Achtsame Körperwahrnehmung (Somatic Psychology) Behandlung

Achtsame Körperwahrnehmung (Somatic Psychology) Behandlung
Übergewicht und Essstör ungen
Achtsame Körperwahrnehmung
(Somatic Psychology)
Behandlung von Essverhaltensstörungen am Berner Inselspital
«Indem ich mich endlos mit meinem
Körper beschäftig habe, hörte ich auf, ihn
zu bewohnen. Ich versuche jetzt, diese
Gleichung umzukehren, auf meinen Körper zu vertrauen und wieder rückhaltlos
in ihn einzutreten.» (Foster, Seite 24)
Essen, Nicht-Essen und die Beschäftigung mit Gewicht, Figur und körperlicher Fitness ist heute allgegenwärtig.
Ein besonderes Merkmal unserer Zeit
besteht darin, viel über gesundes Essen nachzudenken, sich über alle
möglichen Inhalte eines bestimmten
Nahrungsmittels zu informieren und
oft in einem ständigen inneren Kampf
um erlaubtes, gesundes, ethisch richtiges, figurbewusstes Essen verstrickt zu
sein. Oft werden Hunger und Sättigung als unmittelbare Körperempfindung, Genuss und Freude am Essen,
die Herkunft der Nahrungsmittel und
die sinnliche Erfahrung des Kochens
kaum noch bewusst wahrgenommen.
Silvia Fiscalini, Thea Rytz
Zeitdruck, Leistungsdruck, Bewegungsmangel, Werbung und unrealistische Schönheitsideale diktieren
zumindest in den westlichen Industrienationen die Essgewohnheiten in grossem Masse. Soziale Faktoren, wie die
allgemeinen Lebensumstände und im
Besonderen die durcheinandergeratenen Bedingungen für eine geregelte
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Nahrungsaufnahme, sind nicht zu unterschätzende Gründe für Essverhaltensstörungen. «Wir glauben, dass wir
unsere Bedürfnisse erfüllen, indem wir
entweder unsere Essgier stillen oder
uns zwingen, sie zu verleugnen.» (6)
Essen entgleitet mehr und mehr unserer direkten sinnlichen Erfahrung.
Achtsame Körperwahrnehmung ist
eine Möglichkeit, um diese sensorische
Ebene – die körperlichen Signale und
grundlegenden Bedürfnisse – wieder
wahrzunehmen. Ein «inneres Wissen»
der körperlichen, sinnlichen, seelischen und geistigen Befindlichkeit zu
kultivieren und sich auf diese Weise
dem Körper und sich selbst mit freundlicher Aufmerksamkeit zuzuwenden,
ist eine wichtige Antwort auf die Anforderungen der aktuellen Situation.
Wahr nehmen, was wir
empfinden
Bereits zur Zeit der Reformpädagogik in den Zwanzigerjahren beklagte
Elsa Gindler den mangelnden Bezug
zur konkreten sinnlichen Wahrnehmung und die damit verbundene Isolation: «Wir sind so voller Unruhe, voller
Lärm, nie wirklich einer Sache hingegeben, immer mit dem Kopf bei dem
Vergangenen oder bei dem, was kommen soll, dass es fast stets dem Zufall
überlassen bleibt, ob Kontakt mit Menschen oder den Dingen entsteht.» (10)
Diese Pionierin der Körperwahrnehmungstherapie beobachtete, dass sich
ihre SchülerInnen zwar schwungvoll
bewegten, nach dem Unterricht ihre
Frische und Lebendigkeit aber wieder
verloren: «Das gab mir jedenfalls zu
denken. Wie viel wichtiger müsste es
doch sein, Menschen dahin zu führen,
dass sie während ihrer täglichen Arbeit
frisch und ausgeglichen sein können!
Eine Geschmeidigkeit nicht für Turnund Gymnastikübungen, sondern eine
Körperbereitschaft jederzeit zur Verfügung zu haben! Entspannen zu können, nicht in Entspannungsübungen,
sondern im Leben, wenns schwierig
wird!» (11) Emotions- und Stressregulation durch achtsame Körperwahrnehmung nennen wir heute diesen
Fachbereich. Die Begriffe «Somatic
Psychology», «Somatics», «somatopsychische Selbstbeobachtung» oder «somatisches Lernen» fassen die Fülle von
Methoden, Techniken und Praktiken
zusammen, die sich in den letzten 80
Jahren im Westen entwickelt haben
(5). Alle fördern jeweils auf spezifische
Weise die Körpereigenwahrnehmung,
orientieren sich an der menschlichen
Physiologie, insbesondere am Nervensystem, und erforschen das Zusammenspiel von Körper (Materie) und
Bewusstsein (Fluss von Information).
Zum Teil werden sie mit kontemplativen Praktiken aus unterschiedlichen
(oft östlichen) Kulturen kombiniert,
wie beispielsweise mit buddhistischen
Achtsamkeitsmeditationen, Yoga oder
Qi Gong.
Das achtsame Gehir n –
aktuelle neurobiologische
Erkenntnisse
Grundannahmen der «Somatic Psychology» werden nun von der aktuellen Hirnforschung bestätigt. Erfahrungen werden immer gleichzeitig auf der
kognitiven, der emotionalen und der
körperlichen Ebene in Form entsprechender Denk-, Gefühls- und Körperreaktionsmuster verankert und neurobiologisch aneinander gekoppelt.
Nicht nur starke Gefühle wie Wut,
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Trauer, Angst oder Freude sind mit
körperlichen Empfindungen eng verbunden, sondern jedes Erleben einschliesslich des Denkens geht auf körperliche Empfindungen zurück (2).
Alle im Laufe des Lebens gemachten
Erfahrungen werden strukturell im
Gehirn verankert. Da das menschliche
Gehirn über eine enorme Plastizität
verfügt, ist Veränderung im Fühlen,
Denken und Handeln auch ein Leben
lang grundsätzlich möglich. Denn
neue Erfahrungen können neue neuronale Verbindungen aufbauen oder
bestehende auflösen (8). Über die
Körpereigenwahrnehmung und über
unsere Sinne wird uns konkret die Erfahrung der Welt und unserer eigenen
Person vermittelt. Mehr Bewusstsein
hat allerdings erst in Kombination mit
einer freundlichen, achtsamen Haltung eine gesundheitsfördernde Wirkung (7). Bei Achtsamkeit geht es
darum, aus einem Leben, das auf Automatik geschaltet war, aufzuwachen
und für die Resonanz unserer Alltagserfahrungen offen und empfänglich
zu werden. Studien der interpersonellen Neurobiologie zeigen, dass die
Schulung von Achtsamkeit unmittelbaren Einfluss auf das Wachstum derjenigen Gehirnfunktionen ausübt, die für
unsere Beziehungen, unser emotiona-
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les Leben und unsere physiologische
Reaktion auf Stress verantwortlich sind
(14). Wer sich in Achtsamkeit schult,
behält demnach auch in Stresssituationen mehr innere Flexibilität und
Handlungsspielraum – zwei wichtige
therapeutische Ziele in der Behandlung von Sucht- und Angsterkrankungen, die wir oft in Kombination mit
Essverhaltensstörungen antreffen.
Wie wird achtsame Körperwahr nehmung geschult?
Aufmerksamkeit ist eine jedem Menschen innewohnende Fähigkeit. Wenn
wir über Aufmerksamkeit sprechen,
beschreiben wir eine ganz grundlegende Lebenserfahrung: das bewusste
Wahrnehmen von Objekten, Situationen, Gedanken und Körperempfindungen. Unsere Aufmerksamkeit ist
stetig im Fluss, in Aktion, oszilliert
(schwingt, bewegt) innerhalb von uns
selbst, zu unserer Umgebung und wieder zurück zu und in uns selbst. Aufmerksam zu sein, ist eine inhärente
menschliche Qualität und begleitet
und führt uns durch unser Leben. Wir
müssen diese Fähigkeit nicht erfinden
oder erwerben. Alles was wir tun müssen oder tun können, ist, diese Qualität bewusst zu entwickeln und sie für
unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit zu nutzen. Der erste Schritt ist, ein
Gewahrsein für diese Fähigkeit des
Aufmerksamseins zu wecken (3). Die
Klientin wird zum Beispiel angeleitet,
die Aufmerksamkeit auf körperliche
Empfindungen oder den Atem zu lenken und zu bemerken, was sie wahrnehmen kann. Zentral ist dabei eine
Anleitung, die viel Raum und Erlaubnis gibt. Wertfreie und wohlwollende
Aufmerksamkeit wird so zu Achtsamkeit: «Achtsamkeit bedeutet, auf eine
bestimmte Weise aufmerksam zu sein:
bewusst, im gegenwärtigen Augenblick
und ohne zu urteilen. Diese Art der
Aufmerksamkeit steigert das Gewahrsein und fördert die Klarheit sowie die
Fähigkeit, die Realität des gegenwärtigen Augenblicks zu akzeptieren. Sie
macht uns die Tatsache bewusst, dass
unser Leben aus einer Folge von Augenblicken besteht. Wenn wir in vielen
dieser Augenblicke nicht völlig gegenwärtig sind, so übersehen wir nicht nur
das, was in unserem Leben am wertvollsten ist, sondern wir erkennen
auch nicht den Reichtum und die
Tiefe unserer Möglichkeiten, zu wachsen und uns zu verändern. Achtsamkeit ist eine einfache und zugleich
hochwirksame Methode, uns wieder in
den Fluss des Lebens zu integrieren,
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uns wieder mit unserer Weisheit und
Vitalität in Berührung zu bringen». (9)
Achtsamkeit repräsentiert
eine Gr undhaltung
Zentral ist die therapeutische
Grundhaltung respektive der «Raum»
(container), in welchem dieses Training stattfindet. Die Therapeutin
schafft durch ihre eigene achtsame
Präsenz und die authentische Verkörperung der Therapieinhalte einen offenen, akzeptierenden, respektvollen
und freundlichen Kontext, der zum
Beispiel in der Psychotherapie nach
Carl Rogers als «unconditional presence» bezeichnet wird. Für die Therapeutin selbst hat dabei die eigene tiefe
Erfahrung und kontinuierliche Kultivierung von Achtsamkeit zentrale Bedeutung.
Die Entwicklung von Achtsamkeit ist
kein Entspannungstraining oder eine
neue Technik, um bestimmte Zustände
zu suggerieren, sondern eine Praxis
oder Bewusstseinsschulung, «um im
Augenblick die phänomenalen Bewusstseinsinhalte mit allen möglichen
negativen, unangenehmen, angenehmen Gedanken, Annahmen, Empfindungen, aversiven Gefühlen wie
Angst, Panik, Gier, Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung oder
Ekel, physiologischen und endokrinologischen Reaktionen und allen Handlungsimpulsen als aktuell gegeben,
aber veränderbar anzunehmen und
auch die Bedingungen dieses Erlebens
wahrzunehmen. Es wird die Haltung
des wachen und interessierten freundlichen Beobachters vermittelt, der
nicht mit diesen Inhalten identisch
ist». (12) Es geht einerseits darum, die
Fähigkeit zu schulen, jeden Augenblick bewusst zu erfassen und andererseits diese Fähigkeit so weit zu entwickeln, «dass sie zu einer völlig neuen
Art von Kontrolle über unsere Lebensumstände, zu einer tiefen inneren
Weisheit führt» (9).
Angst vor Kontrollverlust –
Entfremdung vom Körper
Menschen mit Essverhaltensstörungen haben Angst, die Kontrolle über
ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse, ihr
Handeln – kurz über ihr Leben zu verlieren. Dieser Angst begegnen sie, indem sie willentlich versuchen, sich
noch besser zu kontrollieren. Sie nehmen sich Ziele vor, planen, wollen, hoffen – und verlieren die Kontrolle: Sie
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Achtsame Körperwahrnehmung – Angebot des ZAEP am Inselspital
Bern
Am Inselspital im Bereich Adipositas, Ernährungspsychologie und Prävention von
Essstörungen bieten Silvia Fiscalini und Thea Rytz sowohl speziell für adipöse – wie
auch für Menschen mit allen anderen Essverhaltensstörungen Körperwahrnehmungstherapien einzeln und in Gruppen an.
Für adipöse Frauen und Männer (obesity@insel.ch):
•Körperwahrnehmungsgruppen: ein integrierter Teil des Gruppenprogramms (im 1.
und 2. Jahr des Programms)
•Angebot im Adipositas-Einzelprogramm: eine geschlossene Gruppe, 12 Termine
(zu Randzeiten)
•Weitere Gruppen: Achtsam Essen – ein Projekt innerhalb des Adipositasprogramms mit Unterstützung von Jean Kristeller, University of Indiana, USA
Für Frauen mit Essverhaltensstörungen wie Anorexie, Bulimie, Binge Eating
(eating@insel.ch):
•Gruppentherapie in geschlossenen Gruppen: 20 Sitzungen verteilt über 8 Monate,
2 Zwischengespräche und 1 Abschlussgespräch dienen der individuellen Abstimmung der Therapieinhalte. Das Buch von Thea Rytz unterstützt das Übertragen der
Therapieinhalte in den Alltag und in Stresssituationen
•Für Frauen und Männer mit Essverhaltensstörungen (und in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen): Einzeltherapie
essen dann gierig, schuldbewusst viel
zu viel und oft Nahrungsmittel, die sie
sich sonst verbieten. Oder die Kontrolle gelingt scheinbar perfekt, und
sie verlieren sich in einem zwanghaften Diätverhalten. Oft erleben Betroffene ein Wechselbad zwischen den
beiden Zuständen. Ein solches Kontrollverhalten führt zu Schuld- und
Schamgefühlen, zu Zwang, Angst, Entfremdung und Isolation. Obwohl das
damit verbundene Leiden so offensichtlich ist, wird das Verhalten von Betroffenen dennoch oft jahrelang wiederholt – warum? Exzessives Essen, der
Missbrauch von suchterzeugenden
Substanzen, Hunger und selbst zugefügte Schmerzen dämpfen oder überdecken Gefühle wie Trauer, Enttäuschung oder Wut und deren subtile
Resonanz im Körper. Damit flüchten
Betroffene – meist unbewusst – vor
(seelischen) Schmerzen, denen sie
sich nicht gewachsen fühlen. Um sich
gedanklich zu beruhigen, konstruieren sie sich den Traum vom Leben mit
einer idealen Figur, einem perfekten
Körper. Ein Leben, das in vielen, wenn
nicht allen Bereichen besser wäre als
das gegenwärtige. Ursprünglich als
schützende Reaktion auf eine emotionale, manchmal physische Überforderung entstanden, entwickelt sich nach
und nach ein destruktives Muster:
«Sucht ist nicht so sehr der Gebrauch
bestimmter Substanzen oder ein gewis-
ses zwanghaftes Verhalten, als vielmehr
ein Sich-Abwenden von unserer direkten Körpererfahrung in der realen
Welt. Wenn wir uns von unserem
Körper abwenden, entfernen wir uns
gleichzeitig von allen Empfindungen,
Gefühlen und Gemütslagen, die uns
bedrohlich erscheinen mögen. Wir
sind nicht mehr mit uns selbst in
Berührung, weil wir vermeiden wollen,
das Geschehen um uns herum direkt
zu erfahren.» (1)
Den Körper bewohnen –
Kontrolle zurückgewinnen
Achtsame Körperwahrnehmung führt
Menschen genau in die entgegengesetzte Richtung: zurück zur Fähigkeit,
die unmittelbare Gegenwart mit all
ihren Sonnen- und Schattenseiten
konkret zu erfahren. Dies verlangt von
den PatientInnen Mut und freundliche Disziplin und gleicht oft eher einer
sorgfältigen Stressexposition als einer
Entspannungsübung. Doch wer sich
entschliesst, die wohlwollenden Selbstbeobachtungen einzuüben, erfährt,
dass auch belastende Gefühle, Angst
und Schmerzen längerfristig erträglich
werden, wenn der Bezug zur konkreten sensorischen Empfindung nicht
abbricht. PatientInnen erkennen nämlich, dass sich ihre Gefühle, Empfindungen und Gedanken stetig verändern. Sie lernen, respektvoll auf
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Signale des Körpers zu horchen, die
eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen
und entdecken Wahlmöglichkeiten
zwischen Wahrnehmung (Stimulus)
und Handlung (Reaktion), was stressreduzierend und emotionsregulierend
wirkt. Was uferlos schien, ordnet sich,
was übermächtig wirkte, kann dosiert
und dadurch ertragen werden. Die Metaebene der achtsamen Wahrnehmung
schafft dabei den entscheidenden inneren Spielraum. Sich den Körper wieder anzueignen, ihn von innen über
den propriozeptiven Sinn wahrnehmen zu lernen, ist gerade in der Behandlung von Essverhaltensstörungen
zentral. Proprium heisst das Eigene,
capere heisst in Besitz nehmen. Indem
ich mich innerlich wahrnehme,
nehme ich Besitz von mir, komme ich
zu mir. Dadurch werden Gefühle der
Selbstakzeptanz und Wertschätzung
wieder zurückgewonnen: «Ich habe begonnen, mich intensiver zu erleben.
Dadurch ist man wieder jemand»,
brachte es eine junge, an Magersucht
erkrankte Patientin auf den Punkt
(13).
Erfahr ungen von PatientInnen
In den eigenen Körper zurückzukehren, unterstützt die Verbundenheit mit
sich und seiner Umgebung, nährt das
Selbstvertrauen und eröffnet Wege zu
konstruktivem Umgang mit körperlichen und psychischen Belastungen
und Einschränkungen.
Achtsame Körperwahrnehmung half
einer jungen, an Bulimie erkrankten
Frau, ihren Selbstwert wieder zurückzugewinnen: «Ich hatte ganz am Anfang
nicht das Gefühl, ein Problem zu haben. Ich
merkte nicht, dass ich einen Körper hatte.
Mein Kopf überlegte, ich merkte nicht, was
ich berührte. Ich habe gelernt zu fühlen, wo
ICH bin. Ich habe mich nicht respektiert.
Indem ich gelernt habe, mich zu spüren,
habe ich die Grundlage geschaffen, immer
wieder zu versuchen, mich zu respektieren,
körperlich und seelisch. Wenn ich heute
manchmal nervös bin, dann lege ich meine
Hände auf dem Bauch, das hilft mir sehr,
ich merke dann: Da bin ich.» (13)
Ein an Magersucht erkranktes
Mädchen spürte dank der Körperwahrnehmung, wie mager sie tatsächlich
war und konnte so die Kraft gewinnen,
ihr verzerrtes Körperbild zu korrigieren: «Den Körper einfach wieder anzunehmen, hat mir ein anderes Normalgefühl gegeben. Ich hatte einerseits das Gefühl,
normal zu sein, andererseits spürte ich die
Knochen auf dem Boden. Diese Spannung
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fühlte ich wirklich, das war anders, als
wenn mir jemand sagte, ich sei mager. Die
Knochen so zu fühlen, war eine eigene Erfahrung, und ich fragte mich, ob ich vielleicht doch etwas ändern muss.» (13)
Eine adipöse Patientin berichtet Folgendes: «Seit ich auf meine Körperempfindungen achte, merke ich, dass wenn ich
mich ärgere, in meinem Bauch Druck entsteht, es manchmal richtig schmerzt. Ich
habe mit der Zeit herausgefunden, dass
wenn ich diese Zeichen spüre, meinem Ärger
Aufmerksamkeit schenke, diesem Gefühl erst
einmal Raum gebe, ich erst einmal schauen
kann, was ich damit will. Ich habe auch gelernt, Nein zu sagen oder auszudrücken,
wenn mich etwas ärgert oder ich etwas nicht
will. Früher hätte ich einfach gegessen und
weder meinen Körper noch den Ärger gespürt.»
Ein morbid adipöser junger Mann
erzählte nach einer Körperwahrnehmungsübung, wie er seine innere
Leere spürt, sich seine Sehnsucht und
Traurigkeit wie ein grosses inneres
Loch anfühlt und er den starken
Wunsch nach einer Beziehung spürt.
Er sagte: «Wenn ich jetzt nicht in dieser
Gruppe wäre, hätte ich deswegen einen kolossalen Fressanfall und würde mich nachher furchtbar schämen und manchmal sogar wünschen, ich wäre tot. Jetzt bin ich so
aufgewühlt, und gleichzeitig fühle ich mich
so lebendig und wage es, überhaupt über
diesen Wunsch und diese Sehnsucht zu
sprechen.»
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Korrespondenzadresse:
Thea Rytz, lic phil hist
Silvia Fiscalini, M.A.
Somatic Psychology
Poliklinik für Endokrinologie, Diabetologie
und Klinische Ernährung
Interdepartementales Adipositasprogramm
Inselspital, Universitätsspital Bern
3010 Bern
Tel. 031-632 89 61
Fax 031-632 15 12
E-Mail: thea.rytz@insel.ch
E-Mail: silvia.fiscalini@insel.ch
Hinweis:
Die Abbildungen im Text sind Assoziationskarten,
die dem Buch von Thea Rytz (13) beiliegen.
6. Haskvitz, Sylvia (2006): Ins Gleichgewicht
kommen, Essen nach Wahl und nicht aus Gewohnheit; Junfermann Verlag.
7. Heidenreich, Thomas, Johannes Michalak Hg.
(2006): Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie; 2. korr. Aufl., dgvt-Verlag.
8. Hüther, Gerlad (2006): Bedienungsanleitung
für ein menschliches Gehirn; 6. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht.
9. Kabat-Zinn, John (1990): Full Catastrophy Living. Using the wisdom of the body and mind to
face stress, pain and illness. New York: Delta.
Deutsche Übersetzung (1991): Gesund durch
Meditation. Das grosse Buch der Selbstheilung;
Fischer Taschenbuch Verlag.
10. Kristeller, Jean L., Baer, Ruth A. (2006)
Mindfulness-Based Approaches to Eating Disorders, in: Baer Ruth A. Hg. (2006): Mindfulness
and Acceptance-Based Interventions. Conceptualization, Application and Empirical Support; San
Diego, CA: Elsevier.
11. Ludwig, Sophie (2002): Elsa Gindler – von
ihrem Leben und Wirken. «Wahrnehmen, was
wir empfinden». Hamburg: Christians.
12. Remmel, Andreas et al. Hg. (2006): Körper
und Persönlichkeit. Entwicklungspsychologie,
Neurobiologie und Therapie von Persönlichkeitsstörungen, Schattaucher-Verlag, Stuttgart, New
York.
13. Rytz, Thea (2007): Bei sich und in Kontakt.
Körpertherapeutische Übungen zur Achtsamkeit
im Alltag; Hans-Huber-Verlag, Bern, Göttingen,
Toronto, Seattle.
14. Siegel, Daniel J (2007): Das achtsame Gehirn. Arbor Verlag.
Zu den Autorinnen:
Silvia Fiscalini, M.A. DMTR
Master of Arts, Dance Movement Therapist Registered, Somatic Psychology, 1989, Boulder,
Colorado, USA. Seit 2003 im interdisziplinären
Adipositasprogramm als Körperwahrnehmungstherapeutin tätig. Eigene Praxis seit 2002, EMRregistriert. Vortrags- und Weiterbildungstätigkeit
zum Thema Körperwahrnehmung bei Adipositas.
Autorin von «Körper und Körpereinstellung» der
Profiline-Unterlagen zur Gewichtsreduktion der
SGE. Stressbewältigung durch Achtsamkeit,
MBSR-Kursleiterin mit Fokus achtsam Essen
(www.mbsr-netzwerk.ch, www.achtsam-essen.ch).
Thea Rytz, lic. phil. hist.
Geisteswissenschaftlerin, Bewegungspädagogin,
Körperwahrnehmungstherapeutin mit psychotherapeutischen Weiterbildungen; seit 1994 Aufbau
des Körperwahrnehmungsangebots ZAEP; Vortrags- und Weiterbildungstätigkeit zu Emotionsregulation und achtsamer Körperwahrnehmung,
Autorin von «Bei sich und in Kontakt», Hans
Huber 2007 (www.beisich-inkontakt.ch).
Literatur:
1. Caldwell, Christine (1997): Hol dir deinen
Körper zurück. Aurum, Braunschweig.
2. Damasio, Antonio (2000): Ich fühle, also bin
ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. List
Ullstein Buchverlage, München.
3. Fiscalini Wenger, Silvia (1989): The training
of attention and unconditional presence. Master
of Arts Thesis. Naropa University, Boulder, USA.
4. Foster, Patricia, Hg. (1996): Spiegelbilder. Essays über den weiblichen Körper. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg.
5. Hanlon Johnson, Don, Hg. (1995): Bone,
Breath & Gesture. Practices of Embodiment. Berkley/ California: North Atlantic Books.
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