МЕТОДИЧНІ ПОСІБНИК

МЕТОДИЧНІ ПОСІБНИК
НАЦІОНАЛЬНИЙ УНІВЕРСІТЕТ БІОРЕСУРСІВ І
ПРИРОДОКОРИСТУВАННЯ УКРАЇНИ
МЕТОДИЧНІ ПОСІБНИК
з німецької мови
для роботи з оригінальними текстами(домашнє читання) для студентів 1
курсу педагогічного факультету напряму 6.020303
Київ – 2011
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УДК 811.112.2:378.147(072)
Методичний посібник містить тексти
читання
з німецької мови для домашнього
Рекомендовано до видання кафедрою романо-германських мов і перекладу
НУБіП.
Укладач: Ст. викладач Москаленко С.А.
Рецензенти: Дембровська О.Б.
Навчальне видання.
МЕТОДИЧНИЙ ПОСІБНИК
з німецької мови
для роботи з оригінальними текстами(домашнє читання) для студентів 1
курсу педагогічного факультету напряму 6.020303
Укладач: Москаленко Світлана Адамівна
Видання здійснено за авторським редагуванням
Підписано до друку 25.10.2011.
Ум. друк. арк. 17
Формат 60 х 84 1/16.
Обл. – вид. арк.
Наклад 50
Видавничий центр Компрінт
2
Книга для домашнього читання
Hand der Versöhnung
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Wir vertragen uns wieder!
Versöhnung gibt es nicht ohne Streit. Streiten und sich versöhnen wollen
gelernt werden. Auf dem Weg dahin dürfen das Vergeben und das Vergessen
nicht fehlen. Denn sonst bleibt am Ende nur eins: die Unversöhnlichkeit.
Jeder, der Geschwister hat, kann ein Lied davon singen: Versöhnung! Nur allzu oft
fallen da Worte wie: "Katharina und Max, wenn ihr euch nicht vertragt, dann
fahren wir nicht in den Zoo." Tja, da hat man dann schlicht keine Wahl, auch wenn
man noch etwas bockig ist, streckt man die Hand aus und verträgt sich wieder.
"Vergeben und vergessen" heißt es dann unter Kindern, selbst wenn es oft eine
erzwungene Versöhnung ist. Schließlich will man ja mit in den Zoo. Im
Erwachsenenalter wird das leider anders. Und wenn man dann noch an jemanden
gerät, der nachtragend ist, na dann Hallelujah! Dabei gehören Streit und
Versöhnung zu jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Sie können sogar ganze
Staaten oder Nationen betreffen.
Schuld und Sühne
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Beichten und
dann Buße tunDas Wort Versöhnung ist abgeleitet von dem Wort Sühne und hat
etymologisch nichts mit Sohn zu tun. Sühne ist ein Wort, das sehr religiös
verankert ist. Es heißt so viel wie Buße. Buße tun muss jemand für eine Schuld, die
er oder sie trägt. Diese Ableitung scheint auch sinnvoll, denn bevor man sich
versöhnen kann, muss ein jeder Buße tun, also einsehen, was er oder sie falsch
gemacht hat.
Im Christentum ist es Jesus Christus, der die Versöhnung zwischen Gott und den
Menschen herbeiführt. In der biblischen Überlieferung sagte Jesus zu Gott, seinem
Vater: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Einander
verzeihen ist nach dem Buße tun dann der zweite Schritt auf dem Weg zur
Versöhnung.
Jeder fängt klein an
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Das ist aber
mein Schäufelchen!Was hier so leicht klingt, ist in Wahrheit aber eine echte
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Herausforderung. Denn wie man lernen muss, sich richtig zu streiten, so muss man
auch lernen, zu verzeihen und sich zu versöhnen. Schon als Kinder setzen wir uns
mit anderen Menschen auseinander. Wir streiten mit unserem Kindergartenfreund
um das Schäufelchen oder mit unseren Geschwistern, wer zu erst schaukeln darf.
Da kommt es auch schon mal vor, dass man sich gegenseitig kneift oder an den
Haaren zieht, um den eigenen Willen durchzusetzen.
Oft einigt man sich nicht und beide Streithähne stehen schmollend in der Ecke.
Hier greifen meist die Erwachsenen ein. Sie versuchen mit Sprüchen wie "Der
Klügere gibt nach" zu vermitteln, sodass einer der beiden den Anfang macht und
dem anderen die Hand zur Versöhnung reicht. Je nach Streitgrund können Jahre
ins Land gehen, können aus Kindern selbst Erwachsene werden, bis das passiert.
Eltern – die Trainingspartner
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Manchmal
knurrt man sich auch an
Ganz besonders wichtige Trainingspartner auf dem Weg, das Streiten und
Versöhnen zu lernen, sind die Eltern. Bei ihnen testen wir unsere Grenzen aus und
geraten daher oft mit ihnen aneinander. Da können manchmal ganz schön die
Fetzen fliegen.
Will man in Frieden und Harmonie leben, sind Nachdenken und die Bereitschaft,
Fehler einzusehen, notwendig. Diese Selbstreflexion, also Buße tun, ist wichtig,
damit man schon als Kind lernt, sich selbst und anderen zu verzeihen.
Der Klügere gibt nach
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Sei doch kein
Frosch!Sobald Kinder in die Schule kommen, können nicht immer Mama und
Papa helfen und schlichten oder auch mal fünfe gerade sein lassen, also
nachsichtig sein. Ab da sind Kinder oft auf sich selbst gestellt. Sie müssen ihre
eigenen Streitigkeiten austragen und dabei lernen, auch von alleine mal zum
anderen zu gehen und ein Friedensangebot zu machen. Durch diese harte Schule
müssen sie gehen, damit sie ihre kindliche Sturheit, ihre "Bockigkeit", ablegen.
Andernfalls kann es dazu kommen, dass sie sich zu nachtragenden,
unversöhnlichen Menschen entwickeln, die ein Gedächtnis wie ein Elefant haben.
Mit solchen Menschen ist nach einem Streit nicht gut Kirschen essen. Es sind
diejenigen, die einem auch nach vielen Jahren noch bestimmte Dinge aufs
Butterbrot schmieren, die dann Sätze sagen, die meistens beginnen mit "Du hast
damals aber…" Man hat die Wahl, entweder nachzugeben oder mit solchen
Menschen den Kontakt abzubrechen.
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Verzeihung durch die Blume
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Manchmal
können es auch Wiesenblumen seinAls Erwachsener folgt die Paradedisziplin der
Konfliktbewältigung: die Partnerschaft. In keiner anderen zwischenmenschlichen
Beziehung wird so viel gestritten und versöhnt wie hier. Aber
Auseinandersetzungen gehören zu jeder Partnerschaft dazu. Man muss sich
ausprobieren und sich reiben, damit sich die Beziehung entwickeln kann. Dabei
sollten Streit und Versöhnung aber miteinander einhergehen. Die meisten Paare
entwickeln also ihre eigene Streitkultur und wissen irgendwann, wie sie den
anderen zu nehmen haben.
Wenn vergeben und vergessen aber dann doch einmal nicht so leicht ist und der
Partner oder die Partnerin rumzickt, dann versuchen Sie es doch mit Blumen.
"Alter Trick", denken Sie jetzt vielleicht. Aber nein, wir reden hier nicht von
Rosen! Denn die Tulpe ist die Blume, die nach einem Streit die Versöhnung
herbeiführen soll. Sagen Sie also "Verzeihung" durch die Blume.
Zeichen der Versöhnung
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Waffenstillstand
bedeutet nicht immer VersöhnungVersöhnung kann jedoch nicht nur im privaten
Bereich stattfinden, sondern auch im politisch-öffentlichen. Sich versöhnen heißt
schließlich Frieden schließen, und das ist nirgendwo so notwendig wie in der
Weltpolitik. Aber Friede ist hier nicht gleichzusetzen mit Waffenstillstand.
Denn auch wenn der längst eingetreten ist, muss noch keine Versöhnung in Sicht
sein. Gerade in internationalen Konflikten ist dies der Fall. Da werden Zeichen der
Versöhnung gesendet, oder man gibt sich versöhnlich, macht Angebote, um den
anderen versöhnlich zu stimmen.
Ein (un)versöhnlicher Abschluss
Aber trotzdem braucht es manchmal viel Zeit, damit alles vergeben und vergessen
ist. Manchmal klappt es gar nicht. Dann bleiben die Konfliktparteien leider für
immer und ewig unversöhnlich und reichen sich nicht die Hand zur Versöhnung.
Musik:
Peter Maffay: "Du kannst verzeihen"
"[…] Jeder macht seine Fehler, / So wirst du der, der du bist. / Was dich am Ende
befreit, ist, wenn du sagen kannst: 'Es tut mir Leid!'."
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Fragen zum Text
Man … jemandem die Hand zur Versöhnung … .
1. streckt … aus
2. steckt … ein
3. reicht … an
Will man sich mit jemandem versöhnen, kann man sagen: …
1. "Du weißt, wo der Frosch die Locken hat!"
2. "Sei doch kein Frosch!"
3. "Du hast einen Frosch im Hals!"
Setzen Sie ein: Jemand hat einen … Fehler gemacht.
1. unverzeihbaren
2. unverzeihlichen
3. unverzeihlosen
Arbeitsauftrag
Nicht nur in Familien auch in der Geschichte gibt es sehr viele Beispiele für eine
Versöhnung zwischen Völkern – aber auch für Unversöhnlichkeit. Wählen Sie ein
Beispiel, egal ob aus dem privaten oder aus dem politischen Bereich. Schildern Sie
schriftlich, woher der Streit kam, was alles versucht wurde und wie eine
Versöhnung aussah beziehungsweise aussehen könnte.
Autorin: Katharina Boßerhoff
Redaktion: Beatrice Warken
Über das Hetzen
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Stress am Arbeitsplatz
Jetzt und sofort. Besser gestern als heute. Am besten gleichzeitig. Termine
über Termine. Jäger und Gejagte. Was treibt uns vor sich her? Hetzer und
Gehetzte. Wer hasst, der hetzt. Und umgekehrt.
Lässt sich das Wörtchen ‚jetzt’ steigern? Oder gibt es noch einen deutlicheren
Ausdruck für ‚sofort’ als ‚sofort’? Nein, rein sprachlich geht das nicht. Allerdings
findet im täglichen Leben längst etwas statt, was ‚jetzt’ und ‚sofort’ dem Anschein
nach überbietet.
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Schneller als am schnellsten
„Alles zu jeder Zeit“ heißt die Devise. Natürlich ist es gänzlich unmöglich, zwei
oder gar mehrere Dinge tatsächlich gleichzeitig zu tun. Multitasking, das
annähernd gleichzeitige Ablaufen mehrerer Prozesse in Betriebssystemen, lässt
sich halt nicht auf den Menschen übertragen. Gleichwohl gilt es als besondere
Qualifikation, so etwas wie Multitasking zu praktizieren. Das bedeutet im Klartext
eine Hetzerei ohne Ende.
Was Soziologen und Psychologen so wohlklingend die stets zunehmende
„Beschleunigung aller Lebensbereiche“ nennen, ist nichts anderes als die tägliche
Hetze von morgens bis abends. Was heißt das: Hetze? Und was ist: das Hetzen?
„Große Hast“ und „übertriebene Eile“ finden sich als Synonyme in den
Wörterbüchern. „Übertrieben“ heißt „unangemessen“. Ungezählte Menschen vor
allem in den reichen Industrieländern befinden sich nahezu ununterbrochen in
diesem unangemessenen Zustand und fühlen sich stets abgehetzt. Niemand wird in
Frage stellen, dass dies kein guter Zustand ist.
Beschleunigt und getrieben
Für Körper, Geist und Seele. Gehetzt-Sein bedeutet Getrieben–Sein. Allerdings
nicht aus eigenem Antrieb. Und das ist der springende Punkt. Man wird sich
gegebenenfalls beeilen oder eine Sache so schnell wie möglich erledigen, aber wer
wird sich selber hetzen? Zwar ist ein voller Terminkalender noch immer so eine
Art Prestigedokument, wird das Image des coolen Überbeschäftigten von vielen als
durchaus erstrebenswert angesehen, aber längst gibt es die warnenden Stimmen
von Ärzten und Psychologen, die das anmahnen, was schon zum Schlagwort
geworden ist: Entschleunigung.
Also weg von der Hast, von der Rennerei, dem Tempodiktat; weg von der steten
und allgegenwärtigen Hetze hin zu – ja wohin? Vielleicht zu dem, was man
angemesseneres Tempo nennen könnte. „Wer langsam geht, kommt auch ans
Ziel“, heißt es und da ist was dran. Wer ständig gehetzt wird - oder sich hetzen
lässt – wird das Ziel in eben diesem Zustand erreichen. Nämlich abgehetzt. Und:
Hetze birgt unter anderem die Gefahr, mehr Fehler zu machen, als wenn man sich
Zeit lässt.
Die Hetzer
Hetze hat ein Gesicht. Wer gehetzt oder abgehetzt aussieht, sieht nicht gut aus. Da
gibt es keinen strahlenden Blick, kein freundliches entspanntes Lächeln. Statt
dessen Anspannung. Gehetzte Menschen können nicht stillsitzen, sind rast- und
ruhelos, dabei stets auf dem Sprung, als müssten sie zum nächsten Ziel hetzen.
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Nicht ohne Grund gibt es das Wort Hetzjagd auch in übertragener Bedeutung.
Vergleichbar dem Wild, das von Hunden gehetzt wird, hecheln die Menschen, wie
von unsichtbaren Verfolgern gehetzt, durchs Leben. Klingt übertrieben? Ist aber
so. Nicht immer und überall, aber erschreckend häufig.
Die Hasser
Interessanterweise hat das Wort ‚hetzen’ von seiner Wortgeschichte her mit
‚hassen’ zu tun. Jemanden hetzen bedeutete jemanden ‚hassen machen’
beziehungsweise zum Verfolgen bringen. Die Hetzkampagnen gegen
Andersdenkende, gegen Minderheiten, Menschen anderer Religion und Hautfarbe
haben Tradition und sind keineswegs Auswüchse nur des modernen Zeitalters.
Hetze und Hass sind zwei Seiten derselben Medaille. Hetzredner und
Hassprediger, ganz gleich welcher politischen und/oder religiösen Zugehörigkeit,
sehen im Anderen den Gegner, den es zu vernichten gilt. Hetzen lässt sich
natürlich auch mit anderen Mitteln als der Rede. Hetzschriften, Hetzplakate,
Hetzsendungen in Rundfunk und Fernsehen waren und sind die Medien, über die
sich Hetze verbreiten lässt.
Ohne Rast
Hetze, die eine wie die andere, tut dem Menschen nicht gut. Trotzdem kann er es
nicht lassen mit der Hetze. Zumindest bislang nicht.
Fragen zum Text
Synonyme für Hetze sind…
1.
große Rast und übertriebene Weile.
2.
große Last und übertriebene Keile.
3.
große Hast und übertriebene Eile.
Gehetzt sein bedeutet…
1.
gerieben sein.
2.
gediegen sein
3.
getrieben sein
Jemand, der immer auf dem Sprung ist, ist…
1.
rast- und ruhelos.
2.
gelassen und ruhig.
3.
entspannt.
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Arbeitsauftrag
Wenn man verschläft und dem Bus hinterher rennt; wenn die Uhr stehen bleibt und
man einen Termin verpasst; wenn man kurz vor Ladenschluss noch für das ganze
Wochenende einkaufen muss - es gibt viele Situationen in denen Menschen
gestresst und gehetzt sind. Beschreiben Sie eine besonders stressige Situation aus
der Ich-Perspektive. Sie können entweder von einem Erlebnis berichten, das Ihnen
passiert ist, oder eine ausgedachte Situation beschreiben.
Überflüssiges
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Schimmel und ... Schimmel
Weiße Schimmel, tote Leichen, Haarfrisur – vielen vertraut, eigentlich aber
überflüssig. Allerdings nicht immer. Und, als Stilmittel in der Sprache sind sie
manchmal unverzichtbar, die so genannten Pleonasmen.
Elternabende sind nicht besonders beliebt. Weder bei den Eltern noch den Lehrern.
Einen Grund machte eine Radiomoderatorin einmal aus: Sie fragte sich, wie denn
die Eltern in den Klassenräumen auf diesen winzigen Ministühlchen sitzen
könnten. Was, bitte schön, sind winzige Ministühlchen? Sitzgelegenheiten für
Zwerge? Modellmöbel in stark verkleinertem Maßstab? Oder einfach nur
unbequeme kleine Stühle?
Viel Gemoppel
Wahrscheinlich hat die Moderatorin Letzteres gemeint, aber der Zwang originell
sein zu müssen, hat wohl diesen dreifachgemoppelten Ausdruck hervorgebracht.
Wir kennen den Ausdruck doppelt gemoppelt. Etwas Doppelt-Gemoppeltes bringt
eine einzige Bedeutung mehrfach zum Ausdruck. Zum Beispiel ist kaltes Eis so ein
Doppelmoppler.
Die Sprachwissenschaft hat für solche Besonderheiten, die keineswegs nur in der
Alltagssprache vorkommen, einen Fachausdruck: Pleonasmus heißt er. Wenn man
ihn wörtlich übersetzt, haben wir das deutsche Wort "Überfluss". Klar, dass Eis
kalt ist. Klar, dass ein Ministühlchen klein ist, zumal die Endung – die
Verkleinerungsform "-chen" – ja schon deutlich macht, dass es sich nicht um einen
Stuhl für Riesen handelt. Überflüssig also von Ministühlchen zu sprechen; und
doppelt überflüssig, sie mit dem Zusatz "winzige" zu versehen.
Ausschlaggebendes Adjektiv
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Es gibt jedoch krasse Beispiele, die mitunter auf der letzten Seite eines großen
Nachrichtenmagazins zu finden sind. Makaber genug, wenn da eine Schlagzeile
zitiert wird, dass "mehrere Leichen nur noch tot geborgen werden konnten". So
was passiert. Der alte Greis oder der große Riese gehören ebenso zum
Pleonasmenrepertoire der Sprache wie der schon legendäre weiße Schimmel.
Aber Vorsicht: Pferdekenner wissen, dass ein Schimmel keineswegs immer ein
weißes Fell haben muss! Wenn es sich bei "Schimmel" nicht um das Tier, sondern
um den Pilz handelt, ist das Adjektiv "weiß" durchaus ein wichtiges
Unterscheidungsmerkmal, denn Käsefreunde wissen, dass Schimmel auch blau
sein kann.
Sinnvolle Überflüssigkeiten
Es gibt Pleonasmen, die so geläufig sind, dass sie überhaupt nicht mehr auffallen:
Testversuch ist einer davon. Oder Einzelindividuum. Wer stutzt schon bei
Rückantwort oder der LCD-Anzeige. Das "D" ist der eigentliche Pleonasmus, denn
"D" steht für Display und bedeutet ja "Anzeige". "La Ola" heißt auf Spanisch "die
Welle". Längst ist sie auch in deutschen Stadien angekommen; jene durch das
Publikum gehende wellenförmige Bewegung als Ausdruck von Freude und
Begeisterung. Sie heißt hierzulande "La-Ola-Welle".
Es gibt unzählige Beispiele für Pleonasmen, für sprachliche Überflüssigkeiten: Die
Haarfrisur, die Glasvitrine und so weiter. Bestimmte Redeformen bestehen zu
einem Gutteil aus Überflüssigem: "Ich persönlich bin durchaus der Meinung …"
oder "Ich möchte das noch einmal wiederholen und in aller Deutlichkeit
unterstreichen …". Oft werden solche Floskeln – ob bewusst oder unbewusst –
benutzt, um Zeit zu gewinnen, Verlegenheit zu überspielen, bis es dann ans
eigentliche Thema geht. Insofern haben die Überflüssigkeiten in der Sprache
durchaus ihren Sinn.
Ist überflüssig auch überflüssig?
Apropos: Was heißt eigentlich überflüssig? Es gibt die Adjektive flüssig,
dickflüssig und dünnflüssig; aber was ist überflüssig? Nehmen wir einen Eimer.
Wenn der schon voll ist und noch mehr Wasser hineingegossen wird, dann fließt es
über. Insofern bedeutet überflüssig nichts anderes als "zu viel".
Aber Überflüssiges in der Sprache ist nicht zwangsläufig zu viel. Pleonasmen sind
durchaus Stilmittel in gesprochener wie geschriebener Sprache. So ist ein winziges
Pflänzchen zwar sehr klein, aber es erregt gerade dadurch unsere Aufmerksamkeit
und gerne würde man es hegen und pflegen.
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Unbequem, aber niedlich
Wenn man sich die winzigen Ministühlchen vom Elternabend bildlich vorstellt,
könnte man auch zu dem Schluss kommen, dass die so richtig niedlich aussehen.
WIR müssen ja nicht drauf sitzen.
Fragen zum Text
Ein Pleonasmus ist: …
1. die runde Kugel
2. der junge Greis.
3. die laute Musik.
Wenn etwas doppelt gemoppelt ist, dann ist es …
1. zweimal miteinander verbunden.
2. mehrfach vorhanden.
3. besonders dick.
Eine La-Ola-Welle findet man überwiegend …
1. in der Oper.
2. im Mittelmeer.
3. in Fußballstadien.
Arbeitsauftrag
Finden Sie weitere Beispiele für Pleonasmen in der deutschen Sprache. Schreiben
Sie ein kleines Gedicht, in dem sie diese Pleonasmen verwenden. Zum Beispiel:
"Der alte Greis bückte sich nach dem winzigen Pflänzchen …."
Autor: Michael Utz
Redaktion: Beatrice Warken
Überschwang und Verriss
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Von Autoren gefürchet: die
schlechte Buchkritik
Motzen, nörgeln, stänkern. Verrisse verfassen oder mit spitzer Feder
schreiben. Überschwängliche Begeisterung ausdrücken. Was ist Kritik und
wann beginnt sie? Eine Spurensuche.
Sobald der Mensch sein Haus verlässt, steht er unter Beobachtung. Natürlich
unfreiwillig, aber daran ist nichts zu ändern. Wir werden wahrgenommen. Ob wir
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wollen oder nicht. Gleichzeitig nehmen wir selber wahr: „Was hat der denn an!
Sieht ja schrecklich aus. Unsympathischer Kerl.“ „Muss die sich jetzt ausgerechnet
da hinsetzen mit ihrem dicken Hintern, auf den letzten Fensterplatz?“
Der Kritik ausgesetzt
Kleine, unwichtige Beobachtungen, alltägliche, harmlose Begebenheiten. Die
durchaus auch Positiv ausgedrückt werden können: „Sehr schick das Kleid.
Donnerwetter!“ Oder: „Ist das nicht der, den ich gestern schon in der U-Bahn
gesehen habe? Sieht wirklich gut aus!“
Wir sind stets am Bewerten, am Urteilen, am Beurteilen, am Kritisieren. Aber ist
das mit dem schicken Kleid wirklich schon Kritik, wenn auch positive? Nein. Ist
das Prädikat „unsympathischer Kerl“ negative Kritik? Auch nicht.
Kritik ist mehr als motzen
Kritik ist mehr und will mehr. Sie ist, folgt man einer klassischen Definition,
“…die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der
Infragestellung.“ Das klingt nach dem ehrenhaften Bemühen, mit großer
Sachkenntnis zu urteilen und dabei möglichst objektiv zu bleiben.
Letzteres kann kaum gelingen. Denn Kritik ist ihrem Wesen nach immer subjektiv;
genauso wie ihr Gegenstand. Schließlich gibt es keine objektive Literatur oder
objektive Musik. Oder objektives Theater mit einer objektiven Interpretation.
Nicht immer einer Meinung
Es ist durchaus keine Seltenheit, dass ein und dieselbe Theaterinszenierung vom
einen Kritiker in den Himmel gehoben wird, während der andere einen totalen
Verriss schreibt. Hier überschwängliche Begeisterung, dort völlige Ablehnung.
Auch die Literaturkritik ist sich selten einig: Da wird einem Romanautor „hohe
Erzählkunst mit stets feinstem Gespür für Details“ bescheinigt; und im Feuilleton
der Konkurrenz muss er lesen, dass sich sein Text „in endlosen Beschreibungen
unerheblicher Einzelheiten verliert.“ Wie auch immer, letztlich entscheidet das
Publikum über Erfolg und Nichterfolg. Kritik kann sarkastisch, beißend,
niederschmetternd und polemisch sein; gerade dann wird sie für erhöhte
Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sorgen.
Kritiker und Nörgler
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Wenn etwas angeblich „unter aller Kritik“ ist, wird es oft erst recht interessant. Das
ist so ähnlich wie mit den verbotenen Früchten, die doppelt reizen. Liegen
hingegen die Kritiker dem Autor, der Schauspielerin, dem Star zu Füßen und
himmeln ihn geradezu an, ist man merkwürdigerweise weniger gespannt, was
einen da erwartet.
Kritik soll befeuern und genau das in Gang setzen, was als „kritischer Dialog“
bezeichnet wird. Kritik muss deshalb fundiert sein, der Kritiker muss wissen,
wovon er redet. Ist das nicht der Fall, verkommt sein Geschreibe zur bloßen
Nörgelei, die als dilettantisch empfunden und von niemandem ernst genommen
wird. Es gibt sie ja, diese Berufsnörgler, die vermeintlich alles besser wissen und
in ihrer Unzufriedenheit - und nicht zu vergessen: Unwissenheit – ihr Gemecker
und Gemotze für profunde Kritik halten.
Die spitze Feder und Frau Lehmann
Es geht aber auch anders, auf höherem Niveau: Beim Schreiben „mit spitzer
Feder“ – merkwürdigerweise hält sich dieser Ausdruck, obwohl wir längst auf
Computertastaturen schreiben, - oder „die scharfzüngige Kritik“. Das Verfassen
von Kritiken konnte ihre Breitenwirkung erst mit dem Aufkommen von
Zeitschriften und Zeitungen entfalten.
Einer der herausragendsten deutschsprachigen Kritiker des letzten Jahrhunderts
war der Dramaturg, Regisseur und Journalist Herbert Ihering. Seine Kritiken sind
Legende. Ihering fand Formulierungen, die in ihrer Kürze und Brillanz einmalig
waren. Man muss nachklingen lassen, was er beispielsweise über den Gesang jener
durch ihn unsterblich gewordenen Frau Lehmann schrieb, um dem
unverwechselbaren Raffinement des Kritikers Ihering auf die Spur zu kommen.
Kurz und brilliant
Seine Kritik an der Darbietung der ‚Isolde’ besteht aus zwei Sätzen: „Gestern sang
Frau Lehmann die Isolde. Das hätte sie nicht tun sollen.“
Fragen zum Text
Kritik ist immer…
1.
negativ.
2.
objektiv.
3.
subjektiv.
Wenn man jemandem zu Füßen liegt,…
13
1.
2.
3.
ist man begeistert von ihm/ ihr.
kritisiert man ihn/ sie scharf.
findet man seine/ ihre Füße sehr attraktiv.
Jemand, der mit spitzer Feder schreibt,…
1.
kritisiert kurz und brillant.
2.
kritisiert gar nicht.
3.
kann nicht schreiben.
Arbeitsauftrag
Kritik ist "die Kunst der Beurteilung". Schreiben Sie eine Kritik für ein Buch,
einen Film oder ein Theaterstück Ihrer Wahl.
ringen Preis oder Wert verwendet. ‚Sonst’ bedeutete so gut wie ‚fast gar nichts’.
Was man für einen Pappenstiel bekommt ist vom Preis her gesehen nicht der Rede
wert; und etwas ‚für umme’ bekommen heißt, da muss man gar nichts mehr
bezahlen; das ist ganz und gar umsonst. Nun ist das mit ‚umsonst’ so eine Sache.
Es schlicht mit ‚kostenlos’ gleichzusetzen ist nicht unbedingt richtig. Zumindest in
der Warenwelt ist nichts kostenlos. Das berühmte „Gratisgetränk“ wird als
Kostenfaktor selbstverständlich in den Preis für das Schnitzel mit Pommes
eingerechnet. Nur: Der Gast muss es nicht extra bezahlen. Letzten Endes ist nichts
umsonst.
Nichts ist umsonst – nur der Tod
Die scherzhaft ironische Wendung „Umsonst ist der Tod und der kostet das Leben“
bringt das drastisch zum Ausdruck, gerade weil „umsonst“ und „kostet“ in
übertragener Bedeutung gebraucht werden. Wer „umsonst“ gearbeitet hat, kann
zweierlei meinen. Erstens: Die Arbeit hat nicht zu dem erwarteten Ergebnis
geführt. In diesem Fall würde man auch sagen können, sie war „vergeblich“.
Zweitens: Er oder sie hat gearbeitet, ohne Geld oder einen anderen Gegenwert
dafür zu verlangen. Gar nicht so einfach dieses ‚Umversonstgeblich’ zu erklären.
Hoffen wir, dass es nicht vergeblich war.
Fragen zum Text
Was bedeutet vergeblich?
1.
ohne Erfolg
2.
mit Erfolg
3.
großartig
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Wenn jemand etwas für umsonst bekommt, dann…
1.
muss er/ sie dafür bezahlen.
2.
bekommt er/ sie es kostenlos.
3.
muss er es zurückgeben.
Etwas für umme bekommen heißt,
1.
dass man etwas umsonst bekommt.
2.
dass etwas sehr teuer ist.
3.
dass man nichts bekommt.
Arbeitsauftrag
Vergeblich versuchen etwas umsonst zu bekommen. Die Unterscheidung von
vergeblich und umsonst ist nicht so einfach. Oder doch? Versuchen Sie beide
Wörter kurz mit einem Beispiel zu erklären.
Advent
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Jetzt ist bald Weihnachten!
Alle Jahre wieder wird er vor Weihnachten gefeiert, und das seit
Jahrhunderten. Eine Zeit der Besinnlichkeit, aber auch der Hektik. Und am
24. Dezember ist alles vorbei – bis zum nächsten Jahr.
"Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür". In der Vorweihnachtszeit, dem Advent,
zählen vor allem die Kinder die Tage bis Heiligabend, wenn ihnen das Christkind
endlich die Geschenke bringt.
Erwartete Ankunft Jesu
Doch hinter dem Wort verbirgt sich weit mehr als die vierwöchige Zeitspanne vor
Weihnachten. Das Wort selbst ist schnell erklärt. Es ist dem lateinischen
"adventus" entlehnt und bedeutet "Ankunft".
Die Christen übernahmen es, um die erwartete Ankunft von Jesus Christus zu
feiern. Die Adventszeit umfasst vier Sonntage, wobei der erste Sonntag immer
zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember liegt.
Päpstliche Willkür
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Diese Festlegung auf vier Sonntage ist ziemlich willkürlich im 7. Jahrhundert von
Papst Gregor dem Großen vorgenommen worden. Symbolisch sollten sie für die
4000 Jahre stehen, die die Menschen nach der kirchlichen Geschichtsschreibung
auf den Erlöser warten mussten.
Fest im Kirchenjahr verankert ist die vierwöchige Adventszeit allerdings erst seit
1570, als Papst Pius V. eine entsprechende Regelung erließ. Damals gab es auch
noch das so genannte Adventsfasten.
Hungern bis Weihnachten
Ende des 5. Jahrhunderts wurde es nach dem Vorbild der österlichen Fastenzeit
eingeführt. 40 Tage vor der Geburt Jesu durfte erst nach Sonnenuntergang
gegessen werden.
Die Menschen verzichteten auf öffentliche Vergnügungen und es wurden keine
Hochzeiten gefeiert.
Allerdings gab es öffentliche Schauspiele, die Adventsspiele. Laiendarsteller
spielten biblische Szenen nach. Vergleichbar sind sie mit den Weihnachts- oder
Krippenspielen, die sich bis heute gehalten haben. Nach und nach wurde das
Adventsfasten aufgeweicht. Seit 1917 wird es von der katholischen Kirche offiziell
nicht mehr verlangt.
Nikolaus
Die Adventszeit ist auch verbunden mit vielen Bräuchen. Dabei vermischen sich
christliche und altgermanische Vorstellungen. So ist Ruprecht, der Knecht und
Begleiter des Heiligen Nikolaus, eine germanische Sagengestalt.
Um Nikolaus von Myra, einen griechischen Bischof des 3. und 4. Jahrhunderts,
und seine Wohltaten ranken sich sehr viele Legenden. Ein Schutzpatron der Kinder
wurde er, da er einer Legende nach drei Schüler wieder zum Leben erweckt haben
soll, die von einem Wirt ermordet worden waren.
Lärm und Krach
Der Nikolaus taucht in vielerlei Gestalt auf. Manchmal kommt er als bärtiger alter
Mann aus dem Wald, mal als Schimmelreiter über die Deiche. Oder er ist "Herr
Wude", in einem Kindervers aus Thüringen.
"Herr Wude" aber ist Wotan. Der germanische Gott der Winde, der lärmend durch
die Luft daherkommt. Die wahrscheinlich älteste Adventstradition hat in dieser
Vorstellung ihren Ursprung: Nächtliche Umzüge, bei denen Vermummte mit
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Klappern und Trommeln Krach machen, um die Dämonen der Finsternis zu
vertreiben.
Adventskranz
Ein weiterer Brauch ist der Adventskranz. Traditionell aus Tannenzweigen
geflochten, ist er bestückt mit vier Kerzen. Diese werden nacheinander an jedem
Adventssonntag angezündet.
Wenn die vierte Kerze angezündet ist, ist nicht nur bald Weihnachten, sondern
auch die Zeit der langen dunklen Nächte vorbei. Denn in die Adventszeit fällt der
Tag der Wintersonnenwende. Ab dem 22. Dezember werden die Tage wieder
länger.
Adventskalender
Verbunden ist die Adventszeit auch mit dem Backen von Weihnachtsplätzchen und
– mit dem Adventskalender. Traditionell verstecken sich hinter Türchen, die mit
den Nummern 1 bis 24 versehen sind, kleine Schokoladenfiguren. In manchen
Familien werden aber auch andere Gegenstände wie aufgereihte Babysöckchen
oder zusammengebundene Taschentücher mit Süßem gefüllt. Egal, welche
Kalenderform man wählt – die Vorfreude auf Weihnachten steigt genauso wie das
Körpergewicht.
Fragen zum Text
Advent wird vor … gefeiert.
1. Ostern.
2. Weihnachten.
3. Karneval.
Nikolaus war …
1. eine germanische Sagengestalt.
2. ein griechischer Bischof.
3. ein römischer Gott.
Die Wintersonnenwende bedeutet, dass …
1. es morgens früher hell wird.
2. es abends früher dunkel wird.
3. die Tage kürzer werden.
Arbeitsauftrag
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Basteln Sie jeder einen Adventskalender. Schreiben Sie insgesamt 24 Wünsche –
auf Deutsch natürlich – auf ein Stück Papier und bestücken Sie Ihren
Adventskalender damit. Tauschen Sie die Adventskalender in der Gruppe aus und
beginnen am 1. Dezember damit, sie zu öffnen.
Adeliges Allerlei
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Wirklich königlich!
"Oh welch ein fürstliches Mahl", lobte die Gräfin die Herzoginnenkartoffeln
und den Hummer aus kanadischen Hoheitsgewässern. Zur Krönung des
Essens gab es noch Kaiserschmarrn. Es gibt allerlei Adeliges im Deutschen.
Edel wirkt Adeliges noch heute, auch wenn die Zeit von Kaisern und Königen vor
rund 90 Jahren in Deutschland auslief. Der letzte Adelstitel wurde 1918 vergeben
und ein Jahr später alle Bürger, ob Graf, Baron oder Freiherr von und zu vor dem
Gesetz gleichgestellt.
Adel klingt gut
Dann war Schluss mit Euer Durchlaucht, Hoheit oder Majestät. Dennoch gibt es
wegen des Klangs nach reicher und vornehmer Herkunft weiterhin einen
schwunghaften Handel mit allerlei Titeln, bei dem sich Vermittler für eine
arrangierte Adoption gut bezahlen lassen, ebenso wie der meist finanzschwache
Adelige, der seinen Namen für solche Geschäfte hergibt.
Sprachlich gesehen haben die Aristokraten auf jeden Fall ein reiches Erbe
hinterlassen. Alles was irgendwie groß, schön, fein, vornehm oder einfach
irgendwie besonders klingen soll, lässt sich mit dem Namen der einstigen
Monarchen zieren. Der großzügige Gastgeber lässt ein fürstliches Mal auftischen,
eine Blaskappelle spielen und für Tanzeinlagen sorgen, so dass sich seine Gäste
königlich amüsieren. Der Einsatz von Monarchentiteln funktioniert aber nicht
immer: Weder gibt es baronlich gedeckte Tische, noch eine herzöglich gute
Stimmung, auch gräflich wäre hier sträflich falsch angewendet.
Im Schmarrn ist der Kaiser unsterblich
Allerdings gibt es Herzoginnenkartoffeln, die ein spezielles Gericht darstellen,
nämlich kleine Portionen gebackenes Kartoffelpüree, das mit Ei und Butter
verfeinert wurde. Überhaupt lässt die Küche reichlich Adeliges weiterleben, nicht
nur bei Kaisergranat und Königskrabbe, also edlen Krustentieren.
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Kaiserschoten (eine Erbsenart) werden in Butter gedünstet, feines Kalbsragout
wird in Königinnen-Pasteten aus Blätterteig serviert und zum Nachtisch gibt’s den
allseits bekannten Kaiserschmarrn, ein Pfannkuchengericht, das der Legende nach
für den österreichischen Kaiser Franz Josef I. bei einem Jagdausflug erfunden
wurde. Dazu vielleicht ein Glas Wein vom Kaiserstuhl in Baden-Württemberg?
Mit Königswasser wird nur Gold gewaschen
Mit Königswasser hingegen können Köche gar nichts anfangen, nur Chemiker.
Das giftige Gemisch aus Salzsäure und Salpetersäure dient dazu, edle Metalle,
nämlich Gold und Platin, von anderem zu lösen. Hoheitsgewässer jedoch bestehen
aus reinem H2O und der entsprechenden Menge Meersalz natürlich. So genannt
werden allgemein die Meeresküsten, die zum jeweiligen Staatsgebiet zählen, eine
Seegrenze mit Dreimeilenzone, also etwa 5,5 Kilometer.
Nun darf man natürlich den römischen Feldherrn Cäsar nicht vergessen. Von
seinem Namen ist schließlich der Kaisertitel abgeleitet. Und da Julius der Legende
nach nicht auf natürliche Weise geboren wurde, sondern durch eine
Bauchoperation, wird er auch für den so genannten Kaiserschnitt verantwortlich
gemacht - sprachgeschichtlich gesehen.
Empfindliche Prinzessinnen
Wichtig ist aber auch die Prinzessin auf der Erbse. Die gibt’s nicht nur im
Märchen von Hans Christian Andersen, sondern auch sprichwörtlich. Derartig
empfindlichen Menschen ist nicht nur jede Matratze zu hart, sondern auch jedes
Zimmer zu kühl, die Musik zu laut und ein Spaziergang zu anstrengend. Ständig
muss man sie mit Glacé-Handschuhen anfassen, weil sie sonst Migräne und
schrecklich schlechte Laune bekommen.
Ganz anders sieht es beim Lügenbaron aus. Dem ist nichts zu schwer und kein
Hindernis zu hoch, der schafft jede Anstrengung, meistert jede Aufgabe, bewältigt
jedes Problem, zumindest in seiner Erzählung. Eine ganz spezielle Funktion haben
so genannte Königsmacher, die heute übrigens nicht mehr Königen auf den Thron
helfen, sondern zum Beispiel Politikern ins Präsidentenamt oder Managern auf
ihren Posten.
Mit Krone auf dem Königsweg
Souverän ist jener, der den Königsweg findet, einen Kompromiss bietet, mit dem
alle einverstanden sind und trotzdem das eigene Ziel und den persönlichen Vorteil
nicht außer Acht lässt. Das erfordert meist diplomatisches Feingefühl und viele
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aufmerksame Gespräche mit sehr unterschiedlichen Menschen. Da darf man sich
keinen Zacken aus der Krone brechen.
Fragen zum Text
Wen oder was bezeichnet man als Kaiserschoten?
1.
eine in Butter gedünstete Erbsenart
2.
die Beine eines Kaisers
3.
die unehelichen Kinder eines Monarchen
Königswasser ist …
1.
das Badewasser eines Königs.
2.
ein besonders edler Wein.
3.
ein giftiges Gemisch aus Salzsäure und Salpetersäure.
Das österreichische Pfannkuchengericht wird … genannt.
1.
Prinzessinnenquatsch
2.
Kaiserschmarrn
3.
Königslüge
Arbeitsauftrag
Stellen Sie sich vor, Sie sind König oder Königin und herrschen über ein kleines
Land. Was würden Sie mit Ihrer Macht anfangen? Würden Sie jeden Tag Hummer
und Herzoginnenkartoffeln essen? Oder würden Sie neue Häuser für Ihre Bürger
bauen? Schreiben Sie einen Aufsatz darüber, wie Sie in Ihrem Reich herrschen
würden.
Günther Birkenstock
Äh
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Äh - auch Politiker kennen das
Problem
Äh ist ein Pausenfüller zwischen zwei Sätzen. Es ist ein Übergang zwischen
Reden und Schweigen. Wenn ein Sprecher nicht zu oft Äh sagt, fällt es
niemandem auf. Häufen sich aber die Ähs, wird es anstrengend zuzuhören.
"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold", meint das Sprichwort. Es gibt aber
zwischen Reden und Schweigen einen Übergang, ein redendes Schweigen, das –
akustisch isoliert – so klingt: Äh.
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Pausenfüller oder Störfaktor
Was bedeutet dieses Äh oder Ähm? In Wörterbüchern wird es nicht erklärt,
gedruckt findet man es kaum, und doch ist es oft zu hören. Die Bezeichnungen
dafür zeigen ein gewisses Unbehagen: Verlegenheitslaut, Füllwort, Stammelwort,
Stottersilbe. Rhetorik- und Kommunikationstrainer warnen vor dem Äh-Sagen: Es
sei eine "schlechte Angewohnheit", "verbreitete Unsitte" und "sprachliche Unart".
In Rhetorikkursen wird das Äh deshalb systematisch abtrainiert. Ein guter Redner
verwendet es nicht.
Aber – warum sagt man überhaupt Äh? Das Wort hat doch keine inhaltliche
Bedeutung. Richtig, aber eine kommunikative Funktion: Ein Äh zeigt an, dass
jemand etwas äußern will, aber im Moment des Sprechens nicht genau weiß was,
und deshalb die Formulierung kurz aufschieben muss. Das Äh überbrückt diesen
Formulierungsstopp und meldet dem Hörer: "Gleich geht es weiter".
Praktisch und notwendig
Aber könnte man, statt Äh zu sagen, nicht einfach eine kurze Überlegungspause
machen? Grundsätzlich ja; allerdings hat die Pause im Dialog noch eine andere
Funktion: sie zeigt an, dass ein Sprecher mit seiner Äußerung fertig ist, also
ausgeredet hat, und nun der Gesprächspartner an die Reihe kommt.
Um Missverständnisse zu vermeiden, kann es deshalb, vor allem am Telefon oder
Handy, durchaus zweckmäßig sein, ein Äh in den Redefluss einzuschieben; denn
damit wird dem Hörer signalisiert, dass man noch etwas sagen will. Bei Vorträgen
oder längeren Äußerungen erübrigt sich aber diese Ankündigung. Hier wird ja
durch die Kommunikationssituation klar, ob jemand mit seinen Ausführungen zu
Ende ist.
Aber zu viel ist zu viel
Der Pausenfüller Äh wirkt deshalb störend und sollte vermieden werden – es sei
denn, ein Redner will, dass seine Ähs gezählt werden.
Fragen zum Text
Eine Pause im Gespräch zeigt an, …
1.
dass der Sprecher fertig ist.
2.
dass der Sprecher keine Lust mehr hat.
3.
dass der Sprecher keine Luft mehr bekommt.
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Ein Äh bedeutet, dass …
1.
jemand eine Pause braucht.
2.
jemand aufhört zu sprechen.
3.
jemand noch nicht genau weiß, was er sagen will.
Äh ist ...
1.
ein Pausenfüller.
2.
eine Kommunikationsstrategie.
3.
ein sprachliches Problem.
Arbeitsauftrag
Halten Sie jeder einen kurzen Vortrag über ein Thema Ihrer Wahl. Machen Sie
sich Stichworte, aber versuchen Sie möglichst frei zu sprechen. Die Zuhörer sollen
besonders darauf achten, wie viele Ähs und Ähms jemand verwendet. Sprechen Sie
nach dem Vortrag darüber, ob die Ähs gestört haben oder nicht.
All
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Odyssee im Weltraum inzwischen Kult!
Im Fernsehen kann man sie bei ihren Spaziergängen im All beobachten, die
Astronauten. Angesichts der Gefahr in dieser Unendlichkeit mag sich
mancher fragen "Haben sie die noch alle?"
Aller Anfang ist schwer, erst recht beim All. Da schnappt man sich das Grimmsche
Wörterbuch, räuspert sich und liest: "In den räumlichen Pronominalpartikeln allda,
allwo, allher, allhier, alldort soll das vorangestellte all den Raumbegriff
verstärken." Aha.
Ein ALLeskleber
Alles was recht ist, so kann man nicht anfangen. "All" – allein das Wort vermochte
bereits die Gebrüder Grimm zu beeindrucken. Immerhin auch die also. "Es ist bei
diesem wichtigen Wort, das in unsere Sprache und Rede tief eingreift, auf die
Form, Bedeutung, Stellung und Zusammensetzung zu achten."
Respekt. Welches Wort kann das schon von sich sagen? Nämlich wichtig zu sein
in dem großen Kompendium deutscher Sprache. Und als Bindemittel zu wirken.
Wie aber schaffen es diese drei Buchstaben, alles zusammenzuhalten? All - ein
Alleskleber?
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Gesundheit, Schlaf und guter Mut
Scherz beiseite bzw. Ver(b)allhornung beiseite: Können Sie sich etwas vorstellen,
das im Stande ist, alles zu kleben, oder besser: Mögen Sie sich das vorstellen?
Lieber nicht. Einfach bloß benutzen, den so genannten Alleskleber wie den so
genannten Allzweckreiniger. Helfer des Alltags. Sind wichtig. Was ist noch alles
wichtig? Alles? Und davon möglichst viel? Matthias Claudius mahnt:
Und all das Geld und all das Gut
gewährt zwar schöne Sachen Gesundheit, Schlaf und guten Mut
kann's aber doch nicht machen.
Und das ist für das persönliche wie für das Allgemeinwohl das Wichtigste:
Gesundheit, Schlaf und guter Mut. Mehr braucht man nicht. Das ist alles. Aber ist
nicht das Allerwichtigste die Liebe? Gäbe es für den Superlativ "das Wichtigste"
eine Steigerung, dann wäre sie, die Liebe, das Allerwichtigste. Und wer weiß, wie
viele Astronomen schon geseufzt haben: "Hätt’ ich mich nicht mit dem All
eingelassen, hätt’ sie mich nicht alleingelassen."
Niemand ist gern ALLein
Allein ist keiner gern, selbst ein Alleinunterhalter nicht. Ohne den einen
Menschen, der einem einst ‚ein und alles’ war, ist einem ‚alles eins’. Alles und eins
– mal wichtig (Mein Ein und alles), mal unwichtig (mit is’ alles eins), immer
hängen sie zusammen, wie zwei Seiten einer Medaille.
"Einer für alle und alle für einen" heißt es folgerichtig. Allerdings: rein sprachlich
kann einer nicht alles ersetzen. Zwar kann man allerhand auch mit einer Hand
aufschreiben, aber so was bitte nicht: Ein über ein auf den Tannenspitzen, ... nein
allüberall auf den Tannenspitzen! Ph, Ein über ein ... Bei aller Liebe: Jetzt wird’s
albern.
Fragen ohne Antworten
Aber Albernheit ist immer auch eine Form auf das Unfassbare zu reagieren. Das
Allumfassende. Und jetzt geht es ja um alles und da bleiben naturgemäß Fragen
offen. Und da reagiert keiner wie der andere. Der eine verweist achselzuckend auf
seinen naturgegebenen Mangel an Allwissenheit.
Und der zweite, der Wissensdurstige, reagiert allergisch auf jede offen bleibende
Frage und der dritte, Religiöse, reagiert allergisch auf den vierten, der sich über
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alles lustig macht. Der Hallotri. Das kommt übrigens aus dem griechischen "allòs",
der andere, "Allotria" heißt dementsprechend "abwegig".
ALLmählich zum Ende – mit einem Umweg über die Liebe
Also zurück auf den rechten Weg, allez hopp. Wohin? Durch die Allée. Aber eine
Allée, die können wir streng genommen nicht gehen, denn unsere Allée kommt aus
dem französischen "aller" und das heißt gehen, und eine "Gehen gehen" das geht
nicht. Auch ist uns der Weg versperrt - mit Rücksicht auf Scherzallergiker - ins
Allgäu, zum Alligator, wie auch zu allerlei anderem, zum Beispiel dem Leipziger
Allerlei.
Also schnell zurück zur Liebe. Die ist allgemein bekannt Hier ist aller Anfang
leicht, das so genannte verknallt sein. Schwerer wird es dann noch früh genug. Der
Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Und wer weiß: erst verknallen, dann verfallen,
dann auf Knall und Fall (muss nicht, aber kann) der Zerfall – aus! Der weise
Mensch weiß: Alles, alles geht vorbei. Aber das nutzt nix. Schrecken endet
allmählich. Wie jetzt diese Betrachtung . Die Gebrüder Grimm übrigens schließen
ihre Notizen über den Begriff "all" folgendermaßen ab. "Es ist all all, antwortet
man begehrenden Kindern; es ist alles all."
Fragen zum Text:
Welches Wort hat nichts mit dem deutschen "all" zu tun?
1.
allmächtig
2.
die Allée
3.
das All
Was kann man sich laut Mathias Claudius für Geld nicht kaufen?
1.
Gesundheit
2.
Reichtum
3.
schöne Sachen
Wie viele Buchstaben hat das Wort, um das es hier geht?
1.
sieben
2.
drei
3.
fünf
Arbeitsauftrag:
Erstellen Sie eine Liste von 20 Wörtern, in denen das Wort "all" vorkommt
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Stefan Reusch
(All)erlei
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ein kleiner Allesfresser!
Das kleine Wort "all" ist allgegenwärtig. Manchmal ist es alles andere als
eindeutig. Außer sonntags, wenn man hungern muss.
Immer wenn Wahlen anstehen oder das Land in tiefen Schwierigkeiten steckt,
entdecken die Politiker das Volk. Dann wenden sie sich an alle, denn sie wollen
die Stimmen der Wählerinnen und Wähler beziehungsweise die Unterstützung und
Mithilfe aller, um die Krise zu meistern. Sie machen dann Vorschläge und
entwickeln Programme, die alle angehen, und richten dringende Appelle an "all die
Menschen draußen im Lande", um, wie es dann so schön heißt, "alle Kräfte zu
mobilisieren", auf dass es allen wohl ergehe in Zukunft. Freilich müssen alle,
zumindest fast alle oder die allermeisten, Opfer bringen. Denn wir sitzen ja alle in
einem Boot.
Alles ist unbestimmt und doch nicht
Das Stichwort dieser Woche heißt "all". Ja, auch "alle" und "alles". Aber alles, was
es zu "all" und so weiter zu sagen gäbe, kann man unmöglich unter den Hut eines
einzigen Stichworts bringen. Bevor die Verwirrung allzu groß wird, beginnen wir
zuallererst mit einer Definition – dass nämlich "all" ein Indefinitivpronomen, zu
Deutsch ein unbestimmtes Zahlwort ist.
Das stimmt zwar, erklärt aber wenig. Wenn die Politiker alle ansprechen, so
meinen sie damit alle so genannten mündigen Bürgerinnen und Bürger, die
potentiellen Wählerinnen und Wähler. Das sind unbestimmt viele. So weit stimmt
die Definition. Aber nicht ganz, denn schaut man sich die Wählerverzeichnisse an,
so werden aus allen durchaus zählbare Einzelne.
Was Bohnen und Erbsen damit zu tun haben
Was die Herkunft des Wortes selbst und die seiner vielfältigen
Erscheinungsformen in größeren Wortgebilden angeht, so lässt sich in vielen
Fällen nur spekulieren. Nehmen wir das eigentliche "allerlei". Es gibt dieses auch
als substantivierte Form, die in dem Begriff "Leipziger Allerlei" ihre kulinarische
Heimat gefunden hat. Wobei das Mischgemüse – Möhren, grüne Bohnen und
Erbsen, Sellerie, Kohlrabi, Spargelköpfe – durchaus aus einer überschaubaren – ja
zählbaren – Menge fester Zutaten besteht.
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Nützt es uns etwas, dass "lei" wie in "allerlei" möglicherweise aus dem
altfranzösischen "ley" – "Art", "Sorte" – abgeleitet ist und dieses "ley" seine
Wurzel dem lateinischen "lex" zu danken hat? Wir hören ein deutliches "Nein" aus
dem All und fahren fort: "Allerleirau".
Königliches Allerlei
Dieses geheimnisvolle Wort ist im gleichnamigen Märchen Nr.65 der Brüder
Grimm verewigt. Die vor ihrem Vater geflohene Königstochter heißt so, weil sie in
der Wildnis einen Umhang trägt, der aus Fellstückchen aller Pelztiere, die es im
ganzen Königreich gibt, zusammengesetzt ist. "Allerlei" bedeutet so viel wie
"vielfältig", "verschiedenartig" und "zahlreich". In "rau" findet sich ansatzweise
das alte Wort für Pelz. Noch heute sagen wir "Rauchwaren" für Kleidungsstücke
aus Pelz.
Aber vom Märchen zurück in die Wirklichkeit; ganz allmählich, wir könnten auch
sagen "so langsam", geht die Zeit für das Stichwort schon wieder zu Ende, und wir
haben längst nicht alles gesagt. Aber man kann und muss ja auch nicht alles
wissen. Was es aber mit "alle" in einem ganz besonderen Fall auf sich hat, das
müssen wir allen Zuhörerinnen und Zuhörern noch mitteilen:
Wenn alle "alle sind"
Sie kennen den Ausdruck "fix und fertig" für "erschöpft", "am Ende sein". Im oft
flapsigen Alltagsdeutsch ist stattdessen oft "fix und alle" zu hören, was dasselbe
bedeutet. Die Kräfte sind aufgebracht. Sie sind alle. Es sind keine Reserven mehr
da.
Manchmal sind auch gerade die ganz besonders leckeren Brötchen beim Bäcker
schon ziemlich früh am Morgen alle. Nicht fix und fertig, sondern alle, keine mehr
da. Der Grund ist einleuchtend: Sie wurden alle verkauft. In der Kurpfalz, einer
Region im Südwesten Deutschlands sagt die Bäckersfrau in solchen Fällen: "Keene
me do. Die sinn all all." Spätestens beim Blick auf den leeren Korb verstehen auch
Fremde, was gemeint ist. Man kann halt nicht immer alles haben.
Fragen zum Text:
Rauchwaren sind …
1. verschiedene Tabakprodukte.
2. Kleidungsstücke aus Pelz.
3. geräucherte Lebensmittel.
Zum Leipziger Allerlei gehört in keinem Fall …
1. Spargel.
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2. Karotten.
3. Broccoli.
Wer fix und alle ist, der …
1. ist erschöpft.
2. hat sein Ziel erreicht.
3. arbeitet sehr schnell.
Arbeitsauftrag:
Vom "Allerwertesten" bis zum "Allzweckreiniger" – mit dem Bestimmungswort
"all" (beziehungsweise "alle", "alles", "aller") lassen sich unzählige Komposita
bilden. Suchen Sie sich mindestens drei solcher zusammengesetzten Wörter aus.
Schreiben Sie diese auf einen Zettel, den Sie anschließend Ihrem Nachbarn geben.
Dieser muss nun versuchen, die jeweilige Bedeutung der einzelnen Wörter zu
erklären.
Autor: Michael Utz
Redaktion: Beatrice Warken
Alliterationen
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Milch macht nicht nur müde
Männer munter
Gerade Dichter und Denker sind oft Feuer und Flamme für Sprachspiele, und
so begegnet man in der Literatur oft der Alliteration. Doch nicht nur dort –
auch in der gesprochenen Sprache ist dieses Stilmittel gang und gäbe.
Alliterationen oder Stabreime sind im Land der Dichter und Denker weit
verbreitet. Sie sind ganz und gar üblich, anders gesagt: Sie sind gang und gäbe.
Dichter und Denker, ganz und gar, gang und gäbe: die gleichen Anfangslaute
zweier aufeinander folgender Wörter sind das Geheimnis der Alliteration. Man
nutzt diese rhetorische Figur gerne, um die Sprache angenehmer klingen zu lassen,
aber vor allem, um einen bestimmten Sachverhalt zu betonen.
Der Ton macht die Musik
Das Prinzip ist einfach: Was gut klingt, wird besser verstanden. Ist jemand fix und
fertig, dann betont er, dass er vollkommen müde und erschöpft ist. Durch dick und
dünn geht man umgangssprachlich mit sehr guten Freunden, die einem in
angenehmen und schwierigen Situationen des Lebens zur Seite stehen. Und Gift
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und Galle spuckt derjenige, der sich mächtig über etwas ärgert und sich sehr laut
und ausführlich darüber äußert.
Besonders beliebt sind die Lautspiele in der Werbung. So wurde eine Ölfirma in
Deutschland mit dem Spruch Pack den Tiger in den Tank berühmt, auch wenn mit
ihrem Treibstoff die Autos nicht schneller fuhren. Die Milchwirtschaft warb in den
1950er Jahren mit dem legendären Slogan Milch macht müde Männer munter, und
ein Elektroartikel-Anbieter macht seit einigen Jahren mit dem provozierenden
Werbespruch Geiz ist geil auf sich aufmerksam.
Fischers Fritz geht über Stock und Stein
Nun ist das Reich der Alliterationen groß und weitläufig. Den Zungenbrecher
Fischers Fritz fischt frische Fische könnte man genauso dazu zählen wie die Retter
der Freiwilligen Feuerwehr. Ganz genau genommen ist auch ganz genau
genommen ein Stabreim. Allerdings ist hier keine zusätzliche Bedeutung
entstanden.
Führt der Weg des Wanderers über Stock und Stein, dann muss er viel mehr
überwinden als Stöcke und Steine: nämlich große Kuhlen, Baumstümpfe und
dichtes Gestrüpp. Für einen Ausflug mit Kind und Kegel eignen sich solche Wege
nicht. Da wählt man besser eine übersichtliche Strecke, auf der niemand verloren
geht. Ursprünglich war Kegel der Ausdruck für ein uneheliches Kind. Aber daran
denkt heute niemand mehr. Stattdessen betont die Formulierung Kind und Kegel
die Größe einer Familie, die sich irgendwohin auf den Weg macht und beschreibt
in Kürze den Aufwand, den das bedeutet: für die Eltern – und auch für diejenigen,
die den Besuch empfangen.
Verlust und Engagement
Beim großen Oderhochwasser 1997 in Tschechien, Polen und Deutschland
entstand ein Milliardenschaden. Viele Menschen hatten damals Haus und Hof
verloren – nicht nur ihr Dach über dem Kopf, sondern auch fast alles, was sie sonst
besaßen.
Manche setzten anschließend Himmel und Hölle in Bewegung, versuchten also
alles, um ihr Heim wieder aufzubauen und herzurichten. Ihnen war klar, dass mit
Zagen und Zaudern, mit Unschlüssigkeit und übertriebener Vorsicht, der
Wiederaufbau ewig gedauert hätte.
Wer dahinter steckt
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Auch die von verantwortungslosen Spekulanten im Herbst 2008 ausgelöste
weltweite Finanzkrise hat viele Menschen um Haus und Vermögen gebracht.
Anschließend forderten Betroffene und Politiker von den Banken, Ross und Reiter
zu nennen, das heißt, die Urheber dieser Krise zu entlarven und ihre
Machenschaften offen zu legen.
Für besonderen Ärger sorgte die Tatsache, dass viele Manager regelmäßig
Millionensummen erhielten und damit ein Leben in Glanz und Gloria führen
konnten, ein luxuriöses und prunkvolles Dasein, so wie es in früheren
Jahrhunderten nur wenigen Adeligen möglich war.
Mit Ach und Krach am Ende angelangt
Nun darf man natürlich Manager nicht grundsätzlich in Bausch und Bogen
verurteilen, sie also undifferenziert und pauschal als überbezahlte Gauner
betrachten, aber ab und an ein wenig Gift und Galle versprühen – das ist sicher
ganz und gar legitim. Derweil kann der Staat schauen, wie er die Katastrophe mit
Ach und Krach abwendet … Das war jetzt keine Alliteration, sondern ein Endreim
– aber wir sind ja auch am Ende angelangt – sind sozusagen fix und fertig.
Günther Birkenstock
Alltagsallerlei
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ein Farbklecks im grauen Alltag
Der Wecker klingelt. Ein neuer Tag beginnt. Der Alltagstrott bleibt. Eintönig
und immer das Gleiche. Tagaus, tagein. Grauer Alltag. Wenigstens gibt es den
Feierabend. Doch der beginnt mit Schlange stehen im Supermarkt.
Was empfinden wir – oder aber die meisten von uns – wenn wir die Redewendung
hören: „Tagaus, tagein“? Reagieren wir positiv, mit Freude, einem inneren Lächeln
wie bei den Wörtern Freizeit, Urlaub und Ferien? Mitnichten. Denn „tagaus,
tagein“, das klingt nach „immer das Gleiche“, nach „Eintönigkeit“, nach
„alltäglichem Einerlei“.
Morgengrauen
Willkommen in der heutigen Sprachbar, willkommen im „Alltag“. Gleichförmig
soll er sein, zumindest wird er mit diesem Adjektiv häufig in Verbindung gebracht.
Dennoch hat er genau betrachtet unterschiedliche Gesichter. „Das Gleiche“ ist
eben nicht das Selbe. Spaßvögel nennen den Augenblick, wenn an Werktagen der
Wecker mit seinem elektronischen Piepsen anfängt das ‚Morgengrauen’. Dieses ist
vom tatsächlichen Morgengrauen unabhängig. Grau ist heller als Schwarz und
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dunkler als Weiß. Also auch keine richtige Farbe und insofern bestens geeignet,
dem Alltag als Farbadjektiv zu dienen.
Der graue Alltag ist nicht farbenfroh und keineswegs bunt. Er muss aber allein
deshalb nicht zwangsläufig traurig sein. Alltag kann ganz schön turbulent sein. Der
Alltagstrubel lässt einen gar nicht erst dazu kommen, Gefühlen Raum zu lassen.
Alltagsstress und die ‚Hektik des Alltags’ sind zu festen Begriffen geworden. Es
gibt Menschen, die rennen immer zur Bushaltestelle. Da beginnt die Alltagshetze
schon am frühen Morgen.
Alltägliches im Alltag
Unter den Berufspendlern, auch dies ein Begriff aus dem Alltag geboren, gibt es
die Risikosportler, die jeden Morgen die Rolltreppe zum Bahnsteig runterstürzen,
mehrere Stufen überspringend, mit dem Pappbecher Kaffee in der Hand und es
gerade noch so, die automatische S-Bahn Tür geht schon zu, in den Waggon
schaffen und sich auf einen Sitz fallen lassen.
Der nebendran breitet wie jeden Morgen geräuschvoll seine Zeitung aus und
vertieft sich in den Lokalteil. Die Frau gegenüber scheint dem tristen Alltag schon
in der Bahn mit innerer Einkehr zu begegnen. Milde lächelnd und mit
geschlossenen Augen, die Hände übereinander gelegt, sitzt sie jeden Morgen
duldsam und sich dem Unvermeidlichen fügend in gelassener Ruhe auf ihrem
bretterharten Platz.
Alltäglicher Feierabend
Aber was ist das Unvermeidliche? Ist es der ewig gleiche Trott? Diese bestenfalls
Routine zu nennende Tretmühle, in der wir uns alle – oder zumindest die meisten
von uns – befinden? Dabei fordert der berufliche Alltag uns täglich neu heraus; es
stimmt ja nicht, dass ein Tag wie der andere sei, nur weil er Alltag heißt. Aber er
ist halt anstrengend und verlangt von einem, dass man sich dabei stets von seiner
besten Seite zeige! Sind dann die acht oder neun Stunden vorbei, ist er endlich da:
der ersehnte Feierabend.
Nur ist damit der Alltag nicht beendet. Denn jetzt heißt es erst mal rein in den
alltäglichen Feierabendverkehr, den das englische ‚rush-hour’ auch nicht besser
macht. Morgens Berufsverkehr, abends Berufsverkehr. Danach wartet das
alltägliche oder fast alltägliche Abenteuer im Supermarkt. Wer noch nicht weiß,
was eine Floskel ist, erfährt es spätestens beim Warten in der Schlange vor den
Kassen. Das mit jedem abgefertigten Kunden sich wiederholende und langsam
näher kommende „Einen schönen Abend noch“ ist längst Bestandteil unseres
Sprachalltags geworden.
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Grauer Alltagstrott
Zuhause wartet dann die Hausarbeit, der Müll muss noch runter gebracht werden
usw. Ja und dann beim Zu-Bett-Gehen die allabendliche Vergewisserung: Ist der
Wecker gestellt? – Er ist. Nach dem Morgengrauen kann es dann ja wieder
losgehen...
Fragen zum Text
Der Alltag wird oft als … beschrieben.
1.
farbenfroh
2.
grau
3.
rot
Wenn der Alltag turbulent ist, dann bezeichnet man ihn auch als …
1.
Alltagstrott.
2.
Alltagstrubel.
3.
Tretmühle.
Was bezeichnet der Anglizismus Rush-Hour?
1.
das Klingeln des Weckers.
2.
den Berufsverkehr am Morgen und am Abend.
3.
die Berufspendler, die zur Bahn rennen.
Arbeitsauftrag
Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Tag mitten in der Woche frei. Wie sähe dieser
Tag im Gegensatz zu Ihrem Alltag aus? Schreiben Sie einen kurzen Aufsatz, in
dem Sie Ihren freien Tag beschreiben.
Also, gell – ohne Konjunktionen geht's nicht
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Der französische Schriftsteller
und Philosoph René Descartes
Eigentlich überflüssig, ist es doch das Schmiermittel in der gesprochenen
Sprache, das "Also": Um Mut zu fassen, etwas zu sagen, aber auch um
Verärgerung auszudrücken. Und ein Franzose ist an allem schuld.
Happy Hour. Die Stunde, zu der die Drinks nur die Hälfte kosten. Was nehmen wir
denn da aus der Bar? Das Angebot ist riesig. Von "A" bis "Z" ist alles da. Der
Blick bleibt bei "K" hängen. Da stehen sie. Die Konjunktionen. Also gut. Also gut?
Moment! "Also" ist ja eine Konjunktion! Probieren wir.
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Mut fassen und Anlauf nehmen
"Also …", sagt die Bardame und stellt ein poliertes Adjektiv ins Regal, "Also wird
gern genommen. Fast jeder, der hier rein kommt, nimmt erst mal ein Also." Es
stimmt, was sie sagt. Nicht nur hier, überall, tagtäglich, ungezählte Male, sagen die
Deutschen "Also". "Also, ich möchte mich erst mal vorstellen, mein Name ist …"
oder "Also, was ich noch sagen wollte … ."
Wieso "Also" in diesem Fall? Nun, es ist so eine Art Auftakt, ein winziger Anlauf,
da wird noch nichts gesagt, aber das "Also" macht ein bisschen Mut; und wenn es
dann erst mal raus ist, kann man nicht mehr zurück. Ein "Also" verbindet. Das
haben Konjunktionen so an sich. Sie sind, verwenden wir den deutschen Ausdruck,
Bindewörter. Sie verbinden Satzglieder oder ganze Sätze. Die klassische
Konjunktion schlechthin ist "und". Aber wir wollen uns nicht in die Grammatik
vertiefen, sondern lieber dem "Also" auf den Grund gehen.
Ein Franzose ist schuld
Also, das ist gar nicht so einfach. Schon wieder ein "Also". Das klingt so ein
bisschen vorbeugend und lässt etwas von Entschuldigung mitschwingen, falls das
nicht so recht klappt mit dem "auf den Grund gehen". Spätestens nach dem dritten
"Also" ist klar, dass "also" nicht gleich "also" ist. Ein Blick auf den Grund des
Glases und die berühmtesten "Alsos" der Geschichte erscheinen vor unserem
geistigen Auge.
René Descartes bezeichnete als die erste und sicherste Erkenntnis des Philosophen
den Satz: "Cogito, ergo sum". Auf Deutsch: "Ich denke, also bin ich". Einem
Franzosen also hat die schlichte deutsche Konjunktion "Also" es zu verdanken,
dass sie in einem der berühmtesten Zitate zumindest in der Übersetzung einen
Platz gefunden hat. "Also" hat in diesem Zitat eine überwältigende Bedeutung.
Göttlichkeit
Was wären beide Sätze ohne ihre so unscheinbar anmutenden Konjunktionen
"ergo" beziehungsweise "Also"? Zusammen geschnurrte Worthäufchen, hilfloses
Gestammel: "Cogito, sum", und: "Ich denke, ich bin". Nein, wir haben ihn nicht
vergessen: Friedrich Nietzsche. In den Jahren 1883 bis 1885 erschien sein wohl
bekanntestes Werk, die philosophische Dichtung "Also sprach Zarathustra". In
geradezu feierlichem Gewand erscheint hier das "Also", steht es doch in erhabener,
um nicht zu sagen "göttlicher" Umgebung.
32
"Schmeckt gut, gell?" Wir sind wieder in der Gegenwart. Da spricht nicht
Zarathustra, sondern die Frau hinterm Tresen und wir bestellen noch ein "Also";
aber mit Soda. Als Longdrink. Mit Strohhalm. "Also", geht es uns durch den Kopf,
und wir denken an Descartes, kann auch so viel heißen wie "infolgedessen" oder
"aus diesem Grunde".
Ganz schön vertrackt
Aber was ist mit so einem Satz wie "Du gehst also nicht mit?" Da schwingt doch in
"also" eine ganze Geschichte mit. Die fragende Person ist möglicherweise
enttäuscht, weil sie mit einer Absage nicht gerechnet hatte; oder gar verärgert, weil
eigentlich längst ausgemacht war, dass man zusammen mit den anderen ausgehen
wollte. Nun ist es so gekommen. Und sie, nehmen wir an es ist eine Frau, sagt:
"Also das ist wirklich die Höhe", haut die Tür zu und weg ist sie.
Also mit dem "Also", das ist ganz schön vertrackt. Lieber noch ein bisschen mit
der Barfrau plaudern. Was hat sie gesagt? "Gut, gell?" Dass sie gute Laune hat,
war gleich zu merken, aber wie zur Bestätigung fällt sie in ihr süddeutsches Idiom
und zwar mit einem einzigen Wort. Mit "Gell". Ein phänomenales Kürzel und ein
adäquater Ersatz für das steife "nicht wahr" oder das saloppe, aber regional nicht
festzulegende "stimmt's?" Noch ein "e" dran und wir haben das mitteldeutsche
"gelle" mit gleicher Funktion und Bedeutung.
"Also, gell"
"Gell" hat immer etwas Nachdrückliches. Vor allem eben im Dialekt. "Du, ich sach
ders jetzt zum letzde Mal, gell?" Für alle, die an der hochdeutschen Version dieses
Satzes interessiert sind: "Du, ich sage dir das jetzt zum letzten Mal. Hast du mich
verstanden?" Also, jetzt müssen wir raus hier. Gell, es ist alles bezahlt?
Alter
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Alt und jung
Wer viele Lebensjahre hinter sich hat, ist alt. Doch im Alter kann man jung
bleiben, nur nicht für immer. Denn einen Jungbrunnen hat noch niemand
entdeckt. Dafür kann man auch als junge Frau den Altweibersommer
genießen.
Vor acht Tagen war Silvester. Das neue Jahr ist schon wieder acht Tage alt. Man
könnte aber auch sagen, das Jahr ist noch jung, es ist erst acht Tage alt. Sind alt
und jung wirklich ein so streng geschiedenes Gegensatzpaar? Ist das Gegenteil von
jung tatsächlich alt?
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Jung geblieben
Wie so viele andere Wörter auch, sind "alt" und "Alter" – je nachdem in welchem
Zusammenhang sie gebraucht werden – von recht unterschiedlicher Bedeutung.
Ein zwei Stunden alter Säugling ist selbstverständlich ein ganz, ganz junger
Mensch. Jemand, der dagegen schon über 50 Jahre alt ist, gilt heutzutage
keineswegs als alt; ist aber auch nicht mehr jung. Was hat es mit "alt" und "Alter"
auf sich? Ein Stichwort zum Nachdenken.
Bezieht sich "alt" auf Lebewesen, also auf Menschen, Tiere und Pflanzen, so
bedeutet "alt" tatsächlich das Gegenteil von jung. Eine alte Frau, ein alter Mann,
ein alter Gaul, eine alte Eiche. Alle vier haben schon viele Lebensjahre hinter sich.
Sind alt geworden.
Alt geworden
Aber Jugend und Alter – alt werden und jung bleiben – sind Begriffe, die nur dann
streng voneinander zu trennen sind, wenn sie außerhalb ihrer sprachlichen
Umgebung gesehen werden. Wir wissen ja von den jung gebliebenen Alten, die in
körperlich guter Verfassung ihr Leben genießen und auch im Kopf fit sind. Trotz
ihres Alters. Dagegen sehen viele oft wesentlich jüngere Leute geradezu alt aus.
Aber natürlich schreitet die Zeit fort und zwar für alle. Die Sehnsucht, für immer
jung zu bleiben, das "forever young" bleibt Fiktion; der Jungbrunnen oder die
Altweibermühle, die aus Greisinnen wieder junge Mädchen macht, bleiben im
Reich des Mythos, der Sage, des Märchens. Und so alt wie Methusalem, nämlich
969 Jahre, wie es im Ersten Buch Mose geschrieben steht, so alt konnte eben nur
Methusalem werden.
Altes Haus
Übrigens wurde die Redensart alt wie Methusalem im internationalen
Sprachgebrauch durch George Bernhard Shaws Werk "Back to Methusalah" von
1921 wieder gebräuchlicher. Greifbar, vorstellbar wird "alt" und "Alter", wenn es
mit einer konkreten Zahlenangabe versehen wird. Beispiele: "Susanne ist zwanzig
Jahre alt". "Peter ist nur 30 Jahre alt geworden". "90 Jahre sind ein gesegnetes, ein
biblisches Alter".
"Alt" ist wie so Vieles relativ. Die Redensart "man ist so alt, wie man sich fühlt"
bringt das mit verhaltenem Optimismus zur Sprache. Auch ein "altes Haus",
salopp-freundlicher Ausdruck für einen, der nicht mehr ganz jung ist, kann eben
noch putzmunter sein. Auch "die alten Schachteln", kein nettes Bild für in die
Jahre gekommene Damen, können sich durchaus und quietschvergnügt des Lebens
34
erfreuen; und selbst in den Altenheimen muss es nicht zwangsläufig trostlos
zugehen.
Junge Alte
Dass die Alten immer jünger werden ist natürlich ausgemachter Blödsinn, aber in
diesem Slogan kommt zum Ausdruck, dass sich die Lebensgestaltung von Jungen
und Alten in vielen Bereichen nicht mehr so streng unterscheidet wie früher; dass
die Alten vielfach aktiver sind als noch vor wenigen Jahren - wenn man sie lässt
und wenn sich das nur auf die so genannte Freizeit bezieht.
Im Berufsleben sieht das ganz anders aus. Da ist schon alt, wer mit 40 einen neuen
Arbeitsplatz sucht, in nicht wenigen Branchen liegt das Einstiegsalter bei
höchstens 35 Jahren, wer gar über 50 und arbeitslos ist, zählt endgültig zum alten
Eisen. Wobei man sich
vergegenwärtigen sollte, dass altes Eisen, sowohl das eine, wie auch das andere das richtige Eisen - keineswegs wertlos ist.
Neu trotz alt
Nicht umsonst heißt es "Aus Alt mach Neu", und was die Alten betrifft, so haben
inzwischen einige Unternehmer erkannt, dass die Erfahrung von – in
Anführungszeichen - alten, erfahrenen Arbeitnehmern, den "50 Plus", gerade in
Krisenzeiten von unschätzbarem Wert sein kann.
Fragen zum Text
Ein Jungbrunnen ist …
1. ein Brunnen mit jungen Männern.
2. eine Bezeichnung für etwas, was jemanden jung hält.
3. ein Brunnen mit besonderem Wasser.
Die Bezeichnung alte Schachtel wird verwendet für …
1. antike Schachteln.
2. unangenehme Frauen.
3. Hutschachteln mit alten Hüten.
Als "Generation 50 Plus" bezeichnet man …
1. Menschen, die 50 Jahre und älter sind.
2. einen Stammbaum.
3. eine Familie, die aus 50 Generationen besteht.
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Arbeitsauftrag
Wenn Sie ein Alter wählten könnten, für welches Alter würden Sie sich
entscheiden? Begründen Sie Ihre Antwort in einem kurzen Aufsatz.
Amtsdeutsch
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Sieht so ein Amtsschimmel aus?
Postwertzeichen, Fahrtrichtungsanzeiger, Spontanvegetation – Amtsdeutsch
sprechen in Deutschland nur Juristen und Behörden. Normale Bürger
verstehen meist nichts. Sie hören nur den Amtsschimmel wiehern.
Eine bürokratische Ausdrucksweise wird oft als Amtsdeutsch bezeichnet.
Amtsdeutsch ist so verbreitet, dass jeder schon einmal damit Bekanntschaft
gemacht hat. Deshalb wird es auch gern parodiert. Schließlich hat es einen hohen
Wiedererkennungswert.
Rotkäppchen mal anders
So kursiert im Internet der Text eines anonymen Verfassers, der eine amtsdeutsche
Version des Märchens "Rotkäppchen und der Wolf" geschrieben hat. Dort heißt es,
in der "Stadtgemeinde" sei eine "noch unbeschulte Minderjährige aktenkundig,
welche durch ihre unübliche Kopfbekleidung gewohnheitsrechtlich Rotkäppchen
genannt zu werden pflegt". Die Komik dieser sehr förmlichen Ausdrucksweise
besteht darin, dass sie gar nicht zu der einfachen Sprache passt, in der Märchen
erzählt werden: "Es war einmal ein kleines Mädchen, das im Dorf Rotkäppchen
genannt wurde, weil es immer eine rote Mütze trug."
Wenn Behörden und Verwaltungen Amtsdeutsch verwenden, meinen sie dies aber
keineswegs humorvoll. Auch Mitarbeiter großer Wirtschaftsunternehmen
bevorzugen oft so eine Ausdrucksweise. Und schließlich drücken sich auch
Anwälte und Menschen, die einem juristisch geprägten Beruf nachgehen, gern
"amtsdeutsch" aus. Übrigens tun sie das nicht ohne Grund und ganz bewusst. Unter
Juristen herrscht die Ansicht vor, eine umständliche Ausdrucksweise sei gerechter,
weil sie präziser sei.
Verkleidete Wirklichkeit
Tatsächlich verhält es sich in der Regel umgekehrt. Eine bürokratische
Ausdrucksweise benennt nicht die Wirklichkeit, sondern verkleidet sie bis normale
Bürger sie kaum noch wiedererkennen. Ein Kind, das zur Schule geht, wird
"beschult". Der Blinker am Auto wird zum "Fahrtrichtungsanzeiger". Statt vom
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"Wald mit Tieren" ist die Rede von "forstwirtschaftlicher Nutzfläche mit
Wildtierbestand". Unkraut wird zur "Spontanvegetation". Briefmarken sind
selbstverständlich nicht Briefmarken, sondern "Postwertzeichen". Falls ein
Fahrschein im Zug nicht gilt, dann hat er "in diesem Zug keine Gültigkeit".
Im Amtsdeutschen sind Substantive nämlich besonders beliebt. Wo es kein
passendes Substantiv gibt, werden Verben oder Adjektive dazu gemacht:
"Durchführung", "Vornahme", "Tätigkeit". Typisch Amtsdeutsch sind dabei
extrem lange Substantive, regelrechte Wortmonster wie
"Abgassonderuntersuchung", "Rechtsbehelfsbelehrung" oder – bitte festhalten! –
"Kostenzusageübernahmeerklärung".
Umständliche Überwältigung
Bürokratische Briefeschreiber bevorzugen das Passiv, so dass sich für ihre
Adressaten kaum noch erkennen lässt, wer die handelnde Person ist: "Sie werden
zu gegebener Zeit informiert". Ja, aber von wem wohl? Eigentlich sollten
Amtstexte so gestaltet werden, dass sie für Bürger leichter verständlich sind. Dann
werden sie auch besser akzeptiert.
Das verträgt sich aber nicht so gut mit einem ganz menschlichen Bedürfnis der
Bürokraten: sie wollen Respekt, möchten wichtig erscheinen und Widerspruch
oder Nachfragen schon im Voraus gerne abwehren. Also gehen sie hinter ihrer
umständlichen Ausdrucksweise regelrecht in Deckung. Ein Satz, der schwierig
klingt und mit ungewohnten oder unverständlichen Wörtern durchsetzt ist, soll
Eindruck machen und den Leser regelrecht überwältigen.
Wilde Stilblüten
Wenn die Umständlichkeit aber erst einmal auf sprachliche Ungeschicklichkeit
trifft, treibt die Sprache der Bürokratie "Stilblüten". So hat ein Polizist in seinem
Bericht über einen Tathergang etwa geschrieben: "Zeugen liegen bei". Gemeint hat
er wohl, dass er aufgeschrieben hat, was Zeugen ihm berichtet haben, und deren
Aussagen dann beigefügt hat. Vielleicht handelt es sich auch nur um Fotos vom
Tatort. Jedenfalls bestimmt nicht um atmende, lebendige Zeugen zwischen
Aktendeckeln.
In so einem Fall sagt man auf Deutsch: "Da wiehert der Amtsschimmel!" Damit ist
kein echtes Pferd gemeint. Dieser Ausdruck für ein Übermaß an Bürokratie stammt
wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert. Damals haben Bürokraten oft einen
Standard-Vordruck verwendet, der mit einem lateinischen Wort als "Simile" (von
similis, ähnlich) bezeichnet wurde. Daraus ist schließlich der scherzhafte
"Amtsschimmel" geworden. Er kommt ohne Heu und Wasser aus und gedeiht
trotzdem ganz prächtig.
37
David Eisermann
Anfang
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Aller Anfang ist schwer - aber
einer muss ja anfangen!
Wo fängt etwas an, wo beginnt es? Wann sagt man "Anfang", wann
"Beginn"? Der Unterschied in der Wortbedeutung ist sehr gering. Eine
Gemeinsamkeit aber haben sowohl der "Anfang" als auch der "Beginn".
Wir stehen am Anfang – am Anfang eines neuen Jahres. Wie jedes Jahr stellen wir
uns dieselben Fragen: Was wird sie bringen, die Zukunft? Werden sich unsere
Hoffnungen, Erwartungen oder Befürchtungen bestätigen? Der Beginn eines neuen
Jahres ist immer ein Augenblick des Innehaltens und Fragens. Jeder Anfang bringt
meist auch einen Neubeginn.
Startschwierigkeiten
Nur dieser kann manchmal nicht leicht sein. An der Redensart "Aller Anfang ist
schwer" ist einiges dran. Wenn man zum Beispiel mit einer neuen Arbeit anfängt,
bereitet dies oft Schwierigkeiten. Oder, wenn man noch in den Anfängen steckt,
braucht man mehr Zeit, Geduld und Kraft als jemand, der kein Anfänger mehr ist.
Ähnlich ergeht es einem so genannten blutigen Anfänger.
Was das in der Praxis bedeuten kann, wird schmerzlich deutlich, wenn zum
Beispiel das Nachbarskind beschlossen hat, Violine zu lernen und jeden
Nachmittag tapfer zu üben beginnt.
Feiner Unterschied
Wobei wir beim feinen Unterschied zwischen "Beginn" und "Anfang" und
"beginnen" und "anfangen" wären. "Anfang" bedeutet so etwas wie der Ursprung
von allem, ohne dass schon direkt eine Handlung erfolgt. Man könnte es
gleichsetzen mit "Entstehung".
Religiöses Verständnis
In der Bibel findet man die Sätze "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und
"Am Anfang war das Wort". "Anfang" ist also nach christlichem Verständnis der
göttliche Ursprung von Welt und Mensch.
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Auch bei dem deutschen Philosophen Immanuel Kant finden wir eine ähnliche
Auffassung: "Der Anfang ist ein Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht, darin
das Ding, welches anfängt noch nicht war".
Handfestes
Weniger philosophisch und gar nicht religiös ist die Wortbedeutung von
"anfangen". Aus dem mittelhochdeutschen Verb "anvāhen" wurde im
Althochdeutschen "anafāhan", was so viel wie "anfassen", "anpacken" bedeutete.
So wird "anfangen" dann auch benutzt. Mechanische Arbeit, die angepackt wird,
fängt man an (und beginnt sie nicht) – zum Beispiel, wenn man einen Brief
schreiben will. Die hilflose Frage "Wie soll ich das anfangen" wird inzwischen in
verschiedenen Situationen und bei verschiedenen Tätigkeiten verwendet.
Ursprünglich war aber gemeint, mit welchen Handgriffen und Werkzeugen kann
ich diese Arbeit verrichten.
Mehr Verbindungen
Trotz der sehr geringen Bedeutungsunterschiede werden "Anfang" und "anfangen"
im Deutschen häufiger gebraucht als "Beginn" und "beginnen". Es gibt mehr
Wortverbindungen mit "Anfang" als mit "Beginn".
Beispiele sind Anfangsbuchstabe, Anfangsgehalt, Anfangserfolg. Im Eishockey
heißt das erste Drittel der Spielzeit Anfangsdrittel. Und: Zu dem Wort "Anfang"
gibt es im Gegensatz zu dem Wort "Beginn" auch ein Adverb – nämlich
"anfänglich".
Eine Gemeinsamkeit
Nun, der unterschiedliche Gebrauch beider Wörter ist häufig eine Frage des
Sprachstils. Im Zweifel muss das Wörterbuch zu Rate gezogen werden.
Gemeinsam ist beiden Wörtern aber eins: der Schluss, das Ende. Egal, ob man mit
etwas angefangen oder damit begonnen hat, es endet oder wird beschlossen – wie
auch immer. So, Schluss jetzt!
Fragen zum Text
Ein blutiger Anfänger ist jemand, der …
1. jedes Mal blutet, wenn er etwas tut.
2. noch nicht viel Erfahrung hat.
3. Angst hat, etwas zu tun.
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Anfang ist …
1. der Ursprung von etwas.
2. der Beginn von etwas.
3. das Ende von etwas.
Immanuel Kant war ein …
1. Philosoph.
2. Dichter.
3. Maler.
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie eine kleine Geschichte zu einem selbst gewählten Thema.
Verwenden Sie darin möglichst viele Wörter und Redensarten, in denen "Anfang"
und "Beginn" vorkommt.
Autor: Michael Utz
Redaktion: Beatrice Warken
Anleger
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Gut angelegt?
Wer Geld anlegt, sollte auf seinen Anlageberater hören. Wer mit dem Boot
anlegt, sollte auf den Kapitän vertrauen. Nur wer es auf Streit anlegt, sollte
sich mit dem Berater oder dem Bootsführer anlegen.
Es gibt wirklich bedauernswerte Menschen. Täglich werden sie in ein Wechselbad
der Gefühle geschickt, jeden Morgen hektisches Blättern in der Zeitung, bis sie
aufgeschlagen ist, die Seite mit den Aktienkursen. Hoffen und Bangen, heller
Jubel, tiefe Enttäuschung, ja Panik mitunter.
Gut angelegt
Die Anleger und ihre Mitleidensgenossinnen, die Anlegerinnen, haben es nicht
leicht. Man mag es kaum glauben, aber unser Stichwort der Woche "Anleger",
Maskulinum, hat nicht nur die Bedeutung Jemand, der Geld anlegt. Anlegerin,
eigentlich nur die Endsilbe des Wortes, ist jedoch neu. Eine Anlegerin ist
ausschließlich eine Person, die Geld anlegt. Damit sind wir bei dem zum Stichwort
gehörenden Verbum angelangt. Anlegen. Grundwort: legen.
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Seit 1278 gibt es zumindest in Schwaben für das Wort anlegen die Bedeutung sein
Geld Zins bringend verwerten. Im 16. Jahrhundert, als sich mit der Geldwirtschaft
das Bankwesen entwickelt hatte, waren Geldeinlagen, also angelegtes, sprich
eingezahltes Geld, zum Zwecke der Vermehrung desselben, gang und gäbe. Wer
sein Geld anlegt, will natürlich Sicherheit. Wieviel wo und wann anlegen, da ist
guter Rat im wahrsten Sinne des Wortes teuer. Dem Anleger, oder dem der es
werden will, kann jedoch geholfen werden. Schließlich gibt es jede Menge
Anlageberater und Anlageberaterinnen, die mit ihren Anlagetipps den Weg zur
mehr oder weniger sicheren bis zur riskanten oder hochriskanten Anlage weisen.
Sich mit jemandem anlegen
Wechseln wir das Thema. Es bestünde sonst die Gefahr, sich mit Hörern, die sich
nicht so sehr für das Anlagewesen interessieren, anzulegen. Ja, anzulegen. Anlegen
im Sinne von mit jemand Streit anfangen, jemanden provozieren und
herausfordern, ist nur eine von vielen Bedeutungen des Wortes anlegen, die es
neben Geldanlage und Geld anlegen eben gibt.
Auch Anlage hat keineswegs nur mit Geld zu tun. Nehmen wir als Beispiel die
Garten- und Parkanlagen, die öffentlichen Anlagen. Anlagen solcher Art sind
nach einem Plan für einen ganz bestimmten Zweck gestaltete Flächen. Grün- oder
Freizeitanlagen zur Erholung, Sportanlagen zum Sport treiben, wobei zu diesen
auch Gebäude als Teil der Gesamtanlage zu rechnen sind. Zum Beispiel
Turnhallen. Natürlich brauchen solche Gebäude auch sanitäre Anlagen und nicht
zuletzt einen Raum für die Heizungsanlage.
Dreh die Anlage auf!
Heute werden Baupläne überwiegend an Computern erstellt, früher aber, und daher
kommt diese Bedeutung von Anlage, wurden auf dem Papier, auf dem Reißbrett
Pläne, Skizzen und Zeichnungen angelegt. Aus diesem Anlegen, dem Plan,
erwächst die Anlage selbst. Einen Bau, eine Straße oder einen Spielplatz anlegen,
hieß ursprünglich nur, den Entwurf zu zeichnen. Anlage bedeutet aber auch, eine
technische, mechanische Vorrichtung oder Einrichtung. Die Schließanlage am
Haus zum Beispiel, die aus verschiedenen Komponenten bestehende Stereoanlage,
schließlich die Fabrikanlage.
Anlegen lässt sich jedoch nicht nur etwas, was zu einer Anlage wird. Auch festliche
Kleidung wird angelegt. Das klingt vornehmer als einfach anziehen. Auch
Schmuck und Uniformen werden nicht einfach angezogen, sondern ebenfalls
angelegt. "Bitte legen Sie doch ab" werden die Gäste gebeten. "Ziehen Sie sich
doch aus" wäre unhöflich und könnte zudem allzu leicht zu schwerwiegenden
Missverständnissen führen.
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Am Bootsanleger
Aber es geht uns ja nicht ums Ablegen, sondern um den Anleger und das Anlegen.
Da gibt es das Werbefoto einer Bankengruppe, auf dem eine Bootsanlegestelle zu
sehen ist, an der mehrere Motorboote festgemacht haben. Alle ziemlich
eindrucksvoll, bis auf ein kleines mickriges.
Der Text lautet sinngemäß: Wer hat da wohl falsch angelegt? Merke: Wer richtig
anlegt, wer es darauf anlegt, die Absicht hat, ein tolles Boot zu besitzen, der kann
im Yachthafen am Anleger, das ist in der Seemannssprache der Landungsplatz, mit
dem eigenen schicken Boot anlegen.
Nicht jeder kann es
Allerdings muss das gelernt sein. Ein Anleger ist vieles – aber kein Kapitän!
Fragen zum Text
Wenn man sich mit jemandem anlegt, dann …
1. will man sich vertragen.
2. verleiht man Geld.
3. fängt man Streit an.
Festliche Kleidung, Schmuck und Uniformen werden …
1. abgezogen.
2. angezogen.
3. angelegt.
Jemand, der es auf etwas anlegt, …
1. hat die Absicht etwas zu tun.
2. tut etwas nicht absichtlich.
3. spart sein Geld.
Arbeitsauftrag
Erklären Sie folgende Begriffe rund um die Wörter anlegen und ablegen und
bilden Sie jeweils einen Satz mit ihnen.
- Geld anlegen
- sich mit jemandem anlegen
- eine Grünanlage anlegen
- den Mantel ablegen
- es auf etwas anlegen
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Autor: Michael Utz
Redaktion: Beatrice Warken
Apfel
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ein Apfel am Tag, mit dem
Doktor keine Plag.
Die Äpfel sind reif, es wird Apfelsaft gekeltert, und der Apfelmost beginnt zu
gären. Denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Eine lexikalische
Untersuchung eines "vegetarischen" Dauerbrenners ...
Die Tatsache, dass er nicht weit vom Stamm fällt, hatte angeblich entscheidenden
Einfluss auf eines der drei Bewegungsgesetze, die der berühmte Mathematiker und
Physiker Isaac Newton gegen Ende des 17. Jahrhunderts formuliert hat. Der
Legende nach ist dem Wissenschaftler ein Apfel auf den Kopf gefallen, was ihm
schmerzhaft und mit allem Nachdruck einen Begriff von der Schwerkraft
vermittelt haben muss. Die Tatsache, dass Gegenstände immer direkt nach unten
fallen, ist Naturgesetz und somit auch Erklärung dafür, dass Äpfel eben nicht weit
vom Stamm fallen. Unser Stichwort diese Woche heißt Apfel. Das ist durchaus
saisonbedingt, denn jetzt sind die Äpfel reif, es wird Apfelsaft gekeltert, und der
Apfelmost beginnt zu gären.
Mehr als eine Frucht
Der Apfel ist mehr als nur eine Frucht, der Apfelbaum mehr als nur ein Obstbaum.
Der Apfel am Baume der Erkenntnis, dem Apfelbaum, hat in gewisser Weise zur
Vertreibung aus dem Paradies beigetragen; die goldenen Äpfel aus den
Hesperidengärten galten in der griechischen Mythologie als Garanten ewiger
Jugend. Die Kelten nannten den Ort ewigen Lebens und Friedens "Avalon", was so
viel wie "Apfelland" heißt.
Der längst sprichwörtlich gewordene Zankapfel geht auf die antike Sage vom
Urteil des Paris zurück. Den Streit der Göttinnen Hera, Pallas Athene und
Aphrodite, welche die schönste von ihnen sei, sollte Paris entscheiden und der
Siegerin einen Apfel zuwerfen. Seine Wahl fiel auf Aphrodite. Wer die griechische
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Sagenwelt kennt, weiß, dass dieser Apfelwurf schließlich zum Trojanischen Krieg
führte.
Symbol des Widerstands
Zankapfel war in gewisser Weise auch jener berühmte Apfel in Schillers Drama
"Wilhelm Tell". Tell hatte ihn mit der Armbrust vom Kopfe seines Sohnes
geschossen. Tells Apfelschuss wurde zum Fanal des Aufstandes gegen die
österreichische Zwangsherrschaft. Zum handfesten politischen Symbol wurde der
Apfel in Form des Reichsapfels, der kunstvoll als Weltkugel ausgeformt war. Der
Reichsapfel war Attribut monarchischer Herrschaft und Zeichen der
Machtvollkommenheit im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.
Über all dem sollte man aber nicht vergessen, dass man den Apfel auch essen
kann; ja essen soll: "Ein Apfel am Tag, mit dem Doktor keine Plag", sagt der
deutsche Volksmund, und auch in England weiß man: "One apple a day, keeps the
doctor away". Tatsächlich ist der Apfel Gesundheit pur. Dies müssen unsere
Vorfahren geahnt haben, denn schon von den Bewohnern der Pfahlbauten lässt
sich der Verzehr von Holzapfelschnitzen nachweisen. Wie der Name vermuten
lässt, können diese nicht besonders gut geschmeckt haben. Dennoch haben auch
die Germanen Holzapfelbäume in der Nähe ihrer Wohnplätze angepflanzt.
Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil die Holzäpfel vergoren werden konnten und
einen deftigen Most abgaben.
Königlicher Genuss
Durch den im 14. Jahrhundert im norwegischen Bergen angelegten königlichen
Apfelgarten wird der Apfel gewissermaßen geadelt. Irgendwann muss es dann
durch eine Laune der Natur richtig süße Äpfel gegeben haben. So ungefähr um das
Jahr 1800 erkannte man, dass ganz bestimmte Eigenschaften des Apfels beeinflusst
werden konnten; im 20. Jahrhundert wurde schließlich mit der Kultivierung und
Veredelung in großem Stil begonnen.
Bis vor ein paar Jahrzehnten waren in Deutschland über 40 Apfelsorten im Handel,
beispielsweise der "Finkenwerder Herbstprinz", der "Geflammte Kardinal" oder
der "Altländer Pfannkuchen." Ob nun die letztgenannte Sorte besonders gut für
Apfelpfannkuchen geeignet war, wissen wir nicht, aber wir sind jetzt unweigerlich
beim Apfelkuchen. Es müssten schon die Kuchentheken mehrerer Bäckereien
aneinander gereiht werden, um alle Sorten Apfelkuchen vorstellen zu können.
Für 'nen Appel und 'n Ei
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Äpfel hat es eigentlich immer genug gegeben, und sie waren auch lange Zeit für
wenig Geld zu haben. Daher auch der Ausdruck "für 'nen Appel und 'n Ei". Denn
auch Eier waren ja mal billig. Übrigens auch Erdäpfel, wie die Kartoffeln in
einigen Regionen genannt werden. Es gibt Äpfel, in die müssen wir alle ab und zu
beißen. Es sind die sauren. Wer gezwungen ist, in einen sauren Apfel zu beißen,
der hat etwas vor sich, was schwer fällt, unangenehm und lästig ist. Etwas, woran
man schwer zu schlucken hat.
Apropos schlucken: Beim Schlucken bewegt sich der Kehlkopf, der in seiner
männlichen Form volkstümlich Adamsapfel genannt wird. "Adamsbirne" wäre ja
auch zu komisch. Übrigens kann man Äpfel und Birnen nicht zusammenzählen.
Auch dies eine Redensart, die bedeutet, dass gänzlich Unterschiedliches nicht
zusammenzubringen ist.
Apfelbäckchen
Wir haben noch etwas nachzutragen: Es gibt in Deutschland einen – nun ja –
"Gesundheitssaft", der vor allem für Kinder geeignet sein soll. Er macht rote, um
nicht zu sagen apfelrote Bäckchen, was man dem lachenden Kleinmädchengesicht
der Saftwerbung auch überdeutlich ansieht. Seitlich hinter dem Kind beugt sich die
glückstrahlende Mutti ins Bild, von der man sofort weiß, dass sie immer alles
richtig macht. Vor allem mit dem Saft. Auch sie mit Apfelbäckchen, wenn auch
nicht ganz so rot.
Und jetzt sind wir wieder am Anfang unseres Stichworts. Man sagt "der Apfel fällt
nicht weit vom Stamm" – zum Beispiel dann, wenn Kinder ihren Eltern sehr
ähnlich sehen. Daran hat Newton aber bestimmt nicht gedacht als ihm der Apfel
direkt auf die Birne, oh, pardon, auf den Kopf fiel.
Fragen zum Text:
Der Apfel fällt nicht weit vom …
1. Baum.
2. Haus.
3. Stamm.
Wenn jemand in den sauren Apfel beißt, dann …
1. muss er/sie etwas tun, was ihm/ihr unangenehm und lästig ist.
2. ist er/sie danach besonders lustig.
3. isst derjenige/diejenige gerne saure Äpfel.
Wenn etwas für 'nen Appel und 'n Ei zu haben ist, dann …
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1. ist etwas sehr gesund.
2. muss man dafür nicht viel zahlen.
3. stinkt etwas sehr stark nach faulen Eiern.
Arbeitsauftrag:
Schreiben Sie ein mehrzeiliges Gedicht, in dem mehrere Formen des Wortes
"Apfel" vorkommen – wie zum Beispiel Reichsapfel, Apfelkuchen usw..
Autor: Michael Utz
Appetit auf Deutsch
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Essbares stillt nicht immer bloß
den Hunger ...
Essen hält nicht nur Leib und Seele zusammen, es bereichert auch immer
wieder unseren sprachlichen Alltag. Woher die Wendungen kommen, ist oft
unklar – verstanden aber werden sie von jedem!
Der Kloß im Hals ist nicht etwa ein Knödel oder eine halbe Frikadelle. Der Kloß
im Hals ist etwas, woran man schwer zu schlucken hat, etwas, das einem die
Tränen in die Augen treiben kann. Diese Art Kloß ist im übertragenen Sinne etwas
schwer Verdauliches, etwas, woran man lange und schwer zu kauen hat – ein
dicker Brocken eben. Ein anderes Wort für "Kloß" ist "Klops" und ein "dicker
Klops" bezeichnet umgangssprachlich einen schweren Fehler, den sich jemand
geleistet hat.
Vom Keks zur Wurst
Außer Kloß und Klops sind noch viele andere Wörter, die eigentlich Ess- und
Trinkbares bezeichnen, in bildhaften, umgangssprachlichen Ausdrücken vertreten.
So ist das "Weichei" kein weiches Ei, sondern das Gegenteil eines "hartgesottenen"
Burschen. Und der kann uns bisweilen ziemlich "auf den Keks", das heißt, auf die
Nerven gehen. Der "Keks" ist so etwas wie die "Birne", und die wiederum ist so
etwas wie der Kopf. Was "auf den Keks" geht, geht "auf den Geist".
Aber jetzt lieber zu etwas Herzhaftem. Da haben wir beispielsweise die Wurst.
Über Menschen mit ausgeprägter Leibesfülle, die sich außerdem in zu enge
Kleidungsstücke zwängen, wird gerne gespottet, sie sähen aus "wie Wurst in
Pelle". Bei dieser nicht gerade wohlwollenden Charakterisierung ist es kein
Wunder, wenn der oder die Verhöhnte anschließend "die beleidigte Leberwurst
spielt". Warum ausgerechnet eine Leberwurst zu beleidigen ist, weiß niemand.
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Aber um Besonderheiten ist die deutsche Sprache ja nicht verlegen; und über
vieles lässt sich oft nur mutmaßen.
Gemüseblindheit
So soll die Redewendung "Friede, Freude, Eierkuchen" mit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs zu tun haben. Es war endlich Frieden, es war Freude, und es wurden
wieder Eierkuchen gebacken. Für Sahnetorten war die Zeit noch nicht gekommen.
Ob diese Geschichte wirklich stimmt, ist eigentlich "Wurst". Gut erzählen lässt sie
sich auf jeden Fall. Woher genau der Ausdruck "das ist Wurst" stammt, weiß im
Übrigen niemand so genau. Wahrscheinlich galt Wurst schon immer als ein eher
alltägliches Essen – weniger wertvoll als zum Beispiel ein Braten. Vielleicht aber
kommt die Wendung auch daher, dass man gar nicht immer so ganz genau weiß,
woraus denn nun eine Wurst gemacht ist, was also "verwurstet" wurde.
Neben der Wurst haben auch Tomaten ihren festen Platz in der deutschen Sprache
gefunden. So brüllen erboste Fußballfans schon mal den Schiedsrichter an, ob er
denn "Tomaten auf den Augen habe". Völlig klar: Wer Tomaten auf den Augen
hat, sieht nichts und trifft geradezu zwangsläufig Fehlentscheidungen – zumindest
dann, wenn es sich um ein Fußballspiel handelt.
Eingebrockt und ausgelöffelt
Erwiesen ist, dass Tomaten dabei helfen, den Hunger zu stillen – und das durchaus
auch in Suppenform. Wobei wir bei der Suppe sind, die man "auslöffeln muss"
samt dem, was man sich "eingebrockt" hat. Was das heißt? "Du hast es so gewollt,
jetzt schau, wie du damit zurechtkommst! Also, häng nicht 'rum wie ein Schluck
Wasser in der Kurve!"
Diesem Ausdruck mit "bierernsten" Erklärungen beikommen zu wollen, ist
geradezu unmöglich. In der entsprechenden Situation lässt sich aber ziemlich gut
verstehen, was gemeint ist, auch wenn noch niemand einen Schluck Wasser in der
Kurve gesehen hat. Es sei denn, er oder sie hätte "mächtig einen im Tee" gehabt,
wäre also betrunken gewesen. Hier übrigens empfiehlt es sich, mit etwas Essbarem
eine gewisse Grundlage zu schaffen, um den unangenehmen Folgen am nächsten
Tag vorzubeugen – womit wir wieder bei der Frikadelle wären …
Autor: Michael Utz
Redaktion: Barbara Syring
An die Arbeit
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Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Das war viel Arbeit!
Bei Menschen und vielen Tieren bestimmt sie das Leben. Mancher ist in
Arbeit oder arbeitslos. Arbeiterbewegungen haben mit Arbeitskämpfen
Rechte für Arbeiter erstritten. Der eine oder andere malocht auch oder
schafft.
"Ohne Arbeit wär' das Leben öde, also sing ich meine kleide Ode an die Arbeit".
Damit hat die Band "Wir sind Helden" schon recht. Manchmal ist die Arbeit zwar
verhasst, aber ohne sie kann man auch nicht leben. Wir alle arbeiten – irgendwie.
Per Definition ist Arbeit eine Tätigkeit, die der Mensch ausübt, um ein Einkommen
zu erzielen. Die Herkunft des Wortes liegt im Mittelhochdeutsch, als Arbeit noch
so viel wie Mühe und Beschwernis ausdrückte.
Aber was Arbeit für den einzelnen bedeutet, ist sehr subjektiv.
Arbeit ist das halbe Leben
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Wie die
Klassenarbeit wohl ausgefallen ist?Schüler verstehen darunter eine Klassenarbeit,
mit der ihre Leistung kontrolliert wird. Diese Arbeit wird jedoch nicht bezahlt –
anders als das Säubern des elterlichen Autos vielleicht. Die Einstellung zur Arbeit
ändert sich dann, wenn sie irgendwann Arbeitnehmer werden.
Dann bestimmt die Arbeit mehr als ein Drittel des Tages und mancher sehnt sich
doch wieder in die Schulzeit zurück. Nehmen wir es aber ganz genau, dann
bestimmt Arbeit sogar mehr als ein Drittel unseres Lebens. Denn neben der
bezahlten Arbeit fällt auch noch eine Menge Arbeit anderer Art an, zum Beispiel
Hausarbeit oder Gartenarbeit, denn diese Arbeit wird nicht entlohnt
Ohne Fleiß kein Preis
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Was du heute
nicht kannst besorgen...Die Arbeitsmoral eines Menschen, also die Einstellung, mit
der er seine Arbeit verrichtet, hängt oft davon ab, ob ihm sein Job Spaß bereitet, ob
das Arbeitsklima, der Umgang aller miteinander auf der Arbeit, gut ist – oder ob
die Arbeit tatsächlich nur ein lästiges Mittel zum Verdienen des Lebensunterhalts
ist.
Auch hier gibt es wieder Unterschiede: Hat jemand die Arbeit nicht erfunden, dann
lässt er die Arbeit lieber liegen nach dem Motto "Was du heute nicht kannst
besorgen, besorge übermorgen". Geht jemandem die Arbeit jedoch leicht von der
Hand, ist er ein schneller und zuverlässiger Arbeiter.
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Richtige Bezahlung
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Kinderarbeit für
einen HungerlohnArbeitet jemand für einen Hungerlohn, wird er irgendwann
unzufrieden. Schon das Sprichwort Arbeit hat bittere Wurzel, aber süße Frucht
macht deutlich, dass eine gut gefüllte Lohntüte gut für die Arbeitsmoral ist und
über die Anstrengung hinwegtrösten kann.
Aber nicht nur die Arbeitsmoral des Arbeitnehmers ist ausschlaggebend, sondern
auch die des Arbeitgebers. Er sollte den Arbeiter nicht bloß als "Humankapital"
sehen, wie es in der Volkswirtschaftslehre so schön heißt, der über seine
Arbeitskraft definiert wird, sondern als Rad im Getriebe, der einen wichtigen Teil
des Ganzen darstellt.
"Arbeit muss sich wieder lohnen"
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Nur Mut!Kein
Rad im Getriebe sind diejenigen, die weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber sind:
die Arbeitslosen. Die Arbeitslosigkeit vor allem junger Menschen, die
Jugendarbeitslosigkeit, ist in sehr vielen Ländern weltweit ein großes Problem. In
Deutschland werden Arbeitslose von der Bundesagentur für Arbeit unterstützt. Sie
hilft den Menschen dabei, neue Jobs zu finden oder sich weiterzubilden und bietet
ihnen für eine gewisse Zeit finanzielle Unterstützung.
Leider jedoch gibt es auch einen geringen Anteil unter den Arbeitslosen, die man
als Arbeitsmuffel bezeichnen kann. Diese arbeitsscheuen Menschen möchten gar
keine neue Arbeit finden und frönen dem Sprichwort Lieber einen dicken Bauch
vom Essen, als einen krummen Rücken vom Arbeiten. Oftmals liegt diese
Antriebslosigkeit aber auch darin, dass sie im Falle einer Beschäftigung kaum
mehr Geld verdienen würden als sie an staatlicher Unterstützung bekommen.
Viel Arbeit, wenig Brot!
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Wo fängt man
nur an?Ihre Gegenspieler sind die Workaholics: Menschen, die ohne Arbeit nicht
leben können. Sie definieren sich über ihre Arbeit und werden unruhig, wenn sie
keinen Stress empfinden. Sie stürzen sich in Arbeit oder stecken gerne bis über den
Kopf in Arbeit und werden gefordert. Überfordern sie sich, kann das viele Arbeiten
schnell in einem Burnout enden, einem Gefühl des Ausgebrannt-Seins.
Deshalb sollte die Freizeit, in der man Entspannung von der Arbeit sucht, nicht zu
kurz kommen. Allerdings muss nicht unbedingt nach der Devise des
Benediktinerordens "Ora et labora" – "Bete und arbeite" – gehandelt werden.
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Stattdessen sollte eher das Sprichwort aus dem 19. Jahrhundert gelten: Erst die
Arbeit, dann das Vergnügen. Denn nur wenn man arbeitet, weiß man das
Vergnügen und die Freizeit auch zu schätzen.
Tag der Arbeit
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Das Symbol für
den Arbeiter der Republik: der HammerDas Recht auf Arbeit und gute
Arbeitsbedingungen mussten hart erkämpft werden. Die Arbeiterbewegung, die am
1. Mai 1856 in Australien begann, versuchte, mit einem Arbeitskampf ihre
Forderungen durchzusetzen. In vielen Ländern der Erde wird jährlich mit einem
Tag der Arbeit an die Arbeiterbewegungen erinnert.
In der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik gab es sogar den Held der
Arbeit. Dies war eine staatliche Auszeichnung für besondere Verdienste beim
Aufbau und Sieg des Sozialismus. Ob dieser dann immer gute Arbeit geleistet
hatte, oder – umgangssprachlich gesehen – einen auf Arbeiterdenkmal gemacht
hat, lassen wird dahingestellt.
Fleißiges Bienchen
Sollten Sie übrigens mal Schwaben oder das Ruhrgebiet besuchen, wundern Sie
sich nicht: Denn dort wird geschafft beziehungsweise malocht. Anderswo wird
auch gerne geschuftet oder geackert. Die Arbeitsbienen brauchen sich daran nicht
zu orientieren. Die weiblichen Bienen sorgen für einen reibungslosen Ablauf im
Bienenstock. Denn Arbeit gibt es täglich ja genug!
Fragen zum Text
Unter Hungerlohn versteht man …
1. einen sehr niedrigen Lohn.
2. einen Lohn, den man bekommt, wenn man hungert.
3. Essensgeld.
Wenn man bis über den Kopf in Arbeit steckt, …
1. leistet man geistige Arbeit.
2. hat man sehr viel Arbeit zu erledigen.
3. kann man an nichts anderes mehr denken als an Arbeit.
"Was du heute nicht kannst besorgen, besorge übermorgen" bedeutet, dass …
1. man in zwei Tagen zur Arbeit erscheint.
2. man sich erst in zwei Tagen an die Arbeit gibt.
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3. man in zwei Tagen etwas kauft.
Arbeitsauftrag
Auch in dem Wort Arbeitsauftrag steckt Arbeit drin. Also: Machen Sie sich an die
Arbeit und stellen Sie sich gegenseitig Arbeitsaufträge zu dieser Sprachbar.
Formulieren Sie zum Beispiel Lückentexte oder schreiben Sie einen Bericht, was
Arbeit für Sie bedeutet.
Deutsch im Fokus
Allgegenwärtiges Aus
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ausblick in die Zukunft?
Die kleine Präposition hat es in sich: Nicht auszudenken, wenn es "aus" nicht
geben würde. Der Ausweis würde ziemlich amputiert dastehen, der Fußball
wäre um einen Ausdruck ärmer. Und dem Dativ würde etwas fehlen.
"Ausweg aus der Krise", eine gerne verwendete Schlagzeile, wenn mal wieder
Krisenstimmung herrscht, vor allem in der Politik. Warum denn ausgerechnet
Ausweg? Warum denn nicht "Weg aus der Krise"? Ausweg klingt irgendwie
dringender, so fast schon nach letzter Möglichkeit. Ausweg ist so etwas wie eine
Abzweigung vom Weg, der gerade verläuft.
Es ist aus!
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Er rollt ins
"Aus"
Ein ausgezeichnetes Beispiel aus dem Reich des Aus, ruft der begeisterte Leser
und breitet die Arme aus. Aber ausgerechnet dieses Beispiel? Ausgerechnet?
Etwas ausrechnen, das heißt gezielt auf ein Ergebnis hin rechnen.
Gerne verwendet wird auch "Es ist aus". Ein gewichtiger Satz! Denn, was kann
nicht alles aus sein. Aus und vorbei: Zum Beispiel die Liebesbeziehung. "Aus" ist
aber auch der Ball, der hinter der Spielfeldlinie aufkommt; oder ein Spiel. Das
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Ergebnis ist für die einen ein Grund zum Jubeln, die anderen sind traurig und
niedergeschlagen. Je nachdem, wie das Spiel ausgegangen ist, oder was bei dem
Spiel herausgekommen ist.
Bewegung
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ich geb' eine
Runde aus!Heraus. Von innen nach außen gewissermaßen. "Aus" hat auch mit
Bewegung zu tun: ausgehen, Ausgang haben, etwas ausgeben …
Man kann aber auch "einen ausgeben". Sitzt man etwa an der Bar und jemand sagt
"Ich gebe dir einen aus" heißt das, er bezahlt, er gibt das Geld aus. Und hat man
dann nicht aufgepasst und hat etwas zu viel getrunken, dann wird man ganz
ausgelassen. Und jemand, der zu ausgelassen wird, kann dann schon einmal von
einem freundlichen Polizeibeamten nach seinem Personalausweis gefragt werden.
Personalausweis
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ohne "aus"
wäre es ein Personalweis
Was wäre der Personalausweis ohne sein aus? Ein Personalweis. Klingt ziemlich
komisch. Wäre aber eigentlich richtig, da weisen vom mittelhochdeutschen wīsen –
erscheinen, sehen, wissen – stammt.
Und der Personalausweis ist bei einem ausgelassenen Menschen, der einen über
den Durst getrunken hat, schon wichtig. Denn die Sprechmuskeln gehorchen ihm
dann nicht mehr so richtig. Und wenn er dann auch noch aus einer bestimmten
Region stammt, in der ein Dialekt gesprochen wird, kann es schon einmal
unverständlich werden.
Etwas Grammatik
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Der Wind weht
aus ...
Aus einer bestimmten Region: Aus ist auch eine Präposition, die hauptsächlich mit
dem Dativ verwendet wird und meist eine Richtung angibt. Also zum Beispiel aus
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einem Glas trinken oder etwas aus dem Gedächtnis wiederholen oder – ganz
wörtlich was die Richtung betrifft – der Wind weht aus Osten.
Das "Aus" findet man von A bis Z, von ausbaden bis Auszug, als Präfix unzähliger
Verben, wie auswechseln, auswerten, ausbreiten. Und ohne weiteres können wir
durch Substantivierung vom Verb zum Nomen kommen – zur Auswechslung,
Auswertung, Ausbreitung etwa.
Schluss! Aus !
Und nun "Schluss! Aus! Ruhe! Genug ge"aus"t. Das Licht wird ausgemacht. Und
das übernimmt bekanntlich der Letzte, der nicht mehr weitermacht.
Fragen zum Text
Nicht richtig ist der Spruch: …
1. Der Ball ist aus!
2. Der Ball ist drin!
3. Der Ball ist drauf!
Folgt jemand einer Einladung und muss selber nicht bezahlen, dann …
1. gibt der andere einen aus.
2. macht man einen drauf.
3. geben beide aufeinander Acht.
Folgendes Nomen gibt es nicht: …
1. Ausheckung.
2. Ausweisung.
3. Ausschweifung.
Arbeitsauftrag
Es gibt unzählige Wörter im Deutschen mit "Aus". Suchen Sie sich mindestens
zwanzig heraus. Bilden Sie daraus möglichst lange sinnvolle Sätze, wie zum
Beispiel "Bei einem Ausbruch werden die Wärter ausgebootet, ausgenommen
diejenigen, die ausdrücklich …"
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Auf Leben und Tod
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Fausts Pakt mit dem Teufel:
Leben und ... Tod
In den Tag hinein lebt der Nichtsnutz, hinter dem Mond der Ahnungslose.
Todlangweilig sind manche Schulstunden, zum Totlachen manche Sketche.
Lebensbedrohlich ist beides aber nicht.
Der Tagelöhner lebt von der Hand in den Mund, er hat keine Sicherheit und muss
jeden Tag aufs Neue überlegen, wovon er am nächsten Tag lebt. Der Millionenerbe
dagegen lebt in Saus und Braus, kann schadlos verschwenden und genießen. Leben
könnte er, wenn er wollte, wahlweise auch wie Gott in Frankreich, also kulinarisch
auf höchstem Niveau, mit allen Genüssen, die Küche und (Wein-)Keller zu bieten
haben. Wer es sich auf Kosten anderer gut gehen lässt und seine Mitmenschen
ausnutzt, wird verständlicherweise weniger charmant beschrieben. Das ist dann
jemand, der wie die Made im Speck lebt.
Immer eine Nummer zu groß
Wer dagegen auf großem Fuße lebt, macht das nicht unbedingt, indem er andere
ausnutzt. Aber er lebt betont anspruchsvoll, fährt ein schickes Auto, trägt edle
Kleidung und teure Uhren und macht kostspielige Urlaubsreisen.
Zuweilen lebt er dann über seine Verhältnisse, kann sich den aufwändigen
Lebensstil eigentlich gar nicht leisten und versinkt deshalb immer mehr im
Schuldenberg – nicht selten, bis ihm das Wasser bis zum Halse steht und er alles zu
verlieren droht. Das süße Leben kann also ganz schön gefährlich sein.
Ach die Liebe
Für Verliebte dagegen sind Geld und Luxus nicht wichtig. Sie leben im
Wolkenkuckucksheim, in einem Zustand fernab des Alltags, im Kopf nichts anderes
als den anderen, den sie – von Zuneigung erfüllt – anhimmeln.
Lange hält so ein Liebesrausch selten – so ist das Leben. Und wenn der eine oder
die andere dann eine neue Liebe findet, ist der Zurückbleibende todtraurig. In
vielen Fällen endet das Ganze aber auch – zumindest vorläufig – glücklich, man
reicht einander die Hand fürs Leben und heiratet.
Ferne Welten
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Nun können aber auch nichtverliebte Menschen die Bodenhaftung verlieren und
allzu vergeistigt im realitätsfernen Elfenbeinturm leben.
Sie beschäftigen sich zum Beispiel mit komplexen Theorien oder peniblen
Messungen, Dinge, die für andere todlangweilig sind, was aber meist nicht
lebensbedrohlich ist, genauso wenig wie Geschichten zum Totlachen.
Hinter dem Mond ist es einsam
Nun gibt es verschiedene Grade der Realitätsferne: Bedenkenlos und naiv ist, wer
einfach so in den Tag hinein lebt, ohne an die Zukunft zu denken, an notwendige
Absicherung und seine Verantwortung für Familie und Freunde.
Hinter dem Mond dagegen lebt jener, der keine Ahnung hat von der Welt: Jemand,
der glaubt, dass der Klapperstorch die Kinder bringt, das Land am besten von
einem edlen mächtigen Herrscher regiert wird, und dass er irgendwann ohne lange
und mühsame Erkenntnis die Lösung für alle Probleme der Welt findet. So jemand
lebt in seiner eigenen Welt, in der nur deshalb alles so schön zu funktionieren
scheint, weil sie eben nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Praktisch, feinsinnig und tolerant
Das Gegenteil davon sind Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden
stehen. Diese Art Bodenhaftung mit einem guten Gleichgewicht gilt weniger für
eine Körperbalance, sondern bezieht sich vor allem auf den Realitätssinn von
Menschen und ihren Sinn für das Notwendige und Mögliche.
Wer es darüber hinaus noch schafft, einen ausgeprägten Stil zu besitzen, dem sagt
man Lebensart nach. Solche Menschen haben klare Vorstellungen davon, wie ihre
Kleidung, ihre Wohnung und ihre Möbel aussehen sollen und auch, welche Bücher
sich zu lesen lohnen oder welche Kunstrichtung intelligent und welche banal ist.
Allerlei Alterserscheinungen
Weniger auf Geschmack als auf die innere Haltung zielt das Motto: Leben und
leben lassen. Es ist das Prinzip der Toleranten, egal welche Lebensweise andere
haben, an welchen Gott sie glauben oder was sie auf ihrem Speisezettel meiden.
Diese Art Weisheit hat oft etwas mit dem Alter zu tun, aber leider nicht immer.
Klar ist, wir verändern uns mit den Jahren. In der Blüte des Lebens stehen meistens
Menschen, die ihre Jugend schon deutlich hinter sich haben. Eine genaue
Festlegung per Duden gibt es nicht, die Zuschreibung hängt genauso wie die
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Empfindung von Schönheit immer vom Betrachter ab. Doch meistens wird diese
Blüte irgendwo zwischen 40 und 60 Jahren gesehen.
Todsicheres
Danach verbringt man dann seinen Lebensabend. Nicht wenige Deutsche tun das
übrigens im Ausland, dort, wo es wärmer und schöner ist. Ob es einem in der
Fremde wirklich besser geht als in der Heimat, ist nicht gewiss, nur, was danach
kommt, ist sicher.
Ausgezeichnet
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Die höchste Auszeichnung im
Fußball
Längst nicht alles was ausgezeichnet ist, ist auch ausgezeichnet. Ein
ausgezeichnetes Essen hat seinen Preis, braucht aber keinen. Ein Jackett hat
ebenfalls seinen Preis, der aber muss ausgezeichnet sein.
"Ja großartig! Ganz wunderbar! Ausgezeichnet!" Wer hörte das nicht gerne, zum
Beispiel nach einer Arbeit, wenn sie nicht nur gelungen, sondern besser, sogar viel
besser als erwartet ausgefallen ist. Das Abendessen, ein Linseneintopf,
ausgezeichnet zubereitet, lecker gewürzt mit Lorbeeren, für die es dann auch
Lorbeeren gibt, also viel Lob und Anerkennung. Der Koch im Restaurant erhielte
für das Gericht einen Stern, in der eigenen Küche erfolgt die Auszeichnung über
strahlende Augen der Freunde und vielleicht noch über einen Kuss der Liebsten.
Gut, besser, ausgezeichnet.
Im Allgemeinen bekommt jemand eine Auszeichnungen, der es verdient hat.
Auszeichnungen werden verliehen, doch wer sie einmal hat, braucht sie nicht
wieder zurückzugeben. Nehmen wir ein Beispiel: Das Bundesverdienstkreuz. Eine
Auszeichnung, die an in- und ausländische Bürgerinnen und Bürger verliehen
wird, die sich um die Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht haben.
Zu ganz besonderen Anlässen verleiht der Bundespräsident höchstpersönlich diese
hohe Auszeichnung. Ehrensache, dass man zu solchen Ehrungen persönlich
hingeht. Doch Auszeichnungen vor Publikum sind nicht jedermanns Sache. So hat
sich einmal ein berühmter Sportsmann sein Bundesverdienstkreuz heimlich still
und leise überreichen lassen.
Auszeichnung hat ihren Preis
Schwer vorzustellen, dass gerade die allerhöchsten und begehrtesten
Auszeichnungen denen, die sie erhalten sollen, nicht unbedingt willkommen sind.
Der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus verfiel in
Depressionen als er erfuhr, dass er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet
werden sollte.
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Er fühlte sich dieser Ehre - und wie er sagte ‚Bürde’ - nicht gewachsen. Schließlich
fuhr er doch nach Stockholm und nahm 1957 die höchste Auszeichnung, die es für
Schriftsteller gibt, aus den Händen des schwedischen Königs entgegen. Sieben
Jahre später lehnte Jean-Paul Sartre den Preis aus politischen Gründen ab.
Der doppelte Oscar und mehrfach Ausgezeichnetes
Vielleicht noch populärer als der Nobelpreis ist die höchste und auch begehrteste
Auszeichnung für Filmschaffende: Der OSCAR. Vergeben wird er seit 1929 und
zwar von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Oscar soll seinen
Namen Margaret Herrick, einer Sekretärin bei der Academy, verdanken. Sie soll
beim Anblick der kleinen Statue ausgerufen haben: ‚Der sieht ja aus wie mein
Onkel Oscar!’
Denen, die den OSCAR verliehen bekommen, wird das ziemlich egal sein. Wer
diese Auszeichnung erhält, hat ausgezeichnete Chancen, sich auch weiterhin in
großen Filmstreifen auszuzeichnen. Zu entsprechenden Honoraren, versteht sich.
Ausgezeichnetes kaufen
Honorare sind zwar Preise, aber nicht die, welche uns in der Konsum- und
Warenwelt anzeigen, was wie viel kostet. Zumindest in Deutschland müssen
Waren aller Art ausgezeichnet werden, also mit Preisen versehen sein. Eine Jacke
im Schaufenster für 145 Euro, darf im Laden nicht für 200 verkauft werden. Ist das
Jackett zu diesem Preis beispielsweise aus feinstem irischen Tweed und auch noch
ausgezeichnet, also sehr gut verarbeitet, kann man durchaus von einem
ausgezeichneten Preis-Leistungsverhältnis sprechen.
Das Wort "ausgezeichnet" kann Adjektiv und Adverb sein. Kleines Beispiel: Die
"ausgezeichnete Beratung" im Fachgeschäft, da haben wir das Adjektiv, und: "wir
wurden ausgezeichnet beraten"; das Adverb. Auch die Werbung spielt mit dem
Wort "ausgezeichnet". Da gibt es die "ausgezeichneten Preise", die man – bitte
schön – aufgrund der Auszeichnung überprüfen und dann zu dem Schluss kommen
kann, sie sind wirklich ausgezeichnet. Donnerwetter! Die ganze Einbauküche mit
allen Geräten – auch noch von Markenherstellern - zu diesem Preis?
Ausgezeichnet!
Mit Zucker
Unternehmen und Betriebe, die herausragende Leistungen in ihrer Branche zu
bieten haben, werden mit Preisen und Auszeichnungen belohnt, die von Handels –
und Industrieverbänden verliehen werden. Da gibt es zum Beispiel den "Goldenen
Zuckerhut" für Unternehmen der Lebensmittelbranche; Insidern als "BranchenOscar" bekannt
Fragen zum Text
Wenn man für ein gekochtes Essen Lorbeeren erntet,...
1. wird man kritisiert.
2. wird man gelobt.
3. schmeckt es sehr schlecht.
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Wie heißt die höchste Auszeichnung für Filmschaffende?
1. Oscar
2. Peter
3. André
Wenn Waren ausgezeichnet werden,...
1. werden sie mit Preisen versehen.
2. werden sie kaum getragen.
3. sind sie meist teuer.
Arbeitsauftrag
Ausgezeichnet! Bilden Sie 10 Sätze mit dem Wort ausgezeichnet.
Backen
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Zu Weihnachten haben sie
Hochkonjunktur: Plätzchen
Lebkuchen, Zimtsterne, Spekulatius: Wer verbindet dieses Gebäck nicht mit
Weihnachten? Besonders zu dieser Zeit erfüllt der Duft von
Selbstgebackenem viele Küchen. Zurück geht das Backen auf eine
germanische Tradition.
"Gut Ding will Weile haben", sagt das Sprichwort. Die Experten meinen, ungefähr
zwei Wochen müsse das Meiste ruhen, damit es sein volles Aroma entfalten kann.
Das sollte man einplanen, wenn man etwa Selbstgebackenes pünktlich zu
Weihnachten haben will. Gerade in der Weihnachtszeit wird gerne selbst
gebacken, aber warum?
Opfergaben
In diese Zeit fällt auch die Wintersonnenwende. Genau die war seit Urzeiten
Anlass, dem Sonnengott Opfer zu bringen. Bei den germanischen Völkern lässt
sich schon sehr früh Gebackenes als Opfergabe nachweisen.
Und aus Mehl und Honig hergestelltes Backwerk war tatsächlich der Vorläufer
unseres heutigen Weihnachtsgebäcks. Das Wort Gebäck bezeichnet in der
Alltagssprache übrigens alle Backwaren, die auf einem Backblech im Ofen
gebacken werden. Es kann süß, herzhaft oder salzig sein.
Gebäckarten
Das Weihnachtsgebäck ist traditionell immer süß: Honigkuchen, Spekulatius, Leboder Pfefferkuchen, Springerle, Spritzgebäck, Zimtsterne sind nur einige Sorten.
Springerle? Lebkuchen? Spekulatius? Pfefferkuchen?
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Nun, Springerle sind Anis-Plätzchen, die ebenso wie das Spritzgebäck und
Zimtsterne eigentlich auf keinem Weihnachtsteller fehlen dürfen. Das Spritzgebäck
heißt deshalb so, weil es aus einer Tüte auf das Backblech "gespritzt" wird. Der
Spekulatius ist ein Gebäck, das früher meist den Heiligen Nikolaus darstellte.
Seinen Namen hat der Spekulatius wahrscheinlich vom lateinischen "specere",
was "sehen, schauen" bedeutet. Denn Spekulatius ist immer ein Abbild von etwas
– etwa einem Tier oder einem Menschen.
Pfefferkuchen ohne Pfeffer
Und der Leb- oder Pfefferkuchen? Muss man sich auf heftige Niesanfälle
einstellen, weil Pfeffer in den Backteig muss? Weit gefehlt. Der heißt nicht etwa
deshalb so, weil in den Backteig Pfeffer gehört, sondern weil alle Gewürze, die
man für seine Herstellung benötigt, aus den so genannten Pfefferländern stammen.
Neben Honig kommen noch orientalische Gewürze wie Zimt, Nelken, Anis,
Kardamom, Koriander, Ingwer und Muskat in den Teig hinein. Den Lebkuchen,
der namentlich auch als Pfeffer-, Gewürz- oder Honigkuchen daherkommt, gibt es
in vielen verschiedenen Formen. Bei Kindern beliebt ist das Lebkuchenhaus. Es
wird mit Zuckerguss und Süßigkeiten verziert.
Keine Angst vor Gebäckdosen
Nun, ein Lebkuchenhaus und auch das Gebäck überleben manchmal den
Weihnachtstag nicht, weil Naschkatzen am Werk sind. Sie scheuen nicht davor
zurück, so oft wie möglich in die Gebäckdosen hineinzugreifen. Dort sollte das
Gebäck nämlich aufbewahrt werden, damit es frisch bleibt.
Selbstverständlich gibt es für die Herstellung des Weihnachtsgebäcks oder der
Weihnachtsplätzchen – wie sie auch heißen – die unterschiedlichsten Backformen.
Mit ihnen werden aus dem Backteig die Backfiguren ausgestochen. Wer aber seine
Freizeit nicht in der Küche am Backofen verbringen will, der sollte zur Bäckerei
gehen und sich dort Gebäck kaufen.
Backen und Bäcker
Natürlich stellt der Bäcker auch zur Weihnachtszeit nicht nur Gebäck her, sondern
auch alle anderen Backwaren wie Brot und Brötchen.
Was auch immer er backen will, zuerst muss er einen Backteig machen. Was dort
hineinkommt, hängt von dem Backwerk ab: Mehl, Fette, Eier, Salz oder Zucker,
Backpulver oder Backhefe, Gewürze. Der Teig wird dann in die richtige Form
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gebracht und kommt in den Backofen. Der Teig wird dort "durch Hitze trocken
und genießbar gemacht". Diesen Vorgang nennt man backen.
Traditioneller Beruf
So einfach wie das klingt, ist es nicht. Denn beim Backen geht es um mehr, als nur
ums Teigkneten. Beachtet werden müssen zum Beispiel auch Backtemperatur,
Backzeiten und die richtige Mischung der Zutaten.
Schließlich ist Bäcker ein traditionell angesehener Handwerksberuf. Die Zunft der
Bäcker wachte schon im späten Mittelalter darüber, dass in den Backstuben alles
seine Ordnung hatte – bis heute. Heutzutage heißt die Zunft "Innung".
Fragen zum Text
Wenn Teig auf ein Blech gespritzt und gebacken wird, dann ist das …
1. Backgespritztes.
2. Spritzgebackenes.
3. Ofengebäck.
Pfefferkuchen wird so genannt, weil …
1. er mit Pfeffer gebacken wird.
2. man niesen muss, wenn man ihn isst.
3. die Zutaten aus Ländern kommen, in denen Pfeffer angebaut wird.
Ein Bäcker ist ein …
1. Handwerker.
2. Musiker.
3. Maler.
Arbeitsauftrag
Finden Sie mindestens zehn Wörter, in denen der Wortstamm "backen" vorkommt.
Schreiben Sie eine kurze Geschichte über jemandem, der Plätzchen oder einen
Kuchen backt. Verwenden Sie die von Ihnen herausgefundenen Wörter in der
Geschichte.
Zum Baden freigegeben
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Hartgesottene Badeurlauber
halten fast alles aus!
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Baden kann man im Meer, aber auch in der Badewanne. Ein Genuss ist
außerdem der Besuch von Badetempeln, die in Bad Pyrmont oder BadenBaden stehen. Dort kann man, wenn man will, auch ein Bad in der Menge
nehmen.
Es tut gut, je nach Wassertemperatur. Es macht zudem Spaß und ist mitunter
notwendig. Es kann in geschlossenen Räumen stattfinden, aber auch im Freien. Die
Rede ist vom Baden.
Baden im Wasser
Wer im Sommer an Baden denkt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit herrliche
Badestrände in Badeorten vor Augen, Badeseen oder den ehemaligen Baggersee,
der zum Baden freigegeben wurde.
Dieser hat vielleicht sogar einen richtigen kleinen Strand mit weißem Sand, auf
dem man sein Handtuch ausbreiten, lange Sonnenbäder nehmen und die aus dem
Wasser steigenden Badenixen beobachten kann. Beim Anblick der jungen Damen
im knappen Bikini möchte mancher gerne wieder ein Bad nehmen. Wahre
Badeparadiese mit Wellenbädern und Riesenrutschen sind die Hallen- und
Freibäder.
Baden in der Menge
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Eine
Badenixe!Auch Politiker, Schauspieler und andere Persönlichkeiten, die im
Rampenlicht stehen, nehmen gerne ein Bad – nämlich eines in der Menge. Sie
schütteln dann Hände, küssen Kinder, lassen sich mit Hänschen oder Lieschen
Müller fotografieren – kurzum sie genießen es, bewundert zu werden.
Besonders häufig finden diese Bäder in der Menge statt, wenn ein bestimmtes Ziel
erreicht werden soll. So suchen Politiker im Wahlkampf gerne den direkten
Kontakt, wenn sie neue Wähler gewinnen wollen. Schauspieler verteilen gerne
Autogramme, bevor sie zur Präsentation ihres neuen Filmes eilen.
Sind Sie schon baden gegangen?
Je nachdem können sie mit diesem Film aber baden gehen. Baden gegangen ist
jemand, dem eine Sache gründlich misslungen ist. Im schlimmsten Fall kann es
sogar den – meist beruflichen – Untergang bedeuten.
Daher ist das Bad im Meer oder im See im Urlaub immer noch die beliebteste Art,
baden zu gehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Man steigt ins Wasser, um ein Bad
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zu nehmen, das heißt sich im Wasser ein bisschen abzukühlen. Die ehrgeizigen
Badegäste schwimmen weit ins Meer hinaus und haben nur einen verächtlichen
Blick übrig für diejenigen, die lediglich baden gehen.
Badewannen, Badetempel und Badezimmer
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Auch so kann
man eine Badewanne nutzen: Bei einem WettrennenBäder können nicht nur im
Meer oder See und in der Menge, sondern auch in der heimischen Badewanne
genommen werden. Und diese steht in der Regel im Badezimmer. Wer es ganz
besonders komfortabel haben will, der begibt sich in einen der zahlreichen Kurund Badeorte. Diese bieten in ihren ebenso zahlreichen Badetempeln alles, was das
Baden zum wohligen Vergnügen macht.
Diese Badetempel sind keine Tempel, in denen man sich zum Gebet oder zur
Kontemplation aufhält. Entspannung bieten sie aber dennoch. Dampfbäder,
Salzgrotten, Aromatherapien, Saunen, Solbäder – jede Menge wird demjenigen
geboten, der sich in einem dieser Badetempel aufhält. Medizinische Bademeister
und Bademeisterinnen bereiten zum Wohle der Badegäste Moor- und andere
Heilbäder zu, machen Bewegungstherapien und sorgen so dafür, dass eine
Badekur zum Heilerfolg führt.
Bade-Städte
Und nicht selten finden diese Badekuren dann auch in Städten statt, die das Bad im
Namen tragen: Bad Pyrmont, Bad Oeynhausen, Bad Reichenhall, Wiesbaden,
Wildbad – um nur einige wenige zu nennen.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ein Bad nehmen
im Friedrichsbad von Baden-BadenEine Stadt trägt das Bad sogar doppelt im
Namen: Baden-Baden. Und das hat einen ganz einfachen Grund: Man wollte nicht
mit anderen Städten wie Baden bei Wien oder Baden in der Schweiz verwechselt
werden. Deshalb wurde die Region, in der die Stadt liegt, nämlich Baden, dem
Namen einfach hinzugefügt. Taucht also das Wort Bad oder baden in einem
Städtenamen auf, ist das ein Hinweis darauf, dass es dort Heilquellen gibt. Das
Wort Bad ist denn auch erstmals im 8. Jahrhundert verzeichnet, – und zwar in der
Bedeutung eines Dampfbades. Als Verb bedeutete baden erhitzen.
Kinder nicht zu heiß baden
Erhitzt steigt auch jemand aus der Badewanne, die im Badezimmer steht. Aus den
Nasszellen von früher, in denen man sich nur schnell wusch, sind inzwischen oft
richtige Wohlfühloasen mit Whirlpools und ähnlichem Schnickschnack geworden.
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Der frisch Gebadete steigt in seine Badeschlappen, zieht sich den Bademantel über
– eine Badehose oder einen Badeanzug hat er oder sie im heimischen Badezimmer
wahrscheinlich nicht an – und macht es sich anschließend gemütlich. Vielleicht mit
einem guten Buch.
Kommt dann jemand herein und wirft ihm an den Kopf "Du hast wohl zu heiß
gebadet" oder "Du bist als Kind zu heiß gebadet worden", dann darf er mit Fug
und Recht böse auf ihn oder sie sein. Denn dann will man Ihnen deutlich machen,
dass Sie nicht besonders klug sind. So als ob Ihr Gehirn – im bildlichen Sinne –
geschrumpft ist wie ein Pullover, der zu heiß gewaschen wurde.
Pack' die Badehose ein
Bei den Betrachtungen über das Bad dürfen wir die Bäder der wahren
Fotoliebhaber nicht vergessen, die ihre Fotos noch per Hand entwickeln. Die
Negative werden in verschiedene Bäder – Entwicklungs-, Stopp-, Fixierbäder –
getaucht, bis das Ergebnis sichtbar ist. Wenn die Urlaubsbilder dann entwickelt
sind, kann man sehen, mit wem man im Urlaub so gebadet hat. Und mit einem
Liedchen auf den Lippen kann man sich auf den nächsten Badeurlaub freuen:
"Pack' die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein,
Und dann nischt wie raus nach Wannsee
Ja wir radeln wie der Wind durch den Grunewald geschwind,
Und dann sind wir bald am Wannsee.
Hei, wir tummeln uns im Wasser
Wie die Fischlein, das ist fein
Und nur deine kleine Schwester
Nee, die traut sich nicht hinein
Pack' die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein
Denn um Acht müssen wir zuhause sein …"
(Cornelia Froboess: "Pack' die Badehose ein")
Fragen zum Text
Eine Badenixe ist …
1. eine wasserfeste Puppe.
2. die Bezeichnung für hübsche Frauen im Badeanzug.
3. eine sprachliche Tautologie.
Hänschen oder Lieschen Müller bedeutet hier im Text …
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1. irgendjemand in der Menge.
2. ein Mann oder eine Frau mit den Namen Hans und Elisabeth Müller.
3. zwei Prominente, die sich auch fotografieren lassen wollen.
Solbäder sind …
1. besondere Badezimmer.
2. Bäder in Salzwasser.
3. Badeorte mit speziellen Kuren.
Arbeitsauftrag
Informieren Sie sich über die Geschichte von Baden-Baden. Teilen Sie Ihre
Gruppe in mehrere Einzelgruppen auf. Jede Einzelgruppe befasst sich mit einer
Epoche und stellt die Ergebnisse der Entwicklungsgeschichte anschließend in
einem Referat vor. Verwenden Sie für die Präsentation – wenn möglich – alle
verfügbaren Medien.
Ballhörner
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: "Was ewig währt, wird endlich
gut"
Werbeslogans arbeiten damit, mit "Verballhornungen". Auch Redensarten
bieten sich an. Wörtlich darf man den Begriff nicht nehmen. Namensgeber
war ein deutscher Buchdrucker, rechtschaffen, aber nicht ganz so korrekt.
Neulich im Fischrestaurant: Die Laune war nicht besonders gut nach der Mahlzeit,
man hatte schon besser gegessen, aber immerhin hatte der Magen etwas zu tun. Es
heißt ja, der Hunger treibt’s hinein; in diesem Fall waren es Schollenfilets
gewesen, die tief gefroren auf den Grill geknallt worden waren und dann auf dem
Teller ihre vorletzte Ruhestätte gefunden hatten.
Ausgelassene Slogans
Was nach den Schollenfilets versöhnlich stimmte, war die Rechnung. Keineswegs
wegen des Preises, sondern auf Grund des Aufdrucks ganz unten auf dem Zettel.
Da stand zu lesen: "WE FISH YOU A MERRY CHRISTMAS!". Ob man das nun
witzig oder nur doof findet, bleibt jedem selbst überlassen. Raffiniert ist es alle
Mal. Auch über die Tragetaschen, die in dieser Fischrestaurantkette gereicht
wurden, hatte sich ein Werbetexter so seine Gedanken gemacht: "Fisch verliebt"
prangte es auf diesen in großen Lettern.
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Da wurde einfach ein Buchstabe weggelassen und schon war ein Slogan geboren,
der – ob man will oder nicht – im Gedächtnis bleibt und somit seinen Zweck
erfüllt. Außerdem: Er wird verstanden. Nicht zuletzt deshalb, weil er
gewissermaßen automatisch von uns korrigiert wird. Es heißt natürlich richtig:
"Frisch verliebt" und "WE WISH YOU A MERRY CHRISTMAS!".
Herr Ballhorn war's
Man nennt solche willkürlichen Veränderungen in sprachlichen Ausdrücken
"Verballhornungen". Nun verbirgt sich hinter diesem holprig klingenden Wort kein
Begriff aus der Sprachwissenschaft. Die "Verballhornung" stammt von einem
Eigennamen und zwar von einem Herrn namens Johann Ballhorn. Herr Ballhorn
lebte im 16. Jahrhundert, war Buchdrucker und überhaupt ein rechtschaffener
Mann.
Die Anekdote will, dass er eine Ausgabe des Lübecker Stadtrechts verlegte, deren
ältere Fassung er fehlerhaft korrigiert hatte, so dass die neue Fassung nicht nur die
alten Fehler, sondern zusätzlich neue enthielt. Wir würden heute sagen, Herr
Ballhorn hat "verschlimmbessert". Zur Ehrenrettung des braven Buchdruckers
muss erwähnt werden, dass die Wissenschaft davon ausgeht, zwei Juristen des
Lübecker Stadtrats hätten zumindest einen Großteil der "Verschlimmbesserungen"
im Wortlaut des Stadtrechts zu verantworten.
Arme Redensarten!
Wie auch immer; Ballhorn hatte den Schwarzen Peter und wir wissen ja. "Wer den
Schaden hat, spottet jeder Beschreibung". Oder wie es richtig heißt: "Wer den
Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen."
Redensarten bieten sich geradezu an für Verballhornungen. Oft genügen
geringfügige Veränderungen: "Was lange gärt, wird endlich Wut" oder "Fliegen
haben kurze Beine", und schon ist der zugrunde liegende Ausdruck völlig
sinnentstellt. Aber die Verballhornung ist nicht nur gewolltes oder ungewolltes
Sprachspiel.
Sturmwind in der Hechtsuppe
Wenn beispielsweise ein Wort aus einer Sprache in eine andere übergeht, zum
Beispiel durch lautliche Angleichung oder Verschiebung, können ebenfalls
Verballhornungen das Ergebnis sein. "Es zieht wie Hechtsuppe", sagen wir ganz
selbstverständlich, wenn der Wind durch Tür- und Fensterritzen pfeift und
natürlich hat dies nicht das Geringste mit Hechtsuppe zu tun; aber mit dem
jiddischen Wort "hech supha", das "Sturmwind" bedeutet.
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Wer kommt so ohne weiteres drauf, dass "Hokuspokus" auf das Lateinische "hoc
est enim corpus meum – denn dies ist mein Leib" zurückzuführen ist. Natürlich
nicht, was die Bedeutung angeht, sondern die Lautung, die oft nicht genau
verstanden und so im Laufe der Zeit verschliffen wiedergegeben wurde.
F(r)isch verliebt
Die Hechtsuppe bringt uns wieder ins Fischrestaurant zurück, wo sich gerade zwei
"fisch Verliebte" einen Meeresimbiss geholt haben und zielstrebig das Lokal
verlassen. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch" fällt uns da ein, aber das wissen
die beiden selber.
Banane
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Josephine Baker im
Bananenkostüm
Klein bis groß, dick bis dünn, grün bis gelb – aber in der Regel krumm. So
kennt man sie, die Banane. Eine Tänzerin verhalf ihr zum wahrscheinlich
ersten künstlerischen Ruhm.
Die Deutschen scheinen sie ganz besonders zu mögen. Immerhin liegt der jährliche
Verbrauch pro Kopf etwa zwischen dreizehn und vierzehn Kilogramm. Es gab eine
Zeit, so um das Jahr 1990, da stieg der Verzehr vor allem im Osten der Republik
auf durchschnittlich 26 Kilogramm – auf das Jahr gerechnet. Bananen waren in der
früheren DDR Mangelware.
Glücksbringer
Gerade während der dunklen, nasskalten Monate erfreut sich die lange, gelbe
Beerenfrucht bei den Deutschen besonderer Beliebtheit. Man holt sich den
Sommer in gewisser Weise ins Haus, da die Fruchtauswahl nicht so groß ist.
Und, Bananen sollen auch glücklich machen. Sie enthalten nämlich viel Serotonin.
Das ist jener chemische Botenstoff, der das Gehirn anweist, besonders in der
dunklen Jahreszeit die hellen Seiten des Lebens wahrzunehmen.
Beerenfrucht
Ballaststoffe, Vitamin B und C sind ebenfalls reichlich in den krummen Dingern
enthalten. Und wer gar Probleme mit Darm und Nieren hat, sollte besonders oft zu
der Beerenfrucht greifen. Die Banane, eine Beerenfrucht?
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Es stimmt. Bananen gehören wie zum Beispiel Kiwis, Melonen und Datteln auch
zu der Art der Beerenfrüchte. Botanisch heißt die Familie Musaceae. Es gibt
ungefähr zweihundert Bananenarten, die allesamt an Stauden und nicht auf
Bäumen wachsen.
Alexander und die Banane
Bananen stammen aus Asien. Es gilt als sicher, dass Alexander der Große sie
während seines Indienfeldzuges kennen gelernt hat. Das war vor gut 2300 Jahren.
Inzwischen denkt man bei Bananen wohl eher an die Karibik, an Lateinamerika, an
Länder wie Ecuador und Brasilien. Dort werden die meisten Bananen angebaut.
Allerdings erst seit dem 16. Jahrhundert. Die Portugiesen hatten die
Bananenpflanzen mitgebracht. Das Wort "Banane" kommt auch vom
portugiesischen banana. Dieses wiederum entstammt einer Mundart Guineas.
Banane als Politikum
Bei Bananen denkt man aber auch an handelspolitische Streitigkeiten und an die
Macht großer US-amerikanischer Handelskonzerne.
So wurde ein Handelsstreit zwischen den USA und der Europäischen Union erst
2001 beigelegt. Auslöser war eine Quotenregelung, die die Europäische Union
1993 für den Import von Bananen aus den so genannten Bananenrepubliken
beschlossen hatte.
Bananenrepublik
Zunächst hießen so die überwiegend mittelamerikanischen Staaten, die nur oder
überwiegend Bananen produzierten und exportierten. Vermutlich zu Beginn des
20. Jahrhunderts bekam der Begriff Bananenrepublik eine negative Bedeutung.
Der US-amerikanische Schriftsteller O. Henry soll ihn in einer Geschichte
verwendet haben.
Wenn heutzutage von einer Bananenrepublik gesprochen wird, dann meint man
damit ein Land, in dem Korruption, Verbrechen und undemokratische Zustände
herrschen.
Die Baker
Über die Banane kann man nicht sprechen, ohne sie zu erwähnen: Josephine
Baker. Die wohl berühmtesten, schönsten und verführerischsten Bananen, die es
jemals gegeben hat, waren jene 16 Stück, die die unvergleichliche schwarze
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Tänzerin in den zwanziger Jahren in zwei Showveranstaltungen in Paris zu einer
Art Minirock zusammengeführt hatte.
Nun, und dieser Rock bestand aus – krummen Bananen. Wobei wir bei der Frage
sind, die fast jedes Kind stellt: "Warum sind die Bananen krumm?"
Nicht gerade gebogen
Die botanische Antwort ist leicht: Bis zu 16 Bananen liegen in einem Kranz
übereinander und hängen an der Staude gerade nach unten. Bald beginnen sie aber,
sich nach der Sonne zu strecken. Und weil sie seitlich aus dem Staudenkranz
herauswachsen, müssen sie sich stark krümmen. Aber manche Witzbolde glauben
immer noch an den Scherz, dass bisher noch niemand in den Urwald zog und sie
gerade bog. Oder – dass die Banane ja sonst nicht in die Schale passen würde.
Fragen zum Text
Bananen enthalten den chemischen Stoff …
1. Sagrotan.
2. Serotonin.
3. Fluor.
Das Wort Bananenrepublik bedeutet, dass …
1. es in einem Land viel Korruption gibt.
2. ein Land nur aus Bananen besteht.
3. in einem Land Bananenbäume angebaut werden.
Bananen strecken sich … Sonne.
1. nach der
2. ab der
3. über die
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie einen Dialog zwischen einem Kind und seinen Eltern. Das Kind
sieht zum ersten Mal eine Banane und fragt seine Eltern aus. Zum Beispiel: Wo
wächst die Banane? Warum ist sie krumm?
Verbindendes Band
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Von einem Band
zusammengehalten
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Wenn mal wieder alle Bänder stillstehen, ist klar: Betroffen sind hier weder
Maßbänder noch Tonbänder noch Haarbänder, sondern die Fließbänder in
den Betrieben. Leider ist die Sache nicht immer so eindeutig.
Das Wort Band umfasst eine außergewöhnliche Bandbreite von Bedeutungen. Die
Bandbreite selbst ist eine davon. Doch beginnen wir beim Ursprung, dem Streifen
Gewebe oder Stoff, mal länger, mal kürzer, schmal oder breit, aus
unterschiedlichstem Material und in allen denkbaren Farben. Da haben wir die
bunten Bänder an Trachten und Kostümen, die Bänder am Maibaum, das Band im
Haar und das Band zum Zusammenhalten von allen möglichen Gegenständen, die
sich mit Band oder Bändern zusammenbinden oder zusammenkleben lassen. Mit
Klebeband.
Bewegte Bänder
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Fließbandarbeit
Anno 1971Mit diesem sollte man tunlichst nicht diese Bänder bekleben. Das
Kürzel Bänder steht für Fließbänder, jener technischen Errungenschaft, die – so ist
es verbrieft – am 16. August 1913 zum ersten Mal eingesetzt wurde. Übrigens in
der Autoindustrie; nämlich bei der Herstellung des legendären Modells Ford T in
den Fabriken von Henry Ford.
Die Fließbandfertigung als Produktionsmethode ist seitdem nicht mehr aus den
Prozessen industrieller Fertigung wegzudenken. Wissenschaftliche
Untersuchungen über die Arbeit am Fließband füllen ganze Bände; in unzähligen
Veröffentlichungen wurde über das Für und Wider der Arbeit am Band
geschrieben.
Binden, Band, verbunden
Band, das Substantiv, ist aufs engste mit dem Verb binden verbunden. In einem
Band, im Sinne von Buch, sind bedruckte Seiten zusammengefasst; sie sind
gebunden – das Gegenteil wären lose Blätter. Auch Blumen kann man binden, zu
einem Blumengebinde, eine zu einem Strauß gebundene Menge einzelner Blumen.
Bänder halten zusammen. Nicht nur Familien und Staaten. Ohne sie könnten wir
uns auch nicht bewegen. Gemeint sind die dehnbaren, sehnenähnlichen
Bindegewebsstränge, mit denen die beweglichen Teile des Knochensystems
miteinander verbunden werden. Wenn solche Bänder überdehnt sind oder sogar
reißen, wird uns eines aufs Schmerzlichste bewusst: nicht nur, dass sie da sind,
sondern dass wir im wahrsten Sinne des Wortes abhängig von ihnen sind.
Außer Rand und Fassband?
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Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Kinder außer
Rand und Band Einen Zusammenhalt anderer Art gewährleisten die Fassbänder,
die das Fass beziehungsweise die Fassdauben zusammenhalten. Wenn sie reißen,
löst sich das Fass in seine Einzelteile auf. Dann geraten die Fässer außer Rand und
Band. Außer Rand und Band sind aber auch Kinder, die nicht gebändigt werden
können. Will heißen, sie laufen durcheinander, sind jeder Kontrolle entzogen.
Band hat nicht nur eine beeindruckende Bandbreite von Bedeutungen, es ist
manchmal auch wie bei den Fließbändern einfach nur eine Abkürzung. Da
sprechen eingefleischte Tontechniker vom Band statt vom Tonband, Schneider
vom Band, wenn sie das Maßband meinen. Und zu Zeiten der Schreibmaschinen
gab es noch das Farbband. Und zu guter Letzt: Ein klar abgegrenzter, schmaler
Frequenzbereich wird in der Nachrichtentechnik kurz Band genannt.
Was ein farbiges Band in der Schifffahrt zu suchen hat
Unter allen farbigen Bändern ist das blaue Band wohl das berühmteste. Im Gedicht
Eduard Mörikes ist es der Frühling, der sein blaues Band wieder durch die Lüfte
flattern lässt; aber das blaue Band gab es wirklich. Die Normandie, 1935 das
schnellste Passagierschiff der Welt, hatte die Atlantikstrecke Le Havre – New
York in Rekordzeit geschafft. Und auch die Rückfahrt nach Cherbourg in vier
Tagen, drei Stunden und 25 Minuten geriet zum Triumph.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: 1935 das
schnellste Schiff der Welt: die NormandieCommodore Pugnet hatte vor Fahrtantritt
heimlich ein dreißig Meter langes Band anfertigen lassen und ließ dieses am
Großmast der Normandie flattern. 30,31 Knoten betrug die
Durchschnittsgeschwindigkeit. Dreißig Knoten, dreißig Meter blaues Band. In den
folgenden Jahren jagten sich französische und englische Luxusdampfer
sprichwörtlich am laufenden Band gegenseitig die Rekorde ab. Mal flatterte das
blaue Band an einem englischen, mal an einem französischen Schiff. Niemals war
dieses Band eine offizielle Auszeichnung, aber es gab es.
Hmm, lecker: blaues Band
Die Speisekarten Europas haben jener Zeit auch das mit Käse gefüllte panierte
Schnitzel zu verdanken. Irgendwann ließ sich ein Schiffskoch zu diesem Gericht
inspirieren und nannte es Cordon bleu. Zu Deutsch: blaues Band. Früher eine
Delikatesse wird es inzwischen in den Fabriken am laufenden Band produziert. Die
Kühltheken in den Supermärkten wollen ja gefüllt werden.
Fragen zum Text
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Das Fließband wurde erstmals eingesetzt von …
1. Adam Opel.
2. Henry Ford.
3. André Citroën.
Herrscht Chaos und Durcheinander, so ist etwas oder jemand ...
1. am laufenden Band unterwegs.
2. außer Rand und Band.
3. vollkommen bindungslos.
Das blaue Band flatterte an Schiffen, die ...
1. besonders schnell waren.
2. sehr viele Passagiere befördern konnten.
3. besonders umweltfreundlich waren.
Arbeitsauftrag
Fließbänder erleichtern für die Unternehmen die Produktion. Diskutieren Sie in
Ihrer Gruppe über die Vor- und Nachteile der Fließband-Arbeit. Erstellen Sie
anschließend eine Zusammenfassung der Diskussionsergebnisse.
Bank
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Wofür braucht man die Bank? –
Am häufigsten zum Sitzen.
Auf eine Bank kann man sich setzen. Denn sie ist ein Möbelstück. Eine Bank
ist aber auch ein Geldinstitut. Und wenn sie als solches kein Geld mehr hat?
Dann ist die Bank bankrott und keiner kann mehr auf sie setzen.
Früher hatte jeder eine Bank, sie galt nicht viel. Entsprechend heißt es in einer
alten Lebensregel: "An der Bank anfangen und am Tisch aufhören". Das heißt:
Klein beginnen und gut enden.
Fürsten vorn und Faule hinten
Wenn man sich für Chancengleichheit stark machen wollte, so lebte man nach dem
Grundsatz, alle "durch die Bank" gleich zu behandeln. Ähnlich ist der Sinn der
vergessenen Wendung "jemanden auf eine Bank mit einem andern setzen". Es geht
hier ursprünglich um eine alte Tischsitte. Bei den Mahlzeiten wurden alle der
Reihe nach ohne Bevorzugung bedient. Durchaus ungewöhnlich, denn im
mittelalterlichen Reichstag hatten die Bänke (z. B. die Fürstenbank) eine strenge
Rangordnung.
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Und gibt es nicht heute auch noch "Hinterbänkler"? Aber ja! Das sind
Abgeordnete, die als mäßig Fleißige oder minder Erfolgreiche auf den hinteren
Plätzen sitzen müssen und dort dadurch auffallen, dass sie nicht auffallen.
ABC und 1, 2, 3
Wofür braucht man die Bank? Die schlichte Antwort "am häufigsten zum Sitzen",
entnommen dem Grimmschen Wörterbuch. Immerhin kennt es insgesamt 316
Bank-Arten: von der "ABCE-Bank" ("auf der ABCE-Bank sitzen" heißt "auf der
untersten Schulbank sitzen") bis zur Zoll-Bank (eigentlich "der Tisch des Zöllners"
wie "die Bank des Wechslers" oder "Spielers"). Die Zollbank ist ein schönes
Beispiel, wie die beiden großen Bank-Arten Möbelstück (Tisch) und Geldhaus
(Wechselbank) eine Verbindung eingehen. Das scheint historisch verbürgt.
Man muss wissen, dass es in Italien üblich war, dass die Geldwechsler ihre
Zähltische (Bänke) im Freien hatten. Der Tisch (italienisch "banca") wurde
umgeworfen oder zerbrochen, wenn sich der Wechsler etwas zuschulden kommen
ließ. Es wurde ihm das Symbol seiner Tätigkeit zerschlagen – "banca rotta ruptus".
Ob "banca rotta" so konkret zu verstehen ist? Der Duden sagt nein. Der Tisch sei
nämlich nie zerschlagen worden. Wer heutzutage bankrott geht, ist seinen
finanziellen Verpflichtungen, meistens einer Bank gegenüber, nicht
nachgekommen.
Kein kurzer Prozess
Von der konkreten Sitzbank abgeleitet ist auch die Wendung "etwas auf die lange
Bank schieben". Diese Redensart entstammt der Welt des Rechts, ihr Ursprung
liegt wahrscheinlich in der Verwendung der Bank als Sitzgelegenheit im
Gerichtssaal. Das Urteil musste ja im Sitzen gefunden werden. Der Richter saß
gewöhnlich auf einem Stuhl, die Schöffen auf der Schöffenbank.
Die Taktik der Prozessverlängerung durch langwierige Verhöre war für den
wiederholten Aufschub und die Verlängerung der Prozessdauer verantwortlich,
durchaus eine taktische Finesse. Die armen entnervten Schöffen waren nämlich
gehalten, bis zur Urteilsfindung auf ihrer Bank auszuharren.
Unbequeme Sitzplätze
Wie eingangs gesagt: Eine Bank galt nicht viel. Jemanden lange warten zu lassen,
hieß im Schwäbischen "einen auf die Ofenbank setzen". Als unbequem und lästig
gilt auch die so genannte harte Bank der Opposition. Wer auf ihr Platz nehmen
muss, entbehrt ja die vielfältigen Vorteile einer Regierungspartei.
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Auch wer als Fußballer auf der Ersatzbank sitzen muss, ist davon nicht begeistert.
Doch ist das alles komfortabel gegenüber den Unannehmlichkeiten einer
Streckbank, einem Folterinstrument der heiligen Inquisition. Auf die Beschreibung
dieses schmerzhaften Liegemöbels wird hier verzichtet. Davon mögen andere ein
Lied singen.
Alte Leier, leere Kirchen
Wer singt, der möchte gehört werden. So war es bei Festen und Jahrmärkten
beliebt, sich auf Bänke zu stellen, so dass möglichst viele in den Hörgenuss kamen.
Professionalisiert wurde dieser Bänke-Gesang durch die Bänkelsänger, die ihrem
Publikum Geschichten, sogenannte Moritate, zur Drehleier vorsangen.
Heute ist diese Kunst weitgehend ausgestorben. Der Bänkelsänger gehörte
irgendwann zu jenen, die keine Zuhörer mehr finden, er musste "leeren Bänken
predigen". Mit diesen "Bänken" sind zweifellos Kirchenbänke gemeint. Sandbänke
kaum. Von denen gibt es freilich immer mehr, weil es immer weniger Wasser gibt.
Pech für die Schiffe.
Geld her!
Allgemein sieht es auf dem "Bank-Konto" aber anders aus: Von einst vielen
Bänken des öffentlichen Lebens sind nicht mehr viele übrig. Warum sollen dann
ausgerechnet die – früher mal so genannten – Geldinstitute übrig bleiben?
Erich Kästner dichtete schön "Auf einer kleinen Bank vor einer großen Bank":
"Uns erfreut das bloße Sparen.
Geld persönlich macht nicht froh.
Regelmäßig nach paar Jahren
klaut Ihr's uns ja sowieso."
Das ist eine Bank – darauf ist Verlass. Leider.
Bären fressen Beeren
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: "Wann lernst du es endlich: Es
heißt Bääären, offener Vokallaut!"
Die deutsche Sprache gilt als schwierig. Nur Tote hätten genug Zeit, sie zu
lernen, meinte der amerikanische Schriftsteller Mark Twain. Und nicht nur
die Grammatik ist schwierig, man muss auch genau hinhören.
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Mark Twain mag seine Schwierigkeiten mit der deutschen Grammatik gehabt
haben. Das beschreibt er sehr humoristisch in einem Essay mit dem Titel "The
awful German language". Die deutsche Rechtschreibung fand Twain allerdings
einfacher als die englische.
Das A und O der deutschen Sprache
Hat das Deutsche neben der abschreckenden Grammatik wenigstens eine einfache
Aussprache? Ein Maßstab phonetischer Einfachheit ist die Zahl der verschiedenen
Laute, genauer: Lauttypen, die man in einer Sprache unterscheiden muss. Zum
Beispiel kennt das Spanische nur fünf Vokale: a – e – i – o – u, das ist ein
einfaches und leicht lernbares System. Genauso einfach ist es im Deutschen.
Genauso einfach? Im Deutschen kommen diese fünf Vokale zwar auch vor,
allerdings in zweifacher Form: 'lang' und 'kurz', wobei die Langvokale zusätzlich
'geschlossen' ausgesprochen werden und die Kurzvokale 'offen'. Etwa so:
Bahn – Bann
beten – betten
bieten – bitten
Ofen – offen
Mus – muss
Außerdem hat das Deutsche noch die Vokale "ö" und "ü", die ebenfalls lang oder
kurz sind:
Höhle – Hölle
fühlen – füllen
Insgesamt ergibt das in der Tonsilbe vierzehn bedeutungsunterscheidende Vokale –
womit sich das Deutsche in der Vokalskala im oberen Mittelfeld der Sprachen
befindet.
Von Fall zu Fall anders
Aber fehlt in dieser Liste nicht der durch den Buchstaben "ä" ausgedrückte Laut?
Ja und nein – als Kurzvokal wird das "ä" wie ein kurzes "e" ausgesprochen. Der
Plural von "das Fell" klingt genauso wie der von "Fall", nämlich: die Fälle. Nur die
Schreibung ist verschieden.
Beim langen "ä" hat der Sprecher die Wahl: Er kann es geschlossen aussprechen
oder – wie in der so genannten klassischen Bühnenhochlautung – offen.
Geschlossen klingt es wie ein langes "e", und der Hörer weiß dann nicht, ob es sich
bei "Bären" und "Beeren" um Tiere oder Früchte handelt. Geschrieben ist der
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Unterschied klar, aber hörbar wird nur bei einem langen offenen "e", dass die
Bären Beeren fressen und mit "Säle" der Plural von "Saal" gemeint ist, nicht der
Singular von "Seele".
Autor: Helmut Berschin
Bäumchen schmücke dich!
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Noch sind keine Bänder dran
Was haben der Maibaum und die Sandbirke gemeinsam? Beide sind Birken.
Der eine ist jedes Jahr Baum des Monats, der andere hat es einmal zum Baum
des Jahres geschafft.
Über zwei Punkte streiten sich deutsche Nachbarn am meisten: kleine Kinder –
denn die machen Lärm und große Bäume – denn die werfen Schatten und machen
Schmutz. Nur im Mai kommen die Nachbarn in manchen Gegenden Deutschlands
durch Bäume näher.
Geschmücktes Gerippe
Dünn und hochgewachsen ist er, geschmückt mit leuchtenden Bändern und Fahnen
und in mancherorts behängt mit salzigen Brezeln und deftigen Würsten. Der
Maibaum erfreut besonders im Rheinland die Herzen der Frauen.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Bäume können
schon mal für Streit unter Nachbarn sorgenSeit vielen Jahrhunderten schon ist es
in Deutschland Brauch, der Allerliebsten in der Nacht zum 1. Mai eine
geschmückte Birke vor die Tür zu stellen. Nicht immer gelingt dies, denn – auch
das ist alter Brauch – manchmal wird er kurzerhand von männlichen Konkurrenten
gestohlen. Mit bisweilen fatalen Auswirkungen.
Maibaum-Stehlen: ein Volksrecht
Früher prügelten sich die jungen Männer mit viel Gebrüll, heute ziehen sie
manchmal vor Gericht. So geschehen in Bayern, wo zwei Männer einen Maibaum
entwendet hatten. Doch Justitia entschied zugunsten der Burschen: Ein derartiges
Maibaum-Stehlen – wer hätte es nicht schon längst gewusst – ist ein Volksrecht.
Auch den deutschen Umweltschützern blieb da nur eins: Einen Tag einzuführen,
an dem gepflanzt statt gestohlen wird. Der "Tag des Baumes" ist zwar längst nicht
so alt wie der Maibaum-Brauch, aber immerhin schon eine Idee des vorletzten
Jahrhunderts.
Tag des Baumes
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Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:
Bundespräsident Heuss beim Spatenstich am ersten Tag des Baumes am 25. April
1952 Im Jahr 1872 setzte ein amerikanischer Journalist bei seiner Regierung in
Nebraska durch, jährlich den "Tag des Baumes" zu begehen. Er machte sich gleich
daran, mit etlichen Bürgern und Farmern eine Million Bäume zu pflanzen.
In die Bundesrepublik kam dieser Brauch zwar erst achtzig Jahre später, dafür aber
wurde er vom ersten Bundespräsidenten höchstpersönlich eingeführt. Am 25. April
1952 pflanzte Theodor Heuss auf dem Bonner Hofgarten einen Ahornbaum.
Luthers Anti-Weltuntergangs-Motto
Seitdem wird in Deutschland jedes Jahr der "Tag des Baumes" begangen. Getreu
dem Motto Martin Luthers: Wenn morgen die Welt unterginge, ich würde heute
noch ein Bäumchen pflanzen. Dem Kirchenmann war damals wohl nicht klar, was
sich heute abzeichnet: Irgendwann könnte die Welt tatsächlich untergehen, weil es
nicht mehr genug Pflanzen gibt.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Vielleicht hilft
ja Birkensaft!!Vor allem die Luftverschmutzung hat die Wälder kaputt gemacht.
Zahlreiche Baumarten sind mittlerweile vom Aussterben bedroht.
Dauersorgenkinder bleiben die Eiche und die Buche. Dabei spielt das Alter der
Bäume auch eine große Rolle für das gesamte Ökosystem. Eine hundert Jahre alte
Eiche etwa produziert Tag für Tag den Sauerstoffbedarf von 64 Menschen.
Sichtschutz zum Feind
Ganz zu schweigen von noch älteren Pflanzen. Der nachweislich älteste Baum der
Welt stand in Kalifornien und konnte auf stolze 4900 Jahre zurückblicken. 1963
wurde er trotz vieler Bürgerproteste gefällt.
Ob auch er ein Zankapfel der Nachbarn war? Schattig wird es in seiner Umgebung
sicher gewesen sein. Doch, wie heißt es so schön in einem Urteil des Frankfurter
Landgerichts, große Bäume seien nicht nur gesund für den Menschen. Sie dienten
auch als Sichtschutz zum Nachbarn. Deshalb dürfte es unklug sein, einen Baum zu
fällen, der einem den Anblick des Feindes erspart.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Noch sind die
Birkensamen nicht ausgeflogenBaum des Monats
Und die Birken? Im Jahre 2000 wurde die Sandbirke zum "Baum des Jahres" in
Deutschland auserkoren. Schon der deutsche Dichter Wilhelm Busch hatte ihre
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Vielseitigkeit gepriesen: Für Schuhe oder Tabakdosen sei sie gut, als AntiGlatzenmittel genauso wie als Rute.
Birken gelten als unverwüstlich. Sie braucht man nicht extra anzupflanzen. Sie
gehören zu den Pionieren unter den Bäumen. Millionenfach segeln ihre Samen im
Frühjahr durch die Lüfte, lassen sich nieder, wo sie sich wohl fühlen – und
keimen.
Tod und Leben
Bis sie den Birkentod sterben – im Mai. Als Maibaum vor dem Haus der
Angebeteten. Wird dieser jedoch mit einem Band für einen Bund auf's Leben
geschmückt, dann hat die Birke letztendlich ja doch ihren Zweck erfüllt.
Fragen zum Text
Der Tag des Baumes findet in Deutschland jedes Jahr statt am …
1. 15. Mai
2. 25. April
3. 10. März
Bäume produzieren …
1. Stickstoff
2. Kohlenstoffdioxid
3. Sauerstoff
Birkensaft soll gut sein …
1. als Klebstoff.
2. für den Haarwuchs.
3. als Färbemittel.
Arbeitsauftrag
Viele Staaten haben mit Erosion zu kämpfen, weil Wälder abgeholzt werden.
Suchen Sie sich ein Land, das mit entsprechenden Aufforstungsprogrammen
erfolgreich dagegen vorgeht. Stellen Sie in einem Referat dieses Land und seinen
Kampf gegen die Bodenerosion vor.
Bäumchen, wechsle dich!
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Sie recken sich der
Frühlingssonne entgegen
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Kennen Sie den Lenz? Nein? Aber ja doch! Er kommt direkt nach Väterchen
Frost, bleibt dann ein Weilchen bei uns und hat Langersehntes im Gepäck:
erste warme Sonnenstrahlen, Frühlingsblumen und – gefühle …
Wer seinen Weihnachtsbaum immer noch als moderne Dekoration im
Wohnzimmer stehen hat, um den Garten in der Wohnung zu haben, sollte sich nun
schleunigst von dem guten Stück trennen. Denn Hobbygärtner haben es schon
längst gewittert: die Gartensaison hat wieder begonnen! Nachdem der Garten und
mit ihm sein Besitzer lange genug im Winterschlaf gelegen haben, könnte letzterer
nun wieder Bäume ausreißen.
Der Schuppen ist dran!
Diese Energie sollte er oder sie zunächst in die Entrümpelung des Gartenschuppens
stecken. Denn obwohl hier im Herbst alles ordentlich winterfest gemacht wurde,
herrscht frühlings auf wundersame Weise immer wieder ein großes Durcheinander.
Dagegen scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Man gräbt so manches vergessene
Gartengerät wieder aus: den Rechen, die Rosenschere, die Harke, den Spaten, die
Schaufel, den Unkrautstecher und die Säge und feiert nebenbei Wiedersehen mit
allerlei dekorativen Stücken, die im Herbst vor Väterchen Frost in Sicherheit
gebracht wurden.
Allerlei Schmuck
Der Geschmack einiger Gartenbesitzer treibt hier teils seltsame Blüten. Zu den
Devotionalien gehören bunte Glaskugeln, die in der Sonne Lichtblitze durch den
Garten schicken, Windrädchen, Vogeltränken, Tonkugeln und -tiere aller Sorten
und – man glaubt es kaum – der Gartenzwerg!
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:
Gleichberechtigung auch in den GärtenDieses aus Ton gefertigte kleine Kerlchen,
seit 1872 in einer Thüringer Manufaktur hergestellt und in den Nachkriegsjahren
aus kaum einem Garten wegzudenken, war in den 1970er und 1980er Jahren
gewissermaßen auf den Komposthaufen geworfen worden. In vielen Vorgärten
erlebt es jetzt eine neue Blütezeit.
Gartenzwerg-Gleichberechtigung
Größe, Kleidung und berufliche Accessoires dürfen vielfältig sein, nur eins ist
zwingend vorgeschrieben: seine rote Zipfelmütze. Früher kam auch noch das
männliche Geschlecht hinzu. Weibliche Zwerge, also Zwerginnen gab es lange,
lange, lange Zeit nicht.
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Denn es konnte nicht sein, was nicht sein durfte, so Professor Fritz Friedmann,
Vorsitzender der 1980 in Basel gegründeten "Internationalen Vereinigung zum
Schutz der Gartenzwerge". Bei soviel stichhaltiger Argumentation fällt man
allerdings glatt vom Stängel!
Der Kampf des Gärtners mit den Präfixen
Zurück zum Frühling: Jetzt gerät außer dem Gärtner auch die Natur in Bewegung:
alles beginnt zu sprießen und wachsen, da rankt und windet es sich, es treibt und
schießt – hoffentlich nur in die Höhe und nicht ins Kraut. Denn dann ist im
Sommer das unbeliebte Unkraut jäten angesagt.
Die Bewegung macht sich tatsächlich auch in der Wortwahl bemerkbar. Viele
Verben sind nämlich mit Präfixen verbunden, die Bewegung signalisieren: Der
Gärtner muss ansähen und ansetzen, abschneiden und absägen, umstechen,
einpflanzen und umtopfen.
Rechende Rechen
Und außerdem muss er auch rechen, harken, düngen und den Rasen lüften, wobei
auffällt, dass er dazu Werkzeuge benutzt, deren Namen oftmals denselben
Wortstamm wie die dazugehörigen Verben haben: beispielsweise sollte man mit
dem Rechen rechen und mit der Harke harken und den Dünger nimmt man bitte
auch nur zum düngen.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Die
Gartensaison hat begonnenSelbstverständlich muss im Vorfeld sorgfältig geplant
werden, welcher Baum und Strauch, welche Staude, Knolle und Zwiebel wohin
kommt, damit Größe, Form und Farbe miteinander harmonieren und nicht alles wie
Kraut und Rüben durcheinander wächst – das Auge schaut ja schließlich auch hin!
Pikierte Pflanzen
Außer in das Beet und in die Rabatte kann man auch in Töpfe, Kübel und Kästen
Pflanzen setzen – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ist der Garten sehr
klein, kann man sich manchmal einfach nicht entscheiden, welchem Gewächs man
den Vorzug geben soll und dann sitzt der Hobbygärtner gewissermaßen zwischen
Baum und Borke.
Manche Gärtner haben die Vorgartenzeit natürlich schon genutzt, um junge
Pflänzchen zu pikieren. Diese sind dann nicht etwa beleidigt, sondern vereinzelt,
79
soll heißen, auseinander gezogen und einzeln eingepflanzt, damit ihre wachsenden
Wurzeln, Stängel, Blätter und Blüten mehr Platz zur Entfaltung haben.
Des Gärtners Freude
Wenn dann die Sonne ihre wärmenden Strahlen mehrere Tage auf die Erde schickt,
trägt die Arbeit erste Früchte: die gepflegten und gehegten Pflanzen beginnen zu
blühen. Den Anfang machen Schneeglöckchen, Krokusse, Osterglocken und
Tulpen. Aber das wird eine andere Geschichte … Versprochen!
Fragen zum Text
Wenn jemand sprichwörtlich Bäume ausreißen kann, dann …
1. fühlt sich jemand sehr kräftig.
2. war jemand im Fitness-Studio.
3. hat jemand eine Forstausbildung gemacht.
Pflanzen werden nicht …
1. eingepflanzt.
2. umgepflanzt.
3. abgepflanzt.
Zwischen Baum und Borke sitzen bedeutet, dass man …
1. auf Haufen mit Rindenmulch sitzt.
2. auf einem Traktor mit Baumstämmen fährt.
3. sich zwischen zwei Dingen entscheiden kann.
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie eine imaginäre Geschichte von einer Pflanze, die im Frühjahr zu
neuem Leben erwacht: von den ersten wärmenden Sonnenstrahlen bis zur
liebevollen Betreuung durch den Gärtner. Verwenden Sie dabei Wörter und
Redewendungen aus dieser Sprachbar-Folge.
Bar
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: In einer Cocktailbar kann man
die unterschiedlichsten Cocktails probieren
In der Bar trinkt man etwas mit Freunden, das Bar zeigt uns den Luftdruck.
Man kann aber auch bar bezahlen. Das Wörtchen, das manchmal auch nur
ein Wortteil ist, hat jede Menge Bedeutungen und Anwendungen.
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Unscheinbar kommt es daher. Nur drei Buchstaben besitzt dieses sprachliche
Etwas, dafür hat es mindestens vier geschichtliche Ursprünge: im
Althochdeutschen, dem Griechischen, dem Englischen und Französischen. Steht
mal vorne bei einem Wort, mal hinten, mal bloß für sich, ist Adjektiv und
Substantiv, ein Raum, eine physikalische Einheit, kurz ein sprachlicher
Tausendsassa, aber – wie gesagt – unscheinbar dieses b-a-r.
Bares Geld bald Vergangenheit
Nur Bares ist Wahres. So lautet das Motto all derjenigen, die lieber Geldscheine
und Münzen in den Händen fühlen als ihr Guthaben auf dem Papier zu lesen, als
Aktie, Spar- oder Kaufvertrag. Ganz zu schweigen von blinkenden Zahlen auf dem
Computerbildschirm, die Konto- oder Börsennotizen angeben. Das Wichtigste am
Bargeld ist natürlich: man weiß, was man hat. Denn bei einem abgeschlossenen
Kaufvertrag kann der Käufer ja unzuverlässig sein und der Verkäufer müsste lange
auf die Überweisung warten. Im Jahr 2020 allerdings hat der Spruch wohl seine
Bedeutung verloren, denn dann wird sicher nur noch hin- und her gebucht, der
verknitterte Geldschein und die klingende Münze zum vergangenen Zeitalter
gehören.
Die Cocktailbar aber wird es immer noch geben. Und viele andere Bars neben ihr.
Klassischerweise verrauchte Lokale mit spärlicher Beleuchtung und einer großen
Auswahl an alkoholischen Getränken. Vom Barmann, der meistens Barkeeper
genannt wird, bekommt man alles im Mixer geschüttelt (wahlweise auch gerührt),
was das Regal an Schnaps, Likör, Whisky und Weiterem zu bieten hat. Bardamen
sind dagegen in der Regel eher daran interessiert, den Umsatz der teuren Getränke
zu steigern, abgesehen von anderen Interessen am wahren Baren.
Die Bar für Hochprozentiges und Physik
Sitzen kann man nicht nur in, sondern auch an der Bar und das in fast jeder
Gastwirtschaft oder Kneipe, in Hotels und Bistros. Die Bar als Theke verdankt
ihren Namen der Stange, die sich auch heute oft noch am Tresen findet, zur Zierde
oder als praktische Stütze zum lässigen Anlehnen. Die Stange, la barre, an der Bar
diente früher vor allem dazu, diejenigen, die ausschenken von den Trinkenden zu
trennen. Wer sich zu viel an Bier, Wein, Cognac oder anderem Hochprozentigen
einschenken ließ, musste auf Distanz gehalten werden. Denn allzu oft zeigten sich
die Gäste nach einigen Gläsern bar jeder Vernunft, also ganz ohne Verstand und
fabrizierten nicht selten baren, nämlich reinen Unsinn. Barfüßig sollen manche
nach Hause geschickt worden sein.
Das Bar hat wenig zu tun mit seiner sprachlichen Schwester, in der geplaudert und
getrunken wird. Physiker haben das Bar als Einheit für den Luftdruck erkoren, was
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jetzt genauso wie die griechische Herkunft nicht rasend spannend ist. Aber wer
etwas sucht, um bei der nächsten Einladung zum Essen oder in die Cocktailbar
anzugeben, könnte sich merken: "das Schwere" hat dem Luftdruck wie dem
Bariton mit seiner tiefen Stimme den Namen gegeben.
Vielfältig wandelbar
Aber weder als das noch als die Bar zeigen die drei Buchstaben ihre wahre Stärke.
Groß raus kommt "-bar" erst als kleines Anhängsel, wird tausendfach verwendet
und macht aus Verben Adjektive, die etwas vorzuweisen haben. Das Wasser ist
trink-bar, das Musikstück spiel-bar, der Geruch wahrnehm-bar. Begeh-bar ist der
anstrengende Wanderpfad, verwund-bar auch der größte Held, schmeck-bar, wenn
der Koch Salz statt Zucker ins Dessert gerührt hat.
Negativ geht’s übrigens auch, pathetisch und endgültig dazu, was solche Worte bei
Politikern sehr beliebt macht: unaufschiebbar sei das neue Gesetz zur
Gesundheitsreform, unanfechtbar die Argumente dafür, denn die Entwicklung der
Gesellschaft sei unaufhaltbar. Die Opposition betrachtet die Vorschläge dagegen
als unbrauchbar und untragbar, die Argumente als unhaltbar. Bleibt am Ende nur
der Gang an die Bar, um sich darüber klar zu werden, dass Gesetze schwer
verhandelbar sind.
Sonderbare Zufälle
Übrigens haben weder der Barbier, noch der Barbar irgendetwas mit einem Lokal,
einer Theke oder dem Luftdruck zu tun. Das sind einfach nur sprachliche Zufälle –
obwohl – ein bisschen sonderbar ist es ja schon.
Fragen zum Text
Wie viele geschichtliche Ursprünge hat das Wort bar mindestens?
1.
einen
2.
zwei
3.
vier
Wozu diente ursprünglich die Stange an einer Theke?
1.
Um Männer und Frauen voneinander zu trennen.
2.
Um regelmäßig darüber springen zu können um sich sportlich fit zu halten.
3.
Um die, die Getränke ausschenken, von denen, die trinken zu trennen.
Was ist die physikalische Einheit für den Luftdruck?
1.
das Bar
2.
die Theke
82
3.
der Bariton
Arbeitsauftrag
Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Cocktailbar eröffnen. Erstellen Sie einen Plan,
wie die Cocktailbar aussehen soll und was Sie Ihren Gästen an Besonderheiten
bieten möchten. Folgende Fragen können Ihnen bei der Planung helfen:
In welchem Stil würden Sie die Cocktailbar einrichten?
Soll es nur eine lange Bar geben, an der man sitzen kann oder gibt es auch viele
Tische? Können die Gäste auch Essen bestellen, oder bieten Sie nur Getränke an?
Bauern
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Bauern als Bewahrer ländlichen
Brauchtums
Vom Mitbewohner zum "Agrarindustriellen" - richtig gut klang es nur selten.
Doch der berühmte Dichter Adelbert von Chamisso weiß es besser: "Denn
wäre nicht der Bauer, so hättest Du kein Brot".
Bauer ist ein sehr altes Wort und ein einziges Stichwort reicht nicht hin, es zu
ergründen. Versuchen wir es trotzdem. Bauer war zunächst keine Berufsangabe,
sondern bezeichnete den Dorfgenossen, den Mitbewohner. Sie betrieben zwar
Landwirtschaft, bauten aber nur für den Eigenbedarf Korn und Feldfrüchte an.
Bürger brauchen Brot
Mit dem Entstehen der Städte wurde das anders. Nun brauchte man Korn und alles
was da so wuchs auch für die Städter. In der Ständegesellschaft waren die Bauern
nach dem Adel, der Geistlichkeit und den Bürgern der so genannte vierte Stand.
Besonders die Bürger sahen auf die Bauern herab. Der Gegensatz Stadt - Land
begann sich bereits in so früher Zeit zu entwickeln. Das Wort 'bäurisch' oder der
Ausdruck 'sich wie ein Bauer benehmen' hatte nie einen guten Klang. Der
Hochmut des Städters machte aus dem Bauern allzu leichtfertig einen dummen und
groben 'Bauerntölpel'.
Aber zurück zur Geschichte des Bauerntums. Verlust der Selbständigkeit,
Umwandlung der Naturalabgaben in Geldzins, vielfach unerträgliche Lebens- und
Arbeitsbedingungen führten unter anderem zu den Bauernkriegen, die im frühen
16. Jahrhundert begannen. Die Aufhebung der Leibeigenschaft war eine der
wichtigsten Forderungen der aufständischen Bauern. Besonders im 18. Jahrhundert
nahm das seit dem 30jährigen Krieg praktizierte Bauernlegen zu. Bauernlegen
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bedeutete, der Grundherr zog ein Bauerngut, das zu wenig Zins abwarf kurzerhand
ein und vereinigte es mit dem Herrschaftsgut.
Von dummen Bauern und dicken Kartoffeln
Erst das 19. Jahrhundert bringt die Bauernbefreiung, die Leibeigenschaft wird
beseitigt. Aber nachdem Industrialisierung und Rationalisierung in der
Landwirtschaft Einzug gehalten hatten, nahm das Bauernsterben, also das
Zurückgehen der Anzahl bäuerlicher Betriebe und infolge dessen die Landflucht
der Bauernsöhne und -töchter, immer mehr zu. Die traurige Geschichte der
Landflucht hat zur Folge, dass die zu Hause auf dem Land Gebliebenen als dumm
und rückständig gelten.
Redensarten haben hier ihren Ursprung. 'Die dümmsten Bauern haben die dicksten
Kartoffeln'. Das heißt im Klartext: Eigentlich verdient es jemand, der dumm ist
nicht dass es ihm so gut geht. Oder: 'Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht'.
Merke: frisst nicht isst! Was bleibt dem Bauern, um sich gegen seine hochnäsigen
Spötter zu wehren? Es bleibt ihm die Bauernschläue, die schon so manchem
Hochgebildeten zum Verhängnis wurde, die aber leider nicht immer aus der Not
hilft. Sonst hätte das böse Wort von der Bauernfängerei nicht entstehen können. Es
stammt aus der Berliner Gaunersprache und bedeutet, jemand Unwissenden aufs
Kreuz legen. Übertölpeln.
Bäuerlich als Qualitätssiegel
Es gibt freilich Dinge aus dem bäuerlichen Lebensraum, die dem Bürgertum - oder
sagen wir besser den Städtern - sehr wohl gefallen. Da gibt es zum Beispiel das
gute Bauernbrot, das die Spezialbäckerei im Holzofen so richtig nach Bauernart
bäckt. Es gibt natürlich den Bauernhof als solchen, der mit allem Komfort die
Ferien auf demselben bietet. In der Bauernstube steht vielleicht ein Bauernschrank,
der ganz gut in die Diele zu Hause passen könnte. So als Einzelstück. Womit wir
schon so gut wie bei der bäuerlichen Kunst sind. Der Bauernmalerei auf den
rustikalen Bauernmöbeln.
Merkwürdig, dass uns jetzt noch das Bauernopfer in den Sinn kommt. Das ist ein
Fachausdruck aus dem Schachspiel. Von den Schachfiguren sind Bauern die nicht
so wichtigen. Deshalb sind sie auch in der Mehrzahl. Sie zugunsten einer
wichtigeren Figur zu opfern, das nennt man ein Bauernopfer.
Fragen zum Text
Der Begriff bäurisch …
1. hat einen negativen Klang.
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2. ist seit jeher Zeichen von Güte und hohem Ansehen.
3. wird als Kompliment verwendet.
Der Begriff Bauernsterben bezeichnet ...
1. eine tödliche Krankheit, die unter Bauern weit verbreitet war.
2. eine Literaturepoche.
3. das Zurückgehen der Anzahl bäuerlicher Betriebe.
Die Redewendung die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln
bedeutet, dass …
1. dicke Kartoffeln nur von dummen Bauern geerntet werden.
2. jemand, der dumm ist, es nicht verdient, dass es ihm so gut geht.
3. schlaue Bauern kleine Kartoffeln bevorzugen.
Arbeitsauftrag
Welche Rolle spielt die Landwirtschaft in Ihrem Land? Sind Bauern hoch
angesehen oder haben sie den Ruf dumm zu sein? Schreiben Sie einen Aufsatz
über die Bedeutung der Landwirtschaft in Ihrem Heimatland.
Behältnis
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Vom Fass ins Glas, vom Glas in
den Magen!
Es wimmelt in unserem Leben von Behältnissen. Kisten, Kasten und Kartons
helfen uns nicht nur beim Wohnungswechsel. Ohne Wannen, Kannen und
Pfannen wären wir schmutzig, durstig und hungrig.
„Mund auf und Augen zu“. Das sagen die Eltern ihren Kindern gerne beim Essen.
Sie sagen das nicht nur, um den Nachwuchs bei guter Laune zu halten – nein, sie
hoffen auch, dass die Kleinen sich auf diese Weise besser füttern lassen. Den Inhalt
des Tellers umzufüllen in den Mund des Kindes, ist oftmals ein Zeit und Geduld
raubendes Vorhaben. Da sind kleine Tricks schon einmal erlaubt.
Der Mund ist ein Behälter. Was er bekommt, behält er – vorausgesetzt, man lässt
ihn geschlossen. Und weil alle Eltern sich wünschen, dass ihr Kind die Nahrung
bei sich behält, wenden sie gleich noch einen Trick an. Sie bringen den Kindern
bei, während des Essens nicht zu sprechen und überhaupt den Mund geschlossen
zu halten. "Der Mensch ist ja schließlich kein Auslaufmodell", mögen sich die
Anhänger traditioneller Erziehungsmethoden denken.
85
Der tiefe Fall
Dabei wird schnell übersehen: Behältnisse müssen sich öffnen lassen, denn der
Inhalt ist, was zählt. Meistens wird oben geöffnet, denn unten da liefe oder fiele
allzu leicht alles raus. Manche Behältnisse sind der Einfachheit halber oben gleich
ganz offen, zum Beispiel der Korb. Körbe lassen sich leicht füllen und sind ein
äußerst praktisches Mittel, um darin die unterschiedlichsten Dinge zu befördern.
Doch Vorsicht! Einen Korb zu bekommen, kann auch sehr schmerzhaft sein. Im
übertragenen Sinne bedeutet das nämlich eine harte Absage auf ein zartes
Liebeswerben. Früher wurden unerwünschte Anbeter in einem schadhaften Korb
zum Gemach der Geliebten hinauf gezogen. Die Ärmsten litten also doppelt. Zu
dem Schmerz der Seele gesellte sich nach dem harten Aufprall auf dem Boden (der
Tatsachen) auch noch der körperliche Schmerz.
Rund und freundlich
Jetzt aber zu den erfreulichen Gefäßen. Da ist zum Beispiel das Fass! Auch dieses
Behältnis wird nicht unten geöffnet, allerdings auch nicht oben. Ausgerechnet an
der Seite wird der Zapfhahn hinein getrieben – zumindest wenn sich im Inneren
des bauchigen Gefäßes Bier befindet.
Und kaum ist es geöffnet, sieht nicht mehr nur das Fass sehr rund und freundlich
aus, sondern mit ihm gleich die ganze Welt. "Mund auf, Augen zu" – und „Prost“
heißt es dann oder "Cheers" und "A la santé". Trinksprüche muss man nicht
übersetzen, sie werden überall verstanden.
„Flakon“ und „Fiasko”
Überall den gleichen Namen haben manche Behältnisse. Die Container, die
beinhalten etwas, doch werden sie nicht zu Beinhaltern, zu Bewahrern, sie bleiben
– in England und anderswo – Container. Die Contenance, eine Anleihe aus dem
Französischen, bleibt deutsch Contenance. Die Fassung wird bewahrt, behalten.
Wo nicht, da war das Maß wohl voll.
Französische Behältnisse sind übrigens beliebt: das Portemonnaie und das Etui.
Oder der Flakon. Geradezu hörbar tropft fein dosiert die Eleganz der fremden
Sprache! „Fla-kon“. Ah. Das macht aus jedem billigen Duftwässerchen ein
wohlriechendes Parfum. Hieße der Flakon jedoch Container – dann würde man gar
nicht mehr wissen wollen, was in der Parfumflasche wirklich drin ist...
„Es ist noch alles drin“, ruft der Fußballtrainer, er verrät aber nicht worin, und
seine Mannschaft verliert. Dumme Geschichte. Dann sagt der Trainer: „Ihr
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Flaschen!“ Auf Italienisch heißt Flasche „Fiasko“, und das genau hat der Trainer ja
erlebt. Seine Mannschaft wurde in die Pfanne gehauen. „Nicht zu fassen“, seufzt
der Trainer. Genug jetzt vom Trainer, der seine Spieler als „Flaschen“ beschimpft.
Er hat es nicht so gemeint. Er hat eine harte Schale, aber einen weichen Kern.
Taschen mit Maschen
Von der Flasche ist es nur ein kleiner Schritt zur Tasche. Wenn Taschen Maschen
haben, dann heißen sie Netz. Das Einkaufsnetz zum Beispiel ist ein guter Ersatz für
die Einkaufstasche. In ihm lassen sich die Einkäufe nach Hause tragen – auch der
Fisch, der zuvor mit dem Fischernetz gefangen wurde. Da wurde er aber schon
längst herausgenommen und gründlich ausgenommen.
Nun ist er in eine alte Zeitung "eingeschlagen" und wartet friedlich auf seine
Zubereitung. Dabei kann er noch froh sein. Andere Dinge kamen gar nicht erst in
die Einkaufstasche hinein – sie blieben beim Händler zurück. Wäre die
Einkaufstasche eine Tüte, so hätte man das mit einem „Kommt ja gar nicht in die
Tüte!“ kommentieren können. Das ist übrigens eine Redewendung und besagt,
dass etwas nicht in Frage kommt.
Fragen zum Text
Wo befindet sich beim Bierfass der Zapfhahn?
1.
Oben
2.
Unten
3.
Seitlich
Welcher Begriff stammt nicht aus dem Französischen?
1.
Etui
2.
Flakon
3.
Container
Was sagen manche Eltern ihren Kindern beim Essen?
1.
Augen auf und Mund zu
2.
Nicht lang schnacken, Kopf in' Nacken
3.
Mund auf und Augen zu
Arbeitsauftrag
Lesen Sie den Artikel aufmerksam durch und legen ihn dann weg. Schreiben Sie
dann aus dem Gedächtnis die Namen von zehn Behältnissen auf, die in dem Text
vorkommen.
87
Berg
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Mit einer Sonderbriefmarke
geehrt: die Berge
Ob sehr hoch oder eher niedrig, ob Feuer speiend oder eisig – in fast jedem
Land gibt es Berge. Und von den vielen Redewendungen rund um den Berg,
kann einem richtig schwindelig werden.
Der Berg, das wissen wir, ist eine große Erhebung in natürlichem Gelände. Berge
können steil, gefährlich und majestätisch sein. Sie können auch Feuer und Asche
speien, dann heißen sie Vulkane. Oder sie kommen eisig daher, als Eisberge an den
Polen. Sie bedeuten für jeden etwas anderes. So können sie zum Beispiel ein Ort
für Sport und Erholung sein, ein Wirtschaftsfaktor, ein Arbeitsplatz, oder ein
Objekt für Forscher.
Schützenswerter Lebensraum
Im Jahr 2002 feierte man den Berg mit einem "Internationalen Jahr". Zu seinen
Ehren wurde damals in Deutschland sogar eine Sonder-Briefmarke herausgegeben.
Darauf sieht man ein Bergmassiv – in dunklem und hellem Blau gehalten und mit
spitzen Gipfeln. Davor liegt eine Bergwiese in sattem Grün.
Deutlich sichtbar zieht sich mit einem leichten Gefälle ein feiner weißer Balken
von links nach rechts über die Marke. Eine Art Warnung, dass es bergab geht mit
den Bergen. Und das hat seine Gründe.
Sport und Erholung
Damit der zivilisierte Mensch auch jederzeit in den Genuss dieser beeindruckenden
Bergwelt kommen kann, baut er Bergbahnen und bohrt Tunnel in die Berge.
Erstere bringen ihn auf den Berg, letztere durch den Berg ins nächste Tal, wenn er
die Berge von der anderen Seite sehen will.
Das Schönste scheint aber zu sein, die Berge hinunterzufahren – natürlich auf
Skiern oder Snowboards. Damit dies möglichst viele Menschen möglichst oft und
möglichst überall in den Bergen tun können, werden Berghänge zu so genannten
Skipisten umfunktioniert.
Der ultimative Kick
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Nun ist es aber ziemlich langweilig, immer nur auf den ausgewiesenen Pisten ins
Tal zu fahren, auf denen Verkehrsregeln herrschen. Das wahre Bergabenteuer liegt
für den echten Bergfreund abseits des lärmenden Tourismus.
Er begibt sich auf die Wege jenseits der knallroten Warntafeln und läuft Gefahr,
eine Lawine loszutreten. Diese donnert dann mit ihm zu Tal, vielerorts
ungehindert, da der Bergwald als natürliche Bremse oftmals nicht mehr im Weg
steht.
Bergrettung
Wenn unser Bergfreund überlebt und großes Glück hat, wird er von der Bergwacht
aus den Schneemassen ausgegraben. Die kundigen Bergführer sind Teil einer
Organisation, die Bergrettung genannt wird. Sie verfügt über viele technische
Hilfsmittel zur Rettung verunglückter Menschen und über Bergrettungsfahrzeuge.
Nun, hier werden Berge weder gerettet noch geführt. "Berg" übernimmt hier die
Funktion eines Wortbildungselements – dem so genannten Affix – wie zum
Beispiel in Bergmann oder in Bergbau.
Sprachliches
Womit wir beim sprachlichen Teil angelangt sind. Das Wort "Berg" gibt es bereits
seit dem 8. Jahrhundert. Aus dem mittelhochdeutschen "berc" mit "c" wurde im
Althochdeutschen "berg" mit "g". Es stand für "Felsen", "Felswand" und "etwas,
das sich erhebt". Der Stadtname "Bregenz" und der Frauenname "Brigitte" (die
"Erhabene") sind Ableitungen.
Bedeutungen
Womit wir beim übertragenen Sinn von "Berg" sind. Da ist zunächst einmal der
schier unüberwindliche Berg an Arbeit. Dieser kann aus einem zu lesenden
Aktenberg bestehen, aber auch aus einem Berg Bügelwäsche, der darauf wartet,
vom ungebügelten in den gebügelten Zustand gebracht zu werden.
Ja, und da ist des Weiteren der Kranke, der über den Berg ist oder noch nicht über
den Berg ist – das heißt, derjenige oder diejenige ist auf dem Weg, wieder gesund
zu werden oder auch nicht.
Goldene Berge
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Und ein Arzt kann seinem Patienten dann goldene Berge versprechen, ihm etwas
in Aussicht stellen, was gar nicht erfüllt werden kann. Wer jedoch über alle Berge
ist, der verschwindet spurlos, meist mit jeder Menge Geld in der Tasche.
Und wer wie der Ochs am Berge dasteht, der ist, wenn er einer unbekannten
Situation ausgeliefert ist, unentschlossen, hilflos und weiß nicht weiter. So wie der
Ochse, der Steigungen meidet und erst mit der Peitsche zum Weitergehen bewegt
werden kann. Ja und wer mit seiner Meinung hinter dem Berge hält, der traut sich
nicht, das zu sagen, was er wirklich denkt.
Zu Klärendes
Nach so vielen sprachlichen Erklärungen steht aber immer noch die Antwort auf
die Frage aus, die ein kleiner Junge seinem Vater gestellt hatte: "Papa, wie tief
stecken die Berge in der Erde?"
Fragen zum Text
Die Redewendung Es geht bergab mit jemandem bedeutet, dass …
1. es jemandem schlechter geht.
2. jemand einen Berg hinunter fährt.
3. jemand nicht sicher ist.
Bergführer …
1. bieten Besichtigungen auf Bergen an.
2. führen meist unerfahrene Bergsteiger im Gebirge.
3. dürfen nur Familien mit dem Namen "Berg" begleiten.
Ochsen gehen … Berge hinauf.
1. liebend gern
2. nicht sehr gern
3. in rasendem Tempo
Arbeitsauftrag
Auch die Bergwelt ist durch den Klimawandel bedroht. Schreiben Sie einen
Bericht darüber, was zum Schutz der Berge weltweit unternommen wird.
Beruf
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ein aussterbender Beruf:
Bergarbeiter im Kohlebergwerk
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Vor 50 Jahren war die Sache noch einfach: Ein Beruf wurde erlernt, ein
Arbeitsplatz gesucht, und dort blieb man bis zur Rente. Heutzutage ist das
Erwerbsleben komplizierter, und nicht wenige hangeln sich von Job zu Job.
Eines der geläufigsten nicht-deutschen Wörter der deutschen Alltagssprache ist das
Wort "Job". Dass es aus dem Englischen stammt und auch englisch ausgesprochen
wird, ist nichts Besonderes, das hat es mit vielen anderen Lehnwörtern gemeinsam.
Nein, das Besondere ist seine traurige Aktualität. Jobs, und das heißt vor allem
Arbeitsplätze, werden andauernd und überall gestrichen. Man verliert seinen Job
und ist von heute auf morgen gezwungen, sich einen neuen zu suchen. Oder es
geht darum, den Job zu behalten, den Arbeitsplatz. Hauptsache man hat einen Job,
der genügend Geld einbringt. Von Beruf spricht niemand mehr. Der Beruf ist
Nebensache.
Göttliche Berufung
Zugegeben, das ist ein wenig übertrieben, aber folgen Sie uns durch das Stichwort
der Woche, nämlich "Beruf", und es wird klar werden, dass "Job" und "Beruf"
nicht grundsätzlich verschiedene Begriffe sind, aber sie liegen doch um einiges
auseinander. Das Wort "Beruf" und das zu ihm gehörende Verbum "berufen" sind
religiösen Ursprungs. In der Bibel wird "Ruf" und "rufen" in einem ganz
besonderen Sinn gebraucht. Gott lässt einen Ruf an die Menschen ergehen, er ruft
sie, fordert auf, an ihm teilzuhaben.
In Martin Luthers Bibelübersetzung erscheint neben "Ruf" und "rufen" auch
"Beruf" und "berufen". Überall dort, wo sich das Christentum ausbreitete,
entstanden Klöster. Das Mönchstum fühlte sich als Träger einer ganz besonderen
Berufung, und nur die Mönche hatten als Berufene einen Beruf. Wir sagen heute
noch, jemand fühlt sich zum Arzt, Künstler oder Wissenschaftler berufen und
meinen damit, dass die betreffende Person in besonderem Maße und gleichsam
durch Vorbestimmung für diesen oder jenen Beruf geeignet ist.
Profanes Erlernen
Einen Beruf erlernt man. Es gibt die Berufsausbildung, die Berufsschulen,
berufliche Fortbildung und das Berufsbildungswerk, eine Einrichtung, die es
behinderten Jugendlichen mittels fachkundiger Anleitung und unter
Berücksichtigung ihrer besonderen Bedürfnisse ermöglicht, einen Beruf zu
erlernen und später auszuüben. Im Allgemeinen ist man schon als junger Mensch
berufstätig und wird nach dem Schul- und/oder Studienabschluss zum
Berufsanfänger.
91
Das Wort "Beruf" ist erst im 17. Jahrhundert zu einem weltlichen Begriff
geworden. Es wurde gleichbedeutend mit "Amt", "Stand" und auch "Befehl".
Interessant in diesem Zusammenhang sind die noch heute gebräuchlichen
zusammengesetzten Hauptwörter wie "Berufsbeamtentum", "Berufsstand" und
beispielsweise "Einberufungsbefehl", den junge Männer erhalten, wenn sie zum
Militär eingezogen werden sollen. Die Frage nach dem Beruf, also was jemand von
Beruf ist, oder, anders ausgedrückt, was jemand beruflich macht, ist streng
genommen immer die Frage nach der Art einer erlernten Tätigkeit.
Jobs statt Arbeitsplätze
Wir wissen, dass auf dem Arbeitsmarkt insbesondere Frauen und Männer mit
großer Berufserfahrung gefragt sind. Die erwerben sich Mann oder Frau im
beruflichen Alltag, im Berufsleben. Wir wissen aber auch, dass allzu oft selbst die
beste berufliche Qualifikation keine Garantie für einen Arbeitsplatz bedeutet.
Immer mehr Menschen scheiden nicht freiwillig aus dem Berufsleben aus; viele
verlieren ihre Arbeit oder werden in den vorgezogenen Ruhestand geschickt. Vor
diesem Hintergrund werden die Jobs – das heißt, die Möglichkeiten, im nicht
erlernten Beruf den Lebensunterhalt zu verdienen, – immer wichtiger.
Was der Job nicht kann
Darüber hinaus ist das Wort "Job" längst so etwas wie ein modischer Ersatz für die
Worte "Arbeit", "Arbeitsplatz" und mit Einschränkungen auch für den "Beruf"
geworden. Allerdings kann es keines der mit "Beruf" zusammengesetzten
Hauptwörter ersetzen. Oder hat man schon von "Jobethos", "Jobschulen",
"joblicher Weiterbildung" oder "Jobauffassung" und "Jobberatung" gehört?
Fragen zum Text
Jemand, der einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, ist …
1. beruflich beschäftigt.
2. berufsfähig.
3. berufstätig.
Einen Einberufungsbefehl erhalten …
1. junge Menschen, die eine Berufsausbildung beginnen.
2. Männer, die zum Militär eingezogen werden.
3. Mönche, die in göttlichem Auftrag handeln.
Eine dieser Einrichtungen gibt es nicht: …
1. die Berufsuniversität.
2. das Berufsbildungswerk.
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3. die Berufsschule.
Arbeitsauftrag:
Spielen Sie "Stadt, Land, Fluss", mindestens ergänzt um die Kategorie "Beruf".
Das heißt, jeder schreibt sich mehrere festgelegte Kategorien in Tabellenform auf.
Ein Kursteilnehmer beginnt nun, für die anderen nicht hörbar, das Alphabet
aufzusagen – so lange, bis ein anderer "Stopp" sagt. Mit dem Buchstaben, bei dem
angehalten wurde, müssen nun so schnell wie möglich zu jeder Kategorie Begriffe
gefunden werden. Eine Runde ist beendet, wenn der erste alle Felder ausgefüllt hat.
Besteck
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Er hat den Löffel schon
abgegeben
Mit Besteck kann man nicht nur viel essen, sondern auch viele Worte machen.
Denn Messer, Gabel und Löffel sind Bestandteil zahlreicher Redensarten und
Wortschöpfungen im Deutschen. Also, die Löffel gespitzt!
Das Besteck war ursprünglich – so beschreiben es die Brüder Grimm in ihrem
"Deutschen Wörterbuch" – "futteral zum einstecken, namentlich von messer, gabel
und löffel, von scheren und geräth, dessen der barbier oder chirurg bedarf". Später
verstand man darunter auch die Werkzeuge selbst: das, was man in die Tasche
steckt, eben "beisteckt".
Junge Gabel
Am Anfang des Essbestecks war der Löffel. Kurz darauf kam das Messer. Zum
Schluss legte sich die Gabel dazu. Das "junge Ding" fand erst im 17. Jahrhundert
den Weg auf den Tisch. Doch trotz dieser mittlerweile großen Auswahl isst man
auch heute noch gern manche Leckerei mit den Fingern bzw. "mit der fünfzinkigen
Gabel", wie es scherzhaft noch in einigen Gegenden Deutschlands heißt.
Vorgänger unserer Essgabel war die große zweizinkige Fleischgabel, selbst eher
klein im Vergleich zu der damals in jedem Hausstand üblichen Mistgabel.
Kurz- und langlebige Gabeln
Eine andere Gabel, die nur zwei Zinken trägt, ist die Stimmgabel, ohne die viele
Musiker nicht arbeiten könnten. Neuer als alle bislang erwähnten Gabeln ist die
Telefongabel – und doch ist sie schon wieder aus der Mode gekommen. Wurde sie
früher noch benötigt, um ein Telefonat zu beenden, und diente sie dem
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Telefonhörer als Ruheplatz zwischen den Telefongesprächen, so reicht heute ein
einfacher Knopfdruck, um die Verbindung zu trennen.
Astgabeln oder Weggabelungen hingegen kommen nie aus der Mode. Schon
immer markierten sie als natürlichste aller Gabeln die Stelle, an der sich ein Ast
verzweigt oder ein Weg teilt – eben genau so wie die Zinken einer Gabel.
Von Schnabelhölzern und Hasenohren
Aus der Zeit, als man anfing, mit der Gabel zu essen, stammt das Sprichwort "Mit
de Gabel ist eene Ehr, mitn Läpel bringt aber mehr" (Mit der Gabel ist es eine
Ehr(e), mit dem Löffel aber bringt es mehr). Der Löffel in seiner einfachsten und
ältesten Form ist hölzern. Wer weiß, wie man den Löffel in grauer Vorzeit nannte,
der hat wohl die Weisheit mit Löffeln gefressen – glaubt also, er sei sehr weise, ist
es aber ganz und gar nicht. Ach ja: Der alte Löffel hieß übrigens "Schnabelhölzle".
Die Löffel des Hasen eignen sich nicht als Essbesteck. Denn gemeint sind damit
schlicht die Hasenohren, die ein wenig wie pelzige Löffel aussehen. In
Redensarten wird das Menschenohr gern mit dem Hasenlöffel gleichgesetzt:
"Schreib dir das hinter die Löffel! Sonst gibt es etwas hinter die Löffel." Also, die
Löffel gespitzt und aufgepasst!
Lieber eigenes Gold als fremdes Silber
Wissen macht selten reich. Wer von Geburt an reich ist, wer immer Glück zu
haben scheint, von dem heißt es, er sei "mit einem goldenen Löffel im Mund
geboren".
Und wer mit den Reichen gut Freund ist, dem kann nichts passieren – fast nichts.
Da muss man schon arg das entgegengebrachte Vertrauen enttäuscht oder "silberne
Löffel gestohlen haben".
Backenstütze für Zahnlose
Nicht nur Diebstahl, sondern auch Betrug geschieht im Zeichen des Löffels. "Über
den Löffel barbieren" heißt heutzutage, jemanden plump zu betrügen. Früher stand
dieser Begriff für etwas völlig anderes.
Für den gelungenen Dienst am Kunden, da setzte der Barbier den Löffel ein.
Dieser wurde zahnlosen Männern in den Mund geschoben, um so die eingefallenen
Wangen nach außen zu wölben und die Rasur zu erleichtern. Dann erst schritt der
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Barbier zur Tat, mit seinem Barbierbesteck, dem Messer. Das wetzte er, schärfte es
und …
Unterm Messer
… schon saß dem Kunden das Messer an der Kehle – heute synonym gebraucht für
"in großer Geldnot sein". Doch ans Messer des Barbiers hatte sich der Kunde
freilich selbst geliefert. Er vertraute ihm. Zuviel Vertrauen kann aber auch heute
noch dazu führen, dass man jemandem "ins offene Messer" läuft, in eine Falle
tappt.
Plötzlich steht dann das Leben "auf des Messers Schneide", das heißt, auf einmal
steht eine wichtige Entscheidung unmittelbar bevor, die das Leben von Grund auf
verändern könnte. Genau wie beim Glücksspiel: Dort winkt der große Gewinn, es
droht aber auch die große Pleite. In dem Fall muss der vom Glück Verlassene alles
Wertvolle verkaufen, sozusagen "das gesamte Tafelsilber verscherbeln".
Das Ende der Nahrungsaufnahme
Manchmal geht es gar um Leben oder Tod. Wenn einer "unters Messer" kommt,
sich also operieren lassen muss, kann es passieren, dass er unterm Messer bleibt –
das heißt, während der Operation stirbt. Er hat dann sozusagen den Löffel
abgegeben. In zahlreichen mundartlichen Versionen wird das Sterben mit dem Bild
vom Weglegen des Löffels umschrieben. Der Tod als das endgültige Ende der
Nahrungsaufnahme.
Also: tüchtig essen! War früher ein Festessen beendet, sahen die Speisenden oft
nicht mehr so elegant aus wie vor dem Mahl, schließlich aß man ja ohne Gabel.
Zur Reinigung wurde daher Wasser gereicht, den Damen zuerst. Sagt man heute
von sich, man könne diesem oder jenem nicht einmal das Wasser reichen, so ist
das ein Zeichen von Bescheidenheit. Vielleicht.
Löffel sticht Gabel
Übrigens kann die Gabel dem Löffel nicht nur in puncto Alter und
Fassungsvermögen das Wasser nicht reichen, auch ihre Rolle in unserer Sprache
wird kleiner: Jeder kennt den englischen "Brunch", aber wer kennt noch das
vornehme französische "Gabelfrühstück"? Und dabei klingt es doch viel besser.
Nun ja, die Ohren sind offensichtlich von geringerer Bedeutung. Man sagt ja auch
bloß: "Die Augen essen mit." Von den Ohren ist keine Rede. Nicht mal von denen
des Hasen.
Blatt
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Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Im Herbst färben sich die Blätter
bunt
Es erfreut das Auge. Es kann zum Basteln und Spielen genommen werden. Es
bietet Informationen – das Blatt. Wenn es sich wendet, kann es zum Guten
der zum Schlechten sein.
Das Stichwort dieser Woche heißt "Blatt". Wir werden das Blatt von
verschiedenen Seiten betrachten, den bildhaften und den gegenständlichen. Die
richtigen Blätter – die an den Laubbäumen – wenden sich tatsächlich. Und zwar so
um den 21. Juni, zur Zeit der Sommersonnenwende.
Umgekehrte Blätter
Schon Theophrast, ein griechischer Philosoph, der im 4. vorchristlichen
Jahrhundert lebte, hat dieses Phänomen in seiner "Geschichte der Pflanzen"
beschrieben. Dort ist festgehalten, dass Ölbäume, Linden, Ulmen und Weißpappeln
ihre Blätter umkehren. Dieses "Blattwenden" ist in unterschiedlicher Deutlichkeit
bei allen Laubbäumen zu beobachten.
Ein Bauernspruch aus dem Hessischen lautet: "Sankt Veit legt sich das Blatt auf
die Seit". Gemeint ist der Veitstag: der 15. Juni.
Historische Flugblätter
Es ist Herbst geworden. Der Wind zaust die Bäume und wirbelt Blätter durch die
Luft. Sie scheinen zu fliegen. Mit diesem Bild vor Augen ist leicht zu verstehen,
was mit dem Wort Flugblatt gemeint ist. Wir alle kennen sie, die Flugblätter,
einzelne Papierseiten bedruckt mit Mitteilungen aller Art; meist handelt es sich um
Werbung. Um 1845 sind in München die berühmten "Fliegenden Blätter"
entstanden: lose Blätter mit kuriosen Nachrichten, merkwürdigen Begebenheiten
und witzigen Zeichnungen.
Blatt und Blätter, das bedeutet auch Zeitung beziehungsweise Zeitungen. Tageund Wochenblatt sind gängige Ausdrücke. Wenn ein wichtiges, ja sensationelles
Ereignis landesweit in der Presse gemeldet, ausführlich dargestellt und
kommentiert wird, dann "rauscht es im Blätterwald". Oft geht es auch um
Personen, die alles andere als ein "unbeschriebenes Blatt" sind, deren
Lebenswandel sich vorzüglich für die Klatschspalten der Skandalblättchen eignet.
Flach und zwei Seiten
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"Blat" – mit einem "t" geschrieben – ist schon seit althochdeutscher Zeit das Wort
für die Buchseite und das "botanische" Blatt. Beide – um es ganz einfach zu sagen
– sind flach und haben zwei Seiten. Von daher sind viele übertragene Bedeutungen
unseres Stichworts leicht zu verstehen. An erster Stelle das "Blatt Papier".
Auch zu einem Kartenspiel sagt man Blatt. Skatblatt beispielsweise. Die Spieler
haben ein gutes Blatt, das heißt günstige Karten, oder ein schlechtes Blatt. Viele
Dinge, die ganz einfach flach sind, werden mit "Blatt" näher bezeichnet. Da gibt es
das "Sägeblatt", das "Ruderblatt" und das "Bugblatt" bei den Tieren. Das ist der
Körperteil, in dem das Herz sitzt, das der Jäger mit einem "Blattschuss" zu treffen
versucht.
Allerliebstes Herzblatt!
Nicht mit dem Bugblatt zu verwechseln ist das "Herzblatt". Dieses ist, ganz
wörtlich genommen, das innerste Blatt einer Pflanze. Man spricht von Salatherzen,
oder in übertragener Bedeutung als Kosename vom "allerliebsten Herzblatt".
Wenn wir schon Salatherzen erwähnen, dürfen wir natürlich die "Blattsalate" nicht
vergessen. Ja, das Essen. Was wäre die feine Küche ohne selbst gemachte
"Blätterteigpastetchen" oder "Blätterteigtaschen", mit Herzhaftem oder Süßem
gefüllt, zum Beispiel mit Feigenmus.
Das Feigenblatt
Natürlich! Das Feigenblatt! Angeblich bedeckt es auf unzähligen Gemälden die
Blöße nackter Menschen und ist doch meist ein Ahorn- oder Weinblatt, denn diese
sind größer als ein Feigenblatt. Wie auch immer, das Feigenblatt ist zum Synonym
des Verhüllenden schlechthin geworden.
Übrigens wurden Blätter, meist größere, auch vor das Gesicht gehalten. Von
Schauspielern nämlich. "Ehe die Komödianten die Masken erfanden, haben sie das
Gesicht mit Feigenblättern verstellt und ihre Stichelreden vorgebracht" heißt es in
einem alten Buch.
Offenheit gefragt
Wer hingegen "kein Blatt vor den Mund nimmt", der versteckt sich nicht und sagt
offen seine Meinung. Das kann mitunter bewirken, dass sich das Blatt zum Guten
wendet.
Fragen zum Text
97
Die berühmten "Fliegenden Blätter" sind entstanden: …
1. um 1845.
2. um 1996.
3. im Mittelalter.
Die Redensart kein Blatt vor den Mund nehmen bedeutet, …
1. dass jemand offen seine Meinung sagt.
2. dass jemand nicht sprechen kann.
3. dass jemand Mundgeruch hat.
Welches der drei Blätter gibt es nicht?
1. das Sägeblatt
2. das Flugblatt
3. das Nierenblatt
Arbeitsauftrag
Erstellen Sie eine Liste von 20 Wörtern, in denen das Wort Blatt vorkommt.
Schreiben Sie dann einen Text, in dem Sie die Wörter sinnvoll in einer Geschichte
unterbringen.
Blei
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Was wird die Zukunft bringen?
Zack! Das geschmolzene Blei wird in eine Schüssel mit Wasser auskippen. Das
zischt und dampft einen Augenblick, und dann haben wir sie: Die gegossene
Figur aus Blei, die sich so schön deuten lässt.
So ein bisschen in die Zukunft schauen können, wer möchte das nicht. Was wird es
bringen das Neue Jahr. Niemand weiß es. Oder vielleicht doch? Manchmal hilft
das Bleigießen – eine nette Form des Aberglaubens. Und es ist lustig. Vielleicht
haben Sie ja noch so eine kleine bizarre Figur vor sich liegen vom Silvesterabend.
Für alle, die nicht wissen, was Bleigießen ist, wollen wir es erklären und außerdem
noch ein paar Informationen gewissermaßen rund ums Blei liefern. Das Stichwort
lautet also Blei.
Von Bleigießen zum Buchdruck
Zunächst aber ein Blick auf den Silvesterabend. Bleigießen ist ein alter Brauch.
Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat er mit Gutenbergs Erfindung der
Buchdruckerkunst zu tun. Die beweglichen, bleiernen Lettern entstanden, indem in
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eine Matrize flüssiges Blei gegossen wurde. So ließ sich im Prinzip jede beliebige
Form herstellen, nicht nur die Buchstaben aus Blei.
Wobei Buchstabe in diesem Zusammenhang das falsche Wort ist, denn der
Buchstabe wurde aus Buchenholz geschnitten. Daher der Name; aber das nur
nebenbei.
Bereits im Altertum wurde Blei gegossen, allerdings zur Herstellung schwerer
Wurfgeschosse. Im Mittelalter dann gab es Siegesplaketten für Turniere und so
genannte Schaumünzen aus Blei. Diese herzustellen war verhältnismäßig einfach,
denn Blei hat eine niedrige Schmelztemperatur und es ist weich.
Schmelztemperatur 328° Celsius
Ein kleiner Bleiklumpen in einem Löffel über eine Kerze gehalten schmilzt nach
ganz kurzer Zeit und zwar – für alle, die es genau wissen wollen, – bei 328°
Celsius. Ein Metall, das schwer ist, leicht zu schmelzen und dazu auch noch weich,
hat seine Vorteile. Schon auf den Baustellen mittelalterlicher Zeit gab es das
Richtblei; ein Bleistück an einer langen Schnur befestigt. Mit ihm konnten die
Maurer lotrecht mauern, weil das Richtblei verlässlich die Senkrechte anzeigt.
Die Seefahrer und Schiffersleute benutzten das Senkblei. Ebenfalls ein Stück Blei
an einem dünnen Seil befestigt. Es wurde ins Wasser geworfen und dank der
sprichwörtlichen Bleischwere sank es sofort auf den Grund. Durch Markierungen
am Seil konnte die Wassertiefe schnell ermittelt und das Schiff davor bewahrt
werden, auf Grund zu laufen.
Blei im Wasser
Auch in den großen alten Standuhren, ja an den riesigen Uhrwerken der Kirchen
gab es Blei. Wiederum als Gewicht. Die Formung dieser Uhrgewichte war
verhältnismäßig einfach, denn Blei ist wie gesagt ein weiches und somit gut zu
bearbeitendes Metall.
Geradezu ideal zur Herstellung von Rohrleitungen: Die alten Wasserleitungen
waren alle aus Blei. In diesem Zusammenhang sollten wir erwähnen, dass Blei und
die meisten seiner chemischen Verbindungen giftig sind. Bleivergiftung entsteht
dann, wenn Blei in den Organismus gelangt und sich nach längerer Zeit im Körper
angesammelt hat.
Blei schützt
Aber keine Angst. Auch wer jahrelang Wasser aus einer Bleirohrleitung verwendet
und getrunken hat, wird kaum gesundheitliche Schäden davontragen, geschweige
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denn eine Vergiftung. Trinkwasser enthält nämlich Salze, die in den
Leitungsrohren einen schützenden Überzug bilden und so die Entstehung löslicher
Bleiverbindungen weitestgehend verhindern.
Dennoch gibt es in der deutschen Trinkwasserverordnung einen Grenzwert für
Blei. Er liegt bei 0,04 Milligramm Blei pro Liter. Andererseits schützt Blei. Vor
Strahlungen der Röntgenapparate zum Beispiel. Schwere Bleischürzen halten
Strahlung von den Körperteilen, die nicht geröntgt werden, ab.
Mehr als nur ein Metall
Wie könnte es anders sein, auch Blei hat seine übertragenen Bedeutungen und ist
unter anderem auch deshalb "stichworttauglich". Es ist die blasse bläulichgraue
Farbe, die uns vom bleiernen Himmel sprechen lässt, das relativ hohe Gewicht des
Metalls erscheint in figurativer Bedeutung in der drückend bleiernen Hitze eines
schwülen Sommertags mit bedecktem bleigrauen Himmel.
In der Filmkunst, in der "Bleiernen Zeit" der Regisseurin Margarethe von Trotta,
hat die bedrückende Schwere einer Epoche ihr Bild im Blei gefunden. Aber nun
nichts mehr mit Schwere, auch nicht von den Beinen, die schwer wie Blei sein
können, sondern zurück – fast hätten wir's vergessen – zum Bleigießen:
Herz, Schiff oder einfach nur ein Tropfen?
Wenn das Bleiklümpchen also im Löffel geschmolzen ist – zack – in eine Schüssel
mit Wasser auskippen. Das spratzelt und zischt und dampft einen Augenblick und
dann haben wir sie: Die gegossene Figur aus Blei, die sich so schön deuten lässt.
Sieht sie nicht aus wie ein Herz? Das bedeutet sich neu verlieben. Oder ist das ein
Schiff? Dann steht eine Reise bevor. Oder ein Anker, ein Ball, eine Maus?
Und jetzt ganz zum Schluss für alle, die so geduldig auf den Bleistift gewartet
haben: Tatsächlich kann man mit Blei einigermaßen schreiben, weil es eben so
weich ist. Früher wurde bearbeitetes, geschlämmtes Blei und eine Graphitart in den
so genannten Bleistiften verarbeitet. Heute heißen sie zwar immer noch so, aber
die Minen sind aus Graphit.
Fragen zum Text
Die Schmelztemperatur für Blei liegt bei …
1. 100° Celsius.
2. 328° Celsius.
3. 0° Celsius.
100
Als bleiern bezeichnet werden kann nicht: …
1. der Himmel.
2. die Sonne.
3. die Hitze.
An Silvester gießen manche Leute Blei, weil …
1. man anhand der gegossenen Figur die Zukunft vorhersagen können soll.
2. so die Bleistifte für das kommende Jahr herstellt werden.
3. es Glück bringen soll.
Arbeitsauftrag:
Bleigießen ist nur eine von vielen Traditionen, die es in der Winterzeit und in der
Zeit um den Jahreswechsel gibt. Kennen Sie noch weitere? Schreiben Sie eine
Liste und erläutern Sie die verschiedenen Bräuche schriftlich.
Bleiben
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ganz alleine sitzen geblieben
Zum Glück bleiben uns meist nur die schönen Erinnerungen im Gedächtnis:
Weißt Du noch ...? Manchmal weckt das Wort aber auch unangenehme
Erinnerungen – man denke etwa an das Sitzenbleiben in der Schule.
Bleiben heißt dauern, andauern. Bleiben heißt aber auch an einem Ort ausharren,
nicht fortgehen. "Bleib doch noch", bitten wir den geliebten Menschen und wissen
doch, dass er gehen muss. Bleiben scheint auf den ersten Blick ein unscheinbares
Wort zu sein. Es weist aber, je nachdem, in welcher Umgebung, in welchem
Kontext es steht, eine Bedeutungsvielfalt auf, die in der Tat erstaunlich ist.
Bleiben und die Zeit
Nehmen wir zwei Aussagesätze: "Er ist ganz derselbe geblieben." Das heißt, die
Person – er – hat sich nicht verändert. Oder: "Er ist auf See geblieben". Dieses
geblieben ist eine Umschreibung der Tatsache, dass zum Beispiel ein Matrose auf
See umgekommen, also gestorben ist. Er ist dort geblieben. Für immer.
Bleiben hat stets mit Zeit zu tun. In so geläufigen alltäglichen Wendungen wie:
"Bleib gesund", oder dem mehr oder weniger scherzhaft gemeinten "Bleib
anständig" stecken die guten Wünsche, es möge so bleiben, also fortdauern.
Möchten wir nicht manchmal die Zeit anhalten und wünschen, wenn etwas ganz
besonders schön ist, die Zeit möge stehen bleiben?
101
Dauerhaftes Stehenbleiben
Bleiben wir einen Augenblick bei stehen bleiben. Verben, die Ruhe oder Dauer
ausdrücken, werden in ihrer Grundform, dem Infinitiv, häufig mit bleiben
verbunden. Zum Beispiel stehen bleiben. Dieses Stehen bleiben kann vielerlei
bedeuten.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Stehen
geblieben?Da haben wir die Uhr, die stehen geblieben ist, die – aus welchen
Gründen auch immer – nicht mehr geht. Wenn die Ampel rot leuchtet, sollten wir
tunlichst stehen bleiben. Und noch ein Beispiel für eine übertragene Bedeutung:
Jemand ist in seiner Entwicklung stehen geblieben.
Von Ehrenrunden und Gedächtnisleistungen
Auch sitzen und hängen als Verben der Dauer oder Ruhe gehen zahlreiche
Verbindungen mit bleiben ein; wobei sich wörtliche und bildhafte Bedeutungen
ergeben. Beispiele: "Er blieb im Zuschauerraum sitzen, die anderen gingen ins
Foyer an die Bar". Wer allerdings in der Schule sitzen bleibt, hat das Klassenziel
nicht erreicht und muss wiederholen. In der Schülersprache heißt das dann eine
Ehrenrunde drehen. Für dieses Sitzenbleiben kann man übrigens auch hängen
bleiben sagen.
Hängen plus bleiben bedeutet in aller Regel jedoch etwas anderes. Ein Vorwurf
bleibt hängen, – "alle wurden zwar freigesprochen, aber etwas bleibt doch immer
an ihnen hängen. Harmloser und nur auf Gedächtnisleistungen bezogen ist das
Hängenbleiben im Sinne von behalten, dauerhaft merken. Hängen bleiben, das
kann aber auch jener fatale Augenblick sein, in dem wir mit dem Ärmel an diesem
verdammten Nagel hängen bleiben und das Hemd, die Bluse oder die Jacke
ruinieren.
Wenn nichts geheim bleibt
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Das bleibt unter
uns!Es bleibt dabei: Bleiben ist ein Wort, dessen tiefster Sinn, man könnte auch
sagen, dessen Urbedeutung, mit Zeit zu tun hat – und sei sie auch noch so kurz.
"Das bleibt unter uns", sagen wir vertrauensvoll zum Kollegen und gehen davon
aus, dass dies auch so sein und bleiben wird.
Am nächsten Morgen aber wissen es alle im Büro, und wir haben die peinliche
Gewissheit, dass bleiben auch von kurzer Dauer sein kann. Von längerer Dauer ist
im Allgemeinen das sich selbst und den anderen Treubleiben. Werfen wir noch
102
einen Blick auf die Nominalisierungen von bleiben; auf die Substantive also, deren
Ursprung das Verb bleiben ist.
Es bleibt ein kleiner Rest
Da haben wir den Verbleib, ein Wort, das als Rubrik zum Verbleib auf
Kurzbriefformularen zu finden ist. Zum Verbleib heißt, eine Nachricht oder auch
Akten, Unterlagen oder Informationen aller Art sollen beim Empfänger bleiben.
Sie müssen weder zurückgeschickt noch weitergeleitet werden.
Ein selten gebrauchtes Nomen ist Überbleibsel. Es ist das, was als kleiner Rest
geblieben ist. Und ein letztes: die Bleibe. Das ist eine oft notdürftige Unterkunft,
ein Obdach, ein Ort, an dem man vorübergehend unterkommen kann. Es wird bei
der Hoffnung bleiben, dass alle Menschen einen Ort finden, an dem sie dauerhaft
und geschützt leben können.
Bleibende Stangen, Teppiche und mehr
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Sie sollte
anderen vielleicht besser "vom Leibe bleiben"Bleiben steckt auch in vielen
Redewendungen. Da bleibt dann jemand gerne bei der Stange, weil er etwas gerne
tut. Macht er diese Sache jedoch nicht gut, dann muss er sich anhören: Schuster
bleib bei deinen Leisten. Anders liegt der Fall, wenn etwas besonders gut gemacht
wird und man damit gerne vor anderen prahlt. Da muss man sich nicht wundern,
wenn man den Satz zu hören bekommt: Bleib auf dem Teppich.
Und kommt man mit einer dick verschnupften Nase ins Büro, muss man sich nicht
wundern von den Kollegen mit einem Bleib mir vom Hals! oder Bleib mir vom
Leibe! empfangen zu werden. Niemand will gerne angesteckt werden.
Alles hängengeblieben?
Sie sind hoffentlich nicht auf der Strecke geblieben bei all diesen Erklärungen und
haben bis zum Ende ausgehalten. Bleibt zu hoffen, dass alles hängen geblieben ist!
Fragen zum Text
Sitzen bleiben bedeutet, dass man …
1. in der Schule nicht versetzt wird.
2. seinen Platz verlässt.
3. etwas sehr gut beherrscht.
103
Etwas bleibt … Gedächtnis.
1. beim
2. im
3. zum
Wenn jemand auf der Strecke bleibt, dann …
1. hat jemand keinen Erfolg mit etwas.
2. ist das Auto auf der Straße stehen geblieben.
3. ist jemand beim Joggen ohnmächtig geworden.
Arbeitsauftrag
Diskutieren Sie in Ihrer Gruppe die Vor- und die Nachteile des Sitzenbleibens in
der Schule. Erarbeiten Sie gemeinsam eine schriftliche Zusammenfassung des
Ergebnisses Ihrer Diskussion.
Auf einen Blick
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Viele Fernseher machen noch
keinen Weitblick
Liebe auf den ersten Blick – eine schöne Vorstellung. Oft ist das Objekt der
Begierde ein Blickfang, da verguckt man sich schnell. Doch im Rückblick
muss man sich eingestehen, dass die Liebe nur einen Augenblick dauerte.
Ein Freund, Werbetexter, verriet mir, dass immer, wenn er ein Produkt bewerben
müsse, von dem er gar nicht wisse, wozu es gut sei, formuliere er etwas in der Art
wie „ein wunderschöner Blickfang für jede Wohnung“.
Ein Fang
Der Blickfang ist etwas, das Blicke auf sich zieht. Blickfang kann auch ein Mensch
sein, ein außergewöhnlich hübscher oder hässlicher Mensch. Jemand, der ins Auge
sticht, auffällt. Der wiederum kann auch unauffällig sein: ein Mensch, den man
wieder zu erkennen meint, einer, der sich endlich, wie’s scheint, mal wieder
blicken lässt.
Und wenn der Erblickte nicht der Gesuchte war? Tja, dann hat man sich wohl – ja,
was? "Verblickt"? – Nein, gibt es nicht. "Versehen"? – Gibt es zwar, aber das trifft
es nicht. Man hat sich getäuscht. Der erste Blick hat getrogen. Klingt sehr
altbacken. Warum nicht sagen "man hat sich verguckt"? Geht auch nicht. Das
heißt: "man hat sich (ein wenig) verliebt". Wahrscheinlich auf den ersten Blick ...
104
Rundherum und in die Ferne
Reißen wir uns von dem Anblick los, lassen wir den Blick schweifen! Schön ist es,
auf dem Gipfel eines Berges zu stehen, keine Wolke trübt den freien Blick, so dass
man den herrlichen Rundblick, das Panorama, genießen kann. Von ganz oben
überblickt man so vieles! Das nennt man "Fernblick" oder auch "Fernsicht" – nicht
aber "Weitblick". Der Weitblick zielt nicht auf große örtliche Entfernung, sondern
zeitliche. Einer, der mit Weitblick vorgeht, versucht vorausschauend zu handeln, er
plant und wird vor der Bergbesteigung den Wetterbericht studieren. Denn Nebel
verkürzt die Sichtweite. Und es ist ärgerlich, wegen mangelnden Weitblicks keinen
Fernblick zu haben.
Auch Planung hat Tücken. Der Plan: Urlaub am Meer. Das Foto im Prospekt zeigt
den Blick (die Ansicht) aus dem Hotelzimmer: unverstellt der Blick (die Aussicht)
aufs Meer. Aber der Fotograf wählte einen Blickwinkel (Perspektive), der
geschickt verschweigt, dass zwischen Hotel und Meer eine mehrspurige
Schnellstraße verläuft. Bis man das durchblickt hat, bzw. moderner: "geblickt" hat,
tja, da ist es zu spät. Noch Jahre später, im Rückblick, ärgert man sich ... Das ist
der »Blick zurück im Zorn«. Ursprünglich ist das der Titel eines Theaterstücks.
Verfilmt mit Richard Burton. Der konnte ja zornig gucken...
Angst vor Blicken
Schon die alten Ptolemäer listeten Sprüche auf wider die Macht des bösen Blicks.
Die antike Sagenwelt kennt die Medusa, die alles, was sich ihrem Blick
entgegenstellt, versteinert. Das christliche Mittelalter kannte Hexenverfolgungen.
Als Hexen verbrannt wurden Frauen, die es laut Anklage verstanden – Zitat –
"bisweilen Menschen und Tiere durch den bloßen Blick, ohne Berührung zu
behexen und den Tod zu bewirken" (aus dem „Hexenhammer“ von 1487).
Die Hexenverbrennungen sind Geschichte, der böse Blick nicht. Wer hat noch
nicht jemandem mal, aus Neid oder Wut, einen bösen Blick zugeworfen? Oder war
Adressat eines bösen, eines stechenden Blicks? Und hat dann mehr oder weniger
entsetzt gedacht: "Oje, wenn Blicke töten könnten ...."
Im Mittelpunkt und dahinter
Das Anglotzen oder Anstarren ist eine dem bösen Blick verwandte Art des
Anblickens. Im Blickpunkt (Mittelpunkt) des Interesses: der Prominente, er ist
"Blickfang", wird förmlich mit Blicken verschlungen – real und als Bild. Überall
blicken uns Promi-Fotos an, die Boulevard-Presse lebt vom indiskreten Blick
hinter die Kulissen. Die größte Boulevardzeitung der Schweiz heißt "Blick". Das
lässt ja tief blicken...
105
Jeder Zeitungsmacher, jeder Filmemacher weiß: das Böse allein macht nicht
glücklich. Die Macht des Blickes funktioniert auch positiv. Statt hasserfüllt zu
verzaubern, vermag ein Blick auch liebevoll zu bezaubern. Beim Flirten: Man
riskiert einen Blick, stellt Blickkontakt her, tauscht Blicke aus, und dann? –
Vielleicht wird Liebe draus, sogar auf den ersten Blick.
Vorsicht beim ersten Blick
Aber Vorsicht! „Liebe auf den ersten Blick ist ungefähr so zuverlässig wie
Diagnose auf den ersten Händedruck“, spöttelte George Bernard Shaw mit
Kennerblick. Milder, aber mit gleichfalls geschultem Blick urteilte Antoine de
Saint-Exupéry : “Liebe besteht nicht darin, in den anderen hineinzustarren, sondern
darin, gemeinsam nach vorn zu blicken.“ Dem ist nichts hinzuzufügen …
Fragen zum Text
Was kann ein Hotelprospekt nicht versprechen?
1.
Meerblick
2.
Weitblick
3.
Fernblick
Wenn zwei Menschen Blickkontakt haben, …
1.
sehen sie einander an.
2.
sehen sie in die gleiche Richtung.
3.
sieht der eine nach vorne und der andere nach hinten.
Wer sich verguckt hat, …
1.
hat in die falsche Richtung gesehen.
2.
hat sich verliebt.
3.
hat zu lange vor dem Fernseher gesessen.
Arbeitsauftrag
Suchen Sie folgende Wörter im Text und versuchen Sie, ihre Bedeutung schriftlich
anzugeben. Sie dürfen natürlich auch ein Wörterbuch benutzen: Weitblick (auch
Weitsicht), Fernblick (auch Fernsicht), Blickfang, Blickkontakt, Augenblick,
Rückblick.
Blockade
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Eine Seeblockade
106
Blockieren kann man vieles. Etwa Städte, Länder oder auch das eigene
Denken. Allerdings ist keine Blockade unüberwindbar.
Unser Stichwort diese Woche ist "Blockade". Das Wort ist eine so genannte
französisierende Bildung. Das bedeutet, dass es lediglich französisch klingt, aber
kein rein französisches Wort ist. "Blockade" nämlich heißt in der Sprache unserer
Nachbarn "blocage".
Ursprung des "Block"
Wann und woher aber kam "bloc" mit "c" ins Französische? Mit großer
Wahrscheinlichkeit aus dem Mittelniederländischen, und zwar schon im 13.
Jahrhundert. "Bloc" war das Wort für den rohen, grob behauenen Baumstamm oder
auch Baumstumpf.
Das Wort "Blockhaus" erklärt sich direkt aus dieser Bedeutung von Block und ist
fast gleichzeitig mit Block ebenfalls ins damalige Französisch eingewandert.
"Blockhaus", fest im französischen Wortschatz verankert – und von der deutschen
Schreibweise lediglich durch das kleine "b" unterschieden – ist noch heute das
Wort für das, was auch im Deutschen unter einem "Blockhaus" verstanden wird;
beziehungsweise einem gepanzerten Befehlsstand oder einem kleineren Bunker.
Aus der Militärsprache
Das "Blockhaus" – aus schweren Holzstämmen zusammengezimmert – ist eine
stabile Sache. So bestanden die frühen militärischen Bollwerke, die Forts, aus
"Blockhäusern" mit schwer überwindlichen Zäunen, den Palisaden. Diese
hölzernen Festungen waren oft Grenzsicherungen. Sie blockierten die freie Durchoder Weiterfahrt.
"Blockieren", das Verbum, ist als direkte Ableitung des französischen "bloquer"
während des 17. Jahrhunderts ins Deutsche gelangt. Es hatte zunächst wie
"Blockade" auch eine rein militärische Bedeutung. Wobei noch eine kleine
sprachgeschichtliche Anmerkung zu "Blockade" nachzutragen ist: Mit großer
Wahrscheinlichkeit wurde es aus dem italienischen "bloccata" entlehnt.
Verschiedene Formen
"Blockade" heißt militärisch Ein- oder Absperrung, Einschließung, Einkreisung
und Einkesselung. Ziel der Blockade ist es, die Bewegungsunfähigkeit des Gegners
zu erreichen. Das kann mit unterschiedlichen Mitteln zu unterschiedlichen
Zwecken geschehen. Es gibt "Seeblockaden", durch die die Ein- beziehungsweise
Ausfahrt von gegnerischen Schiffen verhindert wird, "Wirtschaftsblockaden", mit
107
denen ein Land oder mehrere Länder unter Druck gesetzt werden, um politische
Zugeständnisse zu erzwingen.
Das alles ist etwas vereinfacht ausgedrückt, trifft aber den Kern der Sache. Die
schwerwiegendste Blockade der jüngeren deutschen Geschichte war die Berliner
Blockade. Die damalige sowjetische Besatzungsmacht in Deutschland verfügte die
totale Sperrung aller Land- und Wasserwege von und nach Westberlin. Die
Berliner Blockade dauerte vom 24.06.1948 bis zum 12.05.1949.
Napoleons "Kontinentalsperre"
Als – wenn man so will – Musterbeispiel einer allumfassenden Blockade ist jene
anzusehen, die Napoleon I. gegen England am 21. November 1806 erließ. Unter
dem Begriff "Kontinentalsperre" ist sie in die Geschichte eingegangen.
"Blockade" und "blockieren" sind Wörter, die seit dem frühen 20. Jahrhundert als
Fachausdrücke auch in der Sprache der Technik, Medizin und Psychologie
gebraucht werden. Beispiel: Um zu verhindern, dass Laufräder bei Fahrzeugen
während des Bremsvorganges nicht mehr ohne Drehbewegung gleiten, also
blockieren, ist in modernen Autos ein Antiblockiersystem – kurz ABS – eingebaut.
Innere Blockaden
Blockierungen beim Menschen mittels Einbau eines technischen Systems
aufzuheben, ist nur bedingt möglich. Blockierungen der Atemwege, unterbrochene,
sprich blockierte Nervenleitungen haben oft vielfältige Ursachen. Die inneren
Blockierungen, die seelischen Blockaden, das sind Störungen psychischer
Vorgänge: Verdrängungen, Lähmungen und Hemmungen. Sie aufzuheben
erfordert ausgeklügelte Diagnose- und Behandlungsmethoden, die sich von Fall zu
Fall unterscheiden. Am schwierigsten ist wohl den Denkblockaden beizukommen.
Wer nicht denken will, der will halt nicht.
Fragen zum Text
Ein Blockhaus ist …
1. ein kleiner Bunker.
2. ein gemütliches Holzhaus.
3. ein Haus in einer blockierten Zone.
Das Verb zu "Blockade" lautet …
1. blockagieren.
2. blockieren.
3. blockadieren.
108
Als Musterbeispiel einer Blockade gilt …
1. die Berliner Blockade.
2. die Denkblockade.
3. die Blockade Englands durch Napoleon.
Arbeitsauftrag
Informieren Sie sich genauer über die "Berliner Blockade". Bereiten Sie eine kurze
Präsentation vor und erklären Sie die genauen Umstände der Blockade.
Blut
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Dieser freundliche Herr hat
definitiv Blut geleckt
Ob blau, kalt oder gefroren – Blut ist ein ganz besonderer Saft. Es ist das
Lebenselixier des Menschen. Aber Blut hält nicht nur ihn am Leben, sondern
es belebt sogar die Sprache.
Mephisto: Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.
Faust: Wenn dies dir völlig Gnüge tut, so mag es bei der Fratze bleiben.
Mephisto: Blut ist ein ganz besonderer Saft.
… lässt Goethe seinen Mephisto zu Faust sagen, um mit ihm den Teufelspakt zu
besiegeln, der Mephisto die Seele des Doktor Faust sichert. Blut ist in der Tat ein
ganz und gar besonderer Saft, für unseren Körper, aber auch für die Sprache.
Gefühle: Begeisterung, Liebe und Hass, Wut, Ärger und Raserei werden damit
zum Ausdruck gebracht, aber auch soziale Herkunft und Zugehörigkeit,
Engagement und vieles mehr.
Aristokratisch und ausgeglichen
Als blaublütig gelten die Adligen, auch wenn durch ihre Adern dasselbe rote Blut
fließt wie durch die Körper anderer Menschen, nämlich so bis zu 6 Liter pro
Minute. Blau deshalb, weil Adlige früherer Jahrhunderte sehr darauf achteten,
keine Sonne abzubekommen. Braun wurden nur die einfachen Menschen bei der
täglichen Arbeit auf dem Felde. Durch diese blasse weiße Haut der
Hochwohlgeborenen schienen die Adern bläulich hindurch und erweckten so den
Eindruck, dass blaues Blut in ihnen fließt. Unfug, aber in der Sprache hat sich’s
gehalten.
Kaltblütig hingegen ist derjenige, der ohne Regung und Mitgefühl auch das
Schlimmste in aller Ruhe tun kann, im Extremfall sogar morden. Das kalte Blut
wird so sehr mit Ruhe und Gelassenheit verbunden, dass sogar spezielle
109
Pferderassen mit hohem Körpergewicht und ausgeglichenem Temperament als
Kaltblüter bezeichnet werden. Tatsächlich ist ihr Blut allerdings genauso warm wie
das anderer Pferde. Und übertrieben hektische Menschen versucht man oft mit dem
Zuspruch "Ruhig Blut" zu besänftigen.
Blutbad und Blutsbande
Wenn man heftig erschreckt wird, gefriert einem das Blut in den Adern. Bildlich
gesprochen natürlich. Als blutrünstig gelten Vampire. Aber die gibt es ja nur im
Film. Doch existieren auch im normalen Leben besonders aggressive Menschen,
die darauf aus sind, andere zu verletzen. Menschen, die Kampf und Gewalt aus
einer abartigen Lust oder Ideologie heraus suchen. Soldaten im Krieg oder
enttäuschte Liebhaber, denen es egal ist, wenn sie in ihrer Wut für Blutvergießen
sorgen, und im Extremfall sogar ein Blutbad anrichten.
Blut ist dicker als Wasser, heißt es. Vor allem dann, wenn man sich wundert, dass
Menschen, die sich in Meinung und Charakter sehr unterscheiden, dennoch
zueinander halten. Die Blutsbande, die familiäre Bindung und direkte
Verwandtschaft lässt eben viele Menschen über das Trennende hinweg blicken.
Zum Beispiel, wenn der Sohn des überzeugten Sozialdemokraten als junger
Erwachsener plötzlich Sympathien für nationale Parolen entwickelt oder für
kommunistische. Solche Fehltritte sorgen zwar anfangs immer für böses Blut und
Ärger, letztlich aber werden sie dem eigen Fleisch und Blut doch eher verziehen
als irgendwelchen Fremden.
Aus Fleisch und Blut – wie du und ich
Ein umgangssprachlicher Mensch aus Fleisch und Blut muss dagegen nicht mit
einem verwandt sein, nicht einmal bekannt. Der Spruch dient nur der Betonung.
Ein Mensch aus Fleisch und Blut ist nicht abgehoben, nicht heilig, nicht
überirdisch, nicht extrem sonderbegabt, sondern einer wie wir, Durchschnitt,
normal, mit Fehlern und Eigenarten. Dagegen ist das, was in Fleisch und Blut
übergeht, etwas lange Eingeübtes: ein Text, ein Tanz, ein Lied oder auch
Handgriffe an der Maschine bei der täglichen Arbeit.
So sehr kann manches in Fleisch und Blut übergehen – wie automatisiert ablaufen
– dass es schon manchmal stört. Zum Beispiel, wenn beim neuen Auto der Schalter
fürs Licht an anderer Stelle angebracht ist als beim alten und man deshalb abends
immer die Scheibenwischer in Gang setzt, statt der Scheinwerfer.
Herzblut
110
Das passiert nicht nur blutigen Anfängern. Im Gegenteil, eher sogar geübten
Fahrern. Viel Herzblut hängt an Dingen, die uns wichtig sind. Dem Maler an
Farben und Formen, dem Dichter am Klang der Worte. Wenn die in Unordnung
sind, blutet ihm, dem Maler oder Dichter – etwas übertrieben ausgedrückt – das
Herz. Ein falsches Wort, ein missglückter Pinselstrich bringt ihr Blut in Wallung.
Denn meistens ist diese Liebe und Fähigkeit ja mit viel Mühe erkämpft. Die
Naturtalente, denen alles im Blut liegt, sind eher selten.
Derjenige, der einmal Blut geleckt und Gefallen an etwas gefunden hat, will es
genau wissen und sucht immer mehr. Der Literaturliebhaber gute Bücher, der
Briefmarkensammler seltene Exemplare und der Hobbykoch ausgefallene Rezepte
und Geschmackserlebnisse.
Chaos
Sie sorgen für Chaos: Fußball-Hooligans
Ein Zustand der Unordnung, ein heilloses Tohuwabohu, der Gegensatz zum
Geordneten, zum Kosmos: das Chaos. Philosophen und Wissenschaftler
beschäftigt es. Bestimmte Menschen verursachen es.
Während der Ferienzeiten kommt es zu einem Verkehrschaos, weil alle
gleichzeitig mit dem Auto in den Urlaub fahren wollen. Auf Flughäfen werden
Flüge gestrichen, weil ein Schneechaos herrscht. Eine ganze Stadt wird durch
einen Staubsturm ins Chaos gestürzt. Chaos auf dem Schreibtisch. Chaotische
Menschen.
Etwas Philosophie
Nach modernem Verständnis ist Chaos ein Zustand der völligen Unordnung. In der
griechischen Antike hatte es zunächst eine andere Bedeutung. Chaos ist dem
griechischen cháos entlehnt, was so viel wie leerer Raum bedeutet, aber auch den
Urzustand der Welt bezeichnet. Am Anfang aller Zeiten und Welten herrschte eben
das Chaos.
Im Verständnis der antiken griechischen Naturphilosophie stellte man sich das
Chaos als einen sich öffnenden Abgrund vor. In diesem bildete sich dann ein
ungeordneter und in seiner Beschaffenheit noch völlig unbestimmter Stoff. Der
griechische Philosoph Hesiod sprach von einem gähnenden Abgrund. Für den
Philosophen Aristoteles wurde daraus ein leerer Raum; Platon und andere
Philosophen deuteten das Chaos dann als wüstes Durcheinander.
Der Gegenpol
111
Den griechischen Mythen nach war Chaos der erste Zustand der Welt. Aus ihm
heraus entwickelte sich – einer Kettenreaktion vergleichbar – der Kosmos, das
Weltall oder Universum. Dort herrscht Ordnung und eine gewisse Harmonie im
Ganzen. Der Kosmos bildet somit den Gegenpol zum Chaos.
Schöpfer der Welt
Chaos im UniversumDie Frage, die damals die Menschen beschäftigte, war: Wer
gestaltete das Chaos, die Urmasse? Wer ließ sie zur Welt werden? In vielen
Religionen ist es ein Schöpfer, der in dieses Chaos eingreift, es formt und ordnet.
Bei den Babyloniern war Marduk der Herr, der sich gegen den Chaosdrachen
Tiamat durchsetzte und die Welt erschuf. Er zerriss den Drachen und machte aus
den Teilen des Körpers Himmel und Erde. Aus diesem Mythos entstand das
Weltbild von der Himmelsschale, die sich über die Erdscheibe wölbt. Im Alten
Testament war es Gott, Jahwe, der aus dem Chaos Himmel und Erde schuf. Das
Chaos im biblischen Schöpfungsbericht hat auch einen Namen: tohu wa-bohu.
So ein Tohuwabohu
Das Tohuwabohu war also der Zustand vor dem eigentlichen Schöpfungsakt. In der
heutigen Alltagssprache wird häufig von so einem Tohuwabohu gesprochen, womit
ein heilloses Durcheinander gemeint ist.
Das Wort bedeutet im Hebräischen so viel wie wüst und leer. Wirrwarr,
Unordnung, Durcheinander – das sind die Bedeutungen, die sich von der Antike
bis in unsere Zeit für die Bedeutung von Chaos erhalten haben.
Chaosforscher
Ein Muster, nach dem chaotische Verhältnisse entstehen, ist nicht erkennbar.
Dennoch versuchen Chaosforscher Erklärungen zu finden. Warum verändert sich
etwas nach einer gewissen Zeit, durch geringste Einflüsse, und führt zu einem
völlig anderen Verhalten als erwartet?
Vor allem Mathematiker und Physiker beschäftigen sich mit solchen Fragen. Aber
auch in der Geschichtswissenschaft, der Medizin, der Wirtschaft oder auch der
Psychologie werden Erklärungen für bestimmte chaotische Entwicklungen gesucht.
Warum zum Beispiel treffen Wettervorhersagen nicht immer zu, oder warum läuft
jemand Amok?
Chaoten, die Unordnung verbreiten
112
Chaotische Zustände!Der menschliche Urheber des Chaos ist der Chaot. Das ist
eine Bezeichnung für jemanden, der keine innere Struktur hat und Unordnung um
sich herum verbreitet. Umgangssprachlich findet man das in einer bekannten
Redewendung wieder: "Hier sieht es ja aus wie bei Hempels hinterm Sofa" – oder
"unterm Bett".
Das bedeutet nicht, dass der gute Mensch, auf den man den Spruch anwendet,
wirklich Hempel heißt. Pate für die Redensart stand wohl der Schausteller Hempel,
der gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Zirkus Hagenbeck unterwegs war.
Herr Hempel hatte – anders als die anderen Schausteller – die Angewohnheit,
seinen Müll unter den Wohnwagen zu kehren und nicht wegzuräumen. Aber da in
Wohnungen ja bekanntlich keine Wohnwagen stehen, wurden eben Betten oder
Sofas daraus.
Chaoten, die verändern wollen
Unordnung ganz anderer Art verbreiten sie: die politischen Chaoten. Sie sind
Gegner des jeweils herrschenden Systems. Sie wollen es meist beseitigen oder
radikal verändern – häufig mit roher Gewalt.
Diese Autonomen oder Radikalen werden von den Herrschenden abwertend als
Chaoten bezeichnet. In deren Kreisen jedoch wird der Begriff durchaus positiv, als
Bestätigung ihres Handelns gesehen.
Tarn-Chaoten
"Chaos Computer Club": Chaos schaffen für einen guten ZweckEtwas verändern
wollte auch eine besondere Chaoten-Gruppe, allerdings nicht mit Gewalt: Ende der
1980er Jahre gründete sich in Deutschland der Chaos Computer Club. Die
Mitglieder dringen in fremde Computernetze ein.
Sie wollen damit allerdings keinen Schaden anrichten, sondern auf Lücken in
Sicherheitssystemen hinweisen. Anfangs heftig kritisiert, werden die Mitglieder
des Vereins inzwischen gerne auch von namhaften Unternehmen zu Rate gezogen.
Kreative Chaoten
Ja, und dann gibt es noch die Sorte Chaoten, die die Unordnung, das Wirrwarr
braucht, um etwas zu schaffen, um kreativ sein zu können. Womit sie letztendlich
der antiken Vorstellung von Chaos nahe kommen. Häufig sind diese Menschen
bemüht, ihre unorganisierte Betriebsamkeit mit dem Anschein des
Außergewöhnlichen zu versehen.
113
Ihnen kann man nicht richtig böse sein. Sie werden deshalb gerne auch als
liebenswerte Chaoten bezeichnet. Und in gewissen Kreisen gilt es als nachgerade
schick, wenn es immer so ein bisschen chaotisch zugeht.
Fragen zum Text
In der Antike wurde Chaos gesehen als …
1. der Ursprung der Welt.
2. die Unordnung auf den Straßen.
3. harmonische zwischenmenschliche Beziehungen.
In der Bibel wird Chaos bezeichnet als …
1. Tobuwahohu
2. Tohuwabohu
3. Towahubohu
Von einer Kettenreaktion spricht man im übertragenen Sinn, wenn …
1. jemand nur auf Kettenrasseln reagiert.
2. sich chemische Stoffe umwandeln.
3. mehrere Dinge hintereinander geschehen, die von etwas ausgelöst wurden.
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie eine Kurzgeschichte über das Zusammenleben eines Chaoten mit
jemandem, der sehr ordentlich ist. Lesen Sie Ihre Geschichte der Gruppe vor.
Charaktertypen
Noch duscht er kalt ...
Trittbrettfahrer brauchen kein Fahrzeug, um weiter zu kommen,
Schaumschläger kommen ohne Schneebesen aus, und Überflieger können
ausgesprochene Höhenangst haben. Ein Blick auf verschiedene
Charaktertypen.
Legendär ist die "Zimtzicke": eine schwierige Person, meistens unfreundlich,
launisch und unberechenbar in ihren Reaktionen und Entscheidungen, wie eine
junge hin- und herspringende Ziege. Heute kommt die Zicke sprachlich meist ohne
Zimt aus, einen Zusatz, der das Zickige noch etwas unterstreichen sollte.
Abgeleitet von dem teuren und delikaten Gewürz bedeutete "zimtig" in
vergangenen Jahrhunderten, kompliziert und umständlich zu sein.
114
Vom Waschlappen zum Warmduscher
Die Sprache ist Moden unterworfen; und ein wenig aus der Mode gekommen ist
der "Waschlappen" als Ausdruck für einen Feigling oder einen besonders
empfindlichen Mann. In der neueren Umgangssprache bezeichnet man einen
solchen Charakter eher als "Warmduscher".
Mit Sicherheit handelt es sich dabei nicht um eine durchtrainierte "Sportskanone",
die den Tag mit einem 20-Kilometer-Waldlauf beginnt. Ein "Weichei" eben, das
sich hin und wieder als "Schlaftablette" oder "trübe Tasse" beschimpfen lassen
muss.
Schein und Sein
Zeitlos und von Moden unabhängig ist dagegen die Bezeichnung
"Schaumschläger". Der Schaumschläger sorgt immer für viel Aufsehen, hält große
Reden und prahlt mit seinen Fähigkeiten, hat aber letztlich nur wenig zu bieten.
Viel zu bieten hat der "Dünnbrettbohrer" übrigens auch nicht. Ganz gleich, ob bei
seiner Arbeit oder auf der Karriereleiter: Immer sucht er den einfachsten Weg, will
mit möglichst wenig Einsatz möglichst weit und hoch kommen. Er ist ein
oberflächlicher, bequemer Mensch und somit das Gegenstück zum engagierten
Idealisten, der für seine Überzeugung kämpft. Er unterscheidet sich auch vom
peniblen, übergenauen "Erbsenzähler", für den weniger der Inhalt zählt als die
Korrektheit der Form.
Der eine macht vor – der andere nach
Der "Überflieger" hat all das nicht nötig. Mit der besonderen Begabung
ausgestattet, schneller als andere zu verstehen und zu begreifen, eignet er sich in
kürzester Zeit alles an, was man für Beruf und Karriere wissen muss.
Eine besondere Spezies ist der "Trittbrettfahrer". Er lebt von der Nachahmung. Sei
es, dass er als Angestellter schnell die gleiche Meinung vertritt wie der neue Chef,
als Händler das erfolgreiche Produkt des Konkurrenten im Angebot hat oder als
Politiker die Slogans anderer übernimmt, um beim Volk gut anzukommen.
Prolos und Bonzen
"Proletarier" war früher ein politischer Klassen- und Kampfbegriff und stand für
die benachteiligten Menschen der gesellschaftlichen Unterschicht.
Umgangssprachlich übrig geblieben ist von dem Wort "Proletarier" heute nur der
so genannte "Proll" oder auch "Prolo", ein abwertender und oft diskriminierender
115
Begriff, der mit Politik kaum noch etwas zu tun hat. Er steht für eine schlichte und
derbe Ausdrucksweise und grobe Umgangsformen.
Am anderen Ende der Gesellschaft stehen die so genannten "Bonzen": Menschen
mit Geld und Macht, die beides auch gerne zeigen und einsetzen und selten als
feinsinnig gelten.
Die Ewiggestrigen
Stetes Feindbild der Intellektuellen ist der "Spießer", hochsprachlich auch
"Spießbürger" genannt. Sein Name leitet sich vom Vorrecht der mittelalterlichen
Stadtbewohner ab, Waffen tragen zu dürfen. Heute gilt als Spießer, wer starr an
alten Lebensgewohnheiten festhält und engstirnig alles Neue und Moderne ablehnt.
Zicke, Warmduscher, Überflieger oder Spießer: welchen dieser Typen Sie
verkörpern, hängt oft nicht von Ihnen allein ab, sondern vom Betrachter. Und
natürlich davon, wie wohl der Ihnen gesonnen ist.
Dampf
Der See verschwindet im Dampf
Warm bis heiß und feucht, das ist er – der Dampf. Physikalisch ist seine
Entstehung leicht zu erklären. In zwischenmenschlichen Beziehungen spielt er
eine manchmal nicht unbedeutende Rolle, etwa beim "Hans Dampf".
Es dampft: Etwa in einem türkischen Hamam, in Themalbädern und an
Schwefelquellen. Auch wenn wir Wasser kochen oder eine Tasse mit einem heißen
Getränk in den Händen halten, wenn es draußen kalt ist. Und wer kennt nicht, in
der Erkältungszeit, das Handtuch über dem Kopf und denselbigen dann über einer
Schüssel mit dampfendem Wasser.
Feuer und Dampf?
"Dampf": Ein Wort, dessen Bedeutungsvielfalt vom Physikalischen – Stoff in
gasförmigem Zustand, zum Beispiel Wasserdampf – bis in den Bereich
zwischenmenschlicher Beziehungen reicht. "Jemandem einen Dämpfer aufsetzen"
bedeutet, "ihn oder sie mäßigen, sein oder ihr übertriebenes Selbstgefühl mindern".
So steht es im Lexikon.
Wir müssen nicht bis zu den indogermanischen Wurzeln von "Dampf", "dampfen"
oder "dämpfen" vordringen; es genügt zu wissen, dass die ursprüngliche
Bedeutung von "dämpfen" "das Feuer ersticken" war. Denn ein loderndes Feuer
raucht so gut wie nicht. Schüttet man aber Erde oder Wasser darauf, erstickt es
unter starker Rauchentwicklung und verlöscht schließlich.
Der sanfte, leise Dampf
116
So wie ganz wörtlich genommen ein Feuer gedämpft wird, lässt sich im
übertragenen Sinn Vielerlei dämpfen. Erwartungen zum Beispiel. "Dämpfen" in
diesem Sinne bedeutet "verringern". Gedämpfte Erwartungen führen zu
gedämpfter Stimmung, der Dimmer an der Wohnzimmerlampe sorgt bei Bedarf für
gedämpftes Licht.
Gegen Abend erscheinen die Farben der Natur in gedämpftem Licht; wir sprechen
– wenn nicht alle Umstehenden mitkriegen sollen, was wir sagen – mit gedämpfter
Stimme, der weiche Teppichboden dämpft das Geräusch unserer Schritte, in den
Restaurants berieselt uns gedämpfte Musik.
Dampf in Musik und Industrie
Beispiele ohne Ende. Was nun aber die Musik betrifft, so gibt es für einige
Streichinstrumente "Dämpfer" genannte Klammern, die auf den Steg gesetzt, die
Tonstärke deutlich reduzieren, also dämpfen und überdies die Klangfarbe
verändern; was jedoch nicht mit gedämpfter Musik gleichzusetzen ist. Die ist
einfach leise oder undeutlich zu hören. Aus der Nachbarwohnung beispielsweise.
Lauter ging es da zu Zeiten der Dampfmaschine ab, die das Sinnbild der
Industrialisierung schlechthin war. Dass die Eisenbahn mit den
Dampflokomotiven, die auch Dampfrösser genannt wurden, das Verkehrswesen
geradezu revolutionierte, ist hinlänglich bekannt.
Dampf im Haushalt
Auch im Haushalt geht es nicht ohne Dampf ab. Früher wurden Hosen und
Hemden mittels eines feuchten Tuches beim Bügeln gedämpft. Schneller und
einfacher geht das mit dem Dampfbügeleisen.
Nicht unbedeutend ist der Dampf auch in der Küche. Fisch, Fleisch, Gemüse,
Kartoffeln werden gedämpft, also "durch Dampf gegart". Und das in einem
Dampfkochtopf schonend und in kurzer Zeit. Im wahrsten Sinn des Wortes steht
dieses Gerät wie jeder Dampfkessel unter Dampf, also unter Druck. Damit dieser
Druck nicht so groß werden kann, dass der Topf in die Luft fliegt, gibt es ein
Überdruckventil zum Dampfablassen.
Hans Dampf
Auch wir müssen mitunter "Dampf ablassen". Dann schimpfen wir lautstark über
etwas oder über jemanden, das oder der uns aufgeregt hat. Vielleicht der "Hans
Dampf in allen Gassen"? Dieser muss bei allem dabei sein, hat aber meist außer
einer großen Klappe herzlich wenig zu bieten. Ein Schwätzer also, dem man so
wenig Bedeutung beimessen muss wie dem Dampf, der sich auflöst und verfliegt.
Fragen zum Text
Dämpfen kann man …
1. die Natur.
2. Kleidungsstücke.
3. Öl.
Sinnbild der Industrialisierung ist …
117
1. der Dampfkessel.
2. die Dampfmaschine.
3. die Dampfnudel.
Ergänzen Sie: Hans Dampf …
1. mit großer Klappe.
2. trinkt Glühwein.
3. in allen Gassen.
Arbeitsauftrag:
Schreiben Sie eine kurze Geschichte über einen "Hans Dampf in allen Gassen".
Verwenden Sie darin mehrere Sätze, in denen "Dampf" oder "dämpfen"
vorkommen.
Dauer
Ein Dauerbrenner
Eine Minute kann sehr lange dauern. Sie kann auch schnell vorbei gehen. Es
kommt darauf an, was man in der Zeit tut. Während der langweiligen
Besprechung steht die Zeit still. Ein guter Kuss kann nicht lang genug dauern.
Nun hat es aber wirklich lange genug gedauert! Oder? Dauernd kalt, dauernd
schlechtes Wetter, andauernd Nachtfrost. Ja, dieser Winter dauerte lange. War
hartnäckig. Aber jetzt, man mag es kaum glauben, scheint sich der Frühling zu
melden, wird es milder und alle – oder fast alle – atmen auf.
Dauerbrenner
"Dauer" heißt diese Woche das Stichwort; und wir fügen gleich hinzu, dass auch
das Verb "dauern" und das Adjektiv "dauerhaft" Erwähnung finden werden. Nun
sind ja während dieses Winters – insgesamt stetig – die Preise fürs Öl gestiegen,
also auch fürs Heizöl. So mancher hat sich da an die guten alten Öfen erinnert, die
mit Briketts oder Kohlen befeuert wurden.
Was das mit unserem Stichwort zu tun hat? Nun, solche Öfen wurden
Dauerbrenner genannt, aufgrund der langen Brenndauer ihrer Brennstoffe. Mit der
Verbreitung der Zentralheizung verloren diese Öfen an Bedeutung; der Begriff
aber ist geblieben. Im übertragenen Sinn erweist sich etwas als Dauerbrenner, was
sich als dauerhaft erfolgreich erwiesen hat. Zum Beispiel ganz bestimmte
Musikstücke. Bücher. Die Bestseller. Im Bereich der Automobiltechnik war der
118
VW Käfer ein Dauerbrenner. In Frankreich der Renault 4CV und der unvergessene
Citroen 2CV. Aber auch ein Problem, ein Thema, das immer wieder Anlass zu
Diskussionen liefert, ist ein Dauerbrenner.
Dauerlutscher
Wesentlich interessanter: Ein Kuss, der eine Ewigkeit und noch ein bisschen länger
dauert, wird gelegentlich immer noch als Dauerbrenner bezeichnet. Er gehörte so
ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts – mein Gott wie sich das anhört - zum
Wortschatz der Teenies.
Natürlich nicht nur zum Wortschatz. Da die jungen Leute Umfragen zu Folge sich
immer mehr auf klassische Werte besinnen, könnte ja auch ihr Wortschatz wieder
zu Ausdrücken finden, die derzeit noch als retro gelten. Denn wenn im Jargon ein
Six-Pack Bier "Herrenhandtäschchen" heißt, weshalb sollte dann der Dauerbrenner
nicht auch sprachlich wieder zu Ehren kommen.
Die Zeit anhalten
Jetzt aber der obligatorische Blick ins Wörterbuch. Im DUDEN finden wir eine
wunderbare Definition für dauern: "Eine bestimmte Dauer haben, eine bestimmte,
unbegrenzte Zeit währen, anhalten." Was heißt das? Man kann sagen, dauern
bezeichnet den zeitlichen Ablauf eines Vorgangs, eines Geschehens.
Wie immer helfen zu Erklärung dürrer Definitionen Beispiele. "Das 60 Grad
Waschprogramm dauert eineinhalb Stunden." Zweites Beispiel: "Die
Dienstbesprechung dauerte eineinhalb Stunden." Und Beispiel drei: "Sie trafen
sich für die Dauer von eineinhalb Stunden in der Nähe des Bahnhofs. Ein kurzes,
heftiges Wiedersehen. Eineinhalb Stunden Glück und Schmerz und Traurigkeit;
alles zugleich."
Zeitempfinden
Dreimal dauern, dreimal die gleiche Zeitdauer, aber dreimal höchst
unterschiedliches Dauern, wenn man es auf die menschliche Wahrnehmung und
Empfindung bezieht. Wie lange das Waschprogramm dauert, ist uns letztlich egal.
Wenn wir aber an einer sturzlangweiligen Besprechung teilnehmen müssen,
schauen wir alle paar Minuten verstohlen auf die Uhr. Eineinhalb Stunden
scheinen die Vorstufe zur Ewigkeit zu sein. Unseren Liebenden auf der Durchreise
sind eineinhalb Stunden hingegen ein Wimpernschlag, ein Augenblick: "Verweile
doch! Du bist so schön!"
119
Dauernd dauern
Der Bedeutungsumfang von Dauer beziehungsweise dauern ist je nach Kontext
und/oder den zahlreichen mit Dauer gebildeten Substantiven wahrlich weit
gespannt. Von A bis Z lassen sich diese Komposita durchbuchstabieren. Was für
einen Klang hat in diesen Tagen das Wort Dauerarbeitslosigkeit. Oder
Dauerbelastung. Vom Dauerfrost haben wir schon gesprochen.
Die Anmutung, also das, was wir beim Hören oder Lesen eines Wortes empfinden
und mit ihm verbinden, ist natürlich von Person zu Person unterschiedlich, aber
dennoch werden die meisten von uns die genannten Begriffe als negativ
empfinden. Wogegen Worte wie Dauermieter, Dauerwurst oder Dauerzustand uns
nicht unbedingt gefühlsmäßig berühren.
Für immer
Ganz ähnlich ist es mit dem Adjektiv dauerhaft. Bei dauerhafter Erwerbslosigkeit
werden wir, wenn wir nicht ganz aus Stein sind, schon ein bisschen Wirkung
zeigen, auch wenn sie uns nicht persönlich betrifft.
Am anderen Ende der Skala, dem positiven, finden wir dauerhaft in seiner
schönsten Verbindung; der dauerhaften Liebe. Sie ist in ihrer Dauerhaftigkeit –
kein schönes Wort in diesem Zusammenhang, aber als dem Stichwort zuträgliches
erlaubt – die Gewähr, dass sie alles überdauert und übersteht, was die Liebenden
gefährdet.
Sommerliebe
Überhaupt. Die Liebe. Sie kann nicht lange genug dauern. Im Gegensatz zum
Winter.
Fragen zum Text
Wenn etwas dauerhaft erfolgreich ist, nennt man es …
1. Dauerlutscher.
2. Dauerbrenner.
3. Feuerlöscher.
Eine langweilige Besprechung scheint …
1. ewig zu dauern.
2. schnell vorbei zu gehen.
3. nur sehr kurz zu dauern.
120
Der Winter … drei Monate.
1. dauerhaft
2. dauernd
3. dauert
Arbeitsauftrag
Wenn man auf etwas wartet, scheint die Zeit still zu stehen. Doch die Zeit verfliegt
nur so, wenn man etwas Schönes erlebt. Schreiben Sie ein Erlebnis auf, bei dem
die Zeit einfach nicht vergangen ist, und eines, bei dem die Zeit sehr schnell
vergangen ist.
Weitgehend ausgestorben – DDR-Sprache
Der Trabant wurde vom Volk liebevoll Rennpappe oder Plastebomber genannt
Selbst wer nicht aus der früheren DDR stammt, weiß, was ein "VEB" oder
ein "Broiler" ist. Diese Begriffe aus ostdeutschem Sprachgut haben sich
mittlerweile gesamtdeutsch gefestigt. Weitere Lücken füllen wir hier gerne.
Sächsisch wurde zwar bei weitem nicht überall in der früheren DDR gesprochen.
Aber es ist DDR-Besuchern (aus dem Westen) als wesentliche Mundart des Ostens
in Erinnerung geblieben. "Gänsefleisch ma da Gofferraum uffmache", also
"Können Sie vielleicht mal den Kofferraum aufmachen" war eine häufige und
selten freundlich betonte Aufforderung von DDR-Grenzbeamten und –polizisten,
die im Westen Deutschlands als Witz jahrzehntelang die Runde machte.
Technische Begriffe dominieren den Alltag
Unabhängig vom Dialekt war vor allem das amtliche DDR-Deutsch eine
überbordende Fundgrube für bürokratischen Sprachgebrauch.
"Bedarfsunterdeckung" entstand dann, wenn die Versorgung mit Lebensmitteln
oder anderen Gütern nicht so recht klappte und ein Mangel entstand, was oft
geschah. Der "Abschnittsbevollmächtigte" war eine Art offizieller Aufpasser für
einen Wohnbezirk. Im "Eheschließungsobjekt", dem Standesamt, wurde geheiratet,
Jugendliche trugen, von der Westmode angesteckt, nicht etwa Jeans, sondern
"Niethosen", was gleichzeitig eine Distanzierung von der Sprache des
Klassenfeindes war, denn Jeans trugen die Kapitalisten im Westen.
Auch wurden Begriffe eingeführt, die auf eine sehr bürokratische Art versuchten,
korrekt zu sein, was manchmal zu Wortungetümen führte wie
"Rauhfutterverzehrende Großvieheinheit, abgekürzt RGV". Eine solche Einheit
war zum Beispiel eine Kuh. Viele der Formulierungen besaßen den Charme einer
technischen Bedienungsanleitung. Ungeachtet der tatsächlichen Qualität eines
121
Restaurants verhieß die Rubrik "Sättigungsbeilage" für Kartoffeln, Reis oder
Nudeln nicht gerade kulinarischen Hochgenuss. Und der Versuch, einen
besonderen Begriff zu schaffen, endete oft bieder, wie im "Gastmahl des Meeres"
für spezielle Fischrestaurants in Bezirksstädten.
Verschleierung durch Wortneuschöpfung
Die DDR-Satire-Zeitschrift Eulenspiegel machte die inzwischen legendäre
"Jahresendflügelfigur" bekannt, ein spezieller, wenn auch nicht sehr verbreiteter
Ersatzbegriff für den Engel. Derlei Reihungen kamen jedoch öfter vor, wie die
"Jahresendprämie" zeigt, sonst eher als Weihnachtsgeld oder 13. Monatsgehalt
bekannt.
So mancher Begriff wirkte nach außen wie eine neutrale Bezeichnung, war aber
eher eine geschickte, wenn auch steife Beschönigung für das, was tatsächlich
dahinter steckte. Die meisten DDR-Bürger unterlagen der "Wohnraumlenkung",
und das hieß der staatlichen Einflussnahme auf Mietverhältnisse. So bekamen zum
Beispiel junge Paare erst dann eine eigene Wohnung, wenn sie ein Kind hatten, der
Staat brauchte Nachwuchs. Begehrte Mangelware waren die nach heutigen
Begriffen eher sterilen Plattenbauwohnungen, von den DDR-Bürgern auch
"Arbeiterschließfach" genannt. Mit Ironie kommt man eben besser durch den
schwierigen Alltag.
Der Schutz des Volkes
Besonders das negative Wahrzeichen der DDR, die Mauer, wurde sprachlich
ideologisch frisiert, als Antiimperialistischer bzw. Antifaschistischer Schutzwall
packte man die Begründung gleich mit ins Wort. Vor allem zu Feiertagen wurden
in der DDR gerne Losungen ausgegeben, besonders in Zeitungen, aber auch auf
sogenannten "Sichtelementen", das heißt auf Postern und Plakaten. "Alles zum
Wohl des Volkes" war manches Mal zu lesen. Überhaupt kam dem Volk eine
besondere Bedeutung zu - zumindest als Begriff - mit entsprechender ideologischer
Besetzung. VEB „Volkseigener Betrieb“ hießen die Unternehmen, deren
Produktion der Staat per Fünfjahresplan organisierte, oder zu organisieren
versuchte. Waren mehrere Betriebe zu einer Art Konzern zusammengeschlossen,
wurde daraus ein "Kombinat", natürlich ebenfalls volkseigen. Bücher entstanden
meist im VEV, im Volkseigenen Verlag, und für Ordnung sorgte in der DDR die
"Volkspolizei".
Natürlich waren sich viele Menschen in der DDR der Sprachlenkung bewusst und
formten munter inoffiziell um: aus dem VEB wurde "Von Erich beschlagnahmt"
(also Erich Honecker), und die Losung "der Sozialismus siegt" dichtete man
munter um in "der Sozialismus siecht". Das entsprach mehr dem allgemeinen
122
Lebensgefühl. Um in der viel beklagten Mangelwirtschaft zurechtzukommen,
improvisierten viele DDR-Bürger mit Produkten aus dem eigenen Garten und
einem regen Tauschhandel. Manchmal half natürlich auch einen Verkäufer gut zu
kennen, um an Waren zu kommen, die es im offiziellen Angebot nicht gab, die
sogenannte "Bückware", die für die meisten unter der Ladentheke verborgen blieb.
Zeugen des DDR-Vokabulars
Nach Maueröffnung und Wiedervereinigung verschwand die „Bückware“ und mit
ihr viele klassische DDR-Begriffe, zuallererst natürlich die offiziellen und
verordneten. Manches aber hält sich. Hier und da findet sich noch die "Ketwurst"
statt des internationalen "Hot Dog". Auf einer verblichenen Tafel wird "Grilletta"
statt Hamburger angeboten, vor allem aber der "Broiler" wird nach wie vor
gemocht und verzehrt. Das Brathähnchen war aber auch eine vollkommen
ideologiefreie Angelegenheit.
Fragen zum Text
Wie wurde die Jeans in der DDR genannt?
1.
Nahthose
2.
Nothose
3.
Niethose
Wann erst bekamen junge Paare eine Wohnung?
1.
wenn sie Russisch sprechen konnten
2.
wenn sie ein Auto der Marke "Wartburg" fuhren
3.
wenn sie ein Kind hatten
Was wird als Broiler bezeichnet?
1.
ein Bratapfel
2.
ein Brathähnchen
3.
ein Brathering
Arbeitsauftrag
Seit der Wiedervereinigung Deutschlands sind in Ostdeutschland zwar einige
Vokabeln verschwunden, der Dialekt ist aber geblieben. Dieser Dialekt, vor allem
der vom Bundesland Sachsen, wird mit Ostdeutschland verbunden und ist somit
ein Stereotyp für diese Region. Schreiben Sie einen kurzen Text über einen Dialekt
in Ihrem Land, der für eine Region typisch ist.
Deutsche über Deutsch
123
Verlernen die Deutschen wirklich ihre Sprache?
Wie steht es um die deutsche Sprache? Diese Frage interessiert nicht nur die
Wissenschaft. Eine Umfrage zeigt, wie die Deutschen über ihre Sprache
denken.
Es steht schlecht um die deutsche Sprache – das ist die vorherrschende Meinung
der Deutschen. Das fand das Institut für Demoskopie in Allensbach in einer
repräsentativen Umfrage heraus. Der Aussage "die deutsche Sprache droht immer
mehr zu verkommen" stimmten zwei Drittel aller Befragten zu, bei den über
Sechzigjährigen sogar drei Viertel. Ein Sprachverfall also, aber was heißt das
konkret?
Verkommene Sprache
Erstens, meinen die Deutschen, seien die Rechtschreibkenntnisse mangelhaft
geworden. Und zweitens habe sich ein Sprachgebrauch breitgemacht, in dem es
wimmelt von unanständigen Ausdrücken, überflüssigen Anglizismen und
unverständlichen Fremdwörtern. Schuld an diesem Sprachverfall seien das
Elternhaus, die Schule und – vor allem – das Fernsehen.
Was die Deutschen über ihre Sprache meinen, ist für das Sprachbewusstsein
wichtig, es muss aber nicht unbedingt wissenschaftlich richtig sein. Verkommt die
deutsche Sprache also tatsächlich?
Unverständlich und unanständig
Das Fremdwortproblem kennt das Deutsche schon seit Jahrhunderten, geändert hat
sich nur die Fremdsprache, aus der neue Wörter vorzugsweise entlehnt werden:
zuerst Latein, dann Französisch, heute Englisch.
Auch Wörter, die man "nicht sagt", gab es schon immer. Allerdings wurden sie
früher meist privat verwendet – und von Männern. Heute treten diese Tabu- oder
Kraftwörter auch in den Massenmedien auf. Die Fernsehkommissarin muss in
einem Krimi mindestens einmal "Scheiße" sagen – ein Wort, das fast die Hälfte der
befragten Frauen nicht verwendet und ein Viertel als "abstoßend" oder "ärgerlich"
empfindet.
Falscher Rhythmus
Es wird gern über den Verfall der Rechtschreibung geklagt, die Fakten geben dazu
aber nur bedingt Anlass. So konnten 1957 lediglich elf Prozent der Deutschen das
Wort "Rhythmus" richtig schreiben, heute sind es immerhin dreißig Prozent. Und
124
1996, also vor der Reform der deutschen Rechtschreibung, waren es sogar noch
einige mehr.
Gegenüber den 50er Jahren hat sich die durchschnittliche Rechtschreibleistung also
verbessert – was auch mit der Verlängerung der Schulzeit zusammenhängt. In den
letzten zwanzig Jahren allerdings war kein Fortschritt mehr zu verzeichnen.
Schon immer Verfall
Fazit: Alles in allem geht es der deutschen Sprache gar nicht so schlecht – auch
wenn sie schon oft krankgeschrieben wurde. Schon im 19. Jahrhundert wetterte
zum Beispiel der deutsche Philosoph und große Stilist Arthur Schopenhauer gegen
die Verhunzung der Grammatik und des Geistes der Sprache durch "nichtswürdige
Tintenkleckser".
1928 urteilte der österreichische Sprachkritiker Karl Kraus, in keiner Sprache
werde "so schlecht gesprochen und geschrieben wie in der deutschen". Und in den
80er Jahren alarmierte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel die Öffentlichkeit mit
der Titelgeschichte "Deutsch: Ächz! Würg! Eine Industrienation verlernt ihre
Sprache."
Niemand will Wandel
Über den Verfall der Sprache wird nicht nur in Deutschland geklagt, sondern in
allen Kulturnationen. Der tiefere Grund dafür liegt im Sprachwandel: Die Sprachen
verändern sich, aber diese Veränderungen bringen – im Unterschied zu technischen
Innovationen – keinen systematischen Fortschritt. Zum Beispiel wird das Wort
"Konvoí" traditionell auf der letzten Silbe betont. Neuerdings, unter Einfluss des
Englischen, aber auch auf der ersten: Kónvoi.
Einen kommunikativen Nutzen hat diese Neuerung nicht. Sie ist – wie sprachlicher
Wandel überhaupt – eigentlich sinnlos. Deshalb lehnen die Sprecher eine
Veränderung ihres erlernten und bewährten sprachlichen Werkzeuges
grundsätzlich ab. Subjektiv zu Recht! Allerdings merken es die meisten gar nicht,
dass sich ihre Sprache verändert, und wenn sie es merken, ist es oft schon zu spät.
Der Sprachwandel ist nun mal nicht aufzuhalten.
Die vorgestellten Umfrageergebnisse wurden von der Gesellschaft für Deutsche
Sprache in Auftrag gegeben.
Dialog
125
Zum Nachtisch tropische Früchte
Die meisten Menschen wüssten wahrscheinlich nicht, was sie sich unter
"Dialog von Rindfleischmousse mit Gourmetsalat in Gebäckmantel"
vorstellen sollen. Vielleicht würde da ein Zwiegespräch mit einem Koch helfen
...
In gehobenen Restaurants oder in solchen, die in den Augen ihrer Betreiber als
solche gelten sollen, befindet er sich auf der Speisekarte. Unter "Köstlichkeiten aus
dem Meer und aus heimischen Gewässern" oder so ähnlich.
Sprechendes Essen
Dort gibt es ihn, den "Dialog von Edelfischen", sagen wir einmal Seezungen- und
Rotbarbenfilets, "an einer Mousse von Langoustines mit einem Hauch von
geschäumter Zitronenbutter überzogen". Auch Medaillons vom Kalb befinden sich
im Dialog mit anderen Fleischstückchen und zum Nachtisch dialogisieren
tropische und einheimische Früchte an irgendeiner Sauce mit geraspeltem
Dingsbums.
Und damit verlassen wir die vermeintlich noblen Restaurants und wenden uns den
ernst zu nehmenden Dialogformen zu. Damit ist schon angedeutet, dass unser
Stichwort der Woche Varianten aufweist, dass Dialog nicht gleich Dialog ist. So ist
der zwischen Gewerkschaften und Regierung angestrebte Dialog etwas anderes als
der zwischen den Industriestaaten und der so genannten Dritten Welt. Aber immer
schön der Reihe nach.
Rede und Gegenrede
Am Anfang war das Zwiegespräch. Die Unterredung. In der griechischen Antike,
so bei Platon und Sokrates, war der Dialog eine Form von Rede und Gegenrede.
Bei Platon ist Dialog schlechthin das Mittel, um zur Einsicht in die Wahrheit zu
gelangen. Ein weiß Gott hochgestecktes Ziel. Der Dialog – wir müssen diesen
kleinen Ausflug in die Philosophie machen – ist eine kommunikative Beziehung
zwischen zwei Partnern.
Der Dialog, der Austausch, ist nicht nur Methode zum Erreichen von Erkenntnis
und Wahrheit, er ist sogar Bedingung dafür – und jetzt kommt ein Zitat – "dass es
Personen, die ihrer selbst bewusst sind, also die Fähigkeit haben, sich und die Welt
zu erkennen, überhaupt geben kann." So steht es in ROWOHLTS PhilosophieLexikon. Was heißt das? Streng genommen bedeutet es, dass sich salopp und ein
bisschen gewagt formuliert, niemand selbst erkennen kann, wenn er nicht in der
Lage ist, sich durch den anderen erkennen zu wollen.
126
Das Ich und das Du
Zur Verdeutlichung: Das "Ich" spricht im Dialog zu einem anderen. Dieses wird
als "Du" angeredet. Umgekehrt spricht das "Du" das "Ich" an. Nur in dieser
wechselseitigen Abhängigkeit, in diesem Gegenüber, kann es überhaupt ein "Du"
und ein "Ich" geben. Und: Nur in dieser Beziehung wird deutlich, wer beide sind;
was beide denken und wollen.
Zugegeben, das klingt ein bisschen hochgestochen. Aber vor diesem Hintergrund
wird klar, welcher Anspruch zum Beispiel hinter dem arg strapazierten Schlagwort
vom "Dialog mit der Jugend" steckt.
Der Dialog heute
Sich verstehen wollen und dann aus einem Interessenabgleich die Einsicht
gewinnen, so oder so könnte es gehen, das ist in etwa gemeint, wenn heutzutage
von Dialog gesprochen wird. Dazu bedarf es natürlich erst einmal der
Dialogbereitschaft; dann steht der Aufnahme eines Dialogs normalerweise nichts
mehr im Wege.
Es gibt das Angebot zum Dialog, es gibt Dialogbemühungen, ein Dialog gerät ins
Stocken und wird nach mühseligen Vermittlungsversuchen wieder aufgenommen.
Das Wort Dialog erscheint sehr häufig in politischen Zusammenhängen, meist wird
eine positive Bedeutung mit ihm in Verbindung gebracht. Dialoge werden gern als
demokratisch, konstruktiv und offen bezeichnet.
Der literarische Dialog
Nun gibt es Dialoge keineswegs nur im öffentlichen oder privaten Leben. Der
Dialog als Zwiegespräch ist auch eine literarische Form mit langer Tradition. Im
Epos, im Roman und vor allem natürlich im Drama ist der Dialog ein Kunstmittel,
das zum Beispiel im Dialogroman seine eigene Gattung hat.
Sollen Bühnen- und Filmdialoge besonders geschliffen, ausgefeilt, subtil oder
spritzig-witzig sein, werden sie von Spezialisten, den Dialogautoren, geschrieben.
Gerade im literarischen, im künstlerischen Dialog, können Figuren auf
faszinierende Weise und sehr genau gezeigt werden.
Stummfisch
127
So gesehen wird uns der Dialog von Edelfischen ein ewiges Rätsel bleiben. Denn
selbst wenn sie Figuren wären, blieben sie stumm. Aber Dialog und Edelfisch
klingt halt nach irgendwas Besonderem.
Fragen zum Text
Eine kommunikative Beziehung zwischen zwei Partnern besteht nicht bei …
1. einem Zwiegespräch.
2. einer Vermittlung.
3. einem Dialog.
Dialogautoren sind Personen, die …
1. Dialoge schreiben.
2. Dialoge führen.
3. Dialoge vermeiden.
Dialogbereitschaft besteht, wenn …
1. zwei Menschen nicht mehr miteinander sprechen.
2. jemand ein Angebot zum Dialog macht.
3. ein Dialog ins Stocken gerät.
Arbeitsauftrag
Ins Gespräch kommen, im Gespräch bleiben – Dialoge zu führen ist wichtig und
kann oft von Vorteil für beide Parteien sein. Das gilt in der Politik, in der
Wirtschaft und auch für zwischenmenschliche Beziehungen. Schreiben Sie drei
Beispiele auf, in denen ein klärendes Gespräch eine eingefahrene Situation
verändern könnte. Wählen Sie dann eine der drei Szenen aus und schreiben Sie den
Dialog.
Der Diener in der Wüste
Er dient, ohne zu murren
Servicewüste Deutschland: Der Dienst am Kunden, die Dienstleistung, wird
nicht überall und von allen immer groß geschrieben. Nur vom stummen
Diener. Der dient – und das, ohne sich groß zu beschweren.
Träge lümmelt er sich in seinem Blaumann hinter dem Tresen des Baumarkts, die
Augenlider auf Halbmast. Es fehlt nur noch, dass er sich gähnend mit einem
Zahnstocher zwischen den Zähnen herumgestochert hätte. "Nee, junge Frau, die
dreiviertelzöllige Schraube mit der dazugehörigen Mutter hamm mer nich."
128
Dienen" – ein Fremdwort im Baumarkt
Die Schrauben fehlen noch!"Ja, und jetzt?", frage ich. "Müssen mer bestellen. Aber
vorm Wochenende wird dat nix mehr", kommt es von meinem Gegenüber. Ich
straffe mich und bringe mein vermeintlich schlagendes Argument: "Aber heute ist
doch erst Mittwoch!" Er bleibt ungerührt: "Ja, trotzdem, kanma nix machen. Die
kommt nicht eher. Gucken Se doch noch mal bei der Konkurrenz, vielleicht haben
die so wat."
Dienen und leisten
Ich fahre wütend nach Hause: "Ja, klar. Da haben wir es wieder, mein
Lieblingsthema: Dienstleistungswüste Deutschland! "DIENST-LEIS-TUNG!"
schreie ich wutentbrannt im Auto während des Berufsverkehrs. "Dienstleistung
kommt von DIENEN und LEISTEN, aber davon keine Spur – überall wird man
nur ausgebremst!"
Service-Ausschlag?
Es half nichts, der Stau war perfekt. Bestimmt wieder wegen einer Tagesbaustelle.
Nachts kann man ja nicht arbeiten, geht ja nicht, wenn alles schläft. Vorsicht,
Dienstleistung! Nehmen Sie Abstand! Sonst erwischt es Sie noch in diesem Land.
Bloß keinem dienen! Es soll Menschen geben, die von zuviel Service am Kunden
Ausschlag bekommen haben!
Verweigerungshaltung
Wer weiß heute noch, dass "dienen" aus dem Althochdeutschen kommt und
damals soviel wie "Knecht sein" bedeutete. Ha, das sollte man dem
Schraubenverweigerer mal erzählen: "Sie sollten mein Knecht sein!" Über die
Antwort kann man nur spekulieren. Sie könnte etwa lauten: "Junge Frau, Sie
sprechen im Wahn!"
Sie können sagen: "Ich habe gedient"Nein, mit dem Dienen ist hierzulande nicht
viel los. Seit die Veteranen des Ersten und Zweiten Weltkrieges die
"Langhaarigen" der 68er Generation mit einem schnarrenden "Junger Mann,
hammse denn überhaupt jedient?" zur Raison bringen wollten, hat sich
verständlicherweise eine Abneigung gegen das "Dienen" entwickelt. Verweigerung
der Dienstleistung aus historischen Gründen gewissermaßen.
Antiquiertes
129
Nicht nur das Dienen ist antiquiert. Auch Äußerungen wie "Ihr Diener, gnädige
Frau!" und "Stets zu Diensten, mein Herr!" passen nicht mehr in die Zeit. Es sind
Redewendungen, die vor etwa fünfhundert Jahren ein Zeichen für so genannte gute
Manieren waren.
Solche Äußerungen kennen Sie nicht? Machen Sie sich nichts draus – 99 Prozent
der deutschen Bevölkerung können auch nicht damit dienen. Und auch nicht mehr
mit dem Diener, der höflichen Verbeugung. Junge Männer konnten damit bei den
jungen Damen Eindruck zu schinden, besonders, wenn sie dann noch einen Kuss
auf die Hand hauchten.
Alte Tugenden
Genauso wenig verbindet heute jemand etwas mit der Bedeutung derjenigen
Wörter, die alle in Verbindung mit Dienst zu finden sind, beschreiben sie doch
Tugenden aus den so genannten "guten alten Zeiten" – alle alten Zeiten sind
merkwürdigerweise gut.
Allseits bereit: die Dienstwagen Tugenden wie Dienstbarkeit, Dienstbeflissenheit,
Diensteifer, Dienstbereitschaft. Der Dienstanzug, der Dienstwagen und die
Dienstwohnung sind sozusagen Tugenden des Arbeitgebers an seine leitenden
Angestellten, die schnöden Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen sind.
Der stumme Diener
Womit können wir denn noch dienen? Mit dem stummen Diener zum Beispiel. Das
hört sich doch zunächst mal gar nicht so übel an: Jemand, der bedient und dabei
den Mund hält, meinen Sie?
Weit gefehlt! Hier handelt es sich leider nur um ein anderes Wort für einen
Kleiderständer, auf den fein säuberlich Jacke, Hose und Krawatte gehängt werden
können. Der stumme Diener kommt dabei mit und ohne Kopf daher, die Arme sind
mal weit, mal weniger weit ausgestreckt. Die Designer lassen sich immer wieder
etwas Neues einfallen.
Dienstleistung?
Also, mit dem dienen sind wir nicht weit gekommen. Wie sieht es aber mit der
Leistung aus, der Erfüllung der Pflicht? Jetzt wollte ich es wissen. Obwohl ich
schon spät dran war, fuhr ich noch meine Gartenabfälle auf die Müllkippe. Dort
war weit und breit kein Mensch zu sehen.
130
Ein großes Schild versehen mit einer noch größeren Warnblinkanlage hielt mich
auf. Auf dem Schild stand: "Den Aufforderungen des Dienstpersonals ist Folge zu
leisten." Na, bitte, endlich mal einer mit der halbwegs richtigen Einstellung. Die
wollen dienen und mich auffordern und ich sollte leisten. Wunderbar, ein
gemeinsamer Beitrag zur Wiederbelebung der Dienstleistung!
Nicht dienendes Dienstpersonal
Diensteifrig näherte sich ein Angestellter der Abfallwirtschaftsbetriebe in seiner
orangefarbenen mit Reflexstreifen versehenen Dienstkleidung. Ich war schon ganz
gespannt. "Gartenabfälle? Junge Frau, gemäß den Dienstvorschriften können Sie
die am ersten Container abladen!"
Zu Diensten Miss Sophie: Butler James in "Dinner for One" Das war alles! Und
meinen Gartenmüll musste ich auch alleine in den Container wuchten. Das
Dienstpersonal trank Kaffee in seinem Büdchen. Man konnte sich das
offensichtlich leisten. Tief enttäuscht machte ich mich auf den Heimweg. Es
dämmerte. Mir langsam auch: Sie geht weiter, die Suche nach der deutschen
Dienstleistung.
"Tschau"
Und was mache ich jetzt ohne die dreiviertelzöllige Schraube? Bestelle ich
vielleicht am Diens-tag. Vielleicht ruft mir der Baumarkt-Fritze im Blaumann dann
ein lässig-kameradschaftliches italienisches "Tschau" (ciao) hinterher. Das heißt
nichts anderes als "Ich bin dein Sklave". Womit wir dann wieder beim Diener und
der Dienstleistung wären.
Fragen zum Text
Ein Blaumann ist …
1. eine Flasche mit Alkohol.
2. ein besonderes Kleidungsstück.
3. ein Mann in einem blauen Anzug.
Wenn jemand fragt "Haben Sie gedient?", dann will er/sie wissen, …
1. ob Sie als Diener in einem Haushalt gearbeitet haben.
2. ob Sie beim Militär als Soldat waren.
3. ob Sie im Kundendienst eines Unternehmens beschäftigt waren.
Es heißt: Dienst … keit
1. beflissen
131
2. eifrig
3. bar
Arbeitsauftrag
Spielen Sie in der Gruppe die Szene im Baumarkt nach. Verwenden Sie in dem
Gespräch zwischen dem/der Angestellten und dem Kunden/der Kundin möglichst
viele Begriffe, in denen "dienen" vorkommt. Wer die meisten Begriffe hat, soll
zum Sieger/zur Siegerin gekürt werden.
Disziplin
Disziplin oder geordnete Idiotie?
Sie ist untrennbar mit jeder Art von militärischer Ausbildung verbunden und
gilt noch immer als typisch deutsch. Doch das ist nicht mal die halbe
Wahrheit. Es lohnt sich, genauer hinzusehen ...
Er steckt in jedem von uns, ist zäh und ausdauernd, immer auf dem Sprung und
manchmal nur sehr schwer oder gar nicht zu besiegen. Die Rede ist von jenem
Phänomen, das man umgangssprachlich den "inneren Schweinehund" nennt. Er ist
so etwas wie der Lockruf der Faulheit, er ist die Schatztruhe, gefüllt mit allen
möglichen und unmöglichen Ausreden, sich vor ernsthafter Arbeit oder auch nur
lästigem Fensterputzen und dem Bügeln von Oberhemden zu drücken. Aber nicht
der Schweinehund ist diese Woche unser Stichwort, sondern das, womit man ihn
überwinden kann: die Disziplin.
Selbstdisziplin als Gegner des Schweinehunds
Natürlich war und ist Disziplin viel mehr als nur ein Mittel, sich der eigenen
Trägheit mutig entgegenzustellen. Und außerdem: Disziplin lässt sich erlernen –
um den kleinen dicken Schweinehund braucht man sich insofern nicht bemühen,
als er schon da ist und stets und mit großer Geduld darauf wartet, was wir ihm
denn an Selbstdisziplin entgegenzusetzen haben.
Jetzt, Sie merken es, müssen wir ran, müssen uns diszipliniert dem Stichwort
"Disziplin" widmen, sonst siegt der Schweinehund. Um es vorweg zu sagen:
"Disziplin" ist ein Fremdwort in der deutschen Sprache, gleichwohl gehört es zum
festen Bestandteil unseres Vokabulars. Das Wort taucht bereits im 12. Jahrhundert
im Deutschen auf, dem Lateinischen "disciplina" entlehnt. In beiden Sprachen
bedeutete es ursprünglich schulische und/oder militärische Zucht, Ordnung und
nicht zuletzt Erziehung.
Disziplin jenseits von Ideologie
132
Spätestens seitdem die so genannte Pisa-Studie die Deutschen aufgeschreckt hat,
geht es in der Diskussion um schulische Bildung auch wieder um Disziplin. Aber
was heißt gerade in diesem Zusammenhang Disziplin? Mindestens zweierlei. Zum
einen ist Disziplin das Einhalten bestimmter, festgelegter Verhaltensregeln, das
sich Einfügen in eine Gruppe, der Klassen- beziehungsweise Schulgemeinschaft;
und zum anderen ist sie die Fähigkeit, den eigenen Willen zu beherrschen, Gefühle
zurückzustellen, Schwächen zu unterdrücken, um so alle Kräfte zu bündeln, damit
ein gesetztes Ziel erreicht werden kann.
Früher wurde oft bespöttelt, wer auf Disziplin hielt; und wer gar von eiserner
Disziplin sprach und sie auch forderte, der stand leicht im Verdacht, jener
bedingungslosen Unterordnung das Wort zu reden, die von den Nationalsozialisten
als Disziplin und typisch deutsche Tugend ausgegeben und ideologisch
vereinnahmt wurde. Disziplin ist viel mehr Ein- statt Unterordnung; und Disziplin
in der Schule, im öffentlichen Leben, im Straßenverkehr ist gerade durch das
Befolgen verbindlicher Regeln und Regelungen auch Rücksichtnahme.
Zum Beispiel: die Medizin
Aber wir wollen uns nicht vor einem Beispiel für eiserne Disziplin drücken, die es
– nebenbei bemerkt – keineswegs nur im militärischen Bereich gibt. Würde das
medizinische Team im Operationssaal nicht mit äußerster Konzentration unter
Aufbietung allen Wissens und Könnens und ohne die geringste Gefühlsregung dem
Menschen auf dem Tisch helfen wollen, die Patientin oder der Patient hätte in
vielen Fällen nicht den Hauch einer Chance.
Da wir gerade bei der Medizin sind: Sie ist wie alle anderen an den Universitäten
gelehrten Disziplinen eine wissenschaftliche Disziplin. Diese lassen sich
gewissermaßen unterteilen. So ist zum Beispiel die Anatomie eine selbständige
Disziplin der Medizin. Die Bedeutung von Disziplin als wissenschaftlicher
Unterweisung, Belehrung und Unterricht gibt es im deutschsprachigen Raum seit
dem ausgehenden Mittelalter.
Von Disziplinarverfahren und Wintersport
Disziplin ist auch ganz einfach Pflicht- und Diensterfüllung, das Einhalten
bestimmter Vorschriften und die Verpflichtung auf den Staat im
Berufsbeamtentum. Wer als Beamter dagegen verstößt, hat in schwerwiegenden
Fällen folgerichtig ein Disziplinarverfahren zu erwarten, eine juristische
Untersuchung also.
133
Seit den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff der Disziplin auch
auf den sportlichen Bereich ausgedehnt. Im Sinne von sportlichem Teilbereich,
Sportart und sportlicher Übung. Da in unseren Breiten bald der Winter beginnt,
nehmen wir den Skilanglauf als Beispiel für eine sogar olympische Disziplin des
Wintersports. Soll sehr gesund sein. Aber wenn es dann morgens bei eisigen
Temperaturen auf die Loipe gehen soll, muss man schon ein bisschen Disziplin im
Leib haben, um den inneren Schweinehund zu überwinden.
Fragen zum Text
Der Begriff innerer Schweinehund bezeichnet …
1. ein Fabelwesen aus der griechischen Mythologie.
2. die Trägheit, anstehende Aufgaben zu erledigen.
3. die innere Ausgeglichenheit und Zufriedenheit.
Das Wort Disziplin ist eine Entlehnung aus …
1. dem Griechischen.
2. dem Englischen.
3. dem Lateinischen.
Von Disziplinen spricht man nicht …
1. in der Wissenschaft.
2. im Straßenverkehr.
3. im Sport
Arbeitsauftrag:
"Früher war im Bildungswesen alles besser, weil den Schülern noch Disziplin
beigebracht wurde!" Setzen Sie sich kritisch mit dieser These auseinander.
Gemischtes Doppel
Was von manchen als kitschig empfunden wird, ist anderen "lieb und teuer"
Sie sind unzertrennlich und führen doch mitunter ein Eigenleben. Sie
übertreiben gern oder geraten ins Schwärmerische. Stark in der Wirkung:
Das gemischte Doppel. Die Zwillingspärchen in der Alltagssprache.
Zwillingspärchen gibt es nicht nur bei Menschen, sondern auch in der Sprache.
Das sind Wortpaare, die zwar nicht zwangsläufig untrennbar zusammengehören;
so wie ein richtiger Zwilling auch ohne den anderen im Allgemeinen ganz gut
leben kann. Vereint zu zweit aber sind sie – die Sprachzwillinge – so etwas wie
eine wechselseitige Verstärkung. Beispiel: "Kurz" – das Adjektiv – und "gut" –
ebenfalls ein Adjektiv kommen prima ohne einander aus. Aber im Doppelpack,
134
nämlich in dem Ausdruck "kurz und gut" verstärken sie sich gegenseitig und sind
dann unzertrennliche Geschwister. Es gibt im Deutschen viele solcher Pärchen, die
gleichsam als gemischtes Doppel in großer Vielfalt auftreten.
Wenn der Punkt ein Komma braucht
Wenn jemand "lang und breit" erzählt, kann das heißen, dass dieser Jemand nicht
nur lange, sondern auch langweilig, nämlich 'breit' erzählt. Wer gar kein Ende
finden kann mit dem Erzählen, dem Sprechen, der redet "ohne Punkt und Komma".
Da hätten wir ein gemischtes Doppel als redensartlichen Ausdruck, der nur so und
nicht anders gebraucht werden kann. Würde jemand sagen, "der redet ohne Punkt",
würde man zu Recht auf das "Komma" warten. In diesem Fall – ohne "wenn und
aber": Kein Punkt ohne Komma.
Genauso sieht die Sache bei "Ach und Krach" aus. Wer gerade so mit "Ach und
Krach" die Prüfung besteht, hat es gerade noch geschafft. Nur mit "Ach" oder
allein mit "Krach"; das funktioniert nicht. Machen wir die Probe: Er hat mit "Ach"
die Prüfung bestanden. Klarer Fall, "Krach" muss dazu. Kleine Randbemerkung
für Freunde der Grammatik: Die "gemischten Doppel" haben meist die Funktion
eines Adverbs oder ergänzen Hilfsverben zu einer vollständigen Satzaussage.
Beispiel: Er verliebte sich mit "Haut und Haaren"; machte sich "Hals über Kopf"
auf nach München, um sie wieder zu sehen.
Ein bisschen Drama darf schon sein
Und jetzt ein gemischtes Doppel als Hilfsverbergänzung: Dieser Ring ist ihm "lieb
und teuer". Aber aufgepasst! Hier könnte man entweder nur "lieb" oder auch nur
"teuer“ sagen; aber lieb und teuer“ ist stärker; betont die Bedeutung des Rings für
seinen Besitzer. Ähnlich der Gebrauch von "gut und schön", "immer und ewig".
Hingegen kann etwas niemals nur "klipp" sein. Wenn schon, dann bitte "klipp und
klar". Dagegen kann "klar" allein gebraucht werden und kommt ohne "klipp" aus.
Wer sein Leben aufs Spiel setzt, riskiert "Kopf und Kragen". Der Kopf allein
genügte ja schon, aber der Sprachgebrauch will, dass der Kragen mit dazukommt.
Das hört sich auch dramatischer an. Apropos dramatisch: Unter den gemischten
Doppeln gibt es etliche, die in dramatischer Übersteigerung einen – sagen wir mal
– Sachverhalt überhöhen. Statt nur begeistert zu sein, ist man "Feuer und Flamme",
verzehrt sich nicht nur in Leidenschaft, sondern geht durch "Himmel und Hölle".
Ein harmloser Ehekrach gerät in der Schilderung zu einer Szene, in der es "Mord
und Totschlag" gab.
Kurze und schmerzlose Beendigung
135
Wie dem auch sei, gerade die letzten Beispiele zeigen, dass es mit der adverbialen
Funktion und der Ergänzung von Hilfsverben allein nicht getan ist, was den
Gebrauch der gemischten Doppel angeht. Aber bevor wir uns weiter in Grammatik
vertiefen und uns auf unsicheres Gelände begeben, gewissermaßen "ohne Netz und
doppelten Boden" schließen wir die Sprachbar für heute. "Kurz und schmerzlos".
Fragen zum Text
Was bewirken die beiden Ausdrücke in einem Zwillingspärchen?
1.
sie verstärken sich gegenseitig
2.
sie drücken das Gegenteil aus
3.
sie bekommen eine andere Bedeutung
Wenn jemand etwas mit Ach und Krach schafft, dann…
1.
schafft er / sie etwas nicht.
2.
schafft er / sie etwas gerade noch.
3.
schafft er / sie etwas ohne Probleme.
Welches ist kein Zwillingspärchen?
1.
klipp und klar
2.
kurz und gut
3.
klipp und kurz
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie drei Zwillingspärchen aus dem Text und erklären Sie diese.
"Eins plus eins …" – Doppelwörter im Deutschen
Eine notorische Schlafmütze
Die Deutschen mögen es, Wörter zusammenzusetzen. Bei manchen ist die
Bedeutung auf Anhieb klar, bei anderen nicht. Und einige Wörter haben es
sogar geschafft, ins Ausland exportiert zu werden.
Die deutsche Sprache ist voller Wörter, die eigentlich Doppelwörter sind –
zusammengesetzt aus Wörtern, die sich auch einzeln verwenden lassen: Autobahn,
Grießpudding, Raumfahrer, Dichterwort, Haustür, Alleskönner, Angsthase,
Schadenfreude, Bauplan – wer wollte, könnte ein ganzes Lexikon nur mit solchen
Komposita füllen.
Eins plus eins ist zwei
136
Wenn zwei Wörter zusammentreffen, addiert sich oft nur die Bedeutung der beiden
Einzelwörter: ein Grießpudding ist ein Pudding aus Grieß, die Haustür die Tür ins
Haus und die berühmte Schadenfreude die Freude am Schaden anderer. Doch die
Autobahn ist nicht nur eine Straße für Autos. Zwar dürfen die auch da drauf, aber
Motorräder und Lkw eben auch. Vielleicht sollte man sie deshalb auf Radbahn
umtaufen. Fußgänger sind auf der Autobahn verboten. Auch am Rand. Es gibt
keinen Fußweg entlang der Autobahn. Und keinen Zebrastreifen.
Wie die Streifen eines ZebrasDiese Mehrbedeutung ist den Einzelwörtern Auto und
Bahn nicht anzumerken. Sie ergibt sich erst, wenn sie zusammenkommen. So wie
Zebra und Streifen zusammen plötzlich einen Fußgängerüberweg meinen. Das ist
das Besondere an solchen Komposita – sie enthalten mindestens ein Quäntchen
mehr an Bedeutung, als in den Einzelwörtern für sich genommen steckt.
Eins plus eins = neue Bedeutung
Nicht selten entsteht sogar aus zwei Wörtern ein drittes Wort mit völlig neuer
Bedeutung. Zum Beispiel Sitzfleisch. Man könnte meinen, das sei nur der
Körperteil, auf dem man sitzt. Stimmt schon – aber auch wieder nicht. Wer
Sitzfleisch hat, ist nämlich jemand mit Geduld. Mit der Ausdauer, sich auf den
Hosenboden zu setzen und nicht eher aufzustehen, als bis die Aufgabe beendet ist.
In dem zusammengesetzten Wort erscheint so eine Bedeutung, die den beiden
Ausgangswörtern nie anzumerken gewesen wäre. Nehmen Sie den Junggesellen.
Der braucht nicht besonders jung zu sein; gesellig schon gar nicht. Denn der
Junggeselle – ob jung oder alt – ist einfach ein Mann, der nicht verheiratet ist. Ein
Hochstapler ist nicht jemand, der einen hohen Stapel aufrichtet. Sondern immer
ein Betrüger.
Tiere, die keine Tiere sind
Eine Schlafmütze ist auch kein Kleidungsstück (das war sie früher einmal), sondern
ein Mensch, der oft müde ist und gern viel schläft. Spaßvögel und Angsthasen sind
keine seltenen Tiere, die nur in Deutschland vorkommen, sondern Menschen, die
gerne scherzen, oder die sehr ängstlich sind – so sehr, dass es schon wieder erlaubt
ist, über sie zu schmunzeln.
Klatschtanten erzählen den neusten TratschDagegen ist ein Klatschmaul nicht
mehr als die Worte Klatsch und Maul schon besagen: jemand, der das Maul
aufreißt und gerne über andere herzieht. Ohne Rücksicht darauf, ob ihnen das recht
wäre oder es sie verletzen könnte. Das ist eben Klatsch.
Exportierte Komposita
137
Nur wenn der Klatsch mit Kaffee verbunden wird, entsteht etwas ganz Neues: der
Kaffeeklatsch. Das ist dann kein Klatsch mehr und auch keine Kaffeespezialität.
Sondern ein Zusammensein bei Kaffee und Kuchen, bei dem alle vertraut
miteinander reden. In Nordamerika hat man das Wort mit derselben Schreibweise
und derselben Bedeutung ins Englische übernommen.
Der Kaffeetisch ist gedecktÜberhaupt sind es gerade die Zusammensetzungen, die
man sich in anderen Sprachen gern beim Deutschen ausleiht. Etwa den
Besserwisser. Der weiß es nicht unbedingt besser. Vielleicht glaubt er das auch
nur. Aber er ist immer jemand, der seinen Mitmenschen auf die Nerven geht. So
einer heißt heute auch auf Finnisch besservisseri. Ein Wort wie Kindergarten ist
schon sehr früh – wenige Jahre nach seiner Erfindung in Deutschland – ins
Englische übernommen worden. Niemandem braucht man heute noch zu erklären,
dass der Kindergarten kein Garten für Kinder sondern eine Art Vorschule ist.
Eins plus eins plus ein gleich eins
Wenn scherzhaft von kleinen Kindern die Rede ist, spricht man auf deutsch
übrigens auch schon mal von Dreikäsehochs. Das sind dann genau genommen
bereits drei Wörter, denen jedes für sich nicht anzusehen ist, dass von Kindern die
Rede ist. Aber für solche Fälle brauchen Sprecher eben ein wenig
Fingerspitzengefühl.
Fragen zum Text
Folgendes Kompositum gibt es nicht: …
1. Klingelhammer.
2. Schlagbohrer.
3. Schlafzimmer.
Spaßvögel sind ...
1. seltene Tiere.
2. Menschen, die gerne lustig sind.
3. Vögel, die inzwischen ausgestorben sind.
Die Redensart "Du bist aber eine Schlafmütze" bedeutet, dass jemand …
1. schlafwandelt.
2. sehr langsam reagiert.
3. eine besondere Mütze trägt.
Arbeitsauftrag
138
Sitzfleisch – Angsthase – Kindergarten: Es gibt viele Wörter, die eine andere
Bedeutung haben. Finden Sie weitere Wörter und erklären Sie deren Bedeutung.
Drachen
Drachen gibt es in sehr verschiedenen Ausführungen
Es ist Drachenzeit, und Kinder, die dem Hausdrachen entwischt sind, lassen
wieder grauenerregende, feuerspeiende Lindwürmer an Schnüren befestigt
und mit bunten Bändern in die Luft steigen. Oder so ähnlich …
Schönes Wetter mit milden Temperaturen, leichtem Wind und Sonnenschein, so
sind sie, die Tage zwischen Sommer und frühem Herbst. Das ist für unzählige
Kinder, längst aber auch schon für viele Erwachsene, Drachenzeit. Ein
feststehender Begriff übrigens, denn zur Drachenzeit lässt man die Drachen
steigen.
Drachen zum Fliegen und zum Steigenlassen
Ein buntes Stichwort für diese Woche, denn Drachen gibt es in allen Farben. Und:
in ganz verschiedenen Ausführungen. Längst ist er seiner Urform, einem
Lattenkreuz, über das rautenförmig besonderes Papier gespannt war, mit einem
farbigen Papierschwanz dran und der Befestigung für die Drachenschnur, längst ist
er dieser Urform entwachsen.
Zudem wird schon seit einigen Jahren unterschieden zwischen den Drachen, die
man steigen lässt und jenen Fluggeräten, die einen Menschen im Gleitflug tragen
können. Das sind die Flugdrachen – und die Menschen, welche diesen Sport
betreiben, das sind die Drachenflieger. Diese Drachen haben nichts mehr mit dem
Kinderspielzeug zu tun, das der einfache Papierdrache einmal gewesen war.
Eher unsympathisch: Drachen aus der Sagenwelt
Alles hat seine Geschichte. So auch der Drache. Es gibt ihn – als Kinderspielzeug
– seit dem 18. Jahrhundert. Drachen anderer Art – und mit denen werden wir uns
jetzt beschäftigen – gibt es schon viel länger. Das heißt, ob sie wirklich so waren,
wie sie in den babylonisch-assyrischen Mythen, dann in der griechisch-römischen
Mythologie und in den Drachensagen so vieler Sprachkulturen erscheinen, das
wird wohl im Dunkel der Geschichte verhüllt bleiben.
Als "landverheerendes, dem Menschen feindliches Untier" wird der Drache
beschrieben; halb ist er die fürchterliche Riesenschlange, halb Vogel mit
grässlichen Zähnen bewehrt, mit stachligen weitgespreizten Flügeln schlägt er alles
139
in die Flucht, was sich ihm nähert, und aus seinem glutroten Schlund stößt er Feuer
und giftigen Rauch hervor.
Schreckliche Würmer
Die Herrscher über antike Kriegsheere machten sich dieses Drachenbild zunutze.
Bei den Römern wird es zum Schrecksymbol, zum Feldzeichen, vor dem die
Feinde zitterten. Die Germanen übernehmen das Wort und das Zeichen. Der
lateinische "draco" wird zum "Drach"‚ wandelt sich dann zum "Drachen".
Daneben gab es das Wort "Lindwurm", eine Bildung aus lateinisch "lentus" –
"biegsam" und eben "Wurm". In der älteren "Edda", jener altnordischen Sammlung
von Liedern und Erzählgedichten gibt es den nahezu unaussprechlichen "ormr",
den Schätze hütenden Drachen. Damit sind die Hauptaufgaben der Drachen
genannt. Sie sollten Angst und Schrecken verbreiten oder geheimnisvolle und
meist unermesslich kostbare Schätze hüten.
Nur ein toter Drache ist ein guter Drache
Es liegt auf der Hand, dass der Drache zum Kampf herausforderte. Ihn zu
besiegen, um Gefahr abzuwenden oder um in den Besitz jener sagenhaften Mengen
von Gold und Edelsteinen, des Drachenschatzes, zu gelangen, galt seit Urzeiten als
herausragende Heldentat. Das Drachenkampf-Motiv gibt es schon in den antiken
und vorderasiatischen Heldensagen und Mythen. In den deutschen Heldensagen,
im keltisch-galloromanischen Sagenkreis, erfährt es vielfältige Variation.
Ob Dietrich von Bern, Artus, Siegfried oder Lancelot, Tristan oder Heinrich der
Löwe, sie alle waren Drachenkämpfer. Wer den Drachen getötet hatte, genoss als
Drachentöter höchsten heldischen Ruhm. Bis in die Barockzeit hinein gibt es
Darstellungen, in denen der geschlagene Gegner, ja der Krieg selbst, als Drache
und der Sieger als Drachentöter dargestellt sind.
Drache, Teufel, Hexe
Die Verehrung für Drachentöter ist unter anderem auf christlichen Einfluss
zurückzuführen. In der Offenbarung des Johannes ist vom großen Kampf des
Erzengels Michael mit dem Drachen, der schließlich besiegt wird, die Rede. "Er
wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt."
Die Gleichsetzung des Drachen mit dem Bösen, mit dem Teufel, hat letztlich zu
einem heutigen Begriff geführt, der lediglich als frauenfeindliche Verballhornung
gesehen wird, aber eine grausige Geschichte hat. Es handelt sich um den
"Hausdrachen" als Bezeichnung für die garstige, herrische oder böse Ehefrau. Bis
140
ins 18. Jahrhundert gab es Hexenprozesse. Den angeklagten Frauen wurde
unterstellt, sie stünden mit dem Teufel, dem bösen Drachen, in Verbindung. Damit
war die Gleichsetzung jener Frauen mit dem Drachen gegeben.
Endlich: die Ehrenrettung
Wir wollen zum Schluss aber nicht vergessen, dass es im Volksglauben auch gute
Drachen gibt. Hauskobolde, die hinterm Ofen sitzen und schon mal das Geld
vermehren, wenn die redlichen Hausleute in Not geraten sind. Und dann die schon
erwähnten Drachen der Kinder. Die gibt es ja wirklich und wahrhaftig.
Fragen zum Text
Eine übliche Aufgabe von Drachen in alten Legenden war es, …
1. das Tor zur Unterwelt zu bewachen.
2. einen Schatz zu hüten.
3. als Reittier zu dienen.
Eine bekannte isländische Sagensammlung heißt …
1. Erika.
2. Edith.
3. Edda.
Der Begriff Hausdrache bezeichnet …
1. einen Leguan im heimischen Terrarium.
2. eine garstige, herrische Ehefrau.
3. Kobolde, die den Hausleuten in der Not helfen.
Arbeitsauftrag
Die Sagenwelt ist voller Drachentöter. In Deutschland am bekanntesten ist
Siegfried. Suchen Sie sich eine bekannte Heldenfigur aus einer Sage aus und
erzählen Sie diese Geschichte dann im Kurs. Sie können auch auf einen im Text
genannten Drachenkämpfer zurückgreifen.
Duft
Hier bedarf es wohl keiner allzu feinen Nase ...
Gemeinhin wird dem Geruchssinn des Menschen eher geringere Bedeutung
zugemessen. Dabei ist es häufig der Duft – oder der Gestank –, der
gegebenenfalls über Zu- und Abneigung, über Ge- und Missfallen entscheidet.
141
Was wir über den Geruchssinn wahrnehmen können, haftet am längsten im
Gedächtnis. Das olfaktorische Erinnerungsvermögen ist in der Tat erstaunlich.
Vielleicht, ja mit Sicherheit haben Sie es schon erlebt: Plötzlich ist es wieder da;
das Bild aus Kindheitstagen. Alles steht deutlich vor dem geistigen Auge, als sei es
gestern gewesen. Ausgelöst durch einen Geruch oder einen Duft, der einen im
Vorbeigehen von irgendwoher anweht. Schon ist er vorbei, aber das Bild, welches
er hervorgerufen hat, bleibt.
Duft – ganz ohne Duftstoff
Sie können nachher, folgenden Versuch machen: Konzentrieren Sie sich möglichst
mit geschlossenen Augen auf etwas Ihrer Wahl, was einen ganz eigenen Duft hat.
Zum Beispiel Veilchen. Es kann sein, dass sich dann ganz langsam die
Wahrnehmung von Veilchenduft einstellt, obwohl in Ihrer unmittelbaren
Umgebung gar keine Veilchen sind.
Düfte können unterschiedlichste Gefühle und Assoziationen auslösen. Es scheint
ihnen etwas Magisches innezuwohnen, nicht ohne Grund sprechen wir von einem
zauberhaften, einem betörenden Duft. Mit dem Frühling, wenn es zart zu knospen
und zu blühen beginnt, erwachen auch die Düfte. Beim Spazierengehen können wir
ihn erschnuppern, den mit einem Windhauch herüber getragenen leisen Duft der
ersten Blüten.
Was der Nebel damit zu tun hat
Duft. Woher kommt er denn, der Duft, sprachlich? Da gab es einmal ein Wort, das
hieß "tuft". Es bedeutete "Dunst", "Nebel", "Reif" und auch "Tau". Dann wurde
aus dem "tuft" der "Duft", der gleichbedeutend mit "feinem Geruch" war und es bis
heute ist. Interessanterweise hatte es in den historischen Tiefen des
Indogermanischen ein mit "Duft" urverwandtes Wort gegeben, das so ähnlich wie
"deubh" oder "de-ubh" ausgesprochen wurde, doch "zerstieben" und "neblig"
waren seine Bedeutungen.
Es mag eine Laune der Sprachgeschichte sein, dass wir heute von
"Duftzerstäubern" sprechen und manchmal wie benebelt sind von einem Duft. In
der Tat sind es ja feinste Tröpfchen, die in der Luft schweben, wenn wir auf den
Vaporisateur, den Zerstäuberknopf des Fläschchens mit Eau de Toilette oder gar
Parfüm drücken. Ein feiner wohlduftender Dunst breitet sich dann aus, aber wir
kennen auch jene aufdringlichen Duftwolken, wenn es Mann oder Frau zu gut mit
142
dem Duftwässerchen gemeint hat und das hinterlassen, was der Volksmund eine
"Duftmarke" nennt.
Von Duftmarken und Duftnoten
Die Duftmarke gehört eigentlich in die Welt der Tiere. Hierzulande sind es Hunde
und Katzen, aber auch Wildtiere, die ihr Revier durch duftende und zunächst
flüssige Hinterlassenschaften abstecken. Was den Tieren die Duftmarke, ist den
Menschen die Duftnote. Welcher Duft passt zu mir. Welcher zu ihr. Es sind die
Duftstoffe, ihre raffinierten Zusammensetzungen, die einen Duft unverwechselbar
machen. Geradezu einmalig durch den Menschen, der ihn trägt.
Patrick Süskind, der Romancier, hat dies in seinem Buch "Das Parfüm" aufs Beste
beschrieben. Düfte wehen uns an und sie verfliegen wieder. Sie verduften. Es
bedeutet nämlich dieses "verduften" keineswegs nur das umgangssprachliche "sich
aus dem Staub machen", "verschwinden".
Ick steh uff Berlin
Ja, und nun warten wahrscheinlich etliche der schon etwas Älteren unter Ihnen,
was es mit dem einstmaligen Modewort "dufte" auf sich hat. Es hat sich so um die
60er Jahre des letzten Jahrhunderts von Berlin aus in ganz Deutschland verbreitet.
Es hat mit "Duft" und "duften" nichts zu tun. Es ist vielmehr aus dem jiddischen
Wort "tow" abgeleitet. "Tow" heißt "außerordentlich", "tadellos", "sympathisch".
Nun ist auch klar, was mit der "duften Biene" gemeint war. Ein duftes Mädchen;
und dass so eine dufte Biene gut geduftet hat, das versteht sich fast von selbst.
Fragen zum Text
Der Autor des Romans "Das Parfüm" heißt …
1. Max Frisch.
2. Christoph Ransmayr.
3. Patrick Süskind.
Wer umgangssprachlich verduftet, der …
1. riecht gut, hinterlässt eine Duftmarke.
2. verschwindet, geht weg.
3. freut sich, ist begeistert.
Der Ausdruck dufte ist … abgeleitet.
1. aus dem Englischen
2. aus dem Jiddischen
143
3. aus dem Arabischen
Arbeitsauftrag
Der Kursleiter besorgt verschiedene Duftstoffe. Als Kursteilnehmer sollen Sie nun
jeweils mit geschlossenen Augen herausfinden – evtl. mithilfe von entsprechenden
Fragen –, um was es sich handelt. Beschreiben Sie anschließend, was Sie gerochen
haben.
Du, Sie und Hallo
Du - Sie - Hallo - Hi? Oder doch was anderes...
Die englische Sprache hat das Problem nicht, die deutsche schon: die Anrede.
Ist es da nur das einfache "You", kann es hier "Du" oder "Sie" sein.
Manchmal reicht aber schon ein "Hi!", "Hallo!" oder "Tach!"
"Hi! Was kriegst Du?" – so sprach das Mädchen im Saftladen und reichte dann
einen Orange-Juice rüber. Hi und Du hat sie gesagt. Wieso eigentlich? Kann man
ja mal drüber nachdenken.
Die schwäbische Variante
Gut. Hi! ist eigentlich klar. Das wird zwar wie englisch high ausgesprochen,
bedeutet aber nicht hoch. Dieses Hi! ist vielmehr so etwas wie die lautliche
Bestätigung, dass man zur Kenntnis genommen wurde.
So ähnlich wie Tach!. Die Schwaben fügen an dieses Hi! mitunter ihr weltweit
bekanntes Diminutiv -le an, was das einmalige und nur in der gesprochenen
Sprache vorkommende Heile ergibt. So wirklich geschehen. Bei einer Begrüßung
zweier Jugendlicher an der U-Bahn Haltestelle Charlottenplatz in Stuttgart. Hi! ist
freundlich. Zumindest nicht unfreundlich. Nicht so verbrummt wie das vergrantelte
Morjn! oder n’Amd!. Und es ist zeitlos.
Hi! kennt kein Alter
Gestatten Sie ....Tach! ist bei den forschen männlichen Mittvierzigern beliebt, die
sich gern Hanseatisch frisch-fröhlich geben. Tach! ist längst nicht so populär wie
Hi! – aber es wird verstanden. Kein Problem.
Aber: "Hi! Was kriegst Du?" hat sie gesagt. Sie, die junge Frau zu dem mehr als
deutlich älteren und ergrauten Mann. Ist das ein Zeichen von Vertrautheit, ein
Signal, dass man irgendwie dazugehört? Aber wozu? Doch nicht zu den blutjungen
Saftladenmenschen? Oder doch?
144
Alle eine familiy?
Forever young: Das "Du" kein AlterDas Duzen schafft eine gewisse Nähe. Die
Differenz zwischen Sie und Du wird nicht von ungefähr in vornehmlich privaten
Radioprogrammen ganz bewusst aufgehoben. Man ist ja nicht von gestern und
irgendwie sind wir alle wie eine family. Oder? Forever young. Tja.
"Was kriegst Du?" – darf man sich, so angesprochen, gar geschmeichelt, ein klein
wenig gebauchpinselt fühlen? Macht dieses Du nicht doch irgendwie gute Laune?
Ein paar Tische weiter sitzen zwei Jungdynamiker mit Laptoptaschen in Anzug
und Krawatte. Vielleicht haben sie gerade eine kleine Pause während des
wahnsinnig wichtigen meetings. "Also ich finde schon, meinen Sie nicht?"
Sprachfetzen, halbe Sätze sind zu verstehen. "Sie haben das denen ganz toll
verklickert, dass wir da alle gemeinsam noch mal ran müssen." So geht es hin und
her. Per Sie. Die beiden bleiben auf Distanz.
Vom Siezen und Duzen
Abstand halten ...Das Sie und das Siezen sind Höflichkeitsformen. Mit dem Sie
wird durchaus auch Respekt und Wertschätzung ausgedrückt. Selbst in dem
empörten Ausruf "Hey, was machen Sie denn da!" wird ein gewisser Abstand
eingehalten, der es eher möglich macht, miteinander zu klären, was der oder die da
macht. "Hey, was machst Du da!" ist aggressiver und verengt den Spielraum zur
Lösung des Problems.
Früher war der Umgang mit Du und Sie verhältnismäßig streng geregelt. Du war
außerhalb der Familie und des Freundeskreises unter Erwachsenen sehr selten –
das förmliche Sie war vorherrschend. Umso bedeutender war das Du, wenn es mit
einem Glas Wein und Anstoßen angeboten wurde und eine Geschichte hatte, die
von Vertrauen und Zuneigung geprägt war. Jemandem das Du anbieten ist als
feststehender Ausdruck immer noch in den Wörterbüchern zu finden. Unter Siezen
finden wir die lapidare Erklärung: "Jemanden mit Sie anreden. Im Gebrauch seit
dem 17. Jahrhundert."
Studenten setzten Maßstäbe
Der heute geradezu inflationäre Gebrauch des Du – das Duzen, die Duzerei – ist zu
einem guten Teil auf die Zeit der Studentenrevolte Ende der 1960er Jahre
zurückzuführen. Sich zu duzen wurde bewusst der Siezerei des Bürgertums
entgegengesetzt. Sie gehörte zum Sprachinventar des muffigen Spießbürgertums.
Damals übernahm eine ganze Generation von Lehrern, die von pädagogischem
Elan und Veränderungsenthusiasmus durchdrungen war, das Du. Wenn sich
145
Referendarinnen und Referendare aufs Pult setzten und die Schüler ermunterten,
"ihr könnt Du zu mir sagen", da passierte nicht selten Folgendes: Viele Schüler
spürten instinktiv, dass an diesem Angebot etwas faul war.
Schüler standen vor Rätseln
Verlegenheit machte sich damals oft breit, denn weshalb sollten sich die Kinder
plötzlich wildfremden Menschen gegenüber auf eine sprachliche Intimität
einlassen, die sich auf nichts Gewachsenes, nichts Erlebtes gründen konnte?
Viel Gutgemeintes ist halt oft schlecht durchdacht. Die Journalistin Heike Schmoll
hat in diesem Zusammenhang einen klugen Satz geschrieben: "Zurückhaltung und
Distanz erschweren das zivile Zusammenleben nicht, sondern sind Bedingungen
seines Gelingens."
Hallo! – Hi!
Grüß dich!Hallo! tönt es da vom Eingang her und drei junge Frauen – sind es
Freundinnen? – steuern auf ihre Verabredungen zu, die mit Hallo!, Grüß Dich! und
einem schlichten Hi! antworten. Hallo! ist der Standardersatz für Guten Morgen!,
Guten Tag! und für Guten Abend!.
Hallo! passt immer. An der Supermarktkasse, am Telefon, bis zum Hallo mein
Schatz!. Im Gegensatz zu Hi! wird es gern von allen Altersgruppen genommen.
Die alte Bedeutung von Hallo! schimmert noch im Ruf nach der Kellnerin oder
dem Kellner durch. Mit einem Hallo! wurde nämlich auch nach dem Fährmann am
anderen Ufer gerufen, die Hände dabei wie ein Trichter um den Mund geformt.
Ciao! – Adieu!
Ciao!Ganz hinten im Saftladen jetzt Stühlerücken. Ein junger Mann verabschiedet
sich. Ciao! sagt er und zieht das Wort ein bisschen wie die Italiener, damit es nicht
so ganz eingedeutscht und nur wie Tschau! klingt.
Dabei heißt Ciao! nichts anderes als Leb wohl! aber Ciao klingt halt nach mehr.
Der gute Junge wäre auch wohl die Lachnummer, würde er die Hand zum Gruße
heben und Lebt wohl! in die fröhliche Runde sagen.
Tschü-hüss!
Ja was sagt man denn nun als nicht mehr ganz junger Mann in einem von
Jugendlichen besuchten Saftladen so alles zum Abschied? Adieu!? – Ciao!? Bis
bald!? Wir wagen einen Versuch: Im Rausgehen schicken wir ein "Vielen Dank
146
und auf Wiedersehen" an die Frau hinter dem Tresen. Und was sagt sie? "Geerne!
Tschü-hüss!"
Fragen zum Text
Ein Diminutiv ist …
1. eine Verkleinerungsform.
2. ein Kompositum.
3. die schwäbische Variante des Wortes Dativ.
Die Journalistin Heike Schmoll will mit ihrem Satz sagen: …
1. nur zurückhaltende Menschen kommen im Leben weiter.
2. das menschliche Zusammenleben wird durch Zurückhaltung und Distanz
erschwert.
3. menschliches Zusammenleben bedingt Zurückhaltung und Distanz.
Wird jemand umgangssprachlich als Lachnummer bezeichnet, dann …
1. arbeitet jemand als Zirkusclown.
2. macht jemand sich lächerlich.
3. lacht jemand den ganzen Tag.
Arbeitsauftrag
Im Deutschen gibt es zahlreiche verschiedene Arten der Anrede, die zum Beispiel
von der Person und dem Anlass abhängig sind. Erstellen Sie eine Liste und
erklären Sie die Bedeutung der von Ihnen gewählten Anreden.
Echt cool - über Sprachmoden
Cool: skatender Renter
Super, cool und affengeil. Es gab sie immer, die Sprachmoden, nicht nur
unter Jugendlichen, aber dort eben besonders. Beliebt sind vor allem die
Wörter aus dem Englischen, die Anglizismen. – Alles gecheckt?
Mit kalt hat es wohl am allerwenigsten zu tun. „Cool“, das waren bereits in den
60er und 70er Jahren diese gelassenen Typen im Western, so welche wie John
Wayne oder Clint Eastwood, die nicht nur schnell und eiskalt zogen, sondern dabei
auch eine coole Figur abgaben. Daran fanden auch die Jungs Gefallen, die deren
Gesten imitierten, das Pferd gegen ein schweres Motorrad und Lederjacke
tauschten und lässig vor der Disco herum
standen – keiner machte das so megacool wie James Dean.
147
Cool ist cool
Heute finden sogar die Kleinen, sorry, die „kids“ viele Dinge cool, Schüler
manche Lehrer, weil die wenig Hausarbeiten aufgeben oder einfach nett sind. Und
Studenten loben mit „cool“ eine gelungene Party. Natürlich kann man auch mit
entsprechender Kleidung und Frisur cool aussehen, coole Musik hören und so
weiter. So hat das Wort „cool“ längst die Wandlung zum toll-klasse-prima-Begriff
vollzogen, kann genauso „beeindruckend“ wie „annehmbar“ ausdrücken.
Auf jeden Fall ist es ziemlich cool, cool zu sagen. Das Wort „Fahrrad“ statt „bike“
zu benutzen, ist dagegen ausgesprochen uncool, also reichlich altmodisch. Man
kann diese sprachliche Entwicklung und Mode als Kulturverfall kritisieren, so wie
der Verein für Deutsche Sprache das tut. Fakt ist, die Deutschen, und nicht nur die
Jugendlichen, joggen, walken und biken, was das Zeug hält, machen im Urlaub
eine Trekking-Tour auf der schwäbischen Alb und skaten sonntags mit ihren
Inlinern durch die City.
Vom Backshop zum Workshop
Geschäfte werden zunehmend ersetzt durch shops, sprachlich versteht sich. Der
Buchladen wird zum Bücher-Shop, Ersatzteile gibt’s im Auto-Shop und Brötchen
immer häufiger im Back-Shop. Besonders Frauen gehen gerne shoppen, was nichts
mit der Alltagsnotwendigkeit des Einkaufens zu tun hat. Shoppen ist gemütlich:
durch die Stadt und die Kaufhäuser bummeln, an den Schaufenstern
vorbeischlendern, Schönes anschauen und hier und da etwas kaufen, eine beliebte
Freizeitbeschäftigung moderner Stadtmenschen.
Im „Workshop“ kann man übrigens nichts kaufen, nur etwas lernen, im TanzWorkshop zum Beispiel Tango und Walzer, im Geschichts-Workshop historische
Zusammenhänge, im Töpfer-Workshop, wie man aus Ton Tassen und Vasen
formt. Die Begriffe „Seminar“ und „Kursus“ wirken da etwas steifer und riechen
nach langweiligem Unterricht. Ein häufiger Grund übrigens, auf das Englische
auszuweichen. Im „Workshop“ geht es ungezwungener zu und weniger förmlich,
so verheißt es zumindest das Wort.
Lass uns mal ein Date machen
Moderne Menschen haben wenig Zeit. Deshalb brauchen sie zur Organisation
einen Terminkalender oder wie der auch häufig genannt wird, einen „Timer“.
Besonders Organisationshungrige haben so etwas natürlich in elektronischer
Form. Darin stehen Arztbesuche, Großmutters Geburtstag, die Wartung des Autos
148
und natürlich persönliche Verabredungen, wobei die inzwischen „Date“ heißen.
„Sollen wir uns nicht mal wieder verabreden“ ist was für Menschen über fünfzig.
Wer jünger ist oder sein will, sagt: „Lass uns mal wieder ein Date machen“.
Wer auf die vielen Anglizismen in der Jugendsprache schimpft, sollte mal die
Arbeitswelt unter die Lupe nehmen. Das Wort „brainstorming“ kommt allen, die
gemeinsam eine Lösung für etwas finden müssen, inzwischen so flüssig über die
Lippen wie die selbstverständlich gewordene „Party“ oder der „Werbespot“,
Begriffe, die niemandem mehr als englisch auffallen. Und für „brainstorming“ ist
auf weiter Flur auch kein deutscher Ersatz in Sicht – wer möchte diesen Begriff
schon mit „das Ideen sammeln und entwickeln im freien Spiel der Assoziation“
umschreiben? Leichter fällt es da schon, die gebräuchlichen „Meetings“ durch
„Treffen“ zu über- und ersetzen. Das gebräuchliche „Teamwork“ hingegen ist
wieder ein schwieriger Fall. Ein Team ist eben mehr als eine Gruppe, nämlich eine,
die zusammen oder besser gemeinsam arbeitet. Und genau darauf kommt es im
Teamwork an.
Chillen statt abhängen
Trotz aller sprachlichen Differenzen zwischen jung und alt – eines haben beide
gemeinsam: Sie treffen sich beim Chillen. Die einen entspannen nach einem harten
Arbeitstag in der Chill-Out-Lounge einer Wellness-Oase. Was soviel bedeutet,
dass man sich in einem hübsch eingerichteten Raum einer modernen Saunaanlagen
auf bequemen Sofas bei sanften Klängen und gekühlten Getränken entspannen
kann.
Und die Jugend? Der ist ziemlich egal, wie das „chillen“, bzw. das „Abhängen“
aussieht. Mal mit Freunden einfach Musik hören oder ins Kino gehen, eben alles,
was irgendwie ruhig und entspannend und ´na irgendwie cool ist.
Fragen zum Text
Was ist shoppen?
1.
durch die Stadt bummeln, Schönes anschauen und hier und da etwas kaufen.
2.
einen Laden eröffnen
3.
an vielen Workshops teilnehmen
Was macht man in einem Workshop?
1.
etwas kaufen
2.
etwas lernen
3.
hart arbeiten
149
Wie wird der Terminkalender auch häufig genannt?
1.
Sleeper
2.
Timer
3.
Terminer
Arbeitsauftrag
Anglizismen in der deutschen Sprache - coole sprachliche Entwicklung oder
schockierender Kulturverfall? Schreiben Sie Ihre Meinung auf und begründen Sie
sie. Diskutieren Sie dann in der Klasse darüber.
Rund ums Eck
Süß, knusprig und vor allem eckig: die Nussecke
Süße, schöne, spitze und sogar runde – Ecken gibt es viele verschiedene. Um
die ganze Bedeutung des Wortes zu begreifen, muss man manchmal sogar um
die Ecke denken.
"Rund ums Eck" geht’s in der Sprachbar und was wie ein Widerspruch klingt,
nämlich rund und eckig, ist bei genauerer Betrachtung gar keiner. "Alles rund ums
Auto" ein Werbespruch einer Autozubehörfirma bedeutet zum Beispiel, dass diese
Firma alles – oder so gut wie alles – im Angebot hat, was man/frau fürs Auto
braucht oder gerne hätte. "Rund ums Eck" dagegen bietet eine Art Sammlung von
Ecken aller Art und ihren Bedeutungen.
Entschärfte Ecken
Was eine Ecke ist, wird einem schmerzhaft deutlich, wenn man sich am neuen
Couchtisch mit der Glasplatte das Knie anhaut. Ecken solcher Art sind das, was als
von zusammenstoßenden Winkel bildenden Linien, Kanten oder Flächen
begrenztes Flächen- Raum- oder Materialstück bezeichnet wird.
Der nächste Tisch wird möglicherweise einer mit abgerundeten Ecken sein; und da
haben wir’s: Ist eine abgerundete Ecke überhaupt noch eine? Jeder weiß, was
gemeint ist. Kindermöbel, Eckiges in Bussen und Bahnen, Geländer und so weiter
werden entschärft, indem sie da gerundet werden, wo vorher die oft scharfkantigen
Ecken waren.
Von ‚ak’ zu ‚Eck’
Apropos entschärft: Ecke stammt von ‚ak’ der Urecke gewissermaßen und dieses
Wort bedeutete ‚spitz’, aber auch ‚Wurfspieß’ und ‚Schwert’. Diese Waffen – und
das versteht sich eigentlich von selbst – mussten nicht nur spitz, sondern auch
150
scharf sein, das heißt eine Schneide haben. Von ‚ak’ zu ‚Eck’ und ‚Ecke’ ist kein
allzu weiter Weg.
Von 'Eck' zu 'Eckart' oder 'Eckehard' auch nicht. Mit ein bisschen Fantasie wird
deutlich, was es mit diesen inzwischen altmodischen deutschen Vornamen auf sich
hat: Ein 'Eckehard' kann kein Weichei sein, sondern ist ein harter Bursche. Die 'mit
dem Schwert geübten' oder die 'Schwertstarken' – das sind die Eckehards!
Was für eine schöne Ecke!
Ecken können nicht nur spitz oder scharf, sondern auch schön oder hässlich sein.
Eine schöne Ecke ist eine Gegend, eine hübsche Landschaft, etwas abgelegen von
den Hauptstrecken, abseits der bekannten Urlaubsregionen. Hässliche Ecken
finden sich eher in Großstädten. Aber was heißt schon schön und hässlich. Die
Eckkneipe im Ruhrgebiet oder sonst wo, schmucklos aber mit Patina, kann ein Ort
der Geborgenheit sein - wo man sich trifft mal eben auf ein Bier.
Früher, vor der Zeit der Videoüberwachungskameras, gab es noch den Schutzmann
an der Ecke. Der stand da, weil sich von einer Straßenecke aus mindestens zwei
Straßen einsehen lassen. Andererseits kann man prima um eine Ecke
verschwinden. 'Er bog um die Ecke, und ward nicht mehr gesehen'. Aber jemanden
'um die Ecke bringen', bedeutet jemanden verschwinden lassen - und zwar auf
Nimmerwiedersehen.
Um die Ecke gedacht
Was 'Ecke' in der Sprache des Sports bedeutet, ist wohl hinlänglich bekannt. Es
gibt aber auch noch das Eckige; und dieses ist das Tor, in welches das Runde,
nämlich der Ball hinein soll. Außerdem ergibt sich während des Spiels zweier
Fußball- und auch Rasenhockeymannschaften meist ein Eckenverhältnis.
Die Sportecken haben es nicht leicht. Meist werden sie scharf herein getreten oder herein geschlagen, wenn es sich um eine Ecke beim Hockey handelt. Ecken
werden ausgeführt und zwar von dort, wo Tor- und Seitenauslinie im rechten
Winkel aufeinander treffen. Ein kleiner Viertelkreis bestimmt die Fläche, in der der
Ball vor der Ausführung liegen muss.
Guildos Ecke
Da sind wir schon fast bei der Trigonometrie, in der die Ecken eine große Rolle
spielen. Dreiecke, Rechtecke, die Ecken von Würfeln und Quadern. Schließlich
das Kreissegment, dessen Spitze ja auch eine Ecke ist und das wie ein Tortenstück
aussieht. Die richtigen Tortenstücke sind ja auch eckig und der Beweis dafür, dass
151
es tatsächlich süße Ecken gibt. Ganz zu schweigen von der legendären Nussecke,
die der Sänger Guildo Horn berühmt gemacht hat.
Fragen zum Text
Was bedeutet der Werbespruch „Alles rund ums Auto“?
1.
Dass eine Firma alles – oder so gut wie alles – im Angebot hat, was man/frau
fürs Auto braucht oder gern hätte.
2.
Dass die Mitarbeiter der Firma einmal am Tag um den Dienstwagen tanzen.
3.
Dass das Auto, um das es sich handelt, rund ist.
Woher stammt das Wort Ecke?
1.
von dem Wort ‚ak’
2.
von dem Namen ‚Eckehard’
3.
von dem Wort ‚wak’
Welche Ecke hat der Sänger Guildo Horn berühmt gemacht?
1.
die Straßenecke
2.
die Nussecke
3.
die Eckkneipe
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie einen sinnvollen Text, in dem "eck" oder "ecke" mindestens
zehnmal vorkommen (als eigenständiges Wort oder als Bestandteil eines Wortes).
Eigentlich
Eigentlich gut geschminkt...
Es kann als Adjektiv gebraucht werden, hat aber auch adverbiale Bedeutung
und ist eben nicht zuletzt zu diesen Partikeln zu rechnen, die tatsächlich
Abtönungspartikel heißen. Eigentlich ganz einfach also!
Schon seit geraumer Zeit sind reinweiße Innenwände in Privatwohnungen out. Hat
man nicht mehr. Wer auf sich hält und gar ein Speisezimmer hat, wird es im
"mediterranen Flair" halten und warme Töne ins spröde Weiß mischen. Die ganz
individuell hergestellte Farbkreation wird dann mittels Wischtechnik oder sonst
wie aufgebracht und schon trägt die Wand zu dem bei, was so vorschnell Ambiente
genannt wird. Ob Ocker oder verspieltes Rosa, ob Blau im Bad oder Grün für den
Wintergartenbereich – Abtönen heißt die Devise.
Mehr Farbe
152
Das Stichwort dieser Woche hat in der Tat mit Abtönung, ja sogar mit
Abtönungspartikeln zu tun. Es kann als Adjektiv gebraucht werden, hat aber auch
adverbiale Bedeutung und ist eben nicht zuletzt zu diesen Partikeln zu rechnen, die
– das ist ein Fachbegriff – tatsächlich Abtönungspartikel heißen.
Wir streifen da ein recht kompliziertes und schwer zu durchschauendes Kapitel der
deutschen Sprache, aber vielleicht können wir es ein wenig verständlicher machen.
Und jetzt nennen wir das Abtönungspartikel und Stichwort beim Namen. Es heißt
"Eigentlich".
Wir alle kennen es, gebrauchen es und wissen eigentlich ziemlich genau, was es
bedeutet.
Eigentlich ganz einfach ...
Eigentlich schon. Oder? Tasten wir uns heran. Eigentlich in der Funktion eines
Adjektivs im folgenden Beispiel: "Der eigentliche Name des Mädchens lautet
Susanne und nicht Susi". Eigentlich hat hier die Bedeutung von wirklich,
tatsächlich.
Der eigentliche Sinn eines Wortes ist der ihm zugrunde liegende, ursprüngliche,
niemals der übertragene. Und was ist das Zugrunde-Liegende? Das Wesentliche?
Richtig. Das Eigentliche. So ganz nebenbei sind wir da auf den substantivischen
Gebrauch von eigentlich gestoßen. Hatten wir eigentlich gar nicht vor.
Ein Hauch von Abtönung
Eigentlich im adverbialen Gebrauch findet sich in folgendem Satz: "Das Kleid ist
eigentlich schön". Und jetzt wird's kritisch. Denn in diesem Satz ist schon so ein
Hauch "Abtönung" enthalten. Bevor wir dieser aber nachspüren, halten wir uns
noch einen Augenblick auf sicherem Gelände auf.
"Eigentlich" ist eigentlich – also im Grunde genommen – eine Ableitung von
eigen. Das ist offensichtlich. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes war "in
Besitz haben". Paradebeispiel: Eigentum. Wenn wir an Eigenschaft und
eigentümlich denken, kommen wir von der eigentlichen Bedeutung des Wortes
"Eigen" zu seiner übertragenen. Beispiel: "Alle Eigenschaften eines Menschen
zusammengenommen, machen sein Wesen aus".
Gut getönt ist halb verschleiert
Eine fast zu verallgemeinernde Eigenschaft des Menschen ist die, das, was
eigentlich gesagt werden soll, mit dem Wort "eigentlich" zu verschleiern.
"Eigentlich geht es mir ganz gut". Wieso sagen wir nicht "es geht mir gut", wenn
153
es eigentlich so ist? Weil wir Abtöner sind. "Eigentlich hast du Recht!" Na also.
Aber wieso nicht "Du hast Recht!"?
Weil wir uns eigentlich immer so ein Hintertürchen offen halten wollen.
Schließlich könnte es uns noch besser gehen und bloß, weil die jetzt Recht hat,
müssen wir sie ja nicht gleich in den Himmel heben. Eigentlich nicht. Oder? Es
gibt außer eigentlich noch andere Abtönpartikel. Sie alle sagen – und jetzt kommt
ein Zitat aus der Grammatik – sie alle sagen "etwas über die Stellung des Sprechers
zum Satzinhalt und zur Sprechsituation aus".
Wo ist die Hintertür?
Für unser Schlussbeispiel nehmen wir außer "eigentlich" als weitere Abtönpartikel
"ja", "ganz" und "doch". Wir sind beim Kollegen eingeladen und stehen in seinem
renovierten, neu eingerichteten und stilvoll abgetönten Speisezimmer. Er strahlt
voller Stolz und wir müssen was sagen. Das Problem ist, wir finden das Zimmer
scheußlich, aber wir können ja den Abend nicht verderben, verleugnen wollen wir
uns aber auch nicht. Also, was sagen wir im toskanisch anmutenden Ambiente,
angesichts der gedeckten Tafel und den brennenden Kerzen? Wir sagen etwa dies:
"Ja. Doch. Eigentlich ganz schön geworden."
Guten Appetit allerseits.
Fragen zum Text
Wenn der eigentliche Name eines Mädchens Susanne und nicht Susi ist,
dann...
1. heißt sie tatsächlich Susanne und nicht Susi.
2. heißt sie weder Susanne noch Susi.
3. heißt sie tatsächlich Susi und nicht Susanne.
Die ursprüngliche Bedeutung von eigentlich lautet: …
1. tatsächlich.
2. in Besitz haben.
3. im Grunde genommen.
Wenn jemand etwas "eigentlich doch ganz schön" findet, dann...
1.
ist er/sie absolut begeistert.
2.
ist er/sie total fasziniert.
3.
ist er/sie nur mäßig begeistert.
Arbeitsauftrag
154
Eigentlich würde man gerne sagen: "Das Essen war scheußlich und ich habe mich
zu Tode gelangweilt“. Aber stattdessen sagt man: "Vielen Dank für das
unglaublich leckere Essen. Es war mal wieder richtig schön bei euch!“. Man meint
das eine, man sagt das andere. Eigentlich höflich, trotzdem aber eine Lüge.
Beschreiben Sie eine Situation in der Sie eigentlich lieber die Wahrheit gesagt
hätten, aber aus Höflichkeit eine kleine Lüge erfunden haben.
Eigentlich eigen
Manche kochen lieber ihr eigenes Süppchen.
"Willst du mein eigen sein?", fragte man sich früher. Bei einem "Ja" entstand
ein Hochzeitspaar. Man gehörte zueinander – man gehörte einander. Das
"Einander gehören" passt aber heutzutage nicht mehr. Eigentlich.
Da es keine Leibeigenschaft mehr gibt, gehören einem höchstens noch Sachen. Sie
darf man sein eigen nennen, vorausgesetzt, man besitzt sie, man hat sie sich
rechtmäßig angeeignet. Das Angeeignete kann man dann wiederum jemandem
übereignen. Das klingt sehr trocken, unschön und juristisch.
Eigentlich ..., aber!
Wohltuender für Ohr und Herz und unter Hochzeitsglockengeläut klingt da "Willst
du mein eigen sein?" Zumindest für diejenigen, die einen Hang zur Romantik
haben und ein klares Ja erwarten dürfen. Stünde vor dem Ja ein "eigentlich", wäre
die Freude doch arg getrübt. Bei "eigentlich" hört man das Einschränkende und
Ausweichende allzu deutlich mit. Besser wäre, man ließe hier das “eigentlich“
weg.
Matthias Claudius dichtete: "Eigentlich sollte Schönheit unschuldig und Unschuld
sollte schön sein, aber in der Welt sind es verschiedene Dinge." Beides, Schönheit
wie Unschuld, sind Eigenschaften, die erste meist äußerlich, die zweite innerlich.
Zusammen, das will uns der Dichter sagen, eignen sie selten ein und derselben
Person (besser: sind sie selten ein und derselben Person zu eigen).
Eigentümliche Eigenschaften
"Mögen wir noch so viele Eigenschaften haben", seufzte einst Molière, "die Welt
achtet vor allem auf unsere schlechten." Die Welt ist schon seltsam bzw.
eigenartig. Einander sehr nahe stehen die Begriffe "Eigenheit" und
"Eigentümlichkeit". Sie sind "Spezial-Eigenschaften". "Eigenheit" meint
"Besonderheit" und "Eigentümlichkeit" meint das erst recht.
Mancher verhält sich eigentümlich, mancher riecht eigentümlich. Positiv klingt das
nicht. Mit gleichen Begriffen lobt man aber den Volksstamm, der sich seine
155
Eigenart, die Eigentümlichkeit seines Brauchtums bewahrt hat. Doch sei nicht
verschwiegen, dass man heute derlei Eigenheiten gerne mit Ausdrücken wie
"Authentizität" oder "Identität" bedenkt - wunderschöne deutsche Worte ...
Eigentum verpflichtet
Bekannt ist das Sprichwort: "Eigner Herd ist Goldes wert". Schon allein, weil man
den Herd nie fragen muss: "Willst du mein eigen sein". Er ist es, sobald man ihn
bezahlt hat. Mit dem eigenen Geld. Auf dem eigenen Herd kann man dann – in der
Mietwohnung wie im Eigenheim – "sein eigenes Süppchen kochen", auf eigene
Gefahr. Aber so ist das nun mal, wenn man auf eigene Verantwortung arbeitet,
"sein eigener Herr" ist.
Indem man das Possessivpronomen weiter verstärkt, kann man sogar auf Gefahren
hinweisen. Man möge sich doch bitteschön nicht "ins eigene Fleisch schneiden"
oder gar "sein eignes Grab schaufeln", eigenhändig! Das tut weh. Ach, wie leicht
schießt man ein Eigentor, also: Wie leicht schadet man sich selbst. Trotzdem: "auf
eigenen Füßen zu stehen" ist in jedem Fall besser als auf den Füßen anderer.
Etwas Eigenes
Das Sprichwort "Eigenlob stinkt" ist sehr alt, auch in der gereimten Form: "Wer
sich lobt alleine, des Ehre ist gar kleine." Mag sein – andererseits: wenn es sonst
keiner macht? Dann bleibt nur Eigeninitiative, Mut zum Selbstlob. Und überhaupt:
Etwas Stinkendes ist besser als nichts.
Friedrich Schiller mahnte zu recht: "Etwas muss er sein eigen nennen, / oder der
Mensch wird morden und brennen." Will einer einen Beruf ergreifen, muss er sich
fragen, ob er sich eignet und ob er dazu taugt. Das sollte sich eigentlich (an und für
sich) jeder fragen. Letztlich kann er sich sogar fragen: Ist so ein Beruf denn das
Eigentliche im Leben, das Wesentliche?
Sonderbar ist eigentlich normal
Der Begriff "Eigen" illustriert und verstärkt gern, am liebsten Vorwürfe: was
denkst du dir eigentlich? Oder: wie heißt du eigentlich, wer bist du überhaupt? Von
einigen Leuten weiß man den Namen, ihr Denken bleibt einem fremd. Solche
Leute nennt man "sehr eigen" ihr Verhalten ist auf jeden Fall "sonderbar". Ein
spezieller Sonderling ist der Eigenbrötler. Ursprünglich war das ein alleinlebender
Junggeselle, der sein eigenes Brot backen musste und seiner Umgebung daher
absonderlich erschien. Aber ist es schlimm, eigen zu sein, wunderlich,
eigensinnig? Im Gegenteil, meint der große Goethe: "Ursprünglich eignen Sinn
lass dir nicht rauben! / Woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben."
156
Fragen zum Text
Was ist ein anderes Wort für Besitz?
1.
Eigentümlichkeit
2.
Eigenheit
3.
Eigentum
Mit welcher Redewendung kritisiert man eine Person?
1.
Eigner Herd ist Goldes Wert.
2.
Eigenlob stinkt.
3.
Willst du mein eigen sein?
Wer eigen ist, ...
1.
ist frei und unabhängig.
2.
verhält sich merkwürdig.
3.
ist abhängig von einer anderen Person.
Arbeitsauftrag
Suchen Sie im Text:
a) drei Redewendungen, die ausdrücken, dass jemand sich selbst schadet
b) zwei Redewendungen, die ausdrücken, dass jemand unabhängig von anderen
Personen ist
Sprachmächtiges "Ein"
Die Wiederver(ein)igung wird gefeiert
Eine Buchstabenfolge ohnegleichen: E-i-n. Der unbestimmte Artikel hat es in
sich. "Wiederverigung"? Unvorstellbar. "Ein" verbindet – "Ein" bestimmt
indirekt mit – "Ein" ist unverzichtbar.
"Du bist mein Ein und Alles" – "You are my one and only love": Der Liebessong
von Ricky Nelson aus dem Jahr 1957 macht die Sprachmächtigkeit des kleinen,
unbestimmten Artikels deutlich: Es gibt nur dich für mich; keine andere kann
deinen Platz einnehmen. Du bist einzigartig. Einzigartig!
Großes und kleines "Ein"
"Ein" ist ein unbestimmter Artikel. Neutrum. Singular. Ein Bier, ein bisschen
Geduld. Aber "ein" ist ja viel mehr. Eine Buchstabenfolge mit großer Wirkung, die
157
ihresgleichen sucht. Es macht ohne Weiteres aus einem Wasservogel, einem
Reiher, einen Herrenanzug mit nur einer Knopfleiste.
Bilden wir nun einen Satz "Am Bach steht ein Reiher", haben wir einen
unbestimmten Artikel plus Nomen. Maskulinum. Singular. Jetzt aber schreiben wir
"Ein" groß und setzen es dem Reiher vor. Als Vorsilbe. Wir haben dann den
"Einreiher" und eine andere Bedeutung.
Wort-David mit Hilfsfunktion
Sprachspielerei? Ja und nein. Das "Ein" ist ein David unter den Wörtern, der den
Goliaths erst zu ihrer imposanten Größe verhilft. Was wäre die deutsche
Wiedervereinigung ohne ihr verbindendes "ein"?
Ein Torso, ein verstottertes "Wiederverigung". Alteingesessene Bürgerinnen und
Bürger schrumpfen ohne ihr "ein" zu "altgesessenen", und der Traditionsverein
"Eintracht Frankfurt" stünde als "Tracht Frankfurt" da. Und der bekannte Spruch
der drei Musketiere: "Einer für alle, alle für einen" käme ziemlich sinnentstellt
rüber: "Alle für en, er für alle". Das hört sich an, als seien die entscheidenden
Silben in Maßkrügen abgesoffen.
Numerale Funktion
Einerseits nur ein unbestimmter Artikel, kann "ein" andererseits aber auch ein
Numeral, ein Zahlwort, sein: Ein Bier statt zwei oder drei. Einfach statt zweifach
oder dreifach. Einsilbig statt zwei- oder dreisilbig; einmal statt zwei- oder dreimal,
und, und, und … .
In die Jahre gekommen
"Ein" steckt aber auch in zahllosen Verben wie einpacken, einnehmen, einsehen,
einläuten – allesamt Tätigkeiten. Oder in Nomen wie Einfaltspinsel,
Einbahnstraße, Einsiedler, Einfall. Ja, und es steckt in "allein". Allein ist auch so
ein Wort. Und was für eins. Allein mit sich. Ganz allein. Mutterseelenallein.
Sprachwissenschaftlich ist "allein" aus "eine allein" hervorgegangen.
"Ein" – ein kleiner Partikel, der die Patina der Jahrhunderte angesetzt hat. Seit dem
8. Jahrhundert ist er im Alt- und Mittelhochdeutschen nachgewiesen. Allerdings
hat die Entwicklung zum unbestimmten Artikel schon weit vorher stattgefunden.
Einzigartig
158
Ja, ja, das Unbestimmte. So ganz unbestimmt ist es dann doch wieder nicht, das
"ein". Denn es steht nur mit dem Singular. Es heißt also: "Ich liebe (die) eine
Frau". Sonst hieße es: "Ich liebe (die) Frauen". Womit wir wieder bei Ricky
Nelson "Du bist mein Ein und Alles" und der Einzigartigkeit wären.
Einmachen
Halten sich ewig: eingemachte Kirschen
Es ist in guten wie in schlechten Zeiten eine bewährte Methode der
Vorratshaltung: das Einmachen; etwa von frischem Obst und Gemüse. Selbst
Löwenfleisch kann man "einwecken", wenn man denn einen erlegt hat …
Im Herbst ist es wieder soweit. Das erste frische Sauerkraut, Schnippelbohnen,
Kastanien, Pilze sind auf dem Markt. Zwar ist der Sommer vorbei, aber einige
Köstlichkeiten, die er hervorgebracht hat – Obst, Waldbeeren und auch Gemüse –
können wir auch im Winter genießen. Zwar nicht frisch geerntet, aber durchaus in
bemerkenswerter Qualität und – wenn man will – in Mengen, die ausreichen, bis es
wieder Sommer wird und aufs Neue geerntet werden kann.
Frisches auch im Winter
Im Stichwort dieser Woche geht es ums Einmachen. Kurz gesagt: um eine ganz
bestimmte Art und Weise der Haltbarmachung von Lebensmitteln. Das Einmachen
oder Einkochen hat eine weit über hundertjährige Geschichte. Die Pfarrerstochter
Henriette Davidis veröffentlichte 1845 ihr "Praktisches Kochbuch für die
gewöhnliche und feinere Küche". Darin belehrt sie ihre Leserinnen auf fast 100
Seiten über das "Einmachen verschiedener Früchte und Gewächse".
Oberstes Gebot beim Einmachen oder Einkochen: absolute Sauberkeit, denn der
kleinste Krümel, der ins Einmachglas fällt, kann Gärung bewirken und alles
verderben. Außerdem, so schreibt sie, sollten alle "fremden Gerüche und Dämpfe"
aus der Küche verbannt werden. Im Vergleich zu heute war das Einmachen mit
Henriette eine recht aufwändige Sache. Dessen ungeachtet haben Millionen
Hausfrauen nach ihrer Methode "eingemacht" und dabei gleich ihre wunderbaren
Rezepte ausprobiert.
Weck, der Revolutionär
Dass Einmachen und Einkochen keineswegs nur Frauensache war, bewies ein
Mann namens Johann Weck. Im Jahre 1900 hatte er zusammen mit seinem
159
Geschäftspartner Georg van Eyck die Firma "J. Weck & Co. – Einkochgläser und
Einkochgeräte" gegründet. Die Produkte des Hauses Weck revolutionierten das
Einmachen geradezu. Eine "Umwälzung in der Küche aller Länder" – hieß es in
einem Werbeprospekt von 1906 – habe mit den Weckschen Produkten ihren
Anfang genommen.
Einwecken in Weckgläsern
Selbst die Sprache wurde um einige Wörter bereichert. Beinahe zum Fachbegriff
ist das Wort "Einwecken" geworden. "Weckglas" und "Weckgläser" sind
gleichbedeutend mit Einmachglas beziehungsweise Einmachgläsern. Das hätten
sich die Herren Weck und van Eyck wohl nicht träumen lassen. Johann Wecks
Unternehmen gibt es immer noch, in dem kleinen badischen Ort Öflingen.
Das kleine Weltunternehmen hat auch ein Museum. Dort gibt es zum Beispiel eine
Glaskonserve von 1897 mit – so sagen die Firmenleute – noch genießbarer Ananas.
Auch ein Stück Löwenfleisch – im Jahre 1913 eingeweckt – findet sich dort. Das
Einmachen von Lebensmitteln war und ist in guten, aber besonders in schlechten
Zeiten eine bewährte Methode zur Vorratshaltung.
Jetzt geht’s ans Eingemachte!
Der Ausdruck ans Eingemachte gehen beschreibt im wörtlichen Sinne, dass man in
schlechten Zeiten etwas von dem Eingemachten aus dem Keller holt. Ein Glas mit
eingemachtem Fleisch beispielsweise oder ein Glas Wurst und zum Nachtisch ein
Glas Obst. Fast alles lässt sich einmachen. Und Einmachen ist heutzutage auch
nicht schwer.
Aber, wie schon Henriette Davidis mit streng erhobenem Zeigefinger mahnte, es
muss dabei absolut sauber zugehen. Wie richtig eingemacht wird, lässt sich jedem
Kochbuch entnehmen, wobei es längst spezielle Ratgeberbücher zum Thema
Einmachen gibt.
Na, dann los!
Haben wir ein bisschen Appetit gemacht? Versuchen Sie es doch mal mit
eingemachten Kürbissen. Köstlich. Nur das Kleinschneiden nicht vergessen, denn
so große Einmachgläser gibt’s nicht.
Fragen zum Text
Henriette Davidis achtete beim Einmachen besonders auf …
160
1. absolute Sauberkeit.
2. die richtige Menge der Lebensmittel.
3. die Farbe der Einmachgläser.
Johann Weck gründete eine Firma für …
1. Kühlanlagen.
2. Löwenfleischverarbeitung.
3. Einkochgläser und Einkochgeräte.
Die Redewendung ans Eingemachte gehen bedeutet, dass …
1. man eine Schlägerei anzettelt.
2. man in schlechten Zeiten etwas von dem Eingemachten aus dem Keller holt.
3. man in guten Zeiten etwas von dem Eingemachten an Bedürftige verteilt.
Arbeitsauftrag
Stellen Sie sich vor, man könnte nicht nur Lebensmittel einmachen, sondern auch
Erlebnisse in Einmachgläsern konservieren. Was war Ihr schönstes
Sommererlebnis, das Sie gerne an einem kalten, dunklen Wintertag noch einmal
durchleben würden? Beschreiben Sie ihren Sommertraum und erklären Sie, warum
Sie ihn am liebsten einmachen würden!
Einsichten
Von der Einsicht zur Erkenntnis
Einsichten können gewonnen werden, um zu einer höheren Einsicht zu
gelangen: der Erkenntnis. Einsichtslose wollen nicht zur Einsicht kommen.
Nicht jeder Einsichtige handelt aber auch einsichtig.
Der Mensch steht an der Spitze der Evolution. Er ist das höchst entwickelte
Lebewesen. Das zeigt sich nicht nur durch seinen aufrechten Gang, sondern auch
dadurch, dass er denken und sprechen kann, über Abstraktionsvermögen verfügt
und mit Vernunft ausgestattet ist. Woran es dem Homo Sapiens allerdings oft
mangelt ist die Einsicht – jene Fähigkeit, durch Betrachtung der Dinge zu einer
neuen Sichtweise zu gelangen.
Hineinsehen
Sehr schlecht einzusehen!Diese neue Sichtweise, diese Einsicht, muss nicht
unbedingt der eigenen entsprechen und gerade deshalb die bessere sein. Das Wort
Einsicht hat es in sich. Deshalb ist leicht einzusehen, dass es durchaus einmal näher
betrachtet werden sollte, um Einsichten in die Einsicht zu bekommen.
Einsicht mit der Vorsilbe hin versehen ergibt Hineinsicht – ein Substantiv, das
nicht mehr gebraucht wird. Es macht aber dennoch deutlich, dass Einsicht und das
entsprechende Verb einsehen durchaus – und ganz wörtlich genommen – mit dem
161
Sehen zu tun haben. Ein Beispiel: Das Grundstück ist von der Straße aus schlecht
einzusehen; man kann schlecht hineinsehen, da hohe Bäume die Sicht versperren.
Behördliche Einsichten
Nur nicht die Übersicht verlieren bei so viel EinsichtnahmeMit dem Hineinsehen
haben auch die Akteneinsicht oder die Einsichtnahme zu tun, Begriffe aus dem
Behördendeutsch. Da kann ein Arbeitnehmer Einsichtnahme in seine Personalakte
verlangen, er kann in sie hineinsehen und in ihr lesen wie in einem Buch. Ähnlich
kann ein Anwalt Akteneinsicht bei Gericht beantragen.
Natürlich kann die Einsicht oder Einsichtnahme in Akten auch verweigert werden.
Wem allerdings Einsicht gewährt wird – nicht nur in Akten –, der hat die Chance,
zu einer höheren Einsicht zu gelangen, etwas zu verstehen.
Neue Einsichten
Das sehe ich gar nicht ein!Das kann unter Umständen bedeuten, die eigene
bisherige Sicht der Dinge gründlich zu überprüfen, Fehler einzusehen und auf
diesem Weg zu neuen Einsichten zu finden. Etwas einsehen bedeutet auch etwas
eingestehen, zugeben und daraus die Konsequenzen ziehen. Die Umgangssprache
fasst das in der Redewendung Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung
zusammen.
Eine Person, die dazu fähig ist, ist einsichtig. Ihr Gegenteil ist der einsichtslose
Sturkopf, der wider die Vernunft und oft wider besseres Wissen einfach nichts
einsehen will. Jeder Versuch, andere zur Einsicht zu bringen, muss scheitern.
Notwendige Einsichten
Wo bleibt die Einsicht?Einsicht bedeutet aber auch, etwas in seinem
Zusammenhang und in seiner Notwendigkeit zu erkennen. Ein Kind versteht zum
Beispiel nicht, warum es sich abends seine Zähne putzen und danach nichts Süßes
mehr essen soll. Erst wenn sich die ersten Löcher in seinen Zähnen schmerzhaft
bemerkbar machen, wird die Einsicht kommen, dass die heimlich unter der
Bettdecke gegessenen Bonbons doch besser in der Tüte geblieben wären.
Jemand, der zur Einsicht kommt, hat die Möglichkeit, sein Verhalten zu
korrigieren, sich zu verbessern. In letzter Konsequenz könnte so etwas völlig
Neues entstehen, weil etwas erkannt wurde.
Die Erkenntnis
Mir ist da endlich ein Licht aufgegangen!Dass Einsicht und einsehen immer mit
Erkenntnis zu tun haben, zeigt die alte, wenn nicht ursprüngliche Bedeutung des
Wortes. Bei den Mystikern des 13. Jahrhunderts und den Religionsphilosophen
bedeutet Einsicht, Einblick in etwas Verborgenes zu erhalten – etwa die Gnade
Gottes zu erkennen und aus dieser Erfahrung heraus zu handeln.
Die Psychologen sprechen von Einsicht, wenn plötzlich die Lösung eines Problems
oder der Weg dahin erkannt wird. Der Sprachpsychologe Karl Bühler hat den
Begriff des Aha-Erlebnisses geprägt. Auf einmal sieht der Einsichtige alles klar
und deutlich vor sich. Er kommt zu neuen Erkenntnissen. Und diese wiederum
können zu neuen, veränderten Einsichten und Ansichten führen.
Irrationales
162
Wohl gemerkt: Neue Einsichten können zu etwas führen, sie müssen es nicht.
Friedrich Dürrenmatt hat den Stellenwert von Einsicht im praktischen Leben
folgendermaßen charakterisiert: "Das Rationale am Menschen sind die Einsichten,
die er hat. Das Irrationale an ihm ist, dass er nicht danach handelt."
Fragen zum Text
Eine Person, die wider die Vernunft einfach nicht zur Einsicht kommen will,
…
1. bleibt trotz aller Einsicht unvernünftig.
2. wird vernünftig, obwohl sie keine Einsicht gewonnen hat.
3. wird in Gegensatz zu dem, was die Vernunft ihr vorschreibt, nicht einsichtig.
Einsicht kann man zwar von anderen verlangen, aber nicht jeder kann auf
Befehl ...
1. zur Einsicht erlangen.
2. zur Einsicht gelangen.
3. Einsicht anlangen.
Am Besten wäre es natürlich, wenn Einsichtige …
1. ihren Einsichten entsprechend gehandelt hätten.
2. ihren Einsichten entsprechend handelten.
3. ihren Einsichten entsprechend handelen.
Arbeitsauftrag
Jemand, der zur Einsicht kommt, hat die Möglichkeit, sein Verhalten zu
korrigieren, sich zu verbessern. Wann hatten Sie selbst das letzte Mal eine solche
Einsicht und wie haben Sie diese Einsicht gewonnen? Auf welche Weise hat diese
Einsicht Ihr Verhalten beeinflusst. Tauschen Sie sich mit Ihrem Partner oder in der
Gruppe aus. Welche Arten von Einsichten haben Sie nun von den anderen kennen
gelernt?
"Eins plus eins …" – Doppelwörter im Deutschen
Eine notorische Schlafmütze
Die Deutschen mögen es, Wörter zusammenzusetzen. Bei manchen ist die
Bedeutung auf Anhieb klar, bei anderen nicht. Und einige Wörter haben es
sogar geschafft, ins Ausland exportiert zu werden.
163
Die deutsche Sprache ist voller Wörter, die eigentlich Doppelwörter sind –
zusammengesetzt aus Wörtern, die sich auch einzeln verwenden lassen: Autobahn,
Grießpudding, Raumfahrer, Dichterwort, Haustür, Alleskönner, Angsthase,
Schadenfreude, Bauplan – wer wollte, könnte ein ganzes Lexikon nur mit solchen
Komposita füllen.
Eins plus eins ist zwei
Wenn zwei Wörter zusammentreffen, addiert sich oft nur die Bedeutung der beiden
Einzelwörter: ein Grießpudding ist ein Pudding aus Grieß, die Haustür die Tür ins
Haus und die berühmte Schadenfreude die Freude am Schaden anderer. Doch die
Autobahn ist nicht nur eine Straße für Autos. Zwar dürfen die auch da drauf, aber
Motorräder und Lkw eben auch. Vielleicht sollte man sie deshalb auf Radbahn
umtaufen. Fußgänger sind auf der Autobahn verboten. Auch am Rand. Es gibt
keinen Fußweg entlang der Autobahn. Und keinen Zebrastreifen.
Wie die Streifen eines ZebrasDiese Mehrbedeutung ist den Einzelwörtern Auto und
Bahn nicht anzumerken. Sie ergibt sich erst, wenn sie zusammenkommen. So wie
Zebra und Streifen zusammen plötzlich einen Fußgängerüberweg meinen. Das ist
das Besondere an solchen Komposita – sie enthalten mindestens ein Quäntchen
mehr an Bedeutung, als in den Einzelwörtern für sich genommen steckt.
Eins plus eins = neue Bedeutung
Nicht selten entsteht sogar aus zwei Wörtern ein drittes Wort mit völlig neuer
Bedeutung. Zum Beispiel Sitzfleisch. Man könnte meinen, das sei nur der
Körperteil, auf dem man sitzt. Stimmt schon – aber auch wieder nicht. Wer
Sitzfleisch hat, ist nämlich jemand mit Geduld. Mit der Ausdauer, sich auf den
Hosenboden zu setzen und nicht eher aufzustehen, als bis die Aufgabe beendet ist.
In dem zusammengesetzten Wort erscheint so eine Bedeutung, die den beiden
Ausgangswörtern nie anzumerken gewesen wäre. Nehmen Sie den Junggesellen.
Der braucht nicht besonders jung zu sein; gesellig schon gar nicht. Denn der
Junggeselle – ob jung oder alt – ist einfach ein Mann, der nicht verheiratet ist. Ein
Hochstapler ist nicht jemand, der einen hohen Stapel aufrichtet. Sondern immer
ein Betrüger.
Tiere, die keine Tiere sind
Eine Schlafmütze ist auch kein Kleidungsstück (das war sie früher einmal), sondern
ein Mensch, der oft müde ist und gern viel schläft. Spaßvögel und Angsthasen sind
keine seltenen Tiere, die nur in Deutschland vorkommen, sondern Menschen, die
164
gerne scherzen, oder die sehr ängstlich sind – so sehr, dass es schon wieder erlaubt
ist, über sie zu schmunzeln.
Klatschtanten erzählen den neusten TratschDagegen ist ein Klatschmaul nicht
mehr als die Worte Klatsch und Maul schon besagen: jemand, der das Maul
aufreißt und gerne über andere herzieht. Ohne Rücksicht darauf, ob ihnen das recht
wäre oder es sie verletzen könnte. Das ist eben Klatsch.
Exportierte Komposita
Nur wenn der Klatsch mit Kaffee verbunden wird, entsteht etwas ganz Neues: der
Kaffeeklatsch. Das ist dann kein Klatsch mehr und auch keine Kaffeespezialität.
Sondern ein Zusammensein bei Kaffee und Kuchen, bei dem alle vertraut
miteinander reden. In Nordamerika hat man das Wort mit derselben Schreibweise
und derselben Bedeutung ins Englische übernommen.
Der Kaffeetisch ist gedecktÜberhaupt sind es gerade die Zusammensetzungen, die
man sich in anderen Sprachen gern beim Deutschen ausleiht. Etwa den
Besserwisser. Der weiß es nicht unbedingt besser. Vielleicht glaubt er das auch
nur. Aber er ist immer jemand, der seinen Mitmenschen auf die Nerven geht. So
einer heißt heute auch auf Finnisch besservisseri. Ein Wort wie Kindergarten ist
schon sehr früh – wenige Jahre nach seiner Erfindung in Deutschland – ins
Englische übernommen worden. Niemandem braucht man heute noch zu erklären,
dass der Kindergarten kein Garten für Kinder sondern eine Art Vorschule ist.
Eins plus eins plus ein gleich eins
Wenn scherzhaft von kleinen Kindern die Rede ist, spricht man auf deutsch
übrigens auch schon mal von Dreikäsehochs. Das sind dann genau genommen
bereits drei Wörter, denen jedes für sich nicht anzusehen ist, dass von Kindern die
Rede ist. Aber für solche Fälle brauchen Sprecher eben ein wenig
Fingerspitzengefühl.
Fragen zum Text
Folgendes Kompositum gibt es nicht: …
1. Klingelhammer.
2. Schlagbohrer.
3. Schlafzimmer.
Spaßvögel sind ...
1. seltene Tiere.
165
2. Menschen, die gerne lustig sind.
3. Vögel, die inzwischen ausgestorben sind.
Die Redensart "Du bist aber eine Schlafmütze" bedeutet, dass jemand …
1. schlafwandelt.
2. sehr langsam reagiert.
3. eine besondere Mütze trägt.
Arbeitsauftrag
Sitzfleisch – Angsthase – Kindergarten: Es gibt viele Wörter, die eine andere
Bedeutung haben. Finden Sie weitere Wörter und erklären Sie deren Bedeutung.
Eis
Eis für den Eisbären!
Bei "Eis" mag man an Winter, Schnee und Frost denken, an arktische
Temperaturen und überfrierende Nässe. Vermutlich ist jedoch vielen der
Gedanke an einen Eisbecher an einem warmen Sommertag angenehmer.
Erfrischungsspeise mit drei Buchstaben. Oder: Aggregatzustand des Wassers.
Oder: Kühlmittel für technische und medizinische Zwecke. Oder, oder, oder. Wir
spielen heute zu Beginn des Stichwortes ein wenig Kreuzworträtsel. Aber Sie
haben sicher schon längst erraten, wie das Stichwort dieser Woche heißt. Richtig:
"Eis".
Auf ins ewige Eis
Wir unterscheiden gleich zu Beginn drei Eissorten. Nein, nicht Schoko, Vanille
und Erdbeer. Die gibt's auch, aber erst später. Also: Das Natureis, das künstliche
und das zum Essen. Das Natureis gibt es zum Beispiel in großen Mengen dort, wo
der Eisbär wohnt.
In der Arktis, also ziemlich nahe am Nordpol, jener Gegend, die auch gerne als
Eiswüste bezeichnet wird. Dort finden sich riesige Eisberge, Eisschollen von der
Fläche bundesdeutscher Stadtstaaten, das fast unüberwindliche Packeis; und wenn
das Eis beispielsweise durch Temperaturanstiege bricht, nennt man es Treibeis.
Von Eisbären, Bergsteigern und Anglern
Sollten Sie demnächst einem Eisbären begegnen, werden Sie feststellen, dass er
ziemlich o-beinig daherkommt und beeindruckende Krallen hat. Die O-Beine
166
braucht er, damit er auf den glatten und schrägen Eisflächen das Gleichgewicht
besser halten kann; und mit den Krallen krallt er sich im Eis fest.
Extrembergsteiger, die vereiste Bergwände hochkraxeln, brauchen dazu Eispickel
und Eishaken.
Dem Eisbären macht im Gegensatz zum Bergsteiger die Eiseskälte nichts aus. Er,
der Eisbär, kann länger als 24 Stunden völlig regungslos auf dem Bauch vor einem
Eisloch liegen und warten, bis ein Fisch vorbeikommt. Dann macht er die
entscheidende Bewegung. Auch die Menschen angeln am Polarkreis: Eisangeln.
Dazu wird ein Loch ins Eis gesägt und die Angel in selbiges gehängt; dient
tatsächlich zum Nahrungserwerb, ist aber längst zu einer Art Eissport geworden, so
wie das erfrischende Baden im Eisloch bei Minustemperaturen.
Ein Stück Italien in Deutschland: die Eisdiele
Aber nun, da wir das Natureis einigermaßen ausführlich behandelt haben, und Sie
wissen, dass wir Eisbären mögen, begeben wir uns in die Eisdiele oder ins Eiscafé,
denn Eis ist ein Sommerthema und Speiseeis noch mal ein ganz besonderes.
Speiseeis, das ist jene cremige Zubereitung aus Flüssigkeiten und
geschmackgebenden Zutaten wie zum Beispiel Vanille, Kakao, Früchten,
natürlichen Aromen und geheimnisvoll künstlichen, vornehm ausgedrückt:
naturidentischen Aromastoffen.
Es gibt Milcheis, Sahneeis, Fruchteis, Eiscreme, Kunsteis – das ist das mit den
künstlichen Aromen – und Halbgefrorenes. So. Zu jeder Eissorte gibt es ellenlange
Herstellungsverordnungen und -bestimmungen, die, bis man sie gelesen hätte,
jeden noch so üppigen Eisbecher dahinschmelzen ließen. Eisbecher ist ein
schnödes Wort für jene kunstvollen Miniaturgebirge aus duftenden Eiskugeln,
verziert mit Eiswaffeln und glitzernden Eisschirmchen, die wie die Kostüme einer
Eisprinzessin in allen Farben leuchten.
Wann entstand denn nun das Speiseeis?
Am Anfang war der Italiener. So um das Jahr 1700 vermengte er auf geniale Weise
allerlei wundervolle Zutaten, um etwas Süßes herzustellen. Als er sah, dass es gut
war, stellte er es an einen sehr kalten Ort und wartete, bis es jene Konsistenz hatte,
die ihn mit großer Freude und vor Glück strahlend das Wort "gelato!" ausrufen
ließ.
Damit war das Eis zwischen Italienern und Österreichern gebrochen, denn nur ein
paar Jahre später, 1708, verkauften die Wiener jene zum Gefrieren gebrachte
flüssige Süßspeise, mit der sie unter dem direkt aus dem Italienischen übersetzten
Namen "Gefrorenes" ihre Mitmenschen beglückten.
167
Eine sehr deutsche Spezialität …
Und jetzt, da wir schon beim Essbaren sind, lüften wir das Geheimnis des Eisbeins.
Scherzhaft wird Eisbein jener Zustand genannt, wenn einem die Beine im eiskalten
Winter eiskalt gefroren sind.
Eisbein ist aber mehr. Es ist ein Stück vom Schienbein des Schweins. Mit dem
dransitzenden Muskelfleisch wird es meist mit Sauerkraut und Kartoffelbrei sehr
heiß serviert. Ein Wintergericht eher, wenn man beispielweise – und jetzt kommt
das Kunsteis – vom Schlittschuhlaufen im Eisstadion nach Hause kommt.
Einen Schnaps danach
Es empfiehlt sich, zumindest behaupten das erfahrene Eisbeinesser, nach dem
Essen einen Schnaps zu trinken; natürlich aus vorher im Eisfach des Kühlschranks
geeisten Gläsern, versteht sich.
Fragen zum Text
Ein Eisbär hat O-Beine, …
1. um schneller laufen zu können.
2. um besser Fische aus Eislöchern fangen zu können.
3. um auf den Eisflächen das Gleichgewicht halten zu können
Ein Eispickel ist …
1. eine besondere Form eines Mitessers im Gesicht.
2. ein Gerät, das zur Ausrüstung eines Bergsteigers gehört.
3. eine Wölbung im Eis.
Bei einem Eisbein handelt es sich um …
1. eine tiefgefrorene Hähnchenkeule.
2. ein Stück vom Schienbein des Schweins.
3. das Schwungbein eines Eiskunstläufers.
Arbeitsauftrag
Gute Eiscafés gibt es in Deutschland erst seit den 1960er Jahren – dank der
damaligen italienischen Gastarbeiter. Informieren Sie sich über die historischen
Hintergründe der Arbeitsmigration in der so genannten Wirtschaftswunderzeit.
Beschreiben Sie, wie sich die Situation der italienischen Migranten im Laufe der
Jahre verändert hat.
Ellenbogen
168
Beim Tennis hat der Ell(en)-bogen einiges auszuhalten
Ein Körperteil, das notwendig für die alltägliche Bewegung ist, aber auch
gerne gebraucht wird, um sich direkt oder im übertragenen Sinne Platz zu
verschaffen. Sogar eine ganze Gesellschaft ist nach ihm benannt.
Wir lassen diese Woche die Katze, das heißt das Stichwort, gleich aus dem Sack.
Es heißt "Ellenbogen", hat mit Anatomie, ganz bestimmten menschlichen
Eigenschaften und einer – wenn auch ungenauen – Maßeinheit zu tun.
Ein Knochenfortsatz als Waffe
Der Ell- oder Ellenbogen ist im eigentlichen Sinn kein Bogen. Er ist der bei
gebeugtem Arm vorspringende Knochenfortsatz der Elle an dem den Unterarm mit
dem Oberarm verbindenden Gelenk. Die Elle wiederum ist der an der Außenseite
des Unterarms verlaufende Knochen. Was es mit den sprichwörtlich gewordenen
spitzen Ellenbogen ganz konkret auf sich haben kann, lässt sich in öffentlichen
Verkehrsmitteln – als da sind Busse und Bahnen – hautnah erleben.
Zum Beispiel dann, wenn jemand einen dieser Rucksäcke, in denen sich der
Hausrat eines Einfamilienhauses verstauen lässt, mit einer ruckartig ausgeführten
Bewegung aufsattelt, wobei die Ellbogen jenes Mitmenschen gleichzeitig und
blitzschnell seitlich ausfahren. Zur Bestätigung eines Treffers in der Nähe unseres
Kinns oder am Rippenbogen vernehmen wir mit ein bisschen Glück noch ein
schwaches "Tschuldigung", dann entfernt sich der Rucksack, rechts und links von
einem Ellenbogen flankiert.
Musik und Sport in der Anatomie
Wir sind gleich durch mit der Anatomie, brauchen aber noch zwei Sätze für den
Musikantenknochen und den Tennisarm. Ersterer ist kein Knochen, sondern der
Nerv namens "Ulnaris". Am Ellbogen verläuft er ziemlich ungeschützt und wenn
er da getroffen wird, zum Beispiel beim Anstoßen am metallenen Türgriff, dann
spüren wir so etwas wie einen Stromschlag mit anschließendem Kribbeln, dass wir
die Engel singen hören. Vielleicht hat der Musikantenknochen daher seinen
Namen.
Auch der Tennisarm hat mit Ellenbogen und Schmerzen zu tun. Am äußersten
Punkt des betroffenen Ellbogens besteht starker Berührungsschmerz, es zieht im
Arm, die Muskeln versagen den Dienst, man kann nichts mehr halten oder heben.
Ist die Elle wirklich ellenlang?
169
Die Elle, haben wir gesagt, ist ein Knochen. In früheren Zeiten war "Elle"
allerdings auch eine Längeneinheit. So wurde beispielsweise die Länge von
Stoffbahnen in Ellen gemessen; der Maßstock der Tuchhändler war die Elle. Mit
gleicher Elle messen – ein redensartlicher Ausdruck, der "die Menschen
unterschiedslos behandeln", "gerecht sein" bedeutet, war auch in seinem
wörtlichen Sinne nur schwer zu verwirklichen.
Allein in Deutschland gab es über hundert Ellen-Maße. Die Längen schwankten
zwischen 50 und 80 Zentimetern. Das heutige Adjektiv ellenlang bedeutet mit
negativem Unterton, dass etwas sehr lang ist. Eine Rede zum Beispiel oder eine
Liste, Verordnungen und so weiter. Nicht nur die Elle ist ein vom menschlichen
Körper genommenes Maß. Neben "Fuß" sind auch "Spanne", das ist der Abstand
zwischen ausgestrecktem Daumen und Mittelfinger, und selbst "Klafter", die
Strecke zwischen den seitwärts gestreckten Armen eines Erwachsenen, – sagen wir
– Körpermaße.
Wenn der Ellbogeneinsatz nicht nur der Ellbogenfreiheit dient
Da wir gerade beim Ausstrecken sind: Wer je in einem Ferienflieger gesessen hat,
weiß, was mangelnde Ellenbogenfreiheit bedeutet: Der Ellbogen des Sitznachbarn
ist stets zu spüren, und nur die Tatsache, dass es dem Mitreisenden genauso geht,
verschafft etwas Trost, und man/frau fügt sich für die Dauer des Fluges in das
Unvermeidliche.
Nun gibt es nicht wenige Zeitgenossen, die ihre Ellbogen ohne Rücksicht auf ihre
Mitmenschen gebrauchen; die sich durchboxen und mit dieser Ellenbogentaktik
nur ihr eigenes Fortkommen, ihr Ziel im Auge haben. Man nennt diese Damen und
Herren auch Ellenbogenmenschen. Die schlimmsten unter ihnen sind die mit den
Rasierklingen an den Ellenbogen. Man findet sie überall und in großer Zahl. Was
sie mit ihrer bedenklichen Art und Weise, durchs Leben zu gehen, bewirken, fand
schon im Jahre 1982 seinen Niederschlag im damaligen Wort des Jahres von der
Ellenbogengesellschaft.
Auf jeden Topf der passende Deckel
Wundert es in diesem Zusammenhang, dass es auch den Begriff Ellbogenpolitik
gibt? Richard Dehmel, der deutsche Dichter, hat sie folgendermaßen
gekennzeichnet: "Schutzlosigkeit der Schwachen und Ellenbogenfreiheit für die
Besitzenden". Man findet dieses Zitat in einem seiner Briefe aus dem Jahre 1902.
Längst vorbei also.
170
Fragen zum Text:
Ein Nerv, der am Ellbogen ungeschützt verläuft, ist …
1. der Engelsnerv.
2. der Musikantenknochen.
3. die Stromschlagsehne.
Kein Längenmaß ist …
1. Fuß.
2. Spanne.
3. Arm.
Menschen, die besonders rücksichtslos sind, …
1. haben Rasierklingen an den Ellbogen.
2. messen nicht mit gleicher Elle.
3. haben einen Tennisarm.
Arbeitsauftrag:
"Ellbogengesellschaft" war das Wort des Jahres 1982. Informieren Sie sich über
die Wörter des Jahres, die es bislang gibt. Suchen Sie sich eines heraus. Erklären in
einem Kurzbericht das gesellschaftliche Umfeld für das von Ihnen gewählte Wort
des Jahres.
Energie
Wenn man diese Energie nur einfangen könnte ...
In einem Automobilwerk werden Autos produziert, in einem Stahlwerk Stahl,
und das Werk für Haushaltsgeräte liefert Haushaltsgeräte aus. Aber werden
im Bergwerk Berge gemacht? Und wieso heißen Kraftwerke "Kraftwerke"?
Das ist hier die Frage: Wird im Kraftwerk wirklich Kraft hergestellt? Klar, man
kann es auch übertreiben mit der Sprache und spitzfindig Wörter und Begriffe hinund herwenden, die so selbstverständlich im Sprachgebrauch verankert sind, dass
sie kaum einer weiteren Betrachtung wert sind. So wie wir alle wissen, was Kraft
ist, wissen wir auch alle, was Energie ist.
Wenn die Energie nicht fließt
Vor allem aber wissen wir, was es bedeutet, wenn Energie nicht mehr da ist. Wenn
wir zum Beispiel kraftlos, weil völlig ohne Energie, aufs Sofa sinken. Oder wenn
171
es im Zimmer mit dem Sofa plötzlich dunkel und langsam kalt wird, weil die
elektrische Energie ausgefallen ist und die Heizung nicht mehr funktioniert. Dass
Energie nicht gleich Energie ist, wird in einer solchen Situation überdeutlich.
Den einen energielosen Zustand können wir durch Schlafen, Essen und Trinken,
einen Spaziergang in frischer Luft und Ähnliches beheben. Dem anderen sind wir
erst einmal hilflos ausgeliefert. So wie die fast 250.000 Menschen, die im
Bundesland Nordrhein-Westfalen tagelang ohne Strom – also ohne elektrische
Energie – auskommen mussten. Was war passiert? Durch Sturm und Eis wurde im
November 2005 die Stromversorgung in Teilen des Münsterlandes lahmgelegt.
Erst bildeten sich dicke Eiskrusten um die Hochspannungsdrähte, dann kam der
Sturm und knickte die Masten um.
Alternative Energie
Windenergie ist uns lieb, wenn der Wind die Rotoren der Windenergieanlagen
antreibt und so zur Stromgewinnung beiträgt. Genutzte Wasserenergie lässt sich
am sinnfälligsten an der "klappernden Mühle am rauschenden Bach" vor Augen
führen. Aber wehe, wenn sie losgelassen! Wenn der Sommerwind zum Tornado
und der linde Regen zur Sintflut wird, dann werden Energien freigesetzt, derer der
Mensch nicht mehr Herr werden kann.
In der Tat, Energie ist nicht gleich Energie, aber was ist sie denn nun? Was sie,
insbesondere für den Menschen, bedeutet, ist klar: Energie ist Licht, Wärme,
Nahrung, Bewegung und, weiß Gott, nicht zuletzt Wohlstand. Wie das? Für alles,
was uns, salopp gesprochen, das Leben erleichtert, brauchen wir Energie. Das
Leben selbst ist Ausdruck von Energie. Und: Energie ist immer und überall. Der
deutsche Physiker Hermann Helmholtz hat gesagt, dass Energie weder vernichtet
noch erzeugt werden kann, sondern dass sie allenfalls ihre Erscheinungsform
ändert.
Energielieferanten
Das klingt verblüffend, aber es stimmt. Beispiel Gas: Wenn wir Glück haben,
kommt es in der Gasleitung zu bezahlbarem Preis bis in unsere Wohnung. Im
Gasherd wird es entzündet und so in eine andere Erscheinungsform, nämlich
Wärme, umgewandelt. Die Kartoffeln im Topf werden gar, wir essen und
bekommen so auch wieder Energie und sind – wie man so schön sagt – nach dem
Essen "wiederhergestellt". Mit Energie und Tatkraft können wir uns nun wieder
den Aufgaben des Tages widmen.
Wer keine Lust zum Kochen hat, kann auch mal auf die so genannten
"Powerriegel" zurückgreifen, von denen einer, wie die Werbung versprach,
172
verbrauchte Energie sofort zurückbringt. "Aber", so sprühte ein kluger Spaßvogel
einmal auf eine Plakatwand, "was soll ich mit verbrauchter Energie?"
Ein bisschen "Power" gefällig?
Apropos "Power". Das klingt natürlich im Deutschen viel schicker als "Energie".
Man stelle sich nur vor, es hieße "Energiefrauen" statt "Powerfrauen". Oder
"Frauenenergie" und eben nicht "Frauenpower". Selbst das Batteriefach samt
Batterien ist längst zur "Power Unit" mutiert. Größere "Power Units" werden dann
schon mal als "Power Stations" bezeichnet, aber das ist nicht nur ein bisschen doof,
sondern auch falsch. Denn "power station" heißt schlicht "Kraftwerk". Aus einem
solchen wird Energie in unterschiedlichen Erscheinungsformen, je nachdem um
was für ein Kraftwerk es sich handelt, an die Stellen geleitet, wo sie benötigt wird.
Das klappt im Allgemeinen ganz gut, aber es kann auch anders kommen …
Englisch, wie es nur die Deutschen kennen
Handys sind so handlich
Die deutsche Sprache steckt voller Anglizismen. Wörter, die aus dem
Englischen kommen. Doch manche klingen nur so, haben ihren Sinn
verändert. Manche haben die Deutschen im Land der Dichter und Denker
selbst erfunden.
Das "deutsche Englisch" hat zwei Eigenarten: Es gibt da diese Wörter, die auf
Englisch eine ganz andere Bedeutung haben. Und es gibt diese Englisch
klingenden Wörter, die es im Heimatland der britischen Queen gar nicht gibt.
Auch Nichtraucher tragen Smoking
Der "Servicepoint" im Bahnhof zum Beispiel. Da versteht jeder Engländer bloß
Bahnhof, heißt der doch zu Hause customer service desk. Im "Wellness Hotel"
oder in der "Beauty Farm" leistet man sich ein „Peeling“; auf Englisch würde man
dazu facial or body scrub sagen. "Wellness" wird dort gebraucht, wo man auf
Englisch spa sagt (abgeleitet von dem belgischen Kurort Spa).
Solche Pseudoanglizismen sind eigentlich deutsche Wörter; viele Deutsche halten
sie bloß nicht dafür. Der berühmteste Fall ist wohl das "Handy". Handy bedeutet
Mobiltelefon – auf Deutsch; auf Englisch würde man cell phone oder mobile
phone sagen. Diese können gleichwohl sehr handy sein – also handlich und
praktisch, wenn man’s richtig übersetzte.
173
Scheinentlehnungen haben eine lange Tradition.
Schon zur Zeit unserer Urgroßväter hat man in Deutschland den "Stepptanz"
gekannt – den amerikanischen tap dance. Der deutsche „Smoking“ entsprach schon
damals dem englischen tuxedo. Oder der "Pullover" dem englischen sweater. Die
"Bowle" war das, was auf Englisch bis heute punch heißt. Und schon vor hundert
Jahren hat man „Marmelade“ zum Frühstück gegessen, damit jedoch das englische
jam gemeint. Auf Englisch gibt es tatsächlich ein ähnliches Wort: marmalade. Es
bezeichnet aber ausschließlich "Orangenmarmelade".
"City" bedeutet im Deutschen Innenstadt oder Stadtzentrum. Auf Englisch würde
man city center, center of town oder downtown sagen. Mit inner city ist dagegen
das gemeint, was Deutsche gern mit "sozialer Brennpunkt" umschreiben.
"Mobbing" ist ein Wort, das es in der englischen Sprache nur in einer einzigen
Bedeutung gibt: etwas oder jemanden in einer ungeordneten Gruppe umringen –
wie Bildreporter einen Filmstar. Im Deutschen meint das Wort dagegen
fortgesetzte Schikanen am Arbeitsplatz oder in der Schule. Das verrückteste
Beispiel für ein Wort mit veränderter oder sogar völlig neuer Bedeutung ist
vielleicht der "Slip". Was auf Englisch einen Damenunterrock bezeichnet, meint
auf Deutsch einen Schlüpfer, eine Unterhose – auch und gerade für Herren. Wörter
wie "Pullunder" gibt es dagegen nur im Deutschen - ein kurzer ärmelloser
Pullover.
Englisch, wie es nur die Deutschen sprechen?
Wer zwischen 20 und 29 Jahren alt ist, gilt in Deutschland als "Twen".
"Showmaster" ist deutsch für den Conferencier einer Unterhaltungssendung – den
host oder master of ceremonies, abgekürzt emcee. Passend dazu gibt es den
"Talkmaster". Auf Englisch ist er ein talk show host. Überhaupt ist den Deutschen
die englische Bedeutung von host in Radio und Fernsehen nicht vertraut. Sie
sprechen lieber vom "Moderator". Doch moderator bezeichnet auf Englisch einen
Gesprächs- oder Diskussionsleiter.
Richtige deutsche Originale sind auch Ausdrücke wie "Oldtimer" (ein altes Auto)
oder der "Beamer" (ein video projector; das englische beamer ist ein lässiger
Ausdruck für einen BMW). Den deutschen "Longseller" (ein Buchtitel, der sich
über einen langen Zeitraum gut verkauft) gibt es auf Englisch überhaupt nicht.
Genauso wenig wie die "Basecap" (eine Mütze, wie Baseball-Spieler sie tragen)
oder die "Boxen" als Lautsprecher (englisch: stereo speakers). "Dress" kann auf
Deutsch soviel wie Trikot oder Sportbekleidung heißen; auf Englisch meint dress
ein Kleid.
Wo Deutsch und Englisch überlappen
174
Man denke auch an die kuriose Begeisterung in Deutschland für das Wort
"Shooting star" für jemand, der im Kommen ist - im Sinn von "ein aufgehender
Stern". Doch shooting star bedeutet Sternschnuppe. Manchmal gelangen solche
kuriosen Verdrehungen tatsächlich ins Englische. Zum Beispiel "Walkman": Ein
englisch klingender Produktname, den Japaner erfunden haben. Und der heute
auch in den USA und Großbritannien verwendet wird. Wo sich Sprachen so "
überlappen", merkt kein deutscher Sprecher mehr, dass dieses Wort nun wirklich
ein Import ist: Ein Verb "lappen" gibt es ja im Deutschen nicht. Auf Englisch
hingegen gibt es beides: to lap und to overlap.
Fragen zum Text
Handy bedeutet auf Deutsch…
1.
ein handlicher Computer.
2.
ein Mobiltelefon.
3.
eine Handtasche.
Mobbing...
1.
ist eine deutsche Art des Ringkampfs.
2.
heißt ein Hersteller von Reinigungsmaschinen.
3.
gilt in Deutschland als ernste Schikane am Arbeitsplatz.
Als shooting star...
1.
gilt in Deutschland jemand, der dabei ist, berühmt zu werden.
2.
ist man in Deutschland der Beste im Schützenverein.
3.
bezeichnet man typisch englischen Christbaumschmuck.
Arbeitsauftrag
"Was schenken Sie Ihrem Mann denn zum Geburtstag?" "Einen schönen Pullover,
ein Basecap und ein paar modische Slips!" - Schreiben Sie einen Dialog, in dem
"deutsches Englisch“ verwenden.
Entenvolk
Immer der Ente hinterher
Es gibt sie fast überall auf der Welt. Wenn sie in Schriftform auftauchen, ist
Vorsicht geboten. In der Garage oder Badewanne erfreuen sie uns sehr – und
in einer ganz besonderen Stadt sind sie ganz unter sich.
175
115 Arten sind verzeichnet auf allen Kontinenten außer in der Antarktis. Die
Männchen werden Erpel genannt und sind im Gegensatz zu den unscheinbaren
Weibchen, bunt gefiedert. Sehr stimmfreudig sind sie aber beide – sie quaken und
schnattern laut um die Wette. Die Rede ist von Enten, die zur Familie der
Entenvögel gehören.
Bleienten
Köpfchen ins Wasser, Schwänzchen in die Höh'Alle Enten sind an ein Leben im
Wasser angepasst. Die Füße sind mit Schwimmhäuten versehen und das Gefieder
wird mit dem Sekret aus einer speziell entwickelten Drüse regelmäßig eingeölt, um
es wasserabweisend zu machen – sonst würden sie nämlich untergehen wie eine
Bleiente. So nennt man einen Mitmenschen, der schlecht oder gar nicht
schwimmen kann.
Tauchen können sie auch, findet doch schließlich ein Großteil ihrer Nahrungssuche
unter Wasser statt. Manche Arten lassen zu diesem Zweck nur ihren Kopf am
langen Hals tief ins Wasser hängen, während der Körper wie ein Korken an der
Oberfläche schwimmt – sie gründeln. Dieser Anblick wird in einem bekannten
deutschen Kinderlied besungen: "Alle meine Entchen schwimmen auf dem See,
Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh".
Lahme Enten
Ein gemächlicher Watschelausflug mit Gast!An Land wirkt der Gang der Ente
etwas plump und ungeschickt – sie watschelt und kommt nur langsam vorwärts.
Sie ist lahm. Lahme Enten findet man aber auch auf Autobahnen, Gehwegen oder
in seinem Freundes- und Bekanntenkreis.
Gemeint sind Fahrzeuge, die gemächlich fahren oder Menschen, die sehr langsam
sind. Sagt jemand zu Ihnen "Mach mal voran, Du lahme Ente" dann sollten Sie
einen Zahn zulegen und sich etwas beeilen, um den Anschluss nicht zu verpassen.
Falsche Enten
Keine echte Ente!Nicht besonders beliebt ist eine ganz besondere Ente: die
Zeitungsente. Da wird zum Beispiel berichtet, dass jemand zum Tode verurteilt
wurde – in Wirklichkeit wurde das Todesurteil in lebenslange Haft umgewandelt.
Zeitungsenten – oder inzwischen auch Internet-Enten – sind Beiträge, die nicht gut
recherchiert und falsch sind.
Der Begriff Zeitungsente soll aus dem französischen in den deutschen
Sprachgebrauch gekommen sein. In Frankreich gab es früher den Ausdruck vendre
des canards à moitié – also halbe Enten als ganze verkaufen –, was so viel
bedeutet wie nicht die ganze Wahrheit sagen. Später wurde dann der Zusatz à
176
moitié weggelassen und die Bedeutung Betrug, Täuschung, Lüge auf das Wort
canard – Ente – allein übertragen. Woher die Verbindung der Ente zur Unwahrheit
kommt, ist unklar. Möglicherweise, weil sie als unzuverlässige Brüterin galt.
Enten auf Rädern
So viele Enten auf einmal...Auf Deutschlands Straßen kann man gelegentlich noch
einer Ente begegnen, die leider vom Aussterben bedroht ist. Diese Ente schwimmt
und quakt nicht, sie rollt und knattert – und frisst Benzin. Die Rede ist von dem
französischen Auto Citroën 2CV – in Deutschland als Ente bezeichnet und von den
Fans heißgeliebt. Durch ihren niedrigen Anschaffungspreis und die geringen
Unterhaltskosten wurde die Ente ab den 1960er Jahren in Deutschland schnell zum
typischen Studentenauto mit Kultstatus, mit dem man nicht nur in den Urlaub
sondern auch zu Demos fuhr.
Der Name ist aus den Niederlanden übernommen worden. Dort hatte man das
Fahrzeug Das hässliche Entlein getauft. Der Ausdruck geht zurück auf das
gleichnamige Märchen von Hans Christian Andersen, in dem ein Entenküken von
allen verspottet und schließlich sogar verstoßen wird, am Ende jedoch zu einem
schönen Schwan heranwächst, der nur irrtümlich im Entennest ausgebrütet wurde.
Enten im Schaumbad
Auch Quietscheentchen trauen sich!
Mit einer ganz bestimmten Entenart teilt der ein oder andere regelmäßig die
Badewanne: mit dem Quietscheentchen. Diese kleine Gummiente aus elastischem
Kunststoff wurde populär durch die Kinderfernsehserie Sesamstraße, in der die
Figur Ernie nie ohne seine Quietscheente in die Badewanne steigt und dabei das
berühmte Quietscheentchen-Lied singt.
Mittlerweile sind die kleinen Enten in vielen Varianten erhältlich. Neben der
klassischen gelben Ausführung gibt es sie zum Beispiel als Fußballente,
Feuerwehrente oder Piratenente – und auch leuchtende oder duftende Exemplare
kann man zu Wasser lassen.
177
Eine Ente für alle
Jubel
!Die berühmteste Ente der Welt ist zweifellos ein fast immer schlecht gelaunter
Erpel in unverwechselbarem Matrosenanzug und mit blauem Seemannskäppi:
Donald Duck. Er lebt, wie könnte es anders sein, in einer Stadt namens
Entenhausen. Seit er 1934 von Walt Disney erfunden wurde, hat er – und mit ihm
Millionen Leser auf der ganzen Welt – zahllose Abenteuer erlebt.
Die Deutschen haben es der ersten Übersetzerin Dr. Erika Fuchs zu verdanken,
dass alles, was Donald Duck sagte, dachte und fühlte, zu verstehen war. Besonders
die Gefühle wurden durch einen genialen Kunstgriff zum Ausdruck gebracht, der
im Laufe der Zeit auch in die deutsche Alltagssprache Eingang fand: den Verben
wurden einfach die Endsilben gekappt. Grummel!, Schnarch!, Stöhn!, Keuch!,
Ächz!, Schmatz!, Seufz!
Entenfans
Und diese eine Ente hat mehr Fans weltweit als ihre natürlichen Artgenossen.
Einer von ihnen, ein Deutscher, hat sogar 13 Jahre Forschung investiert, um nach
dem Studium von 52.000 Comicbildern den “einzig wahren Stadt- und
Umgebungsplan von Entenhausen“ zu erstellen. Die Erklärung für so viel
Begeisterung: "Donald Duck ist keine Ente. Er sieht nur so aus." Quaaak!
Fragen zum Text
Das Gefieder der Ente wird regelmäßig …
1. eingefettet.
2. eingezogen.
3. eingefärbt.
In Frankreich gab es früher die Redensart …
1. halbe Enten ganz verkaufen.
2. halbe Enten als ganze verkaufen.
3. ganze Enten als halbe verkaufen.
Erfolgsrezepte
Der begehrte Schlüssel zum Erfolg
Den Erfolgsfaktor haben viele. Aus Erfolgsaussichten auch wirklich ein
Erfolgserlebnis zu machen, schaffen nur wenige. Angst vor Misserfolg sollte
keiner haben. Und der Schlüssel zum Erfolg: Wo und wie findet man ihn?
178
Immer häufiger ist die Rede davon, dass wir in einer Erfolgsgesellschaft leben,
also in einer Gesellschaft mit lauter Erfolgsmenschen, auf denen der Erfolgszwang
lastet. Der Begriff Erfolg soll hier aber nicht nur verstanden werden als ein
Anspruch des Einzelnen an sich selbst, erfolgreich zu sein, sondern auch als
notwendiges Ziel. Dem Ziel, in einer schnelllebigen Gesellschaft nicht
unterzugehen. Erfolgreich sein und bleiben, kann man allerdings oft nur zu Lasten
des Fair Play.
Ein steiniger Weg
Sind Sie ein fairer Gewinner?Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich das
Wertesystem verändert: Jeder ist sich selbst der Nächste und die anderen, die
Gesellschaft, ist den meisten weniger wichtig. Daher kämpft der erfolgsverwöhnte
Mensch mit allen Mitteln, um nicht plötzlich erfolglos zu sein und ausrangiert zu
werden. Dabei kommt es nicht selten vor, dass der eigene Erfolg auf Kosten des
Erfolges eines Mitmenschen geht.
Früher hieß es "Erfolg ist die Frucht der Ausdauer" – aber ist das heute noch
aktuell? Natürlich führen auch heute noch harte Arbeit und ein langer Atem zum
Erfolg. Oft sind es aber auch Glück oder unlautere Wettbewerbsmittel, die
Erfolgsaussichten versprechen. Gerade hieraus ergibt sich ein Teufelskreis, denn
wer sich einmal im Glanze des Erfolges gesonnt hat, der möchte nicht mehr zurück
auf die Schattenseite und ist unter Umständen dann sogar zu jeder Schandtat bereit.
Erfolg zieht an
Mit dem beruflichen Erfolg geht manchmal auch der Erfolg beim anderen
Geschlecht einher. Nicht umsonst sagt man Erfolg macht sexy, denn sowohl
Männer wie auch Frauen bringen Erfolg mit Macht, Anerkennung und Geld in
Verbindung.
Erfolg – das Wort
Erfolg geht auch Hand in HandAber was steckt nun hinter diesem Wort, dass es
solch eine Anziehungskraft ausübt? Erfolg ist aus dem Verb erfolgen gebildet, was
ursprünglich soviel wie einholen bedeutete – also ein Ziel erreichen. Die
Bedeutung dieses Verbs hat sich jedoch im heutigen Sprachgebrauch verändert und
lässt sich mit die Folge sein erklären, wobei Folge sowohl zeitlich, als auch kausal
verstanden werden kann.
Das abgeleitete Substantiv Erfolg wird erst im 17. Jahrhundert gebräuchlich und
meint soviel wie gutes Ergebnis oder glücklicher Ausgang. Heute jedoch steckt
mehr dahinter. Aktuelle Definitionen schließen immer eine Zielgerichtetheit mit
ein, wie zum Beispiel: positives Ergebnis einer Bemühung oder Eintreten einer
beabsichtigten, erstrebten Wirkung.
Erfolg – die Verbindungen
Hoch hinauf auf der Erfolgsleiter!Auch sprachlich wird deutlich, welch einen
hohen Stellenwert der Erfolg in der Gesellschaft hat, denn nur zu häufig muss es
als Bestimmungswort für viele zusammengesetzte Substantive herhalten: aus
einem guten Trainer wird ein Erfolgstrainer, aus einem positiven Wahlausgang
179
wird ein Wahlerfolg und die Serie mit hohen Einschaltquoten wird zur
Erfolgsserie, um nur einige wenige zu nennen.
Seine Beliebtheit als Vor- oder Nachsilbe kommt nicht von ungefähr, denn jedes
Wort wird durch den Erfolg bereichert und strahlt plötzlich Sieg, Triumph oder
Glück aus. Genauso findet er sich in vielen deutschen Sprichwörtern oder
Redewendungen wieder. In der Redewendung Seine Bemühungen waren von
Erfolg gekrönt ist der Erfolg die metaphorische Krone, die den Handlungen einer
Person aufgesetzt und so mit etwas Royalem, Königlichem verbunden wird.
Das Erfolgsrezept?
Erfolg ist in, das ist klar. Aber was ist das Erfolgsrezept der Erfolgreichen, um die
Erfolgsleiter hinauf zu klettern? Vermutlich haben alle Erfolgsmenschen ein
eigenes Erfolgsgeheimnis, das sie niemals verraten würden. Aber wie kommt man
überhaupt bis zur ersten Sprosse der Erfolgsleiter?
Mein Erfolgsverständnis
Finden Sie Ihren Weg!Um diese Frage zu beantworten, muss sich jeder damit
auseinandersetzen, was Erfolg für ihn oder sie bedeutet – und wie es sich in einer
Erfolgsgesellschaft wie der unsrigen leben lässt? Gerade meine Generation, die der
jungen Menschen zwischen 20 und 30, hört so oft von Politikern, dass auf uns ein
hoher Erfolgsdruck lastet. Wir müssen härter arbeiten und bessere Leistungen
erbringen als die Generationen vor uns, um unser Land und unsere Gesellschaft
weiterhin erfolgreich aufrecht zu erhalten.
Bisweilen war und ist Erfolg für mich immer sehr eng an gute Noten geknüpft:
früher in der Schule und heute an der Universität. Da ist man eben schulisch
erfolgreich, oder macht einen erfolgreichen Abschluss, wenn man was werden will.
Und nach der Universität: Was wird Erfolg denn dann für mich bedeuten? Meine
Hoffnung: ich möchte mein eigenes Erfolgsrezept finden, um beruflichen Erfolg
mit privatem Erfolg zu verbinden.
Liebet eure Feinde
Das sollte man bei einem Misserfolg nicht tun!Aber schließlich noch kurz zum
Feind des Erfolges, dem Misserfolg. Diese vier schlichten Buchstaben Miss bilden
den Gegensatz dieses schönen Wortes. Misserfolg bedeutet jedoch nicht bloß das
Fehlen eines Erfolges, sondern birgt viel mehr in sich: ein Scheitern, ein
Misslingen. Allzu ernst sollte man den Erfolgsdruck und die Angst vor
Misserfolgen jedoch nicht nehmen. Man sollte es lieber mit dem amerikanischen
Automobilhersteller Henry Ford halten: "Misserfolg ist auch die Chance, es beim
nächsten Mal besser zu machen". Na dann, viel Erfolg für uns alle!
Fragen zum Text
Auf dem Weg zum Erfolg steigt man sprichwörtlich die ... hinauf.
1. Erfolgstreppe
2. Erfolgsleiter
180
3. Erfolgsstiege
Sonnt sich jemand im Glanze eines Erfolgs, dann …
1. liest jemand Erfolgsberichte.
2. genießt jemand seinen Erfolg.
3. trägt jemand eine Erfolgskrone in Form einer Sonne auf dem Kopf.
Jemand, der nicht erfolgreich ist, sollte …
1. nicht den Kopf in den Sand stecken.
2. stur bleiben.
3. sich vor jeden Karren spannen lassen.
Arbeitsauftrag:
Was bedeutet es für Sie persönlich, Erfolg zu haben? Schreiben Sie einen Text, in
dem Sie ein Erfolgserlebnis aus Ihrem Leben beschreiben. Lesen Sie den Text in
der Gruppe vor und diskutieren Sie darüber.
In einem Kinderlied wird folgende Verhaltensweise der Ente beschrieben: …
1. das Brüten.
2. der Flug in den Süden.
3. die Nahrungssuche.
Arbeitsauftrag
Finden sie bis zu drei Falschmeldungen – in Zeitungen oder im Internet –, die für
großes Aufsehen sorgten. Erklären Sie in einem Text, um welche Meldung(en) es
sich handelt, wie sie entstanden ist/sind und welche Auswirkungen sie hatte(n).
Diskutieren Sie anschließend in der Gruppe, wie man eine Falschmeldung, eine
Ente, erkennen kann.
Die Eselsbrücke zum Wespennest
Nicht nur Esel brauchen Brücken
Lernen, lernen, lernen - der Mensch „malt“ in die Sprache gerne Tierbilder.
Das macht sie bunt. Sprache lernen ist ja schwer genug. Oft bleibt nur die
Ochsentour, das Büffeln. Zum Glück gibt’s Eselsbrücken...
Tiere werden gegessen, mit der Fliegenklatsche gejagt, ausgestopft und im Zoo
gefangen gehalten. Alles von Menschen. Die verwerten sogar noch die Namen der
Tiere: häufig als Schimpfworte. Schweine, Esel und Ochsen bevölkern unseren
181
Planeten und haben – Überraschung – alle einen Vogel. Sogar Rabeneltern haben
den. Die wissen es nur nicht. Kümmern sich ja nicht um den Kleinen.
Frei wie ein Vogel oder vogelfrei?
Moment, welche Rabeneltern? Menschen, die man so nennt, oder ihre schwarz
gefiederten Vorbilder? So viel ist gewiss: Die Tiere sind meist besser als ihr Ruf.
Der Mensch stopft das Tier mit seinen Redensarten aus. Seiner Sprache verleiht
das Lebendigkeit. Und Zwiespältigkeit.
Zum einen beneidet der Mensch das Tier: „Ah so frei wie ein Vogel möcht’ ich
sein“; erklärte aber früher ein Richter einen für „vogelfrei“, gab er ihn damit zum
öffentlichen Abschuss frei. Ja, was denn nun? Dieser Mangel an Eindeutigkeit –
der Mensch sagt dazu, einer sei „weder Fisch noch Fleisch“.
Backfisch und Bockschuss
Der Backfisch ist ein Fisch, aber nicht etwa ein gebackener Fisch, sondern einer,
der noch nicht reif ist zum Gebackenwerden, ein Fisch den man zurück-, englisch
„back“, wirft, weil er noch zu klein ist.
Kleine Fische zu fangen, ist also kein großer Verdienst. Kriminalistisch gesehen ist
es sogar ein Fehler. Denn das heißt in der Regel, dass die großen Fische, also die
wirklich schweren Verbrecher, entkommen sind. Wer für so einen Fehler
verantwortlich ist, hat einen Bock geschossen. Denn Bock hat in diesem Fall nichts
mit dem Ziegenbock zu tun, sondern ist ein sehr altes Wort für „Fehler“.
Sinnvoller Umweg: die Eselsbrücke
Wer einen Bock geschossen und sich dadurch in eine missliche Lage gebracht hat,
wird mitunter klagen: „Jetzt haben wir den Salat.“ Der gehört allerdings auf der
Suche nach tierischen Redensarten überhaupt nicht hier hin. Lassen wir den
kleinen Umweg über das Salatfeld hinter uns.
Umwege können sehr sinnvoll sein: Lasttiere, insbesondere Esel, weigerten sich
gerne, auch schmalste Wasserläufe zu durchwaten. Daher baute man oft kleine
Brücken. Die Eselsbrücke - eine wichtige Hilfe.
Vorsicht vor dem wichtigen Tier! Wo? Hier!
Wichtig ist ja so manches. Doch was es auch sei, das Tier weist darauf hin. DA
liegt der Hase im Pfeffer, und DORT liegt der Hund begraben. Dann weiß jeder
Bescheid, worauf es ankommt – auch der eingefleischteste Vegetarier. Obwohl der
182
BegräbnisORT des Hundes von großer Bedeutung ist, interessiert sich kein
Mensch für die Ursache seines Todes.
Das ist bei den Schäfchen ganz anders. Damit sie sich keine schwere Krankheit
holten, wenn sie zu lange im Regen am Sumpf standen, war es wichtig, sie
rechtzeitig ins Trockene zu bringen. Schließlich zog es ja draußen wie Hechtsuppe,
was die zarten Schäfchen auch damals schon nicht gut vertrugen. „Hechtsuppe“
kommt übrigens aus dem Jiddischen: "hech supha" heißt so viel wie "Sturmwind".
Das hat nichts mit dem jagenden Fisch zu tun, der sich gütlich tut ohne Maß und
Ziel, wie, ja eben, wie der Hecht im Karpfenteich.
Eine Lüge: Krokodilstränen
Jagdtiere sind einfallsreich. Das Krokodil, so eine Legende, verstehe sich zum
Beispiel darauf, das Weinen eines Kindes nachzuäffen, also nachzuahmen. Wer
weint, ohne dass er es ehrlich meint, dessen Trauer traut man nicht. Denn er
vergießt Krokodilstränen.
Als könnten Krokodile lügen! Lügen stehen nicht in Krokodilsaugen. Sie finden
sich allenfalls in den Zeitungen, die bekanntlich von Menschen gemacht werden.
Dass man solche Zeitungslügen wiederum Enten nennt, weil die Enten keine sehr
verlässlichen Brüter sein sollen, ist wahrscheinlich selbst eine Ente,
Entschuldigung, ein Gerücht. Davon gibt es so viele Fälle, das geht auf keine
Kuhhaut mehr. Verbrecher wurden zur Richtstätte geschleift, auf einer Kuhhaut.
Dem armen Viech zog man das Fell über die Ohren. Und hat es etwas verbrochen?
Üble Nachrede
Auch der Katze, um die jetzt auch noch aus dem Sack zu lassen, auch der Katze tut
man Unrecht. Der Katzenjammer heißt ursprünglich Kotzenjammer, was der Sache
ja auch näher kommt. Und der arme Elefant: Du hast eine Elefantenhaut, sagt man
denen, die man für robust hält. Der Elefant ist aber äußerst dünnhäutig.
Warum sagen wir den Tieren das alles nach? Weil sie uns lassen. Und weil wir es
wollen. Wir sind ja die "Krone der Schöpfung". Ganz oben. Ja, der Fisch stinkt
vom Kopf her. Wer auf dem hohen Ross sitzt, sollte man dem nicht mal die
Hammelbeine lang ziehen...? Was für ein schiefes Bild.
Ein ergreifender Griff
Seltener sind treffende Bilder. Wie das vom Wespennest, in das man hineingreift.
Der Greifende und der Ergriffene sind bei Mensch und bei Tier gleichermaßen
überrascht. Schön, dass es doch so etwas wie Harmonie gibt zwischen Mensch und
183
Tier. So, jetzt aber an die Arbeit: Tiere essen, mit der Fliegenklatsche jagen,
ausstopfen und in den Zoo bringen. Oder?
Stefan Reusch
Faden
Der berühmte rote Faden
Seidene, unsichtbare und rote - viele Fäden ziehen sich durch die deutsche
Sprache. Außerdem ist der Faden ein Raummaß für Holz. Wem das zu fade
klingt – schnell rein in die Sprachbar. Um den Faden nicht zu verlieren.
Der Faden, kaum zu sehen, und doch wichtig. Wo er naht, naht Hilfe. Zum
Beispiel beim Nähen klaffender Wunden. Hält zusammen, was zusammen gehört.
Und alles ist wie neu, wenn dann der Arzt die Fäden zieht.
Unsichtbare Fäden
Wer zieht außerdem noch Fäden? Der Libero im Fußball. Keine richtigen Fäden,
was würde das für eine Stolperei geben. Sondern unsichtbare. Der Libero
bestimmt, wohin seine Mitspieler laufen, er ist der Ballverteiler, der
Marionettenspieler, in dessen Hand, bzw. auf dessen Fuß die Fäden
zusammenlaufen, unsichtbar.
Auch der Mafiaboss zieht seine Fäden möglichst unsichtbar im Hintergrund. Er
macht sich die Finger nicht schmutzig. Und manchen, der fröhlich pfeifend durch
die Gassen läuft, hat vielleicht schon ein Mordbube im Visier, hat ihn ins
Fadenkreuz seines Gewehrs genommen. Das Leben des pfeifenden Gesellen hängt
da nur noch am seidenen Faden – die Frage ist, trifft der Attentäter oder nicht?
Im Fadenkreuz der Parze
Schon in der Antike gab es Fadenabschneider, sie waren allerdings weiblich und
hießen Parzen – drei römischen Göttinnen, die das Schicksal der Menschen
bestimmten und zur gegebenen Zeit den Lebensfaden abschnitten. Der Humorist
Wilhelm Busch gönnte sich vor 100 Jahren auf die finsterste Parze einen
fröhlichen Reim: „In der Wolke sitzt die schwarze / Parze mit der Nasenwarze /
und sie zwickt und schneidet, schnapp!! Knopp sein Lebensbändel ab.“
Die Zeit der Parzen ist vorbei. Wollen nun die ehrenwerten Paten deren Platz für
sich beanspruchen, nur weil wir ja eh alle irgendwann einmal- schnapp? Wer so
argumentiert, Herr Mafioso, argumentiert äußerst fadenscheinig. Mag der Anzug
aus noch so feinem Zwirn sein. Das Knäuel des organisierten Verbrechens mögen
184
andere entwirren. Zurück zum Faden. Denn der zieht sich wie ein roter Faden
durch die heutige Sprachbar.
Dem Tauwerk geht der Faden durch
Wie aber und wieso zieht sich ausgerechnet ein roter Faden irgendwo durch? Der
rote Faden als ein »leitender, verbindender Grundgedanke« geht auf den Roman
»Die Wahlverwandtschaften« zurück. Johann Wolfgang von Goethe vergleicht
darin die Idee der Wahlverwandtschaft mit dem Faden im Tauwerk der englischen
Marine. Dieses Tau sei –Zitat- »dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch
das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen.“
Ziehen wir unter Goethe einen Strich, und fügen Strich und Faden zusammen. Auf
Strich und Faden prüfte ursprünglich der Weber den fertigen Stoff. Er prüfte
Webart (Strich) und Material (Faden). Doch was ist daraus geworden? Nach Strich
und Faden wird betrogen, nach Strich und Faden wird verprügelt. Mag sein, dass
seinerzeit dem Weber so manches Mal der Geduldsfaden riss, da beißt die Maus
keinen Faden ab – aber betrügen, prügeln?
Die hungrige Maus
Wie aber kommt die Maus in eine Redensart mit dem Faden? Wenn früher auf den
Bauernhöfen der Frühling begann, sollten die typischen Winterarbeiten beendet
sein. Dazu gehörte das Fertigen und Ausbessern der Kleidung. Kein loser Faden
sollte den Mäusen zur Freude unverarbeitet und lose herumhängen. Lieber noch
schnell mit ihm eine Kohlroulade geschnürt, in den Bräter, auf den Teller. Und
dazu noch einen guten Rotwein – einen leckeren, keinen faden.
Fragen zum Text
Wer waren die Parzen?
1. drei römischen Göttinnen, die das Schicksal der Menschen bestimmten und
zur gegebenen Zeit den Lebensfaden abschnitten
2. urzeitliche Panzerfische, die mit ihrem starken Gebiss sogar einen Hai in
zwei Teile teilen konnte
3. drei griechische Sagenhelden, die gemeinsam gegen die Götter der
Unterwelt kämpften
Wie überprüften die Weber den fertigen Stoff?
1. auf Herz und Nieren
2. auf Strich und Faden
3. auf Wolle und Garn
185
Da beißt die Maus keinen…
1. Stock ab.
2. Käse ab.
3. Faden ab.
Arbeitsauftrag
Woher stammt der sprichwörtliche rote Faden, der sich durch eine Sache zieht?
Wählen Sie eine der drei Antworten und begründen Sie Ihre Entscheidung.
a) Der rote Faden ist eine volkstümlichere Fassung einer Kernaussage des
Marxismus, nämlich des Satzes: "Die Geschichte ist eine Geschichte von Kämpf
zwischen den Klassen". Der rote Faden ist in diesem Sinne das Blut der
Ausgebeuteten, der Unterdrückten, das sich durch die ganze Sache, nämlich die
Geschichte, zieht.
b) Der rote Faden war eine besondere Einrichtung bei der englischen Marine.
Sämtliche Taue der königlichen Flotte waren so geflochten, dass ein roter Faden
sich deutlich hindurchzog. Ihn herauszuwinden, ohne das ganze Tauwerk
aufzulösen, war unmöglich.
Goethe bezieht sich auf diese Besonderheit in seinen "Wahlverwandtschaften", um
das Tagebuch Ottilies zu charakterisieren.
c) Sven Arne Faden (1870-1902), ein norwegischer Artist, der auf den Jahrmärkten
Westeuropas als Schlangenmensch großes Aufsehen erregte, hat das Sinnbild der
roten Fadens geprägt. Er konnte sich durch engste Öffnungen hindurchzwängen.
Neben außerordentlicher Atemtechnik und Wendigkeit, kam ihm sein seltener
Wuchs bei seiner Arbeit zustatten: Der "rote Faden" - so wurde er wegen seiner
Haarfarbe genannt, soll bei einer Größe von 2Meter 12 bloß 60 Kilogramm
gewogen haben. Er verstarb bei einer seiner Vorstellungen in einem Fabrikschlot
im belgischen Lüttich.
Fall
Im freien Fall!
Zu einem Fall zu werden, ist meist unangenehm, selbst wenn es nicht gleich
ein Todes- oder Mordfall sein muss. Immerhin gibt es auch noch den
Glücksfall, der wiederum mit dem Zufall zu tun hat. Klarer Fall, oder?
186
Wie wird jemand zum Fall? Ist es ein bestürzender, schneller unnatürlicher Tod, ist
es der Verdacht, sich am Rande oder gar außerhalb der Legalität zu bewegen
beziehungsweise sich bewegt zu haben, oder ist es die Annahme, jemand habe sich
in zweifelhafter Weise bewusst Vorteile verschafft, die ohne eine gewisse
Machtposition nicht zu erreichen gewesen wären? Jemand ist in solchen und
ähnlichen Fällen natürlich nicht irgendjemand, sondern eine Person des
öffentlichen Lebens – also der Politik, der Kultur, des Sports, der Medien.
Physikalisch ist der Fall eindeutig …
Wie auch immer und wer auch immer, eins lässt sich auf jeden Fall festhalten: Wer
zum Fall wird, befindet sich entweder in einer sehr kritischen und meist für ihn
oder sie äußerst nachteiligen Situation oder hinterlässt – so beispielsweise nach
einem äußerst ungewöhnlichen Todesfall – der Nachwelt die traurige Pflicht, nach
dem Wie und Warum, also den, wie es dann heißt, "tragischen Umständen" zu
fragen.
Was die Physik unter dem "Fall" und insbesondere dem "freien Fall" versteht, lässt
sich leicht in bildhaften Sprachgebrauch übertragen. "Der freie Fall", sagen die
Physiker, "ist der gesetzmäßig beschleunigte Fall eines Körpers, auf den außer der
Schwerkraft keine zusätzliche Kraft einwirkt." Mit anderen Worten: Ein freier Fall
ist eine unaufhaltsame Bewegung von oben nach unten. Das gilt auch für den
Apfel, der im Herbst vom Baum fällt und für alles andere Obst auch. "Fallobst"
sagt man.
… juristisch nicht immer
Der Fall ist, dramatisch ausgedrückt, der Sturz in die Tiefe. Er/Sie ist tief gefallen,
sagt man, wenn jemand abgestürzt ist – von seiner oder ihrer vermeintlich
unangreifbar hohen und sicheren Position – und sich plötzlich nach schmerzhafter
Landung auf dem Boden der Tatsachen und möglicherweise vor den Schranken des
Gerichts wiederfindet; also zum juristischen Fall geworden ist.
Unser Stichwort ist in der Rechtssprache geradezu ein Schlüsselbegriff, "der Fall
für den Staatsanwalt" sozusagen sprichwörtlich geworden. "Fall" bedeutet hier
"Gegenstand einer Untersuchung" respektive Verhandlung. Denn ist der Fall nicht
klar, muss er gelöst werden. Bei einem leichten Fall wird dies im Allgemeinen
rasch gelingen, bei schweren Fällen sieht die Sache schon anders aus. Und nicht zu
vergessen: die ungelösten Fälle.
Alles klar?
187
Das krasse Gegenteil ist der "klare Fall". Ein Ausdruck der Umgangssprache, der
so viel wie "natürlich", "selbstverständlich" bedeutet. "Klarer Fall" heißt auch, da
gibt es nichts zu fragen, da ist alles klar. Im Lexikon heißt es verallgemeinernd:
"Der Fall ist eine sich in einer bestimmten Weise darstellende Angelegenheit,
Sache und Erscheinung."
Darunter fällt durchaus der klare Fall, aber auch der schwere, leichte, komplizierte,
der typische, der hoffnungslose und der unheilbare. Letzterer gehört in den Bereich
der Medizin. Den "Fall" als grammatikalischen Begriff klammern wir in diesem
Stichwort aus, wollen ihn aber für alle Fälle wenigstens erwähnt haben als Form
der Beugung von Substantiven, Adjektiven und Pronomen.
Alea iacta est
Interessanter scheint uns zum Schluss des Stichworts, den Fall oder genauer das
Fallen der Würfel zu erwähnen. "Die Würfel sind gefallen", lautet eine Redensart.
Was ist gemeint? Übertrieben ausgedrückt könnte man sagen, das Schicksal hat
entschieden, nun ist es so gekommen, nun haben wir uns alle danach zu richten. In
der Tat hat das Bild der fallenden Würfel etwas Schicksalhaftes. Wer kann sagen,
welche Zahlen oben liegen werden? Wird der Wurf zum Glücksfall für den Spieler,
den drei Sechsen retten können? Zufall, Glücksfall, Unglücksfall – für den einen
dies, für den anderen jenes. Das ist von Fall zu Fall verschieden.
Fragen zum Text:
Auf welchem Gebiet spielt der Fall als Fachbegriff keine Rolle?
1. Mathematik
2. Justiz
3. Grammatik
Wenn eine Sache eindeutig ist, ist der Fall …
1. selbstverständlich.
2. klar.
3. natürlich.
Hat das Schicksal entschieden, so …
1. gibt es Fallobst.
2. sind die Würfel gefallen.
3. fällt das nicht ins Gewicht.
Arbeitsauftrag:
188
Das Wort "Fall" hat ganz unterschiedliche Bedeutungen, die wenig miteinander zu
tun haben bzw. deren Zusammenhang kaum mehr zu erkennen ist, wie "Sturz",
"Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung" oder "grammatischer Kasus".
Finden Sie noch mindestens drei andere Substantive, die mehrere ganz
unterschiedliche Bedeutungen haben.
Fragen zum Text
Vervollständigen Sie: Das geht auf keine…
1.
…Elefantenhaut
2.
…Kuhhaut
3.
…grüne Wiese
Was macht der Hase im Pfeffer?
1.
Er schmort vor sich hin
2.
Er liegt dort begraben
3.
Er wohnt dort
Welche Redensart hat nichts mit Tieren zu tun?
1.
Er bringt sein Schäfchen ins Trockene.
2.
Jetzt haben wir den Salat!
3.
Sie hat in ein Wespennest gegriffen.
Arbeitsauftrag
Setzen Sie sich mit Ihrer Lerngruppe in einen Kreis. Jeder von Ihnen schreibt nun
einen beliebigen Tiernamen auf ein Stück Papier und befestigt dieses einem
beliebigen Mitschüler an der Stirn. Nun muss jeder erraten, welches Tier auf seiner
Stirn genannt ist. Dazu dürfen nur Fragen gestellt werden, die von den anderen mit
"ja" oder "nein" beantwortet werden können. Jeder darf so lange fragen, bis die
erste Antwort "nein" lautet; dann ist der/die Nächste an der Reihe. Das Spiel dauert
so lange, bis die letzte Person ihren Namen erraten hat. Viel Spaß
Der Fall der Fälle
Er ist der 1. Fall: der Nominativ.
189
Ohne ihn geht es nicht: ein vollständiger deutscher Satz braucht immer ein
Subjekt. Und das Subjekt steht immer im Nominativ. Er ist die Nummer Eins
unter den Fällen. In der Anwendung ist der Nominativ pflegeleicht.
Wir sitzen in einer Bar. Am Nebentisch wird unter Lehrern heiß über die deutsche
Grammatik diskutiert. Interessiert hören wir zu. Da geht es auch um die
verschiedenen Kasusformen. Anlass genug, sich dieses Themas anzunehmen.
Betrachten wir mal den Nominativ. Aber was ist er nun eigentlich, der Nominativ?
Die Nummer Eins
Die Tatort-Kommissare aus MünchenZunächst ist der Nominativ ganz klar die
Nummer Eins unter den Fällen. Der erste Fall. Man fragt nach ihm mit wer oder
was. Ganz einfach. Ein Beispiel: Der Kommissar hockt im Büro und grübelt. Wer?
Jawohl, Sie haben richtig gehört. Der Kommissar. Weil der Kommissar ein Mann
ist, versehen wir ihn mit männlichem Artikel.
Spätestens seit es die Krimi-Serie "Tatort" gibt, wissen wir, dass es auch
Kommissarinnen gibt. Die weibliche Form von Kommissar braucht auch einen
weiblichen Artikel. Nämlich die. Wenn wir beide, Kommissar und Kommissarin,
in den Plural setzen, nehmen wir wieder "die" als Artikel.
Die Funktionen
Der ist auch richtig bei Nominativen, die Neutrum sind. Die Häuser zum Beispiel.
Also "die" als bestimmter Artikel für Nominativ Plural. Im Singular brauchen wir
der, die und das: Der Mann, die Frau, das Haus. Nominative können auch ohne
bestimmte Artikel auftreten. Wie man rauskriegt, welches Wort im Nominativ, also
im ersten Fall steht, haben wir schon gesagt.
Schon in der Grundschule lernt man den Nominativ.Jetzt geht es darum, einmal
nachzuschauen, welche Funktion der Nominativ hat. Neues Beispiel mit einem
Eigennamen im Nominativ und ohne Artikel: Stefan putzt das Auto. Wenn wir
Stefan weglassen, stellen wir etwas schlagartig fest: nämlich nicht wie wichtig
Stefan, sondern wie wichtig der Nominativ ist; denn unser einfacher Beispielsatz
wäre jetzt verkürzt auf "putzt das Auto".
Wichtiges Subjekt
An Stelle von Stefan kann natürlich auch Martin, Herr Meier oder sonst wer treten.
Aber einer oder eine muss da sein. Und zwar als Subjekt; oder um den deutschen
grammatikalischen Ausdruck zu gebrauchen, als Satzgegenstand. Und der ist
wichtig.
190
Wenn man es ganz genau und streng nach den Regeln der deutschen Grammatik
nimmt, gibt es ohne Satzgegenstand keinen korrekten Satz. Der Nominativ zeigt im
Satz den Satzgegenstand an. Dieser zeigt an, wer oder was der oder die Handelnde
ist.
Der Gleichsetzungsnominativ
Keine Angst, der Nominativ steigt so schnell nicht in den Kopf. Wir liefern
erhellende Beispiele. Gehen wir zurück zu Stefan: Stefan putzt das Auto. Klarer
Fall: Stefan handelt. Er tut etwas. Er putzt. Beim Putzen merkt er, dass unten am
hinteren Kotflügel ein böser Kratzer im Lack ist. Den kann er fachmännisch selber
ausbessern.
Denn: Stefan ist Lackierer. Jetzt wird’s ein klein wenig kompliziert; denn so
einfach dieser Satz gebaut ist, enthält er doch eine ganz besondere Form des
Nominativs, nämlich den Gleichsetzungsnominativ. Im Klartext: Stefan und
Lackierer sind ein und dieselbe Person.
Probe aufs Exempel
Diese Art Nominativ findet sich häufig in Sätzen, die Formen der Verben "sein"
oder "heißen" enthalten. Also: Herr Müller ist Facharbeiter. Seine Freundin heißt
Sabine. Jetzt machen wir die Gleichsetzungsprobe: Herr Müller ist. Seine Freundin
heißt. Es ist offensichtlich: Ohne "Facharbeiter" und "Sabine", die gleichgesetzten
Nominative, sind wir aufgeschmissen.
Er ist Automechaniker.Aber gehen wir noch einmal rüber zu Stefan, der Lackierer
ist. Inzwischen kennen wir ihn ganz gut und wissen, dass er seinen Beruf gerne
ausübt. Das Lackieren von Oldtimern in den Originalfarben macht ihm besonderen
Spaß. Da haben wir’s: Das Lackieren. Ein Verb wird zum Substantiv. Zum
Nomen. Es wird, um den Fachausdruck zu gebrauchen, nominalisiert. Man kann
auch sagen substantiviert.
Nominalisierungen
Nominalisierungen gibt es im Deutschen sehr häufig. Ganz typisch für
Verwaltungs-, Wissenschafts- oder juristische Texte. Mitunter trifft man auf wahre
nominalisierte Wortungetüme wie Eignungsprüfungsvoraussetzungen. Aber das
nur nebenbei. Zurück zu unserem Beispiel: "Das Lackieren" ist ein Nominativ und
auch der Satzgegenstand. Probe: Was macht ihm besonderen Spaß? – Eben.
191
Und jetzt zum Schluss, bevor wir die Bar verlassen, nehmen wir einen richtig
schönen langen Satz mit Ergänzungen und Objekten und fast allem, was hinter
dem Satzgegenstand kommen kann.
Ohne sie geht's nicht
"Die Bardame entschloss sich doch noch – aus lauter Mitleid – den bereits deutlich
angetrunkenenen Gästen aus dieser merkwürdig geformten Flasche einen kleinen
Schluck in die schon wieder geleerten Gläser zu gießen." Ohne die Bardame in
ihrem Nominativ wär’s halt kein richtiger Satz.
Fragen zum Text
In den folgenden Sätzen steht im Nominativ: …
1. Maiers Kleider sind schön.
2. Die Kirche steht im Dorf.
3. Mit dem Ball spielt das Kind.
Kein Gleichsetzungsnominativ ist in dem Satz …
1. Frau Schmidt entpuppt sich als Schreinerin.
2. Der König gilt als großer Gönner der Künste.
3. Das Kind schläft im Bett.
In dem Satz Die Kinder sammeln Muscheln steht Muscheln im …
1. Nominativ Plural Femininum
2. Akkusativ Plural Femininum
3. Genitiv Plural Maskulinum
Arbeitsauftrag
Suchen Sie sich mindestens zwanzig Nomen mit Artikel. Bilden Sie mit diesen
Sätzen, in denen Sie die komplette Singular- und Pluralform des Nomens im
Nominativ verwenden.
Fallen
Vorsicht, Falle?
Vielfältig ist die Bedeutung von "Fallen". Auffallend vielfältig. Fallen lauern
überall, und wenn wir nur auf eine reinfallen und nur einmal hinfallen, so
mag das anderen gefallen, uns nicht. Darum: Vorsicht, Falle!
192
Das Thema lautet "Fallen", doch vergessen wir nicht die Fallen-Verwandten. Oft
ist Folgendes der Fall: Der eine hat die herrlichsten Einfälle und erfindet Neues,
und der andere klagt über Ausfälle, denn er findet nichts. "Einfall" steht hier für
"Idee", aber es gibt ihn auch als Lichteinfall, in beiden Fällen hat der Einfall etwas
Erhellendes.
Von Fallen und Fällen
Weitere Beispiele gefällig? Dann gibt es noch den Einfall eines Heeres in ein
anderes Land – das ist nie ein guter Einfall – und darauf "reagieren" viele stolze
Burgen: Sie werden zu Ruinen, sie fallen ein. Schöner ist es, wenn Menschen
singen: einer fängt an, irgendwann werden andere schon einfallen.
Doch fort mit dem Einfall, es gibt zu viele Beispiele, mehr oder minder
ausgefallene. Und schon gar kein Wort über Abfall, Ausfall und Zufall oder den
leidigen Bandscheibenvorfall. Zum Thema! Zu den Fallen! Eine Falle ist eine
Vorrichtung. Es gibt sie z.B. als Mausefalle oder Fliegenfalle, es gibt auch die
Lichtfalle, die Radarfalle, und die Frau.
Die schönste aller Fallen
Friedrich Nietzsche definierte die Frau als "eine Falle der Natur". Aha. Und wer
bitte wäre dann der Fallensteller? Die Natur? Und die lockt also den armen Mann?
Man hört und liest ja bisweilen von Männern, die vorzeitig ihr "Verfallsdatum"
erreichen, weil sie einer Frau komplett verfallen sind. Genug vom Verfall, her mit
der Falle!
Ich erinnere mich an ein sehr kurzes Hörspiel. Dramatisch begann ein Sprecher:
"Der Inspektor geht in die Falle" – dann hörte man einen anderen Sprecher gähnen
und sagen: "So, ich geh jetzt in die Falle". Noch ein Gähnen, Bettzeug raschelt,
Ende. Die Falle kann also auch ein Bett sein. Und für Herrn Nietzsche sogar eine
Frau. Alle Fallen-Bilder verdanken sich der Tierfalle. Die Falle war ursprünglich
nur die Klappe, die niederfällt, wenn die Maus den Fangbrocken berührt; später ist
das Wort dann auf das ganze Gerät übertragen worden.
Immer von oben nach unten
Mit den Fallen gemeinsam hat das Fallen die Plötzlichkeit. Doch während die
Fallen überall lauern (vor allem in der Natur!), funktioniert das Fallen immer von
oben nach unten. "Fallen" heißt "stürzen", "hinfallen" unwillentlich stürzen. Die
Hinfälligkeit ist die Kraft, die den alten Menschen nach unten zieht, in Grabesnähe
...
193
Niederschläge fallen, der Wasserfall sowieso. Wenn man vom Barometer sagt, es
sei gefallen, meint man, dass der auf diesem Instrument angezeigte Luftdruck
gefallen ist, das Barometer selbst kann gänzlich ungerührt noch weiter an der
Wand hängen. Auch muss man keine blauen Flecken fürchten, wenn es heißt:
"Dein Name ist bei der Besprechung mehrfach gefallen." Wurde der Name freilich
nur mal so fallengelassen, liegt er auf dem (symbolischen) Boden herum, ohne
weiteren Nutzen.
Fallbeispiele
Auch kann ein Fallen, das nicht von oben nach unten funktioniert, ein weiteres
Fallen nach sich ziehen. Klartext: Es fallen Schüsse. Treffen sie jemanden, fällt der
auch um. Geschieht das Schießen massenhaft und staatlich abgesegnet, heißt es
schönfärberisch: "Im Krieg sind Tausende gefallen."
Auch plötzlich, aber angenehmer sind andere Fall-Beispiele: Fällt einem ein netter
Mensch auf einmal um den Hals, so kann und darf das einem gut gefallen. Ist der
Mensch eine "Sie", ist er deswegen noch kein "gefallenes" Mädchen, also eine
junge Frau, die einen sozialen Absturz hinter sich hat. Das Durchfallen kann bei
Prüfungen jederzeit passieren, der Durchfall kann bei Viren jeder Art passieren.
Von solchen Fällen will ich auf keinen Fall reden. Ebenso fallen aus: Nominativ,
Genitiv, Dativ, etc. – nein, diese Fälle sind auch nicht mein Fall.
Nur nicht aufgeben!
"Mein Fall" – und ich spreche hier ganz allgemein – meint ausschließlich ein Ding
(oder einen Menschen), das (oder der) mir gefällt. In seinen Anfängen bedeutete
"Fall" allein "Fall der Würfel", er wurde dank der Juristerei zum "casus", zur
Angelegenheit und damit zur "Sache". Man kann seitdem "ein hoffnungsloser Fall"
sein, wenn man Pech beim Würfeln hat, Pech beim Verbrechen und Pech in der
Liebe und es trotzdem immer wieder versucht. Getreu dem Motto: Es ist nicht
schlimm zu fallen, man muss nur wieder aufstehen. Klarer Fall, oder?
Fragen zum Text
Was bedeutet einfallen nicht?
1. eine Idee haben
2. kaputt gehen
3. Mäuse fangen
Eine Falle war ursprünglich …
194
1. eine Klappe, die herunterfiel.
2. eine Frau, die viele Männer hatte.
3. ein Bett, in dem man gut schlafen konnte.
Wenn jemand durchfällt, …
1. hat er starke Bauchschmerzen.
2. besteht er eine Prüfung nicht.
3. dekliniert er Substantive.
Arbeitsauftrag
Sammeln Sie im Klassenverband "Fall-Beispiele" (Einfall, Abfall, Zufall, etc.) und
stellen Sie eine möglichst lange Liste zusammen. Notieren Sie die Begriffe auf
Zetteln und mischen Sie sie. Bilden Sie zwei gleich große Teams. Aus jedem Team
muss nun immer ein Spieler einen Begriff ziehen und ihn anschließend innerhalb
einer bestimmten Zeit seinen Mitspielern pantomimisch darstellen. Nach Erraten
des Begriffs bzw. nach Ablauf der Zeit ist das gegnerische Team an der Reihe.
Viel Spaß!
Faul
Muss auch mal sein ...
Faul sein ist wunderschön ... das wissen wir spätestens seit Pippi
Langstrumpf. Aber doch nur, wenn damit das Faulenzen gemeint ist und
nicht etwa der faule Kompromiss oder gar der faule Apfel.
Alle – oder fast alle – täten es gerne, haben aber einfach nicht die Zeit dazu. Das ist
schlimm. Denn der Mensch braucht Erholung und muss auch mal richtig faul sein
dürfen.
Da ist doch was faul!
Um es vorweg zu sagen: Nicht jeder Faulenzer ist faul; und Faulenzer sind auch
nicht ausschließlich arbeitsunwillige Arbeitslose. Gar nicht faul, sondern fleißig
und gewissenhaft, gehen wir "faul" auf den Grund und stellen fest, dass unser
Stichwort gar nichts mit "arbeitsscheu" oder "träge" oder auch "lustlos" zu tun hat.
"Faul" bedeutet eigentlich "stinkend", "modrig". Faul bezeichnet einen Zustand,
der durch einen chemischen Prozess hervorgerufen wurde: nämlich den der
Zersetzung durch Bakterien.
Da nahezu alles von der Zersetzung befallen werden kann, gibt es jede Menge
fauler Sachen. Denken wir an Lebensmittel, faules Obst zum Beispiel. "Ein fauler
Apfel macht zehn neben ihm auch faul", heißt es schon 1520 in der
195
deutschsprachigen Ausgabe des "Narrenschiffs" von Johann Geiler von
Kaisersberg. Wenn man also nicht aufpasst und die faulen Stellen herausschneidet
oder faule Früchte auf den Komposthaufen wirft, verfaulen sie alle und sind dahin.
Es ist so ähnlich wie mit dem faulen Zahn. Je fauler desto fleißiger der Zahnarzt –
wenn man denn Angst und Faulheit überwunden hat und sich mit dicker Backe in
die Praxis begibt.
Stinkend faul
Auch Holz fault, es riecht dann faulig oder modrig, nasses Laub wird glitschig, es
fault. Stehendes Wasser kann faulig werden und schmeckt dann dementsprechend.
Von faulen Eiern und ihrem unverwechselbaren Gestank wollen wir gar nicht
reden. Stinkfaul oder stinkend faul sind als übertragene Bedeutungen zur
treffenden Charakterisierung eines lieben Mitmenschen auf diesen Zusammenhang
zurückzuführen. Vor dem "Stinkend-Faulsein" kommt aber zunächst das normale
Faulsein oder die alltägliche Faulheit. Etwas Faules bewegt sich nicht. Der tote
Fisch rührt sich ebenso wenig wie der vom Baum gefallene vor sich hinfaulende
Apfel.
"Faul" und "faulen" sind Worte, die sich in der Umgangssprache geradezu
anbieten, um im bildhaften Ausdruck etwas abzuwerten. Ganz allgemein sagen
wir: "Da ist etwas faul." Was es genau ist, wissen wir nicht, aber wir wissen, dass
etwas nicht stimmt, nicht in Ordnung ist. Da gibt es faule Kompromisse, also
unbefriedigende, nicht ganz saubere Übereinkünfte. Wir kennen die berühmten
faulen Ausreden, von denen jeder weiß, dass sie schlecht erfunden sind, aber man
sie dennoch nicht Lüge nennen kann. Wenn wir spüren, dass an einem Geschäft
etwas faul ist, sollten wir die Finger davon lassen. Wenn wir feststellen, hier oder
auch da stimmt etwas nicht; ist etwas ganz oder gar nicht in Ordnung, zitieren wir
Shakespeare und sagen unbekümmert: "Da ist etwas faul im Staate Dänemark." –
Hamlet 1. Akt, 2. Szene.
Wie faulenzen Faultiere?
Aber Dänemark beziehungsweise Hamlets Faulheit hat nichts mit dem zu tun, was
wir unter Müßiggang oder Nichtstun verstehen. Und was das Recht auf Faulheit
beziehungsweise Faulsein betrifft: Wir nehmen es uns einfach, zumindest im
Urlaub. Da sind wir, wenn wir es überhaupt noch können, so richtig faul,
verwandeln uns in zufriedene Faulpelze und legen uns auf die sprichwörtlich faule
Haut, sind maulfaul und reden nur das Nötigste.
Mit der faulen Haut und dem Faulpelz hat es eine besondere Bewandtnis.
"Faulpelz" ist ein altes Wort für die dicke Pilzschicht, die die faulenden Stoffe mit
der faulen Haut überzieht. "Faulpelz" klingt ganz nett für einen Menschen, der
196
stundenlang, nur so als Beispiel, in der Hängematte liegt. Der Faulenzer ist
allerdings einer, der grundsätzlich arbeitsscheu ist. Ganz böse ausgedrückt:
jemand, der vor Faulheit stinkt. "Faulenzen" stammt von "vulenzen", was in der
mittelhochdeutschen Sprache "faulig schmecken" bedeutete. Zu Faulenzer wäre
noch zu sagen, dass man auch Stützen für Angelruten und besonders bequeme
Liegestühle so nennt. "Und was ist mit dem Faultier?", fragen Sie. Nun, das sieht
nur so aus.
Fragen zum Text
Was bedeutet faul im eigentlichen Sinne?
1.
geschmackvoll und appetitlich
2.
gesund und munter
3.
stinkend oder modrig
Wenn jemand sagt: "Da ist etwas faul", dann meint er, dass da …
1.
etwas nicht stimmt
2.
alles in Ordnung ist
3.
etwas schlecht riecht
Wer oder was ist ein Faulenzer?
1.
eine bestimmte Art von Hängematte
2.
ein arbeitsscheuer Mensch
3.
ein faules Ei
Arbeitsauftrag
In der Hängematte unter Palmen oder auf dem Sofa vor dem prasselnden
Kaminfeuer – wie sind Sie am liebsten faul? Beschreiben Sie einen Tag, an dem
Sie nichts zu tun haben, außer die Seele baumeln zu lassen.
Fehl und Fehler
Trotz Fehlern kommt man irgendwann zum Ziel
Fehler sind da, um gemacht zu werden und daraus zu lernen. Manche lernen
jedoch nie. Dann kommt es zu Fehlleistungen, Fehldiagnosen,
Fehlentscheidungen. Eins gilt: Fehlerfrei ist niemand. Außer Superman
vielleicht.
Wir machen sie alle, weil niemand von uns vollkommen ist und weil jeder neben
seinen Stärken auch Schwächen hat. Das ist zutiefst menschlich. Wo Menschen
197
leben und arbeiten, werden auch Fehler gemacht. Die Auswirkungen von Fehlern
können mal mehr, mal weniger schlimm sein.
Wirtschaftliche Fehlentwicklung
Die Konsequenz von FehlentscheidungenMan darf jeden Fehler machen, aber nur
einmal ist ein Satz, den man nicht nur in finanziellen und wirtschaftlichen
Angelegenheiten beherzigen sollte. Da kann die eine, kleine Fehlentscheidung
plötzlich verheerende Auswirkungen haben. Kommen mehrere Fehlentscheidungen
zusammen, kann ein ganzes System zusammenbrechen.
Zeitungen berichten dann, dass von der Geschäftsführung zu viele schwerwiegende
Fehler gemacht wurden. Das Unternehmen ist unter der Last seiner Fehler
zerbrochen – denn die Geschäftsführung hat die Fehlentwicklung des
Unternehmens nicht rechtzeitig erkannt und ihr gegengesteuert.
Persönliche Fehlentwicklung
Ein Kind kann sich fehl entwickeln ...Ausdruck einer Fehlentwicklung kann auch
die eine oder andere Wirtschaftskrise sein. Werden Ressourcen ausgebeutet, leben
reiche Staaten auf Kosten von armen Staaten, wird die Umwelt verschmutzt, so
sind das alles Zeichen einer Fehlentwicklung.
Auch ein Kind kann sich fehl entwickeln. Es verfällt der Spielsucht, raubt, mordet.
Und dabei hatten die Eltern doch so gehofft, dass aus ihm zumindest ein Arzt,
wenn nicht gar ein berühmter Politiker wird.
Fehl und Fehler
Also: Fehler haben immer mit etwas Negativem zu tun. Schauen wir auf die
Wortentwicklung. Das Wort Fehl geht auf das lateinische falla – Betrug zurück.
Im Altfranzösischen wurde daraus faille. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts erscheint
es als Lehnwort im deutschen Sprachraum. Fehl ist noch in Begriffen wie
Fehlanzeige, Fehlgeburt, Fehltritt, Fehlschuss enthalten – aber auch als
erweitertes Verb in fehl in der Annahme gehen, fehl am Platz sein.
Das Wort Fehler leitet sich ebenfalls vom Altfranzösischen ab. Faillier bedeutet
verfehlen, sich irren. Als Nomen wurde es schon früh in der Militärsprache
verwendet, nämlich für einen Fehlschuss.
Fehler von A bis Z
198
Kein FehlschussSchaut man ins Lexikon, findet man Fehler von A bis Z. Beispiel
für A: Fehlanzeige. Es ist in seiner ursprünglichen Bedeutung die Meldung bei
Schießübungen, dass ein Schütze sein Ziel verfehlt hat. In der Umgangssprache hat
sich Fehlanzeige auch eingebürgert – als Ausdruck für die Mitteilung, dass etwas
nicht stimmt, für einen negativen Bescheid oder für eine ergebnislose Suche. Hat
zum Beispiel jemand eine gewünschte Wohnung nicht mieten können, kann er
sagen: "Fehlanzeige! Der Vermieter hat sich nicht für mich entschieden."
Beispiel für Z: Fehlzündung. Die Definition des Lexikons lautet: die Zündung bei
Verbrennungsmotoren zum falschen Zeitpunkt. Und diese äußert sich meist durch
einen lauten Knall aus dem Auspuff. Oder die Fehlzeit, die Zeit, die man nicht an
seinem Arbeitsplatz ist, weil man zum Beispiel krank das Bett hüten muss.
Fehler ohne eigenes Zutun
Schon an diesen wenigen Beispielen lässt sich die Grundbedeutung des Fehlers
erkennen. Er ist immer etwas, was falsch ist – was also vom Richtigen abweicht.
Fehler sollte man tunlichst vermeiden. Aber das ist nicht so einfach. Manchmal
passieren Fehler, für die man eigentlich gar nichts kann. Sie passieren ohne eigenes
Zutun.
So muss ein Ökonom nicht zwangsläufig ein Taugenichts sein, wenn sich seine
Kalkulation im Endeffekt als Fehlkalkulation herausstellt. Fehlentwicklungen, auf
die er keinen Einfluss hat, können ebenso die Ursache dafür sein wie
Fehlinformationen aus dritter Hand.
Katastrophale Fehler
Eine Fehlleistung mit schlimmen FolgenFehler sind also nicht gleich Fehler. Es
gibt Fehler auch als irrtümliche Entscheidung in Form einer Fehldiagnose – zum
Beispiel in der Medizin. Da erfährt ein Patient von seinem Arzt, dass er an einer
unheilbaren Krankheit leidet. Wochen später stellt sich heraus, dass der Arzt die
Ergebnisse falsch gedeutet und eine Fehldiagnose gestellt hatte.
Katastrophaler kann die Fehlleistung – das so genannte menschliche Versagen –
sein, das Leid bringt – wie die Fehlleistung eines Piloten, die zum Absturz seines
Flugzeugs führt oder das Übersehen eines Haltesignals auf einer Bahnstrecke
durch den Zugführer.
Kleine Fehler, große Wirkung
Ziemlich leichtsinnig ...Geradezu harmlos sind dagegen der Druck- oder Tippfehler
bei Schriftstücken, der Rechtschreibfehler, der Webfehler in einem Kleidungsstück
199
oder der Fehlgriff beim Kauf von Dingen. Entdeckt man diese Fehler, kann man
meist etwas dagegen unternehmen oder sie beseitigen. Das ist bei
Leichtsinnsfehlern allerdings nicht so.
Diese können schon mal schlimme Auswirkungen haben, die man nicht bedacht
hat. Egal, ob man einen wackligen Stuhl als Leiter benutzt oder Motorrad ohne
Schutzkleidung fährt – die Konsequenzen können schwerwiegend sein. Häufig
passieren diese Fehler gerade den Leuten, die denken, fehlerfrei zu sein und
niemals einen Fehler zu machen.
Die Fehlerlosen
Du warst es!Manche lernen aus ihren Fehlern, sie werden aus ihnen klug. Manche
schieben die Fehler jedoch einem anderen in die Schuhe, weil sie selbst nicht dafür
gerade stehen wollen. Sie wollen nicht bekennen: "Das ist einzig und alleine mein
Fehler!"
Allerdings gilt hier der Spruch aus Shakespeares König Lear: "Wer Fehler
schminkt, wird einst mit Spott bedacht". Irgendwann kommt es doch heraus. Und
dann kann der- oder diejenige nur noch reumütig bekennen: "So ein Fehler wird
nicht wieder vorkommen. Beim nächsten Mal passe ich auf."
Die Einsicht
Das Fazit: Kein Mensch ist fehlerlos. Fehler sind die besten Lehrer. Aber frei nach
Konfuzius gilt auch: Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht
einen zweiten. Die Einsicht muss vorhanden sein. Denn ein Fehler, den man
erkennt, wird beim nächsten Mal schon keiner mehr sein.
Fragen zum Text
Eine Redewendung besagt: …
1. Fehler sind ohne Furcht und Tadel.
2. Fehler sollte man möglichst nur einmal machen.
3. Fehlerfreie sind die besten Menschen.
Stellt jemand etwas fest, was sich hinterher als falsch erweist, dann hat er/sie
…
1. eine Fehlkalkulation erstellt.
2. eine Fehldiagnose gestellt.
3. eine Fehlentwicklung festgestellt.
200
Ergänzen Sie die fehlenden Buchstaben: …
1. feh…..s
2. …f….r
3. F…g..u..
Arbeitsauftrag
Schreiben Sie einen Text zu einem Thema Ihrer Wahl, in dem Sie auch einige
Redewendungen oder Sprichwörter verwenden – eine Auswahl finden Sie in
unserem Sprachangebot. Bringen Sie in dem Text absichtlich einige Fehler unter.
Tauschen Sie die Texte untereinander aus und korrigieren Sie die Fehler.
Autorin: Beatrice Warken
Feier
Demonstration am 1. Mai
Gefeiert wird immer und überall. Etwas Besonderes haben die Feiern zum 1.
Mai. Der Tag ist nicht nur Internationaler Tag der Arbeit, sondern auch der
Tag, an dem ein Maibaum vor der Tür der Liebsten steht oder nicht.
"Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Da bleibe wer Lust hat, mit
Sorgen zu Haus." So heißt es in einem Volkslied, in dem der Mai und mit ihm der
Frühling besungen werden. Die Beschäftigung mit den Feiern zum Ersten Mai ist
ein Muss. Woher kommen sie?
Australische Wurzeln
Die Geschichte des Maifeiertags beginnt im Jahre 1856 und zwar in Australien.
Dort beschlossen die Arbeiter, einen Tag völliger Arbeitsruhe zu veranstalten, an
dem es politische Versammlungen, aber auch Vergnügungen geben sollte – nur
keine Arbeit.
Mit diesem Feiertag sollte auf die Hauptforderung der Arbeiter nach dem AchtStunden-Tag aufmerksam gemacht werden. Übrigens wurde als Datum der 21.
April festgesetzt. Niemand dachte damals daran, dass aus dieser ersten
Veranstaltung einmal der "1. Mai, der Tag der Arbeit" werden sollte.
Die Idee wird aufgegriffen
201
Amerikanische Arbeiter griffen die Idee ihrer australischen Kollegen auf und
bestimmten 1886 den 1. Mai zum Tag allgemeiner Arbeitsruhe. Bei diesem Datum
ist es geblieben. Die Geschichte des Maifeiertags ist mit dem Namen des
Franzosen Raymond Lavigne eng verbunden.
Der Arbeiter aus Bordeaux stellte auf dem Internationalen Arbeiterkongress 1889
in Paris einen Antrag, den Forderungen der Arbeiter durch einen jährlich
wiederkehrenden Arbeiterfeiertag Nachdruck zu verleihen. Die Delegierten
stimmten für Lavignes Antrag. Seit 1890 wird der 1. Mai weltweit gefeiert.
Art und Weise des Feierns
Natürlich steht die Politik am 1. Mai im Vordergrund. Es gibt Demonstrationen,
Versammlungen, Kundgebungen, es werden Reden gehalten. Und es wird gefeiert.
Feiern heißt ganz allgemein etwas festlich, würdig begehen. Dieses kann auf ganz
unterschiedliche Art und Weise geschehen. Je nach Anlass.
Mit der Trauerfeier wird dem verstorbenen Menschen Ehre erwiesen. Heiter bis
zur Ausgelassenheit dagegen die Geburtstagsfeier, die Abschluss- und
Prüfungsfeier, die Hochzeitsfeier in festlichem Glanz. Mitunter geht es bei Feiern
ab einer gewissen Zeit gar nicht mehr feierlich zu, nämlich dann, wenn der
Alkoholpegel steigt – nicht nur bei betrieblichen Weihnachtsfeiern.
Man soll die Feste feiern, wie sie fallen
"Man soll die Feste feiern, wie sie fallen", sagt der Volksmund und damit ist
gemeint, wenn es uns zum Feiern ist und wir gerade Zeit dazu haben, nichts wie
los. Mal sehen, was Küche und Keller zu bieten haben, ein bisschen Improvisation,
ein paar Freunde einladen und die Sektkorken knallen lassen. Diese Art zu feiern
ist ungezwungen, braucht keinen Anlass und keine besondere Garderobe.
Offizielle Feiern und Feiertage sind etwas ganz anderes. An den
Nationalfeiertagen zum Beispiel werden die öffentlichen Gebäude beflaggt, Reden
gehalten und Militärparaden abgenommen. Außerdem haben die Schulkinder frei
und die Erwachsenen müssen nicht arbeiten.
Feierabend
Übrigens: Das Wort Feierabend, das aus der Handwerkersprache stammt und
heute noch "Beginn der abendlichen Ruhezeit nach getaner Arbeit" bedeutet, war
ursprünglich der Ausdruck für den Abend vor einem Fest. Meist eines kirchlichen.
Wer auf Tradition hält und die christlichen Feiertage wie Ostern, Pfingsten und
Weihnachten feierlich begehen möchte weiß, dass diese Tage vorbereitet sein
202
wollen und spätestens am Feierabend alles fertig sein muss. Nun aber wird erst
einmal der 1. Mai gefeiert. Aber was wird es zu feiern geben? Vom Standpunkt
derer aus gesehen, die am Tag der Arbeit keine haben?
Fragen zum Text
Der Internationale Tag der Arbeit findet statt am …
1. 1. Mai.
2. 24. Dezember.
3. 1. April.
Man soll die Feste feiern wie sie fallen bedeutet: …
1. Wenn wir Lust und Zeit haben sollen wir feiern.
2. Zum Feiern besteht kein Grund.
3. Feiern ist Zeitverschwendung.
Als Feierabend bezeichnet man …
1. den Abend nach einer Feier.
2. den Beginn der abendlichen Ruhezeit nach getaner Arbeit.
3. einen Abend an dem ein großes Fest stattfindet.
Arbeitsauftrag
Feiert man in Ihrem Land den 1. Mai oder gibt es einen vergleichbaren Feiertag?
Beschreiben Sie, was an diesem Tag gefeiert wird und wie Sie feiern.
Fein
Feine Damen?
Es ist einsilbig, aber wer es benutzt, lobt mit ihm in den höchsten Tönen: das
Wort "fein" ist klein, aber fein. Die verschiedenen Bedeutungen dieses
Wörtchens gilt es allerdings fein säuberlich zu unterscheiden.
"Heute gehen wir mal richtig fein aus". Fein ausgehen heißt: "schick" ausgehen.
Das kann teuer werden. Es gibt ganz teure Lokale, die sind mehr als schick, die
sind "todschick". Auch dem Adjektiv "fein" hat man dann die entsprechende
Steigerung zu verpassen: "piekfein". Das kommt wahrscheinlich aus dem
Niederländischen: "puik" – das heißt "erlesen".
Guten Appetit!
203
In einem piekfeinen Lokal ist alles vom Feinsten: das Interieur – erstklassig, die
Sauberkeit – tadellos, die Speisen – erlesen! Die Menschen – aufgetakelt--Moment: nein, das sieht nur manchmal so aus. Die Menschen machen sich fein
fürs feine Restaurant, und manchen gelingt es eben nicht. Die sitzen dann in
merkwürdigem Aufzug im "Gourmet-Tempel" und gehen als unpassender Anblick
dem feinfühligen Betrachter auf die Nerven. Möglicherweise. So lange die
Geschmacksnerven nicht strapaziert werden ...
"Ein echter Feinschmecker", schrieb der französische Schriftsteller Anthelme
Brillat-Savarin, "Ein echter Feinschmecker, der ein Rebhuhn verspeist hat, kann
sagen, auf welchem Bein es zu schlafen pflegte." Tja, das sind Feinheiten für
Feingeister. Ich persönlich kann gerade mal feine Leberwurst von grober
Leberwurst unterscheiden. Auch fein. Also: auch schön.
Gold, Geld, Geschmeide
Meine Geschmacksnerven sind nicht so fein, auch in einem Feinkostladen sieht
man mich darum selten, während eine Feinbäckerei mich häufiger sieht. Dort
produziert der Feinbäcker – oder auch Konditor - vor allem Kuchen, Torten und
allerlei andere süße Nasch(f)einheiten. Mmmh. Doch genug davon.
Schauen wir uns lieber die feinen Leute an. Kann man diese eigentlich verlässlich
daran erkennen, was sie am Leibe tragen, wie viele Feinunzen Edelmetall ihre
Handgelenke zieren? "Feine Leute sind solche, die nur in feiner Umgebung ordinär
werden", schreibt der Autor Wolfgang Herbst. Das ist möglich. Zumindest macht
der Satz deutlich: das Feine der feinen Leute muss nicht sichtbar sein.
Herr und Kerl
Selbst in konservativen Kreisen machen Geschmeide oder Kleider nicht notwendig
den feinen Menschen aus. Hier erhält das Edelprädikat "fein", wer als kultiviert,
kunstsinnig und vornehm gilt. So jemand ist eine feine Dame oder ein feiner Herr
oder eben ein feiner Mensch. Das Feine ist übrigens nicht immer nur bei den feinen
Leuten zu Hause. Ist jemand "ein feiner Kerl", dann kann der so Gelobte alles
mögliche sein: ein Kind, ein Knecht, ein Hund. Aber eben ein sehr
liebenswürdiger.
Manchmal nennt man eine Gesellschaft eine feine, und meint das sarkastisch, also
negativ. "Fein" steht hier für das Gegenteil von "natürlich" oder „ehrlich“. Das
Feine wird Selbstzweck, hohl. Wer gegen solch blutleer gewordene Etikette
verstößt, der begeht einen Verstoß gegen die feine englische Art – allenfalls eine
kleine, verzeihliche Sünde.
204
Genau unterscheiden
Vor rund einhundert Jahren dichtete Oskar Blumenthal: "Willst du gewinnen der
Menschen Gunst, so musst du lernen die saure Kunst, zu sprechen stets mit feiner
List, wie andern der Schnabel gewachsen ist." Das kann nicht jeder ...
Der Ton macht die Musik. Der „feine Kerl“ kann seinen Bedeutungsbonus der
Ritterlichkeit verspielen. Wenn es in spöttischem Tonfall heißt: „Guck dir den
feinen Kerl an!“, da mutiert der Ritter zur Mimose, zum feinen Pinkel. Ein „Du
bist aber ein feines Früchtchen!“ ist selten anerkennend. Manchmal aber schon.
Wann ist etwas diplomatisch geschickt und wann bloß spitzfindig. Was ist List,
was Hinterlist? Ist einer herzlich oder affektiert? Da gilt es, fein zu unterscheiden!
Regenfein und Sonnenschein
Kann man sagen: Je feiner, desto hochwertiger? Ja, - ist aber falsch: Feinstaub, so
klein er auch ist, man protzt ungern mit ihm. Und wer schon mal in ganz feinem,
zerstäubendem Regen stand, weiß, wie unfein man sich darin fühlen kann. Dazu
muss man nicht mal feinbesaitet sein. Und feinfühligen Personen, sensiblen
Menschen also, kann man sowieso nichts vormachen. Aber wer ist das schon
ständig.
Ein Sprichwort beruhigt: „Es ist nichts so fein gesponnen, alles kommt ans Licht
der Sonnen.“ Der Sommer macht es dem Betrachter da leicht. Aber ich will nichts
erzählen vom feinen Stoff, der feinen Seide, den Feinstrumpfhosen, die man da zu
sehen kriegt.
Fein gesponnen
Aber im Gegenzug will ich auch schweigen von Feinrippunterwäsche. Erzählen
möchte ich bloß über Feinwaschmittel. Aber ein andermal. Erst verfeinere ich
meine Sinne. Ab zum Feinbäcker!
Fragen zum Text
Piekfein bedeutet …
1.
überhaupt nicht fein.
2.
grob.
3.
ganz besonders fein.
Ein Feinbäcker ist ...
1.
ein Bäcker mit schicker Kleidung.
205
2.
3.
ein Konditor.
ein Adliger.
Wenn man jemanden einen feinen Kerl nennt, dann …
1.
beschimpft man ihn.
2.
lobt man ihn.
3.
ärgert man ihn.
Arbeitsauftrag
Was ziehen Sie an, wenn Sie sich fein machen? Beschreiben Sie Ihrer Klasse diese
Kleidung in einem kurzen Vortrag.
Grammatische Feinschmeckereien
Gleich – aber nicht dieselben
Die beiden Wörter stammen aus der Feinkostabteilung der deutschen
Grammatik: die beiden Adjektive "gleich" und "dasselbe". Der Unterschied
ist selbst manchem Deutschen nicht immer klar. Gibt es überhaupt einen?
"Wir alle sitzen in einem Boot", ist ein oft gehörter Ausspruch, der bedeutet: Wir
erreichen ein Ziel nur gemeinsam oder scheitern gemeinsam. Statt in einem Boot
sagt man auch im gleichen Boot oder im selben Boot. Aber ist das gleiche Boot
auch dasselbe? Die Grammatik einer Sprache hat – wie ein großes
Lebensmittelgeschäft – viele Abteilungen, darunter eine für "Feinkost". In der
deutschen Feinkostabteilung wird häufig dieselbe – oder die gleiche? – Frage
gestellt: Was ist bitte der Unterschied zwischen dasselbe und das Gleiche?
Pronomen und Adjektiv
Dieselbe Farbe?Nun, beide stehen in verschiedenen Regalen: gleich bei der
Wortklasse Adjektiv – wie groß, rot, schön und viele andere mehr. Dasselbe steht
bei der Wortklasse Pronomen – wie dieser, jener, er, sie, es. Die Pronomen bilden
eine kleine, geschlossene Wortklasse, deren grammatische Hauptfunktion darin
besteht, auf andere Wörter im Text zu verweisen. Ein Beispiel: "Der Minister kam
mittags in der Stadt an. Im Rathaus wurde er vom Bürgermeister begrüßt."
Er verweist auf Minister – beide Wörter bezeichnen eine identische Person. Um
1900 hätte eine Zeitung den Identitätsbezug anders formuliert: "Der Minister kam
mittags in der Stadt an. Im Rathaus wurde derselbe vom Bürgermeister begrüßt."
Dreisilbiges Ungetüm
Gucken wir in die gleiche oder dieselbe Richtung?Heute wirkt dieser Gebrauch
von derselbe antiquiert, ja komisch. Er war aber im 19. Jahrhundert in der
Schriftsprache durchaus üblich. Von Sprachstilkritikern wurde er aber als
206
"papierdeutsch" und als Ausdruck eines "verrotteten Sprachgefühls" erbittert
bekämpft.
Mit Erfolg: Derselbe, dieselbe, dasselbe, diese – so ein Kritiker – "schleppenden,
dreisilbigen Ungetüme", verschwanden in pronominaler Funktion. Es blieb aber
eine Nebenfunktion, nämlich die adjektivische – und hier konkurriert dasselbe mit
gleich. Das führt zu folgender Frage: Gibt es einen Unterschied?
Gleich = Übereinstimmung
Nicht zu gleichen Teilen!Das Adjektiv gleich drückt eine Übereinstimmung aus.
Diese kann vollständig sein oder beschränkt auf gewisse Merkmale. Wenn
verschiedene Personen das gleiche Schicksal haben, bedeutet dies nicht, dass ihr
Leben in allen Einzelheiten übereinstimmt, sondern nur in wichtigen.
Wird hingegen ein Geldvermögen zu gleichen Anteilen vermacht, erhält jeder Erbe
die identische Summe. Die Übereinstimmung bei gleich ist also elastisch – sie liegt
zwischen Identität und Ähnlichkeit.
Dasselbe = Identität
Wir werden alle mit ein und derselben Bürste geputzt!Dasselbe hat eine engere
Grundbedeutung, nämlich Identität: Wenn Zwillinge dieselbe Zahnbürste
benutzen, dann handelt es sich um eine Zahnbürste, ein und dieselbe. Und wenn sie
die gleiche Zahnbürste benutzen?
Dann, antworten grammatische Feinschmecker, seien sprachlich korrekt zwei
Zahnbürsten gemeint, aber von einem Fabrikat, also zum Verwechseln ähnliche
Zahnbürsten. Noch genauer: gleich bezeichne eine abstrakte Identität – hier das
Fabrikat; dasselbe hingegen eine konkrete Identität – hier die einzelne Zahnbürste.
Eine künstliche Unterscheidung
Das gleiche, aber nicht dasselbe KleidSoweit die Theorie. Aber warum schreibt
dann zum Beispiel der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke über zwei Personen:
"Sie tranken aus demselben Becher und sie bestiegen das gleiche Reitpferd",
obwohl es ein und dasselbe Pferd ist?
Und warum spricht Johann Wolfgang von Goethe von Kunstwerken, die "vom
gleichen Meister gearbeitet sind – und meint ein und denselben Meister. Kurzum:
Der Identitätsunterschied zwischen gleich und dasselbe ist künstlich; tatsächlich
sind beide im Prinzip austauschbar.
Nuancen
Wir tun das Gleiche!Allerdings drückt dasselbe die Identität eindeutiger aus als
gleich. Deswegen wird es in der Fachsprache bevorzugt, aber auch in stilistischen
Zweifelsfällen, wie der Übersetzung eines bekannten lateinischen Sprichwortes.
Diese lautet wörtlich: "Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche."
Will man den Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten gleich
verdeutlichen, empfiehlt sich die Formulierung: "Wenn zwei das Gleiche tun, ist es
noch lange nicht dasselbe." Andere Sprachen müssen hier die verschiedene
Gleichheit mit einem Wort wiedergeben. Auf Englisch sagt man: "When two do
the same thing, it is not the same thing at all."
207
Nur für Feinschmecker!
Die deutsche Nuance erfreut grammatische Feinschmecker. Sie sollten aber daraus
keine Regel für den allgemeinen Sprachgebrauch ableiten, auch wenn sie nicht der
gleichen – oder derselben? – Meinung sind wie der deutsche Normalanwender. Für
den besteht ein Unterschied zwischen den Identitätsausdrücken das Gleiche und
dasselbe nämlich nur stilistisch. In der Alltagssprache werden sie – so wie es
gerade passend erscheint – angewandt.
Fragen zum Text
Die Redewendung an einem Strang ziehen wird auch formuliert: …
1. am gleichen Strang ziehen.
2. am selben Strang ziehen.
3. an beiden Enden eines Strangs ziehen.
Zwei Personen, die aus einem Becher trinken, benutzen …
1. den gleichen Becher.
2. denselben Becher.
3. einen speziellen Becher.
Über zwei Ereignisse, die 2010 stattfanden, kann man sagen: Sie geschahen …
1. im gleichen Jahr.
2. im selben Jahr.
3. in ein und demselben Jahr.
Arbeitsauftrag
In Thomas Manns Roman "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" erklärt
der Paläontologe Professor Kuckuck, im zeitlichen Maßstab des Universums sei
das Leben auf der Erde "nur eine Episode". Darauf entgegnet Felix Krull: "Das
nimmt mich ein für dasselbe. Das Wort dasselbe gebrauchte ich, weil mir daran
lag, mich über den Gegenstand formell und buchdeutsch auszudrücken." Erläutern
Sie, warum der Gebrauch von dasselbe hier buchdeutsch und formell ist.
Ferien
Entspannung pur ...
Jeder freut sich darauf und ist traurig, wenn sie zu Ende sind – die Ferien.
Was bleibt ist die Vorfreude auf die nächsten schönsten Wochen des Jahres.
Es sei denn, man ist ständig in Ferien. Auch das soll vorkommen.
208
Es gibt in jeder Sprache Worte, die schon wenn sie ausgesprochen werden, gute
und angenehme Gefühle auslösen. Das liegt nicht allein daran, dass sie etwas
Schönes bezeichnen, sondern auch an ihrer Zusammensetzung aus weichen
Konsonanten und freundlichen Vokalen. "Ferien" ist so ein Wort.
Zeit des Nichtstuns
In der Tourismusbranche werden sie auch als "die schönsten Wochen des Jahres"
bezeichnet. Das ist aus verschiedenen Gründen richtig. Erstens gibt es die Ferien
nur in der Mehrzahl – darüber freuen sich nicht nur die Schulkinder – und
zweitens braucht man in dieser Zeit nichts zu tun. Sollten Sie nach Italien fahren,
sind Sie im Ursprungsland der Ferien.
Schon zu Zeiten der Römer gab es die "feriae" – und sie waren ihnen im wahrsten
Sinne des Wortes heilig. Da gab es zum Beispiel vom Staat angeordnete Ruhetage
nach der Aussaat im Frühjahr. Es wurden Opfer gebracht, um von den Göttern eine
gute Ernte zu erbitten. Wer während dieser Zeit arbeitete wurde bestraft. Es gab im
Römischen Staat auch schon so etwas wie "Große Ferien" und die hatten – wie bei
uns auch – mit der Schule zu tun.
Angeordnete Ferien
Das Bildungswesen war allerdings Privatsache, das heißt, die Eltern mussten für
den Unterricht bezahlen. Sie taten es nur von November bis Juni. Also hatten die
kleinen Römerinnen und Römer Ferien bis Oktober. Der Schriftsteller Tertullian
hat übrigens diesen langen Unterrichtsausfall bitter beklagt. Gegen die "feriae
imperativae", die vom Staat befohlenen Ferien, hatte er nichts einzuwenden. Die
wurden mit Zustimmung des Senats angeordnet, wenn die römischen Legionen
einen Krieg siegreich beendet hatten. Das kam ziemlich oft vor.
Ein friedlicher Anlass für "feriae imperativae" waren die Markttage in Rom. Wenn
die Bauern in der Stadt ihre Produkte verkauften, durfte niemand arbeiten. Auch
die Gerichte blieben während dieser Zeit geschlossen. Übrigens kommt daher
unser Begriff "Gerichtsferien." Aber keine Regel ohne Ausnahme. In ganz
dringenden Fällen wurde und wird damals wie heute die Justiz tätig.
Ausnahmen von der Regel
Es gab übrigens römische Rechtsgelehrte, die eine Lockerung der staatlichen
Ferienordnung forderten. Arbeiten, die niemand schadeten und vor allem die
Götter nicht beleidigten, sollten erlaubt werden. Wer zum Beispiel einen Weinberg
oder Olivenhain gepachtet hatte, der sollte auch an Ferientagen pflücken dürfen.
209
Oder Vögel fangen. Allerdings nur schädliche. Wobei niemand so recht wusste,
was nun ein schädlicher Vogel war.
Zur Kulturgeschichte unseres Stichworts "Ferien" wäre noch Einiges zu sagen.
Zum Schluss aber noch ein kleiner Blick auf die Entstehung des Wortes selbst: Es
ist aus dem lateinischen "fanum" abgeleitet; was so viel wie "das Heilige"
bedeutet. So waren für die Römer die meisten Ferien heilige Tage; und es
verwundert nicht, dass auf ihre Einhaltung so streng geachtet wurde. Das ist ja bei
uns noch ganz ähnlich.
Feierabend: Die kleinste Ferien-Form
An gesetzlichen Feiertagen darf nicht gearbeitet werden. Außer in Notfällen. Der
"Feierabend", den wir alle so schätzen und der vielen von uns sogar heilig ist, ist ja
auch eine Zeit der Arbeitsruhe; und wenn man so will die kleinste Form von
Ferien. Übrigens galt früher ausschließlich der Abend vor einem Festtag als
Feierabend. Deshalb gibt es ihn –im Gegensatz zu den Ferien – auch in der
Einzahl. Nun bleibt uns nichts mehr, als Ihnen wunderschöne Ferien zu wünschen.
Also nur Festtage.
Fragen zum Text
Das Wort Ferien kommt aus dem …
1. Griechischen.
2. Lateinischen.
3. Hebräischen.
Die römischen Kinder hatten keine Schule von …
1. Juni bis Oktober.
2. November bis Juni.
3. Oktober bis Juni.
Feriae imperativae wurden angeordnet, wenn …
1. ein Krieg siegreich beendet wurde und Markttag in Rom war.
2. ein Krieg verloren ging und Olympiade war.
3. Schüler und Lehrer in Rom streikten.
Arbeitsauftrag
210
Stellen Sie sich vor, sich hätten im "alten Rom" gelebt. Beschreiben Sie in einem
Text, wie Sie die Ferien verbracht hätten. Lesen Sie der Gruppe Ihre Geschichte
vor.
Fettiges
Nützlich, aber in Maßen genießen
Ohne es können wir nicht leben. Zu viel davon ist ungesund. Zu wenig aber
auch. Menschen, Tiere und Maschinen funktionieren nicht ohne es. In
welcher Form es erscheint, ist unterschiedlich.
Es kann fest oder flüssig, natürlich oder synthetisch sein. In ganz bestimmten
Verbindungen erscheint es als ungesättigte Variante, in anderen wiederum als
gesättigte. Es lässt sich schmelzen, und wenn es schön flüssig ist, lassen sich
allerlei Zusätze hineinmischen. Des Rätsels Lösung ist: das Fett.
Ohne Fett schmeckt's nicht so gut
Fett ist nicht nur nahrhaft, sondern auch Geschmacksträger. Und wenn dieser fehlt,
schmeckt zwar alles außerordentlich gesund, aber der rechte Genuss will sich nicht
einstellen. Deshalb laufen Genießer guten Essens und Trinkens Gefahr, Fett
anzusetzen.
Ganz langsam und schleichend bilden sich Fettringe um Hüfte, Bauch und Taille.
Die runden Wölbungen um die Gürtellinie sind bald nicht mehr zu übersehen.
Fettige Sünden rächen sich
Zuerst bilden sich kleine FettringeEin Fettansatz bildet sich schnell, wenn man
nicht widerstehen kann: all den fetten Braten, Weihnachtsgänsen, den in
schwimmendem Fett gebackenen Schmalzgebäck, das sich so harmlos Berliner
nennt, den dicken Saucen, schweren Weinen und so weiter und so fort.
Irgendwann ist die Kleidung dann – meist um die Leibesmitte – so eng geworden,
dass die Hose und der Gürtel spannen. Aus dem kleinen, harmlosen Fettansatz ist
ein Fettwanst geworden – wanst ist eine alte Bezeichnung für Bauch. Wer als
Fettwanst beschimpft wird, dessen Leibesfülle hat das normale Maß überschritten.
Er besucht dann die Geschäfte für Übergröße. Wenn sein Arzt gar eine Fettleber
diagnostiziert, sollte er schleunigst gesünder essen und weniger Alkohol trinken.
211
Eine kleine Fettkunde
Fettige sünden rächen sich irgendwannMit dem Fett ist das so eine Sache Da gibt
es – ganz tückisch – die versteckten Fette in Wurst und vor allem Käse. Sie geben
dem Käse etwa seinen extrafeinen, rahmig-cremigen Geschmack. Oder schmeckt
Ihnen ein Mager-Camembert? Nun sind ja nicht nur 60-prozentige Camemberts
fett, auch schmackhafte Cremetorten.
Es ist einfach traurig. Alles, was schmeckt, macht fett, also dick. Aber ganz auf
Fette verzichten sollte man nun auch nicht. Fettbewusste Ernährung bedeutet nicht,
dass man gar kein Fett mehr essen darf. Nur bewusst sollte man sie zu sich
nehmen. So sind ungesättigte Fettsäuren gesünder als gesättigte.
Schützendes Fett
Fett hat auch eine schützende Wirkung. Wer kennt nicht die Wintermonate mit
trockener Heizungsluft, in denen die Haut rissig und spröde wird. In denen man
sich permanent die Hände mit fettiger Creme einreiben muss, damit sie
geschmeidig bleiben, oder in denen man sich Fettstifte aus der Jackentasche zieht,
um die trockenen Lippen wieder geschmeidig zu bekommen.
Auch Vögel können ohne das schützende Fett auf ihrem Gefieder nicht überleben.
Die gefetteten Federn halten die Tiere im Winter warm. Lösen etwa Chemikalien
die schützende Fettschicht auf, gefrieren die Federn zu Eisklumpen und die Tiere
verenden. Eine Fettschicht futtern sich viele Tiere an, um die kargen Wintermonate
zu überstehen.
Schwimmende Fettaugen
Eine andere Fettschicht bildet sich auf fettigen Suppen und Saucen, wenn sie
erkalten. Früher galten Suppen als besonders nahrhaft und gesund, wenn Fettaugen
auf ihnen schwammen, also kleine, runde Ansammlungen von Fett, die einen aus
der Suppe angucken wie Augen.
Ein Hörer der Deutschen Welle schrieb einmal: "Die Deutsche Welle ist das
Fettauge auf der trüben Suppe meines Lebens". Poetischer könnte man die Liebe
zum Sender nicht ausdrücken. Weniger nett ist, wenn man einem dicken
Menschen, der schwimmen gehen will zuruft: "Du gehst bestimmt nicht unter. Du
weißt ja, Fett schwimmt oben".
Nur keine Fettnäpfchen!
212
Da bin ich wohl in ein großes Fettnäpfchen getreten!Dann könnte man nämlich in
ein ganz großes Fettnäpfchen getreten sein. Man hat denjenigen – vielleicht sogar
unbeabsichtigt – beleidigt. Ganz große und beliebte Fettnäpfchen, in die man treten
kann, sind jemanden älter zu machen, als er oder sie ist.
Oder bei der besten Freundin über die Hässlichkeit von schweinchenrosa Pullovern
abzulästern – und diese zieht ihre Jacke aus und trägt just einen Pullover in dieser
Farbe. Eine Belastungsprobe für die Freundschaft!
Fettnäpfchen gab es aber wirklich einmal. In alten Bauernhäusern standen sie
zwischen Ofen und Tür. Wenn jemand von draußen hereinkam, schmierte er die
nassen Stiefel darin ein, damit das Leder nicht verdarb.
Sein Fett abkriegen
Wer jedoch sprichwörtlich ins Fettnäpfchen tritt macht sich nicht gerade beliebt
und bekommt dann nicht selten sein Fett ab. Das heißt, er wird zurechtgewiesen,
getadelt. Auch das Fett abkriegen war ursprünglich etwas ganz Konkretes.
Bei der Hausschlachtung bekam jeder sein Fett mit nach Hause. Aus welchem
Grund der Ausdruck sein Fett abkriegen heute eine ausschließlich negative
Bedeutung hat, bleibt unter einer sprachlich-historischen Fettschicht verborgen.
Fettflecken
Hoffentlich haben wir einige sprachliche Fettflecken hinterlassen. Nur einmal so,
unter uns. Bitte keine Chemikalien anwenden, um sie zu entfernen. Das wäre
schade. Vor lauter Frust müssten wir dann zur Schokolade greifen. Und die hat
einen sehr hohen Fettanteil!
Fragen zum Text
Wenn jemand Fett ansetzt, dann …
1. mischt er Fett, um daraus eine Creme herzustellen.
2. nimmt er zu.
3. führt er eine Butterdose zum Mund.
In ein Fettnäpfchen getreten ist jemand, der …
1. jemand anderen lobt.
2. jemand anderen verärgert.
3. beim Schuhe putzen in die Creme tritt.
213
Sagt jemand "Du bist fett" ist das …
1. eine Beleidigung.
2. ein Kompliment.
3. eine Vorhersage.
Arbeitsauftrag
Überlegen Sie sich in der Gruppe, in welche Fettnäpfchen jeder von Ihnen einmal
getreten ist. Schreiben Sie Ihre Geschichte auf und lesen Sie sie der Gruppe vor.
Fix und Fertig
Fix und fertig ist diese Frau einfach eingeschlafen.
Manchmal ist man ganz schön fertig. Nicht mit dem Essen oder dem
Mittagsschläfchen, sondern dem Leben. Weil der Chef, der Nachbar, die
Exgattin oder die nervigen Kinder einem das Leben zur Hölle und damit
fertig machen.
Es war vor gut 25 Jahren. Die OEG, das ist die Oberrheinische
Eisenbahngesellschaft, hatte damals noch richtige Schaffner. Schaffner in Uniform
mit Krawatte und Mütze, Geldwechseltasche am Halfter, Trillerpfeife fest im
Mund. Dieser rief an Haltestellen laut und deutlich: „Vorne fertich, hinne fertich,
alles fertich“, gefolgt von einem schrillen Pfeifton und einem Winken in Richtung
Wagenführer: „Fertich!!!“.
Vom Abfertigen
Worauf sich der Zug in Bewegung setzte. Damit war – und so heißt es noch heute
in der Eisenbahnersprache – der Zug abgefertigt. Das heißt: Alles war in Ordnung,
es konnte losgehen. Im Prinzip funktioniert die Abfertigung eines ICE heute
genauso, wenn auch mit Lichtsignalen und kleinen Tafeln, die von den
Zugbegleitern geschwenkt werden.
Es lassen sich allerdings nicht nur Züge und die Post, also Pakete und so weiter
abfertigen, es werden auch Menschen abgefertigt. Nicht selten sogar fertig
gemacht. Häufig mit dem Ergebnis, dass nach dieser Art Abfertigung die
Betroffenen fix und fertig sind.
Dieser Stinkstiefel macht mich fertig!
Wenn man nicht weiß, was einer solchen Abfertigung vorangegangen ist, gehört
unsere Sympathie dem respektive der Abgefertigten. Weshalb? Weil wir uns erst
214
mal auf seine respektive ihre Seite stellen und dem bösen Menschen unterstellen,
den fertig gemacht zu haben, der nicht so böse ist.
Nun ist es ja durchaus denkbar, dass jemand ein solcher Stinkstiefel ist –
merkwürdig, den gibt’s nur in der männlichen Ausführung, Stinkstiefelette geht
nicht – dass er es tatsächlich verdient hat, einmal so richtig fertiggemacht oder –
anders gesagt - in den Senkel gestellt zu werden.
Nomen – manches Mal ein schlechtes Omen
Für Kreise, die zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme gerne zur nonverbalen
Korrektur greifen, ist die Abreibung ein probates Mittel. Diese ist kurz, aber
keineswegs schmerzlos. Das Deutsche lässt in solchem Kontext kein Verbum
‚abreiben’ zu, man sagt nicht, „der ist aber ordentlich abgerieben worden“, sondern
hat „eine Abreibung bekommen“.
Wie wir wissen sind ‚-ung’, ‚-heit’ und ‚-keit’ diejenigen Endsilben, die an einen
Verbstamm angehängt ein Nomen ergeben. Siehe Abreibung. Natürlich ist in
unserem Beispiel die Vorsilbe ‚ab’ unabdingbar, denn sonst käme statt Abreibung
nur Reibung zustande. Wobei Reibung zwischenmenschlichen Beziehungen eher
gut tut …
Abgemahnt ist halb gekündigt
Nun wollen wir aber nicht in der Grammatik, sondern im richtigen Leben
verweilen. Was kriegen wir, wenn wir Rechnungen zu spät bezahlen? Richtig. Eine
Mahnung. Ungemütlich auch die Situation, wenn jemand im Berufsbeziehungsweise Geschäftsleben nachgewiesenermaßen seinen Pflichten nicht
nachkommt, wissentlich gegen Vorschriften verstößt oder sich andersartiges
schwerwiegendes Fehlverhalten zu Schulden kommen lässt.
Dann gibt es nämlich – nach einer Ermahnung – die Abmahnung. Die bedeutet im
Klartext: Freundchen, bald ist Schluss, beim nächsten Mal kommt die Kündigung!
Abfertigung, Abmahnung, Abreibung, es geht bei unserem Thema im übertragenen
Sinn in gewisser Weise von oben nach unten.
Abgewatscht und abgekanzelt
Auch was das Abkanzeln und Abwatschen angeht. Zum ersteren: Stellen wir uns
einen Pfarrer vor, der von der Kanzel herunter mit donnernden Worten seiner
Gemeinde, die ein einziger gottloser Sündenpfuhl ist, die Leviten liest. Sie
„abkanzelt“. Das duldet keinen Widerspruch. Da herrscht demütiges Schweigen
215
mit gesenkten Häuptern! Wer abgekanzelt worden ist, der schleicht geknickt von
dannen.
Ganz so wie jemand, der abgewatscht worden ist. Deutsch ‚Watsche’
österreichisch ‚Watschn’ ist ein Schlag ins Gesicht. Als Synonyme kann man
Maulschelle, Ohrfeige und Backpfeife durchgehen lassen. Das ‚Abwatschen’ ist
durchaus wörtlich zu verstehen, hat aber auch übertragene Bedeutung. Zum
Beispiel: ‚Der FC Soundso ist zu Hause gegen den Sportclub Soundso mit 0:5
abgewatscht worden.’
Laut schallt die Ohrfeige!
Auch in der Politik wird abgewatscht. Wenn einer oder eine in den Parteivorstand
gewählt werden will und nur mickrige 52% der Stimmen bekommt, so gilt dies als
deutliche Watsche. Mitunter nennen dies Journalisten in vermeintlich gefälligerer
Umschreibung „eine schallende Ohrfeige aus den eigenen Reihen.“ Auch die
macht fix und fertig.
Fragen zum Text
Was lässt sich nicht abfertigen?
1.
ein Zug
2.
ein Paket
3.
ein Essen
Was kriegt man, wenn man Rechnungen zu spät bezahlt?
1.
ein Geschenk
2.
eine Abfertigung
3.
eine Mahnung
Welches der drei Wörter ist kein Synonym für Ohrfeige?
1.
Watschn
2.
Maulschelle
3.
Backpflaume
Arbeitsauftrag
Der Streit mit der Chefin, der Ärger über den Ehemann, das Wortgefecht mit der
Tochter - Streitgespräche können einen so richtig fix und fertig machen. Schreiben
Sie gemeinsam mit einem Partner ein Streitgespräch auf. Folgende Wörter müssen
in das Gespräch eingebaut werden: abfertigen, Ohrfeige, Ermahnung, Problem,
traurig und wütend.
216
Figur
Reicht es zum Tragen eines Bikinis?
Vor allem Frauen hadern ständig mit ihr – Politiker sind bestrebt, eine
"gute" zu machen – in Dichtung, Kunst und Musik ist manche gar
unsterblich geworden. Allemal gilt: Jeder kann eine gute Figur machen.
Je wärmer es draußen wird, desto weniger braucht man/Frau sich anzuziehen. Das
ist angenehm. Denn wer würde es sich nicht gern leicht machen, zumindest, was
die Kleidung betrifft. Das Leben ist schwer genug. Bei "schwer" durchzuckt uns
doch der unangenehme Gedanke, ob wir während des langen Winters nicht doch
ein bisschen zu viel angesetzt haben, sprich zu schwer oder gar zu dick geworden
sind.
Gnadenlose Sommerkleidung
Die luftige, knappe und mitunter schlicht spärliche Sommerkleidung bringt es
gnadenlos an den Tag. Die Figur lässt in Richtung rank und schlank zu wünschen
übrig. Viele zucken beim Stichwort Figur zusammen; aber wir haben für alle
Betroffenen einen Trost: Das rein Äußere, die Körperfigur, wird in unserem
Stichwort keine schwergewichtige Rolle spielen. Natürlich bedeutet Figur zunächst
einmal Körperform, Gestalt, äußere Erscheinung; und bei dem Ausdruck "eine gute
Figur haben" denken wir natürlich an gelungene Proportionen und die vielen
schönen Menschen, die uns aus der Werbung und tausend Illustrierten
entgegengrinsen.
Aber alles ist relativ. Nicht nur Schönheit ist vergänglich, sondern auch die
Schönheitsideale sind es. Eine üppige Rubensfigur zu haben ist heute völlig
verpönt. Aber auch was noch vor kurzer Zeit als Topfigur galt, der auf Spargelform
getrimmte weibliche Körper, ist interessanterweise von einigen Models selbst in
Frage gestellt worden. Aber genug. Jede und jeder kann eine gute Figur machen,
denn diese Figur hat mit Idealmaßen nichts zu tun.
Eine gute Figur machen
Mit "der guten Figur" machen, ist das gesamte Erscheinungsbild eines Menschen
gemeint. Wie tritt jemand anderen gegenüber auf. Wie spricht er. Wie ist sein
Benehmen, wie führt er Verhandlungen, und so weiter. Wir brauchen uns nur
unseren Alltag vor Augen zu führen und schon tauchen sie auf: Die lächerlichen,
die komischen, die kläglichen Figuren.
217
Seltsamerweise versieht die Sprache in den negativen Bewertungen das Wort
"Figur" in übertragener Bedeutung direkt mit einem Adjektiv. Umgekehrt aber
würde es beispielsweise heißen: Frau Soundso hat eine glänzende Figur in den
Verhandlungen gemacht. Derzeit haben wir es auf dem Felde der Politik, es ist
Wahlkampfzeit, verstärkt und ganz offensichtlich mit "Figuren" zu tun. Oder mit
Figurentheater.
Strippenzieher
Zur Ehrenrettung des "Figurentheaters" müssen wir an dieser Stelle Folgendes
festhalten: Es ist dies eine hoch entwickelte künstlerische Darstellungsform mit
Marionetten oder Puppen. In übertragener, ja endlich können wir figurativer
Bedeutung sagen, heißt "Figurentheater", dass die Darsteller sich nur so bewegen
können, wie die Strippenzieher es wollen. Marionetten hängen schließlich an
Fäden und Puppen machen auch nur das, was die Hand will, die sie führt.
Eine Figur, und damit sind wir endgültig bei der Kunst, kann vieles sein. Sie ist
Darstellung eines menschlichen, tierischen oder auch abstrakten Körpers. Da gibt
es die Figuren von Bildhauern geschaffen, realistisch, ja naturalistisch, abstrakt, in
sämtlichen Stilrichtungen. Auf der Bühne agieren in den Theaterstücken tragische
und komische Figuren; in ganz bestimmen Figuren verkörpern sich
unverwechselbare Charaktere: Macbeth, Maria Stuart, Faust. Drei markante
Beispiele aus einer schier unendlichen Reihe.
Märchenhafte Figuren
Da gibt es Figuren aus der Mythologie des klassischen Altertums, die in bildender
Kunst, in Literatur und Musik weiterleben und so unsterblich geworden sind:
Prometheus, Sisyphos, Die schöne Helena, Ariadne. Figuren in der Literatur und
Dichtung sind handelnde Personen, Gestalten. Ihr Bezug untereinander bestimmt
im Wesentlichen das Geschehen in einem Roman oder auch einem Theaterstück.
Besonders reich an Figuren, die in wechselnder Gestalt immer wiederkehren, ist
die Märchenliteratur. Bauer, Jäger, Handwerksbursche, Magd, Prinzessin, König,
Tod und Teufel. König und Bauer sind aber auch, beinahe hätten wir sie vergessen,
Spielfiguren. Im Schachspiel.
Akrobaten
Und ganz zum Schluss noch ein Wort zum Sport. Auch da gibt es Figuren. Nein.
Nicht Trainer, Spieler und Manager, sondern jene komplizierten
Bewegungsabläufe beim Tanzen, Eislaufen und Kunstreiten, die Teil eines
harmonischen Ganzen sind oder zumindest sein sollen. Die Sportlerinnen und
218
Sportler, die sich solcher Betätigung hingeben, müssen allerdings eine ziemlich
gute Figur haben, um sie schließlich machen zu können.
Fragen zum Text
Kein Schönheitsideal ist, eine Figur wie auf Bildern von … zu haben.
1. Brueghel
2. Rubens
3. Da Vinci
Jemand, der Marionetten bewegt, ist ein …
1. Puppenspieler.
2. Kartenspieler.
3. Schauspieler.
Eine gute Figur machen bedeutet, …
1. sehr schlank zu sein.
2. sich gut ausdrücken und benehmen zu können.
3. viel Sport zu treiben.
Arbeitsauftrag
Beschreiben Sie in einem Text Ihre Lieblingsfigur aus einer Geschichte oder einem
Märchen. Lassen Sie die Gruppe erraten, um welche Figur es sich handelt.
Das flasht!
Message gecheckt?
Jugendsprache entwickelt sich meist so schnell wie die Jugendlichen selbst.
Was heute in ist, ist morgen schon megaout. Hopfenblütentee? Aknestäbchen?
Klappkaribik? Haben Sie alles gecheckt?
Irgendwann kommt dieser Tag. Da stellen Eltern und ihre Kinder fest, dass sie
zwar alle Deutsch sprechen – aber irgendwie trotzdem nicht dieselbe Sprache.
"Wir verstehen Dich überhaupt nicht", klagen Mama und Papa – während der Sohn
sich beschwert, dass die oder der Alte "die Message voll nicht checken!"
Ein Geheimcode
219
Ratschläge geben: Das flasht gar nicht!Das ist vielleicht manchmal aber auch gut
so. Jugendsprache ist nämlich ein Geheimcode. Wer den beherrscht, gehört dazu.
Wer ihn nicht beherrscht, sollte es auch besser gar nicht erst versuchen.
Wenn Eltern nämlich einen auf jung machen und ihrem Sohn sagen, seine neue
Freundin sei so richtig knorke – dann erntet das so viel Respekt wie ein rosa Mofa
beim Gang-Treffen. Und sie outen sich sofort als Angehöriger der
Erzeugerfraktion, sprich: Jeder merkt, sie sind erwachsen und Eltern. Das flasht
dann so gar nicht. Deshalb hier ein Kurs für Express-Checker, pardon:
Schnellmerker. Wobei Sie weise unterscheiden sollten zwischen Jugendsprache
und dem, was Experten für Jugendsprache halten. Außerdem sprechen die Teenies
ja nicht ständig so. Aber wenn, sollten Sie vorbereitet sein, um zumindest bei
einigen Begriffen mithalten zu können.
Das Aussehen
Wohl zu viel Hopfenblütentee getrunken?Lektion eins: In der Welt der Jugend geht
es ziemlich oft ums Aussehen. Und da wird gesagt, wie’s ist. Eine korpulente Frau
in zu enger Kleidung wird zur Speckbarbie. Ein Mann, dem man seine Liebe zum
Hopfenblütentee, also zum Bier, am Bauch ansieht, bekommt einen Weizenspoiler
oder ein Feinkostgewölbe attestiert.
Und wenn er dann womöglich noch eine Mundgardine hat, ist das total minus –
sprich: Sein hässlicher Bart steht ihm gar nicht gut. Unrettbaren Fällen legen die
charmanten Youngsters den Besuch in der Änderungs-Fleischerei nahe. Merke:
Jugendsprache ist direkt, unverblümt und bildhaft. Denn in einer ÄnderungsFleischerei, einer Schönheitsklinik, wird ja wie der Fleischerei geschnippelt und
geschnitten, um den Körper zu verändern. Na danke schön!
Das Essen
Eine AssischaleWenn dagegen vor der Disco der eine Teenie zum andern meint:
"Krass, die Schnitte ist voll lecker" hat er mitnichten Hunger, sondern eine
attraktive Frau ist gesichtet. Apropos Hunger: Hier sind wir schon bei Lektion
Zwei. Die Imbissbude birgt ein weiteres Fettnäpfchen-Risiko für den Oldtimer.
Wenn Sie da als Erwachsener wie folgt bestellen: "Ich würde hier gerne eine
Portion Pommes Frites mit einer Bratwurst oder einer Frikadelle verzehren", ist das
extrem uncool.
Beeindrucken Sie die Kids lieber mit einem lässigen: "Ey, eine Schale
Aknestäbchen! Und dann noch 'ne Phosphatstange dabei oder 'n Elefantenpopel."
Falls der Imbissbudenbesitzer der Jugendsprache nicht mächtig sein sollte, können
Sie die uncoole Bestellung ja nachliefern – samt Erklärung.
220
Nicht am Imbiss: Beraterpommes
Gibt's nicht an der ImbissbudeWahrscheinlich kommen die Begriffe daher, dass
man von fettigen Pommes Pickel kriegt, die Bratwurst ironisch als Ansammlung
von ekligen Zusatzstoffen wie Phosphaten verschrien ist – und eine Frikadelle
aussieht wie das, was der Vorstellung nach einem Elefanten aus dem Rüssel
herausfallen könnte... Na ja!
Achtung: Sollten Sie übrigens Beraterpommes ordern, dann sind Sie an der
Imbissbude falsch. Das bei Anzug tragenden Managern beliebte Sushi gibt’s beim
Japaner um die Ecke.
Die Freizeitgestaltung
Urlaubsbräune to-go im MünzmalleKommen wir zu Lektion drei, der
Freizeitgestaltung. Ein Oldtimer würde sagen: "Wir gehen aus!" Auf jugendlich:
"Lass mal die Socken scharf machen und dann auf Piste!" Zunächst aber den
Taschendrachen rausholen und damit eine Zigarette anzünden.
Danach auf 'ne Viertelstunde in die Klappkaribik – also ins Sonnenstudio – auch
Assitoaster genannt. Alternativ darf es auch das Münzmalle sein. Malle ist die
Kurzform für Mallorca und dahin reisen die Klischee-Deutschen bekanntlich unter
anderem nur, um sich in der Sonne zu bräunen.
In der Disse
Hier wird richtig gebounct!Nach dem Besuch in der Klappkaribik könnte man ja
mal checken, was in der Disse so Phase ist. Will sagen: Mal sehen, was in der
Diskothek heute Abend los ist.
Ein Rat vorab: Nicht zu viele Cocktails, sonst erwischt Sie auf dem Heimweg der
Promillologe. Damit ist ein bestimmter Experte für Alkohol gemeint, nämlich der
Polizist, der einen Alkoholtest macht.
Pangalaktisches Erlebnis
Nun aber mal rauf auf die Tanzfläche. Wenn Sie bouncen ist alles super, Sie haben
das Tanzen drauf! Wenn dagegen alle sagen: "Ey, der ist voll am Abspacken" –
gehen Sie lieber noch mal in den Discofox-Kurs. Oder halten Sie durch und treffen
Sie vielleicht den total smexy – eine Mischung aus den Wörter smart und sexy –
Partner Ihrer Träume. Dann wird es nämlich noch ein grandioser Abend. Massiv
221
vierlagig! Voll analog! Pangalaktisch!
Fragen zum Text
Weibliche Erwachsene werden umgangssprachlich auch als … bezeichnet.
1. Kampffussel
2. Alte
3. Milchbubi
Hat jemand etwas getan, was für einen anderen peinlich ist, dann …
1. ist jemand in den Hintergrund getreten.
2. ist jemand in ein Fettnäpfchen getreten.
3. ist jemand auf den Plan getreten.
Pickel ist kein(e) …
1. Hautunreinheit.
2. Werkzeug.
3. Kopfbedeckung.
Arbeitsauftrag
Suchen Sie im Internet nach einem Jugendsprache-Lexikon. Schreiben Sie eine
kurze Geschichte, in der Sie Ausdrücke aus diesem Lexikon verwenden. Tauschen
Sie Ihre Geschichten in der Gruppe untereinander aus und "übersetzen" Sie die
Ausdrücke ohne Zuhilfenahme eines Wörterbuchs.
Flüssignahrung
Manchmal wird Bier auch "flüssiges Brot" genannt ...
Waren Sie dieses Jahr schon im Freien ein Gläschen trinken – mit Freunden,
in einer Weinlaube oder einem schönen Biergarten? Nein? Dann wird es aber
höchste Zeit!
Kaum ist die Sonne draußen und wärmt ein bisschen, schon werden Tische und
Stühle vor Kneipen und Straßencafés aufgestellt. Die Außengastronomie gewinnt
wieder an Fahrt, Sonnenschirme und Schiefertafeln mit der Aufschrift "Biergarten
geöffnet!" zeugen vom Beginn der wärmeren Jahreszeit. Das führt nicht nur zur
luftigeren Kleidung, sondern auch zu erhöhtem Bedarf an Flüssignahrung – denn
jeder weiß: Je heißer der Tag, desto durstiger die Kehle.
222
Trinken muss sein
Die warme Jahreszeit ist somit die Zeit der – zumeist – gekühlten Getränke im
Freien. Natürlich werden auch die italienischen Heißgetränke Espresso oder
Cappuccino und so weiter gern genommen, aber dann bitte zusammen mit einem
Mineralwasser – gegen den Durst, selbstverständlich.
Weshalb aber trinkt der Mensch? Weil er muss. Jawohl, Getränke sind nämlich
flüssige Lebensmittel, und davon sollte der Mensch täglich bis zu zwei Liter zu
sich nehmen. Bier zum Beispiel zählt in Deutschland immer noch zu den
Lebensmitteln, mitunter wird es deshalb auch flüssiges Brot genannt. Wer
allerdings zwei Liter dieses flüssigen Brotes pro Tag zu sich nimmt, der hat ein
Problem.
Zischen oder schlürfen
Aber keine Angst, es geht hier nicht um Alkoholismus, sondern höchstens um
alkoholische Getränke – und natürlich um Durst. Der kann groß sein. Da muss man
schnell ein Glas Wasser in sich hineinschütten oder -stürzen. "Ein Bier zischen"
heißt, es schnell trinken, vielleicht sogar in einem Zug: "auf ex".
Genussvolles Trinken, wenn der ganz große Durst erst einmal gelöscht ist, verlangt
nach anderen Verben. Da wird schon mal geschlürft und in kleinen Schlückchen
verkostet. Die Weinkenner, oder solche die so tun als ob, rollen den Wein im
Mund hin und her, wenden den Blick zum Himmel und verblüffen ihre
Mitmenschen mit den abenteuerlichsten Darbietungen dessen, wozu die
Gesichtsmuskulatur im Stande ist.
Einen über den Durst
Das weit über seine schwäbischen Grenzen hinaus bekannte "Viertele", das ist ein
Viertelliter Wein im "Vierteleglas", wird lediglich geschlotzt: langsam und mit
Bedacht unter anerkennenden, genießerischen Grunzlauten zu sich genommen.
Auch Cognac, Dessertweine und die Kaffeegetränke werden eher bedächtig
getrunken. Der berühmte Korn allerdings, der Schnaps nach fettem, schwerem und
vor allem reichhaltigem Essen, wird gekippt: in einem Zug rein damit!
Seltsamerweise wird das Saufen, die maßlose Variante des Trinkens, erst mal den
Tieren unterstellt. Hunde, Katzen, Kühe, Pferde, Schweine, sie saufen; wobei kein
Tier mehr Flüssigkeit zu sich nimmt, als es wirklich braucht – im Gegensatz zum
Menschen. Sich einen ansaufen, sich volllaufen lassen, das vermeintlich sportliche
223
Kampf- oder Komatrinken sind Auswüchse, die mit Durststillen oder dem
genießerischen Trinken nichts zu tun haben.
Babbelwasser und Sorgenbrecher
Letzteres, und das keineswegs selten, findet zum Beispiel während des
Oktoberfestes in München oder während der unzähligen Weinfeste in der Pfalz
statt. Da gehen wahlweise die Maß oder der Schoppen (also der 1-Liter-Krug Bier
oder das Glas Wein) reihum. Da werden Weißwürste mit süßem Senf oder die
"Worscht und der Weck" (das sind die Wurst und das Brötchen) verspeist, eine
Tradition, die in dem Dreiklang "Worscht, Weck unn Woi" – sozusagen "Wurst,
Brötchen und Wein" – seit Urzeiten ihren Namen hat.
"Wein löst die Zunge", sagt man; und nicht umsonst nennen die Hessen ihren
"Ebbelwoi", den Apfelwein, auch Babbelwasser. Wo viel gebabbelt wird, da wird
auch unter dem Klingen der Gläser gesungen. Trinklieder gibt es unzählige.
"Trink, trink, Brüderlein trink, lass doch die Sorgen zu Haus …" ist eins der
bekanntesten. Der Trank, der Wein als Sorgenbrecher, das ist die Verheißung –
leider eine trügerische. Aber wenn man so im Freien sitzt mit fröhlichen
Trinkbrüdern, der Wein im Glase glänzt, da mag man irgendwann gerne mitsingen:
"Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär', ja da möcht' ich so gern ein
Fischlein sein."
Im fließenden Übergang
Der Mensch trinkt natürlich nicht nur, weil er muss – das wär' ja schlimm. Nein, er
trinkt auch, weil's ihm schmeckt und verbindet so das Angenehme mit dem
Notwendigen: im fließenden Übergang sozusagen.
Eine Frage der Ehre
Der Kranz der Ehre!
Mancher ehrbare Mensch ist Ehrfurcht gebietend. Das Ehrgefühl wird leicht
verletzt. Zu einem Ehrenmord kommt es noch zu oft. Eine Ehrenrunde muss
nicht immer was Schönes sein. In Ehren gehalten werden Erinnerungsstücke.
Spricht jemand von seiner Ehre, dann ist sein Selbstwertgefühl betroffen, also das
Bewusstsein, das er von seiner eigenen Würde und seinem Wert innerhalb der
Gesellschaft hat. Das Wort beschreibt aber auch die Achtung und Wertschätzung
einer Person durch ihre Mitmenschen. Dann bezieht sich die Ehre nicht so sehr auf
den persönlichen Wert eines Menschen, sondern auf das Ansehen, das jemand
224
wegen seiner gesellschaftlichen Stellung, seiner Lebensführung oder besonderer
Leistungen hat.
Verletzte Ehre
Auf dem Weg zu Ruhm und EhreDie Ehre wird verletzt, wenn jemand zum Beispiel
fälschlich beschuldigt wird, gelogen oder sein Wort nicht gehalten zu haben. Das
Gegenteil der Ehre ist die Schande. Damit ist der Verlust der Ehre – oder in
milderer Form – eine persönliche Blamage gemeint.
Der Begriff mutet nicht zu Unrecht etwas altertümlich an, stammt er doch aus dem
Mittelalter. Damals war das Ansehen einer Person von großer Bedeutung. Jedoch
konnten nur Männer ihre Ehre durch Loyalität, Freigebigkeit, Klugheit,
Beständigkeit und Tugendhaftigkeit vergrößern oder zurückgewinnen. Für Frauen
war allein ihre Tugendhaftigkeit gleichbedeutend mit Ehre. War sie einmal
verloren, konnte sie nicht mehr zurückgewonnen werden.
Sterben für die Ehre
Entscheidung im MorgengrauenAuch nach dem Ende des Mittelalters war es für
die Menschen sehr wichtig, auf ihre Ehre zu achten und als ehrbare Bürger zu
gelten. Bestimmte Gesellschaftsschichten hielten noch lange Zeit an der
Vorstellung fest, dass freie Männer sich und ihre Ehre mit der Waffe verteidigen
mussten. Bei einer Beleidigung der Mannesehre forderte man seinen Widersacher
nach dem Vorbild des ritterlichen Zweikampfes zum Duell mit tödlichen Waffen,
um die so genannte Ehrenstreitigkeit auszutragen.
Dabei ging es nicht um den Sieg sondern ausschließlich darum, dass beide
Duellanten durch die bloße Bereitschaft, sich zum Kampf zu stellen und den Tod
zu riskieren, ihre Ehrenhaftigkeit unter Beweis stellten. Unabhängig von seinem
Ausgang hatte das Duell zur Folge, dass die Beleidigung als gesühnt galt und beide
Beteiligten wieder als Ehrenmänner angesehen wurden. Wer sich weigerte, einer
Duellforderung nachzukommen, wurde als ehrlos betrachtet.
Morden für die Ehre
Blutige TraditionAuch heute noch werden Menschen um der Ehre willen getötet,
nämlich beim so genannten Ehrenmord. In streng patriarchalischen Gesellschaften
hängt die Ehre der Männer auch vom Verhalten ihrer weiblichen Angehörigen ab.
Als Verletzung der sittlichen Ehre gilt, wenn eine Frau die ihr auferlegten Regeln
und Normen verletzt, beispielsweise wenn sie eine außereheliche sexuelle
Beziehung eingeht oder auch nur im Verdacht steht, dies getan zu haben.
Je nachdem, wie streng der Ehrbegriff ausgelegt wird, verletzt eine Frau die
Familienehre sehr schnell. Wiederhergestellt wird sie, indem die Frau getötet wird.
225
Im Verständnis dieser Gesellschaften geht es bei einem Ehrenmord vor allem
darum, den "Schandfleck" aus der Familie zu entfernen.
Für Ehre und Vaterland
Versteinerte Erinnerung an die Gefallenen des KriegesBeim Militär hat der Begriff
der Ehre zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt. Wer im Kampf mit dem Feind
nicht den nötigen Mut zeigte oder gar seine Fahne im Stich ließ, also Fahnenflucht
beging, konnte schnell seine Soldatenehre verlieren. Wurde ein Soldat aber in der
Schlacht getötet, so wurde seinen Angehörigen mitgeteilt, er sei "für das Vaterland
auf dem Feld der Ehre gefallen".
Später erinnert dann ein Ehrenmal an ihn und die anderen toten Soldaten des
Krieges. Vor solch einem besonderen Denkmal, aber auch vor Gebäuden oder zu
Ehren einer hohen Persönlichkeit hält manchmal eine Gruppe von Soldaten eine
Ehrenwache. Wenn es sich dabei um einen Staatsgast handelt, so ist er zuvor sicher
mit militärischen Ehren empfangen worden.
In allen Ehren
Die Runde des SiegersIn der deutschen Alltagssprache begegnet uns die Ehre
immer noch häufig. Wenn ich immer die Wahrheit sage und vertrauenswürdig bin,
nennt man mich ehrlich und hält mich vielleicht sogar für einen Ehrenmann. Will
ich eine Aussage bekräftigen oder etwas versprechen, dann gebe ich mein
Ehrenwort, aber nicht wie manch anderer leichtfertig, um von meiner eigentlichen
Unehrlichkeit abzulenken.
Ich lege großen Ehrgeiz an den Tag, wenn ich erfolgreich sein will und werde bei
einer Ehrung für meine Arbeit ausgezeichnet. Obwohl ich in der Schule eine
Ehrenrunde gedreht, also wegen schlechter Leistungen eine Klasse wiederholt
habe, kann mir dennoch viele Jahre später von einer Universität wegen besonderer
Leistungen die Ehrendoktor-Würde verliehen werden. Beim Sport kann ich nach
einem grandiosen Sieg noch eine Ehrenrunde im Stadion laufen, wobei mir die
Zuschauer zujubeln. Meine Ehrenurkunde behandle ich natürlich sorgfältig und
bewahre sie sorgsam auf – ich halte sie in Ehren.
Ehrbarer Mensch
Auf jeden Fall ein EhrentagWeil ich oft ehrenamtlich – ohne Bezahlung – zum
Wohle anderer arbeite, werde ich zum Ehrenbürger meiner Heimatstadt ernannt
und bin in verschiedenen Vereinen Ehrenmitglied, brauche also wegen meiner
besonderen Stellung keinen Beitrag zu bezahlen. Zu einem Fest an meinem
Geburtstag, der auch Ehrentag heißt, erscheint sicher auch ein wichtiger Ehrengast
wie zum Beispiel der Bürgermeister.
226
Wenn andere Leute ihre Schulden aus einem Glücksspiel nicht bezahlen wollen,
packe ich sie bei ihrer Ehre und appelliere an ihr Ehrgefühl – denn Spielschulden
sind Ehrenschulden.
So viel Ehre
Da viele Menschen wegen meines so ehrenvollen Lebens Ehrfurcht vor der Würde
meiner Person haben, erweisen sie mir dann sicher sehr zahlreich bei meiner
Beerdigung die letzte Ehre. Doch ganz ehrlich: So ein Leben wäre dann wohl doch
zu viel der Ehre!
Fragen zum Text
Wenn man an das Ehrgefühl eines Menschen appelliert, ...
1. gibt man ihm sein Ehrenwort.
2. packt man ihn bei seiner Ehre.
3. hält man ihn in Ehren.
Wer in der Schule eine Ehrenrunde dreht, ...
1. lässt sich wegen guter Schulnoten feiern.
2. muss wegen Ungehorsams einmal um das Schulgebäude laufen.
3. muss wegen schlechter Leistungen eine Klasse wiederholen.
Früher mussten freie Männer ...
1. sich zur Verteidigung ihrer Ehre bewaffnen.
2. ihre Ehre und ihre Waffe verteidigen.
3. ihre Ehre mit der Waffe verteidigen.
Arbeitsauftrag
Suchen Sie Informationen zum Thema "Ehrenmorde in Deutschland" – zum
Beispiel unter http://www.ehrenmord.de oder http://www.ehrenmord-indeutschland.de. Wählen Sie ein Fallbeispiel aus. Schreiben Sie einen Text, in dem
Sie zunächst allgemeine Informationen über die gesetzlichen Bestimmungen in
Deutschland zum Thema geben. Danach stellen Sie das von Ihnen gewählte
Fallbeispiel vor. Sie können unter anderem folgende Fragen behandeln: Wer war
das Opfer, wer der Täter? Was war das Motiv für die Tat? Wie wurde der Mörder
bestraft? Diskutieren Sie anschließend in der Gruppe über zwei oder drei Beispiele.
Deutsches Französisch
Die Baguette oder das Baguette?
Attention! Deutsche haben ein etwas eigenartiges Verhältnis zur
französischen Sprache: sie halten viel von ihr, ohne sie unbedingt zu
227
verstehen. Vielleicht haben sie sich deshalb ein „deutsches Französisch“
gebastelt.
Es war zur Zeit der fränkischen Könige. Die Franken herrschten über große Teile
des heutigen Deutschland und Frankreich. Ihr Reich war aufgeteilt unter zwei
Königen, von denen der eine in Ostfranken und der andere in Westfranken
herrschte. Es kam der Tag, an dem die Könige getrennte Wege gehen wollten. Um
sich zu versichern, dass einer dem anderen keinen Schaden zufügen würde,
vereinbarten sie ein Treffen in Bonn. Auf einem Schiff auf dem Rhein schwor
jeder in des anderen Sprache: der Ostfranke auf Französisch, der Westfranke auf
Deutsch. Der eine sollte den anderen schließlich verstehen – und ihm glauben
können.
Goethe und Grammatik
Seitdem haben die Deutschen ein eigenartiges Verhältnis zur französischen
Sprache: sie halten viel von ihr, ohne sie unbedingt zu verstehen. Goethe mag
daran gedacht haben, wenn er im „Faust“ einen Studenten in Auerbachs Keller
sagen lässt: „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, aber ihre
Weine trinkt er gern“.
Bis heute ist die deutsche Sprache voller französischer Ausdrücke, und nicht alle
von ihnen sind wirklich französisch. Dabei ist der Anfang noch harmlos: bekannte
französische Wörter erhalten auf Deutsch nur ein anderes grammatisches
Geschlecht. Aus le tour de France wird „die Tour de France“, le parti socialiste zu
„die sozialistische Partei“, und wer in einer deutschen Bäckerei „eine Baguette“
verlangt, wird schnell verbessert: „Für Sie darf es ein Baguette sein?“
Deutsche Ausspracheregeln
Bei der Aussprache ist es ähnlich. Für das modische accessoire etwa ist in
Deutschland eine Aussprache verbreitet, die wie assessoir klingt – ein Wort, das es
weder auf Französisch noch in irgendeiner anderen Sprache gibt. Trotzdem findet
man es sogar in dieser Schreibweise auf der Online-Auktionsplattform Ebay – in
Deutschland, bien sur.
Gründlich verdreht sind auch Wörter wie die „Banderole“ (für bandelette),
„Rommé“ (für das Kartenspiel le rami) oder die „Raffinesse“ (für le raffinement);
genauso „Parole“ (le mot d’ordre), „Batterie“ (pile), „Quartier“ (für logement),
„Visage“ (abfällig gemeint, gueule) oder der „Etat“ (im Sinn von le budget).
Kreativität in der Umdeutung
228
Manchmal werden französische Wörter in der deutschen Sprache auch einfach nur
umgedeutet. Wenn Deutsche von „Flair“ reden, verstehen sie darunter etwas
anderes als Franzosen. Auf Französisch bedeutet flair soviel wie Gespür (oder
„eine Nase“) für etwas zu haben. Auf Deutsch meint man damit die besondere
Atmosphäre, die einer Person oder einer Gegend anhaftet – „das Flair der großen,
weiten Welt“.
Mit manchen solcher für Deutsche gewohnten Ausdrücke empfiehlt es sich,
vorsichtig umzugehen: das deutsche „Baiser“ ist auf Französisch eine meringue.
Wer als Deutscher in einer französischen Bäckerei baiser sagt, wird gründlich
missverstanden werden. Schließlich heißt das Wort auf Französisch längst nicht
nur „Kuss“ oder „küssen“, sondern eine weitaus intimere Kontaktaufnahme.
„Sie sah sehr apart aus in ihrem Negligé“
Richtig einfallsreich sind die Deutschen dagegen, wenn es um Wörter geht, die es
so auf Französisch überhaupt nicht gibt. „Friseur“ zum Beispiel. Oder „Parterre“
(für Erdgeschoss) und „Negligé“ (im Sinn von „Nachthemd“, französisch
déshabillé). Auch die „Blamage“ ist eine deutsche Erfindung für das, was
Franzosen wohl mit situation embarrassante umschreiben würden. „Apart“ sagt
man auf Deutsch, wenn es auf Französisch hieße: particulier oder du cachet.
Aus dem französischen Wort für Feingefühl, délicatesse, ist auf Deutsch ein
Ausdruck für Feinkost geworden: „Delikatessen“. Ein Scheingallizismus (wie die
Sprachforscher sagen), der in den Vereinigten Staaten als deutscher Import ein
Eigenleben angenommen hat. Auf amerikanisch ist nämlich ein delicatessen eine
Feinkosthandlung mit einem gehobenen Schnellimbiss zur Selbstbedienung –
ausschließlich in dieser Bedeutung.
„Stan und Ollie können auch Französisch“
Und wo wir am Ende schon in den USA gelandet sind, noch ein Zitat. Als Stan
Laurel und Oliver Hardy sich in einer ihrer Filmkomödien wieder einmal
besonders ungeschickt angestellt hatten, sagte Ollie zu Stan: „Du, ich glaube, das
war ein Fuh-poh“. Gemeint war natürlich der faux-pas. Aber solange man darüber
lachen kann, besteht eigentlich kein wirklicher Grund zur Sorge.
Fragen zum Text:
Wenn Deutsche französische Wörter verwenden, dann…
1.
sind sie besonders böse.
2.
denken sie, dass diese Wörter auch in Frankreich benutzt werden.
3.
schauen sie zuerst im Lexikon nach.
229
Der Ausdruck Blamage ist…
1.
eine bekannte Marke für Damenoberbekleidung.
2.
im ein beliebtes Schaumgebäck.
3.
das deutsche Wort für eine peinliche Situation.
Was wird in Deutschland mit dem Ausdruck Flair bezeichnet?
1.
die Atmosphäre an einem bestimmten Ort
2.
jemand, der viel mit dem Flugzeug fliegt
3.
ein Berliner Duftwasser
Arbeitsauftrag:
„Das sind aber schöne Accessoires!“ „Ja, ich finde, sie haben so ein pariserisches
Flair.“
Probieren Sie im Dialog „deutsches Französisch“ aus und machen Sie sich mit der
richtigen Bedeutung vertraut – Wörter, die im Alltag sehr verbreitet sind, sich
französisch anhören, dabei aber einen deutschen Sinn und ihre ganz eigene
Aussprache haben. Und das ist gar nicht blamabel.
Geduld
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Bis der Geduldsfaden reißt ...
Minuten, Stunden, Tage – Warten kostet Kraft und Nerven. Vor allem dann,
wenn das Ende nicht absehbar ist. Und nur wenn die Erwartungen schließlich
erfüllt werden, hat es sich gelohnt, geduldig zu sein.
"Bereitwilliges Ertragen von Unannehmlichkeiten mit sechs Buchstaben" – so
könnte im Kreuzworträtsel nach dem Begriff gefragt werden, der diese Woche
unser Stichwort ist. Auch "längeres Warten auf eine Veränderung" wäre eine
Umschreibungsmöglichkeit.
Kraft und Nerven
Das Ertragen und das Warten, wer kennt es nicht? Kein schöner Zustand; denn
beides kostet Kraft und Nerven, vor allem dann, wenn völlig ungewiss ist, wann es
damit ein Ende haben wird. Wovon wir reden? Nun, Sie müssen noch etwas
zuwarten, bis wir des Rätsels Lösung preisgeben und hoffen unterdessen, es möge
Ihnen jener Faden nicht reißen, der sprichwörtlich geworden und aufs Engste mit
unserem Stichwort verbunden ist.
230
Es handelt sich um eine Eigenschaft, in der man/Frau sich allerdings meist
ungewollt üben muss, die jedoch – und dies sei ein Trost – von Martin Luther als
besonders lobenswerte Tugend bezeichnet wurde. Der Reformator berief sich dabei
auf die Heilige Schrift.
Zum Zerreißen gespannt
Wer klaglos Schmerzen, Kummer und Leid, ein schweres Schicksal erträgt, auch
der verfügt über die Ausdauer im "ruhigen, beherrschten und nachsichtigen
Ertragen oder Abwarten", wie es im Wörterbuch heißt.
Nun aber wollen wir Ihre Geduld nicht länger strapazieren. Ja. Es geht um die
Geduld. Wer bis jetzt zugehört hat, der hat geduldig abgewartet, was es denn mit
den sechs Buchstaben auf sich habe, dem ist der Geduldsfaden nicht gerissen.
Das kann dauern
Der sprichwörtliche Geduldsfaden lässt sich sprachgeschichtlich mit einer
gewissen Wahrscheinlichkeit auf die mühselige und langwierige Arbeit des
Spinnens zurückführen. Sorgfalt, stete Aufmerksamkeit und eben Geduld waren
vonnöten, wenn der dünne Faden nicht reißen sollte.
Geduld hat mit Zeit zu tun. Besser noch: mit Dauer. "Das kann dauern. Haben Sie
noch etwas Geduld." "Fassen Sie sich in Geduld." Und am Bahnsteig die
Durchsage, wenn wieder einmal eine Verspätung angekündigt wird. "Wir bitten
um etwas Geduld." Das sind die Floskeln, mit denen Geduld eingefordert wird.
Geduldig wie ein Esel
Nun wollen wir ja nicht bestreiten, dass geduldig sein eine Tugend ist, aber ist es
verwerflich, ungeduldig zu sein? Vor Kurzem hieß es in der Tageszeitung, dass es
nun mit der Eselsgeduld ein Ende habe. Der gute Esel nämlich gilt als geradezu
sprichwörtlich geduldiges Tier. Man stelle ihn sich vor, wie er ruhig dasteht, sich
einen Packen nach dem anderen aufladen lässt und dann brav lostrabt und die
schwersten Lasten über Stock und Stein ans Ziel bringt.
Nun kann es aber Situationen geben, wo es selbst dem geduldigsten Esel zu viel
wird. Dann bleibt er stehen. Das ist so eine Art Warnung. Treibt man ihn trotzdem
weiter an, ist es durchaus möglich, dass er ausschlägt, sprich, mit gezielten
Huftritten seinem Herrn zu verstehen gibt, dass jetzt Schluss ist. Und zwar so
lange, bis er – der Herr – sich eines Besseren besinnt. Nicht eines besseren, noch
geduldigeren Esels, sondern einer anderen Art, mit dem Esel umzugehen.
231
Geduldiges Papier
Sollte dieses Bild dem Journalisten vor Augen gestanden haben, der in einer
anderen Zeitung die bange Frage stellte, wann es mit der Eselsgeduld der
Deutschen angesichts des Hin und Her zu Ende sei? Fast täglich wird uns
versichert, alles werde besser, es bedürfe nur noch der Zeit, des
Durchhaltevermögens, der Geduld. So hören und lesen wir.
Aber wir wissen ja, Papier ist geduldig. Um besser zu verstehen, was damit
gemeint ist, schauen wir aufs Original dieser Redensart: "Epistula non erubescit",
steht in einem Brief Ciceros geschrieben; die wörtliche Übersetzung lautet: "Ein
Brief errötet nicht". Oder auch: "Ein Brief kann nicht schamrot werden." Das
stimmt. Also müssen wir uns weiter in Geduld üben. Aber wie zu Anfang gesagt:
Auch "längeres Warten auf eine Veränderung" kann Geduld sein.
Fragen zum Text
Welches Tier gilt als besonders geduldig?
1. der Esel
2. das Schwein
3. die Biene
Die Geduld wurde von Martin Luther als eine besonders ...
1. zweifelhafte Charaktereigenschaft angesehen.
2. lobenswerte Tugend bezeichnet.
3. unwichtige Sache betrachtet.
Die Redewendung Papier ist geduldig geht zurück auf …
1. Ovid.
2. Cicero.
3. Caesar.
Arbeitsauftrag
Auf einen Anruf, auf einen Zug, auf den Bus – worauf kann man warten?
Schreiben Sie eine Liste mit Dingen und Ereignissen, auf die man häufig wartet.
Gehen und Gang
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Geht's noch?
232
"Wie geht's? – Gestern ging's noch!" Ha, ha, sehr komisch, aber vor allem
wollen wir heute nicht zurückschauen, sondern nach vorne sehen, ins neue
Jahr: "Ob da wohl alles gutgeht? – Wird schon gehen."
Das erste Stichwort im neuen Jahr heißt "gehen". Warum? Nun, gerade haben wir
Silvester gefeiert und kaum sind ein paar Tage vergangen, ist schon wieder Ostern.
Leicht übertrieben, aber: "Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen
mit." So heißt es bei Wilhelm Busch, und wir zitieren den umgangssprachlichen
Ausdruck, der dasselbe meint: "Kinder, wie die Zeit vergeht!" Mancher wird sich
zu Beginn des neuen Jahres fragen, wie wird es weitergehen für mich, die Familie,
die Freunde, die Kollegen. Was wird sein?
Zunächst mal ist es ganz einfach
"Gehen" ist – und damit sagen wir nichts Neues – ein Verb der Bewegung.
Allerdings ist diese Bewegung überaus mannigfaltig in ihren unterschiedlichen
Bedeutungen, sie ist in wörtlichem wie im übertragenen Sinn zu verstehen. Stellen
Sie sich eine Strecke vor, eine gedachte Strecke von A nach B. Zum Beispiel von
Ihrem Zuhause bis zur nächsten Bushaltestelle. Sie gehen zu Fuß dahin? "Gehen"
in seiner Grundbedeutung: "sich in aufrechter Haltung auf den Füßen schrittweise
fortbewegen."
Für dieses "Gehen" im Sinne der Fortbewegung gibt es eine Vielzahl
umgangssprachlicher Redensarten. Zum Beispiel für überaus vorsichtiges Gehen:
"Gehen wie auf rohen Eiern." Wer langsam geht, kommt zwar auch ans Ziel, aber
"gehen wie eine lahme Ente" muss man deshalb trotzdem nicht.
Zu Lande, zu Wasser und in der Luft
"Gehen" wird fast immer mit einem Ziel und/oder einem Zweck in Verbindung
gesetzt. Beispiele hierfür: Der Spaziergang, der Gang zum Postamt, der
sonntägliche Kirchgang. Das Wort "Gang" für sich genommen kann aber auch, das
mag spitzfindig klingen, den Ort des Geschehens selbst bezeichnen. "Gang" in der
Bedeutung von "Flur". Beispielsatz: "Unruhig ging er auf dem Gang hin und her."
Auch in Zusammensetzungen wird "Gang" als Ort des Gehens näher bezeichnet, so
in "Durchgang", "Ausgang", "Eingang", "Kreuzgang".
Auch wenn wir mit "gehen" in erster Linie "zu Fuß gehen" meinen, beschränkt sich
die Bedeutung von "gehen" keineswegs auf diese Fortbewegungsart. "Zu Pferde
gehen", "zu Wagen", ja, "zu Schiff gehen", waren bis ins Neuhochdeutsche
durchaus gängige Ausdrücke. "Zu Pferd nach der Stadt gehen", das klingt
befremdlich. "Gehen" hat in solchen Wendungen die Grundbedeutung von "sich
233
begeben". In heutiger Sprache steckt dieses "Sich-Begeben" noch in durchaus
geläufigen Ausdrücken wie "aufs Land", "an die See" oder "ins Ausland gehen".
Für den Weggang geht ein Zug – oder ein Flugzeug?
Sie reisen mit der Eisenbahn? Wann geht Ihr Zug? Sie müssen zum Flughafen?
Wann geht Ihr Flieger? Natürlich "geht" keine Eisenbahn und kein Flugzeug.
Trotzdem ist es kein schlechtes Deutsch, zu sagen: "Der Zug geht um 17.30 Uhr",
und verstanden wird das allemal. Um noch deutlicher zu machen, dass auch in
diesem "Gehen" das Fortbewegen gemeint ist, kann man auch sagen: "Der nächste
Zug von Köln nach Hamburg geht um 17.30 Uhr."
Bleiben wir bei diesem Beispiel: Wer nach Hamburg oder sonst wohin geht, tut
dies möglicherweise, um dort zu bleiben. Weggehen, um wegzubleiben.
"Weggang", "Fortgang", "Abgang"; diese Komposita stehen gewissermaßen für ein
Ergebnis, für – wenn man so will – das Ende des Gehens oder dessen baldiges
Ende. Ein Vorgang indessen kann zwar abgeschlossen sein, beinhaltet jedoch stets
den Aspekt einer Dauer. In der Floskel: "Was geht hier eigentlich vor?", ist dies
besonders deutlich.
Was geht auf der Befindlichkeitsskala?
Und nun noch einmal zur gedachten Strecke von A nach B. Allerdings jetzt als
eine Art Werteskala oder Maßstab verstanden. Nehmen wir die Allerweltsfrage,
wenn wir jemanden treffen: "Wie geht’s denn so?" Treiben wir es auf die Spitze:
Streng genommen wollen wir wissen, an welcher Stelle einer Befindlichkeitsskala
sich der oder die Gefragte befindet. An welchem Punkt der Strecke zwischen sehr
schlecht und sehr gut.
Aber so ernst nimmt diese Frage kaum jemand, so dass wir in aller Regel zur
Antwort bekommen: "Es geht so", also irgendwo zwischen A und B. Oder: "Es
könnte besser gehen", also mehr Richtung A, und mitunter werden wir hören: "Es
könnte nicht besser gehen." In diesem Fall ist klar: eindeutig B. Angekommen. Da
geht nichts drüber.´
Immer locker bleiben
Und noch eine Skala, die der Akzeptanz. "Geht’s noch?" ist ein verhältnismäßig
junger Ausdruck der Umgangs- und Alltagssprache. Gemeint ist in etwa: "Sagen
Sie, muss das sein?" Oder: "Es ist unmöglich, wie Sie sich verhalten." Jemand, der
sich danebenbenimmt oder nur wenig auf sein Äußeres achtet und ungepflegt
rumläuft, der lässt sich gehen. Das geht im Allgemeinen nicht lange gut und nimmt
mitunter ein schlechtes Ende. So. Unser Stichwort geht zu Ende. Bleibt uns nur
234
noch zu wünschen, dass für Sie alles gut geht im neuen Jahr. Lassen Sie’s langsam
angehen.
Fragen zum Text:
Wer sich sehr vorsichtig fortbewegt, …
1. geht wie auf rohen Eiern.
2. geht wie eine lahme Ente.
3. lässt es langsam angehen.
Welche dieser Wendungen ist nicht mehr üblich?
1. Heute geht kein Zug mehr.
2. Der Flieger geht um 16.30 Uhr.
3. Wann geht es nach der Stadt?
Eine vor allem von älteren Menschen häufig gebrauchte Phrase lautet:
"Kinder, …
1. was geht denn hier ab?"
2. wie die Zeit vergeht!"
3. geht's noch?"
Arbeitsauftrag:
"Wie geht's?", "Der lässt sich gehen.", "Geht's noch?", "Was geht hier vor?", "Es
geht so." Vor allem in der Umgangssprache wird "gehen" nicht bloß im Sinne von
"fortbewegen" gebraucht. Suchen Sie solche Ausdrücke mit übertragener
Bedeutung aus dem Text und formulieren Sie sie um, indem Sie das Wort "gehen"
ersetzen.
Gemütlich
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Inbegriff bierseliger
Gemütlichkeit: das Münchner Hofbräuhaus
Typisch deutsch soll sie sein, die Gemütlichkeit, denn ein vergleichbares Wort
gibt es woanders meist nicht. Aber das heißt nicht, dass sich bestimmte
Vorstellungen von Gemütlichkeit nicht überall wiederfinden lassen.
235
Es gilt als nicht oder nur sehr schwer übersetzbar. Es zu beschreiben fällt selbst in
der Sprache schwer, in der es seit Jahrhunderten verwurzelt ist. Es geht um einen
Begriff, der untrennbar mit dem Deutschen und den Deutschen verbunden ist. Im
englischen Sprachraum und den englischen Wörterbüchern wird es gar als "the
german soul", als "die deutsche Seele" bezeichnet. Da ist etwas dran. Was im
Einzelnen können wir auch nicht ganz genau sagen, aber wir versuchen es
dennoch. Das Stichwort der Woche heißt "gemütlich".
Das Gemüt als Basis des Wohlbefindens
Die Endsilbe unseres Stichworts "-lich" steht immer in Beziehung zum
Vorgenannten und bezeichnet die Zugehörigkeit zum Bedeutungsbereich des
Stammwortes. Beispiele sind unter vielen anderen: brüderlich, rechtlich,
wissenschaftlich und eben gemütlich. Alles, was "gemütlich" bedeutet, hat also mit
Gemüt zu tun.
Das "gemüete" tritt im hochdeutschen Sprachraum zur Zeit des
Mittelhochdeutschen erstmals auf. Ihm liegt mit gewisser Wahrscheinlichkeit das
althochdeutsche Adjektiv "gimuoti" zugrunde, und zwar mit folgenden
Bedeutungen: "gleichen Sinnes sein", "angenehm" und "lieb". "Gleiche
Gesinnung", "Zustimmung", "Einstimmigkeit" wurden bald zu ganz wesentlichen
Bedeutungen des alten "gemüete". Gleichzeitig entwickelte sich "gemüete" und
dann "Gemüt" zu dem Wort für Geist und Seele im Sinne einer einheitlichen
Verbindung. "Leib und Gemüt", "Körper und Gemüt" wurden zu festen
sprachlichen Doppelbegriffen.
Bloß nicht gemütskrank werden
Schon sehr früh taucht gewissermaßen als medizinisch-diagnostischer
Fachausdruck das Wort "gemütskrank" auf. Es ist das deutsche Wort für
"depressiv". Menschen, die an Depressionen leiden, sind nicht mehr, wie es früher
hieß, "gemütlichen Sinnes", das heißt, sie sind nicht mehr im Zustand der
Ausgeglichenheit und inneren Ruhe. Hier sind wir einer wesentlichen Bedeutung
von "gemütlich" auf der Spur.
"Gemütlich" im alten wie im neuen Sinne ist etwas Angenehmes. Es hat etwas
Ruhiges und mitunter sogar Beruhigendes, muss deshalb aber nicht leise oder gar
still sein. Gemütlich ist zumindest immer etwas, was uns nicht aufs Gemüt schlägt.
Gemütlich tut gut. Deshalb führen wir uns auch Dinge zu Gemüte, die uns Freude
machen. Genuss schenken. "Sich etwas zu Gemüte führen" wird heute nur noch in
diesem Sinne und meist scherzhaft gebraucht. Man führt sich ein Glas Wein oder
auch mehrere bei einem guten Essen zu Gemüte.
236
Gemüt und Geist
Früher, als das Gemüt bei Philosophen und Dichtern wie Immanuel Kant und
Friedrich Schiller gleichbedeutend mit den geistigen Fähigkeiten des Menschen
war, galt es, diesem auch geistige Dinge zuzuführen. Je nachdem, welchen Gemüts
Männer und Frauen waren, wurde ihnen ein offenes, ein freies, ein schlichtes oder
auch ein deutsches Gemüt nachgesagt.
Ein König von "deutschem Gemüte" begegnet uns schon 1449 in der so genannten
"Frankfurter Reichskonferenz". "Deutsches Gemüt" war immer schon
gleichbedeutend mit "deutscher Gesinnung"; was zunächst nichts mit
Deutschtümelei und dumpfem Nationalismus zu tun hat.
Wie sieht sie denn nun aus, die deutsche Gemütlichkeit?
Die deutsche Gemütlichkeit, wenn es sie denn wirklich gibt, ist ein Zustand, der –
weltweit bekannt – von touristischen Heerscharen gerade jetzt im Sommer in den
Biergärten und auch anderswo gesucht und vorgefunden wird. Aber was ist das:
die Gemütlichkeit, auf die ein lautes Prosit gesungen wird? Nun, es ist die
Abwesenheit von Unangenehmem. Das gemütliche Beisammensein ist eines ohne
Zeitdruck, ohne tiefschürfende Gespräche; ganz zwanglos.
Der sprichwörtlich gemütliche Teil einer Veranstaltung beginnt immer dann, wenn
die langweiligen Reden und musikalischen Umrahmungen endlich vorbei sind und
es sich alle gemütlich machen. Sich zurücklehnen, die Jacke über den Stuhl
hängen, den Krawattenknoten lockern. Dieses kann man auch zu Hause tun; und
nicht nur die Deutschen machen es sich daheim gern gemütlich. Sie haben nur den
anderen dieses seltsame Wort voraus, das eben alles umschreibt, was diese
Gemütlichkeit ausmacht: im Wohnzimmer, auf dem Balkon, im Wohnwagen, beim
Picknick, beim Frühstück, im Bett, bei einer gemütlichen Tasse Tee oder Kaffee in
aller Gemütsruhe.
Was Menschen mit bösen Absichten nicht so alles tun …
Übrigens ist "Gemütsruhe" ein alter und schöner Ausdruck für den Zustand ruhiger
Gelassenheit und inneren Friedens. Jemandes Gemütsruhe stören geschieht und
geschah meist in böser Absicht. Es galt, den betroffenen Menschen durcheinander
zu bringen. Da hört die Gemütlichkeit in der Tat auf.
Fragen zum Text:
Was bezeichnet der Begriff "Gemüt"?
237
1. Geist und Seele
2. Körper und Leib
3. Ethik und Moral
Ist jemand schlecht gelaunt und fühlt sich nicht wohl, so …?
1. führt er/sie sich etwas zu Gemüte
2. schlägt ihm/ihr etwas aufs Gemüt
3. hat er/sie ein offenes Gemüt
Wer wird als "schlichtes Gemüt" bezeichnet?
1. ein besonders einfältiger oder naiver Mensch
2. ein Mensch, der im Umgang sehr unkompliziert ist
3. ein Mensch, der keine großen Ansprüche hat
Arbeitsauftrag:
Was bedeutet Gemütlichkeit für Sie? Wie stellen Sie sich einen gemütlichen Tag
vor? Beschreiben Sie in einem kurzen Aufsatz, wie ein gemütlicher Tag für Sie
aussehen könnte.
Geld
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Ohne Moos nix los!
Geld ist schön, wenn man's hat – egal, ob als Guthaben auf der Bank oder im
Sparstrumpf zu Hause. Hauptsache Kohle! Und am liebsten natürlich viel
davon. Doch manchmal rinnt einem das Geld nur so durch die Finger.
"Weshalb heißt das Sparbuch 'Sparbuch'? – Weil man es sich sparen kann." Vor
Kurzem war das ein müder Scherz, auf die biederen Sparer gemünzt, die lieber
"auf Nummer Sicher" gingen, als ihr Erspartes auf dem Aktienmarkt oder sonst wo
anzulegen. Seit der Bankenkrise wären viele froh, hätten sie ein kleines aber feines
Sparbuch mit einem soliden Guthaben.
Asche ohne Ende
"Spare, wenn du kannst, so hast du’s, wenn du’s brauchst", heißt es im
Volksmund. Leider haben viele diesen Spruch nicht beherzigt, als sie sich in
Aktien verguckten. Sie sollten so richtig Kohle bringen, Asche ohne Ende, das war
238
die Verlockung. An den Finanzmarkt, wo es richtige Sterntaler regnen kann, wollte
jeder hin und im Geld schwimmen.
Aber das kann nur Onkel Dagobert. Ein Geldbad nehmen in dem Geldspeicher, der
das Stadtbild von Entenhausen bestimmt: ein Tresor so groß wie ein Turm und
randvoll mit Talern. Klar, dass Dagoberts unermesslicher Reichtum
Begehrlichkeiten weckt. Immer wieder versuchen die Panzerknacker an "die Knete
des Alten" zu kommen. Und immer wieder scheitern sie, hocken frustriert in ihrem
Hauptquartier und stellen trübsinnig fest: "Ohne Moos nix los."
Bargeld lacht
So ist es. Ohne Geld, ohne Moneten ist man aufgeschmissen. Da ist auch der alte
Spruch "Geld allein macht nicht glücklich" kaum ein Trost. Und einfach mit
seinem "guten Namen" bezahlen, wie es die Werbung suggeriert, ist natürlich barer
Unsinn. Vor allem dann, wenn die Abbuchung vom Konto erfolgt. Wenn dieses
nicht gedeckt ist, geht’s los.
Der Weg zur Schuldenfalle ist mit Kreditkarten gepflastert. Zumindest im
deutschen Einzelhandel gilt beim Bezahlen immer noch: "Bargeld lacht." Wenn
auf die routinemäßige Frage, ob mit Karte oder bar bezahlt wird, die Antwort "bar"
lautet, sieht mancher Verkäufer gleich glücklicher aus. In den USA ist das etwas
anders. Wer da mit Geldscheinen wedelt, steht nahezu im Verdacht, sich die
Kröten bei einem Banküberfall geholt zu haben. "Her mit den Mäusen!" – so lässt
ein Comiczeichner den maskierten Kater sprechen, der den Mann am Bankschalter
mit vorgehaltener Pistole bedroht.
Wer Geld herschafft, hat Weltherrschaft
Zum Piepen, werden Sie vielleicht sagen. Genau: Piepen sind auch ein Ausdruck
für Geld. Schon immer drehte sich fast alles um den schnöden Mammon. "Geld
regiert die Welt"; das wissen wir bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts.
Diese bemerkenswerte Feststellung soll Herzog Friedrich von Sachsen getroffen
haben. "Imperat in toto regina pecunia mundo", so heißt es im Original. "Pecunia"
ist das lateinische Wort für "Geld". Kommt vielleicht der umgangssprachliche
Ausdruck "Penunzen" daher? Mit Sicherheit lateinischen Ursprungs ist es, wenn
jemand von einer "pekuniären Angelegenheit" redet. Da geht es um einen
Vorgang, der mit Geld zu tun hat.
Solide flüssig
239
Übrigens: Zu Zeiten der alten Römer gab es eine Goldmünze namens Solidus. Eine
Währung, deren Name ja schon Zuverlässigkeit und Zahlungsfähigkeit impliziert.
Und in der Tat: Der Solidus gilt bis heute als die Währung, die am längsten stabil
blieb – nämlich über 300 Jahre.
Gesichter
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Fünf Generationen – fünf
Gesichter – fünf Geschichten
Es gilt als der Spiegel der Seele, das Gesicht. Sympathie, Ablehnung,
Kummer, Freude: Viele Empfindungen drückt es aus. Unbeliebt ist eine
Visage, unkalkulierbar das Gesicht eines Pokerspielers.
"Ich kann diese ganzen Visagen nicht mehr sehen", sagte vor wenigen Tagen ein
Mann zu seinem Gegenüber in der Straßenbahn. Die beiden waren wohl Kollegen.
Duzten sich und äußerten unüberhörbar ihre Ansichten über Parteien und deren
Kandidatinnen und Kandidaten, die sich zur Wahl gestellt hatten. Die Herren
waren ziemlich erregt, hatten das ganze Theater satt; sagten sie wenigstens.
Mangelnde Sympathie
Wieso eigentlich "Visagen"? Merkwürdigerweise wird im Deutschen das
französische Wort für Gesicht gebraucht, wenn man zum Ausdruck bringen will,
dass man jemanden unsympathisch findet.
Diese "Visagen" also. Die Dienste von Visagisten haben sie allesamt in Anspruch
genommen, die Damen und Herren auf den Plakaten. Die Visagisten haben ganz
offensichtlich mit großem Geschick und Können in den Gesichtern jenen Ausdruck
von Vertrauenswürdigkeit, strahlendem Optimismus und mutiger Entschlossenheit
mittels kosmetischer Tricks hervorgerufen, der in Zeiten eines so turbulenten
Wahlkampfes bitter nötig war.
Wahre Künstler
Wer einen der so Dargestellten von Angesicht zu Angesicht aus seinem Wahlkreis
kennt, weiß, was Visagisten und Fotografen aus einem Gesicht machen können,
das ansonsten in der Menge untergeht.
240
Da gerät die Mischung aus Tränensäcken, Hängebacken und Doppelkinn zum
leicht gebräunten Antlitz mit markanter Nasenpartie und strahlend festem Blick.
Nur die dezent grau gehaltenen Schläfen verraten etwas vom Alter, signalisieren
ansonsten aber gesetzte, vertrauenswürdige Lebenserfahrung. Ein zurückhaltendes
freundliches Lächeln über dem weißen Hemdkragen mit einer korrekt gebundenen
Krawatte macht schließlich das Porträt perfekt.
Spiegel der Seele
Gleichwohl: Visage bleibt Visage, wenn man ein Gesicht einfach unsympathisch
findet. "Das Gesicht ist der Spiegel der Seele", heißt es. Und ein Spiegel ist
unbestechlich – wenn es sich nicht gerade um einen Zerrspiegel handelt.
Dabei ist es völlig unerheblich, ob ein Gesicht Äußerlichkeiten aufweist, die
schnell vergänglichen Schönheitsvorstellungen entsprechen. Mit anderen Worten:
Die "Oberfläche" eines Gesichts ist nicht das Wesentliche und letztlich beliebig.
Was die einen in Verzückung geraten lässt, finden die anderen sturzlangweilig.
Sonnenbrille ein Tabu
Das Wort "Gesicht" war ursprünglich so etwas wie ein Sammelbegriff für "Sehen",
für "Anblicken". Nehmen wir einmal an, einer der Politiker oder eine der
Politikerinnen hätte sich mit Sonnebrille auf einem Wahlplakat gezeigt.
Undenkbar. Ein Gesicht ohne Augen. Ohne Blick.
Gut, im Sommer laufen wir mit Sonnenbrille durch die Gegend und das ist auch
völlig in Ordnung. Die Versionen mit völlig verspiegelten Gläsern dienen
allerdings manchmal ihren vornehmlich männlichen Trägern dazu, ungeniert und
vermeintlich unerkannt, die Blicke schweifen zu lassen. Manchmal ruhen sie dann
ungeniert auf einer ins Visier genommenen Frau. Diese, den stieren Blick hinter
den Spiegelgläsern sehr wohl bemerkend, verzieht spöttisch das Gesicht und
schickt ihrerseits einen geraden Blick zu ihrem Beobachter zurück – spitz und
treffsicher wie ein Pfeil. "Wenn Blicke töten könnten", heißt es nicht umsonst.
Gesichtsausdrücke
Im Gesichtsausdruck, im Blick, an den Augen lassen sich unsere innere
Verfassung, unsere Stimmung ablesen. Die Nuancen eines Lächelns – das
verdrossene Stirnrunzeln – die heruntergezogenen Mundwinkel – der stumpfe, der
strahlende, der gesenkte Blick – das Direkt-in-die-Augen-Schauen – das
Wegdrehen des Gesichts: Wir kennen das alles und sind uns dennoch oft nicht
bewusst, welche Wirkung es auf andere hat; das Gesicht, das wir gerade machen.
241
Zum Beispiel das Gesicht "wie acht Tage Regenwetter". Das Gegenteil hierzu
wäre etwa das "Strahlen wie ein Honigkuchenpferd" und das optimistische
"Grinsen über beide Backen".
Unvorstellbares
Merkwürdigerweise haben aber die allermeisten Redensarten, die das Gesicht
betreffen, einen negativen Anstrich. Die bildhaften Vergleiche sind oft
ausgesprochen derb. Das "lange Gesicht", Enttäuschung signalisierend, ist einer
der harmlosen Ausdrücke. Ebenso das Gesicht "wie sieben Meilen schlechter
Weg". Wer "ein doppeltes Gesicht hat", dem ist nicht zu trauen; der verbirgt sein
"wahres Gesicht."
Auch die Tierwelt wird zum Vergleich herangezogen. Niemand weiß so genau, wie
das Gesicht eines Schweins aussehen würde, das auf einem Baum sitzt. Dennoch
gibt es die hessische Redensart: "Er macht ein Gesicht wie die Sau auf dem
Pflaumenbaum" für jemanden, der verdutzt dreinschaut. Oder etwa den vom
deutschen Dichter Eduard Mörike verewigten "Esel, der Teig gefressen hat" für
jemanden, dem es nicht gut geht.
Pokerface
Nach Wahlen, am Wahlabend, kann man viele Gesichter sehen: glückliche und
weniger glückliche. Und solange niemand sein Gesicht verliert, kann man in
seinem Gesichtsausdruck immer etwas finden. Es sei denn, er setzt ein
Pokergesicht auf.
242
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