Schreibwerkstatt Fachtexte - Institut für Journalismus und Public

Schreibwerkstatt Fachtexte - Institut für Journalismus und Public
Prof. Dipl.-Psych. St.-P. Ballstaedt
Journalismus und Public Relations
Schreibwerkstatt
Fachtexte
Skript und Arbeitsunterlagen
Fassung SS 2007
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Schreibwerkstatt Fachtexte: Themen
1. Adressatenorientiert schreiben, Adressatenanalyse (audience analysis)
2. Basale Sprechakte in Fachtexten, funktionale Textbausteine
3. Umgang mit Terminologie: Bezeichnen, Benennen, Definieren
4. Beschreiben von Gegenständen, Prozessen und Handlungen
5. Erklären und Begründen, wissenschaftliche Argumentation
6. Anleiten und Anweisen, Warnen
7. Textverständlichkeit und Textevaluation
8. Didaktische Zusätze (advance Organizer, Zusammenfassung usw.)
9. Elektronische Tools/Werkbank zum Schreiben
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Schreibwerkstatt Fachtexte: Literatur
Alred, Gerald, Brusaw, Charles T. & Oliu, Walter E. (2003). Handbook of technical writing.
New York: St. Martin`s Press.
Ballstaedt, Steffen-Peter (1997). Wissensvermittlung. Die Gestaltung von Lernmaterial.
Weinheim: Beltz: PsychologieVerlagsUnion.
Ballstaedt, Steffen-Peter (2000). Verständlichkeit. Texte optimieren. Technische
Kommunikation. Fachzeitschrift für Technik, Medien und Dokumentation, 22, S. 28-31
Burnett, Rebecca E. (2001). Technical Communication. Boston: Thomson/Heinle
Delaware Technical & Community College (2000), Writing Skills for Technical students.
Upper Saddle River: Prentice-Hall.
Göpferich, S. (1998). Interkulturelles Technical Writing. Fachliches adressatengerecht
vermitteln. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Tübingen: Gunter Narr.
Göpferich, S. (2002). Textproduktion im Zeitalter der Globalisierung. Entwicklung einer
Didaktik des Wissenstransfers. Tübingen: Stauffenburg.
Haramundanis, Katherine (1998). The art of technical documentation. Boston: Digital Press.
Hennig, J. & Tjarks-Sobhani (Hg.).( 1999). Verständlichkeit und Nutzungsfreundlichkeit von
technischer Dokumentation. Lübeck: Schmidt-Römhild.
Hoffmann, Walter; Hölscher, Brigitte G. & Thiele, Ulrich (2002). Handbuch für technische
Autoren und Redakteure. Produktinformation im Multimedia-Zeitalter. Erlangen: Publicis.
Knapp, Karlfried et al. (Hg.).(2004), Angewandte Linguistik. Ein Lehrbuch. Tübingen: A.
Francke.
Krings, Hans P. (Hg). (1996). Wissenschaftliche Grundlagen der Technischen
Kommunikation. Tübingen: Gunter Narr Verlag.
Rechenberg, Peter (2002). Technisches Schreiben (nicht nur) für Informatiker. München:
Hanser
Reiners, Ludwig (1963). Stilfibel. Der sichere Weg zum guten Deutsch. München: Deutscher
Taschenbuch Verlag.
Rubens, Philip (1992). Science and technical writing. A manual of style. Ne York: Henry Holt
& Company.
Roelcke, Thorsten (1999). Fachsprachen. Berlin: Erich Schmidt Verlag
Sanders, W. (1990). Gutes Deutsch – besseres Deutsch. Praktische Stillehre der deutschen
Gegenwartssprache. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. ISBN 3-534-13269-6
Sanders, Willy (1998). Sprachkritikastereien. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft.
Seiffert, Helmut (1977). Stil heute. Eine Einführung in die Stilistik. München: Beck.
Strohner, Hans & Brose, Roselore (Hg.). Kommunikationsoptimierung: verständlicher –
instruktiver – überzeugender. Tübingen: Stauffenburg
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Adressatenanalyse, zielgruppenorientiertes Schreiben
1. Der Adressat ist König
Wie jede effektive Botschaft muss auch ein Fachtext auf diejenigen Personen ausgerichtet
sein, die sie verstehen sollen. „Zielgruppe ist ein zentrales Thema in der technischen
Kommunikation, das zwar in der Literatur stets präsent, jedoch in der Praxis selten mit
Zufriedenheit gelöst ist“ (Lehrndorfer, 1999, 126). Die Adressatenanalyse und das daraus
folgende adressatengerechte Schreiben haben ihren Ursprung in der Didaktik. Von
Zielgruppenanalyse wird eher im Bereich des Marketing gesprochen.
Die Adressatenanalyse setzt sich aus zwei Stufen zusammen: Die Bestimmung der
Zielgruppe und die Einschätzung ihrer Lernvoraussetzungen
2. Bestimmen der Zielgruppe
Grundsätzlich gib es folgende drei Möglichkeiten, mit denen ein Fachautor oder eine
Fachautorin rechnen kann:
Eindeutig abgrenzbare Zielgruppe. Beispiel: Reparaturanleitung einer Waschmaschine für
den Wartungsdienst. Dies ist der Schokoladenfall, denn hier kann man ein recht klares
Benutzerprofil erstellen.
Mehrere abgrenzbare Zielgruppen. Beispiel: Erstbenutzende und erfahrene Benutzende
eines Geräts. In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten: 1. Die Dokumentation besteht aus
zwei Teilen oder Versionen für die unterschiedlichen Adressaten. 2. Die Dokumentation ist
so aufgebaut, dass zwei Lesewege möglich sind. Individuelle Leserführung ist ein Vorteil bei
Online-Anleitungen.
Heterogene Zielgruppe. In der Medienforschung spricht man von dispersem Publikum d.h.
es setzt sich aus sehr unterschiedlichen Personen zusammen. Beispiel: Mit der
Bedienungsanleitung für eine Mittelklassewagen muss ein großer Personenkreis umgehen.
Auch hier sind zwei Möglichkeiten denkbar: 1. Man kann versuchen, einen idealtypischen
Durchschnittsadressaten zu konstruieren. 2. Man richtet sich nach dem schlechtesten
anzunehmenden Adressaten aus.
Das Bestimmen der Zielgruppe ist nur die Vorstufe zur Analyse der Voraussetzungen,
welche die Adressaten einbringen.
2. Bestimmen der Lesevoraussetzungen
Man unterscheidet mehrer Gruppen von Variablen, die Aufnehmen, Verarbeiten und Nutzen
einer Dokumentation beeinflussen:
Motivation. Hier geht es um die Frage, warum eine Person zu einem Text greift (oder auch
nicht), denn die motivationalen Voraussetzungen spielen eine erhebliche Rolle in der
Rezeption.
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Welche Bedürfnisse bringt ein Adressat mit?
Mit welchem Motiv greift der Adressat zu einem Fachtext?
Welche Aufgaben möchte er mit dem Text lösen? (Nachschlagen, Lernen)
Liest er den Text freiwillig oder gezwungen?
Welche Vorlieben und Einstellungen sollte man berücksichtigen?
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Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur für eine stimulierende Formulierung, sondern
auch für die visuelle Gestaltung eines Fachtextes wichtig.
Vorwissen. Dies ist wahrscheinlich die wichtigste Voraussetzung für das Verstehen einer
Dokumentation.
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Welche Ausbildung und welche Abschlüsse liegen vor?
Welche Berufserfahrung: Laie, Experte, professioneller Nichtexperte?
Liegt mehr theoretisches oder mehr praktisches Wissen vor?
Eine Einschätzung des Vorwissens ist grundlegend für die Kommunikation, da eine effektive
Botschaft immer vorhandenes Wissen aktivieren und daran anknüpfen soll (z.B. durch
kognitive Vorstrukturierung; Beispiele, Exkurse).
Lernkompetenzen. Hier geht es darum, ob die Adressaten gewohnt sind, mit Fachtexten
aus Text und Bild umzugehen. Unter Lernstil versteht man erworbene Gewohnheiten beim
Lernen, während ein Lerntyp als fester Bestandteil der Persönlichkeit gilt. So wird gern
zwischen Lese-, Schau- und Anfasstyp unterschieden, je nachdem ob ein Adressat eher
durch Texte, Bilder oder Umgang mit Objekten lernt. Diese Konzepte sind wissenschaftlich
zwar umstritten, aber es macht trotzdem Sinn, sich über die Lernfähigkeit der Adressaten
Gedanken zu machen.
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Von welcher Lesefähigkeit kann man ausgehen (niedrig, mittel, hoch)?
Gibt es eingefahrene Lerngewohnheiten (Lernstile)?
Verstehen die Adressaten Tabellen, Charts und Diagramme?
Die Einschätzung der Lernkompetenzen ist für die Entscheidung wichtig, welche
didaktischen Mittel vorgesehen werden, um schwächere Adressaten zu unterstützen (z.B.
Zusammenfassungen, Merksätze, Glossar).
Sprachgebrauch. Die Verwendung der Sprache unterscheidet sich nach Schicht- und
Berufszugehörigkeit. Eine elaborierte (= ausgearbeitet) Sprache zeichnet sich durch einen
großen Wortschatz und komplexe grammatische Konstruktionen aus, eine restringierte (=
eingeschränkte) Sprache durch einen kleiner Wortschatz und einfache Satzkonstruktionen.
Diese Einteilung ist jedoch recht grob und berücksichtigt nur Extreme in einem Kontinuum
sprachlicher Differenzierung.
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Sprechen die Adressaten eher elaboriert oder restringiert?
Kann die Terminologie als bekannt vorausgesetzt werden?
Der Sprachgebrauch spielt nicht nur für verständliche Formulierungen eine Rolle, sondern
auch für die Beziehungsebene der Kommunikation. Es entsteht eine Diktionsdistanz
zwischen Kommunikator und Adressat, wenn der Sprachgebrauch weit voneinander
abweicht.
Motorische Voraussetzungen. Darunter versteht man das Handlungswissen einer Person:
Welches Repertoire an Handlungen kann vorausgesetzt werden und wie differenziert können
diese ausgeführt werden (z.B. Feinmotorik).
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Welche Handlungen und Handgriffe sind automatisiert?
Wie sieht es mit Geschicklichkeit und Feinmotorik aus?
Diese Voraussetzung ist wichtig, um bei Anleitungen die richtige Ebene der
Handlungsbeschreibung zu treffen ( Modul: Handlungen anleiten).
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Nutzungssituation. Dieser Punkt ist vor allem für technische Dokumentationen wichtig, die
selten in einer klassischen Lesesituation, z.B. am Schreibtisch oder im Bett genutzt werden.
Der Kontext der Rezeption muss bei der Gestaltung berücksichtigt werden.
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Wird die Dokumentation im Freien oder in geschlossenen Räumen genutzt?
Wie sieht es mit Ablageplatz für die Dokumentation aus?
Wie sind die Lichtverhältnisse?
Welche Körperposition nimmt der Nutzende zum Produkt ein?
Ist der Lesende durch Lärm abgelenkt?
Besteht Zeit zum Lesen oder Handlungsdruck (Sofortanleitung)?
Wird die Dokumentation einzeln oder in der Gruppe genutzt (sozialer Druck)?
Diese Informationen sind vor allem für das Format, die Ausführung und das Layout wichtig.
Beispiel: Eine Montage bei Wind und Wetter braucht eine andere Dokumentation als die
Bedienung eines Küchengeräts.
Methoden
Einschätzung. Meist werden die Vorrausetzungen der Adressaten am Schreibtisch ermittelt,
vielleicht noch mit Hilfe einer Checkliste. Dabei handelt es sich natürlich nur um mehr oder
minder wahrscheinliche Mutmaßungen. Diese Armchair-Analyse ist so gut oder schlecht, wie
der Autor bzw. die Autorin die potenziellen Adressaten aus eigener Erfahrung kennt.
Empirische Erhebung: In Zweifelsfällen gibt es Methoden der Recherche an einer kleinen
Stichprobe potentieller Adressaten (ein repräsentativer Adressat bis n = 10): Schriftliche
Befragung (Fragebogen); Interview, Verhaltensbeobachtung. Diese Methoden brauchen eine
gewisse Zeit und verursachen meist auch Kosten, wenn sie professionell durchgeführt
werden.
Persona-Methode. Sie wurde von dem Software-Designer Alan Cooper (1999) kreiert.
Dabei wird ein idealtypischer Benutzender konstruiert, an den der technische Autor seine
Texte und Bilder adressieren soll. Die virtuelle Persona bekommt einen Namen, ihr Bild und
ein Steckbrief stehen auf dem Schreibtisch und sie wird mit einer Liste von Eigenschaften
und Verhaltensweisen beschrieben. Damit soll erreicht werden, dass die Zielgruppe beim
Schreiben nie aus dem Sinn gerät.
3. Spezielle Zielgruppen
In den letzten Jahren haben einige Zielgruppen besondere Aufmerksamkeit erfahren
Ältere Menschen. Senioren sind wegen der Überalterung unserer Gesellschaft nicht nur als
große, sondern vor allem als kaufkräftige Zielgruppe entdeckt worden. Zudem sind sie in
ihren Merkmalen gut untersucht: Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses; abnehmende
Sehstärke; Verkleinerung des Blickwinkels usw.
Behinderte Menschen. Barrierefreie Kommunikation ist im § 4 des Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) definiert:
Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische
Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle
Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete
Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne
besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.
Ein zentraler Anwendungsbereich ist derzeit vor allem für die Nutzung des Internet für
Sehbehinderte.
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Menschen fremder Kulturen. Im Zuge der Globalisierung hat sich die Sensibilität für
interkulturelle Kommunikation verstärkt. Die Lokalisierung von technischer Dokumentation
berücksichtigt zunehmend kulturspezifische Wissensbestände, Mentalitäten, Werte,
Denkstile, Emotionen und Handlungsmuster.
Literatur
Biere, B (1996). Textgestaltung zwischen Sachangemessenheit und Adressatenorientierung. In: Krings, Hans P.
(Hg.), Wissenschaftliche Grundlagen der Technischen Kommunikation. Tübingen: Gunter Narr, S.291-305.
Burnett, Rebecca (2000). Technical Communication. Part I, 3: Writing for readers. S. 61-97.
Lehrndorfer, Anne (1999). Zielgruppengerechtes Schreiben. In Jörg Hennig & Marita Tjarks-Sobhani (Hg.),
Verständlichkeit und Nutzungsfreundlichkeit von technischer Dokumentation. Lübeck: Schmidt-Römhild, S. 126137.
Internetadressen
http://www.bik-online.info/
Barrierefreie Information und Kommunikation im Internet
http://cooper.com
Homepage von Alan Cooper, dem Erfinder der Persona-Methode
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