Grundlagen der Textlinguistik

Grundlagen der Textlinguistik
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Grundlagen der Textlinguistik * WS 2003/04
Grundlagen der Textlinguistik
Teil 09: Textproduktion und Textrezeption
Die letzte konkrete Ausgestaltung des Textes erfolgt vielfach erst im
Prozess des Sprechens.
Heinrich von Kleist an Rühle von Lilienstein (1805/1807) "Über die
allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden":
"Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst,
so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten
Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben
ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du
ihn darum befragen solltest: nein. Vielmehr sollst du es ihm selber
allererst erzählen. [...] Der Franzose sagt, l´appétit vient en mangeant,
und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert und sagt,
l´idée vient en parlant. [...]. Aber weil ich doch irgend eine dunkle
Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger
Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache,
das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem
Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur
völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem
Erstaunen, mit der Periode fertig ist."
v. Kleist: Der Zweikampf und andere Prosa. Stuttgart, 1998. 93-95
Dies gilt in ähnlicher Weise auch für die Rezeption: Der Rezipient
konstruiert aus dem, was er dem Text entnimmt (was nicht mit dem
konkreten Text übereinstimmen muss) im Zusammenspiel mit den bei ihm
aktivierten Konzepten (abhängig vom individuellen Vor- und Weltwissen)
sein Textverständnis.
Mentale Organisation von Kenntnissystemen
•
•
Grundeinheit Konzept
•
Bündel relevanter Merkmale
•
vernetzte kognitive Einheiten
Frame
•
assoziierte Eigenschaften
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•
•
Script
•
•
typische Zusammenhänge
gespeicherte stereotypische Handlungssequenz
Schema
•
auf gesamte Situation erweitertes Script
Aktivierung von Kenntnissen
•
Prinzip der assoziativen Zündung
•
unbewusst/automatischer Abruf vorgeprägter Konzepte
•
Prinzip der logischen Verknüpfung
•
Vergleich, Schluss, Inferenz
Typen von Kenntnissystemen
•
enzyklopädisches Wissen
•
sprachliches Wissen
•
•
phonologisches Wissen
•
grammatisches Wissen
Handlungswissen/Interaktionswissen
•
gegenständlich-praktisches Wissen
•
kommunikatives Handlungswissen
Interdependenz von Textproduktion und –rezeption
In der face-to-face Kommunikation gibt es immer eine Rückmeldung des
Rezipienten auf die Äußerung des Produzenten:
•
Gesten
•
Blicke
•
Kommentare
•
Unterbrechungen
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Die Produktion ist daher nicht statisch sondern nur als im Fluss befindlich
zu beschreiben. In gleicher Weise ist der Verstehensprozess meist nur ein
Zwischenprodukt, das ebenfalls ständiger Modifizierung unterworfen ist.
Schritte des Textverstehens
•
•
Erwartungshaltung
•
kontextuelle Präsignale
•
kommunikative Erfahrung
aktives Konstruieren
•
Analyse sprachlicher Strukturen
•
Vorwissen und Weltwissen werden den Informationen aus dem Text
hinzugefügt
Ein Beispiel aus Heinemann & Heinemann, 2002
Situation:
•
Abonnent einer lokalen Tageszeitung
•
Interessiert am Ergebnis der lokalen Fußballmannschaft
•
Montagmorgen
Rezeption:
•
Strategie: Sportteil suchen (andere Teile vorerst uninteressant)
•
Überfliegen der
Information)
•
gezielte Suche nach Zusatzinformationen (z.B. Torschützen, Tabelle)
•
Einordnung der gefundenen Information in bestehendes Wissen
•
Lesen des Spielberichts (möglicherweise
bestimmten Informationen)
•
sukzessive Integration der aus den Wörtern und
zusammengesetzten Propositionen in die Repräsentation
•
dabei wird für den Leser unwesentliches fallen gelassen, wesentliches
aber zu der immer komplexeren Sinneinheit hinzugefügt
Überschriften
(Scannen
nach
der
wiederum
gesuchten
suchen
nach
Bedeutungen
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•
Textverstehen stellt sich ein, wenn der ermittelte Sinn an den eigenen
Wissenshorizont anschließbar ist
Beschreiben Sie die Rezeption eines Lesers in den folgenden Situationen:
Situation:
•
Studentin;
"Der
Name
der
Rose"
als
Pflichtlektüre
im
literaturwissenschaftlichen Seminar; hat die Aufgabe, die Bedeutung
des Zuganges zur Bibliothek zu beschreiben
•
interessierter oder besorgter/voreingenommener Vater;
wissen, was seine Tochter liest und liest "Harry Potter"
•
Agatha-Christie-Liebhaberin; freut sich einen bis dahin unbekannten
Roman lesen zu können
möchte
Textverstehen ist nie reiner Selbstzweck, sondern immer auf ein Ziel
gerichtet.
Grundtypen von Lesestrategien
•
•
•
•
Interessegeprägtes Textverstehen
•
Erwartungshaltung prägt die Selektion
•
typisch für Zeitungen, Sachbücher, Unterhaltungsliteratur
Aufgabenorientiertes Textverstehen
•
Leser ist auf das Verständnis angewiesen
•
relevante Informationen werden mit besonderer Aufmerksamkeit
aufgenommen
•
Strategie ist abhängig von der Themenrelvanz
•
typisch für wissenschaftliche/schulische Situationen, Anleitungen
usw.
Verhaltensorientiertes Textverstehen
•
Aktionsorientiert
•
typisch: Hinweisschild, Bedienungsanleitung
Partnerbezogenes Textverstehen
•
Information wird in Bezug zum Produzenten gesetzt
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•
typisch: privater Brief
top-down-Prozesse
Wahrnehmen der Textelemente
bottom-up-Prozesse
•
Abwechseln von Sakkaden und Fixationen
•
Informationsaufnahme während des relativen Stillstandes
•
Zusammenhang zwischen Fixationsdauer und Aufgabenparametern
•
Wortidentifikation erst 100 ms nach Sakkadenende
•
nächste Sakkade muss ca. 100 ms vor ihrem Start „programmiert“
werden
•
mittlere Fixationszeit beim Lesen: 225 ms, Bildwahrnehmung 330 ms,
Suchaufgabe 275 ms
Zwei-Wege-Modell der Worterkennung
•
Zusammenschleifen der isolierten Phoneme, die mit Hilfe der GraphemPhonem-Konversion aus der Buchstabenkette gewonnen werden (z.B.:
„z, u, zu, g, zug“).
•
Abruf der Graphemfolge als Einheit aus dem mentalen Lexikon (direkte
Worterkennung; bekannte, hochfrequente Wörter).
Auch dsein Txet knönen Sie mit eginier Mhüe lseen. Liligdech die Bhsbcauten am
Afnnag und Edne der Wtröer snid knsanott.
Selbst auf der Wortebene findet eine stetige Veränderung des Konstruktes
statt. Da fast alle Lexeme mehrdeutig sein können, müssen die
Zeichenfolgen, die erkannt wurden, zunächst interpretiert werden um
dann als eindeutige Einheit in die bisherige Repräsentation eingebaut
werden zu können.
Satzerkennung
Gruppen
von
Wörtern
zusammengefasst.
werden
zu
chunks
(Sinneinheiten)
Dem ersten aufgenommenen Element wird eine hypothetische Funktion
zugewiesen,
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weitere Einheiten werden dieser Funktion entsprechend gesucht und dazu
in Beziehung gesetzt
Aus verschiedenen Gründen kann sich die Hypothese als falsch erweisen:
syntaktisch: "Bei der Preisverleihung überreichte der Kultusminister das
Buch der Künstlerin dem Sieger."
semantisch/pragmatisch:
Samuraischwert"
"Polizei
erschießt
19-jährigen
mit
Das In-Beziehung-Setzen mit den Einheiten des Kontextes sowie mit
inferierten Konzepten der Situation führt zum Erfassen des propositionalen
Gehalts der Äußerung.
Die weitere Verarbeitung erfolgt auf semantischer Basis, d.h. der
Tiefenstruktur.
Zentrale Basiseinheiten des Textverstehens bilden Propositionen
(konzeptuelle Strukturen, die elementare Sachverhalte abbilden) und
komplexe Schemata.
p1: Es schneit.
p2: Die Straße ist glatt.
Kenntnisse über den Zusammenhang -> propositionale Integration
Zyklische Textverarbeitung
dem Oberflächentext werden Mikropropositionen entnommen
diese werden zueinander
zusammengefasst
und
Makropropositionen
in Beziehung gesetzt, durch Integration
auf
Wesentliches
komprimiert
->
vorhandene und inferenzierte Wissenseinheiten werden hinzugefügt
irrelevante oder untergeordnete Einheiten werden verworfen (begrenzter
Speicher)
völlig neue Inhalte sind schwieriger zu verarbeiten als bereits bekanntes > möglicher Rückgriff auf das Langzeitgedächtnis entlastet das
Arbeitsgedächtnis
p1 ^ p2 -> p1
p1 ^ p3 -> p2
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p2 ^ p4 ... -> pT
Übungstext
Lieber Herbert,
von einem Freund, der einige Jahre als Pfleger in der Psychiatrie gearbeitet hat, hörte
ich einmal die folgende Geschichte: Ein Patient wurde dabei beobachtet, wie er
stundenlang auf die Uhr schaute und in regelmäßigen Abständen lauthals fluchte und
Verwünschungen ausstieß. Darauf angesprochen, was er denn da mache, jammerte
die arme Seele, dass er befürchte, nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein, weil
früher, da habe er durchaus eine Stunde schon mal in zwanzig Minuten geschafft.
Ich habe es immer gewusst: Zeit ist relativ.
Gruß, Paul
1. Welche kohäsiven Mittel werden eingesetzt?
2. Ist der Text kohärent? Begründen Sie.
3. Wie informativ ist der Text?
4. Welche Intentionen des Produzenten lassen sich erkennen?
5. Beschreiben Sie die
hervorgerufen wird.
Erwartungshaltung
6. In welchem Verhältnis
Informationen?
steht
der
die
durch
Text
zu
die
Textsorte
außertextlichen
7. Überprüfen Sie, ob alle Informationen, die Sie durch das Lesen des
Textes gewonnen haben auch tatsächlich im Text stehen.
8. Versuchen Sie Ihre Vorstellung des Textes zu beschreiben, also welche
Konzepte, Frames und Schemata begründen den Text?
9. Versuchen Sie die Propositionen des Textes herauszuarbeiten und ihre
zyklische Verarbeitung zu beschreiben.
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Thank you for your participation!

* Your assessment is very important for improving the work of artificial intelligence, which forms the content of this project

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