1 Einführung in die Psychotherapiewissenschaft SS 2013

1 Einführung in die Psychotherapiewissenschaft SS 2013
Einführung in die Psychotherapiewissenschaft SS 2013
VO Pieringer:
1. VO: Psychotherapiewissenschaft: Wissen schaffen / Selbsterkenntnis
Erkenntnis / Diagnose: Krankheitstheorien / w. Theorien der Therapie
Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie: Konzept Komplexer Methodologie
Einheit: Beziehung / Stimmung / Selbsterkenntnis / Entwicklung
2. VO: Psychotherapie / Philosophie / Wahrheit und Methode
(Platon/Jaspers/Gadamer/Irigaray); Erkenntnismethoden / Genetische
Epistemologie / frühkindliche Entwicklungsstufen / Beziehungsgestaltung /
Fokus der Erkenntnis / Fokus persönlichen Leidens / Werdens
3. VO: Vier primäre Erkenntniswege; ihre Modi und Einsichten in den
Traditionen der Psychotherapie
4. VO: Komplexe Methodologie: Theoretischer Rahmen für Schulen der
Psychotherapie und Theorie der Praxis / Reflexionsstufen und Gehalt bzw.
Inhalte der Selbsterkenntnis und Selbstwirksamkeit emanzipatorischer
Selbsterkenntnis
I. Psychotherapiewissenschaft: Zwischen Erkenntnistheorie und
Wissenschaftstheorie
Erkenntnisprobleme und Erkenntnismethoden in der Psychotherapie
Seit der Antike gilt in Europa eine kritische Qualitätsprüfung für die Heilberufe als
ethischer Verpflichtung. Für die Psychotherapie, damals zwischen Medizin und
Philosophie verortet, kann jener berühmte Leitgedanke von Hippokrates (460-377
v. Ch.) eingebracht werden:
„Man müsse der Ethik wegen Philosophie in die Medizin und Medizin in die
Philosophie hineintragen; nur so können sich beide vor Aberglauben bewahren.“
Schon bei Platon und Aristoteles findet sich dieses zentrale akademische
Anliegen, wie der Mensch „Wissen schafft“, welches ethischer und ästhetischer
Selbst- und Welterkenntnis dient, als Frage der Position: erkennt eher der
stimmungsabhängige subjektive Geist des Menschen die wirkliche Welt, oder
bestimmt eher die objektive Welt die mögliche Erfahrung und Freiheit der
Person?
In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ verbindet I. Kant beide Positionen: Der
Mensch erkenne die Welt nur so, wie sie ihm, auf Grund seiner Sinne und seiner
speziellen Denkkategorien erscheine, nicht aber so, wie sie an und für sich,
außerhalb seines Denkens wirklich ist.
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Noch deutlicher wird diese kritische Hinterfragung der menschlichen
Wahrnehmungsfähigkeit, wenn das für die Psychotherapie zentrale Medium der
Sprache Berücksichtigung findet.
Anthropologen und PsychotherapeutInnen beschreiben zunächst gleichlautend
die wesentliche Bedeutung der Grundhaltung der Person für den Stil der
Kommunikation und die Erfahrung der Wirklichkeit. Sie folgen damit dem
berühmtesten Dialog Platons, dem „Symposion“, mit der Reflexion elementarer
Menschenbilder, Kommunikationsstile und Erkenntniswege (Eros).
Was Luce Irigaray zunächst als tragische Position der Frau erkannte, nämlich
dass sie häufig vom Mann zum Objekt gemacht über keine eigen positive
Position, ja über keine eigene weibliche Sprache verfüge, hat Hans Georg
Gadamer als Schicksal des Menschen schlechthin beschrieben. Gadamer betont,
dass menschliche Erkenntnisversuche immer zunächst über sprachliche
Selbstaktualisierungen verlaufen und damit auf Auslegung („Hermeneutik“) der
inneren, unbewussten, oft misstrauischen Vorannahmen (inneren Erbes)
beruhen. Mit dem Begriff „Hermeneutik“, versuchte er dieses klassische und
tragische Phänomen der Vermittlungsangewiesenheit des Menschen für echte
Einsicht und mögliche Selbstbestimmung zu benennen. Ohne reflektierender
Vermittlung durch „Hermes“, dem Götterboten, ohne guter sozialer Atmosphäre,
komme kein Mensch zu echter, ehrlicher, persönlicher Einsicht, Erkenntnis und
Sprache, so auch die klassische Annahme.
Während die große Zeit der Aufklärung mit gutem Recht bemüht war, des
Menschen Geist von seiner fatalen Autoritätshörigkeit zu befreien, lässt sich nun
erkennen, meint Gadamer, dass die unreflektierte Hörigkeit nach inneren
Vorurteilen, nach inneren Verdachtshaltungen nicht minder fatal sein kann: „Die
Überwindung aller Vorurteile, diese Pauschalforderung der Aufklärung, wird sich
selbst als Vorurteil erweisen, dessen Revision erst den Weg für ein
angemessenes Verständnis der Endlichkeit freimacht.“ (Gadamer, 1986, S. 280)
Für diese beiden bedeutenden Philosophen Luce Irigaray, wie für HG. Gadamer
gelten die Hintergründe der klassischen Tragödien, Komödien, Götter- und
Heldensagen, Heiligen und unheiligen Schriften, mit ihren verwirrenden,
erschütternden, weisen, aber oft von fast unerträglicher Racheideologie
getragenen Menschenbildern, als inneres, unbewusstes, aber auch unbewusst
wirkendes, leicht zu kränkendes Erbe. Erst ab der Bereitschaft, die vielschichtige
persönliche Verletzbarkeit, wie die tragische Fähigkeit den anderen selbst tödlich
zu verletzen, persönlich für wahr zu nehmen, erwache die Kunst sich über
ästhetische und ethische Reflexion schrittweise, von dieser geschichtlichen
Vorbestimmung und Gebundenheit zu emanzipieren. Gadamer spricht von der
nötigen „ästhetischen“, bzw. ontologischen Wende, im Denken und persönlichen
Erkennen des Menschen.
Psychotherapeutische Theorien erörtern für uns heute diese akademische
Grundfrage, wie der Mensch zu echter Einsicht, zu Selbsterkenntnis, zu
gesichertem Wissen und vor allem zur sprachlichen Fassung dieser, für ethische
oder ökonomische Entscheidungen und Handlungen komme. In der aktuellen
Psychotherapiediskussion, mit ihrem heftigen und berechtigten Kompetenzstreit,
haben diese Gedanken elementare Bedeutung. Welche Kriterien bescheinigen
den Konzepten der Psychotherapie Wirksamkeit und „Wissenschaftlichkeit“?
Diese politisch so wesentliche Frage, nämlich, ob eine Psychotherapieschule
gesellschaftliche Anerkennung erfährt oder nicht, wird heute im bunten Feld der
Erkenntnistheorie und der Wissenschaftstheorie breit diskutiert.
Die Erkenntnistheorie (Epistemologie) untersucht dabei Bedingungen und
Wege wie der Mensch zu gültiger Erkenntnis komme und welchen Verführungen
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und Täuschungen er dabei erliegen könne. Die verschiedenen Konzepte der
Psychotherapie haben dazu hoch differenzierte und qualitativ gut untersuchte
Vorstellungen vorgelegt, welche nach wie vor international kritisch diskutiert
werden.
Die Wissenschaftstheorie, als Theorien des Schaffens von Wissen, untersucht
dazu die Voraussetzungen, Methoden, Strukturen, Ziele und Auswirkungen von
Wissen und Wissenschaften. Ihre Funktion und Aufgabe ist es auch, den Sinn und
Wert der wissenschaftlichen Aussagen und ihrer Methoden zu begründen und zu
erklären.
H-J. Heck liefert dazu eine sehr allgemeine und pragmatische Erläuterung:
„Das Wissen, das wir schaffen, dient dazu, es uns möglich zu machen, so zu
handeln, dass die Funktion, die unser Handeln anstrebt, auch erreicht wird.
Wissen wird in einem Entscheidungsprozess zu dem verarbeitet, was den
Ausführungsprozess steuert und dann als 'Information' bezeichnet wird.
Entscheiden zu können setzt voraus:
• dass wir Werte setzen und Handlungsalternativen bewerten können.
• dass wir Wissen über die in Frage stehende Wirklichkeit entdeckt haben
und dieses Wissen auch anwenden können.
• dass wir Möglichkeiten haben, das Wissen darzustellen und das
Dargestellte weiterzuverarbeiten, also Denkmöglichkeiten und
Darstellungsformen entwickeln.
• dass wir dem Werk oder dem Prozess eine funktionsgerechte
Ausdrucksform geben; also kreativ gestalten können.
Um überprüfen zu können, ob das Geschaffene als Wissen bezeichnet werden
darf, also die von uns gesetzte Funktion erfüllt, müssen Prüfkriterien gesucht und
Prüfverfahren entwickelt werden, die sowohl die Gegebenheiten der in Frage
stehenden Wirklichkeit (=Betrachtungsbereich) als auch die von uns gesetzte
Funktion zugrunde legen. Weil dies so sein muss, kann es auch kein für alles
Wissen gültiges Prüfkriterium und Prüfverfahren geben.“ (HJ Heck 2012)
Für das Feld der Psychotherapie erstellt sich als spezifische Besonderheit, dass
der sich selbst erkennende Mensch nun selbst, auch der zentrale Gegenstand
dieser Disziplin darstellt. Es wiederholen sich im Feld der Psychotherapie die
klassischen Fragen und Anliegen der Philosophie, und es spiegeln sich im Streit
der Schulen der Psychotherapie die modernen psychologischen Ansätze wie
deren Aporien (Unklärbarkeiten). Die Psychotherapie als Wissenschaft erweist
sich dem folgend jedenfalls auch als Gestaltkreis zwischen Erkenntnistheorie und
Wissenschaftstheorie:
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Das klassische „gnothi se auton“ – „erkenne dich selbst, um dein Heil zu
finden“ -, gilt auch als Maxime psychotherapeutischer Technik und als
allgemeiner Wirkfaktor der verschiedenen psychotherapeutischen
Methoden; wie der Mensch selbst aber zu dieser Erkenntnis gelangt, wird
unterschiedlich erklärt.
Auch die klassische Idee der Einheit von Diagnose und Therapie erfährt in
der Psychotherapie eine moderne Neubestimmung: „dia-di-gnoscein“, das
„durch und durch Erkennen“ des Menschen stellt das zentrales Element der
Therapie dar; emanzipatorische Selbsterkenntnis ist der Modus der
Psychotherapie; die Wege selbst aber werden unterschiedlich beschrieben.
Schließlich erfährt der im „Höhlengleichnis“ eingebrachte Aufruf Platos zur
Epoche (Enthaltung im Urteil, Innehaltung), als Einheit von „Abstinenz und
Beziehung“, seine Neuauflage; ja, wir erkennen weder uns selbst zuerst
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und dann die Welt, noch zuerst die Welt und dann uns; Epoche und
Mäeutik („Hebammenkunst“) sind angebracht; doch die Wege der
„Hebammenkunst“ (Da-Sein als Geburts-, bzw. Entwicklungshelfer) sind
heute weiterhin sehr verschieden.
Während die Erkenntnistheorie eben danach Ausschau halte, wie der Mensch zu
dem für ihn existentiellen Gut der Erkenntnis und Selbsterkenntnis komme, fragt
die Wissenschaftstheorie nach den dahinter ruhenden wissenschaftlichen
Bedingung und Bestimmungen. Beide Theorien fordern innerhalb der Heilkunde
eine wissenschaftliche Differenzierung vom Wesen menschlicher Erkrankung.
Folgende Krankheitstheorien lassen sich in der Geschichte der Medizin und in den
Konzepten der Psychotherapie aufzeigen und werden hier nach den leitenden
(später noch zu erklärenden) vier Erkenntnismethoden gegliedert. Ganzheitlich
ausgerichtete Medizin und Psychotherapie erachtet diese vier Theorien als
wissenschaftlich zu differenzierende Ansichten, die einander ergänzen, bedingen
und begründen:
Krankheitstheorien nach leitenden Erkenntnismethoden
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Phänomenologische Krankheitstheorie: Erkrankung ist kreativer Versuch
des Lebens bei Unverlässlichkeit der Umwelt, die Sinnorientierung (die
Würde) der Person zu schützen; Erkrankung ist pathischer Kunstgriff, ist
Emanation des Lebens.
Dialektische Krankheitstheorie: Krankheit ist schmerzlicher Kampf, in
Zeiten der Überfremdung (durch Gifte, Viren, feindliche Mächte), um
dynamische Identität und soziale Entwicklung der Person weiter zu
ermöglichen; Erkrankung ist Krise der ethischen Entwicklung der Person.
Empirisch-analytische Krankheitstheorie: Erkrankung ist verursachte
Störung; das Defekt/Reparaturmodel.
Hermeneutische Krankheitstheorie: Krankheit ist dramatisches
Ausdrucksgeschehen bedrohter Freiheit; Erkrankung ist erotischer und
symbolischer Ausdruck, als Katharsis persönlicher Bedrohung.
Diese vier traditionellen Krankheitstheorien, die später noch erörtert werden,
sind im konkreten Einzelfall unterschiedlich zu gewichten; manchmal kann eine
alleine am klarsten die Wirklichkeit der Erkrankung erfassen, meist sind alle vier
nur in ihrer Zusammenschau ethisch vertretbar. In den verschiedenen Konzepten
der Psychotherapie werden diese Theorien sehr unterschiedlich bewertet und
angewandt.
Psychotherapie; Selbsterkenntnis als biopsychosozialer Prozess
Die Psychotherapiebewegung hat mit ihrer Idee, emanzipatorischer
Selbsterkenntnis zu dienen, zurzeit wieder hohe gesellschaftliche Anerkennung
gefunden. Vermutlich auch nicht zu unrecht; diskutiert sie doch zeitgemäß die
kontroversen wissenschaftlichen Ansätze, wie der Mensch zu dem hohen
gesundheitsrelevanten Gut ganzheitlicher Erkenntnis und Selbsterkenntnis
kommen könne. Die für Europa bestimmende Trennung in naturwissenschaftliche
und humanwissenschaftliche Weltinterpretation wird „biopsychosozial“, d.h. im
Sinne einer komplexen Methodologie zu überwinden versucht.
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Aktuelle naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse belegen nun tatsächlich
ganzheitliche klassische Annahmen und erlauben, ja fordern eine komplexe
Neubestimmung philosophischer Erkenntnis- und Selbsterkenntniskonzepte.
Neurobiologische Forschungen zur Neuroplastizität des Gehirns und zur
emotionalen Induktion dieser Plastizität bestätigen erstens die klassische
hippokratische Temperamente- und Erkenntnisdiskussion: „So geht das Zeitalter
der Vernunft mit einer bemerkenswerten Erkenntnis zu Ende: Die Art und Weise,
wie ein Mensch sein Denkorgan benutzt und was er damit produziert, hängt
davon ab von welchem Gefühl er beherrscht, von welchem Motiv er getrieben
und von welcher Absicht er geleitet wird.“ (Hüther 2001, 17f)
Die aufwendigen Gen-Forschungsprojekte bestätigten zweitens, so nebenbei, die
klassischen Thesen zu spezifischer Entwicklung und Reifung des Menschen. GenExpression als materielles Äquivalent der menschlichen Reifung, bzw.
substanziellen Änderung der Person, ist gebunden an Interesse und Resonanz für
diese substanzielle inhaltliche Wirklichkeit im umgebenden Milieu (Rüegg 2002,
91f, Bauer 2005, 155). „Essenz zu Existenz bringen“, als heilige und heikle Kunst
der Mäeutik, erfährt in der Psychotherapie Wiedergeburt (Längle).
Damit wird aber auch naturwissenschaftlich belegt, dass z. B. die Entwicklung
ethischer Grundhaltung und Grundstimmung eben authentischer Milieufaktoren
und ethischer Atmosphäre bedürfe. Die Spiegelneurone werden heute weltweit
als die neuronalen Leiter dieser ursprünglichen instinktiven menschlichen
Fähigkeit zur mitmenschlichen Resonanz und Stimmungsinduktion diskutiert. Sie
ermöglichen, die für die Psychotherapie wesentlichen Begriffe, wie emotionale
Resonanz, Übertragung, therapeutische Beziehung und personale
Neuorientierung biologisch zu erklären.
Trotz der so heterogenen Theorien und Lehrmeinungen der
Psychotherapieschulen bleiben zuletzt als therapeutisch relevante Faktoren, sehr
allgemeine Kriterien leitend. Wie es in der Medizin zurzeit wieder Mode ist, gilt
auch hier die Besinnung auf eine ganzheitliche, komplexe biopsychosoziale
Wirklichkeit des Menschen als nötige und sinnvolle Erweiterung:
• Die zentrale Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehung von
Therapeut und Patient für den Therapieerfolg darf als empirisch
bestgestützte Aussage der Psychotherapieforschung gelten.
• Die Unterscheidung zwischen spezifischen und unspezifischen Faktoren,
wie die Relation von Wirkursachen und Effekten werden als zu fragwürdige
Reduktionen erkannt (Orlinsky 1986).
• Die Prozessvariablen der Psychotherapie selbst erscheinen zunehmend nur
in einem dynamischen bio-psycho-sozialen System interpretierbar.
• Biopsychosoziale Resonanz und Spiegelung des intuitiven Verstehens gilt
es in der Therapie nicht nur bezüglich der bewussten konkordanten
Stimmungen, sondern auch bezüglich der anonymen komplementären
Neigungen und Intuitionen zu beachten (Wyss 1982, Bauer 2005).
Mit diesen Erkenntnissen der modernen Psychotherapieforschung erfolgt eine
Rückbesinnung auf die Hauptaussagen der europäischen Philosophie und der
Medizinischen Anthropologie: Die Einheit des Menschen als einmaliges,
personales Subjekt und als soziales Objekt. Die Idee des Gestaltkreises von V.
Weizsäcker und die des Situationskreises von Th. Uexküll sind gute Modelle, die
diese Einheit von transzendenzoffenen, individuellem Subjekt und sozial
bestimmten Objekt veranschaulichen. Sie zeigen und zeichnen die lebendige
Einheit von Wahrnehmung und Bewegung, sowie von therapeutischer Beziehung
und emanzipatorischer Selbsterkenntnis überzeugend auf und nach. In
Fortführung zur anthropologischen Position von V. Weizsäcker und D. Wyss und
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der Thesen von C. Rüegg scheint folgende biopsychosoziale Simultanbetrachtung
angebracht: Grundstimmung und Denkstil des Therapeuten, wie Grundstimmung
und leitende Erkenntnismethode des Patienten, müssen zu einem Gestaltkreis
Resonanz finden, wenn erwünschter Therapieerfolg, d. h. emanzipatorische
Selbsterkenntnis erzielt werden soll. Schulenübergreifend lässt sich heute
emanzipatorische Selbsterkenntnis in etwa so skizzieren: Sich seiner inneren
Anlagen, in Bezug zur schon erfahrenen eigenen Lebensgeschichte, mit ihren
sozialen Anliegen, Auflagen und Bedrohungen gewahr zu werden, die
erwünschten Möglichkeiten persönlicher Selbstbestimmung prüfend, eigene,
Fremdgehorsam freie, dennoch soziale Resonanz bergende Handlungen,
zielgerichtet und als sinnhaft empfindend, zu tätigen.
Leider, oder zum Glück, unterscheiden sich die psychotherapeutischen Schulen
gerade in wesentlichen Punkten ihrer konkreten persönlichen und politischen
(handlungsrelevanten) Zieldefinition. Ging es den eher pragmatischen und
verhaltenstherapeutischen Ansätzen vordergründig vor allem um Leidminderung
und Wiedererwerb der Arbeitsfähigkeit, den Gruppendynamischen Konzepten um
Integration in die Gemeinschaft, so verfolgten die humanistischen Ansätze
deutlicher das Prinzip der Sinnstiftung und Sinnfindung und die
tiefenpsychologischen Methoden fast demonstrativ die subjektive Emanzipation
der Person (Orlinsky 1986, Wurmser 1989, Tschuschke 1990, Pieringer 1991,
Grawe 1994).
Mit diesen unterschiedlichen politischen Zieldefinitionen der Schulen war meist
unbewusst eine Fokussierung von Erkenntniswegen vorgegeben und eine
unterschiedliche Grundstimmung der Therapeuten vorbestimmt. Jede Schule
beschrieb aus ihrer ideologischen Perspektive die ihrer Meinung nach
wesentlichen Bedingungen der therapeutischen Beziehung. Diese
schulenspezifische Betonung einer Grundstimmung und Grundhaltung engte
bekanntlich die therapeutische Kompetenz insgesamt ein. Für die therapeutische
Praxis gelten nun auch in der Medizin zunehmend multimodale Diagnose-, und
Therapieansätze als state of the art.
Mit dieser wissenschaftstheoretischen Reflexion in der Medizin und der
Einführung des Schlagwortes „biopsychosoziale Medizin“ wurde aber auch eine
viel weiter reichende Einsicht verständlich: Stimmungen induzieren Denkstile,
und Denkstile mit ihren Erkenntnismethoden gestalten Schulen und ideologische
Einheiten; Glaubensgemeinschaften. Dass dies nicht nur für Sekten und
psychotherapeutische Traditionen zutreffend war, sondern auch für die
unterschiedlichen Konzepte der Medizin, ja auch für die sich bekämpfenden
Traditionen in der Philosophie, war bekanntlich folgenreich.
So wird heute, z.B. für die philosophische Reflexion der Psychoanalyse, eine sehr
unterschiedliche methodische Ausrichtung einsehbar. Verschiedene Vertreter der
Psychoanalyse erkannten und betonten unterschiedliche Erkenntnismethoden als
leitende Wege zur Selbsterkenntnis: Habermas favorisierte den hermeneutischen
und dialektischen Ansatz, L. Wurmser den phänomenologischen Modus und eher
die Kritiker der Psychoanalyse betonten die Vorherrschaft des empirischanalytischen Konzeptes.
So lässt sich heute folgende, zum Teil bekannte aber dennoch wenig vertraute
wissenschaftstheoretische Deutung zur politischen Entstehungsgeschichte der
Psychotherapieschulen skizzieren:
Die erste komplexe (ganzheitliche) Konzeption der Psychoanalyse durch S. Freud
sah sich von einer ökonomischen, den aufkeimenden Naturwissenschaften
entgegenkommenden Grundstimmung geleitet, der empirisch-analytischen
Erkenntnismethode verpflichtet, musste anders Denkende, eigentlich auch
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anders Fühlende ausgrenzen und blieb damit zunächst in der Theorie auf ein
reduktionistisches Weltbild eingeengt.
Die Individualpsychologie A. Adlers fühlte sich, intuitiv von ihrer sozial-ethischen
Grundstimmung geleitet, vor allem der dialektischen Erkenntnismethode
verbunden, musste versuchen, mit allen Schulen „gemeinschaftlich“ umzugehen,
war aber dadurch selbst profilarm und zunächst fast nur als politisch bildende
Bewegung wirksam.
Die Fassung der Analytischen Psychologie durch C. G. Jung, war von Jungs
religiös-ästhetischer Grundstimmung bestimmt, dem phänomenologischen
Denkstil intuitiv zugetan und erkannte die Bedeutung der menschlichen Welt
vorrangig nach zeitlos gültigen Symbolen und Archetypen. Für Probleme des
Arbeitsalltages hatte sie wenig anzubieten.
Die Konzeption des Psychodramas durch J. Moreno schließlich, war von einer
expressiv-erotischen Grundstimmung bewegt, vor allem der hermeneutischen
Erkenntnismethode zugetan und interpretierte die menschliche Wirklichkeit,
demgemäß, vor allem als kreatives Spiel auf Gottes Bühne. Nachvollziehbar wird,
dass dieser Ansatz sich zunächst als Antithese zur Psychoanalyse verstand.
Die heute in den meisten psychotherapeutischen Schulen laufenden
Bemühungen, durch Veränderung ihrer Selbsterfahrungskonzepte, wie
Einbeziehung des Körpers, des Systems, der Transzendenz und der Gruppe, aus
ihrer herkunftsbedingten methodischen Enge herauszukommen, zeugen davon.
Einer universitären Psychotherapieforschung ist es jedenfalls aufgetragen, die
hinter diesen konträren Wegen befindlichen allgemeinen Beziehungsmuster und
biopsychosozialen Grundstimmungen des Menschen in ihrer spezifischen
emanzipatorischen Intention zu untersuchen. Fazekas hat dafür den Begriff
„psychosomatische Intelligenz“ vorgeschlagen (2005).
Zentrales Problem bei diesem Unterfangen ist nun die Frage, welche Richtlinien
für die Differenzierung von Erkenntnismethoden und Grundstimmungen in
unserem Kulturkreis für diesen Prozess emanzipatorischer Selbsterkenntnis als
verbindlich gelten können. Für die Vertreter der Medizinischen Anthropologie war
dies durch Jahrzehnte vorrangiger Forschungsgegenstand. In den Ansätzen von
E. Feuchtersleben, A. Adler, V. Weizsäcker, Th. Uexküll und D. Wyss wurden
schulenunabhängige Orientierungsmuster und Erkenntnismethoden untersucht,
die zusammen einem ganzheitlichen, biopsychosozialen Menschenbild gerecht zu
werden versuchten. In der Nachfolge zu V. Weizsäcker haben vor allem D. Wyss
und von ihm unabhängig R. Vogt und P. Hahn eine fakultätsübergreifende
Methodendiskussion angeregt. Wir sehen diese nun im Methodenkreis von P.
Hahn vorliegende Fassung als stimmige, zeitgemäße und komplexe
wissenschaftstheoretische Grundlage für eine ganzheitliche Medizin und
Psychotherapie. Als an sich fakultätsunabhängiger Ansatz, lässt sich diese
Zusammenführung der vier primären Erkenntnismethoden wissenschaftlich
korrekt für die in der Medizin und Psychotherapie nötige objektorientierte
Diagnose der Erkrankung und subjektorientierte Übersetzung der Klage
anwenden. Wir meinen nun, dass für diesen Zugang einer komplexen
Methodologie in besonderer Weise die auf unterschiedlichen Quellenberufen
aufbauende Psychotherapie Modell sein könnte. (Wyss 1980, Pieringer 2000). Die
nun folgende Skizzierung einer genetisch vorgegebenen Synopsis von
Grundstimmung und Erkenntnismethode für den therapeutischen
Erkenntnisprozess und die Übersetzung der Klage, erachten wir als Ansatz einer
schulenübergreifenden Methodendiskussion in der Psychotherapie, welcher der
aktuellen Diskussion der Wissenschaftstheorie gemäß erscheint.
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Erkenntnismethode, Grundstimmung und menschliche Entwicklung
Denken und Fühlen, sowie Erkenntnis und Entwicklung werden heute wieder, wie
zu Beginn der sokratischen Philosophie als einander bedingende Funktionen des
menschlichen Lebens erachtet. Wie einleitend, als wissenschaftlich belegt,
erwähnt, induzieren Stimmungen nicht nur persönliche Denkstile und soziale
Beziehungen, sondern immer auch Gen-Expression und damit auch körperliche
Entwicklung und Wandlung. Welche Stimmungen unter welchen Bedingungen
nun spezifische Gene und damit Grundlagen für persönliche Entwicklung
exprimieren, sieht H. Weiner auch als die zentrale, nicht mehr utopische
Forschungsfrage der Psychotherapie (2001, 78). Die folgende Beleuchtung der
spezifischen Interdependenz von Grundstimmung, Erkenntnismethode und
persönlicher Entwicklung wird auch als Voraussetzung zur Klärung dieser Frage
gesehen. Gadamer spricht dem entsprechend zunächst auch von der „inneren
Angemessenheit, und der Verborgenheit der Gesundheit“.
Subjektive („verborgene“) Fühler für diese „innere Angemessenheit“, bzw. für ein
gesundes persönliches Maß im Leben, sind aus der Sicht der Medizinischen
Anthropologie die Gefühle, soweit sie ästhetisch reflektiert und kommuniziert
werden.
Vor allem A. Adler, M. Heidegger, M. Henry haben diese ursprüngliche, nach
Wahrheit strebende und schon bei Platon beschriebene, heilende Bedeutung und
kommunikative Kraft der Gefühle, L. Ciompi spricht von Affektlogik, betont und
mit nachfolgenden, von ästhetischem Pathos geleiteten Sätzen, skizziert:
• Das Gefühl ist die Gabe, die nicht zurückgewiesen werden kann!
Ärger, Neid, Scham, Ekel, Zorn, Trauer, Hass, werden im Rahmen
unterschiedlicher Erkrankungen unterschiedlich leitend, sie nicht fühlen zu
können, fördere pathologische, maligne Regression (Balint) und induziere
unterschiedlich gespaltenes Denken, Erkennen und Urteilen; verzweifelndes
Klagen.
• Das Gefühl ist die ursprüngliche, sanfte Kraft des sich selbst immer schon
gegebenen Seins!
W. Wundt wählt dafür den Satz: „Nicht ich habe die Gefühle, die Gefühle haben
mich.“ Damit wird angesprochen dass die Gefühle des Menschen älteren
Ursprungs sind, als sein bewusstes Ich, oder sein Verstand und damit wie eine
innere Autorität zur Gewissenserforschung und Neuorientierung der
Kommunikation anregen.
• Gefühle, sind Zeichen subjektiver Selbstoffenbarung; sind Zeichen
kommunikativer Liebe des sich selbst erkennenden Lebens!
Die besondere Bedeutung der Gefühle wird in der, durch ihre persönliche
Wahrnehmung erst möglichen Besinnung und Klärung, der inneren, unbewussten
Vorannahmen, im Sinne der ästhetische Wende, gesehen.
Damit ergibt sich eine Neufassung der klassischen Tragödien- und
Komödienlehre, dass gerade und in besonderer Weise die sogenannten negativen
und verschränkten Gefühle, wenn sie wahrgenommen, erlebt, schmerzlich
erlitten, oder durch paradoxen Humor umgedeutet, erfahrbar werden, eine
persönliche Wandlung eröffnen.
In diesem medizinisch-anthropologischen Ordnungsversuch geht es darum,
basale Grundstimmungen des Menschen zu differenzieren, die den primären
Themen und Erkenntnismethoden unserer Kultur, damit aber auch den basalen
Leidensthemen des Menschen entsprechen. Mit dem Begriff „Grundstimmungen“
sollen die den Menschen aktuell bestimmenden natürlichen qualitativen
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Intentionen und Intuitionen seines Lebens, seine Temperamente, Benennung
finden (Adler 1914, Riemann 1974, Willi 1985, Wiegand 1987). Die
Grundstimmungen des Menschen sehen wir, wie schon W. Wundt, als intuitive
und intentionale Phänomene des Lebens, welche nach innen und außen wirken.
Ihre gezielte und bewusste therapeutische Wirkung entwickeln sie dort, wo sie
als Impulse des Lebens erfahren und in spezifisch korrespondierender
Erkenntnismethode reflektiert werden. Die Konzepte der Lehranalyse und der
Selbsterfahrung in der Psychotherapie stellen die professionellen Wege dafür dar.
Zurzeit definiert bekanntlich noch immer jede Schule mit eigenen Begriffen diese
Wege, benennt aber meist noch nicht die jeweils motivierende Grundstimmung
und Erkenntnismethode.
Die traditionsreichste Differenzierung von menschlichen Grundstimmungen findet
sich für den europäischen Kulturkreis in der Lehre der vier Temperamente.
Qualitative Unterschiede der menschlichen Temperierung, durch
psychosomatische Stoffwechselprozesse damals erklärt, wurden zu Leitbildern für
menschliche Grundstimmungen. Dieses antike psychosomatische Konzept, auf
Empedokles, Hippokrates und Galen zurückgehend, verlor als Metapher nie seine
Aktualität. Es wurde alle Jahrhunderte neu untersucht und interpretiert.
Cloninger und Richter untersuchen aktuell die zeitgemäße Auslegung ihrer
biologischen, psychologischen und sozialen Befunde (1993, 1998). E.
Feuchtersleben beschrieb im 19. Jahrhundert (Lehrbuch der Seelenkunde, 1845)
mit seiner Interpretation der vier Temperamente das Konzept einer
psychotherapeutischen Diätetik. Seine Darstellung der vier Temperamente lässt
sich auch als Vorstufe der psychoanalytischen Persönlichkeitsdifferenzierung
erkennen. In der psychoanalytischen Differenzierung der frühkindlichen
Persönlichkeitsentwicklung erfahren diese Temperamente eine genetische
Reihung und vielfältige Erweiterung. Im Rahmen der Medizinischen Anthropologie
werden diese Grundstimmungen als intentionale Facetten und Modi der Person
mit spezifischer Erkenntnisqualität reflektiert (Wyss 1980).
Dem Vertreter der Verhaltenstherapie Eysenck (1975) war es ein Anliegen, die
Lehre der vier Temperamente, als psychosomatische Grundstimmungen des
Menschen und Leitbild für seine Beziehungen, vorzustellen. Eysenck differenziert
diese vier Temperamente nach z. T. quantifizierbaren Eigenschaften des
Menschen und richtet sie nach den Achsen stabil/instabil und
extrovertiert/introvertiert aus.
Mit den Begriffen Affektlogik (Compi) und genetische Epistemologie (Piaget)
wurden diese biopsychosozialen Zusammenhänge ebenfalls komplex und
differenzierend zu benennen versucht. Die frühkindlichen Entwicklungsstufen, wie
sie von der Psychoanalyse als Grundstufen der Menschheit beschrieben wurden,
verkörpern die erste genetische Differenzierung der basalen Kulturthemen mit
ihren Grundstimmungen (Balint 1986). Dem entsprechend sehen wir in folgender
Gliederung eine natürliche und kulturwissenschaftliche Reihung menschlicher
Lebenszusammenhänge. Im Sinne des Begriffes der Genetischen Epistemologie
von J. Piaget verkörpern dann die Entwicklungsstufen des Menschenkindes auch
die Grundformen und Grundstufen menschlicher Erkenntnis- und
Selbsterkenntnis. In vielen Studien der aktuellen Neurowissenschaft wurde dies
gut bestätigt. In der frühkindlichen Entwicklung werden von den
Beziehungsmustern der Umgebung zwar unterschiedlich betont, die Grundformen
unseres Denkens, Fühlens und Erkennens durch Markreifung neuronaler Bahnen
aktualisiert, bzw. bewusstseinsfähig.
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Theorie einer Genetischen Epistemologie
1. Das oral-passive Thema, die ästhetische Grundstimmung und die
phänomenologische Erkenntnismethode
2. Das oral-aggressive Thema, die ethische Grundstimmung und die dialektische
Erkenntnismethode
3. Das anale Thema, die ökonomische Grundstimmung und die empirischanalytische Erkenntnismethode
4. Das früh-genitale Thema, die erotische Grundstimmung und die
hermeneutische Erkenntnismethode
Neurobiologische Untersuchungen bestätigen hier die psychoanalytischen
Befunde, indem sie aufzeigen konnten, dass die kulturelle Entwicklung des
Menschenkindes interaktiv mit der biologischen Hirnreifung erfolgt und dass
diese Grundthemen das ganze Leben hindurch, individuell reifend, Gültigkeit
bewahren.
Nach den Einsichten der Existenzphilosophie und der medizinischen
Anthropologie sind diese Grundthemen des menschlichen Lebens durch typische
Zeitorientierung charakterisiert (Heidegger 1926, Wyss 1980). Während die
ästhetische Grundstimmung, mit der phänomenologischen Erkenntnismethode
korrespondierend, zeitlos gültige Facetten des persönlichen Lebens erkunde,
bestimme die ethische Grundstimmung durch dialektischen Prozess im Hier und
Jetzt Strukturmerkmale des Lebens. Die ökonomische Grundstimmung, von der
empirisch-analytischen Erkenntnismethode vertreten, ist
vergangenheitsorientiert und bestimme die Autonomie und Verfassung des
Lebens. Die erotische Grundstimmung schließlich, durch die hermeneutische
Erkenntnismethode geleitet, eröffne, alle Grundstimmungen in Einklang
bringend, die mögliche Zukunftsperspektive des persönlichen Lebens als Mann
oder Frau. (Kluge 1926, Rombach 1983, Pieringer 2000)
In ihrer ausgewogenen "Temperierung" inspirieren alle Erkenntnismethoden zu
sinnvollen, wertvollen, ökologischen und erotischen Lebensschritten persönlicher
Reifung; in ihrer spezifischen Einengung, neurotischen Verschränkung (Adler
1914) und kollusiven Beziehung (Willi 1975) werden sie zu Manifestationen von
Pathologie und pathologischer Weltinterpretation. Unter neurotischer
Verschränkung wird die uralte und heute wieder hoch aktuelle pathogenetische
Einsicht angedeutet: Im komplexen Prozess menschlicher Erkrankung finden
durch situative Noxen ausgelöst gleichzeitig konträre leidenschaftliche
Intentionen Verkörperung. Unter der spezifisch humanen Devise, weder Opfer
noch Täter seine zu wollen, zeigen sich diese konträren Intentionen gleichzeitig
in erhöhte ängstlicher Regressions- und schmerzlicher Progressionstendenz
(Adler 1914, Weizsäcker 1934, Balint 1986, Bauer 2005).
Der Ansatz einer Komplexen Methodologie
Erkenntnismethode und Gehalt der Selbsterkenntnis
In den nun folgenden Zeilen sollen die philosophischen Erkenntnismethoden, mit
ihren entsprechenden Grundstimmungen des Menschen, bezüglich ihrer
therapeutischen Intention, bzw. ihres Erkenntnisgehaltes Skizzierung finden. Der
Wissenschaftstheorie entsprechend heißt dies den anfangs schon erwähnten
kritischen Rückbindungssatz zu prüfen: „Das Wissen, das wir schaffen, dient
dazu, es uns möglich zu machen, so zu handeln, dass die Funktion, die unser
Handeln anstrebt, auch erreicht wird.“
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Das heißt, gilt es spezifische Zusammenhänge in diesem „Schaffen von Wissen“
zu differenzieren. In der Tradition der Psychoanalyse findet sich folgende
Diskussion zu den leitenden Erkenntnismethoden:
Am Konzept der Psychoanalyse nach S. Freud wurde, wie schon angedeutet, die
betonte Vorherrschaft der empirisch-analytischen Methode vor allem durch A.
Adler, C.G. Jung, K. Jaspers, A. Grunbaum kritisiert. Während Adler der
dialektischen Erkenntnismethode besondere Relevanz zuordnete, waren C.G.
Jung und später K. Jaspers von der primären Funktion phänomenologischer
Erkenntniswege in der Psychotherapie überzeugt.
In der internen Methodendiskussion zur Psychoanalyse betonten P. Ricoeur, A.
Lorenzer die hermeneutische Methode, J. Habermas die dialektische u.
hermeneutische Methode, D. Sandner, mit einer Wortneubildung, die dialektischempirische Hermeneutik und L. Wurmser wiederum, ähnlich wie A. Adler und
C.G. Jung die phänomenologische u. dialektische Methode.
Aus dieser zunehmend komplexer werdenden Methodendiskussion ergab sich
schließlich generell die Ausrichtung nach einer Komplexen Methodologie (R. Lay)
auch für die Psychotherapie. P. Hahn und W. Pieringer stellten dieses Konzept
erstmals 2000 im Rahmen der Lindauer Psychotherapiewoche vor. Zunehmend
wird diese Ansatz einer Komplexen Methodologie auch von anderen
Psychotherapieschulen vertreten: H.J. Walter für die Gestalttherapie, Dieter für
die Katathym Imaginative Psychotherapie, A. Leitner für die Integrative Therapie.
Hier, werden nun diese vier primären Erkenntnismethoden als vier zueinander
wissenschaftlich abgrenzbare und abzugrenzende, aber auf einander aufbauende
Position, bzw. Reflexionsstufen in der Psychotherapie skizzenhaft ausgeführt.
Nachdem jede Erkenntnismethode einem Fokus gleich jeweils nur eine Dimension
des menschlichen Lebens besonders zu erhellen vermag, sind auch von der Tiefe
der Erkrankung abhängig, unterschiedliche Erkenntnismodi besonders sensibel
betroffen, man könnte sagen „gekränkt“. So ergibt sich für den
psychotherapeutischen Erkenntnisprozess immer eine vom konkreten Einzelfall
bestimmte unterschiedliche Gewichtung der leitenden Erkenntnismethoden.
Auch wenn das Ziel, nämlich emanzipatorischer Selbsterkenntnis zu dienen,
letztlich der Zusammenschau aller Erkenntnismethoden bedarf und damit auch
keine hierarchische Reihung der Erkenntnisschritte vorgegeben sein kann, soll
nun für die theoretische Aufzeichnung eben der Idee der Genetischen
Epistemologie gefolgt werden. Demnach erweist sich als
entwicklungsgeschichtlich erste und letzte menschliche Reflexion, die
phänomenologische Erkenntnismethode. Mit der Geburt, dem ersten „das Licht
der Welt erblicken“, einsetzend, bis zum Sterben, der letzten „existentiellen
Reflexion“ den Selbsterkenntnisweg der Person leitend.
Erste Reflexionsstufe: Die phänomenologische Erkenntnismethode und
ästhetische Grundstimmung als Modus und Bedingung für persönliche
Existenzerhellung und Sinnerfahrung.
Die tiefste, umfassendste und sinnstiftende Einsicht des Menschen, seine
mögliche existentielle Selbsterkenntnis, wird seit der Antike im Modus der
phänomenologischen Erkundung in ästhetischer Grundhaltung gesehen. Diese
tiefste existentielle Seinsdimension des Menschen wird in den unterschiedlichen
Fachdisziplinen auch verschieden benannt. In ihrer realen Komplexität ist diese
Grunddimension auch nicht differenziert genug aus einer Fachperspektive zu
erfassen. Werden doch meist auch jeweils nur Teilansichten dieser Wirklichkeit
11
untersucht und abgehandelt. Einige typische, fachspezifische Benennungen
dieser Wirklichkeitsdimension sollen mit folgenden Begriffen skizziert werden:
Philosophie / Physiologie:
Kreativitätsforschung:
Krankheitstheorie:
Zeitperspektive:
Psychoanalyse:
Temperament:
Existenz
emergentive Kreativität
Erkrankung, ist pathische Kreation
Zeitlosigkeit, sub speciae aeternitatis
oral-passives, intentionales Thema
phlegmatisches Temperament
Phänomenologische Erkenntnismethode und ästhetische Grundstimmung
schauen nach dem zeitlosen, von Modeströmungen unabhängigen intentionalen
Sein des Menschen und der Welt. E. Husserl hat diesen Erkenntnismodus als
„erste Philosophie“, bzw. als „philosophische Intuition“ bezeichnet. K. Jaspers hat
die Bedeutung der Phänomenologie für die Psychiatrie und Psychotherapie
besonders betont und auch den Begriff der phänomenologischen
Erkenntnismethode spezifisch geprägt.
Zur Wahrung der Wissenschaftlichkeit bedarf die phänomenologische Methode
der sog. eidetischen Reduktion, der möglichst vorurteilsfreien Anschauung: Es
gilt das Vorgefundene, das Da-Seiende, mit Respekt, in Liebe und Ehrfurcht
anzuschauen und bewusst auf Vorerfahrungen, auf Theorien, Hypothesen und
Reduktionen zu verzichten, ja tradiertes Wissen auszuschalten, um existentielle,
zeitlose, ästhetische Phänomene des Lebens zu erhellen (Metzger). Die bewusste
Reflexion dieser Wahrnehmung gilt sowohl in der Philosophie, wie in der
Psychotherapie als wesentliche Bedingung für existentielle und ästhetische
Sinnerfahrung, bzw. für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit.
Die (syn)-ästhetische Grundstimmung verkörpert jenes menschliche Da-Sein, in
welchem Denken und Fühlen zusammenfallen, ein zur Transzendenz offener
Weltbezug vorliegt, und sich ein Gewahrwerden von Zeitlosigkeit konkretisiert:
Hier gilt und wird der Mensch selbst zum Symbol des Kosmos; die
Spiegelneurone werden heute als eine dafür spezifische neuronale Struktur
diskutiert.
In der Kreativitätsforschung (Taylor 1959, Pieringer 1988) wird mit dem Begriff
"emergentive Kreativität" die entsprechende gestaltende Kraft des Menschen
bezeichnet, welche Kunstwerke zeitloser Gültigkeit schafft und damit Sinn zu
stiften vermag. Die phänomenologische Krankheitstheorie, erkennt jede
Erkrankung immer auch als kreativen Versuch, als Kunstgriff des Lebens, in der
Situation existentieller Bedrohung, radikale, aber doch zeitlos gültige
(emanative) Antwort zu suchen. G. Hüther verwendet für diese Dimension des
Seins den Begriff: Mythisches Bewusstsein und Selbsterkenntnisebene. Diese
tiefste, erste und letzte, bei Geburt, existentieller Sinnfindung und auch im
Rahmen der existentiellen Erkrankung vordergründig werdende Dimension
persönlicher Wirklichkeit, wurde aus der tiefenpsychologischen Perspektive mit
dem Begriff oral-passives, bzw. intentionales Thema benannt. Das oral-passive
Da-Sein verkörpert die erste, ursprünglichste und tiefste, deswegen auch oft
unbewusst bleibende existentielle Dimension des menschlichen Lebens, in
welcher eigentlich noch keine Trennung von Mutter und Kind vorliegt. MutterErde und Menschen-Kind sind hier nicht nur psychisch und sozial eine Einheit,
sondern auch körperlich-materiell. In der Lehre von den vier Temperamenten
wird die pathische Ausformung dieser zeitlos gelassenen Grundbefindlichkeit in
der Beschreibung des phlegmatischen Temperamentes, mit seiner meditativen
Neigung zu Selbstoffenbarung, skizziert.
12
Im alltäglichen menschlichen Leben findet diese ästhetische Grundstimmung
Pflege und Annäherung in der Meditation, im Gebet und im Erkennen zeitloser
Gültigkeiten, im Sein "sub speciae aeternitatis" (unter dem Blickwinkel der
Zeitlosigkeit).
Nur innerhalb dieser Erkenntnishaltung ist der Leitsatz Heideggers „Sinnerfüllte
Leben stehe in Übereinstimmung mit der Entschlossenheit zum Tod“
verständlich. Innerhalb dieser Grundstimmung werden Tod und Zeitlosigkeit eins,
werden Irrationales und Rationales, als Eins erkennbar und tiefste existentielle
Not mit Attitüden des Schönen, im Sinne der Verbindung von apollinischer und
dionysischer Weltsicht, spürbar.
Nach D. Wyss findet diese primäre Befindlichkeit im Modus der „Erkundung“
Beschreibung. Diese Lebenswirklichkeit jenseits der Objekt/Subjektspaltung und
jenseits ethischer und moralischer Kriterien kann nur in einer
"Erkundungshaltung" miterlebt werden. Die Psychoanalyse hat mit dem Begriff
der "gleichschwebenden Aufmerksamkeit" eine ähnliche Benennung vorgelegt
und damit ein phänomenologisches Grundprinzip ihrer therapeutischen Richtung
einbekannt. Ästhetische Grundstimmung als "Schauen mit dem Herzen" (MerlauPonty 1966) metaphorisch bezeichnet, sieht wohl das Entsetzliche und
Vergängliche dieser Welt, spürt aber dahinter eine zeitlose Wirklichkeit. Mit dem
Begriff "reine Menschlichkeit" wird auch dieselbe Grundstimmung gemeint, die
mit dieser Benennung nur allzu leicht in eine sentimentale Verherrlichung
verfällt. Wenn mit „reiner Menschlichkeit“ Entschlossenheit zum Tod, wie
Offenheit zur Zeitlosigkeit gemeint ist, dann wird die Grundstimmung von
Goethe`s Antigone getroffen: "Alle Leiden dieser Erde sühnet reine
Menschlichkeit". Existentielle Erkrankungen wie Krebs, Aids oder die
Schizophrenie, sind aus phänomenologischer Sicht tragischer Ausbruch dieser
Wirklichkeitsebene, welche nach ästhetischer Überbrückung der Perspektiven Tod
und Unsterblichkeit drängen.
Eine andere Metapher für diese Grundstimmung und Urform der Liebe hat M.
Balint (1986) mit der Beschreibung "der Therapeut sei wie Wasser, das den
Schwimmer trägt" gegeben. Das Prinzip des "existentiellen Da-Seins" wie es
Jaspers (1958) formuliert, d. h. des Daseins ohne sich einzudrängen und ohne
den anderen manipulieren zu wollen, wird damit angedeutet.
Die ästhetische Grundstimmung ist nicht nur primäre therapeutische Haltung in
der Humanistischen Tradition, sondern bekanntlich Grundmuster für jede
therapeutische Beziehung; spezifisch therapeutisch wirksam wird sie im Rahmen
der Begegnung mit existentiellen Erkrankungen. Für den existentiell Erkrankten
ist die ästhetische Annahme die spezifische persönliche Hoffnung gebende und
Sinn stiftende Beziehungsqualität. Ästhetische Grundstimmung ist weder warm
noch kalt, kennt beides, akzeptiert Schmerz und Trauer, Verzweiflung und
Hoffnung, und fühlt dahinter zeitlose menschliche Wirklichkeit. Die ästhetische
Grundstimmung erkundet und achtet "die Unverfügbarkeit" des Menschen als
höchstes Gut und erkennt hier den Sinn des Seins als personales Prinzip der
Würde (Frankl 1951, Längle 1990).
Beispiele phänomenologischer Methoden in der Psychotherapie:
• Existentielles, empathisches Da-Sein
• „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ in der Psychoanalyse
• Orientierung an Bildern, Urbildern und Träumen
• Da-Sein mit Humor und ästhetischer Haltung
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Zweite Reflexionsstufe: Die dialektische Erkenntnismethode und ethische
Grundstimmung als Modus für die Entwicklung von persönlichem Selbstwert und
guten sozialen Strukturen.
Die, auch nach der psychoanalytischen Entwicklungslehre aus der
phänomenologischen Erkenntnishaltung und der ästhetischen Grundstimmung
hervorgehende wertbildende und politische Wirkung und Wirklichkeit des
Menschen liegt in dieser zweiten, nämlich dialektischen Natur des Menschen.
Alfred Adler hat sein Konzept von der sozialen Natur des Menschen, mit der Idee
einer Gemeinschaft, sub specie aeternitatis, dem entsprechend begründet.
Auch diese Grunddimension menschlichen Seins ist in ihrer innovativen Kraft und
umfassenden psychosomatischen Spannung nicht mit einer Fachperspektive
allein gut zu fassen. Eine Skizzierung der Merk- und Wirkmale dieser zweiten
Grunddimension des menschlichen Seins soll mit folgenden fachspezifischen
Benennungen versucht werden:
Philosophie / Physiologie:
Kreativitätsforschung:
Krankheitstheorie:
Zeitperspektive:
Psychoanalyse:
Temperament:
Struktur
innovative Kreativität
Erkrankung, ist Krise der sozialen Entwicklung
Gegenwart, Hier und Jetzt
oral-aggressives Thema
melancholisches Temperament
Personale Wertbildung und Ich-Prüfung als Wirkungen der dialektische
Erkenntnismethode und ethischen Grundstimmung gründen in der personalen
Offenheit des Menschen zum Du (Buber 1971). Personale Offenheit setzt aber
gleichzeitig das Bekenntnis zu einer dynamischen Ich-Identität voraus; ein
Wissen und Fühlen von den Grenzen und der Begrenztheit der eigenen Identität,
und deren Neuformierung in der Auseinandersetzung mit dem Du und der Welt.
Dialektische und ethische Grundhaltung bewirken, dass positives,
lebensbejahendes und zur Eigenverantwortung fähiges, soziales Leben, sich zu
entwickeln vermag. Ethische Grundstimmung als Liebe zum Du und zur
Gemeinschaft kennt wohl den Hass, aber lässt sich durch ihn nicht zur Rache
verleiten. Statt sadomasochistischer Spaltung (Diabol) herrscht dynamische
Aufrechterhaltung der Spannung zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und
Schatten, als Symbol menschlicher Natur.
Der Arzt und Philosoph Heraklit von Ephesos (550 - 480 v. Chr.) hat diese
menschliche Grundstimmung und Erkenntnisqualität mit dem Vergleich der
Einheit von Wasser und Feuer im menschlichen Leben skizziert. In besonderer
Form ist die abendländische Geschichte von diesem dualistischen Prinzip der
ethischen Grundstimmung geprägt. Die dialektische Erkenntnismethode, als die
wissenschaftstheoretische Leitlinie dieser Grundstimmung, wurde über
Jahrhunderte als Ausweisung der europäischen Kultur angesehen. Die gezielte
gesellschaftspolitische Umsetzung versuchte K. Marx, ihre Überhöhung und ihren
Einbruch erlebte sie im Marxismus.
Dennoch bleibt das dialektische Kampfprinzip unabdingbare Voraussetzung für
Wertbildung und Erfahrung des Guten, im Leben wie in der Neurose. Herzhafte
persönliche Auseinandersetzung, mit der Bereitschaft zur dialektischen
Konfrontation und zur persönlich betroffenen Annahme sind Voraussetzungen,
um jenes Gut zu erschließen, welches lebensfähig und zur Bejahung des Lebens
fähig ist.
Die der innovativen Dimension der Sprache zu Grunde liegende Logik und
Grammatik ist dualistischer Natur. Die Tiefenpsychologie beschrieb den
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menschlich genetischen Ursprung dieser Dynamik in der oral-aggressiven
Thematik der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Die Einheit der "guten" und "bösen"
Mutter wurde von Winnicott (1974) als Bedingung für den Beginn einer IchIdentitätsbildung beim Kinde angesehen. "Der orale Charakter", bzw. die
depressive Persönlichkeitsstruktur, wie sie im Rahmen der Tiefenpsychologie
ausführlich beschrieben wurden, sind genetische Differenzierungen des
melancholischen Temperamentes. Dass dem melancholischen Temperament eine
spezifisch wertbildende Kraft für soziale Politik zukommt hat H. Tellenbach
(1983) mit seinem Typus melancholicus aufgezeigt.
Ethische Grundstimmung bedeutet persönlich politisch präsent zu sein und im
Hier und Jetzt der Gegenwart als Person Standpunkt zu beziehen. Das Gute kann
nur im Hier und Jetzt erkannt und im Neubeginn (Balint) strukturiert werden. Es
kennt keine Vergeltung aber auch keine Absicht. So zielt ethische
Grundstimmung nicht auf zukünftige Ziele, sondern achtet im klassischen Sinne
das Sein in der Gegenwart. Ethische Grundstimmung verfügt über die Fähigkeit
der kritischen Spaltung von Denken und Fühlen, doch schafft sie deren stimmig
werdende Einheit und Auseinandersetzung im Hier und Jetzt menschlicher
Beziehung. Spezifisch entspricht dieser ethischen Grundstimmung die innovative
Kreativität; sie ist die schöpferische Kraft der Erneuerung von Strukturen (Taylor
1959). Ethische Grundstimmung erkennt die Polaritäten in der Welt und im
Menschen, lotet deren Radikale aus und schafft eine neue, dynamische
Verbindung; dies gilt für den Gesamtmenschen in seiner Beziehung zur Welt, wie
für die Beziehung des Menschen zu sich selbst und hat vermutlich wirklich, bis
hinein in die Polarität jeder Zelle, als Polarität von vegetativer und animalischer
Natur (Aristoteles, Jaspers, Wyss) eine gültige Entsprechung.
So ist für strukturelle Erkrankungen, das sind Erkrankungen mit Struktur-, Ein-,
Um- und Aufbruch (Infarkt, Geschwür oder Depression), die dialektische,
ethische Grundhaltung, jene, die das Leiden des Menschen, als überhohe
Spannung und innere Depolarisierung zu erkennen vermag. Diese Einsicht,
Erkrankung als ethische Krise zu erkennen, und damit auch als erstes Zeichen
neuer möglicher bipolarer Einheit, eröffnet die dynamische Idee, der „Heilung,
als beginnende, neue, innere Polarisierung“. Ethische Grundstimmung bejaht Tod
und Leben, doch liebt sie das Leben.
In der Lehranalyse und Lehrtherapie wird ethische Grundstimmung - so die
These - sich dort verwirklichen, wo konkrete und persönliche
Auseinandersetzung stattfindet und diese eine Überwindung der Dualität
eröffnet. Ethische Beziehung bedarf der aktiven, spontanen Offenheit beider,
bedarf nicht nur der Klärung der Gegenübertragung, sondern auch deren
Bekenntnis. In den Konzepten der Objektbeziehungstheorie (Ferenczi 1932,
Kernberg 1988), wie in den psychotherapeutischen Traditionen, die die spontane
Begegnung von zwei Personen im Hier und Jetzt als Modell therapeutischer
Erfahrung sehen (Moreno 1983), wird ethische Grundstimmung gezielt erfahrbar.
Ethische Grundstimmung hat Mut zu melancholischer Tiefe, ist aber nicht
depressiv, ist kraftvoll aber nicht verletzend, ist Ich-ermutigend aber nicht
verwöhnend. G. Hüther verwendet so auch für die Benennung dieser
Wirklichkeitsstufe den Begriff „Ich-Bewusstsein“ und sieht ihn als Bedingung für
soziale Wahrnehmung (2001). Das serotonerge neuronale System im Gehirn wird
heute als ein zentraler Vermittler für diese Wirklichkeit diskutiert. Antidepressiva
sind der pharmakologische Weg, um dieses System anzuregen. K. Jaspers hat
mit seinem Begriff „liebender Kampf“, die psychotherapeutische Kurzformel
geliefert. Damit aus Kampf aber nicht Krieg werde, bedarf dialektisches Verhalten
der ästhetischen Reflexion; dafür kennen wir den Begriff: dialogisches Prinzipp.
15
Beispiele dialektischer Methoden in der Psychotherapie:
• Übertragungsdeutung in der Psychoanalyse
• Konfrontation in Einzel- oder Gruppentherapien
• Paradoxe Intervention in der Logotherapie und Familientherapie
• Narrative Element, und Doppeln im Psychodrama
Dritte Reflexionsstufe: Die empirisch-analytische Erkenntnismethode und
die ökonomische Grundstimmung als Modus für die Entwicklung von
geschichtsbewusster Verfassung, sowie von Arbeits- und Leistungsfähigkeit.
Die empirisch-analytische Erkenntnismethode aus ökonomischer Grundstimmung
entwickelt, eröffnet nüchternes, kausal-lineares, geschichtsbewusstes, auf
Erkenntnisse der Vergangenheit Bezug nehmendes Leben, Handeln, Forschen
und Wirken. Eine Benennung dieser Lebensdimension aus den verschiedenen
Fachperspektiven zeigt folgende Auflistung:
Philosophie / Physiologie:
Kreativitätsforschung:
Krankheitstheorie:
Zeitperspektive:
Psychoanalyse:
Temperament:
Konstitution / Verfassung
produktive Kreativität
Erkrankung, ist verursachte Störung
Vergangenheit, Empirie
anal-aggressives Thema
cholerisches Temperament
Die empirisch-analytische Erkenntnismethode und die ökonomische
Grundstimmung verkörpern jene Dimension des Menschen, welche sachlich
achtend, geschichtliche Objektivität anzunehmen imstande ist. Die ökonomische
Grundstimmung respektiert die Sache und objektiv Sachliches am Menschen,
auch wenn es sich dabei um Leiden und Schmerz handelt. Ökonomische
Grundstimmung prüft wohl Leiden auf seine Herkunft und auf seinen Zweck,
überbewertet es aber nicht. Schmerzen und Schuld, aus versäumter Handlung,
gilt es zu erkennen, um Versöhnung zu ermöglichen. F. Künkel (1929) beschrieb
mit dem Begriff "Sachlichkeit" diese Grundstimmung. D. Wyss wiederum
bezeichnete mit dem Modus der "Selbstbehauptung" jene Lebenswirklichkeit sehr
treffend, in welcher es um sachlich objektiven Bestand der eigenen Person, wie
sachliche Ansicht des anderen, auch in seinem Leid gehe. Ökonomische
Grundstimmung wird, wenn sie echt und zeitgemäß sich verwirklicht, zur
ökologischen Grundstimmung; hier werden Ökonomie und Ökologie eins.
Im Rahmen der Kreativitätsforschung wurde diese Grunddimension mit der
Bezeichnung „produktiven Kreativität“ benannt. Produktive Kreativität gilt als
Begriff für jene gestaltende Kraft, die als Handfertigkeit, Kunstfertigkeit, als
Fertigkeit durch fleißige Übung zur fachliche Beherrschung und Behauptung im
Umgang mit organischen und anorganischen Materialien, mit dem Ziel
ökonomische, geschichtlich bewährte Formen zu produzieren: Der Tischler der
bewährte praktische Tische erzeugt, wie der durch Training eine gute körperliche
Konstitution aufbauende Sportler, verfügen über gute produktive Kreativität.
Innerhalb der Philosophie und Wissenschaftstheorie war diese Grundqualität für
die Beschreibung der leitenden Erkenntnismethode der Naturwissenschaft
verantwortlich. Dass die empirisch-analytische Methode aber nur das Sachliche,
das Objektiv ( ob-jacere = „das nach außen Geworfene“), das zur Verfassung
gewordene Schattenbild der Welt und des Menschen zu erhellen vermag, wird
durch die gegenwärtigen Wissenschaftstheorie kritisch betont.
Die empirisch-analytische Krankheitstheorie erkennt dem entsprechend auch
Erkrankung vor allem nur als verursachte Störung; als schmerzliche Folge, als
16
Schattenbild von Traumatisierung. Die zurückliegende, vergangene Geschichte
wird für das Leiden hauptverantwortlich gemacht.
Manche psychotherapeutische Schulen wollen sich von dieser herrschenden
Bestimmung durch die empirisch-analytische Methode wieder ganz befreien, was
jedoch erneut einer Verzerrung der Wirklichkeit gleichkäme. Jedes Wesen dieser
Erde und auch der Mensch in seinem Leid haben sachliche Attitüden, die nur mit
fachlich-sachlicher Grundstimmung erkannt, betreut und begleitet werden
können.
Die erste persönliche Erfahrung dieser Lebenswirklichkeit hat die Psychoanalyse
mit der Initiation der Reinlichkeit in der analen Phase beschrieben. Zwischen den
Gefühlen Ekel und Stolz wird die bislang instinktive Ausscheidung verdauter
Güter leidenschaftlich bewusst. Die Exkremente, das Gold der Unterwelt,
bedürfen auf Erden einer sachlichen Verwaltung, um nicht als „alles Scheiße!“
negativ tabuisiert und im Waschzwang kompensiert zu werden. In dem Maß der
Mensch persönliche Entscheidungsfreiheit über Zeit und Ort zu ihrer Lösung
„Losung“ bzw. körperliche Beherrschung entwickle, erfahre er Fähigkeit zur
Autonomie, im Sinne von Selbstständigkeit. Die pathologische Einengung dieser
Dimension wurde von der Psychoanalyse in der phobisch-anankastischen
Persönlichkeit erkannt und dort als Abwehr anal-aggressiver Dynamik gedeutet.
Anal-aggressive Dynamik entspricht dem Wesen des cholerischen Temperaments
mit seinem aggressiven Macht- und Besitzstreben bei ausgeprägter
Reproduktionshaltung. In der Individualpsychologie wurde dementsprechend für
diese Grundstimmung das Nahziel "Machtprinzip" formuliert.
Nach den Einsichten der Tiefenpsychologie ist diese ökonomische
Grundstimmung als gesunde Verwirklichung der analen Dynamik, eben auch als
Voraussetzung für das Verständnis und die Behandlung phobischer und
anankastischer Symptome spezifisch relevant. Innerhalb der Medizin sind die so
genannten konstitutionellen Erkrankungen, jene meist chronischen
Verfassungsstörungen, wie chronische Obstipation, Migräne oder konstitutionelle
Hypertonie, auch körperliche Zwänge bezeichnet, die leibliche Entsprechung.
Konstitutionelle Erkrankungen sind Zeichen des Ringens um Autonomie,
Selbständigkeit und Selbstbehauptung in einer feindselig erlebten Umwelt. Ein
Erkennen dieses unbewussten Ringens um Selbstbehauptung ist an eine
therapeutische Empathie geknüpft, die ebenfalls sachlich dieses Streben beachtet
und intuitiv zu erkennen hilft.
Ökonomische Grundstimmung ist getragen von Sachlichkeit, nicht Desinteresse
und von Respektierung der Geschichte, ohne damit die gesamte Welt in allen
ihren Inhalten erklären und beschreiben zu wollen. Ökonomische Grundstimmung
fügt sich in die bunte Vielfalt des Lebens ein, initiiert aber in der therapeutischen
Haltung sachliche Hilfe zur Selbstkontrolle, Selbstsicherheit und Selbständigkeit.
Wo ökonomische Grundstimmung und empirisch-analytische Erkenntnisform zum
Selbstzweck werden, entarten sie selbst zwanghaft zur Arbeit um der Arbeit
willen, zur Leistung um der Leistung willen und zur Selbstbehauptung ohne Frage
nach Sinn und Wert.
Diese, von der ethischen und ästhetischen Orientierung abgekoppelte,
ausschließlich ökonomische Grundstimmung wird heute von vielen als Ausdruck
des Kulturverfalls der zivilisierten Industriewelt (Industria = Fleiß) kritisiert.
Innerhalb der Geschichte der Psychotherapie vertraten die Psychoanalyse und die
Verhaltenstherapie diese Grundstimmung zunächst bewusst und betont;
wissenschaftsgeschichtlich ist dies verständlich. Die damit verbundene, konträre
Handhabung der Selbsterfahrung wird nachvollziehbar: Wer den Menschen als
Subjekt empirisch-analytisch zu erkennen anstrebt, wie die Psychoanalyse,
bedarf dazu letztlich einer unendlichen Analyse. Wer ihn aber als Objekt zu
17
verstehen und zu behandeln bemüht war, wie es die Verhaltenstherapie vorgab,
musste sogar jede Selbsterfahrung zunächst als kontraproduktiv zurückweisen .
So wichtig die persönliche Geschichte eines Menschen auch sein mag, um ihn zu
erkennen, gestattet die Erhellung seiner Geschichte dennoch nur Einblick in seine
rekonstruierte Vergangenheit als Objekt. Wesentliches, subjektives, kreatives
Potential des Menschen wird dabei vernachlässigt.
Empirisch-analytische Erkenntnismethode und Ökonomische Grundstimmung
spiegeln sich natürlich auch in all jenen Ansätzen der Psychotherapie, wo
Beratung, Üben, Lernen und sachliche Information angebracht sind. G. Hüther
wiederum wählt für die Beschreibung dieser Dimension treffend den Begriff
„mechanistisches Bewusstsein“, mit seiner besonderen Fähigkeit
Zusammenhänge von Ursache-Wirkung zu fassen und zu gestalten (2001). Das
dopaminerge neuronale System wir heute als eine dafür spezifisch relevante
zentrale Hirnstruktur diskutiert.
Beispiele empirisch-analytischer Methoden in der Psychotherapie:
• Kausal-lineare Deutung in der Psychoanalyse
• Klassische und operante Konditionierung in der Verhaltenstherapie
• Üben, Durcharbeiten, Wiederholen, in allen Schulen
• Training vegetativer Verfassung im Autogenem Training
Vierte Reflexionsstufe: Die hermeneutische Erkenntnismethode und die
erotische Grundstimmung als Modus für die Entwicklung kulturbewusster
Spielfähigkeit (Rollenspiel), bzw. weiblicher und männlicher Funktion.
Die genetisch jüngste und zärtlichste, für persönliche Zukunftsplanung aber
mächtigste Wirkung liegt in der hermeneutischen Erkenntnismethode mit ihrer
erotischen Grundstimmung. Bei L. Irigaray wird unter dem Begriff „Mimesis“, bei
HG Gadamer unter den Begriff „Hermeneutik“ diese spezifisch menschlich
Erkenntnisweise angesprochen, welche jede Erkenntnis zunächst als Reflexion,
als Spiegelung innerer Vorannahmen ausweist. Erst nach Wahrnehmung dieser
inneren, unbewussten, „ererbten“ Vorurteile, als funktionale Selbsterhellung,
bilde sich eine Atmosphäre für ein gewissen Verstehen von sich selbst und dann
der anderen Menschen.
Diesbezüglich trafen sich die Ansichten von S. Freud, A. Adler und C.G. Jung mit
den Aussagen R. Krafft-Ebings (1886): „So wurzelt in letzter Linie alle Ethik,
vielleicht auch ein guter Teil Ästhetik und Religion in dem Vorhandensein
geschlechtlicher Empfindungen. Wie das sexuelle Leben die Quelle der höchsten
Tugenden werden kann, bis zur Aufopferung des eigenen Ichs, so liegt in seiner
sinnlichen Macht die Gefahr, dass es zur gewaltigen Leidenschaft ausartet und
die größten Laster entwickelt.“ Unterschiedliche Fachperspektiven nähern sich
dieser vierten Lebensqualität mit folgenden Begriffen:
Philosophie / Physiologie:
Kreativitätsforschung:
Krankheitstheorie:
Zeitperspektive:
Psychoanalyse:
Temperament:
Funktion, Rolle
expressive Kreativität
Erkrankung, ist dramatischer Ausdruck
Zukunft
früh-genitales Thema
sanguinisches Temperament
Die hermeneutische Erkenntnisweise, mit ihrer erotischen Grundstimmung
schließlich, soll jene vierte primäre Facette menschlicher Resonanz und
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Beziehungsgestaltung verkörpern, welche als Zusammenspiel der ästhetischen,
ethischen und ökonomischen Grundhaltung anzusehen ist und gleichzeitig sich
als zukunftweisende, teleologische (finale) Funktion des Lebens zu erkennen
gibt. Hermeneutische Erkenntnisweise mit erotischer Grundstimmung verführt
nicht und lässt sich nicht verführen, aber ist offen für die nie ganz scharf
erkennbaren Gestalten der geschlechtlichen Differenzierung des Menschen und
seiner Welt. Erotische Grundstimmung hat die Vorgabe fröhlich, lustvoll,
charmant und herzlich zu sein, ist dies aber nicht nur um zu wirken, sondern
auch aus Liebe zur Übereinstimmung mit dem persönlichen, ungesicherten
Inhalt: Äußerliche sichtbare Funktion und innerlich bestehende Struktur wollen
und müssen einander tanzend tastend entgegenkommen, wenn das Leben oder
der Mensch Zukunft haben soll und will.
Hermeneutische Erkenntnisweise in erotische Grundstimmung ist vorsichtig
tastend und werbend, ermutigt zur Selbstdarstellung und Öffnung der Person,
aber bezweckt weder vorrangig Befriedigung noch Verweigerung der Lust.
Erotische Lust strebt nach Erfahrung und Erkenntnis bislang unbekannten
Lebens; im jeweils anderen Geschlecht zeigt sich dies am deutlichsten. Das zur
Darstellung noch nicht Gereifte soll verborgen und verhüllt bleiben, das dem
Lichte Gewachsene kann sich zeigen, so wie es ist. Funktionelle Störungen, bzw.
hysterische Symptome sind Zeichen, dass hier die stimmige Balance noch nicht
gefunden wurde. Die Kunst persönlicher geschlechtsbewusster Selbstdarstellung
in ihrer funktionalen Intention gilt es zu entwerfen. Erotische Grundstimmung ist
auch in der Psychotherapie von Merkmalen des flirtenden Spiels und der
spontankreativen Interpretation und Deutung getragen, sie strebt aber nicht
nach Entspannung, sondern nach Lebensentfaltung und bunter Lebenserfahrung.
Gerade bei funktionellen Störungen, die von vielen sogar als typische Indikation
für Psychotherapie angesehen werden, versagen psychotherapeutische Konzepte,
wenn sie nicht auch diese feinfühlige, spontane und offene LebensGrundstimmung in ihre Technik einbeziehen.
Die Erkenntnisse der Psychotherapie-Prozessforschung, mit ihrer Untersuchung
zur Bedeutung der therapeutischen Beziehung, bestätigen die Erfahrungen, dass
funktionelle Störungen im Rahmen der Psychotherapie nicht diese gute
Behandlungskompetenz vorfinden, wie es im Allgemeinen vermutet wird. Je älter
und professioneller psychotherapeutische Schulen wurden, desto eher waren sie
gefährdet, diese „junge“ Grundstimmung zu verdrängen.
Die Tiefenpsychologie hat mit dem Begriff „früh-genitales Thema“, diese nur im
erotischen Spiel der Geschlechter zu erwerbende Grundstimmung psychologisch
skizziert; im Sinne der Wissenschaftstheorie entspricht ihr die hermeneutische
Erkenntnismethode. Früh-genitales Thema, wie hermeneutische Erkenntnisweise,
zeigen als Facetten der erotischen Grundstimmung ihr Wesen vor allem in der
Unfassbarkeit durch den direkten Zugriff. Dem früh-genitalen Thema, wie der
hermeneutischen Erkenntnishaltung, ist gemeinsam, dass sie nicht direkt ihr Ziel
erreichen und erkennen können und wollen; die Unfassbarkeit durch den direkten
Zugriff ist beiden sogar wesenhaft. Für diese Grundstimmung ist die spielerische
Natur der Differenzierung der Menschen in zwei Geschlechter bestimmend und
damit die einfühlende Definition durch das jeweils andere Bedingung
(animus/anima). Während die hysterische Dynamik, als neurotische Form dieser
Grundstimmung, auf zu direktem Wege nach Selbstinterpretation der
Geschlechtsdarstellung strebt, will die hermeneutische Erkenntnismethode ohne
Selbstbefriedigung, durch musikalische Kontrapunktsetzung, zukunftsweisende
Selbstexploration, in Richtung möglicher zukünftiger Freiheit vermitteln. Die
Hermeneutik schaut nach jener von der empirisch-analytischen Wissenschaft
vergessenen Wirklichkeit (W. Dilthey 1968), die sich wohl zeigen, aber nicht klar
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erfassen lassen will; die wie die menschliche Sexualität nach Darstellung drängt,
aber durch zu grobe Enthüllung nur noch verborgener wird (Rombach 1983).
Hermeneutische Erkenntnishaltung eröffnet über Deutung, Auslegung und
Interpretation zukunftsweisende Aussagen von Zeichen, Schriften und
Symptomen des Menschen. Im klassischen Symposion beschrieb Platon schon
diese Einheit von Eros und Erkenntnis.
In der Kreativitätsforschung findet dieses Lebensprinzip mit dem Begriff
"expressive Kreativität" seine Benennung. Auch hier wird die Kunst des
Ausdrucks und der zukunftsweisenden Darstellung komplexer Zusammenhänge
als leitende Idee gesehen. Die Hermeneutische Erkenntnismethode in erotischer
Grundstimmung, ermöglicht Ausdruck und Darstellung jener unbewussten und
dunklen Lebensbereiche, die empirisch-analytisch nicht zugänglich sind, aber
dennoch die geheime Macht der intuitiven Zukunftsgestaltung in sich bergen.
Die hermeneutische Krankheitstheorie erkennt so auch Erkrankung vor allem als
dramatische Ausdrucksgeschehen, als erotisches Symbol bedrohter persönlicher
Freiheit, als Zeichen bedrohter weiblicher und/oder männlicher Darstellung.
Das noradrenerge System im Zentralnervensystem wird heute als eine dafür
zuständige neuronale Vernetzung diskutiert. In der erotischen Grundstimmung
sind ähnlich wie in der ästhetischen Grundstimmung, Denken und Fühlen, wie
auch im Gesang, verbunden. Singen und Musizieren sind faktisch erprobte
Ausdrucksweisen für beide. Im Rahmen der ästhetischen Grundstimmung
verwirklicht sich eher die erkennende Annäherung an das zeitlos Gültige, in der
erotischen Grundstimmung wird eher das irdisch Spielerische, Unfassbare,
Undurchschaubare der sexuellen Wirklichkeit spürbar. Das sanguinische
Temperament, bei Feuchtersleben durch leichte Auffassung und Empfindung, bei
wenig Festigkeit und Gewaltlosigkeit der Funktion beschrieben, erweist sich als
typische Temperierung der erotischen Grundstimmung.
Die hermeneutische Erkenntnismethode, als vor allem heitere, herzliche, auch
listige, feinfühlig-kreative und spontan reagierende Gestimmtheit, wurde in
geplanten Settings von manchen psychotherapeutischen Konzepten, aus Sorge
vor der mit ihr verbundenen Gefahr der Verführung, nahezu wieder verdrängt.
Dass damit aber auch die für die Psychotherapie so wesentliche Funktion der
feinfühligen Interpretation kreativer Freiheit eingeengt wurde, hatte schon I.
Caruso 1972 beschrieben. Die erotische Grundstimmung stellt nicht nur im
Rahmen der freien Assoziation in der Psychoanalyse eine entscheidende
Bewegung zur Neuorientierung dar, sie bleibt es, wenn auch unbewusst, für alle
Therapiekonzepte. So wird die Genderfrage immer auch eine zentrale Diskussion
in der Psychotherapie sein und bleiben.
Beispiele hermeneutischer Erkenntnismethoden in der Psychotherapie:
• Herzliche Deutung in der Tiefenpsychologie, wie in allen Schulen
• Rollenspiel in der Gruppentherapie
• Expressive Kreativität in Gruppen-, Musik- und Tanztherapie
• Spielerische, paradoxe Interventionen
Psychotherapie / Selbsterkenntnis / Conclusio und Ausblick
Die hier präsentierte Differenzierung von vier Erkenntnismethoden mit
entsprechenden Grundstimmungen versteht sich, den Kriterien der
Wissenschaftstheorie folgend, als qualitative Betrachtung des Menschen nach
unterschiedlichen Entwicklungsstufen, Gestaltungsprinzipien, Zeitorientierungen
und natürlichen, wie pathischen Intentionen des Lebens. Über umfassende
psychotherapeutische Kompetenz zu verfügen, hieße nach diesen
20
wissenschaftlichen Thesen, bewusst und emotional reflektiert jede einzelne
Grundstimmung und Erkenntnismethode erfahren zu haben und deren jeweils
individuelles Zusammenspiel für die angestrebte therapeutische Wirkung zu
kennen:
Die phänomenologische Erkenntnismethode und ästhetische Grundstimmung als
Da-Sein für zeitlose Anschauung und Teilhabe am Sein des menschlichen Lebens
und Leidens und als Inspiration für persönliche Sinnstiftung.
Die dialektische Erkenntnismethode und ethische Grundstimmung als Merk- und
Wirkmal des irdisch-liebenden Kampfprinzips des Menschen und als
therapeutische Induktion von Selbstwert und Gemeinschaftssinn.
Die empirisch-analytische Erkenntnismethode und ökonomische Grundstimmung
als Sichtung, Einsicht und Bewältigung der Vergangenheit, im Dienste der
Entwicklung sicherer objektiver Verfassung, Form und Leistung.
Die hermeneutische Erkenntnismethode und erotische Grundstimmung
schließlich als einfühlende, persönliche Auslegung und Interpretation der zuvor
schon angeführten Lebensbereiche, sowie zur kreativen Induktion einer freien
persönlichen geschlechtlichen Rolle.
Alle vier Erkenntnismethoden und Grundstimmungen sind, jeweils zeitabhängig,
Intentionen und Intuitionen des Lebens im Dienste emanzipatorischer
Selbsterkenntnis, die einander bedingen, einander bedürfen und ergänzen.
Während nun im „gesunden Leben“ diese Grundstimmungen und Erkenntniswege
situationsgemäß instinktiv mit sich und der Umwelt immer wieder in Resonanz
sind, befinden sie sich im Rahmen von Krisen, Leiden und Erkrankungen in
gespannter Einengung und leidenschaftlicher Polarisierung: ängstliche Regression
und schmerzliche Progression stehen einander dramatisch gegenüber.
Persönliche Neuorientierung wird lebensentscheidend. Aus tiefenpsychologischer
Sicht ließe sich demnach folgende kulturstiftende Intension des menschlichen
Lebens in seiner Erkrankung skizzieren:
Existentielle Erkrankungen
Strukturelle Erkrankungen
Konstitutionelle Erkrankungen
Funktionelle Erkrankungen
-
ästhetische Neuorientierung
ethische Neuorientierung
ökonomische Neuorientierung
erotische Neuorientierung
Der verstehenden Funktion des Therapeuten / der Therapeutin komme es zu,
über empathische Resonanz die regressiven Tendenzen des leidenden Menschen
trotz ihrer Einengung (Angst), als real wahrzunehmen und die progressiven
Zeichen der Erkrankung, in ihrem Schmerz des Aufbruchs, als leidenschaftliche
aber auch zukunftsweisende Intentionen des Lebens zu spiegeln.
Vermutlich aus einer ähnlichen Einsicht wählte schon A. Freud den alten Begriff
der Inspiration um ein wesentliches paradoxes Wirkprinzip der Therapie zu
benennen: „Darum meine ich, dass es außer Identifizierung und Übertragung
noch ein anderes Attribut der Analyse gibt, das ich als Inspiration bezeichnen
würde.“ (A. Freud 1976).
Mit dem hier vorliegenden Entwurf einer schulenübergreifenden Methodologie,
soll nicht das Wort für eine Einheitspsychotherapie geredet werden. Die Absicht
ist es, einen qualitativen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion über die
intuitive Wirkung von Erkenntnismethoden und Grundstimmungen in der
Psychotherapie zu leisten und eine wissenschaftstheoretische Begründung der
Psychotherapie für eine notwendige weitere Kritik vorzulegen.
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