektbeschreibung und die Namen der aktuellen
Medienscouts. In zwei Fällen sind auch deren Sprechstundenzeiten und E-Mail-Adressen notiert. Themen,
die in Verbindung mit dem Projekt auf den Schulhomepages genannt werden, sind u. a. Urheberrecht, Datenschutz, Cybermobbing und Sicherheit in sozialen Netzwerken als zentrale Punkte.
Ein wichtiger Aspekt der Implementation war eine Vernetzung der Schulen untereinander, die in den ersten
Ausbildungsphasen angestrebt wurde und über das Projekt erfolgen sollte. Eine solche Vernetzung zwischen
den Schulen hat während des Projekts allerdings nicht stattgefunden. Alle befragten Lehrpersonen verneinen
einen Austausch untereinander (vgl. Lehrerbefragung 2).
Lehrperson: „Gar nicht. Ich weiß nicht- ich weiß nicht warum wir vielleicht außen vor sind, also ich habe da
keinerlei Anfragen. Ich bin bei Facebook oder ich weiß nicht, ob sich das vielleicht ohne uns, dass wir ausgeschlossen werden, weiß ich nicht.“ (LI_2\Gym3_II, 56-56)
Zwar waren Vernetzungen unter einzelnen Gruppen (z. B. der Essener Lehrerschaft) angedacht, jedoch ist
dies nicht bis über die grobe Absichtserklärung hinaus gegangen (LI_2\GS1_II, 79-79). Einige haben die
Möglichkeit im Facebook gesehen, aber wenig genutzt (LI_2\GS2_II, 27-33). Obwohl gewünscht, wird oft ein
Zeitproblem angegeben (ebd.). Eine solche Vernetzung wird wohl nach Aussagen einiger Lehrpersonen anscheinend oft mündlich nach Veranstaltungen abgemacht, aber in der Realität selten erhalten, da den meisten
aus der Fortbildung in das System der heimischen Schule zurückkehrenden Lehrpersonen auch die Zeit und
Notwendigkeit für einen solchen Austausch fehlen. Hier sollten nochmals verstärkt Anstrengungen zur Vernetzung von Lehrpersonen unternommen werden, da in einer Vernetzung durchaus Potenzial gesehen werden
kann (vgl. Berkemeyer, Järvinnen & Bos, 2011).
Ähnlich wird die im Projekt angestrebte Vernetzung von Lehrpersonen und Schulen untereinander auch von
Lehrpersonen eingeschätzt:
Lehrperson: „Und das ist was, was ich oft auch bei Fortbildungen beobachte, dass alle sagen: Ach wir müssen
unbedingt uns vernetzen und weiter darüber austauschen und es gibt bestimmt Leute die das gut können, dann
auch neben dem Job dann noch solche Kontakte pflegen und sich darüber austauschen, wie das so läuft. Und
ich glaube auch, dass so was, wenn es funktioniert dann auf jeden Fall sehr gewinnbringend ist. Aber ich hab‘
das von Anfang an eigentlich nicht erwartet, dass wir... als teilnehmende Lehrer, aber auch nicht unbedingt
als die Schüler, die dadran teilnehmen, das die so viel – das sich da wirklich so‘n Forum oder ‘n Netzwerk ergibt, wo
man sich laufend austauscht. Das hab ich nicht so erwartet und das erleb‘ ich auch nicht so.“ (LI_2\RS1_II, 127)
Evaluationsbericht Medienscouts
D. h. die Lehrpersonen und Schulen untereinander haben sich über die durch das Projektteam organisierten
Workshops und Vernetzungstreffen hinaus im Projekt wenig bis gar nicht ausgetauscht. Nach der Phase des
gemeinsamen Lernens in der Ausbildung sind sie wieder zurück in den Schulalltag gegangen und haben dort
individuell zu arbeiten begonnen, lediglich an den Terminen, die durch das Projektteam vorgegeben waren,
fanden gemeinsame Treffen statt.
Eine Vernetzung unter Schülerinnen und Schülern hat eher stattgefunden, zumindest haben die am Medienscout-Projekt beteiligten Jugendlichen eine eigene Facebook-Gruppe gegründet, die dem Austausch unter
Schülerinnen und Schülern diente. Diese Facebook-Gruppe verfügte über verschiedene Sicherheitseinstellungen, so dass nur die Jugendlichen darauf Zugriff hatten, was als Lernerfolg im sicheren Umgang mit Social
Networks gewertet werden kann. Zeitgleich war es aber auch auf Nachfrage nicht möglich, einen Blick in die
Gruppe zu werfen, so dass hier nicht abschließend beurteilt werden kann, inwieweit eine Diskussion oder ein
Austausch in dieser Gruppe stattgefunden hat. Gleichwohl ist hier der Anspruch der Jugendlichen nach Autonomie zu respektieren. Möchte man die Implementation an den Schulen genauer analysieren, muss jedoch
an der Schule in Ausbildungs- und Beratungsphase unterschieden werden (vgl. Kap. 4.2 und 4.3).
3.3 Ausbildungsphase an der Schule
In einem ersten Bericht können zu den unterschiedlichen Ausbildungsphasen an der Schule nur deskriptive
Daten generiert werden. Analysen, wie der Zusammenhang zwischen der Bewertung des Medienscout-Projekts
durch die Akteure und der jeweils gewählten Implementationsform zu interpretieren ist, erfordern allerdings
zum einen eine längere Beobachtung und zum anderen vertiefende Analysen des vorliegenden Datenmaterials
sowie ergänzender Erhebungen.
3.3.1 Integration der Medienscout-Ausbildung
Betrachtet man die einzelnen Projekte an den Schulen genauer, so lassen sich die Ausbildungsformen neuer
Medienscouts in verschiedene Typen clustern. Nach Analyse der Fragebögen nach der Umsetzung des
Medienscout-Projekts an der Schule kristallisierten sich zwei Varianten zur Implementierung der Medienscouts an den Schulen heraus:
Tabelle 2: Varianten zur Implementierung der Ausbildung zu Medienscouts (Analyse der Umsetzungskonzepte, N=10)
Variante A1 Wahlpflichtkurs
(unterichtliche Einbindung)
Verankerung der Ausbildung innerhalb eines Wahlpflichtkurses z. B. im Fach Informatik
Variante A2 Arbeitsgemeinschaft – AG
Anbindung der Ausbildung innerhalb einer frei wählbaren
(außerunterichtliche Einbindung) AG. Angebot wird außerhalb des normalen Unterrichts
eingerichtet.
Variante A3 Freies Angebot
Ausbildung neuer Mitschülerinnen und Mitschüler durch
erfahrene Medienscouts in einem freien Rahmen (z. B. in
den Pausen oder nach der Schule).
Diese Varianten der Implementation haben unterschiedliche Vor- und Nachteile. Diese können nach der ersten
Phase des Projekts nur angedeutet werden und bedürfen einer längerfristigen Abklärung und Eruierung.
Vor- und Nachteile der Variante A1: Die meisten Schulen binden die Medienscout-Ausbildung an den Unterricht
an. Hier obliegt die Steuerung des Prozesses normalerweise den Lehrpersonen, die ihn im besten Fall zusammen mit den Ur-Scouts planen, aber die Unterrichtssituation dennoch dominieren. Bei der Variante der unterrichtlichen Integration der Ausbildung entsteht eine neue Generation von Medienscouts durch die Belegung
eines Wahlpflichtfaches. Betrachtet man nochmals die Idee der Peer-Education, so sieht man, dass in solchen
Modellen eher von einem Peer-Tutoring gesprochen werden kann: Schülerinnen und Schüler übernehmen die
Ausbildung von Mitschülerinnen und Mitschülern in formalen Settings. So kann man annehmen, dass diese
25
26
Evaluationsbericht Medienscouts
Methode durch den festgelegten (zeitlichen) Rahmen einen steten Austausch der Medienscouts untereinander
garantiert. Für die Nutzung eines Beratungsangebotes ist es wichtig, dass Ratsuchende wissen, wohin sie
sich wenden können. Hier könnte ein Raum in der Schule für Sprechstunden bereitgestellt oder/und eine
Plattform mit Kontaktdaten bzw. eine E-Mail-Adresse eingerichtet werden.
Ein weiterer Vorteil einer direkten Anbindung an den Unterricht könnte aus Sicht der Lehrperson die Verbindlichkeit darstellen. Mit der Wahl des jeweiligen Wahlpflichtfaches muss die Schülerin oder der Schüler die
Ausbildung zum Medienscout durchlaufen. Interessant für weitere Analysen wäre hier die Frage, ob sich die
Schülerinnen und Schüler aus intrinsischer Motivation für das Wahlpflichtfach entscheiden.
Kritisch ist bei dieser Variante der Implementation vor allem die Nachhaltigkeit: So müsste im Hinblick auf
die Dauerhaftigkeit der Implementierung überlegt werden, inwieweit dieses Konzept greift, da beispielsweise
die Wahl eines Wahlpflichtfaches wie oben bereits beschrieben u. U. nur für ein Schuljahr gilt und so eine
hohe Fluktuation bei den Medienscouts aufkommen kann. Auf der anderen Seite kann dadurch verhindert
werden, dass keine neuen Medienscouts ausgebildet werden. Die Gefahr, dass es keine nachfolgende Generation von Medienscouts gibt, wird mit der Variante der Anbindung an den Unterricht also minimiert. Durch
die Verpflichtung, eines der zur Auswahl stehenden Wahlpflichtfächer zu belegen, ist davon auszugehen, dass
in jedem Schul(halb)jahr eine neue Kohorte von Medienscouts ausgebildet wird, vorausgesetzt der Kurs wird
von genügend Schülerinnen und Schülern gewählt. Dieses in den Unterricht integrierte Modell bedeutet allerdings, dass die Ausgestaltung bzw. Implementation zu großen Teilen durch die Lehrperson vorgenommen
wird. Ihr obliegt die Ausbildung der nachwachsenden Medienscouts sowie die Freistellung der entsprechenden
Schülerinnen und Schüler vom normalen Unterricht für Beratungs- und Informationsangebote der Medienscouts. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass kein spezielles Auswahlverfahren für die zukünftigen
Medienscouts existiert. Jede Schülerin und jeder Schüler im Kurs absolviert die Ausbildung, unabhängig von
vorhandenen Kompetenzen oder Interessenlage. So haben einerseits alle Schülerinnen und Schüler einer
Klassenstufe die Möglichkeit, Medienscouts zu werden, andererseits bedeutet das nicht, dass alle fertig ausgebildeten Schülerinnen und Schüler auch als Medienscouts tätig sein können.
Vor- und Nachteile der Variante A2: Bei dieser Variante liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Ur-Scouts die
Ausbildung der neuen Medienscouts selbst übernehmen. Beispiele hierfür sind die Auswahl neuer Medienscouts durch Bewerbungsgespräche, die von den Ur-Scouts durchgeführt werden. Als vorteilhaft erweist sich
hier, dass die Ur-Scouts die Möglichkeit zur Entscheidung haben, wer ihrer Meinung nach die notwendigen
Kompetenzen für die Aufgabe(n) als Medienscout besitzt und ins Team passt. Für die Bewerberinnen und Bewerber kann im Gegensatz zu den am Unterricht angebundenen Angeboten eher angenommen werden, dass
ihre intrinsische Motivation Medienscout zu werden, höher ist. Allerdings besteht die Gefahr, dass eine gesicherte Nachfolgegeneration für die Ur-Scouts nicht gegeben ist, da die Schülerinnen und Schüler sich aktiv
für die Ausbildung bewerben müssen und der Fall eintreten kann, dass es nicht genügend Nachfrage für eine
solche AG gibt. Während dieses Projekt eher den Charakter von Peer-Education trägt, ist eine Verstetigung
abhängig von der langfristigen Motivation der Kinder und Jugendlichen.
Vor- und Nachteile der Variante A3: Im Rahmen eines freien Angebots können nur Beratungsleistungen geboten werden, eine umfassende „Vermittlung“ der Inhalte kann hier nicht stattfinden bzw. erfordert eine
hohe Motivation und erhebliches Engagement von den Schülerinnen und Schülern. Daher hat eine Umsetzung
als ganz freies Projekt einen anderen Charakter als ein angebundenes Projekt – unabhängig davon, ob als
Fach oder AG.
Auch nach weiteren zwei Monaten nach diesen oben genannten Analysen der Fragebögen sieht man im Rahmen der Plakatanalyse bei den Aktionen und Projekten ebenfalls, dass an den Schulen sehr vielfältige Aktionen stattgefunden haben: In den Analysen der 25 Netzwerkplakate, die Schülerinnen und Schüler mit den
Lehrpersonen anfertigten, geben die meisten Schulen geben an, dass sie Informationsveranstaltungen an
Evaluationsbericht Medienscouts
der eigenen Schule (6N) sowie Beratungen online oder im Präsenzsetting (6N) durchgeführt haben. Sie haben
das Projekt sowohl in einzelnen Klassen der Schule als auch auf Schulfesten vorgestellt ( je 2N), ebenso wie
Elternabende gestaltet (2N). Der Gestaltung von Werbematerial, seien es Flyer oder Homepages, haben sich
fünf Schulen gewidmet, drei Schulen sind darüber hinaus auch an verschiedene Presseorgane herangetreten
(Zeitung, Radio u. ä.), eine Schule hat Informationsveranstaltungen an anderen Schulen durchgeführt. Eine
Schule hat das Projekt Medienscouts in das eigene Schulprogramm aufgenommen. Mit der Ausbildung neuer
Medienscouts war zu diesem Zeitpunkt eine Schule beschäftigt.
Themen bei der Ausbildung von neuen Medienscouts an der Schule waren dabei vor allem Facebook & Social
Communities sowie Internet und (Handy)Sicherheit (vgl. Schülerbefragung online 2). Diese Themen fand
man in allen Ausbildungsschilderungen (SI\Gym2, 2, LI_2\RS1_II, 41, SI\Gym1_, 17, SI\RS2, 38-41, SI\HS2,
124). Computerspiele wurden kaum von Schülerinnen und Schülern als Thema der Ausbildung genannt,
ebenso wie die sozialen Themen wie soziales Lernen oder Beratungskompetenz.
3
2
1
4
Kommunikationstraining
3
2
Handy
3
soziales Lernen
1
Beratungskompetenz
8
1
Internet und Sicherheit
2
2
0
9
4
9
3
8
Social Communities
6
8
3
Computerspiele
4
8
2
3
5
6
6
4
8
1
5
5
gar nicht wichtig
3
9
15
10
wenig wichtig
15
teils teils
20
wichtig
25
sehr wichtig
Abbildung 10: Themen in der Ausbildung neuer Medienscouts an der Schule (Onlinebefragung Medienscouts 2; N=23)
Die Schulen waren in der Umsetzung ihrer Ausbildung an der Schule frei. Die meisten Schulen haben die Ausbildung an der Schule ähnlich wie ihre eigene Ausbildung durch das Projektteam gestaltet, angefangen von
ähnlichen Methoden (Plakate erstellen, SI\HS2, 20-23) bis hin zur Übernahme der Inhalte und Arbeitsblätter.
Lehrperson: „Wir haben ja ähnliche Materialien gehabt. Haben oft mit ´nem Einspielfilm oder mit ´nem - mit
´ner Problemstellung begonnen (...) Dann haben wir dabei eigentlich nochmal wiederholt, was wir in den Sitzungen in der Uni gemacht haben.“ (LI_2\RS1_II, 39)
Die Materialien, die im Ausbildungsworkshop an der Universität eingesetzt wurden, wurden zur Ausbildung
neuer Medienscouts an den Schulen eher als hilfreich empfunden:
27
28
Evaluationsbericht Medienscouts
4
Materialien zum Thema Soziales Lernen
7
Materialien zum Thema Berufskompetenz
5
Materialien zum Thema Kommunikationstraining
5
Materialien zum Thema Handy
5
Materialien zum Thema Computerspiele
4
Materialien zum Thema Social Communities
4
Materialien zum Thema Internet und Sicherheit
4
0
sehr hilfreich
hilfreich
teils teils
2
4
6
3
5
4
6
3
2
4
8
1
3
8
wenig hilfreich
3
2
4
6
2
4
6
4
1
2
1
4
10
12
14
gar nicht hilfreich
1
16
18
k.a.
Abbildung 11: Einschätzung der Materialien (Onlinebefragung Medienscouts 2; N=17)
An den Schulen wurden zwischen vier und acht neue Medienscouts ausgebildet (Onlinebefragung 2). Diese
Werte ergeben sich aufgrund der Onlinebefragung Aus den Interviews wissen wir aber, dass es an manchen
Schulen deutlich mehr ausgebildete Scouts gab. Es kann nun sein, dass diese Schulen nicht an der Onlinebefragung teilgenommen haben, weswegen diese Angaben fehlen.
An einigen Schulen ist die Ausbildung allerdings bisher noch nicht gestartet, so dass hier noch keine Zahlen
vorliegen (vgl. Onlinebefragung Medienscouts 2). Haben die Schulen neue Medienscouts ausgebildet, so
haben an den Schulen zwischen ein und zehn Veranstaltungen stattgefunden, wobei einige Ur-Scouts auch
außerhalb der Schule im Einsatz waren (vgl. Onlinebefragung Medienscouts 2).
3.3.2 Aufgaben und Merkmale der Medienscouts an der Schule
In einem ersten Schritt wurden dazu an den Schulen neben organisatorischen Fragestellungen vor allem die
Ausbildung neuer Medienscouts in den Fokus genommen. Wie findet dieses Ausbildung statt?
Gefragt nach Aufgaben und Merkmale von Medienscouts an den Schulen konnten Schülerinnen und Schüler in
offenen Fragen ihre Meinung zu den von ihnen an den Schulen übernommenen Aufgaben und ihrem Verständnis von einem guten Medienscout formulieren. Mehr als die Hälfte der Befragten in der Onlinebefragung 1
(26 von 46) gaben eine Antwort zur offen formulierten Frage (siehe Onlinebefragung). Clustert man die Antworten nach Häufigkeit der Nennung (Mehrfachnennungen möglich), so lassen sich folgende Hauptaufgaben
festmachen, die die Ur-Scouts nach der Ausbildung ihrer Meinung nach übernehmen werden: Als Aufgabe
wird neben Helfen und Beraten (12N) auch Informieren und Aufklären (6N) sowie neue Scouts ausbilden (6N),
gefolgt von Streit schlichten (3N) genannt. Die meisten Befragten heben vor allem den Beratungsaspekt der
Medienscouts hervor (12 N). Eine Person nannte alle drei Bereiche:
Schüler: „Wir werden neue Scouts ausbilden, die Schüler und Lehrer über die Gefahren im Internet aufklären
und bei Problemen (Mobbing etc.) helfen.“ (SI1, 53)
Zusammenfassend geht es aus Sicht der Medienscouts selbst bei den Aufgaben der Medienscouts um die Vermittlung des sicheren und selbstbestimmten Umgangs mit Medien, um Hinweise auf die Gefahren der Nutzung
digitaler Medien, vor allem von Social Networks sowie auf die Vermittlung von konkreten Inhalten, wie beispielsweise Passwortsicherheit.
Evaluationsbericht Medienscouts
Gefragt nach den Eigenschaften von guten Medienscouts lassen sich die von den Schülerinnen und Schülern
gegebenen Antworten in drei große Bereiche einteilen, die jedoch nicht trennscharf abgrenzbar sind: Medienscouts sollten Organisationstalent aufweisen, medienkompetent sein, sowie Charaktereigenschaften wie
vertrauensvoll, hilfsbereit und empathisch besitzen. Besonders oft wird Hilfsbereitschaft als Charaktereigenschaft genannt (10N), gefolgt von einem offenen Ohr und der Kompetenz, zuhören zu können (4N) und der
Zuverlässigkeit (4N). Drei Schülerinnen und Schüler nannten explizit Selbstbewusstsein und zwei Mediengewandtheit, während Charaktereigenschaften wie verständnis- und verantwortungsvoll, kontaktfähig, nett,
aufmerksam, pflichtbewusst oder teamfähig auf jeweils eine Nennung kamen. Dies waren alles Themen, die
das soziale Lernen trainieren sollten. Hinsichtlich der Medienkompetenz nannten die Schüler und Schülerinnen vor allem, dass Medienscouts kundig sein müssen im Bereich Internet und Handy, soziale Netzwerke und
PCs, aber dass sie auch „Gefahren kennen und davor warnen“ sollen. D. h. Medienscouts haben eine ungefähre
Vorstellung von Eigenschaften und Kompetenzen sowohl für sie als Medienscouts als auch für die evtl. Auswahl
neuer Medienscouts erworben, die ihr Handeln leiten.
3.3.3 Probleme und Risiken bei der Ausbildung neuer Medienscouts an den Schulen
Als Probleme und Risiken bei der Ausbildung neuer Medienscouts an den Schulen wurde von Schülerinnen
und Schülern und von Lehrenden sowohl im Netzwerktreffen als auch in den Interviews immer wieder vor
allem fehlende Zeit genannt, gefolgt von Problemen ob mangelnder Räume und Ausstattung. Eine große Herausforderung wird im Aufbau von Vertrauen und Interesses bei anderen Schülerinnen und Schülern gesehen,
da es z. T. zu Unsicherheiten sowohl gegenüber älteren Schülern als auch hinsichtlich der einzelnen Themen
oder der Umsetzungsform gibt ( je 2N). Ebenfalls herausfordernd werden die Koordination des Projektes,
wenn die Schule über mehrere Standorte verfügt, sowie der Umgang mit Sprache und Kulturvielfalt wahrgenommen. Kritisch wird von einer Schule der Unterrichtsausfall der Medienscouts gesehen, wenn diese in Informationsveranstaltungen eingesetzt werden.
Zusammenfassend sieht man, dass zur Hälfte des Projekts die Medienscouts in Richtung Informationsveranstaltung ihre Arbeit zu großen Teilen aufgenommen haben. Die Ausbildung neuer Medienscouts stand dabei
weniger im Vordergrund als eher das Bekanntwerden an der eigenen Schule sowie erste Beratungserfahrungen. Größte Herausforderung bei allen Schulen stellt die Zeit dar, die vielen als zu knapp bemessen erscheint,
gerade bei der Integration in den Unterricht. Als eigene Handlungsebene rückt das Thema der Elternarbeit
immer weiter in den Vordergrund. Nicht durch das Projekt intendiert, stellt sich die Elternarbeit neben der
Beratung von Schülerinnen und Schüler sowie der Ausbildung neuer Medienscouts als wichtiges Handlungsfeld der Medienscouts an der Schule dar.
3.3.4 Weitere Planungen
Fragt man nach den Planungen im Rahmen der Plakatanalyse, so geben die meisten Schulen an, die Ausbildung
neuer Medienscouts in Angriff zu nehmen (6N) sowie Elternabende oder Elternsprechtage anzubieten (6N).
Drei Schulen berichten, dass sie ein Beratungskonzept bzw. einen Beratungskatalog planen, eine Schule
möchte ein Ausbildungskonzept entwickeln. Auch die Erweiterung des Projekts in Richtung Oberstufe wird
von einer Schule als Handlungsfeld identifiziert. Daneben sind weitere Informationsveranstaltungen an den
Schulen (2N) sowie die Gestaltung von Werbematerial wie Flyer oder Homepages (4N) geplant. Hier sieht
man, dass die Medienscouts und Lehrpersonen das Projekt eigenverantwortlich gestalten (z. B. durch die Integration von Elternabenden als Element des Projekts Medienscouts), jedoch sind weiterhin noch viele Aufgabenbereiche offen.
3.4 Beratungsangebote an Schulen
An den meisten Schulen ist der Aufbau von Beratungsangeboten (im Gegensatz zu Informationsveranstaltungen) nur zögerlich gestartet. Analysiert man die Fragebögen zur Implementation der Medienscout-Projekte, so zeigen sich auch hier unterschiedliche Implementierungsalternativen: Eine Form, die stark in der
traditionellen Wissensvermittlung von Schule verhaftet bleibt, und eine, in denen die Beratung als offenes
Angebot umgesetzt wird (vgl. Tab. 3).
29
30
Evaluationsbericht Medienscouts
Tabelle 3:Mögliche Informations- und Beratungsangebote der Medienscouts (Umsetzungsberichte; N=10)
Angebot B1 Beratung bei Bedarf
Die Medienscouts stehen Ihren Mitschülerinnen und
Mitschülern in Sprechstunden oder über Online-Foren zur
Verfügung.
Angebot B2 Informationsangebote/
Projekttage
Die Medienscouts besuchen Klassen und informieren zu
bestimmten Themen oder gestalten Informationsangebote für Projekttage (Flyer, Infostand, Vorträge, etc.).
Angebot B3 Elternabend/Lehrerfortbildung
Bei Elternabenden oder Lehrerfortbildungen informieren
die Medienscouts über Themen aus dem Bereich Internet.
An den meisten Schulen ist die Beratung aus Sicht der Teilnehmenden eher verhalten angelaufen, im Rahmen
der Onlinebefragung Medienscouts 2 geben 17 von 23 Personen an, noch keine Beratung durchgeführt zu
haben, die anderen Befragten haben zwei bis drei Beratungssituationen erlebt. Diese Datenlage zeigt sich
auch in den Interviews (z.B. Gym2, Gym3, HS1).
Lehrperson: „(...) Also das Peer-to-Peerkonzept selbst, was die da tun sollen, wie so ´ne Beratung abläuft,
haben die ja- das haben wir noch gar nicht. Das muss ich jetzt in diesem Halbjahr …“ (LI_2\HS1_II, 89)
Lehrperson: „(...) Aber das ist halt einfach noch viel zu wenig ja implementiert als Beratungsinstitution. Wir
sind immer noch auf der Ebene der Werbung und der Information.“ (LI_2\Gym3_II, 28-28)
Dabei wurde die Beratung bei den meisten Schulen bereits ein paar Wochen nach der Ausbildung begonnen,
einige haben bis nach den Ferien damit gewartet (vgl. Onlinebefragung Medienscouts 2). 12 von 17 Befragten
geben an, über ausreichendes Wissen für eine Beratung zu verfügen, nur zwei Personen verneinen dies (vgl.
Onlinebefragung Medienscouts 2). D .h. die Schulen haben mit der Ausbildung gewartet, waren aber in der
Lage, trotz der kurzen Zeit Medienscouts in ihrer Grundausbildung zu qualifizieren. Diese lange Zeitverzögerungen in den einzelnen Schulen hat aber zwei gegenläufige Auswirkungen: Während ein Teil der Schülerinnen
und Schüler darauf wartet, endlich anderen helfen zu können, finden es andere gut, dass noch keine Beratung
stattgefunden hat:
Schüler: „Ja, weil ich denke, dass das dann auch so für die Leute also lieber hat man dann keine die gemobbt
werden, als andauernd welche, die gemobbt werden und man hat dafür dann Einsatz.“ (SI\Gym2, 43-49)
Hier können also die Medienscouts der einzelnen Schulen nicht miteinander verglichen werden, da hier eine
sehr unterschiedliche Kompetenzeinschätzung vorliegt. Diese Einschätzung ist unabhängig von Geschlecht
und Schulform und spiegelt wahrscheinlich Persönlichkeitsmerkmale.
Bei einigen Schülerinnen und Schülern kommt es zu Beratungssituationen „zwischen Tür und Angel“, d. h.
die Medienscouts werden zum Teil in der Pause informell angesprochen:
Lehrperson: „Da war ich auch sehr positiv überrascht. Dass also Schüler hingehen und sagen ‚Hör mal, du
kennst dich doch da aus, du bist doch da irgendwas, ich hab das und das‘ (...) Und da auf dem Flur oder auf
dem Schulhof, ja im Nebenbei, schon ganz viel an Beratung passiert ist.“ (LI_2\HS2_II, 49-51)
Bei denjenigen, die schon Mitschüler beraten haben, hat es in den meisten Fällen gut geklappt (4N), bei zwei
Personen sogar sehr gut, eine gab an, „es geht“. Schwierigkeiten waren vor allem das Reden mit „Tätern“
oder rechtliche Fragestellungen. Hier wäre zu überlegen, ob Schülerinnen und Schüler in ihrer Ausbildung
genau auf diese Konflikt- und Rechtsfälle noch fokussierter vorbereitet werden können (vgl. Handlungsempfehlungen, Kap. 7).
Evaluationsbericht Medienscouts
Ein Problem aus Sicht der Medienscouts, die schon eine Beratung durchgeführt haben, dass meist die Lehrpersonen anfragen, was sowohl in der Onlinebefragung als auch in den Interviews deutlich wird:
Schüler: „Die Lehrer, die mit den Problemen zu uns kamen, haben nicht das gleiche Problem geschildert wie
die Schüler. Grundsätzlich kommen zu wenig Schüler, weil alle denken, sie hätten keine Probleme.“
Schüler: „Eher Lehrer, so Mitschüler kommen jetzt nicht so oft. Ich denke mal, das ist dann denen auch peinlich,
zum Beispiel wenn man jetzt gemobbt wird über das Internet oder so, dann will man das ja jetzt nicht so offen
machen.“ (SI\Gym1, 21-23)
Dies berichten sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen (vgl. LI_2\GS1_II). D. h. für direkte
Beratungen scheint es noch Hindernisse zu geben, sei es durch mangelnde Kenntnisse vonMedienscouts, sei
es aufgrund der Implementationsform (offen vs. geschlossen), sei es aufgrund von Scham oder Angst. Die
meisten der Medienscouts werden also im Moment nicht als Berater, sondern eher als Informationsvermittler
an den Schulen eingesetzt. Hier erweisen sich die Lehrpersonen oft als Mittler, die zwischen einer direkten
Peer-to-Peer-Beratung stehen bzw. diese erst möglich machen. Medienscouts scheinen sich an den Schulen
noch nicht in dem Maße etabliert zu haben, als dass Schülerinnen und Schüler direkt auf die Scouts zugehen.
Ob dies in Zukunft gelingen kann, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Grundsätzlich wird die Unterstützung durch die Beratungslehrerinnen und -lehrer als positiv gewertet. Sie sind Ansprechpartner, beantworten
Fragen und informieren die Medienscouts an der Schule.
Schaut man sich den Beratungsbedarf genauer an, so sind die Beratungsfälle ganz unterschiedlich gelagert,
von Problemen in Chaträumen (SI\Gym1, 24 - 27) bis hin zu Sicherheitseinstellun-gen oder Mobbing auf Facebook (LI_2\RS2_II) und Urheberrechtsfragen (LI_2\GS1_II, 78-79). Einige Medienscouts wurden auch bei
realen Mobbingfällen an den Schulen zu Rate gezogen (ebd.).
Ein Problem stellt in manchen Fällen auch das Ernstnehmen der Medienscouts bei den Mitschülern dar. So ist
es einigen Medienscouts passiert, dass sie bei der Vorstellung ihrer Arbeit in den Klassen ausgelacht wurden,
andere Mitschüler bezeichnen das Handeln als Medienscouts schon mal auch als „Opfersache“ (SI2\HS2).
Auch Lehrpersonen fällt diese Problematik auf:
Lehrperson: „Dass die dann auch ernst genommen werden und nicht nur einfach so daher reden, sondern dass
die wirklich da sich auseinandergesetzt haben und dass die das dann auch so wahrnehmen.“ (LI_2\HS1_II, 153)
Das beschriebene Phänomen kann durchaus die Implementation und Akzeptanz von Medienscouts an einer
Schule behindern. Weitere Untersuchungen sollten beobachten, wie die Medienscouts von Mitschülerinnen
und Mitschülern eingeschätzt werden und welche Auswirkungen dies auf die Arbeit der Medienscouts hat.
Die Beratungssituation von Medienscouts beschränkt sich aber nicht nur Peer-to-Peer-Situation zwischen
Mitschülerinnen und Mitschülern, sondern Medienscouts werden auch schon mal von Lehrpersonen angesprochen und es findet eine Informationsvermittlung gegenläufig zur Hierarchie statt:
Schüler: „(...) und es gab aber auch schon Lehrer, die zu uns kamen, ob man nicht mal erklären könnte, wie
man sich am besten auf Facebook und so verhält, wie man sich das da so am besten anlegt, weil die Lehrer
sind da eigentlich auch interessiert dran, aber die wissen das auch nicht so richtig, wie man sich das am besten
anlegt.“ (SI\Gym1, 24-27)
Dieser Fall wird aber als einziger von den Medienscouts berichtet, ansonsten treten die Lehrpersonen an die
Medienscouts heran, wenn sie eine Vermittlung von Medieninhalten in ihren eigenen Klassen haben wollen
oder aber Probleme im Bereich der Medien bei ihren Schülerinnen und Schülern sehen.
31
32
Evaluationsbericht Medienscouts
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Beratung noch nicht in dem Maße stattgefunden hat, wie
sich das die Medienscouts erhofft hatten. Diese Beobachtung deckt sich aber auch mit anderen Innovationsprojekten an Schulen, die nachweisen konnten, dass Implementationen von Innovation an Schulen deutlich
längere Zeiträume beanspruchen, als sie im Projekt zur Verfügung standen. (Hunneshagen, 2005). Finden
Beratungssituationen statt, so sind diese meist sehr informell auf dem Schulhof oder durch Lehrpersonen
vermittelt. Dabei sind die Beratungssituationen meist orientiert an Problemen wie Chats oder Sicherheitseinstellungen bei Facebook. Alle befragten Medienscouts wünschen sich eine Ausweitung der Beratungssituation.
3.5 Veränderung des Medienhandelns
Das Ziel des Projekts „Medienscouts NRW“ liegt vor allem in einer Veränderung des Medienhandelns, das durch
die Peer-Interaktion angeregt und aufgebaut werden soll. Dazu wurden während des Projekts sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen gebeten, ihr Medienverhalten einzuschätzen.
3.5.1. Veränderung des Medienhandelns von Schülerinnen und Schülern
Direkt nach der Ausbildung der Ur-Scouts stellte man Schülerinnen und Schüler des Weiteren eine offenen
Frage zu ihrer Meinung nach dem Lernerfolg. Die meisten Schülerinnen und Schüler geben an gelernt zu
haben, wie man mit Facebook und Mobbing umgeht. Exemplarisch dafür kann folgende Aussage stehen:
Schüler: „Als Medienscout kann man verhindern, dass man komische Bilder ins Internet stellt.“ (SI1)
Anhand von Äußerungen auf dieser Stufe sieht man aber auch, dass das Thema der Reflexion eher wenig verankert ist. Schülerinnen und Schüler scheinen vor allem konkretes Handeln erworben zu haben, zumindest
ist es dies, was sie als Lernerfolg ausweisen. Weiterhin geben sie auch an, zu wissen, wann man sich Hilfe
holt, beispielsweise bei Suchtproblemen im Spielebereich. Generell ist das Thema Spiele für sie zwar interessant gewesen, aber die meisten gehen davon aus, dass dies keinen Einfluss auf ihre Arbeit haben wird, da bei
Computerspielen kaum Medienscouts-Hilfe in Anspruch genommen werden wird. Bedarf sehen die meisten
Medienscouts vor allem beim Thema Mobbing. Hinsichtlich eines Wissens rund um Beratungssituationen, die
sie im Rahmen des Medienscout-Projekts an ihrer Schule übernehmen, sind sich mehrere Schüler unsicher,
ob sie in diesem Bereich genügend qualifiziert sind, obwohl dies im Bereich des sozialen Lernens vermittelt
worden ist. Weiterhin haben sie (noch) keine konkrete Vorstellung, wie Nachfragen oder ihre Arbeit an der
Schule aussehen könnten. Generell wird eher davon ausgegangen, dass die Nachfrage gering sein wird und
dass der Aufbau eines solchen Konzepts Zeit braucht. Hier werden vor allem noch konkrete Erfahrungen benötigt. Gefragt nach einem (veränderten) Mediennutzungsverhalten nach der Ausbildung, geben Schülerinnen und Schüler an, dass sich ihr Medienverhalten verändert hat. Sie geben an, dass sie wissen, was man im
Internet machen sollte und was nicht. Inwieweit diese Aussage durch soziale Erwünschtheit hervorgerufen
ist, kann an dieser Stelle nicht abschließend beurteilt werden. Interessant ist jedenfalls, dass es kurz nach
der Ausbildung an einer der beteiligten Schulen zu einem Fall von Cybermobbing kam, an der ein Ur-Scout
beteiligt war. Diese Tatsache lässt darauf schließen, dass zumindest nach der Ausbildung nicht unbedingt
von einem geänderten Mediennutzungsverhalten oder von tiefergehenden Reflexionsprozessen bei allen
Schülerinnen und Schülern ausgegangen werden kann. Hier sind jedoch weitere Abklärungen im Rahmen
vertiefender Analysen notwendig.
Medienscouts sind allerdings nach eigener Einschätzung kritischer geworden, was sie im Internet machen
und überlegen nach eigenen Angaben nochmals, bevor sie ein Häkchen irgendwo machen. Viele der Medienscouts haben ihre eigenen Accounts und Profile nochmals überprüft. Die Nutzung des Internets hat sich bei
vielen in der eigenen Wahrnehmung nicht verändert. Fragt man Schülerinnen und Schüler, was für sie medienkompetentes Verhalten ist, so fokussieren sich diese vor allem auf angemessenes Verhalten im Internet.
Medienkompetenz heißt für die Schülerinnen und Schüler, zu wissen, was man ins Internet stellt und wie man
bei Mobbing im Internet vorgeht. Ebenfalls gehört die Einstellung von Privatsphäre zur Medienkompetenz.
Evaluationsbericht Medienscouts
Dabei geben Schülerinnen und Schüler sowohl in den Onlinebefragungen als auch in den mit ihnen geführten
Interviews an, mehr auf ihr Handeln mit Medien zu achten und sich vorsichtiger im Internet zu bewegen:
• Ich achte jetzt viel mehr auf meine Sicherheit im Internet.
• Ich achte mehr auf Medien und gehe da mit besser um.
• ich pass‘ mehr auf worauf ich gehe.
• ich bin durch die Ausbildung vorsichtiger geworden.
• Wenn ich mir etwas herunter lade, ein Programm oder so, lese ich mir seit der Ausbildung IMMER die AGBs
durch. Ich habe auch gemerkt wie wichtig das ist, so haben sich bereits manche tollen kostenlosen Programme als Trojaner erwiesen.
• Meine eigene Nutzung mit Social Communities ist vorsichtiger geworden. Auch versuche ich anderen
immer zu helfen, wenn sie Fragen haben. Mein Blick auf andere wurde kritischer.
• In Facebook achte ich mehr da drauf, was ich schreibe und was für Spiele ich spiele.
Ebenfalls wurden Lehrende nach den Ausbildungsworkshops gebeten, die Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler aus ihrer Sicht zu schildern. Obwohl sich einige Lehrpersonen hier schwer taten, da sie
nicht wüssten, was Schülerinnen und Schüler vor der Ausbildung schon konnten, haben dennoch einige Lehrpersonen von ihren Beobachtungen berichtet. Diese Einschätzungen der Fähigkeiten waren sehr unterschiedlich: Viele Lehrpersonen fanden, dass die Schülerinnen und Schüler vor allem soziale Kompetenzen und Methoden erhalten haben, ebenso wie einen sicheren Umgang mit Medien. Einige Schülerinnen und Schüler
haben allerdings aus Sicht der Lehrpersonen zu wenig reflektiert und keinen Anknüpfungspunkt des Lernstoffes in den Workshops zu ihrem eigenen Medienhandeln gefunden. Was aber bei vielen Schülerinnen und
Schülern sichtbar wurde, war eine verstärkte Verantwortungsübernahme für Mitschüler, wie auch Lehrpersonen berichteten:
Lehrperson: „Und nicht nur das das eigene Verhalten, sondern auch auf Mitschüler zu achten. Also auch 'ne
Verantwortungsübernahme, finde ich, hat stattgefunden. Also dass die gezielt auch nochmal sagen, ‚also das
mit der Gesichtserkennung jetzt bei Facebook war ganz- Mensch da müsst ihr aufpassen, entfernt das Häkchen.
Das macht man so und so. Da müsst ihr auf die und die Seite gehen. Und unter dem Button das Kreuz wegnehmen.‘ Und das finde ich schon schön. Auf der einen Seite natürlich das für sich selber zu reflektieren, aber auch
zu sehen, ‚Hey, jetzt weiß ich was, was andere nicht wissen und ich hab' jetzt die Verantwortung, ich bin Medienscout, und ich hab die Verantwortung ich muss das kommunizieren. Und das dann auch zu tun‘. Find' ich
schon toll.“ (LI_1\GS3, 29)
Allerdings ist diese Verantwortungsübernahme und die eigene Rolle als Vorbild anderen Medienscouts viel
weniger klar (LI_2\RS1_II, 71-77). Medienscouts selbst schätzen sich vor allem als vorsichtiger in ihrer Mediennutzung ein und haben Einstellungen verändert.
Schüler: „Ja im Internet passe ich dann auch sehr auf, also les‘ genau was durch, wenn da noch was klein
gesch- klein steht, was ich vorher jetzt nicht so gemacht habe. Weil, ich hab‘ ja immer gedacht, dass das nicht
wichtig ist. Aber das ist ja eben sehr wichtig.“ (SI\HS1,121)
Ebenfalls wurden die Lehrpersonen nach dem Workshop bzw. vor dem Projektbeginn an der Schule befragt,
wie sie die Wirksamkeit der Medienscouts einschätzen bzw. welche Probleme diese an der Schule lösen sollen.
Die meisten Lehrerinnen und Lehrer versprachen sich von den Medienscouts eine Anlaufstelle für Hilfesuchende und eine Sensibilisierung der Mitschüler. Weiterhin sollten Medienscouts ihr eigenes Medienhandeln
reflektieren und dadurch als Vorbild an den Schulen wirken.
Lehrperson: „Ich wünsche mir vor allen Dingen, dass die Schüler untereinander merken, sie können sich da
Hilfe holen.“ (LI_1\GS2, 94)
33
34
Evaluationsbericht Medienscouts
Lehrperson: „Beziehungsweise vielleicht auch mal das Ohr zu leihen und zuzuhören, 'n Ansprechpartner zu
sein, wo ich vielleicht auch mal meine Sorgen lassen kann oder wo ich in 'nem geschützten Raum erst mal
meine Bedenken zu irgend ‘nem Thema äußern kann, ohne dass das gleiche die Runde macht.“ (LI_1\GS3, 47)
Im Großen und Ganzen sind diese Erwartungen an das Projekt erfüllt worden. Die Hauptveränderungen bei
den Schülerinnen und Schülern werden sowohl extern beurteilt durch die Lehrpersonen als auch selbst eingeschätzt von Schülerinnen und Schülern vor allem im Bereich eines bewussten Umgang mit Medien und
damit verbunden mit einer Reflexion des eigenen Medienhandelns gesehen (z. B. LI_1\RS2, 36, LI_1\Gym1,
52), was sich beispielsweise in der Änderung von Privatsphäre-Einstellungen in Social Networks zeigt. Fasst
alle Schülerinnen und Schüler haben nach der ersten Ausbildung ihr Profil bei Facebook und anderen Diensten
angepasst.
Schüler1: „Achso, also in Facebook kann man ja halt Sachen einstellen, dass man nicht direkt auf persönliche
Daten zugreifen kann und das habe ich dann auch ausgestellt.“ (SI\RS2, 76-78)
Schüler3: „Ich habe bei mir nochmal drüber geguckt, ob alles in Ordnung ist.“ (SI\RS2, 76-78)
Doch neben den aktuellen Veränderungen im Bereich des Medienhandelns (z. B. Facebook-Profil anpassen)
gehört zu einem angemessenen Verhalten in und mit Medien auch Einstellungen, die im Projekt verändert
werden sollten. Daher sollten Schülerinnen und Schüler anhand vorgegebener Aussagen Umgang mit und ihr
Verständnis über Medien reflektieren bzw. ihre eigene Medienbewertungskompetenz einschätzen. Zugrunde
gelegt wurde in der Onlinebefragung 1 (N=26) die Fragebatterie „Judgement“ aus der Befragung nach Jenkins
(2010). Gefragt nach der Einschätzung des eigenen Mediennutzungsverhaltens gaben die meisten der Befragten an, dass sie sich gut im Internet auskennen: Die Hälfte gibt bei allen Skalen an, diese unterschiedlichen Informationen gut bewerten zu können. Auch bei der Frage nach der angemessenen Nutzung von Suchmaschinen schätzen sich die meisten Jugendlichen als gut bis sehr gut ein. Die größte Unsicherheit herrschte
bei der Entscheidung, ob online gefundene Informationen richtig und zuverlässig sind. Hier sind durchaus
Parallelen zu anderen Untersuchungen zu ziehen (Schiefner-Rohs, 2012). Ebenfalls ist darauf hinzuweisen,
dass es sich hierbei nicht um objektive Messungen von Kompetenzen handelt, sondern lediglich um Selbsteinschätzungen. Diese können jedoch aufgrund verschiedener Einflüssen verzerrt sein (vgl. (Kruger & Dunning, 1999).
Ich kann Vorurteile oder Fehler in Medien identifizieren
(z. B. Rassismus auf Webseiten, Vorurteile gegenüber
Frauen in Liedtexten, usw.)
3
Ich bin in der Lage die richtigen Worte in die Suchmaschine
einzugeben, um das zu finden, wonach ich suche.
2
2
Wenn ich nach etwas online suche und Tausende
von Ergebnistreffern bekomme, kann ich effektiv
entscheiden, welche für mich am brauchbarsten sind.
Ich kann entscheiden, ob eine Information, die ich online finde,
richtig und zuverlässig ist.
2
1
0
teils teils
1
9
6
7
1
11
7
5
5
10
6
7
2
stimme eher nicht zu
4
6
1
Wenn ich an einem Thema interessiert bin, suche ich mir
Informationen von einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen
(wie TV, Radio, Internet, usw.), um ein ganzes Bild zu erhalten.
stimme nicht zu
6
2
11
6
10
stimme eher zu
7
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1
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stimme zu
Abbildung 12: Bewertung von Medien und ihren Inhalten als Teil von Medienhandeln (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
25
keine Antwort
Evaluationsbericht Medienscouts
Lehrpersonen schätzen die Veränderung im Medienhandeln und den Einstellungen der Schülerinnen und
Schüler nicht ganz so gravierend ein wie diese selbst. So geben kritische Stimmen zu bedenken, dass den
Schülerinnen und Schülern dies zwar kognitiv bewusst ist, sich diese Verhaltensänderung zum Teil aber nur
auf Privatsphäre-Einstellungen beschränkt und darüber hinaus wenig wirksam wird. Dies zeigt sich beispielsweise im Mobbingfall einer Schule, in dem auch ein Medienscout verwickelt war:
Lehrperson: „Also weil wir jetzt auch gerade die Woche momentan so'n Fall haben, wo ein Schüler über Facebook halt richtig bedroht worden ist, halt auch in meiner Klasse. (...) Und wo ich mir dann sag‘: Ja toll. Jetzt
haben wir diese Ausbildung gemacht und was ist dann angekommen? (...) Aber unter anderem war auch dieser
Junge, der an dieser Ausbildung jetzt teilgenommen hat, mit da drin.“ (LI_1\HS2, 58)
Dabei gibt es vor allem einen Konflikt zwischen kognitivem Wissen und Handeln, wie aus den Interviews mit
den Lehrpersonen deutlich machen:
Lehrperson: „Ja, mal schauen. Also was auf jeden Fall oder auch bei dem Mädchen, die ich dann noch aus
meiner Klasse ausgesucht habe, also sie hat schon bei- auch für sich behalten, dass man nicht alle Daten weitergeben sollte und drüber nachdenken sollte, was man überhaupt angibt. Und das hat dieser Junge halt eben auch
gesagt. Dem ist das auch, glaub‘ ich, klar. Dass das da im Netz jetzt steht. Nur... unüberlegt.“ (LI_1\HS2, 58)
Lehrperson: „Aber, wenn ich dann zwischendurch mal online bin, dann bin ich ja auch mit meiner Klasse und
mit den Medienscouts daraus verbunden. So, und wenn ich mir das manchmal so angucke, was die da selber,
also wie unreflektiert die da Sachen zum Teil machen ... obwohl sie jetzt selbst durch die Ausbildung durchgegangen sind und noch andere ausgebildet haben. Dann kann ich mir schon manchmal an den Kopf fassen, nur.
Und gleichzeitig haben die doch wirklich schon ein Wissen und schätzen das schon auch realistisch ein, wenn
man sie drauf anspricht, ne.“ (LI_2\RS1_II, 65)
Hier scheint es noch nicht zu einer Einstellungs- und Verhaltensänderung tiefgreifender Art gekommen zu
sein. In einigen Fällen hören sich die Aussagen der Medienscouts auch so an, als ob sie „auswendig gelernt
wären", d. h. Schülerinnen und Schüler haben ein Wissen darüber, was „die Erwachsenen" hören wollen. Eine
Übernahme in das eigene Selbst- und Handlungskonzept ist jedoch nicht immer feststellbar bzw. bleibt auf
einer basalen Ebene stehen und wird von den Lehrpersonen auch so eingeschätzt:
Lehrperson: „(...) also bei den Achtern, wo wir drin waren, da hat man doch ganz deutlich gemerkt, dass sie
ins Nachdenken gekommen sind. Aber man hat auch gemerkt, dass die die Medien trotzdem intensiv nutzen.
allerdings haben jetzt die meisten wirklich ihre Facebookseiten soweit angepasst, dass sie recht geschützt sind.
Ich denke mal, man hat sie ins Nachdenken gebracht, aber ich glaube,- ich weiß noch nicht genau, ob sich so
viel geändert hat.“ (LI_2\GS2_II, 37)
Schülerinnen und Schülern ist dabei aus Sicht der Lehrpersonen manchmal nicht klar, wie sie diese neuen
Informationen einordnen sollen bzw. wie relevant dies für sie ist. Besonders treffend ist die Schilderung einer
Lehrperson:
Lehrperson:„Also ich hab' gemerkt, die haben viel User-Wissen, aber die können nicht immer alles richtig einschätzen. Aber ich hatte den Eindruck, sie sind nicht an den Punkt gekommen, genau zu differenzieren zwischen dem ‚Ach, das weiß ich schon‘ und zwischen dem ‚Oh, da muss ich dazu lernen‘. Es gab so einige markante
Punkte, wo die gesagt haben, ‚ach das war mir nicht so klar. Das Internet vergisst gar nichts, das wusste ich
nicht. Sondern ich dachte, das ist wie Fernsehen einschalten- ausschalten‘. Also wo, ich denke, es ist schon
niges an Lernprozess gelaufen, aber für die Schüler, im Nachgespräch haben die immer geäußert ‚Kannte ich
schon, war fast nichts Neues für mich‘." (LI_1\GS1, 16)
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36
Evaluationsbericht Medienscouts
Jedoch gibt es auch positive Effekte, die sich vor allem im Bereich der Präsentationskompetenz und der
Charakterentwicklung formulieren lassen. Zum Teil geben die Medienscouts an, dass genau hier ein großer
Lernprozess im Laufe des Medienscout-Projekts stattgefunden hat.
Schüler: „Ganz stark Improvisation in Vorträgen (...) Also meine Nervosität ist gesunken bei auf jeden Fall
Vorträgen so gut wie gar nicht mehr da. Einfach wie ich mich präsentiere nach Außen hin, das ist ganz stark
geschult geworden durch die Medienscouts.“ (SI\Gym2, 50-54)
Diese Ergebnisse werden auch von den Lehrenden unterstützt. Hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung
gibt es Schülerinnen und Schüler, die nach Aussagen ihrer Lehrpersonen sehr von der Ausbildung zum Medienscouts profitiert haben:
Lehrperson: „Und die vierte Person die wir haben, da bin ich völlig beeindruckt, weil das eigentlich 'ne sehr
Schüchterne war, die ganz zaghaft anfangs mitgekommen ist, die inzwischen so sehr an Selbstbewusstsein gewonnen hat, durch diese Ausbildung, durch dieses ständig mit wechselnden Leuten mit anderen Methoden mit
dem positiven Feedback, jo du machst hier was, was wichtig ist, zusammenkam und so positive Erfahrungen
gemacht hat, dass die als Person wesentlich selbstbewusster auftritt und freier und offener, und wirklich sich
traut, Menschen anzusprechen, aber auch in 'ner Gruppe, also auch in dieser Gruppe, aber auch in anderen
Gruppen, plötzlich so sagen kann, ok jetzt lass‘ uns doch mal voran gehen und wie machen wir das jetzt, und
ich schlag‘ jetzt vor; wir machen das so und so, und könntest du nicht die Rolle übernehmen usw. Also so ganz
feine Leitungsqualitäten auch entwickelt, die einfach so noch nicht zu sehen waren, also wo wirklich so ‘nen
großer Persönlichkeitsentwicklungsprozess zu sehen ist. Bei den anderen eben einfach nur fortgeführt wurde,
was sowieso da war und sicher auch ein paar Prozentpunkte verbessert ist, wo man sieht ach ja, klasse. Aber
bei ihr wirklich so ‘nen Sprung passiert ist, der ihr so richtig gut getan hat.“ (LI_2\GS1_II, 40)
Diese Entwicklung überraschte selbst die Lehrperson (ebd, 41). Auch andere Lehrer nehmen ein gesteigertes
Selbstbewusstsein bei ihren Medienscouts wahr ( LI_2\Gym3_II, 30, LI_2\HS2_II, 39; LI_2\RS2_II, 16). Dieser Effekt zeigt sich schul- und geschlechtsübergreifend, so dass hier von einem großen Erfolg des Medienscout-Projekts auf die Entwicklung von Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler ausgegangen werden
kann.
3.5.2 Veränderungen im Medienhandeln von Lehrpersonen
Doch nicht nur auf Seiten der Schülerinnen und Schüler hat eine Veränderung im Medienhandeln stattgefunden. Auch bei den Lehrpersonen ist eine solche Veränderung nach eigenen Aussagen feststellbar. Lehrpersonen wurden nach der ersten Ausbildungsphase an der Universität gefragt, was sie gelernt haben. Vergleicht
man die Antworten, so geben die Lehrpersonen an, vor allem einen Überblick über die Teilthemen erhalten
zu haben. Vor allem aber Sicherheitsfragen und rechtliche Aspekte waren relevant. Lehrende geben zu Protokoll, aufmerksamer geworden zu sein. Interessant für sie waren vor allem Hintergrundinformationen wie
bewusstes Surfen, Einstellen von Fotos und AGBs. Die Nutzung der Medien war z. T. nicht neu. Ein weiteres,
nicht intendiertes Lernziel wurde in der Wahrnehmung der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler gesehen.
Lehrende geben an, dass sie neben den inhaltlichen Aspekten auch mehr über die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler gelernt zu haben. Ängste auf Lehrerseite, die hinsichtlich der unterschiedlichen Medien vorhanden waren, wurden abgebaut. Bei einigen Lehrenden hat sich nach eigenen Angaben die Art der Nutzung
verändert: Eine reflektierte Nutzung ist feststellbar, sowohl in der eigenen Erfahrung, als auch in der Weitergabe an Kollegen. In einigen Fällen ist feststellbar, dass so auch die Lehrpersonen zu Medienscouts für
Lehrpersonen werden.
Bei einigen Lehrpersonen hat sich der Umgang mit Medien deutlich liberalisiert, was zum Teil auf den im Projekt erlangten Erkenntnisgewinn zurückzuführen ist:
Evaluationsbericht Medienscouts
Lehrperson: „Also ich hatte davor auch schon 'n guten Umgang mit Medien, aber ja, ich sehe vieles anders.
(...) Lockerer, entspannter. also gerade der Umgang mit Handys im Alltag, der Umgang mit den Social Networks.
Ja, diese Sachen haben sich schon geändert. Auf jeden Fall.“ (LI_1\GS2, 31-34)
Lehrpersonen haben zu großen Teilen erkannt, dass sie sich digitalen Medien nicht mehr entziehen können
und konnten mit Hilfe der Ausbildung auch eigene Ängste abbauen:
Lehrperson: „Ja, also gerade weil ich nicht so viel Überblick hatte, hatte ich bei ganz vielen Sachen sehr viel
Vorbehalte, Ängste. Lieber nicht, nein, möglichst vorsichtig sein, aber ich weiß auch nicht genau wie. Und das
hat sich für mich geklärt, dass ich eben jetzt weiß, ok, das ist der Bereich, da muss man vorsichtig sein. Mit
seinen Daten geht man nicht frei hausieren. Bei Facebook muss man Privatsphäreneinstellungen sehr gewissenhaft überlegen. Was will ich denn von mir veräußern? Was nicht? Und so weiter. Oder, oder, wo klicke ich
drauf, wo muss ich was zahlen? Könnte auch was fingiert sein? Und 'n anderer Bereich ist völlig ok und da kann
ich mich aufhalten und da lauert nicht an jeder Ecke einer Falle. Sondern manches kann man einfach benutzen
und Spaß dran haben. Und eben auch, ja die sozialen Fähigkeiten, die im Netz dann auch wieder wichtig sind,
sind die gleichen, die auch im Real Life wichtig sind. Und für intakte Jugendliche und intakte Erwachsene ist
das eben 'ne große Möglichkeit und nicht so sehr Gefahr.“ (LI_1\GS1, 11-12)
Viele Lehrpersonen haben nochmals kognitives Wissen im Bereich Medien erworben um „auf dem Laufenden
zu sein“ (LI_1\GS3, 19, LI_1\RS2), vor allem Datenschutz und Sicherheit (LI_1\GS1, 12; LI_1\GS3, 19), aber
auch Facebook generell waren Inhalte, die die Lehrpersonen schätzten und in welchen sie sich nach der Ausbildung deutlich kompetenter fühlten (LI_1\GS3, 18-19). Ebenso geben die Lehrpersonen an, nochmals einen
Einblick in die Medienwelt von Schülerinnen und Schülern, aber auch über deren Probleme in und mit digitalen
Medien erhalten zu haben:
Lehrperson: „Was sich verändert hat, möglicherweise mein eigener Blickpunkt, als wenig bis gar kein…, also
ich benutze gar nicht Facebook, weil ich halt einfach auch nicht die Zeit hab‘. Das ist einfach so. Und sehe ich
halt, wie stark die Schüler über soziale Netzwerke, wie stark sie das beschäftigt und wie stark sie damit vernetzt
sind. Aber halt auch im positiven Sinne, weil ja immer so geschimpft wird über Facebook und was weiß ich, das
halt der Schüler eigentlich schon viel Wissen über Medien. Also, oder über auch- vor allen über die Nutzung von
sozialen Netzwerken, dass es da auch Lücken gibt. Das ist klar. Das ist klar und die wir als- halt die unsere UrScouts dann halt auch ausgeglichen wissen. Aber die sind total fit in solchen Dingen und überdenken, wenn
man, zumindest dann, wenn man sie auch nochmal kurz darüber anstößt, überdenken sie ihr eigenes Verhalten
und das habe ich gelernt.“ (LI_1\Gym3, 20-23)
Das Team externer Experten wurde kaum genutzt, vor allem weil die Lehrpersonen zum einen noch nicht so
weit waren, als dass solche Fragen aufgetaucht wären, oder bisher nur Anfragen hatten, die sie nach eigenem
Bekunden selbst beantworten konnten:
Lehrperson: Allerdings muss ich auch sagen, so weit reichende Fragestellungen haben sich bei uns auch nie
ergeben. Also, es ... Wir haben uns da schon immer in dem Informationsauftrag, sozusagen, oder Beratungsauftrag in den Dimensionen gesehen, die wir auch in den Workshops zusammen erarbeitet hatten und ... das
war, das da hatte ich nicht die Notwendigkeit ergeben. Da sind auch nicht solche Fragen aufgekommen. Also,
wir haben da tatsächlich einmal drüber gesprochen auch, dass das ja dieses Angebot eben auch gibt und haben
überlegt: Sollen wir uns auch mal da dran wenden? Aber uns fielen dann einfach keine Fragen an, die wir nicht
auch mit Hilfe der Materialien beantworten konnten, oder die wir schon beantwortet bekommen hatten.“
(LI_2\RS1_II, 135)
Doch nicht nur der private Bereich hat sich verändert, einige Lehrpersonen nennen auch Veränderungen im
schulischen Medieneinsatz:
37
38
Evaluationsbericht Medienscouts
Lehrperson: „Ich würde sagen, im Privaten denke ich schon. Also wenn ich jetzt gewisse Dienste verwende,
wie Wikipedia, das ich halt‘ schon tatsächlich auf Autorenschaften oder Autorenschaftstärke achte. Vielmehr
bezieht sich's aber irgendwie auf den schulischen Bereich, würde ich sagen. Also, das was Schüler da gelernt
haben und ich auch, also reich inhaltlich. … finde ich halt, dass die auch sehr gut auf die schulische oder auf
'ne Medienarbeit mit Schülern übertragen. Also vor allen Dingen, wenn man zum Beisp- als Beispiel das Fach
Geschichte nimmt und die Schüler Referate zu gewissen Themen halten lässt, ist bisher immer relativ unreflektiert vonstatten gegangen. Also auch in meinem Unterricht, wie ich finde. Und das habe ich dazu gelernt, dass
man halt die Ressource Internet benutzt und wie man die benutzt und wie kritisch man die benutzt für 'ne Materialrecherche.“ (LI_1\Gym3, 20-23)
Lehrperson: „Vielleicht nutz‘ ich jetzt mehr fast noch Facebook, so für den Unterricht.“ (LI_1\RS1, 53)
Interessanterweise hat sich die Peer-Education vom Bereich der Schüler auch auf die Lehrer übertragen. So
gibt es einige Lehrpersonen, die angeben, Ansprechpartner für digitale Medien in der Schule geworden zu
sein und eindeutig diese Rolle bekommen, sei es durch Informationsweitergabe des Schulleiters an diese Personen (LI_2\HS1_II, 105), sei es durch Rückmeldungen und Anfragen von Lehrerkollegen:
Lehrperson: „Oder auch nochmal dieses Weitergeben an Kollegen, ich hab‘ auch viele Kollegen, die so sind,
oh nee, und wenn die da alle in den Stunden im VZ und in Facebook und so sind, ne, und auch nochmal halt
dieses Weitergeben ja von, ja, wenn man alles immer so schwarz malt ja, dass das für die Schüler dann noch
attraktiver wird und dass man auch eher versuchen sollte, die Schüler da eben hin zu erziehen. Dass die da
lieber kompetent werden und selber sich bewusst sind, was da passieren kann, wenn sie da alles reinstellen
und so.“ (LI_1\RS2, 41)
Hieran merkt man, dass das Medienscout-Projekt auch die Schule als soziales System und als Organisation
prägt: Einige Schulen haben angefangen, ihr Medienkonzept zu überarbeiten und die Medienscouts darin zu
implementieren (LI_1\RS2, 62, LI_2\GS1_II, 650-51, LI_2\HS1_II, 238) oder die Handyordnung an der
Schule zu überarbeiten (LI_1\Gym3, 32), an anderen Schulen wird das Lehrerkollegium aufmerksam und tritt
mit Fragen hinsichtlich digitaler Medien an die Lehrpersonen heran (LI_2\HS1_II, 105; LI_2\HS1_II, 83).
Auf Schul- und Lehrerkonferenzen stehen die Medienscouts oft auf der Tagesordnung (LI_2\RS1_II) und es
kommt zu einer gewissen Präsenz digitaler Medien in der Schule (ebd., 103). Doch dies ist nicht an allen
Schulen so, es gibt auch skeptische Einschätzungen:
Lehrperson: „Ok. Aber da ist noch kein Impact, dass man jetzt dadurch, dass man die Scouts an der Schule
hat, irgendwie merkt, oh plötzlich ist das Thema Medien irgendwie in der Schulkonferenz oder irgendwie so.“
(LI_2\HS1_II, 68)
Zusammenfassend sieht man, dass das Medienscout-Projekt auch Auswirkungen auf Lehrende hat. Dies betrifft
vor allem den Bereich Social Networks und Datenschutz, über den die Lehrpersonen im Laufe des Projekts
auch mehr Wissen erworben haben. Zusammenfassend haben Lehrpersonen Teile von medienpädagogischen
Kompetenzen (Blömeke, 2000) erworben. Hinsichtlich der Weiterbildung von Lehrpersonen zum Beratungslehrer Medien kann also ein positives Resümee des Projekts gezogen werden. An einigen Schulen führte das
Projekt „Medienscouts NRW“ darüber hinaus zu einer stärkeren Wahrnehmung und Sichtbarkeit von Medien,
sei es auf der Homepage oder in Form von Medienkonzepten.
Evaluationsbericht Medienscouts
3.6 Peer-Learning
Ein Element des vorliegenden Konzepts ist die Methode des Peer-Learning, weswegen im Folgenden auf diesen
Bereich ein besonderes Augenmerk gelegt wird und dabei vor allem die Peer-Learning-Beziehung der Schülerinnen und Schüler als Hauptzielgruppe des Projekts betrachtet wird. Wie ist dieses Konzept der gegenseitigen
Inhaltsvermittlung in Form der Medienscout-Ausbildung und der gegenseitigen Beratung in der Schule von
Schülerinnen und Schülern und von Lehrpersonen angenommen und eingeschätzt worden?
3.6.1 Persönlichkeitsmerkmale
Peer-Learning ist in großen Teilen auch abhängig davon, in welcher sozialen Stellung die Medienscouts stehen.
Somit wurde im Folgenden ausgehend von der Fragebatterie aus Treumann et al. (2007) nach der sozialen
Einschätzung und dem Selbstbild gefragt, das die Medienscouts als Gruppe von sich haben.
Die meisten Niederlagen sind das Ergebnis von Faulheit,
Unfähigkeit oder Dummheit
3
Ich habe oft die erfahrung gemacht, dass Dinge kommen,
wie sie kommen müssen; das ist dann Schicksal
1
3
3
7
Was mit mir geschieht, dafür bin ich
selber verantwortlich
2
9
1
Eigentlich kann ich auf einiges bei mir ziemlich stolz sein
13
6
4
3
Ich kann mir bei Problemen meistens selbst helfen
1 1
Manchmal wünsche ich mir, ich wäre anders
Ich sage immer, was ich denke
3
Im großen und ganzen bin ich mit mir zufrieden
1 1
8
1
6
7
9
8
2
2
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6
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1
3
1
14
10
stimme eher zu
Abbildung 13: Soziale Aspekte; Selbstbild (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
2
4
8
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1
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teils teils
1
5
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0
1
13
6
3
1 1
4
7
5
1
9
12
Ich bin manchmal ärgerlich, wenn ich nicht meinen
Willen bekomme
1
8
8
Ich halte nicht sehr viel von mir
stimme eher nicht zu
5
5
1
2
12
Manchmal habe ich den Eindruck,
dass ich irgendwie überflüssig bin
1
14
5
Ich bin immer gewillt, einen Fehler,
den ich mache, zuzugeben
3
10
3
5
Ich habe schon manchmal mit Absicht etwas gesagt,
was die Gefühle anderer verletzen könnte
4
4
7
Egal, wie sehr man sich bemüht, es gibt immer Leute,
die einen nicht leiden können
stimme nicht zu
12
15
stimme zu
1
20
25
keine Antwort
39
40
Evaluationsbericht Medienscouts
Man sieht, dass ein Großteil der Befragten Ur-Scouts als Peer-Educator im Großen und Ganzen mit sich selbst
zufrieden ist und über ein positives Selbstbild verfügt. So werden die meisten Fragen hinsichtlich der eigenen
Person sehr positiv beantwortet. Sie haben eine positive Selbsteinschätzung und halten Geschehen in der
Umwelt zu großen Teilen von sich selbst beeinflussbar. Fehler geben sie eher zu und attribuieren stabil extern,
d. h. eine Ursachenzuschreibung wird außerhalb der Person gesehen (Weiner, 1986). Hieran sieht man, dass
die Gruppe Ur-Scouts, die in den Projekten tätig ist, ein überwiegend positives Selbstbild von sich hat. Allerdings muss bei der Art der Fragen auch auf Effekte der sozialen Erwünschtheit hingewiesen werden, die auftreten können und auch hier nicht ausgeschlossen werden können.
Ebenso spielt die Peergruppe einen erheblichen Einfluss auf Peer-Learning aus. Daher wollten wir von den
Schülerinnen und Schülern wissen, wie hoch sie ihre aktive Freundeszahl einschätzen. Gleichzeitig wird mit
dieser Frage auch deutlich, wie Schülerinnen und Schüler Freunde definieren. Je nach Größennennung stellt
diese Frage ein Indiz dafür da, ob „echte“ Freunde damit gemeint sind oder Cliquen, oder gar ein Freundschaftsbegriff vorliegt, der den in sozialen Netzwerken gleicht (Stegbauer, 2010). Gefragt nach guten Freunden – ein weiterer Indikator für ihre soziale Stellung – gaben die meisten Schülerinnen und Schüler an, zwischen vier und zehn gute Freunde zu haben. Lediglich eine Person gab an, 250 Freunde zu haben, allerdings
ist nicht klar, ob hier beispielsweise die Freunde in sozialen Netzwerken gezählt wurden.
Die Clique stellt vor allem im Peer-Learning den wichtigen Teil des (informellen) Lernkontextes dar, so dass
nach der Zugehörigkeit in festen Gruppen oder Cliquen gefragt wurde. 17 der 23 befragten Schülerinnen und
Schüler (37 %) sind Mitglieder einer festen Gruppe, sieben geben an, zu keiner festen Gruppe zu gehören (15 %),
und 22 Personen (48 %) gaben keine Antwort. Allerdings ist im vorliegenden Projekt im Gegensatz zu sonstigen Projekten neben der Clique auch die Schulklasse als soziales Aggregat wichtig.
Es ist wichtig für mich, mit meinen Freunden auch online in
Kontakt zu bleiben.
1 1
Wenn ich online bin, fühle ich mich als Teil einer Community.
3
6
4
Ich teile oft Links auf Facebook, Twitter oder StudiVZ usw.
9
8
11
Ich denke, das Lesen der Bewertungen anderer auf Seiten wie
Amazon ist nützlich, damit ich Entscheidungen treffen kann.
2
1
0
stimme eher nicht zu
teils teils
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1
3
9
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3
7
5
Ich mag es, meine Lieblingslinks oder meine kreativen Arbeiten
auf Social Media-Seiten wie Facebook, Youtube oder Twitter
zu teilen.
stimme nicht zu
12
2
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stimme eher zu
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stimme zu
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1
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2
2
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keine Antwort
Abbildung 14: Soziale Aspekte; Medienumgang (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Im Umgang mit sozialen Netzwerken gaben die meisten der Befragten an, dass diese wichtig sind, um mit
Freunden Kontakt zu halten. Hier können ähnliche Ergebnisse nachgewiesen wer-den wie bei den JIM- oder
KIM-Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Interessanterweise fühlen sich die
Schülerinnen und Schüler allerdings weniger als Teil einer Community und teilen auch kaum Links oder kreative
Arbeiten über Social Network Sites.
Evaluationsbericht Medienscouts
Es ist wichtig für mich, mit meinen Freunden auch online in
Kontakt zu bleiben.
3
22
Wenn ich online bin, fühle ich mich als Teil einer Community.
6
Ich teile oft Links auf Facebook, Twitter oder StudiVZ usw.
9
4
Ich mag es, meine Lieblingslinks oder meine kreativen Arbeiten
auf Social Media-Seiten wie Facebook, Youtube oder Twitter
zu teilen.
1
Ich denke, das Lesen der Bewertungen anderer auf Seiten wie
Amazon ist nützlich, damit ich Entscheidungen treffen kann.
1
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teils teils
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stimme eher nicht zu
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stimme nicht zu
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keine Antwort
Abbildung 15: Soziale Aspekte; Teamfähigkeit und Freundschaft (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
Teamfähigkeit wird durchaus als wichtiges Merkmal angesehen, zum einen um bei eigenen Problemen nicht
alleine da zu stehen, zum anderen aber auch, um von Anderen etwas lernen zu können. Die Kommunikation
über das Internet und somit dem Austausch in sozialen Netzwerken wird daher in den Augen der befragten
Jugendlichen einen bedeutender Stellenwert beigemessen. Wichtig für die Motivation während des Projekts,
insbesondere aber für die Ausübung von Peer-Beratung, kann das Moment der Selbstwirksamkeit gelten
(Krapp, Ryan, Jerusalem, & Hopf, 2002; Bandura, 1977). Daher wurden die Scouts auch zu ihrer eingeschätzten Selbstwirksamkeit befragt:
Wenn ein Problem auftaucht,
kann ich es aus eigener Kraft meistern.
2
Wenn eine neue Sache auf mich zukommt,
weiß ich, wie ich damit umgehen kann.
1
Für jedes Problem kann ich eine Lösung finden.
1
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2
8
1 1
9
Schwierigkeiten sehe ich gelassen entgegen, weil ich
meinen Fähigkeiten immer vertrauen kann.
2
9
1
Es bereitet mir keine Schwierigkeiten,
meine Absichten und Ziele zu verwirklichen.
1
Die Lösung schwieriger Probleme gelingt mir immer,
wenn ich mich darum bemühe.
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teils teils
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stimme eher nicht zu
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Wenn sich Widerstände auftun, finde ich Mittel
und Wege, mich durchzusetzen.
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3
1
2
6
11
8
In unerwarteten Situationen weiß ich immer,
wie ich mich verhalten soll.
1
11
2
Auch bei überraschenden Ereignissen glaube ich, dass
ich gut mit ihnen zurechtkommen kann.
2
12
5
Was auch immer passiert,
ich werde schon klarkommen.
stimme nicht zu
8
1
10
15
stimme zu
Abbildung 16: Eingeschätzte Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler (Onlinebefragung Medienscouts 1; N=26)
20
1
25
keine Antwort
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Evaluationsbericht Medienscouts
Das Selbstverständnis in Bezug auf Problemlösefähigkeiten und den Umgang mit schwierigen bzw. unerwarteten Situationen zeigt, dass der Großteil der Befragten überwiegend zuversichtlich und selbstsicher ist und
ein positives Selbstbild von sich hat. Vertrauen auf eigene Fähigkeiten trägt zu einer positiven Selbsteinschätzung bei, die durchaus ein wesentliches Merkmal ist, um als Scout beratend und unterstützend Hilfesuchenden zur Seite zu stehen.
3.6.2 Einschätzung des Peer-Learning durch Schüler und Lehrer
Gegen Ende des Projekts wurden sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen danach gefragt,
wie sie das Peer-Konzept einschätzen. Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler wird das Peer-Konzept zwiespältig beurteilt. Es gibt Medienscouts, die diese Peer-Beratung durchaus als positiv beurteilen:
Schüler: „Und vor allem die Peerberater … hat mir jetzt vor allem auch geholfen, nicht nur bei den Medienscouts
sondern auch persönlich, zum Beispiel, ich spreche jetzt auch viel anders mit den Menschen, weil ich ja gelernt
habe, wie redet man mit Opfer oder Täter sage ich mal oder so, ich merke das auch schon selber, auch mit
meiner Mutter oder so, ich sprech‘ ganz anders, wie diese Peerberatung, weil wir das anders gelernt haben,
und das man nicht sofort, ich sag mal, so einen aggressiveren Ton hat, sondern immer ruhig bleibt und, mir
hat‘s sehr geholfen auch in persönlichen Sachen.“ (SI\Gym1, 57)
Dabei heben sie vor allem die bessere Kommunikation zwischen Schülern hervor:
Schüler2: „(...) die Schüler, wenn man mit denen gut befreundet ist, halt so mit den beiden, die uns ausgebildet wurden, dann haben die das erklärt bis man das versteht. Und manchmal bei den Lehrern haben die das
mehrmals erklärt, aber haben wir immer noch nicht verstanden. (...) also Umgangssprache so.“ (ebd.)
Als positiv wird auch ein anderes, lockereres Auftreten gesehen, mit dem die Schülerinnen und Schüler beispielsweise im Gegensatz zu den Lehrpersonen auch locker durch die Klasse gehen. Auch die Weitergabe in
Form von Informationsveranstaltungen für jüngere Schülerinnen und Schüler wurde als positive Lernchance
von den Medienscouts bewertet. Andere Medienscouts haben weniger gute Erfahrungen gemacht, da Mitschüler sie als Medienscouts nicht wahrnehmen oder abwerten:
Schüler: „(...) wenn man sagt, ja wir sind Medienscouts, Aufklärer des Internets kann man sagen, dann lachen
die meistens so: ‚Haha, ich weiß doch eh‘ schon alles über Facebook‘.“ (SI\Gym1, 15)
Einige Medienscouts sind auch erstaunt über das mangelnde Problembewusstsein, das ihre Mitschülerinnen
und Mitschüler aufweisen, wie beispielsweise folgende Passage deutlich macht:
Schüler: „Ich würde sagen schon, und wenn, dann kommen die mit Fragen, wie man sich das Profil am besten
anlegt, weil die meisten denken, die können das einfach und wissen nicht, wie man richtig damit umgeht. Und
im Endeffekt, wenn wir das dann sehen, oder wenn man mal bei Facebook auf die Profile drauf guckt, dann ist
man schon erschreckt, wie falsch die das eigentlich teilweise behandeln, dann sind die mit Lehrern befreundet
und posten irgendwelche Fotos, die die Lehrer eigentlich besser nicht sehen sollten. Aber die meisten denken,
sie können damit umgehen, und deshalb kommen dazu nicht so viele Fragen, so welche kommen dann eher
von den Lehrern eigentlich.“ (SI\Gym1, 29)
Aus Sicht der Lehrpersonen wird das Peer-Konzept ambivalent angenommen. Die meisten Lehrpersonen betonen dessen Vorteile, die sie in der Schule sehen: Schülerinnen und Schüler lassen sich viel leichter von anderen Schülern weiterbilden, sie bekommen Feedback und Wissen von Gleichaltrigen, und die Medienscouts
erleben durch die Peer-Education ein Stück Selbstwirksamkeit und höhere Akzeptanz. Aber gerade die Umgangssprache, die Schüler als wichtiges Element hervorheben, wird von Lehrpersonen als problematisch eingeschätzt, da diese Form der Kommunikation in den Augen der Lehrpersonen zu wenig tief und reflektiert ist:
Evaluationsbericht Medienscouts
Lehrperson: „Also ich empfinde ihn als oberflächlich. Sag‘ ich mal so. Die gehen nicht so wirklich in die Tiefe,
wie sie das in der Ausbildung gelernt haben, sondern sie reden halt in ihrem Schülerslang so darüber. Also ich
würde mir manchmal noch mehr Tiefe wünschen.“ (LI_2\GS2_II, 49)
Ebenfalls berichtet ein Lehrer von einer Überforderung der Schüler durch die Verantwortung, die im Rahmen
der Peer-Education auf die Peers gelegt wird:
Lehrperson: „Ich würd‘ sagen, die Schüler hätten genug Zeit dafür, aber die kriegen das nicht... oder für sie
ist das eigentlich ´ne Überforderung, dass sie sehr viel selbstständig machen müssten. Um die Medienscouts
richtig zu installieren, bei uns an der Schule. Und es hängt eigentlich immer ganz viel da dran, wie wir da hinterher sind als Beratungslehrer Medien und das dann initiieren.“ (LI_2\RS1_II, 10)
Ein wichtiger Aspekt bei der Umsetzung von Peer-Projekten ist die tatsächliche Partizipation der Schülerinnen
und Schüler. So wurden Lehrpersonen gefragt, wie die Umsetzung des Beratungs- und Informationsangebotes
umgesetzt wird: Wer hat die Entscheidungsgewalt zur Umsetzung an Schulen? Meist geben die Lehrpersonen
an, dass die Schulleitung auf Vorschlag der Lehrenden hin entscheidet. Schwerpunkte werden z. T. mit den
Scouts besprochen oder Ideen mit ihnen entwickelt. Die meisten Angebote werden entweder offen oder als
Wahl(pflicht)fach umgesetzt. Es gibt umfassende Ideen zur Weiterführung, von der Integration in Wahlfächer
bis hin zu einem virtuellen Kummerkasten. Die Verantwortung für den künftigen Ausbildungs- und Beratungsprozess an der Schule ist divergent verteilt. Schüler stehen zwar meist im direkten Kontakt mit ihren Klassenkameraden, brauchen aber dennoch Rückendeckung aus der Lehrerschaft.
Zusammenfassend sieht man, dass die meisten Medienscouts ein positives Selbstbild haben. Im Umgang mit
sozialen Netzwerken gaben die meisten der Befragten an, dass diese wichtig sind, um mit Freunden Kontakt
zu halten. Allerdings ist die wirkliche Partizipation von den Schülerinnen und Schülern aus schwierig hinsichtlich unterschiedlicher Rollen. Hier benötigt das Projekt mit Sicherheit noch längere Zeit, damit sich sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen entwickeln können.
3.7 Gesamteinschätzung des Projekts
Im Rahmen der Abschlussevaluation wurden Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Schulleitungen
nach einer Gesamteinschätzung befragt. Alle beteiligten Anspruchsgruppen sind trotz einiger Schwierigkeiten
immer noch am Projekt interessiert und schätzen es mehrheitlich auch als sehr gut ein. Dabei werden unterschiedliche Aspekte betont, von der Möglichkeit eines umfassenden Kompetenzerwerbs der Medienscouts
(SI\HS1, 79-82) bis hin zur Tatsache, dass ein Peer-Projekt in den Augen der Lehrpersonen das Thema der digitalen Medien nochmals auf einer anderen Ebene an der Schule sichtbar macht und auch Probleme anders
lösbar werden (LI_2\HS1_II, 165).
3.7.1 Höhepunkte des Projekts Medienscouts NRW aus Schüler- und Lehrpersonensicht
Gefragt nach den Highlights und Erfolgen des Projekts, werden ganz unterschiedliche Dinge von Schülerinnen
und Schülern sowie von Lehrpersonen genannt.
Highlights für Schülerinnen und Schüler waren aber auch die Treffen außerhalb der Schule, sei es während der
Ausbildungsphase, aber auch während der Scoutphase (SI\Gym2, 30-31), die vor allem von den Schülerinnen
und Schülern als motivierend wahrgenommen werden:
Schüler: „Ich fand das auch gut, dass wir nicht immer in der Schule waren. Sondern einmal waren wir in Duisburg, dann Elsa- Branström- Gymnasium. (...) Da waren wir in der Uni.(...). Ja, ich war ja noch nie in so 'ner
Uni. Deswegen fand ich das voll interessant.“ (SI\RS2, 96-105)
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Evaluationsbericht Medienscouts
Meistens werden die Medienscouts als positiv wahrgenommen (SI\Gym1, 43-44), was ihnen eine große Motivation verleiht, vor allem bei Auswärtsterminen (SI\Gym2, 32). Besondere Highlights waren für die Schulen,
die sehr in der Außenwahrnehmung standen, natürlich auch die diversen Medienauftritte, sowohl für Lehrende als auch für Schülerinnen und Schüler (LI_2\Gym2_II, 58). An einigen Schulen haben Elternabende
stattgefunden, die von den Lehrpersonen als Highlight eingeschätzt wurden (LI_2\RS1_II, 123). Hier erreicht
das Projekt einen großen Mehrwert, wenn man Medienscouts auch Verantwortung, sei es für die eigene
Schule, sei es für andere Schulen, überträgt. Hier wachsen die Medienscouts sprichwörtlich mit ihren Aufgaben, so dass diese Komponente beibehalten werden sollte (vgl. Kapitel 5).
Lehrpersonen sehen den Erfolg eher darin, dass Schülerinnen und Schüler positiv an der Schule aufgenommen
wurden und durchaus Beratungserfolge aufweisen können, sofern sie schon in eine Beratungssituation gestartet sind (LI_2\GS1_II, 65, LI_2\HS1_II, 101, LI_2\HS2_II, 111). Sie freuen sich vor allem über eine
große Resonanz an der Schule, die sich in vielen Neuanmeldungen für Medienscouts im nächsten Schuljahr
zeigt (LI_2\HS2_II, 81). Sie sind stolz auf eine tolle Ausbildung und die neuen Scouts an der Schule
(LI_2\GS2_II, 105LI_2\Gym1_II, 86). Einige Lehrer erfreuen sich am Kompetenzerwerb, den die Medienscouts durchgemacht haben und der vor allem in Dialogsituationen mit Medienthemen zwischen Schülerinnen
und Schülern und Lehrpersonen sichtbar wird (LI_2\Gym1_II, 86, LI_2\HS2_II, 111), sie freuen sich ebenfalls, dass die Medienscouts auch von den anderen Lehrpersonen als kompetent eingeschätzt und nachgefragt
werden (z.B. LI_2\RS1_II, 53).
Die einzelnen Schulleitungen schätzen neben einer Profilierung gegenüber Schulen des gleichen Schultyps
in der Kommune vor allem einen „hohen Grad an Schüleraktivierung“ (Schulleitung1) und das gemeinsame
Lernen von Schülern und Lehrern sowie die „Sensibilisierung von Schülern“ (Schulleitung3). Positiv sind den
Schulleitungen aktive Medienarbeit in Beratung und Ausbildung sowie die durchgeführten Elternabende aufgefallen. Sie sprechen von einer positiven Wahrnehmung sowohl im Kollegium als auch bei der Elternschaft
(Schulleitung3). Motivation zur Teilnahme bestand vor allem darin, auf dem aktuellen Stand in der Medienentwicklung zu bleiben und diesen in die Schule zu integrieren:
Schulleitung: „Weiterhin die Notwendigkeit, dass Schule im Rahmen des Erziehungs- und Bildungsauftrags
die Schüler und Eltern sowie auch Kolleginnen und Kollegen im Bereich der digitalen Medien aufklären, informieren und im Umgang damit schulen sollte. Die Möglichkeit dadurch zwei Beratungslehrer für den Bereich
digitale Medien auszubilden war genauso ein wichtiger Aspekt, wie die Chance, dass Schülerinnen und Schüler
zu Medienscouts ausgebildet worden sind.“ (Schulleitung3)
Meist diente das Projekt aus den Schilderungen der Schulleitungen dazu, das Medienthema an der Schule zu
schärfen (Schulleitung1). Schulleitungen sehen zusammenfassend vor allem positive Aspekte aus der Teilnahme am Projekt und sollten weiterhin aktiv in den Prozess eingebunden werden (vgl. Kapitel 5,).
3.7.2 Schwierigkeiten
Doch es gibt auch kritische Stimmen hinsichtlich der Einschätzung des Medienscout-Projekts, die den Erfolg
vor allem darin sehen, dass sich Schülerinnen und Schüler und Lehrpersonen gemeinsam auf den Weg gemacht
haben, dieser aber gerade erst am Anfang steht:
Lehrperson: „Ich würde an sich sagen, dass so die Pilotphase, in der wir zusammen ... uns mit dem Thema
auseinandergesetzt haben. Das war die, das war... der größte Erfolg dabei. Also jetzt kann man nicht sagen,
dass wir da so besonders viel für getan hätten. Weil das suggeriert ja eigentlich Erfolg, dass man irgendwie
was investiert und dann eben auch ´nen Erfolg abgreifen kann. Und dann würd‘ ich sagen, ja das wir uns
einfach auf den Weg gemacht haben und mitgemacht haben, das war schon der größte Erfolg. Ist n bisschen,
klingt n bisschen dürftig, aber ich würd‘ wirklich sagen, es war einfach, ne, das war ´ne schöne Erfahrung, das
zusammen mit den Schülern zu machen.“ (LI_2\RS1_II, 123)
Evaluationsbericht Medienscouts
Schwierig ist für Lehrpersonen vor allem die Umsetzung und Implementation des Projekts an der Schule:
Lehrperson: „Ja, das Projekt als Ganzes würde ich als sehr positiv bewerten und die Umsetzung ist schwieriger
als ich dachte. Das wirklich zu implementieren in der Schule und zugänglich zu machen für ganz viele und es
irgendwie zu schaffen, dass die Schüler neben ihrem ganz normalen Tagesablauf Ansprechpartner für ganz
viele werden, ist halt bis jetzt noch sehr schwierig. Und von daher bin ich da von dem Erfolg der Umsetzung
verhalten, von der Idee und von der Ausbildung und auch von unseren MS an sich begeistert, aber eben die
Durchsetzung ist doch schwieriger als ich erwartet hätte.“ (LI_2\GS1_II, 87)
Weitere Hürden sind in der Praxis neben der mangelnden Zeit, die unisono alle Lehrpersonen als Haupthinderungsgrund angeben (z. B. LI_2\Gym3_II, 4-6, LI_2\GS1_II, 53, LI_2\Gym3_II, 36, LI_2\RS1_II, 8,
LI_2\GS1_II, 17, LI_2\HS2_II, 105), vor allem eingeschränkte Kapazitäten und Ressourcen an der Schule
(LI_2\GS2_II, 15.18). Lehrer sprechen davon, zwischen verschiedenen Anforderungen an der Schule „zerrieben“ zu werden (LI_2\RS1_II, 8, 25). Gerade die Implementation beanspruchte Lehrerinnen und Lehrer
sehr:
Lehrperson: „Das ist einfach ´ne ganze Menge so nebenher gibt, was ich mir schon so aufhalse. Und dann war
das schon die größte Herausforderung, dass jetzt selber auf eigene Füße zu stellen bei uns. Ne? Und das nicht
mehr nur davon Leben zu lassen, dass man eben gemeinsame Termine hat, die jemand anders organisiert, sondern alles schon auch selber machen oder selber zu machen (...)“ (LI_2\RS1_II)
Diese Hürden werden auch von den Schulleitungen gesehen. Auch sie nennen mangelnde Zeit und Ausstattung
als Haupthindernisse für eine erfolgreiche Projektarbeit an ihren Schulen:
Schulleitung: „Die Ausstattung mit Computern und die Gegebenheiten im Computerraum sind sehr unbefriedigend.“ (Schulleitung2)
Ein weiteres Problem besteht in der Freistellung der Schülerinnen und Schüler für Beratungszeiten, was sowohl
von den Lehrpersonen als auch von einzelnen Schülerinnen und Schülern als Problem wahrgenommen wird.
Dies ist besonders der Fall, wenn es um Lernstandserhebungen geht, so dass Unterrichtsausfall von einigen
Medienscouts als kritisch eingeschätzt wird (Schülerinterview 2/RS3).
An einigen Schulen wird die Infrastruktur als große Schwierigkeit eingeschätzt, angefangen von Räumen über
Computerausstattung bis hin zu einem Mangel an Internet und WLAN (LI_2\Gym3_II,4-6). An einigen Schulen
sind Social Networks wie Facebook gesperrt, was den Scouts die Arbeit erschwert (SI\HS1). In einzelnen
Schulen gibt es keine Räume, an denen sich Schülerinnen und Schüler selbstverantwortlich treffen können
(LI_2\GS1_II, 52). Ebenso gibt es an vielen Schulen immer noch ein Handyverbot. Laptops sind nur selten
verfügbar, was vor allem die Beratungssituation erschwert, wenn man als Medienscout immer an einen bestimmten Ort gebunden ist.
Schüler: „Ja also, Handy haben wir während der Schulzeit Verbot. Also wir dürfen das nicht haben. Und Computer dürfen wir auch nicht haben. Aber wir haben halt 'n Computerraum in der Schule und da können wir dann
halt mit den Lehrern hingehen und wenn wir uns dann was zu dem Fach angucken wollen oder 'n Film oder Informationen sammeln wollen, dann können wir da halt reingehen und was gucken.“ (SI\SH1, 55-56)
An einigen Schulen haben Medien einen hohen Stellenwert (LI_2\Gym2_II, 38-40), an anderen Schulen sind
der Stellenwert und auch die Ausstattung eher gering (SI\Gym1, 60). So verfügten Schülerinnen und Schüler
und Lehrpersonen weder über einen Zugang zu Computern noch eine WLAN-Verbindung (LI_2\Gym3_II, 6)
so dass keine vernünftige Scoutausbildung geleistet werden konnte.
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Evaluationsbericht Medienscouts
Lehrperson: „Und dann natürlich auch die technische Voraussetzung, dass halt teilweise haben wir dann auch
das Problem wie vor kurzem, da war, da hab ich dann- da sollten die im Internet da halt recherchieren. Hier
Probleme beim Handy. In so Kleingruppen. Zu best- zu jeweiligen Bereichen der Sondernummern und Tarife
und so. Konnten wir nicht, weil Internet nicht funktioniert hat. Dann musste ich den Kurs auch wieder ausfallen
lassen, auf nächste Woche verschieben, Ich so, vielleicht läuft’s ja dann.“ (LI_2\HS1_II, 93)
Hier sollte speziell auf die genügende Ausstattung der Schulen geachtet werden, damit die Medienscouts
auch auf die dazugehörigen Medien und Mediendienste zugreifen können. Vor diesem Hintergrund erscheint
es sinnvoll, das Projekt auch mit den Schulträgern, die für die sächliche Ausstattung der Schulen verantwortlich sind, zu kommunizieren.
Doch nicht nur Medienverfügbarkeit, sondern auch die Raumsituation hat Auswirkungen auf die MedienscoutArbeit. So wird einigen Scouts ein Raum zur Verfügung gestellt, während andere Scouts nicht die Möglichkeit
haben, sich außerhalb des Schulunterrichts an der Schule zu treffen.
Lehrperson: „Ja, und es ist halt einfach auch diese Frage des Raums. Wir sind kein Ganztag, ne. Das heißt,
wir haben, die haben hier keine Möglichkeit, sich auch mal selbstständig irgendwo hinzusetzen. Also das müssten die ja wirklich schon privat machen, ne. Klar, die könnten natürlich kommen und nach 'nem Raum fragen,
aber da ist dann schon wieder die Aufsichtssache schwierig, ne. Und ich glaub‘, so was ist an 'ner Gesamtschule
einfacher, glaube ich, zu regeln.“ (LI_2\RS2_II, 55-56)
Im Bezug auf die Schülerinnen und Schüler beklagen Lehrpersonen vor allem eine mangelnde Motivation der
Schülerinnen und Schüler (LI_2\RS1_II, 59, LI_2\GS1_II, LI_2\HS2_II, 99, 109):
Lehrperson: „Es ist nicht, die sind im Moment nicht mit brennendem Herzen dabei. Wenn die Metapher nicht
zu dösig ist. Sondern machen das auf Anforderung, aber sind jetzt gerade nicht, sprühen voll Ideen, was zwischendurch während der Arbeit in Duisburg und während der Ausbildung war so. So‘n Jaah, das wird toll und
wir machen. Und das ist im Moment so ‘nen bisschen verblasst, was auch der Zeit zu schulden ist.“
(LI_2\GS1_II, 25-25)
Abgesehen davon klagen Schülerinnen und Schüler ebenso über ein mangelndes Problembewusstsein ihrer
Mitschüler:
Schüler: „Ja das war, als wir uns bekannt gemacht haben, sind wir durch die Klassen gegangen, durch die Neuner, also unsere Stufe und auch durch die Achter, und das ist ja so quasi die Pubertätszeit sag ich mal, da wurde
immer schon viel so, ‚haha, ihr Medienscouts, brauchen wir nicht‘. Also manche Lehrer, hatten wir Glück, dass
die die Klasse wirklich beherrschen konnten, die haben dann auch gesagt, jetzt seid mal leise, hört denen zu,
dass ist wichtig, aber die meisten haben wirklich nur den Kopf geschüttelt und gelacht, und ‚sowas brauchen
wir gar nicht‘, ‚wir können eh‘ alles bei Facebook‘ und ‚ich werde eh nie gemobbt‘, (...) Dann kam da nur so
Zwischenruf von wegen, ‚braucht eh‘ keiner‘, oder ‚was wollt ihr hier?‘, also mich persönlich ärgert das dann
schon irgendwie, weil die wissen gar nicht, wie die damit umzugehen haben und dann solche Reaktionen, das
finde ich dann manchmal schon irgendwie auch teilweise beleidigend.“ (SI\Gym1, 34)
D. h. Medienscouts als Gruppe haben in einigen Schulen Schwierigkeiten, als kompetente Ansprechpartner
wahrgenommen zu werden. Neben der Zeit, die dieser Prozess sicherlich noch braucht, um das volle Potenzial
zu entfalten, ist hier auf eine gute Ausbildung vor allem im Bereich des sozialen Lernens und einer Vermittlung
von Selbstbewusstsein, z. B. in Form von Anerkennung zu achten.
Neben den jetzt genannten Schwierigkeiten erwiesen sich die Schulleitungen als wichtiges Moment im Rahmen
des Projekts. Obwohl nicht als direkter Teil angesprochen, haben sie doch Auswirkungen auf die MedienscoutArbeit, indem sie zum einen Lehrpersonen Freiräume geben und zum anderen auch Infrastruktur bereitstellen.
Durch die mangelnde Unterstützung der Schulleitung gibt es in einigen Schulen Schwierigkeiten
(LI_2\Gym3_II, 8). Damit sollte auf jeden Fall die Integration der Schulleitung als Erfolgskriterium beibehalten werden (vgl. Kapitel 7, Handlungsempfehlungen).
Evaluationsbericht Medienscouts
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
Fasst man die Untersuchungsergebnisse zusammen, so können folgende Kernaussagen können abschließend
für das Projekt „Medienscouts NRW“ formuliert werden:
4.1.1 Ausbildung zum Medienscouts (Workshops)
Die Ausbildung der Medienscouts durch das Projektteam der Universität Duisburg-Essen unter der pädagogischen Leitung von Marco Fileccia wurde von Schülerinnen und Schülern als sehr positiv eingeschätzt und barg
erhebliches Motivationspotenzial, sei es durch das Lernen mit anderen Schülerinnen und Schülern, sei es
durch den Ort der Universität.
Das Zusammenarbeiten zwischen Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Schulen wurde von den Befragten als sehr positiv wahrgenommen. Aber auch das Lernen mit den Lehrpersonen wurde von den Schülerinnen und Schülern als sehr positiv eingeschätzt und sollte als wichtiges Element im Peer-Prozess erhalten
werden.
Die wichtigen Themen für die Schülerinnen und Schüler während der Ausbildung waren die Themen Sicherheit/
Mobbing im Internet, Betrug, versteckte Kosten, Abos sowie die Speicherung von Daten. Diese Themen zeigten
sich auch später in der Ausbildung an den Schulen wieder. Das Thema Computerspiele tauchte dort nicht mehr
auf. Schwierigkeiten hatten die Schülerinnen und Schüler vor allem mit dem Bereich des sozialen Lernens.
Obwohl die Inhalte als wichtig erachtet werden, wurde dieser Teil der Ausbildung am kritischsten beurteilt.
Hier sollte auf eine angemessene Bearbeitung des Themenbereichs geachtet werden, da dieser von den Schülerinnen und Schülern im Folgenden immer auch als wichtig eingeschätzt wird. Dies heißt vor allem, dass das
Thema besser in alle Bereiche der Ausbildung integriert werden müsste. Zwar haben sich die einzelnen Übungen bewährt, doch sollten sie nicht als thematischer Block, sondern verschränkt mit den anderen Elementen
der Ausbildung angeboten werden, etwa als Warm-Ups zu einzelnen Sitzungen.
Inhaltlich fühlen sich die Medienscouts auf die Aufgaben vorbereitet. Sie haben aber Bedenken, ob sie den
Anforderungen in der Beratung gewachsen sind. Neben der Vermittlung von Fachwissen bedürfen die Medienscouts längerer Phasen, um in die Aufgaben hineinzuwachsen. Kritik im Rahmen der ersten Ausbildung
gab es zudem hinsichtlich der Bearbeitung von Arbeitsblättern und zu kurzen Phasen für praktische Arbeiten.
Die schulinterne Ausbildung oder künftige zentrale Ausbildungen sollten daher für den praktischen Teil und
damit für die gesamte Ausbildung mehr Zeit einräumen.
Gefragt nach der Einschätzung und Bewertung der Ausbildungsworkshops haben viele Lehrpersonen vor allem
das Zusammenlernen von Schülerinnen und Schülern und Lehrenden als wichtiges Lernelement neben dem Inhalt hervorgehoben. Um diese Arbeit „auf Augenhöhe“ zu erhalten, sollten schulübergreifend Workshop angeboten werden, an denen Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Befragt nach den einzelnen
Themen, wurden von Lehrpersonen vor allem die Bereiche Internet & Sicherheit und Social Communities aus
Eigeninteresse hervorgehoben, für einige Themen war aus Sicht der Lehrpersonen zu wenig Zeit, die Inhalte
stellenweise zu theoretisch. Hier bestätigt sich der Eindruck der Schülerinnen und Schüler.
4.1.2 Implementation an der Schule
An den meisten Schulen haben sich unterschiedliche Implementationsvarianten durchgesetzt: Angefangen
von Wahlpflichtkurs als unterrichtliche Einbindung über Arbeitsgemeinschaften bis – in seltenen Fällen – hin
zu einer freien Ausbildung. Je nach Form war die Rolle der Lehrperson unterschiedlich, angefangen vom zentral agierenden Vermittler bis zum im Hintergrund wirkenden Unterstützer. Eine eindeutig zu favorisierende
Variante konnte unter den bisherigen Implementationsvarianten nicht gefunden werden, da die Implementationen zu großen Teilen von den schulischen Gegebenheiten abhängig ist und Aussagen zur besten Implementationsform eine längere Betrachtung und Evaluierung der Projekte benötigen würde.
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Evaluationsbericht Medienscouts
Ein zentraler Punkt der Implementation war eine Vernetzung der Schulen untereinander, die in den ersten
Ausbildungsphasen angestrebt wurde und über das Projekt erfolgen sollte. Eine solche Vernetzung zwischen
den Schulen hat allerdings nicht stattgefunden. D. h. die Lehrpersonen und Schulen untereinander haben
sich über die durch das Projektteam organisierten Workshops und Vernetzungstreffen hinaus im Projekt wenig
bis gar nicht ausgetauscht. Nach der Phase des gemeinsamen Lernens in der Ausbildung sind sie wieder zurück
in den Schulalltag gegangen und haben dort individuell zu arbeiten begonnen. Die Vernetzungstreffen wurden
aber als wichtig und hilfreich eingestuft, so dass der Wunsch nach Vernetzung durchaus vorhanden ist. Da
auf der einen Seite der Wunsch nach Vernetzung vorhanden ist und ein Bedarf proklamiert wird, aber wenig
erfolgreich in Eigenregie umgesetzt wird, erscheint es sinnvoll, die Vernetzung projektseitig zu stärken. Bei
der Vernetzung benötigen die Schulen weitere Unterstützung, beispielsweise in der Organisation regelmäßiger Austauschrunden oder Anfragen für peerbasierte Weiterbildungen über die eigene Schule hinaus (vgl.
Kapitel 5). Diese Vernetzung muss durch eine Projektleitung angeleitet werden, da nicht davon ausgegangen
werden kann, dass die Schulen hier eigenverantwortlich handeln können.
4.1.3 Ausbildungsphase an der Schule
Themen bei der Ausbildung von neuen Medienscouts an der Schule waren vor allem Facebook & Social Communities sowie Internet und (Handy-)Sicherheit, also sehr nah an den Themen der Workshops für die UrScouts. Die Materialien, die in den Ausbildungsworkshops eingesetzt wurden, wurden zur Ausbildung neuer
Medienscouts an den Schulen eher als hilfreich empfunden. Eine Themensetzung im Rahmen der Ausbildung
durch Inhalt und Material hat also Auswirkungen auf die Implementation an der Einzelschule, so dass vor
allem darauf verstärkt geachtet werden sollte. Zusammenfassend geht es bei den Aufgaben der Medienscouts
um die Vermittlung des sicheren und selbstbestimmten Umgangs mit Medien, um Hinweise auf die Gefahren
der Nutzung digitaler Medien, vor allem von Social Networks sowie auf die Vermittlung von konkreten Inhalten, wie beispielsweise Passwortsicherheit. Als Probleme und Risiken bei der Ausbildung neuer Medienscouts
an den Schulen wurde von Schülerinnen und Schülern und von Lehrenden immer wieder vor allem fehlende
Zeit genannt, gefolgt von Problemen ob mangelnder Räume und Ausstattung. Eine große Herausforderung
wird im Aufbau von Vertrauen und Interesse bei Schülerinnen und Schülern gesehen. Kritisch wird von einer
Schule der Unterrichtsausfall der Medienscouts gesehen, wenn diese in Informationsveranstaltungen eingesetzt werden.
4.1.4 Beratungsangebote an der Schule
Die Beratungsangebote an den Schulen können unterschieden werden in Beratung bei Bedarf, Informationsangebote wie Projekttage oder Aktionen an Schulfesten oder Elternabende bzw. Lehrerfortbildungen. Die
Beratungen sind schleppender als von den Projektteilnehmern erwartet angelaufen. Die meisten Schulen benötigen mehr Zeit für die Umsetzung und Implementation, eine Tatsache, die man auch aus anderen Innovationsprojekten aus der Schule kennt. Ebenfalls schwierig war es, die Motivation der Medienscouts über lange
Zeit aufrecht zu erhalten. Schaut man sich den Beratungsbedarf genauer an, so sind die Beratungsfälle ganz
unterschiedlich gelagert, von Problemen in Chaträumen bis hin zu Fragen zu Sicherheitseinstellungen oder
Mobbing auf Facebook oder Urheberrechtsfragen. Die breit angelegte thematische Ausbildung erscheint daher
sinnvoll.
4.1.5 Veränderung des Medienhandelns
Die Hauptveränderungen bei den Schülerinnen und Schülern werden – sowohl extern beurteilt durch die
Lehrpersonen, als auch selbst eingeschätzt von Schülerinnen und Schülern – vor allem im Bereich eines bewussten Umgang mit Medien gesehen und damit verbunden mit einer Reflexion des eigenen Medienhandelns
bzw. einem bewussten Medienhandeln. Viele der Medienscouts haben ihre eigenen Accounts und Profile in
sozialen Netzwerken nochmals überprüft. Die Nutzung des Internets hat sich bei vielen in der eigenen Wahrnehmung nicht verändert. Lehrpersonen schätzen die Veränderung im Medienhandeln und den Einstellungen
der Schülerinnen und Schüler nicht ganz so gravierend ein wie diese selbst. So geben kritische Stimmen zu
bedenken, dass den Schülerinnen und Schülern dies zwar kognitiv bewusst ist, sich diese Verhaltensänderung
Evaluationsbericht Medienscouts
zum Teil aber nur auf Privatsphäre-Einstellungen beschränkt und darüber hinaus wenig wirksam wird. Medienscouts sind in vielen Fällen kaum kritischer geworden, urteilen die Lehrkräfte, und eine Reflexion von
Medienhandeln über die Inhalte der Ausbildung hinaus ist nicht festgestellt worden. Lehrpersonen geben
an, vor allem einen Überblick über die Teilthemen erhalten zu haben. Vor allem Sicherheitsfragen und rechtliche Aspekte waren für sie relevant. Sie sind hinsichtlich medialer Themen aufmerksamer geworden und
sehen viele Themen nicht nur unter dem Verbotsaspekt, sondern können Themen besser einordnen. Sie konnten mit Hilfe der Ausbildung auch eigene Ängste abbauen. Hier hat das Projekt „Medienscouts NRW“ in einigen
Fällen zu einem veränderten Medienhandeln geführt – was allerdings lediglich erste Tendenzen sind, die weiter betrachtet und analysiert werden sollten.
4.1.6 Peer-Learning
Das Peer-Learning wird unterschiedlich beurteilt: Als positiv wird neben der besseren Kommunikation auch
ein anderes, lockereres Auftreten gesehen, in dem die Schülerinnen und Schüler beispielsweise im Gegensatz
zu den Lehrpersonen auch locker durch die Klasse gehen. Auch die Weitergabe in Form von Informationsveranstaltungen für jüngere Schülerinnen und Schüler wurde als positive Lernchance von den Medienscouts bewertet. Andere Medienscouts haben weniger gute Erfahrungen gemacht, da Mitschülerinnen und Mitschüler
sie als Medienscouts nicht wahrnehmen oder abwerten.
Aus Sicht der Lehrpersonen wird das Peer-Konzept ambivalent angenommen. Die meisten Lehrpersonen betonen dessen Vorteile, die sie in der Schule sehen: Schülerinnen und Schüler lassen sich viel leichter von anderen Schülern weiterbilden, sie bekommen Feedback und Wissen von Gleichaltrigen, und die Medienscouts
erleben durch die Peer-Education ein Stück Selbstwirksamkeit und höhere Akzeptanz. Aber gerade die Umgangssprache, die Schülerinnen und Schüler als wichtiges Element hervorheben, wird von Lehrpersonen als
kritisch eingeschätzt, da diese Form der Kommunikation in Augen der Lehrpersonen zu wenig tief und reflektiert ist. Die Peer-Education im Bereich der Schülerinnen und Schüler hat sich auch auf die Lehrpersonen
übertragen. So gibt es einige Lehrpersonen, die angeben, Ansprechpartner für digitale Medien in der Schule
geworden zu sein und eindeutig diese Rolle bekommen, sei es durch Informationsweitergabe des Schulleiters
an diese Personen, sei es durch Rückmeldungen und Anfragen von Lehrerkollegen. Dies ist durchaus ein Aspekt, der in weiteren Projekten weiter betont und vor allem weiter untersucht werden sollte.
4.1.7 Gesamteinschätzung
Sowohl Lehrpersonen als auch Schülerinnen und Schüler sind trotz einiger Schwierigkeiten immer noch am
Projekt interessiert und schätzen es mehrheitlich auch als sehr gut ein. Dabei werden unterschiedliche Aspekte
betont, von der Möglichkeit eines umfassenden Kompetenzerwerbs der Medienscouts bis hin zur Tatsache,
dass ein Peer-Projekt in Augen der Lehrpersonen das Thema der digitalen Medien nochmals auf einer anderen
Ebene an der Schule sichtbar macht und auch Probleme anders lösbar werden. Highlights waren für Schülerinnen und Schüler aber die Treffen außerhalb der Schule, sei es während der Ausbildungsphase, aber auch
während der Scoutphase, die vor allem von den Schülerinnen und Schülern als motivierend wahrgenommen
werden. an diesen Wegen des Austausches sollte auf jeden Fall festgehalten werden.
Lehrpersonen sehen den Erfolg eher darin, dass Schülerinnen und Schüler positiv an der Schule aufgenommen
wurden und durchaus Beratungserfolge aufweisen können, sofern sie schon in eine Beratungssituation gestartet sind. Erfolgversprechend scheint es somit zu sein, schnell mit der Ausbildung neuer Scouts und den
Beratungssituationen zu starten, damit die Motivation aufrecht erhalten bleibt. Eine zu lange Zeit zwischen
den Workshops und den Umsetzungen an der Schule ist hier kontraproduktiv.
Weitere praktische Hürden sind neben der oft genannten mangelnden Zeit, die unisono alle Lehrpersonen als
Haupthinderungsgrund angeben, vor allem Kapazitäten und Ressourcen an der Schule. Lehrpersonen sprechen
davon, zwischen verschiedenen Anforderungen an der Schule „zerrieben“ zu werden. Gerade die Implementation beanspruchte die Lehrpersonen zu großen Teilen. An einigen Schulen wird die Infrastruktur als große
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Evaluationsbericht Medienscouts
Schwierigkeit eingeschätzt, angefangen von Räumen über Computerausstattung bis hin zu einem Mangel an
Internet und WLAN.
Insgesamt hat das Projekt „Medienscouts NRW“ die Wahrnehmung der Potenziale digitaler Medien in den
Schulen geschärft und der Diskussion um Vor- und Nachteile neue Impulse gegeben. Besonders die Medienscouts selbst haben vor Beteiligung am Projekt profitiert. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf die medienbezogenen Themen, sondern vor allem im Bezug auf Persönlichkeitsentwicklung, Selbstwahrnehmung und Sozialverhalten.
Evaluationsbericht Medienscouts
5. Handlungsempfehlungen
Das Projekt „Medienscouts NRW“ ist im Rahmen der Pilotphase erfolgreich entwickelt und durchgeführt worden. Die Schulungsmaterialien liegen vor und können zur Fortführung und Ausweitung des Projekts oder von
interessierten Lehrkräften genutzt werden, um eigenständig Medienscout-Projekte an ihren Schulen zu initiieren. Der vorliegende Evaluationsbericht hat aber auch gezeigt, dass die Implementation eines innovativen
Medienprojektes an Schulen ein schwieriger und langwieriger Prozess ist. Daher leiten wir hier abschließend
zentrale Handlungsempfehlungen ab, die in einer weiteren Phase des Projektes berücksichtigt und ggf. weiter
untersucht werden sollten.
Handlungsempfehlungen werden auf drei unterschiedlichen Ebenen gegeben:
a) die Zusammenarbeit von Schülerinnen und Schülern mit Lehrpersonen,
b) die Rahmenbedingungen an der Schule ,
c) die Zusammenarbeit der Schulen untereinander.
5.1 Zusammenarbeit zwischen den Anspruchsgruppen
5.1.1 Kommunikation auf Augenhöhe
Lehrkräfte berichten, dass sie durch die gemeinsame Ausbildung mit den Jugendlichen neue Einblicke in
deren mediengeprägte Lebenswelt erhalten haben. Die Jugendlichen wiederum berichten, dass sie sich durch
die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften als Experten wahrgenommen fühlten. Die gemeinsame Ausbildung
von Lehrkräften und Jugendlichen ist somit ein Qualitätsmerkmal (und übrigens auch ein Alleinstellungsmerkmal) des Projekts und sollte aus dieser Überlegung heraus zwingend fortgeführt und auch in der Umsetzung an der Schule weiter realisiert werden. Denn gleichzeitig merkt man, dass bei der Ausbildung neuer
Medienscouts an der Schule dieses Potenzial des gemeinsamen Voneinanderlernens wieder verspielt wird.
Es ist wäre zu untersuchen, ob Lehrkräfte, die ein Medienscout-Projekt alleine mit den bereit gestellten Materialien realisieren, zu dieser gleichberechtigten Arbeitsweise finden können und einen ähnlich guten Start
in die Ausbildung haben wie die hier geschulten Lehrerpersonen sowie Schülerinnen und Schüler.
5.1.2 Peer-Education in formalen Kontexten
Peer-Education fand bisher überwiegend in informellen Kontexten statt. Das Pilotprojekt hat gezeigt, dass
sie sich auch in formellen Lernkontexten wie der Schule einführen lassen. Dennoch berichten Teilnehmende
über Akzeptanzprobleme bei Mitschülern. Gründe und Konsequenzen sowie die Auswirkung peer-basierter
Medienkompetenzprojekte auf das Schüler-Lehrer-Verhältnis, das in diesem Projekt noch nicht an allen Stellen
durchbrochen werden konnte (vgl. 4.3.1) müssten in einer weiteren Phase des Projektes untersucht werden.
5.1.3 Soziales Lernen
Teilnehmende berichten im Rahmen der Ausbildung zum Medienscout am ehesten über Probleme mit den
Themenblöcken zum sozialen Lernen. Diese resultierten mutmaßlich aus der Organisation in Form von 90Minuten-Blöcken und den sehr großen Gruppen (bei Schülerinnen/Schülern 40 Personen). Hier gilt es bei
einer Fortführung, andere methodische Ansätze zur Vermittlung dieses Themenbereichs zu finden, der von
allen Beteiligten, seien es Lehrpersonen oder Schülerinnen und Schüler, als sehr hilfreich für die weitere Arbeit an der Schule empfunden wird. Eine Beibehaltung des sozialen Lernens als Teil einer Scout-Ausbildung
wird daher empfohlen.
5.1.4 Einbindung eines Expertenteams
Die Einbindung eines Expertenteams wurde vor allem von den Lehrkräften als wichtige Unterstützungsmaßnahme gewürdigt, im bisherigen Projektverlauf aber sehr zurückhaltend genutzt. Rückmeldungen auf erste
Expertenantworten zeigten, dass besonders Antworten auf juristische Fragestellungen neben der fachlichen
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Evaluationsbericht Medienscouts
Korrektheit auch einer verständlichen Aufbereitung bedürfen. Diese Arbeit sollte bei Bedarf auch weiterhin
vom Projektteam geleistet werden.
Es wäre zu untersuchen, ob mit fortschreitender Implementierung der Projekte an den Schulen die Nachfrage
nach den Experten steigt und ob die dort generierten Informationen als nützlich und verständlich bewertet
werden. Die Beibehaltung eines Expertenteams wird ausdrücklich empfohlen.
5.2. Zusammenarbeit der Schulen untereinander
5.2.1. Regionale Verortung der Ausbildung
Bei der Auswahl der Projektschulen wurde auf eine regionale Verortung geachtet. Dies ermöglichte es den
Schulen, leicht zu den zentral durchgeführten Workshops und Vernetzungstreffen anzureisen. Zudem war
eine Vernetzung der Schülerinnen und Schüler einfacher, da ihnen die Lebenswelten der anderen Teilnehmenden zumindest bekannt war, andererseits wurde von der Schulleitung auch geäußert, dass das Projekt
mit dazu diene, sich gegenüber anderen Schulen gleichen Schultyps in der Kommune zu profilieren. Dies kann
und sollte unter dem Gesichtspunkt des originären Ziels des Projekts, der Förderung von Medienkompetenz
bei Jugendlichen (und Lehrerinnen/Lehrern) keine Rolle spielen. In der Kommunikation mit den Schulen
sollte also darauf geachtet werden, dass „Medienscouts NRW“ ein Schulentwicklungsprojekt ist und kein
„Prestigeprojekt“. Bei allen Schwierigkeiten soll ausdrücklich die Kooperation verschiedener Schulen in einer
Region gefördert werden und hier auch Maßnahmen zur aktiven Vernetzung ergriffen werden, seien es gegenseitige Schulbesuche oder Peer-Fortbildungen über die eigene Schule hinweg. Vor allem das Beispiel einer
Schule hat gezeigt, dass es für alle Beteiligten sehr wertvoll ist, wenn das Know-How auch außerhalb der eigenen Institution, z. B. bei der Unterstützung neuer Peer-Projekte, integriert werden kann. Hier liegt aus
unserer Sicht Potenzial, durch derartige Angebote sowohl die Vernetzung der Schulen zu fördern als auch
die Motivation im Projekt aufrecht zu erhalten.
5.2.2 Schulformübergreifende Arbeit
Lehrkräfte und Lernende aller Schulen stellten die Zusammenarbeit mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern
anderer Schulformen als große Bereicherung dar. In der Ausbildung wurde von den Organisatoren sorgfältig
darauf geachtet, die Informationen über die Schulzugehörigkeit nicht zu kommunizieren (keine Listen mit
Schul-Namen, keine Namensschilder mit Schule etc.) Dies verhinderte mögliche Vorurteile und ermöglichte
eine offene, inhaltsgeprägte Zusammenarbeit. Besonders in den Hauptschulen berichteten Lehrkräfte von
Leistungszuwächsen und Motivationsschüben bei Jugendlichen, die über die konkrete Medienscout-Arbeit
hinausreichten. In der Ausbildung weiterer Medienscouts sollte daher der Aspekt der schulformübergreifenden
Zusammenarbeit erhalten und als ein Merkmal des Projekts bestehen bleiben.
5.2.3 Vernetzung der Projektschulen untereinander
Sowohl die einzelnen Ausbildungsworkshops als auch die beiden Vernetzungstreffen wurden sowohl von Lehrkräften wie auch von Lernenden als wichtige Impulsgeber für die Projektarbeit an der eigenen Schule wahrgenommen. Ideen und Umsetzungen an den Schulen wurden ausgetauscht und an der eigenen Situation reflektiert und in der Folge zum Teil übernommen. Die Bedeutung der schulübergreifenden Vernetzung wurde
als hoch eingeschätzt. Dennoch fanden die Lehrkräfte nicht über den projektseitig organisierten Rahmen hinaus zu einer Vernetzung und zu einem Austausch. Die dazu zur Verfügung gestellten Medien (Website/Forum)
wurde durch die Lehrpersonen wenig bis kaum genutzt.
Demgegenüber organisierten sich die Schülerinnen und Schüler unabhängig von den Lehrpersonen oder den
Projektmitarbeitenden in einer geschlossenen Gruppe auf Facebook. Über die dort diskutierten Inhalte liegen
allerdings keine Informationen vor, da die Schülerinnen und Schüler keinen Einblick in diesen Bereich gewährten.
In einer Fortführung des Projektes sollte geprüft werden, ob ein regelmäßiger Austausch sowohl der Lehrkräfte als auch der Lernenden im Projekt besser angelegt werden kann und wie sich dieser langfristig auf die
Evaluationsbericht Medienscouts
schulische Projektarbeit auswirkt. Hier können drei Möglichkeiten vorgeschlagen werden: Regionale Treffen
einer kleinen Gruppe von Schulen und/oder ein großes Treffen mit Einladung aller Scout-Schulen aus NRW
(in Form eines „Kongresses“ o. ä.) oder aber die Übernahme von „Patenschaften“ für die Medienscout-Ausbildung in Form von Referaten oder organisierten Inputs von Medienscout-Schulen und Neuschulen.
5.3. Rahmenbedingungen an den Schulen
5.3.1 Zeit- und Raumprobleme
Sowohl Lehrkräfte als auch Jugendliche berichten, dass Zeit- und Raumprobleme im Schulalltag wichtige
Faktoren sind, die die Implementation des Projekts Medienscouts erschweren. Diese Faktoren werden allerdings auch bei der Implementation anderer Innovationsprojekte berichtet. Vor allem die zeitlichen Ressourcen
der Lehrkräfte scheinen hier von zentraler Bedeutung zu sein. In einer weiteren Projektphase wäre zu prüfen,
ob und wie den Lehrkräften zusätzliche Zeitkontingente für die Arbeit mit den Medienscouts zur Verfügung
gestellt werden können. Eine andere Möglichkeit würden materielle Anreize darstellen, die aber für Lehrpersonen keine große Motivation für Engagement darstellen und damit nicht empfohlen werden. Trotzdem wird
angeregt, eine Kultur der Wertschätzung und persönlichen Ansprache beizubehalten. Dies könnte bspw. über
schnelle Antworten auf E-Mails der Lehrkräfte, Telefonate oder kleine Möglichkeiten der Anerkennung (Besuch
in der Schule, Vermittlung von Pressekontakten, Weitergabe neuer Informationen etc.) geschehen.
5.3.2 Verankerung in der Schule
Bereits in der Projektentwicklung wurde die Verankerung des Projektes in der Schule und nicht bei der einzelnen Lehrkraft als wichtiger Erfolgsfaktor identifiziert. In der Projektdurchführung wurde dem projektseitig
dadurch Rechnung getragen, dass mit den Pilotschulen Teilnahmevereinbarungen geschlossen wurden. Schulen haben das Projekt in unterschiedlichem Maße in Schulprogramme eingearbeitet und über Schul- und Lehrerkonferenzen, aber auch beispielsweise in der Außendarstellung über Websites verankert. In einer weiteren
Projektphase sollte untersucht werden, in wie weit diese Maßnahmen die nachhaltige Verankerung des Projektes unterstützen.
5.3.3 Integration in den Unterricht oder freiwilliges Angebot
Die Schulen haben unterschiedliche Modelle entwickelt, wie neue Medienscouts ausgebildet werden können
und welche Angebote Medienscouts an Schulen realisieren können. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lassen sich
keine gesicherten Aussagen darüber treffen, ob einzelne Konzepte erfolgreicher sind als andere oder in welchen Kontexten welches Konzept zu bevorzugen ist. Hier sind weitere Untersuchungen, vor allem eine weitere
Begleitung bisheriger Konzepte erforderlich.
Den Schulen sollten allerdings bei der Fortführung des Projekts die in der Pilotphase gemachten Beispiele
als Möglichkeiten aufgezeigt werden. Hierzu wird empfohlen, „Scout-erfahrene“ Lehrerinnen und Lehrer von
ihren Erfahrungen berichten zu lassen oder diese strukturiert zu sammeln und aufzubereiten.
Die sind zusammenfassende Handlungsempfehlungen, die für weitere Medienscout-Projekte relevant sein
können. Enden lassen möchten wir den Bericht mit einem Zitat eines Medienscouts, gefragt nach den Wünschen für die Zukunft:
Schüler: „Ich wünsche mir, dass das Projekt ein wichtiger Bestandteil der Schule wird und dass sich mehr der
Mitschüler an uns wenden, denn dass unsre Hilfe benötigt wird, wissen wir. Aber vielen Schülern ist es peinlich,
über ihre Probleme zu sprechen, und so verschweigen sie diese. Das ist keine gute Art, damit klar zu kommen.
Ich wünsche mir, dass mehr Schüler zu uns kommen, weil ich den Schülern, die Probleme haben, gerne helfen
würde. Natürlich würde ich auch gerne mehr Veranstaltungen machen, so werden die Medienscouts schneller
als ein wichtiges Projekt und eine gute Hilfe bei Medienfragen angesehen.“ (Zukunftswünsche der Scouts aus
der 2. Onlinebefragung, 18)
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Evaluationsbericht Medienscouts
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