Leseprobe - Carl Hanser Verlag

Leseprobe - Carl Hanser Verlag
Leseprobe aus:
Martin Windrow
Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank
Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf
www.hanser-literaturverlage.de
© Carl Hanser Verlag München 2015
Martin Windrow
Die Eule, die gern aus
dem Wasserhahn trank
Mein Leben mit Mumble
Aus dem Englischen von Sabine Hübner
Titel der Originalausgabe:
The Owl Who Liked Sitting on Caesar. Life With A Lovable Tawny Owl
London, Bantam Press (an imprint of Transworld Publishers) 2014
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1 2 3 4 5 19 18 17 16 15
Copyright © Martin Windrow 2014
Alle Rechte der deutschen Ausgabe:
© 2015 Carl Hanser Verlag München
Internet: http://www.hanser-literaturverlage.de
Herstellung: Thomas Gerhardy
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
unter Verwendung einer Fotografie von © plainpicture/Narratives
Illustrationen: Christa Hook
Satz: Kösel Media GmbH, Krugzell
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany
ISBN 978-3-446-44328-0
E-Book-ISBN 978-3-446-44327-3
Anmerkung des Autors
Den Lesern ist hoffentlich bewusst, dass im Vereinigten Kö­
nig­reich wie in Deutschland sämtliche Raubvogelarten sowie
deren Eier und Küken strikt unter Naturschutz stehen.
­Sollten Sie zufällig auf ein vermeintlich „verlassenes“ Eulen­
junges stoßen, geben Sie keinesfalls dem Impuls nach, es zu
„retten“ und mit nach Hause zu nehmen. Greifen Sie bitte
nur ein, wenn sich das Eulenjunge offensichtlich in Gefahr
be­findet – etwa wenn es, in Reichweite von Hunden und
­an­deren Fressfeinden, auf dem Boden hockt. In diesem Fall
sollten Sie es sanft in beide Hände nehmen und auf einen
sicheren Ast setzen; dort werden es dann seine Eltern finden
(sie sind meist nicht weit entfernt) – oder es klettert selbst ins
Nest zurück, was ihm normalerweise keine Probleme be­
reiten dürfte. Dass Eulen ihre Jungen angeblich verstoßen,
wenn diese „den menschlichen Geruch angenommen haben“, ist ein Mythos. Traditionell wird vermutet, dass Eulen
über fast keinen Geruchssinn verfügen; doch ob dies nun
zutrifft oder nicht – wenn Euleneltern ihr verirrtes Küken
innerhalb von 24 Stunden wiederfinden, werden sie es weiter
füttern.
Nur falls das Eulenjunge offensichtlich verletzt ist, sollten Sie es mit nach Hause nehmen. In solchen Fällen ist es
wichtig, sich an eine sachkundige Person zu wenden – eine
5

Tierärztin, einen Mitarbeiter des NABU, des Deutschen
Tierschutzbundes e.V. oder noch besser an ein Vogelrettungszentrum – und zwar unverzüglich. Setzen Sie das Eulenjunge in einen Karton, der ihm genügend Platz bietet und
oben offen ist.
Falls es doch nötig werden sollte, das Küken zu füttern,
bevor es in qualifiziertere Hände gelangt, füttern Sie es auf
keinen Fall mit Brot und Milch, denn das wäre sein sicherer
Tod; Eulen sind reine Fleischfresser, deren Verdauungssystem
darauf basiert, dass alle Bestandteile ihrer tierischen Beute
verwertet werden. Wenn Sie ein Eulenküken füttern müssen, bieten Sie ihm kleine Klümpchen Rinderhack an (ich
wiederhole: Rinderhack – es verträgt nicht alle Fleisch­
sorten), vielleicht in Eigelb getunkt; schieben Sie ihm das
Futter in den Schlund, etwa mithilfe eines abgerundeten
Streichholzes. Das Küken benötigt unbedingt Raufutter, weshalb sich als Zwischenlösung anbietet, dem Hackfleisch winzige Stückchen einer weichen Feder beizumischen (selbst­
verständlich nur natürliche Materialien – keine Federn, die
womöglich gefärbt oder sonstwie chemisch behandelt sind).
Die Ernährungsvorschriften für Eulen sind jedoch komplizierter; machen Sie jemanden ausfindig, der mit der Aufzucht
und Pflege von Raubvögeln Erfahrung hat, und holen Sie
sich Rat – so schnell wie möglich.
6
Inhalt
Anmerkung des Autors
5
Einleitung9
1.Mann begegnet Eule – Mann verliert Eule –
Mann begegnet der Eule seines Lebens
15
2.Eulen – wissenschaftliche Fakten und Volksglaube
55
3.Der blinde Passagier im siebten Stock
77
4.Das Privatleben der Waldkäuze
115
5.Wunderbare Mumble
145
6.Bedienungsanleitung für eine Eule
179
7.Mumbles Tag
213
8.Mumbles Jahr
247
9.Echte Bäume und Mäuse in freier Natur
279
7

10.Abschied303
Danksagung316
Auswahlbibliographie317
8
Einleitung
April 1981
Eine Rasur wird zur Herausforderung mit einer Eule auf
der rechten Schulter. Widme ich mich der rechten Halsseite
und führe das Rasiermesser nach oben, stößt Mumble mit
dem Schnabel nach dem Griff, blitzschnell wie eine Schlange.
Bearbeite ich die linke Halsseite, nutzt Mumble – mit ungetrübter Neugier, trotz enttäuschender Erfahrungen – die
Chance, von der rechten Seite fürsorglich Seifenschaumklümpchen wegzupicken. Der Geschmack scheint ihr nicht
zu behagen; nachdem sie ein paarmal nachdenklich geschmatzt hat, niest sie ein bisschen (Tsnit!), und der Schaum
bleibt größtenteils an ihren Schnabelborsten hängen. Dennoch hüpft sie manchmal auf den Waschbeckenrand und
betrachtet höchst interessiert den auf dem Wasser schwimmenden Rasierschaum. Es fühlt sich herrlich an, ihr Gefieder an meinem nackten Bauch zu spüren, warm und samtweich.
Ich wollte sie dazu bringen, über meinen Nacken zur linken Schulter zu wandern, wenn ich links mit Rasieren fertig
bin, aber Mumble bevorzugt nun mal die rechte Schulter
und ist – genau wie ich – so früh am Tag allen Neuerungen
abhold. Wir laufen morgens beide auf Autopilot, und diese
9

eingeschränkte Fähigkeit, sich in den ersten Stunden des
Tages zu orientieren, verbindet uns.
Der Rasierspiegel reflektiert zwei Augenpaare – eins davon blau und gerötet, das andere glasig schwarz – neben­
einander in einem schmuddeligen Chaos aus nassem Haar,
­Rasierseife und Federn. In beiden Augenpaaren meine ich
die vertraute morgendliche Kombination zu erkennen –
Apathie und einen gewissen Argwohn, was der Tag wohl bereithalten mag: für mich unheilvolle braune Sichtfenster­
kuverts; für Mumble vielleicht eine lästige zerfranste Feder
unter den linken Handschwingen. Weshalb sollte ich ihre
Probleme vergrößern, indem ich ihr radikale Neuerungen
aufzwinge, etwa die, mir beim Rasieren von der linken
Schulter aus zu assistieren? Wir kriegen das hin; wir kriegen
das so gut hin, dass ich oft gar nicht mehr merke, auf welch
bizarre Weise ich mich in den drei Jahren unseres Zusammenlebens angepasst habe.
Oktober 2013
Mumble gehörte damals so sehr zu meinem Leben, dass
mir das Kuriose unserer Beziehung eigentlich nur noch zu
Bewusstsein kam, wenn ich erstaunte Reaktionen erntete.
Manch neue Bekanntschaft trat angesichts eines Lektors,
der im siebten Stock eines Hochhauses in South London
mit einem Waldkauz zusammenlebte, nachdenklich den
Rück­zug an. Wer Exzentriker hingegen faszinierend fand,
fühlte sich angesprochen – teils so sehr, dass ich zu Weihnachten und am Geburtstag jahrelang eine wahre Flut von
Eulenkarten erhielt. (Anfangs fand ich das ja rührend, auf
lange Sicht war es aber doch etwas ermüdend.) Andere erkundigten sich allerdings durchaus – meiner Meinung nach
10

zuweilen ziemlich schonungslos – nach der Praktikabilität
meiner häuslichen Situation. Ich versuchte zwar geduldig zu
antworten, fand es aber schwer, die direkte Frage »Ja, aber …
warum?« kurz und bündig zu beantworten; meine beste
Antwort lautete schlicht: »Warum nicht?«
Es ist mir peinlich, wenn ich daran zurückdenke, dass ich
in einer solchen Situation einmal wie ein nerviger Klugscheißer rea­giert habe: »Schauen Sie – ich lebe seit zwei Jahren
mit ihr zusammen. Sie kostet mich etwa 20 £ im Jahr, alles
inklusive. Sie ist außerordentlich hübsch und amüsant. Sie
ist ­anschmiegsam, ohne zu klammern, und sie duftet so gut.
Es ist ihr egal, um welche Uhrzeit ich nach Hause komme,
sie plappert nicht beim Frühstück, und es passiert eher selten, dass wir uns darüber streiten, wer welchen Teil der
Sonntagszeitung kriegt.« Nachdem mir klargeworden war,
welche Rückschlüsse derlei Phrasen auf meine Einstellung
zu menschlichen Paarbeziehungen zulassen könnten, strich
ich sie schnell aus meinem Gesprächsrepertoire.
Lernten die Leute Mumble dann kennen, bedurfte es
meist keiner weiteren Erklärungen mehr. Was für Vorurteile
sie auch immer gehegt haben mochten – kaum standen sie
zum ersten Mal diesem Käuzchen gegenüber, hellten sich
ihre Züge auf und wurden weich. In Mumbles erstem Jahr,
als auch Fremde sie noch ohne trennendes Glas oder Drahtgeflecht betrachten konnten, ertönte dann meist ein verwunderter Ausruf (»Oh! … wie wunderschön sie ist !«), und
gleichzeitig streckten die Besucher instinktiv – es sei denn,
ich hatte daran gedacht, sie zu warnen – die Hand aus, um
Mumble zu streicheln.
Weniger erfreulich allerdings war die Erfahrung, dass die
betreffende Person, selbst wenn man sich nach Jahren wie11

dersah, meist spontan sagte: »Aber ja, natürlich – der Eulenmann!« Seitdem tröste ich mich mit dem Gedanken, dass es
weit negativere Gründe gibt, Menschen (egal wie vage) in
Erinnerung zu bleiben.
*
*
*
Die Mahnung in der Anmerkung des Autors, niemals im­
pulsiv „ein verlassenes Eulenküken zu retten“, mag in einem
Buch, das vom beglückenden Zusammenleben mit einer
Eule handelt, heuchlerisch erscheinen; aber meine Recht­fer­
tigung ist, dass Mumble nie in der Natur gelebt hat. Sie ist
in Gefangenschaft geschlüpft, von Hand aufgezogen worden und hat nie Artgenossen kennengelernt. Ich konnte ihr
besseres Futter bieten und ein wesentlich längeres, weniger
gefährliches Leben, als es ihr im Wald beschieden gewesen
wäre. Anfangs hatte ich gelegentlich Gewissensbisse, weil
ich ihr das „Leben unter freiem Himmel“ versagte, aber
schon bald erkannte ich, dass solche Empfindungen im Fall
eines Käuzchens viel mit menschlicher Sentimentalität und
nicht das Geringste mit der Natur zu tun haben – ein Waldkauz ist keine Feldlerche und kein Wanderfalke, er ist eine
geflügelte Katze, die ein gemütliches Zuhause liebt. Die
­wenigen Male, wo Mumble Gelegenheit gehabt hätte, die
freie Natur zu genießen, zeigte sie nicht das geringste Inte­
resse (auch die Person, die Mumbles frühzeitigen Tod verursacht hat, mag von jenem sentimentalen Irrglauben besessen
gewesen sein).
Unter anderem lag es an meiner inneren Verfassung nach
jenem Ereignis, dass ich, trotz wiederholten Drängens meiner Familie, erst nach vielen Jahren dazu fähig war, all die
Notizen und Fotografien auszugraben, die ich während un12

serer fünfzehn gemeinsamen Jahre gemacht hatte – und mich
an den Versuch wagen konnte, sie in dieses Buch zu ver­
wandeln. Seit ich die Mitte der 1990er Jahre weggelegten
Notizbücher nun wiederlese, durchlebe ich von Neuem
Emotionen, die ich lange Zeit verdrängt hatte – und ich
bin froh, dass ich wieder Zugang zu diesen Empfindungen
habe.
Vielleicht noch ein Hinweis zu dem Text, der aus diesem
Prozess hervorging. Ich behaupte nicht, dass alle „Tagebuch“Einträge in diesem Buch wortwörtlich Notizen entstammen, die zu jener Zeit entstanden sind, obwohl ich damals
viele davon recht detailliert ausgearbeitet habe. Natürlich
wurden einige überarbeitet oder weggelassen; alle jedoch zitieren gewissenhaft die kurz nach den Ereignissen entstandenen Aufzeichnungen oder die Gedanken, die sie enthalten.
*
*
*
Warum ich mich mit Mitte dreißig entschloss, mir zum ersten Mal ein Haustier anzuschaffen – dazu noch eine Eule,
obwohl ich bis dahin nicht das geringste Interesse an Ornithologie verspürt hatte –, bleibt eine berechtigte Frage. Und
war schon das „Warum“ verwirrend, schien auch das „Wie“
nicht gerade unkompliziert.
In Wirklichkeit war Mumble gar nicht meine erste Eule;
und obwohl sie für mich zum Inbegriff und zur Ikone des
„Eulenhaften“ wurde, wäre es unaufrichtig, meine erste gescheiterte Beziehung aus den Annalen zu tilgen. Wie die
meisten solchen Irrtümer lehrte mich auch jenes Scheitern
eine ganze Menge.
13

1
Mann begegnet Eule – Mann verliert Eule –
Mann begegnet der Eule seines Lebens

A
LLES BEGANN, wie so viele Dinge in den letzten
fünfzig Jahren, mit meinem älteren Bruder Dick.
Mitte der 1970er Jahre hatte er sich seinen langgehegten
Traum erfüllt, aufs Land nach Kent zu ziehen und ein möglichst altes Anwesen zu erwerben, das ihm genügend Platz
bot, am Wochenende seinen diversen Hobbys nachzugehen.
(Dazu zählten im Lauf der Zeit: Rallyefahren, die Reparatur
von Militärfahrzeugen, Luftbildarchäologie, Schrotschießen
und Falkenjagd, nicht zu vergessen Bluesgitarre und allerlei
andere Freizeitbeschäftigungen, die diesem Mann mit seinen Riesenpranken präzise Fingerfertigkeit abverlangten.)
Da seine Ehefrau Avril nicht nur Geduld besitzt, sondern
auch ausgezeichnete praktische Fähigkeiten (vom Anfertigen feiner Handarbeiten und silbernen Schmucks über Gartenarbeit und Tierhaltung bis hin zum Betonmischen, Renovieren und Dekorieren), verwandelte sich die Water Farm
schon bald in einen sehr attraktiven Aufenthaltsort, obwohl die vorherigen Bewohner Schafe gewesen waren. Zudem konnte man Dick gegenüber kaum einen Gebrauchs­
artikel oder eine Dienstleistung erwähnen, ohne dass sein
freundliches, etwas zerbeultes Gesicht diesen nachdenklichen Ausdruck angenommen hätte: »Ah, interessant – ich
kenne da zufällig jemanden, der … (… einen Panzermotor
verkauft, Schaffelle trocknet, als Stuntman beim Film arbeitet, genau weiß, zu welchen Zeiten die Kaninchengehege
17

seiner Lordschaft am Wochenende unbewacht sind, sich mit
Sprengstoff auskennt, Wildschweine züchtet, Holländisch
spricht, Objekte in Kunstharz gießt, einem ohne lästigen
Papierkram x-beliebige Dinge besorgen kann, etc. etc.).
Damals wohnte ich in einem Hochhaus in Croydon, South
London, und pendelte täglich zwischen meinem Wohnort
und Covent Garden hin und her, wo ich in einem Verlag
als Lektor mit militärhistorischen Werken befasst war. Unsere
Großfamilie verbrachte Weihnachten meist auf der Water
Farm, und da sich sowohl mein Privatleben als auch mein
Berufsalltag zwischen schmutzigem Beton und Dieselabgasen
abspielte, nahm ich Dicks und Avrils grenzenlose Gastfreundschaft oft auch im Sommer in Anspruch und verbrachte die
Wochenenden in Kent. Die beiden unterhielten eine ganze
Menagerie, im Lauf der Jahre immer wieder andere Tiere:
zahllose Katzen (einschließlich einer, die mir bei der Kaninchenjagd beschämend deutlich den Rang ablief ), Tauben,
Hühner, Enten, Gänse, Truthähne, ein paar Schafe, eine
Ziege, einen Esel, eine Dexter-Aberdeen-Angus-Kuh, Shreds,
die wunderbare Waldiltis-Frettchen-Kreuzung meines Neffen
Stephen, und eine Zeitlang sogar einen Waschbären (voll ausgewachsen sind Waschbären wesentlich größer und kräftiger,
als man gemeinhin glaubt). Ich „hatte“ es eigentlich gar nicht
so mit Tieren, aber sicherlich trug dieser kleine Zoo zur
­Attraktivität der Water Farm bei, neben all den anderen Verlockungen – Friede, Weiträumigkeit, reine Luft und Avrils
überragende Kochkünste.
Noch vor dem Umzug auf die Water Farm hatte Dick sich
für Bücher über die Falkenjagd interessiert. Selbstverständlich fand er auch in diesem Bereich bald Freunde und erwarb
seinen ersten Vogel – einen wunderbar glänzenden Falken
18

namens Temudjin, nach dem jungen Dschingis Khan. Nach­
dem Dick die Farm gekauft hatte, baute er Käfige und Vo­lie­
ren, die den Vögeln genügend Bewegungsspielraum boten,
und da sich sein Wissen, sein Können und sein Bekanntenkreis immer mehr vergrößerten, waren diese Unterkünfte
ständig belegt. Zu den Insassen zählten Turmfalken, Bussarde, Habichte und sogar ein etwas lädierter Steppenadler,
der an „Pododermatitis“ litt (nein, sagt mir auch nichts).
Ich beobachtete, wie Dick mit den Raubvögeln umging
und sie ausbildete, und wurde von seiner Faszination un­
weigerlich angesteckt. Als ich eines Tages auch einmal einen
Falken auf die behandschuhte Faust nehmen durfte, um gemeinsam mit Dick durch die Felder zu streifen, wehte mich
sofort der Zauber des Mittelalters an. Ein unbeschreibliches
Gefühl. Natürlich war auch Eitelkeit im Spiel: Der Mann
muss erst noch geboren werden, der nicht die Pose eines
Plantagenet einnimmt und lässig das Brustgefieder seines
Falken streichelt, wenn hinter einer Wegbiegung eine Schar
gebührend beeindruckter Spaziergänger erscheint … Aber
es schmeichelte nicht nur dem Ego; für mich war das eine
bisher ungekannte Art von Beziehung, die mich mit ganz
neuen Empfindungen erfüllte. Sie schienen sehr tief zu sitzen und weit zurückzureichen. Es war ein langsamer Prozess, den ich mir eine ganze Weile gar nicht eingestand,
doch allmählich spürte ich ganz bewusst, dass ich mit diesem Neuen auf Dauer in Verbindung bleiben wollte.
Der Gedanke, in einem Hochhausapartment in South
London einen Falken zu halten, war natürlich abwegig,
­dennoch verfolgte mich dieser Traum. Schließlich wies mir
meine Schwägerin unwissentlich den Weg. Avril hatte sich
schon seit einiger Zeit einen eigenen Vogel gewünscht, aber
19

einen, der sich problemlos in ihren Alltag als unermüdlich
tätige Mutter zweier Söhne fügte. Gewissenhaft hängte Dick
sich ans Telefon und rief ein paar Herren mit lustigen Spitznamen an, und eines Tages ließ sich „Wol“ in Avrils Küche
nieder, wo er die meiste Zeit auf einem schattigen Ausguck
hoch oben auf dem großen Küchenbuffet hockte. Avrils
­Küche war für zufällige Besucher ohnehin ein willkommener Hafen und gewann durch die Gegenwart des Käuzchens
noch größere Anziehungskraft. (Wol saß so still, dass die
meisten Leute dachten, er sei ausgestopft, bis ein gelegent­
liches Blinzeln die Wahrheit verriet; gelegentlich kam es
dann vor, dass ein Besucher Kaffee verschüttete oder sich an
­einem Bissen Kuchen verschluckte.)
Wol bezauberte mich vom ersten Moment an, und als ich
miterlebte, wie problemlos und unaufgeregt sich eine Eule –
wenn man sie jung genug bei sich aufnimmt – an mensch­
liche Gesellschaft gewöhnen kann, setzte ich dem nagenden
Wunsch, selbst einen Vogel zu besitzen, immer weniger Widerstand entgegen.
*
*
*
Im Sommer 1976 baten ein Freund und ich um gastliche
Aufnahme in der Water Farm, während wir auf einem nahegelegenen Flugplatz einen kurzen Fallschirmspringkurs absolvierten.
Damals verfügten Anfänger noch nicht über die moderne
Fallschirmausrüstung mit ihren relativ leichten Packs, ma­
tratzenförmigen Fallschirmkappen und präziser Steuerung,
die einem fast immer eine aufrechte Landeposition erlaubt.
Roger und ich bekamen gezeigt, wie man Landerollen macht;
ohne die ging es nicht bei den alten Irvin-Fallschirmen,
20

­deren X-Type-Gurtwerk zentnerschwer an uns hing (und
uns mit der Grazie eines Kartoffelsacks zu Boden brachte).
Mein erster Sprung war ebenso schrecklich wie beglückend. Zuerst kam der bodenlose, blanke Horror, als der
Motor der kleinen Cessna abgeschaltet wurde und ich hinauskletterte und zwischen Tragflächenstrebe und Fahrwerk
balancierte, wobei ich Mühe hatte, im brausenden Wind
den Absetzer zu verstehen, der noch einmal alle wichtigen
Punkte durchging. Dann – als sich der Schirm ruckartig
­geöffnet hatte, das enganliegende Gurtwerk mich hielt wie
Gottes Hand und von unten die Landschaft Kents zu mir
emporlächelte – überflutete mich ein absolutes Hochgefühl,
das sich noch verstärkte, als ich mich nach erfolgreicher
Landung wieder vom Boden aufrappelte.
Zur denkwürdigsten Erfahrung jedoch geriet der dritte
Sprung. Aufgrund meiner äußerst mangelhaften motorischen Fähigkeiten, die schon in meiner Schulzeit den Sportlehrern auffielen, verschätzte ich mich, während der Boden
in den letzten Sekunden auf mich zuraste, bei der Landerolle
total. Mit dem Hintern voran schlug ich auf und zog mir
eine der klassischen (und wahnsinnig schmerzhaften) Fallschirmsportverletzungen zu – eine Kompressionsfraktur der
Lendenwirbel. Der arme Roger, der den langen Strohhalm
gezogen hatte und sich immer noch Hunderte Fuß über
dem Sprungplatz befand, musste sich auf seine eigene Landung vorbereiten, während er mitbekam, wie ich mich laut
stöhnend am Boden krümmte. Meine eindrücklichste Er­
innerung der nächsten halben Stunde ist die an einen jungen Offiziersanwärter, der im Kreis der anderen um mich
herumstand. Während sonst alle besorgt auf mich herunterstarrten, steckte er sich eine Zigarette in den Mund, klopfte
21

zerstreut auf seine Taschen, murmelte seinen Kameraden
­etwas zu – die den Kopf schüttelten, ohne ihre ernsten Blicke von mir zu wenden –, beugte sich dann zu mir herunter
und bat mich um Feuer. Da ich in Gedanken gerade mit
meinem Rückgrat beschäftigt war, konnte ich ihm leider
nicht damit dienen.
Im Juni 1976 stöhnte Südengland unter einer Hitzewelle,
wie es sie nur alle zwanzig Jahre einmal gibt, und ich lag
schweißüberströmt und völlig bewegungsunfähig in einem
Klinikbett; dieses Bett stand unmittelbar unter e­ inem gro­
ßen Oberlicht, das in die niedrige Decke eines einstöckigen
Seitentrakts eingelassen war. In der sengenden Sonne angepflockt wie ein Apachen-Opfer, voller Ekel vor dem ungenießbaren Klinikfraß, habe ich es zwei Personen zu verdanken, dass ich durchgehalten habe – erstens einer netten
erfahrenen Nachtschwester, die ein entspanntes Verhältnis
zu Pethidin-Injektionen bewies, und zweitens Dick, der
mich jeden Abend auf dem Heimweg von der Arbeit getreulich besuchte und mir köstliche Sandwiches mitbrachte.
Nach einer Woche in verschwitzten Laken, eingezwängt in
Metallschienen, schaffte ich es schließlich, schwerfällig zu
Dicks Wagen hinauszuwanken, wie Boris Karloff in Frankenstein, und wurde zur Water Farm zurückgebracht, um
dort wieder auf die Beine zu kommen.
*
*
*
Während ich in den nächsten Wochen meine Beweglichkeit
wiedererlangte, musste ich tagsüber oft stundenlang mit
­einem Buch auf einer Decke im Schatten liegen, oder ich
wankte unbeholfen durch die Gegend. Nun hatte ich mehr
Zeit denn je, Dicks Vögel zu beobachten, und entwickelte
22

immer größeres Interesse. Nicht einmal ich schaffte es, tagelang pausenlos zu lesen, und so boten mir die Vögel willkommene Abwechslung. Jetzt, wo ich Muße hatte, sie einfach still zu betrachten und mehrmals täglich zu besuchen,
nahm ich nicht mehr nur Momentaufnahmen wahr, sondern entwickelte ein Gefühl für ihren Lebensrhythmus. Indem ich ihnen bei der Gefiederpflege zusah, lernte ich ihren
Körperbau genauer kennen und entdeckte ihre individu­
ellen Besonderheiten. Ich bombardierte meinen Bruder mit
Fragen über ihre Unterkünfte, ihre Ernährung, ihren Tagesablauf, ihre medizinischen und emotionalen Bedürfnisse und
andere Dinge, die sicher manchmal reichlich albern ­waren.
Diese Gespräche setzten wir lange nach der Rückkehr in
meine Wohnung in unregelmäßigen Abständen am Telefon
fort. Häufig äußerte ich Zweifel an meinem Vorhaben, mich
selber um einen Vogel kümmern zu wollen, und hätte Dick
mir recht gegeben, wäre vermutlich nie etwas daraus ge­wor­
den; aber er gehört nicht zu den Leuten, die Träume, und
seien sie noch so verrückt, von vornherein für unrealistisch
halten. Es dauerte nicht lange, und mir gingen die Gegen­
argumente aus, und dann kann der Abend, als ich tief Luft
holte und Dick bat, doch bitte »diesen Bekannten anzu­
rufen«. Vielleicht aus dem vagen Gefühl heraus, dass das
Halten einer Eule womöglich zum Desaster führen könnte,
welches sich bei einer kleinen Eule dann zumindest auf ein
kleines Desaster beschränken würde, bat ich ihn, mir einen
„Wichtel“ zu besorgen (wobei sich diese mundartliche Bezeichnung für den Steinkauz nicht auf seine Größe, sondern
die Ähnlichkeit mit Kobolden bezieht).
Und so zog im Herbst 1977 ein Flaumbündel – eine 15 cm
große, 120 g schwere gefiederte Furie – zu mir in den siebten
23

Stock des riesigen Betonblocks neben der A 23 in West
Croydon. Wegen seines ausgesprochen raubvogelartigen Pro­
fils, den überhängenden Brauen und den gelb glühenden
Augen konnte der Vogel nur „Wellington“ heißen, nach
dem Sieger von Waterloo. Leider besaß er, wie sich zeigen
sollte, auch die eiserne Willenskraft des Iron Duke.
*
*
*
Der drosselgroße Steinkauz – Athene noctua – ist die kleinste
der britischen Eulen, die als letzte Eulenspezies nach Großbritannien kam. Steinkäuze wurden erst in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts von Landbesitzern aus Konti­
nen­taleuropa eingeführt, wegen ihres Rufs, eine wahre Heim­
suchung für Mäuse und Insekten zu sein; in mehreren europäischen Ländern wird ihre Ansiedlung aktiv von Bauern
gefördert, und sie stehen unter Naturschutz. Es gibt eine
reizvolle Geschichte, der zufolge der erste Engländer, der
sie sich zunutze gemacht haben soll, Admiral Nelson war.
Nachdem man ihn ins Mittelmeer beordert hatte, soll er
hundert Steinkäuze aus Nordafrika erworben und jedem seiner Schiffe einen zugeteilt haben; angeblich setzte man sie
bei den Mahlzeiten auf die Offizierstische, damit sie die Rüsselkäfer aus dem verdorbenen Schiffszwieback pickten. (Ich
habe zwar keine Ahnung, ob diese Geschichte stimmt, würde
ihr aber sehr gerne Glauben schenken. Ich höre förmlich, wie
Nelsons Seebären ihre Eulen anfeuern und Wetten darauf
abschließen, wie viele Käfer jede von ihnen vertilgen wird.)
Die gegenwärtige Steinkauzpopulation Großbritanniens
wird – mit dem üblichen lässigen Mangel an Präzision – auf
5000 bis 12 000 Brutpaare geschätzt (in Deutschland geht
man von einem noch kleineren Bestand aus). Da sich die
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Steinkauzbestände im Lauf der letzten Jahrzehnte verringert
haben, wird dieser Vogel auf der gelben (in Deutschland
­roten) Liste der Naturschützer als Spezies geführt, die moderaten Anlass zur Besorgnis gibt. Sie sind diejenigen unserer
Eulen, deren Aktivität sich am wenigsten auf die Nacht beschränkt, und obwohl sie nach Einbruch der Dunkelheit
­jagen, sind sie auch tagsüber aktiv. Steinkäuze haben ein
dunkelbraunes und weißes Gefieder, das gestreift und gesprenkelt ist, sie weisen eine stromlinienförmigere Silhouette auf als die größeren Spezies, und ihr Kopf wirkt durch
die niedrige Stirn abgeflacht. Sie haben die breiten gerun­
deten Schwingen der Waldvögel und einen sehr kurzen
Schwanz. In Europa leben sie am liebsten in Wäldern und
Feldgehölzen, und wenn man durchs englische Flachland
fährt, erspäht man zuweilen eine kleine, auf einem Zaunpfosten hockende Gestalt, die den Blick prüfend über Felder
und Hecken gleiten lässt. Wenn die Äcker gepflügt werden,
kann man Steinkäuze sogar dabei beobachten, wie sie dem
Pflug folgen, um Würmer zu fangen.
Der erste meiner vielen Fehler war gewesen, dass ich überhaupt nach dieser Eulenart gefragt hatte, und noch schlimmer war der Umstand, dass die betreffende Eule schon sechs
Monate alt war und diese Zeit mit anderen Vögeln in einer
großen Voliere verbracht hatte. Die wichtigste Grundregel
für die Zähmung eines wilden Tiers lautet, dass es von seinen Artgenossen isoliert und so früh wie möglich seinem
Betreuer anvertraut werden sollte – sobald man es gefahrlos
von seiner Mutter trennen kann. Mit umsichtiger Güte erreicht man so vielleicht, dass das Tier potenzielle soziale Gefühle auf den Betreuer projiziert. Es ist ja allgemein bekannt,
dass ein absolut soziales Tier wie etwa der Hund leicht da­
25

rauf abgerichtet werden kann, sein Herrchen oder Frauchen
als Alpha-Tier des Rudels zu betrachten. Ein solitärer Raubvogel – wie die Eule – empfindet keine solche instinktive
Beziehung. Das Ei muss aus dem Nest genommen und in
einem Inkubator ausgebrütet werden, damit das Küken
schon beim Schlüpfen einen Menschen sieht und von ihm
gefüttert wird.
Es heißt manchmal, der Vogel werde dann auf diese Person „geprägt“, sodass sich eine tiefe Bindung entwickle und
man den Vogel nie mehr auswildern könne. Aber dies
schießt weit übers Ziel hinaus. Ein Vogeljunges, das während seiner ersten Wochen von einem Menschen aufgezogen
wurde, kann diese Vertrautheit ohne weiteres auf einen anderen Menschen übertragen. Von Menschen aufgezogene
Findlinge wurden schon oft erfolgreich ausgewildert, indem
man die Bindung ganz allmählich löste. Alternativ kann
man einen Vogel vorsichtig an das Zusammenleben mit
­anderen Vögeln in einer Voliere gewöhnen. Verbringt der
Vogel die prägenden ersten Lebenswochen nach dem Schlüpfen jedoch in der Gesellschaft anderer Vögel, ohne menschlichen Kontakt, nimmt man gemeinhin an, dass alle späteren Zähmungsversuche mehr oder weniger vergeblich sein
werden (ein Wissen, über das ich im Herbst 1977 noch nicht
verfügte). So stand es um Wellington; und deshalb waren
meine Versuche, ihn „auf mich zu prägen“ – ihn an meine
Berührung zu gewöhnen –, von Anfang an zum Scheitern
verurteilt.
*
*
*
Da Wellington ein ängstliches, wildes Tier war, nicht daran
gewöhnt, berührt zu werden, musste er wie ein Falke „gefes26

selt“ werden, bevor ich ihn mit nach Hause nehmen konnte,
anders wäre er nicht zu bändigen gewesen.
Fesseln sind schmale, dünne Lederbänder, die ein Falkner
um die Füße des Vogels schlingt, damit er ihn daran fest­
halten kann, wenn er auf seiner Faust sitzt. Die Enden der
Bänder sind mit einem kleinen Metallwirbel, der Drahle,
verbunden (bei der Falkenjagd werden auch noch zwei winzige Messingglöckchen daran befestigt). Wenn der Falkner
nun eine Schnur durch die Drahle zieht – etwa 1 m lang,
zum Vogel hin mit einem Stoppknoten versehen –, kann er
diese mit einer zweiten Drahle auf der Sitzstange verbinden
oder an einem „Falkenblock“ im Freien. So hat der Vogel
zwar viel Bewegungsspielraum, kann sich aber nicht in der
Schnur verfangen (so zumindest lautet die Theorie; in der
Praxis scheint es für manche Vögel kinderleicht zu sein,
diese angeblich narrensichere Konstruktion zu überlisten).
Es leuchtet ein, dass vier Hände nötig sind, um einem
ungezähmten Vogel Fesseln anzulegen – im Fall Wellingtons
waren dies die Hände eines Experten und eines ängstlichen
Neulings. Es galt, den Vogel aus dem Käfig zu nehmen und
an jeder Bewegung zu hindern, in Rückenlage, mit den Beinen in der Luft, wobei man die Flügel sanft, aber energisch
seitlich festhalten musste – falls es ihm gelang, einen seiner
Flügel zu befreien und wild zu flattern, hatten wir ein Problem. Manche Leute benutzen gern ein weiches Tuch, um
Vögel festzuhalten, andere wiederum trauen sich zu, den
korrekten Griff mit bloßen Händen auszuführen. Unerfahren wie ich war, fand ich diese Aufgabe beängstigend: Die
ersten Male hatte ich einfach kein instinktives Gespür dafür,
wie und wo ich den Vogel anfassen musste. Natürlich fürchtete ich, zu fest zuzupacken – jeder Druck auf den Brustkorb
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